1936.7 Sozialdemokratische Partei Deutschlands Parteivorstand Bibliothek Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 1 Der Terror als wesentlicher( und unentbehrlicher) Bestandteil des Dritten Reiches. Stellungnahme eines früheren christlichen - Zwei zusammenfassende Gewerkschaftsführers. Berichte über die allgemeine Stimmung. Hitlers Hålskrankheit II. Der Terror 1) Der Terror gegen die Juden Die nationalsozialistische" Aufklärungsarbeit" Die Einzelaktionen dauern an Die Massnahmen gegen" Rassenschänder". 2) Der Terror gegen die illegale Bewegung a) Massenverhaftungen b) Die Behandlung der Gefangenen c) Verurteilung von Sozialdemokraten d) Die Bespitzelung der" Staatsfeinde" 3) Der allgemeine Terror Kleine Terrorliste- Berichte aus Bayern, Südwestdeutschland, dem Rheinland, Nordwestdeutschland, Norddeutschland, Berlin, Mitteldeutschland, Sachsen und Schlesien- Bericht eines Arztes über zwei Sterilisationen mit tödlichem Ausgang III. Aus den Betrieben 1) Die. Vertrauensratswahlen Die Wahlvorbereitungen Vertrauensräte im Betrieb 2) Die Widerstandsregungen 13 13 57 62 S GUESS 36 36 40 50 77 77 Die Stellung der 84 3) Einzelberiohte aus Sachsen, Mitteldeutschland, Rheinland- Westfalen, Süd'üestdeutschland, Bayern, von der Wasserkante und aus Berlin. A 87 Teil B: Uebersiehten Zwischenbilanz des Dritten Reichs B 1 I. Die Aussenpolitik 1 1) Der Kampf gegen den Völkerbund 1 2) Die moralische Niederlage 4 3) Die Erringung der Wehrhoheit- ein politischer Fehl schlag 7 4) Isolierung oder Kapitulation? 12 II. Die Wirtschaftspolitik 17 1) Wachsende Schwierigkeiten 17 Der Arbeitsmarkt- Ernährung und Landwirtschaft- Die.Preise- Das Einkommen- Der Aussenhandel- Die industrielle Produktion- Der Geld- und Kapitalmarkt- Steuerbelastung und öffentliche Finanzen 2) Die Staatskonjunktur in der Sackgasse 30 Steigerung der Produktionskosten- Rohstoffversorgung und Handelsbilanz- Das Finanzierungsproblem- Umschaltung der Konjunktur?- Wiederanschluss an den Weltmarkt? III. Die Innenpolitik 46 1) Auf dem Wege zur Vorkriegsideologie 46 2) Die innere Schwächung des Systems 50 3) Freiheit und Sicherheit 55 A- 1Teil A ( Abgeschlossen am 11.Februar 1936) I. Die allgemeine Situation in Deutschland Das Dritte Reich hat im Ausland manchen wohlwollenden Beobachter gefunden, der bereit war, alle nicht wegzudiskutierenden dunklen Seiten als zwar bedauerliche, aber verständliche Uebergangserscheinungen zu betrachten, die nun einmal mit einer tiefgreifenden staatlichen Umwälzung regelmässig verbunden sind. Eine solche Uebergangserscheinung war in den Augen vieler ausländischer Beurteiler insbesondere der Terror. Die Redensarten der Führer des Systems von der unblutigsten Revolution aller Zeiten blieben nicht ohne Eindruck und viele neigten dazu, die immer wieder bekanntwerdenden neuen Terrorfälle in den Bereich der" Greuelmärchen" zu verweisen. Erst die Judenhetze, die im Sommer vorigen Jahres einen neuen Höhepunkt. erreichte und zu den Nürnberger Gesetzen führte, hat wenigstens einen Teil der Weltöffentlichkeit wieder aufgerüttelt. Aber es handelt sich nicht nur um den Terror gegen die Juden, der Terror ist nicht nur eine Folge der Rassengrundsätze des nationalsozialistischen Parteiprogramms, sondern der Terror ist ein wesentlicher( und unentbehrlicher) Bestandteil des gesamten Regierungssystems im Dritten Reich. Er ist neben der mit den" modernsten" Methoden arbeitenden Massenpropaganda das entscheiden de Mittel jener umfassenden und rücksichtslosen Volksbeherrschung, ohne die das Dritte Reich schon nicht mehr bestände, ohne die es überhaupt nicht denkbar ist. Das ist es, was im Ausland oft übersehen wird. Denn man weiss nicht, dass es neben dem Terror gegen die Juden einen allgemeinen Terror gibt, der in der vielfältigsten Form das ganze deutsche Volk erfasst, und dass schärfer denn je vor allem der Terror gegen alle die A-2wütet, die getrieben von ihrer Ueberzeugung es allen Morden, Folterungen und Einkerkerungen zum Trotz wagen, im Geheimen für diese ihre Ueberzeugung weiter zu wirken. Der Terror in seiner allumfassenden Gestalt, in seiner ganzen unmenschlichen Härte, er bleibt nicht nur dem Auslande verborgen, auch in Deutschland selbst gibt es gewisse Kreise, die kaum eine Ahnung davon haben. Es ist nicht selten, dass der für das System keineswegs begeisterte, aber politisch wenig interes-sierte" Bürger", der einen weiten Bogen um jede Nazi- Fahne macht, die er grüssen müsste, mit einem Unterton des Vorwurfs die Frage stellt:" Sind Ihnen denn Leute persönlich bekannt, die noch von damals her( gemeint ist der Umsturz 1933) im Konzentrationslager sitzen?" Und wenn man dann nur die Namen einiger Reichstagsabgeordneten wie Dr. Schumacher, Dr. Mierendorff, Heilmann nennt und nur das traurige Ende des früheren Bergarbeiterführers Husemann erwähnt, der noch im Frühjahr 1935 " auf der Flucht erschossen" wurde, dann sind das auch für diese Leute entsetzliche Enthüllungen. neben Zum dritten Jahrestag der Diktatur widmen wir deshalb einer politischen Gesamtbetrachtung im Teil B einen wesentlichen Teil dieses Heftes der eingehenden Darstellung des Terrors in Deutschland, so wie er sich auf Grund unserer Berichte in den letzten Monaten abgespielt hat. Wir haben im vorigen Monat( Heft 12/1935. S.1 ff.) anhand eines zusammenfassenden Berichts aus Nordwestdeutschland darauf aufmerksam gemacht, wie die verschiedenen Kreise der Opposition mit einander Fühlung suchen und wie sich die Elemente einer Einigung im Grundsätzlichen herauszubilden beginnen. Als einen Beitrag zu diesem Vorgang, dessen weitere Entwicklung sorgfältigster Beobachtung bedarf, bringen wir im folgenden die Stellungnahme eines früheren christlichen Gewerkschaftsführers, der im Reiche lebt. Wir christlichen Gewerkschaftler haben die Hitlerdiktatur niemals für eine rasch vorübergehende Erscheinung gehalten, denn sie hat tiefe Wurzeln in dem ökonomischen und geistigen Umwandlungsprozess Deutschlands. Die individualistisch- libe790 A- 3rale Epoche, die schon vor dem Krieg erschüttert war, ist durch das kollektivistische Erlebnis des Krieges und durch die sozialen Umwandlungen der Nachkriegszeit beendet worden. Mit dem Wort" Fronterlebnis" ist viel demagogischer und romantischer Unfug getrieben worden. In Wirklichkeit war und ist das bleibende" Fronterlebnis", dass Millionen Deutscher, die durch den Krieg aus ihrer bürgerlichen und seelischen Geborgenheit gerissen wurden, in ihre frühere wirtschaftliche und geistige Existenz nicht mehr zurückfinden konnten, weil die Vorbedingungen zerstört waren. Aus der äusseren und inneren Unsicherheit dieser Menschen erwuchs ein unklares kollektivistisch- sozialistisches Sehnen, dem die im Grunde doch noch individualistisch- liberale Weimarer Verfassung und ihre Parteien nicht Genüge leisten konnten. Die sogenannten demokratischen Parteien einschliesslich des Zentrums, bis auf einzelne persönliche Ausnahmen, haben die grosse geistige Krise in Deutschland überhaupt nicht begriffen und sich gerade aus dieser Enge des Horizonts bemüht, die Sozialdemokratie, die zunächst auf sozialistische Wirtschaftsformen drängte, parlamentarisch zu belasten und zu kompromittieren. Unsere alten Zentrumsführer Spahn, Gröber und Trimborn rechneten inmitten einer auf Jahrzehnte sich erstreckenden Revolution ausschliesslich mit Parlamentsmandaten und parlamentarischen Konstellationen. Erzberger, der die alten Parteiformen hätte zerbrechen können, wurde diffamiert und abgeschossen. Katholische Sozialisten die in die Emigration gehen mussten konnten sich nicht durchsetzen. Der sozial- radikale Dr. Josef Wirth wurde von der eigenen Partei ruiniert. Verhängnisvoll gross wurde der Einfluss des Präsidenten der christlichen Gewerkschaften Stegerwald, dessen Neigungen immer mehr der Rechten als der Linken gegolten haben. Man vergesse nicht, dass der letzte Zentrumskanzler, Dr. Brüning, der Schüler Stegerwalds ist. Er hätte sicher gern das Zentrum an die Seite der Nationalsozialisten geführt, wenn es noch möglich gewesen wäre. Die einfache geschichtliche Tatsache ist, dass Hitler der politische Nutzniesser unseres gemeinsamen Versagens in allen Fragen sozialistischer Umformung geworden ist. Er hat dem Sehnen nach einer sozialistischen Volksgemeinschaft propagandistisch Ausdruck gegeben wie beispielsweise wir christlichen Gewerkschaften es wegen unserer Bindungen an alte zum Untergang verurteilte, Parteien nicht gewagt haben. Dabei muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass die stärkste Gruppe in den christlichen Gewerkschaften die Deutschnationalen Handlungsgehilfen waren, die seit Jahrzehnten einen radikal- völkisch- antisemitischen Kurs einhielten. Ob es illegale christliche Gewerkschaften gibt? Nein, wahrscheinlich nirgends, wenn auch noch ein starker Zusammenhalt zwischen den alten Mitgliedern und auch gewisse Verbindungen zu den sozialistischen Gewerkschaften vorhanden sind. Es glaubt wohl kein christlicher Gewerkschaftler mehr an das Wiederkommen einer Spaltung zwischen christlichen und freien A-4Gewerkschaften. Insofern hat die Hitlerdiktatur wohl für alle Zeiten Hindernisse niedergerissen. Wer die christliche Arbeiterschaft in eine Oppositionsfront gegen Hitler eingliedern will, braucht in den sozialistischen Forderungen wahrhaftig nicht ängstlich zu sein. Ich habe schon auf Imbusch verwiesen, der immer für die Sozialisierung des Kohlenbergbaus gewesen ist. Ich erinnere auch daran, dass es im katholischen Westen leichter war, unzufriedene christliche Arbeiter für die Abgabe eines kommunistischen als eines sozialdemokratischen Stimmzettels zu gewinnen. Der Sozialismus ist für uns jüngere christliche Gewerkschaftsführer von einst gar keine Frage mehr. Die Enteignung des Grossgrundbesitzes zugunsten von Kleinbauern und Landarbeitern, die Sozialisierung des Bergbaues und der Schwerindustrie, sind Mindestforderungen auch für jeden christlichen Arbeiter, und ich kann mir auch nicht recht denken, dass kirchliche Beschwörungen dagegen noch viel Eindruck machen würden, nachdem die Kirche bisher gegen die Expropriation so vieler Juden keinen Protest erhoben hat. Wenn die Enteignung des jüdischen Rüstungsindustriellen Simson mit dem Christentum vereinbar ist, kann doch die Verstaatlichung der Kruppschen Werke mit dem Christentum nicht unvereinbar sein. Rein rechnerisch würde der Eintritt führender christlicher Gewerkschaftler in eine Anti- Hitlerfront zunächst nicht viel bedeuten, aber die geistige Ausstrahlung und Anziehungskraft auf weite Kreise der nichtmarxistischen Arbeiterschaft und auch auf Angestellte und Beamte wäre gross. Wir würden uns aber sofort grossen kirchlichen Schwierigkeiten aussetzen, wenn wir uns mit kommunistischen Parteigruppen verbünden würden. Von der Kirche her gesehen sind Bolschewismus und Nationalsozialismus insofern dasselbe, als sie beide den totalen Staat zu ihrem Gott machen, dem die alleinige Entscheidung auch in allen geistigen Fragen zusteht. Wir lehnen im Kampf gegen Hitler auch die Bundesgenossenschaft kommunistischer Arbeiter nicht ab, jedoch kommt für uns irgendeine Bindung an die Kommunistische Partei nicht in Frage. Entgegen anderen in der Emigration und in Deutschland verbreiteten Gerüchten hat bisher auch niemals ein irgendwie ernst zu nehmender katholischer Politiker oder Gewerkschaftler Deutschlands Verbindungen zu der Kommunistischen Partei unterhalten. Wir christlichen Arbeiter sind jetzt übrigens durchweg für die Trennung von Kirche und Staat und sind darin mit vielen niederen Geistlichen einer Meinung, so dass auch da Schwietigkeiten des Zusammengehens mit freidenkerischen Sozialisten ausgeräumt sind. Allerdings bezweifele ich, ob der Hohe Klerus schon auf die Bindung an den Staat, die ja auch mit bedeutenden materiellen Vorteilen für die Kirche verknüpft ist, verzichten will. Viel grössere Schwierigkeiten als das kirchliche Verhältnis zu einem künftigen deutschen Rechtsstaat wird für uns Katholiken wahrscheinlich das Problem " Demokratie" bedeuten. Der deutsche Katholizismus in seinen A-5geistig führenden Schichten hat sich schon längst von der formalen Demokratie abgewandt und sucht nach einer berufsständischen Organisation, die durch feste Formen auf lange hinaus soziale Erschütterungen vermeiden soll. Das österreichische Beispiel lehrt allerdings, wie schwer- wenn es überhaupt möglich sein sollte sozialistische Arbeiter für den" katholischen Stände staat" zu gewinnen sind. In Deutschland ist das alles auch im Katholizismus noch in voller Gärung und wir entschlossenen katholischen Hitlergegner aus der Arbeiterschaft nehmen durchaus das Recht für uns in Anspruch, mit unseren sozialistischen Kameraden für eine sozialistische Staats- und Wirtschaftsordnung in Deutschland zu kämpfen. Je fruchtbarer unsere gemeinsame Arbeit sein wird, umso stärker werden wir diejenigen zurückdrängen, die glauben, mit der rechtzeitigen Einführung einer" sozialautoritären Demokratie" die Forderung einer sozialistischen Demokratie beseitigen zu können. Das Bild der allgemeinen Stimmung weist nach den eingegangenen Berichten keine wesentlichen neuen Einzelzüge auf. Wir beschränken uns daher darauf, einen Reisebericht aus Südwestdeutschland und einen zusammenfassenden Bericht aus Sachsen wiederzugeben. Südwestdeutschland( Reisebericht): Seit meinem letzten Besuch in Deutschland im Juni 1935 hat sich die Misstimmung viel eindeutiger und offener gegen die Nationalsozialisten entwickelt. Man muss allerdings eine Einschränkung machen: Wie Hitler" durchgreift" z.B. bei der Errichtung der Wehrhoheit, in der Judenfrage usw., das imponiert sehr vielen und zwar bis in unsere Kreise hinein. Dass die Republik nicht in dieser Weise durchgegriffen hat, das macht man ihr in diesen Kreisen gerade zum Vorwurf. Im übrigen hat jede Schicht etwas anderes an Hitler auszusetzen. Die Arbeiter schimpfen über die vollständige Verbonzung der Arbeitsfront, über den zwangsweisen Abzug der Beiträge und Spenden vom Arbeitslohn. Nach ihrer Ueberzeugung kommen die Spenden gar nicht an das Winterhilfswerk, sondern werden von den Bonzen verprasst und verschwendet. Ueberhaupt ist die Stimmung gegen die Bonzen, ihr verschwenderisches Leben, ihre Autos, und gegen die Riesen- Organisationen ausserordentlich gewachsen. Die Bauern klagen darüber, dass sie ihre Steuern jetzt tatsächlich zahlen müssen, dass sie ihre Produkte zum grossen Teil nicht mehr frei verkaufen können. Dieselben Bauern, die früher die Sozialdemokratie aufs unflätigste beschimpft haben, gehen heute zu einem früheren sozialdemokratischen Bürgermeister, um sich von ihm Rat zu holen und gestehen ihm: früher war es doch besser. Diese Stimmung herrscht bis weit in die Reihen der SA. hinein. Oft mussten ganze Stürme der SA aufgelöst werden, weil die Bauern einfach nicht mehr A-6hingingen. Im gebildeten Bürgertum ist man empört über die Rechtlosigkeit und Barbarei im heutigen Deutschland. Die Akademiker sprechen mit bitterem Hohn über die Tagungen, die sie besuchen müssen, auf denen dann irgend ein unwissender Pg. einen saublöden Vortrag hält. Ein hervorragend befähigter Techniker hat seinen alten Lieblingswunsch, sich zu habilitieren, aufgegeben, weil der ganze Drill, die Schulungskurse und der Wehr sport, denen er auf der Hochschule ausgesetzt wäre, ihm unerträglich sein würden. In diesen Kreisen ist die Entrüstung über das Fehlen aller wissenschaftlichen Möglichkeiten und über die Unfähigkeit der Nazis ausserordentlich gross. Unter den Beamten erregt die bevorstehende Beförderung junger nationalsozialistischer Beamten immer wieder Erbitterung. Bei dem kleinen Mittelstand klagt man über den schlechten Geschäftsgang. Ein Kleinhändler erzählte mir mit offener Schadenfreude, dass er während der Butterknappheit immer Butter gehabt habe und damit seinen Konkurrenten das Geschäft weggenommen habe, weil er durch einen jüdischen Grosshändler, der aus Holland einführe, alles habe beziehen können. So versucht jeder, wo er kann, dem Regime eines auszuwischen.- Ein kleiner, wirklich in sehr ärmlichen Verhältnissen lebender Handwerker jammerte über die Geldschneiderei, die bei den Zwangsinnungen getrieben werde. Zuerst hat er eine Aufnahmegebühr zahlen müssen, dann für das Mitgliedsbuch 1, Mark. Plötzlich sei das Mitgliedsbuch wieder abgeholt worden, weil das Bild nicht die richtige Grösse habe. Nach einem Vierteljahr kam dann ein neues Buch mit einem grösseren Bild, für das er nochmals 1,- Mark zahlen musste. Allgemein kann man feststellen: Es gibt nur noch sehr wenig richtige Nationalsozialisten. In einem Ort mit etwa 7.000' Einwohnern wurde ich auf meine Frage: wieviel überzeugte Nationalsozialisten es gäbe, einfach ausgelacht. Selbstverständlich keine, lautete die Antwort. Vor zwei Jahren war die Situation in einem solchen Ort, wo jeder den anderen kennt, noch völlig anders. Immerhin muss man berücksichtigen, dass in diesem Gebiet keine Rüstungsindustrie ist und die Arbeitslosigkeit nur eine geringe Verminderung erfahren hat. Ist so die Kritik quantitativ und qualitativ zweifellos gewachsen, so bleibt das grosse Problem, inwieweit sie nicht nur rein negativ gegen das Regime gerichtet ist, sondern auch positiv geninsamen Zielvorstellungen zustrebt. Immerhin sind auch in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht worden. Vor einem halben Jahr schreckte man vor dem Gedanken, was nach den Nationalsozialisten kommen könnte, noch zurück.Heute beschäftigt die Frage der Nachfolge Hitlers die Gemüter schon sehr stark. Aber die Antwort darauf und die Vorstellungen über den Gang der Entwicklung sind natürlich sehr verschieden. Allgemein kann man feststellen, dass man in Deutschland dem Regime nur noch eine wesentlich kürzere Lebensdauer A-7zutraut als im Ausland. Ein junger, sehr intelligenter Arbeitsloser ging von der Annahme aus, dass die Entwicklung in Deutschland vom Ausland her viel optimistischer beurteilt würde. Er sei dagegen pessimistisch. Noch immer spiele die Angst vor dem Kommunismus eine entscheidende Rolle bei all den Schichten, die früher einmal hinter uns gestanden haben. Noch immer herrsche bei diesen Schichten irgend eine Form des Wunderglaubens vor; sie rechnen damit, dass das Dritte Reich infolge eines Krieges oder einer Wirtschaftskatastrophe zusammenbrechen würde, dass dann eine Militärdiktatur an seine Stelle trete. Es sei doch bezeichnend, dass jetzt die Astrologie wieder sehr aufblühe; für dieses Gewerbe bestände eben wieder eine neue Konjunktur. Wenn man wüsste, was nach Hitler kommt, dann gäbe es schon jetzt keinen Hitler mehr. Das wichtigste, was jetzt zu tun sei, alle irgendwie erreichbaren Anhänger einheitlich zu unterrichten und sie dahin zu bringen, dass sie alle auf dieselben Fragen dieselben Antworten geben. Eine Sammlung der oppositionellen Bichtungen sie noch viel zu schwierig. Auch im Ausland nehme die Zersplitterung ja nur noch zu. Die Kommunisten hätten schwere Verluste gehabt und seien wegen ihrer unmöglichen Parolen sehr unbeliebt. Natürlich sei er für eine Einigung der Arbeiterbewegung, aber eine Einigung mit den Kommunisten, wie sie heute seien, das sei unmöglich. Wenn die Kommunisten heute auch von Demokratie sprechen, so glaube ihnen das niemand." Sie ziehen halt wieder einen neuen Laden auf". Zum Problem Demokratie und Diktatur: er will die Machtergreifung durch das Proletariat, den Kampf gegen die Reaktion, aber die Demokratie innerhalb der Partei, Er ist gegen eine Demokratie im Sinne von Weimar. Es soll zwar auch andere Parteien geben, aber keine kapitalistischen und antisozialistischen mehr. Ein früherer Gewerkschaftssekretär, der immer noch sehr interessiert ist, meint, dass wir jetzt unsere grundsätzlichen Forderungen zurückstellen müssten und unsere Taktik im vollen Umfange der gegenwärtigen Situation anzupassen hätten. Der Nationalsozialismus will den Bolschewistenschreck wachhalten. Deshalb müssten wir in erster Linie die Forderungen an die Spitze stellen, die klarmachen, dass wir nicht mit den Bolschewisten in einen Topf geworden werden können: Versammlungs- und Redefreiheit usw. Wenn man geschickt vorginge, können man in der Arbeitsfront manche Chance ausnützen. Die Leute in der Arbeitsfront sind völlig unfähig und werden über kurz oder lang gezwungen sein, unsere Mitwirkung in Anspruch zu nehmen. Wir sollten dann diese Positionen besetzen und keine Bedingungen stellen, denn Bedingungen stellen hiesse ablehnen. Im übrigen müsse man Geduld haben. Drei Jahre seien doch keine lange Zeit und vor allem die Freunde in der Emigration dürften nicht die Geduld verlieren. Ein früherer leitender Gewerkschaftsfunktionär ist im Gegegensatz zu seiner Haltung vor dreiviertel Jahren sehr A-8optimistisch. Er glaubt, dass innerhalb zweier Jahre die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten des Regimes ein so katastrophales Ausmass angenommen haben werden, dass es einfach nicht mehr weitergehen wird. Dann wird Fritsch der kommende Mann sein. Allerdings werden hinter der Reichswehr die konservativen Kräfte die wirklichen Machthaber sein. Ein Werkmeister im Betrieb steht ganz unter dem Eindruck der Gefahr eines kommenden Krieges. Er ist der Ueberzeugung, dass die deutsche Aufrüstung nur mit einem Krieg enden kann und sieht nicht, dass irgend etwas dagegen getan werden kann. Für ihn ist infolgedessen die entscheidende Frage, wie wir uns bei Kriegsausbruch zu verhalten haben. Er glaubt, dass im ersten Augenblick alle dem Ruf unter die Waffen folgen werden, dass die Stimmung dann aber sehr schnell umschlagen wird. Wenn wir dann in dieser Situation die Initiative an uns reissen, würden wir grosse Aussichten haben. Ein junger primitiver Arbeiter macht sich überhant keine Gedanken: Da kommt schon irgend etwas, so bleiben kann es ja nicht. In der Partei muss alles neu werden, es müssen neue Leute kommen und wir müssen für die Diktatur des Proletariats sein. Es ist typisch, dass die geistig wenig Regsamen noch bei dem Diktaturgedanken verharren, während die beweglicheren und intelligenteren Menschen schon' zu der Formulierung demokratis cher Forderungen und zu der Vorbereitung erster Schritte zur Wiederherstellung demokratischer Zustände vorgedrungen sind. Ein junger, noch heute aktiver, Kommunist ist mit den neuen Parolen Dimitroffs nicht ganz einverstanden. Ihm geht die starke Ausweitung der Volksfront nach rechts zu weit. Ebenso die Haltung der tschechoslovakischen Kommunisten, die für Beneš gestimmt haben, und auch die Taktik der französi schen kommunistischen Partei. Er bejaht den Militarismus der Nazis und die Aufrüstung, weil er darin nur eine Durchgangsstufe für die Bildung einer Roten Armee in einem Sowjetdeutschland sieht. Er hält es für nötig, mit den ehrlichen Nationalsozialisten, die noch immer an die Erfüllung der Versprechungen Hitlers glauben, zusammenzukommen und sie für die kommunistische Sache zu gewinnen. Vor einem halben Jahr war dieser Kommunist sehr optimistisch über ihre organisatorische Situation, er schwärmte von ihrer glänzenden Organisation und von ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber allen polizeilichen Verfolgungsmassnahmen. Diesmal war er in dieser Beziehung sehr klein und ängstlich. Die kommunistischen Parolen, in die nationalsozialistischen Massenorganisationen hineinzugehen und dort Zersetz ungsarbeit zu leisten, werden von unseren Leuten abgelehnt. Sie sagen: wer das die ganze Zeit mitmachen muss, der ist dann schon nicht mehr bei uns. Wer aber, bei uns ist, der kann es nicht mitmachen, denn dann muss ihn das derart anekeln, dass er es einfach nicht aushält. Wir sind auch zu Anfang in unserem Ort fast vollständig in die SA hineingegangen, um endlich A- 9vor dem furchtbaren Terror Ruhe zu haben. Aber dann haben wir es bald bereut und sind schliesslich vollständig den Uebungen ferngeblieben, so dass man die SA bei uns aufgelöst hat. Eine wirkliche Zersetzungsarbeit in den faschistischen Massenorganisationen zu leisten, übersteigt die Kräfte eines normalen-Menschen. Viele Leute hör en den Moskauer Sender, obgleich sie wissen, dass auch viel Schwindel dabei ist. Auch heute noch hört man, dass es Hitler selbst gut meint; nur seine Unterführer führen seinen Willen nicht richtig durch. Aber dieser Gesichtspunkt ist nicht mehr so beherrschend wie noch vor etwa einem halben Jahr. Man macht auch jetzt schon Hitler für manches verantwortlich. So sagt man z.B. über die Judenhetze Streichers: Hitler braucht doch dem Streicher nur zu sagen, dass er das nicht tun darf, dann muss er doch das einstellen. Sachsen: Meine Beobachter stimmen in der Auffassung überein, dass die Entwicklung beinahe auf allen Gebieten ziemlich rasch abwärts gleitet. Die Arbeitslosigkeit verschärft sich allgemein fühlbar, besonders in der Textilindustrie. Die Lebensmittelpreise steigen ständig, obwohl es offiziell bestritten wird. Aber das Gedächtnis der Hausfrauen ist schärfer als das sonstige politische Erinnerungsvermögen brei ter Massen. Diese Volksstatistik lässt sich nicht täuschen, weil sie an der Lebenshaltung des einzelnen sehr fühlbar zum Bewusstsein kommt. Der Lohn gleitet abwärts. Auch da werden, wie ja in allen Dingen im heutigen Deutsch land, die raffiniertesten Verschleierungsmanöver angewandt. Aber sie ziehen nicht. Das Einkommen ist die härteste Realität im Arbeiterdasein, darüber kann man niemanden mit Worten täuschen. Ob es sich nun um verkürzte Arbeitszeit, um kompli zierte Tarife oder um Zwangsabgaben handelt, der verringerte Nutzeffekt wird haarscharf empfunden, und daraus resultiert die Stimmung. Es herrscht eine unbändige Wut in weiten Kreisen. Aber man ist sich auch längst darüber im klaren, dass alle diese Dinge, dass Schwierigkeiten auf bestimmten Gebieten dieses Regime nicht erschüttern werden. Man geht mit einem gänzlich falschen Massstab an die Dinge heran, wenn man mit" politischer Schadenfreude" die Fehler, Misserfolge, Störungen, Mängel, Hemmungen usw. registriert und meint, es müssten sich daraus auch für die Stabilität des Regimes bestimmte sichtbare oder absehbare Folgen ergeben. Man übersieht dabei.das. Wesen des Hitler- Systems. Sein Prinzip besteht doch gerade darin, den gesamten Staatsorganismus in den Dienst eines zentralen Willens zu stellen und jede Möglichkeit einer Korrektur durch die Volksmeinung auszuschalten. Dieser zentrale Wille erstrebt die" schimmernde Wehr", dahinter dann die imponierende europäische Militärmacht, und weiterhin die Rückgängigmachung des Versailler Friedensvertrages und den Vorstoss in den europäischen Raum auf der von den Macht habern A-10für zweckmässig und aussichtsreich gehaltenen Linie. Für diese Ziele ballt das Regime mit eiserner Gewalt alle inneren Kräfte zusammen und schweisst einen Ring des nationalen Zwanges um das ganze deutsche Volk, dass man sich selbst aus beunruhigenden wirtschaftlichen und sonstigen Misständen keine übertribenen Hoffnungen auf die Erschütterung des Regimes machen darf. So lässt sich das Regime auch durch die schlimmsten Mängel auf seinem Wege nicht gross stören. Im Gegenteil, es schreitet unbeirrt seinem Ziele zu, alles im Reiche zu zertreten, was sich der nationalsozialistischen Uniformierung des Denkens widersetzt. Nicht mehr mit dem alten Lärm, aber unaufhaltsam geht die schwere Dampfwalze Schritt für Schritt über die beiden Kirchen hinweg und vernichtet ihre Machtstellung zielbewusst. Das Regime fühlt sich im Schutze von Heer, Polizei und SS so sicher, empfindet seine Einschüchterungsmethoden mit Konzentrationslager, Gefängnis, Zuchthaus und Henkerbeil als so zuverlässig, dass man über die kleinen Tagesmängel nicht allzu beunruhigt ist und sich von den grossen Planungen nicht mehr ablenken lässt. Auch Hitlers Tod würde daran nicht viel ändern. Zu dieser Ueberzeugung kommen immer mehr Menschen und sehen sich fatalistisch in die Hände dieser Machthaber gegeben, von denen sie alle heute wissen, dass sie über das deutsche Volk noch grosses Unglück, vielleicht den Untergang des Reiches bringen werden. Die meisten werden durch diese Erkenntnis stumpf und gleichgültig und halten jede Gegenaktion und jede Abwehr für zweck- und sinnlos. Auch in der SA. schwindet immer mehr die Illusion, dass man noch etwas zu bedeuten habe. Das Regime kann nur noch an seinen grossen und letzten Zielen zugrunde gehen, es muss ein Scheitern im Ganzen sein. Die Arbeiterklasse muss diese Ziele des Regimes sehen und ihm hier möglichst mit absoluter Geschlossenheit entgegentreten. Die sozialdemokratische Führung der deutschen Arbeiterschaft hat deshalb die eine Aufgabe, die arbeitenden Massen unter ihren Zielen zu sammeln und ferner eine historische aussenpolitische Aufgabe, die Regierungen Europas zu der Ueberzeugung zu bringen, dass es die sozialdemokratische deutsche Arbeiterschaft ist, welche nach Hitlers Sturz im Reiche zu politischer Macht kommen wird. Ein Kaufmann, der nie Sozialdemokrat war, äusserte: Es ist völlig ausgeschlossen, dass es so noch lange weiter gehen kann. Ich gebe dem Regime höchstens noch 1 1/2 bis 2 Jahre. Aber es würde schon viel eher zu Ende gehen, wenn das Volk einmal frei entscheiden könnte, denn es haben doch alle schrecklich satt. Diese Einschüchterung der Menschen sei doch eines Kulturvolkes nicht würdig. Hitler kennt die Stimmung ganz genau, daher findet nicht einmal mehr eine Wahl nach der bisherigen Nazi- Methode statt, wer weiss, unter welchen Umständen wieder einmal so etwas wie eine Abstimmung durchgeführt wird. A-12Trite 11 folgt Januar in Berlin- selbst auf diese Frage eingegangen ist und man fragt sich: was geht da vor? Natürlich tauchen überall Gerüchte auf. Die einen glauben, dass Hitler krebskrank ist, die anderen, dass die Zahl der Attentatsdrohungen sich so gehäuft habe, dass Hitler es für richtig hielt, eine Antwort darauf zu geben. Wir beschränken uns darauf, zwei Aeusserungen über Hitlers angebliche Krebskrankheit wiederzugeben, eine sachverständige eines Arztes und eine politische, die zu den massenpsychologischen Folgen eines vorzeitigen Todes Hitlers in beachtenswerter Weise Stellung nimmt. Der Arzt, weit und breit der bedeutendste Chirurg, hat mir in längeren medizinischen Ausführungen klar zu machen versucht, dass Hitler zurzeit nicht krebskrank sein könne. Wenn er vor 9 Monaten an einer krebsartigen Geschwulst operiert worden wäre, so könne er jetzt nicht mehr solche Reden halten. Er habe Hitler in Berlin ganz nahe beobachten können und er mache den Eindruck eines gesunden Menschen, keinesfalls den eines Krebskranken. Chirurgische Kollegen in Berlin, die sowohl mit Sauerbruch wie mit dem Hitler behandelnden Arzt gesprochen hätten, versicherten ihm, Hitler habe nur ein sogenanntes" Sängerknötchen" gehabt, wie es bei Sängern, Rednern usw. häufig vorkomme. Natürlich könne sich daraus Krebs entwickeln, wenn es immer wiederkehre, aber es könne auch nach mehreren Operationen gutartig bleiben. Jedenfalls sei es ganz ausgeschlossen, dass eine etwaige Erkrankung Hitlers zur Zeit mit Halskrebs in Verbindung zu bringen sei. Dieser Arzt hat als Chirurg ungeheuere Erfahrungen. Er hat auch unzählige Krebskranke operiert. Nordwestdeutschland: Es ist im Reiche gerade durch die Dementis der Regierung bekannt geworden, dass Hitler am Kehlkopf leidet. In Diskussionen wird nachgerechnet, wann und wie lange und mit welcher Stimme Hitler zuletzt geredet hat. Daran schliessen sich dann lange Betrachtungen über einen eventuellen Tod Hitlers. Die guten Sozialdemokraten sagen, dass es sehr bedauerlich wäre, wenn Hitler aus dem Regime durch den Tod ausschiede, ohne dass er für alle grosse Not und für alle niederträchtigen Handlungen gebüsst hätte. Diese Genossen meinen auch, dass es für die Beurteilung der ganzen mystischen und doch krankhaft brutalen Person Hitlers nötig wäre, dass der Bursche bis zum Schluss des Systems aushalten müsste. Sonst entsteht eine ganz verlogene und verschwommende Legende von diesem sanften Heinrich mit der Seele eines tollen Hundes. A- 11Ein Industrieller meint zum Kriegsproblem:" Ich sehe diese Dinge zunächst als Geschäftsmann an. Wenn ich in eine Sache Geld stecke, dann muss sie sich rentieren. Das kann eine Regierung auch nicht anders machen. Das neue Militär kostet natürlich sehr viel Geld, das leugnet kein vernünftiger Mensch ab. Und wer das Geld da investiert hat, der rechnet damit, dass es sich verzinst. Nun will ich nicht sagen, dass Militärkapital sich nur durch einen erfolgreichen Krieg verzinsen könne. Es gibt auch andere, indirekte Möglichkeiten. Aber die sind natürlich nicht so sichtbar und die können einem Volke auf die Dauer nicht so sichtbar gemacht werden. Wenn aber das ganze Volk für eine Sache täglich Opfer bringen muss, dann werden viele Leute oben der Ansicht sein, dass man die Rentierung auch dem einfachen Volke einmal deutlicher sichtbar machen muss."-" Sie rechnen also doch einmal mit Krieg?"" Es spricht auch vieles dagegen. Als im Jahre 1914 der Krieg begann, war Deutschland und das deutsche Volk in der ganzen Welt doch eigentlich nicht unbeliebt, zum Teil sogar sehr angesehen und geachtet. Unsere Feinde hatten es damals nicht leicht, in wenigen Wochen gegen uns in ihrer Bevölkerung eine kriegerische Hassstimmung zu erzeugen. Und dennoch sind wir unterlegen. Aber heute? Es hiesse doch die Tatsachen verkennen, wenn man nicht zugeben wollte, dass unser Volk, wenigstens unser Staat in der ganzen Welt grimmige Feinde hat, die vieles nie verstehen können, was bei uns sich seit drei Jahren abspielt. Sollte heute Deutschland in einen Krieg verwickelt werden, so werden leider viele Völker mit fanatischer Begeisterung gegen uns in den Krieg ziehen, es wird eine wahre Kreuzzugsstimmung gegen uns herrschen. Und bei uns? Geben wir uns da auch keiner Täuschung hin. Es ist viel Unzufriedenheit und viel heimlicher Hass da, der nur auf den Augenblick wartet. Nicht 10% von dem Vertrauen zum Reich ist heute vorhanden, von dem wir 1914 bis 1918 zu zehren hatten. Zwar weiss ich natürlich, dass die Stimmung der Menschen allein den Krieg nicht entscheidet, aber sie ist doch ein wichtiger Faktor und deshalb glaube ich, dass die Regierung auch manche ernste Bedenken gegen einen Krieg haben wird." Auffällig ist, dass man sich ziemlich allgemein darüber unterhält, was einmal nach Hitler eintreten wird. Man spricht nicht direkt von einer gewaltsamen Beseitigung des" Führers", sondern man tut, als wenn man sich über den natürlichen Abgang" vielleicht in Jahrzehnten!"- unterhalte. Dieses Thema ist sehr beliebt und aktuell, weil viele- aus unbestimmten Gefühlen und Hoffnungen heraus- mit einer Aenderung in absehbarer Zeit rechnen. Dass die Nachfolge Hitlers zum allgemeinen Gesprächsthema geworden ist, geht auch aus anderen Berichten hervor. Es ist aufgefallen, dass Hitler in der letzten Zeit zweimal in einer Rede in Detmold und in der Ansprache an die SA- Männer am 30. Seite 12. vorher A- 13II. Der Terror === 1) Der Terror gegen die Juden " Tag für Tag verlassen die Lügenfabriken der Emigrantenzentralen in Prag, Paris, der Schweiz usw. neue Schauermärchen über Judenverfolgungen im nationalsozialistischen Deutschland, wird die Welt mit Mitteilungen über blutige Bedrückungen und Folterungen der in Deutschland lebenden Juden überschüttet." ( Aufklärungs- und Redner- Informationsmaterial der Reichspropagandaleitung der NSDAP, Lieferung 20) Die" Nürnberger Gesetze" sollten dem Kampf gegen die Juden gesetzliche Grundlagen geben und eigenmächtige Einzelaktionen ausschalten. Inzwischen ist durch die Anfang Dezember 1935 erlassenen Ausführungsbestimmungen etwas klarer geworden, was diese offenbar von Nationalsozialisten formulierten Gesetze eigentlich enthalten. Es handelt sich danach vor allem um folgendes: 1) Den Juden wird die Reichsbürgerschaft nicht gewährt 2) Die Stellung der" Mischlinge" wird präzisiert und ihr allmähliches Verschwinden erzwungen 3) Durch die Eheverbote, den Nachweis der Abstammung und die Bestimmungen über den Geschlechtsverkehr wird die Scheidung zwischen Juden und Deutschblütigen, das Aufgehen der Vierteljuden in den Deutschblütigen und die Verhinderung halbjüdischer Nachkommenschaft bezweckt. Sind auch die Absichten des" Gesetzgebers" klarer geworden das Durcheinander in der Auslegung ist ebenso geblieben, wie die Einzelaktionen in der Praxis. Auslegungsschwierigkeiten ergaben sich z. B. bei dem Verbot, in jüdischen Haushalten eiter weibliche deutschblütige Haus angestellte unter 35 Jahren zu/ beschäftigen( Es erwies sich übrigens als unmöglich, die Hausangestellten aus den jüdischen Haushalten in arischen unterzu 1-14bringen; die Reichsfachgruppe Hausgehilfinnen der Arbeitsfront beschloss, die Entlassenen in Auffanglagern zu konzentrieren und sie unter starker Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit" rassenpolitisch und weltanschaulich" zu erziehen.) Da in jüdischen Haushaltungen teilweise männliche Dienst boten als Ersatz eingestellt wurden, tauchte die Frage auf, ob das erlaubt sei. Es gab in der deutschen Presse eine lange Auseinandersetzung über Sinn und Tendenz der Gesetze, Ausführungsbestimmungen, Erlasse und Kommentare, aber ein amtliches Verbot der Beschäftigung ist bisher nicht ausgesprochen worden. Die Ausführungsbestimmungen regeln nicht die wirtschaftlichen Massnahmen gegen die Juden. In deutschen jüdischen Kreisen fürchtet man, dass diese Massnahmen nur bis nach der Olympiade zurückgestellt worden sind. Schacht hat" gewisse Neuregelungen" angekündigt und Massnahmen" nachgeordneter Stellen" untersagt. Gleichwohl kam es gegen Ende des Jahres zu der Aufsehen erregenden" Uebernahme" der Berlin- SuhlerWaffen- und Fahrzeugwerke Simson& Co. in Suhl durch den thüringischen Reichsstatthalter Sauckel. 970 Die wiederholt verbotenen Einzelaktionen, die Unsicherheit über die gegenwärtige Rechtslage und die künftige Entwicklung, einige Urteile höherer Gerichte u.a. haben zu panikartigen Schleuderverkäufen jüdischer Geschäfte und Unternehmungen geführt, die oft genug nicht nur den Juden, sondern auch der deutschen Wirtschaft schweren Schaden zugefügt haben. Wie wenig die Nürnberger Gesetze die Rechtssicherheit auf diesem Gebiet wiederhergestellt haben- und sei es auch nur eine Sicherheit im Unrecht- ergibt sich schon aus der Berichterstattung der gleichgeschalteten Presse: Das Landgericht Rostock bestätigte die Entscheidung eines Vormundschaftsgerichts, das den Verkauf eines Mündelgrundstücks an einen Juden verweigert hatte. Nach anderen Städten haben nun auch die Kinobesitzer in A- 15Goslar Juden den Besuch ihrer Theater verboten; die Gemeinde Horrweiler in Hessen hat den Juden den Zuzug untersagt; der Berliner Polizeipräsident liess zwei getarnt jüdische Kinos schliessen; in Offenbach wurde wegen" verschmutzter Betriebsräume" eine jüdische Metzgerei geschlossen; Aachen hat den judenfreien Nutzviehmarkt eingeführt; die jüdischen Besitzer eines Warenhauses in Iserlohn wurden mit ihren Frauen in Schutzhaft genommen, weil sie sich wegen der von den Nazis geforderten Schliessung der Lebensmittelabteilung an ihre jüdische Organisation gewandt hatten; das Kaufhaus Barasch in Magdeburg wurde wegen sittlicher Verfehlungen jüdischer Angestellten geschlossen; allen jüdischen Künstlern wurde das Führen von Pseudonymen verboten; Reichspost und Reichsbahn haben die kostenlose Anbringung von Stürmerkästen zugelassen. Der N.S.- Juristenbund hat neuerlich daran erinnert, dass die Vertretung von Nichtariern durch arische Anwälte" stets auf eigene Gefahr" geschehe; die Reichs juristenführung hat die Assozierung mit Juden und Mischlingen untersagt. Trotz amtlicher Meldungen, dass zu " gegebener Zeit" eine gesetzliche Regelung für die Kennzeichnung arischer Geschäfte erfolgen würde, hat das Kammergericht Berlin in zwei Urteilen jüdischen Geschäftsleuten untersagt, das Wort" deutsch" weiter in ihrer Firma zu führen. Ein jüdischer Angestellter wurde nach 14- jähriger Tätigkeit von seiner Firma entlassen, damit diese das Schild" Deutsches Geschäft" führen konnte. Die Widerrufsklage des Entlassenen wurde vom Arbeitsgericht mit der Begründung abgewiesen, dass die Entlassung zum Zwecke der Anbringung des Schildes" Deutsches Geschäft" im Interesse der Erhaltung der Firma liege.. Für den wirtschaftlichen Terror bezeichnend ist auch der nachfolgende Ausschnitt aus dem Kölner Geschäftsanzeiger des " Westdeutschen Beobachters". Auf dem Lageplan sind die jüdischen Geschäfte mit dem Davidstern gekennzeichnet: A- 16ns alte Geschäftssti on und toff NS toffe aße 40 Bitte lefen G 1. Die Großkölnstraße im redaktionellen Teil unserer heutigen Ausgabe: „ Die Großtölnstraße im Wandel der Zeiten" 3579 Marktplatz XX 2 4 6 8 10 Wilh. Leisten 12 11/13 Leimkühler14 16 H. Wisgens 18 15 Gebr. 17 Sinn 19 24 26.10.60 26 28 helm Leisten oẞkölnstraße 12 am Markt Auswahl in Gardinen u. Dekorationen waren- Abteilung ie leiderstoffe Fachgeschäft rtz LNSTR.60 62 Sonntag geöffnet 26.10.68 feiffer straße 70172 en-, Damen- u. Kinder- Kleidung a lebertran für Gesunde u. Kranke. Ltr. 1.55 Kraft- Emulsion Flasche nur 1.25 Medicinal- Drogerie Diepenbrock& Dithmar Aachen, Großkölnstr. 32, Tel. 21105 00:00 220 30 Buntrock Mostards traße 21 Araba- Kaffee 25 23 ☆ 25 25 Martini30 Diepenbrock & Dithmar 32 27 Sommer Anny Fürstweger 34 52 29 36 31 38 Tuchhaus 33 Ortmanns 40 Münzer 42 35 444 Was bietet artiny Diana decker 16.90 ... RM Wer sie sleht, glaubt, daß sie doppelt soviel kostet decke Stepp ,, Loto" für RM SteppIduna" decke für RM Faltenstores, a vollen Grobti Wäsche boson, ....... Me 22.75 Kettendruck„ B 29.75 Alle Decken haben volle Größe, 150/200. Jede Qual. In groß. Ausw. u. fabelhaften Kunstseldenmustern aparte Musteru. volle Farbenzus. lung.. Voll- Voile Anita", farbenfrohe Neuhe Martiniy Mercede Die bel nur von SCHUH- SO Klaucke Nikolaus HERBSTUND WINTERNEUHEITEI für den Knabe für den Heren BESUCHEN SIE UNS AUCH UNVI BINDLICH. WIR ZEIGEN IHNEN! NEUESTEN MODELLE U. BERATEN FACHMANNISCH BEI IHRER WA AM OFFENEN SONNT 46 46 48 Uhrenhaus Nießen Tassistro50 v. d. Heyden 52 54 56 58 Kleinkölnstraße 60 Großkölnstraße 44 St. 60a Und drinnen waltet P. M. Goorts Minoritenstraße A 17Einzelaktionen sind verboten jetzt wird die Bevölkerung " aufgeklärt". Streicher hat am 23. Jan.auf einer Führertagung der HJ erklärt, die Judenfrage sei mit den Nürnberger Gesetzen noch nicht gelöst, es müsse unablässig fortgefahren werden, das Volk über die Judenfrage aufzuklären. Das eingangs zitierte Rednermaterial der NSDAP beklagt sich über" das Verhalten vieler Volksgenossen", das" dieses Treiben der Juden erst ermöglicht oder begünstigt" und fährt fort: " Solange der einzelne Volksgenosse nicht selbst in seinem Tun dem Sinn und Geist dieser Massnahmen( des Staates) gemäss handelt... werden auch die besten Gesetze und Massnahmen immer zu einem Teil wirkungslos bleiben müssen." Ueber die Kampfmittel der NSDAP heisst es im Rednermaterial: " Man kann den Juden nicht mit der Feinheit arischen Seelenadels bekämpfen, da er hierfür kein Verständnis hat. Im gleichen Mass ist selbstverständlich auch das... Mitleid.. auszumerzen." Deshalb versteht man, was gemeint ist, wenn auch das Rednermaterial Aufklärung verlangt: " Die Frage der Bedeutung oder Nichtbedeutung der Stellung des jüdischen Elements in Deutschland findet somit ihre Beantwortung darin, inwieweit eine planmässige Erziehung und Aufklärung des Volkes... schon fortgeschritten ist." Die nachstehenden Berichte über die Wirkungen dieser nationalsozialistischen Aufklärungsarbeit sind nicht ganz einheitlich. Immerhin stimmt die Mehrzahl in der Feststellung überein, dass zwar die Methoden Streichers allgemeine Ablehnung erfahren, dass aber doch die antisemitische Propaganda nicht ohne Einfluss auf die Einstellung der Bevölkerung zu den Juden bleibt. Dass es eine" Judenfrage" gibt, ist allgemeine Auffassung. Sachsen, 1. Bericht: Von seiten der Partei wird aber die Judenhetze nach wie vor mit höchster Energie und Gehässigkeit fortgesetzt. Die Behörden und die Schulen sind in der gleichen Richtung unermüdlich tätig und eine Stelle sucht die andere mit immer neuen judenfeindlichen Einfällen zu übertrumpfen, um damit ihre Tüchtigkeit nach oben darzutun. Es wird aber auch berichtet, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung heute schon von der Richtigkeit der nationalsozialistischen Rassenlehre überzeugt ist und ihre 89 A- 18'Anwendung auf das deutsche Volk für eine geschichtliche Notwendigkeit hält, so bedauerlich die harten Folgen für den jüdischen und arischen Einzelmensch en leider auch seien. 2. Bericht: Der Antisemitismus hat zweifellos in breiten Kreisen des Volkes Wurzel gefasst. Wenn die Leute trotzdem beim Juden kaufen, dann tun sie es nicht, um den Juden zu helfen, sondern um die Nazis zu ärgern. Die allgemeine antisemitische Psychose wirkt auch auf denkende Menschen, auch auf unsere Genossen. Alle sind entschiedene Gegner der Ausschreitungen, man ist aber dafür, dass die jüdische Vormachtstellung ein für alle Mal gebrochen und den Juden ein bestimmtes Betätigungsfeld zugewiesen wird. Streicher wird überall abgelehnt, aber im Grunde gibt man doch Hitler zum grossen Teil recht, dass er die Juden aus den wichtigsten Positionen herausdrängt. Die Arbeiter sagen: in der Republik und auch in der Partei sind die Juden gross geworden. 3. Bericht: Die Meinung der Bevölkerung zur Judenfrage ist: dass die Juden zwar in Zukunft in Deutschland leben dürfen, dass sie aber keine führenden Staatsstellungen mehr einnehmen sollen. Das deutsche Volk soll von Deutschen regiert werden. Bei der Haltung der Juden in der Arbeiterbewegung dagegen ist es etwas anderes. Dagegen, dass auch Juden in der Arbeiterbewegung führende Stellen einnehmen, hat man nichts. Der Jude ist schliesslich auch Mensch. Mit dem Judenboykott. ist der grösste Teil der Bevölkerung nicht einverstanden und die Nazis haben das auch selbst eingesehen und diese Form der Judenbekämpfung jetzt eingestellt. 