Deutschland 7 Bericht Prag, am 15. Juli 1935 der Sopad e 2.Jahrg.Nr. 6 Juni 1935 Teil A: Nachrichten und Berichte Inhaltsübersicht 1 I. Die allgemeine Situation in Deutschland in 1) Querschnitt durch das Bürgertum 2) Die Haltung der Arbeiterschaft 3) Die Haltung unserer Genossen 4) Wehrpflicht und Aussenpolitik II. Der Kirchenkampf der sozi 1) Aus der katholischen Kirche 2) Aus der evangelischen Kirche Ar III. Die Jugend unterm Hakenkreuz 1) Aus der Schule Die Stellung der Lehrer C Schule und A 1 Hitler Jugend-- Die Situation auf den höheren Schulen 25128 19 29 229 32 34 2) Die Hitler- Jugend 3) Die Jugend im Betrieb 2229 39 43 Die Verhältnisse in den Gewerbeschulen Der Reichs berufswettkampf 4) Hochschule und Studentenschaft 47 Nachträge 52 -2IV. Kunst und Volksbildung im Dritten Reich 1) Theater und Kino 2) Schrifttum 3) Musik 4) Zeitungen und Zeitschriften V. Aus der Verwaltung Die Verhältnisse in den Gemeinden Finanzielle Misswirtschaft-- Gegensätze zwischen Kommunalverwaltung und Partei Die Parteibuchwirtschaft in den Gemeinden Die Stimmung der Beamten 55 56 60 61 62 66 Archiv der sozialen Dem I. Die allgemeine Situation in Deutschland. A-1Es ist kaum möglich, die jetzige allgemeine Stimmung in Deutschland auf einen Nenner zu bringen. Ein Teil der Berichterstatter bringt erneut Belege darüber bei, dass die allgemeine Gleichgültigkeit und Lethargie, auf die wir bereits vor zwei Monaten aufmerksam gemacht haben, nach wie vor anhält. Ein anderer Teil betont, dass im Volke in dem Masse, in dem der Mangel an Rohstoffen auch dem Verbraucher fühlbar zu werden beginnt, erneut die Vorstellungen Raum gewinnen, dass das System wirtschaftlich bald am Ende sei. Alle aber stimmen darin überein, dass das System in der grossen Masse der Bevölkerung, und zwar in allen ihren Schichten, belegt, dass aus allen Berichten eine wichtige Feststellung zu entnehmen ist: es ist dem System nicht gelungen, dem Volke die Auffassung beizubringen, dass politische" Verbrechen" ehrenrührige Handlungen sind. Das System steckt die Oppositionellen aus allen Lagern zu Hunderten und Tausenden in die Zuchthäuser und Gefängnisse und hat bewusst die Unterscheidung zwischen politischen und kriminellen Gefangenen ausgelöscht. Aber es hat die Bevölkerung nicht dazu bewegen können, diese Unterscheidung selbst aufzugeben. Ein übers andere Mal ereifern sich die" Führer" des Systems darüber, dass derjenige, der es wagt, gegen das Dritte Reich anzukämpfen, sich ausserhalb der Volksgemeinschaft stellt. Aber diese Volksgemeinschaft selbst denkt nicht daran, sich entsprechend zu verhalten. Im Gegenteil: Die Bevölkerung, weit entfernt, die Oppositionel len als" Hochverräter" anzusehen, neigt eher dazu, diejenigen, die für ihre Ueberzeugung in die Gefängnisse und Zuchthäuser gehen, zu bemitleiden oder gar wegen ihrer mannhaften Haltung zu achten. Wir ha ben schon vor Monaten feststellen können, dass die Zeit, in der jeder zweite Mann im Volke ein freiwilliger Spitzel für das System war, lange vorbei ist. Einzelne Mitteilungen, die sich nicht zur Wiedergabe eignen, legen den Schluss nahe, dass vielleicht die Zeit nicht mehr fern ist, in der der Mann im Volke nicht nur dem Kampf der Oppositionellen gleichgültig zusieht, nicht nur seine Opfer bemitleidet, sondern in der dieser Mann bereit ist, den Oppositionellen gegen die Verfolgungen durch das System in Schutz zu nehmen. Es fängt mit kleinen hat. Das wird vielleicht am deutli, ten Rückhalt mehr A=2- Dingen an: Ein Arbeitskamerad denunziert nicht mehr den anderen, der mal ein Wort gewagt hat, sondern hilft ihm, sich herauszuschwindeln. Ein nationalsozialistischer Meister beratschlagt mit seinem Gesellen, der von der Gestapo gesucht wird, wie dieser die Polizei an der Nase herumführen kann. Aber in diesen kleinen Dingen steckt eine sehr bedeutsame Tendenz. Die Opposition hat die Volksstimmung nicht mehr gegen sich und die Polizeigewalt hat sie nicht mehr für sich. Das ist ein sehr grosser Fortschritt gegenüber dem Zustand vor zwei Jahren und das ist zugleich für die Aussichten des Kampfes der Opposition von ausserordentlicher Bedeutung. Dieser Kampf wäre zur Aussichtslosigkeit verurteilt, wenn es dem System wirklich gelungen wäre, den Oppositionellen ausserhalb der Volksgemeinschaft zu stellen, wenn zu der grausamen Verfolgung durch die Staatsorgane die Verachtung und Diskriminierung durch das Volk käme. Diesem Kampf eröffnen sich aber neue grosse Möglichkeiten, wenn er eines Tages nicht nur auf die stillschweigende Duldung durch die grosse Masse, sondern auf ihre hilfsbereite Unterstützung rechnen kann. Diese Feststellungen sollen nicht dazu verleiten, voreilige Schlüsse zu ziehen. Aber sie sind wichtig, um auf die Veränderung der Bedingungen aufmerksam zu machen, unter denen sich in Deutschland der Zweikampf zwischen Staatsgewalt und Opposition abspielt. 1) Querschnitt durch das Bürgertum. Der nachfolgende Bericht über die Stimmung im Bürgertum zeigt besonders deutlich, wie das System in den verschiedenen Gruppen dieser Bevölkerungsschicht seinen Rückhalt zum grössten Teil schon verloren hat. Bei allen Berichten aus Deutschland ist zu beachten, dass jeder nur einen kleinen Ausschnitt zu übersehen vermag. Bei allen Berichten handelt es sich daher um die Eindrücke, die der Schreiber aus seinem Lebenskreis, seiner Stadt, seiner sozialen Schicht oder seinem Betrieb gewonnen hat. Denn es ist für das neue Deutschland charakteristisch, dass sich nur Menschen, die sich sehr genau gegenseitig kennen, einander aufschliessen, und dass sehr viele Aeusserungen nur zur Verschleierung der wahren Meinung dienen, z.B. das vielgehörte"ja, der Führer will das selbst nicht, er kann doch nicht alles wissen" entspringt manchmal wirklichem Vertrauen zu Hitler, dient aber auch häufig dazu, die Gefahr kritischer Aeusserungen zu mindern. Die Unmöglichkeit freier Aussprache mit persönlich Unbekannten, die Angst, verraten zu werden, führen dazu, dass der Durchschnittsbeobachter die Gefolgschaft der Regierung für viel zu gross, vor allem aber für zu geschlossen ansieht. Andererseits kommen unsere Freunde mehr als andere mit einem geschlossenen Kreise von Gegnern zusammen, der in seiner grundsätzlichen Ablehnung des Hitlerregimes bemusster ist als sich dies von der sicher sehr grossen Zahl der Gelegenheitsgegner und der noch grösseren der Kritiker im allgemeinen sagen lässt, Im allgemeinen geht mein Urteil dahin, dass mindestens 80% der Bevölkerung, angefangen von lauer Gefolgschaft bis zu hasserfüllter Zurückhaltung, für die politische Willensbildung kaum und für die Zukunftsgestaltung gar nicht in Frage kommen. Innerhalb dieser Masse gibt es natürlich ständig, je nach Wirtschaftslage, jeweiligen Verordnungen, Lohnabzügen usw. wechselnde Stimmungen, aber man kann wohl sagen, dass diese Masse, wenigstens unter den heutigen Verhältnissen mit der ganzen Stimmungsskala von Zufriedenheit bis Widerwillen die Hitlerherrschaft ebenso erträgt wie sie einen Umschwung mit Angst bis Freude ohne aktive Beteiligung widerstandslos hinnehmen würde. Dabei ist natürlich diese Stimmungsskala der grossen Masse nicht gleichgültig, weil für die restlichen 20%(bewusste Gefolgschaft und bewusste Gegner) sehr viel davon abhängt, welche Resonanz sie bei der Gesamtheit der Bevölkerung finden. Der Schreiber dieser Zeilen gehört soziologisch zum Bürgertum. Er hat in den Jahren vor 1933 gute Fühlung mit der Arbeiterschaft besessen, heute hat er diese nicht mehr. Er will deshalb auch nichts aus den Betrieben berichten. Beim Bürgertum ist festzustellen, dass die bis Mitte 1934 vorherrschende Faszinierung durch die Hitlerbegeisterung vorüber ist. Der Kampf gegen die katholisch* Kirche, der von der Regierung einseitig unterstützte Kirchenstreit in der evangelischen Kirche, die Schliessung der Logen, die einseitige Kultur- und Kunstpolitik der Regierung, haben dazu geführt, dass die weitesten Kreise des intellektuellen Bürgertums an irgend einem Punkte persönlich verletzt wurden. Am ehesten sind noch grössere Unternehmer zufrieden, weil ihnen die Rüstungskonjunktur erhebliche Gewinne abwirft und weil sie im Betriebe ihre Ruhe vor den Gewerkschaften haben und die Arbeiterschaft alles hinnehmen muss. Denn an den grösseren Betrieb traut sich die Arbeitsfront nicht heran. Anders ist es schon im Mittelbetrieb und bei den Kleineren. Auf ihnen lastet die ganze Unsicherheit der Wirtschafts- und Finanzgesetzgebung, sie werden mit Beiträgen alle: Art überhäuft. Der Kleinhandel, das Handwerk und das Kleingewerbe, einst die hoffnungsvollste Gefolgschaft und die Wegbereiter Hitlers, sind heute die wohl am tiefsten Enttäuschten, weil alle ihnen gegebenen Versprechungen nicht gehalten wurden. Bei dem höhe ren Beamtentum und grossen Teilen des intellektuellen Bürgertums kommt noch hinzu, dass sie durch die nationalsozialistische Beamtenpolitik abgestossen werden. Am richtigsten trifft man ihre Stimmung, wenn man sie als"degoutiert" bezeichnet. Bezeichnend ist der oft gehörte Ausspruch:"Wo früher Parteibuchbeamte sassen, findet man jetzt frühere Tütenkleber."(ehemalige Strafgefangene). Im mittleren Beamtentum ist die Stimmung zwiespältig. Hier sitzt noch ein Teil der treuesten Anhänger Hitlers. Beamte, die durch ihre Stellung in den Parteiformationen ihre berufliche Bedeutungslosigkeit kompensieren und die sich durch den dort von ihnen eingenommenen Rang erhoben fühlen. Andererseits ist natürlich im mittleren und unteren Beamtentum die Erbitterung über die getäusch ten Hoffnungen und vor allem über die ständigen Abzüge"freiwilli- A-4ger" Art wie über die zwangsweisen Umgruppierungen recht gross. Natürlich führt dies alles nicht zu offener Auflehnung, aber es ist wichtig für die Stimmung dieser Gruppen, die fast ausnahmslos zu den oben erwähnten 80% gehören. Ohne innere Anteilnahme grüssen diese Leute fast ausnahmslos mit" Heil Hitler", aber sie erwidern ebenso einen" Guten Tag", auch in ihren Amtsstuben, zumal wenn sie in diesen allein mit dem Publikum zusammenkommen. Das Schlimmste ist vielleicht, dass die Richter bei innerer Gleichgültigkeit die Gesetze nationalsozialistisch auslegen und mit Brutalität zur Anwendung bringen, weil sie sich vor den Folgen einer anderen Anwendung fürchten. Soweit die einzelne richterliche Hand-= lung nicht unter der Kontrolle der nationalsozialistischen Presse steht, ist die Justiz, ja mancherorts die Polizei auch gegen den politischen Gegner menschlich ganz anständig, ein Beweis, wie wenig tief auch bei ihnen der Nationalsozialismus eingedrungen ist. Im höheren Verwaltungsbeamtentum lässt sich sogar hier und da eine gewisse Sabotage des Nationalsozialismus feststellen. Die Lethargie des deutschen Volkes lässt sich an zwei Tatsachen deutlich zeigen. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Wiederaufrüstung entsprachen durchaus dem Empfinden der weitesten bürgerlichen Kreise. In anderen Zeiten wäre der Erlass vom 16. März mit Begeisterung begrüsst worden. Weniger aus Sorgen um die aussenpolitische Lage Deutschlands, die ja meist von den Bürgern ganz falsch eingeschätzt wird, sondern aus innerer Müdigkeit ist die" Wiedererringung der Wehrhoheit" fast teilnahmslos hingen ommen worden. Die Ueberfütterung mit" spontaner Begeisterung" in den letzten Jahren hat eine solche politische Gleichgültigkeit verursacht, dass selbst Ereignisse, wie das vom März, nicht zu solchen Gefühlsausbrüchen führen konnten, wie früher der Protest gegen die Ruhrbesetzung oder die nicht befohlene Freude über die Rheinlandbefreiung. Das zweite bezeichnende Moment für die gegenwärtige Stimmung ist, dass die vor etwa 4 Wochen zur Ablenkung von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Szene gesetzte antisemitische Hetze ihre Wirkung nicht erzielt hat. Wohl kamen in einzelnen Städten und besonders in kleineren Orten Ausschreitungen vor, unter denen die Betroffenen bitter zu leiden hatten, aber eine wirkliche Volksstimmung wie noch im Frühjahr 1933 liess sich nicht erwecken. Die einen waren über die geringen wirtschaftlichen Erfolge der früheren oder richtiger dauernden Judenverfolgung zu enttäuscht, die anderen machten aus Gesinnungsgründen nicht mit. Denn trotz aller Anstrengungen von oben ist die Rassentheorie als solche dem Volk fremd geblieben. Wie trotz jahrzehntelanger Arbeit die Marx sche Theorie der Masse der Arbeiterschaft eine Frage der Löhne und der Arbeitszeit geblieben ist, so hat auch die nationalsozialistische Rassenlehre als Grundlage der politischen Gestaltung noch nicht Wurzel geschlagen. Diese ganze Uebersicht darf nicht die falsche Hoffnung erwecken, als ob die Gegnerschaft und Gleichgültigkeit im bürgerlichen Lager bereits in der Lage wären, die Hitlerherrschaft zum Wanken zu bringen. Keinesfalls! Aber man kann ohne Gefahr, ohne in einen zu grossen Optimismus zu verfallen, den Schluss ziehen, dass sich aus dem Bürgertum, wenn durch andere Ereignisse oder von anderer Seite gegen Hitler ein Stoss erfolgt, ebensowenig wie 1918 ein ernstliche: Widerstand gegen einen neuen Umsturz zu erwarten ist. A-52) Die Haltung der Arbeiterschaft. Die Tatsache, dass die grosse Masse der Bevölkerung die Polizeimethoden zur Unterdrückung der Opposition nicht billigt, ist das eine wichtige Moment in der Entwicklung der allgemeinen Stimmung, der langsam erwachende Widerstandswille in der Arbeiterschaft das andere. Wir haben auf die zunächst bescheidenen Ansätze dieser Widerstandsregungen wiederholt hingewiesen. Das Kernproblem ist hier: das System hat sehr klar erkannt, dass es die Arbeiterschaft auf die Dauer nur beherrschen kann, wenn es den Solidaritätsgedanken mit Stumpf und Stiel auszurotten vermag. Die verschiedenen Versuche, die die einzelnen Instanzen in dieser Richtung unternommen haben, sind zunächst nicht ohne Erfolg geblieben. Eine Zeit lang schien es in der Tat so, als ob der Solidaritätsgedanke aus dem Gesichtskreis der Arbeiterschaft verschwunden wäre. Seit einigen Monaten aber ist wenigstens in einigen Landesteilen zu beobachten, dass dieser Grundgedanke jeder Arbeiterbewegung sich doch wieder hervorwagt, dass er neue, allerdings primitive Ansätze gemeinschaftlichen Handelns zeitigt. Heute sind diese Ansätze auf rein materielle Fragen der Abwehr von Verschlechterungen in den Arbeitsbedingungen gerichtet. Die Folgerung, die für die illegale sozialistische Bewegung in Deutschland daraus gezogen werden muss, klar: In den ersten zwei Jahren des Hitler- Regimes hat sich die sozialistische Bewegung im wesentlichen darauf beschränken müssen, die Reste der früheren Bewegung zusammenzuhalten, ihre kampfentschlossenen Teile in neuen Organisationsformen zu erfassen und zu schulen. Jetzt stellt die Entwicklung in der Arbeiterschaft die sozialistische Bewegung vor eine neue Aufgabe, die sie über ihren eigenen engen Zirkel hinaus auf das grosse Kampffeld der Arbeiterschaft, auf die Betriebe verweist. Bisher hat die illegale sozialistische Bewegung im wesentlichen in der Verteidigung gestanden, jetzt eröffnen sich die ersten Möglichkeiten eines neuen Angriffs, der mit einer neuen Kampftaktik auf das alte sozialistische Ziel gerichtet sein muss, dem Solidaritäts gedanken innerhalb der Arbeiterschaft erneut zum Durchbruch zu verhelfen. Bisher haben die sozialistischen Oppositionellen in ihrer praktischen politischen Arbeit, soweit sie über ihre eigenen Kreise hinaus reichte, im wesentlichen experimentiert, die Front des Gegners nach ist A-6schwachen Stellen abgetastet. Jetzt wird dieses Tasten und Suchen in der praktischen politischen Arbeit auf ein greifbares Ziel von entscheidender Bedeutung gelenkt: alle Kräfte müssen in Zukunft darauf konzentriert werden, die bescheidenen Widerstandsregungen in den Betrieben zu unterstützen, sie ir unablässigem, zähem Kampf schliesslich zu einer breiten Bewegung zu erweitern, sie über die kleinen materiellen Anlässe hinaus auf die grosse politische Aufgabe der Arbeiterschaft, den Sturz der Diktatur zu lenken. Auf die Entwicklung in den Betrieben werden wir im nächsten Monatsbericht näher eingehen. Wir greifen hier nur einige allgemeine Berichte über die Haltung der Arbeiterschaft heraus. 3 Nordwestdeutschland: Es lohnt sich, an dieser Stelle noch einmal einen Rückblick auf die Stimmungskatastrophe am 1. Mai zu richten. Die übereinstimmenden mündlichen und schriftlichen Berichte, wir können insgesamt von 12 zuverlässigen und sachlichen Berichterstattern sprechen, sind das bisher umfassendste, deutlichste und sichtbarste Beispiel einer Stimmungswandlung. Das nächste, fast gleichwertige Beispiel ist die Vertrauensratswahl gewesen. Wichtig für uns ist, dass beide ersten grossen Symptome eines Widerstandes aus der Betriebsarbeiterschaft kommen- und es sich dabei um zwei Fragen handelt, die in ihrem hohen Wert von den Nazis verbogen und missbraucht werden: die humanitären, kulturellen und sozialen Forderungen des sozialistischen Weltfeiertages und die Mitbestimmung im Arbeitsprozess haben wieder ihre Würdigung bei der Arbeiterschaft gefunden. Deshalb richtet sich bewusst und unbewusst gegen die missbräuchliche Benutzung dieser sittlichen und materiellen Faktoren des Sozialismus der passive Widerstand, die aktive Sabotage. der stille Boykott. Am 1. Mai gab es im gesamten westfälischen Industriegebiet nicht eine einzige hitler oder nazibegeisterte Maifeier. In jedem Ort, in jedem Betrieb wurde der Charakter des" Nationalen Festtages der Arbeit" mit voller Absicht, aber mit den verschiedensten Mitteln verhunzt und verhöhnt. Zwar trat die Arbeiterschaft fast vollzählig in den Betrieben und Zechen an, um den Lohn für den Tag nicht zu verlieren und das verschiedentlich gespendete" Trinkgeld" von 1 bis 3 Mark mitzunehmen. Aber es gab auch Fälle bewussten Fernbleibens schon beim Antreten. Verschiedentlich hat der Betrieb trotzdem den Tag bezahlt. Sehr häufig aber wurden Tage vorher die früheren sozialdemokratischen Vertrauensleute von Kollegen gefragt, ob man denn überhaupt antreten solle, oder dass Auskunft darüber eingeholt wur de, welche Haltung angebracht sei. Die Genossen haben sich bei ihrer Beratung überall taktisch sehr geschickt benommen. Die Fragesteller wurden oft von einem Schamgefühl zu ihren Fragen veranlasst, gaben diese Scham auch offen zu, mit Worten wie:" Ich möchte mich doch auch so tapfer verhalten wie Du." Ueber das Auseinanderlaufen und Verschwinden bei den Festzügen und auf den Festplätzen haben wir schon genug berichtet. Festgehalten zu werden verdienen aber noch einige psychologisch sehr interessante Beobachtungen. In Stadt und Land gab es an diesem Tage eine einzige Besoffenheit. Darin stimmen A-7die Berichte von Hannover bis Duisburg und von Hagen bis Bremem überein. Diese Besoffenheit aber hatte ihre Besonderheiten. Die grössere Masse besoff sich aus Verzweiflung und tobte sich dann im Suff geradezu gegen das System aus. Hitzige Wortgefechte in den offiziellen Festlokalen und sonstigen Kneipen arteten vielfach zu hemmungsloser Kritik und zu Schlägereien aus. Dabei standen nicht selten auch Nazis in Opposition. Ein anderer Teil war berechnet besoffen, hielt sich noch unter einer gewissen Selbstkontrolle und warf bei den passenden Gelegenheiten den Zündstoff zwischen seine Kumpane. Es wurde aber auch Trunkenheit markiert und eine ganz bewusste Kritik in die Feiernden getragen, die dem Verursacher nicht gefährlich wurde. Wichtig ist dabei noch, dass fast nirgends aus den Auseinandersetzungen Folgen entstanden, da freiwillige Denunzianten sich nicht fanden. In verschiedenen Betrieben sind von Amtswaltern bei den Betriebsführern Klagen gegen Einzelpersonen erhoben worden, denen aber nicht stattgegeben wurde. Südwestdeutschland: Im allgemeinen muss man feststellen, dass die Arbeiterschaft zunächst im grossen Umfang auf die nationalsozialistischen Phrasen hereingefallen ist. Wenn im Betrieb darüber gemeckert wird, dass ein Unternehmer nicht mit" Heil Hitler" gegrüsst hat oder dass er nicht an einem Kameradschaftsabend teilgenommen oder nicht genügend für" Kraft durch Freude" gegeben hat, so ist das ein Zeichen dafür, dass die Arbeiter sich von der Arbeitsfront- Ideologie haben einfangen lassen. Gewiss, ein Teil der Arbeiterschaft meckert bewusst in dieser Weise, um so den Nationalsozialismus von innen heraus anzugreifen. Aber bei den meisten geht das Bewusstsein für diese grundsätzliche Gegnerschaft verloren. Soweit aber die Arbeiterschaft früher zu uns gehörte, ist sie auch heute noch hundertprozentig gut. Auch diejenigen, die von uns heute nicht mehr erfasst werden, stehen noch zu ihren alten Anschauungen. Man kann, wenn man mit Arbeitern spricht, im allgemeinen feststellen: wer früher gewerkschaftlich geschult worden ist, der ist auch heute noch klar. Natürlich schwankt die Haltung der Belegschaften von Betrieb zu Betrieb. Südbayern: In der Arbeiterschaft ist wie im Vormonat eine wachsende Tendenz zum Kampf um bessere Arbeitsbedingungen zu spüren. Die Arbeitsfront erweckt kein Interesse mehr, dafür aber zeigen sich ganz primitive Versuche der Selbsthilfe. Das Regime zeigt sich vorerst diesen Strömungen gegenüber sehr zurückhaltend und versucht durch gutes Zureden auf die Arbeiterschaft einzuwirken. Der 1. Mai zeigte heuer mehr als in den beiden letzten Jahren die verhaltene Erbitterung der Arbeitermassen. Die Beteiligung war zwar sehr gross, da es wie üblich Pflichtleistung war, aber von einer Begeisterung war nichts zu spüren. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass z. B. im Zirkus Krone minutenlange Beifallsstürme organisiert wurden. Nordbayern: Ein Arbeiter, der an einer Strecke der Reichsautobahnstrasse arbeitet, gibt eine Darstellung, die einen Einblick in die Haltung dieses Teils der Arbeiterschaft gewährt. Man unterhält sich wie die Landsknechte, man schimpft wie die Landsknechte, in jeder Woche werden ein paar verhaftet und angeblich nach Dachau abtransportiert, aber die Stimmung wird immer kritischer. Wenn ein A-8Neueingestellter das nicht weiss und bei Arbeitsantritt sich mit dem Hitlergruss vorstellt, hat er zu gewärtigen, dass ihn tagelang keiner von den Arbeitskollegen anspricht. Dass etwa der Hitlergruss von diesen Arbeitern erwidert würde, daran sei gar nicht mehr zu denken. Selbst ältere SA- Leute fragen sich besorgt, ob nicht diese Arbeitsstätten eigentlich Schulungslager für die KPD seien. Sachsen, 1.Bericht: Die Arbeiterschaft ist nicht gleichgeschaltet. Sie stellt sich schlafend. Die Arbeiter fügen sich den äusseren Formen, sie machen sie mit, weil sie nicht anders können, aber insgeheim lächeln sie einander verstehend zu Die Arbeiterschaft wartet: man könnte auf ihre Haltung Lenins paradox klingendes Wort von der" revolutionären Geduld" anwenden. auch Allerdings darf man, wenn man von" der" Arbeiterschaft sprechen will, einen wichtigen Umstand nicht vergessen: sie wird von den Massnahmen des Regimes und deren Wirkungen ganz verschieden betroffen. Eine homogen empfindende und denkende" Arbeiterschaft", wie sie in unserer Vorstellung als theoretischer Begriff existiert hat, gibt es jetzt weniger denn je. Alles ist in Fluss. Daraus erklären sich auch die mitunter einander völlig widersprechenden Beurteilungen der Chancen des Regimes, die man von Arbeitern, von früheren Funktionären der Arbeiterbewegung hören kann. Mit einer gewissen Uebertreibung kann man sagen: die Arbeiterschaft ist heute in ihren Auffassungen schärfer nach Generationen als nach den politischen Bekenntnissen der früheren Parteien geschie den. Das erklärt sich aus der Verteilung der Arbeitsplätze. Vor allem die Aufrüstung und alles, was damit zusammenhängt vom Flugzeug bis zu den sogenannten Reichsautostrassen, die ja in Wirklichkeit Heeresstrassen sind, hat vielen Berufen wirklich Arbeit gebracht. Das ist aber der jüngeren Generation weniger zugute gekommen als den älteren Jahrgängen. Denn die Arbeits beschaffung, soweit sie tatsächlich stattgefunden hat, beschränkt sich auf Qualitätsarbeiter, die über Berufserfahrung aus früherer Zeit verfügen, und das sind eben die älteren Jahrgänge. Ich glaube, man würde staunen, wenn es sich statistisch genau erfassen liesse, um wieviel grösser heute der Anteil der älteren Generation so von Mitte Dreissig ab an der Besetzung der Arbeitsplätze ist. Sie steht, wenigstens in ihrer Mehrzahl, in Lohn und Brot. Der Arbeitsplatz ist ihr so ziemlich gesichert, denn der Nachwuchs an Qualitätsarbeitern ist gering. Und das mag viele, ohne dass es dem Einzelnen bewusst wird, veranlassen, sich dem Regime gegenüber loyal zu verhalten, auch wenn sie von früher her Gegner des Regimes sind. Die aus menschlich begreiflichen egoistischen Interessen erklärbare Loyalität führt jedoch allzuleicht zu einer irrigen Einschätzung des Regimes und seiner Lebensfähigkeit. Das kann man in seiner Umgebung, in der man die Leute kennt, oft beobachten. Die junge Generation aber steht abseits. Der Staat zieht sie aus der Wirtschaft heraus, steckt sie ins Arbeitsdienstlager, drillt und militarisiert sie. Nach der offenen Wiedereinführung der Wehrpflicht und der daraus folgenden forcierten Militarisierung der jüngeren Jahrgänge hat sich das noch bedeutend verschärft. Die Wirkungen sind besonders an der Lehrlings jugend zu beobachten Der alten Werkfreudigkeit, dem beruflichen Ehrgeiz ist diese Jugend völlig entwöhnt. Es gilt ihr nicht mehr als ehrenvoll, ein tüchti A-9ger Tischler zu sein- ehrenvoller ist es, ein tüchtiger Scharführer zu sein. Auch das kommt der älteren Generation zugute, denn es erschwert die Verwendung der Jugend in den Betrieben. Und auch das trägt zu einer gewissen Stabilisierung im Stand der Beschäftigten bei. Das geht soweit, dass die ältere Generation sogar mit einer gewissen Sorglosigkeit einem etwaigen Kriege entgegen sieht, weil sie meint, dass sie im Produktionsprozess für den Kriegsbedarf unentbehrlich und, da der nachdrängende Nachwuchs fehlt, unersetzlich und ungefährdet sei. Tragen diese Zusammenhänge dazu bei, dass die ältere Generation, im Ganzen gesehen, ihr Brot hat und geneigt ist, dafür manches andere mit in Kauf zu nehmen und dem Regime gegenüber sich still zu verhalten, sich abzufinden und einzufügen, was euch in der Emigration als eine Stabilisierung im Bewusstsein des Menschen erscheint, so bewirken eben diese Zusammenhänge auf der anderen Seite eine spürbare Radikalisierung der jüngeren Generation. Für sie hat das Regime keine Besserung ihrer Lage gebracht und nichts hat sie gewonnen als militärischen Zwang. Mag auch der militärische Drill anfänglich ihren Neigungen zusagen, so sieht sie sich doch auf die Dauer und in verschärftem Masse vom Arbeitsplatz verdrängt. Sie wird nach dem Scheitern all ihrer Hoffnungen, die sie auf die Phrase" Das muss alles anders werden!" gesetzt hatte, unzufrieden mit sich und allem. Und diese Radikalisierung ergreift die Jugend aller Schichten. 2. Bericht: Gerüchte, Klatschereien und Witze stossen jetzt fast nirgends mehr auf besonderes Interesse. Man setzt sich ernster mit den Fragen der Gegenwart auseinander. Die grosse Frage, die bis jetzt noch offen bleibt, ist:" Was kommt danach?" Auch darüber sind verschiedene Meinungen aufgetaucht. Der sogenannte" Bolschewistenschreck" hat seine Bedeutung durch den Beitritt Sowjetrusslands zum Völkerbund verloren. Es geht auch nicht um Parteien. Auseinandersetzungen, ob die Sozialdemokratie, die Kommunisten oder andere an die Macht kommen, gibt es fast nicht mehr. Nur eine geeinte Arbeiterklasse kann die Führung übernehmen, das steht für alle fest. Man ist der Meinung, dass sich etwas Neues bildet, unter dem sich die verschiedenen Richtungen von früher zusammenschliessen. Aber man rechnet noch mit einer Zwischenperiode, einer Zeit, in der das Bürgertum und die Reichswehr regieren und die gewisse kleine Lockerungen für die Arbeiterschaft bringt. Schlesien; 1. Bericht: Die allgemeine Misstimmung hat jetzt auch die weitesten Kreise der Arbeiterschaft erfasst. Die herrschenden Zustände werden überall, vor allem aber in den Betrieben, besprochen und kritisiert. Beschwerden werden bei Behörden, bei den NS- Organisationen, besonders bei der D.A.F., genau wie früher, vorgebracht. Dass Anzeigen oder Verhaftungen wegen solcher Beschwerden erfolgt seien, ist nicht bekannt. 2. Bericht: In den Betrieben gewinnt ein primitiver Kommunismus an Boden, der vor allem durch die Agitation der" Roten Hilfe" gefördert wird. Gleichzeitig macht sich aber auch unter den indifferenten Arbeitern eine wachsende Strömung bemerkbar, die gegen jede Diktatur ist, die aber auch nicht für die Rückkehr der Weimar: A-10Zustände zu haben ist. Am lautesten macht sich der Unwille offenbar unter den Arbeitslosen Luft. An den Stempelstellen steigert sich die Kritik gelegentlich schon fast bis zur Rebellion. Rheinland- Westfalen: Die Diskussionen an den Stempelstellen werden immer lebendiger und freier. Leider ist bei den Unterhaltungen keine politische Linie zu entdecken und vorläufig wohl auch schwer reinzukriegen. Es gibt nur allgemeines Geschimpfe. Der Grundgedanke bei allen Diskussionen ist: wir haben es noch nie so schlecht gehabt wie heute. Aber die politischen Schlussfolgerungen fehlen. Vielleicht liegt es daran, dass die Sozialisten, die bei uns durchaus nicht ausgestorben sind, sich noch zurückhalten, weil es zumeist NSDAP- Mitglieder sind, die am lautesten schimpfen. Aber es kann sich bei diesem Geschimpfe der Abzeichenträger kaum um Provokationen handeln. Denn sonst könnte ein Mitglied der NSDAP auf den Einwurf, dass Hitler ja nicht alles wüsste, unmöglich äussern:" Hitler ist der grösste Lump". Und als er gefragt wurde, warum er denn dieser Partei noch angehöre:" Das verstehst Du nicht, jedenfalls Ihr Euch das abgewöhnen, Hitler ist und bleibt der grösste Lump. Südwestdeutschland: Durchweg zeigt sich in allen Betrieben ein stärkeres Sehnen nach mehr Freiheit. Ebenso auch an den Stempelstellen. Die Erwerbslosen sind durch die Kürzung des Miezuschusses, teilweise von 9 bis 14 Mark, und durch die Zuweisung von Pflichtarbeit schwer erbittert. Die" alten Kämpfer" der SA und SS treffen so langsam wieder auf der Stempelstelle ein. Manche von ihnen geben ihrer schweren Enttäuschung in offenen Worten Ausdruck. Weiteste Nazikreise suchen sich durch freundliches Benehmen mit den früheren Marxisten anzufreunden und erklären, mit den Regierungsmassnahmen nicht mehr einverstanden zu sein. Bei der Maifeier in X. war beim Arbeitsamt angeschlagen, dass sämtliche Erwerbslose an dem Maiumzug teilzunehmen haben. Auf dem Anschlag war vermerkt, dass diejenigen Erwerbslosen, die nicht mit marschieren würden," entsprechend behandelt werden". Jeder Teilnehmer erhielt einen Bon für ein Paar Würste und zwei Glas Bier. Es haben aber doch soviele Erwerbslose gefehlt, dass der Leiter des Arbeitsamtes noch am gleichen Abend herumgelaufen ist und an Erwerbslose noch Bons verteilt hat, damit wenigstens die Würste gegessen würden. Sachsen; 1.Bericht: Die Arbeitslosen schimpfen auf den Arbeitsämtern ziemlich ungeniert über die fortgesetzten Zählereien. Andauernd gibt es neue Zähl- und Fragebogen." Die Schweine werden wohl wieder einmal gezählt" sagen sie zu den aus gebenden Beamten. Insbesondere in den Erwerbslosenkreisen wird Hitler für das Elend verantwortlich gemacht. Es sei schlimmer als früher. Wenn Hitler Führer sein wolle, müsste er seinen Willen eben auch durchdrücken können. Er tauge eben auch nichts. 2. Bericht: Die Stimmung unter den Erwerbslosen wird immer gereizter. Auf den Stempelstellen ist jetzt Ley's Versprechen, în diesem Jahre auch den letzten arbeitswilligen Arbeitslosen in A- 11Arbeit zu bringen, Gegenstand der Witzelei. Auf einem Arbeitsamt war ich Zeuge, wie die Arbeitslosen, die in einer Schlange anstanden, sich ziemlich ungeniert darüber unterhielten:" Na ja, mir sind ja emal Arbeits unwillige, da kenn mor ja keene Arbeit kriegn." Auf diesem Arbeitsamt wurde schon zweimal von besonders ängstlichen Beamten wegen der drohenden Haltung der Arbeitslosen das Ueberfallkommando angerufen. Schlesien: Im Arbeitsamt Leobschütz haben die Arbeiter, als der Beamte nicht rechtzeitig den Schalter öffnete, die Tür ausgehoben und sind ins Amt eingedrungen. Als ein Arbeiter in Arbeitsfront- Uniform vor den anderen abgefertigt sein wollte, wurde er zurückgedrängt und beschimpft. 