1)13 u tschl and-Ber i cht der Sopade Prag X. 2. Jahrg. Nr. 11. November 1935 Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Die Not wächst 2) Hoffnungen. auf Italiens Niederlage 3) Die Gegenwehr des Systems 4) Kritik an der NSDAP 5) Unzufriedenheit und politische Unreife 6) Die Auffassung unserer Genossen 7) Stimmen aus dem Bürgertum II. Der Kulturkampf 1) Aus dem evangelischen Lager A 1 Die unentschlossene Haltung der Bekenntniskirche Die neuen Gewaltmassnahmen des Systems- Aus Rundbriefen der Bekenntniskirche Berichte aus Hannover, Südwestdeutschland, Nordwestdeutschland und Sachsen. 1 7 13 16 19 22 25 30 31 2) Aus dem katholischen Lager 3) Der Kampf um die Jugend Die Devisen prozesse- Berichte aus Westfalen, dem Rheinland, aus Südwestdeutschland, Bayern und Schlesien. 48 58 Hitler- Jugend und konfessionelle Jugendverbände Berichte aus Bayern, Südwestdeutschland, dem Rheinland, aus Nordwestdeutschland und Schlesien. -2III. Aus den Betrieben 1) Die Haltung der Betriebsarbeiterschaft 2) Die Widerstandsregungen 3) Der Betriebsterror 4) Das Antreibersystem 5) Die Vertrauensräte 6) Die Werkscharen 7) Einzelberichte ▲ 64 64 70 74 75 77 78 aus Berlin, Sachsen, Schlesien, Bayern, Südwestdeutschland, dem Rheinland und aus Nordwestdeutschland IV. Aus Handel und Gewerbe 69 89 Die Konzessionierung des Einzelhandels Das Zünftlertum im Handwerk innungen. 400 Aus den ZwangsDie Steuerpolitik des Regimes gangsbuch. 9 Das Warenein- 96 Enttäuschungen der Handwerker bei Heeresaufträgen. Die Folgen der Wirtschaftspolitik für Lebensmittelhändler und Fleischer. Geschäft und Politik im Zigaretten- Grosshandel. Die Entwicklung bei den Konsumvereinen. lol llo. Teil B: Uebersichten && Die illegale Arbeit 1) Grundsätzliches a) Die Ueberwindung des Systems b) Der geistig- politische Reifeprozess c) Einigung im Grundsätzlichen 2) Zur Technik a) Arbeit in nationalsozialistischen Organisationen . b) Wederherstellung der Solidarität B 1 1357 9 01 c) Illegale Arbeit in den Betrieben d) Die Persönlichkeit als Kristallisationskern 23 lo 15 17 23 Teil A ( Abgeschlossen am 12. November 1935) I. Die allgemeine Situation in Deutschland == 1) Die Not wächst " Unter schwarz- weiss- rot und schwarz- rot- gold da haben wir gekriegt, was wir gewollt, doch unterm Hakenkreuz, dem stolzen, da fressen wir wieder trockne Bolzen." ( Spottvers, der in Berliner Betrieben die Runde macht.) Die allgemeine Stimmung wird beherrscht durch den wachsenden Unmut der Bevölkerung über die Lebensmittelknappheit. Die " vorübergehenden Erscheinungen" dauern nicht nur an, sondern verschärfen sich in einzelnen Bezirken besonders in den hochindustriellen wie dem Ruhrgebiet und Sachsen zu einer wirklichen allgemeinen Notlage. In diesen Bezirken ist denn auch die Wirkung auf die Volksstimmung am stärksten. Allerdings muss man bei den nachfolgenden Berichten aus dem Ruhrgebiet, die die unterirdische Erregung besonders eindrucksvoll schildern, bedenken, dass das Ruhrgebiet von jeher bei allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten besonders hart betroffen worden ist und dass auch seine Bevölkerung als besonders erregbar gilt. Erhöhte Beachtung verdient die Feststellung, die zwei Berichterstatter aus Sachsen und Berlin unabhängig von einander- machen: dass auch in der Stellungnahme zu den Lebensmittel nöten Generationsunterschiede sichtbar werden. Die Aelteren denken an den Krieg, aber die Jüngeren werden von der national A-2sozialistischen Propaganda eingefangen, dass Erz ist wichtiger als Fett. Ruhrgebiet, 1. Bericht: Die Nahrungsmittelnot hat in der ganzen Bevölkerung eine ungeheure Spannung hervorgerufen. Man kann von einer fiebrigen Unruhe in allen Schichten der Bevölkerung sprechen. Bei den kleinen Gelegenheiten des täglichen Lebens wird den verschiedensten Sorten der Nazis ( SS, SA, NSV, DAF usw.) der gallige Unwillen deutlich ins Gesicht geschleudert. Frauen tre ten gegen Frauen auf, schlagen sich um ein Viertelpf und Fett und giessen den ganzen angesammelten Hass und Hohn über die Naziweiber. In den Betrieben werden die Arbeiter- Nazis am laufenden Band in ironischer und zynischer Weise angepflaumt. Im Mittelstand herrscht eine unbeschreibliche Hilf- losigkeit und Unruhe, da die Existenz jetzt genau so bedroht ist wie in der Inflationszeit. Die Polizei übt eine starke Zurückhaltung, selbst bei Zusammenstössen auf der Strasse. Es werden Szenen berichtet, in denen der oder die Polizeibeamten, statt einzugreifen, zu beruhigen versuchten oder den Schauplatz verliessen, um nicht eingreifen zu brauchen. Der Schleichhandel kommt wieder mehr und mehr auf. Es ist ganz natürlich, dass dadurch der Mangel grösser wird und bei hohen Schleichhandelspreisen der Begüterte besser versorgt wird. Dieser Zustand vergrössert die Unruhe in der Bevölkerung. Auch hier passt sich die Polizei der Situation an. So hatten in einem Fall einige Arbeitslose eine Fleischerei beobachtet und festgestellt, dass der Inhaber hintenherum an Frauen und Nazi bonzen Fleisch verkaufte. Mehrere Arbeitslose sind in den Laden eingedrungen und haben den Meister auf die Strasse geschleppt und dort ordentlich verprügelt. Der Meister und die Täter mussten zur Polizei, die den Meister einsperrte und die Arbeiter wieder freiliess. Auf mehreren Wochenmärkten hat die Polizei den Verkauf der wenigen Fleischwaren vornehmen müssen, weil die Bevölkerung die Stände gestürmt hatte. Zwei Meldungen liegen vor, die den Selbstmord von Fleischermeistern mitteilen, weil sie ihre Existenz verloren haben. 2. Bericht: Alle Propaganda der Nazis kann über die grosse Not keinen Schleier mehr legen. Wir könnten dutzendweise Vorgänge schildern, die zeigen, dass sich das System wirtschaftlich im Rutschen befindet. Mit einer Schilderung wollen wir es diesmal bewenden lassen: Auf den Feldern ist im Herbst das Gemüse gestohlen worden, wie in den schlechtesten Kriegs janren. Ganze Kartoffelfelder waren schon abgeerntet, ehe die Bauern oder kleinen Leute damit ordentlich beginnen wollten. Die Arbeitslosen haben zu hunderten des Nachts die Kartoffeln von den Feldern geholt. Grosse Schäden sind den Bauern dadurch entstanden, da die unberechtigten Erntearbeiter in voller Hast die Aecker durchwühlten. An den Bahnstrecken werden die Kohlen am hellen Tage gestohlen. Entladene Wagen werden bis auf das letzte Stück Kohle ausge A- 3kratzt und volle Wagen werden beraubt. Aufpassen nutzt nichts selbst die Polizei ist machtlos. Wir konnten Situationen beobachten, die zeigen, wie selbst die Polizei bemüht ist, ein Eingreifen zu vermeiden. An den grossen Eisenbahnlinien, die durch das Ruhrgebiet laufen, ist es vielfach der Fall, dass die speziellen Kohlenbahnen streckenweise auf gemeinsamen Bahnkörpern liegen. An den Kohlenbahnen halten sich hunderte Arbeitslose, Frauen und Kinder auf, die Kohlen suchen oder direkt auf die beladenen Wagen klettern und herunterwerfen. Naht die Zeit, in der Personenzüge die Strecke durchfahren, treibt die Polizei die Menschen nach Möglichkeit aus dem Blickfeld der Reisenden. Sind die Züge vorbei, geht die Polizei wieder weg. Es ist so auffällig, dass die Kohlensucher selbst sagen, die Polizei hat nur Angst, dass irgend ein Bonze aus dem Zuge heraus die Tätigkeit der Polizei kontrolliert. 3. Bericht: Ob Göring, Goebbels, Hess, Darré oder Ley Reden halten vom Durchhalten, über deutsche Ehre usw., es zieht nichts mehr. Die Nazis verhone pipeln sich damit nur selbst. In den Betrieben werden diese Reden raffiniert ironisch besprochen. Auch die noch vorhandenen Nazis machen dabei keine Ausnahme. Auch die stärkste Regierung kann auf die Dauer eine so einmütige, wenn jetzt auch noch sehr passive Gegnerschaft nicht aushalten. Ueberall Schimpfen, vor allem beim Stempeln und beim Schlangestehen nach Butter. In Recklinghausen wurden zwei Frauen wegen grober Beleidigung der Regierung aus der Schlange heraus verhaftet. Hierbei erwähnen wir einen Fall: An eine Schlange kommt mit dem Fahrrad ein ortsfremder junger Bursche gefahren und lacht über das ganze Gesicht. Alles sieht auf ihn und als er genügend Aufmerksamkeit besitzt, streckt er eine Hand und ruft laut: " Heil Hitler". Die ganze Schlange bricht in lautes Gelächter aus. Das ist das ganze Volk, das die Diktatur tatsächlich geeint hat. Rheinland- Westfal en: Aus ganz Westdeutschland kommen Nachrichten, die darauf schliessen lassen, dass eine immer schlimmer werdende unterirdische Unruhe alle Bevölkerungsschichten erfasst. Das System nähert sich einer neuen schweren Krise, vielleicht der schwersten, die es bis jetzt zu bestehen hatte. Mit grösster Sorge sieht die Bevölkerung den kommenden Monaten entgegen und- die Nazis auch. Denn sie wissen um die Dinge. Wie gross die Not sein muss, das zeigen Berichte aus zwei rheinischen Grosstädten: Sobald morgens die Mülleimer herausgestellt sind, kommen Bedürftige und durchwühlen diese Eimer. 14 bis 16jährige und Erwerbslose suchen nach Gemüseabfällen, alte Leute nach etwas Brennbarem. Viehfutter und alte Kleidungsstücke werden genommen" Spezialisten" suchen nach Karton, Holz, Konservendosen. Ist die Schule aus, dann kommen die Schulkinder mit kleinen Säckchen und nehmen die letzten Reste. A-4Die Mülleimer werden durchsucht und umgeschüttet. Oft müssen die Besitzer sie wieder aufstellen. Arme hat es immer gegeben - so sagen die Leute- so schlimm war es aber noch nie. Die Teuerung macht weiter Fortschritte. Die Zahl der Erwerbslosen nimmt wieder erheblich zu. Man kann schon wieder Schlangen vor den Arbeitsämtern sehen. Die Kurzarbeit in den Nichtrüstungsbetrieben, besonders in der Textilindustrie, in der Stahlwarenindustrie, im Baugewerbe hat sich verstärkt. Dadurch wächst auch die Unruhe. Die steigende Fett- und Fleischnot tut ein Uebriges. Die Propaganda der Nazis sucht dieser Lage zu begegnen. Das ist auch wie im Weltkrieg. Den Hausfrauen werden Rezepte für neue Speisefolgen gegeben, Probekochen mit Fisch, Backwerk und ohne Butter wird veranstaltet. Den Ehemännern wird geraten, ein freundliches Gesicht aufzusetzen, wenn sie nicht das gewohnte Essen bekämen, sie sollten Humor zeigen. Alles sei vorübergehend. Eine Propaganda jedenfalls, die auf Zeit berechnet ist und die immer neue Enttäuschungen zur Folge hat. Denn nach und nach wird jedem klar, dass die " vorübergehende" Knappheit täglich schlimmere Formen annimmt. Sachsen, 1. Bericht: Am stärksten wird die Stimmung weiter Schichten durch die Lage auf dem Lebensmittelmarkt beeinflusst. Diese Katastrophe hat Hemmungen und Illusionen überwunden, an deren Ueberwindung unter anderen Verhältnissen eine jahrelange Agitation vergebens gearbeitet haben würde. Welche Stützen des Regimes in diesen Monaten der Lebensmittel kalamität schon zerbrochen sind, das ist gar nicht abzusehen und wird erst sichtbar werden, wenn einmal noch andere Dämme, die heute noch notdürftig halten, zerstört sein werden. Die weitblickenden Naziführer sind sich über diese Wirkungen natürlich klar, Verblüffend sind die naiven und hilflosen Metho den, mit denen man hie und da der allgemeinen Misstimmung zu Leibe rücken will. Wenn z. B. aus der Umgebung von X. mehrere Fälle berichtet werden, in denen Frauen und Mädchen, die ihrer Empörung über die fehlenden Lebensmittel offen Ausdruc. gegeben hatten, täglich dreimal bei der Polizei erscheinen und sagen mussten:" Der Führer sorgt väterlich für uns und uns fehlt es an nichts," dann ist ersichtlich, wie lächerlich sich die Nazibehörden in ihrer Ratlosigkeit schon selber machen. Solche Strafmethoden gegen aufgebrachte Frauen, die ihrer Zunge freien Lauf liessen, sind in mehreren Orten festgestellt worden, ja sie haben sich wiederholt sogar auch gegen früher unentwegte Nazifrauen gerichtet. Aus Dresden berichtet ein Beobachter: Die Behörden haben alle Hände voll zu tun, um die Bevölkerung zu beruhigen. Man vertröstet auf baldige Besserung; da man das aber schon seit Monaten tut, glaubt niemand mehr daran und man ist überzeugt, dass sich die Lage eher noch verschlimmern werde. Die Hinweis dass das ganze Volk Opfer bringen müsse im Interesse der Staatssicherheit und der Arbeitsbeschaffung, werden mit grimmiger Ironie aufgenommen und glossiert. Ausserordentlich zer A- 5setzend auf die Stimmung wirkt die allgemeine Beobachtung, dass die besitzenden Kreise, genau wie im Weltkriege, sich vor diesen Opfern zu schützen wissen, dass es ihnan an nichts fehlt, und dass sich in dieser angenehmen Lage besonders auch die führenden Funktionäre und leitenden Beamten der Bewegung befinden, die zwar öffentlich tun, als gingen sie mit gutem Beispiel voran, aus deren Haushalten aber genug Beweise dafür in die Oeffentlichkeit dringen, dass das gerade Gegenteil wahr ist. Bei der Kritik an diesen Zuständen spielen eine besondere Rolle die Hinweise auf die protzigen Bauten des Regimes, die fast durchgängig nur der Parteirepräsentation dienen. Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich in ganz Sachsen die Stimmung gegen das Regime in einer Weise verschärft hat, dass es nur eines Funkens in das Pulverfass bedürfte, um die Explosion herbeizuführen. Aber das ist eben das Problem. Die Machthaber wenden alle Mittel der brutalen Diktatur an, um alle Ansätze planmässiger gegnerischer Arbeit zu unterdrücken. So ergeben sich als die drei hervorstechenden Merkmale der augenblicklichen Situation: verstärkte Unruhe ( infolge der inneren Lage), verstärkte Hoffnungen auf eine Aenderung der faschistischen Diktatur( infolge der weltpolitischen Lage), verschärfter Terror des Regimes, das sich durch die Entwicklung immer mehr bedroht sieht. 2. Bericht: Die allgemeine Stimmung verschärft sich infolge der Butter-, Fleisch- und Fettnot dauernd. Sie macht sich in den verschiedensten Formen Luft, teils als wütendes Schimpfen, teils als zynischer Spott. Mit Vorliebe schickt man zu den Kaufleuten und bestellt eine nicht mehr erhältliche Ware in einem besonders grossen Quantum. Das setzen die aktiven" Meuterer" mitunter tagelang fort und amüsieren sich über die Verlegenheit und die Verzweiflung der Kaufleute und über ihre mehr oder weniger verdrossenen Antworten. Zu Hause aber und in den Fabriken sitzen die Arrangeure solcher Demonstrationen und beobachten die Wirkungen ihrer " Aktion", die ihnen niemand unterbinden kann. Allgemein mekkern jetzt auch die Kreise, die sich bisher ängstlich zurückgehalten haben. Man führt das nicht allein zurück auf die alle Dämme der Vorsicht sprengende Empörung, sondern auch auf das Gefühl unter den Menschen, dass man das" Nazigesindel bald los sein werde." Nur der Terror und die Furcht vor dem Konzentrationslager verhindert die Ausbrüche allgemeiner Empörung und öffentlicher Zusammenrottung. Auffällig ist, dass die, ältere Generation mit Kritik stärker hervortritt als die jüngere. Ein grosser Teil der Jugend ist nach wie vor vom militaristischen und nationalistischen Taumel erfasst und will die wirtschaftlichen Nöte als Anlass zur Kritik am System nicht gelten lassen. Berlin: Die breite Masse rechnet noch mit weiteren Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung. So ist bekannt geworden, dass in einer Milchhändlerversammlung in Berlin die A-6Milchhändler angewiesen worden sind, auch den Zuckerverkauf einzuschränken. Tatsächlich haben Versuche in verschiedenen Geschäften zu der Feststellung geführt, dass die Milchhändler nicht mehr als 1/2 Pfund Zucker jeweils abgeben. In der Beurteilung der Lebensmittelschwierigkeiten zeigen sich schon deutlich Generationsunterschiede. Die älteren Leute, die den Krieg mitgemacht haben, sagen: es ist schon wieder so wie im Kriege. Bei den jüngeren Leuten aber, denen der Krieg kein Begriff mehr ist, verbindet sich mit diesem Satz keineswegs die Vorstellung, dass es im Krieg auch so angefangen hat und dann immer schlimmer geworden ist. So kommt es, dass viele Leute die jetzigen Lebensmittelschwierigkeiten als gegebene Tatsache hinnehmen und dass auf sie die sehr geschickte Propaganda der Nazis ihre Wirkung nicht verfehlt. Es gibt auch heute immer noch Leute, die auf das Argument von Goebbels hereinfallen, dass in der ganzen Welt. Unruhe und Durcheinander herrsche, in Deutschland dagegen Ruhe und Ordnung. Südwestdeutschland, 1. Bericht( Baden): Gegenüber den Vormonaten, in denen man an eine allmähliche Gewöhnung der Leute an die neuen politischen Verhältnisse und so an eine Stabilisierung glauben konnte, hat sich die Stimmung wieder bedeutend verschlechtert und dies, weil jetzt auch die ländlichen Gebietsteile von der Fett- und Butternot betroffen werden. Solange man in den ländlichen Gebietsteilen nur davon las, dass es in Berlin und anderen grossen Städten keine Butter und kein Schweinefleisch mehr gibt, glaubte man nicht recht an die wirkliche Verschlechterung der Ernährungslage. Man war stark der Ansicht, dass dies nur Tendenznachrichten wären. Jetzt, wo der Mangel allenthalben fühlbar wird, wird man erst richtig aufmerksam. 2. Bericht( Württemberg): In Stuttgart ist dieselbe miese Stimmung. Sie kam aber da erst richtig zum Durchbruch, als es kein Fett und keine Butter mehr gab. Das war selbst dem dickfälligsten Schwoben zu viel. Am Markttag vom 16. November wurden in Stuttgart 8 Frauen von der Polizei verhaftet, weil sie auf dem Markt Radau gemacht haben. Sechs von diesen Verhafteten sollen nach ein paar Stunden wieder freigelassen worden sein, während die restlichen zwei festgehalten wurden. Diese Stimmung ist umso beachtlicher, als die Stuttgarter Industrie gut beschäftigt ist. Bei Bosch, Daimler, Salamander- Schuhfabrik und Linoleum- Fabrik herrscht Hochbetrieb. Immerhin ist die Stimmung auch in Württemberg in den einzelnen Gebietsteilen sehr unterschiedlich. So ist beispielsweise in der Gegend von Oberndorf die Stimmung wesentlich anders als in Stuttgart. Die Waffenfabrik in Oberndorf war nach dem Kriege so gut wie lahmgelegt. Durch die Aufrüstung kamen für diesen Betriebszweig riesige Aufträge herein. Durch die Verdreifachung der Belegschaft in dieser Fabrik kam natürlich das Geschäftsleben dieser Gegend ausserordentlich in A- 7Aufschwung. Die Geschäftsleute und Wirte singen deshalb das Loblied von Hitler. In Tuttlingen, wo hauptsächlich Schuhfabriken und Fabriken für chirurgische Instrumente sind, ist unter der Bevölkerung immer noch eine gewisse Angst zu verspüren, die man an anderen Orten nicht mehr vorfindet. Hier haben nämlich die Nazis bei der Machtergreifung besonders rüde gehaust. Auch viel mehr Verhaftungen und Haussuchungen sind erfolgt als in anderen Orten. Es traut heute noch einer dem anderen nicht. 3. Bericht( Pfalz): In einer Wirtschaft in X. wurde am Stammtisch über die bestehende Lebensmittelnot diskutiert. Dabei geriet ein Gast derart in Erregung, dass er sagte: " Was hat uns der Hitler gebracht? Nichts als Verschlechterungen, es wäre bald Zeit für ihn, zu verschwinden." Ein anderer Gast protestierte gegen solche Bemerkungen und stellte sich vor als" alter Kämpfer". Darauf sagte der andere, ich war schon Kämpfer an der Front, da lagst Du noch in den Windeln. Der" alte Kämpfer" erwiderte darauf:" Deswegen dürfen Sie aber nicht Adolf Hitler_beleidigen." Der erstgenannte Gast liess sich nun zu der Bemerkung hinreissen:" Euer Hitler kann mich am " Nun sprang der" alte Kämpfer" auf und verliess das Lokal. Die Gäste bestürmten den erregten Kritikus, die Wirtschaft sofort durch den Hof zu verlassen, wobei er in eine andere Strasse gelangen musste. Er war nicht lange fort, als die Polizei kam und ihn verhaften wollte. Jeder der anwesenden Gäste wurde befragt, wie sich der Vorgang abgespielt habe. Alle sagten, sie hätten wohl gemerkt, dass da zwei diskutiert hätten, aber auf die Einzelheiten hätten sie nicht geachtet. Dabei waren es durchweg Spiessbürger, die noch vor kurzer Zeit jeden Kritiker der Polizei ausgeliefert hätten. 2) Hoffnungen auf Italiens Niederlage Nächst der Lebensmittelknappheit ist es der abessinische Krieg, der die Gemüter bewegt. Wir haben wiederholt darüber berichtet, dass die deutsche Bevölkerung an den kriegerischen Operationen Italiens besonderen Anteil nimmt, weil in Deutschland die Besorgnisse darum, dass der Konflikt auf Europa übergreifen könnte, durch die fieberhafte Rüstung des Systems vermehrt werden, und weil es ein faschistisches Regime ist, das diesen Raubkrieg führt. Verschiedene Berichterstatter bringen denn auch zum Ausdruck, wie stark die Anteilnahme an den kriegerischen Ereignissen untermischt ist mit Sorge- oder Hoffaung wegen der möglichen Rückwirkungen auf Deutschland. Die A-8Berichterstatter aus den Grenzgebieten, die an die Tschechoslovakei stossen, unterstreichen diese allgemeinen Feststellungen durch Hinweise auf die unablässig fortgesetzten Bestrebungen, einen besonderen Grenzschutz einzurichten, die in diesen Gebieten die Angst vor dem Krieg noch besonders nähren. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Die Entschiedenheit des Volkerbundes und Englands haben einen tiefen Eindruck gemacht. Frankreich und Laval werden als feige bezeichnet, weil sie Angst vor einer Allianz Hitler- Mussolini hätten. Bis weit in die Reihen der Nazis empfindet man Genugtuung, dass der Völkberund Mussolini an die Leine genommen hat. In den bürgerlichen Kreisen, auch bis zu den Nazis, bewertet man die Sanktionen als Warnungen, die Deutschland wohl oder übel berücksichtigen muss. Nicht selten kann man hören, dass Deutschland gut tun würde, sich mit dem Völkerbund wieder zu vertragen, zumal es ja alles erreicht habe, was es wollte: die Aufrüstung. Weil jetzt schon ein starker Mangel an Lebens mitteln besteht, kalkuliert man, dass Deutschland bei einem Husarenstreich, vielleicht im Osten, noch ganz anders als jetzt Italien blockiert würde. Die Sorge um den kommenden Krieg gehört zu den ernstesten Fragen, die die Bevölkerung beschäftigen. Mit dem Wachsen der inneren Schwierigkeiten, der Komplikation der aussenpolitischen Verhältnisse, die so oder so Deutschland vor Entscheidungen stellen kann, sieht man den Krieg nahen. Von unseren Genossen hört man dazu die ernste Frage: Was soll werden, wenn es plötzlich zu dem inneren Zusammenbruch kommt? Wer weiss denn überhaupt, wie weit der gana Bau bereits ausgehöhlt ist? Den Verbrechern, die regieren, und den Handlangern, die ihnen dienen, ist weder ein Wort noch eine Zahl zu glauben. Tausend Zeichen deuten auf eine gefährliche Katastrophe. Die Genossen fragen, ob die sozialistische Führung auch Vorbereitungen treffe, um das erste Chaos, das dann eintreten wird, schnell zu überwinden und mit wohl überlegten Mitteln Ordnung zu schaffen. Nicht um Vorrechte für eine Klasse geht es dann, es geht um die Sicherung der Existenz des ganzen Volkes, weit über jeden Parteirahmen hinaus. 2. Bericht: Die Haltung des Völkerbundes in der Sanktionsfrage gegen Italien hat allgemein Befriedigung und Sympathie erweckt. Bis weit in die konservativen Kreise sagt man, dass dadurch dem Faschismus eine deutliche Warnung erteilt worden ist. Kriegsgespräche sind an der Tagesordnung. Allgemein bestehen grosse Sorgen wegen der Durchführung ähnlicher Massnahmen gegen Deutschland. Man meint: hoffentlich begreifen die Nazis nun, dass sich die Welt nicht wieder vier Jahre Krieg gefallen lässt, sondern Deutschland schon beim Beginn wirtschaftlich vernichtet. Die grossen Ausgaben für die Rüstung werden kritisert. A-9Südwestdeutschland: Der Konflikt Abessinien- Italien wird überall bei jeder Gelegenheit lebhaft diskutiert. Alle Sympathien sind dabei ausnahmslos bei Abessinien, auch bei den eingefleischten Nazis. Am lautesten benehmen sich in dieser Frage die sonst politisch sehr gleichgültigen Kreise. Ihre Aeusserungen haben meistens den Beigeschmack befriedigter Sensationslust. Das ihnen Aussergrwöhnliche lässt sie wild werden und entlädt sich nun gefühlsmässig in starkem Hass gegen Mussolini.( den man in Gedanken an den Galgen wünscht). Mit auffallender Ruhe und grosser Zurückhaltung hören sich dagegen die geschulten Arbeiter diese Empörung der Gleichgültigen an und warten, dass sich aus den Debatten Schlussfolgerungen auf das deutsche Regime ergeben würden. So naheliegend diese Vergleiche sind, sie spielen in der öffentlichen Diskussion leider keine Rolle, höchstens in intimeren Unterhaltungen von Mann zu Mann. Die aufegklärteren Arbeiter finden im abessinischen- italienischen Konflikt die Bestätigung der Richtigkeit ihrer bisherigen Ansicht über den Faschismus. Hier wie dort am Ende des Weges steht der Krieg. In ungezählten früheren Auseinandersetzungen haben sie diesen Satz gebraucht, jetzt bestätigt er sich in einem der faschistische. Länder. Es scheint aber, dass diese Lehre nicht ausreicht, um Empörung der Gleichgültigen umzuformen in bewusste Erkennt nis der Gefahr, die dem deutschen Volke droht. Man übersieht hartnäckig die gleichen Neigungen zur Expansion der faschistischen Staaten und hält nach wie vor den Nazisozialismus für edler und friedfertiger als den italienischen Faschismus. Die Aufklärung über die Zusammenhänge und das Gemeinsame beider Bewegungen geht deshalb sehr mühsam vorwärts, weil mit starken wirksamen Argumenten in öffentlicher Debatte von unse rer Seite kaum gearbeitet werden kann, während geschickte Redewendungen meist nicht begriffen werden und deshalb ihre Wir kung verfehlen. Im übrigen ist es durchaus möglich, dass sich eines Tages die Sympathien für Abessinien umwandeln in Stimmung für Italien, wenn es der Naziregierung zweckmässig erscheint. Es braucht nur eine geschickte Propaganda dafür gemacht werden. Bei den Debatten über den Konflikt wird der Völkerbund wenig rühmlich erwähnt, weil man ihn nicht ernst nimmt. Wenn in den Arbeitspausen ein Auslandsender abgehört wird, lacht man über die Bekanntgabe der Verhandlungen, Vertagungen, Abfassung von Berichten und Bildung von Ausschüssen am laufenden Band. Das Prinzipielle und Erstmalige, das in den Massnahmen des Völkerbundes eines seiner Mitglieder gegenüber liegt, wird keinesfalls richtig gewürdigt. Darüber gibt es mit wenig Ausnahmen nur eine Meinung: zu spät, viel zu mässig mit zu viel Kuhhandel durchsetzt. Auch hier vermisst man das konsequente Zuende denken mit, Rückschlüssen auf eventuelle Konflikte Deutschlands mit Litauen oder Russland. Die etwas Weitsichtigeren meinen im abessinisch- italienischen Konflikt nur ein bedeutungsloses A-10Versuchsgeplänkel zu sehen, das der grossen Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit zwischen den kapitalistischen Staaten und der Sowjetunion vorausgeht. Sie meinen, irgendwo müsste der Imperialismus beginnen und seine erzeugten Waffen unter Beweis stellen. Bewähren sie sich, dann werden die kapitalistischen Staaten im gemeinsamen Krieg gegen Russland in grossem Masstabe versuchen, was sie zunächst gegen das verhasste rote Wien und gegen die an relativer Stärke zunehmende Arbeiterschaft Deutschlands unternahmen. Sie meinen also, die kapitalistische Welt rüste zum Endkampf mit dem Ziele der endgültigen Niederwerfung der Arbeiterschaft und der Neubefestigung der kapitalistischen Ordnung. Der Völkerbund würde in diesem Sinne der Gefangene der Imperialisten der einzelnen Länder sein und deshalb ist nach ihrer Meinung die grundsätzliche Entscheidung im abessinischitalienischen Konflikt belangloser als es erscheint. Sachsen, 1.Bericht: Die innere Teilnahme an den Kriegsereignissen in Ostafrika und Ostasien ist im deutschen Volke viel grösser, als das Gesicht der hitlerdeutschen Presse ahnen lässt. Es wird eifrig diskutiert und es werden dabei Meinungen ausgesprochen und Hoffnungen geäussert, die vielsagend sind trotz ihrer vorsichtigen Form. Man benützt die Gelegenheit, um seiner Misstimmung Ausdruck zu geben gegen das" faschistische Regime", was man ruhig tun kann, denn das Hitler- Regime bezeichnet offiziell sich ja nicht als faschistisch. Man verurteilt den Ueberfall Mussolinis auf Abessinien allgemein sehr scharf. Nachrichten von italienischen Misserfolgen, die man meist nur vom ausländischen Rundfunk erhält, werden freudig aufgenommen und lebhaft diskutiert, sie verbreiten sich jedesmal wie ein Lauffeuer. Kein Zweifel, hinter dieser Stimmung verbergen sich noch andere Hoffnungen, die sich gegen das Hitler- Regime richten. Man sieht in jedem militärischem Misserfolg Mussolinis und noch mehr in jeder Niederlage, die er durch die Völkerbundspolitik erleidet, einen Schlag, der das faschistische Staatsprinzip ganz allgemein und damit auch das Hitler- Regime trifft. Darüber herrscht uneingeschränkte Freude, und an diese Entwicklung knüpfen sich starke Hoffnungen. Man vermag zwar noch nicht zu sagen, wie sich diese Hoffnungen einmal realisieren sollen, aber man begnügt sich vorderhand mit dem Resultat, dass durch die weltpolitischen Misserfolge Mussolinis das internationale Ansehen und das politische Prestige des Faschismus schwer erschüttert ist und dass sich daraus im weiteren Verlaufe der Entwicklung auch für Deutschland entscheidende Folgen ergeben müssen. Manche Kritiker sprechen auch offener, aber natürlich. nur dann, wenn man unter sich ist und Denunziation nicht zu fürchten hat. Aber auch dann theoretisiert man möglichst in abstrakten Formulierungen. Man stellt fest, dass der " italienische" Faschismus eben nicht in der Lage sei, das Volk aus der ungeheuren Wirtschaftskrise herauszuführen; die innere Lage sei immer schlimmer geworden, nun habe der Duce A-11zu dem Ablenkungsmanöver des Eroberungskrieges seine Zu flucht genommen. Auch damit werde er natürlich nicht ans Ziel kommen. Aber auch anderwärts zeigten sich doch immer mehr unüberwindliche Schwierigkeiten. Es müsse damit gerechnet werden, dass der italienisch- abessinische Krieg der Anfang internationaler Kämpfe sei, in denen entschieden werde über eine ganz neue Gesellschaftsordnung. Der Weg Deutsch lands, wo man so fügt man mit heimlicher Ironie hinzu ja auch den" Sozialismus" aufbaue, werde dann wohl von der ganzen Welt in einem stürmischen Tempo beschritten werden. Solche Diskussionen, zu denen der italienisch- abessinische Konflikt den Anlass bietet, werden mit grossem Behagen geführt, sie finden bei der gespannten Lage auch überall die stärkste Resonanz. So klammert man sich an die Hoffnung, dass die Wirren um Abessinien auch die innerdeutsche Frage in Fluss bringen werden. So reagiert man seine Unzufriedenheit und seine Misstimmung ab an den Perspektiven, die man aus den weltpolitischen Vorgängen zieht. Einheitlich ist dabei das Verlangen, mit dem verhassten nationalsozialistischem System endgültig Schluss machen und etwas Neues aufbauen zu können, sobald ein Anstoss von aussen die Machtstellung des Regimes ins Schwanken bringen wird. Es ist festzustellen, dass man in den verschiedenen Gesellschaftsschichten allgemein zu gleichartigen Erwartungen kommt. Der enttäuschte Mittelständler, der betrogene Kleinlandwirt, der unzufriedene Beamte, der geprellte Nationalsozialist und SA- Mann, der ausgebeutete Arbeiter, besonders aber natürlich der verfolgte und unterdrückte Marxist, ferner die Anhänger anderer vernichteter und entwurzelter Verbände und Kreise( Stahlhelm, Katholiken, Protestanten, Bibelforscher, Juden usw.), sie alle schöpfen aus der italienischen Krise irgendwelche Hoffnungen auf Deutschlands Befreiung und auf die Vernichtung der Hitler- Herrlichkeit. Dabei begegnet man meist einer naiven Selbstverständlichkeit, mit der als zwangsläufige Folge eines Krieges der Zusammenbruch des Regimes und durchgreifende Veränderungen in der Richtung Sozialismus und Demokratie erwartet werden. Immerhin kann angenommen werden, dass sollte der Fall einmal praktisch werden dann die notwendige Klarheit über das erforderliche Handeln schnell zu gewinnen wäre, weil man sich im Ziele einig ist. Man wünscht, dass die sozialdemokratische Emigration schon jetzt die Taktik im Kriegsfalle etwas deutlicher- natürlich unter Berücksichtigung aller damit verbundenen besonderen Gefahren aufzeige. Die beamteten Nazis spüren natürlich diese Unruhe in der Bevölkerung und ahnen wohl auch die tausendfachen stillen Hoffnungen und die erbitterte Feindschaft, die hinter dem Interesse an den Kriegsereignissen verborgen sind. Deswegen suchen sie die Weltlage in ihrer Weise zu deuten und allen Hoffnungen den Boden zu entziehen. Sie stellen geflissentlich den italienisch- abessinischen Krieg als eine Sache hin, die Deutschland gar nichts angehe. Aber das wird nämlich A-12ziemlich allgemein nicht mehr ernst genommen. Man deutet es als das Gerede, das man zur Beruhigung und zur Täuschung des Auslands und der eigenen Bevölkerung braucht, bis man militärisch, finanz-, aussen- und ernährungspolitisch" soweit" ist. 2.Bericht: In manchen Orten an der böhmischen Grenze ist der Grenzschutz neu organisiert worden. In X. hat man z. B. drei Kompagnien gebildet, wobei alle Altersklassen ( vor- und nachmilitärische) herangezogen worden sind. Das Kommando führt ein Hauptmann der Reichswehr. Führung und Ausbildung liegen in den Händen von Feldwebeln und Unteroffizieren der Reichswehr. Strengste militärische Disziplin, strengste Schweigepflicht über alle Vorgänge( Drohung mit Hoch- und Landesverratsprozess). Bayern, 1.Bericht: Die Auffassung, dass ein Krieg in Europa unvermeidlich ist, ist ganz allgemein. Die alten Behauptungen, dass Oesterreich dem deutschen Reiche eingegliedert werde, sind oft zu hören. Man spricht oft von dem 1. März 1936 als dem Stichtag dafür. Der Krieg in Abessinien wird mit grösstem Interesse verfolgt. Es gibt wohl niemand in der Bevölkerung, der nicht den Italienern eine volle Niederlage wünscht. Man hofft, dass durch eine Niederlage der Italiener Deutschland in die Lage versetzt wird, zuzugreifen. Sogar Erörterungen über die Rückgewinnung Südtirols sind zu hören. 2. Bericht: Die äusserst schnell vorwärtsgetriebenen Rüstungen an der Grenze( Grenzschutz und Rüstungsbauten) beeinflussen die Stimmung der Bevölkerung sehr nachhaltig. Man glaubt, dass diese Rüstungen gegen Russland gerichtet sind. Die Tschechoslovakei wird als Gegner sehr gering bewertet, aber die Russen, die fürchtet man. Obwohl es verboten ist, von diesen Rüstungen zu sprechen, wird doch im Volke viel darüber getuschelt. Schlesien: In Oberschlesien ist die Bevölkerung stark wegen der Kriegsvorbereitungen beunruhigt. In Gleiwitz ist der Flugplatz auf das doppelte seiner bisherigen Grösse erweitert worden. Gleichzeitig werden Kasernen- Um- und Neubauten durchgeführt. Zum Provinzial- Feuerwehrtag wurde folgendes Flugblatt verteilt: A-135. Oberschlesischer Provinzial- Feuerwehrtag Wir sind feindliche Flieger! Wir haben die Aufgabe, den Häuferblock am Reichspräsidentenplay, der uns als Zentrale eines wichtigen Jndustriezweiges bekannt geworden ist, auf alle Fälle zu zerstören. Wir werden zu diesem Zweck 1. den Block mit Brandbomben in Flammen seßen, 2. die Kellerräume mit Sprengbomben zerstören, 3. die Feuerwehr am Löschen und die Bergungstrupps in ihrer Tätigkeit durch Belegen der Zufahrtsstraßen durch Gasbomben hindern. Aufgabe der Feuerwehr Nachdem der Fliegerangriff vorbei ist, wird die Feuerwehr zur Bekämpfung des Brandes und Beseitigung des Schadens eingesetzt. Da Zufahrtsstraßen durch Gasbomben verfeucht sind, tritt Entgiftungstrupp der Feuerwehr in Tätigkeit. Luftschußkeller dieses Häuserblocks blieb unversehrt. Zwei Hausbewohner, die bei der Hausfeuerwehr tätig waren, sind verlegt aus dem brennenden Dachgeschoß zu retten. Zwei weitere Hausbewohner, denen der Rückweg über das Treppenhaus abgeschnitten, rufen aus den Fenstern des dritten Stockwerkes des mittleren Häuferblocks um Hilfe. Wasserleitung zum Teil durch Sprengbomben zerstört. Windrichtung: Windstill. Die Bevölkerung traut deshalb dem Friedens gerede Hitlers nicht mehr; wozu würden sonst diese Vorbereitungen getroffen. 3) Die Gegenwehr des Systems Das System versucht der ungünstigen Entwicklung der Massenstimmung mit den bewährten Methoden des Terrors und der Propaganda entgegenzuwirken. Eine Verhaftungswelle und eine Versammlungswelle fluten über das Land. Die Verhaftungen richten sich, wie schon aus den allgemeinen Berichten ersichtlich ist, in wachsendem Masse gegen frühere Sozialdemokraten oft ohne Rücksicht darauf, ob sie heute in der illegalen Arbeit stehen oder nicht. Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, dass es gerade unsere Berichterstattung ist, die dem System unbequem wird und dass die Jagd auf unsere Berichterstatter der Gestapo als besonders wichtige Spezialauf gabe gestellt worden ist. Die" Aufklärungs"-Versammlungen laufen unter dem bezeichnendem Motto:" Der Führer ist die Partei; die Partei ist Deutschland". Im NSDAP- Gau Bayerische Ostmark sind z.B. vom 15., bis 25. Oktober 116 Versammlungen abgehalten worden, vom 26. Okt. A-14bis 3. November 400, vom 4. bis 10. November 138. In der Ankündigung der Gauleitung heisst es: " Rückhaltlos und unverblümt werden die Fragen erörtert, die jeden einzelnen Volksgenossen bewegen. Tag für Tag, Abend für Abend, ziehen unsere Redner hinaus und sprechen über die weltanschaulichen und politischen Tagesfragen und nicht zuletzt auch über die kleinen wirtschaftlichen Sorgen und Nöte, unter denen der oder jener zu leiden glaubt. Wir alle, ob Nationalsozialisten oder Nichtnationalsozia listen, ob Parteigenossen oder Nichtparteigenossen, ob Mann oder Frau wollen uns in diesen Tagen der Aufklärung einmal zusammensetzen und uns gegenseitig Rechenschaft ablegen. Wir wollen uns fragen, was in diesen 2 1/2 Jahren des Aufbaues Partei und Staat geleistet haben und was auf der anderen Seite jeder einzelne von uns zu diesem Aufbau beigetragen hat... Wir werden aber auch den Nichtnationalsozialisten fragen, ob alles das, was bis jetzt geleistet wurde, an ihm so spurlos vorübergegangen ist, dass er immer noch abseits stehen kann.. Manche, die Schweinefleisch und Schweinespeck zu ihrem höchsten Ideal erkoren haben, sehen ihren ganzen Idealismus zusammenbrechen, weil zur Zeit in Deutschland eine Verknappung eingetreten ist. Auch zu diesem Problem werden unsere Redner rückhaltlos und unverblümt sprechen. Es werden also auch diejenigen, bei denen der Idealismus durch den Magen geht, in der Versammlungsschlacht der NSDAP auf ihre Rechnung kommen.. Zwei Berichterstatter äussern sich eingehender über diese Gegenwehr des Regimes: Bayern: In den letzten Wochen ist eine sehr intensive Tätigkeit der NSDAP zu beobachten. Sie drückt sich aus in einer erhöhten Versammlungstätigkeit, in einer künstlichen Wiedererweckung der alten Kampfzeit- Methoden und in scharfen Angriffen gegen die in allen Teilen der Bevölkerung zu beobachtende Misstimmung und Resignation. Alte Kampfparolen werden in neuer Form auf gemacht. Man sucht durch Vortäuschung einer nichtexistierenden Volksgemeinschaft, die in allen Tonarten gepriesen wird, die wirklichen Gegensätze und Schwierigkeiten zu umnebeln. Das Regime versucht, der wachsenden Unzufriedenheit durch eine scheinbare Kritikmöglichkeit ein Ventil zu öffnen. Wie das gedacht ist, erklärte z. B. der Stellvertreter des Gauleiters von München in einer Versammlung: " Wir sind zur Zeit auch daran, das Versammlungsleben neu und weiter auszugestalten; wir wollen Anfragen und Wechselreden in solchen Versammlungen wieder einführen, denn jeder einzelne Volksgenosse soll Gelegenheit haben, in Zweifelsfällen von berufener Seite Auskunft zu erlangen. A-15Wir möchten und darauf sollen die politischen Leiter ganz ausdrücklich hingewiesen werden, die Kritik von unten nicht unterbinden. Wir wissen sehr wohl, dass es nicht die Schlechtesten sind, die über Massnahmen nachdenken und die Erklärungen für erforderlich halten. Das ist auch ganz richtig, denn die Massnahmen der Partei gehen ins Grosse; nicht jeder kann sie sofort verstehen. Wir wollen auch nicht, dass solche kritische Aeusserungen auf dem Wege über ein Spitzeltum an uns gelangen. Spitzel hatten noch nie einen Platz im Traditionsgau. Wir wissen wohl, dass manche Menschen Zeit brauchen, um das zu lernen... Dass bei solcher Kritik das richtige Mass nicht überschritten werden darf, ist selbstverständlich." Wie diese neuen Methoden in der Wirklichkeit angewendet werden, zeigt ein Vorfall, der sich in einem kleinen bayerischen Ort zugetragen hat. In der Monatsversammlung der NSDAP, zu der ein Münchner Referent zugegen war, kritisierte ein Mitglied die überall feststellbaren Polizeikontrollen, die in der letzten Zeit gegenüber der einkaufenden Bevölkerung durchgeführt wurden. So wurde u.a. auch eine Arbeiterfrau, die in einem Geschäft sich beschwerte, dass sie nur ein sechzehntel Kilo Butter bekommt und die in ihrer momentanen Erregung das Wort Schwindel gebrauchte, sofort verhaftet. Der Sprecher fragte an, ob diese Form der Behandlung der verständigerweise enttäuschten Frau zur Beruhigung beitrage. Der Redner negierte den vorgebrachten Einwand und erklärte, dass die Polizei schon Grund gehabt habe, eine Frau, die ein solches Schimpfwort gebraucht, festzunehmen. Wer sich zum Schutzherr geifern der alter Weiber aufwerfe, der arbeite dem Willen des Führers entgegen. Im Volke nimmt man auch die Ankündigungen einer Lockerung in der öffentlichen Kritik nicht ernst, denn nach wie vor geht man gegen Meckerer mit strengen Polizeimitteln vor. Mit welcher Schärfe man die marxistische Opposition bekämpft, zeigen die Verhaftungen von ehemaligen Sozialdemokraten und Kommunisten in allen Teilen Südbayerns. So wurden in München Mitte November an 200 Sozialdemokraten aus bisher unbekannten Gründen verhaftet und in die Ettstrasse eingeliefert. Auch aus Augsburg und kleineren Provinzorten werden Verhaftungen von Sozialdemokraten und Kommunisten bekannt. Dabei kommt die Polizei fast nirgends an den illegalen Kern der Opposition heran. Die Verhaftungen erfolgen ganz willkürlich und meist werden Personen davon betroffen, die früher einmal im politischen Leben bekannt waren, heute aber bei jeder politischen Betätigung ausscheiden. In vielen Fällen werden die Verhafteten nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Dass sich die Aktionen auch auf nichtmarxistische Oppositionsteile erstrecken, zeigt die Tatsache, dass in München in den letzten Wochen bei zahlreichen hohen Würdenträgern der katho lischen Kirche Hausdurchsuchungen vorgenommen wurden. A-16- Saohsen: Ueberall machen die Nazis verzweifelte Anstrengungen, vor der Bevölkerung andere für die Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Deshalb werden in den Naziversammlungen die"Staatsfeinde" in der Tonart vermöbelt, die seit 1933 etwas verklungen war. Die wütenden Angriffe der Redner richten sich gegen die ausländischen Boykotthetzer, Juden, Emigranten, Devisenschieber, politischen Katholiken, Meckerer usw. Aber die Ausreden werden nicht mehr geglaubt und tatsächlich als das erkannt, was sie sind, als Ablenkungsmätzchen. Dabei wird den Anwesenden meist ebenfalls die Meinung derb gesagt, man geisselt die Nachlässigkeit beim Versammlungsbesuch, die Gleichgültigkeit bei Staatsfesten, die Trägheit beim Flaggen usw. Man polemisiert aufgeregt gegen die Staatsfeinde, die es verstünden, sich geschickt zu verbergen und sich zu tarnen und die sich als 150%ige Nazis aufspielten, dauernd mit Hitler-Zitaten um sich werfen, die aber weiter nichts im Sinne hätten, als das Vertrauen der Bevölkerung zum Nationalsozialismus zu untergraben. In sächsischen und thüringischen Orten ist die Wahrnehmung gemacht worden, dass man gemassregelten sozialistischen Beamten, Angestellten, Funktionären und Lehrern, die sich durch einen Handelsbe-trieb oder durch Vertretungen und Reisetätigkeit über Wasser zu halten suchen, die Erlaubnis dazu wieder entzogen hat, weil man sie im Verdacht hat, dass sie bei ihrer Tätigkeit die Bevölkerung systematisch in einem dem Regime ungünstigen und feindlichen Sinne beeinflussen. Aus sehr vielen sächsischen Orten werden zahlreiche Verhaftungen früherer sozialistischer und kommunistischer Funktionäre gemeldät. Die sächsische Regierung hat angeordnet, dass alle Vereine und Verbände unpolitischer Art bei Versammlungsankündigungen in der Fresse, in Rundsohreiben, in Einladungen usw. die Namen, den Wohnort und die Adresse der Redner genau angeben müssen. Die Sprecher, die ja meist der Partei oder einer. Gliederung der Bewegung angehören, sollen offenbar schärfer überwacht werden als bisher schon. 4) Kritik an der NSDAP Im Volksmund macht folgende neue Verfassung die Runde: § 1. Sämtliche Unterführer werden vom Führer ernannt und erschossen. §2. Sämtliche Minister scheiden mit ihrer Ernennung automatisch aus der Hitler-Jugend aus. § 3. Sämtliche Beruf sgruppen werden in Stände zusammen- gefasst mit Ausnahme von Anstand, Wohlstand und Verstand.