De ut s c hland-Be r i cht der So pade Prag X. 2.Jahrg, Nr. 12. Dezember 1935* InhaltsverzoiQhnis Teil A: Nachrichten und Berichte Die allgemeine Situation in Deutschland A 1 Zusammenfassender Bericht aus Nordwestdeutschland- Die Haltung der Reichswehr- Lebensmittelknappheit und politisches Bewusstsein. Aus der Wirtschaft 10 1) Der Lebensmittelmangel 10 2) Die Preissteigerung 23 3) Die Beschäftigungslage 31 Rüstungsindustrie- Textilindustrie- Pfälzer Schuhindustrie- Der Rohstoffmangel. Sozialpolitik und Spendenwirtschaft 40 1) Das Winterhilfswerk /).0 2) Die sonstige Sammelei 36 3) Die NS-Tolkswohlfahrt 60 4.) Die behbrdliche Sozialpolitik 67 Der Sozialabbau in den Gemeinden- Der Abbau in der Sozialversicherung 5) Kraft durch Freude 73 6) Die Wohnungsnot 83 Aus der Verwaltung 93 Die Zustände in der Gemeindeverwaltung- Die Situation in den Reichs- und Landesverwaltungen- Die Stimmung unter den Beamten- Die Haltung der Polizeibeamton. . A- 1Teil A ( Abgeschlossen am 14. Januar 1936) I. Die allgemeine Situation in Deutschland Unter den im letzten Monat eingelaufenen Berichten über die allgemeine Situation kommt einem Bericht aus Nordwestdeutschland besondere Bedeutung zu. Dieser Bericht ist auf Grund besonderer Umstände geeignet, einen Ueberblick über die Auffassungen unserer Genossen in einem Gebiet zu geben, das das Ruhrgebiet und Niedersachsen, Oldenburg und Ostfriesland umfasst. Aus diesem Bericht wird deutlich, wie sich langsam die Elemente einer alle Gegner des Systems verbindenden Opposition herausbilden, wie sich die verschiedenen Kreise der Opposition nacheinander umsehen, mit einander Fühlung suchen und einer Einigung zustreben. Dieser Prozess es ist mehr ein Prozess als eine Sache der Organisation und Agitation ist zweifellos noch in den ersten Anfängen und noch ist nicht zu übersehen, inwieweit die Feststellungen des nachstehenden Berichts auch für andere Landesteile gültig sind, aber auch diese Anfänge verdienen besondere Beachtung. Einmütig sind die leitenden illegalen Genossen der Ueberzeugung, dass der grosse geistige Zersetzungsprozess in allen Volksschichten andauert. Der regierende Nationalsozialismus befindet sich in einer allgemeinen und tiefen Vertrauenskrise. Die umfassende Unzufriedenheit in den verschiedensten Schichten und Personenkreisen aus vielen Einzelgründen gewachsen, veranlasst auch politisch sehr wenig interessierte Personen zu Ueberlegungen über den Zustand nach dem Hitlerregime. Leitende Männer der Industrie, des Handels und Gewerbes, der Landwirtschaft und Intellektuelle suchen sich in vorsichtigen Unterhaltungen Kenntnis von den Absichten der Sozialdemokraten zu verschaffen. Dabei kommt ohne Ausnahme zum Ausdruck, dass der Sozialdemokratie ein entscheidender A-2oder wenigstens mit entscheidender Einfluss bei der Gestaltung des künftigen Staats- und Volkslebens unterstellt wird. Alle bürgerlichen Unzufriedenen sind sich klar darüber, dass der Arbeiterschaft eine geordnete persönliche Freiheit und staatsbürgerliches Recht zuerkannt werden muss. Verschiedentlich wird auch offen zugegeben, dass leider die bürgerlichen Gruppen keine so festen politischen Vorstellungen haben, wie die sozialdemokratische Arbeiterschaft. Sorge und Furcht besteht bei allen Bürgerlichen vor einem Chaos, das auch die Reste der Wirtschaft und der staatlichen Ordnung vernichtet. Hier liegt auch der Grund, dass alle bolschewistischen Umtriebe restlos abgelehnt werden. Ein unkontrolliertes schrankenloses Diktaturregiment lehnen selbst diejenigen ab, die in einem starken Militärregime noch immer die Hitler ablösende Macht sehen. Einige Beispiele: Der Direktor eines mittleren Industri ewerkes richtet an den früheren Betriebsratsvorsitzenden die Frage:" Was soll nach diesem unhaltbaren System werden? Es muss sich eine Front der anständigen Menschen bilden, die Ordnung in die Wirtschaft und die Verwaltung bringt und die die kulturelle Freiheit garantiert. Setzen Sie mir doch mal auseinander, was die Sozialdemokratie tun wird, wie sie sich die Zukunft vorstellt, welche Massnahmen ergriffen werden müssen, um das System zu beseitigen und dann gemeinsam aufzubauen. Unser Genosse antwortete:" Wir sind geblieben, was wir waren. Unsere politische Haltung ist unverändert. Wir wollen politische Gleichberechtigung und eine geordnete Wirtschaft, die wirklich dem ganzen Volke dient. Wir wollen die staatliche Gewalt über die entscheidenden Wirtschaftsteile. Dazu wollen wir volle geistige Freiheit. Aber es kommt nicht allein darauf an, was wir wollen. Sie und Ihre Kreise müssen wissen, was sie wollen. Sie haben geglaubt, in den Nazis die richtigen Bundesgenossen gefunden zu haben. Mit diesen Leuten haben Sie unsere für Volk und Nation wertvollen Kräfte zerschlagen helfen. Wir waren Ihnen unbequem, weil wir uns nicht mit Worten zufrieden gaben, sondern bewusst und zäh, aber sachlich, die Lebenspositionen der Arbeiterschaft verteidigten und verbesserten. Wir haben keine Enttäuschungen durch die Hitlerei erlebt, wir haben die Zustände, die Sie heute beklagen, verhindern wollen. Das Jammern des Bürgertums beirrt uns nicht. Es hat jetzt die Pflicht, sich bewusst zu werden, dass es seine Zukunft zu seinem Teil selbst erkämpfen muss. Die Arbeiterschaft denkt nicht daran, das deutsche Bürgertum mitzuretten, es muss sich selbst retten, es muss Charakter bekommen. Den Bolschewismus lehnen wir aus Ueberzeugung ab, nicht weil das Bürgertum davor die meiste Angst hat. Wenn Sie und Ihre Kreise eine politische Tatsache geworden sind, können Sie sich im Kampf gegen Hitler bewähren und die Sozialdemokraten werden das politische Bürgertum nach seinen politischen Taten beurteilen." Ein Genosse hatte früher durch seine ehrenamtlichen Funktionen an der Stadt enge Verbindung mit Schulleitern und Lehrern. Seine Kinder blieben trotz kleiner Schikanen der A-3- Hitlerjugend fern. Der Schulleiter der Schule seiner Kinder erklärte jetzt dem Genossen:"Wir haben uns in der ersten Zeit über Ihre ruhige und selbstbewusste Haltung direkt gewundert. Wir mussten den Kindern immer wieder lästig werden. Der Druck auf uns war sehr stark. Wir Lehrer haben heute, abgesehen von einigen wenigen, eine grosse Achtung vor den sozialdemokratischen Eltern. In unsern Kreisen. rechnet man sehr stark mit einer baldigen Aenderung des Systems und einer grossen Machtentfaltung der Sozialdemokratie. Ein zweites Mal wird eine gute Demokratie sehr viel zuverlässigere Anhänger haben. Es ist schlimm, dass wir bürgerlichen Menschen so schlechte Politiker waren. Aber nun wächst die Vernunft überall." Ein aktiver Genosse hat beruflich Gelegenheit, täglich in den verschiedensten Orten des flachen Landes vom Münsterland bis nach Pommern und der Grenzmark mit Landwirten aller Art zu sprechen. Sowohl Grundbesitzer bezw. ihre Inspektoren, wie Mittel- und Kleinbauern hat er zu besuchen. Die Zurückhaltung in der ersten Zeit des Hitlerregimes ist von einer sehr deutlichen Kritik gegen die Nazis abgelöst worden. Bei dieser Kritik werden sowohl von Grossgrundbesitzern wie von Bauern Hitler und seine Regierungskumpane heftig angegriffen. Man nennt sie Bolschewisten, ihre Politik"Hitlerbolschewismus". Der Berichterstatter erklärt, dass er auf seinen dauerndeh Reisen und Besuchen von vielen hunderten von Landwirten im letzten halben Jahr nicht einen einzigen bewussten Nazi sprach. Ihm ist besonders aufgefallen, dass in diesen Kreisen in den verschiedensten Gegenden, auch von grossen Besitzern Aeusserungen fielen wie:"Otto Braun muss wieder in Freussen regieren und Herr Severing die Polizei haben, dann kriegen wir wieder Ordnung. Im Reiche müssten Männer wie Hugenberg und Brüning zusammen mit einigen Sozialdemokraten reinemachen. Das Heer hat für die nötige Autorität der Regierung im Innern zu sorgen, nach draussen brauchen wir Verbündete, die keine Angst haben müssen, dass sie ein Hitler genau so verrät, wie er seinen Röhm und Konsorten verraten hat. Ohne die Arbeiter geht es nicht und gut geleitete Gewerkschaften sind für die Wirtschaft wichtiger als die faulenzenden Vagabunden der Deutschen Arbeitsfront. Die Arbeiter müssen sich wieder in'anständigen Organisationen um ihre Dinge bekümmern können und das Bürgertum ebenfalls. Wenn nicht bald eine Aenderung erfolgt, bekommen wir eine ganz furchtbare Katastrophe."- In den verschiedensten Variationen werden solche Ansichten geäussert. Unser Genosse ist keinem der Kritiker als Sozialdemokrat bekannt, erklärt aber, dass ganz selten ein Wort gegen die Sozialdemokratie fällt, dafür allgemein erklärt wird:"Die Sozialdemokraten haben eine prächtige Gesinnung bewiesen und sind auch durch harte Verfolgungen und schlimmste Verleumdungen nicht erschüttert worden. Jetzt stellt sich heraus,' dass sie den Bürgerlichen aller Gruppierungen weit überlegen sind, weil sie sich niemals in blinde Lei-denschaft hetzen lassen." 4-4In einer sehr ernsthaften Diskussion erklärten uns illegale Genossen aus ländlichen und stark industriellen Gegenden hinsichtlich der christlichen Arbeiter: Während man von den kommunistischen Arbeitern selten eine überlegte und feste Ansicht zu hören bekommt, haben die christlichen Arbeiter eine vorbildliche Haltung. Sie beweisen in jedem Fall und zu jeder Zeit eine vorbildliche Kameradschaft. Es ist nicht übertrieben, wenn man erklärt: die Christen sind erfüllt von einer Solidarität der Arbeiter gegen den Hitlerfaschismus. Ständig suchen die Christen sich das Vertrauen der Sozialdemokraten zu erwerben und sie missbrauchen kein Vertrauen. Ein Illegaler sagt:" Weil die Christen wissen, dass unsere sozialistische Ueberzeugung so hohen Wert hat, wie bei ihnen das kirchlichreligiöse Gewissen, vertrauen sie uns ganz." Die christlichen Arbeiter haben trotz aller Vorgänge in der Vergangenheit eine grosse Sympathie für Brüning, der nach ihrer Meinung eine so bittere Belehrung mit seinen Experimenten, gegen die Sozialdemokratie erlitten hat. Unsere Illegalen erklären einmütig, dass sich die Sozialdemokratie keine religionsfeindlichen Handlungen zuschulden kommen lassen darf, wie sie früher sozialistische Organisationen getrieben haben. Unsere erste Aufgabe ist, ohne Umstände und ohne Zweideutigkeit unsere demokratische Grundauffassung zu propagieren. Dabei kommt gar nicht in Frage, dass wir uns von anderen politischen Faktoren missbrauchen lassen können. Die Kommunisten sind die schlechtesten Bundesgenossen. Eine Einheitsfront mit ihnen kommt nicht in Betrabht. Wenn sie wieder demokratisch geworden sind, haben sie nur nötig, ihre Organisationen der proletarischen Diktatur zu liquidieren und können sich einzeln wieder der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung eingliedern, nachdem sie für würdig befunden worden sind. Unsere zweite Aufgabe ist: die Stimmung zersetzen zu helfen durch eine rege Propaganda von Mund zu Mund, durch allgemeine öffentliche Propaganda mittels kleiner Klebezettel und Druckschriften, die sich mit einigen Worten oder kurzen Sätzen an die Bevölkerung allgemein wenden und deutliche Forderungen aufstellen. Z. B.:" Der Staat muss vom Volk kontrolliert werden"," Deutschland muss frei werden"," Nur eine starke Demokratie sichert den Frieden"" Die neuen Bonzen vernichten Deutschland"," Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfnad"" Wer den Faschismus bekämpft, rettet Deutschlands Jugend" usw. Enge Parteidoktrin muss verschwinden. Wir müssen so reden, dass uns auch der früher nicht sozialdemokratisch Gebundene begreift und unsere Forderungen in der Hauptsache anerkannt. 9 A- 5Angesichts der noch immer weit verbreiteten Hoffnungen auf die Reichswehr sind die beiden folgenden Berichte besonders aufschlussreich. Der erste gibt ein Gespräch zwischen einem Sozialdemokraten und einem Stab soffizier wieder. Der Offizier war vor seiner Reaktivierung Stahlhelmer und politisch immer lebhaft tätig; er gehört der gemässigten monarchistischen Rechten an. Der zweite Bericht stammt von einem Sozialdemokraten, der einige Zeit in der Reichswehr gedient hat. 1. Bericht: Frage des Sozialdemokraten: Warum hat sich der Stahlhelm so ruhmlos unterworfen? Antwort des Offiziers: Dieselbe Frage könnte man an die Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaften, an alle politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gruppen richten. Es wäre einfach Verrücktheit, sich jetzt in geschlossener Formation gegen eine so intakte, mächtige, totale Staatsgewalt auflehnen zu wollen. Von meinem Standpunkt aus ist es richtiger und politisch klüger, sich in das einstweilen nicht zu stürzende System hineinzudrängen. Frage: Aber Ihre monarchische Ueberzeugung? Ihr Fahneneid auf Hitler? Antwort: Nicht nur ich, sondern sicher die grosse Mehrheit meiner Kameraden würden lieber auf einen deutschen Kaiser oder König schwören, aber wo ist er denn? Wäre die monarchische Bewegung stark genug und hätte sie einen tapferen gescheiten Thronprätendenten, so hätte sie schon unter der Halbdiktatur des Reichskanzlers von Papen oder unter Schleicher vorstossen können und es wäre dann zu dem Machtantritt Hitlers gar nicht gekommen. Auch zu Lebzeiten Hindenburgs gab es noch wiederholt verpasste monarchistische Gelegenheiten, so unmittelbar vor oder nach dem 30. Juni 1934. Jetzt ist Hitler für jeden deutschen Offizier der Mann, der politisch und finanziell die Wiederherstellung der deutschen Wehrmacht gewagt hat. Das sichert ihm die Aufrichtigkeit unseres Fahneneides. Natürlich weiss ich, dass der Fahneneid auf einen so umstrittenen Politiker immer eine problematische Sache bleibt. Frage: Was halten Sie politisch von Ihren Generalen? Antwort: Unsinn wird über die Herren zusammenphantasiert. Blomberg, Fritsch und alle diese Armee- und Korpskommandeure sind stockreaktionär. Für sie besteht der sogenannte" Nationalsozialismus" in der Abschaffung lästiger Parteiparlamente, in allgemeiner Volksdisziplin und im Wehrwillen. Keiner der Herren hat politischen Ehrgeiz. Man sollte doch endlich glauben, dass die Wehrmacht sich wirklich" unpolitisch" fühlt, wie sie eben dieses Wort auffasst. Auch General von Seeckt ist nie auf die politische Bühne getreten und auch Schleicher musste aus seinem Spiel hinter den Kulissen geradezu auf die Bühne des Reichskanzleramtes hinausgezerrt werden, wo er dann auch prompt versagt hat. Die aktiven deutschen Offiziere sind weder Volks A- 6tribunen noch Militärdiktatoren. Immer haben sie gerne anderen die Verantwortung überlassen, allerdings auch stets ihre Einflüsse politisch geltend zu machen gewusst. Das Ziel der Herren war und ist, die Armee und damit auch das Offizierkorps zu einem entscheidenden Machtfaktor im Staate zu machen. Vergessen Sie nicht: das hat Hitler für das Offizierkorps erreicht und zwar durch eine mächtige Volksbewegung von unten. Zum ersten Male in der deutschen Geschichte gibt es eine mill: nenköpfige Volksbewegung, die geradezu leidenschaftlich den Wehrgedanken bejaht. In der kaiserlichen Monarchie war das mehr Tradition von oben, während schon im Mittelstand die Kritik an den Heereskosten begann. Frage: Glauben Sie denn, dass die Rüstungsbegeisterung bleibt, wenn die Staatskonjunktur nachlässt und die Ernährungs not zunimmt? Antwort: Wenn Hitler und seine Leute die politische Verantwortung tragen, wird das Volk für seine Nöte schwerlich das Offizierkorps verantwortlich machen. So dankbar die Wehrmacht Herrn Hitler für die Aufrüstung ist, so wenig fühlt sie sich mit ihm und seinem System für ewig verbunden. Ohne Zweifel steht uns Herr Hitler viel näher als Herr Ebert, aber die Wehrmacht ist nicht hitlerisch, sie ist einfach deutsch. Unser Eid gilt dem derzeitigen Staatsoberhaupt, nicht seinem Parteiprogramm. Hitler und seine Bewegung sind vorübergehend, aber Deutschland und die Wehrmacht bleiben. Frage: Wie beurteilen Sie die politische Gesinnung der Offiziere? Antwort: Eigentlich gar nicht! Man macht sich übertriebene Vorstellungen über das Politisieren der Offiziere. Politische Fanatiker sind bei uns selten. Fragen Sie mal I hre eingezogenen sozialdemokratischen Gesinnungsfreunde oder sogar Kommunisten. Ich glaube, dass diese" Staatsfeinde" sich bei uns sicherer fühlen als im Zivilleben. Gesinnungsschnüffelei gibt es in Deutschland sicher überall mehr als in den Kasernen. Ich behaupte sogar: weniger als in den Kasernen des Kaiserreichs, wo jedes" sozialdemokratische Schwein" gekennzeichnet war. Fragen Sie doch mal, wie so mancher junger Nazi, der draussen schon einen hohen Rang in seiner SA oder SS hatte, als Rekrut herangeholt wird wie jeder andere auch. Frage: Sind die Offiziere Nationalsozialisten? Antwort: Nein, auch wenn viele es von sich denken sollten. Nationalisten sind sie, aber von" Sozialismus" haben sie keine blasse Ahnung. Ausgenommen diejenigen, die aus dem" Stahlhelm" kommen oder sich in der Weimarer Republik im Nationalsozialismus betätigt haben. Gott, ich kenme eine ganze Anzahl Kameraden, die sehr radikale und sicher antihitlerische National sozialisten waren, so etwa in der Richtung" Schwarze Front" von Dr. Otto Strasser. Wissen Sie, dass einer seiner Parteigänger, Major Buchrucker, der im September 1923 mit seiner schwarzen Reichswehr in Küstrin gegen das Kabinett Stresemann putschte, jetzt Oberst in der Aufmarschabteilung ist? Na, ich möchte nicht gerade untersuchen, was er und andere sich bei A-7ihrem Fahneneid auf Hitler gedacht haben... Frage: Spricht man im Offizierkorps über die Hoffnungen in weiten antihitlerischen Volkskreisen, dass die Wehrmacht auf irgendwelche Art Hitler oder doch seine schlimmsten Kumpane stürzen werde? Antwort: Sicher werden die Generale durch Blomberg den " Führer" auf diese oder jene unliebsame politische Erscheinun aufmerksam machen. Verschwörungen gibt es aber in der Armee nicht. Natürlich ist die Armeeführung daran interessiert, dass das Volk nicht durch missliche Ernährungslage, durch schlechte Geschäfte und gedrückte Löhne und durch ewige Schikanen von oben den Glauben an den Staat verliert, und da machen sich gewiss manche von uns längst ihre Gedanken und ihre Sorgen, aber an ein direktes aktives Eingreifen der Generale glaube ich nicht. Etwas anderes ist es, wenn sich starke poli. tische und wirtschaftliche Oppositionszentren bilden, die in einer kritischen Situation eine Umbildung oder eine Ablösung der Regierung erzwingen. Dann ist natürlich eine Parteinahme der Wehrmacht im allgemeinen Staatsinteresse möglich und wird dann gewiss von Wehrmachtinteressen bestimmt sein, die wir nun einmal mit dem Volkswohl gleichsetzen. Frage: Wie stehen Sie jetzt zum Sozialismus? Antwort: Sie wissen, dass ich mich immer für einen christlichen Sozialisten gehalten habe, während Sie mir höchstens das Prädikat" sozial" zugestehen wollten. Als Offizier will ich eine Landwirtschaft und eine Industrie, die möglichst leistungsfähig und gemeinnützig produzieren. Persönlich glaube ich nicht, dass in Deutschland industriell die Zukunft dem Privatkapital gehört und ich würde mich auch für Bankinteressen nicht schlagen. Die Agrarfrage ist auch bei den Soziali sten sehr umstritten. Ich glaube, dass da im Offizierkorps neben den materiellen auch starke traditionelle gefühlsmässige Einflüsse mitspielen, aber irgendwelche Sorte Sozialismus wird schon kommen... 