Deutschland- Bericht der Sopade Prag I. 3. Jahrg.Nr. 2 Februar 1936. Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 1 Zusammenfassende Berichte aus Berlin, Mittelund Westdeutschland- Die Haltung der ReichswehrDer Eindruck des Gustloff- Attentats- Der Propagandarummel bei der Winter- Olympiade Amtlich gehobene Karnevalsstimmung II. Die Jugend im Dritten Reich 1) Allgemeine Berichte 2) Die Hitler- Jugend Die Stimmung in der HJ- Zwang und Propaganda Die Jugend im Betrieb- Das Betätigungsmonopol der HJ- Die Verrohung der Jugend. 3) Aus der Schule 15 15 12 22 40 Zusammenfassende Berichte aus Sachsen und Rheinland- Westfalen- Lehrpläne und Lehrstoff- Der nationalpolitische Unterricht am Staats jugendtag Die Haltung der Lehrer Der Einfluss der neuen Erziehungsmethoden auf die Schüler Der Terror in der Schule 4) Von den Hochschulen III.Korruption und Misswirtschaft 63 69 69 1) Misswirtschaft und Verfehlungen 75 Berichte aus Bayern, der Pfalz, aus Baden, Hessen, dem Rheinland aus Nordwestdeutschland, von der Wasserkante, aus Berlin- Brandenburg, Mitteldeutschland, Sachsen und Schlesien -22) Unterschlagungen von Nationalsozialisten A 92 a) NSDAP, HJ, SA und ss 92 b) NS- Volkswohlfahrt und Winterhilfe 94 c) NSBO, DAF, Kraft durch Freude 96 d) Betriebe loo e) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen f) Verwaltung lol 102 ==== Tei 1 B: Uebersichten H Länderübersichten ( II): U.S.A. I. Amerika auf dem Wege zur Gemeinwirtschaft? 1) Antikapitalistischer Mittelstand 2) Roosevelts Verdienste und Fehler B 1 1 15 5 3) Intellektuelle und religiöse Kräfte für Fortschritt lo 4) Die Arbeiterbewegung II. Amerikanische Aussenpolitik 1) Der amerikanische Pazifismus 2) Amerika und Hitler- Deutschland 14 17 17 21 Te i 1 A A- 1( Abgeschlossen am 9. März 1936) I. Die allgemeine Situation in Deutschland === Die im letzten Monat eingelaufenen Berichte über die allgemeine Situation bieten im wesentlichen dasselbe Bild wie in den Vormonaten. Wir begnügen uns daher damit, einige herauszugreifen, die uns einen besonders guten Ueberblick zu geben scheinen. Berlin: Das System steht noch ziemlich fest. Allerdings beruht diese Festigkeit weniger auf der allgemeinen Stimmung als auf der Stärke seiner Machtmittel. Im Gegensatz zu vielen Genossen, die sehr optimistisch sind und den Zusammenbruch des Regimes in naher Zukunft erwarten, bin ich selbst skeptisch. Noch sind keine wesentlichen Widerstände da. Noch scheitert die Wirksamkeit der bisherigen illegalen Arbeit am Gehalt des Staates selbst. Noch immer wird ein grosser Teil der Bevölkerung durch die nationalsozialistische Propaganda und Politik in Bann gehalten. Es gibt auch noch keine tiefe Enttäuschung über den Nationalsozialismus. Man sieht zwar, dass auch bei diesem System nur mit Wasser gekocht wird, aber grundsätzlich wird noch nicht erkannt, dass mit der Erfüllung des nationalsozialistischen Programms nicht mehr zu rechnen ist. Insbesondere der kleine Mann bemerkt keinen wesentlichen Bruch zwischen der jetzigen Politik und den früheren nationalsozialistischen Programmforderungen, denn er war ja überhaupt nie mit dem nationalsozialistischem" Gedankengut" vertraut. Gewiss wird der völlige Mangel an geistiger Nahrung empfun den. Aber auch die gebildeten Schichten verfallen langsam einer allgemeinen geistigen Trägheit. Das Denken wird in Deutschland schwergemacht und das selbständige Denken ist dazu noch mit einem grossen Risiko verbunden. Die Folge ist, dass das Denken nachlässt. Unter den Anwälten z.B. gab es früher in den Anwaltszimmern auf den Gerichten immer eine. lebhafte Diskussion über alle möglichen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen. Heute ist diese Diskussion fast völlig ausgestorben und zwar nicht nur die politische, sondern auch die Diskussion über andere Gebiete. Noch stärker wirkt die Erschwerung und Gefährdung des Denken: 44 A -2naturgemäss auf Nichtintellektuelle. Es kommt hinzu, dass prominente Leute, Hochschulprofessoren, Künstler usw. sehr oft ins Horn der Regierung blasen, sich bemühen, das Gute an den herrschenden Zuständen hervorzukehren und mit Kritik zurückzuhalten. Kann sich in den gebildeten Schichten wesentliche Kritik nicht äussern, so ist die Kritik in den einfachen Volkskreisen durchweg nie grundsätzlich, sondern immer speziell nie allgemein, sondern stets auf den persönlichen Bereich gerichtet. Diese Kritik hört sofort auf, wenn der kritisier te Uebelstand abgestellt worden ist, oder wenn der Anlass zu Kritik durch eine andere Tatsache überschattet wird. So steht z. B. nach wie vor fest, dass die Erringung der Wehrfreiheit alle anderen Nachteile des Regimes im Empfinden weiter Volkskreise ausgleicht. Hinzu kommt noch die ausserordentliche Geschicklichkeit der Propaganda, die immer wieder neue Wirkungen entfaltet. Jede Leistung des Regimes wie z. B. die Olympiadevorbereitungen, jede Aeusserung des Staates wird durch diese Propaganda ganz gross aufgezogen und wirksam in das Bewusstsein der Massen hineingehämmert. Auch das Ertragen der Opfer wird von dieser Propaganda wesentlich erleichtert, weil sie es fast immer versteht, den Massen einigermassen plausible Erklärungen dafür zu geben. Zurzeit der Butterknappheit gelang es z.B., den breiten Massen diese Erscheinung als eine Wirkung eines allgemeinen Wirtschaftskrieges gegen Deutschland darzustellen. Schliesslich ist auch die psychologische Entbehrungsgrenze noch nicht erreicht. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Wirkung der Massenbeeinflussung in einer deutlichen Verdummung und Einschläferung sichtbar wird. Gleichwohl muss man sich darüber klar sein, dass es einè der wesentlichen Schwächen des Natic nalsozialismus ist, dass er seine Macht und seinen Einfluss ausschliesslich auf politische Gegenwartsaktionen stützt und von der Verwirklichung von Gedanken und Plänen lebt, die jahrelang vor seinem Machtantritt angebahnt worden sind. Und noch eins: Dieses Regime steht allein auf politischen Füsser und die beanspruchte geistige Omnipotenz ist einfach nicht da. Die brutalen Mittel, die das System zur Unterdrückung der Opposition anwendet, finden in der Bevölkerung keine Billigung. Sowohl die Urteile der Sondergerichte wie insbesondere die hohen Strafen, die in Hochverratssachen verhängt werden, stossen fast überall auf Unverständnis und zwar nicht nur innerhalb der Arbeiterschaft, sondern auch ir bürgerlichen und politischen Kreisen." Mit solchen Methoden wird wohl kaum der Staat Rückhalt finden können", heisst es in diesen Kreisen. Ja, es gibt sogar Nationalsozialisten, die z. B. von einem Verurteilten,.den sie zufällig kennen, sagen:" Das war doch ein sehr feiner Kerl, warum hat man der so schwer bestraft? Diese hohen Strafen sind doch Unsinn, das schadet doch nur dem Staat." Ueberhaupt muss man bedenke A- 3dass diese Urteile nicht nur den Angeklagten selbst treffen, sondern auch seine Familie, seine Verwandten und seinen Bekanntenkreis, dass also jede einzelne Strafmassnahme in einem mehr oder minder grossem Kreis Erbitterung, Abscheu, Furcht und Entsetzen hervorruft. Allgemein kann man sagen, dass bei kriminellen Verbrechen die Härte der heutigen Strafen von der Bevölkerung anerkannt wird, aber im Bereich der politischen Vergehen wird diese Härte nicht gebilligt. So ist es auch mit den Todesurteilen. Todesurteile gegen Mörder finden Zustimmung; Todesurteile gegen politische" Verbrecher" stossen auf Ablehnung. Ein bezeichnendes Beispiel für die Haltung der Bevölkerung zu den politischen" Verbrechern" hat sich vor einiger Zeit bei dem grossen Prozess in Wuppertal ereignet. Dort liegt das Gefängnis ganz nahe beim Gerichtsgebäude. Trotzdem wurdé im allgemeinen für den Transport der Gefangenen zwischen dem Gefängnis und dem Gerichtsgebäude die Grüne Minna benutzt. Eines Tages aber waren so viele Angeklagte vorzuführen, dass der Transport im Wagen zu umständlich war. Infolgedessen liess man die Gefangenen unter starker Bewachung zu Fuss hinübergehen. Das war auf irgend eine Art bekanntgeworden und als die Gefangenen nach der Gerichtssitzung auf demselben Wege zurückkehrten, hatte sich eine sehr grosse Menschenmenge eingefunden, die schweigend die Gefange nen auf ihrem kurzen Wege begleitete. Irgend ein Mann aus der Menge nahm den Hut ab und alle übrigen folgten diesem Beispiel. Diese schweigende Demonstration war von einem ungeheueren Eindruck und ganz Wuppertal spricht noch heute davon. Die Gefängnisverwaltung hat daraus den Schluss gezogen, in Zukunft nur noch Transporte in geschlossenem Wagen durchzuführen. Diese Einstellung der Bevölkerung zu den politischen Prozessen erklärt sich auch daraus, dass die Prügelmethoden der Polizei ziemlich allgemein bekannt sind. Etwas anders steht es mit den Konzentrationslagern. Hier wenden die Nationalsozialisten seit einiger Zeit die Methode an, die Konzentrationslager als blosse Besserungsanstalten für asoziale Elemente hinzustellen, um auf diese Weise ihr Weiterbestehen zu rechtfertigen und die Tatsache zu verschleiern, dass sie nach wie vor mit politischen Gefangenen gefüllt werden. Natürlich gibt es in der Bevölkerung einzelne günstige Urteile über die Prügel- Methoden: Es wird nicht so schlimm sein, sagen die Beurteiler. Wie soll man denn sonst die Wahrheit herauskriegen. Aber die grosse Masse ist doch empört. Mitteldeutschland: Ein Querschnitt durch die verschiedenen Kreise der Opposition in Deutschland zeigt etwa folgendes Bild: Die Kommunisten rechnen angeblich allen Ernstes damit, dass, wenn es zum Thälmann- Prozess kommen würde, Demonstrationen und Aktionen ihrer Leute möglich wären. Die Angaben dieses kommunistischen Funktionärs entsprechen der allgemeinen optimistischen Grundhaltung der Kommunisten, und der A-4immer wieder von ihnen an den Tag gelegten ausserordentlichen Illusionsfähigkeit. Zum Verständnis der Haltung der Kommunisten ist zu bedenken, dass der Durchschnitt der von ihrer illegalen Arbeit erfassten Leute jünger ist als bei uns.( Anders ist es allerdings bei den aktiven illegalen Arbeitern.) Diese durchschnittliche grössere Jugendlichkeit führt bei den Kommunisten dazu, dass sie hitziger und unvorsichtiger sind und dadurch mehr Verhaftungen als die Sozialdemokraten aufzuweisen haben. Die Kommunisten wissen auch selbst, dass sie unerhört viel Spitzel in ihren Reihen haben. Wenn man mit kommunistischen Gefangenen oder Verurteilten spricht, kann man immer wieder Fälle hören, dass sie hochgegangen sind, weil z. B. ihr illegaler Kreisleiter sich als ein Gestapomann herausgestellt hat. Die kommunistische Opposition( Brandlerianer) sind noch weit optimistischer als die linientreuen Kommunisten. Sie haben in ihrer Arbeit sehr streng das Kadersystem durchgeführt und verfügen heute zweifellos über einige ausgezeichnete revolutionäre Köpfe. Sollte es tatsächlich in kur. zer Zeit zu einem Sturz der Hitler- Diktatur kommen, so müsste man mit dieser Gruppe rechnen, sie ist zahlenmässig allerdings nur verschwindend gering. Die Genossen in unserem Bezirk waren durch Verhaftungen eine Zeit lang stark erschreckt. Bald stellte sich aber heraus, dass die Verhaftungen nur einen sehr kleinen Prozentsatz des illegalen Apparates erfassten und die Verhafteten standhielten. In dieser Situation haben frühere leitende Funktionäre der Partei, die die illegale Arbeit ablehnen, eine unrühmliche Rolle gespielt. Sie sind herumgelaufen und haben über die illegale Arbeit absprechende Urteile gefällt, wie:" Da sieht man, was sie davon haben, jetzt kommen sie ins Zuchthaus und nicht lebend wieder heraus." Nach wie vor gibt es bei unseren Leuten viele Illusionen. Noch immer werden aussenpolitisch fantastische Vorstellungen genährt. Man rechnet mit einem Einmarsch der Franzosen, wenn Hitler die entmilitarisierte Rheinzone nicht respektiert usw. Oft ist dieses Hoffen auf die Befreiung von aussen eine Reflexerscheinung der Tatsache, dass man es für aussichtslos hält, die Befreiung im Innern zu erkämpfen. Bezeichnend ist aber, dass alle Gefangenen, mit denen man im Konzentrationslager oder im Untersuchungsgefängnis sprechen kann, glauben, dass sie ihre Zeit nicht abzusitzen haben. Alle hoffen auf sehr baldige Befreiung. Die Mitte ist nach wie vor tot, nur einige junge Pfarrer haben kleinere Kreise von Kirchenanhängern um sich geschart; meist sehr junge Menschen, die eine gesinnungsmässig feste und mutige Avantgarde darstellen, in deren Reihen man z. B. auch die" Sozialistische Aktion" liest. Die Deutschnationalen sind ausserordentlich aktiv und mit diesen Kreisen ist für die weitere Entwicklung noch zu rechnen. Sie verbreiten jetzt eine illegale Zeitung. Ihre massgebenden Anhänger stammen aus den Kreisen der Grossgrundbe A- 5sitzer, der Industrie und vor allem der Reichswehr. Unter diesen Reichswehranhängern befinden sich einige ältere Generale und hinter diesen soll ein grosser Teil der Stabsoffiziere stehen. Für die Haltung der Arbeiterschaft hat das Heine- Wort von der Suppenlogik mit Knödel- Gründen grössere Bedeutung denn je. Von einem Teil der Arbeiter, auch von Leuten, die früher in der Partei und im Reichs banner waren und dort Funktionen gehabt haben, kann man mitunter hören: Ihr habt immer grosse sozialistische Reden gehalten, die Nazis aber haben uns Arbeit gegeben. Gewiss gibt es nicht viel Lohn, aber ich brauche nicht mehr zu Hause untätig herumzusitzen, so dass mir das Leben zur Last fällt. Mir ist es egal, ob ich Granaten drehe oder Autostrassen bau, arbeiten will ich. Warum habt Ihr nicht mit der Arbeitsbeschaffung ernst gemacht? Und bei jungen, ehemaligen Parteigenossen kommt noch eins hinzu: Die Partei hat versagt, weil lauter Juden in der Führung waren. Die waren alles Enkel, Söhne oder Neffen von Kapitalisten und haben deshalb mit dem Sozialismus nicht ernst machen wollen.- Auf diese Weise bemänteln solche Leute ihre innere Neigung zum Uebergang zum Nationalsozialismus. Sie wollen mit den Nazis ihren Frieden machen und dazu brauchen sie eine derartige Theorie.( Diese Einstellung eines Teils der Arbeiterschaft hindert aber nicht, dass ausnahmslos alle Leute eine grosse Wut über die Versamm lungen, Appelle und das grosse Theater haben, das die Nazis aufstellen. Diese Wut ist auch bei denen im Anwachsen, die sich offen zum Nationalsozialismus bekennen.) Wenn man diesen Leuten sagt: Gewiss ist Arbeit beschafft worden, aber nur durch riesige Anhäufung von Staatsschulden und das Geld des Staates wird bald ein Ende nehmen, denn das Schuldenmachen kann doch nicht endlos weiter betrieben werden, Was soll dann kommen? Vielleicht gibt es eine Inflation. Dann hört man die Antwort: Ja, wenn es nicht mehr weitergeht und wenn eine Inflation kommt, dann schlagen wir die Nazis tot. So zeigt sich die Einstellung der Arbeiterschaft jenseits jeder Ideologie. Der durchschnittliche Arbeiter hat nun einmal in erster Linie ein Interesse an der Arbeit und nicht an der Demokratie. Leute, die früher begeistert für die Demokratie eingetreten sind, zeigen sich an der Politik überhaupt nicht interessiert. Man muss sich klar sein darüber, dass der Mensch einfach in erster Linie Familienvater und Berufsmensch ist, und dass die Politik erst in zweiter Linie bei ihm kommt und zwar auch nur dann, wenn er sich etwas davon verspricht. Viele lehnen aus dieser Grundeinstellung heraus die Beteiligung an der illegalen Arbeit ab, sie glauben, dass sie kei nen Zweck hat und dass man deswegen nur ins Zuchthaus kommen kann. Aber sie gehen deshalb noch keineswegs zu den Nazis. Ein wichtiges Moment- mir erscheint es sogar als eine Kernfrage unserer Politik ist noch: Unsere Leute sind heute jeder anationalen Haltung abgeneigt, sie sind zwar für A- 6eine internationale Verständigung, sie fühlen sich aber in erster Linie als Deutsche. Das kann man ihnen nicht austreiben. Ebenso steht fest, dass es keinen Kommunismus gibt, der sich in Deutschland halten könnte. Für den Kommunismus sind in Deutschland einfach keine Vorbedingungen da, weder wirtschaftliche noch massenpsychologische. Es kann für Deutschland nichts anderes geben als eine breite sozialistische Bewegung, die nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch das Bauerntum erfasst, also 80zusagen das ganze Volk. Diese entschiedene Haltung gegenüber dem Kommunismus schliesst nicht aus, dass unsere Leute hier und da mit den Kommunisten zusammenkommen, auch ein mal Material austauschen. Das ist nichts weiter als eine Form praktischer Arbeitsgemeinschaft, nichts anderes als die Gemeinschaft unter Gefangenen in einem Zuchthaus, bei der die ideologischen Scheidewände bestehen bleiben. Für die Gesamtentwicklung muss man berücksichtigen, dass die Leidensfähigkeit des Volkes noch ausserordentlich zu steigern, der Lebensstandard noch stark zu senken ist. Schliesslich aber werden nicht unsere Leute es sein, die das Regime stürzen, sondern die treibenden Kräfte werden aus den Reihen der Nazis selbst kommen. Die enttäuschten Nationalsozialisten werden selbst gegen ihre Führer auftre ten, weil sie ihre Versprechen nicht erfüllen konnten. Dann wird eine andere nationalsozialistische Garnitur ans Ruder kommen und die wird noch grösseren Unsinn treiben und so wird die allgemeine Zersetzung immer weiter fortschreiten. Schon heute ist deutlich fühlbar, dass z.B. SS- Leute, die 30 bis 35 Jahre alt sind, ganz anders zum Regime stehen als die jungen 19 bis 20- jährigen. Je älter diese Leute werden, je mehr ihre Ansprüche wachsen, umso schmaler wird die Existenzbasis, die ihnen in der SA geboten werden kann. Ein Mann in den 30er Jahren hat andere Ansprüche; er will eine Familie gründen, er ist auch schon etwas bequemer und der Dienst fällt ihm schwerer. Eines Tages werden diese Leute am ehesten die Geduld verlieren und aus dem Zersetzungsprozess in ihren Reihen werden dem Regime die Hauptschwierigkeiten erwachsen. Das soll aber nicht bedeuten, dass es die Aufgabe der ille galen Arbeit sein kann, diesen Zersetzungsprozess dadurch zu fördern, dass die illegalen Arbeiter in die nationalsozialistischen Organisationen hineingehen. Diese kommunistische Parole ist völlig falsch. Praktisch kann diese Aufgabe gar nicht gelöst werden. Soweit illegale Arbeiter diesen Versuch machen, könnten sie sich nur kompromittieren, sie könnten zum mindesten gar nichts durchsetzen, weil sie nach der einen wie nach der anderen Seite ein schlechtes Gewissen haben müssten. Ein Reisebericht aus Westdeutschland: Dem oberflächlichen Beobachter scheint in Deutschland alles in schönster Ordnung A-7Wer aber Land und Volk kennt, wer versteht, ins Volk hinein zuhören, der wird auf Schritt und Tritt auf die unvorteilhafte Veränderung stossen, die dieses Land durchgemacht hat Das Leben, wie man es früher kannte, ist erstorben. Die Not ist ungeheuer gestiegen. Die Menschen sind mürrisch und gedrückt. Ich habe mit diesen Menschen gesprochen und immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie durchweg unzufrieden sind. Nichts ist besser, das meiste aber schlechter geworde Mein Weg führte mich zunächst nach A. am Niederrhein. Ich ging in ein mir von früher her bekanntes, grosses Speiselokal. Es war Mittagszeit und doch war ich der einzige Gast." So geht es nun schon sehr lange", sagte der Ober, " aber es muss doch mal anders werden. Ich glaube, es war falsch, dass wir Hitler wählten." In B. standen drei Erwerbslose an einer Selterswasserbude. Ich stellte mich ein bisschen dazu. Die drei unterhielten sich in ziemlich abfälliger Form über die Verhältnisse. Ich verteidigte Hitler zum Schein. Da schimpften sie erst richtig los. Schliesslich kamen wir ernsthaft in ein Gespräch und da musste ich feststellen, dass die Leute völlig ratlos waren. Keine Ahnung von den Notwendigkeiten. Alle hofften sie auf irgend etwas, was von irgendwoher kommen könnte. Sie selbst haben sich völlig in ihr Schicksal ergeben und dösen im Grunde so dahin.( Diese Erwerbslosen erzählten mir übrigens, dass in der Nacht zum 11. Februar in B. von unbekannten Tätern der an der Parteistelle hängende Stürmerkasten heruntergerissen, demoliert und in die Abortgrube der Schule geworfen worden sei.) In C. hatte ich Gelegenheit, die Anreisser- Methoden beim Verkauf der Arbeitsbeschaffungslose kennen zu lernen. In den Strassen hat man Trommeln zum Zwecke der Reklame aufgestellt Mittels der Trommeln, die dauernd die zu verkaufenden Lose mischen, sucht man das Publikum anzulocken. Zufällig beobachtete ich einen Mann, der, ohne lange auszusuchen, vier Lose an einer Verkaufsstelle kaufte und dann weiter schoh. Mein Weg führte mich mit dem Mann weiter. An der nächsten Trommel kaufte der Mann mit demselben Gleichmut vier Lose.. Jetzt wurde ich aufmerksam und ich konnte dasselbe Schauspiel an noch weiteren zwei Verkaufsstellen beobachten. Der Mann hatte also Auftrag, den Käufer zu markieren und andere zu animieren.• Am gleichen Orte führte mich der Zufall mit Bibelforschern zusammen. Diese Leute sind zwar ein bisschen komisch, aber sie wissen sehr gut Bescheid. Ich hatte den Eindruck, dass sie über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten werden. Die Leute sind absolute Hitlergegner. Bei ihnen grassieren auch Gerüchte aller Art. In D. kam ich gerade recht, um mit eigenen Augen sehen zu können, wie Kinder in den Arbeitervierteln die Müllkästen nach Papier, Pappe und anderen Gegenständen durchsuchten und in Säcke steckten. Dasselbe sah ich in E. zur Mittagszeit. Erwerbslose, Männer und Kinder kramten die Müllkästen aus. In den besseren Vierteln suchte man sogar Lebensmittelabfäl le heraus. So etwas hat es früher in Deutschland nicht gegeben. Ueber die Haltung der Reichswehr haben wir zuletzt im Dezember 1935(Nr. 12 S.5 ff) einen Bericht gebracht. Damals gaben wir ein Gespräch zwischen einem Sozialdemokraten und einem Stabsoffizier wieder. Im folgenden bringen wir einen kurzen Bericht, der an eine Unterhaltung mit einem aktiven General anknüpft. Ich hatte ein Gespräch mit einem älteren General. Er sagte mir;"Glauben Sie, wir werden jetzt Ihretwegen Revolution machen? Wir{die Reichswehr) haben alles, was wir brauchen und uns geht es unter dem Regime ganz gut. Nur in' zwei Fällen würden wir gezwungen sein, das jetzige Regime zu stürzen und durch eine Generals-Diktatur zu ersetzen: 1.) Wenn die Nazis uns in einen Krieg hineintreiben wollen, für den wir nicht gerüstet sind und den wir wegen einer überlegenen Machtkoalition auf der Gegenseite mit Sicherheit' verlieren müssten.{Dabei geben wir gar nicht viel auf die Fliegerspielerelen Goerings). in einem solchen Falle müsste die Reichswehr Hitler und seine Leute an die Wand stellen. 2.) Wenn Hitler tatsächlich dazu übergehen würde, einen grossen Teil unserer bewährten Führer durch Parteileute zu ersetzen. Solange er weder das eine noch das andere tut, haben wir keinen Anlass, das Regime zu beseitigen. Wenn Eure Leute eingesperrt werden, so geschieht es ihnen ganz recht, warum machen sie solche Sachen." Obgleich die Reichswehrkreise allen Anlass haben, mit dem gegenwärtigen Zustand zufrieden zu sein, glauben sie doch nicht, dass das Hitler-Regime ewig dauern kann. Sie rechnen vielmehr infolge der unerträglichen Eifersüchteleien und Gehässigkeiten der Naziführer untereinander mit einem baldigen Auseinanderfallen der Bewegung, spätestens aber mit einem Zu sammenbruch nach Hitlers Tod. In dem dann eintretenden Wirrwarr würde die Wehrmacht der einzig ruhende Pol und das einzig brauchbare Machtinstrument darstellen. Dann müsste eine Militärdiktatur errichtet werden, möglicherweise auf völlig legalem Wege durch eine allgemeine Volksabstimmung, bei der man mit einer sicheren Mehrheit rechnet. Aber eine solche Militärdiktatur könnte nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Sie müsste abgelöst werden durch einen monarchistischen Rechtsstaat, in dem die Krone unparteilich über allem steht. Ihr Krön-Prätendent ist der Kronprinz, der sich wachsender Sympathien in weiteren Kreisen erfreuen soll. Dass die SS- und SA-Leute bei einer Ablösung des Hitler-, Regime durch eine Militärdiktatur auf die Wehrmacht sohiessen könnten, halten sie übrigens für nicht sehr wahrscheinlich, weil SA und SS heute schon zu sehr im Gehorsam gegen die Wehrmacht gedrillt seien. A-9Mit diesen Leuten wird man rechnen müssen, denn es sind Leute, die nicht nur den Gebrauch der Waffe, sondern auch das Regieren gelernt haben. Aber man darf nicht glauben, das die grosse Masse der Reichswehr- Offiziere politisch interessiert sei. Die jungen Offiziere machen sich tatsächlich kein politisches Bild. Ihre Wut gegen das System erschöpft sich darin, dass hier und da ein SS- Mann als Leutnant eingestellt wird, aber darüber hinaus geht sie die Politik nichts an. Ihr Hauptinteresse ist darauf gerichtet, dass das Offizierkorps unangetastet bleibt, dass sie avancieren können, dass sie eine geachtete soziale Stellung einnehmen und dass die Wehrmacht nicht das Risiko eines aussichtslosen Krieges auf sich zu nehmen braucht. Aber sie sind natürlich mit dem Grossgrundbesitz und der Industrie vervettert und leben infolgedessen im grossen und ganzen in deutschnationalen Gedangengängen. 90% aller Offiziere dürften tatsächlich diesem deutschnationalen Denken anhängen, während nur der Rest von 10% wirklich überzeugte Nationalsozialisten sind. Einige Berichterstatter äussern sich über den Eindruck, den das Attentat auf den Landesleiter der NSDAP in der Schweiz Gustloff in Deutschland gemacht hat. Bayern: Bezeichnend für die geänderte Denkart der Bevölkerung ist auch das Verhalten zum Fall Gustloff. Als das Atten tat durch die Zeitungen und das Radio bekannt wurde, konnte man weder in der Strassenbahn noch am Biertisch oder im Betrieb irgend etwas von einer Entrüstung wahrnehmen, wie die Presse fälschlich berichtete. Im Gegenteil, der Grossteil de Bevölkerung empfang die Zeitungsmache ganz richtig als ein Propagandageschäft der Partei, noch dazu die Nazis die Behauptung wagten, auf ihrem Wege zur Macht liege kein Gemeuchelter. Die Münchner haben die in Dachau Gemordeten noch nicht vergessen. Schon der Riesentamtam mit den Gefallenen der Partei am 9. November, war dem natürlichen Pietätsempfin. den der Bevölkerung zuwider. Der Fall Gustloff hat alles Bisherige übertroffen. Ich habe mit einem kleinen Kaufmann, den ich schon seit Jahren kenne, über diese Angelegenheit gesprochen. Der Mann, ehemaliger bayerischer Volksparteiler, sagte mir:" Die Schweizer haben ganz recht, dass sie mit solch en Kerlen abfahren, was haben die in der Schweiz verloren. Und überhaupt glaube ich das gar nicht, dass es ein Jude ist, der den Gustloff umgebracht hat. Das sagen sie nur bei uns, um damit den Juden wieder eines auswischen zu können. Hätten sich bei uns einige gefunden, die vor 10 Jahren mit diesen Brüdern aufgeräumt hätten, bräuchten wir, heute noch so dazustehen." So wie dieser kleine Geschäftsmann denken die meisten Leute über diesen Fall. Menschen, die den politischen Mord verfemen, können nicht umhin, diese Tat eines Einzelnen als Reaktion der furchtbaren Judenverfolgungen im Reich zu werten In Arbeiterkreisen konnte man eine gewisse Genugtuung fest A- 10stellen, dass sich einer gefunden hat, der mit denselben Methoden den ihm verhassten Gegner beseitigt, wie es die Nazis seit Jahren getan haben und noch immer tun. F Am Tage der Beisetzung in Schwerin hatten die Parteigebäude auf Halbmast geflaggt, auch die Kirchen beider Bekenntnisse wurden gezwungen, die Trauerfahnen auszuhängen. Allgemein ist man der Ansicht, dass nur die zur selben Zeit stattfindende Olympiade die Rowdies in den Reihen der SS und SA vor Pogromen zurückhielt. Die hiesigen noch ansässigen Juden verurteilen die Tat wegen ihrer Rückwirkung auf das Reich und der zu erwartenden Verfolgungen. Südwestdeutschland: Bei der Ueberführung der Leiche des in Davos erschossenen Naziführers Gustloff war in Singen a.H. Hochbetrieb. Singen hatte die" Ehre", Uebergangsbahnhof zu sein. Was da alles geleistet wurde, geht auf keine Kuhhaut. Die Goebbelsche Propagandamaschine ratterte nur so. Ursprüng lich hiess es, die Ueberführung gehe über Lindau- Stuttgart. Am Samstagabend wurde aber im Radio bekanntgegeben, dass die Ueberführung über Singen erfolge. Am Sonntag früh wurden dann in Singen Handzettel von Haus zu Haus herumgetragen, worin die Singener Bevölkerung eingeladen wurde ,, die Häuser zu beflaggen und an dem Rummel teilzunehmen. Aber nicht nur Singen, sondern der ganze Seekreis wurde aufgeboten. SS., SA. NSKK, HJ usw. mussten aus allen Orten des Seekreises erscheinen, die übrigens Pgs. mussten das trauernde Volk machen. Selbstverständlich waren auch viele Neugierige dabei, um den Haufen recht gross zu machen, kamen doch die höchsten Spitzen aus Karlsruhe und dem ganzen Süddeutschland. Sogar von Berlin waren welche anwesend. Der Sarg wurde auf einem in der Nacht errichteten Katafalk auf den Geleisen an der Bahnhofstrasse aufgebaut, so dass direkt von der Strasse aus alles zu übersehen war. Einige Säulen waren errichtet, auf denen die ganze Nacht Feuer flammten und SS und SA hielten die Ehrenwache, denn der Zug blieb die ganze Nacht stehen, um dann anderen Tags in Stuttgart usw. in derselben Weise zur Schau gestellt werden zu können. Schon auf schweizerischem Gebiet mussten die Angestellten der Reichsbahn an den Grenzstationen antreten und die Ehrenbezeugungen erweisen. In Singen machte dann eine Kompagnie Reichswehr den Ehrendienst und vor allen Dingen wurden unheimlich viel Reden gehalten. Die Wirkung auf das Publikum war recht unterschiedlich. Arbeiter, über den Eindruck befragt, antworteten, dass dies ein richtiger Klamauk wäre, den man da mit dem Toten mache. Von Kleinbürgern wurde die Meinung geäussert, dass dieser Vorfall den Machthabern ganz gelegen komme, damit könne man das Volk wieder mal aufrütteln. Man wunderte sich ganz allgemein darüber, dass der schweizerische Bundesrat so zu Kreuze gekrochen sei und um den Gustloff noch einen Nimbus bereitet habe, den er doch nach Aeusserungen der Schweizer A- 11Presse wirklicht nicht verdient habe. Man hört bei diesem Rummel auch von verschiedenen Nazis schwer über die Juden losziehen, dass ihnen die Geschäfte demoliert gehörten, jedoch sind Ausschreitungen nicht vorgekommen. Ein Handwerksmeister, der früher der Wirtschaftspartei angehörte, meinte, wenn der Frankfurter kein Jude wäre, so würde er wirklich der Auffassung sein, dass dieser Frankfurter von den Nazis selbst beauftragt worden wäre, den Gustloff um die Ecke zu bringen, damit man in Deutschland wieder etwas habe, um die Volksseele zum kochen zu bringen. Sachsen: Ein deutliches Fiasko erlitten die braunen Machthaber mit ihrem Flaggenerlass anlässlich der Trauer um den Schweizer Landesführer der NSDAP. Fahnen waren fast ausschliesslich nur auf den behördlichen Gebäuden und an den Wohnungen bekannter Nazifunktionäre sichtbar. Die tiefe Trauer des Volkes um diesen Mitkämpfer Adolf Hitlers äusserte sich in völliger Ignorierung. Aber auch die Mordtat selbs zeigt in breiten Volksschichten ganz andere Stimmung, als sie der deutsche Rundfunk und Goebbels Propaganda schildert. So verabscheuungswürdig ein Mord ist, aber es ist Tatsache, dass viele Volksgenossen eine geradezu hämische Genugtuung empfanden, dass endlich einmal ein Naziführer einen Denkzettel bekommen hat. Die Trauer des ganzen deutschen Volkes, wie sie die braunen Bonzen in den Aether flöteten, äusserte sich so, dass eine Welle der Genugtuung und Erleichterung eine grosse Volksmehrheit erfasste. Es fehlt nicht an Stimmen, die das Verhalten des Mörders loben, weil er den Mut hatte, sich zu seiner Tat zu bekennen und sich den Behörden stellte, die ihn ihm einen Rächer sehen für all die Schmach, die nicht nur den deutschen Juden, sondern überhaupt dem deutschen Volke von Hitler und seiner SS und SA angetan wurde. Und es sind nicht nur ehemalige Marxisten, sondern auch viele anders Eingestellte, denen man es von den Augen ablesen kann, dass sie unbeschadet aller daraus entstehenden Folgen es tausendmal wünschen, dass bald in Deutschland die Führergarnituren der NSDAP das Schicksal Gustloffs ereilen möchte. Es ist gewiss erschütternd, wenn solche Wünsche im deutschen Volke reifen. Aber sie sind letzten Endes nichts anderes als die natürliche Folge des furchtbaren Hasses, den Hitler selbst gesät hat. Schlesien: Zur Gustloff- Feier wurde in X. der grösste Saal, der 1.500 Personen fasst, durch die NSDAP gemietet. Anwesend waren zur Feier, genau gezählt, 63 Zivilpersonen. Um die grossen Lücken auszufüllen, wurden in letzter Minute NS- Formationen alarmiert, auch die Belegschaft der SA- Sportschule wurde hinkommandiert. Der Redner, der Bürgermeister von Y. tobte und bezeichnete es als eine Schande für die Stadt X., dass so wenig Besucher erschienen seien. A-12Der nachfolgende Bericht schildert besonders anschaulich, den Propagandarummel, den die Nationalsozialisten mit der Winter- Olympiade entfaltet hatten. München, die" Hauptstadt der Bewegung", stand den ganzen Monat Januar im Zeichen der bevorstehenden Winterolympiade in Garmisch- Partenkirchen. Plakate in den Schaufenstern und Strassenbahnwagen, Transparente über den Strassen, Ankündigungen der Reichsbahn über billige Sonderzüge, Reportagen in den Zeitungen, belegt mit Photos über die zu erwartenden ausländischen Mannschaften, waren das äussere Bild. Das ganze Um und Auf der Werbung konnte den Eindruck erwecken, als wenn die ganze Welt teilhabe an dieser internationalen Veranstaltung und niemals Differenzen bestanden hät ten zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland als Gastland und dem an der Olympiade teilnehmenden übrigen Ausland. Die im Vorjahr auch der grossen Masse fühlbare Isolierung schien aufgehoben zu sein durch den internationalen Charakter der Veranstaltung. Ueberall wurde diskutiert, hauptsächlich von jüngeren Leuten der Mittelschichten über die Erfolgsaussichten der ausländischen und der heimischen Kämpfer und die früher so oft gehörten gehässigen Bemerkungen über die Franzosen und die falschen Italiener wichen sportlichen Wertungen dieser Mannschaften. Der Grossteil der Bevölkerung aber, die Arbeiter vor allem, zeigte sich des interessiert an dieser Veranstaltung und man konnte nicht selten den Ausspruch hören:" Nichts wie Olympiade, was wird dies wieder für Unmasse Geld kosten." Kraft durch Freude rüstete sich für die Sonderfahrten nach Garmisch, die alle ausverkauft waren wegen der billigen Fahrtgelegenheit. Im Fahrpreis von 4,70 Mk. war inbegriffen die Eintrittskarte für das Eisstadion und das Mittagessen. Nicht das sportliche Ereignis war der Hauptanlass dieser starken Beteiligung, sondern mehr die günstige Gelegenheit, einen äusserst billigen Sonntagsausflug machen zu können. Die von der KdF erbaute Festhalle in Garmisch, in der allabendlich bayerisches Volkstum gezeigt wurde, kam mehr den interessierten Ausländern zugute als den KdF- Fahrern, die mehr oder weniger nur die Staffage für die Gesamtveranstaltung bildeten. Das Eisstadion war täglich ausverkauft und es wurden sehr hohe Ueberpreise bezahlt. Die Bonzokratie und die Schwerverdiener des neuen Deutschlands waren dort zu sehen. Dauerkarten für alle Veranstaltungen der Olympiade kosteten 170,-Mk. Welcher Arbeiter oder Angestellter konnte sich eine solche Ausgabe leisten? Wohl waren bei der Abschlussfeier 10.000 herbeigekommen, die alle mehr oder weniger begeistert von der Aufmachung des ganzen Abends nach Hause fuhren. In der Oeffentlichkeit hört man sehr viel über die ungeheueren Kosten der Organisation,( besonders Umbauten der Reichsbahn, Sendeanlagen usw.) die die Gesamtheit als Steuerzahler zu tragen hat. Nicht verschweigen darf man das grosse A-13Interesse der Jugend, auch aus Arbeiterkreisen. Arbeitersportler, mit denen ich sprach, erklärten mir auf meinen Einwand, ob man nicht doch die Olympiade boykottieren sollte, dies wäre nicht möglich, da in diesem Falle das sportliche Interesse weit über das politische gehe. Schliesslich bringen wir zwei Berichte über die krampfhafter emühungen der Nationalsozialisten, die etwas lahme Karnevalstimmung möglichst zu heben. Diese Stimmungsmache wird schon seit Monaten bei allen möglichen Gelegenheiten betrieben. Die Nationalsozialisten bemühen sich dabei vor allem, alte Volksfeste wieder aufleben zu lassen. Auch die Lustigkeit muss heute in Deutschland organisiert werden. Bayern: Der Fasching, sowie das Oktoberfest bieten dem Münchner eine einzigartige Gelegenheit, sich zu unterhalten. Da trifft sich Bürger und Angestellter mit dem Arbeiter am Biertisch, die Sorgen des Alltags sind für Stunden vergessen. Die Menschen wollen sich unterhalten und je lausiger die Zeiten sind, desto grösser das Wurschtigkeitsgefühl. Die früher aus der Masse impulsiv hervorbrechende Lustigkeit in den Faschingstagen ist vorbei; dies ist auch den Stimmungsmachern im Propagandaministerium nicht verborgen geblieben. Sie versuchen durch Quantität des Gebotenen die Qualität zu ersetzen. Ein bunter Abend folgt dem anderen. Ein Heer von Berufskomikern wird kommandi ert, um mit Gewalt die Menschen zum Lachen zu bringen, das sie täglich immer mehr verlernen. Man merkt überall die krampfhafte Lustigkeit Eine geheime Angst, im angeheiterten Zustand einmal mehr zu sagen als gut ist, lässt die früher so bekannte Münchner Stimmung nicht mehr aufkommen. Die Bevölkerung übersieht auch nicht die neue Schichte der gut, Verdienenden, denen der Parteiapparat die Möglichkeit bietet, sich Faschingsfreuden hinzugeben, die den anderen nur vom Hörensagen bekannt sind. Elitebälle mit 20,- Mk. Eintritt sind keine Seltenheit. Wer dazu kommt, kann man sich vorstellen. Man denkt unwillkürlich an die Festlichkeiten der Königszeit, denen sie an Prunk nicht nachstehen. Schon die Wagenauffahrt bietet den Volksgenossen Gelegenheit, lehrsame Betrachtungen über den nationalen Sozialismus anzustellen, wie die Nazis ihn in der Praxis verstehen. Stadtbekannt ist, dass sich Oberbürgermeister Fiehler allein ein halbes Dutzend Maskenanzüge bei einer der grössten Massschneidereien hat machen lassen. Westfalen: Jetzt hat man eine neue Methode entdeckt: den Karneval! Die NS- Gesellschaft KdF veranstaltet eine Feier nach der anderen. Jetzt Theater, dann politisches Kabarett ( und was für ein plattes Zeug), kurz danach eine Vorstellung A- 14" Onkel Bummelfritz", nach diesem Bums" Tiroler Buben sind lustig", die von einem Kappenfest im grössten Saal der Stadt abgelöst werden. Auch die Negermusik kommt im Ringen um Stimmung wieder in Mode. Es konzertiert eine OriginalNegerkapelle aus Honolulu. Die Musik wird gestellt von der NSBO- Kapelle. Wahrscheinlich werden diese Arier mit Stiefelwichse schwarz gemacht. Alles Reklame. Wenn das alles nicht so bitter traurig wäre, könnte man lachen. Alles Taumel, Taumel. Man fasst sich oft an den Kopf, man kann es nicht glauben, wie so etwas möglich ist. Die allerdümmsten Mittel sind gerade gut genug, um den deutschen Arbeiter zu umnebeln. Alles tobt sich aus. Es ist lächerlich, wie alle diese kleinen Gernegrosse ihren grossen Meister, den Lügenminister Josef imitieren. Dabei kommt man auf die abgeschmacktesten und ausgefallensten Ideen. Hier kann man eine Dummheit und Geistlosigkeit feststellen, die schlechthin nicht mehr zu überbieten ist. Hoffentlich nimmt dieser Humbug, anders kann man es nicht mehr bezeichnen, bald ein Ende. A- 15 I. Die Jugend im Dritten Reich 1) Allgemeine Berichte == Der Totalitätsanspruch der modernen Diktaturen erstreckt sich insbesondere auf die Jugenderziehung. Es liegt im Wesen der Diktatur, sich dauernd in ihrem Bestand bedroht zu sehen und dauernd Anstrengungen machen zu müssen, ihr Leben zu verlängern. Die Herrschaft aller Diktaturen beruht auf der Unterdrückung des freien Denkens, aber alle Diktaturen wissen zugleich, dass die Unterdrückung nur eine sehr unvollkommene Machtsicherung darstellt und dass sie ständig vor der Gefahr stehen, dass es sich eines Tages doch wieder Bahn bricht. Deshalb sind sie alle bestrebt, das Denken nicht nur zu unterdrücken, sondern umzuformen, in eine Richtung zu lenken, die für den Bestand der Diktatur nicht gefährlich, sondern günstig sind. Diese Umformung des Denkens kann aber bei den älteren Generationen immer nur unvollkommen gelingen und darum müssen die Diktaturen sich der Jugend versichern, sie möglichst früh zeitig in ihrem Sinne beeinflussen, sie daran hindern, auf andere Gedanken zu kommen, sie in ihrem Denken, ihrer Gesinnung aber auch ihrer Laufbahn an sich zu ketten. Die" Erfassung" der Jugend ist ein Lebensinteresse der Diktaturen, in Deutschland ebenso wie in Italien und Russland. Wenn es ein moderner Staat unternimmt, alle ihm zu Gebote stehenden Mittel der Propaganda, der Organisation, des Zwanges dem Ziel der Jugend- Beeinflussung dienstbar zu machen, so kann der Erfolg nicht ausbleiben. Die Jugend ist leicht zu beeinflussen, umso mehr, wenn die allgemeine Einschüchterung der Bevölkerung dafür sorgt, dass gleichzeitig andere Erziehungseinflüsse, etwa die des Elternhauses oder der Kirchen, zurückgedrängt werden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass wie in Russland und in Italien, so auch in Deutschland die Diktatu: A- 16in der Jugend mehr Anhänger hat als in den älteren Generationen. Es hat keinen Sinn, den Kopf vor der Tatsache in den Sand zu stecken, dass das auch in Deutschland so ist und dass das für den Bestand des nationalsozialistischen Regimes nicht gleichgültig ist. Schon heute wirkt die Erfassung der Jugendlichen auf die Aelteren zurück, die durch die Begeisterung der Jugend in ihrer Skepsis gegenüber der Diktatur wankend werden, und man muss damit rechnen, dass aus der Jugend dem Regime noch eine Zeit lang neue Massenkräfte zuströmen werden. Das bedeutet aber noch nicht, dass das Regime nun ein für allemal in den Herzen und Köpfen der Jugend fest verankert ist. Auch wenn ein grosser Teil der Jugend von dem heutigen Deutschland begeistert ist, bleibt die Frage, wie lange diese Begeisterung vorhalten wird. Auch wenn es in erheblichem Masse gelungen ist, das Denken der Kinder und Jugendlichen im Sinne der Diktatur zu beeinflussen, bleibt abzuwarten, ob diese Beeinflussung nicht eines Tages von noch stärkeren Einflüssen überwunden werden wird. Denn die Begeisterung und Beeinflussung der Jugend das bringen einige der nachstehenden Berichte deutlich zum Ausdruck beruht darauf, dass sie in eine Welt des romantischen Nationalismus und des wirklichkeitsfremden Idealismus hineingeführt wird, aus der es keine anderen Brükken in die Welt der Wirklichkeit, der sozialen, nationalen und individuellen Tatsachen gibt als die der Enttäuschung und Ernüchterung. Ein Herrschaftssystem, das es übernimmt- und seiner Natur nach übernehmen muss• die Jugend ganz von seiner Ideologie gefangen zu nehmen, sieht sich eines Tages dem immer schwieriger werdenden Problem gegenüber, wie für die heranwachsenden Generationen diese Ideologie mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen ist. Dies ist, schlicht gesagt, das Versorgungsproblem. Es kann nicht ausbleiben, dass der unbeschränkte Anspruch, den der Staat auf die Jugend erhebt, in die ser Jugend wiederum denselben Anspruch gegen den Staat entstehen lässt. So gross aber auch das Bedürfnis einer modernen Diktatur sein mag, für die ungeheuer angewachsene staatliche B A- 17Apparatur einen ergebenen und zuverlässigen Nachwuchs zur Verfügung zu haben, so stehen die sich daraus ergebenden Versorgungsmöglichkeiten auf die Dauer in einem völlig unzulänglichen Verhältnis zu der Zahl der Jugendlichen, die einen Anspruch auf Versorgung zu haben glauben. Solange die Diktatur jung ist, scheint alles gut zu gehen, sobald aber einmal alle verfügbaren Posten mit jungen Leuten besetzt sind und nur noch der natürliche Abgang für Wiederbesetzungen Raum lässt, wird die Sache schwierig; umso schwieriger als dieser natürliche Abgang in den ersten Jahrzehnten ziemlich gering ist, weil mindestens in den neuen Organisationen und Verwaltungen fast alles junge Leute sitzen, die nicht daran denken, bald ihren Platz einem Nachfolger zu überlassen. In Italien ist dieses Problem heute schon erheblich fühlbarer als in Deutschland. Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch bedeutsam, dass es den Nationalsozialisten bisher nicht gelungen ist, die Wehrmacht in den allgemeinen Versorgungsmechanismus einzugliedern, obgleich nach nationalsozialistischer Staatsauffassung der Wehrdienst zweifellos die erste Stelle in der sozialen Rangordnung bildet und damit die am meisten erstrebte Karriere sein muss. Aber der Zusammenstoss von Idee und Wirklichkeit droht einer " Staats jugend" nicht nur im Bereich des Materiellen, sondern ebenso sehr in dem des Ideellen. Diese Jugend wird in einer kämpferischen Haltung erzogen, sie wird" ertüchtigt", wehrhaft gemacht, sie soll im Geist der Opferbereitschaft bis zum äussersten heranwachsen. Wo aber ist das Kampfziel? Auch hier scheint in den Anfängen der Diktatur noch alles gut zu gehen. Das Idealbild des Herrschaftssystems, das vor der Jugend entrollt wird, ist zwar erst zum kleinen Teil verwirklicht, aber man kann der Jugend begreiflich machen, dass es nicht so schnel geht und dass gerade ihr die Aufgabe zufallen wird, das Werk zu vollenden. Zudem sind auch noch viele Gegenkräfte sichtbar, gegen die die Jugend zur Verteidigung der neuen Herrschaft. aufgerufen werden kann. Da sind die Sozialisten und die Kommunisten, die Reaktionäre und die Kirchen, die Pazifisten und die A- 18Spiesser, die man der Jugend als Gegner zeigen kann. Je länger aber die Diktatur dauert, je stärker sie in ihrem Bestand äusserlich gesichert erscheint, umso mehr verringert sich der " Gefechtswert" dieser Gegner in den Augen der Jugendlichen, um so weniger lässt sich aber auch die Spannung zwischen Herrschaftsideal und-Wirklichkeit übersehen und entschuldigen. Dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: das" Weitertreiben" in den eigenen Reihen, und der Kampf gegen den äusseren Feind. In diese Alternative verstrickt, können so die Mächtigen gezwungen werden, sich auch gegen ihre eigene bessere Ueberzeugung in ein kriegerisches Abenteuer einzulassen, weil die Notwendigkeit der Ablenkung für ihre eigenen Anhänger noch grösser ist als fur das Volk. Der Weg bis zu einer solchen Zuspitzung der inneren und äusseren Verhältnisse in der deutschen Jugend mag noch weit sein, aber es ist bemerkenswert, dass in den folgenden Berichten schon fast alle hier angeschnittenen Probleme auftauchen. Die Probleme sind schon da, sie sind auch dem aufmerksamen Beobachter schon sichtbar, aber sie sind noch nicht so brennend, dass sie auch schon in das Bewusstsein der grossen Masse gedrungen wären. In welchem Tempo sich dieser unvermeidliche Prozess vollziehen wird, wird stark von dem Gang der allgemeinen politischen Entwicklung abhängen. Berlin, 1.Bericht: Die Hitler- Jugend hat die Jugend recht gut erfasst. Sie arbeitet zum grossen Teil mit den alten Mitteln der Jugendbewegung und es ist ihr zweifellos gelungen, eine gewisse kameradschaftliche Zusammenfassung zu erreichen. Viele von den älteren Wandervögeln wirken heute sehr aktiv innerhalb der HJ, z. B. sehr viele Kronacher( Bund der alten Wandervögel). Soweit die Romantik, die dieser Jugendbewegung zugrunde liegt, auf die Jugend wirkt, soweit ist es verhält nismässig leicht, die Jugend dafür zu begeistern, aber das trifft naturgemäss nur auf eine gewisse Altersgruppe zu. Mit 17,18 Jahren erwacht das kritische Bewusstsein und von da ab reichen die Mittel der romantischen Jugendbewegung nicht mehr aus. Es ist daher bezeichnend, dass das Jungvolk die Jugend wesentlich besser erfasst als die eigentliche HJ und dass über die HJ hinaus die Erfassung der jungen Generation wesentlich nachlässt. Es hat in der Jugendbewegung, z. B. auch in der Arbeiter- Jugend, immer das Problem bestanden, wie die A- 19herangewachsene Jugend in die Organisation der Aelteren überführt werden sollte. Dieses Problem taucht auch bei der nationalsozialistischen Jugend auf. Auch hier ist der Uebergang in die Partei verhältnismässig schwach. Allerdings muss man bedenken, dass in der HJ diese Schwierigkeit durch das starke Hervortreten des Militärischen, der reinen Disziplin und Unterordnung wesentlich zurücktritt. An sich ist die Jugend sehr leicht bereit, eine geistige Konzeption, die ihr geboten wird, zu übernehmen, und die meisten Menschen neigen auch dazu, wesentliche Bestandteile an dieser geistigen Konzeption in ihrem späteren Leben festzuhalten, weil sie frühzeitig aufhören, selbständig weiterzudenken. Aber die Frage bei der nationalsozialistischen Jugendbewegung ist die, ob nicht zwischen ihrer geistigen Konzeption und der Wirklichkeit über kurz oder lang eine so starke Spannung entstehen muss, dass der Bruch unvermeidlich wird. Was die HJ bietet, ist im wesentlichen eine Romantik mit stark völkischer Note, die sich von der Wirklichkeit weitgehend loslöst. Die wirklichen Probleme werden aus dieser Jugendbewegung ferngehalten, aber sie werden damit für die Jugend nicht gelöst, sondern nur hinausgeschoben. Es ist also eine Jugend erziehung, die an den realen Lebenstatsachen vorbeigeht und deren Ergebnisse über kurz oder lang mit diesen realen Tatsachen in Konflikt geraten müssen. Einstweilen hat allerdings diese Methode für das System nur Vorteile. Auch manches Menschliche wirkt in dieser Richtung. Auch die Jugend will etwas bedeuten und diesem Hang kommt die HJ weit entgegen. Sie hebt das Selbstbewusstsein der Jugendlichen und täuscht ihnen eine Stellung im gesellschaftlichen Leben vor, die der Wirklichkeit nicht entspricht. GOTO 2. Bericht: In der Jugend nimmt leider der überwiegende Teil heute seinen Weg vom Jungvolk in die HJ, den Arbeitsdienst und dann in die Wehrmacht. Diese jungen Leute sind auf absehbare Zeit für uns verloren. Das gilt auch von den Arbeiterkindern. Es gibt sogar frühere sozialdemokratische Funktionäre, die nichts dagegen unternehmen, dass ihre Kinder in die HJ gehen.(" Sonst fällts doch auf und der Junge wird später schon von selbst gescheit werden".) Der Zinnober in der HJ macht auch den Jugendlichen noch immer sichtlich Spass. Wenn der Alte etwas dagegen hat und abbremsen will, dann wird man eher gegen den Alten ausfällig, als dass man von der HJ lässt. Wenn man mit solchen 12 15 jährigen spricht, dann geben sie einem zu verstehen, dass wir älteren aus lauter falschverstandener Treue zu unseren früheren Ueberzeugungen die Grösse ihrer Zeit einfach nicht begreifen können. Man kann stundenlang mit solchen Jungen diskutieren, sie wissen auf alles eine Antwort, die nicht immer dumm und lächerlich ist. Aber es gibt da noch etwas anderes: die jungen Leute wissen von den Schweinereien des Systems oft mehr als wir, sie kennen die Marterungen in den Konzentrationslagern, sie hören von dem zügellosen Leben der Nazi bonzen und sie A- 20möchten am liebsten mit dem Gummiknüppel dagegen losgehen. Es ist ein herrlicher Idealismus, der in diesen jungen Menschen lebt und der sie mit Wut gegen diese Stellen jäger und Säufer in der Partei erfüllt. Dann sagen sie: Wenn das der Führer wüsste, dann würde er es abstellen.- Aber auch: Wenn wir erst mal dran sind, dann werden wir aufräumen. Diese Haltung muss sich einmal an der harten Wirklichkeit stossen, aber der Zeitpunkt dafür ist noch nicht da. Vorläufig wird auch die Partei noch einen grossen Teil dieser jungen Menschen auffangen können, wenn sie heranwachsen, aber auf die Dauer ird dieses Problem immer unlösbarer. In den letzten Jahren sind die schwachen Geburtenjahrgänge von 1914 bis 1918 aus der HJ herausgewachsen. Jetzt kommen die starkbesetzten Nachkriegs jahrgänge und wie die unterzubringen sind, bleibt ein Rätsel. Das Regime müsste eine geradezu hemmungslose Ausdehnung der SA und SS und der Reichswehr durchführen und das ist wieder finanziell unmöglich. Südwestdeutschland: Die Erfassung der Jugend durch die HJ und das Jungvolk ist nach wie vor sehr unterschiedlich. Ein 14 jähriges Mädel, das die höhere Schule besucht, sagte mir, dass 30% der Kinder nicht in der HJ sind. Ein 17jähriger Oberrealschüler ist dagegen der Einzige in der ganzen Schule der nicht der HJ angehört. Er ist deshalb sehr unglücklich, weil er sich dem Druck kaum noch entziehen kann. Bisher weiss es noch niemand, dass er nicht in der HJ ist, weil die Zugehörigkeit zur HJ nicht auf die Schule, sondern auf den Wohnbezirk abgestellt ist und dieser Schüler in einer ande. ren Gegend wohnt. Bei allgemeinen Veranstaltungen muss er sehen, sich durch Krankheit entschuldigen zu können, damit das nicht herauskommt. Die Eltern werden dauernd mit Fragebogen bombardiert, warum ihre Kinder nicht der HJ angehören. Ueber die Wirkung der Erziehung in der HJ auf die Kinder gehen die Ansichten auseinander. Die einen fürchten, dass, wenn diese Erziehung längere Zeit hindurch fortgesetzt werden kann, die Kinder vollständig verdorben werden und dann eine neue Generation heranwächst, die die sicherste Stütze des Regimes wird. Die anderen aber machen auf die Differenzen aufmerksam, die in der HJ selbst sehr stark sein sollen Es gibt immer wieder Verstimmungen und Schwierigkeiten, weil junge Führer bevorzugt befördert werden und dann nicht die Autorität gegenüber den älteren haben. Eifersuchtsgeschichten spielen eine Rolle. Auch die Eltern behalten in vielen Fällen noch einen ziemlich starken Einfluss und schliesslich muss man bedenken, dass Kinder eben Kinder bleiben und dass 14 jährige Mädels, wenn sie in den BdM kommen, noch nicht aufhören, Backfische zu sein. Auch die primitiven Formen der Verhimmelung des Nationalsozialismus, des Führers im Schulunterricht verfehlen ihre dauernden Wirkungen. Ein Schulmädchen war zunächst ganz begeistert von dem Führer und seinem heldenhaften Dasein. Vor kurzem aber kam sie einmal nach Hause und sagte:" Wir haben A- 21wieder den ganzen Tag vom Führer gesprochen, das kann man schon nicht mehr mit anhören" Man muss aber beachten, dass der Dienst in der HJ systema. tisch darauf abgestellt ist, die Kinder nicht zum Nachdenken kommen zu lassen. Wenn die HJ Dienst hat, dann sind alle pünktlich da, es gibt keine solche Schlamperei wie bei der SA und der Dienst wird tadellos durchgeführt. Die Disziplin ist so übertrieben und alles ist so auf Gehorsam aufgebaut, dass die Kinder sich einfach unterordnen müssen. Es ist auch kein Zweifel, dass in vielen Fällen die Kinder Freude an dieser Disziplin haben, wiewohl andererseits sich aus persönlichen Differenzen oft oppositionelle Haltungen entwickeln. Bayern, 1.Bericht: Einen sichtlichen Erfolg hat die nationalsozialistische Erziehung bei der Jugend. Hier kann man feststellen, dass eine neue Generation heranwächst, der der Blick für die wirklichen Zusammenhänge des Weltgeschehens abhanden kommt und die nichts mehr sieht als nur die Idee des Nationalsozialismus. In dieser Jugend wächst ein Idealismus und auch eine Opferfreudigkeit, die grosse Beachtung verdient. Diese Jugend wächst ganz im Sinne der nationalsozialistischen- militaristischen Idee heran, die dem kommenden Geschlecht das Gebergewicht geben soll. Fanatismus und Begeisterung trifft man bei diesen Jüngsten des Volkes in sehr ausgeprägter Form. Und vor allem: diese Jugend scheint den Druck nicht zu empfinden, der auf ihr lastet, sie sieht die Unfreiheit nicht als solche an. 2. Bericht: Die heutige Jugend hat vom wahren Sozialismus leider gar keine Ahnung. Es fehlt uns jede Möglichkeit, zu dieser Jugend zu sprechen, auf sie einzuwirken; für die meisten von ihnen ist der braune Sozialismus die letzte Weisheit aller Dinge- man glaubt an ihn und seine Erlösungs kraft. In ein paar Jahren ist diese Jugend erwachsen und wird Deutschland regieren und die Nationalsozialisten tun alles, um diese Jugend in ihrem Sinne zu formen. 3. Bericht: Die Stimmung der zur Reichswehr einberufenen Jugend ist für das Regime nicht ungünstig. Der grösste Teil der jungen Leute rückt gern ein und betrachtet die Militärzeit als angenehme Abwechslung. Ein älterer Sozialdemokrat ,. der heute noch seine alten Ansichten auch nach aussen hin mutig hochgehalten hat, hat zwei Söhne, die nun zur Reichswehr eingezogen wurden. Die beiden Söhne waren früher eifrige Mitglieder der sozialistischen Arbeiter jugend und sogar Funktionäre. Heute stehen sie im schroffsten Gegensatz zu ihrem Vater. Das Zerwürfnis ging soweit, dass die beiden die Wohnung der Eltern verliessen und sich bei fremden Leuten einmieteten. Die Argumente des Vaters hatten auf die Entwicklung der Söhne keinerlei Einfluss mehr. Sie glauben heute an die überlegene Kraft des deutschen Heeres, ja selbst an einen Sieg Deutschlands in einem kommenden Kriege. Der A- 22alte Genosse, der trotz alledem seine Ansichten nicht ändert, äussert sich über die Zukunft sehr pessimistisch und glaubt, dass nur ein Krieg diese Jugend zur Vernunft bringen kann. Sachsen: Allgemein kann man feststellen, dass der Einfluss der HJ und der Schule auf die Kinder viel stärker ist, als der des Elternhauses. Nach der HJ übernimmt der Arbeitsdienst die Beeinflussung der Jugendlichen. Ein mir bekannter Jugendlicher, der zum Arbeitsdienst kam, zeigt deutliche Spuren der Beeinflussung der dortigen Erziehungsmethoden. Sein eigener Vater, ein Genosse, ist verwundert, dass der Junge nicht mehr Widerstand leistet. Nur im ersten Brief beklagte er sich bitter darüber, wie sie hin- und hergehetzt würden und dass sie einfach keine Zeit zum Nachdenken hätten. Jetzt aber macht er alles mit. Er macht sich einfach keine Gedanken mehr und ist ganz anders als früher. Gelegentlich lässt er durch Bemerkungen, wie" Die Juden sind doch schuld" erkennen, welche Auffassungen er jetzt hat. Im allgemeinen aber hält er damit zurück. 2) Die Hitler Jugend Die Hitler- Jugend ist in den drei Jahren nach dem Umsturz noch nicht aus dem Experimentieren herausgekommen. Bisher war theoretisch der Aufbau so, dass die 10 bis 14- jährigen, bei den Jungen im Deutschen Jungvolk, bei den Mädchen in den Jungmädelschaften waren, während die 14 bis 18- jährigen unter den Jungen von der eigentlichen Hitler- Jugend und unter den Mädchen vom Bund deutscher Mädel( BdM) erfasst wurden. Der Grad der Erfassung war aber sehr unterschiedlich; er war in katholischen Gegenden geringer als in protestantischen und er war bei den 10-14- jährigen grösser als bei den 14- 18- jährigen. Das Jungvolk und die Jungmädel erfassen die Schul jugend und haben in den Schulen ein sehr einfaches Werbefeld. Die HitlerJugend und der BdM können sich aber nur bei den höheren Schülern auf dieses Werbefeld stürzen. Die grosse Mehrzahl der 1418- jährigen aber steht als Lehrlinge oder jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen im Betrieb. Sie sind damit anderen Einflüssen unterworfen und sie haben auch nicht mehr die Zeit, sich der HJ- Romantik ebenso hinzugeben wie die Schul jugend. Ihre Erfassung über die Gewerbeschulen einer der folgenden Berich 1-23geht darauf ein ist bisher nur sehr unvollkommen gelungen. In der eigentlichen HJ ist aber auch der Grundsatz, dass Jugend nur durch Jugend geführt werden soll, besonders schwer durchzuführen. Der Beruf lässt nur wenigen ausreichend Zeit für die Uebernahme solcher Führerfunktionen; die Einführung der Wehr- und Arbeitsdienstpflicht hat das Führerreservoir weiter verringert. Zu diesen ungelösten Organisationsschwierigkeiten, die in auffälligem Gegensatz zu dem unbedingten Monopolanspruch der HJ stehen, kommt das ungeklärte Verhältnis zur NSDAP. Theoretisch hat die Partei ein Lebensinteresse an einer straffen Organisation des Nachwuchses, praktisch aber ist in der NSDAP in den nächsten Jahren für den Nachwuchs nur sehr wenig Raum. Mitte Mai 1935 hat z.B. der Reichsschatzmeister der NSDAP die Mitgliedersperre der Partei auch auf Angehörige der HJ und des BdM ausgedehnt. Ende Oktober hat er dann angeordnet, dass HJund BdM- Mitglieder über 18 bezw. 21 Jahre in die Partei aufgenommen werden können, wenn sie vier Jahre lang ununterbrochen in der HJ oder dem BdM waren und" eifrige Erfüllung ihrer Dienst obliegenheiten" und tadellose Führung an den Tag gelegt. haben. Tatsächlich wurden am 9. November 1935 nur 1.200 HJund 600 BdM- Mitglieder in die NSDAP aufgenommen. Um diesen verschiedenen Schwierigkeiten zu begegnen, soll jetzt eine Reorganisation der nationalsozialistischen Jugendbewegung derart durchgeführt werden, dass das Jungvolk( und die Jungmädel) in Zukunft als allgemeine Staats jugend alle Jugendlichen von 10. 18 Jahren erfassen soll, während die HJ( und der BdM) zur Nachwuchsorganisation der NSDAP erklärt wird. Neben der Siebung vor dem Eintritt in die Partei soll damit schon im 14. Lebensjahr eine Siebung der Jugendlichen durchgeführt werden, damit die HJ( und der BdM) von Anfang an nur so gross gehalten werden können, wie es für den Nachwuchsbedarf der NSDAP erforderlich ist. Die Mitgliedschaft in einer der beiden Formen der nationalsozialistischen Jugendorganisation, Staats jugend oder Partei jugend, soll nach einer Rede Fricks von Mitte Januar in 1-24Zukunft Vorbedingung für die Beamtenlaufbahn sein. Die praktische Folgerung dieser Reorganisationspläne wäre eine starke Ausdehnung des Jungvolkes und ein wesentlicher Abbau der HJ. Tatsächlich hat der" Reichs jugendführer" das Jahr 1936 zum Jahr des deutschen Jungvolks erklärt mit dem Ziel, möglichst die ganze deutsche Jugend zu erfassen, während z. B. der HJGebietsführer von Berlin vor kurzem mitgeteilt hat, dass die Berliner HJ in" Durchführung des neuen Ausleseprinzips" um ein Fünftel vermindert worden sei. Diese Reorganisation würde auch eine Neuordnung des Verhältnisses zu anderen Jugendorganisationen und zur Schule bedingen. Wir haben zuletzt in der Uebersicht über den Kulturkampf( 1935 Nr. 11 S. 58 ff) Material über die Mittel beigebracht, deren sich die HJ bedient, um ihren Monopolanspruch gegen die kirchlichen Jugendorganisationen durchzusetzen. Neuerdings geht man auch gegen andere Jugendvereine vor. Der sächsische Innenminister hat Anfang Oktober 1935 alle Jugendvereine in Sachsen aufgelöst; in Baden, Thüringen, Hamburg, Anhalt und dem Saarland wurde die Auflösung der Vereinigungen der" bündischen Jugend" ( frühere Wandervögel, Pfadfinder usw.) angeordnet. Andererseits hat sich die HJ nach den Blinden und Gehörlosen auch die körperbehinderten Jugendlichen eingegliedert. Auch die Bemühungen, den Widerstand vieler Eltern gegen den Eintritt ihrer Kinder zu überwinden, werden fortgesetzt, teils mit Zwang- wir bringen darüber im folgenden einige Beispiele teils mit geschmeidigeren Methoden. So ist z. B. in Hannover kürzlich ein" Elternbund der HJ" gegründet worden. Ueber die Stimmung in der HJ entnehmen wir unseren Berichten: Nordwestdeutschland( Ruhrgebiet): Die Hitler jugend hat hier starke Austritte zu verzeichnen. Es macht sich wachsende Opposition gegen den Drill bemerkbar. In den Jugendherbergen, die stets belegt sind, werden ununterbrochen Kurse für nationalsozialistische Erziehung durchgeführt. Dabei haben wir auch Sprechchöre erlebt, die einfach aus der früheren sozialistischen Arbeiter jugend übernommen waren. Die Jungen deklamierten die besonders starken sozialistischen Stellen mit grosser Begeisterung. A- 25( Oestliches Westfalen): Das Interesse an der HJ lässt nach in den Kreisen der Arbeiterkinder stösst die HJ auf innere Ablehnung. Viel Bedeutung hat bis jetzt die HJ- Bewegung in unserer Stadt nicht. Grosse Feiern und öffentliche Veranstal tungen konnte die HJ noch nicht zustande bringen. ( Nordwest): In den Volksschulen ist der Anhang des Jungvolk stark verringert. Es besuchen heute mehr Kinder den Sonnabendunterricht als an den Märschen der HJ teilnehmen. Südwestdeutschland, 1. Bericht: In verschiedenen Gruppen der HJ und des BdM ist es bei den letzten Zusammenkünften und Ausmärschen wiederholt zu lebhaften Auseinandersetzungen mit den Führern gekommen. In X. fand Ende November 1935 ein Singabend statt, zu dem 54 Hitler jungens erschienen waren. Vor dem Eintreffen des Führers unterhielten sich die Jungen sehr angeregt über die Lebensmittelknappheit. Als der Führer erschien, wurde die Unterhaltung nicht abgebrochen, im Gegenteil, sie weigerten sich zu singen mit der Bemerkung:" Wir haben kein Fett im Magen und da können wir auch nicht singen. Der Führer sah sich gezwungen, die Jungens auf der Strasse zum Ausmarsch antreten zu lassen ,, um der Diskussion ein Ende zu machen. Diesem Befehl leisteten nur 29 von den 54 Jungens Folge, so dass der Führer den Abend völlig unverrichteter Dinge abbrechen musste. Seither fand keine Zusammenkunft mehr statt. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in einer BdM- Gruppe in Y. Gleichfalls Ende November war ein Ausmarsch der Mädels angesetzt. Zum Erstaunen der Führerin waren am Sammelplatz anstatt 60 Mädels nur 13 anwesend. Schon beim letzten Heimabend hatten sich verschiedene Mädels darüber beklagt, dass die Ausmärsche immer bis in die späten Abende hinein ausgedehnt werden. Die Führerin gab den 19- jährigen Mädels die Antwort:" Wollt Ihr vielleicht zu Euren Kerls, weil Ihr nicht mehr marschieren wollt?" Eine Woche später gaben dann die Mädels durch Wegbleiben die Antwort. 2. Bericht: Beim Jungvolk besteht die Möglichkeit, dass die Eltern ihre Kinder am Staats jugendtag vom Dienst beurlauben. lassen und diese müssen dann in die Schule gehen. Es soll dies nur für schwächliche Kinder gelten. Immer mehr machen nun die Eltern von dieser Erlaubnis Gebrauch. Wo es nicht geht, muss der Hausarzt ein Zeugnis ausstellen, dass das Kinċ für den Dienst nicht geeignet ist. Dadurch wächst die Zahl der Schüler, die am Samstag in den Unterricht gehen, immer mehr. Bei der HJ wird von den Leitern allgemein geklagt, dass die Pflichtabende immer schlechter besucht werden und es wird mit Repressalien gedroht. Bis jetzt ohne Erfolg. Eine Anzahl Jungens sind jetzt in den Sportverbänden, damit sie von den Pflichtabenden der HJ befreit sind. A- 26Bayern, 1. Bericht: Ein schlimmes Kapitel ist die heutige Jugenderziehung. Die Beanspruchung der Jugendlichen durch die Organisationen ist äusserst stark. Die Jungen sind keinen Sonntag zu Hause. Die Erziehungsmethoden sind sehr stren Wir müssen aber feststellen, dass bei den Jugendlichen keine Abneigung gegen diese übermässige Beanspruchung auftritt, im Gegenteil, sie sind äusserst begeistert und vollständig vom Geist von Langemark erfasst und vergiftet. Die Organisationen lassen auch in ihrer Arbeit- bei der männlichen wie bei der weiblichen deutlich erkennen, dass sie es nur auf die Erziehung zum Heldensterben anlegen. 2. Bericht( Aus einer Provinzstadt): Die Hitlerjugend ist eine Zwangsorganisation geworden. Wer seine Kinder nicht hin schickt, der kann nicht erwarten, dass sie einmal eine Stellung bekommen. In der hiesigen Knabenschule sind jetzt ca. 70% aller Jungens bei der HJ. Das einstige Heim der freien Turnerschaft mit dem grossen Sportplatz und der neu erbauten Turnhalle ist jetzt das Heim des Jungvolks. Den ganzen Nachmittag wird exerziert, auch die Mädelgruppen exerzieren. Die freien Spielstunden werden nicht von einem Drittel des Jungvolkes besucht, so dass schon wiederholt Mahnbriefe an die Eltern gekommen sind. Die Führer des Jungvolkes sind fast ausschliesslich Junglehrer. Der Sport steht im Vordergrund und das reisst die Jugend mit. Besonders beliebt sind die grossen Ferienlager. Zu den Ski- Wettkämpfen der Hitlerjugend in Nesselwang am 1. Februar wurden 26 Jungen geschickt. Sie haben von ihren Lehrherrn auf Ansuchen der Jugendleitung eigens 21 Tage Urlaub bekommen. Das spornt die anderen wieder an. Die katholischen Eltern leisten der Verhitlerung der Jugend sehr zähen, aber fast aussichtslosen Widerstand. Der katholischen Jugendbewegung ist zwar jede Wirkungsmöglichkeit genommen, trotzdem versuchen die Eltern, ihre Kinder der HJ fernzuhalten. Das ist besonders deshalb schwer, weil viele Kinder von sich aus in die HJ wollen. Sie wollen sich nicht ausgestossen wissen von der Mehrheit. Dazu kommt noch die Liebe zur Uniform; jeder kleine Matz will auch sein Hitlerhemd und will hinter seinen Kameraden nicht zurückstehen. 3. Bericht: In einer kleinen oberfränkischen Stadt wird all wöchentlich am schwarzen Brett eine stattliche Anzahl von Angehörigen der HJ namentlich aufgeführt, die wegen Disziplinwidrigkeit aus der HJ ausgestossen wurden, wegen dieser oder jener Handlung eine Rüge erhielten usw. Die Ausgestosse nen kehren nun am Staats jugendtag wieder in ihre Schulklasse zurück, da sie ja mit der HJ nicht mehr ausrücken dürfen. So füllen sich allmählich wieder die Schulklassen etwas an. Möglich, dass sich Jungens, denen die Sache zu dumm wird , solche gibt es nämlich immer mehr- so benehmen, dass sie aus der HJ ausgestossen werden. 1-27Sachsen, 1.Bericht: Ein früher Funktionär der SAJ, welcher heute der Hitlerjugend angehört und bei dieser auch Funktio. nen ausübt, schreibt uns: In der HJ machen sich unüberbrück. bare Gegensätze zur Führung bemerkbar. Alles ist ein ausgesprochener Kliquenkampf, von unten bis oben. Grosse Teile der HJ führen Beschwerde, weil der alte Kampfgeist nicht mehr zu finden sei. Die Hitlerjugend muss immer wieder ermahnt werden, dem Staate die Treue zu halten, trotzdem der Staat die Forderungen der HJ nicht erfüllt hat. Aus diesem Grunde spricht man in der HJ davon, dass die Führung überaltert sei und beseitigt werden müsse, um einer neuen Leitung Platz zu machen. Redner, die sich zur jetzigen Führung bekennen, werden niedergeschrien, während die anderen mit Ovationen bedacht werden. Einige dieser Redner büssen ihren Mut schon mit Konzentrationslager. Doch diese Lücken füllen sich schnell auf. Alle Diskussionsabende sind in der letzten Zeit abgesagt worden. Zugelassen sind nur noch Gruppenabende. Diese verlaufen wie folgt: Ein Lied, Vorlesungen, ein Lied, Schluss. Natürlich hat dadurch die Beteiligung der Jugendlichen sehr nachgelassen und man hört öfter Aeusserungen wie:" Nur zum schleifen sind wir nicht da."> 2. Bericht: Von Schandau bis Pirna fuhr ich mit ein paar Jungen von der HJ. Es waren höhere Schüler. Erst unterhielten sie sich über ihre Schularbeiten. Sie fanden es furchtbar blödsinnig, dass sie eine Arbeit über Julius Cäsar machen sollten. Dann sprang das Thema auf Karl May über. Dann fragte der eine den anderen, ob er auch sitzen bleiben würde, denn er habe in einigen Fächern die Vier. Darüber kamen sie dann auf ihren schweren Dienst in der HJ zu sprechen. Am Abend müssten sie wieder von Schandau nach Pirna zu einem Kameradschaftsabend in die Tannen säle. Der eine schimpfte auf seinen Vorgesetzten und meinte, sie hätten immer etwas anderes vor und schöben immer die jüngeren Führer vor, nach auswärts auf solche Kameradschaftsabende zu fahren. Er habe nun auch bald die Schnauze voll. Auch am Abend auf der Rückfahrt fuhren von Pirna einige " Pimpfe" mit nach Schandau und Krippen. Es war so unendlich komisch anzuhören, mit welchem Ernst diese 10 jährigen sich über ihren schweren Dienst unterhielten. Der Beitritt zum Jungvolk oder zur HJ ist natürlich genau so " freiwillig" wie etwa der zur Arbeitsfront oder zur NSV. Zwang und Propaganda sind in den letzten Monaten noch erheblich gesteigert worden. Die Lehrer sind durch die Schulaufsichtsbehörden angewiesen worden," unter vollem Einsatz ihrer Persönlichkeit die Hitler- Jugend bei ihrer Arbeit tatkräftig zu unterstützen" und" strengstens darüber zu wachen, dass bei Erteilung von Religionsunterricht jede unmittelbare oder mittelbare Wer A- 28bung für andere Jugendverbände als die Staats jugend unterbleibt. ( Regierungsbezirk Wiesbaden) Auf die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst wird ein Druck ausgeübt, ihre Kinder in die HJ' zu schicken. Der Reichsinnenminister hat es in einem besonderen Runderlass den Beamten zur Pflicht gemacht, ihren Kindern den Weg in die HJ freizugeben. Der Reichskriegsminister hat diesen Erlass auf alle Wehrmachtsangehörigen ausgedehnt, der Generaldirektor der Reichsbahn auf alle Angestellten und Arbeiter der Eisenbahn. Die Schulen, in denen 90% der Schüler in der HJ sind, haben das Recht erhalten, die HJ- Fahne zu hissen. Der thüringische Volksbildungsminister hat für solche Schulen eine Ehrenliste angelegt. Eine grosse Anzahl von Handwerks- und Handelskammern hat beschlossen, in Zukunft nur noch Lehrverträge zu genehmigen und Lehrlinge zur Gesellenprüfung zuzulassen, wenn die Lehrlinge der HJ oder dem BdM angehören. Innungen, Kreis- und Landeshandwerksmeister haben sich diesem Vorgehen angeschlossen, der Reichsfinanzminister hat Mitte Dezember eine entsprechende Anordnung für die öffentlichen Betriebe und Verwaltungen erlassen. Es scheint allerdings, dass diese Bestrebungen wenigstens zum Teil darauf zurückzuführen sind, dass sich bisher wiederholt Meister geweigert haben, Jungen aus der HJ in die Lehre zu nehmen. So ist uns vor Einsetzen dieser Aktion aus Sachsen berichtet worden: 1. Bericht: Seit einiger Zeit ist es nicht mehr so, dass allein die Eltern die HJ ablehnen, während die Kinder noch vom" Betrieb" begeistert sind. Jetzt begegnet die" Staats jugend" auch bei diesen, wenn sie nachdenklich zu werden beginnen, offener Ablehnung. Ein bezeichnendes Beispiel dafür liefert der folgende Vorgang in einer dörflichen Volksschule: Der Lehrer fragt, wie er wohl von oben angewiesen ist, die Schüler der Oberklasse einzeln, warum sie nicht in der HJ sind. Einer sagt:" Ich darf von Hause aus nicht."- Der zweite sagt nur schlicht und bündig:" Da wird nichts draus."- der dritte aber, vom Lehrer belehrt, dass er dann doch viel leichter eine Lehrstelle bekäme, erklärt:" In der Nacht ziehen sie herum, früh wollen sie nicht aus dem Bett und am Tag möchten sie nicht ichtig arbeiten; wenn ich dabei bin, ist es mit einer Lehrstelle erst recht Essig, dass weiss ich zu genau." Sprachs und liess den verdutzten Lehrer stehen, der ihm ja nicht gut unrecht geben konnte. A- 292. Bericht: In einem ostsächsischen Dorf sind 5 Jungens, als sie aus der Schule kamen und sich um Lehrstellen bemühten, aus der Hitler- Jugend ausgetreten, weil sie sonst kein Lehrmeister in die Lehre genommen hätte. Diese wollen die Lehrlinge zum Arbeiten haben und nicht zum" Herumstrolchen." Der eine Meister, selbst ein eifriger SA- Mann, fragte z. B. den Sohn des Berichterstatters:" Bist Du in der HJ?" Als dieser verneinte, meinte er:" Sonst hätte ich Dich auch nicht genommen. Letzten Endes möchte dann der Meister am Sonnabend die Bude aufräumen!" Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Wasserkante: In Hamburg wurde an alle Schüler auch in den Gewerbeschulen- ein umfangreicher Fragebogen verteilt, den sie in der Schule, also ohne Mitwirkung der Eltern, ausfüllen mussten. Die Vorderseite dieses Fragebogens sieht folgendermassen aus: Der Landesjugendpfleger Hamburg Hamburg 8, Stedelhörn 12, Gotenhof Stempel der Schule Name: Wohnung: Geboren:.. Gehörst Du der HJ. an?. Wenn nein, warum nicht? Fragebogen 1. Politische und allgemeine Fragen. Bekenntnis:.. Wenn ja, welcher Gliederung? Gebenhst Du in nächster Zeit der HJ. beizutreten?. Wie bist Du zur H3. gekommen? Seit wann bist Du mitglied der HJ.. Hast Du an Führerschulen oder Lagern teilgenommen? Wo? Don wann bis wann? Wie oft hast Du HJ.- Dienst?. Hast Du in der Ausübung Deines H3. Dienstes Schwierigkeiten in Elternhaus, Schule, Beruf? Welche? Bist Du den dienstlichen Anforderungen körperlich und zeitlich gewachsen? Wenn nein, warum nicht? Erfolgt durch den 3.- Dienst eine körperliche Überanstrengung oder eine zeitliche Beanspruchung? In welcher Weise? Warft Du vor Deiner Zugehörigkeit zur HJ. Mitglied einer anderen Jugendorganisation? Welther?.. Gehörst Du noch einer anderen Organisation( 3. B. Sport, Guttempler, kirchlichen, D. D. A.) an? Welcher?.... Erwachsen durch den HJ- Dienst dadurch Schwierigkeiten? Welche? Besitzt Du Leiftungsabzeichen? Welche? Führerrang? Liest Du Bücher? Welche?. Hast Du eine eigene Bücherei? Wenn nein, warum nicht? Besuchst Du Theater? Welche? Wie heißen die Stücke? Benußt Du die öffentlichen Bücherhallen? Vorstehende Fragen gelten auch für DJ. und Bom. A- 30Der Regierungspräsident in Schleswig hat Anfang November 1935 eine Anordnung erlassen, in der es heisst: " Ich ersuche die Lehrerschaft darauf hinzuweisen, dass die Arbeit der Hitler- Jugend und ihrer Gliederungen( DJ., BDM. und Jungmädel) in jeder Weise gefördert wird. Ferner ordne ich an, dass die Schulen meines Bezirkes folgendermassen an der Werbeaktion meines Bezirks mitwirken: 1. In der Zeit vom 16. bis 30. November d. Js. wird in jeder Schule eine würdig umrahmte Schulkundgebung durchgeführt, die für das Verständnis der Aufgabe der HJ. werben soll. Ein HJ- Führer soll über Aufgaben und Ziele der Staats jugend sprechen... 2. Innerhalb der genannten Zeit wird in jeder Klasse vom Lehrer unter dem Thema:" Staats jugend" eine Unterrichtsstunde durchgeführt, die ebenfalls im Dienste der Werbung für die HJ steht. In lebendiger und anschaulicher Weise sollen Wesen und Bedeutung der Hitler- Jugend erörtert werden mit dem Ziele, bei den nichtorganisierten Schülern Verständnis und Bereitschaft für den Dienst in der Staatsjugend zu wecken..." Südwestdeutschland, 1. Bericht( Baden): Die Kinder wurden wochenlang und zwar jeden Tag in der Schule der Klasse vorgestellt und durch demütigende Redensarten der Lehrer auf das verderbliche Fernbleiben von der HJ hingewiesen. Diese Art der Jugendgewinnung wurde vom Rektor überwacht. Der Druck auf die schulpflichtigen Jungen und Mädels wurde insbesondere im November noch ganz besonders gesteigert. Trotzdem waren nicht alle Kinder zum Eintritt in die HJ zu bewegen. Zwei Lehrer in X., glaubten sich besonders in dieser Sache auszeichnen zu müssen. Sie haben sich dazu verstiegen, ihre Klasse zu nachstehendem Manöver zu benützen: Diejenigen Schüler, welche der Staats jugend angehörten, mussten auf die rechte Seite des Schulzimmers treten. Die übrigen links. Dann pöbelte die rechte Seite die linke Seite im Sprech chor an: " Wer nicht der Staats jugend angehört, ist ein Vaterlandsverräter". Bei Beginn des Unterrichts und am Schlusse mussten die Nichteingegliederten diesen Sprechchor immer wieder über sich ergehen lassen. In beiden Klassen sind es jetzt noch etwa 20 Jungen, darunter 2 Juden, die diese Prozedur täglich über sich ergehen lassen müssen.-Die Schüler, die noch nicht im Jungvolk sind, werden nun jeden Samstagmittag in der Schule gesondert bearbeitet. Dabei trug sich in einer Schule einer grösseren Stadt in Baden folgendes zu: Der Lehrer erteilte Staatsunterricht und sagte u.a.:" Wir müssen unserem Führer dankbar sein, dass er uns die Ehre wieder geschenkt hat." Darauf einer der Schüler:" Dann essen wir eben einen Teller Ehre, anstatt Suppe." Der Lehrer geriet in vollkommene Raserei nannte den Jungen einen Kommunisten, gemeinen Bluthund und dergleichen mehr. Darauf machte er Meldung beim Rektor. An dem darauf folgenden Montag war nun grosse Untersuchung. A- 31Birektor, Bürgermeister usw. waren zugegen. Der Lehrer hatte gemeldet, der Junge hätte gerufen:" Du Schafseckel! Dann fressen wir Ehre und keine Suppe". Die Jungen mussten sich so setzen, wie sie am Samstag in der Schule gesessen hatten und es wurde jeder einzelne gefragt, was der junge Z. gerufen habe. Alle sagten gleichlautend aus, Schafseckel hätte er nicht gesagt, nur, jetzt essen wir eben einen Teller Ehre anstatt Suppe. Was nun weiter geschieht, weiss man noch nicht. 2. Bericht: Auch in der Volksschule ist das gleiche Bild. Diejenigen, die nicht im Jungvolk sind, werden auf eine besondere Liste geschrieben und diese Liste hängt im Schulzimmer aus. 3. Bericht: Fast in jeder Klasse gibt es Kinder, die sich trotz aller Drohungen und Benachteiligungen noch immer weigern, dem Jungvolk beizutreten. Das Verhalten der Lehrer ist unterschiedlich. Soweit es sich um fanatische Nazis handelt, haben solche Kinder schwer zu leiden, werden ständig beschimpft und bedroht. Aber auch die anderen Lehrer stehen unter einem starken Druck und bemühen sich mit guten Worten, die Kinder restlos zu erfassen. Jedenfalls kann man feststellen, dass bei vielen Kindern der Einfluss des Elternhauses noch stärker ist als die neue Nazierziehung. Es gibt fast in jeder Klasse geweckte Jungens, die aus ihrer Gegnerschaft gegen die neuen Methoden kein Hehl machen und die frei erklären, dass sie nicht in das Jungvolk wollen, weil ihnen das Treiben dort nicht gefällt. Dabei sind sie schlau genug, nicht in die Falle zu gehen, die ihnen mit der Frage gestellt wird, ob sie auf Geheiss der Eltern so handeln. Das wissen sie schon, dass dies für die Eltern nachteilig wäre. Man muss einen solchen geweckten Jungen gehört haben und einiges über die gegenseitigen Unterhaltungen der Jugend und über die Witze, die auch sie sich erzählen, um doch noch die Hoffnung aufrecht erhalten zu können, dass nicht die ganze Jugend verdorben wird und tüchtige Kräfte aus den täglichen Kämpfen und Schwierigkeiten herauswachsen. Mancher Wankelfritze könnte sich an solchen tapferen Jungens ein Beispiel nehmen. An den Samstagen, an denen sie in die Schule müssen, wird natürlich hauptsächlich militärischer Stoff durchgenommen, geturnt, exerziert oder Geländesport getrieben. Sie machen also ausserhalb des Jungvolks den gleichen Dienst. Bei schlechtem Wetter werden Kriegsgeschichten vorgelesen, oder Unterricht über Fliegergefahr und Fliegerschutz erteilt. Bayern, 1. Bericht: In die Hitler- Jugend setzt seit einiger Zeit ein neuer Zustrom ein. Das ist aber hauptsächlich auf die neue Methode zurückzuführen, dass Lehrlinge für das Handwerk nur aus der Hitler- Jugend genommen werden.- Ein Mann ist Postbote, sein Junge geht noch in die Schule. Schon heute muss er in die Hitler- Jugend, weil er sonst keine Anstellung A- 32bei einem Staatsbetrieb bekommt. An den Heimabenden und dem Organisationsleben der HJ nimmt der Junge nicht teil, aber er gehört ihr aus Zweckmässigkeitsgründen an. 2.Bericht: Hier hat man jetzt damit begonnen, die ganze Jugend in die Hitler- Jugend zu zwingen. Auf Schulen, deren Schüler zu mehr als 90% der Hitler- Jugend angehören, wird jetzt feierlich die Hitlerjugendfahne gehisst. Keine der Schulen kann nun da zurückstehen. Wo die 90% noch nicht erreicht sind, wie z. B. im alten Realgymnasium, wird von den Nazilehrern ein direkter Druck auf die Schüler ausgeübt. Für jede Klasse wird die Prozenthöhe festgestellt und jeder bearbeitet, der sich noch nicht angeschlossen hat. Die Mitgliedziffern der HJ steigen dadurch beständig. 1 Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die Bemühungen, die gesamte Jugend in die HJ zu bekommen, werden ständig verstärkt. Da sich im katholischen Westen- die Eltern oft mehr als die Jugendlichen gegen den Eintritt in die HJ sträuben, so gehen jetzt die Bemühungen dahin, die Eltern für die Sache zu gewinnen. Die Eltern werden zu den HJ- Abenden eingeladen, auch zu sonstigen Veranstaltungen. Es soll ihnen vornehmlich klargemacht werden, warum die Jungen und Mädel oft so spät nachhause kommen. Alles ist darauf abgestellt, den Nachweis der Wohlanständigkeit zu führen. So soll besonders den katholischen Eltern jeder Anlass zur Ablehnung der HJ genommen werden. 2. Bericht: In den Schulen ist der Einfluss der nationalsozialistischen Kinderorganisation gleich Null. Am Sonnabend wird durchgängig normal unterrichtet. Von einer Aktivität der Lehrerschaft zugunsten der HJ, von dem einen oder anderen" alten Kämpfer" abgesehen, bemerkt man nichts. 3. Bericht: Die Schul jugend wird in die HJ gepresst. Wir haben hier Fälle, in denen man die Zensuren nach der HJ- Mitgliedschaft ausstellt. Am Jugendsonnabend muss die nicht in der HJ organisierte Jugend mitmarschieren. Sachsen: In den Schulen waren die Lehrer beauftragt, für die HJ zu werben. Da die Werbung wenig erfolgreich gewesen ist, müssen jetzt die Volksschulklassen geschlossen in die HJ eintreten. Eine neue Verfügung bestimmt, dass Lehrer ihre eigenen Kinder in die Hitler- Jugend und den Bund Deutscher Mädel schicken müssen. Schwerer als die Schul jugend ist die Jugend im Betrieb von der HJ zu erfassen. Die HJ gibt sich alle Mühe, in Gemeinschaft mit der Arbeitsfront( der Leiter des Sozialamtes der Reichsjugendführung ist zugleich Leiter des Jugendamtes der DAF) die A- 33 Jugendlichen durch Druck, aber auch durch Verschaffung von Vorteilen( vor allem Urlaubsverlängerung) zu sich herüberzuziehen. Darüber wird uns berichtet: Berlin: Das Jugendamt hat Fragebogen herausgegeben, die sich vor allem mit der HJ befassten. Dabei hat sich herausgestellt, dass in unserer Schule die meisten Jugendlichen sich bei der Beantwortung der Fragen einen Witz erlaubten. Beantwortet wurde z. B. die Frage:" Grösse der Familie" mit 1.55 1.57 m oder 1 m- 1.80 m. Bei.der Frage:" Was fehlt an Kleidungsstücken"- Smoking und Zylinder und anderer Unsinn." Liest Du Bücher?"