Deutschland Bericht der Sopa de September Oktober 1934 Prag, am 6.Nov.1934 Teil A: Nachrichten und Berichte Inhaltsübersicht I. Die allgemeine Situation in Deutschland II. 1 Vachsende Kriegspsychose 2) Die allgemeine Stimmung 3) Die Auffassung unserer Genossen 4) Neue Aktivität von rechts 5) Nationalsozialistische Gegenwehr Sozialpolitik und Spendenwirtschaft 1) Der Abban der" alten" Sozialpolitik G I a) Die Aushöhlung der Wohlfahrtspflege der Gemeinden b) Wachsendes Wohnungselend 2) Die" neue" Sozialpolitik a) Die Winterhilfe b) Kraft durch Freude e) Die NS- Volkswohlfahrt 3) Die Spendenwirtschaft a) Die Zentralisierung der Sammelei b) Schulsamaltingen c) Die Adolf Hitler- Spende A 1 14 14 16 20 222 www w 30 -236 36 6 622414 45 48 49 49 93576 63 III. Korruption und Misswirtschaft 1) NSDAP, Hitler- Jugend, NS- Volkswohlfahrt usw. 2) NSBO, Arbeitsfront, Kraft durch Freude Betriebe 3 4) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen 5) Verwaltung 6) Misswirtschaft IV. Die Jugend im Dritten Reich 1) Die Hitler- Jugend a) Erfolge und Grenzen b C Ermüdungserscheinungen Zwang und Drill d) Der Staats jugendtag e) Hitler- Jugend und Jungarbeiter f) Nicht Radikalisierung, sondern Verrohung 2) Die Schule im Dritten Reich G Zusammenfassender Bericht 1. Das Führerprinzip in der Schulverwaltung 2. Die Geistesverfassung der neuen Herren 3. Die Personal politik der Nazis 4. Spitzel- und Denunziantentum 5. Der Organisationszwang 6. Schule und Hitler- Jugend 7. Der technische Unterricht Berichte aus Hamburg und Westsachsen Die Stimmung in der Lehrerschaft- Die Stimmung unter den höheren Schülern. CIDO 6969 69 70 71 73 A-1I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1. Wachsende Kriegspsychose. Vor einigen Monaten stellte einer unserer Bezirksleiter, in dessen Gebiet die Berichterstattung seit langem einen hohen Stand erreicht hat, folgendes fest: Je mehr sich die regelmässige Berichterstattung ausdehnt, desto mehr wird auch ersichtlich, wie sehr die Auffassungen der Beobachter in der Gesamtbeurteilung der Lage auseinandergehen. Dabei ist feststellbar, dass die Berichte der organisierten Arbeitsgruppen, die schon längere Zeit mit uns in Verbindung stehen und die laufend unser Material erhalten, viel tiefer gehen und bei weitem nicht so optimistisch sind, wie die Mitteilungen von Einzelpersonen und erst neu sich sammelnder Gruppen. Angesichts dieser Erfahrungen, die auch bei der Zusammenstellung des Gesamtberichts immer wieder gemacht wurden, hat es besondere Ber deutung, wenn die Berichte in einer bestimmten Situation unabhängig von einander zu einer völlig einheitlichen Beurteilung kommen. Das zeigt sich seit einigen Wochen in den Berichten, die aus allen Landesteilen über die wachsende Kriegspsychose eingehen. Schlesien: 1. Bericht: Dass die Kritik sich nicht in der Weise bemerkbar macht wie vor einigen Monaten, ist hier wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass ein anderes Moment die Bevölkerung gefangenhält; ihr Gesprächsthema ist: Jeder redet vom kommenden Krieg als einer jetzt schon feststehenden Tatsache. Erschreckend ist, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute, auch unsere Genossen, den nahen Ausbruch eines Krieges als gegeben annehmen. Als Termin wird allgemein der Januar 1935 genannt, da bei der Saarabstimmung Konflikte, die zum Kriege führen, erwartet werden. Aus Neustadt 0.S. wird dabei folgender Vorfall gemeldet. Ein Reichswehroffizier, der angetrunken war, äusserte in einem Lokal:" Das ganze deutsche Volk wird unseren Reichsführer auf der Tagung in Nürnberg verstanden haben. Am 14. Januar 1935 werden wir unseren Brüdern an der Saar die Hand reichen. Wenn ich ihnen deutlich sagen soll: am 14. Januar marschieren wir ins Saargebiet ein. Diesen Geheimbefehl habe ich schon in der Tasche. Dann verweisen unsere Leute auch auf den ungeheueren militärischer Betrieb in allen Garnisonstädten. Das Strassenbild ist jetzt schon vom Militär weit stärker beherrscht als während des Krieges. Truppenverlegungen erfolgen überall. Die Motorisierung wird in stärkstem Masse durchgeführt. Es gibt kaum eine schlesische Stadt, in der nicht grosse Kasernenneubauten durchgeführt werden. 2. Bericht: Jeder ist überzeugt, dass die Saarabstimmung den Krie bringt. Es wird den Nazis in den Unterrichtsstunden erzählt, dass wir unter allen Umständen, selbst wenn Deutschland den Polen noch mehr entgegenkommen muss, dieses Land zum Verbündeten bekommen müssen, selbst wenn Deutschland die grössten Opfer bringen muss. Dem Verbündeten muss dann natürlich jede Hilfe zuteil werden. A-2Westsachsen( Bezirksbericht): In der Berichtszeit erscheint als das hervorstechendste Merkmal die in den mündlichen und schriftlichen Aeusserungen unserer Mitarbeiter zum Ausdruck kommende Ueberzeugung, dass das Dritte Reich den Krieg nicht nur materiell, wirtschaftlich und psychologisch vorbereitet, sondern ihm auch bewusst zutreibt. Es kommt demzufolge immer stärker die Ansicht zur Geltung, dass der Krieg als ein nicht mehr abzuwendendes Schicksal Europas kurzfristig bevorsteht. Diese Stimmung hat, ganz abgesehen von der Aussenpolitik des Regimes und der Siedehitze im Saarkampfe, eine höchste Steigerung durch die Attentate in Marseille erfahren, die man im Reich allgemein als das Sarajewo von 1934 bezeichnet. Man hält den Krieg für unabwendbar. Spätestens im Frühjahr 1935 werde es soweit sein. Unsere Berichterstatter vertreten einheitlich die Meinung, dass die Hitlerregierung aus den wachsenden Schwierigkeiten beschleunigt ihre aussenpolitischen Schlussfolgerungen ziehen wird. Wenn es das Regime nur darauf abgesehen gehabt hätte, sich innen politisch zu befestigen und mit dem Ausland in gesichertem Frieden zu leben, dann wäre eine grosse Anzahl der bekannten wirtschaftlichen, finanzpolitischen und aussenpolitischen Schritte des Regimes nicht zu verstehen. Unseres Erachtens nimmt vielmehr das Regime die Belastung der deutschen Wirtschaft, die Unzufriedenheit enttäuschter Erwerbsschichten und die handelspolitische Spannung mit einzelnen Ländergruppen nur in Kauf im Hinblick auf grosse kriegerische Auseinandersetzungen. Diesen Absichten wird alles andere, gegebenenfalls mit Brachialgewalt untergeordnet. Nicht die Massen zufriedenzustellen bezweckt das System, sondern sie kriegswillig zu machen. Nicht die Wirtschaft zu beleben, ist das Ziel Hitlers, sondern sie kriegstüchtig zu gestalten. Nicht mit aller Welt in Frieden zu leben, erstrebt das Regime, sondern die Fronten des gewollten Krieges zu formieren. Und da sich die daraus im Reich und in der Aussenpolitik wirtschaft lich und politisch ergebenden Belastungen vom deutschen Volk nicht lange ertragen lassen, so muss eine derart auf einen bestimmten Punkt, den Krieg, gerichtete Total politik schnell dem Ziele zustreben. Ostsachsen: Es verstärkt sich allgemein die Stimmung in Deutschland, die an einen baldigen Krieg glaubt. Diejenigen, die noch die eignen Kriegserinnerungen haben, wehren sich zwar verzweifelt gegen die Schrecken eines kommenden Krieges, betrachten ihn aber als unvermeidlich. Für ganz kritisch hinsichtlich der Kriegsgefahr hält man die Saarangelegenheit. Mitteldeutschland: Alle Hoffnungen auf einen Sturz des Systems werden mit Kriegsmöglichkeiten in Zusammenhang gebracht. Man hält Komplikationen anlässlich der Saarentscheidung für möglich, erwartet aus diesen Verwicklungen kriegerische Folgen und aus einer solchen Entwicklung revolutionäre Chancen. Nordbayern: Die Befürchtung, dass es bald zum Kriege komme, steckt in den weitesten Volkskreisen. Dort, wo Textilfabriken sind, schliessen das die Leute aus der Verarbeitung des Ersatzstoffes. Dabei denken die Leute einfach mechanisch und sagen:" Das ist wieder die gleiche Sache, wie wir sie im letzten Kriege verarbeitet haben. In anderen Orten sind es wieder die Rüstungsvorbereitungen, die Kasernenneubauten und das Anlegen von neuen Flugplätzen. Südbayern: In einigen Fällen machten wir die sonderbare Entdeckung dass Arbeiter tatsächlich an den Erfolg eines deutschen imperialistischen Krieges glauben, dass sie durch ein militärisch überlegenes A-3Deutschland eine Besserung ihrer Lebenshaltung erwarten. Nordwestdeutschland: 1.Bericht,( Mitte Oktober): Die immer mehr sichtbar werdende fieberhafte Rüstung gibt in der Bevölkerung zu den buntesten Ansichten über die aussenpolitische Situation Veranlassung. In der geschulten sozialistischen Arbeiterschaft rechnet man zwar auch mit der Möglichkeit eines Krieges, ist aber davon überzeugt, dass sowohl die Generalität wie die Rüstungsindustrie Hitler immer wieder zu Friedensbeteuerungen und aussenpolitisch friedlich anmutenden Massnahmen veranlassen werden. Von der Generalität aus dem Grunde der noch unzureichenden kriegerischen Kraft und wegen der gegenwärtig zu starken Isolierung, die durch diplomatische Missionen wenigstens nach der südöstlichen Seit gelockert sein müsste. Der Rüstunga ndustrie unterstellt man die Taktik, lieber möglichst lange Rüstungsarbeit" für den eventuellen Fall" leisten zu wollen, als während des offenen Konflikts eine kurze absehbare Zeit arbeiten zu müssen. Im Bürgertum glaubt man an Hitlers ehrlichen Friedenswillen. Die Isolierung Deutschlands schreibt man mehr der Absicht zu, für die Zukunft jede starke Machtstellung Deutschlands im Zentrum Europas zu unterdrücken, die gefürchtete deutsche Wirtschaftskonkurrenz endgültig zu beseitigen oder sie nach einer Zerschlagung Deutschlands der eigenen Wirtschaft einzugliedern, um dadurch das ehemalige Weltkriegsziel nachträglich zu erreichen. 2. Bericht( Ende Oktober): Bei der gesamten übrigen Bevölkerung wirkt am erschütterndsten ihre psychologische Verfassung, die den Krieg als unvermeidlich ansieht und in grossem Umfang sogar mit: seinem baldigen Ausbruch rechnet. Auch ein grosser Teil der Arbeiterschaft sucht Erlösung vom nationalsozialistischen Uebel durch den Krieg. Das zeigt wiederum, dass die psychologischen Bedingunge für einen kämpferischen Vorstoss der Arbeiterklasse gegen das faschistische Regime noch nicht vorhanden sind. Sie flieht aus der politischen Wirklichkeit in die politische Metaphysik. Was wechselt sind ihre Hoffnungen. Früher war es eine Militärdiktatur oder die Monarchie, jetzt ist es der Krieg. Die Tragik liegt darin, dass damit auch die Kriegschancen wachsen, während alles darauf ankommt durch wachsenden inneren Widerstand das Naziregime von diesem letz ten und verbrecherischsten Abenteuer abzuhalten. Diese Berichte lassen im wesentlichen die Ursachen der wachsenden Kriegsstimmung erkennen: 1. die bevorstehende Saarabstimmung, 2. die allgemeine Rüstung, 3. die Hoffnung grosser Teile der unterdrückten Arbeiterschaft auf den Krieg als den Totengräber der Hitler- Diktatur, 4. das Attentat von Marseille. Das Regime scheint das Anwachsen der Kriegs psychose durch die unteren Instanzen des Macht apparats bewusst zu schüren, um damit einen entscheidenden Druck auf die Saarbevölkerung auszuüben. Offenbar soll der Saarbevölkerung zum Bewusstsein gebracht werden Stimmt ihr für den Status quo, so werden wir uns die Saar mit Gewalt nehmen, dann gibt es Krieg und der Krieg wird auf eurem Boden ausgetragen werden. A 1 Hamburg: In einer Versammlung der NS- Hago und der Arbeitsfront, Orts gruppe" Holstenbor" am 24. September führte der Hauptabteilungsleiter der NS- Hago Hamburg, Pg. Willi Hoffmann zur aussenpolitischen Lage aus: Die Juden- und Emigrantenhetzer im Ausland sollten nicht glauben, dass die Partei und das deutsche Volk für immer still zusehen werden, wenn die Hetze im Ausland gegen Deutschland andauere.( schlägt mit der Fa auf dem Tisch) Wenn aus dem Saarkampf sich kämpferische Verwicklungen geben, oder es gar zu einem Krieg kommt. dann werden wir nicht zurückschrecken, liese ganze Judengesellschaft mit Stumpf und Stiel auszurotten. Mitteldeutschland: In Gesprächen mit höheren SS- und SA- Führern, wie auch mit nationalsozialistischen Akademikern findet sich neuerdings immer wieder folgende einheitliche Beurteilung der nächsten aussenpolitischen Entwicklung: Die Saar bevölkerung werde für Deutschland stimmen. Trotzdem werde Frankreich, oder unter seinem Drucke, der Völkerbund, keine einwandfreie Rückgliederung der Saar zulassen. Deutschland werde angegriffen werden. Wenn nicht die berechtigten deutschen Ansprüche auf die Saar Kriegsgrund für Frankreich abgeben sollten, werde Frankreich die Aufrüstung zum Anlass kriegerischer Auseinandersetzungen wählen. Deutschland werde im Falle einer Kriegsniederlage zerschlagen und aufgeteilt werden. Im Gegensatz zu diesen Befürchtungen, die offenbar systematisch verbreitet werden, um den Widerstandsgeist und den Selbstbehauptungswillen des Volkes zu stärken, steht offenbar die Ansicht der Offizierskorps der Reichswehr und des militarisierten Teils der Sicherheitspolizei. Als durchaus typisch wird ein Gespräch mit einem hohen Offizier der militarisierten Polizei bezeichnet: Frage: Warum rüstet Deutschland so stark und schnell auf? Off.: Weil im Konzert der Völker nur dasjenige Volk Gehör findet, das militärisch ausreichend gesichert ist. Frage: Muss nicht befürchtet werden, dass Frankreich gegen eine weitere Aufrüstung unter Berufung auf die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages einschreiten werde? Off.: Frankreich ist doch bisher nicht eingeschritten 1 Frage: Aber es ist doch denkbar, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ein solches Einschreiten erfolgt. Off.: Nein, Frankreich wird wegen unserer Aufrüstung keinen Krieg gegen uns riskieren. Es fürchtet uns schon wieder zu sehr, um kriegerische Auseinandersetzungen mit uns zu wagen. Mir wurde weiter versichert, dass der Generalstab keinen Krieg wünsche, da man sich in seinen Kreisen durchaus über die militärische Unterlegenheit klar sei. 2.) Die allgemeine Stimmung Der grösste Teil der Berichte stellt eine wachsende Abstumpfung und Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber dem Regime fest: Nordwestdeutschland: Nimmt man den Schein für Wirklichkeit, dann sieht es so aus, als das das fschistische System völlig stabilisiert. Der gewöhnliche Alltag ist eingezogen. Es ist alles so all täglich geworden, dass weder Feste einen erhebenden, noch Terror einen abschreckenden Eindruck machen. Auf die Dauer stumpft eben alles ab, besonders dann, wenn die Skala der Abwechslungen ganz eng begrenzt fst. Man kommt immer mehr dahinter, dass die Feste gar keine Freudenfeste, sondern Ablenkungs feste sind. A- 5Rhein und Ruhr: Die Steigerung der Not macht die Massen allgemein missmutig. Die Massen leben aber, soweit sie nicht früher eine feste politische Einstellung hatten und soweit sie nicht feste Nazis sind, fatalistisch dahin. Manch einer möchte schon seine Empörung hinausschreien. Angst und der Mangel an jeder politischen Orientierung hindern aber an Rebellion. Das Gefühl der Ohmacht und der Ermattung, nach jahrelangem schwersten Kampfe für die Freiheit ueberwiegt. Bis zum Tode Hindenburgs hofften Viele auf Konflikte mit der Reichswehr. Nachdem sich zeigt, dass diese Spekulation falsch war, greift das Gefühl der Niedergeschlagenheit um sich. Die Bedeutung der Oppositionsstimmen vermag nur ein kleiner Teil in ihrer Bedeutung abzuschätzen. Hitler und Goebbels, die wissen, welche Bedeutung diese Opposition hat, haben verstanden, durch ständigen Hinweis auf die zahlenmässige Ueberlegenheit ihrer Anhängermassen, ihre Macht als unerschütterlich erscheinen zu lassen. Hinzu kommt schliesslich die Wirkung, die Hitler mit seinem öfteren demonstrativen gemeinsamen Auftreten mit der Reichswehr beabsichtigt und erzielt. Württemberg: Falsch wäre es nach der Meinung unserer Berichterstatter, anzunehmen, dass etwa in Arbeiterkreisen eine wirkliche grundsätz liche Opposition gegen das Regime auftrete. Ein Teil der ehemaligen Gewerkschaftler hält nach wie vor unter sich die Verbindung aufrecht, ohne über viel mehr als die allernächsten Fragen zu sprechen. Die Mehr heit der Arbeiter ist beinahe apathisch den Dingen gegenüber und ent- i wickelt sich zusehends von der Politik weg. Sehr stark wirkt in dieser Richtung die starke Verschlechterung der Einkommenslage, die alles andere als revolutionierenden Einfluss ausübt. Soweit man aus den Einzelberichten, die mir zugingen, Schlüsse ziehe kann, gehen sie dahin, dass zwar die allgemeine Stimmung gedrückt ist und vielfach kritische Strömungen auftreten, die sich jedoch nur selten gegen den Bestand des Regimes an sich richten, und dass dieses Regime selbst als vorläufig konsolidiert erscheint. Hoffnungen auf der Winter und eine eventuell damit verbundene wirtschaftliche Kathastroph machen sich unsere Leute, soweit sie ernsthaft zu den Ereignissen Stellung nehmen, nicht. Bayern: Die Stimmung unter der Bevölkerung, wenn man von einer solchen im allgemeinen sprechen will, scheint immer indifferenter zu werden. Man nimmt die Herrschaft des Nationalsozialismus als eine Tatsach hin und bangt nur, dass neue Verwicklungen und nur dumpf geahnte Störungen das eigene Dasein in Mitleidenschaft ziehen könnten.. Die politische Unkenntnis des Volkes ist der Boden, auf dem die phantastischsten Gerüchte nur so ins Kraut schiessen. Die Leute warten schon wieder auf einen neuen grossen Krach im Regierungslager. Schlesien: Die Unzufriedenheit hält weiter an. Massnahmen der Regie: rung werden besonders in den Betrieben besprochen und kritisiert; teilweise öffentlich lächerlich gemacht. Daneben ist aber auch zu beobachten, wie weite Bevölkerungskreise, die dem Regime absolut feindlich gesinnt sind, resignieren und den jetzigen Zustand als für absehbare Zeit unabänderlich bezeichnen. Etwas anders erscheint die Massenstimmung in den nachfolgenden Berichten: 0-6Baden: Die Massen, die in der letzten Zeit Sensationen genügend erlebt haben, fangen nun langsam an, von Illusionen freizuwerden. Der Abschied des Obersten von Hindenburg und die Entlassung der Offiziere aus der Marine wurde nicht mehr als eine Sensation von der Bevölkerung aufgefasst, im Gegensatz zu früher, wo man sich schon Illusionen machte, wenn irgend ein Bundesgenosse oder Kampfgefährte diesem den Rücken kehrte. Man erkennt jetzt, dass Hitler unumschränkt regiert. Dass er die volle Verantwortung trägt, für alles, was geschieht. Man hört immer weniger die Redensart:" Dies will der Führer nicht!" Man diskutiert immer stärker die Massnahmen der Regierung. Hieraus ist. zu erwarten, dass der Nimbus um Hitler immer mehr zerstört wird. Diese Entwicklung hat ihre Ursachen nicht zuletzt darin, dass sich die Lebenshaltung in der letzten Zeit immer mehr und mehr verschlechtert. Die Masse fühlt, dass es nicht vorwärts, sondern rückwärts geht Preiserhöhungen werden in der letzten Zeit sowohl in den Kaufläden, wie in den Betrieben und bei allen sonstigen Gelegenheiten stark und mutig diskutiert. Nicht selten werden von der Gestapo solche Leute verhaftet und verwarnt. Nordbayern: Beim letzten Stempeltag stand vor der Zweigstelle des Arbeitsamtes Weiden eine stattliche Zahl Erwerbsloser. Einer nahm sich den Mut und fing zu erzählen an:" Früher, wenn man zum Ecker nach Weiden( dem ehemaligen Parteisekretär) gegangen ist, hat man doch Auskunft bekommen und er ging mit einen auch zum Arbeitsamt, aber jetzt hat man nirgends eine Hilfe!" Allgemeine Zustimmung bei allen Erwerbslosen. Vor einem halben Jahre hätte sich das noch niemand zu sagen gewagt und wenn schon, dann wäre er nicht mehr vom Arbeitsamt weggekommen: Südbayern: Neben solchen, die an den Führer Adolf Hitler glauben, gibt es viele, die eine Anerkennung des Regimes und ihres Führers vortäuschen und sich bei jeder Gelegenheit vor den Konsequenzen diese Anerkennung drücken. In der letzten Zeit haben wir beobachtet, dass in den Betrieben während der Frühstückspausen die Diskussion immer mehr auf das politische Gebiet übergeht. Es gibt dabei sehr interessante Auseinandersetzungen. Die begeisterten Nazis werden von den anderen dann durch Fragen bearbeitet, die oft mehr wirken als eine offen geäusserte Gegnerschaft, die sich heute noch keiner erlauben kann. Ein Teil der Berichterstatter betont auch, dass jetzt schon Diskus. sionen und Kritik in Gegenwart von Nationalsozialisten, vor allem von " alten Kämpfern" möglich sind. Baden: Die Enttäuschung wird also sichtbarer und geht bis in die Kreise der SA und der Amts- walter. Man kann heute in Anwesenheit von SA Leuten und NS- Funktionären Kritik üben, ohne Gefahr zu laufen, von diesen Leuten bei der Gestapo angezeigt zu werden. Es ist also nicht mehr wie früher, wo jeder SA Mann der verlängerte Arm der Gestapo war. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die" alten Kämpfer" aus der Bewegung hinausgedrängt sind und sich ganz im Hintergrund und gleichgültig verhalten. A-7Südbayern: Es sind uns verschiedene" alte Kämpfer" bekannt, deren Stimmung geradezu miserabel ist. Ihnen ist längst der Traum von einem grossen herrlichen Deutschland vergangen und sie prophezeien ein baldiges Ende. Gerade diese alten Kämpfer sind es, die in ihrer Kritik sich am weitesten vorwagen. So ist uns ein Mann bekannt, Inhaber eines grösseren Geschäftes, der seit Beginn der nationalsozialistischen Bewegung in unserer Provinzstadt führend tätig war, der in den ersten Zeiten viele materielle Opfer der aufblühenden Organisation gebracht hat, der aber heute in seinem Geschäft Bekannten gegenüber in aller Offenheit, obgleich er noch Mitglied in der NSDAP ist, den baldigen Zusammenbruch vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht voraussagt. Es ist ihm heute unbegreiflich, erklärt er, dass man einstmals einer Sache folgen konnte, die sich nun heute als das gerade Gegenteil des Erhofften entpuppte. Die Nationalsozialisten hätten ihn schon des öfteren wegen seiner Aéusserungen gewarnt, er sage aber genau so seine Meinung wie er auch einstmals rücksichtslos. in der jungen Bewegung kämpfte. Dabei wisse er sich eins mit vielen seiner einstigen Kampfgefährten. Westsachsen: Seit der Wahl vom 19.8. ist auch mit sehr vorsichtigen Leuten wieder eine politische Aussprache möglich. Nicht selten kommt. es vor, dass in den Lokalen, auch in ehemaligen Parteilokalen, Gespräche geführt werden, ohne dass Rücksicht auf die Anwesenheit nationalsozialistischer Gäste genommen wird. Mit besonderer Vorliebe werden politische Gespräche geführt, wenn" alte Kämpfer" anwesend sind, die keinen Posten erhalten haben. Die Berichte über die anhaltende Hamsterei, die jetzt offenbar durch die Kriegspsychose einen neuen Auftrieb erfährt, sind wieder sehr zahlreich. Wir greifen nur zwei heraus: Südbayern In der Bevölkerung ist die Auffassung allgemein verbreitet, dass eine Warenknappheit zu einer Zwangswirtschaft ähnlich wie im Kriege führt und dass man dann selbst für das Geld nichts mehr bekommt. Jeder kauft und kauft. Besonders die Käufe auf Abzahlung werden in Massen getätigt. Die Nationalsozialisten whren sich gegen eine solche Panik, können sich aber nicht durchsetzen. Ihre Beruhigungsversuche bewirken das Gegenteil. Gerade weil man überall gegen die Gerüchte Stellung nimmt, aber keine klare Widerlegung geben kann, werden die Leute noch misstrauischer. Dieses Misstrauen greift heute schon auf Angehörige der nationalsozialistischen Partei über. Es sind uns Pg., sogar solche in Amt und Würden bekannt, die eifrig Winterstoffe und Anzüge kaufen. Nordbayern: Der" Frankenführer" Streicher führte in einer Rede in Nürnberg am 12. Oktober aus:" Wie niedrig sind jene Menschen, die da Gerüchte tuscheln und glauben, was der Teufel sagt. Sie kaufen Hemden und Kleider, Schmalz und Mehl. Sie kaufen jetzt alles ein, was sie erbeuten können. Und wenn es wirklich schief gänge, was würde dann das Mehl und die paar Kleider und das Schmalz helfen? Noch nie stand unsere Wirtschaft so gut wie heute. Wir werden den Winter überstehen, wie noch keiner überstanden wurde. Und die, die dem Teufel glauben, werden sich wundern und sich schämen, denn es ist eine Schande, wenn dies in der Stadt des Reichsparteitages geschieht." 3. Die Auffassung unserer Genossen: A-8a 0 Es wird gehamstert und kritisiert, es werden die tollsten Gerüchte geglaubt das zeigen allein schon die zahllosen amtlichen Verwarnungen" gegen die Gerüchtemacherei" in der gleichgeschalteten Presse aber das alles bleibt zum grössten Teil nur an der Oberfläche. Unsere Genossen erkennen immer mehr, dass diese allgemeine Unzufriedenheit noch keine politische Kraft ist. Nordbayern: Man könnte zum ixtenmale wieder ausführlich berichten, dass mit Ausnahme der Hitlerverehrer, der Bonzen und derer, die noch hoffen, es zu werden, eigentlich alle Volksschichten nicht nur nörgeln, sondern schon sehr vernehmlich schimpfen. Die Massenbasis der Hitlerbewegung ist ideologisch gewiss sehr stark erschüttert. Ein Genosse charakterisiert das mit folgenden zwei Sätzen:" Die Geschäftsleute, die sicher ihr gut Teil zum Siege der Hitlerei beigetragen haben, wollen es jetzt, da sie die Bescherung sehen, nicht gewesen sein und sagen:" Ich bin froh, dass ich ihn nicht gewählt: habe." Diese Redewendung kehre so allgemein bei den Unterhaltungen wieder, dass man sich, sofern man sie ernst nähme, fragen müsste, wo denn Hitler dann 1933 seine Stimmen hergenommen habe. Aber der Genosse setzte selbst hinzu:" Schimpfen tut alles, am meisten die Bauern, obwohl für sie das Hitlersystem mehr als für eine andere Volksschicht geleistet hat, aber was hilft uns das Schimpfen?" Alle diese Genossen sind über das Stadium hinaus, da man glaubte, dass Nörgelei, Miesmacherei und Witzelei über das Hitlersystem schon Anzeichen seines nahenden Endes seien. Die Genossen haben keineswegs den Glauben an die Zukunft verloren, sie sind alle der Auffassung, dass unsere Zeit wieder kommt, sie sind sich nur auch völlig im klaren darüber, dass erst organisierte Kräfte geschaffen werden müssen, die eine systematische Zerstörungsarbeit am Hitlersystem leisten und zugleich aufzeigen, welche Wege herausführen. Die Genossen erkennen die gewaltige Aufgabe, die gestellt ist, wenn man Hitlerterrorismus und Goebbelspropaganda überwinden will, halten ernstlich Umschau nach den Kräften zur Lösung dieser Aufgabe und müssen konstatieren, dass mit den nörgelnden Haufen gar nichts anzu fangen ist und dass die Arbeiter in ihrer grossen Masse auch nicht so sind, wie sie sein müssten. So wird z. B. in den drei Lederfabrik. dieses oberfränkischen Industriestädtchens mit Hochdruck gearbeitet, bis vor kurzem noch im Zweischichtensystem. Die Arbeiter verdienen gut und- gehen unseren Genossen aus dem Weg, damit sie mit ihnen nicht in unliebsame Gespräche verwickelt werden. Die Hilfsarbeiter verdienen dort in der Woche 25- 30 Mark, die gelernten Arbeiter ( Gerber) 40 Mark. Sie erörtern nicht die Frage, wieso es komme, dass gerade sie so beschäftigt sind, während im gleichen Ort die Porellanarbeiter sehr verkürzt arbeiten und in der grossen Holzwollefabrik nur alle 2 Wochen 2- 3 Tage hintereinander gearbeitet wird und dann das Werk wieder steht. Dieses Sichabfinden. mit der Hitlerei in den Arbeiterkreisen, wenn man nur etwas zu arbeiten hat und leidlich verdient, das macht unseren Genossen die grösste Sorge. Gewiss sind unsere Genossen auch in diesem Gebietsabschnitt der Auffassung, dass die Partei fast im alten Umfange wieder dastehen würde, wenn man sich wieder rühren könnte, wenn es Versammlungs- und Pressefrei heit wieder gäbe. Aber das ist eben nicht die politisch aktuelle Frage, jetzt haben wir es damit zu tun, unter den gegebenen Umstände 4. die erforderlichen Krafte iur die illege beit da stossen unsere Freunde überall noch auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Südbayern:( aus einem Brief) Das Volk ist so wie es eben sein kann. in schleicht umber, lässt einmal ein Wert der Kritik fallen, wenn man sicher ist, dass es nicht ein Unrechter.auffängt, im übrigen lässt man der Weltgeschichte ihren. Lauf. An irgend einen Widerstand denkt natürlich niemand. Wie eine Riesenfessel hält die nationalsozialistische Partei alles unspannt und lässt jede Regung nach Freiheit und Licht ersterben. Unzufriedene gibt es nicht wenig, aber sind sicher nicht mehr als in der Republik. Es gibt viele, die für die Zukunft nichts Gutes prophezeien, aber ich sehe die Bache nicht nur von der Wirtschaft her. Wenn man darauf spekuliert, dann scheint es zwar, dass der kommende Winter grosse Schwierigkeiten bringt, aber was sollte kommen, wenn diese Regierung durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch verschwindet? Eine sozialisti sohe.Revolution käme ganz bestimmt nicht, eher ein Ende des deutschen Reiches. Rheinland( 1.Bericht) Da entsteht dann jener Fatalismus, der überwunden werden muss, wenn Hitler stürzen soll. Vorläufig allerdings scheint es, dass der Glaube an die Macht der Freiheitsliebenden noch schwindet und es ist leider Tatsache, dass sich auch kluge ehemalige Parteigenossen" abfinden". Mir haben in letzter Zeit ehemalige Gewerkschaftsangestellte wiederholt gesagt, die illegale Arbeit habe gar keinen Zweck und dass Hitler sehr lange an der Macht bleiben würde. Themalige Parteisekretäre aus Köln haben mich ähnliches wissen lassen. Gewiss, es waren zumeist ältere Leute, bei denen man vermuten muss, daso sio Manches subjektiv sehen werden. Aber, im luftleeren Raum leben die Leute ja auch nicht und sie stecken leider manchen brauchbaren jungen Genossen an. Es entsteht eben die Gefahr, dass Kirchhofsruhe eintritt. Das müssen wir zu verhindern suchen. Dieser Meinung sind auch die Illegalen meines Gebietes. Ein Teil meint sogar, wir müssten jetzt versuchen, in überraschender Weise mit unserem Material an Massen heranzukommen suchen. ( 2.Bericht): Die Sozialdemokraten empfinden diese Entwicklung wie eine Rechtfertigung. Sie sind gewiss dadurch nicht blind gegen die Fehler der Vergangenheit; aber sie sehen die Misserfolge der Hitlerregierung mit Genugtuung trotz der. Not, in die sie selber mehr und mehr geraten. Ihre moralische Kraft wird grösser, ihre Stellung im Volke besser und sicherer. Die Genossen täuschen sich jedoch nicht über die Lage; sie betonen vielmehr, dass Hitlers Macht heute noch unbeschränkt sei und dass es vorläufig so bleibe, wenn nicht von draussen her etwas geschieht." Automatisch richten sich die Blicke der politisch interessierten Menschen nach aussen. Und ich habe keinen Zweifel, dass auch unsere Genossen dadurch teilweise von der inneren Lage abgelenkt werden und abgelenkt werden sollen. ( 3. Bericht): Die sozialistische Opposition und im Westen auch die Zentrums opposition sind z.T. der Meinung, dass es ohne die aussenpolitische. Einwirkung nicht so leicht zum Sturze Hitlers kommt In Konsequenz dieser Auffassung setzen diese Gruppen ihre Hoffnung auf einen internationalen und eventuell kriegerischen Konflikt. Alle Warnungen nützen nichts. Das Faktum dieser Stimmung ist da. Für A-10jeden eine niederdrückende Erkenntnis, der in einem europäischen Kriege - und nicht zuletzt vom sozialistischen Standpunkt aus- ein unbeschreibliches Unglück sieht. Niederdrückend auch, weil solche Stimmung die Gefahr des Krieges noch vergrössert. Nordwestdeutschland: Die grossen Mittelschichten( Handwerker, Kleingewerbetreibende, Kleinbauern und Pächter) sind auf das Tiefste enttäuscht und befinden sich in einer ausgesprochen neuen aggressiven Miesmacherstimmung. Es wäre jedoch Illusion, anzunehmen, dass bereits eine ernste Bedrohung des faschistischen Regimes entstanden sei. Diese Bedingungen reifen erst heran, wenn die Arbeiterschaft zu einem aktiven Widerstand übergeht und dabei die Unterstützung der bürgerlichen Mittelschichten findet. Von einer solchen Situation kann jedoch noch nicht die Rede sein. Es bleibt fraglich, ob sie vor einem kriegerischen Zusammenstoss entstehen wird. 4.) Neue Aktivität von rechts. Einige Berichterstatter melden, dass sich in den Kreisen der " Reaktion", die durch die Ereignisse vom 30. Juni und den Tod Hindenburgs zunächst ziemlich verstört waren, eine neue Aktivität bemerkbar mache. Westdeutschland: Unter der Oberfläche bilden sich neue Oppositionsgruppen. Neuerdings besteht eine illegale monarchistische Gruppe. Diese Gruppe hat in einigen Gebieten starken Anhang; sie gibt eine illegale Zeitung und illegale Flugblätter heraus. Ueberhaupt ist sie genau wie wir illegal. Sie ist auch sehr rührig. Berlin: Zusehends wächst die konservative Richtung. Allsonntäglich finden Regimentsfeiern und sonstige Treffen der alten Soldaten statt. Der Kyffhäuserbund nimmt ständig an Mitgliedern zu. Ueberhaupt sammeln sich die konservativen Kräfte in den Militärverbänden und sie bewegen sich ungeniert im Gegensatz zu früher, wo sie von den Nazis stark behindert wurden. Südwestdeutschland: So stösst man auch neuerdings auf Schichten reaktionärer Prägung, die bewusste Zersetzungsarbeit leisten. Man hört von dem Volksmonarchistischen Kreis nun auch in unserer Umgebung und noch mehr von einem Offiziersbund, der nur Reserve offiziere erfasst und sehr stark sein soll. Nach zuverlässigen Mitteilungen arbeitet dieser Offiziersbund schon lange und zwar in Militärvereinen wie dem Kyffhäuserbund und aber auch in ehemaligen Freikorpsgruppen, die in sehr gespanntem Verhältnis zu den Formationen der NSDAP stehen. So hat in Baden der Statthalter das Verbot der Baltikumkämpfer wieder aufheben müssen allerdings ohne dies offiziell bekannt zu geben. Dieser Offiziersbund gibt an, von den aktiven Offizieren nichts wissen zu wollen und auch im Gegensatz zu den aktiven Offizieren, die Monarchie als Staatsform abzulehnen. Sie suchen Fühlung mit der Arbeiterschaft und sprechen von einer Arbeiterunion als dem Fundament des kommenden Systems. Ihre Taktik ist vorerst nicht genau zu erkennen, sie machen Zersetzungsarbeit ohne heute schon ein konkretes Ziel zu haben. Sie glauben jedenfalls durch einen Putsch von innen heraus an die Ueberwindung des Systems. Mit diesen Leuten in Verbindung stehen ehemalige Polizeibeamte, die nach der Machtergreifung Hitlers entlassen wurden, auch Polizeioffiziere und über diese auch heute noch aktive Offiziere der Polizei. A-11Sachsen: In Stahlhelmkreisen ist die Stimmung etwa die: Wenn bis zum Frühjahr nicht schon besondere Zwischenfälle eintreten, die das Ende der Naziherrschaft, etwa durch Kriegsausbruch, heraufbeschwören, so werden wir wohl im kommenden Frühjahr die Liquidation in die Hand nehmen müssen. Den einen Notwinter sollen die Nazis noch selbst hinter sich bringen; umso leichter wird dann im Frühjahr der grosse Kehraus, weil dann die Leute mehr zur Vernunft gekommen sein werden und insbesondere Hitlers Nimbus mehr verblasst sein wird. In fast allen Ortschaften, wo der Stahlhelm Ortsgruppen unterhält, spielen sich die Zusammenkünfte der Kameraden fast immer so ab, dass zunächst der vorgeschriebene offizielle Teil sehr schnell und flüchtig erledigt wird, dann rekognosziert man, ob die Luft rein ist und beschäftigt sich ausschliesslich mit der Nazi- Korruption, die unausschöpfbarer Verhandlungsgegenstand ist. Durch diese mündliche Stahlhelm- Kolportage werden die besonders schlimmen Fälle schnell allgemein bekannt. 5.) Nationalsozialistische Gegenwehr. Die Nationalsozialisten bemühen sich, die Gründe der wachsenden Misstimmung, der zunehmenden Isolierung der Partei zu erforschen und Gegenmassnahmen zu ergreifen. Das nachstehende Dokument, das uns von zwei verschiedenen Stellen zugegangen ist, beschäftigt sich unter diesen Gesichtspunkten mit dem Ausgang der Volksabstimmung vom 19. August. Es handelt sich offenbar um folgendes: Das Gauschulungsamt Hamburg hat in zwei Schulungskursen von den Teilnehmern Niederschriften über den Wahlausgang machen lassen und deren Ergebnisse in einem für die Gauleitung -wahrscheinlich auch für die Reichsleitung bestimmten Bericht zusammengefasst: Gau- Schulungsamt Hamburg 23 Ritterstr. 44. Zusammenfassender Bericht über die Niederschriften des I. und 1/2 II. Zuges. I. Bezüglich der Ursachen des schlechten Wahlergebnisses kann man in sämtlichen Niederschriften gemeinsame grosse Linien feststellen. A Der Kreis der Nichtwähler und der vermutlichen Nein- Wähler setzt sich zusammen aus: 1) Reaktionären( hier immer wieder besonders betont: Stahlhelmer) 2) Juden 3) ehemalige SPD 4) Kaufmannskreisen, Beamten 5) ehemalige KPD Anhängern Ludendorffs. B) Als Ursachen für das Verhalten der einzelnen unter A Genannten werden angegeben: A-121) Mangelnde Einsicht vor allem in den Reihen der" Gebildeten" 2) Ein Teil der Volksgenossen lässt sich durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten( Devisenknappheit und ihre Folgen) von der Linie abbringen. 3) Unsere Wirtschaftsauffassung begegnet weitgehenden Unverständnis, namentlich in den Kreisen des Ueberseehandels. 4) Als sehr wesentliches Moment wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der Schematismus in den Behörden in unverminderter Stärke anhält( Arbeitsamt, Landesunterrichtsbehörde). Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die übernommenen" höheren" Beamten verstimmend wirken. 5) Die Grossmut gegenüber Landes- und Volksverrätern hat sich nicht bewährt. 6) Durch die Tätigkeit der" Gleichgeschalteten" ist unser Wollen verwässert. C). Fehler in den eigenen Reihen und unserer Tätigkeit. 1) Haltung und Lebensführung unter den Braunhemden sind nicht vorbildlich. 2) Namentlich der gehobene politische Leiter( OG- Leiter- Kreisleiter) steht nicht genügend im Volk. 3) In den eigenen Reihen sind zu viel Flaumacher und Gerüchtemacher. 4) Die Schulung der Politischen Leiter ist noch nicht weit genug fortgeschritten. 5) Spannungen innerhalb der Organisation( PO- SA usw) 6) Der Ton unter den Braunhemden wirkt abstossend( Schimpfen und Pöbeln beim Antreten und Exercieren in der Oeffentlichkeit) ( Kreisleiter am Sonnabend beim Sonderkommando!!) Anzeichnen von beginnender Vetternwirtschaft. 8) Falsche Versammlungstaktik( bei kl.Versammlungen). II. Auch bei den Vorschlägen zur Abhilfe ist eine weitgehende Uebereinstimmung festzustellen. A) In den eigenen Reihen: 1) Die geistige Schulung muss vermehrt und vertieft werden, aber nicht auf Kosten der körperlichen Schulung mit dem Ziel: Jeder Pol. Leiter muss in der Lage sein, den abseits stehenden Volksgenossen zu überzeugen und zu gewinnen. 2) Die Auslese unter den Pol. Leitern muss verschärft werden unter Berücksichtigung a) der inneren und äusseren Haltung b der Lebensführung( wird als sehr wichtig bezeichnet) c) der Leistung 3) Die Verbindung des kleinen Pol. Leiters mit dem OG- und Kreisleiter muss fester werden. 