2. Bericht: Man muss sich klar sein darüber, dass das Militär heute eine zuverlässige Stütze der Regierung ist. Beim Militär hat schon immer das Führerprinzip geherrscht und die absolute Disziplin bringt es mit sich, dass das Militär, ganz gleich, wie es zu Hitler steht, auf einen Befehl von oben auch auf die eigenen Volksgenossen schiessen würde. Das hindert nicht, dass die meisten Offiziere gegen das Dritte Reich sind. Nur unser Hauptmann hat grosse Reden vom Führer und vom Nationalsozialismus geschwungen, alle anderen Offiziere haben mit Hohnlächeln und abfälligen Bemerkungen ihre wahre Gesinnung angedeutet. Das zeigt sich besonders bei der Einstellung zu den Rekruten, die aus der SA und SS, kommen. Früher durfte jeder SA- und SS- Mann ohne weiteres eine Kaserne betreten, konnte dort ohne Führung herumlaufen und nach diesem und jenem fragen. Das ist seit dem 30. Juni 34 abgeschafft. Seitdem haben die SA- und SS- Leute in der Reichswehr keinerlei Vorrechte mehr. Zweierlei Behandlung gibt es allerdings beim Militär A-8nicht, aber man merkt doch, wie frühere SA-Leute von den Ausbildern und Offizieren hintenangestellt werden. Die Offiziere wissen ganz genau, wie sie diese Leute einzuschätzen haben. Sie müssen sich vor Denunziationen schützen und deshalb lassen sie ihre Abneigung nicht deutlich erkennen. Aber man hat da so eine besondere Taktik entwickelt. Man fragt etwa die neueingetreten Rekruten:" Wer war bei der SA?" und wer sich dann meldet, der muss es vormachen und dann finden sich immer genug Gelegenheiten, um ihm nachzuweisen, dass er es doch nicht versteht und ihn entsprechend herunterzumachen. Im übrigen beschränken wir uns darauf, aus dem im letzten. Monat eingelaufenen Berichtsmaterial die folgenden Mitteilungen herauszugreifen, die sich mit der Bedeutung der Lebensmittelknappheit für die Entwicklung des politischen Bewusstseins beschäftigen. Wir verweisen dabei auch auf den nächsten Abschnitt. Bayern: Aus einem Briefe:"... Alles jetzige Geschimpfe, alle Teuerung und alle Knappheit an Lebensmitteln, alle betriebliche und lohnpolitische Unzufriedenheit der Arbeiter geben wohl einen Hoffnungsschimmer auf eine langsame Ernüchterung weiter Volkskreise, aber noch lange keine Aussicht, dass sich nun daraus eine wirkliche Opposition entwickeln könnte. Man kann die Feststellung einer gewissen Oppositionsstimmung in den letzten Monaten wohl gelten lassen, aber ihre wirkliche Bedeutung fällt meines Erachtens kaum ins Gewicht, sie ist unbedeutend. Vor allem wenn man bedenkt, dass diese einem starken System gegenübersteht. Für uns wird es jedenfalls eine lange Geduldsprobe werden..." Rheinland: Auf dem Lebensmittelmarkt dauern die schwierigen Verhältnisse an. Sie sind ein ständiger Grund zur heftigen Kritik. Aber das System versteht es sehr geschickt," Schuldige für die Knappheit" zu suchen und zu finden. Wo ein Fall von Hamsterei vorkommt, da wird er aufgebauscht und in der Zeitung breitgetreten. Kein Zweifel: gewisse Teile des Volkes fallen auch darauf herein. Die Fettknappheit wird gewiss schwer empfunden. Es wäre aber ein Irrtum, wollten wir annehmen, dass sich die Menschen nicht auch an diesen Zustand allmählich gewöhnen könnten. Vorläufig wird in Deutschland noch niemand verhungern, auch noch nicht durch das Ansteigen der Preise und die dadurch weiter notwendig werdende Einschränkung des Bedarfs Das Entscheidende ist vielmehr: es wird täglich schlechter. Das hämmert sich in die Köpfe ein. Die Hoffnungen werden weiter zerstört, das System diskreditiert. Es ist ein langwieriger Prozess, aber er setzt sich weiter fort. Berlin: Die Lebensmittelschwierigkeiten sind für das Regime unbequem, aber keineswegs gefährlich. Die Leute schimpfen, aber sie gewöhnen sich daran. Und sie erliegen immer wieder der A-9Propaganda. Man macht sich im Ausland kaum eine richtige Vorstellung von der Verwirrung, die die überaus geschickte Propaganda des Regimes in den Köpfen der breiten Masse anrichtet, bis in die Kreise unserer Genossen und Genossinnen hinein. Neulich war z. B. ein früherer alter Funktionär von uns bei einer Weihnachtsfeier. Es gab ein Weihnachtsgeschenk, das mehr als dürftig war( 1 Pfund Mehl, 1 Stück Seife, 1 Rasierklinge, 2 Lebkuchen und 1/2 Pfund gewöhnlichen Gerstenkaffee) und trotzdem war der Mann höchst befriedigt. Es gibt immer wieder genug Leute, die, um ihren Frieden mit dem Regime machen zu können, allzuleicht bereit sind, sachliche Anerkennung zu spenden:" Wie man auch stehen mag, man muss es ihnen lassen, das verstehen die Nazis..." usw. Diese Verwirrung geht soweit, dass man häufig Katholiken treffen kann, die tatsächlich anfangen, an den Devisenschwindel zu glauben. Wenn man ihnen sagt: Wenn ich Papst wäre, würde ich die Ordensbrüder heilig sprechen lassen, weil sie das Geld aus dem braunen Sumpf gerettet haben, dann blikken sie einen ganz verständnislos an. A-10II. Aus der Wirtschaft == 1.) Der Lebensmittelmangel Die Lebensmittelknappheit, über die wir zuletzt im Oktober berichtet haben, hält weiter an. Sie erstreckt sich neuerdings nicht nur auf Schweinefleisch, Butter und Fett, sondern auch auf Reis, Käse und Eier. Die Amtsstellen haben inzwischen zugegeben, dass die Schwierigkeiten bei der Schweineversorgung noch bis zum Frühjahr dauern werden und dass dann auch mit einem Mangel an Rindfleisch gerechnet werden muss. Verschiedene Berichte stimmen in der Feststellung überein, dass sich die Bevölkerung an den bestehenden Zustand gewöhnt. Zwar bieten die Schwierigkeiten nach wie vor Anlass zu erregten Auseinandersetzungen und zu derber Kritik, aber diese Kritik hat keinen grundsätzlichen Charakter und keinen politischen Gehalt. Im Gegenteil: Die primitive Fragestellung der Systempropaganda: Erz oder Brot? findet mehr Beantworter, die sich für das Erz entscheiden, als man glauben sollte. Und sogar die Märchen von den Lebensmittelschwierigkeiten und Preissteigerungen im Auslande finden Gläubige. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es das Regime nach wie vor nicht für erforderlich hält, wirklich durchgreifende Massnahmen zu treffen, die allerdings nur unter Beeinträchtigung der Rüstungseinfuhr möglich wären. Immerhin ist die Schweineeinfuhr in den letzten Wochen wesentlich gesteigert und bezeichnenderweise sogar die Gefrierfleische infuhr wieder aufgenommen worden. Dazu kommen Schweinemastverträge auf Grund von Futtermittellieferungen, die die Reichsstelle für Getreide aus ihren Beständen unter Stundung des Kaufpreises vornimmt. Der Herabsetzung des Schweineschlachtkontingents von 70 auf A- 1160% am 10. November und dem gleichzeitigen Verbot der Schlachtung unreifer Tiere( das auch für Rinder gilt) ist Mitte Dezember ein Verbot der Herstellung von Vollfettkäse( vor allem Tilsiter und Edamer- Käse) gefolgt. Aber alle diese Massnahmen werden den Mangel zwar lindern, jedoch vorläufig nicht beseitigen. Das Schwergewicht der Regierungsmassnahmen liegt nach wie vor in rücksichtsloser Gewaltanwendung und ausgiebiger Propaganda. Neben den bekannten Reden der Prominenten läuft eine Unzahl von Propagandamassnahmen einher. Die NS- Frauenschaften veranstalten hauswirtschaftliche Abende und Backkurse, in denen die Hausfrauen im sparsamen Gebrauch von Fetten und in der Verwendung von Ersatzmitteln" geschult" werden sollen. Die Zeitungen bringen Ratschläge und Rezepte über das Backen ohne Fett und den Kuchen ohne Mehl; Würdenträger der Köche- Innungen verbreiten sich über den Umgang mit Butter; die Ehemänner werden ermahnt, den Fleisch- und Fettmangel" mit freundlichem Gesicht zu ertragen usw. usw. Die verschiedenen nationalsozialistischen Nebenorganisationen-ohnehin darauf angewiesen, solche Gelegenheiten zu ergreifen, um ihren Daseinszweck zu erweisen- stellen sich mit Feuereifer in den Dienst der Aufgabe. Die Zwangsmassnahmen sind vor allem darauf gerichtet, die Hamsterei, die zweifellos eine wichtige Ursache der Schwierigkeiten ist, zu unterbinden. Razzien und Hauskontrollen werden durchgeführt, die Verkäufer werden zur Anlage von Kundenlisten gezwungen, in denen die Käufer quittieren müssen, deren Nachprüfung angekündigt wird, Koppelgeschäfte werden untersagt usw. Daneben häufen sich die Strafen wegen Ueberschreitung der Höchstpreise vor allem für Fleisch gegen Fleischer, Viehhändler und Landwirte. Wir können aus der grossen Zahl von Berichten über die Lebensmittelknappheit nur einige Ausschnitte bringen. A-12Berlin, 1. Bericht: Die Lebensmittelknappheit ist nicht geringer geworden, sondern sie hat noch zugenommen und auch andere Artikel erfasst. Das Erstaunlichste ist der bei aller Meckerei doch vorhandene Langmut, mit dem alle diese Schwierigkeiten hingenommen werden. Die Schwierigkeiten bestehen nun schon seit Monaten, sie werden immer ärger, aber es geschieht nichts. Als ich in diesen Tagen mit einer eingefleischten Nationalsozialistin über die Knappheit sprach, sagte sie:" Aber Sie müssen doch bedenken, wie es im Kriege war. Damals war der Fettmangel doch viel grösser und wir bekamen günstigstenfalls ein paar Gramm Butter, während wir jetzt doch immerhin 1/4 Pfund Butter erhalten." Das hat sie nicht mal ironisch gemeint und für meine Gegenfrage:" Ich dachte, wir lebten heute im tiefsten Frieden?" hatte sie gar kein Verständnis. Dass für Schmalz und Butter jetzt überall Kundenlisten eingeführt worden sind, ist ja wohl bekannt. Es ist verboten, in verschiedenen Geschäften zu kaufen und sich so eine grössere Menge Fett zu" erschleichen". Vielfach werden zur Kontrolle auch Marken mit den Namen der Kunden ausgegeben. Wer versäumt hat, sich rechtzeitig in die Kundenlisten eintragen zu lassen, muss warten, bis neue Kundenlisten aufgelegt werden und kann sehen, wie er in der Zwischenzeit zu Butter kommt. In den Markthallen und auf den Wochenmärkten, wo eine solche Kundenkontrolle nicht möglich ist, wird in der Regel nur dann Butter an die Käufer abgegeben, wenn sie auch andere Sachen( Käse etc.) kaufen. Die Bevölkerung ist sich darüber klar, dass das Listensystem sehr unsozial wirkt, weil der Familienstand dabei nicht berücksichtigt wird. Oft kommen die Arbeiter buchstäblich mit trockenen Schnitten in den Betrieb. Es laufen natürlich über die Butterknappheit wieder allerhand Witze um, so z. B. folgender: Ein Mann kommt zu einer Schlange vor einem Buttergeschäft und fragt die Leute:" Was machen Sie denn hier?- Wir stehen nach Butter an. Ach, ich dachte Sie machen hier Geschichte.( Anspielung auf die Redewendung von Goebbels, dass es nicht darauf ankomme, dass in dieser Zeit mal die Butter knapp sei, sondern darauf, dass das deutsche Volk in dieser Zeit Geschichte gemacht habe). Auch das Brot ist schlechter geworden, es ist dunkler, grauer, gröber und klebt am Messer wie das Kriegsbrot. Die Bäcker schimpfen, sie behaupten, das Mehl habe sich verschlechtert. Zudem hat sich ihre Preisspanne verringert, da sie die Festpreise nicht überschreiten dürfen. Das Milcheiweissbrot setzt sich nicht durch, es schmeckt aber auch trocken wie Stroh. Ausserdem haben sich nur wenige Firmen zur Herstellung entschlossen. Die Eierknappheit ist kurz vor Weihnachten ausserordentlich stark geworden. Es bilden sich jetzt auch bereits Eierschlangen; zum Teil werden nur 2 Eier pro Käufer abgegeben. Die Schokolade verarbeitenden Betriebe haben bestimmte Anweisungen erhalten, nur noch entsprechende Mengen Fett zu A-13verwenden. Schokoladefabrikate haben nicht mehr die gleiche Qualität wie bisher. Das macht sich auch schon im Kleinhan-. del bemerkbar. Man sieht vielfach Schokolade tafeln, bei denen die Angabe der Kakaobestandteile bereits überstempelt ist( z. B. statt 40% nur noch 32% Kakao). Man rechnet damit, dass auch Süssigkeiten knapp werden und man die Fabrikate nur noch solange in der bisherigen Qualität erhält, als ältere Vorräte vorhanden sind. Sehr intensiv ist die Propaganda für Ersatz, oder wie es in der Propaganda heisst, für deutsche Erzeugnisse. Statt Zitrone Rharbarber, statt Butter Marmelade( gelegentlich auch schon Bohnenfett). Der Reichsnährstand propagiert Milch- Eiweisspulver, das aber wenig Anklang findet. 2. Bericht: Die Wirkungen der Einfuhr schwierigkeiten sind wesentlich grösser als man im allgemeinen erwartet hat. Es hängt viel mehr mit der Einfuhr zusammen, als selbst die Fachleute vorher geglaubt haben. Nehmen wir z. B. eine Firma, die Himbeer- und Kirschsaft und-Marmeladen herstellt. Es gibt zwar in Deutschland Himbeeren und Kirschen, aber die werden für den Frischobstbedarf verbraucht und für die Herstellung von Himbeer- und Kirschsäften sind bisher die Himbeeren aus Holland und die Kirschen aus der Tschechoslovakei eingeführt worden. Dafür gibt es einfach keine Devisen mehr und die Firmen sind infolgedessen gezwungen, solche Säfte künstlich herzustellen. Es gibt auch genug Erdbeeren in Deutschland, aber diese Erdbeeren eignen sich nicht für die Marmeladeherstellung, weil sie beim Kochen in Mus zerfallen. Bisher wurden infolgedessen, für Erdbeermarmeladen holländische Erdbeeren verwendet. Auch dafür fehlen jetzt die Devisen. Ein besonderes Kapitel ist die Volksmarmelade. Sie wird von den Fabriken zu 23,50 Mark für den Zentner an den Grossisten abgegeben, der ihn für 26,- Mark an den Kleinhändler weiterverkauft, der wiederum auf Grund behördlicher Preisfestsetzung gezwungen ist, das Pfund für 32 Pf. zu verkaufen. Dieser Kleinhandelspreis ist zweifellos niedrig. Normalerweise müsste eine solche Marmelade 45 bis 50 Pf. pro Pfund kosten. Aber wie kommt diese Ermässigung zustande? Zunächst einmal schiesst der Staat die Differenz für die Marmeladenfabriken zwischen 23,50 Mark und 32,- Mark, ihrem wirklichen Einstandspreis, zu. Dieser Zuschuss wird von den Zuckerfabriken getragen, die den Zucker für diese Marmelade entsprechend billiger liefern müssen. Dann aber muss vor allem der Kleinhändler bluten. Er bezieht die Ware brutto für netto und verliert infolgedessen allein für Einwiegen etwa 10%. Dazu kommen seine sonstigen Unkosten, so dass an diesem Artikel absolut nichts zu verdienen ist. Auch mit" Fleisch im eigenen Saft" ist das so eine Sache. Man muss halt Glück haben. Es gibt wirklich gute Konserven, es gibt aber auch viel minderwertiges Zeug darunter. Das erklärt sich einfach daraus, dass bei einer so grossen Aktion natürlich alle möglichen Konservenfabriken beteiligt waren, A-14die in der Qualität ihrer Arbeit grosse Unterschiede aufweisen. Die Fabriken für Fleisch- und Wurstwaren geraten in wachsende Bedrängnis. In Westfalen sind mehrere grosse Fabriken vollständig stillgelegt worden, während andere ausserordentlich stark verkürzt arbeiten. Die Schwierigkeiten werden erhöht durch gewisse Sabotage erscheinungen bei den Bauern. Es sind z. B. Fälle bekannt, in denen Bauern auf Grund umfangreicher Zwiebelanbauten ein grosses Lager an Zwiebeln haben. Da aber ein behördlicher Preis von 4,50 Mark je Zentner fest gesetzt ist, verkaufen sie nicht. Es gibt Leute, die so bockig sind, dass sie sagen: für 6,50 Mark können sie meine Zwiebeln haben, aber nicht für 4,50 Mark. Ruhrgebiet, 1.Bericht: In der Zeit kurz vor Weihnachten besserte sich die Stimmung etwas. Die Regierung warf besonders Fette auf den Markt. Vom 15. bis 31. Dezember durfte keine Fettwurst hergestellt werden, um die Versorgung mit Fett und Fleisch wenigstens vorübergehend zu bessern. Jede geringe Besserung hat einen Einfluss auf die Stimmung. Grosse Propaganda wird mit voraussichtlichen Lieferungen von Fleisch aus Brasilien und Australien gemacht. Dazu sagt die Bevölkerung allerdings: wenn das so einfach ist, warum hat man denn nicht schon längst Fett und Fleisch eingeführt? Merkwürdig ist, dass die Regierungspropaganda mit den dümmsten Mitteln immer wieder versteht, einen Teil der Bevölkerung einzufangen. So ist in weiten Schichten geglaubt worden, dass in Holland, Belgien, Frankreich und England eine viel grössere Not an Lebensmitteln herrsche, besonders an Fleisch. Die Propaganda und die Brutalität sind die besten Stützen der Hitlermacht. In den Kinos wird in der Wochenschau z. B. gezeigt, wie mit freundlichem Lachen die Nazi bonzen sammeln und in England die Erwerbslosen aus dem Müll Abfälle suchen. Es werden Filmreportagen von Unruhen in Mexico usw. gezeigt und anschliessend Scenen von der Ruhe und Ordnung in Deutschland. 