4. Bericht: Die meisten Menschen bezeichnen die Judengesetze als Unsinn. Das Mitleid mit den Juden ist viel häufiger als die Zustimmung zu den Gesetzen anzutreffen. In den breiten Volksschichten hat der Antisemitismus keine Wurzeln gefasst, vielleicht gerade, weil man in Leipzig mehr als in anderen Städten Juden als Arbeitgeber erlebt und keine schlechten Erinnerungen daran hat. Die Leute beginnen zu merken, was mit dem Antisemitismus beabsichtigt wird. Eine bürgerliche Lehrerin sah sich den schwedischen Antisemitenfilm an und meinte:" Wenn man sich aller Züge einzelner mieser Oberlehrer erinnert und diese Züge zusammensetzt und verallgemeinert, kann man den Oberlehrer genau so anprangern wie den Juden." Das kritische Nachdenken über den Rassenwahn nimmt sichtbar zu. Mitteldeutschland: Ein jüdischer Geschäftsreisender berichtet: Bei meinen vielen Reisen sind mir noch keine Schwierigkeiten gemacht worden. Die Bevölkerung beteiligt sich an den Hetzereien entweder überhaupt nicht oder nur dem Zwang gehorchend. Auch die Geschäftsleute stehen dem Judenboykott innerlich ablehnend gegenüber. Dafür einige Beispiele: In X. betrat ich mit einigen jüdischen Freunden ein Hotel. A- 19Wir wurden freundlichst empfangen und nach unseren Wünschen gefragt. Wir antworteten, dass wir frühstücken wollen, wir hätten aber leider das Schild" Juden nicht erwünscht" übersehen und bitten deshalb vielmals um Entschuldigung." Aber bitte meine Herren, lassen Sie sich nicht beirren, das Schild hat gar nichts zu sagen, wir müssen es ja heraushängen", bekamen wir zur Antwort. Wir verliessen natürlich das Lokal.. In Y. ging ich in ein bekanntes Restaurant. Ich bestellte ein Glas Bier und die Speisekarte. Plötzlich entdeckte ich das ominöse Schild:" Juden nicht erwünscht". Ich rief sofort den Kellner, bat höflichst um Entschuldigung, dass ich das Schild übersehen hätte. Der Ober, sichtlich erstaunt, erklärte, dass das Schild gar nichts zu sagen hätte, ich könnte ruhig hier verkehren, sie könnten ja gar nicht anders. Ich erklärte jedoch, dass für mich das Schild schon massgebend ist, bezahlte mein Glas Bier und verliess das Lokal. Solche Sachen habe ich schon öfters erlebt. Auch eingeschworene Nationalsozialisten richten sich oft nicht nach der Parteilosung. Schlesien, 1. Bericht: Die Judenhetze wird weiterbetrieben, aber ohne besonderen Erfolg in der Bevölkerung. Nur die lautesten Nazi schreier halten sich an die Aufforderung, nicht beim Juden zu kaufen. Es gibt Leute, die den Stürmerkasten sich ansehen und dann in ein jüdisches Geschäft kaufen gehen. 2. Bericht: Neben einem grösseren Steinbruch in X. ist eine Schankwirtschaft, deren Besitzerin Jüdin ist. Fast die ganze Belegschaft verkehrt hier. Vor kurzem hat der Vertrauensmann der Fachschaft" Steine und Erde" einen Anschlag angebracht, der den Verkehr in diesem Lokal untersagt. Die Arbeiterschaft geht trotzdem hin, da sie einmütig auf dem Standpunkt steht, dass das ihre Privatsache ist. Bayern: Der Kampf gegen Juden und Katholiken hat wieder nachgelassen. Hier ist die Meinung der Leute auch sehr verschieden. Es gibt nicht wenige, die, obwohl keine Nationalsozialisten, dennoch in gewissen Grenzen damit einverstanden sind, dass man den Juden die Rechte beschneidet, sie vom deutschen Volke trennt. Diese Meinung vertreten auch sehr viele Sozialisten. Sie sind zwar nicht mit den harten Methoden einverstanden, die die Nazis anwenden, aber sie sagen doch: " Dem Grossteil der Juden schadet's nicht." Hessen: Die Bevölkerung dieses Landstrichs ist nicht antisemitisch. Allerdings muss man bedenken, dass in Süddeutschland die Juden von altersher eine andere Stellung einnahmen als in anderen Landesteilen. Dort gibt es auch keine Diskussion unter den Arbeitern über die Stellung der Juden in der Politik. Im allgemeinen sind allerdings die Leute so verroht, dass sie das menschlich- niedrige des Antisemitismus A- 40nicht empfinden. Nur die bürgerlichen Kreise, die über eine geistige Tradition verfügen, machen davon eine Ausnahme. Berlin, 1.Bericht: Auch die Judenhetze bleibt nicht ohne Einfluss auf die Volksmeinung. Ganz langsam werden da Anschauungen hineinfiltriert, die früher abgelehnt wurden. Zunächst liest man den" Stürmer" nur aus Neugier, dann aber bleibt schliesslich doch etwas hängen. Gleichwohl muss man sagen: es spricht viel für das deutsche Volk, dass trotz der jahrelangen Judenhetze es überhaupt noch möglich ist, dass Juden in Deutschland leben können. Wenn nicht das deutsche Volk von Natur aus gutartig wäre, müsste die Propaganda dahin geführt haben, dass die Juden einfach auf der Strasse totgeschlagen würden. 2. Bericht: Im allgemeinen kann man sagen, dass die Rassenfrage als Weltanschauungsfrage sich nicht durchgesetzt hat. Der" Stürmer" wird von niemandem ernst genommen. Gewisse psychologische Wirkungen hat die Judenhetze allerdings gehabt, aber nicht allein für die Juden nachteilige. Es gibt auch Fälle, in denen die Juden unter den Gebildeten als Märtyrer erscheinen, so dass neben dem allgemeinen Antisemitismus hie und da sich Ansätze für einen deutlichen Philosemitismus zeigen. Dabei muss man berücksichtigen, dass der Antisemitismus im ganzen unter den Intellektuellen nicht mehr aktuell ist; einerseits weil die Polemik gegen die Juden zu grobschlächtig und plump ist, und dann, weil der Antisemitismus überhaupt eine zu wenig problemreiche Sache ist, als dass sie länger die Aufmerksamkeit und das Interesse der Intellektuellen beanspruchen könnte. 3. Bericht: Ich habe den Eindruck, dass der Höhepunkt des Antisemitismus erreicht ist. Gewiss kannes noch zu weiteren gesetzgeberischen Massnahmen in Ausführung der Nürnberger Gesetze kommen, aber der reine Radau- Antisemitismus hat seinen Höhepunkt überschritten. Wenn man bedenkt, dass das Volk trotz jahrelanger Judenhetze auch heute noch diese Hetze nur in seinem kleinen Teil mitmacht, dass die meisten sogar den Judenboykott selbst boykottieren, dann muss man geradezu Achtung davor haben, wie wenig die antisemitischen Parolen im Volke verfangen haben. Andererseits muss man bedenken, dass das deutsche Volk innerlich immer antisemitisch gewesen ist. Dieser gemässigte Antisemitismus hat auch heute noch Boden in den Kreisen, die den Radau- Antisemitismus ablehnen. Die Deutschnationalen z.B., die zum Regime in Opposition stehen, lehnen zwar den Antisemitismus des" Stürmers" ab, haben aber im Grunde gegen die Nürnberger Rassengesetze nichts einzuwenden. Wenn man mit ihnen über die Judenfrage spricht, dann halten sie eine" Lösung" dieser Frage ebenfalls für nötig, wenn auch mit anderen Methoden, als die Nazis sie anwenden. Ganz allgemein kann man feststellen, dass es dié Nationalsozialisten, tatsächlich fertiggebracht haben, A- 21die Kluft zwischen dem Volk und den Juden zu vertiefen. Das Empfinden dafür, dass die Juden eine andere Rasse sind, ist heute allgemein. Inwieweit in den Kreisen der Nationalsozialisten selbst die antisemitischen Auschreitungen verurteilt werden, lässt sich schwer feststellen. Es ist bei dieser Frage ebenso, wie bei allen anderen. Die radikalen Schreier geben den Ton an und die Ruhigen merkt man nicht. Sie trauen sich unter den heutigen Umständen wohl auch kaum, etwas zu sagen. Immerhin kann man auch heute noch von jüdischen Aerzten hören, dass sich nach wie vor Pgs. von ihnen behandeln lassen. Ueber die Terroraktionen gegen die Juden liegen. u.a. nachstehende Berichte vor. Sie zeigen insbesondere, dass der wirtschaftliche Terror durch Einzelaktionen unvermindert fortgesetzt wird. Südwestdeutschland, 1.Bericht: In Frankfurt/ Main hängt an jedem arischen Geschäft das Plakat" Deutsches Geschäft" mit dem Hakenkreuz. Darüber ist jetzt bei einem Viertel aller Geschäfte eine andere Tafel angebracht, auf der in nachgeahmter hebräischer Schrift steht:" Juden sind hier unerwünscht". Bei Woolworth steht ausserdem eine Tafel:" Dieses Geschäft ist ein rein arisches Unternehmen". In den jüdischen Kreisen ist die Stimmung ausserordentlich niedergedrückt und pessimistisch. Man hat sich innerlich vollständig darauf eingestellt, dass man in Deutschland eine minderwertige Rasse ist und zieht sich freiwillig in ein Ghetto zurück, auch wo man es gar nicht nötig hat. Man geht in kein Café und Theater, auch wenn man gar nicht jüdisch aussieht. Es wird nie anders werden, sagen die Juden. Alles ist in eine völlige Dumpfheit und Hoffnungslosigkeit verfallen. Es wird überhaupt nicht mehr über etwas anderes gesprochen als darüber, ob der und der Volljude oder Mischling ist, ob man drin bleiben oder herausgehen solle, ob die und die Heirat noch möglich ist oder nicht. Es ist erschreckend, mit anzusehen, wie früher lebenslustige junge Leute überhaupt keinen anderen Gesprächsstoff mehr kennen. Diese Abgeschlossenheit der Juden und der Nichtarier hat merkwürdige Folgen. So gibt es z. B. einen Verband christlicher Nichtarier, der eine wirkliche Daseinsberechtigung hat. Denn bei den Ariern haben diese Leute nichts zu suchen, zu den Juden wollen sie nicht gehen, weil sie Christen sind. Infolgedessen hat dieser Verband die Aufgabe, die einfachsten gesellschaftlichen Beziehungen( gemeinsame Ausflüge, gemeinsames Turnen usw.) herzustellen. Politisch nimmt er eine katastrophale Haltung ein und wenn diese Leute in die NSDAP eintreten könnten, würden sie es mit Wonne tun. Die Einzelaktionen haben nach den Nürnberger Gesetzen aufgehört. Aber man rechnet damit, dass der Juden terror nur mit Rücksicht auf die Olympiade vorübergehend gemildert sei und 1-22dass auch die Nürnberger Gesetze nach der Olympiade in voller Schärfe durchgeführt worden, insbesondere der Wirtschaftsboykott. Der Verkauf von Geschäften, die Versteigerung von Wohnungseinrichtungen usw. hat etwas nachgelassen, ist aber immer noch sehr gross. Die in den Nürnberger Gesetzen vorgesehene Genehmigung bei Ehen mit Nichtariern mit Ariern wird praktisch nicht erteilt. Es werden Schwierigkeiten über Schwierigkeiten gemacht. Ein jüdischer Buchhändler erzählt, dass er dauernd Zuschriften von der Schrifttumskammer erhielt, in denen man ihn zur Aufgabe seines Geschäftes veranlassen wollte. Anfang dieses Jahres hiess es in einer solchen Zuschrift etwa:" Da Juden nicht in der Lage sind, deutsches Kulturgut zu verwalten, bitten wir um baldigste Mitteilung, wann Sie Ihr Geschäft zu liquidieren gedenken." Schon 1935 hat man ihm die Buchhändlerkarte abgenommen. Jetzt haben die jüdischen Buchhändler gemeinsame Schritte unternommen, um diese Frage zu klären. Aber insgeheim kaufen nach wie vor alle in jüdischen Buchhandlungen und dieser Buchhändler liefert sogar an staatliche Stellen, nur darf das eben niemand wissen. Ein nicht unbekannter halbjüdischer Schriftsteller, dessen Bücher bisher noch in Deutschland erlaubt waren, hat vor kurzem von der Schrifttumskammer die Mitteilung bekommen, dass sein neues Buch in Deutschland verboten ist. 2. Bericht: Die Judenhetze in X. begann damit, dass grosse Stürmerkästen ausgehängt wurden. Die SA musste jede Woche in geschlossenen Zügen hinmarschieren und dann wurde die neue Zeitung ausgehängt. Am 24. September wurde ein Volkssturm inszeniert. Abends um halb neun Uhr wurden SA., HJ und Jungvolk vor dem Haus des Antiquitäten- Händlers Levi zusammengezogen. Sie riefen:" Der Jude muss raus"," er muss nach Kisslau"," Hängt ihn auf"! Schliesslich kletterten zwei SA-Leute über das Tor. Das war der richtige Augenblick für die Gestapo, einzugreifen. Der Jude wurde ins Gefängnis gebracht, den brüllenden Volksgenossen sagte man, er komme nach Kisslau. Er spazierte aber kurze Zeit darauf wieder in X. herum, denn schliesslich hat er ja doch kein Geld, um seine Haftkosten zu bezahlen. In der nächsten Nacht wurde auf dem Marktplatz ein Galgen erstellt und ein Strohmann, der Levi ähnelte, darangehängt. Diese Aktion hat den Leut chen aber mehr Feinde zugezogen als Freunde geschafft. Ueberall wurde diese Aktion auf das Schärfste missbilligt. 3. Bericht: Die bei den Reichsbehörden in X., Post-, Telegraph-, Zoll-, Justiz- und Reichsbank, noch im Dienstbefindlichen jüdischen Kriegsbeschädigten erhielten in den ersten Tagen des November ein Schreiben ihrer vorgesetzten Behörde, dass sie mit sofortiger Wirkung beurlaubt sind. Eine Begründung wurde nicht gegeben. In der Stadt Eppingen in Baden verstarb eine jüdische A- 23.Witwe. Die Nazi- Partei verbot dem Totengräber, das Grab auszuheben. Jüdische Bürger schaufelten daraufhin selbst das Grab. Die Partei verbot nun den Leichenträgern die Beisetzungshilfe. Auf Beschwerde beim Ministerium wurde die Beerdigung der Leiche, die mehrere Tage über die zulässige Zeit hinaus stand, für eine andere Gemeinde angeordnet. Trotz des Verbots der Einzelaktionen werden in einzelnen Städten, auch da durchaus nicht einheitlich, die Geschäftsund Lokalinhaber gezwungen, anti- jüdische Plakate auszuhängen. Im Weigerungsfalle erfolgen zum Teil Arretierungen und ganz allgemein werden die Geschäfte boykottiert. Das gleiche Vorgehen kann auch in kleinen Landgemeinden festgestellt werden. Die Firmenschilder der Aerzte haben durch sanften Druck der Partei eine Verzierung insofern erhalten, als durch besonders grelle Aufmachung in roter Schrift die Worte" Arischer Arzt" angebracht werden mussten. Der jüdische Viehhändler Lehmann in Speyer, Kriegsbeschädigter, einstmals geachtet und angesehen, wurde trotz seiner 59 Jahre schimpflich misshandelt. Seine beiden Söhne, 17 und 18 Jahre wurden bei jeder Gelegenheit als Reklame juden durch die Strassen von Speyer geschleppt. Dabei mussten sie sich als Schänder arischer Mädchen, Volksverräter und anderes mehr bezeichnen lassen. Um dieser Erniedrigung zu entgehen, flüchteten die beiden Söhne nach Frankreich. Vater und Tochter bekamen aber keine Ruhe. Mit Pflastersteinen wurde das Geschäft Lehmanns in einen Trümmerhaufen verwandelt. In der dritten Novemberwoche wurde Lehmann verboten, weiter als Viehhändler tätig zu sein. Das hat er nicht überlebt.Er erlitt einen Herzschlag und wurde am 22. 11. beerdigt. 4. Bericht: Der grosse Warenhauskonzern Kander in Mannheim beschäftigt in drei Häusern über 1.200 Angestellte. Der Betriebsführer Levinski darf ab 1. Oktober den Betrieb nicht mehr betreten. Er bekam zunächst 8 Tage Hausarrest. In dieser Zeit wurde die Geschäftsführung abgesetzt und allen jüdischen Angestellten gekündigt. Nach 14 Tagen prangte ein. neues Firmenschild mit der Aufschrift" Anker" am Hause und über den Türen las man:" Dieses Geschäft ist rein arisch." Am 1. November wurde auch der Inhaber des Kaufhauses Rothschild in Mannheim gezwungen, aus dem Geschäft auszuscheiden. Man geht besonders gegen die kleinen jüdischen Gewerbetreibenden, vor allem gegen die Metzger, rücksichtslos vor.. Man stellt den Leuten bei den Schlachttagen einfach kein Vieh zur Verfügung oder nur schlechtes, zum Verkauf nicht verwendbares. So sahen sich am 1. November drei alte eingesessene Metzgerfamilien, Paul Hamburger, Otto Mannheimer und Fritz Schott gezwungen, ihre Geschäfte zu schliessen. Arische Geschäftsleute: Bäcker, Metzger, Milchhändler werden gezwungen, nicht mehr an Juden zu liefern. Man erklärt diesen Geschäftsleuten, dass die christliche Kundschaft vor der Ladentür abgefangen würde, wenn sie noch weiterhin an Juden Waren verabreichen. Was wollten diese kleinen Geschäftsleute A- 24machen? Sie baten die Juden, dass sie ihrer eigenen Sicherheit wegen das Geschäft nicht mehr besuchen mögen. Auch Wirte haben vielfach darunter zu leiden, dass durch Bekanntgabe in der Arbeitsfront, SA und SS den Leuten verboten wird, diese und jene Wirtschaft zu besuchen, da dort Juden verkehren oder aber der betreffende Wirt Marxist sei. 5. Bericht: In Mannheim fand im Oktober ein Schulungskurs sämtlicher städtischer Angestellten, Beamten und Arbeiter statt. Thema: Die Judenfrage. Den Leuten wurde erklärt, dass jeder entlassen wird, dem man nachweisen kann, dass er oder seine Frau in einem jüdischen Geschäft gekauft hat. Die NS- Frauenschaft hat ebenfalls in einer ihrer Versammlungen festgelegt, dass nicht in Warenhäusern gekauft werden dürfe, auch wenn der Inhaber arisch ist, weil diese Warenhäuser noch mit jüdischem Kapital arbeiten. Die Mitglieder der NS- Frauenschaft wurden verpflichtet, ihre Brosche zu tragen, damit jede erkenntlich ist, falls sie in einem solchen Geschäft kaufen sollte. Bei der Firma X. war schon seit vielen Jahren der Jude Y. als Werkzeug- und Härtekontrolleur beschäftigt, eine sehr tüchtige Kraft. Dieser Jude wurde nach dem Umbruch 33 von dem eingesetzten Kreisamtsleiter des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes aus dem Verband ausgeschlossen. Man war aber so nobel, ihm verschiedene Jahresbeiträge zurückzuzahlen. Gleichzeitig wurde auch damals von der Direktion die Entlassung verlangt. Die Direktion lehnte das ab, da sie diesen tüchtigen Arbeiter nicht entbehren könne. Im September 1935 wurde erneut Antrag auf Entlassung gestellt. Nachdem sich die Direktion wiederum ablehnend verhielt, trat man persönlich an den jüdischen Arbeiter heran: er solle freiwillig aufhören, andernfalls die Betriebszelle keine Garantie übernehme, dass er eines Tages den Betrieb nicht mehr lebend verlasse. Daraufhin ist der Mann" freiwillig" ausgeschieden. 6. Bericht: Die Judenhetze wird zum grossen Teil von oben kommandiert und die unteren Instanzen müssen die Sache einfach mitmachen, obgleich sie ihnen oft selbst gegen den Strich geht. So wurde in X. eines Tages auf Veranlassung des Kreisleiters eine Tafel auf dem Marktplatz aufgestellt: " Juden laufen hier auf eigene Gefahr". Als sich daraufhin ein jüdischer Einwohner, der mit dem Ortsgruppenleiter der NSDAP gut bekannt ist, bei diesem darüber erkundigte, antwortete der Ortsgruppenleiter:" Ich habe doch die Tafel nicht aufgestellt, das können Sie sich doch denken. Aber was soll ich denn machen, wenn die Anweisung von oben kommt." 7. Bericht: Ein sozialdemokratischer jüdischer Arzt berichtet: Ich habe seit 1930 eine ärztliche Praxis in Ketsch bei Schwetzingen i.Baden ausgeübt. Ketsch ist ein kleiner Ort mit 3.600 Einwohnern, der früher eine sozialdemokratisch A- 25kommunistische Mehrheit hatte. 1933 wurde mir als Nichtarier die Kassenpraxis entzogen und einige Zeit hindurch wurde in der Presse zum Boykott gegen mich aufgerufen. Die Beamten, die meine Patienten waren, wurden in der Presse mit Namen genannt und verwarnt; den Kleingewerbetreibenden wurde von der NS- Hago mit Ausschluss gedroht usw. Als Nachfolger wurde vom Aerztebund ein Dr. Schmidt aus Thüringen in die Praxis gesetzt. Mir selbst wurde durch das Treiben der Nazis zunächst jede ärztliche Betätigung unmöglich gemacht. Nachdem ich eine Nebenbeschäftigung verloren hatte, war ich eine Zeit hindurch Fürsorge empfänger. Im September 1934 wurde ich auf das Arbeitsamt Schwetzingen geladen, wo man von mir einen formellen Verzicht auf die Praxis verlangte, anderenfalls die Unterstützung gesperrt werden sollte. Inzwischen stellte sich aber heraus, dass mein Nachfolger Dr. Schmidt den Anforderungen, die an einen Landarzt gestellt werden, in keiner Weise gewachsen war. Von allen Kreisen der Bevölkerung, sogar von Nationalsozialisten wie dem Ortsgruppenleiter und Bürgermeister wurde ich zur Wiederaufnahme meiner Praxis aufgefordert. Als ich mich dann endlich entschloss, durch eine kleine Anzeige in der Schwetzinger Zeitung die Wiederaufnahme meiner Privatpraxis anzukündigen, setzte ein wahnsinniges Kesseltreiben des Dr. Schmidt gegen mich ein. Er verband sich dazu mit dem Amtswalter für Presse und Propaganda der NSDAP, einem" Märzgefallenen", Emil Stratthaus, der abgebauter Bankbeamter war und den ich selbst Monate lang in meinem Hause aufgenommen hatte. Wir waren dann mit Krach auseinandergegangen und schon Ende 1932 drohte er mir mit einer Anzeige wegen Verstoss gegen 218. Der zweite Verbündete des Dr. Schmidt war der Vertrauensmann des" Stürmers", ein Pg. Ludwig Lacher aus Schwetzingen, der wegen Kopfschuss 100% ig kriegsbeschädigt ist und unter der Vormundschaft des Bezirksfürsorgeamtes Mannheim- Land steht. Als dritter Bundesgenosse gehörte der SA- Mann Müller dazu, der als Ortsgruppenleiter in Heppenheim abgesetzt wurde und auch aus Dühren bei Sinsheim wegen hoher Schulden verschwinden musste. Diese vier brachten es im Verein mit dem Gendarmeriewachtmeister Siefert im November 1934 schliesslich dahin, dass auf eine Denunziation an die Staatsanwaltschaft gegen mich Haftbefehl erlassen wurde. Nach 8 Tagen wurde ich jedoch wieder freigelassen. Aber am 4. Januar 1935 kam ich erneut in Untersuchungshaft, weil wegen Vergehens gegen 218 in 16 Fällen gegen mich Anzeige erhoben war. Alle diese Fälle wurden in der Voruntersuchung bis auf einen Fall entkräftet und in diesem einen Fall handelte es sich um eine Frau, deren Mann geisteskrank ist. Wegen dieses einen Falles erging ein Strafbefehl über 3 Monate Gefängnis, in den anderen Fällen wurde die Anklage niedergeschlagen. Diese 3 Monate habe ich im Landesgefängnis Mannheim abgesessen. Am Tage meiner Entlassung wurde mir eröffnet, dass ein neuer Haftbefehl gegen mich erlassen worden sei. Einen der 16 Fälle, die schon einmal untersucht worden waren, hatte A- 26man wieder aufgegriffen und ich wurde der Bekämpfung der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik und des Versuchs der Nötigung einer wegen einer Schwangerschaft bei mir in Behandlung befindlichen Frau angeklagt. Schon wenige Tage darauf fand vor der Grossen Strafkammer in Mannheim die Verhandlung statt, die mit einem Freispruch endete. Bei meiner Rückkehr nach Ketsch brachte mir die Bevölkerung einen überaus herzlichen Empfang dar. Meine ganze Wohnung war voller Blumen und auf der Strasse hatten sich trotz strömenden Regens 150 bis 200 Menschen eingefunden, die mir Bravo- und Hochrufe darbrachten. Als ich am nächsten Tag wieder meine Praxis aufnahm, kamen Patienten aus allen Kreisen der Bevölkerung zu mir, sogar Arbeiter, obgleich ich doch keine Kassenpraxis mehr ausüben durfte, und selbst NSDAP- Mitglieder gehörten zu meinen Patienten. Jetzt versuchte Dr. Schmidt, mich mit anderen Mitteln loszuwerden. Schon bald nach meiner Rückkehr versuchte eines Tages ein Trupp Mannheimer SA, der schon in Speyer einen Volksauflauf inszeniert hatte, auch vor meiner Wohnung zu demonstrieren. Aber ich war zufällig nicht zu Hause. Im Juli 1935 teilte dann der Kreisbauernführer Treiber aus Plankstadt unserem Ortsbauernführer brieflich mit, dass allen Bauern, die weiterhin zu dem jüdischen Arzt Dr. St. gehen würden, 10 Hektar am Tabak- Kontingent abgezogen werden würden. Aber auch das half nichts und auf meinen Einspruch wurde von der Regierung in Karlsruhe sogar anerkannt, dass sich hier der Kreisbauernführer einen unzulässigen Uebergriff erlaubt habe. Eines Tages, es war der 31. Juli, kam ich abends gegen 10 Uhr von einem späten Krankenbesuch nach Hause und ging. noch in das gegenüberliegende Lokal. Nachdem ich dort einige Zeit gesessen hatte, kamen 26 SA- Leute aus Schwetzingen, Plankstadt und Bühl in das Lokal und versuchten dort, gegen mich zu demonstrieren. Ich musste schliesslich das Lokal verlassen, worauf die SA- Leute ihre Demonstration vor meiner Wohnung fortsetzten. Es wurde gerufen:" Raus mit dem Juden Stern"," Raus mit dem Rassenschänder"( Meine Frau ist Arierin). Aus Ketsch selbst hat nur ein Mann, der schon erwähnte SA- Mann Müller, an dieser Demonstration teilgenommen. Die übrige Bevölkerung dagegen war einmütig gegen diese Methoden. Ich floh nach Heidelberg, wurde aber dort gewarnt, dass man mich weiter suche, so dass ich es schliesslich, nachdem ich nach Monaten in Berlin eine neue Warnung erhielt vorzog, ins Ausland zu gehen. Bayern, 1.Bericht: Die Judenverfolgung ist hier sehr schlimm geworden. Wiederholt sind Juden in Gastwirtschaften angepöbelt und beschimpft worden. Die Juden trauen sich nicht mehr auf die Strasse. Man merkt ihnen an, dass sie sehr verängstigt sind. Gastwirtschaften, die den Juden Zutritt in ihr Lokal gewährten, wurden mit Boykott bestraft. A- 272. Bericht: Die Judenverfolgungen nehmen immer schärfere Formen an. SA in Zivil kontrolliert die Geschäfte und in kleineren Ortschaften getraut sich die Bevölkerung überhaupt nicht mehr, bei Juden einzukaufen, weil sie annimmt, dass sie Gefahr läuft, auf die" Schwarzen Listen" gesetzt zu werden, die die SA sammelt und die dann in Zeitungen veröffentlicht werden sollen. Dann ist aber auch festzustellen, dass die Hetze gegen die Juden tatsächlich einen gewissen Erfolg im Volke hat: man will mit dem Juden nichts mehr zu tun haben. In der Dienstbotenfrage hat sich ergeben, dass in München hunderte von Gesuchen der betroffenen Mädchen eingereicht wurden, worin sie zum Ausdruck bringen, dass sie gern weiterhin bei ihrem jüdischen Dienstgeber bleiben möchten, da sie infolge ihrer langen Dienstzeit bei Juden, in christlichen Familien sehr schwer unterkommen können. Die Juden sind jetzt bestrebt, ihre Geschäfte zu verkaufen und sich ganz zurückzuziehen. Sie verkehren nur in jüdischen Lokalen und meiden.es vielfach, auf die Strasse zu gehen, wenn sie nicht dazu gezwungen sind. 3. Bericht: In der Gartenstadt von Nürnberg hat man drei jüdische Köpfe als Karrikaturen in gemein- ordinärer Art hingestellt mit dem Text:" Juden betreten auf eigene Gefahr die Gartenstadt!" Juden werden in Nürnberg, Fürth usw. in den Friseurläden nicht mehr bedient, in vielen Lokalen erhalten sie weder zu essen noch zu trinken, man verweigert Reparaturarbeiten für sie. Wer noch halbwegs Mensch ist, empfindet das selbst als schwere Schmach und schämt sich, weil so etwas in Deutschland möglich ist. Noch dazu in Nürnberg- Fürth, wo man einiges von dem Privatleben Streichers weiss. 4. Bericht: Jetzt kommt man mit der Judenhetze auch in das Grenzgebiet, wo man bisher zurückhaltender war. In Eschenbach( Oberpfalz) wurde am Ortseingang die Tafel aufgestellt: " Jedermann ist uns willkommen, nur der Jud ist ausgenommen!" In Tirschenreuth müssen jetzt die seit urdenklichen Zeiten bestehenden Bierzeigl der Kommunebrauer verschwinden, weil sie dem Davidstern gleichen. Rheinland: Das Kaufhaus Joseph in Eschweiler war eins der bestgehenden Geschäfte. Mit der steigenden Not mehrte sich der Kundenkreis. Das rief den Zorn der arischen Geschäftsleute wach und gemeinsam mit der NSDAP entfesselten sie ein Kesseltreiben. Die Käufer wurden fotografiert, aber die Arbeiter kauften nach wie vor. Darauf veranstaltete man Versammlungen vor dem Geschäft, so dass niemand das Geschäft betreten konnte. Die Wände wurden bemalt, die Schaufenster mit Unrat beschmiert, so dass von den Auslagen nichts zu sehen war. Ein neuer Anstrich des Hauses war in wenigen Tagen wieder total beschädigt. Die Polizei sah dem Treiben tatenlos zu. Schliesslich machte man sogar ein Begräbnis für Joseph, A- 28Indem man eine Puppe im Sarge herumtrug und eine Leichenrede hielt. Diese Vorgänge wurden gefilmt. Als eine Beschwerde des Einzelhandels nichts nützte, ging eine Beschwerde an den Minister des Innern, unter Nennung der Namen der Uebeltäter. Die mit der Beschwerde entsandte Kommission von drei Mann kam unverrichteter Dinge zurück. Da wurde die Sache dem Joseph zu bunt; er nahm alles Bargeld zusammen und floh mit seiner Familie ins Ausland. Darauf wurden Steckbriefe erlassen und die vier Flüchtlinge an Abwesenheit wegen Vergehens gegen das Reichsfluchtsteuergesetz zu 1 Jahr bezw. lo Monaten Gefängnis und zu 35.000,- bezw. 17.000,- RMark Geldstrafe verurteilt. In M.- Gladbach wollte das Herrenartikel- Geschäft von Unger einen Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe veranstalten. Darauf stellte man SS und SA vor das Geschäft und es wurde niemand hineingelassen. Die Polizei stand dabei und sagte nichts.Es entstand ein riesiger Menschenauflauf. Das ging so tagelang. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: In einer nordwestdeutschen Mittelstadt hatte ein jüdischer Zahnarzt eine Praxis, die sich noch um die Mitte des Jahres 1935 herum des grössten Zuspruchs erfreute. Die Bevölkerung reagierte nicht auf die Parole des Judenboykotts und selbst" die Damen der Gesellschaft" wie die Frau des Bürgermeisters, des Landrats usw. liessen sich von ihm behandeln. Das änderte sich im Herbst und wurde nach der Verkündung der Nürnberger Judengesetze immer schlimmer. Es wurden SA- Posten vor das Haus, das Eigentum des Zahnarztes war, gestellt, die die Patienten anhielten und sie mit Fragen, wie:" Wissen Sie nicht, dass dieser Zahnarzt ein Jude ist?" vom Besuch dieses Zahnarztes abhielten. Das Verfahren hatte Erfolg, denn die Menschen liessen sich einschüchtern und nur ganz Tapfere wagten es noch, in dunklen Abendstunden zu diesem Zahnarzt zu gehen. Schliesslich kam es so weit, dass der Zahnarzt Schritte zum Verkauf des Hauses und seiner Wohnungseinrichtung tun musste. Das war jedoch leichter gesagt als getan, denn keine Zeitung war zur Aufnahme entsprechender Inserate bereit. Nur durch" mündliche Ueberlieferung" wurde es möglich, Käufer zu finden. Bis jetzt hat er aber noch keine Möglichkeit gefunden, mit dem Erlös ins Ausland zu gehen. 2.Bericht: In einer westfälischen Stadt von 30.000 Einwohnern setzten unmittelbar nach dem Parteitag pogromartige Angriffe gegen die Juden ein. Schaufenster jüdischer Geschäfte und Fenster der Privatwohnungen wurden mit Kot beschmiert und eingeworfen. In mehreren Fällen wurde nachts bei jüdischen Familien geschellt und auf die Frage, wer da sein geantwortet, ein verfolgter jüdischer Flüchtling bitte um Enterkunft. Dabei wurde beobachtet, dass sich in den Türrahmen und Ecken. SA- Leute postiert hatten, in der Hoffnung, mit dem" Flüchtling" in die Wohnung eindringen zu können. In keinem Fall ist das A- 29 Manöver gelungen. Die um Unterkunft Gefragten verwiesen die Bittsteller an die Polizei. Einem jüdischen Arzt, Kriegsteilnehmer und Inhaber des Eisernen Kreuzes I.Kl. hat man verboten, ein Taxi für seine Krankenbesuche zu benutzen. Ausserdem wurde ihm eine Hypothek bei der Sparkasse entgegen den Kündigungsfristen innerhalb acht Tagen gekündigt, um seine Besitzung zu ruinieren. Wasserkante, 1.Bericht: Ein Arzt aus X., früher Chefarzt eines Krankenhauses, Jude, Kriegsteilnehmer, hat uns Einblick in zwei Dutzend Briefe von arischen Patienten gewährt, die ihm nach dem Erlass der Judengesetze mitteilen, dass sie bedauern, ihn nicht mehr konsultieren zu können und ihm für seine bisherige Hilfe danken. Die Briefe sind teils so klagend gehalten, dass der Arzt die Patienten getröstet hat. Ein SA- Mann wurde aus der SA ausgeschlossen, weil er den ihm persönlich bekannten Arzt weiter besucht hat. Er ist pensionierter Beamter und erhielt jetzt die Streichung seiner Pension angekündigt, falls er auf den privaten Verkehr mit dem jüdischen Arzt nicht verzichte. Ein Polizeibeamter, dessen schwerkrankes Kind in der Behandlung jenes Arztes ist, wurde mit der Entlassung bedroht, falls er die Behandlung nicht einem arischen Arzt überlässt. Der Beamte, der grosses Vertrauen zu dem jüdischen Arzt hat, erklärte, dass ihm an der Gesundheit seines Kindes mehr läge als an seiner Stellung. Die Behörde hat ihm darauf erklärt, er könne die Behandlung doch nicht bezahlen und die Beamtenkasse würde einem Juden kein Geld überweisen. Wenn der Arzt das Kind kostenlos behandele, würde sich die Behörde damit abfinden. Der Arzt behandelt jetzt das Kind des Beamten kostenlos. 3. Bericht: Im Haushalt des Direktors X. waren zwei arische Dienstmädchen beschäftigt, von denen die eine Hausangestellte seit 19 Jahren ununterbrochen in dieser Stellung war. Auf keinen Fall wollte das Mädchen aus dem Hause und versuchte alles Mögliche, um bleiben zu können. Gesuche und persönlich vorgebrachte Bitten des Mädchens bei den Behörden hatten keinen Erfolg. Zuletzt wollte es den jüdischen Glauben annehmen, um in der Stellung bleiben zu können. Das wurde von den Behörden untersagt. Es durfte nicht bleiben und ging weinend aus dem Hause. Das zweite Mädchen, welches 7 Jahre in der Stellung war, wollte auch nicht gehen. Es blieb ihm nichts übrig, als arbeitslos zu werden, denn eine neue Stellung war trotz aller eifrigen Versuche nicht zu finden. Das Mädchen kommt nun noch täglich, um sich satt zu essen, zu seiner alten jüdischen Herrschaft ins Haus, die beide Mädchen gegen die grösste Not unterstützt. 4. Bericht: In einer Strasse Hamburgs hatten SA-Leute Aufschriften angemalt wie:" Hängt die Juden, stellt den Stahlhelm an die Wand". Strassenfeger mussten unter Polizeiauf A-30.sicht die Aufschriften wieder beseitigen. Das Hamburger Warenhaus Tietz, jetzt Alsterhaus, hat kürzlich die letzten 40 jüdischen Angestellten entlassen. Berlin, 1.Bericht: Die Ausführungsverordnungen zu den Nürnberger Judengesetzen haben gewisse Milderungen gebracht. Obwohl Frick kurz vorher angekündigt hatte, dass diese Verordnungen auch wirtschaftliche Einschränkungen gegen die Juden bringen würden, ist bis jetzt davon nicht die Rede. Im Gegenteil kann eine Vorschrift so ausgelegt werden, dass man auf diesem Gebiete mindestens sehr vorsichtig zu Werke gehen will.- Die deutschen Gerichte sind in der Wahrnehmung jüdischer Interessen im allgemeinen ziemlich objektiv. Bei Zwangsversteigerungen z. B., bei denen dem richterlichen Ermessen ein ziemlich weiter Spielraum gelassen ist, zeigte sich das wiederholt deutlich. Auch gewisse Spannungen zwischen den einzelnen Wirtschaftsgliederungen und der NSDAP und ihren Nebenorganisationen wie etwa der Arbeitsfront, wirken sich oft zugunsten der Juden aus. Wenn etwa die Arbeitsfront einen judenfeindlichen Vorstoss macht, dann machen sich manche Wirtschaftsorganisationen ein Vergnügen daraus, ihn abzubiegen. So ein Kleinkrieg spielt sich z. B. zurzeit zwischen der Fachgruppe der Grundstücks- und Hypothekenmakler und der Arbeitsfront wegen der Tätigkeit nichtarischer Grundstücksmakler ab. 2.Bericht: Im Kampf gegen die Juden sind in letzter Zeit keine weiteren Exzesse zu verzeichnen. In Berlin, wo dieser Kampf nie ganz so schlimme Formen angenommen hat wie in anderen Landesteilen, ist es jetzt ganz still darüber geworden. In jüdischen Geschäften wird nach wie vor lebhaft gekauft. Es gibt viele Leute, die es sich geradezu zum Prinzip machen, in jüdischen Geschäften und insbesondere in Warenhäusern zu kaufen. Mitteldeutschland: Der Landesverkehrsverband Harz, als zuständige Organisation für den Fremdenverkehr, hat folgende Anordnung, welche die Unterschrift des Vorsitzenden, des Ministerpräsidenten Klagges- Braunschweig, trägt, an die in Frage kommenden Stellen gegeben: 1.Die Anweisung des zuständigen politischen Leiters der NSDAP ist in jeder Beziehung, daher auch in der Judenfrage, zu befolgen und zu unterstützen, insbesondere auch die Entschliessung bekanntzugeben, dass Juden in den betreffenden Orten unerwünscht sind. 2. Jede Propaganda irgendwelcher Art von jüdischen Hotels, Gaststätten und Fremdenheimen ist nicht zu dulden. 3. Die Aufnahme von Inseraten jüdischer Häuser in Werbeschriften oder Wohnungsanzeigen ist grundsätzlich abzulehnen. Hierunter fallen die in letzter Zeit besonders stark in Anspruch genommenen Zeilenanzeigen in Wohnungsnachweisen. A- 87Ich werde veranlassen, dass jedem Prospekt und Wohnungsnachweis die Genehmigung zur Herausgabe versagt wird, falls dem nationalsozialistischen Wollen zuwidergehandelt werden sollte. Darüber hinaus wird die Verteilung durch die Reisebüros unterbunden. 4. Den verantwortlichen Leitern der Kurverwaltungen mache ich es zur Pflicht, die in ihrem Orte erscheinenden Haus prospekte in erwähntem Sinne zu überprüfen. Sachsen, 1. Bericht: In Dresden wurden nachstehende Flugblätter verbreitet: Die Juden sind Kinder des Teufels Pech und Schwefel, wo soll ich meine Brut unterbringen, wenn alle Welt weiss, woher sie kommen Vor dem jüdischen Kaufhaus Steinhart in Dresden- Löbtau, einem ausgesprochenen Arbeiterviertel, fuhr ein Kraftwagen vor, von dem aus Zivilisten die Käufer fotografierten. Die Menge vor dem Kaufhaus wuchs plötzlich stark an, und immer mehr Käufer gingen trotz des Fotografierens ins Geschäft. Das Gedränge um den Kraftwagen wurde so stark und die Bemer A- 32kungen so deutlich, dass die Nazis es mit der Angst zu tun bekamen und wegfuhren. Jetzt fotografieren sie vom 2. Stock des gegenüberliegenden Konsumvereinsgebäudes. Die Bevölkerung lacht und winkt zum Fenster hinauf und geht ins jüdische Warenhaus. In Dresden dürfen Juden kein Handwerk mehr erlernen. Eine rein arische, aber jüdisch aussehende Frau aus Leipzig wurde dort auf offener Strasse angespuckt und als Judenschwein beschimpft. Als sie sich das verbat und die Polizei in Anspruch nahm, konnte diese keine Täter finden. Ihr wurde auf der Polizeiwache gesagt, sie müsse erst einmal nachweisen, dass sie tatsächlich arischer Abstammung sei. Vor den jüdischen Geschäften stehen immer noch SA-Leute in Zivil, um Winterhilfsempfänger festzustellen, die bei Juden kaufen. Werden sie erkannt, dann wird ihnen die Winterhilfe entzogen! 2. Bericht: Das jüdische Kaufhaus Ludwig Bach in Dresden- A. Wettinerstrasse ist seit dem 1. Dezember 1935" arischer Abstammung" geworden und heisst jetzt Kaufhaus Winkelmann. In Dresden wurde im November 1935 folgendes vervielfältigtes Flugblatt verbreitet: Duld nicht, dass der Jude sich Deutscher nennt, Sonst ist's mit dem deutschen Ruf am Ende. Hat der Jude des Rechtes Pflege, Gehn die Christen schlimme Wege. Wer will die Juden bekehren? es ist zum Lachen Wer will aus Wölfen Lämmer machen? Wenn Judenblut sich mit anderem mischt, So wird der Jude aufgefrischt. Der Jude schmeichelt, der Jude heuchelt. Pfui! über das Weib, das solchem anhängt. Wo die Juden angeben den" feinen Ton", Ihr Ehre, Scham und Vernunft entflohn. Wer seinen Freund bei Juden sucht, der sei verachtet und verflucht. Die Juden sind auf der Menschheit Rücken Was auf dem Hund- Floh, Wanz und Mücken. Wo die Juden gut bei Hofe stehn, da ist's um Bürger und Bauer geschehen. Ein Judenfreund ist kein Menschenfreund, Es sei denn, dass er beides in Dummheit vereint. Juden trug und Judenplag Währen bis zum jüngsten Tag. A- 33Die Judenpest zieht von Land zu Land, Macht blühenden Acker zu dürrem Sand. Zum Juden talent bringt's Jedermann, der nur keinen Fetzen Gewissen han. 3. Bericht: Im jüdischen Kaufhaus Schocken, Freiberg, war an einigen Tagen der zweiten Dezemberwoche der Andrang so. stark, dass die Käufer nur truppweise eingelassen werden konnten. Dort gibt es nämlich zeitweilig Butter und es wird niemand danach gefragt, ob er ständiger Kunde ist oder nicht. Um etwas zu ergattern, wird auch das Parteiabzeichen dabei abgelegt, damit es nicht so auffällt. 4. Bericht: Leipziger Schulkindern ist von Lehrern gesagt worden, sie sollen sich die Nase zuhalten, wenn sie auf der Strasse Juden begegnen, denn die Juden stinken fürchterlich. Ich kenne einen Fall, in dem man die arische Braut eines Juden auf mehrere Wochen ins Arbeitshaus gesteckt hat. Der Bräutigam, der die polnische Staatsangehörigkeit besitzt, wurde mehrmals verhaftet und dann ausgewiesen. Vor dem Kaufhaus Schocken in Chemnitz stand ein 18 jähriger SA- Mann, der alle Käufer, die zu Schocken gingen, photographiert. Ein etwa 45 Jahre alter Herr, versetzte daraufhin dem SA- Mann eine Ohrfeige. Nicht lange darauf war Polizei zur Stelle, die den SA-Mann nach einem Berechtigungsschein zum photographieren fragte. Da er diesen nicht vorweisen konnte, musste er die Platte herausnehmen und vernichten. Dem älteren Herrn ist nichts geschehen. Anfang November besuchten drei junge Burschen die SchockenFiliale in Auerbach i.V. Beim Verlassen des Geschäfts wurden sie von SA-Leuten belästigt. Zwei flüchteten mit dem Rad, der dritte, ein Taubstummer, blieb stehen. Die SA- Leute stürzten sich auf ihn und als er keine Antwort gab, wurde er geschlagen. Erst als ein hinzukommender Schutzmann auf das Taub stummenabzeichen am Rad hinwies, liessen die Nazis von ihm ab. 5. Bericht: In Zittau wurden die Schaufenster eines jüdischen Konfektionshauses eingeschlagen. Einer jüdischen Firma, die schon 76 Jahre in Zittau besteht, wurde der Gewerbeschein entzogen. Einige Juden, die nicht reichsdeutsche Staatsangehörige waren, wurden ohne jeden Grund ausgewiesen. Schlesien, 1.Bericht: In allen Orten des Riesengebirges werden Stürmerkästen angebracht, manche bis 1 1/2 Meter gross. In Agnetendorf bei Schreiberhau wurde am Dorfeingang ein grosses Schild mit einem SA- Mann aufgestellt, der den Arm hebt. Auf dem Schild steht:" Jude halt, kehrt marsch!" Der jüdische Grosskonfektionär Dresel, Görlitz, war wegen Rassenschande angeklagt, wurde jedoch freigesprochen. Er ist in Krummhübel, wo er sich von den ausgestandenen Strapazen 4. erholen wollte, erneut von SA-Leuten verhaftet und nach Breslau ins Untersuchungsgefängnis gebracht worden. Dort ist er plötzlich verstorben. Es war ein Mann von 54 Jahren, kerngesund; man nimmt allgemein an, dass Dresel den erlittener Verletzungen erlegen ist. Seiner Frau hat man streng verboten, über die Verhaftung und den Tod des Mannes zu sprechen, da sie sonst wegen Verbreitung von Greuelnachrichten verhaftet würde. Das Geschäft in Görlitz ist zertrümmert und musste geschlossen werden. 2. Bericht: An die Mädchen, die ihre jüdischen Dienststellen verlassen mussten, machen sich neuerdings wiederholt Gestapobeamte heran. Sie erkundigen sich eingehend, ob sich der Dienst herr wirklich und ganz bestimmt nicht an seiner Angestellten" vergriffen" habe. Dabei werden Suggestivfragen etwa folgender Art gestellt:" Aber mal um die Schulter gefasst hat er Sie doch, nicht wahr? Da wäre ja weiter nichts dabei." Fällt so ein Mädchen darauf herein und sagt in ihrer Verängstigung einmal" Ja" statt" Nein", so wird sie sofort beim Wort genommen und es werden ihr," wenn sie nicht endlich die Wahrheit sage", schwere Strafen angedroht. Es ist mir nicht bekannt, ob auf diese Verhöre hin schon Verhaftungen jüdischer Dienstherren erfolgt sind. Ich weiss nur, dass die Mädchen auch nicht in Ruhe gelassen werden, wenn der Arbeitgeber, dessen Haus sie verlassen mussten, schon das stattliche Alter von 80 Jahren erreicht hat. Hier bieten sich natürlich auch für böswillige Haus angestellte, die vielleicht in Unfrieden geschieden sind oder aus irgend einem anderen Grunde Rachegefühle hegen oder einen Nazi bräutigam haben, herrliche Gelegenheiten, dem ehemaligen jüdischen Dienstherren eins auszuwischen. Wir ergänzen diese Berichte durch eine Uebersicht über die Massnahmen gegen" Rassenschänder", die in Ausführung der NürnDerger Gesetze durchgeführt wurden. Seit Mitte Oktober haben sich u.a. folgende Fälle ereignet: Hamburg, 15.10.35: Wegen Rassenschändung wurde der 30 jährige Jude Siegmund Biedermann verhaftet. Berlin, 16. 1o. 35: Wegen rassenschänderischen Beziehungen. wurde eine weibliche Angehörige der Reichsfachschaft Film aus der Fachschaft ausgeschlossen. Leipzig, 21.10.35: Das Polizeipräsidium hat die Bilder von 24 Juden öffentlich ausgehängt, die mit deutschen Mädchen rassenschänderischen Verkehr gehabt haben. Aachen, 29.10.35: Der Jude Salomon wurde verhaftet und angeklagt, weil er mit der arischen Näherin Chr.Maassen in einem Hotel übernachtete. A- MTraunstein, 1.11.35: Der 31 jährige Jude Samuel Leberecht aus Mainz wurde wegen Unzucht zu 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. Mannheim, 3.11.35: Der jüdische Rasseschänder Alfred Fabian wurde verhaftet. Hamburg, 7.11,35: Der Jude Sme chow wurde wegen versuchter Rassenschande zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Köln, 7.11.35: Dr. Krüger unterhielt seit 1932 intime Beziehungen zu einer Arierin und wurde wegen Rassenschande zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Freisenheim, 11.11.35: Der Synagogenratsvorsteher Hugo Greilsheimer wurde wegen des rassenschänderischen Verhältnisses zu seinem Hausmädchen von der Gestapo in Schutzhaft ge1 nommen. Pfalz, 20.11.35: Marthe Nemo, die ein Freundschaftsverhältnis mit einem jüdischen Kollegen hatte, wurde wegen Rassenschande verhaftet. Dürkheim, 20.11.35: Der 66 jährige Jude Hermann Baum wurde auf Aussage eines 15jährigen Mädchens, er habe sie küssen. wollen, zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Aachen, 28.11.35: Der Jude Max Salomon wurde wegen Rassenschande zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Frankfurt, 4.12.35: Ein arischer Angeklagter wurde wegen Rasseschändung zu 1 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Jüdin wurde in Schutzhaft genommen. Kiel, 12.12.35: Das Schwurgericht verurteilte einen 46jährigen jüdischen Angeklagten aus Osnabrück wegen Rassenschande zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust. Berlin, 17.12.35: Ein 43- jähriger jüdischer Angeklagter wurde vom Landgericht wegen Rassenschande zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Er kannte die Arierin seit 5 Jahren, lebte seit 1 Jahr gemeinsam mit ihr, sie hatten ein neun Monate altes Kind. Magdeburg, 18.12.35: Drei weitere jüdische Angestellte des Kaufhauses Barasch Dessen, Masting und Trespe- wurden wegen Rassenschande festgenommen. Mannheim, 20.12.35: Der 45jährige Felix Mendelsohn aus Frankfurt a.M. wurde wegen Rassenschande zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. A-36.Berlin, 21.12. 35: Das Landgericht verurteilte einen 29 jährigen jüdischen Angeklagten wegen Rassenschande zu 1 1/2 Jahren Gefängnis. Berlin, 28.12.35: Ein 38 jähriger arischer Angeklagter wurde vom Landgericht wegen Rassenschande zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Er war nach Erlass der Nürnberger Gesetze aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, unterhielt aber noch verbotene Beziehungen zu der Jüdin. Leipzig, 28.12.35: Der 42jährige Jude Max Herz wurde wegen Rassenschande zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Berlin, 2.1.36: Das Berliner Landgericht verurteilte einen 29 jährigen Arier wegen Rassenschande zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis. Er lebte seit 2 Jahren mit einer Jüdin zusammen. Lampertheim, 8.1.36: Der jüdische Zigarrenfabrikant Th.Süss wurde unter der Beschuldigung, 1932 einen Notzuchtversuch begangen zu haben, verhaftet. Bad Dürkheim, 11.1.36: Der Jude Kirchheimer aus Friedelsheim wurde wegen Rassenschande verhaftet und nach Dachau überführt. Nürnberg, 17.1.36: Der Jude G. Weinschenk, Mannheim wurde wegen Rassenschande zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Von einer Zuchthausstrafe wurde abgesehen, da Mann und Frau sich seit 7 Jahren kennen und die Absicht hatten, auszuwandern. München, 25.1.36: Das Landgericht I verurteilte einen 21jährigen arischen Angeklagten wegen intimer Beziehungen zu einer 38jährigen Jüdin zu 7 Monaten Gefängnis. 