3) Die Haltung unserer Genossen. So uneinheitlich wie die Stimmung in der Bevölkerung und die Haltung der Arbeiterschaft ist, so uneinheitlich ist auch die Stellung der sozialistischen Opposition. Wir haben wiederholt auf den schweren seelischen Druck aufmerksam gemacht, dem die illegale Bewegung neben Terror und Polizeiverfolgung ausgesetzt ist und es ist kein Wunder, dass dieser Druck sich gelegentlich auch in der Stellungnahme zu den politischen Problemen äussert. Wir geben auch im folgenden einige solcher Berichte wieder, um auch von dieser Seite her die ganze Schwere des Kampfes zu zeigen, in dem die sozialistische Bewegung in Deutschland steht. Aber diese Ermüdungserscheinungen sind bis jetzt immer wieder ziemlich schnell überwunden worden. Gewiss, noch sind nicht alle Illusionen abgestreift und drohen eines Tages in neue Enttäuschungen umzuschlagen, aber im grossen ganzen kann man doch feststellen, dass die Zahl derjenigen wächst, die sich nüchtern und skeptisch Rechenschaft über die Kräfteverhältnisse und die Aussichten in diesem ungleichen Kampf ablegen und die doch den Mut nicht sinken lassen. Einige der nachstehenden Berichte lassen erkennen, dass die Hoffnungen auf einen kriegerischen oder wirtschaftlichen Zusammenbruch des Systems noch immer nicht ausgestorben sind. Aber in immer weitere Kreise der illegalen Bewegung dringt die Erkennt nis, dass die Gegner des Systems sich auf ihre eigenen Kräfte besinnen müssen. Sie sehen die Zersetzungserscheinungen im System, sehen die Zurückdrängung der SA und der NSDAP und warten wie es in einem Bericht heisst bis ihre Stunde kommt. Die Rückkehr dieser Selbstbesinnung, die Wiedergewinnung der Selbstachtung und der inneren Zu A-12versicht wird getragen und gefördert durch die wachsende Achtung, deren sich die aufrechten Sozialdemokraten in der Bevölkerung erfreuen, und durch die unverbrüchliche Treue, in der auch die nicht am illegalen Kampf beteiligten Genossen zur Idee stehen, eine Treue, die sich als selbstverständlicher Zusammenhalt ei zahllosen Gelegenheiten, bei Trauerfeierlichkeiten ebenso wie bei festlichen Anlässen bewährt. Rheinland- Westfalen: 1.Bericht: Ueber die Aussichten der Opposition für die nächste Zeit gibt es unter den Genossen kaum noch eine Illusion. Die Zahl der Genossen, die Verbindung halten und illegale Arbeit leisten, ist klein. Seelischer Druck, Sorge um die Existenz sind Hemmungen für viele; mancher hat auch den Glauben an den späteren Sieg unserer Sache verloren. Warum sollen wir es leugnen. Es sind eben nicht alle kühl berechnende Verstandesmenschen weder beim Gegner, noch bei uns. Unerschütterlich aber bleibt der Kern unserer Bewegung; er hofft nicht auf einen plötzlichen Umschlag, er weiss, dass die Stunde kommt. Die Stunde des Sturzes des Systems wird nach Meinung vieler im Gefolge eines Krieges kommen. Anders nicht. Kann man sich wundern, wenn in diesen Kreisen deswegen der Krieg, je schneller je besser, herbeigewünscht wird? Man beteuert uns gewiss immer wieder, dass man sehr wohl weiss, welche furchtbaren Folgen ein Krieg für Deutschland und für die Welt haben müsse und werde. Dieses System der Unfreiheit sei aber ebenso unerträglich für diejenigen, die aufrechte Menschen und keine Sklaven sein wollen. Stürzen könne dieses System überhaupt nicht anders als durch einen Krieg. Die kühler Urteilenden meinen, das System müsse und werde auch ohne Krieg zusammenbrechen. Diese Kreise lassen sich weder durch Reden und Zeitungen, noch durch Gerüchte und Stimmungen beeinflussen. Sie sind kühle Rechner, sie vergleichen die Zahlen der Wirtschaft, sie beobachten das tägliche Leben mit all seinen wachsenden Schwierigkeiten für den einzelnen Menschen, besonders für den Arbeiter, sie beobachten das Steigen der Preise, das Schlechterwerden gewisser Waren usw. Und ihre Meinung ist: bei einer aussenpolitischen Isolierung, bei einer dadurch beeinträchtigten, sich ständig verschlechternden Wirtschaftslage ist das Regime auf die Dauer unhaltbar. Wenn sich das Volk jetzt auch dem eisernen Zwang fügt und wenn bis jetzt auch das Grollen nur unterirdisch sich bemerkbar macht, eines Tages kommt die Stunde. Auch wenn es noch längere Zeit dauert. Natürlich rechnet man in diesem- kleineren- Kreis auch mit der Möglichkeit des Krieges. Aber man wünscht ihn nicht und man setzt nicht alle Hoffnung auf ihn. 2. Bericht: Wir fragen uns, wie können sich die ausländischen Staatsmänner so etwas gefallen lassen? Was tut der Völkerbund? Warum regt sich die Internationale nicht? Für uns war doch früher die Internationale etwas, was einen Inhalt hatte. Ist es jetzt, wo wir vorläufig unterlegen sind, anders geworden? Und wir fragen uns noch etwas anderes. Wir sind oft in einer furchtbaren psychologischen Situation. Wir sehen, dass das deutsche Volk sich alles gefallen lässt. Wir verzweifeln fast an der politischen Kampffähigkeit und Kampfbereitschaft der deutschen Arbeiterklasse. Ja, es gibt Genossen, die meinen, es lohne sich ja nicht, A=13= für dieses Volk von Hammeln zu kämpfen. Bei uns geht aller Respekt vor diesem Volk verloren. Unsere Schar ist klein, die Schar der Illegalen verschwindet in der grossen Masse. Und hinzu kommt die Enttäuschung über manche einstmalige Grösse. Die sogenannten wissenschaftlich Geschulten aus unseren ehemaligen Reihen sind am schlappsten. Hat 3s sich gelohnt, sie auf Schulen zu schicken, oder haben wir unsere Fürsorge Unwürdigen geschenkt? Das sind Zweifelsfragen, die uns oft peinigen. Und überhaupt ist der Respekt vor der Wissenschaft erheblich gesunken. Wo ist die Wissenschaft, wo es gilt sich aufzulehnen? Sie hat sich gleichgeschaltet, sie kuscht und überlässt den Kampf wieder einmal den Namenlosen, den einfachen Arbeitern. Im Grunde sind die Nazis Künstler. Es ist eine ungeheuere Leistung dieses zusammengebrochene, geschundene Volk zusammenzuhalten. Täuschen wir uns nicht, das ist im Grunde das Geheimnis ihrer Macht. Das ist es, was die Unpolitischen anzieht, nach wie vor. Gewiss, wir wissen, wie es wirklich bestellt ist um die Innere Einheit. Aber es ist doch nicht zu bestreiten, dass das Ganze eben noch hält. Ich spreche ungeschminkt. Denn ich muss mir mal alles von der Seele herunterreden. Und Ihr habt Anspruch auf eine ungeschminkte Darstellung. Uns drückt diese ganze, furchtbare Lage. Wir fragen uns oft und gründlich: wie kommen wir heraus und wir sehen nicht durch. Die Saarabstimmung, die letzte Rede Hitlers waren ungeheuere Enttäuschungen für uns. Es wächst die Zahl der Zweifler. Der �lan wäre viel grösser, wenn wir irgendeine Aussicht zum Besseren sähen. Es müssen Lichtblicke geschaffen werden. Sieht denn das Ausland gar nicht, wohin Europa steuert, wenn diesem Treiben, diesem furchtbarsten aller politischen Systeme nicht Einhalt geboten wird? Natürlich sind wir nicht blind gegen die Realitäten. Wir erkennen täglich mehr die innere Hohlheit des Systems. Aber es muss uns Hilfe kommen, sonst ersticken wir einfach und die Welt und die Menschheit werden es zu büssen haben. Südwestdeutschland: Im allgemeinen kann man feststellen, dass die Oppositionellen umso skeptischer sind, je klüger sie sind. Unsere Genossen in Hessen hoffen nicht mehr auf einen Zusammenbruch der Diktatur von aussen her. Die Saarabstimmung und die Widerspruchs lose Einführung der allgemeinen Wehrpflicht waren starke Lehrmeister. Diese Genossen erklären, dass man noch sehr viel tun müsse, dass sie an sich selber arbeiten müssten, dass sie Erkenntnisse sammeln müssen, um weiterzukommen. Bayern: Wenn kein Eingriff von aussen(Krieg etc.) erfolgt, wird die Sache solange im Nazitaumel weitergehen, bis alle Volksschichten unter ihr Existenzminimum herunter kommen, dass also neben dem hungernden Arbeiter der Angestellte, der kleine Fabrikant, der Händler usw. sich völlig aus seiner Lebensbahn geworfen sieht. Dann wird wohl so etwas wie ein Chaos eintreten, dem die Nazis nicht mehr Herr werden. Ob sie dann auch ausreissen wie Wilhelm und Ludendorff, oder ob gekämpft wird, das ist heute müssig zu erörtern. Aber es muss kommen, wenn nicht andere Kräfte zuvor eingreifen. Wir sollen uns nur nicht einbilden, dass es für uns dann ein Honiglecken gäbe. Aber für mich gibt es einen Trost: Die Leute, die zu Tausenden und Abertausenden in den Strassen standen und uns bespuckten, als wir wie eine Viehherde durch X. getrieben wurden, A-14um nach Dachau transportiert zu werden, die werden die Hitlerei so satt haben, wie jene Jungen, die von der Schulbank weg in den Krieg zogen und dann draussen nach der Mutter schrieen. Schade wäre es, wenn etwas von ausserhalb eingreifen würde, um dem deutschen Volke die Hitlerei zu nehmen; es muss das selbst auskosten, alle müssen unter ihr Existenzminimum erst heruntersinken, damit sie gründlich kuriert werden, damit eine solche Narretei nach ein paar Jahren nicht wieder kommt. Sachsen; 1. Bericht: Im Gegensatz zur lässigen Einstellung der indifferenten Masse zum Hitlersystem steht vielerorts die Haltung unserer Genossen. So wurde mir von meiner Gewährsmännern berichtet, dass in ihren Orten unsere früheren Parteimi tglieder ohne eine einzige Ausnahme noch hundertprozentig zu ihrer Sache stehen, und einer meiner Gewährsmänner berichtete mir stolz, dass er trotz vieler Unannehmlichkeiten bis heute noch nicht den Arm zum Hitlergruss erhoben habe und es auch nicht tun würde, und wenn er es mit noch so langer Arbeitslosigkeit büssen müsste.( Er ist jetzt bereits 4 Jahre erwerbslos und hat Familie) Diese seine Haltung aber sei nicht ohne Wirkung geblieben, nicht nur auf ein persönliches Ansehen bei den Arbeitern als früherer Parteifunktionär, sondern auch weit in die Kreise des Bürgertums hinein. Bürgerliche, die ihn früher keines Blickes würdigten, grüssen ihn heute in zuvorkommender Weise und machen ihn, der noch jung an Jahren, zum Vertrauten ihrer politischen und sonstigen Schmerzen. Ja, selbst Nazis machen davon keine Ausnahme. Von den Arbeitern gar nicht zu reden, die in ihm heute noch ihren geheimen Führer sehen. Mehr als einmal ist er wegen seiner Haltung von den örtlichen Mach thabern vorgeladen und verwarnt worden, u.a. auch bei der letzten Wahl, wo die Nazis ihn für das schlechte Wahlergebnis seines Ortes verantwortlich machen wollten und ihm verboten, in seiner Wohnung Besuche zu empfangen. Das Urteil unserer Genossen über die Lebensdauer der Hitlerei geht beinahe einheitlich dahin, dass bei normalem Ablauf der Dinge mit einer längeren Dauer, also noch einigen Jahren gerechnet werden muss. Sie begründen ihre Ansicht damit, dass sie an eine Gegenbewegung, die ihren Ursprung in geistiger Not( Unterdrückung der Meinungsfreiheit usw.) hat, nicht glauben. Erst ein noch viel stärkerer und langanhaltender wirtschaftlicher Druck, der vor allem die Kreise trifft, die nur auf einen solchen reagieren, könne die Kräfte des Widerstandes stärken und schliesslich auf irgendeiner Basis zur Aktion bringen. Davon könne aber im Augenblicke noch lange nicht die Rede sein, wo immer noch der Hoffnungsfunke auf eine langsame aber schliesslich doch kommende wirtschaftliche Besserung in weiten Kreisen lebendig ist. Jedenfalls müsse man sich auf lange Sicht einstellen, wenn nicht unvorhersehbare Fälle eintreten. 2. Bericht: An eine revolutionäre Erhebung etwa der Arbeiterschaft. oder irgendwelcher anderer Gruppen ist natürlich auf absehbare Zeit nicht zu denken. Der Mittelstand, das Kleinburgertum, die Bauernschaft sind nicht revolutionär, sind es nie gewesen. Der Kleinbürger schimpft und meckert und läuft im gegebenen Falle mit den Stärkeren. Die Schichten, die vom Kirchenstreit und ähnlichen Auseinandersetzungen in Mitleidenschaft gezogen werden, sind nicht breit genur sie sind ohne revolutionäre Kraft. Trotzdem darf man die Bedeutung dieser verschiedenen Streitigkeiten nicht unterschätzen. Sie beschleu A-15nigen die innere Zersetzung und helfen, den Boden lockern... Mit dem fortschreitenden Schwinden der Geltung der Partei vollzieht sich in gleichem Tempo ihre ideologische und organisatorische Zersetzung. Damit wird aber das Fundament des Regimes zermürbt. Freilich ist der Verlauf und die Dauer dieser Entwicklung noch nicht abzusehen. Aber eine langsame und schrittweise Umschichtung und Umwandlung des Systems ist im Gange. Sie wird zu einer Lockerung der Diktatur führen müssen. An einen ewigen Bestand des nationalsozialistischen Regimes glaubt in Deutschland kein Mensch mehr. Und mit diesem Glauben ist für das Regime schon sehr viel verloren gegangen. Die mystische Glorie seiner Unwiderstehlichkeit ist zerstoben. Mit einer erstaunlichen Sicherheit des Gefühls erwartet die revolutionäre Arbeiterschaft den Zusammenbruch des Regimes, ohne dass sie sich von den Erscheinungsformen dieses Zusammenbruchs jetzt schon eine klare Vorstellung machen könnte. 3. Bericht: Bei dem einen und anderen Genossen stellt sich in trüber Stunde auch mal der Gedanke ein: Ist der Sozialismus nicht, nur eine edle Illusion? Sind wir nicht Don Quichote's? Im Hinblick auf die Gleichgültigkeit oder gar Hitlerbegeisterung grosser, ehemals indifferenter Arbeitermassen tauchte wohl auch für Augenblicke die Frage auf: Sind es diese Massen wert, dass sich andere für sie opfern? Genossen, die Oswald Spengler gelesen haben, fragen auch zeitweilig: Hat der Mann mit seiner Untergangslehre nicht doch recht?- Solche zweiflerischen Fragen, geboren in müden Stunden, gehen vornehmlich von Genossen aus, die geistig und ethisch feiner organisiert sind als der Durchschnitt, aus dieser ihrer Veranlagung gegen den Hitlerismus kämpfen und streiten müssen, aber bei ihrer Neigung zum" inneren Gespräch" stärker als die naturhaften Willensund Instinktnaturen zu Enttäuschung sowohl als zum Ueberschwang neigen. Uebrigens betonten sie nach dem Eingeständnis solcher Stimmungen aufs entschiedenste, dass sie mit diesem Defaitismus in der eigenen Brust regelmässig rasch fertig zu werden verstünden. Sie wüssten zu gut, dass für sie die Kampfhaltung gegen den Faschismus und für den Sozialismus das" Gesetz sei, nach dem sie angetreten" und dem sie sich bei noch soviel Skepsis inbezug auf die Massen nicht entziehen könnten. 4) Wehrpflicht und Aussenpolitik. Aus den zahlreichen Berichten, die uns erneut über die Haltung der Bevölkerung zur allgemeinen Wehrpflicht zugegangen sind, greifen wir die folgenden heraus, weil sie geeignet sind, das aus den bisher mitgeteilten Berichten gewonnene Bild zu ergänzen: Ruhrgebiet: Gleich nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sprach man überall vom baldigen Krieg. Die Reaktion auf den Kriegsgedanken ist verschieden. Die einen sagen, auf den Trümmern des alten Reiches werden wir ein neues bauen; die anderen: der Krieg wird nicht zu Ende geführt, sondern mit dem Sturz des Regimes enden, und was dann kommen wird, wissen wir nicht. Es kann aber keine Rede davon sein, dass im Volke Revanche gedanken und Kriegsbegeisterung leben. Man wird zwar mitgehen, aber keineswegs aus innerer A=-16- Begeisterung, Das Vertrauen in Hitler ist noch immer grenzenlos, aber bei seinen aussenpolitischen Reden sieht man nicht ganz klar, ob seine Friedensbeteuerungen ehrlich gemeint sind oder nicht. Kein Mensch kann eigentlich die Bündnispolitik mit Polen verstehen. Man hat sich damit getröstet! dass Deutschland den aussenpolitischen Ring der feindlichen Mächte durchbrechen müsste. Ich hatte in dieser Zeit ein Gespräch mit einem Mittelständler, der mir sagte: "Das wichtigste ist jetzt, dass wir erst einmal Ruhe haben. Alles was Hitler tut, ist ein taktisches Manöver, Früher oder später wird es zum Krieg mit Sowjetrussland kommen und dabei wird Polen an unserer Seite stehen. Deutschland wird in diesen Krieg als der Verteidiger der westlichen Kultur ziehen und das wird Frankreich und England veranlassen, Gewehr bei Fuss zu stehen. Dieser Krieg wird mit der Niederwerfung Russlands enden, wird Deutschland den Ostraum zur Siedlung geben, den es braucht und Polen- ja Polen wird dann eben in der Ukraine entschädigt werden. Aus dieser Vor- Stellung heraus billigt man auch die Erklärungen Hitlers nach Westen z.B. über den Verzicht auf Elsass-Lothringen usw. Alle Pakte und Faktangebote der anderen nimmt man nicht ernst. Man hält sie nur für Instrumente der welschen Hinterlist, mit denen Deutschland eingefangen werden soll. Rheinland-Westfalens Die Einführung der Wehrpflicht hat, so scheint es,"durchaus nicht allgemein Befriedigung ausgelöst. Jedenfalls nicht überall jene Begeisterung, von der bisher die Rede war. Lediglich die Leute in den Kriegervereinen, im Stahlhelm und die Bierbankpolitiker sind begeistert. Sonst erblickt man in der Wiedereinführung der Wehrpflicht nur die Mobilmachung für den Krieg. Oft begegnet man bereits einem erheblichen Katzenjammer. Gerüchte gehen in unheimlicher Menge um. So berichtet uns ein zuverlässiger Mann schreckliche Dinge von neuen, geheimnjsvollen Waffen. Er habe das Gefühl, dass das System planmässig die Gerüchte über die deutsche Waffentechnik, über die chemische Ueberlegenheit und über alle möglichen schrecklichen Erfindungen planmässig verbreite, um so die richtige, zuversichtliche Stimmung vorzubereiten. Von der Wahner Heide erzählt man sich im Volke tolle Dinge über die Geheimnisse dieses Truppenübungsplatzes. Man rechnet mit einer neuen Aktion gegen Oesterreich. Italien würde wahrscheinlich ein Auge zudrücken, weil es ja jetzt in Abessinien gebunden wäre. Man ist überzeugt, dass Hitler den Krieg will und ihn planmässig vorbereitet, dass er ihn nur im Augenblick noch nicht brauchen kann und dass er deshalb auf den günstigen Augenblick wartet. Die Vorgänge in den Randgebieten werden viel diskutiert. Desgleichen die Radiopropaganda des Systems. Man versteht das Ausland nicht, begreift nicht, welche Gründe vorliegen können, die das Ausland an einer planmässigen Abwehr hindern. Man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Republik mit ebensolcher Frechheit wie jetzt Hitler vorgegangen wäre. Vielleicht hätten die damaligen Regierungen dann auch grössere Erfolge gehabt und so Hitler das Wasser abgraben und Deutschland und die Welt vor dem Unglück des jetzigen Regimes bewahren können. Südwestdeutschland; 1. Bericht: Gegenüber unseren Mitteilungen im letzten Bericht hat sich nunmehr bezüglich der Wehrpflicht eine etwas mehr gefasstere Einstellung unter der Gesamtbevölkerung heraus- A-i?- gebildet. In weitesten Teilen der Bevölkerung betrachtet man die Einführung der Wehrpflicht als einen Fortschritt, der wohl das Verschwinden der braunen Uniform in der Oeffentlichkeit zur Folge haben werde. Man sieht im Reichsheer doch eine grössere Sicherheit als in der braunen Bande, wohl auch in dem Gefühl, dass das Reichsheer nicht so stark parteimässig gebunden ist wie das Hitlersche Parteibonzenheer. Man folgert daraus ganz allgemein, dass sich das Schwergewicht mehr denn je zur Reichswehr verlagert. 2. Bericht: Allgemein heisst es:"Hinen Krieg wollen wir nicht. Was wir tun, das ist nur Schutz vor den Anderen." Kenntnis von der wahren Stimmung des französischen und englischen Volkes haben die Leute nicht im geringsten. Es werden darum die Kriegsrüstungen als eine ziemliche Selbstverständlichkeit angenommen. Selbst bis in die Kreise der heute noch festgebliebenen Sozialdemokraten ist diese Auffassung verbreitet. Man weist hier anhand von Einzelfällen darauf hin, dass das deutsche Volk in den letzten Jahren im Verzicht auf Waffen bis an die äusserste Grenze gegangen wäre und einen Friedenswillen gezeigt hätte, wie keine andere Nation. Von keiner anderen Nation sei dieser Friedenswillen erwidert worden. Nur der starre Wille des Auslandes habe diesen Zustand in Deutschland hervorgerufen. Die sozialistische Internationale habe versagt und während in Deutschland der Verzicht auf die Rüstung hochgehalten worden wäre, hätten die Bruderparteien des Auslandes nichts durchgesetzt, das den Friedenswillen in Deutschland hätte stützen können. Sachsen: Ein Beispiel für die Aufnahme der allgemeinen Wehr- Pflicht: Auf einem Wagen der Dresdner Strassenbahn unterhielten sich in meiner Gegenwart zwei uniformierte Strassenbahner über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Ohne jede Rücksicht auf mich brachten die beiden Beamten ihr Missfallen in drastischer Weise zum Ausdruck: Der eine sagte etwa:"Mit uns genn'se geen Blumtopp gewinn. Mir harn unsre 3 Jahre im Krieg weg, jetzt genn die andern emal hingehn." Die Auffassung unserer Genossen über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht geht dahin, dass eine Armee, die auf der allgemeinen Wehrpflicht beruht, doch keinen ebenso sichere Waffe im Bürgerkrieg ist wie eine reine Söldnertruppe. Eine Söldnertruppe wird in jeder Situation den Befehlen der Führung folgen. Bei einem Volksheer kann es aber Situationen geben, in denen die Truppe nicht dazu bereit ist. Der Kirchenkampf ist seit einigen Monaten in ein neues Stadium getreten. Waren es früher die Deutschen Christen und der Streit im evangelischen Lager, der im Mittelpunkt des Interesses stand, so hat sich seit langem das Schwergewicht der Auseinandersetzungen zu der neuheidnischen Deutschen Glaubensbewegung und der katholischen Kirche verlagert. Wahrend die Kirchenpartei des Reichsbischofs, die Deutschen Christen, organisatorisch zerfällt und zur Bedeutungslosigkeit herabsinkt= ihre entschiedensten radikalen Vorkämpfer wie Hossenfelder und Loerzer haben sie inzwischen verlassen= entfaltet die Deutsche Glaubensbewegung des Professors Hauer eine wachsende Aktivität, die sich vor allem in grossen Versammlungsdemonstrationen in Berlin und anderen grossen Städten äussert. Während im evangelischen Lager die Entwicklung einem Kompromiss zwischen der Bekenntniskirche und dem System zuzutreiben scheint, spitzt sich der Kampf zwischen der katholischen Kirche und der Staatsmacht immer mehr zu. Das System arbeitet im Kirchenkampf mit Verboten und Verhaftungen, mit der Erleichterung des Fernbleibens vom Religionsunterricht und mit finanziellen Schikanen und Drohungen. Anfang März wurde durch einen Erlass des Reichskulturministers eine allgemeine Senkung der Kirchensteuer um 20% angeordnet und diese Massnahme mit der Ertragssteigerung der Einkommen- und Lohnsteuer begründet, die die Berechnungsgrundlagen für die Kirchensteuerzuschläge sind. Ende März fielen in Baden die staatlichen Sonderzuschüsse für die Besoldung der Geistlichen beider Konfessionen weg und man entschuldigte diese Massnahme mit der ohnehin im Gesetz von vornherein vorgesehenen zeitlichen Begrenzung.(Es handelte sich um eine Summe von über 1 Million Mark jährlich, für ein Land von noch nicht 2 1/2 Millionen Einwohnern ein ansehnlicher Betrag) Schliesslich hat vor kurzem Friek auf dem thüringischen Gautag der NSDAP offen mit der Trennung von Staat und Kirche und damit mit der Entziehung der staatlichen Zuwendungen gedroht. Diese Zuwendungen haben für beide Bekenntnisse im ganzen Reich(nach der Reichsfinanzstatistik) im Rechnungsjahr 1929/30 rund 153 Millionen, 1931/32 noch rund 135 Millionen betragen, davon A-19entfielen allein auf Bayern 38 bezw. 34 Millionen. Diese Zahlen erhellen die Bedeutung, die die Drohung Fricks für die Kirchen hat. Die Verwirklichung dieser Drohung müsste vor allem die evangelische Kirche ausserordentlich hart treffen. Aber auch für die katholische Kirche wäre es ein schwerer Schlag und sie scheint in Bayern schon jetzt Anstalten zu treffen, um ihm einigermassen zu begegnen. 1) Aus der katholischen Kirche. Der Kampf des Systems gegen die katholische Kirche ist vor allem ein Kampf um die Jugend. Das System verbietet der Kirche, konfessionelle Veranstaltungen ausserhalb der Gotteshäuser durchzuführen( so in Baden und Württemberg), es untersagt der katholischen Jugend das Tragen einheitlicher Kleidung und die Sportausübung( in Baden, Württemberg, Sachsen und Unterfranken). Die Vorfälle in Hamm und Kreuznach, wo die Hitler- Jugend mit den rüdesten Mitteln versucht hat, katholische kirchliche Jugendveranstaltungen in Gegenwart höchster kirchlicher Würdenträger unmöglich zu machen, zei- gen ebenso wie die Devisenprozesse und die Verbote der Fronleichnamsprozessionen, mit welcher Brutalität das System diesen Kampf führt. Andererseits beweist der Protest des Bischofs von Münster gegen das Auftreten Rosenbergs auf dem Gautag der NSDAP Westfalen- Nord, dass die Kirche zu entschlossener Gegenwehr greift. Die Schärfe und Erbitterung, mit der dieser Kampf neuerdings geführt wird, spiegelt sich in den nachfolgen den Berichten: Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: In Münster wollte die Deutsche Glaubensbewegung vor einigen Wochen mit Professor Hauer eine grosse Kundgebung in der Münsterlandhalle durchführen. Am Bahnhof war ein Sonnenrad als Willkommensgruss aufgestellt. Vor dem Bahnhof und in den anliegenden Strassen stand eine vieltausendköpfige Menschenmenge, die auf ihre Art den Führer des neudeutschen Heidentums begrüssen wollte. Beim Erscheinen Hauers vor dem Bahnhof sangen die in übergrosser Mehrheit anwesenden Katholiken" Grosser Gott wir loben Dich", die weniger stark vertretenen Protestanten, unterstützt von Katholiken" Ein feste Burg ist unser Gott". In diesem Gesang trat keine Unterbrechung ein. Das Auto Hauers wurde von der riesigen Menschenmenge bis zur Münsterlandhalle begleitet. Tausende gingen vor dem Wagen und liessen trotz der Bemühungen von Polizeioffizieren und SS- Gruppen nicht zu, dass das Auto aus dem Schrittempo kam. Vor der Münsterlandhalle standen auch noch Tausende, die in den Gesang einfielen. Polizei und SS sind gegen das Massenaufgebot der Kirchlichen ohnmächtig. Mit Mühe kann Hauer unter starker Polizeibegleitung in die Halle gelangen, die bis auf den letzten Platz gefüllt ist zu mindestens zwei Drittel von A-20Katholiken und Protestanten. Auch hier wird er mit" Grosser Gott wir loben Di ch" und" Ein feste Burg ist unser Gott" empfangen. Eine Stunde tobt der Sängerkrieg- und Hauer muss, ohne ein Wort gesprochen zu haben, nach hinten die Halle mit seinem Schutz verlassen. Die ganze Stadt ist im Fieber. Alles bangt um den Bischof, Graf von Galen. Schon früh am Morgen stehen am nächsten Tag wieder Tausende vor dem bischöflichen Palais. Es ist keine falsche Kalkulation. Polizei mit mehreren höheren Offizieren und SS fährt mit Hauer vor und verschwindet im Palais des Bischofs Clemens August ( Graf von Galen). Der Bischof wird für die Demonstration der Gläubigen verantwortlich gemacht und soll verhaftet werden. Nach einer kurzen Erlaubnis, sich zur Verhaftung anzukleiden, erscheint Clemens August im Bischofsornat, mit Bischofshut und Bischofsstab. Die Polizei erklärt, ihn so doch nicht verhaften zu können. Clemens August besteht auf der Verhaftung in seiner Bischofswürde, da er stets nur als Bischof sich verantworten könne. Die Exekutive verlässt darauf ohne den Bischof das Palais, während der Bischof im vollen Ornat zu der Menge hinausgeht und ihr von der Frei treppe zuspricht. Er ermahnt die Menge, stets im Glauben festzustehen wie in diesen Stunden und wie er ohne Wanken feststehen. Dem Staat was des Staates ist, aber unseren Glauben Gott. Keiner habe nötig, sich um seinen Bischof zu sorgen, allein Gott. Ich werde und bin nicht verhaftet aber auch ohne den Bischof müsst ihr, wenn es sein muss, unerschüttert für euren Glauben eintreten. Die Menge singt einen Choral und geht in Ruhe auseinander. 20 In Meckinghoven( Westfalen) wurde von der Hitlerjugend vor einigen Wochen der Gottesdienst der Katholiken durch Eindringen in die Kirche gestört. In der ganzen Gegend ist darüber hellste Empörung. In Stadtlohn kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen der Hitlerjugend und der katholischen Jugend. Die Hitlerjugend sang bei ihrer Demonstration in der Werbewoche heidnische und höhnische antikatholische Lieder. Die katholische Jugend antwortete mit Chorälen. Eine blutige Schlägerei veranlasste die Polizei zum Einschreiten. Verhaftungen erfolgten nicht. 2. Bericht: Im Ruhrgebiet ist der Kirchenbesuch besser als je. Die sogenannten Mai- Andachten waren jeden Abend voll und es gingen keineswegs nur Kleinbürger in die Kirche, sondern auch Proleten. Die Haltung der Pfarrer ist nicht einheitlich. Ein grosser Teil versteht es sehr geschickt, Pfeile gegen das System abzuschiessen. Indem sie gegen Schirachs und Rosenbergs" Dunkelmänner" zu Felde ziehen, üben sie indirekte Kritik am Regime selbst. Wenn man mit politisch geschulten Katholiken, etwa dem Präses eines Gesellenvereins, oder dem Führer einer katholischen Jungschar spricht, so werden sie sehr bald ausserordentlich kritisch gegen das Regime. Auch in den Betrieben nehmen die Arbeiter immer wieder die Kirchenfrage als Ausgangspunkt für politische Debatten, in die sie dann auch kritische Bemerkungen über die Löhne, die Arbeitsfront usw. einflechten. Andererseits benutzen jetzt die Nationalsozialisten, die in allen Betrieben zweifellos an Boden verloren haben, die Devisenprozesse der katholischen Schwestern, um einen Teil des Bodens zurückzuerobern. Die Katholiken räumen bei diesen Diskussionen ein, dass sich die katholischen Schwestern zweifellos gegen das Gesetz vergangen hätten, aber man müsste doch auch die Bedürfnisse der katholischen Orden verstehen, die im Ausland ihre Missionen hätten usw. Ein Katholik brachte noch A-21folgendes Argument vor: Bismarck hat schliesslich auch einmal den Welfenschatz geklaut, und wenn unsere Leute jetzt einen Teil des Ordensvermögens verschieben, so ist das nur ein Racheakt dafür. Die politisch geschulten Kreise unter den Katholiken, deren Umfang man nicht überschätzen darf, sind grundsätzliche Gegner des Regimes, sie treiben vielerlei mündliche Zersetzungsarbeit. Was den Separatismus angeht, so kann man sagen, dass die breite katholische Masse ohne weiteres bereit wäre, einer separatistischen Parole zu folgen, wenn sie von den Bischöfen ausgegeben würde. Was die Bischöfe sagen, macht das Volk. Auch die Jugend, soweit sie noch von den Jungmännervereinen erfasst wird, würde keine Ausnahme machen, eher schon das Bürgertum. Imbusch hat bei den Ruhrbergarbeitern immer noch starke Sympathie Es hat niemanden gegeben, der ihm seine Emigration verdacht hätte. Den katholischen Jugendverbänden ist es zwar streng verboten, sich in irgend einer uniformähnlichen, einheitlichen Kleidung zu zeigen. Trotzdem setzen sich immer wieder Gruppen über dieses Verbot hinweg. Zu Pfingsten konnte man verschiedene Gruppen ohne Wimpel, aber mit einheitlicher Kleidung sehen. In der Nähe einer kleinen Stadt im Sauerland hat sich drei Wochen vor Pfingsten folgendes ereignet: Eine Gruppe der Jungschar wurde auf zwei Lastwa gen in die Stadt transportiert, um dort an irgend einer kirchlichen Feier teilzunehmen. Die Gruppen trugen einheitliche uniformähnliche Kleidung. Auf dem Rückweg sperrte die Land jägerei die Strasse und zog den Jungen die Uniform aus. Sie mussten ohne ihre Uniformhemden nach Hause fahren. Die Behandlung der Rompilger hat in katholischen Kreisen des Ruhrgebiets grosse Empörung ausgelöst. Die Pilger wurden an der deutschen Grenze bei Basel stundenlang festgehalten und aufs genaueste untersucht. Die Reden, die der Papst in der letzten Zeit gehalten hat und in denen de utliche Spitzen gegen das Regime enthalten waren, fanden starke Beachtung. Der Einfluss des Papstes, der Bischöfe und des Klerus überhaupt ist noch immer ausserordentlich gross. Für Rom würden die Leute ganz Berlin in Brand stecken. 3. Bericht: Bei uns und auch im Rheinland flüchtet sich mehr und mehr die Opposition in die Kirchen und die Kirchenblätter haben durchaus recht, wenn sie behaupten, dass die Zahl der Kirchenbesucher ständig steigt. Die Fanatiker im Kirchenstreit haben dieses Kunststück fertiggebracht. Bei besonders guten Predigern sind die Kirchen überall gerammelt voll und oft stehen die Massen auf den Strassen. Dass gelegentlich aber auch sozialistische Gegner des Systems, insbesondere frühere Freidenker, im Kirchenstreit keineswegs auf der Seite der Kirche stehen, zeigt folgender Bericht aus Köln: " Es gehört unendlich viel dazu, den Nazis die Stiefel zu lecken, wenn man dauernd Fusstritte bekommt. Das tun aber die Kirchenfürsten. Man sperrt Mönche und Ordensschwestern ein, beschlagnahmt Korrespondenzen und Geld, schikaniert die Kirche und ihre Anhänger, wo man nur kann, und kündigt sogar an, dass noch schärfere Massnahmen gegen die Kirche ergriffen werden sollen, wenn man nicht kuscht. Was aber tut die Kirche, was tun die hohen Geistlichen? Sie veranstalten gemeinsam mit den Gläubigen Gebete für den" Führer" und versuchen immer wieder, in einen gewissen Kontakt mit den Nazis zu kommen. Kein Wunder, wenn viele Soziali sten dem ganzen Getue der Geistlichen keine Bedeutung mehr bei A-22- legen. Sie sagen, es sei ja gar nicht wahr, dass die Kirche sich ernstlich auflehne. Man benehme sich geradezu würdelos, längst seien die Kirchenfürsten und die übrigen Geistlichen bis auf wenige Ausnahmen zahn. Infolge dieser Entwicklung findet man bei ehemaligen eingeschworenen Kirchengegnern aus sozialistischen Kreisen Genugtuung darüber, dass jetzt die katholische Kirche das bekommt, was das Zentrum wegen seiner erpresserischen Politik von ehemals reichlich verdient hat. Die Reden in den Versammlungen der D.G.B, wirken in manchen Kreisen der ehemaligen Freidenker so, dass sie meinten, sie seien in die Zeit vor 30 Jahren rückversetzt, wo der"Pfaffenspiegel" Aufsehen erregte." Wie gesagt, das sind Stimmungen, die ihren Boden finden, in den sich ständig steigernden äusseren Erfolgen der Deutschen Glaubensbewegung im Westen. Die Versammlungen der DGB werden immer besser besucht. In Aachen z.B. fand eine Versammlung statt, die riesig besucht war; wohlgemerkt im absolut katholischen Aachen. Nach Meinung der Katholiken waren die Reden eine"Kette von Gotteslästerungen." So etwas sei in einer Stadt wie Aachen noch nicht gesprochen worden. Es seien das deutsche Episkopat, der Papst, die katholischen und evangelischen Geistlichen und der christliche Kult beleidigt worden. Südbayern, I.Bericht: An den Mittelschulen sind die antiklerikalen Strömungen besonders ausgeprägt. Ein Gedicht, das dort unter der Hitlerjugend verteilt wurde, hat folgenden Wortlaut: Der Herbstwind weht übers Stoppelfeld und weht über Aecker und Brache, ein neues Jahrtausend beginnt in der Welt, du schlafendes Deutsc'land erwache. Der Papst sitzt i Rom auf seidenem Thron es hocken bei uns seine Pfaffen. Was hat einer deutschen Mutter Sohn mit Papst und Pfaffen zu schaffen? Man hat unsere Ahnen als Ketzer verbrannt der streitbaren Kirche zu Ehren, in Asiens Wüste, im deutschen Land verblutete deutsche Wehre. Rot floss die Aller vom Sachsenblut, die Stedinger wurden erschlagen, als Ablass wurde der Bauern Gut von Mönchen ins Welschland getragen. Die Zeit verging, doch der Pfaffe blieb, dem Volke die Seele zu rauben, und ob ers römisch, lutherisch trieb, er lehrte jüdischen Glauben. Die Zeit des Kreuzes ist nun vorbei, das Sonnenrad will sich erheben, so werden mit Gott wir endlich frei dem Volke die Ehre zu geben. A-23Wir brauchen zum Himmel die Mittler nicht, es leuchten ja Sonne und Sterne, und Blut und Schwert und Sonnenrad sind Kämpfer in jeglicher Ferne. Der Herbstwind weht übers Stoppelfeld und weht über Aecker und Brache, ein neues Jahrtausend beginnt in der Welt, du schlafendes Deutschland erwache! Die andauernden und immer agressiver werdenden Katholikenverfolgungen bringen eine zunehmende Radikalisierung der jungkatholischen Zirkel mit sich. An einzelnen Orten sind schon illegale katholische Flugschriften erschienen, die in Deutschland unterdrückte Reden geistlicher Würdenträger und ausländische Pressestimmen, mitunter auch Darstellungen von Ueberfällen auf Katholiken u.a. widergeben. Die Schwäche dieser schüchternen Versuche, eine politisch- katholische Bewegung zu organisieren, liegt in dem Mangel an geeigneten Kadern. In der letzten Zeit sind Vertreter solcher Zirkel wiederholt an unsere Genossen herangetreten mit dem Ersuchen, ihnen die bei uns gemachten Erfahrungen in der illegalen Arbeit bekannt zugeben. Während der Münchner Fronleichnamprozession, die heuer einen mächtigen Besuch aufzuweisen hatte, wurden Streuzettel geworfen, die den Text trugen:" Christus unser Führer!". Die Sammlung des Charitasverbandes wurde, wie bekannt, während der Sammelaktion verboten. In Wasserburg z.B. hat man die Sammlung beenden lassen und dann die gefüllten Büchsen beschlagnahmt. Die Erregung über das gemeine Vorgehen der Nazis ist in den katholischen Kreisen aufs höchste gestiegen. In einzelnen kleineren Orten der Provinz kam es zwischen Nazis und Katholiken zu kleinen Streitigkeiten. Besonders gereizt wurde die katholische Bevölkerung auch dadurch, dass man gerade am Tage vor der Sammlung in der Presse die Verhandlung der wegen Devisenschmuggels angeklagten Ordensschwester publizierte. 