200 Die Nazis haben gegen die Unzufriedenheit wieder eine neue Methode erfunden. Man hat grosse Mengen Wild und Geflügel ( Fasanen, Rebhühner und dergleichen) ins Ruhrgebiet geschafft. Die Märkte in Bochum, Dortmund, Herne, Gelsenkirchen, Buer, Recklinghausen, Langendreer und Essen waren geradezu überschwemmt mit Wild und Geflügel. Die Preise bewegten sich zwischen 2,50 bis 4,50 Mark für einen Hasen und 1,50 bis 3,50 Mark für Fasanen usw. Auch die NSV hat sehr grosse Mengen umsonst ausgegeben. Welche Methoden die Nazis anwenden, um zu den benötigten Wildmengen zu kommen, zeigt folgender Vorfall in einer kleinen Stadt: Es erscheint in einem Friseurladen der Jagdauf seher X. mit einem grossen Paket und sagt auf die verwunderte Frage des Barbiers, was er dem darin habe:" Ich habe Hasen eingekauft. Ich muss bis morgen 39 Hasen für meinen Herrn an die NSV abliefern. Da ich die nicht so schnell abliefern kann, habe ich mir in den Dortmunder Wildhandlungen welche kaufen müssen. Wenn A-15ich nicht richtig und pünktlich abliefere, komme ich in Druck. Sie wissen ja, wie das gemacht wird." In Y. ist ein Metzger wegen Schleichhandel verprügelt worden. Einige Bewohner haben beobachtet, dass der Metzger an gute Freunde in besserer wirtschaftlicher Position hintenherum Fleisch- und Fettwaren verkaufte. Sie gingen in den Laden und verlangten auch Fleisch und Speck. Als der Meister erklärte, dass er keine Ware habe, schleppten sie ihn auf die Strasse und verprügelten ihn unter dem Beifall des Publikums. Die alarmierte Polizei verhaftete die Täter und den Meister. Die Täter wurden nach Feststellung der Personalien wieder freigelassen, während der Metzger in Haft blieb. 2. Bericht: Qualitätsverschlechterungen sind ganz allgemein festzustellen. Trotz der Verschlechterung der Wurstwaren steigen die Preise, so z.B. für Blutwurst von 40 auf 60 Pfennig. Es gibt nur noch geringe Mengen Sahne- und Milchschokoladen. Es fehlt eben an Sahnepulver. Bestellungen können immer nur zum Teil ausgeführt werden. Nach Pferdefett besteht grosse Nachfrage. Der Preis ist von 25 auf 60 Pfennig gestiegen. Die Polizei kontrolliert die Schlachterläden und geht beim Eintreten sofort hinter den Ladentisch. Es kommen auch Uebergriffe des Publikums vor. Z.B. kamen in einen Schlachterladen mehrere Frauen, gingensofort hinter den Ladentisch und nahmen dort Fettwaren, bezahlten sie dem Schlachter ung gingen davon. Der Schlachter erklärt, er habe diese Frauen noch nie in seinem Laden gesehen, es müssten völlig fremde Frauen von ausserhalb sein. 3. Bericht: Bei den Fleischwaren, besonders bei Wurst, sind Verschlechterungen festzustellen. Aber auch bei Gehacktem, welches fast ausschliesslich aus Sehnen besteht. Vor den Feiertagen waren vor allem Butter und Eier sehr knapp. Auf den Wochenmärkten standen Sch langen. Ein Mann, der fotografieren wollte, wurde verhaftet. Speck und Fett sind jetzt wieder leichter zu erhalten. Empfohlen wird, sich mit Seife einzudecken, weil auch sie schlechter und knapper wird. Zwiebeln gab es in letzter Zeit nur halbpfundweise. Besonders der Eiermangel macht sich jetzt wieder stark bemerkbar. Auf den Wochenmärkten waren in letzter Zeit die Hausfrauen früher angetreten als die Händler. Polizei musste für Ordnung sorgen. Das führte soweit, dass an einzelnen Tagen Polizeibeamte sowohl die Butter aushändigten als auch das Geld kassierten. Den Schaden von der Knappheit haben die Aermsten, denn sie sind" schlechte Kunden", die man sich vom Halse wimmelt. Mehr als einmal hört man von den Arbeitslosen, man solle doch endlich den wirklichen Sachverhalt durch Einführung des Kartensystems eingestehen. Dann bekäme doch jeder wenigstens die Ration, auf welche er nach seiner Karte Anspruch hat. A-16Nordwestdeutschland: Man hat sich bemüht, während der Tage vor Weihnachten einigermassen genügend Fleisch auf den Markt zu bringen. An alle Haushaltungen in Nordwestdeutschland, welche sich ein oder zwei Schweine zum Selbstverbrauch fettgemacht haben, ist die Anordnung ergangen, dass sie die Hausschlachtung anzumelden haben und dass alles Fleisch, mit Ausnahme von 30 Kilo, an die Genossenschaften abzuliefern ist. Mais ist schon seit sechs Monaten nicht zu haben. Statt dessen gibt es ein sogenanntes Geflügelkraftfutter, welches in amtlich verplombten Tüten von zehn und zwanzig Kilo verkauft wird. Das Futter besteht aus einer Mischung von verdorbenem Getreide aller Art, Fisch- und Knochenmehl. Rheinland: An einem der letzten Lohntage wollte sich ein Arbeiter etwas besonderes leisten. Seine Frau ging also aus, um 1/2 Pfund Speck zu holen. Nachdem die Frau 5 Läden abgeklappert hatte, erklärte man ihr im sechsten, man habe zwar noch etwas fetten Speck, doch würde dieser nur abgegeben, wenn auch Rindfleisch dazugekauft würde. Die Frau erklärte, sie habe nicht soviel Geld, ging nachhause und erzählte ihrem Manne die Geschichte. Dieser ging in den Fleischerladen, verlangte Speck und Rindfleisch, bezahlte den Speck und nicht das Rindfleisch und verschwand mit dem Speck. Die Anwendung dieses Kniffes zeigt, zu welchen Zuständen die Fettknappheit führt. In der laufenden Woche war etwas mehr Speck und Schweinefleisch vorhanden. Der Bedarf ist aber längst nicht gedeckt. In Bezug auf die" Volksmarmelade" ist interessant, dass eine geheime Anweisung besteht, wonach alles Fallobst verarbeitet werden muss. Dieses Obst darf nicht wie früher vom Vieh verrottet werden. Verbilligter Zucker kann infolge der schlechten Rübenernte nur in geringem Mass Verwendung finden. Es. wird Sacharin beigegeben. Der Berichterstatter konnte mit eignen Augen die Fabrikation dieser" Vierfruchtmarmelade" sehen. Auf etwa einen Kilometer Entfernung von der Marmeladefabrik in X. machte sich ein unangenehmer Geruch bemerkbar ,. als wenn Zuckerrübenschnitzel in Gärung übergegangen seien. Eine endlose Reihe von provisorischen Verschlägen war mit Fallobst von Aepfeln und Birnen angefüllt. Das Obst war am Verfaulen, es wurde mit Schaufeln abgestochen, so wie man Schlamm absticht. Diese Masse wanderte mit allem Dreck, mit Maden und sonstigem Unrat in Wagen und wurde dann in die Fabrikräume geschafft. So entsteht die verbilligte deutsche " Edelobstmarmelade". Die Reichsbahn will ca. 50.000 ha Reichsbahngelände und Eisenbahndämme mit Obst- und Beerensträuchern bepflanzen und verpachten. Man hofft im Jahre zwei Millionen Mark herauszuholen und für die Reichsbahnarbeiter die Möglichkeit zu vermehrter Kleinviehzucht schaffen zu können. Uebrigens ist die Nachfrage nach Kleingärten erheblich im Anwachsen begriffen. Alles bereitet sich auf Zeiten wie im Kriege vor. Die Pachten für Kleingärten beginnen bereits zu steigen. A-17Sachsen, 1.Bericht: Geschäfte, die Schmalz und Fett verkaufen, forderten kurz vor Weihnachten ihre Kunden auf, in Listen durch Unterschrift zu bestätigen, dass sie bei ihnen ihr Quantum Schmalz und Fett bezögen. Wie die Ladeninhaber erklärten, müssen sie diese Listen auf Verlangen der Behörde anlegen zwecks Kontrolle. Viele Geschäfte geben nur ein achtel Pfund gute Butter die Woche ab. Sie haben überhaupt nur noch Achtelpfundpackungen. Margarine erhält man meist noch in Viertelpfundpackungen pro Woche. Infolge der Schweinefleisch- und Fettknappheit sind die Büchsen" Fleisch im eigenen Saft" gut abgegangen und werden jetzt auch schon knapp. Die Schweinefleischkonserven sind bereits ganz verschwunden. Die Leute kaufen die Konserven, obwohl sie von ihrem Inhalt nicht begeistert sind, da viel minderwertiges Fleisch hineingearbeitet worden ist. Die Fleischer stellen neuerdings Gehacktes unter reichlicher Beimischung von Kalbfleisch her. Sie klagen, wie schwer es wäre, Leberwurst und Knoblauchwurst herzustellen, da es an Speck fehle. Die Wurst ist undefinierbar geworden. Es werden minderwertige Teile des Schlachtviehes, die früher zum" Geschlinge" wanderten, verwendet. Die Hausfrauen klagen darüber, dass Fett, Wurst usw. nicht nur knapp geworden sind, sondern sich auch verschlechtert haben. Sie sind oft empört darüber, was in ihrer Fettration für Bestandteile stecken. Neulich erlebte eine Genossin, wie eine Arbeiterfrau in einem Laden vor einer Menge Menschen sagte:" Jetzt möchte ich den Goering hier haben. Den würde ich am Eguch anfassen und sagen: Von nichts kommt nichts!" Die bereits vorhandene Knappheit an Seife, Kakao und Schokolade wirkt sich bis jetzt erst im Grosshandel aus. Die Grossisten erhalten nicht mehr, was sie anfordern. Manche Firmen liefern nur noch an langjährige Bezieher. Die Vollmilch- Schokolade- Erzeugung ist eingeschränkt worden. Uebrigens auch die Erzeugung von Dosenmilch. Die Knappheit in Seife, Kakao usw. wird in Bälde auch von der breiten Masse gespürt werden. Die Grossisten können die Nachfrage nämlich schon nicht mehr befriedigen. Angeblich sollen Pläne bestehen, nur noch vier Feinseife- Sorten herstellen zu lassen. 2. Bericht: Ein ausreichender Ersatz durch grösseren Einkau von Oel, Palmin und Kokosfett ist auch nicht möglich, da aucl diese Waren immer unregelmässiger zu haben und dann recht schnell ausverkauft sind. Wurst kann man auch kaum noch kaufen, da diese immer minderwertiger wird, dafür aber im Preise gestiegen ist. Eine billige Volksmaermelade ist zwar als Butterersatz auf den Markt gekommen, sie ist aber so dünn und wässrig, dass sie wenig gekauft wird.. Vorläufig helfen sich die Frauen selbst durch eigene Anfertigung von Marmelade. Die Reden, dass Rohstoffe, Stahl und Flugzeuge wichtiger als Butter und Fleisch seien, wirken nicht beruhigend, A-18sondern im Gegenteil ausserordentlich beunruhigend. In den Lebensmittelgeschäften schlagen auch Frauen, die sich nie um. Politik kümmerten, Lärm, weil sie sich von den Geschäftsleuten betrogen fühlen. Aber sie können keine politischen Schlussfolgerungen ziehen. Am 9. November klagten meine Hausnachbarn darüber, dass sie schon den sechsten Sonnabend ohne Butter vom Einkauf zurückgekommen seien, dass sie ganze Stunden sinnlos verlaufen mussten, aber die Hakenkreuzfahne haben sie wieder in aller Frühe herausgehängt. 3. Bericht: Die Schwarzschlächterei nimmt immer mehr überhand. Viele Fleischer fahren aufs Land und kehren nachts mit vollem Wagen heim. Fast alle diese Tiere werden ohne vorherige Untersuchung und Fleischbeschau geschlachtet und in den Handel gebracht. Die Krankheits- und Trichinengefahr ist dadurch sehr gross geworden. Das allerdings wird meist nur von unseren Genossen erkannt, die anderen machen sich darüber keine Gedanken. Die Volksmarmelade ist kaum geniessbar und besteht wahrscheinlich nur aus Wasser und Gelantine. Heftige Diskussionen der Hausfrauen in den Läden sind die Folge. Die Diskussionen sind allerdings ziemlich passiv, sobald nur der geringste Widerstand oder nur ein wenig Gefahr droht, verstummt alles. Vom Regime selbst wird offiziell durch Reden und Rundschreiben,( vor allem der Arbeitsfront und der Blockund Hauswart) die allgemeine Lebensmittelknappheit dadurch erklärt, dass durch die Arbeitsbeschaffung Hitlers die Bevölkerung mehr verdient, dadurch mehr konsumiert und ausreichende Deckung für den Bedarf nicht herangeschafft werden kann. Das leuchtet sogar vielen Menschen ein. Ein Käsefabrikant in X. hat in der letzten Woche anstatt 20 nur 3 Zentner Quark bekommen. Am 15. Dezember standen vor dem Buttergeschäft Y. in Z. etwa 120 Personen Schlange, um 1/4 Pfund Margarine zu" erstehen". Ein 55jähriger Mann liess dabei die Bemerkung fallen, dass die Lebensmittelversorgung bedenklich den Zuständen von 1917 1918 gleiche. Dieser Mann wurde zwei Stunden später verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht. Bayern, 1.Bericht: Die Fett-, Fleisch- und Eierknappheit hält an. Hier hat man versucht, das allgemeine Durcheinander etwas zu ordnen, indem man eine Art Teilrationalisierung einzuführen versucht. Konsum- und auch andere Lebensmittelläden geben von sich aus eine Art Fettkarte heraus, die verhindern soll, dass ein Hamster- und Schleichhandel organisiert wird. Diese Massnahmen reichen aber nicht aus und so kann man feststellen, dass Hamsterei und Schleichhandel munter weitergedeiht. Wer kann, wärmt seine alten Bauernbekanntschaften wieder auf und versorgt sich so direkt beim Erzeuger. In meinem Haushalt bekomme ich jetzt von einem Bauern wöchentlich ein halbes Pfund Butter, das der Bauer selbst in die Stadt bringt.( Er bringt wöchentlich im ganzen 5 kg) Pro Pfund geben wir 1,50 Mark. Interessant ist dabei, dass der Bauer diesen Betrag nicht verlangt hat, aber dass er erst dann A- 19Butter hatte, als wir ihm diesen Betrag dafür boten.( Der Normalpreis für Butter beträgt hier 1,05 Mark) Solche Beispiele könnte man viele anführen. Diesem wachsenden Chaos auf dem Buttermarkt suchen die Behörden durch Drohungen mit Konzentrationslager und durch systematische Bespitzelung entgegenzuwirken. Mitte Dezember hat der bayerische Minister Wagner eine scharfe Bekanntmachung erlassen, in der es u.a. heisst: " Der in der letzten Zeit um sich greifende Handel mit Butter und Schmalz ausserhalb des ordentlichen Marktverkehrs beginnt zu Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung zu führen... Erzeuger halten die Ware zur Erzielung von Wucherpreisen zurück, Händler versuchen auf dem Schleichhandelsweg unter Zahlung von Ueberpreisen an die Erzeuger vermehrte Quantitäten an sich zu raffen und diese zu Wucherpreisen in die Grosstädte zu verschieben..( Folgt Androhung mit dem Konzentrationslager) Im übrigen besteht Veranlassung darauf hinzuweisen, dass sich auch auf anderen Lebensmittelgebieten preistreiberische Tendenzen bemerkbar machen..." Wie ich schon im vergangenen Monat betonte, ist trotz aller Unfreundlichkeit, mit der die Bevölkerung diesen Misständen begegnet, doch zu beobachten, dass man sich an die Lage zu gewöhnen beginnt. Die Lebensmittelknappheit dauert zwar weiterhin unvermindert an, dennoch scheint es, dass die Stimmung krise in der Bevölkerung ihren Höhepunkt bereits überschritten hat. Man sagt jetzt vielfach:" Ach, das nützt alles nichts, das deutsche Volk wird noch viel mehr ertragen und wegen dieser Butterknappheit verliert Hitler nichts an seiner Macht. 2. Bericht: Vor 14 Tagen kam kein Gramm Butter und keine Eier auf den Markt, auch in der ganzen Stadt war nirgends Butter zu bekommen. Es hiess, dass die geringen Rationen, die angefallen sind, für die Krankenhäuser bestimmt sind. Bei den Marktfrauen kam es darob zu erregten Szenen, man hörte Worte wie" Sauwirtschaft"," unhaltbare Zustände"" das ist ja wie im Kriege" usw. So ist es nicht zu verhindern, dass die Leute selbst aufs Land rennen und sich dort ihren Bedarf holen. Wenn man Ue berpreise bezahlt, kann man bei den Bauern schon Schmalz und Eier bekommen, doch sind diese sehr vorsichtig und geben nur guten Bekannten. So entwickelt sich eine ganz neue Verteilerorganisation. Der Bauer sieht schon wieder die für ihn einträglichen Kriegstage kommen und ist fest dabei, seine Erzeugnisse zurückzuhalten. Dass das verboten ist, kümmert ihn wenig. Da die Nazis selbst auf Schleichwegen zu ihrer Butter kommen, so kommen die Aufsichtsorgane gar nicht zum Einschreiten, denn alles hält fest zusammen. Hier gibt es wirklich eine Volksgemeinschaft. Trotzdem glaube ich, dass der Buttermangel nicht dauernd so anhalten wird; eines Tages wird wieder Butter da sein und dann wird man erst recht wieder Kapital für Hitler herauszuschlagen suchen. A- 203. Bericht: Die Hamsterei von Butter und Fetten war im Oktober am stärksten, seitdem hat sich ein Zustand der Gewöhnung ergeben. Ein Buttergrosshändler, dessen Umsatz uns bekannt ist, verkaufte im Monat Juli für 7.000 Mark Butter an Kleinabnehmer. Im August stieg der Umsatz auf 8.000 Mark, im September auf 14.000 Mark und im Oktober errreichte er 23.000 Mark. Im November sank der Umsatz wieder, nicht wegen mangelner Nachfrage, sondern wegen Knappheit der Ware. Ein sehr stark spürbarer Mangel macht sich auch an Speisezwiebeln bemerkbar. In der Münchner Grossmarkthalle reisst man sich um ein paar Säcke Zwiebeln. Für 1 Zentner Zwiebeln ist ein Höchstpreis von 4,45 Mark für den Erzeuger festgesetzt. Im Kleinverkauf kostet das Pfund 8 Pfg. Die Bauern wollen um den niederen Erzeugerpreis keine Zwiebeln abgeben. Händler haben für den Zentner Zwiebeln schon 6 Mark geboten. Ein erheblicher Teil der auf den Markt kommenden Zwiebeln wird ausser der Marktkontrolle gehandelt. Zur Steigerung des Fischkonsums werden jetzt jeden Monat bestimmte Fischtage festgesetzt. Es ergehen Aufforderungen an die Bevölkerung, jeden Freitag und Dienstag in der Woche Fisch zu essen. 4.Bericht( Allgäu): Pro Person werden hier nur 4 Eier wöchentlich verabfolgt, Butter ist auf ordentlichem Wege kaum zu bekommen. Unser Konsumverein hat Fettmarken eingeführt. Der Fleischmangel erstreckt sich auch auf Rind- und Ochsenfleisch. 