4) Die Verbindung des Blockleiters mit jedem Volksgenossen ( nicht nur Pg) muss enger gestaltet werden( Verkleinerung des Blocks) 5) Versammlungstechnik und-taktik müssen stärker beachtet werden. 6) Mehr Ehrlichkeit 11( Versamlungsberichte usw) 7) Noch mehr Hand in Hand arbeiten zwischen den einzelnen Organisationen. A-13B. Sonstige Vorschläge: 1) Den Juden muss das Wahlrecht genommen werden. 2) Volks- und Landesverräter an den Pranger stellen. 3) Die Propaganda im einzelnen muss noch mehr beachtet werden. 4) Es darf keinen Volksgenossen mehr geben, der nicht Rundfunkhörer ist. 5) Es ist schärfer auf die Durchführung des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit zu achten, damit vor allem der Arbeitnehmer das Gefühl des Schutzes hat( Schulung der Betriebsführer!! Mehr Pol. Leiter in den Betrieben. Betriebsversammlungen.) 6) Das Erbhofgesetz" muss der ländlichen Bevölkerung noch näher zum Verständnis gebracht werden. Sonstige Vorschläge ergeben sich aus den gemachten Beanstandungen zwangsläufig. gez, Zwiebelmann II. Sozialpolitik und Spendenwirtschaft. A- 14 Gross ist die Zeit- doch klein sind die Portionen Was hilft es uns, wenn Hitlers Fahnen wehn? Wenn unter diesen Fahnen heute schon Millionen Viel weniger Brot und keine Freiheit sehn! Lied der Augsburger Wohlfahrts- Erwerbsl. 33 abgebaut. Wir haben schon in unseren ersten Berichten über die Sozialpolitik im Dritten Reich April/ Mai- darauf hingewiesen, dass sich auf diesem Gebiet eine doppelte Entwicklung vollzieht: Einerseits werden die Arbeitslosehunterbisherigen Zweige der öffentlichen Wohlfahrtspflege stützung, Sozialversicherung, Wohlfahrtspflege der Gemeinden Andererseits wird eine neue Art von Sozialpolitik aufgebaut, die vorwie gend in Sonderaktionen mit starker propagandistischer Aufmachung besteht und sich auf neue rein nationalWinterhilfe, Aktion" Mutter und Kind" sozialistische Verwaltungszweige NS- Volkswohlfahrt und NS- Gemeinschaft " Kraft durch Freude" stützt. Die jetzt vorliegenden neuen Berichte bestätigen den Fortgang dieser Entwicklung. ت J 1.) Der Abbau der" alten" Sozialpolitik. a) Die Aushöhlung der Wohlfahrtspflege der Gemeinden. C53 9 CR GASP Der Abbau der Sozialpolitik vollzieht sich vor allem auf einem Gebiet, das im Dritten Reich jedem allgemeinen Ueberblick verschlossen ist: bei der Wohlfahrtspflege der Gemeinden. Das Reich hat diesen Abbau auf die einfachste Weise dadurch erzwungen, dass es seine Zuschüsse an die Gemeinden von 7ol Millionen im Rechnungsjahr 1933 auf 230 Millionen im Rechnungsjahr 1934 heruntergesetzt hat. Die meisten Gemeinden gingen in ihren Abbaumassnahmen über den Rahmen der so erzwungenen Kürzungen noch hinaus, denn die neuen Machthaber brauchten Geld, viel Geld für ihren hemmungslosen Aufwand, für ihre ehrgeizigen Pläne auf dem Gebiet der Arbeitsschacht, für die vielen Feste und Feiern und nicht zuletzt für die" Gliederungen" der NSDAP und der - bis ein SA, die den Pg. Bürgermeister immer wieder aufs Neue anzapften G A 15 Erlass des preussischen Finanzministers dieses Verfahren unterband. Unsere Berichterstatter teilen über die verschiedenen Methoden zur Herabdrückung der Wohlfahrtslasten folgendes mit: Schlesien: Das Wohlfahrtsamt in Schweidnitz verringert auf folgende originelle Weise die Zahl seiner Unterstützungsempfänger: Die Handwerker( Schuhmacher, Schneider, Maler usw.) werden vorgeladen und es wird ihnen erklärt, sie sollten sich einen Gewerbeschein beschaffen und dann selbständig arbeiten. Ostsachsen: Zahlreiche Nebenleistungen sind herabgesetzt worden. So ist mir ein Fall bekannt, in dem die Mietbeihilfe für einen Erwerbslosen nach und nach auf 1/10 der ursprünglichen Summe abgebaut worden ist. Bayern: Durch Erlass des bayrischen Staatsministeriums des Innern wurden Fürth und Augsburg zu Notstandsgemeinden erklärt. Das hätte unter der Republik bedeutet, dass die Stadt aus dem Landesfürsorgeverband und dem gemeindlichen Ausgleichsstock bevorzugt mit Geldmitteln versehen worden wäre. Jetzt hat die Erklärung zur Notstandsgemeinde zur Folge ,, dass die Fürsorge für Personen, welche neu nach Augsburg oder Fürth zuziehen, unter strengster Ueberprüfung der Voraussetzungen ihrer Hilfsbedürftigkeit auf das zur Fristung des Lebens Unerlässliche und unter Ablehnung offener Pflege auf Anstaltspflege beschränkt wird. Nordwestdeutschland: In einer Kleinstadt, in der der Wohlfahrtssatz für ein kinderloses Ehepaar lo.50 Mk. wöchentlich beträgt, wird die daneben früher gewährte Mietbeihilfe willkürlich gestrichen, je nachdem wie der Wohlfahrtsbeamte das" Wohlverhalten" des betroffenen Unterstützungsempfängers beurteilt. Schleswig- Holstein: Das evangelische Wochenblatt" Glaube und Heimat" bringt unter dem 23. September folgende Notiz: " Eine für die Konfirmanden und ihre Angehörigen wichtige Mitteilung ist uns vom städtischen Wohlfahrtsamt zugegangen: In diesem Jahre stehen der Stadt leider gar keine Mittel für die Unterstützung der bedürftigen Konfirmanden zur Verfügung. Da auch unsere Kirchengemeinden nicht die Gelder haben, um in die Bresche springen zu können, so dass den Konfirmanden wie früher ein Anzug bezw. ein Kleid gegeben werden könnte, so empfehlen wir, dem Konfirmandensparverein beizutreten, über den die Klassenlehrer Auskunft geben können." Allgemein geht neben der Kürzung der Leistungen auf allen Gebieten die rücksichtslose Rückforderung der Unterstützungssummen von den in " Arbeit und Brot" Gebrachten einher. Schlesien: Im Görlitzer Gebiet wird ganz allgemein festgestellt, dass die Arbeitsämter mit ihren Rückzahlungsforderungen rigoros vorgehen. So hat das Arbeitsamt für Herichsdorf, das vor drei Jahren durch ein A- 16 bürokratisches Versehen 14.70 Mk. zuviel ausgezahlt hatte, diesen Betrag jetzt zurückgefordert und eine Frist von 8 Tagen gestellt. Die zu hohe Auszahlung war schon vor drei Jahren festgestellt worden, der betr. Arbeitslose musste bei dem damals sozialdemokratischen Arbeitsamtsdirektor erscheinen, der ihm dann sagte, dass er die 14.70 Mk. dann zurückzahlen solle, wenn er 50 Mk. pro Woche verdiene. Auch dann noch, so wurde vereinbart, soll ratenweise Zahlung erfolgen. Jetzt verdient der Mann 17.00 Mk. wöchentlich, wovon er 14.70 Mk. innerhalb einer Woche zurückzahlen soll. GNC In der Nähe von Hirschberg hat ein Arbeitsloser, der vom Wohlfahrtsamt im Laufe einer langen Arbeitslosigkeit eine Gesamt unterstützung von 300 Mk. erhielt die. Aufforderung bekommen, dieses Geld jetzt zurückzuzahlen, obwohl sein Wochenlohn noch nicht 20 Mk. beträgt. Westsachsen: Bei der Firma Tintenbayer, Chemnitz, Bayerstrasse, erhielt ein alter Kämpfer" der NSDAP Arbeit. Er erhält 25 Mk. Wochenlohn. Da er vorher Wohlfahrtsunterstützungsempfänger war, wurde er vom Wohlfahrtsamt aufgefordert, die empfangene Unterstützung ratenweise zurückzuzahlen. Er weigerte sich aber und berief sich dabei auch auf seine alte Mitgliedschaft. Das nützte ihm alles nichts, und als er nicht freiwillig zurückzahlte, wurde angeordnet, dass ihm wöchentlich 2.50 RM. vom Lohn abgezogen werden. Südbayern: Ein Münchener Wohlfahrtserwerbsloser hatte Antrag auf Invalidenunterstützung gestellt. Nach 8 Monaten wurde ihm eine Dauerunterstützung bewilligt, die monatlich ca. 40 Mark beträgt. Eine Nachzahlung, die der Invalide bekommen sollte, wurde sofort vom Wohlfahrtsamt beschlagnahmt, die verbliebene Schuldsumme an das Wohlfahrtsamt wurde in 37 Raten aufgeteilt. Pfalz: In Ludwigshafen wurde ein besonderes Büro eingerichtet, um Eintreibungen von Unterstützungsrückzahlungen durchzuführen. Das Vorgehen ist sehr brutal und wäre früher ganz undenkbar gewesen. Nordwestdeutschland: In einem Fall zeigt sich die brutale Rückzahlungsforderung der Wohlfahrtsunterstützung besonders krass. Ein Arbeitsloser will eine Büglerin heiraten. Der Mann soll den Haushalt versehen, die Frau weiter der Arbeit nachgehen. Jetzt verlangt das Wohlfahrtsamt, dass sie von ihrem Verdienst auch noch in Teilbeträgen die frühere Unterstützung des Mannes abtragen soll. Schleswig- Holstein: In Budelsdorf, einer Landgemeinde von 5 400 Einwohnern, wurde den Sozialrentnern Anfang August mitgeteilt, dass das bisher von der Gemeinde gezahlte Krankengeld in Wegfall kommt. Ebenso wurde die Aufhebung der Mietbeihilfen ab 1. Dezember angekündigt. b) Wachsendes Wohnungselend. G Die umfassende Förderung des Wohnungsbaues mit öffentlichen Mitteln wird immer eine der sozialpolitischen Grosstaten der Republik bleiben. Bis weit in die Zeit der Krise hinein warden Jahr für Jahr über 300.000 A- 17 bautechnisch und hygienisch mustergültige Wohnungen gebaut. Auf diese Weise gelang es allmählich, die ungeheuren Lücken, die Krieg und Inflationszeit im Wohnungsbau hinterlassen hatten, zum grössten Teil auszufüllen, die Wohnungsnot zu beseitigen und den grossen jährlichen Zuwachsbedarf an neuen Wohnungen zu decken. Die Finanzierung dieses Wohnungsbaues erfolgte zum grossen Teil aus Mitteln der Hauszinssteuer, aber auch durch Zuschüsse aus allgemeinen Haushaltsmitteln des Reichs, der Länder und der Gemeinden. Bereits die Bürgerblockregierungen vor Hitler haben dieses System des öffentlichen Wohnungsbaues weitgehend zerschlagen, indem sie den Hausbesitzern grosse Steuergeschenke aus Hauszinssteuern machten und die öffentlichen Zuschüsse zum Wohnungsbau nahezu einstellten. Gleichzeitig haben sie den Mieterschutz entscheidend durchlöchert und insbesondere kinderreiche Familien der Willkir des Hausbesitzes ausgeliefert. Hitler hat diese Arbeit vollendet, Den arbeitslosen Mietern wurden die Miets zuschüsse entweder völlig entzogen oder auf einen Bruchteil gekürzt. Die Folgen dieser Politik waren zwangsläufig. Die Mieter, insbesondere die kinderreichen Familien, geraten infolge Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder weitgehender Lohnsenkung mit der Mietzahlung in Rückstand. Die Wohlfahrtsämter lehnen die Zahlung einer Mietbeihilfe ab, die Hauswirte machen von der neu gewonnenen Kündigungsfreiheit Gebrauch und die Mieter liegen auf der Strasse. Das ist aber nur die eine Kette der zwangsläufigen Folgen, die andre sieht so aus: In diesen Jahren wachsen die stark besetzten Geburtenjahrgänge der letzten Vorkriegs jahre in das heiratsfähige Alter hinein. Infolgedessen. muss durchschnittlich mit einem jährlichen Neubedarf von über 200.000 Wohnungen gerechnet werden. Wenn die Zahl der Eheschliessungen in den letzten Jahren dahinter zurückgeblieben ist, so ist das nur eine Folge der Wirtschaftskrise. Der Bedarf an neuen Wohnungen wird dadurch nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Und die Nationalsozialisten tun ja alles, um die Eheschliessungen zu vermehren. Ausserdem werden jährlich 20 bis 30.000 Wohnungen unbewohnbar und abbruchreif. Schliesslich war trotz der gewaltigen Anstrengungen der Republik noch ein Fehlbedarf von mehreren hunderttausend Wohnungen vorhanden, der aus der Kriegs- und Inflationszeit stammte. Da aber in den letzten zwei Jahren der Wohnungsneu A- 18bau entscheidend verringert wurde, 1) wächst die Wohnungsnot. Südbayern: Die Stadt München muss nun wohl oder übel an die Frage der Beschaffung von Wohnungen für Obdachlose herantreten. Die frühere Stadtverwaltung hat sich unter dem Einfluss der Sozialdemokraten bemüht, mustergültige Wohnungen zu errichten. Es sind die grossen modernen Wohnblocks in der Landsberger- und an der Wilramstrasse entstanden. Was tut die heutige Nazigemeindeverwaltung für diese Aermsten der Armen? Sie baut ebenerdige Blockhütten! 58 Hütten und 115 Wohnungen! Für das Proletariat ist das genügend. Man macht die Sache auf Widerruf, weil man schon damit rechnet, dass die Hütten bald wieder weggerissen werden müssen. Nordbayern: In Helmbrachte in Oberfranken konnten Mieter in städtischen Miethäusern die schuldige Miete nicht bezahlen. Der Stadtrat hat nun beschlossen, alte Eisenbahnwagen zu erwerben, diese im städtischen Steinbruchbei der Haid aufzustellen und diese Mieter dort unterzubringen. 1) Es wurden gebaut: 1926 220.529 Wohnungen 1927 306.834 體 1928 330.442 11 1929 338.802 際 1930 330.260 St 1931 251.701 鹤 1932 159.121 1 1933 202.113 ft Von den 1933 gebauten 200,000 Wohnungen entfallen aber 70.000 auf Umbauten. 1934 wird die Gesamtzahl der gebauten Wohnungen wahrscheinlich ebenso g- ross, der Anteil der Umbauten dagegen noch grösser sein. Die starke Förderung der Umbauten anstelle der Neubauten durch Reichszuschüsse von rund 625 Millionen bedeutet die Ausschöpfung einer Wohnraum- Reserve, die nicht wiederholt werden kann. Mit dem Versiegen der Umbau- Zuschüsse und der Erschöpfung der Umbau- Möglichkeiten ersteht das Neubau- Problem in seiner ganzen Grösse. A- 19 Pommern:" Die Pommersche Zeitung" meldet aus Stettin: " Auf einer Pressebesprechung im Rathaus teilte Stadtbaurat Lehnemann mit, dass in letzter Zeit die Exmittierungen von Volksgenossen in Stettin stark zugenommen haben. Diese Ausweisungen vielfach kinderreicher Familien aus ihren Wohnungen gerade jetzt, wo der Winter vor der Tür steht, sind aus erordentlich bedauerlich; denn es handelt sich in den meisten Fällen um ordentliche Leute, die aber ihre Miete nicht aufbringen konnten. Da in den vorliegenden Fällen die Mieter einfach hinausgesetzt wurden, sieht sich die Stadt jetzt gezwungen, Notwohnhäuser zu errichten. Die No two hnhäuser werden Stube und Küche enthalten, für kinderreiche Familien gegebenenfalls noch einen Raum mehr. Jede Familie wird für sich untergebracht, die Wohnungen haben auch besondere Eingänge. Dennoch werden es Notwohnhäuser bleiben; denn sie haben weder Waschküche noch Toilettenanlage. Es müssen insgesamt Häuser für etwa 200 Wohnungen erstellt werden. Sie sollen so schnell wie möglich in Form von Fachwerkbauten im Norden der Stadt errichtet werden. Ausserdem werden etwa 30 No twohnhäuser in etwas grösserer Form Art wie in der Ueckermünder Strasse ausgeführt werden, die für kinderreiche Familien bestimmt sind. Nordwestdeutschland: Mieter in städtischen Wohnungen, die mit ihrer Miete im Rückstand sind, werden rücksichtslos herausgeworfen und kommen in holzbaracken, die früher gewerblichen und ähnlichen Zwecken dienten und für Wohnzwecke geradezu barbarisch anmuten. Gauwirtschaftsberater Franke des Gaues Westfalen- Nord hat im August einen Aufruf erlassen, in dem es heisst: In letzter Zeit mehren sich die Fälle, dass kinderreiche Familien von Hausbesitzern gekündigt werden und keine Möglichkeit finden, an-dere Wohnungen zu bekommen. Bei den Verhandlungen wird ihnen wohl nicht direkt mitgeteilt, dass sie wegen der Zahl ihrer Kinder nicht berücksichtigt werden können, unschwer ist aber horas zu hören, dass, wenn eben nicht die Kinderzahl so hoch wäre, sie in den Besitz der Wohnung gelangen würden. Vorstellungen bei den betreffenden Hausbesitzern sind vielfach fruchtlos gewesen. Die betroffenen Familien konnten nur mit Hilfe polizeilicher Verfügung in den Wohnungen belassen werden. Dieser polizeiliche Schutz ist aber befristet und nach Ablauf der Frist liegen die Familien auf der Strasse. Diesem Treiben muss endlich Einhalt geboten werden. Die anständigen und sozial eingestellten Hausbesitzer wenden sich von diesen Leuten ab und müssen ihre Ehre dafür einsetzen, dass solche Fälle ein für allemal unterbleiben und auch in ihren Reihen, da, wo noch nicht vorhanden, der neue Geist endlich einzieht. Die" Deutsche Mieter- Zeitung, Organ des Bundes Deutscher Mietervereine( Sitz Dresden E. V.) Einzig anerkannte Spitzenvertretung der deutschen Mieter", bringt einen grossen Artikel über" Notstände im Wohnungswesen"( Nr. 19 vom 1. Oktober 1934), in dem es heisst: A 20. Besonders schlimm liegen die Verhältnisse für kinderreiche Familien. Ungeheuren Nöten sind sie ausgesetzt, wenn sie sich auf die Wohnungssuche begeben müssen. Ein Zwang zur Aufnahme einer Familie kann seit dem Wegfall des Wohnungsmangelgesetzes( 31. März 1934) auf keinen Vermieter mehr ausgeübt werden. Gerade kinderreiche Familien sind deshalb immer wieder einmal auf das" notdürftige Obdach" angewiesen, das ihnen die Polizeibehörde, aber auch nur im dringenden Notfalle, zu gewähren hat. Das in diesem Sinne zur Verfügung gestellte Obdach spottet in zahlreichen Fällen jeder Rücksichtnahme in kultureller und sittlicher Beziehung auf das Familienleben, spottet der allereinfachsten, berechtigten Ansprüche eines deutschen Menschen auf seine Behausung. 2.) Die" neue" Sozialpolitik. a) Die Winterhilfe. Im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Propaganda, Abteilung Sozialpolitik, steht seit Wochen wieder die Winterhilfe. Nach aussen wird die Aktion wieder durch" freiwillige Spenden" finanziert, in Wirklichkeit handelt es sich um eine zusätzliche steuerliche Belastung, die mit den erprobten Methoden eines raffinierten politischen Terrors eingetrieben wird. Der steuerliche Charakter der" Spenden" geht schon daraus hervor, dass ihre Mindestsätze nach der Steuerleistung bemessen werden: bei Lohn- und Gehaltsempfängern zunächst 20 Prozent, ab Januar 15 Prozent der Lohnsteuer, bei den übrigen Steuerpflichtigen 3 Prozent der Einkommensteuer für 1933. Dazu treten andere steuerliche Berechnungs grundlagen. Ostsachsen: Die Winterhilfe stellte bereits im August durch besondere Fragebogen, die jedem Einzelnen in Dresden und Umgebung zugestellt wurden, Erhebungen über das Einkommen an, nach dem die Abgaben für die Winterhilfe erfolgen sollen. Die Winterhilfe glaubt nach Aussprüchen massgebender Funktionäre nur dadurch der allgemeinen Not und Krise im kommenden Winter steuern zu können. Südbayern:( München) Hier wird schon im August mit den Vorbereitungen zum neuen Winterhilfswerk begonnen. Die Wohlfahrtsabgabe wurde heuer von 2 auf 1.5 Prozent der Jahresmiete oder Jahres pacht herabgesetzt. Am 1. September wird die erste Hälfte, am 1. November die zweite eingehoben. - dessen OberIn seiner Rede zur Eröffnung des Winterhilfswerks leitung durchaus folgerichtig dem Propagandaminister unterstellt worden ist führte Goebbels aus:" Zur einwandfreien Kontrolle aller Spender gelangen diesmal nur monatlich zur Verteilung kommende Türplaketten A 21 Zur Ausgabe". Die Steuerbescheinigung wird also jeden Monat an die Wohnungstür geheftet, wenn die erwähnten Mindestsätze geleistet worden sind. Ein umfangreicher Apparat wacht über die Durchführung dieser Kontrolle. Die" Frankfurter Zeitung"( vom 19. Oktober) berichtete z. B. in einer Schilderung der Winterhilgsorganisation, dass für einen Stadtteil von 22.000 Einwohnern 350 Helfer, Blockwarte und Zellenwarte zur Verfügung stehen, die regelmässig 2.200 Haushaltungen betreuen, d.h. 7 Haushaltungen auf einen Amtswalter. Diese Feststellung wird ergänzt durch eine andere Meldung der" Frankfurter Zeitung" vom 30. Oktober: Da im Ammerlande( Oldenburg) festgestellt wurde, dass ein kleiner Prozentsatz Bessergestellter sich bei den Sammlungen für das Winterhilfswerk gedrückt oder nicht nach seinem Vermögensstande gespendet habe, wurde im Auftrage des Kreisleiters ein Ausschuss gebildet, der die Sammellisten kontrolliert. Der Ausschuss far dert säumige Spender schriftlich auf, ihre Zeichnung für das WHW zu" berichtigen", andernfalls" ernste Massnahmen in Erwägung zu ziehen" seien. Der Landesbauernführer will ferner in der" Bauernzeitung" eine Rubrik" WinterhilfswerkVerweigerer!" einführen, unter der gegebenenfalls, die Namen säumiger. Spender veröffentlicht werden sollen. Unsere Berichterstatter melden: Sachsen: Der Druck auf die sogenannten" Bessersituierten" bei den Spenden für die Winterhilfe ist sehr gross. Der Pfarrer von X. in Sachsen wollte zum Anfang 5 Mk. zeichnen. Die nationalsozialistische Abordnung aber erklärte, dass weniger als 50 Mk. für einen Pfarrer gar nicht in Frage kommen. Der Geistliche zeichnete die Summe. Nachher überzeugte er sich, dass die Abordnung nur 25 Mark abgeliefert hatte unter Fälschung der Zeichnungssumme. Nordwestdeutschland: Anfang Oktober wurde in Harburg- Wilhelmsburg der beiliegende Aufruf der Winterhilfe an alle Haushaltungen verteilt ( wir zitieren im Auszug): " Deutscher Volksgenosset Erst der nationalsozialistische Staat wird diese fahnenflüchtigen und egoistischen, nur auf ihre Ichsucht eingestellten Menschen, die es heute ebenso gibt wie damals, indem sie nur Rechte für sich beanspruchen, aber Pflichten und Volksgemeinschaft nicht kennen, auf die Dauer als Staatsbürger nicht anerkennen. In vergangenen Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1933/34 haben wir gegen diese volksschädigenden Elemente noch nichts unternommen, doch im kommenden WHW wird dieses endlich werden. Es wird in diesem Winter für die Volksgenossen, die ihrer Pflicht der Volksgemeinschaft gegenüber nachgekommen sind, zur Erinnerung an gemeinsames Handeln zur Bekämpfung der Not und Ürkunde auch dann gegeben, wenn sie im vergangenen WHW ihrer Pflicht nicht voll nachgekommen sind, dies aber im kommenden Winter entsprechend nachholen. Heil Hitler! Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1934/35, Gau Ost Hannover, Kreis Harburg- Wilhelmsburg Brumm Kreisbeauftragter." A- 22 Die Nationalsozialisten wissen genau, dass die" Spenden" Finanzierung des Winterhilfswerkes nur einigermassen funktionieren kann, wenn sie ein System des lückenlosen Zwanges schaffen, dem sich niemand entziehen kann. Trotzdem bleibt der Erfolg angesichts der allgemeinen Sammelmüdigkeit fraglich. Die Aktion ist nicht mehr populär. Westsachsen: Im Mittelpunkt der Sozialpolitik des Dritten Reiches standen in der Berichtszeit die Vorbereitungen für das Winterhilfswerk 1934/35. In allen Orten wurde für die NSV. geworben. Einige gedruckte Rundschreiben, die zum Eintritt in die NSV aufforderten, liegen als Anlage bei. Ausserdem das Formular für den Unterstützungsantrag, das zweimal auszufüllen ist und eine viel schärfere Prüfung der Angaben des Gesuchstellers wie im Vorishre schlussfolgern lässt. Fast einheitlich ist in der Bevölkerung die Auffassung, dass das diesjährige Winterhilfswerk weniger ergiebig als das vorjährige sein wird. So wird z. B. berichtet, dass die Textilindustriellen aus den Gebieten Chemnitz, Zwickau, Plauen im vorigen Jahr dem Winterhilfswerk 15 Millionen zur Verfügung stellten. Diesem Beschluss sind sie nicht wieder beigetreten. Aehnliche Beobachtungen sind auch bei den Haus- und Strassensamm lungen gemacht worden. Die Erträgnisse der Sammlungen sind höchst unbefriedigend. Die Sammler müssen sich sehr, sehr viel sagen lassen. Alle möglichen Ausreden werden gewählt, um dem Eintritt in die NSV zu entgehen und den Sammler für das Winterhilfswerk ohne Spende abzu weisen. In Chemnitz fragte z. B. eine frühere Genossin einen der Sammler: wo denn das viele Geld hinkäme. Diese Frage beantwortete der SAMann mit einer allgemeinen Schimpferei, jeder hätte einen anderen Grund für die Ablehnung der Spende, ob die Frau nicht wisse, dass die Volkswohlfahrt eine eigene Bank errichten werde, von der alle Gelder der NSV und des Winterhilfswerkes verwaltet würden usw. Berlin: In dem grossen Kino im" Europahaus", gegenüber dem Anhalter Bahnhof, sah ich eine Wochenschau, die ausschliesslich Bilder von der Eröffnung des" Winterhilfswerkes 1934/35" brachte. Die Kraftworte des " Führers" wurden von der Festversammlung auf der Leinwand stürmisch beklatscht. Im Kino rührte sich keine Hand. Das Publikum verharrte in seinem Schweigen auch dann noch, als sich im Filmstreifen die Teilnehmer der Veranstaltung erhoben und das Horst- Wessel- Lied sangen. Westfalen: Die Aktion für die Winterhilfe wird nicht gern gesehen. Besonders erbost sind die kleinen Händler. So haber im vorigen Jahr die Kartoffelhändler über die Konkurrenz der Winterhilfs sehr geschimpft. Ihr Geschäft war damit erledigt. Sie mussten für ein paar Pfennige Austragegebühren von morgens bis in die Nacht hinein fahren, um überhaupt nur etwas zu verdienen. Rheinland: Der Ortsgruppenleiter der NS- Volkswohlfahrt in einer mittleren Industriestadt erklärte in einer Unterhaltung, dass sie sich in diesem Winter sehr anstrengen müssten, wenn sie für die Winterhilfe 50 Prozent des Ertrages des Vorjahres herei nholen wollten. A- 23Neben der Sammel- Müdigkeit sind es vor allem die Zweifel in die. Sauberkeit der Finanzgebarung, die den Erfolg in Frage stellen. Der Reichsjustizminister hat sich, um diese Zweifel zum Schweigen zu bringen, Mitte Oktober genötigt gesehen, den Strafverfolgungsbehörden in einem besonderen Runderlass zur Pflicht zu machen, gegen jeden Missbrauch des Winterhilfswerkes schnell und mit unerbittlicher Strenge einzugreifen! Die Kehrseite der nationalsozialistischen Wohltätigkeit zeigt folgender Bericht aus Bayern: In den Nürnberger Vororten wurde Anfang August an den Anschlagtafeln der NS- Volkswohlfahrt ein Aufruf der Gauleitung, Abteilung Winterhilfe 1934/35, angeschlagen, der sich an die arbeitslosen Unterstützungsbedürftigen wendet und die Zuteilung von Kartoffeln und Wintergemüse, wie auch die Gewährung von Brennholz für den Winter betrifft. Der Aufruf fordert die Arbeitslosen auf, sich unverzüglich bei den Bauern der Vororte zu den Erntearbeiten und der bevorstehenden Neubestellung der Felder zu melden, damit sie durch diese Landhilfe ihren Bedarf an Naturalien, die der Bauernstand liefert, selber verdienen können. Auch hinsichtlich des Brennholzes wire im Gegensatz zum Vorjahre bestimmt, dass an den vom Färster frei gegebenen Tagen Holz im Walde gelesen werden kann, einschl, der Föhrenzapfen. Es wird dabei betont, dass nur solche arbeitslosen Unterstützungsbedürftigen im Winter Anrecht auf zusätzliche Unterstützung haben, die ihre Schuldigkeit gegenüber der Volks allgemeinheit auf diese Weise getan haben.( Dazu ist zu bemerken, dassz. B. Leseholz immer schon an bestimmten Tagen geholt werden konnte. Jetzt ist es auf einmal eine besondere soziale Einrichtung geworden,) b.) Kraft durch Freude. Die NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude" gilt im Organisationsaufbau der nationalsozialistischen Parteiorganisation als Untergliederung der NSBO. Tatsächlich übt sie ganz allgemeine sozialpolitische Funktionen aus, die sich auf die verschiedensten sozialen und kulturellen Gebiete erstrecken: nicht nur Urlaubsreisen, sondern auch Theaterveranstaltungen, Sportkurse usw. Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen ist in vielen Fällen, z. B. bei den Sportkursen jedem" Volksgenossen" möglich, auch wenn er nicht Mitglied der Arbeitsfront ist. Propagandistische Bedeutung hat" Kraft durch Freude" für das Regime allein durch die Urlaubsreisen bekommen, von den übrigen Veranstaltungen wird kaum gesprochen. Unsere Berichterstatter äussern sich z. T. sehr ausführlich über dieses Thema: Die Beurteilung ist verschieden. A- 24Berlin: In 60 hauptamtlich geleiteten Geschäftsstellen wird die Arbeit dieser" grössten Besucherorganisation Berlins" geleistet, die in der Veranstaltung von Ferienfahrten, Wochen- End- Ausflügen, Sportkursen, Theateraufführungen, Konzerten, Besichtigungen usw. besteht. Die für die Teilnahme angesetzten Preise sind erstaunlich billig%; B Konzert, Theater, Operette usw. kosten nur 50 Pfg. Eintrittsgeld ( einheitlich). Die Reisen werden zu Preisen durchgeführt, die nicht einmal das Fahrgeld decken können." Wenn man es so billig bekommt, kann man dafür auch schon mal die Hand hochheben!" So sagen manche Arbeiter und machen mit. Da können sie dann eine 8 tägige Seefahrt von Bremen nach Norwegen für 42 Mk, machen. Viele Teilnehmer stört es dabei nicht, dass sie dabei unter starker Bewachung von SA bezw.SS fahren und dass die Hauptunterhaltung aus den" beliebten Kampfliedern" und aus Reden der mitfahrenden" Amtswalter" besteht. Wer für den heute beliebten Kollektivismus noch nicht genügend erzogen ist, fühlt sich vielleicht im Genass solcher Ferienreise beeinträchtigt durch eine etwas zu ungenierte Vitalität mancher Mitreisender, die gelegentlich z. B. zu offener sexueller Betätigung auf dem Deck und in den Rettungsbooten führte. Die Leitung einer nach der Insel Wight gerich teten Fahrt sah sich dadurch z; B. genötigt, das Promenadendeck durch die SA räumen zu lassen. Die völlig vom Zufall abhängige Zusammensetzung der Reisegesellschaften führt begreiflicherweise ebenfalls zu manchen unangenehmen Zwischenfällen und Reibungen. Die Schlafräume auf dem Schiffen sind meist grosse Säle, das enge Beieinander der Reisenden zeigte sehr bald, das Reisen in solcher Gemeinschaft zur Tor tur wird, zum mindesten für den Menschen mit einem gewissen Mindest anspruch von Lebenskultur," Ich habe mit einem Gefühl tiefen Ekels - äusserdas Schiff verlassen und war froh, wieder für mich zu sein" te ein Teilnehmer einer solchen Seereise. Dass auch die primitiveren Naturen manchmal durch ungenügend durchdachte Massnahmen in ihnen peinliche Situationen kommen können, zeigte sich bei den Fahrten nach Oberbayern. Hier hatte die Reise- Leitung anscheinend mit Absicht diejenigen Teilnehmer, die noch nie selbst eine Reise gemacht hatten und das Leben im Hotel nicht kannten, in den besten Gaststätten untergebracht. Die Folge waren ständige Reibungen zwischen diesen Gästen und dem Personal wegen der hohen Preise, die hier für über die Pension hinausgehenden Bedürfnisse zu entrichten waren. " Jetzt sehen wir doch wenigstens, wofür unsere Beiträge verbraucht werden" kann man von manchem Proleten hören, der noch nichts davon gehört hat, dass er jetzt keinen Lohnkampf mehr führen darf und dass infolgedessen auch keine Organisationsmittel zur Führung von Streiks benötigt werden." Kraft durch Freude" ist eine mit den Mitteln der Arbeitsfront geschaffene und unterhaltene Einrichtung, die sich aber auch selbst erhebliche Einnahmen verschafft. Da keinerlei finanzielle Rechenschaftsberichte von den Verbänden der Arbeitsfront gegeben werden, weiss kein Mitglied, wieviel von seinen Beiträgen zur Verbilligung der Reisen usw. verwendet wird, Oft genug aber wird er im Betrieb noch angehalten, eine besondere Spende für" Kraft durch Freude zu leisten. Vornehmlich werden die Betriebe selber geschröpft; ein Arbeitgeber mit etwa 50 Beschäftigten hatte einen Jahresbeitrag von 600 Mark zu zahlen. A-25Schleswig- Holstein:" Kraft durch Freude" der Firmen v.d. Bergk, Holsteiner Oelwerke. Erstere Firma veranstaltet eine" Kraft durch Freude" Fahrt mit einem Rheindampfer nach Orsoy. Schon vorher ehe die Teilnehmer das Schiff betraten waren sie schwer angetrunken. Die Exzesse, die daraufhin auf dem Schiff erfolgten, spotten jeder Beschreibung. Die sogenannten Herrenmenschen vorher Stehkragenp roletarier( also Angestellte)- machten die Arbeiterinnen vollkommen betrunken und schleppten diese dann in die Wirtschaftsräume des Schiffes. Nicht viel hätte gefehlt und es wäre zu Sittlichkeitsverbrechen gekommen. 8 Bei der zweiten Firma die dieselbe Fahrt nach Orsoy unternahm ging es ähnlich zu. Auch dort waren die Teilnehmer schon vor der Fahrt stark angeheitert. Auf der Fahrt selbst entstand eine Rauferei, die dazu führte, dass man die Raufbolde in Ketten legen musste. Die Direktionen beider Firmen stellten fest, dass die Fahrt sehr schön gewesen sei- aber nie wieder stattfinden würde, und dass jeder Teilnehmer unbedingt über diese Vorfälle zu schweigen hätte. Südbayern: Eine grosse Wirkung üben die Fahrten der Gemeinschaft " Kraft durch Freude" aus. Hier hat man es nach den übereinstimmenden Berichten aller Genossen mit einer positiven Leistung des Regimes zu tun. Die Popularität dieser Reisen greift immer mehr um sich, ihre Billigkeit ist erstaunlich. Einige Beispiele: ( Chiemgau) Begrüsst werden bei uns die Fahrten" Kraft durch Freude". Die zahlreichen Besuche, die unsere Gebirgsdörfer dadurch erhalt en, beleben unsere Fremdenindustrie sehr. Auf alle Fälle ist dies etwas, was man anerkennen muss. Vor wenigen Tagen traf ich ein Ehepaar aus Köln, das für einen 8 tägigen Aufenthalt in Frasdorf, einschliesslich Fahrt hin und zurück für zwei Personen, Kost und Wohnung, 60 M. bezahlt hat. Sonst käme die Fahrt allein mit Ferienkarten schon auf loo.-Mk. Allerdings kann der Arbeiter mit 53 Pfg. Stundenlohn sich selbst das nicht leisten. Immerhin kommen aber jetzt durch" Kraft durch Freude" viele Menschen aus einfachen Verhältnissen in den Genuss schöner Urlaubsreisen. Der Eindruck, den diese Erfolge machen, ist nicht klein. Die Nazi nützen es aber auch tüchtig für ihre Propaganda aus. 1.200 Arbeiter aus Südbayern fuhren nach Spitzbergen. Die Fahrt. dauerte lo Tage. Einschliesslich der Verpflegung kostete die ganze Reise für jeden Teilnehmer 76 Mk. 900 Mann aus München, darunter viele Arbeiter der städtischen Betriebe und der BMW machten eine 8 tägige Fahrt an die Mosel. Pro Person kostete die Fahrt 35 Mk., die städtischen Arbeiter erhielten noch einen Zuschuss von der Stadtverwaltung, so dass für sie die ganze Fahrt nur auf 7 Mk. kam. Zu jedem Mittagessen bekam der Teilnehmer einen Schoppen Wein. In einem Ort an der Mosel wurde in einen öffentlichen Brunnen Wein gegossen und die Teilnehmer der Fahrt durften nach Herzenslust trinken. Man kann sich vorstellen, wie begeistert alle Teilnehmer waren! Ostsachsen, Bezirksbericht: Die Aufnahme der Aktion ist verschie den. Manche sagen, immer mitnehmen. Dadurch erschöpfen sich die Mittel eher und schliesslich ist es unser Geld. Tatsächlich sind bereits Einschränkungen verfügt worden. Es sollen nur noch Ledige bis zu einem Einkommen von monatlich 200 Rm. and Verheiratete bis zum Einkommen von monatlich 300 Rm, berücksichtigt werden. Die Aktion muss tatsächlich grosser Zuschüsse bedürfen, denn es werden achttägige Reisen ins Rhein A 26 3 land unternommen für RM, 20.- einschliesslich Verpflegung, Uebernachtung und Reise, Andere Genossen sagen wieder, Alles ablehnen, damit die Nazis den Widerstand merken. Abschliessend muss gesagt werden, dass die" Mitnehmer" die grosse Mehrheit sind. 2. Bericht: Die Veranstaltungen werden eben mitgenommen. Die Beurteilung ist sehr verschieden. Die Organisation ist meist mangelhaft, insbesondere die Unterbringung schlecht. Die Preise sind gar nicht so billig, nur das eben die Eisenbahn 75 Prozent Fahrp eisermässigung gewährt. 3. Bericht: Den Veranstaltungen der" Kraft durch Freude" stehen die Arbeiter sehr sympathisch gegenüber, weil sie hier billige Reisen machen können. Westsachsen, Bezirksbericht: Die NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude richtete in den letzten Monaten besonders ihre Tätigkeit auf die Organisierung von Urlaubsreisen ein. Die Teilnahme an den Reisen war im allgemeinen mässig. Nach uns zugegangenen Berichten ist" Kraft durch Freude" vielerorts nicht so freudig aufgenommen worden, wie es oft in der Presse dargestellt wird. 2. Bericht: Einer unserer Genossen war mit der Organ is ati on" Kraft durch Freude" Anfang August in Norderney. Die Insel erhält wöchentlich einen Transport von looo" Kraft durch Freude"-Leuten. Die Hoteliers erhalten pro Mann und Tag 3.- Mk. Im ganzen Betrieb auf der Insel soll nach den Anweisungen der nationalsozialistischen Organisationsstellen kein Unterschied gemacht werden zwischen den Arbeitsurlaubern und sonstigen Privatgästen. Diese Verfügung gefällt einmal den privaten Gästen nicht und zum andern wird der Unterschied sofort bemerkbar, weil die meisten Arbeitsurlauber nichts ausgeben können, und Vieihnen deswegen die Freude an der Insel Norderney vergällt wird. le der Arbeitsurlauber empfinden deswegen mehr Aerger als Freude. Vor allen Dingen ist aber ein Urlaub für solche Reisen von 8 Tagen viel zu kurz. Brandenburg: Die Veranstaltungen der Gemeinschaft" Kraft durch Freude" werden auch von den oppositionellen Arbeitern mitgenommen. Ihre Wirkung ist verschieden. Die einen sind begeistert, die andern meckern. In der Tat sind die Reisen sehr billig. Es gibt daneben aber auch sehr teurs Reisen, zum Beispiel ins Ausland, und die können sich natürlich nur die wohlhabenderen Kreise leisten. Deshalb sagen die Arbeiter: Wir zahlen die Arbeitsfrontbeiträge, damit die Fabrikanten mit" Kraft durch Freude" nach Norwegen fahren können. Westfalens Die Reisen, die" Kraft durch Fraude veranstaltet, maehen keinen grossen Eindruck. Der gewöhnliche Arbeiter kommt doch nicht mit, dazu sind die Reisen ja zu teuer. 