2. Bericht: Der Verleger des" Straubinger Tagblattes", Kommerzichrat Huber, wurde beschuldigt, in vertraulichem Kreise folgende Aeusserung getan zu haben: " Die jetzigen Verhältnisse können sich nicht halten. Das Ausland macht die grössten Schwierigkeiten; wir gehen schlechten Zeiten entgegen. Das Volk weiss gar nicht, wie schlecht es um uns steht. Wir leben in einem förmlichen Trancezustand." Diese Anschuldigung genügte den Nazis, um eine wilde Hetze gegen den Katholizismus zu entfachen. Das" Straubinger Tagblatt" war als Organ der Bayerischen Volkspartei früher das weitverbreitetste Blatt von Straubing und Umgebung. Die Nazis benützen diese" politische Verfehlung" des Verlegers, um sich ein weiteres Blatt anzueignen. In aller Eile wurde die Bevölkerung zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Die Flugzettel hatten folgenden Wortlaut: $§ " Heute abends 7 Uhr am Stadtplatz Massenkundgebung Eine infame Beleidigung des nationalsozialistischen Volkes! Der schwarze Feind hat sich demaskiert! Wir rechnen ab! Alles heraus! Alles heraus! Die Kreisleitung. Huber wurde auf einer Geschäftsreise in München verhaftet. 3. Bericht: Die SA hatte hier mit einer Tegernseeer Theatergesellschaft einen Vertrag abgeschlossen, wonach diese am Palmsonntag in zwei hiesigen Gasthöfen je ein Stück(Die Kreutzelschreiber und die Liebesbeichte) spielen sollten. Die Folge war, dass die Geistlichen sehr aufgebracht waren und dem Volke von der Kanzel herunter verkündeten: Wer in die Theater geht, hat keinen Funken Christentum im Leibe. Die Wirte gaben ihre Säle nicht her, worauf diese beschlagnahmt wurden. Die Vor� Stellungen fanden statt und waren beide gut besucht. Heute früh als die Leute in die Kapelle wollten, war sie versperrt; ebenso die Bruder Konrad-Kirche. Gestern nachmittag war eine grosse Prozession von der Pfarrkirche zur Basilika. Nordbayern, 1. Bericht: Man gibt sich in klerikalen Kreisen keiner Tauschung darüber hin, dass das grosse Erstarken der katholischen Propaganda, die enorme Beteiligung an den Prozessionen nicht zuletzt auch politische Gründe hat und dass die Massen von der Kirche mehr erwarten, als bis jetzt geschehen ist. Die feste Haltung des Kardinals Faulhaber und des Würzburger Bischofes Ehrenfried wirkt sich in diesen Städten, besonders in München aus. Obwohl in München in einigen Versammlungen Mord drohungen gegen den Kardinal, ausgestossen worden sind, getraut man sich doch nicht, ähnliche Ueberfälle in Kirchen wie am Rhein zu machen. Die in München beobachtete Annäherung der Reichswehr an katholische Veranstaltungen, andererseits der wütende kläffende Ton der Nazis gegen Kirche und Faulhaber, dem aber doch im Gegensatz zu Norddeutschland keine Tateu folgen, zeigen, dass in Bayern sich der Widerstand gegen das Dritte Reich am meisten zu formen beginnt. Der Widerstand des politischen Katholizismus beschränkt sich in Bayern auf die Jugendverbände und die Katholische Aktion. Die früheren christlichen Gewerkschaften und Bauernvereine haben keine illegalen Kaders. Jene Vereinigungen sind religiös leicht zu tarnen. Eine grosse Rolle bei den Jugendverbänden spielt der Prinz Friedrich Christian von Sachsen, dessen Aufruf sogar in den Hirtenbrief des Bamberger Erzbischofs aufgenommen wurde. Dieser Wettiner, Sohn des letzten Königs von Sachsen und nach dem Verzicht seines geistlichen Bruders Georg, das Haupt der Wettiner Familie, lebt in Bamberg und ist mit einer Tochter des bayerischen Fürsten von Thum und Taxis verheiratet. Diese Daten sind wichtig, da dieser Wettiner bei A-25den konservativen monarchistischen Kreisen als eine Persönlichkeit gilt, deren Abstammung, Verbindung und Ergebenheit gegen die Kirche ihn zu monarchistischen oder präsidialen Zwecken prädestinieren.( Rupprecht v. Wittelsbachs Popularität war nie gross. Die kirchlichen Kreise haben ihm das böse Wort von 1902: " Wenn ich dran komme, haben die Pfaffen nichts zu lachen" nie vergessen. Seine ganz einseitig militärische Einstellung, später sein einseitiges Stützen auf den Stahlhelm und den protestantischen Adel Frankens, sein Versagen im Jahre 1923, als die Kreise. Heim- Schäffer- Hundhauser- Meixner zur bayerischen Aktivität drängten, haben seine Position verschlechtert.) Der bayerische Partikularismus, der ja nie ganz tot war, sollte durch die Aktion vom 30. Juni 1934 erledigt werden. Er lebt fort in erster Linie in der katholischen Kirche. Bei einem Zusammenbruch der hitlerschen Katastrophenpolitik sieht man in Deutschland eine Konkursmasse und man will wenigstens für Bayern retten, was noch zu retten ist. An ein sofortiges Wiedererstehen des Zentrums, der Bayerischen Volkspartei denkt man in klerikalen Kreisen nicht. Unausgesprochen schwebt den klerikal- partikularistischen Kreisen so etwas wie der österreichische Klerofaschismus, etwa eine Kollektiv partei aller Nazigegner vor. In der katholischen Kirche besteht eine starke Sorge, dass die Regierung ihre Drohung ernst machen und die Trennung von Staat und Kirche durchführen könnte. In den bischöflichen Finanzämtern ist man zurzeit damit beschäftigt, die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Kirche einer genauen Nachprüfung zu unterziehen und die Verwaltung zu zentralisieren, um sich auf diese Weise auf die finanziellen Folgen einer solchen Trennung vorzubereiten. Eine solche Trennung von Kirche und Staat würde insbesondere für die bayerische Kirche ausserordentlich fühlbar sein. In Bayern haben die Staatszuschüsse für die beiden Konfessionen vor dem Kriege 6,5 Millionen Mark jährlich betragen, 1929 dagegen 36 Millionen, während das fünf mal grössere Preussen nur 80 Millionen dafür aufwendete. Seit 1929 sind wiederholt Kürzungen der bayeri schen Staatszuschüsse vorgenommen worden. Immerhin wird man heute noch mit einem jährlichen Zuschuss von 25 bis 26 Millionen rechnen können. Würde dieser Zuschuss wegfallen, so wäre das ein empfindlicher Schlag für die katholische Kirche. Denn es ist natürlich fraglich, ob die Steuerfähigkeit und Opferwilligkeit des Kirchenvolkes ausreicht, um diesen Ausfall wettzumachen. Die Kirche fürchtet daher, dass in Deutschland ein ähnlicher Zustand eintreten könnte, wie er in Frankreich besteht, wo die Einkommensverhältnisse des niederen Klerus sehr viel geringer sind als in Deutschland. Aus diesen Zusammenhängern erklärt sich auch die schwankende Haltung der katholischen Kirche. 2. Bericht: Die katholische Kirchenverwaltung Nördlingen hat die Erhebung des Kirchengeldes beschlossen. Dieses Kirchengeld ist dazu bestimmt, die Ausfälle, die infolge der Neuregelung der Kirchensteuererhebung entstehen, zu decken und auch die neuen Lasten zu bestreiten, die der bayerische Staat den Kirchengemeinder zur Entlastung des Staatshaushaltes aufgebürdet hat. Es wird neben der allgemeinen Kirchensteuer mit einem festen Satz von 3 Mark von allen über 21 Jahre alten Bekenntnisgenossen erhoben, A-26die ein eigenes Einkommen haben. Als eigenes Einkommen COP es braucht die einkommensteuerpflichtige Grenze nicht zu erreichen gilt hier auch der Unterhalt der Haussöhne und Haustöchter im Geschäft oder Betrieb der Eltern. Auch Handwerksgehilfen, Dienstmädchen usw. sind kirchengeldpflichtig. 3. Bericht: Die hohen Strafen gegen Ordensschwestern und-brüder wegen Devisenschmuggel haben in katholischen Kreisen sehr erbitternd gewirkt, aber sie haben die ehemaligen Anhänger der Bayeri schen Volkspartei keineswegs hoffnungslos gemacht. Im Gegenteil, sie sind der Auffassung, dass diese Vorgänge der beste Beweis dafür sind, wie schlecht es um die ganze Hitlerei steht. Die Leute sagen so: Was sie den Roten genommen haben, ist schon verpulvert, jetzt nehmen sie es uns und dann müssen sie die Kapitalisten angreifen und das ist ihr Ende." Bei den Sammlungen für die christliche Charitas hat das Volk überall weit mehr gegeben als bei den Sammlungen, die die Nazis durchführen. In dem kleinen Städtchen Rötz( 1.290 Einwohner) wurden an einem Tage für die Charitas 504 Mark gesammelt. Alle Bevölkerungskreise gaben für die Charitassammlungen, auch solche, die in normalen Zeiten für diese Zwecke nichts gegeben hätten. In Sulzbach i.Oberpfalz( Bezirks at an der Bahnlinie Amberg- Nürnberg) hatte der Nazi bürgermeister Arendt die katholische Fronleichnamsprozession verboten. Das katholische Stadtpfarramt wandte sich an den Garnisonkommandanten der Reichswehr. Das Garnisonkommando erklärte dem Bürgermeister, dass die Prozession stattzufinden habe, wenn er dagegen Einwendungen machen wolle, werde man gegen ihn in München Schritte unternehmen. Die Fronleichnamsprozession fand dann auch statt unter starker Beteiligung der Reichswehr. Jedermann hatte das Bewusstsein, dass diese starke Beteiligung der Reichswehr nicht als religiöse Handlung der Soldaten zu bewerten ist, sondern als polizeilicher Schutz der Prozession. In Vohenstrauss war vor einiger Zeit eine Missionsgesellschaft da. Ein Missionar eröffnete seine Predigt mit folgender Aufforderung:" Bevor ich meine Predigt beginne, fordere ich die Stenographen auf, sofort aus dem katholischen Gotteshause zu verschwinden. Was ich predige, verantworte ich. Mögen die braunen Kolonnen kommen und mich von der Kanzel weg verhaften, ein Zweiter wird sie besteigen und dasselbe predigen wie ich, denn wir predigen die Wahrheit und sie wird siegen." Die Missionspater hatten natürlich einen Zulauf, wie er noch nie zu verzeichnen war. Ein sehr geschickter Pfarrer, der in seinen Predigten immer schöne Gleichnisse bringt, ist der Pfarrer X. in Y. In einer seiner Predigten hat er z.B. folgendes erzählt:" Als Napoleon Bonaparte auf dem Gipfel seiner Macht stand, war er für das ganze europäische Festland der mächtigste Herr und Gebieter. Da gab es auch Leute, die an Napoleon herantraten und ihm sagten, er sei doch so mächtig, es solle doch auch eine neue Religion gründen, der sicher alles zuget an sein würde. Napoleon aber war nicht nur ein mächtiger Mann, er war auch in Vielen ein gescheiter Mann. Darum habe er das Anerbieten, eine neue Religion zu gründen, mit folgender Begründung abgelehnt: erstens müsste ich mich kreuzigen lassen, das A-27aber will ich nicht und zweitens müsste ich von den Toten auferstehen, das aber kann ich nicht!"- Zufriedenes Schmunzeln auf allen Gesichtern der andächtig Zuhörenden. Der Pfarrer gab diesen Sätzen keinerlei weitere Auslegung. Südwestdeutschland, 1. Bericht: Zurzeit spielen sich in Baden und Württemberg schwere Kämpfe zwischen der katholischen Jugendbewegung und den Nazimachthabern ab. Die Nazipresse ist voll von massivsten Angriffen gegen die" schwarzen Unruhestifer". In Radolfzell wurden Mitte Juni drei Mitglieder katholischer Jugendorganisationen in Schutzhaft genommen" wegen grober Beschimpfung und Schmähung" und schliesslich tätlicher Angriffe gegen Mitglieder der H.J. Darauf wurde von der H. J. eine" Protestkundgebung" veranstaltet, auf der der Gebietsführer Kemper sprach. Diese Demonstration, die als eine spontane Demonstration der angeblich empörten Radolfzeller hingestellt wird, war natürlich auf die gleiche Art gemacht, wie die übrigen Demonstrationen im Reich, wenn man missliebig gewordene Bürger vonseiten der Nazis um die Ecke bringen will. Dafür folgender Beweis: In Singen a.H. wurde am Demonstration stag die Hitlerjugend durch Kuriere aufgefordert, mit samt der Musik um 19 Uhr beim" Adler" zu sein. Dort standen dann für diese" spontane Demonstration" fürsorglich Lastwagen bereit, die die Singener Nazi jugend zur spontanen Demonstration nach dem benachbarten Radolfzell brachten, um mit den übrigen, aus der gesamten Nachbarschaft ebenso spontan herbeigefahrenen Nazijugend zu demonstrieren. Anlässlich der Devisenprozesse schrieb das Mannheimer" Hakenkreuzbanner"( vom 30.Mai): " Neben ihnen( den" Verbrechern") stehen aber, unsichtbar zwar, aber darum ebenso verdammenswert, jene Menschen, die aus falscher Einsicht oder böswilliger Verführung heraus sich zu Verteidigern der Schieberinnen machen und die damit den Rechtsspruch der deutschen Justiz unterhöhlen, jene Menschen, die durch ihr Abrücken von uns bewiesen haben, dass ihnen der Eigennutz einzelner kirchlicher Organisationen vor dem Gemeinnutz des Volkes steht. Damit aber sind sie selbst zu Verbrechern am Dritten Reich geworden. Wir kennen sie alle, mit Namen, Stand und Anschrift. Und wir behalten uns das Recht vor, sie ausgeschrieben und in Fettdruck in den Spalten unserer Zeitung anzuprangern, damit die Mannheimer Bevölkerung sehen mag, wo ihre wahren Feinde sitzen. Wir behalten uns weiterhin das Recht vor, die Namen dieser Menschen, denen der Ehrentitel Volksgenosse abzusprechen ist, den massgebenden Stellen bekannt zu geben.... Das sei unsere letzte, aber auch unsere allerletzte Warnung!" 2.Bericht:( Pfalz) In den beiden Kirchen von Pirmasens wurden in letzter Zeit" nicht wiederzugebende Verunreinigungen" und mutwillige Zerstörungen festgestellt. An den Betnischen und Altären wurden die Kerzenhalter zerstört, ebenso Blumen und Töpfe, aus den Beicht stühlen wurden Teppiche und Stolas herausgenommen und an andere Plätze gelegt. Am Schluss wurde alles verunreinigt. Die Täter sind festgestellt, aber ihre Namen werden nicht bekannt A-28gegeben, weil es sich um Mitglieder des Bundes Deutscher Mädchen ( BAM) handelt, die ihre Respektlosigkeit gegenüber den kirchlichen Einrichtungen so zum Ausdruck gebracht haben, wie es sie gelehrt wurde. Es wird eine exemplarische Bestrafung angekündigt, aber wenn dies wirklich geschieht, tut man den im BdM verdorbenen Kindern unrecht. Die Verderber müssten an den Pranger. Der bayerische Katholizismus hat früher einen wütenden Kampf geführt gegen die sozialistischen Kinderfreunde, obwohl solche Dinge nie vorgekommen sind. Sachsen, 1.Bericht: Seit etwa einem halben Jahr hält der frühere sächsische Kronprinz Georg, der katholischer Geistlicher geworden ist, in der Dresdner Hofkirche Predigten, die sich in sehr auffallender Weise und sehr ausführlich mit dem nationalsozialistischen Kulturprogramm auseinandersetzen. Vor allem behandelt er die beiden Gebote:" Du sollst nicht töten" und" Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" und führt die Unterschiede immer wieder vor Augen. Die Kirche ist infolgedessen stets überfüllt. Der Religionsunterricht beginnt mit dem dritten Schul jahr, doch ist es nicht mehr Pflicht, die Kinder zum Religionsunterricht zu schicken. Beim Anmelden der Kinder zur Schule wird jetzt nicht mehr wie noch vor kurzem verlangt, dass das Kind getauft sein muss. 2. Bericht: Es ist gerade Charitas- Sammlung. Gesammelt wird von katholischen Schwestern in Tracht, von Zivilpersonen, aber auch von Hitler jugend in Uniform. Die Sammlung steht unter der Devise: " Tut Gutes allen!" Zufällig( oder nicht zufällig) sind am selben Tage die Berichte über die hohen Strafen gegen katholische Ordensschwestern wegen Devisenvergehens in den Zeitungen dick aufgemacht auf der ersten Seite zu lesen. Der" Völkische Beobachter" hat nicht nur auf der ersten Seite mit grossen Ueberschriften einen ausführlichen Bericht über diesen Prozess, sondern unter anderem auch einen Artikel:" Die Charitas ohne Maske". Die Aufmachung des Artikels zeigt, dass man die Charitas- Sammlung, die staatlich genehmigt ist und zum Teil von H.J.- Mitgliedern vorgenommen wird, schädigen will. Dabei ist die Charitas der NS- Volkswohlfahrt angegliedert. Das Ergebnis der Sammlung soll trotz allem gut gewesen sein. Schlesien: Die katholische Jugend trifft sich trotz des Verbotes bei Veranstaltungen häufig in ihren grünen Hemden. Vor kurzem hat in der katholischen Kapelle am Brüderkloster eine solche Veranstaltung stattgefunden, an der 800 bis 1000 Jugendliche teilgenommen haben. Es wurden neue Fahnen eingeweiht und ein Heil auf" unseren Führer Jesus Christus" ausgebracht. Berlin: Die Hauer- Versammlung im" Sportpalast" war nicht überfüllt aber gut besucht. 3.000 SS- und SA- Leute waren als Saalschutz abgeordnet. Sie hatten offenbar sehr viel Biermarken bekommen, denn sie belagerten während der ganzen Zeit die Ausschankstellen im Sportpalast. Das Publikum bestand zum grossen Teil aus Leuten aus den NSOrganisationen. Man sah also viel braune Uniformen. Daneben war aber auch das kirchlich interessierte Bürgertum vertreten; Arbeiter dagegen so gut wie gar nicht. Bei den gelegentlichen Zwischen A-29rufen wurden die Zwischenrufer nicht nur aus dem Saal verwiesen, sondern regelrecht hinausgeprügelt. Das hat sich mindestens 30 Mal ereignet. Es ist bemerkenswert, dass sich viele Zwischenrufer dadurch nicht haben einschüchtern lassen. In einer Reihe sassen z.B. zwei junge Leute, offenbar Theologiestudenten. Der eine machte einen Zwischenruf und wurde von der SA aus dem Saal geschleppt. Trotzdem machte 5 Minuten später der andere ebenfalls einen Zwischenruf, um dann das Schicksal seines Kameraden zu erleiden. Im ganzen wurden allein aus dieser Reihe 6 junge Leute wegen Zwisehenrufen herausgeholt. Hauer hat sehr frech, ja geradezu zynisch gesprochen. Eine allgemeine Zunahme der Deutschen Glaubensbewegung kann man nicht feststellen. Die grosse Oeffentlichkeit ist an diesen Vorgängen nach wie vor desinteressiert. In den Kreisen der proletarischen Freidenker wird gelegentlich wieder der Gedanke erörtert, ob man sich nicht in diese Bewegung einschalten soll. 2) Aus der evangelischen Kirche. Im protestantischen Kirchenstreit machte sich auf beiden Seiten eine gewisse Kompromissbereitschaft bemerkbar. Auf der kürzlich abgehaltenen Augsburger Bekenntnissynode wurde z. B. der Vertrag zwischen dem Reichs jugendführer mit dem Reichsbischof über die Ueberführung der evangelischen Jugend in die Hitler- Jugend einstimmig angenommen. Derselbe Vertrag, der bisher seit Jahr und Tag von der Bekenntniskirche auf das heftigste bekämpft wurde. Andererseits hat das System seine Drohung, unter dem Reichsbischof ein neues Kirchen rektorium einzusetzen, bisher nicht wahrgemacht. Dafür ist aber Ende Juni ein Gesetz erlassen worden, das die Nachprüfung der Rechtsgültigkeit von Anordnungen des Reichsbischofs dem ordentlichen Rechtsweg entzieht und einer" Beschluss- Stelle" überträgt, die beim Reichsmini sterium des Innern gebildet worden ist. Damit ist der Bekenntniskirche eine wichtige Waffe gegen den Reichsbischof aus der Hand gewunden worden, denn die Anfechtung der Rechtsgültigkeit seiner Anordnungen war die eigentliche juristische Form ihres Kampfes. Diese fragwürdige Kompromissbereitschaft des Systems wird im allgemeinen damit erklärt, dass Deutschland in der gegenwärtigen Situation besondere Rücksicht auf die englische Mentalität nehmen müsse, wie sie in den Appellen zum Ausdruck gekommen ist, die der Bischof von Chichester und der Erzbischof von Canterbury an Deutschland zur Beilegung des Kirchenkonfliktes gerichtet haben. Die Nachgiebigkeit der Bekenntniskirche hat wohl nicht zuletzt finanzielle Gründe. Offenbar ist sie aber auch bestimmt durch die A-30Tatsache, dass sich jetzt auch die evangelische Kirche durch die Hauer- Bewegung bedroht und gezwungen sieht, ihre Kräfte auf die Abwehr dieser Bewegung zu konzentrieren. Berlin: Ein Mitglied der Bekenntniskirche äussert sich über ihren Kampf:" ie Bekenntniskirche ist die einzige Organisation, die den Massnahmen des Regimes wirklichen Widerstand leistet. Unsere Pfarrer fürchten sich nicht vor Verhaftung und Entlassung; sondern arbeiteh immer weiter, auch wenn sie Redeverbot, Hausarrest usw. bekommen. Bekommen sie ihre Kirche entzogen, predigen sie in Wohnungen, Kellern oder dergleichen. Der Hauptgrund unseres Widerstandes besteht in unserem Kampf gegen den Antisemitismus. Wir lassen bei uns den Arierparagraphen nicht einführen und unsere Mitglieder haben sich geweigert, die eingesandten Bogen auszufüllen-, und in unserem Widerstand gegen die Einführung des Führerprinzips in der Kirche. Wir haben eine ausgezeichnete Organisation, niemand hätte mit einem so starken Widerstand von unserer Seite gerechnet, auch Hitler nicht. Die Zahl der bekennt nistreuen Pfarrer in Deutschland ist 7.000, die Zahl der Pfarrer, die den Deutschen Christen angehören: 2.000. Weitere 7.000 Pfarrer sind neutral. In Berlin ist die Zahl der in der Bekenntniskirche organisierten Gemeindemitglieder etwa 40.000, gegen etwa 6.000 Deutscher Christen, das übrige ist neutral. Die Mitglieder der Bekenntniskirche sind meist fromme Leute. Es ist nicht wahr, dass neue Elemente zu uns gekommen sind nur der Opposition wegen, wenigstens ist es in meinem Pfarrbezirk so, den ich übersehen kann. Der Kampf wird von uns immer wieder aufgerollt, auch wenn die andere Seite ihn lieber einschlafen lassen möchte. So wurde Z.B. in besonderen Fürbitten immer wieder der Opfer in den Konzentrationslagern gedacht. Auch werden in der Kirche von den Pfarrern Proteste verlesen, die von der Bekenntniskirche aufgesetzt sind. Wir erhalten monatlich gedruckte Rundbriefe, in denen eine scharfe Sprache gesprochen wird. So wird protestiert gegen die These vom ewigen Deutschland, das Jahr 1933 wird als ein" Unglücks jahr" bezeichnet, natürlich nur in religiöser Hinsicht. Einem Bischof darf man nur gehorchen, soweit er Gottes Wort verkündet, und das ist bei dem augenblicklichen Reichsbischof nicht der Fall. Unsere Pfarrer sind von der Polizei genau beobachtet, sowohl in ihrer Wohnung werden sie kontrolliert( Telefon, Post) als auch bei der Predigt in der Kirche, wo immer wieder Polizeibeamte zur Kontrolle anwesend sind. Die Pfarrer sträuben sich gegen Hausarrest, sie wollen lieber verhaftet werden. Praktisch führen wir unseren Kampf so, dass Flugblätter verteilt werden, Rundbriefe an die Gemeindemitglieder gehen, vor der Kirche eine besondere Kollekte für die Bekenntniskirche gesammelt wird und in Bibelstunden unsere Gemeindemitglieder orientiert werden." Dieser Mann hat am meisten Angst vor dem Kommunismus( Unterdrückung der Kirche in Russland) und sieht daher die Zustände hier als weitaus kleineres Uebel an. Dies ist wohl charakteristisch für den ganzen Kirchenstreit. Auch die meisten Bekenntniskirchenmitglieder wären ganz gern Nationalsozialisten oder sind es schon, sie wünschen nur ihre Kirche von politischen Dingen frei und selbständig zu erhalten. Es mag allerdings Ausnahmen geben, die im Kirchenstreit einen getarnten politischen Streit sehen, sie sind aber sicher in der Minderheit. A-31Ich besuchte am Sonntag vormittag eine Kirche, in der ein schon mehrmals gemassregelter und eingesperrter Pfarrer predigte. Die Predigt, die sich auf ein Pauluswort bezog, war zwar gespickt mit Anspielungen, aber so, dass ich folgenden Eindruck hatte: Der Pfarrer glaubt an eine Verständigung mit Hitler, die durch Hitler selbst herbeigeführt werden soll. Die Predigt verurteilte deutlich das Schwanken Hitlers und forderte ihn auf, den Streit im Sinne der Bekenntniskirche zu lösen. Ich bin aber der Meinung, dass dieser Pfarrer mit einem erträglichen Kompromiss einverstanden wäre, denn Hitler hat ja schliesslich auch die Kirche vor dem Bolschewismus gerettet. Anfang März hat die Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreussischen Union auf ihrer Dahlemer Tagung ein" Wort an die Gemeinden" gerichtet, in dem es heisst: " Wir sehen unser Volk von einer tödlichen Gefahr bedroht. Die Gefahr besteht in einer neuen Religion... Dieser Wahnglaube macht sich seinen Gott nach des Menschen Bild und Wesen. In ihm ehrt, rechtfertigt und erlöst der Mensch sich selbst. Solche Abgötterei hat mit positivem Christentum nichts zu tun. Sie ist Antichristentum... Wer Blut, Rasse und Volkstum anstelle Gottes zum Schöpfer und Herrn der staatlichen Autorität macht, untergräht den Staat Das irdische Recht verkennt seinen himmlischen Richter und Hüter, und der Staat selbst verliert seine Vollmacht, wenn er sich mit der Würde eines ewigen Reiches bekleiden lässt und seiner Autorität zu der obersten und letzten auf allen Gebieten des Lebens macht.... ozio Darum darf sie( die Kirche) sich nicht dem die Gewissen bindenden Totalitätsanspruch beugen, den die neue Religion dem Staate zuschreibt.... Sie muss ihre auf den Namen des dreieinigen Gottes getauften Glieder vor einem Weltanschauungs- und Religionsunterricht bewahren, der unter Verstümmelung und Beiseite schiebung der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes zum Glauben an den neuen Mythus erzieht." III. Die Jugend unterm Hakenkreuz. A-32Hat Hitler recht, wenn er immer wieder behauptet: Wir wissen, dass viele unter den Aelteren uns ablehnen; aber die Jugend ist uns verfallen mit Leib und Seele?- Von der Beantwortung dieser Frage durch die Entwicklung wird vieles für den Bestand des Systems abhängen. Deshalb ist es wichtig, den Vorgängen in der deutschen Jugend, in der Schule und auf der Universität, in der Hitler- Jugend und im Betrieb, besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir schicken einige allgemeine Betrachtungen voraus: Bayern: Die Ansichten der Berichterstatter über die Begeisterung der Jugend für das Regime sind nicht einheitlich. Während der grössere Teil unserer Freunde in der heranwachsenden Jugend eine unerhörte Stärkung des Faschismus erblicken, sagt z.B. der Beobachter aus X: Die Stimmung bei der Jugend ist durchaus nicht einheitlich. Dass bei der HJ alles versucht wird, um Begeisterung zu erzeugen, ist klar, aber schon in der Arbeiter jugend und besonders bei der Jugend im Arbeitsdienst kann man viele scharfe Worte hören. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir genau wie bei den Erwachsenen unterscheiden zwischen einem Teil der fanatischen Nachbeter und jenem anderen Teil, der nur gezwungen der Sache dient. Wenn die Jungen aus der HJ den Ernst des Lebens kennen lernen und wenn sie erst einmal im Arbeitsdienst richtig geschliffen werden, dann ändert sich mitunter rasch ihre grosse Begeisterung. In unseren Schulen sind etwa ein Drittel nicht bei der HJ, sie müssen daher am Samstag in den Schulunterricht. In einzelnen Klassen hat in der letzten Zeit die Zahl der Schulbesucher zugenommen, weil die Eltern ihre Kinder in der Schule besser aufgehoben wissen, als bei der ewigen anstrengenden Exerziererei der Hitlerjugend. Ein Einzelbeobachter aus München gibt folgendes Bild der allgemeinen Stimmung: Das Volk ist nach 2 Jahren Hitler nicht wieder zu erkennen. Die grosse künstliche Belebung der Volksstimmung durch die mit grossem Geschick durchgeführten Volksbelustigungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ältere Generation der Lebenden unter der Unfreiheit leidet. Gleiches kann nicht von der Jugend gesagt werden. Sie hat das Herz voller Hoffnungen und sieht sich nicht getäuscht, weil sie alles noch von der Zukunft erwartet. Das stark angewachsene Selbst bewusstsein der Jugend ist eines der wesent lichsten Merkmale der neuen Zeit. Es ist so: der wertvolle Teil der deutschen Jugend steht heute in den Reihen des Faschismus. Einzelnen klerikalen Strömungen messe ich keine gravierende Bedeutung zu. Ihre politische Resonanz ist sehr begrenzt. Unfreiheit als Kampfbasis gegen bestehende Diktatur ist daher nur bedingt wirksam, kaum wird sie grössere Zugkraft bei der Jugend haben. Ihr imponiert der Schein der Kraft. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Die Jugend unter 18 Jahren denkt schon voraussetzungslos. Sie hat keine Tradition mehr und hier tut sich eine der grössten Gefahren auf, denen wir ins Auge sehen müssen. Die Weimarer Parteien sind für diese Jugend nur noch A-33Verbrecher- Parteien. Diese Jugend hat aber nur allgemeine Beziehungen zu den Symbolen der nationalsozialistischen Bewegung, aber nicht zu staatspolitischen Problemen. Sie hält zu Hitler, aber nicht einmal Goering oder Frick interessieren sie. Die Jugend macht sich kaum noch irgendwelche politischen Gedanken. Der Arbeitsdienst ist für sie eine kesse Angelegenheit. Die Chance, in die Reichswehr zu kommen, bedeutet die Flucht aus der Arbeitslosigkeit und aus der Enge des Elternhauses. Diese jungen Reichswehrleute, was heute bei Gesprächen wiederholt festgestellt wird, sind ebenso Menschen ohne politischen Gedanken. Sie folgen auf Befehl und haben noch immer keine innere Beziehung zu Hitler. Im Arbeitsdienst herrscht eine Art Versorgungspsychose vor. Die Leute glauben, wenn sie erst ihren Arbeitspass haben, dass sie dann der Arbeitslosigkeit entronnen sind. 2.Bericht: Das Jugendproblem macht uns viel Sorge. Um die heutige Generation, soweit sie noch in der Partei, der Gewerkschaft und der SAJ- Schulung und Gesinnung fand, braucht niemand besorgt zu sein. Der Faschismus wird in ihrem Leben die Gesinnung nicht brechen können. Mit der heranwachsenden Jugend ist es aber ganz anders. Sie wird eine gewisse Gefahr. Natürlich ist auch diese Schicht der Jüngeren nicht nur begeistert, sondern vielfach verbittert über die Strapazen in der HJ usw. Doch dürfen wir nicht übersehen, dass unsere Gegner heute in weitestem Umfang alle Mittel zur Verfügung haben, um die Kinder in eine ganz andere als unsere Welt abzulenken. Wir haben absolut kein Mittel, um an diese Generation heranzukommen. Vorläufig noch nicht einmal in der Familie. Unbewusst, aber auch bewusst, werden Kinder ihren eigenen Eltern 3. Bericht: Die Erziehung in der Sozialistischen Arbeiter- Jugend trägt ihre Früchte und war nicht vergebens. Die Jungen und Mädel, die in der SAJ waren und darüber hinaus neue junge Kämpfer wissen immer wieder neue Gelegenheiten zu finden, um zusammen zu kommen. Und wenn die Nazis erst wüssten, wieviele sich äusserlich gleichgeschaltet haben, innerlich aber fanatisch an ihrer Ueberzeugung festhalten. Aber die Zahl ist noch immer zu klein und zum offenen Kampf reicht es unter den obwaltenden Umständen nicht. Südwestdeutschland: Bei der Jugend der höheren Schulen wirkt das ewige Gefüttertwerden mit Nationalsozialismus ebenso wie in früheren Jahrzehnten die zu starke Beibringung von Religion. Der Nationalsozialismus ist nicht mehr eine Sache jugendlichen Kampfes, sondern des staatlichen Schulunterrichts. Damit verliert er an Interesse, zumal mit der Unterdrückung des politischen Gegners und des andersdenkenden Jugend bundes das belebende Element des Feindes, mit dem man sich auseinandersetzen kann, weggefallen ist. So kommt es, dass heute vielfach das Sich- Drücken vor der Hitlerjugend und ihren Veranstaltungen, das Uebertreten nationalsozialistischer Verbote zu einem Sport geworden ist, der der Jugend, die gern den amtlichen Stellen ein Schnippchen schlägt, recht liegt. Sachsen: In Leipzig gibt es sogut wie anderswo auch in der Jugend noch Spuren der Abneigung und des Widerstandes gegen den Hitlerismus. Ein Zeichen dafür ist, dass in den proletarischen Vierteln Leipzigs die Hitlerjugend nicht recht voran kommt und jedenfalls einen A-34viel geringeren Prozentsatz von Jugendlichen und Schülern erfasst als in den bürgerlichen Vierteln. Ja, sogar im Kindergarten gibt es Antifaschismus. Ist da eine Arbeiterfamilie, die ihr dreiundeinhalb jähriges Kind dem Kindergarten anvertraut hat. Das Kind erzählt eines Tages, dass im Kindergarten eine Hitlergeburtstagsfeier stattfinden werde. Ob es da auch" Heil Hitler" sagen müsse. Die Mutter be jaht: das ginge nicht anders, es solle es das eine Mal nur tun. Das Kind gehorchte. Als es aber wie die anderen Kinder auf dem Fest eine kleine Hakenkreuzfahne geschenkt bekam, nahm es die Fahne nur, um sie sofort zu zerbrechen und in die Worte auszubrechen:" Die brauchen wir nicht% 3B mein Papa hat ja keine Arbeit!" 1) Aus der Schule. Ueber die Stellung der Lehrer in der Schule sind uns folgende Berichte zugegangen: je Hamburg: Ein Lehrer, Leiter einer Privatschule, erzählt über die heutige Schule: Natürlich gibt es einen neuen Lehrplan und selbstverständlich muss er auch genau eingehalten werden. Denn der Lehrer darf sich keine Blösse geben. Trotzdem kann der Lehrer auf die Kinder auch im gegnerischen Sinne noch immer einwirken. Ein Beispiel: Der neue Lehrplan verlangt, dass Karl der Grosse als Sachsenschlächter dargestellt wird. Das muss man also den Kindern erzählen. Keine Schulbehörde kann einen aber daran hindern, diese Auffassung Karls des Grossen auf eine bestimmte Geschichtsquelle zurückzuführen. Und wenn man dann ein paar Tage später über den Wert von Geschichtsquellen im allgemeinen spricht, dann merken die meisten Kinder ganz genau, was das zu bedeuten hat und stellen die Sache schon von allein richtig. Natürlich ist die Wirkung des nationalsozialistischen Unterrichts zum Teil verheerend. Aber man brauchte uns Lehrern nur einmal 8 Tage Freiheit zu geben und wir wären im Stande, diesen ganzen Unfug aus den Köpfen der Kinder wieder herauszubringen. In dieser Schule ist auch das Verhältnis der arischen zu den nichtarischen Kindern gut, obgleich unter den Schülern viele Kinder von Pgs. sind. Vor einiger Zeit hat die Hitlerjugend die Kinder dieser Schule überfallen und mit Steinen beworfen. Ein energisches Auftreten des Schulleiters und zahlreiche Beschwerden an die vorgesetzten Stellen bewirkten aber, dass sich die Leitung der Hitlerjugend offiziell entschuldigen musste. Ueberhaupt kann man allgemein feststellen, dass die Parteistellen unsicher sind und dass sie bei energischem Auftreten oft zurückweichen. Der NS- Lehrerbund veranstaltet für die einzelnen Fächer Schulungskurse, an denen die Lehrer teilnehmen müssen. Vor kurzem fand in einem Bezirk eine solche Tagung für Geschichtslehrer statt, auf der ein Nichtfachmann ein völlig sinnloses Referat über Geschichte und Geschichtsunterricht hielt. Die Teilnehmer fühlten sich natürlich durch diese Art der" Schulung" abgestossen. Ruhrgebiet: In der Schule sind die Junglehrer grösstenteils dem Nationalsozialismus offen zugetan. Widerstandsfähige Lehrer sind selten. Allenfalls findet man sie in den höheren Schulen und da noch in den humanistischen Gymnasien. Die Schul jugend ist zweifellos A-35stärker politisch infiziert. Der Geist der Schule wird von einem widerwärtigen Byzantinismus beherrscht. In den höheren Schulen dominiert meist der Lause junge aus der HJ, der es wagen kann, dem Lehrer frech zu kommen. Die Lehrerschaft ist verschüchtert und leistet keinen Widerstand. Südwestdeutschland: In einer Schule in X. ist ein grosses Bild angebracht, welches den Stefansturm in Wien im Zeichen der aufgehenden strahlenden Sonne darstellt. Dazu die grosse Aufschrift: " Oesterreich unser Ziel". Der Lehrer, der dieses Bild gemalt hat, bekam offenbar hinterher Gewissensbisse, denn er meinte zu einem früheren SPD- Mann, dass er diese Sache im Auftrag des Rektors und unter Druck gemalt habe und sagte dann wörtlich: Halten Sie mich jetzt nicht für einen Lumpen? Nein, das bin ich nicht!" Diese Bemerkung des Lehrers wird als Rückversicherung gewertet, denn es könnten doch wieder einmal andere an die Regierung kommen. In der letzten Zeit wurde durch den Schulrat in Mannheim die alle 4 Jahre stattfindende Prüfung der Lehrkräfte durchgeführt. Hierbei hat sich nun ergeben, dass die früher der SPD angehörigen Lehrer durchweg bessere Prüfungsnoten bekamen als die SA- Lehrer. Es ist sogar ein Fall vorgekommen, dass diese Lehrer den anderen als leuchtendes Beispiel vorgestellt wurden. Die Zahl der fähigen und begabten SA- Lehrer ist sehr gering. Wie heute nach den neuen Lehrplänen die Kinder von klein auf im Sinne des Regimes beeinflusst werden, zeigt ein Blick in Schulhefte der untersten Volksschule. Darin finden sich z. B. folgende Wir halten treu zusammen. Wir Deutschen müssen zusammenhalten wie treue Geschwister, als wären wir alle im Reiche eine grosse, grosse Familie. Dann herrscht keine Not, und jedes hat sein Brot. So will es unser Kanzler, so unser Herrgott haben. Heil Hitler! Adolf Hitler als Kriegsheld. Ein grosser Held war Adolf Hitler im Kriege. Freiwillig meldete er sich ins deutsche Heer. Mit Begeisterung zog er in den Kampf. Am Rhein stimmte er das Lied an:" Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein!" Unser Heldenflieger Goering. Hermann Goering war im Kriege ein kühner Held. Er war Flieger und flog oft weit nach Frankreich hinein. Einmal beschoss er ein grosses französisches Flugzeug. Aber im Kampfe wurde er schwer verwundet. Höre Rolf! Ein schneidiges Lied haben wir in der Jungschar gelernt. Unser Reichs jugendführer Baldur von Schirach hat es gedichtet. Es beginnt: Vorwärts! Vorwärts! schmettern die hellen Fanfaren. Vorwärts! Vorwärts! Jugend kennt keine Gefahren. Deutschland, Du wirst leuchtend stehn, mögen wir auch untergehen. Bittgebet. Wie hat unser Kanzler uns Kinder so gern! Wie spricht er so herz. lich mit allen! Wir danken ihm innig und bitten den Herrn, wenn abends die Glocken verhallen: Behüt unsern Führer! Beschütz unsern Stern! Sei mit ihm auf all seinen Wegen! Halt alle Gefahren besorgt von ihm fern: uns Deutschen zu dauerndem Segen. A-36Etwa die Hälfte aller Schreibarbeiten wird mit solchen Themen bestritten. Das Verhältnis von Schule und Hitler- Jugend wird durch folgende Mitteilungen beleuchtet: Rheinland- Westfalen: Die Durchführung des Staats jugendtages ist noch nicht einheitlich. Die BdM- Mitglieder z. B. müssen jetzt am Sonnabend wieder in die Schule gehen und nur die Führerinnen bleiben befreit. Zum Teil versuchen Lehrer mit aller Kraft, die Kinder in die HJ zu zwingen. In Arnsberg z.B. hat der Schulrat Eckelmann gegen die Lehrer wegen geringer Beteiligung der Schüler an der HJ wüste Drohungen ausgestossen, sodass die Lehrer dann zu den Eltern gekommen sind und sie geradezu kniefällig gebeten haben, doch ihre Kinder in die HJ zu schicken, weil sie sonst Nackenschläge bekommen. Unter den Kindern, die früher in einer sozialistischen oder katholischen Organisation waren, gab es viele, die sich trotzdem weigerten, Man konnte Aussprüche hören wie:" Ich habe der Jungschar die Treue geschworen und ich kann deshalb nicht in die HJ gehen."