5. Bericht: In einer Familie wollte einer der Söhne Hochzeit feiern. Durch allerlei Beziehungen war es möglich, sich auf Schleichwegen mit den zu einem bescheidenen Hochzeitsmahl halbwegs erforderlichen Mengen an Fleisch, Butter und Fett einzudecken. Das wurde den Ordnungshütern des Dritten Reiches denunziert, bei der Familie wurde eine Haussuchung vorgenommen und den Leuten alles bis auf je ein halbes Pfund Fleisch, Butter und Fett weggenommen. Dass sich diese Handlung auf keinerlei Rechtsgrundlage stützen kann, verschlägt nichts. Die Lebensmittel sind zwar gesetzlich nicht rationiert, es ist nicht vorgeschrieben, wieviel man davon nur besitzen darf, aber es wird weggenommen, wenn man merkt, dass ein Prolet mehr besitzt, als der andere gerade zu dieser Zeit im Orte zu kaufen bekommt. Der Bräutigam hat aus Wut die ganze Hochzeit abgesagt. Die Nazi bonzen machen aber eine Ausnahme von diesen Einschränkungen. Da werden auch die Lieferanten nicht zur Anzeige gebracht. So hat in X. ( Oberpfalz) die Polizei einer Bäuerin ihren Korb. durchgesehen und gefunden, dass sie auch zuviel Butter habe. Man schätzte das Quantum auf 3 Pfund. Aber die Bäuerin erklärte, dass die Butter für den Ersten Bürgermeister-einen Nazi bestimmt sei. Sprachs und konnte mit der Butter weitergehen. Der Vorgang ist Stadtgespräch. In den Nazi- Zeitungen wird bewegliche Klage darüber geführt, dass die im Schlei chhandel vertriebene Bauernbutter A-21minderwertig sei und einen zu grossen Wassergehalt habe. Das 1st richtig. Gerade weil die Bauern die schlechteste Butter im Hause bei höchsten Preisen los werden, geben sie die Milch nicht mehr an die Molkerei ab, damit dort Markenbutter hergestellt werden kann. Aber dass so etwas reissend abgeht, das ist eben das Kennzeichnende für den Stand der Butterversorgung. Als die Grenzen noch offen waren, kam gute dänische Butter herein, die einheimischen Bauern hatten für ihren Schund keinen Absatz mehr, sie mussten sich, wollten sie in ihrer Milchwirtschaft nicht völlig erliegen, zur Produktion einer besseren Butter entschliessen und taten sich deshalb zu Molkereigenossenschaften zusammen, um die Butterproduktion in die Hände geschulter Käser zu geben und nicht in den Händen egoistischer Bäuerinnen zu belassen. Nun ist die ausländische Konkurrenz lahmgelegt. und die Bäuerin kehrt zu ihrem alten, mehr Geld bringenden Verfahren zurück. Mitteldeutschland: In X. muss eine Frau täglich zur Polizei und dort sagen:" Es gibt Butter, wenn auch wenig." Diese Frau hatte einmal gesagt, dass einfach keine Butter aufzutreiben sei. Ein Viehhändler in Y( Thüringen) hatte sich aus Ostpreussen 20 Schweine besorgt, die wahrscheinlich aus Polen geschmuggelt worden waren. In Y. wurden sie entschädigungslos enteignet. Schlesien: In A. bei Leobschütz hatte ein Bauer ein Schwein geschlachtet, ohne die jetzt notwendige Bewilligung dazu eingeholt zu haben. Am anderen Tage erschien ein SA- Führer und der Land jäger bei ihm, um den Schweinebestand nachzukontrollieren. Der Bauer gab ohne weiteres zu, ein Schwein geschlachtet zu haben. Das schwein wurde beschlagnahmt und mit einem Auto weggefahren. Der Bauer erhielt keine Entschädigung, ob ein Strafverfahren eingeleitet wird, ist noch nicht bekannt. Südwestdeutschland, 1. Bericht: Alle Schweine, die 180 Pfund erreicht haben, werden von den Ortsbauernführern erfasst und den Metzgern zur Schlachtung zugeführt. In den ländlichen Vororten Mannheims ist es üblich, dass sich die Bevölkerung die Schweine selbst zieht. Hat nun ein Arbeiter einen Pachtacker, um das notwendige Mastfutter an Kartoffeln und Frucht selbst zu bauen, dann kommt es vor, dass zwei Schweine grossgezogen werden, um das eine davon verkaufen zu können. Dieser Verkauf musste die Unkosten für Pachtgelder und Ankauf von Milchschweinen sowie sonstigen Geldausgaben einbringen helfen. Im Laufe der letzten Novemberwoche wollte, ein Mann seiner verwi- tweten Tochter, einer Kriegerswitwe, ein Schwein im Gewicht von 185 Pfund lebend verkaufen, das die Witwe mit ihren beiden arbeitslosen und weiteren zwei schulpflichtigen Buben bis zur Schlachtreife weiterfüttern wollte. Dieser Verkauf wurde vom Ortsbauernführer verboten, mit dem Hinweis, dass er allein darüber verfüge, wem das Schwein zugeteilt würde. A-22Die Schlachthofkommission erteilt Gastwirten, die Anträge auf Genehmigung von Schweineschlachtungen stellen, folgenden Bescheid: Wirtschaftsgruppe Gaststätten-& Beherbergungsgew. Ortsgruppenverwaltung Mannheim M 5. 5 Betr. Antrag auf Schlachtung. Sehr geehrter Herr Kollege! Nach den Richtlinien, die wir durch den Marktbeauftragten er halten haben, ist es in der gegenwärtigen Notzeit nicht möglich, eine Zuteilung von Schweinen vorzunehmen an solche Wirte, die bisher keine regelmässige Schlachtung durch Ankauf von lebenden Schweinen betrieben haben. Nach den Aufzeichnungen sind Sie leider auch unter die Bestimmung gefallen, sodass wir ausser Stande sind, Jhrem Wunsche zu dienen. Sollten jedoch unsere Unterlagen nicht ganz zutreffen, so bitten wir Sie, eine Beschwerde schriftlich mit Beilage der Beweisgründe auf unserem Büro, M 5. 5 einreichen zu wollen. Wir werden genauestens die Angelegenheit nachprüfen. Heil Hitler gez. W. Mergenthaler Leiter der Schlachthofkommission Dr Gerber Geschäftsführer Am Samstag, den 22. November hat die Volkswut bei dem Eier- und Buttergeschäft Leininger in Mannheim die stundenlang wartenden Frauen zum Eindrücken der Türfenster getrieben. Die empörten Frauen wurden durch Verhaftungen wieder zur Ruhe gebracht. 2. Bericht: Infolge der Fleischverknappung werden Fische im verstärktem Masse als kräftigstes Nahrungsmittel angepriesen. Aber dies will dem Süddeutschen, der im Gegensatz zum Norddeutschen nicht an den Seefisch gewöhnt ist, erst recht nicht in den Kopf. Die Hausfrauen lachen deshalb über diese Anpreisung von kräftiger Kost. Unterm 4. Dezember wurde in den Nazizeitungen bekanntgegeben, dass 115.000 Pfund Fische allein für das Winterhilfswerk unterwegs wären. Die Wohlfahrtsempfänger sind geradezu bestürzt über diese Ankündigung. Schon im vorigen Winter kam es vor, dass in einzelnen Städten die Fischfilets von den Bedürftigen nicht A-23abgeholt worden sind. Es wurde ihnen dann die weitere Unterstützung entzogen. 3. Bericht: Den Rundschreiben eines Grossfilialunternehmens an seine Filialleiter entnehmen wir folgende für die Lebensmittelknappheit bezeichnenden Stellen: " Wir geben hiermit bekannt, dass wir diese Woche kein Schweinefleisch liefern werden; und zwar deshalb, damit wir unsere Mitglieder zu Weihnachten bedienen können.... Die Schweinefleisch bestellungen für die Feiertage möchten sich in bescheidenen Grenzen bewegen. Wir bitten die Verkäufer, die Bestellungen möglichst so anzunehmen, dass halb Schweinefleisch und die andere Hälfte Rindfleisch oder Kalbfleisch geliefert wird... Wir lassen Anfang Dezember jedem Geschäft ein Quantum Schmalz zugehen und bemerken dabei, dass die nächste Lieferung in der Woche vor Weihnachten erfolgt. Es ist also notwendig, dass das Schmalz, was diese Woche geliefert wird, bis zur nächsten Lieferung eingeteilt wird..... Bestellungen für Schweinsköpfe sind keine anzunehmen, da wir dieselben zur Wurstfabrikation selbst benötigen. Geräucherte Fleischwaren lassen wir jeder Verteilungsstelle etwas zugehen, sobald abgeräuchert ist. Nachforderungen sind in diesen Artikeln zwecklos... Streusselkuchen können wir infolge Margarineknappheit nur in beschränkter Anzahl anfertigen... Da Reis in den bekannten Sorten nicht mehr. zu bekommen ist, sind wir gezwungen, andere Sorten hereinzunehmen. Araccan und Vollreis können wir nicht mehr liefern." Hamburg: Vor den Eierläden steht das Publikum oft Schlange, um dann, solange der Vorrat reicht, drei Eier pro Käufer zu erhalten. Viele Kleinhändler entlassen wegen der Umsatzsenkung ihr Verkaufspersonal. Auch am Schlachthof werden zahlreiche Entlassungen vorgenommen. Die Schmalzimporteure können selbst das ihnen von der Reichsstelle für Oele und Fette zugestandene Kontingent nicht voll ausnützen, da die dänischen Lieferanten nicht zu dem von Berlin festgesetzten Preise liefern wollen und lieber nach England als nach Deutschland exportieren. 2. Die Preissteigerung Wir haben zuletzt im August- Bericht( Nr. 8) umfangreiches Material über die Preisentwicklung gebracht. Die in den letzten beiden Monaten eingegangenen Berichte zeigen, dass das A- 24Steigen der Preise anhält, obgleich die amtlichen Indizes nur ganz geringe Veränderungen aufweisen. Im allgemeinen lassen sich folgende Feststellungen treffen: 1. Die Grosshandelspreise haben eine weitere Steigerung erfahren. Ende November wurden die Schweine- Höchstpreise heraufgesetzt und auf alle Viehmärkte ausgedehnt. Gleichzeitig wurden für das ganze Reichsgebiet Rinder- Höchstpreise festgesetzt. Die noch freien Preise für Schafe und Kälber haben starke Erhöhungen erfahren. Ende des Jahres hat die Fleischwarenindustrie die Preise für ihre Erzeugnisse erhöht. . 2. Es bestätigt sich erneut die alte Erfahrung, dass Höchstpreise die Tendenz haben, zu Mindestpreisen zu werden. Die darunter liegenden Preisklassen stehen zum grossen Teil nur noch auf dem Papier, die entsprechenden Waren sind entweder überhaupt nicht zu haben oder werden zu den Höchstpreisen verkauft. Im übrigen werden die Höchstpreise nach wie vor mit Methoden überboten, die sich weitgehend behördlicher Kontrolle entziehen.( Gebundene und freie Waren werden gleichzeitig gekauft und die freien Waren dabei entsprechend überbezahlt usw.) 3. Die Höchstpreise bewirken zwangsläufig eine Steigerung der freien Preise. Einmal weil die nicht voll zu befriedigende Nachfrage nach preisgebundenen Waren sich automatisch den freien Waren zuwendet; zweitens weil Erzeuger, Gross- und Kleinhandel versuchen müssen, den Verdienstausfall bei den gebundenen Waren( infolge Warenmangel und Herabdrückung der Handelsspanne) durch erhöhte Einnahmen aus den freien Waren wenigstens zum Teil wieder auszugleichen. 4. Neben den sichtbaren Preiserhöhungen geht nach wie vor eine unsichtbare Preissteigerung durch Qualitätsverschlechterung und Gewichtsverringerung einher. Im einzelnen entnehmen wir unseren Berichten: Berlin, 1. Bericht: Im Lebensmittelhandel macht sich immer mehr eine Preissteigerung bei allen Artikeln bemerkbar, soweit sie nicht durch behördliche Anordnungen im Preis festgehalten werden. Diese Preissteigerung hat verschiedene Ursachen. Die eine Ursache ist das Steigen der Importpreise. So unbedeutend der Anteil der eingeführten Ware an der A- 25Gesamterzeugung sein mag, so kann doch eine Preissteigerung bei den Einfuhrwaren sehr leicht das ganze Preisgefüge in Bewegung bringen. So sind z. B. die Preise für Gewürze sehr stark gestiegen, und das kann auf die Preise der Wurstwaren nicht ohne Rückwirkung bleiben. Der zweite Grund ist der höhere prozentuale Anteil der allgemeinen Unkosten im Gross- und Kleinhandel. Wenn z. B. ein Hamburger SardinenImporteur früher monatlich 5 bis 6.000 Kisten einführen konnte, heute dagegen nur 300 bis 400 Kisten, so ist der Prozentsatz seiner Unkosten gemessen am Umsatz ausserordentlich gestiegen. Dabei muss man bedenken, dass die Kaufleute gehindert werden, ihr Personal zu entlassen und ihre Büros zu verkleinern. Die Regierung sieht lieber zu, wenn die Erhöhung der Unkostenquote zu erheblichen Preissteigerungen führt. Sie hütet sich, gegen diese Leute mit dem Wucherparagraphen vorzugehen, weil sie genau weiss, dass sie dann den grössten Teil des Lebensmittelgrosshandels schliessen müsste. 2. Bericht: Aus den früheren 6 Buttersorten, die amtlich festgesetzt worden sind, ist inzwischen eine einzige geworden: in der Mehrzahl der Geschäfte gibt es nur noch Butter zu 80 Pf. für das halbe Pfund. Grosse Seltenheit ist es, wenn auch welche zu 78 Pf. verkauft wird. Dadurch, dass die billigen Sorten weggefallen sind, ist natürlich auch eine" stille" Preissteigerung eingetreten. Die billigeren Sorten sind nur dem Preis, nicht der Qualität nach weggefallen. Die Butter ist im Gegenteil- schlechter geworden. Sie hat irgend welche Beimischung erhalten, hält sich auch jetzt im Winter nicht lange. Die Ungleichmässigkeit der Belieferung mit Butter vermehrt die Schwierigkeiten. So konnten wir wiederholt beobachten, dass z. B. in den Filialen der" Pommerschen" in der Innenstadt Butter geliefert wurde, die Fuhrleute kamen aber mit ihren knappen Vorräten nicht in die Aussenbezirke. Aehnlich wie mit der Butter verhält es sich mit anderen Lebensmitteln. Das Kalbsfett, das von zahlreichen Hausfrauen als Fettzusatz gekauft wurde, ist ebenfalls knapp geworden. Ausserdem mischen es die Schlächter mit Rindertalg, so dass es sehr schlecht geworden ist und aus der Pfanne stinkt. Rükkenfett ist nicht mehr fest wie früher, sondern weich und qualitativ schlechter. Auch dabei Preissteigerung" hintenherum". Ein Pfund gewöhnliches Rückenfett kostet 80 Pf., durchgedreht dagegen 90 Pf. Jetzt geben es die Schlächter nur noch zu 90 Pf, ab," vergessen" aber das Durchdrehen. Es ist heute nicht mehr üblich, nach den Preisen zu fragen. Man fragt:" Haben Sie das..." Erkundigt man sich nach dem Preis, dann ist der Fleischer zugeknöpft und hat nichts.Nichts hat mehr den gleichen Preis. Zwar bestehen sogenannte Festpreise, aber nur für Suppenfleisch, Kotelett usw., nicht dagegen für die besseren Fleischsorten. Die billigeren Fleischsorten sind dafür dann auch nur in ganz geringen Mengen vorhanden. J A*6- Speok gibts nicht, nur beim Kauf von Rouladefleisch, wozu ar ja erforderlich ist. Der Speck kommt leicht geräuchert zum Verkauf, er ist deshalb im Gewicht schwerer und bringt mehr ein. Ausserdem ist er im Preis gestiegen.(1/A Pf. kostet 25 bis 30 Pf.) Schinkenspeek, vor 3-4 Monaten noch zu 30 bis 35 Pf. erhältlich, ist jetzt nicht mehr unter 45 Pf. pro Viertelpfund zu haben. Leber- und Blutwurst hat in der Qualität sehr nachgelassen: besonders Leberwurst, zu deren Herstellung viel Fett nötig ist. Dafür kostet jetzt das Viertelpfund 40 bis 45 Pf- und mehr, gegen früher 30 bis 35 Pf- ist viel Semmel darin, vielfach ist auch von den Fleischern Büchsen- schweinefleisch("Fleisch im eigenen Saft") hineingearbeitet worden.- Dadurch ist übrigens der Vorrat an diesen Fleischkonserven(Schweinefleisch) sehr verringert, sie wurden den Schlächtern früher aufgedrängt, heute werden sie ihnen zugeteilt und man zwingt sie, mehr Rindfleischkonserven abzunehmen. Besonders gestiegen sind Delikatessen, z.B. Gänseleberwurst, früher 30 Pf. für das Viertelpfund, jetzt 80 Pf. Leber gibt es meist nur an 2 Tagen in der Woche. Filet kostet l,8o Mark gegen früher l,5o bis l,6o Mark. Kalbsschnitzel 2,- Mark gegen l,6o Mark. Palmin gibt es überhaupt nicht, ebenso nicht Maisprodukte und gelben Griess. Gelbe Erbsen kosten jetzt 53 Pf-, Linsen 40 Pf. gegen 25 bis 30 Pf. früher. Büchsenmilch(kleine Büchse) ist von 2o auf 22 Pf. gestiegen, der Frischmilchpreis wurde dagegen nicht erhöht. 3. Bericht: In den meisten Fällen, in denen die Mieten noch unter der gesetzlichen Miete lagen, ist inzwischen die gesetzliche Miete wieder erreicht worden. Eine Erhöhung bis zu diesem Stand gilt auch nicht als Mietwucher. Bei den Klein Wohnungen ist das Niveau unverändert geblieben, da sie ja schon bisher nur zur gesetzlichen Miete vermietet wurden und eine Steigerung darüber hinaus nicht erlaubt ist. Mitteldeutschland: Aus den Preislisten eines grossen Le- bensmittelgeschäf ts ergibt sich folgende Entwicklung der Kleinhandelspreise in den letzten Monaten: Ende Mitte Mitte Ende Mitte Sept. Oktob. Novemb.Hovemb. Dezemb. A-27Ende Mitte Mitte Sept. Ende Oktob. Novemb. Novemb. Dezemb. Mitte 19 11 2 == 1/2 1/4 1?? 1/2 Rollheringe 4 Pfd.Ds.RMK.3,30 1 1/2 Rollmöpse 1/4 Hering i. Gelee 11 11 Sardinen T Roll- Sardellen 1" 1 == 11 P ㄞ ˋ 3,5° 3,70 11 0,78 0,80 0,92 T T 0,45 0,50 0,52 " 0,45 0,50 = 19 1,90 2,-2,25 11 11 0,45 0,50 0,52 17 17 11 0,28 0,30 0,32 11 11 0,80 0,90 0,98 11 11 11 0,46 1,60 0,50 0,55 1,80 Lachs ?? ?? 1,12 1,40 Dosenleberwurst Pfd. 17 0,56 0,65 Wurst Sorte IIa T 1,20 1,3c Pflaumenmus 11 81 0,50 0,52 Pflaumen 60/70 Stück" 0,60 0,56 0,60 0,64 Aprikosenmarmel. Pfd." 0,64 0,70 Weisskraut Pfd." 0,06 0,05 0,07 o, lo Spargel 1/2 Pfd.Ds. 0,60 0,65 铃 Erbsen 21 살 1/4 11 11 計 0,40 0,45 11 = 11 0,72 0,75 Leinsaat Hanfsaat 1/2 Mohnsaat ganz 11 11 0,42 0,50 Pfd. 11 0,50 0,68 11 91 0,26 0,32 0,40 ११ 11 0,48 0,54 0,64 0,92 ST Rübsaat 07 11 gem. 0,52 0,58 0,68 0,96 11 11 0,48 0,44 0,60 Kanariensaat Vogelfutter, gem. : 11 ?? 0,82 0,42 11 11 , 4° 0,48 0,54 Vanilleschoten Stück" 18 0,20 0,25 Saffan Ds. 11 0,08 o, lo 0,12 Nelken Pfd. 11 2,70 3,-Zimtrinde 11 T 3, 3,50 Piment ganz 31 11 1,50 2,30 11 gem. 11 1,80 2,60 Ingwer ?? 11 1,80 2,10 Mohnstollen Stück" 1,50 1,80 Kakao I. St. 11 0,92 0,98 Kakao II. St. Reis Pfd. == 0,78 0,84 0,34 0,38 Feinseife St. 1 0,22 0,24 Schmierseife I Pfd. 11 0,30 0,32 Schmierseife II 11 11 0,28 0,32 A- 28Sachsen, 1.Bericht: Den Preislisten eines Grossfilialunternehmens entnehmen wir:. Liste Nr. 16. Gültig vom 30.X. bis 6. XI. alter Preis: neuer Preis: RMK. RMK. Fleischwurst Pfd. 0,95 1,-Rollschinken 1,60 1,80 Schinken gek. Schinkenspeck Schinkenecken Speck fett ger. 11 ff ges. 竹 竹 竹 竹 竹 1,72 1,80 1,60 1,76 1,60 1,76 1,10 1,20 0,98 1,05 Stangenkäse 20% i.Pckg." 0,54 0,56 Aprikosen- Konf. incl. Gl. 0,70 0,80 Erdbeer- Konf. 0,75 0,80 Bratheringe 1 Ltr.Dose 0,56 0,60 Thymian Bündel 0,08 0,10 ( Nur begrenzt lieferbar) Pfd. 11 11 11 TT OOOOO 0,8 0,95 88889 85 05550 1,-0,95 0,95 1,-Bäuche o.Beil. Bäuche m. 11 Nieren Schmer fr.fett. Speck 0,90 0,95 Liste Nr. 17. Gültig ab 12. XI. Kalbfleisch o.Kn. Pfd. 1,30 1,50 Keule 11 1,-1,25 Schultern, Kotelett und Nierenbra ten 11 0,95 1,15 Brust und Nacken 11 0,90 1,10 Hinterviertel 11 0,98 1,20 Vorderviertel ?? 0,92 1,12 Ganze und halbe Kälber" 0,95 1,15 Kalbsleber TY 1,30 1,40 Schnitzel 11 1,35 1,50 Liste Nr. 18. Gültig ab 18. XI. Brathering i.Burg. 1/2 L.Ds. 0,38 0,40 11 1. Champ. 1/2 L.Ds. o; 38 0,40 Oelsardinen kl. Ds. 0,17 0,18 Buchweizenmehl Pfd. 0,30 0,32 Mandeln süss 11 1,16 1,201 Riesenbockwurst ( i.Ds.a 20 St.) St. 0,35 0,40 Schmerfett 1 Pfd. Tüten 1,20 1,25 Brathering 4 Ltr.Ds. 1 St. 0,10 0,11 Bratrollmops 1/2 Ltr.Ds. 0,42 0,44 Bismarckhering 1/2 Ltr.Ds. 0,42 0,44 A-29- alter Preis: neuer Preis: RMk. RMk. Bering i. Gelee 4 Ltr.Ds.ganz 3,12 3,60 (24 Port, a 15 Pf.). Hering i. Gelee 1/2 Ltr.Ds. 0,42 0,44 Rollmops 1/2 Ltr. Ds. 0,42 0,44 2. Bericht: In der kurzen Zeit der Butterknappheit(.Okt. und Nov.) sind die Preise für viele Lebensmittel wieder gestiegen: Kalbfleisch von l,2o RMk. pro Pfd. auf 1,30 RMk. pro Pfd. Schinken" 1, 60"""" 2,—""" "" l,8o"""" 2,40""" Lier" lo und 11 Pf. pro St. auf 12 und 13 Pf. Majonnaise" 25 Pf. pro 1/4 Pfd. auf 30 Pf. Reis" 25 Ff. pro Pfd. auf 28 Pf. pro Pfd. 3. Bericht: Für Schweinefleisch ist ein Höchstpreis von 80 Pf. festgesetzt worden. Tatsächlich wird es aber bis zu l,2o und 1,30 RMk. verkauft. Ich war selbst Zeuge, als einer der Wachtmeister in den Fleischerladen kam, weil der Fleischer angezeigt worden war, dass er Schweinefleisch zu l,lo RMk. verkauft hat. Der Fleischer machte keinen Versuch, das zu leugnen, sondern rechnete dem Wachtmeister vor, was er für einen Einkaufspreis zahlen musste, welche Unkosten er habe und dass er unter l,lo RMk. einfach nicht verkaufen könne. Er sagte zu dem Wachtmeister:"Melden Sie mich ruhig, ich nehme meine Bücher unter den Arm und werde den Herren schon beweisen, dass es nicht anders geht. Und wenn Sie mich gleich fortschaffen, ist es mir auch gleich, ich kann einfach nicht billiger verkaufen."* Der Wachtmeister Hess sich überzeugen und hat keine Anzeige erstattet. Er ist allerdings auch einer von denen, die schon lange nicht mehr begeisterte Anhänger des Dritten Reiches sind. 4. Bericht: Es ist nicht wahr, dass der Hafer, wie in der als Anlage beigefügtenPreisfeststellung angegeben wird, 8,30 RMk. kostet(Tonne 166,- RMk.). In Wirklichkeit kostet der Hafer pro Zentner 12, 50 RMk. Hafer ist im. Bezirk sehr knapp und wird zum Preise von 12, 30 RMk. abgegeben. Trotz Höchstpreisfestsetzung. Unter diesem Betrag verkauft kein Bauer Hafer. Ueberhaupt haben die Bauern in diesem Jahre nur die Hälfte an ihre Pr.ivatabnehmer abgegeben. Sie erzählten, dass sie nicht genügend geerntet hätten. In Wirklichkeit halten sie zurück, um im Frühjahr höhere Preise zu erzielen. Sohlesien: Der Polizeipräsident hat eine Verordnung über Höchstpreise herausgegeben, die aber von den Kaufleuten und Fleischereien nicht eingehalten werden.