Deutschland- Bericht der Sopade Juni/Juli 1934 Prag, am 21. Juli 1934 Inhaltsübersicht Teil A: Nachrichten und Berichte A 1 I. Allgemeine Situation in Deutschland 1) 2) 3} ü! Die Stimmung vor dem 3°* Juni Die Ereignisse vom 30. Juni Die Wirkung der Ereignisse Der Terror im Gefolge der Aktion Die Auffassung unserer Genossen Die Stimmung unter den Arbeitert 1 3 lo 16 17 2o II. Die Wirtschaft 1) Allgemeines 2) Die Arbeitsschlacht 3) Der Arbeitsdienst 4) Die Landhilfe 5) Aus den Betrieben i) Aus der Landwirtschaft 24 24 27 34 3Z 38 42 III. Korruption und Misswirtschaft 1) Nationalsozialistische Organisationen 2) NSBO und Arbeitsfront 3) Betriebe 4) Genossenschaften usw. 47 47 49 53 55 Teil B: Uebersichten B 1 I. Der 30. Juni: Folgerungen und Aufgaben 1) Was ist geschehen? 2) Was wird werden? 3) Was haben wir zu tun? II. Der Sieg der Reichswehr 1) Der deutsche Geheim-Militarismus 2) Der Aufstieg der SA 3) Reichswehr und SA nebeneinander 4) Militär-Diktatur 1 3 7 12 13 15 19 23 Nachrichten und Berichte I. Allgemeine Situation in Deutschland 1) Die Stimmung vor dem 3o. Juni Die Stimmung, die vor den dramatischen Ereignissen vom 3o. Juni in den einzelnen Volksschichten herrschte, ist im vorigen Bericht eingehend behandelt worden. Die Berichte, die seitdem noch über die- sen Zeitraum eingelaufen sind, bestätigen die frühere Darstellung: Das Volk sinkt in Gleichgültigkeit zurück, die Versammlungen sind durchweg schlecht besucht, die Miesmacher-Kampagne wird in den meisten Landesteilen von vornherein lendenlahm durchgeführt und verstärkt im Ergebnis eher die Miesmacherei anstatt sie zu beseitigen. Sachsen: Allgemeine Stimmung: Durchweg Unzufriedenheit, alles meckert. Die vielen politischen Witze grassieren wie eine Seuche. Immerhin bleibt es bei dem Gemeckere. Die Unzufriedenheit ist nur als Symptom zu betrachten. München:(Am Abend der Erinnerungsfeier der fünfzehnjährigen Wj�Terkehr des Diktats von Versailles in einem gut bürgerlichen Gasthaus): Am Tisch nebenan sassen mehrere Gäste. Der Wirt ging auf einen zu und sagte:"Warum rückst denn Du nicht zum Aufmarsch aus?" Der angesprochene war SA-Mann. Er erwiderte:"Ich mag nicht mehr. Es ist ja immer dasselbe. Dass der Friedensvertrag nichts wert ist, das weiss ich jetzt schon. Die ewige Marschiererei für nichts und wieder nichts, die hab ich jetzt schon satt." Es entwickelt sich dann ein Gespräch. Ein Herr sagt:"Wer weiss, wenn die damals regiert hätten, vielleicht hätten sie auch den Vertrag unterschrieben. Heute lässt sich halt leicht reden." Die anderen vier Gäste waren derselben Meinung. Zur Gleichgültigkeit kommt allmäh&ich das Gefühl für den entwürdigenden Druck, unter den die Bevölkerung von der neuen Herrenkaste gehalten wird. In der Kleinstadt wird dieser Druck am stärksten empfunden. Es erscheint kaum glaublich, wenn aus Dachsen folgendes berichtet wird: A-2Unter der Ueberschrift:" Wege zur Volksgemeinschaft?" veröffentlichte im Goldberger Tageblatt am 12.6.34. der Bürgermeister Dietze ein guter Nationalsozialist, einen Artikel, in dem es hiess: " Leider haben wir in unserer Stadt noch genug Leute, die wohl das schöne Wort" Volksgenossen" immer im Munde führen, aber nicht danach handeln. Sie betrachten sich prahlend als Volksgenossen erster Klasse und behandeln die anderen geringschätzig als Volksgenossen zweiter Klasse! Sie verfolgen ihre lieben Mitmenschen in Wort und Schrift ganz allgemein und im einzelnen mit gemeinen persönlichen Gehässigkeiten, Schikanen, Verdächtigungen, Verleumdungen, Beleidigungen, Beschimpfungen. Wohin sind wir in Goldberg gekommen? Die Sicherheit friedlicher Bürger ist schwer gefährdet! Wenn die Entwicklung so weiter geht, können wir in nächster Zeit noch Mord und Totschlag erleben! Es gibt überall eine Grenze, die nicht ungestraft überschritten werden kann. Diese Grenze ist jetzt erreicht. So kann es nicht mehr weiter gehen. Das muss einmal mit aller Deutlichkeit und in aller Oeffent lichtkeit gesagt werden! Wenn es besser werden soll, müssen die Störenfriede und Rohlinge auf das allerschärfste und schnell zur Rechenschaft gezogen werden. Zur Bekämpfung solcher Misstände muss jeder Volksgenosse mithelfen. Jeder soll seine Ehre verteidigen und sich keine Uebergriffe, keine Beleidigungen mehr gefallen lassen! Gerade unsere nationalsozialistische Regierung hat ja die Ehre der Persönlichkeit unter ihren besonderen Schutz gestellt. Im übrigen: Hitler will das nicht! Das sollte bloss Hitler wissen!" Dem Fatalismus und der Gleichgültigkeit in der Masse der Bevölkerung entspricht in den Kreisen der politisch Denkenden ein wachsender Optimismus. Berlin:" Die Stimmung ist in politischen Kreisen so, dass man überlegt: wie lange noch Hitler, welche Chancen hat er noch? Das Regime ist keine unbezwingliche Burg mehr, man witzelt auch nicht mehr so viel darüber, sondern man wird ernsthaft und untersucht die Aussichten des Regimes... Die Spitzel- und Spionenfurcht ist geringer geworden. Man erwartet das Ende des Regimes und seine Ueberführung in eine Militärdiktatur mit oder ohne Hitler in kurzer Zeit ( Herbst oder Winter)." Süddeutschland( Aus dem Brief eines Norddeutschen, der vor kurzem seinen Wohnsitz nach Süddeutschland verlegt hat): Ich hatte auch in X.. schon eine sehr wesentliche Auflockerung der Stimmung und zunehmende optimistische Beurteilung der Lage feststellen körnen und ähnliches auch aus anderen Teilen des Reiches gehört, aber was ich davon in Y.. erlebte, habe ich mir nicht träumen lassen. Ich kam mittags in Y.. an, am Abend war ich in einer Wirtschaft, in der gegen 40 frühere Genossen eine ihrer regelmässigen Zusammenkünfte hatten. Es waren neben bekannten Funktionären der Partei, Gewerkschaft und der Redaktion Arbeiter aus Betrieben, auch städtische Arbeiter und eine Anzahl Arbeitsloser da. Der Wirt ist alter Sozialdemokrat. Es herrschte eine ausserordentlich aufgeräumte Stimmung; Erlebnisse aus den Betrieben wurden zum Besten gegeben; Beobachtungen A-3und Erfahrungen ausgetauscht; der Tenor der Unterhaltungen war ungefähr der:" Wir zeichnen nichts mehr, wir flaggen nicht, wir nehmen keine Aemter an, wir können es uns leisten, zuzuschauen, wie sich die" ganze Bande" gegenseitig erledigt. Es geht zu Ende denn es gibt einen Misserfolg nach dem anderen; die Bevölkerung ist der Sache längst leid, man kann wieder offen reden, ohne Angst haben zu müssen, angezeigt zu werden." 2) Die Ereignisse vom 30. Juni Für die politisch beobachtenden Kreise kam die Aktion vom 30. Juni nicht ganz überraschend. Seit einiger Zeit wurden Vorgänge bemerkt, die zu denken gaben: Berlin: Hier waren seit Wochen Gerüchte über Auseinandersetzungen in der Partei im Umlauf. Es wurde sehr viel auf Spannungen zwischen Berlin und München hingewiesen und angeführt, dass die Parteileitung in München durchaus nicht mit der Regierungspolitik in Berlin übereinstimme und dass von dieser Seite her noch heftiger Widerstand zu erwarten sei. Ostpreussen: Vor ungefähr drei Wochen hat in der Königsberger Stadthalle eine Tagung der Deutschen Arbeitsfront stattgefunden. Hinter verschlossenen Türen hat Dr. Ley in Gegenwart der Reichsleiter der neugebildeten Fachgruppen und der Bezirksleiter der Deutschen Arbeitsfront zu einer Militärdiktatur Stellung genommen. Soweit wir unterrichtet sind, hat Ley auch das Thema Generalstreik behandelt. Uns wurde weiter bekannt, dass auch der Bezirksleiter Duschön in internen Besprechungen der Deutschen Arbeitsfront in Ostpreussen ähnliche Fragen erörtert hat. Aus Kreisen der SS stammt die Meldung, dass anlässlich der Bestattung von Goerings Frau in Karinshall( Schorfheide) tatsächlich ein Attentat auf Hitler versuhht worden sei. Hitler sei wie immer mit einem grösseren Schutzgefolge in vier Wagen angefahren. Er nehme stets in einem anderen Wagen Platz, so dass man nie genau wisse, welchen er bei der jeweiligen Fahrt benutzt. Bei der Fahrt nach der Schorfheide glaubte man aber zu wissen, dass er im ersten Wagen fahre. Auf diesen Wagen ist dann von SA Leuten geschossen worden. In diesem Wagen sass aber unter anderem Himmler, der eine schwere Verwundung durch Schuss in den Arm erlitten hat. Aus diesem Grunde sei Himmler seitdem auch nicht mehr in der Oeffentlichkeit zu sehen gewesen und selbst bei der blutigen Aktion gegen die Rebellen nicht in Aktion getreten. Hitler aber hat im dritten Wagen gesessen. Von der vor einigen Wochen durchgeführten Reise Röhms durch Pommern, auf der er überall mit Ehrungen überhäuft worden war, A-4liegen zwei Berichte vor: 1.Bericht: Bei der Pommern- Fahrt reiste Röhm mit einem Gefolge von 30 Wagen. Es handelte sich vorwiegend um erstklassige Autos. Dieser Triumphzug hatte nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der NSDAP Aufsehen und Unwillen erregt und die Parteiorganisation veranlasst, Fragebogen zu verschicken, in denen eingehende Fragen über das Verhalten Röhms und seines Stabes gestellt wurden. U.A. hat man sich nach den Trinkgelagen und Exzessen erkundigt, offenbar um Material in die Hand zu bekommen. Offenes Geheimnis in der ganzen Bevölkerung war, dass diese Trinkgelage bisher unvorstellbare Ausmasse angenommen hatten. Röhm und Heydebreck hatten unglaublich grosse Mengen zu sich genommen und versucht, sich gegenseitig unter den Tisch zu trinken. 2.Bericht: Nach der Reise Röhms durch Pommern wurden von der NSDAP an die Amtsleiter Fragebogen verteilt, die u.a. folgende Fragen enthielten: " War die Beteiligung bei den Aufmärschen freiwillig oder erzwungen? Waren die Spenden aus Anlass der Feierlichkeiten freiwillige oder erzwungene?" Die Partei versuchte also offenbar, festzustellen, ob die Popularität Röhms, die durch die SA- Aufmärsche demonstriert werden sollte, wirklich vorhanden war oder nur durch Druck vorgetäuscht werden sollte. Der Gauleiter Karpenstein von Pommern hat vor kurzem in einer Rede in Swinemünde ausgeführt: " Mit unserem Gruppenführer Peter von Heydebreck bin ich auf Tod und Leben verbunden, solange im Geiste des Nationalsozialismus regiert wird." Aus dieser Formulierung geht hervor, dass Karpenstein ursprünglich auch den" Verschwörern" nahestand. Er sollte auch am 30.6. verhaftet werden, entging der Verhaftung aber, weil er nicht in Stettin war. Später muss er es offensichtlich verstanden haben, sich der neuen Situation sehr geschickt anzupassen. Jedenfalls hat er schon wieder in der Oeffentlichkeit gesprochen. Ueber unmittelbare Vorbereitungen der Aktion liegen folgende Meldungen vor: Berlin: Die Reichswehr hatte vor dem 30. Juni mindestens 8 Tage lang Alarm. In dieser Zeit wurden Urlaube nicht bewilligt, inzwischen in Urlaub Gefahrene mussten zurückkommen. Pommern: Die Arbeiter des Arbeiterbauzugs der Reichsbahndirektion Stettin hatten in der Woche vor dem 30. Juni strenges Ausgehverbot. Aus verschiedenen Landesteilen wird berichtet, dass die SS. am 28. 6. abends unter irgendwelchen Vorwänden in ihren Sturmlokalen zusammengezogen wurde. Aus Westsachsen wird über Bewegungen der Reichswehr berichtet: ל A-5Am 28. 6. traf im Erzgebirge Reichswehr ein, die auf die Orte Annaberg, Scheibenberg, Schwarzenberg und Aue verteilt wurde. Allgemein wird vermutet, dass die Reichswehr nicht, wie behauptet wurde, zu Manöverzwecken kam, sondern, um gegebenenfalls sofort an Ort und Stelle eingesetzt zu werden. Ueber die Vorgänge am 30. Juni und 1. Juli können aus den zum Teil sehr umfangreichen Berichten nur Ausschnitte wiedergegeben werden. Berlin:( Aus einem ausführlichen im" Neuen Vorwärts" vom 8. Juli abgedruckten Bericht): 30. Juni. Heute nachmittags als erste die Nachtausgabe:" Röhm aus Partei und SA ausgestossen." Schlag auf Schlag folgt zweite und dritte Ausgabe, die bereits die phantastische Erklärung der Parteinachrichtenstelle bringt. Noch unterschlägt man übrigens in dem sittenstrengen Scherlorgan den Satz: " Einige dieser SA- Führer hatten sich Lustknaben mitgenommen." Das kurz darauf herauskommende Extrablatt der" B.Z." enthält den Satz, das Extrablatt wird kostenlos verteilt und ebenso wie die anderen Zeitungen den Verteilern aus den Händen gerissen. Alles bleibt auf der Strasse stehen, diskutiert, grinst, grinst. In der Tiergartenstrasse, Ecke Standartenstrasse, ist die Hauptaktion erfolgt. Dort befindet sich das Haus der Obergruppe BerlinBrandenburg. Mittags halb 1 Uhr: ca. 15 Motorräder, annähernd 20 Flitzer und Ueberfallwagen mit Scheinwerfern und verdeckten Maschinengewehren und 3" Sonderfahrt"-BVG- Wagen halten vor der Obergruppe, das Haus wird besetzt, und die SA mit erhobenen Händen hinausgeführt. Die Besetzung ist ohne Widerstand erfolgt. Groteske Bilder: In manchen Kinos lief gestern abend nach der SA- Reklamefilm, in dem Gruppenführer Ernst für die Stiefelschlacht warb. Von der Leinwand her ist Ernst zu hören:" Meine Volksgenossen, gebt mir für die marschierende kämpfende SA Geld, ich werde es richtig verwenden!" Muss pikant gewesen sein, wenn man kurz zuvor von den 30.000 Mark- Gelagen gelesen hat. Abends starke Bewegung in der Stadt. Die Heerstrasse passiert alle paar Minuten ein SA- Führerauto, staubbedeckt, alle Verkehrsvorschriften unbeachtet lassend und in wahnsinnigem Tempo der Stadt zujagend. SA zieht in kleinen Truppen nach Berlin. 50 und mehr SS- Autos und Motorräder fuhren hinaus, dazwischen Landespolizei, startbereite Wagen vor den Bereitschaften usw. 1. Juli: Merkwürdig rasch ist Berlin ruhig geworden. Gestern abend noch wurde, nach Hitlers Ankunft, das Regierungsviertel im engeren Bezirk der Wilhelmstrasse abgesperrt, Autos wurden zur Umleitung gezwungen und Passanten durch karabinerbewehrte Doppelposten zur Umkehr veranlasst. Die Stadt steht unter eindringlicher, wenn auch nicht allzu deutlich hervortretender Bewachung. An allen Brücken bis zur Stadtgrenze sind Posten aufgestellt und offenbar die letzten Polizeireserven angespannt. Lange hat man die korpulenten Revierbeamten nicht mehr Strassendienst machen sehen... Stärker ist auch die Feldpolizei herangezogen, bis in die Nacht hinein rasen die Ueberfallswagen durch die Strassen. Den ganzen Abend, bis 12 Uhr, 1 Uhr sieht man am Alex, im Zentrum und im Westen diskutierende Gruppen ein Anblick wie aus der" Systemzeit". Die Polizei geht ausserordentlich milde vor. Die Diskussionen drehten sich natürlich um die Erschiessungen. Politische Schlussfolgerungen hört man selten. C A- 6Ueber die Art der Erschiessungen von" SA- Rebellen" in der Kadettenanstalt Lichterfelde erfahren wir durch einen Mittelsmann von einem an der Ausführung der Exekutionen beteiligten SS- Mann: Die Erschiessungen haben mit kurzen Unterbrechungen fast drei Tage gedauert. Zur Ausübung der Exekutionen wurde nach Erschiessung von zehn bis zwölf Personen die feuernde SS- Gruppe von 8 Mann ausgewechselt. Diese 8 Mann bekamen zu jeder Fuesilierung 8 Karabiner, von denen 4 mit scharfen und 4 mit Platzp- atronen geladen waren. So sollte niemand wissen, ob er einen tödlichen Schuss abgegeben hat. Trotzdem stand das für jeden fest, da der Rückschlag des Karabiners bei den scharfen Patronen viel stärker ist. Der Gruppenführer Ernst ist tatsächlich durch Misshandlungen schwer verwundet zur Exekution geschleppt worden. Er hat sich vor den Schüssen auf die Knie geworfen und seine Kameraden um Gnade angefleht. Dabei beteuerte er schreiend seine Treue zu Hitler. Fast durchweg seien die Füsilierten mit Treuebekenntnissen für Hitler gestorben. Das Kommando zum Feuern hiess:" Der Führer will es! Alles für Deutschland! Feuer!" Ueber den Tod des Adjutanten von Ernst, Sturmführer Gerth, werden noch folgende Einzelheiten berichtet: Gerth beabsichtigte am Sonnabend mit einem Freund auf die Jagd zu gehen. Da Ernst bereits seit 2 Tagen aus dem Büro abwesend war, äusserte er sich, dass er nochmals nach dem Rechten sehen wolle und fuhr zum Haus der Obergruppe. Sein Freund blieb in dem nebenan liegenden" Moka- Efti" sitzen. Gerth wurde beim Betreten des Hauses von der Landespolizei verhaftet, sein Einwand, dass er doch nur für einen Augenblick komme und zur Jagd fahren wolle, half nichts. Ihm wurde noch gestattet, seinen Freund zu benachrichtigen, dann wurde er abgeführt. Seine Frau, die Verbindungen zu Goering hat, versuchte, sich für ihren Mann einzusetzen. Es wurde ihr auch Einschreiten zugesagt, es war aber bereits zu spät, da Gerth inzwischen nach Lichterfelde gebracht und vor die Gewehre gestellt worden war. Man hat mit Gerth noch eine Erschiessungs- Tortur ausgeführt, in dem kurz vor dem Kommando" Feuer!" ein Mann aus dem zweiten Stock des Hauses Halt gebot und Gerth abgeführt wurde. Nach zwei Stunden wurde er dann wirklich erschossen. Am Montag erhielt seine Frau Portemonnaie und Uhr zurück. An weiteren Einzelmeldungen über die Durchführung der Aktion in Berlin ist zu verzeichnen: Ueber die Erschiessung des Stabsführers der SA- Gruppe Berlin, Oberführer Sander, wird mitgeteilt, dass dieser sich ausserordentlich feige benommen habe. Er warf sich immer wieder auf die Erde, wurde wieder aufgerichtet und schliesslich, als alles nichts half, am Boden liegend mit einem Schuss ins Gesicht getötet. Die Erschiessungen in Berlin- Lichterfelde sind nach verschiedenen Meldungen wesentlich zahlreicher gewesen als amtlich zugegeben wird. Die Zahlen schwanken zwischen 67 und 78. Aus verschiedenen Landestei A-7len werden umfangreiche Verhaftungen von SA- Leuten-insbesonders höherer SA- Führern- gemeldet. Die Entwaffnungsaktion der SA wird in aller Stille durchgeführt. Die SA. hatte vom Scharführer aufwärts die Berechtigung, Revolver zu tragen. Die Entwaffnungsaktion erfolgt jetzt so, dass zu jedem einzelnen Chargierten ein Beamter der Schutz- oder Landespolizei kommt und die Dienstwaffen abholt. Dieser Entwaffnung unterliegen nicht nur die unteren Führer der SA, sondern unser Vertrauensmann ist von zwei Fällen unterrichtet, in denen auch bis zum Obersturmbannführer die Waffen abgeholt wurden. Stabschef Lutze hat vor einigen Tagen einen Geheim- Erlass an die SA herausgegeben, in dem er" im Interesse der Volksverbundenheit" auffordert, die bisherigen Sturmlokale nicht mehr zu Gemeinschaftszusammenkünften zu benutzen, und gemeinsame Abende überhaupt zu vermeiden. Das Resultat ist, dass die SA jetzt, wie in vielen Fällen beobachtet, sich in Zivilkleidung in anderen Lokalen trifft. Am 30. Juni wurden auch im Auswärtigen Amt 6 Verhaftungen vorgenommen. Die Herren sind zunächst nach Lichterfelde gebracht worden und wurden dort Ohrenzeugen der Erschiessungen. Am gleichen Abend wurden sie dann nach Torgau ins Gefängnis gebracht. Dort hat man ihnen die Haare geschoren und sie gezwungen, Sträflingskleidung anzulegen. Sie sind jedoch dann nach 3 Tagen ohne irgendwelche Angabe von Gründen entlassen worden. Einer der Verhafteten, der Mk. 86,- bei sich führte, hat nur Mk. 14,- zurückbekommen. Auf seinen Protest wurde ihm geantwortet, dass er froh sein solle, so billig davon gekommen zu sein. München( Vergl." Neuer Vorwärts" vom 15. Juli): Freitag, 29.6. Gegen 9 Uhr abends fiel auf, dass einzelne Abteilungen der SA von ihren Sturmlokalen in der Richtung gegen Oberwiesenfeld abmarschierten. Im weiteren Verlaufe des Abends konnte man erfahren, dass auch ein Teil der SS alarmiert worden war, dass sie aber nicht auf Oberwiesenthal antrat, sondern in ihren Lokalen verblieb. Der grosse SA- Appell auf Oberwiesenthal fand um ca. lo Uhr statt. Es scheint, dass dort keine einheitlichen Weisungen herausgegeben wurden, da offenbar die Führung der Aktion selbst nicht einig war. Nach dem Appell zogen die SA- Abteilungen ruhig in die Stadt zurück. Ein Teil der SA- Leute ging nach Hause, andere zogen in Gruppen zu ihren Standlokalen. Um 1 Uhr war im Strassenbild nichts Auffallendes zu beobachten. Man ahnte also noch nichts von einer versuchten Revolte. Röhm, der offenbar davon Kenntnis erhalten hatte, dass Hitler von den Plänen wisse, wollte abblasen. So ist es auch zu erklären, dass Röhm sich während der Nacht in Wiessee aufhielt. Die SA selbst hatte keine Vorstellung davon, zu welchen" Taten" sie durch ihre Kommandeure ausersehen war. SA- Leute wussten auch in den folgenden Tagen genau so viel und so wenig wie die anderen Sterblichen. > Samstag, 30.6.: Früh um 7 Uhr wurde die gesamte SS alarmiert. Die SS- Leute wurden sogar aus den Betrieben und von ihren Arbeitsplätzen weggeholt. In den ersten Morgenstunden sah man schon die Bewaffneten zu ihren Sammelstellen eilen. Als die mit Gewehren ausgerüsteten SS- Männer im Strassenbild erschienen, wurde der Bevölkerung bewusst, dass bestimmte Dinge vorgehen. Viele SS- Männer A-8schienen ihre Waffen daheim gehabt zu haben, denn sie kamen einzeln, aber bereits bewaffnet an. Gegen halb 9 Uhr wurde das " Braune Haus" und die übrigen Gebäude der NSDAP in der Brienner strasse mit zwei, später mit drei Gliedern von schwer bewaffneter SS umstellt. Die Mannschaft stand Mann an Mann. Inzwischen wurde die nicht am" Braunen Haus" eingesetzte SS im Hof der Türkenkaserne, die einen Strassenzug nördlich des" Braunen Hauses" liegt, konzentriert. Bereits um 7 Uhr am Morgen wurde die SS des österreichischen Flüchtlingslagers in Dachau alarmiert. Diese 250 Mann starke Truppe wurde auf den bekannten, eigens für die österreichische Legion bereitgestellten Militärlastwägen in der Richtung nach Wiessee abtransportiert. Die Oesterreicher hatten keine Ahnung von den Vorgängen und glaubten, dass sie zu einer bestimmten Aktion gegen Oesterreich alarmiert worden wären. Kurze Zeit darauf kamen die à ca. 13 Lastwagen wieder zurück und die österreichische SS wurde ebenfalls in die Türkenkaserne gefahren. Dort hatten sich gegen 9 Uhr ca. 2.000 Mann eingefunden. Sie wa ren alle bewaffnet. Von der SA war in der ganzen Stadt nichts mehr zu sehen. Die österreichische SA, die in einer Bürstenfabrik in der Franziskaner strasse untergebracht ist, musste sofort in ihre Quartiere, wurde entwaffnet und mit Autos nach auswärts befördert. Inzwischen hatte sich die militärische Aktion beim" Braunen Haus" weiter entwickelt. Am Karolinenplatz sammelten sich immer mehr Menschen an. Man vermutete einen Militärputsch und hatte das Empfinden, dass diesmal die Masse des Volkes nicht in Erscheinung tritt und beobachtete daher auch mit Interesse als Unbeteiligter den Ablauf der Ereignisse. Es bildeten sich eifrig diskutierende Gruppen, die sich in Mutmassungen über die Bedeutung des militärischen Aufmarsches ergingen. Gegen lo Uhr kamen bereits die ersten Gerüchte in Umlauf, dass Röhm verhaftet worden sei. Vorerst glaubte man aber nicht daran. Um 11 Uhr rasten 6 Lastautomobile mit je 40 Mann Reichswehr durch die Propyläen zum" Braunen Haus". Die Reichswehr, mit Stahlhelm, Gewehren und Maschinengewehren ausgerüstet, nahm vor dem" Braunen Hause" Aufstellung; eine Kompagnie rechts, die andere links vom Eingang. 4 Maschinengewehre wurden am Karolinenplatz aufgestellt. Photographieren war untersagt. Ein Offizier erschien und erklärte, dass diese Aktion nicht gegen das Volk, sondern nur zum Schutze des Führers notwendig sei. Inzwischen wurde auch bekannt, dass 7 Erschiessungen durchgeführt worden sind, aber man wusste nicht wo und wer. Um 2 Uhr zog ein Teil der Reichswehr wieder ab. Die Zurückgebliebenen begaben sich in das" Braune Haus". Die SS schritt nun zur Räumung des Karolinenplatzes und marschierte zur nahegelegenen Stabdwache in der Barerstrasse, von der man hörte, dass sie der Besetzung Widerstand entgegensetze wolle. Bei der Stabswache wurde die SS mit dem Schmähruf" Schwarze Schweine" empfangen. Es kam jedoch im Verlauf der Besetzung zu keinen weiteren Zusammenstössen. Die Stabswache wurde in 2 Lastautos abtransportiert. Die ganze Stabswache, auch die von Wiessee, wurde verhaftet. Während dieser Vorgänge am" Braunen Haus" wurde durch die SS die Entwaffnung der SA in den einzelnen Stadtteilen durchgeführt, wobei es zu kleineren Zusammenstössen kam, weil die SA- Leute den Grund dieses Vorgehens nicht einsehen und sich in keiner Weise schuldig fühlten. Bei den Zusammenstössen in München gab es keine Toten, aber viele Verhaftungen. Die Verhafteten wurden grösstenteils nach A-9Dachau eingeliefert. Dort spielten sich grauenhafte Szenen ab. In Dachau hatte die SS die Bewachung übernommen. Zwei Lastautos fuhren den ganzen Nachmittag, um die Verhafteten nach Dachau zu bringen. Jedesmal, wenn die Verhafteten vom Lastauto in das Lager gebracht wurden, knallten die Schüsse. Ein Bericht aus verbürgter Quelle lautet:" Die ersten Transporte, die in Dachau ankamen, wurden von der SS übernommen. Die gefangenen SA- Männer wurden grausam misshandelt. Ein SA Mann hatte noch seinen Ehrendolch umgeschnallt. Ein SS- Mann stürzte wie ein Wilder auf ihn, riss ihm den Dol ch aus der Scheide und rannte ihn dem Verängstigten mit dem Ruf in die Brust:" Da hast du deinen Ehrendolch!" Der Gestochene stürzte lautlos zu Boden." Die gefangene SA kam in die Quartiere, die vorher die österreichische Legion innehatte. 3 Am Samstag nachmittags hatte sich dann schon herumgesprochen, dass Röhm verhaftet und dass Schneidhuber und Schmid unter den Erschossenen sind. Diese Nachrichten wirkten stark. Ueberall standen diskutierende Gruppen. Schmid und Schneidhuber, die sich in weiten Kreisen grosser Beliebtheit erfreuten, wurden bedauert. Sonntag, 1.7.: Der Wirt des" Bratwurstglöckerl" Zehnter, ist mit noch einem Nazi, dessen Namen nicht zu ermitteln war, mit einem Kraftwagen auf der Strasse nach Ginding geflüchtet. Sie wurden von der SS verfolgt. Das Auto wurde zum Halten gezwungen, die beiden Insassen heraus gerissen und sofort auf der Strasse niedergeknallt. Das ereignete sich am Sonntag in der Frühe. Noch am Sonntag mittag lagen die Leichen zugedeckt neben der Strasse. Breslau: 1. Bericht Die SA ist hier vollständig ausser Kurs gesetzt, Die Heines SA- Unterkunft ist von der Sipo in voller Ausrüstung besetzt. Das Gewerkschaftshaus ist von SS- Leuten mit Gewehr besetzt. Die NSBO- Leute im Gewerkschaftshaus sind alle SA- Leute und Heinesanhänger. In der allgemeinen Ortskrankenkasse geht dasselbe vor sich. Die Post ist vom Postschutz, die Bahn vom Bahnschutz besetzt. Die Verhaftungen und Nachforschungen gehen weiter. Der Adjutant von Heines, ein schon 22 jähriger Held mit Namen Schmidt ist mit Auto und Mk. 5.000,- flüchtig. Er soll auf Anordnung festgenommen werden. Die Heines SA- Unterkunft war am Sonntag abend der Schauplatz von Tumulten. Tausende Besucher der SA- Leute dürfen nur in Begleitung von Sipo die Unterkunft verlassen. Der Tumult am Sonntag vor dem Gewerkschaftshaus zwischen SA und SS konnte nur durch ein Ueberfallkommando, mehrere Verhaftungen und Abriegelung des Gewerkschaftshauses beigelegt werden. Sonnabend war die ganze Stadt auf den Beinen. Die Ueberfallkommandos rasten die ganze Nacht durch die Stadt, weil wiederholt Stahlhelm in Prügeleien mit der SA verwickelt war. 2. Bericht: Ein Mann, der die erste Extraausgabe den Umstehenden laut vorlas, wurde von SA- Leuten verprügelt, die dieses Telegramm für eine wüste Greuelmeldung gegen ihren SA- Führer Heines hielten. Der Verprügelte wurde in eine SA- Kaserne geschleppt. Nach kurzer Zeit stellten die SA- Leute die Richtigkeit des Telegramms fest, warfen den Verprügelten hinaus und erklärten der Polizei, dass der Mann deshalb verprügelt worden sei, weil er Hitler beleidigt habe. Als die Polizei Zeugen des Vorfalles feststellen wollte, wagte sich niemand als Zeuge vor. A— lo** Dresden: Die ersten Mitteilungen von der Verhaftung und späteren Erschiessung der SA�Führer sind nicht geglaubt worden. Immer wieder hörte man:"Sei ruhig, erzähle nicht solche Märchen, sonst kommst Du nach Hohnstein(Konzentrationslager)." Später traf man in der Stadt überall diskutierende Zirkel, die sich jedoch in ihrem Gespräch nicht herauswagten. Die SA-Leute, die in Dresden vereinzelt noch in Uniform heraumlaufen, waren sehr kleinlaut und wagten nicht, gegen die Diskutierenden vorzugehen. Von mehreren Seiten wird übereinstimmend berichtet, dass am Sonntag früh auf dem Heller(Exerzierplatz) oder in den Kasernenhöfen Er- schiessungen stattgefunden haben. In diesem Zusammenhang werden ausser dem Gruppenführer Hayn noch die SA-Führer Schröter und Martin genannt. Von einem SS-Mann, der an den Erschiessungen beteiligt war, stammt die Mitteilung, dass in seiner Gegenwart 9 Mann erschossen worden sseien. Chemnitz: Am 3°. 