-" Ich darf noch keinen Dolch tragen. mo Südwestdeutschland: Der Erlass oder die Ermässigung des Schulgeldes wird heute nicht mehr von der Leistung, sondern von der Zugehörigkeit zu den NS- Verbänden abhängig gemacht. Die Kinder bekommen bei der Stellung des Antrages einen Fragebogen mit, auf dem die Eltern angeben müssen, ob die Kinder der HJ, dem BdM, dem VdA oder sonstigen Verbänden angehören. Der Direktor des... Lyzeums, früher war der Kerl Sozialdemokrat und heute SA- Mann, erklärte den Kindern, die sich beschwerten, dass sie trotz guter Leistungen nicht versetzt werden konnten, weil sie " national unzuverlässig" seien. Der Staats jugendtag wird in Hessen nur noch für die Jüngsten praktisch durchgeführt. Dabei werden hauptsächlich Spiele gemacht und die Politik bleibt im grossen und ganzen ausgeschaltet. Schlesien: Bei einer Elternbeiratssitzung in X. entspann sich eine erregte Aussprache zwischen den Anhängern der HJ und denen der katholischen Pfadfinderorganisation. Der Pfadfindern wurde das Recht auf Jugenderziehung angesprochen und den Eltern wurde erklärt, dass ihre Kinder nur dann ein Fortkommen hätten, wenn sie der HJ angehört hätten. In X. werden Lehrstellen nur noch an Mitglieder der HJ vergeben. Berlin: Die Kinder in den ehemaligen weltlichen Schulen werden Das offenbar schärfer herangenommen als die der anderen Schulen Verhältnis zwischen den Kindern ist häufig recht gespannt, die politischen Gegensätze der Eltern übertragen sich auf die Kinder. Als die Jungvolk- Mitglieder noch in Uniform in die Schule kamen, kam es regelmässig an jedem Tag und in fast jeder Pause zwischen Uniformierten und Nichtuniformierten zu Prügeleien. Viele Kinder versuchen, sich den lästigen Fragen der Lehrer über die Verhältnisse zu Hause, durch Lügen zu entziehen, manche beschwindeln die Lehrer aus reinem Uebermut. In den Klassen sind häufig A-37noch Umfragen über die Verhältnisse im Elternhaus, es wird danach gefragt, wessen Vater in der Partei, der SA, im Luftschutz, in der NSV ist, welche Zeitung gelesen wird etc. Kinder, deren Eltern erklärte Nazigegner sind, antworten auf viele Fragen sehr häufig bejahend und zwar zumeist aus Angst vor Schwierigkeiten. Sachsen: Ein junger Lehrer, äussert sich im Heft 15 der Zeitschrift:" Die höhere Schule" über das Verhältnis von Schule und Hitler- Jugend u.a.: "... Der erste Rausch der Begeisterung, die alle unsere Jungen im letzten Jahre gehabt haben, ist vorüber... Wir müssen heute ehrlich eingestehen, dass die Schwierigkeiten doch viel grösser sind, als sie anfangs zu sein schienen, wenn der Grundsatz: Jugend soll durch Jugend geführt werden! streng befolgt wird. Da taucht die Frage auf: Will denn überhaupt Jugend nur von Jugend geführt werden?.. Nun beobachte ich gerade jetzt immer deutlicher, wie eine gewisse Rückentwicklung eintritt. Die Schüler beklagen den Verlust der meisten Wandertage, der Landheimaufenthalte und grossen Ferienwanderungen doch viel mehr, als man gemeinhin annimmt. Die Entfremdung zwischen Schule und Jugend weicht einer neuen Freude an der Schulgemeinschaft, da der ganz einseitig auf den jungen Menschen als Führer die Dauer doch nicht befriedigt. eingestellte HJ- Betrieb auf Die Jungen brauchen uns! Auf die Dauer genügt dem anspruchsvollen Jungen, der in einer Gemeinschaft nicht nur leben, sondern auch wachsen und vorwärtskommen will, der gleichal trige Führer nicht. Vom Führer verlangt er vor allem, dass er zu ihm voller Achtung und Vertrauen aufschauen kann, dass der andere ihm nicht nur körperlich, sondern vor allem auch geistig überlegen ist, dass er ihm vorlebt und ihn vorwärts bringt, so dass er selbst an ihm wachsen und sich aufrichten kann. G Welcher Jugendliche ist dieser Aufgabe gewachsen?... Der häufige Führerwechsel in der HJ ist eine Tatsache, die beweist, wie oft eben junge Menschen, die gewiss den besten Willen, aber nicht die Kraft für die ihnen gestellte Führeraufgabe haben, scheitern.. Seien wir ehrlich: In Wirklichkeit ist das Verhältnis HJ Schule Elternhaus noch nicht so erfreulich, wie es sein sollte und könnte. Es ist notwendig, dass die Lehrerschaft und vor allem die Schul jugendwalter an einer Entspannung tatkräftig mitarbeiten. ... Wir dürfen uns nicht zum alten Eisen werfen lassen, denn die Jugend braucht uns. Noch immer gehört die Jugend der Schule, auch wenn es gerade in der letzten Zeit so ausgesehen hat, als habe die Schule als Erziehungsstätte ihre Rolle abgetreten an die HJ, als sei sie nur noch Pflegstätte wissenschaftlicher Ausbildung. Sie ist immer noch die Stätte der Charaktererziehung, und es liegt nur an uns Lehrern, inwieweit sie es bleiben wird..." In den höheren Schulen ist den Lehrern durch den neuen Erlass des Reichsunterrichtsministers Rust zur Pflicht gemacht worden, die frühere einseitige Bevorzugung der rein verstandesmässigen Anlagen zu vermeiden und die ständige Prüfung der Schüler" auf die körperliche, charakterliche, geistige und völkische Gesamteignung zu erstrecken". A- 38" Schüler, die die Volksgemeinschaft oder den Staat wiederholt schädigen, sind von der Schule zu verweisen."" Wenn der Schüler hervorragende Führereigenschaften besitzt und betätigt, ist besonders wohlwollend zu verfahren." Auf diese Weise wird versucht, den HJ- Führer zu begünstigen und jede politisch gefärbte Kritik aus der Schule zu verbannen. Einige Berichte zeigen, wie das Bestreben des Systems, an den höheren Schulen einen ihm gemässen Führertyp heranzubilden, praktisch betätigt wird. Bayern: Die Abituraufgaben in Deutsch brachten heuer folgende 9 Themen. Von diesen 9 Themen konnten von der Schulanstalt 3 ausgewählt werden, die den Schülern zur beliebigen Auswahl zur Bearbeitung gestellt wurden: 1)" Nichts, was gross ist, auf dieser Welt, ist den Menschen geschenkt worden; alles muss bitter erkämpft werden."( A.Hitler) 2)" Die heroischen Gestalten der Vergangenheit sind uns Verpflichtung für die Zukunft."( Alfred Rosenberg). 3) Gemeinschaftsgeist und 4) 5) im neuen Staate. Das deutsche Volk ist ein Volk ohne Raum. Wie hat es im Laufe seiner Geschichte die Raumfrage zu lösen und so die Enge seines Lebensraumes immer wieder zu überwinden gesucht? Welche Gründe sprechen für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland. 6)" Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen, man muss sie ehren-"( Schiller, Maria Stuart). 7) Warum stehen uns die grossen Völker des Altertums ewig nahe?" ( Adolf Hitler) 8)" Das Wohl der Menschheit zu fördern, ist der Sinn der Technik" ( Oskar von Miller). 9) Der Rundfunk. Seine Bedeutung für Volk und Staat. Schlesien: Die Haltung der höheren Schüler zum System ist sehr kritisch. In einer Schule wurden z, B. beim Abitur vier Themen für den deutschen Aufsatz zur Wahl gestellt. Die ersten beiden Themen bezogen sich auf die Ahnen- und Sippenforschung und auf die deutsche Geschichtsauffassung. Das dritte Thema behandelte die politische Kunst in der Dichtung und das vierte war ein allgemein biologisches Thema. In dieser Schule wurden von den Abiturienten fast ausnahmslos das dritte und vierte Thema gewählt. Allgemein kann man feststellen, dass die grosse Mehrzahl rein nationalsozialistische Themen ablehnt. In einer anderen Schule haben von 48 Abiturienten nur zwei ein nationalsozialistisches Aufsatzthema bearbeitet. Nordwestdeutschland: Der Leiter des staatlichen Gymnasiums in X., ein rechtsstehender Oberstudiendirektor, weigerte sich, den Führer der Hitlerjugend zum Abiturium zuzulassen, weil dessen Leistungen unzureichend waren. Daraufhin setzte der Ortsgruppenleiter A-39die Strafversetzung des Direktors und die Zulassung des Schülers zwangsweise durch. Als Direktor kam an die grosse Doppelanstalt ein Verwandter eines einflussreichen örtlichen Bonzen. Daraufhin veröffentlichten eine Anzahl angesehener Bürger der Stadt und mehrere Schüler, unter ihnen auch Nazis, in einem der Lokalblätter einen Protest, in dem sie unter voller Namensnennung sich hinter den gemassregelten Schulleiter stellten. Ein Vorgang, der noch vor kurzem undenkbar gewesen wäre. 2) Die Hitler- Jugend. eng Die Berichte über die HJ schildern übereinstimmend die Verrohung und Verwahrlosung, deren die Führung nach wie vor nicht Herr zu werden scheint. An sich ist die HJ eine Riesenorganisation mit straffem militärisch- bürokratischem Aufbau, aber bei dem schnellen Wachstum der Bewegung in den letzten beiden Jahren ist die Führerfrage nur unzulänglich gelöst worden. Jetzt wird der Grundsatz der HJ, dass Jugend nur durch Jugend geführt werden soll, durch die Einberufungen zum Arbeits- und Heeresdienst aufs neue gefährdet. Es ist bezeichnend für die Zustände in der HJ, dass sich die Berliner Gebietsführung genötigt gesehen hat, nach dem Vorbild der SA- Feldpolizei und der PO- Streifen einen eigenen Streifendienst der HJ einzurichten, der die Haltung der HJ in der Oeffentlichkeit überwachsen soll. Rheinland- Westfalen, 1- bericht Zoen 2011 Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Sowohl auf dem platten Lande wie in den Industrie städten macht sich immer mehr eine Verwahrlosung der Jugend bemerkbar. Auf dem Lande hat die Beteiligung an den Veranstaltungen der Hitlerjugend sehr nachgelassen. Es sind sehr viel Austritte erfolgt. Die Beiträge werden sehr mangelhaft gezahlt. Haben erst Soldatenspielen und die Uniform einen starken Reiz ausgeübt, so wird der streng geordnete Dienst gerade von den Kindern nun als eine Last empfunden. Die Befehlsgewalt, die Kindern als Vorgesetzten übertragen wurde, bringt Unmut und Widerstand hervor. Es ist keine Seltenheit, dass ein knabenhafter Scharführer einfach eine Tracht Prügel bekommt, wenn er seine jungen Untergebenen in Ueberspannung seiner ihm in den Kopf gestiegenen Autorität schleifen will. Die Eltern sind ebenfalls in zahlreichen Fällen, vor allem auf dem Lande gegen die HJ und so fühlen die Kinder, dass sie auch bei den Eltern keine Unzufriedenheit erwecken, wenn sie über die HJ unzufrieden sind. Ueberall können Austritte aus der HJ festgestellt werden. In den Städten herrschen unter der" Staats jugend" katastrophale moralische Zustände. Jungen und Mädchen von 14 bis 20 Jahren sind oft moralisch vollkommen defekt. 16- bis 17- jährige Mädchen sind in anderen Umständen. In Buer wurden 17 Mädchen aus dem BdM ausgeschlossen, weil sie schwanger sind. Vor allem die Mütter sind verzweifelt über die sittlich ungehemmte Art ihrer Kinder. Die A-40immer wieder auch der Jugend in plumper Art zu Gehör gebrachte Propaganda vom rassereinen Nachwuchs ist zu ungezügelter Sexualität entartet. Da jeder andere moralische Halt in der Nazi jugend fehlt, immer nur von Blut und Boden, reinem Germantentum und kriegerischer Bereitschaft geschwafelt wird, richtet der Mangel an innerer Bildung und Humanität breiteste Verwüstung an. 2. Bericht: Die jungen Mädchen im BdM sind tatsächlich fast durchweg sittlich gefährdet. Immer wieder werden Schwangerschaften bei Mädchen von 14 bis 17 Jahren bekannt. Die Mütter der Mädchen sind oft verzweifelt. Ein origineller Vorgang spielte sich in R. ab. Von dem BdM- Mädel X.Y. war bekannt geworden, dass es mit seinen 15 Jahren schwanger sei. Der entrüstete Vater, ein biederer Geschäftsmann, hing eine Warnung in sein Schaufenster:" Wer gegen meine Tochter unwahre Behauptungen verbreitet, wird von mir gerichtlich belangt." Einige Wochen später hatte das Mädel im Krankenhaus entbunden. Es ist verbürgt, dass in einigen grossen Krankenhäusern für junge Mütter ein besonderer Saal eingerichtet wurde. 3. Bericht: In der HJ herrscht eine Ueberheblichkeit und ein Grössenwahn, wie er schlimmer nicht gedacht werden kann. Man schimpft auf die eigenen Bonzen, gewiss. Aber nur, weil sich jeder Lausbub für den geeigneteten Nachfolger hält und danach strebt, so schnell wie möglich irgend einen Posten zu erobern. Es ist die Frucht der jahrelangen Agitation der Nazis, es ist schliesslich auch die Frucht der Bewegung selbst, die den jungen Menschen Tag für Tag eintrichtert, dass der deutsche Junge, das deutsche Mädel etwas ganz besonderes seien. Alles preussische wird gefördert, Kommiss und noch einmal Kommiss. Jeder hält sich für einen kommenden Feldherrn, und die Lausbuben werden mit der Zeit richtige Landsknechte. Sie glauben sogar, dass, wenn sie einmal etwas ausgefressen haben, sie sich nur bei irgend einem Staat in Südamerika oder bei der französischen Fremdenlegion zu melden brauchten und das" Leben voller Wonne" könne beginnen, d.h. ein Leben, in dem es für den" tüchtigen Kerl" nach preussischem Muster nur Lorbeeren zu ernten gebe. Im Allgemeinen scheint es, dass die ganze Bewegung versandet. Es ist kein Ideal da, es sei denn, dass man die Erziehung im Kommisstil als Ideal ansieht. Ueberall Grossmannssucht. Ein Beispiel: einer unserer Leute sitzt mit einem HJ- Führer zusammen. Sie rauchen Zigaretten und es fällt unserem Mann auf, dass der HJ seine Zigaretten immer nur halb aufraucht. Erstaunt fragt er, wie das denn ginge, das koste doch Geld. Darauf kommt die Antwort:" Ihr seid eben nichts gewohnt. Ihr solltet einmal sehen, wie das unsere Bonzen machen; zwei Züge und die Zigarette fliegt weg. Der Adjutant hat dann schon eine andere bereit und Streichhölzer." Solche Dinge sehen die Jungen und sie ahmen sie natürlich nach. Die Opposition in der HJ breitet sich aus. Man spricht von der Notwendigkeit, unter den Bonzen auszumisten. Man äussert Enttäuschung über den" Sozialismus" Hitlers. Es breiten sich gewisse primitive kommunistische Tendenzen aus. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die moralische Verwahrlosung in der HJ und im BdM ist der Oeffentlichkeit allgemein bekannt. Immerhin gibt es auf diesem Gebiet immer wieder Neuigkeiten, die Aufsehen erregen. Am Montag, den 25. März 1935 wurden in Mannheim in der Trinitatiskirche 25 15 bis 16- jährige Mädchen konfirmiert, die A-41in anderen Umständen sind. Diese Mädchen gehören sämtlich dem Bund deutscher Mädels an. Allgemein hat man gerade im Bürgertum schwerste Befürchtungen über die Früchte der Erziehung in der HJ. Die Eltern klagen, dass die Kinder überaus frech werden, dass sie alles besser wüssten usw. Die Autorität des Elternhauses sei vollständig zum Teufel. 2. Bericht: In der Pfalz mehren sich in erschreckendem Masse die Fälle, in denen Kinder durch Umgang mit Schuss- und Hiebwaffen und durch Kriegsspiele schweres Unheil anrichten. In Edenkoben wurde Anfang April der 12- jährige Herbert Haubensenk beim Spiel von einem 15- jährigen Gymnasiasten durch einen Revolverschuss in die Stirn tödlich verletzt. In Böhl hat der lo- jährige Walter Wacker auf den 6- jährigen Willi Klink mit einem Revolver geschossen und ihn in die Brust, oberhalb der Lunge getroffen. In Neupfotz schoss der 17- jährige Karl Rother, der mit einer Waffe spielte, dem 11- jährigen Franz Malthauer in die rechte Brustseite. Der Zustand des Verletzten wird als hoffnungslos bezeichnet. In Pirmasens fanden 2 Jungen von 12 Jahren den Tod beim Kriegsspiel. Sie hatten sich unter einem Felsen verschanzt, der zufällig abstürzte und beide begrub. Zwei weitere Jungen konntem noch rechtzeitig beiseite springen. de saint vor eta Sachsen, 1.Bericht: In Heidenau fand vor einiger Zeit ein Werbeabend für die Hitler- Jugend und den Bund deutscher Mädchen statt, bei dem freie Aussprache angekündigt worden war. Als die Veranstaltung dann durchgeführt werden sollte, bemühten sich die leitenden Lehrer, es nicht zu einer freien Aussprache kommen zu lassen. Damit fanden sie aber bei der Mehrzahl der Versammlungs besucher keine Gegenliebe, die mehr oder minder stürmisch nach Einhaltung der Zusage verlangten. Nach einigem Hin- und Her kam es dann wirklich zu einer Aussprache, in der die Eltern oft in sehr drastischer Form ihren Unwillen über die Zustände in der HJ und im BdM zu erkennen gaben: Ich schicke mein Kind nicht mehr in den BdM, es soll diese Schweinerei dort nicht kennen lernen- Ihr wisst ganz genau, wieviel BdM- Mitglieder diesmal nicht konfirmiert werden konn ten Die Kinder werden gegen uns ausgespielt und man sagt ihnen, dass sie sich von uns nicht beeinflussen lassen sollen.- Wir denken nicht daran, unsere Kinder anzumelden, wir wissen ja nicht, was daraus wird, usw.- Alle diese Aeusserungen hatten mehr oder minder die sexuelle Verwahrlosung in der Hitler- Jugend und im Bund deutscher Mädchen zum Gegenstand. Die HJ hat die Jugend keineswegs vollständig erfasst. Es gibt Schulklassen, in denen nur wenige oder gar keine HJ- Mitglieder sind Einstweilen geht die Wirkung der neuen Jugend erziehung noch nicht sehr tief. Wenn die Sache nicht zu lange dauert, dann werden die Kinder das Ganze in 4 Wochen vergessen haben. Bei dem letzten Gauparteitag der NSDAP in Dresden mussten auch die Schulkinder auf der Ilgenkampfbahn antreten, weil der Reichsminister Rust als Gast angekündigt war. Die Kinder mussten in grosser Hitze stundenlang herumstehen, so dass viele vor Erschöpfung umgefallen sind. Die Krankenbahren haben nicht ausgereicht, um diese Kinder wegzuschaffen. 2.Bericht: Zwei Vorkommnisse aus dem Chemnitzer Bezirk werfen ein bezeichnendes Licht auf die Zustände in der HJ. A-42In Chemnitz haben sich in den letzten Monaten mehrere Kinder beim Spielen mit Waffen Schusswunden beigebracht. Erst kürzlich verletzte sich ein 14 Jahre alter Junge mit einer Schreckschusspistole die linke Hand. Der ihn verbindende Arzt bekam starkes Augentränen und es stellte sich heraus, dass die Pistole mit einer Tränengaspatrone geladen gewesen war. In einem Ort in der Nähe Chemnitz ist ein Mädel vom Bund deutscher Mädchen ledige Mutter geworden. Als Vater des Kindes hat sie 13 Männer angegeben. 3. Bericht: Die Verwahrlosung und Verwilderung der Hitler- Jugend ist nahezu allgemein bekannt. Selbst in Polizeikreisen herrscht darüber Erbitterung. Die Einbahnstrassen dürfen auch von geschlossenen Marschformationen nur in einer Richtung passiert werden. Die HJ setzt sich über die Vorschrift einfach hinweg. Vor einiger Zeit kam in Zwickau ein Trupp HJ mit Musik eine der Einbahnstrassen herein marschiert, die vom Zwickauer Stadtkern nur in der Richtung nach auswärts befahren werden dürfen. Der Schutzmann, der sonst jeden Radfahrer mit einer Mark Strafe bedenkt, der die Einbahnstrasse hereingefahren kommt oder auch nur das Fahrrad herein schiebt, wagte nicht, der HJ entgegenzutreten. Da er aber, wie alle Strassenpassanten schliesslich auch sah, dass die Hitlerbuben sich ihres Streiches bewusst waren und über die verdutzten Gesichter und die Hilflosigkeit des Schutzmannes höhnisch lachten, fasste er doch Mut und versuchte, den Zug zu stellen. Aber der Spielmannszugführer der HJ fuchtelte mit seinem Tamburstab dem Schutzmann vor der Nase herum, lachte ihm frech ins Gesicht und kehrte sich den Teufel um den Schutzmann. Mit verstärktem musikalischem Krach zog der HJ- Zug seines Weges. Der Schutzmann hatte nur den Spott für sich. Machen konnte er nichts, denn der Polizeidezernent ist ja ein Nationalsozialist. 4. Bericht: Die Hitlerjugend und das Jungvolk kann in den Zwickauer Arbeitervororten keinen Fuss fassen. Diese Organisation ist heute nicht stärker als früher die Konfessionellen. In den einzelnen Schulklassen sind 2 bis höchstens 10 Schüler Mitglied dieser Organisationen. Beim Staats jugendtag geht der Schulbetrieb fast ungestört weiter. In den Vororten, wo die Beamtenschaft überwiegt, ist die HJ stärker und umfasst mehr als 50% der Schul jugend. Dabei ist noch interessant, dass sich ein ganzer Teil der Eltern gegen diesen Staats jugendtag wendet und die Kinder in die Schule schickt. Schlesien: In der Hitler- Jugend zeigen sich gelegentlich geradezu kommunistische Tendenzen. Ein Unterführer der HJ äusserte sich in einem Diskussionskreise etwa sc:" Wir sprechen von Sozialismus, wir sprechen von Opfern, aber nicht das Opfer der Spiessbürger ist das entscheidende, sondern der Besitz muss opfern. Es kommt nicht bloss auf die Propagandazahlen an, die im Rundfunk über die Winterhilfsspenden der Unternehmer mitgeteilt werden, sondern es muss nun wirklich einmal ernst gemacht werden mit dem Opfern. Man spricht überall von Fronten, auch von der Wirtschaftsfront. Wenn man schon diese kriegerischen Begriffe auf das Wirtschaftsleben übertragen will, dann soll man auch wirklich alles kriegsmässig organisieren und dann sollen die Betriebe dem Staat gehören."- In Kreisen der Hitlerjugend findet man gelegentlich A-43auch Auffassungen, die keineswegs genossenschaftsfeindlich sind. Man sagt: an sich ist die Genossenschaftsidee doch eine gute Idee und es wäre zu wünschen, dass sie auf das Ganze übertragen würde. Der Zwang zum Eintritt in die HJ ist stark. Einem Jungen, der nicht in die HJ eintreten wollte, wurde rundheraus gesagt: du wirst es schon an deiner Zensur merken. Tatsächlich ist auch der grösste Teil der Jugend in der HJ. Bayern: Die Jugend wird ganz militarisiert. Die Kinder kennen kaum noch etwas anderes als Kriegsspiel und Exerzieren. Wie vor dem Kriege liefern sich heute schon die Kleinsten ihre Schlachten. Vor 14 Tagen hat einer mit einem Flobertgewehr bei einer solchen Schlacht geschossen und einen anderen Jungen in/ Kniekehle getroffen. / die 3) Die Jugend im Betrieb. Hitler- Jugend und Arbeitsfront mach gemeinsam die grössten AnArbeiter Arbeiterinnen zu erfassen. strengungen, um die Jwischen Ley und Schirach, Seit Ende 1933 nach der die HJ auch die Jugend in nach der die HJ auch die Jugend in der Arbeitsfront umfasst. Jetzt soll nach Angaben der Reichs jugendführung der überwiegende Teil der HJ- Mitglieder aus jungen Arbeitern bestehen. Der mehr oder minder starke Druck, den die HJ ausübt, um die jungen Arbeiter zum Beitritt zu bewegen, wird vor allem in den Gewerbeschulen angesetzt. Wir erhalten darüber folgende Berichte: Hamburg:( Aus einer Hamburger Gewerbeschule) Die Schule umfasst für das... Gewerbe etwa 150 bis 200 Schüler. Der Lehrkörper ist nahezu unverändert. Alle Lehrer sind äusserlich gleichgeschaltet und in ihren Aeusserungen sehr vorsichtig. Der Lehrplan ist im grossen und ganzen derselbe wie früher. Gelegentlich müssen auf zentrale Anweisungen hin bestimmte Fragen erörtert werden wie z.B. das Saarproblem, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht usw. Einige Zeit nach dem Reichsberufswettkampf wurden die amtlichen Antworten auf die im Reichsberufswettkampf gestellten Fragen in der Schule durchgesprochen. Der staatspolitische Unterricht in der Schule ist im grossen und ganzen noch objektiv. Es wird auch über den Zusammenbruch von 1918 noch sachlich Zutreffendes gesagt. Neuerdings wird für die Schüler über 18 Jahre ein Schulgeld von 30 Mark jährlich erhoben.- Die Schüler sind nur noch in den letzten Jahrgängen, also etwa die 18- und 19- jährigen, von uns beeinflusst. Die jüngeren dagegen stehen schon stark unter dem Einfluss des Regimes. Noch stärker zeigt sich das bei Schulkindern. Früher gab es in jeder Klasse Schüler- Vertretungen. Heute ist für die ganze Schule von der HJ ein besonderer Schulobmann eingesetzt worden. Auch in den einzelnen Klassen hat die HJ besondere A-44Vertrauensmänner eingesetzt. Diese Schulobmänner und Vertrauensleute der HJ leiten den ganzen Wehrsport, da die Lehrer damit nichts zu tun haben wollen. Zum Wehrsport müssen die Schüler klassenweise antreten. In der Regel wird jede Woche einmal eine dreiviertel Stunde im Anschluss an den Unterricht geübt. Es finden auf dem Schulhofe Marschübungen statt und neuerdings wurden die Schüler auch im Kleinkaliberschiessen ausgebildet. Sie mussten dafür aber einen Sonderbeitrag ( 4 Schuss 10 Pfg.) zahlen. Zuerst versuchten die meisten Schüler, Sabotage zu üben. Wenn zum Singen aufgefordert wurde, gab es nur ein allgemeines unverständliches Gemurmel. Kommandos wurden absichtlich falsch verstanden. Bei Märschen zu Uebungsplätzen kniffen fast alle, auch die HJ- Mitglieder, aus, ohne dass ernsthafte Massnahmen durchgeführt wurden. Schliesslich aber musste man sich doch fügen. Die HJ führt häufig Veranstaltungen und Werbeaktionen in der Gewerbeschule durch. Vor einiger Zeit wurden" auf Veranlassung des Reichsstatthalters" an die Schüler, die nicht Mitglied der HJ sind-in meiner Klasse sind von 20 Schülern nur 7 in der HJ Fragebogen verteilt, auf denen z. B. folgende Fragen standen:" Warum bist Du nicht Mitglied der HJ?"-" Wann gedenkst Du in die HJ einzutreten?"- Ein Teil der Schüler füllte diese Fragen einfach nicht aus, darauf wurden sie nochmals ausdrücklich gefragt. Es gab dabei Lehrer, die ihnen Tips für die Antwort gaben, z. B. aus wirtschaftlichen Gründen, aus Gründen der Berufsausbildung Nach einer Woche wurden diejenigen, die angegeben hatten, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der HJ wären, noch einmal besonders bearbeitet. Sie sollten angeben, ob sie bereit wären, in die HJ einzutreten, wenn ihnen die Uniform kostenlos geliefert würde. Aber auch auf diese Aufforderung hin meldete sich keiner. Vor einiger Zeit wurde die ganze Schule zusammengerufen, um das Referat eines Bannführers der HJ zu hören. Der Bannführer schimpfte in seiner Rede mächtig auf die Weimarer Zeit und unterstrich stark, dass die HJ auch die Ziele der sozialistischen Arbeiterschaft vertrete. Er räumte ohne weiter s ein, dass die Bewegung im Anfang 1933 viele schlechte Führer gehabt habe, aber die seien jetzt abgeschafft. Zum Schluss kamen wieder die alten Fragen: Wer ist Mitglied, wer ist nicht Mitglied und warum bist Du ausgetreten.( Es meldeten sich etwa 4- 5, die als Grund Differenzen mit ihren Sportvereinen wegen der Sonntagseinteilung angaben). Auf die weitere Frage, warum seid ihr anderen nicht Mitglieder der HJ? meldete sich niemand und auch weitere Bemühungen des Bannführers in dieser Richtung blieben erfolglos. Sachsen: 1. Bericht. Von den 30 Schülern der Gewerbeschule in X. gehören nur 6 der Hitlerjugend an. Die Lehrer sind von dem Schuldirektor mit allem Nachdruck angewiesen worden, für die HJ mehr als bisher Propaganda zu machen. Aber die Lehrer befolgen diese Anweisung einfach nicht und der Direktor ist dieser Obstruktion gegenüber machtlos. 2. Bericht: In den Fragebogen der Arbeitsämter für die Zwecke der Berufsberatung sind auch Fragen über die Mitgliedschaft in der HJ und im BdM enthalten. Das bestimmt oft Eltern, ihre Kinder in die HJ oder den BdM zu schicken, damit sie in ihrem Berufsfortkommen keine Schwierigkeiten haben. A-45Schlesien: Unter den Jungarbeitern in der HJ sind Fälle von Dienstverweigerung zu beobachten. In der Zeit des Reichsberufswettkampfes drückten sich die Jungarbeiter von den Ausmärschen mit dem Hinweis: entweder Reichsberufswettkampf oder Ausmärsche, beides zugleich geht nicht. Die Gefolgschaften traten zum Teil sehr schlecht an. Eine besondere Werbeaktion der HJ unter den Jungarbeitern ist der Reichsberufswettkampf, der in diesem Jahre zum zweiten Mal durchgeführt wurde. Dieser Wettkampf wurde diesmal mit weit stärkerer propagandistischer Wirkung aufgezogen als im vorigen Jahre. Eine Million junger Arbeiter und Arbeiterinnen standen in den Ausscheidungs kämpfen, 13.000 in den Gauzwischenentscheidungen, 523 in der Reichsentscheidung in Saarbrücken, 38 durften als Sieger in der Reichskanzlei dem" Führer" die Hand drücken. Die Bilder und Schilderungen der Sieger wurden in den Zeitungen der Reichsbetriebsgemeinschaften und Fachschaften in grosser Aufmachung wiedergegeben. Die Sieger sind merkwürdigerweise zum grossen Teil HJ- und BdM- Mitglieder." Es ist selbstverständlich", schrieb der Leiter des sozialen Amtes der HJ in einem Leitaufsatz für das" Olympia der deutschen Arbeit"," dass vor allem diejenigen berücksichtigt werden, die sich bereits der zusätzlichen Berufsschulung( der HJ) unterzogen haben und der Bewegung, insbesondere der Staats jugend, angehören." Selbstverständlich war auch die Teilnahme an dabei war, berichtet. leser Veranstaltung" freiwillig." Einer, der Die Werbung für den Reichsberufswettkampf erfolgte in der Gewerbeschule. Die Arbeitsfront liess an alle Schüler einen Zettel verteilen, auf dem sie ihre Bereitwilligkeit, am Reichsberufswettkampf teilzunehmen, aussprechen sollten. Es meldeten sich aber zunächst nur die Hälfte der Schüler, vor allem die Mitglieder der HJ. Es verging dann etwa eine Woche und in dieser Woche wurden die Lehrlinge schon in den Betrieben von der Betriebsleitung bearbeitet, doch mitzumachen. Es wäre doch besser für den Betrieb usw. Nach einer Woche wurden aber noch einmal Zettel in der Schule verteilt und diesmal hiess es, dass diese Zettel von allen Schülern ausgefüllt werden müssten, dass sich also alle am Reichsberufswettkampf zu beteiligen hätten. Schon auf diesem Zettel war eine Frage über die Zugehörigkeit zur HJ vorgesehen. Der Reichsberufswettkampf wurde eingeleitet mit einer allgemeinen Prüfung für alle Bewerber. Die Teilnehmer mussten morgens um 1/2 8 Uhr in der Gewerbeschule antreten und eine der üblichen Begrüssungsansprachen über sich ergehen lassen. Darauf erhielten sie ihre Aufgabe in einem geschlossenen Umschlag, der an den Betriebsführer abzugeben war. Auf dem Umschlag waren wieder eine Reihe von Fragen aufgedruckt, darunter Fragen über die Zugehörigkeit zur Arbeitsfront, zur HJ, zu anderen Verbänden usw. Ausserdem A-46musste der Chef einen Fragebogen über die Leistung des Bewerbers und seine Ordnung am Arbeitsplatz ausfüllen. Die Aufgaben wurden um 9 Uhr übergeben und dann wurde mit der Arbeit begonnen. B Die Aufgaben waren nach dem 1. bis 4. Lehrjahr abgestuft, der Bewerber hatte aber die Möglichkeit, eine höhere Stufe zu wählen und dafür besondere Pluspunkte zu bekommen. Während des Vormittags waren die praktischen Aufgaben zu erledigen, am Nachmittag wurde in der Schule die theoretische Prüfung durchgeführt. Sie bestand wie im vorigen Jahr aus beruflichen Fragen und aus Rechenaufgaben. Neu waren in diesem Jahr die weltanschaulichen Fragen. Auf einem Fragebogen waren etwa 8 10 Fragen vorgedruckt, die schriftlich beantwortet werden mussten. Die Fragen lauteten z.B.: Wann war die Saarabstimmung? Was bedeutet die Einführung der Wehrpflicht? Warum fördere Adolf Hitler zuerst das Bauerntum? Warum ist Deutschland Dein Vaterland? Was will die Hitler- Jugend? Was waren die grössten Deutschen? Ferner Fragen über die Rassenpolitik usw. Schliesslich musste ein Aufsatz geschrieben werden. Das Thema lautete für das 3. und 4. Lehrjahr etwa: Wie stellt man sich eine Betriebsgemeinschaft vor? Zur Fertigstellung des Aufsatzes war eine Zeit von einer Stunde gegeben worden. Die zehn besten Bewerber kamen dann in die Gauentscheidung. Die Gauprüfung dauerte zwei Tage. Der erste Tag war der praktischen Prüfung vorbehalten. Die Teilnehmer wurden in die.... zusammengerufen, wo morgens eine Begrüssungsansprache für alle Berufe gemeinsam stattfand und wo es ein gemeinsames Frühstück gab. Die einzelnen Fachgruppen begaben sich dann in die Betriebe und zwar wurden Betriebe ausgesucht, in denen kein Bewerber tätig war. Es gab wieder einen Umschlag mit den Aufgaben, der dieselben Fragen über die Zugehörigkeit zur HJ, zur Arbeitsfront usw. enthielt. Die Aufgaben waren wiederum nach Leistungsklassen gestaffelt. Es gab 5 Stunden Zeit zur Durchführung. Jeder bekam seinen Arbeitsplatz zugewiesen und ab und zu kam eine Aufsicht, um seine Arbeit zu kontrollieren. Nach der Arbeit gab es eine Essenkarte für eine Mahlzeit im Am zweiten Tag wurde morgens die theoretische Prüfung durchgeführt. Sie war ähnlich wie bei der allgemeinen Prüfung, nur etwas schwieriger. Auch hier wurden wieder allgemeine Fragen gestellt z. B.: Welche Bedeutung hat die Rückgliederung der Saar für Deutschland? Was ist Nationalsozialismus? Was sind die Kennzeichen der kapitalistischen- marxistischen Wirt-: schaft und der nationalsozialistischen Wirtschaft? Ferner Fragen über die Wehrpflicht, Rasse usw. Es musste ebenfalls ein Aufsatz geschrieben werden. Für das 4. Lehr jahr lauteten die Themen z.B.: Wie stelle ich mir meine weitere Berufsarbeit vor?" und" Was hast Du für Vorschläge für die Herstellung einer guten Betriebsgemeinschaft in Deinem Betrieb?"