- Ja." Was für welche?" In Leinen gebundene. Oder es wurde absichtlich der grösste Schund aufgezählt." Was für Musikinstrumente spielst Du?" Grammophon und Radio.- Diese kleinen Beispiele geben sicherlich ein treffendes Bild von der Einstellung unserer Jungens. Es ist höchstwahrscheinlich keine Einzelerscheinung unseres Berufes. Selbst der Verbandsführer äusserte sich bei einer Beschwerde eines Jungen: Meinst Du, mir macht det Spass, immer von oben zu hören:" schon wieder die Roten, die alles hintertreiben." Wohlgemerkt, graphisches Gewerbe. Das Neueste von der HJ. Bekanntlich führt die HJ eine grosse Werbung vom 15.- 30. November durch. Ueberall, besonders aber auf die Kinder in den Schulen, aber auch auf die Jugendlichen wird ein grosser Druckausgeübt, in die HJ einzutreten. Ein Beispiel aus einer Berufsschule des gleichen Berufs: Zunächst mussten wir alle einen Aufsatz schreiben. Thema: 1. Warum gehöre ich der HJ nicht an?( für diejenigen, die der HJ nicht angehören) 2. Mein Dienst in der Staatsjugend( für HJ- Mitglieder) 3. Warum bin ich aus der HJ ausge treten? Die Aufsätze wurden nicht lang. Ueberschrift und ein, höchstens zwei Sätze. Nachmittags sprach ein Führer der HJ. Es sollte eine Werberede für die HJ sein. Obwohl ich im Laufe der Zeit schon manches erlebt habe, war es doch die grösste Zumutung, die man einem Zuhörer stellen kann. U. a. fragte er, wer alles Mitglied der HJ sei. Von ca. 120 Anwesenden ungefähr 25 HJ- Mitglieder. Davon hatten nur 5 ihre Führer gegrüsst. Der Redner betonte das auch und erklärte, dass ihm so eine Sauerei in seiner langen Tätigkeit in der Bewegung noch nicht vorgekommen sei. Dass unter denen, die nicht grüssten, auch zwei waren, die das Ehrenabzeichen trugen, ging ihm besonders an die Nieren. Südwestdeutschland: Es ist zu beobachten, dass das System nachdrücklich dafür sorgt, dass die Lehrlinge nicht ausgebeutet werden. Die NS- Hago veranstaltet z. B. lehrhafte Werbevorführungen, die sich gegen die Lehrlingsausbeutung durch die Handwerker wenden und vom Handwerker verlangen, dass er die Ausbildung des Lehrlings ernst nimmt. Die Handwerker sind natürlich darüber keineswegs erfreut, aber sie müssen dem Druck mehr oder minder nachgeben. Auch die Ladengeschäfte werden heute pünktlich geschlossen, weil es niemand wagen A- 34 kann, etwa ein Lehrmädchen länger zu beschäftigen, da dann die HJ sofort Krach schlagen würde. Im vorigen Jahre wurde von der HJ an die Unternehmer nachstehendes Rundschreiben verschickt: Genau wie im Vorjahre rüstet auch jetzt wieder die HitlerJugend für die Sommerarbeit, die ihren vollendetsten Ausdruck in der Durchführung grosser Zeltlager frden soll. Auch an Sie geht der Ruf, Ihr Teil dazu leizutragen, dass das Zeltlager des Bannes 166, welches an Hardsteinweiker bei Usingen aufgebaut wurde, ein Erfolg für unsere Arbeit wird, in dem Bestreben, jungen Menschen, die tagaus, tagein im Berufe stehen, einige frohe Tage der Erholung aber auch des Di mstes an unserem Volke zu geben. Wollen wir doch nur, dass Sie in wahrhaft sozialer Einsicht den bei Ihnen beschäftigten Hitler- Jungen den erforderlichen 14 tägigen Urlaub vom bis ohne lahnausfall gewähren, der den heute in die Betriebe eintretenden Jungen bereits vertraglich gewährt wird, ja dass darüber hinaus ein telne Industriezweige ihren Jungarbeitern schon drei Wochen Urlaub geben. Zeigen Sie daher durch Ausfüllen der unter stehenden Einverständnisserklärung, dass Sie unsere grosse Parols für die diesjährigen Zeltlager " Haltung und Disziplin" in eigenstem Interesse und im Hinblick auf unsere schwierige Arbeit bei der Formung von jungen Menschen för jern wollen, und Sie damit in die Reihe der Betriebsführer rücken die aus ehrlicher Überzeugung und wirklichem Verständniss in ur eigennütziger Weise der Jugend zu gemeinsamer Arbeit die Hände reichen. Heil hitler Der Führer das Bannes 166/ Taunus der Hitler- Jugend Walter Br Un cerbannfüh Hiermit erkläre ich mich damit einverstanden, dass der bei mir beschäftigte Hitler- Junge in der Zeit vom bis das Zeltlager des Bannes 166 besucht und den erforderlichen Urlaub dazu von mir erhält, wenn er seinen Stellungsbefehl unterschrieben vorzeigt. Nicht damit einverstanden:( Bitte Grund angeben). Sachsen: Im Zusammenhang mit den Sommerlagern der HitlerJugend hat sich die Arbeitsfront alle erdenkliche Mühe gegeben, um auch möglichst viele Jungarbeiter, die der HJ nicht angehören, in diese Sommerlager zu bringen. Sie ist u.a. an die Be triesinhaber herangetreten, damit diese Sonderurlaube und finanzielle Zuschüsse leisten und hatte dabei verschiedentlich auch Erfolge aufzuweisen. Eine Anzahl Betriebe im Bezirk Zwickau haben tatsächlich für die Lehrlinge länger Urlaub gewährt als der Tarif vorsieht und diesen Mehrurlaub auch bezahlt. Allerdings nur für solche Lehrlinge, die ihren Urlaub im Sommerlager der HJ verbringen wollten. Bayern: Die Kolonialwarengeschäfte Georg Dormann in Würzburg, Semmelstr. 57 und Dormann& Ruckert in Würzburg, Neu A- 35baustrasse 32 mit dem Filialgeschäft Zellerstr. 16 wurden geschlossen und die Inhaber in Schutzhaft genommen. Den Anlass dazu soll angeblich die Lehrlingsausbeutung von 5 Lehrlingen und Lebensmittelfälschungen gegeben haben. Der wahre Grund ist aber, dass die Geschäftsinhaber diese 5 Lehrlinge veranlassten, aus der Hitler- Jugend auszutreten und dem katholischen kaufmännischen Verband Constantia beizutreten. Deshalb also kein ordentliches Gerichtsverfahren gegen die Geschäftsinhaber, sondern Schutzhaft mit nachfolgender echter Naziverleumdung. Die HJ und ihre Nebenorganisationen entfalten einen ungeheueren Betrieb. Der organisatorische Monopolanspruch soll durch eine umfassende Betätigung auf allen möglichen Gebieten ausgefüllt werden. Im Vordergrund steht naturgemäss die miliräische Ertüchtigung. Aehnlich wie bei der SA ist auch für die HJ und das Jungvolk ein" Leistungsabzeichen" geschaffen worden. Der Jungbann 1/134 Plauen gibt darüber z. B. bekannt: " Das Leistungsabzeichen wird nicht nur allein durch gute Leistungen in den Leibesübungen erworben, sondern jeder Pimpf muss hier zeigen, dass er fähig ist, im Rahmen der ganzen Gemeinschaft seinen" Mann" zu stellen. So ist zum Beispiel auf dem Gebiete der Schulung genau über das Leben des Führers und in einer weiteren Gruppe die Kenntnisse über Fahrt und Lager, über den Bau einer Kochstelle, eines Zeltes usw. eine genaue Prüfung abzulegen. Auf Grund einer Vereinbarung mit dem Deutschen Luftsportverband sind im Jungvolk Modellbau- Arbeitsgemeinschaften, in der HJ Luftsportscharen gebildet worden, in denen die Anwärter für die Fliegerstürme des DLV und damit für die Reichsluftwaffe herangebildet werden sollen. In Prieros( Mark Brandenburg) hat die Marine- HJ Mitte Dezember eine" Reichssee sportschule" eröffnet. Im ganzen Reich sollen Reiterformationen der HJ gebildet werden. Die BdM- Mitglieder sollen Ausbildung im Luft- und Gasschutz erhalten. Daneben werden aber noch zahlreiche sozial- und kulturpolitische Aufgaben in Angriff genommen. In Düsseldorf ist vor kurzem ein" Kameradschaftshaus" der HJ für" asozial gefährdete Jugendliche eröffnet worden, in Göttingen schon vorher ein ebenso benanntes Heim, das der gemeinsamen politischen und A- 36weltanschaulichen" Ausrichtung" von Studenten und Jungarbeitern dienen soll. In der Nähe von Bitterfeld hat die HJ ein Umschulungslager für junge Mädchen eingerichtet; der BdM will offene Kinderstuben schaffen und Freizeitlager für die unorganisierte weibliche Jugend und für arbeitslose junge Mädchen errichten. Die HJ gibt eine neue Zeitschrift für Feier- und Freizeitgestaltung" Die Spielschar" heraus. Schliesslich soll die eigentliche Jugendarbeit weiter angekurbelt werden. Zahllose Zeltlager sind veranstaltet worden. An vielen Orten werden neue HJ- Heime eingerichtet. Der HJ unterstehen auch alle Deutschen Jugendherbergen; Ende Oktober 1935 wurden weitere 26 Jugendherbergen eröffnet oder in Bau genommen. Die Gemeinden und Gemeindeverbände müssen namhafte finanzielle Beihilfen dafür zur Verfügung stellen. Aber obgleich auch aus Beitragseinnahmen riesige Summen eingenommen werden müssen, bleibt alles im Zustand des Experimentierens, des leeren Betriebs und des rein Propagandistischen stecken. Die ernste Arbeit aber hat, gemessen an den Leistungen der früheren Jugendverbände einen tief bedauerlichen Rückgang erfahren. Unseren Berichten entnehmen wir: Bayern, 1. Bericht: In München werden die Hitler jungen in Abteilungen für je einen Tag in die Kasernen eingeladen. Dort sollen sie Interesse für das Tagewerk des Soldaten bekommen. Dass die Jungen dabei mit Jubel mitmachen, ist verständlich. Sie dürfen reiten, am Maschinengewehr hantieren, mit Gewehren exerzieren usw. Sie essen mit aus der Feldküche. Mit hellster Begeisterung, kommen die Buben aus der Kaserne und bringen Schwung in die ganze Familie. Wie die Jugend bearbeitet wird, zeigt auch die Propaganda für den Flugsport. 2.000 Kinder werden fast jede Woche durch den Flughafen geführt. Eigene Flugzeuge sind für die Kinderflüge bereitgestellt. Ein Rundflug kostet 2,50 Mk. Die Jungens dürfen in die Führersitze steigen, dazu sind alte Maschinen bereitgestellt. 2. Bericht: Das Wandern der Jugend im früherem Sinne kennt man kaum noch. Früher waren alle Jugendherbergen überfüllt, kam man abends etwas später an, so bekam man meist keinen Platz mehr. Heute sieht es dagegen so aus: In der grossen Jugendherberge in Hemhof bei Endorf( Chiemsee) war ich der Einzige zum Uebernachten, in Eisenstein waren wir 3 Jugendliche, in Passau 12. In Burghausen waren es 10 Jugendliche A- 37in einer Herberge mit 200 Schlafstellen. In allen diesen Jugendherbergen habe ich früher schon übernachtet und immer waren sie bis spätestens abends 7 Uhr schon überfüllt. Jetzt wird die Jugend durch Sport und militärischen Drill vom Wanderen abgehalten. Es ist ja auch nicht mehr schön in diesen Jugendherbergen. Einer traut dem Anderen nicht. Grüsst einer mit Heil Hitler, so weiss man nicht, will er einen zum Besten halten oder ist er ein Provokateur. So kommen natürlich keine Gespräche in Schwung und es fehlt gerade das, was die Jungens früher in diese Herbergen zog, die lustig kameradschaftliche Unterhaltung, das Spiel, das Bewusstsein der inneren Zusammengehörigkeit. Man wird selbst traurig und wehmütig auf so einer Herberge, wenn man daran denkt, wie das früher war. Ruhrgebiet: In den Jugendherbergen macht sich ausschliesslich das nationalsozialistische Gesindel breit, so dass sich wirkliche Wanderer mehr und mehr zurückziehen. Das wirkt sich jetzt auch in einem besonders schlechten finanziellen Stand des Jugendherbergwerks aus. Für das kommende Jahr ist der Jahresbeitrag um 1 Mark erhöht worden. Südwestdeutschland: Im allgemeinen wird in der HJ bei den abendlichen Zusammenkünften sehr viel dummes Zeug getrieben. Von einer ernsten Arbeit ist keine Spur. Das wird ja nun nicht ganz allgemein so sein, sondern sehr stark von der jeweiligen Führung der Gruppe abhängen. Jedenfalls berichten uns die hineingezwungenen Kinder, dass man sehe, dass hineingepresst worden wäre. Viele betragen sich so, dass man merke, sie warten nur darauf, wieder hinausgeschmissen zu werden. Darunter sind hauptsächlich diejenigen, die wissen, dass sie zu Hause bei ihren Eltern keine Schwierigkeiten bekommen, falls sie fliegen, und auch keine Schwierigkeiten bei ihrem Lehrmeister befürchten, da beide Teile nur gezwungen ihre Zustimmung zum Eintritt in die HJ gegeben haben. Wasserkante: Ueber das Nordmarklager der Hitlerjugend ist nichts zu berichten, weil dort nichts besonderes geschah. Von Schulung in geistiger Hinsicht war keine Spur. Militärische Ausbildung, Sport, Geländespiel, Geländekunde und ähnliches wurde betrieben. Ab und zu auch gesellige Heimabende. Wir haben schon wiederholt über die Verrohung der Jugend als Folge der Erziehungsmethoden der HJ berichtet. Einigen neueren Berichten entnehmen wir: Sachsen, 1. Bericht: Sitzt eines Tages ein schwerer Nazi mit seiner Familie beim Mittagstisch. Nach dem Essen sagt der Vater so das bekannte Verschen her: Nach dem Essen soll man ruhn oder tausend Schritte tun. A-38. da spricht sein Sprössling, eifriger Hitlerjunge: Nee Vater, das heisst jetzt anders: Nach dem Essen sollst du rauchen oder eine Frau gebrauchen. Auf seine Frage, woher der Junge das habe, wurde dem Vater der Bescheid, das sei in der HJ gang und gäbe. Der empörte Nazivater hat seinen Jungen bei der HJ abgemeldet. 2. Bericht Die Verrohung und Verhetzung der Hitlerjugend nimmt immer grösseren Umfang an. Als ein Vater seinen in der Hitlerjugend befindlichen Sohn wegen einer begangenen Unart züchtigen wollte, griff der Sohn nach seinem Fahrtenmesser und brachte seinem Vater eine Schnittwunde bei. Kürzlich beschwerte sich eine Mutter bei einem sächsischen Schulleiter, weil ihr Junge von seinem Klassenkameraden als " Rassenschänder" beschimpft würde. Schlesien: Ein Genosse, der auf einer Wanderung in verschiedenen Jugendherbergen übernachtete, berichtet: In Berlin übernachtete der Genosse in der Jugendherberge in Moabit. Er kaufte sich zwei Flaschen Milch und musste pro Flasche 20 Pf. Pfand beim Herbergsvater bezahlen. Er trank die Milch aus. Dann ging er austreten und als er wieder kam, hat. te man ihm die beiden leeren Flaschen gestohlen. Jedenfalls hatten die Flaschen andere Jugendliche genommen und sie abge geben, um sich so in den Besitz der 40 Pf. Pfand zu setzen. In der gleichen Nacht wurde dem Genossen auch seine Sportmütze gestohlen. In der Herberge waren auch zwei Mädchen aus Saarbrücken. Sie unterhielten sich mit dem Herbergsvater. Der äusserte sich sehr abfällig über den BdM. Er sagte u.a., dass ihm der BdM wie ein Freudenhaus vorkäme. Die Mädchen verkaufen sich für eine Zigarette. Die Schweinereien sind gross. Die Jugend will sich immer selbst verwalten. Man müsste ihnen die Rechte scharf beschneiden, denn sie haben uns in unzähligen Fällen Tausende unterschlagen. Der Herbergsvater in Leipzig schimpfte gleichfalls über den BdM. Es sei nicht mehr auszuhalten, das könnte er aus eigener Erfahrung als Herbergsvater sagen. In dieser Herberge übernachteten auch vier junge Leute aus Berlin. Mit ihnen unterhielt sich unser Genosse. Die Berliner sagten ihm, dass es ihnen das Schönste sei, die Juden verprügeln zu können. Unter den vier Berlinern befanden sich auch zwei Mädel. Die protestierten gegen diese Auffassung und sagten sehr tapfer, dass es feig sei, wehrlose Menschen zu schlagen. Die Herbergsstube war während dieser Unterhaltung voll besetzt. Die anderen Jugendlichen hörten aufmerksam zu, beteiligten sich aber nicht an der Debatte. In Hamburg traf der Genosse mit einem Hochschüler aus dem Hundsrück zusammen. Beide sprachen über den BdM. Der Hochschüler sagte:" Man muss sich schämen, darüber zu sprechen. Man bestrafe im Dritten Reich z. B. die Abtreibung scharf, 4-39aber niemals würde die mehr betrieben als jetzt. Rheinland: Am 17. Dezember hatten sich in der Sakristei der Kirche in Brand b.Aachen katholische Jugendliche versammelt. Während der Versammlung wurde von der Strasse her ein Fenster der Sakristei eingeworfen. Verschiedene katholische Jünglinge gingen auf die Strasse, konnten jedoch nur noch flüchtende Burschen sehen. Sie gingen wieder in die Sakri stei zurück. Kurze Zeit danach wurde wieder gegen die Fenster geworfen, worauf einer der Jugendlichen sofort auf die Strasse lief und einen HJ- Führer Meiwurm stellte. Brehmen, so hiess der katholische Junge, ermahnte Maiwurm, anständig zu sein und nicht Fenster einzuwerfen. Darauf stiess der Maiwurm dem Brehmen den Dolch in die Brust. Brehmen konnte sich noch in die Sakristei schleppen und den Vorfall berichten. Er ist schwer verletzt worden. Berlin: Zwei Jungvolk- Mitglieder unterhal ten sich darüber, dass morgen eine Fahrt stattfindet. Der eine erzählt, dass er nicht teilnehmen könne, weil sein Vater ihn nicht mitgehen lasse. Darauf sagte ihm der andere:" Gegen den Alten musst Du mal massiv werden." Südwestdeutschland, 1.Bericht( Pfalz): Die meisten Fälle jugendlicher Schiessereien werden nicht veröffentlicht, sonst ergäbe sich eine ganz furchtbare Bilanz. Fast täglich schlüpfen einige Meldungen durch. Vom kleinsten Knirps an haben sie alle Waffen, so dass die Unfälle nicht ausbleiben können. In Landstuhl hat der 15jährige Phil. Scherer dem 9jährigen Sohn des Peter Schäfer mit einem Tesching in die Brust geschossen. Die rechte Lunge wurde verletzt, die Kugel, blieb in der Schulter stecken. In Imsbach spielten Jungens mit Sprengstoff, der explodierte und zwei Jungens schwer verletzte. In Thaleischweiler hatten sich einige Jungens Schiesspulver verschafft und machten Sprengversuche. Dabei verlor der Sohn des Johann Sema das linke Auge. Aus Annweiler wird berichtet: Der 16 Jahre alte Richard Herbst liess beim Auskleiden auf dem Turnplatz eine Selbstladepistole brblicken. Sein Freund Walter Wengert nahm sie und spielte damit. Plötzlich entlud sich ein Schuss und traf den Karl Seyfried in den rechten Oberarm. In Hassloch stand der Sohn des Architekten Karl Handrich zusammen mit einem Kameraden auf der Strasse, der an seinem Gewehr herumhantierte. Plötzlich löste sich ein Schuss. Die Kugel drang dem jungen Handrich in die Brust, so dass seine Verbringung ins Krankenhaus erforderlich wurde. In Flomersheim bei Frankenthal spielten Kinder mit einem Gewehr, wobei der 14 Jahre alte Herbert Seitenspinner am Arm und an der Brust gefährlich verletzt wurde. Er musste ins Krankenhaus verbracht werden. In Mutterstadt hantierte der junge Eugen Müller mit einem Gewehr und schoss sich dabei in den Unterleib. Die Schwere der Verletzung machte die Ueberführung ins Krankenhaus erforderlich. A- 402.Bericht( Saargebiet): In Blieskastel spielten zwei Jungens der Familie Faber mit einer Mehrladepistole, in der Meinung, sie sei nicht geladen. Plötzlich ging sie los und traf den ältesten in den Unterleib, so dass er ins Krankenhaus verbracht werden musste. 3. Bericht( Baden): In Fischingen bei Lörrach hantierte der 13jährige Sohn des Maurermeisters Hagis an einem Gewehr herum, von dem der Kolben abgenommen war. Im Gewehrlauf steckte noch eine Patrone, aus der der Junge die Kugel entfernte, um dann die leere Hülse mit Laub zu verstopfen und wieder in den Lauf zu tun. Plötzlich löste sich ein Schuss und traf die Halsschlagader, so dass der Junge sofort tot zusammenbrach. Bayern: der katholische Kooperator von X., der an der katholischen Volksschule den Religionsunterricht erteilt, hat seinem vorgesetzten Stadtpfarrer wiederholt berichtet, dass die Schul jugend, seitdem sie in der HJ oder im BdM ist, fast nichts mehr lerne, eine Arroganz an den Tag lege, die kaum zu schildern sei, und dass sich von den Jungen jeder für einen Helden halte, wenn er gegen Lehrer und Pfarrer unbotmässig und flegelhaft sei. Als vor kurzem eine Schulausschusssitzung in X. stattfand, und der Stadtpfarrer dort diese Klagen vorbrachte, sprang der Nazikreisleiter Kellermann von X., der von Beruf Lehrer ist, auf und schrie den Stadtpfarrer an:" Sind bloss Sie ruhig, wenn ich nicht wäre, wären Sie schon längst in Dachau!" 3) Aus der Schule Das Bestreben der Nationalsozialisten, der HJ mit aller Gewalt einen möglichst grossen Einfluss auf die Jugenderziehung zu sichern, erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass sie der Schule nicht trauen. Sie versuchen zwar auch in der Schule, den nationalsozialistischen" Geist" mit allen Mitteln durchzusetzen aber sie wissen, dass das bisher nur zum Teil gelungen ist und dass die Mehrzahl der aus der Republik übernommenen Lehrer nich die geeignetsten Künder dieses Geistes sind. Ueber die Lage der Schule im Dritten Reich und die Haltung der Lehrer, über die wir wiederholt, zuletzt im Juni 1935, berichtet haben, geben die beiden nachfolgenden zusammenfassenden Berichte erneut einen Ueberblick. A-41Sachsen: Die Stimmung der Lehrer ist sehr gedrückt, sie arbeiten ohne jegliche Berufsfreude. Im Grunde sind die Lehrer noch genau so unpolitisch wie früher. Es stösst den durchschnittlichen Lehrer- bei seiner Pedanterie- besonders ab, dass sein Schulbetrieb fortwährend durch neue Anordnungen, Kurse usw. gestört wird. Dabei ist das System gerade dem Geltungsbedürfnis der Lehrer kleiner Orte sehr entgegengekommen. Sie wissen, dass das örtliche Organisationsleben der nationalsozialistischen Bewegung mit ihnen steht und fällt. Im Bezirk X. gehören z. B. von den Amtswal tern der NS- Volkswohlfahrt 75% dem Lehrerstand an. Die Nazis verfehlen heute noch nicht, den sächsischen Lehrern immer wieder zu sagen:" Ihr habt etwas gutzumachen", mit anderen Worten: ihre früher rote Gesinnung durch eine betont braune zu kompensieren. Empörend finden die Lehrer, wie wenig heute das Fachwissen geachtet wird. Man hat vor allem die beiden Achillesversen des Lehrers- die Gehalts- und die Ferienfrage verletzt. Besonders verärgerte die Unsicherheit in der Ferien frage. Nach dem Umsturz wurden, für den Lehrer und seine Gewohnheiten beängstigende Reformen in der Feriengestaltung angekündigt; dass die Ankündigungen dann nicht wahrgemacht wurden, hat dem System bei den Lehrern viel von seiner ursprünglichen barbarischen Autorität genommen. Sie sagen heute bei jeder Gelegenheit:" Ach, die kochen auch nur mit Wasser!" Ein Beispiel: In den diesjährigen grossen Sommerferien soll te die sächsische Lehrerschaft an drei mal zehn Tagen weltanschaulich und politisch geschult werden, wozu sie in ein von ihrem Wohnort entferntes Lager( Jugendherberge etc.) kommen sollte. Für die 10 Schulungstage sollten von den Lehrern je 25, Mark Verpflegungsgeld- ausser dem Fahrgeld aufgebracht werden. Darüber entstand helle Empörung. Diese Empörung wurde am meisten von der Lehrerschaft der höheren Schuler angefacht. Sie vor allem warf die Frage auf, in welcher Eigen schaft ihr Führer Göpfert die Anordnung herausgebracht habe: als kommissarischer Volksbildungsminister oder als Gauamtsleiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Habe er sie als Minister herausgegeben, so dürften die zehn Kursustage nicht in die Ferien fallen und müssten kostenlos sein; denn die Lehrer wären nichts Schlechteres als die Juristen. Habe Göpfert sie aber als Gauamtsleiter ins Land gehen lassen, so müsste die Teilnahme an den Schulungskursen eine wirklich freiwillige sein, d.h." Dann brauchen wir nicht zu gehen." Trotz der Verstimmung der Lehrer gingen die Vorbereitungen weiter. Im Juni erschien in der amtlichen Zeitschrift" Politische Erziehung" des sächsischen Lehrerbundes ein auf die Minute ausgearbeiteter Kursusplan( übrigens war erst von einer drei- bis vierwöchigen Kursusdauer die Rede, erst nach und nach schrumpfte sie auf zehn Tage zusammen). Jetzt war man allgemein der Aufrassung, das letzte Wort sei gesprochen und die Kurse fänden statt. Die Zellenobleute des Lehrerbundes begannen den vorgeschriebenen Druck auszuüben, um die Lehrer zur" freiwilligen Meldung" zu gewinnen. Natürlich woll A-42te kein Lehrer seine Ferien zer issen. Alle gemeldeten Teilnehmer wollten entweder am ersten oder am letzten Kursus teilnehmen. Noch zu guterletzt kamen bei den Zellenobleuten umfangreiche Fragebogen für jeden Teilnehmer an, die sie auszufüllen hatten. Vier Tage später wurde die ganze Sache aber" besonderer Gründe wegen für dieses Jahr" abgeblasen. Die Folge davon war unverhohlene Freude bei allen Lehrern und Lehrerinnen. Man raunte sich zu:" Ist das nicht fabelhaft! Gott sei Dank, wir sind erlöst!" Eine Handarbeitslehrerin tat das, was sie für den Fall des Abblasens der Kurse gelobt hatte und gab spontan ihrem Rektor einen Kuss. Nun waren aber die Zellenobleute, die bisher den Aerger und die Misstimmung der um ihre Ferien bangenden Lehrer zu spüren hatten, die Blamierten. Ein überzeugter Nazi unter ihnen bemerkte bitter:" Wir wissen genau, dass sich die Tausende von sächsischen Lehrern nur unter unserem Druck gemeldet haben. Jetzt stehen wir vor ihnen als lächerlich da. Wahrhaftig, es kommt so weit, dass man die Anordnungen der Gauamtsleitung nicht mehr für ganz ernst nehmen kann!" Nebenbei bemerkt klappt der Organisationsbetrieb im nationalsozialistischen Lehrerbund überhaupt nicht. In einem halben Jahr allein wurden vier Aenderungen in der Beitragsregelung vorgenommen. Der nationalsozialistische Lehrerbund bedeutet dem Lehrer nicht im entferntesten das, was ihm früher der Lehrerverein war, der ihm zugleich Gewerkschaft und Fortbildungsstätte für das Berufliche war. Der sachlichfachli- che Gehalt, die berufliche Anregung fehlt und ist durch politische Phrasen ersetzt. Unter dem Schatten des Systems, das gegenseitiges Misstrauen züchtigt, hat der gesellige Zusammenhang unter den Lehrern auf dem Lande fast ganz aufgehört, worüber insbesondere die Lehrerfrauen klagen. Eine Neueinrichtung, die als sehr unangenehm empfunden wird, sind die sogenannten Schulhelfer, die als politische Ueberwacher empfunden werden. Als Aufsichtsinstanz gab es bisher nur die Schulräte. Jetzt gibt es, trotz personeller Erneuerung der Schulräte im nationalsozialistischen Sinne, neben jedem Schulrat, ihm beigeordnet, noch ein oder zwei Schulhelfer, oft junge Leute, aber alte Pgs., die nicht durch Fachkenntnisse glänzen und sich als Anwärter auf freiwerdende Schulratsstellen empfinden. Ihre Aufgabe ist es, den Unterricht zu überwachen und festzustellen, ob er dem nationalsozialistischen Geiste entspricht. Während die Schulräte in grossen Zei tabständen inspizierten, erscheinen die Schulhelfer häufig Woche für Woche in der Klasse eines Lehrers, was die Lehrer sehr verdrossen macht und unter ihnen das Spottwort auf brachte:" Die Schulhelfer ähneln dem Blinddarm: leicht reizbar und entbehrlich!" Diesen Schulhelfern ist das Wichtigste, dass eine Schulklasse sich zackig benimmt und die Hacken knallen lässt. Was der Nationalsozialismus in den Schulunterricht hineintrug, tut bis jetzt keine tiefere Wirkung, zumal die jetzige Lehrerschicht die Anordnungen nur nachlässig handhabt. Was an A-43Festen und Feiern angeordnet wird, wird lax durchgeführt. Nur jüngere, nazibegeisterte Lehrer, die etwas von der Art der Jugendbewegung mitbekommen haben, versuchen mitunter, den Feiern einen einprägsamen Stil zu geben. Im Durchschnitt verbindet sich schon darum kein Erlebnis mit all den nationalsozialistischen Feiern für die Kinder, weil der heutige Lehrer, von Ausnahmen abgesehen, alles andere als ein heroischer Typ ist. Es reizt zum Lachen, wenn man die spiessigen, oft recht korpulenten Lehrergestalten in Uniform auftreten sieht, oder wenn solche uniformierten Figuren- etwa bei der musikalischen Einleitung einer Lehrerveranstaltung Klavier und Geige bedienen. Die Lust am Uniformtragen ist so gut wie ganz verschwunden, so dass die Amtswalter der Lehrerorganisation fortgesetzt sanfte Ermahnungen austeilen müssen, zu Veranstaltungen, Kursen usw. doch in Uniform zu erscheinen. Bei einer Lehrerversammlung war letzthin nur ein kleiner Bruchteil der Versammelten in Uniform erschienen, was den Leiter zu den ernst ermahnenden Worten veranlasste: " Das geht aber nicht mehr! Wenn alle in Zivil kommen, sagen die Leute unten wieder: Ah, oben tagt der Lehrerverein! Wir sind doch aber kein Verein mehr, sondern eine soldatische Organisation!"- Alleweile wird auch von den Zellenobleuten gegen den Gebrauch der Anrede" Kollege" untereinander gewettert; die Lehrer sollen sich gegenseitig mit" Kameraden" anreden. Im Unterricht bieten sich dem dazu willigen Lehrer noch viele Möglichkeiten, entgiftend zu wirken. Es kann behauptet werden, dass der Nationalsozialismus bei den Kindern nur hauttief sitzt. Zum Beispiel ist ein ursprünglicher Antisemi. tismus bei den Kindern( wie auch bei den Erwachsenen) nicht zu beobachten; ein sozialistischer Lehrer machte in dieser Hinsicht bewusst Experimente, die das Behauptete ebenfalls bestätigen. Eine allgemeine Beobachtung: bei den Kindern ist die Empfindung für fein nuancierte Ermahnungen geschwunden. Der Lehrer wird einfach zum Ton des HJ- Führers gezwungen und mus. sich mit Brüllen, Faustaufschlagen Ruhe verschaffen; erst wenn diese ihnen vertraute Töne kommen, fügen sich die Kinder in geduckter Haltung wie Rekruten. In einer von der Behörde vorgeschriebenen Junglehrer- Arbeitsgemeinschaft versuchte ein besonders nazibegeisterter Junglehrer die Klasse, mit der sie experimentierten, über Bedeutung und Sinn der Fahne aufzuklären. Er ging auf die Geschichte der Fahne ein, hob den Unterschied zwischen Fahne und Banner hervor wobei er sagte, dass die Fahne stets an einem Stock befestigt sei usw. Sein Ziel war, aus der Klasse durch seine ermunternden Fragen die Antwort zu erhalten: " Verlorene Fahne verlorene Ehre!" Nach langen einleitenden Bemühungen animierte er fragend dazu:" Verlorene Fahne verlorene--- na, wer weiss?!"- worauf die Antwort kam:" verlorener Stock!" Natürlich amüsierten sich die anderen Junglehrer weidlich über diesen Misserfolg. 380 A-44Ebenso wie dieser blamierte Junglehrer erleben auch die anderen Lehrer, dass der von der HJ vermittelte sagenhafte Ehrbegriff der Jugend keineswegs in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sozialistische Lehrer behaupten, dass bei den Roten Falken früher ein viel stärkeres Ehrgefühl zu beobachten gewesen wäre. Man kann oft beobachten, dass sich die Jungvolkmitglieder gegenseitig absichtlich falsch vorsagen, um ihre Kameraden hereinzulegen. Wenn dann der Lehrer ihnen vorhält, das sei nicht nur unkameradschaftlich, sondern widerspräche doch auch ihren Ehrbegriff, sehen sie verwundert drein. Die Jungvolk- Erziehung erzielt nur Aeusserlichkeiten und ein vorlautes, anmassendes Wesen, das sowohl den Lehrern wie den Eltern längst unausstehlich ist. Kein Elternbesuch bei Lehrern vergeht, ohne dass die Eltern nicht über die" Erziehung", die ihren Kindern im Jungvolk zuteil wird, bewegt klagen. Vorsichtig und scharf prüfende Lehrer- vor allem auch solche der jungen Generation- erklären, ihre frühere Furcht, die Kinder, die durch das Jungvolk gingen, könnten uns für immer verloren gehen, wäre nicht mehr vorhanden. Was an der Oberfläche der Kinderseele an nationalsozialistischem" Geistesunrat" zusammengetragen worden sei, li esse sich nach einem Sturz des Systems in verhältnismässig kurzer Zeit abstauben. Uebrigens wäre es heute längst so weit, dass die Kinder nicht mehr gern ins Jungvolk gingen.. Den Führern der nationalsozialistischen Jugendorganisation fehle die geistige Substanz, und daher bliebe ihre Jugendformung rein äusserlich. Der Führermangel in der HJ hat bewirkt, dass von dem Grundsatz" Jugend- soll nur von Jugend geführt werden" mehr und mehr abgegangen wird. Neuerdings versucht man, die jüngeren Lehrer mit allen Mitteln in die HJ- Arbeit zu pressen. Zwischen den HJ- Führern und den Lehrern entstehen aber nicht selten starke Spannungen, zumal oft achtzehnjährige Bannführer dreissigjährige Lehrer unter sich haben, und den" Steisstrommlern" besonders gern ihre Machtfülle klarmachen. Die Lehrer, die sich für die HJ gewinnen lassen, sind meist nicht die besten Pädagogen. Man erlebt, dass sie nicht das Primitivste von Jugendführung verstehen und z. B. für die Gestaltung von Heimabenden noch nicht einmal entsprechende Literaturkenntnise mitbringen. Die aus der bürgerlichen" bündischen Jugendbewegung" nach dem Umsturz zur HJ gestossenen Jugendführer haben die Hoffnung, in die" Staats jugend" den Geist der freien Jugend bewegung tragen zu können, aufgegeben und empfinden restlos schwere Enttäuschung. Der" staatspolitische Unterricht" an den Sonnabenden ( Staats jugend tag) ist unter aller Kanone. Neuerdings wird Rassekunde nicht mehr als Prinzip während des Geographie-, Deutsch- und Geschichtsunterrichts, sondern in den Oberklassen als Fach gegeben. esa Im Elementarunterricht ging man früher im Lesen von der Lateinschrift( Antiqua) aus; daraus wurde dann das Schreiben entwickelt, so dass nach einigen Wochen der Lese- und A-45Schreibunterricht nach den einzelnen Buchstaben parallel ging. Diese Schrift wird nun als volksfremd verworfen. Man nimmt daher als Ausgangsschrift zum Lesen die Frakturschrift weil das aber nur eine Lese- und keine Schreibschrift ist, läuft ein vom Lesekurs vollkommen getrennter Schreibkurs nebenher, was den Lehrern doppelte Mühe macht. Die Junglehrer haben besonderen Grund zur Unzufriedenheit. Sie haben einen festen Satz inbezug auf geldliche Entschädigung, aber nicht auf die Zahl der Unterrichtsstunden. Jetzt erhalten sie monatlich 112,- Mark brutto. Eigentlich soll ein Junglehrer während des Probe jahres wöchentlich nur 20 Unterrichtsstunden geben, damit er Zeit behält, seine Erfahrungen zu verarbeiten. Da aber dauernd Schulkollegen zu Kursen( Reichswehr, Gasschutz usw.) beurlaubt und Ersatzkräfte nicht gestellt werden, müssen immer wieder die jungen Kollegen einspringen. So geschieht es, dass Junglehrer statt 20 Stunden manchmal 35 Stunden die Woche unterrichten müssen, ohne für die mehr geleistete Arbeit einen Pfennig Entschädigung zu erhalten. Der fortgesetzte Lehrerwechsel, die ewigen Beurlaubungen zu Kursen usw. schädigen auch den persönlichen Kontakt zwischen Schule und Eltern und Schule und Kindern, insbesondere auf dem Lande. Festzustellen ist übrigens, dass unter der Oberfläche innerhalb der Elternschaft nach wie vor die alten Gegensätze inbezug auf Erziehungsfragen weiterwirken. Die Einstellung der Eltern zur Schule ist im allgemeinen kritischer und misstrauischer als je. Rheinland- Westfalen: Ein Rundschreiben des Düsseldorfer Regierungspräsidenten vom 25.August 1935 an die Kreisschulräte und die Leiter der öffentlichen und mittleren Schulen. lautet: " Ich habe feststellen müssen, dass sich Lehrkräfte nicht so für die Erfassung der deutschen Jugend durch die Hitler jugend eingesetzt haben, wie ich das erwartet habe. Unter Hinweis auf den Erlass vom 26.August U 2 C 1562. ordne ich daher an: 1. Sämtliche Lehrkräfte haben sich unter vollem Einsatz ihrer Persönlichkeit für die restlose Zuführung aller Kinder über 10 Jahre zur Hitlerjugend aufklärend und werbend einzusetzen. Das bedingt, dass kein Lehrer und keine Lehre. rin hinfort noch irgendwie direkt oder indirekt für andere Jugendverbände wirbt, arbeitet oder finanzielle Unterstützung gibt. Ich sehe es im Einklang mit dem vorerwähnten Erlass als dienstliche Pflicht des Lehrers an, dass die eigenen Kinder des Lehrers als Vorbild für die übrigen Volksgenossen zur HJ gehören. Es ist weiter auch ein Verstoss gegen den Min.-Erlass R.U 2G Nr. 832-34 K 2 1, vom 27.Februar 1935, wenn Lehrkräfte es nicht unterbinden, dass Kinder unter 10 Jahren schon von irgendwelchen Vereinen oder Verbänden erfasst und dadurch in eine die Staats jugend ablehnende Richtung gedrängt werden. A- 462. In jeder Schule und Klasse sind Werbeplakate für die Hitlerjugend anzubringen, die die nationale Notwendigkeit der Einheit der deutschen Jugend sinnfällig in die Augen springen lassen. 3. In jeder Klasse ist eine graphische zahlenmässige Darstellung über die Beteiligung der Kinder an der HJ sichtbar anzubringen und monatlich zu ergänzen. 4. In den Grundschulklassen ist ausdrücklich zu vermerken, dass Kinder vereins- und verbandsmässig nicht organisiert sind. Widersätzliche Eltern sind vorzuladen und aufzuklären, dass ihr Verhalten gegen die Anweisung und die Zucht der Schule verstösst. 5. Um die restlose Zusammenfassung der Jugend durchzuführen, sind von dem Schulleiter in ihm notwendig erscheinenden Zei tabs tänden Elternversammlungen abzuhalten, in denen eindrücklichst für die notwendige nationale Einheit der deutschen Jugend geworben wird. 6. Lehrkräfte, die es an dem notwendigen Eifer für diesen Zusammenschluss der Jugend mangeln lassen, sind mir durch die Kreisschulräte zur disziplinaren Ahndung wegen mangelnder Pflichterfüllung zu melden. 7. Die Schulleiter haben sofort die Geistlichen davon in Kenntnis zu setzen, dass sie als Lehrer für den Religionsunterricht der Schulordnung unterstehen und sich gemäss obigem Erlass während der Religionsstunden jeglicher direkter und indirekter Werbung für andere Organisationen als die Staats jugend strikt zu enthalten haben. Die Schulleiter lassen sich diese Kenntnisnahme durch die Geistlichen schriftlich bestätigen und nehmen diese Bestätigung zu den Akten. Den Geistlichen, die gegen ihre Pflichten als Lehrer verstos sen, wird von mir die Erlaubnis zur Erteilung des Religionsunterrichts entzogen werden. 8. Ich mache die Kreisschulräte für die Durchführung dieser Anordnungen besonders verantwortlich. Die Revisionsberichte an mich haben immer Ausführungen über den Befund und das Veranlasste zu enthalten. Zusatz für die Berufs- und Fachschulen: Vorstehende Rundverfügung Ziffer 1, Abs.1 und 2, Ziffer 2,3 7, Ziffer 5 sinngemäss Ziffer 6 mit der Massgabe, dass die Berichte mir auf dem Dienstwege unmittelbar vorzulegen sind, gilt auch für die Berufs- und Fachschulen. Im Auftrage: gez.: Premer." Obwohl die obige Verfügung sich in erster Linie gegen die Katholiken richten soll, ist doch ihr allgemeiner Geist bezeichnend. Die Lehrpersonen verhalten sich entsprechend, aus Angst, diszipliniert zu werden. Religion wird nur noch als Religionsgeschichte gelehrt. In den unteren Klassen sind Bilder mit biblischem Inhalt aus den Büchern entfernt. Die neuen Schulbücher vom 4. Schuljahr ab sind auf das neue Regime zugestutzt. Alte Geschichte, von Griechen, Römern etc. wird nicht A- 47gelehrt, dafür jedoch das Heldentum der Germanen verherrlicht. Auf etwas mehr oder weniger Wahrheit kommt es dabei nicht an. Man versucht- noch nicht offen, aber versteckt Rosenbergs Mythos des 20. Jahrhunderts zugrunde zu legen. Die Bibel wird in der evangelischen Schule verächtlich gemacht. Bei evangelischen Kindern beginnt der Konfirmandenunterricht erst mit dem 12. Jahre. Da geht hinein, wer Lust hat, Zwang besteht nicht. In der Schule haben die Kinder das Gegenteil von dem gelernt, was der Pfarrer im KonfirmandenUnterricht lehrt. Nun kommen viele Kinder in Zwiespalt. Die Kinder lassen sich oft ohne Wissen der Eltern durch den Rektor vom kirchlichen Unterricht befreien und der Fall ist erledigt. In der katholischen Schule ist es nicht anders, aber hier haben die Pastoren innigen Konnex mit den Eltern, die Kinder gehen auch schon mit 9 und 10 Jahren zum kirchlichen Unterricht, folglich wird die Jugend gegen den Willen der Lehrer bei der Stange gehalten und das geht dann in Fleisch und Blut über. Die katholische Jugend wird auch, trotz aller Bemühungen der Nazis, nach der Schulzeit durch die verschiedenen Vereine gefesselt. Die evangelische Jugend hat Angst, sie bekomme keine Stelle, wenn sie nicht in die HJ gehe. So müssen die Eltern der evangelischen Jugend gute Miene zum bösen Spiel machen. Während früher hier und da Schwierigkeiten gemacht wurden, wenn ein Dissident seine Kinder nicht am Religionsunterricht teilnehmen lassen wollte, kann jetzt schon das Kind über sich selbst bestimmen. Wie ist nun der Unterricht selbst? Im allgemeinen wird bei weitem nicht das gelernt, was jeder aus der Oberstufe Entlassene gelernt haben müsste. Die Kinder lernen bis zum 4. Schuljahr Lesen und Schreiben und Rechnen, Auswendiglernen braucht niemand. Von Schiller und Goethe wird nur noch wenig gelehrt. Vom vierten Schuljahr ab gibt es wenig Schulaufgaber denn die Jugend geht in die HJ. Fast jeden Nachmittag ist. da Antreten, es wird marschiert, Sport getrieben, und da bleibt keine Zeit für die Schulaufgaben. Wer in der Schule nicht mitkommt, für den ist die Fähigkeit im Sport schliesslich die Rettung. Ein guter Sportler darf heute nicht sitzenbleiben. Das amtliche Parteiorgan wir in der Schule vorgelesen. Besonders jetzt, wo in Abessinien Krieg ist. In jeder Schule ist ein Kinosaal. Dort wird jede Woche Unterricht über die abgetretenen Gebiete erteilt. Dort werden deutsche Volkstrachten gezeigt, der Stand der neuen Regimenter erörtert. Am Samstag jeder Woche fällt für die Mitglieder der HJ der Unterricht aus. Die Lehrer erteilen nur den Jugendlichen Unterricht, die nicht der HJ angehören. Natürlich wird ein enormer Druck ausgeübt auf diejenigen, die der HJ nicht angehören. Ca. 50% der Jugend gehört der HJ an. Diejenigen Eltern, die der Werbung um ihre Kinder widerstehen, müssen sich viel gefallen lassen, oft von den eigenen Kindern. Um die Arbeitslosenziffer herunterzudrücken, hat man das Land jahr als 9. Schuljahr eingeführt. Hier wird nur Gartenbai A-48Sport und Politik getrieben. Wer dann in eine Lehrstelle ein tritt, muss, um den Ansprüchen gerecht zu werden, die von der NSDAP eingerichteten Abendschulen besuchen. Die Sünden der Erziehung machen sich schon bemerkbar; deshalb hat man ab 1. Oktober diese Kurse eingerichtet. Der Vater derjenigen Kinder, die nach dem Landschuljahr keine Stelle bekommen und der Wohlfahrts unterstützung bezieht, bekommt vom Wohlfahrtsamt die Anregung, seine Kinder in die Landwirtschaft zu geben. Haben solche Kinder Pech und kommen sie nach Ostpreussen oder Pommern, dann bekommt der Vater die Kinder nicht mehr zu sehen. Wenn die Jugend aus dem Land jahr zurückkommt, wird sie zwangsweise Mitglied des sogenannten Heimatdankes. Auf Grund der Arbeitskarte bemüht sich die Institution angeblich um Arbeit für die Landgeschulten. In Wirl lichkeit werden die jungen Menschen mittels dieses Heimatdankes weiter im Sinne Hitlers bearbeitet, denn sie sollen keine Zeit zum Nachdenken und zur Stellung von Ansprüchen haben. Es ist eine richtige Maschine, durch die die Jugend in Deutschland durchgedreht wird. Diese Formung wird ihre Früch te tragen. Nur weiss man nicht, wohin die ganze Sache am Ende führen wird. Klüger wird das deutsche Volk durch diese Methode nicht gemacht werden. Aber reif für die Schlachtbank Ueber die Gestaltung von Lehrplan und Lehrstoff entnehmen wir unseren Berichten: Schlesien: Die Kreisgruppe Breslau des NS- Lehrerbundes gibt zur Unterstützung des Unterrichts eine Reihe" Schrifter zu Deutschlands Erneuerung" heraus, mit denen die Reichsleitung des NSLB" inhaltlich voll und ganz einverstanden" ist. ( Stellungnahme der Abtl. Erziehung und Unterricht vom 3.Mai 1934) Bis jetzt sind über 100 Hefte dieser Reihe erschienen, davon etwa 70 mit politischem Inhalt( Nr. 1: Adolf Hitler. Nr. 3: Unsere blutenden Grenzen.