*- A-30- Die Verordnung schreibt vor: tatsächlich wird gezahlte " 1 � Rindfleisch 0�5-1,— l,lo-l,2o" " 1" Speck 1,— 3 l,2o" Rheinland-Westfalen. 1. Bericht: Man betont ständig, dass es in Deutschland Fes-cpreise gäbe. Diese"Festpreise" steigen fortgesetzt. Vor einem halben Jahre kostete das Pfund Schweinefleisch im Westen durchschnittlich 0,80 bis 0,95 RMk. Jetzt stellt sich der Preis auf 1,4.0 RMk., wohlgemerkt "Festpreis". Es ist aber keines zu haben. Das Fleisch geht bereits in vornehmen Vierteln zum Preise von l,8o RMk. bis 2,- RMk. weg. 2. Bericht: Nachdem wir vor drei Wochen feststellen mussten, dass die Preise für verschiedene Artikel wie: Wurst, Fleisch, Speck, Oel, Butter,-Zucker, Kokosfett usw. täglich in die Höhe gingen, ist zurzeit ein Stillstand eingetreten. Dabei ist die Qualität verschiedener Artikel bedeutend sohlechter geworden. Zucker ist viel schlechter als früher. Mit Milch haben wir verschiedene Proben gemacht und dabei das Resultat gehabt, dass Milch, die beim Bauern gekauft wurde, nach dem Kochen viel fetter war, als Milch von dar Molkerei. Seife und Seifenpulver haben an Fettgehalt gegen früher viel eingebüsst. Nach den Richtlinien der Regierung dürfen Kartoffeln nur 3,30 RMk. kosten. Tatsächlich kosten die Kartoffeln 4,50 bis 5,- RMk. der Zentner. Südwestdeutschland: Obwohl in den Zeitungen immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die Lebensmittel nicht mehr kosten dürfen als im März 1935, schlägt doch alles langsam immer mehr auf. So kosten heute: Schellfisch und Kabeljau das Pfd. 45 Pf. bisher 18- 25 Ff. Bücklinge 35 und 40 Pf. gegen 15 bis 2o Pf. bisher Rindsfett dürfte nur 50 Pf. kosten und wird zu 90 Pf.verkauft Kalbfleisch kostet l,2o RMk. gegen 80 Pf. Schinken kostet 2, 40 RMk. gegen l,8o RMk. Bei Wurst ist der Preis nur für geringere Sorten festgelegt. Für die besseren Sorten können die Metzger verlangen, was sie wollen. Sie sagen ganz offen, dass sie nicht daran denken, Schweinefleisch als solches zu verkaufen, weil sie selbst das Pfund auf l,lo RMk. zu stehen käme, das sie zu 80 Pf. das Pfund verkaufen sollten. So wird alles zu Wurst verarbeitet. Letzte Woche wurde in einem Ladengeschäft einer grösseren Stadt angekündigt, dass die neue Sendung Nudeln um 5 bis 8 Pf. teurer werde.. Auf die Einwendungen der Käufer, dass doch nicht aufgeschlagen werden dürfe, wurde erwidert: die Fabrikanten schlagen auf, dann müssen wir auch mehr verlangen. In ein Zuckerwarengeschäft kam vor zwei Wochen ein Mann und holte eine Tafel Schokolade. Dafür musste er 5 Pf. mehr bezahlen 0,80- 0,85 RMk 0,90- 1,05" A-31als drei Wochen vorher. Er lief auf die Polizei und beschwerte sich. Ein Beamter ging nun mit ihm in das Geschäft und der Kaufmann zeigte an Hand der Rechnungen, dass er für die Ware noch einen bedeutend höheren Preis bezahlen musste und er eigentlich das Recht gehabt hätte, lo Pf. mehr zu verlangen. Der Schutzmann gab dem Manne den guten Rat, Schokolade sei gerade nicht zum täglichen Leben notwendig. Er solle in Zukunft etwas anderes, möglichst deutsche Ware kaufen. Hamburg: Der Presse ist wie wir aus besonderer Quelle erfahren mitgeteilt worden, dass es" nicht in jedem Falle" .erwünscht sei, über die Ueberschreitung der Höchstpreise oder deswegen erfolgte Verhaftungen zu berichten. Es werde von den amtlichen Pressestellen von Fall zu Fall der Presse mitgeteilt werden, was zu veröffentlichen ist. Insbesondere ist nicht zulässig, dass die Schliessung von Geschäften bekannt gemacht würde, sie erfolgen auch kaum noch in den Grosstädten Norddeutschlands. Wollte man alle Geschäfte schliessen, die die Höchstpreise überschreiten oder umgehen, dann gäbe es nicht mehr viel offene Läden. 3.) Die Beschäftigungslage. Die in den letzten beiden Monaten eingelaufenen Berichte über die Beschäftigungslage sind insofern bemerkenswert, als sie zeigen, wie ungleichmässig die Beschäftigung räumlich und zeitlich verteilt ist. Das ist nicht nur eine Folge der Rohstoffschwierigkeiten, sondern gehört offenbar zum Bilde einer Wirtschaft, die ihre entscheidenden Antriebe nach wie vor durch Staatsaufträge erhält. Diese Ungleichmässigkeiten treten nicht nur in der allgemeinen, bekannten Form auf, dass die Rüstungsindustrien gut, die Ausfuhrindustrien und die Textilindustrie schlecht beschäftigt sind, sondern sie zeigen sich auch innerhalb der einzelnen Industriezweige, nicht zuletzt in der Rüstungsindustrie. Unsere Berichterstatter melden darüber: Westfalen: Der Bochumer Verein hat beim Treuhänder der Arbeit den Antrag gestellt, 3.000 Mann entlassen zu dürfen. Der Treuhänder hat sich daraufhin darum bemüht, dass das Werk Staatshilfe bekam. Damit sind diese Entlassungen vorläufig verhindert. Aber dem Werk ist wenig geholfen, da es zu A-32einem grossen Teil mit Leuten arbeiten muss, die für spezielle Arbeiten nicht vorgebildet sind und durch den Krampf mit der Arbeitsschlacht ins Werk gekommen waren. Bis vor etwa acht Wochen wurden von den Spezialarbeitern wie Drehern, Fräsern, Hoblern, Giessern und Formern sehr zahlreich Ueberstunden geleistet. Diese Spezialisten verdienten in der Woche mit vielen Ueberstunden 90 Mark bis 120 Mark. Es wurde nicht nur der Bedarf für das deutsche Heer an speziellen Typen von Geschützen gedeckt, sondern auch über die vorliegenden ausländischen Bestellungen hinaus eine Spekulationsproduktion begonnen. Es ist augenscheinlich, dass z. B. der Krieg Italien- Abessinien mit viel grösserem Absatz von Geschützen in die Produktion dieses Werkes einkalkuliert wurde, als allein Italien tatsächlich kaufte. Tatsache ist jedenfalls, dass Geschütze auf Lager gebaut sind und ausser der Fertigstellung bestimmter deutscher Waffenproduktion, kein Absatz grösseren Umfanges mehr vorhanden ist. Die Spezialarbeiter verdienen jetzt nicht mehr die Hälfte ihres Konjunkturlohnes und die ungelernten Arbeiter erhalten niedrigsten Wochenlohn von etwa 24 Mark. In der Bielefelder Ei senindustrie beginnen Entlassungen auch in den Betrieben, welche noch vor kurzem sehr viel Ueberstunden machten und Rüstungsaufträge ausführten. Bayern: In den BMW( Bayr.Motorenwerken) wurden bis jetzt ein Drittel der Belegschaft, ca. 2.000 Mann, ausgestellt mit der Begründung, dass einzelne Abteilungen des Betriebes umorganisiert und die Arbeiter im März 1936 wieder eingestellt werden würden. Die BMW sind heute Rüstungsbetrieb für Flugmotore. Die wirkliche Ursache der grossen Ausstellungen soll Mangel an Rohstoffen sein. Mitteldeutschland: Bei den Junkers- Werken werden Entlassun gen vorgenommen. Um den Belegschaftsabbau zu verschleiern, erfolgen die Entlassungen sozusagen in wöchentlichen Raten. Es erfolgen aber auch Einstellungen, die aber weit hinter der Zahl der Entlassungen zurückbleiben. Sachsen, 1.Bericht: Während im Vormonat auch von Entlassungen und Arbeitszeitkürzungen in den Rüstungsbetrieben berichtet wurde, ist jetzt festzustellen, dass diese wieder voll sogar in mehreren Schichten arbeiten. 2. Bericht: Büssing in Braunschweig arbeitet seit kurzem in drei Schichten. Es werden dort täglich lo 1/2 effektive Arbeitsstunden geleistet. Büssing fabriziert in der Hauptsache Schnellwagen für die Reichswehr. Die Horchwerke in Zwickau haben in der Abteilung Personenwagenbau Entlassungen vorgenommen, im übrigen aber als Heereslieferung den Teilchassisbau für die Wandererwerke übernommen. Bei Daimler- Benz in Gaggenau/ Baden mussten im Monat September 1935 sogar die Werkarbeiter ihre Urlaubsreisen abbrechen, um den Fabrikationsgang A-33zu beschleunigen. Es werden neukonstruierte Geländewagen für die Wehrmacht hergestellt. Landhelfer, die Schlosser oder Mechaniker sind, werden in den Arbeitsprozess zurückgerufen. Berlin: Von den Firmen, die Rüstungsaufträge haben, wird. allgemein über die äusserst knappe Kalkulation geklagt, die von ihnen verlangt wird. Hie und da zeigen sich Anzeichen dafür, dass die finanziellen Mittel für die Rüstung nicht mehr in demselben verschwenderischen Masse zur Verfügung stehen wie früher. Grundstücke für Rüstungsbauten, Flugplätze usw. werden z. B. nicht mehr gekauft, sondern nur noch gepachtet. Hie und da werden auch Rüstungsaufträge zurückgezogen. Allerdings kann es sich dabei im Einzelfall um eine Auswirkung der Industrieverlagerung handeln. Ueber die Lage der Textilindustrie wird berichtet: Sachsen: Die Lage der Textilindustrie im Bezirk Werdau wird durch folgende Beispiele gekennzeichnet: Die Weberei C.B. Schön, ist die einzige Firma, welche heute noch voll beschäftigt ist. Bei der Firma C.B. Göldner, Weberei für Trikotagen, Vigogne spinnerei und Baumwollspinnerei, wird seit 6 Wochen nur an 5 Tagen in der Woche gearbeitet. Jetzt hat man die Arbeitszeit auf 3 Tage herabgesetzt. In der Vigogne spinnerei C.G. Schön ist seit 3 Monaten nur an 4 Tagen gearbeitet worden. Anf ang Oktober wurde die Arbeitszeit auf 3 Tage herat gesetzt. Anfang November sind 50 Mann und am 9. November weitere 40 Mann entlassen worden. In diesem Betrieb ist heute nur noch 1 Spinnsaal in Betrieb. Der Betrieb der Firma KöhnLeubnitz bei Werdau, Weberei, wurde Mitte Oktober ganz stillgelegt. Sämtliche Arbeiter, 140 Personen, wurden entlassen. In der Vigognefabrik Vogel in Langenhessen bei Werdau wird seit 3 Monaten nur vier Tage gearbeitet. Ende Oktober sind 15 Personen entlassen worden. Die Weberei Bässler in Langenhessen bei Werdau, welche in guten Zeiten weit über 500 Mann beschäftigte, hat heute nur noch eine Belegschaft von ungefähr 230 Mann. Seit März 1935 wird nur noch 4 Tage gearbeitet. Es bestehen keine Aussichter auf Besserung. Man rechnet mit baldiger Betriebsstillegung. In der Spinnereimaschinenfabrik Schwalbe, Werdau, wird schon seit längerer Zeit kurz gearbeitet. Mitte Oktober sind bei dieser Firma' 50 Mann entlassen worden. Ende November sin alle Rentner, welche sich noch im Betrieb befanden, entlassen worden. Gehen in nächster Zeit keine weiteren Aufträge ein, wird die Stillegung beantragt. Diese Firma ist die einzige grössere Fabrik dieser Art im Bezirk Werdau. Im übrigen arbeiten fast alle Betriebe der Textilindustrie im Bezirke Werdau- Crimmitschau kurz. Auch die anderen Industrieunternehmungen sind sehr in Mitleidenschaft gezogen. Schlesien: Die Firma Maue, Tuchfabrik in Seidenberg i.Schl. hat von einer Belegschaft von 200 Personen rund die Hälfte A- 34entlassen. Der Rest arbeitet im Monat 6 Tage. Dabei soll für die so stark strangulierte Produktion nur zu 40% Absatz vorhanden sein, das übrige wird auf Lager gelegt. Dieser Betriet hat früher, vor dem Umbruch, keinen schlechten Geschäftsgang gekannt. Rheinland- Westfalen: Auch in den Gladbacher Betrieben arbeitet man jetzt 24 Stunden und darunter in der Woche. Es herrscht nicht nur Auftrags- sondern auch Rohstoffmangel.Man hofft bei einem Fortschreiten der Erfolge in der Reisswollindustrie, die Rohstoffschwierigkeiten teilweise beheben zu können. Die Bielefelder Wäscheindustrie arbeitet noch drei Tage in, der Woche, die Textilindustrie nur noch zwei Tage und zwar wegen allgemeinem Rohstoffmangel. Ueber die Pfälzer Schuhindustrie, die neben der sächsischen Textilindustrie als besonders notleidend bekannt ist, liegt folgender Bericht vor: In der Schuhindustrie kann sich niemand daran erinnern, das jemals im Monat November noch keine Winteraufträge vorlagen. Man erzählt jetzt den verzweifelten Arbeitern und Unternehmern, das sei auf die Witterung zurückzuführen. In Wirklichkeit wurden teils durch den ehrlichen Glauben an einen Wirtschaftsaufschwung, teils durch den Zwang, überflüssig gewordene Arbeitskräfte weiterzubeschäftigen, die Lager gefüllt. Der Rückgang der Kaufkraft hat es neben den Störungen durch die jüdischen Existenzvernichtungen im Handel mit sich gebracht, dass jetzt keine Bestellungen erfolgen. Auch der Dezemberbericht der pfälzischen Schuhindustrie ist sehr ungünstig. Es wird ein Steigen der Arbeitslosenzahl um 25% zugegeben. Voll arbeitende Betriebe gibt es überhaupt nicht. Die Unternehmer reissen sich jetzt um einige Aufträge des Winterhilfswerks. Zu diesem Zweck haben die Kleinfabrikanten eine Einkaufs- und Verkaufs- Genossenschaft gegründet. Es herrscht aber eine solche Hoffnungslosigkeit, dass diese Massnahme die Stimmung nicht heben konnte. Es wird besonders über den schlechten Gelde ingang und die Rohstoffteuerung geklagt. Bei den Berichten aus den übrigen Industriezweigen fällt besonders auf, dass die Regelung der Arbeitszeit ausserordentlich willkürlich ist. Nach wie vor herrscht das Bestreben, den Arbeitsmarkt durch möglichste Ausdehnung der Kurzarbeit zu entlasten. A-35Rheinland- Westfalen: Am Niederrhein, im Gebiet Duisburg, Düsseldorf, Essen, Krefeld, München- Gladbach, Solingen und Wuppertal, sieht man die Lage in Wirtschaftskreisen sehr besorgniserregend an. Dieses Gebiet hatte früher erhebliche Auslandslieferungen. Diese gehen noch weiter ständig zurück. Die Inlandsaufträge können gewiss vorübergehend ausgleichen, aber was soll später werden, so fragen sich verständige und weitsichtige Industrielle und Wirtschaftssachverständige. Man fürchtet für die allernächste Zukunft neue grosse Schwierigkeiten, weil die Heereslieferungen zu Ende gehen dürften und weil niemand absehen kann, ob der Aussenhandel bald wieder in Gang kommt. Die Arbeitslosigkeit im Gebiet ist überdurchschnittlich. So entfallen auf je 1.000 Einwohner in Duisburg 63,8, in Solingen 71,4, in Wuppertal 63,1, in München- Gladbach 58,2 Erwerbslose. Am schlimmsten sieht es in Solingen aus. Die Ausfuhr ist gegen 1929 um über 60% zurückgegangen. Da in vielen Ländern, die früher Fertigwaren aus der Solinger Schneidwarenindustrie bezogen, neue Fabriken entstanden sind, die zum Teil mit deutschen Maschinen arbeiten, ist zu befürchten, dass ehemalige Absatzgebiete nie mehr zurückerobert werden können. Krupp in Essen hat die Entlassung von 8.000 Mann beantragt. Das wurde bis jetzt abgelehnt. Jetzt arbeitet man zum Teil nur noch 3 Tage in der Woche. Man nimmt an, dass Krupp diesen Antrag nur gestellt hat, um neue Staatsaufträge zu erhalten. Aus der Blech- und Drahtindustrie wird berichtet, dass das Absatzgebiet China völlig verloren gegangen sei. In der Aachener Streichgarnspinnerei ist die Lage nach wie vor schlecht, ja sie hat sich teilweise weiter verschlechtert. Die Betriebe mussten die Arbeitszeit abermals einschränken, um Entlassungen zu vermeiden. Jetzt fordert man öffentlich die Kundschaft auf," aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten", sonst müsse man weitere Entlassungen vornehmen. In der Tuchindustrie sieht es noch schlechter aus. Folge: weitere Arbeitszeitverkürzung; weitere Anfüllung der Läger. Auf den Konzernzechen gibt es seit Ende Oktober keine Feierschichten mehr. Es werden sogar vielfach Ueberschichten gefahren, ohne Neueinstellung von Arbeitskräften allerdings. Bei der Durchführung der Ueberschichten geht man nicht generell und geordnet vor. Der Steiger sagt zu einer Anzahl Kumpels, die er sich aussucht:" Sie bleiben heute noch 2( oder 3) Stunden länger hier." Dann melden sich schnell noch Freiwillige, die aber nicht alle berücksichtigt werden. Es mussten auch schon Sonntags- Ueberschichten gefahren werden. Das Röhrenwerk Witten entlässt schon seit über einem Vierteljahr monatlich genau 49 Mann. Bei mehr als 50 Entlassungen musste das Werk die Zustimmung des Treuhänders haben. Im ganzen Industriegebiet sind viele Fälle eine solchen Umgehung der gesetzlichen Vorschriften bei Entlassungen festzustellen. A-36Sachsen: Die Metallindustrie arbeitet kurz wegen Mangel an Aufträgen. Aber die Kurzarbeit wird nicht nach den sozialen Verhältnissen des Einzelnen durchgeführt, sondern nach Gunst des Betriebsvertrauensmannes. So wird z.B. in der... Maschinenfabrik 2, 3, 4 und 5 Tage gearbeitet.Diejenigen, die meckern und kritisieren, arbeiten nur 2 oder 3 Tage, und das ist der grösste Teil der Belegschaft. Die Lage im Buchdruckgewerbe ist ausserordentlich schlecht. Allein in Dresden sind 400 Buchdrucker arbeitslos. Darunter befinden sich sogar Kriegsverletzte, deren Unterbringung in Arbeitsstellen von den Nazis ja besonders gefördert worden ist. Die schlechte Beschäftigungslage im Buchdruckgewerbe hat verschiedene Gründe. Es fallen z. B. viele geschäftliche Drucksachen fort, weil man die Zahl der Ausverkäufe erheblich eingeschränkt hat. Viele kleine Vereinszeitungen und -Nachrichten sind eingestellt worden, weil die Nationalsozialisten diese Vereine zur Auflösung gezwungen haben, z. B. den Stahlhelm, kirchliche Jugendverbände, Sportvereine usw.Eine andere Ursache liegt darin, dass die Nazis ihren eigenen grossen Unternehmungen die wichtigsten Aufträge zuschanzen. Die Druckerei des" Freiheitskampfes" die frühere sozialdemokratische Druckerei Kaden& Co. ist in der Lage, alle. anderen kleinen Druckereien zu unterbieten und schnappt so vor allen den kleinen Betrieben sehr viele Aufträge weg. Dann ist von einem Pg. Nikolai in Dresden- Neustadt eine neue Druckerei gegründet worden, die jetzt alle Ministerialaufträg erhält. In den Dresdner Zigarettenfabriken arbeiten die Packerinnen nur noch 2 Tage. Diese Tage sind aber nicht eingeteilt, sondern die Frauen und Mädchen müssen sich täglich in der Fabrik einfinden und fragen, ob gearbeitet wird. Dabei müssen sie oft stundenlang auf Bescheid warten. Dadurch sollen Arbeitslosenmeldungen vermieden werden, denn tatsächlich könnten 2 Drittel der Belegschaft entlassen werden. Die Berichte über den Rohstoffmangel, die wir im folgenden zusammengestellt haben, zeigen, wie vielfältig die Schwierigkeiten sind, die sich daraus ergeben. Nordwestdeutschland: Das jetzige Lötzinn ist fast unbrauchbar. Die normale brauchbare Legierung aus 50% Zinn und 