- Bei dieser theoretischen Prüfung wurden von der HJ Fragebogen verteilt, die zum Beitritt in die HJ aufforderten. Es war bemerkenswert, dass von den 10 Teilnehmern an der Gauentscheidung in unserem Beruf nur einer Mitglied der HJ war. Zu Mittag gab es dann wieder Essenkarten für das Am Nachmittag wurde dann auch eine Neuerung gegenüber dem Vorjahr die sportliche Prüfung vorgenommen, die ganz unter der organisatorischen Leitung der HJ stand. Die Prüfungen umfassten dieselben Uebungen wie bei den Bewerbungen um das HJ- Sportabzeichen: Hunder meterlauf, Keulenweitwurf und Weitsprung. Die Prüfungen wurden A-47- eingeleitet durch eine Rede des zuständigen HJ=Führers, der betonte, dass nach Saarbrücken zum Reichsausscheidungskampf selbstverständlich nur körperlich tüchtige Bewerber geschickt würden. Am 1. Mai fand dann die Siegerehrung für die Teilnehmer an der Gau-Zwischenentscheidung statt 9 Der Gauleiter hielt eine Rede. Ausserdem wurde die Kundgebung aus Berlin und der Empfang der Reichssieger durch den Führer übertragen, Anfang Juni erfolgte schliesslich die Preisverteilung für die Teilnehmer an der allgemeinen Prüfung. Sie wurde eingeleitet durch eine Rede des Gaujugendwalters der Arbeitsfront o Als Preise gab es Bücher und Urkunden und Fotografien vom Arbeitsplatz während der Berufsprüfung. Als Bücher wurden z.B. gegeben: Hitlers Kampf, Rosenbergs Mythus usw. Sofort nach der Verteilung begann unter den"Preisgekrönten" eine eifrige Tauscherei, wobei sich vor allem Hitlers Kampf als wenig begehrt erwies, weil man ihn ja schon antiquarisch bekommen kann. Alle Nichtmitglieder der HJ waren aufgefordert worden, noch nach der Preisverteilung dazubleiben, aber die meisten verschwanden vorher, da sie damit rechneten, dass nun auf sie ein besonderer Druck ausgeübt werden sollte, um der HJ beizutreten. Die einzelnen Arbeiten waren zwar mit Kennummern versehen, so dass es möglich gewesen wäre, sie ohne Rücksicht auf die Person zu beurteilen. Die Mehrzahl der Teilnehmer hatte aber den Eindruck, dass für das Gesamtergebnis schliesslich doch entscheidend war, ob der Bewerber Mitglied der HJ ist oder nicht. Alle Prüfungsarbeiten aus der Gauentscheidung mussten nach Berlin geschickt werden und wurden dort noch einmal geprüft. 4) Hochschule und Studentenschaft. Der neu entbrannte Streit um die Korporationen lenkt die Aufmerksamkeit auf die Situation in der deutschen Studentenschaft. Der Versuch des NSD-Studentenbundes, die Korporationen auf dem Umwege über die"weltanschaulich-politische Erziehung" zur Gleichschaltung zu zwingen, ist einstweilen auf starken Widerstand gestossen. Dieser Widerstand hat seine Stütze nicht nur in den auch heute noch einflussreichen Beziehungen der Korporationen, sondern vor allem in dem Führer der"Gemeinschaft studentischer Verbände", dem Staatssekretär in der Reichskanzlei, Dr. Lammers. Dieser Verband verfolgt das Ziel, alle Korporationen zu vereinigen und damit dem NSD-Studen- tenbund eine einheitliche Organisation aller studentischen Verbindungen an die Seite zu stellen, die"im Laufe der Jahre nationalsozialistisch werden" müssten. Offenbar ist es Lammers gelungen, seinen Chef für dieses �erhaben zu gewinnen, denn Hitler hat ihm vor einiger Zeit für seine Bestrebungen,"die deutschen studentischen Verbindungen aus der bisherigen Zersplitterung herauszuführen und A-48zu einem einigen Korporationsstudententum zusammenzuschliessen," besten Erfolg gewünscht. Mit Recht beklagt sich jetzt der Leiter der Reichsschaft der Studenten darüber, dass die Neuordnung des studentischen Verbandswesens im Sinne der Nationalsozialisten letzten Endes an der Haltung des jetzigen Führers der Gemeinschaft studentischer Verbände gescheitert sei. Hier zeigen sich also dieselben Kämpfe hinter den Kulissen wie auf anderen Gebieten und dasselbe zweideutige Verhalten Hitlers. Wie aber auch dieser Organisationskrieg ausgehen mag, wichtiger wird sein, welche politische Grundhaltung Studenten und Dozenten in Zukunft einnehmen werden. Schon heute lässt sich feststellen, dass diese Haltung wesentlich anders ist als vor zwei Jahren, dass der nationalsozialistische Rummel auch hier seinen Reiz verloren und Wird sie sich fortsetzen? eine rückläufige Bewegung eingesetzt ha Wird sie über das unmittelbare Interesse an freier wissenschaftlicher Forschung hinaus bis zu einer grundsätzlichen politischen Gegnerschaft zum System durchstossen? Die nachstehenden Berichte geben gewisse Anhaltspunkte zur Entwicklung. Arteilung der Aussichten einer solchen Südwestdeutschland: Am augenfälligsten erscheint mir die Wandlung der Studentenschaft in den letzten zwei Jahren. Auch sie war einer der Vorkämpfer des Dritten Reiches. Heute herrscht bei den Studenten ein starkes politisches Ruhebedürfnis. Man möchte möglichst los vom Marschieren und vom Parteidienst. In dieser Richtung liegen auch die Klagen Streichers über die Münchner Studenten, die Vorgänge auf den Hochschulen in Köln, Darmstadt und Münster. Auch hier wirkt die Enttäuschung über die Nichterfüllung der gehegten Hoffnungen. Die Berufsaussichten sind nach wie vor schlecht, und die jungen Akademiker sehen alle beamteten Stellen für Jahre hinaus besetzt, die freien akademischen Berufe in verschlechterter wirtschaftlicher Lage( Anwälte!). Wo früher Bonzen von 50 Jahren den Weg versperrten, sitzen heute solche von 30 Jahren und machen die Zukunft noch trostloser. Hierzu kommt noch die Einsicht, dass besonders die antisemitische" Säuberung" der in Frage kommenden Berufe wenig geholfen hat, um die Berufsaussichten zu erhöhen. Natürlich ist von dieser Enttäuschung bis zu einer auf der Sehnsucht nach geistiger Freiheit aufgebauten kämpferischen Gegnerschaft noch ein weiter Weg. Sachsen: In den Kreisen der Studenten der technischen Hochschule Dresden beginnt man heute, sich ideologisch umzustellen. Bezeichnenderweise interessiert man sich jetzt für das bolschewistische Problem. Man ist über den Nationalsozialismus enttäuscht, weil er den technischen Berufen nicht genügend Entwicklungsmöglichkeiten bietet, und interessiert sich gerade für Sowjetrussland, weil man glaubt, dass dort der Neuaufbau den Technikern grosse Zukunfts A-49aussichten eröffnet habe. Unter diesen technischen Studenten machen oft Verordnungen der Regierung die Runde, die den technischen Fortschritt hemmen. Ebenso wird bei den Medizinern mit Missfallen beobachtet, wie unter Streichers Förderung die Naturheilkunde zunimmt. Schlesien: Auf die Haltung der Studenten werfen folgende Vorfälle ein bezeichnendes Licht: Am 1. Mai marschierten die Korporationsstudenten mit im Zuge. Aber sie sangen abwechselns nur zwei Lieder; entweder: Ein Männlein steht im Walde... oder: Hänschen klein, ging allein... In einer Vorlesung des Kunsthistorikers und Professor Märker kam dieser auf die neue Schrift von Rosenberg:" Gegen die Dunkelmänner" zu sprechen. Dabei fiel ihm aus Zerstreutheit der Name des Verfassers nicht ein und er sagte den Studenten, dass sie ja schon wissen würden, von dem diese bekannte Schrift ist. Darauf scharrten die Studenten. Als er dann noch einmal den Titel wiederholte, scharrten die Studenten abermals. Darauf wurde der Professor wütend und sagte:" Es kann einem wohl einmal passieren, dass einem der Name eines Verfassers nicht einfällt, das ist kein Grund zum Scharren!" Sprachs und lief hinaus. Darauf lief ihm ein Student auf den Flur nach und bat ihn um Entschuldigung, da es sich nur um ein Missverständnis handele. Die Studenten hätten nicht gescharrt, weil ihm der Name Rosenberg nicht eingefallen sei, sondern, weil sie nichts von Rosenberg hören wollten. Zie studentische Opposonders stark in den tDie studentische Opposition ist besonders stark in den theologischen Fakultäten, besonders bei den Katholiken. Unter den evangelischen Studenten stehen keine 20% hinter dem Reichsbischof, sondern alle anderen hinter der Bekenntniskirche. Viele Studenten verhalten sich dabei sehr mutig und setzen sogar ihre Stipendien aufs Spiel. In den wissenschaftlichen Seminaren wird oft deutlich Kritik an den Massnahmen der Regierung geübt und wiederholt die Frage aufgeworfen, wie sich die eine oder andere Massnahme zu den 25 Programmpunkten der NSDAP verhalte. Eine starke Abkehr vom SA- Dienst ist allgemein zu beobachten. Wir sind zum arbeiten da und wir wollen nicht durch den Dienst belästigt sein, sagen die Studenten. Tatsächlich ist heute der SADienst nur noch auf das zweite und dritte Semester beschränkt. In der Universität sind die" alten Kämpfer" der NSDAP und der SA keineswegs tonangebend. Im Herbst waren noch fast jeden Abend SAMärsche, in diesem Jahr sind es sehr viel weniger. Früher sah man auf der Universität sehr viele Braunhemden, jetzt beherrscht wieder das Zivil das Feld. Die" Hochschulreife" als erschwerende Voraussetzung für den Beginn des Studiums ist stillschweigend wieder fallengelassen worden, sodass heute jeder Abiturient ohne Rücksicht darauf, ob er die besondere Hochschulreife erhalten hat, studieren kann. Das liegt einfach daran, dass sich in den letzten Monaten soviel Studenten zur Reichswehr gemeldet haben, dass die Zahl der Studierenden wesentlich stärker zurückgegangen ist, als man erwartet hatte. Dieser starke Zustrom der höheren Schüler zur Reichswehr ruft auch eine Aenderung in der Zusammensetzung der Studentenschaft hervor. Die jungen Leute mit starken militäristischen Neigungen hatten früher kein anderes Betätigungsfeld als die SA. Heute gehen sie A-50zur Reichswehr. Infolgedessen wird dieser Typ des Studenten allmählich aus den Universitäten verschwinden. Die grosse Mehrzahl der Professoren seufzt über die Einschränkung der freien wissenschaftlichen Forschungsmöglichkeiten. Es sind ja fast alle alten Professoren geblieben und nur wenige Dozenten in den Lehrkörper eingetreten, die sich dann in der Regel auf die neuen Lehrfächer: Völkerkunde, germanische Forschung usw. stürzen. Es ist aber bemerkenswert, dass gerade diese Vorlesungen wenig besucht werden, so dass von den Nationalsozialisten noch stärkere Kontrolle über den Besuch von Pflichtvorlesungen dieser Art verlangt wird. Am besten besucht sind die Vorlesungen jener Professoren, die ab und zu vorsichtig zu erkennen geben, dass sie oppositionell eingestellt sind. Fast alle Professoren sind heute davon überzeugt, dass Deutschland einer inneren Befreiung durch Wiederherstellung der geistigen Freiheit und der freien wissenschaftlichen Forschung bedürfe und dass das dann die Basis für alle weiteren politischen Reformen sein müsste. Aber diese Meinung äussern sie nur im vertrauten Kreis; vor einem grösseren Forum gefragt, hüllen sie sich in Schweigen. Gelegentlich kann man bei dem einen oder anderen Professor schon eine merkliche Aenderung der Haltung beobachten, die offenbar darauf beruht, dass sie mit einer Aenderung der Verhältnisse rechnen und sich rechtzeitig umstellen wollen. Es gibt aber auch mutige Männer unter ihnen. Einer der Breslauer Professoren ist wiederholt für die Freiheit der Wissenschaft eingetreten und hat neuerlich in einer Pfingstbotschaft sogar den Grundsatz aufzustellen gewagt, dass ein Führer, der die Bedeutung der Wahrung der geistigen Freiheit verkennt, kein Führer sei. Wir dürfen uns aber nicht darüber täuschen, dass diese Oppsotion gegen das Regime eine durchaus bürgerliche Opposition ist, die nicht ohne weiteres für uns nutzbar gemacht werden kann. hiv Aus einem Reisebericht: Die Studentenschaft ist ausserordentlich oppositonell eingestellt, aber man kann deshalb nicht sagen, dass sie sozialistisch sei. Sie ist gegen die Bonzenwirtschaft und gegen die Bevorzugung von Parteileuten bei der Besetzung von Stellen. Sie empfindet den Widerspruch zwischen dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch und den Forderungen der Wissenschaft. Sie verhält sich den Anforderungen der Partei gegenüber im allgemeinen gleichgültig. In Frankfurt/ Main wurde z. B. im Herbst 1933 ein sogenanntes Pflichtheft eingeführt, in dem die Teilnahme an Ausmärschen und Uebungen quittiert werden sollte. Trotzdem haben sich die Studenten in wachsendem Masse von diesen Veranstaltungen gedrückt, so dass die ganze Sache schliesslich eingeschlafen ist. Ehemalige Sozialdemokraten sind unter der Studentenschaft kaum noch zu finden. Die meisten waren ohne dies älter, einige sind wegen ihrer politischen Tätigkeit relegiert worden, andere haben durch den Zusammenbruch der Arbeiterorganisationen ihren wirtschaftlichen Rückhalt verloren und mussten das Studium aufgeben. In Berlin besuchte ich eine juristische Vorlesung bei Professor Kohlrausch. Als der Professor kam, hob er lässig die Hand zum vorgeschriebenen Hitlergruss, die Studenten begrüssten ihn wie früher mit Getrampel. Von irgend einer neuen Art der Disziplin ist nichts zu merken. Die Vorlesungen haben zwar neue Namen erhalten, z. B. heisst die Vorlesung über Das Recht der Schuldverhältnisse nach A-51dem BGB jetzt" Vertrag und Unrecht", die strafrechtliche Vorlesung " Verbrechen und Strafe", aber der Inhalt der Vorlesungen ist noch immer derselbe. Als ob sich nichts geändert hat, sprach z.B. Kohlrausch in dieser Vorlesung über die Vorschrift der Strafprozessordnung, dass ein Verhafteter innerhalb 24 Stunden dem Untersuchungsrichter zuzuführen ist. Ja, man hat geradezu den Eindruck, je mehr die Rechtsunsicherheit in Deutschland zunimmt, umso mehr klammern sich die Professoren an die Paragraphen. Bei jungen Professoren, die durch die Nationalsozialisten in ihre Aemter gekommen sind, ist es natürlich anders. Man sieht aber noch sehr viele alte Namen in dem Vorlesungsverzeichnis. Auffällig ist, dass die Vorlesungen viel weniger besucht werden als früher. Die Vorlesungen von Titze fanden früher in den grössten Sälen der Berliner Universität statt. Heute hat Titze in seinem Kolleg nur noch die ersten acht Bankreihen besetzt. In X. sprach ich einen Professor, der Jude ist, aber als Frontkämpfer sein Amt behalten hat. Er ist seit jeher ein rechtseingestellter Mann gewesen. Das hat ihn nicht davor bewahrt, dass die SA nach dem Umsturz den Versuch gemacht hat, ihn mit Gewalt an der Ausübung seiner Lehrtätigkeit zu hindern. Dieser Mann schimpft wütend über die heutigen barbarischen Zustände. Er wirft den Nationalsozialisten vor, dass sie die wissenschaftliche Forschung unmöglich gemacht haben, dass sie nur zerstören können und nichts Neues an die Stelle des Alten zu setzen vermögen. Die Tagungen, zu denen heute die Wissenschaftler kommandiert werden, erscheinen ihm einfach lächerlich. Dieser Mann hat früher die Politik konsequent abgelehnt, jetzt ist er stark politisch eingestellt. Er rechnet sich zur Bekenntniskirche und macht aus seiner allgemeinen Gegnerschaft gegen das Regime kein Hehl. Man würde sich aber täuschen, zu glauben, dass es ihm um den Sturz des Regimes selbst ginge. Vielmehr kommt es ihm mehr auf seine innere Umwandlung an. Er ist für einen" vernünftigen" Nationalsozialismus und sucht ein Komprommiss, das seinen wissenschaftlichen Vorstellungen im Rahmen des Nationalsozialismus neue Lebensmöglichkeiten eröffnet. Er denkt nicht daran, das Dritte Reich als Ganzes abzulehnen, denn schliesslich hat dieses Dritte Reich ja doch die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt, den Versailler Vertrag zerrissen, Deutschlands Weltgeltung gehoben usw. usw. In diesen Kreisen kann man auch immer wieder feststellen, dass der Kommunistenschreck noch keineswegs überwunden ist. Man fürchtet dass nach dem Nationalsozialismus das Chaos, will sagen der Kommunismus kommen könnte und deshalb will man keinen Sturz, sondern lieber eine Umwandlung des Regimes. In diesen Kreisen wird oft auch Hitler selbst abgelehnt, Frick dagegen nachsichtiger beurteilt. A-52Nachträge zum Abschnitt über die Jugend. Schlesien: Die Sorge um eine vollständige Verseuchung der Jugend durch die nationalsozialistische Erziehungs- und Propagandamethoden darf man nicht übertreiben. Aus zahlreichen Gesprächen mit Lehrern gewinnt man den Eindruck, dass auch die Jugend jetzt langsam anfängt, kritisch zu werden. Es liegt in der Eigenart jugend lichen Denkens, dass sich die jungen Menschen weniger scheuen, einen Gedanken zu Ende zu denken, als die Erwachsenen. Das machen die Jungen und Mädel heute auch mit dem nationalsozialistischen Gedanken und dabei stossen sie natürlich sehr schnell auf Widersprüche zwischen Idee und Verwirklichung. Dass diese Widersprüche die Jugend beschäftigen, zeigt sich sogar schon an Schulaufsätzen. Die Sympathien der Jugend für die HJ sind merklich abgekühlt. Es gibt heute schon eine ganze Menge Kinder, die den Dienst im Jungvolk satt haben und die zu den Nichtmitgliedern, die am Staatsjugendtag Schule haben, sagen:" Ach, ich würde auch lieber am Sonnabend in die Schule gehen. Wenn ich doch endlich einmal rausgeschmissen würde." Das Verhältnis zwischen Mitgliedern und Nichtmi tgliedern ist in den einzelnen Schulen und auch in den einzelnen Klassen sehr verschieden. Es gibt Mädchenklassen, in denen nur ein Mädel im BdM ist, andere, in denen wieder 2/3 mitmachen. Auf dem Dorf sind in der Regel fast alle Kinder in der HJ. Am Anfang war der Druck, den die Lehrer auf die Kinder ausübten, in die HJ einzutreten, sehr stark. Kinder, die nicht beitraten, wurden als Kommunistenkinder verschrien, von den Mitschülern geschnitten und von den Lehrern schlecht behandelt. Jetzt hat sich das Bild etwas gewandelt. Die Nichtmitglieder werden nicht mehr von der Kamerad schaft der Mitschüler ausgeschlossen und die Lehrer machen keinen Unterschied mehr zwischen HJ- Mitgliedern und anderen Kindern. Trotzdem ist der Druck, der HJ beizutreten, gelegentlich noch immer sehr fühlbar. Vor kurzem hatte die HJ eine Werbewoche, bei der den Kindern wieder sehr stark zugesetzt wurde. Es gibt in solchen Fällen Kinder von antifaschistischen Eltern, die bei ihren Eltern darum bettelh, ihnen doch den Beitritt zur HJ zu gestatten, damit sie nun endlich Ruhe haben. Das führt dann oft zu Zerwürfnissen unter den Geschwistern, weil robustere und ältere Geschwister die Wankelmütigkeit der anderen verachten. Ein Junge sagte zu seiner Schwester: Wenn Du in den BdM gehst, dann bist Du für mich als Schwester erledigt. Die sittliche Verwahrlosung in der HJ hat einen erschreckenden Umfang angenommen. Vor kurzem wurden in der Klinik bei uns zwei 14- und 15- jährige BdM- Mädchen entbunden. Als man sie fragte, wer denn der Vater sei, waren sie ganz ratlos. Auf die Vorhaltungen, sie müssten doch wissen, mit wem sie zusammengewesen seien, antwortete die eine: Ja, wir kennen den doch nicht, wir haben doch gelost. In... dorf kam man ähnlichen Verhältnissen dadurch auf die Spur, dass bei Kindern eine Anzahl Schutzmittel gefunden wurden. Darauf ging der Pfarrer des Ortes den Dingen nach und stellte fest, dass 15 Mädchen an diesen Dingen beteiligt waren. Der Unterricht trägt stark nationalsozialistisches Gepräge. Die meisten Diktate und Aufsätze, die die Kinder zu schreiben haben, A-53haben nationalsozialistische Themen zum Gegenstand. Es muss viel über Hitler, Goering und die anderen Parteiwürdenträger geschrieben werden. Die Kinder müssen in die nationalsozialistischen Filme wie " Horst Westmar" und" Triumph des Willens" gehen und darüber nachher Aufsätze schreiben, oder sie müssen sich Führerreden im Radio anhören und darüber dann ebenfalls berichten. Die Wirkungen auf die Kinder sind nicht einheitlich. Ein Junge sagte nach dem Besuch des Parteitagsfilms" Triumph des Willens":" So einen Mist habe ich überhaupt noch nicht gesehen." Im allgemeinen kann man sagen, dass die Aufmärsche und Demonstrationen kaleidoskopartig am Auge der Kinder vorüberziehen, ohne tiefere Spuren bei ihnen zu hinterlassen. Die Lehrer machen grösstenteils noch alles mit. Sehr wenige haben Haltung bewiesen. Soweit sie fanatische Nationalsozialisten sind, glauben sie noch immer, dass die vielen unangenehmen Begleiterscheinungen des Regimes vorübergehen werden. Die starke Unterstützung, die früher die HJ bei der Lehrerschaft hatte, ist heute zum grössten Teil geschwunden. S Die Sammelei in den Schulen ist bis in die letzte Zeit stark gewesen. Die letzte Sammlung bezog sich auf das Jugend- Herbergswerk. Die Kinder bekamen Sammelhefte mit und kein Kind konnte sich davon recht ausschliessen. Nur wenn die Kinder von zu Hause aus Rückhalt haben, haben sie den Mut, ein solches Sammelheft leer zurückzugeben. Früher haben die Lehrer die Kinder bei diesen Sammlungen sehr angetrieben. Heute kann hier und da ein Sammelheft zurückgegeben werden, ohne dass die Lehrer eine Bemerkung darüber machen. Natürlich sind auch in dieser Beziehung die Verhältnisse von Schule zu Schule verschieden. Neben dem Lernmittelbeitrag für Kinovorführungen muss jedes Kind monatlich 1 Pfennig für die Jugend- Herbergen mitbringen. Wasserkante: Die Lust an der Beteiligung in BdM und HJ hat sehr stark nachgelassen. Von den Schülerinnen der Frauengewerbeschule in Lübeck ist ungefähr wieder ein Drittel aus dem BdM ausgeschieden. Zu den HJ- Veranstaltungen gehen die Jungens nur dann gern, wenn der Führer ihrer Einheit ein" famoser Kerl" ist und viel Spiele mit ihnen macht. Veranstaltungen ernsten Charakters( Vorträge etc.) sind sehr unbeliebt. Am liebsten ist es den Mädchen, wenn sie viel Unfug treiben, sich ordentlich austoben können. Oft ist das Taktik. Sie wollen erreichen, dass die Führerin sie aus der Veranstaltung hinausweist und sie dann auf der Hauptstrasse promenieren können. Die häufig erfolgenden Anweisungen, sich zu anderen BdM- Gruppen umzumelden, werden zumeist ausgenutzt, um stillschweigend aus dem BdM zu verschwinden. Ursachen der Unlust: Mangel an Inhalt, grosse Anforderungen, der Zwangs charakter des Ganzem. Es erwacht immer wieder der Drang, machen zu können, was man gern möchte. Eine grosse Rolle spielt der Entschuldigungszttel. Er wird nur dann von den Führern akzeptiert, wenn er Krankheit als Grund des Nichterscheinens angibt. Manche Kinder benutzen ein und denselben Entschuldigungszettel-ohne Datumvermerk- immer wieder.- Es waren ziemlich alle Schüler in HJ und BdM. Nur wenige hielten den fortgesetzten Druck aus, der gerade in L. sehr stark ausgeübt wird. Die Angst, keine Lehrstelle zu erhalten, spielt eine grosse Rolle. Allerdings nehmen die Handwerksmeister durchgängig lieber Lehrlinge, die nicht einer Organisation angehören. Die Innung mahnt zwar von Zeit zu Zeit, die Meister hätten auf die notwendige Zugehörigkeit der Lehrlinge zu HJ und BdM zu achten, aber es kehrt sich kein Meister daran. A-54- Bei der Elternschaft nimmt der Unwille gegen die Jugendorganisationen der Nazi zu. Selbst alte Pgs. trachten, ihre Kinder herauszubekommen. Die Charakterbildung der Kinder wird zu ungünstig beein- flusst. Die Kinder, auch die Mädels, lassen sich von den Eltern kaum noch etwas sagen. Erstes Beispiel: Ein achtjähriger Junge beruft sich bei jeder Gelegenheit, wenn ihm sein Vater Anweisungen gibt oder Vorhaltungen macht:"Äber mein Führer hat gesagt..." usw. Der Vater, ganz verärgert, sagte darauf eines Tages:"Jetzt habe ichs satt. Bin ich Dein Vater oder ist Dein Führer Dein Vater. Sofort packst Du Deinen Koffer und ziehst zu Deinem Führer!" Der Junge war ganz verdutzt, wurde tagelang sehr nachdenklich und ging in der Folgezeit nur lässig zur HJ. Zweites Beispiel: Eine Familie, deren Oberhaupt aus Arbeitsgründen nur Sonnabends zu Ausflügen Zeit hat, will eines Sonnabends Spazierengehen. Die drei Kinder erklären: Wir können nicht mit, wir haben Dienst und die Entschuldigungszettel gelten nur bei Krankheit.- Als am Sonnabend darauf ein Familienausflug wieder daran zu scheitern droht, geht die Mutter zu dem Hitler jugendbüro, um Krach zu schlagen. Dort heisst es:"Ja, daran müssen Sie sich gewöhnen, das ist heute eben anders als früher!"- Aber ich darf wohl noch mit meinen Kindern spazieren gehen, wenn ich will. Schliesslich sind es meine Kinder!"-"Nein, Sie irren sich, die Kinder gehören in erster Linie dem Staat!"-"Was, kriegen Sie erst mal Kinder, dann wissen Sie, wem die Kinder gehören!"- Anfang Juni war Schirach in Travemünde. Die Lübecker HJ und BdM, darunter Achtjährige, musste zu Fuss-gut vier Stunden- hinlaufen und waren von 12 Uhr mittags bis 12 Uhr abends auf den Beinen.. Wäre es nicht so spät gewesen, hätten sie auch zurück wieder laufen müssen. Anderntags brauchten sie erst zwei Stunden später zur Schule kommen, mussten aber nachmittags wieder zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz mit stundenlangem Warten. Der Nationalsozialismus sitzt in den Kindern nicht tief. Sie können sich darunter nicht viel vorstellen. Für sie ist es Tamtam einschliesB lieh Hitlerlegende. Es lockt sie das Wichtiggenommenwerden. Wer in die Nazi-Jugendorganisationen hineinkommt, streift rasch das Kindliche ab. Das Kind ist dann nicht mehr Kind. Die Kinder werden teilweise herrisch. Auffällig ist, dass die alten Kinderspiele(mit der Puppe spielen, Hochzeitspielen, Kreisspiele), die man sonst auf Strassen und Plätzen beobachten konnte, seit der Existenz der Staatsjugend verschwunden sind. In der Schule wird grosser Wert auf die Note in Religion gelegt. Wer da gut abschneidet, ist angesehen. Die älteren Lehrer und Lehrerinnen schwärmen sehr für Vorkriegsideale, lieben die Mädels mit Zöpfen usw. Die Junglehrerinnen gehen mit dem Wind. Schulehalten ist Broterwerb geworden wie jeder andere.- Lehrerinnen, die unfähig sind, in der obersten Klasse zu unterrichten, bekommen aber solche Klassen, weil sie halt Pgs. sind. Als Hitler durch Volksabstimmung als"Führer und Reichskanzler" bestätigt werden sollte, kamen kleine Volksschulkinder zu den Eltern heim mit den Worten:"Vater und Mutter, Ihr müsst für Hitler stimmen. Sonst kommen die Franzosen ins Land und stechen die kleinen Kinder tot. Das hat uns unsere Lehrerin gesagt. A-55- IV. Kunst und Volksbildung im Dritten Reich. Der Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus hat sich am Anfang auch auf dem Gebiete der Kunst in der Form der Gleichschaltung ausgetobt. Aber auch auf diesem Gebiet hat sich inzwischen gezeigt, dass die Gleichschaltung nur ein formaler Vorgang war und dass mit diesen Methoden allein der Strom gesellschaftlichen Geschehens nicht in ein anderes Bett gelenkt werden kann. Die Nationalsozialisten erkennen heute selbst, dass sie auf kulturellem Gebiet bisher so gut wie gar nichts erreicht haben. Das liegt nicht nur an der Unmöglichkeit, schöpferische Leistungen zu erzwingen, nicht nur an dem ausserordentlichen Mangel an geeigneten Kräften im Lager der Nationalsozialisten, nicht nur an finanziellen Schwierigkeiten-es wird zum Teil sehr viel mehr Geld für diese Zwecke ausgegeben als früher- es liegt auch an den Gegensätzen im nationalsozialistischen Lager selbst. Auf der einen Seite steht der staatliche Apparat des Reichspropagandaministers, der Reichskulturkammer usw., auf der anderen Seite die NS- Kulturgemeinde Alfred Rosenbergs. Für die staatliche Organisation ist das Gebiet der Kultur ein weiteres Feld propagandistischer Machtentfaltung, wahrend die Parteiorganisation versucht, sich dieses Gebiets mit dem Mythus der nationalsozialistischen"Weltanschauung" zu bemächtigen. Ein Berichterstatter äussert sich über diese Gegensätze: Seit langem bestehen zwischen der Reichskulturkammer und der NS-Kulturgemeinde erhebliche Gegensätze. Diese Gegensätze haben in der letzten Zeit immer schärfere Formen angenommen. Auf der letzten Viertel Jahresversammlung des Reichsverbandes der deutschen Schriftsteller brachte der Vertreter der Kulturkammer mit aller Schärfe zum Ausdruck, dass keine andere Organisation neben der Kulturkammer geduldet werden würde. Darauf erwiderte der Vertreter der NS-Kulturgemeinde, dass die Kulturgemeinde die von der Partei geschaffene Kulturorganisation sei, die durch die Einrichtung der staatlichen Kulturkammer nicht überflüssig geworden sei. Eine Auswirkung der Differenzen zwischen Goebbels und Rosenberg ist auch, dass Goebbels die Reichstheaterwoche, die erst für den Herbst geplant war, schon jetzt nach Hamburg einberufen hatte, um sofort ein Gegengewicht gegen die Tagung der NS-Kulturgemeinde in Düsseldorf herzustellen. Dabei ist bemerkenswert, dass Hitler nicht nach Düsseldorf gefahren ist, aber in Hamburg war. Vor einiger Zeit hat eine Tagung des Gaues... der N.S- Kultur- geipeinde stattgefunden. Der grosse....Saal in..., der 3. 000 Personen fasst, war nur zu ein Viertel gefüllt. Man hatte sogar A-56die" Kraft durch Freude" aufgeboten. Die aber war nicht gekommen, weil sie wieder gegen die NS- Kulturgemeinde eingestellt ist. Diese Differenz beruht darauf, dass die KdF eigene Theaterveranstaltungen durchführt, während die NS- Kulturgemeinde durch die" Deutsche Bühne" versucht, in der Art der früheren Volksbühne zu arbeiten. Auf dieser Kulturtagung hielt der Vertreter der Kulturgemeinde ein Referat, in dem er das deutsche Theater sehr stark kritisierte. Das schlesische Landestheater( eine Wanderbühne) sei überhaupt nicht spielfähig, da viele Orte nicht imstande seien, vernünftige Aufführungen durchzuführen. Das Opernhaus spiele hauptsächlich Operetten, weil bei Opern das Haus immer leer sei. Ein allgemeiner Niedergang des deutschen Theaters sei nicht zu leugnen. Der Künstler sei an sich Individualist und erst langjährige Erziehung könne ihn zu der Gemeinschaftsarbeit befähigen, die die Nationalsoziali sten anstrebten. Dann werde es vielleicht einmal möglich sein, auch das Thing- Spiel zu verwirklichen, das heute noch eine hohle Phrase sei. Auf dieser Tagung trat auch ein... auf, der seine Darbietungen dazu benutzte, um allerhand politische Witze zu machen und sich dabei auch über die NS- Kulturgemeinde selbst lustig zu machen. Das hat den unerwarteten Erfolg gezeitigt, dass er seitdem stark im Rundfunk bevorzugt wird. Der Rundfunk steht auf der Seite der Reichskulturkammer und tut das schon, um der NS- Kulturgemeinde eins auszuwischen. Die Gegensätze zwischen der Reichskulturkammer und der NS- Kulturgemeinde beruhen in der Hauptsache auf den verschiedenen BonzenInteressen. Wenn man schon einen sachlichen Grund suchen will, kann man vielleicht sagen, dass in der Kulturkammer mehr die Realpolitiker sitzen, die" alten Kämpfer", für die die Kunst ein politisches Machtinstrument ist, während die Kulturgemeinde unter dem Einfluss Rosenbergs stärker das Irrationale und Mystische und die Blutideologie betont. Die einen suchen mehr nach der Verbindung zu den Arbeitern, die anderen suchen ein neues geistiges Deutschland heraufzuführen. Arch 1) Theater und Kino. Goebbels hat auf der Hamburger Tagung der Reichstheaterkammer den deutschen Theaterleitern den Vorwurf gemacht, dass sie heute " vielfach den Versuch unternehmen, vom Nationalsozialismus überhaupt nicht zu reden", dass sie nichts wagten und sich auf Klassiker und Stücke von naiver Harmlosigkeit beschränkten. Aber es liegt nicht nur an den Theaterleitern, wenn das deutsche Theater unter der Herrschaft des Systems immer mehr in Verfall gerät. Der Niedergang des Theaters ist nur ein Ausdruck des allgemeinen kulturellen Niedergangs, der seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten eingesetzt hat. Welche Formen dieser Niedergang angenommen hat, welche Ursachen er hat und mit welchen Methoden die Nationalsozialisten ihm entgegenzuwirken versuchen, ergibt sich aus den nachstehenden Berichten: A- 57 Berlin: Ein Beamter der Reichskulturkammer äusserte sich im vertrauten Kreise in schonungsloser Offenheit über den Zustand des Theaters. Nach dem Urteil dieses Mannes ist die Protektionswirtschaft und die politische Schnüffelei ungeheuerlich. Wenn es sich um die Vermittlung eines Schauspielers handelt, muss vorher bei der Reichs theaterkammer über die politische Haltung der Vergangenheit des Bewerbers angefragt werden. Die Reichstheaterkammer wendet sich dann an das Reichspropagandaministerium und dieses beauftragt die Partei, Nachforschungen anzustellen. Ueber die Gauund Kreisleitungen gelangt dieser Auftrag schliesslich an die zuständige Parteiortsgruppe, die mit ihrem Urteil über die politische Haltung des Bewerbers dann dessen Aussichten entscheidend beeinflusst. Diese Art der Protektionswirtschaft hat ein tolles Durcheinander und ein wildes Denunziantentum grossgezogen. Jeder, der sich übergangen fühlt oder höher hinaus will, sucht den anderen durch politische Verdächtigungen unmöglich zu machen. Das deutsche Theater ist nach dem Urteil dieses Mannes einfach schauderhaft. Dadurch, dass alle möglichen Instanzen in den Theater betrieb hineinreden, ist die Unsicherheit so gross, dass kein Theaterleiter mehr etwas wagen kann. Es ist bezeichnend, dass der Frankfurter Intendant vor kurzem erklärt hat, dass er im nächsten Spieljahr überhaupt keine Uraufführungen herausbringen wird, sondern sich auf die Aufführungen bewährter alter Stücke beschränken will. Jetzt versucht man, den Theatern dadurch auf die Beine zu helfen, dass die Masse durch alle möglichen Organisationen( Kraft durch Freude usw.) für ganz billiges Geld( Preise von 50 Pfg. an) in die Theater hineingebracht wird. Aber bei diesen geringen Preisen ist an eine wirtschaftliche Führung des Theaters nicht zu denken. Weil keine ausreichenden Einnahmen vorhanden sind, werden die Schauspieler scht bezahlt und die Leistungen sinken automatisch. Schlesien, 1. Bericht: In unserem Ort gab es früher eine Wanderbühne, die sehr achtbare Leistungen bot und sich in der Bevölkerung allgemeiner Beliebtheit erfreute. Sie war früher aufgezogen durch die Ortsgruppe des ADGB, hatte anfänglich deshalb im Bürgertum einen schweren Stand, wusste sich aber durch sehr gute Darbietungen durchzusetzen. Früher kamen die Leute stundenlang aus der Umgebung, um die Vorstellungen zu besuchen. Heute hat sich das alles sehr geändert. Die früheren darstellenden Mitglieder sind sämtlich entlassen und stattdessen neue Kräfte eingestellt worden. Früher hatte die Wanderbühne eigene Omnibusse. Heute sind die Omnibusse verkauft und die Transporte werden mit Postwagen durchgeführt. Das hat die finanzielle Basis der Wanderbühne stark belastet. Ihre Finanzlage ist erschüttert, obgleich die staatlichen Zuschüsse heute bedeutend höher sind als früher. Die NS- Kulturgemeinde, die heute die Leitung der Wanderbühne hat, hat anstelle des Prinzips der Freiwilligkeit den Zwang gesetzt. Sie hat vor allem die Mittelständler zu Zwangsmitgliedem gepresst, die einen Jahresbeitrag von 1 Mark leisten und eine bestimmte Anzahl Karten für jedes Spiel abnehmen müssen. Das hat dahin geführt, dass heute zwar die Karten abgenommen, aber die Vorstellungen nicht besucht werden. Der Spielplan zeichnete sich früher dadurch aus, dass oft junge Künstler zu Wort kamen und Vorstösse zugunsten neuer Bühnenwerke unternommen wurden. Nach dem Umsturz haben die neuen Leiter zunächs A-58versucht, nationale Dichter herauszustellen. Man spielte insbesondere Schiller und feierte ihn bei dieser Gelegenheit als den nationalen Klassiker, dem man Goethe als den Internationalen und Kosmopoliten gegenüberstellte. In der letzten Zeit sind die Darbietungen immer mehr verflacht; das platte Lustspiel beherrscht den Spielplan. Der Parteitagsfilm" Triumph des Willens" hat nur eine sehr geringe Anziehungskraft ausgeübt. Obgleich die SA- und SS- Leute 50% Ermässigung hatten, hat sich von ihnen so gut wie niemand den Film angesehen. Auch von den PO- Leuten waren nur wenige da. Das stärkste Kontingent der Filmbesucher stellten- die Sudetendeutschen. Der Film ist überhaupt nur drei Tage gelaufen. 