6. war die gesamte Chemnitzer SA auf dem Adels- berg bei Chemnitz zu ihrem Abschiedsmanöver vereinigt. Es sollte ein allgemeines Abschiedsessen stattfinden. Feldküchen waren bereits aufgefahren. Plötzlich und ohne jede weiteren Gründe wurde aber der SA der Befehl zum Rückmarsch in die Stadt und zum Aufsuchen der Wohnungen gegeben. Die SS bezw. Reiterstürme des Annaberger Bezirks wurden am 3o. Juni alarmiert und in Autos in die Zwickauer Gegend gebracht. Ein Teil ist am 2. 7. abends wieder zurückgekehrt, während der andere Teil sich noch im Zwickauer Gebiet befindet. In Chemnitz selbst war am 3°. Juni alles still. Die wichtigsten Gebäude wurden durch SS bewacht. Die SS-Leute waren mit Karabinern und Stahlhelmen ausgerüstet. Diese ausserordentlichen Massnahmen dauerten bis Montag früh. Frankfurt: Die Schutzpolizei des Bezirks Frankfurt musste am 30. Juni aus Anlass der Röhm-Affäre die SA der Stadt und des Bezirks Hanau-Land entwaffnen. Die Aktion erfolgte in der Weise, dass die SA. durch ihre Sturmführer alarmiert wurde mit der Anweisung, mit Waffen anzutreten. Die Stürme wurden dann auf den Alarmplätzen von der Schupo umstellt und aufgefordert, die Waffen abzugeben. Die Abgabe erfolgte dann auch reibungslos. Ueberraschend war die Menge der Waffen. Es wurden 4 Lastwagen Gewehre und Karabiner, Modell 98, Maschinengewehre und eine Menge Munition abgenommen, auch Mauserpistolen. 3) Die Wirkung der Ereignisse Fast alle Berichte stimmen in drei Punkten mehr oder minder überein: 1. die breite Masse hat den politischen Sinn der Ereignisse nicht begriffen, 2. grosse, offenbar sehr grosse Teile des Volkes feiern sogar Hitler wegen seiner rücksichtslosen Entschlossenheit und nur ein kleinerer Teil ist nachdenklich gestimmt worden oder gar empört. 3. auch grosse Teile der Arbeiterschaft sind der unkritischen Verhimmelung Hitlers verfallen. A-11Baden: Die Vorgänge am 30. Juni wirkten zunächst wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Eindruck der Erschiessung von Röhm und Genossen war ungeheuer. Die breite Masse war nicht im geringsten auf eine solche Entwicklung vorbereitet. Man diskutierte in der Masse zwar die Möglichkeit des Eingreifens der Reichswehr, ging auch nicht ganz ahhtlos an den Beurlaubungen der SA vorbei, jedoch eine solche Mordkatastroühe lag völlig ausserhalb des Begriffsvermögens. Zunächst war das Resultat der Morde ein ungeheurer Wirrwar sowohl in der Beurteilung, wie auch bezüglich der künftigen politischen Auswirkung. Grösstenteils wurde der Mut Hitlers zum Durchgreifen in den Vordergrund gestellt. Er wurde förmlich als ein Held betrachtet. Die Diffamierung der Ermordeten durch Hitler mit der Homosexualität und den 30.000 Mark- Essen wurde zunächst auch als Hell dentat Hitlers gewertet. Nur langsam setzte sich dann in den ersten Julitagen eine etwas andere Betrachtung der Vorgänge durch. Schlesien: Wie sich die Vorgänge vom 30. Juni und darnach auswirken, darüber lässt sich ein einheitliches und abschliessendes Bild noch nicht geben. Unsere Genossen berichteh, dass Hitler bei dem Teil der Bevölkerung, der seine Hoffnungen immer noch auf ihn setzt, stark an Vertrauen und Sympathie gewonnen hat. Sein Vorgehen ist diesen Leuten Beweis, dass er Ordnung und Sauberkeit wolle. Ein anderer Teil ist durch die Vorgänge nachdenklich gestimmt worden und ihre Auffassung lässt sich so zusammenfassen: Warum hat er die anderen Parteien vernichtet, warum sitzen Tausende in den Gefängnissen, sie haben ja nichts anderes gesagt, als was jetzt vom Führer selbst über seine Bewegung bekannt gemacht wird. Westsachsen: 1. Bericht. Die Ereignisse kamen für die meisten überraschend, trotz der Erwartung, dass irgend etwas geschen müsse. Die ersten Eindrücke in allen Berichten betonen, dass niemand mit den Verhaftungen und Erschiessungen der SA- Würdenträger gerechnet habe. Die Auswirkung der Ereignisse auf die Stimmung der Bevölkerung ist geteilt. Der kleinere Teil der Bevölkerung ist über die Massnahmen der Nationalsozialisten und der Regierung empört, während der grössere Teil dem Führer für sein energisches Zugreifen zustimmt. Im allgemeinen kann festgestellt werden, dass die Arbeiterschaft den Ereignissen vom 30. Juni passiv gegenübersteht und mit einer gewissen Schadenfreude die Entwicklung der Verhältnisse verfolgt. 2.Bericht. Oft ist zu hören, dass es eine grosse Schuftigkeit ist, den Gemordeten ihre anormale Veranlagung vorzuwerfen, obwohl diese gemeine Sauerei schon jahrelang bekannt war und selbst mitgemacht wurde. Ein kleiner Vorfall sei noch vermerkt: In der Königstr. standen am 30. 6. abends mehrere Leute, die man als sogenanntes besseres Publikum bezeichnen kann. Sie unterhielten sich über ein soeben erschienenes Flugblatt. Der eine äusserte:" Da hatte die " Volksstimme" doch recht, als sie breits vor Jahren die Röhmbriefe veröffentlichte." Aehnliche Aeusserungen sind jetzt sehr viel zu hören. A-12Ostsachsen: Ein kleiner Geschäftsmann sagte mir, dass in ihren Kreisen schon lange bekannt gewesen sei, dass Hitler einen Schlag gegen Röhm und Konsorten unternehmen würde. Er hält auch heute noch Hitler für einen absolut ehrlichen Menschen, der das Beste für das deutsche Volk will. Nur seine Trabanten, von denen er sich jetzt freigemacht hatm haben ihn bisher gehindert, für das Volk zu arbeiten. Als ich versuchte, ihm klarzumachen, dass doch Hitler allein die Blutschuld für alle Morde jetzt und früher treffe, meinte er:" Die Hauptsache ist doch, er hat uns von den Marxisten befreit." Er meinte weiter, dass Hitler wohl nach wie vor die Sympathien des grössten Teiles des Volkes habe, besonders weil er jetzt mit der schrecklichen SA aufräume, die ein Schaden für das deutsche Volk gewesen sei. Jetzt würden bestimmt die Löhne heruntergesetzt und die Industrie könnte wieder arbeiten und verdienen. Er schwört weiter auf Hitler als den übernatürlichen Menschen, selbst wenn er vielfacher Mörder ist. Bayern: 1. Bericht. Hitler hat durch das Abschlachten seiner " besten Freunde" zunächst bei den Volksmassen gar nichts an Ansehen eingebüsst, eher gewonnen. Aus verschiedenen Teilen Bayerns wird übereinstimmend berichtet, dass die Leute ihre Befriedigung äussern, weil Hitler so durchgegriffen habe. Damit habe er erneut den Beweis erbracht, dass er nur das Beste will, dass er eine saubere Umgebung haben wolle. Die grosse Masse des deutschen Volkes, die hermetisch von allen Auslandsnachrichten abgeschlossen nur der Goebbelsprogranda ausgesetzt ist, wusste und weiss heute( Mitte Juli) noch nicht, was eigentlich am 30. Juni vorgegangen ist. Erst allmählich ist es durchgesickert, dass mehr Leute als 7 SA- Führer ermordet sind. Die meisten waren erstaunt, als Hitler in seiner Reichstagsrede 77 Opfer angab. Dass die Nazipresse den grossen Reiniger Hitler feiert, ist selbstverständlich. Aber dass auch die übrige gleichgeschaltete Presse sich für Hitler gerade zu überschlägt, das eben hat in nicht geringem Masse zu der erwähnten Volksmeinung beigetragen. So bringt z.B. die katholische" Bayerische Volkszeitung" in Nürnberg zu den Ereignis. sen folgenden Kommentar:" Das Dritte Reich hatte in den letzten 48 Stunden seine erste grosse innenpolitische Belastungsprobe zu bestehen und es hat diese Probe in jedem Sinne des Wortes ehrenvoll bestanden... Vor allem uns Franken erfüllt es mit vaterländischem Hochgefühl, dass der stellvertretende Gauleiter Holz erklären konnte, dass es in Franken keine Verräter gibt... Hitlers Sieg am 30. Juni ist grösser als der am 30. Januar oder vom 12. November, denn hier siegte er ganz allein und nur durch seinen persönlichen unmittelbaren Einsatz. Selbst die Sicherheit, mit der Mussolini die Matteotti- Krise überwand, verblasst vor diesem Ereignis.. Er selbst stellte für seine Gefolgschaft als menschliche und politische Persönlichkeit ein überragendes Vorbild dar... Die Vorgänge des 30. Juni haben wie ein reinigendes Gewitter gewirkt.. Die Aktion gegen die Kritikaster war als eine Warnung gedacht, an deren Ende nun das harte Strafgericht steht. Es wird seine heilsame und heilende Wirkung nicht verfehlen.. Nicht mehr zu überbieten ist, was sich" Der Stahlhelm" Nr. 27 vom 8. am 8. Juli leistet. In den auf der ersten Seite gross aufgemachten Hymnus an Hitler mit der Ueberschrift:" Retter des Vaterlandes! Der Sieg über Adolf Hitlers über die Revolte" kann man lesen:" De ut schland war von einer schweren Gefahr bedroht. Ein Mann 247 € A-13hat sie gewendet. Der Mann, der seit anderthalb Jahren Kanzler und Führer der Nation ist. Und der dieses Führertum durch seine Rettertat erneut vor aller Welt aufgerichtet und bestätigt hat..." " Der Putsch ist nicht geglückt. Mit einer Nervenstärke, die zu bewundern ist, hat Adolf Hitler den Plan des Verbrechens bis wenige Stunden vor der Ausführung reifen lassen. Dann hat er zugeschlagen, hart unerbittlich, mit der Unerschrockenheit des geborenen Soldaten und mit der disziplinierten Zielsicherheit des begnadeten Staatsmannes." 2.Bericht: Im allgemeinen zeigten sich die Leute über das rasche Zugreifen Hitlers teils erfreut, teils erschrocken. Man freute sich, dass der Führer gegen Menschen, die man längst als Schädlinge angesehen hat, so brutal vorging. Allerdings ist diese Auffassung nicht allgemein. Es gibt Bewunderer, die Hitler nun hinaufsteigen sehen auf den hohen Thron des Tyrannen. Sehr, er mordet seine besten Freunde, aber alles für sein Volk, damit Deutschland lebe. Schmerzlich ist es, dass die Jugend noch nicht sieht, welchem Mörder sie in die Hände gefallen ist. Sie marschiert mit der gleichen Begeisterung: Aufgefallen ist, dass es gerade die indifferenten Arbeiter waren, die sich darüber freuten, dass der Führer auch nun einmal gehörig mit der Faust den Oberan aufs Hirn geschlagen hat. Viele Leute können infolge der mangelhaften Unterrichtung durch die deutsche Presse nicht einmal auseinanderhalten, dass Röhm, Schleicher und Papen verschiedene Gruppen waren. Pommern: Auf die Intellektuellen und überhaupt auf die denkenden Menschen hat natürlich die Aktion vom 30.6. abstossend gewirkt. Aber die grosse Masse des Volkes ist tatsächlich so idiotisch, dass sie sagt:" Hitler ist doch ein Kerl, der durchgreift." und sie ist zugleich so demoralisiert, dass sie kein Gefühl für den moralischen Sumpf hat, den die Aktion blossgelegt hat. Es gibt Leute, die in anerkennendem Ton sagen: Das hätte doch früher nie ein Reichskanzler zu tun gewagt. Es gibt allerdings auch andere, die sich daran erinnern, dass schon früher die Sozialdemokraten dieselben Vorwürfe erhoben haben. Gerade aber auch bei den Arbeitern hat das Prestige Hitlers durch die Aktion nicht gelitten, im Gegenteil. Allem Anschein nach hat die Propaganda auch in den Arbeiterkreisen wieder einmal ihre Schuldigkeit getan. Sie glauben ernsthaft an ein Komplott zwischen Röhm und Schleicher und sehen in Röhm den Mann der Reaktion. Weil dieser Mann jetzt beseitigt und die ganze Reaktion aufs Haupt geschlagen sei, erwarten sie jetzt, dass endlich der sozialistische Kurs kommt. Sie sind nach wie vor für Hitler, aber gegen seine Unterführer. Hitler ist der gute Mensch, nur seine Unterführer sind Schweine. Er hat von allen Schweinerein nichts gewusst und in dem Augenblick, in dem er davon Kenntnis erhielt, hat er zugegriffen. Es gibt geradezu eine Parole: Mit Hitler gegen die NSDAP. Aehnlich ist die Stellung Hitlers in den Nazikreisen selbst. Auch dort kann man Verständnis und Zustimmung finden, wenn man die Misstände bei den Nazis geisselt. So wie man aber anfängt, Hitler dafür verantwortlich zu machen, ist es aus. Die Nazi anhänger sind bereit, gegen die Bonzenwirtschaft aufzutreten, aber nicht gegen Hitler. Allgemein muss man leider feststellen, die Leute denken nicht politisch; sie denken, jetzt hat Hitler Ordnung gemacht, jetzt geht es wieder aufwärts%; die Saboteure, die sein Aufbauwerk gestört A-14haben, sind vernichtet. Berlin: 1. Bericht( Vergl." Neuer Vorwärts" Nr. 56) Ein klares Bild über die Wirkung der Ereignisse auf die Bevölkerung ist noch nicht zu gewinnen. Irgendwo fällt plötzlich das Wort:" Das hat doch die SPD seit fünf Jahren gesagt", bei vielen jedoch ist die Achtung vor dem Führer ins Ungeheuerliche gestiegen. Es ist ihnen Bestätigung ihrer Ueberzeugung, dass der Führer schon durchgreift, wenn er Kenntnis von Misständen erhält. Manche sind der Meinung, dass dieser Säuberung eine weitere folgt." Das sind die ersten sieben!" 2. Bericht: Die Wirkung der Reinigungsaktion ist in den weitesten. Kreisen der Nationalsozialisten für Hitler äusserst günstig. Man findet sein Vorgehen schneidig und grossartig. Er habe mit starker Hand die drohende Gefahr erfolgreich abgewendet und gleichzeitig auch eine sittliche Erneuerung angebahnt. Das ist auch die Ansicht der meisten Frauen. Vollkommen vor den Kopf geschlagen sind jedoch die Leute aus dem kleinen Bürgertum und dem Mittelstand. Es hat sie sehr erregt, dass 30.000 Mark für Gelage ausgegeben und anormale Orgien gefeiert worden sind. In diesen Kreisen herrscht eine starke Entfremdung gegen Hitler. Man soll den Einfluss dieser Kreise jedoch nicht überschätzen, auch der Zahl nach spielen diese Leute keine Rolle. 3. Bericht: Die Autorität Hitlers ist in weiten Kreisen gestärkt. Immer wieder hört man die Leute sagen:" Hitler greift doch durch." Es gibt aber auch andere, und zwar auch alte Pg., die sich daran erinnern, dass die Vorwürfe, die jetzt die amtliche Propaganda gegen die" Verschwörer" erhebt, schon seit Jahren von den Sozialdemokraten erhoben worden sind. Einheitlich kann man feststellen, dass auch bei denen, die Hitler nach wie vor uneingeschränkt vertrauen, die Misstimmung gegen die braunen Bonzen durch die Aktion nicht vermindert, sondern vermehrt worden ist. Man zieht Vergleiche zwischen den Toten und den noch Lebenden und selbst Pg. sagen, alle braunen Bonzen müssen aufgehängt werden. Wenn auch Hitlers Ansehen in weiten Kreisen noch gestiegen ist, so steht doch fest, dass das Ansehen der NS- Bewegung als ganzes durch die Ereignisse keineswegs gehoben worden ist. Dresden: Die Hitlerrede lässt Hitler als den starken energischen Mann erscheinen, der mit eiserner Hand durchgreift. Hitlers persönliches Ansehen ist durch die letzten Ereignisse gestiegen, obwohl seitens der Intellektuellen und der überzeugten Marxisten starke Kritik geübt wird. Der allgemein politische Druck wird jedoch im Augenblick wieder als so stark empfunden, dass eine ernsthafte Kritik in der Oeffentlichkeit unterbleibt und die Meckerei und Miesmacherei einen Rückschlag erhalten hat. Eine Empörung über die Erschiessungen ist kaum festzustellen, im Gegenteil hört man hier und da in vertrauten Kreisen, dass viel zu wenig erschossen seien. Nicht nur in Intellektuellenkreisen, sondern auch bei der Arbeiterschaft ist ein starkes menschliches Mitgefühl mit dem Schicksal Schleichers und seiner Frau festzustellen. C C 947 .0 A-15Es liegen aber auch einige Berichte vor, die stärker die kritische Einstellung breiter Volksschichten zu den Vorgängen zum Ausdruck bringen. So stehen zwei Berliner Berichterstatter auf dem Standpunkt, dass das Vertrauen zu Hitler doch langsam abzubrückeln beginnt. Der eine Berichterstatter fährt fort: " Auf den Gesichtern der Strassenpassanten konnte man in den entscheidenden Tagen viel Schadenfreude lesen. Die Diskussionen, die beobachtet wurden, waren durchweg gegen das System gerichtet." Rheinland: Nachdem die erste Ueberraschung und Furcht vorüber ist, ist ein Suchen nach den eigentlichen Gründen zu beobachten. Man hat das Gefühl, dass noch irgend etwas Furchtbares der Oeffentlichkeit verborgen ist. Das Misstrauen wächst und zwar in allen Kreisen. Gewiss schwören die ganz Dummen nach wie vor auf Hitler, gewiss hat auf einen anderen Teil die Begründung mit der Verhinderung des Bürgerkrieges Eindruck gemacht. Gewiss ist Hitler in den Augen fanatisierter Marxistenhasser im Ansehen noch gestiegen. Aber diese Teile verringern sich zusehends. Man fühlt in weiten Kreisen, dass irgend etwas nicht stimmt, dass das System und die NSDAP auf tönernen Füssen stehen und dass die Unterhöhlung nicht mehr zu übersehen ist. Hitler ist bald ein erledigter Mann! Breslau: In den Betrieben und auf den Stempelstellen wurde nie so lebhaft diskutiert wie jetzt. Man ist empört über die Geldverschwendung und den Luxus, ist aber nicht davon überzeugt, dass die massgebenden Leute dies nicht gewusst haben sollen. Allgemein verworfen wird in Anbetracht der Vorgänge das System der Führerauslese, das ganz unvergleichbar sei mit der Vergangenheit. Jeder den man spricht, hat die Auffassung, das sei erst der Anfang und nicht wenige sind der Meinung, dass Hitler, um zu zeigen, dass er nicht der Pazifist ist, als der er von den Meuterern hingestellt wird, erst recht auf eine kriegerische Auseinandersetzung und damit zur Katastrophe treiben wird. Fast allgemein geht die Meinung dahin, dass die sittlichen Vergehen absichtlich so aufgebauscht werden, um damit die Sympathie zu den bisher Verherrlichten in Abscheu zu verwandeln. Mehrere Berichte zeigen aber auch, dass die Erleichterung des Drucks, die an den Tagen der Aktion verspürt wurde, inzwischen wieder der Angst und der Vorsicht gewichen sind. Berlin: Allgemein ist zu beobachten, dass neue Angst sich allen Kreisen bemächtigt hat. Man kann keine Meinungsäusserung hören, weil einer Angst vor dem anderen hat. Nur selten fragen ganz Vertraute:" Wie soll das enden, wohin steuert das deutsche Volk?" Eine lähmende Unsicherheit liegt über allen. Stettin: Was die allgemeine Stimmung anlangt, so sind die Menschen im grossen und ganzen genau so ängstlich wie vorher. Das Aufatmen und die Erleichterung, die in den ersten Tagen nach der Aktion zu verspüren waren, haben unter dem Eindruck der Verhaftung von Kritikern sehr schnell wieder der Aengstlichkeit und der Vorsicht Platz gemacht. A-16München: Die Unsicherheit wächst, das Misstrauen erwacht. Doch dieses schwindende Vertrauen wird zum Teil ausgeglichen durch die Schrecken und die Angst, die die Aktion auslöste. Man fürchtet sich vor dem Blutschwert und ist still. Seid brav und der Würgengel wird an eurer Tür vorübergehen! Nur recht viel" Heil Hitler" schreien, damit man nicht merkt, was man im Innern denkt. Ostsächsische Grenzstadt: Die Lokale und Cafes sind menschenleer, niemand traut sich auf die Strasse oder in ein Lokal, weil sie alle Angst vor einer Verhaftung haben. Ein lähmender Schreck liegt über dem ganzen Volk, selbst eingefleischte Nazis trauen sich nicht mehr heraus, weil sie Angst vor ihrem grossen" Führer" haben. Wie schon im Stettiner Bericht angedeutet ist diese erneute Angst offensichtlich die Folge der Verhaftungen und Verfolgungen, die nach dem 30. Juni in verschiedenen Landesteilen einsetzten. 4) Der Terror im Gefolge der Aktion Es ist bekannt, dass in der ersten Juliwoche zahlreiche poli zeiliche Bekanntmachungen erschienen, die" Gerüchtemacherei und Wühlarbeit" mit Konzentrationslager bedrohten. Die Nazis haben sich mit den Ankündigungen nicht begnügt: eine neue Terrorwelle hat sich über das Land gewälzt, um jede Kritik im Blut zu ersticken. " München: 1. Juli. Telegrammtafel in der Trappentre ustrasse. Ein Arbeiter mit einem lojährigen Kind steht vor der Tafel und liest für sich die Meldungen. Halb laut sagt er vor sich hin:" Wenn der Hitler eine solche Umgebung gehabt hat, dann wird er schon selber nicht besser sein." Ein SA- Mann( Kögel mit Namen) hört diese Bemerkung, holte 3 SS- Leute herbei, die den Arbeiter sofort niederschlugen, dass er bewusstlos liegen blieb. Es sammelten sich eine Menge Menschen an, die sich jedoch jeder Aeusserung enthielten. Das Kind stand schreiend daneben. Der Arbeiter wurde mit einem Auto abtransportiert. Die Masse lief auseinander und niemand hat zu dem Vorfall hörbar Stellung genommen." Besonders schlimm hat sich der Terror in Schlesien ausgetobt. Der " Neue Vorwärts"( Nr. 57) hat eingehend über die Judenverfolgungen in Hirschberg berichtet, bei denen auch die vier Juden mit Namen Förster, Charig, Dr. Zweig und Frau ermordet wurden. Am 9. Juli fand man in der Talsperre Boberröhrsdorf bei Hirschberg eine weitere Leiche. Es soll sich um den jüdischen Weinhändler Gries aus Hirschberg handeln. Während die Zeitungen von angeblichem Selbstmord berichten, liegt uns folgender Bericht vor: Spaziergänger bemerkten am Montag früh Bluts puren, die von der Autogarage zum Wasser führten. Bei näherer Untersuchung fand man A-17eine männliche Leiche. Dem etwa 45jährigen Mann war der Rock über den Kopf gezogen, die Beine mit einem Strick zusammengebunden und den Rücken hinauf zu einer Schlinge um den Hals geschnürt. Die Leiche wies am Kopf Verletzungen durch zwei Schüsse auf, die wahrscheinlich bei der Autogarage abgegeben worden sind. Amtlich ist bis jetzt über die Person weder Name noch sonst etwas bekanntgegeben worden. Ausserdem haben in mehreren schlesischen Orten Judenverfolgungen stattgefunden, bei denen die Opfer misshandelt und zum Teil schwer verletzt worden sind. Wegen Kritik an den Vorgängen am 30. Juni wurden in den schlesischen Orten: Görlitz, Lauban, Hirschberg, Liegnitz, Rauscha, Rothenburg und in Hoyerswerda, Löbau, Bautzen und Zittau zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Dazu wurden viele Haussuchungen, insbesondere bei Stahlhelmleuten und früheren Sozialdemokraten durchgeführt. Zu welchen Methoden der Ueberwachung das Regime neuerdings greift, zeigt ein kleiner Fall, der aus Berlin berichtet wird: Vor einigen Tagen fuhren zwei Herren in der Untergrundbahn, in der nur wenige Leute, u.a. zwei Arbeiter in Transportarbeiterkleidung, sassen. Der eine der Herren schimpfte über die hohen Kartoffelpreise. Beim Verlassen der Untergrundbahn wurden die beiden von den ihnen nacheilenden Transportarbeitern angehalten und für verhaftet erklärt. Auf ihre Einwände hin gaben sich die beiden Leute als Beamte der Gestapo zu erkennen. Der Meckerer sitzt noch, der andere ist nach einigen Tagen entlassen worden. 5) Die Auffassung unserer Genossen Die Auffassung der denkenden Menschen über die Ereignisse und insbesondere die Auffassung derjenigen, die durch die politische Schulung der Sozialdemokratie gegangen sind, weicht natürlich stark von der allgemeinen Stimmung ab. Sie erkennen die politischen Hintergründe der Vorgänge, sie glauben nicht an die Geschichte mit den Lustknaben, sie begreifen, dass die Reichswehr der eigentliche Sieger ist. Gleichwohl kommt in verschiedenen Berichten zum Ausdruck, wie stark die Propaganda- Verne belung und die systematische Absperrung vom Ausland auch auf politisch geschulte Menschen wirkt und wie langsam sich erst eine einigermassen zutreffende Beurteilung durchsetzt. Auch in der Beurteilung der Ereignisse für die künftige Entwicklung gibt es naturgemäss erhebliche Unterschiede. Einstweilen sind die Skeptiker in der Minderheit. A-18- Südbayern: Unsere Genossen, die mit ruhigem Blut die Vorgänge verfolgen, sind keine Optimisten. Sie fragen, was nun kommen wird. Jeder empfindet die eigene Ohnmacht. Wird sich Hitler festigen? Kommt nun auch ein Schlag aus der Unterwelt seiner SA gegen ihn? Viele warten auf den Revolver, der gegen Hitler losgehen soll. Andere sagen wieder, dass Goering und Hitler nun aneinanderkommen werden. Eines jedenfalls ist eingetreten: Die Menschen werden noch verängstigter wie vorher und Anhänger von einst sind zu Gegnern des Regimes geworden. Nordbayern: 1 Bericht; Am wenigstens optimistisch über die Dauer des Hitlerregimes sind unsere alten, erfahrenen Genossen. Diese urteilen eben nicht stimmungsmässig, sondern fragen sich immer: "Wer soll Hitler stürzen?" 2. Bericht: In den Reihen unserer engeren Genossen hat das Abschlachten der SA-Führer zunächst ein Gefühl der Schadenfreude ausgelöst. Man sagte sich:"Recht so, die sollen sich nur selbst abschlachten."Dieses Gefühl der Schadenfreude ist gewichen, seitdem bekannt wurde, dass nicht nur Naziführer abgeschlachtet wurden. In Nürnberg erfuhr man. von der Abschlachtung Kahrs, man flüsterte, dass auch Stützel tot sei und viele andere. Man sah, dass unsere Genossen noch schärfer bewacht wurden als vordem. Man hörte, dass Genossen verhaftet wurden. Endlich sagte man, dass in Nürnberg und Fürth allein an die 50 Mann wieder verhaftet seien. So schlug die Stimmung in eine Art Panik um, denn die Leute sagen sich, wenn sie mit ihren Leuten schon so verfahren, wie mag es erst den unseren gehen, wenn sie festgenommen sind. Abscheu, ohnmächtige Wut und Sorge um die verhafteten Angehörigen und Freunde haben die Menschen erfasst und sie sehen noch schweigsamer, noch bedrückender drein. Berlin: Die Rede Hitlers hat bei den denkenden Menschen allge- mein Enttäuschung hervorgerufen. Sie wird als eine seiner Parteireden gewertet. Besonders bedauert man, dass Hitler zu den aussen- politischen Fragen keinerlei Stellung genommen hat. Die meisten- so berichten mehrere Vertrauensleute- haben sich nach Schluss der Rede gefragt, wo bleibt denn nun die aussenpolitische Antwort? In Berlin hat sich das besonders stark bemerkbar gemacht, da die Abendzeitungen in grosser Aufmachung von dem englischen Vorschlag Kenntnis gaben und nun jeder eine sensationelle Stellungnahme des Kanzlers erwartete. Die Stimmung unserer Genossen ist etwas pessimistischer geworden. Man sieht eine gewisse Konsolidierung und befürchtet, dass sich durch die Stärkung der Stellung der Reichswehr eine Stabilisierung des Regimes ergeben hat. Es wird, allerdings nur in den politischen Kreisen, jetzt deutlich, dass die Umgruppierung und Verlagerung in eine konservativ-reaktionäre Regierung stattgefunden hat. Es wird zum Teil sogar schon bezweifelt, ob man für die Zukunft noch von einem faschistischen Regime sprechen kann. Auf jeden Fall glaubt man, dass jetzt mit langen Fristen gerechnet werden muss. Selbstverständlich wird ein Umbau innerhalb der Regierung für möglich gehalten, ob aber der Druck bei den vorhandenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten geringer werden kann, wird bezweifelt. Wie die Behebung der wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten erfolgen soll, ist auch den Eingeweihten ein unlösbares Rätsel. Die Dinge verschlimmern sich von Tag zu Tag. Der Eindruck zunehmender Arbeitslosigkeit, stärkerer finanzieller Schwierigkeiten, Verringerung der Rohstoffbasis, Verknappung der Lebene- ---* T 4 A-19Wesentlich optimistischer klingen die Stimmen aus anderen Landesteilen. Ein erfahrener Beobachter schreibt aus Südwestdeutschland: Auf jeden Fall erleidet das Regime eine starke Einbusse an Vertrauen; das Fundament, auf dem es ruht, hat einen gefährlichen Bruch bekommen. Man ist überzeugt, dass die Dinge noch nicht ihr Ende gefunden haben und von rechts und links weitergetrieben werden, auch wenn äusserlich zunächst Ruhe und Ordnung wieder eintreten. Rheinpfalz: Die Röhm- Vorgänge sind das erste offene Anzeichen vom Zerfall des Dritten Reichs. Grosse Volksteile, welche bisher blindlings dem" Führer" gefolgt sind, werden, vorausgesetzt, dass sie überhaupt noch denken können, durch die Ermordung der als radikal und revolutionär geltenden Naziführer den grössten Stoss in ihrem Glauben erhalten, dass auch nur ein Bruchteil vom Sozialismus, wie sie ihn verstehen, durch Hitler verwirklicht wird. Die proletarischen SA- Leute haben auch wirklich geglaubt, dass mit der Durchführung der zweiten Revolution die Grossbanken und Börsenfürsten sowie das Grosskapital und die Warenhäuser verstaatlicht werden. Dieser Traum ist ausgeträumt. Rheinland: Unsere Bewegung bekommt neuen Auftrieb, Unsere Leute bekommen neue Argumente selbst aus internsten Nazikreisen. Es ist auch zu beobachten, dass gewisse bürgerlich- demokratische Kreise nach links sich hinwenden. Und nicht zu vergessen: die ehemals führenden SPD- Funktionäre, die sich teils begründet, teils unbegründet zeitweilig zurückhielten, werden mutiger. Schlesien: 1.Berichterstatter: Unsere eigenen Leute sind voller Zuversicht. Uebereinstimmend wird gesagt, das ist der Anfang vom Ende. Ich glaube, dass unsere Arbeit einen Auftrieb erhält. 