(Aus Berlin) A-17Dass die Gegenwehr des Systems zum guten. Teil ohne Wirkung bleibt, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sich die nichtöffentliche Meinung in steigendem Masse gegen die NSDAP wendet. Die Macht- und Prunkentfaltung der Partei begegnet wachsender Kritik. Gelegentlich machen die mit gewaltigem Aufwand in Szene gesetzten Feierlichkeiten und Tagungen noch Eindruck, aber es finden sich immer mehr Leute, die sich nachher ausrechnen, was diese Schaustellungen kosten. Der" Sozialismus" der Partei wird in Zweifel gezogen, die Korruption in ihren Reihen ist schon nicht mehr Tagesgespräch, weil sie beinahe selbstverständlich geworden ist. Bayern: Der 9. November war in München ein noch nie gesehenes Schauspiel. Es muss festgestellt werden, dass die Bevölkerung an den Kundgebungen den grössten Anteil nahm. Bei vielen wird es sicher nur Neugierde gewesen sein. Dennoch hat die ungeheuere Wucht der Theatralik ihre Wirkung nicht verfehlt. Für die Kundgebungen am Abend des 8. November stellten sich die Menschen schon am Nachmittag an die Ludwigstrasse, nur um am Abend von Ferne den Fackelzug vorüberziehen zu sehen. Tief in die Seitenstrassen hinein standen dicht gestaut die Massen und bis weit über Mitternacht schien ganz München auf den Beinen. Es ist falsch, wenn verschiedentlich gesagt wird, dass das Volk sich an diesen Schaustellungen nicht beteiligt. Die Teilnahme ist gewaltig. Man bestaunt die Prunkentfaltung der NSDAP. Die Aeusserungen unter der Bevölkerung über diese gewaltigen Kundgebungen waren verschieden. Neben vielen Aussprüchen der Bewunderung hörte man auch Kritik über den ungeheueren Aufwand an Mitteln, den diese Feier verschlang. Die am meisten gehörte Feststellung lautete ungefähr:" Das muss man dem Hitler lassen: seine Toten die ehrt er, aber der Aufwand, den er macht, das ist schon übertrieben.". Während am 9. November mit den Toten der Bewegung ein solches Glanzstück der Regie vollführt wurde, hat am Allerheiligentag das Feld der Gefallenengräber am Münchner Ostfriedhof ein sehr trauriges Bild geboten. Dort fand sich niemand von der Partei ein, der einen Kranz oder einen Strauss niederlegte. Solche Vorkommnisse sprechen sich in der Bevölkerung sehr rasch herum und man zieht dann seine Vergleiche. Schlesien: Für den am 26./27. Oktober in Breslau abgehaltenen Gautag der NSDAP wurde ungeheuere Reklame entfaltet. Extrazüge aus der ganzen Provinz gingen nach Breslau. Diese Züge wurden stark benützt, die Fahrer machten aber nur von der billigen Fahrgelegenheit Gebrauch, um Geschäfte zu erledigen und um Verwandte und Bekannte zu besuchen. Die wenigsten kamen des Gautages wegen. Das Schmücken der Häuser und A-18die Illuminierung wurden für die ganze Stadt angeordnet.Die Stadtverwaltung Breslau hat einen unglaublichen Aufwand getrieben. 1.400 Fahnenmaste wurden aufgestellt, am Ring war eine Ehrentribüne errichtet, die Gebäude wurden geschmückt. In der Bevölkerung war wegen dieses Aufwandes eine grosse Erregung. Man besprach allgemein, was das wieder gekostet hat. Die Aufstellung der Masten in zementierten Sockeln, der Mast selbst und das Fahnentuch sollen, so wollten die einen wissen, pro Stück 54 RMark gekostet haben, andere behaupte ten, dass nach der Berechnung von Fachleuten sich das Stück auf 120 RMark stelle. Die Stadt habe mindestens 200.000 RMark aufgewendet. Die Stimmung der Menge war sehr gedrückt, des schlechten Wetters wegen wie die Nazis sagten. In der Versammlung wurde nach Hitler gerufen. Nach dem Gautag durchschwirrten noch tagelang alle möglichen Gerüchte die Stadt. Um der Erregung wegen des Aufwandes der Stadtverwaltung entgegen zu arbeiten, streuten die Nazis selbst Gerüchte aus. Goering sei sofort abgereist, weil er damit gegen den Aufwand protestieren wollte. Hitler sei noch in der Nacht in Breslau erschienen und habe den Gauleiter Wagner verhaftet, weil er die hohen Ausgaben verursacht habe. Dann wird wieder behauptet, die Partei habe diese Aufmachung für ihren Gautag gefordert; in Parteikreisen heisst es, Wagner sei der allein Schuldige. Unter den Nazis soll ein ernster Streit ausgebrochen sein, wer die Schuld trage, dass in solcher Höhe öffentliche Gelder verausgabt worden seien. Die abfällige Kritik der Bevölkerung hat die Nazis veranlasst, mindestens so zu tun, als ob sie einen Schuldigen suchen und opfern wollten. Hamburg: Die Organisation der NSDAP wird in immer stärke rem Masse kritisiert.( Erwerbung von grossen Villen, von Autos für die Führer usw.) In einem Stadtteil haben die NSV, Partei, Kd.F., Arbeitsfront, Hitler- Jugend je eine Villa. Man spricht ganz offen davon, dass der Hauptteil der eingehenden Gelder für Rüstungszwecke benutzt werde. Man vermisst die öffentlichen Abrechnungen, wie sie unter dem vergangenen System üblich waren. Sachsen: Angesichts der schweren Entbehrungen der arbeitenden Klassen legt man dem Regime auch in den Reihen der Nazis selber- immer häufiger die Frage vor, wann denn nun die Verwirklichung der sozialistischen Versprechungen erfolge. Darauf erwidern die beamteten Funktionäre mit wachsender Verlegenheit, das könne nur der Führer beurteilen und entscheiden. Der Zeitpunkt werde aber kommen. Allgemein herrscht die Ansicht, und zwar sogar unter SAund SS- Leuten, dass die Sache nicht mehr zu halten sei und eines Tages so oder so zusammenbrechen müsse. Die amtierenden Bonzen such en skrupellos ihr Schäfchen durch Unterschlagungen, Schiebungen, Bestechungen, Diebstähle am öffentlichen Eigentum ins Trockene zu bringen. Nach uns die Sintflut, das ist A-19die allgemeine Meinung und der moralische Standpunkt der lokalen Machthaber. Gegen die übrige Bevölkerung sucht man das Regime eine Zeit noch zu halten durch grenzenlosen Terror und durch härteste Verfolgungen. 5) Unzufriedenheit und politische Unreife. Wir haben in diesen Berichten wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass die Unzufriedenheit der breiten Masse zwar steigt, dass aber aus dieser Unzufriedenheit bis jetzt noch keine politischen Vorstellungen darüber erwachsen, die auf eine Aenderung der Verhältnisse abzielen. Einige Berichterstatter äussern sich erneut über diese Frage. Nordwestdeutschland, 1. Bericht( Ruhrgebiet): Oft richtet sich die Wut gegen die unteren Angestellten und Beamten, besonders an den Stempelstellen. Den Schalterbeamten werden bittere Wahrheiten gesagt:" Bonzen"," früher war es lange nicht so schlimm"," früher gab es wenigstens noch so viel, dass man bescheiden leben konnte" usw. Höher hinauf geht die Schimpferei aber nicht. Politisch hat das Schimpfen keinen Sinn und keinen Wert. Die voll- und mit Ueberschichten arbeitenden Bergleute sind nun wieder etwas zufriedener. Ganz schüchtern gesteht man sich und anderen ein:" Ja, in der Demokratie war es gut". Diese Meinungen werden in den Familien, in den Geschäften, auf den Märkten und in den Gaststätten in der verschiedensten Form geäussert. 2.Bericht( Münsterland): Im allgemeinen ist die Stimmung der breiten Masse so, dass grosse Teile der Bevölkerung wohl opponieren, aber resignieren. Grund: politische Unwissenheit. In Gesprächen fragt jeder:" Was soll werden?- Wo soll das noch hin" usw. Und unsereins muss sich in acht nehmen, denn die Denunziation ist gross. Meines Erachtens fallen grosse Teile der älteren indifferenten Bevölkerung mehr denn je der Mystik anheim. Sie laufen in die Kirche usw. Rheinland: Die tiefe Misstimmung löst nun aber nicht etwa Kampfgeist im alten Sinne aus. Früher war eine" Hungerdemonstration" bei dreissig Mark Wochenunterstützung schnell auf die Beine zu kriegen. Heute? Nichts rührt sich öffentlich. Nur mürrisch sind alle. Nur die Bonzen und alle die, die am System irgendwo persönlich hängen, die haben gut zu lachen. Die anderen kriechen in sich hinein; sie setzen sich eine Maske auf. Hass speichert sich auf, bei allen, ob Arbeiter oder Bauer, ob Geschäftsmann oder Handwerker, ob Katholik oder" Reaktionär", ob. Sozialdemokrat oder Kommunist. Das A-20System regiert nur noch mit brutaler Gewalt. Aber wird es auf die Dauer mit dieser Stimmung fertig werden? Im Westen glaubt man es nicht. Aber im Grunde wartet man auf ein Wunder, auf irgendwelche unsichtbaren Kräfte. Und je mehr Hoffnungen auf die Reichswehr, die Rechtskreise und andere zerstört werden, umso dumpfer lebt man schliesslich dahin. Es ist auch da wie im Weltkrieg. Bei den ehemals sozialdemokratischen Wählern und Arbeitern und- das sei hinzugefügt- auch bei den kommunistischen, ist der Wunsch nach Einigkeit natürlich sehr stark. Einigkeit auch im Sinne von Freiheit und Demokratie. Man sagt zwar, nicht einer Demokratie wie früher. Doch fehlen konkrete Vorstellungen. Man würde schon eine Monarchie, mit mehr Bewegungsfreiheit als Fortschritt nehmen. Wenn es gelingen würde, so etwas wie eine monarchistische, ernsthafte Bewegung auf die Beine zu bringen, um Zulauf würde sie sich nicht zu beklagen haben. Nur weg mit dieser unerhörten Gewaltdiktatur. So sind die Illusionen zu erklären, die auch viele Arbeiter haben. Es sind Wünsche, die mitsprechen, die das Denken der Massen beeinflussen. Aber alles ist eben negativ. Das Meckern und die ernsthafte Kritik. Sehnsucht nach Freiheit, und sei es nur ein bisschen, innere Ablehnung des Systems, Hass gegen die Nutzniesser des Systems, Unzufriedenheit, allertiefste Unzufriedenheit, alles ist in der Wirkung negativ.. Südwestdeutschland: Wir erleben täglich mit grösster Bitternis, dass zwischen ablehnender Stimmung selbst in Form wüstester Schimpferei, und dem festen Willen zur Tat und sei es auch nur die Nichtbeteiligung an einer Sammlung ein weiter Weg ist. Die Erklärung für diese geradezu haarsträubenden Widersprüche sind einzig und allein in den raffinierten Methoden des Zwangs zu suchen, der auf jeden ausgeübt wird. Es ist meistens buchstäblich so, dass hinter einem nicht " freiwillig" geopferten Zehner der Verlust des Arbeitsplatzes droht. Bei allen Sammlungen von Haus zu Haus werden vorgedruckte Namensverzeichnisse geführt und es steht fest, dass man damit gleichzeitig alle Oppositionellen erfassen will, um im geeigneten Moment gegen sie vorzugehen. Ein Arbeitskollege erzählt beispielsweise, dass am letzten Eintopfsonntag während seiner Abwesenheit bei ihm dreimal versucht wurde, den" freiwilligen" Beitrag einzuziehen. Zufällig war der Samm ler der Vertrauensratsvorsitzende seines Betriebes, der ihm dann noch am Montag bei der Arbeit Vorhaltungen machte. Ein anderer Kollege wurde kürzlich wegen mangelhafter Beteiligung an Sammlungen, Nichtanwendung des deutschen Grusses usw. zum Stützpunktleiter seines Ortes bestellt, wobei selbstredend die Anspielung auf Verlust des Arbeitsplatzes eine grosse Rolle spielte. Das sind einige Beispiele, die gewiss den grossen Widerspruch zwischen Willen und Tat der Bevölkerung nicht ganz erklären. Aber zu dieser Methode kommen noch so viele raffi nierte Mittelchen hinzu, die man wohl als vorhanden spürt, A-21aber einzeln kaum erfassen und noch weniger schildern kann und die in der Summe doch einen ganz enormen Druck verursachen. Ein grosser Teil erkauft sich einfach durch diese Zehner seine Ruhe, weil er täglich die Nachteile der Oppositionellen vor sich sieht und ihr trauriges Schicksal fürchtet. Man glaubt sich getarnt besser behaupten zu können, bis zu dem Zeitpunkt, wo der Widerstand kräftiger und unbezwinglicher geworden ist.. Bayern: Eine Zusammenfassung im Geiste eines politischen Widerstandes macht sich noch nirgends bemerkbar. Der alte Sozialdemokrat und der frühere Bayerische Volksparteiler spréchen sich, reden über die Dinge zwar, vorsichtig man versteht sich, eigentlich mehr durch das, jeder sehr was man nicht sagt, als durch das, was man sagt, aber keiner sagt zum anderen, was man anfangen müsste, um einen Widerstand im Volke hervorzurufen. Es herrscht immer noch die Stimmung: Wann, wie, durch wen werden wir erlöst? Und noch regt sich nicht der Wille, der sagt: wir müssen etwas vorbereiten, wir müssen etwas tun zur Abschüttelung dieser Misswirtschaft, wir müssen uns selbst helfen. Sachsen, 1.Bericht: Merkwürdigerweise hält sich immer noch die Erwartung, dass der Druck und die Misstimmung eines Tages zu einer plötzlichen Erhebung der Massen führen würden. Aber diese Hoffnung nähren viele wohl nur deshalb, weil ihnen das Dasein ohne eine solche Hoffnung einfach unerträglich wäre. So bilden sich derartige Hoffnungen tatsächlich nur zur Ausbalancierung der seelischen Belastung heraus. Die Erbitterung in weiten Kreisen ist schon soweit gediehen, sogar in kleinbürgerlich- mittelständlerischen Kreisen, dass man dann auch ein kommunistisch- bolschewistisches System nach Hitler in Kauf nehmen würde, wenn nur mir diesem Elends- und Zuchthaussystem des Dritten Reiches ein Ende gemacht würde. 2.Bericht: Die Geschäftsleute sagen zu unseren Leuten: Sie haben doch recht gehabt. Früher unter den Sozialdemokraten ist es uns doch besser gegangen. Trotzdem kann man nicht sagen, dass diese unpolitischen Leute etwa darauf hoffen, dass die Republik wieder kommt. Sie sind nur mit dem bestehenden Zustand nicht zufrieden und haben keine Vorstellungen über das, was kommen soll. Berlin: Merkwürdigerweise hat in letzter Zeit wieder einmal die Frage der Ablösung des Regimes durch eine Monarchie eine gewisse Rolle gespielt. In Gesprächen über das, was werden soll, wurde häufig die Frage erörtert, ob nicht doch die Monarchie die nächste Etappe darstellen wird. Es mag sein, dass diese Erscheinung durch die Wiedereinführung der Monarchie in Griechenland ausgelöst worden ist, die A-22lebhaft diskutiert wurde. Die Hoffnungen auf die Reichswehr sind in der letzten Zeit in Berlin stark in den Hintergrund getreten. Die Opposition des Stahlhelms und der anderen Rechtskreise bezeichnet sich jetzt selbst als" Stille Front". Wasserkante: Noch richtet sich die Wut des einen gegen den anderen in Mitleidenschaft gezogenen Menschen. Es ist ungefährlicher, den nächsten Kontrahenten verantwortlich zu machen. Am Schlachthof schlagen sich die Kopfschlachter um das wenige Vieh, das angetrieben wird. In der Stadt schlagen sich die Frauen, weil die eine ein Viertelpfund Butter bekommen hat und die andere nicht. Aber sie sagen dabei schon, eigentlich müsste man ja den Nazis die Scheiben einschlagen. Die Hausfrauen sind jetzt unsere besten Verbündeten. Sie zersetzen die Stimmung, ohne sich dessen bewusst zu sein wenigstens so weit indifferente Frauen in Betracht kommenin ganz grossem Umfange. Immer und überall, wo man geht und steht, wird lebhaft schimpfend diskutiert und werden alle möglichen Vorstellungen über das Kommende besprochen. 6) Die Auffassung unserer Genossen Die politische Unreife der grossen Masse bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Haltung unserer Genossen. Die wachsende allgemeine Misstimmung über die Lebensmittelschwierigkeiten begünstigt die Entstehung neuer Illusionen über einen baldigen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Systems. Andererseits erzeugen die politische Richtungs- und Kraftlosigkeit der Meckereri und die Allgewalt des Terrors auch in den Reihen der bewussten und aktiven Opposition leicht Depressionen. Auch die nachstehenden Berichte sind davon nicht frei. Sie zeichnen sich aber zugleich aus durch die Nüchternheit, mit der sie die. Kräfte der Opposition abwägen und die Aufgabe ihrer Einigung beurteilen. Nordwestdeutschland: Die Genossen bitten dringend darum, überall zu verhindern, dass Splittergruppen oder Kommunisten in unsere Arbeit hineinkommen. Wenn bis jetzt wohl Opfer gebracht werden mussten, dann ist doch die Tätigkeit der Sozialdemokraten nur dadurch möglich gewesen und immer systematischer geworden, dass jeder fremde Einfluss und jede. tollkühne Unternehmung abgelehnt wurden. Das System hat in der Propaganda lange erfolgreich den" Bolschewismus" benutzt. A- 23Jede Regung im Volk gegen das System wird bolschewistischen Motiven zugeschrieben. Durch die strenge Neutralität gegenüber allen kommunistischen Einheitsfrontmanövern in der Zeit der Hitlermacht und durch das persönliche Verhalten der einzelnen Sozialdemokraten ist für die Bevölkerung allgemein die Einsicht gewachsen, dass die Sozialdemokraten wie die Katholiken und andere Oppositionsgruppen mit kommunistischen Experimenten nichts zu tun haben. Wir haben uns bemüht, Hitler in die Kritik zu bringen; es ist auch durch unsere Bemühungen dazu gekommen. Goebbels hat sich bemüht, jede Opposition, vor allem die sozialdemokratische, als bolschewistisch zu kennzeichnen; er hat damit eine ganze Zeit Erfolg gehabt. Jetzt aber setzt sich durch unsere eindeutige Haltung, persönlich und politisch, die Meinung durch, dass die Sozialdemokraten von allen politischen Menschen nicht nur die innerlich festesten geblieben sind, sondern dass sie auch für die Zukunft geordnete Zustände wollen. Es ist auch den Regierenden und ihrer Gestapo nicht unbekannt geblieben, dass in der Bevölkerung die Achtung vor den Sozialdemokraten steigt.. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die schwere Aufgabe der Sozialdemokratie besteht darin, den unzufriedenen Massen positive Ziele zu setzen und vor allem der heranwachsenden Generation Positives zu zeigen. Die Aufgabe der gesamten Opposition ist es, einen gemeinsamen Weg zu finden. Es muss aber eine ehrliche Kampfgemeinschaft sein. Unerwünscht sind " Manöver" und Leute, die sie machen möchten; solche Leute werden nur als Belastung empfunden. Es sei ausdrücklich betont, dass das die Meinung der Genossen und vieler anderer oppositioneller Kreise in Deutschland ist, darunter auch kommunistische Arbeiter, die längst erkannt haben, dass die Manöver von ehemals nur Hitler genutzt haben. Die Arbeiter wissen, dass sie Bundesgenossen brauchen, aus allen Schichten des Volkes. Mit Propaganda für die Diktatur des Proletariats aber und mit Manövern ist das nicht zu erreichen. Hitler wird nur niedergerungen werden können, wenn er nicht mehr auf Moskau und seine Trabanten verweisen kann. 2. Bericht: Die Meinungen über die Einheitsfront sind geteilt. Ein Teil der Genossen meint, man müsse mit der KPD zusammengehen. Dieser Teil glaubt, dass vom oppositionellen Bürgertum nichts zu erwarten sei. Und dass man uns heute seitens der Regierung und der Nazis so und so als Bolschewiken hinstellen wird. Ein anderer, der nachdenklichere Teil glaubt, dass es ein Fehler wäre, wenn wir offiziell mit der KP eine Einheitsfront machten. Wir brauchten bei unserem Bestreben, Hitler zu stürzen, die Sympathie der breitesten Volksschichten. Diese bekämen wir aber nicht, wenn wir uns mit den Kommunisten irgendwie vereinigten. Auf alle Fälle aber müsse das Bestehen der Splittergruppen aufhören. Von diesen wolle im Grunde auch kein Mensch etwas wissen. A-24Bayern: Bei uns sind längst alle Illusionen über einen gewaltsamen Umsturz begraben. Es scheint leider bittere Wahrheit zu sein, und alle Anzeichen deuten darauf hin dass der Umsturz auch nicht durch eine sozialistisch denkende Arbeiterschaft kommt. Die wenigen sozialistischen klassenbewussten Arbeiter, Sozialdemokraten und Kommunisten zusammengenommen, sind eine zu kleine Minderheit. Diese kann heute nur aushalten und warten. Die Diktatur ist nach wie vor sehr stark. Eine Aenderung kann unserer Ansicht nach nur durch einen wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenbruch kommen. Die demokratische Republik wäre unter diesen Verhältnissen schon längst zusammengebrochen. Wie weit die Diktatur schon angegriffen ist, können wir von unten schwer beurteilen. Sachsen, 1.Bericht: Die Auffassung unserer Genossen über die Entwicklung ist sehr verschieden. Ein Genosse äussert sich z. B. folgendermassen: Die früher politisch und gewerkschaftlich tätig gewesenen Arbeiter und Funktionäre, die unter dem Regime seelisch furchtbar leiden und ihre soziali stischen und demokratischen Ideen festhalten, bilden nur eine dünne Schicht. Hält man daneben die Indifferenz der grossen Masse der Arbeiter und die Tatsache, dass die übrigen schimpfenden Kreise himmelfern stehen von einer revolutionären Opferbereitschaft, so ergibt sich daraus die Prognose, dass dieses Regime noch ungezählte Jahre, vielleicht Jahrzehnte bestehen kann. Die Militärherrschaft im Bunde mit der Beamtendiktatur nationalsozialistischen Gepräges befestigt sich immer mehr, und davon wird es in absehbarer Zeit kein Loskommen geben, wenn nicht aussergewöhnliche Ereignisse, auf die man sich aber nicht verlassen darf, und die auch sehr unwahrscheinlich sind, eintreten. Von dieser Resignation sind sehr viele ehemalige Sozialdemokraten erfasst, sie halten jede illegale Arbeit jetzt für zwecklos und die gebrachten Opfer für vergebens. Sie lehnen es ab, sich an illegalen Aktionen zu beteiligen, und raten auch anderen von jeder Betätigung ab. Die Zeit sei dafür bei weitem noch nicht reif.. Andere Genossen vertreten etwa folgende Auffassung: Zwar habe das Regime mit unerhörten Schwierigkeiten zu kämpfen und die Misstimmung sei ausserordentlich gross. Aber falsch sei es, daraus nun den Schluss zu ziehen, dass die Regierung vor dem Sturz stehe. Das Regime werde sich vielmehr noch lange Zeit an der Macht halten können, selbst wenn sich die Schwierigkeiten noch verschärfen und die Widerstände noch vergrössern würden. Für einen Sturz Hitlers fehle es an der revolutionären rganisation, die den Kampf planmässig vorbereite und ihn im geeigneten Moment im kühnen Wurfe aufnehme solange sie fehlt, ist alle Spekulation auf den Zusammenbruch des Regimes ein phantastisches Wunschbild. Eine dritte Gruppe hat in ihrem Beobachtungsgebiet festgestellt, dass unter den Arbeitern, die sich von jeder Vertretung ihrer Interessen entblösst sehen, die Sehnsucht nach A-25den alten freien Gewerkschaften sehr gross ist. In Verbindung damit wird auch die Wertschätzung der alten Sozialdemokratischen Partei wieder grösser. Man wäre schon zufrieden, wenn man diese beiden Arbeiterorganisationen zurückgewinnen könnte, weil man bis auf lange Zeit hinaus an eine revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse mit dem Ziele der proletarischen Totalität und der sozialistischen Gesellschaftsform nicht recht glaubt. Man dürfe nicht übersehen, dass weite proletarische Schichten durch das braune Regime zunächst politisch demoralisiert und für den Kampf unbrauchbar geworden seien. Es müsse zunächst erst die Basis für eine sozialistische und marxistische Massenerziehungsarbeit wieder geschaffen werden, ehe man sich weitere Ziele stecken könne. Schliesslich eine Rand bemerkung zweier Genossen zur Frage einer Volksfront der Hitler- Gegner: Natürlich sei die Idee einer Volksfront sehr schön, man dürfe sie auch nicht bei den ersten Einwänden gleich fallen lassen, aber man müsse ganz nüchtern und real die praktischen Möglichkeiten erörtern. Man könne sich auch nicht darauf beschränken, das Problem einer Volksfront" an der Perlenschnur früherer und jetzt vorhandener Verbände abzutasten", sondern müsse auch der Millionen von Menschen gedenken, die sich keiner politischen und kirchlichen Organisation verbunden fühlten, die aber jetzt erfüllt seien vom Hass gegen das Hitler- Regime und die auf Aktionen von irgendwelchen tatkräftigen Seiten warten und ohne Bindung an sonstige Anschauungen und Programme im richtigen Augenblick mit fortzureissen seien, wenn auch nicht zu Handlungen, so doch zu freudiger Förderung und sympathisierender Unterstützung. 2.Bericht: Die Stimmung unter unseren Leuten ist gut. Die herrschende Meinung ist: es kann nicht mehr lange so weitergehen. Aber was nachher kommen könnte, darüber macht man sich keine Gedanken. Fast alle hoffen auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Regimes. Die Hoffnung auf das Ausland dagegen, die in der ersten Zeit nach dem Umsturz allgemein war, besteht heute nicht mehr. Alle sind optimistisch, auch die, denen das Regime schwer mitgespielt hat. Ein Genosse, der zwei Jahre gesessen hat und jetzt herauskam, sagte: wir brauchen gar nichts dazu zu tun, die Nazis machen sich schon selber kaputt. Dieser Mann sagte das aus innerer Ueberzeugung. Er will sich jetzt keineswegs eine Theorie für das Nichtstun zurechtmachen, damit er nicht noch einmal eingesperrt wird. 7) Stimmen aus dem Bürgertum Berlin: Ein grosser Teil des Volkes ist immer unpolitisch gewesen. Daran hat sich auch heute noch nichts geändert. Diéser Teil beurteilt die Vorgänge im öffentlichen Leben nicht unter politischen Gesichtspunkten, sondern vom Standpunkt des A-26gesunden Menschenverstandes und von diesem Standpunkt aus gleiten die Dinge einfach an den Menschen ab. Auch die politische Reife der Opposition ist ausserordentlich gering. Bei den Deutschnationalen z. B. findet man sehr oft rein äusserliche Argumente gegen das Regime. Sie sind z. B. dagegen, dass ein ehemaliger Gefreiter Führer und Reichskanzler ist und dass frühere Unteroffiziere hohe Staatsstellungen einnehmen usw. Ebenso finden sich bei ihnen häufig rein antisoziale Argumente. Im grossen ganzen kann man sagen, dass die Leute viel zu viel mit sich selbst zu tun haben, um noch die Energie aufzubringen, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Masse hat auch ein viel zu kurzes Gedächtnis, als dass noch heute z. B. der 30. Juni 1934 für das politische Bewusstsein der Masse eine Rolle spielen könnte. Schliesslich muss man auch bedenken, dass der Nationalsozialismus für die Arbeiterschaft eine ganze Menge geleistet hat. Er hat viele Unternehmungen, die vor seinem Machtantritt vor dem Zusammenbruch standen, auf Kosten der Unternehmer, der Aktionäre und des Reiches weiter durchgeschleppt. Er hat im grossen Mass Arbeitsbeschaffung betrieben und es gibt zweifellos heute in Deutschland eine Konjunktur, wenn auch auf einer sehr fragwürdigen Grundlage. Es ist auch nach wie vor richtig, dass den nationalsozialistischen Organisationen eine gewisse Tendenz anhaftet, die Klassenunterschiede zu verwischen. Für den früheren Arbeitslosen macht es schon etwas aus, dass er in der SA oder in einer anderen Organisation dieselbe Uniform trägt wie etwa ein Bankbeamter, und dass er sogar im Rang über ihm stehen kann. Der Mangel an Freiheit wird allgemein als störend empfunden, aber die Auffassungen darüber sind im einzelnen sehr verschieden. Für einen Teil der Leute sind die gegenwärtigen Zustände schlechthin widerwärtig. Ein anderer Teil empfindet auch den Mangel an Freiheit, erklärt ihn aber für notwendig. Auch in intellektuellen Kreisen kann man die Ansicht hören, dass aus Gründen der Staatsraison zurzeit auf die freie Meinungsäusserung, die freie Presse usw. verzichtet werden muss. Der Bolschewistenschreck verfehlt nach wie vor seine Wirkung nicht. Man kann z. B. jetzt hören, dass die Leute sagen: Armes Italien, wenn Mussolini nach dem unglücklichen Ausgang des abessinischen Abenteuers verschwinden muss, dann kommt dort der Bolschewismus. Ueber Russland sind derart wirre Vorstellungen im Umlauf, dass Russland für die bürgerlichen Kreise keine Hoffnung sein kann. Für diese Schichten ist Russ land nach wie vor identisch mit Hungertod und Mord. Von ihnen ist Hitlers offene Kampfansage an Russland mindestens nicht getadelt worden. Wenn oft gedankenlos der Satz fällt: Schlimmer kann der Bolschewismus auch nicht sein, so liegt ja darin auch schon eine Wertung, nämlich die Feststellung, dass die bolschewistischen Zustände auch schlimm genug sind. Bei der Beantwortung der Frage, welche Aussichten das Regime in Deutschland hat, muss man beachten, dass die Technik A-27der Massenbeherrschung ausserordentlich entwickelt ist. Mit einer überaus feinen Unterorganisation erfasst der Nationalsozialismus heute auch die kleinste gesellschaftliche Regung. Es kann heute kein Kursus stattfinden und beschäftige er sich auch nur mit dem Liebesleben der Maikäfer, ohne dass dieser Kursus angemeldet werden muss und der Gestapo die Möglichkeit gegeben ist, ihn zu überwachen. Man muss auch bedenken, dass innerhalb des Nationalsozialismus selbst ziemlich viel Spielraum für Diskussionen und Auseinandersetzungen vorhanden ist. Ueber das, was Nationalsozialismus ist und sein sollte, sind so verschiedene Ansichten möglich, und werden auch so verschiedene Ansichten tatsächlich vertreten, dass sich zwei Leute, die durchaus auf dem Boden des Nationalsozialismus stehen, darüber in den umfangreichsten Debatten sich ergehen können. Welche Rolle der Staat in der Wirtschaft spielen soll, wie sich der Nationalsozialismus zu den christlichen Bekenntnissen stellen soll, das sind z. B. Fragen, über die heute auch von Nationalsozialisten die verschiedensten Auffassungen vertreten werden und die geradezu unerschöpflichen Diskussionsstoff bieten, ohne dass sich aus dieser Diskussion irgend eine Gefährdung für das Regime ergeben könnte. Es ist durchaus denkbar, dass in Zukunft vielleicht eine neu herangewachsene Führer- Generation auf diesem Gebiet viel mehr Freiheiten gibt. Ley hat z. B. schon anerkannt, dass die alten Gewerkschaften durchaus Wertvolles geleistet haben. Es ist nicht einzusehen, warum man nicht eines Tages sogar dahin gelangen sollte, auch Marx zu lesen; das alles lässt sich mit dem Bestand des Regimes durchaus vereinbaren. Das Entscheidende in der heutigen allgemeinen Situation in Deutschland ist nicht die Erkenntnis der Schwächen des Regimes. Diese Schwächen sind schon zum grossen Teil erkannt. Ueber die herrschende Korruption, über die Unfähigkeit der neuen Bonzen, über die blödsinnige Vergeudung von öffentlichen Mitteln gibt es sozusagen keine Meinungsverschiedenheiten mehr. Aber die Grundfrage ist heute: was kann an die Stel le der gegenwärtigen Zustände gesetzt werden? Und auf diese Frage gibt es heute noch keine Antwort. Es werden die verschiedensten Ansichten über die Nachfolge vertreten. Aber es ist interessant, dass nicht wenige sagen: es wird sich überhaupt niemand finden, der die Erbschaft, die die Nationalsozialisten hinterlassen, anzutreten bereit ist. Es war geradezu ein Kunststück der Nationalsozialisten, dass sie in so kurzer Zeit so viele Schulden gemacht haben, dass niemand nach ihnen die Macht übernehmen kann, ohne zu den unpopulärsten und einschneidendsten Massnahmen gezwungen zu sein. Auch das gehört zu den negativen Machtgrundlagen, auf denen das Regime heute fester begründet ist als auf seinen positiven. Der Adel spielt in Deutschland keine Rolle mehr. Die Tatsache, dass er in grossem Umfange jüdisch versippt ist, schadet ihm ebenso sehr wie der Umstand, dass er in viele Lager A- 28zerklüftet ist. Die Monarchie ist in Deutschland vor allem eine Personenfrage. In Italien kann man sich denken, dass der Kronprinz eine populäre Figur und der Träger einer monarchischen Reaktion sein kann. In Deutschland aber gibt es niemanden, der diese Rolle spielen könnte. Dazu kommt, dass Hitler nach wie vor seinen Nimbus geschickt zu erhalten versteht. Man muss beachten, dass Hitler in seinem ganzen Auftreten so vorsichtig und zurückhaltend ist, dass er sich selten Sympathien verscherzt. Er spricht jetzt ziemlich selten. Wenn er aber spricht, dann wählt er dafür sehr geschickt den geeignetsten Augenblick und die geeignetste Form. Er sagt gewissermassen nichts, was nicht auch von dem kleinsten Oberlehrer verstanden und anerkannt werden könnte. Bei der Beurteilung der Reichswehr und ihrer Stellung zum Regime muss man folgendes beachten: In den letzten beiden Jahren sind ausserordentlich viel neue Offiziere aus allen Bevölkerungsschichten eingestellt worden. Es gibt darunter viele Söhne von Beamten, von Kleinbürgern, von Kaufleuten usw. Dazu kommt, dass die jungen Offiziere in den letzten Jahren ausserordentlich schnell befördert worden sind. Infolgedessen kann man sagen, dass das untere Offizier- Korps bis zum Major etwa keine in sich abgeschlossene Kaste mehr ist und deshalb auch nicht dieselbe gesellschaftliche Distanzierung kennt wie früher. Es kommt noch hinzu, dass bei der neuen Wehrmacht das Fachliche und Technische sehr im Vordergrund steht. Das technische Offizierkorps ist sehr stark und setzt sich zum überwiegenden Teil aus ehemaligen Ingenieuren und Akademikern zusammen. Anders ist die Situation im höheren Offizierkorps. Dort herrscht nach wie vor die alte Tradition und wird nach wie vor auch die alte gesellschaftliche Einstellung bewahrt. Südwestdeutschland: Im gebildeten Bürgertum( höhere Beamte, Hochschullehrer und sonstige Intellektuelle) hat, wie sich immer mehr herausstellt, der 30. Juni eine sehr nachhaltige Wirkung ausgelöst. Zunächst waren diese Kreise durch die Ereignisse wie vor den Kopf gestossen. Dann gelang es der geschickten Propaganda der Nazis, auch im Bürgertum den Eindruck zu erwecken, als ob das rasche Durchgreifen des" Führers" eine staatspolitische Tat gewesen sei, die Deutschland vor noch grösserem Unheil bewahrt hat. Aber das dauerte nur wenige Wochen; dann setzte sich doch im Bürgertum eine selbständige Beurteilung dieser Ereignisse durch. Heute wird in diesen Kreisen die Abschlachtung der engsten Mitarbeiter Hitlers und der Mord an einem früheren Reichskanzler nicht so sehr vom politischen als vom religiösen und ethischen Standpunkt aus beurteilt. Diese Gewaltmethoden Hitlers hat man nicht vergessen und Rechtsgefühl und sittliches Empfinden empören sich dagegen. In den Beamtenkreisen wirkt ausserdem sehr stark die Unfähigkeit und die Unverwendbarkeit der neuen Verwaltungselemente. Man kann immer wieder hören, dass höhere Beamte sagen: 4-29" Unter den Sozialdemokraten kamen ja auch neue Leute in die Verwaltung, aber die waren doch belehrbar, mit denen konne man doch reden. Aber mit den Nazis, die wir jetzt haben, kann man überhaupt nicht einmal reden. Es widert einen an, wenn man sehen muss, wie unfähig und unbelehrbar sie sind und wie sie stehlen." Schliesslich bleibt in den Oberschichten des Bürgertums der Einfluss der Hitler- Jugend auf die Kinder nicht ohne Wirkung. Man hielt es zwar für nötig, die Kinder in das Jungvolk zu schicken, aber dort herrscht ein Ton, wie er in einem Haus mit Tradition geradezu unmöglich ist. Ausserdem kommt hinzu, dass in der Hitler- Jugend ein scharf antimonarchistischer Kurs gepflegt wird, den man im Bürgertum ablehnt. Die Beeinflussung der Jugend durch die HitlerJugend ist auch der Punkt, an dem sehr viele Bürgerliche am eigenen Leibe erfahren, was persönliche und politische Freiheit heisst. Denn hier wird es ihnen sehr deutlich zum Bewusstsein gebracht, dass sie über die Erziehungsgrundsätze nicht mehr allein entscheiden, dass ihre Kinder von staatswegen nach einer ganz anderen Richtung beeinflusst werden, als sie es für richtig halten. Bayern: In einem früheren Berichte wurde schon darauf hingewiesen, dass die intellektuellen Schichten das Regime ablehnen. Diese Ablehnung ist in letzter Zeit noch deutlicher hervorgetreten. Ganz besonders sind es die gegen die Juden geübten Schikanen, die in diesen Kreisen Empörung und Unwillen auslösen. Vor allem werden die Kampfmethoden des" Stürmers" als eine kulturelle Schande für die deutsche Nation, empfunden. Die stärkere Kritik der Intellektuellen mag auch ihre Ursache darin haben, dass sie die inneren Schwierigkeiten des Regimes genauer zu erkennen vermögen und sich daher nicht von den neuerdings gross aufgezogenen Propaganda tricks täuschen lassen. Der Bolschewistenschreck hat nicht mehr die Wirkung wie früher. Vor allem sind es hier wieder die Intellektuellen, die am weitesten in ihren Aeusserungen gehen. Gebildete, von denen man sagt, dass sie" kommunisteln" sind heute nicht selten. Das soll nicht heissen, dass sich solche Leute für die russischen Methoden des Kommunismus erwärmen, sondern sie sind vielmehr der Meinung, dass das Ende der Entwicklung eine heute noch nicht näher zu beschreibende Form des Kommunismus sein wird. Eine klare Konzeption findet man kaum irgend wo. Eine Sehnsucht nach der alten Demokratie und dem Weimarer Staat ist in diesen Kreisen nirgends anzutreffen. A 11 II. Der Kulturkampf Die allgemeine Anteilnahme am Kirchenstreit hat in den letzten Monaten zweifellos nachgelassen. was mag 2. T. daran liegen, dass das System seine Taktik gegenüber den Kirchen geändert hat, z. T. auch daran, dass andere, näherliegende Sorgen, wie die Lebensmittelknappheit die Bevölkerung beschäftigen. Es vollzieht sich aber noch ein anderer, tiefer greifender Prozess: Je mehr die Massengrundlage des Regimes wankt, um so mehr rückt die Erinnerung an die vielgeschmähte Republik, rückt die illegale Arbeit der sozialistischen Opposition wieder in das Blickfeld der Massen und um so mehr verliert die Opposition der Kirchen zwangsläufig an Interesse. Dieser Prozess, von dessen Fortschreiten eine wirkliche Politisierung der unzufriedenen Massen abhängt, ist aber auch durch die Kirchen selbst gefördert worden. Breite Schichten sind von der Haltung der Kirchen enttäuscht und erwarten von ihnen keine klare Entscheidung gegen den Nationalsozialismus mehr. Es gab eine Zeit, in der grosse Teile der Opposition in die Kirchen gingen, nicht nur, weil sie dort Worte seelischer Stärkung hören konnten, sondern auch weil sie von dort einen entschlossenen Kampf gegen das System erhofften. Diese Erwartungen sind wesentlich herabgestimmt. Heute entsinnt sich mancher Sozialdemokrat wie es ein Bericht aus Südwestdeutschland in drastischer Offenheit darlegt- an die frühere Haltung des Zentrums. Heute fragt sich mancher Hitler- Gegner das bringt ein anderer Bericht aus Südwestdeutschland zum Ausdruck- ob es genügte, wenn die Fuldaer Bischofskonferenz einen Hirtenbrief herausbrachte, in dem viel zwischen den Zeilen zu lesen war, in dem man aber doch die offene Kampfansage gegen die Barbarei, den Gesinnungszwang und die Unmoral des Dritten Reichs schmerzlich vermisste. Die Taktik beider Kirchen war in den letzten Monaten darauf gerichtet, Zeit zu gewinnen. Jetzt drängt sieh dem kompromisslosen Hitler-Gegner der Schluss auf, dass die Kirchen nur Zeit verloren haben, und nicht nur Zeit, sondern vielleicht noch sehr viel mehr: die ungeheuere Chance, zu einem wirklichen Hort des Rechts und der Gesinnung zu werden. Die Entwicklung, die der Kirchenkampf in beiden Konfessionen genommen hat, ist ein erneuter Beweis dafür, dass einem Regime wie dem nationalsozialistischen gegenüber kein Raum für eine Politik des Paktierens und Taktierens ist. Diese Politik hat es dem Regime ausserordentlich erleichtert, den Anschein zu erwecken, als handele es sich nicht um einen Kulturkampf, sondern nur um eine politische Auseinandersetzung. Sie hat bewirkt, dass die Kirchen, anstatt den Kampf um der Menschheit grosse Gegenstände aufzunehmen, dem Gegner auf ein Kampffeld gefolgt sind, auf dem er seine Zermürbungstaktik anwenden kann, während die Kirchen es heute sehr viel schwerer haben, den Absprung zu einer kompromisslosen Auseinandersetzung zu finden. 1) Aus dem evangelischen Lager "Meine Herren, die Bekennende Kirche ist nicht diejenige, welche, sondern ich bin derjenige, welcher, der die Ordnung der Kirche zu bestimmen hat... Es hat keinen Zweck mich zu überzeugen, dass ich auf verkehrtem Wege bin. Nur einer kann mich überzeugen... das bin ich selbst." Kerrl bei Verhandlungen mit dem Bruderrat der Altpreussischen Union am S8. Nov. 1935* Im vorigen Kirchenbericht(Juni 1935' S. 29 f) haben wir festgestellt, dass sich im evangelischen Kirchenstreit eine ge wisse Kompromissbereitschaft zeigte. Die Neigung innerhalb der Bekenntniskirche, zu einem erträglichen Kompromiss mit dem System zu kommen, hat viele Monate die Entwicklung des Kirchen A-.32 streits im protestantischen Lager beeinflusst und nicht zuletzt dazu beigetragen, das System zu einem neuen Angriff zu ermuntern. Im Frühjahr hatte die Bekenntniskirche trotz des preussischen Gesetzes über die kirchliche Finanzverwaltung vom 11. März, das Gehaltszahlungen nur an" ordnungsgemäss berufene" Amtspersonen und die Neubesetzung freiwerdender Stellen nur mit Zustimmung der Finanzabteilung vorsah, und trotz der Einrichtung einer" Beschlusstelle", die den Bekenntnis- Pfarrern die Anrufung der Gerichte gegen Absetzung und Gehaltssperrung unmöglich machte, auf der Augsburger Synode( Mai 35) eine sehr versöhnliche Haltung eingenommen. Damals liess sie ihren bedeutendsten Vorkämpfer, Karl Barth, fallen und nahm den bis, dahin heftig bekämpften Vertrag zwischen dem Reichsjugendführer und dem Reichsbischof Müller an, der die Ueberführung der evangelischen Jugendverbände in die Hitler- Jugend vorsieht. Karl Barth hat in einem Brief vom 30. Juni( veröffentlicht im" Deutschen in Polen" Nr. 45) die entscheidenden Vorwürfe gegen diese Haltung formuliert: " Sie( die Bekenntniskirche) hat für Millionen von unrecht Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Rätlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet, wenn sie redet, noch immer nur von ihrer eigenen Sache. Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es in ihrem heutigen Staat mit einem Rechtsstaat im Sinne von Röm. 13 zu tun habe." In der Tat, in dieser Periode trat deutlicher als jemals vorher im protestantischen Kirchenstreit zu Tage, dass es den oppositionellen kirchlichen Kräften in ihrer Mehrheit nur um einen ausreichenden Lebensraum innerhalb des Systems, nicht aber um einen Kampf gegen dieses System ging. Die Bekenntniskirche verfügt über einflussreiche Verbindungen in der Wehrmacht, im Adel, in der Bürokratie, nicht zuletzt in der NSDAP selbst und wie die Wehrmacht, wie die Bürokratie mit dem System paktiert hat und ihm dient, so war auch die Mehrheit der Bekenntniskirche bereit, mit dem System zu paktieren und ihm zu dienen, wenn ihr nur die innere Selbständigkeit ähnlich wie der Wehrmacht gelassen wurde. In zweien der nach A- 33 stehenden Berichte aus Südwest- und aus Nordwestdeutschlandwird besonders darauf aufmerksam gemacht, dass die evangelische Kirchen opposition ohne klare politische Vorstellungen ist, dass ihr Kampf weitgehend nur um Personenfragen geht und dass sich auch in den Reihen der einfachen Mitglieder viel Angehörige der NSDAP befinden. Die unentschlossene Haltung hat aber innerhalb der Bekennt niskirche selbst starke Spannungen ausgelöst, so dass schliesslich sogar eine Spaltung drohte. Andererseits hat sie das System nicht dazu bewegen können, ehrlich Frieden zu schliessen, sondern bei den Nationalsozialisten nur eine neue Taktik ausgelöst: den Versuch, durch teilweises Entgegenkommen die Spaltung herbeizuführen und dann die Umwandlung der evangelischen Kirche in eine nationalsozialistische Staatskirche auf kaltem Wege zu vollziehen. Das System geht mit derselben Perfidie, mit der es seine übrigen Gegner behandelt, auch gegen die protestantische Kirche vor. Nachdem der Draufgänger Müller es vornherum nicht schaffen konnte, sollte es der Biedermann Kerrl hintenherum schaffen. Nachdem das System durch seine Gleichschaltungsansprüche überhaupt erst den Kirchenstreit entfesselt hatte, sollte jetzt der Eindruck erweckt werden, als ob die Kirche ohne" Mithilfe" des Staates nicht zur inneren Einheit gelangen könnte. Am 18. Juli wurde Reichsminister Kerrl mit der Bearbeitung aller Kirchenangelegenheit betraut. Auch die" Beschlusstelle" wurde ihm unterstellt; er übernahm selbst ihren Vorsitz. Kerrl begann seine Tätigkeit damit, bei den meisten Landeskirchen Finanzkommissare einzusetzen und ihnen die bisher von den Landes- Bischöfen ausgeübte Finanzverwaltung zu übertragen. Die Bekenntnissynode der Altpreussischen Union( abgehalten im September in Berlin- Dahlem) antwortete darauf mit einem Beschluss, in dem sie die Rechtmässigkeit der" Beschlusstelle" nicht anerkannte und nach wie vor selbständige Finanzgebahrung forderte. Am 24. September wurde Kerrl durch ein Gesetz zur " Sicherung der evangelischen Kirche" ermächtigt, Verordnungen A- 路 mit Gesetzeskraft zu erlassen. Seine erste Verordnung vom 3. Oktober sprach die Bildung eines Reichskirchenausschusses aus, dem in den nächsten Wochen die Bildung von Landeskirchenausschüssen für die Altpreussische Union, Nassau- Hessen, Kurhessen und Sachsen folgten. Vom" Reibi" Müller war überhaupt nicht mehr die Rede; er musste seine Amtsräume dem Reichskirchenausschuss überlassen, trat aber nicht zurück, sondern bezieht nach wie vor sein Gehalt weiter. Die Aufforderung Kerrls an massgebliche Führer der Bekenntniskirche, in den Reichskirchenausschuss einzutreten, wurde abgelehnt, obgleich Kerrl bereit gewesen wäre, die Landesbischöfe aus dem Lager der Deutschen Christen zu opfern. Da aber auch bei den Deutschen Christen ein grosses Durcheinander bestand ihr Reichsleiter Dr. Kinder war Mitte September zurückgetreten schliesslich eine Art Bekenntniskabinett. bildete Kerrl Nun begann das Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche, das auf die Spaltung der Bekenntniskirche berechnet war. Am 19. Oktober empfahl Kerrl den Landeskirchenausschüssen, die Disziplinarverfahren gegen Pfarrer der Bekenntniskirche ruhen zu lassen und bei Personalmassnahmen Zurückhaltung zu üben. Am 24. Oktober beschloss der preussische Landeskirchenausschuss die Aussetzung aller Disziplinarverfahren, am 15. November erlaubte er die Wiedereinstellung entlassener Hilfsgeistlicher. Gleichzeitig aber beschlagnahmte die Gestapo Anfang November Flugschriften der Bekenntniskirche, verbot das Erscheinen ihrer wöchentlichen Rundbriefe und untersagte die Abhaltung von Festgottesdiensten bei der Eröffnung der beiden theologischen Hochschulen der Bekanntniskirche in Berlin- Dahlem und Elberfeld. Bald darauf wurden diese Hochschulen selbst aufgelöst. Diese doppelzüngige Politik hat ein schnelles Ende gefunden. Die Experimente in Sachsen und Hessen sind vollständig misslungen, die Mehrheit der Pfarrer steht nach wie vor hinter der Bekenntniskirche, die sich nicht gewillt zeigte, auf die Forderungen der Dahlemer Synode zu verzichten. Schliesslich aber A- 35 verlor Kerrl die Geduld. Ende November kam es zu einer dramatischen Verhandlung mit den Führern der Bekenntniskirche, die mit einem Ultimatum Kerrls an die Bekenntniskirche endete, sich bis zum 2. Dezember seinen Anordnungen zu unterwerfen. Als diese Frist ergebnislos verstrich, erliess Kerrl eine neue Verordnung, in der er der Bekenntniskirche jede Ausübung kirchenamtlicher Befugnisse untersagte. Dazu gehören insbesondere die Besetzung von Pfarrstellen, die Vornahme von Prüfungen und Ordinationen, die Abhaltung von Synoden, die Anordnung von Kanzelankündigungen, die Erhebung von Steuern und Umlagen, sowie die Veranstaltung von Sammlungen. Damit ist die Bekennt niskirche praktisch verboten. Das Verbot ist zwar formell nicht ausgesprochen, aber jede Betätigung ist ihr untersagt worden; 1933 wurde gegen die meisten politischen Parteien zunächst auch nur ein Betätigungsverbot erlassen. So ist Kerrl nach kurzem" versöhnlichen" Zwischenspiel bei den Gewaltmethoden der Müller und Jäger gelandet. Wird die Bekenntniskirche diesen zweiten, noch brutaleren Angriff mit demselben Erfolg zurückschlagen können wie den des Reichsbischofs? Es ist kein Zweifel, wird die Verordnung vom 2. Dezember voll durchgeführt, dann hat das legale Dasein der Bekennt niskirche sein Ende erreicht und ihr bleibt nichts übrig, als ebenso wie die Parteien ihre Organisation illegal fortzusetzen. Die Einigkeit der Bekenntniskirche scheint gerade durch den Gewaltangriff Kerrls erneut hergestellt zu sein. Niemöller hat trotz der Verordnung fünf Geistliche eingesegnet, ebenso hat der Breslauer Bischof Zänker noch Prüfungen vorgenommen. Gegen Niemöller wurde darauf das Predigtverbot erlassen, gegen Zänker das Disziplinarverfahren eröffnet und die Auszahlung seiner Gehaltsbezüge gesperrt. Die preussische Bekenntnissynode in Dahlem hat am 4. Dezember beschlossen, sich dem Gewaltregiment Kerrls nicht zu beugen. Aber diesmal wird der Kampf schwerer und noch opferreicher sein als der gegen den Reichsbischof. Hinter Kerrl steht die Autorität der Partei und Hitler kann ihn nicht ebenso leicht A- 36 fallen lassen wie den Reibi. Die Bekenntniskirche hat die Sympathien des Auslands, vor allem Englands auf ihrer Seite, der grössere Teil des Pfarrernachwuchses bekennt sich zu ihr; in der NSDAP lehnt ein Flügel, dem Hess nahestehen soll, die Gewaltmethoden ab. Werden diese" Verbindungen" genügen, um vor allem die finanzielle Erdrosselung der Bekenntniskirche zu verhindern? Wird, wenn die Finanzbestimmungen brutal durchgeführt werden und nicht nur die Gestapo, sondern die nackte Not an die Türen der Pfarrer pocht, der Widerstandsgeist sich längere Zeit ungebrochen erhalten? Welchen Ausgang der Kampf auch nehmen mag, er erzwingt eine innere Klärung. Jetzt kann die Bekenntniskirche nicht länger von der Fiktion ausgehen, als sei das Dritte Reich ein Rechtsstaat, und mindestens für ihren entschlossenen und kompromisslosen Teil wird es klar, dass auch der Kirchenkampf ein Teil des grossed Kampfes um die Freiheit ist, der nur mit der Niederwerfung des Systems enden kann. Unsere Berichterstatter haben uns eine Anzahl von Rundbriefen aus der Bekenntniskirche übermittelt, die gemäss Verordnung des Reichsinnenministeriums nur an Mitglieder der Bekennt nisgemeinschaften ausgegeben werden dürfen und deren Weitergabe und Veröffentlichung untersagt ist. Diese Rundbriefe enthalten lange Listen von Pfarrern, über die Schutzhaft, Ausweisung aus ihrem Sprengel oder Redeverbot verhängt worden ist. Sie bringen ausserdem eingehende Schilderungen der Terrorfälle gegen Glieder der Bekenntniskirche in allen Landesteilen. Wir müssen uns darauf beschränken, aus verschiedenen Rundbriefen einige Beispiele anzuführen. Aus dem Rundschreiben Nr. 10/11 der" Bekenntnisgemeinschaft der ev.