2) Der Terror gegen die illegale Bewegung a) Massenverhaftungen Die Aktionen des Regimes gegen die organisierte und unorganisierte Opposition haben einen nie dagewesenen Umfang angenommen. Mehr denn je schreitet die Gestapo wahllos zu Massenverhaftungen in der Hoffnung, dabei auch den einen oder anderen illegal Tätigen zu fassen und offenbar auch zu dem Zweck, allgemein Angst und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiten. Aber auch die Methoden der Bespitzelung sind umso A 37 mehr ausgebaut und verfeinert worden, je weniger die Bevölkerung bereit ist, freiwillig Spitzelarbeit zu leisten. Die Folge ist eine Hochflut politischer Prozesse, zum Teil mit hunderten von Angeklagten. Die Weltöffentlichkeit ist abgestumpft gegen den politischen Terror im Dritten Reich. Die Tatsache, dass auch heute, 1936, genau noch so wie Anfang 1933, willkürlich verhaftet wird, Geständnisse erpresst, Gefangene gefoltert und gemordet werden, wird nicht zur Kenntnis genommen. Im Schutze dieser Teilnahmlosigkeit steigert sich der Terror gegen die Illegalen. Eine besondere Art der Vorbereitung der kommenden Vertrauensratswahlen sind die willkürlichen Verhaftungen von ehemaligen freigewerkschaftlichen Funktionären. Uns ist aus fast allen Teilen Deutschlands berichtet worden, dass zahlreiche bekannte Freigewerkschaftler( deren Namen wir selbstverständlich nicht nennen können) seit Mitte Januar natürlich ohne Angabe von Gründen verhaftet sind. Offenbar fürchtet das System ihren Einfluss auf die Arbeiterschaft. COP Ueber die fortlaufenden Verhaftungen in den Reihen der illegalen Bewegung wird uns mitgeteilt:. Bayern, 1.Bericht: Die gegen die Opposition im November einsetzende Verhaftungswelle dauert noch an. Mitte Dezember wurden in München wieder eine Reihe von Kommunisten verhaftet, es scheint sich um zentralere Gruppen zu handeln. Darüber hinaus aber wird drauflosverhaftet. Die Verhaftungen von ehemaligen Sozialdemokraten setzen nie aus. In den letzten 2 Monaten wurden, soweit wir ermitteln konnten, an die 250 Sozialdemokraten und Antifaschisten verhaftet, die aber grösstenteils wieder freigelassen wurden. 2. Bericht: Von Schönwald, Rehau und Nürnberg sind seit Anfang Juni 1935 eine Reihe ehemaliger Sozialdemokraten wegen angeblich illegaler Arbeit in Untersuchungshaft. Demnächst soll ein Hochverrat sprozess vor dem Münchener Obersten Landesgericht steigen, in den diese Genossen mit verwickelt sein sollen. Rheinland: Im Westen sind in den letzten Monaten viele hunderte Sozialdemokraten verhaftet worden. Manche sitzen bereits über ein halbes Jahr im Gefängnis, ohne dass man ihnen etwas nachweisen und den Prozess machen kann. Das System hat sie aus Angst verhaftet. Allein in Düsseldorf A- 38sitzen etwa 800 politische Gefangene in Untersuchungshaft. Sie sind nur verdächtig, aber sie werden festgehalten, weil sie früher einmal Funktionäre waren. Die Gestapo hat offenbar den Auftrag, diese Methode anzuwenden, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Nordwestdeutschland: Seit Monaten geht eine unheimliche Terrorwelle durch das Land. Es handelt sich um eine bewusst und gewollt von der Regierung eingeleitete allgemeine Verfolgung der Antifaschisten. Wir müssen feststellen, dass die Aktion, nach aussen absichtlich abgedeckt, in viel grösserem Masse gegen die Sozialdemokraten durchgeführt wird, als gegen Juden, Katholiken, Stahlhelm und Kommunisten. Zu vielen Hunderten sind Sozialdemokraten vom. Rhein bis Hannover und von Hamburg bis Bielefeld in die Gefängnisse geschleppt worden. Die Behandlung ist unterschiedlich, aber vielfach von blutigem Terror begleitet. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um wahllose Verhaftungen, in den wenigsten Fällen um die Aushebung illegaler Organisationsgruppen. Eine strenge Ueberwachung aller Sozialdemokraten wird in vielen Orten des Westens durchgeführt. Die illegale Arbeit wird aber trotz grösster Gefahr weiter durchgeführt. Was diese Hingabe für die politische Ueberzeugung unter solchen Umständen bedeutet, kann überhaupt nicht hoch genug gewürdigt werden. In diesen Wochen war es bei den Aussprachen, besonders aber beim Abschiednehmen, wenn es wieder zurück über die Grenze ging, eine geradezu herzzerreissende Tragik. Ein Genosse bekam während einer Konferenz die Mitteilung, dass in der Familie Verhaftungen erfolgt seien. Sofort reiste er mit der Erklärung ab:" Dann haben sie meinen alten Vater. Der hält es schwer aus, aber ich kann 5 Jahre vertragen. Ich muss sofort zurück. Wenn ich hopps gehe, meldet sich X.Y. als mein Nachfolger." Kein Gedanke kommt dem Genossen, nun etwa draussen bleiben zu wollen.- Ein anderer kommt mit grosser Verspätung und entschuldigt sich:" Ich werde wie ein Verbrecher überwacht. Da bin ich des Nachts weg, habe mir im Nachbarort ein Rad geliehen und bin bis dicht an die Grenze gefahren, dort erwartet mich ein Genosse. Um sechs Uhr muss ich zurück sein, aber ich wollte Euch nicht sitzen lassen. Für den Fall meiner Verhaftung habe ich die Arbeit bereits neu organisiert."- Ein Dritter sagt:" Es ist wie im März April 1933. Wir werden stark überwacht, aber man muss es ja immer wieder wagen." Sachsen, 1.Bericht: In Dresden sind erneut Verhaftungen grösseren Umfanges durchgeführt worden. Wahllos sind Leute, die unserer Partei angehört oder nahegestanden haben, festgenommen worden. Zum Teil hat man sie nach kurzer Zeit wieder entlassen, zum Teil aber auch in Haft behalten. Illegale Funktionäre sind davon nicht betroffen worden. Weiter sind aber auch eine ganze Reihe von Bürgerlichen und Katholiken verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenburg einge A-39liefert worden. 2.Bericht: In Dresden sind Ende 1935 auf Grund von Anzeigen junger Kommunisten, die zur SA gegangen waren( vielleicht sind es auch SA-Leute gewesen, die früher zu Spitzelzwecken bei den Kommunisten waren) eine ganze Anzahl früherer Jungbannerleute verhaftet worden, weil sie vor dem Umsturz sich verabredet haben sollen, den SA-Leuten eins auszuwischen. In Sachsenburg wurden in der letzten Zeit zur Unterbringung der vielen neuen Verhafteten Baracken gebaut. 3. Bericht: Ueberall erfolgen in grossem Massstabe Verhaftungen. In Schönau, Einsiedel, Glösa, Siegmar, Chemnitz, Wittgensdorf wurden ehemalige Anhänger der SPD, SAP, KPD serien weise verhaftet, auch Frauen und Familienväter sind darunter. Ein Verhör erfolgte anscheinend meist überhaupt nicht. Man hat ohne positive Anhaltspunkte und ohne nachweisbare Ursachen verhaftet. Die Gestapo will offenbar die Bevölkerung einschüchtern als Gegenwirkung gegen die schwelende Unzufriedenheit in den Betrieben. Die Behandlung der Gefangenen ist nach wie vor sehr roh und gemein. In Hilbersdorf hat der Arbeiter Lippoldt in der Haft Selbstmord durch Erhängen begangen, in der Bevölkerung spricht man jedoch von einem Polizeimord. 4. Bericht: In der ersten Oktoberwoche sind in Zwickau viele Verhaftungen vorgenommen worden. Darunter befinden sich auch ehemals führende Sozialdemokraten. Auch in Oschatz und in Riesa sind zahlreiche Verhaftungen erfolgt. Die Verhaftungen erfolgten planlos. Die meisten Festgenommenen wurden in das Konzentrationslager Sachsenburg eingeliefert. Fast jede Woche erfolgen weitere Verhaftungen. 5. Bericht: Aus dem Vogtland und dem oberen Erzgebirge wird übereinstimmend gemeldet, dass unter den früheren Mitgliedern sozialdemokratischer, kommunistischer und anderer marxistischer Organisationen von neuem zahlreiche Verhaftungen vorgenommen worden sind. In Georgenthal bei Klingenthal ist der frühere Vorsitzende der kommunistischen Ortsgruppe mit verhaftet worden, obwohl ihm irgend eine politische und illegale Arbeit nicht vorgeworfen werden kann. Der Fall beweist wie unzählige andere, dass man wahllos verhaftet. Leuten, die nach Verbüssung ihrer Gefängnis- oder Zuchthausstrafe wegen illegaler Arbeit entlassen werden, wird auf den Polizei ämtern ganz offen gesagt, dass man ihnen misstraut und dass sie damit rechnen müssen, in kürzester Frist ins Konzentrationslager zu kommen. So will man sich davor sichern, dass sie sich erneut illegal betätigen. Die verhafteten Marxisten wurden nach Zwickau oder dem alten Konzentrationslager Osterstein gebracht. In der Umgebung von Auerbach wurden 31 Verhaftungen vorgenommen, in Falkenstein allein 14. Darunter sind in erster Linie solche A- 40.Sozialdemokraten und Kommunisten, die seit 1933 bereits einmal in Schutzhaft oder im Konzentrationslager gewesen sind. Aus dem Vogtlande wurden auch Verhaftungen von Frauen und Mädchen mitgeteilt, darunter von solchen, die man allgemein für unentwegte Nazi- Frauen gehalten hatte. Besonders zahlreiche Verhaftungen sind vorgekommen in Rodewisch, Auerbach i.V., Mylau, Netzschkau, Reichenbach 1.V..Auch in Chemnitz sind zahlreiche Verhaftungen erfolgt, besonders unter denen, die schon einmal in Schutzhaft waren oder aus Strafanstalten entlassen worden sind. Mitunter werden Entlassene auch sofort wieder verhaftet. In Greiz sind im Oktober/ November abermals rund 150 Personen verhaftet worden. 6. Bericht: In Leipzig nehmen die Verhaftungen und Verhöre wochenlang kein Ende. In manchen Stadtteilen werden die früheren SPD- Funktionäre systematisch verhört, besonders wenn es sich die Polizei in den Kopf gesetzt hat, Eigentum und Bildungseinrichtungen ganzer Ortsgruppen, die man in Sicherheit gebracht hatte, noch aufzustöbern. Der frühere Polizeipräsident von Leipzig, Genosse Heinrich Fleissner, ist am 12. Dezember unter der Anschuldigung verhaftet wor, den, dass er Verbindung mit Emigranten halte. Aus der Umgebung von Chemnitz sind Verhaftungen in Harthau, Burkhardtsdorf, Einsiedel, Thalheim und aus dem ganzen Erzgebirge zu verzeichnen. In Falkenstein sind Anfang Dezember erneut 8 Mann verhaftet worden. Neue Verhaftungen sind auch in anderen Orten des Vogtlandes zu verzeichnen, so in Rautenkranz, Klingenthal, Walthersdorf, Netzschkau. In Zöblitz, Ansprung, Rothental und Rübenau sind sogar an den Weihnachtsfeiertagen Verhaftungen erfolgt. b) Die Behandlung der Gefangenen Südwestdeutschland, 1. Bericht: Ueber die Zustände im Landesgefängnis Mannheim berichtet ein Arzt, der dort mehrere Monate inhaftiert war: Die Verpflegung war geradezu miserabel. Als das Gemüse- Spinat und gelbe Rüben- nicht mehr zu beschaffen war, gab es zweimal in der Woche Brennesseln mit Kartoffeln. Dann gab es jeden Sonntag Abend die sogenannte Kaiser- Wilhelm- Gedächtnis- Suppe, die aus den Brotresten der Woche hergestellt wurde. Im übrigen war die Verpflegung folgendermassen geregelt: Um 6 Uhr morgens gab es einen dünnen Kaffee mit trockenem Brot, um 12 Uhr einen A- 47Schlag Suppe( wir nannen sie" die eingebildete Suppe", da sie einen mit keinem Auge ansah) und dazu Kartoffeln und Kraut oder etwas ähnliches Zusammengekochtes. Um 18 Uhr gab es dann die sogenannte Abendmahlzeit. Diese bestand Sonntags, Dienstags, Donnerstags und Samstags aus Suppe. Es gab kein Brot dazu, sondern wer etwas Brot dazu essen wollte, musste es sich vom Morgen aufheben. An den anderen Tagen gab es z. B. Griessbrei mit Zimmt oder etwas ähnliches. Zweimal in der Woche und zwar Donnerstags und Sonnabends gab es je 50 Gramm Fleisch. Die Gefangenen, die länger als 6 Monate da waren, erhielten auch Dienstags Fleisch. Dabei wurde aber die Untersuchungshaft nicht eingerechnet. Die Verpflegung war so schlecht, dass man sich die Tatsache, dass die Gefangenen dabei nicht vor Entkräftung zugrunde gegangen sind, nur damit erklären kann, dass im Mannheimer Landesgefängnis im Gegensatz zu den preussischen Gefängnissen, die Pritschen über Tag nicht angeschlossen zu werden brauchten, so dass die Gefangenen viel liegen konnten. Die Disziplin war sehr streng. Ein Wort während des täglichen halbstündigen Spaziergangs genügte, um einen zum Strafarrest in die Strafzelle 149 zu bringen. Diese Zelle war ein sehr dunkler Raum, der schwarz angestrichen war, in der der Staub nur so herumwirbelte und in der die Strafgefangenen noch dadurch gestraft wurden, dass die Abendkost nur aus Wasser und Brot bestand. Unter den Gefängnisbeamten tat sich vor allem der Oberaufseher Schneider, eine wahre Lakaienseele, als Denunziant hervor. Die allgemeinen hygienischen Verhältnisse im Gefängnis wa ren nicht schlecht, weil in den Zellen Aborte mit Wasserspülung waren. Umso schlechter war die ärztliche Betreuung. Sie wurde ausgeübt von dem Gefängnisarzt Medizinalrat Götzmann. Wenn Götzmann das Wartezimmer betrat, mussten die Gefangenen in Reih und Glied stehen, die Kopfbedeckung in der rechten Hand und dann schritt er förmlich die Front ab. Die Untersuchung gestaltete sich so, dass er, ohne den Gefangenen auch nur zu Wort kommen zu lassen, ihn regelmässig anfuhr:" Das hat meine Grossmutter auch schon gehabt"-" Ich weiss schon, Sie kriegen Aspirin!" Er sah sich den einzelnen Menschen überhaupt nicht an. Unter unseren Mitgefangenen war ein junger Mann, der wegen einer Idiosynkrasie keinen Fisch vertragen konnte. Er kam aus einen preussischen Gefängnis zu uns. Aber während dort auf seine Veranlagung Rücksicht genommen wurde, half ihm hier gar nichts. Der Unterschied im Essen zwischen dem preussischen und dem Mannheimer Gefängnis war übrigens so gross, dass dieser Mann in den ersten drei Tagen bei uns das Essen nicht anrührte. Es wurde im Gefängnis sehr darauf gesehen, dass nicht geschlagen wurde, trotzdem habe ich zwei Fusstritte bekommen. Die Vermeidung von Tätlichkeiten hängt allerdings wohl auch damit zusammen, dass vor 3 Jahren einmal der Aufseher Meier von einem Gefangenen über das Geländer eines Zellenganges in die Tiefe gestossen wurde und daran starb. A-422.Bericht: Das Konzentrationslager Kisslau hat wie alle anderen Lager eine strenge" Lagerordnung". Ihre wichtigsten Bestimmungen lauten: 1.) Jeder Häftling hat sich den Anordnungen der Hauspolizei ohne Widerrede zu fügen. Jede Gehorsamsverweigerung wird mit Arrest bei Hartlager und Kostentzug bestraft. 2.) Wer bei politischen Diskussionen von der Hauspolizei angetroffen wird, die auf staatsfeindliche Einstellung schliessen lassen, wird sofort abgeführt und hat strengste gerichtliche Aburteilung zu erwarten. 3.) Wer sich den Hausordnungen in irgendeiner Weise verstösst, hat strengste Bestrafung zu erwarten. Beschwerden über die Behandlung der Häftlinge bleiben unbeachtet, da den Beamten der Hauspolizei unbedingt strenge Zuchtausübung erlaubt ist. 4.) Wer flüchtet, oder auch nur den Anschein eines Fluchtversuchs erweckt, wird ohne jegliche Aufforderung erschossen. Die Hauspolizei hat Anweisung darüber durch das Ministerium erhalten. Ansprüche aus Invaliditätsfällen bestehen nicht. 5.) Jeder Häftling hat die ihm angegebene Arbeit auszuführen und zwar gewissenhaft. Beschädigung der Arbeitsgeräte, der Arbeitskleider werden auf Kosten des Häftlings wieder instand gesetzt. Eine Arbeitsbelohnung erfolgt nicht. 6.) Erkrankt ein Häftling, so hat er dies morgens beim Rapport zu melden. Nach Gegenüberstellung beim Hausarzt kann er für den Fall, dass eine erhebliche Erkrankung vorliegt, auf seine Kosten in ein nächstliegendes Gefängni skrankenhaus verbracht werden. Zur Deckung der Kosten, wird entweder von seinem Eigentum der Betrag eingezogen oder haben Verwandte dafür aufzukommen. 7.) Nach vorschriftsmässiger Führung kann der Häftling nach der Mindestschutzhaft zeit von 6 Monaten probeweise entlassen werden. Nach seiner Entlassung hat er sich ein Vierteljahr bei dem für seinen Wohnsitz bestimmten Geh. Staatspolizeiamt wöchentlich dreimal zu melden. Kommt er dieser Meldepflicht nicht nach, so hat er seine sofortige Wiederinhaftnahme zu erwarten. Die Kommandantur des Schutzhaftlagers: gez. Pol.Major Mohr. Die Lagerleitung und Führer der Hauspolizei gez, Stix. A-433. Bericht: In der Strafanstalt Zweibrücken( Pfalz) ist die Kost in der letzten Zeit wesentlich schlechter geworden. Die Aussenarbeiter der Anstalt rücken Samstags hungrig ein. In der Behandlung hat sich immer mehr der militärische Ton durchgesetzt. Die Wärter und der Direktor reden ständig davon, dass die schönen Zeiten vorbei seien. Es werde jetzt alles anders:" Ich schmeiss Sie die Treppe hinunter, dass Sie das Genick brechen" usw. Kirchenbesuch ist jetzt Zwang, ein freies Aussprechen mit dem Geistlichen, wie es früher manchmal möglich war, gibt es nicht mehr, der Pfarrer ist nicht mehr Seelsorger, sondern Handlanger des militärischen Drills. Politische Häftlinge werden als Volksschädlinge bezeichnet und beschimpft. Sittlichkeitsverbrecher werden besser behandelt als politische Gefangene. Ein Gefangener, der gar nicht zur Sterilisierung verurteilt war, ist auf irgendeine Anregung hin trotzdem dieser Prozedur zugeführt und schwachsinnig geworden. Ein Mann wurde in der Anstalt infolge falscher Behandlung auf einem Auge blind. Nordwestdeutschland, 1. Bericht: Um das Lager Esterwege wurden von kurzer Zeit Türme errichtet. Auf jedem Turm ist eine ständige Wache mit Maschinengewehren. Um das Lager ist ein breiter weisser Streifen gezogen. Wer ihn betritt, wird erschossen. Dieser Streifen wurde kürzlich noch verbreitert. Vor wenigen Wochen erschien Reichswehr zur Besichtigung des Lagers. Vorher wurden Skatkarten an die Gefangenen verteilt. Sie bekamen die Anweisung, Karten zu spielen, andere sollten spazierengehen und gesungen sollte auch werden. Als die Besichtigung stattfand, sangen die Gefangenen das Moorlied. Als die RW weg war, gab es grossen Krach, den Gefangenen wurde für 3 Tage das Mittagessen entzogen. Zur Essenszeit mussten sie antreten und bekamen den Befehl, zu singen. Sie stimmten wieder das Moorlied an. Am zweiten Tag wieder antreten. Die politischen Gefangenen sangen nicht, die gemeinen Verbrecher, die es auch im Lager gibt, sangen die gewünschten Lieder. Als die politischen Gefangenen auch am dritten Tag nicht sangen, wurde ihnen erklärt, dass sie auch am 4. Tag kein Essen erhalten. Am 4. Tag gab es dann doch Essen, ohne dass der Kommandant nochmals auf die Vorfälle zurückgekommen wäre, Die Gefangenen sind stolz darauf, dass sie ihren Kerkermeistern Trotz geboten haben. 2.Bericht: Ein leitender Angestellter eines Dortmunder Industriewerkes, der als früherer Zentrumsmann bis heute den Hitlergruss verweigert hat, wurde vor die Alternative gestellt, den Hitlergruss zu gebrauchen oder entlassen zu werden. Er erklärte, die Hand nur mit dem Begleittext hochheben zu können:" So hoch liegt bei Euch der Dreck." Kurze Zeit später wurde er verhaftet und zu Tode geprügelt. In der Oeffentlichkeit wurde von einem Unfall berichtet. Berlin, 1.Bericht: Wir erhielten eine umfangreiche und anschauliche Darstellung über die Methoden der Berliner A- 44Gestapo, der wir entnehmen: Am kamen morgens 7 Uhr sieben Polizeibeamte in meine Wohnung. Davon war einer ein sogenannter Referent der Gestapo. Die anderen sechs gehörten einem Fahndungstrupp an. Es wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Die Sache spielte sich folgendermassen ab: Ein Beamter hat die Leitung und ordnet an: Suchen Sie im Ofen, hinter dem Ofen, auf den Schränken, unter den Schränken, in den Beleuchtungskörpern, klopfen Sie die Wände ab usw. Vor allem der Ofen und die Beleuchtungskörper werden sehr genau in Augenschein genommen. Man holt Asche heraus, sieht in den Schalen der Beleuchtungskörper nach usw. In der Bibliothek machen sie Stichproben, ob illegales Material zwischen den Seiten oder auch im Buchrücken verborgen ist. Im Grossen Ganzen ist diese Form der Haussuchung ziemlich liederlich und es kommt wiederholt vor, dass trotz mehrfacher Durchsuchung Material, das gut versteckt worden ist, nicht gefunden wird. Aber man kann keineswegs sagen, dass die Haussuchung bewusst schlampig durchgeführt wird, sie wird bloss ziemlich dumm, etwa im Stil ältester Kriminalromane gemacht. Beschlagnahmt werden in erster Linie Pass, Notizbücher, Taschenkalender und ähnliche Sachen, in denen man Aufzeichnungen vermutet. Auch sogenannte marxistische Literatur wird beschlagnahmt. Ein Beamter sitzt während der ganzen Haussuchung neben dem Telefon, nimmt bei jedem Anruf den Hörer ab und meldet sich mit dem Namen des Wohnungsinhabers. Auch das zeugt nicht gerade von übertriebener Schlauheit, denn die Anrufer, die den Wohnungsinhaber kennen, müssen ja schon an der Stimme erkennen, dass er nicht selbst am Apparat ist. Sofort nach dem Anruf erkundigt sich der Beamte auf dem Fernspre chamt( er wählt o07), von wo der Anruf gekommen ist und macht sich entsprechende Notizen.Mein Telefon ist übrigens schon Wochen vorher überwacht worden, wie eine grössere Anzahl anderer Telefone in meinem Bezirk auch. Gleich vor Beginn der Haussuchung wird einem die " Sozialistische Aktion" vorgehalten mit der Frage:" Was halten Sie davon?" Wenn man sich als völlig ununterrichtet gibt, erhält man die Antwort:" Tun Sie nur nicht so, es ist bereits alles von... gestanden worden.". Im übrigen ist die Behandlung und das Auftreten der Beamten anständig, dienstlich, sachlich. Sie zeigen einen ganz kurzen Vorführungsbefehl vor und dann wird man in einem Auto, in dem 2 SS- Leute sitzen, zur Gestapo in die Prinz- Albrecht- Strasse 19 gefahren. Dort befindet sich der Aufnahmera um in einem früheren Keller. Im Warteraum sitzen ständig etwa 12 bis 14 Verhaftete, in 3 bis 4 Meter Abstand von einander, die auf ihre Vernehmung warten. Sprechen ist streng verboten. In einem Gang dahinter befinden sich 28 Einzelzellen. Die Bewachung erfolgt teils durch SS, teils durch einen älteren Wachtmeister. Das Essen ist die übliche Gefangenenkost und nicht schlecht. Jeden Nachmittag um 17 Uhr 20 findet in einem kleinen Garten ein Rundgang statt. Der Hauptschub der zu Vernehmenden A- 45kommt morgens 9 Uhr aus dem Columbiahaus. Dann folgen die Vernehmungen im 4. Stock Zimmer 333, in dem die Sachbearbeiter sitzen, die fast alle SPD- Leute vernehmen. Es handelt. sich um die Kriminalkommissare Grotmann und Hoffmann und den Regierungsassesor Sattler. Die Beamten sprechen sich untereinander nur mit Nummern, höchstens mit dem Vornamen an. Ich habe erst nach meiner Entlassung festgestellt, wie die Beamten tatsächlich heissen. Meine Vernehmung im Zimmer 333 spielte sich dann folgendermassen ab: Der vernehmende Beamte entnahm aus einem Aktenstück in rotem Aktendeckel ein Protokoll, das alle möglichen genauen Einzelheiten enthielt und das der Genosse... unterschrieben hatte. Es wird einem die Unterschrift gezeigt, um jeden Zweifel auszuschliessen. Wenn man trotzdem erklärt, dass dieses Protokoll unrichtig ist, antwortet der Beamte mit wüsten Drohungen und wildem Brüllen:" Wir werden Sie schon weichmachen. Es ist besser, Sie gestehen jetzt!" usw. Dann kam noch ein zweites und ein drittes Protokoll an die Reihe. Jedesmal, wenn ich die Angaben dieser Protokolle abstritt, bekam der Beamte einen neuen Tobsuchtsanfall. Nach einer Stunde wurde das Verhör ergebnislos abgebrochen und ich wurde wieder in den Keller hinuntergeschafft. Nachmittags 5 Uhr wurde ich ins Columbiahaus eingeliefert. Dort wird man zunächst einer sogenannten Untersuchung unterzogen, die von 2 SS- Leuten im Alter von 19 bis 20 Jahren durchgeführt wird und sich vor allem darauf erstreckt, ob man Jude oder Nicht jude ist. Das alles spielt sich unter wildem Ge tobe und Geschimpfe ab. Dann wurde ich in einen Keller hinuntergeschafft, in dem ein Duschraum mit 6 Duschen ist. Man muss sich wieder ausziehen und ist verhältnismässig beruhigt, weil man glaubt, dass es sich jetzt darum handele, zu baden. Tatsächlich beginnt aber jetzt erst die eigentliche Quälerei. Es erscheint der sogenannte Kompagnie führer, der offenbar die Aufgabe hat, eine Reihe von Fragen immer wieder zu stellen und den Verhafteten durch Schläge zum Geständnis zu zwingen. Ich erhielt zunächst 4 Faustschläge und dann wurden mir immer wieder dieselben 3 bis 4 Fragen vorgelegt, ohne dass ich mich zu einem Geständnis zwingen liess. Nach jeder Antwort brüllte der Kompagnieführer:" Du lügst Du Schwein" und schlug mich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Schlägerei eher abgebrochen wird, wenn man fest bleibt. Später wurde ich bei einer solchen Vernehmung auch vollkommen nackt über einen Tisch gezogen und von 2 SS- Leuten mit dem Gummiknüppel über Kopf und Rücken geschlagen. Es ist eine Frage der Widerstandskraft, wieviel Schläge man aushält. Im allgemeinen wird bei 20 Schlägen abgebrochen. Dann muss man wieder rauf und erhält Essen. Ich war kaum in meiner Zelle im Columbiahaus, als es auch schon hiess, dass ich wieder zur Gestapo zurück müsste. Aus einer im Nebenraum zwischen zwei Beamten geführten Unterhaltung entnahm ich, dass offenbar Akademiker und Ausländer grundsätzlich nicht ins Columbiahaus kommen sollen. In der Prinz- Albrecht- Strasse A- 46erhielt ich eine der 28 Einzelzellen, die an den Kellerraum grenzen. Die Zellen haben oben ein kleines Fenster, das zur ebenen Erde mit dem kleinen Gärtchen des Hofes liegt. Die Verpflegung war ganz anständig, ausserdem war es auch möglich, Selbstverpflegung zu beantragen. Die Verpflegung wurde uns dann durch einen Kalfaktor aus dem Kasino gebracht. Die Genehmigung des Antrags auf Selbstverpflegung hängt aber von der Zustimmung des aufsichtsführenden Wachtmeisters ab. Dieser Wachtmeister, ein 50- jähriger alter Beamter, ist sehr gemein, schlägt aber nicht. 3 bis 4 Tage fanden dann Vernehmungen in diesem Stil weiter in der Gestapo statt, ohne dass ein Ergebnis erzielt wurde. Darauf kam ich wieder ins Columbiahaus in den berüchtigten Keller. Ich musste warten, während gerade ein anderer Häftling furchtbar geschlagen wurde und dabei entsetzlich brüllte. Dann sah ich mit an, wie man ihn bewusstlos hinaustrug. Als ich an die Reihe kam, wurden mir wieder vom Kompagnieführer dieselben Fragen gestellt und ich erhielt bei dieser Gelegenheit zwei Schläge mit dem Gummiknüppel über den Kopf. Dann wurde ich gleich wieder zur Gestapo zurücktransportiert. Einige Tage später wurde ich ins Polizeipräsidium gebracht. Dort herrscht ein rauher Ton, aber die Behandlung war anständig, das Essen ist ausreichend. Zweimal in der Woche kann man für je 3 Mark einkaufen lassen. Ich sass in einer Einzelzelle und in der ersten Zeit hatte ich weder etwas zu lesen noch etwas zu schreiben. Später konnte ich auch Zeitungen bestellen. Die Leute aus dem Columbiahaus kommen regelmässig in eine Gemeinschaftszelle. In dieser Zelle sitzt ein Beamter als Spitzel, der wilde kommunistische Reden schwingt. In unserem Falle hiess er Münzer. Ausserdem war bei uns noch ein Berufseinbrecher, der im ganzen 48 Jahre Zuchthaus zu verbüssen hatte, und schliesslich war in der Decke ein Schalltrichter eingebaut, der das Abhören der Gespräche ermöglichen sollte. ..wurde ich vor den Untersuchungsrichter vorgeladen, der ein junger Assesor war und mich ganz anständig behandelte. Er setzte mir auseinander, dass es für mich besser sei, wenn ich gegen den Haftbefehl, den er erlassen würde, keine Haftbeschwerde erhebe, denn anderenfalls käme ich doch wieder nur in Polizeihaft und das wäre für mich weit ungünstiger als die Untersuchungshaft. Ich liess also den Haftbefehl widerspruchslos ausstellen und daraufhin wurde ich nach Moabit in Untersuchungshaft gebracht. Am In Moabit sind, soweit es sich um Untersuchungshäftlinge handelt, die Zustände einwandfrei. Die Unterbringung ist weitaus besser als bei der Gestapo und im Polizeipräsidium. Es sind grosse Zellen, die meist zu zweit belegt sind und die elektrisches Licht und Wasserspülung haben. Ausserdem gibt es eine sehr ordentliche Bibliothek, die etwa 20.000 Bände umfasst und von einem Studienrat geleitet wird. Dieser Oberlehrer berät z. B. die Gefangenen, die Sprachen lernen wollen A- 46, wie sie es anfangen können usw. Man erhält jede Woche zwei Bücher, wenn man also zu zweit in der Zelle ist, kann man in der Woche 4 Bücher lesen und das reicht aus. Ausserdem kann man eine Zeitung halten. Zweimal in der Woche kann man einen Einkaufszettel ausfüllen und die gelieferten Waren sind gut und preiswert. Man behält seinen Privat- Anzug und kann auch seine eigene Wäsche waschen lassen. Jeden Tag findet im Gefängnishof eine halbe Stunde Rundmarsch in 4 Meter Abstand von einander statt. Jeden Monat hat man einmal Sprecherlaubnis in Gegenwart des Untersuchungsrichters und zwei Beamter. Die Sprechzeit beträgt 10 bis 15 Minuten. Wir politischen Häftlinge sassen übrigens alle in Einzelhaft. Nach... Wochen erhielt ich die Mitteilung, dass das Verfahren eingestellt sei, da ein Verdacht zwar bestand, aber das Belastungsmaterial nicht ausreiche, Unten aber wartete schon die Grüne Minna wieder auf uns, um uns in die Gestapo zurückzubringen. Mit zwei anderen Genossen wurde ich noch einmal von der Gestapo verhaftet.( Verhängung der Schutzhaft). In der Prinz- Albrecht- Strasse schäumte Sattler bei der ersten Vernehmung vor Wut:" So Ihr Schweine, ich werde Euch schon zeigen..."" Es geht mich einen Dreck an, was der Generalstaatsanwalt verfügt hat" usw. Dann kam ich erneut ins Columbiahaus, wurde wieder in den Keller geschafft, musste mich ausziehen, mir wurden wieder dieselben Fragen vorgelegt und diesmal wurde ich sehr schwer geschlagen. Ich wurde bewusstlos heraufgeschleppt, mit dem Wasserschlauch. abgespritzt und dabei auch angepisst. Man warf mich in eine Zelle ohne Bett und ohne Fenster. Das, obgleich es November und die Zelle nicht geheizt war. So musste ich bis zum Morgen auf dem Boden liegen. Bei dieser Gelegenheit sagte der eine Beamte: " Du Schwein, wirst schon noch Deine Lungenentzündung kriegen". In dieser Zeit habe ich in 8 Tagen 40 Pfund abgenommen. 2. Bericht: Alle Briefe, die unsere verurteilten Genossen aus der Haft schreiben, zeugen fast einmütig von dem ungebrochenen Widerstandswillen und dem unerschütterlichen Glauben an den schliesslichen Sieg der sozialistischen Bewegung. Alle Gefangenen in der Strafanstalt Tegel klagen darüber, dass die Kost schlecht und sehr fettarm ist. Während des Juristenkongresses wurden für Besuchszwecke in jeder Abteilung besondere Musterzimmer mit Gefangenen belegt, die sonst nicht benutzt werden. Das Los der Gefangenen gestaltet sich sehr verschieden, je nachdem, ob es ihnen gelingt, sich einen guten Posten zu verschaffen oder nicht. Es gibt z. B. eine Reihe von Schneidern, die fortgesetzt Aufträge für die Gefangenenwärter und deren Frauen haben, wobei sie z. B. für die Anfertigung eines Kostüms ein Pfund Schmalz extra bekommen usw. 3. Bericht: Untersuchungshäftlinge. in Moabit können in der Regel alle 14 Tage einen Besuch bis zu 2 Personen empfangen, mit dem sie 10 Minuten sprechen dürfen. Wenn die Belegung A- 48 mit Untersuchungsgefangenen sehr stark ist, dann wird die Besuchszeit und Besuchshäufigkeit verkürzt, da für die Besuche nur 1 Zimmer zur Verfügung gestellt wird. Die Besucher sind durch eine quer durch das Zimmer gehende niedrige Barriere von den Gefangenen getrennt. Sie sitzen sich dann an einem Tisch, der etwa 1 Meter breit ist, gegenüber. Der Gefangenenwärter sitzt an der Barriere und beobachtet das Gespräch. Er unterbricht, wenn in irgend einer Form auf den Termin Bezug genommen wird. Es genügt schon, wenn sich der Besucher nur erkundigt, ob schon Anklageerhebung erfolgt ist. Die Wachtmeister sind im allgemeinen anständig. In Tegel beträgt die Besuchszeit 10 bis 15 Minuten. Es dürfen nur die allernächsten Verwandten kommen und nur in Abständen von 6 Wochen. Das Essen ist in Tegel sehr schlecht. Morgens gibt es ein kaffeeähnliches Getränk, dazu zwei Schnitten Brot und Marmelade. Mittags bekommt man im 7- tägigen Turnus immer wieder dasselbe. Einen Tag Brotsuppe, einen Tag Kartoffeln und Hering, einen Tag Hülsenfürchte( abwechselnd), einen Tag Reis, einen Tag dünne Gemüsesuppe. Sonntags gibt es eine Sosse mit einer Andeutung von Fleisch. Abends erhält man wieder zwei Schnitten, abwechselnd mit Schmalz bestrichen oder Wurst,( Die Wurst ist von sehr schlechter Qualität) gelegentlich Tomaten. 4.Bericht: Einige der von der Gestapo Verhafteten berichteten nach ihrer Entlassung, dass die Verhöre bei der Gestapo. wohl sehr schwer und mit allen Schikanen seelischer Pressionen erfolgten, dass aber nicht geprügelt worden sei. Eine besondere Methode des Verhörs sei, dem Beschuldigten zu sagen: " Sie können ruhig offen alles aussagen, was gewesen ist. Die anderen haben schon alles erzählt." Dann werden Aussagen verlesen, die die Gestapo gefälscht hat, Aussagen, die nie gemacht wurden. Wenn die Verhafteten fest bleiben und trotzdem nichts zugeben, unterbricht man die Vernehmung und lässt sie einige Stunden in Ungewissheit, unter Bewachung von ein oder zwei SS- Männern auf dem Korridor des Gestapohauses, inmitten des Publikumsverkehrs warten, wo sie gleichsam als Schwerverbrecher zur Schau gestellt sind. Nach zwei, ja drei Stunden werden sie dann wieder vorgeführt und die Vernehmung beginnt dann meist mit den Worten:" Na, haben Sie sich besonnen?" Mitteldeutschland, 1.Bericht: Die Strafgefangenen im Zuchthaus Kassel- Wehlheiden sind zum grossen Teil in Einzelzellen untergebracht. Viele von ihnen erhalten keine Arbeit und dürfen sich auch nicht selbst beschäftigen. Sie haben weder Papier noch Bleistift, so dass ihnen die Möglichkeit zu schreiben fehlt. Man kann nichts lernen, keinen Gedanken aufschreiben. Gesuche um Ueberlassung von Schreibmaterial werden wiederholt abgewiesen. Die Verpflegung ist nicht gut. Morgens gibt es zwei Scheiben Brot, mittags 3/4 Liter Essen und 1 Scheibe Brot, abends 3/4 Liter Suppe und wieder eine Scheibe Brot oder Hering mit A-49- Pellkartoffeln oder 2 Scheiben Brot, dazu Fett für 1 Scheibe und Käse oder Wurst für die andere. Die Tageseinteilung ist: 1/2 7 Uhr wecken, 8 1/4 Kaffee, 12 Uhr Mittag, 18 Uhr Abendessen, 2o Uhr Schlafen. Vormittags Spaziergang. Die Gefangenen dürfen alle acht Wochen einen Brief schreiben, aber soviel Briefe empfangen, wie ihnen gesandt werden. Praktisch gestattet jedoch die Verwaltung nur den Empfang von etwa 1 Brief wöchentlich. Werden mehr Briefe gesandt, dann erhält der Gefangene einen Hinweis, dass er zuviel Post erhält. Zeitweilig war auch Schulunterricht eingeführt. Dreimal wöchentlich je eine Stunde unterrichtete ein Oberlehrer, indem er Auszüge aus dem"Völkischen Beobachter" zur Verlesung brachte. An dieser Vergünstigung können aber nicht alle Gefangenen teilnehmen. Einigen politischen Gefangenen, die sich darum beworben hatten, wurde die Erlaubnis dazu nach kurzem Schulbesuch wieder entzogen. Sachsen, I.Bericht: Eine Woche vor Weihnachten wurden die früheren Sozialdemokraten Pierschel und Auersbach aus Ober- neuschönberg verhaftet und nach Chemnitz gebracht. Pierschel ist inzwischen als Toter nach seiner Heimat zurückgebracht werden. Er hat sich im Gefängnis angeblich erhängt. Die Beerdigung erfolgte am 3. Weihnachtsfeiertag mit Musik und grosser Beteiligung unserer Genossen. 2. Bericht: In Reichenberg i.V. ist vor kurzer Zeit ein StAP-Mann, Fränkel beerdigt worden, der seit Frühjahr 1935 bis zu seinem Tode in Haft gewesen ist. Die Polizei behauptet, er habe Selbstmord verübt; die Angehörigen sind aber fest überzeugt, dass Fränkel von der Gestapo unmenschlich misshandelt worden und an den Folgen gestorben ist. 3. Bericht: Im Krematorium Zwickau wurde Ende Oktober die Leiche eines Schutzhäftlings aus Crimmitschau eingeäschert. Dieser ehemalige Häftling hat sich angeblich im Landgerichts- gefängnis Zwickau im Zellenhaus über das Geländer des dritten Stockes gestürzt. Einem Angehörigen des Toten vertraute ein Angestellter des Krematoriums an, dass solche Sachen schon öfter vorgekommen seien. 4. Bericht: Die unmenschliche Behandlung im Polizeipräsidium Dresden und im Konzentrationslager Sachsenburg hält nach wie vor an. Zwei aus der Sachsenburg Entlassene berichten, dass sie sehr misshandelt worden sind. Bei allen Kleinigkeiten gab es Gewehrkolbenhiebe überallhin. Sehr' schlechtes Essen, schwere Arbeit und grosse seelische Quälereien. In einem fort wurden Appelle abgehalten. Ganz schlimm waren die Misshandlungen im Polizeipräsidium Dresden. Die Gefangenen mussten beim Prügeln den Kopf zwischen die Beine ihrer Quälgeister stecken. Dann haben ihrer sechs sie geprügelt. Die Gestapo- A= 50leute Weser, Geissler und Dachsel haben dabei zugesehen. In Dresden- Briesnitz hatte der Lagerhalter des Konsumvereins Michael die Unvorsichtigkeit begangen, Hitler- Witze zu sammeln und in seinem Pult aufzubewahren. Eine Angestellte, die sich für eine erhaltene Zurechtweisung rächen und zugleich bei der neuen Leitung anbiedern wollte, entwendete eines Tages die gesammelten Witze und brachte sie der Polizei. Michael wurde vorgeladen und fuhr mit seinem kleinen Wagen zur Polizei. Nach wenigen Stunden erhielt seine Frau die Nachricht, dass ihr Mann sich erhängt habe. Es steht ausser Zweifel, dass er zu Tode geprügelt worden ist. 5. Bericht: Die Behandlung der Verhafteten in Zwickau ist nicht einheitlich. Es kommt dabei auch sehr viel auf die Polizeibeamten an, die die polizeilichen Vernehmungen führen. Es gibt unter ihnen welche, die gar nicht mehr so recht bei der Sache sind, weil sie offenbar die Aussichtslosigkeit der ganzen Verfolgerei und Geständniserpresserei einsehen. Schliesslich auch, weil sie sich in ihrem Handeln von menschlichen Regungen bestimmen lassen. Ein anderer Teil aber ist gemein, brutal und wendet jedes erdenkliche Mittel an, um Geständnisse herauszupressen. Früher konnten die Verhafteten alle 14 Tage schreiben und Post empfangen. Ebenso konnten sie alle 14 Tage Besuch empfangen, wobei sie sich 1/2 Stunde mit dem Besuch unterhal ten konnten. Es konnten auch zwei oder drei Personen auf einmal zu Besuch kommen, die auch zu gleicher Zeit vorgelassen wurden. Diese Bestimmungen sind jetzt verschärft worden. Nur alle 4 Wochen dürfen die Gefangenen Post empfangen und schreiben und nur alle 4 Wochen einen Besuch erhalten. Die Besuchszeit ist auf eine viertel Stunde herabgesetzt worden. Es därf jetzt auch nur noch eine Person den Verhafteten besuchen. 6. Bericht: Der Genosse X. aus Y., der 1933 bereits in Hohnstein in Schutzhaft war und dann wegen angeblich illegaler Arbeit 1934 verurteilt worden ist, hatte jetzt seine Strafe verbüsst und war entlassen worden. Nach 3 Tagen wurde er erneut in Schutzhaft nach der Sachsenburg gebracht. Auch der Genosse Z., der nach ein jähriger Untersuchungshaft verurteilt wurde, und nun seine Strafe verbüsst hat, ist sofort im Anschluss daran in Schutzhaft nach der Sachsenburg gebracht worden. c) Verurteilung von Sozialdemokraten Wir haben bereits in zwei früheren Berichten( Nr. 3/35 8.90 ff., Nr. 7/35 S. 74 ff.) Mitteilungen über die Verurteilungen von Sozialdemokraten gemacht. Die nachfolgenden Meldungen geben die uns bekanntgewordenen Urteile der letzten Monate wieder. Die A- 51Uebersicht ist selbstverständlich lückenhaft. Die Berichterstattung wird insbesondere erschwert durch die Vertuschungsmethoden des Regimes. Meist werden Prozesse gegen Sozialdemokraten in der Presse unterdrückt. Es ist für die Taktik des Systems, das systematisch den Bolschewistenschreck nährt, nicht nützlich, eingestehen zu müssen, dass nicht nur Kommunisten, sondern auch Sozialdemokraten illegal arbeiten. Wir schicken einen Bericht aus Sachsen voraus, der sich mit der Wirkung der brutalen Strafverfolgung auf die Bevölkerung befasst. Es ist leider zu beobachten, dass eine gewisse Abstumpfung eingetreten ist und ein sehr grosser Teil der Bevölkerung die drakonischen Urteile ohne jede Gemütsbewegung hinnimmt. Man hat sich daran gewöhnt, so wie man im Kriege die Verlust listen wie eine tägliche Unfall chronik studierte. Man darf sich also keine sehr erregende und aufpeitschende Wirkung versprechen. Sicher haben aber auch viele Menschen stillschweigend ein herzliches Bedauern, und manche, die das Regime satt haben, werden die politischen Kämpfer im Stillen auch bewundern und über die Blut- und Zuchthausurteile der braunen Justizhure die Fäuste ballen. Aber sichtbar wird so etwas nirgends. Das einzige im Augenblick wichtige ist, dass die Veröffentlichung der Prozessberichte und der Urteile nicht allein die vom Regime gewünschte Wirkung hat, die Menschen einzuschüchtern, was natürlich auch vielfach der Fall ist, sondern auch für die breite Oeffentlichkeit als Signal wirkt: " Es wird gearbeitet, es sind Kräfte gegen das Regime am Werk, es ist eine Gegenbewegung vorhanden, es ist etwas da, was aus das dem Dunklen heraus den Kampf unerschrocken weiterführt, Regime wird unterminiert!" Dabei weiss die Oeffentlichkeit natürlich einigermassen Bescheid darüber, dass die Zahl und das Ausmass der verhängten Zuchthausstrafen noch nicht einmal das Furchtbarste sind an der Verfolgung der politischen Gegner, sondern dass sich das Grauenhafteste abspielt in den Gestapozellen, in denen die Verhöre und Folterungen der wehrlosen Kämpfer erfolgen. Nur wenn wieder einmal, und das kommt nach wie vor oft vor, ein Gefangener verstorben ist oder" Selbstmord" begangen hat, ahnt die Bevölkerung, was in Wahrheit vorgefallen ist. Bayern: Der Strafsenat des Oberlandesgerichts München verurteilte am 22. 12.35. in einem Hochverratsprozess die Sozialdemokraten Wilhelm Vetter, Rehau, zu 4 Jahren 5 Monaten Zuchthaus, Edmund Rothemund, Rehau, zu 3 Jahren Zuchthaus, den früheren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Fritz Puchta- Bayreuth zu 2 1/2 Jahren Gefängnis. Die übrigen Angeklagten erhielten meist mehrmonatige Gefängnisstrafen. A-52'Saargebiet: Der Sozialdemokrat Karl Blatt, Limbach, wurde wegen der Erklärung:" Ich war Sozialdemokrat, bin es und werde es bleiben" zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Südwestdeutschland: Am 3. Januar 1936 verurteilte der Strafsenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe mehrere Sozialdemokraten, weil sie" von Mitte 1934 bis etwa September 1935 zahlreiche Exemplare der" Sozialistischen Aktion" teils .weitergegeben, teils regelmässig nach Karlsruhe überbracht hatten. Es erhielten: Albert Erny, Mannheim, 4 Jahre Gefängnis, Hermann Walter, Karlsruhe 3 Jahre Gefängnis, Karl Konz, Karlsruhe, 2 Jahre 6 Monate Gefängnis. Die übrigen Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen von 1 Jahr lo Monaten bis zu 1 Jahr 6 Monaten. Die Sozialdemokratin Toni Milgron, Karlsruhe, wurde wegen der Aeusserung: nie sei es dem deutschen Volk so schlecht gegangen, wie in den letzten 2 Jahren, am 11. 1. 36 vom Badischen Sondergericht zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Sozialdemokrat Jakob Nickel, Pirmasens, wurde vom Frankenthaler Sondergericht im Dezember 1935 zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er über den Führer geschimpft und gotteslästerliche Bemerkungen gemacht haben soll. Der frühere Partei- und Gewerkschaftsfunktionär Franz Mayer, Kaiserslautern, wurde im November 1935 wegen politischen Vergehens zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen illegaler Arbeit für die Sozialdemokratie wurden im Dezember 1935 verurteilt die Sozialdemokraten Karl Mayer, Mannheim- Neckarstadt, zu 6 Jahren 2 Monaten Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust; Karl Eisengrein, Mannheim, zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus; Erich Hummel, Mannheim, 1 Jahr 6 Monate Gefängnis; Gustav Dieter, Mannheim, 10 Monate Gefängnis und zwei Angeklagte von Benzheim a.d. Bergstrasse( im Odenwald) zu je 2 1/2 Jahren Zuchthaus. Der Strafsenat I des Oberlandesgerichts Karlsruhe verurteil te wegen Vorbereitung zum Hochverrat 9 Angeklagte. Sie wurden beschuldigt, die" Sozialistische Aktion" in ihren Wohnorten Bensheim, Weinheim, Laudenbach und Leimen verbreitet zu haben. Das Gericht verurteilte Valentin Giegrich, Mannheim zu 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus; weitere Angeklagte.( Erich Wattmann, August Dieter, Karl Wüst, Weber und Geynich u.a wurden zu Gefängnisstrafen von 2 Jahren 3 Monaten bis zu 1 Jahr 3 Monaten verurteilt. Ausserdem verurteilte das Badische Sondergericht in Karlsruhe im Spätherbst 1935 wegen illegaler Arbeit die Sozialdemokraten Geiger, München, zu 7 Jahren Zuchthaus; Welcker, Heidelberg, zu 4 1/2 Jahren Zuchthaus; Salm, Mannheim, zu 3 1/2 Jahren Gefängnis, Schühle, Mannheim, zu 3 Jahren Gefängnis, Gwinner, Mannheim, zu 2 1/2 Jahren Gefängnis; Mackert, Mannheim, zu 2 1/2 Jahren Gefängnis; Neu, Mannheim, zu 2 Jahren Gefängnis; Zinner, Mannheim, zu 2 Jahren Gefängnis, Kraft, Mannheim, zu 1 1/2 Jahren Gefängnis, Kirster, Mannheim, zu 1 Jahr A- 535 Monaten Gefängnis; Gsünger, Mannheim, zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis; Wilh. Stürmer, Mannheim, zu 1 Jahr 8 Monaten Gefängnis. Die nachfolgende Uebersicht enthält die Namen der in den letzten zwei Jahren wegen illegaler Arbeit für die Sozialdemokratie Verurteilten allein aus der kleinen Pfalz: 1) Otto Reich, Pforzheim, 35 Jahre, Fabrikarbeiter: 2 Jahre 6 Monate Zuchthaus; 2) Anna Reich, Pforzheim, 39 Jahre, Ehefrau: 6 Monate Gefängnis; 3) Karl Schneider, Pforzheim, 30 Jahre, Fabrikarbeiter: 2 Jahre Zuchthaus; 4) Offenbäcker, Berg, Fabrikarbeiter: 1 Jahr 9 Monate Zuchthaus; 5) Frau Offenbäcker, Berg ,: 6 Monate Gefängnis; 6) Karl Hüter, Frankenthal, 35 Jahre, Former: 4 Monate Gefängnis; 7) Willi Himpel, Speyer, 18 Jahre: 1 Jahr Zuchthaus; 8) Eggert, Edenkoben, 23 Jahre, Bäcker: 2 Jahre 3 Monate Zuchthaus; 9) Reinfrank, Edenkoben, 23 Jahre, Bäcker: 2 Jahre Zuchthaus; lo) Friedrich Kirn, Ludwigshafen, 31 Jahre, Installateur: 1 Jahr 8 Monate Gefängnis; 11) Oskar Tremmel, Ludwigshafen, 29 Jahre, Mechaniker: 1 Jahr 8 Monate Gefängnis; 12) Karl Bresteln, Ludwigshafen, 31 Jahre, Küfer: 8 Monate Gefängnis; 13) Heinrich Stützel, Landau, 36 Jahre, Schneider: 2 Jahre 3 Monate Zuchthaus; 14) Heinrich Hauptreif, Pirmasens, 31 Jahre, Schreiner: 1 Jahr Gefängnis. Weitere 16 Angeklagte, von denen manche 7 1/2 Monate in Untersuchungshaft waren, sind zum Teil nach Dachau transportiert worden, teils noch heute in Haft. Norddeutschland: Vor dem Strafsenat des Oberlandesgerichts in Bremen fand im August ein Prozess gegen insgesamt 88 frühere Angehörige der Sozialdemokratie und des Reichsbanners statt. Gegenstand des Prozesses bildeten die Versuche, das illegale Reichsbanner an der Unterweser und in Nordhannover wieder zu organisieren und illegales Material verbreitet zu haben. Im ersten Teil des Verfahrens wurden 8 Angeklagte zu 12 bis 21 Monaten Gefängnis verurteilt. ( 0969 A- 54Gegen die zweite Gruppe der Angeklagten wurde vor dem gleichen Gericht am 30. 11. 35 verhandelt. Den 14 Anegklagten wurde Verbreitung illegaler Zeitungen und Flugblätter, Reisen ins Ausland, verbotene Geldsammlungen und Zusammenkünfte vorgeworfen. Das Gericht verurteilte den Haupta ngeklagten Osterloh wegen Vorbereitung des Hochverrats zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Drei Frauen, die der Leitung angehörten, erhielten fünf, vier und drei Jahre Zuch thaus und Ehrverlust in gleicher Höhe. Fünf weitere Angeklagte wurden mit Zuchthausstrafen von drei bis vier Jahren, vier Angeklagte, die nur nach dem Gesetz gegen Neugründung von Parteien verurteilt wurden, erhielten Gefängnisstrafen von 1 bis zu 3 Jahren. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. In der Begründung heisst es: Der Kampf gegen die marxistische SPD müsse aufs schärfste geführt werden. Dass neben den Zuchthausstrafen auch auf Ehrverlust erkannt wurde, sei vom nationalsozialistischen Standpunkt selbstverständlich, denn ein Verräter sei ehrlos. In der dritten und vorletzten Abteilung des Prozesses in Bremen wurden am 14. 12. 35 verurteilt: Bundschuh und Schindler zu je zwei Jahren, Ahlers und Arndt zu je einem Jahr neun Monaten, Schütte und Götze zu je einem Jahr sechs Monaten, Windels zu zehn Monaten, Hasse zu neun Monaten, Kurbehn zu acht. Monaten Gefängnis. In Hamm wurden 7 sozialdemokratische Angeklagte aus Hannover wegen vollendeten Hochverrats verurteilt.( Bei ihnen war die" Sozialistische Aktion" gefunden worden) Der Hauptangeklagte Furch, Vater von 5 Kindern, wurde zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die anderen sechs erhielten Strafen von 8 Monaten bis 4 1/2 Jahren Zuchthaus. Die tapfere Haltung der Angeklagten vor Gericht wurde als strafverschärfend bewertet. Bei der gemeinsamen Abführung nach der Urteilsverkündung streckten alle sieben Angeklagten die Faust empor und riefen " Freiheit". In Hamburg wurde der Sozialdemokrat Hans Sander, HarburgWilhelmsburg, früher Unterbezirksleiter der Sozialistischen Arbeiter- Jugend, zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Andere Genossen bekamen 1 1/2, 1 Jahr, 8 und 6 Monate. Am 15. 1o. 1935 verurteilte das Ober- Landesgericht Hamburg in einem Hochverratsprozess die Sozialdemokraten Kieras zu 4 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren Ehrverlust, Thron zu 4 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren Ehrverlust, Osterholt zu 2 Jahren Zuchthaus und 2 Jahren Ehrverlust, Schumacher zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus und 2 Jahren Ehrvérlust, Goldenhauer zu 1 1/2 Jahren Zuchthaus. In seinem Plädoyer wies der Staatsanwalt mit Nachdruck darauf hin, dass es erst in den letzten Tagen, ja Stunden, gelungen sei, die volle Aufklärung des unterirdischen, von Barmbeck, Eilbeck, Bergedorf bis nach Kopenhagen reichenden Hochverratsstreibens der illegalen SPD aufzuklären. Dieser Prozess A-55sei nur Vorläufer eines grossen Hochverratsprozesses. Am 5. November 1935 fand vor dem Hamburger Oberlandesgericht ein Prozess gegen frühere Sozialdemokraten statt. Es waren 12 Jugendliche, zum Teil Lehrlinge, wegen Hochverrat angeklagt. Die Angeklagten waren früher Mitglied der Sozialistischen Arbeiter- Jugend und wurden beschuldigt, die Sozialdemokratische Partei weiter aufrecht erhalten und durch Verbreitung von Material, das zum Teil vom Ausland stammen sollte, hochverräterische Handlungen begangen zu haben. Es wurden verurteilt: Julius Wilhemsen zu 5 Jahren Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust; Philipp Börth( Lehrling) zu 3 Jahren Zuchthaus; Walter Pöhls zu 2 Jahren Zuchthaus; 7 Angeklagte, unter denen sich die Genossen Stroda, Otto Dehnke, A. Henke und Lorenz ( Hohnlust) befanden, erhielten 2 1/2 Jahre Gefängnis( alle 7 Jugendliche); ferner erhielten Dieckmann und Günther Ortrud 2 Jahre und Willi Tiedt 1 Jahr 3 Monate Gefängnis. Freigesprochen wurde keiner. Trotz der Ungeheuerlichkeit dieses Urteils nahmen alle Angeklagten die Verkündung unerschüttert und gefasst entgegen. Fest und mit hoch erhobenem Haupt marschierten sie dreimal zum Oberlandesgericht und zurück. Immer aufrecht, im Gleichschritt, obgleich sie alle an den Händen gefesselt waren, an der Seite die Bewachung, behandelt wie Schwerverbrecher. Am 11. Dezember 1935 verhandelte das Oberlandesgericht Hamburg den Prozess gegen Blume und andere. Die Anklage lautete auf Vorbereitung zum Hochverrat, Weiterführung bezw. Neubildung der SPD, Kassierung von Beiträgen, Herstellung und Verbreitung illegalen Materials. Alle Angeklagten fielen durch tapferes Auftreten vor Gericht auf. Blume erklärte in der Verhandlung u.a.: Ich würde heute noch, wenn ich nur könnte, mit meinen Kameraden die ganze Nazimeute von Billstedt in die Flucht schlagen. Wulff sagte: Haben Sie keine Sorge, früher sind die Bäume nicht in den Himmel gewachsen und das werden sie heute auch nicht tun. Im übrigen ist es ja allgemein bekannt, dass die grössten Kommunistenschreier von früher heute Führer der Nazi partei sind. Es wurden verurteilt: Karl Blume zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust; Ernst Blume zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust; Karl Strutz zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust; Wulff zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust; Adolf Künder zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust; Dürkop zu 2 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren Ehrverlust, Topp, Böhmke und Wilkens zu je 1 1/2 Jahren Gefängnis. Mitteldeutschland: In einem Hochverratsprozess gegen insgesamt 16 Angeklagte vor der Grossen Strafkammer am Oberlandesgericht Braunschweig wurden am 7. lo.35 wegen Beihilfe zum Hochverrat August Merges zu drei Jahren Zuchthaus und Walter Maas zu zwei Jahren sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Ein A- 56Teil der übrigen Angeklagten erhielt Gefängnisstrafen. Vor dem Jenaer Oberlandesgericht wurden am 13. 9. 35 zwei Greizer Sozialdemokraten zu je einem Jahr Gefängnis wegen Vergehens gegen das Gesetz über die Neugründung von Parteien verurteilt. Am 4. November 1935 verurteilte das Jenaer Oberlandesgericht zwei weitere Greizer Sozialdemokraten. Sie wurden beschuldigt, für die illegale SPD tätig gewesen zu sein und sie durch Geldbeiträge unterstützt zu haben. Eine Angeklagte wurde zu einem Jahr, ein Angeklagter zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. In einem Falle erfolgte Freisprechung wegen Mangels an Beweisen. Gegen zwei Angeklagte wurde das Verfahren auf Grund der Amnestie eingestellt. Ende September 1935 wurden vom Jenaer Oberlandesgericht folgende Sozialdemokraten abgeurteilt: Kunst, Greiz, früher Inspektor des Krankenhauses, 18 Monate, Paul Kiss, Greiz, früher Geschäftsführer der Reussischen Volkszeitung, 15 Monate Gefängnis; Rudi Künzel, Greiz, der bereits 1933 9 Monate Gefängnis wegen Verbreitung des" Vorwärts" bekam, 6 Jahre Zuchthaus. Der ehemalige sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Gründler wurde freigesprochen. Sachsen: Das Volksgericht in Berlin verurteilte im Spätherbst 1935 die Sozialdemokraten und Reichs banner- Leute Schumann zu 12 Jahren, Dutschke zu 6 Jahren und Thiele zu 2 Jahren Zuchthaus. Das Urteil wurde damit begründet, dass Schumann SA- Mann war und Dutschke im Konzentrationslager den bekannten Wisch unterschrieben hatte. Die drei Verurteilten haben die" Sozialistische Aktion" verbreitet. Der 72 jährige Sozialdemokrat Richard Pelz aus Georgen tal bei Klingenthal, der seit Februar 1935 in Untersuchungshaft war, wurde am 4. Dezember 1935 in Berlin wegen illegaler Arbeit zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Sozialdemokrat Alfred Hoffmann aus Leutersdorf wurde wegen illegaler Arbeit zu 3 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Hoffmann hatte eine 750er B.M.W.- Maschine mit Beiwagen. Bei der Verhandlung wurden Bilder dieser Maschine vorgelegt, die in Halle und Leipzig aufgenommen wurden und der Tag gesagt, an denen H. dort gewesen sein soll. H. konnte nachweisen, dass gerade zu dieser Zeit seine Maschine in Reparatur gewesen ist. Demnach stellt man offenbar Photomontagen her, um Beweismaterial zu haben. Der Sozialdemokrat Folgner aus Ostritz wurde im Oktober 1935 zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt, weil man bei ihm die " Sozialistische Aktion" fand. In Dresden ist am 17. 1. 36. vom Zweiten Senat des Sächsischen Oberlandesgerichts der Sozialdemokrat Köhler wegen illegaler Betätigung zu 2 Jahren lo Monaten Zuchthaus verurteilt worden. 1-57Schlesien: Vor dem 1. Strafsenat des Oberlandesgerichts in Breslau fand am 25. und 26. November 1935 ein Hochverratsprozess gegen Sozialdemokraten statt. Unter den 13 Angeklagten befanden sich eine Ehefrau, ein über 60 Jahre alter Mann und 3 Jugendliche. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat wurden verurteilt: Paul Siegel und Karl Zachau, beide aus Neisse, zu je 4 Jahren Zuchthaus, Josef Seipelt, Neisse, zu 3 Jahren Karl Hoffmann, Neisse, zu 2 Jahren Gefängnis. Die Ehefrau Anna Siegel, der über 60jährige Karl Memel und der Jugendliche Josef Kluger erhielten je 1 1/2 Jahre Gefängnis. Wegen Mangel an Beweisen wurden 6 Angeklagte freigesprochen. Einer der Freigesprochenen, Rudolf Willinsky, wurde nach dem Konzentrationslager Lichtenburg überführt. Die Verteidigung der 13 Angeklagten, die sich fast durchwegs standhaft verhielten, lag in den Händen von 8 Rechtsanwälten, die während des Prozesses übereinstimmend erklärten, dass ihre Mandanten während der Vernehmungen" grob behandelt worden" seien, wogegen sie protestierten. d) Die Bespitzelung der" Staatsfeinde" Bayern, 1.Bericht: Das Spitzelsystem wird in Gestalt der Blockwarte in meinem Arbeitsgebiet auch auf dem Lande systematisch ausgebaut. In Nürnberg ist es mustergültig durchgeführt. Wer in Nürnberg einmal einen Verfehmten besucht, wird von da ab ständig beobachtet. Merkt man sonst noch halbwegs Verdächtiges an ihm, so wird er und der ganze Personenkreis, mit dem er verkehrt, verhaftet und die Prozedur zur Erzwingung von Geständnissen beginnt. In verschiedenen bayerischen Städten haben die Gastwirte vertrauliche Anschreiben der NSDAP- Leitung bekommen, dass sie ihren Gästen die politischen Gespräche nicht mehr verbieten sollen, sondern, wenn die Gäste sich politisch unterhalten, davon sofort die Polizei zu verständigen haben. Rheinland; 1.Bericht: Die Gestapo stellt an illegale Kämpfer, die nach Verbüssung ihrer Strafe den Versuch machen, wieder in Arbeit zu kommen, das Ansinnen, sich weiter illegal zu betätigen und dann die anderen Beteiligten der Polizei anzugeben. Weigern sich die Betreffenden, dann wird gelegentlich damit gedroht, auch die Verwandten brotlos zu machen. Im übrigen sucht man sich für die Spitzelarbeit mit Vorliebe junge Mädchen, die bei jungen Männern Anschluss finden und sie dann aushorchen. 2.Bericht: Vor einiger Zeit wurde in unserem Grenzgebiet Gestapo aus Düsseldorf und Berlin eingesetzt, aber nach einigen Wochen zum Teil wieder abberufen. Trotzdem ist die Bespitzelung noch sehr stark. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Verhaftungen erfolgen. Es ist in der letzten Zeit vorgekommen, A- 58dass Land jäger Leute von uns auf offener Strasse anhielten und durchsuchten, natürlich ohne etwas zu finden. Nordwestdeutschland: Die Wohnungen früherer Funktionäre werden wochenlang ganz systematisch bewacht. Bei den Verhören kann die Polizei ganz genau sagen, wo der Genosse oder seine Frau in der letzten Zeit gewesen sind, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen. Die Polizei weiss, dass ein Genosse Bücher an Freunde ausleiht, an wen und teilweise sogar welche Bücher. Die Polizei ersucht in einem anderen Falle einen Genossen um Vorschläge, welche Bücher bei einem gesunden Aufbau und Ausbau der Arbeiterorganisationen im neuen Staat aus den sozialistischen Büchern in Betracht kommen könnten. Früher örtlich oder interkommunal bekannte Genossen werden aufgefordert, der Polizei bei der Aufstellung und Korrektur von Listen behilflich zu sein, die genaue Angaben über die frühere Tätigkeit von Sozialdemokraten registrieren. Plötzliche Haussuchungen und Vernehmungen von Angehörigen kommen hinzu. Festgestellt konnte werden, dass auch eine sehr gut funktionierende Postkontrolle besteht. Auch die abgehende Post wird nach Möglichkeit kontrolliert, die ankommende Post aber regelmässig. Die Brieföffnung geschieht so geschickt, auch die Schliessung, dass der Empfänger lange nichts merkt, zumal die Zustellung wenig verzögert wird. Briefe ohne Absender werden zu der Kategorie der verdächtigen Sendungen gerechnet. Wasserkante: Im Herbst 1935 sind eine Anzahl Kommunisten aus Schleswig- Holstein zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. worden, weil sie das Hinausschmuggeln Illegaler aus Deutschland organisiert hatten. Die Gestapo hat diese Organisation durch einen Trick entlarvt. Sie hatte eine von Berlin nadh Hamburg versetzte Leiterin der" Roten Hilfe" verhaftet. Dann hat ein Kommissar der Gestapo mit ihr ein Verhältnis angeknüpft und ist zum Schein mit ihr geflohen. Dabei hat man erst alle Adressen in Hamburg aufgesucht, dann ist er mit. ihr nach Kiel, Eckernförde, Südelügum und Flensburg gefahren. Hier hat er sie dann hochgehen lassen. Auf diese Weise kannte die Gestapo das Stichwort für die dänische Grenze. Eines Tages erschien dann bei den Kommunisten in Flensburg ein Hamburger mit dem richtigen Stichwort. Die Flensburger haben ihn zur Grenze gebracht und unmittelbar an der Grenze entpuppte sich der Mann als Gestapo beamter und liess alles hochgehen. Sachsen 1. Bericht: In einer Anzahl von Grenzorten wurde festgestellt, dass die Bevölkerung planmäs sig vor dem Verkehr mit Emigranten gewarnt wird. Den Leuten wird gesagt, dass die Tätigkeit der Emigranten eine grosse Gefahr für den Staat darstelle und dass sich jeder schwerster Bestrafung aussetze, der ihnen irgendwie Vorschub leiste. Darüber hinaus wird die Bevölkerung in informatorischen Versammlungen be A- 59lehrt, wie sie dazu beitragen könne, die Emigrantenarbeit zu unterbinden und bei der Ergreifung solcher Elemente behilflich zu sein, die sich hin und wieder auf reichsdeutsches Gebiet begeben. Jeder sei verpflichtet, sofort die Festnahme zu veranlassen oder selbst vorzunehmen. Die Staatlichen Behörden müssten über jede Wahrnehmung in dieser Hinsicht sofort verständigt werden. 2.Bericht: Die bisherige, ungewöhnlich starke Besetzung der Grenzwachen ist zwar inzwischen wieder vermindert, aber immer wieder wird die Grenzbewachung zeitweilig dermassen verstärkt, dass beinahe jeder Verkehr unterbunden wird. Seit Mitte November erscheinen in der Regel einmal in der Woche sogar Ueberfallkommandos an der Grenze, um die Ueberwachung zu verstärken. Besonders werden Radfahrer nach illegalem Material durchsucht. 3. Bericht: An der Grenze ist jetzt auch ein ziviler Beobachtungsdienst eingerichtet worden. Die regulären Grenzübergänge unterstehen häufig der unauffälligen Aufsicht ziviler Grenzwächter. Sie sitzen bei schönem Wetter ganz harmlos in der Nähe der Uebergänge, lesen ein Buch oder eine Zeitung oder steigen als harmlos erscheinende Spaziergänger herumDoch haben sie die Uebergänge immer scharf im Auge und wenn es ihnen einfällt, rufen sie die Leute, die über die Grenze wollen, an und kontrollieren sie. Dieser zivile Beobachtungsdienst erstreckt sich auch auf das böhmische Grenzgebiet und dient hier insbesondere der Bespitzelung des Schleichhandels. Zu den Aufgaben des zivilen Spitzeldienstes gehört aber auch die Beobachtung von Reichsdeutschen, die auf böhmisches Gebiet kommen, auf etwaige politische Betätigung bezw. Verbindung zu Emigranten. Die Verschärfung der Grenzwacht erstreckt sich auch. auf die einsameren Grenzstrecken. Von Grenzstation zu Grenzstation ist ein Staffeldienst eingesetzt. Wir stellten fest, dass auch das unwegsame Grenzkammgebiet einer früher nicht vorhandenen Kontrolle untersteht. Uniformierte und zivile Doppelposten begehen Stück um Stück dieses Gebiet. 4. Bericht: Am 23. November 35 wurde der Sozialdemokrat Emil Meinl, Eibenberg( CSR) bei dem Versuch, mit einem Kurier auf deutschem Boden zusammenzutreffen, verhaftet. Am 24. November wurden die in der CSR lebenden Verwandten Meinls informiert, dass Emil Meinl mit gebrochenen Beinen auf deutscher Seite liege. Sie begaben sich an die Grenze. Auf dem Grenzwege lief der am Vortage verhaftete Kurier auf und ab. An den kurzen Schritten, die er machte, war zu erkennen, dass er gefesselt war. Der Versuch, auf diese Weise auch die Verwandten des in Deutschland verhafteten Sozialdemokraten hinüberzulocken, misslang. Am nächsten Tage versuchte der Bruder Meinls, in Deutschland Erkundigungen einzuziehen. Auch er wurde verhaftet. A-60 5. Bericht: In der Umgebung von Leipzig hat die Gestapo mehrfach und in verschiedenen Variationen folgenden Versuch gemacht: Fine als frühere Sozialdemokratin bekannte Frau wird zur Polizei, zum Arbeitsamt oder zum Bürgermeister bestellt. Hier wird sie mit dem angeblichen Vertreter einer Fabrik aus Notstandsgebieten bekannt gemacht. Man erklärt, die Regierung wolle den armen Leuten jenes Notstandsgebietes helfen. Man wolle darum den Firmen- Vertretern aus diesem Gebiet behördliche Unterstützung leihen. Sie, die Sozialdemokratin, kenne doch die Leute im Orte gut und solle den Mann in Familien führen, mit denen sie gut bekannt sei. Sie möge ihm behilflich sein, Aufträge zu erhalten, denn auch der kleinste Auftrag von kleinen Leuten sei willkommen. Man brauche sich nicht zu überstürzen, der Mann könne mehrere Tage hier arbeiten. Hin und wieder werden auch arbeitslose Sozialdemokraten zu solcher Tätigkeit herangezogen und ihnen eine kleine Vergütung in Aussicht gestellt. In mehreren Fällen haben die Beauftragten die Sache nicht gleich durchschaut. Erst als der" Vertreter" die besuchten Genossen und ihre Frauen in sehr verfängliche Gespräche zu verwickeln suchte, schöpften sie Verdacht. Mitunter entpuppte sich der Herr Vertreter dann ganz offen als Agent der Gestapo oder er verschwand aus der Gegend. Sehr beliebt ist auch der Versuch, frühere Marxisten, die unbemerkt zu den Nazis übergelaufen sind, und sich als" noch echt" hinstellen, den Genossen auf den Hals zu schicken und mit ihrer Hilfe etwas herauszubekommen. 6. Bericht: Die Polizei bedient sich immer neuer Methoden, um Unzufriedene zu fassen. In einem Zigarettengeschäft in Zwickau erschien eines Tages ein Reisender und schimpfte mächtig über schlechten Geschäftsgang und das Hitlerregime. Der Händler ist darauf hereingefallen und hat in das Schimpflied mit eingestimmt. Schon am Nachmittag bekam er eine Vorladung zur politischen Polizei. Ein anderer Trick: Zu Angehörigen von Verhafteten kommen auffallend viel Hausierer, die mehr oder weniger auffällig über die schlechten Zeiten und die Nazis schimpfen. In einigen Fällen haben sich solche Händler als Spitzel erwiesen, da Leute, die darauf eingingen und in den gleichen Ton einstimmten, in Haft genommen worden sind. ONG Berlin: Die Wohnung einer in Berlin wegen illegaler Arbeit verhafteten Kommunistin wurde mehrere Monate lang von der Gestapo beobachtet. Da die Verhaftung geheim blieb, steckten die Parteifreunde der Verhafteten das für sie bestimmte illegale Material in den Briefkasten, welches dann die Gestapo ständig in Empfang nahm und so auch die Zuträger des Materials ergreifen konnte. Schlesien, 1. Bericht: Der Bautenkontrolleur Rudolf Langer in Ober- Kamenz unterhält dienstlich Verbindungen zur Geheimen Staatspolizei, Dienststelle Neisse. Der Posten des Bauten A- 61kontrolleurs ist zugleich mit dem eines Gestapo spitzels verbunden. Langer hat die Aufgabe, auf den Bauten nach staatsfeindlichen Elementen zu fahnden. Sein Mittelsmann zur Gestapo ist der Kriminalsekretär Altmann aus Neisse und zur Land jägermeisterei der Wachtmeister Kern aus Heinzendorf. Im gleichen Hause, in dem Langer wohnt, ist seit dem 1. Juli 1935 eine Agentin der Gestapo untergebracht. Es ist eine angeblich pensionierte Lehrerin aus Kanth bei Breslau. Sie ist unter dem Vorgeben, sie wolle sich aufs Land zurückziehen, nach Ober- Kamenz gekommen. Ihre Aufgabe besteht darin, mit den Frauen in Verbindung zu treten, deren Männer in Verdacht stehen, Staatsfeinde zu sein. 2. Bericht: Im Monat August waren allein in Patschkau 9 Kriminalbeamte stationiert, um Ermittlungen über illegale Arbeit anzustellen. Soweit bekannt ist, konnten sie nichts ermitteln. Fünf Beamte sind seit 1. September wieder zurückgezogen worden. Die Zeitungsverkaufsstände in Breslau werden zeitweise überwacht, um festzustellen, wer ausländische Zeitungen kauft. Dazu berichtet eine Sozialdemokratin, die sich laufend eine französische Zeitung kauft, dass ihm eines Tages der Händler eine Nazizei tung in die Hand drückte und ihr sagte, sie solle später wiederkommen. Sie erfuhr dann, dass ein Aufpasser in der Nähe stand, der die Käufer ausländischer Zeitungen feststellte. Die Blockwalter bezw. die Hausverwalter, die der Partei angehören, melden ihre Beobachtungen ihrer ParteiFahndungsstelle. Diese gibt die Meldungen an die Gestapo weiter. Von dort setzt dann die systematische Ueberwachung ein. Aus Schmiedeberg, Landeshut und Hirschberg ist durch Hotelbesitzer bekannt geworden, dass sich Polizeibeamte eingemietet haben, die die Einschmuggelung von illegalem Material feststellen bezw. verhindern sollen. 3. Bericht: Ein kommunistischer Emigrant in Böhmischdorf hatte eine Zusammenkunft mit zwei illegalen Vertrauensleuten. Kaum war er auf deutschem Boden mit den beiden zusammen, da erschienen 30 Mann SA. Es gab eine Schiesserei. Der Emigrant konnte entfliehen. Die beiden Reichsdeutschen wurden verhaftet. Einer sollte schwer angeschossen worden sein. Sie wurden von der SA mit einem bereitstehenden Auto ab transportiert. So lautete die offizielle Darstellung. Nach meinen Informationen waren die beiden" Vertrauensleute" Beauftragte der Gestapo, um den Emigranten, dessen Tätigkeit bekannt war, dingfest zu machen. Es ist auch niemand angeschossen worden; die deutsche Presse erhielt offenbar Anweisung, den Vorfall so falsch zu schildern. A- 623) Der allgemeine Terror Der Terror gegen die Juden und der Terror gegen die Illegalen sind nur eine Art verschärfter Spezialfälle eines allgemeinen Terrors, der sich auf fast alle Bevölkerungskreise, ob politisch oder unpolitisch, evangelisch oder katholisch, alt oder jung, Mann oder Frau, erstreckt. Im Dritten Reich gibt es kaum einen öffentlichen oder privaten Lebensbereich, in den nicht die rächende, strafende oder" vorbeugende" Terrorgewalt eingriffe. Dieser Terror ist das Ergebnis eines weitverzweigten Ueberwachungssystems. Der Arbeiter wird im Betrieb vom Betriebswalter überwacht, der Haus bewohner in seinem Wohnbezirk vom Blockund Zellenwart; die IIJ- Mitglieder überwachen zu Hause die Eltern, in der Schule die Lehrer, im Konfirmanden- Unterricht die Geistlichen. Der Bespitzelung der" Staatsfeinde" haben wir einen besonderen Abschnitt gewidmet. Die SS hat sich in ihrem " Sicherheits- Hauptamt" eine politische Nachrichtenstelle geschaffen, von der aus wie es in einer Darstellung des" Völkischen Beobachters" heisst-" das gesamte politische Geschehen in allen Einzelheiten und auf allen Lebensgebieten nach nationalsozialistischen Grundsätzen überwacht und beurteilt wird. Der Bürger demokratischer Länder kann sich keine Vorstellung von der lückenlosen Ausdehnung dieses allgemeinen Terrornetzes machen. Es ist auch im Rahmen dieser Berichterstattung praktisch unmöglich, einen umfassenden Ueberblick über Ausdehnung und Wirkungsweise dieses allgemeinen Terrors zu geben. Wir müssen uns darauf beschränken, einige wesentliche Züge herauszuarbeiten. AUTO Ein Angestellter der Stadt Kettwig wurde entlassen, weil er sich weigerte, seine Kinder in die Hitler- Jugend zu schicken, Widerrufsklage und Berufung waren erfolglos. · Drei Frauen, die die HJ- Fahne nicht grüssten, verurteilte das Amtsgericht Brühl wegen groben Unfugs zu je 50,- Reichsmark Strafe. A- 63Der Pfarrer von Kirchschönbach erhielt wegen desselben" Deliktes" 500 RMark Geldstrafe. Die Landesarbeitsgerichte in Berlin und Halle haben entschieden, dass bei Verweigerungen des deutschen Grusses durch Angestellte fristlose Entlassung gerechtfertigt ist. Das Arbeitsgericht Frankfurt wies die Klage eines Arbeiters ab, der nach 24jähriger Betriebszugehörigkeit wegen Nichtbeachtung des Hitler- Grusses fristlos entlassen worden war. Weil er Gelder für eine Frau sammelte, deren Mann verhaftet ist, wurde ein Einwohner von Oranienbaum in Einheitliche Kleidung von SportvereiSchutzhaft genommen. nen, die ausserhalb des deutschen Reichsbundes stehen, ist verbot en. Das gilt auch für einheitliche Fahrtenhemden, Koppelschlösser usw. Alle Vereine, gleichgültig welcher Art, müssen bei Versammlungseinberufungen den vollen Namen des Redners, seinen Beruf und Wohnort angeben.- Weil das Hitlerjungen- Mahnmal in Durlach von unbekannten Tätern verschmiert wurde, verhaftete" angesichts der empörten nationalsozialistischen Bevölkerung" die Gestapo mehrere ehemalige SPD- und KPD- Funktionäre.. Das" Hasslocher Tageblatt" wurde verboten und der Betrieb polizeilich verschlossen, weil sich der Verleger an" Volk und Vaterland verging".- Staatsfeindliche Betätigung ist nach einer Entscheidung des Arbeitsgerichts Hindenburg Grund zu fristloser Entlassung.- Der Präsident der Reichspostdirektion Frankfurt, Otto Plein, wurde zu 3000,- RMark Geldstrafe verurteilt, weil er in einer ihm unterstellten Dienststelle ein antikatholisches Plakat entfernt hatte. Zahllos sind die Verurteilungen wegen Kritik an der Regierung, an Hitler, an Naziführern und Nazi organisationen. Die Strafen wegen solcher" staatsfeindlicher Aeusserungen" bewegen sich durchschnittlich zwischen 3 Monaten und 1 Jahr Gefängnis. Einige bezeichnende Beispiele: Robert Sauter, Hilsbach, bestritt die Wahrheitsliebe der deutschen Zeitungen. Urteil: 5 Monate Gefängnis. Elisabeth A., Heidelberg- Handschuhsheim, hatte im Gespräch gesagt, Pfarrer seien ermordet worden. Urteil: 8 Monate Gefängnis. Vikar B., Furtwangen, erzählte über A-64Verhaftungen katholischer Geistlicher. Urteil: 2 Monate Gefängnis. Neun Durlacher Einwohner wurden bestraft, weil sie der Einberufung des Reichsluftschutzbundes zu einem Lehrgang keine Folge leisteten. Pfarrkurat Wilhelm W., Weil a.Rh. erhielt wegen Bemerkungen über den BdM. 3 Monate Gefängnis. Max Kubiak, Berlin, wegen unerlaubten Tragens einer Mütze mit NSDAP- Abzeichen 6 Monate Gefängnis.- Acht Angeklagte aus Harburg- Wilhelmsburg wurden wegen Weitergabe von Gerüchten über Unterschlagungen bei der NS- Volkswohlfahrt verurteilt, sieben waren geständig und erhielten 3 Wochen Gefängnis, einer, Otto Pilk, leugnete und erhielt deshalb 4 Monate Gefängnis. Bei vielen dieser Verurteilungen handelt es sich um Aeusserungen und Massnahmen ganz privaten Charakters: Gespräche in der Wohnung, unter vier Augen; Privatbriefe usw. So erhielt Paul P. Glowania, Ludwigshafen, wegen staatsfeindlicher Aeusserungen in der Wohnung eines Bekannten 1 Jahr Gefängnis. Der 59 Jahre alte evangelische Geistliche Hermann G., Mannheim, hat in Privatbriefen an seine Tochter" gehässige Behauptungen" aufgestellt. Er wurde zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt.- Ein besonders auffälliges Urteil fällte das Sondergericht Frankenthal: Philipp Bär, Frankenthal, war wegen Beleidigung der Reichsregierung nach Dachau gekommen. Er wurde zu 1 Jahr, 2 Monaten Gefängnis verurteilt, deren Verbüssung beginnt, wenn seine Zeit im Konzentrationslager Dachau abgelaufen ist.( Bisher begann in vielen Fällen die Inhaftierung in einem Konzentrationslager nach Ablauf der Gefängnis- oder Zuch thausstrafe). Neben den Verurteilungen wird in steigendem Masse Verschikkung ins Konzentrationslager angeordnet. Wir beschränken uns darauf, eine Anzahl Verschickungen aus der letzten Zeit in ein einziges Lager zu registrieren. Neben politischen Häftlingen wird das Lager auch mit" asozialen Elementen" gefüllt. Diese Verschickungen werden in der Tagespresse in auffälliger Form bekannt gemacht, während man die Einlieferung der politischen und jüdischen Schutzhäftlinge immer mehr verschweigt. Die Handhabe zu diesen Verschickungen bietet die Dachau GD A-65Entschliessung des bayerischen Staatsministeriums des Innern vom 16. Oktober 1934, wonach Arbeitsscheue, Unterhaltsverweigerer und sonstige asoziale Personen in das Arbeitslager eingewiesen werden können. Aus München sind bisher 66 Asoziale in das Konzentrationslager Dachau gebracht worden.- Aus Fürth wird die Abschiebung von 9 Asozialen nach Dachau gemeldet; in der Pfalz sind 15 Fälle der Verbringung nach Dachau bekanntgemacht worden. Grüne de: Beleidigung, Unterhal tsentziehung, Arbeitsscheu, Trunksucht, Vernachlässigung oder Bedrohung der Familie, unzweckmässiger Verbrauch der Wohlfahrtsunterstützung usw. Meist handelt es sich um arme Teufel, die auf Kosten der Gemeinde leben und deren sich die Bürgermeister aus finanziellen und anderen Gründen entledigen wollen. Zugleich wirkt das Verfahren als eine starke Drohung gegen Wohlfahrtserwerbslose, die sich etwa der Pflichtarbeit zum Unterstützungssatz entziehen wollen. Die Verschickungen Asozialer nach Dachau werden aber auch nicht nur aus Gründen der Abschreckung veröffentlicht. Der Spiesser soll auch erfahren, welchen erzieherischen Zweck Dachau eigentlich hat und er soll wissen, warum man nach Dachau kommt, damit er den Marxisten oder Juden, der in Dachau gequält wurde, auch so einschätzt wie einen Asozialen. Ein ähnliches Verfahren wendet man in Pommern an: der Oberbürgermeister von Stettin hat" arbeitsscheue und staatsfeind li che Elemente" in Baracken auf einer Oder- Insel als Asozialen- Kolonie unterbringen lassen. Bayern, 1. Bericht: Neben den Verhaftungen durch die Gesta po gibt es noch ein ständiges Verhören verdächtiger oder vermeintlich verdächtiger Leute durch die Nazikreisleitung. So hat man in X. einen Arbeiter auf die Kreisleitung der NSDAP bestellt, der in seinem Betrieb gelegentlich bemerkte: " Die Wirtschaft bricht doch z'samm." Der Mann erklärte bei der Vernehmung dem Nazikreisleiter, er habe damit nicht die deutsche Gesamtwirtschaft gemeint, sondern seinen Betrieb, und wies dabei auf verschiedene Betriebsmängel hin. Der Kreisleiter wollte das noch einmal glauben und entliess den Mann mit den entsprechenden Mahnungen. Ein Einwohner aus Pleystein wurde zum dortigen Nazi- Kreisleiter gerufen, weil er das G'stanzel gesungen hatte: A- 66Heil unserm grossen Führer, Wir werden alle Tage dürrer, Kriegen wir jetzt net bald a Brot, Nacha wern ma wieda rot. Der Kreisleiter erklärte dem Manne, dass er ihn zur Anzeige bringe. Ein anderer Arbeiter wurde zum Kreisleiter geladen, weil er an der Stempelstelle der Arbeitslosen erklärte: " Da schauts her, es gibt keine Arbeitslosen mehr." Vor einiger Zeit konnten derlei Bemerkungen noch unbehelligt gemacht werden und wurden an den Stempelstellen von den Arbeitslosen auch immer gemacht, als Kennzeichnung dafür, dass es mit der Arbeitsschlacht nicht so ist, wie es in der Nazipresse steht. Jetzt werden alle diese Aeusserungen verfolgt. In Reinhardsriet, Bezirk Vohenstrauss, wurde ein Bauernsohn verhaftet, weil er gesagt hatte:" Dös glaub ich schon, dass die Arbeitslosen weniger werden, wenn man sie zur Landhilfe, zum Arbeitsdienst und zum Militär steckt; aber trotzdem gibts noch genug." In Flossenbürg bei Weiden wurden zwei Arbeiter verhaftet. Der eine, weil er erklärte:" Mein Blut ist rot und bleibt rot." Der andere Verhaftete hat geäussert:" Wenn Hitler noch zwei Jahre am Ruder ist, dann sind wir alle verhungert, dann gibt es keine Arbeitslosen mehr." 2. Bericht: In Hof gibt es z.Zt. etwas über 1800 unterstützte Erwerbslose( Alu- und Kru- Unterstützung). Nach der Auszahlung der" Alu" in der vorletzten Woche des November gingen diese Erwerbslosen in den Vereinshaussaal und beschlossen, eine Abordnung wegen einer Weihnachtshilfe zum Stadtrat zu delegieren. Die Erwerbslosen waren kaum eine Viertelstunde versammelt, da erschinen schon SS- Leute, um zu sehen, was da los sei. Die Versammelten gingen auseinander. Zwei Mann von ihnen gingen aufs Rathaus, um die Bitte vorzubringen. Sie wurden zwar vorgelassen, gewährt wurde. ihnen jedoch nichts, dafür wurden sie aber am Ausgang des Rathauses von SS- Leuten verhaftet. Sie sitzen heute noch. Anreger dieser Aktion waren die Arbeitslosen, die vorher beim Freiwilligen Arbeitsdienst waren. Sie sind überhaupt die Unzufriedensten unter den Arbeitslosen, weil ihnen ja beim Arbeitsdienst so grosse Versprechungen gemacht wurden. Die Arbeitsdienstler sind natürlich alle registriert und man holt sie im Bedarfsfalle auch nach ihrer Entlassung aus dem Arbeitsdienst zu den Appellen zusammen. Das tat man auch mit diesen arbeitslosen ehemaligen Arbeitsdienstlern in Hof, denen man dann, als sie angetreten waren, eine Strafpredigt. hielt und sie zusammenschimpfte, weil sie sich angeblich von marxistischen Hetzern zu marxistischen Propagandazwecken missbrauchen liessen. 3. Bericht: Der Besuch Deutscher im böhmischen Grenzgebiet ist so gut wie vollständig unterbrochen. Die deutschen Fi A-67nanzwachen lassen bayerische Bauern nicht einmal mehr zu einem Glas Bier über die Grenze, auch wenn sie Grenzscheine haben. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Eine neue Terrorwelle scheint gewisse Teile Badens zu überfluten. Keine Woche vergeht, ohne dass nicht auch aus den Landorten erzählt wird, dass dieser und jener in Schutzhaft gekommen ist. Es handelt sich meistens um Landwirte aus kleinen Landorten, aber auch kleine Geschäftsleute, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Auffallend ist es auch, dass sich in der letzten Zeit die Beleidigungsprozesse häufen, die Bürgermeister oder Ratschreiber gegen die eigenen Einwohner führen. In Mannheim wurden am 17. Januar durch die Kreisleitung der NSDAP die gesamte Ortsgruppenleitung, da zu Haus- und Blockwarte versammelt. Kreisleiter Dr. Roth erteilte mit ganz besonderem Nachdruck den Auftrag, innerhalb vier Wochen einen Bericht über jeden einzelnen Parteigenossen und jede -Genossin zu erstatten, wie sie sich in der Oeffentlichkeit zu den verschiedenen Vorkommnissen infolge der Lebensmittelverknappung äussern. Gleichfalls darüber, wie bei den Eintopfsammlungen Pfund- und sonstigen Sammlungen gespendet wird. Besonders wurde darauf hingewiesen, diejenigen Volksgenossen in ihren Gesprächen zu überwachen, die nicht in einer Parteigliederung oder sonstigen Formation sind. Im weiteren wurde angeordnet, sich sehr aufmerksam den Wirtshausgesprächen zu widmen und darüber ebenfalls laufend zu berichten. Diese Massnahme ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt. 2. Bericht:( Pfalz): Einem früheren sozialdemokratis chen Bürgermeister aus der Pfalz wurde die Pension gestrichen. unter der Begründung, er habe" Schleuderwirtschaft" getrieben und viel zu hohe Wohlfahrts unterstützungen bezahlt. Auf sein Betreiben seien auch die Wohnungen, die die Gemeinnützige Baugesellschaft errichtet habe, viel zu luxuriös eingerichtet worden. Der Kampf gegen diesen Mann ist seit 1933 mit allen Mitteln geführt worden. Man versuchte zunächst ihm eine Unterschlagung oder sonst eine strafbare Handlung nachzuweisen, um ihm den Prozess machen zu können. Da das scheiterte, hat man jetzt diese durchsichtige Begründung gefunden, um ihn um die gesetzlich zustehende Pension zu bringen. Eine Frau Jost von Pirmasens sollte nach Aichach ins Arbeitshaus geschafft werden. Sie widersetzte sich. Man führte den Transport dann per Auto aus. Unterwegs verlangte sie, austreten zu dürfen, und stieg nicht mehr ein. Als die Schutzleute Gewalt anwenden wollten, riss sie sich los und stürzte sich in der Nähe von Stuttgart vor ein vorbeifahrendes Auto.. Schwer verletzt wurde sie ins Krankenhaus überführt. Die rasch versammelte Menge setzte den Schutzleuten derart zu, dass sie von einem Ueberfallkommando gerettet werden mussten. Die Verschickungen nach Dachau halten immer noch an. Sie A-68erfolgen jetzt sogar schon auf ein Jahr und werden durch die Bürgermeister verfügt. Drei Fälle sind aus Landau gemeldet, je einer aus Queichheim, Kröppen, Frankenthal und Neustadt. Als Begründung wird Unterhaltsentzug, unrichtige Verwendung der Unterstützung und Familienstreit angeführt." Als Erleichterung für Familie und Wohlfahrtsamt", ordnete der Neustädter Bürgermeister Verschickung auf ein Jahr an! Für diejenigen, die sich gerne durch einen Sprung über die Grenze orientierten und die auch in der Lage waren, andere mit mitgebrachten Zeitungen zu versorgen, ist es jetzt infolge der verschärften Grenzkontrolle sehr schwer, noch hinüber zu kommen. Wer zum ersten Mal erwischt wird und nichts Verbotenes dabei hat, muss 8,50 Mark bezahlen. Später gibt es Gefängnisstraf en wegen unerlaubten Grenzübertritts oder Passvergehen. Rheinland, 1. Bericht: Neuerdings geht man gegen die in Rheinland- Westfalen bestehenden unzähligen Geselligkeitsvereine vor. Die kollektive Mitgliedschaft dieser Vereine bei irgendeiner Reichsstelle und die dadurch gewährleistete Aufsicht genügt nicht. Jetzt führt man eine" Planung" für die Veranstaltungen dieser Vereine durch, die sich angeblich in letzter Zeit so gehäuft hätten, dass in vielen Fällen ein Misserfolg dabei herauskam. Die Begründung ist natürlich Un sinn. Es geht nicht um die Sicherung des Erfolges aller Veranstaltungen, es geht um die Sicherung der Naziveranstaltun gen. Für diese waren die anderen Veranstaltungen ein Nachteil; die Nazi- Veranstaltungen wurden schlecht, die anderen aber gut besucht. Man versucht, die Vereine zu treffen, indem man die Genehmigungspflicht für ihre Veranstaltungen einführt. Diese Genehmigung wird natürlich von den Nazi- Amtsstellen rein willkürlich erteilt. Jetzt sollen alle Vereine die Veranstaltungen für das Jahr 1936 im Voraus anmelden. Vereine, die bis zum 15. Januar nicht gemeldet haben, sollen parteiamtlich und behördlich" nicht gefördert werden". Was das bedeutet, ist klar. 2. Bericht: Die Gleichschaltung aller Vereinigungen und Ve: eine wird fortgesetzt. In jedem Verein haben die Nazis ihre Leute. Ständig wird umorganisiert, Vorstände werden abgesetzt, Vereinsversammlungen kontrolliert. Ueberhaupt stecken die Nazis überall ihre Nase hinein. Die Furcht vor staatsfeindlichen Umtrieben in diesen Vereinen beherrscht alles. Die Vereine werden aber auch mit der Zeit finanziell kaputt gemacht. Die Lasten, die ihnen auferlegt werden, sind so gross, dass die Vereine sie einfach nicht tragen können und viele lösen sich daher von selbst auf. Jeder Verein muss " reichsseitig" angeschlossen sein." Wilde" Vereine sind unmöglich. Von einem Kegelklub wird uns berichtet, dass er an die zuständige Reichsstelle jährlich 6,- RM pro Mitglied abführen muss. Da die Mitglieder sich weigerten, den Betrag zu zahlen, blieb dem Verein nichts anderes übrig, als sich aufzulösen. 1-69Die Vereine sollen bei Veranstaltungen bis zu 70% der Einnahme an die NSV abführen. Oft müssen die Mitglieder draufzahlen, weil die Vereine sonst ihre Unkosten nicht decken können. Ein Sichdrücken von diesen Abgaben ist unmöglich, da von der NSV eine strenge Kontrolle erfolgt. Nordwestdeutschland, 1. Bericht: Schon vor mehreren Monaten sind einige Verhaftungen hochangesehener Bürger Bielefelds erfolgt. Darunter befindet sich auch der eine Inhaber der Spinnereifabriken Gebr. Seidel- Bielefeld. Ursache dieser Verhaftung war: Der Betrieb musste Entlassungen vornehmen. Der nationalsozialistische Vertrauensrat verlangte, dass Arbeiter, die schon Jahrzehnte als gute Facharbeiter im Betrieb sind, entlassen werden sollten. Der Inhaber wollte aber die unter Druck nach der Machtergreifung eingestellten Nazis wieder entlassen, da sie für den Betrieb tatsächlich nur eine Belastung bilden. Der Nazi- Vertrauensrat bestand auf seiner Forderung. Der Inhaber erklärte:" In meinem Betrieb bestimme ich". Er wurde ins Konzentrationslager gebracht. Das hat die honette Bürgerschaft in Harnisch gebracht. Der Mitbesitzer und Bruder des Verhafteten drohte, den Betrieb ganz zu schliessen, wenn sein Bruder nicht freigelassen und die Nazis nicht entlassen werden dürfen. Der Treuhänder der Arbeit antwortete, dass dann der Betrieb von der Deutschen Arbeitsfront übernommen werde. Ebenfalls verhaftet ist eine ehemalige Volksparteilerin. Sie ist Vertreterin des exklusivsten Bürgertums und war Kandidation für den Reichstag Sie ist in ein Konzentrationslager gebracht worden, wo sie sich als Waschfrau usw. betätigen muss. Der Grund für diese Massnahme soll eine schwere Beleidigung Hitlers und seiner engeren Mitarbeiter sein. Die Bürgerherzen sind durch diese Fälle mehr verwundet als durch hunderte von Marxisten- Verhaftungen. 2. Bericht: In einem kleinen Ort veranstaltete kürzlich auswärtige SA einen Umzug. Da die Bevölkerung die Fahne nicht grüsste, wurden die SA-Leute tätlich und so wurden auch Nazis von ihren eigenen SA-Leuten verprügelt. Unter den Geprügelten befand sich auch ein früherer fanatischer Nazibonze mit seinem Sohn. Die Folge war, dass er mit seinem Sohn aus der SA austrat und alle seine Nazifunktionen niederlegte. Er ist Besitzer eines Restaurants mit einem grossen Waldgelände und organisierte nun ein jüdisches Durchgangslager. Die Nazis rächten sich, sein Gebiet wurde abgegrenzt und jedem" Deutschen" verboten, das Terrain zu betreten. Die Bevölkerung kehrte sich nicht an das Verbot und besuchte das Restaurant weiter. Im übrigen passierte dem gewesenen Nazibonzen weiter nichts wegen dieser Provokation. Er kann zuviel plaudern über Misswirtschaft und Nazikorruption. So nehmen hier noch immer Juden aus dem Innern Deutschlands, die ihren Wohnsitz verändern müssen oder auswandern wollen, einen Zwischenaufenthalt in der Pension des ehemaligen SA- Führers. A- 70WO 3. Bericht: In Düsseldorf, Zoogegend, wurde ein katholischer Justizbeamter von der SA aus seiner Wohnung geschleift und an die Wand gestellt. Ca. 200 Personen standen vor der Tür. Die SA schrie:" Wieviel verdient dieser Mann?" Darauf das Volk" 650 Mark". Dann wieder die SA:" Wieviel gibt er davon ab?"" Nichts". Bei jeder Frage wurde der Mann derart geschlagen, dass er nach zehn Minuten blutüberströmt zusammensank. Das Ueberfallkommando kam, säuberte die Strasse und brachte den Mann in Sicherheit. Nachdem er wieder genesen war, konnte er auf Staatskosten in ein Erholungsheim fahren. Er hatte sich den Zorn der SA zugezogen, weil er nicht der Winterhilfe, sondern der katholischen Caritas monatlich 15,- Mark gegeben hatte. In X. waren drei Bürobeamte verhaftet worden, die am 2. Januar auf Anordnung der Staatsanwaltschaft, da Fluchtverdacht nicht vorlag und wegen Geringfügigkeit des Delikts aus dem Amtsgerichtsgefängnis entlassen wurden. Beim Betreten der Strasse wurden sie vor dem Amtsgericht durch Gestapo wiederum verhaftet und in einem Auto mit unbekanntem Ziel abtransportiert. Bis zum Sonntag, den 19. 1. 36 waren die Angehöri gen der Verhafteten in banger Sorge um das Schicksal der drei, da keiner den Aufenthalt erfuhr und auch an keiner Stelle Auskunft zu erhalten war. Am 20. 1. 36 kam brieflich Nachricht, dass sich die drei Männer auf der Polizeiwache in Schutzhaft befänden. Rauchen, lesen und schreiben war ihnen verboten. 4. Bericht: Ueber eine Widerstandsregung der terrorisierten Bevölkerung unterrichtet die nachstehende verbürgte Schilderung: Die Fussballspieler des katholischen Jünglingsvereins in Epe in Westfalen haben auch nach der Auflösung ihres Vereins das Vereinsleben fortgesetzt. Eines Abends erschienen in ihrer Versammlung zwei uniformierte Polizeibeamte mit entsicherter Pistole. Auf Aufforderung hoben die Leute die Hände hoch und mussten einzeln heraustreten, um ihre Personalien anzugeben. Am anderen Morgen müssen sie auf das Bürgermeisteramt kommen. Der erste der Vorgeladenen, Mersmann, tritt ein und grüsst" Heil Hitler". Dieser Mann hat einen Gesichtsfehler. Beim Sprechen verzieht sich sein Gesicht zum Lachen, ohne dass er die Absicht dazu hat. Der Bürgermeister von Epe, ein ehemaliger Sturmführer der SA, springt auf und schreit den Mann an, er solle das Lachen sein lassen; der deutsche Gruss komme ihm wohl lächerlich vor. Der Mann gibt zur Antwort, dass das nicht der Fall sei. Dabei verzieht sich sein Gesicht wieder.- Jetzt springt einer der im Zimmer anwesenden Gestapoleute auf und schlägt dem Mann ins Gesicht. Dieser taumelt gegen einen Tisch. Mit Mühe kann er sich auf den Beinen halten. Als er sich von seinem ersten Schrecken erholt hat, schreit er den Beamten an:" Was fällt Ihnen denn ein, warum schlagen Sie mich denn, wir sind doch hier nicht in Afrika?" A- 71Nun springen beide Beamten auf den Mann zu, reissen ihn an den Haaren und schlagen mit Fäusten auf ihn ein. Dabei rufen sie:" Warte nur, wenn wir Dich in Recklinghausen hätten, dann würden wir Dir schon klar ma chen, wo Afrika liegt." Nach der Vernehmung wurde der Misshandelte in Haft genommen. Die anderen Fussballer, die ausnahmslos freigelassen wurden, erzählten den Vorfall. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine ungeheure Wut. Als der Bürgermeister abends im Hotel Laufers in Epe sass, belagerten wohl zweihundert bis zweihundertfünfzig Menschen dieses Haus und stiessen Drohungen gegen ihn aus. Dem bedrohten Stadtoberhaupt zuhilfe gerufene Polizeibeamte wurden von der Menge umringt, geschlagen, getreten und hin- und hergezerrt. Den beiden Beamten wurden die Waffen, Säbel und Pistolen abgenommen. Am nächsten Tage kamen mehrere Gestapo beamte im Auto nach Epe und gingen ins Hotel Laufers. Dort befand sich auch ein katholischer Bauer, der zu den Beamten sagte:" So müsst Ihr es hier nur machen, dann habt Ihr nicht nur uns Kat holiken, sondern alles gegen Euch. Hitler hat ganz Deutschland erobert, aber noch lange nicht Epe." Mit Verhaftung bedroht, gab er wörtlich zur Antwort:" Ihr könnt mich mitnehmen, aber wenn Ihr micht schlagt, dann könnt Ihr etwas erleben. Meine Nachbarn kommen mit Mistgabeln und jagen Euch hier aus der Stadt. Ihr solltet Euch schämen. Als Ihr noch die Schulhosen getragen habt, da waren wir schon Soldat und haben für Deutschland gekämpft." Man hat diesen Bauer nicht verhaftet, sondern den eingesperrten jungen Katholiken auch noch entlassen. Der geschlagene Mann ist nach Ahaus zum Landrat Sümmenmann gefahren. Beide sind dann zur Regierung nach Münster und zu dem Gau leiter Dr. Meyer gefahren, um sich zu beschweren. Eine Untersuchung der Vorfälle und eventuelle Bestrafung der Schuldigen ist zugesagt worden. Nordeutschland, 1. Bericht: In Hamburg- Billstedt hat die Gestapo eine Anzahl Sozialdemokraten verhaftet und in vielen Fällen auch die Frauen mitgenommen, ohne dass irgend ein Anlass bestand. Die Frauen wurden lange gefangen gehalten und erst entlassen, nachdem sich eine von ihnen, Frau Collau, im Gefängnis erhängt hatte. 