Deutschland- Bericht der Sopade Prag. 3. Jahrg. Nr. 3. März 1936. Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Der" Wahlkampf" A 1 1 Die Methoden der Druck und Wirkung des Der Propagandarummel Wahlagitation Terrors 2) Der Truppeneinmarsch in das Rheinland Berichte aus dem Rheinland ,. dem Ruhrgebiet, der Pfalz, aus Baden, Bayern, Sachsen und Schlesien Nachträge aus Berlin und Hamburg 20 20 II. Aus der Wirtschaft 1) Die Lebensmittelversorgung Der Eiermangel- Die Versorgung mit Butter und Fetten Die Fleischknappheit 2) Die Preise 3) Die Beschäftigungslage 4) Der Rohstoffmangel 5) Sorgen um die Währung III. Der Arbeitseinsatz Die Bedeutung der Notstandsarbeiten- Die Pflichtarbeit der Wohlfahrtserwerbslosen Methoden der Arbeitsvermittlung- Formen der Kurzarbeit- Die Umschulung von ArbeitskräfDie Verpflanzung der Arbeiter aufs Land Landhilfe und Frauenarbeitsdienst Der Arbeitsdank- Die Arbeitsbeschaffung auf dem Lande ten G 34a 35 35 49 54 56 бо 44788 46 Te 1 1 B: Uebersichten Die Rheinland Besetzung I. Aussenpolitische Ursachen und Wirkungen B 1 1) Die Krise der kollektiven Sicherheit 2) Die Ziele der Hitler- Politik 3) Das Stadium der Verwirrung 4) Die grossen Gegensätze 5) Zerrissenes Europa II. Innenpolitische Ursachen und Wirkungen 1) Deutschland braucht eine Atempause 2) Der Sinn der" Wahl" 29 35 35 41 17323 57 . A-1Teil& ( Abgeschlossen am 2. April 1936) I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Der" Wahlkampf" Ueber die Reichstagswahl vom 29. März liegen bis jetzt erst Berichte aus einigen Landesteilen vor. Sie genügen jedoch, um den Eindruck zu bestätigen, dass der Propagandarummel, der aus diesem Anlass veranstaltet wurde, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Sie zeigen aber auch, dass dieser Propagandarummel nur wenig echte Begeisterung zu erwecken vermochte. Bayern, 1.Bericht: Von der ersten grossen Wahlkundgebung in München am Samstag, den 14. März können wir berichten: Die Grosskundgebung am Samstag war ein Glanzstück nationalsozialistischer Festregie. Schon aus den Vorankündigungen in der Presse konnte man schliessen, dass bei dieser Kundgebung alles überboten werden sollte, was je auf diesem Gebiete gezeigt wurde. Nicht nur München als Feststadt, auch Ober- und Niederbayern wurde alarmiert. 40 Sonderzüge brachten am Samstag die Teilnehmer nach München, andere Massen wurden mit Lastkraftwagen befördert. Am Hauptbahnhof spielte während des Empfanges dauernd eine Militärkapelle. In der ganzen Stadt wurden auf allen grösseren Plätzen Stadtkonzerte gegeben. Die Umgebung der Bahnhöfe war den ganzen Nachmittag erfüllt mit marschierenden Kolonnen, die alle auf die Theresienwiese hinauszogen. Auf dem Wege zur Theresienwiese fiel nur auf, dass soviele Menschen dem Stadtinnern zuströmten: die Neugierigen wollten die Anfahrt des Führers sehen, die über die Mozartstrasse. erfolgen sollte. Hier konnte man wieder einmal sehen, dass die Masse weniger daran interessiert war, den Führer reden zu hören, als den theatralischen Aufzug zu bestaunen. Wie wird der Führer ausschauen? Wieviele Begleitwagen werden dabei sein? Sieht er angegriffen aus?- Immer wieder wirkt Hitler als Persönlichkeit, immer wieder wird der Mann bestaunt, den man die ungeheuere Leistung der nationalsozialistischen Machtorganisation zuschreibt. A -2Am Kreuzungspunkt Bayer- Martin Greifstrasse stauten sich die Menschen, hauptsächlich Provinzler, die mit Autos hereingebracht worden waren. Die beiden Grosswirtschaften Pschorr und Hackerbräu, die gleich in der Nähe liegen, waren zum Bersten voll. Wir kamen auf den Bavariaring und die in Dunkel getauchte Theresienwiese. Bei einem der Haupteingänge musste man den Eindruck bekommen als ob das Feld erfüllt wäre von Menschen. Nach 8 Uhr flammten die Scheinwerfer auf und man konnte teilweise das Wiesengelände überblicken. Die meisten Leute ballten sich auf der Auffahrtsrampe zum Ausstellungsgelände. Dort war auch die Elitetruppe der Partei postiert. Rings um den Bavariaring leuchteten rote Lampions an den Fenstern auf. Die Halle I im Ausstellungsgelände war hell beleuchtet und vorne war ein riesengrosses Hakenkreuz angebracht. Dunkler Märzhimmel überspannte ein fantastisches Lichtermeer. Jedem, der vom Bavariaring über das leuchtende, wogende Riesenfeld schauen konnte, musste dieser Anblick Bewunderung und Staunen aufzwingen. Die Massen standen in Erwartung der kommenden Dinge. Die Regie hatte alles Menschenmögliche getan, der Zauber konnte beginnen. Die Reden wurden übertragen durch 200 Pilzlautsprecher, die über die ganze Theresienwiese verteilt waren. Nach 9 Uhr erloschen die Scheinwerfer, man wusste: jetzt kommt der Führer. Alle Häuser am Bavariaring wurden mit rotem bengalischem Feuer beleuchtet. Von der Ruhmeshalle an der Bavaria wurden Raketen in die Luft geschossen. Wir überquerten die Wiese, um in die Nähe der Anfahrt strasse zu kommen. Ständig mussten wir gespannte Drähte über springen, die gezogen waren, um den Aufmarsch der einzelnen Formationen der Reihenfolge nach zu erleichtern. Ein riesiger Schafpferch! Ueberall lagen in grossen Haufen über die ganze Wiese verteilt die für den Fackelzug vorgesehenen 250.000 Jute fackeln. Seit 2 Stunden standen nun schon die Massen. Mit dem Fortschreiten der Nacht machte sich die Kälte empfindlich bemerkbar. Ein frostiger Wind strich über die Wiese, alle begannen zu frieren. Man suchte sich durch Bewegungen zu erwärmen. Da kam jemand auf den Gedanken, einen Haufen der bereit liegenden Fackeln zu entzünden. Kaum war so ein Anfang gemacht, als nach kurzer Zeit Dutzende solcher Haufen in Flammen standen. Die Aufsichtsorgane rannten umher und suchten die Fackeln zu retten, denn sie waren doch für den Zug in die Stadt vorgesehen, aber die Frierenden kümmerten sich nicht um die Befehle. Sobald ein Haufen brannte, war er nicht mehr zu löschen und schnell standen die Menschen um ihn herum und suchten etwas von der Wärme zu profitieren. Die ganze Wiese glich einem Indianerlager. Dass unter diesen Umständen herzlich wenige auf die Rede des Führers hörten, ist leicht begreiflich. Viele begannen schon zu murren, dass heute gar so lang geredet werde, dass nun endlich Schluss sein möge usw. Der A-3Grossteil der Zivilbevölkerung, die man nicht innerhalb der Drahtabsperrungen zwingen konnte auszuharren bis der Führer seine Rede beendet hatte, machten sich zeitig auf den Heimweg, nicht ohne vorher eine Anzahl von Fackeln hinter ihren Mänteln verschwinden zu lassen. Die SA war gezwungen, wenn sie noch Fackeln retten wollte, eigene Kontrollkommandos an den Ausgängen zur Stadt aufzustellen und die Heimkehrenden durchsuchen zu lassen. Ganze Berge von Fackeln wurden so den treuen Volksgenossen abgenommen. SA- Leute schimpften auf die Ausreisser:" Wenn Ihr schon nicht da bleibt, so lasst doch wenigstens die Fackeln da. Wir müssen auch dableiben und können nicht wegrennen. Ein kleines Opfer könnt Ihr doch auch bringen; usw. usw." Aber niemand liess sich durch diese Ermahnungen von der Flucht abhalten. Als nach der Rede des Führers die Parteiformationen im grossen Karree offen gegen die Bavaria aufgestellt wurden, um so die geeignete Staffage für die Durchfahrt des Führers zu geben, merkte man erst, dass neben den militärischen Gliederungen kein Volk mehr auf der Wiese war. Das Volk war heimgegangen und sah sich dann den Fackelzug der SA vom Fenster aus an. Die Volksgenossen aus der Provinz, deren Sonderzüge in den Morgenstunden wieder zurückfuhren, erfüllten die grossen Bierhallen der Stadt mit lärmendem Getriebe. Bier floss reichlich. Die Teilnehmerzahl an der Kundgebung wird mit 300.000 angegeben. Nach unseren genauen Schätzungen hat sie jedoch 200.000 nicht überschritten. Im Urteil der Bevölkerung klang immer wieder die Frage auf " Was das alles gekostet hat? Die Fackeln allein kosteten mindestens 30.000 Mark, dann der Transport, das Freibier, die ganze Aufmachung, die Lautsprecher usw." Ungeheuere Summen wurden errechnet und dann Vergleiche mit den Sammlungen des Winterhilfswerkes gezogen." In einem ganzen Monat Winterhilfssammlungen kommt soviel nicht zusammen, wie da an einem einzigen Abend hinausgehaut wird." Das sind Aeusserungen, die man unter Vertrauten hören konnte. Wie die wirkliche Stimmung der Bevölkerung ist, konnte man anlässlich der Rheinland besetzung auf dem flachen Lande beobachten. Dort war der durch Radioübertragungen und SA- Aufmärsche inszenierte Begeisterungstaumel nirgends zu spüren. Bewegung war nur dort, wo die Nazis ihre Organisationen nach den Regieanweisungen in Bewegung setzten. Wir können verschiedene Dörfer nennen, wo sich nach der Führerrede keinerlei Bewegung bemerkbar machte. Erst als die Wahlpropaganda einsetzte, wurden die Leute aufgeschreckt. In X. kam am 17. nachmittags 4 Uhr ein Propagandawagen der Gauleitung. Mit lauter Marschmusik fuhr er ins Dorf und machte auf dem Dorfplatz halt. Alles rannte natürlich aus Neugierde herbei, um diese Absonderlichkeit zu bestaunen. Der A-4Wagen war mit einer riesigen Aufschrift bedeckt:" Wir wolle Frieden, Freiheit und Ehre, deshalb stimmen wir für Adolf Hitler!" Weithin hörte man die Marschmusik, was die Bewohner der nächs tliegenden Arbeiterhäuser der Moorkultur anlockte, die, soweit sie abkommen konnten, auf dem Rad herbeikamen. Einige sind sogar von der Arbeit auf dem Felde weggelaufen. Nachdem ca. 150 bis 200 Menschen bei sammen waren, wurden Schallplatten mit Ausschnitten aus Hitlerund Goebbelsreden gespielt. Eine Viertelstunde währte das, dann sprach noch ein Gauredner und forderte zur Wahl auf. Nach dem Deutschland- und Horst Wessellied verliess der Wagen unter dem Jubel der Jugend wieder das Dorf. In der ersten Wahlwoche wurden schon in allen grösseren Provinzstädten riesige Wahlkundgebungen abgehalten. Nach Rosenheim und Traunstein fuhren zu den Kundge bungen, in denen Gauleiter Wagner sprach, eigens Sonderzüge, die die Bauern der Umgegend her beizubringen hatten. Die günstige Gelegenheit, wieder einmal billig in die Stadt zu kommen, bewog viele, an den Fahrten teilzunehmen. Während in Rosenheim die Kundgebung stattfand, kreuzte gerade der neue Zeppelin über der Stadt. Die SA wurde aus dem ganzen Bezirk zusammengerufen und mit Lastwagen in die Stadt gebracht. Man suchte Kampfzeittage vorzutäuschen. Mit fliegenden Fahnen und Sprechchören auf offenen Lastwagen raste die SA und die Hitler jugend über das Land. Die Dörfer hållten wied von dem Geschrei sich ablösender Sprechkolonnen. Die Leute fragten sich, warum dieser ganze riesige Aufwand, wenn man doch nichts anderes wählen kann als Hitler. Ueber den Ausgang der Wahl ist man fast einer Meinung, dass es natürlich ein voller Erfolg für die Nazis wird, denn es ist ja sinnlos, dagegen zu stimmen. Da werden dann Erlebnisse aus der letzten Wahl erzählt und über den Schwin. del getuschelt, der getrieben wurde. 2. Bericht: Im Gau Bayerische Ostmark sind in den letzten 14 Tagen vor der Wahl 4.000 Versammlungen abgehalten worden. SA, HJ, die Werkscharen der Arbeitsfront und die anderen Gliederungen der Partei veranstalteten Wanderkundgebungen, die bis in die kleinsten Orte reichten. 50 Lautsprecherwagen übertrugen Reden des Führers, des Gauleiters und der anderen Würdenträger. In allen Städten des Gaues wurden in den Abendstunden auf den Marktplätzen durch Lichtbildwerfer Wahldiapositive profiziert. Dazu kamen Musik- Kapellen oder Schallplattenmusik, Sprechchöre der HJ und des Jungvolks, kurze Ansprachen der Kreisleiter oder Ortsgruppenleiter der NSDAP, Trommelwirbel, Fanfarenklänge usw. Die Titel der vorgeführten Bilderreihen und Wahlfilme lauteten: Lichtbildreihe" Der Weg des Hakenkreuzes in der Welt", " Das Recht auf Arbeit und Brot" " Adolf Hitler, unser Führer" " Das neue Deutschland baut" " Das Recht auf Arbeit und Brot" A- 5In Industriebetrieben wurden der Arbeiterschaft die Tonfilme" Hände am Werk"," Deutschland- gestern und heute" und" Madeirafahrt" durch den KdF- Tonfilmwagen vorgeführt. In den kinolosen Orten des Gaues brachten die Tonfilmwagen der Gaufilmstelle auf den Marktplätzen abends den Wahlkurztonfilm" Deutschland- gestern und heute öffentlich im Freien zur Vorführung. Die Freilichtvorführung wurde durch Schallplattenmusik oder Musikkapellen eingeleitet. Sachsen, 1.Bericht: Die DAF in Eibenstock, einem Städtchen mit etwa 10.000 Einwohnern, hat an ihre Amtswalter zur Wahl das nachstehende Rundschreiben( siehe Seite 6) gerichtet, das vor allem wegen des am 28. März veranstalteten" spontanen" Fackelzuges Beachtung verdient. 2. Bericht( Dresden): Vor allen Dingen eine Unzahl von Werbeplakaten aller Art und Transparenten. Weitere Flugblätter die Unmasse! Sehr begeistert haben die SA- Leute und die sonstigen zum Austragen Gepressten ihren Dienst nicht getan. Man fand nämlich in öffentlichen Bedürfnisanstalten und Aborten von Restaurants etc. ganze Bündel Flugblätter vor. Die Woche vor der" Wahl" war das Treiben besonders schlimm. Mit SA besetzte Autos rollten ständig zur Tag- und Nachtzeit mit Sprechchören und Schallplattenmusik durch die Strassen, teilweise von da ins Land hinaus. An den Plakatsäulen standen des Abends fackeltragende NSKK- Leute mit ihren Sturzhelmen vor den Bildern des" Führers". An den Strassenkreuzungen, besonders am Sonntag, standen überall SA- Posten und beklebten einfach jedes daherkommende Auto oder Motorrad mit Werbeplakaten. Die Hauswarte und sonstigen Beauftragten der verschiedenen Organisationen kontrollierten äusserst eifrig die Beflaggung und das Anbringen der Werbeplakate. Insbesonders erging es den Geschäftsleuten schlecht, die alle ihre Schaufenster grösstenteils mit den verschiedenen Ergüssen bekleben mussten oder einfach beklebt erhielten. Auch die Reichspost machte Wahlpropaganda, wie der nachstehende Brief stempel zeigt: Deinen Führer 15 15 De Tches Reich Leutines Beach In den Arbeitervierteln, insbesondere in Dresden- Löbtau sind aber nachts viele Werbeplakate herabgerissen und mit " Sozialistischen Aktionen", Wahlaufrufen und kommunistischen Propagandablättern überklebt worden. Die Polizei musste einige Abteilungen einsetzen, die mühselig die Lebensbekundungen der Neinsager entfernten! A-6Die Deutsche Arbeitsfront, Ortswaltung Eibenstock. Mel. Eibenstock, den 18. März 1936. Rundschreiben Nr. 10/36. An sämtliche DAF. Walter,- Warte& Walterinnen unserer Ortswaltung. Zum 3. Male ruft unser Führer das ganze deutsche Volk an die Wahlurne. Zur Vorbereitung und Ausführung der am 29. März 1936 stattfindenden Neuwahl des Reichstages haben wir als Antswaiter und Träger der Nation uns voll für den Wahlkampf zur Verfügung zu stellen. Wir haben die Pflicht in der Eroberungsschlacht um die Seele des deutschen Menschen mitzukämpfen, wie es der Führer gefordert hat. Wir ordnen demzufolge für alle uniformierten und auch nichtuniformierten DAF.- Amtswalter unserer Ortswaltung folgendes an: Dienstplan. Donnerstag, den 19. März 1936, abends 6.15 Uhr stellen vor der Ortswaltung zum Propagandamarsch durch die Stadt. - Anschliessend im Feldschlösschen spricht Landesbauernführer Parteigenosse Körner. Sonnabend, den 21. März 1936, abends 20 Uhr im Feldschlösschen" Werbe. a bend der Jugend" Hieran haben sich ebenfalls alle DAF.- Walter& Walterinnen vollzählig zu beteiligen. Dienstag, den 24. März 1936, abends 6.15 Uhr stellen vor der 3rtswaltung zum Propagandamarsch durch die Stadt. - Daran anschliessend spricht Brigadeführer 0 we, Parteigenosse im " Deutschen Haus Sonnabend, den 28. März 1936, Gemeinschaftsempfang der Rede des Führers. spontaner Fackelzug durch die Stadt. Jm Anschluss daran Sonntag, den 29. März 1936 dann zur Wahlurne. Beginn in den Wahllokalen 8 Uhr. • An den Propagandamärschen nehmen unsere Amtswalterinnen nicht teil. Jedoch haben sie sich an allen übrigen Veranstaltungen vollzählig zu beteiligen. DAF.- Walter& Warte, Kameraden und Kameradinnen. Die Wichtigkeit der bevorstehenden Volksbefragung dürfte Euch bekannt sein. Stellt in diesem Kampf für unser deutsches Volk alle 100% ig Eueren Mann. Der Führer lebt ja nur für dieses Velk und Jhr sollt dazu beitragen, das er von ihm ein einziges Dank- und Treuébekenntnis erhält. bitte wenden. Keiner unserer Mitarbeiter darf feige beiseite stehen; er gehört da dann nicht in unseren Reihen und ist nicht wert der Deutsohen Volksgemeinschaft anzugehören. Alle DAF.- Walter& Warte werden, sofern uns nicht ein triftiger Entschuldigungsgrund schriftlich bekanntgegeben wird, mutig und gerne ihre Pflicht erfüllen und an jedem Dienst lt, vorstehendem Dienstplan vollzählig teilnehmen. Besondere Einladungen zu den einzelnen Veranstaltungen ergehen nicht mehr. Bedenket, Euch hat der Führer Euere Ehre und Freiheit wiedergegeben! Was gebt Jhr dem Führer! Heil Hitler! Die Deutsche Arbeitsfront, Ortswaltung Eibenstock. Haus Morguer A-7Was die Stimmung im Volke allgemein anbelangt, so ist diese nach den öffentlichen Rundfunkmeldungen ungeheuer begeistert. Nur sind wir alle sehr verwundert, dass im Gegensatz zu diesen öffentlichen Radio- und Zeitungsberichten in gewöhnlichen Alltagsverkehr alles mit sehr gleichgültigen Gesichtern herumläuft und man nicht mehr so frei und offen, wie noch im vorigen Jahre für die heilige Sache der Nazis eintritt. Aber überall konnte ich Gruppen zusammenstehen sehen und auf den Anlagenbänken hörte man Gespräche, die einem in der Seele wohl ta ten. Das war alles andere als zustimmende Begeisterung. In der vorigen Woche hat sich übrigens auch die Winterhilfe noch einmal sehr angestrengt. Es musste doch den Empfängern klargemacht werden, wie die Rheinland besetzung allen hilft. Eine fünfköpfige Familie bekam ein Warenpaket und pro Kopf einen Wertschein über 50 Pfg. 3. Bericht: Wir erleben augenblicklich bei uns ein fabelhaftes Theater, genannt Wahlkampf, das in Worte zu kleiden, ganz unmöglich ist. Es spottet jeder Beschreibung, was da an Lüge und Verdrehung geleistet wird. Man möchte diesen Betrügern die Mäuler breitschlagen, die allen Betrug in der Welt zusammengenommen weit in den Schatten stellen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass das deutsche Volk mit diesen Leuten eines Sinnes ist. Südwestdeutschland: Der Wahlkampf, wie die Nazis den Rummel nennen, bekam seinen ersten Auftrieb durch die Hitlerrede in Karlsruhe. Bei den Mannheimer Nazis war eine gewisse Enttäuschung, denn sie hatten erwartet, dass Adolf bei ihnen sprechen würde. Als die Karlsruher Tagung festgesetzt war, rechneten wir nun damit, dass eine Völkerwanderung von Mannheim nach Karlsruhe einsetzen werde. Wir waren aber angenehm enttäuscht. Tatsächlich sind von Mannheim aus ganze vier Extrazüge nach Karlsruhe gefahren, wobei zwei in Mannheim nur halb besetzt werden durften, weil für die anderen Orte auf der Strecke noch Raum gelassen werden sollte. Am 17. März sprach dann der Stellvertreter des Führers Hess in Mannheim. Selbstverständlich war die Kundgebung voll besucht, denn es mussten sowohl in Mannheim, wie in der Umgebung, einschliesslich der Pfalz, also der Stadt Ludwigshafen, die verschiedenen Formationen geschlossen antreten. Vom Arbeitsdienst über die DAF, bis zu den höchsten Gliederungen der Partei. Die Mannheimer schimpften zunächst einmal recht. kräftig, dass als Eintrittsgeld in diese Zwangsversammlung eine Reichsmark bezahlt werden musste und dass man in einzelnen Fabriken gleich den Betrag vom Lohne abgezofen hat. In den Fabriken, wo dies nicht geschah, sind nur wenige Karten vorverkauft worden. Einzelne kleinere Unternehmer, die nur ein paar Leute beschäftigten, hatten kurzerhand die Karten selbst gekauft und ihren Leuten geschenkt. Es wurden darüber Witze gerissen, dass in den Zeitungen A-8wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es wegen der Gefahr von Verletzungen verboten sei, auf führende Persönlichkeiten Blumen zu werfen. In Wirtschaften konnte man des öftern hören, dass die Leute wohl Angst hätten, es könnte auf diese Art einmal eine Handgranate in Blumen eingewikkelt sein. In Mannheim wurden in der Nacht, die dem Auftreten von Hess voranging, sämtliche Hotels durch die Polizei kontrolliert. Jeder Hotelgast wurde auf Herz und Nieren geprüft. Aus Karlsruhe wurde gemeldet, dass dies bei dem Auftreten Hitlers noch viel toller gewesen wäre. Am Sonntag, den 22. März lagen die Wählerlisten zur Einsicht auf. Während bei den Wahlen vor 1933 an diesen Tagen grosser Betrieb auf dem Wahlamt war, weil Tausende ihre Eintragung berichtigen lassen wollten, blieb diesmal alles ruhig. Da es völlig ausgeschlossen ist, dass die Wahlkartothek mit über 195.000 Wahlberechtigten so fehlerfrei ist, dass es keines Nachsehens bedurfte, kann gefolgert werden, dass es der Masse der Wähler gleichgültig ist, ob sie in der Wählerliste steht oder nicht. Aus Oberbaden wird berichtet: Die Wahlpropaganda wird in allen Gegenden ganz intensiv durchgeführt. Es ist eigentlich kein Gegner da und trotzdem wird alles bis auf den letzten Mann mobilisiert. Man könnte fast meinen, dass die Nazis um ihre Existenz ringen müssten und einen ganzen Haufen schwer angreifender Gegner vor sich haben. Dabei darf doch kein Mensch auch nur den Mund aufmachen, ganz zu schweigen davon, dass ein gegneris cher Kandidat aufgestellt werden könnte. Dieser Kraftaufwand wirkt fast lächerlich. Allgemach kommt dies auch in den Bevölkerungskreisen zum Durchbruch. Die Zeitungen sind überhaupt nicht mehr zu lesen, denn sie sind alle vollgepackt mit dem Nachweis, dass es dem deutschen Volke noch nie so gut gegangen ist, wie gerade jetzt unter der Hitler- Parteiwirtschaft. Norddeutschland( Hildesheim): Wir haben nun mal wieder Appell mit Zettel und Umschlägen. Die Belegschaften hatten schon, oder haben noch in den letzten Tagen Parole- Empfang zum 29. März, d.h. in den Arbeitspausen oder nach Feierabend wird alles zusammengetrieben, keiner darf den Betrieb verlassen; dann müssen sich diese" freiwillig" Zusammengekommenen die Reden eines Naziagitators oder gar die Uebertragung einer Führerrede anhören. Was dort alles zusammen gequatscht wird, kann sich ein vernünftiger Mensch gar nicht vorstellen. Nach dem, was der Führer alles geschaffen hat, muss das deutsche Volk bis zum Anbruch der glorreichen Revolution 1933 ungefähr in Höhlen gelebt haben und halbnackt herumgelaufen sein. Ich habe das Gefühl, dass diese Uebertreibungen das Gegenteil von dem erreichen, was man will. Die Arbeitslosen haben durch die Winterhilfe bereits Extraportionen, sogenannten Wahlspeck, empfangen. Ihr werdet ja ebenso wenig wie wir von Illusionen erfüllt sein. A-9Abes eines kann man hier bestimmt feststellen, dass eine allgemeine Gleichgültigkeit dem 29. gegenüber herrscht. Bemerkenswert ist hier nur das dauernde Kursieren des Gerüchts von einer bevorstehenden Abwertung der Mark um 33%. Weiter will das Gerücht nicht verstummen, dass gleich nach der Wahl ein Abbau der Beamtenbesoldung und der Löhne durchgeführt werden soll. ( Hamburg): Der Wahlkampf wurde hier durch Goebbels eröffnet und durch den Führer selbst auf den Höhepunkt getrieben. Was alles aufgestellt wird, kann sich ein vernünftiger Mensch gar nicht vorstellen, zumal ja niemand weiss, gegen wen eigentlich dieser" Wahlkampf" geführt wird. 15 Als der Führer kam, wurden in ganz Hamburg Extrablätter verteilt in der Grösse einer Zeitungsseite; auf denselben stand nichts weiter als" Jeder Deutsche flaggt heute. Die Fahnen bleiben bis zur Abreise des Führers draussen. Alle Geschäfte schliessen um 5 Uhr.- Die Polizeistunde wird bis morgens 4 Uhr verlängert." Weiter war darauf eine Kartenskizze, auf der der genaue Weg vom Hauptbahnhof bis zur Hanseatenhalle verzeichnet war. An den Strassen, die " ER" passierte, waren immer wenige Meter voneinander entfernt Fahnenmasten aufgestellt und alles mit Guirlanden geschmückt. Allerdings war das Blumenwerfen unter Androhung schwerer Strafen verboten. Man hatte wahrscheinlich Angst, dass sich an den Blumen Töpfe befinden könnten. Alle Organisationen waren aufgeboten, von den Schulkindern bis zum SALandsturm. Was der Führer geredet hat, ist ja allgemein bekannt. Neben der Anrufung des lieben Gottes hat er sich jetzt angewöhnt, in jedem zweiten Satz" ICH" zu sagen. Wir haben jedoch das Gefühl, dass bis weit in die Kreise der früheren Nazianhänger eine gewisse Gleichgültigkeit um sich gegriffen hat. Natürlich werden am 29. über 90% hinter dem Führer stehen. Wir haben hin und her überlegt, aber eine Möglichkeit, den Stimmzettel ungültig zu machen, nicht herausgefunden. Man wird auf alle Fälle versuchen, jeden Stimmzettel für gültig zu erklären. Irgendwelche näheren Bekanntmachungen sind nicht erlassen. In den Betrieben ist selbstverständlich Parole ausgegeben. Flugblätter werden in den Massen und in der verschiedensten Art verteilt. Ueberall sind grosse Plakate und Transparente angebracht. Man hat das Gefühl, als ob diese ganze Aufmachung und der ganze Tamtam der Verbergung innerer Unsicherheit und innerer Angst dient. ( Lübeck): Ihr könnt Euch keinen Begriff davon machen, was hier alles aufgestellt wird. An allen Geschäften, an allen Anschlagsäulen befinden sich Plakate, die zur Wahl aufrufen. An allen Taxis sind nicht nur kleine Hakenkreuzwimpel, sondern gleichfalls kleine Wahlplakate angebracht. Auf dem Hauptbahnhof ist ein grosses Transparent gespannt mit der A-10Aufschrift" Wir Eisenbahner wählen Adolf Hitler". Ein Lautsprecher in der Bahnhof shalle bringt abwechselnd Musikstücke und die Aufforderung, für Adolf Hitler zu stimmen. Die Lokomotiven sind gleichfalls mit Plakaten behängt oder direkt bemalt. Die Aufschriften heissen:" Adolf Hitler hat sein Wort gehalten"" Der Führer gab uns Arbeit und Brot" usw. Die gleichen Feststellungen konnte man in Rostock und in Schwerin machen. ( Kiel): Die Strassen sind geschmückt mit grossen Transparenten mit sehr schönen Sprüchen. Nur einige davon: " Der Geist des neuen Deutschland ist der Geist des Friedens " Unser Führer hat Wort gehalten, wir danken ihm am 29. März." " Wir halten von der Welt den Bolschewismus fern." " Wir wollen den Frieden und die Ehre." " Der Führer schaffte Arbeit, Brot und Ehre." An den Neubauten befinden sich grosse Transparente mit folgender Aufschrift: " Dass wir hier bauen, verdanken wir dem Führer." Die SA macht Abend für Abend in der Stadt und auf dem Lande Umzüge mit ihren Sprech chören. In den Betrieben sind nach Feierabend grosse Versammlungen. Ausser Goebbels sprachen hier eine ganze Anzahl anderer Redner in den einzelnen Stadtteilen. In jedem Kino, in jeder Vorstellung:" Wahlpropaganda" In Wort und Schrift. Man könnte mitunter glauben, dass der grösste Teil der Menschen nicht ganz normal ist. Unser Führer will nach all diesen Ausführungen den Frieden. Ich weiss nur nicht, wozu er dann all die Kriegsschiffe, Untersee boote, Flugzeuge, Tanks, grosse Kanonen, Befestigungen usw. baut. Trotzdem werden wohl 90% Stimmen für Hitler herauskommen, das hat der Propagandaminister schon im voraus festgesetzt. Soweit sich bis jetzt die Methoden der Wahlagitation übersehen lassen, hat das Regime vorwiegend mit folgenden Argumenten gearbeitet: 1. In der Form war zwar die Abstimmung eine Reichstagswahl, in der Sache aber war alles auf die Person des" Führers" abgestellt. Der Name des Führers stand in hervorstechendem Grossdruck auf den Stimmzetteln; in jeder Versammlungseinladung, auf jedem Flugblatt ging es um das Bekenntnis zum" Führer" und noch bei der Bekanntgabe der Wahlresultate wurden die Stimmen für oder gegen den" Führer" gezählt. 2. In erster Linie stand die Abstimmung unter der aussenpolitischen Parole der Regierungserklärung vom 7. März. Der Stimmzettel trug den Kopf" Reichstag für Freiheit und Frieden". A- 11Aber daneben wurde auch viel mit inner politischen Argumenten gearbeitet. Die" Wahl" als Dank des Volkes für die bisherigen Leistungen des" Führers" und als Treuegelöbnis für die Zukunft. Dabei spielten der Bolschewisten schreck und die Leistungen der Kraft durch Freude, vor allem die Madeira- Fahrten, eine besondere Rolle. 3. Es wurde der Eindruck zu erwecken versucht, als ob die Abstimmung zugleich eine Art Versöhnungsfeier des siegreichen Nationalsozialismus mit seinen unterlegenen innenpolitischen Gegnern darstelle. Es ist bezeichnend, dass sich vor allem Streicher dabei hervortat. Unsere Berichterstatter haben uns verschiedene Propagandamaterialien des Regimes übermittelt. Zur Wahlkundgebung Hitler: in München gab z.B. die NSDAP nachstehendes Flugblatt heraus. Männer und Frauen Münchens! Serans zur Riefenfundgebung für Bolk und Führer! Heute 20 Uhr fpricht Adolf Hitler in den Ausstellungshallen und auf der Theresienwiese zum nationalsozialistischen München! Demonstriert für einen Frieden der Ehre! Demonstriert für Freiheit und Brot! Demonstriert gegen Zwietracht und Verrat! Demonstriert gegen die Kriegshetzer der Welt! Demonstriert gegen den Bolschewismus! Dantt dem Führer, der 6 Millionen deutschen Brüdern wieder Arbeit und Brot gab! Dantt dem Führer, der Deutschland Kraft und Stärke gab! Unsere Ehre: Treu dem Führer! Deshalb Münchener heißt heute die parole: Auf zu Adolf Hitler! Reiner darf fehlen an diesem Ehrentag Münchens! Traditionsgau München- Oberbayern der RGDAP. gez. Adolf Wagner Der NSDAP- Gau Bayerische Ostmark hat die auf den nächsten beiden Seiten wiedergegebenen Wahlaufrufe herausgebracht. Da uns auch aus anderen Landesteilen Flugblättern mit gleichem Text zugegangen sind, handelt es sich hier offenbar um Wahlmaterial der Reichspropagandaleitung. In Berlin wurde ein Plakat verwendet, das folgenden Text enthielt: T Der Arbeiter braucht Erholung! 5 Millionen Arbeiter waren im Jahre 1935 auf Reisen davon 133.000 auf Madeira Diese soziale Tat hat Adolf Hitler vollbracht. Unter dem Titel" Die Sprache der Tatsachen" erschien eine Wahlbroschüre, in deren Einleitung es heisst: " Adolf Hitler hat das deutsche Volk zur Wahl gerufen, nicht, weil Zweifel darüber bestehen, ob es weiterhin seinem Führer vertraut, oder weil eine inner politische Krise einen Wahlsieg der Regierung notwendig gemacht hätte, sondern weil das deutsche Volk noch einmal vor aller Welt dokumentieren soll: Adolf Hitler vertritt das deutsche Volk, und dieses gibt ihm mit seinem gläubigen Vertrauen alle für seine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe erforderlichen Vollmachten. Es wird in diesem Wahlkampf keine" Parolen" und keine Versprechungen geben. Und es bedarf ihrer auch nicht. Denn heute schon sprechen die Erfolge des Führers für sich. Ohne Betonung grundsätzlicher programmatischer Fragen, ohne Polemik mit gegnerischen Weltanschauungen soll die geistige Auseinandersetzung geführt werden. Allein die international anerkannten, mit den Mitteln der wissenschaftlichen Statistik erarbeiteten Zahlen über die erfolgreiche Arbeit der nationalsozialistischen Staatsführung sollen hier zu Wort kommen.... Wo in der grossen Geschichte des deutschen Volkes hat je ein politischer Führer ähnliches an Leistungen aufzuweisen? Der Frontsoldat des Weltkrieges, der mit wenigen Getreuen den Kampf um das Leben des deutschen Volkes aufnahm, von den einen als Narr verlacht, von den anderen als Verderber des deutschen Volkes angeprangert, ist der langersehnte Staatsmann geworden, der das deutsche Volk nach seinem tiefen Fall zu dem ihm vom Geschick bisher versagten Glück führt. Der Inhalt ist dann in folgende Abschnitte gegliedert: Volksgemeinschaft Die politische Einheit Der Arbeitsdienst A-15Der deutsche Arbeiter als vollwertiges Glied der Volksgemeinschaft Der Volks- Rundfunk Das Werk der Winterhilfe Die Rettung der Sozialversicherung Arbeit Die Arbeitsschlacht Der Aufstieg im Geschäftsleben Der Aufbau in der Industrie Die Rettung des Handwerks Die Modernisierung des Verkehrs Die aufsteigende Kurve des Volkseinkommens Brot Die Erzeugungsschlacht Der feste und gerechte Preis Die Einheit des Bauernstandes Die Sicherung des Hofes Freiheit Die Befreiung von den Tributen Die Wehrfreiheit Die Souveränität des Reiches Die Gleichberechtigung." Die Darstellung kommt zu dem Schluss: " Deutschland hat wieder Zukunft. Deutschland ist wieder Grossmacht. Deutschland gilt wieder in der Welt. Das ist allein das Werk Adolf Hitlers! Das alles hat Adolf Hitler in drei Jahren geschaffen! Den grossen Erfolgen des Führers kann der sein Volk liebende Deutsche nur in schweigender Bewunderung gegenüberstehen. Mit Stolz wird er sich zu der heutigen Generation der Deutschen zählen, der das Geschick es vergönnt hat, dem Führer bei seiner geschichtlichen Aufgabe zu helfen." ?? Aus Westdeutschland und von der Wasserkante ist uns ein Wahlbilderbogen 9 x sozialpolitische Tatsachen" zugegangen, der angeblich von der" Belegschaft des deutschen Verlages für Politik und Wirtschaft" herausgegeben worden ist. Wir bringen auf der nächsten Seite eine verkleinerte teilweise Wiedergabe. Die Zeichnungen stammen von dem bekannten Mitarbeiter der" Berliner Illustrirten Zeitung". E.0.Plauen. Diesem Bilderbogen ist folgende Zusammenstellung angefügt: A- 17" Wusstest Du das schon? 1. Zahl der Eheschliessungen: 1932 und 1933 2. Geburten: 1,1 Millionen 1,4 Millionen 1934 und 1935 1932 und 1933 1,9 Millionen 1934 und 1935 rd. 2 1/2" 3. Bei unverschuldeter Arbeitsversäumnung( Krankheit, Betrieb sunfall) früher in den ersten 3 Tagen keine Lohnfortzahlung. Heute überwiegend vorgesehen. 4. Bezahlter Urlaub. Jetzt in allen Tarifordnungen Vorschrift. Urlaubsneugestaltung für Jugendliche: vor 1933: 3-9 Tage, nachher: im 1.Lehr jahr im 2.Lehrjahr im 3.Lehr jahr 12- 18 Tage 9-15 Tage 6- 12 Tage 409 5. KdF: 1934 und 1935 reisten 5 Millionen Arbeiter 6. KdF: Veranstaltungen( Theater usw.): 1934 und 1935 60 Millionen Besucher. 7. Opfer der Arbeit. Kurze Zeit besteht die Stiftung und schon über 3 Millionen ausgezahlt. 8. Ehrengerichte schützen die soziale Ehre. Es wird durchgegriffen, denn auf loo Verfahren kommen nur 4 Freisprüche. 9. Sozialversicherungsschutz geniessen: 24 Millionen in der Unfallversicherung, 17 1/2 Millionen in der Invalidenversicherung, 4 Millionen in der Angestelltenversicherung. Das kann sich sehen lassen! Deine Stimme gehört Adolf Hitler!" Schliesslich wird aus Bayern berichtet: In der Provinzpresse werden noch mehr als in der Grossstadtpresse und in den Reden die schauervollsten Berichte aus Russland und über den Bolschewismus abgedruckt. Briefe von irgendwelchen Leuten werden spaltenlang den Lesern vorgesetzt. Erklärungen von ehemaligen Kommunisten werden am laufenden Band geliefert. Auch die Vorfälle in Spanien werden durch phantasiebegabte Journalisten breitgetreten. Bei vielen Leuten entsteht dadurch wirklich ein gewisser Abscheu vor dem Bolschewismus, wenn auch andere wieder die tendenziöse Berichterstattung durchschauen. Auch diese" Wahl" hat sich wie die früheren unter dem Druck des umfassendsten und raffiniertesten Terrorsystems abgespielt, das je erdacht worden ist. Man hat sogar noch weitere Fortschritte in der Verfeinerung dieser Terrormethoden gemacht. Früher konnte man sich z.B. durch Beschaffung eines Stimmscheines( für das Wählen ausserhalb des Wohnbezirks) der Abstimmung entziehen. Diesmal wurden Stimmscheininhaber," die A-18von ihren Stimmscheinen aus irgendwelchen Gründen keinen Gebrauch machen konnten", aufgefordert," in ihrem eigensten Interessen die Stimmscheine an die zuständige Gemeindebhörde zurückzusenden.( Anordnung des Reichsinnenministers) Diesmal wurde auch die Polizei offen in den Dienst des Wahlzwanges gestellt mit der Aufgabe die bekannten 8 bis 10 v.H. Säumigen und Trägen an die Wahlurne zu holen, um für den Führer ihr Bekenntnis abzulegen."