- Nr. 4: Unsere Kolonien. - Nr. 10: Vom Zusammenbruch zum Aufbruch. Die 14 Leidensjahr nach dem Weltkriege.- Nr. 15: Die nationale Revolution 1933. Nr. 23: 5000 Jahre Hakenkreuz.- Nr. 26: Die Grundgedanken des Nationalsozialismus. · Nr. 28: Hitlers Helfer beim Aufbau des Dritten Reiches. usw.) Die Hefte werden für 11 Pfennig das Stück in den Breslauer Schulen an die Schüler verkauft. Als Nr. 54a/ b ist in 2. Auflage, versehen mit dem parteiamtlichen Unbedenklichkeitsvermerk, das Heft" Der Jude und der deutsche Mensch" erschienen. Daraus einige weni ge Stilblüten, die den Geist dieses Lehrmaterials kennzeichnen: " b) Körperliche Eigenheiten der Juden. Die Augen sind mandelförmig, das Oberlid ist verdickt und hängt schwer über dem Augapfel. Das gibt dem Auge einen lauernden, verstohlenen Ausdruck.... Der Gang hat etwas Weiches, Schleichendes.... Das" Mauscheln" hat eine eigentümlich singende Tongebung, untermischt mit Kehllauten... 1-49c) Von der Seele des Juden Wenn der deutsche Mensch den Anblick eines Bergwaldes in sich hineintrinkt, berechnet der Jude, wieviel das Holz wohl wert sei..... Ablehnend, ja feindselig, steht er auch dem Staate gegenüber, in dem er wohnt.... Nach der Reichsstatistik(-Zählung) kommen aber auf einen einzigen deutschen Betrüger zwei jüdische. Das ergibt also umgerechnet, dass auf einen deutschen Gauner 200 jüdische zu rechnen sind. 3. Die Juden im Zusammenleben mit uns. Eine jüdische Erfindung sind auch die Warenhäuser, die Tausende von Einzelgeschäften vernichtet haben..... In Berlin gab es nur jüdische Theaterdirektoren,...... Die Mehre zahl der aufgeführten Stücke stammte vom Juden. Auch im Schrifttum hatten die Juden die Oberhand. Neun Zehntel aller in Deutschland erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften waren in jüdischem Besitz. 5. Das Judentum im politischen Leben. Aber Juden- Marx( Mardochai) und Lasalle( Lhasal)- waren auch die Schöpfer der Sozialdemokratie. Sie machten aus der rechtschaffenen deutschen Arbeiterbewegung eine internationale, also vaterlandslose,.... Sie wetterten gegen das" bürgerliche Kapital"; aber sie brachten alle Gesetze anderer Parteien gegen die Auswüchse des Börsenschwindels zu Fall..... Der Wiener Jude Hilferding missbrauchte 1923 sein Amt als Finanzminister, um die Inflation( Geldentwertung) her beizuführen." Uebrigens wird auch der" Stürmer" von einigen Lehrern während des Unterrichts mit den Kindern gelesen. Sachsen, 1. Bericht: Eine Junglehrer- Arbeitsgemeinschaft beschäftigt sich experimentierend mit einer Volksschulklasse Der unterrichende Junglehrer behandelt das Thema:" Ein Wesenszug des Führers" Dabei erzählte er wiederum Hitlers " Heldentat": die Gefangennahme von 15 Franzosen. Währenddem reichen sich die anderen Junglehrer mit ironischen Flüsterworten Naziliteratur herum, in welcher der Fall so dargestellt wird, dass Hitler sogar 20 Franzosen gefangen genommen habe. Einer meint, am Ende der berühmten looo Jahre werde wohl ein Armeekorps daraus geworden sein. In einer anderen Stunde wird das Thema" Hitlers Liebe zum Volke" vorgenommen. Der Lehrer erzählt eine Rührgeschichte. Hitler habe auf der Strasse bei grosser Kälte einen mantellosen Handwerksburschen gesehen, das Auto anhalten lassen und dem Ueberraschten seinen eigenen Mantel geschenkt." Erinnert Euch, Kinder, dass die Bilder, die lange Zeit nachher noch vom Führer gemacht wurden, ihn sämtlich ohne Mantel zeigen!", schliesst der gleichgeschaltete" Volkserzieher". A- 50In einer anderen Unterrichtsstunde wird das Autounglück des belgischen Königspaares erwähnt. Der Lehrer sagt dazu: " Seht Kinder, früher fuhr das Staatsoberhaupt, der Kaiser, stets zu solchen Begräbnissen von Königen und Königinnen anderer Länder. Unser Führer tut das nicht. Er fährt lieber zu den Hinterbliebenen des Unglücks von Reinsdorf."--- Ein sturer Nazilehrer behandelt im nationalpolitischem Unterricht als Thema" Wie ein alter Kämpfer des Führers in Westen Leipzigs für den Führer wirkte". Es handelte sich um die Verherrlichung von Spitzeltätigkeit in den kommunistischen Organisationen eines proletarischen Stadtteils.- Missfallen erregte bei vielen Lehrern eine Verordnung, der ganze Werkunterricht solle der Vorbereitung für den Modellflugbau dienen. In einer Lehrerversammlung wurde nachgewiesen, dass die Verordnung gar nicht realisiert werden könne, da im ganzen Jahr nur 25 Pf. pro Kopf für Werkmaterial ausgeworfen werde, ein Modell aber wenigstens auf 70 Pf. käme. Aus dem Aufsatzheft eines Volksschulmädchens im 5. Schuljahr, Tochter eines Sozialdemokraten:( Die Schulklasse hatte auf einer Schulwanderung eine Geländeübung der HJ mit angesehen und musste nun darüber einen Aufsatz schreiben. In diesem Aufsatz schrieb das 11 jährige Mädchen am Anfang und am Schluss:) " In unserem Reich ist schon viel Blut geflossen, wegen der vielen Kriege, die Deutschland führen musste. Deshalb rüstet unser Führer auf, nicht zum Angreifen, sondern zum Verteidigen." " Mir hat der Kampf sehr gut gefallen, nur für mich als Mädel war es ein bisschen zu roh. Aber wir müssen unser Heimatland schützen." ( Aus einem Aufsatz über den Deutschlandflug 1935:) " Wir danken unserem Führer, dass er die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt hat. Denn, wenn er dies nicht getan hätte, so dürften wir nicht die 154 Flugzeuge haben. ( Der Lehrer hat das" Wir danken" in" Ich danke" verbessert!) Andere Aufsatzthemen: Geschichte der NSDAP, Unser Führer Adolf Hitler, Wegbereiter und Mitkämpfer( Der Soldat im Weltkrieg, der politische Soldat, der Soldat der Arbeit) Nordwestdeutschland: Die Fibel für die kleinen, eben in die Schule gekommenen ABC- Schützen ist schon eine einzige Plantage militaristischer Erziehung. Die bildhaften Erklärungen bestehen nicht mehr wie früher aus Tieren, Zwergen, Kannen, Töpfen usw. Alles hat seine militärische Erklärung. Die Bildchen stellen Helme, Gewehre, Säbel, Fahnen, Kriegsschiffe, Tanks, Gasmasken, Hitlerjungen in Uniform, Hakenkreuze, SA- und SS- Männer usw. usw. dar. Natürlich fehlt in der Fibel als Leib- und Magenlied auch das Horst Wessellied nicht. Das müssen die Buben und Mädel zuerst lernen. A-51Südwestdeutschland: 1. Bericht. Das neue Reichslesebuch, das für das 5. und 6. Schul jahr Verwendung finden soll, enthält z. B. Abschnitte aus Hitlers" Mein Kampf", Hindenburgs Rede an die deutsche Jugend vom 1. Mai 1933, Gedichte von Baldur v.Schirach, einen Brief Albert Leo Schlageters an seine Eltern, das" Tagebuch eines Jagdfliegers" von Hermann Göring, Auszüge aus Reden von Goebbels. 2. Bericht: Mein Sohn, der nun im 3. Jahre in die Gewerbeschule geht, hat bis heute noch keinen Geschäftsbrief in der Schule schreiben müssen. Die Aufsatzthemen sind entweder Rassenkunde, Ahnentafel, Kriegsgeschichten oder Biographien von Horst Wessel, Hitler, Göring usw. Auch in der Volksschule wird immer mehr Kriegspropaganda getrieben. Je jünger die Lehrer sind, desto blutrünstiger sind sie. Ueber den nationalpolitischen Unterricht am Staats jugendtag wird uns berichtet: Sachsen: In den Anweisungen des sächsischen Volksbildungsministeriums über den nationalpolitischen Unterricht heisst es u.a.: 1. Verordnungen: a. Der np.U., der den Kindern das NS- Gedankengut nahebringen soll, ist nach eigenem Lehrplan durch beson ders dafür geeignete Lehrer mit mindestens 2 Stun den wöchentlich zu erteilen. b. Die im np. U. benutzten Quellen zur Vorbereitung zum Unterricht sind im Arbeits bericht anzugeben. c. Die für den Staatsaufbau bedeutsamen Gesetze und die Judenfrage sind zu behandeln. 2. Ziel des Unterrichts: Ziel: Der deutsche Mensch- die nationalsozialistische Weltanschauung ist die Weltanschauung des deutschen Menschen der das Werk des Führers aus eigenem Erleben versteht und durch Erlebnis und Verständnis den Willen zur Gefolgschaft hat. Also: die Grundlagen der ns.Weltanschauung der Jugend gefühls- und erkenntnismässig geben und zur ns. Willenshaltung erziehen. Der np. U. hat keine" intellektuelle", sondern eine Erziehungsaufgabe. Keine Vermittlung blosser" Kenntnisse" sondern national politische Willensbildung. Nicht Kenntnis der Elemente der ns.Weltanschauung, sondern Erziehung zur ns. Weltanschauung in einer der jeweiligen Altersstufe angemessenen Weise. Weltanschauung wird nicht aus A- 52dem Wissen, sondern aus dem Erleben geboren.( Bedeutung des Fronterlebnisses für die Entstehung der Bewegung). Mit dieser Zielsetzung ist auch das Wesen des np.U. gekennzeichnet. 3. Zur Methodik des np.U.: B. Der gesamte Unterricht am Staats jugendtag( np.U.im engeren Sinne, Leibesübungen, Werkunterricht, Nadelarbeit) ist als np.U. aufzufassen und zu gestalten. In diesem Sinne bildet er eine Einheit. Also auch die Leibesübungen sind in Beziehung zum Ziel des np.U. zu bringen ( Körper, Charakter, Willensschulung, Wehrhaftigkeit).Keine blosse Fortführung des lehrplanmässigen Turnunterrichtes. Ebenso Werkunterricht und Nadelarbeit. Die besondere Aufgabe dieser Fächer am Staats jugendtag ist, durch die Arbeit der Hand zum ns. Gedankengut, zur Charakter- u. Willenshaltung im ns. Sinne hinzuführen. Darum Gemeinschaftsarbeit, keine Einzelleistungen, und Arbeit für die Gemeinschaft( Winterhilfswerk, Ausgestaltung völkischer und schulischer Feiern, Arbeit im Schulgarten, Arbeit für die Lehrmittelsammlung usw.). 4.Der Stoff des np.U.: Der Stoff ist das gesamte ns. Gedankengut, wie es uns entgegentritt im Schrifttum( voran" Mein Kampf", das Parteiprogramm), in der Gestalt des Führers und im Zeitgeschehen( Aufbau des ns. Staates, Ausgestaltung des gesamten völkischen Lebens in allen seinen seelischen und realen Aeusserungen im Geist der ns. Weltanschauung, Schrifttum und Zeitgeschehen sind heute eine Einheit, siehe dagegen die Zerrissenheit z. B. des kulturellen und politischen Geschehens der liberalistischen Zeit.... 8. Der Lehrer: Aus dem Ziel des Unterrichts folgt, dass nur der Lehrer. den Unterricht zum Erlebnis gestalten kann, der selbst aus dem Erlebnis der ns.Weltanschauung heraus unterrichtet, Aufgabe des Schulleiters bei der Zuteilung des np.U. ist sorgfältige Auswahl der wirklich geeigneten Lehrkräfte. In erster Linie kommen solche in Frage, die in der Partei und ihren Gliederungen mitarbeiten und dadurch geschult sind, dann diejenigen, die durch ihre Gesamthaltung beweisen, dass ihnen das ns.Gedankengut innerlich nicht mehr fremd ist. Keine falsche" Kollegialität". Das Ziel des Unterrichts steht höher als die Rücksicht auf den Einzelnen.( Ehemalige Logenangehörige, langjährige Mitglieder linksgerichteter Parteien!). A-539. Die Quellen: a) Notwendigkeit der quellenbenutzung: Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Lehrerschaft in der überwiegenden Mehrzahl sich selbst erst die Grundlagen der ns. Weltanschauung verschaffen muss. Darum die Notwendigkeit der Schulung in Lehrgängen und die Notwendigkeit quellenmässigen Unterrichts. b) Die Hauptquellen: Im Mittelpunkt steht" Mein Kampf" und das Parteiprogramm Auf beides bezieht sich alles nationalsozialistisches Gedankengut. Hamburg: Dass die Kinder heute in Deutschland- auf welchen Schulen auch immer- recht wenig lernen, ist so langsam ein öffentliches Geheimnis. Dazu hat nicht allein die Tatsache geführt, dass das Sportlich- Körperliche dem Wissenschaftlich- Geistigen bewusst übergeordnet wurde und wird, sondern auch die Einführung des Samstages als den Tag, der nicht der Schule, sondern der Hitlerjugend gehört, so dass d facto die Unterrichtswoche nur fünf Tage hatte und hat. In Kreisen derjenigen Lehrer, die je länger, je mehr einsahen, dass die fünf Tage völlig unzureichend waren, um die Kinder auch nur einigermassen in ihrem Können und Kennen zu fördern. machte sich ein immer stärkerer Widerstand gegen den schulfreien Samstag bemerkbar. Der Widerstand wurde schliesslich so stark, dass selbst der Kultusminister des Dritten Reiches Herr Rust, sich veranlasst sah, auf Abhilfe zu sinnen oder, besser gesagt, andere für sich sinnen zu lassen. Wir möchten beinaha annehmen, dass diese" Ratgeber" keine Freunde des Herrn Rust gewesen sind, sondern Beamte, die glaubten, hier eine Gelegenheit gefunden zu haben, um dem Minister, der ja schliesslich der Verantwortliche ist, eine grosse öffentliche Blamage zu bereiten. Die Herren erfanden nämlich den" Gleitenden Stundenplan". Wie das gemacht wurde? Nun, scheinbar sehr einfach! Der Samstag blieb nach wie vor der Tag der Hitlerjugend, da die Woche aber doch sechs Schultage haben sollte, so wurde eben der Montag der folgenden Woche als sechster Schultag gezählt. Die neue Woche begann dann mit der Dienstag als ersten Tag und bekam den Stundenplan, den sonst der Montag hatte und so fort! Leider hatte man schon in einer Woche eingesehen, dass der" gleitende Stundenplan" ein heilloser Unsinn. war, denn bereits nach einer Woche sah sich Herr Rust veranlasst, mit einer neuen Verordnung herauszukommen, die den gleitenden Stundenplan in die Versenkung gleiten lies Vielleicht hätten wir sonst am Ende des Jahres erfahren können, ob es Herrn Rust mit dieser genialen Erfindung nicht doch gelungen wäre, an das Jahr einige Tage anzustückeln. A-54Die Lehrer sind äusserlich grösstenteils gleichgeschaltet. Nach Angaben des NS- Lehrerbundes umfasst er jetzt 95% aller deutschen Erzieher und Erzieherinnen. Nur die Oberlehrer halten sich zum Teil noch abseits.( In Zukunft sollen nach den Richtlinien des Reichsunterrichtsministers für den Eintritt in die Lehrerlaufbahn in erster Lini HJ- und BdM- Mitglieder berücksichtigt werden). Wie es aber tatsächlich heute unter den Lehrern aussieht, zeigen die nachstehenden Berichte: Sachsen, 1.Bericht: Die sächsischen Lehrer, die in ihren Gehaltsbezügen höher eingestuft waren als sie preussischen, haben schon im Jahre 1934 eine empfindliche Gehaltskürzung hinnehmen müssen. Damals wurde diese Massnahme mit der Angleichung an die Gehälter der preussischen Lehrer begründet. Selbstverständlich sind auch alle schulischen fortschrittlichen Einrichtungen in den letzten drei Jahren aus dem sächsischen Schulleben verbannt worden. Die Lehrer sind heute nur noch die Puppen, die von den braunen Feldwebelpädagogen hin- und hergeschoben werden, je nachdem, wie es das Führersystem will. Die völlige Einflusslosigkeit der Lehrerschaft auf die Gestaltung der Erziehungs- und Schulpläne, auf die Gestaltung des Schullebens, der Pädagogik im Dritten Reiche überhaupt, erhält nunmehr seine gesetzliche Sanktion durch eine Verordnung, die der Statthalter Mutschmann in Sachsen im Dezember 1935 erlassen hat. Die Verordnung über die Schulleitung an den Volks- und Berufsschulen sanktioniert die Beseitigung der kollegialen Schulverwaltung, die das sächsische Uebergangsschulgesetz von 1919 an die Stelle des Schuldirektors im alten Königreich gesetzt hatte. Die Verordnung bestimmt, dass an den Volksund Berufsschulen das Führerprinzip zu gelten hat. Der Schulleiter wird dafür verantwortlich gemacht, dass seine Schule die neuen nationalsozialistischen Aufgaben erfüllt und auch nach Aussen das Ansehen geniesst, das einer deutschen Volkserziehungsstätte gebührt. Ihm wird die alleinige Verantwor tung für seine Schule übertragen. Was bisher bereits praktisch gehandhabt wurde, wird jetzt gesetzlich unterbaut. Es gehörte ja zu einer der ersten Arbeiten der Nazis nach ihrer Machtergreifung, den sächsischen Lehrerverein und die Lehrerschaft gleichzuschalten, missliebige Lehrer, Schulleiter usw. aus den Aemtern zu entfernen. Es wurden fast an allen Schulen neue Schulleiter, die durchweg Nazis waren im Zuge der nationalen Erhebung gleich vom Kreisleiter der NSDAP ernannt. Der Führergedanke wurde in die Tat umgesetzt, indem die kollektive Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schulleitung ausgeschaltet und das Mitbestimmungsrecht der Lehrerschaft an den Schul- und Erziehungsplänen beseitigt wurde. A-55Die Lehrer kennen jetzt, nach Erlass des Gesetzes, bereits die Praxis der nationalsozialistischen Feldwebelpädagogik.Si wissen, dass der nationalsozialistische Schulleiter das Aufsichtsorgan ist, das den Unterricht zu überwachen hat, damit die Lehrer getreulich den nationalsozialistischen Phrasen die Schul jugend gegen alles Nichtnationalsozialistische gehörig aufpeitschen, sie mit dem hitlerschen Revanchegedanken erfüllen und aus der Schul jugend blinde Fanatiker der Grossdeutschlands sucht machen. Die Dienstbesprechungen, zu denen der Schulleiter die Lehrer zusammenrufen soll und in denen er mit ihnen über wichtige Erziehungs- und Schulfragen sprechen soll, sind in den Augen der Lehrer nichts anderes als militärische Dienstausgaben. Der Schulleiter als Führer der Schule ordnet an und befiehlt, die Lehrer können nicht wagen, an dem nationalsozialistischen Schulplan Kritik zu üben. Schweigend lassen sie die Befehle des Herrn Schulführers über sich ergehen; Diskussionen gibt es nicht. In vollkommener Gleichgültigkeit nehmen die Lehrer diese Verordnung hin. Es lohnt sich für sie nicht, öffentlich darüber zu diskutieren. Umso mehr flüstern die Junglehrer unter sich. Unter ihnen gibt es tatsächlich eine Anzahl, die gar zu gern gegen das System rebellieren möchten, aber die Stunde noch nicht für gekommen halten. Die älteren Lehrer fügen sich, wenn auch innerlich widerstrebend, und denken an die vergangenen schönen Zeiten, die ihnen ein auskömmliches Gehalt und Freiheit in der Meinungsäusserung, im Berufs schaffen sicherten. Der Sozialismus geht auch bei vielen Lehrern durch die Brieftasche. Gleichfalls neugeregelt wurde die Besoldung der Schulleiter und der Stellvertreter. Die Leiter grösserer Berufsschulen erhalten die Dienstbezeichnung Rektor und Konrektor. Sie und auch die Abteilungsleiter an den grösseren Berufsschulen werden in besondere Beförderungsgruppen eingereiht. Bei den Volks- und Hilfsschulen wird den Schulleitern von einer bestimmten Klassenzahl ab der Titel Rektor, den Stellvertretern Konrektor oder Hauptlehrer zugesprochen. Für alle diese Schulleiter wird durch das Gesetz eine besondere Besoldung, ruhegehaltsfähige Stellenzulage, verordnet. Also auch auf diesem Gebiet verstehen es die Nazis ausgezeichnet, ihre Posten jäger zu versorgen. 2.Bericht: Unter den Junglehrern herrscht grosse Depression Seit Oktober 1934 war für die Aushilfslehrer eine" Gehaltsangleichung" an die unter den sächsischen liegenden preussischen Sätze angekündigt worden. Als man schon gar nicht mehr damit rechnete, kam der neue Gehaltsabbau. Statt 6,20 pro Monatsstunde erhalten die Junglehrer jetzt 4,90. Verheiratete gleichviel wieviel Kinder sie haben, erhalten eine Monatszulage von 25 Mark. Der Junglehrer soll 30 Stunden im Monat haben, er käme also auf brutto 147,- Mk, gegen 186,- Mk. früher. Manche aber kommen gar nicht auf 30 Stunden, sondern A-56nur auf 20 bis 25 Stunden, die meisten Lehrer nur auf 25, so dass mancher verheiratete Aushilfslehrer mit 100 Mark netto nachhause geht. Man versuchte die Junglehrer damit zu trösten, dass man versprach, ein grosser Teil der Aishilfslehrer werde ständig angestellt werden und die Aushilfsjahre angeredhnet erhalten. In dem Zusammenhang sei erwähnt, dass eine Bestimmung des sächsischen Volksbildungsministeriums herausgekommen ist, nach der für die zu Reichswehrübungen eingezogenen Lehrer die Vertretung von den Kollegien selbst gestellt werden müssen. Zum Schaden für die Aushilfslehrer, deren Bezahlung man einsparen will. Zum Schaden auch für die andere Kategorie der Junglehrer, die" Probelehrer", die bei einem Fixum von 112,- Mk. brutto nur 20 Stunden die Woche geben und die übrige Zeit der Weiterbildung widmen sollen, während sie in Wirklichkeit, ohne einen Pfennig mehr zu erhalten, bis 35 Stunden die Woche geben müssen.. Diese Gehaltskürzung hat die Volksschullehrer sehr erbittert. Sie hatten erwartet, dass nach der Absägung des aus den Kreisen der höheren Lehrer stammenden Volksbildungsministers Dr. Hartnacke und nach seiner Ersetzung durch einen ehemaligen Volksschullehrer die Interessen der Volksschullehrer stärker berücksichtigt würden. Nun schimpfen sie über den" Verräter". Bezeichnend ist, dass der Stadtschulrat von X. in Verbindung mit der Bekanntgabe der neuen Verordnung( betr. Gehaltsabbau und fester Anstellung eines Teiles der Junglehrer mitteilte, dass er keine Besuche von Junglehrern wünsche. Das ist das persönliche Verhältnis, das zwischen den Junglehrern und ihren Vorgesetzten herrscht. Dieser Schulrat prägte übrigens das Wort:" Der Dienst des Lehrers beginnt erst nach dem Unterricht" wobei er Dienst in den Nazi organisationen meinte. 3. Bericht: In den sächsischen Lehrerkreisen hat sich die Stimmung der Lehrer gegen das Regime weiter verschlechtert. Besonders enttäuscht sind die Junglehrer, denen die National sozialisten vor der Machtergreifung grosse Hoffnungen gemacht hatten. Die Lage der Junglehrer hat sich aber in jeder Beziehung ungünstiger gestaltet. Ihre Bezüge wurden bedeutend gekürzt, ausserdem sind sie in ihren Hoffnungen auf feste Anstellung schwer enttäuscht worden. Bei der Angleichung ihrer Bezüge an die niedrigeren preussischen hatte man ihnen als Entgelt dafür in Aussicht gestellt, dass ein grosser Teil von ihnen bald in festes Anstellungsverhältnis übernommen werden würde. Nun stellt sich heraus, dass dieses Versprechen zu den falschen Münzen zu zählen ist, mit denen die Nazis so freigebig herumwerfen. Den Junglehrern wurde zudem bedeutet, dass überhaupt nur der auf feste Anstellung jemals rechnen kann, der sich in seiner Junglehrerzeit" politisch bewährt" habe, also in der NSDAP oder einer ihrer Milizen eifrig Dienst gemacht hat. Die Lehrer stellen fest, dass der Nationalsozialismus auf A- 57dem Gebiet der Schulpolitik gänzlich versagt hat. Selbst überzeugte Nationalsozialisten unter ihnen geben zu, dass die braune Schulpolitik bis jetzt ausschliesslich negative Vorzeichen aufwies und dass eine positive Schulreform im nationalsozialistischen Sinne ausgeblieben ist. Die Mehrzahl der Lehrer erwartet vom Regime nichts mehr und wartet auf das Ende der" Schreckenszeit". Mit einerkämpferischen Haltung der Lehrer gegen das Regime ist aber nicht zu rechnen. Dem Lehrer fehlt auf Grund seiner Bildung, seiner sozialen Herkunft und der Eigenart seines Berufes jeder Sinn für Soli darität als einer politisch- sozialen Kategorie. Er handelt individuell als Philantrop, der die" humanitas" vertritt, dem aber kollektives solidarisches Tun ein Schrecken ist. Dem Lehrer als typischen Liberalisten gilt darum die Weimarer Zeit als das goldene Zeitalter, in das er sich wieder zurücksehnt. Immer wieder kommen die Lehrer in ihren Gesprächen auf Gedanken und Leistungen früherer Funktionäre der alten Lehrergewerkschaft zurück. Ein Landlehrer äusserte sich: " Unser alter Vorsitzender hatte doch recht, als er meinte, dass die Arbeit der Lehrer nur in der Demokratie anerkannt wird; Diktatur und wahre Erziehung schliessen einander aus. Die Pädagogik kann sich positiv nur in der Demokratie äussern Der sozialistische Professor Dr. Hermann Heller habe einmal in einem Vortrag vor Lehrern die Stellung der Lehrer im faschistischen Staate dargelegt. Damals habe man seine Prognosen für zu düster gehalten. Heute sähe man ein, dass Heller noch zu zart geschildert habe. An grösseren Schulen kommen die Lehrer ausserhalb der offiziellen" Kameradschaft" oft zusammen. Sie laden zu diesen privaten Zusammenkünften gern ihre aus politischen Gründen entlassenen früheren Kollegen ein. Die Diffamierung dieser Lehrer ist dem Regime nicht geglückt. Nordwestdeutschland: Die Volksschullehrer sind das gefügigst. Hitlerelement. Haben die Lehrer an den höheren Schulen wenigstens hin und wieder ein besseres Verständnis für die ganze Entwicklung, so laufen die Volksschullehrer bedauerlicherweise geradezu wie die dummen Jungen im Trott der Hitlerei. Sie denken schliesslich doch etwas zu gewinnen. An der höheren Schule sind besonders die katholischen Lehrer sehr überlegt antinationalsozialistisch. Das zeigt sic z.B. bei Prüfungen. Werden geschichtliche Daten genannt, und der Prüfling nennt einen Vorgang aus der preussischen oder deutschen Kriegs- oder Herrschergeschichte, dann ist es nicht selten, dass der katholische Examinator die Frage geschickt so gestellt hat, dass ein wichtiges Ereignis aus der kirchlichen Geschichte gemeint sein kann. Er erklärt dann z. B., dass an dem und dem Tage doch der Kirche in Frankreich die staatliche Anerkennung abgesprochen sei; dass damals Menscher mit einer rein weltlich- heidnischen Anschauung lebten. In der Folge aber habe sich gezeigt, dass es ohne den Segen und die Kultur und die soziale Hilfe der Kirche nicht ging usw. A-58Schlesien: Trotz grössten Zwanges gelingt es den Nazis nicht, den Grossteil der Lehrer für ihre Zwecke zu missbrauchen geschweige denn gar zu überzeugen. Die Mehrzahl der Lehrer lehnt diese Unkultur zu mindest im innern-entschieden ab, obwohl es selbstverständlich auch hier Ausnahmen gibt. Insbesondere unter den Nichtskönnern. Es ist seelisch deprimierend, wozu man heute als Erzieher alles schwei gen und welche Zumutungen man erdulden muss. Das wird man nie vergessen. Man kommt sich gerade zu als" Volksverblöder" vor. Welche geschichtlichen Unwahrheiten man die Kinder lehren muss, übersteigt alle Begriffe. Gewiss sind die Verhältnisse an den einzelnen Schulen unterschiedlich. Vieles hängt vom Schulleiter, waschechten Nazi- Lehrern und sonstigen Umständen ab. Doch die Gesamt tendenz spricht keineswegs zu Gunsten der heutigen Machthaber. Bayern: Das Presseamt der Stadt Erlangen teilt mit: Im Laufe einer am Sonnabend, den 11. Januar, stattgefundenen Unterredung brachte Oberstudien direktor Dr. Blos gegenüber Kreisleiter Gross gewisse Auffassungen zum Ausdruck, die in derartigem Gegensatz zum weltanschaulichen Gedankengut des Nationalsozialismus stehen, dass Kreisleiter Gross sich als Oberbürgermeister der Stadt gezwungen sah, Dr. Blos von der Leitung des städtischen Mädchenlyze ums zu entbinden. Bis zur abschliessenden Regelung der Angelegenheit beauftragte Oberbürgermeister Gross den Studienrat Georg Keidel mit der vertretungsweisen Leitung des Lyzeums. Ueber den Einfluss der neuen Erziehungsmethoden auf die Schüler ergibt sich einiges bereits aus den allgemeinen Berichten. Wir bringen dazu im folgenden noch einige weitere Mitteilungen, die auch die sittliche Verwahrlosung der Jugend erneut beleuchten. Nordwestdeutschland: Ein als politisch unzuverlässig aus dem Schuldienst entlassener Lehrer berichtet, dass er bei seiner jetzigen Arbeit ungeahnte Auswirkungen des Leistungsrückganges der Schulkinder erlebt. Er gibt nämlich entlassenen Volksschülern Unterricht in Stenographie und Schreibmaschine. Dabei hat er festgestellt, dass die meisten Schüler auch wenn sie als begabt zu betrachten sind, sehr gute Kenntnisse in der Lebensgeschichte Hitlers, Horst Wessels und anderer Nazis haben, aber sehr schlechte Kenntnise auf dem Gebiet der deutschen Sprache. Bei Maschinendiktaten hat er erlebt, dass in einem mittellangen Diktat bis zu 80 Fehler gemacht wurden. Rücksprachen mit Schülern und Eltern ergaben, dass die Kinder alle Aufmerksamkeit auf den" Dienst", aber keine auf die Schule zu lenken hatten. Ganz ähnlich sind die Erfahrungen mit Schülern der höheren Schulen, denen dieser Lehrer Nachhilfestunden in Fremdsprachen gibt. In einer gan774 A-59zen Reihe westfälischer Gymansien sind in diesem Herbst keine Herbstzeugnisse erteilt worden, weil infolge Mangel an Zeit für Lehrzwecke einfach nichts zu bewerten war. In einem Falle sind in einer Klasse von 25 Schülern nicht weniger als 20 sogenannte" blaue Briefe" mit der Mitteilung an die Eltern verteilt worden, dass bei gleichbleibend geringer Leistung im Frühjahr an eine Versetzung nicht zu denken sei. Bei einem Jungen, den der genannte Lehrer als sehr begabt bezeichnet, hat die Nachprüfung ergeben, dass der Junge dreiviertel seiner Freizeit für Beitragskassierung der Hitlerjugend, Abzeichenverkauf, Sammlung von Geld, für freie Reise von Hitlerjugend zum Parteitag, zwei Wochen Aufenthalt im politischen Schulungslager und sonnabendlichen Verkauf des" Stürmers" verwendet hat. Das alles auf Befehl seines HJ- Führers. Sein Klassenlehrer legte ihm nahe, mit Rücksicht auf seine geringen Schulleistungen auf die Nürnbergreise zu verzichten. Der Junge sah das auch ein. Aber sein HJ- Führer gab ihm keinen Urlaub. Südwestdeutschland, 1. Bericht: Von den Schulkindern wird der Zwang allmählich als lästig empfunden. Im Anfang war die Kriegsspielerei ja sehr interessant. Wenn man aber jeden Mor gen 10 Minuten früher in die Schule gehen muss, um Freiübungen zu machen und zu exerzieren, wenn man in den Pausen nich mehr nach Belieben herumlaufen und herumtollen darf, sondern antreten muss, dann bekommt die Sache bald ein anderes Gesicht und die Jungen kriegen den ganzen Rummel ziemlich schnell satt. Dazu kommt, dass die Kinder oft masslos überanstrengt werden, stundenlang bei einer Feier herumstehen müssen, übermüdet in die Schule kommen usw. In einer höheren Mädchenschule sollte eine Klasse in den Sommerferien in ein Ferienheim kommen. Eines Morgens hiess es, dass die Juden nicht mitdürften. Darauf allgemeine Bestürzung unter den anderen Mädchen. Alle fingen an zu heulen. Es blieb natürlich bei dieser Regelung, aber sie hat unter den Kindern und damit auch in den Kreisen der Eltern eine starke Verstimmung hinterlassen. In einer Knaben schule wurde aus irgend einem Grund ein Führer der HJ abgesetzt. Die Knaben hielten aber aus ihrem Gefühl für Kameradschaft und Treue trotz Verbot weiter zu ihm. Als das ruchbar wurde, wurden diese Jungens aus der HJ ausgestossen. Das hat natürlich für diese Kinder schwere Folgen, denn wenn man aus der HJ ausgestossen worden ist, so ist das ja viel schlimmer, als wenn man niemals dabei war. 2. Bericht: Vor einiger Zeit wurden in den Schulen alle Lehrer und Lehrerinnen vom Rektor zusammenberufen. Die so versammelten Lehrkräfte mussten die ehrenwörtliche Versicherung abgeben, dass von der folgenden Besprechung nichts in die Oeffentlichkeit kommt und vor allen Dingen nichts von dem zur Verlesung kommenden Schriftstück. In diesem Schriftstück brachte die Regierung grosse Sorge über die immer mehr A- 60zunehmende Verwilderung der Jugend zum Ausdruck, hauptsächliche auf sexuellem Gebiet. Die Schwangerschaften bei noch schulpflichtigen Mädchen hätten einen geradezu erschreckenden Umfang angenommen. Die fast zur Selbstverständlichkeit gewordenen sexuellen Beziehungen der Kinder untereinander und auch der Lehrer zu Mädchen und Knaben müssten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbunden werden. Sämtliche Lehrer mussten dann dieses Schriftstück unterschreiben. Sachsen: Selbst die leitenden nationalsozialistischen Schulmänner scheinen jetzt festgestellt zu haben, dass die Schulmädel durch die Mitgliedschaft im Bund Deutscher Mädel und durch Lesen des überall in Schaukästen aushängenden pornographischen Streicherblattes" Der Stürmer" sittlich gefähr det sind. Merkwürdigerweise ziehen sie falsche Schlussfolgerungen. Eine Verordnung besagt nämlich, dass die Mädchen im Schulunterricht immer vor dem Pult zu stehen haben und nie neben dem Lehrer hinter dem Pult. Die Lehrer schütteln über solche Verordnungen den Kopf. Die Junglehrer fragen sich, was es heissen soll, dass die Verordnung ferner bestimmt, dass der Unterricht in Mädchenklassen von älteren, verheirateten Lehrern gegeben werden soll. Ein besonders trauriges Kapitel ist der Terror in der Schule, der gegen die jüdischen Kinder und die Kinder Andersdenkender geübt wird. Bewusst oder unbewusst, werden die Kinder zu Spitzeln und Angebern gegen ihr eigenes Elternhaus erzogen. Nordwestdeutschland: Ein etwa 11 jähriger jüdischer Junge besuchte das Gymnasium in X. Er hatte mit seinen Klassenkameraden den besten Umgang, bis ihm eines Tages seine engeren Freunde mitteilten:" Wir möchten wohl noch gern mit Dir sprechen und spielen, aber das ist uns durch die Hitlerjugenċ verboten worden." Von da ab war der arme Junge völlig isoliert, denn niemand kümmerte sich um ihn. Jeden Tag und in jeder Pause stand dieses elf jährige Kind einsam an der Mauer des Gymnasiums oder in einer Ecke des Schulhofes. Seine Nerven waren natürlich diesem" Boykott" auf die Dauer nicht gewachsen und so kam es schliesslich jeden Tag weinend aus der Schule nach Hause und erklärte den Eltern:" Ich gehe da nicht mehr hin, ich halte das nicht aus." Immer wieder redeten ihm die Eltern gut zu, immer wieder ging das Kind zur Schule und immer wieder begann täglich sein Martyrium von neuem. Schliesslich schrieb der Vater einen Brief an den Direktor des Gymnasiums, in dem er diesen fragte, ob ein unschuldiges Kind derart behandelt werden müsse und ihn um Abhilfe bat. Der Vater bekam von dem Direktor ein zynisches Antwortschreiben, in dem es u.a. hiess:" Wir machen es eben nicht so wie die anderen. Wir nähren nicht die Schlangen an unserem Busen. Die Behandlung des Knaben ist ganz in Ordnung." Es blieb A-61dem Vater nichts übrig, als dieses gequälte Kind auf eine jüdische Schule in einer Grosstadt zu schicken. Dazu das Gegenstück: In derselben Stadt lebt eine Ingenieursfamilie, deren zwei älteste Jungen in der Hitlerjugend sind. An einem Morgen in den Weihnachtsferien sitzt die Mutter mit den Jungen beim zweiten Frühstück; auch die Bedienungsfrau ist zugegen. Das Gespräch kommt auf das Thema: " Juden" Im Laufe des Gesprächs erklärt die Bedienungsfrau: " Solange der Staat noch Steuern und sonstige Gelder von Juden nimmt, werde ich bei Juden kaufen. Dazu kommt noch, dass mein geringes Einkommen mich zwingt, in jüdischen Geschäften zu kaufen, denn dort ist es meist billiger." der älteste Sohn( 15 Jahre) erhebt sich darauf zähneknirschend, Tränen der Wut laufen ihm übers Gesicht und er verlässt hastig das Zimmer. Die Mutter aber sagt tieftraurig zu der Arbeiterfrau:" Da sehen Sie, wie unsere Kinder fanatisiert werden. Das Schlimmste und Schmerzlichste für uns Eltern aber ist, dass wir dagegen nichts tun können und dürfen. Wenn ich nun z. B. dem Jungen irgendwelche Vorhaltungen machte, so könnte ich bestimmt damit rechnen, dass er mich bei dem örtlichen Führer der Hitlerjugend denunziert mit dem Erfolg, dass mein Mann in seiner Stellung Schwierigkeiten bekäme, wenn er sie nicht vielleicht gar verlöre. Hamburg: In den Schulen müssen jetzt die Kinder den Ariernachweis erbringen. Den Kindern wurden nachstehende Formulare mitgegeben: An die Eltern der Schule Die Landesunterrichtbehörde fordert Angaben über die Zahl der jüdischen Schüler Ich bitte deshalb um genaue Beantwortung folgender Fra1. Ist Ihr Sohn Kind jüdischer Eltern od. Grosseltern? 2. Wenn ja: gen: I. Welche Vorfahren? a. Vater? b. Mutter? Name c. Grossvater, väterlicherseits? Religionsbekenntn.? d. Grossmutter, väterlichers.? e. Grossvater, mütterlicherseits? f.Grossmutter, mütterlichers.? II. Ist Ihr Sohn Kind eines Frontkämpfers? Diesen Fragebogen erbitte ich auf je den Fall zurück an die Klassenlehrer bis zum 3. Oktober. Hamb., den 1.0kt. 1935 Name des Knaben gez.: Schulleiter Unterschrift der Eltern: A-62Westfalen: Sind an der Schule besonders fanatische Lehrer oder Rektoren tätig, dann haben es die Kinder, die der Hitlerjugend nicht angehören, sehr schlecht. Sie werden absicht lich hart behandelt. Auch die wirklich guten Leistungen der Kinder werden nicht bewertet. Wir kennen einen Fall aus einer Schule in X., deren Rektor ein forscher Nazi ist. Ein Junge mit sehr guten Kenntnissen wurde zum Rektor geholt, der ihm sagte, er könne nicht versetzt werden, da er ein verstockter Bursche sei. Der Vater ist ein im Ort bekannter Sozialdemokrat und der Junge gehört der HJ nicht an. Der Rek tor erklärte, die Versetzung sei aber sicher, wenn der Junge sich zur HJ anmelde. Der Vater sagte dem Jungen, er könne ihm die Zustimmung nicht aus Ueberzeugung geben. Wenn der Junge wolle, solle er zur HJ gehen. Der Junge ging nicht und wurde nicht versetzt. Nach einigen Wochen ging der Junge der in der alten Klasse vom Lehrer wegen seines Sitzenbleibens gehänselt worden war, heimlich zur HJ. Darauf wurde er nachträglich versetzt. Der Junge bat seinen Vater um Entschuldigung. Er erklärte treuherzig, dass er innerlich kein Nazi werden solle. Südwestdeutschland: Aus X, wird berichtet, dass in der Schule die Kinder von Sozialdemokraten von den Lehrern benachteiligt und gequält werden. Kinder, die nicht in der HJ sind, können es bei einzelnen Lehrern kaum aushalten. Wenn die Kinder am Samstag, dem Staats jugendtag, in die Schule kommen, werden sie den ganzen Vormittag von den einzelnen Lehrern drangsaliert, so dass sie öfters weinend nach Hause kommen und die Eltern bitten, doch auch zur Hitlerjugend gehen zu dürfen. Beschwerden mehrerer katholischer Väter bein Kreisschulamt waren bis jetzt erfolglos. Schlesien: In X. wurden in letzter Zeit von Sozialdemokraten wiederholt die" Sozialistische Aktion" in der Form von Preisausschreiben verteilt. Daraufhin wurden in den Volksschulen die Kinder vom Schulleiter aufgefordert, aufzupassen, wenn jemand in der Stadt" Preisausschreiben" verteilt. Wenn solche gefunden werden, sind sie in der Schule abzugeben. Das ist auch geschehen. Alles wurde nun in Bewegung gesetzt. In einer Klasse war der Lehrer ganz bestürzt. Nachdem er die " Sozialistische Aktion" gelesen hatte( 1) brachte er den Jungen, der sie gefunden hatte, zum Schulleiter. Dieser alarmierte die Polizei. Ein Kommando erschien und nun wurde der Junge eine Stunde lang ausgefragt. Zwei Stunden später meinte der Lehrer:" Das ist doch nicht so schlimm, das wird es immer geben!" Sachsen: Ein Ehepaar, das seiner sozialistischen Gesinnung treu geblieben ist, unterhielt sich über die gegenwärtigen Verhältnisse, ohne auf die Anwesenheit des 12 jährigen Mädcher zu achten. Plötzlich rief das Kind aus:" Ihr verspottet unseren Führer! Das sag ich dem Lehrer! Unser Führer ist gut, der A-63will nur Gutes für uns!" Das Ehepaar, das schon sehr viel durch die Schikanen der Nazis ausgestanden hatte, hatte Mühe, das Kind eines anderen zu belehren. Der tägliche Einfluss in der Schule lehrt die Kinder, ihre Angehörigen zu bespitzeln. In Punkt 20 des Programms der NSDAP heisst es:" Wir fordern die Ausbildung besonders veranlagter Kinder armer Eltern ohne Rücksicht auf deren Stand oder Beruf auf Staatskosten." Die nationalsozialistische Praxis besteht im Gegensatz dazu gerade darin, die Sozialpolitik auch in der Schule abzubauen. Hamburg: In der Republik wurden in Hamburg für begabte Kinder Erziehungsbeihilfen jährlich 300.000 Reichsmark zur Verfügung gestellt. Jetzt stellt man für diesen Zweck sage und schreibe lo.000 Reichsmark im Jahre bereit. 55. Südwestdeutschland: Von Arbeitern und Arbeitslosen wird immer mehr darüber geklagt, dass den Anträgen auf Erlass von Schulgeldern usw. nicht mehr in dem Masse stattgegeben würde wie früher. Während z.B. ganz gut gestellte Nazis oder weiteres Schulgeldbefreiung erhalten, sei es für die Real- oder Gewerbeschule, wird Andersgesinnten, besonders früheren Marxisten gegenüber anders verfahren. Selbst Arbeitslose erhalten nur noch ein Drittel oder höchstens die Hälfte des Schulgeldes nachgelassen. So wurde z. B. einem Arbeitslosen noch im Jahre 1934 das ganze Schulgeld für die Gewerbeschule erlassen. 1935 dagegen musste er die Hälfte bezahlen, obgleich er ausser der Arbeitslosenunterstützung kein anderes Einkommen hatte. 4) Von den Hochschulen Die Vorgänge an den Universitäten haben in den letzten Monaten in der Oeffentlichkeit viel Staub aufgewirbelt. Die alten Studentenverbände, auch die unter dem Staatssekretär Lammers neu gebildete" Gemeinschaft studentischer Verbände", lösten sich" freiwillig" auf. Verbindungen und Korps sind ebenfalls( nach aussen hin) aufgelöst oder als" Kameradschaften" in den NS- Studentenbund" eingegliedert" worden. Die nationalsozialistischen Studenten- und Dozenten- Organisationen sind wiederholt" re ogranisiert" worden, so dass sich kein ensch mehr auskennt. Eine grosse Zahl von Hochschullerern A-64wurden in mehr oder minder kränkender Form von ihren Lehrstühlen entfernt. Aber es ist kein Zweifel, dass trotz aller organi satorischen Erfolge der geistige Einfluss der Nationalsoziali sten auf den Universitäten sich noch immer nicht durchgesetzt hat. Es bestehen sogar Anzeichen dafür, dass er im Rückgang begriffen ist, und dass sich in den Reihen der nationalsozialistischen Studenten selbst oppositionelle Ansätze herausbilden.