1- 27 B Baden: Von einer besonderen Leistung und Wirkung in der Oeffentlichkeit wird nichts verspürt. Die Notizen der Nazipresse über die Tätigkeit der Organisati on" Kraft durch Freude" stehen in kei nem Verhältnis zu der tatsächlichen Steilung dieser Organisati on in der Oeffentlichkeit. Die Masse der Arbeiter kann sich an den grösseren Reisen nicht beteiligen, da sie die Mittel dazu nicht hat. Eine wesentliche Verbilligung der Reisen ist ebenfalls nicht festzustellen, es sei denn, dass der eine oder andere Betrieb aus bestimmten Gründen den einzelnen Arbeit em eine finanzielle Unterstützung dazu gibt. Pfalz: Die Organisation" Kraft durch Freude" organisierte grössere Reisen, die im Gegensatz zu sonstigen Veranstaltungen Zuspruch hatten. Beteiligt haben sich hauptsächlich Doppelverdiener, Kinderlose Angestellte und besonders gut bezahlte Arbeiter. Für die grosse Mehrheit waren auch die verbilligten Reisen zu teuer. Die Leute werden zwangsweise einquartiert. Es kam vor, dass jemand eine Person nehmen wollte, es wurden aber 3 zugeteilt. Beamte und Geschäftsleute werden gezwungen, Leute zu nehmen und sind darüber sehr erbittert. In den Zeitungen wird dann von der grossen Begeisterung geschrieben. Die Arbeiter konnten durch die vielen fremden Besucher manches Interessante erfahren, insbesondere auch über die illegale Arbeit in anderen Gegenden und es konnte manche Verbindung geknüpft werden. Die in diesen Berichten immer wiederholte Klage, die meisten Fahrten seien trotz der grossen Ermässigung für den einfachen Arbeiter zu teuer und würden daher von den bessergestellten Schichten ausgenützt, hat eine amtliche Bestätigung erfahren. Die" Frankfurter Zeitung" meldete am 21. September: Die Pressestelle der Reichsbahndirektion Kassel erklärt im Einvernehmen mit der NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude", Amt für Reisen, Wandern und Urlaub, Gau Kurhessen, die Deutsche Reichs bahn habe die aussergewöhnlich hohe Fahrpreisermässigung für die Urlaubersonderzüge " Kraft durch Freude" nur unter der Voraussetzung gewährt, dass die Einbeziehung bemittelter Kreise unterbleibt." An den Urlaubsreisen haben jedoch", so heisst es in der Erklärung weiter," auch Personen teilgenommen, die sich in guten wirtschaftlichen Verhältnissen befin de. Ihre Beteiligung ist volkswirtschaftlich ungesund und sozial ungera sht und muss künftig unbedingt unterbleiben, soll nicht darunter die ganze segensreiche Einrichtung der NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude und damit ein Teil unserer Volksgenossen leiden. In Zukunft wird bei den Urlaubszügen streng geprüft werden, ob die Teilnehmer nach ihrer Wirtschaftslage auch zur Teilnahme an der Fahrt berechtigt sind. c) Die NS Volkswohlfahr 90 Hauptträgerin der nationalsozialistischen Sozial- Propaganda ist die " NS- Volkswohlfahrt". Aehnlich wie die Arbeitsfront ist sie eine Rahmen A- 28organisation, die die Bevölkerungsteile erfassen soll, die nicht Mitglieder der NSDAP, der NSBO, oder SA oder SS sind. Sie macht den Versuch, gerade Abseitsstehende auf dem Umweg über die Heranziehung zu sozialpolitischen Leistungen organisatorisch zu binden und der Partei anzugliedern. Zur Förderung dieser Aufgabe wird die Taktik verfolgt immer weitere Teile der Sozialpolitik von der öffentlichen Hand auf die NS- Volkswohlfahrt zu übertragen. Der Charakter der NSV kommt deutlich in einem Werbeflugblatt zum Ausdruck, in dem es unter Anknüpfung an das Winterhilfswerk 1933/34 heisst: Heute erfüllt alle irgendwie Beteiligte aus dem Bewusstsein, mitgeholfen zu haben, ein freudiger Stolz, der nicht nur den Dank für die gute Tat in sich birgt, sondern zugleich den stärksten Ausdruck des Bekenntnisses zum neuen Staat und seinem Führer enthält, nämlich den Willen zur freiwilligen Mitarbeit an seinen Zielen. Wie nun diese erste Aufgabe der NSV, das Winterhilfswerk, sozialen Zwecken diente, so werden überhaupt im Dritten Reich die kommenden Aufgaben der Wohlfahrt im wesentlichen eine Angelegenheit der NSV sein. Wir wollen nun einmal eine ganz klare Trennung herbeiführen: Wer von sich behauptet, er sei nationalsozialistischer Welt anschauung und irgen dazu in der Lage ist, der gehört hinein in die Parteiorganisation, der möge also mitarbeiten als Mitglied der NSV. Dann wird sich der Rest von selbst als uninteressiert an der Aufbauarbeit kennzeichnen. Ueber die zunehmende Verlagerung sozialpolitischer Aufgaben auf die NSV wird berichtet: Sachsen: Der NSV sind praktisch alle Gemeinde aufgaben auf dem Gebiet der öffentlichen Fürsorge übertragen, z. B. Kinderbetreuung, Lungenkrankensürsorge usw. Auch die Mittel werden aus den Gemeinden überwiesen, Infolgedessen sind in den Gemeinden Sozialbeamte in grosser Zahl abgebaut worden. Nordbayern: Die von den Nazis bestellten ersten Bürgermeister in Schönsee und Stadlern, Bezirk Vohenstrauss, haben ihre Aemter niedergelegt. Sie sollten von ihren Gemeinden für das Winterhilfswerk der. NS- Volkswohlfahrt 480 Mark abliefern. Dazu sind diese Gemeinden finanziell nicht in der Lage und die Ablieferung wurde von den beiden Bürgermeistern einfach nicht getätigt. Darüber war die Nazi- Kreisleitung angehalten; sie hat die Bürgermeister rüffeln wollen, worauf diese ihre Aemter zur Verfügung stellten. Südbayern( München): Durch die Konzentration der Fürsorgeunterstützung auf die NS- Wohlfahrt ist diese Organisation in der Lage, viel zu leisten. So wurden in diesem Sommer 5.000 Kinder auf oberbayerischen Bauernhöfen zur Erholung untergebracht. Schleswig- Holstein: Die Beihilfen an die Sozialrentner werden nicht mehr von den Gemeinden geleistet, sondern von der NS- Volkswohlfahrt. A- 29Selbstverständlich ist der Beitritt zur NSV" freiwillig". Das geht schon ganz klar aus den Aufnahmescheinen hervor, die die NSV an alle Haushaltungen schickt. Diese Scheine bringen neben dem bereits zitierten Werbetext die" Freiwilligkeit" in folgender Form unmissverständlich zum Ausdruck: Vorderseite: Beantworten Sie bitte die umseitigen Fragen. Der Zettel wird wieder abgeholt! Rückseite: Anmeldung zur N S V.! Ich wünsche in die NSV. aufgenommen zu werden. Ich bin bereits angemeldet oder Mitglied.- Ich will der NSV. NICHT beitreten. ( Nichtzutreffendes bitte streichen). Unterschrift und Adresse: 1934 Berlin: Das Amtsblatt des Bischöflichen Ordinariats Berlin, Stück 9 vom 7. August 1934 bringt folgende Mitteilung: " Nachstehende Verfügung des Amtes für Volkswohlfahrt wollen die hochwürdigen Herren Geistlichen zur Kenntnis nehmen und sich gegebenenfalls darauf berufen. Amt für Volkswohlfahrt bei der obersten Leitung der PO. Berlin NW7, den 27. August 1934 An alle Gauamtsleiter der NSV An alle Gaukassenführer der NSV An alle Kreis-, Ortsgruppen- und Stützpunktamtsleiter der NSV Rundschreiben Nr. 23 Betrifft Werbung von Mitgliedern für die NSV Durch Beschwerde der Reichsleitung und anderer Dienstellen wurde der Reichsführung bekannt, dass bei der Werbung von Mitgliedern für die NSV in einzelnen Fällen in übereifriger Weise Druckmittel angewandt worden sind. Beispiele beweisen, dass bei Beitrittsverweigerungen, Veröffentlichungen in den Tageszeitungen erfolgt sind. Weiterhin wurde Offentlich bekanntgegeben, dass im nächsten Winterhilfswerk nur noch Mitglieder der NSV betreut werden, Diese Art der Werbung dient nicht der Sache, sondern schädigt ihr Ansehen und muss deshalb aufs schärfste verurteilt werden. Ausserdem ist es mit der Würde eines Nationalsozialisten nicht vereinbar, sich derartiger Massnahmen zur Werbung von Mitgliedern zu bedienen. Diese Vorkommnisse geben mir Veranlassung, darauf hinzuweisen, dass bei der Werbung von Mitgliedern durch die NSV keiner lei Druckmittel anzuwenden sind. Bei Zuwiderhandlungen werde ich. unnachsichtlich einschreiten. gez.: Unterschrift, Amtsleiter G A-30Ostsachsen: Der Druck zum Eintritt in die Volkswohlfahrt ist sehr stark. Der Beitrag beträgt 1 Mark pro Monat. Es wird hier viel Reklame gemacht. Die Bettelei der Nazis ist noch sehr gross und belästigend für die Bevölkerung und allen graut wieder vor der Bettelei zur Winterhilfe. Nordbayern: Die NS- Volkswohlfahrt, Gau Mittelfranken hat ein Abzeichen zum Preise von 30 Pfennig als Türplakette herausgebracht. Die Plakette hat einen Durchmesser von ca. 7 cm. Sie wird nur gegen Vorzeigung des Mitglieds ausweises der NSV abgegeben. Die Plakette hat nach Meinung der Gauleitung aber leider bis heute noch nicht viel Beachtung gefunden. Darum wurde in den letzten Wochen mehrmals von der Gauleitung aufgefordert, diese Plakette zu kaufen, weil es " eine Ehre sei, an seiner Tür das NSV- Zeichen zu haben." Pfalz; Die NS- Wohlfahrt hat alle anderen Organisationen ziemlich lahmgelegt. Der Betriebsführer ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihr alle Arbeiter angehören und dass ihr Beitrag von mindestens lo Pfg. pro Woche und bei Beamten mindestens 2 Mark pro Monat in Abzug kommt. 3.) Die Spendenwirtschaft. a) Die Zentralisierung der Sammelei. B Die Finanzierung der nationalsozialistischen Sozialpropaganda erfolgt durch die bekannten" freiwilligen" Spenden. Diese Methode hat zwei Vorzüge: 1. Sie verschafft der Partei neue grosse Einnahmen, die jeder Kontrolle entzogen sind. 2. Sie setzt die Hitler- Diktat ur instand, zu behaupten, dass die Steuern nicht erhöht, sondern gesenkt worden sind. Sie hat den Nachteil, dass sich die Sammelei leicht totläuft. Eine erste Regelung des Spendenwesens ist daher durch das" SpendenGesetz"( Abschnitt II des Gesetzes zur Erhaltung und Hebung der Kaufkraft vom 24. März 1934) versucht worden. Danach wurden alle Sammlungen der Genehmigung durch den Stellvertreter des Führers unterstellt, die im Einvernehmen mit dem Reichsfinanzminister zu erfolgen hat. Eine Verschärfung dieser Regelung brachte das Reichsgesetz vom 3, Juli, durch das alle Sammlungen bis zum 31. Oktober verboten wurden. Der Zweck dieses Gesetzes war weniger die Einführung von Sammelferien als die noch schärfere Organisierung und Zentralisierung der Bettelei und damit die Unterdrückung der lokalen Sondersammlungen zugunsten der grossen Sammelveranstaltungen. Der Kernpunkt des Gesetzes ist die Vorschrift:" Der Stellvertreter des Führers kann im Einzelfalle im Einvernehmen mit dem Reichsminister der Finanzen wegen seines überwiegenden öffentlichen Interesses weitere Ausnahmen zulassen." Unsere Berichte zeigen, in welchem Masse von dieser Vorschrift Gebrauch gemacht worden ist: A- 31 Westsachsen: Trotzdem Anfang Juli die Reichsregierung ein allgemeines Sammelverbot erliess, ist im Juli lustig weiter gesammelt worden Die Das Hilfswerk" Mutter und Kind" sammelte für die Landerholung. Hitlerjugend sammelte in den verschiedensten Städten für ihre Ferienreisen, Am 16. Juli wurde der" Tag der deutschen Rose" durchgeführt, Rosen, die man bei den Kleingärtnern" freiwillig und ohne Bezahlung geholt hatte wurden für 20 Pfg. verkauft. Die Sammlungen wurden aber äusserst schlecht unterstützt. Während man früher Angst hatte, nicht zu wenig zu geben, behandelte man im Juli die Sammler wie Bettler. Im Kreis Grimma/ Wurzen wurde eine Amtswaltersammlung durchgeführt für den Marsch nach Nürnberg. Die Geschäftsleute sollten eiserne Portionen für den Marsch der Nationalsozialisten spendieren. In Bayern wurde eine Erinnerungsplakette aus Alt silber geprägt für das Hochlandlager der Hitlerjugend. Die Plakette kostete 3.- RM. und berechtigte zum frei en Eintritt in das Lager der HJ, In einem Erzgebirgsort kam ein Sammler zu einem national angehauchten Waldarbeiter, um für die Sammlung" Mutter und Kind" eine Spende zu kassieren. Der Waldarbeiter hatte aber gerade einige Tage vorher in seinem Leibblatt, der" Obererzgebirgischen Zeitung" Hitlers Forderungen an die SA gelesen. Zum Sammler gewendet, sagte er:" Ich gäb nischt mähr wenns die gottverdammte Bande äh bloss verwürgt und verhurt. Der Waldarbeiter wurde polizeilich aufs Rathaus geladen und vom Bür germeister sowie vom Nazifraktionsvorsitzenden gefragt, wen er mit seinen Ausdrücken" Gottverdammte Bande" gemeint habe. Der Waldarbeiter antwortete in aller Ruhe:" Nun, ne Röhm! Ihr lahst wuhl de Zeitung gar net, do stiehts doch drinne, wos die elende Bande när e läh in Berlin verwürgt hat. Westdeutschland: Obschon Sammelferien verordnet sind, fängt die Landplage schon wieder an: In dieser Woche gab es die Saarplaketten a 20, Teller für Mutter und Kind a 20, Erntedankfestabzeichen a 20 und dann noch eine Mitgliederwerbung für die NS- Volkswohlfahrt. Hier haben die Werber erklärt, dass der in Arbeit Stehende Mitglied sein muss. Schlesien: Am 1. und 2. September wurde in ganz Schlesien eine Sammlung für die Aktion" Mutter und Kind" durchgeführt. Als Abzeichen gab es die sogenannte" Glatzer Rose".( In anderen Landestei len die gelbe Dotterblume.) Die NS- Volkswohlfahrt gab folgendes Flugblatt heraus, dessen Text deutlich die allgemeine Abneigung der Bevölkerung gegen die Sammelei erkennen lässt: " An alle Haushaltungen! Am Sonnabend, den 1. und am Sonntag, den 2. September 1934, die letzte diesjährige Haussammlung für das Hilfswerk " Mutter und Kind" findet statt. Wir bitten Sie, eingedenk der grossen Tat, die durch dieses Werk vollbracht wird, noch einmal ein Scherflein zu geben und damit zum Gelingen des grossen Werkes Ihrerseits mit beizutragen. Weisen Sie die Sammler nicht ab. Im voraus herzlichen Dank. Amt für Volkswohlfahrt Sahweidnitz- Stadt." A 32Eine neue Sammelwelle ging zur Vorbereitung des Nürnberger Parteitages über das Land Hamburg: Der Gau Hamburg der NSDAP stellte für die Sammlung zum Parteitag sogenannte" Urkunden über Spenden von 50 Pfg. her. Allen beim Hamburger Staat und bei der GEG Beschäftigten wurden diese Bilderbogen einfach in die Lohntüte gesteckt und die 50 Pfg. zwangsweise abgezogen. Sachsent Die NS Hago, Ortsgruppen Zittau, brachte an ihre Mitglieder ein Rundschreiben zum Versande, in dem es hiess: " lo. Amtswalter Sachsens beim Reichsparteitag 1934, 19,000 sächsische Amtswalter fahren und pars chie ren nach Nurnberg, Die NS- Hago hat den ehrenvollen Auftrag erhalten, die zur Verpflegung dieser Amtswalter erforderlichen Lebens- und Genussmittel zu sammeln. Der gewerbliche Mittelstand, der früher als wirtschaftsparteilich und liberalistisch verschrien war, wird mit Begeisterung zeigen, dass er sich freigemacht hat vom vermoderten Gedankengut zerflossener Systeme, er wird weder sich, noch uns sagen, für die Aufbauarbeit, für die Wehrverbände, für die Jugend schon genug getan zu haben, nein, er wird durch die Tat seinen Willen zum Mithelfen beweisen: er wird nach besten Kräften geeignete Verpflegemittel beisteuern, damit die Amtswalter, die jahraus, jahrein unermüdlich, uneigennützig, unbezahlt und völlig ehrenamtlich ihre Pflicht erfüllen, durch die Fahrt nach Nürnberg den schönsten Lohn, den es für sie gibt, erhal ten." Daneben sind aber die lokalen Sammelveranstaltungen keineswegs völseit Mitte September vor allem lig eingestellt. So wird z. B. in Leipzig für das Richard- Wagner- Denkmal gesammelt, zu dem der Führer bereits den Grundstein gelegt hat. Pommern: Die" Pommersche Zeitung" meldet( 17.7.) " Ein schöner Beweis wahrer Volksgemeinschaft wird aus dem Kreise Dramburg berichtet. Um den Notstandsarbeitern ihre Lage zu erleichtern, wurde von der Deutschen Arbeitsfront im Kreise Dramburg eine Hilfsaktion eingeleitet, und der Appell an das Kameradschaftsgefühl hatte den erfreulichen Erfolg, dass in wenigen Tagen schon ein Gesamtbetrag von monatlich über 2.400 Mark gezeichnet war. 38 Nordbayern: In Bayreuth ereignete sich folgendes: Die alten aufgelassenen Kasernen waren seit 1919 von Privatpersonen bewohnt. Jetzt werden diese Kasernen wieder für das Militär gebraucht, so dass für die dort wohnenden Privatpersonen Wohnungen beschafft werden müssen. Um diesen Wohnungsbau zu ermöglichen, müssen die Gesdhäftsleute Dar lehen geben. Sie erhalten darüber einen Schein, den die meisten heute schon für ein wertloses Papier halten. Wollte ein Geschäftsmann kein Darlehen geben, so würde das für ihn unangenehme geschäftliche Folgen haben. 33. Schulsammlungen. Ein Sondergebiet sind die Sammlungen in den Schulen und durch die Schulen. Sachsen: Das Sächsische Ministerium für Volksbildung und das Wirtschaftsministerium haben eine gemeinsame Verordnung erlassen, in der as heisst: Dar Volkshund für das Deutschtum im Ausland führt im Oktober volksdeutsche Werbewochen durch und fordert alle sächsischen Schulen zur Beteiligung an dem grossen Hilfswerk auf. Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat durch Erlass vom 19. September 1934 sein Einverständnis dazu erklärt, dass die Einsammlungen von Beiträgen zur Unterstützung deutscher Schulen im Ausland mittels besonderer Quittungsbüchlein des VDA in allen Schulen des Reiches erfolgt. Das Ministerium für Volksbildung und das Wirtschaftsministerium erwarten daher, dass sich die Schulaufsichtsbehörden und Schulen in den Dienst für das grosse Hilfswerk stellen und den VDA bei der Ausgabe der Quittungsbüchlein an die Schulen unterstützen, die Schü-.. ler über die dringende Notwendigkeit der Massnahmen des Hilfswerkes gründlich aufklären und sie zur Mitarbeit durch Uebernahme von Quit tungsbüchlein gewinnen." Nordwestdeutschland: Mit Beginn der Ferien wurde den Kindern ein Hertehen mit zehn Quittungen ausgehändigt. Auf der Rückseite steht, dass die Sammlung für Erhaltung der deutschen Schulen im Ausland diene. Die Kinder durften nur bei Freunden, verwandten und Bekannten sammeln. Schlesien: Der Rektor der Evangelischen Knabenschule in Schweidnitz hat im August an die Eltern der Schüler folgendes Schreiben, gesandt: " An die Eltern unserer Schule. Nach dem amtlichen Regierungs- Schulblatt sind wir Lehrer angewiesen, von jedem Schüler pro Jahr einen Lernmittelbeitrag von 0.80 RM. und eine Beihilfe zum Lehrfilm in Höhe von 0.60 RM. zu erheben. Wir wollen anerkennen, dass der Magistrat trotz der finanziellen Notlage unserer Stadt unsere Schule nicht vergessen hat, uns auch gern mit reicheren Mitteln ausstatten würde. Es geht aber über seine Kräfte. Wir sind also notgedrungen auf die Mithilfe unserer Elternschaft angewiesen. Diese Mithilfe hat sich bereits in den verflossenen Monaten bewährt. Um aber den vielerlei Sammlungen zu allerlei Zwecken ein Ende zu machen, wollen wir vom 1. September ab von jedem Kinde in jeder Woche am Sonnabend bezw. Montag lo Pfg. erheben. Der Opferwilligkeit finanziell besser gestellten Eltern sollen dadurch keine Schranken gesetzt sein: es werden noch genug Ausfälle zu decken sein. Es wird nicht erwartet, dass von mehreren Brüdern in unserer Schule jeder lo Rpf. zahlt. Die Buchführung über die eingesammelten Kassengelder führt der Elternbeirat. Aus den Geldern soll beglichen werden: der Beitrag zur Elternvereinigung, das Filmgeld, der Herbergs pfennig, der Beitrag zum VDA., das Theatergeld und, soweit als möglich, die Aus gaben für kommende Wanderungen.-Helfen Sie bitte alle mit zur Erreik Heil Hitler! chung des gesteckten Zieles. A- 34 c) Die" Adolf Hitler- Spende". " Freiwillige" Spenden, wie sie das Dritte Reich eingeführt hat, sind die primitivsten und unsozialsten Formen der Besteuerung. Dem Spendenzwang können sich die kleinen Leute weniger entziehen, als die grossen. Es fehlt jeder Masstab für die Leistung des einzelnen; die Mehrleistungen der Wohlhabenden stehen in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen und ihrer Leistungsfähigkeit. Hinzukommt, dass die" Wirtschaft" es längst verstanden hat, sich vor der Sammelflut zu schützen und durch eine regelrechte. Spenden- Steuer, die" Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" mit sehr vorteilhaften Sätzen loszukaufen. Für die Beteiligten an dieser Spende gilt ein besonderes Sammelverbot, das sie von fast sämtlichen Sammlungen befreit.( Ausgenommen ist nur die Winterhilfe und die NSV.) Diese Spende wurde am 1. Juni 1933 eingeführt, sie ist für 1934 verlängert worden. In einem Aufruf des Vorsitzenden des Kuratoriums, Dr. Krupp von Bohlen und Halbach, vom 1. Juni 1934 heisst es: Der Stellvertreter des Führers wird das bereits im Vorjahr herausgegebene Sammelverbot mit folgendem War tlaut erneut erlassen: Alle Sammler haben bei Vorzeigen der Bescheinigung mit den fälLigen Zahlungsbelegen sofort das Sammeln bei der betreffenden Firma zu unterlassen, Alle Einzelabmachungen der Dienststellen und Einrichtungen der Partei mit den für eine Beteiligung an der" Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" in Frage kommenden Unternehmungen und Verbänden der Wirtschaft sind ungültig. Neue Abmachungen, die diese Unternehmungen oder Verbände von der Beteiligung an der Spende abhalten könnten, sind verboten. Ebenso sind Eingriffe oder Massnahmen hinsichtlich der Durchführung der Spende untersagt. Die" Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" ist eine Ablösungsspende. Betriebe, die sich ordnungsgemäss an der Spende betei Ligen, sind auf Grund der mit der Reichsleitung der NSDAP getrof fenen Vereinbarung von allen Spenden und Sammlungen der oben genann ten Dienststellen, Einrichtungen und Formationen befreit. Die Reichs leitung der NSDAP ist unbedingt gewillt, für die Einhaltung des Sammelungsverbotes Sorge zu tragen. A- 36 Ueber die Höhe der Spende unterrichtet z. B. ein Rundschreiben der Berufsgenossenschaft für den Einzelhandel die Berufsgenossenschaften haben wie im Vorjahr die Einziehung übernommen in dem es heisst: Wie aus dem folgenden Abschnitt 2 ersichtlich ist, konnte der Beitragssatz auch für den Kreis unserer Mitglieder wesentlich ermässigt werden. Ausserdem ist das Sammlungsverbot( vergl, II des genannten Aufrufs), das die Spender der Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft vor anderen Sammlungen schützt, wesentlich erweitert und verschärft. Der von den einzelnen Unternehmungen zu leistende Beitrag wird nicht wie im Vorjahre nach der Zahl der beschäftigten Personen, sondern nach der Höhe der im Jahre 1933 insgesamt gezahlten Lohnund Gehaltssumme errechnet. Als Jahresbeitrag ist zu zahlen für jeden Hauptbetrieb und jedes Zweiggeschäft der Grundbetrag von 5.- RM. für Betriebe, deren Lohn- und Gehaltssumme im Jahre 1933 mehr als 5.000 RM betrug, kommt hinzu ein Zusatzbetrag von 2 von Tausend der diese 5,000 RM, überschreitenden Lohn- und Gehaltssummen 1933. Anfang Oktober gab der Vorsitzende des Kuratoriums eine Neuregelung hinsichtlich der Beteiligung der Betriebe an der NSV und eine Erweiterung des Sammelverbots bekannt: " Bezüglich der NS- Volkswohlfahrt ist folgende Regelung getroffen: Für Betriebe, die sich in ungünstiger wirtschaftlicher Lage befinden und im Besitz der von der" Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" ausgestellten Bescheinigung sind, kann von der Geschäftsfüh rung des Kuratoriums auf Antrag das Sammelverbot zugunsten der" AdolfHitler- Spende der deutschen Wirtschaft" auch auf die Spendenvorhaben der NSV( Mitgliedsbeiträge, Patentschaften usw.) ausgedehnt werden. Dadurch sind bei diesen Firmen alle weiteren Leistungen an die NSV abgelöst. Während der Bauer des Winterhilfswerks werden besondere Samm lungen für die NSV nicht veranstaltet. Nachstehend ist noch einmal die Liste derjenigen Dienststellen und Einrichtungen aufgeführt, für die das im Auftrag des Führers durch seinen Stellvertreter erlassene Sammelverbot zugunsten der" Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" Gültigkeit hat: PO der NSDAP, SA, SS, NSKK, Hj, Luftsportverband, Luftschutzbund, Arbeitsfront und NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude", Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung, NS- Hago, NS- Studentenschaft, NS Frauenschaft, Natiohalsozialistischer Front kämpferbund; NSV siehe obige Regelung." III. Korruption und Misswirtschaft A-36Wir haben zuletzt im Monatsbericht für Juli/ August über die Korruption im Dritten Reich berichtet. Inzwischen hat der" Neue Vorwärts" vom 7. Oktober eine Liste von 70 Korruptionsfällen aus Sachsen veröffentlicht, die uns durch unsere Berichterstatter übermittelt worden ist, auf deren Wiedergabe wir aber aus Raumgründen verzichten. Symptomatisch für die Zustände in Deutschland sind zwei Berichte, die keine Einzelfälle wiedergeben: Südwestdeutschland: Die Korruption ist so ungeheuerlich, dass es gar nicht möglich ist, alle Fälle aufzuzählen. Jeder kleine Ort hat seinen Fall oder gar mehrere, Aber das Volk ist so abgestumpft, dass es der NSDAP leicht ist, diese Fälle immer wieder zu vertuschen. Sachsen: Die Unterschlagungsfälle häufen sich in den letzten Wochen so stark, dass eine andere Erklärung nicht möglich ist als die, dass die Nazis jetzt selbst auf dem Standpunkt stehen" Nach uns die Sintflut" und" retten", was noch für jeden persönlich zu" retten" ist. 1.) N.S.D.A.P., Hitlerjugend, NS- Volkswohlfahrt. Berlin: Im Bezirk... wurden vor einiger Zeit mit einem Schlage sämt liche nationalsozialistische Helfer am Winterhilfswerk, bei den Eintopfsammlungen usw, entlassen. Der Voraitzende, ein alter Nazi, berief daraufhin andere Helfer, die nicht NSDAP- Mitglieder waren. Diese Helfer waren kaum im Dienst, da konnten sie auch schon nachweisen, dass ihr sauberer Chef ebenfalls Langfinger hatte. Wertvolle Spenden waren in sein Privatvermögen gewandert. Er erhielt mehrere Monate Gefängnis, da sich nichts vertuschen liess. Das Mitglied der HJ, Rudi Müller, Karlshorst, hat die Sammelbüchsen zu sehr geschüttelt und dabei sind sehr viele Groschen aus der Büchse herausgefallen. Ein Strafverfahren schwebt gegen ihn%; z.Zt. sitzt er in Untersuchungshaft. Die Gerüchte, der Reichs jugendführer habe Millionen unterschlagen, wollen nicht verstummen. Positiv festzustellen ist folgendes: Der Finanzdezernent der Reichs jugendführung, Obergebietsführer Alfred Loose wurde durch Verfügung Schirachs vom 15.6. seines Postens enthoben. Loose wurde vorgeworfen, dass er sich selbst ein Monatsgehalt von looo Mk. und seinen Freunden ähnlich hohe Gehälter ohne Genehmigung Schirachs bewilligt habe. Ausserdem soll er Unterschlagungen begangen haben. Hamburg: Sofie Gieseler, stellvertretende Kreisamtsleiterin der NSV, Kreis Barmbeck, unterschlug Mk.3500,--. Die Gelder waren für die notieidende Bevölkerung Barmbecks bestimmt. Pommern: In Pommern waltete der Gaukulturwart Rehberg. Rehberg ist ein junger Dichter, der durch ein Keppler- Drama und ein Rundfunkhörspiel bekannt geworden ist. Er hat den Intendanten Flesch, von dem er sehr gefördert worden ist, denunziert. Jetzt ist Rehberg wegen Unterschlagung von einigen tausend Mark verhaftet worden. A-37Pommern: Der Vertrieb des" Völkischen Beobachters" für Pommern lag bisher in den Händen des Oberbann- Führers der Hitlerjugend Lohel. Der Bezug des" VB" war für die Mitglieder der" HJ" und des Jungvolkes obligatorisch. Obligatorisch war aber auch, dass die gelesenen Exemplare zurückgegeben werden mussten, angeblich, um den arbeitslosen Pg. und SA- Mitgliedern zugestellt zu werden. In Wirklichkeit hat Lohel die gelesenen Exemplare als Remittenten an den Verlag zurückgeschickt und so ein einträgliches Geschäft gemacht. Als man dahinter kam, wurde ein Verfahren vor dem Amtsgericht in Kolberg eingeleitet, das aber auf höhere Anweisung schon vor der Amnestie eingestellt werden musste. Lohel ist jetzt in der Gebietsführung Ostsee der HitlerJugend tätig. Sohlesien: Pg. Josef Böhm, NSDAP- Kreisleiter für den Kreis Habelschwerdt, wurde vor 2 Monaten plötzlich seines Postens enthoben. Grund: umfangreiche Unterschlagungen von Parteigeldern. Einzelheiten sind nicht bekannt geworden, da die Sache geheimgehalten wird. In Schmiedeberg wurde am 26.9. die Wohnung des Kassierers der SS von SS besetzt und der Kassierer in Haft genommen. Ausser ihm wurden verhaftet ein Sturmführer, der Leiter der Arbeitsfront und zwei Gemeinden achtwächter. Der Kassierer soll 5000 Mark unterschlagen haben. Sachsen: In Freital bei Dresden hat der Stadtverordnetenvorsteher Winzer 30.000 Mark Winterhilfsgelder unterschlagen. Als dies im Stadt parlament zur Sprache gebracht werden sollte, löste Winzer kurzerhand die Stadtvertretung auf. Seitdem heisst in Freital die Winterhilfe nur noch Winzerhilfe. Winzer selbst ist seitdem verschwunden. Die Stadtvertretung ist aber nicht wieder einberufen worden. Bei der N.S.V. Dresden ist der Kreisleiter Heine entlassen und verhaftet worden. Die Gründe sind noch unbekannt. Es werden aber Unterschlagungen grössten Ausmasses vermutet. Die gesamte Organisation der N.S.V. ist durch den neuen Leiter Spielberg umgestellt worden. Alle amtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter sind entlassen worden. Karl Trescher, Sturmbannführer der SA in Annaberg hat nach umlaufenden Gerüchten 20.000 Mark unterschlagen. Es wurde ihm alles abgenommen, Auto, Schreibmaschine; später kam er in Untersuchungshaft. Jetzt ist er wieder auf freiem Fuss und heute noch Sturmbannführer. Segel- und Sportflieger Schneider, Vorsitzender des Reichsluftschutzbundes, Ortsgruppe Schlettau hat die bei der Flugzeugweihe gestifteten Patengeschenke unterschlagen und ebenfalls die gesammelten Gelder für den RLB, ungefähr 500 Mark. Er wurde seines Postens enthoben; Anzeige wurde aber nicht erstattet, er ist heute noch Mitglied Der SA- Truppführer eines Dresdner Sturmes hat 5.000 Mark Uniformgelder, Beiträge, Gelder aus Sammlungen für erwerbslose Kameraden usw unterschlagen. Hinterher stellte sich heraus, dass er schon siebenmal Torbestraft ist. Das Strafverfahren ist eingeleitet. Der Bannführer Wolf der Hitlerjugend Dresden ist mit 10.000 Mark Geldern der Hitlerjugend, die für eine Grossfahrt bestimmt waren, nach der ČSR geflüchtet. Pg. Jäger, Geschäftsführer der Kreisbauernstelle Werdau- Crimmitscha ist mit Spargeldern der Kleinbauern durchgebrannt. Zugegeben werden 5000 Mark; anzunehmen ist aber, dass die Gerüchte, die unter den Bauern kursieren, Jäger sei mit 20.000 Mark verschwunden, eher der Wahrheit entsprechen. A- 38 Bayern: Die wegen Unterschla gung verhafteten beiden Rosenheimer Nazigrössen, der peisleiter Kern und der Sonderkommissar für den Bezirk Rosenheim- Aibling Meder, wurden nach übereinstimmenden Meldungen von dem nationalsozialistischen Parteigericht verurteilt. Meder soll 6 Jahre, Kern 5 Jahre Gefängnis erhalten haben. Meder war 6 Wochen im Gefängnis, dann wurde er durch die neue Amnestie wieder auf freien Fuss gesetzt. Württemberg: Die Kreisamtsleitung der NSV in Stuttgart teilt mit: Der frühere Ortsgruppen Amtsleiter der NSV, Ortsgruppe Bopser, der bereits am 11. Oktober seines Amtes enthoben worden war, ist von der Kriminalpolizei wegen Verdachts schwerer Untreue verhaftet worden. Das Verfahren ist eingeleitet.( Frankfurter Zeitung vom 3. November.) Westfalen Es läuft ein Haftbefehl gegen den politischen Leiter im Range eines Sturmbannführers Pfeifer, Wuppertal. Ausserdem ist der ehemalige Lagerkommandant im Konzentrationslager Kemna b.Barmen, Obersturmbannfüh rer Hilgers flüchtig. Auch gegen ihn läuft Haftbefehl. Beide haben Unterschlagungen in höherem Masse begangen. Ein Beamter aus Essen wurde, weil er sich in seiner Eigenschaft als Sturm bann Geldverwalter bei der SA fortgesetzter Untreue und Urkundenbeseitigung schuldig gemacht hatte, zu zehn Monaten Gefängnis und einer Geldbusse von 60 Mark verurteilt. Ausserdem wurde vor der Reichsdisziplinarkam mer Düsseldorf ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet, das mit seiner Dienstentlassung endete. Zwei Drittel seines Ruhegehaltes wurden ihm auf Lebenszeit als Unterstützung gewährt. ( Frankfurter Zeitung vom 18. Sept.) In Solingen sind zwei Mitglieder der NSDAP wegen Unterschlagung von Parteigeldern in Höhe von rund 2.000 Mark aus der Partei ausgeschlossen worden. Es handelt sich im wesentlichen um Geldspenden, die nicht verbucht und von den Betreffenden für alle möglichen Privatzwecke verbraucht warden sind. Die Beschuldigten wurden nach ihrer Festnahme dem Richter vorgeführt ,, der gegen den einen Haftbefehl erliess, während der andere auf freien Fuss gesetzt wurde. ( Frankfurter Zeitung vom 3. Oktober) In Solingen ist der Kreisamtsleiter Hartung der NSV abberufen worden. Zwei Tage später wurde er zum Gaubeauftragten ernannt. Jetzt( 8 Tage spä ter) wurde er wegen Wechselfälschung verhaftet. 1.3 In M, Gladbach wurde der SS- Sturmbannführer Noehles wegen allerhand dunk ler Geschichten von seinem Posten enthoben und einstwei len b eurlaubt. Wahrscheinlich wird er befördert werden. Noehles ist der Moerder des im Jahre 1932 erschossenen Kommunisten Trines. Von Beruf Erdarbeiter, wurde er nach der" nationalen Revolution" Polizeioberinspektor in Versen/ Rhld, Hannover: Der Kreisleiter Melger der NSDAP Hameln hat 12.000 Mark unterschlagen. Der Prozess ist eingeleitet. Die Göttinger Strafkammer verurteilte in einem Prozess wegen Unterschlagung und zweckwidriger Verwendung von Geldern der NS- Volkswohlfahrt und de Winterhilfe den früheren Kreisamtsleiter der Göttinger NS- Volkswohlfahrt. Hagemann, zu 6 Jahren Zu thans und 200 Mark Geldstrafe, den früheren Kreisleiter der NSDAP Niens zu 3 Jahren Zuchthaus und 200 Mark Geldstrafe und den früheren Kreispropagandaleiter Woltjes zu 3 Jahren 6 Monate Zuchthaus und 200 Mark Geldstrafe; bei allen Angeklagten wurde auf Ehrverlust erkannt. Das Ver A=--39fahren gegen den früher mitverhafteten Adjutanten des Kreispropagandaleiters Woltjes, Götting, war von Beginn der Verhandlung auf Grund der Amnestie wegen der relativen Geringfügigkeit seines Vergehens eingestellt worden. In der Zeugenvernehmung wurde festgestellt, dass etwa fünf Monate lang überhaupt keine Bücher geführt worden waren; für die übrige Zeit sind die Eintragungen infolge der kaufmännischen Unkenntnis des Angeklagten teilweise gleichfalls fast wertlos. Ueber den Verbleib von mehr als 3000 Mark konnte überhaupt kein Nachweis geführt werden.( Frankfurter Zeitung vom 29. September). Vor der Grossen Strafkammer Wesermünde hatte sich der Kreisorganisationsleiter der NSV, Stadtkreis Wesermünde, Richard Henn zu verantworten. Henn hatte sich dadurch bereichert, dass er für eine Lieferung von sieben Tonnen Heringen an die NSV des Landkreises Wesermünde 210 Mark einnahm, während er selbst für diese Heringe nur 154 Mark zu zahlen hatte. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu 1 1/4 Jahren Zuchthaus, 3 Jahren Ehrverlust und loo Mark Geldstrafe, ersatzweise weitere fünf Tage Zuchthaus. ( Frankfurter Zeitung vom 2. November) Mitteldeutschland: Schon vor längerer Zeit wurde der Amtsvorsteher von Tiefthal( Thüringen) Bernhard Mennig, in Untersuchungshaft genommen, weil er sich an Geldern und Sachlieferungen des Winterhilfswerks vergriffen hatte. Mennig wurde nun vom Erfurter Schöffengericht wegen Untreue und Unterschlagung zu zwei Jahren Zuchthaus, 500 Mark Geldstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren verurteilt.( Frankfurter Zeitung vom 19. Okt.) Der Gemeindevorsteher Willy Bärwolf von Andisleben( Thüringen) hatte sich wegen Ver untreuung von Geldern des Winterhildswerkes vor dem Erfurter Schöffengericht zu verantworten. Wegen schwerer Untreue, Unterschlagung, schwerer Urkundenfälschung und Betrugs wurde er zu zwei Jahren sechs Monaten Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren verurteilt. ( Frankfurter Zeitung vom 27. Okt.) Das Schöffengericht in Bernburg( Anhalt) verurteilte den Angeklagten Robert Heyn, der Plaketten und Bargelder der Winterhilfe im Werte von 347 Mark veruntreut hatte, zu drei Jahren Zuchthaus 400 Mark Geldstrafe und fünf Jahren Ehrverlust.( Frankfurter Zeitung vom 25. August). 2.) NSBO, Arbeitsfront, Kraft durch Freude. Berlin: In der NSBO, Fachschaft Bekleidungsindustrie, sass ein gewisser Popp. Zu seiner Aufgabe gehörte auch die Ueberwachung der Tarife, Arbeitszeit usw. Wo er eine Unregelmässigkeit feststellte, ging er" schlichten". Er nahm eine Sammelliste der SA und legte diese dem Unternehmer vor. Erhielt er eine anständige Summe, war der Fall geschlichtet. Auch jüdische Geschäftsleute nahm er sich als Opfer. Die ganze Sammlung wanderte in seine Tasche! So hat er Mk. 6.300,-- erbeutet, jedoch soll die wirkliche Summe viel grösser sein. Popp erhielt 4 Monate Gefängnis. A-40Vor dem Berliner Schöffengericht hatte sich der bisher nicht vorbestrafte 40 jährige Werner Eickhoff zu verantworten. Er hatte vom Juli bis Anfang September 1934 als Unterkassierer von den Geldern der NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude" 800 Mark und von den Geldern der Arbeitsfront 392 Mark veruntreut. Diese Summe hat er dann in kurzer Zeit in leichtsinniger Gesellschaft verjubelt. Das Urteil lautete auf anderthalb Jahre Zuchthaus, 200 Reichsmark Geldstrafe und fünf Jahre Ehrverlust. Der Angeklagte wurde sofort nach der Urteilsverkün dung verhaftet.( Frankfurter Zeitung vom 3. Nov.) Sachsen: Pg. Müller, Obmann der NSBO im Eltwerk, Zwickau verschwand in den letzten Tagen des September. Er hatte Gelder der Betriebszelle des städt. Elektrizitätswerkes unterschlagen. Ausserdem fehlen die Abrechnungen von einer Fahnenweihe und von Sammlungen für Angehörige verstorbener Kameraden der Betriebszelle. Den Werksangehörigen wurde von einem Kohlenhändler Kohlen geliefert, für die das Werk gutsagte und wöchentliche Abzüge von Mk, 1,- kassierte, Auch dieses Geld hatte Müller zu verwalten. Von dem Betrag fehlen ebenfalls einige hundert Mark. In der Ortsgruppe der NSDAP Zwickau- Marienthal, deren Vorsitzender er war, fehlen ebenfalls 1.500 Mark, die auf das Schuldkonto Müllers zu setzen sind. Jetzt ist bekannt geworden, dass Gastwirte des öfteren über 200 Mark von Müller für Saufgelage zu bekommen hatten. Markersdorf bei Chemnitz: Die NSBO hat in dem Ort bereits den vierten Unterkassierer. Grund für das Auswechseln der Unterkassierer waren immer Unterschlagungen von kassierten Geldern. Ortmannsdorf Bezirk Zwickau: Der Nationalsozialist Richter, genannt " Mehlpilz", unterschlug als Kassierer der deutschen Arbeitsfront, Abteilung Textil, einige hundert Mark. Er wurde vom Parteigericht zur Rückerstattung der unterschlagenen Gelder verurteilt und ist nach wie vor in seiner Funktion tätig. Der Leiter der Arbeitsfront in Freiberg, Kaufmann, hat RM 28.000, unterschlagen. Sein davon mitgebautes Haus wurde beschlagnahmt. In Döbeln in Sa. wurde vor Kurzem der Leiter der Arbeitsfront, Fachschaft Tabak arbeiter, verhaftet wegen Unterschlagung von RM 6.000, In der Kreisleitung Dresden- Löbtau der Deutschen Arbeitsfront sind lo Amtswalter verhaftet, angeblich wegen Widerstandes gegen Anordnunger Dr. Leys. Es sollen aber die wahren Gründe vor allem in der Kassenführung liegen. Der Kreisamtsleiter ist seines Amtes enthoben worden. Der Angestellte des Baugewerksbundes Geitsch in Riesa hat 2000 Mark unterschlagen. Er wurde verhaftet, jedoch nach kurzer Zeit wieder entlassen. Pg. Fichtner, Leiter des Heimarbeiterverbandes in Annaberg wurde fristlos entlassen. Grund: Unterschlagung. Er ist aber noc SA- Mitglied Schlesien: Die erste Strafkammer Liegnitz verurteilte den früheren Kreisamtsleiter des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Heinrich Michel wegen Diebstahl, Unterschlagung und Urkundenfälschung zu 1 Jahr Gefängnis und zu 3 Jahren Ehrverlust. Wegen Fluchtgefahr wurde der Angeklagte in Haft behalten. Michel hatte u. a. die Weihnachtsbeihilfe für einen arbeitslosen Kollegen für sich verbraucht. In der Geschäftsstelle Neurode der" Reichs- Betriebs- Gemeinschaft Bergbau" führte eine Revision zur Aufdeckung von Unterschlagungen. Der Angestellte Hermann Scholz verstand es, sich einen Betrag von mehreren hundert Mark anzueignen. Scholz, sowie der verantwortliche A-41Geschäftsstellenleiter wurden beurlaubt und der Staatsanwaltschaft übergeben. In X.. hat der.... arbeiterverband jetzt bereits den vierten Nazi- Angestellten. Der erste wurde zu 9 Monaten, der zweite zu 4 Monaten Gefängnis wegen Unterschlagungen verurteilt. Gegen den dritten schwebt ein Verfahren. Ruhrgebiet: Von der Gendarmerie in Vaals( Holland) wurde auf Antrag der deutschen Polizei der bei der Arbeitsfront, Fachschaft Mesallarbeiter, in Essen angestellte D.W. wegen Unterschlagung von Verbandsgeldern verhaftet. Bei einer Revision wurden Unterschlagungen des Kreisgeschäftsführers der NS- Gemeinschaft" Kraft durch Freude" im Kreis Bielefeld festgestellt. Der Schuldige wurde verhaftet und hat bereits gestanden, die unterschlagenen Gelder für private Zwecke verbraucht zu haben. ( Frankfurter Zeitung vom 12. September). Vor der Duisburger Strafkammer hatte sich am Freitag der Angeklage te Gustav Albert aus Hamborn zu verantworten. A. hatte als Vertrauensmann der Deutschen Arbeitsfront, Betriebsgemeinschaft Bergbau Hamborn, einen Betrag von 1.900 Mark, der ihm zur Auszahlung der Urlaubsvergütungen an seine Arbeitskameraden übergeben worden war, verun treut und auf einer Fahrt zum Mittelrhein restlos durchgebracht. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu zwei Jahren Gefängnis. ( National- Zeitung, Essen, 5. August). Nach viertägiger Verhandlung verurteilte die Grosse Strafkammer des Landgerichts Münster vier ehemalige Amtswalter der NSBO des Gaues Westfalen- Nord wegen Unterschlagung, Vermögensaneignung bezw. Untreue zu schweren Freiheits- und Geldstrafen. Es erhielten: der ehemalige Bezirksleiter der Arbeitsfront für Westfalen, Walter Nagel, 3 Jahre Zuchthaus und 6.000 Mark Geldstrafe, ersatzweise einen Monat Zuchthaus; Adolf Uhle 2 Jahre, 6 Monate Zuchthaus und 3.000 Mark Geldstrafe; Wilhelm Riemenschneider 1 Jahr Zuchthaus und 600 Mark Geldstrafe und August Piontek 2 Jahre 1 Monat Gefängnis und 5.000 Mark Geldstrafe. Die Angeklagten Erich Nagel und Xaver Buehl wurden freigesprochen.( Berliner Tageblatt vom 30. September). In der Urteils begründung führte das Gericht aus: " Wenn dieser Prozess, der an sich gewiss alles weniger als erfreulich war, doch etwas Erfreuliches zeitigte, dann ist es die Tatsache, dass die Summen, die hier in Frage kommen, doch nicht annähernd so gross sind, wie es gerüchtweise in der Oeffentlichkeit verlautete. Der Prozess hat diese Summen auf ihr richtiges Mass zurückgeführt." ( Neuer Vorwärts vom 14. Oktober.) Unser Berichterstatter meldet uns jetzt, dass die veruntreute Summe 150.000 Mark betragen habe. Bekanntlich war die Oeffentlichkeit in diesem Prozess ausgeschlossen worden. Bayern: Wegen fortgesetzter Untreue und Unterschlagung verurteilte das Schöffengericht Amberg den 42 Jahre alten Michael Geisler zu l Jahr Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe. Geisler war vom Juni 1933 bis Juli 1934 Finanzwart bei der Reichsbetriebsgemeinschaft 6, Eisen und Metalle der Deutschen Arbeitsfront, Bezirk Amberg. Bei einer Kassenrevision am 2. und 3. Juli wurde ein Fehlbetrag von Mk. 4.607,23 festgestellt. Ausserdem entging er einer früheren Revision dadurch, dass er sich 1.800 Mark ausborgte und sie in die Kasse legte. Auf die Strafe wurden drei Monate Untersuchungshaft angerechnet. A-42Pfalz: Hch. Binder, Kreisleiter der Arbeitsfront, Reichsbetriebsgemeinschaft Bau, Landau- Pirmasens, hat 600 Mark unterschlagen und wurde verhaftet. Bei dieser Gelegenheit wurde festgestellt, dass er früher Verfehlungen durch Fälschung von Bankauszügen gedeckt hat. Hannover: Beim Bekleidungsarbeiterverband in Hannover haben drei Angestellte insgesamt 8000 Mark unterschlagen. Sie sind entlassen worden. Das gerichtliche Verfahren schwebt. Magdeburg: Seit Mai 1933 besitzt der gleichgeschaltete Buchdrucker verband bereits seinen sechsten leitenden Geschäftsführer. Alle Geschäftsführer des Buchdruckerverbandes sind bisher wegen Unregelmässi keiten entlassen worden. Bremen: Die Kleine Strafkammer verhandelte gegen einen Angeklagten Hans Hartmann, der sich in seiner früheren Eigenschaft als Ortsgruppenbetriebswart einer Ortsgruppe der NSBO an Geldern der NSBO vergriffen hatte. Hartmann war in erster Instanz zu einer Gefängnisstrafe von lo Monaten und zu Geldstrafen von insgesamt 200 Mark verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatte die Staatsanwaltschaft jedoch Berufung eingelegt. Die Kleine Strafkammer erhöhte die Gefängnisstrafe jetzt auf 1 Jahr und 9 Monate und erkannte dem Angeklagten ferner die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 2 Jahren ab. ( Frankfurter Zeitung vom 13. Oktober). 3.) Betriebe. Berlin: Pg. Kornemann, Betriebsrat beim Bezirksamt Lichtenberg, hat Zellengelder unterschlagen, er musste verschwinden. Pg. Schmidt, der 2. Vertrauensrat beim Bezirksamt Lichtenberg hat ebenfalls Zeliengelder unterschlagen, er wurde von der Polizei abgeholt. Pg. Ludwig, Betriebsrat vom Stadtbad Hubertusstr. hat Beiträge für die NSBO unterschlagen und doppelte Beträge für das" Arbeitertum" kassiert. Ca 400 Mark flossen in seine Tasche. Ludwig wurde nach Hönow versetzt. Grosse Radio- Fabrik: Ein NSBO- Mann und Parteimitglied hat Eisenbestandteile entwendet und ausgerechnet an einen Juden verkauft. Er wurde fristlos entlassen. Das Schöffengericht verurteilte am Dienstag den bisher unbestraftem 40 Jahre alten Joseph Rist wegen volksschädigender Untreue zu einem Jahr Zuchthaus. Der Angeklagte war längere Zeit Betriebszellenobmann und Kassierer der NSBO einer Betriebszelle in Tempelhof. In dieser Eigenschaft gehörte es zu seinem Aufgabenkreis, Aufnahmeerklärungen, Eintrittsgebühren, sowie die laufenden Beiträge entgegenzunehmen. R. hat die abgegebenen Aufnahmeerklärungen in grösserer Anzahl sowie die vereinnahmten Gelder in Höhe von 2800 Mark nicht weitergeleitet. Vielmehr steckte er das Geld in seine eigene Tasche, und verbrauchte es für sich.( Berliner Lokalanzeiger vom 7. September). Sachsen: Der Nationalsozialist, Bierverleger Mothes, bei der Schlossbrauerei Chemnitz hat 10.000 Mark unterschlagen. Mothes wurde zwar von der Schlossbrauerei entlassen, aber durch seine gute Ver bindung zur NSDAP durfte er nicht vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Die unterschlagene Summe wurde als Hypothek auf sein Haus eingetragen. A-4311 591 In der Firma Reostat in Dresden N., Grossenhainerstr. hatte der Betriebszellenleiter pro Mann 2 Mark Aufnahmegebühr und 1 Jahr lang die Monatsbeiträge kassiert. Als die Arbeiter immer noch keine Bücher erhielten, beschwerten sie sich beim zuständigen Kreisleiter. Hierauf verschwand der Betriebszellenleiter aus dem Betrieb. zahlte aber vorher noch die Aufnahmegebühren zurück. Die gesammelten Beiträge in Höhe von ca. Mk. looo, blieben in der Luft hängen. Der Personalchef Brock bei den Dresdner Werken( Städtische Elektrizitäts- und Gaswerke), der auch Stadtverordneter war, ist wegen Unterschlagung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Höhe der Unterschlagung konnte nicht ermittelt werden. Er ist 27 Jahre alt. Bayern: In der Austria Cigarettenfabrik, München ist der NSBOAmtswalter nach Unterschlagung eines Betrages von 20000 Mark flüchtig gegangen. Der Amtswalter des Werkes Südbremse wurde wegen Unterschlagung von 6.000 Mark verhaftet. ( Augsburg): Der Vertrauensrat Meier bei der MAN sollte gelegentlich einer Sammlung für einen Kollegen, der heiraten wollte, für den gesammelten Betrag eine Uhr kaufen. Er hat eine minderwertige Uhr gekauft und den Differenzbetrag der Sammlung unterschlagen. Er behauptete dann noch, dass die Uhr wirklich soviel Geld, wie die Sammlung ergab, gekostet hätte. Eine Anfrage eines Kollegen im Uhrengeschäft ergab, dass der Vertrauensmann gestohlen hatte. Trotz dieser eindeutigen Feststellung blieb Meier weiterhin Vertrauensrat. Als sich Meier anlässlich der Nichtbeteiligung von Arbeitern an der ZielkensKundgebung diese zu rüffeln wagte, bemächtigte sich der Arbeiter eine grosse Erregung. Die Arbeiter wurden bei der Betriebsleitung vorstellig und verlangten die Entlassung des Diebes Meier. Meier wurde auch entlassen, aber bereits am nächsten Tage konnte er bei der Firma Renk( ein der MAN angeschlossener Betrieb) die Arbeit wieder aufnehmen. Schlesien: Der 1. Vertrauensrat der Leinen- und Baumwoll- A.G. in Schweidnitz hat aus der Werk- Hilfskasse 600 Mark unterschlagen. Er gibt zu, 250 Mark für sich verwendet zu haben, den Rest will er ausge liehen haben. An wen, ist unbekannt. Ausserdem sind grössere Beträge als Ausgaben verbucht, für die Belege fehlen. Ruhrgebiet: Der Nazi- Obmann des Vertrauensrates der Guten Hoffnungs hütte und Amtswalter bei der NSV Jürgens, hat Gelder unterschlagen. Er wurde seines Amtes enthoben. 4.) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen. Berlin: Der" NS- Funk" meldet:" Der Zentralverlag Franz Eher Nachf. hat die Herausgabe des" Amtlichen Führers durch die" Grosse deutsche Funkausstellung 1934" übernommen." Hier verbirgt sich eine der ertragreichen Korruptionen des Dritten Reiches. Dieser amtliche Führer war stets ein grosses Geschäft. Allein die Inserate brachten einen ansehnlichen Gewinn, dazu der Verkaufspreis von-, 50 RMk. Die Pgs. Dressler- Andres und Hadamovsky haben dem Eher- Verlag, der Hitlers Eigentum ist, eine Gefälligkeit erwiesen, die an einige-zigtausend herankommt. Dr. Knoepfke, der ehemalige Direktor der Funkstunde Berlin, wurde wegen einer ähnlichen Sache in den Tod getrieben. Er war angeblich am Verlag Preuss& Co., Herausgeber der" Funkstunde Berlin" beteiligt, A-44Am 3. August wurde auf dem Gruppenabend der Ortsgruppe Leipzig des Deutschen Amateur Sende- und Empfangsdienstes ein Rundschreiben der Berliner Zentrale verlesen, wonach sich in Berlin eine Umstellung nötig mache. Die Reichsleiter Schäfer, Rach und Stübler wären in Haft, da sie eingegangene Gelder nicht für Kurzwellensender, sondern für eigene Zwecke verwendet hätten. Ein Strafantrag wegen Unterschla gung und Untreue sei gestellt. Die Beiträge müssten natürlich weiter geleistet werden. Der Indentant des Westdeutschen Rundfunkes, Glassmeyer, ist wegen Unterschlagung bei Sonderveranstaltungen seines Postens enthoben wor den. Sachsen: Im Konsumverein Vorwärts in Dresden hat ein Nazi- Kassierer Mk. 17.000,-- unterschlagen. Gleichzeitig traf ein Revisor von der GEG von Hamburg ein, der inzwischen unkontrollierbare Buchungen in Höhe von Mk. 680,000, festgestellt hat. Dem Revisor und seinen 00 Beamten wurde eidesstattlich Schweigepflicht auferlegt. Auerbach/ V: Der Geschäftsführer Bär von der nationalsozialistischer Zeitung" Das Göltzschtal" ist mit der Kasse des Naturheilvereins geflüchtet. Zwickau: Der Volksfürsorge angestellte Fahrer, SS- Mann, 28 Jahre alt, hat sich Anfangs September erschossen. Er hatte einige tausend Mark Versicherungsgelder unterschlagen. Fahrer war der Sohn des Bürgermeisters von Niederhasslau und wurde in seiner Kindheit in einer Erziehungsanstalt erzogen. Bayern: In Bayreuth hat der Gauleiter( Kultusminister) Schemm seine zwei Brüder in dem uns geraubten Zeitungsverlag untergebracht. Ein Bruder ist Geschäftsführer und hat jetzt schon ein ansehnliches Haus gebaut. Der andere Bruder war in der Kassenabteilung, hat grössere Be träge unterschlagen, ist aber nicht gerichtlich verfolgt worden, sondern in ein Sanatorium( Irrenabteilung) gegangen. Hamburg- Nordwest: Zum 20.8.34 waren sämtliche Gastwirte geladen, um einen Bericht entgegenzunehmen über die Gelder, die in der Bezirks resp. Kreisleitung verausgabt sind. Es ist festgestellt worder dass ungeheuere Summen verausgabt worden sind, über die Belege fehlten. Ferner wurde ein Barkassenbestand von nur 36 pfg. vorgefunden. Um über die Kassenangelegenheiten Klarheit zu schaffen, wurde die alte Kreisleitung abgesetzt und einem Juristen die Regelung der Kassenverhältnisse übergeben. Der kommissarische Leiter des Flensburger Konsumvereins Matzen ist wegen Verschiebung und Unterschlagung von 8000 Mark abgesetzt worden 5. Verwaltung. Sachsen: Der stellvertretende Direktor des Arbeitsamtes wurde kürz lich in Haft genommen, aber sogleich wieder entlassen, weil sich die höchsten Stellen der NSDAP und der städtischen Behörden für ihn verwandten. Im Rahmen der Arbeitsschlacht wird seit Monaten der Platz hinter dem alten Theater vom Arbeitsdienst bearbeitet. Der Platz soll zu einem Parkplatz hergerichtet werden. Eine Tankstelle soll aur ihm errichtet werden. Der stellvertretende Arbeitsamtsdirektor hat etwa 15.000 Mark, die für diesen Platz bestimmt waren, anders verwenden lassen und als das Geld gebraucht wurde, fehlte es für seinen A-45eigentlichen Zweck. In diese Angelegenheit ist auch der Bürgermeister der Stadt und vor allem der Kreisleiter der NSDAP Hitzler, verwickelt Im Volksmund haben die Drei den Spitznamen erhalten" Die Drei von der Tankstelle." Der Standesbeamte Zschocke, Ober- Niederhermersdorf bei Chemnitz, unterschlug 300 Mark. wurde aber nicht angezeigt und verurteilt, weil der ortsansässige Baumeister Beyer für ihn gutsagte. Zschocke arbeitet bei seinem Freund Beyer das Geld ab. Für den Bezirk Gröditz- Grossenhain- Riesa. wurde Giessermeister Holdinghausen aus den Mitteldeutschen Stahlwerken Abt. Gröditz Kreisleiter und Reichstagsabgeordneter der NSDAP. Nach den" gleichgeschalteten" Gemeinderatswahlen ernannte das Nazikollegium von Riesa den Holdinghausen dafür, dass er die Stadt vor der Bolschewisierung bewahrt hatte, zum Ehrenbürger der Stadt und überreichte ihm als Ehrengabe einen Revolver mit Perlmutterverzierung. Ferner wurde er zum stellvertretenden Bürgermeister bestimmt. Da es hierzu geistig nicht ganz langte, musste er bald dem Nazi, Pg. Dr. Sohulz Platz machen. Obwohl Holdinghausen nun keine Funktion mehr für die Stadt Riesa ausübte und die Kreisleitung ihren Sitz in Grossenhain hat, ver langte H. eine Wohnung in Riesa. Da keine passende frei war, musste ein Ingenieur die seinige mit seiner vierköpfigen Familie räumen und auf Kosten der Stadt in einem Hotel Unterkunft nehmen. Die freigemachte Wohnung wurde nach den Wünschen von H. vorgerichtet und kostete der Stadt 2500 Mark. Pfalz In Albersweiler bei Landau wurde der Bürgermeister verhaftet mit der Begründung, er würde saufen, seinen Vater schlecht behandeln und wäre unsozial gegen die Arbeiter. In Wirklichkeit hat er 60.000 Mark gemeindliche Gelder unterschlagen. Bei der Budgetaufstellung trat er hervor mit der Erklärung, die Gemeinde habe eine Schuld von 85.000 Mark. Da die Gemeinderäte wussten, dass es nur 25.000 Mark sein konnten, beantragten sie eine Revision, wobei sich dann herausstellte, dass der ehrenwerte Bürgermeister 60.000 Mark für eigene Zwecke verwandt hat. In Ludwigshafen müssen alle Wohlfahrtserwerbslosen 2 Tage arbeiten und bekommen 80 Pfg. Zulage pro Tag. Der Aufseher Nielis hat die Fehlenden nie gemeldet und das Geld für sich abgehoben. 16o Mark konn ten noch festgestellt werden. Er wurde entfernt und aus der Partei ausgeschlossen. Ruhrgebiet: Ein Beamter des Gelsenkirchener Wohlfahrtsamtes fuhr zusammen mit einer jungen Nationalsozialistin, die auf dem gleichen Amt angestellt war, nach dem Schwarzwald. Es sollten Kinderheime besichtigt werden, um erholungsbedürftige Kinder armer Gelsenkirchener Arbeitsloser unterzubringen. Die Herrschaften amüsierten sich in den teuersten Hotels und verbrauchten die den Beamten anvertrauten Wohlfahrtsgelder. Der" Volksgenosse" wurde zu Gefängnis verurteilt. Der" alte Kämpfer" und ehemalige Polizeipräsident von Wuppertal, Veller musste abgesetzt werden, es läuft Haftbefehl gegen ihn. 6.) Misswirtschaft. Es gibt in den nationalsozialistischen Organisationen und in der Verwaltung zahlreiche Fälle von Misswirtschaft, die nicht den Tatbestand A-46der Unterschlagung und Korruption einschliessen, aber für die Zustände im Dritten Reich überaus bezeichnend sind. Ruhrgebiet: Die Erben des Besitzes des früheren" Dortmunder General anzeigers" haben vorm Reichsgericht gegen den Gau Westfalen der NSDAP gesiegt. Der Gau muss ihnen 2 Millionen Mark bezahlen. Um diese 2 Millionen aufzubringen, wendet die Gauleitung u.a. folgende Tricks an: 1. Staatsrat und Gauleiter Wagner hat an den Giroverband der westfälischen Sparkassen ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er die westfälischen Sparkassen aufforderte, dem Gau eine einmalige Spende von 200,000 Mark zu gewähren. Falls sie dazu nicht in der Lage wären, sollten sie wenigstens lo0.000 schenken und lo0.000 als langfristiges, zinsloses Darlehen geben. Wenn aber auch das nicht ginge, bäte der Gau wenigstens um ein zinsloses Darlehen von 200.000 Mark. Die empörten Sparkassenmänner reagierten nicht auf Wagners Schreiben. 2. Die Molkerei Niederense b. Arnsberg hatte eine Aufforderung erhalten, 25.000 Mark für die SA zu spenden. Darob entspann sich ein Briefwechsel. Am 2. Juli erschienen urplötzlich zwei höhere SA- Führer im Auto und ersuchten um sofortige Herausgabe der Briefe.( Nach dem 30. 6. sollen viele solche Fälle vorgekommen sein. Namentlich haben sich SA- und NSBO- Führer bemüht, von Industriellen, die sie eigenmächtig um Spenden angegangen hatten, ihre Briefe und Quittungen zurückzuerlangen). 3. Sogenannte" Märzlinge", die seit 18 Monaten Beiträge an die NSDAP abführten, aber bis heute noch kein Parteibuch erhielten, erhielten ein Rundschreiben, das sie aufforderte, nochmals einen einmaligen Eintrittsbeitrag und im übrigen höhere Beiträge zu zahlen, falls sie Wert darauf legten, vom" Parteianwärter" zum" Pg." befördert zu werden. Die bisher gezahlten Beiträge würden als einmalige Spende gerechnet. In einem Gelsenkirchener Wohlfahrtsbezirk wurden anstelle eines katholischen Rektors und eines sozialdemokratischen Funktionärs zwei Nazis Wohlfahrtspfleger. Der eine war ausserstande, die einfachste schriftliche Arbeit zu leisten. Nach vielen vergeblichen Versuchen musste er ausgeschaltet werden. Der andere war gefährlicher. Er erschien eines Tages in der Wohnung eines Fürsorgeempfängers seines Bezirkes in total besoffenem Zustand. Die Frau, mit der er zu verhandeln hatte, versuchte er zu vergewaltigen. Sie setzte sich zur Wehr und schrie um Hilfe. Der Unhold brüllte:" Na warte, ich komme gleich mit dem Revolver zurück" und verschwand. Nach einigen Minuten war er tatsächlich zurück und verletzte den im Nebenzimmer krank liegenden Ehemann durch Axthiebe und die Frau durch Revolverschüsse. Nachbarn mussten den Unhold bändigen. Er erhielt zwei Jahre Gefängnis. Bayern:( Augsburg): Ritter von Schöpfwurde bei der Machtergreifung zum Führer der Hilfspolizei und des Grenzschutzes von Schwaben ernannt. Am 29.8. avancierte er zum Brigadeführer. Schöpf war Trinker und konnte diese Leidenschaft nicht lassen. Wiederholt konnten Besucher zu ihm nicht vorgelassen werden, weil er betrunken in seinem Büro sass. Hitler, der darüber unterrichtet wurde, kam gelegentlich durch Augsburg und musste Schöpf aus dem Vergnügungslokal holen lassen Schöpf war derart betrunken, dass er seinen Führer nicht erkannte. Daraufhin wurde er von Hitler abgesetzt. Schöpf hat sich keiner Beliebtheit im Volke erfreut. Er war mehr als gemein. Einmal liess er sich von seinem Chauffeur nach Dachau fahren und lieferte dann diesen gleich selbst in Dachau ein, weil er sich im Dienst Unregelmässigkeiten zuschulden kommen liess. A-47Hannover: Dr. Schede, der Kommissar der Feuerbestattungskasse in Hannover, lässt sich in Hannover neben seinem nicht geringen Gehalt eine Aufwandsent schädigung von Mk. 600,- pro Monat zahlen. Da er gleichzeitig Kommissar derselben Einrichtung in Berlin ist, erhält er auch dort eine monatliche Aufwandsentschädigung in gleicher Höhe. Unserem Gewährsmann haben die Belege für diese Zahlungen vorgelegen. Für einen dreitägigen Aufenthalt in Berlin hat sich Schede daneben noch 200 Mark Spesen bezahlen lassen, obwohl er eine Fahrkarte zwischen Berlin und Hannover benutzt, die von der Organisation bezahlt wird und die monatlich Mk. 178,- kostet. Berlin: Der Deutsche Baugewerksbund, Arbeitsfront,( Reichsbetriebsgemeinschaft) hat für seine Sekretäre bei DKW 20 neue Wagen gekauft. Baden: Der Bürgermeister von Grenzach, Amt Lörrach, Dr. Ebecke, von den Nazis zwangseingesetzt, wurde am 29. August verhaftet und in das Amtsgefängnis nach Lörrach eingeliefert. Er hatte sich an halbwüchsige Jugend in Grenzach herangemacht. Die Verhaftung wurde erst durchgeführt, als der Arzt Anzeige erstattete, da er an einem vierzehn jährigen Knaben schwere Verletzungen feststellen musste. Kurz nach der Verhaftung haben sich noch verschiedene Eltern gemeldet, deren Jungen ebenfalls von dem Burschen geschlechtlich missbraucht wurden. Oberschlesien: Der Kreisleiter der Arbeitsfront in Neustadt 0.S. Koch war früher in der Zellulosefabrik in Posen angestellt, wurde dort aber wegen Unterschlagungen dann entlassen. Später war er Kassierer des Stahlhelms in Ober- Glogau, dort ist er mit der Kasse durchgebrannt. Heute erhält er als Kreisleiter ein Monatsgehalt von 700 Mark. Obwohl seine Vergangenheit bekannt ist und besonders die SA gegen Koch Sturm läuft, bleibt er im Amt weil er vom Landeshauptmann von Oberschlesien Pg. Adamcyk gedeckt wird. IV. Die Jugend im Dritten Reich. A- 48 Es gehört zum politischen System des Faschismus, dass er die Jugend in staatlichen Verbänden organisiert, sie von früh auf militarisiert und in seinem Sinne politisiert. Italien ist auf diesem Wege vor angegangen, Deutschland folgt nach, auch auf diesem Gebiet bemüht, sein Vorbild an Tempo und organisatorischer Aufblähung zu übertreffen. Hitler hat in seiner Schlussrede zum Nürnberger Parteitag deutlich gesagt, was sich die Nationalsozialis ten von der so faschistisch durchorganisierten Jugend erhoffen: " Eine junge Generation wächst heran, der die Infektion unserer parteipolitischen Vergiftung, das Verkommene unseres parlamentarisch- demokratischen Systems als Selbsterlebnis fehlen und damit fremd und von vornherein unverständlich sind. Wenn die älteren Jahrgänge noch wankend werden könnten, die Jugend ist uns verschrieben und verfallen mit Leib und Seele. Sie lebt in diesem stolzen Deutschland des Hakenkreuzes und wird es niemals mehr aus ihrem Herzen reissen lassen. Sie liebt die Eindeutigkeit und Entschlossenheit unserer Führung und würde nicht verstehen, wenn plötzlich eine mumifizierte Vergangenheit mit Aussprüchen kommen wollte, die schon in der Sprache einer fremden Zeit entstammen, die heute nicht mehr geredet und verstanden wird. Aus Ihren Reihen werden wir den besten Nachwuchs finden für die Nationalsozialistische Partei. Sie sehen wir von Kindheit an wachsen und sie entwickeln. Prüfen können wir das Wesen, und die Art der einzelnen verfolgen und endlich auswählen, was uns am würdigsten erscheint, in die Reihen der alten Garde nachzurücken," Es ist die Aufgabe der faschistischen Jugenderziehung, eine neue Generation heranzubilden, die die politische Vergangenheit, ihre Ideale und ihre Leistungen nur noch aus dem Zerrspiegel ihrer Lehrmeister kennt, eine Jugend, die sich als erste rein nationalsozialistische Generation fühlt, aus der die künftige Führerschicht herauswachsen soll. Die Mittel, die die Nationalsozialisten anwenden, um diese Aufgabe zu erfüllen, lie gen im wesentlichen auf drei Gebieten: 1.) in der Hitler- Jugend, 2.) in der Schulpolitik, 3. in der Hochschulpolitik. 1.) Die Hitler- Jugend. A 49 " Wir sind zum Sterben für Deutschland geboren". Spruchband über dem Thingplatz im Hochlandlager der H- J. am Herzogsstand, Ueber die Stärke der Hitler- Jugend äussert sich ein Berichterstatter aus Berlin: " Der Führer" sprach in Nürnberg von dem" beängstigendem Tempo" in dem sich die HJ. entwickle. Baldur v. Schirach faselte in seiner Rede sogar von 90 Prozent der deutschen Jugend, die die HJ, erfasse. Was ist die Wahrheit? Die Gesamtzahl der Mitglieder der nationalsozialistischen Jugendverbände betrug nach amtlichen Angaben im August 1934 3.600,000 Jungen und Mädchen zwischen lo und 18 Jahren oder ein Viertel der Gesamtzahl aller deutschen Jugendlichen, zwischen lo und 18 Jahren. Die Hitlerjugend( 14- 18 J.) hat es trotz grösster staatlicher und parteilicher Förderung, trotz monopolisierter Werbung und trotz Ausschaltung fast aller Konkurrenz nur auf 1 Million Mitglieder gebracht. Das Jungvolk( lo bis 14 J.) zählt 1,5 Mill., die Mädchenorganisationen( Jungmädchen und BDM) haben zusammen 1.1 Mill. Mitglieder, Wie kommt aber Baldur von Schirach zu der Angabe, dass 90 v.H. der Jugendlichen, das wären über 11 Millionen, unter dem Einfluss der BJ. stünden? Nun, seit einigen Wochen ist der Staats jugendtag eingeführt worden, wonach der Sonnabend ganz der HJ gehören soll. In der praktischen Durchführung verhält sich die Sache so, dass die schulpflichtigen Jugendlichen von lo Jahren ab vor die Wahl gestellt sind, entweder am Sonnabend Wanderungen unter Führung ihrer Lehrer oder innerhalb der HJ- Gruppen mitzumachen oder zur Schule zu gehen. Dass die Entscheidung der Jugendlichen mit mindestens 90 Prozent gegen den Schulunterricht ausfällt, ist selbstverständlich. a) Erfolge und Grenzen. CHO CH Die Urteile unserer Berichterstatter über die Erfolge der HitlerJugend, über die Stimmung unter den Jugendlichen usw. schwanken genau so wie auf den anderen Gebieten. Sie geben aber ein deutliches Bild von dem Wirken der H. J. Aus Baden berichtet uns ein Jugendgenosse: Die Gleichschaltung der Jugendverbände, das heisst die Eingliederung in die Hitlerjugend hat die Jugendverbände sehr stark vermindert, Das liegt zum grossen Teil daran, dass grosse Verbände durch die Gleichschaltung von der Bildfläche verschwanden oder sich selbst auflösten, weil sich viele Jugendliche eben nicht gleichschalten liessen. So sind auch die katholischen Verbände, die ja durch das Konkordat A- 50 vor der Gleichschaltung geschützt sein sollen, durch Verbot und andere Druckmittel stark dezimiert. Das pulsierende Leben der ehemals deutschen Jugendbewegung hat aufgehört. Daran ändert auch die Aktivität und Romantik der Hitlerjugend nichts. Wohl ist das Jungvolk zahlen mässig sehr stark, Das liegt daran, dass diese Jugendlichen anstelle des Unterrichts zu bestimmten Zeiten ihre Veranstaltungen unter der Firma Jungvolk machen. Während diese Veranstaltungen vor einem Jahr noch in den Schulunterricht fielen ,, hat man heute den Staats jugendtag für diese Zwecke eingerichtet. Man hat die Kinder aufgefordert, in das Jungvolk( Gliederung der HJ.) einzutreten, weil ja dieser Staats jugendtag nur für die HJ. Geltung hat. Viele Kinder, die von den Eltem aus und auch von sich aus diesem Jungvolk nicht beitraten, müssen nun trotzdem an diesem Staats jugendtag( Samstag) die Schule besuchen. Diese ungleiche Behandlung führt heute schon zu einem sicht baren Widerstand vieler Kinder. Die Veranstaltungen, die von der Schulbehörde durchgeführt wer den, sind wohl immer von der Jugend sehr stark besucht, denn es liegt ja darin ein bestimmter Zwang. Durch diese" Fürsorge" wird aber jede Initiative der Jugendlichen ausgeschaltet. Man kann also von einer Jugendbewegung nicht gut reden. Diese einförmige Betätigung in Ausmärschen und dergl. führt nicht zu dieser Lockerung schöpferischer Kräfte aus der Jugend selbst, wie es z. B. in der Kinderfreunde bewegung und auch der übrigen Jugendbewegung früher lag. So blieben ein grosser Teil der Zeltlager, die die HJ. angekündigt hatte, nur auf dem Papier stehen. Es fehlen die Kräfte, die zur Durchführung eines intensiven Gruppenlebens für die Jugendlichen notwendig sind. Die Aufforderung an die Lehrer, sich als Führer für diese Jugend zur Verfügung zu stellen, ging fehl. Zumal dies nicht immer die geeigneten Leute für diese Arbeit sind. Für die Jugendlichen ist diese Betätigung weiter nichts als eine Erweiterung des Schulunterrichts und dafür mangelt es an innerer Anteilnahme. Diese aktiven, also uniformierten" Jungvolk"-Gruppen sind in der letzten Zeit sehr stark zurückgegangen. Es kann auch nicht festgestellt werden, dass dieser Rückgang etwa zu erklären wäre als ein organisches Hineinwachsen in die Hitlerjugend als nächstfolgende Etappe. Die Hitlerjugend, die Jugendliche von 14 bis 18 J. umfasst, ist verhältnismässig noch bedeutungsloser. Auch dort kommt man über Ordnungsübungen, Aufmärsche, nicht hinaus. Auch die Heimabende beschränken sich zumeist auf oberflächliche Dinge, wie Singen, und militärische Aus bildung. Von dem Versuch einer" weltanschaulichen Schulung oder Durch dringung ist nichts festzustellen, weil nach diesen Dingen wenig gefragt wird und auch hier die geeigneten Kräfte fehlen. Man begnügt sich damit, diese Jugendlichen von einem Wehrwillen zu durchdringen, der ja wichtiger ist bei der Ueberführung in die S. A, als ein politischer Wille. Langsam wachsen die Widerstände. Diese Jugend will wohl Romantik, sie will aber auch frei sein. Uniformierung und in Marschkolonnen durch die Strassen geführt werden, befriedigt nicht allein das Prestige der Jugend. Nicht zuletzt stehen Jugendliche im Betrieb, die aus dem sozialistischen Lager kamen, mit diesen unpolitischen Hitlerjungen zu sammen. Es sind immer noch beachtliche Reste aus der so zialistisch en Jugendbewegung, die sich heute noch in Freundschaftszirkeln erhalten haben und durch die Verhältnisse zum Nachdenken gezwungen werden, A 51 Südbayern, 1. Bericht: Die Hitlerjugend kann eigentlich als politischer Faktor nicht gewertet werden. Die Jungen sind natürlich das willenlose Werkzeug ihrer Führer, sofern der Ausdruck" Werkzeug" da überhaupt anwendbar ist. Eine Stimmung gegen oder für kommt dort gar nicht auf. Die ungen werden begeistert mit sportlichen Spielen und werden ideologisch beeinflusst und herangebildet für Krieg und Kampf. Man muss beobachten, welche Entwicklung die aus der Schule der Hit-lerjugend Herauswachsenden nehmen. ( Rosenheim). In der Hitlerjugend ist grosser Betrieb. Die Jungen sind eben leicht zu begeistern und sind mit dem ganzen Herzen bei der Sache. Das grosse Turnerheim des Arbeiterturn- und Sportbundes ist jetzt das Heim der Hitlerjugend; es ist dort immer grosser Betrieb. Wer nicht bei der Hitlerjugend ist, hat wenig Aussicht in irgendeinem Beruf einmal unterzukommen. So kommt es, dass fast die ganze Jugend bei der HJ. ist. Dort wird sie ideologisch vollständig faschistisch erzogen und zwar mit grossem Erfolg. Es muss einen grauen, wenn man daran denkt, dass diese Generation schon vielleicht in 5 Jahren Politik macht. Dann allerdings bekäme das Regime eine neue grosse Kraft. Die meisten Jungen unserer alten Genossen sind heute alle bei der HJ. Was treibt diese Jugend in ihren Uebungsabenden? Man spielt eigentlich nicht Soldaten, sondern legt alles auf das Sportliche. Heroismus und Heldentum, das sind die Worte, die immer wiederkehren. Der Junge eines Genossen in meinem Haus, der bei der HJ. ister ist 13 Jahre- kommt neulich vom Uebungsabend heim und fragt seinen Vater:" Warum habt Ihr Euch denn damals nicht gewehrt? Ich verachte Euch, weil Ihr keinen Funken Heroismus gehabt habt. Eure Sozialdemokratie ist nichts anderes wert gewesen, als dass sie zusammengehaut worden Der Vater sagist, denn Ihr habt ja keinen einzigen Helden gehabt." te ihm:" Das verstehst Du nicht." Der Junge aber lacht, er glaubt, was ihm sein Führer erzählt. Genau so schlimm sieht es in der Schule aus. Strengste nationalsozialistische Erziehung. Die Pfarrer üben nicht mehr den geringsten Einfluss auf die Kinder ausl Alles steht unter dem Druck und Terror, den aber die Jugend nicht als solchen empfindet. Ihr wird immer erzählt, dass sie die Führung Deutschlands in die Hand nehmen soll und die erste Generation sei, die ins Dritte Reich hineinwachse. SED 2. Bericht:( Augsburg): Dass die Jugend mit allen Mitteln von den Faschisten bearbeitet wird, ist allgemein bekannt. Der Erfolg bleibt nicht aus. Wenn unter der Hitlerjugend selbst noch vielfach Zwang wirkt so ist es beim Jungvolk schon reiner Fanatismus. Die Hitler jugend hat noch viele einstige katholische oder marxistische Jugend... liche in ihren Reihen. Das Jungvolk wurde schon von Anfang an nur mit nationalsozialistischem Geist genährt. 2 ( München): Das Hochlandlager der Hitlerjugend hat der Gebiets. leitung viele Klagen eingebracht. Nicht wenige Eltern haben ihre Kinder wieder abgeholt. Die Witterung war nicht immer günstig. Oft war es so kalt, dass die Jungen sich kaum mehr in den Zelten halten konn.. ten. Der Gebietsführe Klein hat in einem Zeitungsartikel gegen diese Anwürfe Stellung genommen und versucht, diese Beschwerden zu bagatel. lisieren. Er sagt:" Wenn 6.000 Jungen mit der Verpflegung zufrieden A- 52 sind und loo(?) stellen fest, dass die Verpflegung ein Frass ist, liegt dies an der verwöhnten Erziehung. Wenn 6000 Jungens ein herrliches Jungenleben führen, wie es noch keine Jugend vorher hatte und 50(?) stellen fest, dass man in einem solchen Lager wie in der Gefangenschaft lebe, so sind dies Früchte einer Erziehung, die keineswegs dem Willen der Erzieherwelt eines Volkes entsprechen können, welches schwere und schwerste Stunden in der Zukunft zu überwinden haben wird," 3. Bericht: Die Jugendbewegung scheint immer mehr zu einer Stütze des Faschismus zu werden. Die Unduldsamkeit der Hitlerjugend allem anderen gegenüber drückt sich immer deutlicher aus. Dabei empfinden diese jungen Menschen ihre eigene Unfreiheit und den auf sie ausgeübten Zwang durchaus nicht. Aus einem Brief:..." Und die Jugend! Du hast keine Ahnung, wie sie. das verstehen. Der Gen. S..., Du wirst es kaum glauben, ist nach einem halbjährigen Widerstand als Nazi jugendführer aufgetreten. Er ist heute von seiner Mission so begeistert und redet dauernd in mich hinein, ich möchte das unnötige Beiseitestehen aufgeben und wieder ein für die Gesellschaft wertvoller Mensch werden. Es müssen grosse Dinge über Deutschland kommen, ehe diese Jugend wieder eine andere Gesinnung bekommt. Auf unserem Turnplatz haben sie sich flott eingerichtet. Tag für Tag Uebungen, Exerzieren und sportl. Ausbildung. Das solltest Du sehen, wie die Kinder in der Schule bearbeitet werden. Ein ganz neues Geschlecht wächst da heran. Was haben wir Alten da noch auszurichten? Ich glaube, dass wir diese Jugend gar nicht mehr verstehen können und sie uns nicht, Denke doch, dass jetzt schon die Jungen heranwachsen, die keinen Begriff von einer Arbeiterbewegung haben, dienichts hören, wie immer wieder" Heroismus und Heldentum". Muss da wieder ein Stahlbad kommen, bis diese Jugend im Dreck der Schützengräben oder in den Gaskellern der Grosstädte einen Begriff von Freiheit bekommt? Diese Jugend wi 11 von uns nichts mehr wissen, für sie ist das Wort Republik gleichbedeutend mit Geschichte und Vergangenheit, die man überwunden hat, Manchmal kommt mir das alles vor wie ein irrer wüster Traum," Ostsachsen: Die Hitler- Jugend entwickelt sich zu einem ganz besonderen Wesen innerhalb der NSDAP. Sie lassen sich von keiner Dienststelle imponieren. Die Betonung der Jugend und ihr Vorzug wird jetzt den parteiamtlichen Stellen unbequem. Sozialistische Strömungen sind nicht bemerkbar. Eher Rowdy-- Strömun gen. Die Jungens, die nicht der HJ. angehören, werden von der HJ. nicht als Kerle angesehen und schikaniert. Sie werden sogar gesdhlagen usw, ohne dass von der Schule dagegen eingeschritten würde. Eltem, die sich beschweren, erhalten die Antwort, dass dagegen nichts zu machen sei, dies diene der Ertüchtigung. Andererseits ist auch festzustellen, dass die Kinder unserer Genossen, obwohl anders erzogen, jetzt Gefallen am Lagerleben usw. finden und gern dabei sind. Dies ist ja auch die grosse Gefahr für die Zukunft. A- 53 b) Ermüdungserscheinungen. CORRAS Es fehlt aber auch nicht an Berichten, die auch in der HJ. ähnliche Ermüdungserscheinungen feststellen wie in der SA und NSDAP. 52 Pommern: Ein grosser Teil der HJ. macht energisch Front gegen die Sammeltätigkeit. Wir sind kein Sammelverein, sagen die Jungen. Bezeichnend ist, dass in den letzten drei Wochen die Jungens und Mädels zum Sammeln herangezogen wurden, die sonst nicht allzutüchtig in der Ausübung des sonstigen HJ- Dienstes waren, also oft gefehlt haben etc. Das Marschieren und Ueben auf dem Exerzierplatz ist einigen Gefolgschaften etwas über geworden. Sie haben es durchgesetzt, auch mal auf Zeltfahrt zu gehen, und nicht immer nur Sonntag- Vormittags auf der Chaussee links- um, rechts- um zu üben. Aus Begeisterung sind nur ein grosser Teil der Mittel- und höheren Schüler in der HJ, es gibt aber auch hier schon Fälle, wo Mädels und Jungens eingetreten sind, um nicht allzugrossen Nachteil im Unterricht zu haben, da sie noch Dissident sind bezw. früher andere Meinungen zum Ausdruck gebracht haben. Bei den Lehrlingen besonders ist es bittere Notwendigkeit häufig, da der Druck von den Betriebszellen oft gross ist. Dazu kommen noch persönliche Momente, sie bekommen häufig Urlaub in den Fortbildungsschulen, können pünktlich von der Arbeit gehen mit der Begründung: Heute ist Dienst. In einigen Provinzen ist schon in Erwägung gezogen worden, einen höheren Schuldgeldsatz für Nichtangehörige der HJ. einzuführeh bezw. den HJ.- Mitgliedern das Schulgeld zu erlassen, ihnen ausserdem freie Schulgeräte, Bücher etc. zu gewähren. Testsachsen: Kürzlich belauschte ich eine Gruppe Hitlerjugend bei ihrer Unterhaltung. Einer äusserte:" Was sind wir denn jetzt noch, nichts anderes als eine Sammelorganisation. Wir müssen fechten, Abzeichen verkaufen, exerzieren und stillstehen, und das alles für was? Damit die im Braunen Haus Fettlebe machen können!" Ein anderer beklagte sich darüber, dass es in den Betrieben schwer wäre, den amtlichen Anschlägen Geltung zu verschaffen. Niemand nehme Notiz von ihnen und stelle man so einen Teilnahmslosen zur Rede, gebe es nur ein würde Achselzucken als Antwort und nicht selten wir de man stehen gelassen. Die nationalsozialistische Bewegung habe eben das Volk noch nicht hinter sich, und wenn das so weiter gehe, würde sie das Volk auch nie festlos für sich gewinnen. Hamburg: Nachstehend ein" Befehl" der HJ. von Hamburg- Horn, der zeigt, dass es auch in der HJ. erhebliche Schwierigkeiten gibt: Abschrift. Befehl 1, Kamerad Hamburg, den 22.9.34. Aufnahme des HJ.- Dienstes ab Sonnabend, den 22,9.34. Nächster Dienst: Sonntag, den 23.9,34, 7,30 Uhr vor dem Heim an A- 54 120170 treten. Mit Verpflegung für einen Tag, zur Kameradschaftsfahrt. 2. Dienstag, 20 Uhr: Heimabend. 3. Mittwoch, 20 Uhr Turnen. Entschuldigen bis 19 1/2 Uhr beim Unterbannführer im Gefolgschaftsheim. An die Kameradschaft 3 und die Eltern der Kameraden, Wir stehen vor der Aufnahme des Dienstes. Die Horner HJ. hat umfangreiche Umstellungen des Dienstbetriebes in den letzten Monaten erlebt. Aber trotzdem wird bei uns noch immer nicht die Arbeit geleistet, die die HJ. zu leisten hat, um ihren Anteil am Aufbau des Dritten Reiches zu schaffen. Der Bann hat umfangreiche Umstellungen und Umbesetzungen der Unterführerschaft vorgenommen, die sich die denkbarste Mühe geben, unsere Arbeit wieder hochzubringen. Aberder Grund dieser Versumpfung der Horner HJ. liegt bei euch. Bei Euch hat ein Geist eingerissen, der schlimmer ist, als der Geist einer verschwundenen SAJ. Wo ist eure Dienstauffassung? Die erste Pflicht eines HJ.