- lutherischen Landeskirche Schleswig- Holsteins" vom 11. April 1935: Am Mittwoch, 20. März, erfolgte die Verhaftung des Privatdozenten Pfarrer Lic. Peter Brunner in Ranstadt, des weit über Deutschland hinaus bekannten Systematikers. Wie man hört, ist die Verhaftung auf Grund einer Anzeige wegen Verlesung der( nicht verbotenen) Erklärung der Vorläufigen Kirchenleitung vom 21. Februar 1935 im Anschluss an die A- 37Predigt vom 10. März erfolgt. Die Abholung des Pfarrers durch die Polizei gestaltete sich zu einem Ereignis, von dem die Gemeinden noch in Jahrzehnten reden werden. Die Konfirmanden aus dem Filialdorf waren im Sturmlauf erschienen mit den Gemeindegliedern, die ihre Feldarbeit verliessen, und jung und alt versammelte sich im Pfarrhof und geleitete den Pfarrer in würdigem Zuge zum Polizeiauto. Der Abschied war wie ein Gottesdienst, auch die Polizeiorgane konnten sich diesem Eindruck nicht entziehen. Der nicht wohlgesinnte Lehrer liess die Schulkinder im Klassensaal bei Abfahrt des Autos zum Aergernis der Gemeinde das Abendmahlslied" Vollbracht ist nun die heilge Feier, verkündet ward uns dein Tod" anstimmen, nicht ahnend, dass er damit den Bekenntnischarakter des Vorgangs wider Willen dokumentiert hat. Pfarrer Brunner wurde in das Polizeigefängnis in Darmstadt eingeliefert. Von dort wurde er ins Konzentrationslager nach Dachau überführt. Aus dem Rundbrief Nr. 45 der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche vom 21. Juli 1935: Am Sonntag, dem 7. Juli 1935 wurde in Gegenwart mehrerer Pfarrer der Bekennenden Kirche durch die Bekenntnisgemeinde in Trebbin( Mark Brandenburg) eine Notkapelle eingeweiht, da die Ortspfarrer Deutsche Christen sind. Von unbekannten Tätern wurde in einer der nächsten Nächte die Einrichtung der Kapelle zerstört. U. a. wurde das Harmonim völlig zerstört.( folgt eingehende Sachdarstellung des Falles). Aus dem Rundbrief Nr. 46 vom 1. August 1935: Vom 15.- 18. April veranstaltete der Vikar H. in einem Jugendheim in Lostau b.M. eine Bibelfreizeit für Jungen, wie sie auch im Vorjahr veranstaltet worden war.... Am 16. April gegen 16 Uhr kam der Bannführer B. aus Burg dazu, als gerade Schatzsuchen gespielt wurde. Er verbot dieses Spiel, weil es die Jungen zur Aufmerksamkeit im Gelände erziehe und also eine geländesportliche Ausbildung darstelle, die nur der Hitlerjugend zustehe... An demselben Tage, kurz vor 10 Uhr abends, erschien der Unter bannführer K. aus Burg im Tagesraum, in dem noch gespielt wurde. Er erschien mit 8- 9 Mann... K. fiel mit groben und beleidigenden Worten über die Teilnehmer her und erklärte, dass er die Freizeit auflöse, da sie nicht angemeldet sei.... Als die Auseinandersetzungen sich zuspitzten,... äusserte K.: " Wenn sich 8 Kommunisten zusammenfinden, dann schlagen. wir sie zusammen und bei Euch ist es auch nichts anderes.... Er erklärte das Haus für besetzt und verlangte Räumung bis 6 Uhr morgens. Der Führer der Streife in Burg befahl aber A-38. Räumung innerhalb von 10- 15 Minuten. Da ausdrücklich mit Gewalt gedroht wurde, wurde die Räumung unter Protest durchgeführt. Auf den Vorwurf" Ihr zerstört die Volksgemeinschaft und handelt nicht als Kameraden" wurde geantwortet: " Wir wollen Euch nicht als Kameraden behandeln, wir sind gekommen, eine illegale Sache aufzulösen. Sämtliche Jungen wurden notiert, zum Teil einzeln heruntergemacht. Sie wurden etwa 11 Uhr nachts obdachlos auf die Strasse gesetzt in einem Ort, der 17 Kilometer von Burg entfernt liegt... Der Vikar F. wurde wegen Veranstaltung der Freizeit aus der Hitlerjugend ausgeschlossen. Aus den" Mitteilungen des Landesbruderrats der Bekennenden Kirche Nassau- dessen" vom 20. August 1935: In Affolterbach im Odenwald kam es am 14. 7. zu einer schweren Störung der Feier der Einführung des Pfarrassistenten Aschoff, die im Auftrag des Landesbruderrats durch Pfr. Grein- Arheilgen erfolgte. Eine stattliche Gemeinde füllte das Gotteshaus, obwohl Bürgermeister wie Ortsgruppenleiter die Anweisung gegeben hatten, diesen Gottesdienst nicht zu besuchen. Die Einführung verlief ohne Störung. Aber mitten in der Predigt des Neueingeführten wurden plötzlich von unbefugten Händen die Glocken geläutet. Dann zogen einige Kommandierte, einige Neugierige und einige Nichtsahnende, an der Spitze der Ortsgruppenleiter in Uniform, in die Kirche ein. Ihnen folgte Oberlandeskirchenrat Olff in Begleitung eines landesbischöflichen Gegenkandidaten, ging geradewegs zum Altar und rief in die Kirche hinein: Wir singen das Lied: Liebster Jesu, wir sind hier. Diese unerhörte Störung führte zu einer allgemeinen Verwirrung. Zwischenrufe flogen hin und her. Ein Herr vom Staatstheater Darmstadt verdrängte den Organisten und spielte. Um dem beschämenden Schauspiel ein Ende zu machen, verliessen die Pfarrer Grein und Aschoff und der grösste Teil der Gemeinde das Gotteshaus. Während nun drinnen die Einführung des landesbischöflichen Kandidaten vor sich ging, wurde draussen die Einführungsfeier Br. Aschoffs zu Ende geführt. Der Kirchenvorstand bestätigte noch am Nachmittag desselben Tages seinen früheren Beschluss, an Br. Aschoff als dem Pfarrer der Bekennenden Kirche festzuhalten. Am 17. 7. erhielt dieser auf Anordnung des Geh. Staatspolizeiamtes Darmstadt den Ausweisungsbefehl für den Bereich des Kreises Heppenheim. Aus den gleichen" Mitteilungen" vom 15. September 1935: 1. Versuch der Verhinderung einer Beerdigung durch einen DC. Kirchenvorstand. In Grossrückerswalde im Erzgebirge bekennen sich mehr als 90 v.H. aller Gemeindeglieder zur Bekenntnisgemeinschaft. Der DC- Kirchenvorstand, der demgemäss gar keinen nennens A- 39 werten Rückhalt in der Gemeinde besitzt, versucht mit seinem DC- Vikar Achelis, jedes Zusammenkommen der Bekenntnisgemeinde zu erschweren. Die Kirche steht fast unbenutzt da, während der eigentliche Gemeindegottesdienst mit seinen 600 Besuchern nur im Wald stattfinden kann. Jetzt versuchten die DC, selbst eine Beerdigung zu verhindern, obwohl es sich um Angehörige der Bekenntnisgemeinschaft handelte, die ausdrücklich die Beerdigung durch den Bekenntnispfarrer Biesold gewünscht hatten. Die Amtshauptmannschaft hatte auf Befragen mitgeteilt, dass sie dagegen keine Bedenken trage. Dies war dem DC- Kirchenvorstand bekannt. Trotzdem liess er das Friedhoftor verschliessen. Als der Trauerzug in strömendem Regen vor das verschlossene Tor kam, die Beerdigung auch aus gesundheitlichen Gründen keinen Aufschub erduldete, liess Vikar Biesold das Tor öffnen, weil er es vor seinem Gott, seinem Gewissen und auch den Behörden verantworten könne. Nachträglich wurden auf Grund irrtümlicher Berichterstattung, die mit einer Anzeige verbunden war, zwei Mitglieder der Bekenntnisgemeinschaft und zwei Teilnehmer des Trauer zuges in Schutzhaft genommen. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Hannover: Beiliegend Material zu einer Skandalgeschichte in Stade. In Stade ist am lb. Sept. der Pastor Behrens durch SA- und SS- Leute unter empörenden Umständen mit einem gemalten Plakat:" Ich bin ein Judenknecht" unter Vorantritt einer Musikkapelle, unter Beschimpfungen und Misshandlungen kreuz und quer durch alle Hauptstrassen der Stadt geführt worden. Der Veranstalter der Aktion ist der Nazilehrer Holste, der zugleich Kreisleiter ist. Ganz Stade ist darüber in Aufregung. Die beiliegenden Dokumente sind authentisch. Es fehlt leider die Aeusserung des Kreisleiters, vielleicht ist es noch möglich, sie nachzuliefern. Die Polizei hat nämlich diese Erklärung wieder einsammeln lassen. Es stand darin, dass es so allen Volksverrätern gehen müsse usw. Interessant ist auch noch, dass der Regierungspräsident von Stade diese Horde mit dem Revolver in der Hand hat auseinandertreiben müssen und den Pastor persönlich nach Hause gebracht hat. Ein Polizeibeamter, der vorher den Pastor befreien wollte, ist mit Gewalt daran gehindert worden. Bericht über die Vorfälle im Konfirmanden- Unterricht am Freitag, den 13. September 1935 im Konfirmandensaal. St. Wilhadi in Stade. In der Konfirmanden- Abteilung, die Dienstags und Freitages von 12 bis 13 Uhr bei mir Unterricht hat( Volksschule II Klasse 1) hatte ich bei Beginn des KonfirmandenUnterrichts grosse Schwierigkeiten, zu erreichen, dass die Kinder sich ruhig und ordentlich verhielten. Es ist einmal soweit gekommen, dass ich den Unterricht mitten in der Stunde abbrechen musste, weil ein Junge hinter meinem Rükken pfiff und dann nicht den Mut besass, sich zu melden. A-Einmal wurde mir am Beginn des Unterrichts von einem Schüler ein antisemitisches Blatt gezeigt, worauf ich ihm sagte:" Steck das weg, das gehört nicht hierher." Immer wieder wurden im Unterricht, meist ohne Zusammenhang mit dem Gegenstand des Unterrichts judenfeindliche Aeusserungen getan. Ich habe es immer abgelehnt, darauf einzugehen, weil ich den Augenblick noch nicht gekommen glaubte, mit den Kindern diese Frage zu besprechen, die sie anscheinend mehr als alles andere bewegte. In der letzten Stunde wurden bei der Behandlung der Taufe wieder dreimal judenfeindliche Aeusserungen getan. Ich habe zweimal ein Eingehen auf diese Dinge abgelehnt, weil ich den Faden des Unterrichts nicht fallen lassen wollte, und die Kinder ermahnt, solche Aeusserunger im Konfirmationsunterricht zu unterlassen. Beim dritten Male, schon gegen Ende der Stunde, sagte ich etwa, dass ihnen anscheinend an dieser Sache viel gelegen sei und ich bereit sei, mit ihnen darüber zu sprechen, wenn sie sieh ordentlich benähmen. Drauf laute Zustimmung. Zuerst wurde die Frage behandelt, ob Jesus Jude sei. Dabei wurde von den Kindern die Stelle Joh. 8, 44 in die Aussprache geworfen. Ich fragte nebenbei, woher sie auf diese Gedanken gekommen wären. Die Antworten gingen durcheinander:" Herr Holste hat das gesagt!"" Der Stürmer" Ich zeigte ihnen, dass die Stelle Joh.8,44 aus dem Zusammenhang gerissen einen ganz anderen Sinn vortäuschte und warnte die Kinder vor der Lektüre des Stürmers. Dann liess ich den Spruch im Zusammenhang lesen und zeigte den Kindern, dass Jesus die Frage nicht rassisch, sondern im Gegenteil unter Ablehnung des Rassischen( vgl. 8,37a) rein religiös( Joh.8,34 und 37b) anfasse. Nicht als Rasse, sondern als Sünder und Hasser nennt Jesus die Juden seiner Tage" Teufelskinder". Ich konnte allerdings diese Gedanken nicht ruhig durchführen, weil ich durch Durcheinanderschreien und Johlen immer wieder unterbrochen wurde, wobei Worte wie" Judenbuch" und schmutzige Schimpfworte fielen. Es gelang mir, die Ruhe wieder herzustellen. Ich zeigte dann an der Hand der Geschichte vom barmherzigen Samariter die Stellung Jesu zur Rassenfrage. Die Kinder fanden aus dem Gleichnis folgenden Satz:" Jesus beurteilt den Menschen nicht nach seiner rassischen Zugehörigkeit, sondern nach seinem Herzen." Immer wieder wurde dazwischen gerufen:" Die Juden sind alle Betrüger, Feiglinge usw. Herr Holste hat gesagt, die Bibel ist bloss halb wahr. Wir brauchen die Bibel nicht zu lernen..." Worauf ich ihnen sagte: Kinder, ihr seid ja ganz verhetzt. Ihr könnt ja nicht mal ruhig Gegengründe anhören!" Im weiteren Verlauf der Stunde äusserte ein Mädchen:" Die Juden hassen Jesus Christus, da müssen wir sie doch auch hassen." Die anderen fanden selbst, dass Jesus geboten hat, seine Feinde zu lieben. Ich konnte nicht anders als zugeben, dass das die Lehre der christlichen Kirche und auch meine Auffassung sei. A-Es war mittlerweile etwa 1 Uhr 10 geworden. Ich versuchte noch einmal, das dauernde Johlen zum Aufhören zu bringen. Unter dem Durcheinanderrufen schloss ich die Stunde etwa mit dem Gedanken: Ihr seht selber wohl ein, dass auf diese Weise ein geordneter Konfirmanden- Unterricht nicht möglich ist. Wenn ihr nicht sachlich mit mir arbeiten wollt, dann bleibt weg. Es sind solche unter euch, die gern lernen wollen. Die Kinder stürzten hinaus, einige riefen dabei:" Jude! Jude!" Ich muss annehmen, dass sie die Absicht hatten, mich damit zu beleidigen. Einige baten mich, den Konfirmanden- Unterricht doch weiter zu halten. Zu Hause angekommen, teilte ich das Vorgefallene sofort Senior Starcke telefonisch mit. Bei der Erwägung, was zu tun sei, schien es mir das beste, zu versuchen, durch eine Rücksprache mit Herrn Holste die Sache wieder zu regeln, zumal ich überzeugt bin, dass die Kinder die Tragweite ihrer Handlungsweise nicht übersehen können. Ich musste mir natürlich sagen, dass ich Herrn Holste nicht zu meiner christlich begründeten Auffassung der Judenfrage bringen würde. Ich hoffte aber, dass Herr Holste die Kinder, auf die er ja anscheinend grossen Einfluss besitzt, dahin würde bringen können, dass sie ruhig dem Konfirmanden- Unterricht folgten. Ich habe versucht, irgendwelche Schärfe in der Auseinandersetzung zu vermeiden, soweit es die Person des Herrn Holste betrifft. Ob mir das vor den Kindern gelungen ist, die gar leicht Person und Sache durcheinanderbringen, weiss ich nicht. Ich wollte aber auch nicht den Anschein erwecken, als ob ich unangenehmen Folgen für meine Person ausweichen wollte. Ich stehe und falle mit meinem aus der Bibel geschöpften Glauben. Ich meine aber, dass sachliche Gegensätze auch im Unterricht sachliche Verhandlung vertragen. Eine am Sonnabend Morgen um 10 Uhr telefonisch mit Herrn Holste verabredete Besprechung wurde durch folgendes Schreiben von Herrn Holste widerrufen:" Nachdem mich gestern und heute verschiedene Volksgenossen aus Stade über den Konfirmandenunterricht am Freitag Vormittag unterrichteten, muss ich auf die heute abend 8 Uhr angesetzte Besprechung unter uns verzichten. Sie wird zu keinem Erfolg führen und daher zwecklos sein." Herr Holste verzichtet mit diesem Schreiben darauf, auch die andere Seite zu hören. Stade, den 15. September 1935 gez. Behrens Bericht über die Geschehnisse am Montag, den 16.Sept.35. Um 19 Uhr 20 Min. kamen mein elfjähriger Sohn Martin und ich von einem Besuch bei Herrn Sup. i.R. Tamm( Thunerstr.4) zurück. An der Hohentorsbrücke wurde ich von 4 oder 5 Leuten in SA- und SS- Uniform überfallen. Man schlug mir den Hut vom Kopfe und hängte mir ein Plakat um, dessen In A- 42schrift( Ich bin ein Judenknecht") ich zunächst nicht lesen konnte. Ich schickte Martin nach Hause und wurde dann zurück bis zur Harburgerstr. Ecke Neuwerk gebracht. Dort stand die Musikkapelle der SA und eine Schar SA-Leute, anscheinend Rückkehrer vom Parteitag. Ich wurde mit dem Rufen" Das ist er!" vorbeigeführt, worauf aus der Menge einzelne Pfui- Rufe ertönten. Schnell sammelte sich eine Menschenmenge, besonders auch viele Kinder, die von Halberwachsenen angestachelt, schrille Pfui- Rufe, Schimpf- und Schmähwörter ausstiessen. Dann wurde ich, immer festgehalten, durch mehrere Strassen geführt, voran die Musik, hinterher die SA- Abteilung, begleitet von einer johlenden Menge. Unterwegs wurde ich bespien, ins Gesicht und auf die Kleider, beworfen, man versuchte, mich durch Beinstellen zu Fall zu bringen, trat mir auf die Füsse usw. Geschrien wurde:" Volksverräter, Judenlümmel, Konzentrationslager, nieder mit den Pfaffen' usw. Der Zug bewegte sich durch folgende Strassen: Adolf Hitlerstr., Holzstr., Horst Wesselplatz, Sattelmacher-, Höker-, Bungen-, Mühlen-, Wall- und Gründelstrasse bis zur Polizeiwache. In der Bungenstrasse war es auffallend dunkel Dort wurden mir einige Eimer Wasser von hinten über den Kopf gegossen, und ich wurde gestossen. Ebenso später in der Wallstrasse. An der Ecke Bungen- Mühlenstrasse etwa versuchte ein Polizeibeamter, mich zu befreien, konnte aber der Menge gegenüber nicht durchdringen, die darauf bestand, mich zur Polizeiwache zu bringen. An der Polizeiwache wurde ich von einem SA- Mann und einem Polizisten in das Wachlokal geführt. Dort wurde ich höflich behandelt, man bot mir einen Stuhl an. Ich hörte dann, wie der Herr Regierungspräsident, der anscheinend soeben eingetroffen war, die Menge zurückwies und zerstreute. Als der Herr Regierungspräsident ins Wachlokal kam, ordnete er sofort meine Freilassung an und geleitete mich zu meinem Schutz mit dem Herrn Polizeimeister persönlich bis ans Haus. Es wurden auch in meiner Gegenwart Anordnungen zum Schutze meiner Familie und Wohnung getroffen. Ich bin dem Herrn Reichspräsidenten und der Polizei zu herzlichem Dank verpflichtet für ihr energisches und mannhaftes Eintreten. Stade, den 16. September 1935. 22 Uhr gez. Behrens. Aus dem Stader Tageblatt Nr. 225 vom 26. Sept. 1935 Bericht über die Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Stade der NSDAP vom 25. September. Der Fall Behrens. Pg. Glang gab dann, wie zu Beginn der Versammlung angekündigt, eine Erklärung über die Vorfälle in Stade am Abend des 1b. September, ab. Er führte u.a. auch aus, dass es bei diesem Anlass zu einer begrüssenswerten Klärung gekommen sei. Man habe erkennen können, wer nationalsozialistisch fühlt und urteilt. Und es hat sich gezeigt, dass manche noch den Beruf eines Bierbankpolitikers ausüben zu können glauben. Die Partei habe in den ersten Tagen noch nicht Stellung nehmen können, sondern eine gewisse Klärung abwarten müssen. Aufgabe der Partei ist es, der Zukunft des Deutschen Volkes zu dienen. Dienst am Volke ist auch die Gestaltung des Rechtes. Im Auftrage des Gauleiters hat der Kreisleiter folgendes Schreiben an die Ortsgruppen der NSDAP Stade gerichtet: " Der Gauleiter ist heute hier gewesen und hat erklärt, dass jede Einzelaktion streng verboten ist und er daher den Vorfall in Stade missbilligt. Der Gauleiter hat ferner festgestellt, dass der Pastor Behrens im Konfirmandenunterricht keine Ordnung halten kann und dass es dort tatsächlich zugegangen ist, wie in einer Judenschule. Von dem Pastor sind folgende Aeusserungen gemacht worden: 1. Der" Stürmer" ist ein schmutziges Hetzblatt. 2. In der Flaggenschändung in New York lügen die deutschen Zeitungen. 3. Ein Neger mit gutem Herzen ist mir lieber als die anderen. Die SS- Männer, die den Pastor aufgegriffen, durch die Stadt geführt und auf der Polizeiwache abgeliefert haben, haben verhütet, dass der Pastor misshandelt wurde. Der Gauleiter sieht die Vorkommnisse als nicht mehr schwerwiegend an. Der Gauleiter lässt öffentlich erklären, dass er Verleumdungen von Parteigenossen auf keinen Fall dulden wird. gez. Der Kreisleiter." Pg. Glang fügte hinzu, dass in dieser Erklärung die Stellungnahme der Partei zum Ausdruck kommė. Die Verlesung des Schreibens löste heftige Pfuirufe bezüglich des Verhaltens des Pastor Behrens, im übrigen stürmischen Beifall aus. Südwestdeutschland: Bei uns ist ein Pfarrer tätig, der aus einer anderen Stadt hierher strafversetzt worden ist. Seit dieser Mann in unserer Kirche predigt, ist sie immer brechend voll. Es sind auch sehr viele Männer unter den Kirchenbesuchern. Die Predigten dieses Pfarrers sind absolut oppositionell und er scheut sich oft nicht, auch sehr scharfe Formulierungen zu gebrauchen, so dass man sich wundert, dass er noch nicht verhaftet worden ist. In anderen Fällen ist man gegen Anhänger der Kirche ausserordentlich brutal vorgegangen. Ein Kirchenbeamter, der Schwerkriegsbeschädigter ist, sitzt z. B. seit Monaten im Gefängnis, ohne dass er bisher vernommen worden wäre und überhaupt weiss, warum man ihn einsperrt. Dabei handelt es sich um einen Mann, der politisch A- 44absolut unbelastet ist. Auch wirklich überzeugte Nationalsozialisten stehen in der Bekenntnisfront. Unter den Kirchenbesuchern kann man immer wieder Leute in der Partei- Uniform sehen. Im Gegensatz zu den Katholiken sind die evangelischen Kreise im grossen und ganzen ohne klare politische Vorstellungen. Es kommt ihnen nach wie vor vor allem darauf an, den Reichsbischof Müller zu beseitigen. Was dann aber werden soll und wie sie sich überhaupt zum Regime stellen sollen, das bleibt unklar. Man kann auch nicht sagen, dass sich hinter der Bekenntniskirche monarchistische Ziele verbergen. Die Bekenntnisfront finanzierte sich bisher in grossem Umfange durch Sammlungen. Diese Sammlungen haben zum Teil ausserordentlich guten Erfolg. Statt des allgemeinen Satzes von 20 Pfg. im Monat, werden oft aus freien Stücken wesentlich höhere Beträge gegeben. Dass es aber auch in kirchlichen Kreisen nicht an Leuten fehlt, die sich eine Theorie zurechtmachen, um sich vor einer klaren Stellungnahme zu drücken, zeigt folgender Fall: Ein Theologe, Hochschullehrer und Anhänger des Reichsbischofs begründet seine Stellungnahme folgendermassen: wenn die evangelische Kirche sich oppositionell gegen die Nationalsozialisten stellt, dann wird sie einfach überrannt und dann bricht die christliche Tradition überhaupt zusammen. Das müssen wir unter allen Umständen verhindern und deshalb muss man die Partei des Reichsbischofs ergreifen. Nordwestdeutschland: Wir hatten Mitte Oktober eine Unterhaltung mit einem evangelischen Pfarrer, der seit zehn Jahren mehrere Pfarrstellen in... inne hatte. Als einziger Pfarrer der Landeskirche weigerte er sich, die neue Verpflichtungsformel anzuerkennen, da er sie vor seinem Gewissen mit der Kirchenverfassung nicht in Einklang bringen könnte. Die Landeskirchenleitung legte ihm deshalb den Rücktritt nahe. X. lehnte diese Anregung mit der Begründung ab, dass es dann Sache der Landeskirche sei, ihn zu entlassen. Die Pensionierung erfolgte auch. Parallel mit dieser Entwicklung ging ein anderer Vorfall. Auf einer Versammlung der Pfarrer der Bekenntniskirche wurde eine Entschliessung zur Annahme gebracht, deren Schlusspassus sagte, dass sich die Bekenntniskirchenpfarrer an nationalsozialistischer Ueberzeugung und Treue zum Führer von den Deutschen Christen nicht übertreffen liessen. X. sprach gegen dieses Bekenntnis. zum Nationalsozialismus und erklärte, dass er als Gegner des Nationalsozialismus diese Entschliessung nicht annehmen könne. Wenn man Wert auf die Einstimmigkeit der Entschliessung lege, müsse man das Bekennthis zum Nationalsozialismus von dieser rein kirchlichen Angelegenheit trennen und weglassen. Diese Ausführungen wurden bekannt und bald stellte sich der" Volkszorn" ein. Der Pfarrer musste aus seiner Gemeinde verschwinden. Die Auffassungen dieses Pfarrers zum Kirchenstreit lassen A- 45sich dahingehend zusammenfassen: Es ist ganz falsch, den Kirchendtreit irgendwie politisch werten zu wollen. Darüber dürfen auch die Kirchenbesuche nicht hinwegtäuschen, die oft genug bei den Bekenntnispfarrern sehr gut und bei Deutschen Christen sehr schlecht sind. Das sind Fragen persönlicher Sympathie oder Antipathie. Organisatorisch steht die Bekenntniskirche vor der Liquidation. Die Verbote: 1. der Aufnahme von Anzeigen in den Kirchenblättern; 2. der Publikation einer politischen Wochenübersicht in diesen Blättern und 3. für alle Beamten, innerhalb dieser kirchlichen Organisationen Ehrenämter zu bekleiden und Mitarbeit zu leisten, sind drei der wichtigsten Punkte, die die Liquidation beschleunigen würden. Aehnliche Auffassungen äusserte der bekannte Theologe Karl Barth in einem Brief an einen Elberfelder Pfarrer der Bekennt niskirche. Dieser Brief ist von der Zensur abgefangen und den Deutschen Christen in die Hände gespielt worden. Die Deutschen Christen haben den Brief in ihrem Mitteilungsblatt als Beweis für die Resignation veröffentlicht, die selbst einen so aktiven Mann wie Barth, angesichts der schwachen Haltung der Bekenntniskirchenleitung erfasst hat. Der spät entbrannte Streit um kirchliche Gewissensfragen flammte erst in einem Augenblick auf, als die allein für die Kirche massgebende Organisationsfrage bereits zu ihren Ungunsten entschieden war. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Einführung des Führerprinzips warf die Kirchenleitung unter Führung von Kapler die Kirchenverfassung als" demokratisches Ueberbleibsel" über Bord. Diese Konzession an die Regierung sollte einen Erfolg in der Bischofsfrage bringen. Als man einsehen musste, dass die Nationalsozialisten für dieses Anbiedern keinen Dank wussten, war es zu spät. Die Kirchenverfassungen hatte man selbst preisgegeben und der nun einsetzende Streit wurde ohne Plattform geführt. Sehr mutig und deutlich hat das Freiherr von Pekmann in seinen Briefen zum Ausdruck gebracht. Er hat auch als einziger die allein mögliche Konsequenz gezogen und ist aus der Kirchenleitung ausgeschieden. Was heute als Opposition erscheint, ist wirklich nur Schei Selbst in rein kirchlichen Fragen hat man nicht den Mut zu selbstbewusstem Handeln. So hat beispielsweise Mahrarens seinen Plan, die Führer anderer Landeskirchen( z. B. den Erzbischof von Canterbury) in rein kirchlichen Fragen zu besuchen, sofort aufgegeben, als ihm staatliche Stellen erklärten, das würde man als Hochverrat bewerten. Sachsen, 1. Bericht: Die sächsischen Pfarrerverhaftungen erregten tiefe Verstimmungen in kirchlichen, bürgerlichen Kreisen. Zu Pfingsten zog ein Posaunenchor zum Konzentrationslager Sachsenburg hinauf, um dort eingesperrten Geistlichen ein Ständchen zu bringen. SA trat dazwischen und hielt die Posaunenbläser bis zum Abend auf der Sachsenburg fest. Die verhaftet gewesenen Pfarrer man hat ihnen übrigens im A- 4Konzentrationslager das Haar kurz geschoren- werden sehr geachtet, auch in Kreisen, die sonst nicht viel mit Geistlichen zu tun haben wollten. So hörte ich von einem aus dem Konzentrationslager entlassenen protestantischen Pfarrer, dass ihn häufig Lehrer besuchen, um ihm ihr Herz auszuschütten. Der theologische Nachwuchs steht fast ganz hinter der Bekenntniskirche. Das auslösende Moment für die protestantische Kirchenopposition ist das Religiöse gewesen, aber die aufgerüttelten Leute sehen z.T. jetzt auch den Zusammenhang der Kirchenfrage mit den anderen Totalitätsansprüchen im Faschismus. Vielen Menschen erweitert sich dadurch der Blick, sie beginnen, politisch denken zu lernen. Im Gegensatz zu der Lage bei den Katholiken fehlt in Sachsen dem protestantischen Kirchenkampf die Resonanz in breiten Volksschichten. Der Kirchenkampf bleibt doch mehr oder weniger die Angelegenheit bürgerlicher und intellektueller Schichten. Die Arbeiterschaft nimmt keinen Anteil daran. Die gerade in Sachsen vorhandene Freidenkerhaltung lässt aber viele Arbeiter zustimmendes Interesse für den antikirchlichen Kampf Reventlows, Hauers usw. äussern, ohne dass dadurch die Feindschaft gegen das Dritte Reich eine Milderung erfährt. 2. Bericht: Der in der Markusgemeinde in Chemnitz- Sonnenberg tätige Pfarrer Albertie Verfasser des Buches" Gott und der Krieg"- ist dieses Jahr im April verhaftet und nach Sachsenburg gebracht worden. Schon 1934 gehörte Albertie zu den" Schutzhäftlingen". Während aber im vorigen Jahre die Verhaftung keine Wirkungen in der Bevölkerung hinterlassen hatte, war die Kirche in den 7 Wochen, in denen Albertie diesmal in Haft war, fast nicht besucht. Bei seiner ersten Predigt nach der Freilassung dagegen war die Kirche überfüllt. Selbst auf dem Kirchplatz und auf dem gegenüberliegenden Körnerplatz standen die Menschen, um ihren Pfarrer wenigstens nach dem Gottesdienst zu sehen. Aber es kam anders: Die SA veranstaltete nach dem Gottesdienst ein Konzert auf dem Körnerplatz und schon nach kurzer Zeit war der Platz fast leer. 3. Bericht: In der Pauluskirche in Zwickau sind zwei Pfarrer und zwar Pfarrer Gocht, der der Bekenntniskirche angehört, und ein Nazipfarrer. Wenn Gocht predigt, ist die Kirche gestopft voll. Beim Nazi ist die Kirche gähnend leer. Gocht ist bereits einmal zwei Tage vom Kirchendienst entlassen worden und stand in der Gefahr, in Haft genommen zu werden. Die Kirchengemeinde hatte aber fast 2000 Unterschriften gesammelt und daraufhin wurde Gocht wieder in Dienst gestellt. Die Kirchengemeinde hat eine Unterstützungskasse, für die an. einem Sonntag eine Kollekte gesammelt wurde. Der Kirchendiener aber, der auch ein Nazi ist, stellte das Sammelbecken bei dem hinteren Ausgang der Sakristei auf, um einen Erfolg der Sammlung zu verhindern. Doch die Kirchenbesucher, die dahinter kamen, gingen darauf nicht durch den Hauptausgang der Kirche, sondern durch den hinteren Ausgang der Kirchensakristei, wo das Sammelbecken aufgestellt war. Das Sammelbecken war voll von Münzen und wurde samt Inhalt beschlagnahmt. Für diese Unterstützungskasse darf keine Kollekte mehr gesammelt werden, weil das den Zielen der NSV entgegenarbeitet. 4. Bericht: Ein Pfarrer aus der Gegend von Dresden wurde gemassregelt, weil er von der Kanzel herunter behauptet hat: Die Sünder und sogenannten Heiden, die Feinde der Kirche, müsse man unter den Braunhemden suchen. Er wurde darauf verhaftet, nach einiger Zeit jedoch wieder freigelassen, durfte aber in der Kirche nicht predigen; ausserdem erhielt er kein Gehalt. Er predigte dann auf Bauernhöfen, in Scheunen, bis die örtliche Nazileitung diesen immer stärker werdenden ausserkirchlichen Predigten nicht mehr zusehen konnte und den Pfarrer schliesslich wieder, aber ohne Gehalt, in der Kirche predigen liess. Die Kirche ist seitdem natürlich viel voller als zuvor. In Kunnersdorf in Sachsen war, wie bereits wiederholt berichtet wurde, der Geistliche am Predigen verhindert und später verhaftet worden. Anfang Oktober wurde er wieder in Amt und Würden eingesetzt. Vorher ging eine Wahl, zu der die Behörden zwei Kandidaten vorgeschlagen hatten.( Die Kirchengemeinde umfasst zwei politische Gemeinden). Alle Abstimmungsberechtigte stimmten aber für den alten Geistlichen und zwar mit 3000 Stimmen, während lediglich 2 Stimmen gegen ihn abgegeben wurden. 5.Bericht: Die Erregung in Kirchenkreisen über die Bevormundung von oben hält an. Da aber die sächsische protestantische Bevölkerung von jeher kirchlich etwas indifferent war, so ist das hier alles mehr eine Angelegenheit der Pfarrer und sonstiger kirchlicher Interessenten. Wenn sich die Geistlichkeit Sachsens nicht von jeher so arbeiterfeindlich gezeigt hätte, könnte sie jetzt auf grössere Sympathien hoffen. Aber so empfindet ein grosser Teil der arbeitenden Bevölkerung, die zudem klassenmässig mit den hochbesoldeten Geistlichen natürlich gar nicht solidarisiert, über die Verfolgungen und Enttäuschungen, die das Regime den Pfarrern bereitet, vielfach nur Gleichgültigkeit oder gar Schadenfreude. Denn man weiss doch zu genau, dass auch die Kirche für die sozialen und gesellschaftlichen Forderungen der Arbeiterschichten nichts übrig hat und materiell nur auf ihren Vorteil bedacht ist. Die Stellung der Kirche dem Regime gegenüber wird als sehr schwach angesehen. Der Staat benützt die Ideologie, welche die Kirche selbst mit geschaffen und gefördert hat, nämlich den Hass gegen den Sozialismus, jetzt als Waffe gegen die Kirche selbst. Die Opposition der Kirche gegen den Staat, besonders der Widerstand der konfessionellen Jugend, wird von oben her als eine getarnte" kommunistische" Sache, als staatsfeindlich hingestellt, als eine von den unterirdischen marxistischen Kräften inszenierte Bewegung diffamiert, und damit ist auch in Sachsen in die Reihen der kirchentreuen A- 48 Kreise Verwirrung, Angst und Unsicherheit getragen worden. Die protestantische Kirche erlebt eben, sicher ohne dass es der Mehrzahl der Geistlichen klar bewusst wird, dass sie sich im Klassenkampf klar entscheiden muss, entweder für das kapitalistische Regime oder für die sozialistische Arbeiterbevölkerung. Da die bürgerliche Pfarrerkirche natürlich nur das erste will, so muss sie sich auch der Diktatur eines Regimes fügen, die den Kapitalismus mit ihren Methoden und Totalitätsansprüchen retten will. Für die revolutionäre Arbeiterschaft in Sachsen ist das Kirchenproblem damit entschieden, es hat nie ein besonders grosses Interesse erwecken können, weil man die innere Einstellung der deutschnationalen Stahlhelmpfarrer doch zu genau kannte. Man amüsiert sich höchstens über die inneren Familienstreitigkeiten und Schwierigkeiten im Lager der Bourgeoisie, deren innere Zerrissenheit natürlich für die Ueberwindung des Faschismus manchen Vorteil darstellen könne. Aber dass sich die protestantische Kirche in Sachsen jemals im Rahmen einer Volksfront zum Zusammengehen mit sozialistischen Arbeitern gegen das Hitlerregime aufraffen könnte, hält man für ganz ausgeschlossen. Lieber werden sich diese Kreise jahrzehntelang noch Schlimmeres als bisher gefallen lassen. 2) Aus dem katholischen Lager Der Vorwurf, dass die Kirchen durch ihre Politik des Taktierens und Paktierens erst dem System ermöglicht haben, den Kirchenstreit von der Ebene der grundsätzlichen Auseinandersetzungen auf das Niveau der moralischen Diffamierung hinabzuzerren, dieser Vorwurf trifft die katholische Kirche in nicht geringerem Masse als die evangelische. Sie hat es zugelassen, dass das System monatelang den Kulturkampf als Kampf gegen Devisenschieber drapierte. Und noch mehr. Sie hat nicht nur alles unterlassen, um die wahren Absichten des Regimes zu entlarven, sie hat seinen Methoden auch noch mittelbar Vorschub geleistet: Die hohe Geistlichkeit hat es für taktisch zweckmässig erachtet, die Angeklagten des Devisenprozesses auch vom Standpunkt der Kirche aus zu verurteilen, obgleich jedermann klar ist, A- 49 dass diese Prozesse eine politische und finanzielle Aktion des Systems gegen die katholische Kirche sind.( Bis jetzt sind gegen etwa 30 Angeklagte rund 4 Millionen RMark an Geldstrafen und Vermögenseinziehungen verhängt worden, für die in allen Fällen die Orden mithaften. Ein hoher Geistlicher hat in vertrautem Kreise diese Methode treffend gekennzeichnet. als" eine neue Art der Säkularisation, die des Dritten Reiches würdig ist.") 11 So ist die katholische Kirche in eine taktische Position geraten, in der sie widerstandslos alles das hinnehmen muss, wOvor sie sich durch das Konkordat zu schützen hoffte: Die Auflösung von Arbeiter- und Gesellenvereinen, von Jungmänner- und Jungmädchen- Vereinen, das Verbat der Doppelmitgliedschaft in der Arbeitsfront und im katholischen Arbeiterverein, die nichtabreissende Kette von Verurteilungen wegen Kanzelmissbrauchs, die Verhängung von Pfarrerausweisungen, die anfänglich nur gegen die Bekenntniskirche angewendet worden waren, die Veranstaltung von" spontanen Volkskundgebungen" gegen Geistliche, die Erschwerung des katholischen Religionsunterrichts, die Zurückdrängung der katholischen Caritas aus der Wohlfahrtspflege, die Bestrafungen wegen Abreissens parteiamtlicher Hetzplakate gegen die" Dunkelmänner" und wegen Unterlassung der Beflaggung der Kirchengebäude mit der Hakenkreuzfahne usw. usw. Die Opfer, die offener, unerbittlicher, grosser Kampf zwischen der katholischen Kirche und dem System gekostet hätte, sie müssen jetzt doch gebracht werden, aber längst nicht mit der weithin leuchtenden, befreienden Kraft unüberwindlicher Glaubensstärke, die von ihnen hätte ausstrahlen können. Neuerdings hat der Kampf des Systems auch gegen die katholische Kirche eine weitere Verschärfung erfahren. Eine Reihe hoher katholischer Funktionäre ist nicht wegen Devisenvergehen- verhaftet worden, darunter der Leiter des episkopalen Informationsdienstes Domkapitular und Prälat Dr. Banasch und ier Generalsekretär des Katholischen Jungmännerverbandes Jakob Clemens. Es bleibt abzuwarten, welche Haltung die katho A- 50lische Kirche bei weiterer Zuspitzung der Lage einnehmen wird. Wir lassen eine Auswahl aus unseren Berichten folgen: Westfalen, 1. Bericht: Das bekannte Plakat der NSDAP gegen die Dunkelmänner" Deutsches Volk horch auf!" schlachtet auch die Kirchenschändung in Bocholt aus. In Wahrheit handelt es sich dabei um einen gemeinen Terrorakt der Nazis. Der wirkliche Tatbestand verhält sich folgendermassen: Nach der Rede Rosenbergs in Münster ist in Bocholt in Westfalen ein Altar in nicht wiederzugebender Weise beschmutzt worden. Als Täter hat die gesamte Bevölkerung Mitglieder der SA- Schule Velen i.W. in berechtigtem Verdacht. Die Gestapo aus Recklinghausen nahm sich der Sache an und plötzlich war ein Täter entdeckt. Gleichzeitig lag auch das Geständnis schon vor. Danach sollte es ein katholischer Einwohner der Stadt Bocholt sein, der diese gemeine Tat verübt hatte, um den armen, unschuldigen Nazis etwas am Zeuge zu flicken. Nach einiger Zeit wurde der" Täter" nach Münster in das Untersuchungsgefängnis übergeführt. Hier hat er vor dem Anstaltsgeistlichen, den er zu sprechen wünschte, alles, aber auch alles widerrufen. Er war zu einem" Geständnis in geradezu bestialischer Weise gezwungen worden. Die Spuren der Misshandlungen sind am ganzen Körper in Gestalt von Striemen und blutunterlaufenen Stellen sichtbar. Einen Beweis dafür, wie man solche Dinge schiebt, bringt folgender Vorfall: Am Sonntag, den 18. August fand in der an der holländischen Grenze gelegenen Stadt Gronau ein Aufmarsch der SA- Standarte aus Herne i.W. statt. Früh am Morgen kam ein Trupp SA- Männer in das katholische Vereinshaus " Concordia" und verlangte Alkohol. Sie wurden in das Gesellschaftszimmer geführt und wunschgemäss bedient. Nach einiger Zeit merkte die Wirtin, dass von der Wand mehrere Bilder und zwei Kreidebüsten verschwunden waren. Es waren Bilder des Gesellenvaters Kolping, sowie des Bischofs Ketteler, Windthorts und des derzeitigen Bischofs von Münster Clemens August Graf von Galen. Vom Wirt zur Rede gestellt, erklärten die Helden, von nichts zu wissen. Nun forscht der Wirt, während seine Frau die unliebsamen Gäste beim Kassieren der Zeche hinhält, nach und findet die Bilder und Büsten zertrümmert in den Abortanlagen Nach Rosenbergs Rede in Münster erklärte ein höherer Nazifunktionär: Wir wissen ganz genau, dass wir im katholischen Westen sehr schweren Zeiten entgegengehen. Solange wir nicht den Fehler machten, die Religion zu bekämpfen hatten wir hunderte junge Katholiken aktiv und begeistert in unseren Reihen. Sie sind dann immer zurückhaltender und passiver geworden. Selten sind diese SA- und SS- Leute aus ihren Formationen formell ausgeschieden. Religiöse Bedenken halten sie davon zurück, den ihrer Truppe geschworenen Eid zu brechen. Wenn der Papst aber die Katholiken in unseren Reihen ihres Eides für unsere Fahne und für Hitler ledig spricht, dann ist sicher mit einem formellen Abgang von 50% zu rechnen. A-Im Westen liegt die Sache heute so, dass in den rein katholischen Bezirken unsere Gegner zahlenmässig ungeheuer gewachsen sind." In Duisburg sollte der Pater Muckermann 6 Vorträge in der Kirche halten. Am ersten Abend gab es vor der Kirche provozierende Aufläufe, am zweiten Abend wurden die Kirchenbesucher angerempelt. Am dritten Abend erschien Gestapo in der Sakristei und erteilte Muckermann ein Sprechverbot. Muckermann hat daraufhin unauffällig die Kirche verlassen. Ein Pfarrer teilte von der Kanzel der zahlreichen Besucherschaft das Verbot mit. Er bat um ruhiges Hinnehmen und forderte die Gläubigen zum Gebet auf. Als die Kirche sich später leerte, wurde die katholische Jugend von der auf sie vor der Kirche wartenden Hitlerjugend schwer verprügelt. Dann zog die Hitlerjugend vor das Grals- und Gesellenhaus, zwei katholische Heime, holte die Tische und Stühle auf den freien Platz davor, zertrümmerte die Einrichtung und zündete den Trümmerstapel an. Polizei und SA standen dabei, ohne einzugreifen. In allen Orten hat die Bevölkerung das widerliche Plakat gegen die Katholiken" Deutsches Volk horch auf" mit taktvoller Zurückhaltung beantwortet. Auch an amtliche katholische Gebäude wurde das Plakat geklebt. Nach drei Tagen waren die Plakate in X. fast restlos abgerissen. Es wurde festgestellt, dass Kinder die Plakate beseitigt hatten. Die Väter der festgestellten Kinder wurden in Haft genommen und vom Schnellrichter zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. 2. Bericht: Durch die Plakathetze und die wegen Abreissens der Plakate erfolgten Bestrafungen ist eine allgemeine ausgesprochene Wut in der katholischen Bevölkerung entstanden. Die Bestraften werden von der Kanzel herunter namentlich verlesen. Es wird vom Pfarrer gebeten, für diese in Gott festen Gläubigen zu beten. Also Märtyrertum in reinster Vollendung. Dazu kommt der Hirtenbrief der katholischen Bischöfe.