( Aufruf des Polizeibefehlshabers Generalleutnant Daluege) Auch die wenigen bisher eingegangenen Berichte geben schon einen Begriff von dem Druck und der Wirkung dieses Terrors: 410 Schlesien: Genossen, die kamen, um illegales Wahlmaterial zu holen, sagten mir, dass wir uns keine Vorstellung von dem Terror machen könnten, der in diesen Wochen vor allem auf die Arbeiterschaft wie mit Keulenschlägen herniedersause. Diese Genossen, die in der illegalen Arbeit stehen, und die auch unter den jetzigen Umständen den Mut haben, illegales Material zu verteilen, waren selbst Beispiele für die Wirkung dieses Terrors. Sie wollten mir absolut auseinandersetzen, dass in den Wahlurnen eine Vorrichtung getroffen sei, die dafür sorge, dass die Wahlumschläge in der Wahlurne in der Reihenfolge aufeinandergeschichtet zu liegen kommen, in der sie durch den Schlitz gesteckt werden. Die Abstimmenden würden dann jeder eine Nummer in der Reihenfolge erhalten, in der ihr Wahlumschlag in die Urne geworfen würde und anhand dieser Nummerierung könnte man dann genau feststellen, wie der Einzelne abgestimmt habe. Ebenso glaubten sie allen Ernstes daran, dass in den Wahllokalen in der Decke unmittelbar über der Wahlzelle ein Loch gebohrt werden würde, durch das man mit Hilfe eines Vergrösserungsglases ganz genau beobachten könnte, was der Wähler in der Wahlzelle mit dem Stimmzettel mache. Es war einfach nicht möglich, den Leuten, die doch wirklich nicht zu den Schlappschwänzen gehören, diese Märchen auszureden. Sie meinten, dass diesmal ja die Wahlfreiheit gar nicht garantiert worden sei und dass Frick seine diesbezügliche Erklärung von der früheren Wahl diesmal nicht wiederholt habe. Sie sagten immer wieder: Ihr könnt Euch einfach nicht vorstellen, was sich jetzt bei uns tut und wir glauben, dass es niemand wagen wird, am Sonntag seinen Stimmzettel ungültig zu machen. Der ganze Terror und der Wahlrummel richte sich fast ausschliesslich gegen die Arbeiterschaft Ihr sei man offenbar noch nicht ganz sicher, während man bei dem Bürgertum sich darauf verlasse, dass der Bolschewistenschreck nach wie vor seine Wirkung täte. A-19Bayern: Die Wahlkundgebungen wurden mit entsprechendem Terror vorbereitet. So erhielten die Bewohner von Selb und Umgebung zu ihrer Wahlkundgebung am 14. März eine besondere Karte zugestellt, die als Einladung zur Wahlkundgebung galt. Aber es war angeordnet:" Diese Karte ist beim Eintritt in die Versammlung vorzuzeigen." Die Karte hatte einen abtrennbaren Abschnitt, den der Versammlungsbesucher beim Eintritt in die Versammlung zurückerhielt, während die Karte im Versammlungslokal blieb. Dieser Abschnitt der Karte, den der Versammlungsbesucher mit einer entsprechenden Kennzeichnung zurückerhielt, musste aber bei der Wahl im Wahllokal mit vorgezeigt werden. Da nun jeder Wähler weiss, dass er zu dieser Wahl gehen muss( die Kontrolle macht ein Fernbleiben unmöglich), hat man auf diese Weise auch eine Kontrolle über den Besuch der Wahlkundgebungen. Sachsen, 1.Bericht: Es ist allen klar, dass die Wahl der aussenpolitischen Entlastung und der innerpolitischen Entspannung dienen soll. Man weiss, dass die Wahl ein Manöver ist. Nur mit der Willenskundge bung gegen das Regime sieht es nicht günstig aus, weil die Angst in hohem Masse die Masse in Schach hält. Ein ungeheuerer Aufwand von Propaganda wird getrieben. Alles ist darauf abgestellt: Wer nicht für uns ist, ist ein Volks verräter. Diese Worte haben einen abschreckenden Klang und mancher scheut unwillkürlich davor zurück, mit" Nein" zu stimmen. So wie der Stimmzettel aussieht, muss der Wähler, wenn er seine Meinung als Gegner des Regimes zum Ausdruck bringen will, unbedingt ein" Nein" auf den Stimmzettel schreiben. Zwar kann er ihn auch leer abgeben, aber dann kann nachträglich ein Kreuz eingezeichnet werden. Der Propagandawelle steht die Bevölkerung machtlos gegenüber. Aber oft können Gleichgültigkeit und Ablehnung beobachtet werden. Versammlungen werden nur dem Zwang gehorchend besucht. Die Angst, immer wieder durch Verhaftungen aufs neue gesteigert, wird aber dafür sorgen, dass trotz aller Gegnerschaft und Ablehnung die Zahl der Neinsager gering bleiben wird. 2. Bericht: In Aue sind in der ganzen Stadt Transparente, Lichtreklamen, Plakate, angebracht worden, kurz alles, was früher alle Parteien zusammen nicht fertig brachten, ist heute zu sehen. Die Menschen werden von derartiger Reklame seelisch erschlagen. Die Krönung ist immer wieder: Wer gegen uns ist, begeht Volksverrat. 3. Bericht: Der bevorstehenden Wahl bringt die Bevölkerung bis jetzt kein Interesse entgegen. Der gesamte Schulunterricht bis zum Wahltag wird auf Anordnung des NSDAP- Gauamts für Erzieher in den Dienst der Wahl gestellt. Die Kinder müssen einen Pflichtaufsatz schreiben:" Warum wird am 29. 3. gewählt?" Das Ganze ist eine" Zuverlässigkeitsprüfung" A-20für Kinder, Eltern und Lehrer; die Lehrer müssen über die Wahlarbeit in der Schule an die Behörde einen Bericht geben. Die Kinder sollen gefragt werden, warum die Eltern nicht flaggen. Die sächsischen Zeitungen, z. B. die Dresdner Neuesten Nachrichten, brachten Auszüge aus solchen Schulaufsätzen, die offensichtlich in den Redaktionsstuben entstanden waren. Pfalz: Der Terror für die Wahl am 29. wird schon organisiert. Bürckel hat bereits in einem Interview darauf hingewiesen, dass er Wert darauf legte, dass die Pfalz wieder an der Spitze steht. Dr. Ramm in Pirmasens hat in der Stadtrats sitzung erklärt, Pirmasens müsse wieder mit dem besten Resultat Deutschlands aufwarten. Die Durchsicht der Stimmbezirkseinteilungen ergibt, dass nicht mehr wie früher die Beamten als Wahlvorsteher fungieren, sondern nur noch echte SA- und SS- Schläger. Ueberall hört man die Bemerkung, wenn wir frei wählen könnten, bekämen die Nazis kaum 20% Stimmen. Man beneidet die Juden, die nicht wählen dürfen, denn aller Heldenmut hat keinen Sinn, wenn die Nein- Stimmen nachher doch nicht gezählt werden. 2) Der Truppeneinmarsch in das Rheinland Die einseitige Aufhebung der entmilitarisierten Zone durch das Regime hat nach den bei uns eingelaufenen Berichten keineswegs einen Begeisterungsta umel erweckt. Die erste Reaktion der breiten Masse war vielmehr: Steigerung der ohnehin vorhandenen Angst vor dem Kriege und Sorge vor den Gegenmassnahmen der Westmächte. Rheinland, 1. Bericht: Ein Textilreisender, der viel herumkommt berichtet: Die Sáche sieht nach der Rheinlandbesetzung böse aus. Man wird uns die Luft abschneiden. Ich kenne die. Franzosen und ich kenne die Engländer. Nicht, dass ich wüsste, dass ja einmal doch die endgültige Beseitigung des Diktates von Versailles kommen musste. Aber die Methode, die Hitler anwendet, verrät deutlicher denn alles andere seine Absichten. Das wissen auch viele Deutsche, die niemals Deutschland verlassen haben und die täglich unter dem Trommelfeuer der Nazi propaganda stehen. Ich sehe jedenfalls schwere Gefahren. Das Volk aber fühlt diese Gefahren auch und mancher fragt ängstlich:" Ob das wohl gut gehen wird?" Ich unterhalte mich öfters mit Soldaten. Viele von ihnen waren beim Einzug der Truppen ins Rheinland der Meinung, dass es nun losgehen würde. Die Stimmung war denn auch demgemäss. Ich bestreite entschieden, dass diese Soldaten alle in helle Kriegsbegeisterung verfallen sind. Gewiss, Soldat A.-21- spielen sie ganz gerne. Aber den Ernstfall fürchten sie, genau wie jeder andere vernünftige Mensch. Ich sagte einem Soldaten, dass es auf seine Abneigung gegen den Krieg gar nicht ankomme, er würde nachher seinen Befehl bekommen und dann würde er eben marschieren. Da meinte er, wenn ich mich man nicht täuschte. Die Soldaten hätten jetzt schon die Nase voll. Der Drill sei fürchterlich, die Kost würde immer schlechter und die Disziplin sei gar nicht so gut, wie es sich Viele vorstellten. Diese Jugend sei schwer zu regieren, sie sei voll von nationalsozialistischem"Geiste", der keine Rücksicht auf Aeltere oder gar auf das Alter kenne. � Es gibt eine Menge Leute, die den Weltkrieg mitgemacht haben. Diese sind ein starkes Gegengewicht gegen die hundertprozentig Kriegsbegeisterten. Ich bezweifle entschieden, dass es diesmal so leicht sein wird, das Volk in einen Begeisterungstaumel hineinzubringen. In den Militärvereinen, die dem neuen Reichskriegerbund angeschlossen sind, ist die Stimmung genau so. In diesen Vereinen sind viele, die eintraten, weil sie endlich all den alten Kram los sein wollten. In diesen Militärvereinen- ich bin selbst Mitglied der ehemaligen....- erklärt man sehr offen, dass man nicht mehr mitgehen werde. Wenn das Ausland wirklich stark bleibt, dann wird es für Hitler böse. Denn jetzt muss er alles schlucken, weil er für den Krieg nicht fertig ist. Wartet man noch länger, dann kann es zu einem sehr überraschenden neuen Coup kommen. Und am Ende kommt ja der Krieg doch. Das ist die Meinung aller Deutschen, die sich noch einen gesunden Sinn erhalten haben. Die Spannung ist wieder einmal aufs Höchste gestiegen. Lange geht das so nicht mehr weiter. Es liegt wieder allerhand in der Luft. Dieser Meinung bin nicht nur ich. Wir wissen zwar nicht, was da kommen kann und kommen wird. Aber die innere Unruhe ist da und man hat die Empfindung, als ob jeden Tag etwas passieren kann. Das Volk ist aufs Tiefste beunruhigt. Ein dicker Spiesser meint:"Es ist ja alles nicht so schlimm. Die anderen haben ja Angst vor uns. Hätte man bloss früher so eingegriffen."- Die Stimmung des Auslands interessiert ihn nicht:"Wir sind so stark, dass uns keiner anzugreifen wagt." Der Mann gibt an, nicht Hitleranhänger zu sein. Er vertritt die Meinung, dass Hitler nur solange geduldet würde, wie die Militärs ihn brauchten."Der ganze Schwindel der Partei wird- aufhören, wenn die Militärs ihn ganz satt haben. Dann wird das Militär bestimmen." Ein Sparkassenbeamter ist der Meinung, dass man jetzt Deutschland starke wirtschaftliche Schwierigkeiten machen wird. In Kreisen der Wirtschaft rechne man, wenn auch nicht mit Sanktionen, so doch mit ungeheueren Erschwerungen für die deutsche Wirtschaft. Angeblich ist die Wirtschaft im A-22besitz von Mitteilungen aus ihren internationalen Verbindungen, die erkennen lassen, dass Deutschland noch mehr wie bisher vom Weltmarkt abgeschlossen werden wird. Das aber werde, so meinen diese Kreise, Deutschland auf die Dauer nicht aushalten. Die Dinge trieben auf einen Zustand hin, der verhängnisvoll für Deutschland werden müsse. Viele Leute flüchteten in die Sachwerte. Alles habe grösste Angst vor der Zukunft. Ein SA- Mann meinte: Der Russenpakt habe nach dem Urteil vieler Nationalsozialisten durchaus nicht die Gefahr einer Bols chewisierung Frankreichs heraufbeschworen. Vielmehr frage man sich nach den Gründen, die die Franzosen beim Abschluss des Paktes gehabt haben mögen. Und man will nicht glauben, dass man in Frankreich weniger oder schlechter sehen könne. Eher glaubt man, Frankreich habe sich überzeugt, dass die bolschewistische Gefahr nicht grösser ist als die Gefahr, die ihm von dem nationalsozialistischen Deutschland drohe. Auf jeden Fall ist auch in dieser Beziehung mancher Nationalsozialist recht nachdenklich geworden. 2. Bericht: Die Bevölkerung rechnet allgemein mit dem Krieg und zwar mit einem baldigen Krieg. Diese Meinung wurde nicht erst durch die neuesten Vorgänge ausgelöst. Im Westen wird ausserdem mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Holland gerechnet. Viele glauben dafür gewisse Beobachtungen gemacht zu haben. Getarnte Truppen sollen sich an der holländischen Grenze befinden. Alle trauen den Nationalsozialisten den Wahnsinn eines neuen Krieges zu. Die Nationalsozialisten befinden sich in einer sehr üblen Situation. Niemand sieht einen gangbaren Ausweg und deshalb, so meint man, müssten sie einen Stoss nach aussen. führen. Bestimmte Beweise oder Tatsachen, die für eine solche Absicht sprechen könnten, vermag niemand anzuführen. Diese Auffassung aber ist in weiten Kreisen vorhanden. Und in Nazikreisen unterhält man sich offen darüber.. Jetzt, nach der Wiederbesetzung der entmilitarisierten Zone durch die Truppen herrscht am Rhein grosse Unruhe. Aus Aachen kamen Leute nach Belgien, um sich zu unterrichten, ob es wahr sei, dass die Belgier bereits in Anmarsch seien. Darüber erzähle man das und man erzähle weiter, dass die Belgier Stacheldrahtverhaue an der Grenze bauten, dass niemand mehr herüber dürfe und andere Dinge. Das Volk sei in grösster Aufregung. Es fürchte den Krieg; denn alle seien sich darüber klar, dass Deutschland diesen Krieg verlieren müsse und dass es dann in den Untergang ginge. Das Volk will den Krieg nicht, so wird uns weiter versichert, gerade jetzt, wo er in nächste Nähe gerückt zu sein scheint, kommt dem Volk die furchtbare Gefahr zum Bewusstsein. Die Reichswehr will den Krieg auch nicht. Nur gewisse Nazis wollen ihn; sie meinen, es könne Deutschland niemand mehr etwas anhaben, und die anderen hätten ja doch Angst. Wenn die französischen Soldaten erst einmal merkten, dass es Ernst würde, dann würden sie laufen wie die Hasen. A-23Wesentlich und interessant ist zur Stunde auch die Wirkung gewisser Radio- und Pressemeldungen der Goebbelspropaganda. Das deutsche Radio und die deutsche Presse haben mitgeteilt, die englische Arbeiterpartei habe die Sozialistische Arbeiter Internationale nach London eingeladen, um sie zu dem Beschluss zu beeinflussen, gegen Deutschland keine Sanktionen in Kraft zu setzen. Denn das bedeute den Krieg. Ein alter Sozialdemokrat sagte uns:" Ist denn das nicht toll? Dieser Bluthund Hitler, der in Deutschland die Sozialdemokraten tot. schlägt, sie einsperrt und zu jahrelangen und jahrzehntelangen Zuchthausstrafen verurteilen lässt, wird eventuell geschützt werden für seine verbrecherischen Taten in der auswärtigen Politik von denen, die Deutschland retten helfen sollten. Dieser Genosse. es ist ein Mann, der 40 Jahre Sozialdemokrat ist- war ganz verzweifelt über solche Aussicht. Man solle ihm doch nicht kommen mit der Redensart, die Engländer wollten den Krieg vermeiden. Nichts ist falscher als das, so meinte der Mann. Wolle man Hitler aufs Knie zwingen, dann müssten Sanktionen kommen. Die Dinge, die sich dann in Deutschland entwickeln würden, würden sehr schlimm werden, gewiss. Aber Sanktionen seien die einzige Möglichkeit, den Krieg zu vermeiden. Je länger man mit scharfen Massnahmen warte, umso sicherer käme der Krieg. Man solle sich doch nicht der Täuschung hingeben, dass Hitler und die Nazis überhaupt zu bekehren seien. Die würden ihren Krieg machen, wenn es ihnen passte. Es sei besser, jetzt als später das deutsche Volk und die Welt von der Pest der Regierung des Dritten Reiches zu befreien. Es sei gewiss unangenehm, sich als Sozialdemokrat in einer Lage zu befinden, die eigentlich nur die Hoffnung auf das Ausland lasse. Aber die Welt habe so etwas an Terror und Gemeinheit noch nicht gesehen und die Welt und die innerpolitischen Gegner des Systems hätten ein gemeinsames Interesse an der Beseitigung dieser Barbaren. Man könne ihm nicht vorwerfen, dass er sein Vaterland nicht liebe. Gerade weil er es liebe, weil er wolle, dass es nicht unterginge und weil er für später auf eine wirkliche Verständigung der Völker hoffe und hoffen könne, gerade deswegen sei er so bestürzt, dass die englischen Genossen nach den Meldungen der Presse und des Radios so zu versagen drohten. Der Genosse meinte weiter, dass viele Millionen Deutscher, nicht nur Sozialdemokraten, so dächten wie er. Die sozialistische Arbeiterinternationale würde unwiderruflich ihr ganzes Ansehen verlieren, wenn sie sich auf solch einen Kuhhandel einliesse.. Alle meine Einwände tat der Genosse ab mit der Entgegnung, wir sollten uns endlich alles Wenn und Aber abgewöhnen, alle Tifteleien hätten keinen Sinn. Entweder wir seien wirklich international und für den Frieden, wir seien wirklich konsequente Gegner des Faschismus in allen Ländern, oder wir seien Schlappschwänze, die überhaupt nicht wüssten, was sie wollten. A-24Die Besetzung der Rheinzone ist angeblich von der gesamten Bevölkerung mit grossem Jubel aufgenommen worden. Uebereinstimmend wird aus dem gesamten Westen gemeldet, dass es lediglich die Nazis waren, die jubelten und dass gewisse Geschäftsleute, die sich ein besseres Geschäft versprechen, ihrer Befriedigung Ausdruck verleihen. Die breite Masse hat den Rummel ziemlich teilnahmslos mit angesehen, von Jubel bei ihr kann keine Rede sein. Dagegen sind viele verwirrt und ebensoviele fragen besorgt:" Was wird das geben?" Die Angst vor dem Kriege, deren Chancen der einfache Mann sehr wohl kennt und die Angst vor dem furchtbaren Elend, das dann kommen würde, überwiegt und zwar beim grösseren Teil des Volkes. 3. Bericht: Die Besetzung des Rheinlandes wird im allgemeinen gebilligt. Man ist für das Militär sehr eingenommen, aber nicht für die Nazis. Die sogenannten militärischen Verbände der Nazis treten mehr und mehr in den Hintergrund. Die antibolschewistische Propaganda Hitlers verfängt nicht mehr in dem Masse wie früher. Je öfter Hitler die Gefahr des Bolschewismus an die Wand malt, umso geringer ist ihre Wirkung. Ja das Volk fragt sich, ob denn der Bolschewi smus noch so wie früher ist? Denn wenn sich das kapitalistische Frankreich mit Russland, den Bolschewisten, verbündet, dann muss sich etwas geändert haben. Da sich aber Frankreich kaum geändert haben dürfte, so ist es vielleicht Russland gewesen. Jedenfalls, so meint das Volk, wird Frankreich Grund gehabt haben, wenn es das Bündnis mit Russland einging. An die Möglichkeit, dass wirklich einmal der Bolschewismus in Deutschland zur Macht kommen könnte, glauben nur noch geringe Kreise der Bevölkerung. Ruhrgebiet: Es gibt im ganzen Gebiet kaum jemanden, der nicht wüsste, dass die Entscheidung, die am 29. 3. fallen soll, schon gefallen ist. Die Stimmen der Zweifler sind in dem Masse geringer geworden wie die Locarnomächte unentschlossener. Der" Führer" hat eben wieder einmal gezeigt, dass er die Politik des fait accompli souverän beherrscht. Er handelt, während seine Gegenspieler zaudern. Ist es nicht dieselbe Politik, der auch schon im Innern der Erfolg auf die Dauer immer sicherer wurde? Auch dort fand sich in den Parteien Unentschlossenheit und Schwäche- keine tragende politische, einsatzbereite Gegenkraft. Auch dort herrschte das Pathos der Deklamation statt des Wagnisses! Meckern und Nörgeln ist bei uns wieder sehr gefahrvoll geworden. Gerade in letzter Zeit macht sich wieder ein grauenhaftes Anschwellen des Angebertums bemerkbar. Da wird nicht lange gefackelt, denn sie" wissen, was sie tun". Unser Deutschland ist ein sehr schweigsames Land geworden, obwohl es gerade in diesen Tagen mächtig widerdröhnt von Sang und Geschrei. Die Versammlungen in den kleinen Orten sind selten gut besucht; nur die Abkommandierten sind zur Stelle; die A-25Uniform überwiegt; es sei denn, dass ein" ganz Grosser" daherkommt. Dann finden sich auch schon einmal einfache Bürger und hysterische Arbeiterfrauen ein, Leute mit engem Denkvermögen, für die es keine Problematik des Dritten Reiches gibt. Ihre Zahl ist gross genug. Der" Führer" kommt zu ihnen! Pfalz: Die Stimmung ist zurzeit beherrscht von der Kriegsfurcht. Der Truppen einmarsch in Ludwigshafen, Speyer und Germersheim wurde nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Die intensive Tätigkeit der Luftschutzbewegung in den letzten Monaten hat viel zu dieser Stimmung beigetragen. Dann hören die Leute, was die SA, SS- Leute, die beurlaubten Soldaten und die Schulkinder sagen, die alle nur vom kommenden Krieg sprechen, für den sie erzogen werden. Diese Stimmung kam stark zum Ausdruck durch den Versuch, von den Sparkassen Geld abzuheben, der aber durch strenge Massnahmen unterbunden wurde. Wer etwas abheben will, muss den Verwendungsnachweis bringen. Im allgemeinen dürfen nur 30 Mark abgegeben werden. Baden: Der Rheineinmarsch zeitigt bei der Bevölkerung recht verschiedene Einstellungen. Die eingeschworenen Nationalsozialisten, hauptsächlich die Jugend, sind förmlich begeistert von dem Vorgehen Hitlers. Bei dem Einmarsch der Truppen in Mannheim ge bärdete sich die Jugend stellenweise fast rasend. Grossmäulig wird von der jüngeren Nazigeneration darauf hingewiesen, dass ja die Franzosen doch nicht den Mut hätten, entschieden gegen Deutschland aufzutreten. Sie würden sich wohl öder übel mit der Tatsache abfinden müssen. Den Engländer schildern sie als einen klugen Kaufmann, der auf einen Kompromiss hinarbeiten wird, bei dem er auch noch was für sich herausschlagen werde. Den Italiener nimmt man nicht besonders tragisch, weil er mit seinem Konflikt in Ost- Afrika beschäftigt ist. Deuten ältere erfahrene Leute auf die Möglichkeit eines Krieges hin, dann wird dies auf die leichte Achsel genommen oder der Betreffende gar noch ausgelacht. Bürgerliche Schichten, Kleinkaufleute, Handwerker, kleine Fabrikanten, die nicht gerade eingeschworene Nazis sind, hegen die Hoffnung, dass Hitler bei der Sache doch eine Schlappe erleiden werde, um von seinem Nimbus schliesslich doch etwas einzubüssen. Man hört infolgedessen vielfach in diesen Kreisen sagen:" Wenn die Franzosen nur nicht nachgeben würden." Solche Aeusserungen sind aber nur in ganz vertrauten Kreisen zu hören und man merkt dabei bei gutem Hinhören eine innerliche Zerrissenheit heraus, denn meistens folgt. sofort die Bemerkung:" Auf der anderen Seite muss man natürlich auch aussprechen, dass es die Franzosen eigentlich nichts angeht, was wir in unserem eigenen Lande machen." In den Kreisen der Arbeiterschaft, soweit sie sich nicht geistig gleichschalten liess, also auch in ehemaligen A-26christlichen Arbeiterkreisen, wird allgemein die Erwartung ausgesprochen, dass Hitler doch auf den scharfen Widerstand der Franzosen subssen möge. Wenn Hitler auch nur gezwungen würde, einen Teil seiner Truppen zurückzuziehen, so würde dies bereits ein grosser Prestige- Verlust für ihn sein. Bislang sei doch immer noch die Einstellung in Deutschland und auch in der ganzen Welt, dass dem Hitler keiner beizukommen vermöge, er könne sich alles erlauben. Wenn er diesmal nicht durchdringe, dann wäre seiner Unfehlbarkeit ein schwerer Schlag versetzt, ein Schlag, der vielleicht doch weitere Volkskreise zum Nachdenken bringen könnte. Diese Auffassung findet sich aber nur bei einem kleinen Teil der Arbeiterschaft. Grosse Teile der Arbeiterschaft haben ebenfalls mit Genugtuung, ja teilweise sogar mit Jubel die Besetzung der Rheinzone begrüsst und waren auch durch den Hinweis auf einen etwaigen Krieg oder auch nur Sanktionen durchaus nicht zu ernüchtern. Diesem Teil der Arbeiterschaft ist vorläufig der Krieg durchaus kein Schrecken. Diese Haltung der Bevölkerung ist durchaus nicht etwa nur der Ausschnitt aus einer Stadt oder einem Gebietsteil. Ein Genosse musste in den entscheidenden Tagen so ziemlich ganz Baden und auch die Pfalz und die Saar durchreisen und hat jede Gelegenheit im Zuge oder in der Wirtschaft, wahrgenommen, möglichst viele Feststellungen über die Einstellung der Bevölkerung zu machen. Dieser Mann erklärte, dass er, je näher er dem Saargebiet gekommen sei, eine umso fanatischere Einstellung für den Einmarsch fand. Bayern, 1.Bericht:( München) Der Krieg am Horizont Europas, das ist heute die allen Deutschen gleiche Empfindung. Ob sie nun begeisterte Anhänger, gleichgültige Erdulder oder leidenschaftliche Verneiner des Nationalsozialismus sind. Alle erfühlen die Zwangsläufigkeit der Entwicklung zum Kriege. Verschieden ist nur die Haltung des einzelnen dieser Tatsache gegenüber. Der begeisterte Hitleranbeter, deren es trotz allgemeiner Schimpferei immer noch viele gibt, glaubt blind, dass es keine andere Politik für Deutschlands neuen Aufstieg gibt. Er ist fest davon überzeugt, dass Hitler keinen Krieg will, dass er mit den übrigen Völkern in Frieden leben will. Die anderen aber, die lassen Deutschland nicht leben, sie wollen dem deutschen Volke die Gleichberechtigung abstreiten. Hitler hat recht, wenn er nicht nachgibt, und wenn die anderen dem Reiche einen Krieg aufzwingen, so muss man eben durch diese Nacht hindurch. Das aber sei immer noch besser, als sich rechtlos dem Bolschewismus überantworten. Die wachsende Macht des Sowjetreiches ängstigt ihn und dagegen sucht er durch erhöhtes Geschrei und suggerierte Begeisterung aufzukommen. Je drohender die Gefahren aufsteigen, desto mehr blickt er zum Führer in der Hoffnung, dass er auch im Weltmasstabe sich durchsetzen wird. Zwischen Weltbolschewismus und Nationalsozialismus wird die Entscheidung fallen, über den Ausgang dieses Ringens ist sich der Verehrer Hitlers selbst nicht A-27klar. Das Angstgeschrei, das um ihn her ertönt, macht ihn nur noch unsicherer. Bei vielen ist das schon zu einer direkten Russlandpsychose geworden. 9 Die indifferente Masse das ist auch heute der Grossteil des Volkes- schaut dem Kriege vom Schrecken gebannt entgegen." Was da kommt, ist schrecklich, aber man kann nichts machen." Dabei denkt sich jeder, dass er schon irgendwie dem Grauen entkommen wird. Und weiter kommt man schon nicht mehr. Ein Schuld urteil über Hitler wird nicht gefällt. Wo geschimpft wird, dreht es sich meistens um Dinge, die den Einzelnen im Augenblick persönlich betreffen. Dass Hitler durch seine Politik Deutschland in eine verhängnisvolle Isolierung hineinmanöveriert hat, kommt kaum ins Bewusstsein der Masse. Fast alle, die sonst recht munter kritisieren, geben der Regierung in ihren aussenpolitischen Massnahmen recht. Bisweilen hört man eine leise Hoffnung, dass die Welt sich doch mit den deutschen Leben sansprüchen abfinden werde und dass es doch nicht zum Kriege zu kommen brauche. Aber es ist doch so: gedacht wird herzlich wenig. Der Grossteil der Arbeiterschaft ist solchen Auffassungen zuzurechnen. Die Scheinerfolge Hitlers verfangen auch hier. Man schimpft zwar über den wirtschaftlichen Druck und den Zwang zu Paraden und ähnlichen Schaustellungen, erkennt aber doch wieder an, dass Hitler vieles ganz richtig gemacht hat. So z. B. hat er die Kleinstaaterei beseitigt, hat den" Schwarzen" eins aufs Dach gegeben und hat doch grosszügig die Arbeitsbeschaffung angegangen. Die Verneiner des Regimes Opposition wäre zu viel gesagt glauben fast alle an die Unvermeidbarkeit eines Krieges, der aber nach ihrer Meinung den Sturz des Nationalsozialismus zur Folge haben würde. Es gibt nicht wenige, für die der Krieg eine Art Heilkur zu werden beginnt, von der man das Ende des Faschismus und ein neues Europa erwartet. Allerdings gehen die Ansichten über die Folgen eines Krieges oft weit auseinander. Meistens bestimmen Wunschträume diese Erwägungen. Der Russlandverehrer glaubt unbedingt an die Aufrichtung eines Sowjeteuropas, der Skeptische glaubt an die Teilung Deutschlands, der Katholik an die Wiederaufrichtung von Parteien, der Sozialdemokrat an eine sozialistische Demokratie mit einer autoritären Staatsgewalt. All diese Betrachtungen sind reichlich unklar. Beachtlich ist nur, dass man immer mehr mit dem Kriege direkt zu rechnen beginnt. Dass das heutige Regime ohne einen Krieg überwunden werden könnte, daran glauben nur wenige. Ohne Kampf werden die Hitler und Goering ihre Macht nicht abgeben. Da man in Deutschland niemanden sieht, der ihnen diesen Kampf aufzwingen könnte, hofft man auf eine aussen politische Katastrophe. Dem Kommunismus gibt man dabei die grössten Chancen. Heute hört man schon beachtliche Stimmen aus dem katholischen Lager, die sich fragen, ob und was von einem deutschen Kommunismus zu erwarten sei. Und immer sieht man dann Hitler als das kleinere Uebel an. Daraus ergibt sich die politische Unsicherheit des Katholiken. A-28Die Jugend hat im Rahmen dieser Auffassungen einen eigenen Platz. Sie wird immer unkritischer. Sie sieht die Welt schon durch eine Brille des Nationalsozialismus. Die wirkliche Lage in der sich Deutschland befindet, erkennt sie am wenigsten. Die neue Grossmachtideologie, deren verfängliche Lehren der Jugend Tag für Tag in allen nur erdenklichen Formen eingeimpft wird, tut ihre von uns viel zu wenig beachte te Wirkung. Der Alpdruck des Krieges macht sich aber auch bei denen bemerkbar, die bisher mutig die aktive illegale Arbeit förderten. Ob Sozialdemokraten, ob Kommunisten oder Front der anständigen Deutschen, bei allen zeigt sich eine sehr skeptische Beurteilung des augenblicklichen Erfolges ihrer politischen Arbeit. Man glaubt, dass die Exponierung jetzt falsch am Platze sei. Die Zersetzung des Regimes ist nicht zu erzwingen, ein kommender Krieg wird der beste Helfer der Revolution sein. In eine solche Gesamtstimmung hinein platzte nun die zwar schon vorausgesehene, aber doch zu diesem Zeitpunkt noch nicht erwartete Besetzung des Rheinlandes und die Auflösung des Reichstages. Die Rede Hitlers wurde auch auf den königlichen Platz in München übertragen, der von vielen Menschen besucht war. Die Erklärungen Hitlers wirkten im ersten Augenblick verblüffend, die Auflösung des Reichstags überraschte alle. Das hatte man nicht erwartet. Die geradezu herausfordernde Art, in der Hitler seinen Vertragsbruch zu len ,, die sonst weniger von begründen suchte, imponierte ihm begeistert sind. Es war uns interessant, aus den verschiedenen Aeusserungen, die man zu hören bekam, zu entnehmen, dass das nationale Empfinden in der Bevölkerung doch recht lebendig ist. Jeder empfand, dass in Hitlers Forderungen doch auch ein Stück Berechtigung steckt. Der Geist von Versailles ist allen Deutschen verhasst; Hitler hat nun diesen fluchwürdigen Vertrag doch zerrissen und den Franzosen vor die Füsse geworfen." Recht hat Hitler, wenn er die Gleichberechtigung Deutschlands fordert. Recht hat Hitler, wenn er es den anderen einmal gründlich sagt." Sehr beachtlich war ferner, dass niemand an sofortige kriegerische Verwicklungen glaubte." Was werden die anderen machen? Sie werden gar nichts machen, sie können doch deswegen keinen Krieg anfangen und das weiss auch Hitler ganz genau. Die Welt wird sich's überlegen, anzugreifen, dann ginge der ganze Hexenkessel los und die anderen wären schuld daran. Es wird ein bissl gekuhhandelt und dann wird es bleiben, wie Hitler sagt. Aber ein Kerl ist er doch, der Hitler, er hat den Mut, etwas zu wagen." So und ähnlich konnte man überall die Meinungen des Volkes hören. Dass dieser neue Vertragsbruch Hitlerdeutschland in der ganzen Welt in neuen Misskredit bringt, dass diese neue Tat Hitlers wieder ein Meilenstein auf dem Wege zum Höllenrachen der Vernichtung ist, das schien kaum einem zum Bewusstsein zu kommen. A-29Aber auch noch eins muss beachtet werden: Nirgends kam im ersten Augenblick eine Begeisterung spontan aus den Massen. Kein Geschrei nach der Rede, keine Volks bewegung. Man hörte sich die Sache mit Spannung an und ging wieder seiner Beschäftigung nach. Niemand kam es im ersten Augenblick zum Bewusstsein, dass nun wieder ein" Schritt von weltgeschichtlicher Grösse" getan sei. Was nun eigentlich zu geschehen habe und wie man sich zu der ganzen Sache verhalten muss, das hatte man den Anordnungen des Propagandaministeriums zu entnehmen. Diesmal konnte der unbefangene Beobachter recht deutlich merken, dass die später einsetzende" Begeisterungswelle" nicht der wirklichen Grundstimmung des Volkes entsprach. Dieses Volk wäre über die ganze Aktion rasch zur Tagesordnung übergegangen, wenn es seiner Stimmung hätte folgen können. Aber da setzte die grosse Begeisterungsmaschine ein und es vollzog sich, was wir schon oft beobachten konnten. Ein geradezu hypnotischer Druck begann sich zu entwickeln, man konnte ihm nicht entfliehen. Das teuflische Meisterwerk Goebbelscher Stimmungsmache setzte sich in Bewegung und zerrte und riss an jedem, bis er sich willenlos ergab. Das ist wie eine riesige Opiuminjektion für ein ganzes Volk.. Dazu kommt noch der wirtschaftliche Druck, der auf jeden wirksam ausgeübt werden kann. Mit fortschreitender Erfahrung wird dieses Netz immer engmaschiger. Mehr als je gleicht Deutschland einer riesigen Kaserne, keiner kann es straflos wagen, sich ihren Zwangsgesetzen zu entziehen. Und sollte er es auch fertig bringen, sich geistig über das Regime hinwegzusetzen, so ist er doch mit tausend Kleinigkeiten, ja mit seiner ganzen Existenz in dieses Riesensystem ewiger Unterwürfigkeit eingespannt. Das übt psychologische Wirkungen auf die Einstellung der Menschen aus. Der einzelne fühlt sich einem solchen System gegenüber machtlos und so gehorcht er ihm, wenn auch widerwillig. Er erwartet die Erlösung von höheren Mächten und verfällt in eine abwartende Gleichgültigkeit. Diese Tatsache wirkt der Bildung wirklich oppositioneller Strömungen entgegen. Es bedarf nur eines neu aufgezogenen Rummels und erste Ansätze einer sich langsam gleichrichtenden politischen Meinungsbildung werden wieder aufgehoben. Besonders interessant ist, dass man jetzt darangeht, die Stimmung bei Aufmärschen vorher zu organisieren, weil man der spontanen Massenbegeisterung nicht mehr trauen kann. So wurde uns von einem Mitglied des SA- Sturms X. berichtet, dass für die am Montag, den 9. März angesetzte grosse Kundgebung zur Erinnerung an den Tag der Machtergreifung in Bayern zuverlässige SA-Männer ausgesucht wurden, die besondere Instruktionen erhielten. Sie wurden besonders zusammengerufen und erhielten die Anweisung, sich am Montag in Zivil an genau bestimmten Punkten des Marienplatzes aufzustellen und dort durch Heil- Rufe und Beifallklatschen die allgemeine Stimmung zu beeinflussen. Es wurde ihnen auf getragen, auf A-30jeden Sieg- Schrei, der von einer bestimmten Richtung aus den vorderen Reihen kommt, mit lautem, sich immer wiederholendem" Heil zu antworten. Interessant dabei ist, dass der Vorschreier in der Nähe des Uebertragungsmikrophones stand. Diese Anordnungen wurden von den Leuten mit Verwunderung aufgenommen. Die" ausgesucht Verlässlichen" teilten das ihren Kameraden mit und sorgten so dafür, dass es im ganzen Sturm bekannt wurde. Von der Kundgebung selbst ist zu berichten: Um einhalb 8 Uhr marschierten die Gliederungen der Partei am Marienplatz auf und füllten allein schon den halben Platz. Die Mitglieder der Arbeitsfront wurden bei der samstägigen Lohnauszahlung angewiesen, sich am Montag nach Betriebsschluss für die Kundgebung bereitzuhalten. In einem Betrieb wurden am Montag die sonst benützten Ausgangstore geschlossen, damit die Arbeiter auf dem Fabrikhof zusammenbleiben sollten. Dagegen hat eine grössere Anzahl entschieden Stellung genommen. Die Tore wurden geöffnet und nicht ein Drittel der Belegschaft hat sich an dem Marsch zur Stadt beteiligt. Es wurde dann jedem freigestellt, ob er sich beteiligen will, oder ob er erst zum Essen heim geht. Die meisten mussten natürlich zum Essen. Gekommen sind sie dann nicht mehr. Die Hauseigentümer am Marienplatz wurden durch Anweisung über die Hauswarte verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihre Häuser beflaggt und Lampions an den Fenstern angebracht werden. Das Rathaus wurde mit Scheinwerfern beleuchtet, der Platz mit fackeltragender SA umsäumt. So war also der richtige Rahmen für die Kundgebung geschaffen. Während der Reden arbeiteten die bestellten Claqueure prompt, unterstützt von der Jugend. Der Beifall war deutlich merkbar nur auf die Teile des Platzes beschränkt, wo die Jugend und die Parteiformationen standen. Im Sektor der Arbeitsfront war von Be-. geisterung nichts zu spüren, im Gegenteil, man merkte ein verhaltenes Schweigen, das deutlich genug die innere Stimmung der Arbeiter zeigte. Mancher von den Arbeitern mochte an die Raubbanden des 9. März 1933 denken, die das mühsam erkämpfte Eigentum der Gewerkschaften entgegen allem Recht in Besitz nahmen. Auf dem Nachhauseweg hatte unser Beobachter ein Gespräch mit einigen Arbeitern, die sich untereinander kannten. Man kam auf die Rheinlandbesetzung zu sprechen. Unter der Zustimmung der anderen erklärte ein alter Gewerkschaftler: " Das Ausland ist selbst schuld, dass Hitler so frech wird. Hätte man nicht früher der Republik alles verweigert, was recht und billig gewesen ist, dann wäre Hitler gar nicht da. Nie wäre es so weit gekommen, wenn die europäischen Staatsmänner vernünftig gewesen wären. Jetzt ist nichts mehr zu machen, jetzt sollen sie schauen, wie sie mit ihm fertig werden." A-312.Bericht:( Augsburg) Die aussenpolitischen Erklärungen des Führers verfangen auch bei vielen Arbeitern, besonders aber bei der Jugend. Die feste Haltung, die der Führer in der Rheinland besetzung einnimmt, imponiert allgemein. Viele sind überzeugt, dass Deutschlands aussenpolitische Forderungen zu recht bestehen und nicht übergangen werden können. Die letzten Tage brachten dem Führer einen neuen grossen Gewinn seines persönlichen Ansehens auch bei den Arbeitern. 