50% Blei ist nicht mehr zu haben. Durchweg muss man sich jetzt mit einer Legierung zufrieden geben, die nur 30% Zinn enthält Bei Schiffneubauten, Privatschiffen, sind jetzt für Lichtleitungen so schlechte Materialien verwendet worden, dass es vorgekommen ist, dass die Leitung erfroren ist und brüchig wurde wie ein Stück dünnes Eis. Auch bei Blechen merkt man die Verschlechterung. Während man früher, ungeachtet der Faserung( Blech hat genau so Faserung wie etwa Holz) die Bleche nach Wunsch knicken und biegen konnte, müssen auf den Werften jetzt sehr genan die Faserungen beachtet werden und. A- 37selbst dann noch passiert es, dass bei einem scharfen Knick das Blech bricht. Bei einem Schiff musste der Einbau der Maschine viermal verschoben werden, weil die Gussform- der Maschinensockel- infolge schlechten Materials viermal gesprungen war. Fahrräder werden nicht mehr hart gelötet, weil dazu Zinn und Messing nötig sind. Statt dessen werden die Rahmen jetzt geschweisst, wodurch eine Wertminderung und Verringerung in der Zuverlässigkeit eintritt; denn für die Schweissung ist die doppelte Temperatur als für das Löten nötig, so dass vielfach der Rahmen oder Teile davon verbrannt werden. Der allenthalben propagierte Holzgasmotor rentiert sich nicht. Man lässt beispielsweise die Anlage für die Benzinversorgung eingebaut, weil die Leistungsfähigkeit des Holzgasmotors 10% geringer ist und deshalb bei Steigungen umgeschal. tet werden muss auf die Benzin- heizung. In Grosstädten versucht man jetzt die Errichtung von Leuchtgastankstellen für solche Autos, die mit Leuchtgasmotoren versehen sind. Der Nachteil dieser Neuerung ist, dass die Leuchtgas tankstellen sehr kostspielig sind und das Tanken unter einem hohen Atmosphärendruck- 150 A- notwendig ist. Ausserdem ist man natürlich bei diesen Tankstellen auf die Gaszufuhr angewiesen und damit auf die Städte beschränkt. Neue Lötlampen werden mit Gebrauchsanweisungen verkauft, auf denen mitgeteilt wird, dass für ihren Gebrauch besonderes Benzin angeschafft werden muss, weil das Tankstellenbenzin heute schon zu viel Spiritusbeimengung enthält, um in der Lötlampe noch Verwendung finden zu können. Immer wieder muss betont werden, dass diese Ersatzmaterialien nur in der Privatwirtschaft Verwendung finden. Für das Heer ist das Beste gerade gut genug. Da gibt es weder Mangel noch Ersatz. Rheinland- Westfalen: Es besteht vor allem Mangel an Kupfer. Schmieröl ist knapp und schlecht. Es fehlt an Zink. Wo bisher Zinkrohre gebräuchlich waren, da müssen jetzt Eisenrohre genommen werden. Für Dächer darf Zink nicht mehr verwendet werden. Eine Tau- Fabrik arbeitet verkürzt, weil Hanf fehlt. Die Arbeitszeit ist auf 24 Stunden festgesetzt. In der Zigarrenindustrie in Bünde finden Einschränkungen statt wegen der geringen Tabakmengen, die infolge der Devisen schwierigkeiten hereinkommen. So werden z. B. kleinere Zigarren zu gleichem Preis angefertigt. In der Schokoladenf abrik X. herrscht Mangel an Kakaobohnen und Sahnepulver. Südwestdeutschland( Württemberg): Bei den Schuhfabriken in Tuttlingen gab es im Laufe des Sommers verschiedene Stockungen wegen Rohstoffmangel. In den letzten Wochen ist dagegen eine regelmässige Lieferung zu beobachten. Wenigstens soweit es sich um gröbere Lederwaren handelt. Dagegen mangelt es bei A-38feineren Lederwaren immer wieder an ausländischen Rohstoffen. Es werden auch schon verschiedene Sorten Schuhe fabriziert und dazu nur noch inländisches Leder verwandt, während früher zu diesen Schuhsorten nur ausländische Ware genommen wurde. Besonders stark hat die Qualität des Futtermaterials abgenommen. ( Baden)): Bei Land- Mannheim( Traktoren, landwirtschaftliche Maschinen usw.) besteht drückender Mangel an Rohmaterialien. Es fehlt vor allem Bronze, Weissme tall für Lager und Zinn, ebenso auch Kupferrohre. Bayern: Ein grösserer Gerbereibetrieb in X. musste die Belegschaft zur Hälfte aussetzen lassen, weil die für die Verarbeitung nötigen Elchfelle wegen Mangel an Devisen nicht angekauft werden konnten. Aus einer Strohhutfabrik: Die Knappheit an Rohstoffen hat bisher einige Male zu Arbeitszeitkürzungen geführt, die aber rasch wieder aufgehoben wurden. Der Betrieb hätte genug Aufträge, kann sie aber gar nicht alle aufarbeiten wegen Mangel an Borten, die aus dem Ausland bezogen werden müssen. In der Oberpfalz macht sich der Metallmangel bemerkbar. Es fehlt Kupfer, Messing usw. Nicht einmal Stickrahmen für die Schulen sind in diesen Metallen zu haben. Wir ergänzen diese Berichte durch einen zusammenfassenden Bericht aus Berlin, der insbesondere die Lage am Grundstückmarkt behandelt. In der Berliner City haben auch die faulsten Grundstücke wieder Wert bekommen. 5- Zimmerwohnungen sind überhaupt nicht mehr zu haben. Die neuen Bonzen haben alle erreichbaren Grosswohnungen für sich in Anspruch genommen. Dem Hausbesitz geht es gut. Das Versprechen, die Hauszinssteuer zu senken, ist vom Regime immerhin zu 80% gehalten worden, denn die Gemeinde umschuldungsanleihe, die den Hausbesitzern anstelle der Hauszinssteuersenkung gegeben worden ist, steht heute 86. Eine weitere steuerliche Belastung ist nicht eingetreten. Zahlte man bei Grundstückskäufen 1932 nur das Fünffache der Friedensmiete, so zahlt man heute das 6 1/ 2fache, in Leipzig sogar das 8- fache. Das ist zum grossen Teil zweifellos eine Folge der Senkung des allgemeinen Zinsniveaues, die die Häuserrendite relativ gehoben hat. Zum Teil aber kommt darin auch die Flucht in die Sachwerte zum Ausdruck und schliesslich ist es eine Auswirkung des allgemeinen Mangels an Frivat- Initiative. Viele Gelder, die sich in der Wirtschaft betätigen könnten, suchen Anlage in Grundstücken. Es ist z.P. heute in Berlin, Königsberg und Essen praktisch unmöglich, ein anständiges Haus zu einem normalen Preis zu bekommen. Die Zwangsversteigerungen sind etwas gestiegen. Aber zum Teil ist das darauf zurückzuführen, dass in der ersten Zeit A-39nach dem Umbruch die Gläubiger in vielen Fällen Angst hatten, die Zwangsversteigerung durchzuführen, weil sie das Eingreifen der SA oder der Partei fürchteten, so dass eine gewisse Aufstauung stattgefunden hat, die dann später zu erhöhtenZwangsversteigerungsziffern führen musste. Die Kartellierungstendenzen in der Wirtschaft sind sehr stark. Man kann heute schon wieder beobachten, dass einige Wirtschaftszweige nicht daran denken, wirtschaftliche Verbesserungen durchzuführen. Vor allem Erfindungen werden nicht ausgenützt, weil das Konkurrenzinteresse nicht dazu zwingt und eine Scheu besteht, neue Risiken einzugehen. Der Kapitalmarkt ist nach wie vor für Neu- Emissionen ausserordentlich unergiebig. Das Pfandbriefgeschäft ist tot. Aber es ist immerhin beachtlich, dass es zu einer wesentlichen Kurssteigerung am Rentenmarkt gekommen ist. Die Pfandbriefe, die vor 2, 3 Jahren durchschnittlich auf 65 70 standen, stehen heute auf 95. Dabei kann man annehmen, dass heute weniger Mittel für Kursstützungen ausgegeben werden als früher. Stattdessen wird durch Druck erreicht, dass kein grosses Angebot auf den Markt kommt, so dass oft überhaupt keine Umsätze zustande kommen. Es ist kaum möglich, anzugeben, in welchem Umfange die Sparkassen und Versicherungsgesellschaften öffentliche Schuldtitel in ihrem Besitz haben. Es handelt sich ja nicht nur um die Uebernahme von Reichsanleihe, sondern daneben noch in grösserem Umfange um Gewährung von Kommunaldarlehn, von Krediten an die Reichsautobahn und für die sonstigen Arbeitsbeschaffungszwecke. Im grossen ganzen darf man nicht damit rechnen, dass das Regime einem wirtschaftlichen Zusammenbruch zusteuert. Es ist zwar heute noch nicht zu übersehen, wie Schacht das Problem lösen will, die jetzige aufgeblähte Rüstungsfinanzierung auf ein erträgliches Mass zurückzuschrauben und trotzdem den Beschäftigungsstand einigermassen zu halten. Denn dass die Arbeitsbeschaffung nicht eine Initialzündung, sondern eine Fehlzündung war, wird heute auch in Deutschland offen zugegeben. Trotzdem wird man keine politischen Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch setzen dürfen; eher darauf, dass im Zusammenhang mit weiteren wirtschaftlichen Verschlechterungen die Enttäuschungen und der Unwille auch auf weltanschauliches und politisches Gebiet übergreift. Wenn sich z. B. der wirtschaftliche Vernichtungskampf gegen die Juden als Fehlschlag erweisen sollte, und die wirtschaftlichen Verhältnisse sich trotzdem nicht bessern, dann werden die Massen sagen:" Na ja, die Juden sind jetzt weg und trotzdem ist es nicht besser geworden." Und wenn so eine Enttäuschung zur anderen kommt, dann wird schliesslich das Mass des Unwillens so stark steigen, dass die Bevölkerung aus ihrer politischen Gleichgültigkeit aufgerüttelt wird. A-40III. Sozialpolitik und Spendenwirtschaft 1) Das Winterhilfswerk Im Vordergrund der nationalsozialistischen Sozialpolitik steht mehr denn je die Winterhilfe. Wir haben seit Juli nicht über das Gebiet der Sozialpolitik berichtet, aber die sozialpolitische Aktivität der Nationalsozialisten konzentriert sich tatsächlich zum grössten Teil auf das Winterhilfswerk und die wenigen Sommermonate, die zwischen zwei Winterhilfswerken liegen, werden notdürftig durch einige Sonderaktionen wie die Bergmanns- Hilfe und die Hilfsaktion für kinderreiche Familien überbrückt.( Wir kommen darauf in einem Unterabschnitt zurück). Dafür setzt aber auch die Winterhilfsaktion schon im Sommer ein. Offiziell ist zwar das Winterhilfswerk diesmal erst am 9. Oktober 1935 eröffnet worden, aber es fiel von Anfang an nicht unter die allgemeine Sammelpause vom 1. Juli bis 30. September und schon Ende August hat der Reichsinnenminister die Reichsbeauftragten des Winterhilfswerks ausdrücklich ermächtigt, mit den Lebensmittelsammlungen zu beginnen. Anfang August wurde z. B. von der Gauamtsleitung SchleswigHolstein zu einer Obst- und Gemüsespende aufgerufen( diese Spenden sollten von der NSV zu Konserven verarbeitet werden), während die Landesbauernschaft Ostpreussen die Bauern aufforderte, im Monat August ihre Felder zum Aehrenlesen für HJ, BdM und Landhilfe zur Verfügung zu stellen. Propagandarummel und Terror sind in diesem Jahr noch grösser als im vorigen. Die Strassensammlungen haben dank der ungehemmten" Einsatzbereitschaft" der HJ, BdM., SA und SS vollends den Charakter organisierter Wegelagerei angenommen. Bei den Haussammlungen wurde der Druck noch erhöht, die Kontrolle weiter verschärft. Wir verweisen hierzu auf die nachstehenden Berichte. Es wurden alle erreichbaren Kategorien zum Sammeln herange A-41zogen: nicht nur die nationalsozialistischen Organisationen, sondern auch die Handwerker und die Beamten, die Sportler und die Kriegsbeschädigten und schliesslich wurde auch wieder ein " Tag der nationalen Solidarität" veranstaltet. Es gab eine " Entrümpelungsaktion", der BdM sammelte Kinderwäsche, die HJ Brote, in einzelnen Landesteilen wurden öffentliche Eintopfessen veranstaltet. BdM und HJ würzten die Strassensammlungen mit musikalischen Darbietungen, andere Sammlerkategorien mit Aufmärschen und Umzügen. Die( evangelische) Innere Mission, der ( katholische) Deutsche Caritasverband und das Deutsche Rote Kreuz wurden gezwungen, auf die eigenen Sammlungen zu verzichten und sich mit entsprechend begeisterten Aufrufen in die allgemeine" Sammelfront" einzureihen. So braucht man es nicht nur auf Fälschungen zurückzuführen, wenn die gemeldeten Sammelergebnisse bisher höher waren als im vorigen Jahre. Es ist aber auch politisch interessant, dass der gesteigerte Terror sich nach wie vor als stärker erweist als die gestiegene Misstimmung; es scheint, dass sich das Volk neben vielem anderen auch an diese neue Form der Besteuerung gewöhnt. Das Ausmass der Leistungen des Winterhilfswerks lässt sich zur Zeit noch nicht übersehen; verschiedene Berichterstatter melden, dass trotz höherer Sammelergebnisse bisher wesentlich geringere Leistungen geboten wurden als im vorigen Jahre. Es fiel auf, dass in verschiedenen Landesteilen z.B. Rheinland, Baden, Bayern, Hannover, Pommern die Hilfsbedürftigen im August und September aufgefordert wurden, sich durch freiwillige Mitarbeit bei der Kartoffelernte den Bauern erkenntlich zu zeigen oder ihre Winterkartoffeln dadurch selbst zu beschaffen. Wer sich dieser Aufforderung entzog, sollte als" Schmarotzer" vom Winterhilfswerk ausgeschlossen werden. Die Technik des Winterhilfswerks, die das Schwergewicht auf die Naturalsammlungen verlegt, erscheint im Zeitalter der Geldwirtschaft denkbar primitiv. Aber obwohl diese primitive Technik durch entsprechend höhere Verwaltungskosten und Ausfälle A-42infolge Verderbens der Waren das Hilfswerk selbst schädigt, sche intman daran festhalten zu wollen. Auch eine Anregung des Einzelhandels, die Geschäftsschädigung, die er durch dieses System erfährt, durch Uebergang zum Gutscheinsystem abzuwenden, scheint nicht auf Gegenliebe gestossen zu sein. Die Gründe für das Festhalten an den primitiven Naturalsammlungen liegen auf der Hand: propagandistisch lässt sich mit dieser Art von Sammlungen viel mehr machen als mit blossen Geldsammlungen. Gerade weil sie mehr Betrieb, mehr Organisation verlangen, sind sie für den Nationalsozialismus geeigneter, denn dieser organisatorische Leerlauf treibt zugleich die Propagandamaschine an. Blosse Geldsammlungen würden langweiliger sein und weniger hermachen. Blosse Geldleistungen würden aber auch die Empfänger viel eher auf den Gedanken bringen, das Empfangene mit den entsprechenden Leistungen vor dem Umsturz zu vergleichen und schliesslich würde der" Gefühlswert" der Spenden verloren gehen. So paradox es klingt: im Dritten Reich ist die Naturalwirtschaft im Bereich der Sozialpolitik der Geldwirtschaft überlegen. Unsere Berichterstatter äussern sich: Bayern, 1. Bericht: Mit ungeheuerem Kraftaufwand wird die Winterhilfe durchgeführt. Bei dem Gros der Bevölkerung zeigt sich eine gewisse Gewöhnung an die Bettelei. Man nimmt sie als etwas Unangenehmes aber Unausweichliches hin. Wie im vergangenen Jahre werden auch heuer die bekannten Druckmassnahmen angewendet. Zwei Beispiele dafür: In einem Münchner städtischen Amt wird die Praxis gehandhabt, dass Vorsprechenden nur dann an Sammeltagen eine Auskunft gegeben wird, wenn sie das Zeichen der Winterhilfe tragen. Inhabern eines Postsparkassenkontos wurde vom WHW eine Zuschrift zugesandt, worin angefragt wurde, wieviel von dem Konto zu Gunsten der Winterhilfe abgehoben werden kann. Bei der Sammeltätigkeit kommt man auf immer neue Einfälle. Am 3. November rückten die motorisierten Abteilungen des NSKK aus und sammelten bei fahrenden Autos, indem sie neben den Fahrzeugen mit ihren Büchsen herbettelten. Die Hauswarte, die die Spende am Eintofpsonntag einzusammeln haben, klagen sehr über diesen unangenehmen Dienst. Hier konnten wir z. B. eine kleine aber interessante Feststellung machen. In einem grösseren Hause kam der Hausbesorger am Montag noch nicht zur Einkassierung des Eintopfzehners. Eine A-43Frau, die sonst am lautesten über die Zustände im Dritten Reich schimpft, war die erste, die selbst zum Hausmeister ging und diesen an seine Pflicht gemahnte, damit den Hausinwohnern durch ein Versäumnis keine Unannehmlichkeiten entstehen. So ist, wie man oft beobachten kann, die Feigheit der Menschen eine der stärksten Stützen des Regimes. ( Aus X.) Am Tag der nationalen Solidarität wurde auch in den Kinos gesammelt. Ich war in einem der grössten Kinos der Stadt, als zwei Sammler in der Pause mit ihren Büchsen ankamen. Die Büchsen mussten die Sitzreihen von Hand zu Hand durchgereicht werden. Im ganzen Kino hat mit Ausnahme einiger Spender auf den besseren Plätzen niemand gegeben. Einer reichte die Büchse dem anderen und fast alle schmunzelten dazu denn es griff niemand zur Börse. ( Aus Y.) Hier werden jetzt sogar die Elefanten vom Zoologischen Garten als Sammler durch die Strassen getrieben. Mit immer neuen und raffinierten Methoden sucht man der Bevölkerung Geld herauszulocken. Die Zudringlichkeit ist so gross, dass sich niemand entziehen kann. 2. Bericht: Ich lege eine Originaltüte bei, wie sie zur Sammlung für das Winterhilfswerk( Pfund sammlung) verwendet wird. Sie wird den Leuten leer ins Haus geliefert und dann an Sammeltagen abgeholt. Diese Tüte fasst ein Quantum von mindestens vier Pfund. Diese Pfund sammlung ist allmonatlich einmal. Wint deuts des 035/36 Gau Franken Pfund- Spende Monat Oktober DON Jnhalt: pfb. pfb. pfo... pfb. pfo.. pfd.. pfo. _pfo.. Du mußt nicht- Du darfst geben Drum gib- denn gute Taten beglücken. A-44An alle Beamten und Angestellten, auch staatliche Arbeiter wurde folgendes Schriftstück ausgegeben: Betr. Spende für das Winterhilfswerk 1935/36 Ich ermächtige hierdurch die( Bezeichnung der Kasse oder Zahlstelle) für die Monate Oktober 1935 bis März 1936 10% der von mir für diese Monate zu entrichtenden Lohnsteuer( auf volle o, lo RMK nach oben abgerundet) und ausserdem für die genannten Monate einen festen Betrag von .. RMK. 1) von meinen Bezügen einzubehalten und dem Winterhilfswerk zu überweisen. Den Widerruf der Ermächtigung behalte ich mir vor. Zugleich bitte ich, die Plakette des WHW 1935/36 für mich zu beschaffen. 2) Berlin, September 1935 Unterschrift und Dienstbezeichnung 1) Nur von denjenigen Beamten usw. auszufüllen, die für 1934 zur Einkommensteuer veranlagt sind oder einen Betrag spenden wollen, der den Betrag von 10% der Lohnsteuer übersteigt. 