- Von einem Einlenken der Kirche ist hier nichts zu merken, wenn es auch in der Oeffentlichkeit ruhiger geworden ist. Tatsache ist aber, dass die Katholiken jetzt eine gutorganisierte illegale Arbeit leisten. Es ist seither auf diese Arbeit mit zurückzuführen, dass sich die Zentrumsarbeiter ausnahmslos zu den Sozialdemokraten in bester Kameradschaft stellen. In den Betrieben werden die Mitglieder katholischer Arbeitervereine vor die Alternative gestellt, entweder aus dem Arbeiterverein oder aus der Deutschen Arbeitsfront auszuscheiden. Da gleichzeitig auf die Betriebsordnungen verwiesen wird, in denen vielfach die Mitgliedschaft bei der Arbeitsfront als Voraussetzung für die Behaltung der Arbeitsstelle bezeichnet wird, können Zweifel über die Folgen eines Austritts aus der Arbeitsfront nicht bestehen. Hier in Y. sind mindestens 300 bis 350 katholische Arbeiter und Gesellen aus der Arbeitsfront ausgetreten. Man macht hier ganz offen, auch in evangelischen Kreisen Propaganda A-gegen die DAF. Es ist auch vorgekommen, dass aus der DAF ausgetretene Arbeiter zu Sozialdemokraten kamen und sagten, ich habe jetzt den Trennungsstrich zwischen mir und den Nazis gezogen. Mir selbst hat ein solcher Arbeiter zum Beweis die Satzungen der Arbeitsfront und die letzte Maifeierplakette mit der Arbeitsfrontnadel überreicht. Dabei bemerkte er, dass er sich nicht erst im letzten Augenblick von den Nazis abwenden wolle, sondern jetzt schon den Beweis dafür erbringen möchte, dass er wieder ein anständiger Arbeiter geworden sei. 3. Bericht: Zu einem katholischen Geistlichen kam vor kurzem der Postbote und brachte ihm zwei Pakete. Dem Geistlichen kam diese Zusendung verdächtig vor und er bat den Postboten zu bleiben, indessen er die Pakete öffnete. Zum Vorschein kamen kommunistische Flugblätter gegen die braune Regierung. Der Geistliche telefonierte sofort an die Polizei und berichtete diesen Vorfall. Einige Minuten nach dem Telefongespräch erschienen bei dem Geistlichen drei SA- Leute, um Haussuchung zu halten. Der Geistliche gab ihnen gleich zu verstehen, dass er die Flugblätter schon der Polizei abgeliefert habe. Die SA-Leute zogen mit langen Gesichtern ab. Rheinland, 1.Bericht: Die Kirchen sind immer überfüllt. Es sind nicht immer nur gläubige Christen, die sich da einfinden; das gilt auch für die Prozessionen. Bei den letzteren gehen viele evangelische und auch sonst viele Leute mit, die innerlich kaum etwas mit der katholischen Kirche zu tun haben. Immerhin aber kann auch nicht bezweifelt werden, dass in den letzten zwei Jahren mancher zur Kirche zurückgefunden hat. Man muss jetzt einmal so eine Prozession gesehen haben, an der sich übrigens viele Männer beteiligen. Da ist etwas anders geworden gegen früher, es ist nicht mehr nur Demut, die sich öffentlich zeigt, es ist etwas in den Minen der Männer, was auffällt, es ist der Geist der Opposition gegen die Gewalt. So eine gewaltige Masse, wenn sie durch die Stadt zieht, wirkt in ihrer äusseren Ruhe und in der jetzigen Zeit geradezu erschütternd. Man hat das Gefühl, dass sich diese Stimmung eines Tages entladen kann. Es ist ungeheuer viel Sprengstoff vorhanden. Die Kirche arbeitet an einer planmässigen Schulung ihrer Anhänger. Diese Schulung erfolgt hauptsächlich in der Kirche, in den Kirchenzeitungen, in den Vereinen, die noch bestehen und die, wenn verboten, illegale weiter bestehen. Die Reden und Aufsätze werden immer geschliffener, aber die Wirkung ist unverkennbar. Der Klerus hat seine Anhänger fest in der Hand. 2. Bericht: Aus einer Unterhaltung mit einem Pater. Der Pater betrachtete mich zunächst mit grossem Misstrauen, später wurde er offener, auch nachdem er wusste, dass ich Sozialist bin. Ich hatte sogar den Eindruck, als habe er auf eine A-53Unterhaltung mit einem Sozialisten geradezu gewartet. Er betonte, dass es an der Zeit sei, dass sich die Katholiken anders als früher einstellten. Der Kampf gegen die Soziali sten nach dem früheren Muster sei überholt. Man müsse die Jugend darauf vorbereiten, dass sie sich mit dem Sozialismus positiv auseinandersetzen müsse. Die alten Schlagworte, die man früher gegen die Sozialisten angewendet habe, seien nicht mehr zeitgemäss. Der Sozialismus komme. Und deswegen seien heute die Sozialisten auch als wirkliche Bundesgenossen zu betrachten. Im übrigen gelte es, Bundesgenossen gegen Hitler zu suchen, wo man sie finde. In einem anderen Gespräch brachte ein Kaplan eine ähnliche Auffassung zum Ausdruck. Er ging sogar noch etwas weiter und betonte die politische Notwendigkeit des Zusammengehens mit allen oppositionellen Gruppen, besonders mit den Sozialisten. Eine einzige Richtung könne Hitler nicht stürzen. Im übrigen seien ja die Grundsätze der Sozialisten in vielen Fragen dieselben wie die der Katholischen Kirche. In katholischen Kreisen spreche man heute viel vom Sozialismus, besonders in Kolping- und Ju- gendkreisen. Die Kirche habe in der Vergangenheit in diesen Fragen viel Fehler gemacht; es gelte, diese Fehler wieder gut zu machen. Wenn sich die Katholiken nicht mit den Sozialisten verständigten, dann würde die Geschichte über sie hinweggehen. Die Abneigung vieler Arbeiter gegen die Kirche sei in der Vergangenheit weniger Feindschaft gegen das Christentum, als vielmehr aus der Tatsache heraus zu erklären, dass die Kirche zu sehr die Interessen des Grosskapitals vertreten habe. 3. Bericht: Aeusserlich scheint der Kampf gegen die katholische Kirche nachzulassen. Die Bischöfe haben dem Scheine nach ihre Opposition eingeschränkt. Unter der Decke aber geht der Kampf weiter. Es ist besonders die katholische Jugend, die kämpfen will. Die Bischöfe befürchten, dass die Opposition der Jugend immer mehr eine politische wird und sie haben Angst, dass daraus schwere Gefahren für die Kirche entstehen könnten. Viele Pfarrer jedoch stehen auf dem Standpunkt der Jugend. Nach der Meinung dieser Gruppen kann der Kampf gar nicht anders als politisch ausgetragen werden. Dabei spielt bei den Pfarrern auch die Befürchtung mit, dass die katholische Jugend zu den Sozialdemokraten und Kommunisten abschwimmen könnte, wenn die Bischöfe der Strömung der Jugend nicht nachgeben würden. Das Urteil gegen den Bischof von Meissen wird im Volke ganz anders aufgenommen, als ursprünglich geglaubt wurde. Man sagt jetzt:" Die Kleinen steckt man ins Zuchthaus und. die Grossen bestraft man mit Geldstrafe." Südwestdeutschland, 1. Bericht: Der Kampf der Nazis gegen die katholischen Orden stösst in dem katholischen Volksteil auf ungeheuer starke Ablehnung und zwar ist die Ablehnung umso stärker, je einfacher die Menschen sind. Man erkennt A- 54auch in den katholischen Kreisen durchaus, dass die hohen Geldstrafen, zu denen die Angeklagten verurteilt werden, den Zweck verfolgen sollen, die Orden finanziell zu ruinieren. Wenn man den Kampf der katholischen Kirche gegen das Dritte Reich richtig verstehen will, muss man ihre Eigenart in Rechnung stellen. Heute ist sich die katholische Kirche darüber klar geworden, dass der Kampf nicht mehr um die Gewinnung eines Lebensraumes innerhalb des nationalsoziali stischen Regimes gehen kann, sondern dass Christentum und Hitlertum unvereinbare Gegensätze sind, nicht nur wegen des Totalitätsanspruchs der Nationalsozialisten, sondern auch wegen der Rassenlehre und Sterilisation usw. Für die Wendung der Einstellung zum Nationalsozialismus ist z.B. bezeichnend, dass der Erzbischof Gröber und der Bischof v. Gahlen von Münster die einzigen Bischöfe waren, die für Hitler eintraten. Gahlen gehörte sogar zum Papenkreise. Aber bei all dem muss man bedenken, dass die katholische Kirche nicht mit Jahren rechnet, sondern mit Jahrhunderten. Es sind auch nur kleine Gruppen, die einen politisch aktiven Kampf gegen die Nationalsozialisten führen. Die grosse Masse ist passiv. Man hat hier spezifische kirchliche ormen des Zusammenschluss und der gegenseitigen Stärkung gefunden, über die im Interesse dieser Bewegung nichts Näheres berichtet werden kann. Insbesondere auch in der katholischen Jugend findet man viel entschiedene Opposition. Man kann immer wieder beobachten, dass Kinder aus den katholischen Jungscharen alles daran setzen, um Klassenkameraden dazu zu brin gen, aus der HJ auszutreten. 2.Bericht: Es ist zu beobachten, dass das Vorgehen gegen die Katholiken von unseren früheren Genossen mit Freude gesehen wird. Alle, mit denen man zusammenkommt, sagen: das geschieht dieser Gesellschaft ganz recht, denn die sind hauptsächlich schuld, dass Hitler zur Macht kam. Die waren der Ansicht, dass, wenn Sozialdemokraten und Kommunisten sowie die Freidenker verboten sind, dann könnten sie wieder ihre Geschäfte machen und auch die Nazis würden ihnen dann ihre Wünsche erfüllen. Wenn man dann Gelegenheit hat, mit früher führenden Leuten der Zentrumspartei zu reden, und man hält ihnen dies vor, dann geben sie auch zu, dass sie so gerechnet haben. Ich selbst habe schon wiederholt den Zentrümlern die gleichen Vorhaltungen gemacht und alle haben mir dann erklärt, dass sie dieses Vorgehen der Nazis nicht erwartet haben. Die Erbitterung in den katholischen Kreisen wird von Tag zu Tag grösser, alle erwarten irgend eine scharfe Stellungnahme von Rom aus, damit die deutschen Bischöfe endlich einmal etwas gegen die Bedrückungen unternehmen würden. Besonders in den katholischen Landorten ist die Stimmung direkt gedrückt. 3. Bericht: Spricht man mit Katholiken, so sind alle über die Stellungnahme der Bischöfe in Fulda enttäuscht. Einer A- 55 sagte zu mir:" Ja, was sollen denn wir machen, wenn diese grossen Herren nicht einmal den Mut aufbringen, sich gegen die Ungerechtigkeiten zu wehren." Empört sind die Katholiken vor allem darüber, dass man die Kinder im Jungvolk und in der Hitlerjugend dazu gebraucht hat, Propaganda gegen die Katholiken und insbesondere gegen die Pfarrer zu machen. Dazu noch Kinder, die aus gut katholischer Familie sind und nur gezwungen der HJ angehören. Im Vorraum des Postscheckamtes in Frankfurt/ Main wurde ebenfalls das Plakat:" Deutsches Volk, horche auf" ange bracht, Der Post direktor wandte sich an die Reichspostdirektion und bat um Stellungnahme. Die Reichspostdirektion veranlasste die Entfernung dieses Plakates unter Berufung auf eine Verfügung des Reichspostministeriums. Daraufhin versammelten sich am anderen Morgen einige junge Leute, Burschen und Mädels, vor der Reichspostdirektion, um gegen die Entfernung des Plakats im Postscheckamt zu demonstrieren. Die Ansammlung verstärkte sich durch das Hinzukommen Neugieriger auf etwa 100 Personen. Der Präsident rief hierauf die Polizei an und ersuchte um Schutz. Die Polizei verhielt sich aber neutral. Kurz darauf erschien der Gauwalter der DAF, Becker und erklärte in einer Ansprache, dass dieser Vorfall seine Sühne finden werde. Der Präsident der RPD ist bis zur Klarstellung des Falles beurlaubt worden. 4. Bericht:( Württemberg): Hier wird derselbe Kurs gegen die Kirchen wie in den übrigen Reichsteilen eingehalten, vor allem schärfste Verfolgung jeder konfessionellen Vereinsarbeit. Unter dem 1.. November hat der württembergische Innenminister erneut den Erlass des Reichsministers gegen die Abhaltung konfessioneller Mütterschulungskurse den Oberämterr und Gemeindebehörden in Erinnerung gebracht und angeordnet, dass jeder Versuch, der Arbeit des Reichsmütterdienstes entgegenzuwirken, abzuwehren ist. Bayern, 1.Bericht: In Bayern müssen die Angehörigen der Arbeitsfront aus den katholischen Arbeiterorganisationen ausscheiden. Wie wir von verschiedenen Seiten übereinstimmend erfahren, melden sich die Arbeiter bei ihrem Verein offiziell ab, bleiben aber illegal Mitglied und bezahlen ihre Beiträge weiter. Die katholischen Organisationen werden so auf die Bahn der illegalen Tätigkeit gedrängt. Viele Pfarrer zeigen dem Regime offen die Stirn. Ihr Mut löst bei unseren Freunden grosse Bewunderung aus. Die Fälle, die hier angeführt werden, wiederholen sich vielfach, In einem Ort war nach der sonntäglichen Vesper immer eine kleine Ansprache des Pfarrers. Jetzt muss diese Ansprache angemeldet werden und Vertreter der Nazis erscheinen dabei, Der Pfarrer weigerte sich, die oberen Organe der Partei, die er genau kannte und die in Uniform erschienen waren, zu begrüssen. Er wurde auf diese Unhöflichkeit gegen die Vertreter des Staates aufmerksam gemacht und erklärte dann öffentlich: A- 5 " Ich habe in meiner üblichen kurzen Rede das gesagt, was ich zu sagen für nötig fand. Ich habe nicht die Pflicht, jede einzelne Person zu begrüssen. Ich kenne hier an diesem Ort Gläubige und keine Vertreter weltlicher Organisationen." In Zwiesel war der alte Volksparteiler Dötsch noch immer Inhaber des Verlagsbetriebes Bayr. Waldzeitung. Seit längerer Zeit wurde von den Nazis eine wüste Hetze gegen ihn betrieben. Am 17. 8. wollte man ihn wegen einer angeblich abfälligen Aeusserung über einen Demonstrationszug er soll ihn einem Freund gegenüber Faschingszug genannt haben verhaften. Dötsch, der rechtzeitig Kenntnis davon bekam, flüchtete. Vor seinem Hause fanden dann am 18. demonstrative Zusammenrottungen statt, die von den Nazis inszeniert waren. Das Kind und die Frau des Dötsch wurden gemein beschimpft, er selbst als ein Landesverräter bezeichnet, der sich feig zu seinen Freunden in die Tschechoslovakei geflüchtet habe. Der Zeitungsbetrieb wurde gesperrt. Dötsch, der bei einem Geistlichen Unterschlupf gesucht hatte, wurde dort aufgestöbert und mittels Auto verfolgt. Er wandte sich dann nach München und hat sich dort der Polizei selbst gestellt. Er wurde in Schutzhaft genommen und soll inzwischen nach Dachau gebracht worden sein. Sein Zeitungsbetrieb war 3 Wochen gesperrt und wurde dann wieder eröffnet. Bei der katholischen Bevölkerung, in der Dötsch grosses Ansehen geniesst, hat dieser Uebergriff begreifliche Erregung hervorgerufen. 2.Bericht: Am 9. November wurde zum ersten Male auf der Münchner Theatinerkirche am Odeonsplatz die Hissung des Hakenkreuzbanners erzwungen. Die Katholiken haben dagegen Einspruch erhoben, jedoch ohne Erfolg. Als die Fahne gezeigt wurde, haben sie nationalsozialistische Gruppen mit Triumphgeschrei begrüsst. Katholische Geistliche werden auf den Strassen angepöbelt. In der Feilitzschstrasse z. B. ging eine Arbeiterfrau mit ihrer Markttasche vom Einkauf heim. Es begegneten ihr zwei Ordensbrüder. Als sie ihrer ansichtig wurde, schrie sie sie an:" Was wollen denn die zwei Schlawiner da? Seid's ihr denn noch net verschwunden?" Dann begann sie eine Menge Schimpfworte zu schreien. Andere Passanten beteiligten sich an dem Geschimpfe auf die Ordensgeistlichen. Diese gingen unverwandt ihres Weges. Die Devisen prozesse lösen, soweit man es nicht gerade mit strengkatholischen Personen zu tun hat, grösste Befriedigung aus. Man ist empört über den Staatsbetrug der" Schwarzen Brüder". Die ausgesprochen katholische Bevölkerung wagt nicht derartige Vergehen zu verteidigen. Wie bereits berichtet, hat die durch die Nazi organisationen unmöglich gemachte Caritas- Sammlung bei den gläubigen Katholiken eine Opferfreudigkeit sondergleichen ausgelöst. Wir wis sen, dass in die Opferstöcke in den Kirchen grosse Geldsummen eingeworfen wurden. In der X.- kirche z.B. wurden in den Sammelbüchsen sogar 100 Mark- Scheine gefunden. Sogar Juden A- 54haben dafür geopfert. 3. Bericht: Die Auffassung der Katholiken geht überwiegend dahin, möglichst lange abzuwarten. Sie sagen sich: je länger es dauert, umso grösser wird die Unzufriedenheit des Volkes und umso grösser werden unsere Aussichten. In der Zwischenzeit sind sie aber keineswegs inaktiv. Es ist erstaunlich, welche raffinierte Politik die Katholiken nach wie vor in der Aemterbesetzung zu treiben verstehen. Es gibt auch heute noch kein Amt, das mit einem Katholiken besetzt war, in das nicht wieder ein katholischer Nachfolger kommt. Wo erheblicher Widerstand der NSDAP zu erwarten ist, verstehen es die Katholiken von Anfang an, einen geeigneten katholischen P.0. oder S.A.- Mann als Bewerber zu lancieren. Man kann sagen, dass das System der katholischen Aemter- Patronage, das in der Republik in voller Blüte stand, nach wie vor funktioniert. 4.Bericht: Bei den katholischen Vereinen ist eine grosse Regsamkeit zu beobachten. Katholische Jungbauernvereine werden in der Oberpfalz in Jungmännervereine umbenannt, um auch Arbeiter aufnehmen zu können. Der" Bund der Marienmädchen" nennt sich den Nazis zum Trotz auch abgekürzt DbM. In Windischeschenbach( Bezirk Neustadt a. WN.) hat sich der katholische Gesellenverein, nachdem das Mittragen seiner Fahne verboten worden ist, ein grosses Holzkreuz angeschafft mit einem Christus und der Aufschrift:" Dir Christus getreu!". In Waldkirchen( Niederbayern) besteht ein Kinderheim, das von den Katholiken errichtet worden ist und bisher von katholischen Schwestern betreut wurde. Nun haben die Nazis die katholischen Schwestern entfernt und durch Nazi- Volksschwestern ersetzt. Ein grosser Teil der Eltern hat daraufhin ihre Kinder nicht mehr hingeschickt. In Lohr a.M. wurde die bisherige städtische Kinderschule, die von katholischen Schwestern geleitet wurde, in einen NSV- Kindergarten umgewandelt. Schlesien: Ueber die Devisen prozesse gegen die Geistlichkeit wird nur gelacht. Die Leute kennen den ganzen Korruptionssumpf der Nazis und wissen, dass alles vertuscht oder bagatellisiert wird. Man hört oft, dass die Zeitungen doppelt so stark erscheinen müssten, wenn die Nazi- Korruptionsgeschichten so aufgemacht würden wie die Devisenprozesse. Vor einiger Zeit/ gingen einige reichsdeutsche katholische Pfarrer bei X. über die Grenze. Sie gingen in das Gasthaus, wo sie eine Besprechung hatten. Sehr bald erschien ein Mann, der sich gleichfalls in dem Gasthaus niederliess. Er machte sich fleissig Notizen und verschwand, ehe die Geistlichen das Lokal verliessen. Als diese später wieder die Grenze passierten, stand schon ein Polizeiauto bereit, das sie samt dem jungen Mann in Empfang nahm. Sie wurden verhaftet und sofort nach X. gebracht. A-3) Der Kampf um die Jugend Der Kirchenkampf ist zu einem wesentlichen Teil ein Kampf um die Jugend. Auf der einen Seite stehen die Kirchen, die ihre Jugendarbeit nicht aufgeben wollen und können, ohne von den besten Teilen ihres Nachwuches abgeschnitten zu werden. Auf der anderen Seite steht die Hitler- Jugend, die im Kirchenstreit- ebenso wie auf anderen Gebieten vom System bewusst The als radikaler Vortrupp eingesetzt wird, weil man für diesen Zweig die Parteiorganisation am leichtesten nach aussen die Verantwortung ablehnen und ihn, wenn nötig, ohne Prestigeverlust zurückpfeifen kann. Die Hitler- Jugend hat dann auch die Devisenprozesse in besonders gehässiger Form ausgeschlachtet. Sie macht sich seit langem zum Vorkämpfer betont" deutschgläubiger", will sagen neuheidnischer Bestrebungen. Sie hat sich neuerdings auch in den Kampf um die Bekenntnisschule eingeschaltet und entfaltet eine lärmende Werbeaktion für die " Deutsche Gemeinschaftsschule". In ihrem Konkurrenzkampf mit den christlichen Jugendorganisationen sucht sie ihren Monopolanspruch auf die deutsche Jugend mit immer grösserer Schärfe durchzusetzen. Nachdem durch ein Abkommen mit der Bekenntniskirche die Ueberführung der evangelischen Jugendorganisationen in die Hitler- Jugend eingeleitet ist, konzentriert sich ihr Angriff vor allem auf die katholischen Jugendverbände. In diesem Kampf leistet die Staatsgewalt der Hitler- Jugend jede erdenkliche Unterstützung. Durch eine Anordnung des Gestapo- Chefs Himmler vom 23. Juli ist den konfessionellen Jugendverbänden jede Betätigung, die nicht rein kirchlich- religiöser Art ist, untersagt worden. Sie dürfen keine einheitliche Kleidung mehr tragen, sie dürfen weder Abzeichen tragen, noch Wimpel mitführen, sie dürfen keine Wanderungen und Zeltlager mehr veranstal ten und keinen Sport mehr treiben. Die Hitler- Jugend macht sich aus eigener Machtvollkommenheit zum Vollstrecker dieser Anordnung. Sie löst" illegale" Lager der konfessionellen Jugend auf, A- 9beschlagnahmt" Sportgeräte, Uniformen usw. Der Staat hilft it, indem er den Beamten" nahelegt", ihre Kinder nicht in kirchliche Jugend vereine, sondern in die Hitler- Jugend zu schicken.- Unsere Berichterstatter melden: Bayern, 1. Bericht: In Hungenberg bei Gössweinstein ( Fränkische Schweiz) war schon im vorigen Sommer der Pater Luhn aus Würzburg mit einer Jugendschar von 20 Jungen in einem Zeltlager. Diese Jugendgruppe nannte sich" katholischer Knabenhort Boscos in Würzburg". Der Pater trieb mit den Jungen Sport und Geländeübungen, dazu natürlich entsprechende religiöse Vorträge. Nun fiel in diese Zeit im vorigen Jahre die Volksabstimmung im Reiche und in der Gemeinde Hungenberg wurden mehr als 50 Prozent Neinstimmen abgegeben. Das buchte man auf das Konto des Paters Lühn und seines Jugendlagers. Deshalb verweigerte der Naziortsgruppenleiter Heinlein von Gössweinstein in diesem Jahre, dass diese katholische Jugendgruppe sich dort wieder niederlasse und ein Ferienlager errichte. Da entschloss sich der Bauer Habersberger, die Jungen bei sich aufzunehmen und so kamen diesmal 34 katholische Jungens mit ihrem Pater Luhn nach Hungenberg und quartierten sich bei dem Bauer Habersberger und seinen Nachbarn ein. Davon erfuhr der Nazi- Ortsgruppenleiter von Gössweinstein und unterrichtete die Hitler- JugendGebietsführung in Bayreuth, von der dann auch eine Abordnung am 12. August morgens 6 Uhr in Hungenberg erschien. Sie beschlagnahmte sofort eine Anzahl Sportgeräte und angeblich belastende Schriftstücke. Da es den konfessionellen Jugendvereinen verboten ist, Sport zu betreiben, Sportgeräte aber gefunden wurden, so wurde das kath. Jugendlager aufgehoben und die Kinder heimgeschickt. 2.Bericht: Der Regierungspräsident von Oberpfalz und Nieder bayern v. Holzschuher, hat eine Verfügung an alle Behörden seines Bezirks gerichtet, in der es heisst: Beamte und Staatsangestellte sind Diener des Staates, ihre Kinder können unter solchen Verhältnissen nur in der Staats jugend, das ist Jungvolk, Bdм und HJ, erfasst werden, nicht aber in Organisationen, deren geistige Führung in offener und versteckter Weise gegen diesen Staat arbeitet... Sämtliche mir unterstellten Amtsvorstände haben bis spätestens 15. August 1935 unter Einschluss ihrer Person die Namen ihrer Beamten und Angestellten ihres Dienstbereichs verantwortlich zu melden, von denen Kinder konfessionellen Jugendverbänden angehören. Die Meldungen haben sich auf Jugendorganisationen beider Konfessionen zu erstrecken. Fehlanzeige ist erforderlich. Kinder, die bis zu diesem Termin aus den konfessionellen Organisationen ausgeschieden sind, können bei der Meldung unberücksichtigt bleiben. Nur bei beurlaubten, abwesenden Beamten und Angestellten ist die Meldung spätestens 1 Woche nach Rückkehr zu erstatten. A- 60.Ende September wurde auf Grund dieser Meldungen mitgeteilt, dass von den rund 10.000 Beamten und 1.000 Angestellten, die der Regierung von Niederbayern und Oberpfalz unterstellt sind, sich keine Kinder mehr in konfessionellen Verbänden befänden.( Oberpfalz und Niederbayern waren Domänen des politischen Katholizismus.) 3. Bericht: In X. wurden sechs Angehörige des katholischen Jugendbundes" Neudeutschland" aus Duisburg, die eine Wanderung durch den Bayerischen Wald machten, aufgegriffen. Vier Mitglieder dieses Bundes trugen einheitliche Kleidung, die für Angehörige der konfessionellen Verbände verboten ist. Es wurde deshalb Strafanzeige gegen sie erstattet. 4. Bericht: Am 28. Oktober abends wurde in Eichstätt der Domkaplan Dr. Rindfleisch in Schutzhaft genommen, nachdem zuvor schon einige Mitglieder der katholischen Jugendorganisation, die Dr. Rindfleisch leitete, verhaftet worden waren. Interessant ist, wie man zur Verhaftung des Domkaplan schritt. Man hatte am 28. Oktober abends in das Stadttheater Eichstätt eine Kreistagung der NSDAP berufen, zu der alle Partei- Bonzen des Kreises Eichstätt erschienen waren. Der NSDAP- Kreisleiter, Bürgermeister Dr. Krauss- Eichstätt, wies in seiner Begrüssungsansprache auf die Verhaftung einer Reih junger Leute in Eichstätt hin, die sich gegen den Führer, den Staat und die Partei verhetzen liessen. Man müsse sich aber die Frage vorlegen, ob es nicht richtiger sei, auch den Mann festzunehmen, der der Urheber der Hetze sei. Nach dem Kreisleiter Dr. Krauss nahm sofort der Gaupropagandaleiter Fritz Schöller aus Nürnberg das Wort, der an den Kreisleiter die Forderung stellte, diesen Geistlichen( Domkaplan Dr. Rindfleisch) innerhalb einer Stunde zum Schutze seiner eigenen Person in Schutzhaft zu nehmen. So geschah es auch. Südwestdeutschland: Den kirchlichen Jungscharen ist es jetzt politisch unmöglich gemacht worden, ihre Anhänger in der alten Weise zusammenzuhalten. Früher machte man gemeinsame Wanderungen oder gemeinsame sportliche Uebungen. Heute ist das verboten. Aber die Pfarrer haben oft ein gastliches Haus und laden sich hin und wieder mal ein paar Jungens ein, um auf diese Weise den Zusammenhalt zu wahren. Im grossen ganzen kann man feststellen, dass die Mitglieder der Jungscharen mit grosser Zähigkeit an ihrer Sache festhalten. Rheinland: Am 12. November war die Rheinische Lehrervereinigung nach Köln einberufen worden, Sie tagte unter Assistenz des Gauamtsleiters Niemeyer, und beschäftigte sich mit der Frage" Kirche und Schule". Niemeyer hat u.a. folgendes ausgeführt: Die Volksgemeinschaft müsse von unten her, von der Jugend her aufgebaut werden. Deshalb sei es eine wesentliche Aufgabe der deutschen Erzieherschaft, alle Jungen und Mädchen der Staats jugend zuzuführen. Das sei die A- 6Hitler- Jugend, Zusammenarbeit mit ihr sei unerlässlich. In Zukunft solle es unmöglich sein, dass deutsche Erzieher ihre eigenen Kinder von der Staats jugend zurückhielten und sie konfessionellen" Kampfverbänden" zuführten. Besondere Aufmerksamkeit widmete Niemeyer der Frage des Abwehrkampfes gegen Reaktion und kirchliche Machtansprüche. Er wies darauf hin, dass noch 4.000 Lehrer und Lehrerinnen arbeitslos in Reserve stünden. Es seien aber trotzdem in den letzten Jahren noch 2.000 Studierende aus der Hitler- Jugend zum Lehrerstudium zugelassen. Das heisst also auf gut Deutsch, dass derjenige, der nicht von seiner alten religiösen Anschauung lassen will, gehen kann oder eines Tages gehen muss. In der Presse ist übrigens über diese Tagung wenig veröffentlicht worden. Vor allen Dingen nicht über die Dinge, die in der Oeffentlichkeit des katholischen Westens neue Unruhe verursachen könnten. 11 Die Folgen jener Konferenz zeigen sich jetzt täglich. Für die Lehrer wird so etwas wie eine Nachhilfestunde geschaffen, in der sie in nationalsozialistischem Sinne" erzogen' werden. Vererbungslehre, Rassenkunde und ähnliches werden exerziert. Darüber hinaus werden alle Fach- und Lebensgebiete mit dem echten nationalsozialistischem Geist erfüllt. Die Konferenz und die weiteren Erziehungsversuche haben bereits gewisse Früchte getragen. In einer evangelischen Schule wurde das alte Testament als gut geschriebener Roman mit volksbetrügendem Inhalt bezeichnet. Das neue Testament sei um keinen Grad besser. Jesus sei ein uneheliches Kind des Herodes. Weil nach der damaligen Gesetzgebung solche unehelichen Kinder Anspruch auf die Königswürde hätten erheben können, deshalb wurden die Kinder verfolgt. Darum die Flucht nach Aegypten. Die Lehre Christus sei zwar schön und gut, für Nationalsozialisten aber unbrauchbar. Auch bei den Kindern zeigt sich bereits die Auswirkung der nationalsozialistischen Kirchen- politik. In Familien, die immer auf Religion gehalten haben, werden die Eltern oft verulkt von den Kindern, wenn sie beten. In den letzten Wochen waren die sonntäglichen Zusammenkünfte und Pflichtveranstaltungen der HJ so gelegt, dass ein Kirchenbesuch unmöglich war. Nordwestdeutschland, 1. Bericht: Die Presse brachte vor kurzem folgende Meldung: " Laut Verfügung der Osnabrücker Staatspolizei wurde der Bund katholischer Schüler an den höheren Lehranstalten " Neu- Deutschland", Gau Wittekind, mit sofortiger Wirkung aufgelöst und ihm jede weitere zukünftige Betätigung verboten. Wie wir hierzu erfahren, hatten vor wenigen Tagen acht dem Bunde angehörende Schüler einen unerhörten Sabotage akt gegen die HJ unternommen, indem sie ein in Lingen an der Ems neu errichtetes HJ- Heim vollständig zerstörten." A- 62Tatsächlich handelt es sich um ein Heim, das Mitglieder des" Neu Deutschland" mit ihrem eigenen Geld und in ihrer Freizeit erbaut haben. Dieses Heim hat man für die HitlerJugend beschlagnahmt. Aus Erbitterung darüber rissen dann die ehemaligen Eigentümer der Hütte ihr eigenes Werk nieder. 2. Bericht: Die Spannungen zwischen den Parteiinstanzen und den katholischen Organisationen dauern in unverminderter Stärke fort. So ist jetzt beispielsweise ein katholisches Jugendheim in Lünen beschlagnahmt und der Hitler- Jugend zur Verfügung gestellt worden, weil die katholische Jugend sich auch mit Gelände spielen beschäftigte, die allein der HitlerJugend vorbehalten sind. Die Hitler- Jugend singt auf den Strassen in Westfalen das nachstehende Lied: Ja das Leben in dem Kloster, Ja das Leben ist dort schön. Ja da kann man, statt zu beten, auch Devisen schieben gehn. Pater, Mönch und, auch die Nonne,. alle drei, sie nehmens an, Beten schnell ein Paternoster, und dann gehts ans Schieben ran. Mit Devisen schwer beladen, schleicht die Nonne durch das Land, Ihr Gesicht ist fromm und heilig, deshalb bleibt sie unerkannt. Und sie gibt dem Mönch das Päckchen, drückt ihm alles in die Hand, Und der schleicht dann hastig weiter, aus dem deutschen Vaterland. Eines Tages wars zu Ende, eines Tages wars vorbei, Und das Volk bekam zu hören von der grossen Schieberei.. In des Kerkers tiefsten Gründen, hinter Gittern, welch ein Graus Ruhen Pater, Mönch und Nonne vom Devisenschieben aus. Und es sagt die Nonn zum Pater: Ach wie war es doch so schön Als man für den heilgen Vater, konnt Devisen schieben gehn. A- 63Die Moral von diesem Liedchen, ach ihr Leute, seid gescheit; Kann nicht schieben mehr das Jüd'chen, dann schiebt seine Heiligkeit... Schlesien; In X. wurde Mitte September auf Strassen und an Mauern mit Kreide angeschrieben:" Hitler ist ein Esel" und" Hitler verrecke". Die Täter waren, wie einwandfrei festgestellt und auch sofort im ganzen Ort bekannt wurde, Jungen aus der Hitler- Jugend. Man wollte damit eine Aktion gegen die katholischen Jugendorganisationen einleiten. Die Presse schrieb, dass Sudeleien angeschrieben worden seien, brachte aber kein Wort darüber, dass die Täter etwa Staatsfeinde gewesen seien, auch keine der sonst üblichen Drohungen gegen diese. Am 22. 9. abends wurden rote Plakate, zwei verschiedener Grössen, an die Kirche, das Pfarrhaus und an Schaufenster geklebt. Der Text richtete sich gegen die katholische Kirche. Als Täter wurde auch hier die HitlerJugend festgestellt. In einem Fall gelang es, zwei Lehrlinge namentlich festzustellen. Der katholische Pfarrer erhob energisch Beschwerde. Noch in der Nacht wurden die Plakate von der Polizei entfernt. A- 64III. Aus den Betrieben 1) Die Haltung der Betriebsarbeiterschaft Sachsen, 1.Bericht: Die Grundhaltung der Arbeiter ist allgemein so: man schimpft im Geheimen über schlechte Löhne, hohe Preise, Fett-, Butter und Fleischmangel, über die nun wieder einsetzende Bettelei für das Winterhilfswerk usw. Wennes aber zum Kameradschaftsabend geht und der Herr Chef ein paar Glas Bier bezahlt und womöglich noch ein paar Zigaretten und Zigarren schmeisst, dann vergessen sie alles, lassen den Chef hochleben und sind zufrieden. 2. Bericht: Wie zersetzt die Stimmung in Betrieben ist, auch wenn vielfach noch keine Neigung zur positiven Arbeit gegen das System bemerkbar ist, beweist die Kühle, die ablehnende Haltung, welche die Belegschaften zeigen, wenn braune Bonzen( Ley, Mutschmann, Stiehler u.a.) sich würdegeschwollen in den Betrieben zeigen und leutselige Reden halten. Die Arbeiter stehen finster da und schweigen, nur einige Naziarbeiter spenden, aber meist auch recht schüchtern, etwas Beifall. Bei Debatten in den Betrieben kann man hin und wieder die Beaobachtung machen, dass von den früheren Funktionären der freien Gewerkschaften mit Hochachtung und Respekt, ja mit Verehrung gesprochen wird. Man hat aus der Entwicklung der Verhältnisse unter dem Faschismus gelernt, besonders aus der Entwicklung der Löhne, der Arbeiterrechte, des Urlaubs, der Preise, was die frühere Arbeit der SPD und der freien Gewerkschaften für die Arbeiter bedeutet hat und was man verlo. ren hat. Bezeichnend ist das Verhalten sehr vieler Unternehmer bei der Auswahl ihrer Arbeiter. Aus einer ganzen Anzahl von Betrieben wird berichtet, dass die Unternehmer, die vor etwa Jahresfrist alle von früher her als marxistisch bekannten Arbeiter auf Parteibefehl entlassen und dafür" alte Kämpfer" einstellen mussten, allmählich dazu übergegangen sind, die SA- Leute wieder auszuscheiden und die Entlassenen wieder heranzuholen. Natürlich bleibt diese Praxis den" alten Kämpfern" nicht verborgen. Sie wehren sich dagegen und arbeiten mit Drohungen gegen die Fabrikanten, wenn sie noch weiterhin Marxisten beschäftigen würden. In vielen Fällen ist bekannt geworden, dass die Unternehmer sich darauf berufen, sie müssten tüchtige Arbeiter haben, besonders wenn sie gegenüber dem Ausland konkurrenzfähig bleiben sollten. Ob die Arbeiter die oder jene inwendige Farbe hätten, darnach könne die Industrie nicht fragen. Die ihnen zugewiesenen Leute hätten schlechte Arbeit geliefert, mit der man nichts machen konnte, A-65also hätte man wieder auf die alten Leute zurückgreifen müssen. 3. Bericht: Die Stimmung in den Betrieben ist ausserordentlicht gereizt. Man könne schon nicht mehr wie früher von Unzufriedenheit sprechen, sondern es sei Hass, den die Leute gegen das Regime empfinden. Diese Stimmung habe jetzt auch die Arbeiter erfasst, die bisher mit den Nazis sympa thisierten oder sich gleichgültig und indifferent verhielten. Die scharfe Kritik wird immer offener. Die Mitglieder und Vertrauensleute der NSBO sind kürzlich verwarnt worden, sich an solchen zersetzenden Debatten zu beteiligen. Sie ergreifen deshalb häufig die Flucht, wenn die Wutausbrüche losgehen oder stehen verlegen abseits. 4. Bericht: Im Gegensatz zu den Mittelständlern und Bauern sind die Arbeiter weniger enttäuscht, denn sie haben von einer Naziregierung von Anfang an nichts Gutes erwartet. Bei den politisch Indifferenten macht sich schon eine angenehme Enttäuschung bemerkbar. Sie fühlen sich nicht behelligt, weil sie sich um nichts kümmern, sie fühlen sich weiter nicht unterdrückt, weil sie für Freiheit und Demokratie nie besonders geschwärmt haben und in ihr nur die Funktionen der Parlamente gesehen und den tieferen Sinn niemals begriffen haben. Sie vermissen die Demokratie nicht und sind froh, wenn sie einen bescheidenen Arbeitsplatz haben. Der Militarisierung Deutschlands stehen sie sympathisch gegenüber, denn sie schafft Arbeit, im übrigen sind sie den patriotischen Phrasen der Rundfunke inpeitscher natürlich weitgehend zum Opfer gefallen. Sie interessiert vorwiegend nur ihre Lohnfrage, nur von ihr aus nimmt der Arbeiter dieser Art gelegentlich an den Diskussionen teil, aber nur so, dass ihm der Arbeitsplatz, um den ei immer bangt, nicht verloren gehen kann. Diese Beurteilung trifft aber nur auf die politisch von jeher wenig beteiligten Massen zu, die ganz aufgehen im abgeschlossenen Familienleben und von einer Klassen-solidarität des Proletariats nichts halten. 5. Bericht( Aus einem Brief): Ich habe mich als Arbeiter 25 Jahre in Deutschland herumgetrieben und muss gestehen, dass von keiner bürgerlichen Regierung jemals soviel für die Arbeiter getan und- geredet worden ist wie gegenwärtig. Ein Arbeiter, der sich nicht um Politik kümmert und weder Demo krat noch sonst etwas ist, ist mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden. Sie wissen ja selber, wie viele es von dieser Sorte in Deutschland und in allen Ländern leider gibt. Südwestdeutschland: 1.Bericht:( Pfalz) Die Schilderungen über die Verhältnisse und Stimmungen sind in den einzelnen Orten und Betrieben sehr oft widersprechend. Da der Grad der A-66- Aengstlichkeit sehr verschieden ist und ein erheblicher Teil der Arbeiter immer indifferent war, muss bei einer oberflächlichen Beurteilung vielfach die Ansicht entstehen, als ob sich eine Mehrheit der Arbeiter mit den Verhältnissen abgefunden habe. Aber wenn die Aengstlichen und Indifferenten ihre wahre Stimmung ohne Gefahr zum Ausdruck bringen könnten, würde man von ihrer überwiegenden Mehrheit dasselbe hören, was man von alten Gewerkschaftlern hören kann, die der Sache treu geblieben sind. Sie stehen voll Verachtung dem neuen Theater gegenüber. Dabei ist merkwürdig, dass sie sogar in vielen Fällen die Unternehmer hinter sich haben, und von ihnen ermunternde Worte zu hören bekommen. Entlassungen von früheren Betriebsräten und sonstigen gewerkschaftlichen Vertrauensleuten sind ganz selten und auch direkte Aufforderungen der Nazis haben daran nichts geändert. Es sind sogar alte Gewerkschaftler zu Vorarbeitern und Hilfsmeistern ernannt worden. Gegenüber den Forderungen der Nazis, alte Gewerkschaftler zu entlassen und sogenannte"alte Kämpfer" einzustellen, haben sich die Unternehmer so ziemlich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Sie gaben hierfür die Begründung, dass das Streben nach Qualitätsarbeit nur eine Auswahl der Arbeiter nach dem Gesichtspunkt der Tüchtigkeit zulasse. Ein guter Soldat brauche nicht immer auch ein guter Qualitätsarbeiter zu sein. Die Empörung über die Beseitigung zahlreicher gewerkschaftlicher Errungenschaften ist allgemein und es gibt kaum einen Nazianhänger, der es wagt, diese Besä.tigung zu verteidigen. Anfangs war noch der ehrliche Glaube vorhanden, die neuen Vertreter der Arbeitsfront würden eingreifen. Heute wissen es alle, dass es ganz aussichtslos ist, diese Halunken zum' Eingreifen zu veranlassen. Die einzigen positiven Erfolge haben sie darin aufzuweisen, dass sie grössere Kündigungen in den Betrieben verhindern, um die Arbeitslosigkeit scheinbar gering zu halten. Effektiv sind viele tausende von Arbeitern .doch arbeitslos, denn sie arbeiten entweder nur einen oder zwei Tage in der Woche. Es kommen auch Fälle vor, wo alle paar Wochen nur einmal gearbeitet wird, diese Leute werden aber alle als Beschäftigte geführt. Dieser Zustand ist zum Beispiel im Bezirk Pirmasens in der Schuhindustrie ganz allgemein. Aber auch im Email-Werk Annweiler, in den Holzverarbeitungsbetrieben und im Eisenwerk Kaiserslautern und in den Webereien in Lambrecht. Ein inneres Verhältnis zur Arbeitsfront besteht nicht. Die früheren organisierten Arbeiter hassen diese Einrichtung, wei sie den Diebstahl ihres eigenen Werkes verkörpert. Die Indif ferenten hassen sie, weil ihnen das Beitragszahlen nicht gefällt. Soweit Betriebsversammlungen stattfinden, lassen die Arbeiter den Klamauk teilnahmslos über sich ergehen. Die Amtswalter, die da auftreten, haben ihnen nichts zu sagen. Bei X. in Pirmasens wurde nach einer blamablen Versammlungen der das"Sieg Heil" nicht erwidert wurde, gleich eine neue 1-67Versammlung anberaumt. Der Bericht hierüber lautet:" Alle sassen wieder da wie die Stöcke."- Jetzt wird die Stimmung zu heben versucht durch Betriebsausflüge. Die Unternehmer müssen alles bezahlen, so dass sich diese für die neue Sache nicht recht begeistern können. Zwar scheint es nicht soviel zu kosten, wie an den Lohnabzügen und sonstigen Verschlechterungen verdient wird. Es werden aber noch andere früher nicht gewohnte Anforderungen gestellt. Eine heftige Diskussion war mit einem Arbeiter über den, in der Prager Plattform enthaltenen Satz von der Forderung nach Koalitionsfreiheit. Das wird so ausgelegt, als ob wieder jeder das Recht haben sollte, eine Gewerkschaft nach seinem Belieben aufzumachen. Davon will natürlich niemand etwas wissen. Es wird allgemein für selbstverständlich gehalten, dass für die Zukunft jede Zersplitterung auf diesem Gebiet unmöglich gemacht werden muss. Da alle Arbeiter, auch die kommunistischen, zugeben müssen, dass die gewerkschaftlichen Leistungen doch nicht so schlecht waren, wie es immer hinzustellen beliebt wurde, sieht man keine grossen Schwierigkeiten in der Schaffung einer gewerkschaftlichen Einheitsfront in den Betrieben. Praktisch ist es so, dass viele al te Gewerkschaftler direkt und indirekt in manchen Betrieben ziemlichen Einfluss haben. Manchmal kann durch das gute Verhältnis mit einem noch nicht ganz gleichgeschalteten Unternehmer etwas erreicht werden, manchmal durch die Bearbeitung der Vertrauens räte, die infolge der Hänseleien oder der offenen Verachtung immer wieder einmal den Ehrgeiz bekommen, etwas zu erreichen. Der Zusammenhalt der früheren Gewerkschaftler ist zum Teil noch sehr gut. Ihre Hoffnung auf einen baldigen Zusammenbruch des Schwindels ist verblüffend gross. Es wird viel darüber diskutiert, wie es einmal zum Umsturz kommen kann und die Meinungen gehen in der Hauptsache dahin, dass das bestehende Regime infolge immer grösser werdenden Schwierigkeiten eines Tages nicht mehr weiter kann und dass dann durch irgend einen Umstand die Volkserhebung ins Rollen kommt. Die vermutliche Haltung der Reic swehr spielt dabei natürlich eine sehr grosse Rolle. 2. Bericht( Württemberg): Am kritischsten ist die Stimmung eigentlich in jenen Industriete ilen des Landes, wo von auswärts, insbesondere von Sachsen und Baden, aber auch von der Saar, Arbeitskräfte zwangsläufig eingeschoben wurden. Sie kamen fast durchweg in die Kriegswirtschaft und da wurde bedeutend schlechter bezahlt, wie in den übrigen Betrieben mit alten Tarifen, erkämpft von unseren Gewerkschaften. Von Friedrichshafen am Bodensee hört man des öfteren von Betriebsschwierigkeiten, doch wird heute viel geschwätzt. Du täuschst dich aber, wenn du glaubst, die Arbeiterschaft wäre sich dieser Schwäche des Regimes bewusst geworden. Wäre sie das, dann hätten wir nicht so furchtbar schwer zu duli A-68Etwas ist es ja in den letzten paar Wochen besser geworden. Die Tatsache bleibt aber immer noch stehen, dass die Mannschaften der früheren sozialistischen Bewegung immer noch in abwartender Haltung stehen. Ich will gewiss nicht noch mal die alten Wunden aufreissen, dass aber kein einziger der ehemaligen gewerkschaftlichen und sozialistischen Führer irgendwo bei der Arbeit zu finden ist, macht die Sache auch nicht leichter. Gewiss halten frühere Genossen in Freundschaftskreisen etwas Verbindung untereinander. Aber das ist doch nicht das, was eine Bewegung geben könnte. Am schwersten ist es, wirklich positive Berichte über die betrieblichen Verhältnisse zu beschaffen. Da traut sich fast keiner heran. Keiner will eben unter die Räder kommen. Bayern: Besonders die Arbeiterschaft zeigt eine direkte Erbitterung. Auf den Baustellen, wo die Wohlfahrtserwerbslosen arbeiten, sind offene Beschimpfungen des Regimes eine alltägliche Begebenheit. Die Arbeiter scheuen sich nicht mehr, ihre Meinung zu sagen, und es ist bemerkenswert, dass die höheren Organe dagegen kaum mehr einschreiten. Man sucht zu beruhigen, zu beschwichtigen, sucht auf die grossen Schwierigkeiten hinzuweisen, die der Aufbau des Dritten Reiches macht, aber man findet kein Verständnis für diese Parole des" Durchhaltens"." Der Sauschwindel kann jetzt schon bald aufhören", das ungefähr ist die oft gehörte Kritik unter der total verarmten Arbeiterschaft. Berlin: In den Sendestationen des Rundfunks gibt es offenbar regelrechte Beifallklatsch- Platten, die vornehmlich bei Uebertragungen von Reden in Betriebsversammlungen abgespielt werden. So wurde in einem Betrieb eine Rede vor der Belegschaft gehalten, die auch unser Berichterstatter befehlsgemäss mit anhörte. Die Rede wurde von mehreren Sendern übernommen und verbreitet. Als er nachhause kam, wurde unser Berichterstatter von seinem Vater gehänselt, dass sie dem Naziredner so fanatisch durch Beifall zuge jubelt hätten. Es sei ja ein kaum endendwollender Beifall gewesen. Der Gewährsmann war sehr erstaunt über diese Bahuptung seines Vaters, denn es war fast kein Beifall gespendet worden. Der Gewährsmann erzählte diese Beobachtung und Feststellung am nächsten Tage einigen vertrauten Arbeitskollegen, die ihm von ihren Angehörigen zuhause, die gleichfalls die Rede am Radio mit angehört hatten, das Gleiche bestätigten. Schlesien, 1. Bericht: Nur in der Arbeiterschaft hört man im allgemeinen viel weniger Abfälliges über die Zustände. Die Arbeiter sind alle zu sehr eingeschüchtert und haben im grossen und ganzen keinen Mut, sich offen gegen das System zu stellen. Hier fehlt der Zusammenhalt auf der ganzen Linie, die grosse Masse ist stupide und glaubt immer noch an den grosser Erlöser Adolf Hitler, trotz Terror, trotz Lohnherabsetzungen, trotz Versklayung! 