3. Bericht:( Niederbayern) Die Wirkung der Rheinlandbesetzung war im ersten Augenblick Hochstimmung, besonders bei den Nazis, wobei die einen mehr unterstrichen, dass Hitler eben doch ein schneidiger Kerl sei, er zeige es den anderen schon, während die anderen mehr seine diplomatische Klugheit hervorhoben. Dabei haben sie argumentiert, dass Hitler dieses Spiel ja doch vorher mit den Engländern abgekartet habe. Dieses vom" abgekarteten Spiel mit England" muss jemand in den Nazikreisen durchgesagt haben, denn es wurde von därt her am meisten kolportiert und zwar auch von solchen politischen Dummköpfen, die von sich aus auf solche Gedanken gar nicht kämen. Nachdem man aber doch gefühlt hat, dass die Sache auf Schwierigkeiten stösst, konnte man in den letzten Tagen so etwas wie ein Köpfehängen beobachten. Am einfachsten liegt die Sache für den grossen politisch indifferenten Haufen. In jenen Kreisen erklärt man einfach:" Er hat ja weil er nicht mehr wuss- te, das Rheinland besetzen müssen, wohin mit dem vielen Militär." Damit ist für diesen Volksteil die Sache auch zunächst erledigt gewesen. Etwas nachdenklicher wurden aber auch diese sonst Nichtsdenkenden, als gemeindeamtlich bekanntgegeben wurde, dass alle wehrfähigen Männer sich auf das Rathaus begeben müssen und als durchsickerte, dass man dort Stammrollen neu anlegt. Jetzt möchten sogar diese indifferenten Leute, besonders ihre Frauen, von früher bekannten Sozialdemokraten gern wissen, ob es etwa doch einen Krieg geben werde. Inzwischen ist bekannt geworden, dass die 44- und 45- Jährigen, die noch keine militärische Ausbildung durchgemacht haben, demnächst zu einer 8wöchigen militärischen Ausbildung eingezogen werden. Dadurch ist an Stelle der Begeisterung eine deutliche Ernüchterung getreten. Neben unseren erfahrenen Genossen sind es Leute im Bürgertum, die sich Sorgen machen. So äusserte ein Beamter zu einem unserer Genossen:" Das war doch die grösste Dummheit, die er bisher gemacht hat. Das läuft ja schliesslich doch auf den Krieg hinaus. Ich habe noch vom letzten Krieg genug. Sollen sie warten, bis das junge Zeug, das nichts anderes mehr lernt als Kriegsspielerei, zum Kriegführen alt genug ist." Ein katholischer Pfarrer zu einem Genossen:" Es wackelt bedenklich, ich habe es auch von einer Seite gehört, die etwas weiss. Er kann höchstens noch eine Katastrophe heraufbeschwören, bevor er verschwindet; vielleicht ist das der Anfang vom Ende." Zu dieser Stimmung passen natürlich die ständigen Luftschutzübungen und Versammlun A-32gen des Luftschutzdienstes. Nun darf man allerdings nicht übersehen, dass in diesem Gebiete, das überwiegend katholisch ist, die Hochstimmung für die Hitlerei längst vorbei ist und man deswegen alles, was geschieht, mit etwas mehr Reserve betrachtet. Ein Beispiel für die allgemeine Stimmung gab die Jahresgedenkfeier in X. für den früheren Gauleiter Schemm, der am 5. März 1935 mit dem Flugzeug tödlich verunglückte. Zu dieser Totenfeier sind z.B. von einer Fabrik, deren Belegschaft 200 Personen zählt, ganze 12 Mann unter Führung des Nazivertrauensrates anmarschiert. Beim Saaleingang haben sich davon noch 8 Mann verkrümelt. Aber auch sonst war die Einwohnerschaft von X. kaum vertreten. Ebenso beteiligte sich die Bevölkerung kaum an der Heldengedenkfeier, man liess den Kriegerverein und die Naziformationen allein. 4. Bericht:( Oberfranken) Was soll aus dem deutschen Volke werden? Die Alten, die wissen, was sie wollen, kennt man, sie dürfen sich gar nicht mehr rühren, weil sie unter schärfster Kontrolle stehen. Die Jugend ist für Hitler, seine Kraftsprüche und Kriegsvorbereitungen begeistert. Der grosse indifferente Haufen sieht dem Geschehen apathisch zu. Wenn da die Alten gar weg gestorben sind, dann wird ein Volk da sein, an das wir gar nicht mehr herankommen werden, das uns nicht versteht und das wir nicht verstehen. Die paar alten Genossen, mit denen man sprechen kann, sind verbittert, weil dem Gauner alles so mühelos in den Schoss fällt, worum wir vergeblich gekämpft haben; er wird eben einfach als der Befreier Deutschlands gefeiert; wir sind an der Verständigungspolitik zugrunde gegangen. Die Genossen sagen selbst, dass man zugeben müsse, dass alles raffiniert gemacht werde. Einige Besorgnis macht bei manchen die Registrierung auf den Rathäusern und Gemeindeämtern für die neuen Stammrollen.. Aber auch da ist die Meinung des grossen Haufen so, dass man dem Hitler im Ernstfalle nichts anhaben könne. Die Leute glauben, dass das deutsche Heer mit Waffen ausgerüstet ist, die man in der ganzen Welt nirgends mehr hat und dass man sozusagen über alle anderen leicht Herr werde. Bestärkt werden die Leute in diesem Glauben durch die ungeheueren militärischen Sicherungsmassnahmen an der Grenze und die systematischen Luftschutzübungen. Diese Erwägungen nehmen das ganze Denken der grossen Masse der Bevölkerung in Anspruch und über schlechten Geschäftsgang, niedere Löhne, Stabilität der Mark usw. diskutiert man gar nicht mehr besonders. Die grosse Masse glaubt, dass Hitler das alles schon noch in Ordnung bringen werde. 5. Bericht( Oberpfalz): Die ganze Bevölkerung ist bedenklich gestimmt und wenn es mit rechten Dingen bei der Wahl zugeht, bekommt Hitler in unserem Bezirk am 29. März keine 50% der Stimmen. Der Parteivorstand soll sein ganzes Gewicht in die Wagschale werfen, damit wirtschaftliche Sanktionen A-33gegen Deutschland sofort in Kraft treten. Die französischen Genossen sind aufzufordern, auf ihre Regierung einzuwirken, dass sie gegen Deutschland unnachgiebig bleibe. Nur durch Wirtschaftssanktionen gegen Deutschland kann dem System der Todesstoss versetzt werden. Die Grenzbefestigungen werden ständig verstärkt, ein kommender Krieg wird furchtbare Opfer kosten. Das kann erspart werden, wenn jetzt dem System der Garaus gemacht wird durch wirtschaftliche Massnahmen. Sachsen, 1.Bericht: Infolge der Besetzung des Rheinlandes wird in Deutschland viel von der Möglichkeit eines Krieges gesprochen. Politisch geschulte Arbeiter rechnen mit Sicherheit mit dem Ausbruch eines Krieges. Frühere Funktionäre der Arbeiterbewegung gehen noch weiter und behaupten, dass der Krieg noch in diesem Jahre, spätestens aber im Jahre 1937 ausbrechen werde. Aus allen Aeusserungen merkt man, dass sich die Bevölkerung bewusst ist, dass der Krieg fürchterliche Folgen haben wird. Verschiedene Frauen, deren Männer bereits den letzten Krieg mitgemacht haben, kamen die Tränen, als das Gespräch auf den Krieg kam. Dabei muss man bedenken, dass schon vordem die Angst vor dem Krieg weit verbreitet war, vor allem in den Grenzgebieten. Ein Vorfall beleuchtet grell die psychologische Situation: Am Morgen des 19. Februar hatte im Grenzgebiet bei Markhausen ein tschechischer Truppenteil eine Geländeübung. Gegen 6 Uhr trafen die markierten Gegner aufeinander und eine Schiesserei mit Platzpatronen begann. Hiervon wurden die Klingenthaler Einwohner plötzlich aus dem Schlaf geweckt. Wer Telefon im Hause hatte, bestürmte die Polizei und Gendarmerie mit Fragen, was denn nun eigentlich los sei. Als sich die Unruhe nicht legen wollte, wurde Militär nach Klingenthal gerufen. Gegen 1/2 11 Uhr vormittags trafen aus. Glauchau zwei Batterien motorisierte Artillerie mit Flachbahngeschützen ein. Diese rückten erst nach zwei Tagen von Zwota, wo sie einstweilen untergebracht waren, ab. In X. fand vorige Woche eine Monatsversammlung der NSDAP statt, in der ein alter Kämpfer die Rheinlandbesetzung kritisierte und vor einem Krieg warnte. Ihm wurde vom Vorsitzenden das Wort entzogen. Am nächsten Tage wurde der Mann zur Polizei bestellt, er wurde jedoch am gleichen Tage wieder entlassen. In Y. sind vorige Woche 4 Genossen durch Gestapobeamte verhaftet worden, weil sie die Rheinlandbesetzung kritisierten und erklärten, nun wäre bald das Ende des Dritten Reichs da, weil doch Hitler losschlagen und unterliegen würde. Die 4 Mann sind nach Sachsenburg gekommen. 2. Bericht: Leider hält man bei uns Hitlers Handeln für richtig. Es ist nun einmal so, dass bei uns, auch bei vielen Genossen, die Auffassung herrscht, die Friedensverträge seien ausschliesslich am Tiefstand der Existenzmöglichkeiten des deutschen Arbeiters schuld. Man übersieht dabei, dass A-34die Auspowerung durch Arbeitgeber und Behörden in einem Mass betrieben wird, wie es selbst der schwärzeste Schwarzseher nicht für möglich gehalten hätte, Schlesien, 1. Bericht: Die Stimmung unter der Bevölkerung, besonders in der Bürgerschaft ist geradezu deprimiert. Alles sieht ein Ende mit Schrecken kommen. Am Tage der Hitler- Rede im Reichstag steckten die Leute die Köpfe zusammen und raunten sich zu: Was soll nun werden, die führen ja Deutschland mit allen Mitteln ins Verderben. Das hat doch keiner von uns allen gewollt. Es wird nicht lange dauern und die Tschechen rücken hier ein. Das ist ja heller Wahnsinn mit dieser Militärpolitik usw. Die Sache muss ins Verderben führen, wann wird endlich der Tag kommen, wo man wieder ruhig schlafen kann. Dasselbe wird mir übereinstimmend aus anderen schlesischen Städten gemeldet. Alles wittert den Krieg und den Untergang Deutschlands. Diese Weltuntergangsstimmung macht sich am stärksten im Bürgertum bemerkbar, die Arbeiterschaft begreift leider immer noch nicht den Ernst der Lage. 2. Bericht: Seit der Hitler- Rede anlässlich der Rheinlandbesetzung wird auf den Stempelstellen wieder stark diskutiert. Man sah sich daher veranlasst, die Polizeistreifen vor dem Arbeitsamt zu verdreifachen. Es herrscht eine PanikStimmung wie in den Juli tagen 1932 oder in den Tagen um den 30. Juni 1934. Sobald drei Leute vor dem Arbeitsamt zusammenstehen, kommt die Polizei und fordert zum Weitergehen auf. Doch die Arbeitslosen lassen sich nur schwer davon abhalten, die Tagesfragen zu diskutieren. Am 13. März kam es daher zu einem ernsten Zwischenfall, der die Erbitterung nur noch gesteigert hat. Am Gneisenau- Platz neben dem Arbeitsamt stehen Bänke, die in der letzten Zeit ständig von den Arbeitslosen besetzt sind. Schupo fordert die Diskutierenden zum Weitergehen auf, die sich jedoch ihr Recht nicht nehmen liessen und teilweise lautaprotestierten und dabei auch abfällige Aeusserungen gegen das Regime laut werden liessen. Nach etlichen Minuten kam ein Ueberfallwagen, riegelte den Platz ab und nahm wahllos Verhaftungen vor. Der grösste Teil von ihnen ist auf dem Polizeipräsidium wieder entlassen worden, ein Teil sitzt heute noch, es sollen diejenigen sein, die die Aeusserungen gemacht haben sollen. Bei den Arbeitslosen ist die Misstimmung gestiegen." Wir werden uns nicht wie's Vieh auf die Lastwagen verladen lassen. Jetzt erst recht nicht: nein." Der Moskauer Sender wird viel gehört und darüber diskutiert. Oft ist es jedoch unmöglich, ein einziges Wort zu verstehen, da der Empfang gestört wird. Allgemein bedauert man es sehr, dass der Prager und Strassburger Sender jetzt völlig versagen. Man begreift es nicht, dass unabhängige, demokratische Staaten sich nicht getrauen, einen schärferen Ton gegen die Vertragsverletzungen des Regimes anzuschlagen. A- 34 a Naah trag Nach Abschluss dieses Abschnittes sind uns noch die folgenden zwei Berichte über die Rheinlandbesetzung und die" Wahl" zugegangen: Berlin: Die Begeisterung über die Rheinland besetzung und die Reichstagswahl ist gemacht. In den ersten Tagen der Besetzung herrschte in der Bevölkerung nicht Begeisterung, son dern grösste Sorge, dass es zu einem Gegenschlag und damit zu den ernstesten Verwicklungen kommen werde. Unter dem Eindruck dieser Befürchtungen kam sogar das Wirtschaftsleben ins Stocken. Man hielt zunächst mit Aufträgen zurück und wollte abwarten. In einzelnen Druckereien wurde z. B. auch die Weiterarbeit an neuen Büchern unterbrochen. Inzwischen sind die Arbeiten natürlich wieder aufgenommen worden. Bei unseren Genossen herrscht grosse Enttäuschung darüber, dass Hitler auch diese Provokation geglückt ist. Das Versager des Völkerbundes ist zu offenbar und wird durch die laue Durchführung der Sanktionsmassnahmen gegen Italien noch mehr sichtbar. Man ist überzeugt, dass nichts Ernstliches gegen Hitler unternommen wird, denn wenn man schon vor Italien zurückweicht, dann doch erst recht vor Deutschland. Unsere Genossen verstehen vor allem Englands Haltung nicht. Man ist, nicht nur bei unseren Freunden, der Auffassung, dass die. Naziregierung bei ihren Vorstössen von einflussreichen englischen Kreisen, besonders aus der Rüstungsindustrie gestützt wird. Man vermutet, dass die Rüstungsindustriellen, die an einer Aufrüstung Deutschlands das grösste Interesse haben, die Nazis im Glauben bestärken, England werde nichts gegen sie unternehmen. Das war schon so im Vorjahre bei der Verkündung der Wehrhoheit und ist jetzt wieder bei der Besetzung der Fall. Von der" Wahl" ist zu berichten: Um die Aufmerksamkeit auf die Rede Hitlers bei Krupp zu erzwingen, wurden die Arbeiter in den Betrieben festgehalten und die Tore gesperrt. Die Leute durften nicht nach Hause. Das führte in einer Anzahl von Betrieben zu Widerstandsregungen. So hatte zum Beispiel die Druckerei Oscar Brandstetter, Leipzig, ebenfalls die Tore geschlossen. Die Arbeiter schlugen Krach und weigerten sich dazubleiben. Sie verlangten vom Portier Oeffnung. Der verweigerte es und erklärte, dass die Namen der Arbeiter, die gehen wollten, festgestellt würden. Es wurde Polizei geholt, die sich aber unzuständig erklärte und die Arbeiter gehen liess. Aus dieser Erfahrung hat die Firmenleitung Schlüsse gezogen und schon veranlasst, dass bei der nächsten Gelegenheit die verschiedenen Betriebsgruppen wie Luftschutz-, Brandschutz- usw.-Funktionäre alarmiert werden. Sie sollen A- 346dann mit ihren Armbinden versehen den Ordnungsdienst vornehmen und gestützt auf ihre bessere Personenkenntnis die Namen der Widerspenstigen feststellen. Am Freitag vor der Wahl war das Berliner Strassenbild während der Uebertragung ungewöhnlich leer. Die Hauptursache dafür war, dass die Arbeitnehmer in den Betrieben zurückgehalten worden waren. Auf den Strassen selbst zeigte sich wenig oder besser: gar kein Interesse bei den Passanten. Denn was will es schon besagen, wenn in den Grosstadtstrassen 15 bis 20 Menschen vor den Lautsprechern standen und selbst auf den grossen Plätzen, über die jede Minute viele, viele Menschen laufen, nur Ansammlungen von etwa 100 Leuten zusammenkommen. Oppositionelle Stimmen wurden bei solchen Ansammlungen natürlich nicht laut; bei jedem Lautsprecher waren überdies Schutzleute postiert. Aber auch die Beifallsäusserungen blieben aus, von einigen wenigen SA-Leuten oder sonstigen Parteifunktionären abgesehen. Ueberhaupt war bei den vielen Umzügen, Fahnengeschichten usw. Begeisterung nicht festzustellen. Natürlich reisst viele die Musik an sich mit, aber das ist doch keine Begeisterung für den Nationalsozialismus. Für das Verhalten vieler ist eine kleine Episode wohl charakteristisch. Ich sass mit einem Freund im Café, weil ich wegen der Lautsprecherreden von der Strasse geflüchtet war. Wir kamen aber vom Regen in die Traufe. Auch im Café war der Radio- Apparat eingestellt und fing an, die Rede zu übertragen. Wir überlegten zunächst, ob man es wagen dürfte, während der Rede zu gehen, zahlten aber dann doch. Sowie wir den Anfang gemacht hatten, folgten ganz auffällig an mehreren anderen Tischen die Leute unserem Beispiel und gingen ebenfalls, während Adolf weiter redete. Der Terror war stärker als je zuvor. Die Wahlvorstände waren völlig mit Pgs. besetzt. Auch die bei der letzten Wahl noch vorhandenen unpolitischen, neutralen Beisitzer usw. sind ausgeschifft worden. Man erzählt sich, dass die Kuverts in manchen Wahllokalen gar nicht mehr geöffnet, sondern einfach gezählt und dann fortgeschafft wurden. Das Spitzelsystem ist weiter ausgebaut worden. Eine Anzahl von Reichsarbeitern in Spandau sind von der Gestapo verpflichtet worden, Spitzeldienste zu leisten. Die Leute werden veranlasst, in die Wirtschaften zu gehen, Gespräche zu provozieren und Feststellungen zu treffen. Sie erhalten für jeden Abend, an dem sie diesen Dienst tun, Zehrgeld und eine Ergreiferprämie. Das war besonders vor der Wahl stark organisiert. In den meisten Fällen war das Wahlgeheimnis schlecht gesichert. Die" Gardinen" an den Pulten fehlten in der Regel, so dass man von der Seite sehen konnte, wie gestimmt wurde. In anderen Fällen war man nur durch den Rücken des Nächsten von der Beobachtung durch die anderen getrennt. A- 34 cNach der Wahl redet niemand mehr davon. Sie ist kein interessantes Gesprächsthema und wird von niemanden wichtig genommen. Ein Gang am Wahlsonntag durch Berlin zeigte schon, wie wenig Interesse die Menschen für die Wahl aufgebracht haben. Es war kein Wahlfieber, keine Spannung über das Ergebnis der Wahl zu beobachten. Die Zeitungsausgaben mit den Nachrichten über die Wahl wurden wenig gekauft. Grosse Teile der Bevölkerung haben sich über den zu offensichtlichen Schwindel der 99% direkt geschämt. Wir haben uns über die viel zu plumpe Art der Fälschung sehr gefreut. In deutschnationalen Kreisen herrscht das Gefühl vor, dass durch diesen Schwindel der Gipfer erreicht worden ist. Ein Wahlkuriosium aus Berlin- Friedrichshagen: Nach den in der Friedrichshagener Lokalzeitung veröffentlichten Ergebnissen in 15 von den rund 20 Stimmbezirken des Ortes sind genau soviel Stimmen abgegeben worden, wie Wahlberechtigte vorhanden waren, in den restlichen 5 Bezirken hatte jeweils einer weniger a bgestimmt, als wahlberechtigt war. Unsere Vorstellungen von der Entwicklung der Dinge? Eigentlich macht man sich keine Vorstellungen. Es ist so schwer, da Voraussagen zu machen. Natürlich sind die Auffassungen selbst in unseren Kreisen verschieden. Einig ist man sich vor allem darüber, dass man keine grossen Hoffnungen auf die Hilfe durch das Ausland mehr haben darf. Man meint, dass die Arbeiter sich selbst helfen müssen, aber z.Zt. ist keine Möglichkeit zur Realisierung dieser Vorstellungen zu sehen. Jeder hofft insgeheim wohl auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, denn jeder sagt sich: in wirtschaftlicher Beziehung kommt doch mal ein Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Anscheinend fühlen das auch die National sozialisten, denn die Meinung ist stark verbreitet, dass diese Abstimmung nicht nur eine Demonstration gegen das Ausland, sondern auch eine solche gegen Schacht und die hinter ihm stehenden Wirtschaftskreise ist. So sehr man bei uns auf diesen Zusammenbruch insgeheim hofft, so besteht andererseits doch auch grosse Sorge wegen der kommenden Schwierigkeiten. Neue Steuern stehen bevor, der Wehrabgabe wird mit Bangen entgegengesehen. Alle Beiträge und die alten Steuern sind geblieben. Die Bürgersteuer ist erhöht. Hamburg: Vor der Wahl: Werksversammlung bei Blohm& Voss. Am Freitag, den 27.3. nachmittag hörte bekanntlich ganz Deutschland des Führers Rede aus der Kruppschen Lokomotivhalle in Essen. Bei Blohm& Voss hatte die Werkleitung am Tage vorher durch Anschlag das Programm für die" Feier" bekanntgemacht: 1.) Musik- Vorträge der Werkkapelle, 2.) Ansprachen, a) Direktor Staatsrat M.d.R. Blohm, b) Habedank, 3.) Reichsstatthalter Kaufmann, d) Der Führer am Mikrophon. Aus diesem Anlass allgemeiner Arbeitsschluss schon 15,20 A- 34dstatt 16 Uhr, Lohnzahlung nach der Führerrede. Nachmittags gegen 16 Uhr stauten sich die Massen( das Werk beschäftigt z.Zt. ca. 8.500 Mann) vor der" Feierhalle". In der Halle nur einige treue Seelen. Die Feier beginnt. Es reden Blohm, Habedank, Kaufmann. Die Massen stehen noch demonstrativ vor der Halle. Der Führer beginnt zu reden. Da setzen sich die Massen in Bewegung in Richtung auf die Lohnauszahlungsschalter beim Ausgang. Hier verharren sie in aufgeregter. Stimmung. Die Unruhe wird immer grösser, als bekannt wird, dass auch die im Flugzeugbau beschäftigten Schichtarbeiter, deren Schicht um 15 Uhr beendet war, nicht aus dem Betrieb gelassen wurden und noch um 16 3/4 Uhr auf ihren Wochenlohn warteten. Erst vereinzelt, dann stärker und endlich im Sprech chor rufen sie: wir haben Hunger, wir wollen unseren Lohn haben. Einige Amtswalter in Uniform rasen heran, doch die Massen rufen weiter: wir haben Hunger. Es geschieht ihnen nichts. Um 17 1/4 Uhr werden die Lohnschalter geöffnet. Die beiliegende." Anordnung" der Gaufrauenschaftsleiterin gibt einen besonders bezeichnenden Einblick in die Wahlpropaganda. Die Wahl: Mit allen nur denkbaren Mitteln des individuellen Terrors wurden die Wähler an die Urne gebracht und ihre Stimmabgabe beeinflusst. Schwer kranke, vor Schmerzen schreiende Frauen hat man herangeschleppt. In den Krankenhäusern und Stiften wurden die Kreuze in die Stimmzettel ge setzt von den Wahlhelfern. Zum grössten Teil waren die Wahlboxen so aufgestellt, dass man bequem vom Tisch aus in die Box sehen konnte. Ein bis ins kleinste organisierter Schleppdienst sorgte für Belebung der Treppenhäuser. Schon ab 13 Uhr kamen die Hitler jungen etc. an die Türen. Die gesamten Luftschutzkräfte waren mobilisiert. Jeder LuftschutzHauswart erhielt ein Merkblatt für seine- Wahlarbeit. Er hatte" seine" Hausbewohner anzuhalten und zu überwachen, damit sie auf jeden Fall ihrer Wahlpflicht genügten. Waren alle Hausbewohner zur Wahl, hatte der L.-Hauswart an der Haustür ein rotes Plakat mit der Aufschrift:" In diesem Hause hat alles gewählt" anzubringen. Man sah aber viele Häuser ohne Plakat. Nach der Wahl: Man sah in Hamburg viel lachende Gesichter: vor Verblüffung oder aus Ironie. Ueberall, wo jemand eine in der Zeitung in der Hand hielt mit dem Wahlergebnis Bahn im Betrieb- beim Zeitungsstand immer das gleiche Bild: Schweigen sich anschauen- Kopf schütteln- und lachen. Ja, das ist es eben: der Wahlschwindel ist so plump, so greifbar, so offensichtlich, dass jeder nur eines denkt: " Wie kann dat angohn"- oder" Wat et nich all jifft..". Nein, das hat keiner gedacht, dass der Sieg so gross gemacht worde: wäre.. Jetzt haben der sarkastische Witz von dem bei Goebbels schon vor der Wahl gestohlenen Wahlresultat und die oft gehörte Redewendung:" ob wir zur Wahl gehen oder nicht A- 34 edas Resultat liegt ja schon fest.." ihre Krönung erfahren. Während man aber am Montag noch lachte, begann schon am Dienstag sich der Unwille auszubreiten. Mit wachsender Schnelligkeit und Intensität breitet sich die Ueberzeugung aus, dass eine ungeheure Anzahl Wähler um ihren Willensentscheid gebracht wurde- dank des demagogisch gemeinen, raffiniert ausgeklügelten Systems der Abstimmung und der Gültigkeitserklärung der Stimmzettel. Ein Kreis auf dem Stimmzettel." Dein Kreuz in den Kreis." Warum nicht ja oder nein? Was der Wähler tun soll, wenn er nicht einverstanden ist, das hatte man" vergessen" mitzuteilen. Da das Kreuz in den Kreis gesetzt werden sollte, konnte auch nur ein derartig gezeichneter Stimmzettel gültig sein. So folgerten alle irgendwie ablehnend eingestellten Wähler und machten jeder auf seine Art ihren Stimmzettel ungültig. Denn jetzt stand die Frage ja nur noch: gültig gegen ungültig. Man hatte vergessen mitzuteilen, wann ein Stimmzettel gültig, wann er ungültig ist. Aber in den Wahlrichtlinien für die Wahlvorstände steht es-streng geheim- wie folgt: Gültig ist der Stimmzettel, wenn a) das Kreuz im Kreise ist b) das Kreuz über den ganzen Zettel gezogen ist c) Pfeilstriche auf dem Zettel sind d) etwas oder alles durchstrichen ist e) Der Zettel eingerissen ist f) Worte darauf geschrieben sind, g) das Kreuz fehlt. Wann der Zettel ungültig ist, steht nicht im Reglement. Wie plump der Wahrheit ins Gesicht geschlagen wurde, dafür einige Beispiele: in einem Hamburger Bezirk wurden bei ca. 1.000 Stimmen etwa 600 gültige, 180" Nein"-Stimmen und 220 weisse Zettel abgegeben. Das Ergebnis lautet: 820 gültig, 180 ungültig. Noch plumper ist es in zwei Barmbecker Lokalen vor sich gegangen, wo jeweils von ca. 900 bis 1100 Wählern angeblich ganze 8 ungültige Zettel abgegeben worden sind. Und in einem Bezirk, im Arbeiterviertel Rothenburgsort am Röhrendamm: von ca. 1.200 überhaupt keine ungültigen Stimmzettel! Und dabei waren in diesen genannten Lokalen auf Grund der amtlichen Zahl bei der Wahl am 19. 8. 1934 noch ca. 220 bis 360 Nein- Stimmen gezählt worden. Aber und das ist allgemeines Gesprächsthema und Stimmungs. barometer: Ein System, das zu solchen Mitteln greifen muss, kann nicht von Bestand sein. A- 34 FAnordnung für die Mitglieder der NS- Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks. Meine lieben Mitarbeiterinnen! Der 29. März ist für unsere Nation ein Tag der tiefsten Freude, können wir doch unserem Führer beweisen, wie wir sein Werk verstehen. Dieser Tag gibt uns Frauen die Möglichkeit, nun unsererseits für unser Vaterland die Freiheit zu erkämpfen. Darum soll in uns eine tiefe, innerliche Fröhlichkeit herrschen. Wir wollen diese Wahl unter das Motto:" Fröhlichkeit" stellen. Niemand ist glücklicher als die deutsche Frau, wenn Sie sieht, daß ihre Kinder in einem Deutschland der Ehre und Freiheit aufwachsen können. Niemand ist glücklicher als die deutsche Frau, wenn in diesem Lande der Ehre und Freiheit ihre Kinder Brot finden werden. Darum Ihr Mütter, ob jung oder alt, wir wollen diesen Tag zu einem Festtag gestalten. Gemeinsam wie eine große Familie wollen wir bewußt diesen Tag als den Tag der Freiheit der deutschen Nation feiern. Ich bitte daher alle Frauen, die für unseren Führer und Deutschlands Freiheit stimmen, nach außen und nach innen dieses zu beweisen. Daber ordne ich folgendes an Alle Frauen unseres Gaues wissen, daß der 29. März der größte Feiertag der Nation in diesem Jahr sein wird; dieser Tag wird somit zum Befreiungsfest des deutschen Volkes. Der Tag wird festlich für die Familien gestaltet, Frühlingssträuße werden in die Wohnung gestellt, sauber geputzt sollen unsere Heime sein, genau so wollen wir uns darauf vorbereiten, wie wenn ein großes Familienfest bevorsteht. Wir wollen Kuchen backen zu diesem Tage und soweit die Mittel reichen, ein fonntägliches Essen für die Familie bereiten. Alle frauen unseres Gaues forgen dafür, daß auch die Ärmften unter uns den Tag feftlich begehen können. Wo die Mittel zu einem Kuchen oder zu einem Sonntagsessen fehlen, sorgt die Gemeinsamkeit dafür, daß dort geholfen wird. An diesem Tag darf keine Familie in unferem Gau außerhalb der Gemeinschaft stehen. Am Freitag, den 27., Sonnabend, den 28. und Sonntag, den 29. März stellt jede deutsche Frau unseres Gaues in der Zeit zwischen 7 und 8 Uhr abends ein brennendes Licht in das Fenster. Sie zeigt damit, daß sie die Flamme der Liebe zum Volk und Führer als treue Herdhüterin zu wahren weiß. Auch unverheiratete Frauen und Mädel tun dasselbe. Es muß wie eine große Flamme dieses Licht durch unseren Gau leuchten. Wir haben in unserem Gau 825 Singgruppen der NS- Frauenschaft. Wir gelten in Deutschland als der singende" Gau. Nun müssen wir beweisen, daß wir aus tiefster Fröhlichkeit dieser singende" Gau in Wirklichkeit sind. Alle Frauen schließen sich zusammen und singen mit ihren Familien Rhein und Volkslieder. Am Sonnabend oder Sonntag fingen die Frauen und Kinder auf den Straßen, auf den Plätzen, in den Häusern die Lieder unseres Vaterlandes. Die Frauen, die zur Wahl gehen, stecken sich auf ihre Mäntel Frühlingsblumen, um allen Volksgenossen zu zeigen: wir stehen hinter unserem Führer und sind glücklich, unsere Stimme abgeben zu können, um damit zu helfen, Deutschland frei werden zu lassen. Wenn dann mit blantgeputzten Fenstern die Häuser Deutschlands leuchten, wenn fröhliche Frauen: und Kinderaugen strahlen und den Frühling sehen, dann schaffen wir deutschen Frauen das eine: die tiefe innerliche Fröhlichkeit, die unsere Männer brauchen, um aus dieser Kraft dann antreten zu können, den Platz für Deutschland an der Sonne zu erkämpfen für Weib und Kind, für Haus und Hof, für das schönste Vaterland, für unser Deutschland, für unseren Sührer, der Deutschland ist. Deutsche frauen, Deutsche Treue Adolf hitler wählt auf's Neue! Heil Hitler! Mesa Mischka Grahe Gaufrauenschaftsleiterin und Leiterin des Deutschen Frauenwerts im Gau Süd- Hannover- Braunschweig. - 35 II. Aus der Wirtschaft 1) Die Lebensmittelversorgung Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln hat sich seit Ende 1935 gebessert. Die Regierung hatte zu den Weihnachtsfeiertagen dafür gesorgt, dass in den Gross- Städten reichlichere Mengen an Fett und Fleisch zum Verkauf standen als die ganzen letzten Monate vorher. Das bewirkte ein schnelles Nachlassen der Hamsterei. Es vollzog sich hier am Lebensmittelmarkt ein ähnlicher Vorgang wie ein Jahr früher bei den Textilien. Auch bei den Textilien war auf eine Periode allgemeiner nach Einsetzung des PreisHamsterei ziemlich unvermittelt kommissars eine starke Kauf zurückhaltung getreten, die den Absatz an Textilien das ganze Jahr 1935 hindurch beeinträchtigte. Jetzt melden mehrere Berichterstatter übereinstimmend, dass nach Abflauen der Hamsterei von Lebensmitteln der Absatz Leute haben sich eben in diesen Produkten sogar stockt. Die versorgt, soweit das Geld reichte und, nachdem eine gewisse Beruhigung eingetreten und auch das Geld zum Hamstern aufgebraucht ist, zehren sie erst die Vorräte auf. Wo aber noch Mangel herrscht, wie z. B. bei den Eiern, geht auch die Hamsterei weiter. Diese Erscheinungen zeigen deutlich, wie sehr das Volk ständig in Unruhe und Sorge lebt. Es liegt auf der Hand, dass die Ungleichmässigkeiten des Massenverbrauchs, die sich aus dieser Unruhe ergeben, nicht nur die Versorgungslage über das objektiv bedingte Mass hinaus erschweren müssen, sondern auch eine bedenkliche Störung des wirtschaftlichen Kreislaufs darstellen, die sich in volkswirtschaftlichen Verlusten auswirkt. Die nachfolgenden Berichte zeigen, dass der Mangel keineswegs vollständig behoben ist. An Stelle der Knappheit an Butter und A- 36 Schweinefleisch ist Mangel an Eiern und Rindfleisch, an Kartoffeln und Südfrüchten getreten. Die Einfuhrerleichterungen für Butter, Käse und Eier im Reiseverkehr sind auf unbestimmte Zeit verlängert worden. Der Reichsnährstand hat für das Rheinland zwei Fischtage in jeder Woche angeordnet und der Oberbefehlshaber des Heeres hat dasselbe bei der Reichswehr eingeführt. Die öffentlichen Zuschüsse zur Verbilligung von Marmelade sind erhöht worden. Wir stellen einige allgemeine Berichte voraus: Sachsen, 1.Bericht: Die Butter- und Fettknappheit ist behoben. Schon zu Weihnachten gab es ausreichend Fett, aber zu erhöhten Preisen. Jetzt klagen die Kaufleute sogar darüber, dass zu wenig gekauft wird. Die Leute haben sich zu den Feiertagen eben ausgekauft und haben jetzt kein Geld. Auch von Fleischknappheit ist zurzeit nichts zu spüren. 2. Bericht: Seit kurz vor Weihnachten gibt es auch im oberen Vogtland genügend Fleisch, Fett usw. Manche Geschäftsleute klagen über schlechten Absatz dieser Produkte und führen diese Tatsache auf die geringe Kaufkraft der Bevölkerung zurück. Die Verdienstmöglichkeiten werden immer schlechter und die Löhne immer niedriger. 3. Bericht: Der Mangel an Südfrüchten ist hier ganz allgemein. Die Händler haben diese Situation benutzt, um mit den geringen Vorräten durch hohe Preise gute Geschäfte zu machen. Die Preise für Apfelsinen und Mandarinen lagen um durchweg 100% höher als im Vorjahre. Bayern: Mit allerlei Zwangsmassnahmen will man die Anarchie in der wangswirtschaft eindämmen. So hat man die Hausschlachtungen verboten bis auf die der Bauern, denen man die Hausschlachtung weiter erlaubt. Alle anderen Leute, die sich ein Schwein aufgezogen hatten, wie viele Arbeiter, sollen das Schwein zur allgemeinen Schlachtung verkaufen. Das hat dazu geführt, dass z.B. Nürnberger Eisenbahnarbeiter und Angestellte ihr bereits eine Zeit lang gefüttertes Schwein an einen bekannten oder verwandten Bauern nach der Oberpfalz gegeben( angeblich verkauft) haben, damit der es weiter mäste. Beim Bauern wird dann eines Tages die Hausschlachtung vorgenommen. Südwestdeutschland, 1. Bericht: In den letzten Wochen war es wieder möglich, Butter und Schweinefleisch zu bekommen, während die Eier noch rar, aber auch besser zu bekommen waren als vor Weihnachten. Es ist heute sogar so, dass die Geschäftsleute schimpfen, weil sie die Waren mangels Kaufkraft A- 37nicht fortbringen. Ueber diesen Zustand werden viele Witze gemacht, denn es herrscht allgemein die Ansicht, dass die bessere Versorgung nur ein vorübergehender Zustand ist, um aus politischen Gründen etwas die Stimmung zu heben. 2. Bericht: Besonders merklich geht die Zufuhr an Kartoffeln zurück. Schon bei den letzten Markttagen ist es vorgekommen, dass von 11 Uhr vormittags auf dem Markt keine Kartoffeln mehr zu erhalten waren. Auch hierüber befindet sich die Bevölkerung bereits in Unruhe, weil die grosse Masse keine Winterkartoffeln einlegen konnte und auf den Kleinverkauf angewiesen ist. Rheinland: Die Kartoffeln werden knapp. Das wird uns sowohl aus Aachen wie auch aus dem Ruhrgebiet gemeldet. Die Fäulnis der Kartoffeln soll sehr gross sein. Wasserkante: Um den Arbeitern einen Ersatz für das fehlende Fleisch zu bieten, ist jetzt den Bauern an den Küsten verboten worden, Muscheln zur Düngerbereitung zu verwenden. In den letzten zwei Jahren haben viele Bauern die Muscheln als Düngemittel benutzt, um die Produktionskosten zu senken. Jetzt erklärt die Behörde, dass die Muscheln nur noch zur menschlichen Nahrung verwendet werden dürfen und dass die Verwendung als Düngemittel in Zukunft bestraft wird. Für das Wattenmeer sind besondere Muschelfänger ernannt worden, die genau wie während des Krieges die Muscheln an Konserven fabriken abliefern, die besonders das Ruhrgebiet versorgen sollen. Die Hauptschwierigkeiten sind in den letzten Monaten auf dem Eiermarkt aufgetreten. Die Marktregelung hat sich abermals verspekuliert. Während im vorigen Jahre um diese Zeit ein Ueberangebot an Ei ern vorhanden war, ist in diesem Jahr trotz des milden Winters ein empfindlicher Mangel eingetreten. Man versucht diesen Mangel als eine mittelbare Folge der Fleisch- und Butterknappheit zu erklären, aber es sind auch am Eiermarkt sofort dieselben Schwierigkeiten aufgetaucht, die das Ausmass der Verknappung erst voll erklären: Hamsterei und Schleichhandel und als Folge davon Ueberschreiten der Höchstpreise. Selbst die" Frankfurter Zeitung"( vom 8. Februar) musste zugeben, dass ähnlich wie zur Zeit der Butterknappheit von den Eierhändlern versucht wird, für alle Eiergrössen den Preis für das Sonderklassen- Ei zu erzielen. In Zukunft soll deshalb auch der Preis für das Winter- Frischei wieder freigegeben wer .38. den.- Unseren Berichten entnehmen wir: Südwestdeutschland, 1. Bericht: Zwei, höchstens drei Eier kann man auf dem Markt bekommen. Der Preis ist offiziell auf 11 Pf. pro Ei festgesetzt und die diensttuenden Beamten machen immer wieder darauf aufmerksam, dass jeder Händler, der mehr fordert, bestraft wird. Es hat sich jetzt auf dem Wochenmarkt folgendes herausgebildet: Der Händler gibt der Frau zwei oder drei Eier in den Korb und ohne etwas zu sagen, zahlt die Frau freiwillig 12 oder 13 Pf. Tut sie das nicht, dann hat der Händler für diese Frau bestimmt das nächste Mal keine Eier mehr, oder wenn noch welche da sein sollten, dann sind sie von Kunden schon bestellt. Die Polizei ist dagegen machtlos und macht nicht nur ein Auge, sondern beide Augen zu. 2.Bericht: Nachdem die Butterknappheit einigermassen behoben ist, wirkt sich die Marktregelung am allerschlimmsten bei den Eiern aus. Die Höchstpreise wurden am 1. März von 11 Pf. auf 8 Pr. beim Verkauf auf dem Wochenmarkt herabgesetzt. Die Folge davon ist, dass die Händler fast keine Eier mehr aufbringen, weil die Bauern sich weigern, Eier für 6 bis 7 Pf. abzugeben. Ueberall setzt nun ein wilder Handel und ein Suchen nach Eiern ein. 3. Bericht:( Pfalz) Die Landwirts Ehefrau Alma Pfersdorf aus Schauerberg wurde zu 200 Mark und einer zusätzlichen Gebühr von 25 Mark verurteilt, in Form einer von der Landespreisstelle verhängten Ordnungsstrafe, weil sie an zwei Fabrikarbeiter Eier zu 20 Pf. das Stück verkauft hat. Die Strafe soll als Warnung dienen, die gesetzlich vorgeschriebenen Höchstpreise nicht zu überschreiten. Bayern, 1.Bericht: Eine weitere Folge des Fett- und Fleischmangels ist die Verknappung auf dem Eiermarkt. Schon im Dezember konnte man keine Kühleier mehr bekommen und Frischeier waren nur sehr selten zu haben, da die Legetätigkeit der Hennen im Winter bekanntermassen stark zurückgeht. Die Bauern bringen aber auch immer weniger auf den Markt, weil sie für ihre Stammkunden sorgen müssen, die ihnen mehr bezahlen als die Händler, die sich an die vom Eierwirtschaftsverband festgesetzten Festpreise halten müssen. Die in der Umgebung der Stadt seit einigen Jahren bestehenden Hühnerfarmen sind jetzt stark überlaufen. 