2) Der letzte Absatz ist zu streichen, wenn für die Winterhilfe ein Betrag gezeichnet wird, der die Richtsätze für den Erwerb der Plakette nicht erreicht. Die Glasarbeiter der Firma X. haben eines Tages im Naziblatt" Bayerische Ostmark" lesen können, dass sie in einer Belegschaftsversammlung freiwillig beschlossen hätten, sich von ihrem Bruttolohn allwöchentlich ein Prozent für das WHW abziehen zu lassen. Man hat den Gemeinnutz dieser Proleten gefeiert und sie der übrigen Bevölkerung als Muster hingestellt. In Wirklichkeit hatte gar keine Betriebsversammlung stattgefunden und niemand hat die Arbeiter gefragt, ob sie etwas abführen wollen. Am folgenden Lohntage merkten sie es bei der Auszahlung. Aber wieder in einem anderen Sinne, als es in der Zeitung stand. Man hat den Arbeitern einfach die Pfennige der Lohnsumme als Spende für das WHW einbehalten. Häte z. B. einer netto 25,36 Mark Lohn zu bekommen gehabt, so hat man ihm nur 25 Mark ausbezahlt und die 36 Pf. einbehalten. So haben die meisten wiederum faktisch mehr bezahlt als ein Prozent ihres Bruttolohnes. Aber keiner getraut sich zu reklamieren In der Vereinbarung des WHW mit den Caritas- Verbänden der Bayerischen Ostmark vom 9. Oktober 1935 heisst es: A-45Auf Grund der Vereinbarungen zwischen dem Reichsbeauftragten des WHW und dem Fräsidenten des Deutschen Caritasverbandes vom 24. September 1935 treten die drei Diözesan- Caritasverbände der Bayerischen Ostmark mit den Dienststellen des WHW der Bayerischen Ostmark in eine Arbeitsgemeinschaft... Demzufolge wird heute schriftlich vereinbart: 1.) Die drei Caritasverbände der Bayerischen Ostmark werden die Aufgaben des WHW in jeder Weise fördern und die Bischöfe bitten, durch ein Hirtenwort und durch Verkündung von der Kanzel das WHW und besonders die Lebensmittel- Sammlungen zu unterstützen. 2.) Die Caritasverbände und die ihnen angeschlossenen Einrichtungen werden im Herbst 1935 von einer öffentlichen und nichtöffentlichen Werbung von Lebensmittel für Anstalten absehen und werden Spenden, welche ihner schon seit der Caritas sammlung im Mai zugesagt wurden oder freiwillig zugeführt werden, dem WHW schriftlich zur Meldung bringen. 3.) Der Gaubeauftragte für das WHW überweist die nach dem Zuweisungsscheine für jede beteiligte Anstalt treffenden Lebensmittel aus dem Gau, tunlichst aus dem bisherigen Spenderkreis, d.h. er wird die von den Diözesan- Caritasverbänden ihm genannten Kreise anweisen, die Lebensmittel- Sammlung des WHW der in Frage kommen.. den Anstalten zur Verfügung zu stellen. Für den Abtransport hat die Anstalt selbst zu sorgen unter Benützung der Freifrachtscheine des WHW. In Hof und Umgegend ist bei den Listensammlungen für das WHW folgende Neuerung eingeführt: Der Sammler hat seine Liste, in die der Gebende seinen Namen und den gegebenen Bétrag einschreibt, Ausserdem hat aber auch der Gebende für sich zuhause eine Liste mit Rubriken, in die der Sammler jeweils den Betrag einschreibt, den er von dieser Person erhalten hat. Auf diese Weise will man diejenigen beschwichtigen, die das erklärten, dass sie schon geben würden, wenn sie auch wüssten, wo das Geld hinkomme. Trotzdem hat natürlich niemand eine Kontrolle darüber, was oben mit den gesammelten Beträgen geschieht. Man hat aber mit diesen Kontrollisten zugleich einen weiteren Druck zum Geben ausgeübt, denn man hat für jedes über 16 Jahre alte Familienmitglied in jeder Familie eine solche Kontrolliste abgegeben. Die Leistungen des WHW an die Arbeitslosen sind in diesem Jahre bedeutend geringer als voriges Jahr. In X. z.B. haben die Arbeitslosen in diesem Jahre noch nicht die Hälfte von dem erhalten, was sie im vorigen Jahr bekommen haben. So z. B.: 1934 8 Zentner Kohle, 1935 3 Zentner Kohle 21 Kartoffeln 11 5 2 11 Kartoffeln da man in diesem Jahre nur für Mann und Frau je 1 Ztr. Kartoffeln gibt, unbekümmert, wieviel Kinder zum Haushalt gehören. A-46Aus der Pfund sammlung erhalten die Arbeitslosen in diesem Jahr bedeutend weniger. Voriges Jahr gab es öfter Seefische verschiedenster Art( Schellfisch, Flundern usw.) als Geschenk der Winterhilfe, während es in diesem Jahr noch gar nichts derartiges gab. 3.Bericht: Die Leistungen der Winterhilfe halten sich heuer in der Grenze des Vorjahres. Wie im Vorjahre wurde auch heuer wieder die SA kommandiert, um am Weihnachtsabend Christbäume auszutragen. Kleinere Bäumchen wurden von der NSV mit verschiedenen Gaben behängt und dann von der SA den Bedürftigen in der Abend dämmerung zugestellt. Diese Geste fand Beachtung.- Dem Weihnachtsfest gab man heuer eine ganz besonders rührselige Note. An die Dutzend Christbäume der NSV brannten auf den öffentlichen Plätzen und mussten die krampfhaften Bemühungen unterstützen, dass Deutschland als ein Land des Friedens erscheine. Heuer wurden die Kartoffeln gegen eine Anerkennungsgebühr von 30 Pf. abgegeben, die beim Empfang zu zahlen ist. Für Kohlen sind 15 Pf. Anerkennungsgebühr pro Zentner zu bezahlen. Sachsen, 1. Bericht: Die Sammlungen zum Winterhilfswerk werden mit äusserster Schärfe durchgeführt. Wer in Dresden an den Eintopfsonntagen bei der Strassenbahnfahrt den Fahrpreis von 18 Pf. für eine einfache Fahrt nicht in passendem Kleingeld bezahlt, erhält auf 2 Groschen statt der 2 Pf. in bar eine Quittung über 2 Pf. für das Winterhilfswerk. Das wird rigoros bei jeder einzelnen Fahrt und jedem Fahrgast durchgeführt. Die Kraftverkehr Freistaat Sachsen A.G. zwingt jeden Fahrgast, einen Betrag von 5 Pf. für das Winterhilfswerk zu entrichten. Dafür werden besondere Scheine ausgehändigt. Bei der Reichsbahn ist man gezwungen, beim Lösen einer Fahrkarte einen Betrag von 10 Pf. für jede 3 Mark Fahrpreis zu entrichten. Auch hierüber wird mit einer Karte quittiert. Die Reichspost hat wieder besondere Briefmarken herstellen lassen. Eine Marke zu 3 Pf. fügen wir bei. M Chandrakaste WAW 19 Leipzig 9116 Kraftverkehr Frelstaat Sachsen A.-G. Staatliche Kraftwagenverwaltung 237854 Sone 33 83255 5 Spende für das Winterhilfswerk RPf. des deutschen Volkes 2 Rpf. gab ich für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes Buf der Dresdner Straßenbahn 12 33. 200. C A-47Am 15. Dezember 1935 fuhren durch Dresden Autos mit Hitler- Jugend, die im Chor rief:" Geld raus!" Zu gleicher Zeit mussten Beamte und Handwerker mit den Sammelbüchsen gehen. Volksverbundenheit! Zur Assistenz hatten sie ausserdem noch einen SA.- Mann bei sich. Aus ostsächsischen Gemeinden wird über eine" Verbesserung" bei der Eintopf sammlung berichtet. Bekanntlich werden diese Spenden freiwillig gegeben. Aber diejenigen, welche nichts gegeben haben, erhalten jetzt einige Tage später einen Zettel von den Parteidienststellen, auf dem sie angeben müssen, warum sie nichts gegeben haben. Selbst alte gelähmte Rentner werden auf diese Art erpresst! 2. Bericht: Für die Pfund sammlung bei der Winterhilfe wird eine Liste angelegt, die das ganze Jahr hindurch gilt. In dieser Liste stehen von Anfang an alle Namen. Wenn jemand. nichts gegeben hat, wird in einer besonderen Spalte ein roter Zettel mit dem Aufdruck:" Nicht geopfert" eingeklebt. Das genügt, um den Einzelnen zu veranlassen, das nächste Mal doch etwas zu geben, weil er sonst Nachteile befürchtet. Im vorigen Jahre hat man mehr auf Pfund spenden Wert gelegt. In diesem Jahr nimmt man lieber Geld. Früher kamen die Amtswalter mit Quittungsblocks, heute haben sie Listen. 3. Bericht: Man muss leider feststellen, dass die Leute trotz aller Misstimmung doch immer wieder bei den Sammlungen geben. Z. B. traut/ sich keiner, die 2 oder 3 Pf. in der Strassenbahn( der Fahrpreis beträgt 18 für eine einfache Fahrt und bei Umsteiger 22 Pf.) in bar herausgeben zu lassen, sondern lässt sich ohne Widerspruch einen kleinen Sammelschein vom Schaffner in die Hand drücken. Bei uns im Hause geht eine besonders fanatische Nazine mit der Sammelliste herum. Diese Frau ist sehr gefürchtet, sie hat schon ein paar Leute ins Gefängnis gebracht und deshalb traut sich niemand, sie bei ihrer Sammelei abzuweisen. Alles gibt, um nur Ruhe zu haben. Die Strassensammlungen gehen nicht mehr so gut wie früher, weil man da leichter ausweichen kann und auch in den Betrieben ist hier und da festzustellen, dass sich die Belegschaften der Sammelei entziehen. In einem Betrieb, in dem 80 bis 100 Mann beschäftigt sind, ging eine Liste herum, in die jeder Einzelne eintragen musste, ob er mit dem Abzug der Winterhilfe vom Lohn einverstanden sei oder nicht. Glücklicherweise kam die Liste zuerst an eine Reihe von charakterfesten Leuten, die den Mut hatten, sich mit nein einzuzeichnen. Dieses Beispiel wirkte derart, dass die Belegschaft geschlossen den Winterhilfsabzug ablehnte. Die Nationalsozialisten haben sich damit bis jetzt tatsächlich zufrieden gegeben. Bei Zeiss- Ikon hat die Belegschaft sehr wenig für das WHW gespendet. Daraufhin wurde ein Betriebsappell veranstaltet, bei dem Betriebsdirektor Ernemann eine scharfe Ansprache hielt, in der u.a. auch in Bezug auf die Arbeiterschaft das Wort Schweinehunde" fiel. Dieses Wort ist nun zu einem A- 48geflügelten Wort in der Belegschaft geworden. Die Sammlung ist zwar danach etwas reichlicher ausgefallen, hat aber noch immer die Zufriedenheit der Betriebsführung gefunden. 4. Bericht: Vor Weihnachten war die Sammelei ganz schlimm. Wo einer stand und ging, wurde er von grossen Horden von Hitlerjugend und Jungvolk überfallen. Diese Sammelei nahm mitunter geradezu Erpressungs charakter an. Das Publikum reagierte säuerlich. Die Leistungen des WHW waren recht unterschiedlich. Man hörte Aeusserungen der Zufriedenheit, aber mehr noch der Enttäuschung. Es passiert nicht selten, dass Leute, die zum Empfang von Spenden vorgeladen werden, erleben, dass nach ihrer-pünktlichen- Ankunft nichts mehr da war. Auch in Leipzig werden in den Omnibussen Marken von 5 Pf. für die Winterhilfe verkauft. Ausser den üblichen Pfund sammlungen fand am Totensonntag dass eine besondere Pfunds ammlung statt unter dem Hinweis, man der Toten gedenken, aber für die Lebenden sorgen müsse. 5. Bericht: Für die" Winterhilfe" wird den Gastwirtschaften mit der Gastwirtszeitung, die monatlich erscheint, gleich eine Marke mit ausgehändigt, die für sie 11 Mark" Winterhilfe" zu zahlen haben. Grössere Gastwirtschaften entsprechend mehr. ( Es handelt sich hier um einen Betrieb mit ein, zeitweise zwei Angestellten) Bei den örtlichen Sammlungen für das WHW muss selbstverständlich der Gastwirt nochmals etwas geben, auch bei den" Eintopfsonntagen" darf er sich nicht ausschliessen. Zum Eintopfsonntag am 13. Oktober 35 mussten für einen Grenzübertrittsschein statt 50 Pf. 1 Mark gezahlt werden. 6.Bericht: Wohlfahrtsunterstützungsempfänger haben seit 8 Wochen von der Winterhilfe lediglich eine Büchse( 400 Gramm) Rindfleisch und eine Kohlenkarte über 1 Zentner erhalten. Angeblich sollte es dies aber jeden Monat geben. Früher gab es auch 2 Zentner Kohle. Winterkartoffeln hat es überhaupt noch nicht gegeben, während unter den früheren Regierungen die Verteilung längst beendet war. Statt früher 1 Zentner pro Kopf soll es nur noch 1/2 Zentner geben. Ein Erwerbsloser in Dresden erhielt von der Winterhilfe als Weihnachtssendung für 3 Personen: 5 Pfd. Mehl, 1/8 Pfd. Margarine, 1/2 Pfd. Zucker, 2 kleine Pfefferkuchen, 1 kleinen Apfel, 1 kleine rote Kerze und den" Stürmer" 1 Geld gab es keins. Bei einer Weihnachtsbescherung der Kinder in der Ausstellung. bekamen die Kinder Trumpfs chokolade im Werte von 30 Pf. 72 Pf. hatte die Frau mit den Kindern verfahren. Die Freude" kann man sich vorstellen. Allenthalben wird scharfe Kritik geübt: Wo sind denn die an dem vergangenen Sonntag gesammelten 4 Millionen Reichsmark geblieben? Die Waren stammten alle aus der Pfund sammlung. 1-497. Bericht:( Oberes Vogtland) Die Leistungen der NSV sind im Vergleich zum vergangenen Jahr um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Eine Familie mit vier Kindern erhielt im vorigen Jahre 8 Zentner Kartoffeln. In diesem Jahr bekam diese Familie nur 3 Zentner. Dafür mussten in diesem Jahre pro Zentner 20 Pf. gezahlt werden. Die Leistungen der NSV werden im allgemeinen stark kritisiert. Viele sagen:" gebt uns anständige Unterstützung und behaltet Euer Pfund Graupen oder Reis." Schlesien, 1. Bericht: In Breslau zogen bei Eröffnung des WHW Musikzüge durch die Stadt. Diese waren begleitet von grossen Kolonnen SS- Leuten mit Sammelbüchsen. Vor den Kinokassen stehen die Sammler bis abends 11 Uhr. Niemand kann eine Karte kaufen, ohne gespendet zu haben. Im Wappenhof fand eine Varieté- Vorstellung statt. Zu Beginn der Pause betraten plötzlich 8 bewaffnete SS- Leute die Bühne, ihr Anführer erklärte, niemand dürfe den Saal verlassen, die Ausgänge seien besetzt, da sich Staatsfeinde im Sall befänden. Die Freilassung der Anwesenden erfolge erst, wenn jeder für das WHW gespendet habe. Im selben Augenblick öffneten sich die Saaltüren und ca. 50 SA- Leute stürmten herein und gingen mit Sammelbüchsen von Sitz zu Sitz. Mit der Eröffnung des WHW wurden in Breslau erstmalig am 2. November durch NSV- Feldküchen Essen an Bedürftige verteilt. Diese erhalten Essenmarken. und können sich dann das Essen an den durch die Stadt fahrenden Küchen abholen. Die Feldküchen sind Autos mit 4 Kesseln. Bei der Pfund sammlung für das WHW in X. wurde jedem Einwohner eine Zweipfundtüte mit Spendenvordruck ins Haus geschickt. Die Tüten wurden wieder abgeholt. Im Steinbruch der Firma Y. in Z. muss jeder Arbeiter monatlich mindestens 2 Stunden für das WHW unentgeltlich arbeiten. Diese Anordnung hat der Betriebsführer erlassen. wurde folgende Bekanntmachung der BeBei der Firma triebsleitung erlassen: " Unsere Verbundenheit für Volk und Staat wollen wir dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir, wie bereits geschehen, wieder 10% des Steueraufkommens an das Winterhilfswerk spenden. Diejenigen, welche keine Steuern zu entrichten haben, können gegen Zahlung von 25 Pf. sich an dem WHW beteiligen. Wer sich in ausserordentlich bedrängter Lage befindet und diese kleine Spende nicht entbehren kann, muss bis 25. ds. Mts. an das Kontor Bescheid geben, andernfalls nehmen wir das Einverständnis sämtlicher Beschäftigten an und werden die 6 Wintermonate diesen Betrag einbehalten und an das WHW abführen. Wir bitten um restlose Beteiligung aller Beschäftigten durch den von uns vorgeschlagenen Weg, damit der einheitliche Wille und die Geschlossenheit der Belegschaft zum Ausdruck kommt." A- 502.Bericht: Die diesjährigen Sammlungen sollen die früheren, was den Druck anbelangt, ganz erheblich in den Schatten stellen." Während man voriges Jahr noch von einer Landplage sprechen konnte, so ist es diesen Winter schon eine Seuche stärksten Grades." In den Dienst des WHW stellt man insbesondere auch die Arbeitsfront. So fand u.a. Anfang November in Neustadt/ Sachsen ein Bunter Abend im Schützenhaus statt. Der Reinertrag solle dem WHW zufliessen. Die gleiche Meldung liegt auch aus Radeberg, sowie einigen anderen sächsischen Orten vor. Bei einer armen Familie in der sächs. Oberlausitz sprachen an einem der letzten Sonntage im November innerhalb einer halben Stunde 3 Sammler vor und anschliessend kam dann noch der Kassierer für das Eintopfgericht gekommen. Die Pfundsammlung wird jetzt monatlich zweimal durchgeführt. Das Entscheidendste ist jedoch, dass man zwar schimpft, aber leider im allgemeinen trotzdem noch gibt- wenn auch nur wenig. Keiner traut sich recht" nein" zu sagen. Gewiss es gibt auch Ausnahmen, doch einen, sagen wir mal" organisierten Spenderstreik" konnte ich nirgends feststellen. Wenn beispielsweise in einer ostsächsischen Kartonnagenfabrik bei über 50 Beschäftigten( vorwiegend Frauen und Mädchen) auf einer Liste nur 45 Pf. gezeichnet werden, so ist dies erfreulich. Ebenso auch bei der Firma X., die im vorigen Jahr im Orte am meisten gezeichnet hatte. Die Beträge wurden dann den Arbeitern und Angestellten einfach zwangsweise abgezogen. Diesmal ist man mit einem diesbezüglichen Antrag nicht durchgekommen. Auch die Intervention der örtlichen Parteileitung hat an den Dingen nichts ändern können. Es ist bei den bereits gezeichneten Beträgen- jeder Arbeiter 10 Pf. und jeder Angestellte 25 Pf.- geblieben. Berlin, 1. Bericht: Bei den Haussammlungen des WHW ist es praktisch unmöglich, sich nicht zu beteiligen. Aber man kann beobachten, dass die Leute sich mit dem geringsten Betrag loskaufen. In einem grossen Berliner Miethaus gaben z. B. alle Mieter nur 10 Pf. und ein Mieter, der 25 Pf. gegeben hatte, fiel schon auf. Im Vorjahre wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass die sogenannten Pfundspenden in Naturalien gegeben wurden. In diesem Jahr dagegen ist man davon abgekommen und nimmt lieber entsprechende Geldspenden. An den Eintopf sonntagen wurden in den Gaststätten im Vorjahre bis 5 Uhr nachmittags 10% als Winterhilfspfennige eingehoben, das ist dieses Jahr weggefallen. 2. Bericht: Das WHW hat in den Häusern Berlins einen Anschlag anbringen lassen, aus dem hervorgeht, dass die Unterstützungsberechtigten, die die blauen Ausweiskarten haben, Butter in Empfang nehmen können. Das WHW verteilt jetzt auch Zucker und Mehl. Die Kohlentransporte müssen nach wie vor mit 5 bis 10 Pf. bezahlt werden. Das Sammelergebnis hat an sich in den Arbeitergegenden wenig Erfolg gehabt. Bemerkens A-51wert ist aber, dass ein Auftrieb kam, als die Prominenten eingesetzt wurden. Dadurch, dass Goering beispielsweise am Wedding gesammelt hat, ist wesentlich mehr Geld eingekommen, als es sonst der Fall gewesen wäre. Es gab viele Leute, auch Arbeiter, die ihr Geld nicht schnell genug zu Goering tragen konnten. 3. Bericht: Bei den Sammlungen muss man eine Seite beachten: Auch auf diese Weise wird das Volk beschäftigt, ja noch mehr, es wird in gewissem Sinne mitverantwortlich gemacht und dieser Appell an die Verantwortlichkeit bleibt nicht ohne Eindruck. Jede Kategorie muss mal heran. Einen Tag sammeln die Beamten, an einem anderen Tag die HJ usw. usw. Und es gibt viele Leute, die wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache sind und die die anderen dann einfach mitreissen. Die Nazis sind so ausserordentlich geschickt in diesen Dingen: sie eröffnen dem Volk auf diesem Gebiet die Möglichkeit, selbst eine Rolle zu spielen, si schaffen neue Formen der Mitwirkung der breiten Masse und nur wenige merken, dass das alles Ablenkungs- und Verwirrungsmanöver' sind. Wasserkante: Die Bettelei für das WHW steht wieder in grosser Blüte. Opferring, SN- Volkswohlfahrt, Eintopfspende, Pfund sammlung, Sammlung mit..zig verschiedenen Plaketten, lösen einander ab. Mit dem Versuch, eine grössere moralische Wirkung auf die Frauen auszuüben, sind jetzt im ganzen Reich leere Tüten, die vier Pfund fassen, an alle Haushalte verteilt worden mit der Bitte, sie zu füllen und abholbereit hinzustellen. Namen und Inhaltsangabe müssen auf den Tüten vermerkt werden.