1-694 2.Bericht: Im Arbeitsamt Breslau, Angestelltenabteilung, legt ein solide angezogener Mann dem Beamten eine Anmeldung vor. Der sieht sich die Verdienstbescheinigung an und sagt: " Na, Sie haben doch das Stempeln nicht nötig. Dass Sie sich anmelden, ist eine Unverschämtheit, da Sie ja bis jetzt 320 Mark monatlich verdient haben. Sie konnten sich genug zurücklegen." Der Angestellte wird wütend und tobt:" Ach Gott, da habe ich ja die Entlassungspapiere aus der verfluchten roten Bonzenrepublik erwischt. Hier ist meine letzte Verdienstbescheinigung"- und weist eine Bescheinigung vor, die als Verdienst nur 120 Mark monatlich ausweist. Heimliches Grinsen der Wartenden, betretenes Schweigen des Beamten. Die Amtsleiter der P.0. in Breslau haben Mitte Oktober Pistolen erhalten. Einer der Amtsleiter erzählte das im Betrieb. Darauf fragte ihn ein Genosse, warum die Pistolen ausgegeben worden seien. Als er mit der Antwort zögerte, sagte ihm der Genosse:" Zum Schutze gegen Volk und Staat". Der Nazi fragte: wieso?" Es wird nicht meh lange dauerh, dann müsst Ihr Euch gegen das Volk schützen" war die Antwort. Westfalen( Textilindustrie): Die Stimmung unter den Arbeitern ist miserabel. Man murrt jetzt ganz offen über die Arbeitszeit, sowie über die unzulänglichen Löhne. Vor allen Dingen können wir feststellen, dass SA- Leute direkt hungrig nach Informationen sind. Dass wir dieselben gut dosieren und den Weg dafür sehr vorsichtig wählen, nur nebenbei. Aus den Zechen von X. wird mitgeteilt, dass auch hier alle den Nazi schwindel begriffen haben und sich darüber lustig machen oder zu politischer Besinnung kommen. Hier hat man ein allgemeines Bergfest veranstaltet, wie das seit jeher bis kurz vor dem Kriege allgemein üblich war. Mit Musik, Tanz, Freibier usw, Dass dabei mit Redensarten von der Ehre des Arbeiters im allgemeinen una der der Bergarbeiter im besonderen gefaselt wurde, versteht sich am Rande. Während man aber 1934 eine gewisse Begeisterung feststellen konnte, fehlt sie heute vollständig. Man hat eben erkannt, dass alles auf Tamtam abgestellt ist. Rheinland: In den Betrieben geben sich die Nazis alle Mühe, die Arbeiter für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Sie sind heute mehr denn je davon entfernt. Im Gegenteil: wenn auch nicht offen von Sozialdemokratie, von der KP, von den freien Gewerkschaften gesprochen wird, die Debatten spielen sich im Grunde nicht nur um die gleichen Probleme, sondern auch in den gleichen Aeusserungen und in der gleichen" Klassenkampf-" Ideologie ab. Es geht ja in der Tat auch um die gleichen Dinge wie früher, nämlich um den Anteil der Arbeiter am Arbeitsertrag. Und man kann die Beobachtung machen, dass die Betriebswalter und Zellenwarte und wie die Funktionäre der DAF alle heissen, immer unsicherer werden, dass sie oft mitschimpfen über die Zustände. In einer Versammlung der DAF, die in einem Orte des Ruhrgebietes stattfand, wurde neulich 1-70bekanntgemacht, dass es sehr wohl bekannt sei, dass jetzt die Blockwalter mitmeckerten. Blockwalter dieser Art würden abgesetzt. Niemand soll sich einbilden, dass er Schwimpfund Kritisierfreiheit geniesse, weil er das Mitgliedsbuch der SDAP in der Tasche habe. Uns wird aber auch berichtet, dass in vielen Betrieben die Arbeiter zwar schimpften, dass sie aber kein Rückgrat zeigten, wenn es darauf ankomme. In entscheidenden Momenten krieche man in sich zusammen, weil man Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes habe. Unser Berichterstatter fügt hinzu, dass diese Haltung merkwürdigerweise sonst kluge Leute einnähmen. Es zeige sich wieder einmal, dass Klugheit nicht immer Charakterstärke als Bundesgenossen habe. 2) Die Widerstandsregungen Wenn auch die Widerstandsregungen in den Betrieben in den letzten Monaten keine Ausdehnung zeigen und wenn auch nach wie vor zweifelhaft sein mag, ob es sich nur um Reste alter oder um Ansätze neuer Widerstandskraft handelt- auch die Tatsache verdient Beachtung, dass die Fälle, in denen die Arbeiter sich zum Widerstand aufraffen, nicht abreissen. Nicht ohne Grund hat Schacht auf der" Arbeits- und Schulungstagung" der Arbeitsfront Anfang Dezember in Leipzig die DAF- Amtswalter beschworen: " Es gilt für Ruhe im Betrieb zu sorgen und Betriebserschütterungen nach Möglichkeit überall zu verhindern... Haltet Disziplin!" Bayern: In einem Rüstungsbetrieb zeigen sich bestimmte Widerstände gegen die Verordnungen der Arbeitsfront. In einer Abteilung dieses Betriebes, in der nur Spezialarbeiter be.schäftigt sind, wurde der obligatorisch eingeführte Hitlergruss abgelehnt und gegen die verschiedenen Abzüge der Arbeitsfront und auch gegen die Abzüge zur Winterhilfe Stellung genommen. Die Arbeiter, ca 80 an der Zahl, konnten sich diese Stellungnahme erlauben, weil ihre Spezialkenntnisse für den Betrieb unentbehrlich sind. Mit wenigen Ausnahmen sind diese Arbeiter seit vielen Jahren im Betrieb beschäftigt, sie waren fast alle freigewerkschaftlich organisiert. Der Widerstand gegen den Grusszwang wurde ausgelöst durch eine neue Bestimmung der Arbeitsfront, dass im ganzen Betrieb mit" Heil Hitler" zu grüssen sei. In der Abteilung war noch immer der alte Gruss" Servus" oder die sonst übliche Grussform in Gebrauch. Als die neue Anordnung, die Mitte Oktober ausgegeben 1-71wurde, angeschlagen war, verständigeten sich die Arbeiter, am nächsten Morgen genau wie bisher zu grüssen. Der Abteilungsdirektor, der von der Nichtbefolgung der Anordnung in Kenntnis gesetzt wurde, rief die Arbeiter zusammen und forderte sie zur Einhaltung der Anordnung auf. In der Abteilung blieb es jedoch beim alten. Es wurde nicht mit" Heil Hitler" gegrüsst. Die Betriebsführung und die Arbeitsfront hat sich offenbar damit abgefunden, denn es hat sich niemand mehr gefunden, der gegen die Arbeiter vorging. Im ganzen Betrieb hat dieser Vorfall starken Eindruck gemacht. Gegen die Abzüge zur Winterhilfe hat diese Werksabteilung in Form einer Anfrage bei der Werkleitung Stellung genommen. Die Arbeitsfront wurde dabei umgangen. Beachtlich dabei ist, dass die Werkleitung den Sprecher der Abteilung anhörte und ihm nicht wie sonst üblich, an den Vertrauensrat verwies. In einer Prozellanfabrik erhielten bisher die Brenner zum Lohn eine Hitze prämie von 1,50 Mark pro Mann für jeden ausgenommenen Ofen. Es werden jetzt in der Woche im Höchstfall zwei Oefen abgebrannt, in den Zeiten der Hochkonjunktur in zwei Wochen fünf Oefen, so dass diese Hitzeprämie für den Brennhausarbeiter eine wöchentliche Lohnzulage von 3 bis 4,50 Mark bedeutete. Diese Hitzeprämie_wurde auf einmal von 1,50 Mark auf 0,80 Mark abgebaut. Die Firma hat das einfach so dekretiert. Darauf haben die Arbeiter die Oefen nicht aus. genommen, sondern sind un tätig im Brennhaus stehen geblieben. Nach einer Stunde Arbeitsruhe verhandelte die Firma mit Arbeitern und gewährte 1,20 Mark Hitze prämie, worauf die Arbeiter die Arbeit wieder aufnahmen. Es ist also eine Lohnkürzung um 0,30 Mark eingetreten, statt um 0,70 Mark. Berlin: Aus einer chemischen Fabrik: In einer Abteilung, die mit Farben und Chemikalien zu tun hatte, hat der Abteilungsleiter vor einiger Zeit angeordnet, dass die Gefolgschaftsmitglieder beim Frühstücken nicht den Gemeinschaftsraum aufsuchen, weil dadurch zu viel Zeitverlust entstehe, sondern ihr Frühstück im Arbeitsraum einnehmen müssten. Darauf hat die Belegschaft der Abteilung mit der Forderung geantwortet, dass ihnen mehr Seife und Handtücher zur Reinigung zur Verfügung gestellt werden müssten. Als man diesen Wunsch nicht erfüllte, begab sich fast die ganze Abteilung ins Personalbüro und verlangte, dass ihre Spende von der Winterhilfsliste gestrichen würde. Dem Verlangen wurde statt gegeben. Folgen sind bis jetzt nicht eingetreten. Grosse Maschinenfabrik( Belegschaft rund 2.000 Mann): Nachdem ein benachbartes Werk eine Badeanstalt gebaut hatte, wurde von der Betriebsleitung der Maschinenfabrik angeregt, ebenfalls eine Badeanstalt zu errichten. Am Schwarzen Brett erschien ein Anschlag, in dem die Belegschaft aufgefordert wurde, pro Kopf 1 Mark als freiwilligen Beitrag für die Baukosten zur Badeanstalt zu stiften. Einige Leute lehnten A- 72das ab. Sie wurden darauf zum Vertrauensrat gerufen und zur Rede gestellt. Einer der Arbeiter verteidigte sich folgendermassen: Ich bin bereit, 1 Mark zu geben, ja auch 2, 3 oder gar 5 Mark zu stiften, wenn die Direktion und der Aufsichtsrat von ihren Gehältern und Tanktiemen einen entsprechenden Betrag abgeben. Erst wenn das Tatsache wird, werde ich auch dazu beitragen, sonst aber nicht. Diese mannhafte Haltung des Arbeiters wurde im Betrieb viel besprochen. Der Vertrauensrat beantwortete sie mit entsprechenden Drohungen, aber dem Arbeiter ist bis jetzt nichts passiert. Württemberg: Ueber die Stimmung in den Betrieben lässt sich kein einheitliches Bild gewinnen. Die Verhältnisse liegen ganz verschieden. Allgemein kann man nur sagen, dass die Mehrheit der Belegschaften dem Regime mindestens gleichgültig gegenübersteht. Langsam kommt den Arbeitern die vollkommene Rechtlosigkeit zum Bewusstsein, immer klarer wird ihnen auch die Funktion der Arbeitsfront und immer öfter hört man davon, dass einzelne Belegschaften, einzelne Abteilungen oder Kolonnen sich gemeinsam gegen Massnahmen der Betriebsführer zur Wehr setzen. Solche Fälle sind bekannt geworden von Daimler- Untertürkheim, wo die Karosserie- Abteilung sich gegen die Nicht bezahlung von Ueberstunden zur Wehr setzte und den Nazivertrauensrat aufputschte. Nach mehrstündiger passiver Resistenz gab die Firma nach. Der Vertrauensrat wurde später von der Arbeitsfront gerüffelt. Bei Bosch versuchte sich eine kleinere Abteilung qualifizierter Arbeiter dadurch gegen Akkordverschlechterungen zu wehren, dass sie auf Verabredung die Papiere verlangte und diesen Schritt damit begründete, dass in einem ähnlichen Betrieb bessere Akkordverhältnisse herrschten. Auch hier kam die Firma entgegen. Allerdings werden die Nachrichten über solche Vorfälle nicht selten masslos übertrieben und zu propagandistischen Zwecken aufgebauscht. Rheinland- Westfalen: Auf der Zeche X. weigerte sich die Belegschaft eines Tages einzufahren. Der Förderkorb wurde umlagert, aber man fuhr nicht ein. Darauf wurde von der Grubenleitung das Versprechen gegeben, dass im Monat mindestens 21 Schichten verfahren würden. Und schliesslich ist auch die Sonderaktion für die Bergarbeiter, von der der Rundfunk und die Zeitungen so grosses Aufsehen machten, mit auf diese ersten Widerstandsregungen zurückzuführen. Man muss übrigens bedenken, dass die Leute durch die vielen Feierschichten mit 16 bis 17 Mark in der Woche nach Hause gingen. Den Kumpels im Wurmgebiet wurde in der vergangenen Woche ein Los für die Winterhilfe im Werte von 1 Mark in die Lohntüte gesteckt. Es war nicht vorher bekanntgemacht worden, noch hatte man sonst darüber geredet. Grosse Entrüstung in den Belegschaften. Am Zahltage gingen die Bergarbeiter zu hunderten zum Lohnbüro und gaben die Lose zurück. Die Mark wurde ihnen auch ausgehändigt. Das gleiche Manöver wurde. A-73auch in Aachen in der Industrie probiert. Die W.H.- Lose wur.. den abgelehnt. Man sieht in der Lotterie sowieso nur den Versuch, Mittel für die Rüstungen zu beschaffen. Nordwestdeutschland: Von allen Seiten kommen Klagen über schlechte Verpflegung der Mannschaften auf den Seeschiffen. Schon vor Hitler war das ein trauriges Kapitel, aber nach der nationalen Revolution haben sich die Dinge bedeutend verschlechtert. Früher lag der Grund in dem Sparsystem, welches die Reeder auf den Schiffen eingeführt hatten. Der Seemam erhält seine Beköstigung nach der Speiserolle. Diese sieht vor, dass für jeden Kopf der Besatzung pro Tag ein gewisses Quantum Lebensmittel der verschiedensten Art und der Länge der Reise entsprechend an Bord sein muss. Dass dieses Quantum das Minimum ist, versteht sich von selbst. Die Reeder setzten eine Prämie für ersparten Proviant aus. Der Ertrag wurde unter Kapitän, Zahlmeister, Proviantmeister und den ersten Koch verteilt. Logisch, dass die Höhe der Prämie stieg, wenn die Rationen gekürzt wurden. Beschwer den, die beim Kapitän angebracht werden müssen, hatten natürlich keinen Erfolg, auch wenn das Essen aus dem Topf stank. Bestanden deshalb schon früher mancherlei Misstände, so kann man sich vorstellen, wie es heute aussieht, wo für den Einkauf von frischem Proviant die Devisen so knapp sind und nach Möglichkeit alle Artikel, selbst das Wasser, aus Deutschland mitgenommen werden müssen. Eine löbliche Ausnahme machte bis vor einem Jahr die X- Linie. Es war unter den Seeleuten die anerkannt beste Reederei, soweit Verpflegung und Behandlung in. Betracht kommen. Das hat sich sehr geändert. Die Verpflegung ist so schlecht geworden, dass es schon wiederholt zu Unruhen auf den Schiffen gekommen ist. Auf S.S.Y wurden 24 Mann, Trimmer und Heizer, abgemustert, weil sie so wenig Dampf machten als sie zu essen bekamen. In der Seemannssprache heisst das" Dampf nach Speiserollen". Schon im Juli kam es zu einer Schlägerei zwischen Heizer und Trimmer einerseits und Offizieren andererseits. Der Grund war schlechte Verpflegung und Behandlung. Auch wegen der Art der Auszahlung des Geldes war die Mannschaft empört, denn sie erhielt pro Mann nur 50 belgische Franken pro Monat ausgezahlt. Den Rest des Geldes sollten sie sich bei der Abmusterung in Deutschland abholen. Damals wurden 14 Mann teils abgemustert, teils gingen sie selbst. Auf Anordnung des deutschen Konsulats wurden die Seeleute bei der deutschen Heuerstelle in Antwerpen nicht eingetragen und mussten nach Deutschland zurück. Gegen 12 Mann wurde ein Strafverfahren eingeleitet, das mit Strafen von 3 bis 9 Monaten endete. Auf S.S. Z. derselben Reederei kam es aus denselben Gründen zu Schlägereien zwischen Mannschaften und Offizieren. Die Offiziere verbarrikadierten sich zum Teil in ihren Kammern. Auch in diesem Fall wurden die Leute abgemustert, gingen aber nicht nach Deutschland. A-743) Der Betrieb sterror Sachsen: Bei der Firma X., Apparatebauanstalt in Dresden, wurde ein Arbeiter Ende Oktober verhaftet, weil er beim Frühstück seine trockenen Stullen auseinandergenommen und hörbar zusammengeklappt und dazu mit Betonung" Heil Hitler" gesagt hat. Ein guter Kollege hat dies dem Vertrauensmann gemeldet und zwei Stunden später wurde der Staatsverbrecher von der Gestapo abgehalt. Berlin: Die Firma X., Fahrzeugbau, hat eine Belegschaft von 600 Mann. Nur 200 davon gehörten zur Arbeitsfront. Alle Bemühungen der AF., auch die übrige Belegschaft in die AF. zu bringen, waren ergebnislos. So war es bis vor ungefähr einem halben Jahr. Eines Tages musste die Firma unter Druck der AF. eine Bekanntmachung an schlagen, aus der hervorging, dass bei eintretendem Arbeitsmangel alle die Arbeitnehmer, die nicht der Arbeitsfront angehören, zuerst entlassen werden müssen. Jeglicher Erfolg für die Arbeitsfront blieb trotzdem aus. Vor ungefähr 8 Wochen kam eines Tages eine grosse SA- Kapelle auf den Fabrikshof und konzertierte. Nachher wurde an die Belegschaft eine Ansprache gehalten, in der die Bedeutung der Arbeitsfront von einem führenden Arbeitsfront- Mann gefeiert wurde. Dann stellten die SA- Musikanten ihre Instrumente bei seite. Anhand von schon mitgebrachten Listen, die die Firma vorher anfertigen musste, wurden alle die aufgerufen, die noch nicht bei der Arbeitsfront waren. Die SA- Leute forderten in stundenlanger Arbeit von jedem dieser Männer die Personalien, notierten sie sofort auf Aufnahmescheinen und zwangen die Leute mit der Drohung sofortiger Entlassung, diese Aufnahme scheine zu unterschreiben. So wurde die gesamte Belegschaft in die Arbeitsfront überführt und die Firma wurde verpflichtet- und das tut sie auch seitdemjedem dieser Arbeiter vom Lohn den Arbeitsfront- Beitrag abzuziehen. Vor 14 Tagen erhielten diese Arbeiter die roten AF. Mitgliedsbücher im Betriebe ausgehändigt. Ruhrgebiet: Betriebsversammlung bei der Firma X. Der Betriebsleiter erstattete Bericht über die zurückliegende Zeit und erklärte u.a.: das Verhältnis zwischen Betriebsleitung, Angestellten und Arbeitern sei ein gutes. Der Betrieb steht mustergültig da. Alles sei in bester Ordnung usw. Es sprach sodann der Organisationsleiter von der Reichsbetriebsgemeinschaft der Deutschen Arbeitsfront. Er führte u.a. aus: Wenn auch der Betriebsleiter sagt, dass alles in Ordnung sei, so ist es doch nicht der Fall. Es liegen eine Menge Klagen gegen einzelne Arbeiter vor, die sich immer noch nicht an das Neue gewöhnen können. Es sind noch einige Elemente, die nicht in den Betrieb gehören. Ich scheue mich auch nicht, selbst in den Betrieb zu kommen und die Betref A- 75fenden hinauszuwerfen. Ich schrecke vor nichts zurück. Als Beispiel führte er an, dass er im... Betrieb einen Arbeiter herausgebracht hätte, trotzdem 40 Zeugen gegen ihn als Amtswalter waren. So ging das Geschimpfe eine ganze Stunde weiter. Es sprach dann der 24 jährige Betriebsobmann und schimpfte genau so wie sein Vorredner. In Zukunft werde er gegen jeden im Betrieb vorgehen, der sich etwas zuschulden kommen lässt. Wer mit seinen Beiträgen zur DAF im Rückstand ist, der fliegt aus dem Betrieb.( Der saubere Obmann ist 24 Jahre, hat vor der Macht übernahme noch nicht gearbeitet, sondern nur SA und SS gespielt). Es wurde dann ein" Sieg Heil" auf den Führer ausgebracht und das Horst Wessellied herunter geleiert. Nun war die Arbeiterschaft erlöst. Dem Fall, in dem sich der Amtswalter rühmte, einen Arbeiter aus der Arbeit gebracht zu haben, liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Vor der letzten Vertrauensratswahl hat die Belegschaft aus Ulk, denn die ganze Wahl wurde nur als eine Komödie aufgefasst, einen Arbeiter, der als harmloser Trottel im Betrieb gilt, damit ganz verrückt gemacht, dass sie ihn als Vertrauensmann wählen würde. Er sollte ihr Obmann werden. In seiner Einfalt war der gute Kerl stolz und erklärte, dass ér die Schweinereien bei der DAF dann schon beseitigen würde. Er schimpfte nun zu seiner Propaganda den ganzen Tag, desto mehr zogen ihn die Kollegen auf, zumal er niemals organisiert war. Ein eifriger Anhänger des Dritten Reichs hat das Verhalten des Mannes dem Amtswalter gemeldet. Darauf ging dieser gegen den Mann vor. Als die Kollegen sahen, dass durch ihren Ulk der Harmlose die Arbeit verlieren könnte, traten, 40 Zeugen auf, die ohne Rücksicht auf sich, den wahren Sachverhalt erklärten. Aber es half nichts, der Kollege wurde fristlos entlassen. Damit rühmt sich nun der Bonze. 4) Das Antreibersystem Wir haben in diesen Berichten wiederholt zahlreiche Beispiele für die unmenschliche Antreiberei angeführt, die seit der " nationalen Revolution" gerade auf den grossen öffentlichen Bauten eingerissen ist. Ende Oktober hat auf einer Tagung über Schadenverhütung ein Vertreter des Amtes für Schadenverhütung der NSDAP diese Feststellungen durch den Hinweis bestätigt, dass bei Durchführung der Arbeitsschlacht die Zahl der Betriebsunfälle" plötzlich in unverhältnismässig hohem Masse anschwoll" Sachsen: Ein Facharbeiter in einer Eissengieserei berichtet: Die Akkordsätze sind im Laufe der Zeit um 30 bis 50% herab A-76gedrückt worden. Aber auch die allgemeinen Arbeitsverhälthisse sind radikal verschlechtert worden. Es herrscht ein unglaubliches Antreibesystem. Rücksichten auf schwächere Arbeiter gibt es selten. Der Werkmeister treibt die Arbeiter an, denn er wird von der Betriebsleitung dazu gezwungen. Es ist während der Arbeitszeit oft kaum Zeit zur Verrichtung der Notdurft. Heute heisst es alle Kräfte hergeben, wenn man im Betrieb bleiben will. Man wird ausgepumpt bis auf die letzten Energiereserven. Beim Autobahnbau wird an der Brücke über das Muldental am Huthaus bei Nossen von jeder Seite von einer anderen Firma gebaut. Auf der einen Seite baut die Firma Grün& Bilfinger aus Mannheim und von der anderen Seite die Firma Siemens Bau- Union aus Dresden. Bei Grün& Bilfinger herrscht ein furchtbares Antreibersystem. Auf 8 Arbeiter kommt 1 Aufseher ( Antreiber). Der Oberaufseher drückt auf die Unteren, diese wieder auf die Arbeiter. Bei den Arbeitern herrscht darüber grosse Erbitterung. Die Arbeiter von der anderen Seite( Siemens Bau- Union) haben zu ihren Kollegen von Grün& Bilfinger schon mehrmals hinübergerufen:" Haut doch die Hunde von der Brücke runter". In Regis- Breitingen, Bez. Leipzig, wird ein Gaswerk gebaut. Der Stundenlohn beträgt o, 61 Mark. Strenge Arbeitsmethoden, Antreiberei, Vetternwirtschaft. Ein Monteur passt mit 4 protegierten Leuten auf die anderen auf, Denunziationen erfolgen bei jeder Gelegenheit. Bauzeichnungen werden streng geheim gehalten. Mitteldeutschland: Der Berichterstatter, ein Mann Mitte der 40, gelernter Metallarbeiter, hat sich in den letzten Monaten eifrig bemüht, wieder in einen Betrieb zu kommen. Von seinen früheren Arbeitskollegen wurde ihm aber gesagt, dass man es für ganz ausgeschlossen halte, dass er den heutigen Anforderungen noch gewachsen sei. Das Arbeitstempo sei ungeheuer gesteigert worden. Auch ist die Arbeit wesentlicht mechanisiert, so dass in zunehmendem Masse weibliche Arbeitskräfte an Stellen verwendet würden, die früher mit hochqualifizierten Arbeitern besetzt waren. Schlesien: In X. werden eine Anzahl Siedlungshäuser gebaut. Jede Arbeitskolonne, die aus 4 Mann besteht, muss sich verpflichten, das Siedlungshäuschen in llo Arbeitsstunden fertig: zustellen. Wenn sie es nicht schaffen, werden sie fristlos entlassen. Südwestdeutschland: Ein Betrieb mit etwa 200 Arbeitern stellt die Krane her, die besonders bei grossen Bauten Verwendung finden. Die letzten Bestellungen mussten mit grosser Hast ausgeführt werden. Das ist schon unter normalen Verhältnissen gefährlich. Jetzt fehlt es aber an wichtigen Bestand teilen, für die Ersatzmaterialien verwendet werden. So kam es, A-77dass in kurzen Abständen 3 Krane umstürzten oder durchbrachen. Arbeiter und Monteure wissen natürlich, was los ist, und und fühlen ständig das unheimliche ihrer Lage. Sie hätten sich früher glatt geweigert, eine solche Arbeit zu machen. Heute haben sie nichts mehr zu melden und über die Verletzten und Toten erfährt die Oeffentlichkeit nichts, 5) Die Vertrauensräte Sachsen: In einer Metallfabrik ist ein alter Kämpfer Vertrauensrat. Für die Belange der Belegschaft rührt sich dieser PG fast gar nicht. Er stolziert durch den Betrieb, arbeitet nichts und bekommt doch seinen vollen Lohn. Die Belegschaft ist mit diesem Vertrauensrat sehr unzufrieden. Das hochnäsige Wesen dieses Pgs. war nun Gegenstand einer Besprechung, die die Arbeiter des Betriebes unter sich abhielten. Sie gingen bei der Besprechung soweit, dass sie aus ihren eigenen Reihen einen neuen Vertrauensrat wählten und ihre Beschwerden schriftlich der Kreisleitung der NSDAP und der DAF übermittelten. Sie teilten diesen Instanzen auch mit, dass sie aus ihren Reihen einen neuen Verwaltungsrat gewählt hätten. Hinterher machten sich die Arbeiter Vorwürfe. Sie befürchteten, etwas dummes gemacht zu haben und bekamen es mit der Angst zu tun. Auf ihre Eingabe kam lange Zeit keine Antwort. Man machte sich allerlei Gedanken, glaubte an eine Bespitzelung und fürchtete Verhaftungen. Nach 4 Wochen jedoch ging der Bescheid ein, dass sich die Arbeiter mit dem alten Vertrauensrat abzufinden hätten. Der neue Vertrauensrat werde nicht anerkannt, da nicht mehr nach dem alten System gewählt werden dürfte. Bei der Firma X., Chemische Fabrik, war Ende Oktober Vertrauensratswahl. Von etwa 550 Arbeitern haben 300 gegen die vorgelegte Liste und 105 ungültig abgestimmt. Schlesien: Bei der Baufirma Y. wurde ein Vertrauensrat von der NSBO aufgestellt und auch gewählt. Die Stimmzettel gab seinerzeit der Polier aus, der sie dann auch wieder einsammelte. Jetzt stellt sich heraus, dass der Gewählte weder der NSBO noch der DAF angehört. Er musste sofort der DAF beitreten. Württemberg, 1.Bericht: Die Vertrauensräte entwickeln sich immer mehr zu einer reinen Schmarotzereinrichtung. Die Betriebsführer nutzen die charakterlichen Schwächen der Nazi- Vertrauensräte aus, um sie sich durch allerlei Vergünstigungen gefügig zu machen. Dadurch verlieren die Vertrauensräte als Institution allmählich jeden Kredit. Besonders in den Kleinbetrieben sind die Verhältnisse sehr schlimm. A-78- Hier wirkt sich die Atomisierung der Arbeiterschaft durch die Zerstörung ihrer gesellschaftlichen Organisationen besonders stark aus. Die in diesen Betrieben bestehende direktere Verbindung zwischen Unternehmer und Arbeiter führt zu verstärkter Abhängigkeit und Kriecherei. Z.Bericht: Die Ausnützung der Arbeitskraft ist im allgemeinen ausserordentlich stark. Bei den Bosch-Werken ist man dazu übergegangen, das Fartiewesen in gesteigerten Masse mit weiblichen Arbeitskräften zu besetzen. In diesem Werk zeigt sich die völlige Einflusslosigkeit des Vertrauensrates am deutlichsten. Bis jetzt sind wiederholte Anregungen und Beschwerden über Misstände beim Betriebsappell nicht im geringsten berücksichtigt worden. 6) Die Werkscharen Welcher Beliebtheit sich die Werkscharen- einer Art Be- triebs-SA, die zum ersten Mal auf dem diesjährigen Nürnberger Parteitag der Oeffentlichkeit vorgeführt wurden- in Wirklichkeit bei den Betriebsarbeitern erfreuen, zeigen folgende Beispiele: Südwestdeutschland: In einer grossen Nahrungsmittelfabrik wurde vor kurzem eine sogenannte Werkschar gegründet. Nach einem Vortrag von Syndikus X. meldeten sich etwa 80 junge Leute für diese Werksohar. Nach Zeitungsberichten soll dies die SA des Betriebes sein. Die früheren Genossen sagen:"Das werden wohl die Dreigroschen jungen sein, die auf uns aufpassen sollen." Auch sonst wird von dieser Werkschar nicht gerade mit grosser Achtung gesprochen. In dem feinmechanischen Grossbetrieb... hing drei Wochen hindurch ein Aufruf zur Gründung der Werkscharen aus, ohne dass Anmeldungen erfolgten. Berlin, 1. Bericht: Auf dem..amt Beplin erschien vor eini- ger Zeit ein Anschlag der vorgesetzten Behörde, der die Arbeiter zur Bildung von Werkscharen aufforderte, Eine erste und zweite Aufforderung blieben ohne Erfolg. In einer dritten Aufforderung wurde den Arbeitern angedroht, dass alle diejenigen, die sich nicht in die Werkschar einreihen wollten, nicht zur...handwerkerprüfung zugelassen werden würden(die...arbeiter sind in der Regel ungelernte Arbeiter, die nach einer gewissen Anlernzeit sich einer Prüfung unter ziehen können und dann in eine höhere Lohnstufe aufsteigen). Trotz dieser Drohung blieb der Erfolg der Aufforderung sehr kümmerlich. A- 792. Bericht: In den Betrieben sollen Hundertschaften gebildet werden. Natürlich" freiwillige". Der Vertrauensrat stellte Listen zusammen, wo die bis zu 40 Jahren alten Angestellten aufgeführt waren. Sie sollen bei Aufmärschen usw. die SA als Ordnertruppe ablösen. In einem Betrieb haben von loo Angestellten 80 ärztliche Atteste eingebracht, dass sie nicht marschieren können. Man hat die Atteste abgelehnt und eine sportärztliche, eigene Kontrolle angeordnet. Die notwendige Uniform besorgt der Betrieb und verauslagt die Kosten, pro Person sind es 43 Mark. Natürlich werden die 43 Mark in Monatsraten von 3 Mark abgezogen. Von 100 Auserwählten haben nur sieben den Schuldbetrag für die Lieferung der Uniform auf einer Liste anerkannt. Sachsen: In.... Maschinenfabrik wurde kürzlich ein Werksturm, bestehend aus Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern gebildet. Die Anschaffungskosten der Uniformen wurden aus dem Arbeiterunterstützungsfond, der für alte invalide Arbeiter gegründet worden war, und aus dem Ueberschuss der Werkskantine bestritten. Zur Einweihung wurde ein Festgelage veranstaltet, die Kosten trug die Direktion. Am anderen Tage konnten einige nicht arbeiten, weil es während der Feier zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen ist. Hamburg: In einer vertraulichen Besprechung mit Amtswaltern der Arbeitsfront wurde über den Zweck der Werkscharen mitgeteilt, dass sie eine Art nationalsozialistischer Vorschulung für die Nichtmitglieder der Hitler- Jugend vor dem Eintritt in die Reichswehr darstellen sollen. 7) Einzelberichte Berlin: An dem Richtefest für den Neubau des Reichsluftfahrtministeriums waren nicht nur die unmittelbar auf dem Bau arbeitenden Arbeiter, sondern auch die Betriebe beteiligt, die die Anschläge, die Tischlerarbeiten, und die Klempnerarbeiten geliefert hatten. Sie waren durch Delegationen vertreten. Nach den Feierlichkeiten brachen unter den Delegierten und den Bauarbeitern Streitigkeiten darüber aus, wer den Lohnausfall tragen sollte. Auf dem Bau wird in drei Schichten gearbeitet, so dass die eine Schicht Lohnausfall hatte, während bei den anderen die Feier in die Freizeit fiel. Die Firma weigerte sich natürlich, den Lohnausfall zu tragen. Das hatte man den Arbeitern selbstverständlich vorher nicht gesagt. Eindruck machen solche Veranstaltungen unter den Berliner Arbeitern nicht. Die einen rechnen sich aus, wieviel Schweine dafür nötig waren, dass die Eisbein- Portionen zusammenkamen, die anderen sagen: die veranstalten das alles von unserem Geld. Am Vorabend des Erntedankfestes hat in der Reichskanzlei nach Fertigstellung der Anbauten ein ähnliches Richtefest A- 80stattgefunden. Dabei hielt der Führer selbst eine kleine Ansprache und überreichte jedem Belegschaftsmitglied ein Geldgeschenk. Dieses Geschenk war gestaffelt. Ein Maurer erhielt z.B. 80 Mark. Dieser Maurer äusserte sich darüber in seiner derben Art:" Ick habe det Jedd natürlich nich vasoffen sondern ick habe et meine Olle jejeben und ihr jesacht: nimm hin det Scheiss- Sünden jeld und koof wat dafür." Auf einem grossen Baubetrieb brachte ein Arbeiter eine alte Nummer des" Angriffs" mit, der auf der ersten Seite anlässlich irgend einer Wahl eine grosse Karrikatur gebracht hatte. Dort waren Schlangen vor den Butterläden in der Kriegszeit zu sehen und darunter stand:" Wenn Du willst, dass es wieder so kommt, dann wähle Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten..." Dieses Blatt ging in der Frühstückspause von Hand zu Hand und erregte natürlich grosses Aufsehen. Es fanden dann in dem Betrieb viele Vernehmungen statt, ohne dass der Täter entdeckt werden konnte. Der Verdacht richtete sich vor allem gegen einen SA- Mann, aber man konnte ihm nichts nachweisen. Es kommt überhaupt in den Betrieben häufig vor, dass sich die Genossen alte Zeitungen heraussuchen und z. B. anhand des" Vorwärts" nachweisen, dass die Sozialdemokraten ja schon 1932 gesagt haben, wie es kommen würde. Ley war in der letzten Zeit wiederholt in Druckereien. Z.B. hat er bei einem Besuch in der Ullsteindruckerei, den er mit einem grossen Gefolge von Amtswaltern machte, eine grosse Rede gehalten. Er war wieder mächtig besoffen und als er schliesslich die Parade der angetretenen Belegschaft abnahm, hat er beträchtlich hin- und hergeschwankt. Unsere Leute fühlten sich geradezu angeekelt und verdrückten sich, so schnell sie konnten. Nachher fand in der Kantine ein Essen statt, bei dem für die Belegschaft ein Eintopfgericht serviert wurde, für die Amtswalter und Beamten gab es Rolladen und für Ley selbst einen Fasan. Als Ley feststellte, dass er in dieser Weise bevorzugt werden sollte, hat er diesen Fasan nicht angerührt. Natürlich gab es böse Zungen, die da sagten, dass er schon so voll getankt gewesen sei, dass er eben nichts mehr essen konnte. Auch bei einem anderen Betriebsbesuch war Ley so angeheitert, dass er nur noch mit Mühe sprechen konnte. Die Belegschaft wunderte sich darüber, dass der Betriebsobmann das Auftreten Leys in diesem Zustand nicht verhindert hat. Sachsen: Das... Werk veranstaltete vor einigen Wochen einen" Kameradschaftsabend". Eine Abteilung, die auch heute noch als besonders rot angeschrieben ist, wurde bei der Kartenausgabe übergangen. In dieser Abteilung sind eine ganze Anzahl Leute, die zwar mit keiner illegalen Organisation in Verbindung stehen, aber ihre Meinung bei jeder Gelegenheit ganz unverblümt den Nazis sagen. So sagte auch bei dieser Gelegenheit der eine Monteur X zum NSBO- Macher:" Wenn Ihr A- 81schnorren kommt, da wisst ihr, wo wir sind. Wenn es aber etwas gibt( es gab ausser Essen noch einige Glas Bier und Rauchwaren) da findet Ihr uns nicht! Mich könnt Ihr in Zukunft am A.. lecken, bei mir gibts nichts mehr!" Der Mann hatte keine Unannehmlichkeiten; im Gegenteil, er bekam sofort zwei Karten für den grossen Saal. Hier machen sich eben auch die verschiedenen Strömungen bei den Arbeitern bemerkbar. Die einen gehen allem aus dem Weg, was von den Nazis angestellt wird; die anderen sagen, immer alles mitnehmen, es ist ja unser Geld, was sie ausgeben. Eine Plakettenfabrik erhielt den Auftrag, innerhalb 14 Tagen 1 Million Stück Abzeichen für die NSDAP zu liefern. Da die Firma den Auftrag in dieser kurzen Frist nicht durchführen konnte, wendete sie sich um Rat an die Ortsgruppe der NSDAP. Diese schickte SA-Leute mit ihren Angehörigen in den Betrieb, die ausserhalb der regulären Arbeitszeit aus nationalem Interesse an der Fertigstellung dieses Auftrages mitarbeiteten. Für diese Arbeit sollen diese SA- Leute und ihre Angehörigen aber keinen Lohn bekommen haben. Nach Fertigstellung der Lieferung haben Kameradschaftsabende stattgefunden, in denen diese Hilfskräfte mit Freibier und Freiessen für ihre nationale Pflichterfüllung belohnt wurden. Ausserdem fügen wir Abschrift eines Anschlages der Firma X. über Errichtung einer Kameradschaftskasse bei. Diese Firma hat eine neue Methode eingeführt, um Arbeiter in Urlaub zu schicken. Die Firma beschäftigt 1.200 Mann einschliesslich der Angestellten. Die Arbeiter machten sich über diese neue Lotterie lustig. Wieviel Jahre dauert es, bis jeder einmal in Urlaub gehen kann? Anschlag Betr. Kameradschaftskasse: Der Vertrauensrat hat in seiner Sitzung am 12.11.1935 beschlossen, wie es auch bei vielen anderen Firmen im Reich der Fall ist, eine Kameradschaftskasse einzuführen. Diese Kasse soll dazu dienen, all jährlich eine grössere Anzahl Urlaubsfahrten der durch das Los bestimmten und mindestens 3 Jahre unserem Betrieb angehörenden Gefolgschaftsmitglieder zu finanzieren. Eine genaue Satzung wird der Vertrauensrat noch ausarbeiten und zur Kenntnis bringen. Als Beitrag wird pro Mitglied unserer Gefolgschaft und pro Woche der Pfennigbetrag des Wochenlohnes zurückbehalten, bis höchstens 9 Pfg.. Also: wenn z. B. verdient werden 17, ol Mark, wird behalten 1 Pfg., zurückist dagegen der Verdienst 17,09 Mark werden zurückbeharten 9 Pfg. für die Woche. Wir kommen somit auf einen Durchschnittsbetrag, der pro Woche noch nicht einmal 5 Pfg. erreicht. A-82Für die Angestellten und Meister sind pro Woche als Durchschnittsbetrag 5 Pfg. abzuführen. Auf diese Weise können wir im Jahre ca. 2.500 RMark bis 2.700 RMark Gelder erübrigen, die in Teilbeträgen von 50 bis 70 RMark an die Beurlaubenden ausgezahlt werden können. Wir hoffen, dass dieser Beschluss sich recht segensreich für unsere Gefolgschaft auswirkt und dass es ein neuer Beweis unserer geschlossenen Betriebsgemeinschaft ist. Diese Einrichtung ist insofern eine Ungerechtigkeit, als die Angestellten und Meister trotz ihres höheren Einkommens nur eben soviel bei steuern wie die schlechtest bezahlten Arbeiter. Ausserdem müssen alle zahlen, zugute kommt aber die Kasse nur denen, die schon mindestens drei Jahre im Betrieb sind." Segensreich" wirkt sich die Einrichtung vorläufig nur für die Firma aus, weil sie die Lohnauszahlung vereinfacht. A Schlesien: Bei den..werken, kommen etwa 1.000 Mann zur Entlassung. Die Entlassungen erfolgen nicht in grösseren Gruppen auf einmal, sondern tropfenweise. Täglich werden kleine Gruppen von Arbeitern entlassen, aus der einen Abteilung 3 Mann, aus der anderen 5 usw. Neulich wurden in der Klempnerei in einem Ballen Putzlappen kleine rote Flaggen vom Strassenbau gefunden. In der Werkstatt arbeitet ein stiller schüchterner Arbeiter. Auf dessen Werkbank wurde in seiner Abwesenheit eine dieser Flaggen, auf die mit Kalk drei Pfeile aufgemalt worden war, aufgesteckt. Als der Arbeiter zurückkam, weigerte er sich, an den Arbeitsplatz zu gehen, er habe mit der Geschichte nichts zu tun. Ein Nazivertrauensmann, Kassierer der DAF, sagte:" Als diese Fahne noch zum Rathaus herausging, ging es uns besser." Dann kam der Meister und fragte den Arbeiter, ob er Geburtstag habe, weil er seinen Arbeitsplatz so geschmückt habe. Der Arbeiter beteuerte, er wisse von nichts. Der Meister sagte dann: " Nehmen Sie die Fahne weg, die Nazis könnten sich doch aufregen und es würde eine unangenehme Sache daraus." Betriebssituation bei der Firma Y., Landwirtschafts- und Strassenbaumaschinen. Die monatlichen Betriebsversammlungen werden von der ganzen Belegschaft besucht. Früher war es ein ausgesprochen roter Betrieb. Man kann das heute noch von 90% der Belegschaft behaupten, nur fehlt der persönliche Mut. Der Zusammenhalt unter den Genossen ist gut. Werden neue eingestellt, werden sie von den alten auf Herz und Nieren geprüft. Wer politisch besteht, kein Nazi ist, sich als oppositionell bekennt, wird kollegial behandelt, der Gegner geschnitten. Nach einer Betriebsversammlung äusserte sich die ganze Belegschaft einhellig, wenn früher einer so ein Referat gequatscht hätte, wie der Gau- Schulungsleiter, der wäre mit Hallo von der Tribüne geholt worden. Dieser Redner A-83hat sich folgende Stilblüte erlaubt: Fragt ein Betriebsführer den Arbeiter, was er verdient, so wird das Gefolgschaftsmitglied sicher so anständig sein und Auskunft geben, ohne gleich die Gegenfrage zu stellen, was der Betriebsführer verdiene. Das wäre Betriebsdisziplin.- In einer anderen Versammlung war die Belegschaft nur am Betriebskrankenkassenbericht interessiert, während alles schlief oder sich gelangweilt unterhielt, solange ein Redner über das Rassenproblem sprach.- Früher waren ca. 1000 Mann beschäftigt, jetzt sind es nur 300. Da die Aufträge an Walzen und Siedemaschinen zu Ende sind und keine neuen Aufträge hereinkommen, werden wöchentlich seit 12. Oktober 3 bis 7 Mann entlassen. Mehr lässt der Treuhänder der Arbeit auf einmal nicht zu. Bei der Waldenburger Bergwerks A.G. haben sich die Arbeiter vor Jahren sogenannte" Pfennigkassen" geschaffen. Die Kassen wurden abteilungsweise selbst verwaltet und dienten zur Unterstützung bei Krankheit, Kurzarbeit usw. Jetzt hat man diese Kassen durch Zwang zusammengeschlossen, so dass sie unter Aufsicht stehen und vor allem Verwaltungskosten verschlingen. Die Arbeiterschaft protestiert dagegen. Es wurde von der DAF zur Rechtfertigung eine Belegschaftsversammlung einberufen, welche die Arbeiterschaft sabotierte und beschlussunfähig machen wollte. Von 4.000 Mann Belegschaft erschienen 240 NSBO- Mitglieder und SA- Leute. Trotzdem nahm man eine Abstimmung vor, die 232 für und 8 gegen die Vorlage ergab. Die Arbeiter sind empört über das Vorgehen der DAF. Einige Arbeiter wurden aus der DAF ausgeschlossen, was mit der Entlassung aus dem Betrieb verbunden ist. Die Stimmung unter der Belegschaft ist dadurch noch schlechter geworden. Bayern: Zum zweijährigen Jahrestag der Organisation" Kraft durch Freude" wurden in vielen Münchner Grossbetrieben Appelle abgehalten. Aus einem dieser Betriebe wird darüber berichtet: Bereits 4 Tage vorher wurde am schwarzen Brett bekanntgegeben, dass zu dem Appell jeder antreten muss, der Appell gehöre zur Arbeitsleistung. So ist es erklärlich, dass die über 2.000 Mann starke Belegschaft voll angetreten ist. Von einer Anteilnahme an der Kundgebung kann gar keine Rede sein. Die Arbeiter mussten sich in Reih und Glied aufstellen. Die SA, der Fliegersturm und die NSBO machten Ordnerdienst. Sie hatten dafür zu sorgen, dass alle Arbeiter ruhig auf ihren Standplätzen blieben. Das war aber auch höchst notwendig, denn der Hauptredner, der stellvertretende Gauleiter sprach so lange und so langweilig, dass überall schon grösste Unruhe entstand, trotz der grossen Lautsprecheranlage, die man kurz vorher in die Halle einbaute. Solche Kundgebungen haben die Arbeiter satt und sie zeigen es auch durch die Gleichgültigkeit, mit der sie dem Theater folgen. Der Beifall war sehr flau, und wohl mehr als die Hälfte rührte sich überhaupt nicht. Umso mehr klatschten die SA- Leute. Man merkt jetzt schon sehr deutlich, dass das ewig gleiche Geschwätz 4-84der Naziredner bei den Arbeitern nicht mehr verfängt. Sie gehen zur Tagesordnung über und nehmen dieses Geschrei von der Volksgemeinschaft hin wie ein notwendiges Uebel. Interessant ist auch, dass der Appell nicht wie sonst mit dem Gesang des Deutschland- oder des Horst Wesselliedes schloss, sondern nur mit einem dreifachen" Siegheil" auf. den Führer. Ueber den" KdF"-Appell in einer Apparate- Fabrik wird berichtet: Zum Appell traten die Arbeiter in losen Gruppen an. Während der Rede des Betriebsleiters begannen die Arbeiter unter sich Privatgespräche. Als der Redner auf die neuen Errungenschaften der Bewegung" Schönheit der Arbeit" in unserem Betrieb hinwies und dabei die einzige Neuerung des Jahres: vier neue Toiletteanlagen erwähnte, konnte man manch lächelndes Gesicht sehen. Am anderen Tage stand in einem Closett zu lesen:" Prolete den- k daran, was Kraft durch Freude alles schaffen kann!" Grosse Maschinenfabrik: Die Stimmung im Betrieb ist unverändert. Die neuen Ausstellungen, die aus anderen Grossbetrieben der Rüstungsindustrie bekannt werden, haben bei den Arbeitern eine gewisse Besorgnis ausgelöst. Keiner will seinen Arbeitsplatz verlieren. Eine politische Arbeit war im Betrieb einmal von den Kommunisten zu spüren. Es erschienen zu Beginn des Monats hektographierte Flugblätter, die zur Einheitsfront und zur Bildung von Gewerkschaften aufforderten. Da nur wenige Exemplare auftauchten und da durch fortlaufende Schreckverhaftungen eine gewisse Aengstlichkeit bei den Arbeitern entstanden ist, fanden die Zettel kaum Beachtung. In Selb wurde am 6. März 1933 die Kommunistin Frau Messing von dem Nazi- Gelegenheitsarbeiter Lager erschossen. Die Frau Messing war schon einmal Stadtratsmitglied in Selb. Der Mörder wurde nicht verfolgt, er fiel wahrscheinlich unter eine der damaligen Hitleramnestien. Aber die verachtenden Blicke der Selber Arbeiter machten ihm den Boden in Selb zu heiss und er verschwand. Er war 1 1/2 Jahre in Bayreuth. Eines Tages kam er wieder nach Selb und wurde bei den städtischen Notstandsarbeiten, einem Strassenbau in der Stadt Selb eingestellt. Aber nicht nur eingestellt, sondern von den Nazis gleich zum Vertrauensmann der Arbeiterschaft gemacht.( Früher hat diese Funktion im Hoch- und Tiefbau Baudelegierter geheissen). Aber nur 10 Tage hielt es der" Vertrauensmann" Lager bei den Notstandsarbeiten aus. Kein Mensch sprach ein Wort zu ihm, jeder mied ihn, jeder ging ihm aus dem Wege, gar nicht daran zu denken, dass nur irgendeiner seinen Gruss erwidert hätte, wenn er zur Arbeitsstelle kam. Nach lo Tagen blieb er von der Arbeit einfach weg und sitzt nun daheim in seinen vier Wänden als Arbeitsloser. Also selbst dieser Nazimörder hat die moralische Züchtigung durch Arbeiter keine 14 Tage ertragen. 4-85Südwestdeutschland: In der Landwirtschaftlichen Maschinenfabrik X. war die Stimmung der Belegschaft in den letzten Wochen sehr schlecht. In den einzelnen Abteilungen wurde immer wieder über die Preissteigerungen und sonstigen wirtschaftlichen Verschlechterungen debattiert. Es wurden auch ganz öffentlich die saftigsten Witze über die Regierung erzählt. Wenn in der einen oder anderen Abteilung sich ein SA- Mann in langen Stiefeln sehen liess, wirkte dies auf die Belegschaft wie ein rotes Tuch auf einen Stier. Plötzlich tauchte das Gerücht auf, dass der Kreisleiter der Arbeitsfront kommen würde, um die Zustände in den einzelnen Abteilungen zu untersuchen, da ständig gemeckert werde und nun kam das Ueberraschendste, alle duckten sich, keiner wagte auch nur mehr eine Bemerkung zu machen. Einige treue alte Genossen, die noch dort sind, haben aus diesem feigen Verhalten die Schlussfolgerung gezogen, dass es noch unendlich viel gebrauche, bis die Arbeiter zu einer Revolution reif geworden sind. Immerhin hat man den Leiter der Reichsbetriebsgemeinschaft Metall von Berlin kommen lassen, der dann auch in den Betriebsversammlungen der meisten Betriebe seinen Kohl verzapfte. Der Beifall war überall nur gering. Aufgefallen ist dabei den Arbeitern, dass dieser Herr in einem erstklassi gen schnittigen Mercedeswagen angefahren kam, dass nach dem Referat keine Diskussion stattfand, und dass der Herr nach dem obligatorischen" Heil Hitler" von den Herren der Direktion an den Wagen geleitet wurde und wieder losfuhr. In dem grossen Eisenwerk Y. meinten die Arbeiter: wenn früher einmal einer unserer Bonzen so gekommen wäre, hätte man ihn gesteinigt. Bei der Firma X. machte ein Arbeiter nach einem SA- Treffen wieviel in Z. gegenüber einem SA- Mann die Bemerkung:" Na, SA- Buben waren nun dorten?" Darüber war nun grosse Entrüstung in der Partei und in der SA. Der Vertrauensrat des Werkes musste die Direktion anrufen und es wurde beschlossen, den Arbeiter mit 5 Mark zu bestrafen. Damit war auch der Reichsfachschaftsleiter, der gerade dort war, einverstanden. Nicht einverstanden waren aber SA und Partei. Diese wollten den Mann der Staatsanwaltschaft zur Bestrafung übergeben. Unterdessen hatte die Direktion mit dem Vertrauensrat zusammen einen Anschlag gemacht, in dessen ersten Teil die Arbeiter gewarnt werden, zu meckern und zu schimpfen, da sie sonst genötigt wäre, Entlassungen vorzunehmen. Im zweiten Teil dagegen wurde gesagt, dass, wenn jeder seine Arbeit intensiv verrichte, wie es notwendig sei, dann/ auch diese gegenseitigen Unterhaltungen aufhören müssten. Die Arbeiter haben den Anschlag denn auch dahin verstanden, dass dies eine mehr oder weniger starke Verurteilung derjenigen wäre, die den Mann angezeigt hätten. Die Mazis schimpfen infolgedessen über die Direktion, die die Staatsfeinde unterstütze. 