- Unseren Berichten entnehmen wir: Bayern, 1.Bericht: Die Haltung der Studenten kann man etwa folgendermassen charakterisieren: Die grosse Masse ist nicht politisch interessiert. Wenn sie Aussicht auf Anstellung hat, dann ist sie zufrieden. Soweit die Studenten politisch denken sind sie grösstenteils national eingestellt und dann oft Gegner der Nationalsozialisten, weil sie deren Politik für national schädlich halten. Aber auch soweit die Studenten Gegner der Nazis sind, kann man nicht sagen, dass sie für uns sind. Sozialistische Gedankengänge und überhaupt Vorstellungen von der Notwendigkeit, eine Neuordnung der Gesellschaft anzustreben, findet man unter ihnen so gut wie gar nicht. Infolgedessen erscheint es im Augenblick noch ganz unmöglich, unter den Studenten irgend eine illegale politische Organisation zu schaffen. Man muss in diesem Zusammenhang sich immer wieder vor Augen halten, dass der durchschnittliche Student heute ein Brotstudium treibt, sich auf einen bestimmten Beruf vorbereitet. Er ist nicht mehr derselbe Jünger der Wissenschaft, wie der Student von 1848. Es geht ihm um lernen und nicht um forschen. Im übrigen muss man bedenken, dass man heute noch an den Universitäten ziemlich frei wissenschaftlich arbeiten kann. Viele Professoren lassen Beweisführungen zu, die die marxistischen Methoden anwenden, wenn sie sie nur nicht mit Namen nennen. Dass der Umsturz die Berufsaussichten der Studenten dadurch ausserordentlich verschlechtert hat, dass in viele amtlichen und halbamtlichen Funktionen sehr junge Leute eingerückt sind, kommt den Studenten heute noch nicht zum Bewusstsein, In gewissen Abständen finden Fachschaftslager statt, die gemeinsam von Dozenten und Studenten besucht werden. In der Regel werden solche Fachschaftslager in Jugendherbergen eingerichtet und dauern 2 bis 6 Tage. Diese Fachschaftslager sollen der Festigung der Volksgemeinschaft dienen. Deshalb leben Dozenten und Studenten gemeinsam und schlafen auch in den gleichen Räumen. Man bespricht Fragen des Studiums und der Berufsfortbildung. Im grossen ganzen kann man sagen, dass die Fachschaftslager nicht den Zweck erfüllen, den die Nationalsozialisten erreichen wollen. Da regelmässig in diesen Lagern sehr viel gemeckert wird, beteiligen sich die nationalsozialistischen Professoren kaum noch daran, so dass die " Liberalisten" unter den Dozenten dominieren. Die Folge ist, A-65dass die Meckerei in den Lagern noch mehr überhand nimmt und die Professoren sich kräftig daran beteiligen. Dass auch sonst Kritik sichtbar wird, zeigen folgende Beispiele: Der Leiter der... Fachschaft ist ein" alter" SA- Mann Im Lesesaal der Fachschaft liegt auch die von Darré herausge gebene Zeitschrift" Odal" aus. Auf dem Titelblatt dieser Zeitschrift ist ein Bauernkopf zu sehen. Eines Tages drückt der Fachschaftsleiter den Fachschaftsstempel diesem Bauernkopf gerade auf den Mund und sagt zu einem danebenstehenden Kommilitonen:" Der soll endlich mal das Maul halten!" Ein anderes Beispiel: In einem nationalökonomischen Semina: bespricht der Professor den Widerspruch zwischen der ansteigenden Konjunktur und der wachsenden Fülle am Geldmarkt. Er versucht, den Studenten klarzumachen, dass über die Krediterweiterung mit Staatsmitteln in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden dürfe. Eine junge nationalsozialistische Studentin will sich aber dabei nicht beruhigen. Sie meldet sich zum Wort und sagt:" Wir müssen diese Dinge doch nachprüfen, wir sind doch in unserem eigenen Staat und wenn unsere Führer Fehler machen, dann müssen wir es ihnen doch sagen können, damit sie gewarnt werden." Der Professor hatte alle Mühe, die Studentin von ihren vorwitzigen Fragen abzubringen und das ganze Seminar lachte verständni sinnig. 2. Bericht: An der Universität in X. ist zu beobachten, dass sich in letzter Zeit deutliche Bestrebungen bemerkbar machen, sozialistische Gruppen zu bilden. Man diskutiert sozialistische Probleme. Eine bestimmte Parteirichtung hat diese Gruppenbildung noch nicht gezeigt.- Der Hitlergruss verschwindet aus der Studentenschaft. Es sind nur die Funktionäre der NS- Organisationen, die sich mit erhobener Hand grüssen. Die Versuche der Nazis, den alten Kampfgeist an der Hochschule wieder lebendig zu machen, verfangen nicht mehr. 3. Bericht: Die Jugend an den Universitäten stellt sich heute anders dar, als noch vor einem Jahr, Politische Erörterungen sind fast ganz verschwunden, der kämpferische Charakter der nationalsozialistischen Studentenschaft ist einer Normalisierung des Getriebes gewichen. Zwar rennt jeder noch mit dem SA- Hemd herum, wenn es sein muss, aber es ist kein richtiger Schwung in der ganzen Sache. Das soll nicht heisser dass die nationalsozialistischen Heissporne aufgehört hätten zu existieren, sie haben nur aufgehört, interessant zu sein. Das Leben an den Hochschulen ist gelockert. Südwestdeutschland: Unter den Hochschullehrern ist die politische Spitzelei ungeheuerlich. Es finden sich immer noch genug junge Leute, die Karriere machen wollen und deshalb zu den Nationalsozialisten halten. Im Kultusministerium geht schon rein technisch alles drunter und drüber. Es ist mehr als einmal vorgekommen, dass ein Professor innerhalb weniger. Tage zwei Versetzungen an verschiedene Universitäten erhalter hat. Ein Historiker klagt darüber, dass er Vorlesungen kaum e, A- 66noch zustande bringt, weil die jungen Studenten jetzt sehr stark durch politische Vorlesungen aller Art in Anspruch genommen sind, deren Besuch für sie Pflicht ist. Den Studenten ist die starke Belastung durch SA- Dienst, Uebungslager usw. vielfach sehr schwer auf die Nerven gefallen. Dazu kommt die Unsicherheit, die mit dem ganzen System notwendig verbunden ist. Sie drückt sich in diesen Kreisen durch fortgesetztes Umgruppieren in den Lehrplänen und Examensbestimmungen aus. 2. Bericht: Die Studentenschaft an der Heidelberger Universität gehörte bis zur Errichtung der Gangsterregierung zu den Hitlerischen Stosstrupps. Bereits zu einer Zeit, wo der Nationalsozialismus in Baden noch wenig Boden gewonnen hatte, gebärdete sich diese Universität völkisch. Erinnert sei nur an den Streit um den Privatdozenten Runge und den Kampf gegen den Professor Gumbel. Bei allen Veranstaltungen republikanischer Parteien traten immer Heidelberger Studenten als Skandalmacher auf. Diese Erziehung zum Krakelen wendet sich nun gegen die Erzieher selber. Die Opposition gegen den nationalsozialistischen Totalitätsstaat hat in den letzten Monaten immer schärfere Formen angenommen. Die Auflehnung der Studenten hat aber nichr etwa in dem bekannten Auftreten des Corps Saxo- Borussia ihre Ursache, sondern der Sinn des Kampfes liegt viel tiefer. Die Kritik am Totalitätsstaat hat in der letzten Zeit intellektuelle Kreise etwas stärker erfasst. Man findet sich nur schwer mit der völligen Unterbindung jeder kritischen Einstellung ab. Vor allen Dingen ist es die Ablehnung des Führerprinzips, das insbesondere auf den Universitäten seine Ausstrahlung gefunden hat. Aber auch hier muss festgehalten werden, dass sich diese Ablehnung durchaus nicht etwa gegen die Person Hitlers wendet, sondern hauptsächlich nur gegen das Führerprinzip in der Gemeinschaftserziehung. Wenn sich die Saxo- Borussen Hitlers Spargelessen vorgenommen haben, so wurzelte diese Verulkung Hitlers doch eigentlich in dem Kampf der Studentenschaft gegen die uebertriebene Gemeinschaftserziehung. Es macht sich eben doch ein gewisses Vorhandensein freiheitlicher Willensäusserung bemerkbar. Um dieser Widersetzlichkeit in der Studentenschaft Herr zu werden, hat man bei der wenig beliebten Korporation der Saxo- Borussen zugepackt. Hier glaubte man auf den geringsten Widerstand zu stossen. Entgegen den Behauptungen der Nazi- Presse hat aber dieses Vorgehen gegen die" Spargelkavaliere" in der Oeffentlichkeit kaum Beachtung gefunden. Die Oeffentlichkeit weiss ja so gut wie gar nichts von den Saxo- Borussen. Zunächst hat der Zugriff in den studierenden Kreisen etwas Einschüchterung gebracht. Dabei ist auch zu beachten, dass an der Heidelberger Universität eine erhebliche Anzahl Studierender auf Nazistipendien angewiesen ist. Das Uebel der Auflehnung hat aber bereits Boden gewonnen und dürfte sich weiter ausbreiten, da die Auflehnung ja nicht ihre Ursachen in den internen UniversitätsLI 1 A-67vorgängen hat, sondern hervorgeht aus der allgemeinen Unzufriedenheit der intellektuellen Kreise. Einen positiven Willen, den Kampf gegen das Führerprinzip aufzunehmen, darf mar aber vorerst nicht erwarten. 3. Bericht: Ein Student der Universität X., der ein ausserordentlich begeisterter Hitleranhänger war, erzählte neulich, dass er voll Ekel seine sämtlichen Aemter niedergelegt habe. Noch nie sei die Studentenschaft so zerfahren und gespalten gewesen. Und wenn auch alle in der braunen Uniform herumlaufen müssten, mit dem Herzen bei der Sache seien nicht einmal fünf Prozent. Es gäbe wieder konservative, liberale, demokrati sche und sozialistische, katholische und evangelische Gruppen. Aber einheitlich sei bei allen die Stimmung: So kann es nicht weitergehen, es muss und wird einen Umschwung geben. 4. Bericht: Von Studenten konnte man während der Ferien hören, dass auch in diesen Kreisen grosse Enttäuschung und Empörung herrscht. Sie können es nicht verstehen, dass immer mehr Stellen mit unfähigen SA-Leuten besetzt werden, während für diejenigen, die ihr Geld ins Studium gesteckt haben und Jahre lang studieren mussten, keine Existenzaussichten bestehen. 5. Bericht: In X. war ein Fachschafts- Vortrag Bäumlers eine Pleite. Die Fachschaft war zwar vollzählig erschienen, demonstrierte aber durch Lärmen und Scharren, so dass Bäumler nich zu Worte kam. Am nächsten Tage gratulierte der deutschnationale Professor Y. den Kommilitonen dazu, dass sie gestern so mannhaft die akademische Freiheit verteidigt hätten! Die Vorlesungen des bekannten nationalsozialistischen-Pädagogen Kriegk an der Heidelberger Universität sind schlecht be sucht. Sachsen, 1. Bericht: In Leipzig ist plötzlich der Rektor der Universität, F.Krüger, von seinen Verpflichtungen entbunden worden. In den" L.N.N." stand" wegen Krankheit". Nähere Erkund gungen ergaben jedoch, dass Krüger( Schüler und Nachfolger Wundts), der ein alter, aber konservativ- eigenwilliger( und wohl auch nicht ganz rassereiner) Nationalsozialist war, positive Bemerkungen über Spinoza geschadet haben. zu 2. Bericht: Angehende Universitätsdozenten müssen in ein Sch lungslager. Von einem hörten wir, dass er erst mehrere Wochen in einem Lager an der Rhön und dann in Danzig war. In diesen Lagern gilt die Pflege der Kameradschaft als Hauptsache. Ein Teilnehmer erzählte begeistert, wie schön der Kameradschaftsgeist in seinem Lager gewesen sei. Man habe in kräftigen, urwüchsigen Redensarten und Flüchen nur so geschwelgt. Jeder habe an einem der ersten Abende einen kurzen Abriss seines Lebens geben müssen. Der Truppführer, ein Arbeiter und ehemal: ger Kommunist, hat den angehenden Gelehrten besonders imponie A.- 68Er erzählte forsch, dass seine Spezialität als Kommunist darin bestanden habe, mit seinem Motorrad von hinten in marschierende SA- Trupps hineinzufahren. Besonders begeistert war der erwähnte Teilnehmer, der übrigens früher der Monistischen Jugend angehörte, von folgendem Erlebnis: Als die Teilnehmer des Schulungslagers einmal auf dem Bahnhof warteten, wäre ein internationaler D- Zug eingelaufen, worauf alle im Sprechchor dreimal kräftig" Scheisse" gebrüllt hätten. Der angehende Universitätslehrer zeigte auch Fotoaufnahmen, auf denen die Teilnehmer des Schulungslagers nebeneinander auf der Latrinenstange hocken und die nackten Hintern zu sehen waren. Wasserkante: Seit Monaten stand die NS- Kulturgemeinde in Kiel mit der Schleswig- Holsteinschen Universitätsgesellschaft in scharfem Konflikt. Die Professoren lehnten es ab, sich den Nazis zu unterwerfen. Ihnen kam dabei zu Hilfe, dass der Vorsitzende der Universitätsgesellschaft, der Naziführer Haupt, als Ministerialrat in Berlin sass. Jetzt ist auf das Drängen einiger Naziprofessoren, die geforderte Aenderung doch erfolgt. Die Professoren Dr. Wolf und Dr. Petersen mussten ihre Aemter zur Verfügung stellen, der Vorsitzende Haupt trat von seinem Amte zurück und an seine Stelle trat der Gauleiter und Oberpräsident Lohse, sein Stellvertreter ist der Universitätsrektor Dr. Dahm, derselbe Mann, der für die Studenten und die Wissenschafter seit langem nur noch ein Gegenstand des Spottes ist. Die Studenten haben die Personaländerungen nicht ruhig hingenommen. Es ist sogar zu Demonstrationen in der Universität gekommen, die von dem Studentenschaftsleiter Precht stillschweigend geduldet worden sind. Als der Leiter wegen der Unruhen der Studenten angegriffen wurde, verteidigte er die Studenten. Da Precht ausserdem an oppositionellen Kundgebungen passiven Anteil nahm, ist er abgesetzt und an seine Stelle der Student Lembke zum komm. Leiter ernannt worden. Mitteldeutschland: Die studentische Opposition ist keineswegs erloschen. Zwar sind Massenäusserungen des Unwillens nicht möglich, aber in den kleinen Dingen des Alltagslebens versuchen Couleur- und andere oppositionelle Studenten ihrer Misstimmung möglichst forsch Ausdruck zu verleihen. 6 Mann betreten z. B. eine Weinwirtschaft und sagen in einem Tonfall: " Nabend!", der keinen Zweifel darüber lässt, dass sie vermeiden wollen" Heil Hitler" zu sagen und sich von der Umgebung diesen Gruss verbitten. Zwei Studenten betreten ein Zigarrengeschäft. Der Verkäufer wendet den deutschen Gruss an. Die Studenten sagen besonders laut" Mojen" und verlassen das Geschäft, ohne gekauft zu haben. In all solchen Fällen zeigt sich stumme Billigung bei der Bevölkerung. In einem Vorortzug bei Jena unterhielten sich ein Professor und drei Studenten vor allen Leuten laut über den Unwert der rassischen und sonstigen philosophischen Grundprinzipien des Regimes. Widerspruch machte sich im Wagen nicht bemerkbar. A- 69III. Korruption und Misswirtschaft Aus dem Programm der NSDAP Punkt 6 Abs. 2: Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamentswirtschaft einer Stellenbesetzung nur nach Parteigesichtspunkten ohne Rücksichten auf Charakter und Fähig keiten. Punkt 18: Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemeininteresse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksicht auf Konfession und Rasse. Punkt 24 Abs.2: Die Partei als solche... bekämpft den jüdisch- materialistis chen Geist in und ausser uns und ist überzeugt, dass eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Die Nationalsozialisten sind mit dem Anspruch aufgetreten, Deutschland nicht nur politisch und sozial, sondern auch sittlich zu erneuern. Der Grundsatz: Gemeinnutz geht vor Eigennutz ist neben der Brechung der Zinsknechtschaft die zweite tragende Säule ihres Programmes. Was aus der Brechung der Zinsknechtschaft geworden ist, ist allgemein bekannt; ebenso unrühmlich ist das Schicksal des zweiten Grundsatzes. Es liegt im Wesen der nationalsozialistischen Diktatur, dass Korruption und Misswirtschaft ein Ausmass angenommen haben, das vordem in Deutschland unbekannt war. An einem System, das Lüge and Verleumdung, Wortbruch und Kameradenmord zu den Mitteln der Politik zählt, muss sich die Untergrabung aller politische Moral begriffe selbst rächen. Genau so wenig wie der Terror eine Uebergangserscheinung im Dritten Reich ist, genau so wenig sind Korruption und Misswirtschaft nur Entartungserscheinungen T r A-70der Hitlerdiktatur. Beide sind wesentliche Bestandteile des Regimes und die Diktatur könnte sie wirksam nur bekämpfen, wenn sie die Grundlagen ihres politischen Systems selbst aufgäbe. Die NSDAP und ihre Gliederungen sind Organisationen der nega tiven Auslese. Sie waren es in den wenigen Jahren, in denen die Partei um die Macht gekämpft hat( die grosse Mehrheit auch der sogenannten" alten Kämpfer" ist erst in den Jahren der Wirtschaftskrise zur Partei gestossen). Sie sind es seit der Machtergreifung, seitdem die Partei nicht nur das Sammelbecken der Entwurzelten und Deklassierten, sondern auch der Verschiebebahnhof für die Arrivierten und Karrieremacher geworden ist. Hat vor der Machtergreifung die Kürze des Kampfes um die Macht eine wirkliche Bewährung der Anhänger der Bewegung unmöglich gemacht, so ist nachher angesichts der plötzlichen riesigen Ausdehnung der nationalsozialistischen Organisationen Partei, SA und SS, Arbeitsfront und Hitler- Jugend neben der Unzahl der der Partei angeschlossenen Verbände jede Auslese unter den Postenanwärtern unterblieben. Die Führung hat nicht einmal den Versuch gemacht, den sich daraus ergebenden Gefahren zu begegnen. Erst Ende November 1935 hat z. B. der erste(!) Schlungslehrgang für die Gebietsgeldverwalter der Hitler- Jugend stattgefunden. WOO Die gesamte Finanzwirtschaft in Reich, Ländern und Gemeinden ist seit dem Umsturz jeder öffentlichen Kontrolle entzogen wor den; eine Kontrolle über die Finanzen der herrschenden Partei und ihrer Gliederungen hat es nie gegeben. Es gibt weder öf fentliche Voranschläge, noch öffentliche Rechnungslegung. Wie im grossen die Summe der tatsächlichen kurzfristigen öffentlichen Verschuldung geheimgehalten wird, so spielt sich auch die ganze Finanzgebarung der unteren Staats- und Parteigliederungen im geheimen ab. So sind die besten Vorbedingungen für das Blühen von Korruption und Misswirtschaft gegeben. Die Verfilzung von Staat und Partei, öffentlicher Funktionen und privater Interessen schafft unzählige neue Korruptior A- 71herde. So werden die Gauwirtschaftsberater zu Verbindungsleuten, um deren Gunst sich die Unternehmer bemühen, wenn sie öffentliche Aufträge, Devisengenehmigungen usw. haben wollen. Die NSBO- Leute in den Betrieben werden von findigen Firmenver tretern veranlasst, Sammelbestellungen in den Betrieben aufzu nehmen( so dass sich z. B. die Kreisamtsleitung Aachen der NSHago natürlich ihrerseits aus durchsichtigen eigenen Intere sen- genötigt sah, dagegen Stellung zu nehmen). Die Vertrauensräte werden wie es unsere Betriebsberichterstattung wiederholt erwiesen hat von geschickten Unternehmern durch besondere Vergünstigungen korrumpiert, denn auch sie sind tatsächlich nicht gewählt, sondern von der Gunst des Unternehmers abhängig. Was unten im Kleinen geschieht, wird von den obersten Spitzen ohne jede Hemmung im Grossen geübt. Geschenke an die höchsten Würdenträger aus öffentlichen Galerien und Kunstsammlungen sind an der Tagesordnung. Der Generalfeldmarschall Mackensen bekam die Domäne Büssow, der General Litzmann musste sich zum 85. Geburtstag mit einem allerdings sehr teuren Personenwagen begnügen. Der" Neue Vorwärts" hat in den Ausgaben Nr. 129/133( Dezember 1935) im einzelnen belegte Angaben über Korruptionsaffären von Goering, Seldte, General Milch u.a. veröffentlicht, die mit dem Aufbau der neuen Luftwaffe zusamme Dazu kommen die sittlichen Verfehlungen. Nach dem 30. Juni 1934 hat Hitler in der Erklärung, in der er die Kameradenmorde zu rechtfertigen versuchte, zugegeben, dass solche Verfehlungen sich zu einem öffentlichen Skandal von bis dahin unbekannten Ausmassen ausgewachsen hatten. Damals sagte er: hängen. " Ich möchte insbesondere, dass jede Mutter ihren Sohn in SA., Partei und Hitler- Jugend geben kann, ohne Furcht, er könne dort sittlich oder moralisch verdorben werden. Ich wünsche daher, dass alle SA.-Führer peinlich darüber wachen, dass Verfehlungen nach$ 175 mit dem sofortigen Ausschluss des Schuldigen aus SA. und Partei beantwortet werden." Unsere bisherige Berichterstattung und die nachfolgenden Berichte beweisen, dass sich auch nach dem 30. Juni 1934 ga A-72nichts an diesen Zuständen geändert hat. Auch sie sind im Wesen des Systems, das sich auf Landsknechtsorganisationen und Männerbünde stützt, begründet. In der Erklärung Hitlers nach dem 30. Juni 1934 hiess es auch: " Ich mache die vorgesetzten Dienststellen verantwortlich dafür, dass durchgegriffen wird. Von den staatlichen Stellen wird erwartet, dass sie in solchen Fällen das Strafausmass höher bemessen, als bei Nicht- Nationalsozialisten." In der ersten Zeit wurde wenigstens z.T. danach verfahren: kleine Winterhilfs- Betrügereien wurden mit schweren Zuchthausstrafen geahndet und die Fälle in der Oeffentlichkeit absichtlich breitgetreten, um den Eindruck des" Durchgreifens" zu erwecken. Aber das hat sich längst geändert. Während man die Bevölkerung mit den Devisenprozessen gegen die katholischen Orga nisationen unterhält, versucht man, alle Verfehlungen von Nationalsozialisten wenn irgend möglich ganz to tzuschweigen. Gelingt das nicht, so darf in den Presseveröffentlichungen nicht erwähnt werden, dass es sich um Vorfälle in einer nationalsozialistischen Organisation handelt. Zwei kleine Beispiele für diese Methode der" Unterrichtung" der Oeffentlichkeit aus dem Stettiner Generalanzeiger: " Der bisher unbestrafte F.L. wurde am Dienstag vom Stettiner Schöffengericht wegen Unterschlagung in Tateinheit mit schwerer Untreue zu einem Jahr Zuchthaus und 800 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Verurteilte hatte für eine Organisation( 1) Mitgliedsbeiträge einzukassieren und Mitglieder zu werben..." " Das Stettiner Schöffengericht verurteilte den 35 Jahre alten V. aus Behrenshof( Kreis Ueckermünde) wegen Unterschlagung und Untreue in einem Falle sowie wegen Unterschlagung in zwei weiteren Fällen zu acht Monaten Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe, den 44 Jahre alten R. aus Ueckermünde wegen Unterschlagung und Untreue zu sechs Monaten Gefängnis sowie 200 Mark Geldstrafe. Beide Angeklagten waren im Kreis Ueckermünde in einer Organisation(!) an führender Stelle tätig." Welchen Umfang aber tatsächlich die verheimlichten Korruptionsprozesse gegen nationalsozialistische Amtswalter angenom A-73men haben müssen und mit welchen Methoden die gerichtliche Verfolgung in vielen Fällen unterdrückt wird, geht aus folgen dem Bericht hervor: Vor den Gerichten laufen seit Monaten ausserordentlich viel Korruptionsprozesse alter Fgs. Von.. Strafkammern sin fast die Hälfte ausschliesslich mit diesen Sachen beschäftigt. Ein Staatsanwalt äusserte sich über diese Dinge gelegentlich: Ich bin ausserordentlich zufrieden, dass ich mal für 14 Tage Ruhe habe. Wir haben zu 80% nur mit diesen politischen Drecksachen zu tun. Das Bezeichnende daran ist, dass diese Unzahl von Korruptionsfällen hinter verschlossenen Türen verhandelt wird und dass in der Presse davon nichts verlautet. Ein Beispiel für die Objektivität der Rechtspflege im Dritten Reich: Ein Verwandter eines hohen Partei- Würdenträgers hatte mehrere tausend Mark unterschlagen und war verhaftet worden. Darauf wurde der zuständige Dezernent der Staatsanwaltschaft vom Propagandaministerium angerufen und ihm bedeutet, dass der Haftbefehl aufgehoben werden müsste. Der Dezernent hielt es für angezeigt, nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten dieser Weisung zu folgen. Damit war aber die Anklage noch nicht niedergeschlagen.( Offenbar war die Intervention des Propagandaministeriums von einem NichtJuristen ausgegangen, der glaubte, mit der Haftbefreiung des Angeschuldigten die ganze Sache überhaupt totgemacht zu haben. Die Anklage lief also weiter und nachdem der Angeklagte bei 2 oder 3 Terminen nicht erschienen war, wurde er polizeilich vorgeführt. Darauf wurde vom Propagandaministerium ein neues Telefongespräch mit der Staatsanwaltschaft geführt, in dem der massgebliche Wunsch geltend gemacht wurde, den Angeschuldigten mit der geringstmöglichen Geldstrafe oder oder mit einem Tag Gefängnis zu bestrafen, keinen höheren Strafantrag zu stellen und auch auf den Richter in diesem Sinne einzuwirken. Der Dezernent war ganz kopflos über diese Zumutung, gegen das Gesetz zu handeln, wusste sich aber nicht anders zu helfen. Aber alle Vertuschungs- und Unterdrückungsversuche haben nicht verhindern können, dass doch immer wieder genug durchsickert, um die nicht- öffentliche Meinung in Deutschland ausreichend mit Gesprächsstoff über die herrschende Korruption zu versorgen. Ja, diese Methoden haben erst recht bewirkt, dass unablässig alle möglichen Gerüchte über Verfehlungen von Nationalsozialisten das Land durchschwirren. So wird uns berichtet: A-74Südwestdeutschland: Die herrschende Korruption ist ununter. brochener Gesprächsstoff in der Bevölkerung. Konkrete und belegbare Einzelheiten sind schwer zu erfahren. Aber es ist heute allgemeine Auffassung, dass unter diesem System, das ja keine Kontrolle kennt, die Korruption einfach ins Kraut schiessen muss. Das kann ja niemand wissen, wohin das Geld kommt, sagen die Leute. Ein politisch Inhaftierter berichtet, dass er in einer Abteilung war, in der sich Nazis befanden, die wegen Unterschlagung von Parteigeldern oder ähnlichen Kassen verurteilt waren. Diese Abteilung umfasst 25 Leute, das ganze Gefängnis etwa 500 Mann. Man kann sich also einen Begriff davon machen, wie stark dieses Uebel verbreitet ist. Sachsen: Die fortwährenden Unterschlagungen und das luxiöse Auftreten der Nazi bonzen hat der Partei jede Sympathie in den weitesten Bevölkerungskreisen verscherzt. Je weniger man die Oeffentlichkeit in den Korruption ssumpf hineinblikken lässt, desto mehr beschäftigt sich die Bevölkerung mit den Vorgängen und sucht zu erforschen, was sich eigentlich abgespielt hat. Die Nazis geben dann ihrer Wut über diese wuchernde Neugierde und den Wissensdrang der Leute durch Verfolgungen, sinn- und ziellose Verhaftungen und Rohheiten anderer Art, besonders durch Hetze gegen die Juden, Ausdruck. Manche Nazis erklären resigniert, das werde mit der Zeit auch noch besser werden und die" Lumpen" würden schon noch beseitigt werden, dafür würde auch Hitler sorgen. Während das früher geglaubt wurde, lächelt man heute über solche Naivität. Berlin: In allen Stellen der Staats- und Selbstverwaltung ereignet sich eine derartige Fülle von Korruption, dass die Gespräche darüber nicht mehr aktuell wirken. Es ist das nahezu Gewohnheitsrecht geworden, was vor zwei Jahren noch Flüster sensation war. Dazu eine kleine Anekdote aus dem Landgericht Moabit vom Juni 1935: Genosse X. will dem Prozess gegen den früheren Vorsitzenden der A.0.K. Berlin, Genossen Lehmann, als Hörer beiwohnen und fragt einen biederen Justizwachtmeister nach der Sitzungssaalnummer. Mit einem Augenzwinkern gibt der Wachtmeister Bescheid:" Das ist hier oben im ersten Stock, aber da hören Sie nur olle Kamellen. Gehen Sie mal genau eine Treppe tiefer, da sind die Prozesse gegen die Neuen, da können Sie was hören, dass Ihnen die Augen übergehen." Wasserkante: Die Unterschlagungen des Gauleisters und Reichsstatthalters Carl Röver von Oldenburg bilden seit Monaten in Ostfriesland und Oldenburg das Gespräch. Es sind zahlreiche Verhaftungen, auch von SA- Leuten, vorgenommen worden, aber die Gespräche bleiben. 25 Personen wurden wegen Beleidigung und übler Nachrede bis zu 5 und 8 Wochen Gefängnis verurteilt. Darunter befanden sich ebenfalls Nazis. A- 75Der Oberbürgermeister von Altona veröffentlichte im Juli 1935 folgende Erklärung: " Alle über mich in letzter Zeit verbreiteten Gerüchte, teils sogar niederträchtigster Art, sind, was ich hiermit ausdrücklich erkläre, frei erfunden. Ich habe heute den Herrn Polizeipräsidenten gebeten, nach den Urhebern und Verbreitern zu fahnden, damit sie ihrer Bestrafung zugeführt werden können. Emil Brix." Bayern: Ueber den stellvertretenden Gauleiter von Nürnberg, Karl Holz, waren im Sommer 1935 in ganz Nürnberg Gerüchte im Umlauf, dass er militärische Geheimnisse an eine ausländische Macht verraten und ungeheuere Beträge unterschlagen habe. Es wurden 60.000 Mark, aber auch mehr genannt. Streicher hat daraufhin in den Zeitungen und an den Plakat säulen eine Ehrenerklärung für Holz erlassen, in der es heisst: ... Ich stelle hiermit fest: 1. Pg. Karl Holz ist so geartet, dass ihm eine Unterschlagung nicht zugetraut werden könnte. 2. Würde Pg. Karl Holz so verkommen sein, wie seine Verleumder behaupten, dann hätte er aber dennoch keine Möglichkeit zur Unterschlagungö... Ich ersuche die Bevölkerung, schriftlich oder mündlich im Hitlerhaus die Urheber oder Verbreiter der Gerüchte zu melden. Sie sollen der verdienten Strafe zugeführt werden." Das Groteske an diesem Korruptions skandal ist, dass Streicher selbst der Urheber dieser Gerichte sein soll, weil ihm Holz über den Kopf zu wachsen drohte! Die Leute stehen vor den Litfassäulen und sagen:" Jetzt so ein Schwindel, die Nazis selber haben ja die Gerüchte ausgestreut." Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: 1.) Misswirtschaft und Verfehlungen Bayern: Der Lagerführer der Arbeitsdienststelle Oberviechtach Josef Radlbeck von Schwandorf hat mehrfach an minderjährigen Zöglingen unsittliche Handlungen vorgenommen und widernatürliche Unzucht verübt. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, 2 Monate der Untersuchungshaft werden in Anrechnung gebracht. Von einer Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte hat das Gericht Abstand genommen.( Schwandorfer Arbeiter, die eine illegale Zeitung gelesen hatten, erhielten über 4 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust!) In der Gemeinde Weiding( bayer. Wald) war vor einiger Zeit Stierankörung. Der Kreistierarzt hat den Stier des seitherigen Stierhalters nicht mehr für tauglich befunden. Darauf A- 76schrie der Stierhalter laut auf dem Platze in Anwesenheit der Bauern und Gemeinderäte:" So, meinen Stier wollen Sie nicht mehr anerkennen? Zum Neuen Jahre ist das Geld für den Gemeindestier eingesammelt worden und heute noch habe ich keinen Pfennig davon erhalten, weil der Bürgermeister alles versoffen hat." Der gleiche Bürgermeister hat für die Gemeinde einen Steinbruch um 500 Mark gepachtet. Das Pachtgeld hat die Gemeinde bezahlt, der Bürgermeister hat aber nur 100 Mark an Pachtgeld angezahlt, das andere, also 400 Mark, hat er ebenfalls vers offen. In Wildenau bei Selb hatten die Nazis ein Schullandheim eingerichtet, in dem regelmässig 50 Kinder zur Erholung und Schulung untergebracht wurden. Man hat freiwillige Beiträge für dieses Heim gesammelt, wobei die Firma Witt in Weiden, die von Nazidirektoren geleitet wird, lo0.000 Mark gegeben hat. Der gesammelte Betrag wurde dem Nazikreisleiter Kellermann von Selb gegeben, der das Geld aber nicht dem Heim zur Verfügung stellte. Die vom Leiter des Heimes bestellten und bezogenen Einrichtungsgegenstände und Lebensmittel wurden nicht bezahlt, obwohl die Geschäftsleute bei der Kreisleitung auf Zahlung drängten. Die Nazikreisleitung, die die 100.000 Mark Spende für das Heim erhalten hatte, erklärte sich für nicht zuständig, obwohl es sich, wie aus allen Unterlagen hervorging, doch um ein" NS- Schullandheim" handelt. Das Landschulheim wurde aufgelöst, die Handwerker holten sich ihre schwer beschädigten Einrichtungsgegenstände wieder, die Lebensmittellieferanten gingen natürlich völlig leer aus. Der Leiter des Heims, Oberlehrer Dorner, liess sich Anfang 1936 vom Eisenbahnzug überfahren. Nazikreisleiter Kellermann, der Hauptschuldige, ist jetzt daran, aus einem stillgelegten Fabrikgebäude eine grosse Versammlungshalle zu machen. Pfalz: Der jetzige Oberbürgermeister von Saarbrücken, Dürrfeld, stammt aus Kaiserslautern. Er ist ein berüchtigter Trunken bold, der schon zweimal in der Trinkerheilanstalt war. Der Volksmund sagt: Dürrfeld, wo hast Du Deine Villa her, es gibt doch keine Bonzen mehr? Der Scharführer Hepp, altes Nazi parteimitglied von Kaiserslautern, wurde wegen insgesamt 12 Sittlichkeitsvergehen an Mädchen vom BdM und an kleinen Kindern zu 2 1/2 Jahren verurteilt. Die beantragte Sterilisation wurde abgelehnt, weil es sich um einen" alten Kämpfer" handelt. Der Stadtrat Petry von Pirmasen's wurde schimpflich ausgeschlossen, weil er in einer Jahrmarktsbude eingebrochen hat. Der bisherige Kreisleiter der DAF, Heinrich Fink von Pirmasens wurde nach St. Ingbert( Saar) versetzt. Er musste seine Tätigkeit in Pirmasens aufgeben, weil er in einer Pirmasenser Schuhfabrik einen Diebstahl begangen hatte. A-77Der Kreisleiter Heber von Speyer wurde wegen seiner stadtbekannten Saufereien und Weibergeschichten plötzlich versetzt. Ein Nazi, der bei der" NSZ" beschäftigt war, wurde wegen Betrug angezeigt. Um sich zu rächen, schrieb er aus dem Untersuchungsgefängnis an Hitler, dass die Zeitung jeweils allein bei der Westausgabe 10.000 Exemplare als Auflage mehr ahgibt, als es der Wahrheit entspricht. Ein Bürger von Dernbach hat dem Bürgermeister auf dem Amt vorgeworfen, ér handle nicht einwandfrei, denn er habe an gute Vettern aus dem Gemeindewald Holz verkauft zu so billigen Preisen, dass nach Abzug des Fuhrlohnes für die Gemeinde nichts mehr übrig blieb. Die Tatsache konnte nicht bestritten werden. Aber der Anschuldigende wurde wegen Beleidigung zu 10 Tagen Gefängnis verurteilt. Gegen den Brückener Nazi bürgermeister Lehrer Bieber wurde der Vorwurf erhoben, er sei Separatist gewesen. Er konnte das in einem Beleidigungsprozess nicht entkräften und wurde in Schutzhaft genommen. Genau so müsste es dem Gauleiter Bürckel ergehen, wenn das schon lange beantragte Verfahren endlich durchgeführt würde. Bürckel hat es aber vorgezogen, seinen Hauptankläger verschwinden zu lassen. Baden: Die verantwortlichen Funktionäre des Eisenbahnvereins Mannheim, Pgs. Kewitz, Oechsle und Frei haben in zwei Jahren dem Verein eine Schuldenlast von 42.000 Mark aufgeladen. Sie wurden ihrer Aemter enthoben. Die Reichsbahn übernimmt nunmehr selbst die Verwaltung des Eisenbahvereins. Der Hauswart des von den Nazis geraubten Naturfreundehauses in Markelfingen wurde plötzlich entlassen, weil er ein ausserordentlich hohes Defizit verschuldet und sittenwidrige Zustände in diesem Hause geduldet hat. Nachfolger wurde ein Friseur aus Messkirch, der seit Jahren als Anstifter jeder Nazischlägerei in der Umgebung bekannt ist. Der Stabsleiter und Adjutant des Gebietsführers der HJ, Richard Ebert, Mannheim- Lindenhof, hat seinem Vater, einem Schneider Meister die gesamte Uniformlieferung für den Freiwilligen Arbeitsdienst des Bezirkes verschafft. Unter Hinweis auf diese Aufträge hat Ebert zwei Bauern dazu bewogen, 12.000 und 8.000 Mark in das Geschäft des Vatera hineinzustecken. Er hat aber dieses Geld nicht abgeliefert, sondern dafür angeblich gefälschte Wechsel seines Vaters ausgestellt. Obwohl der Vater erklärte, dass seine Unterschrift echt sei, wurde Ebert zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Es ist durchgesickert, dass die NSDAP an die Staatsanwaltschaft mit der Forderung herangetreten ist, Ebert möglichst hoch zu bestrafen, weil er das Geld in grossen Frassereien und Zechereien im Europäischen Hof in Heidelberg mit dem Bürgermeister Wetzel durchgebracht hat und deshalb A-78mundtot gemacht werden sollte. Wetzel wurde übrigens seines Postens enthoben und nach München zur besonderen Verwendung abgeschoben. Einige Beispiele aus Mannheim mögen zeigen, wie es um den Kampf der NSDAP gegen die Bonzengehälter jetzt steht. Der stellvertretende Bürgermeister, Ludwig Hofmann, bezog früher als Fuhrparkleiter ca. 6.000 Mark, jetzt erhält er 20.000 Mark jährlich. Der Beigeordnete Daniel Störz, hatte früher ein Jahreseinkommen von etwa 2.000 Mark. Jetzt erhält er rund 12.000 Mark. Der jetzige Direktor beim Fürsorgeamt, Hans Runkel, hat ein Jahreseinkommen von rund 15.000 Mark. Der jetzige Amtmann Hörl beim Städtischen Maschinenamt erhielt früher als Techniker 245,- Mark, jetzt bekommt er 575, Mark monatlich. Pg. Wollschläger, früher Heizer, jetzt Betriebsleiter im Herschelbad, verdient jetzt jährlich rund 7.000,- Mark nebst freier Wohnung gegen früher knapp 2.000 Mark. Für den entlassenen stellvertretenden Bademeister im Städtischen Herschelbad hat man einen" alten Kämpfer" hingesetzt, ohne die geringsten Fachkenntnisse, und setzte ihn gleich nach Gruppe 6 mit 245 Mark. Früher wurde der Posten mit einem Wochenlohn von 38 Mark bezahlt. Der Gutsbesitzer Graf Siegmund v. Wiser aus Weinheim an der Bergstrasse ist SS- Sturmführer und schon seit Jahren als Homosexueller bekannt. Er hat sich als Lehrherr an den Gärtnerlehrlingen geschlechtlich vergriffen und wurde am 14. 1. 1936 zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt. V. Wiser lebt. Die Anklaauf grossem Fuss, hat stets 4 bis 5 Reitpferde. ge gegen ihn ging von dem Meister seiner Gärtnerei aus, der seit 1930 der NSDAP angehört. Nur der Tatsache, dass der Gärtner" alter Kämpfer" ist, ist es zuzuschreiben, dass Anklage erhoben wurde. Immerhin musste der Meister erst bis an das Braune Haus in München gehen, ehe er die Widerstände in der Partei gegen die Anklageerhebung überwinden konnte. Der" alte Kämpfer" und Inhaber des goldenen Parteiabzeichens, Ludwig Lotterhos, Mannheim, hat die bei ihm beschäftigten Lehrmädchen und Verkäuferinnen vergewaltigt. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und wegen Fluchtverdacht sofort verhaftet. Die Mannheimer Presse berichtete ohne Namensnennung ausführlich über den Fall, verschwieg aber völlig, dass es sich um einen führenden Nationalsozialisten handelt, der seit 1928 Mitglied der NSDAP- seit Jahren gegen das Weimarer" System" gehetzt hat. Oberbürgermeister von Mannheim ist Pg. Renninger. Er ist nebenbei Inhaber einer Mennig- Farbenfabrik, seit jeher Feind von Tarifverträgen und musste durch Gerichtsbeschluss gezwungen werden, die von ihm einbehaltenen Krankenkassenund Versicherungsbeiträge auch abzuliefern. Er zahlte trotzdem nur einen Teil, der grössere Rest wurde anlässlich der A-79Machtübernahme durch die Nazis erlassen. Die Nationalsozialisten erklärten bei der Machtübernahme, Renninger arbeite ehrenamtlich als Oberbürgermeister. Jetzt wird bekannt, dass er 21.000 Mark Gehalt, 4.800 Mark Wohnungsgeld und 15.000 Mark Aufwandsentschädigung erhält. Ausserdem ist ihm die Lieferung der Mennig- Farben für den Reichsbahndirektionsbezirk Karlsruhe zugesprochen worden. Seine Eitelkeit charakterisiert folgendes Erlebnis: er benutzte am 29.8.35 die Strassenbahn und schrie den Schaffner Willbohl, der Fahrgeld oder Ausweis verlangte, an:" Ich bin der Oberbürgermeister Renninger!" Der Schaffner erklärte, dass könne jeder sagen und pochte auf seine Dienstvorschrift. Renninger drohte mit Entlassung und verliess die Bahn. Der Schaffner erhielt einen Verweis-- T und an sämtlichen Anschlagtafeln des Mannheimer Strassenbahnbetriebs wurden zwei Fotos ausgehängt, die den Oberbürgermeister in Zivil und in Uniform zeigen und verhüten sollen, dass die Schaffner den Oberbürgermeister nochmals belästigen. Hessen: Der nationalsozialistische Pfarrer Nerlich, Mitglied der SA, hat sich an schulpflichtigen Knaben vergangen und wurde zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Heldentenor des Staatstheaters in Wiesbaden, Greverus, und der Bühnenbildner des Staatstheaters Schenk v. Trapp, beides Mitglieder der NSDAP, wurden wegen homosexueller Verfehlungen verhaftet. In Bad Schwalbach bei Wiesbaden wurden 38 SA-Leute, Arbeitsdienstler und Angehörige des Wehrsportlagers wegen homosexueller Verfehlungen verhaftet. Drei von diesen verübten Selbstmord durch Erschiessen, darunter der politische Leiter. In zwei Prozessen gegen 20 Angeklagte wurden Urteile zwischen 4 Monaten und 3 Jahren Gefängnis ausgesprochen. Unsittliche Vorgänge im BdM Wiesbaden haben zu einer Untersuchung durch die Gauleitung geführt. Anlass dazu gab besonders der Tod eines 16jährigen BdM- Mädels bei der Entbindung. Weitere Minderjährige aus dem BdM liegen in den Entbindungsabteilungen verschiedener Krankenhäuser.. Der Gebietsführer der HJ Hessen- Nassau, Cramer, gründete im Adolf Hitlerhaus in Wiesbaden eine Vereinigung von Homosexuellen, die er Liga zur Ablehnung des Weiblichen nannte. Von den in der Gebietsführung vorhandenen 128 höheren und niederen Führern befinden sich jetzt nur noch etwa 40 auf freiem Fuss. Cramer wurde Gelegenheit gegeben, sich zu erschiessen. Ein weiterer Früher, Gross, verübte bei der Verhaftung Selbstmord. Von einem dritten, Seifert, wird behauptet, er sei erschossen worden. Ein anderer, Lembke, Sohn eines Polizeiwachtmeisters, entzog sich der Verhaftung durch die Flucht ins Ausland.. A-80Der Geschäftsführer der DAF in Worms, Pg. Scherer, wurde wegen sexueller Verfehlungen und Trunksucht vor einem halben Jahre beurlaubt. Jetzt ist er Geschäftsführer der DAF in Darmstadt. Der ehemalige Kreiswalter der DAF, Gernsheimer, wurde wegen Unterschlagung und Bezug von Sekt aus einer jüdischen Sektkellerei beurlaubt. Jetzt, nach einem halben Jahr ist er nach Hanau als Kreiswalter der DAF versetzt worden. In Schlüchtern war die Seifenfabrik Wolf( Drei- Türme- Seife) unter dem früheren jüdischen Besitzer ein rentables Unternehmen, die Arbeiter waren am Gewinn beteiligt. Seit etwa anderthalb Jahren ist der jüdische Geschäftsinhaber enteignet, ein Nazigeschäftsführer mit einem Bonzenstab eingesetzt und 400.000 Mark Unterbilanz infolge Misswirtschaft und persönlicher Bereicherung der leitenden Nazibonzen erzielt worden. Der Dorfbauernführer einer hessischen Landgemeinde hat eine Flurbereinigung auf Grund des Reichsgesetzes vorgenommen. Es gab dort Bauplätze im Werte von 2,- RMK. je qm und Aecker im Werte von 40 Pf. je qm. Die Bauplätze lagen baufertig an der Strasse, und es bestand nicht das geringste Bedürfnis, sie zu" bereinigen". Die Besitzer der Bauplätze erhielten als Austausch gewöhnliche Aecker, ausserdem nahm man allen 1/7 ihres Grundbesitzes zu Gunsten der Gemeinde weg, und verlangte schliesslich noch eine beträchtliche Gebühr für die Aktion. Nach Abschluss der Bereinigung mussten die geschädigten Baugrundbesitzer feststellen, dass der Dorfbauernführer, natürlich treuer Pg., der früher nur Aecker besass, auf einmal Eigentümer von Bauplätzen geworden war. Beschwerden der Grundbesitzer waren natürlich erfolglos. Rheinland: In Godesberg wurden Ende Dezember 1935 52 SA- Leute wegen Verstosses gegen§ 175 verhaftet. Verschiedene Geschäftsleute zeichnen beim WHW mit Schuldscheinen über Beträge, die sie noch von Kunden zu erhalten haben. Das WHW versucht dann, diese Beträge einzukassieren. In Merkstein hat eine Geschäftsfrau so einen Schuldschein über 56 Mark, unterschrieben von der Frau des Ortsgruppenleiters der NSDAP, dem WHW gegeben. Der Betrag wurde vom WHW einkassiert, aber auf eine merkwürdige Art: Die Frauenschaftsleiterin schenkte im Auftrage der NSV gleichzeitig mit der Präsentation des Schuldscheines den Betrag von 56 Mark der Frau des Ortsgruppenleiters als Spende des WHW! In Mützenich, Eifel, ist der Sturmführer Clahsen, der sich an Mitgliedern der HJ homosexuell verging, von den Bauern unter Leitung des Ortsvorstehers mit Dreschflegeln und Mistgabeln auf neubelgisches Gebiet getrieben worden. Er hat sich später der Polizei in Aachen gestellt. Der stellvertretende Bürgermeister von Bardenberg im Reg. A-81Bezirk Aachen, Goebbels, hat sich an einem 14 jährigen Mädchen vergangen. Das Mädchen musste ins Krankenhaus gebracht werden. Als die Angelegenheit ruch-bar wurde, erklärte die Polizei zunächst, in solchen Fällen sei das Partei- Ehrengericht zuständig. Schliesslich musste aber doch der Staatsanwalt eingreifen. Goebbels erhielt 10 Monate Gefängnis. Hermann Hey in Merkstein, Vertrauensratsmitglied und SAScharführer, benutzte seine Stellung, um verheirateten Frauen unsittliche Anträge zu machen. Dabei versprach er ihnen Arbeit für ihre Männer. Weigerten sie sich, dann drohte er. Schliesslich wurde er zur Anzeige gebracht, jedoch wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. Der Staatsanwalt legte Berufung ein. Inzwischen ist Hey entlassen worden. Ein leitender Funktionär der NSV in