- Die Kraftpost gibt neben den Fahrscheinen Spendenscheine über 5 Pf. aus. In welcher Weise man auf die Nicht- Spender einen Druck ausübt, zeigt folgendes Schriftstück der NSDAP:( siehe nächste Seite). Rheinland- Westfalen: 1. Bericht( Ruhrgebiet): An einem Sonnabend mussten die Beamten sammeln. Dabei ergab sich, dass nur sehr wenig gespendet wurde. Beamte haben dann aus Angst selber Kleingeld in die Büchsen geworfen. Einige Tage später sammelte die HJ, die mit Brutalität sammelte. Auch der BdM, 14- bis 18- jährige, sammelten mit Frechheit und sehr aufdringlich. Was aus diesen Blüten einmal werden soll, wenn sie nicht mehr für den Räuberstaat frech sein dürfen, ist eine schlimme Frage. Türschilder wurden sehr schlecht abgesetzt. Abzeichen gingen so schlecht weg, dass sie im Strassenbild nicht auffielen. Beim ersten Eintopfsonntag hat man in ganzen Wohnblocks keinen Groschen erhalten. Frauen leisteten den stärksten Widerstand. Sie erklärten den Sammlern rundweg, dass sie erst einmal daran denken müssen, wie sie selbst durch den Winter kommen und keinen Pfennig für die Winterhilfe übrig haben. Es wurden dabei deutliche Anspielungen auf die Nazibonzen gemacht. Die Sammler übten einen starken Druck aus. Die Ablehnenden wurden notiert. Trotzdem A- 52Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Gau Schleswig- Holstein Gaugeschäftsstelle: fona/ be, Flottbeter Chauffee 1411 Fernruf: 431277/ nfdrift: Altona, Poft- Schließfach Rr. 17 Postiched- Ronto: Amt Hamburg 14973 unter W. Gieh, Altona Stadtkreis Ortsgruppe Fern Abtig. Betrifft: Bezug: Der Ortsgruppenleiter. Winterhilfswerk. ONAL NA SOZIALISTE A R.H Rampfzeitung b. Gaues: Schleswig- Holsteinische Tageszeitung Geschäftsstelle und Schriftleitung: 3kehoe i. S., Roriansberg 4 Fernsprecher: 2071 u. 2224/ poftshed- Ronto: Hamburg 85621 ben 30 . 35. Bei Durchsicht der Spendenlisten zum letzten Eintopfsonntag habe ich leider feststellen müssen, dass einige der Volksgenossen, die sehr wohl in der Lage sind, durch eine Spende den in Not befindlichen Volksgenossen ihr Los zu erleichtern, sich dieser moralischen Pflicht entzogen haben. Ich brauche wohl, nach den Ausführungen unseres Führers zur Eröffnung des Winterhilfswerkes 1935/1936, die in allen Tageszei= tungen abgedruckt waren, auf die Notwendigkeit dieses Beweises der Volks= verbundenheit nicht besonders hinzuweisen, wenn ich Sie dringend bitte, nachträglich noch Ihr Scherflein beizutragen. Jede, auch die kleinste Spende wird in der Geschäftsstelle der N.S.V., 2" St. trasse 4, dankend angenommen. Es geht um die Erhaltung der in Not befindlichen Familien, der Hilfe für Kranke und den Veteranen der Arbeit, nicht zuletzt aber der heranwachsend den Jugend Nahrung und Kleidung zu geben. Niemand darf hungern und frie ren, deshalb helfen auch Sie mit, an dem grossen Werk des Führers" Ein einig Volk von Brüdern". Heil Hitler! dhe llaken. Debsgruppe sagten besonders Frauen:" Auch wenn Sie uns aufschreiben, haben wir dadurch keinen Pfennig mehr." Andere wurden zynisch und sagten: Sie wollen uns sicher für eine Zuteilung durch Auf die Erwerbsdie Winterhilfe vormerken, das ist fein. losen wurde ein Druck ausgeübt, mindestens lo Pf. zu zahlen, anderenfalls sie bei einer Verteilung von Zuwendungen durch das WHW nicht mehr in Betracht kämen. Bei der Firma X. wird für die Winterhilfe ein Betrag monatlich abgezogen, der sich nach der Lohn- und Gehaltshöhe von 50 Pf. bis 2 Mark staffelt. In der zweiten Novemberwoche haben sich 12 Mann geweigert, den Abzug anzuerkennen und die Auszahlung des einbehaltenen Betrages verlangt. Diese Arbeiter mussten einen schriftlichen Antrag mit begründeter besonderer wirtschaftlicher Notlage stellen. 11 Anträge wurden abgelehnt, einer genehmigt. Der genehmigte Antrag hatte die seltsamste Begründung und schien besonders aussichtslos. Der 450) A- 53Antragsteller hatte erklärt, dass bei der nationalen Revolution seine ganze Bibliothek beschlagnahmt sei. Er habe von früher Jugend jeden Groschen für die Anschaffung guter bildender Bücher verwendet. Seine ganze Ersparnisse seien mit der Beschlagnahme seiner Bücher vernichtet. Nicht einmal die unterhaltende Literatur habe er behalten dürfen. Es habe so viel geopfert, dass er jetzt nicht zahlen könne. 2.Bericht:( Oestliches Westfalen): An drei Sonntagen hintereinander fanden Sammlungen an den Haustüren statt und zwar durch Amtswalter.- Die Schulkinder müssen in die Schulen Pfundpakete mitbringen und zwar ein Pfund von erwerbslosen und zwei Pfund von nicht erwerbslosen Eltern. Es haben auch vielfach Beamte und Handwerker sammeln müssen. Geschäftsleute und Handwerker, die sammelten, haben ironische Fragen nach dem Ergebnis anhören müssen. Es ist ihnen z. B. ein Groschen in die Büchse gelegt und dabei gefragt worden:" Gibt es denn wohl bald wieder Schmalz bei Ihnen?" usw. Die Sammler dieser Art, einschliesslich der Beamten haben mit grossem Unwillen die Tätigkeit ausgeübt. Wir kennen eine ganze Reihe von Fällen, in denen die Sammler sich von Hause eigenes Kleingeld bis zu 15 Mark bringen liessen, in die eigene Büchse warfen, noch eine halbe Stunde an ihrer Ecke standen und dann nachhause gingen. Wir kennen Redensarten von Beamten, die zum Ausdruck brachten, dass sie ja gern türmen würden, aber wenigstens bis zur Dunkelheit warten müssten. 3. Bericht( Rheinland): Gewiss man spendete, man spendete sogar reichlich; aber man liess sich quasi zwingen in unzähligen Fällen. Die Sammler waren sehr rabiat. Sie liessen sich nicht abweisen%; bei den Strassensammlungen wurde sogar mancher ein Ende mitgeschleift, weil er sich am Aermel festhielt. Es gab auch Auseinandersetzungen bei den Sammlungen, und es gibt sie noch weiter. Aber am Ende gibt doch jeder. Man will keine" Unannehmlichkeiten" haben. Das ist es: jeder sucht sich vor Unannehmlichkeiten zu schützen. So geht es durch das ganze Volk, durch alle Gebiete, im Wirtschaftsleben, in den Betrieben, in den Amtsstuben und im Privatleben. Die Liebe zum System nimmt täglich ab, aber die Angst vor ihm bleibt noch immer. Und das System tut alles, was geeignet ist, diese Furcht wachzuhalten; denn auf diese Furcht allein baut es seine Macht. Die widerlichste Art der Sammlungen erfolgt in der Schule. Die Lehrer werden für die Höhe des Betrages verantwortlich gemacht und mancher Lehrer gibt aus seiner eigenen Tasche drauf, damit er mit seiner Klasse nicht auffällt. Die vom WHW gegebenen Kartoffeln sind in den meisten Fällen nicht zu essen. Es sind die aus Ostpreussen kommenden Spirtkartoffeln. Ob man sie mit oder ohne Schale oder in der Suppe kocht, sie sind nur Brei. Ein kleiner Kern bleibt als harte Kugel von jeder Kartoffel übrig. Früher liess man diese Kartoffeln bis zum Frost in den Mieten, dann waren A- 54sie halbwegs essbar. In Bielefeld hat übrigens seitens des WHW jeder Hilfsbedürftige 3 Zentner Kartoffeln bekommen. In Aachen und anderen Orten nur 1 Zentner. 4. Bericht( Ruhrgebiet): Die bedürftige Bevölkerung wird sehr unterschiedlich in der Winterhilfe bedacht. Es ist keine Seltenheit, dass gute Nazis versorgt werden, obgleich in der Familie kein besonderer Notstand herrscht. Dagegen werden sehr arme Familien nur mit einer ausserordentlich knappen Zuteilung( in den letzten Wochen mit Kartoffeln) bedacht, weil sie nicht zu den Getreuesten des Dritten Reiches gehören. Z. B. ein Fall in Bochum: Eine Familie, in der der alte Vater schwer leidend ist, die alte Mutter nicht mehr arbeiten kann und auch keine Arbeitsgelegenheit finden würde, der 28 jährige Sohn aber mit einem Wochenlohn von 15 RMK die Familie erhalten muss, erhält keine Kartoffeln. Diese Familie wird abgewiesen mit der Begründung, dass der Sohn Vollarbeiter sei. In der Nachbarschaft aber wohnt ein SAMann, der sich in gutbezahlter Angestelltenstellung befindet. Die Mutter bezieht eine Pension von 75 Mark im Monat. Weitere Personen leben in der Familie nicht. Die Winterhilfe aber gibt dieser Frau 10 Zentner Kartoffeln. 5. Bericht: Die Winterhilfe hat in diesem Jahr zu Weihnachten wesentlich weniger gegeben als 1934. Bargeld oder wenigstens Bedarfsdeckungsscheine wurden nicht verteilt. Die Familien erhielten zehn Zentner Kohlen gegenüber 32 bis 42 Zentner in den letzten Jahren der Republik, zwei Büchsen Fleisch, sechs Pfund Mehl, zwei Pfund Erbsen, ein Pfund Schmalz, ein Pfund Zucker und 4 1/2 Zentner Kartoffeln. Diese Austeilung war die erste in diesem Winter. 6. Bericht: Vom Winterhilfswerk gab es in diesem Jahr viel weniger als im Vorjahr. Bei uns hat man den Leuten am Ende einer Weihnachtsfeier je ein Korintenbrot in die Hand gedrückt. Und zwar ohne Papier, damit sie damit offen durch die Stadt laufen und Propaganda für die Winterhilfe machen mussten. Südwestdeutschland: Arbeiter, Geschäftsleute, Beamte wurden zum Sammeln aufgerufen. Jeder bekam nur einen ganz kleinen Teil einer Strasse mit ein paar Häusern, damit ja auch alles aufgesucht werden konnte und die Sammlung in ganz kurzer Zeit beendet war. Im... werk in X. wurden die Sammler von der Geschäftsleitung aus bestimmt und ihnen gesagt, dass sie sich am Sonntag um die und die Zeit auf dem Büro der Volkswohlfahrt zu melden hätten. Keiner getraute sich, nein zu sagen. Sogar ganz fanatische Kommunisten wurden zum Sammeln kommandiert und sie sammelten auch brav. Jeder, der nichts gab oder nichts geben wollte, musste trotzdem seinen Namen auf der Sammelliste eintragen und die Gründe angeben, warum er nichts zeichne. A- 55Besondere Unzufriedenheit hat hervorgerufen als es hiess, das gesammelte Bargeld müsse alles nach Berlin eingesandt werden. Nur die Naturalien würden am Flatz bleiben. In einer Stadt in Oberbaden haben die Hilfsbedürftigen- eine Familie mit drei Köpfen gerechnet- im Oktober erhalten: zwei Zentner Briketts, vier Pfund Brot und ein Kilogramm Fleisch im eigenen Saft. Und im November bis jetzt: einen Zentner Briketts, dazu für den Winterbedarf drei bis vier Zentner Kartoffeln. Die sogenannten Kinderreichen haben Anfang November eine Extrazulage erhalten( verschiedene Sachen aus der Pfund sammlung, hauptsächlich Mehl und Reis).. Südwestdeutschland: Die NSV- Baden gab Anfang August folgendes Rundschreiben heraus: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Sauleitung Gaugeschäftsstelle: Karlsruhe, Abolf Biller- Haus, Rifferfir. 28 Pofifchechkonto: Karlsruhe 8000 Beler Clever Sirokonto 1000, Bab. Kommunale Jandesbank, Karlsruhe Telefon: 6806-08 Amt für Volkswohlfahrt Fernsprecher: 7345-47 Postfcheckkonto: V.S. Bollewoftfahrt Gauführung Baben, Karlsruhe Nr. 5983 Girokonto Stäbi. Sparkaffe Karlsruhe 4244 ONAL ZIALIST STISCHE Baden Haupforgan des Games:„ Der Führer Verlag und Schrifileitung: Karlexufe, Jammfte. 16 Poftfchedikonto: Karlsrufe 2988 Girokonto 796, Städt. Sparkaffe Barlsruhe. Telefon: 7927-31 Karlsruhe, den 1. August 1985 Baumeiflerstraße 8 Betlg.: Zeichen: п/ ма. Wichtig für alle hilfsbedürftigen Volksgenossen! Die im WHW 1933/34 und 1934/35 gemachten Erfahrungen machen es notwendig, auf nachstehende, unerlässliche Erfordernisse aufmerksam zu machen: Es ist jedes Hilfsbedürftigen in Stadt und Land Pflicht, sich so weit als möglich selber zu helfen. Das muss einfach eines jeden Deutschen Stolz sein. Ein Großteil der Hilfsbedürftigen ,, namentlich in den ländlichen Gebieten, hatte Gelegenheit sich den Winterbedarf an Kartoffeln und Gemüse selbst anzupflanzen. Wo dies nicht der Fall sein konnte, namentlich bei vielen Hilfsbedürftigen in den Städten, bietet sich in der kommenden Erntezeit Gelegenheit, den notwendigen Winterbedarf durch freiwillige Mithilfe in den bäuerlichen Betrieben selbst zu erarbeiten. Der deutsche Bauer hat bisher gerne bei allen Lebensmittelsammlungen geopfert. Der deutsche Bauer hat damit seine Hilfsbereitschaft eindeutig bewiesen. Der deutsche Bauer erwartet nun mit Recht, dass die Hilfsbedürftigen ihre Arbeitskraft zu ihrem eigenen und zum Nutzen der Volksgemeinschaft einsetzen und dem deutschen Bauer in seiner schweren Erntearbeit freiwillig mithelfen. Es ergeht daher an alle Hilfsbedürftigen des Gaues Baden, in Stadt und Land, der Ruf zur freiwilligen Mitarbeit. Wo ein guter Wille vorhanden ist, findet sich auch ein Weg. Es gilt das Beste zu leisten. Bei genügenden Anstrengungen der Hilfsbedürftigen findet das WHW 1935/36 dann Gelegenheit, seine Hilfstätigkeit auf andern Gebieten zugunsten der Hilfsbedürftigen zu erweitern. Wer es bewusst an gutem Willen fehlen lässt, muss damit rechnen, im kommenden WHW von den Zúteilungen ausgenommen zu werden. Hilfsbedürftige im Gau Baden, zeigt Eure Tatbereitschaft! Zeigt, dass ihr im neuen Deutschland neuen Lebensmut gewonnen habt. Fort mit der Gleichgültigkeit, nur so können wir gemeinsam die Not des kommenden Winters bannen. Dentiche Hoil itler! Tationalfos beiterpartel Umt für Bollswohlfahrt Waben Gaubeauftragter des WE 1935/36 A- 562.) Die sonstige Sammelei. Zur richtigen Beurteilung der Winterhilfs- Sammelei muss man berücksichtigen, dass im Dritten Reich nach wie vor noch für alle möglichen anderen Zwecke gesammelt wird. Da sammelt der VDA für die Auslandsdeutschen, die HJ für die Jugendherbergen, der RLB für den Luftschutz, da gibt es die Arbeitsbeschaffungslotterie und die Hitler- Freiplatzspende für" alte Kämpfer" und noch hundert Sammlungen aus lokalen Anlässen. Unseren Berichten entnehmen wir:. Berlin: Auch in diesem Jahr ist wieder eine Arbeitsbeschaffungslotterie veranstaltet worden. Der Erfolg dürfte aber wesentlicher geringer sein als im Vorjahr. Während im Vorjahr das Los 50 Pf. kostete, und eine sofortige Gewinnentscheidung erfolgte, so dass sich häufig sogenannte Losgemeinschaften bildeten( 10 Mann zu je 5 Pf.) kostet das Los in diesem Jahre 1 Mark und die Entscheidung über den Gewinn erfolgt erst später. Die Verkäufer tragen in diesem Jahr einen braunen Umhang und haben vielfach kleine Bretterbuden in den Strassen Berlins eingerichtet. Die Firma X. liess ihren Zweiggeschäften folgendes Zirkular zugehen: Reichslotterie für Arbeitsbeschaffung. Wir werden den...... einige Lose dieser Lotterie zusenden. Wir können die Lose nicht zurückgeben und ersuchen die.... Leitungen für restlosen Verkauf zu sorgen. Die Losgelder sind nicht mit der Wochenabrechnung zu verrechnen, sondern an die Abrechnungsabteilung einzusenden. Das Los kostet 1 Mark, das Doppellos 2 Mark. Werbeplakate lassen wir den.. soweit der Vorrat reicht, zugehen. Bayern, 1.Bericht: Eine besonders lästige Form der allgemeinen Wurzerei ist die Arbeitsanleihe. An allen Strassenecken stehen Losverkäufer in roten Gummimänteln und braunen Kappen. An Verkehrsplätzen wie am Stachus, Marienplatz etc. sind Kioske errichtet, wo die Lose in Fünfteln verkauft werden. Gewinnt das gemeinsam gekaufte Los, wird der Gewinn auf 5 Teile aufgeteilt und sofort ausgezahlt. Mit marktschreierischer Reklame wurde jeder noch so kleine Gewinn ausgerufen, wobei der Losverkäufer auf das Dach des Kioskes stieg und mit einer Glocke die Aufmerksamkeit der Strassenpassanten auf sich lenkte. A- 572.Bericht: In Nürnberg, Fürth und Umgebung erhielten alle Haushaltungen folgendes Schriftstücke: Reichsluftschutzbund Landesgruppe Bayern Bezirksgruppe Nürnberg- Fürth Rbf. Reichsluftfchutzbund Mürnberg- R, Rönigftraße 16/11 7 poftfcheckkonto: Mürnberg 4294 Bankkonto: Stäbt. Sparkaffe Mürnberg 30920 Jernsprecher 24400 Mürnberg- A, ben Königstraße 16/11 Wir mußten mit Bedauern feststellen, daß Sie bezw. Ihre auf bei folgenden Karten verzeichneten Familienangehörigen noch nicht Mitglied des Reichsluftschutzbundes sind. Es liegt hier sicherlich ein Versehen Ihrerseits vor, denn es ist wohl nicht anzunehmen, daß Sie sich der Pflicht, zur Landesverteidigung eine Kleinigkeit jährlich beizusteuern, entziehen wollen. Nachdem die Luftwaffe in einem künftigen Kriege eine so ganz bedeutende Rolle spielen wird, muß auch für entsprechende Abwehr gesorgt werden. Es geht ja nicht um den Einzelnen Es geht um Alle, es geht um die Heimat, Um das Volk um DEUTSCHLAND die Zukunft Besonders auch unsere Jugend, die Deutschlands ist, soll dem RLB als Mitglied angehören. Wir bitten Sie deshalb, noch heute für sich bezw. Ihre Familienangehörigen die beiliegenden Aufnahmekarten auszufüllen und zur Abholung bereitzulegen. Jahresbeitrag RM 1.-Heil Hitler! REICHSLUFTSCHUTZ BUND Landesgruppe Bayern Bezirksgruppe Nürnberg- Fürth J.A.: Brief und Aufnahmekarten sind unbedingt zurückzugeben, da dieselben zu Karteizwecken benötigt werden. Es genügt also nicht, dass der Haushaltungsvorstand Mitglied des RLB ist, es soll jedes Familienmitglied noch beim RLB sein. Südwestdeutschland, 1. Bericht( Württemberg): Im Frühsommer 1935 brannte in Esslingen a.. das Arbeiterwaldheim, das die Nazis geklaut hatten, nieder. Ein kommunistischer Stadtrat, der in dieses Heim sein ganzes Vermögen gesteckt hatte, und es mit Recht als sein Lebenswerk betrachten durfte, wurde wegen Brandstiftung verurteilt. Nun wollten die Nazis das A-58- Waldheim wieder aufbauen. Zu diesem Zweck sollten alle in Esslingen beschäftigten Arbeiter und Angestellten Stunden Gratisarbeit leisten und die Betriebe das Ergebnis abliefern -er Charakter der"Freiwilligkeit" dieser Spende wurde besonders dadurch unterstrichen, dass jeder, der sich weigerte als Staatsfeind aufs schwerste bedroht wurde. Die Sache löste in den Betrieben stürmische Diskussionen aus und führte dazu, dass in vielen Betrieben sich die Arbeiter einfach weigerten, mitzumachen. ü. Bericht(Baden) Zu allen anderen Abzügen mussten die Angestellten und Beamten auch noch den Parteitag in Nürnberg finanzieren. Jeder wurde genötigt, einen Beitrag. zum Nürnberger Parteitag zu bezahlen und eine entsprechende Harke zu kaufen. Bis zu einem Monatsgehalt von 200 Mark betrug der Beitrag 2 Mark, bis 400 Mark 4. Mark, bis 600 Mark 6 Mark usw. 7/er nicht bezahlte, stellte sich ausserhalb der Volksgemeinschaft usw. 3. Bericht: In Frankfurt a.Main besteht ein Lebensmittel- Opferring, der in jedem Monat eine Sammlung durchführt. Er gab im September z.B. folgenden Werbezettel aus: � � �