2. Bericht: Vor einiger Zeit wurden plötzlich 4 Arbeiter von Blohm& Voss von der Gestapo aus dem Betrieb geholt. Weitere Verhaftungen erfolgten. Insgesamt wurden 14 Leute ins Konzentrationslager überführt und grausam gefoltert( Einzelhaft und Ketten). Ausserdem sind ca. 30 Arbeiter" vernommen" worden; über die" Vernehmung" wurde Schweigepflicht verhängt. Grund der" Aktion": Sammlung von Geldbeträgen für die schwangere, in Not geratene Frau eines guten Arbeitskameraden, der das Pech hatte, wegen seiner Gesinnung ins Gefängnis zu wandern. Die Frau hat zweimal Beträge von 36 bis 40 Mark erhalten. Das hat man den Leuten als" Vorbereitung zum Hochver A-72rat" ausgelegt und sie dafür wochen- und mona telang eingesperrt und misshandelt. Inzwischen sind 12 Leute wieder auf freien Fuss gesetzt, während die beiden" Rädelsführer" weiter schmachten. Sie werden ihren Prozess bekommen. Berlin: Ein wegen§ 4 Entlassener entdeckte bei der Aushändigung des Arbeitsbuches auf dem Arbeitsamt, dass ein grosses" p" hineingestempelt worden war. Auf seine Frage an den Beamten, was es damit für eine Bewandnis habe, wurde ihm jegliche Auskunft verweigert. Da der Arbeiter die Unterzeichnung des Arbeitsbuches von einer Aufklärung über diesen Stempel abhängig machte, versicherte ihm der Beamten, dass auch sein Vorgesetzter ihm nichts sagen könne, da das Amtsgeheimnis sei. Der Arbeiter musste sich schliesslich fügen. Wir nehmen an, dass dieses" P"" politisch verdächtig" heissen soll. Mitteldeutschland, 1.Bericht: In letzter Zeit wurden in . Magdeburg allein über fünfzig früher sozialdemokratisch gesinnte Einwohner, meist Betriebsarbeiter, verhaftet. Die Verhaftung vollzog sich offenbar parallel zu gleichen Gestapo- Aktionen in Leipzig, Berlin und in anderen Grossstädten. Irgend etwas Bestimmtes über das angebliche Delikt der Eingekerkerten war nicht herauszubekommen. Aber im allgemeinen ist es so, dass, wenn in einem Betrieb etwas" Staatsfeindliches", ein Flugblatt und dergleichen, gefunden wird; einfach irgendein Betrieb sangehöriger herausgegriffen und dann beim Verhör solange misshandelt wird, bis er irgend etwas, was andere belastet, aussagt, auch wenn es auf den ersten Blick als unwahr zu erkennen ist. 2. Bericht: In Bernsgrün bei Schwarzenberg wurden 8 Einwohner verhaftet. Mit dem Beginn der kalten Jahreszeit gingen sie, wie es im Erzgebirge seit alters her üblich ist, wieder hutzen. In diesen Hutzenstuben sehen die Nazis eine grosse Gefahr. Sie vermuten, dass dort im staatsfeindlichen Sinne politisiert und diskutiert wird. Mit dieser Verhaftungsaktion versuchten sie, den Hutzenstuben ein gewaltsames Ende zu bereiten. Sachsen, 1. Bericht: In Böhlen wird eine grosse Fabrik der Le unawerke zur Herstellung von synthetischem Benzin errichtet. Beim Arbeitsamt X. wurden für diesen. Bau Facharbeiter angefordert. Unter den Bewerbern befanden sich auch frühere Marxisten. Der anwesende Firmenvertreter verlangte von diesen Bewerbern ein politisches Führungszeugnis, das die Ortsgruppenleitung der NSDAP zwar ausstellte, es jedoch den Bewerbern nicht aushändigte. Auch das Arbeitsamt verweigerte die Einsichtnahme. Die Marxisten wurden nicht eingestellt, obwohl einige von ihnen bereits einmal bei Leuna gearbeitet und gute Zeugnisse bekommen hatten. Der Vorfall zeigt, dass A- 73diese politischen Führungszeugnisse die früheren schwarzen Listen ersetzen. 2. Bericht: Ein Dresdner Schutzmann wurde entlassen, weil er den Hitlergruss trotz wiederholter Verwarnung nicht anwandte. Eine ihm feindlich gesinnte Frau denunzierte ihn, dass er abfällige Aeusserungen über das jetzige Regierungssystem gemacht habe. In der Gerichtsverhandlung bestritt der entlassene Schutzmann die ihm zur Last gelegten Aeusserungen, weshalb ihm der Schwur zugeschoben wurde. Gleichzeitig wurde ihm erklärt, dass die Frau ebenfalls zu schwören bereit sei. Der Mann lehnte den Eid ab. Aus Angst vor den Folgen hat er sich erhängt. 3. Bericht: Anfang Dezember wurden in Olbernhau gegen 40 Personen von der Polizei verhaftet und nach Sachsenburg gebracht. Die Verhaftungen erfolgten wegen Meckerei über die Butter und Fleischknappheit. Wegen Schimpfereien über die schlechte Wirtschaftslage wurde ein Erwerbsloser aus Brunndöbra bei Klingental, der wegen seiner Kritik schon einmal verwarnt worden war, beim Auszahlen der Unterstützung verhaftet. Dr. von ... wurde 14 Tage in Sachsenburg festgehalten, weil er den Ausspruch gebrauchte:" Soweit haben wir es gebracht, dass wir nicht einmal mehr Schweinefleisch zu essen haben.". Am 13. Dezember 1935 früh 6 Uhr erschien ein Kraftwagen mit 30 SS- Leuten in Papstleithen. Das ganze Dorf, jedes Haus wurde von oben bis unten ganz gründlich durchsucht. Besonders fahndete man nach Zeitungen, Flugblättern, Butter, Speck und Margarine, ebenso nach Tabakartikeln und Backwaren. Es wurden erhebliche Mengen Butter, Speck und Tabak gefunden und beschlagnahmt, sowie 8 Personen verhaftet. 4. Bericht: Ein Ehepaar in Dresden- Löbtau lebte aus politischen Gründen in Unfrieden. Die Frau war Nazi- Anhängerin, der Mann Nazi- Gegner. Er äusserte sich seiner Frau gegenüber abfällig über die jetzige Regierung. Die Frau wollte ihren Mann eins auswischen und meldete seine Aeusserungen der NSDAP. Daraufhin wurde der Mann von der SA abgeholt. Nach eini gen Tagen war er tot. Sie ist jetzt der Auffassung, dass er von der SA erschlagen wurde, und ist über ihre Angeberei furchtbar verzweifelt, weil sie so etwas nicht gewollt habe und ihrem Mann nie geglaubt habe, dass die SA Rohheiten verübt. 5. Bericht: Im November ist eine besondere Gestapoabteilung in die Olbernhauer Gegend verlegt worden und hat unermüdlich untersucht und verhaftet. Es sind bis Mitte November etwa 15 Genossen allein in Olbernhau verhaftet worden. Gegen Ende November hat sich das noch wesentlich gesteigert. Die Chemnitzer Polizei hat furchtbar unter der Bevölkerung von Olbernhau, Rothenthal, Oberneuschönberg, Rübenau gewütet, A-74es wurden an einem einzigen Tage gegen 70 Verhaftungen vorgenommen. Damit war aber die Aktion immer noch nicht beendet, sie ging mit unerhörter Brutalität weiter; auch ältere Leute wurden rücksichtslos geholt und auf Lastwagen nach Chemnitz transportiert. 6. Bericht: Der Vorsitzende des Eberbacher Rabattsparvereins Kurt Behnert aus Eberbach, ein früherer Demokrat, war wegen angeblicher Unterschlagung und Untreue unter Anklage gestellt worden. Behnert wurde aber in der I. und II. Instanz freigesprochen. Nach dem erfolgten Freispruch wurde er in ein Konzentrationslager überführt. Schlesien, 1. Bericht: Ein ehemaliger Sozialdemokrat aus X., seit Jahren erwerbslos, wurde durch das Arbeitsamt in .. nach Norddeutschland in Arbeit vermittelt. Er beschaffte sich von der Polizei das verlangte Leumundszeugnis und meldete sich beim Arbeitsamt. Als er seine Papiere vorlegte, wurde er nach einem politischen Führungszeugnis gefragt. Da er keins hatte, rief der Beamte die Polizei in X. an. Der Arbeiter konnte hören, wie der Beamte im Nebenzimmer sagte: " so, der SPD. Aber der Mann macht einen so guten Eindruck, dann ist allerdings nichts zu machen." Darauf wurde ihm eröffnet, dass er nicht in Frage komme und nach Hause zurückkehren könne.. Ein früherer Genossenschaftsangestellter erhielt bei der Firma... in... Arbeit, obwohl der Vertrauensrat schon bei der Einstellung Schwierigkeiten machte. Als der neue Kollege seine Arbeit begann, erschien der Vertrauensrat sofort und forderte ihn auf, der DAF beizutreten und sich im Betrieb ruhig zu verhalten. Da er sich weigerte, den Hitlergruss zu erwidern, beantragte die NSBO die Entlassung, die auch ausgesprochen wurde. Damit war der Genosse, der seit Jahren arbeitslos war, nach wenigen Tagen wieder brotlos gemacht. 2. Bericht: In Saarau wurde ein Eisenbahnangestellter entlassen, weil er nicht die Gewähr biete, jederzeit rückhaltlos für den Staat einzutreten. Er war früher Reichsbanner- Mitglied. Alle Werbungen, ihn in die SA zu bekommen, waren fehlgeschlagen, so dass man ihn aus Rache um seine Stellung brachte. Da er bei seinen Kollegen sehr beliebt war und sie die Entlassung nicht billigten, veröffentlichte die Arbeitsfront die nachfolgende Notiz in der Fachzeitung, die eine Warnung für die" noch abseitsstehenden" sein soll: Saarau: Eine Warnung für Gegner! Die Deutsche Arbeitsfront teilt mit: Aus der Gefolgschaft der Bah nmeisterei Searau wurde ein Beschäftigter entfernt, von dem sich herausgestellt hatte, dass er in der Zeit, als Franz Becker fiel, ein eifriger Wortführer der Roten war. Auch A- 75nach der Machtübernahme fand er es nicht für nötig, sich eindeutig umzustellen. Die jetzige Massnahme sei warnend für alle diejenigen, die zwar vom neuen Staat Arbeit und Lohn nehmen wollen, aber dabei glauben, sie könnten sich ablehnend oder feindselig gegen ihn verhalten. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie dann unsanft aus diesem falschen Glauben erwachen. 3. Bericht: In Breslau starb der Präsident des Kriegervereins. Der Theologieprofessor Lohmeier, der mit dem Verstorbenen zusammen einer Freimaurerloge angehört hatte, warf 3 Lilien, das Abzeichen der Loge, ins Grab. Gegen ihn wurde ein Verfahren eingeleitet. In Klein- Mochberg bei Breslau war eines Tages an eine Mauer geschrieben worden:" Rot Front lebt". Der Gemeindevorsteher verdächtigte den früheren Landarbeitersekretär Biewald und zwei weitere Leute als Täter. Sie wurden grundlos 6 Tage in Haft genommen. 4.Bericht: Der 2. September war der Todestag des von den Nazis ermordeten Breslauer Gausekretärs des Reichsbanners, Alexander. Im vergangenen Jahr besuchten viele Hunderte das Grab. Das war auch 1935 wieder geplant. Die Polizei wollte den Grabbesuch unterbinden und postierte am 1., 2. und 3. Sept. auf dem Friedhof 7 Gestapobeamte in Zivil, Trauernde, die den Friedhof besuchten und in die Nähe des Grabes von Alexander kamen, mussten den Nachweis führen, dass ihre Angehörigen hier begraben liegen. Sie wurden aufgefordert, nichts darüber zu erzählen. Zwischen dem Friedhof und der nächsten Polizeiwache fuhr ein Schnellwagen der Polizei auf und ab. Bei der Wache stand ein grosser Bereitschaftswagen. In einem Betrieb in Leobschütz packte ein Arbeiter morgens sein Frühstück aus, das aus trockenem Brot bestand. Er sagte dabei" So weit haben wir es schon gebracht, Heil Hitler" Die SA holte ihn sofort aus dem Betrieb und am selben Tag erfuhren die Kollegen noch, dass er tot sei. Auf dem Transport hat man ihn misshandelt, man soll ihm den Magen abgetreten haben. Die Beerdigung fand unter riesiger Beteiligung der Arbeiterschaft statt. Die Frau und die Kinder wurden Zwangsweise nach Neisse übergesiedelt. Wir haben bisher eine Anzahl von Berichten über tödlichen Ausgang von Sterilisationen nicht wiedergegeben, weil sie nicht aach jeder Richtung hin belegt waren. Jetzt sind wir aber in der Lage, dem Bericht eines Arztes genaue Mitteilungen über zwei Fälle dieser Art zu entnehmen, so dass an der Zuverlässigkeit der Meldung kein Zweifel möglich ist. A-76- Südwestdeutschland: Die Sterilisation ist an und für sich bei Männern ein Eingriff, der nur bei gröbster Nachlässigkeit und bei Zusammentreffen unglücklicher Umstände tödlich ausgehen kann. Bei Frauen ist der Eingriff dagegen wesentlich schwieriger. In Ketsch und Umgebung sind bisher nur zwei Fälle von Sterilisation bekanntgeworden und beide haben einen tödlichen Ausgang genommen. Der erste Fall ereignete sich im Juli I935 in Ketsch selbst. Dort fristete eine arme und heruntergekommene Familie ihr Dasein. Die Söhne sind als Tagediebe bekannt und mehrmals vorbestraft. Dia etwa 29jährige Tochter war geisteskrank und völlig verkommen, sie ernährte sich mit Betteln. Auf Veranlassung des Bezirksarztes sollte sie sterilisiert werden. Die Mutter weigerte sich, das Mädel in die Klinik zu bringen, weil ihre Tochter wegen Unterernährung körperlich sehr schwach war. Darauf wurde ihr von der Polizei eine Frist gesetzt, nach deren Ablauf die zwangsweise Vorführung erfolgen sollte. Schliesslich entschloss sich die Mutter, die Tochter nach Heidelberg in die Klinik zu bringen. Dort wurde die Geisteskranke sterilisiert und starb nach wenigen Tagen angeblich an einer Lungenentzündung. Die Beerdigung dieses Mädchens hätte unter normalen Umständen in Ketsch keinerlei Aufsehen hervorgerufen, es wäre wohl kaum jemand ihrem Sarge gefolgt. Jetzt aber hatte sie ein grosses Trauergeleite und viele Menschen mit Kränzen waren erschienen, vor allem Katholiken. Bei der Beerdigung fielen im Gespräch viele bezeichnende Aeusserungen wie: das ist doch direkter Mord, oder das ist eine Schande, da' soll man doch lieber eine Axt nehmen und das Mädel totschlagen. Der zweite Fall ereignete sich in Plankstadt, einem Städtchen von 5.300 Einwohnern in der Nähe von Ketsch. Dort wurde Ende Mai 1935 eine Mutter von 3 Kindern, die an Epilepsie litt, zur Sterilisation gezwungen. Da die Frau sich geweigert hatte, der Vorladung freiwillig zu folgen, wurde sie eines Tages, während ihr Rann auf Arbeit war, von der Polizei geholt und nach Heidelberg gebracht. Nach einer Woche wurde sie als Leiche nach Plankstadt zurückgebracht. Dieser Fall ist umso bemerkenswerter, als es in medizinischen Kreisen noch keineswegs sicher ist, ob es sich bei Epilepsie in allen Fällen um eine Erbkrankheit handelt. Seit diesen beiden Fällen sind in Ketsch und Umgebung keine weiteren Fälle von Sterilisation bekannt geworden. A-77III. Aus den Betrieben 1) Die Vertrauensratswahlen O Das" Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" schreibt vor, dass in jedem Jahr vor dem 1. Mai in jedem Betrieb mit mehr als 20 Arbeitnehmern die Vertrauensräte neu zu wählen sind. In diesem Jahr sollen die Wahlen am 3. und 4. April stattfinden. Bei der ersten Wahl im Jahre 1934 war das Verfahren offensichtlich noch nicht eingespielt. Es gab keinen festen Wahltermin, es gab keine einheitliche Parole und nicht einmal einen umfassenden Werbefeldzug. Das Ergebnis war wie Ley selbst ein Jahr später eingestand dass sich nur 40% der Arbeiter überhaupt an den Wahlen beteiligten. Bei der zweiten Wahl im Jahre 1935 hatte man die Lehren daraus gezogen. Diese Wahlen standen unter einer einheitlichen" überbetrieblichen" Parole, der Zustimmung zu der am 16. März 1935 proklamierten" Wehrfreiheit", es gab einen mächtigen Propagandarummel und auf die" Abstimmung selbst wurden alle bei den Volksabstimmungen bewährten Methoden des Wahl zwanges und der Wahlfälschung angewendet. Trotzdem waren auch diese Wahlen kein Erfolg für das System. Es hiess zwar, dass sich diesmal über 90% der Arbeiter beteiligt und 80% mit" Ja" gestimmt hätten. Aber die geringe propagandistische Auswertung dieses Ergebnisses stand in auffallendem Gegensatz zu der umfassenden propagandistischen Vorbereitung vor allem- wie wir bereits damals bei der Besprechung der Ergebnisse( 1935 Nr. 4 S.22 f) betont haben weil die Arbeiterschaft die ganze Abstimmung nicht ernst genommen hatte. Diesmal scheinen die bevorstehenden Wahlen bei den Arbeitern grösseres Interesse zu erwecken. Wie aus den nachstehenden Berichten hervorgeht, finden schon jetzt Diskussionen darüber statt. Die Berichte zeigen, dass die Auffassungen darüber, wie sich die Arbeiter verhalten sollen, uneinheitlich sind. Das A-78liegt einmal an den grossen Unterschieden, die in den einzelnen Betrieben in der Zusammensetzung der Belegschaft, in ihrem Verhältnis zur Betriebsleitung, auch in der Persönlichkeit der Vertrauensräte bestehen. Es liegt allerdings auch daran, dass die Mehrzahl dieser Berichte erstattet worden sind, bevor die sozialdemokratische Parole zur Vertrauensratswahl ergangen war. Sie lautet: Kein Sozialist ist freiwillig Kandidat! Jeder Stimmzettel wird ungültig gemacht! Es scheint aber auch, dass sich das System selbst noch nicht ganz klar ist, ob es den im Vorjahr missglückten Versuch, die Vertrauensratswahlen als Ersatz für eine allgemeine Volksabstimmung unter die allgemeine Parole der Wehrfreiheit zu stellen, noch einmal machen soll. Zunächst hat man die Sache so angekurbelt. in der nationalsozialistischen" Bayerischen Ostmark" vom 14. Januar 1936 heisst es zum Beispiel: " Der Nationalsozialismus, und damit die Führung des Reiches, wendet sich an den deutschen Arbeiter, um zu sehen und festzustellen, in wieweit gerade er die Wandlungen unserer Zeit und des gewaltigen wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Umbruchs erkannt hat. Sie will aber auch von ihm die Frage beantwortet haben, ob er die oft nicht leichten Opfer des grauen Alltags, die er bringen musste, gern darbrachte, und ob er bereit ist, diese vorerst noch auf sich zu nehmen, um seine erwerbslosen Brüder auch in Arbeit und Brot stellen zu können und auch sie der Segnungen des Reiches teilhaftig werden zu lassen." Es ist aber aufgefallen, dass kurze Zeit darauf die" Frankfurter Zeitung"( vom 24. Januar) sich für eine Distanzierung der Wahlen von der allgemeinen Staatspolitik aussprechen durfte: " Die Versuchung liegt, wie die Erfahrung gezeigt hat, nahe, auch diese Wahlen zum Vertrauensrat mit" staatspolitischen Parolen" zu umgeben, wie das im vorigen Jahre vielfach, besonders auch lokal, geschehen ist. Damit werden dann freilich Unvereinbarkeiten geschaffen, welche dem eigentlichen Sinn dieser Wahl durchaus widersprechen. Denn was soll ein Gefolgschaftsmitglied unternehmen, dem gesagt wird, in seiner" Jastimme" möge die Zustimmung zur allgemeinen Politik der Regierung zum Ausdruck kommen, falls dieses Gefolgschaftsmitglied gerade jenen Vorschlägen auf der Liste( die nicht das mindeste mit allgemeiner Regierungspolitik zu tun haben!) kein Vertrauen entgegen bringt? Schon vor etwa Jahresfrist ist deshalb an dieser Stelle festgestellt worden, wie notwendig es A-79sei, die Wahlen zum Vertrauensrat im Laufe der Zeit von allgemeinen Parolen der Staatspolitik mehr und mehr zu distanzieren. Manches spricht dafür, dass dieser Gesichtspunkt diesmal bereits stärker in Erscheinung treten werde, dass den Wählenden die Verhältnisse ihres Betriebes, auf die es ankommt, besonders vor Augen gerückt werden sollen. Das würde dann freilich kein allgemeines politisches Stimmungsbarometer abgeben; eben dies aber soll ja auch nicht der Zweck der Wahlen sein. Um so nützlicher wird sich das Ergebnis aber im Sinne jener Kleinarbeit erweisen, aus der heraus allein sich eine Betriebsgemeinschaft aufbauen lässt." Aus dieser Stellungnahme spricht das Interesse der Unternehmer daran, die Politik möglichst aus den Betrieben fernzuhalten und für Ruhe im Betrieb zu sorgen, ein Interesse, das schon Schacht Anfang Dezember auf der Amtswaltertagung der DAF in Leipzig stark unterstrichen hatte. So wenig wir diese Stellungnahme- wie überhaupt die ganze" Wahl" überschätzen, so wird man doch die Wahlvorbereitungen diesmal auch unter dem Gesichtspunkt beobachten müssen, ob und inwieweit sich dieses Unternehmer- Interesse zur Geltung zu bringen vermag. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Nordwestdeutschland, 1. Bericht:( Bremen Ostfriesland) Bereits im Vorjahr haben in manchen Betrieben unsere Genossen die Auffassung vertreten, dass man nach Möglichkeit alte Betriebsräte zu Vertrauensräten wählen soll. Diese Auffassung herrscht auch jetzt wieder vor, wenngleich in diesem Jahr noch mehr als im vergangenen die Befürchtung besteht, dass das System wiederum mit Mehrheit gewählte Vertreter einfach übergeht und der Betriebsführer im Einvernehmen mit den Arbeitsfrontstellen einfach Ernennungen vornimmt. 2. Bericht: In den letzten Wochen ist zu beobachten, dass die Nazis sich stark bemühen, für die Vertrauensratswahlen Stimmungsgrundlagen zu schaffen. Von der Arbeiterschaft wird fast restlos der bevorstehenden Wahl kein Wert beigemessen. Die Bemühungen der Nazis werden sehr wenig beitragen, die Anti pathie gegen das System zu beseitigen. Bei den ersten Wahlen dieser Art konnte noch hier und da die Hoffnung vorhanden sein dass durch die Vertrauensleute doch ein Rest von Arbeitervertretung erhalten bliebe. Die Praxis hat aber ganz allgemein die Wertlosigkeit der Vertrauensleute für die Arbeiterschaft bewiesen. Es ist eigentlich bedauerlich, dass zahlreich in der Arbeiterschaft durch die negative Rolle der Vertrauensleute die Meinung besteht, was sollen wir uns um diesen Kram überhaupt engagieren. Damit wird leider vielfach gemeint, dass A-80man die dekretierten Listen einfach wählen will. Man ist nicht besorgt darum, dass daraus eine Zustimmung zum System hergeleitet werden kann, da die innere Ablehnung des Systems ja schon sehr weit fortgeschritten sei. Die Genossen lehnen es ab, mit Hilfe einer kommunistischen Propaganda sozialdemokratische Vertrauensleute zu wählen, die dann später " entlarvt" werden, weil sie die" Interessen der Arbeiter" nicht genügend vertreten. Die Parole der Sopade" Nein" wird als annehmbar erklärt. Sie wird sich aber nicht überall durchführen lassen, weil einmal die lokalen Verhältnisse zu verschieden sind und zweitens weil die organisierte illegale Arbeit in den Betrieben nicht ohne zwingendsten Grund offenbar werden darf. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In den Betrieben beginnt schon ganz allgemein die Propaganda für die nächsten Vertrauensratswahlen. Die Arbeitsfrontbonzen haben scheinbar von oben Anweisungen, bestimmte Parolen in die Belegschaften zu tragen. So kann festgestellt werden, dass im Ruhrgebiet und in den hiesigen Betrieben für die Parole:" Fett oder Arbeit Stimmung gemacht wird. In die Arbeiterschaft bringt man durch die Amtswalter und teilweise durch die Unternehmer in Form von Diskussionen rein persönlicher Art für diese Parole die Begründung: Entweder das nationalsozialistische Deutschland muss wieder 4 Millionen auf die Strasse werfen oder Rohstoffe für die Industrie kaufen und kann dann nicht gleichzeitig für dicke Schmalzs tullen oder Butterbrote sorgen. Die Arbeiter taxieren diese Redensarten aber schon richtig. Trotzdem könnte es vorteilhaft sein, wenn frühzeitig eine aufklärende Propaganda unsererseits einsetzte. Die Nazis stehen in den Betrieben Bo hilflos und verlegen da, dass bei den richtig gewählten Entgegnungen sicher mit Erfolg zu rechnen ist. 2. Bericht: Man will die Propaganda zur Vertrauensrätewahl gross aufziehen. Börger und der Gauwalter der DAF Schmidt, Düsseldorf, halten in allen grösseren Orten und Betrieben Versammlungen ab. Man will im Zuge der Vertrauensratswahlen auch eine grosse Generalbereinigung der Betriebe durch das Amt" Schönheit der Arbeit" beginnen. Zuerst sollen die Gerbereien an die Reihe kommen. Auf die Listen zur Vertrauensratswahl sucht man alte Gewerkschaftsfunktionäre zu bringen. Inzwischen hat sich die bekannte Entwicklung nämlich weiter fortgesetzt, dass die alten Gewerkschaftsfunktionäre mehr und mehr zu Ehren kommen. Sie werden um Rat gefragt, sie sollen helfen, sie sollen wenigstens Ratschläge in den täglichen Fragen des Betriebes geben. Das ist den Nazis nicht geheim geblieben. Jetzt versucht man, die Opposition auf diese Art klein zu kriegen. Ihre heimlichen Führer- als solche entwickeln sich die ehemaligen Gewerkschaftsfunktionäre- will man klein kriegen, indem man ihnen Verantwortung auferlegt, sie in die Ver A- 81trauensräte wählen lässt. Bei der Opposition herrscht noch ziemliche Unklarheit in der Frage der Parole. Manche glauben, man müsse den Vertrauensrat" erobern" und deshalb müssten sich" unsere Leute" aufstellen lassen. Dann will man alle anderen Namen durchstreichen und so die Opposition zum Ausdruck bringen. Diese Ansicht ist am meisten verbreitet, weil sie offenbar die ungefährlichste ist. Andere empfehlen, alle Namen zu durchstreichen. Dabei ist aber zu bedenken, dass wie die Praxis gelehrt hat diese Stimmzettel trotzdem für gültig erklärt werden. Die klarblickenden Genossen empfehlen Abgabe leerer Kouverts oder weisser Stimmzettel. Die Zahl dieser Genossen ist aber bis jetzt gering. Sachsen, 1.Bericht: Die bevorstehende Vertrauensratswahl beschäftigt schon jetzt die Arbeiter. Eine Genossin berichtet aus ihrem Betrieb( Spinnerei und Weberei, Belegschaft ca. 200 Mann), dass sich alle einschliesslich der Pgs. dahin geäussert haben, die Wahl wäre doch nur Theater, zu sagen habe der Vertrauensmann ja doch nichts, sie würden daher nach Möglichkeit die gesamte Liste durchstreichen. 2.Bericht: In den Betrieben beginnt die Arbeiterschaft sich über die im April stattfindenden Vertrauensratswahlen zu unterhalten und nimmt die Tätigkeit der Vertrauensräte des letzten Jahres unter die Lupe. Das Resultat dieser Kritik ist sehr abfällig. Alle sind sich darüber klar, dass die Vertrauensratswahlen nur ein scheindemokratisches Manöver darstellen sollen, um der Welt zu zeigen, dass die Arbeiterschaft noch hinter dem System steht. Ueber die Stellung der Vertrauensräte im Betrieb, über die wir wiederholt berichtet haben( zuletzt in Heft 11/1935 S.77 f), liegt uns folgendes neues Material vor: Sachsen: Unser Vertrauensrat besteht aus 4 Leuten und 2 Ersatzleuten. Es sind fast alles Nazis. Er wurde im Frühjahr von etwa 75% der Belegschaft gewählt, obgleich die Vorgeschlagenen gar nicht das Vertrauen der Belegschaft hatten. Aber jeder Arbeiter sagte sich: wer weiss, ob nicht die Stimmzettel gezeichnet sind; ich werde doch nicht meinen Arbeitsplatz aufs Spiel setzen usw. Eine Rolle spielt im Betrieb überhaupt nur der Obmann des Vertrauensrates, die drei anderen, sind reine Statisten. Es hat z.B. noch niemals eine Versammlung der Vertrauensräte gemeinsam mit dem Betriebsführer, der ja eigentlich der Vorsitzende des Vertrauensrates ist, stattgefunden. Die Leute wenden sich immer nur an den Obmann des Vertrauensrates und der geht dann zum Betriebsführer, Früher konnte man jederzeit zum Betriebsrat gehen. Heute hat der Vertrauensrat Sprechstunden eingerichtet Früher bekam der Betriebsrat auf alle Fälle den Akkordricht A-82satz ausgezahlt, hatte also vollen Ersatz für seinen Lohnausfall. Heute werden ihm für die Lohnperiode von 14 Tagen jeweils nur zwei Stunden vergütet ohne Rücksicht darauf, ob er mehr oder weniger Zeit für die Erfüllung seiner Aufgaben gebraucht hat. Der Obmann unseres Vertrauensrates ist ein Mann, der den guten Willen hat, aber trotzdem nichts erreichen kann. Er setzt sich schon gelegentlich für die Interessen der Arbeiter ein, weil es ja auch seine eigenen Interessen sind, aber die Arbeiter sehen doch immer mehr, dass heute der Vertrauensrat auch bei gutem Willen nichts machen kann. Wenn z. B. der Obmann mit irgend einer Forderung zum Betriebsführer kommt, dann rechnet dieser ihm vor, wie seine Kalkulation ist und dann bleibt dem Vertrauensrat in der Regel nichts weiter übrig, als anzuerkennen, dass der Betriebsführer recht hat. Das ereignet sich unzählige Male, bei Lohnbeschwerden, bei Beschwerden über die unzulänglichen sani tären Anlagen usw. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Wie wenig die Vertrauensräte Einfluss haben, zeigt folgender Vorfall: Auf dem Werk X. wurde zum Herbst ein Betrag für Einkellerungskartoffeln bewilligt. Bei der Verteilung ging es aber sehr ungerecht zu. Es mehrten sich daher die Beschwerden beim Vertrauensmann. Der sagte: Wir können nichts daran ändern, denn der Rechnungsführer hat uns gesagt, die Verteilung bestimme das Werk und der Vertrauensmann hätte nichts zu bestimmen. Die Belegschaft betrachtet den Vertrauensrat nur als Unternehmerlakei. Das zeigt folgendes Beispiel: Ein Arbeiter war um seinen Lohn betrogen worden. Er ging nun zum Vertrauensrat und der wollte ihn mit einem Schmus. besoffen machen. In seiner Aufregung sagte der Arbeiter:" Ihr bemogelt uns genau wie die feinen Herren." Er wurde auf Antrag des Vertrauensrates fristlos entlassen. Bei der nun folgenden Klage vor dem Arbeitsgericht musste das Werk den Mann wieder einstellen.( Bei dieser Klage wurde übrigens dem Werk von der Arbeitsfront ein Rechtsanwalt gestellt, dem Arbeiter dagegen ein Rechtsbeistand verweigert!) 2.Bericht: In dem grössten Essener Verlags- und Druckerei unternehmen in X. gab es trotz des guten Weihnachtsgeschäfts nur 5 und 10 RMark Weihnachtsgeld. Diese Firma aber ist" re in arisch". Seit 15 Jahren bekamen hier die Beschäftigten am Weihnachtsheiligabend 2 1/2 Stunden früher Feierabend auf Kosten der Firma. Diesmal mussten sie diese Zeit nachholen. Der Betriebsobmann erklärte auf Vorhaltungen der Angestellten: " Ich kann doch nichts daran ändern, ich habe doch nichts zu sagen. Man mutet mir viel mehr Macht zu, wie ich wirklich habe. Ich bin doch nicht der Betriebsführer." Auf die Frage eines Buchdruckers, warum man dann schreibe, dass bestehende Tarifverträge bezw. Arbeitsverhältnisse nicht verschlechtert werden dürften. Soviel Macht müsse er doch haben, sich wenigstens auf diese Bestimmung zu berufen, das sei doch A-83auch eine Sache der Volksgemeinschaft. Darauf erwiderte der Vertrauensrat, selbstverständlich ein Nazi:" Ja, ich bin doch nicht der Betriebsrat von früher. Wir müssen heute Rücksicht auf das Geschäft nehmen." 3. Bericht:( Aus einer Textilfabrik): Beschwerden beim Vertrauensmann haben keinen Zweck. Wenn wirklich einmal ein einzelner Arbeiter Krach macht und mit dem Vertrauensrat Auseinandersetzungen bekommt, dann stellt man in seinem Fall die Mängel ab. Man vermeidet aber unter allen Umständen, die. Sache vor den Treuhänder der Arbeit zu bringen. Es soll alles in" Güte" im Betrieb erledigt werden. Bei solchen Gelegenheiten versuchen die Arbeiter, die gewerkschaftlich geschult worden sind, die Nazi- Vertraueneleute in unangenehme Situationen zu bringen. Sie machen sie scharf, zum Betriebsführer zu gehen. Dieser schmeisst den Vertrauensrat raus, und auch die DAF oder der Treuhänder hilft nicht. So kann dem Vertrauensrat dann praktisch seine Ohnmacht vor Augen geführt werden. Das schadet den Nazis sehr. Allerdings hat diese Taktik in unserem Betrieb jetzt die Folge, dass man versucht, den Wortführer der Opposition auf die Liste zur Vertrauen sratswahl zu bringen. Der" Besserwisser" soll tot gemacht werden. Es ist nicht immer leicht, abzulehnen. Wasserkante In einer Druckerei fungiert ein Vertrauensrat und Betriebszellenobmann, der in Anbetracht seines verantwortungsvollen Postens 8 Pf. über den Tariflohn bekommt. Für das Kleben der DAF- Marken benötigte er durchschnittlich 12 Stunden die Woche. Antragsteller und Beschwerdeführer fertigt er mit folgenden Worten ab:" Geh man selbst zum Alten und sag ihm das, ich mische mich da nicht rein. Ich habe schon genug Erfahrungen gemacht. Es steht ja doch niemand hinter mir." Wahrlich, ein besseres Zeugnis kann er uns klassenbewussten Arbeitern nicht ausstellen. Wir sind stolz darauf. Südwestdeutschland: Auf einem grossen Rangi erbahnhof, wo bis zur Uebernahme der Macht durch die Nazis noch achtstündige Arbeitszeit bestand, die sich nachher ganz allgemein auf neun Stunden pro Tag erhöhte, wurde in der ersten Dezemberwoche der Vertrauensrat zu einer Führerbesprechung geladen. Nachdem die vier Vertrauensräte erfuhren, dass die Sitzung den Zweck habe, die Schichtzeiten von neun auf zwölf Stunden pro Tag zu erhöhen( in diesem Falle würden die seitherigen sogenannten langen freien Tage nach der Nachtschicht wegfallen und sechs Nachtschichten im Rangierdienst hintereinander anfallen) blieben alle vier Naziräte der Sitzung fern. Nach Aussage eines dieser Vertrauensräte befürchteten sie, für ihren Ehrendienst von der Belegschaft verprügelt zu werden. A-84- 2) Die Widerstandsregungen In die Berichtszeit fallen die auch im Ausland bekannt gevor denen Vorgänge bei den Siemenswerken in Berlin. Siemens hatte vom 1. Oktober ab anstelle der Wochenlöhne die Monatsentlohnung mit zehntägigen Abschlagszahlungen eingeführt. Diese Regelung, die schon vor längerer Zeit bei Berliner städtischen Werken getroffen worden war, hat für die Betriebsleitung Vorteile, für die Arbeiter aber verschiedene Nachteile, vor allem bei der Lohnsteuer(die Woohenfreibeträge sind auf das Jahr gerechnet etwas höher als die Monstsfreibeträge). Man wollte aber auch den Arbeitern einreden, dass sie durch den Uebergang zum Monatslohn aus Arbeitern zu Angestellten würden. Daraus zogen jedoch die Arbeiter den nicht erwarteten Schluss dass sie nun auch die Sonn- und Feiertage bezahlt bekämen. Als sich diese Auffassung als Irrtum herausstellte und die Nachteile der Neuregelung fühlbar wurden, entstand unter den Arbeitern starke Unruhe, so dass die Betriebsleitung es vorzog, die Massnahme mit dem 1. Dezember wieder rückgängig zu machen. Obgleich es sich hier nicht um eine organisierte Bewegung gehandelt hat, ist dieser Fall bemerkenswert, weil er zeigt, dass auch unter den heutigen Verhältnissen die Haltung der Arbeiterschaft von erheblichem Einfluss sein kann. Bei den folgenden Berichten über Widerstandsregungen innerhalb der Arbeiterschaft ist bemerkenswert, dass in verschiedenen Fällen der Widerstand von SA- oder SS-Leuten ausgegangen ist. Wir haben schon früher einmal einen solchen Fall mitgeteilt [Bericht aus einem Hotelbetrieb von der Ostsee, Heft 9/I935 S.82 ff.) Südwestdautschland: In den Lederwerken Cornelius Hey! A.G., Worms, kam es in einer Abteilung zu einer kurzen Arbeitsnieder legung. Die Firma konnte einen günstigen GeschSftsabschluss vorlegen(7% Dividende), setzte aber trotzdem den Abbau der Akkordlöhne immer weiter fort. Da das Einkommen der Arbeiter noch durch Kurzarbeit geschmälert wurde, stieg die Erregung A-85derart, dass eines Tages die Falzwerkstätte der betreffenden Firma- ca. 200 Mann Belegschaft- in einen vierstündigen Streik trat. Die Arbeiter rissen die Treibriemen von den Rädern und forderten die Neufestsetzung der Akkordsätze für kleinere und grössere Felle. In einer Tags darauf abgehaltenen Betriebsversammlung berichtete Kreiswalter Greb von der DAF, dass die Angelegenheit in Ordnung gebracht worden sei, da sie auf einen Irrtum der Betriebsführung zurückzuführen sei. Er bat die Arbeiter jedoch, nicht darüber zu sprechen, da sonst solche Methoden Schule machen könnten. Mitteldeutschland: Die Spitzelei in den Betrieben ist grösser denn je- In sämtlichen Grossbetrieben gibt es sogar bezahlte Spitzel. Trotzdem kommen immer wieder Widerstandaregungen der Arbeiterschaft zustande. So wird z. B. aus einem mitteldeutschen Betrieb berichtet, dass dort Arbeiter neu eingestellt worden waren, unter denen sich die Mörder von Stelling befanden. Darauf weigerten sich die Arbeiter, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten und verlangten, dass sie wieder aus dem Betrieb entfernt würden. Es wurden lange Verhandlungen mit dem Treuhänder der Arbeit, ja sogar mit Ley und Hess geführt, und obgleich Hess dagegen war, dass man den Arbeitern nachgab, ist es trotzdem gelungen, die Leute wieder herauszubringen. Ueberhaupt könne man nach Meinung eines massgebenden früheren Gewerkschaftsführers feststellen, dass den Forderungen der Arbeiter überall da nachgegeben würde, wo sie ernsthaft und mit Nachdruck vorgebracht würden. Das sei für die Wiederbefestigung des Selbstbewusstseins der Arbeiter von grösster Bedeutung. Nach Auffassung dieses Gewerkschaftsführers spielen die Versuche des Regimes, die Arbeiterschaft zu atomisieren und differenzieren doch keine entscheidende Rolle, weil die Solidarität überall da, wo allgemeine Interessen auftauchen, neu auflebe. Rheinland: Ein Bergarbeiter von der Grube X. berichtet: Ein Hauer in unserer Abteilung verdient heute pro Schicht 5,50 Mark. Dafür müssen wir aber schwer arbeiten und ständig wird auf höhere Förderung gedrängt. Das Antreiber system ist bis ins Kleinste ausgebildet. Die Notwendigkeit der Mehrförderung wird ständig mit dem Hinweis darauf begründet, dass sonst die Grube eines Tages stillgelegt werden müsste. Die vielen Klagen und Beschwerden der Arbeiter beim Vertrauensrat führten dazu, dass eines Tages der Steiger sagte:" Gut, Ihr bekommt eine Mark mehr." Der Betriebsleiter aber lehnte das ab. Darauf legten 23 Arbeiter die Arbeit nieder, 5 davon fuhren sogar aus. Sie wurden fristlos entlassen. Die 5 waren SA- Leute. Ihnen sagte der Betriebsleiter, sie sollten froh sein, dass sie alte Kämpfer seien, denn sonst wären sie alle ins Konzentrationslager gekommen. Dieser erste missglückte Versuch eines solidarischen Handelns auf unserer Grube, hat sehr belehrend gewirkt. Die Nazis im Betrieb sind sehr still geworden. A-86Auf einem Notstandsarbeitsplatz in X. sind 80 Mann mit Erdarbeiten beschäftigt. Eines Tages konnte wegen allzuschlechten Wetters beim besten Willen nicht weitergearbeitet werden. Es gab eine Auseinandersetzung mit dem Vorarbeiter, der trotzdem weiterarbeiten lassen wollte. Schliesslich drohte ein junger Arbeiter, den Vorarbeiter mit der Schippe vor den Kopf zu schlagen. Die Arbeit wurde eingestellt, die Arbeiter gingen in den sogenannten Aufenthaltsraum. Nunmehr gab es eine Auseinandersetzung wegen der Zahlung des Lohnes für die ausgefallene Zeit. Der Direktor hatte die Zahlung abgelehnt. Als der Betriebsleiter die Entscheidung des Direktors bekanntgab, setzte allgemeines Murren ein. Schliesslich kam der Direktor selbst. Er erklärte nach längerer Unterhaltung, dass er sich die Sache überlegen wolle. Er müsse aber sagen, dass er jetzt hier, im Gegensatz zu früher, einen merkwürdigen Geist vorfinde. Hamburg: Ende November wurden plötzlich 34 Strassenbahner durch die Gestapo nachts aus ihren Wohnungen geholt. Der Grund lag in folgendem: Seit langem gärt und rumort es unter den Strassen- und Hochbahnern wegen Lohnfragen, Verkürzung der Fahrzeit, Verschiebung der Dienstzeit und anderen" nationalsozialistischen" Massnahmen der Hochbahnbonzen. Pg. Lüthke, ein" alter Kämpfer", sah sich veranlasst der Pgs. der Strassenbahnhöfe Wendemuth( Wandsbek): Mestereine Zusammenkunft kamp( Barmbeck) und Angerstrasse( Hohenfelde) zu arrangieren. Die Zusammenkunft wurde als" Betriebsversammlung" durchgeführt. Pg. Lüthke hielt das Referat. Er geisselte in heftigen Worten das selbst süchtige, unkameradschaftliche und vor allem parteischädigende Gebaren und Treiben der" Bonzen" Stanik und Genossen. Unter dem lebhaften Beifall der Versammlung wurde eine Entschliessung gefasst, in der neben Abstellung der genannten Misstände auch Gehaltsaafbesserungen verlangt wurden. Auf Betreiben des" Oberpgs." Stanik wurden die Teilnehmer der Versammlung verhaftet und ins Konzentrationslager überführt. Sie werden wegen" Sabotage" belangt werden. Berlin: In einer Abteilung der AEG, Ackerstrasse, Apparatefabrik, In der nur Männer beschäftigt werden, hat die ganze Belegschaft das Winterhilfsformular, auf welchem sie die Firma ersuchen sollten, ihnen einen Betrag von 10% der Lohnsteuer für die Winterhilfe, evtl. mehr. abzuziehen, durchgestrichen zurückgegeben. Zuerst waren die Nazivertrauensleute darüber sehr entsetzt. Sie verlangten von dem einen oder anderen eine Begründung. Diese schrieben dann auf den Zettel:" Zu wenig Lohn!", andere schützten auch andere Gründe vor. Aber keiner liess sich dazu bewegen, etwas zu zeichnen. Bis nach Weihnachten geschah in dieser Abteilung den Kollegen nichts. Winterhilfe wurde ihnen nicht abgezogen. Diesen Fall erzählte ich einem alten Genossen, der im Siemens- Planierwerk in Lichtenberg, arbeitet. Der war darüber gar nicht erstaunt, sondern entgegnete, das sie es in seiner A- 87Abteilung bei Siemens genau so gemacht hätten. Hier haben die Vertrauensleute erst gar nicht versucht, dagegen anzukämpfen, sondern haben die Ablehnung der Arbeiter einfach hingenommen. Auch hier wurde nicht- s abgezogen. Ein drittes, ganz interessantes Beispiel aus einem mittleren Druckereibetrieb( etwa 150 Beschäftigte): Am Tage der " nationalen Solidarität", Anfang Dezember, ging der Chef des Unternehmens morgens durch alle Abteilungen. Er rief dort seine Leute zusammen und hielt eine Ansprache ungefähr folgenden Inhalts:" Es sei der Tag der Solidarität. Im Laufe des Vormittags würden die Sammler mit den Sammelbüchsen kommen. Er wisse, dass keine grosse Gebefreudigkeit herrsche, weil die Leute ja auch alle sehr belastet seien. Der Betrieb habe aber Aufträge aus dem... ministerium und er, Chef, lege Wert darauf, dass sein Unternehmen bei der Sammelaktion einen guten Eindruck mache." Darauf gab er jedem Mann 20 Pf., jedem Mädel 15 Pf. und jedem Jugendlichen lo Pf., damit sie das Geld in die Sammelbüchsen werfen sollten. der An diesen drei, von mir nachgeprüften Beispielen scheint symptomatisch zu sein, dass man erstens in der Arbeiterschaft der Bettelei schon einen ziemlich starken und aktiven Widerstand entgegensetzt, zweitens, dass man es schon nicht mehr wagt, wie in den beiden Fällen der AEG und Siemens, die Leute wegen der Winterhilfe unter Druck zu setzen und drittens, dass ein Chef schon seine gesamte Belegschaft zu dieser Art Umgehung der" Solidaritätsabgabe" auffordern kann, ohne dadurch in Schwierigkeiten mit den Nazis zu kommen. 3) Einzelberichte Sachsen: Unser Betrieb ist eine Weberei, in der 120 Mann beschäftigt sind. Inhaber ist die Witwe des verstorbenen Chefs und seine drei Söhne. Offizieller Betriebsführer ist der jüngste Sohn, aber er ist praktisch nur Strohmann. Er kümmert sich überhaupt nicht um die Belegschaft und war noch nie in einer Betriebsversammlung. Das macht der älteste Bruder. Die kaufmännische Leitung liegt in den Händern des dritten Bruders. Die Arbeiter haben den Eindruck, dass der jüngste Sohn nur deshalb zum Betriebsführer gemacht worden ist, weil man für den Fall, dass ihm das Recht zur Betriebsführung aberkannt werden sollte, dann auf einen der beiden tatsächlichen Betriebsleiter zurückgreifen könnte. Ueber die allgemeine Stimmung im Betrieb ist folgendes zu sagen: 90% der Arbeiter, aber tatsächlich auch nicht weniger, sind mit dem System nicht einverstanden. Für das System sind tatsächlich also nur die jenigen, die so oder so von ihm profitieren, alle anderen haben es bis oben satt. Eine Ausnahmestellung nimmt nach wie vor Hitler ein. Er ist für die grosse Masse immer noch der Abgott; der Führer steht immer noch rein A-88da. Es heisst nach wie vor: Wenn Hitler das alles wüsste... Hitler will doch nur das Beste... Aber seine Mitarbeiter unterschlagen ihm einfach die Eingaben, die man an ihn richtet... usw. Es gibt aber auch Leute, die sagen: Hitler ist nun schon so lange Volkskanzler und er reist doch auch so viel in Deutschland herum, da muss er doch das Elend sehen. Aber diese nachdenklichen Stimmen sind nicht sehr häufig. Die Betriebsdisziplin ist heute grösser denn je. Früher konnte man mal während der Arbeitszeit den Webstuhl abstellen und mal ein Wort mit einem Arbeitskollegen sprechen. Heute ist das nicht möglich. Es wird alles in Akkord gearbeitet und die Akkordsätze sind so gedrückt, dass jeder seine ganze Kraft dransetzen muss, wenn er überhaupt einigermassen auf seine Rechnung kommen will. Aber auch der Betriebsführer ist dauernd hinterher. Bei jeder Gelegenheit ist er im Saal und wenn ein Gefolgschaftsmitglied mit einem anderen spricht und sei es auch nur aus beruflichen Gründen, dann kommt er schon und fragt, warum er nicht bei der Arbeit steht. Infolgedessen können heute bei der Arbeit überhaupt keine Gespräche geführt werden. Auch mit dem Speisesaal ist das so eine Sache. Es gibt zwar einen Raum, der Garderobe und Speiseraum zusammen ist, aber er ist für die gesamte Belegschaft zu klein, so dass ein Teil die Mahlzeiten bei den Maschinen oder im Freien einnimmt. Ein grosser Teil der Pausen geht auch regelmässig für kleine Nebenarbeiten drauf( Faden einführen, Ware abziehen usw.), die die Arbeiter in der Pause machen, um keine Arbeitszeit zu verlieren und keinen Lohnausfall zu haben. Man kann also praktisch untereinander nur auf dem Nachhauseweg sprechen. In diesen Gesprächen wird allgemein festgestellt, dass es schlechter geworden ist. Diese Feststellung drängt sich ja jedem auf. Die Löhne sind ausserordentlich stark gesunken, die Abzüge sind sehr gestiegen und so ist dann die allgemeine Feststellung: so kann es nicht weitergehen. Gewiss, ein kleiner Te il sagt auch heute noch: 1933 war doch praktisch alles zu Ende. Damals war alles vom Ausland gepumpt und das konnte doch mal ein Ende nehmen. Heute pumpen wir nicht mehr vom Ausland und deshalb ist es ja ganz logisch, dass es uns schlechter gehen muss. Aber wenn erst die 4 Jahre herum sind... Dieser Teil ist verschwindend klein. Der grösste Teil sagt: Man hat uns 35 Mark Wochenlohn versprochen, hat es aber nicht gehalten. Man hat uns versprochen, dass es in vier Jahren keine Arbeitslosen mehr geben wird; nun sind drei Jahre schon um und es gibt immer noch viel Arbeitslose. Sie vertröstén uns immer nur von Jahr zu Jahr und es ist doch alles nur Bluff. Es ist praktisch in unserem Betrieb nicht möglich, dass die Arbeiter durch gemeinschaftliches Handeln etwas herausholen könnten. Die Not ist so gross, und die Löhne sind so gering, dass jeder sein Bestes hergeben muss, um überhaupt durchzukommen. Wenn ein Arbeiter Glück hat, an einer guten Maschine zu stehen und viel herauszuholen, dann ist trotzdem A-89sein Spitzenlohn immer noch so gering, dass es gerade zum Leben reicht und dass er einfach nicht auf den Gedanken kommt, er müsse seine Leistung etwas herabmindern, um nicht der Betriebsleitung einen Anreiz zu neuer Akkordsenkung zu geben. In den Betriebsappellen, die von Zeit zu Zeit abgehalten werden, wird den Arbeitern immer wieder gepredigt: Es kommt nicht auf eine gutgefüllte Lohntüte an, sondern es kommt darauf an, dass wir Qualitätsarbeit leisten und dass wir unsere Leistung steigern, damit wir dem Ausland gegenüber konkurrenzfähig bleiben. Nur wenn wir das erreichen, dann können wir später einmal auch höhere Löhne zahlen. Und das andere: Wer den Arbeitsfrieden stört, der hat kein Anrecht auf den Arbeitsplatz.