Trier, Nikolaus Berens, hatte die Verpflegung auf der VDA- Tagung in Trier übernommen und dabei rund 50.000 Mark für sich herausgewirtschaftet, indem er weniger und schlechtere Lebensmittel lieferte, als vereinbart war. Er wurde wegen fortgesetzten Betrugs unter Anklage gestellt. Das Urteil steht noch aus. Der Oberwachtmeister Steinbusch, Aachen, wurde erschossen, als er in der Monsheimallee auf drei verdächtige Personen stiess, die aus dem Vorgarten einer Villa kamen. Die Täter wurden trotz eifrigster Suche nicht gefunden. Die Bevölkerung glaubt, dass es sich um Nazis handele. Die Begleitumstände waren merkwürdig. Der Wachtmeister hatte Hilfe gerus fen, die Trillerpfeife gebraucht und sich noch weiter geschleppt, bis er zusammenbrach. Trotz all des Lärms, der Schüsse usw. erschien niemand zur Hilfeleistung, obwohl 80 m weiter ein Taxenstandplatz war. Vor einiger Zeit brach nun ein angeblicher Schwerverbrecher, in Wirklichkeit politischer Häftling, Otto Wilhelm, aus; nach einigen Tagen vergeblichen Suchens erklärte man ihn zum Mörder des Oberwachtmeisters in der Annahme, Wilhelm sei ins Ausland entkommen. Das war ein Irrtum. Er wurde nach 8 Tagen auf einem Heuspeicher mit gebrochenem Fusse gefunden. Die Verletzung stammte von der Flucht. Die Bäuerin, die Besitzerin des Heuspeichers, die den Mann verraten hatte, wurde öffentlich belobigt, weil sie den Mörder des Oberwachtmeisters Steinbusch wieder ausgeliefert habe. Inzwischen ist es sehr still geworden. Man hört seit 5 Monaten weder von dem Fall Steinbusch noch von Otto Wilhelm etwas. Wilhelm soll nicht mehr am Leben sein. Mittlerweile kommt aber von einer anderen Seite eine gewisse Klärung. Der Einbruch in der Villa galt dem zwei Tage zuvor entlassenen katholischen Beigeordneten Dr. Scheuer, dem ehemaligen Polizeidezernenten, der nicht genügend gleichgeschaltet schien. Da er Pensionsansprüche stellte, musste man einen Grund zur Abweisung der Ansprüche finden. An jenem fraglichen Abend hatte man Dr. Scheuer zu irgend einer Veranstaltung bestellt. Dann sind die beauftragten Nazis, die gleichen offenbar, die an diesem Abend im Aachener Wartesaal 1 A-82sechten und in der Trunkenheit ein Preisschiessen auf den ronleuchter veranstalteten, in die Wohnung eingedrungen. Dort haben sie das Arbeitszimmer und die Bibliothek des Dr. Scheuer einer Durchsuchung unterzogen, bei der sie dann von dem Polizeibeamten überrascht wurden. Jetzt raunt einer dem anderen in Aachen diese Dinge zu. Nur die Polizei hört und weiss nichts. Nordwestdeutschland: Der Dortmunder SA- Mann Bernhard Bartröwer- bis 1924 Bartosineski benannt- wurde wegen wissentlich falscher Anschuldigung, Verbreitung unwahrer Tatsachen und versuchter Erpressung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte einen Mieterverein gegründet und nahm Rechtsberatungen vor. Die Vermieter seiner Klienten versuchte er durch Anzeigen bei der Gestapo und der Polizei klein zu kriegen; es gelang ihm zum Teil auch, sie ins Konzentrationslager zu bringen. In anderen Fällen erschien er in Uniform, drohte den Hausbesitzern und setzte sie unter Druck. In der westfälischen Führerschule Nordkirchen wird vor allem die SS geschult. Die Herren Standarten- usw. Führer lümmeln dann abends in ihren prima Uniformen in den umliegenden Dörfern herum. Sie trinken die besten Weine, Sekt und leben wie kleine Götter. Die Bevölkerung hat eine Hundewut, denn sie muss sich erbärmlich durchschlagen. In den kleinen Friseurstuben der Dörfer lassen sich die Affen dann mit allen Schikanen aufputzen. Allein die Rechnung beim Friseur ist so hoch, wie die Wochenunterstützung für eine Person. Ein SS- Führer aus dem Osnabrücker Gebiet, ganz alter Kämpfer, ist bekannt durch wilde Sauforgien. Im Alkoholrausc ist er mit einem Freund in einem leichten Einspänner von mit tags 1 Uhr bis abends 6 Uhr durch alle umliegenden Ortschaften gesaust. Da er die Strassen unsicher machte, machten Osnabrücker Gestapobeamte im Auto Jagd auf ihn. Schliesslich wurde er in X. gestellt. Das Pferd brach sofort zusammen. Seiner Verhaftung setzte der SS- Führer heftigen Widerstand entgegen. Er schlug einem der Kriminalbeamten einen Zahn aus und tobte wie ein Wilder. Darauf wurde der SS- Führer in furchtbarer Weise öffentlich im Beisein des angesammelten Publikums mit seiner Peitsche und mit dem Gummiknüppel verprügelt. Auch beim Abtransport versuchte der SS- Führer Widerstand. Er stemmte sich mit den Füssen gegen die Autotür. Darauf schlugen die Beamten den Mann mit der Lederpeitsche über die Beine, dass die Hose platzte und das Blut spritzte. Nach mehrtägigem Krankenhausaufenthalt wurde der Verprügelte zur Gauleitung transportiert und dann in seine Wohnung entlassen. Der SA- Sturmführer Brinkmann, Bocholt wurde im Jahre 1932 wegen Diebstahls bestraft. Bei der SA wurde er seines Posten: enthoben und zur Disposition gestellt. Jetzt wurde dieser Mann zum Polizei oberwachtmeister ernannt und in die Schutz A- 83polizei eingestellt. Der frühere Justizangestellte Willi Seele in N., ein alter Nazi, wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, weil er erklärt hatte, dass höhere Parteistellen korrupt sind. In der Verhandlung kam heraus, dass sich der Ortsgruppenleiter der NSDAP von einem Geschäftsmann, der Mitglied der Partei werden wollte, zur Kindtaufe ein Auto hatte schenken lassen. Die Aufnahme erfolgte, obwohl sich der gesamte Funktionärkörper gegen die Aufnahme ausgesprochen hatte. In Gildehaus und Bentheim sind 30 bis 40 Nazifunktionäre wegen homosexueller Verfehlungen verhaftet worden. Der Hauptschuldige, ein Steinbruch besitzer Merten aus Gildehaus, gleichzeitig Kassierer der dortigen Ortsgruppe der NSDAP, auch Leiter der Gildehauser SA, hat bereits zweimal einen erfolglosen Selbstmordversuch unternommen. Neben ihm sind es vor allem örtliche Leiter der SA., die Hitler- Jugendführer beider Orte und einige Beamte. Im Zusammenhang damit sind auch Unterschlagungen bei der Gildehauser Ortsgruppenleitung der NSDAP festgestellt worden. Der 24 jährige" alte Kämpfer", Chefredakteur und Kreisleiter der NSDAP für Ostfriesland- Nord, Pg. M. J. Folkerts, bezieht ein Monatsgehalt von 900 Mark, ausserdem" Vertrauensspesen" als Kreisleiter. Der Standartenführer Deltow wurde wegen verschiedener Schweinereien seines Postens enthoben und zum Obergärtner der Stadt ernannt. Von Beruf ist er Handlungsreisender. Der bisherige Obergärtner Bentsch wurde ins Passamt versetzt. Ein bunter Abend der SA in unserem Orte führte dazu, dass sich verschiedene Bonzen und Bönzlein ihre Schiebungen vorwarfen. Dabei ging es vor allem um unsaubere Geschäfte mit den Steinen einer abgetragenen Ziegelei. Die gemütliche Unterhaltung auf dem bunten Abend artete in eine Schlägerei aus. Im Verlauf des Nachspiels ist jetzt des Bürgermeisters rechte Hand degradiert worden. Er ist Aufseher bei den Notstands- und Pflicht arbeiten geworden. Ein SS- Führer, der auf der Führerschule in Wesel beschäftigt war, hat sich erschossen, weil er wegen Devisenschiebungen verhaftet werden sollte. auf dem der GauAuf einem Polizeifest zugunsten des WHW, leiter Terboven sprechen sollte, kam es zu wüsten Ausschreitungen und Trunkenheitsexzessen. Obwohl rund 2.000 Personen anwesend waren, benahm sich der Bürgermeister wie ein Pascha. Ein junges Mädchen der" besseren" Gesellschaft, tief ausgeschnitten, wurde von ihm mitten im Saal gegriffen und auf dem ganzen Rücken blutig gekratzt. Schliesslich geriet er in seinem Suff mit dem Chefarzt des Krankenhauses in Differenzen, die zu Tätlichkeiten ausarteten. Ein schwerkriegsbeschädigter Amtsgerichtsrat, Inhaber des EK I, wurde von einem SA- Führer blutig geschlagen. Der Amtsgerichtsrat hat A-84beim Reichskriegerbund in Kassel Ehrenklage eingereicht. Im Herbst wurde in Hildesheim ein sensationeller Beleidigungsprozess geführt, der 17 Tage dauerte und die Vernehmung von 120 Zeugen erforderte. Es war- im wesentlichen ein Prozess zwischen Nationalsozialisten. Sechs Hildesheimer Pgs. hatten schwerwiegende Beschuldigungen gegen führende Nationalsozialisten, vor allem gegen den NS- Staatskommissar, Reichsredner, Bürgermeister und Reichstagsabgeordneten Pg. Heinrich Schmidt, ausgesprochen. Der Prozess, der daraufhin auf Antrag des Staatsanwalts und der Beleidigten angestrengt wurde, endete mit einer geradezu vernichtenden Niederlage des Bürgermeisters Schmidt. Der Staatsanwalt selbst kam zu der Feststellung, dass die" Beweisanträge der Angeklagten gegen Schmidt sämtlich geglückt seien. Die Wut der Bevölkerung gegen Schmidt war grenzenlos. Am Tage der Urteilsverkündung musste zum Schutz des Bürgermeisters Polizei eingesetzt werden. Der Domhof, auf dem sich das Landgericht befindet, wurde, um Schmidt vor seinen Pgs. zu schützen, vollkommen abgesperrt. Am nächsten Tag verliess er fluchtartig Wohnung und Stadt, es gelang ihm nur dank des polizeilichen Schutzes, unbeschädigt das Auto zu erreichen. Der Prozess entrollte ein bezeichnendes Bild des Nazi treibens in einer Mittelstadt und verdient wegen der führenden Stellung des jetzt 35jährigen MdR Schmidt Beachtung. Die Vorgeschichte: der_völlig zerlumpte Arbeitslose, Pg. Heinrich Schmidt, wurde vor Jahren von der NSDAP- Ortsgruppe Hameln aufgenommen und eingekleidet. Er war rednerisch begabt und angeblich" alter SA- Kämpfer"; es gelang ihm 1929, in Hameln Nazi- Stadtverordneter zu werden. Pg. Dr. Hoffmann erklärte vor dem" parteiamtlichen" Untersuchungs- und Schlichtungsausschuss:" Mit Verleumdungen hat sich Schmidt hochgebracht, mit Gemeinheit, Ehrlosigkeit, durch Missbrauch seiner Macht, unter Lügen und Verdrehungen hat er sich behauptet- Verbrechen hat er protegiert." Er konnte sich infolge seiner Trunksucht und wegen einer Unterschlagungsaffäre in Hameln nicht mehr halten und ging unter Zurücklassung von rund 10.000 Mark Schulden nach Hildesheim. Hier setzte er den typischen Aufstieg des NS- Karrieremachers fort. Sein Lebenswandel war unbeschreiblich. Die im Prozess als Beweismittel vorgelegten Fotos darüber waren vernichtend. Im Einzeln wurde ihm, neben seiner Trunksucht und seiner unsittlichen Leben sführung, vorgeworfen und als wahr vom Landgericht u.a. festgestellt: 1.) Freiheitsberaubung in drei Fällen in persönlichem Interesse unter Missbrauch seiner Amtsgewalt. 2.) Freiheitsberaubung zwecks Nötigung. 3.) Zeugenbeeinflussung unter Missbrauch der Amtsgewalt. 4.) Eingriff in ein gegen ihn schwebendes Verfahren. 5.) Moralische Erpressung und politische Korruption. 6.) Persönliche Bereicherung. Schmidt hat den geheimen Nachrichten dienst der NSDAP in Hildesheim beauftragt, Material gegen den 1.Bürgermeister A-85- Dr. Ehrlicher zu beschaffen unu diesen dann zu verdrängen. Schmidt änderte zweimal das Ortsstatut der Stadt. 1.) Abschaffung der zwei Bürgermeister unter der Voraussetzung, dass Schmidt Oberbürgermeister werde, 2.) Als diese Spekulation fehlging, liess er den 2. Bürgermeisterposten wieder einrichten und sich wählen. Schmidt hat sich in geheimer Sitzung zu den l.ooo Mark Monatsgehalt 4-°° Mark monatlich rückwirkend und eine Jahresentschädigung von 500 Mark als Bürgervorsteher-Worthalter bewilligen lassen, dazu natürlich die Sitzungsgelder. Schmidt hat von dem Hauptmann a.D. Steinmeyer im Widerspruch zu dessen Akten ein gutes Leumundszeugnis gefordert und als Gegenleistung Wiedereinsetzung in alle Rechte und Aemter versprochen. Schmidt hat Zechkumpane(Pg. Privat) und Zeugen seiner Ausschweifungen(Pg. Windler) und andere mit öffentlichen Aemtern versehen, obwohl ihre Unfähigkeit bekannt war. Bisher ist nicht bekannt geworden, dass Pg. Schmidt seiner Funktionen als Reichstagsabgeordneter und Reichsredner enthoben wurde. Wasserkante: Das Kieler Gewerksohaftshaus, eines der ältesten in Deutschland, das über den schönsten Saal der Stadt Kiel verfügt, hat nach zweijähriger Naziverwaltung Bankerott gemacht und wurde versteigert. Seit 1933 sind von den neuen Mietern keine Mieten gezahlt worden und die Arbeiter haben das Lokal Leit dem Umsturz gemieden. Bei dem Bankerott gingen folgende Summen verloren: Volksfürsorge 70-0°° Mark, Kieler Konsum-Verein 35.000 Mark, Vereinsbäckerei 30.000 Mar) Eiche-Brauerei /).o.ooo Mark, Jasper sens Erben 70.000 Mark. Die Stadt kiel ersteigerte das Haus für 5I0.000 Mark. Der Kreisleiter der NSDAP von Rendsburg, Wilhelm Hamkens, der seit 3 Jahren die Stadt terrorisierte und sich dabei auf Kosten der Bevölkerung bereicherte, hat sich nun doch unmöglich gemacht und musste seines Postens enthoben werden. Seine Verschwendungssucht und Korruption war zu gross geworden und hatte in den eigenen Reihen Widerstand gefunden. Nachfolger wurde der bisherige Kreisgesohäftsführer Carstens, der nicht besser ist. Bei der Produktion, Hamburg sind eine ganze Anzahl Nazis wegen umfangreicher Schiebungen verhaftet worden. So wurde z.B. Butter verschoben, indem man oben in die Fässer Quark tat. Dem Besitzer einer grösseren Druckerei in Y. war durch die Nazis die Weiterführung seines Betriebes untersagt worden. Der Betrieb wurde von der DAF übernommen und ein"alter Kämpfer" als Geschäftsführer bestimmt, der von Beruf Druckerei-Hilfsarbeiter ist. Die ehemals gutgehende Druckerei wurde nun so schlecht geführt, dass die Belegschaft stark reduziert werden musste. Das kleine Häuflein Arbeiter ver- A-86brachte die Tage mit Radiohören und Skatspielen. Die DAF zahlte eine Zeit lang die Löhne, sowie die übrigen Betriebsunkosten, beschloss dann aber doch die" Stillegung" des Betriebes. Der frühere Besitzer übernahm den Betrieb wieder und entliess den" alten Kämpfer" und seine Getreuen, die von der DAF jedoch bald wieder in anderen Nazi betrieben untergebracht wurden. Der bisherige Geschäftsführer weigerte sich wieder Hilfsarbeiter zu werden, und erhielt für seine wertvolle Tätigkeit von der DAF noch eine Abfindung von 500 Mark. In den zwei Jahren der Naziherrschaft ist in Cuxhafen innerhalb der Nazibewegung allerhand passiert. Die erste grössere Unterschlagung beging der Kreisamtsleiter der DAF, Pg. Kron. Sechs Wochen nach der Amtsübernahme wurde er wegen Unterschlagung von 8.000 Mark verhaftet. Sein Nachfolger wur de nach kaum 14 Tagen von seinen Pgs. verprügelt und an die Luft gesetzt. Der nächste übernahm die Kasse, angeblich ohne dass irgend welche Unterlagen vorhanden waren. Da seine Fähigkeiten nicht ausreichten, ohne Unterlagen die Kasse zu führen, flog er nach kurzer Zeit. Der Dritte, dem es unmöglich war, sich in diesem heillosen Durcheinander zurecht zu finden, verzichtete freiwillig. Das. war die DAF. Der Kreisleiter der NSDAP, Morisse, wollte den bisherigen Kurdirektor durch den" alten Kämpfer", Pg. Wolff, ersetzen. Wolff wurde durch die Partei nach Cuxhafen geholt, um sich der Bevölkerung zu präsentieren. Sein erster Gang in Cuxhafen galt der Stadtkasse, von der er sich einen Vorschuss von 500 Mark holte. Danach hielt er an drei hintereinander folgenden Abenden schwungvolle Reden über Reinigung in den Behörden, Bekämpfung der Korruption usw. Nach weiteren drei Tagen wurde der alte Kämpfer Pg. Wolff von der Kriminalpolizei verhaftet. Es stellte sich heraus, dass der" Reiniger" mit 4 1/2 Jahren Zuchthaus vorbestraft war und noch einige weitere Jahre wegen Sittlichkeitsverbrechens zu verbüssen hatte. Der Amtswalter und Landrat in Cuxhafen, Pg. Rüger, machte sich durch steigende" Saufschulden" in kurzer Zeit so unmöglich, dass ihn seine vorgesetzte Behörde schleunigst an die Staatsanwaltschaft in Hamburg versetzte. Abschluss und Höhepunkt bildete die Betrugsaffäre Vollrath. Franz Vollrath, alter Kämpfer und Kreisleiter der NSDAP Cuxhafen- Land war zugleich Staatsförster. Beim Naziumsturz tat er sich besonders hervor, hisste überall das Hakenkreuzbanner in feierlicher Prozession und hielt flammende Reden gegen das korrupte Weimarer System. Das hinderte ihn nicht, gemeinsam mit seinen Freunden, dem Leiter der Cuxhafener Schutzpolizei, Oberleutnant Müller, und Kriminalkommissar Specht Unsummen zu verprassen. Die beiden Beamten deckten ihn gegenüber allen Angriffen; es wurden Dementis und Drohungen gegen" Gerüchtemacher" erlassen. Schliesslich wurde er doch entlarvt. Er hatte Urkundenfälschungen begangen, durch übermässige Abholzung des Wernerwaldes erheblichen Schaden A- 87angerichtet und 40.000 Mark unterschlagen. Der Prozess gegen ihn wurde nicht zu Ende geführt. In der Nacht nach der Beweisaufnahme hat er sich in der Gefängniszelle erhängt. Auch seine Kumpane blieben schliesslich nicht verschont. Kommissar Specht wurde wegen Aktenbeseitigung verhaftet. Oberleutnant Müller wurde plötzlich nach Hamburg versetzt. Er starb dort wenige Tage später an" Bleivergiftung" und wurde mit allen" Ehren" begraben. Der DAF- Beauftragte Rudolf Habedank erklärte bei der Gleichschaltung der Hamburger Volksfürsorge, den Mitgliedern sei durch Veruntreuungen und schlechte Geschäftsführung ein Verlust von ca. 5.000.000 Mark entstanden. Davon war kein Wort wahr, wie die neuen Herren in Rundschreiben an die Mitglieder später selbst zugaben. Die Hetze hatte aber zunächst gewirkt. Unter der neuen Nazileitung wurden die fähigen Angestellten durch SA- Leute ersetzt und die freigewerkschaftlichen Betriebsräte gekündigt. Mit der Zeit entwickelte sich ein gespanntes Verhältnis zwischen den. Betriebsführern und der SA. Die SA warf den Betriebsführern antisozialistische bezw. unkameradschaftliche Tendenzen vor. Der Vorstand lehnte darauf jegliche Verhandlung mit dem Vertrauensrat ab und stellte Veruntreuungen und unehrsames Verhalten des ganzen Vertrauensrates und zweier Abteilungsleiter fest. Es kam zu Kündigungen und fristlosen Entlassungen. Der Betrieb" verbrauchte" in einem Jahr 3 Personalchefs. Alle drei wurden wegen Untauglichkeit, Veruntreuungen, Vorspiegelung falscher Tatsachen etc.( einer wegen sechs verschiedener Delikte) entlassen. Personalchef Lettenbauer hatte sich zum Hausbau eine Hypothek auszahlen lassen. Das Haus ist nie gebaut worden. Er hat das Geld und von kleinen Angestellten geliehene Beträge in Alkohol umgesetzt und nichts zurückgezahlt. Durch die wahllose Einstellung ungeeigneter SA-Leute, durch zu hohe Gehälter usw. sind die Verwaltungskosten des Betriebes um weit über hundert Prozent gestiegen. Bei einer Gesamtbelegschaft von 576 Angestellten sind nach Aussagen des Betriebsführers ca. 150 Personen zuviel beschäftigt. Der Betrieb kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Diskussionen zwischen alten und neuen Angestellten arten oft in Schlägereien aus. Neuangestellte SA-Leute mussten wegen Untauglichkeit entlassen werden, andere" alte Kämpfer" wurden fristlos hinausgesetzt, wenn sie sich bei der NSDAP- Gauleitung über den Vorstand beschwerten. Selbstverständlich leidet die Arbeitsleistung unter all diesen Dingen sehr. Berlin- Brandenburg: In der Kreisstadt Angermünde verging. sich der Kreisleiter der NSBO, Erich Hartmann, ehemals leitender KPD- Funktionär, an einem Hitler jungen. Er wurde verhaftet. Die ehemals freigewerkschaftliche Siedlungsgesellschaft Gehag, Berlin, wurde 1933 von den Nazis übernommen. Eine A-88der wichtigsten Taten war, die Aufsichtsratsdiäten, die früher monatlich 10 Mark betrugen, auf 30 Mark pro Sitzung zu erhöhen und dem neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Pg. Alfred Krüger, für seine nebenamtliche Tätigkeit monatlich 300 Mark zu bewilligen. Vor einiger Zeit ist der Standartenführer und MFZ- Kapellmeister Ewers, neben Fuhsel wohl der bekannteste Berliner SA- Kapellmeister, wegen Blutschande, begangen an seiner eigenen Tochter, zu fünf Jahren Zuchthaus veru- rteilt worden. Der Presse ist verboten worden, über dieses Verbrechen auch nur mit einem Wort zu berichten. G Die Nazis hatten als Leiter der gestohlenen Arbeiterbank ihren Pg. Müller eingesetzt. Müllers Verfehlungen sind seit langem bekannt. Als Ley den an das ADGB- Haus angrenzenden Häuserblock erwerben wollte, hat Müller das verhindert. Danach liess er selbst aber durch einen Mittelsmann diese Grundstücke aufkaufen, um sie dann der Arbeiterbank mit einem sehr erheblichen Zwischengewinn für seine eigene Tasche anzudrehen. Als dieses Geschäft ruchbar wurde, flog Müller aus der Bank und entzog sich seiner Verhaftung durch die Flucht nach der Schweiz. Er kam gegen Zusicherung freien Geleits zurück, wurde trotzdem von der Staatsanwaltschaft in Haft genommen, aber nach etwa 8 Tagen freigelassen. Jetzt ist er entlassen worden. Ihm wird unzweckmässige Anlage von Bankgeldern, die zu grossen Verlusten führte, vorgeworfen. Ausserdem soll er sich allzu reichlich mit Aufsichtsratspfründen versehen haben. Mit Ley hat er sich von Anfang an nicht verstanden, weil er dessen Finanztransaktionen ständig hinderte. Der nach dem Umsturz von den Nationalsozialisten eingesetzte Direktor der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin, Pg. Diewitz wurde im November 1935 wegen Untreue und Bestechung zu 1 Jahr 6 Monaten Zuchthaus verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde als strafmildernd angeführt, dass D. zu diesem Posten gar nicht hätte berufen werden dürfen, weil er die Qualifikation dazu in keiner Weise besass. Strafverschärfend wurde in Betracht gezogen, dass er als" alter Kämpfer" sich dieser Handlungen nicht hätte schuldig machen dürfen. Diewitz hatte, trotzdem vom Reichsarbeitsministerium eine Gehaltsheransetzung für die leitenden Angestellten angeordnet worden war, sein und das Gehalt einiger Freunde beträchtlich erhöht, woraus ein Schaden von 80.000 Mark entstanden war. Ferner hat er einem befreundeten Architekten Bauaufträge zugeschoben und dafür Schmiergelder in Höhe von 20.000 Mark eingesteckt. Der Krankenkassenverband Berlin wird aufgelöst. Das Vermö gen von 5 Millionen Mark, das die früheren sozialdemokrati schen Leiter seit der Gründung des Verbandes zusammengebracht haben, ist völlig verbraucht. Das dem Verband gehörige Krankenhaus Lankwitz ist seit Sommer 1935 geschlossen und an die A- 89SS als Unterkunft verkauft worden. Der nach einigen Korruptionsaffären Anfang vorigen Jahres eingesetzte Direktor Schulte( Alter Fachmann, Direktor der Ruhegehaltsversicherung der Krankenkassenbeamten und Direktor im früheren -christlichen Gesamtverband der Krankenkassen) ist am 31. Dezember zurückgetreten. Der Verband bekommt wieder einen Kommissar vom Reichsbarbeitsministerium. Mitteldeutschland: Der bisherige zweite Bürgermeister, Beigeordneter Pg. Arno Müller in Saalfeld hat sich dienstliche Verfehlungen zuschulden kommen lassen und wurde zum Rücktritt und zum Verzicht auf Versorgungsansprüche gezwungen. In X., einer Stadt von 20.000 Einwohnern, haben sich nationalsozialistische Parteigänger und Würdenträger in der kurzen Zeit ihrer Tätigkeit folgendes zuschulden kommen lassen:( Den Namen der Stadt können wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Die Personennamen sind geändert.) 1. Der Bannführer der Hitlerjugend W.R. verführte unter Missbrauch seiner Position ein 17 jähriges Mädchen des BdM. Die NSDAP sah sich genötigt, ihn aufzufordern, das Mädchen zu heiraten. Das lehnte er ab. Darauf wurde er seines Postens enthoben. 2. Der Kreisleiter des Kreises E. der NSDAP Hensel aus B. beging ein Sittlichkeitsverbrechen an einem 14 1/ 2jährigem Mädchen. Er wurde von seinem Posten entfernt und mit einem gehobenen Posten beim Arbeitsdienst in der Nähe Berlins bestraft. 3. Der Ortsgruppenleiter K. aus B. verführte die Frau des Landwirts und Arbeiters F. Der Mann befand sich im Gefängnis. K. hatte die Frau in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der NSV aufgesucht. In der Familie sollte er sich um die soziale Lage bekümmern. Der Frau hat er zugesetzt, sie solle ihm doch gefügig sein, dann werde er auch für die Familie sorgen. Er hat die Ehe des F. zerrüttet und den 5 Kindern die Mutter genommen. 4. Der SA- Mann Hickler aus B. notzüchtigte ein neun jähriges Kind, das in ärztliche Behandlung genommen werden musste. 5. Der SA- Mann Segert wurde verhaftet, weil er sich seit Jahren an seinen jetzt 19 und 16 Jahre alten Töchtern vergangen hat. Auch die Mutter befindet sich in Haft, da sie von diesen Verfehlungen gewusst haben soll. Segert ist Mitglied der NSDAP seit 1929. 6. Der NSBO- Obmann Lehmann wurde wegen vollendeter Notzucht, begangen an einem neun jährigen Kinde · die Handlungen beging er schon von 1931 ab- verhaftet. 7. Der Landrat, Pg. Dr. jur. Gustav X. hielt sich junge Hausdamen. Waren die Damen schwanger geworden, dann schickte er sie nach Hannover zum Abtreiben und fand sie mit Schmerzensgeldern zwischen 750 und 1500 Mark ab. Jetzt aber sitzt. er fest. Die neue Hausdame ist auch wieder schwanger. Abtreibung hat sie abgelehnt; sie verlangt Heirat und will das 0-90Kind austragen. Vorsichtshalber hat sie sich die Postquittungen für die Abtreibungen verschafft und regiert nun schon seit einiger Zeit mit ihrem Beweismaterial über die ganze Bonzenklique. Die Quittungen sind inzwischen in Sicherheit gebracht. Die ganze Stadt kennt die Vorgänge, aber kein Gericht greift ein. Der Kreisleiter W. der NSDAP wurde bei der nationalen Revolution Bürgermeister. Plötzlich wurde er entlassen, da er mit einer Fürsorge schwester unserer Stadt in seinem Amtszimmer geschlechtlichen Verkehr ausgeübt hatte. Sachsen: Die früher gut besuchten Anlagen der Arbeitersportler in Heidenau( u.a. auch eine Radrennbahn) wurden von den Nazis übernommen. Sie sind jetzt verwahrlost und stehen seit langem zum Verkauf, ohne dass sich ein Käufer findet. Der Propagandaleiter der Ortsgruppe Steinpleis, Lehrer Sockel, wurde wegen seiner Saufgelage plötzlich nach Dresden versetzt. Er war im ganzen Ort verschuldet. Allein in der Restauration der deutschen Turnerschaft hat er für 260 Mark Saufschulden hinterlassen. In der Sportbadeanstalt in Mülsen- St. Niclas sind von einigen Leuten der SA und der Hitlerjugend unsittliche Handlungen begangen worden. Drei der an diesen Vorgängen beteiligten Mitglieder der NSDAP sind deshalb aus der Partei ausgeschlossen worden. Der Radeburger Bürgermeister wurde von Sportlern, die einen Waldlauf veranstalteten, überrascht, als er ein noch nicht 16jähriges BdM- Mädel im Walde missbrauchte. Die Dresdner Zeitungen warnten wie üblich vor der Verbreitung" unwahrer Gerüchte" über den Radeburger Bürgermeister. In der Verteilungsstelle des Leipziger Konsumvereins am Leipzig- Plagwitzer- Bahnhof musste der amtierende Lagerhalter Pg. und SA.Mann Bibrach schon nach 8 Wochen wegen wiederholten Diebstahls seinen Abschied nehmen. In Crimmitschau wurde der SA- Mann Fritsche verhaftet, weil er 85 Lose der Arbeitsbeschaffungslotterie geöffnet, zugeklebt und sie dann wieder verkauft hat. In der Lochmühle, einem Ausflugslokal in der Nähe von Rochlitz, sind Nackt tänze ausgeführt worden, an denen als Zuschauer die Angestellten Gabler und Staude der NSDAPKreisleitung Rochlitz bei Chemnitz teilnahmen. Die Polizei schloss das Lokal. Ein Fleischermeister aus Schöneck wurde, als er an Amtsstelle den Schlachtschein ausgehändigt bekam, von einem Amtswalter aufgefordert, ihn für die Feiertage hintenherum mit Speck und Wurst zu versorgen. Der Fleischer lehnte das ab. Darauf wurde er vor den Ortsgruppenleiter bestellt, der ihm A-91mit dem Konzentrationslager drohte, falls er die Sache weiter verbreiten würde. Trotzdem weiss der ganze Ort von der Geschichte. Der Fleischermeister war schon vor dem Umsturz hundertprozentiger. Nazi. Heute ist er geheilt. Bei dem umfangreichen Butterschmuggel, der vor den Weihnachtstagen im westböhmischen Grenzgebiet stattfand, sind auch drei Nazi grössen aus Johanngeorgenstadt erwischt worden. Es handelt sich um den früheren Bürgermeister der jetzt zu Johanngeorgenstadt gehörenden Gemeinde Wittigstal, den früheren Bürgermeister, der ebenfalls einverleibten Gemeinde Jugel und einen anderen nationalsozialistischen Beamten von Johanngeorgenstadt. Es sprach sich in Johanngeorgenstadt herum, dass diese drei beim Schmuggel erwischt worden waren. Schliesslich wurde ein Einwohner von Johanngeorgenstadt, der den Tatbestand ebenfalls weiter erzählt hatte, gefasst und gezwungen, das Erzählte zu widerrufen. In allen Zeitungen wurde diese Abbitte abgedruckt. Von einer Bestrafung wurde abgesehen, da der Verbreiter dieser Gerüchte reuemütig öffentlich Abbitte geleistet hatte. Aber nur die ganz Dummen lassen sich durch dieses Manöver täuschen. Der Amtswalter der NSDAP Plauen, Lehrer Vogel, hat sich wegen homosexueller Verfehlungen an seinen Schülern erhängt. Schlesien: Die DAF hat das bei Hirschberg gelegene Schloss Paulinum in eine Schulungsburg umgewandelt. Mitte Dezember war Ley mit einem Gefolge von 70 Mann zur Einweihung da. Es wurde auch ein Ausflug mit 40 Schlitten unternommen. Im Strauss- Hotel veranstaltete die Gesellschaft ein grosses Saufgelage. Der Wein floss in Strömen. Das Personal erzählte, dass sich die Kerle wie die Schweine benommen hätten. Ley sollte in einer Versammlung sprechen, konnte aber nach dem Gelage wegen angeblicher Heiserkeit nicht mehr reden. Der" alte Kämpfer" Koschelsky in Gleiwitz, einer der übelsten Nazis der ganzen Stadt, wurde wegen Blutschande, begangen an seinen 3 Töchtern, zu 5 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt. P In Gräflich- Wiese bei Neustadt, einer Landgemeinde mit 2.200 Einwohnern, hat man ein Feuerwehrauto gekauft. Die Nazis benutzten es zu ihren Ausfahrten, kamen oft besoffen zurück, randalierten im Dorfe und fuhren das Auto kaputt. Erst auf Protest der Bewohner hin untersagte der Bürgermeister die Weiterbenutzung. In Gleiwitz wurde der Amtswalter der Reichsbetriebsgemeinschaft Bau, Ulrich, wegen schlechten Lebenswandels seines Postens enthoben. Sein Nachfolger ist Gawenda, bisher erster Bauführer der Firma Nast. Er ist seit Jahren als Lohndrücker bekannt; jetzt vertritt er die Interessen der Arbeiter. Der aus dem Potempa-Mordprozess bekannte Pg. Lachmann war in Tworog Gemeindevorsteher und Vorsitzender der Kreisgenossenschaft. Die eingekauften Waren bezahlte er nicht A-92und bei einem Prozess der deswegen von Bauern gegen ihn geführt wurde, schwor er einen Meineid. Er wurde zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der kommissarische Bürgermeister von Münsterberg, Pg. Dr. Niebisch, wurde wegen seines unsittlichen Lebenswandels seines Amtes enthoben. Die ehemals sozialdemokratische Druckerei in Görlitz, früher ein blühendes Unternehmen, ist durch die Misswirtschaft der Nationalsozialisten an den Rand des Bankrotts gebracht worden. Die Buchdrucker haben wiederholt keine Löhne erhalten. Die Firma hat bei ihren Lieferanten Schulden, die mehr als ein Jahr alt sind. Der Amtswalter und Fahnenträger bei der NSBO in Petersdorf im Riesengebirge, Koukal, wurde. wegen Sittlichkeitsverbrechen an Schulkindern verhaftet. 2) Unterschlagungen von Nationalsozialisten a) NSDAP, HJ, SA und SS. Bayern: Vom Schöffengericht Fürth wurde der Rechnungsführer beim SA- Hilfswerk Fürth in Oberfürberg, Johann Fischer, zu 2 Jahren und 14 Tagen Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Obwohl er ein sehr hohes Gehalt bezog, hatte er nach und nach grössere Beträge unterschlagen und für sich verbraucht. Südwestdeutschland: Der NSDAP- Amtswalter Hochreiter, Pirma sens, wurde wegen Unterschlagung von Parteigeldern zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Ein NSDAP- Vertrauensmann von Landau erhielt wegen Unterschlagung von 500 Mark lo Monate Gefängnis. Im SA- Reserve- Sturm 42/171 Mannheim sind vier Kassierer wegen Unterschlagung ihres Amtes enthoben worden. Von einer Strafverfolgung durch die Gerichte ist bisher nichts bekannt geworden. Im Dezember 1935 wurde der Gaukassierer des NSDAP- Gaues Mittelrhein, der angeblich einen Autounfall zum Opfer fiel, mit grossem Pomp beerdigt. Der Reichsstatthalter war anwesenc und tröstete die Hinterbliebenen. Der Gaukassierer hat keiner Autounfall erlitten, sondern sich erschossen, weil er 57.000 Mark unterschlagen hat. Am 6. Dezember 1935 stieg er mit einem anderen Herrn im Palasthotel in Mannheim ab. Sie speisten gut und blieben bis Mitternacht bei Wein und Sekt zusammen. Dann ging der Gaukassierer auf sein Zimmer und erschoss sich. Der Begleiter nahm die Nachricht mit der A-93grössten Kaltblütigkeit und ohne jegliche Erregung auf und veranlasste den Abtransport der Leiche. Das Personal des Hotels musste einen Revers unterschreiben, worin unter Strafandrohung strengste Schweigepflicht erzwungen wurde. Der Gebietsführer des Gebietes 13( Hessen- Nassau) der Hitler- Jugend, Pg. Cramer, wurde wegen schwerer Verfehlungen ausgeschlossen. Cramer, obwohl unverheiratet, bewohnte in Wiesbaden eine Fünf- Zimmerwohnung. Er hat unglaublich hohe Beträge aus den Geldern der HJ für sich verwendet. Rheinland: der HJ- Fähnlein- Führer Herrmann in Baesweiler ( Reg.Bezirk Aachen) war zugleich Kassenwart. Er unterschlug sowohl die regelmässige Zahlung der 19 Pf. pro Junge an die Gebietskasse, als auch den einmaligen Beitrag von 60 Pf. pro Mitglied für eine allgemeine Unfallversicherung. Das kam heraus, als er auf einer Motorradfahrt verunglückte und der Vater des jungen Mannes die Unfallunterstützung holen wollte. Der Fähnleichführer entnahm darauf der Kasse weitere 70 Mark als Entschädigung für den Unfall. Eines Tages brach das Ganze zusammen. Herrmann kam vor Gericht, aber das Urteil war recht milde: 150 Mark Geldstrafe. Die hat nun allerdings der hoffnungsvolle junge Mann bis heute nicht bezahlt, im Gegenteil, er pumpte weiter, die Leute an und verschwand schliesslich eines Tages. Der SA- Brigadeführer in Aachen, Hendriks, hatte 12.000 Mark unterschlagen. Die Angelegenheit wurde zunächst vertuscht, Hendriks erhielt nur wegen homosexueller Betätigung Strafversetzung nach Helgoland. Als er jedoch kürzlich zum Begräbnis eines befreundeten, ebenfalls homosexuellen SAMannes wieder in Aachen erschien und sich bei einer feuchtfröhlichen Trauerfeier im Restaurant" Eule" an junge Leute heranmachte, drohte ihm Verhaftung. Er erfuhr rechtzeitig davon und floh nach Holland. Westfalen: In der Reiterstandarte der SA Bielefeld sind grosse Unterschlagungen vorgekommen. Der Kassenwart erhielt 3 Jahre Gefängnis. Im Arbeitsdienstlager" Halt" unterschlug der Sturmführer Gelder der Standarte und der Arbeitslagerkasse. Auch er erhielt 3 Jahre Gefängnis. Die Standartenführer von Münster haben schon sechsmal gewechselt. Vor einigen Wochen war ein neuer forscher Kerl nach Münster als Standartenführer kommandiert. Auch er ist wie alle seine Vorgänger wegen Unterschlagung verhaftet worden. Die NSDAP versucht alle Korruptionsfälle zu vertuschen, und deckt die Diebe und Betrüger nach aussen hin auch noch, wenn sie schon im Gefängnis sitzen. Norddeutschland: Der Unterbannführer der HJ, Kahns aus Oldesloe hat 14.000 Mark unterschlagen. Er beging nach Aufdeckung Selbstmord. A- 94Ein anderer HJ- Führer in Lübeck hat sich von den Beiträgen der Jungens ein Motorrad gekauft und ist jetzt im Gefängnis. Ein Vertrauensmann einer Ortsgruppe des NS- Lehrerbundes hatte beim Lehrerbund und bei zwei Schulen 2 bis 3.000 Mark unterschlagen. Er wurde von der Grossen Strafkammer in Hannover wegen Untreue und Unterschlagung zu zwei Jahren Gefängnis, zwei Jahren Ehrverlust und looo Mark Geldstrafe verurteilt. Drei SA- Führer einer Standarte wurden wegen fortgesetzter gemeinschaftlicher Untreue bezw. wegen fortgesetzter gemeinschaftlicher Urkundenvernichtung und schweren Urkundenfälschung zu drei Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und 1.200 Mark Geldstrafe bezw. zu zwei Jahren Gefängnis, drei Jahren Ehrverlust und 1.200 Mark Geldstrafe bezw. zu zwei Jahren Gefängnis, drei Jahren Ehrverlust und 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Sturmführer Zeno Fassbender aus Kiel wurde wegen Betruges aus der Partei und dem NSKK ausgeschlossen und verhaftet. Sachsen: Der Eibenstocker Stickereibesitzer Köhler, der nebenbei noch Berufsvormund und Friedensrichter war und die Führung der SA- Standarte hatte, hat sich nach Unterschlagung des Vermögens der Standarte und eines grossen Teils von Mündelgeldern erschossen. Schlesien: In Patschkau wurde am 28. 11. 1935 der Angestellte Tölk des Wohlfahrtsamtes fristlos entlassen, weil er über 500 Mark SA- Gelder, die er als SA- Kassenwart kassierte, unterschlagen hat. b) NS.- Volkswohlfahrt und Winterhilfe Südwestdeutschland: Pg. Reidenauer, ein Beamter des Wohlfahrtamtes Ludwigshafen wurde zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Gelder des Winterhilfswerkes unterschlagen hat. In Niedersimten wurde ein WHW- Sammler zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil er das gesammelte Geld unterschlagen hat. Ueber den Leiter der NSV- Ortsgruppe Riedswald, Pg. Pfennig, Mokstrasse 9, alter Kämpfer und SA- Mann wird überall, selbst in Nazikreisen erzählt, dass die Kasse nicht stimmt. Ebenso wird über den Ortsgruppenleiter der NSDAP, Seip, die Behauptung verbreitet, dass er ein bei den freien Turnern beschlagnahmtes Klavier für sich selbst behalten hat. Beide drohen mit Beleidigungsklagen, haben aber bis jetzt keine angestrengt. A- 95In Singen wurde der Leiter des Winterhilfswerkes, Pg. Geiser, plötzlich beurlaubt. Ihm wird" liederliche" Kassenführung zum Vorwurf gemacht. Rheinland- Westfalen: Der frühere Kassenwalter der NSV von Kalterherberg hat Beitragsgelder unterschlagen. Er wurde zu einer Geldstrafe von 100 RMK anstelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von sechs Wochen verurteilt. In Buer bei Gelsenkirchen wurde ein früherer Losverkäufer der Arbeits beschaffungslotterie, der 77 RMark Einnahmen aus Losverkäufen unterschlagen hatte, zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus, dass der Verurteilte bereits 1930 wegen Unterschlagung bei der Reichspost zu 1 1/2 Jahren Zuchthaus vorbestraft war. Wasserkante: Der frühere Gaupropaganda obmann der NSBO in Wesermünde- Lehe, der die NSV um 2000 Mark betrog, wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Mitteldeutschland: Der Ortsgruppenleiter des Winterhilfswerks in Zerbst war wegen Untreue in fünf Fällen angeklagt. Er hatte der Kasse des WHW Geld entnommen und damit mehrere Zechen bezahlt, die er mit seiner Frau und mehreren anderen Personen gemacht hatte. Er wurde zu einem Jahr Zuchthaus, 200 Mark Geldstrafe und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Sachsen: Die im Büro der Winterhilfe in Carlsfeld seit Monaten beschäftigte Frau dès SA- Mannes Müller wurde am 14. Januar plötzlich entlassen, weil sie ein ganzes Warenlager aus der Winterhilfe zusammengestohlen hatte. Der Ortsbeauftragte des Winterhilfswerkes in Neustädtel, Ernst Paul, hatte bei der Winterhilfe 500 Mark unterschlagen. Vom Schöffengericht in Schneeberg wurde er zu 1 Jahr Zuchthaus, 2 Jahren Ehrverlust und 500 Mark Geldstrafe verurteilt. Der SS- Mann Weiss aus Klingenthal, alter Kämpfer und grosser Schläger von 1933, wurde im Oktober 1935 Amtswalter des WHW. Er unterschlug die gesammelten Gelder und wurde nach 2 Monaten seines Postens enthoben. Eine gerichtliche Verfolgung hat bis jetzt nicht stattgefunden. Der SS- Mann Fritz Kreisse, Klingenthal, wurde wegen Veruntreuung von Geldern der Winterhilfe aus der SS und der NSDAP ausgeschlossen. Der frühere Kreisleiter der NSDAP von Chemnitz, Mutz, und der Kreisleiter der Winterhilfe Kronburg, wurden wegen schwerer Unterschlagung verhaftet. Der Leiter des Winterhilfswerkes in Chemnitz, Gröschel hat sich nach erheblichen Unterschlagungen erschossen. A- 96Schlesien: Die leitenden Angestellten des WHW in Görlitz haben grosse Unterschlagungen begangen. Der Geschäftsführer, Nentwig, der in die ČSR flüchtete, wurde zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Nazifunktionäre haben zahlreiche Lebensmittelkarten für sich verwendet und in den Büros der Winterhilfe grosse Gelage veranstaltet, an denen Freunde und Freundinnen teilnahmen. Ausserdem wurde festgestellt, dass die von einer Textilfirma gelieferten Stoffballen für die minderbemittelte Bevölkerung von den WHW- Angestellten für sich und ihren Anhang verbraucht wurden. In Striegau hat die Frau eines Finanzsekretärs bei der NSV den Betrag von 2.000 Mark unterschlagen. Sie machte einen Selbstmordversuch. c) NSBO, DAF, Kraft durch Freude -Bayern: Der Rechtsberater der Deutschen Arbeitsfront Kaltmeier, der ein Gehalt von 3.000 Mark bezog, hat Unterschlagun gen begangen und einen Einbruch in das Büro Kraft durch Freude verübt, wo er bei Nacht 2.000 Mark aus der Kasse raubte. Er wurde zu einem Jahr, 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Südwestdeutschland: Der 23- jährige Edgar Büttel, Pirma sens, erhielt 6 Monate Gefängnis, weil er während seiner 8 Monate dauernden Vertrauensstellung im Holzarbeiterverband 480 Mark unterschlagen hat. Auch in Rodalben soll er Geld einkassiert und nicht abgeführt haben. Das Gericht stellte fest, dass er einer geordneten Buchhaltung nicht mächtig war und billigte ihm mildernde Umstände zu. In Wolfstein wird dem Verwaltung stellenleiter der DAF, Karl Heuser, alter Kämpfer( 23 Jahre alt!) eine Unterschlagung von 407,70 Mark zur Last gelegt. Er gibt zu, das Geld für private Zwecke verwendet zu haben und wurde verhaftet. Der DAF- Funktionär Kraft, Bellheim, unterschlug Arbeitsfrontgelder und wurde zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. In Neustadt a.d.H. wurde der 44 Jahre alte Kassierer der Unterstützungskasse der Buckdrucker, Josef Dreissigacker, verhaftet, weil er über 6.000 Mark unterschlagen hat. Der 26 jährige Richard Bächle, Neustadt a.d.Hardt, unterschlug beim Vertrieb der Arbeitsfront- Zeitschrift" Arbeitertum" etwa 8.000 Mark. Das Geld ver jubelte er in Damengesellschaft in Mannheim, Landau und Saarbrücken. Das Urteil lautete auf 2 1/2 Jahre Zuchthaus, 2.000 Mark Geldstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre. Der Amtsleiter von" Kraft durch Freude", Stempel, Zweibrücken, wurde wegen Unterschlagung verhaftet. Er sammelte von den KdF- Reise teilnehmern das Geld ein, verhandelte mit A-97den Autobesitzern und steckte einen Zwischengewinn von jeweils 50 bis 100 Mark in die eigene Tasche. Im Rausch rühmte er sich seiner Taten und wurde dadurch überführt. Der DAF- Ortsgruppen- walter Friedrich More zinczik aus Albersweiler unterschlug 632 Mark und beging Fälschungen. Er wurde wegen fortgesetzter Untreue, Unterschlagung und Urkundenfälschung zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Der DAF- Kreisleiter Jäckle in St. Georgen( Schwarzwald) unterschlug 40.000 Mark Organisationsgelder. Als die Sache ruchbar wurde, verlangten die DAF- Mitglieder seine Bestra= fung. Jäckle verschwand. Eine Untersuchung wurde nicht durchgeführt. Dagegen erschien in der NSDAP.