2. Bericht: Knappheit herrscht noch auf dem Eiermarkt. Die Grosshändler sind gezwungen, selbst mit ihren Lieferwägen auf das Land zu fahren und die Eier mit 1/4 Pf. Ueberzahlung vom Bauern zu kaufen. Die versuchte Standardisierung der Eier hat nicht wenig zu dieser Verknappung beigetragen. Die neueingerichtete Typisierungsstelle für Hühnerfarmen und andere Grossproduzenten in Berlin arbeitet zu langsam, was A- 39 bei der Fachunkenntnis der jungen Hilfskräfte, denen jede praktische Erfahrung mangelt, zu erwarten war. Einem Grosshändler von X., der sich beim Eierwirtschaftsamt für Bayern beschwerte, dass er wegen der Fixpreise seinen Bedarf unmöglich eindecken kann, wurde von Berlin aus eine Hühnerfarm in Y. als Lieferstelle zugewiesen. Der Mann bestellte sofort 10.000 Stück wöchentlich, bekam sie aber nur einmal geliefert. Auf seine Nachfrage antwortete ihm der Farmer, dass er um den bei der Aufgabe der Dauerbestellung festgesetzten Preis die Eier nicht mehr liefern kann. Er verkaufe sie lokal viel günstiger und finde reissenden Absatz. So war auch dieser Händler gezwungen, selbst hinauszufahren, um seine Stadtkunden halbwegs zufriedenstellen zu können. Sachsen( Chemnitz): Die Lebensmittelversorgung ist einigermassen geregelt. Eier sind jedoch sehr selten geworden. Ein Ei kostet durchweg 13 bis 15 Pf. ( Vogtland): Während die anderen Gemeinden Eiermangel melden, ist in X. nichts davon zu merken. Ein Ei kostet im Laden 13 bis 15 Pfennige. Die Wurstwaren, welche jetzt auch im Preise eine Kleinigkeit angezogen haben, sind durchweg sehr schlecht. Man erinnert sich hierbei an die Zustände während der Kriegsjahre. ( Dresden): Die Eier kosteten in Dresden Anfang März 14 und 17 Pf. Beim Einkauf wurden jeweils nur zwei Stück abgegeben, wenn überhaupt welche am Lager waren. ( Erzgebirge): Die Eierknappheit hat wieder neue Arbeit für die Zollbeamten und die im Grenzdienst tätigen SS- Leute geschaffen. Vor kurzem wurden in Carlsfeld zwei Frauen gestellt, die aus dem benachbarten Sauersack einige Eier gepascht hatten. Eine Frau hatte vier, die andere fünf Stück Eier. Die Folge dieser Verhaftungen ist, dass in Carlsfeld eine mächtige Schimpferei auf die Regierung einsetzte, weil den Grenzbewohnern die Waren, die sie zum grössten Teil von ihren Verwandten jenseits der Grenze geschenkt bekommen, abgenommen werden. Schlesien: Ein Lebensmittel- Filialgeschäft verkauft lt. Preisliste Kühlhauseier Klasse S zu 12 1/2 Pf. das Stück. Dabei lässt die Qualität dieser Eier sehr zu wünschen übrig. In einem Zirkular an die Filialleiter heisst es: " Trotz unserer Bemühungen war es uns nicht möglich, Eier zu beschaffen. Wir nehmen an, dass wir im Laufe dieser Woche wieder einen Posten erhalten. Durch die geringe Eier. zuteilung werden wir zukünftig, sobald wir Eier erhalten, diese in gerechter Weise den Filialen zuteilen, so dass sich bis auf weiteres Eierbestellungen von den Filialleitern erübrigen." A- 40Die Knappheit an Butter und Fetten ist im grossen ganzen behoben. Aber es gibt immer noch Bezirke, in denen die Schwierigkeiten anhalten. Im ganzen ist die Lage so, dass infolge des einmal geweckten Misstrauens der Verbraucher selbst kleinere Knappheitserscheinungen jederzeit eine neue Hamsterwelle und damit wieder einen allgemeinen Mangel hervorrufen können. Westfalen: Im Augenblick hat sich die Ernährungslage hier etwas gebessert. Selbstverständlich ist sie noch lange nicht normal oder zufriedenstellend, aber die grössten Schwierigkeiten sind behoben. Speck und Fett, die kurz nach Weihnachten fast ganz vom Markt verschwunden waren, sind wieder, allerdings nur halbpfund- oder pfundweise zu haben. Dass sie teurer sind als der Festpreis, der von der Regierung festgesetzt ist, versteht sich von selbst. Die Ueberpreise bewegen sich zwischen 35 und 45 Pf., in einigen, allerdings wenigen Fällen bei Flomen bis zu 70 und 80 Pf. pro Pfund. Auch kann man Kartoffeln allerhöchstens einen Zentner bekommen, jedoch im Kleinhandel, d.h. pfundweise genug. Dann ist aber der Preis um 1 Mark pro Zentner höher. Südwestdeutschland: Die Butterknappheit scheint vorübergehend behoben zu sein. Man rechnet aber damit, dass sie bald wieder auftauchen wird. Gegenwärtig sind vor allem die Eier knapp. Die ganze Butterknappheit ist objektiv überhaupt nicht so gross gewesen. Aber die Bevölkerung hat davon viel mehr hergemacht. Fast alle Leute, die man spricht, räumen ein, dass sie selbst sich ausreichend mit Butter versorgen konnten, wenn es auch Schwierigkeiten gemacht hat. Trotzdem schimpfen sie und man merkt ihnen deutlich an, dass sie die Gelegenheit benutzen wollen, um aus reiner Schadenfreude dem Regime etwas am Zeuge zu flicken. An diesem Beispiel zeigt sich der grosse Fortschritt, den die Entwicklung der allgemeinen Stimmung in unserem Sinne gemacht hat. Es kommt hier nicht so sehr auf die objektive Lage an, als auf das psychologische. So hat man 2.B. ein neues Verfahren eingeführt, um Eier zu konservieren. Es handelt sich um Gefrier- Eier, die in aufgeschlagenem Zustand in Kühlhallen aufbewahrt werden und dann zum Verkauf gelangen. Sofort behaupteten aber die Hausfrauen, dass es gar keine richtigen Eier, sondern Ersatzprodukte seien, die die IG- Farben gemacht habe. Bayern, 1. Bericht: Die Butterknappheit besteht noch. Sie macht sich nur nicht mehr so drückend fühlbar, weil eine Besserung in der Versorgung mit Schweinefleisch und Schweinefett eingetreten ist. Für Norddeutschland erfolgte eine Belieferung mit einem grösserem Kontingent polnischer Schweine, dadurch blieben die in der Straubinger Gegend sehr intensiv gezüchteten Schweine für den bayerischen Markt erhalten, so dass jetzt eine bessere Versorgung mit Schweinefleisch und-Fett möglich 4 411st. Aber überall erfolgt unter der Hand eine Ueberzahlung des Höchstpreises. So wird in fast allen Läden das Schweinefleisch mit 90 und loo Pf. pro Pfund bezahlt, statt des Höchstpreises von 80 und 85 Pr. Landbutter wird zu 1,40 Mark pro Pfund weiter gekauft, obwohl täglich in den Blättern steht, dass da und dort jemand wegen Ueberschreitung des Höchstpreises bestraft wurde. Man sieht, dass man trotz warnender Zeitungsartikel und Gerichtsurteile gegen diese Höchstpreisüberschreitung machtlos ist und will ihr jetzt von der Polizei her beikommen. Die gesamte Polizei in Bayern wird verstaatlicht und die Mannschaften werden ausgewechselt. Man sagt, dass gerade die kommunale Polizei es mit den ihr bekannten Geschäftsleuten nicht verderben wollte und sie wegen Preisüberschreitung nicht zur Anzeige bringen mochte. Nun werden z. B. in X. die drei bisher gemeindlichen Polizisten als Staatspolizisten auf Dörfer hinaus versetzt und nach X. kommt Mannschaft der Landespolizei. Das kleinste Dorf, das bisher kaum einen Nachtwächter hatte, bekommt nun einen staatlichen Polizisten damit dieser vor allem die Höchstpreisüberwachung besorge. Die Bauern sind begreiflicherweise über die neue verschärfte Preiskontrolle wütend, sie fragen sich aber auch, wer denn das alles wieder bezahlen müsse. Selbst im ländlichen Gebiet der Oberpfalz kann man Schweinefett in einer halbwegs genügenden Menge nur bekommen, wenn man gute Beziehungen hat. Es kostet das Pfund 1,30 Mark vor einem Jahr 0,70 Mark. Beim Kauf von Landbutter muss man sehr oft ein schlechtes Gewicht in Kauf nehmen, weil man froh ist, wenn man überhaupt Butter erhält. 2. Bericht: Die Milchknappheit macht sich gerade in den kleinen Landstädten sehr stark bemerkbar, da die Milch unter schärfster Kontrolle für die städtischen Molkereien der Grosstädte weggeholt wird. Butter erhält man in diesen Landstädten fast nur, wenn man Beziehungen zu Bauern hat. Berlin: Zur Linderung der Fettknappheit wurde durch die Berliner Fleischerinnung in Verbindung mit kommunalen Stellen zu Beginn des Jahres ein Kontrollsystem für den Bezug von Schmalz und Fett eingeführt. Dieses Kontrollsystem sah folgende Regelung vor: Jeder Fett- oder Schmalzverbraucher hat sich in einem der Zwangsinnung der Fleischer angehören dem Geschäft einzutragen und erhält dann beiliegenden Bezugs schein. Eintragungen in mehreren Fleischereien sind strafbar. Die Belieferung erfolgt nach den, dem Fleischer auf Grund seiner vorjährigen Fett- bezw. Schmalzumsätze berechneten Bezugsanteil am Grossmarktangebot. Um eine Abfertigung der Kunden nach der Reihe zu sichern, sind die Bezugsscheinquittungen fortlaufend nummeriert, so dass der beim ersten Bezug an dritter Stelle bediente Kunde beim zweiten Kauf an 13. Stelle bedient wird. Herausgegeben von der Berliner Fleischer- Innung Wohnung Ich habe 4 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalter. 143| Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten 133 Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten Name des Stäufers Kontrollschein Kontrollschein Kontrollschein Kontrollschein Kontrollschein Ich habe 1/4 Pfund inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten 193 Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 4 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten 183 Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten 173 Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten 163| Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 4 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fet! erhalten Name Wohnung 153 Kontrollschein 123 Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten 113| Kontrollschein Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung 103 Kontrollschein Ich habe/ Pfund inl./aust. Schmalz Fett erhalten Name Wohnung Ich habe% Pfund 093 inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung Ich habe 4 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten Druck: Deutsche Fleischer Zeftung, Berlin SW 68 Steel hea teiichers Kontrollschein 083 Kontrollschein Kontrollschein 073| 063 Kontrollschein 053 Kontrollschein Ich habe 14 Pfund inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung Ich habe 14 Pfund 043 inl. aust. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung Ich habe 14 Pfund 033 inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung Ich habe 14 Pfund 023 inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung Ich habe 14 Pfund 013 inl./ausl. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung 003 Name Wohnung Ich habe 14 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung Ich habe 4 Pfund inl./aust. Schmalz/ Fett erhalten Name Wohnung A.- 42 A- 43In der Fleischversorgung haben sich die Schwierigkeiten im wesentlichen vom Schweinefleisch auf das Rindfleisch verlagert. Die Begrenzung der Schlachtungen auf 60% des Vorjahres ist bei den Schweinen nach wie vor in Geltung und seit Ende Februar auck auf die Rinder ausgedehnt worden. Ausserdem ist das Höchstpreissystem verfeinert worden, um den Verkauf der minderen Qualitäten zu den höchsten zugelassenen Preisen in Zukunft zu verhindern. Unsere Berichterstatter melden: Bayern, 1. Bericht: Die Lebensmittel- und Fleischverknappung hält ständig an. Zu dem Schweinemangel kommt jetzt noch der Mangel an Rindvieh und Kälbern. Dieser Fleischverknappung versucht man durch Einfuhr von Gefrierfleisch abzuhelfen. So wird in München und in allen grösseren Orten Bayerns schon seit Anfang Januar Gefrierfleisch verkauft.- Ueberall bei den Verschleissern bekommt man zu hören, dass eine der Hauptursachen des Fleischmangels die schlechte Futtermittelernte von 1934 ist. So mussten im Vorjahre einige hunderttausend Rinder zusätzlich geschlachtet werden. Der grosse Mangel an Schweinefleisch hat die Nachfrage nach Rindfleisch noch erhöht. Die kleinen Metzgermeister wissen sich schon bald keinen Rat mehr, wie sie es ihren Kunden begreiflich machen sollen, dass sie die meiste Zeit nichts im Laden haben als Gefrierfleisch. Eine kleine Metzgermeisterin, die erklärte, sie sperre bald ihren Laden zu und melde sich bei der Wohlfahrt, wurde angezeigt und in Schutzhaft genommen. Es ist begreiflich, dass bei diesen Zuständen die Freunderlwirtschaft ungeheuere Formen angenommen hat. Für Partei beamte und Bürgersfrauen ist immer ein besseres Stück reserviert, die Arbeiterfrauen müssen mit dem Rest vorlieb nehmen. Allgemein ist man der Ansicht, dass im heurigen Jahr diese Verknappung nicht zu beheben ist, sondern sich in den Sommermonaten noch verschlechtern wird. Die Bauern werden durch die rigorosen Zwangsmassnahmen nicht gerade dazu ermuntert, die Aufzucht von sich aus zu fördern. Die festgesetzten Höchstpreise werden immer wieder, trotz der drohenden Schutzhaft von den Ankäufern überboten. In Dachau wurden schon mehrere Viehhändler eingeliefert, die die bestehenden Vorschriften umgangen haben. Ein Fall ist mir bekannt geworden, der die Situation besonders beleuchtet: Ist da in X. bei München ein kleiner Krämer, der nebenbei Kleinvieh handelt und als Kälberaufkäufer bekannt ist. Der Mann zahlte den Bauern um 10 bis 20 Pf. mehr für das Pfund Lebendgewicht und lieferte an seine Stammkunden der Münchner Gastwirtschaft. Sein Konkurrent erfuhr davon und denunzierte ihn. Der Händler wurde sofort in Schutzhaft genommen und nach Dachau eingeliefert. Die Bauern kauften spontan den kleinen Laden aus, um so der alleinstehenden Frau mit ihren Kindern zu helfen und zu zeigen, dass sie mit solchen Methoden nicht einverstanden sind. A-45In der Presse werden solche Leute als gewissenlose Volksschädlinge hingestellt und die Bauern ermahnt, jeden Aufkäufer, der Ueberpreise bezahlen will, bei der Gendarmerie anzuzeigen. Es werden nicht viele sein, die diesem Verlangen Rechnung tragen und auf einen höheren Erlös im Interesse der Volksgemeinschaft verzichten. Auch die Konsumenten symphatisieren mit den Händlern, die um der Nachfrage zu genügen, zu solchen Massnahmen gezwungen werden. 2. Bericht: Der Fleischmarkt hat sich wieder gebessert, wenigstens bekommt man wieder an 4 Tagen in der Woche Schweinefleisch. Dienstag und Freitag sind bekanntlich Fischtage. Auf dem Lande ist teilweise die Zuteilung knapper als in der Stadt. So erfuhren wir von einer Metzgerei in Oberbayern, dass sie mit dem ihr zugewiesenen Kontingent an Schlachttieren nur bis zum 26. jedes Monats ausreicht und schon vorher strecken muss, um für die letzten Tage des Monats noch auszureichen. 3. Bericht: Gerade in der ländlichen Gegend der Oberpfalz und Niederbayerns macht sich jetzt schon starker Mangel an Rindfleisch bemerkbar. Der Preis ist offiziell nicht erhöht worden, dafür bekommt man kein Fleisch zu kaufen. Der Rindfleischmangel wird bei den kleinen Leuten nicht so drückend empfunden wie Schweinefleischmangel, da man im Haushalt lieSchweineber Schweinefleisch verwendet als Rindfleisch. fleisch kann man wieder leichter haben als vor einiger Zeit. Nach wie vor ist man hinter den Metzgern her wegen der Preiseinhaltung. Von Straubing wurden in letzter Zeit zwei Metzgermeister wegen Preisüberschreitung verhaftet und nach Dachau eingeliefert. Die Wurstsorten werden vereinfacht. So gab es in Nürnberg früher zwei Sorten von Stadtwurst. Jetzt darf nur noch eine Sorte von Stadtwurst hergestellt werden. Der Zweck der Uebung ist, dass nur noch minderwertige Stadtwurst hergestellt, aber zum Preise der früheren besseren Qualität verkauft wird. Man gewährt so den Metzgern einen Ausgleich für die Einhaltung der Fleischhöchstpreise. Das Schönste ist, dass diese Regelung mit der Stadtwurst angeblich im Interesse der Konsumenten erfolgte, weil früher mit den zweierlei Wurst die Konsumenten oft übervorteilt wurden. d.h. für schlechtere Qualität den Preis für die bessere Qualität bezahlen mussten. In Wirklichkeit haben die Neuregelung die Metzgermeister durchgesetzt und dies nur in ihrem Interesse. Südwestdeutschland: Bei den Metzgern mangelt bereits teilweise das Rindfleisch. Die Metzger legen überhaupt keinen Wert mehr darauf, Rindfleisch zu verkaufen, da die Gestehungskosten höher als die Verkaufs- Höchstpreise sind. So wurde in Oberbaden ein Metzger eingesperrt, weil er Kuhfleisch für Rindfleisch verkauft hat. Die anderen Metzger äusserten sich -46dazu, wenn man das immer so machen wolle, dann müssten alle Metzgermeister eingesperrt werden. Die Stimmung unter den Metzgermeistern ist ausserordentlich schlecht. Sie haben nun den Schlussschein erhalten, wieviel Grossvieh sie noch bis zum 1. April schlachten dürfen. Viele Metzger hatten nämlich, als die Kontingentierung bekannt wurde, auf Vorrat geschlachtet und nun wurde ihnen dies alles angerechnet. Es gibt Metzger, die vor Ostern überhaupt nicht mehr schlachten können. Einer der Metzger meinte, es würde nicht eher besser, als bis wieder die Zwangswirtschaft eingeführt werde wie während des Krieges und die Bauern einfach gezwungen würden, wieder ein bestimmtes Quantum Vieh abzugeben. Besonders stark gestiegen sind die Preise für Rinderfett, ganz gleich, ob dieses Fett nun für menschliche Ernährung oder technische Zwecke verbraucht wird. Die Festsetzung der Höchstpreise für Grossvieh( Schlachtvieh) zeitigt auf den Viehmärkten folgendes Bild: Ein Viehmarkt in Baden, der Mitte März stattfand, war mit Schlachtvieh vonseiten der Bauern sehr gut befahren worden. Auf diesem Viehmarkt erschien nun ein staatlicher Kommissär aus Karlsruhe und setzte Höchstpreise für Schlachtvieh fest. Er drohte jedem, der höhere Preise verlange oder bezahle mit dem Konzentrationslager. Dies löste eine starke Erregung bei den Bauern aus, die sich durch lautes Schimpfen Luft machte. Die Bauern erklärten nun, sie hätten nur Nutzvieb und kein Schlachtvieh zu verkaufen und verlangten einen dementsprechend höheren Preis. Es ist durch diesen Zwischenfall kein einziger Verkauf zustande gekommen. Die Bauern führten ihr Vieh wieder nach Hause und die Metzger gingen leer in die Heimat zurück. 2) Die Preise Seit unserer letzten Uebersicht über die Preisentwicklung ( Dezember 1935 S. A 23 ff) ist das Steigen der Preise keineswegs zum Stillstand gekommen. Die Preissteigerung schreitet fort, aber nach wie vor hauptsächlich auf Neben- und Schleichwegen, von deren Existenz die amtliche Statistik keine Notiz zu nehmen braucht. Im Dezember- Bericht( S. 26 f) haben wir einen längeren Auszug aus den Preislisten eines grossen Lebensmittelgeschäfts aus Mitteldeutschland gebracht. Wir vervollständigen diese Uebersicht im folgenden durch eine Reihe neuer Listenpreise aus derselben Quelle. A- 47Ende Mitte Ende Mitte Sept. Okt. Dez. Januar 1935 1935 1935 1936 Graupen B Schokolade, Tafel Schmortöpfe, Nr.528,16 cm Tafelreis 1/2 Paket 11 Linsen T Prd. 11 Pfd. 19 Camembert- Käse, Schachtel RM.0,30 0,32 0.34 0,18 0,19 0,40 0,42 97 19 0,36 0,38 0,24 0,26 1,20 1,32 1,25 1,40 18 cm 9T 1,30 1,35 1,65 20 cm 19 1,70 1,65 1,85 Maschinentöpfe Nr.412,12"" 1,05 1,10 1,30 14" m 1,40 1,55 Kaserollen Nr. 257 Deckel, Nr. 503, 14"" 16" 0,75 0,85 1,-1,15 22"" 1,70 1,75 1,85 12" ff 0,32 0,40 14" 0,40 0,38 0,42 20"" 0,60 0,68 Tiegel, Nr. 512 18"" 1,-1,10 1,15 20ft. m 1,10 1,20 1,30 22 m 1,25 1,35 1,45 24"." 1,45 1,55 1,65 Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Bayern, 1.Bericht: Das Getreide ist billiger, aber das Brot in der ganzen dortigen Gegend ist teurer geworden und zwar wurde dieser Teuerung indirekt durchgeführt. In dem ganzen ländlichen Gebiet( mit Ausnahme der Grosstädte) kostete der grosse Laib Schwarzbrot( sieben Pfund) 1 Mark. Dazu gab aber der Bäcker nach allgemeinem Brauch Weissgebäck im Werte von 15 Pf. als Dreingabe, so dass der Laib Schwarzbrot netto nur 85 Pf. kostete. Nun wurde das Zugabewesen verboten, das machten sich die Bäcker zunutze, sie liessen die Dreingabe von Weissbrot weg, aber der alte Brotpreis blieb, so dass eigentlich eine Brotpreiserhöhung von 15% eingetreten ist. 2. Bericht: Die Preise ziehen allmählich an, so ist z. B. der Tilsiter Käse von 62 Pf. das Pfund auf 76 Pf. gestiegen. Die Qualität der Waren, hauptsächlich Lebensmittel, verschlechtert sich allgemein. Die Gewerbetreibenden versuchen die durch die Festpreise verringerte Verdienstspanne auf diese Weise auszugleichen. Besonders auffällig tritt das bei den Wurstwaren zutage. Die früher weitbekannten Münchner Bratwürstel haben ihre Qualität eingebüsst. So wird auf nicht errechenbare Art die Lebenshaltung der breiten Masse verteuert. Infolge des immer mehr anziehenden Zuckerpreises gehen die aermeren Volksschichten wieder wie im Kriege dazu über, A- 48Sacharin statt Zucker zu verwenden. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Preise entwickeln sich noch immer ständig aufwärts, wenn der Prozess auch langsam und manchmal kaum bemerkbar vor sich geht. So sind insbesondere in den letzten Wochen die Preise für Hülsenfrüchte, Reis, Mehlprodukte und vor allem Käse gestiegen. Beim Brot ist in Oberbaden ein indirekter Aufschlag vorgenommen worden. Früher kostete ein Zweipfund- Roggenbrot 35 Pf. und das Dreipfund- Brot 52 Pf. Halbweissbrot 38 bezw. 56 Pr. Es sollen allerdings nie genau 2 oder 3 Pfund gewesen sein. 750 Gramm Roggen- Mischbrot kosten jetzt 27 Pf. und 1.500 Gramm 54 Pfennige. Das Gewicht des Brotes muss nunmehr auf dem Brot verzeichnet sein. Weizen- Mischbrot kostet jetzt 30 bezw. 60 Pf. Dabei ist aber das Brot bedeutend schlechter und schwärzer geworden. Das Weizenmischbrot sieht jetzt aus wie das frühere Roggenbrot und das Roggenbrot ist viel schwärzer geworden. Die Kontrolle bei den Bäckern ist sehr streng, damit ja die vorgeschriebene Mischung genommen wird. Bäckermeister, die die Mischung nicht genau einhalten, werden bestraft. 2. Bericht: Die Preise für Lebensmittel gehen rastlos aufwärts. Wohl han delt es sich immer nur um Pfennige, aber die Hausfrauen fangen an zu rechnen, was sie vor einem oder zwei Jahren für das Geld bekamen und was sie heute noch für den gleichen Betrag erhalten. In den Metzgereien wurde an die Frauen eine Aufklärungszeitung abgegeben, in der in einer Abhandlung nachgewiesen wird, dass die Metzger im Jahre 1935 die grössten Opfer gebracht haben, denn die Viehpreise hätten um rund 20% aufgeschlagen, dagegen Fleisch und Wurstwaren nur um rund vier Prozent. Das Fett ist um 5 Pfennig pro Pfund, von 95 Pf. auf eine Mark gestiegen. Geräucherter Speck hat sogar schon 1,80 bis 2 Mark gekostet. Dafür ist es dann echter" Schwarzwälder Speck" und für solche Sondersorten gelten die Höchstpreise nicht. Sachsen: Kartoffeln kosten jetzt 4,50 Mark je Zentner, 1935 dagegen um diesel be Zeit 3,-- bis 3,20 Mark. Ein Brot zu 4 Pfund 62 Pf., 1933 48 bis 52 Pf. Die Wurstwaren sind sehr teuer und schlecht. Seit dem Herbst 1935 ist z. B. die Leberwurst um 6 bis 8 Pf. für 1/4 Pfd. im Preise gestiegen.( Gute Leberwurst kostet 40 bis 45 Pf., die billigen Sorten 32 bis 35 Pf.) Gewürze sind knapp und teuer geworden. So enthalten z. B. die fertigen Packungen mit Kümmel zu 10 Pf. jetzt nur noch etwa die Hälfte des früheren Quantums.- Erdnüsse, die im vorigen Jahr 24 Pf. das Pfund osteten, kosten jetzt 50 bis 55 Pf. A 49 3) Die Beschäftigungslage Besonders ungünstig ist nach wie vor die Lage der Textilndustrie. Sie leidet unter dem Mangel an Rohstoffen, ihr Inandsabsatz bleibt infolge des Rückgangs der Realeinkommen nd der Nachwirkungen der Hamsterperiode von 1934 anhaltend chlecht. Diejenigen Zweige, die vorwiegend auf die Ausfuhr ngewiesen sind, ringen schwer um ihre Existenz. Wuppertal: Es ist unterschiedlich bei uns. Das kommt daher, dass bei uns die verschiedensten Zweige vertreten sind. Es gibt hier eine Unmenge von Firmen, die alle etwas anderes herstellen. Es geht hier in erster Linie um die Ausfuhr, genau wie am Niederrhein, in Aachen, Düren usw. Immer wieder haben die Wuppertaler Wirtschaftskreise versucht, die Ausfuhr zu beleben. Denn davon hängt das Schicksal des Gebietes ab. Webstoffe, Teppiche, Textilveredelung, Kunstseide, das sind die hauptsächlichsten Arten unserer Produktion. Vieles wird in Heimarbeit hergestellt, unzählige Existenzen hängen von dieser Industrie im ganzen Bergland ab. Vor dem Kriege gingen die Barmer Artikel, Bänder, Besatz, gummielastische Waren, Farb- und Isolierbänder, Spitzen, Hutartikel, Wagen- und Möbelposamenten u.a. zu 70% ins Ausland. Bis 1928 stellte sich der Wert dieser Ausfuhr noch immer auf 51 Mill. RMark, 1934 betrug der Wert nur noch 16 Mill. RMark, 1935 stieg die Menge zwar um ein geringes, der Wert aber sank weiter ab auf etwa 10 Mill. RMark. Je schlimmer die aussenpolitische Lage wird, umso schwerer hat die Wuppertaler Industrie zu kämpfen. Deshalb sehen die Verantwortlichen unseres Gebietes auch der weiteren Entwicklung mit grösster Sorge entgegen. In diesen Kreisen ist längst die Begeisterung für Hitler zum Teufel. Ueberall kann man die Ernüchterung feststellen. Neuerdings versuchen die Wuppertaler Wirtschaftskreise so etwas wie eine Selbsthilfe zu organisieren. Es ist eine Industrieberatungsstelle gegründet worden. Sie soll den Kleinen helfen, Märkte zu erschliessen, gemeinsame Modeartikel erfinden lassen und sie auf den ausländischen Markt zu bringen suchen. Dazu werden bestimmte Beiträge von den Mitgliedern der Handelskammer erhoben. Ausserdem ist eine Arbeitsbeschaffungsstelle errichtet worden. Es sind auch gewisse Erfolge zu verzeichnen. Neuerdings aber droht alles wieder zu versacken; denn das Ausland kauft nun noch weniger und der Inlandsmarkt reicht nicht aus, uns wieder auf die Beine zu bringen. Münsterland- Ruhrgebiet( Nord): Die Firma X. arbeitet in der Spinnerei 32 Stunden, während die Weberei 30 Stunden pro Woche läuft. Die Spinnerei Y., die ungefähr 200 Arbeiter und A- 50Arbeiterinnen beschäftigt, arbeitet 20 Stunden und wird in der folgenden Woche, wenn keine Hilfe kommt, ganz schliessen müssen. Besitzer und Direktor sind nach Berlin gefahren und bemühen sich um Subventionen oder Staatsaufträge. Eine weitere Spinnerei, die ca. 150 bis 160 Personen beschäftigt, arbeitet 24 Stunden wöchentlich. Absatz ist so gut wie nicht vorhanden. Lediglich Militärdrell- Lieferungen halten dieses Werk noch. Neuerdings werden Drellgarne in eine auswärtige Färberei gesandt. Da dunkelblau und Khaki Farbe verlangt wird, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Italienlieferungen. Die Beschäftigungslage bei der Textilindustrie in Z. ist weiterhin sehr schlecht. Bei der Firma A., Spinnerei, Weberei und Veredlung, wurde die Arbeitszeit auf 24 Stunden pro Woche herabgesetzt und zwar ab 15. Januar 1936. Schon vorher hatte die Betriebsleitung die Kündigung von 220 Personen beantragt. Dieser Antrag ist abgelehnt worden. Daraufhin fuhr der Besitzer nach Berlin. Nach seiner Rückkehr wurde durch den Betriebswalter bekanntgegeben, dass nicht nur die Kündigungen unterbleiben, sondern vorläufig sogar die bisher 7- stündige Arbeitszeit auf 10 Stunden erhöht wird. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, dass die Firma vom Staat Zuwendungen erhalten hat. Ebenfalls hat die Firma B. den Antrag gestellt, 300 Mann zu entlassen. Auch dieser Antrag ist abgelehnt. Darauf hat die Betriebsleitung eine Abteilung geschlossen und für die übrigen Abteilungen eine weitere Senkung der Arbeitszeit von 36 auf 30 Stunden pro Woche vorgenommen. Da alle diese Kürzungen ohne vorherige Kündigungen erfolgen, kommt es vor, dass Leute morgens um 7 Uhr zur Arbeit erscheinen und um 9 Uhr nachhause geschickt werden. Diese rigorosen Massnahmen erregen viel böses Blut unter den Arbeitern. Rheinland, 1. Bericht: Die Textilindustrie, sowohl im Aachener Gebiet, als auch am Niederrhein und in Wuppertal melden keine Veränderung der Beschäftigungslage, eher ist von einer weiteren Einschränkung der Beschäftigung die Rede. In den Streichgarnspinnereien schien es im Dezember, dass eine gewisse Belebung eintreten würde und man hatte grosse Hoffnung darauf, dass die Vorräte, die man in der Hamsterzeit aufgespeichert hatte, aufgebraucht seien. Tatsächlich aber hat der Auftragseingang nachgelassen und man spricht bereits von weiteren Arbeitseinschränkungen. Die verkürzte Arbeitszeit wird beibehalten. In der Tuchindustrie ist die Lage ähnlich. Zwar fällt durch die neuen Spinnstoffgesetze formell die bisherige Arbeitszeitbeschränkung fort. Dafür aber ist die Kontingentierung der Spinnstoff eingetreten und sie bedeutet im Effekt dasselbe, nämlich Einschränkung der Arbeitszeit. Noch immer klagt man über die grossen Lager an Fertigwaren, die neue Bestellungen nicht zuliessen. Man rechnet nun wieder mit einer Belebung des Frühjahrsgeschäfts, obwohl eigentlich die Früh A- 51jahrsbestellungen längst hätten getätigt sein müssen. 2. Bericht: Die Textilindustrie arbeitet nun in allen Betrieben kurz. Die sogenannte Faserstoffverordnung, die die ist die Verwendung von ausländischer Wolle beschränkt, hauptsächlichste Ursache der Arbeitsstreckung. Mehr und mehr gehen die letzten Reste der Auslandsaufträge verloren. So wird z. B. bekannt, dass die bisherigen Abnehmer der guten Aachener Qualitätswaren ihre Aufträge nach Belgien vergeben, wegen der dort niedrigen Preise, aber auch wegen der höheren Qualität. Die Bestrebungen der Unternehmer im Aachen- Dürener Gebiet gehen deshalb dahin, die Reichsregierung zur Lockerung der Bestimmungen des Spinnstoffgesetzes und zu vermehrter Zulassung von englischer Wolle zu bewegen. In einer Konferenz in Köln, zu der auch der Staatssekretär Posse vom Reichswirtschaftsministerium erschienen war, hat der Fabrikbesitzer Croon aus Aachen sehr energisch gefordert, dass die Herren da oben mehr Rücksicht auf die Aachener Qualitätsindustrie nehmen sollten. Geschehe das nicht, dann ginge der Anschluss an die Weltwirtschaft restlos verloren. Man solle grosszügiger sein mit der Erteilung von Genehmigungen bei der Rohstoffzuteilung. Es dürfe nicht dahin kommen, dass die Feinheit und Qualität der Aachener Konsumindustrie zu ihrem Nachteil ausschlügen, eine Gefahr, die bei der Rohstoffbewirtschaftung in allernächste Nähe gerückt sei. Dr. Ohls von der Eitorfer Kammgarnspinnerei konnte beweisen, wie die Wollindustrie sich erfolgreich bemüht hat, ihren Einfuhrbedarf durch entsprechende Ausführ in verhältnismässig grossem Umfange zu decken. Diese Bemühungen würden aber in letzter Zeit erschwert durch eine nicht genügende Materialversorgung. Man forderte auch mehr Behördenaufträge. Immer wieder wurde die Sonderstellung des Rheinlandes im deutschen Wirtschaftsleben herausgestrichen. Man solle bedenken, dass das Rheinland Grenzland sei und deshalb in besonderer Gefahr schwebe. Berlin: Die Reichsbetriebsgemeinschaft Textil hat vor einiger Zeit eine Erhebung veranstaltet, die ergab, dass 85% aller in der deutschen Textilindustrie Beschäftigten verkürzt von 32 Wochenstunden bis herunter zu 8 Wochenstunden arbeiten. Diese Statistik ist nur für den inneren Gebrauch der Arbeitsfront bestimmt und wird nicht veröffentlicht. Thüringen: Die Arbeitslosigkeit im Bezirk Gera ist gross Der grösste Teil der Webereien arbeitet wegen Mangel an Rohstoffen nur zwei bis drei Tage in der Woche oder liegt bereits still. Die Firma Schütze& Leube, Weberei, GeraUntermhaus, hat ihren Betrieb geschlossen. Dadurch sind wieder 350 Personen arbeitslos geworden. Ueber die Lage der Pfälzer Schuhindustrie, die seit langem otleidend ist, wird berichtet: A- 52Der Ende 1934 einsetzende Beschäftigungsrückgang hielt auch in den ersten Monaten des Jahres 1935 an. Nur wenige Betriebe waren voll beschäftigt. Ueberall klagte man, dass nur kleine Sofortaufträge einlaufen und grössere geschlossenere Orders ausbleiben. Anfang 1936 wurde die Gesamt arbeitslosigkeit mit 16.000 angegeben. Am Arbeitsamt Pirmasens ist Hochbetrieb. Die restlichen 11.000 Arbeiter des Bezirks arbeiten berkürzt, viele nur einen Tag pro Woche, manche sogar nur einen Tag alle 2 Wochen. Mehr als 3 Tage wird nirgends gearbeitet. Die Lage ist trostlos. Die Bemühungen auf Herbeischaffung von Militäraufträgen, die besonders auch vom Gauleiter Bürckel unterstützt wurden, sind erfolglos geblieben. Ein von einer grösseren Firma angefertigter Posten kam wieder zurück mit einem Stempel " Unbrauchbar". Die Industrie ist auf dieses schwere Schuhwerk nicht eingestellt, es sind immer nur die leichten Strassenschuhe angefertigt worden. Einige kleine Aufträge vom Arbeitsdienst und einige Winterhilfsaufträge sind bedeutungslos. Infolge des heftigen Streites über die Verteilung wurde die Genossenschaft der Kleinfabrikanten gebildet. Ueber die Lage des Bauhandwerkes wird uns berichtet: Bayern: Im letzten halben Jahr wurde deutlich spürbar, dass die Belebung des Bauhandwerkes im Jahre 1934 bis 1935 künstlich war. Das Ausbleiben der staatlichen Zuschüsse macht sich sehr fühlbar. Dem Münchner Bauhandwerk haben die Instandsetzungszuschüsse Aufträge von etwa 35 Millionen Mark eingebracht. Diese Zuschüsse sind jetzt ausgeblieben, was zu einem sofortigen Zurückfluten der privaten Aufträge führte. Die grossen Staatsbauten( Parteihäuser, Haus der Deutschen Kunst, Reichsautobahnhof) sind vollendet, so dass für das gegenwärtige Jahr trübe Aussichten für das Bauhandwerk bestehen. Die kleinen Baugeschäfte sind besonders in Mitleidenschaft gezogen. Eine Bauunternehmung( durchschnittlich 30 Mann Belegschaft), die in den beiden letzten Jahren mit Ausnahme der Frostmonate dauernd beschäftigt war, konnte vom September an keine grösseren Aufträge mehr bekommen. Zuletzt wurden noch 4 Luftschutzkeller gebaut. Die Arbeiter mussten im Oktober is auf 7 Mann ausgestellt werden, obwohl die Witterungsverhältnisse nicht dazu zwangen. Der Unternehmer erklärte einem um Arbeit vorsprechenden Arbeiter im Januar, dass er von seinen Forderungen aus dem Jahr 1935 erst 40% hereinbekommen habe. Die Mitglieder der Baugewerksinnung haben in einem Schreiben mitgeteilt bekommen, dass in Hinkunft nicht in dem Ausmass wie bisher mit staatlichen Subventionen zu rechnen ist, die Privat initiative müsse von jetzt ab mehr in den Vordergrund treten. A-53Sachsen: Arbeit für den Malerberuf wie überhaupt für das Baugewerbe und die mit ihm verbundenen Berufe gibt es hauptsächlich bei Kasernen- Neubauten und Neubauten der Rüstungsindustrie. So hat neuerdings die Chemische Fabrik Heyden in Radebeul bei Dresden einen neuen grossen Verwaltungsbau aufgeführt. Die Zeiss- Ikon- Werke( optisches Kriegsgerät) haben sowohl die ehemaligen Ernemann- Werke in Dresden- Striesen als auch die Zeiss- Ikon- Werke in Dresden- Reick durch Neubauten erweitert. Besonders umfangreich sind die Neubauten in Dresden- Reick. Dort sind auch geräumige Luftschutzkeller eingebaut worden. Einige Berichterstatter melden übereinstimmend, dass in der letzten Zeit die Arbeitsämter dazu übergehen mussten, die Auszahlungen der Unterstützungen an mehreren Tagen vorzunehmen, um den Andrang der Arbeitslosen zu vermindern. Sachsen, 1. Bericht: Am Arbeitsamt in Crimmitschau herrscht beim Stempeln ein geradezu toller Betrieb. Man benötigt jetzt, um die Auszahlung der Unterstützung durchführen zu können, zwei Tage. Donnerstags werden die Nummern 1 bis 3.000, am Freitag die Nummern 3.001 bis 7.000 abgefertigt. Die Arbeitslosen aus den Landgemeinden werden gesondert am Donnerstag nachmittag abgefertigt. In den schlimmsten Monaten vor Hitler hatte man Donnerstags die Arbeitslosen der Landgemeinden und Freitags die der Stadt abgefertigt. 2. Bericht: Vor dem Arbeitsamt in der Maternistrasse in Dresden stehen Montags, am Stempeltag, tausende von Fahrrädern. Die Arbeitslosen stehen in Diskussionsgruppen auf der Strasse beisammen, soweit sie nicht vor den Stempelstellen im Amt Schlange stehen. Ein Genosse ging einmal um 1/2 10 Uhr vormittags hinauf zur Stempelstelle- umd 2 Uhr kam er wieder herunter; die Wartenden standen Schlange über mehrere Treppenabsätze. Während der ganzen Stempelzeit von 8 bis 2 Uhr steht auf der Strasse vor dem Arbeitsamt ein Siemens- Grosslautsprecher und spielt Märsche von Schallplatten. Zwei Schutzleute haben Wache. 3. Bericht: In der Geschäftsstelle der Arbeitsfront in Markranstädt war man gezwungen, zwei Zahltage für die Auszahlung der Unterstützung einzuführen. Schlesien, 1. Bericht: In Görlitz genügte noch vor einigen Wochen zur Auszahlung der Unterstützung an die Arbeitslosen ein Tag, jetzt brauchen die Beamten vier volle Tage zur Auszahlung, die Unterstützungsempfänger müssen oft 2 bis 3 Stunden warten. A-542. Bericht: In Schweidnitz hat die Arbeitslosigkeit Formen angenommen, wie kaum sonst in einer schlesischen Stadt.Das Strassenbild wird von den Arbeitslosen völlig beherrscht. Der grösste Betrieb, die Heliowatt- Werke beschäftigen heute noch 400 Arbeiter, während es vor kurzem noch 1.500 und zur Zeit der Konjunktur 2.000 waren. Am Arbeitsamt Schweidnitz wird jetzt an 2 Tagen in der Woche die Unterstützung ausgezahlt, da wegen der hohen Zahl der Erwerbslosen ein Tag nicht mehr ausreicht. Dies war bisher noch nie der Fall. Am Arbeitsamt Hindenburg wurden die Zahlzeiten verlängert, um zu verhindern, dass sich grössere Mengen der Arbeitslosen ansammeln. Es wird auch den ganzen Nachmittag und an zwei Kassen ausgezahlt. Beides hat es vorher noch nie gegeben. 