- Was aber den Betrieb angeht und was den Arbeiter interessiert, davon wird überhaupt nicht gesprochen. Stattdessen wird über Rassenfrage und über alles mögliche referiert. Die Zeit, die für diese Betriebsappelle draufgeht, soll eigentlich bezahlt werden- wenn die wirtschaftliche Lage des Betriebes es gestattet. Wir haben aber noch niemals etwas bekommen, denn unser Betrieb ist immer als notleidend erklärt worden. Nur gelegentlich durften wir mal die Zeit des Betriebsappells nacharbeiten. In der Metallwarenfabrik X., die z.Zt. nur Staatsaufträge zu erledigen hat, sind drei Beamte aus Berlin tätig, welche die Arbeiten zu kontrollieren haben. Jeder Arbeiter musste einen Vertrag unterschreiben, der 15 Punkte enthält. Bei Vergehen gegen irgend einen Punkt setzt es Zuchthaus oder Todesstrafe. Wenn z. B. ein Arbeiter Schrauben herstellt und diese stimmen nicht bis auf ein hundertstel Millimeter, so kann es ihm passieren, dass es ihm als Werks- oder Staatssabotage ausgelegt wird. Ein Fall ist vorgekommen, wo eine Welle auf 20ostel Millimeter nicht stimmte. Der Arbeiter bekam die Welle wieder zurück, legte sie in kaltes Wasser, gab sie ab und sie stimmte im Mass. Anlässlich der Amtswalter tagung der DAF in Leipzig hatte sich Dr. Ley auch in einigen Betrieben angemeldet, um vor den Gefolgschaften zu sprechen. In einer Automobil- Fabrik war die 500 Mann starke Belegschaft" freiwillig nach Felerabend dageblieben, um sich den Reichsleiter anzuhören. Dr. Ley erschien mit dem notwendigen Gefolge. Mit erhobener Hand und eingezogenem Kopf begrüsste er die Belegschaft und begab sich auf das eigens zu diesem Zweck hergerichtete Podium. Schwer liess er sich auf einen Stuhl fallen. Die Belegschaft wartete auf den Beginn der Veranstaltung, es erfolgte jedoch nichts. Nach geraumer Zeit erhob sich Dr. Ley wieder und grüsste die Belegschaft wie bei seinem Eintritt. Erst jetzt merkte die Belegschaft, dass Dr. Ley vollständig besoffen und nicht in der Lage war, zu sprechen. In einer Leipziger Eissengiesserei haben die Belegschaftsmitglieder offen protestiert, weil sie kurz vor Weihnachten nochmals mit einer Feierstunde der Kraft durch Freude bedacht 00 Bibliothek der Friedrich- Ebert- Stiftung A-90wurden. Nur die Drohung des Vertrauensrates, dass Nichtteil nahme mit Entlassung geahndet würde, konnte die Belegschaft veranlassen, mitzutun. Beim Horst- Wessel- Lied am Schluss passte ein Belegschaftsmitglied auf das andere auf, damit keiner mitsang. Lange vor Schluss des Liedes war der Saal geleert und der Vertrauensrat konnte nur noch hinter den letzten herschimpfen. In einem Rüstungsbetrieb bei Leipzig, der Flugzeugteile und Geschosskörbe herstellt, ist due Arbeitszeit im Einvernehmen mit dem Treuhänder der Arbeit auf 60 Stunden wöchentlich festgesetzt worden. Darüber ist die Belegschaft unwillig. Durch den erhöhten Lohn haben sich auch die Abzüge erhöht. Die Lehrlinge des Betriebes müssen an den Betriebsappellen teilnehmen, die besonders für Lehrlinge angesetzt worden sind. Mit der Leitung dieser Appelle ist ein Lehrling beauftragt worden, der von allen anderen als ein grosses Rindvieh_bezeichnet wird. Die Morgensprüche und Zitate, die zur Vorlesung kommen, geben für die Lehrlinge ein gutes Witz- und Zotenmaterial ab. Die beiden Betriebe der Mitteldeutschen Stahlwerke A.G. in Riesa und Gröditz sind nach wie vor sehr gut mit Heeresaufträgen beschäftigt. In Riesa ist eine Belegschaft von nahezu 5.000 und in Gröditz von über 2.000 vorhanden. Die Belegschaft arbeitet mit Ausnahme der Abteilung Stabwalzwerk in drei Schichten. Die geringere Beschäftigung des Stabwalzwerkes ist nur auf die ungenügende Erzeugung von. Stahl zurückzuführen( Es wird jetzt ein sechster Martinsofen gebaut). Der grösste Teil der Belegschaft muss sogar Sonntags arbeiten. Unser Gewährsmann hat z. B. in einem Vierteljahr nicht einen freien Sonntag gehabt. Wer sich weigert, Sonntags zu arbeiten, muss mit sofortiger Entlassung rechnen. Ursprünglich sollte sogar an den Weihnachtsfeiertagen gearbeitet werden. Unser Freund hat im Monat einschliesslich der Sonntagsarbeit rund 220 RMark verdient, wovon rund 50 RMark in Abzug kamen. Die ersten Produktionsbetriebe der deutschen Genossenschaften stehen bekanntlich in Riesa- Gröba: Seifen-, Zündholz-, Teigwaren und Kisten- Fabrik. In diesen Betrieben waren früher etwa 800 Personen tätig. Schon vor dem Umsturz gab das Verhalten der Belegschaften dieser Genossenschaftsbetriebe sehr oft Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen. Es war keineswegs die Elite der Arbeiterbewegung, die es hätte sein sollen. Viele sagten ganz offen, dass die soziale Frage für sie gelöst sei. Beim Anbruch des Dritten Reiches hat der allergrösste Teil der Arbeiter und Angestellten ein würdeloses Verhalten an den Tag gelegt. Viele Leute erwarben die Mitgliedschaft der NSDAP und der SA, verrieten ihre Kollegen und stellten sich vollständig hinter die Nationalsozialisten. Heute ist die Belegschaft fast hundertprozentig nationalsozialistisch und wie behauptet wird noch aus Ueberzeugung. Vor einigen Wochen sind nun die Löhne und Ge A-91hälter um durchweg 10% gekürzt worden. Darüber allenthalben grosse Unzufriedenheit. Zu einer Gegenaktion ist es allerdings nicht gekommen. Ueber die" Belohnung" haben die Arbeiter in anderen Betrieben ganz offen ihre Schadenfreude zum Ausdruck gebracht. Bei der Reichsautobahn, Abschnitt Auerswalde- Glösa, sind wegen kommunistischer Umtriebe und Lohndifferenzen Verhaftun gen vorgenommen worden. Der Stundenlohn beträgt jetzt 63 Pf. In der Druckerei X. in Dresden- Y., schon von jeher ein Nazibetrieb, bekamen die Leute lange Zeit nur Lohnabschläge von 5 oder gar nur 3 Mark wöchentlich ausgezahlt; es hatten sich Lohnrückstände bis zu 200 Mark angesammelt. Dann stellte sich auch noch heraus, dass die Firma die Versicherungsbeiträge nicht abgeführt hatte. Der Belegschaft wurde vom Vertrauensrat empfohlen, diese Rückstände der Firma als " Aktie" zu überlassen, um die Firma zu sanieren und der Belegschaft die Arbeit zu erhalten. Dagegen erhob sich nur eine einzige Stimme. Dieser Mann wurde entlassen; der Lohnrückstand ist in diesem Falle auch ausgezahlt worden. Später sind dann trotz der" Sanierung" noch Leute entlassen worden. Diese Firma arbeitet noch, aber es" klappert" nur. Bei der Firma Nachod& Häbler in Zittau arbeiten diejeni gen, die noch ein anderes Einkommen haben, nur noch 20 Stunden in der Woche. Darunter fallen auch Kriegerwitwen, Frauen, deren Männer in Arbeit stehen, auch wenn sie Kurzarbeiter sind, und Frauen, die Aftermieter haben, Frauen, die im Besitz eines kleinen Häuschens sind oder einen ähnlichen Nebenerwerb haben, also alle, die noch ein sogenanntes Nebeneinkommen haben, wenn es auch noch so klein und bescheiden ist. Alle übrigen Arbeiter und Arbeiterinnen werden 36 Stunden in der Woche beschäftigt. Durch diese harten Massnahmen herrscht in diesen Betrieben eine Angeberei und Denunziationswut, die die fürchterlichsten Folgen annimmt. Der Betriebsobamnn, ein sehr grosser Nazi, will bei den nächsten Wahlen nicht mehr kandidieren. Anständige Arbeiter sind und werden durch diese Vorgänge angeekelt und weisen auf das Arbeiten der früheren Vertrauensleute hin und gewinnen immer mehr Einfluss, selbst bei. den Nazis. Mitteldeutschland: Bei der Reichsautobahn Weimar- Halle herrscht ein schlimmes Antreibersystem. Als Stammarbeiter hat die ausführende Firma Arbeiter aus Oberschlesien und Ostpreussen importiert, welche für einen Liter Schnaps alles tun, was von ihnen verlangt wird. Eine Einhaltung der Arbeitszeit gibt es nicht, Arbeit von früh 4 Uhr bis nachts 12 Uhr ist keine Seltenheit. Um mehr aus den Arbeitern herauszuholen, ist ein Prämiensystem eingeführt worden. Sind an einer Stelle infolge günstiger Bodenverhältnisse die Arbeitssätze erreicht worden, dann wird eine Kolonne solcher A-92" Polaken" zusammengestellt, welche neue Leistungssätze ausarbeiten. Den Arbeitern aus der Umgebung ist es aber unmöglich, die gleiche Arbeitsleistung aufzubringen, so dass sie auf diese Weise um ihre Prämien gebracht werden. Todmüde schleichen sie nach Schluss der Arbeitszeit nach Hause und haben am Wochenschluss doch nur 18 bis 19 RMark, während ihnen immer wieder der Lohn der" Polaken" als Beispiel vorgehalten wird. Auch als Antreiber werden die Polaken verwendet. Die ersten Loren jedes Transportzuges laden die" Polaken" und weil sie mit den Ladearbeiten zuerst fertig werden, werden sie immer gegen die anderen Arbeiter ausgespielt. Alle Erleichterungen, die sich die Bauarbeiter durch ihre Organisation in jahrelangem Ringen erkämpft haben, werden beseitigt. Die Arbeiter werden wieder zu Arbeitstieren herabgedrückt. Bei den Junkerswerken kann man fast an jedem Lohntage kleine Demonstrationen erleben. Die Ursache dazu ist das Minutenlohnsystem, welches vor einiger Zeit eingeführt worden ist. Es passiert fast bei jeder Lohnzahlung, dass vielen Arbeitern einige Stundenlöhne zu wenig berechnet worden sind. Um diese Gelder sollen sie geprellt werden. Merkwürdig ist, und das bestätigt vorstehende Feststellung, dass bei Reklamationen stets der Differenzbetrag bei der nächsten Lohnzahlung nachbezahlt worden ist. Die Arbeiter, die nicht reklamieren, büssen den Betrag ein. Der Vertrauensrat, an dem die Angelegenheit wiederholt herangetragen worden ist, erklärte immer, dass ein Fehler der aufsichtsführenden Person vorgelegen hätte. Gebessert haben sich die Verhältnisse trotzdem nicht. In den Flugzeugwerken der Firma Junkers trifft alle sechs Wochen das rote Flugzeug Ju 53, welches dem preussischen Ministerpräsident Goering gehört, zur vollständigen Ueberholung ein. Zu diesen Arbeiten dürfen nur vollständig sichere Nationalsozialisten herangezogen werden, damit ja nichts passiert. Schon seit Monaten ist die Arbeiterschaft der Junkerswerke über diese Uebung empört. Man spricht über Göring nur noch in einer äusserst verächtlichen Weise. Man vergleicht die Lage der anderen Piloten, die die grossen Verkehrsflugzeuge und sonstigen schweren Maschinen bedien en und täglich in der Luft sind und viel viel länger fliegen müssen, bevor ihre Maschinen überholt werden. Göring führt kaum drei bis vier Flüge aus und schon wird eine Ueberholung vorgenommen. Es wird immer noch gut verdient. Qualitätsarbeiter verdiene bis zu 80 Mark in der Woche, einzelne sogar bis zu 120 Mark, allerdings nur durch Ueberstunden. Die Kollegen, soweit sie treu geblieben sind- und das ist die grosse Mehrzahl halten fest zusammen. Sie finden immer eine Gelegenheit, Fühlung mi te inander zu halten. Bei Forderungen an die Firma werden die Nazis vorgeschickt und jeder Misserfolg bringt sie in Misskredit und in Verlegenheit. Die Betriebskontrolleure bekommen 60 Pf. die Stunde. Sie stehen A-93gegenüber den Akkordarbeitern weit zurück. Da sie aber alle Nazis sind, so gönnen wir ihnen das. Sie werden demonstrativ mit" Heil Hitler" gegrüsst und sie empfinden diesen Gruss natürlich als Verhöhnung. Denn sie sind alle Neidhammel, die uns anderen den verhältnismässig hohen Lohn nicht gönnen. Sie ärgern sich über den Gruss, aber sie können nichts an der Sache machen. Rheinland- Westfalen: In einer mittleren Maschinen- und Amaturenfabrik fehlt es an Aufträgen. Die Fabrik arbeitet kurz und ausserdem sehr unregelmässig. Es kommt vor, dass plötzlich die Arbeitszeit auf 30 oder 33 Stunden sinkt, während sie in der nächsten Woche 40 bis 42 Stunden beträgt. Das erregt natürlich böses Blut unter den Arbeitern, die mehr oder weniger offen sagen:" So schlecht wie jetzt ist es uns noch nie gegangen. Wir wissen tatsächlich nicht mehr, wann und ob wir noch arbeiten dürfen." Hinzu kommt, dass eine Erhöhung der Arbeitszeit in widerlicher Art geradezu als ein Gnadenakt der Unternehmer hingestellt wird. Aber auch dem dümmsten SA- Mann ist es langsam klar geworden, dass bei diesen willkürlichen Festsetzungen der Arbeitszeit nicht das Interesse der Arbeiter, sondern das der Unternehmer massgebend ist. Auf der Zeche X. in Herne kam ein SA- Mann oft zu spät zum Dienst. Der Betriebsführer beauftragte den Markenkontrolleur, ihn in das Privatkontor zu schicken, falls er wieder zu spät komme. Das tat der Markenkontrolleur. Beim nächsten Zuspätkommen wurde der SA- Mann fristlos entlassen. Auf dem Wege zum Vertrauensmann, der eine Intervention ablehnte, traf der SA- Mann wieder auf den Markenkontrolleur. Ohne ein Wort zu sagen, schlug er diesen nieder. Dabei ist der Markenkontrolleur ebenfalls SA- Mann. Die Polizei verhaftete den Schläger. Der Kontrolleur liegt im Krankenhaus. Aus einer Waggonfabrik in Düsseldorf wird berichtet: Hier arbeiten 1.600 Leute. Man hat viele sogenannte Betriebsfremde eingestellt. Diese verstehen zwar von der Arbeit nicht viel, aber sie sind" alte Kämpfer". Manche erscheinen in Uniform zur Arbeit, die meisten aber nicht. Vor den Uniformierten kann man sich schützen, die Nichtuniformierten sind gefährlicher. Sie haben überall ihre Nase dazwischen, denn sie fühlen sich". Sie sind die Bevorzugten, die anderen werden nach ihrer Meinung im Grunde nur geduldet. Wenn zwei zusammenstehen, dann gesellt sich sofort einer von den Nazis dazu. Es ist eine Qual, so etwas dulden zu müssen und manchmal kocht es in einem. Eine Qual ist es, nicht zu wissen, ob der Nebenmann" echt" oder ein Lump ist. So gibt es denn auch dauernd Verhaftungen. So ein Spitzel betätigt sich auch als agent provocateur. Bezeichnend ist folgender Vorfall: Ein Arbeiter geht auf einen als Nazi bekannten los und sagt:" Ihr Brüder, Thr könnt bald was in die Fresse kriegen!" Der Nazi lässt sich A-94das gefallen und tut ganz geknickt, dass so etwas möglich sein könnte. Damit scheint der Vorfall erledigt. Da kommt aber der Nazi, der sich die Provokation anscheinend ohne Widerrede gefallen lassen hatte, zu unserem als ehemaligen Sozialdemokraten bekannten Genossen und fragt ihn:" Was sagst Du dazu?" Dieser tut ihm natürlich den Gefallen nicht. Das sind so die Methoden, mit denen in den Betrieben gearbeitet wird. In demselben Betrieb ereignete sich noch folgender Fall, der nach einer anderen Richtung ein bezeichnendes Licht wirft. Zwei Kollegen, die jahrelang zusammen gearbeitet hatten, obwohl der eine KPD- Mann, der andere SPD- Mann war, bekommen miteinander Streit. Plötzlich sagt der ehemalige KPD- Mann laut:" Verfluchter Faschist!" Ein Nazi hört das und verpetzt den Vorfall. Die Sache findet ihren tragischen Abschluss in der Verhaftung des ehemaligen Kommunisten. Denn dieser hatte den" Faschismus" beschimpft. Aus dem Baugewerbe berichtet ein Maurer: Das Antreibersystem ist ungeheuer entwickelt. Schon bei der Einstellung sagt einem der Krauter:" Ich habe viel Arbeit, aber ich kann natürlich nur die besten Leute halten." Solche und ähnliche Aeusserungen haben den Zweck, dem Bauarbeiter von vornherein klarzumachen, dass er schwer arbeiten muss, wenn er die Arbeit behalten will. Heute gibt es auf jedem Bau eine bis ins Kleinste ausgetüf- telte Spezialisierung der Arbeit. Es herrscht das sogenannte Kolonnen- System. Der einzelne Mann macht immer dieselben Handgriffe. Der Maurer hat nicht einmal Zeit, eine Wasserwaage anzusetzen. Ich habe eine Siedlung mitgebaut, da ist nicht ein einziges Haus solide, alles krumm und schief. Es ist eine richtige Schluderarbeit. Die Bauarbeiter lassen sich das in den allermeisten Fällen gefallen. Sie wollen die Arbeit behalten. Unser Polier kann verlangen was er will, man sucht seine Wünsche zu erfüllen. Das sind dieselben Bauarbeiter, die in der deutschen Arbeiterbewegung eine gewisse Tradition hatten aus der Zeit nach 1870. Am willfährigsten sind die ehemaligen Kommunisten und mit dem Munde waren es vor Hitler sehr viele. Sie schimpfen noch immer auf die alten Gewerkschaften und auf die alten Führer. In Wirklichkeit wollen sie damit nur ihre Feigheit verbergen. Bis jetzt ist es nur ein kleiner Teil, der anerkennt, dass die alten Gewerkschaften gerade für die Bauarbeiter ausserordentliches geleistet haben. Es ist der bessere Teil, der das anerkennt, es sind die Klügeren und ihre Zahl wächst. Die Nazis sind sehr schwach vertreten. Sie werden, wo sie sich noch hervorwagen, merklich stiller. Bericht eines Notstandsarbeiters: Ich mache Erdarbeiten mit Hacke und Spaten, und die Arbeit ist sehr schwer. Wenn ich bedenke, was ich als Familienvater mit drei Kindern an Unterstützung erhalten würde 21,50 RMark die Woche, dazu Milchkarten, Schuhsohlen und bis zu einem gewissen Grade auch eine Ermässigung der Hauszinssteuer- dann erkenne ich, A- 95dass ich mich als sogenannter Notstandsarbeiter schlechter stehe wie als Empfänger von Unterstützung. Denn als beschäftiger Arbeiter bekomme ich die Zulagen nicht. Allein die Milchkarten wiegen schon den Mehrverdienst auf. Tatsächlich habe ich im Monat unter Berücksichtigung der verschiedensten Sonderzulagen als Notstandsarbeiter rund 15,- RMark weniger, als wenn ich Unterstützungsempfänger wäre. Jetzt versucht man die Notstandsarbeit schmackhafter zu machen durch Gewährung eines Akkord zuschlages. Jedoch wird dabei aus den Arbeitern auch das letzte herauszuholen versucht. Das Antreiber system ist sehr schlimm. Und das Ergebnis: Ein Familienvater mit vier Kindern bekommt 24,50 RMark Unterstützung. In Akkord ist der Arbeitsverdienst im Höchstfalle 25,- RMK. In der Haldenverwertung der Stadt Y. herrscht eine Treiberei, wie man sie früher in Privatbetrieben nicht gekannt hat. Die Unfal lvorschriften werden ausser acht gelassen. Ob es regnet oder schneit, die Leute müssen arbeiten und wenn das Wasser aus den Stiefeln läuft. Kurz vor Weihnachten führte diese Treiberei zu einem schweren Unfall. Ein Arbeiter, Vater von drei Kindern, hatte den Wagen der Sortiermaschine zu fahren und zu entleeren. Infolge des Frostwetters war der Inhalt des Wagens gefroren, es lag noch Schnee, so dass überhaupt kein Halt zu kriegen war. Dazu die Treiberei, die Maschine durfte nicht still stehen, vorschriftsmässige Einhängehaken waren nicht vorhanden, der dritte Mann wurde nicht gestellt. So musste X. allein mit dem schweren Wagen fahren, bis ihn einer mitriss und in das drei Meter tief liegende Baggerloch stürzte, so dass er unter den Wagen zu liegen kam. Mit einer schweren Gehirnerschütterung wurde er ins Krankenhaus eingeliefert, wo er starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Jetzt kam die Unfall- und Berufsgenossenschaft. Nach Meinung des Beamten war der Betrieb unter aller Kanone. Die Bergrutschen hätten nicht benutzt werden dürfen. Wo Wagen gekippt wurden, hätten Schutzvorrichtungen angebracht werden müssen usw. Da aber die Bedingungen im Falle X. nicht erfüllt waren, so lehnte die Unfall- Berufsgenossenschaft jede Haftung ab. Jetzt muss die Stadt bezahlen. Die Frau musste also das Wohlfahrtsamt in Anspruch nehmen. Die Kollegen hatten den Betrag von 126,- RMark gesammelt, obwohl es ihnen auch nicht gut geht. Als das Wohlfahrtsamt davon erfuhr, erklärte es, die Frau solle zuerst mal diesen Betrag für die Beerdigung und die nötigsten Ausgaben verwenden. Da haben aber die Arbeiter Krach geschlagen. Sie wollen ihr Geld von Wohlfahrtsamt wieder haben. Denn sie sagen sich mit Recht, dass sie ja nicht die Verpflichtung haben, das Wohlfahrtsamt zu entlasten. Südwestdeutschland: Aus einer Maschinenfabrik in Mannheim wird berichtet, dass es bald unerträglich ist, unter dem A- 96immer stärker auftretenden kapitalistischen Ausbeutungssystem zu arbeiten. Aufträge sind zur Zeit genügend vorhanden, so dass oftmals bis zu vierzehn Tagen täglich 12 Stunden gearbeitet werden muss und manchmal sogar noch mehr. Neueinstellungen werden trotz vorhandenen Arbeitsangebots nicht vorgenommen. Die Akkordsätze sind um 30 bis 35 v.H. gekürzt worden. Die allgemeine Stimmung hat sich im letzten Jahr stark zu Ungunsten der Nazis verändert. In Diskussionen schneidet am schlechtesten der Nazivertrauensrat ab. Dieser Vertrauensrat ist ein noch junger unerfahrener Mensch, der in seinem Leben noch verflucht wenig von Arbeitersorgen kennen gelernt hat. Neben seinem Arbeitsplatz betreibt er eine gutgehende Wirtschaft. Seit Bestehen der Firma hatte diese keinen Kantinen betrieb. X. hat es geschafft und seinem privaten Bierlieferanten die Bierlieferung zugeschanzt. Er erhielt für dieses Vermittlungsgeschäft tausend Mark natürlich keine Bestechung! Der Metallbetrieb X. beschäftigt 300 Arbeiter und hat Rüstungsaufträge. Der Chef war früher begeisterter Nationalsozialist, hat sich aber zu einem scharfen Gegner des Regimes entwickelt. Es ist erstaunlich, mit welcher Rücksichts losigkeit er vor den Arbeitern über die herrschenden Zustände schimpft: Das Geld fliesse doch nur in die Taschen der Bonzen. Deutschland gehe kaputt, wenn so weitergewirtschaftet, wird usw.- In dieser Belegschaft ist allerdings niemand in der Partei und in der SA und man hat in diesem Betrieb auch keine Angst vor Spitzeln. Die Haltung des Betriebsführers erklärt sich vor allem aus Differenzen mit dem Gauleiter Sprenger, auf den er einen wütenden Hass hat. Bayern: Aus einem südbayerischen Zeitungsbetrieb: Im Betrieb arbeiten etwa 40 Personen. Alles ist in der Arbeitsfront organisiert. Politische Gespräche werden kaum berührt, wohl aber spricht man über die sozialen Verhältnisse im Betrieb. Einige SA-Leute, die sich früher stark hervortaten, finden längst keine Beachtung mehr. Der Kontakt zwischen Redaktion und Werkstatt ist sehr gut. In der Redaktion gibt es keinen aus gesprochenen Nazis, obwohl die Redakteure begeisterte Artikel schreiben. Jeder hat eine andere Meinung über die Taten des Regimes, aber niemand spricht offen darüber. Die Umstellung der Zeitung auf ein neues Regime würde keine Schwierigkeit sein. Bei der Reichsbahn herrscht eine fürchterliche Antreiberei. Für Waschfrauen in den D- Zügen und ähnlich Beschäftigte ist an manchen Tagen eine Diensteinteilung getroffen, dass beispielsweise für eine solche Frau in Nürnberg zum Mittagessen, Waschen usw. nur 7 Minuten Zeit übrig bleiben. Das bedeutet, dass die Frau im fahrenden Zug sich vom Speisewagen Essen beschaffen muss. Der Dienst ist oft ungeheuer lang. Auf deshalb erhobene Vorstellungen wurde der Abordnung der Arbeiter erklärt," dass für diese Beschäftigungsart im Bedarfsfalle A-97eine ununterbrochene Arbeitszeit von 16 Stunden verlangt werden könne und auch verlangt werden müsse." Wie rechtlos der Arbeiter heute nach jeder Richtung hin ist, beweist u.a. folgender Vorfall: Ein Arbeiter hatte sich von einem Reisevertreter einen grösseren Posten Waren aller Art für den Haushalt aufhängen lassen. Nun war der Arbeiter noch mit 36,-RMark Warenschulden im Verzug. Darauf erhielt er an einem Lohntage keinen Pfennig Lohn mit dem Bemerken, dass erst diese 36,-RMark einbehalten würden. In der nächsten Woche erhielt dieser Arbeiter nur 5,-RMark von seinem Lohn heraus und damit waren die 36,- RMark dann voll abgezogen. Es gibt also in der Praxis auch keinen Pfändungsschutz mehr. Sein geschriebenes Recht getraut sich so ein Prolet nicht mehr geltend zu machen, da er sonst die Entlassung fürchten muss und ihm gerade das Wichtigste heute fehlt, nämlich die Solidarität seiner Arbeitskollegen. Die Arbeiter dieses Unternehmens haben alljährlich ihren Kartoffelbedarf durch die Firma eingedeckt. Der Betrag für die Kartoffeln( für die meist vielköpfigen Familien 6 bis lo Zentner pro Familie) wurde von der Firma in kleineren Beträgen vom Lohn abgezogen. In diesem Jahre haben sich die Arbeiter wieder durch die Firma ihre Kartoffeln liefern lassen, den Zentner( 50 kg) zu 2,80 RMark. Aber die Ware ist so schlecht, dass man aus 2 Zentnern Kartoffeln knapp einen Zentner geniessbare Kartoffeln herausbringt. Der ganze Betrag für die Kartoffeln wurde aber den Arbeitern in zwei Raten an zwei aufeinanderfolgenden Lohntagen abgezogen. Man nimmt eben keinerlei Rücksicht mehr auf den Arbeiter. Wasserkante: In der Werkzeugmaschinenfabrik X. wurde in einer der letzten Betriebsversammlungen das Thema" Kraft durch Freude" behandelt. Vertrauensrats- Obmann und Referent priesen in wohlgesetzten Worten die Segnungen dieser" Kultureinrichtung" der DAF. Insbesondere der Referent, ein fetter Bonze vom Schlage seines" Führers", Pg. Ley, schilderte lebhaft die schönen Mittelmeerfahrten und Alpenreisen usw., die dem verhetzten Arbeiter wieder Freude am Dasein geben sollten. Dann wurden die Arbeiter aufgefordert, Vorschläge und Anregungen zum Thema zu geben. Als ein Kollege die " kleine Anfrage" stellte, wie es denn mit einer Lohnerhöhung sei, wurde ihm erklärt, das gehöre nicht zum Thema. Darauf nahm ein zweiter Kollege das Wort und erklärte unter lebhaftem Beifall der Versammlung, dass diese Frage sehr wohl" zum Thema" gehöre, denn bei der augenblicklich sich täglich ändernden Preislage für die notwendigsten Lebensmittel( es wird ja nichts teurer, es ändern sich nur die Preise nach oben), sei es den Frauen immer weniger möglich, mit dem niedrigen Lohn aus zukommen. Wenn Kraft durch" Freude" erzeugt werden solle, sei Vorbedingung ein auskömmlicher Lohn. Der Obmann klingelte fortgesetzt dazwischen, die Kollegen applaudierten. Da weitere Wortmeldungen nicht vorlagen, wurde die Versammlung kurzerhand geschlossen. A-98In den Nordseewerken, einem Betrieb der Vereinigten Stahlwerke, wurden den Arbeitern bei einem Betriebsappell mitgeteilt, dass die Vereinigten Stahlwerke für ihre Arbeiter erstmalig eine Weihnachtsgratifikation ausgesetzt hätten, die je nach der Familiengrösse von 11,50 RMark bis 40,-RMark betrage. Wenn sich die Arbeiter auch bewusst sind, dass ihnen damit nur Brosamen vom reichen Mahle der Rüstungsgewinne zugeschoben wurden, so freuten sie sich doch. Im Nu war es bekannt und die Belegschaft anderer Betriebe wurde vorstellig bei ihrem Betriebsführer, um zu ähnlichen Geschenken zu kommen.- Die Werft Schulte& Bruns lehnte schroff ab.- Die Fischereien beriefen sich auf ihre grossen Verluste in der letzten Fangperiode.- Im Hafenbetriebsverein, der 650 Hafenarbeiter umfasst, versuchte der Vertrauensmann und SS- Kämpfer Oswin Schreiber, für die Weihnachtsbeihilfe Mittel aufzutreiben. Schliesslich brachte er es auch so weit, dass je 10,- RMark gezahlt wurden. Aber wie gross war die Ueberraschung, als sich herausstellte, dass das Geld von jenem Urlaubskonto stammte, das aus den Abzügen der Hafenarbeiter für ihren" bezahlten" Urlaub bestand.( 5% wird ihnen vom Lohn als Urlaubsgeld abgezogen. Das Geld verwaltet der Arbeitgeber). Berlin: Bei AEG Treptow hat es eine Weihnachtsgratifikation von 15,-RMark pro Kopf gegeben. Verheiratete erhielten dazu für ihre Frau 3,-RMark und für jedes Kind ebensoviel. Dass man für die Frauen nur eine Zulage von 3,-RMark gegeben hat, hat im Betrieb Empörung hervorgerufen. Kurz vor Weihnachten prangte an dem grossen im Werk aufgestellten Weihnachtsbaum ein grosser Zettel mit der Aufschrift:" 3 Mark für Ehefrauen" Das sprach sich sofort im Betrieb herum und aus allen Abteilungen liefen die Arbeiter zum Weihnachtsbaum, um sich diesen Zettel anzusehen. Niemand hat ihn abgenommen, auch von der Werkleitung wurde nichts veranlasst. In einer mittleren Druckerei ist zur Zeit Hochbetrieb. In der Woche werden von einzelnen Leuten 10 und mehr Ueberstumden gemacht. Einige Leute haben sogar 36 Ueberstunden in der Woche leisten müssen. B- 1Teil B ( Abgeschlossen am 5. Februar 1936) Zwischenbilanz des Dritten Reichs. I. Die Aussenpolitik. === 1) Der Kampf gegen den Völkerbund -NO Die Aussenpolitik des Hitlersystems ist im dritten Jahre der Diktatur weniger vom Glück begünstigt worden als zuvor. Sie ist auf die Grenzen ihrer Manövrierfähigkeit gestossen. Die Gegenwirkungen, die sie hervorgerufen hat, sind immer stärker geworden, und die Illusionen der ersten Stunden sind längst zerfallen. Der afrikanische Krieg hat die Hitlerpolitik in die zweite Linie gedrängt und dabei ist die Isolierung Deutschlands weithin sichtbar geworden. Das System bemüht sich deshalb mit allen Kräften, sich in den Gang der europäischen Politik einzuschalten, ohne dass es ihm bisher gelungen ist. Die politische Entwicklung in Europa ist ganz anders verlaufen, als das System gehofft hatte. Von der Erreichung der Ziele, die die nationalsozialistische Partei und ihre Führer erträumten, ist das System weiter entfernt denn zuvor. Wir haben am Ende des zweiten Jahres der Diktatur darauf verwiesen, dass das System sich auf zwei Ziele konzentriert habe: auf die Rüstung und auf die Schaffung eines Machtblocks. Grundsätzlich hat sich daran nichts geändert, ebenso wenig an den Methoden, die die nationalsozialistische Aussenpolitik anwendet. Ebenso gilt heute wie damals, dass die nationalsozialistische Machtpolitik keines ihrer Ziele aufgegeben hat es liegt im B-- 2Wesen einer Politik, die grundsätzlich auf die Gewalt gegründet ist, dass sie unendlichen und phantastischen Zielen nach jagt, mag sie sie auch aus taktischen Erwägungen zeitweise aus der Erörterung zurücktreten lassen. Nach wie vor ist das System im Vorbereitungsstadium machtpolitischer Entscheidungen es wird niemals daraus herauskommen, es sei denn um den Preis einer Verzweiflungstat. und Das System hat deshalb keinen Anlass, von aussenpolitischen Erfolgen, von einer Verbesserung der internationalen Stellung Deutschlands zu sprechen. Es zeigt dem Volke nur die eine Seite der Bilanz, verschleiert aber die andere Seite. Erst die Prüfung der anderen Seite ergibt, was die" Erfolge" des Systems im letzten Jahre- die Wiederherstellung der allgemeinen Wehrpflicht und der deutsch- englische Flottenvertrag- wirklich wert sind. Der Aussenpolitik des Systems schwebte eine politische Konstellation in Europa vor, die ungefähr folgende Züge zeigte: das Ansehen des Völkerbundes völlig geschwunden, die durch ihn geschaffenen Rechtsbindungen wirkungslos geworden, alle Mächte in vollem Rückzug auf die macht politische Konzeption des europäischen Gleichgewichts der Vorkriegszeit, militärische Bündnisse im Werden anstelle von Rechtsgarantien, eine Entwicklung zur ungebundenen Souveränität der Staaten, zu einem anarchischen freien Spiel der Kräfte hin. Auf diese Konstellation wollte sie mit den Mitteln der Machtpolitik einwirken. Sie wollte in die locker werdenden Verhältnisse kräftig eingreifen, um sie weiter zu lockern, sie wollte Partei ergreifen und sich Bundesgenossen schaffen. Sie wollte wirken durch den Druck der deutschen Rüstung, durch Angst und durch Furcht, sie wollte in sichtbar werdende Risse hineinwuchten. Diese Politik richtete sich darum in erster Linie gegen den Völkerbund, gegen den Gedanken der kollektiven Sicherheit überhaupt. Sie will den Völkerbund durch eine Gruppenpolitik der Grossmächte ersetzen. Sie will vollständig in die Methoden der Vorkriegspolitik einlenken. Unstreitig haben die Führer der B- 3GOO Aussenpolitik des Systems nach der Verkündung der allgemeinen Wehrpflicht und ihrer Hinnahme durch die Vertragsmächte geglaubt, dass der Weg zu dieser Politik frei werden würde und damit auch der Weg zu echten machtpolitischen und territorialen Erfolgen. Das Wesen und die Absichten ihrer Politik wurde durch die Programmerklärung Hitlers vom 21. Mai 1935 völlig klargelegt. Diese Programmerklärung hatte zwei Seiten. Sie sollte einerseits gegenüber England, Frankreich und Italien Mässigung und Entgegenkommen zeigen, um den Weg zur Politik ausserhalb des Völkerbundes zu öffnen, andererseits sollte sie der Verfolgung der materiellen Ziele der Aussenpolitik des Systems kein Hindernis schaffen. Dem ersten Zweck diente die übrigens doppelzüngige- nochmalige Anerkennung des Locarnopaktes, die Lockung mit Abrüstungsverhandlungen, die Versicherung, dass man territoriale Revisionen nur auf vertraglichem Wege wolle, dem zweiten Ziele aber die Relativierung des Vertragsrechts, die Ablehnung des Gedankens der kollektiven Sicherheit, die Empfehlung bilateraler Verträge mit der Forderung der Lokalisierung von Konflikten, was auf die Isolierung des Opfers des Angriffs hinausläuft, und die hasserfüllte Feinderklärung gegen Sowjetrussland. Es sollte damit eine Diskus sionsbasis ausserhalb des Völkerbundes geschaffen werden. Es sollten Gespräche eingeleitet werden, die der Ausdehnung und dem Bestehen der neuen Sicherheitsabkommen, dem Gedanken des von England und Frankreich vertretenen Ostpakts entgegenwirken sollten. Das Ziel war schliesslich, das neue französische Sicherheitssystem, das durch den französisch- russischen, und den tschechoslovakisch- russischen Pakt geschaffen worden war, zu isolieren durch eine Löslösung Englands von dem Gedanken der kollektiven Sicherheit überhaupt. Es war für die noch ziemlich naive öffentliche Meinung in den westlichen Ländern an diesem Zeitpunkt nicht ganz einfach, bei dieser Programmerklärung Hitlers Schein und wirklichen Inhalt auseinanderzuhalten, und deshalb ist zeitweilig diese Erklärung sogar als eine Wendung der Hitlerpolitik zu friedlichen B- 4Absichten hin aufgefasst worden. Aber seitdem hat sich vieles geändert- nicht nur in der politischen Konstellation, sondern auch im politischen Denken der Völker. 2) Die morali sche Niederlage Die Aussenpolitik des Systems hat sich zunächst mit dem beleidigten Rechtsgefühl des deutschen Volkes zu tarnen versucht. Sie hat nach aussen den Versuch gemacht, von der Politik der Weimarer Republik moralisch zu profitieren. Beides ist ihr in den Anfängen unstreitig gelungen. Aber im dritten Jahr der Diktatur ist immer grössere Klarheit bei den Völkern über das wahre Wesen der nationalsozialistischen Politik entstanden. Die Stimmen, die namentlich in England um Verständnis für die nationalsozialistische Aussenpolitik warben mit der Begründung " Deutschland ist unrecht geschehen", haben immer mehr an Gewicht verloren. Das ist die andere Seite der Verkündung der allgemeinen Wehrpflicht und der Aufstellung eines Massenheeres. Sie hat viele zum Nachdenken gebracht über den Unterschied zwischen einer Rechtsforderung und einer reinen militaristischen Gewalts politik, sie hat viele Augen geöffnet über das wahre Wesen der nationalsozialistischen Gesamtpolitik. Die Völker sind im Laufe des letzten Jahres scharfblickender geworden, sie haben zwischen einer aus beleidigtem Recht geborenen Politik und einer Politik des kühl vorbereiteten brutalen Angriffs unterscheiden gelernt. Was die deutsche Politik durch ihre Taten zu Beginn des Jahres 1935 in dieser Richtung noch nicht erreicht hatte, das hat dann der Angriffskrieg Mussolinis vollendet. Je brutaler die imperialistischen Expansionsgelüste des Mussolini- Faschismus vertreten wurden, je dreister sie als Rechtsforderungen ausgegeben wurden, desto mehr gingen den Völkern die Augen darüber auf, was es auf sich hat, wenn faschistische Diktaturen von" Recht sprechen. Hier liegt ein tieferer Grund dafür, dass die immer wiederholten Versuche der nationalsozialistischen Aussenpolitik, zu einer Verständigung mit B- 5England zu kommen, die dem Hitlersystem freie Hand auf dem Kontinent lassen soll, nicht weitergekommen sind, und dass diese Versuche heute hoffnungsloser sind als jemals zuvor. Diese moralische Einbusse, die die deutsche Aussenpolitik erlitten hat, hat in England ihren deutlichsten Ausdruck gefunden in der Abwendung Macdonals von Deutschland, in jenem mahnenden Aufsatz, den er in seiner Zeitschrift" New Letter" seinerzeit veröffentlicht hat, in den Vereinigten Staaten in der unerhört scharfen Botschaft des Präsidenten Roosevelt über die Gefährdung des Friedens durch diktatorische Regierungen. Die nationalsozialistische Aussenpolitik kann sich rühmen, dass sie im dritten Jahr der Diktatur endlich das grösste Aktivum verwirtschaftet hat, dass das deutsche Volk auf aussenpolitischem Gebiet besass: das Gefühl der Sympathie mit einem Volke, das harten aussenpolitischen Diktaten unterworfen worden war. Diese Sympathie ist nicht einem Gefühl der Befriedigung darüber gewichen, dass nun Unrecht wiedergutgemacht worden sei, sondern einem Gefühl der Unruhe, des Misstrauens und der Angst. Gleichzeitig hat die Erkenntnis des Wesens der nationalsozialistischen Aussenpolitik weitere Fortschritte gemacht. Dazu haben die Debatten des Völkerbundes in Genf wesentlich beigetragen. Mit grosser Klarheit hat dort Litwinow auseinandergesetzt, was die von Deutschland vertretene Methode der" bilateralen Verträge bedeute: " Wir kennen eine andere politische Doktrin, die sich der Idee der kollektiven Sicherheit entgegenstellt und den Abschluss zweiseitiger Verträge empfiehlt, nicht etwa zwischen allen Staaten, sondern zwischen zu diesem Zweck willkürlich ausgewählten Staaten. Diese Doktrin hat mit den pazifistischen Ideen nichts zu tun. Nicht alle Nichtangriffspakte sind unter dem Gesichtspunkt der Verstärkung des allgemeinen Friedens geschlossen worden. Während die Nichtangriffspakte, die die Sowjetunion mit ihren Nachbarn geschlossen hat, eine Spezialklausel enthalten, die die Gültigkeit des Paktes aufhebt für den Fall, dass eine der Parteien einen Angriff gegen einen dritten Staat unternehmen würde, kennen wir andere Nich tangriffspakte, die eine solche Klausel nicht enthalten. Daraus geht hervor, dass ein Staat, der sich mit Hilfe eines solchen Nichtangriffspaktes den Rücken gedeckt hat, mit Leich tigkeit dritte Staaten ungestraft angreifen kann. Es ist auch B- 6nicht weiter erstaunlich, dass die Anhänger solcher Pakte sich für die Lokalisierung des Krieges aussprechen. Wer Lokalisierung des Krieges sagt, versteht darunter, dass der Krieg frei und legal sei. So kann ein zweiseitiger Nichtangriffspakt eine Garantie für einen Angriff werden. Wir sehen uns zwei klar unterschiedenen politischen Doktrinen gegenüber: auf der einen Seite die Sicherheit der friedlichen Nationen, auf der anderen Seite die Sicherheit des Angriffs. Glücklicherweise bekennt sich nur eine kleine Zahl von Staaten zu dieser zweiten Doktrin, und die, die sie annehmen, verraten dadurch in den Augen der ganzen Welt, dass sie wahrscheinlich Begünstiger von Friedensstörungen sein werden." Damit war vor aller Welt aufgezeigt. was an der Programmerklärung Hitlers vom 21. Mai Wirklichkeit war. Diese theoretische Aufklärung ist sodann verstärkt worden durch die praktische: das abessinische Abenteuer Mussolinis ist geradezu ein Demonstrationsfall für faschistische Politik, und alles, was die Völker daraus lernen, findet seine Nutzanwendung auf die Beurteilung der deutschen Aussenpolitik. Auch der Begriff der" Revision" hat für die Völker aufgehört, ein nur theoretischer Begriff zu sein. Man beginnt zu verstehen, dass" Revision" auf territorialem Gebiet und Krieg nicht voneinander zu trennen sind. In alledem liegt eine bemerkenswerte Wandlung: die Völker stehen dem Problem der nationalsozialistischen Aussenpolitik nicht mehr indifferent gegenüber, sondern es sind Widerstandskräfte erweckt, die sehr ernst bewertet werden müssen. Wir haben hier wiederholt darauf verwiesen, wie die Wiederbelebung der Idee der kollektiven Sicherheit Hand in Hand gegangen ist mit einem Wiedererwachen der europäischen Demokratie, die die stärkste Stütze des Völkerbundes ist. Ein System, das nur mit Tanks und Flugzeugen rechnet, mag über diese Folge seiner Politik leichten Herzen hinwegsehen in Wahrheit aber handelt es sich um höchst reale Gegenkräfte. Sie werden zudem lange nachwirken. Es ist unvermeidlich, dass die Völker, die eine ernsthafte Angriffsgefahr im Hitlersystem erblicken, auf die Dauer im deutschen Volk das feindliche Volk erblicken werden- sofern sie es nicht heute schon tun. B- 73) Die Erringung der Wehrhoheit G ein politischer Fehlschlag Die Aussenpolitik des Systems gründet sich auch heute noch auf die Programmerklärung vom 21. Mai 1935. In jeder offiziellen oder offiziösen Darstellung findet man die Gegenüberstellung: Politik des europäischen Gleichgewichts gegen Politik des Kollektivismus." Kollektivismus" bedeutet dabei den Völkerbundspakt, vor allem den Artikel 16, der eine Front gegen den Angreifer schafft und Sanktionen wirksam werden lässt, er bedeutet die grossen, mehrere Länder umfassenden Sicherheitspakte, kurzum, alle jene rechtlichen und politischen Hemmungen, die kriegerische agressive Absichten fesseln sollen. Noch vor kurzem hiess es in der" Deutschen Allgemeinen Zeitung" über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland: " Diese Tat Adolf Hitlers, die ihm Deutschland ewig danken wird, ist der Beginn einer neuen Politik des Gleichgewichts. Die Welt wird heute mit dem Begriff des Kollektivismus überfüttert. Es wird ihr eingeredet, dass der Friede ohne Kollektivismus verloren sei. Die kollektive Idee wird gleichgesetzt bestimmten Pakt systemen und Plänen, und jeder, der mit anderen Plänen, mit anderen Methoden dasselbe Friedensziel verfolgt, gilt als Ketzer" Warum, wenn ausserhalb Deutschlands die kollektive Idee als die beste Methode der Friedenssicherung gilt, dann das Bemühen, der Welt eine andere Methode aufzuzwingen um den Preis der poli. tischen und moralischen Isolierung? Es handelt sich nicht nur um Unterschiede der Methode für die Erreichung des gleichen Ziels, es handelt sich um Unterschiede im Ziel: die Aussenpolitik des Systems will unter dem Druck der Macht Kriegsziele erreichen. Dabei ist es grundsätzlich gleich, ob mit der Macht nur gedroht wird, oder ob das System zum Kriege schreitet. In der ersten Hälfte des abgelaufenen Jahres schien sich die politische Konstellation in Europa auf den von der nationalsozialistischen Aussenpolitik ersehnten Zustand hinzuentwickeln. Die Lage in Europa wurde immer labiler. Wohl traten feste B- 8Machtgruppierungen hervor. Die französische Politik unterstrich das Bündnis mit der kleinen Entente. Zwischen Sowjetrussland und Frankreich wurde ein Beistandsvertrag abgeschlossen, ebenso zwischen Sowjetrussland und der Tschechoslovakei. Aber andererseits bedeuteten diese Pakte eine Auflockerung der Idee der kollektiven Sicherheit, eine Gewöhnung der Völker an die Ideologie des reinen Machteinsatzes, eine Neubelebung der allgemeinen politischen Denkweise der Vorkriegszeit. Unstreitig stellen diese Machtgruppierungen dem werdenden deutschen Millionenheer eine zahlenmässig weit überlegene Macht entgegen. Sie waren der praktische Beweis dafür, dass die" Wehrhoheit" und die Aufrüstung bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit keineswegs eine wirkliche Machtstärkung bedeuteten. Dennoch konnten die nationalsozialistischen Aussenpolitiker sagen: es ist zweifelhaft, ob die militärische Kraft der Paktmächte immer so koordiniert, immer so einheitlich eingesetzt werden kann, dass man sie einfach summieren kann. Das ist der Unsicherheitsfaktor, auf den jede agressive Macht bei der sogenannten Politik des Gleichgewichts spekuliert. Wenn Bündnisse Ueberlegenheit verleihen, kann man ihnen andere Bündnisse entgegenstellen. Die Hitlerpolitik glaubte dafür in der ersten Hälfte des Jahres grosse Chancen zu haben. Obwohl die englische Politik die französische Forderung nach Abschluss eines Ostpaktes anerkannt hatte, stand England mehr abwartend beiseite. Hier schien eine der grossen Hoffnungen der Hitlerschen Politik, das Bündnis mit England verwirklichungsreif zu werden. Die Idee des Kollektivismus schien dahinzuschwinden. Als Mussolini Ende Mai feierlich erklärte, dass" eine neue diplomatische Phase begonnen" habe, dass an die Stelle der kollektiven Idee der" politische Realismus" trete, schien die Politik des Gleichgewichts vor einem Durchbruchssieg zu stehen. Etwa um die Jahresmitte waren die Verhältnisse in Europa krisenhaft und locker geworden. Auf diesen Zustand hatte die Hitlerpolitik spekuliert. Sie sah sich schon über den Berg. Die Proklamierung der allgemeinen Wehrpflicht hatte ihr nur die in Stresa B- 9vorbereiteten Beschlüsse des Völkerbundsrats eingebracht aber diese Beschlüsse wurden entwertet durch die Auflockerung der kollektiven Idee. Ausserdem hatte sie das Flottenabkommen mit England erreicht, und sie glaubte darin den Beginn eines Handels zu sehen, bei dem sie die Neutralität Englands bei einem deutschen Ostabenteuer gewinnen wollte. Aber in der zweiten Hälfte des Jahres hat sich die Konstellation grundlegend gewandelt. Am 18. Juni war das deutsch- englische Flottenabkommen geschlossen worden. Am 11. Juli zerschlug der britische Aussenminister Sir Samuel Hoare die kontinentalen machtpolitischen Hoffnungen, die das Hitlersystem daran geknüpft hatte, mit einer Programmerklärung, in der es hiess: " Was den Ostpakt und die Unabhängigkeit Oesterreichs anbetrifft, so möchte ich feststellen, was unser Interesse an diesen Fragen ist. Die Tatsache, dass wir keine neue Verpflichtung übernehmen wollen, schliesst unser Interesse an der Regelung dieser Fragen nicht aus. Es gibt gewisse Regierungen in Europa, die Mittel- und Osteuropa als die Gefahrenpunkte ansehen. Einige von ihnen gehen bis zu dem Glauben, dass eine Vereinbarung im Westen z. B. mit Hilfe eines Luftpaktes, die von den anderen Fragen losgelöst wäre, die Gefahr im Osten nur noch drängender machen würde. Ohne mich dieser Besorgnis anzuschliessen, gebe ich nichtsdestoweniger zu, dass ein Krieg, der in Mittel- oder Osteuropa entstehen würde, zu einem allgemeinen Brand führen müsste. Unter diesen Umständen ist es wesentlich, ohne Aufschub die Lage an den gefährlichen Punkten, die existieren könnten, in Betracht zu ziehen. Aus diesem Grunde wünscht die britische Regierung auf das entschiedenste, dass ein Ostpakt und ein Donaupakt so rasch wie nur möglich ratifiziert werden. Es ist jetzt am deutschen Reichskanzler, einen wirklichen Beitrag zur Sache des Friedens zu leisten, einen Beitrag, der die Gründe für die Besorgnis zahlreicher Regierungen nicht allein in Mittel- und Osteuropa, sondern auch im Westen zerstreuen würde. Ich lade ihn auf das dringendste dazu ein." Das Hitlersystem hat diese schroffe Absage an das Programm vom 21. Mai 1935, an die Methode der zweiseitigen Verträge und der Isolierung des Angegriffenen sehr wohl verstanden. Es hat erkannt, dass die Hoffnungen auf englische Neutralität bei einem deutschen Angriff im Osten getrogen hätten. Von allen den mit dem Flottenpakt verbundenen Hoffnungen blieb nichts B- 10übrig als' die Tatsache des Baues neuer Kriegsschiffe. Und nun schob sich nicht nur mit grosser Energie die englische Politik in den Vordergrund, sondern zugleich erfuhr die kollektive Idee eine neue Belebung. Das Kriegsabenteuer Mussolinis, seine Verurteilung durch den Völkerbund und der Beginn der Sanktionspolitik gab dem Völkerbund ein unerwartetes Prestige. Auf ihn konzentrierte sich das Vertrauen aller Friedensfreunde, während zugleich alle Welt erkannte, dass der" politische Realismus" des Faschismus den Krieg bedeutet. Der Gang der Ereignisse seit dem Beginn der Sanktionspolitik lässt sich dahin zusammenfassen, dass unter englischer Führung der Rechtsgedanke des Völkerbundspaktes sich zur realen Rechtsmacht entwickelt. Die Frage, ob die militärischen Kräfte der Völkerbundsstaaten im Bedarfsfall gegen einen Angreifer koordiniert werden können, ist praktisch aufgeworfen worden. Die Folge davon ist, dass die Beziehungen Englands zu den Ländern im östlichen Mittelmeer und auf dem Balkan bis nach Mitteleuropa im Rahmen des Völkerbundes stärker geworden sind als zuvor, und dass die Hitlerpolitik heute erst recht nicht auf englische Neutralität bei einer agressiven Politik im Osten und Südosten rechnen kann. So hat der grosse Konflikt zwischem den Völkerbund und Mussolini weit entfernt davon, der Hitlerpolitik Manövrierfreiheit zu geben zu einer Verödung der nationalsozialistischen Aussenpolitik geführt, zu einer Aufhebung der Chancen, die sie zu haben glaubte. Die Dinge haben sich ganz anders entwickelt, als das System in der ersten Hälfte des Jahres III der Diktatur glaubte. Es ist selbstverständlich, dass das System auf der Lauer liegt, um in jede Spalte einzudringen, die sich in dem Ring der Isolierung zeigt. Der innere Prozess der Wiederbefestigung der Idee der kollektiven Sicherheit ist weder in Frankreich, noch in England, noch in anderen Völkerbundsländern abgeschlossen, so dass den Feinden des Völkerbundes immer noch Hoffnungen verbleiben. Aber bisher ist jede dieser neu aufgetauchten Hoffnungen enttäuscht worden zuletzt durch die Beseitigung B- 11des Laval- Hoareschen Planes über die Beendigung des abessinischen Konflikts. Alle Versuche, durch drohende Gesten aus der Verödung herauszukommen, haben bisher nichts gefruchtet. Das System hat protestiert gegen die Vereinbarungen, die auf Grund einer englischen Initiative über gegenseitigen, auch militärischen Beistand zwischen einer Reihe von Ländern getroffen worden sind für den Fall, dass Italien bei einer Verschärfung der Sanktionen zum Krieg gegen eine der Sanktionsmächte schreiten würde. Es hat behauptet, dass die englisch- französischen Vereinbarungen gegen den Locarnopakt verstiessen. Diese Behauptung ist ausserordentlich scharf zurückgewiesen worden. 