- Jungen, Hal tung und strengste Diers terfüllung ist bei euch in Vergessenheit geraten. Ihr erscheint unent schuldigt nicht zum Dienst und geht privaten, persönlichen Vergnügungen nach. Bei euch gilt wieder das" liberalistische marxistis che Ich", ihr verneint das nationalsozialistische" Wir". Ihr versündigt euch gegen die Interessen der Nation, Ihr entschuldigt euch vom Dienst, weil ihr zu einem Hochzeitsschmaus bei einem Bekannten wollt, ihr lasst euch wegen Ueberhäufung mit Schularbeiten entschuldigen und fahrt mit dem Rad spazieren. In der Schule entschuldigt ihr eure unfertigen Schularbeiten mit dem HJ.- Dienst. Das sind keine Entschuldigungen, das sind passende Gelegenheiten, eure Dienstschlaffheiten zu bemänteln, das sind unwahrhaftigkeiten, die eines deutschen Jungen unwürdig sind Wahrheit?- Ich kenne die vielfältigen Versuchungen, die in unserem Alter an uns herantreten und uns dazu verleiten, aber wir müssen im Entsagen hart werden. Wir haben grössere Aufgaben. Wir dürfen nicht weich werden. Die alten Kämpfer der Bewegung hätten ihr Leben auch angenehmer verbringen können, doch sie haben ihr Blut auf der Strasse gelassen, denn es ging um Deutschland Sie starben für uns junge Kämpfer, die wir jetzt auch das Braunhend tragen. In uns brennt eine moralische Schuld, damals beiseite gestanden zu haben. Diese Schuld müssen wir durch aufopferungsvollen Dienst an der Bewegung löschen. Kamerad, wie sieht es bei dir damit aus? Wer jetzt das Braunhemd wieder auszieht, ist ein Schwächling, wer aber jetzt im Braunhemd beim Aufbau beiseite steht, das heisst sabotiert, ist ein Feigling, der sich nicht Deutscher hennen darf. Kameraden denken wir stets daran, Cah bitte die Eltern der Kameraden, auch im Eltem haus zum Geist er Pflicht erfüllung gegenüber Volk und somit auch gegenüber den Eltern anzuhalten. Dieser Geist allein wird uns zum deutschen Men schen erziehen, Elternhaus und HJ, dürfen nicht zu zwei verschiedenen Polen werden, zwischen denen die Jungen haltlos hin und her gezogen werden. Um den Jungen die Berufsarbeit und Schule nicht zu erschwe ren, wird der Dienst auf den Heimabenden nach intensiver Arbeit spä testens bis 21 1/2 Uhr dauern. Aber Pünktlichkeit zu jedem Dienst und zu allen Terminen muss wieder zu einer eisernen Pflicht werden. Wir werden gegen alle Sabeteure unserer Arbeit jetzt rücksichtslas A- 55 vorgehen, denn es gilt das Ansehen der HJ, und somit der Bewegung zu wahren. Aber auch alle Kameraden, die vor der Machtübernahme in der HJ. als Kämpfer gestanden haben und die jetzt glauben, es wäre Zeit ihre persönlichen Interessen und Wünsche, den Interessen der gesamten HJ. voranzustellen, das ist Rückfall zum Liberalismus. Kameraden, wir müssen alle die Kraft finden, im nationalsozialistischen Geist unsere Aufgaben erfolgreicher als bisher zu lösen. Auch jetzt heisst es noch für die HJ. Verderben oder siegen. Es darf nicht heissen, die Horner HJ. war zu schwach, ihre Aufgaben zu erfüllen und ging unter.... Nein, wir müssen immer daran denken, was Baldur v. Schirach sagt: Ist das Ziel auch noch so hoch, Jugend schafft es doch. Mit neuer Kraft und stärkerem Willen zur Arbeit Kampf Heil gez, Herbert Ecke. c). Zwang und Drill. Dass solche Ermüdungserscheinungen nicht ausbleiben können, erklärt sich leicht daraus, dass ein grosser Teil der HJ.- Mitglieder durch mehr oder minder starken Zwang gewonnen worden ist und gehalten wird und dass der" Betrieb" vor allem aus einem geistlichen Drill besteht. Baldur von Schirach betonte in seiner Rundfunkrede am 29, August:" Wer zur Hitler- Jugend kommt, soll aus freiem Antrieb, ohne jeden Zwang, in unsre Gemeinschaft eintreten." Dass die Praxis auch auf diesem Gebiet anders aussieht, haben schon die wiedergegebenen zusammenfassenden Berichte gezeigt. Wir ergänzen sie durch die beiden nachstehenden Dokumente: Hamburg: Schreiben der HJ, an einen 12- jährigen Jungen: Lieber Jugendgenosse..... .....! Berne, den 16. Juni 1934. Immer stehst Du noch nicht in unseren Reihen! Meinst Du vielleicht, Du hättest es nicht nötig, Dich in unsere grosse Gemeinschaft der Jugend einzuordnen? Es ist der Wunsch des Führers, die gesamte deutsche Jugend in der Hitler- Jugend zusammengefasst zu sehen. Dieser Wunsch ist uns Befehl! Es gibt nur eine Jugend, und das ist die Hitler- Jugend. Wir nehmen jeden deutschen Jungen freudig auf, ziehen einen dicken Strich unter seine persönliche Vergangenheit, wenn er gewillt ist, sich A- 56-> mit ganzer Kraft für unser Ziel einzusetzen. In unserer Kameradschaft wollen wir uns vorbereiten für die grosse Aufgabe, die Volk und Staat einst an uns stellen werden, Dieses Ziel werden wir in harter Rücksichtslosigkeit gegen uns selbst verfolgen; wir wollen aber auch auf der anderen Seite keine jugendlichen" Spiesser" dulden. Ich fordere Dich hiermit auf, Dich bis zum Freitag, dem 22. 6.34 zu bekennen, aus welchen Gründen bu der Hitler- Jugend fern bleibst. Am Freitag wirst Du über unser Ziel und Wollen Näheres auf unserem Scharabend um 20,00 Uhr in der Berner Schule erfahren. Es ist dieses die letzte Mahnung, die an Dich ergeht. Ich hoffe aber, dass wir auch Dich am Freitag als neuen Kameraden begrüssen dürfen. Heil Hitler! Der Führer der Schar 4" Graf Luckner" gez. Willi Delfo. Scharführer. Schlesien: Schreiben an einen Schuljungen, der Mitglied des JungVolkes ist: Befehlt Nr. 1/34. Jungzug Fähnlein Schweidnitz, den 6.9.34 an Jungvolkjungen ..... Der nächste Dienst ist am Sonnabend, den 8.9. Antreten um 7 Uhr auf dem Schederplatz. Mitbringen: Frühstück mit Brotbeutel wenn vorhanden. Bei schlechtem Wetter auch mit Turnsachen. Ausmarsch gegen Mittag zu Ende. Bei schlechtem Wetter marschieren wir vom Schederplatz in einen Raum. Lassen dich die Eltern aus einem Grunde nicht, so hast du eine Entschuldigung zu Schmidt, Martin- Lutherplatz 6 zu bringen und in die Schule zu gehen, andernfalls zu erscheinen. Unentschuldigtes Fehlen wird der Schule gemeldet. Hell Hitler! Ueber Drill und militärische Disziplinierung äussern sich die Berichterstatter aus: Südbayern:( München) Am 23. September fand in München das grosse Sportfest des BDM statt, zu dem 20.000 Mädchen aus Oberbayern erschienen. Es fiel dabei die Diszipliniertheit und militärische Straffheit bei den Mir schen auf. Der BDM in München hat eine eigene Luftschutzebteilung, die mit Gasmasken und Gasrettungswerkzeugen arbeitet. ( Augsburg) Die Hitlerjugend errichtet jetzt in allen Stadtbezirken Jugendheime. Mit einer geradezu erstaunlichen militärischen Disziplin ubt die Hitlerjugend jeden Samstag auf dem Exerzierplatz. Es übernehmen SA- Leute das Kommando. A- 57 Nordbayern: Im Bezirk Vohenstrauss wenden sich die Aerzte gogen den Drill bei der Hitlerjugend." Wenn dem nicht Einhalt getan wird, wird die ganze Jugend nicht nur körperlich, sondern auch seelisch ruiniert." Es soll keine Seltenheit sein, dass bei Nachtübungen und Gepäckmärschen die Hälfte der Teilnehmer einfach zusammenbricht. Die Proletenjungen haben ja auch nicht die erforderliche Beköstigung. Ostsachsen: In der Hitler- Jugend in Dresden- Löbtau sind jetzt 3 Todesfälle bekannt geworden. Trotz der niedrigen Temperatur und dem strömenden Regen vor 14 Tagen haben die lo bis 14 jährigen Jungens Geländemärsche bis zu 6 Stunden ausgeführt, nur mit Braunhemd und Hose bekleidet. In dieser Klaidung haben sie auch dann Nachtwachen durchführen müssen. Die Folge waren Erkältungen mit Lungenentzündung. Trotz eintretenden Fiebers holte der Jungvolk führer keinen Arzt zu dem einen Jungen, der bereits morgens 6 Uhr Fiebererscheinungen zeigte. Erst um 12 Uhr wurde ein Arzt geholt, der 40 Grad Fieber feststellte. Nach 12 Tagen ist der Junge dann gestorben. Während der Krankheit kümmerte sich niemand um den Jungen. Die Eltern lehnen die Tragung der Begräbniskosten ab. Die HJ. auch. Ein Prozess ist jetzt im Gange. Unter allen Eltern der HJ. herrscht tiefe Misstimmung. Sie äussert sich aber schwer, denn wenn es den Jungen gefällt und sie zeigen die Eltern an, was schon vor gekommen ist, dann werden die Eltern bestraft. d) Der Staats jugendtag. In den zusammenfassenden Berichten ist auch über die Bedeutung des Staats jugendtages für die Schul jugend gesprochen worden, der Anfang August durch Erlass des Reichskultusministers eingeführt worden ist, Bei der Durchführung des Staats jugendtages sind insofern Schwierigkeiten eingetreten, als es an Führern fehlt, die ebenfalls am Sonnabend jeder Woche frei hätten. Unsere Berichte gewähren auch hier einen Einblick in die Praxis: Westsachsen: Für den Staats jugendtag wird die grösste Propaganda entfaltet. Trotzdem beteiligen sich nicht alle Schulkinder an ihm. In Chemnitz wurden Kinder dreier verschiedener Schulen über die Teilnahme ihrer Klassen am Staats jugendtag gefragt. Das Ergebnis war f gendes: Ein Mädel aus der..... schule berichtete, dass 3 Klassen( eine Normalklasse setzt sich aus 34 bis 36 Schülerinnen zusam men) am Staatsjugendtag zu einer Klasse vereinigt werden. In ihrer vereinigten Klasse sind 42 Schülerinnen, demzufolge feiern nur 55 Prozent der Schülerinnen der in Frage kommenden drei Klassen den Staats jugendtag. Das Mädel hat Sonnabends vier Stunden Schule und zwar eine Stunde Turnen, eine Stunde Handarbeiten und zwei Stunden staatspolitischen Unterricht, Bis jetzt waren aller vierzehn Tage bis drei Wochen am Staats jugendtag Wanderungen. Ein Schüler aus der...schule /Klasse I/, berichtet ebenfalls, dass am Staatsjugendtag drei Klassen zu einer vereinigt werden. In seiner Klasse sind an dem Tag insgesamt 3o Schüler, also 65 Prozent nicht anwesend. Die Klasse hat 5 Stunden Schule, 2 Stunden staatspolitischen Unterricht, zwei Stunden Turnen und Ordnungsübungen und eine Stunde Zeichnen. Ein Mädel aus einer der Klassen I der...schule berichtet, dass aus aus ihrer Klasse nur 8 Schülerinnen, das sind nur 2o Prozent, am Staatsjugendtag sich beteiligen. Die Klasse hat fünf Stunden Schule, und zwar zwei Stunden staatspolitischen Unterricht, zwei Stunden Turnen und Ordnungsübungen und eine Stunde Zeichnen. Bis jetzt wurden aller drei Wochen am �taats jugendtag auch Wanderungen durchgeführt. Alle drei Kihder sagen, dass sie im staatspolitischen Unterricht von Hitlers Leben, vom Nürnberger Parteitag usw. erzählt bekommen, vieles aufschreiben müssen, um das nächste Mal wieder erzählen zu können. Nach ihrer Meinung haben die Teilnehmer am Staatsjugendtag es besser. Die meisten von ihnen könnten den ganzen Tag über mit ihrer Gruppe Zusammensein und hätten nur abends im Heimabend zwei Stunden staatspolitische Aufklärung. Mitteldeutschland: Die Praxis des Staats jugendtages ist so: 6. So Uh früh müssen die Mitglieder des"Jungvolk" antreten. Stundenlange Märsche, während der Lagerpausen Geländespiele. Um 18 Uhr Rückkehr. Letzthin kam ein grosser Teil der Jungen völlig erschöpft heim. Einige Teilnehmer mussten sogar heimgetragen werden. Nordbayern: Es werden an den Samstagen Sporttreffen veranstaltet und dazu ist der Jugend schulfrei zu geben. Nun sind die Gemeinden in den grössten Verlegenheiten, wo sie bei schlechter Witterung Unterkunftsmöglichkeiten für die sportliche Betätigung der Jugend schaffen sollen. Selbst in einer Stadt wie Weiden reichen die 4 Turnhallen nicht zu. Also sollen die Gemeinden neue Turnhallen bauen. Prak*. tisch wird das in den Landgemeinden bedeuten, dass die Kinder bei schlechtem Wetter auch an Samstagen in der Schule bleiben und dort einige Sportübungen verrichten. Der eigentliche Zweck ist die Militarisierung der Jugend. e) Hitler-Jugend und Jungarbeiter. Die Hitler-Jugend versucht mit allen Mitteln sozialer Demagogie ah die jungen Arbeiter im Betrieb heranzukommen. Wie diese Versuche aussehen, zeigen folgende Beispiele: 1. In der"Nordmark-Jugend", Hamburg, vom 2o. Juni heisst es in einem Artikel"Sozialistischer Angriff" von Albert Müller, Referent im Sozialen Amt der Reichs jugendführung: A- 59" Wo steht nun die Hitlerjugend in diesem entscheidenden Augenblick? Wir haben zunächst darauf zu dringen, dass mit den" Sprechern der Jugend in den Vertrauensräten" Ernst gemacht wird. Unsere Forderung muss dahin gehen, dass in jedem Betrieb, wo mindestens fünf Jugendliche beschäftigt werden, der Ranghöchste der HJ- Kameraden dem Vertrauensrat beitritt und hier die Aufnahme zeitgemässer Arbeitsbedingungen für die jugendlichen Mitarbeiter durchsetzt. Wenn wir diese Stellung nicht gewinnen, bleibt die traurige soziale Lage unserer Kameraden nach wie vor hoffnungslos. Der sozialistische Angriff der Hitlerjugend besteht in einer neuen Wertung der Betriebsleistungen, besteht in neuen Masstäben, die wir an die Entscheidungen der Betriebsführer legen. ein Als alleinige Jugendorganisation, die sich berufen weiss, neues Geschlecht deutscher Facharbeiter, d.h. ein Geschlecht sozialistischer Wirtschaftsmenschen, heranzuziehen, begnügen wir uns nicht mit der Frage nach der Rentabilität und Produktivität eines Unternehmens. Wir setzen noch einige Fragen hinzu. Wir werden u. a. fragen: Wie ist der Geist der Belegschaft? Wie ist ihr Gesundheits-zustand? Ist das Mindestmass an Ferien gewährt? Ist in allen Staffelungen der Erholungsbedürftigkeit und der Schwere der Arbeit entsprochen worden? Wie steht es um den Familienstand der Belegschaft? Entspricht die Alterszusammensetzung einer Belegschaft den Erfordernissen der Volksgemeinschaft? Wie ist das Verhältnis der Gesellen zu den Lehrlingen? Werden die Lehrlinge nach der Lehrzeit entlassen? Das ist nur ein Teil jener Fragen, die nach unserer Auffassung unbedingt vor der Frage nach Rentabilität und Produktivität liegen. 2. In einem anderen Artikel von Anfang Juli weist derselbe Albert Müller darauf hin, dass in einzelnen Gewerbezweigen noch heute von den Jugendlichen 70- 80 Wochenstunden verlangt würden. Wenn vielfach die Forderung laut werde, die zu erwartende Schmälerung der Arbeitszeit müsse durch Verlängerung der Lehrzeit ausgeglichen werden, so könne das nur mit der tiefsten Verachtung einer revolutionären Jugend zurückgewiesen werden. Es dürfe nach dem 1. Oktober keine Betriebsordnung geben, die nicht eine Arbeitsregelung und Urlaubsbestimmung enthalte, die der schaffenden deutschen Jugend ermögliche, ihren Verpflichtungen als Jugend des neuen Staates nachzukommen. 40- 48 Stunden Arbeitszeit und drei Wochen bezahlter Urlaub seien die Forderungen, die die Jugend nicht zurückstecken werde. 3. Die sächsische Hitler- Jugend veröffentlicht folgenden Aufruf: An die Betriebsführer und Hausfrauen! Seit Monaten wirbt die deutsche Jugend um Gewährung von Freizeit für Jungarbeiterinnen und Jungarbeiter, Hausgehilfinnen und Lehrlinge. Wir wissen, dass damit von der Wirtschaft wiederum Opfer gefordert werden. Aber es ist uns auch bewusst, dass die jugendlichen Berufstätigen nicht nur die Arbeitskräfte von heute, sondern vor allem die der Zukunft sind. Die geplante, aufbauende Bevölkerungspolitik kann nur mit einer gesunden weiblichen und männlichen Jugend durchgeführt werden. Wir wenden uns daher an alle Betriebsführer und Hausfrauen. Handelt im Sinne unserer Bewegung und gebt den Mädels und Jungens 3 Wochen Freizeit, dass sie neue Kräfte sammeln können für die Zukunft unseres Volkes. A-604. Im" Jungen Willen", dem Kampfblatt der mitteldeutschen Jugend, erschien folgende Notiz: Die Grossfahrten des Gebietes 16/ Sachsen sind in Gefahr! Bei der Vorbereitung haben die allzu jungen HJ- Führer leider vergessen, Herrn Pilling in Glauchau zu fragen, ob er Bedenken dagegen hat, dass Hitler jungen 14 Tage Extraferien bekommen. Nun ist es passiert! Herr Pilling hat an die Gefolgschaft 4/1/211 Glauchau folgendes Schreiben gerichtet:( folgt eine Ablehnung, den Lehrlingen 14 Tage Sonderferien zu geben). Dieser Brief-, obwohl bekannt ist, dass die deutsche Arbeitsfront Sachsen, vor allen Dingen aber der Reichsstatthalter von Sachsen die Grossfahrten der Hitlerjugend und die Forderung nach Freizeit unterstützt. Nun wissen wir doch wenigstens, wo wir unsere in Sachsen benötig. ten 150.000 Paar Fahrtenstrümpfe bestellen. Man sieht, es handelt sich bei diesem" sozialistischen Angriff" der Hitler- Jugend um sehr bescheidene sozialpolitische Forderungen, die man durch Aufrufe an die Betriebsführer zu verwirklichen sucht. Ob diese Bemühungen um die Lehrlinge und jungen Betrieb sarbeiter Erfolg haben, ist noch nicht zu übersehen. Mehrere Berichterstatter stellen fest, dass der Erfolg bisher ausgeblieben ist. Eine Meldung aus Südbayern behandelt einen konkreten Fall: Am wenigsten ist Hitler eigentlich noch in die Arbeiter jugend eingedrungen. Hier wird immer versucht, eine Textilarbeiter jugend aufzustellen, was aber nicht gelingen will. Zweimal wurde diese Jugend schon aufgebaut und jedesmal fiel sie wieder auseinander. Dabei ist bezeichnend, dass man in 3 grossen Betrieben junge Leute um Annahme der Jugend führerstelle bat, die vorher marxistischen Jugendgruppen angehörten. Soweit sich bisher übersehen lässt, scheint der Hitler- Jugend auch der Einbruch in die Reihen der ehemaligen Mitglieder der Soziali stischen Arbeiter jugend nicht gelungen zu sein: Nordwestdeutschland: Aus einer mittelgrossen Stadt des Berichtsgebietes wird berichtet: Zum Todestag eines im Jahre 1932 tödlich verunglückten führenden Parteigenossen und Rektors schmückten ehemalige" Rote Falken" das Grab des Genossen reich mit Blumen, die sie sich aus den Gärten der Genossen geben liessen. Durch Sammlung wurde ein Kranz aufgebracht und am Grabe niedergelegt, der die Schleife mit der Aufschrift" Freundschaft" trug. Dieser Vorfall loist deshalb interessant, weil die lo 14- Jährigen dieses Gedenken aus eigenem Antrieb veranstalteten und so den Beweis liefern, dass ungeachtet aller Hitlerpropaganda in den Schulen die sozialistische Jugendarbeit nicht restlos ausgetilgt werden konnte. Baden: Man kann aber auch bei den Jungen aus dem Kinderfreund lager feststellen, dass unsere Arbeit nicht vergebens war. Viele Eltern schicken ihre Kinder in die noch bestehenden konfessionellen Jugendverbände, um sie vor dem Einfluss der Nazi jugendbewegung zu bewahren. A-61Nordbayern: Die Kinder der meisten unserer Genossen sind nicht bei der Hitlerjugend, von einer anderen Bewegung aber können sie nicht erfasst werden. So leben sie völlig indifferent dahin, niemand kümmert sich um sie. Von unserer Bewegung wissen sie nichts aus eigenen Erlebnissen, viele Väter können sie auch nicht darin unterrichten. Literatur über Sozialismus und Arbeiterbewegung gibt es nicht, sodass diese Jungen völlig wild heranwachsen. Ein ordentliches Arbeiten lernen sie nicht mehr, im Betrieb sind sie zum grössten Teil nicht und so wachsen sie wild heran. Was soll aus dieser Jugend werden? Kaum Kämpfer für unsere Sache, weil sie davon keine Vorstellung haben. Wenn es Hitler gelänge, sich solange zu halten, bis die alte Garde von uns ausgestorben ist, dann ist für die Hitlerei das Menschenmaterial da, mit dem sie machen kann, was sie will. f) Nicht Radikalisierung, sondern Verrohung. Nach dem 30. Juni wurde viel davon gesprochen, dass die HitlerJugend und insbesondere der Reichs jugendführer den radikalen Kurs der Röhm und Genossen unterstützt hätten. Nach den vielen radikalen Redensarten der HJ- Führer( vergl. z. B. das Wort des Pressechefs Staebe, " Der Feind steht rechts!") schien eine solche Annahme auch berechtigt. Tatsächlich aber muss man sich hüten, in dieser Richtung zu grosse Erwartungen zu hegen. Die Organisation ist sehr straff aufgebaut und wenn Schwierigkeiten mit radikalen Tendenzen auftauchen wird einfach " reorganisiert". Sachsen: Der Obergebietsführer der Hitler- Jugend Sachsen, Schnaetter wurde verhaftet. Der Gebietsführer Ludwig, Dresden abgesetzt. Beide wegen Widersätzlichkeit. Zur Zeit ist eine grosse Reorganisation: der HJ in Sachsen im Gange. Im übrigen aber geschieht alles, um die Jungen nicht auf" dumme Gedanken" zu bringen. Sachsen:( 2.Bericht) Kritische Gedankengänge in der Hitlerjugend können einfach nicht entstehen, weil es keinerlei Bildungsarbeit in dem Sinne gibt, wie sie in der Arbeiter jugend gepflegt worden ist. Es finden keine Diskussionen statt, es gibt keine Referentenvermittlung usw. In den" Schulungsabenden" werden die Kinder unterrichtet über die Bedeutung der Gradabzeichen, über Kartenlesen usw. Mehrere Berichterstatter äussern sich über die Folgen der " rauhen" Landsknechtserziehung in der HJ, die zu einer fortschreitenden Verrohung der deutschen Jugend führe: Rheinland: Die Verrohung der Hitler- Jugend nimmt Formen an, die die schlimmsten Befürchtungen vor allem für die Zukunft aufkommen lässt. Zwei Fälle, die selbst die Zeitungen in Trier, selbstverständ lich ohne nähere Details melden mussten: 4-621. Auf der neuen Moselbrücke wurde eine hochschwangere Frau von einem halbwüchsigen Burschen ins Gesicht geschlagen, dass sie hinfiel und ohnmächtig wurde. 2. Auf dem Paulusplatz wurden an zwei verschiedenen Tagen ein Arbeiter von zwei halbwüchsigen Burschen in den Leib und ein 11jähriger ins Bein geschossen. In beiden Fällen sind es Hitler- Jungen Der erste schlug der hochschwangeren Frau mit der Faust ins Gesicht, weil diese ihrem Sprössling, der in HJ- Uniform war, einen Klaps versetzt hat. Dies sah der Täter und weil er den Befehl kennt: Niemand darf einen HJ- Jungen schlagen, schlug er die Mutter nieder. Der zweite Fall: Nach gründlicher Untersuchung fand die Polizei in der Dachkammer eines Hauses des Paulusplatzes einen bis an die Zähne bewaffneten Siebzehnjährigen, der aus der Dachluke schoss. Der Junge ist ein Opfer der Kriegs- und Gewaltpsychose, der sich heute noch kaum jemand entziehen kann. Südwestdeutschland: Ende August war Hitler- Jugend damit beschäftigt, an der St. Bernhardus- Kirche in Frankfurt/ Main Werbeplakate für den Tag der Hunderttausend am 1. und 2. September anzubringen. Ein katholischer Geistlicher erhob dagegen Einspruch, aber ohne Erfolg. Der Kaplan, der hinzukam, wurde von den Hitlerjungen sogar tätlich angegriffen. Ein Schlächtermeister aus der Nachbarschaft, der kirchlich gesinnt ist, wollte seinen Sohn aus der Horde herausholen und wegen der Beteiligung an dem Angriff auf den Kaplan bestrafen. Jetzt wandte sich die ganze Wut der Hitlerjungen gegen den Schlächtermeister, dem sehr deutlich klar gemacht wurde, dass er einem Hitler jungen gegenüber nicht das Recht habe, ihn zu züchtigen. Kurze Zeit darauf erschien SA bei dem Schlächtermeister und nahm ihn mit. Der Mann ist von der Polizei aus der SA- Kaserne abgeholt und in das Gefängnis eingeliefert worden. Sein Verbleib ist unbekannt. Berlin: In den Kreisen der Fürsorger macht man sich grosse Sorgen über die weitere Entwicklung bei der Hitler- Jugend. Die jungen Menschen erkennen keine Autorität mehr an. Man wisse nicht, wohin das führen solle, wenn diese Jugend einmal erwachsen wäre. Ein Fürsorger hat an einer Gerichtssitzung teilgenommen, in der ein 16- Jähriger, Mitglied der Hitler- Jugend, sich wegen eines Deliktes zu verantworte habe doch ein so grosses hatte. Als der Richter ihm vorhielt, er Vorbild im Führer, wie er denn so etwas machen könne, antwortete der Junge:" Mein Führer, der ist auch nur 16 Jahre." Sachsen: Die Hitler- Jugend macht sich mit ihrem anmassenden Auftreten bei weiten Bevölkerungskreisen immer mehr unbeliebt. In der" Sächsischen Bäckerzeitung", dem nationalsozialistischen Innungs blatt, erschien über drei Seiten ein grosser offener Brief eines Bäckermeisters und" alten Kämpfers" gegen den sozialpolitischen Leiter der Hitler- Jugend. In der schärfsten Tonart protestierte dieser Bäckermeister dagegen, dass die HJ das Frühbacken zu hintertreiben versuche. Der Brief strotzte auch von Vorwürfen gegen die HJ im allgemeinen, warf den Jungens flegelhaftes Betragen u.a. vor. Die Leute beginnen auch schon zu vergleichen zwischen der Sozialistischen Jugendbewegung früher und der HJ- Bewegung heute. Früher waren die bürgerlichen und nationalsozialistischen Zeitungen von Angriffen gegen unsere Jugendbewegung voll, heute sagen sich die Leute, dass es die Nazis viel schlimmer treiben. Thüringen: Die Gebietspressestelle der HJ Thüringens gibt jetzt eine Anordnung des Landesbeauftragten des Reichs jugendführers A-63Trotz mehrfacher mündlicher und schriftlicher Hinweise werde immer wieder gemeldet, dass einzelne Dienststellen der Hitlerjugend und des Jungvolks sich Polizeibefugnisse anmassten und selbständige Handlungen begingen, die Sache der Behörden oder Polizei organe seien. In einzelnen Fällen seien Polizeikräften, die sich berechtigterweise hiergegen wandten und solche Handlungen zu verhindern suchten, Antworten gegeben worden, die darauf schliessen liessen, dass die Haltung, die gegenüber dem Staate und seinen Organen einzunehmen sei, noch nicht allen Führern klargeworden sei.( Frankfurter Zeitung vom 19. August). Günther Blum bekannt, in der es u. a. heisst: 2.) Die Schule im Dritten Reich. " Darum wollen wir lieber schlechte Erzieher haben, die aber Nationalsozialisten sind, als gute Pädagogen und schlechte Nationalsozialisten." Regierungspräsident Brigadeführer Böhmker auf der Nationalpolitischen Tagung der HJ und des NS- Lehrerbundes in Eutin, Mitte Juni. Uns ist ein umfassender Bericht über die Schulverhältnisse eines deutschen Landes zugegangen, den wir trotz seiner Länge wiedergeben, weil er sehr eindeutungsvoll zeigt, wie es im deutschen Schulwesen heute aussieht.( Wir haben alle Namen im Bericht gestrichen, um den Berichterstatter nicht zu gefährden). 1. Das Führerprinzip in der Schulverwaltung. Seit dem März 1933 herrschen in X.. die Machthaber des Dritten Reiches auch in der Landesschulbehörde( L.S.B.). Es hat verhältnismässig lange gedauert, bis sie sich so richtig in den Betrieb hineingefunden haben. Zuerst einmal wurden fast alle Schulräte nacheinander abgehalftert. Der Parteizugehörigkeit entsprechend in der Reihenfolge: Sozialdemokraten, Demokraten, und etwas später die Volksparteiler und was sich nicht von den Deutschnationalen rechtzeitig zu den Nazis rettete, wurde später auch noch entlassen ( Frühjahr 1934). Die neuen Machthaber hatten es zunächst sehr eilig, alle Posten mit ihren Vertrauenspersonen, in der Lehrerschaft völlig unbekannte Grössen, zu besetzen. Sie wurden dem Nationalsozialistischen Lehrerbund entnommen, der damals die recht geringe Mitgliederzahl von etwa 30( dreissig) Leut chen von über 5.000 Lehrern in X.. sein eigen nannte. So sind also ganz besondere Leuchten in die Führung des Schulwesens gelangt, hauptsächlich Leute, die sich durch besonders" schneidiges" Auftreten und durch persönliche Unverfrorenheit, aber durch keinerlei besondere Qualitäten als Lehrer auszeichnen. A-64Als man dann aber daranging, auch die unteren leitenden Stellen neu zu besetzen, nämlich die Schulleiterposten, wurde man gewahr, dass man nicht genügend Pg. zur Verfügung hatte, um alle Stellen zu besetzen. Fast alle Schulleiter, die dann im August 1933 ernannt worden sind, sind sogenannte" Märzgefallene", d.h. erst frühestens im März 1933 zu den Nazis übergelaufene Konjunkturritter. Die Nazi trauen den meisten von ihnen auch nicht recht und darum lässt die Leitung des NS- Lehrerbundes auch diese Leute dauernd bespitzeln, was schon zur Absetzung von mehreren dieser Herren geführt hat. Unter der Herrschaft dieser Erneuerer Deutschlands hat sich nun eine herrliche Verwaltungstechnik entwickelt. Man überschüttet die untergeordneten Stellen mit Bergen von Verfügungen, die einander in toller Hast jagen und deren Gegenstand häufig derart läppisch und nebensächlich ist, dass man sich fragt, woher man denn dort oben eigentlich seine Sorgen nimmt. Ein Beispiel: In einer Verfügung wird zwei Seiten lang auseinandergesetzt, wie der allmontägliche Flaggenappell zu handhaben ist. Alle Mitglieder von Organisationen haben in Uniform zu erscheinen, Lehrer wie Schüler. Das war vor den Pfingstferien. Am ersten Tage nach den Ferien wird so verfahren und gleichzeitig ist eine Verfügung da, die die vorige umstösst und bestimmt, dass Lehrer, die bei solchen Anlässen die Uniform tragen möchten, hierzu die Erlaubnis ihrer vorgesetzten Stelle bei der Organisation einholen müssen. Am nächsten Tage wird der Hitlerjugend das Tragen der Uniform verboten, weil" Unglücksfälle" mit dem zu ihrer Uniform gehörigen Dolchmesser vorgekommen sind. Zwei Tage später: Die L.S.B. hat sich mit der Hitlerjugendführung daraufhin geeinigt, dass allen Mitgliedern der Hitlerjugend das Tragen der Uniform( mit Dolchmesser natürlich) befohlen wird usw. usw. Der Vorfall stellt ein Symptom dar für die fortgesetzten inneren Kämpfe unter den verschiedenen" Führungen", die sich in Bezug auf die Schule so auswirken, dass es eben einmal" hüh" und das andere mal " hott heisst. So aber geht es in Hitlerdeutschland überall. Niemand weiss, auch die Führer wissen nicht, was denn nun eigentlich nationalsozialistisch ist. So wandelt sich die Alleinherrschaft der NSDAP zur Willkürherrschaft ihrer unteren Führerorgane. So kommt es, dass jeden Morgen in der ersten grossen Pause fast überall in den Schulen der Schulleiter mit einem Berge von allerwichtigsten Verfügungen, die von allen möglichen Regierungs- und Parteistellen( Nebenregierungen) kommen, bewaffnet, eine Konferenz abhält, die oft weit in die nächste Stunde hinein verlängert werden muss. Ein enormer Wust von Verfügungspapier häuft sich auf und niemand weiss sich hindurchzufinden. Fast immer aber verlangt die Verfügung die sofortige Durchführung. Dadurch aber ist unser wohlgeordnetes Schulwesen zu einem kunterbuntem, unge ordnet arbeitenden, ziellosen und äusserst nervösen Organismus gemacht worden. Was in einem Jahrhundert lebendigster Mitwirkung der Lehrerschaft aufgebaut wurde, ist seinem Wesen nach nicht mehr da. Nur das äussere Gerippe steht noch, die Schulhäuser und die Lehrer und Schüler sind noch da, aber der Geist und die innere Organisation sind hin. Sie sind von oben her mutwillig zerstört worden. Kein Gedanke mehr an Arbeitsschulmethodik und freien Unterricht. An ihrer Stelle stehen Lern- und Prügelschule, vorgeschriebene Lehrmethode und ängstlich engumgrenzter Stoff. Anstelle der Lebrfreiheit steht engstirnigste Schulaufsicht und Spitzelei. Kein freies Wort, keine innere persönliche Fühlungnah me ist Lehrern und Schülern gestattet. Das ganze Geschehen aber wird überlagert von militärischem Geist und Drill. A-652. Die Geistesverfassung der neuen Herren. 80 Wes Geistes Kinder aber die neuen Führer der Schule sind, ist einfach nicht zu beschreiben. Wenn es trotzdem versucht wird, so muss im Vorhinein bemerkt werden, dass ein Versuch mit untauglichen Mitteln gemacht wird. Mann muss diese Typenmischung von Spitzeln, Ignoranten und Verbrechern erlebt haben. Dann weiss man, wie die bedauernswerte deutsche Jugend bei ihnen aufgehoben ist. Da ist z. B. der Herr Schulrat A, mit dem vielsagenden Be in amen " der wildgewordene SA- Mann". Ein tobender SA- Häuptling, geistig ein Ignorant erster Ordnung, der die ihm unterstellten Lehrer am liebsten wie Rekruten halten möchte und dem die Kinderprügelei so richtig nach dem Herzen ist. Ein Lehrer wurde zu ihm vorgeladen, der als Offizier im Felde gestanden hatte und seinen Kindern in Verbindung mit der Judenfrage erzählt hatte, dass an seiner Seite mehrere Juden gefallen, also den Heldentod fürs Vaterland gestorben wären. Herr A. aber bedeutete ihm, er habe an der Regierung nicht zu kritisieren und von dieser sei festgestellt, dass die Juden, die im Kriege gestorben wären, nicht an der Front und im Schützengraben gefallen seien. Sie seien vielmehr als elende Etappen schweine vor Angst verendet oder an der von ihnen ausgehenden und unter ihnen am weitesten verbreiteten Syphilis gestorben. Tapfere Juden gibt es nicht. Sie müssen ihren kritischen Verstand abschaffen und erstmal anfangen zu glauben, was Adolf Hitler sagt. Unser Führer weiss das besser als wir alle. Da ist dann weiter auch, als Präsident der Behörde, ein Herr B., ehemals ein Deutschnationaler, aber, da er rechtzeitig den Anschluss bei den Nazis erreichte, als Präsident der Behörde im Amt gelassen. Er hat offenbar zu wenig Zivilkurage in seiner Erbmasse mitgekriegt. Ein klein wenig gutmütig und gemütlich, vermag er sich nicht recht durchzusetzen. Trotzdem er vor nicht langer Zeit anordnete, dass alle Verfügungen seiner Behörde nur mit seiner Unterschrift gültig seien, wird die Schule täglich mit vielen für sie bindenden Verfügungen bedacht, von denen er nichts weiss. Zu sagen hat er auch wohl in Wahrheit nichts Zu sagen hat vielleicht schon etwas mehr der ihm unterstellte Landesschulrat C. Er fährt ziemlich regelmässig zweimal wöchentlich nach Berlin zu Herrn Rust und Herrn Goebbels. Dort holt er sich seine Instruktionen und in diesem Rahmen hat er dann etwas zu sagen. Selbstständige Entscheidungen kann man anscheinend in X. nicht fällen. In Zweifelsfällen fährt man lieber einmal mehr nach Berlin. Wenn aus Berlin gepfiffen wird, so apportiert man schnell und artig. Berlin sagt: I. hat zuviele Lehrer, X. baut flugs looo ab( durch vorzeitige Pensionierung). Wegen der zu hohen Kosten dieser Massnahme dann Rüffel aus Berlin. Darauf baut man in Wirklichkeit dann 500 ab und bittet schwanzwedelnd um neue Befehle. So sieht das Führerprinzip aus. Als Beispiel sei weiter der Schulleiter K. von der Schule... ... genannt In der ersten Klasse dieser Mädchenschule hält der Herr einen Aufklärungsvortrag über sexuelle Fragen. Er ist so wenig genial veranlagt, dass er mit diesem Stoff in einer Stunde fertig wird. Er schliesst diese sicherlich ergebnisreiche Stunde mit dem schönen Hinweis:" Wenn ihr übrigens genau wissen wollt, wie es gemacht wird, dann geht man in eine Toilette für Herren, da ist alles genau angemalt und beschrieben. Dann wisst ihr alles mehr kann ich euch auch nicht darüber sagen. Nachmittags gehee indohängig von einander vier oder fünf Väter und Mütter zur L.S.B. um sich über eine derartige" Aufklärung" zu beschweren. Die Beschwerden nimmt als zuständiger Vorgesetzter Schulrat A. entgegen. Er fasst sie zu einer Akte zusammen mit der Bemerkung, dass A-66es sich wahrscheinlich um einen von Kommunisten organisierten Racheakt an K. handelt und sendet die Akte an K. zwecks Rückäusserung und Klärung des Sachverhalts. Was tut K? Er geht zu der Klassenlehrerin und sagt ihr etwa folgendes:" Frl. L. Sie können sofort ihre Sachen packen. Sie werden unverzüglich versetzt, wahrscheinlich später entlassen." Auf die erstaunte Frage, warum und wieso?" Ja, wissen Sie denn gar nicht, was die Mädels in ihrer Klasse für Schweinereien machen? Das ist es ja eben, Sie wissen gar nichts. Sie sind als Lehrerin ungeeignet." Als die Dame weinend in ihre Klasse geht, um ihre eigenen Sachen zu holen, und um sich von den Kindern zu verabschieden, klären die Kinder die Lehrerin empört über den wahren Sachverhalt auf. Nachmittags findet ein Run von Eltern, vor allem aber auch Mitglieder der NSDAP auf die LSB statt. Man droht mit Anzeige beim Reichsstatthalter oder bei der PO. Darauf Rückzieher des Herrn A. Entlassen wird Herr K., ueber den sich auch einige Mütter beklagen, dass er sich, mit ihnen im Sprechzimmer allein, unsittlich an sie heranzumachen versucht habe, Aber... er wurde nur entlassen, um von Herrn A. in einer anderen Schule wieder als Schulleiter eingesetzt zu werden. 3. Die Personal politik der Nazis. 0 Die Personalpolitik der Nazis ist überhaupt ein ganz besonderes Kapitel. Da werden verdiente Leute in hoher Zahl entlassen, damit eini ge alte" Kämpfer" irgendwo mit einem gut bezahlten Posten versehen werden können. So z. B. Herrn Sturmführer 0. Er ist seines Zeichens ein Heizer für Zentralheizungen in einem Grosswohnblock in Y.. und SS- Mann gewesen. Das hat er heute nicht mehr nötig. Vier Tage in der Woche hat er frei. Drei Tage hat er" Dienst" und zwar als Sturmführer des Lehrersturms. Nachmittags von 2- 6 Uhr. Er wurde auch gleichzeitig zum" Referenten für Volkssport fragen bei der Landesschulbehörde" ernannt und mit einem Gehalt von 300 RM. begabt, einem Gehalt, das ein Lehrer erst nach 12- 14 Dienstjahren erlangen kann. So sind noch eine ganze Menge Leute in ein Amt hineinbefördert worden, das sie nicht ausfüllen und sonst niemals hätten erlangen können. Zur Bereinigung des Beamtenapparates hatte man ja das famose" Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums geschaffen. Es konnte als Handhabe dienen, alle irgendwie unliebsamen Elemente zu entfernen. Jeder Beamte musste auf Grund des Gesetzes einen 4 Folioseiten langen, vorgedruckten Fragebogen ausfüllen. Neben den Angaben über Zugehörigkeit zu Organisationen jeder Art, die dazu dienen sollten, dass die Beamten sich selbst belasten mussten, gab es auch einige wenige Fragen, mit deren positiver Beantwortung man sich entlasten konnte. Einer dieser Fragenkomplexe war der über den abgeleisteten Militär- und Kriegsdienst. Wer Kriegsteilnehmer und gar Kriegsbeschädigter war, konnte nicht so ohne weiteres entlassen werden. In solchen Fällen half man sich sehr einfach. Man untersagte solchen Leuten einfach die Beantwortung dieser Fragen. Dann konnte man sie " legal" entfernen. Wer sich etwa dann noch dagegen wehrte, wurde nur sanft auf die Folgen solcher aufrechten Haltung( Konzentrationslager, Verlust der Gnadenpension) hingewiesen. Dabei ist der Abbau in anderen Ländern noch weit rücksichtsloser durchgeführt worden. In manchen Ländern ist unseres Wissens kein einziger ehemaliger Sozialist mehr in seiner Stellung, kein Friedensfreund, noch irgend ein linksbürgerlich Eingestellter. Dort haben sich die Abbaumassnahmen bis weit in die bürgerlichen Kreise hinein erstreckt. A-67Wer aber hat die freigewordenen Stellen besetzt? Doch sicher eine grosse Zahl der vielen arbeitslosen Junglehrer? O, nein, beileibe nicht. Die müssen erstmal in den" freiwilligen" Arbeitsdienst. Die Stellen mussten zum grössten Teil eingespart werden. Dafür hat man aber neben den Herren Volkssportreferenten noch eine ganze Reihe gut bezahlter Posten geschaffen. Es gibt das Referenten für Luftschutzfragen, für Spiel und Sport, für Lehrerfortbildung, nur keine für Schulfragen. Dafür aber" Verbindungsleute" zur Hitler jugend, zum Jungvolk, zum B.d.M., zur Parteiorganisation, zur SA. und SS. und dergleichen mehr. Das alles sind Leute von der gleichen Qualität, wie Herr D. Auch das Reichsministerium für" Propaganda und Volk saufklärung" hat seine Führer und Verbindungsorgane im Schulwesen. Es hat einen herrlichen Neppapparat aufgebaut. Jeden Monat einmal wird jeder Schüler ins Schulkino geführt. Er hat dafür lo-15 Pfg. zu zahlen und bekommt dafür herzlich schlechte Schmalfilms vorgeführt, mit deren Hilfe das Ministerium Propaganda für nationale Ideen machen möchte. Da wird der Reichsparteitag in Nürnberg, der Tag von Potsdam, der deutsche Bauer, das Saargebiet, der Arbeitsdienst und das Lagerleben der Jugend bildmässig mädchenhaft idealisiert und mit" kernigen" Schlagzeilen versehen, der deutschen Jugend ins Gehirn gehämmert. Herr Goebbels ist ein Geschäftsmann. Er schreibt verdienen gross. Damit sein Verdienst aber nicht gar so schlimm aussieht, stellt er eine Reihe schlichter SA- Leute ein, die dann in Uniform den kleinen Vorführapparat, ohne durch Sachkenntnis getrübt zu sein, bedienen und manchmal herzlich schlechte Erklärungen vom Stapel lassen. Wenn man nur lo Millionen Schüler für Deutschland rechnet, so kann man sich ungefähr ausrechnen, dass das Dritte Reich so ca. 1/2 Millionen Mark an jedem Schmalfilm des Herrn Goebbels verdient. Propaganda will doch eben verstanden sein. Diese Filme laufen übrigens bei vielen Parteiveranstaltungen, wo sie dann nochmals einen Batzen Geld bringen. Die Verteilung der beiden Druckschriften" Das Genfer Nein" und" Der Vertrag von Versailles" an alle Schüler, ist wohl auch auf die Tätigkeit der Beauftragten des Herrn Goebbels zurückzuführen. 