2.Berichterstatter: Die allgemeine Stimmung rechnet mit dem Umsturz und es gibt tatsächlich keine Argumente, die geeignet wären, diese Ueberzeugung zu erschüttern. Es heisst deshalb, bereit sein. Berlin: Die Genossen rechnen damit, dass die Enthüllungen des Regimes seine Stellung gegenüber den auswärtigen Mächten vollends unmöglich machen. Sie erwarten, dass sozusagen ein moralischer Boykott über Deutschland verhängt wird.- Zwar ist die SA infolge der Ereignisse als Machtfaktor entscheidend geschwächt, aber die Kräfte der SA sind noch da und werden das Regime weiter beschäftigen und seine Kräfte paralysieren. So optimistisch diese Berichte auch klingen, die Hoffnungen auf das Ausland, auf die Zersetzung des Regimes von innen heraus, sind ein Zeichen für das Gefühl der Ohmacht, das trotz aller Zuversicht die antifaschistischen Kräfte beherrscht. 6) Die Stimmung unter den Arbeitern A-20Wenn trotzdem gerade unter den Arbeitern die treuesten Anhänger Adolf Hitlers stehen, so ist dies ein Beweis, dass es dem Führer gelang, das Wort wahr zu machen, welches sagt, dass Deutschland am reichsten sein wird, wenn Deutschlands ärmster Sohn auch dessen treuester Sohn ist. Reichsminister Hess in seiner Kölner Rede v.24.6.34. Wenn politische Beobachter in Deutschland trotz der unerwarteten Ereignisse und trotz des schon seit Monaten beobachteten offensichtlichen Stimmungsumschwungs sich immer wieder sehr skeptisch über die künftige Entwicklung äussern, so geschieht das nicht zuletzt im Hinblick auf die Haltung der Arbeiterschaft. Aus dem Berichtszeitraum teils vor, teils nach dem 30. Juni liegen diesmal Berichte vor, die fast durchweg zum Ausdruck bringen, dass von allen Bevölkerungsschichten die Arbeiterschaft sich noch am meisten dem Regime beugt und am wenigsten eine oppositionelle Haltung wagt. Wir schicken zunächst eine allgemeine Uebersicht über die Entwicklung bei den Arbeitern voraus: 3 Ostsachsen: Die Arbeiter in den Betrieben stehen durchweg abwartend und ungläubig den Prophezeihungen der Nazis gegenüber. Bei ehemaligen kleinen Funktionären der Partei war teilweise Zweifel im letzten Jahre über die Richtigkeit der marxistischen Grundauffassung entstanden. Die schnelle Verminderung des Arbeitslosenheeres wurde zwar nicht überall als volle Wahrheit angenommen, Zweifel an den veröffentlichten Zahlen waren sicher vorhanden; immerhin, dass es möglich war, Riesensummen zu borgen, immer neue Arbeitsplätze und Arbeitsstellen in Angriff zu nehmen, ohne dass sich im ersten Jahre enrste in die Augen fallende Schwierigkeiten zeigten, erschütterte viele in ihrer Meinung, das nationalsoziali stische Wirtschaftsprogramm müsste zusammenbrechen. Seit Februar etwa, nachdem die Devisenschwierigkeiten immer grösser werden und nicht mehr zu verschweigen sind, wächst das Vertrauen zu der Wirtschaftsauffassung der Sozialdemokratie wieder. Man atmet geradezu erleichtert auf, verfällt allerdings dabei in einen ungesunden Optimismus, indem man den Zusammenbruch schon in nächster Zeit kommen sieht. Erschreckend ist die Selbstverständlichkeit, mtit der gerade Betriebsarbeiter alles hinnehmen, was von ihnen verlangt wird. Sie knurren eigentlich nur, wenn die Dutzende verschiedener Sammellisten und Beitragskassierer an sie herankommen; nicht einmal ein innerer Widerstand gegen den Hitlergruss besteht. Die Tatsache, mit Hand aufheben grüssen zu müssen, wird als eine ganz belanglose Angelegenheit hingenommen, genau so wie das Mitmarschieren am 1. Mai. Die Zahl, die sich von vornherein hätte ausschliessen können, konnte viel grösser sein. Es besteht durchweg Angst, Schwierigkeiten in der Arbeit zu haben und die Arbeitsstelle zu verlieren A-21und diese Angst verleitet die Arbeiter von vornherein dazu, Dinge zu machen, die wahrscheinlich in diesem Umfang von ihnen nur deshalb verlangt werden. Mir sind bisher nur ganz Wenige begegnet, die gesagt haben:" Ich mache diesen Kram nicht mit, lieber opfere ich meine Arbeitsstelle" oder:" Früher hat uns der Unternehmer rausgeschmissen, weil er uns los sein wollte, heute gehe ich für meine Ueberzeugung stempeln. Uebrigens ist die Arbeiterschaft, das muss man offen erkennen, zum Teil durch den Nationalsozialismus verseucht, nicht in der Weise, dass die Arbeiter Nationalsozialisten geworden sind, sondern dass jene alten gewerkschaftlichen Tugenden der Solidarität in einem Masse verloren gegangen sind, das erschrecken lässt. Ein ehemaliger Funktionär einer grossen Gewerkschaft, der wieder in seinem Beruf Arbeit erhalten hat, rät jedem ehemaligen beamteten Funktionär von Partei und Gewerkschaft ab, wieder in einen Betrieb zu gehen. Viel lieber solle er sich mit der, wenn auch jämmerlich geringen Unterstützung begnügen. Irgend eine Gemeinschaft mit den Arbeitern im Betrieb sei ihm nicht möglich. Untereinander seien die Arbeiter in keiner Hinsicht solidarisch. Jeder denke an sich selbst, katzbuckele vor den NSBO- Leuten und dem Meister, kaum jemand wage es, sein Recht dem Unternehmer gegenüber wahrzunehmen. Eine gewisse Ausnahme hiervon machen nur ehemalige Funktionäre der Partei. Dieser Gesamtüberblick wird durch ähnliche Berichte aus allen Landesteilen ergänzt. Berlin: Die Stellung der Arbeiterschaft zum Regime muss nach wie vor als wohlwollend neutral bezeichnet werden, eine Aenderung hat sich auch nach den letzten Ereignissen noch nicht bemerkbar gemacht. Südwestdeutschland: Schon seit Monaten ist die beschämende Tatsache zu beobachten, dass das Verhalten der Arbeiter es dem Faschismus gestattet, sich immer mehr auf sie zu stützen, während die bürgerlichen Kreise, insbesondere das Besitzbürgertum, immer mehr von ihm abrückt. Mit Genugtuung kann festgestellt werden, dass ehemals politisch Organisierte sich nur zum geringen Teil haben gleichschalten lassen. Von den Gewerkschaftlern kann dasselbe schon nicht mehr so gesagt werden. Erfreulich ist aber, dass in den Betrieben bereits wieder diskutiert wird, und dass bei Demonstrationen, wo die Kontrolle wegfällt, die Beteiligung äusserst schwach ist. Nordbayern: Nicht so eindeutig urteilen politisch denkende Genossen aus Nürnberg, die vordem verantwortungsvolle Funktionen in den Freien Gewerkschaften inne hatten. Sie sehen auch, dass in der Geschäftswelt alles nörgelt, sie wissen aber auch, dass diese Leute keine Regierung stürzen. Diese Genossen fragen sich zunächst, wie verhalten sich die Arbeiter. Und hier müssen sie immer noch feststellen, dass Arbeiter, die in die Betriebe neu eingestellt wurden, aus Sorge um den soeben gewonnenen Arbeitsplatz sich völlig ducken und dass auch die seit langem Beschäftigten von der Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes geplagt sind, weil sie nicht wissen, welchen Schikanen sie ausgesetzt sind, wenn sie den Arbeitsplatz verlieren. Die Auffassung wird von allen geäussert, A-22- dass sich das Hitlersystem nicht halten lässt. Aber wie und durch wem es gestürzt werden soll, kann nicht andeutungsweise gesagt werden."Fest steht nur, dass nicht wie die Kraft sind, die Hitler beseitigen wird." Bei Reichswehr und"Stahlhelm", den beiden grossen Fragezeichen, werden alle Aeusserungen und Regungen mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt. Die ununterbrochenen Rüstungsvorbereitungen vermehren die Besorgnis, dass die ganze Hitlerei zum Kriege führe. Immer kehrt die Frage wieder: "Was sagt das Ausland?" Unsere ehemaligen wirklichen Genossen sich sicher innerlich alle noch fest. Pommern: Am wenigsten opponieren die Arbeiter und zwar sowohl die im Betrieb gebliebenen, als auch die, die neu in Arbeit gekommen sind. Sie haben insbesondere noch kein Empfinden dafür, dass ihnen die Freiheit geraubt worden ist. Sie werden ausserdem dauernd beschäftigt durch Betriebsabende, Aufmärsche, gesellige Veranstaltungen usw., und ihnen imponiert offensichtlich die betonte Arbeiterfreundlichkelt, die von allen massgebenden nationalsozialistischen Stellen zur Schau getragen wird. Anders verhalten sich selbstverständlich die Arbeiter, die ernsthaft durch unsere Schule gegangen sind. Sie stehen nach wie vor fest zu ihren alten Ueberzeugungen, aber da sie bekannt sind, sind sie sehr darin be-- hindert, diese Ueberzeugung zum Ausdruck zu bringen. Gewiss reden sie mit einzelnen gelegentlich über die Versprechungen der national sozialistischen Führer und finden auch Zustimmung bei den Nationalsozialisten für ihre Kritik. Aber das alles bleibt auf Einzelfälle beschränkt und haftet an der Oberfläche. Wir haben die Hoffnung, dass der reaktionäre Kurs des Regimes jetzt nach den greignissen des 30. Juni deutlicher als bisher in Erscheinung treten und auch den Arbeitern erkennbar wird.- Zusammenfassend ist festzustellen: In absehbarer Zeit besteht keine Möglichkeit, das Regime durch die Arbeiterschaft zu stürzen. Noch immer sind die Arbeiter dem Regime gegenüber mehr als neutral. Wir können uns vorläufig nur darauf beschränken, zu beobachten, wir können noch nicht direkt handeln, wir können bestenfalls stören. Vielleicht wird aber auch dafür die Zeit noch nicht gekommen sein. Das Nationale hat noch so grosse Anziehungskraft, dass sogar ein Teil der Arbeiter eine solche Störungspropaganda als Sabotage an der Aufbauarbeit des Regimes empfinden würde. Ostsachsen: Uebereinstimmend wird zweitens berichtet, dass die Hitlerrede"das Ansehen Hitlers gesteigert hat und eine Stärkung des Regimes in Deutschland brachte. Ein Betriebsarbeiter berichtet: In unserem Betrieb(250 Beschäftigte, davon I.5 in der NSDAP und 30 in der NSBO) wurde am Tage nach der Hitlerrede zwar gemeckert, und Uber Rohm wurden sofort neue Witze gerissen(Rohm sei verbrannt worden, weil er schon warm war, usw.) aber selbst frühere SPD-Genossen und. Funktionäre äusserten sich dahin, dass Hitler energisch durchgreife, wenn ihm Schweinereien bekannt würden. Erstaunlich ist, wie schnell selbst Arbe!.ter vergessen haben, dass Hitler nicht nur alles gewusst, sondern durch die sozialdemokratische Propaganda der letzten Jahre auf diesen Sumpf aufmerksam gemacht wurde. 03 -A-23Mecklenburg: Bei den Heinkell- Flugzeugwerken( bei Rostock) werden Wochenlöhne von Mk. 70,- bis Mk. loo, für qualifizierte Arbeiter gezahlt. Die Arbeiterschaft dieser Werke ist politisch absolut uninteressiert und indifferent, das bezieht sich auch auf ehemalige Parteigenossen. Sie haben nur ein einziges Interesse: ihre Arbeit zu behalten und diesen hohen Verdienst dauernd einzuziehen. Die Kriegsgefahr sehen sie zwar mit eigenen Augen, sie sind aber überzeugt, dass sie im Falle eines Krieges reklamiert werden und zu Hause bleiben können, so dass auch Befürchtungen nach dieser Seite fortfallen. Es macht sich in diesen Kreisen geradezu ein neuer Berufsstolz breit. Durch die Ernennung zu Zellenwarten und Vertrauensräten oder irgendwelchen sonstigen Parteiämtern sind vielfach frühere Minderwertigkeitsvorstellungen überwunden worden. Diese Arbeiter sind sehr von sich eingenommen. Für die politische Arbeit kommen sie gar nicht in Frage. II. Die Wirtschaft. 24 1. Allgemeines. Zahlreiche Meldungen liegen über die Kartoffelknappheit vor, über die auch in der Presse wiederholt berichtet worden ist. Besonders in Berlin und im Ruhrgebiet sind offensichtlich ernsthafte Schwierigkeiten eingetreten. eingetreten. Ueberall haben Schlangen vor den Geschäften gestanden, überall musste der Verkauf rationiert werden. Aus dem Rheinland und aus Pommern wird übereinstimmend berichtet, dass noch bis in die letzte Zeit hinein, Kartoffeln im Schleichhandel für 95 Pfg. bis 45 Pfg. in 1 RMK. je lo Pfund verkauft worden sind, statt zu 35 insbesondere an Margariden Vorjahren. Auch die Knappheit in Fetten ne und Speiseöl hat nach den vorliegenden Berichten angehalten. Da in der Bevölkerung die Erinnerungen aus der Kriegszeit noch lebendig sind, führen solche Stockungen in der Lebensmittelversorgung sehr schnell zu allgemeiner Beunruhigung. Diese Beunruhigung äussert sich nach wie vor im Anhalten der Hamsterkäufe, Die Folge sind Preissteigerungen, Warenknappheit, neue Unruhe. Ueber diese Angstkäufe liegt jetzt in einem Aufruf der Industrie- und Handelskammer Halle eine amtliche Darstellung vor: Man deckt sich nicht nur mit einem, sondern gleich mit meh reren Winteranzügen ein, verproviantiert sich übermässig mit Konserven und leicht verderblichen Lebensmitteln und glaubt zu den ganz Gescheiten zu gehören. Die Käuferschaft wird zum anderen von disziplinlosen Verkäufern zu grösseren Einkäufen unter Hinweis auf kommende Preissteigerungen veranlasst und damit weitere Unsicherheit in die Verbraucherschaft getragen. Die stetige Wirtschaftsentwicklung wird dadurch gestört und der Wirtschaftsaufbau sabotiert. Im übrigen entnehmen wir unsern Berichten folgende Mitteilungen: Brandenburg: Aus Frankfurt a.d. Oder und anderen brandenbur gischen Stadten wird berichtet, dass die Angst- Käufe zunehmen. Es schwirren die tollsten Gerüchte herum und steigern die Furcht der Menschen noch mehr. Die Firma Woolworth, die bisher Fahrradschläuche zum Preise von 1 Mk. verkauft hat, hat ihr nicht uner A- 25 hebliches Lager ausverkauft, die neuen Schläuche sollen 2.50 Mk. kosten. Aus Guben wird berichtet, dass dort bekanntgegeben sei, dass ab 1. Juli nur dann ein neuer Fahrradmantel ausgegeben wird, wenn der alte zur Ablieferung gelangt. Aus dem Hirschberger Tal wird berichtet, dass die Einwohner das Mehl zentnerweise kaufen. Ostsachsen: Brot und Mehl sind in Dresden um je 5 Pfg. teurer geworden. Die Grossmühle Bienert gibt überhaupt nur noch lo Pfund pro Person ab, weil die Eindeckung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ungeahnte Ausmasse angenommen hat. Auch sonst finden Angstkäufe des Publikums statt, insbesondere in den Verkaufsstellen der Ehape. Auch SA- Leute zählen dort zu den ständigen und am eifrigsten kaufenden Kunden. Berlin. 1. Bericht: Von einem grossen Modehaus in Berlin wird berichtet, dass die Geschäftsbelebung ausserordentlich gross sei. Die Umsätze sind in dem letzt vergangenen Monat um 15 Prozent gestiegen. Es handelt sich aber um reine Hamsterkäufe, da die Firma durch ihre Verkaufskontrolle feststellen liess, dass über diesen 15 prozentigen Mehrverkauf hinaus im abgelaufenen Monat also zu einer durchaus unüblichen Zeit, Wintersachen gekauft worden sind. Da das früheren Gepflogenheiten des Käuferpublikums absolut widerspricht, haben massgebende Vertreter dieser Firma trotz der guten Verkäufe grosse Bedenken für die künftige Verkaufstätigkeit geäussert. Eine bekannte Fabrik für Einmachgläser etc. hat vor einigen Tagen ein Rundschreiben an ihre Haupt abnehmer gesandt, in dem mitgeteilt wird, dass von den bisher gelieferten Gummiverschlussringen nur noch ein beschränktes Quantum zur Verfügung stehe. Die Firma empfiehlt, den Restvorrat abzunehmen und macht in diesem Rundschreiben darauf aufmerksam, dass die künftigen Lieferungen in der Qualität nicht mehr den bisherigen Anforderungen entsprechen würden. 2. Bericht: An der Schüttmühle( einer grossen Mühle in Moabit) ist jetzt Nacht für Nacht zu beobachten, dass die Mehlhändler und die Bäckereigehossenschaften mit ihren Wagen schon in der Nacht vorfahren und sich anstellen, damit sie morgens von der Produktion des Vortages noch etwas bekommen. Die Mühle arbeitet mit Hochdruck, kann aber den infolge der Hamsterei ungewöhnlich gestiegenen Bedarf nicht decken. Von dem Inhaber eines Kolonialwarengeschäfts wird berichtet, dass dieses Geschäft in diesen Monaten den grössten Umsatz seit Jahren habe. Die Leute decken sich mit Mehl, Reis, Hülsenfrüchten, aber auch mit Kaffee und Kakao und überhaupt mit allen Waren ein, die sich irgendwie lagern lassen. Die Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Erzeugnisse wirkt sich in Berlin katastrophal aus. Es sind in Berlin noch niemals soviel faule Eier verkauft worden wie seit der Zeit der staatlichen Eierbewirtschaftung. Ebenso ist es mit der Butter. Die Sammlung der Butter in den staatlichen Verteilungsstellen, die einheitliche Verpackung und Bezeichnung der verschiedenen Buttersorten nimmt soviel Zeit in Anspruch, dass die Butter in vielen Fällen, wenn sie in die Hände des Käufers gelangt, schon verdorben ist. 3. Bericht: Ein grosses Lebensmittelgeschäft erhält schon jetzt mit"K" gestempelte Eier. Diese Eier sind eigentlich für die Kühlhäuser bestimmte Wintereier, die jetzt schon aus Mangel an anderen ausgegeben werden. Ausserordentlich knapp sind auch die Hülsenfrüchte. Ueber die Folgen dos Rohstoff- und Warenmangels wird berichtet: Breslau: In den Konfektionsbetrieben holen alljährlich im Frühsommer die Vertreter die Bestellungen für Herbst und Winter ein. Am 3o. August änderten sich dann die Saisonpreise. Jetzt haben die Firmen ihre Vertreter im Juni zurückberufen, weil die festgesetzten Preise nicht gehalten werden können. Der Rohstoffmangel und auch die stärkere Nachfrage veranlassen Preiserhöhungen. Zwickau: Die Fa. Schmelzer, Lichtentanne b. Zwickau, die gröss- te Textilfabrik des Ortes und der Umgebung, entliess vor wenigen Tagen sämtliche Verheirateten Frauen. Der Betrieb arbeitet verkürzt. Diese Massnahmen wurden in einem Anschlag begründet, indem es heisst, dass die Verkürzung wegen Mangel an Rohstoffen erfolgen müsse. Chemnitz: Verniokelei und Verzinnerei Wagner(Strasse der SA.) Die Firma wollte Zinn vom Auslande haben, konnte aber nicht mit Devisen bezahlen und wurde deshalb nicht beliefert. Die Entlassung von 60- 7o Arbeitern besteht bevor. Stettin: Es macht sich allgemeine Knappheit an Futterstoffen bemerkbar. 75 Prozent der Herrenstoff-Fabriken können nicht liefern. Nürnberg: MAN(Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg) hat viel Auftrage, muss aber die Produktion einschränken infolge Rohstoffmangel, der sich besonders im Automobilbau stark fühlbar macht. Die Firma stellt grosse Autobusse und Lastwagen her und erhält dafür nicht die nötigen Gummireifen. Die Verwendung von Ersatzgummireifen aber ist für die Firma ein Risiko. Den Fabriken ist zur Auflage gemacht, auf einen wirklichen Gummireifen einen synthetischen Gummireifen zu kaufen. Auch an Kupfer macht sich bereit* ein Mangel bemerkbar. Bei"Zündapp"(Motorradfabrik) uhd"Viktoria"(Fahrräder u. Motorräder) wird die Produktion ebenfalls aus diesen Gründen gedrosselt. Aufträge hätten die beiden Firmen reichlich. Es müssen nun bereits Arbeiter augsetzen. Die"Süddeutsohe Metallwarenfabrik" in Nürnberg-Schweinau produziert meist Eupferröhren aller Art(Halbfabrikate für Motore, Leitungen usw.) wegen Khpfermangel Kurzarbeit und Feierschichten. A- 27 In Textilwaren macht sich der Rohstoffmangel ebenfalls fühlbar bemerkbar. Im Kaufhaus Schokken bekam man vorige Woche keine Damenschlupfhosen mehr und die Verkäuferinnen erklärten, dass sie nicht wissen, ob sie den Artikel noch hereinbekommen können. 2. Die Arbeitsschlacht. Schon im vorigen Monat ist eingehend darüber berichtet worden, dass die deutsche Arbeitsschlacht in das Stadium der Rückzugsgefechte eingetreten ist und dass neue Methoden die alten verdrängen. Diese Entwicklung hat sich im Berichtszeitraum noch deutlicher fortgesetzt. Noch sind einige sinnlose Projekte in Durchführung begriffen. So berichtet z. B.: Pommern: In Falkenberg sind im Verfolg der Arbeitsschlacht einige völlig veraltete Tuchfabriken wieder in Gang gesetzt worden, obgleich sie seit vielen Jahren still lagen und moderne Anlagen derselben Branche nicht voll ausgenützt werden können. Es ist dies ein besonders krasses Beispiel für den Bezirks- Ehrgeiz der einzelnen Stosstruppführer der Arbeitsschlacht. Um der heimischen Industrie grössere Beschäftigungsmöglichkeiten zu eröffnen, wurden im Kreise Ueckermünde im Zuge der Arbeitsschlacht Strassenbauten mit Holzpflaster und mit Eisendecken hergestellt. Ruhrgebiet: Wie sinnlos die Arbeitsbeschaffungspläne sind, zeigt sich, wenn in einer Gegend, in der flaches Gelände für viele Fussballplätze vorhanden ist, aus Gründen der Arbeitsbeschaffung Hügel abgetragen werden, um solche Plätze zu schaffen. Aehnlich werden ganz sinnlos Waldwege angelegt. Dabei wird erklärt, dass der Zweck der Arbeiten kein wirtschaftlicher sondern ein moralischer sei. Aber bei anderen ähnlichen Plänen bleibt es schon bei der Ankündigung: Schlesien: Bei Beginn der Arbeitsschlacht am 21.3. wurde bei einer Veranstaltung von den Nazi- Bonzen die Versicherung abgegeben, dass auf der seit 1930 stillgelegten Berg Freiheit- Grube bei Schmiedeberg, im Volksmund" Zecke Mord und Elend" genannt, bald die Schornsteine rauchen werden. Bis heute ist nichts davon zu merken, dass auch nur Vorarbeiten für die Inbetriebnahme gemacht werden. Die Herichsdorfer Industrieanlage, die Glanzfäden- Fabrik be schäftigte in der Konjunktur 1600 Leute, davon rund 800 Männer. Die Konjunktur hielt an bis 1928, dann kam es zum Rückgang, seit geraumer Zeit ist diese für das ganze Hirschberger Tal wichti ge Fabrik stillgelegt. A 28 Da dieses Industrieunternehmen für dieses Gebiet von symbolischer Bedeutung ist, sind wiederholt Versuche gemacht worden, das Werk neu anzukurbeln. Im Januar erschien in der NSDAPPresse des Bezirkes ein Aufruf, dass man die Firma wieder in Gang setzen und eine Decken- und Wollfädenfabrik einrichten werde. Notwendig sei dazu, dass die Bevölkerung von sich aus helfe und dem Unternehmen Lumpen zur Verfügung stelle. Der Aufruf wurde von entsprechendem Druck begleitet und eine energische Propaganda dafür eingeleitet. Das Resultat war günstig, die Lumpen wurden waggonweise angeliefert und in der Fabrik eingestapelt. Allerdings erfolgte die Einstapelung so unsachgemäss, dass die untersten Schichten anfingen zu verfaulen. Eine ganze Zeit geschah nichts, dann mussten Petersdorfer Wohlfahrtserwerbslose die Lumpen sortieren. Die guten, noch einigermassen verwendungsfähigen bekam die NS- Volkswohlfahrt, wahrscheinlich für die Winterhilfe, die schlechten wurden den Lumpenhändlern gegen entsprechende Bezahlung verkauft, in deren Kreisen grosse Wut über diese Konkurrenz- Massnahmen der NSDAP herrschte. Das Ergebnis: 6 Monate nach dem Aufruf steht die Fabrik still wie zuvor. Das einzig" Positive" ist, dass im Görlitzer Landgebiet Gerüchte verbreitet werden, die" Glanzfäden" sei im Betrieb. Westsachsen:( Obererzgebirge: Annaberg, Buchholz, Bärenstein). Fast alle im Bezirk im Frühjahr angekündigten grossen Strassenbau projekte, wie das grosse Pöhlbergprojekt, sind Pläne geblieben. Nur einige Strassenausbesserungs-, Bachregulierungs- und Reinigungsarbeiten werden in einigen Orten ausgeführt. Pommern: Bei der Eröffnung der Arbeiten an der Autobahn Schmölln- Stettin machte der Gauleiter Karpenstein mit einem vernickelten Spaten die ersten Spatenstiche. Zu den Eröffnungsfeierlichkeiten wurden 65 Stettiner Erwerbslose auf Reichswehrkraft wagen an die Arbeitsstelle geschafft, dort getonfilmt und nachher wieder zurücktransportiert. Sie erhielten als Vergütung 5 Mk. pro Mann. Ausserdem waren auch Generalstabs offiziere anwesend. Da es sich um einen Moorbruch handelt, konnte monatelang nur gebaggert werden. Bremen: Die Arbeitsschlacht wurde in Bremen mit dem feierlichen Nieten einer Platte für einen lo.000 Tonnen Dampfer durch den N.S.B.O.- Leiter Wegener eröffnet. Jetzt, nach 4 Monaten liegt der Dampfer auf dem Friedhof der Weser A. G., ohne dass auch nur eine weitere Niete eingeschlagen wurde. Inzwischen mussten eine ganze Reihe laufender Arbeiten wegen Mangel an Mitteln eingestellt oder stark eingeschränkt werden. Darüber wird aus fast allen Landesteilen berichtet. Wir greifen folgende Mitteilungen heraus: Hamburg: In den letzten Tagen wurden auf den Baustellen an den Hamburger Ausfallstrassen etwa 500 Leute entlassen. A 29 Oldenburg: Die Arbeitslosigkeit in Oldenburg und Ostfriesland hat jetzt in einem Masse zugenommen, dass weit über die saisonmässige Bedingtheit hinausgeht. Die Mehrarbeitslosigkeit ist auf die Einstellung der Arbeitsbeschaffungsprojekte infolge Geldmangel zurückzuführen. Lippe: Im Staat Iippe kamen am 15. Juli rund 3.500 Notstandsarbeiter zur Entlassung, weil keine Mittel zur Fortführung der Arbeiten vorhanden sind. Südwestdeutschland: In Giessen wurden die ihm Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms aufgenommenen Arbeiten wieder eingestellt. 7o Arbeiter wurden entlassen. Nordbayern: Die Arbeitslosigkeit im Bezirksamtsbereich Vohenstrauss ist gegenwärtig also im Sommer - also im Sommer grösser als je zuvor. Als einzige Arbeitsbeschaffung ist ein Strassenbau in Waldkirch in Angriff genommen worden. Es ist dies ein kurzes Stück Verbindungsweg zur Strasse von Floss. Es waren 40 Arbeiter beschäftigt, wovon die Hälfte, also 20 Mann, nach mehrwöchiger Beschäftigung wieder entlassen wurde. Die restlichen 20 Arbeiter müssen diese Woche zu arbeiten aufhören, weil der Kredit erschöpft ist. Schlesien: Von der Arbeitsschlacht ist wenig mehr zu hören. Nach und nach gehen die begonnenen Arbeiten zu Ende oder werden wegen der mangelnden Finanzierung eingestellt. Neue Arbeiten sind in Schlesien nirgends begonnen worden. Westsachsen: Die Aktion der Reichsregierung bezügl. Hausinstandsetzungsarbeiten führte zunächst zu einer starken Beschäftigung der Handwerker. Zeitweise war es unmöglich, einen Handwerker zu bekommen. Die Aktion ist jedoch verpufft. Sie hat der Regierung viel Geld gekostet und sehr oft zu einer unberechtigten Bereicherung der Handwerker geführt, die diese Gelegenheit benut zen, um sich durch hohe Rechnungen usw. Sondergewinne zu verscha fen. Pommern: Die Grundforderung der Reichsanstalt für Notstandsarbeiten wird allgemein mit dem 1. August eingestellt. Im Kreis Ueckermünde kündigte dementsprechend der Landrat Schlenzig den Gemeindevorstehern an, dass die Gemeinden in Zukunft die Arbeiten der Arbeitsbeschaffung aus eigenen Kräften finanzieren müssten. Darauf erhob sich der frühere deutschnationale Bürgermeister Kienast von Neuwarp, erinnerte den Landrat an seine früheren Agitationsreden und wies darauf hin, dass die Aufforderung an die Gemeinden, die Arbeitsbeschaffung selbst zu finanzieren, nur eine leere Phrase sei. Der Herr Landrat müsste selbst wissen, dass die Gemeinden keinen Pfennig mehr hätten. A- 30 O Auch diesmal liegen wieder Meldungen über das unmenschliche Antreibersystem vor, das an den Baustellen herrscht: München: Beim Reichsautobahnstrassenbau Los I( RammersdorfUnterhaching) wurden infolge der beschränkten Mittel Arbeiterentlassungen vorgenommen. Die Zustände in diesem Losabschnitt erinnern an die Zeit der Sklaverei. Es arbeiten auf diesem Los ca 200 Mann, da in 2 Schichten gearbeitet wird, also 400 Mann. Die erste Schicht arbeitet von 4 Uhr bis 12 Uhr, die zweite Schicht von 12 Uhr bis 9 Uhr. Die Arbeiter müssen 8 Stunden ununterbrocheh schuften. Eine Brotzeit gibt es nicht. Sie können nur während der Arbeit schnell zwischen einem Rollwagen und dem nächsten einige Bissen essen. Der Vorarbeiter oder besser die Aufsichtsorgane treiben die Arbeiter unmenschlich an, weil die Firma in ihren Mitteln so knapp gehalten ist, dass man die vorgeschriebene Arbeit nur durch Aus pressung der menschlichen Arbeitskraft leisten kann. Dem Beobachter machte die Arbeitsmethode den Eindruck einer Gefangenenarbeit. Bei den anderen Losen sind die Verhältnisse ähnlich.