0 Aus diesen Behauptungen ergibt sich das Urteil über die Ergebnisse der Aussenpolitik des Systems. Die Vergiftung der Völker mit dem Geist der nackten Gewaltspolitik ist nicht gelungen dagegen hat das Anwachsen der Erkenntnis über das wahre Wesen des Hitlersystems und seiner Ziele geistige Widerstandskräfte geweckt, die zu einer geistig- moralischen Isolierung Deutschlands geführt haben, und die Gefahr ist nahe, dass daraus stärkste deutschfeindliche Stimmungen entstehen. Die Fortsetzung der deutschen Aufrüstung verstärkt diese Tendenzen: Sie ruft Gegenrüstungen hervor. Das deutsche Volk sieht in erster Linie nur die deutschen Rüstungen. Aber gleichzeitig wird rings um Deutschland gerüstet. Die Rechnung ist grundfalsch, dass mehr Tanks, mehr Flugzeuge, mehr Kanonen, mehr Soldaten auch mehr Macht bedeuten. Die Differenz zwischen Deutschlands Rüstung und der Gesamtrüstung aller anderen, die sich einem deutschen Kriegsexperiment in den Weg stellen würden, ist das entscheidende Moment. Je stärker das Hitlersystem das natürliche deutsche Kriegspotential in sichtbare, gegenwärtige Militärmacht verwandelt, umso ungünstiger gestaltet sich das wahre militärisch- politische Machtverhältnis. Die Wehrhoheit bedeutet angesichts der gegebenen Konstellation einen geringeren Grad der Sicherheit als die Wehrbeschränkung aufgrund einer internationalen Konvention, die zur Sicherung gegen jede Vergewaltigung durch eigene militärische Kraft noch B- 12die Sicherung durch den Beistand der Konventionsmächte fügt. Auf diese wirkliche und wichtige Sicherung hat das System vollständig verzichtet, es hat dafür eine nahezu vollständige Isolierung eingetauscht. Jeder Versuch, deutsche aussenpolitische Forderungen durch das Pochen auf die Macht durchzusetzen, hat daher weit weniger Erfolgsaussichten als eine Politik im Rahmen eines internationalen Konventionssystems. Diesen anderen Weg aber hat die Aussenpolitik des Hitlersystems künstlich versperrt. Sie hat eine im Gang befindliche Entwicklung zu wahrer Freiheit und Gleichberechtigung, zur stärkeren Anerkennung kulturpolitischer und wirtschaftlicher deutscher Interessen brüsk abgeschnitten. 4) Isolierung oder Kapitulation Die wahnwitzige Aussenpolitik des Systems verhüllt die Tatsache, dass es positive aussenpolitische Interessen des deutschen Volkes gibt, die der Befriedigung harren. Die Politik der nackten Gewalt verhindert nicht nur die Förderung dieser Interessen, sie diskreditiert sie zugleich. Sie hat eine Atmosphäre des Vorurteils und des Misstrauens geschaffen, in der selbst die berechtigste aussenpolitische Forderung dem Verdacht begegnen müsste, dass sie auf internationale Vergewaltigung und Vorherrschaft abzielt. Die reine Machtpolitik des Systems hat rückwirkend auch die auf Freiheit, Frieden und Verständigung gerichtete Aussenpolitik der Weimarer Republik diskreditiert, sie hat den Nationalisten anderer Länder Stoff zu der Behauptung geliefert, dass auch sie reine macht politische und Revancheziele verfolgt habe. Es ist ein Lebensinteresse des deutschen Volkes, aus der Rolle des tollen Hundes, den jeder fürchtet und der deshalb als ausserhalb des internationalen Rechts stehend behandelt wird, vieder herauskommt. Die Aussenpolitik des Systems tut alles, um das Volk wieder in diese internationale Missachtung hineinzustossen, die durch die Verständigungspolitik der Republik in B- 13jahrelanger systematischer Arbeit überwunden worden war.. Es ist ein Lebensinteresse des deutschen Volkes, dass es bei einer künftigen wirtschaftlichen Neuordnung in Europa nicht zu kurz kommt, dass es bei einer Neugestaltung der Beziehungen zwischen Industrie- und Agrarstaaten nicht ausgeschaltet wird. Heute ist die Lage so, dass bei einer Erörterung über neue wirtschaftliche Beziehungen namentlich in Mitteleuropa Deutschland systematisch davon ferngehalten ist, teils durch die Politik des Hitlersystems, teils durch den Nationalismus der anderen, der wieder zu seiner Rechtfertigung auf die nationalistische Machtpolitik des Hitlersystems verweist. Es ist ein Lebensinteresse des deutschen Volkes, dass es wieder eingegliedert wird in die internationale Arbeitsteilung: dass es seine kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen ungehemmt durch Grenzen des Wirtschafts- Nationalismus und des Völkerhasses verwerten kann, dass es friedliche kulturelle Beziehungen zu deutschen Minderheiten pflegen kann. Dazu braucht es den Frieden, eine internationale Atmosphäre, die nicht durch Herrschaftsfragen und territoriale Fragen vergiftet ist. Solche Ziele müssen mit grundsätzlich anderen Methoden verfolgt werden als mit denen des militaristischen Macht staates. Aber diese Methoden sind für das Hitlersystem nicht anwendbar, weil sie seinem Wesen widerstreiten. Der frühere kulturelle Einfluss ist verloren. Ein System von solcher Unkultur, das eine einzige grosse Vergewaltigung geistiger Freiheit darstellt, ann sich schlechterdings nicht darauf berufen, dass es eine Kulturmission zu erfüllen habe. Es stösst alle deutschen Minderhþiten, die um ihre kulturellen Interessen ringen, in den Verdacht, nur getarnte Aussenpositionen deutscher Eroberungsabsichten zu sein. Es bewirkt bei ihnen kulturelle Entartung. Die geistig- politische Entwicklung der grossen deutschen Minderheit in Polen ist ein jammervolles Beispiel dafür, wie das Hitlersystem verwüstend gewirkt hat. Der wirtschaftliche Einfluss ist durch den Wirtschaftsnatioモ B- 14nalismus des Hitlersystems zerstört worden. Die Politik der Reagrarisierung, der" Nahrungsfreiheit" unter militärischem Gesichtspunkt verhindert die Wiederherstellung normaler Austauschverhältnisse, die erfolgreiche Bekämpfung des Wirtschaftsnationalismus der Nachkriegszeit. Der Appell an das Rechtsgefühl der Völker, an die Logik, an die wirtschaftliche Vernunft, diese starken Hebel einer jeden Politik, stehen der Aussenpolitik des Hitlersystems nicht zur Verfügung, weil die Ueberzeugung immer allgemeiner wird, dass die Methoden dieses Systems eine Todsünde gegen die politische und wirtschaftliche Vernunft sind, weil es zum Wesen des Systems und seiner Propaganda.gehört, dass es den Appell an die Vernunft verlacht und stattdessen mit dem Säbel rasselt. Das Hitlersystem ist aussenpolitisch der Gefangene seiner eigenen Politik. Seine glaubens- und willensmässigen Zielsetzungen, die auf Eroberung und Vorherrschaft, auf rassenmässige Rangordnung unter den Völkern hinauslaufen, entfernen seine Politik immer stärker von den wirklichen dauernden Interessen des deutschen Volkes, sie zwingen es zu politischen Methoden, die wieder zwangsläufig die Isolierung nach sich zier. hen. Die Isolierung entwertet die Aufrüstung. Darum kämpft das System verzweifelt dagegen an. Kann es den Ring der Isolierung nicht sprengen, so muss es das ist sein inneres Gesetz den Wettlauf um die überlegene Rüstung fortsetzen. Es steht dann vor der Frage, ob es die Explosion der Kapitulation vorziehen soll. Sollte es aber den Ring der Isolierung sprengen können, so eröffnet sich der Ausblick auf eine Zeit des labilen Gleichgewichts, in der sich bis an die Zähne bewaffnete Mächtegruppen belauern, so wie es in der Vorkriegssituation der Fall war. Eine solche Politik ist notwendig Spekulationspolitik. Sie ergeht sich in oberfaulen weltpolitischen Spekulationen: Hoffnungen auf eine Friedensstörung durch Japan, eine Bindung Englands und Sowjetrusslands im Fernen Osten. Sie spekuliert vor allem auf die Schwierigkeiten Englands, das nicht nur mit der Frage der Flottenrüstung und mit dem ostasiatischen Problem zu 3-15ringen hat, sondern auch mit der inneren Problematik des britischen Empire. Sie hofft, dass die Bewegung der farbigen Völker, namentlich in Afrika, so stark werden könnte, dass eines Tages die englische Politik in Europa Ruhe um jeden Preis haben möchte und deshalb zum Entgegenkommen gegen die Forderungen des Hitlersystems bereit sein könnte. Wenn aber die erhofften weltpolitischen Ereignisse nicht eintreten oder sich nicht herbeiführen lassen, welche Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen sich dem Hitlersystem? Das System wird versuchen, trotz alledem die gegenwärtige Konstellation zu wenden. Es wird weiter um die englische Freundschaft werben, obwohl die Umstände dafür gegenwärtig denkbar ungünstig sind. Das England von heute wird niemals den Völkerbund, die Idee der kollektiven Sicherheit einem Bündnis mit Deutschland aufopfern. Das heisst aber, dass der Weg aus der Isolierung notwendig in den Völkerbund führt. Die Rückkehr in den Völkerbund aber, die feierliche Anerkennung der Idee der kollektiven Sicherheit mit allen ihren Konsequenzen das würde eine Drehung der nationalsozialistischen Aussenpolitik um 180 Grad bedeuten. Es würde eine Kapitulation sein. Die Diktatur ist nach innen hin gewiss sehr manövrierfähig, sie kann dem Volke schwarz für weiss vormachen aber die Rückkehr zum Völkerbund ist ihr nicht möglich, ohne dass sie grundlegende Ideologien preisgeben muss, und ohne in ihrem eigenen Wesen angegriffen zu werden. Sie wird diesen Weg nur unter dem Zwang der äussersten Not gehen. Das gleiche gilt für die Wiederaufnahme einer Linie der deutschen Politik, die das System abgebrochen hat: für die Wiederannäherung an Sowjetrussland. Was würde dann von der Grundkonzeption der Hitler, Rosenberg und Genossen noch übrig bleiben? Wahrscheinlicher ist der Weg in eine Abrüstungskonvention. Das Bleigewicht der Milliarden muss auf die Dauer unerträglich werden. Aber hier stehen sich sehr verschiedene Auffassungen gegenüber: das Hitlersystem will in einer solchen Konvention sich einen Rüstungsvorsprung sichern, und die dazu erforderlichen Partner wollen ebenso entschieden B-16las Gegenteil. Wenn der heutige Zustand weitergeschleppt wird, so wird das System in einer schlimmeren Lage sein als das wilhelmini sche Regime in der Vorkriegszeit. Hochgerüstet- aber völlig isoliert, ohne die Möglichkeit, echte Erfolge mit friedlichen Mitteln zu erreichen, nicht in der Lage, die eigenen, geheinen hochgesteckten Ziele zu verwirklichen, eine ständige Bedrohung des Friedens- so wird das System dastehen. Eine solche Lage hat ihre wirtschaftspolitischen, handelspolitischen, kreditpolitischen Konsequenzen. Die Isolierung in der Aussenpolitik bedeutet Fortsetzung der wirtschaftlichen Verödung. Wiedereingliederung in das Weltkreditsystem aber würde aller Wahrscheinlichkeit nach Wiederannäherung an den Völkerbund erfordern. So wird schliesslich das System doch nicht der Entscheidung entrinnen: entweder Krieg, der zur Katastrophe führen, oder Kapitulation, die Preisgabe wichtiger Wesenszüge des Systems, damit Schwächung nach sich ziehen muss. Schwächung deshalb, weil eine solche politisch- geistige Kapitulation, die Preisgabe des Hitlerschen Programms und die Rückkehr zur Politik der" vierzehn Jahre der Schmach" die moralische und geistige Stellung der Opposition gewaltig verstärken und ihre Angriffslust erhöhen würde. Wie lange das System noch manövrieren kann, um dieser Entscheidung auszuweichen, hängt nicht allein von ihm ab. Die Zeit der Spannung, der Unentschiedenheit, des Nichts- als- Rüstens kann noch sehr lange dauern. EXTE B- 17II. Die Wirtschaftspolitik 1) Wachsende Schwierigkeiten Die wirtschaftspolitische Entwicklung im Dritten Jahr der Diktatur ist durch wachsende Schwierigkeiten auf allen Gebieten gekennzeichnet. Wo noch Erfolge erzielt werden konnten, handelt es sich grösstenteils um Scheinerfolge, die mit unverhältnismässig grossen Opfern erkauft werden mussten. Diese Opfer die wachsende Verarmung des Volkes und die zunehmende Ausschöpfung aller Reserven geben der wirtschaftlichen Entwicklung im abgelaufenen Jahr das Gepräge und bedeuten eine entscheidende Vorbelastung für das vor uns liegende. Der Arbeitsmarkt Die wachsenden Schwierigkeiten finden ihren sichtbaren Ausdruck in der Entwicklung am Arbeitsmarkt. Auch nach der amtlichen Statistik hat die Zahl der Arbeitslosen Ende 1935 fast wieder denselben Stand erreicht wie Ende 1934 und dabei gibt es keinen Zweifel, dass die Senkung des Jahresdurchschnitts um rund eine halbe Million( von 2.657.000 auf 2.144.000) zum grossen Teil mit Mitteln erreicht worden ist, die zwar der Statistik, aber nicht der Wirtschaft zugutekommen. Der mit grossem Propagandaaufwand eingeleitete Arbeitsplatzaustausch ist in den Anfängen steckengeblieben und dann durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Arbeitsdienstpflicht hinfällig geworden. Wehr- und Arbeitsdienstpflicht bedeuten zwar eine Entlastung des Arbeitsmarktes um einige Hunderttausend, nicht aber eine Entlastung der Wirtschaft, denn die Unterhaltung der Soldaten und Arbeitsmänner ist wesentlich kostspieliger als ihre Unterstützung als Arbeitslose. Eine weitere unechte Entlastung des Arbeitsmarktes ergab sich aus der erneuten Siebung der Unterstützungsempfänger. Entgegen den amtlichen B- 18Behauptungen geht heute wie unsere Berichterstattung wiederholt erwiesen hat die Entziehung der Arbeitslosen- oder Wohlfahrtsunterstützung in der Regel mit der Aberkennung der Erwerbsloseneigenschaft einher. Wer nicht aufs Land gehen will ( und damit auch für alle Zukunft auf Arbeitslosen unterstützung verzichten will), wer angebotene Pflichtarbeit( oft nur zum Unterstützungssatz der Wohlfahrtspflege) ablehnt, wird aus der Liste der Arbeitsuchenden gestrichen. Schliesslich haben sich auch die amtlichen Arbeitslosenzahlen nur auf diesem Stand halten lassen, weil die nationalsozialistische Arbeitspolitik nach wie vor darauf gerichtet ist, einmal in" Arbeit und Brot" gebrachte Arbeiter in den Betrieben zu halten und sei es um den Preis einer Kurzarbeit, bei der der Lohn der Arbeiter den Unterstützungssatz nur eben erreicht oder gar unterschreitet. Kurzarbeit in allen Formen, als Wechselschichten, als Krümpersystem, als vorübergehende Beurlaubung, soll den Zustrom neuer Arbeitsloser zu den Arbeitsämtern( und zur Statistik) nach Möglichkeit eindämmen. Ernährung und Landwirtschaft Es hat nicht nur weniger Arbeit, es hat auch weniger" Brot" gegeben. Wie die Arbeitsschlacht zu einem Kampf gegen die erneut zunehmende Arbeitslosigkeit geworden ist, so die Erzeugungsschlacht zu einem Kampf gegen die wachsende Mindererzeugung landwirtschaftlicher Produkte. Der Bestand an Rindern und Schweinen ist um etwa 3% gesunken, die Geflügelzucht stagniert. Der Ausfall in der Lebensmittelversorgung geht weit darüber hinaus. Die Schweineschlachtungen sind auf 60% des Standes von 1934 begrenzt, bei Rindfleisch erwartet man in der nächsten Zeit einen Ausfall von 10 bis 20%. Wir haben in diesen Berichten von Anfang an auf den bedeutsamen Anteil hingewiesen, den die Hamsterei an den Versorgungsschwierigkeiten hat, und auch auf die Sabotageerscheinungen bei den Bauern aufmerksam gemacht. Diese politischen Momente erklären erst das Ausmass, das der Lebensmittelmangel in den letzten Monaten angenommen hat. B-19Für den sachlichen Kern der Schwierigkeiten ist aber nicht die zweimalige schlechte Futtermittelernte verantwortlich zu machen, sondern die nationalsozialistische Wirtschafts- und Agrarpolitik, die dem zu erwartenden Erzeugungsausfall wir haben bereits im Februar 1935 in einer agrarpolitischen Uebersicht das Eintreten von Lebensmittelschwierigkeiten vorausgesagt nicht rechtzeitig und ausreichend entgegengewirkt hat. Im Gegenteil: eine kurzsichtig und dilettantisch gehandhabte Zwangswirtschaft hat die Schwierigkeiten noch vermehrt. Es war aber nicht nur Unfähigkeit, es war auch Taktik dabei. Der Mangel an Butter, Fetten, Fleisch, Käse und Ei ern ist eine Form des Zwangssparens, die das System dem Volke auferlegt, um die Aufrüstung zu finanzieren, eine besonders sichtbare Form der allgemeinen Verarmung, mit der die" Wehrfreiheit" erkauft wird. Die Preise Die Lebensmittelknappheit ist nur eine Form dieser allgemeinen Verarmung, das Steigen der Preise und das Sinken der Einkommen sind die anderen Formen. Nach der amtlichen Statistik ist zwar der Index der Grosshandelspreise im Laufe des Jahres 1935 nur um 2,4%, der der Lebenshaltungskosten sogar nur um 1% gestiegen. Wir haben aber schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass diese Indexzahlen nicht mehr den wirk lichen Preisverlauf wiederspiegeln, auch wenn sie formal nicht gefälscht werden. Die Grosshandelsindexziffer wird auf Grund von Listenpreisen errechnet, die heute zum grossen Teil auf dem Papier stehen und die Qualitätsverschlechterungen, Rabattkürzungen und andere Formen indirekter Preissteigerungen nicht berücksichtigen. Der Index der Lebenshaltungskosten baut darüber hinaus auf einem Normalbedarf auf, der heute normaler weise eben nicht mehr voll zu befriedigen ist, sondern durch andere Lebensmittel ergänzt werden muss. Dieser Ersatzbedarf aber ist im Index nicht vorgesehen und die bei ihm eingetretene besonders starke Preissteigerung findet daher keine Berück B- 2063 sichtigung. Der Index berücksichtigt aber auch nicht, dass die Höchstpreise durch Qualitätsverschlechterungen umgangen werden, dass die amtlichen Höchstpreise praktisch zu Mindestpreisen geworden sind und die minderen Sorten einfach ausfallen, und dass im Schleichhandel allgemein im Grosshandel ebenso wie im Kleinhandel weit höhere Preise gezahlt werden. Einen wesentlichen Anteil an der Hebung des Preisniveaus hat die starke Erhöhung der Agrarpreise. Auch nach der amtlichen Grosshandelsindexziffer sind die Preise für Agrarerzeugnisse im Laufe des Jahres 1935 um 6,6% gestiegen. Die Preissteigerung bei einzelnen Agrarprodukten aber geht weit darüber hinaus. Sie betrug nach der amtlichen Statistik z. B. für Schlachtvieh 18,9%( Rindvieh 32%, Kälber 55%, Schafe 32%). Entsprechend sind die( freien) Kleinhandelspreise gestiegen, z. B. für Kalbfleisch um 28,1% und für Hammelfleisch um 19,7%. Die starken Qualitätsverschlechterung bei den an Festpreise gebundenen billigen Wurstsorten wird auch von" Wirtschaft und Statistik" zugegeben. Neben der Preissteigerung für Lebensmittel und Bekleidung darf die Erhöhung der Mieten nicht übersehen werden, die sich aus der wachsenden Wohnungsnot ergab. Sie findet in der Reichsindexziffer der Lebenshaltungskosten überhaupt keinen Ausdruck, weil dieser Index von der gesetzlichen Miete für Altbau- Kleinwohnungen ausgeht. Nur eine Erhöhung um 0,1% wird verzeichnet, die sich aus vereinzelten Erhöhungen der Mietumlagen für Wasser, Müllabfuhr usw. ergibt. Dagegen bleiben alle die Fälle unberücksichtigt, in denen sich die Mietsteigerung bei Altbauwohnungen aus der Erhöhung bis zur gesetzlichen Miete ergibt, ebenso wie alle Mieterhöhungen bei Altwohnungen ohne gesetzliche Miete und bei allen Neubauwohnungen für den Index ausser Ansatz bleiben. Der verschiedenen, in seiner ganzen wirtschaftlichen und politischen Existenz begründeten Preisauftriebs- Tendenzen konnte das System nicht Herr werden. Der Ende 1934 eingesetzte Preiskommissar ist Mitte 1935 unter stillschweigendem Eingeständnis B- 21seines Versagens in der Versenkung verschwunden. Alles was das System zuwege brachte, war ein äusseres Festhalten der Preise bei den wichtigsten Massenverbrauchsgütern. Aber dieses Festpreissystem hat teils zu umso höheren Preissteigerungen bei den freien Waren, teils zu einer Verminderung der Handelsspanne geführt. Diese Verminderung der Handelsspanne bedeutet jedoch volkswirtschaftlich nichts anderes als eine Verminderung des Einkommens aus Handel und Gewerbe; sie ist die Form der Verarmung, die das System bei diesen Schichten als die politisch ungefährlichste betrachtet. Das Einkommen Die amtliche Statistik errechnet von Zeit zu Zeit eine Steigerung des Volkseinkommens, aber diesen Berechnungen kommt keinerlei Bedeutung zu, weil sie auf überaus fragwürdigen Grundlagen aufgebaut sind. Nehmen wir z. B. die Löhne. Nach" Wirtschaft und Statistik" sind die Tariflöhne für männliche und weibliche. gelernte, angelernte und ungelernte Arbeiter von Anfang bis Ende 1935 vollständig unverändert geblieben. Viel leicht ist diese Statistik nicht einmal unmittelbar gefälscht, aber ihre Grundlagen gelten nicht mehr. Wir haben im letzten Jahr in zwei umfangreichen Lohn- Uebersichten teils auf Grund amtlichen Materials, teils gestützt auf unsere eigene Lohnbeeine Fülle von Material darüber zusammengerichterstattung tragen, dass die Tariflöhne zum grossen Teil nur noch auf dem Papier stehen und der Lohnabbau unter Anwendung der verschiedensten Methoden unablässig fortgesetzt wird. Von diesem Lohnabbau aber nimmt die Statistik einfach nicht Kenntnis, weil. die meisten Tarife formal noch in Kraft sind. Andere Teile des Volkseinkommens werden mit Hilfe der Steuerstatistik errechnet. Auch diese Berechnungsgrundlage kann heute keine zuverlässigen Ergebnisse mehr liefern. Denn sie kann zwar Veränderungen in den Steuersätzen berücksichtigen, sie muss aber davon ausgehen, dass der Grad der Steuererfassung im B- 22grossen ganzen unverändert bleibt. Das aber trifft für das deutsche Steuerwesen im letzten Jahre gerade nicht zu, Die nationalsozialistische Steuerpolitik war darauf gerichtet, das Steueraufkommen unter tunlichster Vermeidung von Steuererhöhungen durch ausserordentliche Verschärfung der Steuerveranlagung und-Einziehung soweit wie möglich zu erhöhen. Mit Hilfe der agrarischen Zwangswirtschaft, des Wareneingangsbuches für die Handel und Gewerbetreibenden und der ausgebauten Buch- und Betriebsprüfung ist es offenbar in grossem Umfange gelungen, ältere Steuerrückstände einzutreiben und die laufende Steuererhebung ertragreicher zu gestalten. Auch bei einem so hochentwickelten Steuersystem wie dem deutschen sind die Möglichkeiten der Ertragssteigerung durch schärfere Verwaltungspraxis allgemein ziemlich gross; das gilt sogar von einer so weitgehend mechanisierten Steuer wie der Lohnsteuer. Alle statistischen Daten über die Entwicklung der Einkommen, die der Entwicklung der Steuer erträge entnommen sind, täuschen also eine Einkommenssteigerung vor, wo lediglich eine Erhöhung des öffentlichen Anteils am Volkseinkommen eingetreten ist. Aber darüber hinaus bleibt zu berücksichtigen, dass zwischen der Entwicklung des Nominal- und des Realeinkommens ein grosser Unterschied besteht. In einem Lande, das seine Konjunktur einer mächtigen Kreditinflation verdankt und in dem sich infolgedessen eine starke allgemeine Preissteigerung vollzieht, würde auch ein tatsächlich gestiegendes Nominaleinkommen noch keinen Beweis für eine Hebung des wirtschaftlichen Wohlstandes bilden. Das Realeinkommen aber entzieht sich wegen des Fehlens einer zuverlässigen Preisstatistik in Deutschland jeder exakten Feststellung. Man kann nur unter Beachtung aller bekannten Tatsachen zu dem Schluss gelangen, dass das Realeinkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten aber auch das der Handel- und Gewerbetreibenden wesentlich gesunken, während das Realeinkommen der Unternehmer und der Landwirte im grossen ganzen gestiegen sein dürfte. B- 23Der Aussenhandel Bei der Beurteilung der Entwicklung des deutschen Volkseinkommens muss vor allem die Entwicklung des deutschen Aussenhandels in Betracht gezogen werden. 1929 erreichte die deutsche Ausfuhr ihren Höchst stand mit 13.483 Millionen RMark, 1935 ist sie auf 4.270 Millionen RMark, also auf weniger als ein Drittel gesunken. Selbst unter Berücksichtigung des Preisverfalls am Weltmarkt kann man annehmen, dass früher mehr als doppelt soviel Arbeiter für die Ausfuhr beschäftigt werden konnten als heute. Mit der Aufzehrung fast aller Devisenvorräte ist für die deutsche Wirtschaft das Verhältnis von Einfuhr und Ausfuhr von entscheidender Bedeutung geworden. Nun ist. zwar aus dem Einfuhrüberschuss des Jahres 1934 von 284 Millionen RMark 1935 ein Ausfuhrüberschuss von 111 Millionen RMark geworden, aber auch diese Verbesserung ist nur scheinbar. Sie ist überwiegend durch Verminderung der Einfuhr zustandegekommen. Hier hat sich vor allem der" Neue Plan" Schachts ausgewirkt: Die Fertigwareneinfuhr wurde gegen 1934 um 24,7% gesenkt, die Rohstoffeinfuhr dagegen nur um 1,8%. Mengenmässig ist die Verringerung der Einfuhr noch grösser, weil inzwischen die Preise gestiegen sind, während andererseits auch die Ausfuhrsteigerung mengenmässig grösser war, weil die Ausfuhrpreise weiter gesunken sind. Einen starken Anteil an der Verminderung der Einfuhr haben die Lebens- und Futtermittel, von denen trotz anhaltender Preissteigerung auf dem Weltmarkt und trotz der erhöhten Einfuhren in den letzten Monaten zur Abschwächung der Lebensmittelknappheit um 90 Millionen RMark weniger als im Vorjahre eingeführt wurden. Die Erhöhung der Ausfuhr aber hat Deutschland nur wenig erhöhte Deviseneingänge gebracht. Nur ein Fünftel der Ausfuhr ist in baren Devisen bezahlt worden, drei Fünftel entfallen auf die Ausfuhr im Rahmen der bestehenden Verrechnungs- und Zahlungsabkommen und das restliche Fünftel entfällt auf reine Tauschge B- 24schäfte von Land zu Land( Kompensations- und Aski- Geschäfte). Die eingehenden Devisen aber mussten in erster Linie verwendet werden für Verzinsung und Rückzahlung von Auslandskrediten ( soweit sie nicht unter den Transfer- Aufschub fallen), für die Bestreitung der Kosten der deutschen Auslandsvertretungen usw. Auch die Ausfuhr ohne Gegenleistung, die sich aus der jüdischen Auswanderung ergab, spielte schon eine Rolle. Trotz der wachsenden Anstrengungen des Systems, die Ausfuhr zu steigern vor allem mit Hilfe der Exportförderungsabgabe auf Grund des Gesetzes vom 28. Juni 1935-, muss das Reichswirtschaftsministerium in seiner soeben erschienenen" Uebersicht über den Stand der wirtschaftspolitischen Beziehungen Deutschlands" zugeben, dass Deutschland an der inzwischen eingetretenen Steigerung des Welthandels nicht beteiligt war. Die industrielle Produktion Die industrielle Erzeugung ist 1935 im ganzen weiter gewachsen, aber das Wachstum war wesentlich langsamer als 1934, auch nach amtlichen Angaben wiederholt unterbrochen und vor allem bedeutend ungleichmässiger. Es liegt im Wesen der Rüstungskonjunktur, dass die wirtschaftlichen Antriebe, die die Staatsaufträge vermitteln, der Wirtschaft nicht gleichmässig zugute kommen. Diese Ungleichmässigkeit ist entscheidend verschärft worden durch die Senkung der Realeinkommen infolge des Lohnabbaus und der Preissteigerung. Während sich sonst der Aufschwung der Produktionsgüterindustrien auf dem Wege über die Steigerung des Lohneinkommens bald auch auf die Verbrauchsgüterindustrien überträgt und damit zu einer allgemeinen und gleichmässigen Belebung der Wirtschaft führt, ist dieses Weiterwirken des Konjunkturauftriebs in Deutschland zum grössten Teil ausgeblieben. Infolgedessen haben die Produktionsgüterindustrien seit 1933 einen erheblich schnelleren Aufschwung genommen als die Verbrauchsgüterindustrien und im letzten Jahr hat die Verbrauchsgütererzeugung sogar einen Rückschlag erfahren, der in einzelTextilien, Schuhe, Radio, Fleischwaren nen Industriezweigen B- 25krisenhaftes Ausmass erreicht hat. Nach dem Erzeugungsindex der Frankfurter Zeitung zeigt sich folgende gegensätzliche Entwicklung: 1932 = 100 1933 1934 1935 Produktionsgüter 115,5 168,2 209,1 Verbrauchsgüter des elastischen Bedarfs 108,1 120,9 113,0 Die Erzeugung von Produktionsgütern( d.h. vor allem die Rüstungsproduktion) hat sich danach seit 1932 mehr als verdoppelt, während die von Verbrauchsgütern( Textilien, Schuhe usw.) nur um 13% gestiegen und gegenüber dem Vorjahr sogar um 6,5% gesunken ist. Diese Entwicklung findet auch in der amtlichen Beschäftigungsstatistik ihren Ausdruck. Die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit sank 1935 gegenüber dem Vorjahr in der Gesamtindustrie von 7,43 auf 7,40 Stunden. Diese Verkürzung entfällt aber ausschliesslich auf die Verbrauchsgüterindustrie, deren Arbeitszeit von 7,30 auf 7,09 Stunden täglich sank, während die Arbeitszeit in der Produktionsgüterindustrie noch von 7,53 auf 7,64 Stunden stieg. Vor allem die Textil- und Bekleidungsindustrie mussten zu Verkürzungen der Arbeitszeit schreiten( von 7,16 auf 6,81 bezw. von 7,34 auf 6,89 Stunden). Wahrscheinlich sind diese Verkürzungen noch wesentlich umfangreicher, als in dieser Statistik zum Ausdruck kommt. Die Kleinbetriebe, die von der Statistik nicht im selben Masse erfasst werden wie die Grossbetriebe, leiden besonders stark unter Rohstoffmangel und stossweisem Auftragseingang. In unserer Berichterstattung sind zahlreiche Beispiele dafür mitgeteilt worden, wie solche kleineren Unternehmer-auch bei Rüstungsproduktion- ihre Leute öfter mal nachhause schicken müssen, weil keine Roshtoffe da sind. Diese völlig ungeregelten Formen der Arbeitsverkürzung würden sich auch einer" ehrlichen" Statistik weitgehend entziehen. Die Ungleichmässigkeit der industriellen Entwicklung ist kein blosser Schönheitsfehler, sondern der Ausdruck eines ernst haften Krankheitszustandes der deutschen Wirtschaft; sie kann R- 2b die Ursache einer neuen allgemeinen Krise werden. Der Geld- und Kapitalmarkt Arbeitsbeschaffung und Rüstung sind bisher zum weitaus überwiegenden Teil durch Kreditausweitung, d.h. durch Wechsel und Schatzanweisungen des Reichs oder bestimmter vom Reich für diesen Zweck eingeschalteter Institutionen finanziert worden. Obgleich die Gesamtsumme der unter den verschiedensten Bezeichnungen ausgegebenen Schuldtitel geheim gehalten wird und sich exakter Nachprüfung entzieht, steht ausser Frage, dass die Wechselfinanzierung im Laufe des Jahres 1935 lawinenartig angeschwollen ist. Die Folge dieser Finanzierungsmethoden ist eine anhaltende Flüssigkeit am Geldmarkt und die dauernde Gefahr, dass die am Geldmarkt schwimmenden kurzfristigen Gelder Anlageformen suchen, die die verdeckte Inflation in eine offene umschlagen lassen. Wenn eine solche Flucht in die Sachwerte bisher nicht allgemein geworden ist, so vor allem deshalb, weil es an geeigneten Anlagemöglichkeiten fehlt. Wir haben vor einiger Zeit einen Bericht aus Deutschland mitgeteilt, der sehr anschaulich die Ratlosigkeit schilderte, mit der vor allem der kleine Mann vor der Frage steht, wie er sein Geld sicher anlegen soll. Immerhin waren während des ganzen Jahres 1935 Anzeichen dafür vorhanden, dass eine Tendenz zur Flucht in die Sachwerte latent vorhanden ist. Die Nachfrage nach Aktien ist gestiegen, für Miethäuser werden Kaufpreise gezahlt, die nur unter dem Gesichtspunkt der Anlagesicherung verständlich sind, grosse Unternehmen kaufen wahllos alle möglichen Fabrikationsbetriebe, Aktienpakte, Banken zusammen, ein Vorgang, der selbst nach der Frankfurter Zeitung" fast an die wahllosen Konzernbildungen in den Inflationsjahren" erinnert. Das Reich hat versucht, dieser bedrohlichen Entwicklung entgegenzuwirken und sich zugleich die Flüssigkeit des Geldmarktes zunutze zu machen. Das Jahr 1935 ist nicht nur durch eine ungeheuerė Vermehrung der kurzfristigen Reichsschuld, sondern auch durch wiederholte Ansätze zu ihrer Konsolidierung( Umwandlung B- 27) in langfristige Anleihen, die aus Steuererträgen verzinst und zurückgezahlt werden) gekennzeichnet. Zu Anfang des Jahres wurden die Sparkassen und Versicherungsgesellschaften( die privaten wie die Sozialversicherungen) gezwungen, Reichsanleihen in Höhe von etwa dreiviertel Milliarden zu kaufen. Im August wurde eine Reichsanleihe von 1 Milliarde aufgelegt, die praktisch zur Hälfte von den Sparkassen und den Banken übernommen wurde, und um die Jahreswende 1935/36 legte die Reichsbahn eine Anleihe von 500 Millionen auf, die ebenfalls der Konsolidierung dienen soll und vom Bankenkonsortium fest übernommen wurde. 1000 Die Unterbringung dieser Anleihen es handelt sich übrigens durchweg nur um 8- bis 10- jährige Schatzanweisungen hat wegen der Uebernahme durch Banken und Sparkassen, aber auch wegen der duaernden Geldflüssigkeit keine nennenswerten Schwierigkeiten gemacht, sie will aber auch nicht viel bedeuten. Wenn die im Ausland allgemein verbreitete Annahme, die gesamte kurzfristige Reichsverschuldung habe die Grenze von 20 Milliarden erreicht oder gar überschritten, zutrifft, dann erstrecken sich die verschiedenen Konsolidierungsaktionen nur auf etwa 10% der Gesamtsumme. Weil dieses Missverhältnis besteht, deshalb war die Unterbringung verhältnismässig einfach, wie auch kurz- und mittelfristige Schatzanweisungen des Reichs und der Länder noch immer guten Absatz finden. Auch die Entwicklung der Spareinlagen ist dem System zu Hilfe gekommen. Nach den langen Not jahren war der Spartrieb der Bevölkerung besonders stark, aber er hat schon merklich nachgelassen. 1933 nahmen die Spareinlagen um 1.758 Millionen RM zu, 1934 nur um 397 Millionen und 1935 dürften es etwa 1 Milliarde gewesen sein. Es wurde also in den beiden letzten Jahren zusammen nicht soviel gespart wie 1933 allein. Auch im Vergleich zur vorigen Aufschwungsperiode bleibt die Sparleistung erheblich zurück. Während die Spareinlagen von 1933 bis 1935 um rund 3,1 Milliarden gewachsen sind, betrug das Wachstum von 1925 bis 1927 rund 4,2 Milliarden, also über 1 Milliarde mehr. B- 28Gleichwohl haben die wachsenden Ansprüche des Reichs, der Länder und der grossen Reichsunternehmungen an den Kapitalmarkt bewirkt, dass die Möglichkeiten der Befriedigung sonstiger langfristiger Kapi talbedürfnisse weitgehend eingeschränkt wurden. Darunter hat vor allem der Wohnungsbau und das Pfandbriefgeschäft gelitten. Während in England und Amerika der Wohnungsbau mit zu den stärksten Stützen der Konjunktur gehört, ist er in Deutschland selbst hinter dem dringendsten Bedarf zurückgeblieben. So findet die Grundlinie der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik:" alles für die Rüstung" auch im Zustand des Kapitalmarktes ihren Ausdruck. Steuerbelastung und öffentliche Finanzen Auch die scheinbar günstige Entwicklung der Steuereinnahmen ist kein Beweis für die erhöhte Sicherung des Finanzierungswegs. ( Im Rechnungsjahr 1934 sind 1,1 Milliarde Reichssteuern mehr aufgekommen als 1933 und 1935 wird wahrscheinlich auch das Ergebnis von 1934 nochmals um fast eine Milliarde überschritten werden). Die Wirtschafts-" Ankurbelung" konnte nicht ohne Wirkung auf die Steuerverträge bleiben. Wenn die Umsätze sich vermehren und die Preise sich erhöhen, muss die Umsatzsteuer doppelt steigen. Wenn die Zahl der Beschäftigten zunimmt, müssen die Erträge der Lohnsteuer wachsen. Aber die vermehrten Steuererträge sind nicht nur die automatische Folge der Staatskonjunktur, sondern auch das Ergebnis einer Verschärfung der Besteuerung. Das System hat anfänglich einige Steuersenkungen ( wie z. B. bei der Kraftfahrzeugbesteuerung) stark propagandistisch ausgewertet. Inzwischen hat man aber diese Steuersenkungen durch Verschärfung an anderer Stelle schon mehr als ausgeglichen. Die Einführung der Fettsteuer, gewisse Aenderungen in den Durchführungs- Vorschriften der Umsatzteuer( Grosshandelsprivileg u.s.w.), Erhöhung des Zolls auf Gas- und Mineralöle, vor allem die Verschärfung der Steuer- Eintreibung bei Handel und Gewerbe( Waren B- 29eingangsbuch) und bei der Landwirtschaft( Nebenwirkung der Ablieferungspflicht) haben eine wesentliche Vermehrung der Steuerbelastung bewirkt. Dazu kommen aber noch die indirekten Belastungen. Das Reich kürzt den Gemeinden den Zuschuss zur Unterstützung der Wohlfahrtserwerbslosen( Reichswohlfahrtshil fe) und zwingt sie so, sich durch Erhöhung der Bürgersteuery des Wassergeldes und sonstiger Tarife nach Möglichkeit schadlos zu halten. Das Reich besteht auf der vollen Leistung des Beitrages, den die Reichsbahn an den Reichshaushalt abzuführen hat, und veranlasst die Bahn, eine Tariferhöhung um 100 Millionen vorzunehmen. Den wichtigsten Posten zusätzlicher Belastung aber stellt die Spenden- und Beitragswirtschaft dar. Dahin gehören: 1. das Winterhilfswerk, die NSV und die Unzahl sonstiger Sammlungen, 2. die Zwangsbeiträge zur Arbeitsfront, zum Reichsnährstand und seinen wirtschaftlichen Vereinigungen, für die Wirtschaftsorganisation und die Innungen und schliesslich auch für die NSDAP und ihre Nebenorganisationen und 3. die Exportförderungsabgabe und die Gebühren der Rohstoff- Ueberwachungsstellen. Gewiss sind diese Belastungen zu einem Teil an die Stelle frühe rer freiwilliger Beiträge und Leistungen getreten( Gewerkschafts-, Reichslandbund- Innungsbeiträge usw., Caritas- und sonstige Sammlungen), aber auch die reine Mehrbelastung dürfte die Milliardengrenze weit überschreiten. Diese Mehrbelastung ist nicht nur in ihrer Gesamthöhe, sondern auch in ihrer Verteilung ausserordentlich drückend und wirtschaftsschädlich. Das gilt insbesondere von dem Spendenunwesen. Die heute in Deutschland in Blüte gebrachte Spendenwirtschaft ist die unsozialste Form der Besteuerung. Die möglichste Anpassung der steuerlichen Belastung an die Leistungsfähigkeit ist aber ein Grundsatz, dem nicht nur sozial-, sondern auch wirtschaftspolitische Bedeutung zukommt. Je mehr dieser Grundsatz ausser Acht gelassen wird, umso mehr überwiegt die wirtschaftliche Schädigung den finanzpolitischen Nutzeffekt der Abgabe. B- 30Auch auf der Ausgaben seite sind die öffentlichen Finanzen in wachsendem Masse in den Dienst der Rüstungsfinanzierung gestellt worden. Das gilt vor allem von den Ersparnissen, die infolge der Staat skonjunktur an der Unterstützung der Erwerbslosen gemacht werden konnten und denen, die darüber hinaus durch Einschränkung der Unterstützungsleistung gemacht worden sind. Auch die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung werden trotz der wesentlichen Entlastung der Reichsanstalt in unveränderter Höhe forterhoben. 2) Die Staatskonjunktur in der Sackgasse Die wachsenden Schwierigkeiten, mit denen die deutsche Wirtschaft im Jahre 1935 zu kämpfen hatte, müssen sich im laufenden Jahre noch verschärfen. Diese Verschärfung wird vor allem auf drei Gebieten einsetzen: 1. bei der Entwicklung der Produktionskosten, 2. bei der Rohstoffversorgung und der Gestaltung der Aussenhandelsbilanz und 3. bei der weiteren Finanzierung der staatlichen Aufträge. Steigerung der Produktionskosten In der Entwicklung der Produktionskosten müssen sich in Zukunft zwangsläufig eine Reihe von Faktoren stärker fühlbar machen, deren kostensteigernde Wirkung in der Vergangenheit noch nicht so hervorgetreten ist. Hierher gehört in erster Linie die fortgesetzte Beunruhigung der Wirtschaft sowohl von der Seite des Auftragseingangs wie von der Seite des Verbrauchs her. Es gehört zum Bilde dieser nicht von ökonomischen, sondern von machtpolitischen Antriebskräften gelenkten Rüstungskonjunktur, dass die Versorgung der Industrie mit Aufträgen ausserordentlich stossweise und ungleichmässig erfolgt. Ausgedehnte Kurzarbeit und hemmungslose Ueberstundenwirtschaft bestehen nicht nur nebeneinander, sondern wechseln auch im einzelnen Unternehmen miteinander ab. Diese stossartige Auftragsvergebung ist nicht zuletzt die Folge jener Atmosphäre von Geheimnistuerei und B-31schlechtem Gewissen, in der sich die deutsche Aufrüstung vollzieht. Wie anders machen es auch auf diesem Gebiet die Engländer. Sie stellen jetzt einen in seinen Grundzügen und seinen zeitlichen Abmessungen offen liegenden Plan auf, der eine planmässige Verteilung der Aufträge und eine sorgfältige kalkulatorische Vorbereitung ermöglicht. Sie können das, weil sie als Demokratie ihre Rüstung nicht im Geheimen betreiben und weil sie mit dieser Rüstung keine Angriffsabsichten verfolgen. Zu der ungleichmässigen staatlichen Auftragsregelung kommt aber in Deutschland noch die Ungleichmässigkeit der privaten Nachfrage. Auch sie ist nicht zuletzt eine Folge der politischen Atmosphäre, die die geheime Rüstung in Deutschland verbreitet hat; immer wieder geht Kriegsangst im Volke um. Im Herbst 1934 hatte die Verbrauchsgüterindustrie eine Hamsterkonjunktur; damals trat kurz vor Weihnachten vor allem infolge der Einsetzung des Preiskommissars an die Stelle der Hamsterei ziemlich unvermittelt eine starke Kaufzurückhaltung und noch heute leiden einige Industrien unter der Vorversorgung der Bevölkerung in der Hamsterperiode. 1935 setzte dann die Hamsterei von Fetten und anderen Lebensmitteln ein; sie ist nicht ohne Wirkungen auf einige Verbrauchsgüterindustrien geblieben. Die Verschärfung der Fleischknappheit, die die Hamsterei bewirkt hat, hat die Fleischwarenindustrie in Schwierigkeiten gebracht. Die Geschäftsstockung in der Schuh- und der Radioindustrie ist dadurch gesteigert worden, dass die Kaufkraft der Massen, ohnehin durch die Senkung des Realeinkommens geschwächt, durch die Vorversorgung mit Lebensmitteln besonders belastet wurde. Die kostensteigernde Wirkung dieser Unruhe- Momente liegt auf der Hand. Sie erschweren planmässige Disposition und scharfe Kalkulation der Unternehmungen, lassen Ueberlastung und teilweisen Leerlauf des wirtschaftlichen Apparats aufeinander folgen. Dazu kommen andere politische Belastungen der volkswirtschaftlichen Kostenrechnung. Der Nationalsozialismus hat ein starkes Bedürfnis nach Versorgung" alter Kämpfer" und diese B- 32Versorgung drückt sich in einer wachsenden Belastung der Wirtschaft mit überflüssigen Organisationen( Arbeitsfront, Wirtschaftsorganisation, Reichsnährstand, NSV, Luftschutz, die NSDAP und ihre Gliederungen usw. usw.) aus, die alle mehr oder minder behördlichen Charakter haben und zusammen mit der Aufblähung alter Verwaltungszweige und der Bildung neuer( Propagandaverwaltung, Devisenstellen usw.) der Wirtschaft die Aufgabe stellen, eine Unzahl von Posten jägern durchzufüttern. Und nicht nur das: schliesslich ist auch die Korruption ein volkswirtschaftlicher Kostenfaktor, dessen Grösse nicht zu unterschätzen ist. Alle diese politischen Faktoren der Kostensteigerung müssen in Zukunft besondere Bedeutung gewinnen. In der Vergangenheit ist ein grosser Teil der Kostenvermehrungen an tausend Stellen aufgesogen worden. Jedem Preisgefüge wohnt ein Beharrungsbestreben inne, das der Durchsetzung einer allgemeinen Preissenkung ebenso im Wege steht, wie es eine Zeit lang eine allgemeine Preisteigerung aufhält. In jedem Preisgefüge sind genug Lücken, Kalkulationsreserven, die preissteigernde Einflüsse vorübergehend ausgleichen können. Am sichtsbarsten ist das bei der Entwicklung der Handelsspanne zutage getreten. Durch ihre Zusammendrängung gelang es, einen grossen Teil der von der Produktion und der Rohstoffversorgung ausgehenden Preissteigerungen von der Konsumsphäre fernzuhalten. Damit sind sie zwar nicht aus der Welt geschafft sondern sie haben sich in eine entsprechende Einkommensverminderung bei Handel und Gewerbe umgewandelt aber ihre Fortwirkung auf Löhne und Lebenshaltung ist doch wesentlich lokalisiert worden. Dieses Verfahren lässt sich jedoch nicht endlos fortsetzen und in Zukunft wird diese Reserve der Preisgestaltung nur noch in sehr geringem Umfange zur Verfügung stehen. Die Fernwirkungen von Kosten- und Preiserhöhungen, die Erschütterungen des ganzen Preis- und Lohngebäudes werden also viel stärker sein. Eine weitere Gruppe politischer Schädigungen der Volkswirtschaft umfasst die wirtschaftlichen Folgen des Kampfes gegen B- 33die Juden und gegen die Warenhäuser und Konsumvereine. Der Kampf gegen die Juden führt zum grossen Teil nicht nur zur Schädigung der Juden, sondern auch zur Vernichtung von Volksvermögen. Neben der oft verlustreichen Auflösung von Produktionsstätten gehen die Aussenhandelsbeziehungen jüdischer Firmen meist vollständig verloren. Nach Angaben des" Deutschen Volkswirts" wird das gesamte jüdische Vermögen in Deutschland auf 10 bis 12 Milliarden, von anderer Seite sogar auf 20 Milliarden geschätzt. Es handelt sich also um bedeutende Werte, deren auch nur teilweise Liquidation nicht ohne bedeutende Verluste durchgeführt werden kann. Der Kampf gegen Warenhäuser und Konsumvereine ist volkswirtschaftlich gesehen ein Kampf gegen besonders fortgeschrittene Formen der Warenverteilung. Die direkten volkswirtschaftlichen Verluste ergeben sich hier aus der vollen oder teilweisen Liquidation solcher Unternehmen, die bei den Konsumvereinen schliesslich auch gegen den Willen der Nationalsozialisten nötig wurde. Die indirekten Verluste drücken sich in der Konservierung volkswirtschaftlich überholter Verteilungsformen aus. Auch bei dieser Gruppe politischer Schädigungen der Volkswirtschaft werden die Verluste erst in Zukunft voll fühlbar werden, weil auch auf diesem Gebiet zumeist von den Geschädigten alle Reserven eingesetzt wurden, um den Kampf zu überstehen. Neben der vorwiegend politisch bestimmten Kostensteigerung muss sich eine andere Tendenz zur Erhöhung der Produktionskosten bemerkbar machen, die in erster Linie ökonomisch bedingt, aber auch politisch beeinflusst ist. Die industrielle Produktion hat bisher stark von der relativen Senkung der fixen Kosten profitiert. Je mehr vorhandene Anlagen ausgenutzt werden, umso mehr verbessert sich das Verhältnis zwischen dem Produktionsertrag und den Kosten für Erhaltung und Amortisation, dieser Anlagen. Der Anteil dieser fixen Kosten an der Produktion ist also umso geringer, je mehr die Produktion ver B- 34mehrt werden kann 30 vorausgesetzt, dass die Produktionsvermehrung ohne Erweiterung der Anlagen möglich ist. Das war bisher zum grössten Teil der Fall und deshalb ging von der Senkung der fixen Kosten eine Tendenz zur Preissenkung aus, die die Tendenzen zur Preissteigerung zum Teil ausgleichen konnte. In Zukunft wird das aber anders sein. Die Rüstungskonjunktur hat bewirkt, dass ein Teil der Industrie bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit ausgenützt worden ist und die Erzeugung nur durch Erweiterung der Anlagen weiter steigern kann, während bei einem anderen Teil, vorwiegend Verbrauchsgüterindustrien, der Ausnützungsgrad sich wieder verschlechtert hat und in der Zukunft durch weitere Verschlechterungen bedroht ist. Das bedeutet, dass bei den fixen Kosten anstelle der relativen Senkung in Zukunft von zwei Seiten her eine Tendenz zur Steigerung wirksam werden muss. Hier wird eine der Gefahren sichtbar, die aus der einseitigen" Ankurbelung" der Rüstungsindustrien bei gleichzeitiger Benachteiligung der Verbrauchsgüterindustrien erwachsen. Eine weitere Gruppe kostensteigemder Faktoren ergibt sich aus den wachsenden Schwierigkeiten der Rohstoffversorgung. Rohstoffversorgung und Handelsbilanz Die deutsche Wirtschaft hat in den letzten zwei Jahren in grossem Umfang von dem Verzehr von Reserven leben können. Umfangreiche Läger an Wolle und Textilien, Häuten und Leder, Erzen und Mineralölen konnten aufgebraucht werden und entlasteten den Rohstoffbezug aus dem Auslande. Im Bereich der Land- und Forstwirtschaft hat sich der Reservenverzehr in der Form der Notschlachtungen aus Futtermittelmangel und der daran anschliessenden Konservierungsaktion" Fleisch im eigenen Saft", des Verbrauchs von Getreidevorräten aus den früheren Rekordernten und des erhöhten Forsteinschlags( 50% über Normalmass). abgespielt. Auch beim Aussenhandel gab es Reserven: Solange andere Länder noch die Bezahlung früherer Lieferungen schulde B- 35ten( Russland hat 1935 noch 220 Millionen alte Warenschulden abgedeckt) konnte damit ein Teil der Einfuhr finanziert werden. Dahin gehört auch die Bereitwilligkeit vieler Auslandslieferanten, Deutschland trotz seiner erklärten Zahlungsunfähigkeit noch Ware auf Kredit zu liefern. Diese Reserven stehen 1936 grösstenteils nicht mehr zur Verfügung und damit ist das Problem der Rohstoffversorgung der deutschen Wirtschaft in ganzer Schärfe gestellt. Schon 1935 hat die deutsche Ausfuhr nicht ausgereicht, um den Einfuhrbedarf an Rohstoffen und Lebensmitteln voll zu decken, 1936 wird dieser Bedarf, weil die Reserven erschöpft sind, wesentlich grösser sein. Zugleich aber gerät der Aussenhandel von zwei Seiten her in Preisschwierigkeiten. Seit Mitte 1933 muss Deutschland für seine Rohstoffe am Weltmarkt steigende Preise bezahlen, während es für seine ausgeführten Fertigwaren immer weniger erhält. Die Einfuhrpreise haben den Stand von Anfang 1932 wieder erreicht, während die Ausfuhrpreise um 25% darunter liegen. 