4) Der Rohstoffmangel Wir haben zuletzt im Dezember 1935( s.36 r) über die Auswirkungen des Rohstoffmangels berichtet. Seit dieser Zeit hat die Verknappung weitere Fortschritte gemacht. Ende Januar hat der Oberbefehlshaber des Heeres angeordnet, dass die beim Heer verwendeten Konservendosen gesammelt und zur Wiedergewinnung des Zinns abgeliefert werden müssen. Vor kurzem sind neue Vorschriften über Ersparnisse an Blei bei Bleirohren und Bleidichtungen ergangen. Unsere Berichterstatter melden: Berlin: Durch den Mangel an Devis en sind die Schokoladenfabriken nicht mehr in der Lage, Ananasfrüchte zu kaufen. Einige Fabriken haben nun als Ersatz hierfür grosse Mengen Kürbisse gekauft. Die Schokolade selbst enthält nur noch 28% Kakao. Aus allen Berliner Schokoladenfabriken wird einheitlich berichtet, dass die Kontingente für den Bezug von Kakaobohnen nur noch 30 Prozent betragen, während bis vor Weihnachten 1935 noch 70 Prozent bezogen werden konnten. Ruhrgebiet: In der Lebensmittelindustrie wird kurz gearbeitet. Es mangelt an Rohstoffen, vor allem Eiweiss, Milchpulver und Kakaopulver. Auch die Schuh- und Textilindustrie leidet schwer an Auftragsmangel und an Rohstoffen. In der Lederbranche fehlt das Oberleder wie Chevreaux und Boxcalf. Südwestdeutschland: In der Schuhindustrie in Tuttlingen in Württemberg ist seit Mitte Februar ein stärkeres Anziehen der Kurzarbeit festzustellen. Zeitweise ist ein grosser A-55Mangel an Leder eingetreten. Die stärkere Kurzarbeit vollzieht sich in der Form des Krümpersystems. Bayern: Die Textilhändler im Grenzgebiet erhielten von ihrer zuständigen Fachschaftsleitung ein Schreiben, in dem es u.a. heisst: " Die Händler werden dringend ermahnt und angewiesen, die Zellstoffgewebe in erster Linie den Kunden aufzureden. Wegen Mangel an Wolle dürfen Wollwaren nur im beschränkten Masse abgegeben werden. Käufer, bei denen man Zweifel hegt, ob sie deutsche oder tschechische Staatsangehörige sind, sollen sich durch Vorzeigen ihrer Ausweise legitimieren. Falls es Tschechen sind, ist die Bezahlung der Ware in Tschechenkronen zu fordern, anderenfalls sie zur Anzeige zu bringen sind." Praktisch soll das so gehandhabt werden, dass die Tschechen ihren Grenzausweis vorlegen sollen und dann sollen sie in Tschechenkronen bezahlen. Man kann sich vorstellen, wie unangenehm den Geschäftsleuten diese Anordnung der zuständigen Nazistelle ist. Man vertreibt sich ja auf diese Weise den tschechischen Kunden. Die Porzellanfabrik Rosenthal in Selb hat in langwierigen Verfahren ein neues technisches Porzellan hergestellt, womit besonders für Wasserleitungen man Leitungsrohre aller Art, usw. herstellen kann. Man glaubt, dass die technische Seite des Problems gelöst ist, dass man dieses Porzellan für Wasserleitungen, Säureleitungen, Brunnenfilter, Kondensleitungen, Bierleitungen, Heisswasserspeicher, Haushaltgeräte, in denen Flüssigkeit nicht mit Metall in Verbindung kommen soll, usw. verwenden kann. Man erwartet davon einen Aufschwung der Prozellanindustrie und Deviseneinsparung. Sachsen: Im Reichsbahn- Ausbesserungswerk Leipzig- Engelsdorf werden infolge Rohstoffknappheit Kupfer- durch Eisenrohre ersetzt%; statt Wachs wird billiges Oel beim Verkühler verwandt. 2. Bericht: Die Rohstoffknappheit zwingt jetzt dazu, in vermehrtem Umfange statt Kupfer Aluminium für Stromleitungen zu verwenden. Das Aluminium hat aber gegenüber dem Kupfer vielerlei Nachteile. So überzieht es sich an der Luft in kurzer Zeit mit einer feinen Oxydschicht. Beim Freileitungsbau wirkt sich das geringe spezifische Gewicht des Aluminiums hemmend aus. Es wird vom Wind leicht angehoben und die Drähte schlagen leicht zusammen. Aluminium ist auch gegen Schwingbruch leichter anfällig als Kupfer. Die Schwierigkeiten bei der Verwendung von Aluminium für Kabel sind etwas geringer, da die Anforderung an Festigkeit und Witterungsbeständigkeit nicht so hoch sind. A-5693 3. Bericht: Firnis für Malerarbeiten wird nur noch zur Hälfte des vor jährigen Bedarfs zugeteilt. Als Ersatz wird ein sogenanntes" Mischöl" verarbeitet. Allerdings spielen beim Bezug von Firnis die Geschäftsverbindungen des jeweiligen Meisters eine gewisse Rolle. Es ist damit eben genau so wie bei der privaten Beschaffung der knappgewordenen Leund bensmittel: wer Beziehungen hat, hat auch Butter Firnis Im allgemeinen aber ist die Knappheit fühlbar.Neue Fenster für Neubauten z.B. werden von den Tischlern seit jeher gefirnisst( geölt) geliefert. Diese Grundierung geschah in der Regel so reichlich, dass die eisernen Beschläge, Fischbänder usw. mit einer richtigen Firnis- haut überzogen waren. Jetzt aber sehen die Fenster nur noch" gefirnisst" aus; die Anstrichfarbe zieht sofort ein wie in rohes, nicht grundiertes Holz. Französisches Terpentin gibt es seit langem überhaupt nicht mehr, sondern nur noch das geringwertigere deutsche Terpentin. 4.Bericht: Bei der Firma X. wurden früher wöchentlich ungefähr 50 Ballen Baumwolle verarbeitet. Gegenwärtig wird die Hälfte davon mit Kunstseide vermischt. Die Nesselfabrikation ist bei dieser Firma im Jahre 1922 eingestellt worden. Dieser Fabrikations zweig ist wieder voll in Betrieb genommen worden. Die der Firma gehörenden Felder sind mit Brennnesseln bebaut worden. Rheinland, 1. Bericht: Nach den neuesten Vorschriften muss jetzt auch der Baumwolle mindestens 25% Ersatzstoff zugesetzt werden. Man nennt dieses neue Material" Imitat". Dieses Imitat lässt sich sehr schlecht verarbeiten. In der Weberei reissen an den Maschinen die Kettfäden, da sie keine Zugfestigkeit besitzen. Es ist eine sehr schlechte und schwere Arbeit. Eine andere Begleiterscheinung ist die, dass dieses Zeug furchtbar staubt. Es hat einen üblen Geruch, ja es stinkt direkt. Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben Halsschmerzen und leiden ständig an Rachenkatarrh. 2. Bericht: Den Leuten, die über die Grenze gehen, werden in letzter Zeit vor dem Austritt alle Kupfermünzen abgenommen. Und wenn es sich nur um einen einzigen Pfennig handelt. Nach Aussage der Zöllner handelt es sich bei dieser Massnahme lediglich darum, das Kupfer nicht in das Ausland zu lassen. 5) Sorgen um die Währung ( s.27 ff) Wir haben wiederholt-zuletzt im Oktober 1935 arüber berichtet, dass eine ständige Beunruhigung der Bevölerung um das Schicksal der Währung besteht. Man fürchtet A-57nicht so sehr eine Wiederholung der Inflation aus den zwanziger Jahren als eine Abwertung der Mark oder irgend eine neue Form der Geldentwertung. Aus verschiedenen Berichten über die Wirkungen der Rheinland- Besetzung geht bereits hervor, dass die Währungssorgen dadurch einen neuen Auftrieb erfahren haben. Zahlreiche Gerüchte durchschwirren das Land. Wir entnehmen den Mitteilungen unserer Berichterstatter: Berlin: Die Sorge um den Bestand des Geldwertes hört nie ganz auf. Eine Zeit lang gab es auffällig viel Grundstückskäufe. Jetzt haben sie etwas nachgelassen. Aber immer noch werden von Leuten, die an sich an der Siedlung gar kein Interesse haben, kleine Siedlungshäuser gekauft. Man spricht davon, dass das Sparen sich nicht mehr so recht lohnt und dass es zweckmässig sei, Sachwerte zu kaufen. Man erkundigt sich unter der Hand nach inflationssicheren Papieren. Aber gerade für den kleinen Mann gibt es in Deutschland heute kaum Möglichkeiten, sich vor einer Geldentwertung zu schützen. Sachsen, 1. Bericht: Die Kunstgegenstände haben sehr im Preis angezogen, da sich Bessergestellte durch Ankauf von Gemälden usw. vor einer Inflation schützen wollen. Man erzählt sich allgemein, dass sich Goering und Goebbels im Ankauf solcher Dinge geradezu Konkurrenz machten, In Leipzig merkt vor allem der sehr daniederliegende Pelzhandel die Wirkung der Inflationsangst. Die reichen Leute versuchen sich Pelzwerk aus Opossum, Persianer und anderen kostbaren wertbeständigen Fellen vorsorglich anzuschaffen. Aber gerade dieses kostbare Pelzwerk ist immer seltener zu haben, da wegen Devisenmangel vom Ausland keine Felle mehr bezogen werden können. Versuche mit eigenen Silberfuchsfarmen brachten starke Enttäuschungen. Angestellte von Leipziger Pelzfirmen berichten, dass vor allem auch Nazi bonzen und höhere SAFührer sich mit teurem Pelzwerk eindecken.- Auffällig sind die vielen Häuserkäufe. Es werden gar nicht selten Käufe abgeschlossen, ohne dass sich der Käufer das betreffende Haus oder Grundstück vorher angesehen hat. 2. Bericht: Dem Geld traut man nicht recht. Es fällt auf, dass viele Geschäftsleute ihre Rechnung jetzt gleich bezahlen, die früher eine Zeit, lang Kredit beansprucht haben. Sie wollen kein Bargeld zu Hause haben. Dass die Mark im Ausland so schlecht steht, weiss niemand. 3. Bericht: Ein junger Mann aus Sachsenberg stand vor seiner Hochzeit. Die Braut stammt aus Schwaderbach( ČSR). Diese hatte sich 900 Kronen gespart, damit sie auch etwas mit in die Ehe bringen konnte. Das Geld übergab sie dem Bräutigam, der dafür die Möbel bezahlen sollte. Da kam der Marksturz. A- 58Die Angst vor der Inflation, die heute in Deutschland schon manche Kreise erfasst hat, und der Gedanke, dass die Möbel später mit Kronen besser bezahlt werden können, veranlasste den Bräutigam, das Geld wieder der Braut zurückzugeben. Dabei wurde er erwischt, wegen Devisen schmuggels angeklagt und zu drei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Schlesien: Nach Mitteilung eines hohen städtischen Beamten soll ein Gesetz über eine stark herabgesetzte Binnenwährung in Vorbereitung sein. Als Deckung soll der Hausbesitz herangezogen werden und zwar durch Verpfändung der Grundstücke an den Staat. Darüber bereits Angst und Unwillen unter den Hausbesitzern. Rheinland: Ein Sparkassenbeamter berichtet, dass alle Beamten verpflichtet sind, ihre Gehälter auf ihr Guthaben bei der Sparkasse überweisen zu lassen, desgleichen auch die Angestellten der Staats- und Gemeindeverwaltungen. Bei der Abhebung der notwendigen Mittel für den Lebensunterhalt werden dauernd Schwierigkeiten gemacht. Sie sollen möglichst hohe Beträge stehen lassen für öffentliche Zwecke, wie Arbeitsbeschaffung, staatliche Anleihen und anderes. Das ist nach seiner Meinung auch die Ursache für das Ansteigen der Einlagen bei den Sparkassen, wie sie die Statistiken ausweisen. In der Eifel wurden bei Landversteigerungen auffällig hohe Preise erzielt. In Tettscheid z.B. kam der Morgen auf etwa 300 bis 400 Mark gegen loo bis 150 Mark in früheren Jahren. Südwestdeutschland, 1.Bericht( Pfalz): Auffallend ist, dass soviel Aufträge in landwirtschaftlichen Maschinen vorliegen und man vermutet, dass es sich hier um Anlage von Sachwerten handelt wegen der auch auf dem Lande vorhandenen Inflationsfurcht. In der Bevölkerung geht allgemein das Gespräch, dass 40% aller Sparkassengelder dem Staat zufliessen. 2. Bericht: Unter der Bevölkerung macht folgendes Gerücht die Runde: In einer Grosstadt entdeckte ein Geschäftsmann, dass er zwei Zwanzigmarkscheine mit genau der gleichen Nummer bekommen hatte. Er glaubte, einer müsse gefälscht sein und ging damit zur Reichsbank. Dort wurde ihm zu seinem grossen Erstaunen sofort der Schein in Silbergeld umgewechselt. Aus dem Benehmen der Bankbeamten war zu entnehmen, dass etwas da nicht stimme. Druckt die Reichsbank das Geld in doppelter Ausführung? Hamburg: Eine ausgesprochene Inflations furcht besteht nicht. Aber man legt das Geld nicht mehr auf die Sparkassen, sondern sichert es durch Grundstückskäufe. Die kleinen Sparer legen ihre Ersparnisse, soweit sie sie ausgezahlt erhalten, in Sachwerten an, hauptsächlich in Möbeln. A- 59Ein bezeichnendes Beispiel für die anhaltende Flucht in das Siedlungshaus bietet auch das beiliegende Rundschreiben der Deutschen Afrika- Linien an ihre Gefolgschaftsmitglieder: DEUTSCHE AFRIKA- LINIEN WOERMANN- LINIE DEUTSCHE OST- AFRIKA- LINIE HAMBURG- BREMER AFRIKA- LINIE Hamburg, im Februar 1936 Brd./St. An die Gefolgschaftsmitglieder der Deutschen Afrika- Linien, des Hafenbetriebes der Afrika- Linien G.m.b.H., der Schiffswerkstätten Afrika G.m.b.H. In den letzten Jahren haben eine ganze Reihe unserer Gefolgschaftsmitglieder Grundstücke erworben und zu bauen angefangen. Wir haben nun leider die Beobachtung gemacht, dass in sehr vielen Fällen die Betreffenden nicht mit der nötigen Sorgfalt die tatsächlichen Kosten ihrer Siedlungspläne vor Erteilung der endgültigen Aufträge ermittelt, in einigen Fällen nicht einmal die Finanzierung von Anfang an genügend sichergestellt haben. Dadurch sind einige unserer Gefolgschaftsmitglieder bedauerlicherweise in grösste finanzielle Bedrängnis geraten, und nur unter grössten Opfern war es in einigen Fällen möglich, zu verhüten, dass die Siedlungspläne gänzlich zusammenbrachen und damit für die Betreffenden der Verlust ihrer gesamten Ersparnisse eintrat. So sehr gewiss an sich der Siedlungsgedanke zu begrüssen ist, so kann doch nicht dringend genug davor gewarnt werden, dass Siedlungspläne, ohne dass vorher in jeder Weise die Finanzierung für die Durchführung sichergestellt ist, in die Tat umgesetzt werden. Wir erklären hiermit auf das ausdrücklichste, dass wir als Firma keinem unserer irgendwie durch solche Siedlungspläne in Schwierigkeiten geratenen Gefolgschaftsmitglieder finanziell helfen können, da uns dafür Mittel nicht zur Verfügung stehen. Wir können auch nicht im Wege von Gehaltsvorschüssen helfen, da wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel restlos für die Erhaltung und den Ausbau unseres Betriees benötigen. Es ist daher zwecklos, dass uns derartige Gesuche eingereicht werden. Hamburg, im Februar 1936. WOERMANN- LINIE A.G. DEUTSCHE OST- AFRIKA- LINIE Arnold Amsinck. Brede. A-60III. Der Arbeitseinsatz Die Regelung des Arbeitseinsatzes, wie man in der militärischen Sprache des Dritten Reichs die Bewirtschaftung des Arbeitsmarktes nennt, befindet sich im Uebergang von der zweiten zur dritten Phase. Die erste Phase war die der" Arbeitsschlacht". Sie erhielt ihr Gepräge durch eine wirtschaftlich ziel- und planlose Hochflut von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen, die vorwiegend von dem innenpolitischen Bedürfnis des Systems nech schnell sichtbaren Erfolgen diktiert wurden. Die zweite Phase war die der Aufrüstung. In dieser Phase wurde die öffentliche Initiative zur Verminderung der Arbeitslosigkeit mehr und mehr einem auch wirtschaftspolitisch einheitlichen Ziel untergeordnet. An die Stelle der Notstandsarbeiten trat mehr und mehr die Hochkonjunktur der Rüstungsindustrie im weitesten Sinne. Es entstand die" Staatskonjunktur". Diese Phase nähert sich ihrem Ende: ohne Zusammenbruch der Währung kann im bisherigen Tempo nicht weitergerüstet werden. Damit entsteht die Frage: Wie soll in Zukunft, in der dritten Phase, der Kampf gegen ein Wiederanschwellen der Arbeitslosigkeit geführt werden? Die Antwort kann einmal lauten: Durch Inangriffnahme von Arbeiten, die billiger sind und weniger ausländische Rohstoffe verlangen als die Rüstung. In diesem Sinne spielt vor allem der Wohnungsbɛ die Rolle einer Arbeitsreserve für die Zeit des Abflauens der Rüstungsaufträge. Daneben gibt es aber noch eine andere Antwort: Steigerung der organisatorischen Massnahmen zur Verminderung der Arbeitslosigkeit. Dabei kommen vor allem in Frage: Durchkämmung der Arbeitslosen, d.h. Ausscheiden aller" Arbeitsunwilligen" und" Arbeitsunfähigen"; Ausdehnung der Kurzarbeit; Umschulung von Arbeitslosen und Verpflanzung von Arbeitern in die Landwirtschaft. Um die Wirksamkeit dieser Methoden, deren Anwendung zum Teil seit langem neben der Arbeitsbeschaffung einherläuft, in Zu A-61kunft zu steigern, sind verschiedene Vorbereitungen getroffen worden. Die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung hat das Monopol der Arbeitsvermittlung erhalten und sowohl die Arbeitsfront wie der Arbeitsdank haben ihre Tätigkeit auf diesem Gebiet mit dem 31. März beenden müssen. Ausserdem ist die Einstellung von Arbeitern unter 25 Jahren in jedem Fall von der Genehmigung des Arbeitsamtes abhängig gemacht worden. Die Bedeutung der Notstandsarbeiten ist mit der Konzentration aller wirtschaftlichen Kräfte auf die Aufrüstung immer weiter zurückgegangen. Allein bei den von der Reichsanstalt geförderten Arbeiten dieser Art ist die Zahl der Beschäftigten von 630.000 Ende März 1934 auf 350.000 Ende März 1935 und jetzt. auf 150.000 zurückgegangen. Mit ihrem weiteren Rückgang muss gerechnet werden. In dem Erlass des Präsidenten der Reichsanstalt vom 18. Februar 1936( RAB1.Heft 9 S I 59) über die" Gestaltung der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge für das Haushaltsjahr 1936" heisst es: " Die Gestaltung des Reichshaushalts 1936 bedingt... für das kommende Haushaltsjahr eine Einschränkung der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge. 1. Nur für gewisse, noch näher zu bestimmende Gebietsteile werde ich Beträge in der bisherigen Weise im begrenzten Umfange zur Verfügung stellen können,... 2.... 3. Damit... die Arbeitslosigkeit durch Finanzierung zusätzlicher Arbeitsgelegenheit weiter vermindert und insbesondere auch durch Arbeitsangebot der Arbeitswille geprüft werden kann, wird... mit Wirkung vom 1. April 1936 zugelassen, dass in geeigneten Fällen die tatsächliche Ersparnis an Unterstützung zur Finanzierung zusätzlicher Arbeit mit verwendet wird.". Dieser Erlass besagt dreierlei: 1) Infolge wachsender Finanzschwierigkeiten werden im Rechnungsjahr 1936 die Mittel des Reichs für Arbeitsbeschaffung weiter eingeschränkt. 2) Die Arbeitsbeschaffung soll in Zukunft vor allem den Zweck haben, den Arbeitswillen zu prüfen, d.h. also Vorwände für Unterstützungsentzug zu schaffen. 3) Für die nachgeordneten Behörden wird ein erhöhter Anreiz zur Verminderung der Zahl der Unterstützungs A-62empfänger dadurch geschaffen, dass die ersparten Unterstützung: mittel zur Finanzierung von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen verwendet werden dürfen( während sie bisher der Reichsanstalt zuflossen). Ueber die Einstellung von Nostandsarbeiten wird uns berichtet: Sachsen: Auf dem Ungerberg bei Neustadt/ Sa.- kaum 20 Minuten von der tschechoslovakischen Grenze entfernt- verbreitert man sicher aus strategischen Gründen- die Fahrtstrasse um mehrere Meter und oben auf dem Berg, bei dem Turm, legt man einen angeblichen Autoparkplatz grossen Formats an. Die Arbeitskräfte werden zum Teil den Krisenunterstützungsempfängern entnommen. Es heisst zur Verrichtung" leichter Waldarbeit", während es sich um schwerste Strassenbau- und Steinbruchsarbeit handelt. Die Bezahlung ist allerdings noch verhältnismässig gut. 56 Pf. Stundenlohn und für jeden Familienangehörigen 2 Pf. Zulage- im Gegensatz zu dem Steinbruch sgebiet Demitz- Thumitz bei Bischofswerda, wo die Hilfsarbeiter nur 41 Pf. pro Stunde erhalten. Mein Gewährsmann sollte jedenfalls 26 Wochen beschäftigt werden, doch nach kaum 8 Wochen erfolgten bereits umfangreiche Entlassungen, weil die" Tagewerke verbraucht seien". Mit anderen Worten: man hat kein Geld mehr. ( Vogtland) Die Notstandsarbeiten sind zum grössten Teil zu Ende gegangen. Nur kleinere Arbeiten kommen ab und zu noch zur Ausführung. Es wird 40 Stunden gearbeitet, der Stundenlohn beträgt 56 Pf. Nach allen Abzügen verbleiben dem Arbeiter 19 RMark. Bayern: Die sogenannte Ostmarkstrasse, die von Passau bis Hof der tschechoslovakischen Grenze entlang verlaufen soll, war als Notstandsarbeit gedacht. In der Nazipresse war mit diesem Projekt eine ungeheuere Reklame gemacht worden, ähnlich wie mit den Autobahnen. Während im vorigen Jahr dort viele Hunderte in Arbeit standen, arbeiten jetzt an den verschiedenen Baustellen jeweils nur ein paar Männlein. Das Geld ist ausgegangen. In der Gegend von Waldmünchen sollten einige Dörfer eine Zufahrtsstrasse zu dieser Ostmark- Strasse bekommen und die Arbeiten zu dieser Zufahrtstrasse sollten in diesem Frühjahr als Notstandsarbeiten beginnen. Nun waren schon zwei Versammlungen der interessierten Gemeinden wegen des Baubeginns. In der zweiten Versammlung wurde den Versammelten mitgeteilt, dass man jetzt diese Arbeiten nicht beginnen könne, da kein Geld da sei. Südwestdeutschland: Notstandsarbeiten werden so gut wie nicht mehr gemacht. Hier und da werden einige wenige Leute mit kleineren Arbeiten beschäftigt, um den Mietszuschuss oder sonstige kleinere Unterstützungen des Wohlfahrtsamtes A-63abzuverdienen. In der Stadt Konstanz sind die Notstandsarbeiten restlos eingestellt. Die neue Strasse beziehungsweise Strassenverkürzung zwischen Singen und Radolfzell ist fertig und die Leute, etwa 40 an der Zahl, wurden sämtlich entlassen. Nordwestdeutschland:( Recklinghausen) Bis zum Sommer 1935 wurden hier an sechs bis acht Stellen Nostandsarbeiten geleistet. Es handelt sich um Strassenbauten, Kanalisation usw. Es waren ca. 600 Notstandsarbeiter beschäftigt. Heute ist nur noch eine Baustelle vorhanden( Kanalisation) mit ca. 50 Beschäftigten. Die anderen Arbeiter bevölkern wieder die Stempelstellen. ( Ruhrgebiet- West): Es gibt keine neue Arbeitsbeschaffung mehr. Mehrere Firmen versuchen, den Arbeitern eigene kleine Häuser zu bauen, um den Baumarkt zu beleben. Die Belegschaften beissen aber nicht an. Ein Arbeitsplatzaustausch findet nicht mehr statt. ( Hannover): Mit der Unterbringung bei Notstandsarbeiten wird viel Schwindel getrieben. 50 Leute werden an einem Morgen an eine Arbeitsstelle vermittelt, kommen an und müssen direkt wieder nach Hause, weil man sie nicht gebrauchen kann. Die Zeitungen berichten aber schon von neuen Anstellungen und Arbeitsbeschaffung. Allerdings gibt es auch anderen Schwindel. So wurde auch in letzter Zeit noch aufrecht erhalten, dass bei den Continentalwerken Tag und Nacht in drei Schichten gearbeitet würde. Zeitweise bestand eine Nachtschicht allein aus dem Lichtknipser, der den Betrieb erleuchtete und damit die Fiktion einer dritten Schicht aufrecht erhielt. Die Leute selbst werden durch Vereidigung zum Schweigen verpflichtet. Rheinland: Die Gemeinden sollen weit höhere Kosten für Wege- und Strassenbauten aufbringen als 1935. Alles für die Arbeitsbeschaffung; denn man rechnet in Kürze mit der Einstellung der Zahlungen, die bisher durch das Reich für diese Zwecke geleistet wurden. Die Gemeinden müssen jetzt die Mittel selbst beschaffen. Da ihnen verboten ist, bei den Sparkassen und bei sonstigen öffentlichen Geldinstitutionen Anleihen aufzunehmen, und sie in der Aufnahme von Krediten auch sonst stark beschränkt sind, bleibt ihnen kein anderer Weg als neue Steuern. Von der Notstandsarbeit ist die Pflichtarbeit zu unterscheiden. Pflichtarbeit ist die in der Regel von Gemeinden durchgeführte Beschäftigung von Wohlfahrtserwerbslosen unter Fortzahlung der Unterstützung. Früher eine seltene Einrichtung, wird sie neuerdings immer mehr angewendet, einmal um die Arbeitswilligkeit der Wohlfahrtsempfänger auf die Probe zu A- 64stellen und wenn irgend möglich einen Vorwand zur Einstellung der Unterstützungen zu finden, dann aber auch, um dadurch billige Arbeitskräfte für reguläre Arbeiten zu erhalten. Die nach stehenden Berichte zeigen, dass dieser Missbrauch der Pflichtarbeit jetzt weit verbreitet ist. Sachsen: Der hinter der Leuchtmühle gelegene Teil der VomagWerke Plauen, wird jetzt abgebrochen. Dort soll ein VistraWerk errichtet werden. Die Abbrucharbeiten werden zum Teil als Notstandsarbeiten( 65 Pf. Stundenlohn) und zum anderen Teil als Pflichtarbeiten ausgeführt. Bis zum Herbst 1935 erhielten die Pflichtarbeiter eine Entlohnung von 15 Pf. pro Stunde. Die Auszahlung erfolgte monatlich nach 160 geleisteten Arbeitsstunden in Bedarfsdekkungsscheinen zu 25 RMark. Wegen Geldmangel wurde der Entlohungssatz im Herbst 1935 auf 30 Pf. täglich herabgesetzt. Verweigerung der Pflichtarbeit zieht Unterstützungsentzug nach sich. Ausserdem erlischt bei angeblicher staatsfeindlicher Gesinnung der Anspruch auf Arbeitsvermittlung. Im Stadtteil Haselbrunn wird ein Sportstadium erbaut. Die Durchführung der Arbeiten erfolgt ausschliesslich als Pflichtarbeit. Entlohnung bei wöchentlicher Arbeitszeit von 40 Stunden, neben der Arbeitslosenunterstützung 1,80 RMark. Seit 1. November 1935 müssen die Wohlfahrtsempfänger in X. wöchentlich 2 Tage Pflichtarbeit verrichten. Auch andere Gemeinden im Vogtland haben dieses System eingeführt. Bayern: Wie man Sozialpolitik und Beschäftigung miteinander vermengt, dafür ein charakteristisches Beispiel. In der Stadt X. wurde im Winter ein Arbeitsloser beim Stadtrat eingestellt, um dort schriftliche Arbeiten zur Beschaffung der Unterlagen für das WHW zu leisten. Der Arbeitslose erhielt bis dahin wöchentlich 7,10 Mark Arbeitslosenunterstützung. Er bezog während der Beschäftigung als Aushilfskraft beim Stadtrat die Arbeitslosen unterstützung weiter und erhielt dazu wöchentlich 10 Mark als Entgelt für die Arbeitsleistung. In der Krankenversicherung war er ohnedies durch die Arbeitslosenversicherung, so dass der Stadtrat für ihn keine Krankenkassenbeiträge entrichte te. Aber auch für die Invalidenversicherung wurden keine Beiträge entrichtet, so dass dieser Arbeiter lediglich seine Anwartschaft aufrecht erhält. Nun hätte man das allenfalls noch verstehen können, solange der Mann sozusagen für einen charitativen Zweck arbeitete, aber er verrichtet längst andere Arbeiten, für die eine regelrechte Aushilfskraft notwendig wäre. Diese neue Arbeit kann die eine Aushilfskraft nicht bewältigen, so dass eine weitere Aushilfskraft dazu eingestellt wird. Man nimmt wieder einen Arbeitslosen und trifft die gleiche Regelung. Es gibt eben keine gesetzlichen Bestimmungen mehr, kein Arbeitsrecht, sondern reine Willkür. A-65Südwestdeutschland: Der Volksdienst Mannheim, die militärische Organisation der Mannheimer Wohlfahrtserwerbslosen umfasste bisher 3.180 Fürsorge empfänger. Bislang wurde vom Volksdienst nur betroffen, wer das 55. Lebensjahr noch nicht erreicht hatte. Seit einiger Zeit ist jeder Fürsorgeempfänger bis zum Alter von 65 Jahren volskdienstpflichtig. Nur der Arzt kann die Befreiung ermöglichen und dieser Vertrauensarzt, ein Dr. Schütz, ist als Schweinehund bekannt. Durch diese Neuregelung des Dienstpflichtalters ist die Zahl der Eingezogenen auf 4.225 angestiegen. Neuerdings müssen auch alleinstehende Frauen solche Dienstpflichten verrichten. Unter der Leitung der NS- Frauenschaft werden täglich ungefähr 3 bis 400 Frauen in verschiedenen Sälen der Stadt mit Dienstpflichtarbeiten beschäftigt. Nordwestdeutschland: Besonders brutal sind die Verhältnisse bei der Pflichtarbeit. Es werden regelrechte Bauarbeiten ausgeführt. Pro Woche werden 20 Stunden gearbeitet. Verteilt auf je 4 Stunden pro Tag, so dass allein der Empfangstag für die Unterstützung freibleibt. Wer lediglich zu einer anderen Unterstützung etwa 2 Mark Mietszuschuss von der Gemeinde erhält, hat dennoch für diese zwei Mark 20 Stunden Pflichtarbeit zu leisten. Kommt er jedoch an einem Tag nicht so viel bezur Arbeit, so werden ihm 4 Stunden á 60 Pr. trägt der Bauarbei terlohn) in Abzug gebracht. Auf den Mangel an Winterkleidung wird keine Rücksicht genommen. Selbst heftiger Regen hat keine Arbeitseinstellung zur Folge. Hamburg: Die Arbeitslosen müssen Fürsorgearbeit leisten gegen einen Zuschuss von täglich 0,75 RMK.( Flughafenbau, Umwandlung des Zoo in einen Volkspark). Welche Methoden heute bei der Arbeitsvermittlung durch die Arbeitsämter angewendet werden, um die Arbeitslosenziffern um jeden Preis zu drücken, geht aus nachstehenden Berichten hervor: Bayern: Ein verheirateter Arbeitsloser in einer Provinzstadt erhielt eines Tages die Mitteilung, dass seine wöchentliche Arbeitslosenunterstützung von 9,20 RMark eingestellt sei, da seine Frau saisonmässige Heimarbeit betreibe. Die Frau hat während der Sommermonate eine Heimarbeit, die ihr einen wöchentlichen Verdienst von 10 bis 12 Mark einbrachte, verrichtet. Als die Heimarbeit der Frau am Ende war, erwartete der Mann, dass nunmehr seine Unterstützung wieder ordnungs gemäss weiterlaufe. Er wurde beim Arbeitsamt vorstellig, wo man ihm das auch zusagte. In der ersten Woche errechnete das Arbeitsamt für ihn eine Unterstützung von 5 Pfennigen, in der zweiten Woche von 40 Pfennigen und in der dritten Woche von 3,50 Mk. Beim Arbeitsamt sagte man, dass er eben nicht A-66mehr bekommen kann. Wie sich diese Beträge errechnen, darüber konnte und wollte ihm niemand Auskunft geben. Es hiess, dass diese Abzüge noch immer wegen der viermonatigen Heimarbeit seiner Frau erfolgen. In der dritten Woche wurde dem Arbeitslosen vom Arbeitsamt eine Arbeit an einer auswärtigen Strassenbaustelle zugewiesen. Der Mann erklärte, dass er die Arbeit nicht annehmen könne, da er und seine Familie doch kein Geld haben, um eine Woche leben zu können. Dazu muss er noch eine Woche bis zur Lohnauszahlung auswärts leben. Diese Erklärung wurde als Arbeitsverweigerung betrachtet und dem Mann die weitere Unterstützung entzogen. Nach der vierten Woche hat der Mann nun keine Unterstützung mehr und ist auf die mildtätige Hilfe seiner Verwandten angewiesen. Ein anderer Arbeitsloser wurde gleichfal ls an eine auswärtige Arbeitsstelle überwiesen. Derselbe trat die Arbeit an und ersuchte bei Beginn den Vorarbeiter, dass er leichtere Arbeit zugewiesen erhalte, da er wegen seiner zwei Leistenbrüche und eines starken Herzleidens schwere Hebearbeiten nicht verrichten könne. Der Vorarbeiter wies ihn von der Arbeitsstelle mit der Bemerkung, dass er hier nur gesunde Leute beschäftigen könne, da er mit kranken sein tägliches Pensum nicht einhalten könne. Der Mann wurde wieder zum Arbeitsamt verwiesen. Nach Prüfung seines Falles erklärte man ihm, dass ihm wegen Arbeitsverweigerung für 6 Wochen die. Unterstützung gesperrt werde. Eine Frau erhielt im Sommer Wohlfahrts unterstützung. Auch ihr wurde auswärts Arbeit zugewiesen. Die Arbeit bestand im Tragen von Steinen in einem Zementwerk. Diese Frau war bei Arbeitsantritt im dritten Monat der Schwangerschaft und musste trotzdem bis in den sechsten Monat die schwere körperliche Arbeit verrichten. Berlin: Auf dem Angestelltennachweis herrscht die Tendenz vor, die Arbeitslosen von diesem Nachweis abzuschieben und sie möglichst anderen Berufen zuzu- führen. Dabei wird auch zu merkwürdigen Praktiken gegriffen: Einer arbeitslosen Buchhalterin wurde eine Stelle angeboten, bei der sie trotz ihrer Vorbildung und ihres Alters- sie ist 32 Jahre- nur ein Monatsgehalt von 130 Mark erhalten sollte. Als sie mit dem Hinweis auf die hohen Fahrgeldausgaben usw. dieses Gehalt ablehnen wollte, machte man sie darauf aufmerksam, dass sie im Weigerungsfall zum Hausgehilfinnennachweis abgeschober werden müsse. Sachsen: Jeder Arbeitslose, von dem bekannt ist, dass er schon einmal durch Musizieren Geld verdient hat, wird als Berufsmusiker geführt und aus der Liste der Arbeitslosen gestrichen. Trotzdem erhält er Unterstützung, auf die etwaiger, Verdienst angerichtet wird. Der Betreffende wird vom Arbeitsamt zu Musikveranstaltungen vermittelt. Das Arbeitsamt schreibt auch vor, dass er bei Tanzveranstaltungen vom 4-67Wirt als Lohn 10 Mark zu verlangen hat. Da solche Vermittlungen auch nach auswärts erfolgen, gehen von diesem Betrag Fahrgeld und andere Spesen ab. Da nun bei der Verrechnung mit dem Arbeitsamt die noch draufzuzahlenden Beträge an Unterstützung zu hoch waren, hat das Arbeitsamt die Gastwirte angewiesen, Fahrgeld und Ausgaben für Bier mit zu übernehmen. Diese Ausgaben sind den Gastwirten wieder zu hoch, weil sie heute nicht mehr mit grossen Einnahmen rechnen können. Jeder Musiker, der einsichtsvoll genug ist und vom Gast. wirt weniger als 10 Mark annimmt, muss diesen Schaden selbst tragen, da er sonst noch vom Arbeitsamt bestraft wird. Ein junger Bäckergehilfe erhielt vom Arbeitsamt die Aufforderung, sich in einem Arbeitslager zur Dienstleistung zu melden und sich einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Der junge Mann kam dem nach und wurde für tauglich befunden. Die Meldung erfolgte. Nach einigen Wochen wurde der Meister aufgefordert, den Gehilfen zu entlassen. Der Meister ersuchte um Aufschub. Das Gesuch wurde vom Landesarbeitsamt genehmigt. Bald darauf forderte das Arbeitsamt den Meister erneut zur Entlassung auf. Dies war umso merkwürdiger, weil der junge Gehilfe noch keine Anweisung zum Einrücken hatte, weshalb der Meister den Gehilfen weiterbeschäftigte, allerdings schwarz und ohne ihn weiter zu versichern. Obwohl der Meister keinen neuen Gehilfen angefordert hatte, wies das Arbeitsamt einen zu. Jetzt musste natürlich der erste Gehilfe entlassen werden. Der Vater desselben beschwerte sich über diesen Fall bei der Werbestelle des Arbeitsdienstes in GeraTinz. Dabei stellte sich heraus, dass das Arbeitsamt X. den Gehilfen forthaben wollte, weil dieser Thüringer war. Ein ehemaliger, 23 Jahre alter, Reichs bannerkamerad bekam durch einen Verwandten Arbeit in der Stadt Chemnitz. Diese Arbeit durfte er nicht annehmen, weil er ledig ist. Ledige werden nur nach auswärts vermittelt und nur Verheirateten werden die Arbeitsstellen am Orte vorbehalten. Hunderte von Frauen sollten wieder zur Pulverfabrik Reinsdorf bei Wittenberg. Es gab heftigen Widerstand. Der Verdienst beträgt ja nur 24 bis 28 Mark brutto, davon geht an Fahrgeld ab: 4,30 und an Sozialabzügen: 2,70 Mark, bleiben 17 Mark. Die Arbeiterinnen müssen bereits um 5 Uhr morgens zur Arbeit fahren und können erst abends 18,15 Uhr zurückfahren. Wer sich von den aufgeforderten weiblichen Arbeitslosen als zu krank bezeichnet, um die Arbeit annehmen zu können, wurde sofort untersucht. Im Falle der Arbeitsverweigerung wurde Alu- Entzug angekündigt. Die Beamten vom Arbeitsamt behaupteten, es handele sich in der Pulverfabrik um saubere Arbeit, zu der auch Staubmäntel geliefert würden. Was das letzte Explosionsunglück beträfe, so sei das" nur eine Lappalie" gewesen. Schlesien: Zwei Arbeitslose, die von Breslau nach Dessau vermittelt worden waren, kamen zurück, da sie mit 26 Mark nicht zwei Haushalte führen konnten. Daraufhin wurde eine A- 6813- wöchige Unterstützungsperre verhängt und nach Ablauf die ser wurde der eine Arbeiter nach Kassel vermittelt. Da er v dem Erlebnis in Dessau noch genug hatte, lehnte er gleich ab. Die Folge war wieder eine 13- wöchige Unterstützungssperre. Auch das Wohlfahrtsamt weigerte sich, dem hungernden Arbeitslosen Unterstützung zu zahlen und zahlte nur den Satz für die Ehefrau und das Kind. Derartige Fälle sind keine Seltenheit mehr. Die Arbeiter werden als Fachkräfte vermittelt, bekommen aber dann nur einen Einrichtelohn oder gar den Lohnsatz für angelernte Arbeiter, da die Firma behauptet, bei ihr müsse erst noch jeder zulernen. Bis der Arbeiter dann nach 1/2 oder 1 Jahr den Facharbeiterlohn erhält, hat er bereits soviel Schulden gemacht, dass er oft Jahre dazu benötigt, um diese abzudecken. Zu der Klodnitzregulierung( Hitlerkanal) in Oberschlesien wurden jetzt auch entlassene Beamte und erwerbslose Maurerpoliere geschickt. Als sie die Arbeit ablehnten und sich auf ihre Berufsausbildung beriefen, wurden sie abgewiesen mit dem Bescheid: unser Führer Adolf Hitler habe auch jede Arbeit verichtet. Am Arbeitsamt in Görlitz wurde einem jungen Erwerbslosen gesagt, er solle wegwandern und nicht im Notstandsgebiet bleiben. Als er fragte, wo denn kein Notstandsgebiet sei, wurde er von dem Beamten angeschrien, er solle nicht frech werden. Südwestdeutschland: Eine neue Methode der Arbeitsbeschaffung konnte beim Neubau der Kaserne in Konstanz festgestellt werden. Von den Arbeitsämtern bis nach Unterbaden hinein, wurden alle im Baufach brauchbaren Arbeitskräfte nach Konstanz geworfen, egal, ob sie berufliche Kenntnisse hatten oder nicht, also z.B. auch Schneider. Die Konstanzer Kaserne soll innerhalb 35 Tagen im Rohbau unter Dach sein und deshalb wird Tag und Nacht in drei Schichten durchgearbeitet. Die seit mehreren Monaten vom Arbeitsamt gepflegten Verschickungen von Arbeitslosen zum Festungs- und Kasernenbau nehmen immer grösseren Umfang an. Kürzlich fand beim Arbeitsamt Mannheim sogenannte Generalmus terung statt. Die Arbeitslosen wurden auf Gesundheitszustand, nationale Zuverlässigkeit, arische Abstammung, Leistungsfähigkeit für schwe re Arbeiten usw. geprüft und nach Heilbronn a/ N., Aalen, Neckargemünd und Ulm abkommandiert. Sämtliche verschickten Arbeiter wurden vor Arbeitsaufnahme vereidigt, dass keiner über die Art seiner Tätigkeit und was er bei den Arbeiten sonst beobachtet, etwas mitteilt. Ruhrgebiet: Das Arbeitsamt sondert die Leute aus. Wer noch irgend eine Arbeit leisten kann, bleibt in der Liste. Die anderen Arbeitslosen werden dem Wohlfahrtsamt übermittelt, das sie zu Notstandsarbeiten heranzieht. Sie müssen die einfachen und leichten städtischen Reinigungsarbeiten ausführen A-69und werden nicht mehr als Arbeitslose geführt. Haben die Leute ein halbes Jahr Notstandsarbeiten geleistet, dann ist es in der Regel so, dass die Stadt vergessen hat, die Beiträge für die Krankenkasse, die Invalidenversicherung und die Erwerbslosenversicherung zu zahlen. Solche Lodderei gab es früher nirgends. Zurück in die Alu können die Leute dann auch nicht, weil sie nicht unterstützungsberechtigt sind und so sind sie weiter auf die Hilfe der Gemeinde angewiesen. Eine Methode von wachsender Bedeutung zur Verminderung der Arbeitslosenzahl ist der Zwang zu weitgehender Kurzarbeit. Vor allem in der Textil- und Lederindustrie- wir verweisen auf unsere Berichte unter II, 3. werden die Betriebe durch die Treuhänder der Arbeit gezwungen, die Arbeiter nicht zu ent lassen, auch wenn nur noch an einem Tage in der Woche gearbeitet werden kann. Um diese Formen der Kurzarbeit überhaupt erst zu ermöglichen, ist die sogenannte verstärkte Kurzarbeiterunterstützung eingeführt worden. Nach der letzten amtlichen Statistik ist die Zahl dieser verstärkt Unterstützten von 35.888 Anfang 1935 auf 111.634 Anfang 1936 gestiegen. Ueber die bei der Kurzarbeit angewendeten Formen wird uns berichtet: Bayern: Im Dezember wurden in den Bayr, Motorenwerken München 1.700 Arbeiter ausgestellt. Damals wurde den Arbeitern versichert, sie könnten in einigen Monaten wieder arbeiten. Inzwischen konnten wir feststellen, dass die durch die Auftragsstockung erzwungene Ausstellung zu einer Lohnreduktion benützt wird. Der grösste Teil der Arbeiter hat allerzu Beginn des Monats die Arbeit wieder aufgenommen, dings unter verschlechterten Arbeitsbedingungen. Als die Arbeiter ausgestellt wurden und sich beim Arbeitsamt melden wollten, wurde ihnen dort erklärt, dass sie nicht aus dem Arbeitsverhältnis bei BMW ausgeschieden seien, sondern nur einige Zeit aussetzen müssten. Sie erhielten daher keine Arbeitsvermittlung an andere Betriebe. Die Unterstützung wurde ihnen zugebilligt. Durch dieses Vorgehen wurde dreierlei bezweckt: 1. Die in der Arbeitslosenvermittlung nicht geführten 1.700 erschienen daher auch nicht in der Statistik, 2. die BMW sicherte sich die qualifizierte Arbeiterschaft und 3. konnte die Neueinstellung zu einem Lohndruck ausgenützt werden. Den Arbeitern wurden bei Wiederaufnahme der Arbeit die früheren Lohnsätze um 8 bis 14% gekürzt. Bei der Arbeiterschaft dieses Betriebes rief das Vorgehen A-70starke Erregung hervor. Schlesien: Die Ofenfabrik X. mit 200 Mann Belegschaft wurde wegen Arbeitsmangel gänzlich stillgelegt. Der Zweigbetrieb in Y. wurde zur gleichen Zeit geschlossen. Seit langem wurde im Betrieb verkürzt gearbeitet und so wurden auch etappenweise Arbeiter entlassen. Der Höchstakkordlohn war auf 20 RMark wöchentlich festgesetzt. Jeder Arbeiter, der ihn erreicht hatte, musste aufhören; länger als 32 Stunden durfte in keinem Fall gearbeitet werden. Seit die Arbeitsschlacht von der Aufrüstung abgelöst und seit die Arbeitsvermittlung ausschliesslich der Reichsanstalt übertragen worden ist, hat sich der Arbeitsbeschaffungseifer der nationalsozialistischen Organisationen auf die Umschulung der Arbeitslosen geworfen. Arbeitsfront und Hitler- Jugend, Industrie- und Handelskammern und Wirtschaftsorganisationen pfuschen auf diesem Gebiet herum. Aber auch die ernsthafteren Bestrebungen der Arbeitsämter, durch Umlernzuschüsse und dergleichen die Umschulung von Arbeitskräften zu fördern, stossen auf erhebliche Schwierigkeiten. Berlin: Die Umschulung der Jüngeren bereitet dem Regime keine geringen Sorgen. Die Buchdrucker waren schon immer der Teil der Arbeiterschaft, der mit besonderer Liebe an seinem Beruf hing. Deshalb setzen sie der Umschulung jeden erdenklichen Widerstand entgegen. Da die meisten in der Landwirtschaft untergebracht wurden, kamen bald viele wieder zurück. Jeder erhielt die Bescheinigung, dass er für landwirtschaftliche Arbeiten ungeeignet sei. Gerade das Wort" ungeeignet" lässt jeden mit Stolz aufblicken, da er ja seinen Teil dazu beigetragen hat, dem System Schwierigkeiten zu machen. Auch die in anderen Berufen Untergebrachten erscheinen nun wieder bei den Stempelstellen, weil in den Rüstungsbetrieben die amtlichen Aufträge nachlassen. Natürlich sind auch hier die" Umschuler" die ersten, denn ein Schriftsetzer erklärte, wenn ich auch Matrizen abdrehen kann, so bin ich noch lange nicht ein Metalldreher. Sachsen, 1.Bericht: Die Beschäftigung in der Musikinstrumentenindustrie im Bezirk Klingenthal hält noch an. Es be steht sogar eine Nachfrage nach Arbeitskräften. Seit Mitte November 1935 läuft ein Kursus zur Ausbildung von Fachkräften für die Musikinstrumentenindustrie. Die Kosten trägt das Arbeitsamt. Der Kursus dauert 13 Wochen. Schon nach 6 Wochen kamen die Arbeitgeber, um die Fortschritte der Kursusteilnehmer zu prüfen. Die besten Teilnehmer wurden gleich mit in die Betriebe genommen. Für diese Leute zahlt das Arbeitsamt A-71auf drei Monate die Hälfte des Lohnes eines ungelernten Arbeiters. Um die Aufträge zu bewältigen, müssen Ueberstunden geleistet werden. Ausser an Samstagen wird bis zu 13 und 14 Stunden täglich gearbeitet. den/ Neuerdings sind aus Teilnehmern diejenigen herausgegriffen worden, die hohe Unterstützungssätze beziehen, also hauptsächlich Familienväter. Die Unternehmer stellen diese Leute ein und bekommen dafür einen Differenzausgleich für mindere Arbeitsleistungen. Diese Be träge werden den Arbeitern vorenthalten, so dass diese mit einem Lohn nach Hause gehen, der unter dem Betrag der Arbeitslosenunterstützung liegt. 