( siehe Bericht über Pfraundorf im verg. Monat). Eine unkontrollierbare Meldung besagt, dass beim Los IV ein Vorarbeiter, der seine Arbeiter auf die schikanöseste Art behandelt hat, bei Nacht auf der Strasse erschlagen wurde. Braunschweig: Die Leute, die beim Strassenbau beschäftigt werden, haben an Lohn, nach Abzug aller sonstigen Leistungen nicht mehr als ein Wohlfahrts empfänger. Da alle Berufe vertreten sind, von richtigen Erdarbeitern über Schneider und Schlachter zum Angestellten, und die wenigsten eine Ahnung von solchen Arbeiten haben, geschehen hier viele Unfälle, aber die wenigsten werden bekannt. Viele der Leute fallen bei der Arbeit um, weil das Arbeitstempo sehr scharf ist. Die Vorarbeiter und Antreiber sind hier grösstenteils Leute aus der" kalten Gegend"( Pollaken). Schlesien: Der Oberbau der Bahnstrecke Hirschberg- Schmiedeberg wurde erneuert und verstärkt. Die Arbeiten wurden von einer Görlitzer Firma ausgeführt. Dabei wurden Methoden angewandt, die heute nur noch in den Kolonien möglich sind. Je 2 Mann hatten pro Tag 11 Schwellen zu legen, also ausschachten, einsetzen und unterstopfen. Wer bei diesem Tempo nicht mitkam, wurde entlassen. Die Arbeiter waren in Gruppen von 12 Mann zusammengefasst. Jede Gruppe hatte einen SA- Mann als Aufseher und Antreiber. Der Stundenlohn betrug 51 Pfg. Eine Beschwerde bei der NSBO wegen des Antreibersystems war erfolglos. Der Termin für die Fertigstellung der Arbeit war der 1. Juli. Bereits am 9.6. wurden loo Mann entlassen, der Rest am 13.6. Die Pflichtarbeit der Wohlfahrtserwerbslosen wird von den Gemeinden nach wie vor in grossem Umfange betrieben. Da aber auch hierfür die Geldmittel fehlen, greifen einzelne Gemeinden zu den zweifelhaftesten Verfahren. A 31. dro Schleswig- Holstein: Auf dem Gaswerk in Flensburg werden jetzt zum grössten Telle Pflichtarbeiter beschäftigt. Sie arbeiten in zwei Schichten( drei Tage um 3 Tage). Sie verrichten die reguläre Arbeit, löschen auch die Kohlendampfer. Ein Teil der regulären Arbeiter wurde entlassen und dafür wurden mehr Pflichtarbeiter eingestellt. Westsachsen: Die Stadt Groitzsch b. Leipzig gibt zur Finanzierung ihrer Pflichtarbeit Gutscheine heraus. Grosse Mengen derselben sind bereits im Umlauf. So ist z. B. vorgekommen, dass in einer Familie 3 Pers onen in einer Woche insgesamt für 11.- RM von diesen Gutscheinen erhalten haben. Die Gutscheine haben einen Wert von lo Pfg. Den Geschäftsleuten, die die Scheine nicht als Zahlung nehmen wollen wird erklärt, dass sie sie ja später bei Steuerleistungen zurückgeben können. Die Steuern sind aber nicht so hoch, so dass die Geschäftsinhaber bereits ganze Stösse solcher Scheine unverwertbar daliegen haben. Die Gemeinde ist nicht mehr in der Lage, die Scheine einzulösen. Es herrscht starke Erbitterung darüber in der Bevölkerung. München: Das hiesige Wohlfahrtsamt schickt Wohlfahrtserwerbslose, die sich selbst um keihe Arbeit bemühten und die noch nicht im Arbeitsdienst oder bei Notstandsarbeiten beschäftigt waren, gegen die Bezahlung der Wohlfahrtsunterstützung für 3 Tage in der Woche zum Strassenbau. Die Wohlfahrtsunterstützung beträgt 17 Mk. durchschnittlich im Monat, dazu kommt noch eine Mark für jeden Arbeitstag. Verheiratete befinden sich in dieser Arbeitsgruppe nicht. Die so Beschäftigten werden beim Wohlfahrtsamt gestrichen. Beachtlich ist auch, dass zu dieser Arbeitstruppe Arbeitsunwillige aus Arbeitsdienstlagern und sonst Unwillige zugeteilt werden, die dann 4 und 5 Tage arbeiten müssen und auch nicht mehr erhalten als die Wohlfahrtsunterstützung und für jeden Arbeitstag eine Mark. Das ganze ist also so etwas wie eine Strafkompagnie. Schon im vorigen Bericht sind die neuen Methoden der Arbeitsbeschaffung besprochen worden, wie sie im Göring- Plan für Berlin niedergelegt worden sind. Jetzt lässt sich die Durchführung dieses Planes im einzelnen näher übersehen. An die Berliner Erwerbslosen ist auf den Arbeitsämtern ein Aufruf verteilt worden, in dem es heisst: " Die Reichsregierung hat ausserordentliche Mittel bereit gestellt, um umfangreiche Arbeiten( Bodenverbesserungsarbeiten Wegebauten usw.) in den angrenzenden Provinzen mit der ausdrücklichen Bestimmung beschleunigt in Gang zu bringen, dass hierbei vorzugsweise Berliner Volksgenossen beschäftigt werden sollen. Ausserdem stehen zahlreiche Arbeitsstellen in der Land- und Hauswirtschaft zur Verfügung. In den nächsten Tagen wird daher den Arbeitslosen der Stadt Berlin planmässig auswärtige Arbeit angeboten werden. Jüngere Personen sollen in erster Linie in der Land- und Hauswirtschaft A- 32 sowie im Arbeitsdienst untergebracht werden. Für verheiratete und ältere ledige Angehörige aller Berufe bieten sich dagegen Beschäftigungsmöglichkeiten bei den auswärtigen Notstandsarbeiten. Kein Berliner Volksgenosse darf sich dem Appell an seine Arbeitsbereitschaft entziehen. Die körperliche Eignung des Einzelnen für die ihm angebotene Arbeit wird durch ärztliche Untersuchung festgestellt werden. Jede unberechtigte Arbeitsablehnung stört den wirtschaftlichen Aufbauplan des Führers, der zunächst die Beseitigung der Arbeitslosigkeit überhaupt zum Ziele hat. Wer die Annahme auswärtiger Beschäftigung verweigert, schädigt sich aber auch selbst und gefährdet den Unterhalt seiner Familie, da ihm bestimmungsgemäss die Unterstützung entzogen oder doch zum mindesten weitgehend gekürzt werden muss. 00 In den diesem Aufruf beigefügten" Bedingungen für die Aufnahme von Beschäftigung bei auswärtigen Notstandsarbeiten" wird gesagt: Arbeitsausrüstung. Arbeitskleidung muss jeder Notstandsarbeiter selbst mitbringen. Zur Vornahme notwendiger Ergänzungen können die Arbeitsämter für Empfänger von Alu und Kru und die Wohlfahrtsämter für Wohlfahrtsunterstützte Vorschüsse in Form von Gutscheinen bewilligen. Diese Gutscheine gelten für die von dem Berliner Beschaffungsamt zugelassenen, durch Aushänge kenntlich gemachten Geschäfte. Die Vorschüsse werden zuhächst zur Hälfte in Raten von RM. 0.50 je Woche vom Lohn abgezogen. Die Niederschlagung des Restes bleibt vorbehalten. Reisekosten. Gewährt wird freie Hinreise zur Arbeitsstelle, freie Rückfahrt nur nach Ablauf der vorgeschriebenen Beschäftigungsdauer oder bei unverschuldeter vorzeitiger Aufgabe( Krankheit usw.), falls die Aufbringung der Rückreisekosten dem Notstandsarbeiter selbst nicht zuge mutet werden kann. Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in der Regel in gesundheitlich einwandfreien, vorgeprüften Gemeinschaftslagern. Gestellt werden Bett mit Strohsack und Kopf paster, Schrank oder Kleiderverschlag, Waschsähüssel, 2 Decken, Bettwäsche, 2 Handtücher. Verpflegung. Auskömmliche nahrhafte Verpflegung wird durch den Träger der Arbeit oder Unternehmer geliefert. Der von den Notstandsarbeiten für eine warme Mahlzeit und die am Tage benötigten Getränke( Kaffee, Tee) zu tragende Verpflegungsanteil soll RM. 0.50 je Wochentag nicht übersteigen; hiermit ist auch die Unterkunft abgegolten. Zubrot, Aufstrich und Belag sind im allgemeinen in der Gemeinschaftsverpflegung nicht einbegriffen und daher selbst zu beschaffen. Wie die Praxis aussieht, dafür zwei Beispiele: A 33 C Auf einem Arbeitsamt in Berlin wurden die Erwerbslosen durchgehend gefragt, ob sie auswärtige Notstandsarbeiten annehmen wollen. Als ein Erwerbsloser erklärte, dass er nicht nach auswärts gehen könne, weil er magenkrank sei, antwortete der Beamte: Ich will nicht wissen, was Sie sind, ich will nur wissen, ob Sie die Arbeit annehmen wollen. Da Sie nicht wollen, ist Ihre Unterstützung von heute ab gesperrt. Die meisten Berliner Notstandsarbeiter werden nach Pommern vermittelt. Wie es dort in den Arbeitslagern aussieht zeigt folgender Bericht: In Pommern sind verschiedene Aufbaulager errichtet worden, in denen Erwerbslose mit Aufforstungen beschäftigt werden. Aus dem Lager bei Demmin kehrten vor 6 Wochen von 60 Lagerinsassen 55 nach Hause zurück, weil die ihnen gegebenen Versprechungen nicht eingehalten worden waren. Ursprünglich sollten sie 48 Stunden arbeiten bei einem Stundenlohn von 44 Pfg. und ausserdem freies Mittagessen bekommen. Dann wurde die Arbeitszeit auf 40 Stunden herabgesetzt und Mittagessen überhaupt nicht gewährt. Ebenso kehrten aus dem Aufbaulager Falkenberg von 120 Personen 85 zurück. Den dortigen Lagerinsassen war versprochen worden, dass sie einen Bezugsschein von Mk. lo.- für Arbeitskleidung erhalten sollten. Das Versprechen wurde nun nicht gehalten und der Lagerführer, der sich deswegen nach Berlin wandte, wurde kurzerhand für einige Zeit in ein Konzentrationslager gesteckt. Der Bescheid an die Lagerinsassen ging dahin, dass die Stadt Falkenberg die Einlösung übernehmen sollte. Darauf erklärte der Bürgermeister, dass die Stadt dazu nicht in der Lage sei, weil sie finanziell am Ende ihrer Kraft steht, Die Versuche, durch Arbeitsstreckung die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, werden offenbar infolge des wachsenden Widerstandes der Unternehmungen, deren Rentabilität darunter leidet, nicht mehr mit der gleichen Energie fortgesetzt wie vor einigen Monaten. Auf der Suche nach geeigneten Verfahren ist man auf das sogenannte" Krümpersystem" verfallen. Ueber die Durchführung dieses Systems wird aus Nordbayern berichtet: In den Porzellanfabriken von Schönwald( Oberfranken), die zum Konzern" Porzellanfabrik Kahla A. G." gehören, betrug die Belegschaft normalerweise rund 1.300 Arbeiter und 200 Angestellte. Jetzt sind 600 Arbeiter beschäftigt. In manchen Abteilungen ist das Krümpersystem eingeführt, und zwar so, dass auf je 5 Arbeiter ein weiterer Arbeiter eingestellt wurde. Doch haben die nunmehr 6 Beschäftigten jetzt weniger Arbeitsstunden im Jahre als vordem 5 Beschäftigte. Das System wird so gehandhabt: Es muss der Arbeiter Nr. 1 zehn Wochen aussetzen. Dafür wird ein neuer, ein 6. Ar 3. A B 34 53 beiter eingestellt. Sind die lo Wochen Feierschicht für den Arbeiter Nr. 1 herum, so kehrt er in den Betrieb zurück und es muss der Arbeiter Nr. 2 zehn Wochen aussetzen usw. bis zum Arbeiter Nr. 5. Diese 5 Arbeiter also arbeiten zusammen 50 Wochen im Jahre nichts. Es könnte also der Arbeiter Nr. 6 insgesamt 50 Wochen im Jahre arbeiten. Kommt aber er an die Reihe zum Aussetzen, so muss er auch lo Wochen aussetzen, arbeitet also im Jahre nur 42 Wochen und nicht 50. Arbeitsdienst. Bereits im vorigen Bericht ist darauf hingewiesen worden, dass mit dem Versiegen der finanziellen Mittel für die Arbeitsschlacht eine starke Aktivität begonnen hat, den Arbeitsdienst auszubauen und jugendliche Erwerbslose aber auch Jungarbeiter, die im Betrieb stehn, in möglichst grosser Anzahl in die Arbeitsdienstlager zu stecken. Jetzt liegen aus allen Landesteilen Meldungen darüber vor, dass junge Leute mit grosser Härte für den Arbeitsdienst" angeworben" werden. Der deutsche Gemeindetag hat, nachdem schon verschiedene Gemeinden damit vorangegangen waren, in diesen Tagen beschlossen, von allen nach 1913 geborenen städtischen Angestellten und Beamten den Arbeitspass mit dem Nachweis der einjährigen Arbeitsdienstzeit zu fordern. Sachsen: Die jungen Männer bis zu 25 Jahren werden weiterhin mun ter zum Arbeitsdienst eingezogen. Sie erhalten richtiggehende Gestellungsbefehle, müssen zum Stabsarzt zur Untersuchung, ganz wie früher die Aushebung zum Militär stattgefunden hat. Sie werden von ihren Arbeitsstellen entlassen, bekommen keine Unterstützung, wenn sie sich weigern, zum Arbeitsdienst zu gehen. Schlesien: Die jugendlichen Arbeiter von Siemens und Schuckert wurden aufgefordert, am Arbeitsdienst teilzunehmen und ihren Arbeitsplatz zu räumen, soweit sie unter 25 Jahre alt und unverheiratet seien. Es wurde ein ziemlicher Druck ausgeübt, trotzdem weigerten sich 60 Prozent der Arbeiter, diesem Vorschlag zu entsprechen. Daraufhin wurde der Befehl erteilt, dass am hächsten Tag alle zum F.A.D. einrücken müssten. Dabei machen sich wachsende finanzielle Schwierigkeiten auch beim Arbeitsdienst bemerkbar. In einer Aufsatzfolge in der Frankfurter Zeitung( 24.6.) hiess es: Unter Zugrunde legung des genannten Satzes( für Verpflegung usw.) könnten im laufenden Jahr bestenfalls ungefähr 200000 Leute dauernd beschäftigt werden, was immerhin eine Verminderung des bisherigen Bestandes um über 30.000 Mann nötig machen würde, wenn es nicht gelingt, die Kosten noch stärker herabzudrücken oder weitere Mittel flüssig zu machen. Das letztere dürfte jedoch im Augenblick kaum möglich sein. A- 35 Unsere Berichte besagen über Sparmassnahmen: Westsachsen: Der sächsische Staat zahlte vor 1933 in der Woche für einen Arbeitsdienstler an die Leitung des Arbeitsdienstlagers 12 Mk., jetzt nur noch 8 Mk.. Das Taschengeld des Arbeitsdienstlers betrug Anfang 1933 durchschnittlich 3 Mk. in der Woche, spä ter 1,80 Mk. und zur Zeit 2.50 Mk. in lo Tagen. Schlesien: Im Arbeitsdienst wurde eine grosse Anzahl( man spricht von annähernd 2.000) Ober- Feldmeister und Feldmeister entlassen. Viele andere wurden in niedrigere Rangstufen zurückversetzt oder als Vorgesetzte abgebaut. Als Grund wird angegeben, dass die vorhandenen Mittel die Beibehaltung der jetzigen Organisation nicht mehr gestatten. Schon der" Völkische Beobachter"( v.4. Juli) brachte ein Interview mit dem Pressechef des Arbeitsdienstes, in dem auch die peinliche Frage erörtert wurde: Werden alle reichlich satt?- Hier die Antworten unserer Berichterstatter: Sachsen: Das Essen, welches den Arbeitsdienstlern im Kirchberger Lager vorgesetzt wird, ist knapp und auch schlecht zubereitet. Fettstoffe sind eine Seltenheit. Marmelade, Marmelade und immer wieder Marmelade ist der Brotaufstrich. Auch das Mittagessen ist unter aller Kanone. Schlecht zubereitetes Kraut und alte, fast stinkige Kartoffeln ist nahezu das tägliche Mittagsmahl. Die Stimmung unter den Arbeitsdienstlern ist im allgemeinen stark verbittert. Pommern: Im Arbeitsdienstlager bei Dramburg kam es zu Revolten wegen schlechten Essens. Darauf wurde der Leiter des Arbeitslagers abgesetzt. Kein Wunder, dass die Jungens auf" dumme Gedanken" kommen. Aus einem Lager in Schlesien wird berichtet: Kleine Gruppen von Arbeitsdienstlern ziehen in den Wald und lesen dort Schriften von Marx und Pietro Nenni. Sie veranstalten Lagerversammlungen ohne ihre Führer, in denen sie dagegen protestieren, dass sie wie unmündige Kinder behandelt werden. Eine Nachricht, die durch das Lager schwirrte, dass vom 1. Juli ab keine Taschengelder mehr gezahlt würden, erregte neuen Unwillen, sodass die Leute sogar damit drohten, das ganze Lager zu zerschlagen. Die Arbeitsdienstwilligen sind bitter enttäuscht, weil man sie in den Arbeitsdienst gelockt hat mit dem Versprechen, nach Ableistung des Dienstjahres würden sie eine Arbeitsstelle bekommen. Jetzt kann dieses Versprechen nicht eingehalten werden und die Leute müssen zur Landhilfe. A 36 3 Vor kurzem ging folgende Meldung durch die deutsche Presse: Die Reichsleitung des Arbeitsdienstes hat verfügt, dass der Arbeitsdienst überall für Erntehilfe zur Verfügung gestellt werden soll, wo ein Notstand seinen Einsatz wünschenswert erscheinen lässt. Danbeben soll durch weitgehende Einzelbeurlaubungen von Arbeitsdienstwilligen für Ernearbeiten den Bedürfnissen der Landwirtschaft Rechnung getragen werden. Offenbar war aber mit dem" Notstand" nicht der der Landwirtschaft, sondern der finanzielle Notstand des Arbeitsdienstes selbst gemeint. Jedenfalls besagen das unsere Berichte: Sachsen: Das Arbeitsdienstlager in Kirchberg ist eine hölli sche Plage für die Bauern und das Erzgebirge. Für dieses Arbeitsdienstlager haben die Bauern der Umgegend schon schwer bluten müssen. Sie wurden genötigt Arbeitsdienst- Abteilungen zu Feldarbeiten in Dienst zu nehmen und dafür pro Mann drei Mark zu zahlen. Diese drei Mark flossen aber nicht in die Taschen der Arbeitsdienstler, sondern in die Kasse des Lagers. Neuerdings leisten die Bauern ganz energischen Widerstand. Sie weigern sich, solche Arbeitsdienstabteilungen noch zu beschäftigen und lehnen es erst recht ab, für das Arbeitsdienstlager noch Geldbeträge aufzubringen. Es war ja nicht nur Geld, was sie abführen mussten, sondern auch Naturalien mussten sie ohne Bezahlung für die Beköstigung der Lagerinsassen liefern. Uebel wird zur Zeit dem Besitzer des Pohlteiches mitgespielt. Er ist von dem Feldmeister des Arbeitsdienstlagers überredet worden, den ihm gehörigen Teich durch den Arbeitsdienst schlemmen zu lassen. In der Hoffnung, dass das ja doch nicht viel kosten könne hat der Besitzer auch eingewilligt. Zwar ist die Arbeit noch nicht in Angriff genommen, aber der Besitzer soll jetzt bereits, bevor überhaupt ein Schlag Arbeit geleistet worden ist, die Arbeit bezahlen. Und zwar die Kleinigkeit von 7.000 Mark, als Anzahlung und den Restbetrag, über den er noch im Unklaren gelassen wird, nach Beendigung der Arbeit. Rheinland: Vor kurzem sprach ich mit einem Bauern über den Arbeitsdienst. Er sagte mir: Es ist ja ganz gut, dass die Buben etwas Ordnung beigebracht bekommen, aber man soli uns doch nicht weiss machen wollen, dass es zur Ankurbelung der Wirtschaft geschieht. Die Rodungen sind gut. Aber es gedeihen doch bei uns nur Kartoffeln und Roggen. Aber Roggen haben wir seit Generationen mehr, als wir im normalen Handel absetzen. Seit Jahrzehnten geben die deutschen Regierungen Ausfahrtsprämien für Exporteure. Und Kartoffeln haben wir soviel, noch nicht einmal zwei Mark konnten wir deshalb im letzten Jahr erzielen. Die Früchte dieser Rodungen werden uns keine Hilfe, sondern eine Belastung sein. Ja, wenn wir Südfrüchte, Pfeffer, Zimmt usw. anpflanzen könnten. Natürlich ist das alles nur Kommiss. Die Jungens werden eben zu Soldaten ausgebildet. Kommiss und Kommiss alles andere ist bei uns Nebensache. Wenn dann die Kerle in Berlin am Ende ihres Lateins sind, dann wird ein Krieg angezettelt. GAD A- 37 In der Tat, je knapper das Geld wird, umso mehr wird in den Lagern exerziert das ist zweifellos die billigste Beschäftigung. So meldet man aus Schlesien und Sachsen, dass Arbeiten ausserhalb des Lager so gut wie gar nicht mehr geleistet werden. Dafür stellt ein Bericht aus Schlesien fest: Beim Arbeitsdienst werden drei Gruppen gebildet: Elektriker, Mechaniker, usw. erhalten Morse- Unterricht, Schlosser und Dreher werden am M. G. ausgebildet, während ungelernte Arbeiter am 98 er Gewehr üben müssen. Der Sammelpunkt für die kleineren Arbeitslager im Görlitzer Bezirk ist der Ort Petersdorf. Dort wird u. a. 6 Stunden gemischter Unterricht erteilt, während eine Stunde the oretische Schulung genannt wird. Im Vordergrund dieser theoretischen Schulung steht der Revanche gedanke. So wurde bei einem Kursus die These aufgestellt, dass die Wiedergewinnung des Elsass, der Saar, des Korrid rs, Danzigs und Oberschlesiens eine Lebensnotwendigkeit für Deutschland sei. 4. Landhilfe. Seit für das Regime ein dringendes Bedürfnis entstanden ist, hat die amtliche Propaganda einen ungeheuren Mangel an Landarbeitern entdeckt. Dieser Mangel wurde so gross dargestellt, dass schon Beunruhigung darüber bestand, ob er behoben werden könnte. Der Landesarbeitsamtspräsident Dr. Kretschmann schreibt darüber in der Pommerschen Zeitung( v. 22.6.): " Wenn zuweilen in der Oeffentlichkeit beunruhigende Zahlen genannt wurden, so ergab eine sorgfältige Nachprüfung, dass der Bedarf vorsorglich viel höher angegeben war, als tatsächlich im Augenblick zu besetzende Stellen vorhanden waren. In einem Arbeitsamtsbezirk war beispielsweise die Zahl der benötigten Kräfte zunächst mit 340 angegeben. Eine nähere Umfrage liess diesen Bedarf auf 137 Kräfte sinken. Die Nachprüfung der Einzelanforderungen ergab schliesslich, dass nur 61 unbesetzte Stellen vorhanden waren." Wenn trotzdem die Landhilfe mit allen Mitteln ausgebaut wird, so hat das offensichtlich mit dem Mangel an Landarbeitskräften nichts mehr zu tun, Nach amtlichen Angaben sind in Schlesien zur Zeit 11.185 Landhelfer eingestellt und ausserdem 5,000 Schlesier in Brandenburg, Pommern, Sachsen und Ostpreussen. Welche Methoden bei der" Aushebung" zur Landhilfe angewendet werden, zeigen folgende Berichte: A- 38 Berlin: Ueber die Art und Weise, wie man die Arbeiter zur" Landhilfe presst, wird ein, wie besonders bemerkt werden muss, verbürgter Vorfall berichtet: In einem Arbeitsamt im Berliner Osten haben sich etwa 200 Leute geweigert, zur Landhilfe zu gehen. Sie erhielten Freikarten für das Rose Theater. Als sie dort waren, wurden die Tore geschlossen und ihnen von der Bühne her erklärt, dass vor der Tür Lastkraftwagen stünden und sie eingeladen würden, sie zu besteigen. Sie hätten es selbst in der Hand, wohin diese Wagen fahren sollten. Es wären zwei Richtungen möglich: Konzentrationslager oder Landhilfe, sie hätten nur zu wählen. Diese Mitteilung wird deshalb als verbürgt angesehen, weil sich ein Ausländer unter diesen 200 befand, dem es dann durch Vermitt lung seines Konsulats gelang, freizukommen. Hannover: Im Bezirk des Landesarbeitsamtes Hannover geht die Abkommandierung zur Landhilfe soweit, dass alle weiblichen Angestellten bis zu 30 Jahren vermittelt werden. Weigerung hat Ausscheidung aus der Unterstützung oder in vereinzelten" milder" beurteilten Fällen lange Sperrfristen zur Folge. Dabei wird nicht gefragt, ob die weiblichen Angestellten für Arbeiten in den Gebieten der Spargelkulturen überhaupt zu gebranchen sind. Die Angestellten werden dort in den Kasernen einquartiert, die früher der Unterbringung polnischer Arbeiter dienten. Die Bezahlung beträgt pro Monat 20.-Mk. und Verpflegung. Machen die Frauen bei der Vermittlung das Fehlen von geeigneter Arbeitskleidung geltend, so wird ihnen gewagt, dass sie ja 20.- Mk. erhielten, von denen sie s sich Arbeitskleidung kaufen könnten. Einwände aus Gesundheitsgründen beantwortet der Vertrauensarzt im Tempo einer k. v.-Maschine: tauglich. 5. Aus den Betrieben. Wir schicken der Wiedergabe von Meldungen aus einzelnen Betrieben zwei allgemeine Berichte voran: Berlin: Die Stimmung in den Betrieben hat sich durch die Ereignisse vom 30.6. nicht verschlechtern, sondern eher etwas gebessert. In verschiedenen Betrieben kann man beobachten, dass die Sozialisten wieder langsam im Vordringen sind. Das kommt zum grossen Teil daher, dass bei Neueinstellungen die Unternehmer sich erst einmal die Leute daraufhin ansehen, ob sie SA- Stiefel haben. Können sie diese SA- Leute nicht sofort abweisen, so werfen sie sie nach 3 Tagen wieder hinaus. Infolgedessen haben viele unserer Genossen, die gelernte Arbeiter sind, schon wieder Arbeitsplätze bekommen. Andererseits ist festzustellen, dass in sehr vielen Betrieben die NSBO gar keine Rolle mehr spielt Fast überall sind die ersten Zellenobleute und Kassierer schon längst wieder abgesetzt, teils weil sie Unterschlagungen begangen, teils weil sie sich als völlig unfähig erwiesen haben. Meist war es ja so, dass der Hausdieher oder Portier Zellenobmann der NSBO war, und diese Leute können sich auf die Dauer gegenüber den qualifizierten Arbeitern nicht durchsetzen. A- 39 Eine Ausnahme machen die öffentlichen Betriebe, vorallem die Hochbahn und Strassenbahn. Hier sind die Nazis stark vertreten und unsere Leute sehr zurückgedrängt. Bezeichnend ist, dass jetzt in Berlin Anweisung ergangen ist, dass in allen öffentlichen Betrieben die NSBO- Zellen aufzulösen sind. Als Begründung wird angeführt, dass für die öffentlichen Betriebe keine Notwendigkeit solcher Zellen bestehe, weil die Betriebe als solche ja nationalsozialistisch seien. Die Arbeiter brauchten auch keinen Vertrauensmann, denn die Entscheidungen lägen bei dem Personalchef und in allen zuständigen Fragen hätten sie sich an ihn zu wenden. Es wird also jetzt in den öffentlichen Betrieben dasselbe Verfahren angewendet wie in den öffentlichen Verwaltungen, wo die Beamtenausschüsse schon seit längerer Zeit aufgelöst worden sind. München: Allgemein wird beobachtet, dass das Interesse für die nationalsozialistische Betriebsarbeit unter den Arbeitern stark zurückgeht. Die Betriebsversammlungen weisen allerorts einen so schlechten Besuch auf, dass sie in verschiedenen Betrieben gar nicht mehr abgehalten werden können. Man ist nun dazu übergegan gen, sogenannte Pflichtappelle einzuführen, bei denen jedes Mitglied der Belegschaft anwesend sein muss. Ueber solche Pflichtappelle wird dann in der Zeitung gross berichtet. So z. B. hatte die Belegschaft von Knorr& Hirth einen Pflichtappell im Kollosseum. In der Zeitung heisst es dann schwungvoll:" dass der geräumige Lehrersaal des Kollosseums alle Erschienen kaum fassen konnte" Wir gruppieren die Einzelberichte wieder nach Landesteilen: Ruhrgebiet: In Hamborn auf der Thyssenhütte rief die Bekanntgabe, dass vier Feierschichten eingelegt wurden, grosse Erregung hervor. Der Vertrauensrat der verschiedenen Betriebe fasste darauf den Beschluss, dahin vorstellig zu werden, dass den Beamten und Angestellten der Betriebe am Gehalt gekürzt und dadurch ein Ausgleich geschaffen werden sollte. Gemeinnutz gehe vor Eigennutz. Der Hauptvertrauensrat lehnte die Weiterleitung der verschiedenen Beschlüsse ab; darauf leiteten die einzelnen Räte die Entschliessungen direkt an die Verwaltung weiter. Die Antwort war: Solche Beschlüsse seien undurchführbar und ansozial. Im übrigen sei die Einlegung von 4 Feierschichten unumgänglich nötig gewesen, weil die Aufträge ausgeblieben seien, die Produktion sei um 40 Prozent zurückgegangen, einen Teil der Halbfabrikate müsste man schon auf Lager legen. Im Juli hoffe man neue Aufträge hereinzubekommen. Auf einer Grube bei Herne( Belegschaft 2.000) referierte ein NSBOMann über die Arbeitsbeschaffung in einer Belegschaftsversammlung und feierte die Nazi- Erfolge. Ein Steiger stand auf und erklärte, der Redner solle nicht so lügen, er wisse doch sehr wohl, dass auch sehr viele Entlassungen erfolgt seien und die Einstellungen fast wettmachen. Der Steiger wurde fristlos ent. lassen. Darauf tritt die Belegschaft in den Streik und die NSBO Zelle muss unter dem Druck der Belegschaft die Wiedereinstellung des Steigers fordern. Erst als die Forderung erfüllt ist, fährt die Belegschaft wieder ein. A 39 a= Solingen. Bei einer Versammlung der Fa. Rauh, Solinger Gesenkschmiede mussten zur Kontrolle die Karten der" A. Fr." abgegeben werden. Nach Beendigung der Versammlung wurden die Karten wieder ausgehändigt. Der Ausgang war streng bewacht. Bayern: BMW( Bayr.Motorenwerke München, Belegschaft 3.800 Mann). Die Arbeiter mussten Anfang Juni einen Revers unterschreiben, dass kein Arbeiter über die Fabrikation im Betrieb etwas aussagen darf, dass er in keiner anderen Sparte als in der er beschäftigt ist, sich aufhalten darf, widrigenfalls er fristlos entlassen wird. Das wird so streng gehandhabt, dass selbst Arbeiter, die am Eingang einer anderen Halle stehen bleiben und dort hineinschauen, schon eine Verwarnung bekommen. R. A.W.