4-86Aus einem kleineren Kriegsbetrieb der Metallindustrie in einer mittelschwäbischen Kleinstadt wird berichtet, dass dort Hochbetrieb herrscht. Zur grossen Belustigung unserer dort beschäftigten Freunde finden sie auf allen Schriftstükken, die ihnen bei der Arbeit in die Hände kommen, einen roten Zettel aufgeklebt, der es streng verbietet, Zeichnungen von Fabrikationsartikeln in die Hand von" politisch Unsicheren" zu geben. Die Durchführung dieser Anordnung macht der Betriebsführung einige Schwierigkeiten, da gerade die höchst qualifizierten Facharbeiter des Betriebes in die Kategorie der" Unsicheren" gehören. Aus dem vorgenannten Ort wird über die Verhältnisse bei der Reichsautobahn, die das Gebiet des Ortes schneidet, folgendes berichtet: Beschäftigt werden in der Hauptsache Wohlfahrtserwerbslose, die durch die Arbeitsämter aus Dortmund und Frankfurt/ Main nach Württemberg gebracht wurden, zum Teil verheiratete Männer und Familienväter. Lohn 51 Pfg. pro Stunde. Die Behandlung ist sehr schlecht und die Stimmung unter den Leuten zum Teil verzweifelt. Vielfach weigern sich die Arbeiter hier, der DAF beizutreten. Soweit sie politisch sich äussern, handelt es sich fast ausschliesslich um schroffe Gegner des Regimes und soweit sie es noch nicht waren, werden sie es unter den herrschenden Bedingungen sehr schnell. Sämtliche Akademiker und höheren Beamte der J.G. Farben Ludwigshafen mit Gehältern über 600 Mark monatlich erhielten am 1. Mai Tantiemen und zwar von 2.000 Mark aufwärts. Die jüngeren Chemiker erhielten zum Beispiel durchschnittlich 2.000 RMark. Diejenigen mit etwas verantwortlicherem Posten 3.000 und 4.000 RMark und noch mehr. Die Herren wurden ehrenwörtlich zum Schweigen verpflichtet. Aber das Unglück wollte es, dass einer seinen Abrechnungsschein im Werk verlor und nun ging die Sache wie ein Lauffeuer durch den ganzen Betrieb. Der Vertrauensrat wurde bei der Direktion vorstellig. Die Direktion bestritt die Ausschüttung von Tantiemen glatt. Es wäre kein Wort daran wahr. Aber heute wird öffentlich darüber gesprochen und sogar die Beschenkten geben in Freundeskreisen offen die Zahlen bekannt. Nun erhalten seit einigen Jahren die Angestellten und Arbeiter zu Weihnachten ebenfalls kleinere Beträge und zwar die Angestellten o, 7 Prozent des Jahresgehaltes zuzüglich eines Zuschlages für jedes Dienst jahr über 10 Jahre. Die Arbeiter 4 Prozent ihres Jahreseinkommens. Die Angestellten glaubten sich nun gegenüber den Arbeitern und Akademikern stark benachteiligt und wurden bei der Direktion vorstellig wegen. Erhöhung. Sie erhielten jedoch den Bescheid, dass der Betrieb eine solche Erhöhung nicht ertragen könne. Diese Vorfälle haben offenbar den Gauleiter Bürckel veranlasst, einen Aufruf an alle Arbeitgeber zu richten, in dem er die Bitte ausspricht bei Weihnachtsgratifikationen Ungerechtigkeiten möglichst zu vermeiden. 1-87Rheinland: Von einem Betrieb mit einer Belegschaft von 1.000 Mann wird berichtet, dass dort jetzt die Belegschaft sehr streng beaufsichtigt wird, nachdem sich gezeigt hatte, dass hier Auseinandersetzungen mit den Nazis an der Tagesordnung waren. In diesem Betrieb hatten im vergangenen Jahre von den 1.000 Mann nur etwa 50 für das WHW gezeichnet. Jetzt ist bekanntgemacht worden, dass man diesen Zustand in diesem Jahre nicht dulden werde und dass man mit Drückebergern nicht mehr zusammen arbeiten würde. Der Betriebsführer hat im Geheimen die ehemaligen Betriebsräte gebeten, doch da keine Geschichten zu machen. Man wisse doch, dass die nationalsozialistische Konkurrenz. nur auf eine Gelegenheit warte, dass die Bude geschlossen werden könnte. Nordwestdeutschland: Bei der... Spinnerei erschien der Gauführer der Deutschen Arbeitsfront und hielt den Vertrauens. räten einen Vortrag, in dem er etwa ausführte:" Wir gehen in einen schweren Winter. Alles muss getan werden, um die Bevölkerung, besonders die Arbeiter, ruhig zu halten. Die Regierung steht vor ernsten Schwierigkeiten und sorgt vorbildlich für uns. Nur Vertrauen müssen wir haben und sorgen, dass die Arbeiter bei der Stange bleiben und an den Nationalsozialismus glauben. Ihr seid die Mittler und als Amtswalter Adolf Hitlers verpflichtet, alles zu tun, um die Arbeiter zu beruhigen. Das sollt und müsst ihr erreichen. Denkt einmal an die Funktionäre der Freien Gewerkschaften, die haben es gekonnt, also müsst ihr es auch können. Das sind Kerle. Jetzt nach bald drei Jahren sind sie noch nicht mit den Herzen bei uns. Jeder von euch muss sich einen dieser Leute vornehmen und ihn freundschaftlich bearbeiten bis er zu uns kommt und an den Führer glaubt. Haben wir diese, dann haben wir auch die Arbeiter.". In der Wein- Werbewoche waren überall grosse Feste. Die. Kumpels bekamen die Flasche für 50 Pfennig. In Datteln war die Belegschaft der Zeche" Emscher- Lippe" zu einem Weinfest vereinigt. Als der billige Wein wirkte, so um 11 Uhr, gab es eine grosse Schlägerei, bei der der Betriebsführer samt Vertrauensrat verprügelt wurde. Es musste das Ueberfallkommando alarmiert werden, das den Streit schlichtete. Am anderen Morgen liess der Betriebsführer einige Leute kommen und sagte ihnen:" Ich werde Euch lernen, Euch anständig zu besaufen. Hier sind die Fleppen." Drei Mann wurden entlassen. Der Pütt ist bekannt als Knochenmühle. Die Wut über die elenden Zustände in der, Zeche machte sich Luft. Auf der Zeche Blumentahl gab es bei dem Weinfest auch eine Schlägerei. Die Betriebsführung war kurz vorher wegen Korruption verhaftet worden und die neue wurde auf dem Weinfest mit Hallo begrüsst. Von der Handelsflotte: Uebereinstimmend berichten unsere Vertrauensleute an Bord der Seeschiffe der Handelsflotte, dass der Flaggenwechsel auf den grossen Schiffen mit starker Antipathie aufgenommen wurde. Stolz darauf waren nur besonders 4-88fanatische Nazis. Auf Anordnung mussten die Kapitäne eine Lobrede auf Hitler halten. Meist ist sie sehr kurz gewesen. Eine Ausnahme machte Kapitän X. von der Y. Zu der Feierlichkeit war die gesamte Mannschaft. nach dem Achterschiff befohlen. Aber der Kapitän musste seine byzantinische Rede auf den Führer vor einem Bruchteil der Besatzung halten, denn die Heizer, Trimmer und ein Teil der Matrosen waren dem dienstlichen Befehl zur Teilnahme an der Feier nicht gefolgt und in ihren Logis geblieben. Die Borda bende auf der Z. sind stets sehr schlecht besucht. Von den Heizern erscheint fast niemand und auch ein Teil der Matrosen bleibt diesen Veranstaltungen fern. Es verging kein Abend, an dem der Kapitän nicht wetterte und gegen die Marxisten und Kommunisten drohte. Jetzt ist er dazu übergegangen, vor Beginn des Bordabends die Mannschaftsliste vorlesen zu lassen. Bei Namensaufruf muss jeder mit" Hier" antworten. Wer nicht anwesend ist, wird geholt. Nun hat der Kapitän die Genugtuung, dass auch die Heizer und Matrosen beim Bordabend anwesend sind. Aber der Herr Kapitän hat die Bordabende in die Arbeitszeit verlegt und nicht wie früher in die Freizeit. Sie sind nun Schiffsdienst. A- 89IV. Aus Handel und Gewerbe Man kann nicht sagen, dass die Nationalsozialisten nichts für den gewerblichen Mittelstand getan haben. Sie haben mancherlei getan, aber ihre Massnahmen haben sich grösstenteils als zweischneidig erwiesen. Nächst der Landwirtschaft war der gewerbliche Mittelstand das Gebiet, auf dem die Nationalsozialisten versucht haben, ihrer Ideologie praktisch Gestalt zu geben. Hat sich in der Agrarpolitik die Blubo- Romantik und der Autarkiewahn ausgetobt, so war die Mittelstandspolitik das Feld für die Verwirklichung ihrer zünftlerischen Wirtschaftsvorstellungen. Nach aussen ist nur das zwiespältige und unentschlossene Vorgehen gegen die Warenhäuser und Konsumvereine sichtbar geworden. Die Nationalsozialisten selbst haben aber viel grösseres Gewicht auf ihre anderen mittelständlerischen Massnahmen gelegt: Die Einführung der Handwerksrolle und des Handwerkerpasses sollten das Handwerk von der Konkurrenz der blossen" Geschäftsleute" befreien. Die Einführung der Genehmi gungspflicht für die Errichtung von Einzelhandelsgeschäften ursprünglich nur als vorübergehende Massnahme gedacht, dann sollte der Uebersetzung 1934 zur Dauervorschrift umgewandelt des Einzelhandels entgegenwirken. Der Zusammenschluss der Gewerbe in Zwangsinnungen und einer bis zum Reichshandwerksmeister durchorganisierten Standesorganisation sollte das Handwerk als selbständigen Berufsstand neben Landwirtschaft, Industrie und Handel etablieren. Aber alle diese von zünftlerischer Romantik zugleich aber auch von den massenorganisatorischen Bedürfnissen der Diktatur- getragenen Massnahmen haben schwere Nachteile gezeitigt, während ihre möglichen Vorteile durch den Kurs, den die allgemeine Wirtschaftspolitik eingeschlagen hat, illusorisch gemacht wurden. Die Konzessionierung des Einzelhandels, die wesentlich schärfer durchgeführt wurde als der" Gesetzgeber" zu beabsichtigen A-90vorgab, hat z. B. dahin geführt, dass ausserordentlich viel Läden leerstehen. Das aus allen Landesteilen gemeldete Leerstehen vieler Läden hat nicht nur seinen Grund in der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation des Einzelhandels sondern vor allem in der behördlichen Praxis, die Neuerrichtung solcher Geschäfte sehr zu erschweren( Verneinung der Bedürfnisfrage, Nachweis der Sachkunde und der persönlichen Zuverlässigkeit des Bewerbers usw.) Ein Berichterstatter aus Sachsen äussert sich Z.B.: Es ist auffällig, dass viele Läden zum Verkauf stehen und dass kleine Lebensmittelhändler ihre Läden einfach haben schliessen müssen und zum grossen Teil Wohlfahrtsunterstützung beziehen. Der Verkauf der Läden gestaltet sich ziemlich schwierig, weil die neuen gesetzlichen Vorschriften verlangen, dass die Käufer vom Fach sein müssen. Auch wenn ein Ladeninhaber sein Geschäft nur vorübergehend aufgegeben hat, darf er nicht ohne weiteres wieder ein neues anfangen, sondern bedarf dazu behördlicher Genehmigung. Ein Beispiel: Ein Handwerker, der wegen Unfalles seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, verkaufte seine Werkstatt und kaufte sich dafür ein Lebensmittelgeschäft. Er versäumte aber, die behördliche Genehmigung einzuholen und er wurde tatsächlich kurze Zeit darauf gezwungen, das Geschäft wieder aufzugeben. Auch das Verfahren, die selbständige Ausübung eines Handwerks von der Ablegung der Meisterprüfung abhängig zu machen, hat starke Schattenseiten. Einem Bericht aus Berlin entnehmen wir: Unter den Handwerkern steht ein engstirniges zünftlerisches System in voller Blüte. Heute ist z.B. ganz genau bestimmt, welche Hausarbeiten ein Hausmeister machen darf und für welche ein Handwerker herangezogen werden muss. Aus dem gleichen Geist heraus wird der Kampf gegen die Schwarzarbeiter im einzelnen Falle mit brutaler Härte durchgeführt. In derselben Richtung liegen die Vorschriften, die z. B. die Ausübung des Schneiderhandwerks an die Zurücklegung einer drei jährigen Lehrzeit und die Ablegung einer Meisterprüfung binden. Früher konnte z. B. ein junges Mädchen, das Schneidern gelernt hatte, sich durch Annahme von Kunden selbständig machen und so einen bescheidenen Lebensunterhalt verdienen. Heute wird das streng untersagt und nur wer Lehre und Prüfung durchgemacht hat, kann eine Schneiderei aufmachen. Das bedeutet natürlich, dass die ärmeren Volksschichten, die es nicht möglich machen können, ihre Kinder drei Jahre in die Lehre zu schicken, von diesen handwerklichen Berufen in Zukunft einfach ausgeschlossen werden. A-91Die Zwangsinnungen und die ganze Standesorganisation haben in den Kreisen der Gewerbetreiebenden selbst die schärfste Kritik und Ablehnung erfahren. An Stelle lebendiger Selbst verwaltung ist eine kostspielige Zwangsorganisation getreten, die das Betätigungsfeld für eine selbstgefällige und korrupte Bürokratie abgeben muss. Unfähig, den angestrebten Preisschutz wirklich durchzuführen und Schleuderpreise zu verhindern, sinken die Innungen immer weiter zu blossen Beitragsmaschienen herab. Wasserkante: Den Innungsbetrieb empfinden die Meister als hohlen Zwang. Es finden viele Innungsversammlungen statt, oft zwei innerhalb von 14 Tagen, ohne dass wichtige Dinge vorlägen. Die Versammlungen bestehen vorwiegend aus gegen seitigen Beschimpfungen. Bei unentschuldigtem Fernbleiben von Pflichtversammlungen setzt es drei Mark Strafe, obwohl die Einladungen manchmal erst am Vormittag des Versammlungstages erfolgen. Beliebte Praxis ist, gleich bei Beginn der Versammlung seine mit Namen unterzeichenete Einladungskarte der Besuchskontrolle abzugeben und dann zu verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden in kleineren Versammlungen die Karten manchmal erst gegen Schluss angenommen. Die Handwerker gehen nur unlustig und gezwungen hin. Alleweils werden Ausschüsse gebildet, ohne dass etwas dabei herauskäme. Ein Ehrengericht existiert auch, trat aber bis jetzt nicht in Tätigkeit. Doch drohen die Obermeister in Versammlungen gern damit, was aber nur spöttisches Gelächter der Versammlung hervorruft. Der Innungsbeitrag beträgt monatlich 1,80 Mark, hinzu kommt für jeden beschäftigten Gehilfen 50 Pfg. Nicht selten werden auch Umlagen in Höhe von 2 bis 3 Mark pro Geschäft vorgenommen. Auf jede Weise schröpft man die verärgerten Geschäftsinhaber. Für jedes gelieferte, aushängende Plakat der Innung( Geschäftszeiten usw.) muss lo oder 20 Pfg. bezahlt werden. Abzeichen müssen genommen werden. Jedes Geschäft hat lo bis 20 Handwerkslose zu verkaufen. Nichtumgesetzte Exemplare müssen behalten werden. Neulich fand eine Pflichtversammlung für sämtliche Innungen statt, bei der 20 Pfg. Eintritt gezahlt werden sollte. Verärgert drehten viele Handwerker um, ohne Rücksicht auf etwaige Folgen wegen unentschuldig ten Ausbleibens. Die Innungen sind nicht berechtigt, verbindliche Preise festzusetzen, nur Richtpreise. Nimmt aber jemand niedrigere Preise, so wird ihm die Gewerbepolizei auf den Hals gehetzt, der die Kalkulation vorzulegen ist. Nur die grösseren Handwerksgeschäfte, die mit ihrer besseren Geschäftseinrichtung und. Reklame die Kleinen aus dem Felde zu schlagen hoffen, wünschen feste, allgemein verbindliche Richtpreise; die klei 4-92nen Handwerker nicht. Schlesien: Im Oktober fand die Jahresversammlung der Maler innung Breslaus statt. Der Obermeister erstattete den Jahresbericht und gab dabei bekannt, dass er eine Verdienstausfallentschädigung von rund 1.800 Mark und eine Reiseentschädigung von 3.000 Mark bezogen habe. Auf" Oho"-Rufe erhob sich sofort der anwesende Vertreter der Handwerkskammer und erklärte, dass hier niemand sich zu entrüsten habe. Der Bericht und das Geschäftsgebahren seien von der Handwerkskammer gebilligt worden. Ein anwesender Meister meldete sich zum Wort und verlangte, die Versammlung solle den Geschäftsbericht nicht genehmigen. Ihm wurde das Wort entzogen und eröffnet, dass er kein Recht habe, an der Versammlung teilzunehmen, da, sein Geschäft auf den Namen seiner Frau geführt werde. Er sei also gar nicht Mitglied der Innung. Darauf erfolgte die Abstimmung durch Erheben von den Sitzen. Von rund 500 Anwesenden stimmten etwa 3/5 für den Bericht, 10 dagegen. Der Vertreter der Handwerkskammer flüsterte dann dem Versammlungsleiter zu, er solle auch feststellten, wer sich der Stimme enthalten wolle. Das geschah. Es erhob sich aber niemand. Daraufhin hielt der Handwerkskammervertreter eine Ansprache und nannte diejenigen, die nicht den Mut hatten, aufzustehen, Feiglinge. Die Stimmung unter den Malermeistern war nach der Versammlung sehr erregt. Viele erklärten, dass sie sich eine solche Behandlung, ein zweites Mal(!) nicht gefallen lassen werden. Südwestdeutschland( Baden): Der Obermeister der MalerInnung in X. hat im vertrauten Verein mit dem Schriftführer und dem Kassenwart, entgegen einem Innungsbeschluss der Innungsversammlung, wonach bei Submissionen unbedingt die Mindestpreise für Genossenschaftsbauten eingehalten werden müssen, die Mindestpreise um 30 bis 40 Prozent unterboten und so auch die Arbeiten erhalten. Darob natürlich grosse Erbitterung unter den" gewöhnlichen Mitgliedern". Auch bei den Glaserarbeiten für die neue Kaserne in Y. hat sich der Nazistadtrat A. von B., der gleichzeitig kommissarishher Leiter der Ortskrankenkasse ist, durch starke Preisunterbietungen bemerkbar gemacht. Er hat die Arbeiten noch billiger angeboten, wie die in Y. ansässigen Glasermeister. Einem grossen Teil der Arbeiten hat er auch erhalten. Württemberg: Der Kreishandwerksführer K., der anscheinend im Handwerkskammerbezirk Stuttgart eine grosse Rolle spielt, machte vor einigen Monaten den Versuch, eine Zwangsinnung aller heimarbeitenden Weber und Stricker zu schaffen. Durch ein Zirkular wurden alle in Betracht kommenden Leute aus einem Gebiet von etwa 8 Kreisen( von der badischen bis zur bayerischen Grenze) bei Strafandrohung von 20 RMark nach Stuttgart eingeladen und zwar mitten in der Woche. Als die Versammlung beginnen sollte, waren von den 300 Geladenen 4-93einschliesslich der Saalbedienung ein halbes Dutzend Personen anwesend in einem Saal, der rund 2.000 Menschen fasst. Eine Stunde nach dem angesetzten Zeitpunkt konnte di Sache endlich steigen, nachdem noch etwa 25 Leute gekommen waren. Hierauf eine drohende Rede des Herrn Kreisleiters, dass man die Saboteure schon zu fassen kriegen werde und sodann der Gründungsversuch. Dabei zeigte sich, dass von den Erschienenen kein Einziger die Voraussetzungen für die Zugehörigkeit zur Innung( ein jährige Lehrzeit) erfüllte und dass der bereits mitgebrachte Innungsführer nicht einmal einen Vorstand zusammenbrachte. Pfalz: In den Pfälzischen Städten ist unter den Innungen eine gewisse Panik ausgebrochen. Sie behaupten, ihre Kassen würden wegen der bevorstehenden Eingliederung in die Arbeits front beschalgnahmt. Es wird über Versuche diskutiert, wie das Geld zu retten wäre. In einem Falle ist eine Weinreise gemacht worden, die aber heftige Kritik der massgebenden Oberbonzen ausgelöst hat. Bayern: In den Zwangsinnungen wird Versammlungszwang ausgeübt. Eine wirkliche Besprechung der Sorgen und Nöte der Geschäftswelt ist in diesen Versammlungen nicht möglich. Aus W. wird z. B. berichtet, dass sich bei einer solchen Versammlung eine Anzahl Gastwirte in einem Nebenzimmer zur Besprechung über die Bierpreisfrage zusammengefunden hatten. Man wollte sich über die möglichen Schritte unterhalten. Da erschien die Polizei und verhaftete 4 Teilnehmer, nachdem sie die Personalien aller anderen Anwesenden festgestellt hatte. Zwei Personen wurden nach Dachau gebracht. Dieses strenge Vorgehen erregt verständliche Empörung unter der Geschäftswelt. Die Zwangsinnungen gehen rücksichtslos mit der Einkassierung der Beiträge vor. So erhielt z. B. ein Gewerbetreibender von seiner Innung eine Zuschrift, dass er innerhalb 14 Tagen einen Beitrag von 8 Mark zu leisten habe, im Nichteinbringungsfalle hätte er Zwangseinziehung zu erwarten. Der Mann hatte vorher keine andere Zuschrift seiner Innung erhal ten; es wurden ihm weder eine Mitgliedskarte noch Satzungen zugestellt. Solche Vorfälle erregen zwar scharfe Kritik, aber bezahlt wird doch. Nordwestdeutschland: In den Innungen ist dauernd Krach. Die jungen NS- Obermeister werden von den alten Innungskrautern nicht gewürdigt. Es entstehen immer mehr Diskussionen in den Versammlungen. Harte Kritik wird geübt. Das Bemühen der Obermeister," politische Erziehungsarbeit" zu leisten, wird ironisiert. Hat der Obermeister in der Versammlung mit Namensnennung Innungsmitglieder angeprangert, weil sie nicht geflaggt hatten, oder sich an einer Sammlung nicht beteiligt hatten, dann setzt nach der Anprangerung lebhaftes Beifallsklatschen ein und jeder weiss, dass der Beifall nicht dem A-94Obermeister gilt. Alle diese organisatorischen Misstände werden umso fühlbarer je mehr dem gewerblichen Mittelstand zum Bewusstsein kommt, dass er neben der Arbeiterschaft der Hauptleidtragende der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik ist. Die Mittelständler hatten sich von der" nationalen Revolution" eine Senkung der Steuern versprochen, sie hatten gehofft, von der Aufrüstung zu profitieren. Statt dessen ist die Steuerbelastung empfindlich verschärft worden, während die Heeresaufträge, soweit überhaupt welche für das Handwerk abgefallen sind, sich als wenig lohnend erweisen. Vor allem aber ist der Lebensmittelhandel in wachsendem Masse der Leidtragende der verhängnisvollen Wirtschafts- und Ernährungspolitik des Systems geworden. In der Steuerpolitik wendet das System dieselbe Methode an wie in der Lohnpolitik und in der Sozialpolitik. Oberster Grundsatz ist auch hier: nur keine allgemeinen Verschlechterungen, damit nicht allgemeine Abwehrbewegungen entstehen. Man nimmt also keine Steuererhöhungen vor, denn die würden allgemein sichtbar werden und ganze Schichten gleichmässig treffen, sondern man lässt bei den Steuersätzen nahezu alles beim alten, verschärft aber die Steuereinziehung und zwar sowohl die Steuer veranlagung als auch die Steuerbei treibung. Und das ist der Punkt, an dem diese Steuerpolitik sich zwangsläufig zu einer Spezialwaffe gegen den gewerblichen Mittelstand entwickeln muss. Der kleine Handel- und Gewerbetreibende ist seit Jahrzehnten die Krux der modernen Steuerpolitik und-Verwaltung. Die Lohnund Gehaltsempfänger kann man durch den Steuerabzug ausserordentlich genau erfassen, den grossen Unternehmungen kommt man durch periodische Buch- und Betriebsprüfungen je länger je mehr auf die Sprünge. Aber beim gewerblichen Mittelstand versagte bisher die eine wie die andere Methode. Man kann ihn nicht so genau veranlagen wie die grossen Unternehmungen, dazu ist die 4-95Zahl der Steuerpflichtigen zu gross. Deshalb half man sich mit Schätzungen. Die grosse Masse der Mittelständler- wie übrigens auch der Bauern- wurde nicht nach ihrem tatsächlich G errechneten Einkommen besteuert, sondern auf Grund von Schätzungen, die von der geleisteten Umsatzsteuer und von der durchschnittlichen Verdienstspanne des einzelnen Gewerbes ausgingen. Es kam also für den Gewerbetreibenden Vor allem darauf an, bei der Umsatzsteuer zu mogeln; dadurch sparte er gleichzeitig bei der Einkommen- und der Gewerbe steuer. Bei der Umsatzsteuer konnte er nur mogeln, wenn er ganze Umsätze verschwinden liess, also weder Eingang noch Ausgang der betreffenden Ware verbuchte. Dieses Verfahren war bisher möglich, weil für die Kleingewerbetreibenden nur eine sehr unvollkommene Buchführung vorgeschrieben war. Mehr Schreiberei und Rechnerei glaubte die Republik ihnen nicht zumuten zu können und die Folge war, dass der Mittelstand die Klasse der Steuerpflichtigen war, die am ungenauesten steuerlich erfasst wurde. Die wachsende Finanznot hat die Diktatur erfinderisch gemacht. Sie ist drauf und dran, den bisherigen Zustand der Besteuerung des Mittelstandes zu beseitigen und ein Kontrollsystem aufzubauen, das die Hinterziehungs- Möglichkeiten zum grössten Teil verstopft. Vom 1. Oktober ab sind die Handelsund Gewerbetreibenden verpflichtet worden, Wareneingangsbücher zu führen, in das sie Tag für Tag alle eingegangenen Waren genau verzeichnen müssen( mit Preis und Name der Lieferanten). Jetzt wird die Sache für die Gewerbetreibenden kritisch. Jetzt können sie Umsätze nur noch verschweigen, wenn sie die Eintragung im Wareneingangsbuch unterlassen. Das aber ist zu gefährlich, weil sie damit rechnen müssen, dass die Steuerbehörde auf Grund von Nachprüfungen beim Lieferanten auf den Umsatz aufmerksam wird. Umgekehrt kann es der Lieferant nicht wagen, eine Lieferung in seinen Büchern zu unterschlagen, weil er Gefahr läuft, dass die Steuerbehörde das Wareneingangsbuch des Empfängers der Lieferung zum Ausgangs A-96punkt einer Nachprüfung beim Lieferanten macht. Die Besteuerung von Handel und Gewerbe wird daher in Zukunft die tatsächLichen Umsätze und Einkünfte sehr viel genauer erfassen können als die bisherige, vorwiegend auf Schätzungen gegründete Methode. Auf diese Weise wird für den gesamten gewerblichen Mittelstand die Steuerschraube empfindlich angezogen, ohne dass ein einziger Steuersatz erhöht worden ist. Hinzukommt, dass nicht nur die Steuerveranlagung, sondern auch die Steuereinziehung und-Beitreibung ausserordentlich verschärft worden sind. Die Buch- und Betriebsprüfungen, für die in der Republik ein ausgezeichneter Apparat aufgebaut worden ist- spielen sich immer. mehr ein und tragen daher wachsende Früchte; Pfändungen und Zwangsbeitreibungen werden rücksichtsloser als je durchgeführt. So erklärt sich also das Geschrei der Mittelständler über die drückenden Steuerlasten; sie bekommen jetzt erst die volle Schärfe der Gesetze zu spüren und denken naturgemäss mit Sehnsucht an das Steuerparadies der Republik zurück. So erklärt sich aber auch ein Teil der erheblichen Steigerung der Steuererträge. Wenn man bedenkt, dass gleichzeitig die Landwirtschaft auf dem Umwege über die Zwangswirtschaft wesentlich schärfer steuerlich erfasst wird wir haben darauf bereits im vorigen so ist der Schluss beBericht hingewiesen( Nr. 10 S 43 f) GING rechtigt, dass ein guter Teil der Ertragssteigerungen bei der Jmsatzsteuer, der Einkommensteuer, der Gewerbesteuer usw. nicht auf die wirtschaftliche Belebung, sondern auf verschärfte steuer. liche Erfassung zurückzuführen ist. Unseren Berichten entnehmen wir über dieses Gebiet folgendes Material: Schlesien, 1. Bericht: Statt der von den Nazis versprochenen Steuersenkung ist praktisch eine Steuererhöhung eingetreten. Abgesehen von der Einkommensteuer- Reform im Herbst 1934 sind zwar die Steuersätze unverändert geblieben, aber die verschärfte Steuereintreibung und die Aenderungen einiger Durchführungsbestimmungen bringen eine wesentliche Erhöhung 7. A- 97der Steuerbelastung mit sich. So sah z. B. die Steuergesetzgebung früher vor, dass bei Aktiien nur der halbe Kurswert für die Vermögenssteuer eingesetzt wurde. Diese Vergünstie gung ist jetzt aufgehoben und die Aktien müssen zum vollen Kurs versteuert werden. Bei der Umsatzsteuer gab es früher das Zwischenhandelsprivileg nach 7, wonach Waren, die durch den Händler unmittelbar weiterverkauft wurden, nicht der Besteuerung unterliegen. Dieses Zwischenhandelsprivileg ist jetzt abgeschafft worden und der Zwischenhandel muss jetzt eine ermässigte Umsatzsteuer von 1/2% bezahlen. Das hat natürlich wesentlich zur Erhöhung des Aufkommens der Umsatzsteuer beigetragen. In der Landwirtschaft bestand früher die Regelung, dass für die wichtigsten Bodenprodukte ein ermässigter Umsatzsteuersatz von 0,75% galt und für die übrigen ,. vor allem für die Erzeugnisse der Viehwirtschaft der volle Satz von 2%. Jetzt wird für alle Produkte ein einheitlicher Satz von 1% erhoben. Ob das für die bäuerliche Gesamtwirtschaft eine Erhöhung oder Verminderung der Steuerbelastung bedeutet, lässt sich zurzeit noch nicht übersehen. Die Buchprüfungsvorschriften werden jetzt wesentlich strenger gehandhabt als früher. Auch die Kleingewerbetreibenden müssen mindestens ein Einnahmen- und Ausgabenbuch führen und die Belege darüber aufbewahren. Die Prüfung der Bücher wird wiederholt auch auf Nachprüfungen bei den Lieferanten ausgedehnt. Ueberhaupt werden die Buchprüfungen viel häufiger durchgeführt als früher. Staatssekretär Reinhardt hat vor kurzem den Grundsatz aufgestellt, dass die Steuereinziehungsbeamten rücksichtslos, aber gerecht zu sein haben. Wer die Praxis kennt, weiss, dass die Wahrung der Steuergerechtigkeit nicht eine Sache des Vollziehungsbeamten, sondern der Veranlagung ist und dass nach dieser Richtschnur dem Vollziehungsbeamten einfach nichts weiter übrig bleibt, als eben rücksichtslos zu sein. Früher wurden Steuerrückstände zweimal angemahmt und wenn dann der Vollziehungbeamte kam, liess er auch noch mit sich reden. Heute wird nur einmal gemahnt und schon nach wenigen Tagen erscheint der Vollziehungsbeamte. Er kennt heute keine Gnade mehr und verlangt Geld oder führt die Pfändung durch. Bei der Pfändung beschränkt er sich nicht darauf, Einrichtung gegenstände zu fpänden, sondern man geht jetzt immer mehr dazu über, sofort die Pfändung in die Aussenstände vorzunehmen. Die Steuerbeamten vertreten ganz offen den Standpunkt: wenn ein Betrieb seine Steuern nicht zahlen kann, dann ist er eben nicht lebensfähig und muss geschlossen werden, und der Betriebsinhaber muss dann eben Wohlfahrtsunterstützung beziehen. Neben der normalen Steuerbelastung spielt die Steigerung der Handwerkskammer- und Berufsschul- Beiträge eine wesentliche Rolle. Die Handwerkskammerbeiträge sind teilweise um 1-98200% gestiegen. Im vorigen Jahr wurde diese Steigerung mit der allgemeinen Umorganisierung begründet, aber in diesem Jahr ist sie ebenfalls beibehalten worden. Die Berufsschulbeiträge betrugen 1932 und 1933 nur 3% des Grundbetrages der Gewerbesteuer. 1934 ist auf einmal eine Steigerung auf 20% des Grundbeitrages durchgeführt worden, ohne dass dafür eine Begründung angeführt wurde. Zu den Steuern und Beiträgen kommt schliesslich das Spendenwesen, das die kleinen Gewerbetreibenden besonders hart trifft. Man kann im ganzen ohne Uebertreibung sagen, dass die Spendenwirtschaft bei den Kleingewerbetreibenden einer Steuererhöhung um 25% gleichkommt. 2. Bericht: Auf die säumigen Steuerzahler wird ein immer stärkerer Druck ausgeübt. Das Finanzamt X. drohte jetzt, diese in der Zeitung öffentlich anzuprangern, da es sich hier nur um Sabotage am neuen Deutschland handeln könne. In Y. war ein Saalbesitzer mit Steuern im Rückstande, weil sein Geschäft schlecht geht. Als er kürzlich eine Festlichkeit in seinem Saale hatte, kamen nach Schluss der Polizeistunde ein Vollstreckungsbeamter mit zwei Wachtmeistern und pfändete die ganze Einnahme. Sachsen, 1. Bericht: Die Eintreibung der Steuern ist sehr viel strenger als früher. Es wird heute zweimal gemahnt und beim dritten Mal ohne weiteres gepfändet. Früher war es möglich, durch Stundungsgesuche die Zahlung der Steuern hinauszuzögern, heute ist das ausgeschlossen. Seit dem 1. Oktober müssen die Kleingewerbetreibenden ein Warenausgangsbuch führen, was sehr streng kontrolliert wird. Das Wareneingangsbuch sieht folgendermassen aus: Laufende Datum Name des Gelieferte Rechn. Nummer: der Lieferan- Ware: Rechn.ten: Rechn. Tatsächl. Betrag: Storno gezahlter Betrag: In dieses Buch müssen alle Wareneingänge aufgenommen werden, und monatlich müssen Abschlüsse gemacht werden. 2. Bericht: Der Mittel- und Gewerbestand klagt sehr über die hohen Steuern und erzwungenen Abgaben( die Bürgersteuer ist zum Teil auch erhöht worden, nur für Kinderreiche hat man sie etwas vermindert). Die Finanzämter gehen sehr rigoros bei der Steuereinziehung vor, ein Mahnverfahren in früherem Sinne gibt es nicht mehr, die Zahlungsaufforderung erfolgt in der Zeitung, dann gibt es eine Schonfrist von 5 Tagen, dann kommt eine Zahlungsaufforderung durch die Post, dann, wenn ihr nicht entsprochen wird, erscheint innerhalb 3 Tagen der Beitreibungsbeam te. Lässt man auch diesen unverrichteter Sache abziehen, weil man nicht zahlen kann, so wird einfach das Gewerbe entzogen und man kommt auf die schwarze A- 99Liste der Steuersäumigen. Bayern, 1.Bericht: Beim Mittelstand ist man wütend über die rigorose Steuereintreibung. Dafür ein Beispiel: Ein Schreinermeister hatte eine grössere Steuerschuld. Er bekam einen Auftrag bei einem Neubau. Da zuständige Finanzamt pfändete sofort beim Auftraggeber den Handwerkerlohn für den Schreinermeister und zog davon die Steuerschuld ab. So geht es in Dutzenden von Fällen. Ein Bauunternehmer und ein Handwerksmeister lehnten einen für sie erreichbaren Auftrag beim Kirchenbau in X. ab," weil sie als steuerrückständig ja doch nur für das Finanzamt arbeiten würden." 2. Bericht: Unter allen Geschäftsleuten herrscht grosse Empörung. Sie sollen fortfährend geben und werden nun mit Steuern mehr geschröpft als früher. Früher haben sie doch ihre Steuern nicht korrekt entrichtet, manches verheimlicht. Das ist nun anders. Jeder muss Buch führen und wird alle Augenblicke kontrolliert. So war früher der Zigarettenund Zigarrenverkauf für die Wirte eine willkommene Nebeneinnahme, die wohl keiner versteuert hat. Jetzt kommt die Kontrolle und sagt:" Lassen Sie einmal Ihr Buch sehen." Nachdem das durchgesehen ist, werden die Zigarren- und Zigarettenbestände verlangt, gewissenhaft nachgezählt und dann wird gefragt, von wem die Zigaretten gekauft sind. Darauf wird der Zigarrenhändler geprüft, ob er diesen Posten an den Wirt auch bei sich als" verkauft" gebucht hat. So wird der letzte Pfennig Umsatzsteuer erfasst. Südwestdeutschland, 1.Bericht:( Baden): Die Steuerschraube ist in den letzten Jahren ganz erheblich angezogen worden, insbesondere bei den Kleingewerbetreibenden. Bei diesen versucht man mit aller Rücksichtslosigkeit nicht nur die laufenden Steuern, sondern auch die Rückstände einzutreiben. Die Steuererheber sind angewiesen, keine Steuerforderungen abzulegen, sondern durch tägliche Besuche unter allen Umständen zu erreichen, dass der kleinste Betrag und wenn es auch nur eine Mark ist, bezahlt wird. In verschiedenen Fällen, hauptsächlich bei Wirten, ist es schon vorgekommen, dass der Steuerbeamte zum Feierabend erschienen ist und von der Abrechnung der Tageseinnahme. gleich ein Drittel eingezogen hat. Hiergegen kann sich der Schuldner in keiner Weise wehren, weil ihm sofort mit Konzessionsentzug gedroht wird. Um die Steuereingänge ganz genau festsetzen zu können, wurde das Wareneingangsbuch geschaffen, welches bei den kleinen Geschäftsleuten durchschnittlich einmal in der Woche kontrolliert wird. An Hand dieses Buches wird dann die Steuereinschätzung genau vorgenommen. Die Gemeindeabgaben sind in keiner Weise zurückgegangen. Was Kreis-, Gemeinde-, Bürger- und Getränkesteuer anbelangt, werden diese mit grösster Rücksichtslosigkeit von den ge-. A- 100schwächten Geschäftsleuten eingezogen. In Bezug auf Gas-, Wasser- und Lichtrechnungen ist in Mannheim die Stadtverwaltung schon soweit gegangen, dass ihr Vertreter eine halbe Stunde vor Einbruch der Dunkelheit erschienen ist und dem rückständigen Bezieher das Licht abstellte, wenn er nicht in der Lage war, sofort einen Teilbetrag auf die ausstehende Rechnung zu bezahlen. Solche Vorgänge treten am meisten bei Wirten auf, weil es diesen zur Zeit wirtschaftlich am schlechtesten geht. 2. Bericht( Hessen): Die Finanzämter haben folgende öffentliche Bekanntmachung erlassen: Liste der fäumigen Steuerzahler Der Staat stellt die Rechtsform dar, in der sich das Leben der Bolksgemeinschaft und aller ihrer Glieder vollzicht. Der Staat ist nicht um seiner selbst willen, sondern um des seiner Führung anvertrauten Bolkes willen da. Er ist da, um die Borausfegungen zu schaffen, au feftigen und zu stärken, deren es bedarf, wenn das Bollt als foldjes und in natürlicher Folge davon die einzelnen Berufoftände, die einzelnen Familien und die einzelnen Bolksgenoffen sollen leben und gedeihen können. Der Staat braucht zur Erfüllung seiner Aufgaben Geld. Die zur Bestreitung der Ausgaben erforderlichen Mittel müffen. forveit nicht dem Staat Cinnahmen aus eigenem Bermögen zufließen, in Form von Steuern umb ionftigen Abgaben auf die Glieder der Volksgemeinschaft umgelegt werden. Ohne Steuern kein Staat, und ohne Staal keine Dafeins und Entwicklungsmöglichkeit des Volkes, der Familie und der Einzelperson. Die Kraft des Staates, die ihm gestellten Aufgaben zu erfüllen, beftinimt sich nach der Einstellung der einzelnen Bolksgenoffen zum Staa Die Einstellung des einzelnen Bolksgenoffen sinn Staat findet ihren Ausdruck in dem Grad des Pflichtbewußtseins und des Berantwortungsbewußtseins gegenüber dem Staat. Eine der wesentlichsten Bilichten beruht darin, dem Staat die zur Erfüllung seiner Aufgaben erforderlichen Mittel zu geben. Der Grad des Pflichtbewußtseins und des Berantwortungsbewußtseins des einzelnen gegenüber dein Staat bestimmt fich infolgedeffen im wesentlichen nach feiner Chrlichkeit bei ber Abgabe von Steuererklärungen und nach der Bünktlichkeit in der Erfüllung seiner ftenerilchen Berpflichtungen. Diese beiden Eigenschaften ftellen bie Ehrlichkeit und Bunktlichkeit in der Erfüllung ber steuerlichen Berpflichtungen Grundlage wahrer Treue zum Staat und damit zur Bolksgemeinschaft dar. Je starker diese Eigenschaften sich ausprägen, um so größer qeitaltet sich das Maß, um das die Steuerlaft, die auf der einzelnen Berson ruht, gemuldert werden kann, und um fo ftärker find infolgedeffen die Boraus fegungen für eine burchgreifende Gefuadung der sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Dinge unferes Bolkes. Mangel an Ehrlichkeit und Bünktlichkeit in der Erfüllung der steuerlichen Berpflichtungen bedeutet Margel an Treue zum Staat und zur Bolksgemeinschaft. Um diefen Mangel aus dem Kreis unfeter Volksgenoffen möglichst auszuschließen und gleichzeitig die Kraft des Staates zur Erfüllung feiner Aufgaben zu stärken, wird in Jukunft eme Liste der fäumigen Stenerzahler aufgelegt werden, eritmalig im Frühjahr 1936 für das Jahr 1935. Su die erste Lifte der fäumigen Steuerzahler wird aufgenommen werden, wer am 1. Januar 1985 mit Steuerzahlungen aus der 3eit vor dem 1. Januar 1985 riftäubig ist oder es im Jahr 1935 hinsichtlich einer 3ahlung oder Borauszahlung zu einer zweitmaligen Mahnung kommen läßt. Es liegt beshalb im Sntereffe eines jeden Steuerpflichtigen, die vorhandenen Stemerrückstände fobald wie möglich, fpätestens Sis Ende Dezember 1934, reftios a befeitigen und ab Jennar 1985 bie eingelmen Steuerzahlungen Rets pünktlich an entrichten. Die Steuerzahlungen find möglicht nicht burg Bargeld, sondern burch Beftigeck, überweisung. 3ahlkarte aber bergl. zu entrichten. Auf der feite bes überweisungsabschnitts aber bergl. muß stets Doudig genau angegeben werben, woffer ble 3ahlung blent. Beispiele 1. Steuernummer 2 631 Karl Schmidt, Berlin- 3ehlendori, Berliner Straße 87 Umfagsteuervorauszahlung für Auguft 1934 2 B. Don 64500 Reichsmark." 2. Steuernummer 1 286 Craft Stramer, Stonigsberg, Schloßgaffe 6 Einkommensteuer abfchlußzahlung für 1960 gadh Cinkommensteuerbescheid für 19883 6leuernummer 3-419 Erwin Renner. Erfurt, Gothaer Strahe 9 Einkommensteuervorauszahlung brites alenbervierteljahr 1934 gends inkommensteuerbescheid für 1953." Gebrucht 1934. LFA Raffet. A-101. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Im Mittelstand kann man hinhören, wo man will, es wird geschimpft. Die Nazis haben die Konsumvereine nicht aufgelöst, sie haben die Warenhäuser nicht beseitigt. Arbeiten, die schon längst als ein Jahr fertig sind, sollen noch immer von den Gemeinden oder dem Staat bezahlt werden. Statt dessen verrechnet man Steuerschulden auf den Arbeitspreis. Sehr wütend ist man, dass die Nazis, die im Jahre 1932 dazu aufforderten, die Hundesteuern nicht zu bezahlen, jetzt diese Steuern zwangsweise eintreiben. 2. Bericht: Die Steuerschuldner werden ganz rigoros herangenommen. Den Steuerschuldern wird mit Entziehung oder Vorenthaltung der Staatsaufträge gedroht, wenn sie die Steuern nicht zahlen. Die mittelständlerischen Steuerdrückeberger, die zur Zeit des demokratischen Staates nicht genug auf den Staat, der sie mit übermässig hohen Steuern angeblich quält, schimpfen konnten, werden jetzt für ihre Nazifreundlichkeit hart bestraft. Die Hoffnung auf Heeresaufträge hat den Handwerkern manche Enttäuschung gebracht. Die Heeresverwaltung lässt sich bei der Vergebung der Aufträge von kaufmännischen und nicht von zünftlerischen Gesichtspunkten leiten, so dass die Handwerker im Konkurrenzkampf mit den grossen Unternehmen einen überaus schweren Stand haben. Zu ihrem Unglück haben sich die Nationalsozialisten auch auf diesem Gebiet der Organisationsaufgaben bemächtigt und sie denn auch zu Gunsten ihrer Versorgung! anwärter und zu Lasten der Handwerker gelöst. An Stelle der einzelnen Lieferungsgenossenschaften ist ein grosser Auffangapparat für die Rüstungslieferungen mit der" Reichszentrale für Handwerklieferungen e.G.m.b.H." an der Spitze geschaffen worden, mit dem Erfolg, dass an Stelle funktionierender Selbst. hilfeorganisationen eine schwerfällige und offenbar auch beim Militär unbeliebte Zwangsorganisation getreten ist. Rheinland, 1.Bericht: Die Heeresverwaltung hat seit längerer Zeit Leder- und Polsterarbeiten an die kleinen Handwerker vergeben. Darüber durften wir vor dem 16. März nicht sprechen; es war uns streng verboten unter Hinweis auf die Landesverratsparagraphen. Heute kann man darüber sprechen, soweit die deutsche Aufrüstung überhaupt noch ein Geheimnis ist. Ich müsste die Unwahrheit sagen, wenn ich nicht zugeben würde, dass wir kleinen Handwerker dabei ganz nett verdient haben. Wir haben versucht, soviel Arbeit wie möglich hereinzubekommen und es ist uns auch durch gemeinsame A-102Arbeit gelungen. Zwar hat die Heeresverwaltung strenge Bedingungen gesetzt und an den Preisen herumgequetscht und tadellose und gleichmässige Arbeit bis auf die einzelnen Nadelstiche verlangt, aber wie gesagt, wir sind ganz gut weggekommen. Das Geheimnis unseres Erfolges war eine Genossenschaft, die wir zum Zwecke der Hereinholung von Aufträgen gegründet hatten. Diese wurde ehrenamtlich verwaltet und unsere Beiträge waren infolgedessen verhältnismässig niedrig, was nicht besagt, dass sie uns nicht belasteten. Jetzt ist wahrscheinlich für uns kleine Handwerker die Sache aus. Inzwischen ist es nämlich irgend jemanden eingefallen, das Ganze zusammenzufassen, d.h. die Heeresverwaltung hat erklärt, dass sie nicht in der Lage sei, mit so und so viel Einzelpersönlichkeiten und so und so viel Vertretern von Genossenschaften über Lieferungen zu verhandeln. Deshalb werde das Reich aufgeteilt und es würden 16 grosse Lieferungsgenossenschaften gebildet statt bisher бo. Der Sitz unserer Genossenschaft soll X. sein. Damit sind aber die kleineren Genossenschaften, die bisher bestanden, nicht einverstanden und es hat ein heftiger Kampf um die Organisationsform entwickelt, der noch nicht ausgetragen ist. Jetzt soll nämlich der Einzelanteil das Fünfache des bisherigen betragen. Natürlich muss ein Doktor als Geschäftsführer und ein Syndikus angestellt und eine grosse Verwaltung errichtet werden. Und während wir uns um die Organisationsform streiten, machen die Fabrikanten das Rennen und schnappen uns die Arbeit weg. Dabei verhandelt die Heeresverwaltung in anderen Fällen immer mit Einzelpersönlichkeiten und es ist ihr durchaus willkommen, wenn sie mit möglichst viel Leuten zu verhandeln hat. Denn auf die Art kann sie die Preise drücken und für die Beauftragten der Heeresverwaltung soll das Geschäft oft auch recht gewinnbringend sein. Das ist die vielgepriesene Rettung des Mittelstandes und des Handwerkerstandes der Nazis. In unseren Kreisen ist ob dieser Entwicklung die Unzufriedenheit sehr gross. Sie kommt in den Innungsversammlungen und bei anderen Gelegen heiten recht drastisch zum Ausdruck. Es ist durchaus nicht mehr so, wie noch vor einem Jahr, dass die Handwerker schwei gen. O nein, wir sprechen uns oft sehr deutlich aus. Und es ist so weit gekommen, dass vor etwa 14 Tagen der Präsident der Handwerkskammer einer rheinischen Stadt im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit in die Versammlung hineinrief:" Das alles hat mit Nationalsozialismus nichts mehr zu tun!" Im übrigen wird das Leben im Handwerk Tag für Tag schwieriger. Der Rohstoffmangel hat viel schlimmere Formen angenommen, als allgemein bekannt ist. Besonders Baumwolle und Wolle sind in unserm Beruf schwer zu kriegen und sie werden immer teurer. Matratzen dürfen in der Unterpolsterung nur noch mit Papiergewebe bezogen werden. Das Papiergewebe aber ist um 25% teurer als gutes Gewebe. Gewisse Polsterartikel sind sogar um loo bis 150% im Preise gestiegen und t 1-103sie sind nicht zu kirgen. Ein lumpiger Artikel, wie Seegras, ist einfach nicht zu haben. Fertigen Nähfaden für Sattler gibt es nicht mehr. Wir müssen ihn wieder selber drehen wie zu Urgrossvaterzeiten. Das Material dafür ist aber ebenfalls nur schwer zu beschaffen. Alles wäre ja viel leichter zu ertragen, wenn man bloss einen Ausweg sähe. 2. Bericht: Verschiedene Handwerkskammern haben sich bei der Regierung darüber beschwert, dass ihre Mitglieder keine Rüstungsaufträge bekämen. Von der Regierung wurde geantwortet, es sei nicht möglich, an linksrheinische Unternehmer und Handwerker Aufträge zu vergeben. Das Gebiet sei Räumungs gebiet und deshalb habe man kein Interesse daran, nach dort Aufträge zu geben. Man hoffe aber, dass die notleidenden Handwerker weiter zu Volk und Vaterland stehen würden. Württemberg: Verschiedene Vorkommnisse illustrieren sehr eindeutig die angeblich so mittelstandsfreundliche Haltung der Diktatur: 1.Fall: Die Handwerker des Bezirks X. waren von der Innung aufgefordert worden, Angebote für Inneneinrichtung einer Reihe von Kasernenbauten einzurichten, wie Stühle, Bänke, Tische, Spinde etc. Nachdem sie lange vergeblich auf Bescheid gewartet hatten, wurde der Innungsvorstand bestürmt und zog daraufhin Erkundigungen ein: Antwort: Eine Auftragserteilung komme nicht in Frage, da das auftraggebende Heeresamt nur leistungsfähige Grossbetriebe berücksichtigen könne. 