2. Bericht: In der Kirchberger Tuchindustrie sind viele Arbeitslose untergebracht worden, die nicht aus der Tuchweberbranche stammen. Auf dem Wege der Umschulung sind diese Arbeitslosen in die Fabriken beordert worden und mussten hier für den Betrag ihrer Unterstützung sozusagen eine neue Lehrzeit durchmachen. Damit wurden sie als Abgänge aus der Arbeitslosen- bezw. Wohlfahrtsarbeitslosen- Statistik gebucht. Ausser in der Tuchindustrie wurden Arbeitslose auch bei Strassenbauten untergebracht, wo sie für einen geringen zusätzlichen Betrag zu ihrer Unterstützung schwere Arbeit verrichten mussten. In welchem Umfange Umschulung und zusätzliche Strassenbauarbeiten die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen herabminderten, zeigt folgender Ausweis: In den drei Jahren der Hitlerregierung wurden die Wohltsarbeitslosen von 426 auf 17 gesenkt, im Oktober 1935 ren es sogar nur noch 4. Aus der städtischen Wohlfahrtswurden Ende 1935 noch 296 Personen unterstützt, end es 1934 318 waren.( 1932 755 Personen). wähDie Verpflanzung der Arbeiter auf das Land ist nicht nur 9ine romantische Schrulle des Nationalsozialismus, sondern ein sehr reale Massnahme zur Entlastung des Arbeitsmarktes. Man versucht mit allen Mitteln, einen wachsenden Prozentsatz städtischer Arbeiter in ländliche Arbeitsstellen zu bringen und dort festzuhalten. Sie scheiden damit aus der Arbeitslosenunterstützung aus, entlasten den städtischen Wohnungsmarkt und den auf die volkswirtschaftlich billigste Methode untergeacht. Da man mit der Verpflanzung älterer Leute schlechte fahrungen gemacht hat, versucht man vor allem die Jugend zum sen Teil auf diesen Weg zu bringen. Um den Landarbeiterbein den Augen der Jugendlichen anziehender zu machen, will A-72man ihn wie der Leiter der Hauptabteilung I des Reichsnährstandes vor kurzem angekündigt hat zu einem gelernten Beruf erheben ohne dass daraus natürlich erhöhte Lohnansprüche her geleitet werden könnten. Daneben soll der Zwang wirken: kein Jugendlicher unter 25 Jahren darf ohne Genehmigung des Arbeitsamtes in einem städtischen Betrieb eingestellt werden. Da rüber wird z. B. aus Hamburg berichtet: Auf Anweisung der Arbeitsämter werden junge Leute unter 25 Jahren nicht mehr in Arbeit vermittelt. Selbst wenn Arbeitsdienst- und Wehrpflicht abgeleistet sind. Keine Firma darf z.B. eine weibliche Angestellte unter 25 Jahren einstellen, wenn nicht die ausdrückliche Genehmigung des Arbeitsamtes vorliegt. Diese wird nur noch erteilt, wenn der FAD oder das Land jahr erfüllt und die familiären Einkommensverhältnisse so schlecht sind, dass der Verdienst des Mädels unbedingt zur Aufrechterhaltung des Haushalts benötigt wird. Andererseits versucht man die Bauern zu veranlassen, ihre Arbeitskräfte das ganze Jahr hindurch zu behalten." Bauern und Landwirte bedenkt", heisst es z. B. in einer Verlautbarung des Arbeitsamtes Nürnberg," dass das Dienstverhältnis mit Euren Ehehalten wieder patriarchalisch gestaltet werden muss.... Schliesst daher unter allen Umständen nur Jahresverträge von Lichtmess zu Lichtmess ab und erhaltet Euch durch diese Massnat me Eure Dienstboten... Alle diejenigen Bauernbetriebe, die von dieser gesunden, seit Urväterzeit bestehenden Regelung abweichen, können im kommenden Jahr nicht mehr mit Vermittlung von landwirtschaftlichen Arbeitskräften von Seiten der Arbeitsämter rechnen." Dazu wird noch berichtet: Das Arbeitsamt Nürnberg, das Nebenstellen in Fürth, Lauf, Hersbruck, Erlangen, Zirndorf, Schwabach, Roth und Herzogenaurach hat, hat vor einiger Zeit die Vertreter des Reichsnährstandes und der sonstigen Parteigliederungen aus diesem Gebiet nach Nürnberg geladen und ihnen von seinen Beamten Vorträge über die Behebung der Landarbeiternot halten lassen. Es wurde dargelegt, dass es erforderlich sei, die jetzt in anderen Berufen und zumeist in den Städten arbeitenden landwirtschaftlichen Kräfte wieder in die Landwirtschaft zurückzuführen und ferner ihre Abwanderung in gewerbliche Berufe oder in die Haushaltungen der Städte zu erschweren. Diesem doppelten Zweck dient das Gesetz über den Arbeitseinsatz und die hierzu ergangenen Bestimmungen. Der Bauer aber müsse A-73nunmear auch selbst etwas tun, um die für seinen. Betrieb not wendigen Arbeitskräfte zu erhalten. Er müsse z. B. verheiratete Ehehalten einstellen und ihnen Familienwohnungen bauen, wozu auch das Arbeitsamt Zuschüsse gewähren könne. Gegen jene Arbeitnehmer, die sich dauernd, wehren, zu ihrem früheren landwirtschaftlichen Beruf zurückzukehren, müssten, da sie als Volksschädlinge zu betrachten seien, schärfste Mittel angewendet werden. Noch wichtiger ist die Zurückhaltung des landwirtschaftlichen Nachwuchses auf dem Lande. Die Frauen der Städte sollten es vermeiden, ländliche Kräfte für ihren Haushalt zu gewinnen. Die wichtigste Methode zur Verpflanzung städtischer Arbeitskräfte aufs Land ist nachdem der Arbeitsdienst eine rein die Landhilfe. Ihre militärische Einrichtung geworden ist zahlenmässigen Erfolge sind bisher sehr bescheiden. Nach der letzten amtlichen Statistik waren am 15. August 1935 139.232 Landhelfer beschäftigt( gegen 123.551 im Jahre 1934 und 155.939 im Jahre 1933) während ihre Zahl am 15. Dezember 1935 auf 81.977 gesunken war( gegen 69.483 im Vorjahre). Aus diesen Zahlen geht auch hervor, dass das Bestreben vor allem dahin geht, die Landhelfer möglichst das ganze Jahr hindurch auf dem Lande festzuhalten. Nach den bisherigen Erfahrungen sollen von den Landhelfern mit ganzjähriger Verpflichtung 50% in dauernder Stellung auf dem Lande geblieben sein. Alle Berichte stimmen darin überein, dass die meisten Jugend lichen sich nur dem Zwange fügen, wenn sie in die Landhilfe eintreten, dass Unterbringung und Verpflegung oft sehr zu wünschen übrig lassen und dass oft Landhelfer ihre Stelle vorzeitig verlassen. Nordwestdeutschland: 1.Bericht. Aus der Landhilfe in Ostpreussen und Mecklenburg sind vier Transporte nach Bochum, Wanne usw. zurückgekommen. Durch lebhafte Zeitungsreklame suchte man in der Jugend neue Interessenten für die Landhilf zu finden. Das Resultat ist geradezu kläglich. Der Grund für die Abneigung in der Jugend ist allzu verständlich. Die Landhelfer sind enttäuscht, zumal sie nach ihrem Dienst bei den ostpreussischen Junkern, den sie unter den schlechtesten Bedingungen erfüllen mussten, in der Heimat trotzdem keine Arbeit erhalten. Uns sagte ein Junge:" Lieber drei Jahre Gefängnis als ein Jahr in Ostpreussen." Viele Jungen sind den weiten Weg von Ostpreussen nach dem Ruhrgebiet zurück gelau A- 74fen. Sie haben dabei nicht nur grosse Entbehrungen erlitten, sie mussten sich durchschlagen wie Verbrecher auf der Flucht. Zu hunderten sind solche jungen Burschen auf den Landstrassen. Nicht nur solche, die aus der Landhilfe vorzeitig ausrücken, auch die, die ihre Zeit ordnungsmässig gedient haben, müssen in den meisten Fällen man gels Mittel zurücklaufen. Ein Junge berichtete z. B.:" Angekommen in Ostpreussen auf einer abgelegenen Station einer kleinen Stadt, mussten wir antreten, damit die Besitzer sich unter uns einen geeigneten Helfer aussuchen konnten. Wir wurden behandelt wie das Vieh auf dem Markt oder die Sklaven beim Verkauf. Die Bauern haben uns die Muskeln gefühlt und den einen und anderen als für ihre Zwecke zu schwach abgelehnt. Ein Nazi junge schlug einem Bauern ins Gesicht. Er wurde ver haftet. Die Arbeit war sehr schwer und ausgesucht die schlechteste und niedrigste. Die Besitzer erklärten zynisch dass sie es uns verdorbener Gesellschaft schon beibringen wollten. Auch das Essen war in der Zubereitung und im Quantum meistens ungenügend. Es war eine schriftliche Vereinbarung vor dem Abtransport getroffen, dass wir 25 bis 30 Mark monatlich an Bargeld erhalten sollten. Ausgezahlt wurde später 15 bis 18 Mark, wovon noch alle möglichen Spenden abgingen. Wir mussten uns, um den Hunger zu stillen, von diesem Geld hin und wieder Zukost kaufen. Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass von 600 Leuten im Laufe der 6 Monate 400 ausrücken. Es spielen sich Tragödien ab, wie sie von der Flucht aus der Fremdenlegion geschildert werden. Die Polizei und die Land jägerei hat strenge Anweisung, auf den Landstrassen aufzupassen, wenn junge Leute durchkommen. So muss man sich am Tage um die Orte herumschleichen und versuchen, in einsamen Gehöften etwas Essen und Trinken zu erbetteln. Wir haben mehrere Wochen lang im Freien in Wäldern und auf dem Felde übernachtet und waren zufrieden, wenn wir wieder 30 Kilometer westwärts gekommen waren. Am schlimmsten ist es im polnischen Korridor. Die polnische Polizei arbeitet mit der deutschen gemeinsam, um die Flüchtlinge aus der Landhilfe zu fassen. Wird man erwischt, kommt man unbarmherzig wieder zurück, evtl. auch ins Gefängnis. So wird versucht, mit Bahnsteigkarten eine Strecke zu fahren. Selten gelingt es, meistens werden die Flüchtlinge gefasst und gehen dann sicher einige Monate ins Gefängnis. Autofahrer haben strengste Anweisung, niemand auf ihren Lastwagen usw. mitzunehmen. Sie werden mit Verlust ihrer Stellung bestraft. Die Ausgerückten erhalten dann zuhause keine Unterstützung. 2. Bericht: Alle männlichen Arbeitsuchenden bis zu 25 Jahren sind als Jugendliche eingetragen und bekommen dementsprechend keine Arbeit. Man steckt sie in den Arbeitsdienst oder in die Landhilfe. Hier müssen die jugendlichen Arbeiter billige Arbeitskräfte für die Bauern bezw. Grossgrundbesitzer abgeben. Mehrere Jungen erklärten mir unabhängig voneinander, dass die sozialen Zustände jeder Beschreibung A-75spotten. Unterkunftsräume sind in vielen Fällen Heuböden oder die Böden von Kornspeichern. Eine Kontrolle der Unterkunftsräume gibt es nicht, und so entwickeln sich dann sitt liche Zustände, die kaum zu schildern sind. So etwas ist einfach noch nie dagewesen. Schutzlos sind diese Jugendliche der Willkür gewissenloser Grossgrundbesitzer ausgeliefert. Nachhause können sie nicht oder nur in den wenigsten Fällen da dort die Not aus allen Löchern ihnen entgegengrinst. Jedes bisschen Stolz und Klassenbewusstsein wird ihren auswelche sich auf getrieben. Sie sind nur noch Maschinen, Kommando in Bewegung setzen. 3. Bericht: Viele Jugendliche weigern sich, nach Ostpreusse zur Landhilfe zu gehen. Soweit diese jungen Menschen in Arbeit stehen, werden sie entlassen. Ein Teil derjenigen, die nach Ostpreussen gegangen sind, ist zu Fuss zurückgekommen, weil die Bedingungen unmenschlich sind. Ein Jugendlicher ist geschlagen worden. Er hat sich gewehrt und der Bauer ist mit einem Schädelbruch liegen geblieben. Der Junge ist geflüchtet, soll aber in Berlin verhaftet worden sein. 4. Bericht: Alles wird zum Arbeitsdienst bezw. zur Landhil fe herangezogen. Selbst verheiratete Leute kommen in die Lai hilfe und zwar meistens in die westfälischen Kreise MindenLand und Lübbecke. Die Leute sind monatelang von ihren Familien getrennt. Das ist für sie doppelt fühlbar, denn es handelt sich meistens um arbeitslose Bergleute, die in den meisten Fällen einen kleinen Kotten ihr eigen nennen. Südwestdeutschland: Junge Leute unter 25 Jahren, die arbeitslos werden, führt man der Landhilfe zu. Die Bauern werden" dringend ersucht", auch jetzt schon Landhelfer zu nehmen. Im... Walzwerk in X. haben vor kurzem wieder eine Anzahl von Jugendlichen die Kündigung erhalten. Sie müssen als Landhelfer gehen. Es handelt sich um solche, die im letzten Herbst gegen die Einziehung Einspruch erhoben haben. Ihr Einspruch ist abgelehnt und so wurden sie jetzt entlassen. Eine Neueinstellung von Arbeitern an ihrer Stelle erfolgte aber nicht. Bayern: Das Arbeitsamt Weiden geht sehr rigoros vor. Es dirigiert auch gelernte Arbeiter zur Landhilfe. Wer sich weigert, erhält keine Unterstützung mehr. Die Entlohnung für die Landhelfer beträgt im Monat 18 Mark, die das Arbeits amt bezahlt. Der Bauer gibt für die Arbeit des Landhelfers nur die( meist sehr schlechte) Verpflegung. Trotzdem sind die Bauern von den Landhelfern nicht erbaut, da diese meist nur widerwillig und auch nicht sachkundig arbeiten. Sachsen, 1.Bericht: In die Landwirtschaft werden alle jungen Leute gesteckt, die noch nicht militär- und arbeits A-76dienstpflichtig sine. Weigerungen werden mit Unterstützun entzug beantwortet. Die Landhelfer werden ausgebeutet, zu diejenigen, die in die grossen Agrargebiete, wie Ostpreusse kommen. Die Fälle sind nicht selten, wo Landhelfer nach Hau schreiben und Lebensmi el verlangen. 2. Bericht: Zu Beginn der Erntezeit wurden verschieden Junge Leute als Landhelfer nach Ostpreussen geschickt. De wurde ihnen eine Zulage von 5 RMark pro Woche versprochen. Die Leute kehrten dieser Tage zurück und erzählten, dass si lediglich für Wohnung und Verpflegung arbeiten mussten. Der Arbeitgeber ist nur noch für die Transportkosten aufgekommer Für die Unterbringung weiblicher Arbeitskräfte auf dem Lande steht neben der Landhilfe noch der Frauenarbeitsdienst zur Ver fügung. Zwar ist im Arbeitsdienstgesetz auch die Dienstpflicht der Frauen gesetzlich festgelegt, einstweilen ist der Dienst aber noch" freiwillig", d.h. junge Mädchen können nur durch Entziehung der Unterstützung gezwungen werden, in den Arbeitsdienst zu gehen. Dass diese Form des Zwanges bisher nicht sehr wirksam war, geht aus der zahlenmässigen Entwicklung des Fraue arbeitsdienstes hervor. Es waren beschäftigt: 1934 7.347 1935 1936 10.651 12.659 10.527 Januar August 11.314 Reichsarbeitsführer Hierl hat aber bereits angekündigt, dass im Laufe des Jahres die Leitung des Frauenarbeitsdienstes von der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung auf die Reichsarbeits führung übergehen würde. Das ist ein Schritt zur Einführung de Arbeitsdienstpflicht auch für Frauen, die nicht zuletzt eine Finanzfrage ist. Bisher wurden die Mädchen im Arbeitsdienst vorwiegend mit Hausarbeiten, insbesondere bei Siedlern beschäf tigt. Es ist allgemein bekannt, dass der Frauenarbeitsdienst und die Beschäftigung von Mädchen in der Landhilfe zu schweren sit lichen Misständen geführt hat- eine Ursache dafür, dass sich bisher nicht mehr Freiwillige gefunden haben. Ueber diese und andere Misstände entnehmen wir unseren Berichten:, תיו A-77Nordwestdeutschland, 1. Bericht: Mädchen aus dem Arbeitsdienst müssen den Frauen der Nazi bonzen im Haushalt die Arbeit machen. Die Mädchen werden buchstäblich ausgebeutet. Dabei verhalten sich diese hochgeschwemmten Weiber auch noc dass so, als wenn solch ein Mädchen von Glück sagen könnte, es bei einem lokalen Naziführer den Dienst tun darf. Werden Mädchen in einen armen Haushalt, z. B. zu einer Wöchnerin im Arbeiterstand, geschickt, dann müssen sie sehr schnell zurück, da diese Frau ja eine längere Schonung nicht nötig hat. Der Staatsrat Meyer in Münster, dessen Frau wegen ihrer arroganten Art kein Dienstmädchen mehr bekommen kann, hat sich von einem Arbeitsdienstlager ein Mädchen zur Hausarbeit abkommandieren lassen. 2. Bericht: Die jungen Leute kommen aus der Landhilfe alle enttäuscht zurück. Sie mussten bei kleiner Entschädigung und schlechter Kost schwere Arbeit verrichten und wurden ausserdem in der Freizeit militärischem Drill unterworfen. Auch die jungen Mädchen, die zur Landhilfe waren, sind verbittert und dazu oft Mutter. Es gibt ein laufendes Wort: Eine rückt aus- drei kommen zurück. Es ist gar nicht selten, dass sich die Mädchen ihren jungen Mann und das Kind mitbringen. Man sagt humoristisch: Die Kinder der Landhilfe. mädchen haben auf jeder Hand einen Stempel. Links: BdM: Bin da Mutti; rechts: NSV: Nun such Vati. Hannover: Die Arbeitsdienstlerinnen sind sehr stolz auf ihre Kinder. Es ist erstaunlich, welches Verhältnis sich hier vielfach zu den Eltern herausbildet. Diese ledigen Mütter sind in den Arbeitsdienstlagern darauf gedrillt worden, dass sie dem Staat einen Dienst erwiesen haben. Eltern, die dieser Auffassung skeptisch gegenüberstehen, werden von oben herab als Spiesser behandelt. Rheinland: Das Aachener Schöffengericht verurteilte einen katholischen Landhelferpfarrer aus Goldap in Ostpreussen, der in Andachten, die er während seines Urlaubs in Eschweile abgehalten hatte, auf die sittlichen Gefahren für die Landhelferinnen aufmerksam gemacht hatte, zu 300 Mark Geldstrafe Das Gericht führte in der Urteilsbegründung an, dass man es nur deshalb bei einer Geldstrafe habe bewenden lassen, weil tatsächlich an den Ausführungen des Pfarrers etwas wahres sei! Sachsen: In Pöhla bei Schwarzenberg befinden sich zwei Arbeitsdienstlager, eines für männliche und das andere für weil liche Arbeitsdienstler. Die Arbeitslager grenzen aneinander. Es haben sich geradezu furchtbare Zustände entwickelt. Viele weibliche Arbeitsdienstler sind schwanger. Von den Behörden. und ihren Aufsichtspersonen wird der Verkehr zwischen den A-78beiden Arbeitslagern nicht nur geduldet, sondern noch gefördert. Die Bevölkerung spricht davon, dass kein Mädchen, welches unberührt das Lager aufsucht, dieses unschuldig ver lässt. Die schwangeren Mädchen werden bis kurz vor ihrer Niederkunft beschäftigt und erst dann ihren Eltern zugeführ welche dann die Verantwortung und Sorge für die werdende Mutter und das Kind zu übernehmen haben. Von der Bevölkerung werden solche Lager in aller Oeffentlichkeit als vom Staate subventionierte Bordelle bezeichnet. Die Lagerführer gehen den Arbeitsdienstlern dabei mit gutem Beispiel voran. Schlesien: Eine Verkäuferin sollte zur Landhilfe. Sie ersuchte um Befreiung nach, da sie die einzige Verdienerin de Familie ist. Von der Arbeitsfront erhielt sie den Bescheid, dass ihre Beschwerde als unbegründet abgewiesen werde. In ihrer Familie werde ein Kanarienvogel gehalten, was von einem gewissen Wohlstand zeuge. Für die" Betreuung" der ausgeschiedenen Arbeitsdienstler ist eine besondere Organisation geschaffen worden, der" Arbeitsdank". Ueber ihr Wirken unterrichtet der nachstehende Bericht aus Sachsen: Im Bezirk werden alle Anstrengungen gemacht, um den Arbeitsdank planmässig zu organisieren. Alle ehemaligen Arbeitsdienstkameraden werden dem Arbeitsdank angeschlossen, der seinerseit wieder eine Untergliederung der Arbeitsfront ist. Versammlungen werden einberufen, zu denen die ehemalige Arbeitsdienstmänner pflichtgemäss erscheinen müssen. Im Gau Sachsen gibt es fünf Bezirksarbeitsdankwalter. Sachsen ist weiterhin eingeteilt in 27 Kreiswaltungen. Für die einzelnen Orte fungieren Ortsarbeitsdankwalter. Die früheren Mitgliedschaftsabende führen jetzt die Bezeichnung" Traditionsabende", die nach von der Gauleitung herausgegebenen Richtlinien veranstaltet und aufgezogen wer. den. Die Zweckbestimmung dieser Arbeitsdan korganisation ist reichlich mysteriös und verschwommen. Die Vermittlung von Arbeit an die ehemaligen Arbeitsdienstmänner, die ursprünglich ein Hauptzweck dieser Organisation sein sollte, nimmt jetzt ausschliesslich das Arbeitsamt vor. So bleibt von dem Zweck weiter nichts übrig als der sogenannte Arbeitsdank, der im Sparen und in der Gewährung von Krediten bestehen soll. Wer aber nun in den Genuss dieser grosszügigen und se gensreichen Einrichtung, so heisst es in der amtlichen Spra che, gelangen will, wie Kreditgewährung und Sparhilfe, muss Sonderbeiträge bezahlen. Es zeigt sich also, dass der Arbeitsdank letzten Endes nichts weiter ist als ein anderes Mittel, die Volksgenossen zu Herden zu treiben und Beiträge von ihnen zu kassieren. In einer solchen Arbeitsdankversammlung in Zwickau erklärte der DAF- Kreiswalter Oppelt: A-79" Für die ehemaligen Arbeitsdienstmänner wird in jeder Weise gesorgt. Hingewiesen sei nur auf die Umschulung und auf die bevorzugte Unterbringung. Der Arbeitsdienstmann hat demzufolge aber auch die besondere Pflicht, seinen Arbeitskameraden in jeder Beziehung Vorbild zu sein. Vor allem hat er sich in Gemeinschaft mit der SA der Werkscharen anzunehmen und Träger der kulturellen und soldatischen Hal tung des Betriebes zu sein." In Zwickau hat im Zusammenhang mit dem Arbeitsdankwerk die städtische Sparkasse ein sogenanntes Arbeitsdanksparkassenbuch geschaffen. Bestimmt ist das insbesondere für die Arbeitsdienstler. Sie sollen von ihren Bezügen als Arbeitsdieni ler während ihrer Dienstzeit sparen. Sparmarken werden zu verschiedenen Werten in dieses Buch eingeklebt, die Einlagen mit 3,5% verzinst. Die Zinsen werden am Jahresende gutgeschrieben. Aber die Einlagen werden für die Dauer von fünf Jahren gesperrt. Man versteht in der Bevölkerung ganz richtig, dass die Sparguthaben der kleinen Einleger helfen sollen, Hitlers Rüstungswechsel zu finanzieren. Auch die Sperrung der Spareinlagen der Arbeitsdienstler wird in diesem Sinne beurteilt. Die Organisierung des Arbeitsdankes beschränkt sich nicht allein auf die männlichen Arbeitsdienstler, sondern auch die ehemaligen Angehörigen der weiblichen Arbeitsdienstlager werden in ihm organisiert. Schliesslich bringen wir einen Bericht aus Nordwestdeutschland, der einen guten Ueberblick über die Lösung der Arbeitsbeschaffung auf dem Lande gibt. Kam man vor einigen Jahren, bis zum Herbst und Winter 19331934 in die Dörfer der Mark, der Altmark wie der Neumark, der Magdeburger Börde oder der goldenen Aue, in Mecklenburg oder in Schleswig- Holstein, ganz gleich wo, überall fand man einen mehr oder weniger grossen Trupp Arbeitsloser, manchmal selbst im Sommer. In den Gastwirtschaften der Dörfer und auf den Strassen lungerten Arbeitslose herum. An den Gemeindebüros oder in den Schänken standen an bestimmten Tagen in der Woche zahlreich Arbeitslose, die zum Stempeln oder Geldempfangen antreten mussten. Dieses Bild ist tatsächlich restlos verwo sind bei Euch die schwunden. Fragt man die Gastwirte z. B. Arbeitslosen geblieben?, dann erhält man ausnahmslos die Antwort:" Die haben alle Arbeit!" Nur meiner guten und langen Bekanntschaft verdanke ich, dass dann auch eingehender über diese Arbeit und die Lage der Arbeiter gesprochen wird. Die jungen Leute sind in den Arbeitsdienst gekommen, zum Teil sind sie beim Militär, einige aus dem Dorf treiben sich noch zu Dienstleistungen irgendwo bei der SS und SA herum. Auf diese letztere Sorte ist man nirgends gut zu sprechen, auch A- 80in den stark gleichgeschalteten Kreisen nicht. Meistens haben diese Leute früher im Dorf keinen guten Ruf gehabt und werden als Vorbilder nicht gewürdigt. Anders denkt man über die Jugendlichen im Arbeitsdienst und beim Militär. Man ist froh darüber, dass die Jungens wieder Ordnung und Arbeit ke nen lernen. Einfache Landleute sagen sehr ernsthaft, sonst wäre diese Generation völlig versaut worden. Doch ist man der Meinung, dass im Arbeitsdienst und in der Landhilfe die sozialen Verpflichtungen nicht erfüllt werden. Zu der Arbei müsste auch ein einigermassen ausreichender Verdienst kommer damit die heranwachsenden Menschen in die Lage kommen, eine Familie zu gründen. Auch Bauern sagten mir: es ist falsch, dass die jungen Menschen vielfach wie Sklaven gehalten werden. Daraus muss eine gefährliche Gesinnung entstehen, die wieder zum Bolschewismus führt. Viel kritischer wird in den bäuerlichen und gewerblichen Kreisen die Behandlung und Entlohnung der in Arbeit gebrachten verheirateten Männer und Frauen verurteilt. Um die Gemeinden von den Unterstützungslasten zu befreien und der Landwirtschaft billige Arbeitskräfte zu vermitteln, hat man sich im agrarischen Hinterland nicht gescheut, die Familien einfach auseinanderzureissen. Die Bauern bekamen einfach zu den manchmal nicht einmal vollbeschäftigten Arbeitern entsprechend ihres Betriebes weitere Arbeiter oder Arbeiterin nen zugewiesen. Dabei ist es häufig vorgekommen, dass Männer und Frauen ausserhalb ihres Wohnortes, auch weit weg vermittelt wurden. Entweder können nach manchmal 10 bis 12 Arbeits stunden die Menschen dann noch abends nachhause oder sie müssen die ganze Woche über wegbleiben. Die Wohn- und Schlaf gelegenheiten sind oft trostlos und die sittlichen Zustände vielfach erschreckend. Der Verdienst ist nach Abzug der Kost und Wohnung völlig unzureichend und die Arbeitsleistung meis unbefriedigend. Die Kinder, oft auch Kleinkinder, werden im Wohnort einer Unterstützungsempfängerin, die die Betreuung als Arbeit zugewiesen erhalten hat, übergeben. So werden die Kinder den Eltern entfremdet und sind mangelhaft versorgt. Es ist eine reine Deportation, die sich Arbeitsbeschaffung nennt und auch von den Bauern oft nur als Last empfunden wird. B- 1T11 B ( Abgeschlossen am 3. April 1936) Die Rheinland Besetzung I. Aussenpolitische Ursachen und Wirkungen 1) Die Krise der kollektiven Sicherheit Die akute Kriegsgefahr im Westen ist für den Augenblick vorüber. Niemals war der Krieg so nahe wie nach dem Glücksspiel Hitlers mit der Rheinland besetzung. Die dauernde Kriegsgefahr bleibt. Die grosse aussenpolitische Krise ist noch im Gange, sie wird es in den nächsten Wochen und Monaten bleiben. Das System der mühseligen Ausbalancierung der Kräfte durch statischen Druck und Gegendruck ist in Bewegung gekommen, und es ist für den Frieden die Schicksalsfrage, ob die Bewegung aufgefangen wird. In dieser grossen Krise trifft alles zusammen, was in den letzten Jahren an kritischen, die Stabilität in Europa störenden Momenten aufgetreten ist. Sie hat alle Gefahren auf ein. mal gezeigt. Sie hat den Schleier von den Dingen gezogen. Sie hat hinter den Ideologien die harten Realitäten des Machtkampfes erkennen lassen. Es ging plötzlich nicht nur um die Teilfrage der Rheinland besetzung, sondern um alles. So wurden die Völker jäh aus den letzten Sicherheitsillusionen aufgescheucht sie erkannten plötzlich die Zerrissenheit Europas, seinen Zerfall in grosse Machtparteiungen, die mit keiner politischen Doktrin oder Rechtsauffassung eindeutig in Einklang zu bringen B-- 2de Verwirrung und Durchkreuzung aller Kräfte und Strebungen, die Schwäche der Rechtsbindungen und der Ideologie. Die Völker I aber alle haben verschieden auf diese Erschütterung reagiert scheuen sich noch, den unerbittlichen Konse- quenzen ins Gesicht zu sehen, und die Neigung, vor der Härte der Wirklichkeit wieder in verhüllende Ideologien zu flüchten, die umso gläubiger umfasst werden, als ihre Brüchigkeit den Völkern schon dämmert, ist nur gradweise bei Engländern, Franzosen, Belgiern, bei den kleineren Völkern, verschieden. Der Glaube an den Frieden ist zu einer Verhüllungsideologie geworden: die den Krieg be jahenden Mächte verbergen dahinter ihre Absichten; die sich an Sicherheit und Ruhe, an konservative Stabilität klammernden Völker verdecken damit ihre Furcht und ihr Nichtsehenwollen. Die Idee der kollektiven Sicherheit wird in dieser Krise von den am stärksten vom Willen zum Frieden um jeden Preis beseelaber ten Völkern mit aller Kraft in den Vordergrund gestellt die kollektive Sicherheit nicht als Idee, sondern als Realität ist auf das tiefste erschüttert worden. Die Renaissance des internationalen Rechts, des Völkerbunds als eines den Frieden erzwingenden, den Schwachen gegen den Rechtsbrecher wirksam schützenden höchsten Gerichts, die nach dem Beginn der Sanktionspolitik gegen Italien anzubrechen schien, ist bereits wieder beendet. Eine neue Krise der Idee und der Einrichtung des Völkerbundes ist angebrochen. Bei dem Zusammenstoss zwischen Machtpolitik und Rechtspolitik hat die Sache der Rechtspolitik einen gewaltigen Prestigeverlust erlitten, und sie wird mühsam zu ringen haben, um sich zu behaupten und die Machtpolitik wieder zurückzudrängen. Es ist eine grössere Probe als es der Ausbruch des italienisch- abessinischen Krieges war. Denn diesmal sind mit den prinzipiellen Fragen nicht nur Kolonialfragen verknüpft, sondern die Lebensfragen der künftigen Organisation Europas; es sind alle überhaupt möglichen Zielsetzungen und Strebungen der europäischen Politik damit verbunden. Deutschland und Italien B- 3sind gemeinsam wieder aktiv auf der Bühne der europäischen Politik erschienen. Jede der beiden faschistischen Mächte wirkt für ihren Teil auf das stärkste gegen die kollektive Sicherheit. Von innen und aussen wird an den Mauern des Völkerbundes gewuchtet, um sie zum Einsturz zu bringen. Deutschland und Italien stehen auf verschiedenen Seiten, keines der beiden faschistischen Länder will Macht und Prestige des anderen stärken, weil ihre imperialistischen Ziele einander feindlich sind, und dennoch arbeiten sie einander Hand in Hand, weil jeder der beiden Diktatoren aus den Handlungen des anderen Vorteile für sich zu ziehen sucht. Durch diesen umfassenden Charakter der Krise sind alle unmittelbaren und mittelbaren Probleme der europäischen Politik wachgerufen: die Sicherheit des Westens und die Furcht des Ostens, die Frage der Herausbildung einer neuen Hegemonie in Europa, die Fragen der Organisation des Donauraums und des Balkans, die Frage der Vorherrschaft im Mittelmeer, die Frage der Verteilung des Kolonialbesitzes. Die Mächte, die, wie England, sich auf den Boden der kollektiven Sicherheit gestellt haben, stehen in dieser Krise vor ungeheueren Aufgaben. Es handelt sich für sie nicht, wie seinerzeit für Bismarck, um ein Spiel mit drei Kugeln, sondern mit vier, fünf, ja noch mehr Kugeln solange sie sich nicht zu jener strengen Vereinfachung der Politik entschliessen wollen, die in der Anerkennung einer Zweiteilung besteht: hier Bündnis der konservativen Mächte, dort Bündnis der faschistischen Mächte, einer Zweiteilung, die in ihrer Schroffheit wahrscheinlich auch den Krieg bedeuten würde. Daraus entspringt die Unsicherheit der europäischen Politik, unter der alles und alle leiden, jene Unberechenbarkeit, die allen Gegenwirkungen gegen die zielbewussten Vorstösse der den Krieg bejahenden Mächte den Schein des Zufälligen, des Grundsatzlosen und der Schwäche gibt, und damit die Aktivsten erst recht ermutigt. Was gestern noch eindeutig klare Linie erschien, ist heute gänzlich verwischt um vielleicht morgen wieder hervorzutreten. Es ist ein B- 4Zustand höchster Unstabilität. Die bisherige Entwicklung der gegenwärtigen Krise trägt dieSerwirrenden und mit festen politischen Konzeptionen nicht in Einklang zu bringenden Züge. Wir haben kürzlich hier bei eer Ueberprüfung der aussenpolitischen Lage Deutschlands gezeigt, dass die deutsche Politik mit aller Kraft versuchen wer de, sich wieder aktiv in die europäische einzuschalten, dass sie alles wagen würde, um den Ring der Isolierung zu sprengen. Wir haben dieser Tendenz die Tendenz der englischen Politik gegenübergestellt, die niemals den Völkerbund einer Verständigung mit Deutschland aufopfern werde, weil sie sich allein mit dem Mittel des Völkerbunds jene Freiheit und Elastizität erhalten kann, die zu dem Spiel mit den vielen Kugeln gehört.. Wir haben daraus den Schluss gezogen, dass für Deutschland der Weg aus der Isolierung notwendig in den Völkerbund führe. Auch Hitler ist bereit, in den Völkerbund einzutreten, um der Isolierung zu entgehen aber er will nicht den besonderen Charakter seiner aktivistisch- nationalistischen Politik im Völkerbund begraben, er will vielmehr den Völkerbund erobern, um ihn zu einem Werkzeug imperialistischer Macht politik umzugestalten. Er will als Triumphator nach gelungener Durchbruchsschlacht in den Völkerbund einziehen, um daraus" seinen" Völkerbund zu machen. Er will ihm die Zähne der Sanktionen ziehen, er will ihn vom Mutterboden der kollektiven Sicherheit losreissen, damit er am Ende nichts sei als eine imperialistische Löwengrube. Und nun schien es zunächst, als ob der hazardierende Versuch zu vollem Erfolge führen würde. Die englische Politik schien die Motive dieses politischen Vorstosses, seinen gewaltsamen rechtsbrecherischen