2. Bericht: Es ist bemerkenswert, dass der Oberspielleiter des Breslauer Lobe- Theaters gelegentlich geäussert hat: Die 26.000 Mann, die früher in der Volksbühne waren, konnten einem imponieren. Viel bewundern swerter ist aber noch, dass diese 26.000 Mann jetzt nicht ins Theater kommen. In den Kreisen der Theaterleiter wird die Tätigkeit der NS- Kulturgemeinde scharf kritisiert. Man wendet sich gegen die vielen Kolportages tücke, die den Theatern aufgezwungen werden und rechnet dazu auch das Schlageter- Drama von Ohst. Sachsen, 1. Bericht: Die Spielpläne, die seit 1933 geboten werden, interessieren nicht. Die Theater bleiben leer. Besonders schlecht sieht es z.Zt. in den Chemnitzer und im Annaberger" Grenzland theater aus. Wohl mussten die Theater auch vor 1933 durch Zuschüsse auf rechterhalten werden, aber die Zuschüsse waren zu verantworten, denn die Theater waren regelmässig gut besucht. Heute aber bleiben die Besucher weg und volle Häuser gibt es nur, wenn entweder der Besuch von der Organisation oder von der Betriebsführung" verordnet" wird. In Chemnitz hat bei der Etatberatung die Schliessung eines Theaters eine grosse Rolle gespielt und bitter wurde darüber geklagt, dass die Stadt mit ihrem Zuschuss an die Theater bis an die alleräusserte Grenze des Möglichen geht, aber die Bevölkerung für die Theater jedes Interesse vermissen lässt. Wenn in Chemnitz die schauspielerischen Leistungen immerhin noch als gut bezeichnet werden können, so sind aber die Aufführungen des Grenzlandtheaters unter aller Kritik. Der Vergleich der Schauspieler mit Dilettanten fällt zugunsten der Dilettanten aus. 2. Bericht: Die Privattheater unterlassen alle Experimente, sie beschränken sich auf die bewährten Operetten, Lustspiele usw.; die Oper wird im übrigen mit klassischem Programm bestritten, von neuen Formen ist nichts zu spüren. Lediglich im Schauspiel sind Ansätze einer nationalsozialistischen Neu- Romantik zu spüren. Der Hauptträger ist der Dichter Karl Mell( ein Nazi- Emigrant aus Oesterreich). Jedoch erfreuen sich diese neuen Stücke keiner besonderen Beliebtheit. Wasserkante: Alle Beamten und Dauerangestellten des Lübeckschen Staates, die in erreichbarer Nähe des Theaters wohnen, sind verpflichtet, ein Abonnement für Theater zu nehmen. Dieses Abonnement wird häufig nicht ausgenutzt. Das Theater ist jedenfalls ständig schlecht besucht. Anziehungskraft haben nur alte Repertoirestücke und harmlose Lustspiele. Den neuen Autoren, die man nicht kennt, steht man skeptisch gegenüber. Neue Stücke erleben nur wenige Auf A �59- führungen. Das Defizit hat trotz der Zwangsabonnements gegen früher erheblich zugenommen. Das Niveau des Spielplans und die Spielleistungen haben auffällig nachgelassen, worüber auch oft missfällig gesprochen wird. Ausgesprochene Nazistücke sehen sich freiwillig nur wenige an. Das Interesse der neuen Stadthäupter-ein Dentist ist 3er Bürgermeister- richtet sich auf das Ballett. Zu den Uebungen des Balletts erschienen sie tagelang Vormittag um Vormittag, bis die Mädchen sich beschwert haben sollen. Die Kinos sind ziemlich gut besucht. Am liebsten besucht werden ausländische Filme und harmlose Unterhaltungsfilme, Nazifilme, wie"Triumph des Willens" werden gemieden. Auch die Wochenschau schenkt man sich gern. Es ist eine Massengewohnheit geworden, erst nach der Wochenschau ins Theater zu kommen. Die Paraden und Reden der Nazi werden mit grosser Gleichgültigkeit aufgenommen. Erscheint Goering im Film, setzt ein allgemeines, kaum unterdrücktes Kichern im Kino ein. Nordwestdeutschland, I.Bericht: In drei Städten Ostfrieslands hat bis zur"nationalen Erhebung" die Volksbühne allmonatlich in der Wintersaison Aufführungen gegeben. Die Teilnehmerzahl bewegte sich um 12- I4.00 Menschen. In der Winterspielzeit 1933/34 hatte die"Deutsche Bühne" der NS-Kulturgemeinde dieseAufführungen übernommen. Die Beteiligung war so schlecht, dass in diesem Jahre die Durchführung wegen Mangel an Interesse unterblieb. 2. Bericht: Auch die Kinobesitzer klagen über schlechten Geschäftsgang, trotzdem der Herbst und Winter erfahrungsgemäss den Geschäftsgang belebt. Die Kinobesucher wieder klagen über die Verflachung und Verödung des Filmes. Es fehlt im allgemeinen an zugkräftigen Filmen. Das Publikum ist mit Kitsch derart überladen worden, dass sich in weiten Kreisen eine Abneigung gegen das Kino wie gegen das Radio bemerkbar gemacht hat. Aber nicht allein der Mangel an zugkräftigen Filmen hält das Publikum zurück. Noch stärker macht sich der Einkommensmangel bemerkbar."Wenn auch grosse Massen wieder in Arbeit und Brot gekommen sind", sagte ein Kinobesitzer,"die Leute, insbesondere die Jugend hat kein Geld. Das Einkommen ist so gering, dass für Kinobesuche nichts oder nur wenig übrig bleibt." Was für die Kinos gilt, trifft auch für die Theater zu. Die finanzielle Lage der westdeutschen Grosstadttheater ist sehr schlecht. Der Besuch ist in vorhergehenden Jahren nie so gering gewesen wie in dieser Spielzeit. Dabei sind die Eintrittspreise sehr hoch und für Arbeiter- und Angestellteneinkommen nicht trag- boTe Die Theaterbesucher klagen allgemein über die geringe Abwechslung in den Spielplänen. Wagner-Opern sind nicht mehr so beliebt. Man hat zu viel von diesem lauten Getöse dem Publikum vorgesetzt. Als Zugstück in dieser Spielzeit"Carmen","Marta","Figaros Hochzeit"' "Auf den Brettern der Schauspielhäuser toben sich die literarischen Npllen des Dritten Reiches aus", erklärte mir ein Schauspieler, "und wir müssen Dreck dem Publikum servieren." An klassischen Schauspielen wird so gut wie gar nichts geboten. Man hatte den "Teil" und"Die Räuber" derart zusammengestrichen, dass sich nur noch Pflichtvorstellungen für die Schulen einigermassen bezahlt machten. A-602) Schrifttum. Die Nationalsozialisten machen verzweifelte Anstrengungen, eine neue Arbeiterdichtung ins Leben zu rufen. Sie bemühten sich insbesondere um die marxistischen Arbeiterdichter. Einige haben sich gleich geschaltet, aber die sind der allgemeinen Verachtung anheimgefallen. Bei den anderen sind die Bemühungen ergebnislos geblieben. Ein Berichterstatter schildert die Verhältnisse im Schrifttum folgendermassen: GO Unter den Schriftstellern gibt es erhebliche Unterschiede. Manche geben sich harmlos, unpolitisch, andere, die das Deutsche in edler Absicht stets stark betont haben, setzen es auch heute so fort. Immer wieder tritt an sie die Forderung heran, auf ihrem Werk den Hakenkreuzwimpel zu hissen. Sie weichen jedesmal aus. Oft müssen Dichter erleben, dass nationalsozialistische Redakteure willkürlich Verse abändern, ohne dass ein Protest- wenn man ihn wagt zur Kenntnis genommen oder gar der Oeffentlichkeit bekannt wird. Was will z. B. ein Lyriker machen, von dem der" Stürmer" ohne weiteres Gedichte nachdruckt, die ihm gar nicht zugesandt wurden? Oder ein Dichter, dessen Werke auf grossen nationalsozialistischen Parteiveranstaltungen zu Paradestücken nationalsozialistischer Dichtung erhoben werden? Diese armen Kerle geraten bei ihren eigenen Gesinnungsgenossen in den Verdacht, zum Feind übergelaufen zu sein. Vom Ausland her wird man aus Unkenntnis notwen digerweise noch kategorischer aburteilen als es im Lande geschieht. Ich weiss, wie sehr es manchen Schriftsteller in Deutschland schmerzt, von seinen emigrierten Freunden, nur weil von ihm im heutigen Deutschland überhaupt noch ein Buch oder ein Essay erschei nen kann, als" Ritter von Nadel und Nummer", als Mann der" BluboGilde" öffentlich angeprangert zu werden. Wenn solche verdächtigte Künstler überlaufen wollten, würden sie nahrhafter leben können als heute. An Angeboten fehlt es nicht. Das System braucht fremde Kräfte, die paar Dichterlinge, die sich als" alte Kämpfer" auf. spielen können, zählen doch nicht. Was sind in literarischer Hinsicht Baldur v. Schirach, Heinrich Annacker und ähnliche Leute? Ein Nichts, weniger als ein Nichts! Die beamteten Kunstwarte, die von den Fünfmarkbeiträgen leben, welche den Schriftstellern jedes Quartal abgeknöpft werden, möchten z. B. gern eine neue Arbeiterdichtung auf die Beine stellen, eine Arbeiterdichtung, in der keine proletarischen Untertöne grollen, welche auch die materielle Not der Arbeiterschaft unberührt lässt und lediglich das" sittliche Ethos der Arbeit" preist. Da man keine SA- Abteilung zum Dichten abkommandieren kann, wären den neuen Kulturfeldwebeln neue Renegaten sehr lieb. Doch will sich zum Fähnlein der Lumpen niemand gesellen. Gottseidank, nur ein Lersch bringt es fertig, seine eigenen Gedichte zu vergewaltigen, - er heisst d.h. sie für einen neu erschienenen Gedichtband " Mit brüderlicher Stimme"- zeitgemäss zu verändern. Nur ein Cha rakterathlet vom Schlage des Max Barthel vermag im Jahre 1920 KarlRadek" In brüderlicher Freundschaft" revolutionäre Gedichte zu widmen und Sowjetrussland jahrelang in Romanen und Gedichten A-61zu verherrlichen, um jetzt einen weissgardistischen Russlandroman zu schreiben, der sogar Goebbels den Atem verschlagen haben soll. Es hat ihm nicht viel geholfen. Barthel war eine Zeit lang Schriftleiter der gleichgeschalteten" Büchergilde". Abgelehnte Nazi- Autoren erklärten: Wir haben nicht nötig, uns von einem früheren Kommunisten die Bücher zensieren zu lassen. Jetzt ist er aus der Büchergilde" herausgesetzt worden. 3) Musik. Südwestdeutschland, vor allem Baden und die Pfalz, war früher das Land der Arbeitergesangvereine und Volksmusikkapellen. Seit dem Umsturz droht diese grosse und schöne, wahrhaft im Volk verwurzelte Bewegung zu versanden. Man berichtet uns: Baden: Unsere Volksmusikkapellen haben in den letzten Jahren seit der Machtergreifung durch die Nazis vor allem unter folgendem zu leiden gehabt: sie wurden von allen möglichen NS- Organisationen zu allen möglichen Veranstaltungen herangezogen, andererseits aber wurde ihnen durch die Reichsmusikkammer das Leben schwer gemacht. Die Reichsmusikkammer hat die Bestimmung getroffen, dass nur der öffentlich musizieren kann, der einen Ausweis der Kammer hat. Für Musikanten, die nur gelegentlich in der Oeffentlichkeit spielen, gibt es Tagesausweise. Diese Tagesausweise werden aber Dilettanten nur ausgestellt, wenn alle Berufsmusiker am Ort Beschäftigung haben. Diese Vorschriften sind nun auch auf die Volksmusikkapellen angewendet worden, obgleich diese Kapellen sich von altersher damit begnügen, einen Auslagenersatz zu beanspruchen. Dazu fehlt es an der früher den Volksmusikkapellen von den Gemeinden gewährten Unterstützung, sodass ihnen ein langsamer Zerfall droht. Pfalz: Früher gab es in Pirmasens zwei sehr starke und leistungsfähige Arbeitergesangvereine. Sie sind nach dem Umsturz aufgelöst worden und ihre Mitglieder haben sich keinem anderen gleichgeschalteten Verein angeschlossen. Der Schaden für die Volksmusikbewegung ist ausserordentlich. Vor einiger Zeit musste selbst die" Pirmasenser Zeitung" feststellen: " Leider erleben wir heute gerade das Gegenteil, wie nach der deutschen Volkswerdung zur Zeit der Freiheitsbewegung des vergangenen Jahrhunderts. Damals Sammlung der gleichgesinnten Menschen durch das Lied, gesteigertes Interesse im neugegründeten Chorverein- heute ein Auseinanderfallen der Vereinigungen, ein Versiegen des Interesses, ein Ersterben der Sangesfreudigkeit." 4) Zeitungen und Zeitschriften. A-62Die Schwierigkeiten im deutschen Zeitungswesen, über die wir bereits im Februar berichtet haben, halten an. Auch in den letzten Monaten ist eine grosse Anzahl Provinzblätter eingegangen, andere sind mit nationalsozialistischen Zeitungen vereinigt worden. Die Ursachen liegen in der allgemeinen Abstumpfung der Bevölkerung, in dem bis in die Reihen der Nationalsozialisten hineinreichenden tiefen Misstrauen gegen die" Lügenfabriken" und nicht zuletzt in der stark gesunkenen Qualität der Zeitungen. Diesem Qualitätsschwund soll durch die neu geschaffene" Reichspresse schule" abgeholfen werden. Es ist aber bekannt, dass die beiden ersten Lehrgänge auf dieser Anstalt überaus klägliche Ergebnisse gezeitigt haben. Goebbels hat deswegen den Teilnehmern des zweiten Lehrganges eine Standpauke gehalten und von ihnen" Wissen und Können, Fleiss und Beständigkeit, Charakter und Aufrichtigkeit" verlangt. Ganz abgesehen davon, dass es gerade: den" alten Kämpfern" wird, nun auf einmal diese Fähigkeiten zu entwickeln- so dumm sind die parteigenössischen und die gleichgeschalteten Schriftleiter denn doch nicht, dass sie nicht wüssten, dass die folgerichtige Bewährung solcher Eigenschaften heute in Deutschland der sicherste Weg ist, um von der Berufsliste gestrichen zu werden und die Lehrgänge in der Reichspresseschule mit einem Schulungsaufenthalt in einem Konzentrationslager vertauschen zu müssen. in den Redaktionsstuben schwer fall, e a Ueber die Zustände im deutschen Zeitungswesen und über die Zwangsmassnahmen des Systems zur Verbesserung des Abonnentenstandes wird berichtet: Schlesien, 1. Bericht: Die nationalsozialistische Presse bezeichnet man allgemein als" Lügenfabrik". Sogar beamtete Nationalsozialisten machen davon keine Ausnahme. Vor längerer Zeit haben in unserer Gegend einige kleine Zeitungen ihre Verlagsrechte an nationalsozialistische Verleger abgetreten. Von einer Durchführung der AmannVerordnung ist dagegen bis jetzt nichts zu spüren. 2. Bericht: In X. wurden vor kurzem sämtliche Beamte und Angestell ten des.... Amtes zusammengerufen, um einen Werbevortrag eines Vertreters der Nazizeitung anzuhören. Der Vertreter hielt eine äusserst scharfe Ansprache, die in der Aufforderung gipfelte, dass sämtliche Beamten die Nazizeitung zu abonnieren hätten. Als er anfing, Bestellzettel auszuteilen, verliessen fast alle Anwesenden stillschweigend den Raum. A-633. Bericht: Aus Breslau wird berichtet, dass die örtliche Nazipresse stark an Beziehern verliert. In einem Stadtteil ist die Leserzahl von 850 auf etwa 300 Leser, in einem anderen auf die Hälfte des Bestandes zurückgegangen. Die Abbestellter sind vor allem die Nazis, die Spiesser halten die Zeitung aus Angst noch weiter. 4. Bericht: Die" Oberlausitzer Tagespost", das Nazi organ für Görlitz, das in unserer ehemaligen Druckerei der Görlitzer Volkszeitung gedruckt wird, hat innerhalb des letzten Jahres 12.000 Abonnenten verloren. Es hatte bis vor kurzem noch auf der Zeitung 34.000 Abonnenten angegeben. Nachdem aber die Görlitzer bürgerliche Presse sich über die unwahren Angaben bei Gericht beschwert hatte, musste die Geschäftsleitung endlich die Wahrheit zugeben und plötzlich erschien am Kopf der Zeitung: 22.000 Abonnenten. Der Nazigeschäftsführer Fischer, ein ehemaliger kleiner Gastwirt in Görlitz, hat den Betrieb dieser Parteizeitung vollständig heruntergewirtschaftet. Niemand gibt dem Betrieb mehr Kredit, selbst die kleinste Fuhre Kohlen muss bar bezahlt werden. Bei der Uebernahme des der Arbeiterschaft gestohlenen Betriebs hat der Geschäftsführer allen Leuten im Vorderhaus die Wohnung gekündigt und Büros eingerichtet. Nicht weniger als 17 Redakteure wurden fest eingestellt, um die Zeitung" zu machen". Diesen Pg. Fischer hat man jetzt abgesetzt, in der Zeitung wurde bekanntgegeben, dass er anderweitig zu grösseren Aufgaben berufen werden solle. Sachsen, 1. Bericht: Die geschulte Leserschaft ist von dem Dresdner NS- Blatt" Der Freiheitskampf" ausserordentlich enttäuscht. Trotz aller halben und ganzen Zwangsmassnahmen will die Zahl der Abonnenten nicht steigen. Der" Freiheitskampf" kämpft seit langem mit Schwierigkeiten, es heisst, dass der Reichsstatthalter Mutschmann dem Blatt neue Zuschüsse zur Verfügung gestellt habe. Ein Zeitungsausträger des" Freiheitskampfes" berichtet aus seinen Erfahrungen, dass ein grosser Teil der Pg. und manchmal sogar die Amtswalter die Zeitung nicht lesen wollen. Während der" Freiheitskampf nicht vorwärtskommt, hat die Auflage der" Dresdner Neuesten Nachrichten" wieder auf 100.000 aufgeholt. 2. Bericht: Die NS- Tagespresse hat noch immer nicht die Geltung und Anerkennung, die die Nationalsozialisten erwartet haben. Noch immer muss sie, obwohl sie meistens in geklauten Druckereien hergestellt wird, die die Nationalsozialisten finanziell nicht belasten, gegen die stärkere Konkurrenz der nicht von der Partei herausgegebenen Presse kämpfen. Wie das z.B. gemacht wird, ist erneut zu ersehen aus einer parteiamtlichen Bekanntmachung, die Mitte März herausgegeben wurde. " Betrifft:" Dresdner Anzeiger" Um die immer wiederkehrenden Behauptungen endgültig aus der Welt zu schaffen, sehen wir uns zu der Erklärung veranlasst, dass der" Dresdner Anzeiger" nicht das Recht hat, sich als nationalsozialistische Tageszeitung zu bezeichnen. Das Recht, diesen Ehrentitel zu führen, haben nur die amtlichen nationalsozialistischen Zeitungen: in Dresden das Gauorgan " Der Freiheitskampf". A-64Südwestdeutschland; 1. Bericht: In Konstanz haben sich die Zeitungen folgendermassen entwickelt: Im Januar und Februar nahm die Auflage der Nazizeitung" Bodensee- Rundschau" fortgesetzt ab. Ende 1933 betrug die Auflage 22.000 Exemplare, Februar 1935 nur noch 17.099 Exemplare. Es folgte dann die bekannte Rede des Reichsstatthalters Wagner von Baden, wonach ein Beamter, der dem Staate treu dienen will, nur Leser der Parteizeitung sein kann. Die Beamten wurden von ihren Dienststellen befragt, warum sie die Zeitung abbestellt hätten. Der Erfolg ist, dass die Auflage wieder auf 17.645 stieg. Die früher dem Zentrum nahestehende" Bodenseezeitung" hat jetzt wieder eine Auflage von 11.000, sie war einmal bis auf 7.500 gefallen. Die" Konstanzer Zeitung"( General anzeiger) hat in den letzten Monaten ständig an Lesern zugenommen. 2. Bericht: Die Eisenbahn- und Postbeamten in Frankfurt sind gezwungen worden, ein Jahresabonnement auf die Nazizeitung abzuschliessen. Hierfür werden vom Gehalt im Laufe des Jahres 30 Mark in Abzug gebracht. 3. Bericht: Wie für das" Arbeitertum", das amtliche Organ der deutschen Arbeitsfront" geworben" wird, zeigt folgendes Dokument: Mannheim, den 28.Mai 1935 Betr." Arbeitertum" Es wird erwartet, dass " Amtliche Organ der Deutschen Arbeitsfront" das vierzehntägig zu dem überaus billigen Preis von lo Pfg. pro Heft erscheint, von jedem unserer Arbeitskameraden, angefangen vom Betriebsführer bis zum jüngsten Lehrling regelmässig gehalten und gelesen wird. Der Inhalt dieser Zeitung spricht für sich, sie ist heute unentbehrlich geworden für jeden, der im Betrieb tätig. ist, gleich an welcher Stelle. Auch Ihnen wird das" Arbeiterum" künftig regelmässig zugestellt werden und der Jahresabonnementpreis von RMK 2,40 in vier Wochenraten von je 60 Pfg. in Abzug gebracht( bei Angestellten erfolgt der Abzug vom nächsten Monatsgehalt). Sollten Sie mit der vorgeschlagenen Regelung wider Erwarten nicht einverstanden sein, bitte ich um persönliche Abbestellung bei mir bis Montag, den 3. Juni mittags 12 Uhr. Heil Hitler! gez.( Unterschrift) Betriebszellenobmann Betriebswalter der DAF" Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die katholische Presse ist trotz aller Schikanen noch immer sehr stark. Unser neuer Polizeipräsident. in Recklinghausen, der vorher Standartenführer in Herford war und ein Anhänger Streichers ist, hat gegen die Katholiken und Juden eine neue agressive Welle entfesselt. Die Zeitungen werden angegriffen, weil sie ab und zu jüdische Inserate haben. Der Polizeipräsident liess alle Beamten antreten und erklärte ihnen, dass sie restlos die katholische Presse abzubestellen hätten. Dafür sei es ihre Pflicht, die NSDAP- Presse zu bestellen. Er empfahl den Beamten besonders Goerings" Nationalzeitung". Die Beamten haben aber zu einem Teil aus Protest gegen den Zwang die" Rote Erde" aus Dortmund bestellt. Viele haben aber trotz der Drohungen die katholische Zeitung beibehalten. A-652. Bericht: In einem Werbeflugblatt des" Westdeutschen Beobachters" ( Köln) heisst es: " Gib nicht länger einer Presse Deine Unterstützung, die Dich in den entscheidendsten Fragen Deines Lebens wissentlich oder aber aus Dummheit falsch unterrichtete. Wende Dich ab von einer Presse, die im Textteil vorgibt, den nationalsozialistischen Staat zu bejahen, um im Inseratenteil dem ewigen Feind des deutschen Volkes, dem hasserfüllten Juden, zu dienen! Wende Dich ab von einer Presse, die sich christlich nennt und dem Totengräber des Christentums, dem internationalen Juden, Vorschub leistet. Wende Dich ab von einer Presse, die behauptet, die deutsche Volkskraft zu schützen und ihre Leser ins volksschädliche Warenhaus lockt!.... Die Reichsregierung und die NSDAP können dem nicht tatenlos zusehen. Der Präsident der Reichspressekammer, Amann, hat daher die Ziffer 2 der Anordnung vom 13. Dezember 1933 abgeändert. Der NSDAP und ihren Gliederungen wurde ausdrücklich das Recht zugesprochen, ihre Mitglieder sowie die Mitglieder der Beamtenorganisationen auf den Bezug der nationalsozialistischen Presse hin zu kontrollieren, weil der allergrösste Teil der nichtnationalsozialistischen Presse die gesetzte Bewährungsfrist ungenutzt verstreichen liess!" Bericht: Das Druckgewerbe te Bewährungsfrist ungenutat 3. Bericht: Das Druckgewerbe hatte selbst in der Inflationszeit kein so totes Geschäft wie seit einem Monat. Die Zeitungsauflagen gehen erschreckend zurück. Die NS- Kreisblätter werden in weitem Masse mit grösseren Zeitungen verschmolzen, weil sie infolge des Abonnenentenschwunds Pleite gemacht haben. Die alten Kreisblätter Hugenbergscher Art haben wieder bessere Zeiten. Papiervertreter warnen vor Abschlüssen mit NS- Parteizeitungen, da sie alle insolvent seien. Infolge Rohstoffmangels sind Papierleimungen und Druckfarben oft unbrauchbar, so dass selbst grosse und gute Druckereien sehr schlechte Sachen liefern. Mitteldeutschland: In den Wochen nach Amanns Zeitungs bulle setzte ein heftiger Druck auf die Beamten ein, die Nazizeitung zu abonnieren. Alle Beamten sind unterlegen. Den Postbeamten wurde in die Lohntüte ein Schreiben gelegt, in dem es hiess, dass der Beamte, welcher nicht eine nationalsozialistische Tageszeitung abonniere, als Staatsfeind angesehen würde. Die Eisenbahner wurden durch die Funktionäre der NSBO unter Druck genommen. Die Neubestellungen laufen alle ab 1. Juni. GER V. Aus der Verwaltung. A-66Von allen Verwaltungszweigen ist die Gemeindeverwaltung nach dem Umsturz am stärksten mit nationalsozialistischen Parteigängern durchsetzt worden. Durch die Deutsche Gemeinde ordnung, die am 1. April in Kraft getreten ist, hat die NSDAP, vertreten durch ihren" Beauftragten", auch ein gesetzliches Mitwirkungsrecht bei der Besetzung der Bürgermeister- und Stadtratsposten erhalten. Die Gemeindeverwaltung ist ausserdem der Teil der öffentlichen Verwaltung, in der sich der Wille zu schöpferischer Leistung am leichtesten verwirklichen lässt und dem Wirken tatkräftiger Persönlichkeiten am meisten Spielraum gelassen ist. Es ist daher für die Beurteilung des gesamten Verwaltungsproblems in Deutschland wichtig, zu beobachten, wie sich die nationalsozialistische Kommunalpolitik entwickelt. Gelingt es den Nationalsozialisten, die Gemeindeverwaltungen zun die Gemeindeverwaltungen zum Betätigungsfeld eines praktischen Nationalsozialismus zu machen? Auch nach den neuerdings vorliegenden Berichten ist die nationalsozialistische Kommunalpolitik keine Propaganda für das Regime. Sie hat im Gegenteil erheblich dazu beigetragen, die Partei und ihre" alten Kämpfer" bei der Bevölkerung in Misskredit zu bringen, und dem Ansehen des Systems schweren Schaden zugefügt. Wir schicken einige allgemeine Berichte voraus, Mitteldeutschland. Ich berichte aus einem Kurort und Wintersportplatz, der einen ziemlich starken Fremdenzustrom hat. In einem solchen Ort muss naturgemäss die Kommunalpolitik auf die besonderen Bedürfnisse des Fremdenverkehrs Rücksicht nehmen. Das war in der alten Kommunalverwaltung selbstverständliche Tradition. Nach dem Umsturz wurde zunächst ein früherer Offizier und alter Nationalsozialist kommissarischer Bürgermeister. Er bewies keinerlei wirtschaftliches Verständnis und kümmerte sich den Teufel um die Fremdenverkehrsbedürfnisse des Ortes. Er behauptete z. B., dass es sich mit dem nationalsozialistischen Gedankengut nicht vertrage, wenn der Kurort für besondere Sportveranstaltungen Reklame mache. Der Sport sei keine Angelegenheit von Schaustellungen, sondern müsse Volkssport sein. Dazu brauche man keine Mammut-Anlagen für Bobrennen, Ski- springen und Autorennen. Infolgedessen wurden im Jahre 1933 die Sportanlagen nicht instand gesetzt und erst im Dezember entschloss man sich, die notdürftigen Herrichtungen an den Wintersportanlagen nachzuholen. Der Erfolg war natürlich, dass die grossen Vereine ihre Veranstaltungen in andere Orte verlegten und unser Ort eine empfindliche Einbusse an Fremden erlitt. Die segensreichen Folgen der kommunalpolitischen Wirksamkeit dieses" alten Kämpfers" waren bald so sichtbar, dass er schliesslich wegen Unfähigkeit abgesetzt werden musste. Er wurde stattdessen Ortsgruppen leiter der NSDAP. A-67Sein Nachfolger ist ein wesentlich jüngerer" alter Kämpfer" der sich früher vor allem als Propagandaredner der NSDAP betätigt hat. Es ist nun interessant zu beobachten, wie dieser Mann seine neue kommunalpolitische Stellung sofort entsprechend seiner bisherigen Tätigkeit und seinen Neigungen umgestaltete. Er kümmert sich um die eigentliche Verwaltung nur sehr wenig, lässt die Arbeiten durch den Beamtenapparat, der so gut wie keine Umbesetzungen erfahren hat, erledigen und ist in der laufenden Kommunalverwaltung in der Hauptsache als Unterschrift smaschine tätig. Dafür aber versucht er auf seine Weise die nationalsozialistische weltanschauliche Schulung bei seinen Beamten und Angestellten durchzuführen. Er veranstaltet mit den Kommunalbeamten und-Angestellten von Zeit zu Zeit eine Art von Kameradschaftsabenden und ist der Protektor der Unterhaltungsabende von" Kraft durch Freude". Er nimmt nacheinander die einzelnen Gruppen der Bevölkerung vor, um sie in besonderen Vortragsabenden zu schulen. Dort spricht er dann bei den Lehrern über Erziehungsfragen, bei den Künstlern über die Aufgaben der Kunst im Dritten Reich, bei den Beamten über die Stellung des Berufsbeamtentums im nationalsozialistischen Deutschland, ferner über Rassefragen usw. Es gibt sozusagen bei uns keine Veranstaltung, bei der er nicht als Redner auftritt. Er hat die lächerlichen kommunalpolitischen Vorstellungen seines Vorgängers beiseitegeschoben. Der alte Kurdirektor hat sich mit seinen alten Erfahrungen wieder durchgesetzt und der neue Bürgermeister macht keinen Versuch, irgendwelche eigenen kommunalpolitischen Gedanken zu verwirklichen. Infolgedessen wird in der Gemeinde so gut wie nichts neues gemacht. Noch unter dem kommissarischen Bürgermeister hatte man zwei Wanderwege angefangen, aber nur einer wurde fertiggestellt. Der andere blieb halbfertig liegen, weil die Mittel ausgingen. Auch eine andere grosse Arbeit musste aus Mangel an Mitteln wieder eingestellt werden. Was sonst in einem Kurort an Aufgaben ent steht, ergibt sich aus der Eigenart des Kurbetriebes meist zwangsläufig und so läuft die Verwaltung im grossen und ganzen im alten Stil weiter. Früher spielten unter den Kurgästen die Juden eine erhebliche Rolle. Jetzt hat der frühere kommissarische Bürgermeister und jetzige. Ortsgruppenleiter seinen Tatendrang auf das Gebiet des Antisemitismus ver legt und dafür gesorgt, dass eine ganze Anzahl von" Stürmer"-Tafeln im Ort aufgestellt wurden. So schädigt er in seiner neuen Position den Kurbetrieb des Ortes weiter. Die Folge war, dass der Bürgermeister aus den Kreisen der Pensionsinhaber mit Beschwerden und Zuschriften eingedeckt wurde. Er scheint den Unfug bei den Bestrebungen des Ortsgruppenleiters einzusehen, aber er kann nichts machen und verweist die Beschwerdeführer auf den Instanzenweg innerhalb der NSDAP. Ruhrgebiet: Ueber Kommunalfragen wird heute weder in der Oeffentlichkeit noch in der NSDAP diskutiert. Die Kommunen sind nur noch leere Verwaltungsmaschinen. Sie betätigen sich auch kaum noch auf den Gebieten der Selbstverwaltung. Es wird nicht mehr gesiedelt, es werden kaum noch Strassen gebaut, einfach weil kein Geld mehr da ist. Nur noch die Bürokratie herrscht. Es gibt keine Diskussionen mehr wie früher über Pläne der Stadtverwaltung. Man unternimmt in der Kommunalverwaltung zwar nichts gegen den Willen A-68des Beauftragten der Partei, aber fast immer überzeugt man ihn. Denn alles, was gemacht wird, ist ja unumgänglich notwendig. Nordwestdeutschland: Aus ostfriesischen und oldenburgischen Landgebieten mehren sich die Nachrichten, dass sich Bauern als Gemeindevorsteher in ihrer Hilflosigkeit und angesichts der traurigen Lage der Gemeinden bei ehemaligen Sozialdemokraten Auskünfte einholen. Die 12- jährige Verpflichtung in ihrem Amt bereitet diesen Gemeindeschulzen Grausen. Von ihnen wird verlangt, dass sie rücksichtslos die Steuern eintreiben. Sie treffen damit ihre Klassengenossen, die für diesen Eifer wenig Verständnis haben. Sind die Gemeindevorsteher Handwerker oder Kaufleute im Ort, werden sie von den Bauern boykottiert. Gegen diesen Boykott der Dorfschulzen hat die amtliche Parteipresse Protest erhoben. In vielen Fällen stellte sich bei der Kontrolle der Gemeindekassen ein Manko heraus und die Folge war die Einsetzung von Kommissaren durch die Regierung. Sachsen: Aus einer kleinen Land- und Industrie gemeinde: Die Gemeinde hat etwa 3.000 Einwohner und seit langem einen Berufsbürgermeister. Der frühere Bürgermeister stammte aus der Kommunalverwaltung und war vorher mittlerer Kommunalbeamter. Die Nationalsozialisten liefen früher in allen Gemeinden Sturm gegen das Parteibuchbeamtentum und forderten überall die Einsetzung von Berufsbeamten. Längere Zeit nach dem Umsturz wurde der alte Bürgermeister in Pension geschickt und der Ortsgruppenleiter der NSDAP und ausserdem der Form halber ein Beamter, der Mitglied des Gemeinderates war, zur Wahl gestellt. Die Gemeindeverwaltung wählte dann den Ortsgruppenleiter einstimmig. Er ist ein alter Pg., trägt das goldene Parteiabzeichen und ist fanatischer Nationalsozialist. Er versucht, durch geschickte Behandlung die Leute zu gewinnen. Als im letzten Jahresbericht der Gemeindeverwaltung die Mitteilung gemacht wurde, dass die Summe der Wohlfahrts unterstützungen geringer geworden sei und dass das ein deutliches Zeichen der Wirtschaftsbelebung sei, spottete man allgemein in der Bevölkerung über diese Feststellung: Kein Wunder, dass die Wohlfahrtsunter stützungen weniger geworden sind, wenn sie uns immer weniger zahlen. Südwestdeutschland: Die Pirmasenser Zeitung berichtet in einem grossen Artikel über die erste Besichtigungsfahrt des Stadtrats, wobei hervorgehoben wird, dass der grösste Teil der Stadträte zum ersten Mal die städtischen Werke sah und dass alle erstaunt waren über die schöne Aussicht, die man von der Stadtrandsiedlung aus geniessen konnte. Diese Stadtrandsiedlung war schon lange vor der Naziherrschaft angelegt worden und hat nur eine geringe Erweiterung erfahren. Aber die tüchtigen Nazistadträte haben das alles erst jetzt zum ersten Mal gesehen. Früher war es üblich, dass die Stadträte alle Pläne genau studierten, sich das Gelände ansahen und auch nach dem Fortgang der Arbeiten alles mit Interesse verfolgten. Auch sämtliche Werke wurden mindestens anlässlich der Budgetberatung einmal besichtigt, während die Spezialausschüsse hierzu öfter Gelegenheit hatten. Die heutigen Mamelukenstadträte sind glücklich, wenn sie in 2 Jahren einmal etwas sehen dürfen. A-69Die Nationalsozialisten sind vor dem Umsturz mit dem Anspruch aufgetreten, in den durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit schwer in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinden" Ordnung zu schaffen". In den letzten zwei Jahren hat sich die Lage der Gemeinden zweifellos gebessert. Aber das ist keineswegs ein Erfolg der nationalsozialistischen Kommunalpolitik, sondern in der Hauptsache eine Begleiterscheinung der Arbeitsbeschaffungspolitik der Regierung, die auf der einen Seite das Reich mit einer riesigen kurzfristigen Verschuldung belastet, auf der anderen den Gemeinden wenigstens einen Teil der Lasten für die Wohlfahrtserwerbslosen abgenommen hat.