2. Fall: Eine Schuhfabrik mit ca. 1oo Arbeitern, die seit Jahren kurz arbeitet, hatte sich um Heereslieferungen beworben. Sie erhielt einen ablehnenden Bescheid, dessen Begründung besagte, Betriebe in dieser Grösse könnten nicht berücksichtigt werden, da sie hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit nicht mit den Grossbetrieben konkurrieren könnten. Bei einem " Gefolgschaftsabend" des Betriebes gab der Betriebsführer seinen Arbeitern diese Nachricht zum Besten. Der Betrieb arbeitet gegenwärtig 24 Stunden pro Woche. Allgemein wird auch geklagt, dass die kleineren Akkordanten bei den Reichsautobahnen, die nicht direkt, sondern durch die Grossunternehmer, zur Arbeiten herangezogen werden, oft viele Monate lang auf die Bezahlung ihrer Forderungen warten müssen, wobei natürlich der Hauptgewinn an den Arbeiten nicht ihnen, sondern den Grossen zufliesst. Sachsen: Wie es um die Hoffnungen des Handwerkerstandes auf ihren Gewinnanteil an der deutschen Aufrüstung bestellt ist, Hoffnungen, die erweckt wurden durch die Gründungen von Lieferungsgenossenschaften durch die Reichszentrale für Handwerkslieferungen, erzählt ein Schuhmachermeister aus einer sächsischen Kleinstadt: Vor längerer Zeit erschien ein Major beim Obermeister der Schuhmacher- Innung des betreffenden Ortsbereichs und erklärte, dass er einen Auftrag auf 100 Paar Militärstiefel an die Innung zu vergeben habe, dem A- 104bei günstigen Preisangebot noch weitere Aufträge folgen würden. Als der Innungs- Obermeister bei dieser Eröffnung nicht sofort straffe militärische Haltung einnahm, raunzte ihn der Herr Major an und übte mit dem Altmeister der Schuhmacherzunft erst einmal ein bisschen Strammstehen und militärische Haltung, bevor er die so glücklich eingeleitete Verhandlungen weiterführte. Nach langer gründlicher Kalkulation unter Hinzuziehung weiterer Innungsmeister wurde schliesslich ein Preis von 14 Mark und einigen Pfennigen für ein Paar Qualitätsstiefel errechnet. Darauf erklärte der Major, dass ihm dieser Preis viel zu hoch sei, er bekomme in Dresden das Paar Stiefel zu 12 Mark geliefert. ( Wie die Innung dann später festgestellt hat, handelte es sich bei diesen 12- Mark- Stiefeln um Lieferungen einer grossen Schuhfabrik). Schweren Herzens und nur mit Rücksicht auf die Zusage und Hoffnung, dass sie bei guter Qualitätsarbeit später weitere Grossaufträge bekommen würden, erklärten sich die Innungsmeister bereit, ihren Verdienstanteil herabzudrücken und die Stiefel für den Preis von 12 Mark zu liefern, wobei ihnen nur ein" Verdienst" von einigen Gro-schen am Paar verblieb. Die weiteren Aufträge sind aber bis heute ausgeblieben. So, erklärte der Handwerksmeister, sieht heute die versprochene Hebung des Handwerkerstandes durch den nationalsozialistischen Staat aus. Von den Lieferungsgenossenschaften der Reichszentrale höre man überhaupt nichts mehr, seitdem diese in Berlin gegründet worden sind. Früher, unter dem alten System, habe die Innung des Ortes mehrfach Grossaufträge auf Stiefellieferungen für die sächsische Polizei gehabt, dabei sind sie nicht so im Preise gedrückt worden und haben an diesen Aufträgen auch verdient. Ueber ähnliche Erfahrungen berichtet dieser Handwerksmeister auch von der Schneiderinnung des betreffenden Ortes. Dort sind mit allerhand Kostenaufwand Umschulungen auf Uniformschneiderei erfolgt, aber auf die versprochenen Aufträge warten die Meister heute noch immer vergebens. Die Stimmung in den Kreisen dieser Provinzhandwerkerschaft ist dem jetzigen Regierungssystem gegenüber entsprechend schlecht. Bis weit in die Kreise der Nazianhängerschaft kommt der Unwille ganz offen zum Ausdruck. Viele glauben nicht an eine lange Dauer dieses Regimes. Oft werden unsere früheren Funktionäre von diesen Leuten gefragt, was ihre Meinung wäre, wie lange dieser Schwindel noch dauern würde. Schlechter noch als dem Handwerk geht es dem Handel und zwar dem Kleinhandel und innerhalb dieser Gruppe wieder dem Lebensmittelhandel. Diese Gruppe spürt mit am stärksten die Folgen der allgemeinen Wirtschaftspolitik. Soweit der Fiktion: Stabile Preise stabile Löhne überhaupt ein Stück Wirklichkeit entspricht, ist diese Realität auf Kosten des Kleinhandels A- 105zustandegekommen. Rücksichtslos ist die Handelsspanne verkürzt worden; selbst die amtliche Statistik gibt einen Abbau um 6 bis 7% zu, tatsächlich wird er in einzelnen Zweigen noch weit darüber hinausgehen. Gegen Kleinhändler aber, die versuchen, die Höchstpreise zu umgehen, richtet sich nicht nur die Staatsgewalt, sondern auch die Empörung der Bevölkerung. Nicht nur die Preispolitik, auch die sonstige Zwangswirtschaft schafft für den Handel viele Belastungen und Unbequemlichkeiten. Unsere Berichterstatter äussern sich: Sachsen, 1. Bericht: Die Milchhändler sind darüber verstimmt, dass sie infolge der Einheitsmilch, die sie vom " Milchhof" geliefert erhalten, keine spezielle Kundenwerbung mehr treiben können. Früher konnten sie mit der besonderen Qualität ihrer Milch argumentieren, heute weiss jeder Kunde, dass er bei jedem Milchhändler ein und dieselbe fettlose, leichtverderbliche Milch erhält, so dass es ihm ganz egal ist, bei wem er sie ersteht. Während die Milchgeschäfte früher den von ihnen vertriebenen Weichkäse durch Schild als" Sahnenquark" bezeichneten, müssen sie jetzt auf Anordnung ein Schild anbringen mit der Aufschrift:" Speisequark mit 25 Prozent Sahne zusatz." Die Händler kapieren diese Anordnung nicht, denn die Kunden wussten eh und je, welche Beschaffenheit der altbekannte quark besitzt. Wer das Schild nicht anbringt, wird in Geldstrafe genommen. In einer einzigen Strasse wurden allein drei Händler mit empfindlicher Geldstrafe belegt. Die Händler sind der Auffassung, dass die Anordnung nur erfolgt, damit der Staat mittels Geldstrafen sich neue Einnahmen machen konnte. 2.Bericht: Die Kleingewerbetreibenden fühlen sich durch die Marktregelung sehr belastet. Sie sind z. B. bei dem Verkauf von Butter verpflichtet, jedes kleine Quantum in Markenpackungen zu verkaufen. Bei den jetzigen 1/ 4- Pfund-Packungen ist das eine starke Belastung. Sie klagen darüber, dass die Grosshandelspreise für Butter sich erhöht haben, dass sie aber selbst die Butter nicht teurer verkaufen dürfen als früher. Im Grosshandelspreis stellt sich die Markenbutter auf 1,46 bis 1,48 RMark und der Kleinhandelspreis ist auf 1,60 RMark für das Pfund festgesetzt; bei der feinen Molkereibutter steht einem Einkaufspreis von 1,42 bis 1,44 RMark je Pfund ein amtlicher Verkaufspreis von 1,57 RMark gegenüber. Schlesien: Die Milchhändler schimpfen über die Milchzwangs wirtschaft. Früher wat ein tüchtiger Händler in der Lage, durch Lieferung besonders guter Milch, sich einen grossen Kundenstamm zu schaffen. Jetzt muss er die Milch von der zuständigen Molkerei abnehmen. Infolgedessen kann er nicht A-106mehr so gute Milch wie bisher liefern und verliert einen Teil seiner Kundschaft. Obgleich der Milchpreis in den letzten zwei Jahren von 22 auf 24 Pfg. pro Liter gestiegen ist, sind die Milchhändler in ihrer Preisspanne um 3 Pfg. pro Liter heruntergedrückt worden. Rheinland: Das neue Brotgesetz- eine Massnahme, die unZweifelhaft den Käufer vor Schaden schützen soll- hat in den Kreisen der Bäcker nicht unbeträchtliche Unruhe ausgelöst, da nunmehr Mindergewicht an Brot sehr stark kontrolliert wird und der Bäcker selbst den Kontrollstempel über Art und Gewicht auf dem Brot anbringen muss, während es sonst gang und gäbe war, dass der Verdienst für den Bäcker im Mindergewicht lag. Diese an sich gute Massnahme der Regierung hat unter die früher einmal nazibegeisterten Bäckermeister einigermassen abkühlend gewirkt. Die Methode des Systems, die Schwierigkeiten, die es durch seine verfehlte Wirtschaftspolitik heraufbeschworen hat, möglichst auf Kosten des Kleinhandels und Gewerbes zu überwinden, haben besonders die Fleischer zu spüren bekommen. Trotz des Fleischmangels und der steigenden Preise will man die Fleischer zwingen, Preiserhöhungen zu unterlassen. Dabei muss man bedenken, dass die Schwierigkeiten bei der Fleischversorgung schon viel länger bestehen als die Oeffentlichkeit weiss. Schon im Mai hat der Vorsitzende des Deutschen Fleischerverbandes an die Fleischer den Appel gerichtet, auf den Viehmärkten sich nicht gegenseitig zu überbieten, weil schon damals " Versorgungsspannungen" auftraten. Darin findet auch die Tatsache ihre Erklärung, dass schon kurze Zeit nach dem Eintreten der allgemeinen Fleischknappheit viele Fleischereien ihren Betrieb schlossen. Sie waren schon geschäftlich ruiniert, noch bevor der Warenmangel der Oeffentlichkeit allgemein zum Bewusstsein kam. Unseren Berichten entnehmen wir: Sachsen, 1.Bericht: Schon Ende Juni standen viele Fleischerläden zum Verkauf. Die Fleischer können nicht mehr von den Grosshändlern auf Kredit kaufen, sondern müssen sich entweder zum Fleischeinkauf Bankkredite besorgen oder gegen Barzahlung kaufen. 2. Bericht: Auf den grosstädtischen Schlacht- und Viehhöfen kommt es fast an jedem Geschäfts- und Schlachttage zu dramatischen, mitunter wüsten Auftritten. Das wird immer wieder von neuem berichtet aus Plauen i, V., Chemnitz, A- 107Zwickau, Leipzig, Dresden. Die Fleischer und ihre Gesellen legen da mit der ihnen eigenen Deutlichkeit los:" Wir sind so weit, dass es uns recht wäre, wenn der Kommunismus käme und der ganzen Sauerei ein Ende mache... Sie sollen uns alle am A... lecken, wenn sie nichts verstehen und uns alle in Grund und Boden ruinieren... Lieber alle ins KZ, als noch länger hinter leeren Ladentischen... Ehe es wieder Schweine zu stechen gibt, wird man erst die grössten Schweine abstechen müssen.." Bezeichnend ist, dass fast alle derartigen Bemerkungen vor vielen Zeugen fallen und sich meist keiner findet, der hingeht und denunziert. 3. Bericht: In Leipzig mussten neuerdings etwa 20% der Fleischergehilfen entlassen werden, weil infolge der Fleisch knappheit viele Geschäfte geschlossen worden sind. In den Markthallen stehen 30% der Verkaufsstände gleichfalls leer. Ruhrgebiet: Wir berichten über einen Fall, der sich hier vor einigen Tagen abspielte. Die Polizei kommt zu einem Metzger in den Laden, um nach versteckter Ware zu suchen. Da stellt sich die Frau des Metzgers mit dem Hackbeil neben den Beamten, um ihn an der Nachprüfung zu hindern. Der Beamte beruhigt die Frau, die einen hysterischen Wutanfall bekommt. Um kein Unglück eintreten zu lassen, bricht der Beamte die Durchsuchung ab. Die Frau aber erzählt dem Publikum, das tagsüber in den Laden kommt:" Wenn der Polizist nicht gegangen wäre, hätte ich ihm den Schädel eingeschlagen. Für uns ist doch alles kaputt. Mir ist jetzt alles gleichgültig. In Duisburg, Neudorferstrasse, hat sich ein Metzgermeister, alter Kämpfer, erschossen. Tatbestand: Er hat keine Zuteilung von Schweinefleisch erhalten und konnte seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Er hinterlässt seine Familie mit Schulden. Hamburg: Das Schaufenster eines Metzgerladens war am frühen Morgen ganz mit Kreide geweisst. Darin die Inschrift:" So geht es Adolf Hitler". Das Geschäft war verschlossen. Als die Polizei öffnete, fand man den Metzgermeister in seinem Laden an einem Fleischhaken aufgehängt. verBerlin: Ein Fach- und Sachberater aes Fleischergewerbes gab infolge seiner guten Verbindungen mit den Berliner Fleischermeistern folgendes Stimmungsbild: Die Fleischer aus Berlin erklären alle, dass die Lage ihres Unternehmens zweifelt ist. Die Einkaufspreise sind im ständigen Steigen begriffen, während die Verkaufspreise stabil bleiben müssen. Eine Wirtschaftlichkeit der Betriebe ist daher schon lange nicht mehr gegeben. Eine Schliessung der Geschäfte ist aber auch nicht gut möglich. Der grösste Teil der grossen Fleischgeschäfte steht daher vor dem Zusammenbruch. A-108h Wir ergänzen diese Mitteilungen noch durch eine Anzahl Einzelberichte: Schlesien: Vor allem die Arbeitsfront ist den Mittel ständlern ein Dorn im Auge. Die Arbeitsfront legt es auch darauf an, gerade die kleinen Gewerbetreibenden zu schikanieren, um der Bevölkerung ihren Einfluss zu demonstrieren. So müssen z. B. die Land jäger in allen kleinen Betrieben nachforschen, ob auch überall die Aushänge über den Arbeitsplan( der die Arbeitszeit, die Pausen, die einzelnen Angestellten usw. enthält) angebracht sind. Ausserdem muss ein besonderes Angestelltenverzeichnis geführt werden, in dem Angaben über den Lohn und die Beschäftigung der einzelnen Angestellten enthalten sein müssen. Das alles muss neben den bisherigen Lohnlisten angelegt und auf dem Laufenden gehalten werden. Die Gewerbetreibenden sind darüber natürlich verärgert und sagen: Uns macht die Arbeitsfront alle Augenblicke neue Vorschriften, aber an die Grossen getraut sie sich natürlich nicht heran. Berlin: Ein bezeichnendes Licht auf die wirtschaftliche Situation wirft z. B. die Tatsache, dass in der Ritterstrasse einer Geschäftsstrasse, in der viele Engros- Geschäfte waren, ( Lampen, Leder, Büromaterial usw.) jetzt nicht weniger als 49 Läden geschlossen sind. Hamburg: Die Lage der kleinen Geschäftsleute ist sehr schlecht. In meinem Wohnbezirk haben innerhalb von 2 Monaten geschlossen: 2 Gemüsegeschäfte, 1 Schlachterladen, 2 Kolonia: warengeschäfte und 1 Möbelgeschäft. Das ist in vier Strassen. Bayern: Wahllos greift man einzelne Händler, die sich geger die Preisordnung vergangen haben, heraus und verschickt sie nach Dachau. Eine kleine Händlerin, die sich den Kunden gegenüber über die hohen Einkaufspreise beschwerte und die kritiserte, dass den kleineren Geschäftsleuten, die ohnehin durch die Konkurrenz der Einheitspreisläden schwer geschädigt wurden, keine Verdiens tspanne mehr bleibt, wurde angezeigt, und nach Dachau verschickt. Die Frau hatte 5 Kinder. Ihr Mann konnte sie durch Bitten frei bekommen. Jetzt muss die Frau täglich auf die Polizeidirektion in der Ettstrasse und einen Monat hindurch vor den Augen der Polizeibeamten eine Stunde lang den Satz abschreiben:" Ich habe noch nie so billig gekauft wie im Dritten Reich." Südwestdeutschland: In einem Gespräch mit einem Inseratenaquisitör der Nazizeitung... gab dieser ganz offen zu, dass das Inserieren der Geschäftswelt immer mehr nachlasse und die Geschäftsleute ihm sagen;" Das Inserieren hat jetzt keinen Zweck, denn die Leute haben kein Geld und können sich nichts kaufen." Geschäfte, die früher ganze Seiten Inserate brachten, bringen heute selbst bei Ausverkäufen und dergleichen 232 A- 109höchstens noch ein zweispaltiges Inserat, wenn es hochkommt, eine Achtelseite. Seit die jüdischen Geschäfte nicht mehr inserieren, halten es die übrigen Geschäftsleute nicht mehr für notwendig, ebenfalls zu inserieren. Dieser Nazi- Inseratensammler meinte:" Damit, dass man die Juden totgemacht habe, habe man die Henne geschlachtet, die die goldenen Eier legte". Dieser Mann war früher ein fanatischer Nazi, denn sonst hätte. er diesen Posten nicht erhalten. Nordwestdeutschland: Heute ist der Gewerbetreibende verärgert, weil er trotz der früheren Versprechungen der jetzigen Machthaber einen Steuerzettel erhalten hat, der dazu noch mehr Belastung für ihn bringt als früher%; morgen ist er ärgerlich, weil die NSV schon wieder sammelt; dann ist er wütend, dass die neuen Bonzen so viel Geld verdienen und verprassen; er ist unzufrieden, dass die NS- Hago, die Innung oder sonst ein NS- Verband von einem jungen Schlacks regiert werden, während die alten Fachleute sich wie Rekruten unterweisen lassen müssen. Einen Beitrag zum Thema Geschäft und Politik im Dritten Reich liefern die zur Zeit laufenden Auseinandersetzungen in der Zigarettenindustrie. Industrie und Handel streiten sich wieder einmal wie in den letzten Jahren schon häufig um die Rabatte, die den Kleinhändlern zu gewähren sind. Wir wollen hier nicht auf den sachlichen Inhalt dieser Streitigkeiten eingehen, sondern nur die neuartige Form beleuchten, in der sie heute unter der Diktatur ausgefochten werden. In einem Rundschreiben, das eine Tabak- Grosshandlung verschickt hat, heisst es unter der Ueberschrift: Unsozialer Eigennutz untergräbt durch einen " geradezu wirtschaftlichen Wahnsinn" das Vertrauen zum Führer und seinem sozialen Staate. Die 600.000 in ihrer Existenz bedrohten und um die Hälfte ihres bisherigen Nutzens geprellten Volksgenossen der entrechteten zweiten Klasse der Einzelhändler protestieren mit dem leistungsfähigen Grosshandel seit vielen Monaten durch ihre Organisation und durch mehr als 20.000 Einzelbeschwerden beim Reichswirtschaftsministerium und dem Kommissar für Preis überwachung, protestieren auch sonst noch bei allen möglichen Behörden und Dienststellen der Partei. Bisher leider vergebens. Sie erhofften von den Behörden des sozialen Staates Adolf Hitlers schnellstes Eingreifen. Zumal allgemein bekannt ist, dass dem gleichartigen Versuch der Reemt sma- Industrie im Jahre 1929/30 sogar von den Organen des kapitalistisch A- 110marxistischen Zwischenreiches ein schnelles Ende bereitet wurde. Die Tatsache des Weitergeltens derartiger unsozialer Lieferungsbedingungen im sozialen Staate Adolf Hitlers trotz der vielen seit Monaten bei den Behörden und Parteistellen geführten Beschwerden schaffen die Gefahr, dass die weniger mit den Verhältnissen vertrauten Volksgenossen zu der Ueberzeugung kommen, dass der Führer wohl von dem Unrecht wisse, aber nicht eingreifen könne oder wolle, weil er mit Rücksicht auf die ihm umgebende Reaktion und deren Widerstand zu Kompromissen genötigt sei. So besteht die Gefahr, dass diese unsozialen Lieferungsbedingungen eine der Ursache werden, gerade in den treuesten Kreisen des Führers, bei den alten Kämpfern und in der SA, ungeachtet aller Warnungen immer wieder die Forderung nach der zweiten Revolution, nach einem zweiten wirtschaftlichen 30. Juni auflebt. Dadurch soll dem Grundsatz des sozialen Staates:" Gemeinnutz geht vor Eigennutz". auch in der Wirtschaft Geltung verschafft werden. Abgesehen von der Pflicht und dem Willen eines jeden Parteigenossen und aller Dienststellen der Partei und des Staates, Ungerechtigkeiten der geschilderten Art zu verhindern, zeigt sich hier eine dankbare Aufgabe der Deutschen Arbeitsfront und des Treuhänders der Arbeit. Sie sollen dafür sorgen, dass nicht nur den einzelnen Gliedern des Betriebes, sondern auch dem Betrieb in seiner Gesamtheit" der wohlverdiente und gerechte Lohn gezahlt wird. Sie sollten unterbinden, dass er zugrunde gerichtet werden kann, weil er sich im Kampfe um die Ideale dieses Staates dagegen sträubt, unsoziale, selbstmörderische und von berufener Seite treffend als" wirtschaftlicher Wahnsinn" bezeichnete Lieferungsbedingungen anzuerkennen, sondern sie ihrer preistreiberischeren, unsozialen Wirkung halber verwarf. gez. Robert Stronmaler, Tabakwaren- Grossbetrieb. I Die Stellung zu den Konsum- Vereinen ist ein besonders charakteristisches Beispiel für die politische Taktik des Systems. Auch auf diesem Gebiet hat das System zunächst alles versucht, um eine Beunruhigung der Arbeiterschaft zu vermeiden. Wie man sich zunächst gehütet hat, die Tarifverträge mit einem Schlage aufzuheben, so hat man auch wohlweislich vermieden, die Konsumvereine zu zerschlagen. Hier wie dort hat man sich von dem Grundsatz leiten lassen: keine allgemeinen, sofort fühlbaren 1 A- 111Verschlechterungen, sondern langsamer Um- und Abbau.. 1933 vor die Wahl gestellt, entweder die Arbeiter durch die Auflösung der Konsumvereine vor den Kopf zu stossen oder die Mittel ständler durch die Nichtauflösung, hat sich das System selbstverständlich für das zweite entschieden. Denn sein politisches Interesse erfordert eindeutig die" pflegliche" Behandlung der Arbeiterschaft, die erst noch gewonnen werden musste, während der Mittelstand nach der Machtergreifung für das System erheblich an Interesse und Bedeutung verloren hatte. Man kann daher unterstellen, dass es dem System ursprünglich ernst war mit der Absicht, die Konsumvereine zu erhalten. Dafür spricht auch die Unterstellung unter die Arbeitsfront und die Bewilligung. weiterer Stützungskredite. Aber die Arbeiter machten dem System einen Strich durch die Rechnung. Es gelang der neuen Leitung der Konsumvereins- Bewegung nicht, das Vertrauen der Mitglieder zu gewinnen. Trotz umfangreicher Propaganda, trotz wiederholter Bemühungen, frühere Funktionäre der Konsumvereins- Bewegung, die nach dem Umsturz abgesetzt worden waren, wieder zur Mitarbeit zu gewinnen, trat ein allgemeiner Schrumpfungsprozess ein: Die Zahl der Mitglieder ging dauernd zurück, der Gesamt umsatz sank noch stärker und die Spareinlagen wurden in grossem Umfange abgehoben. Diese Entwicklung brachte zusammen mit der Unfähigkeit und Korruptheit des grössten Teils der neuen Machthaber die Konsumvereine immer mehr an den Rand des Zusammenbruchs. Sie erforderte schliesslich ein Eingreifen des" Gesetzgebers." Das Gesetz über die Verbrauchergenossenschaften vom 21. Mai 1935 soll eine umfangreiche Liquidation einleiten. Die Mehrzahl gerade der grossen Konsumvereine es sind noch nicht 10% der Gesamtzahl, auf, die aber über die Hälfte der Bilanzsumme und etwas weniger als die Hälfte des Gesamtumsatzes entfällt sollen als" lebensunfähig" der Liquidation verfallen. Die Spareinrichtungen sämtlicher Konsumvereine sollen bis zum 31. 12. 1940 aufgelöst werden. Das Reich stellt zur Erleichterung der Liquidation und vor allem zur Sicherung der Spareinlagen bis A- 112zu 60 Millionen zur Verfügung. Nach dem offiziellen Kommentar soll das Gesetz nicht nur eine endgültige Sanierung, sondern auch eine dauernde Bereinigung der Gegensätze auf diesem Gebiet bringen. Nachdem durch den Umsturz die Gründe für einen politischen Kampf gegen die Konsumvereine weggefallen seien, sollen mit dem Gesetz auch die letzten Gründe für einen wirtschaftlichen Kampf gegen die Konsumvereine beseitigt werden. Es ist schwer zu sagen, ob diese Deklamationen den tatsächlichen Absichten entsprechen. Für eine Erhaltung der" lebensfähigen" Konsumvereine sprechen neben den Interessen der nationalsozialistischen Bonzokratie auch kriegswirtschaftliche Ueberlegungen. Aber diese" Lebensfähigkeit" wird im wesentlichen durch das künftige Verhalten der Mitgliedschaft bestimmt werden. Setzt sie ihre passive Resistenz fort, dann hilft weder die" dauernde Bereinigung der wirtschaftlichen Gegensätze", noch der ernsthafte Wille zur " endgültigen Sanierung". Fest steht aber, dass das Regime nach wie vor das grössté Interesse daran hat, den Gefahren dieser durch Entwicklung, also den Zusammenbruch der Konsumvereine, eine schrittweise Liquidation vorzubeugen. Ein solcher Zusammenbruch würde nicht nur die 50.000 Angestellten der Konsumvereine auf die Strasse setzen, sondern auch weitgehende Unruhe in die Reihen der Arbeiterschaft und der Sparer hineintragen. Diese Unruhe kann das System weniger denn je gebrauchen; deshalb lässt es sich die Liquidation und die Sicherung der Spareinlagen auch etwas kosten. Der bereitgestellte Betrag von 60 Millionen ist immerhin etwa doppelt so gross wie die Kredithilfe der Regierung Brüning für die Konsumvereine. Die weitere wie Beobachtung der tatsächlichen Entwicklung wird zeigen, sich das Gesetz in der Praxis auswirkt.- Ueber die Entwicklung in den letzten Monaten entnehmen wir unseren Berichten; Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die neu in den Konsumgenossenschaften an die Spitze gestellten sogenannten Führer haben vorher teilweise den Konsumgenossenschaften geradezu feindlich gegenüber gestanden. Von einer inneren Vertrautheit mit dem Wesen dieser wahrhaft sozialistischen Wirtschaftsorganisation war bei diesen Leuten keine Rede. Aber heute bemühen A-113sich alle, den tüchtigen Genossenschafter zu spielen. Handelt es sich doch jetzt um die Verteidigung der Futterkrippe. Man hat nicht nur die führenden Personen, denen die Konsumvereine aber auch alles verdanken, beseitigt, man hat auch, um die" alten Kämpfer" an die Futterkrippe zu bringen, Arbeiter aus den Genossenschaften entfernt, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als dass sie absolut ehrlich und fleissige Menschen mit einer unerschütterlichen republikanischen sozialistischen Gesinnung waren. Die neuen" Führer" in den Genossenschaften haben allerdings an dem, was man von der politischen Kreisleitung ihnen als Ersatz für die brotlos gemachten republikanischen Arbeiter auf zwang, herzlich wenig Freude èrlebt. Die Diebstähle sind an der Tagesordnung und haben einen Umfang angenommen, der an die schlimmste Lebensmittelnot der Kriegszeit erinnert, wo der Mundraub verständlich und vielleicht auch entschuldbar war. Während man die Löhne und Gehälter der Arbeiter und Angestellten unter den Stand der Privatwirtschaft herabgedrückt hat, lassen die Arrivierten jeden Sinn für Sauberkeit und treuhändlerische Verpflichtung gegenüber der Genossenschaft und den Mitgliedern vermissen. An sich wären die Gehälter dieser Arrivierten kaum zu beanstanden. Aber wie es im Nationalsozialismus immer zu gehen pflegt: Nach aussen spielen sie den billigen Jakob, in der Praxis sind sie sehr kostspielige" Führer". Wie man Spesen macht, und wie man auf Hintertreppen und unter schönen Bezeichnungen sein Einkommen verdoppeln und verdreifachen kann, verstehen die Herrschaften mit beneidenswerter Meisterschaft. Wohin das sogenannte Führerprinzip führt, dafür liefern die Genossenschaften als Selbstverwaltungsorgane den besten Anschauungsunterricht. Während früher in den Revisionsverbänden die Revisoren einem Vorstand und einem Aufsichtsrat unterstanden und ihre Arbeit nicht nur von diesen beiden Instanzen kontrolliert, sondern auch ihre Tagegelder, Spesen und Autofahrten auf ihre Richtigkeit und Notwendigkeit hin geprüft und überwacht wurden, sind heute die Leiter der Revisionsverbände" Führer", Angestellte und Ueberwachungsinstanz in einer Person. Die von Hamburg aus geübte Revision dieser " kleineren Hitler" ist völlig unzulänglich, schon deshalb, weil keiner dem anderen traut und jeder anscheinend etwas zu verbergen hat. Die Alten, aus der Systemzeit Uebernommenen, hüten sich, in dieses Wespennest hineinzugreifen, weil sie befürchten müssen, dass man ihnen das Ausbrennen dieser Eiter. beulen als marxistischen Angriff auf den Nationalsozialismus ankreiden würde. Man würde nicht die Schuldigen, sondern die Beschuldiger in der Versenkung verschwinden lassen. 2.Bericht: In einem Rundschreiben des Konsumvereins Mannheims vom 1. Juli 1935 heisst es: Neben den allgemeinen, zum Teil sehr üblen Aeusserungen der Fachblätter und unter Verwendung irreführender Zahlen gehen auch wieder Auslassungen interessierter Kreise von A-114Mund zu Mund mit dem Zwecke, unsere Mitglieder zu beeinflussen. Der Zweck ist zu durchsichtig. Man gewinnt den Anschein, als ob gewissenlose Interessenten jetzt ihren Raubzug auf das einzige Eigentum, das die zum grössten Teil mittellosen Arbeiter und Mitglieder unserer Genossenschaft aufzuweisen haben ausführen möchten. Es wäre unverantwortlich, wenn unsere seither abseits stehenden Mitglieder noch länger gleichgültig und tatenlos zusehen würden. Wir müssen daher alles aufbieten, um die Lebensfähigkeit unserer Genossenschaft durch geschlossene Zusammenarbeit zu erhalten... Zur Wiederherstellung der Wirtschaftlichkeit unserer Genossenschaft mussten leider auch erneute Lohnkürzungen unserer Gefolgschaftsangehörigen durchgeführt werden. Seither wurden unsere Arbeiter nach Haustarifen entlohnt. Die Sätze lagen um durchschnittlich 20% über den allgemein verbindlichen Tariflöhnen der Privatwirtschaft. Da wir seit Mai 1934 mit Ausnahme des Fuhrparkes die 4ostündige Arbeitszeit einführen mussten, trifft die jetzt vom Treuhänder der Arbeit bestätigte Ausserkraftsetzung der Haustarife unsere Arbeiter recht unangenehm. Trotzdem ist nicht zu verkennen, dass unsere Löhne den orts- und gewerbeüblichen Sätzen entsprechen. Die Entwicklung des Konsumvereins Mannheim hat den gleichen Weg genommen wie die der meisten anderen Vereine. Nach dem Umsturz wurden viele Arbeiter und Angestellt entlassen und zumeist durch völlig unfähige Nazis ersetzt. Dies führte zu Schwierigkeiten im Betrieb. Als man auf einmal in der Bäckerei gleich 20 Leute auswechselte, kam es sogar zu einer Betriebsstörung. Der Umsatz ist stark zurückgegangen, teils infolge Absinkens der Lebenshaltung der Mitglieder, aber auch, weil viele Mitglieder kein Interesse an der gleichgeschalteten Genossenschaft mehr haben. 3. Bericht: In Singen besteht nur ein Konsumverein der Fittingswerke, dem aber auch Nichtwerksangehörige angehören können. Besonders viele Postangestellte und Eisenbahner sind Mitglieder dieses Vereins. Nach einem Rundschreiben der Verwaltung geht nun Woche um Woche der Umsatz zurück. Die eigene Bäckerei, die vor Jahren angegliedert wurde, musste verpachtet werden. In Radolfzell ist der Konsumverein, der einer der besten im Seekreise war, in Liquidation. Der Laden ist bereits geschlossen worden. In Triberg ist der Umsatz nach absolut zuverlässigen Mitteilungen um die Hälfte zurück gegangen. Wasserkante: 1. Bericht. Die Konsumgenossenschaft" Produktion" in Hamburg ist eines der ältesten genossenschaftlichen Unternehmen der organisierten Arbeiterschaft Deutschlands, eine der Keimzellen der G.E.G., die auch in Zeiten der schweren Krise ein blühendes Unternehmen war. Manche 1): S A- 115Ladanscheibe wurde damals von den terrorisierenden SALeuten nachts auf Befehl der Leitung der NSDAP eingeworfen. Viele Leute des Personals wurden misshandelt, überfallen und drangsaliert. Nach dem Umsturz war man plötzlich sehr stark an der Erhaltung dieses Unternehmens interessiert. Aber unter der Naziherrschaft gingen, die Geschäfte ausserordentlich stark zurück, der Lastwagenpark auf etwa ein Achtel des ehemaligen Bestandes, die Zahl der Verkaufsstellen auf etwa die Hälfte, wobei der Umsatz derart gesunken ist, dass die meisten dieser Läden nicht mehr rentabel arbeiten. Das ist ja auch verständlich, weil die meisten klassenbewussten Arbeiter sich von dem Unternehmen zurückzogen. Aus dem Bürgertum aber konnten die Nazis natürlich keine so überzeugungstreue Kundschaft gewinnen, wie sie eben ein Konsumverein zu sicherer Existenz braucht. Nun hat man trotz alledem die Werbung für diese üble Sache mit aller Macht versucht. Ein Mittel der Werbung war, dass man, nachdem alle Angestellten, die nicht noch rechtzeitig das Partei buch erworben hatten, an die Luft gesetzt und durch Parteibuchinhaber ersetzt wurden, verkündete, dass jetzt endlich auch hier mit der" Misswirtschaft" Schluss gemacht würde. Der Unterschied zwischen früher und heute ist allerdings nur der, dass früher der Vorstand öffentlich Rechnung legte, die Mitglieder in geheimer Wahl den Vorstand wählten, dass das Geschäftsgebaren für jedermann offen lag und die Arbeiter Vertrauen zu ihrem Unternehmen hatten. Heute aber herrscht auch hier das" bewährte" Führerprinzip. D.h., dass nun niemand mehr eine richtige Abrechnung zu sehen bekommt, dass die Führung auch nicht das Vertrauen der Mitglieder hat und dass darum die Mitglieder auch kein Vertrauen zu dem Unternehmen haben können, weil sie in ihrem Eigentum nichts. mehr zu sagen haben. Trotzdem kommt aber doch manchmal einiges ans Tageslicht.. So erklärte das Vorstandsmitglied Becker in einer Vertreterversammlung öffentlich( Solche Versammlungen von Vertretern der Mitglieder werden zwar immer noch der Form halber einberufen, weil das Genossenschaftsgesetz sie vorschreibt, die Vertreter dürfen aber nur Erklärungen entgegennehmen, keinesfalls irgendwelche Beschlüsse fassen, auch sind die Vertreter nicht gewählt, sondern von der Leitung eingesetzt): In den letzten 6 bis 8 Wochen hätten drei Pgs. als Gefolgschaftsmitglieder der Meierei" Produktion" fortgesetzt Schiebungen mit Butter, Milch, Milchkannen etc. gemacht. Ferner hätten sie in den Büchern den Verkauf von Futterquark gebucht, der das Pfund zu 2, 3 und 6 Pfg. verkauft wird, während sie in Wahrheit 5- 6.000 Pfund Butter, die obenauf mit Quark getarnt war, an Hamburger Milchhändler verschoben hätten. Die Ware sei auf einem Rollfixwagen fortgebracht worden. Es handelt sich um leitende Angestellte der Meierei, jedoch soll der oberste Leiter des Betriebes unbeteiligt sein. Er wurde aber auch fristlos entlassen; man meint, dass bei dieser Gelegenheit endlich auch zu Tage gekommen ist, A- 116dass er von dem Betriebe gar nichts versteht. Einer der Hauptbeteiligten ist der Sohn eines Bauernschaftsführers, er wurde in einem Ostseebade mit 690 Mark in der Tasche ver haftet. Die Sache soll durch ein Gespräch in einer Gastwirtschaft verraten worden sein. Sie wurde aufgedeckt durch den Inspektor Klindt und den Kontrolleur Steewarder. 2. Bericht: Auch die" Produktion" steht vor dem Zusammenbruch. Nachdem im vorigen Jahre keine Rückvergütungen gezahlt wurden, werden in diesem Jahre zwei Prozent vergütet, aber nur in Waren, unter Hinweis darauf, dass die" Produktion" mit Unterbilanz arbeite. Gleichzeitig ist bekannt gemacht worden, dass von austretenden Genossen die Hälfte ihres Anteils einbehalten würde und für den Rest würde es Warenbons geben. Die N.S.- Hago hat offiziell den Kampf gegen Warenhäuser und Konsumvereine eingestellt. Es solle eine organische Rückentwicklung eingeleitet werden, denn die Masse der Angestellten und Arbeiter könnten vom Kleingewerbe nicht ohne weiteres aufgenommen werden. Die Konsumvereine werden in ihrer Werbung nicht mehr behindert. Werbung sogar in der Zeitung der Hamburgischen Staatsbahn. Die Verbrauchergenossenschaft Kiel hat gemäss Gesetz vom 21. Mai 1935 ihre Auflösung beschlossen. Es ist ferner beschlossen worden, sämtliche am 11. September 1935 bestehenden Verbindlichkeiten in der Weise zu tilgen, dass eine Auszahlung erst am 1. Oktober 1940 erfolgt. Sachsen, 1. Bericht: Beim Konsumverein" Vorwärts" Dresden, wurde, wie bei anderen grossen Konsumvereinen, der eigene Fuhrpark aufgelöst und der Warenvertrieb der Bremer Speditionsfirma Friedrich Bohne übertragen. Von der Belegschaft von 135 Mann wurden dabei nur 70 von der neuen Firma übernommen. Dabei wurden die Entlassungen in erster Linie nach politischen Gesichtspunkten vorgenommen und vor allem alle SA- Leute übernommen. Diese SA-Leute haben sich sehr schlecht bewährt und man hat aus Kreisen der Firma gehört, dass sie sie gern wieder entlassen möchte, sich aber nicht getraut, es zu tun. Die Firma hat unter der Hand sogar schon versucht, gegen SA- Leute Material zu sammeln und Vorwände für Entlassungen in die Hand zu bekommen. Die Veräusserung des Fuhrparks hat unter der Mitgliedschaft grossen Unwillen hervorgerufen. Allerdings soll die Unkostenquote, die die Firma dem Konsumverein berechnet, niedriger sein als die bisherige Unkostenquote des eigenen Betriebes. Das Arbeitstempo der Kraftfahrer und Beifahrer ist durch Zusammenlegung von Touren ausserordentlich gesteigert worden. Der Anteil der Nationalsozialisten an der Gesamtbelegschaft des Konsumvereins ist nach wie vor gering. Fast alle Nazis, die, nach dem Umsturz in den Betrieb gekommen sind, sind inzwischen wegen zahlloser kleiner Unregelmässigkeiten und Ben A- 17trügereien wieder an die Luft gesetzt worden. Ein Beispiel für die Bewährung solcher alten Kämpfer: Einer dieser alten Kämpfer war erst bei der Strassenbahn beschäftigt und musste dort wegen unzulänglicher Arbeitsleistung und Unfähigkeit entlassen werden. Er kam dann als Angestellter zum Konsumverein, pumpte dort eines Tages alle ihm erreichbaren Lagerhalter unter dem Vorwand an, dass seine Frau gestorben sei. Sehr bald stellte sich heraus, dass seine Frau nicht gestorben war und dass er das Geld ver jubelt hatte. Natürlich musste er entlassen werden. Vor kurzem sind 20.000 Mitglieder des Konsumvereins ausgeschieden, die 1933 gekündigt hatten. Zwar hatte der grösste Teil dieser Mitglieder schon bisher nicht mehr im Konsumverein gekauft. Trotzdem bedeutet ihr Ausscheiden für den Verein eine schwere finanzielle Belastung, weil an die 20.000 ausscheidenden Mitglieder mindestens eine halbe Million Genossenschaftsanteile zurückzuzahlen sind. Im Vorjahr wurde eine Rückvergütung von 2% ausgezahlt. und 1% gutgeschrieben. Jetzt erhielten die Mitglieder für ihre Gutschriften bei Abnahme bestimmter Waren 10% Rabatt. Sie bekamen dabei aber alte Ladenhüter aufgehängt. Vom 1. August ab haben die Lagerhalter die Verkaufsstellen als Pächter übernommen gegen prozentuale Beteiligung am Umsatz. Von dieser prozentualen Vergütung sollen sie auch die Verkäuferinnen bezahlen. Die Verkäuferinnen sind gekündigt worden, um dem einzelnen Lagerhalter die Möglichkeit zu geben, die eine oder andere Stelle einzusparen. Die Tischlerei und die Autoschlosserei sind aufgelöst und die Arbeiter entlassen worden. Die Bäckereien in Dresden- Löbtau, Tharandterstrasse, Dresden- Pieschen und Freital sind geschlossen und die Belegschaften entlassen worden. Jetzt wird der gesamte Bedarf von nur einer Bäckerei in Dresden- A, Rosenstrasse gedeckt. 2. Bericht: Der Konsum- Verein Plauen befindet sich in Liquidation. Die Bäckerei hat das Proviantamt der Militärverwaltung übernommen. Die einzelnen Verkaufsstellen sind an die jeweiligen Lagerhalter verpachtet worden unter der Bedingung, dass die Waren auch weiterhin von der GEG bezogen werden. Nach Mitteilung der Geschäftsleitung wäre an diesem Zusammenbruch vor allem schuld, dass gleich nach der Machtübernahme etwa 3.000 Mitglieder vorwiegend Arbeiter, Angestellte und Beamte der Stadt- ausgetreten wären. Diese Austritte hätten trotz aller Bemühungen nicht wieder ausgeglichen werden können. 3. Bericht: Die Umsätze im Konsumverein Zwickau gehen schon seit längerer Zeit erheblich zurück. Die beiden Nazigeschäftsführer, von denen der Nazistadtrat Fahrenwald gleich nach dem Umsturz Geschäftsführer im Konsumverein wurde und durch seine Unfähigkeit und Korruptionswirtschaft sein Teil zum Niedergang des Zwickauer Konsums beitrug, sind zwar schon A- 118längst hinausgeflogen. Doch hat das keine Besserung des Umsatzes gebracht. Was sich jetzt bemerkbar macht, ist zum guten Teil der Wille zum Widerstand und die Erbitterung über die vielen Entlassungen von alten Sozialdemokraten. Auch im Kaufhaus Zwickau des Konsumvereins gehen die Umsätze katastrophal zurück. Auch hier hat man im vorigen Jahr den erfahrenen Geschäftsführer zum Verkäufer degradiert und in eine andere Stadt versetzt. Dafür wurde ein gewisser Bönneke, alter Kämpfer und SS- Mann, Geschäftsführer im Kaufhaus. Dieser Bönneke war einem Teil der Zwickauer Einwohnerschaft schon vorher als Taugenichts bekannt. Er musste aber schliesslich doch wieder entfernt und sogar zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt werden, da sich herausstellte, dass er einen Betrag von 1.500 RMark unterschlagen hatte. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die Konsumvereine sind am Sterben. Und zwar nicht nur durch die Stillegung von Naziseite, sondern auch durch ständigen Abgang an Mitgliedern. Der Konsumverein Aachen, der früher 5 Verkaufsstellen hatte, besitzt jetzt nur noch 1 Verkaufsstelle. Die Leute haben. kein Vertrauen mehr und sie wollen auch die Nazi- Bonzen nicht mehr unterstützen. Die sogenannten Prozente werden nicht mehr ausgezahlt, die Leute bekommen stattdessen Gutscheine, so dass sie gleich wieder Waren dafür kaufen müssen. Es fehlt an Kapital in den Vereinen. Das ist so schlimm, dass einem Manne, der zur Beerdigung seiner Frau seine Spargroschen abholen wollte, Gutscheine angeboten wurden. 2.Bericht: Der Konsumverein Eintracht im Industriegebiet ist nach dem Umsturz mit dem Konsumverein Wohlfahrt vereinigt worden. Heute geht es diesem vereinigten Unternehmen sehr schlecht und man rechnet damit, dass das Institut bald geschlossen werden wird. Eintracht hatte früher allein 75.000 Mitglieder, jetzt haben beide zusammen nur noch 35.000 Mitglieder. Eintracht schlachtete früher 200 Schweine in der Woche, heute beide zusammen nur hoch 8 bis 10 Stück. Eintracht baute 1928 die Bäckerei um und installierte 4 Oefen. Heute sind aber für die beiden Vereine nur noch 2 Oefen im Betrieb.