4. Spitzel und Denunziantentum. 3 00 9 Das schmutzigste jedoch, was vom Bereich nationalsozialistischer Personalpolitik zu sagen ist, bedeutet die von oben her organisierte Verräterei und Spitzelei. Es gibt im Aufgabenkreis der L.S.B.( in anderen Behörden wird es nicht anders sein) keinen Beamten, Angestellten und Arbeiter, der nicht während des Dienstes und womöglich auch noch privat von behördlich beauftragten Spitzeln auf seine regierungstreue Gesinnung und Tätigkeit hin überwacht wird. Davon sind selbst leitende Beamte nicht ausgenommen. Es hat nämlich Leute unter den Beauftragten gegeben, die unter dem Gewissenszwang litten und sich über ihren Auftrag trotz grössten Geheimnisses mit Kollegen ausgesprochen und gebeten haben, in ihrer Gegenwart jede kritische Aeusserung zu unterdrücken, damit sie nicht selbst von ihrer Spitzelaufsicht angezeigt würden, wenn sie etwa gute Freunde decken würden. In jeder Schule, in jeder Amtsstelle sitzt so ein Lump, der vertraulich gemeinte Aeusserungen auffängt, Berichte mash und so veranlasst, dass häufig auf Grund oftmals entstellt wiedergegebener Aeusserungen Leute disziplinarisch bestraft werden. Das Unglück für die Nazis ist ja nur, dass die meisten Spitzel bekannt sind. Eine Reihe von ihnen konnte sogar schon entlarvt werden. A-68Da ist der Lehrer E. im Kollegium der Schule.... mit seinem achtseitigen Bericht über seine Kollegen schon hereingefallen. Der Schulrat legte diesen wegen Mangel an Glaubwürdigkeit dem Schulleiter vor und der stellte den Herrn in der Lehrerversammlung blos. E. musste von der Schule weichen. Ein Viertel jahr konnte ihn die L.S.B. an keiner Schule unterbringen. Jetzt ist er an der.... schule im Z. untergebracht. Dort hatte ein Kollege von ihm, F., im gleichen Sinne gearbeitet, um den ihm nicht genehmen Schulleiter hinauszubefördern. Der Schulleiter flog zwar, aber F. wurde es doch nicht. In der Schule... war es eine Spitzelin, die bewirkte, das der hochverdiente Schulleiter G. sein Amt verlassen musste. In der Schule... erfüllte den gleichen Dienst der Lehrer H. Nach einem halben Jahre ging der neue Schulleiter wegen Unfähigkeit seiner Wege und der alte wurde wieder eingesetzt. In den Lehrerzimmern des Dritten Reiches herrscht der Geist des Grabes. Kaum jemand wagt auch nur ein Wort des Scherzes. Unter den Schulleitern gibt es viele, die nicht einmal richtig deutsch reden noch schreiber können. Aber sie haben den bombastischen Elan der Redeweise der Hier und Goebbels ganz gut gelernt. Sie spionieren ihre Lehrer durch den Luftschacht und durch die Schüler aus, setzen ihnen Schüler als Aufsichten auf die Nase, beschimpfen ihre Lehrer vor der versammelten Schülerschaft und tragen so dazu bei, das Autoritätsprinzip zu stärken, da der Lehrer doch" Führer" seiner Klasse ist und möchten den Lehrer am liebsten militärisch drillen. 5. Der Organisationszwang. Eines der Mittel zur geistigen Bedrückung ist auch der Organisationszwang. Für die Lehrerschaft der Zwang zum Beitritt zum nationalsoziali stischen Lehrerbund( NSLB). Wir hatten in X. den bekannten Verein der ... Er hat viele Jahrzehnte in freiester und vorbildlicher Weise für Schule, Lehrerschaft und Staat gearbeitet. Er hat die besten sozialen Einrichtungen für die Lehrerschaft, wie Kranken-, Sterbe-, Pensions- und Unterstützungskassen gehabt. Er war schulpolitisch führend. Das Vermöger und die Kassen haben die Nazis" legal" geraubt. Die Gleichschaltung, die ja schon an sich ein Raub war, genügte ihnen noch nicht. Die sozialen Kassen wurden dem NSLB. einverleibt und der Verein aufgelöst. Das Vermögen wird vergeudet, an dem viele Lehrergenerationen gespart haben. Eine der ersten" Taten" der Zeitung des Bundes war die Anschaffung eines 7- sitzigen Personenautos auf Kosten der Mitglieder. Alle Mitglieder des Vereins, die bis zum Dezember 33 noch nicht in den NSLB. eingetreten waren, wurden im Januar 34 gezwungen, in den Lehrerbund zu gehen, wenn sie nicht ihrer Rechte an die Kassen verlustig erklärt werden woll ten und gleichzeitig die sonstigen Folgen, wie Dienstentlassung usw. wegen" nationaler Unzuverlässigkeit" auf sich nehmen wollten. So ist die Lehrerschaft" freiwillig" fast geschlossen im NSLB. organisiert. Man wird demnächst auf einer Tagung des NSLB. die herrliche Einigung der gesamten deutschen Lehrerschaft feiern. Schon im November 33 sagte der Landesleiter des NSLB., Landesschulrat in einer Zwangsversammlung der hamburgischen Lehrerschaft die aufschlussreichen Worte:" Wenn jeman den Weg bis heute noch nicht zu uns gefunden hat, so würden wir uns überlegen, ob wir ihn zukünftig noch aufnehmen werden. Wir zwingen niemand. Die Folgen seines Handelns aber muss sich jeder überlegen. Welche Rechte hat nun so ein freiwilliges Mitglied an seine Organisation? Nun, vorläufig gar keine. Noch hat kein Mitglied eine Satzung des NSLB. gesehen. Sie scheint noch gar nicht zu existieren. Wohl hat man eine umfangreiche Satzung für die vom Verein gestohlenen Kassen. A-69Daraus geht hervor, dass Rechtsansprüche der Mitglieder an die Kassen nicht bestehen. Ob man etwas aus der Kasse erhält, hängt wesentlich vom Wohlverhalten des Einzelmitgliedes und von der Entscheidung des Vorsitzenden ab, der ja mit Führer allmacht ausgestattet ist. Die Zwangsversammlungen sind eine Tortur für sich. Sie kehren allmonatlich in verschiedenen Formen als Ortsgruppen-, Kreis- und Massenversammlungen wieder. Wer sich nur irgend befreien kann, tut es. Es sind aber nur Entschuldigungen, die den Dienstweg gegangen sind, zulässig. Man führt über die unentschuldigt Fehlenden schwarze Listen, die ja allgemein bei den Nazis beliebt sind. Wenn es ein Mittel gibt, die Lehrerschaft über die Wesensart der Naziherrschaft aufzuklären, so sind es diese, ihre eigenen Versammlungen, die zwangsweise Teilnahme an Maifeiern, Hakenkreuznagelungen und anderen öffentlichen Kundgebungen. Diese Mittel, mit denen man die Menschen zwingt, wirken mit jedem Tag mehr gegen die Unterdrücker. Nie mehr werden die Nazi unter der .... ischen Lehrerschaft wirklich Fuss fassen. Es gibt nur eine verhält nismässig kleine Zahl wirklicher Ueberläufer. Es ist gar zuviel wertvolles Gut unter den Händen der politischen und wissenschaftlichen Falschmünzer verloren gegangen. Das verschmerzen freie Männer nicht. 6. Schule und Hitler- Jugend. Wenn der Lehrer nicht von seinen Kollegen bespitzelt wird, dann ganz sicher von den Angehörigen der Hitler- Jugend. In ihrer Dummheit und ihrem von Nachdenken nicht angekränkelten Freimut begehen sie die grössten Tollheiten. Beim montäglichen Flaggenappell setzen sich die schon sehr betagten Lehrer im Winter selbstverständlich den Hut auf. Beim Aufziehen der Flagge ist ihr der Hitlergruss zu erweisen unter den Klängen des Deutschlandliedes. Nach der Vorschrift bleibt bei diesem Gruss ganz allgemein die Kopfbedeckung auf dem Kopf. Auch diese älteren Herren, fast alle 60- jährig, verfuhren so. Nach der Feier kommt der Schulführer" der HJ. ins Lehrerzimmer, ein 13- jähriger Junge und verkündet, er habe dienstlich mitzuteilen, dass die Lehrer vor der gehissten Flagge den Hut abzunehmen hätten. Sollte das nicht geschehen, so habe er in Zukunft die Herren seinem Vorgesetzten zu melden. Mancher Lehrer ist durch Anzeigen der Hitlerjungen in ein hochnotpeinliches Untersuchungsverfahren verwickelt worden. Dem kleinen Hitlerjungen winkt für seinen Eifer" Beförderung" und Lob. Sieht man sich diese junge Garde einmal genau an, so ist vom Standpunkt des Lehrers folgendes festzustellen: In den Volksschulen der Arbeitergegenden sind es allermeist die minderwertigen Schüler, die Mitglieder der HJ. sind. Gute Schüler verzichten gern auf die Mitgliedschaft, besonders, da sich die HJ. durch einen besonders rüden Umgangston auszeichnet. In den Volksschulen mit mehr kleinbürgerlichen Publikum ändert sich das Bild vielleicht etwas zu ungunsten der besseren Schüler, da sehr häufig die Eltern selbst organisierte Nazi sind. In den höheren Schulen ist es einem Schüler überhaupt kaum möglich, keiner Organisation anzugehören, sodass die Mitgliedschaft dort zum grössten Teil erzwungen ist. Die Führung dieser Organisation, von der Regierung gepäppelt, gefällt sich darin, der Lehrerschaft Lehren zu erteilen, den Schulleitern " dienstliche Befehle" zu übermitteln, die Erwachsenen ganz allgemein als verspiesserte Kleinbürger und Dummköpfe zu behandeln und entsprechende Anweisungen an ihre Untergebenen zu geben. Jugend führt sich selbst. Der 13- jährige Jungzugführer führt бo zwölf jährige Jungvolkmänner. Die Herren der Gauleitung der HJ. zählen meist noch keine 18 A-70Lenze, sind aber mit weitgehender Befehlsgewalt und mit sehr umfänglingen Geldmitteln ausgestattet. Ihr Befehl gilt mehr als die elterliche Gewalt, hat mehr zu bedeuten, als der Befehl des Lehrers. Es ist sehr häufig vorgekommen, dass Schüler ohne Erlaubnis, ja_entgegen ausdrücklichem Verbot von Schule oder Elternhaus auf 14 Tage bis 4 Wochen in ein" Schulungslager" der HJ. gegangen sind. Es gab Eltern, die ihren Sprössling mit Hilfe der Polizei zurückholen mussten. Die Schule wird durch die Veranstaltungen der HJ. dauernd gestört. Es gibt seit langer Zeit kaum eine Woche, in der überhaupt jeder Tag der Schule zur Verfügung steht. Die Sache ist so schlimm geworden, dass man es sogar schon höheren Orts gemerkt hat. Daraus erklärt sich die Schaffung des Staats jugendtags. Wie es mit der Erziehung zur deutschen Ehrlichkeit bei der HJ. aussieht, kann man aus dem Folgenden entnehmen. Wie in allen Jahren nach dem grossen Krieg nehmen andere Länder deutsche" Austauschschüler" während der Ferien auf. Diese Sache wurde von Freunden des Friedens auf und ausgebaut. Man hat die Organisation dieser Angelegenheit natürlich der HJ. überlassen. Da es sich aber um Kinder handelt, die ins Ausland, für Regierungsbegriffe wohl gar ins feindliche Ausland reisen, gibt man ihnen eine entsprechende Instruktion für das Verhalten auf der Reise mit: 1.) Es dürfen nur organisierte Hitler jungen verschickt werden. 2.) Sie dürfen sich im Ausland in keiner Weise als Mitglieder dieser Organisation zu erkennen geben, sondern müssen die Mitgliedschaft verleugnen. 3.) Auch nicht das kleinste Zubehörstück von der Uniform und Ausrüstung, nicht einmal der Schlipsknoten, darf im Reisegepäck mitgeführt werden. 4.) Sobald deutsches Gebiet verlassen wird, ist jede Anwendung des " deutschen Grusses" auch unter den Kameraden selbst strikte verboten. 5.) Wer irgendwie gegen einen Teil dieses Befehles verstösst, muss vor dem mitreisenden Führer dieser Gruppe umgehend in die Heimat befördert werden. Die Gründe für diesen Befehl sind hier nicht bekannt, werden aber wohl in den Aufnahmebedingungen der Gastgeber liegen. Welche Jesuitenmoral aber hinter dieser Sache steckt, kann jeder normale Mensch fühlen. 7. Der technische Unterricht. Was man in schultechnischen Organisationsdingen leistet, ist fürwahr erstaunlich. In den Schulen unseres Landes hat man wirklich viel geleistet, um die Arbeitsschulbewegung, die Kunsterziehung und die Bastel- und Werksarbeit in der Schule zur Geltung zu bringen. In vielen Schulen bestehen gute Werkstätten, die aber der Eigenart des Faches entsprechend nur für eine geringe Anzahl Schüler eingerichtet sind, meist für lo bis 12, selten für 18 Schüler. Sehr viele Schulen aber besitzen überhaupt keine Werkstätten und auch kein Werkzeug, ja nicht einmal in diesem Fach vorgebildete oder befähigte Lehrkräfte. Ostern 1934 verfügte aber die LSB: Jedem Schüler der oberen 4 Jahrgänge sind wöchentla 2 Stunden Werkarbeit zu erteilen, damit die Achtung vor der Handarbeit wieder Allgemeingut des deutschen Volkes wird. Diese Stunden sind in den Arbeitsplan einzubauen. Die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden wurde gleichzeitig für die Schüler von 30 auf 36 Stunden erhöht, die Zahl der Lehrer um 500 vermindert. A-71Geld für Einrichtung neuer Werkstätten, um die hohe Schülerzahl in Werkräumen unterzubringen, um nur etwas Werkzeug oder Werkmaterial zu beschaffen, ist nicht vorhanden. Man bildes keine Lehrer in diesem Fach aus. Die Hauptsache ist, man hat befohlen und die Durchführung überlässt man den ratlosen Schulräten. Einer Schule, die für 200 Kinder Werkunterricht geben muss, die schon 2 Werkstätten hat, hat man ganze 20 Mark für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Das Ganze ist nichts anderes, als ein neues" Potemkinsches Dorf", deren viele in Deutschland errichtet werden, seit Hitler am Ruder ist. 00 Wie der schlecht ausgeschlafene Unteroffizier auf dem Kasernenhof seine Mannschaft von früh bis spät kujoniert und nicht zur Ruhe kommen lässt, dabei kostbare Zeit an nutzlose Dinge verschwendet, so scheint es gleicherweise eine hohe LSB. darauf abgesehen zu haben, Lehrerschaft und Schülerschaft ähnlich segensreich zu beschäftigen. Bei 6 täglichen Unterrichtsstunden sind nur 3 kurze Erholungspausen eingeschaltet. Ausser dem Sport und Spiel, sind 6 wöchentliche Turnstunden zu er eilen. Die Lehrer werden zur" ehrenamtlichen" Tätigkeit beim Luftschutz, bei der NSV., beim Wohlfahrtsamt, beim NSLB. dienstlich befohlen. Wer sich diesen Dingen entzieht, gibt Mangel an nationaler Gesinnung kund. Die Lehrer unter 35 Jahren müssen, soweit sie nicht Mitglieder der SA. und SS. sind, und das sind sehr wenige in X., nachmittags Dienst beim Schulschutz( Wehrsturm) tun, dessen Sturmführer wir schon kennen lernten. Des Morgens in der Schule eine Hetze, ein Gewirr von Augenblicksaufträgen aller möglichen Stellen, keinerlei ruhige Arbeit mehr auf lange Sicht, dauernde Unterbrechungen des Unterrichts, dauerndes, ja tägliches Einkassieren von Geld für irgendwelche, oft ausserhalb jeden Schulinteresses liegenden Angelegenheiten, nachmittags irgendwelcher anstrengender, oft zweckloser, aber ehrenamtlicher Dienst für Lehrer und Schüler, abends Versammlungen, Kundgebungen, Aufmärsche und ähnlich schöne Sachen bilden die Hetzjagd, die zum Prinzip erhoben zu sein scheint, damit wir alle, das ganze Volk, nicht zum Nachdenken, nicht zur Ruhe kommen sollen. Dieser umfassende Bericht findet eine wertvolle Ergänzung durch folgenden Bericht aus Hamburg: Ich berichte aus einer Klasse einer Hamburger Volksschule. Die Schüler stehen im Alter von 12- 13 Jahren. Ihre Eltern sind fast ausschliesslich Sozialdemokraten und Kommunisten. Zeitweilig befanden sich die Väter von lo 12 Kindern im Konzentrationslager. Jetzt galt es, diese Kinder im neuen Geist zu erziehen. Sehr bald stellte sich aber heraus, dass die Propagandamethoden eines Goebbels, welche bei dem deutschem Spiessbürger immerhin ihre Erfolge zeitigten, bei dem gesunden Sinn der Kinder auf den grössten Widerstand stiessen. Am 11. November 1933 wurde der Klasse von ihrem Lehrer mitgeteilt, dass sie sich am 12. Nov. um 9 Uhr vorm. in der Schule einfinden sollte, um ihren Teil zu dem grossen Sieg des Führers beizutragen. Die Schüler sollten durch die Strassen ziehen und im Sprechchor für den Führer werben. Die Verse sollten am Tage vorher eingeübt werden. Der Lehrer verlas die vorgeschriebenen Sprüche: " Wer hat dem deutschen Arbeiter Arbeit gegeben?- Der Nationalsozialismu " Wer hat dem deutschen Volke die Freiheit wiedergegeben?- Adolf Hitler. usw. Ein ungeheuerer Proteststurm in der Klasse war die Folge dieser Mitteilung. Die Jungen machten dem Lehrer klar, dass er sie sonst immer zur Wahrheit und Aufrichtigkeit angehalten habe. Jetzt verlangte er 3 A 72von ihnen, dass sie lügen sollten." Mein Vater hat keine Arbeit bekommen." " Meinen Vater haben sie entlassen."-" Mein Vater sitzt schon ein halbes Jahr im Konzentrationslager", so schwirrte es durcheinander. Grosse Verlegenheit des Lehrers. Danach Besprechung mit dem Schulleiter. Der Lehrer kehrt in die Klasse zurück und fragt, wer sich freiwillig melde. Ganze 2 Jungen, Mitglieder der HJ, melden sich. 0 Am Freitag, den 17. August 34 hatte man aus diesen Vorfällen gelernt. Der Führer sollte in Hamburg reden. Aber wie macht man das, wenn man weiss, dass die freiwillige Beteiligung nicht sehr gross sein wird? Man erzählte den Kindern, dass alle Hamburger Schulen, anlässlich der Bedeutung des Tages, eine Fahrt ins Blaue machen sollten. Die Kinder traten auf den Schulhöfen an und die Fahrt ins Blaue war," ein Spalier aller Hamburger Schulkinder für den Führer." 80 Ueberhaupt scheint das Schwindeln zu einer beliebten Erziehungsmethode der Hamburger Landesschulbehörde geworden zu sein. Mitte Juni wurde seitens der Landesschulbehörde für alle Schulen eine Lichtspielvorführung festgesetzt. Gezeigt werden sollte, wahrscheinlich auf Grund besonderer pädagogischer Erkenntnisse, der Kriegsfilm:" Die letzte Kompagnie".Den Kindern wurde mitgeteilt, es würde ihnen der Film" Der Rebell" gezeigt. Den Lehrern war strengste Anweisung gegeben worden, auch bei Nachfrage bei dieser Behauptung zu bleiben. Schreiber dieses erfuhr rechtzeitig von diesem Schwindel. Er begab sich zu dem Lehrer seines Sohnes, um ihm mitzuteilen, dass sein Sohn nicht mit ins Kino ginge. Zuerst stritt der Lehrer ab, etwas von dieser Angelegenheit zu wissen. Später erklärte er mit der Bitte um Verschwiegenheit, dass sie eine Anweisung der Landesschulbehörde hätten, den Kindern diese Unwahrheit zu erzählen, da somst der Erfolg der Vorführungen in Frage gestellt wäre. In Hamburg ist im Herbst 1932 bei einer Schiesserei zwischen Hitlerjugend und Kommunistischer Jugend, das Mitglied der Hitler- Jugend, Otto Blöcker erschossen worden. Otto Blöcker ist jetzt der Heros der Hamburger HJ. Es gibt Otto Blöcker- Heime, Otto Blöcker- Abteilungen usw. Sein Todestag ist zu einem offiziellen Gedenktag in allen Hamburger Schulen erhoben worden. Der Lehrer erzählte den Kindern von dem Tod Otto Blöckers. Er erzählte ihnen, dass Otto Blöcker von bis an die Zähne bewaffneten sozialistischen Kinderfreunden und Jungkommunisten hingemordet wurde. Wie das auf die Seelen der Kinder wirkte, denen man bei ihren" Roten Falken" gerade den Abscheu gegen jede Gewalttat am stärksten eingeprägt hatte, kann man sich vorstellen. Nationale Erziehung muss auch gepflegt werden. Das geht am Besten, wenn man den Kindern erzählt, wie schlecht es die ganze Welt mit uns Deutschen meint. Täglich wird den Kindern erzählt, dass unsere Feinde uns wieder wie im Kriege aushungern wollen und dass nur unser herrlicher Führer uns davor schützen könne.- Folgenden Vorgang-dessen Wahrheit vernünftige Menschen bezweifeln können, zur Illustration: Mein Sohn sitzt an einem Nachmittag emsig über seinem Schulatlas. Auf meine Frage, was er sucht antwortet er folgendes:" Unser Lehrer muss uns heute wieder tüchtig beschwindelt haben. Er erzählte uns, die Dänen haben aus Hass gegen Deutschland den kleinen und den grossen Belt mit Netzen abgesperrt, damit keine Heringe in die Ostsee kommen können. Die deutschen Fischer können jetzt keine Heringe mehr fangen. Ich habe mir jetzt den Atlas angesehen und glaube nicht, dass so etwas möglich ist." Ich war sprachlos. Da ibaunahm, dass seine Behauptung auf einem Missverständnis beruhte, erkundigte ich mich bei einigen seiner Schulkameraden. Ueberall fand ich eine Bestätigung. Was wird die Folge einer solchen Jugenderziehung sein? Misstrauen A-73zwischen Lehrern und Schülern. Erziehung einer Jugend, welche in kurzer Zeit die grösste Gefahr für das jetzt herrschende System wird. Die Jugend wird trotz aller Flaggenparaden, Schulwanderungen im militärischen Stil( Mil. Ordnung 30 km Pflichtleistung) an dem Tage, an welchem sie den ungeheueren Betrug, den man an ihr verübt, merkt, wirklich revolutionär werden. Westsachsen: Die Eltern sehen mit grosser Sorge der Beeinflussung ihrer Kinder durch die Schule und HJ zu. Der elterliche Einfluss auf die Kinder ist sehr zurückgegangen. Die Kinder werden nicht selten missbraucht zu Angaben über Vorgänge im Elternhaus, die als staatsfeindlich gewertet werden. In vielen Familien ist darum ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. In der Schule werden die Kinder zum bedingungslosen Gehorsam gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung erzogen. Kritisches Denken wird ihnen fremd. Am deutlichsten ist die Umstellung der Schule äusserlich bei Schulausflügen zu bemerken. Früher frohes Kinderlachen und durch Sport und Spiel gerötete Kindergesichter bei den Ausflügen mit dem Lehrer und heute militärischer Gleichschritt, militärischer Gesang, militärischer Sport, ein ewiges Kommandieren und Schikanieren von jungen Menschen, die vollkommen ungeeignet sind für solche anstrengende Ausmärsche. Nicht anders ist es bei der schulentlassenen Jugend, die in der HJ. ist. Unselbständige Menschen, die nur ausführen und weitergeben können, denen nur Befehle und Rangordnungen bekannt sind, sind das Ergebnis nationalsozialistischer Kinder- und Jugenderziehung. Eine Generation wird missbraucht! Aus Schulaufsätzen. Ueber den Film: Hitlerjunge Quex:..... doch er musste fliehen, denn die Kommunisten verfolgten ihn. Er rettete sich in eine Schiessbude. Ein gellender Schrei! Er ist mit dem Messer der Kommunisten erstochen worden. Mit den Worten auf den Lippen:" Unsere Fahne flattert uns voran" verschied er. Ueber den 12. November 1933:.... An diesem Tage haben wir den Feinden ordentlich bewiesen, dass wir hinter unserem Führer stehen. Ueber die Herbstmanöver der Reichswehr:... Müde und befriedigt zogen wir nach Haus. Es wäre noch viel schöner gewesen, wenn Flieger, Gasangriffe vorgetäuscht hätten und die Soldaten Gasmasken aufgesetzt hätten... mein Wunsch ist auch, als Reichswehrsoldat heranzuwachsen, um mein Vaterland in Kriegsnot verteidigen zu können. Konrektor Hegmann von der Lessingschule in Leipzig erklärte in einer Morgenandacht seinen Schülern kurz vor den Ferien:" Jungs, lernt in den Ferien schiessen, jeder Schüler, der noch kein Gewehr in der Hand gehabt hat, ist kein deutscher Junge. Jeder Mann, der noch keinen Schuss abgegeben hat, ist kein deutscher Mann." Die Schüler, zu denen Hegmann sprach, sind im Alter von lo- 18 Jahren. Kürzere Berichte aus Nordbayern, Ostsachsen und Rheinland- Westfalen ergeben dasselbe Bild. Ueber Vorgänge und Stimmung in der Lehrerschaft sind uns noch folgende Meldungen zugegangen: Ostsachsen: Die Abkühlung der Begeisterung für den Nationalsozialismus zeigt sich bei den Lehrern auch in folgender Form: In den ersten Monaten nach dem Umsturz stellten sich sehr viele Lehrer den Nationalsozialisten für Vorträge wissenschaftlicher und bildender Art zur Verfügung. Das hat längst aufgehört, weil die nationalsozialistischen A-74Massen natürlich für diese Vorträge gar kein Interesse haben und weil die Lehrer selbst kein Bedürfnis mehr empfinden, sich in dieser Weise an das Regime heranzumachen. Kurz nach dem 30. Juni hatte ein Studienrat vor seiner Klasse geäussert, dass Deutschland kein Rechtsstaat mehr sei. Er wurde darauf sofort aus seiner Stellung entfernt. Berlin: Sogar in den Kreisen derjenigen Lehrer, die noch im Amt sind, wächst der Widerstand gegen die Reglementierung aller geistigen Bedürfnisse. Immer häufiger stösst man im Gespräch mit solchen Lehrern auf die resignierende Brklärung: wir sind jetzt nur noch eine Abteilung des Heeresministeriums. Rheinland- Westfalen: In den Lehrerkreisen an höheren Schulen ist mit Ausnahme fanatischer Nazis und meistens Nichtskönner nach vorübergehender tiefer Depression die passive Abwehr des Systems getreten. In familiären Zirkeln suchen diese Pädagogen sich zu sammeln. Jeder erkennt heute mit Hochachtung die vorbildlichen Auffassungen der Weimarer Republik in Schuldfragen an. Hamburg: Bei der Hamburger Schulbehörde wurden um Os tern 1934 rund 500 Lehrkräfte abgebaut. Die Folge dieses Abbaues ist, dass es heute in Hamburg Klassen mit 60 70 Schülern gibt. Schliesslich äussern sich einige Berichterstatter über die Stimmung unter den höheren Schülern: Aus einer nordwestdeutschen Mittelstadt: An den höheren Schulen steht bei den Jungens im Vordergrund der Dienst in der Hitlerjugend. Darüber wird geredet; der Hitlergrass ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Begeisterung schwindet bei den Jungen, vor allem bei den intelligenten, Einige ältere Schüler, die früher in der SAJ waren und der HJ nicht beitragen, werden beneidet um ihre Freiheit, aber jetzt mehr denn je geachtet und oft als Ratgeber benutzt. Rheinland- Westfalen: Auch in den Kreisen begabter höherer Schüler wächst die Gegnerschaft gegen den Nazistaat. Es finden sich auch Notkameradschaften zwischen den Lehrern an höheren Schulen und den antifaschistischen Schülern. Die Volksschule ist eine einzige Kaserne und byzantinische Verdummungsanstalt. Auch hier gibt es Lehrer, in immer wachsender Zahl, die sich geistig gegen das System stellen. Ostsachsen: Unter der Jugend der höheren Schulen beginnt sich eine grosse Hoffnungslosigkeit breitzumachen, weil sie keine Möglichkeiten mehr sehen, in öffentlichen Diensten unterzukommen. Ueberall in der öffentlichen Verwaltung, in den gleichgeschalteten Organisationen, in den Wirtschaftsverbänden usw. sind die Stellen von jungen und sehr jungen Menschen besetzt und es kann Jahrzehnte dauern, bis wieder einmal Stellen frei werden. Deut se hland der 3 Bericht Prag, am 30. Oktober 1934 Sopa de September/ Oktober 1934. Teil B: Uebersichten. In hal tg I, Wirtschaftspolitik( I): Die Arbeitsschlacht 1.). Die grundsätzlichen Irrtümer 2.) Die Methoden der Arbeitsschlacht 3.) Die Finanzierung 4.) Die Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung 5.) Späte Erkenntnis II Katholische Kirche und Drittes Reich Seite 12682 ± 14 A. Der politische Katholizismus C 1.) Im deutschen Kaiserreich 17 17 2.) Der politische Katholizismus ausserhalb des Reiches 23 3.) Der deutsche politische Katholizismus nach dem Krieg. 24 4.) Wandlungen der katholischen politischen Generalhaltung. 27 1. Kirche und Staat. 6. Weltanschauung gegen Weltanschauung 1.) Ber wichtigste Weltanschauungsgegensatz zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus 2.) Die gegensätzlichen pelitischen Bestrebungen von Katholizismus und Nationalsozialismus 3.) Perspektiven 1 30 33 34 4 35 36 I. Wirtschaftspolitik( I): Die Arbeitsschlacht. Das nationalsozialistische Regime hat eine wirtschaftspolitische Aktivität im wesentlichen auf vier Gebieten entwickelt. 1. auf dem Gebiet der Arbeitsbeschaffung, 2. in der Agrarpolitik, 3. in der Handelspolitik und 4. auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Organisation. Diese Aktivität nach vier Richtungen war von Anfang an zusammengehalten durch eine beherrschende Idee: Die Aufrichtung, im weitesten Sinne genommen, die Umstellung der gesamten Wirtschaft auf ein System der Machtpolitik nach innen und aussen. Dem leitenden Gedanken dieser Machtpolitik wurde die Arbeitsbeschaffung dienstbar gemacht durch den Bau von strategisch bedeutsamen Autobahnen, von Flugplätzen, Luftschutzanlagen, durch den Aufbau des Arbeitsdienstes usw. Die Agrarpolitik hat von An.. fang an grundsatzlos hin- und hergeschwankt zwischen den Ideen der " Grossraumwirtschaft" und dem Ziel der" Nahrungsfreiheit", bis schliesslich die Entwicklung sie zwangsläufig in die zweite Richtung gedrängt hat. Die Handelspolitik gibt den Gedanken der internationalen Arbeits-. teilung auf und wendet sich der machtpolitischen Konzeption der" Grossraumwirtschaft", zu, drosselt die Einfuhr, soweit sie nicht für die Aufrüstung unentbehrlich ist, und begünstigt den Aufbau von Ersatzstoffindustrien, die das Land aus der Rohstoffabhängigkeit vom Ausland be freien sollen. Die Aktivität auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Orga nisation dient dem umfassenden Aufbau einer Kriegswirtschaft, durch Begünstigung der Kartell- und Monopolbildung oder durch wirtschaftliche Zwangszusammenschlüsse und durch einen verwaltungsmässigen Organisa tionsaufbau der gewerblichen Wirtschaft und der Landwirtschaft. Die ganze nationalsozialistische Wirtschaftspolitik ist also nicht so sehr auf wirtschaftliche, wie auf ausserwirtschaftliche Ziele gerichtet, nicht so sehr auf das Ziel der Ueberwindung der Wirtschaftskrise, wie auf das Ziel der wirtschaftlichen Aufrüstung. Diese Tatsache gibt ihr das eigentümliche Gepräge, bestimmt die Wirkungen und ihre Erfolgsaussichten. Die Macht politik als den leitenden wirtschaftspolitischen Gesichtspunkt muss man im Auge behalten, wenn man die wirtschaftspolitische Aktivität der Nationalsozialisten im einzelnen verfolgen und beurteilen will. Wir gehen im folgenden zunächst näher auf die Arbeits B- 2 C beschaffung ein und werden die übrigen Gebiete wirtschaftspolitischer Aktivität der Nationalsozialisten später behandelt. 1. Die grundsätzlichen Irrtümer. C Die Nationalsozialisten hatten nicht die Wahl, ob sie eine" grosszügige Arbeitsbeschaffung durchführen wollten oder nicht. Erstens mussten sie sich klar darüber sein, dass sie gerade auf diesem Gebiet sehr schnell zu sichtbaren Erfolgen kommen mussten, wenn sie die neu eroberte Macht halten und sichern wollten. Ihre eigenen Anhänger erwarteten das von ihnen. Noch kurz vor ihrer Machtergreifung( im Dezember 1932) hatten die Nationalsozialisten dem Reichstag durch den jetzigen Staatssekretär Reinhardt ein skrupellos demagogisches Arbeitsbeschaffungspr gramm vorgelegt. Ausserdem war aber der Gedanke der öffentlichen Arbeits beschaffung nach drei Jahren schwerster Krise ungeheuer populär und als gebieterische Forderung an die Regierung weit über die Anhängerschaft der Nationalsozialisten verbreitet. Ebenso weit verbreitet waren aber auch die Irrtümer über Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsbeschaffung. Der Faschismus hat die Arbeitsbeschaffung nicht erfunden. Die Einsicht, dass der Staat in den Zeiten stookender privatwirtschaftlicher Tätigkeit Massnahmen zur Beschäftigung der arbeitslosen Massen ergreifen muss, hat sich nach dem Kriege immer mehr durchgesetzt. Fast alle europäischen Staaten haben in den letzten Jahren mehr oder minder grosse Arbeitsbeschaffungspläne in Angriff genommen. Deutschland hat schon im Jahre 1926/27 einen Kriseneinbruch von geringerer Heftigkeit durch solche M Massnahmen erfolgreich abgewehrt. In der grossen Krise haben die Regierungen Brüning und Papen mehr oder minder umfangreiche Arbeitsbeschaffungsprogramme aufgestellt, deren Früchte zum grossen Teil von den Natio nalsozialisten bloss geerntet zu werden brauchten. Auch die Sozialdemo-. kratie hat damals einen umfassenden und wohldurchdachten Arbeitsbeschaffungsplan ausgearbeitet und dem Reichstag vorgelegt. Was die nationalsozialistische" Arbeitsschlacht" von diesen Arbeitsbeschaffungsplänen trennt, ist nicht nur die Verkoppelung mit der Aufrüstung, die Unterstellung unter die machtpolitischen Gesichtspunkte ihre Gesamtpolitik, sondern darüber hinaus die Ausserachtlassung aller wirtschaftspolitischen Erfahrungen, der Verzicht auf jede tiefere Ein B 30 sicht in die wirtschaftlichen Zusammenhänge, der blutige Diletantismus ihrer Durchfahrung. Es ist die Vorstellung, dass es nur auf einen grossen Willenseinsatz ankomme, um Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zu überwinden. Es ist die Vorstellung, dass die Gesetze des kapitalistischen Wirtschaftssystems einfach dadurch ausser Kraft gesetzt werden, dass man sie nicht beachtet, Gerade diese Vorstellungen haben die Arbeitsschlacht ohne Frage sehr populär gemacht, denn es sind Vorstellungen, die in ihrer naiven Verachtung jeder wirtschaftspolitischen Sachkunde weit über den Kreis der nationalsozialistischen Parteigänger und lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten verbreitet waren. Eine solche populäre Vorstellung, von der sich die Nationalsozialisten bei ihrer Arbeitsschlacht leiten liessen, war die Ueberlegung, dass es doch auf alle Fälle besser sein müsste, wenn die Arbeitslosen auch mit grossen finanziellen Mehraufwendungen beschäftigt würden, als wenn sie beschäftigungslos" auf der Strasse liegen". Denn durch die Arbeitsbeschaffung würden doch Werte geschaffen und ausserdem käme doch das aufgewendete Geld in Form von Steuern, Lebensmittelkäufen der Arbeiter wieder herein, 3 Die Sozialisten verkennen nicht den grossen wirtschaftspolitischen und sozialen Wert der öffentlichen Arbeitsbeschaffung. Aber sie erken-. nen zugleich, dass solange man wie die Nationalsozialisten an der kadieser pitalistischen Wirtschaft nichts grundsätzlich ändern will Wert in sein Gegenteil umschlagen muss und schwerste wirtschaftspolitische und soziale Schäden entstehen müssen, wenn der wichtige Gedanke der Arbeitsbeschaffung aus Unverstand, blutigem Dilettantiamus und Propagandabedürfnis so zu Tode gehetzt wird, wie es die Nationalsoziali sten getan haben. Es ist blutiger Dilettantismus, zu glauben, dass durch die Arbeitsbeschaffung" Werte" geschaffen würden. In der kapitalistischen Wirtschaft, an der die Nationalsozialisten eben grundsätzlich nichts ändern wollen( in der sozialistischen Wirtschaft haben alle diese Dinge ein anderes Gesicht!), entscheidet sich die Frage, ob ein Arbeitsprodukt einen volkswirtschaftlichen" Wert" darstellt, nicht danach, wieviel Geld und Arbeit hineingesteckt worden ist, sondern nur danach, ob es Verwertet, d, h. verkauft, abgesetzt werden kann. Das Problem der Arbeits B4beschaffung liegt nicht darin, Kohlen zu fördern, Häuser und Schiffe zu bauen usw. An Kohlen, Häusern und Schiffen hatte die deutsche Volkswirtschaft schon vor der Arbeitsschlacht mehr als sie gebrauchen konnte. Deshalb türmten sich die Kohlen auf den Halden, drängten sich die Schiffe auf den Schiffsfriedhöfen. Die kapitalistische Wirtschaft fragt nun einmal nicht danach, ob Menschen frieren, kein Obdach haben oder gern auf Schiffen fahren möchten, sie fragt nur danach, ob Menschen da sind, die Kohle kaufen, Wohnungen mieten und Schiffsreisen bezahlen können. Nicht der Bedarf, sondern die" kaufkräftige Nachfrage" entscheidet in der kapitalistischen Wirtschaft über den volkswirtschaftlichen Wert oder Unwert einer erzeugten Ware. Es ist blutiger Dilettantismus, zu glauben, dass das Geld, das bei der Arbeitsbeschaffung für die Bezahlung der Arbeiter, der Rohstoffe und der Arbeitsgeräte aufgewendet wird, im Wirtschaftskreislauf automatisch wieder" hereinkommt". Gewiss geben die Arbeiter, die Rohstofflieferanten, die Verkäufer der Arbeitsgeräte das durch die Arbeitsschlacht eingenommene Geld wieder aus, sei es für Käufe des täglichen Bedarfs, sei es für Steuern, Sozialabgaben usw. Aber dieses Geld hätten ohne die Arbeitsschlacht andere Leute ausgegeben. Denn irgendwoher muss das Geld zur Finanzierung der Arbeitsbeschaffung genommen werden. Da ihm alle anderen Finanzierungsmethoden verschlossen waren, ist Deutschland auf den Ausweg verfallen, das Geld durch einen Pump auf die Zukunft aufzubringen. Aber dieser Finanzierungsart sind ziemlich enge Grenzen gezogen, wenn sie nicht die öffentlichen Finanzen ruinieren soll, und vieles spricht dafür, dass die Finanzierungsmethoden er Deutschlands diese Grenzen schon überschritten haben. Ausserdem hat dieser Pump auf die Zukunft den Nachteil, dass er nur wenige Jahre überbrücken kann. Dann entsteht die Frage, woher sollen die gepumpten Summen zurückgezahlt werden? Autostrassen können zwar strategisch sehr nützlich sein und vielleicht sogar dem Verkehr dienen, aber sie werfen keine nennenswerten Erträge ab. Schwere Geschütze, Munition und Flugplätze noch weniger. Ausgetrocknete Sümpfe vermehren nur die Menge des Ackerbodens, auf dem unglückliche Siedler weder leben noch sterben können. Selbst aus Häusern, die sich rentabel vermieten lassen, sind die verbauten Kosten nur im Laufe vieler Jahre wieder herauszuholen. 3-5Man sieht, man kann sich bei der Arbeitsbeschaffung- immer unter der Voraussetzung, dass es sich um eine kapitalistische Wirtschaft handelt nicht darauf verlassen, dass dadurch auf alle Fälle" Werte" hergestellt werden und dass das verauslagte Geld wieder" hereinkommt". ob sie für Es kommt also alles auf die Art der Arbeitsbeschaffung an, die Wirtschaft nützlich oder schädlich ist. Ob nützlich oder schädlich, das. entscheidet sich aber im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft danach, ob die Arbeitsbeschaffungsmassnahmen den" natürlichen" Wiederaufschwung der Wirtschaft fördern eder hindern. Denn es gibt keine Fic nanzierungsmethode, die die Durchführung der Arbeitsbeschaffung als Dauererscheinung ermöglichen würde. Diese Zusammenhänge haben die Nationalsozialisten bei ihrer Arbeitsschlacht überhaupt nicht gesehen. Anstatt zu erkennen, dass es in der kapitalistischen Wirtschaft das vornehmste Ziel der öffentlichen Arbeitsbeschaffung sein muss, den neuen Aufschwung der Gesamtwirtschaft vorzubereiten und zu fördern, und dass jede andere Zielsetzung die wirtschaftliche Erholung schädigen muss, waren sie geradezu stolz darauf, dass es ihnen auch ohne Besserung der wirtschaftlichen Konjunktur gelang, Arbeitslose in der Wirtschaft unterzubringen. In der" Vossischen Zeitung" vom 8. September 1933 hiess es z. B. in einem Bericht über die Erfolge der" Arbeitsschlacht in Westfalen": " Der Rückgang der Arbeitslosigkeit wird vom Landesarbeitsamt umso höher bewertet, als er zum überwiegenden Teil nicht auf Konjunkturbesserung, sondern auf die planmässigen Bemühungen zu einer rationelleren Verteilung der Arbeit zurückzuführen ist.