( Zentralwerks tätte Neuaubing, Belegschaft 1.300):. Das Werk hat einen Werksturm von 130 Mann, der vollständig militärisch ausgebildet ist., Im Betrieb sind ca. 250 SA und SS- Männer. Die Stärke der NSBO ist ca. 250 Mann. Die Arbeiter sind meistens vertraglich angestellt. Vor dem Umsturz war die freigewerkschaftliche Organisation ausgezeichnet. Die Arbeiterverhalten sich vollständig ruhig, die Stimmung für die Nationalsozialisten hat erheblich nachgelassen. In der letzten Zeit hat jedoch auch die Kritik am System etwas nachgelassen, da seit 1. Mai der Stundenlohn für Werkschlosser von 64 auf 87 Pfg. erhöht worden ist. Diamalt Allach Fabrikation von Malzextrakt und Bonbons( Judenfirma) Belegschaftsstärke ca. 400 Mann. Der Nationalso zialist Bäumler, abgebauter Bürgermeister von Allach wurde trotz seiner Unbeliebtheit bei der Belegschaft zum ersten Kandidaten bei der Vertrauensratswahl aufgestellt. Bei der Wahl wurde er von fast sämtlichen Mitgliedern der Belegschaft auf der Liste gestrichen. Trotzdem wurde er als einstimmig gewählt vom Wahlausschuss verkündet. Der zweite Betriebsrat ist ebenfalls Nationalsozialist und NSBO- Mann. Er ist zufolge seiner Ehrlichkeit auch von unseren Genossen allgemein beliebt. Bei der Wahl wurde er fast einstimmig zum ersten Vertrauensrat gewählt, blieb aber trotzdem als zweiter auf der Liste. Aus diesem Beispiel ist ersichtlich, wie auch bei den Vertrauensrätewahlen von den Arbeitem die Persönlichkeit gewertet wurde. Es ist überhaupt feststellbar, dass es nicht wenige NSBO- Leute gibt, die das Vertrauen unserer Genossen besitzen, weil sie trotz ihrer Parteigesinnung Proletarier geblieben sind. In der letzten Zeit waren Belegschaftsversammlungen bei BMW, Maffei und Kraus nicht mehr durchführbar. Man versucht nun die sogenannten Pflichtschulungskurse durchzuführen. Nürnberg: Bei" Siemens- Schuckert" ist in mehreren Abtei lungen Hochkonjunktur. Im Scheinwerfer- und Zählerbau wird in drei Schichten gearbeitet. Ebenso in der Abteilung für den Bau von Wassermessern. Hier werden lediglich die einzelnen Teile fertiggestellt und verpackt. Die Zusammenstellung erfolgt nicht. Hier herrscht auch das allergrösste Geheimnis um die Produktion. Jedenfalls handelt es sich in den drei Abteilungen um Rüstungsarbeiten. Holzwarenfabrik Chr. Döring in Lauf b. Nürnberg( Belegschaft 380 bis 400 Personen). Die Arbeiter wohnen teilweise auswärts und kommen mit Fahrrädern zur Arbeit. Der Führer des Vertrauensrates forderte die Belegschaft vor Kurzem zum gemeinschaftlichen Besuch einer Vorstellung des Horst Wesselfilms auf. Nach Arbeitsschluss stellte sich der Führer des Vertrauensrates mit der Hakenkreuzfahne am Fabriktor auf, um mit der Fahne an der Spitze der gesamten Belegschaft in das Kino zu marschieren. Aber die Leute verkrümelten sich so rasch, als es nur möglich war, Zuletzt stand der Führer des Vertrauensrates mit ganzen vier Mann und der Fahne da. So konnte er natürlich nicht in den Horst Wesselfilm ziehen, weshalb er die Fahne wieder einrollte und nach Hause ging. Das Gleiche taten seine vier Getruen. Man hat diese Arbeiter nicht wieder aufgefordert, den Film zu besuchen. Südwestdeutschland: Das Ada Ada- Werk, Inh. Kahn in Höchst besitzt nur noch geringe Vorräte in Leder. Die Betriebsleitung wandte sich an den Treuhänder der Arbeit, damit er für die Zuweisung von Rohmaterialien eintrete, andernfalls die Firma Entlassungen vornehmen müsse. Der Treuhänder der Arbeit erklärte, dass Entlassungen nicht erfolgen dürften. Der Firma war es nicht möglich, Kredite zu erhalten. Schlesien: Bei der Metallwarenfabrik X in Y drohte die Zahlungseinstellung weil der Auslandsexport der Firma aufgehört hat. Mit dem Vertrauensrat der Belegschaft wurde verhandelt, dass sich die Arbeiter, die nur zwei bis drei Tage in der Woche arbeiteten mit einer Lohnreduzierung einverstanden erklären sollten. Das war vor etwa 6 Wochen. Jetzt ist der Betrieb stillgelegt worden. Die Resthelegschaft von 25 Mann wurde entlassen. Für die letzten 3 Wochen haben die Leute keinen Lohn erhalten. Der Nazi- Bürgermeister erklärte sich bereit, für diese Zeit 6 RMK. Unterstützung zu zahlen gegen die Verpflichtung der Rückerstattung. Bei der Arbeitsgemeinschaft Schönhuter- Tunnel Waldenburg waren für die ersten Erdarbeiten beim Tunnel- Erweiterungsbau nur alte Kämpfer beschäftigt. Jetzt mussten Facharbeiter eingestellt werden, darunter eine ganze Reihe unserer Leute und auch Kommunisten. Ein Werkmeister äusserte sich, dass die SA- Leute zu nichts zu gebrauchen seien. -In Breslau kam es an 2 Baustellen der Strassenbauarbeiten zur Einstellung der Arbeiten bezw. übten die Arbeiter passive Resistenz. An der Baustelle Gartenstrasse wurde ein Ueberfallwagen der Polizei mit Arbeitern vollgeladen und weggefahren. An der Baustelle Gröschelbrücke wurden ebenfalls einige Arbeiter verhaftet, Sachsen: Auf den Werken des Erzgebirgischen Steinkohlenaktienvereins im im Zwickauer Kohlenrevier ist folgender Anschlag herausgekommen: Auf Wunsch der Belegschaft unserer Werke wird hiermit angeordnet: Alle Angehörigen unserer Betriebsgemeinschaft leisten ab Juni eine Stunde freiwillige Mehrarbeit. Dieser Stundenlohn wird vom A- 41 Werk an die Gemeinschaft" Kraft durch Freude" abgeführt, die dann von dieser für Ferienfahrten der Bergarbeiter verwendet werden. Erstmalig sollte am 9. Juni in der Frühschicht eine Stunde länger gearbeitet werden. Die eingefahrene Mannschaft wurde in der Grube nochmals von den Steigern aufmerksam gemacht, dass heute die Seilfahrt( Ausfahrt) statt 2 Uhr erst 3 Uhr beginne. Es war aber noch nicht 2 Uhr, da hatten nahezu alle Kumpels der Frühschicht auf allen Sohächten das Gezähe aus den Händen gelegt und standen dicht gedrängt vor dem Hauptfüllort zur Ausfahrt bereit. Nur ein ganz geringer Prozentsatz der Belegschaft arbeitete länger. In einem Dresdner Grossbetrieb wurde folgende Neuerung eingeführt: Die NSBO bestimmt auf etwa 12 bis 15 Beschäftigte des Betriebes einen Stützpunktwart, der seine 12 bis 15 Kollegen scharf beobachten muss auf ihre Aeusserungen, auf ihre Stellungnahme beim Verkauf von Karten, Abzeichen, Geldsammlungen usw. Dieser Stützpunktwart im Betrieb droht auch, die Miesmacher zur Rechenschaft zu ziehen. Im Augenblick fühlen sich auch unsere Genossen dadurch beunruhigt und kritisieren nur im engsten Kreis derer, die sich gut kennen. Berlin: Für eine ganze Reihe von Industrien wurde an einem Stichtag im vorigen Monat eine Rohstoffbestandsaufnahme angeordnet, die bei der Schokoladen- Fabrik" Sarotti" in Berlin folgende Reaktion hatte: Sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen wurden gezwungen, in der Woche bis zu 4 Ueberstunden zu machen und die Produktion so sehr als möglich beschleunigen, um das Rohstofflager niedrig zu halten. Die Ueberstunden wurden so ausgeknobelt, dass die Lohnempfänger dabei sehr schlecht fuhren und nur ganz geringen Mehrverdienst hatten. So hatte eine Arbeiterin, die 4 Ueberstunden gemacht hat, te, nach Abzug der üblichen, aber durch den Mehrverdienst erhöhten Sozialabgaben, einen Netto- Mehrerlös von insgesamt 4 Pfgl, so dass sie praktisch für einen Pfennig pro Ueberstunde gearbeitet hatte. Aus Berlin wird auch über die jetzt offenbar in grossem Umfange in den Betrieben durchgeführten geselligen Veranstaltungen berichtet: Grossbetrieb aus der Metallwarenbranche: Ein" Arbeiterdichter" hat vor einiger Zeit mit der Belegschaft eine kleine Feier abgehalten, Gedichte gesprochen, die von einer aus der Belegschaft zusammengestellten Musikkapelle musikalisch umrahmt waren. Die Feier hat etwa eine halbe Stunde gedauert und wurde von der Geschäftsleitung durchgeführt. Im Gegensatz zu früher hat man diese und ähnliche Feiern für den Betrieb veranstaltet, ohne dass irgendwelche Abzüge gemacht worden wären. Insofern sei die neue Geschäftsleitung viel geschickter. Aehnlich wird aus einem Magdeburger Betrieb berichtet: Betriebskameradschaftsabende werden allmonatlich einmal veranstaltet. Die Teilnehmer erhalten Freimarken für Bier etc. im Wert von Mk. 3.- Die Abende sind stark besucht. Unsere früheren Anhänger begründen ihre Teilnahme damit, dass das ein gewisser Ausgleich für den Lohnverlust sei. A- 42 6. Aus der Landwirtschaft. Die Misstimmung, die sich seit einigen Monaten der Bauern bemächtigt hat, hält in unverminderter Schärfe an. Aus den Berichten, die aus allen Landesteilen vorliegen, greifen wir heraus: Bayern: Die Bauern sind samt und sonders über das Hitlersystem aufgebracht. Die Markttage in den Städten, zu denen die Bauern jeweils aus den umliegenden Dörfern zusammenkommen, nehmen fast den Charakter von politischen Versammlungen an. Es fehlt nur der ReAlles schimpft über ferent, dafür diskutiert und schimpft alles. den" Saustall", über die Bonzenwirtschaft, über den Volksbetrug. " Das einzige, was dieses System richtig zu handhaben wisse, seien Lüge und Volksbetrug". Die Gendarmen gebärden sich so, als hören sie die Marktbesucher nicht. Tauchen bekannte Nazispitzel auf, so wird höchstens in der nächsten Umgebung leiser gesprochen, aber die Stimmung der Bauern können die Spitzel ganz gut erkennen. Von einer Furcht vor den Nazis kann man bei den Bauern schon längst nicht mehr sprechen. Im Gegenteil, bekannte Nazis gehen den Bauern aus dem Weg, um von diesen nicht zur Rede gestellt zu werden, wann man denn endlich mit der Verwirklichung der Versprechungen beginnen wolle. Pommern: Der Einfluss der Nazi geht hier zusehends zurück. Unter den Landarbeitern herrscht das Gefühl, dass es für sie angebracht ist, sich in der jetzigen Situation an die" Herren" zu halten. Beiträge an den Landarbeiterverband werden in grossem Umfange nicht mehr gezahlt." Wir haben kein Geld". Den neuen Bonzen gegenüber streichen die Landarbeiter die Leistungen und Bemühungen der alten Gewerkschaftsangestellten heraus. Diese, die in vielen Fällen ein Wandergewerbe begonnen haben, werden überall gut aufgenommen und geschäftlich unterstützt, auch von den Bauern und Grossgrundbesitzern. Es bildet sich eine Einheitsfront von Grossgrundbesitzern, Bauern und Landarbeitern. Bei den Pommerschen Bauerntag wurde Herr Darré während seiner Ansprache durch Zurufe daran erinnert, dass die Bauern vor allem an den Schweinepreisen interessiert sind. Schleswig- Holstein: Die Stimmung der Bauern in Angeln ist äusserst bedruckt. Gegen Unbekannte lassen sie sich nur selten aus. Wenn sie mit der Eisenbahn fahren, sitzen sie still und verschlossen und sind kaum zu einem Gespräch zu bewegen. Kurz ein Beispiel, das die Stim mung der ganzen Angler Bauernschaft kennzeichnet. Zu einem Bauern in Sterup kommt ein Mann, um nach Arbeit zu fragen( er hatte schon früher öfter dort gearbeitet). Der Bauer lacht höhnisch und führt ihn in den Schweinestall und sagt: Sieh her, früher hatte ich 50 Schweine, heute aber nur 5 für meinen eigenen Bedarf. Wir sind doch nicht ver rückt, heute noch Schweine gross zuziehen, wir kriegen ja nichts dafür Im selben Dorf sind 6 Bauern wegen Herabsetzung der Regierungsmassnahmen verhaftet worden, der eine ist ins Konzentrationslager geschafft worden, man erzählt sich, dass er auf der Flucht erschossen worden ist. A- 43 Es sind die schon seit Monaten umlaufenden Klagen, die immer wie-> der laut werden, vor allem über das Erbhofgesetz und die Zwangswirtschaft: Bayern: Jetzt erst wird die nachteilige Wirkung des Erbhofgesetz und Entschuldungsverfahren deutlich übersehen und alle überkommt ein Grauen. Wer unter das Entschuldungsverfahren gefallen ist, braucht zwar bis 1938 keinerlei Schuldverpflichtungen zu erfüllen, aber er bekommt auch nirgends einen Pfennig Betriebskapital, er hat überhaupt keinerlei Kredit. Die so" geschützten" Bauem werden jetzt auch unzufrieden, weil die Preise für landwirtschaftliche Produkte zurückgehen, während die Kosten für die Lebenshaltung steigen. Der Bauer erhält für das Getreide keinen Pfennig mehr, er muss aber schönes Weizenmehl, das er beim Krämer kauft, jetzt schon mit 2 Pfg. pro Pfund mehr bezahlen. In nicht miss zuverstehender Weise sagen die Bauern: " Jetzt sind doch die Juden ausgeschaltet, wir bekommen aber weniger und müssen teuerer kaufen, wer steckt denn jetzt den Judengewinn ein?" Mecklenburg: Vor einiger Zeit hat Darré eine Besichtigungsfahrt durch Mecklenburg- Pommern gemacht, wo er einen katastrophalen Eindruck hinterlassen hat. Er hat Gutsbesitzer und Bauern durch seine Ideen sehr stark vor den Kopf gestossen, so dass man in diesen Kreisen von einer schleunigst erforderlichen Aenderung in der Reichsbauernführung spricht. Das ist umso erstaunlicher, als Mecklenburg schon vor dem Dritten Reich ein sogenanntes Erbpachtgesetz hatte, in dem wohl ein Vorläufer des Erbhofgesetzes erblickt werden kann. Dieses Mecklenburgische Besetz hatte ähnliche Bestimmungen und ist trotzdem im Lande sehr populär gewesen. Nach Schlesien durfte Darré dann auch nur in Begleitung Görings fahren. Braunschweig: Die Bauern in der Heide schimpfen furchtbar. Sie bekommen fast kein Geld mehr in die Hände und sind besonders über die Einrichtung der Sammelstellen für landwirtschaftliche Prudukte ergrimmt, da die Partei hier ein Privatgeschäft macht. Viele Bauern lesen die" Baseler Nationalzeitung". Nordwestdeutschland: Die einst sehr nazibegeisterte Mittel- und Grosslandwirtschaft Oldenburgs und Ostfrieslands lehnt heute die Nazis fast einstimmig ab und bekennt sich zur alten konservativen Tradition. Besonders beigetragen hat dazu bei den ostfriesischen Viehzüchtern und reichen Polder- Bauern das Erbhofgesetz, bei den Mittelbauern und Landgebräuchern vor allem die Milch- und Eierzwangswirtschaft. Die Bauernplätze in der Umgebung von Städten lieferten früher ihre Milch direkt an den Verbraucher und erhielten dafür 16 Pfg. pro Liter. Jetzt bezahlt der Verbraucher bei Lieferung durch die Zentral- Genossenschaft 20 Pfg. pro Liter, der Bauer jedoch erhält nur lo bis 12 Pfg. Aehnlich gelagert ist es bei der Eier- Wirtschaft. Die dadurch entstehenden Ausfälle für die Bauernwirtschaften sind im Verhältnis zu ihrer Grösse sehr erheblich. Die Abneigung gegen die Nazis geht soweit, dass ostfriesische Bauern Vertreter der NSBO., die die Wiedereinstellung von entlassenen Landarbeitern forderten, unter Berufung auf ihr Hausrecht vom Platz verwiesen. Die Drohung der Nazis, mit SA. wieder zu kommen, beantworteten die Bauern mit dem Hinweis, A- 44 dann würde es Tote geben. Ein wegen eines Zwischenfalles mit Nazis verhafteter Bauer erhielt die Solidarität seiner Kollegen dadurch, dass die se seine Landarbeit mit verrichteten und damit dem herrschenden System demonstrierten, wie sie sich mit dem Verhafteten se lidarisieren. Bayern: Eier, Butter und Schmalz müssen an die Einkaufszent ralen abgeliefert werden. Die Einkaufszentralen funktionieren aber schlech t. Branchenkunde fehlt meist. Die Bauern haben jetzt durchgesetzt, dass sie für schadhaft gewordene Eier nicht mehr zu haften brauchen, so dass dieses Risiko dem Aufkäufer zufällt. Man musste den Bauern dieses Zugeständnis machen, weil sie sonst nichts mehr geliefert hätten. Nun sind die Aufkäufer keine kapitalkräftigen Leute, sie können keine Haftsumme hinterlegen, folglich muss das ganze Risiko der Konsument tragen, zum Teil auch der Produzent mit. Früher erhielten die Bauern um diese Zeit mindestens 5 Pfennig, teilweise, bei gutem Fremdenverkehr um diese Zeit auch 6 Pfg. Durch den grossen Umsatz um diese Zeit haben früher die Privathändler die Eier um 7 oder 8 Pfg. abgesetzt. Jetzt erhält der Bauer meist 3 Pfg., bestenfalls 4 Pfg. pro Ei und der Konsument muss mindestens 8 Pfg., meist lo Pfg. pro Stück bezahlen. In der Stadt Cham, wo eine solche Bezirks- Eiersammelstelle ist, ist vor kurzem in der grossen Hitze ein ganzer Waggon Eier unbrauchbar( stinkend) geworden. Der Leiter der Eierstelle wollte den Waggon erst abrollen lassen, wenn er voll Ware ist. Der Aufkauf ging schleppend vor sich. Was täglich einging, wurde eingeladen, blieb aber in der Gluthitze stehen. Als die Eier abtransportiert wurden, waren sie bereits verdorben. Das alles wissen die Bauern und werden wütend über diese unfähigen Bonzen," die nur Autofahren können". Sachsen: Jedes Stück Vieh, jedes Körnchen Getreide unterliegt def Bestandsaufnahme, nichts besitzen wir mehr, was das Finanzamt nicht seinem Zugriff unterstellt. Die Butter und Eiermüssen wir jetzt abliefern an so eine Eierstelle. Das ist ja doch nichts anderes, als eine neue Unterbringung brauner Bonzen. Früher haben wir die Eier an die Wiederverkäufer mit 8 Pfg., an die Verbraucher mit lo Pfg. abgeben können. Heute müssen wir für 4 bis 5 Pfennige die Eier an den Eierhof abgeben. Der Händler muss dort 9 bis lo Pfennige bezahlen und für den Wiederverkäufer kommt ein Ei auf 13 bis 15 Pfennige. Wir Bauern haben weniger, der Verbraucher muss teurer bezahlen und der Händler teurer einkaufen, aber so und soviele neue braune Bonzen leben von unserem Geld. Aus Bayern, Nordwestdeutschland und dem Rheinland wird über schwunghaften Schleichhandel mit Eiern, Butter usw. berichtet. Die Polizei geht mit Beschlagnahmungen dagegen vor: Bremen: Bis jetzt wurde von den Bauern auf den hiesigen Märkten, trotzdem es verboten ist, mit Butter gehandelt. Am Sonnabend waren die Zufahrtsstrassen gesperrt. Die Wagen wurden durchsucht und zurückgeschickt und die Butter, die schon auf dem Markt war, beschlagnahmt, weil sie von den Bauern selbst gebuttert war. A= 45 Schlesien: Die Polizei muss eingesetzt werden, um die Bauern und Händler zur Einhaltung der neuen gesetzlichen Bestimmungen zu zu zwingen. In Breslau wurde am 30. Mai eine" Grossrazzia auf ungestempelte Eier" durchgeführt, dabei wurden gegen 6.000 Eier beschlagnahmt. An der Razzia, die morgens schlagartig in der Grossmarkthalle begann, nahmen 50 Beamte teil. Sämtliche Bauern und Händler wurden eingehend untersucht. Gleich an der ersten Kontrollstelle konnten eine Menge Eier beschlagnahmt werden. Die Beamten nahmen darauf am Hauptbahnhof und am Odertorbahnhof Aufstellung, um die ankommenden Händler und Bauern zu kontrollieren. Am Odertorbahnhof wur den eine Menge Leute festgestellt, die ganze Körbe ungestempelte Eier beförderten. In einem Falle konnten sogar 2.000 Eier auf einmal beschlagnahmt werden. Dann wurden die Markthallen an der Gartenstrasse und am Ritterplatz besetzt. Die Misstimmung der Bauern, die sich insbesondere gegen die verschwende rischen und unfähigen Bonzen des Reichsnährstandes richtet, macht sich in stürmischen Versammlungen Luft, über die uns aus vielen Landesteilen berichtet wird. Schleswig- Holstein: In Kalleby war eine Versammlung einberufen, in der der Landrat Hans sprechen sollte. Der Saal war voll besetzt, als jedoch Hans zu reden begann, protestierten die Bauern und der Landrat musste fluchtartig den Saal verlassen und mit seinem Auto verschwinden. Gauleiter Lohse sprach in Sörup b. Flensburg, hier machten die Bauern auch Krach. Nur dadurch, dass er mit dem Konzentrationslager drohte, konnte er die Versammlung durchführen. Rheinland: In Straelen wurde bei einer Rede eines Dr. Schmidt in einer Bauernversammlung mit Rausschmiss gedroht. Die Bauern haben die Rede durch Fusstrampeln unverständlich gemacht. In Hitfeld b. Aachen sollten in einer Bauernversammlung Fragen gestellt werden. Ein alter Bauer meldete sich und sagte:" Ihr habt mit euren Versprechungen den Bauern den Strick um den Hals gelegt. Zieht ihn schnell zu und lasst uns nicht so lange zappeln." Nur die 72 Jah re des Alten retteten ihn vor der Verhaftung. Hessen: Am 16. Juni fand in Wetzlar eine Bauernversammlung statt, die sich mit der Neuregelung der Milchversorgung beschäftigte. Die Versammlung nahm einen stürmischen Verlauf. Am nächsten Abend veranstalteten die Bauern eine eigene Protestversammlung gegen die Neuregelung. Sachsen: Im Zwickauer Bezirk wurde beobachtet, dass sich Landwirte des ofteren zu freien Aussprachen im Walde treffen. Sie tun es, um sich einmal ohne Kontrolle durch die Nationalsozialisten aussprechen zu können. A- 46 Zu allen anderen Beschwerden kommt die schlechte Ernte. Der Mangel an Futtermitteln zwingt die Bauern zu Viehverkäufen. Die Viehpreise sinken sehr stark. Die Behörden warnen die Landwirte vor Angstverkäufen und drohen den" gewissenlosen Viehauf käufern" mit dem Konzentrationslager. Rheinland: Es droht eine ausserordentlich gross Missernte, verursacht durch die Trockenheit. Wie furchtbar die Auswirkungen der Missernte auf die Wirtschaftslage der Bauern sind, ist zu ermessen an folgendem: Ein Bauer hat auf einem Morgen Ackerland dieses Jahr 15 Zentner Frühkartoffeln geerntet. Unter normalen Witterungsverhältnissen erntete der gleiche Bauer auf dem gleichen Land 7o bis 80 Zentner Kartoffeln. Die Misstimmung wurde in bedenklichem Masse gesteigert. durch die jetzt vorgenommene Bestandsaufnahme der gesamten Getreideernte durch die zuständige Ortsbehörde. Brandenburg: Der Futtermangel infolge der Trockenheit nimmt ernste Formen an. Die Heu- Ernte ist in Brandenburg sehr schlecht ausgefallen, bestenfalls 50 Prozent des Vorjahres, manchmal aber auch nur 1/3 und sogar 1/5. Der Landesbauernführer für Preussen hat an die Waldbesitzer einen Aufruf ergehen lassen, den Wald für die Viehweide freizugeben. Sachsen: In der Gegend von Radeberg b.Dresden holen die Bauern das sogenannte" Schweine gras" aus dem Wald und verwenden es als Viehfutter, nachdem sie schon Roggen und Weizen abgehauen und verfüttert haben. III. Korruption und Misswirtschaft A-471) Nationalsozialistische Organisationen Sachsen: Stein bei Zwickau: Dem Ortsgruppenleiter der NSDAP, Pg. Ehrler, ist zweimalige Unterschlagung von Parteigeldern nachgewiesen. Die ganze Ortsgruppe fordert die Absetzung des Ortsgruppenleiters. Die Kreisleitung aber denkt nicht daran, den Mann fallen zu lassen. Daraufhin fährt Pgin Möckel, eine alte 23erin nach Berlin, um mit Hitler über den Fall zu sprechen. Sie wird aber nur von Hess empfangen, mit dem sie lo Minuten sprechen darf und der ihr die Regelung der Angelegenheit verspricht. Als sie von Berlin nach Stein zurückkehrt, wird sie verhaftet und nach dem Konzentrationslager Hohnstein gebracht. Der ungetreue Ortsgruppenleiter aber wurde zum Dank für seine Dienste in die Kreisleitung der NSBO Dresden befördert. Oelsnitz/ Vgtld.: Der SA- Sturmbannführer Georgi entnahm an den Tankstellen monatelang Benzin für sein Auto und liess die NSDAP bezahlen. Schliesslich zahlte aber die Partei nicht mehr diese Rechnungen. Da nun alle Tankstellen- Inhaber Geld zu bekommen haben und das Drängen nach Geld immer stärker wurde, wurde Georigi kürzlich nach München versetzt. Die Tankstellenbesitzer in Oelsnitz und Umgegend warten heute noch auf ihr Geld und schimpfen mächtig über den famosen Sturmbannführer. In Meissen beging der Kreisleiter des Winterhilfswerks wegen Unterschlagung von Mk. 30.000,- Mitte Mai Selbstmord. Zittau: Der Naziführer Görner, der früher bei der Firma Moras, Bernhard und Könitzer wegen Unterschlagungen und Diebstählen selbst an eigenen Arbeitskameraden, entlassen worden war, ist jetzt als Kassenwart der NS- Volkswohlfahrt Zittau angestellt worden. Schlesien: In Schmiedeberg besteht die NSDAP seit 1928. Diese Ortsgruppe hat jetzt den 5. Führer erhalten. Der erste, Paul Brunecker wurde wegen Unterschlagung von Parteigeldern abgesetzt, heute trägt er trotzdem den Ehrendolch. Der zweite, Oberpostmeister Supkleve, hat für 8.000 Mark Brief- und Invalidenmarken unterschlagen. Wegen seiner Verdienste um die Partei bestand die Strafe in der Versetzung an eine Postagentur in Pommern. Ihm folgte der Radio- Händler Herkt. Dieser zahlte seine Ladenmiete aus der Parteikasse, deshalb wurde er wieder abgesetzt. Der nächste war der Zahnarzt Kleczewsky. Von ihm wird behauptet er sei Freimaurer, deshalb musste er nach kurzer Zeit gehen. K. behauptet, es handle sich um eine Verleumdung seines Nachfolgers, des Justizsekretärs Fremter. Diese beiden raufen jetzt um den Posten. A-48Leobschütz: Der Standartenführer Hauptmann Steffan ist plötzlich von Leobschütz nach Beuthen versetzt worden. Die" Ostfront" berichtet: aus Tüchtigkeit. Tatsächlich musste Steffan von Le obschütz fort, weil seine Schulden, die er dort gemacht hat, für die Bevölkerung nicht mehr ertragbar waren. Diese haben sich inzwischen auf ca. 40.000 Mark erhöht. Amtswalter Büttner der NSDAP aus Schreiberhau hat einen grösseren Betrag unterschlagen( etwa 500 bis 800 Mark) er wurde seines Amtes enthoben. Pommern: Der Leiter des Winterhilfswerks in Gartz, Stahlkopf, wurde wegen Unterschlagung und unsittlicher Verfehlungen an hilfebedürftigen Frauen abgesetzt. Gartz/ Oder: Der Ortsgruppenleiter Paetsch wurde wegen unsittlichen Betrages abgesetzt. Er erhielt als Wohlfahrtsdezernent eine Wochenentschädigung von Mk. 36,-, während der sozialdemokratische Wohlfahrtsdezernent früher ehrenamtlich tätig war. Paetsch hat sich auch gelegentlich Gardinen aus dem Winterhilfswerk mit nach Hause genommen und für sich verwendet. Hessen: In Giessen hat der Angestellte der NSDAP, Minker, den Betrag von 30.000 Mark unterschlagen. Hannover: In Osnabrück ist bei der Kreisleitung der NSDAP eine schwere Veruntreuung festgestellt worden. Beteiligt ist daran ein bekannter Margarinefabrikant, der sich das Vertrauen einst erkaufte, indem er der Kreisleitung ein Auto schenkte, aber auch der oldenburgischbremische Reichststatthalter Calli Röver. Es handelt sich um einen Betrag von Mk. 80.000,--. Bei dem Range der Beteiligten wird jede Vertuschung versucht und die Angelegenheit abgestritten. Prinz Auwi und Schwund geld- Feder müssen kurz hintereinander sprechen, um die Wellen der Erregung zu glätten. Bayern: Ein höherer SA Führer mit Namen Günthum in Perlach bei München, Besitzer eines Bierdepots sowie einer Landwirtschaft, hat das ganze Geld des Winterfilfswerks und die abgeführten Beträge aus dem Eintopfgericht unterschlagen. Um die Angelegenheit nicht zu einem Skandal werden zu lassen, rieten ihm die Nationalsozialisten, er solle: sich selbst erledigen. Sie gaben ihm dazu einen Tag Zeit. Als er dann am Tage nach der gestellten Frist noch gesehen wurde, wurde er verhaftet. Die Zeitungen durften über diesen Fall nichts berichten. 2) NSBO und Arbeitsfront Zwei" Lebensbilder" A-491. Herr Ullmann. Von 1917 bis 1921 gehörte Herr Ullmann der USP an. Er war damals in Sachsen und tat sehr radikal. Die Textilarbeiter in Auerbach im Vogtland wählten ihn wegen dieser Eigenschaft zu ihrem Bevollmächtigten. Sie hatten aber übersehen, dass Radikalsein noch keine Fähigkeiten zu einem Bevollmächtigten und Filialangestellten sind. Also versagte Herr Ullmann. Darauf kam er als Hilfskraft in die Gauleitung Dresden des Deutschen Textilarbeiterverbandes. Da er dort Aufwandsentschädigungen für Versammlungen und Sitzungen liquidierte, die er gar nicht besucht hatte oder die überhaupt nicht abgehalten worden waren, wurde Herr Ullmann im hohen Bogen aus der Stellung herausbefördert. Da war Anlass für den späteren" Arbeiterführer" sich der NSDAP zuzuwenden. Wieder hatte er richtig spekuliert. Man übertrug ihm die Leitung der Betriebszellenorganisation der NSDAP für Sachsen. Er" bewährte sich" und wurde im Mai 1933 bei der Gleichschaltung vom Textilarbeiter zum Bauarbeiterführer umgeschaltet. Heute ist er Leiter der Reichsbetriebsgruppe Bau der DAFr. Das ist zwar ein absoluter Widerspruch zu dem sonst gepriesenen ständischen Gedanken. Ein Mangel, den Herr Ullmann ausglich, indem er sich aus Mitteln der" übernommenen" Gewerkschaft zunächst ein Auto für Mk. 8.700,- anschaffte. Wo sonst kein Auto lief, laufen heute deren drei, bemannt mit je einem Chauffeur. 