( Uebrigens hat das System die bequeme Methode der bürgerlichen Regierungen der Republik fortgesetzt und die Reichszuschüsse an die Gemeinden für die Wohlfahrtslasten wesentlich stärker gekürzt als der tatsächlichen Entlastung ihres Wohlfahrtsetats entsprochen hätte), Dass die national sozialistischen Kommunalpolitiker dagegen in vielen Fällen durch offensichtliche finanzielle Misswirtschaft den Gemeinden schweren Schaden zugefügt haben, zeigen nachstehende Beispiele: Nordwestdeutschland: In der Umgebung der Stadt Emden sind die Strassen fast so schlecht wie in Emden selbst. Im Zeitalter des deutschen Sozialismus hat deshalb die Regierung der Stadt einen Posten Steine für den Strassenbau geschenkt. Die Stadt brauchte ihn nur vom Wybelsumer Deich auf eigene Kosten abholen zu lassen. Arbeit und Transport erfordern pro cbm einen Preis von Mk. 8,50. Es handelt sich um grosse Findlinge. Eine Ausschreibung für das Zerkleinern ergab bei maschineller Arbeit Mk. 12,50 und bei Handarbeit Mk. 17,50 pro cbm. Danach kosten also die der Stadt geschenkten Steine pro cbm mindestens 21,- Mark. Für diesen Betrag kann jeder Unternehmer 2,5 bis 3 cbm Material derselben Qualität liefern. Rheinland: Die Müllverbrennung in Aachen war seit ihrem Bestehen ein städtischer Betrieb. Jetzt hat man dieses Unternehmen auf fünf Jahre an einen Privatunternehmer verpachtet. Der Unternehmer hat sich verpflichten müssen, die Ansprüche der bisher städtischen Arbeiter, wie Löhne, Ruhegelder usw. zu sichern. Der leitende Ingenieur ist sofort entlassen worden und da er bis zu seiner Pensionierung noch zwei Jahre hat, so muss die Firma jetzt bis dahin sein Gehalt zahlen. Bei den städtischen Arbeitern herrscht über diese" Sozialisierung" grosse Aufregung. Man fragt sich, wo das wohl aufhören mag und welcher Betrieb der nächste sein wird. Südwestdeutschland: Wie schlecht es um den Mannheimer Stadtetat bestellt ist, zeigen nachfolgende Beispiele. Der Etat wurde kürzlich in der Presse veröffentlicht mit dem Hinweis, dass er ausgeglichen sei, jedoch in völlig unübersichtlicher Weise. Wie ist nun dieser Etat ausgeglichen worden? Es war eine alte Einrichtung. A-70in Mannheim, die bis zum nationalen Umbruch bestanden hat, nicht zu experimentieren und finanzpolitisch gesund zu bleiben. Diese Art von gesunder und sauberer Politik scheint der Naziführung schlecht zu liegen, denn wo man hinhört sind Verschlechterungen in der Finanzlage festzustellen. Die Stadtverwaltung hatte von 1918 an, auf Antrag der Sozialdemokraten, 120 Lehrer auf eigenen Schuletat genommen, damit die Klassenziffern so niedrig wie möglich gehalten werden konnten. Auf diesen schulischen Fortschritt war man in Mannheim besonders stolz. Nach zweijähriger Naziherrschaft hat nun diese Einrichtung ihr Ende gefunden. Die Stadtverwaltung hat diese Stellen gestrichen, so dass am 1. April 1935 120 Lehrer und Lehrerinnen, die noch nicht in festem Anstellungsverhältnis sind, aus dem Schuldienst entlassen wurden. Die Entlassung von 120 Lehrkräften macht sich in den Klassenstärken empfindlich bemerkbar. Bis zuletzt war noch eine Klassen stärke von durchschnittlich 40 bis 45 Schülern vorhanden, jetzt ist sie auf 65 bis 68 Schüler heraufgeschnellt. Die Reinhaltung der Schulhäuser war bei der marxistisch verseuchten Stadtverwaltung oberstes Gesetz. Um diese Reinlichkeitspflege in vollendeter Weise durchführen zu können, war jedem Hausmeister ein monatlicher Pauschalbetrag von 80 bis 120 Mark zur Verfügung gestellt worden. Den Hausmeistern war damit die Auflage gemacht, Putzfrauen zu den notwendigen Reinigungsarbeiten beizuziehen. Diese Zuschüsse wurden ebenfalls mit dem 1. April vollständig gestrichen. Den Hausmeistern wurden stattdessen Fürsorgeunterstützungsempfängerinnen zwangsweise zugewiesen, die für ihre magere Unterstützung nun das Schulhaus reinigen sollen. Es ist klar, dass diese abkommandierten Frauen kein wesentliches Interesse an der Reinlichkeit der Schulhäuser haben und der Erfolg ist der entsprechend. Dass solch kleine Summen eingespart werden mussten, wie bei der Schulreinigung, um nur das Gleichgewicht des Etat wenigstens einigermassen nachweisen zu können, beweist am besten, wie weit die städtischen Finanzen heruntergewirtschaftet sind. Sachsen; 1. Bericht: Planitz bei Zwickau, eine Stadt von 24.000 Einwohnern, ist durch die verantwortungslose Grossmannssucht der Nazistadtverwaltung in schwere finanzielle Bedrängnis geraten. Aus romantischer Baudenkmäler- Schwärmerei kaufte die Stadt für 100.000 Mark das Planitzer Schloss, um es als Verwaltungsgebäude zu nutzen. Da das Schloss aber sehr baufällig war, mussten bis jetzt etwa 600.000 Mark für den Aus- und Umbau aufgewendet werden, ohne dass bis jetzt abzusehen ist, wieviel Gelder bis zur Fertigstellung noch gebraucht werden. In dieses Schloss sind zum Teil jetzt schon die Sparkasse, die Bürgermeisterei, die Stadtbank und Teile der übrigen Stadtverwaltung eingezogen. Daneben sollen aber auch noch die NSDAP, ein Heimatmuseum und eine Jugendherberge untergebracht werden. Die Stadt ist durch den Schlossausbau so in Schwierigkeiten gekommen, dass sie die von den Marxisten gebauten Siedlungshäuser verkaufen will und zwar nur gegen Barzahlung. Dazu will die Stadt aber auch noch anderen, ihr gehörigen Grund und Boden verkaufen, offenbar um sich zu sanieren. A-712. Bericht: Dass die Finanzlage der sächsischen Gemeinden nach wie vor sehr ernst ist, geht schon aus der Feststellung des Amtshauptmannes v. Römer hervor, dass im Bezirksverband Zwickau bei der Gemeinde umlage noch immer Rückstände von über einer Million bestehen( bei einem Gesamtetat des Bezirks von 3.300.000 Mark). Wie die Lage in einzelnen sächsischen Gemeinden ist, zeigen folgende Beispiele: In Grünhain i.Erzgebirge( 3.000 Einwohner) wurde zur Ausgleichung des Etats auf Anordnung der Aufsichtsbehörde der Gemeindezuschlag zur Grund- und Gewerbesteuer von 135 auf 150 Prozent erhöht. Ausserdem wurde der städtische Grundbesitz durch Verkauf um 2504 qm auf 62,91 ha verringert. Auch in Frohnau bei Annaberg/ Erzgebirge( 1.700 Einwohner) versucht man die schwerbedrängten Gemeindefinanzen durch Veräusserung von gemeindeeigenem Baugelände zu sanieren. In Vielau/ Vogtland( 4.400 Einwohner) schliesst der Haushaltplan für das Rechnungs jahr 1935/36 mit 260.000 RMark Ausgabe, 221.000 Einnahme ab, weist demnach einen Fehlbetrag von 39.000 Mark auf. In Treuen i.Vogtland( 3.500 Einwohner) ergibt sich im Haushaltplan ein Fehlbetrag von 50.140 RMark gegen 33.716 RMark Fehlbetrag im Rechnungs jahre 1933. Er soll durch die Aufnahme eines kurzfristigen Kredites von 60.000 RMark überbrückt werden. In Wildenfels( 2.400 Einwohner) schliesst der Haushaltplan- Voranschlag 1935 mit einem Fehlbetrag von 86.616,71 RMark gegen 68.599,74 RMark im Vorjahre ab. Nach Ansicht des Bürgermeisters wird es kaum möglich sein, dass aus eigenen Kräften die Stadt in die Lage kommt, der finanziellen Schwierigkeiten Herr zu werden. Nur durch eine einmalige verlorene Beihilfe seitens des Landes kann geholfen werden. In Rodewisch i.Vogtland( 10.500 Einwohner) sieht der ordentliche Haushaltplan eine Ausgabe von 224.266 RMark und eine Einnahme von 98.910 RMark vor, so dass ein ungedeckter Fehlbetrag von 125.356 RMark verbleibt. Der Haushaltplan von Weissbach, Bezirk Zwickau,( 1.700 Einwohner) schliesst mit einem Fehlbetrag von 19.000 Mark ab, gegen 27.000 Mark im Vorjahre. Schlesien: In Neisse geht es bei der Stadtverwaltung, bei den Behörden und der NSDAP drunter und drüber. Vor etwa einem Jahre wurde der von den Nazis eingesetzte kommissarische Oberbürgermeister aus dem Amte gejagt, weil er sich nach einer grossen Sauferei in nicht wiederzugebender Weise aufgeführt hatte. An seine Stelle trat ein Pg. Masur. Nun setzte in Neisse eine rege Wohnungsbautätigkeit ein. Die Nazis rühmten sich, dass nur sie es fertiggebracht haben, viele neue Wohnungen zu bauen und das Geld dafür ohne Mühe zusammen zu bekommen. Jetzt hört man nichts mehr von diesen Prahlereien. Die Bautätigkeit in Neisse hat aufgehört, trotzdem eine Anzahl Häuser noch nicht fertig sind. Die Stadt hat kein Geld mehr. Ein Bauunternehmer, der für die Stadt einen ganzen Häuserblock zu bauen anfing, kam zur Stadtbank, um 1.000 RMark zu beheben. Ihm wurde der Bescheid, dass er das Geld nicht bekommen könne, da nicht einmal 100 Mark in der Kasse wären. Der Bauunternehmer eilte A-72zum Stadtkämmerer( früherer Zentrumsmann), der als einziges Magistratsmitglied im neuen Magistrat behalten wurde, weil er die Fähigkeit besass, für die Stadt Geld zu beschaffen. Beide, der Stadtkämmerer und der Bauunternehmer gingen zum Oberbürgermeister, nachdem der Stadtkämmerer dem Bauunternehmer eingeschärft hatte, nicht eher wegzugehen, bis er seine 1.000 Mark habe, sonst bekomme er überhaupt nichts. Der Oberbürgermeister Masur war ratlos, als er von dem Bauunternehmer um die Auszahlung der vertragsmässig zugesicherten 1000 Mark ersucht wurde. Masur wollte den Baumeister vertrösten, dieser liess sich aber nicht darauf ein. Händeringend beschwor Masur den Kämmerer, doch auf irgend eine Art Geld zu besorgen. Dieser gab den Rat, einen Wechsel auszufüllen und diesen bei der Städtischen Sparkasse in Zahlung zu geben. Oberbürgermeister und Stadtkämmerer schrieben ihre Namen auf den Wechsel. Damit ging der Bauunternehmer und der Stadtkämmerer zur Städtischen Sparkasse und brachten ihre Wünsche vor. Der Sparkassendirektor erklärte:" Also, soweit ist es schon gekommen!" Der Bauunternehmer bekam die 1.000 Mark, entliess seine Maurer und Bauarbeiter, um nicht durch die Pleite der Stadtkasse selbst betroffen zu werden. Die begonnenen Bauten sind unfertig stehen geblieben. Wir haben bereits in der vorigen Uebersicht über die Verwaltung ( im Januar- Bericht) eine Reihe von Berichten über Gegensätze Berichten über Gegensätze zwischen Kommunalverwaltung und Partei mitgeteilt. Nordwestdeutschland: Im kommunalen Leben herrscht ein grosses Durcheinander. Die Bürgermeister und Gemeindevorsteher-vielfach haben die Personen schon gewechselt- kommen schnell in Konflikt mit den Partei bonzen und den verschiedensten Interessenten. Saubere Etatarbeit wird nicht mehr geleistet, so dass die Verwaltung immer nur von der Hand in den Mund lebt. In Hannover erlebt die staunende Mitwelt seit einiger Zeit einen " Ratsherren- Streik", der auf einen Streit zwischen der Parteileitung und den Verwaltungsnazis zurückgeht. Der Kampf geht gegen den Oberbürgermeister, der sich den Weisungen der Partei nicht fügen will. Nachdem die Ratsherren vor einigen Wochen einfach der Vereidigung fernblieben, wird die Stadt noch immer in den einzelnen Dezernaten kommissarisch verwaltet. Mitteldeutschland: Vor einiger Zeit erschienen in X. die örtlichen Spitzen der NSDAP beim Oberbürgermeister M., um von ihm zu verlangen, dass mehr Pgs. bei den städtischen Betrieben und Behörden eingestellt werden sollten. M. erklärte das für unmöglich, da nach seinen Erfahrungen sich Pgs. durchgängig als ungeeignet erwiesen hatten. Heftig wurde ihm entgegnet:" Wüssten wir nicht, dass Du ein erprobter alter Pg. bist, würden wir Dich für diese Bemerkung ins Konzentrationslager bringen." Zu alledem kommt die widerwärtige Bonzen- und Kliquenwirtschaft, die trotz vieler" Reinigungen" noch immer in zahlreichen Gemeinden blüht. A-73Brandenburg: In Prenzlau wurde der deutschnationale Landrat von Lettow- Vorbeck durch den Nazi Dr. Conti ersetzt. Während der frühere Landrat Verwaltungsbeamter war, ist Dr. Conti Parteisoldat der NSDAP und verdankt seine Stellung einem Verwandten, der Ministerialrat ist. Der Erste Bürgermeister Dr. Meyer aus Prenzlau fand aber noch rechtzeitig den Anschluss bei der Hitlergarde und wurde SS- Mann. Der SS- Sturmbannführer Heidrich war allerdings nicht gut auf den Bürgermeister zu sprechen. Das wusste auch der Landrat, der an der Stelle von Dr. Meyer zu gern seinen Schwager gesehen hätte. Deshalb zog er Heidrich, der für alle Korruptionserscheinungen Verständnis aufbrachte, ins Vertrauen und beide beschlossen, den Ersten Bürgermeister von seinem Posten zu verdrängen. Plötzlich wurde der Erste Bürgermeister Dr. Meyer seines Postens im dienstlichen Interesse enthoben. Nun schien der Weg für den Verwandten des Nazilandrats frei. Doch Dr. Meyer ging seinen Widersachern energisch zu Leibe und drohte mit der Veröffent lichung von Skandalaffären, die selbst dem Kriegsdrückeberger und jetzigen Oberpräsidenten Kube sehr ungelegen waren. Man wusste schliesslich keinen anderen Ausweg, als dem Dr. Meyer als Schweigegeld einen noch besseren Posten zu geben. Jetzt ist er Oberbürgermeister in Mühlhausen( Thüringen) mit einem bedeutend höherem Gehalt, als er in Prenzlau erhielt. Der SS- Führer Heidrich und der Landrat Dr. Conti aber sind glücklich, dass der ihnen und noch vielen anderen Bonzen gefährliche Dr. Meyer aus Prenzlau verschwunden ist und noch dazu geschwiegen hat. Die Prenzlauer Bevölkerung aber ist seit geworden. 6.5OZ esem Zwischenspiel sehr hellhörig Schlesien: In Hindenburg ist die seit langem fällige Absetzung des Oberbürgermeisters Fillusch endlich erfolgt. Als Anlass gilt jetzt, dass Fillusch, der ein notorischer Säufer ist, bei einem Biergelage, als von der Saar gesprochen wurde, losbrüllte: " Scheiss auf die Saar, wir haben in Oberschlesien Kohle genug!" Der erste Nazibürgermeister nach dem Umsturz in H. musste schon vor längerer Zeit abgehen. Warum, weiss man bis heute nicht. Er reist jetzt in Fetten und Schmieröl. Dem jetzt amtierenden Bürgermeister hat man wegen grosser Schulden sein Monatseinkommen bis auf den Rest von 80 Mark gepfändet. Der Bürgermeister von Münsterberg( 8.400 Einwohner), der ehemalige Zahnarzt Dr. Niebisch, führt ein sehr üppiges Leben. Er treibt sich oft betrunken in den Lokalen herum. Ehe man ihn zum Bürgermeister machte, versprach er grossprecherisch, allen zu helfen, man möge dann nur zu ihm kommen. Jetzt aber, da er Bürgermeister ist, ist er für die" Volksgenossen" nicht mehr zu sprechen. In der Einwohnerschaft herrscht grosser Unwille über diese Zustände. Bayern: Der Erste Bürgermeister der Gemeinde Untermenzing, Auer, ist wegen Unfähigkeit im Amt und Weibergeschichten" zurückgetreten worden". In Weiden wächst die Stimmung gegen den Ersten Bürgermeister Harbauer mächtig. Er lebt als richtiger Nazi bonze weit luxuriöser und prunkvoller als jeder seiner Vorgänger, soweit sich die Einwohner auch nur erinnern können. Nun waren die Amtsvorgänger A-74des Harbauer immer rechtskundige Bürgermeister, während er sozusagen ein Prolet ist. Der Naziprolet Harbauer aber schrieb früher ständig Zeitungsartikel über den verschwenderischen Aufwand seines Amtsvorgängers, wies darauf hin, dass die Tagegelder des Bürgermeisters zu hoch seien u.a.m. Jetzt sagen die Leute, dass es nun toller getrieben werde als jemals, während das Volk in Schulden erstickt und sich an Steuern blutig zahlen müsse. In welchem Umfange mindestens in einzelnen Landesteilen" Systembürgermeister" durch Pgs. ersetzt werden, zeigt ein Bericht aus Westsachsen: Der Amtshauptmann Oesterheld, der jahrelang der Amtshauptmannschaft Flöha vorstand, wurde nach der Amtshauptmannschaft Oschatz versetzt. Flöhaer Amtshauptmann wurde der Regierungsrat Dr.Haupt, der seit dem Frühjahr 1932 der NSDAP angehört. Aue: Der berüchtigte NSDAP- Kreisleiter Pillmayer wurde vom Innenministerium zum kommissarischen Ersten Bürgermeister ernannt. Bockwa: Der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Mosel, der Kaufmann Fritz Hertsch, wurde auf 6 Jahre zum besoldeten Bürgermeister " gewählt". Bertsch, wurde auf 6 Jah deten Bürgermeister Coswig: Der Nationalsozialist Friedrich wurde von der Amtshauptmannschaft mit der rigen Führung der Geschäfte des Bürgermeisters beauftragt. Ehrenfriedersdorf: Bürgermeister Dr. Löffler, ein alter Reaktionär, wurde auf Grund von 8 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen. Die Bürgermeistergeschäfte führt bis auf weiteres der nationalsozialistische Stadtrat Franke. Erlbach bei Lugau/ Erzgeb.: Neuer Bürgermeister wurde der Nationalsozialist Grimmer. Falkenau: Der NSDAP- Ortsgruppenleiter wurde Bürgermeister. Meinersdorf bei Chemnitz: Der Ort hat seit 1933 den zweiten nationalsozialistischen Bürgermeister. Der erste nahm sich wegen Nichtbestätigung und Unterschlagung das Leben. Neuer Bürgermeister wurde der Nationalsozialist Grummt, Auerbach. Neuhausen/ Erzgeb.: Der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Grossmann, wurde zum Bürgermeister ernannt. Plaue- Bernsdorf: Neuer Bürgermeister wurde der Steuerinspektor und Erster Bürgermeisterstellvertreter der Nationalsozialist Hühn. Siegmar bei Chemnitz: Um die Neubesetzung des Bürgermeisteramtes wurde monatelang heftig gekämpft. Der alte Bürgermeister, obwohl bürgerlich, wurde von den Nationalsozialisten verdrängt. Nunmehr wurde der Nationalsozialist Jacob zum Bürgermeister ernannt. Breitenfeld 1.Vogtland: Der Nationalsozialist Max Zuber wurde zum Bürgermeister ernannt. Hohndorf Bez. Chemnitz: Der Nationalsozialist A. Winkler aus Gersdorf, der seit 1927 Mitglied der NSDAP ist, wurde zum Bürgermeister ernannt. A-75-. Oberlungwitz bei Chemnitz: Der bisherige Bürgermeister von Rebesgrün i. Vogtland wurde Bürgermeister. Selbstverständlich ist der neue Bürgermeister Härtel Nationalsozialist. Oelsnitz i. Erzgeb.: Auch in diesem Ort wurden zwei Nationalsozialisten die Führer der Gemeinde. Zum Bürgermeister wurde der bisherige Bürgermeister von Waldkirchen-Zschopauthal, Theodor Fromm, und zum besoldeten Stadtrat wurde der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Friedrich, ernannt. Friedrich wollte eigentlich Bürgermeister werden, musste sich aber mit dem Stadtratsposten begnügen. Stollberg /Erzgeb.: Seit 14 Jahren war Bürgermeister Ritzow im Amte. Er kam durch die Sozialdemokratie zu seinem Posten, verliess aber bereits vor vielen Jahren die Partei. Nunmehr wurde er zwangspensioniert. Neuer Bürgermeister wurde der bisherige Bürgermeister Uhlig aus Dittersdorf bei Chemnitz, der Nationalsozialist ist. Waldheim: Die Gemeinde war seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres ohne Bürgermeister. Nunmehr wurde der bei der Amtshauptmannschaft Flöha beschäftigte Assesor Pflugbeil zum Bürgermeister ernannt. Pflugbeil gehört seit 1923 der NSDAP an. Diese rücksichtslose Parteibuchwirtschaft- die in anderen Verwaltungen allerdings durch die häufig nur äusserlich gleichgeschalteten höheren Instanzen wesentlich gemildert wird- hat die Stimmung der Beamten, soweit sie nicht Pgs. sind, sehr verbittert. Dazu kommt die immer wieder unter Beweis gestellte Unfähigkeit der"alten Kämpfer". Hannover: Unter den Beamten in der Verwaltung herrscht eine schlechte Stimmung. Sie haben es immer wieder schlucken müssen, wenn ihnen junge Naziführer jeder Sorte in die Verwaltung hineinkommandierten. So langsam machen sie wieder das Rückgrat steif. Nach vielen Experimenten muss wieder Ordnung in die Bürokratie kommen. Der Verwaltungsfachmann wird wieder zuständiger. Das veranlasst ihn zu vorsichtiger Kritik;"Wollen mal noch ein Jahr warten, was Er(das ist der"Führer") dann macht", ist so einerder Aussprüche. Den vielen Eingaben nationalsozialistischer Parteileiter wird nicht mehr ohne weiteres Rechnung getragen, es wandern schon manche in die Ablage. Mit Vorschriften und gesetzlichen Bestimmungen werden Ersuchen der verschiedensten Art abgelehnt, was vor einem Jahr so leicht niemand riskierte. Bayern: In X. herrschen auf dem Arbeitsamt bei der Unterstützungs- zahlung geradezu furchtbare Zustände. Keiner kann feststellen, was er eigentlich bekommen soll. Trotz gleicher Verhältnisse sind die Auszahlungssätze verschieden. Früher waren an diesem Arbeitsamt 3 Beamte und die Auszahlung ging geregelt; heute sind es 7 Personen und kein Mensch kennt sich mehr aus. An einem Montag erhielten die Erwerbslosen dieser Stadt erst um 9 Uhr abends ihre Unterstützung ausbezahlt. Sachsen, I.Bericht: In der Verwaltung hat man allgemein schlech< teErfahrungen mit den"alten Kämpfern" gemacht. Bei den Krankenkassen kam es auch früher vor, dass Leute von uns in die Kranken A-76- kassenlaufbahn aufgenommen wurden, ohne die entsprechende Vorbildung zu haben, aber sie wurden zunächst zu einfachen Arbeiten herangezogen und zeigten dann fast alle soviel Befähigung und Arbeitswillen, dass es möglich war, sie langsam aufsteigen zu lassen. Die alten Kämpfer dagegen sitzen in diesen Stellen herum und denken nicht daran, sich Mühe zu geben. Sie bilden sich ein, dass sie, weil sie"alte Kämpfer" sind, zu den besten Posten Zugang haben müssten. Seit langem sucht man in den Verwaltungen nach Wegen, um diese Leute wieder loszuwerden und die alten Angestellten wieder hereinzubekommen. 2. Bericht: Zwischen den Grenzbeamten und der seit dem Umsturz neu eingestellten SS-Hilfsbeamtenschaft besteht eine erbitterte Feindschaft. Die einfache Beamtenschaft fühlt sich dadurch gekränkt, dass sie von den Vorgesetzten und den SS-Leuten geringer bewertet werden als der neu eingestellte"alte Kämpfer". Diese unterschiedliche Bewertung kommt besonders in der persönlichen Behandlung und der Diensteinteilung zum Ausdruck. Sie hat bewirkt, dass die Grenzbeamten in zwei feindliche Lager geteilt sind. Einer mag den anderen nicht sehen. Die alte Beamtenschaft ist besonders darüber empört, dass die SS-Leute vorwiegend gegen die kleinen Grenzschmuggler rücksichtslos vorgehen, während sie bei Personen mit Kraftwagen, die mit einem Hakenkreuzwimpel fahren, am liebsten beide Augen zudrücken. Diese Parteibeamten werden nicht nur von der alten Beamtenschaft, sondern auch von der ganzen Grenzbevölkerung gehasst. Ein alter Beamter erklärte unserem Gewährsmann:"Man kann zu dem alten System gestanden haben, wie man will; so etwas wie heute hat das alte System doch nicht geduldet. Heute kann jeder"Lausejunge" in beamtete Funktionen kommen, einerlei, ob er die Kenntnisse und Fähigkeiten dazu hat oder nicht. Die Hauptsache ist eben nur, dass er ein sogenannter"alter Kämpfer" ist. Das ist nicht nur meine Auffassung und Ueberzeugung, sondern auch die aller meiner Kollegen." u t s c h 1 a n d- B e r i c h t Praha, am 8. der Sopade 2. Jahrg. Nr. 6 Juni 1935 T e i 1 B: Uebersichten Inhalt Wirtschaftspolitik(IV): Die deutsche Kreditpolitik 1) Aufrüstung und Kreditwirtschaft 2) Kreditausweitung und Konsolidierungsbestrebungen 3) Die Wirkungen der Zwangskreditpolitik 4) Geldentwertung oder Rüstungsbeschränkung? Anhang: Die Danziger Währungswirren. Wirtschaftspolitik( IV): Die deutsche Kreditpolitik. 1) Aufrüstung und Kreditwirtschaft. B- 1Die Kreditpolitik des Dritten Reiches war bisher das hauptsächlichste Instrument, das die sogenannte Arbeitsbeschaffung und die Rüstungen ermöglichte. Dabei erscheint es überflüssig, Arbeitsbeschaffung und Rüstungen voneinander zu trennen. Denn erstens bestand ein grosser, wenn nicht der grösste Teil der bisherigen Arbeitsbeschaffungsmassnahmen aus versteckten Rüstungen, wie etwa der Bau strategischer Strassen. Zweitens aber tragen auch davon abgesehen im allgemeinen" Arbeitsbeschaf fung" und Rüstungen den gleichen wirtschaftlichen Charakter. Beide gehören, volkswirtschaftlich gesehen, im wesentlichen nicht der Sphäre der Produktion, sondern der des unmittelbaren Konsums an. Durch die Arbeitsbeschaffung wird im allgemeinen ebensowenig wie durch Rüstungen die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft unmittelbar erhöht, noch werden neue Produktionskörper geschaffen, die durch ihre Produktivität auch ihre eigene Erneuerung ermöglichen. Die meisten Arbeitsbeschaffungsmassnahmen und die Rüstungen unterscheiden sich volkswirtschaftlich in einem wesentlichen Punkt von der Erzeugung wirtschaftlicher Produktionsmittel: mit einer Kanone kann man nur Güter zerstören, mit einer Werkzeugmaschine kann man Güter erzeugen. Die Kanone und die Werkzeugmaschi ne müssen nach entsprechend langem Gebrauch zum alten Eisen geworfen werden, aber die Werkzeugmaschine wird in dieser Zeit soviel neue Werte geschaffen haben, dass aus diesen Werten normalerweise auch die Ueberschüsse erzielt worden sind, mit denen dann die Maschine erneuert werden kann. Daher gilt auch für den Effekt von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen und von Rüstungen das gleiche: sie haben keine ankurbelnde Wirkung im Sinne der" Initialzündungstheorie", die in den letzten Jahren von vielen Theoretikern vertreten wurde. Das heisst, es genügt nicht eine einmalige Arbeitsbeschaffungsaktion bezw. Rüstungsvermehrung, um für die Dauer den volkswirtschaftlichen Beschäftigungsgrad zu erhöhen, sondern der Beschäftigungsgrad kann, wenn nicht von anderswoher neue Antriebskräfte kommen, nur solange auf dem erhöhten Stand gehalten werden, als die Arbeitsbeschaffungsmassnahmen bezw. Rüstungen aufrecht erhalten werden. Nun sind zwar im Laufe des Jahres 1934 und in den ersten Monaten des Jahres 1935 die Arbeitsbeschaffungsaktionen zum grössten Teil "programmässig" zu Ende gelaufen; aber an ihre Stelle ist offensichtlich eine weitere Steigerung der Rüstungen getreten. Es ist daher anzunehmen, dass es Deutschland so lange gelingen wird, den bis jetzt erreichten Beschäftigungsgrad aufrechtzuerhalten, als im gleichen Tempo meitergerüstet wird wie bisher. Da nun die bisheriggiArbeitsbeschaffungsmassnahmen und Rüstungen im wesentlichen nur durch bestimmte Kreditmanipulationen finanziert werden konnten, ist die Kreditpolitik zum Angelpunkt der wirtschaftlichen Probleme des Naziregimes geworden. Die entscheidende Frage ist gegenwärtig, ob das Kreditinstrument weiter in der gleichen Weise funktionieren kann wie bisher, ob die Finanzierung der Rüstungen im gleichen Masse gesichert bleiben wird wie bisher. Diese Frage ist auch für das Schicksal der deutschen Wirtschaft bedeutungsvoll. Denn andere Auftriebs kräfte für einen konjunkturellen Aufschwung als die Arbeitsbeschaffungs- massnahmen und die Rüstungen sind bis jetzt in Deutschland nicht zu erblicken. Daher birgt jede fühlbare Einschränkung der Rüstungen und sonstigen Arbeitsbeschaffungsmassnahmen die Gefahr konjunktureller Rückschläge in sich, die dem politischen Prestige des Naziregimes gefährlich werden könnten- von den aussenpolitischen Konsequenzen von Rüstung beschränkungen ganz abgesehen. Unter diesem Gesichtswinkel ist die Frage der Kreditpolitik daher eine der zentralsten Fragen für das Naziregime geworden. Die Chancen wie die Gefahren, denen sich das Regime heute auf diesem Gebiet gegenübersieht, können aber nur auf Grund einer gewissenhaften, Vorurteils- und illusionslosen Analyse der bisherigen Kreditpolitik und ihrer bisherigen Resultate beurteilt werden. 2) Kreditauswirkung und Konsolidierungsbestrebungen. Der Hauptzug der Kreditpolitik der Nazis ist, dass sie die Kredit- Wirtschaft aus dem Mechanismus der freien Verkehrswirtschaft herausgelöst und in den Dienst ihrer Arbeitsbeschaffungs- und Rüstungspolitik gestellt haben. Unter Verleugnung des wichtigsten Punktes ihres alten Parteiprogramms erreichten sie dieses Ziel aber nicht durch eine Ver- staatlichung des Kredit apparats 3 B-3auch das grosse Kreditgesetz vom Jahre 1934, das eine einschneidende Bankreform bringen sollte, beengt bis jetzt die privatwirtschaftliche Verwaltung der Banken in keiner Weise- sondern durch eine Beherrschung gewisser Kommandostellen des deutschen Kredit apparates, vor allem der Reichsbank, der Sparkassen und der öffentlichen Banken, und durch bestimmte zwangswirtschaftliche Massnahmen. Die wichtigsten kreditpolitischen Massnahmen, die bisher zur Erreichung dieser Ziele ergriffen wurden, sind die folgenden: men Mark O D 9 1. wurde die sogenannte Arbeitsbeschaffung bisher im wesentlichen auf dem Kreditwege, und dies in erster Linie auf dem Wege über die Reichsbank finanziert. Es geht dies aus dem offiziellen Ueberblick über den Stand und die Finanzierung der Arbeitsbeschaffungsaktion eindeutig hervor. Danach waren bis Ende 1934 für alle Arbeitsbeschaffungsmassnaheinschliesslich Reichsbahn und Reichspost von der Regierung Papen angefangen, bereitgestellt 5.050 Millionen Mark, bewilligt 4.994 Millionen Mark und ausgezahlt 3.963 Millionen Mark. Vom effektiv bezahlten Betrag von rund 4 Milliarden Mark stammten 3.125 Millionen. aus Arbeitsbeschaffungswechseln und der Rest im wesentlichen aus Haushaltmitteln des Reiches, wofür bis zum Ende des Rechnungsjahres 1934/35 1.135 Millionen Mark vorgesehen waren. Berücksichtigt man aber, dass die inländische Schuld des Reiches im selben Rechnungs jahr um fast genau eine Milliarde Mark gewachsen ist, so ergibt sich daraus, dass auch die Haushaltmittel des Reiches, die für die Arbeitsbeschaffung eingesetzt wurden, in Wirklichkeit nicht aus Steuermitteln, sondern auf dem Kreditwege beschafft wurden.( Das sind die offiziell zugegebenen Aufwendungen für die Arbeitsbeschaffung. Welche Summen daneben für die Finanzierung der Rüstung aus Haushalts- oder aus Kreditmitteln ausgegeben worden sind und noch weiter ausgegeben werden, entzieht sich der zuverlässigen Beurteilung. Die Haushaltsgebarung des Reiches ist von einem dichten Schleier umgeben und ebenso undurchsichtig sind die verschiedenen Kreditmanipulationen, die neben und mit Hilfe der Reichsbank durchgeführt worden sind und durchgeführt werden. Im Ausland werden auch von urteilsfähigen Beobachtern, wie z. B. vom englischen" Economist" über die deutsche Kreditausweitung für Arbeitsbeschaffungs- und Rüstungs zwecke ausserordentlich hohe Schätzungen abgegeben, die zwischen 10 und 15 Milliarden Mark schwanken.) B-4Nach dieser offiziellen Rechnung stammen somit sämtliche 4 Milliarden Mark, die für die Arbeitsbeschaffung eingesetzt wurden, aus Kreditmitteln. Nun lagen aber nach Angaben des Instituts für Konjunkturforschung Ende 1934 etwa 2.500 Millionen Mark Arbeitsbeschaffungswechsel bei der Reichsbank. Demnach hat die Reichsbank auf direktem Wege 2,5 Milliarden Mark bereitgestellt, sämtliche private und öffentliche Kreditinstitute aber durch die Aufnahme von Arbeitsbeschaffungswechseln und von Reichsschatzwechseln nur rund 1,5 Milliarden Mark. 2. Die Reichsbank hat sich aber nicht nur direkt, sondern auch indirekt an der Finanzierung der Arbeitsbeschaffung beteiligt, und zwar durch die Einführung der sogenannten Open market Operationen. Die gesetzliche Basis dafür schuf das Gesetz vom 17. Oktober 1933, das der Reichsbank gestattete, in die Notendeckung auch Wertpapiere einzubeziehen. Die angelsächsischen Banken, die dieses Recht seit jeher besitzen, benutzen es, soweit sie überhaupt Open market- Politik treiben, zum Ankauf und Verkauf von Wertpapieren auf dem" offenen Markt"; auf diesem Wege versuchen sie, je nach ihren jeweiligen kreditpolitischen Absichten, den Status der Kreditbanken entweder zu verflüssigen oder zu verknappen. Bei der Reichsbank hingegen kann von einer solchen elastischen Open market- Politik bis jetzt keine Rede sein. Sie benutzte vielmehr die Vollmacht, die ihr im angeführten Gesetz gegeben wurde, nur zu zwei Zwecken: Zuerst nahm sie den Kreditbanken ein grosses Paket von Steuergutscheinen ab und später sprang sie mit dem Ankauf von Reichsanleihe ein, um die unglücklich verlaufene Konversion der Hilferding- Anleihe einigermassen zu retten. Das Paket von ungefähr 445 Millionen Mark deckungsfähiger Wertpapiere, das die Reichsbank in den letzten Monaten ausweist, besteht also fast ausschliesslich aus Steuergutscheinen und Reichsanleihe. Die Wirkung dieser Open- market- Operationen der Reichsbank ist nun die, dass die Kreditbanken, die bisher den grössten Teil der von der Reichsbank angekauften Wertpapiere in der Hand gehabt hatten, nunmehr im gleichen Betrage andere Anlagen erwerben konnten. Und der Tausch, den sie tatsächlich vornahmen, best and darin, dass sie an Stelle der bestand abgetretenen Wertpapiere Reichsschatzanweisungen aufnahmen. Denn der Betrag der unverzinslichen Reichsschatzanweisungen ist im Rechnungsjahr 1934/35 um rund 500 Millionen Mark gestiegen, also ungefähr um den gleichen Betrag, um den die Reichsbank Wertpapiere aus dem Markt nahm. B-5Da aber diese Neuverschuldung, wie oben gezeigt, zur Finanzierung der Arbeitsbeschaffung diente, so ergibt sich daraus, dass die Reichsbank die Arbeitsbeschaffung nicht nur mit den 2.500 Millionen Mark Arbeitsbeschaffungswechseln finanzierte, die sie aufnahm, sondern auch mit den 445 Millionen Mark Wertpapieren, die sie ankaufte. Demnach wurden von den öffentlichen und privaten Kreditinstituten nur rund eine Milliarde Mark aus eigener Kraft für die Arbeitsbeschaffung bereitgestellt. O 3. Ein anderer Komplex von kreditpolitischen Massnahmen besteht in der Auflegung von Zwangsanleihen und in der zwangsweisen Konsolidierung von Krediten. Auf diesem Gebiet wurden bisher nicht weniger als vier Aktionen durchgeführt. a) Die erste Aktion ist die zwangsweise Konsolidierung der Kommunalschulden in der Form der sogenannten Gemeinde umschuldungsanleihe. Diese Aktion beruht auf dem Kommunal umschuldungsgesetz vom 21. September 1933. Das Gesetz sah zwar keinen Zwang zum Umtausch der alten Gemeindeschulden in die neue Umschuldungsanleihe vor. Aber es begünstigte die Gläubiger, die diesen Umtausch vornahmen, sehr stark dadurch, dass es die Einstellung der Gemeinde umschuldungsanleihe zum Nennwert in die Bilanz gestattete, während die nicht umtauschenden Gläubiger aufs schwerste dadurch benachteiligt wurden, dass die zwangsweise Stundung der nicht- konsolidierten Schulden auf fünf Jahre vorgeschrieben wurde. Der Effekt war, dass ein Betrag von 2.800 Millionen Mark umgeschuldet in die neue Gemeindeumschuldungsanleihe umgewandelt und nur für einen Betrag von etwa 400 Millionen Mark die Umschuldung verweigert wurde. 0 d.h. Damit aber noch nicht genug, wurden die Umschuldungsvorschriften durch das Gesetz vom 29. März 1935 nicht nur auf Schulden, die bis zum 1. Oktober 1936 fällig werden, ausgedehnt, sondern das Ablehnungsrecht der Gläubiger faktisch illusorisch gemacht. Es wurde nämlich für die nicht- konsolidierten Schulden eine Zwangskonversion auf 4,1/ 2 Prozent vorgenommen. Dadurch ist die Konsolidierung tatsächlich zu einer zwangsweisen gemacht worden; denn es ist auch der letzte Vorteil für die nicht. konsolidierenden Gläubiger weggefallen: die höhere Verzinsung. Da die Umschuldungsanleihe nämlich zu 4 Prozent verzinslich ist, die nichtkonsolidierte Schuld aber nur zu 4,1/ 2 Prozent, ist es wirtschaftlich sinnlos geworden, auf der Ablehnung der Konsolidierung zu beharren. Die B-6restlichen 400 Millionen Mark dürften daher ebenfalls rasch konsolidiert werden. b) Die zweite Aktion steht ebenfalls im Zusammenhang mit der Gemeinde umschuldungsanleihe. Es ist die Zwangsanleihe, die den Hausbesitzern auferlegt wurde, als Gegenleistung für die ihnen versprochene Senkung der Hauszinssteuer. Danach haben die Hausbesitzer zwei Jahre lang noch die volle Hauszinssteuer abzuführen und erhalten dafür 25% dieses Betrages in Form von Gemeinde umschuldungsanleihe zurück.