1935 ist also eine wesentlich grössere Ausfuhr nötig gewesen, um die gleiche Einfuhr zu ermöglichen wie 1934. Es spricht vieles dafür, dass sich diese Preisschere noch weiter öffnen wird, weil mit steigender Weltkonjunktur vor allem die Rohstoffpreise weiter steigen werden, während bei den Preisen der Fertigwaren eher mit einem Verharren auf ihrem niedrigen Stande zu rechnen ist. Andererseits ist, wie wir zu zeigen versucht haben, innerhalb der deutschen Wirtschaft 1936 mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen, die die deutsche Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt erneut schädigen müssen. Schliess. lich droht sich die handelspolitische Situation weiter zu ungunsten Deutschlands zu entwickeln. USA hat Deutschland die Meistbegünstigung versagt und Frankreich hat die bisherigen vertraglichen Abmachungen gekündigt. Zu alledem kommt die stark verteuernde Wirkung, die von der" musterhaft organisierten Umwirtschaft"( Frankfurter Zeitung) der Clearing- und Kompensationsverträge und der Devisenkontrolle für den deutschen Aussenhandel ausgeht. B- 36Mit den 1935 angewendeten Mitteln zur Verbesserung der deutschen Handelsbilanz wird man den neuen Schwierigkeiten kaum beikommen. Der Exportförderung mit Hilfe von Sonderabgaben sind enge Grenzen gezogen, weil im Gegensatz zu anderen Steuern der Ertrag dieser Abgabe nicht im Lande bleibt, sondern in der Form der Preisverbilligung dem Ausland zugute kommt. Eine wesentliche Entlastung des Rohstoffbedarfs durch starke Ausdehnung der inländischen Roh- und Ersatzstofferzeugung scheitert an dem grossen Kapitalbedarf und würde zudem weil die einheimischen Produkte wesentlich teurer sind als die eingeführten die Volkswirtschaft mit neuen unproduktiven Kosten belasten. Aber auch eine Abwertung der Mark brächte der deutschen Wirtschaft wahrscheinlich mehr Nachteile als Vorteile. Die auskändischen Rohstoffe würden, in Mark gerechnet, noch teurer, Verzinsung und Tilgung von Auslandsschulden schwerer, während der Exportauftrieb nach den letzten Erfahrungen anderer Staaten nur sehr begrenzt wäre. Vor allem aber würde in Deutschland eine Markabwertung im Gegensatz zu England und Amerika wahrscheinlich eine starke Preissteigerung auslösen, denn sie würde auf die ohnehin vorhandenen starken Tendenzen zur Preissteigerung treffen. Damit aber würde die Exportverbilligung durch Steigerung der Produktionskosten wieder wettgemacht. Das Finanzierungsproblem Auch bei der Finanzierung der Staat skonjunktur hat das System im vergangenen Jahre eine Reihe von Reserven ausnützen können, die im laufenden nicht im selben Grade zur Verfügung stehen werden. Es hat zweimal die Vermehrung der Spareinlagen zur Unterbringung von Reichsanleihen heranziehen können. Aber der Zuwachs an Spareinlagen lässt nach und eine Wiederholung der Aktion würde sowohl bei den Sparkassen wie bei den Versicherungsgesellschaften auf Schwierigkeiten stossen. Eben so dürfte ein Teil der Mehrerträge an Steuern, die sich aus der B- 37verschärften Einziehung ergeben haben, einmalig sein, weil es sich um Beitreibung älterer Steuerschulden handelt. Die veranlagten Steuern bringen zwar regelmässig erst nach einiger Zeit die der Einkommensteigerung entsprechenden Mehrerträge, aber 1935 sind viele Einkommen schon wieder zurückgegangen ( Handel und Gewerbe, Verbrauchsgüterindustrien usw.). Vor allem aber hat die Kreditausweitung die Zone überschritten, in der die Vorteile für die Gesamtwirtschaft die Schäden ausglichen, und die Gefahr, dass jede weitere Kreditinflation sich in Preissteigerungen umsetzt, ist ausserordentlich gewachsen. Schacht hat diese Gefahr erkannt und will sie dadurch bannen, dass er an Stelle fortgesetzter Kreditinflation in möglichst grossem Umfange die Staatskonjunktur durch Anleihen und Steuern finanzieren will. Schon 1935 ging das Bestreben dahin, den Kapitalmarkt fast völlig für die öffentliche Hand zu reservieren. Aber die Konsolidierungspolitik ist von sehr zweifelhaftem Wert. Ihrem bisherigen Umfange nach sind die aufgenommenen Reichsanleihen völlig unzulänglich. Die Entwicklung der deutschen Kriegsfinanzierung hat aber auch gezeigt, dass selbst die laufende Unterbringung grosser Anleihen noch keinerlei Beweis für die Solidarität der Finanzgebarung zu sein braucht. Damals wurden Milliarden auf Milliarden willig vom deutschen Volk gezeichnet, aber sie wurden gezeichnet mit dem inflationistisch gedruckten Geld, das die Regierung vorher ausgegeben hatte. Wird dieses Verfahren jetzt wiederholt, nimmt die kurzfristige Kreditschöpfung ihren ungehemmten Fortgang, so ist die ganze Konsolidierung nur ein Täuschungsmanöver. Das System versucht deshalb eine Art Zwangssparen zu organisieren, um auf diese Weise den inflationistischen Wirkungen der Kreditausweitung durch deflationistische der Einkommensund Verbrauchsverminderung zu begegnen. Das ist der nationalökonomische Sinn der nationalsozialistischen Theorien von len Opfern, die für die Erringung der Wehr B- 38freiheit gebracht werden müssten. Lohn- und Unterstützungsabbau, die Eindränkung der Einfuhr wie des Wohnungsbaus dienen gleichermassen diesem Ziel. 1936 soll dieses System durch weitgehende Einschränkung aller öffentlichen Nicht- Rüstungsausgaben, möglicherweise auch durch Abbau der Beamtengehälter und durch entsprechende Steuererhöhungen ausgebaut werden. Mit den Steuererhöhungen ist praktisch durch die Zollerhöhung auf Schmier- und Gasöle und die Tariferhöhung der Reichsbahn schon der Anfang gemacht worden. Aber Steuererhöhungen schliessen die grosse Gefahr von Preissteigerungen in sich. Deshalb versucht auch die Regierung, Preissteigerungen aus Anlass der Tariferhöhung zu unterbinden. Der Kreis der Steuerobjekte, bei denen dieses Verfahren wirklich Erfolg haben kann, ist aber sehr begrenzt. In erster Linie würde man wohl zu einer Erhöhung der Massenverbrauchssteuern( Tabak, Bier usw.) schreiten müssen. Es ist aber auch bemerkenswert, dass neuerdings in der nationalsozialistischen Wirtschaftszeitschrift" Deutsche Volkswirtschaft" die Auffassung vertreten wird, auch eine Erhöhung der Steuerleistungen der Landwirtschaft sei gerechtfertigt. Eine Umkehr zu den Methoden einer soliden Finanzgebarung begegnet ausserordentlichen Schwierigkeiten. Die Schuldenlast, die das Reich in den letzten drei Jahren aufgehäuft hat, ist von sehr unterschiedlicher Bedeutung, je nachdem wie sich die deutsche Wirtschaft weiter entwickelt. Nimmt das Wirtschaftsvolumen zu, steigt das Volkseinkommen, so vermindert sich das relative Gewicht der Schulden; es wächst die wirtschaftliche Kraft, die Schulden zu tragen und schliesslich auch abzutragen. Gehen aber Wirtschaftstätigkeit und Sozialprodukt zurück, so wächst das relative Gewicht der Schulden und es wird immer schwerer, sie zu konsolidieren oder gar zu tilgen. Im laufenden Jahr steht aber die deutsche Wirtschaft unter der Wirkung der wachsenden Schwierigkeiten vor der Gefahr der Schrumpfung. Wie soll da die Umkehr zur Sparsamkeit gelingen? Und gerade in einer solchen Situation ist die Fortsetzung der inflationisti B- 39schen Methoden eine starke Versuchung. Wenn man schon alte Schulden nicht durch echte wirtschaftliche Ueberschüsse abtragen kann, dann liegt es so nahe, sie mit neuen Schulden zurückzuzahlen. Solange dieser Prozess läuft, scheint alles gut zu sein: die Wirtschaft bleibt im Schwung, die Einkommen steigen( wenigstens nominell), die Steuereingänge wachsen dauernd. Will. man aber damit aufhören, dann fällt das Ganze wie ein anges to chener Kinderluftballon in sich zusammen. In dieser Situation aber ist heute die deutsche Wirtschaft. Deshalb ist es eine offene Frage, ob es möglich sein wird, auf dem einmal beschrittenen Wege umzukehren. Eine Frage, deren Beantwortung wiederum von vielen anderen Umständen abhängt: insbesondere davon, ob das weitere Steigen der Preise und der Produktionskosten zu verhindern ist, ob die weitere Aufrüstung vermindert werden kann und eine Umschaltung der Wirtschaft von der Staatsauf die Privatinitiative möglich ist. Umschaltung der Konjunktur? Ist die Einschränkung der weiteren Aufrüstung möglich? Das 1st eine politische, eine technische und eine ökonomische Frage Politisch lautet die Frage, ob Deutschland im Innern und nach aussen von seiner machtpolitischen Linie in dem Augenblick abgehen kann, in dem die Machtsammlung auf der Gegenseite immer grösseren Umfang annimmt. Deutschland wird sich darüber klar sein, dass es ein Wettrüsten mit den anderen Grossmächten vor allem finanziell nicht durchalten kann. Finanz- und wirtschaftspolitisch läge es vielmehr im Interesse Hitlerdeutschland, wenn es seine Aufrüstung durch einen ernstgemeinten Vorschlag auf Rüstungsbegrenzung abzuschliessen versuchen würde. Fande ein solcher Vorschlag Annahme, dann wäre Deutschland aufgerüstet und könnte seine Kraft auf die Heilung der wirtschaftlichen Schäden konzentrieren, mit denen die" Wehrfreiheit" erkauft worden ist. Aber ist die deutsche Aufrüstung technisch schon so weit? Das hängt nicht nur von ihrer Quantität, sondern auch von ihrer Qualität ab. Ein zuverlässiges Urteil( her B- 40den Umfang der deutschen Rüstung abzugeben, ist kaum möglich, aber was ihre technische Qualität betrifft, so ist die Annahme begründet, dass sie noch erhebliche Mängel aufweist. Man erinnert sich daran, wie die deutsche Autoindustrie viele Jah re unter den Folgen der Abschnürung in der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit gelitten hat und Jahre brauchte, um den Vorsprung der ausländischen wieder einzuholen. Man kann annehmen, dass es heute der deutschen Flugzeug-, Tank- und Geschützproduktion nicht anders geht. Dazu kommt, dass die Aufrüstung sich in einem Hetztempo vollzogen hat, das hochwertiger Qualitätsarbeit abträglich war. Deutschlands Aufrüstung ist also noch lange nicht" fertig". Bleibt schliesslich die wirtschaftliche Seite der Sache. Umschaltung der staatlichen auf eine von privater Initiative getragene Konjunktur setzt voraus, dass die Bedingungen hergestellt werden können, unter denen sich allein eine solche Privatinitiative entfalten kann. Es ist lächerlich, wenn Schacht ein über das andere Mal die Unternehmer aufruft, Initiative zu entwickeln und sich nicht hinter höheren Instanzen zu verstekken, wenn auf der anderen Seite der Staat alles neugebildete Kapital absch. öpft und die private Wirtschaft in die Zwangsjacke der Emissionssperren und Investitionsverbote steckt. Es ist lächerlich, dem Exporteur zuzureden, Mut, Zähigkeit und Entschlossenheit zu zeigen, wenn die Devisenzwangswirtschaft nicht gelockert, sondern eher verschärft werden muss. Es ist lächerlich, wenn Schacht bewegliche Klage darüber führt, dass es immer schwieriger wird, dem technischen Fortschritt freie Bahn zu schaffen, wenn gleichzeitig die ganze Wirtschaft in Zwangskartelle und Zwangsorganisationen( Reichsnährstand, Reichskulturkammer), in Konzessionsvorschriften, Reglemetierungen und Zünftlertum eingeschnürt wird. Und schliesslich muss man sich die Grösse der Aufgabe vor Augen halten: nicht weniger als zwei Drittel der deutschen Wirtschaft werden heute mit Staatsaufträgen beschäftigt! Alle diese Umstände stehen einer Umschaltung der deutschen B- 41Wirtschaftspolitik im Wege. Es ist deshalb viel eher damit zu rechnen, dass die Dinge sich weiterschleppen werden. Die deutsche Staatskonjunktur ist in einer Sackgasse, aber man kann in dieser Sackgasse noch eine ganze Weile hin- und hermanövrieren, freilich um nur immer tiefer hineinzukommen. Man wird weiterrüsten, vielleicht in vermindertem Tempo. Schon in den letzten Monaten haben sich Anzeichen dafür gezeigt, dass man zu bremsen versucht. Hie und da wurden Rüstungsbauten abgebrochen, die Autobahnen haben Arbeiter entlassen, die Unternehmer klagen sehr über den langsamen Geldeingang für Rüstungsaufträge, Flugzeuggelände wurde nicht mehr gekauft, sondern in langfristige Pacht übernommen. Auf diesem Wege wird man fortzufahren versuchen. Dabei taucht aber das Problem auf, wie man für den Arbeitsausfall Ersatz schafft. Wir haben bereits im vorigen Monatsbericht darauf aufmerksam gemacht, dass offenbar der Wohnungsbau( und die Arbeiterkleinsiedlung) ausersehen ist, die Rolle einer Arbeitsreserve zu spielen. Er ist dazu besonders geeignet, weil auf diesem Gebiet noch weiteres Sparkapital zu mobilisieren ist und der Staat mit geringen Zuschüssen( nach dem Muster der Reichszuschüsse für Wohnungsteilungen) einen grossen Arbeitseffekt erzielen kann. Mit einem Wort: man wird weiterlavieren und darauf warten, ob nicht doch eines Tages von der Weltwirtschaft Hilfe kommt. Denn nur von dort kann sie kommen. Wiederanschluss an den Weltmarkt? So tief die nationalsozialistische Machtpolitik die deutsche Wirtschaft in die Sackgasse hineingeführt hat, es gibt Möglichkeiten der Umkehr und es ist nur die Frage, ob das Hitlersystem diese Möglichkeiten benutzen kann. Denn die Umkehr müsste vollständig sein. Wie die deutsche Wirtschaft in die Sackgasse geraten ist, weil der Nationalsozialismus die Wirtschaftspolitik der Machtpolitik, der Erringung der Wehr- und Nahrungsfreiheit, untergeordnet hat, so kann die Umkehr nur geEQUIS B- 42lingen, wenn eine wesentliche Verschiebung in der Zielsetzung eintritt, die absolute Vorherrschaft des Rüstungsgesichtspunktes wenigstens für eine Zeit zurücktritt und die Wirtschaftspolitik nicht auf die Abschliessung von der Welt, sondern auf den Wiederanschluss an den Weltmarkt ausgerichtet wird. Diese Gewichtsverlagerung in der wirtschaftspolitischen Zielsetzung muss in erster Linie von der Erkenntnis der wahren Bedeutung der Ausfuhr für die deutsche Wirtschaft ausgehen. Die Eigenart der deutschen Wirtschaft als der vielfältigsten, auf hochqualifizierte Arbeitsleistung gestellten Verarbeitungsfabrik Europas ist in einem geschichtlichen Prozess herangewachsen, sie kann nicht ohne die ungeheuerlichste Verarmung des gesamten Volkes wieder rückgängig gemacht werden. Die Ausfuhr hat für die deutsche Wirtschaft nicht nur die Bedeutung eines Finanzierungsinstruments für die Einfuhr und einer Erwerbsquelle für einen erheblichen Teil der Wirtschaft und des Volkes.. Sie spielt darüber hinaus eine entscheidende Rolle als der Spitzenbetrag der wirtschaftlichen Gesamtleistung, für dessen Wegfall innerhalb der Wirtschaft immer nur ein gänzlich unvollkommener Ersatz gefunden werden kann. Es ist der Spitzenbetrag, der die ausreichende Ernährung einer grossen Bevölkerung auf kleinem Raum sichert, der zur Steigerung des Volkseinkommens wesentlich beiträgt, der Deutschland teilnehmen lässt an den Fortschritten der Weltwirtschaft. Diese Erkenntnisse sind in den letzten Jahren in Deutschland verloren gegangen, in den Hintergrund gedrängt worden durch die Vorstellung, dass Deutschland stärker würde, wenn es sich aus der" Abhängigkeit" vom Weltmarkt befreie. Wenige Jahre haben genügt, um auch der breiten Masse eindringlich unter Beweis zu stellen, dass eine solche" Befreiung" nicht möglich ist, dass es sich bei dem Verhältnis Deutschlands zur Weltwirtschaft nicht nur um eine Abhängigkeit handelt, sondern um einen Leistungsaustausch, von dem beide Teile Nutzen ziehen, und dass Deutschland durch sein Si chzurückziehen aus diesem Leistungsaustausch nicht stärker, sondern schwächer geworden ist. Gewiss, Deutschland ist an der Verödung der Weltwirt B- 43schaft nicht allein schuldig; alle Länder sind mitschuldig, alle haben bei ihren wirtschaftlichen Notmassnahmen in den letzten Jahren zu sehr nur an sich selbst und zu wenig daran gedacht, wie die Schädigung der Weltwirtschaft schliesslich auf sie zurückfallen musste. Aber Deutschland muss einen besonderen Beitrag zur Wiederherstellung der Weltwirtschaft leisten. Denn in Deutschland war die Abschnürung vom Weltmarkt nicht nur eine wirtschaftspolitische Abwehrmassnahme, sondern die Folge eines aussen politischen Frontwechsels, Bestandteil der neu bezogenen Angriffsstellung. Aus dieser Stellung heraus kann man schlechterdings keine Wirtschaftspolitik treiben, die auf internationale Arbeitsteilung, auf Leistungsaustausch gerichtet ist. Und deshalb setzt eine wirkliche Wiedereingliederung Deutschlands in die Weltwirtschaft auch eine Preisgabe dieser Angriffsstellung voraus. Praktisch aber müsste der Wiederanschluss an den Weltmarkt im wesentlichen auf folgendes hinauslaufen: 1. Im Sektor der internationalen Wirtschaftsbeziehungen: Wiederherstellung normaler Kreditbeziehungen mit dem Ausland und Wiederaufrichtung der deutschen Exportwirtschaft. Beides setzt voraus, dass Auslandskredite für die Anlaufszeit zur Verfügung gestellt werden. 2. Im industriellen Sektor: Erleichterung des Anschlusses an den Weltmarkt durch eine Politik der volkswirtschaftlichen Kostensenkung und der Förderung der Verarbeitungsindustrie, Befreiung der Wirtschaft von allen politischen Kosten und allem organisatorischem Leerlauf. 3. Im landwirtschaftlichen Sektor: Durchführung einer Agrarreform, die auf die Erhaltung des lebensunfähigen Grossgrundbesitzes verzichtet und auf Förderung der bäuerlichen Veredelungswirtschaft gerichtet ist. 4. Im Sektor der öffentlichen Finanzen: Wiederherstellung des Vertrauens zur deutschen Finanzwirtschaft im In- und Auslande durch Wiederherstellung der Verantwortlichkeit und B- 44Oeffentlichkeit der gesamten Finanzpolitik. Wiederherstellung ler Lastenverteilung nach der Leistungsfähigkeit. Das alles sind noch keine sozialistischen Forderungen. Aber es sind Forderungen, die erfüllt werden können, wenn eine deutsche Regierung den Wiederanschluss an die Weltwirtschaft ernstlich in den Mittelpunkt ihres politischen Handelns stellt. Kann das die nationalsozialistische Regierung tun? Schacht bemüht sich schon um Auslandskredite und er spekuliert zweifellos darauf, dass andere Völker, vor allem das englische, Opfer zu bringen bereit wären, um Deutschland die Rückkehr zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu erleichtern. Aber werden diese Opfer gebracht werden, ohne dass Deutschland nicht auch bereit ist, in ein politisches Kollektivsystem einzutreten? Und kann das heutige Deutschland diesen ganzen Weg gehen, ohne zugleich eine tiefgehende Umwandlung seiner gesamten geistigen und politischen Grundhaltung durchzumachen? Das Beschreiten dieses Weges bedeutet aussenpolitisch die Rückkehr zur Verständigungspolitik, innenpolitisch zur Verantwortlichkeit und Offenlegung der Staatsführung und-Verwaltung, wirtschaftspolitisch zur Anerkennung des ökonomischen Prinzips und der Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit. Diese Rückkehr ist dem Regime in seiner jetzigen geistigen und politischen Verfassung unmöglich. Weil sie einschneidende Wandlungen voraussetzt, deshalb ist sie fürs erste nicht zu erwarten. Noch ist der Leidensweg noch nicht zu Ende gegangen; noch immer hat das System einige wirtschaftliche und Vertrauensreserven einzusetzen. Noch immer ist die psychologische Entbehrungsgrenze der Bevölkerung nicht erreicht; noch immer billigt eine Mehrheit des Volkes die Politik der starken Faust; noch immer wirkt Schachts Verzweiflungsparole:" Wir sitzen alle in einem Boot!" Gleichwohl kann die weitere wirtschaftliche Entwicklung von grossem Einfluss auf die geistige und politische Entwicklung in Deutschland sein. Wie die wachsenden Schwierigkeiten des letzten Jahres nicht ohne Wirkung auf die Wirtschaftsvorstellungen und die Wirtschaftspolitik Deutschlands geblieben sind, B- 45so kann die harte Schule der Tatsachen noch weitere Wandlungen hervorrufen. Eine günstige Entwicklung der Weltwirtschaft könnte diesen Wandlungsprozess noch beschleunigen. Wachsen die verschiedenen nationalen Konjunkturen in naher Zukunft tatsächlich zu einer allgemeinen Weltkonjunktur zusammen, so ist es kaum denkbar, dass sich Deutschland auf die Dauer davon freiwillig abschliessen könnte. Wie es sich auch zunächst verhält, die Wiederbelebung am Weltmarkt kann nicht ohne Einfluss auf die Wirtschaftsvorstellungen in Deutschland bleiben. Der Autarki ewahn war einer der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus, eine wiedererstarkende Weltwirtschaft würde mit dazu beitragen, dem Nationalsozialismus seine geistigen Grundlagen zu entziehen. B- 46III. Die Innenpolitik ===== 1) Auf dem Wege zur Vorkriegs- Ideologie In den beiden vorhergehenden Abschnitten haben wir zu zeigen versucht, wie die nationalsozialistische Diktatur immer mehr unter den Druck der sachlichen Probleme gerät. Das Schwergewicht der aussen- und wirtschaftspolitischen Probleme, deren Zuspitzung zum grössten Teil die zwangsläufige Folge der Politik des Systems ist, macht sich immer stärker fühlbar. Diese Probleme sind es auch, die für den Gang der Innenpolitik wachsende Bedeutung bekommen müssen. Es ist endlich an der Zeit, die Betrachtung der innenpolitischen Entwicklung aus dem Hinstarren auf gewisse Einzelerscheinungen herauszulösen. Es geht. nicht an, die Stellung der Reichswehr im System so oder so einzuschätzen, je nachdem ob gerade eine Flaggenverordnung oder ein Schiesserlass herausgekommen ist. Es geht nicht an, die Festigkeit des Regimes danach zu bemessen, inwieweit es ihm gelingt, den äusseren Rahmen seiner Totalität zu erweitern und gegen den Stahlhelm, die Kirchen und die Studenten vorzugehen. Es geht nicht an, den Umfang der äusseren Gleichschaltung als Massstab für die innere Kraft des Systems zu nehmen. Die Staatsgewalt des Dritten Reiches steht am Beginn des 4. Jahres scheinbar allmächtig und unge brochen da. Sie hat die Welt herausgefordert, und ihren bösen Willen zur Kriegsvorbereitung durchgesetzt. Sie hat allen humanitären Anschauungen ins Gesicht geschlagen, ohne aus der Kulturwelt ausgeschlossen worden zu sein. Sie bedrückt das eigene Volk, sie presst es aus bis zum letzten für die Kriegsvorbereitung, und dennoch erträgt das Volk sie. Ist sie etwas neues in der modernen Geschichte, diese selbständige Staatsgewalt, ein mystischer übermenschlicher Mechanismus, dem gegenüber die menschlichen Kräfte Politik und Geist, ohnmächtig sind? Manche ihrer Feinde sehen sie so, voll Erbitterung und Ver B- 47zweiflung. Das Urteil über die deutschen Dinge schwankt bei den Feinden der Diktatur in Deutschland und ausserhalb Deutschland, so wie Hoffnung und Stimmung eines jeden Menschen gegenüber gigantischen geschichtlichen Aufgaben schwanken. Der Sturz dieser reaktionärsten Macht in ganz Europa, die Wiederbefreiung des deutschen Volkes ist eine der gewaltigsten historischen Aufgaben, die der Lösung harren. Wie könnte es anders sein, als dass jene, die sich dieser Aufgabe hingeben, zwischen Ueberschätzung und Unterschätzung des Feindes hin- und herschwanken! Der Wille, den Feind zu bekämpfen, muss von solchen Stimmungen unabhängig sein. Er darf sich durch den Anblick der Wahrheit nicht schrecken, durch agitatorische Lügen nicht blenden lassen. Es gibt heute in Deutschland eine Opposition, aber keinerlei Ansätze zu einer revolutionären Volksbewegung. Es gibt Revolutionäre der Gesinnung, aber es gibt keine breiten revolutionären Stimmungen. Dennoch hält das System am Terror fest, weil es jederzeit Ausbrüche fürchtet aus Furcht vor seinen Verbrechen, aus Angst vor unbekannten Kräften im Volke. Es gibt Spannungen im Volke, die der Terror nicht beseitigen kann, und die die Herrschaft des Systems immer von neuem erzeugt. Die Geschichte hat bisher weder ein ewiges Herrschaftssystem gezeigt noch eine Herrschaft, die nicht ihre eigenen Gegenkräfte erzeugt hätte. Das System sucht die Furcht vor diesen Volkskräften hinter einer Staatsmystik zu verbergen. Es verleiht sich selbst den Nimbus der Allmacht. Es nährt die Legende, dass Hitler über die Geschicke Deutschlands mit göttlicher Allmacht entscheide, unbeirrt und unbeeinflusst, dass einzig in seiner Hand alles beschlossen liege. Er selbst beruft sich auf den Segen Gottes und die göttliche Inspiration. Die Mystik der Diktatur schreibt ihm die Allmacht zu, die Kraft, aus der alles fliesst unabhängig von allen gesellschaftlichen Kräften. Diese Staatsmystik ist nichts als eine ideologische Schutzwand gegen die Entzauberung des Systems. B- 48Es liegt im Wesen jeder Diktatur, dass sie mit anderen gesellschaftlichen Herrschaftskräften darum ringt, die ganze Gewalt an sich zu ziehen und sonstige Herrschaftszusammenhänge zurückzudrängen. Aber in diesem Ringen haben die nationalsozialistische Partei und ihr Führer keineswegs Erfolg gehabt! Wer etwa glauben wollte, dass das Herrschaftsverhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter in Deutschland nur vom Willen Hitlers abhängig sei, der würde geradezu der nationalsoziali stischen Staatsmystik verfallen. Es ist immer noch richtig, dass neben dem nationalsozialistischen Parteistaat ein hochkapitalistischer Wirtschaftsstaat und ein Militärstaat steht. Zwar sind alle drei miteinander verfilzt, aber es ist eine vollkommene Verkennung der Machtverhältnisse, dem nationalsozialistischen Parteistaat mit Hitler an der Spitze die absolute Souveränität über die beiden anderen zuzugestehen! Gar die Behauptung, dass die direkte Einwirkung von grossindustriellen und grossagrarischen Interessenten auf die Diktatur geringer sei als auf die Regierungen der Republik, ist dummes Zeug. Der Herrschaftszweck des totalen Militarismus und diese Interessen gehen ineinander, und was die direkte Einwirkung anbelangt, so ist sie durch die Korruptheit des Regimes, die bei den höchsten Spitzen beginnt, geradezu in ein System gebracht worden. Es gibt für die Aufrüstung schliesslich nicht nur ideologische Antriebe, sondern sehr konkrete ökonomische Interessen. Zwar ist der Einfluss der Staatsmacht auf die Wirtschaft im Dritten Reich grösser als in der Republik, aber einmal hat die Diktatur auf diesem Gebiet nur die Erbschaft eines Entwicklungsprozesses angetreten, der sich aus tieferen sachlichen Zusammenhängen herleitet, und dann bleibt noch immer die Frage: wer ist die Staatsmacht? Es ist oberflächlich zu antworten: Die Staatsmacht ist die nationalsozialistische Diktatur, ebenso wie es oberflächlich wäre, zu sagen: die nationalsozialistische Diktatur ist nur eine neue Puppe in dem grossen Marionettentheater, das von den sagenhaften Drahtziehern der Grossbourgeoisie dirigiert wird. B- 49Gerade die neueste Entwicklung der Politik des Regimes zeigt, wie sich die politischen Zielsetzungen der vorgeblich allmächtigen und göttlich inspirierten Spitze den ökonomischen Interessen anpassen. Die Herren haben mit dem Frack auch die Ideologie der traditionellen Oberschichten angezogen, und von ihrer ursprünglichen Partei- Ideologie ist, abgesehen von Rassenwahn und Judenhetze, nichts übrig geblieben. Dieser Prozess ist typisch für das Wesen der nationalsozialistischen Herrschaft. Die Ersetzung der Blut- und Boden- Ideologie und der Ge. danken von Rosenberg durch die Kolonialpropaganda zeigt, wie stark der Nationalsozialismus sich dem wirtschaftlich- imperialistischen Denken der Vorkriegszeit angenähert hat. Die Ausrichtung der gesamten Wirtschaft auf die Rüstung hat die wirtschaftliche Situation unhaltbar gemacht, und nun o Wunder hört man nichts mehr von Schwert und Pflug, sondern man hört die politisch- wirtschaftliche Argumentation der Schwerindustrie und der Alldeutschen aus der Kaiserzeit- wie überhaupt das Ziel der Systempolitik dem der wilhelminischen Politik immer ähnlicher wird, und wie sich das Verhältnis zwischen Hitler und seinen Anhängern immer mehr nach dem Vorbild des Verhältnisses zwischen Wilhelm II. und dem Hurrapöbel gestaltet. Gerade in seinem Verhältnis zu den Massen stützt sich das System heute mehr denn je auf die Erringung der" Wehrfreiheit". Es ist eine Restauration. Noch im" Mythos des 20. Jahrhunderts" konnte Rosenberg sagen:" Der alte Nationalismus war vielfach nicht écht, sondern ein Deckschild für agrarische, grossindustrielle, später auch finanzkapitalistische Profitinteressen, weshalb das Wort, der Patriotismus sei die Zuflucht der grossen Gauner, nicht selten seine Berechtigung nachweisen konnte." Heute steuert das System in den Kurs des" alten Nationalismus" hinein, und enthüllt damit seine wahren Beziehun gen zu den agrarischen, grossindustriellen und finanzkapitalistischen Profitinteressen, und der Satz von Rosenberg hat heute schon direkt einen hochverräterischen, um nicht zu sagen landesverräterischen Klang. > B- 50Die Kolonialpropaganda soll von den wachsenden inneren Schwierigkeiten des Systems ablenken. Was die nationalsozialistische Ideologie nicht mehr erreichen kann die Bindung des Volkes an das System, soll die Rückkehr zur Vorkriegspolitik bewirken. Die Notwendigkeit der Ablenkung aber ist ein Symptom der inneren Schwäche des Systems. Auch wenn sie gelingt, wird sie die materiellen Schwierigkeiten des Systems nicht lösen sie wird höchstens vorübergehend das System davor bewahren, dass sein materialler Bankrott ins Volksbewusstsein eintritt. 2) Die innere Schwächung des Systems Die sachlichen Schwierigkeiten, mit denen das System kämpft, sind sehr gross. Wir haben sie in den vorhergehenden Abschnitten aufgezeigt. Jeder Versuch, ihnen zu entgehen, führt dazu, dass Interessen geschädigt werden, die im System vertreten sind alles lässt sich nicht auf die Arbeiterschaft abwälzen. Denn es ist die Kehrseite der äusseren Totalität: die Gegensätze bestehen fort, sie sind nur in die herrschende Partei selbst hineinverlegt. Da keine Parteien und offiziellen Interessenvertretungen bestehen, tritt dann an die Stelle des Kampfes von Parteien der Kampf von Einzelpersonen und Cliquen, die alle der herrschenden NSDAP angehören mit allen Rückwirkungen auf den Machtkörper der Partei. Es gehört zur politischen Ideologie des Systems, Interessen hinter ideologischen Antrieben politischer Entscheidungen zurückzustellen. Man kann gewiss mit äusserstem Gewalteinsatz die Gegenwirkungen geschädigter Interessen hinausschieben- aber am Ende werden sie sich doch bemerkbar machen! Daher das Suchen nach Ablenkung. Diese sachlichen Schwierigkeiten bringen das System in Zwangslagen. Das Ringen zwischen dem in der Führung verkörperten Einzelwillen und den grossen Aussenkräften bleibt grundsätzlich das gleiche, mag es sich um ein freiheitliches oder um ein diktatorisches' System handeln. Auch die Diktatur in B- 51Sowjetrussland konnte und kann nicht die Welt frei nach vorgefassten Plänen neu konstruieren, obwohl sie viel mehr und viel gründlicher Altes zerschlagen hat als die Nationalsozialisten. Die" Führung" des Systems ist heute schon darauf zurückgeführt, dass sie die Auswahl zwischen sehr begrenzten Möglichkeiten hat, und diese Begrenzung wird immer enger! Das ist die Wirklichkeit, wie sie der Staatsmsystik und dem Allmach twahn der Diktatur entgegensteht, die sogar manchmal Feinde des Systems zu ergreifen scheinen. Diese Begrenzung ist schon so eng geworden, dass es dem System auf wirtschaftlichem Gebiet im weitesten Sinne nicht mehr möglich ist, eine geplante Politik durch eine Politik des Abwartens, des" wait and see" zu ersetzen, sondern dass es hier schon durch Druck zu Zwangsentscheidungen vorwärtsgetrieben wird. Wohl ist es richtig, dass es dem System jederzeit frei steht, das Netz des Zwanges durch den Krieg zu zerreissen- aber wie jede Ablenkung, ist der Krieg nicht Befreiung, sondern nur Verschiebung der politischen Zwangsprobleme. Wir haben die beiden Richtungspunkte gezeigt, zu denen das System hingedrängt wird: Annäherung an den mehr oder weniger liberalen Begriff der Weltwirtschaft, Annäherung an den mehr oder weniger liberalen und demokratischen Völkerbund. Das zeigt, dass das System eine Politik übernehmen muss, die weder in seiner Absicht lag, noch mit den nationalsozialistischen Grundsätzen vereinbar ist. Wir zweifeln nicht, dass das System diese Schwenkung vornehmen könnte, wenn es sonst eine Katastrophe fürchten müsste. Es wird jedes Mittel benutzen, das seiner Machtbehauptung wirklich nützen kann. Wird eine solche Schwenkung auf den Geist und die inneren Methoden des Systems zurückwirken? Würde sich die aus einer Hinwendung der Wirtschafts politik zum Weltmarkt ergebende stärkere Verbindung mit freiheitlichen Ländern und ihren Kultur- und Rechtsauffassungen nicht das Gefühl für die Unfreiheit und Barbarei in Deutschland verstärken? Wird die Folge davon mehr geistige, kulturelle und damit politische Freiheit im Innern sein? Die inneren B- 52Methoden des Systems und seine Isolierung stehen unverkennbar im Zusammenhang. Wie weit das Einschlagen eines aus der Isolierung führenden Weges einen Zwang zur Lockerung der Diktatur in sich schliesst, ist eine Tatfrage. Die Annäherung an den Westen hat in Sowjetrussland zu demokratischen Erklärungen und Versprechungen geführt, aber den Versprechungen sind bisher keine Taten nachgefolgt. Wie würde der gleiche Weg auf das deutsche System wirken, das sich nicht so am Rande Europas befindet wie Sowjetrussland? Diese Fragen sind offen. Sie zeigen aber, in welche Richtung das System gedrängt werden muss, wenn es genötigt ist, wesentliche Züge seiner Politik nach aussen preiszugeben. Allerdings besteht auch in einer so straff organisierten Diktatur wie der nationalsozialistischen erheblicher Spielraum für sachliche Auseinandersetzungen. Die Diktatur kann solche Auseinandersetzungen z.B. über ihre Wirtschaftspolitik in erheblich grösserem Umfange als bisher zulassen, ohne unmittelbar für ihren Bestand fürchten zu müssen und die sogenannte nationalsozialistische" Weltanschauung" ist ein so nebelhaftes Gebilde, dass sich darin alles unterbringen lässt. Aber die Schwierigkeit für das System liegt darin, das Weiterdenken zu verhindern, das zwangsläufig bei einer Kritik des ganzen Systems landen muss. Unzweifelhaft ist, dass die Preisgabe der nationalsoziali stischen Ideologie, der Rückfall in den Vorkriegspatriotismus eine innere Schwächung der NSDAP bedeutet. Die Annahme einer auf Weltwirtschaft und Völkerbund zielenden Politik müsste diesen Prozess verstärken. Ganz allgemein gesprochen gilt der Satz: die Wendung einer Partei zu einer Politik, die mit ihren zentralen Glaubenssätzen unvereinbar ist, geht niemals ohne entscheidende innere Schwächung der Partei ab, mag es sich nun um eine faschistische Partei mit organisatorischem Monopolcharakter oder um eine Partei neben anderen Parteien handeln. Denn auch neben der nationalsozialistischen Monopolpartei bestehen die anderen Parteien fort, sei es als illegale Organi B-53- sationen, sei es als geistige Richtungen. Diese innere Schwächung mag unter dem Schein unveränderter Kraft und unveränderter organisatorischer Entscheidung verborgen bleiben- aber in den Tagen der Prüfung wird sie dann wirksam und sichtbar. Niemals darf über dem Schein ungebrochener Kraft des Systems vergessen werden, dass diese stillen, langsam aber sicher wirkenden Prozesse schon längst im Gange sind. Wichtiger noch als die Rückwirkung auf den Glauben und die politische Festigkeit der Anhänger der NSDAP ist die Rückwirkung solcher Manöver der Diktatur auf die Beziehung zwischen System und Volk. Die Diktatur ist schliesslich nicht etwas ein für allemal Gegebenes, sondern ein Beherrsohungsprozess. Als sie begann, erschien sie einem grossen Teile des Volkes als Helfer in der Not, als Hoffnungsanker. Aber heute noch Hoffnungsanker? Dieser Volksglaube besteht nicht mehr, aus ihm fliessen der Diktatur keine Kraftströme mehr zu. Es ist eine der ältesten Erfahrungen, dass zur Herrschaft immer zwei gehören: nicht nur der Herrschaftswille auf der einen Seite, sondern auch das Sichergeben in die Herrschaft auf der anderen. Diese andere Seite- das ist das Volk. Auch der stärkste Herrschaftsapparat, mag er noch so selbständig sein, so mechanisiert und automatisiert, so kastenmässig abgeschlossen, kann nicht ohne das Volk leben. Wenn die Trennung vollkommen wird, wenn vom Volke her keine Kraftströme mehr diesem Herrschafts- apparat zufliessen, so hat er die Höhe seiner Bahn überschritten. Dann beginnt jene Periode, in der die Herrschenden sich fragen: wie lange trägt es uns noch? Es gibt zwei wichtige Symptome dafür, dass dieser Punkt erreicht ist: der innere Abfall der Mitläufer, der grossen Masse von der nationalsozialistischen Partei, und das Sieh-Abschlies- sen der fanatischen Nationalsozialisten von ihrer Umgebung. Die Mitläufer, die Enttäuschten wollen es heute schon nicht mehr gewesen sein. Sie lehnen die Verantwortung ab. Es besohleicht sie eine Ahnung, dass sie sich beizeiten in Sicherheit bringen müssen, wenn der Boden des Systems zu erzittern beginnt. Das is B- 54ein wichtiges Symptom der Isolierung des Systems vom Volk. Und die unentwegten Nationalsozialisten, die mit ihrer ganzen Existenz dem System verhaftet sind, so dass sie sagen müssen: " brichts, dann brichts auch bei uns", die deshalb mit Nägeln und Zähnen sich an ihren Anteil an der Herrschaft klammern, die aber das Volk nur als Objekt sehen, weil sie nur noch gegen das Volk existieren können, nicht mehr mit dem Volke, die sich verbissen abschliessen, weil sie die Wirkungslosigkeit ihrer Phrasen und ihrer Sprache erkennen das ist ein nicht minder wichtiges Symptom. In der staatsrechtlichen Konstruktion der modernen Diktaturen fällt der Monopolpartei die Aufgabe zu, das Volk in der Staatsführung zu" repräsentieren". Die NSDAP als" Repräsentantin" des Volkes in der Regierung, im Reichstag, in den Selbstverwaltungskörpern, die NSDAP als Mittlerin zwischen Volk und Staat- sie ist schon heute dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen, weil sie kein Ansehen mehr im Volke hat. Sie kann schon heute mit der modernsten Propagandatechnik der wachsenden Entfremdung zwischen Staat und Volk kaum noch entgegenwirken. Dieser Prozess wird weitergehen. Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Einzelinteressen und welche Klasseninteressen dabei wirksam sind und zusammenfliessen, es kommt vor allem darauf an, dass die grosse Zweiteilung hier System, hier Volk ins Bewusstsein der Volksmassen dringt. Damit erst bildet sich wieder ein Volk, wird aus einem Objekt des Systems wieder eine lebendige Kraft. Der allgemeine Schrei:" So kann es nicht weitergehen!" ist in der ganzen menschlichen Geschichte immer die stärkste revolutionäre Kraft gewesen. Allgemeine Volksrevolutionen entspringen grossen allgemeinen Gefühlen und Stimmungen, die schliesslich zur Explosion drängen. Der moderne Putschismus in jeder Gestalt hat theoretisch und praktisch. rasch wirkende Techniken des Staatsstreiches ausgearbeitet aber die grossen anonym wirkenden Volkskräfte lassen sich mit keiner Technik erfassen und auf die Dauer bekämpfer Pei de Gleichung " Macht gegen Volk" wird am Ende das Volk 1 der starkere Teil 20 B-55 sein. Das Volk, das sind jene Massen, die die Herrschaft nicht mehr ertragen wollen, und die sich darum zusammenfinden in dem allgemeinen Schrei nach Freiheit. Welche Fristen dieses Ringen allgemeiner Volksstimmungen gegen organisierte Herrschaftsmacht erfordert, wie lange es dauert, bis die moralische und willensmässige Zersetzung bis in die Kernstellungen des Systems vordringt, ist unberechenbar. Aber ein Blick auf die Geschichte der Revolutionen und der grossen Zusammenbrüche lehrt, dass das Tempo solcher Entwicklungen von bestimmten Punkten und von besonderen Zufällen an plötzlich rasend schnell werden kann. Die führenden Köpfe des Systems wissen dies so gut wie wir. Daher die Dauerfurcht und der Dauerterror, die unaufhörliche Aufeinanderfolge der Verfolgungswellen gegen die offensten und kühnsten Feinde des Systems. Die Männer des Systems fühlen das unerbittliche Schrei ten des Schicksals, sie suchen ihm Dämme entgegenzustellen, aber immer stärker beschleicht sie die Sorge; werden die Dämme halten, wenn der Sturm kommt? 3) Freiheit und Sicherheit Wer die Machtlage nur mit dem Massstab sichtbarer und handgreiflicher politischer Bewegungen misst, dem wird sich das deutsche Volk von heute ermattet, indifferent, unpolitisch darstellen, als eine träge Masse, die nur reagiert, wenn das System durch seine Propaganda gewohnte und überkommene Ideologien wiedererweckt. Es ist soviel richtig, dass der normale Mensch in normalen Zeiten nur ein loses Verhältnis zur Politik hat selbst innerhalb politischer Organisationen, und dass auf Zeiten der Massenleidenschaft regelmässig Zeiten der Indifferenz folgen. Im ewigen Wechsel von Ermattung und neuen Anspannungen vollzieht sich die Weiterbewegung des sozialen Lebens. Hat es nicht im Laufe dieser drei Jahre Ansatz auf Ansatz zu Opposi tionsbewegungen gegeben, bald auf diesem, bald auf jenem Gebiet? Wechseln nicht Hoffnung und Resignation, Kritik und B- 56Lethargie, Bewegung und Ermattung dauernd ab? Aus der geschichtlichen Erfahrung ergibt sich ein unerschütterlicher Satz: jede Herrschaft, sie mag sein wie sie will, ruft durch ihr Wirken Kräfte hervor, die nach Befreiung ringen. Das gesellschaftliche Leben nimmt seinen Weg von Befreiung zu Befreiung. Je grösser und je fester die Herrschaftsmacht, je mehr sie auf Organisation und Regulierung und Zwang beruht, desto mehr Kräfte werden dadurch unter Druck gehalten. Immer finden sich Kräfte, deren Ziel es ist, den Druck zu beseitigen und Bindungen zu sprengen, und je weniger Ventile ein Herrschaftssystem offen lässt, desto grösser wird der Drang zur politischen Aktivität. Warum finden sich denn immer wieder illegale Kämpfer in Deutschland trotz Gestapo und trotz Justizterror? In diesem unerhört straffen Herrschaftssystem existiert ein unterirdischer politischer Aktivismus. Er wird getragen von dem Gefühl, dass Widerstand gegen dies System eine sittlich- politische Notwendigkeit ist aber ebenso von dem Wissen darum, dass diese Herrschaft mit innerer Notwendigkeit zusammenbrechen muss. Dieser Aktivismus ist notwendig, ist mit dem System untrennbar verbunden, das ihn immer wieder erzeugt- er ist deshalb mit Erwägungen und Urteilen rein rationaler Zweckmässigkeiten nicht zu erfassen und seine wahre innere Kraft entzieht sich jeder Analyse. Das Volk steht unter Spannungen. Wie könnte es anders sein unter einem System, das alle Kräfte entfesselt, die es selbst untergraben müssen: Rechtsbruch, Ausbeutung im weitesten Sinne, Parasitentum, Protektion, Begünstigung, Korruption, Uebermut der Aemter, Willkür. Das Wirken des Aktivismus und die durch den Herrschaftsdruck erzeugten Spannungen müssen zusammenfliessen in der Idee der Freiheit. Die Abkehr von der Idee der Freiheit war zeitgebunden. Die schwere Wirtschaftskrise hat in den Arbeitern das Bedürfnis nach wirtschaftlicher Sicherheit übermächtig werden lassen und viele waren schliesslich bereit, die Freiheit und ihre B- 57Errungenschaften gegen das Versprechen von" Arbeit und Brot", von wirtschaftlicher Sicherheit, preiszugeben. Grosse Teile der Arbeiterschaft haben geglaubt, durch die Hinnahme des Systems Freiheit gegen Sicherheit eintauschen zu können. Das System belehrt sie durch sein Wirken, dass es ihnen weder Freiheit noch Sicherheit lässt! Und was für die Arbeiter gilt, gilt für alle. Die Zeit nähert sich ihrem Ende, in der Freiheit und Sicherheit gegeneinander abgewogen wurden, und Knechtschaft die Folge war!