2. Herr Lang. Der Schlosser Oskar Lang war seit vielen Jahren in den Bayrischen Motoren Werken, München, beschäftigt. Er war schon lange vor dem Machtantritt Hitlers als fanatischer Nazi bekannt und war bei der Arbeiterschaft durch sein freches und überhebliches Auftreten besonders verhasst. Er wurde Mitglied der SS und Leiter der ersten NSBO- Zelle in der BMW. Er führte gegen die freien Gewerkschaften einen skrupellosen Kampf. Bei der Machtübernahme durch Hitler wurde er zum kommissarischen Betriebsrat ernannt. Seine erste Tat war, die die bei der Arbeiterschaft sehr beliebten Betriebsräte der freien Gewerkschaften zu verhaften. Die Verhafteten wurden auf sein Betreiben in das Gewerkschaftshaus eingeliefert und zwei von ihnen wurden dort schwer misshandelt. Am 1. September 1933 wurde Lang zum Kreisleiter der Arbeitsfront( Gruppe Metall) ernannt. Nachdem Lang einige Zeit als Kreisleiter tätig war, wurde durch seinen Nachfolger als Betriebsrat der BMW festgestellt, dass unter der Führung Langs aus der Betriebs unterstützungskasse 2.000 Mark unterschlagen worden sind. Daraufhin wurde die Finanzgebarung Langs in seinem neuen Amt als Kreisleiter einer sofortigen Revision unterz0gen. Dabei ergab sich, dass auch dort ein Fehlbetrag von ca. 10.000, Mark vorhanden war. Lang ist daraufhin aus seinen Aemtern ausgeschieden und wurde aus der NSDAP und der SS ausgeschlossen. Bei Eingeweihten erregte es Verwunderung, dass Lang nicht gerichtlich verfolgt. wurde. Bayern: Die Ortsgruppe Nürnberg der freigewerkschaftlichen Fleischerorganisation( Verband der Nahrungs- und Genussmittelarbeiter, Sektion der Fleischer) hatte eine Krankengeldzuschuss- und Sterbegeldkasse, in A-50der vor der Uebernahme der Gewerkschaften durch die Nazis ein Kassenbestand von 45.000 Mark war. Eines Tages sagten die Einkassierer den Mitgliedern, die Sterbeunterstützungsbeiträge müssten um 20 Pfg. pro Monat erhöht werden, um die alten Ansprüche aufrecht zu erhalten. Die Mitglieder fragten sich, was denn da passiert sei, es seien doch nicht soviel Sterbefälle eingetreten, dass man die Beiträge erhöhen müsste. Nach einiger Zeit teilten die Einkassierer mit, dass sie die Fachzeitung, die die Mitglieder früher gratis erhalten haben, nur gegen 15 Pfg. pro Exemplar weiter beziehen können. Wieder fragten sich die Mitglieder, wie es denn um die Finanzen der Gewerkschaft bestellt sein müsse, denn es werden doch keine Strei Ks geführt und erfolgen keine Aussperrungen. Einige Zeit später meldeten die Einkassierer, dass die Sterbeunterstützung in der alten Weise nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. Inzwischen war es durchgesickert, dass die 45.000, Mark Kassenbestand nicht mehr da sind. Aber wer getraute sich zu fragen, so sie sind, d.h. wer wollte nach Dachau? Nun wurde den Mitgliedern mitgeteilt, dass sie eine neue Sterbeversicherung eingehen können, wenn sie dafür im Monat Mk 2.- Beitrag bezahlen. Die 20 Pfg. Wochenbeitrag, die sie für diesen Zweck bisher bezahlten, werden dann erlassen. Man sagt, dass der Verband für diese Kollektivversicherung aber pro Mitglied und Monat nur 1,- Mark Beitrag abführen müsse, also jedes Mitglied um 1,-Mark pro Monat geprellt wird. CRED München: Der Angestellte des Metallarbeiterverbandes Magg hat Unterschlagungen gemacht und ist spurlos verschwunden. Ueber die Höhe des Betrages kann man nichts genaues erfahren. Es heisst, dass er in die Tausende geht. Der Verbandsangestellte des Nahrungsmittel- und Getränkearbeiterverbandes der christlichen Gewerkschaften, Alfons Schmid, Mitglied des Sturmbanns III, hat Verbandsgelder unterschlagen. Auch in diesem Falle ist über die Höhe der unterschlagenen Gelder nichts zu erfahren. In den der Arbeiterschaft gestohlenen Erholungsstätten am Kochelsee( ehemaliges Erholungsheim des Deutschen Gesamtverbandes) und im Raintalerhof( Zugspitzgebiet, früheres Erholungsheim der Metallarbeiter) sind in der letzten Zeit oft schwere Sektgelage abgehalten worden. Ein besonderer Nachtschwärmer ist der Sonderbeauftragte bei der Münchner Arbeitsfront, Herr Schmeer. Hatten die Gewerkschaften vor der Machtergreifung in München nur eine Garage im Gewerkschaftshaus für das Auto des Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes, so haben die Nationalsozialisten heute 15 Garagen in den Hof des Gewerkschaftshauses eingebaut. Die Bonzen stellen dort ihre Privatwagen ein. Darunter sind die herrlichsten Luxuslimousinen. Nach den letzten Vorfällen bleibt zu hoffen, dass sie deshalb von Hitler bald erschossen werden. Sachsen: Der Kaufmann Karl Rudolf B. in Zwickau war Angestellter der Arbeitsfront. Da Differenzen eintraten, wurde eine Revision vorgenommen und es stellte sich ein Fehlbetrag von 706 Mark heraus. Der Angeklagte erklärte, viel Spesen gehabt zu haben und wisse nicht, wie der Fehlbetrag entstanden sei. Er habe nichts für sich verwendet. Trotzdem er nachgewiesenermassen keine vorschriftsmässigen A-51Buchungen vornahm, glaubte das Gericht seinen Aussagen im Wesentlichen. Er wurde zu vier Monaten Gefängnis und 150 Mark Geldstrafe verurteilt. Die Untersuchungshaft wird angerechnet. Auf Antrag wurde er jedoch vorläufig aus der Haft entlassen. NS- Hago- Annaberg: Der SA- Funktionär Trescher hat der NS- Hago 60.000 Mark veruntreut. In den Innungsversammlungen des Erzgebirges ging es deswegen erregt zu. Obwohl Trescher in den Zeitungen eine Warnung erliess, dass er jeden belangen lassen will, der ihn mit Unregelmässigkeiten bei der NS- Hago in Verbindung bringt, wurde in den Innungsversammlungen der Handwerker zugegeben, dass bei der Organisation Unregelmässigkeiten vorgekommen sind. Die schuldigen Angestellten wären aber entlassen und zur Verantwortung gezogen worden. In Chemnitz wurde der Kreisleiter des Lederarbeiterverbandes fristlos seines Amtes enthoben und der Staatsanwaltschaft zugeführt. Unterschlagungen sollen die Ursache für die Entlassung sein. Schlesien: In Neustadt 0.S. wurde der NSBO- Bonze Josef Hoke wegen Unterschlagungen verhaftet. Eines morgens rief er selbst die Polizei und meldete, dass ihm Geld gestohlen worden sei. Es könne nur die Frau, die die Büros reinige für den Diebstahl in Frage kommen. Hoke war aber der Polizei kein Unbekannter. Vor Jahren war er bei der Firma Fraenkel in Neustadt/ 0.S. entlassen worden, weil er als Angestellter in der Kantine Unterschlagungen begangen hatte. Die Polizei suchte deshalb nicht bei der Putzfrau, sondern bei ihm selbst. Hoke wurde seines Postens enthoben. Breslau: Nach ein jähriger Misswirtschaft der Nazis im Gewerkschaftshaus ist folgendes festzustellen: 1.Der Reichstagsabgeordnete Neugebauer ist seines Mandats enthoben. Unterschlagung Mk. 6.800,--. Sein Sekretär ausserdem 3.400 Mark. Der Sekretär hat 1 1/2 Jahre Zuchthaus bekommen. Das Verfahren gegen Neugebauer schwebt noch. 2. Der Hauptkassierer der Gastwirtsangestellten Franz Sackel beging Selbstmord. Unterschlagung 2.950 Mark. 3. Der Kassierer des Fabrikarbeiterverbandes Ernst Dalle wurde plötzlich abgesetzt. Manko 3.150 Mark 4 Der Kassierer des Bauarbeiterverbandes hat einen Markenverlust von 3.500 Stück, die beim Oeffnen der Aktentasche vom Sturm entrissen wurden! 5. Der Gauleiter des Holzarbeiterverbandes Hain, ein notorischer Säufer und berufsmässiger Streikbrecher, hat bei den ihm in der Provinz anvertrauten Geldern infolge leichtfertiger Zählung(?) ein Manko von 1.642 Mark. 6. Der Kassierer der Oderschiffer wurde plötzlich seines Amtes etnhoben, Manko 800 Mark und Berlust eines Kassenbuches. 7. Der Geschäftsführer des Buchdruckerverbandes war 14 Tage beurlaubt. Die Berliner Revisoren waren eine Woche hier. Ergebnis: 428,-Mark zuviel Spesen. Als alter Kämpfer, der früher einen Jungkommunisten so verprügelte, dass er starb, konnte er aus Dankbarkeit nicht entlassen werden A-52Brandenburg: In Forst/ Lausitz war Treuhänder des Volkshauses und Treuhänder der deutschen Arbeitsfront der Textilarbeiter der gesamten Niederlausitz ein gewisser Ranke. Dieser verwaltete diese Aemter offiziell ehrenamtlich und bezog Arbeitslosenunterstützung. Tatsächlich erhielt er aber seit 1.5.1933 Rmk. 400,- monatliches Gehalt. Nachdem sich die Sache aber herumgesprochen hatte, wurde nicht etwa ein Verfahren eingeleitet, sondern R. erhielt einen höheren Posten in Berlin. NSBO- Leiter Berger aus Sohrau hat 3.000 Mark unterschlagen, Betrag, der aus der Parteikasse gedeckt wurde. Der NSBO- Leiter Dahme aus Guben hat 300 Mark unterschlagen. Pommern: ein Der Steward Zühlke war NSBO- Amtswalter auf dem Dampfer" Hansestadt Danzig". Nachdem schon wochenlang auf dem Dampfer Diebstähle vorgekommen waren, wurde er von dem 1. Steuermann beobachtet. Eines Tages wurde er von diesem dabei ertappt, wie er den Geldschrank mit Hilfe eines Nachschlüssels geöffnet hatte. Zühlke war bis 1932 noch Kommunist. Der Herbergsvater im Volkshaus Stettin wurde wegen Unterschlagung entlassen. Nähere Umstände unbekannt. Altona: Der Kreisleiter der NSBO Altona- Fischmarkt, Hörsinger, hat seit Mitte des vorigen Jahres bis Anfang April 1934 alle eingegangenen Beiträge füe sich behalten. Von Seeleuten, die auf den Fischdampfern fuhren, hat er sich Beträge von Mk. 50,-/ 100,-geben lassen, damit er dafür sorgte, dass sie an Bord bleiben konnten, und nicht, wie eigentlich vorgeschrieben war, von SA- Leuten ersetzt wurden. Weiter hat Hörsinger Fässer mit Fischen, die für die Erwerbslosen bestimmt waren, und von den Fischdampfern zur Verfügung gestellt waren, verschoben. Hörsinger ist in Haft. CASO Hannover: Am 26. April 1934 wurde der Angestellte Löhr des Deutschen Fabrikarbeiterverbandes, Hauptverwaltung Hannover, wegen Unterschlagung von Verbandsgeldern in Höhe von Mk. 12.000,-- von der Strafkammer Hannover zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Löhr, von Beruf Friseur, Sturmbannführer der SA., Mitglied der politischen Abteilung der NSDAP, war ab Juli 1933 als Expedient mit einem Gehalt von Mk. 250,- monatlich bei der obengenannten Organisation beschäftigt. In dieser Eigenschaft hat er vom August 1933 Februar 1934 Quittungen gefälscht und das Geld in Höhe von Mk. 12.000, unterschlagen. Vom Vorsitzenden des Gerichts, Colshorn, nach dem Verbleib des Geldes befragt, gibt Löhr zu, seine Schulden in Höhe von Mk. 3.000,-- hiervon bezahlt zu haben. Ferner habe er seine Fahrten nach ausserhalb, die er auf Grund seiner Tätigkeit innerhalb der" Politischen Abteilung" der NSDAP vornehmen müsste, hiervon bestritten. Es seien ihm von dieser Abteilung zwar loo Mark monatlich zugesagt, aber diese Spesen habe er nie erhalten. Der Staatsanwalt rügte besonders die mangelhafte Kontrolle und beantragte 5 Jahre Zuchthaus. Das Gericht erkannte allerdings nur auf A-532 Jahre Zuchthaus. Die Strafe hat Löhr bereits am gleichen Tage angetreten.- In der Presse wurde über den Fall nicht berichtet. Erfurt: 4 Kassierer der NSBO Erfurt wurden nacheinander wegen Unzuverlässigkeit entlassen. Der DMV- Kassierer in Erfurt hat selbst Marken fabriziert. Wetzlar: Der Gewerkschaftsführer Fass wurde wegen Unterschlagungen mit einem Schild durch die Strassen Dillenburgs geführt. Ruhrgebiet: Der stellvertretende Landesobmann Uhle der NSBO für Westfalen hat aus der Nazikasse 75.000 Mark unterschlagen. Er und der Landesobmann, der an den Veruntreuungen mitbeteiligt ist, sind vom Amt suspendiert. Essen: Der frühere Gauleiter der Fachgruppe Bergbau der NSBO Franz Klüsener, wurde wegen Untreue zu 6 Monaten Gefängnis und loo Mark Geldstrafe verurteilt. Der Staatsanwalt hatte 2 Jahre Gefängnis und looo Mark Geldstrafe beantragt. Dem Verurteilten wurde im Dezember 1932 die Leitung der Gruppe Bergbau in der NSBO übertragen. Die Höhe des unterschlagenen Betrages war nicht genau festzustellen. Der Staatsanwalt nahm Unterschlagung von insgesamt 12.000 Mark an. CD Der NSBO- Kassierer in Hörde hat 912, Mark unterschlagen, der NSBO- Kassierer Neuhaus in Essen 21.000 Mark. Koblenz: Drei Angestellte der Kreisleitung Koblenz der Arbeitsfront( Reichsbetriebsgruppe Landwirtschaft) wurden wegen Unregelmässigkeiten zu Zuchthausstrafen verurteilt. 3) Betriebe Sachsen: In den letzten Monaten kam man in den Horchwerken der Auto- Union einer grossen Unterschlagung von Werksgeldern aug die Spur. Der Täter war der in den Werken beschäftigte Kaufmann Willi Hofmann. Hofmann war aktiver SA- Mann und höherer Amtswalter der NSDAP. An der nationalsozialistischen Eroberung der Auto- Union hat er grossen Anteil. Ber Prozess enthüllte, dass Hofmann schon zweimal wegen Unterschlagung mit hohen Gefängnisstrafen vorbestraft ist. Wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung stand er nun zum dritten Male vor Gericht. Ausserdem hat er noch Wechselfälschungen in zwei Fällen begangen. Es handelt sich bei der unterschlagenen Summe um 70.000 Mark. Unter Zubilligung mildernder Umstände wurde er zu 1 Jahr 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Untersuchungshaft von 6 Monaten drei Wochen wird ihm voll angerechnet. Der Betriebszellenobmann Mitulla vom Tiefbauschacht des Sächsischen Erzgebirgsvereins ist ganz plötzlich seines Postens enthoben worden. Es wurde strengstes Stillschweigen über die Gründe bewahrt. A-54Doch die NSBO- Leute halten mit ihrem Wissen nicht zurück, denn sie sind ja in allererster Linie die Geprellten. Mitulla hat nämlich über 500 Mark Uniformgelder der NSBO unterschlagen und für sich verbraucht. Als er die gesammelten Uniformgelder abliefern sollte, stellte sich die Unterschlagung heraus, weshalb er auch vorläufig von seinem Posten entfernt worden ist. Die Arbeitsstelle hat er aber behalten. Provinz Sachsen: Der dreiköpfige Vertrauensrat der Leuna- Werke, der seit vielen Monaten unter dem Vorsitz des SA- Sturmführers Rigling steht, ist von der Gestapo dingfest gemacht worden. Die Unterschlagungen erreichten die Gesamthöhe von Mk. 40.000,--. Der Umfang der Unterschlagung machte jeden Vertuschungsversuch unmöglich. Daher wurde an dem lebensfreudigen SA- Häuptling Rigling ein Exempel statuiert. Er musste sich vor seinem vollversammelten Sturm entkleiden und im Adamskostüm der Verbrennung seiner Kluft und des Ehrendolches zuschauen. Wenige Tage nach dieser Leunaer Sumpftrockenlegung wurde der Vertrauensrats- Vorsitzende der grossen Brotfabrik Schubert in Halle ( Saale) aus seinem Bürosessel heraus verhaftet. Er hatte sich nach und nach die Summe von Mk. 18.000,-" erspart". Der SA- Motorradstaffel- Führer und Mühlenbesitzerssohn Böttcher in Zeitz hat die Kasse der Motorradstaffel um Mk. 3.450,- zu eigenen Gunsten erleichtert. Bayern: Die" Steatit- Magnesia" A.G. in Lauf bei Nürnberg( Belegschaft rund 700 Personen) war früher Familienbesitz der jüdischen Familie Dornauer. Bis in die Anfangstage des Dritten Reiches war im Laufer Betrieb der erste Direktor auch ein Dornauer. Die Arbeiter kamen mit diesem Direktor ganz gut zurecht. Nach der Umwälzung im März 1933 kam eines Tages ein sich als Patent- Ingenieur bezeichnender, etwa 25 Jahre alter Herr Kahlert aus Lauf als Nazibeauftragter in den Betrieb zur Kontrolle. Er setzte den" Juden" Dornauer ab und liess ihn wegen Landesverrats verhaften.( Nach 8 Tagen wurde der Jude wieder aus der Haft entlassen). Dieser Kahlert, der nicht branchekundig war, wollte Betriebsführer werden. Die Aktionäre haben das abgelehnt, sie konnten das, da inzwischen das Verbot der Eingriffe in die Privatwirtschaft erlassen war. Für Kahlert ergab sich also in Lauf kein lohnender Posten. Da wurde er Angestellter des Metallarbeiterverbandes für den Bezirk Bayern mit dem Sitz in München. Davon versteht zwar Kahlert auch nichts. Aber die Metallarbeiter haben nicht so viel Macht wie die Aktionäre der" Steatit- Magnesia" A. G. und darum müssen sie sich den Kahlert gefallen lassen. Dieser Kahlert hatte nun zu Pfingsten Hochzeit. Der Vertrauensrat des Betriebes forderte die Belegschaft auf, durch eine Spende die Mittel zu einem angemessenen Hochzeitsgeschenk für Kahlert aufzubringen. Es wurde gesammelt und es gingen von den 700 Personen ganze 12 Mark ein. Darauf nahm der Vertrauensrat die Gelder für das Hochzeitsgeschenk einfach aus den Kantinenüberschüssen des Betriebes. Brandenburg: Der in der Gasanstalt in Forst beschäftigte Nationalsozialist Walter hat ca. 1.000, Mark unterschlagen. Von behördlichen Massnahmen ist aber nichts bekannt geworden. A-55Frankfurt/ Main: Vor einigen Tagen ist in Frankfurt der Vertrauensrat der Städt. Fuhrpark- Gesellschaft verhaftet worden. Es wird ihm vorgeworfen, die Gelder von" Kraft durch Freude" unterschlagen zu haben. Der Geschäftsführer des nationalsozialistischen" Frankfurter Volksblattes" ein sogenannter" alter Kämpfer" hat 63.000,- Mark unterschlagen. Er wird gesucht. Köln: Der Kassierer der NSBO bei der Firma Martin& Pagenstecher, Köln- Mülheim, ist mit der Kasse durchgebrannt. Man nennt einen Fehlbetrag von 8 bis 9.000,- Mark. Bremen: Der bisherige Obmann des Vertrauensrates der Städtischen Werke, Warnecke, ist wegen Unterschlagungen von Angehörigen des Werkes, die der PO, SA und SS angehören, durch die Stadt geführt worden, wobei er selbst eine grosse Trommel schlagen musste. Auf ihr und auf seinem Rücken waren Plakate angebracht mit der Aufschrift:" Ich bin ein Lump und Arbeiterverräter und habe Arbeitergroschen unterschlagen." 4) Genossenschaften usw. Sachsen: 00 Der Konsumverein Leipzig- Plagwitz hatte kürzlich Vertreter- Versammlung. Vor dieser Versammlung wurden illegale Flugblätter gegen den Vorstand des Konsumvereins verteilt. In dem Flugblatt hiess es: m PG. Kuntze als Beauftragter, früher kleiner Angestellter bei ButterNossing, liess sich 1933 für 3 Monate auf sein Gehalt als Vorstandsmitglied Mk. 1.600, nachzahlen. Zugleich liess er sich einen Ver. trag geben mit dreijähriger Kündigungsfrist. Von seinen guten Freunden brachte er vor kurzem 5 Mann in gehobenen, besonders geschaffenen Stellen des Konsumvereins unter, obgleich der grosse Umsatzrückgang Ersparnisse vorschreibt. Dieser Freundschaftsdienst kostet dem Konsumverein monatlich über Mk. 3.000,--. Im vorigen Jahre lud Pg. Kuntze sogar Amtswalter zur Infornation ein, alles Nichtmitglieder. 16 Schinken im Brotteig, ca. 140 Aufschnitte wurden vertilgt, Unmengen von Bier und Spirituosen, alles auf Kosten der Genossenschafter, wurden gesoffen. Die ernannten Aufsichtsratsmitglieder Pg. Remus und Gassner sind besondere Blüten. Mitten in einer Verteilungsstellen- Inventur musste man Remus wieder hinauswerfen. Die Arbeitsfront hat diesen alten Kämpfer fristlos entlassen müssen und diese saubere Nummer hatte Geld unterschlagen, die Angaben schwanken bis 40.000,- Mark. Der Pg. Gassner hat für seine genossenschaftlichen Dienste im Warenhaus Dresdnerstrasse eine Wohnung erhalten, die dem Konsumverein annähernd 1.600,-Mark vorzurichten kostet. Ausserdem wurde für Pg. Gassner die Miete um monatlich. Mk.30, gesenkt und er bekam als besondere Vergünstigung vom Konsumverein die Wohnungseinrichtung auf Pump. Leipzig: Der Nazi- Kommissar des Konsumvereins bezieht ein Jahresgehalt von Mk. 13.000,-. Das ist weit mehr als die Geschäftsführer vor der nationalen Revolution bezogen. A-56- Im Konsumverein Zwickau und Umgegend sind nur noch Nazis als Geschäftsführer tätig, zahlreiche sind Lagerhalter geworden, nachdem etliche alte hinausgeworfen oder degradiert worden sind. Im Monat Februai I934 weisst die Bilanz einen Unterschuss gegenüber Februar 1933 von 41.000 Mark auf. Der Umsatz ist im Verhältnis zum gleichen Monat des Vorjahres um 1?% zurückgegangen. Der Geschäftsführer Fahrwald leistet sich die erdenklichsten Korruptionen. Er entnimmt Warenproben kiloweise und speichert sie zu Hause auf. Zur Auszahlung der Rückvergütungen muss jetzt das Reservekapital herangezogen werden, was natürlich wiederum die Lage der Konsumvereine nicht bessert. Uebel sind auch die Sparer dran. Denn sie können vom Konsumverein nichts zurückerhalten. Kaum, dass ihnen monatlich Mk, 5;'"" zurückgezahlt werden. Der Chemnitzer GEG-Angestellte Sieben wurde auf Grund seiner hervorragenden Tätigkeit anlässlich der nationalen Revolution in die einem Geschäftsführer gleichende Stelle des Konsumgenossen" schaftlichen Kaufhauses nach Zwickau versetzt. Eine in den Oster- Wochen vorgenommene plötzliche Revision hatte die fristlose Entlassung zur Folge. Schlesien: Bei einer Filiale der Arbeiterbank in X.. fehlten in letzter Zeit in den Geldrollen einzelne Stücke. Einmal in einer 5-Mark-Rolle 2 Stück, dann ein andermal in der 1-Mark-Rolle verschiedene Stücke, an deren Stelle 3-Pfg.-Stücke beigerollt waren. Dies war äusserlich sichtbar, da die Rolle nach der einen Seite spitz zulief. Beschwerden in diesen beiden Fällen wurden ohne weiteres anerkannt und der fehlende Betrag ausbezahlt. Ein Beweis, dass der Geschäftsstelle genau bekannt ist, welche Gauner sie beschäftigt. Breslau: In der Bauhütte ist der erste Geschäftsführer nach 4 Monaten tödlich verunglückt* Fehlbetrag Mk. 4.168,—. Der Nachfolger ist seit 3. Mai verschwunden. Fehlbetrag Mk. 6.2oo,—. Dafür musste die Miete in allen Wohnungen um 2 1/2% erhöht werden. Für die Bauhütte auf der Kusmauerstrasse in Forst amtiert ein Kommissar, der im vergangenen Jahre Mk. 4.000,-- unterschlagen hat* Gegen ihn ist aber bis heute nichts unternommen worden. Konsumverein Stettin: Der Pragraph über die Rückvergütung im Statut ist aufgehoben worden, da die Preussenkasse die Sanierung des Konsumvereins davon abhängig macht. Die Lagerhalter bekommen kei ne Mankogelder mehr. Der bisherige Kreisleiter Köhn der NSBO, der schon als Beitragskassierer der Gewerkschaften früher Gelder unterschlagen und seine Arbeitskollegen in der Schamottefabrik bestohlen hatte, ist jetzt, weil er als Kreisleiter absolut unfähig ist, dort abgesetzt und zum Vorstand im Konsumverein gemacht worden. Hamburg: Der Kommissar der Verlagsgesellschaft Deutscher Konsum- vereine, selbstverständlich ein Nazi, wurde wegen Trunkenheit und absoluter Unfähigkeit aus seiner Funktion entlassen und aus der Partei ausgeschlossen. A-57Köln: Da ist in einem Kölner Vorort eine Wohnbau- Genossenschaft, die in den früheren Jahren unter Leitung von Sozialdemokraten jährlich 35% Dividende zahlen konnte. Nach gut ein jähriger Nazigeschäftsführung ist die Genossenschaft in Liquidation und die Genossen werden noch höchstens 40% von ihrem Anteil erhalten. Bayern: Der Konsumverein Nürnberg- Fürth ist zu einer Versorgstelle für die Familienangehörigen der Nazi- Oberbonzen Holz und Gradl geworden. Holz und Gradl sind Streichers beste Freunde. Holz ist stellvertretender Gauführer. Gradl hat ebenfalls eine hohe Nazistellung inne. Nun ist der Nazireichstagsabgeordnete Gradl Aufsichtsratsvorsitzender im geraubten Konsumverein. Sein Schwiegersohn Fuss ist stellvertretender Direktor in diesem Konsumverein. Die Schwägerin des Holz, ein Frl. Sill ist Kontrolleurin über die Konsumvereinskontrolleure( eine ganz neue Stelle). Auch diese Dame hat ihr eigenes Dienstauto. Der Konsumverein München Sendling ist in einer denkbar schlechten Lage. Die Nazis haben das einst prächtige Unternehmen vollständig zugrunde gewirtschaftet. Bei Uebernahme des Betriebes und bei Ausschaltung des alten Aufsichtsrates wurde eine Kassenrevision und eine Gesamtrevision des Betriebes durchgeführt, bei der der alten Leitung volle Entlastung erteilt und darüber hinaus Anerkennung für die saubere Geschäftsführung bekundet wurde. Der Konsumverein München- Sendling wurde oft als Musterbeispiel genossenschaftlicher Disziplin und Leistungsfähigkeit gerühmt und von Vertretern aus überall besichtigt. Heute, nachdem das Unternehmen durch die Luderwirtschaft der Faschisten zugrunde gerichtet ist sucht man in bodenloser Gemeinheit nach dem Schuldigen. Wo sonst soll man ihn finden, als in der alten Geschäftsführung. Das ist echt nationalsozialistische Gemeinheit. Im ersten Jahre der Naziherrschaft haben lo.500 Mitglieder von einem früheren Genossenschaftsstand von 57.000 Mitgliedern ihren Austritt erklärt. Die Spargelder, d.h. die Einlagen wurden bis Juli 1936 gesperrt( Stillhalteabkommen). Nur 50% der Mitglieder haben sich bisher für dieses Abkommen ausgesprochen in der Angst, sie könnten sonst überhaupt nie etwas von ihren Geldern bekommen. Bis 1. Juli 36 werden überhaupt keine Zinsen bezahlt. Erst von dort an können dann 5% der Einlagen abgehoben werden. Ab 1. Juli 1936 sollen voraussichtlich 2% Zinsen bezahlt werden. Von den verbliebenen 45.000 Mitgliedern kaufen 20.000 nicht mehr beim Konsumverein ein, der Rest nur sehr mangelhaft. Der grosse Autopark der Genossenschaft wurde bei der Machtübernahme durch die Nazis sofort veräussert. Nunmehr sind die Transporte einer Bremer Gesellschaft übertragen, wodurch die Betriebsunkosten erheblich erhöht sind. Aber an allem sind die früheren Marxisten schuld. 3 Deutsch 1 and- Bericht der Sopa de Juni/ Juli 1934 Prag, den 20. Juli 1934 Teil B: Uebersicht en I. Der 30. Juni: Folgerungen und Aufgaben 1) Was ist geschehen? Es wird ein vergebliches Bemühen bleiben, den Sinn der Ereig nisse vom 30. Juni dadurch zu ergründen, dass man nach dem einheitlichen Plan für die Erschiessungen sucht. Das wird schon allein daran scheitern, dass die Motive, Absichten und Ziele der einzelnen Aktionen schon für die Nächst beteiligten schwer durchschaubar sind. Möglich, dass eine Verbindung Röhm- Schleicher- Gregor Strasser bestand, ebenso möglich aber auch, dass Schleicher und Strasser genau so den privaten Rachegelüsten Goerings zum Opfer gefallen sind wie Kahr und andere offensichtlich denjenigen Hitlers. Möglich, dass die Intrigen unter den SA- Führern schon bis zum Grade des Komplotts gediehen waren, sodass es Hitler für ratsam hielt, vorher loszuschlagen, möglich aber auch, dass der schlechte Gesundheitszustand Hindenburgs die Reichswehr veranlasste, von Hitler zu verlangen, dass die Bereinigung des SA- Komplexes unter allen Umständen vor dem Tode des alten Herren erfolgen müsste. Aber alle diese Vermutungen und Hypothesen sind nicht wichtig und nach der Rede Hitlers im Reichstag geradezu überflüssig. Natürlich musste sich Hitler in dieser Rede bemühen, eine lückenlose Theorie wenigstens für die wichtigsten Erschiessungen vorzutragen, aber es ist politisch gleichgültig, wieviel davon Wahrheit, wieviel politisch wichtig an dieser phantastische Schmierenkomödie ist Rede ist allein, dass sie klipp und klar ausspricht, dass mit der Aktion vom 30. Juni Hitler sein Bündnis mit der Reichswehr und der Reaktion besiegelt hat. Nach dieser Rede kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass die dramatischen Begleitumstände der Aktion C B- 2nur der Verhüllung ihrer wirklichen Bedeutung dienen. Es genügt, folgendes festzustellen: 1. Hitler betont in seiner Rede die Treueverpflichtung gegenüber dem Reichspräsidenten, erinnert selbst an den Eid, den er ihm " in die Hand geschworen" hat. 2. Ebenso auffällig und betont bedankt er sich für die Loyalität Blombergs, der ihm am Tage vor der Aktion die Zuverlässigkeit der Wehrmacht ausdrücklich bestätigt und am Tage nachher als erster zum Gelingen gratuliert hatte. 3. Hitler begnügt sich nicht damit, Blomberg einen" Ehrenmann" zu nennen, sondern erteilt auch noch den Offizieren und Mannschaften der Reichswehr ein Lob wegen Wohlverhaltens. 4. Er stellt sich schützend vor Papen und Seldte, die ja schon deswegen nicht am Komplott beteiligt sein könnten, weil sie selbst auf der Liste der Opfer der SA- Meuterer gestanden hätten! 5. Er nimmt ebenso die" Prinzen" gegen den Vorwurf in Schutz, mit den Meuterern in Verbindung gestanden zu haben. 