( Nur den kleinsten Hausbesitzern wurde eine Barermässigung zugestanden) Der Verlust, den die Hausbesitzer dabei erleiden, ist nicht sehr erheblich. Die Gemeinde umschuldungsanleihe wird zwar an der Börse noch nicht notiert, aber von der Reichsbank schon beliehen. Ueberdies wird sie im sogenannten Freiverkehr gehandelt und notiert dort ungefähr zu 90%. Das bedeutet praktisch, dass die Hauszinssteuer statt um die gesetzlich vorgesehenen 25 Prozent nur um etwa 22 Prozent gesenkt wurde. Der Betrag, um den es sich dabei handelt, ist nicht bedeutend; es dürfte sich auf 200 Millionen Mark jährlich 400 Millionen Mark insgesamt) belaufen. Eine viel weniger ins Gewicht. Sie ergibt sich aus dem Gesetz zur Beschränkung der Barausschüttung der Dividenden der Kapitalgesellschaften auf 6 Prozent( bezw. bei Gesellschaften, die bisher bereits 6 Prozent ausschütteten, auf 8 Prozent). Der überschiessende Betrag der Dividende darf nicht bar ausgeschüttet werden, sondern muss der Deutschen Golddiskontbank überwiesen werden, bei der er bis zum Jahre 1936 gebunden bleibt und die ihn in Reichsanleihen anzulegen hat. Man schätzt den Betrag, der auf diese Weise angelegt werden muss, auf lediglich 40 Millionen Mark jährlich, also insgesamt auf 80 Millionen Mark. 2 Tine andere Zwangsanlef Besitzes fällt zahlenmässig. nast d) Von viel grösserer praktischer Bedeutung, vor allem im unmittelbaren Zusammenhang mit der Finanzierung der Arbeitsbeschaffung ist die -faktische Zwangsanleihe von 500 Millionen Mark, die das Reich den Sparkassen auferlegt hat. Hatte es sich bei der Kommunalum schuldung nur um eine Formänderung von Schulden gehandelt, die praktisch schon vorher durch Einfrieren zu langfristigen gemacht worden waren, und bei den zwei anderen Aktionen nur um die zwangsweise Uebernahme von bereits vorhandenen Anleihen durch besitzende Kreise, so stellte die 500 Millionen B-7Anleihe eine echte Konsolidierung von Arbeitsbeschaffungswechseln dar, die bisher im Markte flottierten oder bei der Reichsbank gelandet waren. Damit machte sich das Reich zum ersten Mal etwas Luft und verschaff te sich die Möglichkeit, um den gleichen Betrag von 500 Millionen Mark neue Arbeitswechsel auszugeben, ohne dadurch ihren Gesamtbetrag zu erhöhen. Instand gesetzt wurden die Sparkassen zur verhältnismässig raschen und schmerzlosen Aufbringung der Zwangsanleihe durch zwei Umstände. Erstens ist in der letzten Zeit der Einlagenbestand der Sparkassen verhältnismässig stark angewachsen: Im Jahre 1934 wuchsen die Spareinlagen der Sparkassen um 1.548 Millionen Mark und die Giroeinlagen bei ihnen um 120 Millionen Mark; bis Ende März 1935 waren die Spareinlagen um weitere 666 Millionen Mark gewachsen und die Giroeinlagen um weitere 87 Millionen Mark. Nun wären freilich die Sparkassen trotzdem gezwungen gewesen, andere Anlagen aufzulösen, um Reichsanleihe zeichnen zu können. Das wurde ihnen aber vom Reich dadurch erspart, dass es den Sparkassen zugestand, in ihre 10prozentige Liquiditätsreserve, die sie bei den Giro zentralen zu halten haben, ihren Bestand an Reichsanleihe einzurechnen. Das heisst mit anderen Worten, dass die Sparkassen Mittel von den Girozentralen abziehen dürfen, um damit Reichsanleihe zu zeichnen, und dass ihre gesetzlich vorgeschriebene Liquiditätsreserven von 10 Prozent auf etwa 6 Prozent( kalkuliert auf einer Basis von 13.022 Millionen Mark Spareinlagen Ende März 1935) sinken dürfen oder sogar noch darunter, wenn man berücksichtigt, dass die Sparkassen ausser der neuen Reichsanleihe noch alte Reichsanleihe besitzen oder kaufen können. Für die Sparkassen ist diese Transaktion ein sehr gutes Geschäft. Denn die neue Reichsanleihe verzinst sich mit 4,1/ 2 Prozent, während die Liquiditätsreserve bei den Girozentralen natürlich wesentlich niedri ger verzinst wird. Aber die faktische Liquidität des Sparkassensystems, die schon bisher sehr niedrig war denn die Liquiditätsreserven der O Sparkassen bei den Girozentralen sind nicht wirklich liquid, sondern nur teilweise in verhältnismässig leicht zu liquidierenden Anlagen festgelegt sinkt dadurch noch weiter auf eine minimale Quote. = 4. Eine letzte wichtige Gruppe von kreditpolitischen Massnahmen besteht in der Zwangskonversion der öffentlichen Anleihen, Pfand briefe etc. durch die Gesetze vom 24. Januar und 27. Februar 1935. Der Zwangskonversion unterlagen sämtliche inländischen Pfandbriefe, Kommunalobli B- 8gationen, Länder- und Gemeinde anleihen, Schatzanweisungen der Länder und Reichsschuldbuchforderungen, soweit sie mit 6 Prozent oder darüber verzinslich waren. Ausgenommen von der Zwangskonversion waren daher in erster Linie die im Ausland aufgenommenen Schuldverschreibungen, die Aufwertungs- und Liquidationsschuldverschreibungen, die Reichsanleihen, die allermeisten Schatzanweisungen der Länder weil nur ein geringer Teil von ihnen zu 6 Prozent verzinslich war 8 und schliesslich wurde als einzige wirkliche Ausnahme von der inländischen Zwangskonversion den Inhabern von Reichsschuldbuchforderungen, die sie von Anfang an im Besitz hatten, die alte Verzinsung von 6 Prozent zugestanden. Insgesamt wurden der Konversion unterworfen 6,4 Milliarden Mark Pfandbriefe, 1,8 Milliarden Mark Kommunalobligationen und 2,1 Milliarden Mark öffentliche Anleihen und Reichsschuldbuchforderungen, zusammen also Schuldverschreibungen von 10,3 Milliarden Mark. Hingegen blieben an Schuldverschreibungen, die mit 6 Prozent oder höher verzinslich waren, von der Konversion ausgenommen: 2.456 Millionen Mark Auslandsverpflichtungen und 170 Millionen Mark Reichsschuldbuchforderungen in erster Hand, insgesamt also rund 2,6 Milliarden Mark. Nun war freilich die Konversion formell nicht als eine zwangsweise, sondern als eine freiwillige konstruiert. Aber wer es wagte, sie abzulehnen, wurde dafür schwer bestraft: die nicht- konvertierten Schuldverschreibungen verloren die Börsennotiz und die Beleihungsfähigkeit bei der Reichsbank, ausserdem wurde ihre spätere Behandlung ausdrücklich " vorbehalten" und irgend eine Barrückzahlung ist für sie nicht vorgesehen. Bei dieser Unsicherheit des Schicksals der nicht- konvertierten Papiere erschien daher die Ablehnung der Konversion als ein wirtschaftlich sinnloser Akt. Tatsächlich wurde deshalb auch nur für den verschwindenden Bruchteil von 0,3 bis 0,6 Prozent der Schuldverschreibungen die Konversion abgelehnt, obwohl den Wertpapier besitzern gewisse Opfer auferlegt wurden. Denn die Börsenkurse der 6prozentigen Pfandbriefe standen knapp vor der Konversion( am 15. Januar) erst auf 96,6 Prozent, die der 6prozentigen Kommunalobligationen auf 94,9 Prozent und die der öffentlichen Anleihen ebenfalls auf nicht ganz 95 Prozent. Die Effektivverzinsung errechnete sich also noch mit 6,2 bezw. 6,3 Prozent. Immerhin muss festgestellt werden, dass die Konversion trotz ihres Zwangs charakters und des Fehlens der Konversionsreife keinen starken Druck auf die Kurse der betroffenen Papiere ausübte. Rechnet B-9man die 2prozentige Prämie ab, die für die Konversion bezahlt wurde ( sie bedeutet, dass tatsächlich die Konversion erst 1,1/ 3 Jahr nach dem offiziellen Konversionsdatum, also erst am 1. August 1936 den Gläubigern fühlbar wird) und die in den Börsenkursen bis zum 1. April noch enthalten war, so fielen die Kurse der konvertierten Papiere in den ersten Wochen nach der Konversion nur um 2,1/ 2 bis 3 Prozent, während allerdings gleichzeitig die Kurse der Industrie- Obligationen, die von der Konversion ausgenommen blieben, um nahezu 2 Prozent stiegen. Das bedeutet also eine relative Kurssenkung um 4,1/ 2 bis 5 Prozent, gewiss bei einer zwangsweisen Herabsetzung der Verzinsung um 1,1/ 2 Prozent nur eine minimale Reaktion der Börse. Dank dieser günsti gen Reaktion der Börse sank die Effektivverzinsung des 10 MilliardenBlocks tatsächlich von 6,2 6,3 auf 4,8- 4,9 Prozent. Und da gleichzeitig das Reich eine Herabsetzung der Zinssätze bei den Sparkasseneinlagen von 3,1/ 2 auf 3 Prozent verfügte und auch der Geldmarkt sich verflüssigte, trat wirklich für einen grossen Komplex der Kreditwirtschaft eine fühlbare Zinssenkung ein. Es muss freilich beachtet werden, dass Verflüssigung und Zinssenkung normalerweise mit jeder inflationistischen Kreditpolitik verbunden sind. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Konversions- und sonstigen Zinsverbilligungsmassnahmen nur als eine Konsequenz der allgemeinen Kreditpolitik des Hitler- Regimes. Archiv 3) Die Wirkungen der Zwangskreditpolitik. cipp Fragt man, welche Wirkungen diese Zwangskreditpolitik grössten Stils auf die Wirtschaft ausgeübt hat, so muss man in erster Linie ihre Wirkungen auf das Geldwesen untersuchen. Denn in diesem Bereich liegt naturgemäss der Gefahrenpunkt jeder Kreditpolitik, die in ihr Zentrum die Mitwirkung der Notenbank stellt. Die erste Frage ist daher: Welchen Einfluss übte die Gewährung von 3 Milliarden Mark Krediten der Reichsbank an das Reich auf den Geldumlauf aus? Auf den ersten Blick ist man geneigt zu antworten: gar keinen. Denn der Umlauf an Reichsbanknoten stieg von durchschnittlich 3.269 Millionen Mark im Januar 1933 bloss auf 3.457 Millionen Mark durchschnittlich im März 1935 und der ganze Bargeldumlauf stieg in der gleichen Zeit nur von 5.232 auf 5.549 Millionen Mark. Nun ist es freilich ein in B-1.0der deutschen Pressepublizistik üblicher Fehler, als Notenbankgeld nur die Reichsbanknoten anzusehen( von den Rentenbankscheinen und den Noten der Privatnotenbanken abgesehen); in Wirklichkeit tragen die Depositen bei der Reichsbank in der gleichen Weise den Charakter von Reichsbankgeld wie ihre Noten. Nun sind die Depositen bei der Reichsbank im erwähnten Zeitraum von durchschnittlich 356 auf durchschnittlich 912 Millionen Mark gestiegen, also erheblich stärker als der Notenumlauf. Man muss allerdings berücksichtigen, dass die Steigerung der Depositen bei der Reichsbank zum grossen, wenn nicht zum grössten Teil dadurch zustande kam, dass die Konversionskasse( die die für die Transferierung gesperrten Zinsen der Auslandsanleihen verwaltet) und die im Clearingverkehr mit dem Ausland geschaffene Kasse grosse Konten bei der Reichsbank angelegt haben. Das heisst, es ist neben der Finanzierung des Reichsbedarfs noch eine andere Quelle für die Steigerung des Geldumlaufs vorhanden. Beide Quellen zusammen haben aber eine Steigerung des Geldumlaufs von der Reichsbankseite her um bloss 744 Millionen Mark( von 3.625 auf 4.369 Millionen Mark an barem und unbarem Reichsbankgeld) bewirkt. Während also die Reichsbank dem Reich auf direktem und indirekten Wege drei Milliarden Kredite gab, sind ihre Verbindlichkeiten, die Geld charakter tragen, nur um 744 Millionen Mark gestiegen. Woher stammt der Rest von mehr als zwei Milliarden Mark? Zum Teil aus einer etwas eigenartigen Quelle: aus dem Verlust der Goldreserven der Reichsbank. Im erwähnten Zeitraum ist der Bestand der Reichsbank an Gold und Devisen um 836 Millionen Mark gesunken. Das hätte nach der klassischen Theorie die Reichsbank zwingen müssen, ihren Geldumlauf um den gleichen oder einen höheren Betrag herabzudrücken( nach dem alten, seit Juni 1933 suspendierten Währungsgesetz sogar um den dreifachen Betrag), um auf diese Weise einen Druck auf die Preise auszuüben, die Handelsbilanz zu verbessern und damit den Goldabfluss zu stoppen oder gar eine Goldbewegung in der entgegengesetzten Richtung zu erzwingen. Die Reichsbank ist aber der klassischen Theorie nicht gefolgt, sondern hat im Gegenteil den Geldumlauf, wenn auch nur mässig, gesteigert, mit dem Resultat, dass ihr das Gold bis auf den praktischen Nullpunkt auslief und sie keine Währungsreserve mehr B-11= besitzt. Es bleibt aber immer noch für einen Rest von rund 1,5 Milliarden Krediten der Reichsbank an das Reich die Quelle zu entdecken. Dieser Rest stammt aus einer Verkürzung der Kredite der Reichsbank an die Wirtschaft. Während nämlich die direkten Kredite der Reichsbank an das Reich um rund 2,5 Milliarden Mark gewachsen sind, sind die gesamten direkten Kredite der Reichsbank im erwähnten Zeitraum nur um rund eine Milliarde Mark gestiegen; d.h. die Kredite der Reichsbank an die Wirtschaft sind um rund 1,5 Milliarden Mark zurückgegangen.(Allerdings stecken darin auch einige hundert Millionen Hilfskredite anlässlich der Kreditkrise von 1931) die allmählich zurückgezahlt werden). Es ist also an die Stelle des Kredits an die Wirtschaft der Kredit an den Staat getreten. Das ist nun allerdings ein erstaunliches Resultat, zu dem uns unsere Untersuchung geführt hat, dass die Wirtschaft weniger Kredite von der Reichsbank braucht- und auch bei den Kreditbanken sind die Kredite an die Wirtschaft kaum gestiegen= in einer Zeit, in der die industrielle Beschäftigung sich unzweifelhaft gehoben hat. Aber es wird damit nur von der Kreditseite her das bestätigt, was schon im April-Bericht festgestellt worden ist: die gegenwärtige"Konjunktur" in Deutschland ist keine Konjunktur der Privatwirtschaft, sondern eine "Staatskonjunktur". Der- relative- Aufschwung der Wirtschaft wird lediglich von den Staatsaufträgen für Arbeitsbeschaffung und Rüstungen genährt und von den Finanzierungsquellen dieser Staatsaufträge finanziert; darüber hinaus gibt es keinen Aufschwung und daher auch keinen Kreditbedarf der Wirtschaft. Das bisherige Ergebnis unserer monetären Untersuchung ist also: Infolge des"glücklichen" Umstands, dass die Reichsbank ihre ganze Gold- und Devisenreserve verlor und des weiteren Umstands, dass zu einem grossen Teil nur eine Umlagerung von der Privatwirtschaft auf die Staatswirtschaft stattfand, hatten die drei Milliarden Kredite der Reichsbank an das Reich bloss eine Erhöhung ihres Geldumlaufs von 744 Millionen Mark zur Folge. Eine so massige Steigerung des Geldumlaufs-die überdies von keiner Steigerung der Depositen bei den Kreditbanken begleitet war- hätte an sich bei einer Steigerung der Produktion keine Erhöhung des Preisniveaus zur Folge haben müssen. B-12- Gleichzeitig dürfte aber die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes gestiegen sein, vor allem deshalb, weil ein Teil des Geldes, das während der Kreditkrise des Jahres 1931 in den Sparstrumpf gesteckt worden war, jetzt zum Vorschein kam und in der verschiedensten Weise"angelegt" wurde. Deshalb ist das Preisniveau dennoch, und zwar ziemlich beträchtlich gestiegen: der Index der Grosshandelspreise stieg von 91,3% Anfang Januar 1933 auf loo,8% Mitte April 1933, also um 10,4%. In der gleichen Zeit sind jedoch in den übrigen Goldwährungsländern die Preise noch sehr stark gesunken. So ist in Frankreich der Index der Grosshandelspreise von 411 im Januar 1933 auf 333 im März 1935) also um 18,3 Prozent gesunken. Deutschland hat also nicht nur eine Politik der absoluten Inflation-ausgedrückt in der absoluten Steigerung seines Preisniveaus-, sondern auch der relativen Inflation im Verhältnis zu den anderen Goldwährungsländern- getrieben, mit dem Ergebnis, dass sich die Relation seines Preisniveaus zu dem der übrigen Goldwährungsländer um ungefähr 30 Prozent verschlechterte. Ungefähr in der gleichen Weise hat sich auch die Preisrelation zwischen Deutschland und den Devalvationsländern verschlechtert, weil dort das Preisniveau entweder fast stabil blieb oder sich nur wenig hob, der Geldwert aber absank. Mit anderen Worten: Während Frankreich und die übrigen Goldwährungsländer die Konsequenz aus ihrem Festhalten am alten Goldstandard zogen und Deflationspolitik trieben, hat Deutschland diese Konsequenz nicht gezogen, sondern Inflationspolitik getrieben. Auf diese Weise manöverierte sich Deutschland in einen offenen Widerspruch zwischen seiner Kreditpolitik, die in Preissteigerungen münden musste, und seiner Währungspolitik, die auf Festhalten am alten Goldstandard abzielte, hinein. Und dieser Widerspruch konnte weder durch die raffinierte Teil-Devalvation seiner Währung- in Form der Basierung eines Teiles des Exports auf entwerteter Sperrmark- noch durch die Wiederauferstehung des Herrn Gördeler gelöst werden. Seine unausbleibliche Konsequenz war vielmehr der ständige Verlust an Exportfähigkeit und die ständige Verschlechterung der deutschen Handelsbilanz. Nun ist gewiss der Aussenhandel nur ein Teil der Gesamtwirtschait und Verlust an Exportarbeit muss kein absoluter Verlust für die Gesamtwirtschaft sein, wenn er durch andere, günstige Wirkungen einer inflationistischen Kreditpolitik kompensiert oder gar überkompensiert B-13wird. Und das ist zweifellos in Deutschland bis jetzt der Fall gewesen. Die Industrie gewann mehr als das, was sie an Exportarbeit infolge der Verschlechterung der Preisrelationen gegenüber dem Ausland verlor, an Arbeits beschaffungs- und Rüstungsaufträgen bezw. an der Fortpflanzung der Wirkung dieser Aufträge auf die übrigen Industriezweige. Beweis dafür ist, dass die industrielle Gesamt produktion trotz des Rückganges der Exporte stieg. Auch in einem ausgesprochenen Industrieexportland wie Deutschland kann also unter Umständen eine inflationistische Kreditpolitik sich selbst dann für die Gesamtwirtschaft günstig auswirken, wenn der alte Währungsstandard nicht oder nur teilweise, wie bei der Sperrmarkkonstruktion- verlassen, Verringerung der Exporte also in Kauf genommen wird. G Eine andere Frage aber ist, mit welchen Opfern für die Zukunft wurde und wie lange sie daher noch fortgeführt werden kann. Und hier stossen wir auf jene Frage, die wir am Anfang gestellt haben: welche Chancen und Gefahren die Kreditpolitik des Naziregimes in sich birgt. Allgemein lässt sich darüber folgendes sagen: die inflationistische Kredit politik in ihrer eigenarti gen Kombination mit dem Festhalten am alten Goldstandard hat zwar bis jetzt produktionsmässig günstige Resultate erzielt, weil der Rückgang der Exporte durch gesteigerte Aufträge an die Binnenwirtschaft überkompensiert wurde. Aber es sind auch gewisse Gefahrenmomente dadurch heraufbeschworen worden, die schon für eine nahe Zukunft eine Erschwerung der Situation wahrscheinlich machen. Die bedeutsamsten dieser Gefahrenmomente sind: 1. der Verlust der Goldreserve der Reichsbank; 2. der Verlust der Kreditfähigkeit gegenüber dem Ausland; 3. das Absinken der Wirtschaftskredite der Reichsbank auf ein nicht mehr unterschreitbares Minidiese Politik im Falle Deutschlands erkauft ern für die Zukunft mum. Ueber den Verlust der Goldreserve der Reichsbank wurde schon gesprochen. Er war verursacht durch die Kombination von inflationistischer Kreditpolitik mit dem Festhalten am alten Goldstandard und dieselbe Politik hatte auch den Verlust der internationalen Kreditfähigkeit Deutschlands zur Folge, weil sie Deutschland unfähig machte, seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland nachzukommen. Verlust der Goldreserve und der internationalen Kreditfähigkeit haben aber zur Folge, dass der Aussenhandel seine Elastizität vollständig verloren hat: jede sichteingeführte Ware muss grundsätzlich auf Heller und Pfennig durch bare oder unsichtbare- Ausfuhr bezahlt werden. Jeder Rückgang in der 1X13 O B-14Ausfuhr muss nunmehr automatisch oder erzwungen durch die Devisenbehörden einen ebenso grossen Rückgang der Einfuhr nach sich ziehen. ( Dass das Ausland Monate lang durch Gewährung neuer Warenkredite an Deutschland doch eine grössere Einfuhr ermöglichte, war ein vorübergehender Zustand und braucht hier nicht näher erörtert zu werden.) Diese beiden Gefahrenmomente müssen im Zusammenhang mit dem Absinken der Wirtschaftskredite der Reichsbank auf ein Minimum betrachtet werden. Dies bedeutet nämlich, dass die Reichsbank nunmehr alle ihre Reserven völlig erschöpft hat. Sie kann von nun an Kredite, die sie dem Reich gibt, nicht mehr durch einen Rückgang in der Goldreserve oder in den Krediten an die Wirtschaft kompensieren. Vielmehr muss jeder Pfennig, den sie dem Reich gibt, unmittelbar den Geld umlauf und damit das Preisniveau erhöhen. Das bedeutet aber- unter gleichbleiben. den Währungsverhältnissen-, dass die Ausfuhr weiter absinken muss mit den oben erwähnten Konsequenzen für die Einfuhr. An sich bedeutet ein Zusammenschrumpfen der Einfuhr nichts anderes als eine Verarmung der Bevölkerung, eine Verschlechterung ihrer LebensVerteuerung ihrer Konsumgüter, was Saltung durch Qualitä × 1= klar zu Tage tritt. Dirb im Falle der" Ersatzstoffe" besonders klar zu Tage tritt. Ungünstiger können schon die Wirkungen der Verwendung von Ersatzstoffen auf die Ausfuhr sein womit ein fehlerhafter Zirkel für die Ausfuhr einzutreten droht. Noch schlimmer können aber die Wirkungen für die Rüstungen sein. Denn jeder Qualitätsverlust in der Bewaffnung schwächt den Rüstungsstandard. Waffen sind eben nicht so geduldig wie die Bevölkerung eines Diktaturlandes. 4) Geldentwertung oder Rüstungsbeschränkung? Welchen Ausweg kann Deutschland aus diesen Gefahren finden? Die künstliche Verbilligung eines Teils des Exports durch das Sperrmarkmanöver kann nicht weiter ausgedehnt oder auch nur auf die Dauer aufrechterhalten werden, da fast alle kurzfristigen Schulden schon zurückgezahlt sind. Daher muss die Verhüllung der teilweisen Devalvation durch Sperrmark ersetzt werden entweder durch offene Exportprämien oder durch offene Devalvation der Mark. Solange Frankreich am Goldstandard festhält, scheint die Hitlerregierung entschlossen zu sein, den Weg B-15der Exportprämien zu beschreiten. Aber Exportprämien kosten viel Geld, und es durch Steuern zu beschaffen, ist nicht nur höchst unpopulär, sondern schwächt auch beim heutigen Stand der deutschen Besteuerung die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, vor allem weil zum Unterschied von sonstigen Steuern das Geld sozusagen nicht" im Lande bleibt", sondern dem Ausland zugute kommt. Der Exportprämienpolitik sind darum sehr enge Grenzen gezogen und es bleibt, wenn die Kreditexpansionspolitik mit ihren inflationistischen Wirkungen fortgesetzt werden soll, letzten Endes nur noch der Ausweg der offenen Geldentwertung übrig. Es ist wahrscheinlich, dass Deutschland früher oder später den Weg der offenen Geldentwertung beschreiten wird. Psychologisch würde ihm dieser Schritt wesentlich erleichtert, wenn eines Tages mit Frankreich der ganze Goldblock zusammenbrechen sollte. Nur muss man sich darüber klar sein, dass die Vorteile einer Devalvation für den Aussenhandel für Deutschland viel geringer sein würden als für die meisten anderen Länder. Denn falls Deutschland zusammen mit den anderen Goldblockländern devalviert, verändert sich seine Aussenhandelsposition gegenüber diesen Ländern überhaupt nicht. Nun gingen aber im Jahre 1934 von der Ausfuhr Deutschlands im Gesamtbetrage von 4.167 Millionen Mark 1.646 Millionen Mark, also fast 40 Prozent in die Länder, die damals noch den alten Goldstandard aufrechterhalten hatten( Frankreich, Niederlande, Belgien, Schweiz, Italien, Polen und die Kolonien dieser Länder). Im Falle einer gemeinsamen Devalvation würde Deutschland also für 40 Prozent seiner Ausfuhr überhaupt keine Erleichterung finden. Aber selbst eine isolierte Devalvation würde Deutschland nur geringe Exportvorteile bringen, weil zum Unterschied von den anderen Ländern, die in der letzten Zeit devalviert haben( die Tschechoslowakei und Belgien) ihr keine Deflation, sondern eine Inflation vorangegangen ist und eine weitere Inflation voraussichtlich folgen würde. Kurz, wenn Deutschland heute, nach der völligen Erschöpfung seiner Reserven, seine inflationistische Kreditpolitik fortsetzt, so würden die Schwierigkeiten, die daraus erwachsen würden, nicht mehr wie bisher durch Vorteile für die Gesamtwirtschaft kompensiert oder gar überkompensiert werden, sondern sich voll auswirken, und Export prämien oder offene Devalvation würden keine stark fühlbare Erleichterung bringen. Diese Erwägungen mögen der hauptsächlichste Grund dafür sein, warum heute die Regierung-zweifellos unter dem Druck Schachts 0 B-16in das Zentrum ihrer Kreditpolitik die Bemühungen stellt, die Kredit expansion durch eine Konsolidierungspolitik abzuschwächen. Der bisherige Gang der Dinge war der, dass während die Kreditexpansion noch weiter fortgesetzt wurde, zugleich die erste grosse echte Konsolidierungsaktion unternommen wurde, nämlich die 500 Millionen- Anleihe bei den Sparkassen. Damit wurde sicher kein Rückgang der schwebenden Schulden des Reiches( bei der Reichsbank und den Kreditbanken in Form von Arbeitsbeschaffungswechseln und unverzinslichen Reichsschatzanweisungen) erzielt, aber wenigstens. für kurze Zeit ein Abstoppen ihrès Anschwellens. Gleichzeitig unternahm die Regierung die grosse Konversions- und Zins senkungsaktion, um allmählich den Markt reif für eine" freiwillige" Reichsanleihe zu machen. Welche weiteren Erfolge sind von der Konsolidierungspolitik zu erwarten? Die bisherigen 500 Millionen sind nur ein Tropfen auf einen heissen Stein und dieser Tropfen ist sicher schon seit langem aufgesogen, d. h. die schwebende Schuld des Reichs( immer einschliesslich der Arbeitsbeschaffungswechsel) ist sicher schon wieder höher als vor der Aufnahme der Anleihe. Inzwischen ist die gleiche Anleiheaktion bei den privaten und Sozialversicherungen wiederholt worden. Aber da ist das Geld schon viel schwerer aufzutreiben als bei den Sparkassen. Und der weitere Spielraum, der ausser diesen Quellen noch offen bleibt, ist ebenfalls nicht sehr gross. Man muss sich nämlich vor Augen halten, dass der Prozess des Anleihens von Sparkapital für Arbeitsbeschaffung und Rüstungen kein einmaliger, sondern ein dauernder sein muss. Es muss ein strenger Rhytmus zwischen der Ausgabe von Arbeitsbeschaffungswechseln und Reichsschatzanweisungen und ihrer Konsolidierung gewahrt bleiben, sollen weitere inflationistische Preissteigerungen mit weiterer Herabdrückung des Handelsvolumens vermieden werden. Aber die Sparkraft des deutschen Volkes steht noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau. Zwar sind, wie die oben angeführten Ziffern beweisen, die Zuflüsse zu den Sparkassen schon wieder einigermassen normal, aber die Geldkapitalbildung in ihren übrigen Formen ist noch immer nahezu auf dem Nullpunkt; vor allem ist die Emission von Wertpapieren noch immer fast unmöglich. Sollte in dieser Situation das Reich in der nächsten Zeit daran gehen, eine" freiwillige" Anleihe aufzulegen. so könnte dieser Versuch zwar relativ erfolgreich sein. Aber es würde B-17sich dabei zu einem grossen Teil um Beträge handeln, die sonst den Sparkassen zugeflossen wären oder die sogar von ihnen abgehoben werden. Der faktische Unterschied in der Wahl zwischen einer freiwilligen Anleihe oder der neuerlichen Unterbringung einer Zwangsanleihe bei den Sparkassen dürfte also nicht sehr erheblich sein. Aus diesen Ausführungen über die kreditpolitische Lage und Aussichten Deutschlands darf noch nicht der Schluss gezogen werden, dass sich das Hitler- Regime wirtschaftlich in einer ausweglosen Situation befindet. Wer aus einer gegebenen Situation Perspektiven ableitet, muss offen oder stillschweigend den Vorbehalt machen, dass die übrigen Umstände, die im Zeitpunkt der Untersuchung vorliegen, sich nicht verändern. So wurde auch in dieser Analyse stillschweigend vorausgesetzt, dass die weltwirtschaftliche Lage sich nicht ändert. Wenn sie sich aber beispielsweise in der Richtung ändert, dass die Aufnahmefähigkeit der Weltmärkte für Fertigwaren und das Weltpreisniveau steigen, dann würde sich der Spielraum für eine inflationistische Kredit politik Deutschlands sofort erweitern und auch sonst seine wirtschaftliche Lage sich infolge Steigerung der Ausfuhr so verbessern, dass ein weit höherer Betrag als bisher aus Steuern und Ersparnissen für Arbeitsbeschaffung und Rüstungen abgezapft werden könnte. Lassen wir aber diese Möglichkeit ausser Acht, dann ist freilich anzunehmen, dass die schönen Tage der mühelosen Kreditexpansion, die ihre ungünstigen Wirkungen-- das Einschrumpfen der Ausfuhr überkompensierte, vorüber sind und eine wirtschaftlich schwerere Zukunft bevorsteht. 93 Die Alternative, vor der das Hitler- Regime dann steht, ist, soweit sich das bis jetzt überblicken lässt, folgende: Entweder es fährt in seiner bisherigen Kredit expansionspolitik fort, um seine Rüstungen fortzusetzen. Dann würde wohl weder eine Exportprämienpolitik noch eine Devalvation auf das tschechoslowakische oder belgische Niveau genügen, um das deutsche Aussenhandels problem zu lösen, sondern das Hitlerregime droht in diesem Fall in eine abenteuerliche Währungs- und Wirtschaftspolitik hineinzugleiten, die mit der Periode der Nachkriegsinflation starke Verwandschaft aufweisen könnte. Oder es siegt die gemässigte Richtung Schacht, die parallel mit der Erschöpfung der bisherigen KreditReserven die Finanzierung der weiteren Rüstungen im wesentlichen auf Steuern und Abschöpfung von Ersparnissen beschränken will.( Ein gewisser Spielraum, der bei einer allgemeinen Devalvation aller Goldblock B- 18länder ein schliesslich Deutschlands für Kredit expansion noch bliebe, be Seite gelassen). Dann kann Deutschland vor Währungsabenteuern be wahrt und sein Aussenhandelsproblem so weit gelöst werden, als es die Qualität der Rohstoffe für die Rüstungen betrifft. Aber in diesem Fall muss der teuere Preis der Begrenzung der Rüstungen bezahlt werden, der auch, wie anfangs gezeigt, den Beschäftigungsgrad der Wirtschaft ungünstig beeinflussen müsste. Es hat den Anschein, als ob einstweilen die gemässigte Richtung in Deutschland die Oberhand gewonnen hat. Darau: deuten nicht nur die starken Anstrengungen zur Konsolidierung von Arbeit beschaffungswechseln hin und die interessante Aktion Schachts zur Bekämpfung der" unnatürlichen" Geldflüssigkeit( durch die Ausgabe von Solawechseln der Golddiskontbank), sondern auch die Aussenpolitik Hitlers ist augenblicklich auf diesen Kurs eingestellt; er scheint zum Abschluss von" Abrüstungs" konventionen bereit zu sein, die es ihm erlauben würden, das Tempo der Rüstungen zu bremsen, ohne doch die schon bestehende oder angestrebte enheit Deutschlands zu Easis szé zur Luft preisgeben zu müssen. Diese Feststellungen über die wirtschaftlichen Perspektiven Deutschlands bestätigen aus der bisherigen Ent re, die vorurteilslose Beobachter schon aus der bisherigen Entwicklung der Dinge in Deutschland ziehen mussten: dass, so schwierig auch manche wirtschaftlichen Probleme sind, denen sich das Hitler- Regime gegenübersieht, vorläufig mit einem Zusammenbruch des Regimes, der allein durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verursacht würde, nicht gerechnet werden kann. Die Gefahrenpunkte des Regimes liegen auf einem ganz anderen Gebiet, nämlich auf dem seiner überhitzten nationalistischen, militaristischen und imperialistischen Ideologie. Die wirtschaftliche Seite dieser Gefahren besteht darin, dass die wirtschaftlichen Bedingungen bei Strafe einer Wirtschafts katastrophe eine Begrenzung der Rüstungen verlangen. Aber selbst wenn diese Bedingungen nicht eingehalten werden, müssen noch andere ausserwirtschaftliche Faktoren hinzutreten, um den Sturz des Regimes zu ermöglichen. Zu dem wirtschaftlichen muss der moralische und geistige Zusammenbruch des Regimes kommen. Und das ist der Punkt, an dem die zähe und unerbittliche Aufklärungs- und Zermürbungsarbeit der Opposition weiterwirken muss. Auch dieses Regime bricht nicht von allein zusammen; es muss gestürzt werden. Anhang: Die Danziger Währungswirren. B-19Der Fall des Danziger Guldens zeigt, wie zweischneidig sich in ungünstig gelagerten Fällen Devalvationen auswirken können, besonders in Diktaturländern, in denen die Bevölkerung an sich schon allen Handlungen der Regierung mit grösstem Misstrauen gegenüberzustehen pflegt. Nun war die Finanz- und Währungspolitik der Danziger Nazis von Anfang an ausserordentlich leibhtsinnig. Danzig hatte unter der Wirtschaftspolitik Hitlerdeutschlands schwer zu leiden: infolge der deutschen Devisenpolitik fror ein grosser Teil der Danziger Forderungen an Deutschland ein. Da aber andererseits die Importe nach Danzig voll bezahlt werden mussten, verschlechterte sich die Danziger Zahlungs bilanz sehr schnell. Allein von Anfang Juni 1934 bis Anfang April 1935 sank der Goldbestand der Bank von Danzig von 43,8 auf 20,3 Millionen Gulden. Trotzdem spannten die Danziger Nazis die Situation der Bank von Danzig noch durch ihre Kredit- und Finanzpolitik weiter an. Es erhielten nicht nur die Danziger Exporteure, deren Forderungen nach Deutschland eingefroren waren, Kredi te von der Bank von Danzig, sondern auf dem gleichen Weg wurde auch nach deutschem Muster eine grosszügige Arbeitsbeschaffungs- und Defizitpolitik finanziert. der Aus dem im" Neuen Vorwärts" vom 7. Juli 1935 veröffentlichten Briefwechsel zwischen den beiden früher massgebenden nationalsozialistischen Führern Danzigs, dem Ende November 1934 abgesägten Senatspräsidenten Rauschning und dem vor kurzem zurückgetretenen Volkstagspräsidenten von Wnuck, geht hervor, dass schon im Herbst 1934 die Währung und Wirtschaft Danzigs in einer verzweifelten Lage war. Damals wandte sich Rauschning gegen die Vabanquepolitik des NSDAP- Gauleiters Forster, der als inoffizieller Reichsstatthalter der eigentliche Beherrscher Danzigs war. Nach der Darstellung Rauschnings hat Forster alles auf eine Karte gesetzt: Hilfe durch das Reich, wobei er sich der durch keine Sachkunde getrübten Illusion hingab, dass die Wirtschafts- und Währungslage des Reichs sich bald bessern würde. Die Vertröstung auf diese nebelhafte Reichshilfe hat dazu geführt, dass Rauschnings Beschwörungen, Danzig möge sich auf seine eigene Kraft verlassen, die währungspolitisch unverantwortliche Arbeitsbeschaffung abstoppen und durch eine massvolle Innenpolitik die Aufnahme einer Auslandsanleihe möglich machen, in den B-20-. Wind geschlagen wurden. So brachten es die Danziger Nazis glücklich so weit, dass die Deckung des Guldens, die Ende 1931 noch 100 Prozent betragen hatte, bis Mitte April 1935 auf 50 Prozent sank. Erst um diese Zeit aber setzte der Run der infolge der Nazimisswirtschaft misstrauisch gewordenen Bevölkerung auf den Gulden ein, der der Bank von Danzig in 14 Tagen weitere 6,6 Millionen Gold kostete. Trotzdem hörte sie aber merkwürdigerweise in ihrer Expansionspolitik nicht auf, sondern steigerte noch ihren Notenumlauf um 2 Millionen Gulden mit dem Effekt, dass die Notendeckung auf 34,3 Prozent sank. Nun war der Zusammenbruch der Währung politisch-psychologisch unvermeidlich geworden. Gerüchten zufolge, die selbst der angesehene englische"Economist" registriert, sollen bei diesem Zusammembruch auch die deutschen Nazis eine Rolle gespielt haben: sie sollen? erbost über den Ausgang der Danziger Wahl, gewisse Hilfeleistungen, die bis dahin der Danziger Währung zugute gekommen seien, eingestellt haben. Doch mag dahingestellt bleiben, ob dieser Umstand stark ins Gewicht fiel. Der Zusammenbruch war jedenfalls eklatant, umso mehr, als infolge der Zollgemeinschaft mit Polen keine Devisenzwangswirtschaft eingeführt werden konnte, die der mit der Devalvation verbundenen kritischen Situation hätte steuern können. Dazu kam, dass das Ausmass der Devalvation extrem hoch war: die Entwertung betrug 42,4 Prozent gegenüber 16,7 Prozent in der Tschechoslowakei und 28 Prozent in Belgien. Das war umso unklüger, als bei dem Stadtcharakter dieses Gebietes der Anteil der Einfuhr am Güterkonsum unverhältnimmässig hoch ist. Daher mussten die Preise der meisten Waren sprunghaft steigen und dadurch wurde die Erregung der Bevölkerung noch verstärkt. So setzte sich die Flucht aus dem Gulden auch nach der Devalvation fort, obwohl eine neue Goldparität fixiert worden war, und schliesslich sah sich der Senat zur Verhängung von Bankfeiertagen genötigt. Wie tiefgehend die Panikstimmung der mit einer reinrassigen Naziregierung gesegneten Bevölkerung gewesen sein muss, lässt sich daran ermessen, dass in den Paniktagen für einen Zloty bis 4 Gulden geboten wurden, obwohl nach der Devalvation Zloty und Gulden den gleichen Wert haben sollen. Inzwischen ist eine gewisse Beruhigung eingetreten, da Polen in eine vorübergehende Devisenbewirtschaftung einwilligte und der Senat einschneidende Sparmassnahmen ankündigte, die allerdings 600 Beamte B- 21brotlos machen werden. Wie weit auch der mysteriöse Besuch Schachts in Danzig hineinspielt, lässt sich nicht beurteilen. Aber schliesslich sind die deutschen Nazi brüder faule Schuldner Danzis und" Konzessionen" Deutschlands in der Frage der Bezahlung überfälliger Schulden wären das Geringste, was Danzig in dieser Situation von Deutschland verlangen kann. Jedenfalls aber wird dank der Nazimisswirtschaft Danzig noch lange mit dem Währungsproblem zu ringen haben, das sich dort als akutes Finanz-, Preis- und vor allem Lohnproblem kristalli sieren wird. Archiv der sozialen Demokratie