- In Gelsenkirchen stehen fast alle Lager leer, sie sollen anderweitig vermietet werden. In allen Orten des ehemaligen Gebietes der genannten Konsumvereine geht es ständig bergab. Es ist jedes Vertrauen zur Konsumvereinsbewegung zum Teufel und hinzukommt natürlich die Verschlechterung der Wirtschaftslage im allgemeinen. Im Konsumvereine in München- Gladbach sollte am 15. Oktober die Rückvergütung ausgezahlt werden und zwar nur 3% gegen über 10 bis 12% in früheren Zeiten. Bis jetzt ist jedoch nichts ausgezahlt. Bargeld gibt es überhaupt nicht, es gibt nur Gutscheine für den Warenbezug. A- 4193.Bericht: Der Bielefelder Konsumverein hat 50 Verkäuferinnen entlassen. Der Umsatz ist immer weiter zurückgegangen Die Verwaltung des Konsums ist eine einzige Lodderei und Unkenntnis. Mit süssen Versprechungen versucht man, die Kundschaft an ihre Treue zur Genossenschaft zu erinnern. Aber das mützt alles nichts. Immer markbarer setzt sich ein stiller Boykott durch. Grossen Anteil an dem Rückgang des Umsatzes hat aber auch die stark gesunkene Kaufkraft der Arbeiter. Die Lagerhalter sind aus der festen Bezahlung entlassen und müssen jetzt gegen Prozente arbeiten. Daven sollen sie dann die notwendigen Verkäuferinnen selbst bezahlen. Natürlich versuchen die Lagerhalter, mit ihren Familienmitgliedern aus zukommen. Die bürgerliche Bevölkerung reagiert auf die faule Situation des Konsums mit dem Argument, dass der Konsumbetrieb ja niemals rentabel sein könne und überhaupt verboten werden müsste. Aber die Nazis seien noch schlechter als die Roten, sie erhalten sich mit dem Konsum ihre Positionen als Bonzen, auch wenn das Geschäft längst pleite ist. Hannover: Der Konsumverein wird liquidiert; das Personal ist gekündigt. Teil B ( Abgeschlossen am 5. Dezember 1935) Die illegale Arbeit 1) Grundsätzliches In dem halben Jahr, das seit der letzten innerpolitischen Uebersicht vergangen ist, hat sich die Situation in Deutschland im Grunde wenig verändert. Aeusserlich hat sich vieles ereignet: Der Terror gegen die illegal arbeitenden politischen Parteien, gegen die Juden und die katholische Kirche ist ausserordentlich verschärft worden, die Lebensmittel sind knapp geworden und die Preise sind scharf gestiegen, die N.S.D.A. P. hat eine Reihe neuer Kraftanstrengungen gemacht, um das Problem der Einheit von Partei und Staat zu lösen, der Stahlhelm ist aufgelöst und die schwarzweissrote Fahne abgeschafft worden. Aber die Haltung der Bevölkerung ist durch diese Ereignisse nur wenig beeinflusst worden. Die Misstimmung ist weitergewachsen, sie hat heute grösseren Umfang als die" Meckerei" im Vorjahre, aber sie hat nicht mehr Kraft. Sie äussert sich offener, aber sie hat ebenso wenig politischen Inhalt. Zu der Redensart:" So kann es nicht mehr weitergehen" kommt die andere;" Schlimmer kann's nach Hitler auch nicht werden"; aber hinter diesen Redensarten steht weder ein Wille, das System zu stürzen, noch eine Vorstellung über das, was an seine Stelle treten sollte.. Die Arbeiterschaft macht von dieser allgemeinen Haltung der Bevölkerung keine Ausnahme. Wir haben im Rahmen unserer Betriebsberichterstattung seit Beginn des Jahres auf die WiderC d t r B- 2standsregungen aufmerksam gemacht, für die sich in einzelnen Betrieben bescheidene Ansätze zeigten. Wir haben von Anfang an vor einer Ueberschätzung dieser Ansätze gewarnt und die Frage offen gelassen, ob es sich um Reste der alten Arbeiterbewegung handelt, oder ob Menschen und Kreise, die von der alten Arbeiterbewegung nicht erfasst waren, neu in den Kampf eintreten. Diese Frage ist auch heute noch nicht eindeutig zu beantworten. Jedenfalls steht auf Grund unserer Betriebsberichte im Gegensatz zu den in Deutschland und im Auslande herumschwirrenden Gerüchten fest, dass diese Widerstandsregungen keine nennenswerte Ausdehnung erfahren haben. Aber dass die Kette dieser Widerstände nicht abreisst, dass unsere Berichterstattung trotz wachsender Bedrückung immer wieder neue Fälle zutage fördern kann, auch das schliesst schon eine wichtige Feststellung ein: Es zeigt, dass die Erfassung der Arbeiterschaft durch den Nationalsozialismus keine weiteren Fortschritte mehr macht und dass es nicht gelungen ist, den Geist des Widerstandes völlig zu zertreten. Unter diesen Umständen muss man auf Grund der bisherigen Erfahrungen damit rechnen, dass wie jedesmal auf die Meckerwellen Perioden der allgemeinen Enttäuschung und Ernüchterung gefolgt sind, auch diesmal die breiteste Meckerer- Bewegung in die allgemeinste Gleichgültigkeit und Resignation umschlagen kann. Auf das:" es kann ja nicht mehr so weiter gehen", folgt dann:" es hat doch alles keinen Zweck, die Nazis sitzen eben zu fest". Diese ausserordentlichen Stimmungsschwankungen, die für Hitler- Deutschland charakteristisch sind, stellen an die seelische Widerstandsfähigkeit aller Träger der illegalen Opposition grosse Anforderungen. Sie dürfen in Zeiten stark steigender Misstimmung nicht das Augenmass und nüchterne Urteil über die innere Kraft dieser Bewegung verlieren und sie müssen sich nach dem jeweiligen Stimmungsumschwung dagegen wehren, mit in die allgemeine Mutlosigkeit hineingezogen zu werden. Aber auch dem, der gelernt hat, den schweren Weg des illegalen politischen Arbeiters unbeirrt von Schwankungen der B-3allgemeinen Volksstimmung und unbeeinflusst vom Aufsteigen und Versinken immer wieder neuer Illusionen zu gehen, stellt sich die Frage nach dem Sinn illegaler politischer Arbeit stets aufs neue. Sie stellt sich nicht nur gegenüber den Anfechtungen derer, die diese Arbeit entweder für überflüssig halten, weil das Dritte Reich demnächst ohnehin von selbst zusammenbreche, oder für aussichtslos, weil nach über zwei Jahren noch immer kein Erfolg zu erkennen sei, sie stellt sich schon allein aus der Verantwortung für die Opfer, die diese Arbeit gefordert hat und immer weiter fordert. a) Die Ueberwindung des Systems S Wenn die Frage nach dem Sinn der illegalen Arbeit gestellt. wird, dann muss die erste Antwort darauf immer und immer wieder lauten: das System bricht nicht von allein zusammen, es muss gestürzt werden. Es ist bitter, wenn den illegalen Arbeitern gerade aus den Reihen der Genossen vorgehalten wird: Ihr seht doch, die Nazis richten sich in ihrer Unfähigkeit ganz allein zugrunde, schade um jeden Genossen, der wegen illegaler Arbeit ins Gefängnis oder ins Zuchthaus wandert. Oder wenn der marxistisch Geschulte dieselbe Auffassung wissenschaftlicher formuliert: Die Nationalsozialisten können die immanenten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft nicht lösen und deshalb wird die Geschichte schliesslich über sie hinwegschreiten. Allen, die sich so oder so eine Theorie für das Nichtstun zurechtmachen, ist das eine Beispiel entgegenzuhalten: 1923, am Ende der Inflationszeit, war die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zerrüttung Deutschlands zweifellos sehr viel grösser als Anfang 1933 oder als heute und doch ist die Republik damals nicht zusammengebrochen, weil die Kraft der Gegner, die sie stürzen wollten, noch nicht ausreichte. Gewiss wird das nationalsozialistische System nur in einer schweren Krise gestürzt werden können, von der heute noch niemand sagen kann, wann und in welcher Form sie kommen wird. B- 4Aber das System wird mehr als eine dieser Krisen überstehen, wenn nicht die Gegner da sind, die entschlossen und stark genng sind, es zum Teufel zu jagen. GED Aber das nationalsozialistische System muss nicht nur gestürzt, es muss überwunden werden. Es gilt nicht nur, den Sinn der illegalen Arbeit gegen diese oder jene Anfechtung zu rechtfertigen, es gilt auch, diesen Sinn in seiner ganzen Tiefe zu erfassen. Das System überwinden das heisst, es geistig und moralisch niederringen. Gewiss kann sich keine politische Bewegung die Umstände aussuchen, unter denen sie die Nachfolge ihres Gegners antreten will, und es ist deshalb töricht, zu sagen: wir dürfen nicht wieder eine so furchtbare Erbschaft antreten wie 1918. Immer wird die Erbschaft furchtbar sein, die eine Diktatur ihrem Ueberwinder hinterlässt. Aber darin besteht eben die tiefere Aufgabe der Opposition, dafür zu sorgen, dass in der Diktatur nicht nur die Lasten der Erbschaft wachsen, sondern auch die geistigen und moralischen Kräfte derer, die dann berufen sein werden, diese Lasten abzutragen. Das ist es, worum es schon jetzt für die sozialistische Opposition geht: es soll nicht nur wieder zu einem Zusammenbruch kommen wie 1918, den das Volk in seiner grossen Masse einfach hinnimmt, ohne seine wahren Ursachen erkannt zu haben. Sondern das Volk soll das nächste Mal begreifen, dass der Zusammenbruch kommen musste, weil es zum zweiten Mal sein Schicksal in die Hände eines Gewaltregiments gelegt hatte. Es soll erkennen, dass es die Verachtung und die Preisgabe der Freiheit waren, die zu diesem Zusammenbruch führen mussten und es soll daraus die unverlierbare Lehre ziehen, dass es seine Freiheit nie wieder preisgeben darf; so schwere Tage in seiner Geschichte auch immer kommen mögen. Es geht um eine tiefe innere Wesensänderung unseres Volkes, um die Ueberwindung jenes Untertanen- Ungeistes, der das Produkt unglücklicher Anlagen und einer unheilvollen Geschichte ist. Was sich die grossen westlichen Demokratien vor Jahrhunderten erkämpft haben, was das deutsche Bürgertum im 19. Jahrhundert nicht zuwege ge B- 5bracht hat, das soll das deutsche Volk im Kampfe gegen ein Regime von beispielloser Brutalität und Verschlagenheit auf einer höheren Stufe erkämpfen: Die Selbstorganisation der Gesellschaft im Geist der Freiheit und der Selbstverantwortung. Es ist nötig, sich diesen Sinn der illegalen Arbeit vor Augen zu führen. Wir müssen uns erst daran gewöhnen, der ganzen Grösse unserer Aufgabe ins Auge zu sehen, ohne zu erschrecken und mutlos zu werden. Wir werden dann um so weniger ungeduldig und um so eher imstande sein, vorübergehende Rückschläge zu ertragen. Es ist nötig, um die Grösse der Verantwortung zu erkennen, die in unsere Hand gelegt ist. Die Entrechtung und Unterdrückung des Volkes, sie ist nicht nur eine unerhörte Erschwerung unserer Arbeit, sie ist auch eine unerhörte Chance. Das geschlagene und geschundene Volk, es wird wieder zu einer weichen formbaren Masse. Es wird geknetet werden durch seine Erfahrungen und Erlebnisse, aber geformt kann es nur werden durch Ideen und Erkenntnisse. Ein Volk, das immer noch ratlos vor der Frage an die Zukunft steht: was soll werden? ein solches Volk wird aufnahmefähig für Vorstellungen und Werte, für die es noch wenige Jahre vorher kein Verständnis gehabt hat. Die Erfahrungen unserer täglichen Arbeit verschmelzen mit den Anforderungen der geschichtlichen Situation: es ist nach wie vor die entscheidende Aufgabe der Opposition, dem deutschen Volke Vorstellungen darüber zu vermitteln, was nach Hitler kommen soll und muss. b) Der geistig- politische Reifeprozess Illegale Arbeit in diesem Sinn erfordert freilich mehr, als sich regelmässig am Biertisch zu treffen und Gedanken und Informationen auszutauschen, mehr auch, als eine illegale Zeitung zu lesen und sie dann entweder sorgfältig aufzuheben" für oder sie ebenso später" so etwas kommt immer noch vor die' sorgfältig zu vernichten. Sie erfordert ebenso sehr, alten Formen organisatorischer und agitatorischer Wirksamkeit B -6neu zu durchdenken und sie in Einklang mit den Bedingungen der illegalen Arbeit zu bringen. Diesen Formen ist in der Illegalität nicht nur grösstenteils der Boden entzogen, sie reichen auch geistig nicht mehr aus. Es kann nützlich sein, Streuzet-. tel zu streuen und Anschriften anzumalen aber es genügt nicht. Es genügt nicht, von Zeit zu Zeit auf diese Weise dem Volke und dem System zu zeigen, dass die Sozialdemokratie lebt, es kommt darauf an, ihre Ideen, die Ideen des Sozialismus und der Freiheit, im Volke wieder zum Leben zu erwecken. Es genügt also nicht, dass die illegale Arbeit nach aussen sichtbar wird, die Ideen, die ihre Träger beseelen, müssen wirksam werden. Es genügt deshalb auch nicht, die Träger der illegalen Bewegung zu schulen und fortzubilden. Ernste Arbeit an sich selbst zu leisten, ist selbstverständliche Aufgabe jedes illegalen Sozialisten, aber er darf die Erkenntnisse dieser Arbeit nicht ängstlich in sich verbergen, bis einstmals der Tag kommt es könnte sonst sein, dass dieser Tag niemals kommt. Die Ueberwindung des Systems ist nicht nur eine Aufgabe für Organisation und Agitation, sondern zugleich ein geistig- politischer Reifeprozess, den wir mit allen Kräften fördern müssen. Dieser Prozess kann sich nur im Zuge einer Entwicklung abspielen, die viele Stufen umfasst. So lang diese Stufenfoldie erste Stufe ist schon erreicht. ge auch erscheinen mag Die Gläubigkeit der breiten Massen der Nazianhänger ist erschüttert, die Hoffnungen sind verflogen. Man nimmt das System hin, weil es einmal da ist- aber immer grösser wird die Zahl derer, die ihre Gefühle zusammenfassen in den Satz:" So kann es nicht weitergehen!" Mit der Verwurzelung dieser Ueberzeugung in breiten Massen fangen alle Revolutionen an. Dieser " Entzauberung" der Massen muss bewusst nachgeholfen werden das ist der erste Abschnitt der grossen Aufgabe, die der illegalen Bewegung gestellt ist. Ein ganzes Volk wird immer nur durch Ereignisse und Schicksale zur Umkehr gelangen, wird dann Vertrauen zu denen fassen, die es lange als Prediger aber es B- 7in der Wüste allein gelassen hat. Die Erkenntnis, dass es sich um einen Reifeprozess handelt, muss den Geist nserer Arbeit bestimmen. In der illegalen Arbeit ist kein Platz für oberflächliche Illusionisten und bauernschlaue Parolenschuster. Wer in der illegalen Arbeit nicht den Mut auf bringt, den Tatsachen ins Auge zu sehen, auch wenn sie unbequem sind, der soll diese Arbeit anderen überlassen. Wer nach wie vor glaubt, auch der illegalen Bewegung seine Wunschträume als Tatsachen aufschwatzen zu können, der ist entweder hoffnungsloser Selbsttäuschung verfallen oder er treibt die Politik eines betrügerischen Bankerotteurs. Mit diesen Methoden haben die Nationalsozialisten gross werden können, aber damit können wir sie nicht überwinden. Mit diesen Methoden kann man ein politisch unerfahrenes Volk in den Sumpf der Barbarei locken, aber damit kann man dieses Volk nicht dazu befähigen, sich aus diesem Sumpf herauszuarbeiten und eine Ordnung der Freiheit und des Sozialismus aufzubauen. Die Arbeit am Sturz des Systems ist keine Angelegenheit der propagandistischen Winkelzüge und der taktischen Manöver. Weder die raffinierteste Taktik noch die ausgeklügeltste politische Strategie vermögen jemals die Kraft ehrlicher Ueberzeugung und mannhafter Gesinnung zu ersetzen. c) Einigung im Grundsätzlichen In diesem Geiste muss auch an die Aufgabe der Einigung der oppositionellen Eräfte in Deutschland herangegangen werden. Die Kraft echter Gesinnung und ehrlicher Ueberzeugung, der durch Verantwortungsbewusstsein und Sachlichkeit gehärtete und geläuterte politische Wille, das sind die geistigen und sittlichen Werte, von denen eine Einigung getragen sein muss, die die Basis für den Sturz des Gewaltregiments bilden soll. Dies sind die Werte, die das System am tiefsten unterdrückt und zu denen sich alle bekennen können, die wirklich willens sind, die Herrschaft der Barbarei und der Knechtschaft durch ein Reich B-8der Freiheit und Gesittung zu überwinden. Die Nationalsozialisten konnten die Mehrheit des Volkes auf ihre Seite bringen, indem sie allen alles versprachen, denn ihnen ging es nur um die Eroberung der reinen Macht und sie waren von Anfang an entschlossen, die eroberte Macht mit den Mitteln der nacktesten Gewalt zu verteidigen. Eine Bewegung aber, die von der Erkenntnis ausgeht, dass der Aufbau der neuen gesellschaftlichen Ordnung die gemeinsame Aufgabe der grossen Mehrheit des Volkes sein muss, eine solche Bewegung kann sich nicht von der Devise leiten lassen: zur Erreichung der Macht ist mir jedes Mittel recht, auch das des Betrugs und das der taktischen Täuschung. Wenn die illegale sozialistische Bewegung die Führung der antifaschistischen Opposition übernehmen will, dann darf sie sich nicht scheuen, die geistigen und sittlichen Werte erneut auf den Schild zu heben, zu denen sie sich immer bekannt hat. Man kann ein Volk nicht durch List und Tücke auf den Weg zur Freiheit und zum Sozialismus führen. Das Bekenntnis zu Verantwortungsbewusstsein und Ueberzeugungstreue aber schliesst die kämpferische Haltung nicht aus, es hebt sie nur auf eine höhere Ebene. Ohne entschlossene Machtpolitik, ja ohne harte Gewaltmassnahmen gegen alle Feinde der Freiheit und der gesellschaftlichen Neuordnung kann weder das Alte gestürzt noch der Bestand des Neuen gesichert werden. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Bewegung die Macht- und Gewaltanwendung zum obersten Prinzip ihrer Politik macht, oder ob sie sich zwar bewusst ist, dass ihre Aufgaben weiter reichen, als die Gewalt jemals zu wirken vermag, aber zugleich erkennt, dass sie bei der Begrenztheit aller menschlichen Mittel die Erfüllung dieser Aufgaben auch mit starker Hand sichern muss. Die Einigung der Arbeiter ist ein wichtiges Teilproblem der allgemeinen Aufgabe der Einigung aller oppositionellen Kräfte in Deutschland. Sie ist die wichtigste Teilaufgabe, weil die Arbeiterschaft infolge ihrer gesellschaftlichen Lage und ihrer politischen Erziehung am ersten berufen ist, die Führung der Opposition gegen Hitler zu übernehmen. Aber sie ist nicht in B-9erster Linie eine organisatorische Aufgabe. Nicht die Einheit der Organisation, sondern erst die Einheit der grundsätzlichen Auffassungen sichert die Einheit des Handelns, auf die es schliesslich ankommt. Eine einheitliche Organisation, selbst wenn sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Deutschland überhaupt geschaffen werden könnte, in der die alten Gegensätze der politischen Grundauffassungen fortbeständen, wäre keine wirkliche Ueberwindung des bisherigen Zustandes und würde weder die äussere noch die innere Kraft der deutschen Arbeiterbewegung stärken. Die Einheit im Grundsätzlichen aber kann nur erwachsen aus dem gedanklichen Ringen um den wahren Inhalt sozialistischer Zielvorstellungen. Es handelt sich nicht darum, eine" Einigungsformel" zu finden, sondern es handelt sich darum, einer Ueberzeugung zur allgemeinen Anerkennung zu verhelfen. Unsere Ueberzeugung ist, dass Sozialismus und Freiheit sich gegenseitig bedingen, dass das eine nicht ohne das andere sein, dass man also auch das eine nicht ohne das andere wollen kann. Diese Ueberzeugung wollen wir zum Siege führen, zum Siege in der Arbeiterschaft, zum Siege aber auch in den anderen arbeitenden Volksschichten. Ebensowenig wie der Sozialismus, ebensowenig kann die Freiheit- oder die Demokratie als die gesellschaftliche Organisation der Freiheit - für uns eine Frage der Taktik sein. Es heisst die grosse Auf. gabe der Einigung der Arbeiterschaft, der Einigung aller arbeitenden Schichten im Kampf gegen das System zu einem kleinen Manöver erniedrigen, wenn man mit der Demokratie taktisch Schindluder treibt. 2) Zur Technik der illegalen Arbeit Zwischen der Vervollkommnung der Methoden der illegalen Arbeit und der Vervollkommnung der Massnahmen der Gestapo findet ein ständiger Wettlauf statt und Fortsetzung und Ausbau der illegalen Arbeit hängen davon ab, dass es gelingt, in diesem B- 10Wettlauf dauernd einen Vorsprung vor der Polizei zu halten. Auch die Gestapo hat ihr erbärmliches Gewerbe erst lernen müssen und oft ist sie ihrer Aufgabe noch immer nicht voll gewachsen. Andere Fälle aber zeigen, dass sie ihre Technik erheblich verfeinert hat, dass sie der Aufdeckung des einzelnen Falls oft monatelange Beobachtung vorangehen lässt, dass sie ihren Spitzelapparat ausbaut usw. Unter diesen Umständen verdient die Frage nach der besten, d.h. wirksamsten und dabei doch relativ ungefährlichsten Technik der illegalen Arbeit ständig unsere ernsteste Beachtung. Diese Frage hat von jeher verschiedene Beantwortung gefunden. Die eine Gruppe etwa sieht die Lösung in einem straff aufgezogenen System von Kaders, die gegeneinander gut abgedichtet und nach aussen hermetisch abgeschlossen sind. Dieses Organisationsprinzip aber ist nur anwendbar, wenn man das Aufgabengebiet der illegalen Arbeit von vornherein in der Hauptsache auf Schulung, gegenseitige Unterrichtung usw. begrenzt, wenn man also auf ihre ausstrahlende Wirkung verzichtet. Wenn man aber der Ueberzeugung ist, dass auf diese ausstrahlende Wirkung nicht verzichtet werden kann, ist mit diesem Prinzip der illegalen Organisation nicht auszukommen. Ausserdem kann die Polizei auch ein streng abgedichtetes Kadersystem zum grossen Teil aufrollen, wenn es ihr gelingt, einige Spitzel in die Organisation hineinzubringen. a) Arbeit in nationalsozialistischen Organisationen Aus dem Bestreben heraus, der illegalen Arbeit einen möglichst grossen Aktionsradius, ein möglichst breites Betätigungs. feld zu verschaffen und sie doch vor der Verfolgung durch die Polizei möglichst zu schützen, sind die Kommunisten auf den Ausweg verfallen, die illegale Arbeit dadurch legal zu tarnen, dass sie in die nationalsozialistischen Organisationen verlegt wird. Der Gedanke, dass die illegale Arbeit in den legalen, d. h. nationalsozialistischen Organisationen am ungefährlichsten sein müsste, ist so alt wie die illegale Arbeit selbst. Er hat B- 11schon früher zum Eintritt von Kommunisten in die SA, von Reichs bannerleuten in den Stahlhelm geführt. Neuerdings aber. geben die Kommunisten die allgemeine Parole aus: hinein in die faschistischen Massenorganisationen, hinein in die Arbeitsfront, hinein in den Arbeitsdank, hinein in die Werkscharen, hinein in die NS- Volkswohlfahrt usw. usw. Und zwar nicht nur hinein in diese Organisationen, um dort zu meckern, sondern um möglichst viele Funktionen zu übernehmen. Der Grundgedanke dieser Parole erscheint auf den ersten Blick einleuchtend. Er geht von der Annahme aus, dass in diesen Massenorganisationen ein wenn auch noch so kleiner Spielraum für Initiative und Aktivität der unteren Funktionäre vorhanden sei, der bei geschickter Ausnutzung genügend Raum für illegale Arbeit lässt und zugleich starken Schutz gegen polizeiliche Verfolgung gewährt. So einleuchtend dieser Gedanke auf den ersten Blick erscheint, so problematisch wird er, wenn man ihn näher durchdenkt. Zunächst darf man nicht übersehen, dass zwischen demokrati schen und faschistischen Organisationen eine Reihe tiefgreifender Unterschiede besteht. Nicht nur, dass die Funktionäre der faschistischen Organisationen nicht gewählt, sondern ernannt werden; ebenso wichtig ist, dass der Amtswalterapparat im Gegensatz etwa zu dem Funktionärkörper der früheren Gewerkschaften eine wirkliche Bürokratie darstellt, eine in sich geschlossene Hierarchie, in der der untere streng an die Befehle des oberen gebunden ist. Es ist auch nicht zu erkennen, warum die Nationalsozialisten zur selben Zeit, in der sie mit aller Energie ihrem Totalitätsanspruch auf den abgelegensten Gebieten Geltung zu verschaffen suchen, ausgerechnet in ihren eigenen Organisationen weitherziger sein sollten. Gewiss, die nationalsozialistische" Weltanschauung" ist ein weites unbestelltes Feld, auf dem die Nationalsozialisten es vielleicht mit Absicht zulassen, dass sich vieles austobt- aber nur solange, als es ihnen nicht gefährlich wird. Anzunehmen, dass auf diesem Felde auch ein Unterschlupf für illegale Arbeit zu finden sei, heisst verkennen, dass die Nationalsozialisten bisher B- 12immer recht genau zu entscheiden gewusst haben, was ihnen organisatorisch nützt oder schadet. Schliesslich ist eines zu bedenken: Die illegale Arbeit hat im ganzen daraus Nutzen gezo gen, dass die freiwillige Spitzeltätigkeit der Bevölkerung im allgemeinen ihr Ende gefunden hat. Das darf aber doch nicht zu der Folgerung führen, dass diese Entwicklung auch auf die nationalsozialistischen Organisationen übergegriffen habe. Mögen auch hier und da Anzeichen dafür vorhanden sein, dass die verschärfte Heranziehung dieser Organisationen zu systematischer Spitzeltätigkeit bei den unteren Amtswaltern nicht mehr derselben Bereitwilligkeit und Diensteifrigkeit begegnet wie früher, so wird doch jeder höher gestellte Amtswalter im eigensten Interesse nach wie vor sorgfältig darauf achten, dass sich in dem ihm unterstellten Organisationsbereich keine gegnerischen Tendenzen bemerkbar machen. Von einer erhöhten Sicherheit illegaler Arbeit in nationalsozialistischen Organisationen kann also keine Rede sein, eher von einer erhöhten Gefährdung. Diese Bedenken werden noch vermehrt, wenn man die Möglichkeiten dieser Art illegaler Arbeit genauer untersucht. Das Hineingehen in faschistische Massenorganisationen, insbesondere die Uebernahme von Funktionen in diesen Organisationen kann zwei verschiedene Zwecke verfolgen: entweder die Organisation zu zersetzen oder etwas für die Mitglieder" herauszuholen". Zersetzung der faschistischen Massenorganisationen erscheint viel en Gegnem des Systems als eine der wichtigsten Aufgaben illegaler Arbeit. Diese Zersetzung ist zweifellos eine Vorbedingung für den Sturz des Systems. Aber die Frage ist, ob die Zersetzung ein Vorgang ist, dessen Fortschreiten der Entwicklung überlassen bleiben muss, oder ob sie eine organisatorisch- technische Aufgabe der illegalen Arbeit sein kann. Der Begriff der Zersetzung entstammt der russischen Revolutionsgeschichte. Damals, im zaristischen Russland, als die Zersetzungsarbeit darin bestand, die Armee mit volksfreundlichen und grossgrundbesitz- feindlichen Vorstellungen zu durchdringen, hatte sie einen klaren und unmissverständlichen Sinn. 014 B-13Was aber damals offene Propaganda sein konnte, das müsste heute ein Spiel mit der Maske vor dem Gesicht sein. Denn in den nationalsozialistischen Massenorganisationen kann Zersetzungsarbeit nur geleistet werden, wenn sich der illegale Arbeiter zunächst einmal vollständig als Nationalsozialist maskiert. Darüber sind sich auch die Kommunisten klar und deshalb geben sie ja den Rat, die Illegalen sollten versuchen, Amtswalterstellen zu erlangen. Nun stelle man sich einmal vor, dieser Versuch sei gelungen. Damit beginnt für einen solchen Illegalen eine Aufgabe von ungeheueren Anforderungen und ungeheurer innerer Spannung. Nach aussen muss er, um das Vertrauen der Vorgesetzten und der Mitglieder der Organisation zu erwerben, ständig den musterhaften Nationalsozialisten markieren, nach innen muss er dauernd darauf bedacht sein, dass er seine Gesin nung sich selbst erhält, und schliesslich muss er sich unablässig darum bemühen, seine Ueberzeugung auf andere wirken zu lassen, ohne sich zu verraten. Wieviel Menschen sind überhaupt dieser Aufgabe gewachsen, nicht nur mit dem Verstand und mit ihren Nerven, sondern auch mit ihrer Gesinnung? Kann überhaupt jemand eine solche Spaltung der Persönlichkeit, die diese Rolle von ihm verlangt, auf die Dauer ertragen? Wird nicht in den meisten Fällen ein solcher Zersetzungsversuch mit dem Zusammenbruch entweder der Tarnung oder der Gesinnung des Illegalen enden? Je mehr man sich in die Schwierigkeiten einer solchen Zersetzungsarbeit hineindenkt, um so fragwürdiger wird sie. Nun sind Fälle denkbar, in denen primitivere Zersetzungsversuche gemacht werden können, ohne dass der Illegale sich mitten in die nationalsozialistische Organisation hineinstellt. Man kann z. B. daran denken, unter den Mitgliedern der Arbeitsfront dadurch Zersetzungsarbeit zu leisten, dass man die Arbeitsfront im Betrieb einer getarnten Kritik unterzieht. Man kann sich etwa die Reden von Ley vornehmen und scheinbar harmlos die Kollegen darauf aufmerksam machen, was von seinen Versprechen alles noch nicht erfüllt ist. Aber auch diese Methode, so einfach und logisch sie zu sein scheint, braucht keineswegs B- 14zum Erfolge zu führen. Im Falle der Arbeitsfront z. B. können die Kollegen so abgestumpft und enttäuscht sein, dass sie dem Illegalen sein ganzes Konzept mit der Bemerkung verderben: lass uns doch mit dem Quatsch zufrieden, der Ley kann uns mal ... Gleichgültigkeit und Abgestumpf theit bewirkt aber noch keine Zersetzung der Organisation und der Versuch, die Arbeiter auf diese Weise zum Widerstand aufzureizen, kann völlig fehlschlagen. In anderen Organisationen können andere Umstände eine Zersetzungsarbeit wirkungslos machen. Zersetzungsarbeit setzt die Bereitwilligkeit der" Volksgenossen" voraus, nachzudenken. Der durchschnittliche SA- Mann z. B. denkt aber nicht nach; er ist durch seine Organisation dazu erzogen, blindlings zu gehorchen und ist in der Regel auch durch systematische Bearbeitung in der vorsichtigen Form, die nun einmal gewahrt werden muss nicht dazu zu bringen, sich Gedanken zu machen. Bleibt die andere Möglichkeit: illegale Arbeit in nationalsozialistischen Organisationen mit dem Ziel, etwas für die Kollegen" herauszuholen". Diese Möglichkeit könnte von besonderer Wichtigkeit sein. Wenn es gelänge, innerhalb der faschistischen Organisationen wirklich etwas für die Arbeiter zu leisten, wennes nur auf die richtige Technik ankäme, um in diesen Organisationen einen noch so bescheidenen Spielraum für organisatorische Betätigung zu finden, dann müsste von einer solchen Möglichkeit unter allen Umständen Gebrauch gemacht werden. Aber auch hier ergeben sich einige kaum zu umgehende Schwierigkeiten. Ebenso wie bei der Zersetzungsarbeit muss sich der Illegale, der in einer faschistischen Organisation ein Amt übernimmt, um auf diese Weise für die Kollegen etwas herauszuholen, nach aussen völlig gleichschalten. Mehr noch als wenn er es auf Zersetzung oder Störung der Organisation abgesehen hat, müssen die anderen den Eindruck gewinnen, dass er wirklich an die Sache glaubt. Lässt er erkennen, dass er nur so tut, um die Arbeiter durch erzielte Teilerfolge anzureizen, weitere Forderungen zu stellen, dann ist die legale Tar B-15nung seiner Tätigkeit durchbrochen und er wird sehr bald hochgehen. Da er also keinen Unterschied zwischen dem Anschein seines Handelns und seinen Motiven erkennen lassen darf, wird ihn alle Welt nach dem Anschein beurteilen. Setzen wir nun gerade den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass es ihm gelingt, kleine Erfolge zu erzielen, dann werden diese Erfolge zunächst einmal der Organisation zugeschrieben werden, deren Amtswalter er ja ist. Anstatt die Arbeiter rebellisch zu machen, erleichtert er es ihnen also, sich mit dieser Organisation abzufinden. Es gibt ja immer welche, die, um Ruhe und Frieden zu haben, bereit sind, festzustellen, dass doch auch an einer faschistischen Organisation etwas Gutes ist. b) Widerherstellung der Solidarität Bemerkenswerterweise machen die Kommunisten in ihren Anweisungen für diese Arbeit darauf aufmerksam, dass in den Fällen, in denen der Illegale etwas für seine Kameraden herausgeholt hat, den Indifferenten klargemacht werden muss, dass sie diesen Erfolg nicht der nationalsozialistischen Organisation, sondern ihrem eigenen festen Zusammenstehen zu verdanken haben. Dies ist offenbar das Kernproblem. Der Zweck aller nationalsoziali stischen Massenorganisationen ist der gleiche, Ob man an die Arbeitsfront denkt oder an Kraft durch Freude, an die HitlerJugend oder an den Arbeitsdank, überall dienen die Organisationen dem gleichen Zweck: die" Volksgenossen" zu" erfassen" oder zu" betreuen" sie nicht sich selbst zu überlassen und sie möglichst überhaupt nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Wie jemand sich durch leere Geschäftigkeit um jede Möglichkeit bringt, ernsthaft zu arbeiten, so entfalten die Nationalsozialisten überall eine übereifrige Betriebsamkeit mit der eingestandenen Absicht, keine wirklichen Gemeinsamkeiten, keinerlei freiwillige Zusammenschlüsse aufkommen zu lassen. Ley hat es erst kürzlich in aller Offenheit eingestanden: der" Volksgenos' B-lese" soll kein Privatleben haben und erst recht soll er seinen privaten Kegelklub aufgeben. Dieses Organisationsmonopol geht darauf aus, uen Mann im Volke völlig unselbständig zu machen, jede wie immer geartete Initiative zu den primitivsten freiwilligen Zusammenschlüssen in ihm zu ertöten, ihn von allen Gleichgesinnten oder auch nur Gleichgestimmten fernzuhalten, ihn zu isolieren und zugleich an die staatliche Organisation zu binden. Die Wirkung bleibt nicht aus. Gelegentlich kann man von Arbeitern oder Arbeiterinnen über Kraft durch Freude ein Wort der Anerkennung hören mit dem Zusatz: früher hat sich niemand um uns gekümmert! Allerdings, früher hat der Staat es nicht als seine Aufgabe betrachtet, die Arbeiter und Arbeiterinnen"freimussig" serienweise in die Theater zu schicken. Früher setzten die Arbeiter ihren Stolz darein, sich in diesen Dingen um sich selbst zu kümmern. Aber nicht wenigen wird das staatlich organisierte Vergnügen und"Ausspannen" besser gefallen, weil es bequemer ist. Wenn die Dinge so liegen dann kann es offenbar nicht nur so nebenbei darauf ankommen, den Arbeitern zu zeigen, dass dieser oder jener Einzelerfolg das Ergebnis ihres"festen Zusammenstehens" ist, sondern dann rückt diese Aufgabe in das Zentrum der praktischen illegalen Arbeit. Das Wesen faschistischer Massenbeherrschung ist Zwangsorganisierung auf der einen, Atomisierung auf der anderen Seite. Die Nationalsozialisten wissen sehr gut, dass das Solidaritätsgefühl die Kraftquelle der Arbeiterschaft ist, und infolgedessen gehen alle ihre Massnahmen für oder gegen die Arbeiter darauf aus, das Oefühl für die Notwendigkeit solidarischen Handelns zu ertöten. Alle Verschlechterungen, die sie den Arbeitern bei den. Löhnen, den Steuern, in der Sozialversicherung aufzwingen, werden so eingerichtet, dass sie niemals grosse Gruppen gleichmässig treffen. Sonst könnten vielleicht allgemeine Verschlechterungen allgemeine Abwehrbewegungen hervorrufen. Diese Politik der Nationalsozialisten hat bedenkliche Erfolge gezeitigt, nicht zuletzt deshalb, weil die Zerstörung B- 17des Solidaritätsgefühls schon in der Wirtschaftskrise begonnen hat. Die Krise hat den Arbeiter dahin gebracht, den wertvollsten Erfolg solidarischen Handelns, die Tariflöhne, gering zu achten und Arbeit um jeden Preis zu suchen. Jetzt haben die Nationalsozialisten den Arbeiter soweit, dass er oft einzeln zum Meister läuft, um eine Lohnverschlechterung, vor allem bei den Akkordsätzen abzuwenden, und er sich vom Meister ein Zugeständnis machen lässt unter der Bedingung, dass er seinen Arbeitskollegen nichts davon erzählt. Vor allem bei jungen Arbeitern kann man oft den Eindruck haben, dass sie überhaupt nicht mehr auf den Gedanken kommen, sie könnten durch gemeinschaftliches Handeln und sei es auch nur in der kleinsten Abteilung ihren Forderungen mehr Nachdruck verleihen. Hier wird die entscheidende Aufgabe sichtbar: alle Anstrengungen der illegalen sozialistischen Bewegung müssen darauf konzentriert werden, das Solidaritätsgefühl in der Arbeiterschaft wiederherzustellen, und alle Formen der illegalen Arbeit innerhalb der Arbeiterschaft müssen diesem entscheidenden Ziel untergeordnet werden. Denn das ist klar: gelingt es nicht, den Arbeitern die Bedeutung solidarischen Handelns wieder zum Bewusstsein zu bringen, dann sind auch alle anderen Formen illegaler Arbeit zur Erfolglosigkeit verurteilt. c) Illegale Arbeit in den Betrieben Wenn aber die Wiederaufrichtung des Solidaritätsgedankens im Mittelpunkt der illegalen Arbeit steht, dann ergibt sich die Antwort auf die Frage, wo diese Arbeit geleistet werden muss, von selbst: sie kann nur in den Betrieben geleistet werden. Nicht in den faschistischen Massenorganisationen, deren Ziel gerade die Verschärfung der Atomisierung ist, sondern in den Betrieben, wo gemeinsames Arbeitsschicksal noch am ehesten den Sinn für gemeinsame Aufgaben wieder wecken kann. Wenn irgendwo kleine und kleinste Möglichkeiten der Selbsthilfe B- 18Raum für gemeinschaftliches Handeln eröffnen, dann im Betrieb. Wenn irgendwo über den Kreis der Genossen von früher hinaus sich Ansätze zu gemeinsamer Gesinnung entwickeln können, dann im Betrieb. Die Arbeiterbewegung kehrt von selbst April a wir haben schon im Bericht darauf aufmerksam gemacht zu ihren primitiven Anfängen zurück.' Unsere Aufgabe ist es jetzt, diese primitiven Formen bewusst zu benutzen, um neue Ansatzpunkte für eine Arbeit zu finden, die über die Erfassung der Reste der alten Bewegung hinausweist. Wie kann diese Aufgabe angepackt werden? Erste Vorbedingung ist auch hier, wie auf allen Gebieten der illegalen Arbeit, dass man nicht überkommene Formen der politischen Arbeit gedankenlos weiterbenutzt, sondern dass man sich klar darüber wird, dass neue Umstände neue Formen bedingen, und dass man diese nenen Formen gründlich durchdenkt. Eine solche gedankenlose Uebertragung überkommener Formen politischer Arbeit liegt zum Beispiel vor, wenn die Kommunisten heute zum " Wiederaufbau der Freien Gewerkschaften" aufrufen. hmannsRannham Das ist entweder eine grosssprecherische Umschreibung illegaler Betriebsarbeit oder eine Illusion sparole. Ein wirklicher Wiederaufbau von Gewerkschaften wäre eine Arbeit, die weit über den Betrieb hinausweist, die schon ein ziemlich hoch entwickeltes Solidaritätsgefühl voraussetzt. Heute aber handelt es sich bei den deutschen Arbeitern zunächst darum, erst einmal das Solidaritätsgefühl innerhalb des Betriebes oder gar erst innerhalb einer Betriebsabteilung wieder herzustellen. Ganz abgesehen davon, dass die Forderung nach Wiederaufbau der Gewerkschaften den Eindruck erweckt, als ob trotz Terror und Spitzelwesen eine Organisation dieser Art heute schon möglich wäre, Praktisch ist selbst die Bildung einer illegalen Betriebszelle nur unter besonders günstigen Umständen möglich. Ja sogar die Verbreitung von Flugzetteln und illegalen Zeitungen ist nur in wenigen Betrieben durchführbar, ohne dass sie sehr bald mit der Verhaftung des Verteilers endet. So wie die Dinge in der Mehrzahl der deutschen Betriebe heute liegen, ist B-19jede organisatorische Zusammenfassung und jede schriftliche Propaganda mit so grossen Gefahren verknüpft, dass sie regelmässig nur von kurzer Dauer sein kann. Auf die Dauer aber kommt es an. Die Wiederherstellung der Solidarität, die Wiederbelebung des Gedankens der Selbsthilfe unter den Arbeitern ist keine Aufgabe, die sich von heute auf morgen oder durch gelegentliche Aktionen lösen liesse; sie ist eine Aufgabe, die lange, ausdauernde und zähe Arbeit erfordert. Deshalb muss diese Arbeit in Formen geleistet werden, die ihr Dauer versprechen, und deshalb ist alle Gewerkschaftsspielerei und Zellenbauerei eine Gefahr für die wirkliche Bewältigung dieser Arbeit. Wenn man eine illegale Arbeit dauerhaft gegen polizeiliche Verfolgung schützen will, kann man sie entweder möglichst straff oder möglichst lose organisieren. Die straffe Organisation ist nach aller Erfahrung nur in kleinen Gruppen mit Erfolg durchzuführen, bei grösserer Ausdehnung artet die Organisation in einen" Apparat" aus und ausserdem wird die Gefahr, dass sich Spitzel einschleichen, zu gross. Für die Arbeit in den Betrieben ist die Organisation um so besser, je loser sie ist. Es genügt, wenn wir in jedem Betrieb- bei grossen Betrieben einen Mann haben, der unser Vertrauensin jeder Abteilung mann ist. Diese Vertrauensleute brauchen vor der Hand keineswegs in" Arbeitsgruppen"," Schulungskursen"," Wiederaufbaukomitees" usw. zusammengefasst zu werden. Es genügt, wenn sie von einer zentralen Stelle laufend geeignetes Material erhalten, das sie in der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützt. Ob und wann man später über solche losen Verbindungen hinausgehen kann und muss, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sich in der Arbeiterschaft Möglichkeiten für ein überbetriebliches Zusammengehen entwickeln. Die Organisation der Betriebsvertrauensleute kann diese Entwicklungsstufen nicht vorwegnehmen, sie muss ihnen in dauernder vorsichtiger und überlegter Arbeit angepasst werden. B- 20Welche Aufgaben haben die illegalen Betriebsvertrauensleute Ihre erste Aufgabe ist, sich um alles zu kümmern, was im Betrieb vorgeht. Sie müssen ein offenes Auge für das Verhalten ihrer Arbeitskollegen, für die Zustände im Betrieb, für die Entwicklung der Löhne, der Akkordmethoden und des Arbeitstempos haben. Sie müssen also in erster Linie Beobachter und demgemäss auch Berichterstatter sein. Wir haben an dieser Stelle wiederholt auf die Bedeutung gerade der Betriebsberichterstattung hingewiesen. Regelmässige, sorgfältige Berichterstattung ist eine politische Schule ersten Ranges. Sie erzieht den Berichterstatter dazu, die Augen offen zu halten und den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Sie erzieht ihn, wenn sie im rechten Geiste geübt wird, zu Objektivität und Sachlichkeit, zur Ueberwindung von Illusionen und Phrasendrescherei. Die Betriebsberichterstattung in diesem Sinne schafft zugleich die Voraussetzungen für einen Austausch der Erfahrungen und Nachrichten und für gegenseitige Befruchtung. Die Zusammenstellung der Berichte im" Deutschen Nachrichtendienst" hat ein Material entstehen lassen, das aus der praktischen Arbeit erwächst und ihr anregend und aufklärend wieder zugutekommt. Die zweite Aufgabe der illegalen Betriebsvertrauensleute ist, sich gründlich mit allen nationalsozialistischen Massnahmen vertraut zu machen, die die Arbeiter angehen. Wir dürfen uns nicht auf den Standpunkt stellen, dass alles, was die Nazis machen, uns nichts angeht. Wir müssen vielmehr ganz genau darüber unterrichtet sein, müssen versuchen, in die Absichten und die Technik ihrer Arbeit einzudringen. Dazu gehört auch eine gründliche Kenntnis der nationalsozialistischen Gesetze und Verordnungen. Ein illegaler Betriebsvertrauensmann muss z. B. das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit und seine Durchführungsverordnungen kennen, er muss mit der Arbeitszeitordnung vom 26. Juli 1934 vertraut sein, er muss sich um die Entscheidungen der Treuhänder kümmern, er muss wissen, welche Befugnisse der Vertrauensrat hat, ihm darf die heutige Praxis der Arbeitsgerichte und der Ehrengerichte nicht fremd sein. Nur auf B- 21Grund einer solchen eingehenden Kenntnis wird es ihm möglich sein, bei passender Gelegenheit, eine wohl fundierte Kritik anzubringen. Denn seine Kritik soll kein Geschrei und kein Gemecker, sondern eine ruhige, aber hieb- und stichfeste Aufklärung sein. Er muss sich überall unterrichtet zeigen, er muss alle Fragen beantworten können, er muss der Mann sein, an den sich die Arbeitskameraden wenden, wenn sie eine Auskunft, eine Aufklärung haben wollen. Die dritte Aufgabe des illegalen Betriebsvertrauensmannes ist, den Arbeitskollegen zu zeigen, dass die Betriebsgemeinim Zusammenhalten, schaft ein Phantom ist und dass ihre Stärke im gemeinsamen Vorgehen, in der Solidarität liegt. Er muss in der Lage sein, den Arbeitern klar zu machen, was es denn für den Unternehmer wirklich bedeutet, wenn er einmal etwas für Kraft durch Freude oder Schönheit der Arbeit oder für die Winterhilfe tut oder wenn er eine Weihnachtsgratifikation gibt oder eine Verlängerung des Urlaubs zugesteht. Er muss in der Lage sein, die Arbeiter darüber aufzuklären, nach welcher Taktik sie von den Nationalsozialisten übers Ohr gehauen werden. Er muss sie befähigen, diese Taktik zu durchschauen. Der illegale Betriebsvertrauensmann muss den Arbeitern aber auch zeigen, wie kurzsichtig es ist, wenn sie sich auf Kosten ihrer Kameraden einen kleinen Vorteil verschaffen. Er muss ihnen klarmachen, dass das Drauflosschuften im Akkord eine Schmutzkonkurrenz der Arbeiter untereinander darstellt, die dahin führt, dass sie ihre Arbeitskraft an den Unternehmer verschleudern. Er muss sie dazu bringen, zu erkennen, dass masslose Ueberstunden schieberei aus eigenem Antrieb eine Schädigung der noch arbeitslosen Kollegen ist und zugleich eine finanzielle Unterwerfung unter die Interessen des Unternehmers. Er muss das Selbstbewusstsein der Arbeiter beben und muss ihnen zeigen, dass der Unternehmer sie braucht, dass sie nicht nar Objekt, sondern Subjekt der Produktion und der Wirtschaft sind. Die vierte Aufgabe des illegalen Betriebsvertrauensmannes ist schliesslich, den Blick der Arbeiter über ihren engen B- 22Alltag, über ihren Betrieb hinaus auf das Allgemeine zu lenken, das alle Arbeiter, alle arbeitenden Schichten angeht. Er muss sie verstehen lehren, wie ihr persönliches Schicksal verbunden ist mit der allgemeinen Entwicklung. Er muss ihnen z.B. zeigen, was es mit der Arbeitsbeschaffung wirklich auf sich hat, in welchem Masse sie auf Kosten der Arbeiterschaft selbst gegangen ist, welche wirtschaftlichen Wirkungen sie ausgelöst hat. Er muss ihnen zeigen, was die Zerschlagung der Gewerkschaften für sie bedeutet, welche Rolle die Arbeitsfront tatsächlich spielt, was es bedeutet, dass die Arbeiter keine Kontrolle über ihre Finanzgebahrung, keinen Einfluss auf die Besetzung ihrer Aemter, auf die Richtung ihrer Arbeit haben. 9 vielleicht werdet Ihr sagen, Genossen, Er muss, er muss das ist alles viel zu viel, das kann ja kein Arbeiter bewältigen. Aber er soll es ja gar nicht auf einmal bewältigen. Der illegale Betriebsvertrauensmann soll selbst erst allmählich in seine Aufgabe hineinwachsen. Er soll sie in dem Masse bes-. ser erfüllen, in dem durch Schulung und Konzentration auf diese Aufgabe seine eigenen Fähigkeiten wachsen. Eine solche Aufgabe ist nur zu erfüllen durch systematische Arbeit auf lange Sicht, durch geduldiges Arbeiten an sich selbst und an den anderen. Sie ist zugleich nur zu lösen, wenn sie nicht in der Form einer wilden Agitation, einer verkrampften Aktivität, sondern im Geiste einer stillen überlegenen Menschenführung angepackt wird. Wie weit auch die geistigen Fähigkeiten des einzelnen reichen mögen, wie weit er in der stofflichen Beherrschung seiner Aufgabe auch kommen mag, auf eins kommt es bei jedem an: er muss es verstehen, sich das Vertrauen seiner Arbeitskollegen zu erwerben, und sein wichtigstes Ziel muss immer sein, dieses Vertrauen fortgesetzt fester zu begründen. Das wird ihm nicht durch taktische Winkelzüge, sondern nur durch den freimütigen und doch vorsichtigen Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit gelingen. B- 23d) Die Persönlichkeit als Kristallisationskern Die starke und hochentwickelte Organisation, die die deutsche Arbeiterbewegung vor ihrem Zusammenbruch besass, hat den Blick für die Tatsache etwas verdunkelt, welche grosse Rolle die Persönlichkeit von Anbeginn an in dieser Arbeiterbewegung gespielt hat. Sowohl in der politischen wie in der gewerkschaftlichen Arbeit hat neben den Organisationen, ihrer Tätigkeit und ihren Erfolgen, immer die Anziehungskraft, die moralische und geistige Qualität der Menschen, die sie trugen, eine entscheidende Bedeutung für die Werbekraft der Bewegung gehabt. Jetzt, wo die Organisationen zerschlagen sind und noch nicht wieder aufgebaut werden können, jetzt gilt es, sich wieder mehr als bisher auf die tragende Rolle der Persönlichkeit im politischen Kampf zu besinnen. Jede politische Bewegung zieht die Menschen an sich, die ihrem Geist oder Ungeist entsprechen, und jede Bewegung formt aus den Menschen, die ihr angehören, einen bestimmten Typ. Der Faschismus hat den Typ des Landsknechts, des skrupel- und gewissenlosen Demagogen, des geist- und kenntnislosen Gewaltmenschen zur Herrschaft gebracht. Die Nationalsozialisten wissen sehr genau, dass diese Herrschaft nur von Bestand sein kann, wenn sie alle Werte unterdrücken, die diesem Menschentyp unerreichbar und feindlich sind. Deshalb haben sie fremd> nicht nur alle gegnerischen Organisationen zerschlagen, deshalb versuchen sie auch mit allen Mitteln, die Gesinnung auszurotten, aus der ein anderer Menschentyp erwachsen könnte. Atomisierung und Vermassung, Verrohung und Verlumpung sind nicht nur Begleiterscheinungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sie sind ihre grundlegenden Methoden, mit denen sie die Wuzzeln jeder geistigen, freiheitlichen, moralischen Gegenbewegung auszurotten hofft. Deshalb kommt es für die sozialistische Opposition nicht nur darauf an, sich diesen Versuchen zu entziehen, sondern darauf, ihnen bewusst und 1 B- 24systematisch entgegenzuwirken. Dem Versuch, die Arbeitermassen zu atomisieren, müssen wir den Versuch entgegensetzen, Kerne wirklichen Vertrauens zu schaffen. Dem Versuch der Vermassung, der Entpersönlichung müssen Persönlichkeiten, der allgemeinen Verlumpung müssen Charaktere entgegengesetzt werden. An diesen Punkte schliesst sich der weite Kreis, der zwischen Geist und Technik der illegalen Arbeit gespannt zu sein scheint Technik und Geist dieser Arbeit müssen aufeinander abgestimmt sein und in der Persönlichkeit des illegalen Betriebsvertrauens mannes können und sollen sie zu einer Einheit werden. Illegale Arbeit, die sich in der Technik erschöpft, ist leerer Betrieb und wird auf die Dauer von den Illegalen selbst und von der Umwelt auch so empfunden. Ausstrahlende Kraft kann von der illegalen Arbeit erst ausgehen, wenn sie in einem Geist geleitet wird, der in allem das Gegenteil des herrschenden Ungeistes ist. Illegale Arbeit in diesem Geist aber formt auch allein die Menschen, die die festen Kristallisation skerne bilden, um die sich dann, sobald die Situation günstig ist, sehr schnell eine breite und in sich geschlossene Organisation formieren kann..