Charakter, völlig beiseite schieben zu wollen vor dem deutschen Angebot des Wiedereintritts in den Völkerbund, den sie so sehnsüchtig im Einklang mit der öffentlichen Meinung in England erstrebt. Es schien beinahe ein Durchbruch zu sein. Aber bald erfolgte der Rückschlag des Pendels, und die Deutschland gegenüber anfänglich so weiche, so entgegenkommende englische Politik versteifte sich wieder ange B- 5sichts der Perspektive, dass der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund durch die eine Tür den Austritt Frankreichs und seiner Freunde durch die andere Tür zur Folge haben könnte. Nun zeigt sich, dass noch keinerlei Entscheidungen gefallen sind, das noch alles offen ist, dass der gefährliche Schwebezustand noch besteht, in dem alles auf dem Spiel steht: auch das Geschick des Völkerbundes. Nun rächt sich die Inkonsequenz der Haltung des Völkerbundes gegenüber dem italienischen Friedensbruch.Als der Völkerbund Italien als Friedensbrecher brandmarkte und zur Waffe der Sanktionen griff, hat er sich selbst gewaltiges Prestige verschafft. Es genügte aber nicht, die Sanktionen grundsätzlich zu beschliessen, sie, mussten auch wirksam gemacht werden. Dazu hätte eine wirklich neue Politik der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Völker gehört, die zugleich den faschistischen Tendenzen die Existenzgrundlage entzogen. hätte. Wir haben alsbald nach dem Sanktionsbeschluss des Völkerbundes auf diese Notwendigkeit verwiesen: " Die Anwendung umfassender wirtschaftlicher Sanktionen setzt eine weitgehende wirtschaftspolitische Verständigung der Völkerbundsstaaten voraus. Sie kann unter Umständen ein Anstoss zu einer neuen wirtschaftspolitischen Aktivität werden, die gegen die heutige Tendenz der ungesunden Absperrung und Versteinerung verstösst. Die wirtschaftliche Absperrung der Länder voneinander durch eine mehr oder weniger autarke Wirtschaftspolitik ist eine der gefährlichsten Brutstätten des überhitzten Nationalismus. Sie steht nicht nur der wirtschaftlichen Höherentwicklung im Wege, sie ist zudem noch eine der Voraussetzungen dafür, dass der Faschismus sich behaupten und entwickeln kann. Es ist dies eine Seite des europäischen Sicherheitsproblems, die für die Demokratie von der grössten Bedeutung ist. Eine Sicherheitspolitik, die durch Machtbündnisse zwar den Faschismus am Angriff verhindert, aber zugleich die aus borniertem Nationalismus geborenen Hochschutzzollgrenzen versteinert, die staatlich- kulturelles Selbstbestimmungsrecht und Autarkiepolitik verwechseln wollte, würde mit Sicherheit reaktionär werden und alsbald von den Völkern als reaktionär und als Hemmung der Entwicklung empfunden werden. Die demokratischen Länder haben sich zu einem politischen Schlag gegen den Faschismus aufgerafft. Nun steht das Problem, ob sie auch gegen die wirtschaftlichen faschistischen Tendenzen vorgehen werden." B-6Dieses Problem, von dem wir damals sprachen, hätte sich notwendig ergeben müssen, wenn die Völkerbundsstaaten ernsthaft und umfassend Sanktionen durchgeführt hätten. Aber sie sind schon am Beginn der Aufgabe stecken geblieben und darum weit entfernt von jenem Punkt, wo die politisch- wirtschaftliche Struktur der Völkerbundsstaaten und die Art ihrer Wirtschaftsbeziehungen in Einklang mit der gedanklichen und rechtlichen Struktur des Völkerbundes und der Idee der kollektiven Sicherheit hätte gebracht werden müssen. Dieser Sanktionsbeschluss gegen Italien ist nicht zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung geworden, sondern hat nur noch tiefer in die Stagnation hineingeführt weil zum mindesten ein Teil der Völkerbundsstaaten dem Beschluss und dem hinter ihm stehenden Rechts gedanken untreu geworden ist. Der frühere französische Ministerpräsident Laval hat sich einer den Angriff erdrosselnden Sanktionspolitik in den Weg gestellt. Er wollte Italien als Verbündeten der Stresafront gegen Deutschland nicht preisgeben, umso mehr nicht, als er von England keine bindenden Zusicherungen für den Fall eines neuen Rechtsbruchs Deutschlands erhalten konnte. Es hat Monate gedauert, bis die französische Linke Laval gestürzt hat. In diesen Monaten wurde die Anwendung der Petroleumsperre gegen Mussolini, die hemmend auf den Luftkrieg wie auf die Transportmöglichkeiten der italienischen Truppen in Abessinien gewirkt haben würde, immer wieder hinausgeschoben. Italien deckte sich ein. Die Vereinigten Staaten, die eine frühzeitig verhängte Petroleumsperre unterstützt haben würden, zogen sich zurück. Nach dem Sturz Lavals kam die Frage der Petroleumsanktionen wieder in Gang aber nur vorsichtig und zögernd. Der neue französische Aussenminister machte ihre Verhängung abhängig von einem Friedensversuch. Eine Aufforderung an Italien und Abessinien, Waffenstillstand zu schliessen und sich zu einem Frieden im Geiste und im Rahmen des Völkerbundspaktes bereitzuerklären, die ein Ultimatum an Italien hätte darstellen müssen, wurde von dem neuen französischen Aussenminister Flandin soweit B-7abgeschwächt, dass die Erkundung des Friedenswillens Italiens heute immer noch im Gange ist und noch Monate hingeschleppt werden kann. So war die Folge der Inkonsequenz: Feindschaft England- Italien, kühle Stimmung zwischen England und Frankreicl Flauheit der Völkerbundsstaaten in der Sanktionspolitik, neue Skepsis gege her dem Völkerbund und der Politik der kollektiven Sicherheit überhaupt. Das ist die Lage, in der Hitler seinen Streich der Zerreissung des Locarnovertrages und der Wiederbesetzung der demilitarisierten Zone am Rhein geführt hat. 2) Die Ziele der Hitler- Politik Der Aktion sind propagandistisch vorbereitende Akte vorhergegangen. In einem Interview sprach Hitler über den Kopf der französischen Regierung hinweg zum französischen Volk. Er gab vor, Frieden und Verständigung anzubieten. Er hatte für dies Interview den Augenblick ausgewählt, in dem die französische Kammer über den französisch- russischen Beistandspakt beriet, den die französische Rechte heftig angriff. Auf Grund dieses Interviews erfolgten französische diplomatische Schritte, der französische Botschafter in Berlin fragte nach Hitlers positiven Verständigungsvorschlägen. Aber Hitler hatte an einer Erledigung der Fragen, die mit dem Locarnopakt und der demilitarisierten Zone zusammenhängen, kein Interesse, wenn sie auf ruhigem normalen diplomatischen Wege erfolgt wären. In Erfolgen, die auf normalem Wege erzielt werden, liegt weder eine Rechtfertigung für die nationalsozialistischen Knechtungsmethoden der Diktatur, noch die Möglichkeit der Aufpeitschung leidenschaftlicher Massenstimmungen, mit denen die Diktatur ihre Misserfolge verdeckt. Worauf Hitlers Politik von vornherein abzielte war die Schaffung einer neuen vollendeten Tatsache, die Erzeugung einer internationalen Krise. Er hat dafür sehr stichhaltige Gründe gehabt. B-8- Er hat die Heraufbeschwörung einer internationalen Krise und die damit verbundene Gefahr der sofortigen Inangriffnahme der brennenden inneren Probleme vorgezogen. Die Fragen der Wei terfinanzierung der Rüstungen ist ebenso brennend geworden wie die Frage der Rohstoffversorgung für die Rüstung und für die übrige Produktion. Das System steht vor der schweren Entscheidung zwischen Fortsetzung des bisherigen Tempos und neuer Massenarbeitslosigkeit. Der nationalistische Rausch, den es entfesselt hat, lenkt die Aufmerksamkeit des Volkes von diesen Dingen ab. Die Politik der vollendeten Tatsachen hat deshalb für das Hitlersystem auf alle Fälle ein positives Ergebnis; denn jedes neue nationalistische Erregungsstadium des deutschen Volkes gibt ihm eine neue Basis. Wenn aber gar das kecke Hasardspiel mit der Erzeugung einer internationaler Krise, die Spekulation auf den Schrecken der Friedliebenden den Erfolg haben würde, die anderen nachgiebig zu machen, dann könnte das System hoffen, den Ansohluss an Weltkredit und Weltwirtschaft wieder zu gewinnen, ohne dafür mit einer Abschwächung seines nationalistisch-imperialistischen Wesens oder seines brutaldespotischen Herrschaftscharakters bezahlen zu müssen. Auf normalem diplomatischen Wege war diese Chance viel geringer. Das System hat seine Politik der vollendeten Tatsache als die Folge eines unwiderstehlichen Dranges des deutschen Volkes zur Gleichberechtigung, zur WMererwerbung seiner vollen Souveränität über sein eigenes Gebiet aufgezogen. Es hat sich als Exponenten eines überwältigenden Volkswillens ausgegeben. Das Gleichberechtigungsargument für die Politik der vollendeten Tatsachen hat lediglich propagandistischen Wert. In Diktaturländern bestimmt die Regierung, was das Volk als nationale Ehrenfrage anzusehen hat, und nicht umgekehrt. Wenn die Wiederbesetzung des Rheinlandes-eine politische Zielsetzung der deutschen Politik an sich von innerer Notwendigkeit war, dann liess sich um diese Zielsetzung auch mit anderen Methoden kämpfen- aber dem System war die Mobilmaohungsstimmung mindestens ebenso wichtig, wie die politische Zielsetzung. B-9- Der normale Verhandlungaaag aber hätte wahrscheinlich an ein Grenze geführt, die das System mit der Politik der vollendeten Tatsache zu überspringen hoffte. Es handelt sich um die Anlage eines Festungsgürtels im Rheinland von gleicher Stärke wie die französische Maginot-Linie. Dieser Festungsgürtel soll bewirken, dass Frankreich nicht, oder nur mit ungeheueren Opfern eingreifen kann, wenn das System den Augenblick für geeignet hält, im Osten oder Südosten loszuschlagen. Frankreich soll damit die Möglichkeit jeder Mitwirkung in Zentral- und Osteuropa verlieren. Es war vorauszusehen, dass die französische Politik auf dem Verhandlungswege nicht zu einer Legalisierung solcher Befestigungen zu bringen war- deshalb hat das System von vornherein den Weg der Gewalt gewählt- immer in der Hoffnung, dass die anderen davor zurückschrecken, mit Gewalt zu antworten. Und endlich gehört diese Politik der vollendeten Tatsachen zum Wesen des Systems wie seine Antivölkerbundspoli- tik, seine Verachtung der Verträge und des internationalen Rechts überhaupt. Schliesslich ist die"Zerreissung der Verträge" eine der Zauberformeln, mit denen das System den politischen Verstand eines grossen Teils des deutschen Volkes gelähmt hat. Ohne einige Zerreissungen von Zeit zu Zeit fühlt sich das System seiner Ma'ssenbasis nicht mehr sicher. Im übrigen war diese Aktion seit Jahresfrist zu erwarten, sie gehört zu den Etappen der nationalsozialistischen Aussehpolitik die bisher ganz prcgrammgemäss durchgeführt worden ist. Nach drei Jahren Hitlerscher Aussenpolitik in Europa kann sich niemand mehr beschweren, dass er von Hitler in seinem guten Glauben gröblich getäuscht worden sei. Wer es jetzt noch nicht er* �annt hat, in welchem Zusammenhang die Hitlersche Propaganda ;er Friedensbereitschaft mit dem alldeutsch-imperialistischen rTogramm der deutschen Nationalisten steht, der ist unheilbar lind. Das System nicht eine Politik der taktischen Aus- ilfen, der Stellungnahme von Fall zu Fall. Es verfügt über eine raste Konzeption nationalistischer Machtpolitik, und je mehr es tappenweise davon verwirklichen kann, umso umfassender werden B- 10seine Begierden und seine Ziele. Die letzte Anerkennung des Locarnopaktes durch Hitler stammt vom 21. Mai 1935. Schon danach der mals war sie nur noch relativ. Wir haben damals Hitler- schen Programmrede vom 21. Mai 1935- mit folgenden Sätzen auf die Konsequenzen hingewiesen: " Auf eine kurze Formel gebracht, lautet das Hitlerprogramm Verträge werden gehalten, solange unsere Vertragspartner sie auch halten. Ob aber unsere Vertragspartner sie gehalten haben oder nicht, darüber entscheide ich, kraft meines eigenen ungeteilten Willens unter Berufung auf das höhere Lebensrechte der Nation. Das ist der Rückfall vom Recht in die Macht. Es entwertet vollkommen die Bekräftigung des Locarnopaktes, und wie es gemeint ist, zeigt Punkt 3 der Hitlerschen Deklaration über die entmilitarisierte Zone auf das Deutlichste. Hier tritt die erschütternde Unsicherheit zutage, die künftighn über allen feierlichen Verträgen liegen würde, wenn diese Prinzipien allgemein akzeptiert werden würden. Jeden Tag und jede Stunde könnte unter beliebigem Vorwand der Locarno pakt von Hitler einseitig zerrissen werden, denn die Partner sich dem Anspruch Hitlers unterwerfen, dass die Entscheidung über die Gültigkeit des Paktes allein bei ihm ruhen soll! Was für den Locarnopakt gilt, gilt gleichermassen für alle Verträge und Bindungen, in denen Hitlerdeutschland steht, und die es fernerhin eingehen würde. Bei solchen Grundsätzen ist kein Vertragsrecht mehr möglich, an seine Stelle tritt die reine Opportunitätsentscheidung der Machtpolitik." Der Entschluss zur Rheinland befestigung war eine solche Oppo tunitätsentscheidung der Machtpolitik. Hitler hat den Zeitpunkt für gekommen geglaubt, um das neue französische Sicherheitssystem, das durch den französisch- russischen und den tschechoslovakisch- russischen Pakt geschaffen worden war, zu isolieren durch eine Loslösung Englands von Frankreich, vielleicht sogar durch eine Loslösung Englands vom Gedanken der kollektiven Sicherheit überhaupt, und um dies System zu entwer. ten durch Befestigungen in Westen. Um Verwirrung in die Reihen der Locarnomächte zu tragen, hat er den Vertragsbruch verbunder mit einem sogenannten Friedensangebot. Dieses Angebot ist in seinem Wesen nichts anderes als die Verneinung des Prinzips der kollektiven Sicherheit, es war die Wiederholung des Programms der 13 Punkte vom 21. Mai 1935. Wir haben damals die maximalen Tendenzen dieser Politik in folgenden Punkten heraus B- 11gearbeitet: * 1. Unbedingte Aufrechterhaltung der militärischen Ueberlege. heit und Vormachtstellung Deutschlands in Europa. 2. Die Entwertung des europäischen Vertragsrechts. 3. Die Auslieferung der Nachbarstaaten Deutschlands an die Willkür der braunen Machtpolitik. Nichtangriffspakte mit den Nachbarstaaten, aber kein allgemeines System; an die Stelle des kollektiven Schutzes für den Angegriffenen sóll nicht nur die Isolierung des Angreifers, sondern auch die Isolierung des Angegriffenen treten. Der Kriegs. herd soll lokalisiert werden. Das ist der schärfste Gegensatz zu der These vom unteilbaren Frieden. Es ist der Wille zur Rückkehr zu einem System, das den Schwachen der Gnade des Mächtigen ausliefert. Es ist im Prinzip ein Versuch, die Gemeinschaften der Schwachen aufzulösen zugunsten der Starken, das offene Eingeständnis der Tendenz, die kleineren Nachbarstaaten Deutschlands unter dem Druck der braunen Militärmacht dem Willen des deutschen Despotismus gefügig zu machen. Es verwandelt die Nachbarstaaten Deutschlands in deutsche Einfluss- Sphären, in ausgelieferte Pufferstaaten. Der braune Despotismus entsagt feierlich allen Eroberungen? Hat er sie bei solcher Gestaltung der Verhältnisse in Mitteleuropa noch nötig? Wenn die braune Militärmacht ein kleineres Nachbarland überfällt, sei es nun auf dem Wege der Erpressung, sei es mit offener Gewalt, dann soll der Schwache allein stehen. Das Hitlergesetz, das Europa auferlegt werden sol soll alle Nachbarn, Freunde, Bundesgenossen, alle rechtliebenden Völker verpflichten, den angegriffenen Schwachen allein zu lassen! Das ist die völlige Verneinung der europäischen Konstellation von heute, es ist die Errichtung der Terrorherrschaft über die kleinen Staaten. 4. Die Freiheit für imperialistische Machtpläne. Hinter dem Wort von der" geregelten Vertragsentwicklung" und dem" ve traglichen Revisionen" verbergen sich die territorialen Ziele des braunen Systems. Sein Ziel ist ein" Gleichgewicht der Kräfte", das immer wieder zugunsten der Machtstellung des braunen Despotismus in Europa revidiert werden soll. Es ist die Methode eines jeden aktivistischen Nationalismus, in langsamer Bewegung unter ständigem Machtdruck zu wirken, bis eines Tages das Gefüge zusammenbricht und mit ihm der Frieden wenn nicht die Umwelt resigniert und das Opfer der Macht seinem Schicksal überlässt. 5. Die Feinderklärung gegen Sowjetrussland. Noch niemals ist in so provokatorischer Form eine internationale Feind erklärung gegen einen grossen Staat erlassen worden, eine Erklärung, die nach Form und Inhalt von vornherein schon B- 12eindeutig das braune System als Angreifer- gegen Sowjetrussland bestimmt! Aus kleinlichster, verlogener Parteidemagogie wird der unerhörte Versuch hergeleitet, eine Dauerfeind. schaft zwischen dem deutschen Volk und Sowjetrussland aufzurichten. Das ist böswilliger Angriff, böswillige Friedensstörung, ganz ohne Maske. Das braune System braucht für seine Rüstungen, für seine Erziehung des Volkes zum Kriege einen Feind. Seine willkürliche Wahl ist auf Sowjetrussland gefallen, aber ganz Europa muss wissen, dass mit der gleichen Gewissenlosigkeit und Willkür die Drohung sich gegen jeden richten kann. Die Ostpläne Rosenbergs sind nach wie vor bestimmend für die Tendenz der braunen Machtpolitik." Die Kritik von damals trifft Punkt für Punkt auf die sogenannten Friedensvorschläge Hitlers vom 7.März 1936 zu. Die Ziele der Hitlerpolitik haben sich nicht geändert. Sie sind heute nicht weniger gefährlich als damals und wenn die Punkte vom 21. Mai 1935 um einen vermehrt worden sind:" Wiedereintritt in den Völkerbund" so liegt darin nur die Hoffnung Hitlers, dass der Völkerbund schon völlig am Ende sei, so völlig, dass er zum Instrument der Hitlerpolitik gemacht werden könnte. Denn die Bedingung für den Eintritt Hitlers in den Völkerbund ist, dass die Gewalt als Rechtsgrundlage anerkannt werde. Nach wie vor stehen diese Ziele und Angebote im stärksten Widerspruch zu den Vorstellungen der übrigen europäischen Völker von einer dauerhaften Ordnung in Europa. Sie sind zusammengefasst unter dem Wort Frieden aber niemals hat es in der Welt einen Zustand gegeben, der dem Frieden so unähnlich war wie der Zustand, den die Hitlerpolitik herbeizuführen wünscht. Trotz ihrer inneren Unwahrhaftigkeit hat diese Politik, die Gewalttat und Rechtsbruch mit heuchlerischem Friedensgeschrei verbindet, dem Hitlersystem in Deutschland Prestigegewinn verschafft siehe die sogenannte Reichstagswahl vom 29. März weil die beteiligten Mächte den Prestige gewinn des Hitlersystems dem Krieg vorgezogen haben. B-133) Das Stadium der Verwirrung Die Zerreissung des Vertrages von Locarno hat die Welt an den Rand des Krieges gebracht. Hitler hat sich in seinen Reden gerühmt, dass er mit traumwandlerischer Sicherheit vorwärtsschreite. Lloyd George sonst der beredteste Anwalt der Hitlerpolitik in England hat für diesen Schritt ein anderes B000 Bild gebraucht:" Hitlers grösstes Verbrechen war nicht der Bruch eines Vertrages; sein grösstes Vergehen war, dass er in der feuergefährlichen Atmosphäre Europas eine so leichtfertige Handlung beging. Er organisierte einen Fackelzug in einem Pulvermagazin und wir waren sehr nahe an einer sehr zerstörenden Explosion." Es ist nicht das Verdienst Hitlers, dass diese Explosion nicht eingetreten ist. Er hat bewusst mit dem Krieg gespielt und das schlägt alle seine Friedensredereien zu Boden. Es ist das Verdienst der französischen Politik, dass der Krieg verhin dert wurde. Die Reichstagsrede Hitlers vom 7. März war eine Provokation, die zu einem Rechtsbruch hinzukam. Es war eine Revancherede, die nicht auf Verständigung abzielte, sondern Frankreich in die Rolle des Gedemütigten und Besiegten drängen wollte. Der Sozialdemokratische Parteivorstand hat sofort nach dieser Rede eine Erklärung veröffentlicht, die als illegales Flugblatt in Deutschland verbreitet worden ist. Diese Erklärung lautet: " Die nationalistische Demagogie hat vor 22 Jahren Deutschland in den Weltkrieg gehetzt. Sie hat das Volk mit unerreichbaren Eroberungszielen geblendet. Sie hat unter dem Jubel aller Urteilslosen den unbeschränkten U- Bootkrieg erzwungen, Amerika in die Reihen der Feinde getrieben und damit den Zusammenbruch von 1918 herbeigeführt. Geblendet und betäubt taumelt Deutschland unter Hitlers Führung einer neuen Katastrophe entgegen, die noch schlimmer zu werden droht als die von 1918. Hitler hat ins Rheinland Truppen einmarschieren lassen. Er hat damit nicht nur den Friedensvertrag von Versailles verletzt, sondern auch den Vertrag von Locarno gebrochen, den B- 14Deutschland, um seine Einheit zu retten und das besetzte Gebiet zu befreien, freiwillig mit Frankreich und Belgien geschlossen hatte. In der Verurteilung dieses Vertragsbruches ist die ganze Welt einig. Wo freiwillig geschlossene Verträge unter nichtigen Vorwänden gebrochen werden, gibt es kein Recht, keine Ordnung und keinen Frieden. Neue Paktvorschläge, die von dem Vertragsbrecher ausgehen, müssen dem schärfsten Misstrauen begegnen. Hitler sät Hass gegen Deutschland. Furchtbar wird diese Saat eines Tages aufgehen. Hitler spekuliert auf die Furcht der Völker vor einem neuen Krieg und spielt Hasard mit dem Frieden. Eines Tages wird er das Spiel verlieren, und das deutsche Volk wird es mit seinem Blut bezahlen müssen. Nach drei Jahren Hitlerherrschaft steht Deutschland am Rande des finanziellen Ruins. Die Löhne sinken, die Lebensmittel werden knapper und teuerer, die Arbeitslosigkeit steigt wieder. In dem Masse, in dem sich die inneren Schwierigkeiten vermehren, wächst die Neigung zu aussenpolitischen Abenteuern. Militärmusik und Heilgeschrei sollen das Murren der ausgebeuteten und entrechteten Massen übertönen. Mit Militä: musik und Heilgeschrei marschiert Deutschland dem Abgrund entgegen. Wen hat Hitler zu Deutschlands Freund gemacht? Keinen! Wen hat er zu Deutschlands Feind gemacht? Alle! Die Freundschaft mit Sowjetrussland hat er einer tollen Bolschewisten hetze und sinnlosen Eroberungsplänen geopfert. Er hat dadurch Sowjetrussland in die Arme Frankreichs getrieben. Das neue französisch- russische Bündnis ist sein eigenes Werk. Italien? Polen? Ein Narr, wer glaubt, dass sie für Hitlerdeutschland einen Finger krumm machen werden. Sie werden auch diesmal wieder zu den Stärkeren gehen, und das sind die anderen. Deutschlands 65 Millionen stehen im Ernstfall gegen 1.000 Millionen Menschen. Macht und Reichtum der ganzen Welt werden aufge boten werden gegen dieses einzelne Land, das durch die verderbliche Wirtschaft seiner Machthaber in immer tiefere Armut gerät." Die Wahrheit dieser Erklärung, die über den Tag und die Tageserfolge der Hitlerpolitik hinaussieht, vermag heute vom deutschen Volke, das künstlich in einen nationalistischen Taumel versetzt worden ist, nicht erkannt zu werden. Es wird einst mit Schrecken sehen, wohin es geführt worden ist. Der Geist des Ausgleichs, der wahren Verständigung ist dahin, neuer Hass und neue Verbitterung sind geschaffen, die auf viele Jahre hinaus das deutsch- französische Verhältnis belasten B- 15werden, eine Belastung, die der Keim kommender Kriege ist. An die Stelle der Sünden und Verbrechen des französischen Nationalismus von ehedem treten die Sünden und Verbrechen des hitlerdeutschen Nationalismus. Das ist eines der sicheren Ergebnisse des Hitlerschen Schrittes, die sich heute schon feststellen lassen. Die französische Regierung hat sofort nach Hitlers Erklärung am 7. März die Garanten des Locarnovertrages, England und Italien, vor ihre Verantwortung gestellt. Sie hat ihnen erklärt, dass sie die Zurückziehung der deutschen Truppen aus der demilitarisierten Zone verlange. Für den Fall einer deutschen Weigerung müssten Zwangsmassnahmen, beginnend mit wirtschaftlichen Sanktionen, ergriffen werden. Sie erklärte zugleich, dass sie nicht mit Deutschland verhandeln würde, solange die Rechtslage nicht wieder hergestellt sei. Belgien schloss sich der Forderung der französischen Regierung an. Es zeigte sich sofort, dass die englische Politik mehr Wert darau legte, auf Grund der Hitlerschen Vorschläge in Verhandlungen zu kommen, als dem französischen Verlangen zu entsprechen. Sie wollte" durch Verhandlungen das Vertrauen wiederherstellen." Die" Wiederherstellung des Vertrauens" ist nur ein Wandschirm vor anderen Absichten. Die Unmöglichkeit der Wiederherstellung des Vertrauens ist selbstverständlich auch den englischen Staatsmännern bewusst. Im Unterhaus führte der englische Aussen minister Eden am 26. März aus: und " Aber es ist nicht möglich, wieder aufzubauen, wenn die Fundamente nicht gut und wahrhaftig gelegt werden können, sie können nicht gut und wahrhaftig gelegt werden, wenn einig der an der Aufgabe Beteiligten glauben, dass das Gebäude schliesslich das Schicksal seiner Vorgänger teilen wird. Es ist unsere Aufgabe gewesen, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, in der diese Verhandlungen stattfinden konnten." In Wahrheit kämpfte die englische Regierung von Anfang an um Zeitgewinn. Sie wollte über die kritischen Tage der höchsten Spannung hinwegkommen, ohne dass Frankreich zu Mitteln griff, zu denen es berechtigt war und die England gezwungen hätten, an B-16Zwangsmassnahmen gegen Deutschland teilzunehmen oder Vertrag und Völkerbund in einem zu zerbrechen. Die englische Politik wobei nicht schlug den Weg des Friedens um jeden Preis ein vergessen werden darf, dass nicht sie, sondern Frankreich den Preis zu zahlen hatte. Schon in Paris ergaben sich heftige Spannungen zwischen England und Frankreich, so dass die englischen Unterhändler die Verlegung der Konferenz der Locarnomächte nach London vorschlugen. Auch der Völkerbundsrat wurde nach London einberufen. In London begann nun jener diplomatisohe Grosskampf, der sich in der Hauptsache zwischen Frankreich und England abspielte, und der erst am 19. März zu einer vorläufigen Abschluss kam. Bei diesem Kampf der englischen Politik um Zeitgewinn wurde die allgemeine Verwirrung noch vermehrt durch die Ausbrüche der englischen öffentlichen Meinung. In der Panik angesichts der drohenden Kriegsgefahr offenbarte sie eine sehr merkwürdige Auffassung von" kollektiver Sicherheit". Der mystische Glaube des englischen Volkes an die kollektive Sicherheit scheint sich sehr leicht zu ernüchtern, wenn es direkt in Garantieleistungen dafür hineingezogen zu werden droht. Weite auch in der Labour- Party Kreise der öffentlichen Meinung G haben in diesen Tagen nur zu deutlich erkennen lassen, dass sie Isolierungspolitik meinen, wenn sie kollektive Sicherheit sagen. Schlimmer war noch, dass ein Teil der englischen öffent lichen Meinung direkt zur Begünstigung des Hitlerschen Rechtsbruchs überging. In der Unterhaussitzung vom 26. März machte der Abgeordnete Nicolson, der berühmte Schriftsteller, darüber. die folgende bissige Bemerkung: " Eine Welle von prodeutschem Fühlen überschwemmt das Land. Diese Welle kommt reichlich spät. Während Deutschland schwach war, haben wir ihm keine Aufmerksamkeit gewidmet, nun, da es stark geworden ist, da es eine Regierung hat, die kaum ein Mitglied des Hauses billigen kann, fallen wir auf unsere Knie mit der Stirn in den Staub und versichern Hitler unserer prodeutschen Gefühle. Welcher fremde Beobachter würde nicht meinen, dass die britische öffentliche Meinung der Linie des geringsten Widerstandes folgt? B- 17Diese grenzenlose Verwirrung der englischen öffentlichen Meinung- ein Musterbeispiel dafür, in welche Krämpfe die friedliebenden Völker im Augenblick der drohenden Kriegsgefahr verfallen werden drohte die englische Politik, die um Zeitgewinn kämpfte, aus der Achtung vor ihren politisch- moralischen und international- rechtlichen Verpflichtungen herauszudrängen. Sie vermehrte damit noch die Verwirrung und die Nervosität. Die Beratungen der Locarnomächte fielen aus einer Krise in die andere. Die englische Politik wollte, dass ein Vertreter Deutschlands an der Sitzung des Völkerbundes teilnehme. Die Franzosen und mit ihnen die Russen, lehnten eine Beratung über Hitlers angebliche Friedensvorschläge im Völkerbundsrat schroff ab.. Hitler stellte für die Entsendung eines Vertreters die Bedingung, dass über seine Vorschläge sofort be raten werden müsse. Nach kritischen Tagen liess er diese Bedingung fallen und Herr von Ribbentrop erschien bedingungslos in London in der Hauptsache aber nur, um sich die Proforma Verurteilung des deutschen Rechtsbruchs im Völkerbund anzuhören. Den sofortigen Verhandlungsbeginn erreichten die Englände: nicht. Die Engländer haben in diesen kritischen Tagen immer wieder eine Geste Hitlers gefordert, die als ein Pflaster auf den Bruch des Rechts hätte gedeutet werden können. In dieser Forderung einer Geste lag ein Verzicht in der Sache, die Anerkennung, dass die Besetzung der demilitarisierten Zone eine vollzogene Tatsache ist, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Diese Geste sollte den mit dem sachlichen Erfolg notwendig verbundenen Prestigegewinn der Hitlerpolitik wieder abschwächen. Diese Forderung war von vornherein zum Scheitern verurteilt gegenüber einem System, das Prestigegewinn höher bewertet als sachlichen Gewinn, und das schon einen gewaltigen Propagandafeldzug zur Ausbeutung seines Prestigegewinns eingeleitet hatte Die sachliche Entscheidung war für die englische Politik jedenfalls gefallen: Frankreich sollte sich mit der Beseitigung der demilitarisierten Zone abfinden. Die Frage, war jedoch, ob ' B-18es sich ohne Kompensation abfinden würde oder ob es nicht ver. suchen würde, die Veränderung der Machtlage wieder auszugleichen. Es gingen bei diesen Verhandlungen Rechtsfragen, Machtfragen, Prestigefragen durcheinander. Das Ergebnis war schliesslich die Vereinbarung der Locarnomächte. Sie ist ein Produkt der Verwirrung und eine Quelle neuer Verwirrung. Diese Vereinbarung enthält die folgenden Bedingungen dafür, dass über deutsche Vorschläge verhandelt wird: Anrufung des Haager Gerichtshofes, keine Befestigungen in der demilitarisierten Zone, Zustimmung zur Besetzung einer 20km- Zone durch internationale Truppen. Sie versichert Frankreich und Belgien für die Uebergangszeit des englischen Beistandes, und bekräftigt diese Versicherung durch die Zusage von Besprechungen der General stäbe. Sie gibt Garantieversprechungen für den Fall des Scheiterns oder Nicht zustandekommens der Verhandlung, und schliesslich lässt sie die Fata morgana einer Weltkonferenz erscheinen, in der alle die kritischen Probleme, die in den letzten fünf Jahren aufgetaucht sind, in Bausch und Bogen erledigt werden sollen. Es haftet dieser Vereinbarung etwas Unernstes an. Sie sollte nach dem Wunsch der Engländer eine neue Atmosphäre des Vertrauens schaffen, aber ist doch nur das Produkt gegenseitigen Misstrauens. Sofort hat sich der Streit um die Auslegung erhoben. Die Franzosen beanspruchten, dass diese Vereinbarung ein unteilbares Ganzes sei die Engländer wollten darin nur abänderliche Vorschläge sehen. Hitler hat die Vorbedingungen glatt abgelehnt, er hat trotz allem englischen Drängen sich zu keiner Ersatzgeste verstanden. 3 Alles, was die englische Politik erreicht hat, ist Vertagung entscheidender Beschlüsse." Wir waren in einer Lage" so sagte im Unterhaus Mr. Neville Chamberlain, einer der führenden Männer im englischen Kabinett" in der es unmöglich war, alle Risiken auszuschalten. Wir mussten geringere Risiken in Kauf nehmen, um grössere zu vermeiden, die vielleicht danach entstehen konnten. Obgleich eine Atempause erreicht worden ist, in der weitere Verhandlungen und Diskussionen stattfinden kön B-19nen, haben wir vor uns eine noch vielleicht lange, aber sicher kritische Zeit. Unser Streben war, nach solchen Bedingungen zu suchen, dié es uns, Frankreich, Belgien und Deutschland möglich machen würden, Vorschläge am runden Tisch zu diskutieren und solche Vorschläge zu schaffen, die den Albdruck aufheben, der jetzt über dem grösseren Teil von Europa hängt." Die Atempause ist nur kurz, von dem anderen allen ist nichts erreicht. Was am Ende dieses Stadiums der Verwirrung wirklich ist, ist das Faktum der Rheinland besetzung, der Prestigegewinn Hitlers und die ungeheuere Verwirrung in Europa. Die Organe des Völkerbundes hatten in diesen kritischen Tagen zwei grosse Aufgaben vor sich: Entschlüsse zu fassen gegen über dem neuen Rechtsbruch des Hitler systems, Entschlüsse zu fassen über die Verschärfung der Sanktionen gegen Italien. Sie wurden nach London zitiert und sie haben in London eine klägliche Rolle gespielt. Es sind in diesen kritischen Tagen viele feierliche Schwüre namentlich von englischer Seite- auf den Völkerbund abgelegt worden, aber nie ist auch der Abstand zwischen den feierlichen Schwüren und der wirklichen Respektierung des Völkerbundspaktes grösser gewesen. Auch er ist ein Opfer der allgemeinen Verwirrung in dieser Krise wie übrigens auch die Sozialistische Arbeiter- Internationale, die zwar in London eine gemeinsame Resolution beschlossen hat, aber deshalb keineswegs eine gemeinsame Politik besitzt, nicht zuletzt deshalb, weil die politische Verwirrung in der englischen Labour Party noch grösser ist als in der englischen öffentlichen Meinung. Der Sprecher der Labour Party im Unterhaus hat offen erklärt, dass seine Partei sich der Anwendung von Sanktionen wegen der Rheinlandräumung widersetzen werde: D " Ich möchte gerade und frei heraus sagen, dass die öffentliche Meinung in diesem Lande militärische oder auch nur wirtschaftliche Sanktionen, die die deutschen Truppen aus dem Rheinland wieder herausbringen sollen, nicht unterstützen würde. Ganz gewiss würde die Labour Party sie nicht unterstützen. Die öffentliche Meinung hier macht einen Unterschied zwischen der Aktion Mussolinis und der Aktion Hitlers." B- 20Damit tritt die Problematik der Sanktionspolitik, des Artikels 16 des Völkerbundes, hervor. Es entsteht die Frage: Was ist Angriff? Ist eine grosszügige Vorbereitung einer allgemein aggressiven kriegerischen Politik nicht Angriff, wohl aber ein Grenz zwischenfall, bei dem Blut fliesst? Ist die Maxime, dass erst Blut fliessen muss, nicht eine Opferung der Schwachen, die sich mit dem Recht trösten können, an den Völkerbund zu appellieren, wenn sie schon tot sind? Wenn nicht das internationale, in anerkannten Verträgen niedergelegte Recht entscheidend ist für die Frage, was Rechtsbruch ist und was nicht, so bleibt die kollektive Sicherheit nichts als eine Phrase, hinter der sich die Opportunitätsent scheidung von Fall zu Fall verbirgt. Die Londoner Vorgänge haben klargemacht, dass das Prinzip der kollektiven Sicherheit nur eine Forderung ist, aber keine Realität. Die bera tenden Grossmächte haben den Völkerbund völlig in den Hintergrund geschoben. Der Völkerbundsrat hat schliesslich das Vorgehen Deutschlands als Rechtsbruch feierlich verurteilt, aber es handelt sich dabei ebenso um einen reinen Formalakt wie bei der Verurteilung Deutschlands wegen der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Schon die Ohnmacht und Hinfälligkeit des Völkerbundsrats gegenüber einem offenkundigen Rechtsbruch genügt, um ihm Prestige verlieren zu lassen. Gewaltig aber ist der Verlust durch die Tatsache geworden, dass Italien im Völkerbundsrat den Rechtsbruch Deutschlands verurteilt, und dass der Völkerbund Abessinien vollkommen preisgegeben hat.. Italien ist Garantiemacht des Locarnovertrages. Es hat es in der Hand, gemeinsame Beschlüsse der Locarnomächte ausser Deutschland zustandekommen zu lassen oder zu verhindern. Es hat die nie wiederkehrende Situation zu einem schamlosen Handel benutzt. Es bietet Garantieversprechungen für Frankreich und Belgien gegen Aufhebung der Sanktionen an. Wenn Abessinien ihm ausgeliefert wird, will es mit für die Erhaltung des Friedens in Europa sorgen. Es ist wahr, dass weder England noch der Völkerbund auf diesen Handel eingegangen sind es ist aber ebenso B- 21wahr, dass die Frage der Petroleumsanktion, der Erzwingung des Friedens durch verschärften Sanktionsdruck verschleppt worden ist und weiter verschleppt wird, und dass kein Mensch mit gesunden fünf Sinnen glauben kann, dass die Sanktionspolitik wegen Abessinien im Völkerbund fortgesetzt werden könnte. Die Veränderung der Lage kommt darin zum Ausdruck, dass die englische Flottenkonzentration im Mittelmeer aufgehoben worden ist und ein Teil der englischen Streitkräfte das Mittelmeer bereits verlassen hat, während die italienische Kriegsführung in Abessinien nun hemmungslos alle Schrecken des modernen Krie ges loslässt, vom Giftgas bis zur Niederbrennung offener Städte durch Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung. Die europä ische Grosskrise geht über Abessinien zur Tagesordnung über. Der Völkerbund ist nur noch ein Schemen, sein Ansehen ist heute noch geringer als zu der Zeit, da er die Eroberung chinesischen Gebiets durch Japan duldete. Der eine Diktator, Musso lini, hat den Völkerbund schon gründlich genug ruiniert. Was würde vom Völkerbund übrig bleiben, wenn er zur Anerkennung Hitlerscher Vertragsbrüche, den zweiten europäischen Diktator, Hitler, wieder aufnehmen und zur Ehre seines Wiedereintritts ihm den Artikel 16 des Völkerbundspakts opfern würde, auf dem die Sanktionsdrohung gegen den Friedensbrecher beruht? 