- Zeitung eine parteiamtliche Bekanntmachung, dass die gegen Jäckle in Umlauf gesetzten Gerüchte jeder Grundlage entbehren:" Ich werde mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Verbreiter vorgehen, Diesbezügliche Meldungen sind sofort an die Kreisgeschäftsstelle zu richten." Es heisst, dass Jäckle in einer Stadt am Bodensee eine neue Stelle gefunden hat. In Kassel wurde der Leiter der DAF wegen grosser Unterschlagungen entlassen. Er ist geflüchtet. Trotzdem wurden Leute, die über diese Unterschlagungen sprachen, wegen Gerüchtemacherei usw. verurteilt. Wegen Unterschlagung von Geldern der Arbeitsfront in Höhe von 1.200 bis 1.500 Mark wurde von der Grossen Strafkammer Darmstadt ein Ortsgruppenwalter aus G. bei Darmstadt zu einem Jahr zwei Monaten Zuchthaus und einer Geldstrafe von 1.000 Mark verurteilt. Der Angeklagte war geständig, das Geld grösstenteils für Zechereien mit Freunden verausg abt zu haben. Rheinland: Der Fachschaftsführer der Reichsfachschaft Leder in Eschweiler,( seit 1927 Mitglied der NSDAP) hat aus der Fachschaftskasse einige hundert Mark und verschiedene für den Reichsberufswettkampf gesammelte Beträge unterschlagen. Er wurde zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Ein Zellenwalter der DAF aus Aachen wurde wegen Veruntreuung von 280 Mark Beitragsgeldern zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Kreiswalter der DAF, Monschau, hat 900 Mark Gelder von" Kraft durch Freude" unterschlagen. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe verurteilt. In Aachen hat der Amtswalter der Fachschaft Musiker, Franz Schulte, in seiner Eigenschaft als Kassenwart 14.000 Mark unterschlagen. Die Verfehlungen wurden festgestellt. Da Schulte aber Schwager des Oberbürgermeisters Jansen ist, so schwieg man die Sache zuerst tot. Als der Fall allgemeiner Gesprächsstoff wurde, übergab man ihn dem Gericht. Er erhielt-- 2 Monate Gefängnis. Schulte musste schon 1923 bezw. 1924 wegen ähnlicher Vergehen Aachen verlassen und A- 98tauchte erst nach der nationalen" Erhebung" als NSDAP- Amtswalter wieder auf. Nordwestdeutschland: Ein Kassierer der DAF in Paderborn erhielt ein Jahr Gefängnis, weil er 140 Mark unterschlagen hat. Der Bordkassierer der Abteilung Binnenschiffahrt der DAF in Duisburg- Ruhrort, Paul Reuter, Hamborn, ein strammer SS- Mann, hat sich, nachdem er 7.000 Mark unterschlagen hat, erschossen. Sein Nachfolger wurde der SA- Mann Nebaum, der aber bald danach wegen desselben Delikts entlassen werden musste. Der Finanzwalter des Holfarbeiterverbands in Oldenburg hat 2094 Mark veruntreut und ausserdem als Angestellter der Deutschen Arbeitsfront aus der Kasse der Erwerbslosen- und Krankenunterstützung 262 Mark entnommen. Um den zweiten Fall zu vertuschen, unterschrieb er fälschlich etwa 50 Gutscheine mit dem Namen von Unterstützungsberechtigten. Er wurde zu 3 Jahren Zuchthaus, 1.000 Mark Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Kreiswalter der Deutschen Arbeitsfront in Oldenburg hat sich für seine Reisen, die er gar nicht ausführte, 43 Mark auszahlen lassen und Beträge für Autofahrten verlangt, die er für private Zwecke unternommen hatte. Er wurde zu zehn Monaten Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Wasserkante: Der Kommissar für den ADGB, Tamm in Lübeck, der am 2. Mai 1933 eingesetzt wurde, ist jetzt wegen Unterschlagung zu 3 1/2 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der Kreisleiter der Arbeitsfront im Stadtteil BarmbeckNord, Biermann, im Nebenamt Führer des Hamburger Schrebergartenvereins" Schmachthag", hat bei der DAF 20.000 Mark und bei den Schrebergärtnern 2000 Mark unterschlagen. Er woll. te, obwohl er eine Frau und zwei kleine Kinder hatte, mit einer Freundin nach Holland fliehen. Die Freundin entkam mit dem Geld. Er wurde verhaftet und hat sich 2 Tage darauf in der Zelle erhängt. Sachsen: In Radebeul bei Dresden hat ein nationalsoziali stischer Amtswalter 14.000 Mark Arbeitsfrontgelder unterschlagen. Am Tage nach der Kassenrevision wurde er in Berlin verhaftet. Der SA- Mann Weichmann, Crimmitschau, der 1933 Hilfswärter im Polizeigefängnis wurde und wegen seiner an politischen Gefangenen verübten Misshandlungen berüchtigt war, wurde später bei der Arbeitsfront als Beitragskassierer untergebracht. Da seine Abrechnungen nicht stimmten, wurde er seines Amtes enthoben. Kurze Zeit darauf erhielt er einen Posten als Pfleger in einem Krankenhaus. A-99Am 12. November 1935 hat sich der Angestellte der DAF Uebel in Markneukirchen auf dem Friedhof erschossen. bel war in Oelsnitz i.V. bei der dortigen Geschäftsstelle der DAF angestellt. Es soll 24.000 Mark unterschlagen haben. Ein in Tannenbergsthal wohnender Amtswalter der DAF war nachdem im November 1935 sein Vorgänger Unterschlagungen begangen hatte, beauftragt, die Kassengeschäfte der DAF in Sachsenberg zu versehen. Am 15. Januar 1936 wurde nun anlässlich einer Kontrolle bei diesem neuen Kassierer ein Fehlbetrag von 4.000 Mark festgestellt. Der Amtswalter wurde verhaftet. Er ist bereits der siebente( 1) Kassierer der DAF im Bezirk Klingenthal, der Unterschlagungen begangen hat. Anfang Dezember 1935 wurde der Gauleiter der Deutschen Arbeitsfront, Steinbrecher aus Neugersdorf( Lausitz) wegen grosser Unterschlagungen verhaftet.( Bei der Haussuchung wurden übrigens 15 Kilo gehamsterte Butter gefunden.) Sein Nachfolger, ein gewisser Klöppel, ist 26 Jahre alt und schon zweimal vorbestraft. Unter anderem hat er als Angestellter der Firma Herzig& Co., Neugersdorf, auf deren Namen Waren bezogen und diese für sich verwendet. Der Beitragskassierer der DAF Rossmeisel in Georgental bei Klingenthal, machte, als festgestellt wurde, dass er 300 RMark unterschlagen hatte, einen Selbstmordversuch. Rossmeisel war" alter Kämpfer und sollte am 1. Januar 1936 fest angestellt werden, obwohl stadtbekannt ist, dass er bereits fünfmal wegen krimineller Vergehen vorbestraft war. und selbst die Gendarmerie vor ihm warnte. Inüringen: Zwei Amtswalter der DAF in Gotha haben 1.750, Mark bezw. 4.000,- Mark Beitragsgelder unterschlagen. Sie wurden zu drei Jahren drei Monaten Zuchthaus, 300 Mark Geldstrafe und fünf Jahren Ehrverlust und zwei Jahren Zuchthaus, 200 Mark Geldstrafe und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Schlesien: Der Leiter der Fachschaft Bühne in Breslau, Gützlaff, wurde wegen Unterschlagung zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Der Kassierer von Kraft durch Freude in Gleiwitz hat sich nach einer Kassenrevision erschossen. Der 30jährige" alte Kämpfer" und Kreisleiter Breunig der NSBO in Görlitz ist plötzlich seines Postens enthoben worden. Der Kassierer Holzbecher hat Unterschlagungen begangen, für die der Kreisleiter mit verantwortlich gemacht wurde. Breunig verteidigte sich damit, dass er des Rechnens unkundig sei! Dieser Mann trägt die Hauptschuld daran, dass 1933 eine grosse Anzahl Görlitzer Gewerkschaftler in Schutzhaft und Konzentrationslager kamen. d) Betriebe. A-100Südwestdeutschland: Der Vertrauensrat einer chemischen Fabrik in Ludwigshafen, der 29 jährige Hans Noerdinger, leitete die" KdF"-Fahrten der Firma und unterschlug dabei rund 1.000 Mark. Er wurde wegen Betrugs und Untreue zu 1 Jahr 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Bei der Firma Stotz- Kontakt in Mannheim war als Betriebszellenobmann der Metallarbeiter Müller tätig. Er organisierte den Kohleneinkauf der Belegschaft, legte Listen auf und zog die Gelder ein. Lieferungen erfolgten nicht, da Müller die Gelder unterschlug. Nach Aufdeckung der Veruntreuung wurde er in eine andere Abteilung versetzt und bekommt nun zwei Jahre lang jede Woche 12 Mark vom Lohn abgezogen, um die begangenen Unterschlagungen zu decken. Der Vertrauensrat der Firma Dörr& Rheinhard bereicherte sich an eingesammelten Kohlenbeiträgen. Er wurde fristlos entlassen und aus der SA ausgestossen. Der NSDAP- Ortsgruppenleiter Ludwig Bersch war Kassierer einer grossen Handelsfirma in Frankfurt a.M. Er unterschlug 335.000 Mark und plünderte ausserdem die Parteikassen. Bei einem Buchmacher verlor er rund 163.000 Mark in Rennwetten. Die Strafkammer verurteilte ihn zu fünf Jahren, drei Monaten Gefängnis. Die Zeitungen berichteten zwar über den Fall, verschwiegen aber die Parteifunktionen und Parteiunterschla gungen des Verurteilten. Rheinland- Westfalen: Der Betriebsvertrauensmann Joseph Held, Düsseldorf, hat 1.000 Mark Monatsbeiträge für die DAF unterschlagen und einen Teil des Geldes in Alkohol umgesetzt. Ausserdem hat er den Erlös von Arbeits beschaffungslotterielosen im Betrage von 252 Mark nicht abgeführt. Er wurde zu 5 Monaten Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe verurteilt. · Der Betriebszellenobmann der... fabriken wurde seiner sämtlichen Aemter enthoben, weil er loo Mark, welche die Firma für eine" Kraft- durch- Freude-Fahrt" nach Werden- Ruhr spendete, und Abonnementsgelder für den" Ruhrarbeiter" unterschlagen hatte. Die DAF hat einen Amtswalter zur Regelung der Sache geschickt. Der Nachfolger ist ein ehemamliger Zentrumsmann und nach seinen eigenen Angaben bei der Gestapo als Spitzel tätig. Von der Belegschaft eines Werkes im Ruhrgebiet wurde die Kontrolle der DAF- Mitgliedsbücher( bezw. Verbands- Bücher) verlangt. Dabei stellte sich heraus, dass in den Büchern als Beitragsmarken die Rabattmarken von Tengelmann( einem bekannten Kaffeegeschäft) geklebt waren. Wasserkante: Der Betriebszellenobmann eines staatlichen Betriebes in Kiel, der zugleich Beitragskassierer der DAF war hat DAF- Beiträge unterschlagen. Er war von den Nationalsozialisten als Obmann eingesetzt, obwohl er bereits mehrfach A-101vorbestraft ist. Die Grosse Kieler Strafkammer verurteilte ihn zu 1 Jahr Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe. Ein Bremer NSBO- Mann hat für die Gefolgschaft einer beim Bau der Reichsautobahn beschäftigten Firma Ratenkäufe vermittelt und dabei 1434,- Mark unterschlagen. Er wurde zu 1 1/2 Jahr Zuchthaus verurteilt. Die Strafe fiel so hoch aus, weil er durch seine Tat das Wohl des Volkes schwer geschädigt habe, da sie in weiten Kreisen bekannt geworden und überall grosue Empörung erregt habe. Mitteldeutschland: Der Ortsgruppenwalter der DAF Schönebeck und Betriebszellenobmann der Gummifabrik Wilop in Schönebeck, Henry Müller, hat nach dreiviertel jähriger Tätigkeit als Beitragskassierer der DAF insgesamt 860 Mark für sich behalten. Müller, der schon früher wegen einer Verfehlung entlassen worden war, hat ferner für" Kraft durch Freude" Eintrittsgelder für die DAF, Bezugsgebühren für das " Arbeitertum" und Ratenzahlungen für gemeinsamen Kohlenbe-. zug( allein hierbei 1.700 Mark) unterschlagen. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Mitglieder des Vertrauensrates einer Schönbecker Firma haben rund 1450 Mark der von ihnen verwalteten Unterstützungsund Reisekasse der Belegschaft unterschlagen. Sie wurden verhaftet. Sachsen: Der Betriebswalter der Ostritzer Jute spinnerei und Weberei, August Kroker, hat eine Urkundenfälschung begangen, Beträge unterschlagen, seine Arbeitskollegen betrogen und die Firma benachteiligt. Die um Arbeit nachsuchenden Frauen und Mädchen bestellte er in seine Wohnung und empfahl sie der Betriebsleitung je nach ihrer Willfährigkeit. Er wurde zu 4 Monaten Gefängnis und 25 Mark Geldstrafe verurteilt. e) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen Bayern: Der Oberfeldmeister Wolfrum und die Feldmeister Krauss und Scheidler des Arbeitsdienstlagers in Selb wurden fristlos entlassen, weil sie über ein Jahr lang umfangreiche Unterschlagungen betrieben, indem sie von den eingekauften Fleisch- und Gemüsemengen grössere Quantitäten für sich wegnahmen. Der Lagerverwalter Dornheimer, der diese Diebereien meldete, wurde auch fristlos entlassen," weil er die Dinge nicht sofort gemeldet hat." Er ist der wirklich Bestrafte, denn er wird nirgendwo unterkommen, während von den drei Dieben zwei bereits eine neue Stellung erhalten haben. Der Nationalsozialist Walter Wimberger hat als Vorsitzender einer Münchner Regimentsvereinigung Unterschlagungen begangen. Er wurde zu 5 Monaten Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe A-102verurteilt. Er war erst durch die Gleichschaltung des Vereins nach dem Umsturz Vorsitzender geworden. Der Geschäftsführer und Schulungsleiter des Reichsluftschutzbundes, Ortsgruppe Weiden, Christian Seidel, wurde wegen Untreue und Unterschlagung( er soll 3.000 Mark unterschlagen haben) zu 2 Jahren 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Südwestdeutschland: Wegen Unterschlagung von 150 Mark Mitgliedsbeiträgen des Reichsluftschutzbundes erhielt ein Funktionär des Luftschutzbundes aus Mainz eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Der Kassierer, Pg. Wick, der Reichsgruppe Deutscher Rundfunkteilnehmer Wiesbaden hat 6.000 Mark unterschlagen und das Geld verspielt. Er machte nach der Entdeckung einen Selbstmordversuch. Rheinland: Der Unterkassierer Horneff vom Reichsluftschutzbund in Aachen unterschlug die einkassierten Beiträge in Höhe von 170 Mark. Mitgliedskarten und Beitragsmarken warf er in den Eilendorfer Tunnel und ver jubelte das Geld. Er erhielt zehn Monate Gefängnis. Wasserkante: In Neumünster hat ein Losverkäufer der Arbeitsbeschaffungslotterie der NSDAP 100 Mark unterschlagen. Er erhielt eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten. Der ehemals sozialdemokratische Bauverein in Neumünster ist von den Nationalsozialisten gänzlich heruntergewirtschaftet worden. Der neue Vorsitzende beging Unterschlagungen. Ihm wurde dringend empfohlen, Selbstmord zu verüben. Er stürzte sich ein paar Tage vor Weihnachten vom Dach eines vierstöckigen Hauses und war sofort tot. Sein Hauptmitschuldiger, ein Mitglied des Aufsichtsrates, wurde verhaftet. Jetzt soll er sich im Polizeigefängnis durch einen freiwilligen Sturz auf die Steintreppe derart verletzt haben, dass er im Krankenhaus verstarb. Die Nazis aber flüstern man habe" nachhelfen" müssen, weil er zu feige gewesen sei, sich selber umzubringen. Schlesien: Pf. Adolf Gottwald in Liebentahl bei Löwenberg in Schlesien hat Krankenkassengelder und Kassengelder der Blücher- Aufbauschule, die er zu verwalten hatte, in der Höhe von 3.500 Mark unterschlagen. Das Schöffengericht in Hirschberg verurteilte ihn zu 1 Jahr 3 Monate Zuchthaus. f) Verwaltung Pfalz: Der Nationalsozialist Fegert, der vor einigen Jahren bei der Volksbank wegen Unterschlagung entlassen werden musste, wurde an Stelle eines wegen nationaler Unzuverläs A- 103sigkeit entlassenen ehrlichen Beamten für den Schalterdienst angestellt. Jetzt hat er erneut Beträge unterschlagen und musste wieder entfernt werden. Der Geschäftsführer der pfälzischen Güterverteilung bei der Reichsbahn, Pg. Willi Merdian, Ludwigshafen, hat etwa 4.500 Mark unterschlagen. Dafür erhielt er ein Jahr 2 Monate Gefängnis. Der Pg. Aug. Würz, Dienststellenleiter und Kassenverwalter der Station Imsweiler, hat grössere Unterschlagungen verübt. Der Verhaftung entzog er sich durch Selbstmord. Der bisherige Nazibürgermeister von Annweiler wurde wegen unehrlicher Geschäftsführung und wegen unsittlichem Verhalten abgesetzt. Sein Vorgänger, der sozialdemokratische Bürgermeister Orth, wurde vor einigen Wochen im Trifelswald erstochen. Das Schöffengericht Zweibrücken verurteilte den Gelderheber Pg. Alfons Vogel, Contwig zu 6 Monat en Gefängnis und 50 Mark Geldstrafe, weil er von dem zu erhebenden Wassergeld etwa 750 Mark unterschlagen hat. Der bei der Ludwigshafener Stadtverwaltung beschäftigte Hermann W. aus Ludwigshafen hat für das Wohlfahrtsamt bestimmte Gelder, insgesamt 679 Mark, unterschlagen. Er wurde zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Baden: Der Standartenführer Greiner und der Leiter der Eierverwertungsgenossenschaft Kolb im Bezirk Lörrach haben 14.000 Mark unterschlagen. Sie wurden zu 2 1/2 Jahren bezw. 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Der 25jährige SA- Sturmführer und Träger des goldenen Parteiabzeichens, Eugen Werner aus Lobenfeld, hat in der Gemeindekasse in Bammental 13.000 Mark unterschlagen. Norddeutschland: Der Leiter der Milchsammelstelle in Stapelmoor( Ostfriesland), Bürgermeister und Landwirt Sterrenberg, ein alter Kämpfer, ist wegen Unterschlagung von 15.000 Mark verhaftet worden. Wasserkante: Der Leiter der Verkehrsabteilung der Hamburger Hochbahn, Pg. Kettner, wurde nachdem unter seiner Kassenführung ein" Fehlbetrag" von 30.000 Mark entstanden war, durch seinen Freund Staneck, Direktor der Hamburger Hochbahn, bei der" Volksfürsorge" in guter Stellung untergebracht. An den Dienststellen wurde durch Anschlag bekanntgegeben, dass jeder, der über den Fall Kettner rede, sofort verhaftet würde. Der Strassenbahnoberschaffner, Pg. Lorenz Karstensen, Meiereistr. 1 in Flensburg, Mitarbeiter der Nazizeitung und Versammlungsredner für KdF wurde am 10. Dezember 1935 verhaftet, weil er Unterschlagungen im Dienst begangen hatte. A-104Der Ortsgruppenvorsitzende der NSDAP und Gemeindevorsteher in Neuenkirchen hat 7.700 Mark unterschlagen und wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Der Sekretär des Senators Siegle- Hildesheim, Pg. Dührer, ist unter Mitnahme von 16.000 Mark Wohlfahrtsgeldern und mit dem Wagen seines Chefs geflohen. Sachsen: Der" alte Kämpfer" Sittig, Werdau, seit der Machtübernahme im Gaswerk der Stadt beschäftigt, hat 500 Mark unterschlagen. Er wurde verhaftet. Der als SA- Schläger bekannte Justizsekretär Renker, Klingenthal, hat beim Amtsgericht Klingenthal einen grossen, nicht bekannten Betrag und beim Schrebergartenverein 200 Mark unterschlagen. Er hat Selbstmord verübt. In der Glauchauer Ortskrankenkasse wurde eine Unterschlagung in Höhe von 40.000 Mark aufgedeckt. Als Täter wurden 4" alte Kämpfer", welche seit 1933 angestellt waren, verhaftet. Schlesien: Hans Swienty, Leimerwitz 0.S., alter Kämpfer und Ortssteuererheber, hat 500 Mark einkassierte Steuern unterschlagen. Er wurde seines Postens enthoben und zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. In Striegau hat der nationalsozialistische Sparkassenobersekretär Warsany nach Veruntreuung von 16.000 Mark Selbstmord begangen. Teil B B- 1Länderübersichten( II): U.S.A. Wir setzen die im Oktober- Bericht( 1935 Nr. 10) mit England begonnene Reihe der Länderübersichten im folgenden mit einem Bericht über die Vereinigten Staaten von Amerika fort. Der Verfasser der Uebersicht ist ein deutscher Genosse, der seit einigen Jahren in USA lebt. Die Arbeit ist Ende Januar abgeschlossen worden. I. Amerika auf dem Weg zur Gemeinwirtschaft? Wie der Kampf zwischen kapitalistischen und sozialistischen Wirtschaftsprinzipien, zwischen faschistischen und demokrati schen Ideen in der Welt ausgehen wird, das wird zum grossen Teil davon abhängen, was die 125 Millionen Amerikaner tun. Ganz abgesehen von dem grossen Einfluss, den Amerika durch seine Aussenpolitik ausübt, wird das Gesicht der Welt wesentlich davon bestimmt, welche Ideen das amerikanische Volk annimmt und ablehnt. Denn Amerika übertrifft nicht nur jedes einzelne europäische Land( ausser Russland) an Zahl der Einwohner, es kann viel grössere Produktionskräfte in Bewegung setzen als irgend ein anderes Volk; es hat pro Kopf mehr Maschinen, mehr Stahl, mehr fruchtbaren, erschlossenen Boden, als irgendwo sonst zu finden sind. Durch sein Beispiel beeinflusst es weite Teile des britischen Weltreichs, besonders Kanada und Australien, ferner Südamerika, China und selbst Japan. 1) Antikapitalistischer Mittelstand Wird Amerika die Demokratie verteidigen oder preisgeben? Wird es sich für eine Fortentwicklung vom Kapitalismus zu einer B -2höheren Form, zu einer Gemeinschaftsform der Wirtschaft entscheiden? Die erste Frage ist durch die Entwicklung schon beantwortet, und es liegt wenig Grund vor, an der Dauerhaftigkeit dieser Antwort zu zweifeln. Amerika wird nicht faschistisch werden. Zwar gibt es in Amerika wie überall Grosskapitalisten, die lieber heute als morgen die Demokratie zerstören würden, weil sie ihren wirtschaftlichen Interessen gefährlich ist. Zwar ist auch in Amerika der Mittelstand in schwieriger Lage und lässt sich in seiner Ratlosigkeit oft gegen die Arbeiterklasse missbrauchen. Aber dieser Mittelstand ist nicht bereit, sich einer wie immer gearteten Diktatur zu fügen. Jeder Versuch, von oben herab dem Amerikaner zu sagen, wie er zu denken und zu reden hat, stösst auf den stärksten Widerstand politischer und religiöser Tradition gerade in den Schichten, die dem europäischen Faschismus die Sturmtruppen und die Wähler gestellt haben. So hat sich Amerika als ein überaus dütrer Boden für faschistische Propaganda erwiesen. Wer die Stärke der demokratischen Kräfte im amerikanischen Volk kannte, ist von dieser Erfahrung nicht sehr überrascht worden. Eine wirkliche Ueberraschung aber, auch für viele Kenner Amerikas, ist die Abwendung weiter Kreise des amerikanischen Volkes vom Glauben an den Kapitalismus. Lange Zeit haben die europäischen Sozialisten ebenso wie ihre Gegner die Vereinigten Staaten für eine beinahe uneinnehmbare Festung des Weltkapital ismus gehalten. Dass das Land der höchstentwickelten Industrie keine starke und vor allem keine sozialistische Arbeiterbewegung besass, dass die grosse amerikanische Demokratie dem wirtschaftlichen Befreiungsbestreben des Proletariats keine brauchbare Grundlage zu bieten schien, konnten viele Europäer nicht verstehen. Nun hat gerade in der Zeit, in der die sozialistische Bewegung in Mitteleuropa ihre schwersten Niederlagen erlitt, der Gedanke der Gemeinwirtschaft in den Vereinigten Staaten plötzlich entscheidenden Einfluss auf die öffentliche Meinung und sogar auf die Regierung gewonnen. Der Umschwung der öffentlichen Meinung in den Krisen jahren B- 3erschien deshalb beinahe als eine Revolution der Geister, weil kurz vorher, während der Hochkonjunktur der zwanziger Jahre, das Vertrauen in den Kapitalismus allgemeiner und stärker war als je zuvor. Aber die" antikapitalistische Sehnsucht" hat in den Vereinigten Staaten eine lange Entstehungsgeschichte. Seit etwa 1890 hat des amerikanische Volk einen Kampf gegen grosskapitalistische Machtstellungen geführt. Die Gesetze gegen die Trusts sind ein Ergebnis dieses Kampfes gewesen. Zwei Präsidenten der Vorkriegszeit, der ältere Roosevelt und Wilson, haben s Führer des Volkes gegen die Monopole der Oel-, Stahl- und Eisenbahn- Könige ihre Popularität gewonnen. Aber die Auflehung gegen das Grosskapital bestand nicht nur im Kampf gegen die Monopole. Wenn Amerika in der Schaffung kollektiver Einrichtungen wie einer Sozialversicherung weit hinter Europa zurückblieb, so hat es doch viel getan, um den Arbeiter als Einzelperson mit Waffen für den Daseinskampf auszustatten. Der Beseitigung des Bildungsmonopols sind die Vereinigten Staaten. näher gekommen als irgend ein anderes Land. Dank langer Schulpflicht und Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit be suchen heute mehr als die Hälfte aller Kinder die höhere Schule; in der Zunahme dieses Prozentsatzes von 5.56 im Jahre 1890 auf 51.38 im Jahr 1930 drückt sich ein kultureller Aufstieg der Massen aus, der neue Voraussetzungen für den sozialen und politischen Kampf geschaffen hat. Auch die Universitäten sind viel weiteren Kreisen zugänglich als in Europa. Es war von grosser Bedeutung, dass die Fortschritte auf dem Gebiet des Erziehungswesens wie der Kampf gegen die Trusts von weiten Kreisen der Farmer unterstützt wurden. Amerika ist durch das Heimstättengesetz der 60er Jahre und durch die Befreiung der Negersklaven, die der Plantagenwirtschaft Schranken setzte, von den Schäden des Grossgrundbesitzes im wesentlichen verschont geblieben. Wenn auch die Farmer sich zuweilen von reaktionärer Propaganda einfangen lassen, so sind sie doch niemals zu so zuverlässigen Stützen der Reaktion geworden wie die Landwirte in manchen Teilen Europas. B -4Der Kampf gegen die Trusts hat die Massen darin geschult, gegen Kapitalmächte zu fechten; der aus dem Kampf erwachsene Hass gegen die Besitzer übergrosser Vermögen hat ein Gegengewicht geschaffen gegen den sonst in USA weitverbreiteten Respekt vor dem wirtschaftlichen Erfolg, auch wo er mit zweifelhaften Mitteln erzielt ist. Aber noch bestand fast überall der Glaube, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem gut sei, wenn man nur seine Auswüchse beseitige. Die Anti- Trust- Gesetze schützten vielfach den kleinen und mittleren Unternehmer gegen Ausbeutung durch die Riesenunternehmungen der Rohstoffindustrie wie die ähnlich wirkende Gesetzgebung über die Eisenbahnen den Farmer gegen Ausbeutung durch die Verkehrsmonopole. Die organisierte Arbeiterbewegung hatte nur wenig zu den Erfolgen beitragen können. So war der Kampf gegen den Monopolkapitalismus keineswegs ein Klassenkampf zwischen Unternehmertum und Proletariat, sondern weit eher einer zwischen Grosskapital und Mittelstand. Aber mehr und mehr wurden sich Farmer, Mittelstand und Arbeiter einer Idee bewusst, die ihnen allen gemeinsam war: dass die Wirtschaft nur um der Massen willen da sei. Solange der Kapitalismus stetige Beschäftigung bei sehr hohen Löhnen sicherte, schien er gerechtfertigt. Aber ein Versagen des Kapitalismus in der Existenzsicherung der Massen musste in Amerika zu einem schnelleren Umschwung der öffentlichen Meinung führen als irgendwo sonst, weil das amerikanische Volk nicht bereit ist, Besitzprivilegien um ihrer selbst willen anzuerken nen. Zwei bis drei Jahre Massenarbeitslosigkeit haben genügt, um diesen Umschwung herbeizuführen. Schon 1930 oder 1931 war die öffentliche Meinung überzeugt, dass der Kapitalismus gerichtet sei, und bis zum Herbst 1932 war die Empörung so angewachsen, dass sie den vorher als wirtschaftlichen Sachkenner geachteten Präsidenten Hoover hinwegschwemmte. Roosevelt brauchte nichts weiter zu tun, als sich von der antikapitalistischen Welle tragen zu lassen; auch ein unfähiger Mann hätte Hoover besiegen können. B-52) Roosevelts Verdienste und Fehler Roosevelt ist ein Mann von grossen Fähigkeiten, aber die Stunde hätte eine noch weit bedeutendere Führerpersönlichkeit verlangt. Die Massenbewegung drohte im Antikapitalismus stekken zu bleiben, die Massen vermochten in ihrer Angst und Verzweiflung nur zu sagen, woran sie nicht mehr glaubten, aber nicht den Glauben an etwas Neues zu fassen. Als im Frühjahr 1933 kurz vor dem Amsantritt Roosevelts zu den Uebeln der Arbeitslosigkeit und der Industrie- und Farmerbankerotte noch eine schwere Bankenkrise kam, die alle Ersparnisse zu gefährden schien, da herrschte im Land ein Gefühl der Auflösung aller staatlichen und wirtschaftlichen Bindungen. Ein wirtschaftlicher oder politischer Quacksalber hätte damals das amerikanische Volk zu lebensgefährlichen Experimenten hinreissen können. In diesem Augenblick der Verzweiflung wäre vielleicht auch ein faschistischer Umsturz möglich gewesen, wenn sich ein tatbereiter und redegewandter Führer gefunden hätte. Es ist das grosse geschichtliche Verdienst Roosevelts, dass er damals den falschen Propheten den Weg versperrte. Er stellte die Einheit des Nationalgefühls wieder her ohne Propaganda des Hasses gegen Minoritäten, ohne Aufpeitschung nationalistischer Instinkte. Er rief alle Amerikaner zur Mitarbeit auf, ohne von irgendjemand eine Verleugnung seiner Ueberzeugungen zu verlangen. Als sittliche Persönlichkeit und als wahrer Führer des Volkes erwies er sich in dieser grossen Krisis den europäischen " Führern" unendlich überlegen. Roosevelt sah auch deutlich genug die Aufgabe, die antikapitalistischen Kräfte in Bahnen zu lenken, in denen sie Reformarbeit zu leisten vermochten. Aber was er zur Lösung dieser Aufgabe tat, war nur zum Teil richtig, zum anderen Teil unzurei chend oder geradezu falsch. Er hätte seine ungeheuere Populari tät in den Jahren 1933 und 1934 dazu benutzen sollen, eine Verfassungsänderung durchzuführen, um der Bundesverwaltung und B-6Bundesgesetzgebung freie Hand für kräftige Fortschritte auf dem Gebiet der Sozialreform zu schaffen. Statt dessen suchte er die Hindernisse der stark partikularistischen Verfassung zu umgehen, indem er durch die sogenannte NIRA( National Industrial Recovery Administration) Zwangskartelle schuf, in deren Satzungen Arbeiterschutzbestimmungen aufgenommen werden mussten. Diesem Verfahren lag auch der taktische Gedanke zu Grunde, dass durch die Zulassung und Einrichtung der von einem Teil der Industrie ersehnten Kartelle( in den Vereinigten Staaten sind Kartelle sonst verboten) wenigstens ein Flügel des Unternehmertums veranlasst werden sollte, sich auch dem Sozialfortschritt nicht zu widersetzen. Gleichzeitig sollten die Farmer durch die sogenannte AAA( Agricultural Adjustement Administration) an den Roosevelt- Kurs gebunden werden: Der Nahrungsmittel- und Textilindustrie wurden Sondersteuern auferlegt, die natürlich letzten Endes von den Verbrauchern bezahlt werden mussten, und aus dem Ertrag dieser Steuern wurden den Farmem Prämien für Einschränkung des Anbaus von Getreide und Ba umwolle und für Nichtaufzucht von Vieh bezahlt. Dieses Programm war gedacht als ein Mittel, den grossen agrarischen Produktions überschuss loszuwerden, der unter den heutigen Verhältnissen nicht exportiert werden kann. Schliesslich wurde durch ein Programm der öffentlichen Arbeiten der Versuch einer Konjunkturankurbelung unternommen. Zunächst schienen die taktischen Berechnungen Roosevelts ganz richtig zu sein. Das Unternehmertum war durch die plötzliche Abwendung weiter Kreise vom Kapitalismus so erschreckt und eingeschüchtert, dass der verständigungsfreundliche Flügel vorübergehend die Oberhand bekam, was freilich fortgesetzte Ver suche der Umgehung von Arbeiterschutz- Bestimmungen nicht verhinderte. Die Reaktionäre versuchten lange vergebens, einen Gegenstoss zu organisieren. Unterdessen hielt der Präsident die Hoffnung der fortschrittlichen Kreise wach, dass er mehr anstrebe als die blosse Wiederkehr der guten Wirtschaftskonjunk tur, dass es ihm um ein besseres Wirtschaftssystem zu tun sei. B-7So blieb bis Mitte 1935 die überwältigende Mehrheit des Volkes mit ihren Sympathien bei Roosevelt. Dass der Präsident die Wirtschaftsverfassung ändern will, ist sicherlich wahr. Natürlich denkt er nicht an Sozialismus, sondern an eine Reform des Kapital ismus. Wäre er aber selbst Sozialist, so müsste er das verschweigen, denn für ein sozialistisches Programm ist das Land nicht reif. Während die NIRA wirtschaftspolitisch fehlerhaft gedacht ist( weil der amerikanischen Wirtschaft mit Kartellen nicht geholfen werden kann) und die AAA sich bestenfalls taktisch rechtfertigen lässt, sind unter der Roosevelt- Regierung eine Reihe anderer Gesetze geschaffen worden, die bedeutende Fortschritte darstellen. Der Rahmen einer Alters- und Erwerbslosenversicherung wurde geschaffen( Invaliditäts- und Krankenversicherung fehlt noch). Durch den" Wagner- Act" wurden die gelben Gewerkschaften verboten und es den industriellen Arbeitgebern zur Pflicht gemacht, mit den echten Gewerkschaften über Arbeitsbedingungen zu verhandeln und" jeden vernünftigen Versuch" zu machen, mit ihnen zu einer Verständigung zu gelangen. Dieses Gesetz geht also weiter als irgend ein ähnlicher Versuch in Europa. Die Macht der grossen Elektrizitätskonzerne und anderer Versorgungsbetriebe in privater Hand wurde teils durch den Bau öffentlicher Werke, teils durch gesetzgeberische Massnahmen eingeschränkt; eines der grossen öffentlichen Kraftwerke, das der Ausnützung des Tennessee- Flusses dient, ist mit einem planwirtschaftlichen Experiment verbunden, da die gesamte landwirtschaftliche und industrielle Tätigkeit dieser wirtschaftlich und sozial zurückgebliebenen Gegend durch eine öffentliche Körperschaft umgestaltet werden soll. All dieses zusammen ist eine grosse Leistung für den kurzen Zeitraum von 3 Jahren. Die Kehrseite ist, dass diese Gesetze sämtlich auf sehr unsicherer Grundlage stehen; sie sind in Gefahr, vom Obersten Bundesgericht für verfassungswidrig erklärt zu werden. Dass Roosevelt 1933 nicht eine Verfassungsänderung vorschlug, hatte seinen Grund in dem Wunsch, die mehr konservativ gestimm B-8ten Kreise nicht zu erschrecken, und in der Hoffnung, dass sich das Oberste Bundesgericht den wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten fügen werde. Diese letzte Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Der Gerichtshof hat die NIRA und die AAA für verfassungswidrig erklärt. Obwohl der plötzliche Wegfall so wichtiger Einrichtungen Verwirrung zu stiften droht, sind diese Entscheidungen an sich nicht zu bedauern, denn sie setzen nur das juristische Siegel unter einen wirtschaftlichen Fehlschlag. Aber in der Begründung der Urteile hat das Gericht ausgesprochen, dass der Bundesregierung und dem Bundesparlament nur das Recht zusteht, Handel und Verkehr zwischen den Einzelstaaten und mit dem Ausland zu regeln, nicht aber industrielle oder landwirtschaftliche Tätigkeit, auch wem deren Produkte im ganzen Land vertrieben oder ausgeführt werden. Diese Begründung lässt sich auch auf den Wagner- Act und möglicherweise auf die Versicherung: gesetze anwenden. Das Gebäude, das Roosevelt aufgerichtet hat, ist vom Einsturz bedroht. Die Stütze, die nötig wäre, ist eine Verfassungsänderung; ohne sie ist eine kräftige Wirtschaftsund Sozialpolitik unmöglich. Aber um die Verfassung zu ändern, bedarf es einer Zweidrittelmehrheit im Kongress und dann noch der Zustimmung von Dreivierteln aller Einzellandtage. Wird sich diese noch erreichen lassen, nachdem die Roosevelt- Begeisterung verraucht ist? Was den Reaktionären bis Mitte 1935 nicht gelang, das haben sie im letzten halben Jahr fertig gebracht: Weite Kreise des Mittelstandes sind kopfscheu geworden. Sie fürchten, dass die Rooseveltschen Reformen weiterer Wirtschaftserholung im Wege stehen. Sie machen sich Gedanken über das Anwachsen der öffentlichen Schuld, zu dem natürlich die Ausgaben für Wohlfahrtspflege beigetragen haben( Die Roosevelt- Regierung hat den Gemeinden auf diesem Gebiet kräftige Beihilfe geleistet%; die monatlichen Unterstützungssätze, in manchen agrarischen Bezirken des Südens weniger als 20 Dollar 50 RMK pro Familie, steigen in Grosstädten auf ein für europäische Begriffe beneidenswertes Niveau: 40 bis 50 Dollar, 100 bis 125 RMK pro Familie bei 昌 B-9durchschnittlich billigen Lebensmitteln, die Zahl der Unterstützten mit Angehörigen beträgt 18 Millionen). Erzählungen über die" faulen Arbeitslosen" ma chen die Runde, und seitdem die kleinen Ladenbesitzer und andere Geschäftsleute wieder den Kopf ein wenig über Wasser haben( hauptsächlich infolge der durch Unterstützungen gestärkten Kaufkraft ihrer Kunden) erinnern sich viele von ihnen an die alte amerikanische Tradition, dass jeder sich selbst helfen müsse, und wollen nicht mehr verstehen, dass die Nichtbesitzenden dem Wirtschaftsschicksal als einzelne ohnmächtig ausgeliefert sind und deshalb der Hilfe der Gemeinschaft bedürfen. Das sind die Stimmungen, auf die das Grosskapital seine Hoffnungen gründet. Riesige Wahlfonds stehen bereit, um dem Kandidaten der republikanischen Partei, dem noch nicht nominierten Gegner Roosevelts in der Präsidentenwahl 1936, zum Sieg zu verhelfen. Roosevelts Aussichten wären sehr schlecht, wenn ihm nicht seine Gegner helfen würden. Das haben sie bisher unfreiwillig aber wirksam genug getan. Der Grundton in der Propaganda der republikanischen Partei ist: Zurück zum uneingeschränkten Kapitalismus von 1929! Aber der Mittelstand, gegen Roosevelts Reformen misstrauisch, will deshalb noch lange nicht den Zustand wiederhergestellt sehen, der die Krise gebracht hat. Wäre das Grosskapi tal vorsichtig, würden seine Vertreter positive Vorschläge machen, die den Massen als Lösung ihrer Probleme erscheinen könnten, dann wäre ein politischer Rückschlag nahezu sicher. Aber das Grosskapital geht von der Meinung aus, dass die Periode 1930/35 nur ein zeitweises Irrewerden des amerikanischen Mittelstandes am Segen der Kapitalherrschaft bedeutet, während in Wirklichkeit die gegenwärtige Enttäuschung über den Fehlschlag Rooseveltscher Reformen, wenn sie sich überhaupt politisch auswirkt, nur eine der zeitweisen Unterbrechungen in dem fortdauernden Versuch des amerikanischen Volkes sein kann, sich gegen die Uebermacht der grosskapitalistischen Kräfte zu schützen. Die Gegner Roosevelts sind blind genug, zu glauben, dass die Fragen, die er beantworten wollte, nicht exi B- 10stieren, während nur die Antworten, die er gegeben hat, ungenügend sind. Da der amerikanische Mittelstand nicht bereit ist, faschistische Lösungen anzunehmen, so muss mit Notwendigkeit auf eine Periode, in der die Massen von einem Reformator enttäuscht sind, eine andere Periode folgen, in der die Nachteile einer versuchten Rückkehr zum Alten zu dem neuen Versuch einer tiefgreifenden Reform führen. Nur das eine ist fraglich, ob bei der Blindheit der Reaktionäre, bei der Ueberlegenheit Roosevelt: als politischer Fechter über jeden möglichen Gegenkandidaten jetzt überhaupt ein politischer Rückschlag eintritt. 3) Intellektuelle und religiöse Kräfte für Fortschritt Zu diesen Umständen kommt, dass in zwei wichtigen Gruppen der Bevölkerung die antikapitalistischen Stimmungen fast ungeschwächt fortbestehen: bei den Intellektuellen und in einem grossen Teil der kirchlichen Kreise. Reaktionäre Hetzer, besonders die Blätter des Zeitungskönig Hearst, haben dem amerikanischen Spiessbürger vorerzählt, dass in den Schulen und Universitäten Kommunismus gepredigt werde. Das ist gewiss nicht richtig. Aber es ist wahr, dass der geistig lebendige Teil der Studentenschaft und auch der Lehrerschaft nicht mehr an den Kapitalismus glaubt und eine Neuordnung sozialistischer Art ersehnt. Vielfach handelt es sich dabei um einen innerlich unklaren Radika lismus, um eine kritiklose Annahme von Begriffen, die dem Bestehenden am meisten entgegengesetzt scheinen, ohne dass eine Einsicht in die tieferen Probleme bestünde. Der Abfall vom kapitalistischen Geist ist noch zu neu, als dass die meisten schon wirkliche Antworten auf die Fragen gefunden hätten, die sich ihnen aufdrängen. Aber die Ideen werden sich klären und dann wird die heutige intellektuelle Jugend Amerikas ein Heer von Kämpfern für soziale Neuordnung stellen. Nirgends vielleicht sind die amerikanischen und europäischen und besonders die amerikanischen und deutschen Verhältnisse so verschieden wie in diesem Punkt. Der an manchen Orten unternommene Versuch, die B- 11Studenten, Schüler und Lehrer zur Verleugnung ihrer Anschauungen zu zwingen, steigert die Erbitterung gegen kapitalistische Einflüsse. Wenn auch fast überall einige Lehrinstitute dem Druck nachgegeben haben, so sind doch besonders die angesehensten amerikanischen Universitäten mehr als je auf peinlichste Wahrung der Lehrfreiheit bedacht. Die deutschen Hochschulen werden immer wieder als abschreckendes Beispiel genannt. Die Rolle der Kirche im sozialen Leben der Vereinigten Staaten ist etwas für die meisten Europäer völlig Ueberraschendes; nur die Engländer haben ähnliche Erscheinungen im eigenen Lande. Der amerikanische Protestantismus ist in unzählige Kirchen und Sekten zersplittert. Die religiösen Unterschiede sind an Bedeutung zurückgetreten, aber jede dieser Kirchengemeinden von denen es selbst an kleinen Orten oft mehrere gibt- bildet eine Gruppe für sich, die nicht nur zur Andacht, sondern zur Erörterung aller Lebensfragen von ethischer Bedeutung zusammenkommt. Seit Jahren steht die Erörterung wirtschaftlicher und sozialer Fragen zusammen mit dem Problem" Krieg oder Frieden" im Vordergrund. Natürling hängt die Grosszügigkeit oder Beschränktheit in der Behandlung solcher Fragen stark von der Persönlichkeit des einzelnen Geistlichen und von der Stimmung der Gemeinde ab. Aber Militarismus und Imperialismus werden von nahezu allen Kirchengemeinden scharf verurteilt, viele ziehen die Folgerung, dass der Einzelne den Kriegsdienst verweigern solle, entweder unbedingt oder im Falle eines ungerechten Krieges.