* Mit anderen Worten: Die Nationalsozialisten waren stolz darauf, dass es ihnen gelungen war, die Wirtschaft zu vergewaltigen. Es war eine leichtfertige und verbohrte, kurzsichtige und verhängnisvolle Politik- aber es war zugleich eine überaus populäre Politik, Weil die Nationalsozialisten von Anfang an alle die Irrtümer teilten, die in der breiten Masse und nicht nur unter ihren Anhängern über die Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsbeschaffung verbreitet waren, deshalb ist es ihnen bis heute gelungen, die Verantwortung fur ihre wirtschaftspo litischen Misserfolge immer wieder auf irgendwelche feindseligen Mächte, auf das Ausland, auf die Juden usw. abzuwälzen, B= 62.) Die Methoden der Arbeitsschlacht. Die Methoden, die die Nationalsozialisten bei der Durchführung der Arbeitsbeschaffung angewendet haben, haben sie zum Teil übernommen, zum Teil neu erfunden. Aber auch da, wo sie altbekannte Methoden anwendeten, haben sie das Wesentliche, die Anwendung im richti gen Verhältnis zum wirtschaftspolitischen Zweak und zu den finanziellen Möglichkeiten regelmässig ausser Acht gelassen. In der HauptC sache sind folgende Massnahmen durchgeführt worden: 1. Notstandsarbeiten, die vorwiegend von Gemeinden und Gemeindeverbänden in Angriff genommen wurden: Strassenbauten, Sumpf- Entwässerungen, Bachregulierungen, Anlage von Waldwegen, Ausräumung von Strassengräben usw. Diese Arbeiten sind sozusagen der eiserne Bestandteil jedes Arbeitsbeschaffungsprogramms, weil sie in der Regel keine grossen zusätzlichen Mittel beanspruchen. Die Nazis haben auf diesem Gebiet nur frühere Methoden übernommen, allerdings in der Durchführung oft entweder die Grenzen des finanziell Möglichen überschritten, oder aber die Notstandsarbeiter zu Löhnen beschäftigt, die noch unter den Unterstützungssätzen lagen. Mit diesen Arbeiten wurde von den Nationalsozialisten eine ungeheuere Propaganda entfaltet Spatenstiche usw.-, 3 in keinem Verhältnis zu der Zahl der dabei Beschäftigten stand. die 2. Arbeitsdienst und Landhilfe. Der Arbeitsdienst wurde zunächst mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt wie die Notstandsarbeiter. Bald wurden aber die Mittel so knapp, dass an Stelle der Arbeit immer mehr das Exerzieren getreten ist, das zweifellos die billigste Methode der Beschäftigung junger Leute darstellt. Die Landhilfe verschafft dem Grossgrundsbesitz zweifellos sehr billige, aber nicht immer sehr brauchbare Arbeitskräfte. Den Bauern wurde die Aufnahme von Landhelfern, die sie eigentlich gar nicht gebrauchen konnten, durch Staatszuschüsse schmack haft gemacht. Im ganzen haben sich diese Methoden als wenig fruchtbar erwiesen. Es sind höchstens 500.000 Jugendliche im Arbeitsdienst und in der Landhilfe untergebracht worden. Die besonderen Massnahmen für die schulentlassene Jugend- Land jahr, hauswirtschaftliches Jahr usw. haben zahlenmässig noch geringere Bedeutung. بت B- 7 3. Verstärkung der Reichswehr, Genaue Zahlen über den Umfang, in dem die Reichswehr in den letzten Monaten vermehrt worden ist, sind nicht bekannt. Die umfangreichen Kasernenneubauten, die seit einiger Zeit im ganzen Reich zu beobachten sind, lassen darauf schliessen, dass diese Methode der Entlastung des Arbeitsmarktes in Zukunft besonders grosse Bedeutung bekommen hat. 0 4. Rüstungsproduktion und Rüstungsbauten. Herstellung von Kriegsgerät aller Art, Bau von Flugzeugen, Durchführung eines umfangreichen Motorisierungsprogramms der Reichswehr, Bau von Kasernen, Flughäfen, Grenzschutzbauten usw. Hierher gehören auch die Autobahnen, mit denen vorwiegend strategische Zwecke verfolgt werden. Aus naheliegenden Gründen wurde mit diesem Zweig der Arbeitsbeschaffung abgesehen von den Autobahnen am wenigsten Reklame gemacht. Nichtsdestoweniger hat er unter den unmittelbar von der öffentlichen Hand finanzierten zusätzlichen Arbeiten die grösste Bedeutung. Die Durchführung dieser Arbeiten hat z. B. dahin geführt, dass zeitweise gerade ein Mangel an bestimmten Arbeiterkategorien wie an Drehern eintrat und das Baugewerbe eine kräfte Belebung erfuhr. 5. Staatszuschüsse an die Privatwirtschaft. Die Reparaturzuschüsse. an den Hausbesitz 1/5 zahlt das Reich, 4/5 müssen die Hausbesitzer traJ 3 gen die schon unter Brüning eingeführt worden waren, wurden stark ausgedehnt. Sie schufen eine vorübergehende Hochkonjunktur vor allem für das Bauhandwerk, die nach Verbrauch der Mittel ebenso schnell wieder der Beschäftigungslosigkeit Platz machte, sofern nicht Rüstungsbauten neue Arbeitsmöglichkeiten boten. Zu diesen Staatszuschüssen gehören ferner alle Subventionen an die Industrien, z. B. die Zuschüsse für Erdölbohrungen, für den Erzbergbau usw. Schliesslich fallen hierunter die zahlreichen Versuche örtlicher Instanzen, durch Lohnbeihilfen an örtlichen Unternehmungen im allgemeinen Wettlauf um die grossen Erfolge in der Arbeitsschlacht besonders günstig abzuschneiden. Dieser volkswirtschaftlich gefährliche Unfug hat im vergangenen Jahr zweifellos grossen Umfang angenommen. 6. Steuerermässigungen. Durch die Aufhebung der Kraftfahrzeugsteuer für neue Kraftwagen wurde zeitweilig ein starker Anreiz zum Kauf von Kraftfahrzeugen geschaffen, der zu einer Sonderkonjunktur der Kraftfahr B= 8= zeugindustrie führte. Die Steuerbefreiung für Ersatzbeschaffungen wirkte in gleicher Richtung vor allem zugunsten der Maschinenbau- Industrien. Es ist klar, dass die Steuerausfälle, die auf diese Weise entstanden, durch andere Einnahmen ausgeglichen werden mussten, etwa durch die Fettsteuer. Die Kraftfahrzeugsteuer wird im übrigen für den Wegebau verwendet, so dass hier automatisch ein Ausfall an Mitteln für öffentliche Bauten eintritt, wenn keine andere Einnahme quelle erschlossen wird. 7. Zusätzliche Arbeitereinstellungen in den Betrieben. In den Anfängen war der Druck der Arbeitsschlacht- Propaganda so stark, dass sich auch die Unternehmer ihm nicht entziehen konnten. Viele Unternehmungen sahen sich genötigt, Ersatzanschaffungen und Betriebserweiterungen durchzuführen, auch wenn diese Massnahmen nach Lage der Betriebe nicht rentabel, also unwirtschaftlich waren. Mussten selbst grosse und grösste Unternehmungen diesem Druck nachgeben, so waren die mittleren undkleineren Betriebe noch viel unmittelbareren" Einwirkungen" ausgesetzt. Zweifellos wurde auf diese Weise eine grosse Zahl von Arbeitem in Betrieben hineingepresst, die nach ihrer Beschäftigungslage für diesen Belegschaftszuwachs eigentlich keine Verwendung hatten. Die Unternehmer mussten sich zunächst dem Zwang beugen, verstanden es aber bald, die Kosten dieser gewalttätigen Art von Arbeitsbeschaffung durch Entlassungen. oder durch Uebergang zur Kurzarbeit auf die Arbeiterschaft abzuwälzen. Im Reichswirtschaftsministerium war man sich über die Fragwürdigkeit dieser Methoden nicht im unklaren, Am 13. August 1933 erklärte Reichswirtschaftsminister Schmitt:" Es hat keinen Zweck, wenn man heute die Arbeitslosen in einem Bezirk auf Befehl in Arbeit bringt, ohne dass die Unternehmer es verdauen können, oder wenn man sie auf einen anderen Bezirk abschiebt." Aber der Einfluss der Zentrale reichte gerade in den ersten Monaten nicht aus, den Uebereifer der örtlichen Instanzen zu dämpfen. 3.) Die Finanzierung. Das Urteil über den volkswirtschaftlichen Wert oder Unwert der verschiedenen Arbeitsbeschaffungsmethoden hängt oft von der Art ihrer Fi nanzierung ab. Es ist klar, ein Land, das über grosse Steuerreserven verfügt, kann bei der Arbeitsbeschaffung anders vorgehen als ein Land, dessen Steuern schon ohnehin sehr stark angespannt sind. Ein Land, das einen sehr B- 9ergiebigen Kapitalmarkt hat, kann grosse öffentliche Arbeiten durch Aufnahme von Anleihen finanzieren. Ein Land, das im Ausland guten Kredit hat, kann sich mit Auslandsanleihen helfen. Hitler- Deutschland konnte das alles nicht: seine Steuern waren ohnehin überspannt, die Auflegung innerer Anleihen kam nicht in Frage, weil die Bevölkerung dafür weder Geld noch Vertrauen hatte, und an die Aufnahme von Auslandskrediten war noch weniger zu denken, weil Deutschland nicht einmal seine alten Auslandsschulden verzinsen und zurückzahlen kann. So waren die normalen Finanzierungsmethoden der Arbeitsbeschaffung Deutschland verschlossen. Es musste andere, gefährlichere Wege gehen und es ging sie. Im wesentlichen muss man folgende Finanzierungsmassnahmen unterscheiden: 1. Die Arbeitsbeschaffungswechsel. In der deutschen Konjunkturforschung wird der" Mut zur Neuverschuldung" bewundert, den das Reich aufgebracht hat. Auf die Frage eines ausländischen Journalisten nach der Finanzierung, antwortete Reichsfinanzminister Graf Schwerin- Krosigk mit burschikoser Offenheit:" Wir haben das Geld gepumpt." Auf die gleichzeitig simple und doch schicksalhafte Frage: woher hat Herr Schwerin- Krosigk das Geld gepumpt?, lautet die schlichte Antwort: das Geld, das der Staat zur Arbeitsbeschaffung und zur Rüstung gepumpt hat, ist noch gar nicht vorhanden. Es soll erst im Verlaufe der Konjunkturankurbelung realisiert werden. Der technische Weg zu diesem eigenartigen Pump verfahren ist die Ausgabe der Arbeitsbeschaffungswechsel. Auch in der Privatwirtschaft wird ein grosser Teil der Produktion durch Wechsel oder andere Formen des kurzfristigen Kredits finanziert. Aber der Unternehmer entschliesst sich zu einer solchen Vorfinanzierung nur, wenn er begründete Aussicht hat, durch den Absatz der so finanzier ten Produktion in kurzer Frist die Mittel zur Einlösung der Wechsel hereinzubekommen. Das Reich aber hat mit den Arbeitsbeschaffungswechs eln Arbeiten finanziert, wie Strassenbauten, Rüstungsproduktion usw., die nicht verkäuflich sind und die infolgedessen die Kosten nicht ebenso automatisch hereinbringen, wie es bei den Handelswechseln der Fall ist. Die Wechselausgabe des Reichs beruht vielmehr auf einer sehr gewagten Spekulation: es hofft, durch die Arbeitsbeschaffung die Wirtschaft derart anzukurbeln, dass die Steuererträge automatisch steigen und die Einlösung der Wechsel ermöglichen. Ob diese Spekulation gelingt von 1935 ab müssen jährlich über dreiviertel Milliarden eingelöst werden, das ist die Zulainftssorge des Reicha finanzministers. 23 Blo2. Die Inanspruchnahme der Sparkassen und Versicherungsanstalten, Neben den Arbeitsbeschaffungswechseln hat sich das Regime in aller Stille andere Finanzierungsquellen für die Arbeitsbeschaffung erschlossen, die nicht geringere Gefahren für die Zukunft in sich bergen: die Sparkassen und öffentlichen Versicherungsanstalten sind im grossen Masse gezwungen worden, sich an der Finanzierung der Arbeitsbeschaffung zu beteiligen. Das Regime verheimlicht die Höhe der Summen; sie müssen aber bedeutend sein. Die Gefahr entsteht in dem Augenblick, in dem das Sparerpublikum aus irgendwelchen Gründen auf eine Rückzahlung seiner Sparguthaben drängt und die Rückzahlung dann nicht erfolgen kann, weil das Held zum grossen Teil in Strassen, Kanälen, Thingplätzen verbaut ist. 3. Der Abbau der öffentlichen Unterstützungen, Durch den brutalen Abbau der Arbeitslosenunterstützung, den das Dritte Reich durchgeführt hat, müssen sehr grosse Mittel freigeworden sein. Natürlich werden darüber keinerlei vollständige Zahlen veröffentlicht, aber man weiss, mit welcher Schärfe die Unterstützungsempfänger" gesiebt" worden sind, wie insbesondere die Wohlfahrtsunterstützung zusammengestrichen und auf dem flachen Land überhaupt beseitigt worden ist.( 1932 wurden nur lo Prozent aller Arbeitslosen nicht unterstützt, 1933/34 dagegen 22 bis 23 Prozent). Bekannt sind nur die Einsparungen beim Reich und bei der Reichsanstalt, nicht dagegen die noch bedeutenderen Kürzungen der Gemeinden an Wohlfahrtsausgaben, Die Reichszuschüsse für die Arbeitslosen sanken von 885 Millionen 1932 auf 264 Millionen 1934. Die Reichsanstalt nahm 1933 rund 1550 Millionen an Beiträgen ein, Davon verwendet sie aber nur rund 600 Mil lionen für die Unterstützung der Arbeitslosen( Versicherung, Krisen- und Kurzarbeiterunterstützung), 200 Millionen für Arbeitsbeschaffung und Landhilfe, während 700 Millionen andas Reich abgeführt wurden! Wenn man bedenkt, dass von der Republik über drei Milliarden jährlich für die Unterstützung der Erwerbslosen aufgewendet worden sind, kann man sich ein Bild von dem Umfang der Einsparungen machen, die durch diese Methode erzielt und wenigstens zum Teil für Notstandsarbeiten und Rüstungsbauten verwendet worden sind. 4. Finanzierung durch Lohnsenkung. Ist so ein bedeut ender Teil der Arbeitsbeschaffung unmittelbar auf Kosten der Arbeitslosen finanziert worden, so ein anderer nicht minder bedeutender Teil auf Kosten der Betriebsarbeiter. Die Unternehmer wälzten mit Unterstützung der öffentlichen Stel “ יִ.3 len die Kosten der Mehreinstellungen im Zuge der Arbeitst Lohnsenkungen und Arbeitsstreckung auf die Arbeiter ab. Dic Talife leiben formal zum grossen Teil unveri ndert, aber durch Abbau der oberverdienste, Ueber ag zu lohndrückenden Akkordsystemen, Befreiung ganzer Unternebarngen von der tariflichen Bindung und ihnliche behördlich sanktionierte Verfahren des Lohnraubs, vor allem aber durch die immer mehr um sich greifende Kurzarbeit verdienen viele Arbeiter kaum mehr als den Unterstutzungssatz. Selbstverständlich macht das Regime jede statistische Erfassung dieses Lohnabbaues unmöglich. Man ist auf indirekte Schlüsse angewiesen. Einige Beispiele aus den Abschlüssen grosser Unternehmungen für 1933, die allerdings den Lohnabbau erst zum Teil wiederspiegeln: Krupp steigerte seine Belegschaft gegen das Vorjahr von 35.600 auf 43.450. Die Lohnsumme aber sank von 69 auf 67 Millionen, der Durchschnitts verdienst also von 1932 Mark auf 1543 Mark. Bei Hoesch stieg die Zahl der Beschäftigten von 19.960 auf 20.200, die Lohnsumme sank von 43 auf 38 Millionen, der Durchschnittsverdienst von 2267 auf 1869 Mark. Bei der IG- Farben vermehrte sich die Belegschaft von 67.000 auf 77.00co, die Iohnsumme stieg von 173 auf 175 Millionen, der Durchschnittslohn sank von 2582 auf 2272 Millionen. Der grösste europäische Elektrizitätskonzern Siemens er Boveröffentlichte seinen Abschluss im Spätherbst 1933. Danach trag um lo Millionen Mark gegenüber dem Vorjahr zurückgegen. Die Umsätze verringerten sich von 435 Millionen im Jahre 1902 auf llionen im Jahre 1933. Dieser Rückgang erfolgte, obgleich er Konzern in den Genuss staatlicher Arbeitsbeschaffungsaufträge gekomen war. rotz des Umsatzrückganges und des verminderten Ertrages ist die Zahl dr Beschäftigten erheblich gestiegen. Während in den Zweigstellen des Konzern, die im Auslande tätig sind, die Zahl der Beschäftigten entsprechend dem Umsatzrückgang zurückgegangen ist, hat sich trotz des Sinkers des Inlandsumsatzes um 12 Prozent die Zahl der Beschäftigten um 15 Prozent erhöht. Trotz der Neueinstellungen im Inland ist die Lohnsume un 15 Prozent zurückgegangen! Im ganzen hat die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung im Dritten Reich eine verzweifelte Aehnlichkeit mit der Kriegsfinanzierung. Damals Kriegsanleihen, heute Arbeitswechsel und Angriff auf das Sparvermögen. Damals die Rechtfertigung der leichtfertigen umpwirtschaft mit dem Satz: Nach dem siegreichen Friedensschluss werden die Feinde alles B12 bezahlen. Heute: Nach der siegreichen Arbeitsschlacht wird die neu erblühte Privatwirtschaft alles spielend begleichen. Der neue Satz ist nicht weniger gefährlich als der andere, Wie die leichtsinnige Kriegsfinanzierung zur Inflatien führte, so kann die leichtsinnige Arbeitsbeschaffungsfinanzierung dieselben Folgen heraufbeschwören, 4.) Die Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Wenn in einem Lande das Wagnis einer grossen Arbeitsbeschaffungsaktion unternommen wird, dann ist dieses Wagnis nur zu verantworten, wenn die gesamte Wirtschaftspolitik dieses Landes auf die Ueberwindung der Krise, auf die Wiederbelebung der Konjunktur eingestellt wird. Statt die Arbeitsschlacht in eine solche Gesamtwirtschaftspolitik einzuspannen, hat das Regime seine ganze Wirtschaftspolitik einschliesslich der Arbeitsbeschaffung ausserwirtschaftlichen machtpolitischen Zwecken untergeordnet. Statt die in Angriff zu nehmenden Arbeiten konjunkturpolitisch möglichst zweckmässig auszuwählen, wurden sie der Aufrüstung dienstbar gemacht. Statt die Finanzierung in Grenzen zu halten, die den Aufschwung der Gesamtwirtschaft nicht gefährden können, wurde eine schwere Vorbelastung einer künftigen Wirtschaftsbelebung heraufbeschworen, Zunächst schien das grosse Experiment des Regimes zu glücken: Eine optimistische Welle ging durch das Land, die politische Entspannung nach der unerhörten Zuspitzung der politischen Gegensätze in den letzten Jahren wirkte als starker Vertrauensauftrieb, Mancher Unternehmer glaubte, dass die hinter dem Regime stehenden wirklichen Kräfte es schon schaffen würden, und war bereit, als Entgelt für die Beseitigung der Gewerkschaften etwas für die Arbeitsbeschaffung zu tun. Andere duckten sich wenig stens und liessen sich überflüssige Arbeitskräfte aufhalsen. Die Arbeiter duckten sich und nahmen Lohn- und Unterstützungsraub, gegen die sie sich noch wenige Monate vorher aufgelehnt hätten, widerstandslos hin. Die Behörden duckten sich und stellten wenn auch erst nach manchen Kämpfen ihre sachlichen Bedenken zurück. Zunächst schien das grosse Experiment zu glücken: 2 1/2 Millionen kamen angeblich" in Arbeit und Brot", weitere 660.000 fanden Beschäftigung oder Unterkommen als Notstandsarbeiter im Arbeitsdienst und in der Landhilfe. Im Endergebnis aber konnte das Experiment nicht glücken, Deutschlands Industriewirtschaft ist auf den Export angewiesen. Sie war in den B 13. O letzten Jahren durch die Aufhebung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung, des internationalen Güteraustausches und der internationalen Kreditbeziehungen in schwere Bedrängnis geraten. Eine wichtige Vorbedingung für die Wiederbelebung der Konjunktur und damit für den Erfolg der Arbeitsschlacht war daher die Förderung des deutschen Industrieexports. Statt dessen brachten es die Nationalsozialisten fertig, den Export im grossen Umfange zu zerstören: die Drosselung der Lebensmitteleinfuhr zugunsten der Landwirtschaft setzte die Lieferländer ausserstande, deutsche Ausfuhrwaren aufzunehmen, denn sie konnten die Einfuhr deutscher Waren nur mit dem Erlös ihrer Ausfuhr nach Deutschland bezahlen. Die Begünstigung der Schwerindustrie, der Rüstungsproduktion, der inländischen Rohstoffer zeugung und Ersatzstoffwirtschaft wirkte ebenso hemmend auf die Exportindustrie wie die Festlegung grosser Teile des Preisgefüges durch ein um fassendes System von Kartellen und Monopolen. 000 Triumphierend stellt das Institut für Konjunkturforschung fest:" Dass die Arbeitslosigkeit auch ohne erhöhte Ausfuhr, ja sogar bei sinkender Ausfuhr erfolgreich bekämpft werden kann, hat das Beispiel des Jahres 1933 gezeigt." Nein, das Jahr 1933 hat nur bewiesen, dass man eine Wirtschaft unter Einsatz der letzten materiellen und psychischen Reserven und unter den grössten Opfern der Arbeitslosen und der Arbeitenden für eine kurze Zeitspanne zu einer Sohe inkonjunktur hochreissen kann, von der sie wieder heruntergleiten muss. Die Hauptschwierigkeit, mit der jede Finanzierung einer grossen Arbeitsbeschaffungsaktion zu rechnen hat, ist die Beeinträchtigung des Kapitalmarktes. In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Zustand des Kapitalmarktes entscheidend für die Wiederbelebung der Gesamtwirtschaft. Nur wenn ein gewisses Mass unbeschäftigter Kapitalien zusammentrifft mit der Anlagebereitschaft der Kapitalnehmer und-geber, kann privatwirtschaftlich der Aufschwung eingeleitet werden. Deshalb ist es für den Konjunkturablauf entscheidend, dass die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung alles vermeidet, was den Kapitalmarkt erneut" versteif en" und damit die privatwirtschaftliche Initiative hemmen könnte. Die Finanzierung der Arbeitsschlacht hat mit ihrem Pump auf die Zukunft in der Form der Arbeitswechsel das Gegenteil getan. Auf dem Kapitalmarkt hat sich die Tendenz durchgesetzt, diese Wechsel loszuwerden und sie der Reichsbank zuzuführen. Ende 1933 befanden sich bei der Reichsbank Arbeitsbeschaffungswechsel in Höhe von 500 Millionen RmK. Im Juli 1934 erhöhte sich der Wechselbestand auf 1.200 Millionen Rmk. In B 14. zwischen dürfte der Bestand auf 1,5 Milliarden Rmk. angewachsen sein, so dass die Reichsbank jetzt bereits mehr als die Hälfte des Gesamtumlaufs an Arbeitsbeschaffungswechseln hereinnehmen musste. Ausserhalb der Reichsbank befinden sich noch etwa 1 Milliarde an Arbeitsbeschaffungswechseln im Umlauf. Diese Erscheinung lässt erkennen, dass das Ziel der Umwandlung der öffentlichen in die private Finanzierung nicht nur nicht erreicht, sondern in sein Gegenteil umgeschlagen ist. Der Kapitalmarkt hat den grösseren Teil der Arbeitswechsel nicht verdauen können. Jetzt hängen sie gefahrdrohend bei der Reichsbank, beeinträchtigen sie in ihrer kreditpolitischen Bewegungsfreiheit und erschüttern das Vertrauen in die Währung. 5.) Späte Erkenntnis, Das wirtschaftspolitische Ziel der Arbeitsschlacht ist nicht erreicht worden. Die Wiederbelebung der Konjunktur ist ausgeblieben, und mit der Erschöpfung der öffentlichen Mittel droht die Wirtschaft erneut in den Zustand der Krise zurückzusinken. Der Kapitalmarkt ist in einer schlechteren Verfassung als zuvor, die Exportwirtschaft liegt darnieder. Langsam und spät kommt auf den Regierenden die Erkenntnis. Am 21. März 1934 erklärt Hitler: " Die Initiative, die der Staat bei der Arbeitsbeschaffung ergriff, hatte immer nur den Zweck und die Absicht, die wirtschaftliche private Initiative zu erwecken und damit das wirtschaftliche Leben langsam wieder auf eigene Füsse zu stellen." Diese Erklärung hätte ein Jahr früher vor dem Beginn der Arbeitsschlacht manchen verhängnisvollen Irrtum aufklären können. Hinterher konnte sie nur den Zweck haben, die folgenschweren Fehler zu verhüllen, die auf dem Gebiet der Arbeitsbeschaffung dadurch begangen worden sind, dass dieser Zusammenhang zwischen öffentlicher und privater Initiative nicht beachtet wurde. So besteht denn auch die zweite Phase der Arbeitsschlacht, die Hitler mit jener Rede am 21. März eröffnete, im wesentlichen darin die ganze Arbeitsschlacht mitsamt ihren Folgen nach Möglichkeit zu liquidieren. Zunächst wurde die gefährliche Aktivität der örtlichen Stellen unterbunden: Im Mai und Juni 1934 zirkulierten Rundschreiben des Reichsarbeitsministers, des Reichsfinanzministers und des Präsidenten der Reichsanstalt an" ortliche und regionale Stellen", denen ver B- 15 boten wurde," Neueinstellungen von Arbeitslosen in der Privatwirtschaft durch Gewährung von Lohnhilfen aus öffentlichen Mitteln zu fördern." Der Präsident der Reichsanstalt wies die Arbeitsämter und Wohlfahrtsämter an, keine Unterstützungen mehr zu zahlen," wenn ein bisheriger Unterstützungsempfänger irgendwelche versicherungspflichtige Beschäftigung aufnimmt", und ermahnte die Wohlfahrtsämter, in Zukunft" unzulässige Lohnbeihilfen zu unterlassen. 11 Der Eintritt der Arbeitsschlacht in das Stadium der Rückzugsgefechte wird bald allgemein sichtbar. Der Präsident der Reichsanstalt und der Staatssekretär Reinhardt, dessen Namen das erste nationals zialistische Arbeitsbeschaffungsprogramm trägt, versicherten mit allem Nachdruck, dass für 1934 mit dem Fortgang der Arbeitsbeschaffung" in der bisherigen Weise nicht gerechnet werden könne". Der Einsatz öffentlicher Mittel wurde gedrosselt. Die Notstandsarbeiten werden erheblich eingeschränkt. Für die Hausinstandsetzungen werden trotz dringlicher Anfar derung neue Mittel nicht mehr bewilligt, während die alten Mittel aus dem Reinhardt- Programm in ihrer Gesamtheit" gestreckt werden. Die letzten Reserven versucht man für den Winter zurückzubehalten, Vom Sommer 1934 ab gilt als das Hauptziel des gesamten Apparates die Umrangierung der Arbeitsbeschaffung vom öffentlichen auf das private Geleise und die statistische kämpfung der Arbeitslosigkeit durch den Austausch der Arbeitsplätze. BeInnerhalb eines Jahres hat der deutsche Faschismus alle in der ka pitalistischen Welt vorhandenen Wirtschaftsauffassungen durchmessen: von dem Extrem des absoluten Machtstand punktes in der Wirtschaft, der da glaubt, alle Gesetze des kapitalistischen Organismus ausser Kraft setzen zu können bis zu der altliberalen Sohulweisheit, die die Rolle des Staates in der Wirtschaft zu der eines Nachtwächters degradiert. Im Frühjahr 1934 konnte man glauben, die Nationalsozialisten wünschten nichts sehnlicher, als die Sorge um die Wirtschaft mit einem Schlage dadurch loszuwerden, dass sie auf jede weitere wirtschaftspolitische Einflussnahme verzichteten. So ist seit einiger Zeit deutlich erkennbar, dass die nationala ziali stische Wirtschaftspolitik in ihre zweite Etappe eingetreten ist. Die erste Etappe war die Etappe der Arbeitsschlacht, die Welle der gewaltsamen Massnahmen gegen die Wirtschaft. Diese Etappe ist im wesentlichen abgeschlossen. Jetzt zeigt sich, dass die realen Kräfte sich wieder durch G B- 16 setzen, dass die Interessengegensätze nur von der tagespolitischen Oberfläche wegdekrediert worden sind, um in den Dunkelkammern der Ministerien und Wirtschaftsämter wieder machtvoll auf zuerstehen. Ein neuer Kurs setzt sich durch. Es entsteht die Frage, ob dieser neue Kurs die Schäden, die die Arbeitsschlacht angerichtet hat, noch zu heilen vermag, ob das gestörte Gleichgewicht der Wirtschaft wieder hergestellt werden kann. Die zweite Etappe der faschistischen Wirtschaftspolitik ist durch den Versuch gekennzeichnet, den Weg für einen solchen neuen Kurs zu ebnen, die Folgen der eigenen Wirksamkeit in der ersten Etappe wieder aufzuheben. So eigenartig die deutsche Binnenmarktkonjunktur sich gestaltete eine Konjunktur auf der Grundlage einer niedergehenden Gesamtwirtschaft!-, so sonderbar mutet auch das Bild der Stagnation an, das die deutsche Wirtschaft heute kennzeichnet. Die faschistische Wirtschaftspolitik hat dafür gesorgt, dass alle diejenigen Elemente der Konjunkturentwicklung, die eine Ueberwindung der Krise auf normale Weise hätten herbeiführen können, im Verlauf ihrer Wirksamkeit immer konsequenter ausgeschaltet wurden. Das Konjunkturbild 1933/34 hat in sich alle Merkmale der Depression weiter ausgeprägt. Die Alternative, vor der die Wirtschaftspolitik jetzt steht, ist von einer geradezu zwingenden Form: entweder das Pendel der Konjunktur in der bisherigen Richtung weiter ausschlagen zu lassen und das bedeutet schliesslich die Inflation mit all ihren Folgen oder aber das Konjunkturpendel nach der anderen Seite zurückf allen zu lassen und das bedeutet nicht nur den Rückfall in die Depression, sondern den in die Tiefen der Krise. Dazwischen liegt nur ein kleiner Spielraum zum Manövrieren, ein Spielraum, den die faschistische Demagogie allerdings voll ausnutzen wird. J C 0 C Katholische Kirche und Drittes Reich B= 17 A. Der politische Katholizismus. 1.) Im deutschen Kaiserreich. 90 Die Katholiken sind in Deutschland gegenüber den Protestanten in der Minderheit. Sie waren es schon im früheren Kaiserreich; aber kurz vor dem Krieg war der katholische Volksteil nur um wenige Hunderttausend geringer als der protestantische. Zufolge der Gebietsabtretungen nach dem Versailler Friedensvertrag, die fast ausschliesslich katholische Landesteile betrafen( Elsass- Lothringen, Posen und Westpreussen) sind die deutschen Katholiken wieder sehr viel stärker in die Minderheit versetzt worden. Nach den neuesten statistischen Ermittlungen stehen 40,9 Millionen Protestanten 21,2 Millionen Katholiken gegenüber. Fast 2/3 des deutschen Volkes sind heute also evangelisch. Andererseits verschiebt sich aber auch heute ebenso wie vor dem Krieg das Verhältnis dauernd zu Gunsten der Katholiken, einmal, weil religiöse Vorschriften den katholischen Menschen viel stärker als den Protestanten an der Beschränkung der Kinderzahl in der Ehe hindern und zweitens, weil der Katholizismus gerade in den Landesteilen vorherrscht, in denen das Bauerntum auf dem Lande und das Kleinbürgertum in den Klein- und Mittelstädten noch ausschlaggebende soziologische Schichten darstellen. Das theinisch- westfälische Industriegebiet und der oberschlesische Kohlenbezirk, beide überwiegend katho lisch besiedelt, bilden eine Ausnahme. Sein politisches und kulturelles Schwergewicht hatte der deutsche Katholizismus nie in diesen Bezirken, auch wenn dort breite katholische Volksmassen eng beieinander wohnen. Für den westdeutschen Katholizismus ist Köln, schon als Sitz des ältesten deutschen Erzbischofstums, die Zentrale. Dort befand sich das Generalsekretariat der Deutschen Zentrumspartei. Wenige Kilometer davon, auch noch auf der linken Rheinseite, liegt München- Gladbach, bis in die jüngste Zeit Sitz des" Volksvereins für das Katholische Deutschland", jenes stärksten Werkzeuges weltanschaulicher und politischer Propaganda des Katholizismus, der schon lange vor dem Krieg viele hunderttausend Mitglieder hatte. In Süddeutschland ist München, Sitz der päpstlichen Nun B 18 tiatur, das katholisch politische und geistige Zentrum; im Osten Breslau, ebenfalls als Sitz eines Erzbischofa. Bildung und Wirksamkeit einer eigenen katholischen Partei in Deutschland ist aufs engste verknüpft mit der Konstruktion des bismarck'sehen Kleindeutschland, Durch das Ausscheiden des katholischen Alt- Oesterreich aus den Deutschen Bund wurden die Katholiken zu einer Minderheit sowohl im Norddeutschen Bund als auch den späteren Kaiserreich. Die katholische Minderheit hat die Erinnerung an das" heilige römische Reich deutscher Nation" nur sehr langsam verschmerzt. Die rei n katholischen Provinzen Preussens. im Westen und Südwesten des Landes waren Preussen erst sehr spät und nicht durch eigene Neigung zugefallen, und sie waren auch nicht gerade mit den Methoden englischer Liberaler verwaltet und einverleibt worden. Die regierende Bürokratie, insbesondere in der fast ganz katholischen Rheinprovinz, kam nahezu ausnahmslos aus dem lutherischen Osten des Landes, aus" Altpreussen". Die Bismarck sche Gründung war betont protestantisch, Die" protestantische Spitze" wurde mit scharfer Wendung gegen den Katholizismus gefeiert. Das neudeutsche Bürgertum der Gründerjahre war ein geeigneter Boden für einen naiven Kulturliberalismus. Protestantismus und Fortschritt wandten sich scharf gegen den Katholiziamus. Es ging vor allem um die Behule. Ee verband sich so die grossdeutsche Feindschaft gegen die Bismarck sole Gründung mit dem Ressentiment der rheinisehen Musspreussen gegen die" schmutzigen Westkalnüken" und die Besorg. nis der Kirche, Objekt sines protestantischen Staates zu werden, der auch auf religiösem Gebiete seine Macht ausdehnte. Das sind die Wurzeln der Zentrumspartei gewesen. Schon 1852 hatte sich eine katholische Fraktion in preussischen Landtag gebildet( später Fraktion des Zentrums). Ihr Zweek war, den liberalprotestantischen Kurs des Diltusministers v. Baumer zu bekämpfen, der die Abhalt ung von Volksmissionen unmöglich gemacht und den Besuch des Kollegiums germanicorum in Rom durch deutsche Kleriker verboten hatte, Die Frak tion hatte sich vorwiegend aus Abgeordneten aus Rheinland und Westfalen zu sammengesetzt. Der Sinn ihrer Politik war Verteidigung der Masht der katho ein lischen Kirche. Sie verweigerte Bismarck nach 1866 die Indemnität Grund mehr für Bismarck, in den Katholiken" Reichsfeinde" zu sehen. Die eigentliche Gründung der Zentrumspartei erfolgte im Jahre 1870, als die kleindeutsche Lösung feststand. Ihre wesentlichsten Programm D 9 B- 19punkte waren: Selbständigkeit der Kirche Verteidigung des konfessionel len Unterrichts- föderativer Charakter des Bundes gegen alle Zentrali sation stendenzen. Darüber hinaus: Gleichstellung von Katholiken und Protestanten in der Verwaltung, bei der Aemterbesetzung. Die Katholiken wollten nicht vom Herrschaftsapparat ausgeschlossen sein. Die Zentrumspartei stellte ihren Rechtsanspruch gegen den des Staates. Der Machtanspruch der Partei verbarg den Machtanspruch der Kirche. Sie kämpftte um Macht und scheute sich nicht, sich den Ruf des" Reichsfeinds" die späzuzuziehen. Sie bildete die kühle Taktik des Machtkampfes aus, ter Windhorst virtuos gehandhabt hat: auf jeden Schlag mit einem Sehlag gegen die Hauptinteressen des Gegners zu antworten, um ein günstiges Kompromiss zu erreichen. Es ist diese Taktik, die dieser in ihrem innersten Wesen konservativen Partei in den Augen grosser Völkermassen und auch Arbeiter den Schein des Demokratischen und Fortschrittlichen gegeben hat- weil sie sich nicht scheute, in der Opposition dasselbe zu tun wie z. B. die Sozialdemokraten. Der sogenannte Kulturkampf war ein Höhepunkt dieses Machtkampfes. handelt es sich doch z.T. um Die Erinnerung daran ist sehr lehrreich dieselbe Problematik und dieselben Gewaltmittel wie heute. Bismarck gin zum Angriff über. Die Haltung der Katholiken bei der Indemnitätsvorlage von 1866, ihre Forderung von 1871, er solle für die Wiederherstellung: des Kirchenstaates eintreten, ihre Forderung, eine Garantie der Unabhängigkeit der Kirche in die Reichsverfassung aufzunehmen, ihre Opposition gegen die Reichstagsadresse an die Krone, ihre förderalistischen grossdeutschen Tendenzen alles waren Gründe für ihn. Das neue Kaiserreich enthielt durch den süddeutschen Zuwachs einen viel stärke en Prezentsatz von Katholiken als der Norddeutsche Bund. Bismarck wollte die protestantisch- preussische. Hegemonie von vornherein gegen alle Verlagerungsversuche verteidigen, die sich des Katholizismus bedienen. könnten. Was als Kulturkampf maskiert wurde, war reiner Machtkampf. Bismarcks Kampfmassnahmen waren: Gesetz gegen den Missbrauch der Kanzel zu politischen Zwecken; Gesetz gegen die Jesuiten; Priesterausweisungsgesetz; Ausdehnung der Zivilehe auf das Reich; staatliche Vorschriften über Vorbildung und Anstellung von Geistlichen, Verbot der Anwendung kirchlicher Disziplinarmittel durch den Papst; Einstellung der Zahlungen des Staates an Geistliche; vor allem aber: die Ueberwachung B= 20 Schulunterrichts wurde der Kirche genommen und dem Staat gegeben. Dazu traten polizeiliche und gerichtliche Massnahmen: in den ersten vier Monaten 1875 wurden acht Bischöfe ihres Amtes enthoben, mehrere ins Gefänghis geworfen. Der Erzbischof von Köln musste 30,000 Taler Geldstrafe bezahlen. Verurteilt wurden: 241 Geistliche, 136 Redakteure, 21o Bürger. Es fanden in diesem Zeitraum statt: 39 Konfiskationen, 55 Verhaftungen, 74 Haussuchungen, lo3 Ausweisungen, 55 Auflösungen von Versammlungen. 