6. Er erwähnt in seiner ganzen Rede nicht mit einem Wort die " Reaktion", gegen die noch zuletzt die ganze Miesmacheraktion gerichtet war, sondern spricht nur in nebelhaften Ausdrücken von den " Drohnen" der Gesellschaft. O formuliert er 7. Schliesslich und das ist das wichtigste über die künftigen Machtverhältnisse den eindeutigen Satz: Der einzige Machtträger der Nation ist die Reichswehr, der einzige politische Träger die NSDAP. Der politische" Sinn" der Ereignisse kann danach nicht mehr die Reichswehr zweifelhaft sein: Die wirklichen Stützen des Regimes und die Wirtschaft haben Hitler gezwungen, mit den wilden Männern seiner Gefolgschaft zu brechen. Gewiss hat sich dieser Bruch in einer Form vollzogen, die niemand voraussehen konnte, aber der innere Gang der Ereignisse ist nur folgerichtig und entspricht dem, was an dieser Stelle vor einem Monat über die innerpolitische Entwicklung festgestellt worden ist. Hitler hat nur die Folgerung aus dieser Entwicklung gezogen, wenn er sich nunmehr offen auf die Seite der wirklichen Machthaber schlug und einen Teil der parasitären Herrenschicht, die mit ihm nach oben gespült worden war, vernichtete. Und ebenso folgerichtig haben die Kräfte der Reichswehr und der Wirtschaft gehandelt, wenn B-3sie Hitler nicht beseitigten, sondern sich seiner bedienten, nicht den Sturz des nationalsozialistischen Regimes erzwangen, sondern seine Umformung. Mit den Ereignissen vom 30. Juni hat sich kein radikaler Bruch vollzogen, sondern die Wehrmacht und die Wirtschaft, die schon vorher die tatsächlich entscheidenden Machtfaktoren waren, haben nur schneller, als man erwarten konnte- die Folgerungen aus den inneren Machtverhältnissen gezogen. Diese Feststellungen sind wichtig für die Beurteilung der weiteren Entwicklung. 2) Was wird werden? Unmittelbar nach den Ereignissen standen viele inländische und ausländische Beobachter so stark unter dem Eindruck der nun aller Welt enthüllten moralischen Verkommenheit, grenzenlosen Brutal ität und skrupelloser Willkür des Regimes, dass sie von der weiteren Entwicklung einen schnellen Zusammenbruch in mehr oder minder dramatischen Formen erwarteten. So gross aber auch in Zukunft die Ueberraschungen noch sein können, mit denen das Regime die Welt in Erstaunen und Erschrecken versetzen kann, so dürfen doch bei einer vorsichtigen Beurteilung folgende Gesichtspunkte nicht übersehen werden: B dass 1. Nach der Mehrzahl der Meldungen scheint festzustehen, die Popularität Hitlers bei der grossen Masse unter den Ereignissen kaum gelitten hat, sondern in manchen Kreisen vielleicht noch gestiegen ist. Auf den ersten Blick musste die Enthüllung der moralischen Verkommenheit der SA- Führerclique als ein Selbstmordversuch des Regimes anmuten, es mag zweifelhaft sein, ob sie in Wirklichkeit ein überaus geschickter Propagandatrick war, gewirkt hat sie jedenfalls so. Es scheint fürs erste dadurch tatsächlich gelungen zu sein, die Aufmerksamkeit der grossen Masse von den politischen Hintergründen der Aktion abzulenken und zugleich Hitlers Ansehen als Reiniger der Bewegung umso mehr zu heben, je mehr man den Schmutz ans Tageslicht zerrte. Auf den ersten Blick musste es weiter so aussehen, als ob durch die reihenweise Umlegung politischer Gegner ohne jedes richterliches Verfahren das Rechtsempfinden des Volkes aufs tiefste getroffen sein musste. Auch das ist einstweilen nicht eingetreten. Im Gegenteil, Hess hat mit zynischer Offenheit sich darauf berufen können, dass B-4= eben bei Meutereien jeder zehnte Mann, ob schuldig oder nicht, erschossen werde und auch Hitler hat sich in seiner Reichstagsrede zu - dieser" Dezimierung" der Gegner bekannt. Dass diese Führer diese brutale Offenheit wagen können, erscheint nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Rechtsempfinden des Volkes durch die Ereignisse der letzten Jahre systematisch untergraben worden ist und dass auch schon vorher das Volk immer starke Sympathien für möglichst" kurzen Prozess" und harte Strafen gehabt hat. Durch seine Reichstagsrede hat Hitler dieser Massenstimmung sehr geschickt neue Nahrung zugeführt: ohne Zweifel haben weite Kreise des Volkes aus dieser Rede den Eindruck gewonnen, dass Hitler durch seine brutale Energie ein viel grösseres Blutbad verhindert habe. Wem das unglaublich erscheint, der muss sich immer wieder vor Augen halten, dass die Masse des Volkes nicht politisch denkt und nicht geübt ist, den Sinn des Geschehens hinter den äusseren Vorgängen zu sehen. Zudem ist diese Wirkung der Ereignisse zugleich der sinnfälligste Beweis für die verheerenden Folgen der umfassenden amtlichen Propaganda und der Unterdrückung jeder unabhängigen Aeusserung, jeder abweichenden Darstellung des Auslandes. Für's erste hat sich jedenfalls die Kalkulation der Wehrmacht und der Wirtschaft als richtig erwiesen, die sie zur Umformung und nicht zum Sturz des Regimes bestimmte: Hitlers Anziehungskraft auf die Massen ist noch immer sehr gross. Wehrmacht und Wirtschaft haben sich der Person Hitlers bemächtigt, weil sie auf diese Weise ihrer eigenen Machtstellung die ungefährlichste Massengrundlage sichern. Sie werden Hitler so lange halten, so lange er diese Anziehungskraft nicht verliert und solange er sich weiter als willfährig erweist, die gungsaktion" im erforderlichen Umfange fortzusetzen. " Reini2. Wie lange wird Hitler auf die Gefolgschaft der breiten Massen rechnen können? Wird er sich durch die Aktion vom 30. Juni nur eine kurze Gnadenfrist verschafft haben, ist die Bewegung wieder in revolutionäre Bahnen gedrängt und müssen neue Spannungen sehr bald zu neuen Entladungen führen? Es gibt eine ganze Reihe von Gesichtspunkten, die für eine solche Entwicklung sprechen: Die niedergemachten Führer haben zum Teil in der SA grosse Sympathien gehabt. Es ist fraglich, ob es dem Regime gelingen wird, die Neubildung und Verkleinerung der SA so durchzuführen, dass dadurch aller Zündstoff für Putsch- und Gewaltaktionen unschädlich gemacht wird. Der reaktionäre Charakter des Regimes B-5wird in Zukunft noch deutlicher hervortreten und langsam nicht nur den Arbeitern, sondern auch den Kleinbürgern die Augen darüber öffnen, dass Hitler längst nicht mehr ihr Repräsentant, sondern der Exponent des Grossbesitzes ist. Schliesslich wird auch die moralische Verkommenheit der Führerschicht zu einer Waffe gegen das Regime werden und eines Tages wird Hitler nicht mehr die Gloriole des Retters umgeben, sondern ihm die ganze Last der Verantwortung aufgeladen werden. So wahrscheinlich es danach sein mag, dass es sehr bald zu neuen folgenschweren Ver wicklungen kommen müsste, so gibt es doch andererseits eine Reihe von Gründen, die eine Festigung des Regimes erwarten lassen. 3. Zweifellos hat die Massengrundlage des Regimes durch die Ereignisse einen Sprung erhalten, der sich in Zukunft mehr und mehr erweitern wird. Aber gleichzeitig haben sich die tatsächlichen Machtfaktoren enger zusammengeschlossen und geben dem Regime eine grössere Widerstandskraft nach innen und aussen. In welcher Form die SA auch wiederkommen mag, sie wird kein Machtfaktor mehr sein. Die Leichtigkeit, mit der es gelang, einen grossen Teil ihrer Führer zu beseitigen, nimmt ihr das Selbstgefühl und den Nymbus der Kraft. Der 30. Juni spielt für die SA dieselbe Rolle wie der 20. Juli 1932 für die Eiserne Front. Die für SA wird noch gut sein für Massent error und Marxistenverfolgungen Reichswehr und Polizei ist sie kein ernsthafter Gegner mehr. So bleibt die Reichswehr" alleiniger Machtträger der Nation", auch wenn es Hitler in seiner Reichstagsrede nicht ausdrücklich ausgesprochen hätte. Und dass sie diese Stellung behauptet und die SA ausgeschaltet hat, ohne selbst in Aktion zu treten, macht ihre Position nur noch stärker und unangreifbarer. Die Reichswehr hat es nach bewährter Tradition auch diesmal wieder verstanden, sich nach aussen aus der Politik herauszuhalten und nur im Innenverhältnis den Ausschlag zu geben. Es ist aber auch keineswegs sicher, dass sich mit dem Hervortreten der tatsächlichen Machthaber, der Reichswehr und der" Wirtschaft", der Druck des Regimes lindern müsste. Diese Machthaber haben den Terror der letzten anderthalb Jahre geduldet, sie haben Hitler bei seinen es ist sehr wohl denkbar, dass sie Kameradenmorden den Rücken gedeckt die Anwendung dieser Methoden auch weiter dulden werden. Und wenn noch andere wilde Männer der Führerschicht" über die Klinge springen" müssen es ist nicht ausgeschlossen, dass das Regime aus der Brutalität nach oben aufs neue das Recht zur Brutalität nach unten folgern wird. B-6Schliesslich ist aber auch das Machtbewusstsein und der Machtwille, die sich in der Reichswehr und der Wirtschaft verkörpern, nicht geringer und mit mehr Hemmungen behaftet als die der nationalsozialistischen Führerclique, nur dass sie sich bei den traditionellen Machtpolitikern Deutschlands berechnender und weitsichtiger äussern. In der folgenden Sonderdarstellung ist die zielbewusste und harte Machtpolitik behandelt, die die Reichswehr seit ihrer Gründung betrieben hat. Daneben muss noch die Geschichte der Machtpolitik geschrieben werden, die die grossen Wirtschaftsführer, insbesondere in der Schwerindustrie, immer und immer wieder auf Kosten des ganzen Volkes verfolgt haben. Die Geschichte des Krieges, der Inflation, des Ruhrkampfes und des Aufstieges der nationalsozialistischen Bewegung ist die Geschichte der skrupellosen Machtkämpfe dieser Wirtschaftsführer. 4. Gewiss bleiben nach wie vor die grossen sachlichen Schwierigkeiten des Regimes ungelöst. Die Exportkrise, die Währungskrise, die Finanzkrise und die Krise der Arbeitsbeschaffung, sind durch die Schüsse vom 30. Juni nicht gemildert, sondern eher verschärft worden. Aber es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass ein Regime an seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten allein zusammenbrechen muss. Die Republik ist 1923 auch nicht zusammengebrochen, obgleich die Wirtschaftszerrüttung am Ende der Inflationszeit zweifellos grösser war als heute. Erst wenn ein Regierungssystem nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch, geistig und willen smässig völlig erschöpft ist, wie 1918 das kaiserliche Deutschland, kann es zu einem Zusammenbruch kommen, auch wenn keine stürzende Kraft vorhanden ist. Von diesem Zustand ist das Regime aber auch heute noch ziemlich entfernt. Ausserdem haben gerade die Ereignisse vom 30. Juni bewiesen, dass ein diktatorisches Regime über eine sehr grosse Beweglichkeit verfügt. Diese Beweglichkeit kann sich in Zukunft auch wirtschaftspolitisch äussern. Das Beispiel Sowjetrusslands beweist, dass sich gerade eine Diktatur grosse Schwenkungen der Wirtschaftspolitik leisten kann. Eine solche Schwenkung kündigt sich in Deutschland an. Die wirklichen Machthaber werden nicht zögern, die wirtschaftspolitischen Folgerungen aus den Ereignissen vom 30. Juni zu ziehen. Schon sind der Führer der gewerblichen Wirtschaft, Generaldirektor Kessler, und der Führer der chemischen Industrie, Generaldirektor Pietsch, recht unsanft zurückgetreten worden. Schon hat sein vorläufiger Nachfolger, Graf von der Goltz, in einem Aufruf an die Betriebsführer die Grundzüge der neuen B- 7Arbeiterpolitik entwickelt, die eine völlige Entmachtung der Arbeitsfront bedeuten:" Sozialpolitische Betreuung oder Vertretung in der Wirtschaftsorganisation ist verboten... Die Arbeitsfront ist nicht die Stätte, wo die materiellen Fragen des täglichen Lebens entschieden werden. Niemand kann wollen, dass die reine Atmosphäre gegenseitigen Verstehenwollens, wie die Erziehung der Arbeitsfront sie fördert, entwertet wird durch die Hintergedanken materieller Interessenvertretung." Zugleich hat der Reichswirtschaftsmin ister Schmitt die umfassendsten Vollmachten erhalten, die je einem Wirtschaftsminister erteilt worden sind. Wenn ihn in Zukunft kein Gesetz mehr bindet auch keines der Gesetze, die das Regime selber erlassen hat wer glaubt, dass ihn noch irgend ein Punkt des nationalsozialistischen Parteiprogramms binden könnte? Es gehört keine Prophetengabe dazu, um vorherzusagen, dass demnächst eine ganze Anzahl von Gau- und sonstigen Wirtschaftsberatern der N.S.D.A.P., alle jene grossen Strategen der Arbeitsschlacht, den Herren Kessler und Pietsch folgen werden. Durch einen solchen radikalen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik kann sich das Regime möglicherweise eine Entlastung verschaffen, die es über die schwierigste Krisenzeit hinwegbringt. Alle diese Ueberlegungen führen zu dem Ergebnis, dass es verfrüht wäre, nach den Ereignissen vom 30. Juni den baldigen Sturz des Regimes zu erwarten. Man darf sich durch die äussere Form dieser Ereignisse nicht täuschen lassen. Sie lagen tatsächlich in der Linie der inneren Umformung des Regimes nach den Absichten der Wehrmacht und der Wirtschaft und vieles spricht dafür, dass diese Linie auch in Zukunft den Gang der Entwicklung bestimmen wird. Nicht nur der Optimismus, auch die Skepsis ist eine notwendige Tugend für den antifaschistischen Kampf. 3) Was haben wir zu tun? Aus den Ueberlegungen über den wahrscheinlichen Gang der Entwicklung ergeben sich die Folgerungen für unsere Arbeit. 1. Das Regime bricht nicht von allein zusammen, es muss gestürzt werden. Es stürzt nicht unter dem Druck noch so verzweifelter Massenstimmungen, es stürzt nur unter dem Ansturm einer organisierten Gegenkraft. Diese Gegenkraft in zäher und zielbewusster Arbeit zu B- 8schaffen- allen Rückschlägen zum Trotz bleibt nach wie vor unsere Hauptaufgabe. Organisatorische Arbeit, die nicht nur von der Hoffnung des baldigen Umsturzes lebt, sondern auch der Belastung einer skeptischen Perspektive gewachsen ist, systematische Arbeit auf lange Sicht ist die einzig mögliche Grundlage eines dauerhaften Erfolges im antifaschistischen Kampf. Alle richtungslose Arbeit, die nur von Illusionen genährt wird, muss auf die Dauer unter den Enttäuschungen aber und Misserfolgen zusammenbrechen. Planmässige Arbeit wird sich auch dann bewähren, wenn die Entwicklung schliesslich schneller und günstiger verläuft, als bei vorsichtiger Beurteilung vother anzunehmen war. Sollte es sich etwa herausstellen, dass die Ereignisse des 30. Juni doch verhängnisvollere Folgen für das Regime haben, als wir erwarten, dann wird die systematische Organisationsarbeit sich keineswegs als überflüssig erweisen. Denn dann wird die Entwicklung neue Aufgaben stellen, denen ebenfalls nur ein festgefügter Organisation skörper gewachsen sein kann. Selbst wenn Hitler stürzt, muss der Kampf weitergehen. Denn die offene Militärdiktatur, die dann zunächst wahrscheinlich folgen würde, würde vielleicht einige Hemmungen der illegalen Arbeit beseitigen, aber immer noch so viele bestehen lassen, dass dann die strengen Grundsätze illegaler Arbeit kaum ohne weiteres über Bord geworfen werden könnten. 2. Eine solche systematische Arbeit wird nur nach den Prinzipien der Kaderorganisation aufgebaut werden können. Wir müssen uns bemühen, in Zukunft eine scharfe Trennung zwischen Führerarbeit und Massenarbeit durchzuführen. Gerade wenn die künftige Entwicklung eine breitere Arbeit ermöglicht, wird diese Trennung unbedingt notwendig. Denn diese beiden Zweige der Arbeit stehen entsprechend ihrer verschiedenen Zielrichtung unter verschiedenen Gesetzen. Die Führung der illegalen Arbeit erfordert sehr viel Erfahrung und ganz abgesehen von allem Menschlichenist es arbeitstechnisch ein unverzeiblicher Fehler, wenn durch rücksichtslosen Einsatz der Führungsgruppen dieses Erfahrungskapital immer wieder verschleudert wird. Es ist ein leichtfertiges Spiel mit den ohnehin beschränkten antifaschistischen Kräften, das die Kommunisten treiben, wenn sie Funktionärgarnitur auf Funktionär garnitur durch rücksichtslosen Einsatz zur sinnlosen Aufopferung zwingen. Ebenso ist es falscher Heldenmut, wenn die Führungsgruppen glauben, sich überall, der Gefahr nicht achtend, in die vorderste Front stellen zu müssen. B-9Was unbekannte und unbelastete Genossen, vom Gefühl hingerissen und vom besten Wollen beseelt, tun, das darf der Mann aus der Führungsgruppe, aus dem Organisationskörper nicht tun. Und die Genossen müssen es lernen, diese Zurückhaltung und Vorsicht nicht als Feigheit zu werten. Es ist nicht die Aufgabe der Männer aus den Organisationsdurch ihr Auftreten z. kaders wie es wiederholt vorgekommen ist 635 B. bei Begräbnisfeierlichkeiten die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu lenken. Gerade diejenigen, die erst jetzt in die Kaders eintreten und die schweren Erfahrungen des letzten Jahres nicht miterlebt haben, können leicht der Illusion erliegen, die Arbeit heute schon für wesentlich leichter und gefahrloser zu halten. 3. So wichtig und für die Zukunft der sozialistischen Bewegung entscheidend nach wie vor der systematische Aufbau fester und gut abgedichteter Organisationskörper ist, so muss doch stets aufs neue die Frage geprüft werden, ob nicht schon der Zeitpunkt für eine grössere Breitenarbeit gekommen ist. Die Antwort darauf wird nicht nur von der allgemeinen politischen Entwicklung, sondern auch von der wirtschaftlichen Struktur, der Einstellung der Bevölkerung zum Regime und den Stand unserer organisatorischen Arbeit im einzelnen Bezirk abhängen. Es sprechen aber in der gegenwärtigen Situation zwei allgemeine gewichtige Argumente dafür, unsere Arbeit in weiteren Kreisen sichtbar werden zu lassen: Das eine ist die immer noch herrschende Angst vor dem Bolschewismus oder vor dem Chaos, das auf den Sturz Hitlers folgen müsste. Diese Angst, die die negative Massengrundlage des Regimes auch da noch bildet, wo die positive schon verloren gegangen ist, zu beseitigen, ist eine der ersten Voraussetzungen dafür, dass die antifaschistische Arbeit in weiten Kreisen überhaupt wirksam werden kann. Wir können an der Ueberwindung dieser Angst allein schon dadurch wirksam arbeiten, dass wir mit unserer Arbeit sichtbar werden und das nicht allein den Kommunisten überlassen, dass wir dem Volke stärker als bisher zeigen, wie aktiv and lebendig die sozialistische Bewegung in Deutschland ist. Das andere Argument, das für die verstärkte Aktivität nach aussen spricht, ist die Tatsache, dass sich aus den Vorgängen vom 30. Juni eine klare und einfache Parole für uns ergibt: Der Kampf gegen Hitler selbst. Gerade weil Hitler trotz der Kameradenmorde, trotz seiner unbestreitbaren Verantwortung für all die angeblich P B-10jetzt erst aufgedeckten Schweinereien und Misstände, trotz seiner unbestreitbaren Abschwenkung in das Lager der Reaktion noch immer bei grossen Teilen des Volkes starke Sympathien hat, muss jetzt der Hauptstoss gegen Hitler geführt werden. Nichts kann die Entwicklung jetzt mehr beschleunigen, als wenn es gelingt, Hitlers Anziehungskraft auf die Massen zu zerstören, dem Volke sein wahres Bild zu zeigen und damit die Reaktion zu zwingen, nach neuen Mitteln zu suchen, um sich eine Massengrundlage zu erhalten. in Gewiss, eine solche Parole ist rein negativ. Aber das ist der gegenwärtigen Situation kein Nachteil. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder den Fehler gemacht, das geistige Fassungsvermögen der Volksmassen zu überschätzen. Die letzten Monate und insbesondere die jüngsten Ereignisse haben uns gezeigt, was das Regime dem Volke alles bieten kann. Verfallen wir jetzt nicht in den Fehler, ein Volk, das allem politischen Denken seit anderthalb Jahren systematisch entwöhnt worden ist, vor schwierige Parolen zu stellen, die es nicht wirklich erfasst. 3. Der Kern der antifaschistischen, der erneuten sozialistischen Bewegung werden auch in Zukunft nur die Arbeiter sein können. An dieser Feststellung müssen wir festhalten, obgleich wir wissen, dass heute noch die Arbeiterschaft gerade diejenige Bevölkerungsschicht ist, die sich in vielen Fällen" mehr als neutral dem Regime gegenüber" verhält. Nur die Arbeiterschaft wird ihrer ganzen gesellschaftlichen Stellung nach einmal gewillt und befähigt sein, ernsthaft für den Sturz des Regimes zu kämpfen. Niemals wird der Mittelständler oder der Bauer ein wirklich opferbereiter Kämpfer für eine neue Gesellschaftsordnung sein%; ihnen geht es nur um die Verbesserung ihrer Lage, die Sicherung ihres Daseins. Man braucht aus dieser Einstellung heraus nicht das Bündnis mit den anderen antifaschistischen Kräften ein für alle mal abzulehnen. Wir dürfen nicht in ein steriles Sektentum verfallen, aber die Arbeiterschaft darf auch nicht als willen und gestaltlose Masse in einen allgemeinen antifaschistischen Volksgemeinschafts- Mischmasch aufgehen. Sie darf nicht vor der Aufgabe zurückschrecken, die geistige und willensmässige Führung der antifaschistischen Front zu erkämpfen. Diese Aufgabe legt ihr eine grosse Verantwortung auf, eine grosse politische Verantwortung und eine grosse organisatorische. In die antifaschistische B- 11Führerrolle wird die Arbeiterschaft nur hineinwachsen, wenn sie sich von allem verwaschenen Opportunismus fernhält, wenn sie sich einen gut durchgebildeten organisatorischen Körper schafft, wenn sie eine feste politische Haltung und ein klares geistiges Gesicht gewinnt. Wenn die Aufgabe, die Arbeiterbewegung wieder aufzubauen, so gesehen wird, so setzt das voraus, dass dieser Wiederaufbau sich nicht mit den alten Schranken und den alten Fehlern vollziehen darf. Die Arbeiterbewegung, die neu erstehen soll, wird nicht allein in der Vertretung der Arbeiter- Interessen den Inhalt ihres Kampfes sehen können, sondern sich für das Schicksal des ganzen Volkes verantwortlich fühlen müssen. Im Kampf gegen den gemeinsamen Feind besteht die grosse Chance, dass die sozialistische Arbeiterschaft ihre traditionellen Schranken überwindet und zum Sammelbecken der Opposition im ganzen Volk wird. Es wird eine Frage der geistigen Reife der sozialistischen Bewegung sein, ob das Volk in seiner ungeheueren Mehrheit in ihr die Vormacht im Kampf gegen den Faschismus anerkennen wird. In diesem Geiste muss an den Wiederaufbau der Arbeiterbewegung herangegangen werden, die unter den heutigen Verhältnissen nur vom Betrieb ihren Ausgang nehmen kann. 5. Die Nationalsozialisten haben sich in den letzten Monaten immer wieder gerühmt, dass sie die Jugend gewonnen haben. Es traf auch zweifellos zu, dass die Jugend von der faschistischen Bewegung viel vollständiger erfasst worden ist als die älteren Generationen. Das war eine starke Stütze des Regimes und eine grosse Hoffnung für die Zukunft. Ist sie es heute noch? Erst vor wenigen Wochen hat der Pressechef der Hitler- Jugend Staebe in der Miesmacher- Kampagne die Parole ausgegeben: " Der Feind steht rechts!" Jetzt steht Hitler selbst bei diesem Feinde und mit Staebes Abgang wird schon für die nächste Zeit gerechnet. Wird die Jugend ohne weiteres in die neue Linie einschwenken? Und wenn es die Jugendführung schon tut, wird die Masse der Jugendlichen folgen? werden sie Das Regime wird alle seine Propagandakünste spielen lassen auf die Dauer wirken, wenn sie in den tatsächlichen Handlungen des Regimes keine Stütze mehr finden? Wir werden im Augenblick nicht viel mehr tun können, als die Vorgänge in der Jugend aufmerksam zu beobachten. Was geht in der HitlerJugend vor? Was bei den Studenten? Vielleicht wird die junge Intelligenz die erste Schicht sein, die wieder zum Denken erwacht und die auch B- 12bereit ist, Folgerungen aus diesem Denken zu ziehen. Schon musste der Reichsführer der Studentenschaft Dr. Staebel zurücktreten, weil er ein Gegner der alten Verbindungen und Corps war. Wir haben allen Grund, die Vorgänge in der Jugend sorgfältig zu verfolgen. Der sozialistische Gedanke hat in den letzten Jahren nur einen Teil der Jugend erfasst und wir wollen offen zugeben, dass wertvolle Kräfte der Jugend im Lager des Faschismus standen und noch heute stehen. Wohir wird sie sich wenden, wenn sie ihre Täuschung erkennen wird? Es ist keineswegs sicher, dass diese Jugend dann den Weg zum proletarischen Sozialismus findet. Sondern es ist sehr wohl möglich, dass sie ohne Verbindung mit der grossen sozialistischen Tradition eigene sozialistische Gedankengänge entwickelt. Diese Gedankengänge mögen uns dann, gemessen an dem kunstvollen Gedankengebäude des Marxismus, primitiv und höchst unvollkommen erscheinen können grosse Bedeutung gewinnen, wenn nur die Jugend, die sie entwickelt, mit gläubiger Liebe und kämpferischem Wollen diesen Gedanken anhängt. sie So ergeben sich für uns aus der Entwicklung grosse und zukunftsreiche Aufgaben, gerade wenn wir diese Entwicklung sehr vorsichtig einschätzen, uns aber zugleich bemühen, sie unter grösseren Gesichtspúnkten zu sehen: Systematischer Aufbau gut abgedichteter Organisationskörper, planmässiger Inangriffnahme der Arbeit in den Betrieben, erste Versuche einer breiteren Arbeit, die die sozialistische Bewegung nach aussen sichtbar werden lässt und ihren Hauptstoss gegen Hitler richtet, und schliesslich sorgfältige Beobachtung der Entwicklung in der Jugend als Vorstufe für eine erfolgreiche Arbeit in der jungen Generation. II. Der Sieg der Reichswehr Die Ereignisse vom 30. Juni haben einige ganz klare Ergebnisse gezeitigt. Hitler hat seine Position bei der Reichswehr und bei den Monopolkapitalisten gewählt. Goering stützt sich auf Polizei und SS, er ist fest entschlossen, seine persönliche Stellung als parasitärer Teilhaber an der Machtclique mit den infamsten Mitteln zu verteidigen. Die SA jedoch ist als Machtfaktor ausgeschaltet worden, sie wird als selbständiger Machtfaktor auch in Zukunft ausgeschaltet bleiben. Damit ist nicht nur eine Periode der Geschichte des Hitlerfaschismus B-13abgeschlossen, es ist vielmehr ein bedeutungsvoller Punkt der deutschen Nachkriegsgeschichte überhaupt erreicht. Um den ganzen Ernst der Ereignisse und ihre Bedeutung für die künftige Politik zu ermessen, ist es notwendig, sich die Verknüpfung der SA und ihrer Geschichte mit dem deutschen Nachkriegsmilitarismus vor Augen zu führen. 