( Neuerdings wird im Zusammenhang damit viel diskutiert, ob ein Sanktionskrieg auf Grund eines Völkerbunds beschlusses ein gerechter Krieg sei, und welche Einrichtungen kollektiver Sicherheit die Völker brauchen). Die Haltung zu den Wirtschaftsfragen ist nicht so einheitlich wie die zum grundsätzlichen Problem des Krieges, aber eine überraschend grosse Zahl von Geistlichen wagt es, eine sittliche Verurteilung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung auszusprechen und einen Umbau auf gemeinwirtschaftlicher Grundlage zu verlangen. Wohl kommt es vor, dass ein Geistlicher, der sich zu B- 12weit vorwagt, auf Betreiben kapitalistischer Kreise in seiner Gemeinde entlassen wird. Aber meist kann er dann auf aktive Hilfe derer rechnen, denen er aus dem Herzen gesprochen hat. Im Grossen gesehen, sind die Versuche von Kapitalisten, durch finanziellen Druck die Kirchen in ihrer Haltung zu den Wirtschaftsfragen zu beeinflussen, bisher nicht erfolgreich gewesen. Sogar Rockefellers demonstrative Einschränkung seiner finanziellen Leistungen an die Baptistengemeinde, der er angehört, scheint ohne grosse Wirkung geblieben zu sein. Die katholische Kirche steht in sozialen Fragen weiter recht: als die meisten protestantischen Gemeinden. Immerhin hat sie, besonders in den letzten Jahren, sich gegen den Einfluss des Geldkapitals gewandt und mehr Schutz für die Arbeiterschaft ge. fordert. Der katholischen Tradition entsprechend, hat man sich dabei mehr an die Bekämpfung einzelner sozialer Misstände gehalten und in der Regel eine grundsätzliche Aeusserung zum Prot lem der Wirtschaftsform vermieden. Doch mehren sich kritische Aeusserungen zum Kapitalismus auch im katholischen Lager. Die Kirche bedeutet im Leben des Amerikaners ganz ausserordentlich viel. Da die beiden grossen politis chen Parteien, die Demokraten und die Republikaner, nicht eigentliche Ueberzeugungsgemeinschaften sind sie wechseln ihr Programm bei jeder GVER BO Wahl, und nur mit grossen Einschränkungen kann man sagen, dass wenigstens in den Nordstaaten der durchschnittliche Reaktionär ein Republikaner und der durchschnittliche Fortschrittler ein Demokrat ist( im Süden ist es eher umgekehrt) so besteht ein starkes Bedürfnis nach Gruppen, in denen sich Gleichgesinnte zusammenfinden können. Die Kirchen sind fast automatisch in diese Rolle hineingewachsen. Sie stellen dem einzelnen die sozialen Probleme als persönliche Gewissensfragen, und dieses reli giöse Gefühl der persönlichen Verantwortung treibt viele sonst indifferente Menschen zu sozialen und politischen Entscheidungen, anderen gibt es eine Schwungkraft der Ueberzeugung, die: sie zu wirklichen Führern macht. Es ist kein Zufall, dass der Präsidentschaftskandidat der sozialistischen Partei, Norman. B-13Thomas, ein früherer Geistlicher ist, und dass die besten Führer der Arbeiterbewegung in enger Fühlung mit den religiösen Gemeinschaften stehen. Die Rolle der Kirchen in Amerika ist überdies einer der wichtigsten Gründe für die Aussichtslosigkeit des Faschismus. Die Kirchen gleichzuschalten, wäre in den Vereinigten Staaten noch viel weniger möglich als in Deutschland. Es wäre aber ebensowenig möglich, sie aus der Politik auszuschalten. Dass der Ame rikaner ein individuell selbständiges Urteil als Gewissenspflicht empfindet, bedeutet natürlich nicht, dass er dieser Pflicht immer Genüge tut. Aber ein totalitärer Staat, der Gewissensfreiheit grundsätzlich verweigert, müsste mit dem religiösen Empfinden von Millionen in schwersten Konflikt kommen. Nachdem das industrielle Grossunternehmertum selbst Roosevel zum Wegbereiter des Sozialismus erklärt hat und als gefährlichen Neuerer in Verruf zu bringen sucht, hat es den Präsidentschaftskampf als eine Schlacht für und gegen den uneingeschränkten Kapitalismus gestempelt. Die Demokratische Partei und Roosevelt selbst in seiner Neujahrsbotschaft an den Kongre haben diese Herausforderung angenommen. In der Entschliessung des Demokratischen Wahlkomités heisst es: " Es kommt nun zu einem Kampf zwischen einer kleinen, aber mächtigen Gruppe, welche die Mächte der Geldgier und der Privilegien vertritt, und der Masse unseres Volkes, die nach freier Betätigungsmöglichkeit und nach einem anständigen Lebensstandard verlangen." Diesen Ton wird man nun den ganzen Wahlkampf hindurch von den demokratischen Rednern und vor allem von Roosevelt selbst hören. Was der Präsident aus seiner Stellung als Vorkämpfer gegen die Kapital smacht herausholen wird, kann sich jeder vorstellen, der ihn nur einmal am Radio hören konnte. Er hat die Gabe, zu jeder einzelnen amerikanischen Familie zu sprechen, als ob er an ihrem Tisch sässe und mit dem Mann und der Frau und den jungen Leuten die Probleme des Staates erörtern würde.. Natürlich wird er seinen Appell viel weniger auf eine proleta B- 14rische Zuhörerschaft als auf das Kleinbürgertum abstimmen, von dem die Entscheidung abhängt und dessen Vertreter er ja im Grunde auch ist. Eben dies aber ist für den Unterschied zwischen deutschem und amerikanischem Mittelstand kennzeichnend: dass der eine einen Hitler und der andere einen Roosevelt ans Ruder brachte. 4) Die Arbeiterbewegung Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Amerikas werden in ihrer überwältigenden Mehrheit für Roosevelt stimmen. Der sozialistische Kandidat-vermutlich Norman Thomas wird wohl G kaum die 900 000 Stimmen wieder erhalten, die ihm im Jahr 1932 zugefallen sind. Für die amerikanische Arbeiterbewegung ist es eine Tragödie, dass der Schwerpunkt der politischen Entscheidung nicht bei den Parlamentswahlen, sondern bei den Präsidentenwahlen liegt, denn dadurch wird es einer Minderheitspartei unendlich schwer, sich in die Höhe zu arbeiten. Mancher, der für den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten stimmt, hat das Gefühl, seine Stimme wegzuwerfen, und das wollen nicht viele in einem Kampf, in dem für die Arbeiterschaft Dinge wie Sozialversicherung und Koalitionsrecht auf dem Spiele stehen können. Aber die zahlenmässige Schwäche der sozialistischen Partei, ihr geringer Einfluss selbst auf Gemeindewahlen( mit Ausnahme von Milwaukee, das seit Jahrzehnten von eingewanderten deutschen Sozialdemokraten höchst erfolgreich regiert wird), wäre noch nicht so schlimm, wenn sie wenigstens innerlich gefestigt wäre. Aber davon ist keine Rede. Wer die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie kennt, wird es gewiss nicht tragisch nehmen, dass es einen" radikalen" und einen" gemässigten" Flügel gibt, auch nicht, dass zwischen diesen Flügeln manchmal ein objektiv ungerechtfertigtes Mass von gegenseitiger Verbitterung besteht. Viel schlimmer ist, dass der" Radikalismus". der" militanten" Gruppe weniger aus einem eigenen, innerlich B- 15klaren Bild von der künftigen Entwicklung entstanden ist, als aus einer doppelten Furcht: vor dem Faschismus, gegen den man sich mit allen Mitteln wehren müsse, und vor dem Kommunismus, dem man den Wind aus den Segeln zu nehmen habe, Dabei ist völlig klar, dass man mit radikalen Redensarten nur die Geschäfte der Faschisten besorgt, die glücklicherweise noch weniger zahl. reich sind als die Mitglieder der sozialistischen Partei, und dass man die zahlenmässig ebenso schwachen Kommunisten im Wortradikalismus doch nicht übertrumpfen kann. In ihrer gegenwärtigen Verfassung ist die sozialistische Partei trotz vieler guter Köpfe in ihren Reihen nicht in der Lage, auf die Gewerkschaften irgend einen nennenswerten Einfluss zu üben. Dabei wäre die Zeit für sie so günstig wie kaum je zuvor. Die amerikanischen Gewerkschaften haben sich nach dem Fehlschlag früherer radikaler Organisationsversuche bewusst auf den Boden des Kapitalismus gestellt. Bis zur Krise 1929 sind sie bei dieser Haltung geblieben; solange die Lohnkurve steil anstieg, entsprach das auch dem Empfinden der Gewerkschaftsmitglieder. Gleichzeitig schlossen sich die Gewerkschaften, die fast nur gelernte Arbeiter umfassten, gegen die Ungelernten und besonders gegen die noch nicht amerikanisierten Einwanderer ab. Durch Vereinbarungen mit den Arbeit-- gebern suchten sie in möglichst vielen Unternehmungen den" closed shop" zu erreichen, d.h. Unorganisierte auszuschliessen. Da der Eintritt in die Gewerkschaft nicht überall jedem Arbeiter offen stand, zum Teil auch durch hohe Eintrittsgelder erschwert wurde, ergab sich aus diesem System hier und dort geradezu ein Beschäftigungsmonopol für eine Arbeiteraristokratie. Aber seit dem Ausbruch der Weltkrise sind neue Entwicklungskräfte im amerikanischen Gewerkschaftswesen zum Durchbruch gekommen. Die Arbeiter haben gelernt, am Segen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu zweifeln. Was sich vor vielen Jahrzehnten in England gezeigt hat, als dort die Gewerkschaften gleichfalls auf die Gelernten beschränkt waren, das lehrt die Krise auch die amerikanischen Gewerkschaften: dass die Ungelern B- 16ten, wenn sich die Organisationen ihrer nicht annehmen, notwen dig zu Streikbrechern werden. So entstand eine Tendenz zur politischen und organisatorischen Neuorientierung. Während der Amerikanische Gewerkschaftsbund, die" American Federation of Labour", bisher hauptsächlich darauf ausging, die beiden grossen Parteien zu einer möglichst arbeiterfreundlichen Haltung zu veranlassen und dafür der arbeiterfreundlichsten Gruppe die Stimmen der Gewerkschaft smitglieder versprach, gewinnt jetzt die Idee immer mehr an Boden, dass man eine eigene Arbeiterpartei bilden müsse. Hierbei dient die englische Entwicklung als Vorbild. In einigen mittelwestlichen Staaten der Union gibt es auch schon eine Farmer- und Arbeiterpartei, die im Staat Minnesota die Landesregierung beherrscht und sehr erfolgreich arbeitet. Die Gründung einer Arbeiterpartei oder noch besser die Ausdehnung der Farmer- und Arbeiterpartei auf das Gesamtgebiet. der Union würde den heute in der sozialistischen Partei tätigen. Kräften einen Boden gesünderer Betätigung eröffnen, als sie heute besitzen. Die zweite Aenderung, die sich heute im amerikanischen Gewerkschaftswesen anbahnt, ist die Fortentwicklung vom Berufsverband zum Industrieverband. Diese Frage hat in den Vereinigten Staaten noch viel grössere Bedeutung als in Europa, denn der Zusammenschluss der gelernten Arbeiter in Verbänden, die auf Berufsgeschicklichkeit aufgebaut sind, hat den Zünftlergeist grossgezüchtet, der die Ursache der Abschliessung und vielfach sogar Feindschaft der Gelernten gegen die Ungelernten ist. Nur durch die Ausweitung der Gewerkschaften zum Industrieverband können diese Schranken überwunden werden. Noch leistet die Leitung des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes und die vieler Einzelverbände dem Industrie verbands- Prinzip Widerstand. Erst vor kurzem hat der Hauptvertreter dieses Prinzips, der Bergarbeiterführer Lewis, demonstrativ seinen ücktritt vom Vorstand der A.F. of L. erklärt, weil er sich in zu scharfem Gegensatz zu den anderen Vorstandsmitgliedern betand. Aber seit dem letzten Gewerkschaftskongress ist kein B- 17Zweifel mehr, dass es sich bei diesem Widerstand nur um die Rückzugskämpfe der Anhänger einer überlebten Form handelt, und dass der Gedanke einer umfassenden wirtschaftlichen Solidarität aller Arbeiter in den Massen bereits tief Fuss gefasst hat. Ein Beweis dafür ist auch die Tatsache, dass neuerdings rasche Fortschritte in der Aufnahme von Negern in die Gewerkschaften erzielt werden, während noch bis vor kurzem die Solidarität an der Grenze des Rassenvorurteils endete. Die treibende Kraft dieser erstarkenden Solidarität der Arbei terklasse ist die immer wachsende Erkenntnis, dass die Zeiten vorbei sind, wo jeder sich dem Proletarierschicksal entziehen konnte, indem er im fernen Westen sich als Farmer oder kleiner Geschäftsmann ansiedelte. Die wirtschaftliche Solidarität wird sich mit Notwendigkeit immer mehr auf das Gebiet der Politik übertragen. Trotzdem wird die amerikanische Arbeiterschaft auf jede absehbare Zeit hinaus darauf angewiesen bleiben, ihren Kampf im Bündnis mit den Mittelschichten zu führen. Aber es ist von ungeheuerer Bedeutung für die amerikanische Demokratie, dass eine starke, klug geführte Organisation des Proletariats allen fortschrittlichen Elementen im Volk Rückhalt gibt und klare Ziele zeigt. II. Amerikanische Aussenpolitik 1) Der amerikanische Pazifismus Das Leitmotiv der amerikanischen Aussenpolitik ist das Interesse am Frieden. Ganz Amerika ist im Grunde pazifistisch, wenn auch mit verschiedener Abtönung. Der Pazifismus der meisten Amerikaner ist gefühlsmässig, in sehr vielen Fällen religiösen Ursprungs. Die Friedensliebe des Volkes ist sehr stark und echt. Da aber nur wenige ein klares Bild von den Gefahren haben, die den Frieden der Welt und ihres eigenen Landes bedrohen, so besteht keine Gewähr dafür, dass im Ernstfall der pazifistische Idealismus dem Druck der Leidenschaften standhält, und dass die B- 18geeigneten Mittel ergriffen werden, um den Frieden zu erhalten Während der Marxismus als wissenschaftliches System in Amerika wenig verstanden wird, sind vulgärmarxistische Begriffe besonders in die Diskussion über internationale Politik eingedrungen und rufen hier gefährliche Vereinfachungen des Denkens hervor. Noch im Jahre 1915 haben, wie die jüngsten Verhandlungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses über den Eintritt Amerikas in den Weltkrieg zeigten, selbst die fortschrittlichen Kreise Amerikas zwischen dem Interesse des Landes und dem Interesse seiner Munitionsfabrikanten noch nicht klar zu unterscheiden gewusst; heute ist es beinahe zum Glaunur die Munitionsfabrikanten und benssatz geworden, dass der an Munitionslieferungen interessierte Teil der Bankwelt die Kriege anstiften. Dass strenge Ausfuhrverbote für Munition und Geld, überhaupt alle Massnahmen wirtschaftspolitischer Art wenig Erfolg haben, wenn nicht die Massen dazu erzogen sind, sehen ihre nationalistischen Leidenschaften zu kontrollieren, nur wenige Amerikaner. Neben dieser Schwäche des amerikanischen Pazifismus besteht eine zweite: ein übermässiger Glaube an das Heil der Selbstisolierung. Alle Ideen einer Unterstützung des Völkerbundes, von einem Beitritt gar nicht zu sprechen, sind sehr unpopulär. Gewiss empfinden es viele Amerikaner, auch viele amerikanische Katholiken, als einen Unfug, dass der katholische Pfarrer Coughlin den geplanten Beitritt der Vereinigten Staaten zum Vertrag über den Weltschied shof mit dem Argument bekämpfte, das dies einer Unterwerfung Amerikas unter die internationale Hochfinanz bedeute.( Die Aehnlichkeit dieses Arguments mit NaziSchlagworten hat manche Amerikaner in dem Glauben bestärkt, glücklicherdass Coughlin eine Art amerikanischer Hitler sei weise ein Irrtum) Immerhin hat diese Propaganda des als Radioredner berühmten Pfarrers die Massen so ängstlich gemacht, dass im Senat bei der Abstimmung Anfang 1935 die erforderliche Zweidrittelmehrheit für die Annahme nicht zustandekam. Noch jüngst musste die amerikanische Regierung in ihrem Entwurf eines neuen B- 19Neutral itätsgesetzes, das fast alle Kriegsmaterialausfuhr und Anleihegewährung an Kriegführende unmöglich machen wird, den Paragraphen ändern, der nach Meinung einiger Senatsmitglieder den Anschluss Amerikas an Völkerbundssanktionen erlaubt hätte. Er hätte in seiner ursprünglichen Fassung den Präsidenten ermächtigt, über die unbedingt verbotene Munitionsausfuhr hinaus den Export aller Waren zu verbieten" wenn die Duldung eines solchen Exports zu der Verlängerung oder Ausdehnung des Krieges beitragen würde". Jetzt lautet die Stelle:" Wenn das Verbot dazu dient, die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu fördern und ihre Neutralität zu sichern." Nicht kollektive Sicher heit aller Nationen also darf der Präsident anstreben, sondern nur die Sicherheit des eigenen Landes. Die praktische Bedeutung so feiner Unterschiede im Gesetzestext ist natürlich gering, aber als Stimmungsausdruck ist der Vorgang wichtig. Was diese fast krampfhafte Angst der Amerikaner vor Verbindung mit dem Völkerbund auf den ersten Blick noch erstaunlicher macht, ist die Wahrnehmung, dass im Grunde genommen die Völkerbundsidee in Amerika sehr populär ist. Man will sich dem Völkerbund nicht anschliessen, aber man freut sich sehr darüber wenn die europäischen Völker ihn kräftig unterstützen. Ganz Amerika, mit Ausnahme eines Teils der italienischen Einwanderer ist für Abessinien und gegen Mussolini. Ganz Amerika, mit jener geringfügigen Ausnahme, hat den Hoare- Lavel- Plan bedauert. Es ist kaum ein Zweifel, dass die amerikanische öffentliche Meinung trotz der wirtschaftlichen Opfer auch das strengste Oelausfuhrverbot billigen wird, wenn es so gefasst werden kann, dass es tatsächlich nur Italien schädigt und doch formell sich im Rahmen der amerikanischen Neutralitätspolitik hält. Soweit Kriege europäischer Staaten in Betracht kommen, ist die Haltung Amerikas nicht so unlogisch, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Schliesslich lässt sich viel dafür sagen, dass es in erster Linie Aufgabe der europäischen Mächte sei, europäische Friedensbrecher im Zaum zu halten, und wenn die friedlichen Mächte Europas entschlossen zusammenstehen, sind B- 20sie ja für diese Aufgabe auch stark genug. Aber anders steht es mit dem Fernen Osten. Die Zügelung des japanischen Imperialismus ist eine Aufgabe, die niemand, auch England nicht, den Amerikanern abnehmen kann. Die ganze Lage in Ostasien wäre ver ändert, wenn der Völkerbund Aussicht auf amerikanische Unterstützung hätte, sobald er Japan in den Weg tritt. Aber zur Zeit besteht keinerlei Hoffnung dieser Art. Die Vereinigten Staaten bedauern China, aber sind nicht bereit, ihm zu helfen. Die öffentliche Meinung Amerikas würde es sogar begrüssen, wen die Schutzherrschaft über die Philippinen nach 10 Jahren programmgemäss beendet werden könnte, um die Kriegsgefahr mit Japan zu verringern.( Immerhin ist fraglich, ob man der neuen philippinischen Republik den Schutz entziehen wird, wenn sie nach Erreichung voller Unabhängigkeit darum ansucht). Noch immer fürchtet man eine japanische Masseneinwanderung nach Kalifornien, aber es besteht viel Bereitschaft, die dagegen erlassenen Gesetze so umzubauen, dass sie das japanische Selbstgefühl in jeder Weise schonen. Und dennoch ist es sehr fraglich, ob sich das japanische Problem durch amerikanische Verständigungsbereitschaft lösen lässt. Die Verhältnisse in Japan und Deutschland sind sicherlich in vieler Hinsicht verschieden, aber die halbfeudale japanische Militärkaste hat doch Wege eingeschlagen, die denen des europäischen Faschismus äusserst ähnlich sind. So wenig wie England gegenüber Hitlerdeutschland, so wenig wird Amerika diesem Japan gegenüber mit einer bedingungslos pazifistischen Politik durchkommen. Amerika mag China preisgeben, es mag streng neutral bleiben, wenn Japan mit oder ohne Bündnis mit Deutschland die Sowjetunion angreifen sollte. Aber wenn die japanische Militärkaste die unermesslichen Hilfsquellen Chinas völlig unter ihre Konoder vielleicht auch nur Nord chinas trolle bringen sollte, um dann schliesslich etwa Australien anzugreifen, dann kann und wird Amerika nicht mehr stillehalen oder doch nur, wenn es weiss, dass England mit dem Angreifer ohnehin fertig wird. Man kann das verallgemeinern: Der B- 21bedingungslose Pazifismus Amerikas lässt sich genau solange halten, als zwischen Amerika und jedem möglichen Angreifer ein geschlossenes, kräftiges und zur Verteidigung bereites britisches Weltreich steht. Im gleichen Mass wie die britische Kräfte sich als unzureichend erweisen sollten, wird trotz der ultrapazifistischen Stimmung den Engländern erst die moralische, dann die wirtschaftliche und schliesslich die militärische Hilfe Amerikas zuteil werden. Der tiefste Grund, warum das amerikanische Volk gegen jede Verbindung mit dem Völkerbund so misstrauisch ist, liegt in der grossen Enttäuschung über die Politik Wilsons im Weltkrieg Das amerikanische Volk ist in den Weltkrieg geführt worden mit der Parole," die Welt für die Demokratie sicher zu machen", und mit dem Versprechen, dass" dieser Krieg allen Kriegen ein Ende setzen werde." Das Ergebnis war ein wirtschaftlich und politisch bankerottes Europa, welches das den Vereinigten Staa. ten geschuldete Geld in Kriegsrüstungen vergeudet und nach ame. rikanischer Auffassung alle Aussicht hat, an fanatischem Natio. nalismus zu Grunde zu gehen. Amerika betrachtet heute seine Be teiligung am Weltkrieg als den Fehlschlag einer Politik, in der es internationale Polizei spielen wollte und hat sich vorgenommen, sich um seine eigenen Geschäfte zu kümmern und mit der Unordnung in seinem eigenen Hause aufzuräumen. Das wäre gut und recht, wenn nicht heute die Welt wirklich voll von Verbrechern wäre und jeder, der keine allzu schweren Sünden auf dem Gewissen hat und die Waffen führen kann, als Polizist gebraucht würde. Denn die einzige Chance des Friedens liegt darin dass die Gewalttätigen Niederlagen zu fürchten haben. 2) Amerika und Hitler- Deutschland Die psychologischen Nachwirkungen des Krieges haben auch viel dazu beigetragen, bei den Nationalsozialisten und wohl auch im deutschen Auswärtigen Amt falsche Hoffnungen zu erwecken. Besonders ausserhalb New Yorks waren viele Amerikaner in ihren 9 1 B- 22Aeusserungen über das Hitlerregime sehr vorsichtig. Man wollte möglichst auch in Gedanken neutral bleiben. Man erinnerte sich dass 1914- 17 die englische Propaganda erst Amerika gedrängt hatte Deutschland moralisch zu verurteilen, um es dann später in den Krieg zu verstricken. Viele Amerikaner erinnerten sich der Lügen von den Händen belgischer Kinder, die die deutschen Soldaten angeblich abgeschnitten haben sollten; warum sollten. die Erzählungen über die Greuel der Konzentrationslager nicht ebenso unwahr, zum mindesten übertrieben sein? Es fehlte nirgends an Mitleid mit den Opfern der Hitlerbewegung; aber man suchte vielfach Urteile zu vermeiden, die als eine Einmischung in deutsche Verhältnisse gedeutet werden könnten. Diese Dinge haben sich heute geändert. Noch sind Reste der alten Zurückhaltung da. Aber die überwältigende Mehrheit der Amerikaner hat sich ein scharfes Verdammungsurteil über Hitler gebildet und spricht es auch aus. Nicht wenige sehen in der Hitlerei in Deutschland ein einzigartiges Verbrechen, auf das die gewohnten Masstäbe internationaler Politik nicht angewendet werden können. Dass es den Nationalsozialisten hier und dort gelingt, einige hundert Mann zu sammeln, um zu demonstrie ren oder eine antifaschistische Kundge bung zu stören, darf nicht darüber täuschen, dass im Ganzen der Einfluss der Nazis in Amerika verschwindend ist und dass sie heute weniger Anhang haben und vor allem weniger Duldung finden als 1933. Dazu haben viele Dinge beigetragen. Zunächst kan die Judenfrage. Im Jahre 1933 waren viele Amerikaner überzeugt, dass Hitler die Hasspropaganda gegen die Juden nur unternommen habe um sich populär zu machen; sie fanden dies sehr bedauerlich, hofften aber, dass er schliesslich nach Festigung seiner Stellung seine Tonart mildern werde. Darin wurden die Amerikaner auch durch gelegentliche optimistische Nachrichten aus Deutsch land bestärkt; der berühmte jüdische Bankier, der angeblich alles nicht so arg findet, kehrte in Erzählungen amerikanische Reisender immer wieder, wobei nie zu entscheiden war, ob diese Schönfärberei wirklich auf das Schuldkonto eines jüdischen Ge B- 23währsmannes in Deutschland oder auf das Konto des amerikanischen Reisenden kam, der aus vorsichtigen Andeutungen nur her. aushörte, was er eben heraushören wollte. Im Laufe des Jahres 1934 stellte sich aber dann doch heraus, wie die Dinge wirklich liegen, und den Rest gaben aller Schönfärberei die Nürnberger Gesetze von 1935. Wer aus Deutschland kommt und versucht, die Meinung der Amerikaner über Hitler zu erkunden, wird leicht ungeduldig, wenn er immer und immer wieder die Judenfrage als den Hauptanklagepunkt gegen Hitler hören muss. Auch wenn man die tiefe Ungerechtigkeit und Brutalität des Rassenhasses vollempfindet, ist doch kein Zweifel daran möglich, dass es ebenso abschreckende und dabei weltgeschichtlich wichtige Züge des deutschen Faschismus gibt. Der besonders tiefe Eindruck, den die Judenverfolgung auf Amerika gemacht hat, ist hier und dort mit jüdischer Propaganda erklärt worden. Das ist im wesentlichen unrichtig. Wohl gibt es in den Vereinigten Staaten beinahe 4 Mil lionen Juden, darunter mehr als anderthalb Millionen in New York, und es ist klar, dass die von vornherein gegebene Feindschaft eines so beträchtlichen Bevölkerungsteils der Nazi propaganda Schwierigkeiten bereiten musste. Organisationen wie die Textilarbeiter-Gewerkschaften mit grossenteils jüdischer Mitgliedschaft haben sich selbstverständlich besonders scharf gegen Hitler eingestellt. Aber das alles ist nicht die Hauptsache, denn dass die Verfolgungen der Juden Amerika mehr aufgebracht haben als alle anderen Grausamkeiten des Hitler- Regimes, lässt sich auch in Kreisen beobachten, die mit Juden wenig Fühlung haben. Amerika ist an politische Verfolgungen in seinen Nachbarländern gewöhnt. Wer aktiven Anteil an der Politik nimmt, riskiert in ganz Zentral- und Süd- Amerika von Mexiko bis Argentinien seinen Kopf oder mindestens seine bürgerliche Existenz, wenn die Gegenpartei obenauf kommt. In USA hält man das natürlich für ein Zeichen der politischen Unkultur, und man war überrascht, dass sich so etwas auch in Deutschland abspielen könne. B- 24Aber mindestens seit dem unbeschränkte U- Bootkrieg hatte man ohnehin die Deutschen nicht für Meister der Politik gehalten. So waren viele Amerikaner nicht geneigt, sich über die Verfolgung der politischen Opposition in einem fremden Land besonder: aufzuregen. Aber Verfolgung wegen Rassenzugehörigkeit oder Rel: gion ist etwas völlig anderes. So etwas kommt nicht einmal in Südamerika vor, oder wenn es ausnahmsweise einmal geschieht, dann hat die amerikanische Regierung alle Mühe, ihrem eigenen Volk klarzumachen, dass und warum sie nicht eingreifen könne ( so in der Katholikenfrage in Mexiko.). Gewiss haben auch die Amerikaner ihre Rassenprobleme, vor allem die Negerfrage. Man hört mit Recht viel von den Demütigungen, denen der Neger in den Südstaaten und vielfach auch im Norden ausgesetzt ist. Aber man hört zu wenig davon, dass Millionen von weissen Amerikanern diese Frage als eine dauernde Wunde empfinden, als einen schwarzen Fleck im Leben der amerikanischen Nation, und sich nach besten Kräften bemühen, ihn auszutilgen. In vielen Nordstaaten- und das Schwergewicht der werden die äussersten Vereinigten Staaten liegt im Norden! Anstrengungen gemacht, die politische Gleichberechtigung der Neger in jeder Hinsicht zu sichern. Die Schulverwaltungen suchen das Vorurteil der weissen Eltern gegen den gemeinsamen Unterricht ihrer Kindern mit Negern zu brechen, Polizeipräsidenten zwingen ihre Beamten, sich daran zu gewöhnen, mit Negerr zusammen in der gleichen Abteilung zu dienen, im gleichen Wachraum zu schlafen, ihnen als Vorgesetzten zu gehorchen. Aehnliches gilt von anderen Zweigen der öffentlichen Verwaltung. So besteht im Norden eine scharfe und sehr betonte Abneigung gegen jede bürgerliche Benachteiligung aus Rassegründen, und man sieht dies ganz richtig als ein internationales Problem. Im Süden aber fühlt man sich in diesem Punkt in der Defensive. Man will den Neger" auf seinem Platz halten"; aber man möchte den Rassenhass auch nicht verschärfen. Das ist nun freilich unmöglich, und es setzt sich langsam, sehr langsam auch im Süden der Gedanke durch, dass man in der Richtung auf Gleichberechtigung B- 25weiter fortschreiten müsse.. Besonders beginnen die" armen Weissen" zu erkennen, dass sie sich gegen die reichen Grossgrundbesitzer nur durchsetzen können, wenn sie mit den schwarzen Landarbeitern und Kleinpächtern zusammengehen. Aber selbst der reaktionäre Teil der weissen Bevölkerung im Süden ist gegen eine Zersplitterung der weissen Rasse, die aus der Feindschaft zwischen Juden und Nicht juden entstehen müsste. Was an antisemitischen Stimmungen in Amerika besteht, fühlt sich durcl Hitler kompromottiert, nur ganz kleine Cliquen wie die schon unrühmlich zu Grunde gegangene Organisation der" Silberhemden" versuchen eine Nachahmung hitlerischer Methoden. Der zweite grosse Schlag, den der Nazismus seiner eigenen Sache in Amerika versetzt hat, war seine Verfolgung der protestantischen Kirche. Nichts widerspricht der amerikanischen Tra dition mehr als ein Eingriff der Staatsgewalt in die Religion. Buchstäblich keine der vielen protestantischen Gruppen Amerikas zeigt die geringste Sympathie für Herrn Kerrl oder gar für Reichsbischof Müller. Alle stehen auf Seiten der konfessio nellen Synode. Die Katholiken sind auch nahezu ausnahmslos erbittert über die Vorgänge in Deutschland. Ein Teil der Predigten Kardinal Faulhabers ist ins Englische übersetzt worden und wird hier viel gelesen; bei den gebildeten amerikanischen Katholiken geniesst Dr. Brüning eine grosse Verehrung. Wie in anderen Teilen der Welt, hat auch in Amerika der 30. Juni 1934 aufklärend gewirkt. In den Vereinigten Staaten kann in der Regel noch nicht einmal Anklage gegen eine Person erhoben werden, wenn nicht eine Geschworenenbank zunächst die Sache geprüft und die Eröffnung des Verfahrens gutgeheissen hat; auch das weitere Verfahren ist mit Garantien strengster Art für den Angeklagten umzäumt.( Dass trotzdem nicht wenige ungerechte Verurteilungen vorkommen, liegt vor allem an der Voreingenommenheit der Geschworenen etwa in den Südstaaten gegen die Neger oder in einigen ländlichen Gegenden gegen angebliche oder wirk liche Kommunisten). Dass jemand in einem Kulturland sich anmasst, über Leben und Tod unabhängig von den Gesetzen und ohne B-26 Rechtsverfahren zu entscheiden, erscheint dem Amerikaner als etwas so Verabscheuenswertes, dass er dem Täter dann auch alles andere Böse zutraut. Schliesslich haben die Nationalsozialisten in Amerika selbst so manches getan, was es den Amerikanern schwer gemacht hat, gegen sie tolerant zu sein. Die" Freunde des Neuen Deutschland' sind durch innere Streitigkeiten, durch Verstösse gegen die amerikanischen Gesetze und durch noch viel schwerere Verstösse gegen die amerikanische Psychologie immer wieder unangenehm aufgefallen. Immer wieder ist der Eindruck entstanden, dass die Nazis das Deutsch- Amerikanertum als einen Sonderkörper organisieren wollen, der den Befehlen des Führers, also eines ausländischen Machthabers, gehorchen solle. Die Abenteuer des Herrn Spanknöbel, der als Führer des Neuen Deutschland mit den Gerichten in Konflikt kam, die Taktlosigkeit des Herrn Hanfstaengl, der die Harvard- Universität, die bedeutendste Amerikas, moralisch erobern wollte und sich nur eine schimpfliche Abfuhr holte, das arrogante Auftreten der Nazis vor dem Untersuchungsausschuss des amerikanischen Kongresses über" unamerikanische Treibereien" und die Enthüllungen über illegale Einfuhr von Propagandamaterial, Drillen von Sturmtrupps usw. haben der breiteren Oeffentlichkeit einen wirksamen Anschauungsunterricht gegeben. Die amerikanische Regierung hat einen solchen Anschauungsunterricht kaum nötig gehabt. Roosevelt und sein Aussenminister, Staatssekretär Hull, haben von Anfang an in der Nazibewegung etwas Kulturwidriges und wohl auch eine Gefahr für den Weltfrieden gesehen. Aber sie hielten sich für verpflichtet, die Beziehungen zu Deutschland nicht unter diesem Urteil leiden zu lassen. Es waren Fehler der offiziellen deutschen Politik, die diese Beziehungen verschlechtert haben. Da die Amerikaner von keinem europäischen Land, mit alleiniger Ausnahme Finnlands, Zahlungen auf Kriegsschulden erhalten, so hätten sie die Einschränkung der deutschen Zinszahlungen an sich nicht besonders übel genommen. Aber Schacht begnügte sich nicht, die Vereinigten Staaten ebenso schlecht zu behan B- 27deln wie alle anderen Gläubigerstaaten. Er bevorzugte die Länder, mit denen Deutschland eine aktive Handelsbilanz hat und die ihm daher mit der Beschlagnahme der Handelsbilanzüberschüsse drohen konnten. Amerika ist nicht in dieser Lage, und so bekamen die amerikanischen Gläubiger der Young- und DawesAnleihen nicht einmal das, was die französischen und englischen Inhaber dieser Anleihen erhielten. Dass es sich dabei selbst für Deutschland um einen unbedeutenden Betrag handelte, trug zu der Erbitterung der amerikanischen Regierungsstellen wesentlich bei. Bei Deutschlands ungünstiger Devisenlage hätte man in Washington vielleicht selbst eine Ungerechtigkeit noch halbwegs verständlich gefunden, wenn die deutschen Schwierigkeiten damit hätten fühlbar gemildert werden können. Eine klei liche Schikane verzieh man nicht. Dazu kam die Kündigung des deutsch- amerikanischen Handelsver. trages durch Deutschland. Seit dem Amtsantritt Roosevelts ist Amerika zum ersten Mal seit Jahrzehnten dazu übergegangen, Han delstarifverträge mit Meistbegünstigungsklausel zu schliessen, also gleichzeitig Höchstzollsätze im Verkehr mit einzelnen Staaten festzulegen und jedem Staat zuzusichern, dass seine Produkte in Amerika keinem höheren Zoll unterliegen sollen als die irgend eines anderen Landes. Selbstverständlich muss dann jeder Vertragsstaat die gleiche Zusicherung zu Gunsten amerikanischer Produkte geben. Auf diese Weise glauben Roosevelt und Hull in die gegenseitige handelspolitische Absperrung der Länder Bresche legen zu können, und viel spricht dafür, dass diese Hoffnung nicht trügt. Deutschland hätte eine glänzende Gelegenheit gehabt, sein Meistbegünstigungsabkommen mit Amerika, das 1935 ablief, durch einen Zolltarifvertrag zu ergänzen. Statt dessen kündigte Deutschland das Abkommen, um die Meistbegünstigungsklausel loszuwerden. Der Grund war die Illusion, dass man mit den Balkanstaaten wertvolle politische Abmachungen treffen könne, wenn man ihnen Vorzugszölle für ihre Agrarprodukte gewähre. Südosteuropa ist für viele Artikel( Weizen, Mais, getrocknete Früchte B- 28viele tierische Produkte) ein Konkurrent der Vereinigten Staaten auf dem deutschen und anderen westeuropäischen Märkten. Die Kündigung des Handelsvertrages durch Deutschland wirkte in Washington als ein mutwilliger Akt. Sie versteifte die Haltung Amerikas in allen handelspolitischen Fragen, so dass nun auch kein Handelsvertrag in einer den deutschen Wünschen entsprechenden Form zustandekam, sondern nur eine Verlängerung der Bestimmungen über Schiffahrt, Handelsreisende usw. des alten Vertrags. Es ist recht fraglich, ob die für Februar beabsichtigten Verhandlungen daran etwas ändern werden. Die Kündigung war aber auch politisch ein schwerer Fehler gerade vom Standpunkt der Nazis. Sie hatten viel vom wirtschaftlichen Elend in Deutschland gesprochen, von den grossen Schwierigkeiten, denen die deutsche Wirtschaftspolitik noch immer als Nachwirkung des Versailler Friedensvertrages begegne. Dieses Argument fand Sympathie und Verständnis bei allen Amerikanern. Nun sah die amerikanische Regierung, dass Deutschland selbst sich den Weg verlegte, um in bessere Handelsbeziehungen mit der übrigen Welt zu kommen, und dadurch seine Wirtschaftslage zu verbessern. Die Nazis erreichten daher auch nicht, woran ihnen noch mehr lag als an einem neuen Handelsvertrag: Abkommen über Warenaustauschaktionen. Sie hätten gern deutsche Industrie waren gegen amerikanische Baumwolle getauscht; ähnliche Geschäfte sind ja mit Südamerika tatsächlich gemacht worden. Mit der Union sind sie viel schwerer, weil jede zusätzliche Einfuhr deutscher Waren natürlich im Lande selbst auf Konkurrenzinteressen stösst. Die eingeführten deutschen Waren müssten zu einem verhältnismässig billigen Preis verkauft werden, und die amerikanischen Gesetze gegen Dumping sind sehr scharf. Alle diese Schwierigkeiten liessen sich nur überwinden, wenn die amerikanische Regierung den deutschen Absichten freundlich gegenüberstünde; aber nach der Haltung der Nazis in der Frage der Anleihen und in der Frage des Handelsvertrags konnte Herr Schacht das wirklich nicht erwarten. Zu dem Scheitern der Pläne über B- 29Tauschaktionen mit Baumwolle trug wahrscheinlich auch bei, dass die Baumwolle offensichtlich zu Rüstungszwecken bestimmt war. Es dürfte der amerikanischen Regierung nicht gepasst haben, sich sagen zu lassen, dass sie aussergewöhnliche Wege beschreite, um die vertragswidrige Aufrüstung Deutschlands zu erleichtern. Noch viel weniger war jemals irgend eine Aussicht auf einen grösseren Kredit zur Finanzierung von Baumwollausfuhren, obwohl sich Schacht auch darum sehr bemüht hat. Zu den Misserfolgen der Nazis in ihrer Politik gegenüber dem offiziellen Amerika hat sicherlich auch der Umstand beigetragen, dass der deutsche Botschafter Dr. Luther sich des aufrichtigsten Hasses Dr. Schachts erfreut. Das stammt noch aus der Zeit, da Luther Reichsbankpräsident war und Schacht es gerr werden wollte. Luther ist kein Nazis; er kann es auch vor den Amerikanern nicht verhehlen. Desto übereifriger ist er natürlich, Erfolge nach Hause zu bringen. Da er weder von Natur noch durch Schulung ein Diplomat ist, so müsste er den Amerikanern durch Aufrichtigkeit imponieren. Aber wirklich aufrichtig über seinen Feind und Vorgesetzten Schacht zu sprechen, ist er sich nicht den Hals brechen will. für ihn unmöglich, wenn Und wenn auch sicherlich Schacht Devisen zu nötig braucht, um seinem Hass gegen Luther irgendwelche nützlichen Abmachungen zum Opfer zu bringen, so kann man sich doch unschwer vorstellen, wie die Reibungen hinter den Kulissen die Arbeit erschweren müssen. So spielt Luther, der Kanzler von Locarno, eine nicht unverdient, denn nur ein kleinrecht klägliche Rolle licher Ehrgeiz konnte ihn verführen, sich zum Wortführer des Hitler- Regimes in Washington ernennen zu lassen. Die Nazis hatten von vornherein in Amerika mit ungünstigen Bedingungen zu rechnen; aber es ist schwer zu sagen, ob sie nicht ohne ihre eigenen Fehler nicht doch ganz beträchtliche Erfolge hätten erzielen können. Manche Tendenzen wirken auch wieder zu ihren Gunsten. Vor allem die moralische Verurteilung des Friedensvertrages; aber auch eine Sympathie für Deutschland cie in Amerika nur für kürzere Zeit als in Europa durch den B- 30Krieg unterbrochen war. Viele Amerikaner können sich nicht vor. stellen, dass ein Land, dass sie so sehr schätzen, der Barbarei anheimgefallen ist. Sie sagen sich ganz richtig, dass das deutsche Volk, das sie kennen, nicht plötzlich aus Schurken und Sadisten bestehen könne. Sie verstehen nicht, weil sie in ihrer eigenen Geschichte kein Beispiel dafür haben, wie sehr eine Diktatur ein Volk irreführen, ihm die Möglichkeit der eigenen. Urteilsbildung nehmen kann. Dazu kommt, dass viele Amerikaner nach Deutschland fahren und dort der deutschen Propaganda unterliegen, vor allem aber meinen, sie hätten die Verhältnisse kennen gelernt, wenn sie ein paar Wochen im Zug oder im Auto durchs Land reisen. Sie kommen dann zurück und verbreiten die Meinung, dass die Zeitungen" übertrieben" hätten, und dass abgesehen von ein paar bedauerlichen Entgleisungen in der Judenfrage die deutsche Regierung, die sich der Unterstützung aller Volkskreise erfreue, auch die Sympathi en Amerikas verdiene. Zweifellos werden sich diese Stimmen 1936 durch die Olympiadereisenden vervielfachen, und vorübergehend wird das die Stimmung Amerikas gegenüber den Nazis verbessern. Das wird freilich nur bis zum nächsten grossen Fehler der Nazis dauern. Wenn auch die Nazis sal bst die zuverlässigsten Helfer ihrer Gegner waren, kann man doch nicht übersehen, dass auch die Gegenbewegung eine Anzahl von Fehlern begangen hat. Der Boykott gegen deutsche Waren hat dazu beigetragen, dass der Kampf gegen die Nazis mit einem Kampf gegen Deutschland verwechselt wurde: er hat im ganzen psychologisch mehr geschadet als genützt. Nicht alles, was von jüdischer Seite an Propaganda unternommen wurde, war zweckmässig. Während eine Reihe amerikanischer Juden vollkommen verstanden, dass es sich um einen Kampf gegen Unterdrückung schlechthin handle, fassten andere den Kampf zu sehr als eine rein jüdische Sache auf. Die Kommunisten hatten zuviel Freude daran, ihren eigenen Anhängern eine angreiferische Taktik vorzuführen, und dachten zu wenig an die Psychologie derer, die von der Notwendigkeit des Kampfes gegen Hitler erst noch überzeugt werden müssen. Das war auch bei dem vielerörterten : y, B-31- Flaggenzwischenfall der"Bremen" so, wo kommunistische Demonstranten die Hakenkreuzflagge vom Schiff herunterrissen. Das hat schlecht gewirkt, wie auch das Urteil des Richters Brodsky, der mehrere der Demonstranten sehr glimpflich behandelte mit der Begründung, sie hätten die Hakenkreuzflagge für eine Art Piratenflagge angesehen. Viele Amerikaner, die scharfe Nazigegner sind, haben es bedauert, dass die amerikanische Regierung auf diese Weise durch amerikanische Staatsangehörige gezwungen wurde, sich bei Hitler zu entschuldigen. Freilich hatten die Nazis in dieser Sache auch wieder Pech: Richter Brodsky, den(lobbels für einen Juden erklärte, entstammt- wie die amerikanischen Zeitungen alsbald berichteten- einer rein katholisch-slavischen Familie, aber der New Yorker Polizist, der bei Verteidigung der Hakenkreuzfahne verwundet wurde, ist Ostjude. Einzelne Vorgänge aber ändern nichts am grossen Zug der Ereignisse. Amerika ist antifaschistisch und wird es bleiben. Dass es in europäische Streitigkeiten nicht einzugreifen wünscht, ist verständlich. Um Amerika mehr als bisher zu einem aktiven Faktor in dem geistigen Kampf zwischen Faschismus und Demokratie zu machen, wird man es von der Bedeutung dieses Weltkampfes überzeugen müssen. Dann wird die schon angebahnte Erkenntnis zum vollen Durchbruoh kommen, dass in einem solchen Kampf zwar für den Staat die Neutralität des Handelns, nicht aber für die Nation die Neutralität der Gesinnung möglich ist, und dann wird das volle moralische Gewicht der öffentlichen Meinung Amerikas in die Wagschale der Demokratie fallen. Eine der Hauptaufgaben antifaschi sti scher Aufklärungsarbeit in den Vereinigten Staaten ist die Abwehr der Hitlerpropaganda unter den Deutsch-Amerikanern. Viele von ihnen haben noch nicht begriifen, dass Hitler und Deutschland nicht ein und dasselbe sind; sie halten sich noch immer für verpflichtet, Hitler zu verteidigen, wenn sie Deutschland verteidigen wollen. Freilich hat sich diese Haltung deutsch-amerikanischer Kreise schon stark aufgelockert. Der Antisemitismus gefällt den meisten von B-32ihnen nicht, denn Juden haben in vielen deutschen Vereinen mi tgearbeitet und sind vielfach die hervorragendsten Vertreter deutscher Bildung; die Festlegung auf ein Staatsprinzip, das dem amerikanischen so sehr entgegengesetzt ist wie das nationalsozialistische, macht es dem einzelnen schwer, sich zur amerikanischen Tradition zu bekennen, was doch die Mehrzahl der Deutschamerikaner will; die Abschaffung der schwarz- weiss- roten Flagge hat viele konservative Deutschamerikaner schwer beleidigt; die aufdringliche, tumultuöse Art der Naziagenten in den deutschen Vereinen schafft Verärgerung und Reibungen. Einzelne deutsche Vereine haben sich vom Nazismus schon offen abgewendet, andere betonen ihre Neutralität, unter vier Augen sprechen viele führende Persönlichkeiten des Deutschtums im schärfsten Tone über das heutige deutsche Regime. Die Vorträge Gerhart Segers und des katholisch- republikanischen Prinzen Loewenstein haben auf die Deutschamerikaner ebenso stark gewirkt wie auf die Angelsachen. Aber viel bleibt noch zu tun. Die vorwärtsgerichteten Kräfte haben in Amerika die Oberhand und werden auf die Dauer das Schicksal des Landes bestimmen. Aber ganz sicher wird das nicht ohne Rückschläge geschehen. Vielleicht bringt schon die nächste Präsidentenwahl einen solchen Rückschlag. Aber keine amerikanische Regierung, auch nicht eine reaktionäre, kann es wagen, dem amerikanischen Volk die Rechte einer Demokratie zu nehmen. So wird jede reaktionäre Periode in der Zukunft des Landes, ebenso wie es in seiner Vergangenheit der Fall war, nur ein zeitweises Irregehei des Volkswillen bedeuten, das vom Volk selbst wieder gutgemacht werden kann und wird.