3 und die AbDie Antwort darauf war Agitation nicht Revolution! lehnung der Bismarekschen Militärvorlagen durch das Zentrum im Reichstag. Obgleich Bismarck sein bestes tat, um mit Gewaltmitteln den katholischen Einfluss zu brechen, endete dieser Kampf nicht mit einem Eklat, sondern mit einer Eingliederung des Zentrums in das Bismarcksche System, mit einem Kompromiss, Die katholische These lautet: die Kirche habe Bismarck überwunden. Die Wahrheit ist, dass Kirche und politischer Katholizismus ihren Frieden mit dem System gemacht haben, Das Bismarcksche System, Kleindeutschland erwies sich als- stabil. Alle Zerfallshoffnungen, alle Spekulationen auf andere Lösungen in neuen kriegerischen Belastungen wurden durch die Erhaltung des Friedens ausgeschaltet. Der politische Katholizismus ging den Weg zu einer Systempartei. Sohon 1879 rückte er in die Zollfront ein und verliess die Stellung der kämpfenden Opposition. Von 1880 bis 1887 wurden die wichtigsten Kulturkampfgesetze aufgehoben. Es blieb; die Zivilehe im Reich und die Staatsschulaufsicht in Preussen. do Outer Auch als Systempartei hat das Zentrum die Verteidigung und Stärkung der Macht der Kirche in den Mittelpunkt seiner Politik gestellt. Alle Versuche, die Politik des Zentrums anders, rein politisch zu verstehen, führten auf Abwege. Es gibt geradezu klassische Einzelfälle, die den wahren Charakter der Zentrumspartei zeigen: 1892 wurde auf Drängen des Zentrums in Preussen ein stockreaktionäres" christliches" Schulgesetz vor gelegt nach der Methode, den politischen Katholizismus für seine Mitarbeit im Reich in Preussen zu belohnen. Das Gesetz scheiterte. Das Zentrum revanchierte sich für die Nichterfüllung des Paktes: es lehnte die Militärvorlage von 1893 im Reichstag ab. Im Jahre 1893 suchte die Reichsregierung das Zentrum für die sogenannte Umsturzvorlage zu gewinnen. Das Zentrum war bereit, falls die Jesuitengesetze aufgehoben würden! Eine souveräne Gleichgültigkeit gegen grosse Gegenstände, die für andere politische Werte ersten Ranges sind, hat den politischen Katho er ist B= 21 lizismus immer ausgezeichnet! Freiheit oder Despotie, Republik oder Monarchie, Demokratie oder Diktatur, Militarismus oder Pazifismus-> dagegen indifferent, und er entscheidet sich über solche Probleme nicht gemäss dem eigenen Wert, dem er ihnen zumisst, sondern nach dem Nutzen für die Macht der katholischen Kirche. Die Partei der" Reichsfeinde" hat die Flottengesetze von 1898, 1900, 1906 und 1908 bewilligt, ebenso die Militärvorlagen von 1899, 1905 und 1911, sie hat den Zolltarif von 1902 mitgemacht, kurzum, sie hat sich völlig in das wi lhelminische System eingegliedert. Sie hat dafür eingetauscht Bewegungsfreiheit und wachsende Macht für den Katholizismus, wachsenden Einfluss in der Verwaltung, so dass man auf einzelnen Gebieten schon vom" klerikalen Joch" sprach; sie hat durch ihre föderative Finanzpolitik mit grossem Geschick eine Stärkung der zentralistischen Tendenzen im Reich verhindert weil stärkerer Zentralismus stärkere staatliche Hemmung der Kirche bedeuten konnte, und weil trotz aller Stabilität des Bismarckschen Systems der Föderalismus eine katholische Hoffnung blieb. Was sie nicht erreicht hat, war die völlige Gleichstellung im Herr schaftsapparat. Trotz aller reaktionären Politik erschien das Zentrum der offiziellen Regierungsschicht, der hohen Bürokratie und dem Armee adel immer noch als" national unzuverlässig". e 1 Die immer stärkere Bindung des Zentrums an die Reaktion in der VorSozialdemokratie. kriegszeit erzeugte den starken Gegensatz Zentrum Die alten Funktionäre unserer Partei in den vom Zentrum beherrschten Gegenden erinnern sich alle noch der harten Kämpfe gerade mit den politischen Kaplänen. Erst der Weltkrieg brachte hier eine Wandlung, die allerdings nur oberflächlicher Betrachtung tiefer erscheinen mochte, als sie beim Wesen des Zentrums wirklich sein konnte. Der europäische Krieg musste gerade von der katholischen Weltkirche als einer übernationalen Institution als das grösste Unglück, insbesondere für sie selbst, empfunden werden! Wie auch die Waffenentscheidung ausfallen mochte, zu- gunsten der Mittelmächte, auf deren Seite ja die" Apostolische Majestät des Kaisers in Wien mitfocht, oder zugunsten der Alliierten, deren schwert- und federführender Teil allen voran" Roms liebste Tochter", das katholische Fran reich, war, der Vatikan konnte aus diesem Menschheitsunglück nichts gewinnen, aber durch die materielle Verarmung und moralische Verwilderung de Erdballes alles verlieren. Die einzige Macht, die neben der Sozialistische B- 22 Arbeiterinternationale wirklich ehrlich zum Frieden, zu eihem Frieden schnellster und möglichst dauerhafter Versöhnung, drängte, war die römische Kirche. Das war der stärkste Grund dafür, dass das Zentrum vor allem unter Erzbergers Führung( während es noch unter Peter Spahn zu Kriegsbeginn den entfesselten deutschen Kriegsmilitarismus und-Imperialismus uneingeschränkt gefördert hatte) den Anschluss an die deutsche Linke fand. In der sogenannten Friedensresolution des Deutschen Reichstages vom Sommer 1917 fand diese Verbindung des Zentrums mit der Linken ihren ersten entscheidenden Ausdruck. Erzberger selbst hat, wie man in seinen Memoiren nachlesen kann, sich die neue Führerrolle auch in der Innenpolitik des Zentrums wesentlich durch seine Bemühungen in Wien, in Rom und in der Schweiz errungen, der Friedenstendenz des Vatikans als Unterhändler und Treuhänder zu dienen. Um Erzberger scharten sich dann schnell meist jüngere Zentrums führer hauptsächlich aus dem an sich schon demokratischer gesinnen Süden und Westen des Reiches, die mit ihm die Führung des deutschen Zentrums auf geraume Zeit behalten sollten. Das Zentrum der Vorkriegszeit auch das ent spricht einem seiner Wesenszüge, auf möglichst vielen Instrumenten der Politik gleichzeitig war keineswegs zu spielen und einseitige Totalbindungen zu scheuen von der inneren Einheitlichkeit etwa der sozialdemokratischen Bewegung oder auch nur des bürgerlichen Freisinns, auch wenn es nach aussen anders aussah. Grosse innere Gegensätze mussten in seinen Reihen ständig ihren Ausgleich finden. Fraktionssitzungen des Zentrums nah men kämpferisch immer die Plenarsitzungen des Parlaments vorweg ,, ein Umstand, der bei der technischen Unbeholfenheit, die der junge deutsche Parlamentarismus noch an sich tragen musste, dem Zentrum gerade eine gewisse parlamentstechnische Ueberlegenheit, gegenüber anderen Gruppen sicherte. Vor allem bestand dieser Zwang, mmer neu einen Ausgleich zu finden, für den entscheidenden Gegensatz, den zwischen Kapital und Arbeit. Die Mentalität des politischen Katholizismus war auch in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden. In Bayern war der agrar- reaktionäre Einschlag zusammen mit einem föderalistischen Antipreussentum immer so stark, dass er schliesslich zur offenen Separation, zur Bildung der Bayrischen Volkspartei führte. Im Rheinland oder in Württemberg- Baden herrschten demokratischere Richtungen vor. Die katholischen Schwerindu B- 23striellen, vor allem im Westen, unterschieden sich in ihren sozialen Auffassungen in nichts von ihren andersgläubigen und anders organisierten Kollegen. Der alte katholische Grundadel in Westfalen oder in Schlesien war meist genau so streng monarchistisch wie der lutherische der Mark Brandenburg. Die Zentrumsarbeiter an der Ruhr schliesslich streikten sehr oft zusammen mit ihren sozialistischen Schicksalsgefährten oder wurden mit ihnen zusammen ausgesperrt. C 38 Was die" Arbeiterpolitik" des Zentrums überhaupt anbetrifft, so bestand immer ein wesentlicher Unterschied zwischen den christlichen Gewerkschaften, die von den Arbeitern selbst verwaltet wurden und wenig stens in der Idee auch keine Trennung nach christlichen Konfessionen kannten, und den allerorts bestehenden, meist von dem Ortsklerus selbst geleiteten" katholischen Arbeitervereinen". Der politische Katholizismus bediente sich dieses zwiefachen Instruments, um sich in den grossen sozialen Auseinandersetzungen nicht dauernd für eine Seite entscheiden zu müssen. Den" Arbeitervereinen" war die Pflege des immer nur sehr unklar formulierten" Ständegedankens" mit seiner Verleugnung des Prinzips der Wirtschaftsgegensätzlichkeit vorbehalten, während die christlichen Gewerkschaften viel modernere and realistische re Auffassungen. über die Gestaltung einer" sozialen" Gesellschaft im Kampf mit dem Kapital hegten und pflegten. Dem politischen Katholizismus war dieses soziale Doppelspiel angesichts der entscheidenden Bedeutung der sozialen Frage nicht nur willkommen, sondern davon hing sogar wesentlich sein Bestand und seine Manövrierfähigkeit ab! 2.) Der politische Katholizismus ausserhalb des Reiches, So trat das Zentrum im Vorkriegsdeutschland mit Unterbrechungen praktisch als eine Rechtspartei auf, die freilich nicht grundsätzlich an reaktionär- staatspolitische Prinzipien gebunden war. Das gleiche Gesicht zeigte der politische Katholizismus in den anderen Ländern, in denen er massgebenden Einfluss hatte. In diesen Ländern, in denen kein Bismarckscher Kulturkampf die politischen Katholiken in die Opposition gewwungen hatte und in denen sie keine Minderheitssorgen hatten, wirkten sich die konservativen Elemente in ihm oft noch weit stärker aus. Die Christlich- Sozialen der österreichischen Doppelmonarchie waren auf dem Lande eine typisch agrar konservative Bauernpartei, in den Grossstädten, vor allem in Wien selbst unter Lueger, klassische Vertreter B- 24 der Haus- und Grundbesitzinteressen, also des quantitativ ausschlaggebenden städtischen Besitzes. In Frankreich wurde unter Waldeck- Rousseau und Combes auch eine Art Kulturkampf gegen die römische Kirche geführt. Da aber dieser Kampf, anders als in Deutschland, von der regierenden Linken ausging, so näherte sich der französische Klerikalismus umso stärker den alten Feinden der" Jakobiner" und der Republik, der äussersten monarchistischen u und legitimistischen Rechte, die eine Zeit lang, mindestens bis zur Affaire Dreyfuss, vor allem in der hohen Generalität und in den Militärschülern von Saint Gyr ihre Stütze hatte. In Spanien waren der Fortschrittsbewegung politisch- katholisch und reaktionär- autokratisch geradezu identische Begriffe. Eine Vorstellung davon, was dieser hispanische Klerikalismus an Kampfmitteln aufzubieten hat, wenn der Fortschritt seine" Rechte" bedroht, vermitteln nicht nur die allerjüngsten Ereignisse in Katalonien und Andalusien, sondern auch die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe, welche die Gewerkschaftsregierung in Mexiko, insbesondere noch unter Calles, in den letzten Jahren der in ihren Latifundien rechtlich und machtpolitisch verschanzten Kirche liefern musste. Nur in Italien hatte sich, freilich erst nach dem Krieg, eine " linke" katholische" Volkspartei", die" Populari" gebildet. Sie wurde gegründet gegen die faschistische Gefahr und gegen die Korruption, die der antiklerikal drapierte Advokaten- Liberalismus in der Verwaltung erzeugt hatte. Die" Populari" scheuten im Kampf gegen Mussolini auch die Bundesgenossenschaft der Marxisten nicht. Sie wurden vom siegreichen Faschismus ebenso liquidiert wie die sozialistische Partei. Dafür ist die katholische Lehre im faschistischen Staat heute beinahe Staatsreligion! 3.) Der deutsche politische Katholizismus nach dem Kriege. Das Friedensbedürfnis des Vatikans hatte das Zentrum zum Widerstand gegen die kriegsverlängernde Unersättlichkeit des preussischen Militarismus und damit in die innerpolitische Bundesgenossenschaft mit der Sozialdemokratie geführt. Die erste Koalition der beiden Parteien gab der letzten Regierung des Kaiserreichs, der des Prinzen Max, das Ge B- 25 präge; ihr gehörten der Zentrumsmann Erzberger und der Sozialdemokrat Scheidemann als parlamentarische Staatssekretäre an. O Dieses Bündnis mit den Sozialdemokraten und einem Teil der früheren Liberalen blieb auch über die Kriegszeit hinaus bestehen, insbesondere in Preussen. Das Frauenwahlrecht kam gerade dem Zentrum mit seiner überwiegenden Zahl von Frauenwählern zu gute. Konfessionelle Sorgen, erst recht der Verdruss über die katholische" Inferiorität" in den Verwaltungen, waren ihm abgenommen. Die Weimarer Republik war gerade in allen Weltanschauungsfragen von höchster Duldsamkeit; die umstrittene Frage des Reichsschulgesetzes blieb entgegen dem Buchstaben der Verfassung praktisch ungelöst eben mit Rücksicht auf das Zentrum. Das Zentrum besetzte die wichtigsten Verwaltungsstellen in den katholischen Gebieten, aber auch in starkem Masse bei den Berliner Zentralbehörden. Trotzdem war das Verhältnis der politischen Katholiken zum Staat von Weimar nicht immer ungetrübt. Wenn die föderalistischen Bestrebungen gerade in den Gebieten hochgingen, in denen das Zentrum hauptsächlich die bäuerlichen und kleinbürgerlichen Schichten beherrschte, so vie leicht mehr infolge rücksichtslos kluger Ausnutzung der Situation, als aus wirklicher Furcht vor der angeblichen" kulturbolschewistischen Gefahr der Umsturzmonate von 1918/19. Von den föderalistischen Bestrebungen ist der sogenannte" Separatismus" zu unterscheiden. Es gab eine legitime, nach der neuen Reichsverfassung erlaubte Bestrebung, den katholischen preussischen Gebieten am Rhein ein staatliches Eigenleben im ungelösten Rahmen des Reichssanzen zu geben( das Gleiche galt für die ähnlichen Bestrebungen in der Pfalz im Verhältnis zu Bayern). Und es bestand schon in den ersten Stadien der Republik die separatistische Bewegung der" Rheinischen Republik", die auf einen vom Reich losgelösten, selbständigen katholischen Pufferstaat zwischen Frankreich und Deutschland unter französischem Protektorat hinzielte und ihren Plan in mehreren Putschepisoden auch für kurze Zeit wenigstens annäherend erreichte. Beide Bewegungen zogen ihre Nahrung aus der Gegnerschaft gegen Preussen, die in grossen Teilen der katholischen Bevölkerung des Westens immer wach geblieben war. Bei der ersten, der loyalen", Bewegung haben ohne allen Zweifel hervorragende Zentrumsführer, wie Kaas Trier und Adenauer- Köln mitgewirkt. B- 26Bei dieser Bewegung hat manchmal auch wohl weniger der politische Wille, unter allen Umständen die Trennung vom preussischen Staat durchzusetzen, die entscheidende Rolle gespielt, als vielmehr die taktische Absicht, mit der föderalistischen Idee ein immer brauchbares Druckmittel gegen das neue Preussen und das staatspolitische Gewicht der Sozialdemokratie in die Hände zu bekommen und zu gebrauchen. Es ist klar, dass dieses antipreussische Grundgefühl in einem neuen Kulturkampf wieder eine Belebung erfahren kann. Das könnte insbesondere dann eintreten, wenn etwa aus einem katholisch geführten Oesterreich verwandte und gern gehörte Klänge von der Zielsetzung eines neuen" Rö mischen Reiches Teutscher Nation" an rheinische Ohren dringen würde. Eine andere Frage ist freilich, ob die Hitler- Diktatur solche" landesverräunterdrücken möchte, terischen" Tendenzen nicht noch viel brutaler als die machtpolitisch viel harmlosere Opposition auf rein kirchlichem Gebiet. Separatistische Bewegungen hat es aber auch noch in anderen Zentren des deutschen politischen Katholizismus gegeben. In Bayern entstanden sie infolge der besonderen Verhältnisse, wie sie sich nach der Räterepublik, dem Reichswehreinmarsch, dem Hitlerputsch usw. herausbildeten: Gründung der Bayrischen Volkspartei als offen feindseliger Akt gegen den Zentralismus des durchaus nicht mehr reichsverdrossenen Erzberger- Zentrums, die Regierung des extremen Föderalisten Kahr unter Aufsicht des Nur- Bayern Held, der später selbst das Staatsruder steuerte. Ueber dem Ganzen, insbesondere über der führenden Rolle, die dabei der Regensburger" Bauerndoktor" und Katholikenführer Heim gespielt hat, liegt noch viel Unklarheit. Massgeblich war für diesen bayrischen Separatismus der royalistische Grundgedanke und die geschichtlichen Erinnerungen an die Bundesgenossen- oder Vasallenrolle, welche die Wittelsbacher( abgesehen von der Napoleonzeit) immer gegenüber der Kaiserlichen Majestät in Wien gespielt hatten schon aus der Bekenntnisgemeinschaft beider Dynastien heraus. Die vage Idee, einen österreichisch bayrisch- süddeutschen katholischen Länderblock gegen den" protestantisch- bolschewistisch verseuchten" Norden zusammenzubringen, wurde damals mindestens von den bayrischen Klerikalen lebhaft diskutiert. C B-274.) Wandlungen der katholischen Generalhaltung. Früher als im Reich zeigte sich in Oesterreich, dass der politische Katholizismus, im demokratischen Sozialismus Europas seinen einzigen ebenbürtigen Gegenspieler erkennend, wieder in die alte Vorkriegsstellung zur sozialistischen Bewegung zurückkehren wollte. Die Christlich- Sozialen Oesterreichs hatten zwar in parlamentarischer Opposition zu der ersten Revolutionsregierung gestanden. Immerhin war ihre Gegnerschaft im Anfang durch taktische Mässigung charakterisiert. Sie bejahten durchaus die neue Staatsform. Ihre Opposition bezog sich zur Hauptsache auf das kulturelle Programm der regierenden sozialdemokratischen Arbeiter. Machtpolitisch überliess man den Sozialdemokraten die mit politischer Absicht zum" Land" erhobene Hauptstadt; auf dem Lande, in den " Ländern" verteidigte man zäh jede Position. Die grosse Wandlung kam nach Neuwahlen durch den christlich- sozialen Bundeskanzler Seipel. Seipel war selbst Prälat der Kurie. Es war die Kurie selbst, die ihre politischen Formationen in eine neue Generallinie der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus in allen Ländern einschwenken lassen wollte. Wiederholte päpstliche Bullen und Enzykliken( Quadregesimo anno u.a.), nahmen vom katholischen Glaubensund Sittenstandpunkt zur sozialen Frage Stellung. Im Mittelpunkt aller katholischen Wirtschafts- und Sozialauffassung steht unabänderlich der Begriff des Eigentums, das bei" rechtsmässigem" Erwerb- als eine von Gott selbst gegebene, also sittlich unantastbare Sache gilt. Wie stark fortschrittsfeindlich dieser theoretische Eigentumsfanatismus sich auswirken kann, zeigte die Sabotage des Plebiszits über die Fürstenvermögen, die das Zentrum aus jenen prinzipiell- religiösen Rechtsbedenken heraus übte trotz der anders gearteten Stimmung seiner Arbeiter. Der Arbeiter hat in dieser katholischen Wirtschaftsordnung und Sozialverfassung" den gerechten Lohn" zu empfangen, wobei die Definition der Gerechtigkeit durchaus im Unbestimmbaren bleibt. Unternehmer und Lohnempfänger werden nicht als soziale Gegner, sondern als verschiedene Partner an einem gemeinsamen Werk aufgefasst, analog etwa dem Verhältnis Meister Geselle, wie es die mittelalterliche Zunftverfassung kannte. Die Konstituierung eines neuen" Stände staates", der insbesondere den Klassenkampf" aufzugeben" hätte, wurde a brand laser Generalauffassung denn auch die B- 28 neue politische Parole Roms an alle Gläubigen. Von Seipel und seiner Partei wurde das Stichwort sofort übernommen. So kam zunächst die grosse Wandlung in der Parteikonstellation in Oesterreich. Am Ende dieser neuen Linie stehen dort Dollfuss- Starhemberg- Schuschnigg, steht auch eine neue Verfassung Oesterreichs, dienun endlich den" Ständestaat" Oesterreich aufrichten soll. 4432 O In Deutschland erfolgte die Wandlung der katholischen Generalhaltung langsamer und geräuschloser als in Oesterreich aber dennoch ging die Entwicklung in derselben Richtung. Das Tempo war auch verschieden in Süddeutschland, vor allem in Bayern und in Preussen. In Bayern hatte die Republik ihre Schuldigkeit für die Kirche schon längst getan der Abschluss des Bayrischen Konkordats gab der Kirche eine ganz ungewöhnliche Machtstellung, die schon nicht mehr mit dem Sinn der Reichsver fassung vereinbar war. Hier trat die Seipel- Linie im Zusammenhang mit partikularistischen und monarchistischen Tendenzen bald hervor. In Preussen hatte der politische Katholizismus viel gewonnen. Das preussische Konkordat sicherte die Kirche stärker als es zuvor in der Bismarckśchen Reichsverfassung der Fall gewesen war. Die alte, lange verlorene und immer wieder erstrebte Herrschaft über die Schule gewann die Kirche nicht zurück. Aber die Demokratie hatte ihr einen nahezu vollwertigen Ersatz gegeben! Die Möglichkeit, die Jugend in katholischen Verbänden frei zu beeinflussen. Die Kirche hatte allen Grund, sich nach dem Abschluss der Konkordate mächtiger als im Bismarck schen System zu fühlen, und nachdem sie diese Macht einmal gewonnen hatte, entfiel für sie die Notwendig-keit zur koalitionsmässigen Bindung an die Sozialdemokratie Hatte das Zentrum im Reich bisher in der Verfassungsfront und in der Front der sogenannten Erfüllungspolitik gestanden und sich dafür von der Sozialdemokratie in Preussen bezahlen lassen( ganz, wie im Kaiserreich!) so wurde dies nun anders! Der politische Katholizismus suchte vielmehr ein Bündnis mit dem deutschen Nationalismus er wandte sich immer stärker von der" Erfüllungs politik" ab. Er glaubte, durch das Bündnis mit Nationalismus und Reaktion das in der Nachkriegszeit Erreichte auf ewig zu sichern. Wenn auch die rein politische Zentrums ideologie in Preussen noch lange sich als selbständige Kraft erwies( Republik, Demokratie, Bündnis mit der Sozialdemokratie) so trat in der Reichspolitik der neue Kurs immer stärker hervor, gefördert und beeinflusst vom Vatikan und von München her. Es begann mit Kaas und führte über Brüning zu. Papen. Dass Papen heute 29B- 29 als Aussenseiter dasteht, ist nicht nur auf sein persönliches taktisches Ungeschick zurückzuführen. Er ist der Prügelknabe dafür geworden, dass die Hoffnungen des politischen Katholizismus auf das Bündnis mit dem Nationalismus sich nicht erfüllen. Die Kirche hat durch den Lateranpakt im faschistischen Italien eine viel stärkere Stellung als unter dem liberalen italienischen Staat.( Kirchliche Ehe! Katholischer Religionsunterricht! Staatliche Verbindlichkeit des kanonischen Rechts!) Der Sinn des neuen Kurses war, ähnliches in Deutschland zu versuchen. Man wollte Hitler den Staat überlassen, wollte aber für die Kirche die absolute Macht zur Beherrschung der Seelen. Um so grosse Dinge, wie man sie in Italien erreicht hatte, auch in Deutschland zu verwirklichen, wollte man mit allem bezahlen: mit der Tolerierung des Despotismus, der Vergewaltigung der politischen Linken, des Nationalismus und des Raubes der Freiheit. Man war zur Eingliederung in das System Hitler entschlossen, und das Reichskonkordat schien den Pakt zu besiegeln. Indessen traten im Reich ähnliche, wenn nicht dieselben antikatholischen Tendenzen hervor wie in den Anfängen des bismarckschen zweiten Reiches: Protestantismus plus totales Staatsprinzip plus antirömischer Affekt. Die Totalitätsansprüche von Kirche und Staat stiessen hart aufeinander, das Konkordat wurde nicht eingehalten, vor allem wurde der Kirche die Möglichkeit genommen, die Jugend in katholischen Verbänden frei zu organisieren und zu beeinflussen. Ein neuer Kampf zwischen Staat und Kirche, ähnlich dem Kulturkampf, hat begonnen. Es ist ebenso ein Machtkampf wie zwischen 1872 und 1880. Die Formen des Machtkampfes verschleiern abermals den wahren konservativen Kern der katholischen Politik und ihren reaktionären Charakter. Sie erwecken aufs neue die Illusion, als ob politische Freiheit und demokratische Rechte für den politischen Katholizismus absolute Werte seien, und der politische Katholizismus selbst deshalb ein für allemal eine Gegenkraft gegen das System Hitler. In diesem Zusammenhang ist auch auf die allerjüngste Entwicklung der Dinge in der spanischen Republik zu verweisen. Die liberal- sozialistische Revolution vor drei Jahren hatte dem Klerikalismus, der das Land Jahrhunderte lang bedrückte, ein Ende zu machen versucht. Vom politischen Katholizismus, viel weniger von dem im Lande verbliebenen eigentlichen Royalisten und dem unmittelbaren Anhang der früheren Militärdiktatur, ging B30 jetzt, in diesen letzten Tagen, der Stoss aus, der die gesamte Linke in Spanien niederwarf und nun an die Restaur ation in fortschrittsfeindlichem und vor allem in antisozialistischem Sinne herangeht. B. Kirche und Staat. Der Katholik kennt dogmatisch die Zweiheit von natürlicher und übernatürlicher Ordnung Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde. Der Staat ist ihm ein Teil der natürlichen Ordnung. So hat der gläubige Katholik auch den Staat als ein von Gott Stammendes anzuerkennen mit allen sittlichen Verpflichtungen, die daraus folgen, Kritik am Staat, Opposition gegen seine Regenten oder seine Gesetze and Einrichtungen sind sündhaft, wenn sie gegen das Staatliche als Prinzip gerichtet sind und nicht dem Willen entspringen, das Staatliche im Sinne der Ordnung Gottes zu verbessern. Aber der Staat gehört eben zur natürlichen Ordnung. Ihr übergeordnet an Wert und damit an Verpflichtungskraft für den gläubigen Menschen ist die übernatürliche Ordnung der Dinge, etwa die Dreieinigkeit Gottes oder der Gnadenschein seines Erlösungswerkes. Ausdruck und Träger dieser höheren, übernatürlichen Ordnung ist hier auf Erden allein die Kirche, die eine, heilige und unfehlbare Kirche Sankt Petri. Unmittelbarer als irgend ein Gekrönter oder" Führer" empfängt der Papst sowo hl wie der Bischof, wie der letzte Dorfvikar nach der katholischen Lehre seine geistliche Gewalt von Gott selbst. 574 Aus dieser dualistischen Tot alauffassung folgt zwangsläufig: Wie etwa Reichsrecht Landesrecht, das höhere das niedere Recht bricht, so steht die übernatürliche Ordnung für das sittlich- praktische Verhalten des Menschen über der natürlichen Ordnung und deren Ansprüche. Die Kirche steht prinzipiell über dem Staat! Kirchliche Gesetze verpflicht eh mehr als staatliche, wo der Konfliktsfall sich darbietet." Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschent" Beide Ordnungswerte sollen sich gewiss nach dem Plane Gottes ergänzen und stützen. Gerade in der Gegenwart, in der bei allen Völkern europäischer Gesittung und Geschichte im individuellen Bewusstsein jedes Einzelnen der Staatsgedanke einen ganz anderen, viel wi chtigeren Raum einnimmt, als etwa im Bewusstsein des Menschen des 17. oder gar des 15. Jahrhunderts, wird die Kirche schon aus Klugheit ohne äusserste Not keine Konflikte mit der weltlichen Gewalt herausbeschwören. Umge B- 31 kehrt muss aber die Kirche aus ihren Vorstellungen von Weltordnung und Welterhaltung heraus unerbittlich und unnachgiebig auftreten, wenn der Konflikt einmal da ist und wenn übernatürliche geistliche Werte gegen " nur" weltliche und staatliche in Widerstreit treten. Kanonisch, d.h. nach kirchlichem Recht, ist auch der Fürstenmord erlaubt, wenn dieser äusserste Fall des Konflikts eintreten würde, d.h. wenn es ein anderes Mittel nicht gäbe, um der durch den Staat und seinen Regenten bedrohten Sache der Kirche zum Siege zu verhelfen. Die Praxis des Jesuitenordens als des ausgesprochenen Interpreten und Trägers der Idee von der päpstlichen Obergewalt ist bekanntlich auch diesem schwersten Dilemma in sittlichen Verhalten des katholischen Staatsbürgers nicht ausgewichen. im Die Wesensart des modernen Staates, seinen Einflussbereich immer weiter auszudehnen, führt im leicht auf Gebiete, die sich die Kirche vorbehält, weil sie zu ihrer" übernatürlichen" Ordnung gehören. Die Frage des Verhältnisses zwischen Kind und Erzeuger ist zum Beispiel zweifellos auch eine staatliche Frage. Das bestreitet auch die Kirche nicht. Nur Konfliktsfalle wird sie sich auf das Elternrecht berufen, das mit seinen Rechten und Pflichten aus dem sakramentalen Charakter der christlichen Ehe, also aus der übernatürlichen Quelle der Weltordnung fliesst, und somit das höhere und mehr verpflichtende Gesetz Gottes ist. Das Gesetz Gottes aber festzulegen ist allein Sache der Kirche. 8o waren die Jugendund Schulfragen von jeher besondere Konfliktsherde zwischen staatlicher und kirchlicher Gewalt. Bei dem Konkordatsabschluss zwischen dem päpstlichen Stuhl und Mussolini entstanden die grössten Schwierigkeiten nicht etwa wegen der Anerkennung des päpstlichen Souveränitätsanspruches, sonde m der Einigung zwischen dem Anspruch der Kirche auf die Jugenderziehung und dem faschistischen Totalitätsanspruch auch auf diesem Gebiet. Mitten in der sogenannten Konfliktszeit hat Papst Pius II., der gross Gegner Bismarcks, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat wenigstens negativ in einer gewissen Systematik festgestellt. Im" Syllabus" dieses Papetes werden eine Reihe von Sätzen, sämtlick Formulierungen für sich immer wiederholende staatliche Eingriffe in die Riehliche Rechtssphäre, feierlich verdammt: Die folgenden Sätze sind die Totalitätsansprüche des Staates, die Pius IX. feierlich und ausdrücklich verdammt hat. " Die staatliche Gewalt kam die Rechte der role und auch die Grenzen bestimmen, innerhalb daran diese ausgeübten können. B- 32 Die Kirche hat weder eine direkte noch indirekte Gewalt in zeitlichen Dingen. Der Staat, der Ursprung und Quelle allen Rechts ist, hat keine Einschränkung seines Rechts. In einem Konflikt zwischen kirohli chem und staatlichem Recht hat das staatliche Recht den Vorrang. Die staatliche Gewalt hat das Recht, auch feierlich geschlossene Konkordate als nichtig zu erklären. Die staatliche Gewalt kann sich auch in Dinge hineinmengen, die sich auf Religion, Sitte und Kirchendisziplin beziehen; sie kann urteilen über jene Richtlinien, welche die Bischöfe als Gewissensnorm kraft ihrer Stellung hinausgeben, Die staatliche Gewalt kann verhindern, dass sich die Bischöfe und Gläubige frei an den Papst wenden. Jede Verletzung auch des heiligsten Eides und jede noch so sehr an sich dem ewigen Gesetz widerstrebende Handlung ist nicht bloss nicht zu tadeln, sondern sogar erlaubt und mit höchstem Lob auszuzeichnen, wenn sie aus Liebe zum Vaterland vollbracht wird.# Wie aber, wenn der Staat die Dinge der übernatürlichen Ordnung unangetastet lässt, wie immer auch seine sonstige Form beschaffen sei? Wenn er den naheliegenden Kompetenzkonflikt mit der Kirche meidet? Eine Antwort auf diese Fragen hat Otto Maria Fidelis, eine anerkannte Autorität, in der Zeitschrift" Der Ständestaat"( Juli 1934) in eine klassisch katholische Formel gebracht:" Für uns Katholiken ist der Staat als eine Gegebenheit der natürlichen Ordnung nichts Teuflishes." Es ist klar: der Katholik ist verpflichtet, diesem Staat als der ma türlichen, von Gott selbst gesetzten Ordnung zu dienen, wie auch immer die Form des Staates beschaffen sein mag. Der Katholik ist weder zu Republikanismus noch zu Monarchismus gewissensmässig verpflichtet. Ob Räte und Sowjets regieren oder Militärdiktatoren: wenn sie sich keine Uebergriffe in die " Geistliche Rechtssphäre erlauben, sind die Instrumente des Staates als eines Teiles der göttlichen Ordnung und haben den Anspruch nicht nur auf GeEbenhorsam, sondern sogar auf tätige Mitarbeit des katholischen Menschen. so sehr wie es Sünde wäre, das Vieh im Stall verkommen zu lassen, das eben sein Leben dem Schöpfer aller Dinge verdankt, ebenso wäre es für einen Katholiken sündhaft, wenn er sich der positiven Mitarbeit an jedem Staat entziehen wollte, sofern nur dieser Staat die Ansprüche der Kirche nicht ver letzt! Diese Stellung des Katholizismus zum Staat im allgemeinen liefert erst den Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses der Kirche zum Dritten Reich! B= 33 C. Weltanschauung gegen Weltanschauung. Ist Nationalsozialismus eine Häresie( Ketzerei), d.h.: verstossen die von ihm vertretenen Anschauungen gegen wesentliche Teile der katholischen Glaubens- und Sittenlehre? Wäre die Frage mit einem glatten Ja oder Nein zu beantworten, so wäre es auch leicht, das Verhalten der Kirche zum Dritten Reich einfach und klar zu bestimmen. Wenn sich dann der Papst ex cathedra feierlich gegen das" Neuheidentum" erklären w llte oder könnte, so würde er dadurch alle gläubigen Katholiken zur Opposition und Rebellion gegen den Nationalsozialismus verpflichten. Wenn eine solche klare Antwort nicht gegeben werden kann, so liegt das nicht an der Auslegungsfähigkeit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre, die sich vielmehr gerade durch ihre apodiktische Eindeutigkeit in den wesentlichen Fragen etwa von der protestantischen" Freiheit" und Vieldeutigkeit unterscheidet. In der römischen Kirche gibt es ja eben auch eine klare oberste Instanz zur endgültigen und unumstösslichen Entscheidung aller Zweifelsfragen: die Entscheidung des Papstes. Die Schwierigkeiten der Beantwortung der Frage nach dem ketzerischen Charakter des Nationalsozialismus hat ihren wesentlichen Grund vielmehr in den Unklarheiten und Vieldeutigkeiten des Nationalsozialismus. Es wäre ein Leichtes, ganze Sätze etwa aus Rosenbergs" Mythus des 19. Jahrhunderts", dem kulturpolitischen Hauptwerk des Nationals zialismus, mit Belegen aus. Hitlers Buch" Mein Kampf" zu widerlegen und umgekehrt. Hitler lehnt z. B. ausdrücklich irgend einen Wotankult ab, Rosenberg ist geradezu sein Prophet. Und doch gelten beide Bücher als die Bibeln des Nationalsozialismus. Rosenbergs Buch hat die Kurie auf die Indexliste der für den Katholiken verbotenen Bücher gesetzt. Hitlers" Mein Kampf" zu lesen, ist dem Katholiken nach wie vor erlaubt. Dieser ganze, vielleicht gewollt zwiespältige Charakter des nationalsozialistischen Geisteswesens bestimmt praktisch die Haltung des Katholizismus zur nationalsozialistischen Idee. Das" una bänderliche" Programm der N.S.D. A. P. besagt in Punkt 24: " Wir fordern Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeitsund Moralgefühl der germanischen Rasse verstossen," B- 34 Was gefährdet denn Auch dieser Satz ist jeder Auslegung zugänglich! den Staat? Was besagt im Einzelnen das Sittlichkeitsgefühl der germanischen Rasse? Aber schon in diesem Punkt des NSDAP- Programms deutet sich doch auch der Konflikt an, der sich zwischen der Kirche und dem Nationalsozialismus in dem Augenblick ergeben muss, in dem er den Staat beherrscht. Religiöse Toleranz, aber nur" soweit nicht". Hier schält sich die zweite Seite des Problems katholische Kirche Drittes Reich heraus, die sich aus der praktischen Politik des Nationalsozialismus den Religionsgemeinschaften gegenüber ergibt. 1. Der wichtigste Weltanschauungsgegensatz zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus, Wenn es eine zentrale Idee des Nationalsozialismus gibt, die alle seine" Theoretiker" mit Hitler selbst angefangen gleichmässig propagieren, so ist es die Rassenlehre. Ihr Inhalt und Zweck ist: die Selbstvergottung des deutschen Menschen. Aus der Rassenlehre entspringt der Ge-danke der" deutschen" Religion, des" deutschen" Christentums. 34 Die katholische Lehre empfindet die Rassenlehre als grob materialistisch" denn die Einheit des Menschen ist der Geist, nicht das Blut!" ( Th. Haecker, Was ist der Mensch?) Der Satz der biblischen Schöpfungsgewchichte" und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn" ist die Grundlage des katholischen Humanismus ein zentrales Faktum des katholischen Glaubens. Hier klafft der entscheidende Gegensatz zu dem katholischen Gedanken in seiner ganzen Unüberbrückbarkeit auf. Der" Gemeinsame Hirtenbrief der am Grabe des Heiligen Bonifatius in Fulda versammelt en Oberhirten der römisch- katholischen Kirche" vom 7. Juni 1934, der am 1. Juli von allen Kanzeln deutscher katholischer Kirchen verlesen werden sollte, aber unter dem Druck der nationalsozialistischen Staatsgewalt nicht zur Verlesung kam, spricht ausdrücklich in diesem weltanschaulichem Zusammenhang von" Strömungen und Bewegungen, welche sich gegen die Grundwahrheiten der katholischen Kirche wenden," Die stark oppositionellen Predigten des Münchner Kardinals Faulhaber, deren Weiterverbreitung in Broschürenform von der Polizei verhindert ist, sprechen immer wieder im gleichen Sinne von den schweren Angriffen auf die Glaubens- und Sittenlehre der Kirche, die in dem Versuche lägen," Volk, Blut, Rasse und Staat als die obersten Werte B- 35 an die Stelle Gottes zu setzen." So zuletzt in Faulhabers Predigt, gehalten am 8. September 1934 in Alt- Oetting. Das neue diesjährige Oberbeginnt hirtenwort von Fulda anstelle des polizeilich unterdrückten mit dem demonstrativen Satz:" Für alle Völker und für alle Zeit hat Christus seine Kirche gestiftet." Unter dem katholischen Losungswort " Gegen das Neuheidentum" und gerade so versteht man das nati onalsozialistische Germanen- Christentum und seine Nationalkirchen- Bestrebungen wird die Ablehnung des Nationalsozialismus in diesem ausschlaggebenden religiös- weltanschaulichen Punkt vom gesamten katholischen Klerus in Deutschland weitergetragen. Am klarsten findet man die katholische Stellungnahme zu jener nationalsozialistischen Grundidee in einer Auslassung des" Tiroler Anzeigers" vom 11. August 1934 formuliert: " Hier liegt der verhängnisvolle Irrweg jedes Nationalismus, be-sonders des Nationalsozialismus; er stellt das Volk als solches, in der höchsten Steigerung noch dazu das Blut des Volkes ,, derart in den Vordergrund, dass alle höheren Werte dagegen zurücktreten. Wer das erste Gebot(" Du sollst keine fremden Götter neben mir haben") missachtet, indem er die Nationzum höchsten Wesen erhebt, der setzt sich bald auch über die anderen Gebote hinweg." In der Tat, das ist das Entscheidende: der höchste Wertbegriff ist für den Nationalsozialisten ein ganz anderer als für den überzeugten Katholiken! Bisher hat es Rom als die höchste Instanz der Kirche vermieden, ex cathedra diese weltanschauliche Streitfrage zu entscheiden. Vom Ausgang des Kampfes um die praktisch- politischen Dinge wird es abhängen, ob ein Bündnis zwischen politischem Katholizismus und deutschem Nationalismus zustande kommt auch gegen die Lehre vom Vorrang des Menschen als einer #Idee Gottes" vor den Völkern! 2. Die gegensätzlichen politischen Bestrebungen von Katholizismus und Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus hat den Wesensdrang zur Totalität. Er will so ziemlich alles, was es überhaupt auf Erden an menschlichen Dingen gibt, gleichschalten. So springt er von der Politik in die Philosophie und in die Geschichtskunde, von der nationalsozialistischen" Arbeits B*** 36** beschaffnng" oder der Hakenkreuzverzierung der Postkutschen in die Religion über. Aber stösst er nicht im Katholizismus auf genau dasselbe Prinzip der Totalität, wenn auch in anderer Ausführung?"Omnia instaurare in Christo!- Alles erneuern in Christo Geist!"- das ist das von der Kurie selbst ausgegebene Losungswort der vatikanischen modernen Massenbewegung, die unter dem Namen der"katholischen Aktion* heute in allen Ländern wirksam ist. In der offiziellen nationalsozialistischen Zeitschrift "Der deutsche Glaube"(Juni 1934), befindet sich das Bekenntnis einer nationalsozialistischen Weltansohauungsautofität, Fritz Gerickes, dass es zwischen Nationalsozialismus und dem Christentum katholischer Prägung niemals eine Synthese geben könne,"solange die katholische Kirche ihren Totalitätsanspruch nicht aufgibt." Die"Neue Saarpost", das Blatt der offen opponierenden katholischen Kreise an der Saar, bemerkte dazu ebenso richtig vom katholischen Standpunkt aus:"Wir fügen hinzu: solange der Nationalsozialismus seinen Totalitätsanspruch nicht aufgibt"... Der Katholizismus verzichtet aus seinem Drang zur Totalität und Universaltät bewusst und prinzipiell darauf,"unpolitisch" zu sein, wie es weite Kreise des Protestantismus für sich in Anspruch nehmen. Darf denn überhaupt der katholische Priester Politik treiben? Er darf es nicht nur, sondern er soll es sogar, wenn er damit vermag, auch das Politische"in Christo" zu erneuern. Alle Anschauungen, insbesondere katholischer"liberaler" Theologen und Moralisten, welche früher schon eine Entpolitisierung der Kirche forderten, sind ex cathedra vom Vatikan verurteilt worden. Die Gruppierung der gläubigen Katholiken zu eigenen politischen Parteien fast überall in der Welt entspringt dem "totalen" Wesen des Katholizismus, An dieser Stelle. stösst das geistliche Aussohliessliohkeitsprinzip der Kirche mit dem politischen Ausschliesslichkeitsprinzip des Nationalsozialismus zusammen. 3. Perspektiven. In der katholischen Lehre sind ät:. le Elemente für einen Dauerkampf, für einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen dem Nationalsozialismus und der Kirche enthalten. Im Reiche der Idee sind sie schlechthin unvereinbar. Auf der Ebene des politischen Katholizismus sehen die Dinge jedoch ganz anders aus! Der Ausgang des Kulturkampfes nach der Bismarck- B- 37 schen Reichsgründung ist dafür heute noch eine grosse Lehre! Heute ist der Konflikt offen. Die grossen ideellen Gegensätze werden offen propagandistisch von den höchsten katholischen Würdenträgern vorgetragen und die katholische Literatur eifert ihnen nach. Die Ideen der Humanität, der Freiheit, des Friedens, werden aus der Lehre abgeleitet und verteidigt. Die kämpfende Kirche scheint zur grosseh Front der grundsätzlichen Gegner des Systems zu gehören. Fast scheint es, als ob ihr Ziel die Revolution sein müsse, die das katholische Staats recht anerkennt. Die massenanziehende Kraft des Kampfes kann zur Bindung von Massen an den politischen Katholizismus führen. Aber wenn das System sich stabilisieren würde, wie das System Bismarck, so würde auch die kämpfende Kirche sich eingliedern und einen Kompromiss dem DauerKrieg vorziehen! Heute noch ist das Dritte Reich unstabil, wie die europäische Gesamtlage. Die Pläne katholischer grenzens prengender Macht politik sind darum heute so wenig unrealistisch wie grossdeutschkatholische Pläne um 1870, und die Rolle des katholischen Faschismus zeigt, dass man es im katholischen Lager nicht für unmöglich hält, das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen. Aber sicherlich wäre die Kirche bereit, sich abzufinden, wenn die Zeit der offenen Möglichkeiten, der Unstabilität, vorbeigehen sollte. Würde dann die Kirche im Dritten Reich sagen: wir haben Hitler besiegt!- so wie sie es von Bismarck sagte so wäre sie zur Systempartei geworden, und wo heute eine Hoffnung für alle unversöhnlichen Gegner des Systems zu sein scheint, würde dann wieder der konservativreaktionäre Charakter hervortreten!