1) Der deutsche Geheim- Militarismus Der Staat von Weimar war ein Mischgebilde. Reste des reinen alten Machtstaates standen neben den Ansätzen zum demokratischen Kulturund Wohlfahrtsstaat. Das Reichsheer, das sich bewusst und erfolgreich der Unterwerfung unter die Zivilgewalt entzog, bezeichnete sich sehr bald selbst als den eigentlichen Träger des Staatsgedankens, d.h. des Mabhtstaatsgedankens. Seine Existenz in der in der Nachkriegsgeschichte hist prisch gewordenen Form stand in schreiendem Widerspruch zu der formellen Verfassung. Als im Jahre 1925 Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde, war die Keimzelle des Machtstaates gesichert. Das Reichsheer war der Träger der Tradition der imperialistischen Macht politik. Der Vertrag von Versailles jedoch zog der Ausbreitung und dem Wirken dieses Staats im Staate enge Grenzen. Nun war vor dem Kriege die Machtstaatsideologie und der Nationalismus im Volke tiefer verankert als die sozialdemokratische Bewegung erkannt hatte und wahr haben wollte und weder vier Jahre Krieg noch der militärische Zusammenbruch und die Revolution haben ihn ausgerottet. zeitweiSie haben ihn lediglich bei einem erheblichen Teil des Volkes lig unter die Schwelle des Bewusstseins gestossen. Die grosse Aufgabe der Umformung der geistigen Haltung des Volkes, die Abkehr vom Machtwahn und vom Nationalismus, ist jedenfalls in der Nachkriegszeit nicht erreicht worden. So traten neben das Reichsheer als offiziellen Reprǎsentanten der Machtstaatsidee andere inoffizielle Repräsentanten. Niemals ist in der Nachkriegszeit in Deutschland der Grundsatz durchgeführt worden, dass es im Staate nur eine bewaffnete militärische Organisation geben dürfe, nämlich das Reichsheer! Dies Prinzip ist gewissermassen das Rückgrat eines jeden Staates, wo es nicht durchgeführt wird, gibt es keine wahre Staatsverfassung, sondern Anarchie. Das Reichsheer selbst hat diese Anarchie gefördert. Es hat neben sich nicht nur andere bewaffnete Organisationen geduldet, sondern sie sogar gefördert. Der gesamten Politik aller republikanischen Regierungen hat deshalb etwas unwirkliches, schattenhaftes angehaftet, weil sie neben sich selbständige B- 14= politische Gebilde und das Reichsheer hatten, die sich ihrem Einfluss entzogen und im Gegensatz zu ihren Staatsauffassungen standen. Das begann gleich nach der Revolution. Es gab die Baltikumer, die nach der Revolution in den Randstaaten einen eigenen Staat bilden wollten und dann mit Herrschaftsgelüsten nach Deutschland zurückkamen. Es gab die Brigade Erhardt, die oberschlesischen Freicorps, den Bund Oberland, die Organisation Rossbach, die Organisation Consul, die verschiedenen bayrischen Femeorganisationen, und schliesslich die Schwarze Reichswehr. Sie waren alle konterrevolutionär, antidemokratisch, alle irgendwie miteinander verfilzt, und alle irgendwie von der Reichswehr unterstützt und gefördert. Es war ein deutscher Geheimmilitarismus in Verschmörerform, nach dem Buchstaben des Gesetzes glatt ungesetzlich und verfassungswidrig- aber die demokratische Republik war nie stark genug, um damit Schluss zu machen. Die stärkste und dauerndste Organisation, gewissermassen schon eine Reichsmehrreserve, war schliesslich der Stahlhelm. Alle standen in selbstverständlicher Opposition zum Staate von Weimar: Machtstaat gegen Wohlfahrtsstaat, Militärherr- schaft gegen Demokratie. Eine dieser Gruppen war in den ersten Jahren die N.S.D.A.P., im Zusammenwirken mit Bund Oberland, Reichsflagge und ähnlichen Organisationen in Bayern. Damals begann die Zusammenarbeit zwischen Hitler und Rohm. Röhm verschaffte Hitler Waffen und Geld von der Reichswehr. Alle diese Organisationen hatten nationalistisch-restaurativen Charakter. Es lebten in ihnen Monarchismus, Nationalismus, reaktionäre Ideen. Sie waren die machtpolitische Untermauerung der Politik der Monarchisten und der Reaktionäre vom Schlage der Kahr, Helfferich, Stinnes und Genossen. Sie rekrutierten sich aus der gewaltigen Zahl der überflüssig gewordenen Offiziere, der Landsknechte, die sich nicht in den Frieden zurückfinden konnten, der Abenteurer, der nationalistischen Desperados. Die sozialen Zustände trugen dazu bei, dass sie immer Zulauf hatten. Für alle Reaktionäre und Feinde der Demokratie waren sie nützliche Instrumente. Ihr militärischer Wert war höchst problematisch, doch bestand darüber bei den zünftigen Militärs keine Klarheit. Nach dem Ruhrkrieg, dem missglückten Hitlerputsch von 1923 ünd der Stabilisierung verfiel die Bedeutung dieser Gruppen mit Ausnahme des Stahlhelms. Einige jedoch drangen in das Heer, die Marine, die Verwaltung ein und bildeten hier richtige Zellen. B-15Dafür zeigte sich eine neue Erscheinungsform des Nationalismus die bündische Jugend, die national revolutionären Sekten. Hier verbanden sich im wesentlichen drei Dinge: Traditionen der Jugendbewegung noch aus der Vorkriegszeit, das soziale Ressentiment der Jugend des durch die Inflation vernichteten Mittelstands und eine aus dem Kriegserlebnis geborene Milosophie des Soldatentums. Für die Bedürfnisse der Machtstaatpolitiker und der Reichswehr waren diese Jugendgruppen nicht geeignet wohl aber wurden sie zu einer Keimzelle einer besonderen Spielart des Sozialradikalismus. Hier wurzelte eine antibürgerliche Bewegung, die bald mit sozialistischen Schlagworten spielte und die mit den sogenannten Sozialisten in der N.S.D.A. P. enge Berührung hatte. 2) Der Aufstieg der S.A, Die N.S.D.A.P. hatte sich nach der Entlassung Hitlers aus der Festung wieder neu konstituiert, und zwar mit stark" antikapitalistischem" Einschlag unter dem Einfluss von Gregor Strasser. Sie hatte sich wieder eine Kampftruppe zugelegt, die S.A.( Der Name war der - aber diese S.A. war trotz bayrischen Sozialdemokratie gestohlen!) aller militärischen Organisationsversuche zunächst in der Hauptsache nur eine Progrom- und Knüppelgarde aus den zweifelhaftesten Gestalten. Inzwischen aber gelangten die Machtstaat politiker an einen kritischen Punkt. In ihren Berechnungen hatten bisher die ausgebildeten Weltkriegssoldaten ihre Rolle als ausgebildete Reserven gespielt, nun aber kam der Punkt, an dem für Ergänzung und Erneuerung der Reserven hätte Sorge getragen werden müssen. Von diesem Zeitpunkt an setzte verstärkte Tätigkeit auf dem Gebiete des geheimen, inoffiziellen Militarismus ein- was übrigens mit verstärkter Tätigkeit auf dem Gebiete reaktionärer konterrevolutionärer Wühlerei gegen die Republik verbunden war. Der Stahlhelm wurde ausgebaut, junge Reserven im Stahlhelm gedrillt, die sogenannte Grenzschutzorganisation aufgezogen, militärische Ausbildungskurse durchgeführt. Ueber den Umfang dieser Tätigkeit wurde die Oeffentlichkeit niemals völlig unterrichtet. Von dieser Konjunktur profitierte auch Hitler. Röhm kam aus Bolivien zurück und organisierte. die S.A. in Anlehnung an die Reichswehr organisation mit Reichswehrgeld als eine weitere Reserve neben dem Stahlhelm. Es gab dabei allerhand Tarnungen, z. B. den Volkssportverein des Graf Helldorf, wie zunächst die Berliner S.A. firmierte. B 16So war die S.A. eines der illegalen Eisen, die der deutsche Militarismus im Feuer hatte, bis ihre Bedeutung durch die politischsoziale Erschütterung gewaltig verstärkt wurde, die die Krise mit sich brachte. Das verzweifelnde Kleinbürgertum sah in Hitler, der kräftigen Macht willen verspüren liess, den Retter, die Schwerindustrie benutzte ihn als Versicherung gegen die sozialistische Revolution, der Reichswehr war er wertvoll als Lieferant von Reserven. Mit dem Anwachsen seiner Partei in der Krise wuchs die S.A. Sie erhielt grossen Zulauf nicht nur aus der Mittelstanda- und Bauern jugend, sondern auch von den erwerbslosen jungen Arbeitern, die, ohne Lebensraum, ohne Perspektive, ohne Weltanschauung, dem militaristisch- nationalistischen Denken als der einfachsten Denkform verfielen. Sie fanden in der S.A. Beschäftigung, Verpflegung aber auch geistige Geborgenheit ohne Denkanstrengung, und vor allem Aktivität. Die S.A. wurde typisch für eine geistige Haltung, die den Kampf um des Kampfes willen will, die den Feind tot schlägt, ohne zu fragen, ob und warum er überhaupt ein Feind sei, die nicht ein Ziel erstrebt, sondern nur die Tat, und die deshalb ohne Hemmung" gegen das System" gerichtet werden konnte. 3 O B Mit diesem Wachstum wurde sie etwas anderes, als die Reichswehr Stahlhelm erwartet hatte. Es gab ernste Rei bungen, zumal nach Harzburg und S. A. sich nicht vertrugen. Es waren auf eine Formel gebracht die Gegensätze zwischen der alten Reaktion der besseren Leute und der neuen Reaktion der Plebejer. Die Geschichte, wie Hitler zur Macht kam, ist Juliwahl- Abfuhr bei Hindenburg bekannt-Präsidentschaftswahl Novemberniederlage und schliesslich das Gottesgeschenk der Macht. Im Zuge der Intriguen kam es zu dem S.A- Verbot von 1932. Aber die Verbindung zwischen S.A. und Reichswehr ist niemals abgerissen, trotz Groener! Dafür haben Röhm und Schleicher gesorgt. Röhm war der unermüdliche Unterhändler für Hitler, auf ihm lag die Geldbeschaffung für die S.A. Aber er hatte mit der S.A. zugleich eine gewisse Selbständigkeit, und das Reichswehrministerium hatte immer einen Unterschied gemacht zwischen Hitler einerseits und Röhm und der S.A. andererseits. Schleicher hat in Röhm immer einen neuen Freund der Reichswehr erblickt. So sehr die N.S.D.A. P. als einheitliches Gebilde und einheitlicher Machtwille erschien, so kompliziert war sie in Wirklichkeit. Oben eine Gruppe gewissenloser, mit allen Mitteln um die Macht spielender Abenteurer und Desperados, unten eine fluktuierende, gänzlich programmlose und grundsatzlose Massenbewegung, dazwischen eine Parteiorganisation B-17ohne Funktion, und eine Privatarmee, die von der Partei so unabhängig war, dass die Zugehörigkeit dazu nicht die Parteimitgliedschaft voraussetzte. In diese Privat armee aber war nun so gut wie alles hineingeflossen, was es in der Nachkriegszeit an inoffiziellem Militarismus gegeben hatte! Da feierten Baltikumer, Oberlandleute, Schwarze- Reichswehrmänner, Fememörder und Ministermörder fröhliches Wiedersehen! Alles, Deutschland an konterrevolutionären Aktivisten und Putschisten besass, kam allmählich da zusammen. Zu ihnen stiessen auch Teile der ideologischen nationalrevolutionären Sekten und der Bündischen. Wie in der N.S.D.A.P. die Trümmer aller bürgerlichen Parteien zusammenschmolzen, so wurde die S.A. das grosse Sammelbecken für jede Form des putschistischen Nationalismus. was Es war aber nun die Eigenart der N.S.D.A.P. und der S. A., dass sie den Machtstaat in dieser Periode als Machtstaat nach innen begriff, die Revolution gegen die demokratische Republik, und nicht die Vorbereitung der grossen Schlacht um Existenz und Ausdehnung des Staates als Hauptziel ansah! Das bedeutete, dass der Reichswehr das Instrument aus den Händen geglitten war, das sie selbst erst geschaffen hatte! Es wurde nicht für militärische Zwecke eingesetzt, sondern als innerpolitischer Machtfaktor im Interesse des Monopolkapitalismus und der Grossagrarier gegen die Arbeiterschaft. Der Anspruch der Reichswehr, dass sie Gewalt und Oberbefehl über alle Verbände des inoffiziellen Militarismus haben müsse, hat sich nicht durchgesetzt. Dieser Anspruch ist immer wieder vertreten worden. Man erinnert sich, wie nach der Severing' schen Dokumentenveröffentlichung und der landesverräterischen Rede Hitlers in Lauenburg Groener den Nationalsozialisten und S.A.-Führern im Reichstag drohend zurief:" Im Kriegsfall sind sie alle in meiner Hand!" Es war dies das grosse Problem der Heeresleitung: ob sie im Ernstfalle unbestritten den Oberbefehl haben würde, oder ob nicht durch politisch militärisch- operativ selbständiges Vorgehen einzelner Verbände heillose Verwirrung einreissen würde. Wir selbst sind in der Vergangenheit immer geneigt gewesen, alle diese Dinge nur unter innerpolitischem Gesichtspunkt zu sehen, weil wir bewusst oder unbewusst- von der These ausgegangen sind, dass Deutschland nicht Krieg führen könne, dass der Krieg als Mittel der Politik ein für allemal für Deutschland ausscheide. Die offizielle deutsche Aussenpolitik hat sich diesem Standpunkt stark angenähert. Die inoffizielle Politik der Machtstaatsgruppen aber verlief ganz anders. B-18Sie haben tatsächlich Krieg geführt im Baltikum 1919, in Oberschlesien 1920. Im Sommer 1920 fiel die offizielle Politik in die Machtstaatspolitik zurück, sie bereitete ein Kriegsbündnis mit Sowjetrussland zur Wiedergewinnung des Korridors vor und wandte sich davon erst wieder ab, als der russisch- polnische Krieg mit der russischen Niederlage endete. Während des Ruhrkampfes stand der Aktivismus wieder in Blüte, und nach der Stabilisierung hat es Zeiten gegeben, in denen in einem ausserordentlich grossen Teile des deutschen Volkes eine kriegerische Auseinandersetzung mit Polen sehr populär gewesen sein würde. Die Rüstungen des offiziellen und des inoffiziellen Militarismus waren keineswegs nur innerpolitisch gezielt- der mögliche Kriegsfall war für sie nicht nur ein Vorwand, sondern wurde von ihnen ernsthaft ins Auge gefasst. Man gelangt nicht zu einem Verständnis des faschistischen Sieges, der Ueberflutung Deutschlanda durch eine nationalistische Welle, wenn man sich diese Seite der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht vor Augen führt. Man könnte dies die Geheimgeschichte Deutschlands nennen, weil all diese Dinge offiziell im Dunkeln gehalten wurden. Sie passten nicht zu der Fiktion des restlos friedlichen, restlos entwaffneten, restlos kampfunfähigen Deutschland. Es bestanden eben praktisch zwei Staaten nebeneinander und auch zwei Regierungen! Die Gewalt von Regierung und Reichstag gegenüber dem Heer und seinen Dipendancen war ausserordentlich gering. Innerhalb der Machtgruppe aber gab es auch Differenzen! So wurde das S.A- Verbot des Jahres 1932 nicht hervorgerufen durch verfassungsmässige Bedenken zum Schutze der Demokratie, sondern durch die Enthüllung der Absicht Hitlers, die S.A. dem Oberbefehl der Reichswehr zu entziehen. Sobald zwischen Röhm und Schleicher diese Differenz beseitigt war, musste Groener gehen und die S.A. wurde wieder legalisiert. Aber nun im Januar 1933 hatte sie entscheidende soziale Gruppen auf ihrer Seite, wobei es eine wichtige Rolle gespielt hat, dass Schleicher sich mit der Absicht getragen hat, nicht nur gegen den bankrotten Grossgrundbesitz vorzugehen( Osthilfe skandal) sondern auch die Schwerindustrie zu verstaatlichen, um die industrielle Bereitstellung für den Krieg zu garantieren und zu vereinfachen. Es muss festgehalten werden, dass die Schwerindustriellen zur Sicherung des Privateigentums sich auf Hitler und die S.A. stützten- die S.A., die ein Sammelbecken antikapitalistischer Affekte war. Das scheint ein schreiender Widerspruch zu sein, ist aber keiner! Denn die Motive der einzelnen S.A.- Leute waren für den Charakter der S.A. belanglos, solange sie als reines diszipliniertes e B-19Machtinstrument funktionierte. 3) Reichswehr und S.A. nebeneinander Das Hitlersystem ist von Anfang an bis auf den heutigen Tag eine Koalition gewesen. Wir sehen hier ab von dem klassenmässigen Bündnis, von der partei politischen und sozialen Seite dieser Koalition. Machtmässig koalierten sie: die Reichswehr, der Stahlhelm, die S.A. Die Reichswehr hat in dieser Koalition restlos alles durchgesetzt, was sie wollte und gebrauchte: eine Aussenpolitik, die sie praktisch von den Fesseln des Versailler Vertrages befreite, eine nahezu unbegrenzte Finanzierung ihrer offenen und geheimen Rüstungen, eine Einflussnahme des Staates auf die wirtschaftlichen Organisationen, die die industrielle Rüstung erleichterte, eine ausserordentlich starke Durchtränkung des Volkes mit nationalistischen und kriegerischen Ideen. Die Reichswehr ist schon immer ein ausserordentlich starkes Kriegsinstrument gewesen. Sie wurde nun qualitativ und quantitativ ausgebaut. Sie fühlte sich jetzt erst recht als die eigentliche Repräsentantin des Staates, als die Verkörperung der Nation. Ideell bedeutete die Bekämpfung des Liberalismus in jeder Form die Erhebung der Staatsvergottung zur Staatsreligion den restlosen Sieg des Machtstaatsgedankens, die Konzentrierung aller Kräfte des Volkes auf die Macht, letzten Endes auf die grosse Schlacht. Die S.A. aber erhielt in dieser Koalition freie Hand nach innen! Sie wurde das Instrument des Terrors und der Gleichschaltung, sie wirkte als revolutionäres Instrument ähnlich wie die A- und S- Räte in der ersten Zeit der Revolution von 1918. Sie schwoll zugleich riesenhaft an, und da sie nicht nur auf Befehl, sondern auch aus eigener Initiative funktionierte, blieben die Motive und Affekte ihrer Angehörigen nicht ohne Bedeutung! Schon Jahre vor der Machtergreifung hatte die nationalsozialistische Führerclique sich ihre Gedanken darüber gemacht, und hatte neben die S.A. als Elite- Gruppe die S.S. gestellt, wobei eine soziale Differenzierung vorgenommen worden war. Die S.S. rekrutierte sich vorzugsweise aus besseren Leuten, aus besitzenden Schichten, sie war das freiwillige Garderegiment, das nicht um schnöde 50 Pfennige einen Strohsack und ein Dach über dem Kopf diente. Es gab anfänglich auch in der S.A. feine Stürme. Aber sie wurden alle von der S.S. aufgesogen, die S.A. immer gleichmässiger plebejisch wurde. so dass B-2o- Es war für das System gänzlich unmöglich, diese gewaltige Masse von zuletzt 2 1/2 Millionen Mann zu saturieren. Ein Teil dieser Masse wollte durch die S.A. zum Arbeitsplatz gelangen, ein anderer unendlich grösserer Teil aber hatte ganz anders denken gelernt. Nicht arbeiten, sondern als Soldat leben auf Kosten anderer und sich dabei noch als Glied einer bevorzugten Kaste zu fühlen! Dazu aber musste die Existenznotwendigkeit der S.A. immer wieder bewiesen werden, das heisst, die Revolution durfte niemals aufhören. Schon im Sommer 1933 ging in dieser Masse das Schlagwort von der zweiten Revolution um. Man muss annehmen, dass dieses Schlagwort niemals bewusst auf eine bestimmte Staatsform oder Gesellschaftsordnung zielte. Man hat dies Schlagwort von der zweiten Revolution für einen Ausdruck antikapitalistischem Effektes, ja sozialistischen Wollens genommen. Aber eine Plebejer-Revolte, mit dem Ziel, das Untere zum Oberen zu machen, für sich selbst Macht, Wohlstand, ja Reichtum zu gewinnen, ohne Rücksicht auf die allgemeine Wohltat, hat mit Sozialismus nicht das Geringste zu tun! Die zweite Revolution war der Ausdruck der Unzufriedenheit damit, dass auf dem Rücken der S.A. eine neue- übrigens zahlenmässig ausserordentlich starke Oberschicht sich in eine bequeme parasitäre Existenz geschwungen hatte, während die breite Masse der S.A. schlecht weggekommen und leer ausgegangen war.(Was jetzt das System an moralischen Betrachtungen über Luxus und Lotterleben der braunen Bonzen verzapft, hat mit Moral nichts zu tun, es ist nur dazu bestimmt, die Verärgerung der Schlecht-Weggekommenen aufzufangen). Für den wahren Sinn des Schlagwortes von der zweiten Revolution ist auch von Bedeutung, wie die Führer der S.A. sich benommen haben. Es ist eine in der Geschichte sehr häufige Erscheinung, dass Plebejer-Revolten geführt werden von Deklassierten und Verkommenen, dass Schmarotzertum oben und Kümmerlichkeit unten sich zu gemeinsamer Eroberung zusammentun. Für beide war das Probleme Was wird aus uns in Zukunft? Nach-dem der Marxismus, wie die gewerkschaftlichen Verteidigungsorganisationen der Arbeiter niedergeschlagen waren, wurde die Masse der S.A. für die mit Hitler koalierten Besitzgruppen eine Verlegenheit. Sie fürchteten nun die chaotische Plebejerrevolte. Der Besitz hatte Hitler und Goering auf seiner Seite. Man darf nicht vergessen, dass die Macht für beide eine gewaltige Vermehrung ihres Vermögens bedeutet hat. Goering z.B. hat ein millionenschweres Aktienpaket der bayrischen B-21- Motorenwerke erhalten, wie es heisst, als Tantieme, das Vermögen Hitlers wächst dadurch, dass der Verlag Franz Eher Nachf., dessen Besitzer er ist, unter Anwendung der politischen Macht die grossen Zeitungskonzerne enteignet und ihre Gewinne auf Hitler konzentriert. Hitler erklärte im Sommer 1933 die Revolution für geschlossen, er bedrohte jeden Versuch einer zweiten Revolution mit schwersten Strafen. Es begann nun die Pdriode der offenen reaktionären kapitalistischen Diktatur, in der Wirtschaft und im Sozialen, während im Politischen die neue Herrenschieht ein parasitäres Dasein führte. Goering wollte schon an diesem Zeitpunkt sieh der S.A. entledigen und sich allein auf Polizei und S.S. stützen. Soweit jedoch war Hitler an diesem Zeitpunkt noch nicht. Er wies vielmehr der S.A. die Aufgabe zu, so wie einst das stehende Heer als Erziehungsinstrument zu dienen und jährlich hunderttausende junger Menschen zu erziehen. Gemeinsam mit Böhm wollte er sie wieder zu einem machtpolitischen Instrument machen, ihre Verbindung mit der Reichswehr wieder herstellen. An diesem Punkte aber hatte die Herrlichkeit des totalen Staates ein Ende. Und Hitler wurde in der Folge immer stärker daran erinnert, dass er nicht unumschränkter Alleinherrscher war, sondern sich in einer Koalition mit der Reichswehr befand. Die militärische Bedeutung dieser Millionenarmee erschien der Reichswehr höchst zweifelhaft. Sie sah es mit schärfstem Unbehagen, dass neben ihr ein zweites Offizierskorps entstand, das energisch nach der Gleichberechtigung verlangte und sieh mit Gewalt gesellschaftlich in den Vordergrund schob. Hinzu kam ein tiefgehender Unterschied in dar militärischem Auffassung. Die Reichswehr stellte den modernsten Typ eines Heeres dar, ganz auf Technik, Schulung, Vorbereitung, auf Kriegspotential eingestellt- die S.A. den veralteten Typ des stehenden Massenheeres. Die Reichswehr beruhte auf der Initiative des einzelnen Soldaten, die S.A. auf der eingeprügelten und gedrillten Kadaverdisziplin, sie ist militärtechnisch ein Rückschritt hinter dem Weltkrieg. Sie war vor einigen Jahren der Reichswehr als Notbehelf gerade recht- aber heute ist die Reichswehr viel weiter! Eine nicht geringe Rolle spielte ferner der soziale Unterschied. Das Offizierkorps der Reichswehr ist eng verknüpft mit den alten traditionellen Oberschichten, das Offizierskorps der S.A. setzte sieh zusammen aus alten Landsknechts führarn, Abenteurern, Deklassiertem, Fememördern, Emporkömmlingen. B-22Vor allem aber: diese plebejische Masse mit ihrem ständigen Druck von unten nach oben, mit ihrem Drängen auf Teilnahme an der parasitären Existenz war ein einziger Widerspruch gegen den Begriff des militärischen Ordnungsstaates. Der reine hundertprozentige Machtstaat verlangt eine hierarchische Ordnung von oben nach unten, an deren Spitze das Offizierkorps steht, einen ungestörten Ablauf der Wirtschaftsfunktion" Ordnung im Innern zur Entfaltung der Kraft nach aussen".-Wenn die S.A. ganz abgesehen von der Frage des Oberbefehls- sich dieser Ordnung nicht einfügte, wenn sie mit eigenen sozialen Ansprüchen auftrat, sich selbst als Staat fühlte, und mit chaotischen Bewegungen drohte, wurde sie aus einer Hilfe zu einem feindlichen Element für die Reichswehr. 2 Diese Gegensätze traten immer klarer hervor. Sie wurden verschärft dadurch, dass die traditionelle Oberschicht innerhalb des ganzen Systems immer stärker nach vorne drängte. Die Millionen armee musste bezahlt werden, schon im letzten Reichsetat sind gewaltige Beträge für die S.A. ausgewiesen, die aber nur einen Teil der Gesamtkosten deckten. Je schwieriger die wirtschaftliche Situation wurde, umso drückender wurde die S.A.- Milliarde, umso krasser der Unterschied zwischen der Not des Volkes und der Verschleuderung dieser ungeheueren Beträge. Die S.A. wurde zu einer Bleikugel am Fusse der deutschen Politik. Bei allen Verhandlungen mit den Gläubigern, bei allen Bemühungen, den deutschen Kredit wieder herzustellen, bedeutete der Hinweis auf die S.A. Milliarde einen unwiederleglichen Einwand gegen alle deutschen Vorstellungen. Vor allem aber gefährdete sie das Ziel der Aussenpolitik, eine Legalisierung der deutschen Rüstungen zu erreichen. Solange die SA mit ihren phantastischen Ziffern mit einkalkuliert wurde, erschien eine Legalisierung der Aufrüstungskonzeption, die der Reichs- wehr vorschwebte, unerreichbar. Die aussenpolitische Situation Deutschlands hat sich in den letzten Monaten nach dem Wiederbeginn der französischen Aktivität reissend schnell verschlechtert. Es muss für die Reichswehrführung erbitternd und aufreizend gewesen sein, zuzusehen, wie durch die Existenz der S.A. alles auf dem Gebiete der Aufrüstung Erreichte wieder gefährdet wurde, es muss eine unerträgliche Vorstellung gewesen sein, einem plötzlich eintretenden Ernstfall gegenüber zwei verschiedene Armeen, zwei Offizierkorps, zwei General stäbe zu haben! Und dazu noch die Vorstellung, dass die fortschreitende Erschütterung der Vertrauensbasis B- 23des Systems diese Millionen- masse der S. A. zu einem Faktor gegen die Ordnung machen könnte. 4) Militär- Diktatur Die Reichswehr hatte also ausserordentlich starke Argumente für sich, wenn sie von Hitler die Auflösung der S.A. forderte. Für Hitler selbst wurde die S.A.-Frage zur Existenz- Frage. Er sah sich vor die Wahl gestellt zu optieren zwischen Reichswehr und S.A., zwischen den Oberklassen und der plebe jischen Masse. Er hat für die Reichswehr und die von Oben entschieden. Es ist behauptet worden, und das System hat es niemals dementiert, dass Hitler in Paris die Auflösung der S.A. als Preis für eine Legalisierung der Reichswehr aufrüstung angeboten habe, dass er sogar Garantien dafür versprochen habe, dass die Auflösung ehrlich sein werde. Der Führung der S.A. blieb natürlich nicht verborgen, dass es um ihre Existenz ging, dass sie der Staatsraison geopfert werden sollte, wobei sie jedoch eine andere Staatsraison hatte, als die Reichswehr. Röhm hat im Kabinett den Kampf aufgenommen. Er verlangte Rekrutierung der Reichswehr aus der S.A., Uebernahme der S.A.-Offiziere in die Reichswehr mit gleichem Rang. Um die Masse der S.A.- Leute hatte er sich nicht sehr viel Kopfzerbrechen gemacht. Aber diese Forderungen wollte die Reichswehr eben nicht erfüllen! Hätte sie es getan, so wäre sie aus einem Koalitionsgenossen der herrschenden nationalsozialistischen Clique, deren untermit allen Folgen für die traditionelgeordnetes Instrument geworden len Oberschichten, die an ihr hingen! Damit war die S.A.- Führung in die Position von Landsknechtsführern geschoben, die ihre Formationen nicht auflösen lassen wollten. Sie berieten, sind aber ganz offenbar nicht zu revolutionären Entschlüssen gekommen. Rang- Fragen und Geldfragen scheinen ihnen näher gelegen zu haben als der Gedanke, dass für sie wie für Hitler es nunmehr um eine Entscheidung auf Tod und Leben ging. Hitler war dabei entschieden besser beraten. Dass der Blutplan ausgeweitet wurde, dass auch Schleicher und andere fallen mussten, dass in grossem Umfange private Rechnungen beglichen wurden, geht wahrscheinlich auf Konto Goering. Das Entscheidende aber ist: Die Reichswehr ist heute wieder Träger und Kern des deutschen Machtstaates, sie hat den unbestritte B-24nen Oberbefehl, und darum ist Hitler heute nicht nur ihr Verbündeter, sondern darüber hinaus ihr Gefangener. Sie hat in der Koalition die Oberhand gewonnen, die S.A. wird reduziert werden und wird dem Oberbefehl der Reichswehr unterstellt werden. Mit dieser Regelung wird die deutsche Aussenpolitik ihre Aktivitität wieder aufnehmen. Sie wird nun auf eine Rüstungskonvention hinarbeiten, sie wird unter Hinweis darauf, dass die Ordnung garantiert sei, den Ring der Blockade zu sprengen versuchen. Der offizielle Militarismus hat den inoffiziellen abgeschafft. Das ist es, was wir zu Beginn als bedeutungsvollen Punkt der deutschen Nachkriegsentwicklung bezeichnet haben: der offizielle deutsche Militarismus ist heute technisch und organisatorisch so stark, das System des reinen Machtstaates so fest verankert, dass es die Krücken und Behelfe irregulärer Formationen abwerfen kann! Die Versuchung hat nahegelegen, in den blutigen Ereignissen des 30. Juni und der Zerstörung der S.A. als selbständiger Macht eine Garantie für den Frieden zu erblicken. Wer von aussen sieht, der konnte sich sagen: Die Gefahr, dass plötzlich wilde Aktionen einer unberechneten Masse eine kriegerische Explosion hervorrufen, ist vorbei. Jetzt weiss man endlich exakt, mit wem und mit welchen Kräften man es zu tun haben wird, Deutschland wird aus einem unberechenbaren zu einem berechnungsfähigen Lande. Aber diese Anschauung ist falsch. Jetzt wird die Sache ernst! Die auf die potentielle Vorbereitung des Krieges gerichtete deutsche Machtpolitik hat sich eine schwere Belastung vom Halse geschafft. Sie kann freier als zuvor manövrieren und sie hat dabei nicht einmal an augenblicklicher, militärischer, effektiver Kraft eingebüs st. Sie kann grosse Mittel effektiver als bisher verwenden. Das System ist bei aller Abnützung einzelner Personen einheitlicher als zuvor geworden, man muss sich mit allem Ernst die Bedeutung dieses neuen Bündnisses zwischen Hitler und der Reichswehr vor Augen führen. Wenn nun scheinbar aussenpolitische Spannungen sich abzuflachen beginnen, bedeutet dies keine Garantie für den Frieden. Es bedeutet nur, dass der nächste Konflikt nicht eine Intervention sein wird, sondern ein umfassender, blutig- ernster regulärer Krieg. Nach innen gesehen bedeutet der 30. Juni den Sieg der Armee, nach aussen gesehen eine Konsolidierung des aktivistischen Nationalismus. Das eine ist so schlimm wie das andere!