4) Die grossen Gegensätze Am Ende des ersten Stadiums der grossen Krise, das mit dem Beschluss des Völkerbundsrats und dem Abbruch der Londoner Konferenzen endete, steht ein unzweifelhafter Anfangserfolg der Hitlerpolitik. Die Rheinland besetzung ist eine Tatsache, mit der sich die französische Politik abfinden muss und wahrscheinlich bereits abgefunden hat. Eine Kompensation von deutscher Seite hat Frankreich für diese Verschiebung der Machtlage nicht zu erwarten. Alles, was die deutsche Politik anbietet, ist eine Wiederaufnahme des Locarnopaktes auf die Dauer von 25 Jahren B- 22ohne jede Kompensation für die Aufhebung der demilitarisierten Zone und mit der vollen Freiheit der Anlage von Befestigun gen für Deutschland im ehemals entmilitarisiertem Gebiet. 1 Ein weiterer Erfolg der Hitlerschen Politik besteht darin, dass sie Verwirrung in die öffentliche Meinung Englands getragen, dass sie eine bemerkenswerte Spaltung zwischen der englischen Regierung und der öffentlichen Meinung in England hervorgerufen hat. C Zum dritten hat sie einen Keil zwischen Frankreich und England getrieben, den wiederherauszuziehen die Regierungen sich zwar bemühen, der aber trotzdem wirksam ist. Und schliesslich hat sie sich wieder mit Gewalt in die europäische Politik eingeschaltet. Aber die Krise ist noch im Fluss, und die Frage, ob diese Tagestriumphe gesicherte Gewinne sind oder nur Quellen künftigen Unheils, ist vollständig offen. Es wird von allen um alles gerungen. Die englische Regierung ist der Verwirrung der englischen öffentlichen Meinung seither mit grosser Deutlichkeit entgegen getreten. Sie hat in der Unterhaus sitzung vom 26. März die offene Begünstigung der deutschen Rechtsverletzung von einem Teil der englischen Oeffentlichkeit durch eine scharfe Unterstreichung des rechtsbrecherischen Charakters der Hitlerpolitik zurückgewiesen. Sie hat darüber hinaus ihre Stellung zu den poli tischen Machtfragen in Westeuropa mit einer Schärfe präzisiert, die über alles hinausgeht, was von amtlicher englischer Seite in Friedenszeiten jemals darüber gesagt worden ist. Das Wort Baldwins:" Unsere Grenze ist am Rhein" ist durch den englischer Aussenminister Eden folgendermassen erweitert worden: " Ich möchte ein Wort zu jenen sagen, die es für unsere Pflicht halten, dass wir uns von allen Verstrickungen in Europa freihalten sollen. Wenn sie meinen, dass wir die Augen vor allem verschliessen sollen, was sich in Europa ereignet, so trägt das der Wirklichkeit überhaupt nicht Rechnung. Wir sind niemals, in unserer ganzen Geschichte nicht, in der Lage gewesen, uns von den Ereignissen in den Niederlanden fernzuhalten; weder in der Zeit von Queen Elisabeth, noch in der Zeit Marlboroughs, noch in der Zeit Napoleons; B- 23noch weniger in den heutigen Tagen, in denen die moderne wissenschaftliche Entwicklung wirksame Streitkräfte unseren : Küsten soviel näher gebracht hat. Es ist ein Lebensinteresse dieses Landes, dass die Integrität von Frankreich und Belgien aufrechterhalten werden muss und dass keine feier de Kraft ihre Grenzen überschreiten darf. Es ist eine alte Tatsache, und diese Tatsache ist der Grundzug der britischen auswärtigen Politik in ihrer ganzen Geschichte." Die englische öffentliche Meinung, die sich von der französischen Politik isolieren wollte, ist damit auf die natürliche Schicksalsverbundenheit der englischen und der französischen Politik verwiesen worden. Die deutsche Politik ist benachrichtigt, dass jeder Versuch einer Expansion nach Westen auf den aktiven Widerstand der englischen Politik stossen wird. Die ganze Bedeutung dieser Erklärung ist in Frankreich wohl verstanden worden, umsomehr, als sich die englische Regierung ent schlossen hat, sie durch eine bedeutungsvolle Geste zu unterstreichen. Sie hat die in der Vereinbarung der Locarnomächte vorgesehenen Besprechung des englischen Generalstabs mit dem französischen und belgischen beginnen lassen, sie hat ausserdem die in dieser Vereinbarung vorgesehenen Garantiebriefe abgesandt. Sie hat damit ihre Beistandsverpflichtungen aus dem Locarnopakt aufs neue bekräftigt und sie hat darüber hinaus Schritte ergriffen, um diese Verpflichtung unverzüglich effektiv machen zu können. Sie hat diese Punkte der Vereinbarung der Locarnomächte durchgeführt gegen den heftigsten Widerstand eines Teiles der englischen öffentlichen Meinung, als Demonstration gegen die Haltung der deutschen Politik. darin Die französische Politik erblickt mit Recht eine Deckung durch die englische Politik, sie glaubt, dass sie einen wesent. lichen Schritt in der Richtung zu einem englisch- französischen Bündnis vorwärtsgekommen ist. Auf der anderen Seite ist sie ge deckt durch ihre Bündnisverträge mit der kleinen Entente und mit Sowjetrussland. Der französisch- russische Vertrag ist von Kammer und Senat in Frankreich mit grosser Mehrheit gebilligt und ratifiziert worden. Eine Trennung der politischen Machtfragen in Westeuropa, von denen in Osteuropa ist danach nicht B- 24menr möglich. Die englische Politik, gehemmt durch die öffent liche Meinung, hüllt sich in dieser Frage in absichtsvolle Un klarheit. Mr. Eden hat im Unterhaus erklärt: " Wenn unsere Nachbarn auf Grund sonstiger Verpflichtungen in einen Konflikt woanders verwickelt werden und nach Hilfe rufen in einem Streit, der nicht der unsere ist, so ist die Bevölkerung unseres Landes entschlossen, dass sich dies nicht ereignen soll und das ist auch die Ansicht der Regierung. Unsere Verpflichtungen sind weltweite Verpflichtungen, sind die Verpflichtungen des Völkerbundspaktes. Wir stehen fest zu ihnen. Aber wir fügen diesen Verpflichtungen kein Jota hinzu und wir werden es auch nicht tun- ausgenommen auf dem bereits durch den Locarnopakt überdecktem Gebiet." Man könnte darin eine Entwertung der Völkerbundsgarantie für den Osten Europas erblicken, aber andererseits hat Mr. Neville Chamberlain ausdrücklich erklärt, dass England' sowohl im Westen als auch im Osten interessiert sei und dass bei einem Angriff auf die Integrität Oesterreichs oder der Tschechoslovakei England die Bestimmungen des Völkerbunds paktes gegen den Angreifer anwenden werde. Die Fragen Mittel- und Osteuropas sind es denn nun auch, denen sich die europäische Krise in ihrer jetzigen Phase zuwendet. Im Augenblick ist von den Vereinbarungen der Locarnomächte nichts übrig geblieben als das englische Garantieversprechen und die Besprechungen der Generalstäbe. Die in den Vereinbarungen niedergelegten Vorbedingungen für die Aufnahme wir licher Verhandlungen sind von der deutschen Politik glatt abgelehnt worden, trotz dringender wiederholter Aufforderungen der englischen Regierung hat die deutsche Politik keinen einzigen Vorschlag unterbreitet, der auch nur irgendwie als entgegenkommende Geste oder als Kompensation für die Ablehnung dieser Vorbedingungen gedeutet werden könnte. Sie besteht darauf, dass die Frage der Rheinlandbesetzung abgeschlossen ist und dass es sich nun lediglich noch darum handelt, auf Grund der Vorschläge Hitlers die Verhandlungen über eine Neuordnung des Vertragsrechts in Europa und im Völkerbund aufzunehmen. Sie fordert, dass diese Verhandlungen in 4 Monaten abgeschlossen sein sollen- also unmittelbar nach der nächsten Ernte. B- 25Es ist ohne weiteres klar, dass die Ablehnung jeglicher Kompensation für den Vertragsbruch nicht eine Atmosphäre schafft, die wirklichen Friedensverhandlungen günstig wäre. Es ist viel mehr eine Atmosphäre der psychologischen Belastung, des Misstrauens und der Erbitterung entstanden, die jede Verhandlung oder Konferenz von vornherein belasten und zu einer Quelle der Gefahr machen muss. Die Konferenzen, die jetzt von der deutschen Politik angeregt werden, würden jenen Konferenzen der unmittelbaren Vorkriegszeit gleichen, die im Grunde genommen nur die Welt immer mehr an den Krieg herangeführt haben. Die Politik Hitlers hat um ihres Prestigebedürfnisses willen und damit aus innerer Notwendigkeit diese unheilvolle Atmosphäre geschaffen. Sie hat durch ihre Zerreissung der Vereinbarung der Locarnomächte neue Spannungen erzeugt. Aber die grössere, die wirkliche Gefahr liegt darin, dass nun ausgerech net bei diesem Zustand Europas die Diskussion an die Fragen herangeführt wird, an denen sich der Brand entzünden kann. Es ist die Frage, ob der status quo in Mittel- und Osteuropa erhalten, oder ob die gegenwärtige Machtlage und Grenzziehung verändert werden soll. Das Problem des sogenannten" Revisionismus" ist in den Vordergrund gerückt. Dies Problem hat den Projekten eines Ostpaktes und eines Donaupaktes zugrunde gelegen. Diese Projekte waren die grossen Streitpunkte, um die sich seit mindestens anderthalb Jahren die europäische Politik konzentriert hat. Dieser Ostpakt, beruhend auf der Grundlage des gegenseitigen Beistandsversprechens, ist von Frankreich, der Kleinen Entente, von Sowjetrussland dringend gefordert worden. Die englische Regierung hat am 11. Juli 1935 im Unterhaus erklärt, dass sie auf das entschiedenste wünsche, dass ein Ost- und ein Donaupakt so rasch wie möglich ratifiziert würde. Die Politik Hitlers hat dem nicht nachgegeben. Sie hat diesen Paktprojekten ihr Prinzip der isolierten zweiseitigen Nichtangriffsverträge gegenüber gestellt weil sie sich nicht an den status quo binden und ihn garantieren wollte. Bisher ist dieser diplomatische Kampf B-26 zwischen Prinzipien geführt worden- aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo die diplomatische Verhüllung abgeworfen wird und die Gefahrenpunkte mit Namen genannt werden. Der französische Aussenminister Flandin hat in einer Rede offene Fragen an die Hitlerpolitik gestellt. Er hat zunächst gefragt, ob Hitler bereit sei, die Absicht der Trennung des Ostens vom Westen aufzugeben und das Prinzip des unteilbaren Friedens anzunehmen: " Für uns ist der Friede unteilbar und er kann nicht durch Zweiseitige Nichtangriffsverträge gesichert werden von denen die einen im geeigneten Moment zerrissen würden, während die anderen den Angreifer gegen eine kollektive Aktion dekken würden. Wenn das so ist, so würde das neue von Hitler vorgeschlagene System zur Organisierung des Friedens nur auf eine bessere Vorbereitung des Krieges bei sicherer Straflosigkeit des Angreifers hinauslaufen." Er hat ferner gesagt: " Will Reichskanzler Hitler im Namen der Souveränität des deutschen Volkes, bis ihm die Gelegenheit zu seiner Absicht günstig erscheint, die Frage des Danziger Statuts stellen? Wenn Reichskanzler Hitler Litauen einen Nichtangriffspakt vorschlägt, anerkennt er damit definitiv das Memelstatut oder sind das nur Ausflüchte und Hinausschiebungen für eventuelle Gewalttaten, neue Akte einer groben Vertragsverletzun Will Kanzler Hitler eines Tages im Namen des Lebensrechtes des deutschen Volkes der Ansicht sein, dass er Deutschland auf Kosten der übrigen Völker entwickeln kann und verlangen, dass Deutschland Gebiet für die Kolonisierung gegeben werde? Auf wessen Kosten will Deutschland dieses Reich schaffen? Ist es übrigens nicht bezeichnend, dass in dem Augenblick, da Reichskanzler Hitler der Welt seine Friedensaufforderungen vorsetzt, die nationalsozialistische Propaganda in Oesterreich, in Dänisch- Schleswig, in Polnisch- Schlesien, unter der deutschen Minderheit in der Tschechoslovakei, und sogar in der deutschen Schweiz verdoppelt wird? Ja oder nein, verzichtet Reichskanzler Hitler auf die territoriale Annexion und jede Absorbierung der Bevölkerung dieser Gebiete durch Deutschland?" Die neuen Vorschläge, die die Hitlerregierung am 1. April an die englische Regierung gerichtet hat, gehen auf diese Fragen nicht ein. Sie begnügen sich mit der Wiederholung des Angebots von zweiseitigen Nichtangriffsverträgen mit den Staaten an der deutschen Südost- und Nordostgrenze. Sie beharren auf B- 27dem Standpunkt, den die Hitlerpolitik bisher allen Versuchen gegenüber eingenommen hat, von ihr eine mit Garantien versehene Anerkennung des status quo, d.h. der durch den Versailler Vertrag und die ihn begleitenden Nebenverträge geschaffene Ordnung in Mittel- und Osteuropa, zu erreichen. Sie fordern im Gegenteil, dass für den Fall des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund das Völkerbundstatut von seiner Versailler Grundlage getrennt werde. So wie einst die deutsche Politik sich unter Stresemann entschieden weigerte, dem Locarnopakt ein sogenanntes Ostlocarno, einen feierlichen, freiwillig wiederholten Verzicht auf Revision des Korridor- Problems folgen zu lassen, so weigert sich heute die Politik Hitlers, den status quo in Mittel- und Osteuropa feierlich und freiwllig an zuerkennen. Es ist dabei jedoch ein wesentlicher Unterschied. Heute starrt Deutschland von Waffen, und diese demonstrative Weigerung wird darum von den betroffenen Ländern als unmittelbar drohende Gefahr betrachtet. Die mit der Rheinlandbesetzung begonnene Aktion der Hitlerpolitik erzeugt deshalb eine unerträgliche Spannung in ganz Europa gerade das Gegenteil von jener Atmosphäre des Vertrauens, nach der die englische Politik sehnsüchtig ausblickt. Der Verdacht, dass die Hitlerpolitik Angriffsabsichten habe, wird verstärkt durch die juristischen Deduktionen, mit denen die Vorschläge Hitlers vom 1. April begleitet werden. Diese De duktionen gehen davon aus, dass Deutschland 1918 Waffenstillstand geschlossen habe auf Grund der 14 Punkte Wilsons, d.h. auf dem Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts. Die Verletzung des Selbstbestimmungsrechts im Versailler Vertrag sei eine Verletzung einer auch die Alliierten bindende Verpflichtung, die Verletzung einer Deutschland gegebenen Zusicherung und habe als einziges rechtliches Argument nur die Gewalt besessen. In dieser Deduktion kommt der totale Revision sanspruch am klarsten zum Ausdruck. Zweifellos können die Juristen Hitlers die gleiche Argumentation mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker universal anwenden, sei es in Bezug auf Oesterreich, auf die B- 28Tschechoslovakei oder anderwärts. Aber der Revisionsanspruch leuchtet nicht nur aus den amtlichen Papieren hervor, sondern vor allem auch aus der dirigierten Presse. In der" Frankfurter Zeitung" vom 30. März hat Rudolf Kircher auf die Rede Flandins geantwortet: " Was Herr Flandin gegen den deutschen Plan einwendet, und was er zur Begründung der von ihm gestellten Fragen sagt, scheint leider darauf hinzudeuten, dass die französische Politik ebenso auf den" status quo" festgelegt werden soll, aber nicht auf das Prinzip eines Friedens der Gleichberechtigung. Es ist klar, dass Herr Flandin die den Engländern allmählich aufgedämmerte deutsche These verwirft: jene deutsche These, die besagt, der natürlichen Entwicklung der Völker und ihrer Lebensverhältnisse muss Rechnung getragen werden und das revisionistische Prinzip darf nicht verkümmern. Herr Flandin stellt seine Fragen unbekümmert darum, ob sie aktuellen Antworten überhaupt zugänglich sind derart, dass jedermann fühlt, das liebste wäre ihm eine Liste deutscher Wünsche, über die er und andere lärmend herfallen könnten" Diese Fragen, an denen die Existenz der neuen und neuformier ten Länder in Mittel- und Osteuropa hängt, sind also" aktuelle: Antworten nicht zugänglich." Was dies bedeutet, geht aus den Aeusserungen der" Frankfurter Zeitung" vom Dezember 1935 hervor: " Ist es vielleicht nicht eine Tatsache, dass gerade die denkenden Engländer seit langem inbezug auf die Weisheit der Regelungen im Osten Bedenken hatten? Deshalb haben sie ja auch jede Beteiligung an neuen Pakten und Verpflichtungen abgelehnt, die England automatisch in etwaige Verwickelungen im Osten einbeziehen müssten. Es kommt hinzu, dass manche Ausländer sagen: Eine Verwickelung brauche gar nicht durch irgend eine deutsche Unart zu entstehen, sogar nicht einmal durch Verfehlungen irgendwelcher anderer Staaten, sondern sie könnte schon dadurch unvermeidlich werden, dass irgend ein neugeschaffener oder neu umgrenzter Staat an der Unzulänglichkeit der für ihn geschaffenen Verhältnisse eines Tages zusammenbricht. Es ist durchaus nicht etwa Oesterreich allein( oder auch nur in erster Linie), woran solche Skeptiker denken es sind mehrere Staaten, die den Engländern und besonders den Franzosen Sorge machen, beispielsweise auch die Tschechoslovakei..... Es wäre natürlich bequem, wenn Deutschland die Garantie für den Bestand und das Gedeihen aller Schöpfungen oder Neuregelunger des Versailler Vertrags und der anderen Friedens B- 29verträge mit übernähme, aber dass dies etwas viel verlangt wäre, kann man in Paris ja aus der reservierten Haltung der- Engländer in diesen Fragen erkennen! Ausserordentlic schwer ist es natürlich auch, einem Franzosen klar zu machen, dass es ein grosser Unterschied ist, ob eine Regierung sich verpflichtet, ein anderes Land nicht anzugreifen oder ob sie in aller Form und für alle Zeit die für dieses Land nach dem Weltkrieg getroffenen Regelungen als unverän derlich und damit als untadelhaft erklärt!" Das ist die offene Ablehnung eines Ostlocarnos. Es ist mehr, Es lässt deutlich erkennen, auf welche Punkte der deutsche Expansion swille zielt, der sich nicht durch eine Anerkennung des status quo binden will. Diese Tendenz ist so deut lich, dass selbst die polnische Regierung gegen diese" Diskriminierung" des Ostens gegenüber dem Westen rebelliert. Die Aktion Hitlers hat in Mittel und Osteuropa erschütternde Unsicherheit erzeugt. Weit entfernt, ein Weg zum Frieden zu sein, wie die Hitlerpropaganda behauptet, dient sie der Vorbereitung des Krieges. Die Kriegsgefahr im Westen war in dem Augenblick gebannt, in dem sich die französische Regierung entschloss, auf den Vertragsbruch nicht mit Gewalt zu antworten. Die Kriegsgefahr im Osten aber wird in der zweiten Phase der Krise immer deutlicher. 5) Zerrissenes Europa Die Rückwirkungen der Krise auf Europa sind verhäng- nisvoll. Kriegsrüstungen und Kriegsvorbereitungen werden überall beschleunigt. Man macht sich fertig für den Ernstfall. Offene Machtbündnisse durchbrechen das Prinzip der kollektiven Sicherheit und setzen sich an seine Stelle. Das französisch- tschechoslovakisch- sowjetrussische Bündnissystem, neben dem das Bündnis zwischen Frankreich und der Kleinen Entente und die Zusammenarbeit zwischen Kleiner Entente und Balkanbund steht, ist der mächtigste Block. B- 30Neben diesem System hat sich das faschistische Italien eine" Gruppe" geschaffen. Es hat seinerzeit Oesterreich und Ungarn an sich gezogen, es hat Oesterreich zu seinem Vasallen gemacht. Es hat beiden Ländern wirtschaftliche" Präferenzen™ gewährt, wie überhaupt Machtpolitik und Wirtschaftspolitik immer mehr zu unlösbarer Einheit zusammen schmelzen. Nach dem Beginn des abessinischen Krieges wurde das Verhältnis beider Vasallenstaaten zu Italien lockerer, der italienische Druck war jedoch noch hinreichend stark, um Oesterreich und Ungarn ebenso wie Albanien von der Teilnahme an den Völkerbunds sanktionen gegen Italien abzuhalten. Je kritischer aber die Lage Italiens zu werden s chien, umso lockerer wurden die Beziehungen. Ungarn näherte, sich Hitler- Deutschland und Oesterreich der Kleinen Entente. Mit diesen Schwankungen der Machtpolitik waren wirtschaftspolitische Schwankungen verbunden. Von der Tschechoslovakei ging ein Projekt aus, den sogenannten Donauraum als geschlossenen Wirtschaftsraum zu organisieren und die Rolle, die bei freien Handels- und Verkehrsbeziehungen' Deutschland in diesem Raum haben müsste, auf die Westmächte zu übertragen, ein Projekt, das mit der Schwächung des italienischen Machteinflusses rechnete. Dies Projekt war schon nicht zuletzt am italienischen Widerstand gescheitert, als Hitlers Gewaltstreich die Krise eröffnete. Als nun die italienische Politik praktisch vom Druck der Völkerbundspolitik befreit wurde, und in Europa gewaltig an Einfluss und Prestige gewann, stellte sie sofort ihr Herrschaftsverhältnis zu Oesterreich und Ungarn wieder her. Am 17. März mussten der oesterreichische Kanzler Schuschnigg und der ungarische Ministerpräsident Gömbös in Rom drei Protokolle unterzeichnen. Danach konstituierten sich die drei Staaten als selbständige " Gruppe", sie schaffen ein permanentes beratendes Organ in Gestalt der Konferenz ihrer Ministerpräsidenten, sie binden sich, d. h. Oesterreich und Ungarn binden sind nicht mit anderen Staaten ohne vorherige Konsultation politische oder wirtschaftliche Verhandlungen zu führen, sie gewähren einander B- 31neue wirtschaftliche Präferenzen. Der letzte Punkt zeigt deut lich, wie die Aktion Hitlers die Sanktionspolitik gegen Italien zum Einsturz bringt: statt an den Sanktionen teilzunehmen, gewähren die beiden Staaten Italien noch wirtschaftliche Vorzüge. Eine weitere Folge dieser Gruppenbildung zeigte sich alsbald: Oesterreich führte die allgemeine Wehrpflicht ein, obgleich der Friedensvertrag von St. Germain dem ausdrücklich entgegensteht. Nachdem Oesterreich mit italienischer Erlaubnis diesen Schritt gemacht hat, ist nicht daran zu zweifeln, dass über kurz oder lang Ungarn und Bulgarien sich von den Rüstungsbeschränkungen befreien werden, ebenso, dass die Türkei sich über das Verbot, die Dardanellen zu befestigen, hinwegsetzen wird. Die Machtverhältnisse im Südosten sind in Fluss gekommen. Die italienische Gruppenbildung richtet sich im Donauraum unzweifelhaft gegen die Kleine Entente und die Organisationspläne, die von ihr ausgehen. Andererseits erblickt die Kleine Entente in der Neubefestigung des italienischen Einflusses ein Gegengewicht gegen deutsche Revision spläne. Hinwieder aber bedeutet die Durchbrechung der Entwaffnungsbestimmungen die Stär kung von Revision smächten wie Ungarn und Bulgarien. Der Stoss, der von der Rheinlandbesetzung ausgegangen ist, wirkt weiter und ruft die verschiedenartigsten, einander durchkreuzenden Wirkungen hervor. Das militärisch- machtmässige Denken schiebt sich in den Vordergrund. Wenn Deutschland die Rheinzone befestigt, um Frankreich von Mittel- und Osteuropa zu isolieren, um seine ganze militärische Kraft im Osten konzentrieren zu können, gewinnt Italien für Frankreich immer stärkere Bedeutung; denn Italien mit seinem oesterreichischen Vasallen umgeht strategisch die Rheinland befestigung. Dann aber wird das Prinzip der kollektiven Sicherheit aufs neue entwertet durch die Einbeziehung eine: notorischen faschistischen Rechtsbrechers. So setzt sich der Geist der Machtpolitik und des Militarismus immer stärker durch. B- 32Die Rüstungen wachsen, obwohl sie die Welt wirtschaftlich und finanziell, immer stärker in Unordnung bringen. Nur Narren können glauben, dass die Welt immer reicher werde, Je mehr Geld sie für Kriegsrüstungen ausgibt. Der Rüstungswettlauf belastet einige Länder, darunter Deutschland, heute schon bis zum Zusammenbruch. Bei diesen Ländern entsteht dann ein Bedürfnis nach" Abrüstung", aber dieses Bedürfnis darf ja nicht mit Friedensbereitschaft verwechselt werden. Gleichmässige Abrüstung in diesem Stadium des Rüstungswettlaufs verschiebt vielmehr die Machtlage zu Gunsten dessen, der dem Ende seiner wirtschaftlichen Kraft am nächsten ist. Aber die Macht politik ist auch heute wieder so vorherrschend, dass jeder solche Vorschlag auf seine machtpolitische Auswirkung hin geprüft wird. Vom Standpunkt des französisch- russischen Abwehrbündnisses gegen einen Hitlerangriff im Osten aus erhalten die sogenannten Abrüstungsvorschläge Hitlers sofort die Antwort: ihr wollt das Rheinland befestigen, um Frankreich zu hindern, seinen Freunden im Osten zu Hilfe zu kommen, wenn ihr sie angreift, und zu diesem Zweck wollt ihr, dass wir auf die Luftwaffe und die weit tragenden Geschütze verzichten, die über eure Festungen hinwegreichen. Soviel ist richtig, dass diese Vorschläge eine Einstellung des deutschen Militarismus auf einen Krieg im Osten erkennen lassen. So wie die Dinge heute politisch stehen, sind solche Vorschläge nur als Propagandawaffen im Kampf um die öffentliche Meinung zu werten und in diesem speziellen Falle ist es klar, dass sie auf die Mentalität des englischen Pazifismus berech-. net sind. Wir sind bereits mittem im Vorstadium des neuen Welt. krieges, einem Stadium, in dem der Kampf mit den grosszügigsten Propagandame thoden geführt wird. Gibt es aus dieser verhängnisvollen Verstrickung keinen Ausweg, kommt Europa allmählich immer näher an den neuen Weltkrieg heran? Es gibt objektiv auf den Krieg hindrängende Kräfte, die von Prosser Gewalt sind. Eine Reihe von Beobachtern sieht in den B- 33Profitinteressen der Rüstungsindustrie den gefährlichsten Faktor. Diese Beobachter schätzen, dass der Sättigungsgrad der gesamten europäischen Aufrüstung in etwa zwei Jahren erreicht sein werde und sie prophezeihen, dass an diesem Zeitpunkt die Periode des Verbrauchs der Rüstungen, also der Krie beginnen werde, damit der Rüstungsprofit nicht ins Stocken gerate. Das ist eine etwas einseitige Betrachtung, die nach dem Stile der Vorkriegszeit die Machtpolitik noch völlig wirtschaftlichen Gruppeninteressen unterordnet. Aber seither ist eine Verselbständigung der Machtpolitik eingetreten. Kriegsvorbereitung und Wirtschaft verschmel zen im Zeichen der Vorbereitung der totalen Mobilmachung zu einer Einheit, bei der die ausserwirtschaftlichen Bestimmungse überwiegen. Europa steht unter dem Gesetz des Nationalismus. Das Hitlersystem zeigt diese Verschmelzung in Reinkultur. Für Italien hat Mussolini am 23. März in einer Rede auf dem Kapitol die schnellste und maximalste Verwirklichung der wirtschaftlichen Autarkie gefordert: " Von dieser höchsten Notwendigkeit hängt die Zukunft des italienischen Volkes ab. Der Plan der italienischen Wirtschaft für die nächste Zukunft wird beherrscht durch die Sor ge, dass die Nation eines Tages durch ein Geschick, das wir nicht wählen können, zum Krieg gerufen werden kann. Niemand kann sagen, wie und wann, aber das Rad des Geschickes dreht sich rasch. Wenn dem nicht so wäre, wie könnte man sonst die Politik mächtiger Rüstungen erklären, die alle Staaten verfolgen? Diese dramatische Möglichkeit muss unsere Nation in der gegenwärtigen Periode leiten. Die Tatsache des Krief ges ist zusammen mit der Doktrin des Faschismus ein Element, dass die Stellung des Staates gegenüber der Wirtschaft der Nation bestimmt.' 11 0 In dieser ausschliesslichen Bereitstellung des ganzen Lebens von grossen Völkern auf den Krieg liegt geradezu ein Zwang zum Krieg denn eine Umkehr müsste nicht nur eine wirtschaftlich- organisatorische, sondern auch eine geistige Demobilmachung erfordern, die keines dieser despotischen Systeme überstehen könnte. Das Gesetz des Nationalismus ist nicht nur wirksam in den B- 34faschistischen Staaten! Es hat seit den Ende des Weltkrie ges die wirtschaftliche Vernunft vergewaltigt. Die Fragen der politischen Autonomie und Souveränität haben die Gesetze der Wirtschaft beiseite geschoben. Hochprotektionismus und Zerstörung der Handelsbeziehungen, Stagnation und Aussichtslosigkeit in einem grossen Teil Europas gehen darauf zurück. Und. heute, wo überall, auch in den kleinen und kleinsten Ländern, Wirtschaft und Militärmacht so künstlich miteinander verschlungen sind, wo der Nationalismus über die Standortsgesetze der Weltwirtschaft triumphiert hat, erscheint eine Lösung ohne schwerste wirtschaftliche und nationale Krisen kaum mehr möglich. Das ist auch der wesentlichste Grund dafür, dass jeder praktische Revisionismus in Mittel- und Osteuropa heute nahezu mit Notwendigkeit zum Kriege führen muss. Auf der Ebene der politischen und wirtschaftlichen reinen Vernunft lassen sich Pläne friedlicher Zusammenarbeit der Völker konstruieren, aber die Uebermacht des Nationalismus tritt dem Vollzug einer logischen, vernünftigen Politik in den Weg. Damit ist nicht nur die Schuld der Diktaturländer festgestellt. Hier liegt eine europäische Gesamtschuld vor. In diese unheilschwangere Atmosphäre hat die Hitlerpolitik eine Brandfackel geworfen. Sie hat sich Prestigegewinn im Innern, sie hat sich einen Tagestriumph verschafft. Aber um welchen Preis! Sie zieht Hass und Erbitterung auf sich und das deutsche Volk, sie fördert alle militärischen Einkreisungstendenzen, sie beschwört eine der furchtbarsten politischen Krisen herauf. Europa geht einer Reihe schwerster Verhandlungen, Verschleppungen, Ermüdungen, Provokationen entgegen. Statt der Verständigung ist ein Kampf um die Vorherrschaft in Europa ent. brannt, der die Möglichkeit einer friedlichen Organisation aus. schliesst. Die kommenden Monate werden zu den schwersten Krisenmonaten gehören, die wir jemals erlebt haben. Ist es nicht wie ein unheildeutendes Symbol, dass die Hitlervorschläge die Verhandlungsfrist auf vier Monate festsetzen- bis zu den erste Tagen des August? Wer denkt nicht an 1914? B- 35II. Innerpolitische Ursachen und Wirkungen 1) Deutschland braucht eine Atempause Im Rückblick auf das Jahr III der Diktatur( Januar- Bericht, Teil B) haben wir darzustellen versucht, wie die deutsche Wirtschaft sich immer mehr dem Zustand einer wirtschaftlichen. und finanziellen Erschöpfung nähert, wie die von Rüstungsaufträgen gespeiste Staatskonjunktur einer neuen Krise zusteuert, weil der Verzehr wirtschaftlicher und finanzieller. Reserven schon sehr weit fortgeschritten ist. Und wir haben zu zeigen versucht, dass es für die Staatskonjunktur nur einen Weg aus dieser Sackgasse gibt: Der Wiederanschluss der deutschen Wirtschaft an die Weltwirtschaft. Wir haben aber zugleich bezweifelt, ob das Diktatur- Regime in der Lage sein wird, diese Umkehr zu vollziehen, weil sie nicht nur einen wesentlichen wirtschaftlichen Beitrag Deutschlands zur Wiederherstellung der internationalen Arbeitsteilung, sondern auch einen aussenpolitischen Frontwechsel voraussetzt: Wiederaufnahme der Verständigungspolitik und Wiedereintritt in den Völkerbund. Auch im Regime wächst die Erkenntnis, dass Deutschland eine Atempause braucht. So stark auch der Einfluss der radikalen Aktivisten sein mag, sie können nicht leugnen, dass es auf dem bisherigen Wege nicht mehr lange weitergehen kann. Es bleibt nur die Alternative: jetzt losschlagen oder Zeit gewinnen. Vor dem Losschlagen aber zaudert der Diktator unter dem Einfluss der Reichswehr, die sich nicht" fertig" fühlt, zurück. Deutschland braucht einen Waffenstillstand, um seine Kriegsvorbereitungen zum Abschluss zu bringen, um den Vorsprung der anderen sowohl in der Quantität als auch in der Qualität aufzuholen, um seine wirtschaftlichen und finanziellen Reserven wieder aufzufüllen. Diese Bedürfnisse bringen das Regime in eine schwierige $ 101 B-36taktische Position. Es muss nach aussen von Frieden sprechen and doch nach innen seinen Anhängern begreiflich machen, dass es nur den Waffenstillstand meint. Es muss nach dem Wiederanschluss Deutschlands an die Weltwirtschaft schreien und zugleich doch verbergen, dass dieser Wiederanschluss nur der Vervollständigung der wirtschaftlichen Aufrüstung dienen soll. Unter dem Druck dieser Zwangslage hat Hitlers Aktion das groteske Doppelgesicht erhalten: ein Friedensangebot im Anschluss an die Zerreissung eines freiwillig geschlossenen Vertrages, ein Vorschlag zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit verbunden mit einer schlecht verhüllten Drohung nach Osten und der Anmeldung der Kolonialansprüche. Die Handlungen der. Diktaturen haben ihre eigenen Gesetze. Für einen demokratischen Staat wäre es schlechthin unverständlich, dass er eine Wendung zur politischen und wirtschaftlichen Verständigung mit einem brutalen Akt des Rechtsbruchs und der Friedensstörung einleiten könnte. Für eine faschistische Diktatur, die den Friedenswunsch nur als Vorwand gebraucht, wa es der gegebene Weg. Für ein demokratisches Deutschland hätte kein Anlass bestanden, die Remilitarisierung des Rheinlandes wenn es sie überhaupt für nötig gehalten hätte- anders als im Wege von Verhandlungen zu erreichen. Das nationalsozialisti sche Regime brauchte eine diktatorische Aktion, um nicht bei seinen eigenen Anhängern in den Verdacht zu geraten, sie meine es ernst mit der Verständigung. Ein freies Volk kann den Weg der Verständigung gehen, ohne sich etwas zu vergeben, es kann seinen Beitrag zum Frieden in Uebereinstimmung mit seinen Idee: und Ueberzeugungen leisten. Das nationalsozialistische Regime muss sich davor schützen, dass seine Verständigungstaktik als Gang nach Canossa, als Verleugnung seiner Macht- und Herrschaftsideen erscheint. So wandlungsfähig sich auch die modernen Diktaturen erwiesen haben, in diesem Punkte sind sie gebunden. Wenn sie Verständigung sagen, dann müssen sie ihren Anhängern klar machen, dass sie ganz etwas anderes meinen, als die Republik damit gemeint hat. Wenn sie Frieden sagen, dann B- 37müssen sie dem Volke beweisen, dass es ein ganz anderer Friede ist als der, dessen sich die Republik erfreute. Keine Verständigungspolitik als Mittel des ehrlichen Ausgleichs, sondern als Mittel der Machtpolitik, kein Friede um des Friedens willen, sondern als taktisches Zwischenstadium, als Herrschaftsinstrument." Wie Adolf Hitler einst den Kampf für die innere Befriedung Deutschlands geführt hat, so führt er ihn jetzt für die Erhaltung des Friedens für die deutsche Nation und für den Frieden Europas" Dieser Satz aus der Wahlrede von Hess in Stuttgart ist ein Geständnis und ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Sprache, die Diktaturen spre. chen müssen, wenn sie vom Frieden reden wollen. So gesehen erscheint die Rheinland- Besetzung nicht nur als folgerichtiger Schritt der deutschen Aufrüstung, sondern auch als sorgsam ausgeklügeltes taktisches Manöver, als ein Rückzugsgefecht, das die taktische Wendung der Verständigungspoli. tik aussen- und innenpolitisch decken soll. Hitler- Deutschlan kann und darf weder nach aussen noch nach innen eingestehen, und nur vorüberdass dieser für eine Diktatur naturwidrige 100 gehende Rückzug aus Schwäche angetreten werden muss, sonder es muss eine starke furchterregende Geste machen, um den Eindruck unerschütterter Kraft zu erwecken." Dieses Bekenntnis ( zum Aufbau eines friedlichen geeinten Europas) ist nicht die Philosophie eines schwachen Volkes, sondern wird durch das Vesier einer stählernen Hülle gesprochen."(" Der deutsche Volkswirt" Nr. 26 in einer Wahlbetrachtung zum 29. März). So gesehen, verschieben sich auch die. Gewichte innerhalb der deutschen Aktion. Auf den ersten Blick erscheint die Rheinland Besetzung als das entscheidende, während den" Verständigungs-" vorschlägen Hitlers nur die Bedeutung taktischer Manöver zur Vermeidung schwerwiegender Folgen dieser Aktion zukommen. Geht man aber von der wirtschafts- und finanzpolitischen Situation des Dritten Reiches aus und berücksichtigt man zugleich die Grenzen, die einer Diktatur in der Wahl ihrer Mittel auferlegt sind, dann verschiebt sich das Schwergewicht auf jene" Verstun 3--38digungs"-vorschläge. Dann wird einerseits verständlich, warum Hitler diese Vorschläge erst nach der" Wahl" präzisiert hat, und andererseits, warum die deutsche Diplomatie jetzt mit allen Mitteln darauf drängt, dass diese Vorschläge zum Gegenstand von Verhandlungen gemacht werden.. Sieht man einmal von dem ganzen formalen und nicht ernst zu nehmenden Beiwerk der Paktangebote ab, so bestehen die Vor schläge Hitlers in ihrem sachlichen Kern aus zwei Punkten: 1. teilweise Abrüstung und 2. Wiederanschluss Deutschlands an die Weltwirtschaft. Der Inhalt dieser beiden Punkte lässt deutlich die Schwächemomente erkennen, aus denen diese Vorschläge erwachsen sind." Nach dem Abschluss eines solchen grossen Werkes der europäischen Friedenssicherung", so heisst es in dem deutschen Memorandum vom 1. April," hält es die deutsche Regierung für dringend notwendig, Versuche zu unternehmen, einem uferlosen Wettrüsten durch praktische Massnahmen Einhalt zu gebieten. Sie würde darin nicht nur eine Erleic terung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage der Völker sehen, sondern vor allem eine psychologische Entspannung." " die deutsche Reichsregierung Diese praktischen Massnahmen verspricht sich nichts von dem Versuch universaler Regelungen' sollen vor allem in folgendem bestehen: ( 1) Grad 1. Verbot des Abwurfs von Gas-, Gift- und Brandbomben, 2. Verbot weittragender Kanonen 3. Verbot schwerster Artillerie. Dieses Abrüstungsprogramm ist genau auf die Bedürfnisse Deutschlands zugeschnitten. Würde es von den Westmächten ange nommen, dann würde Deutschland in eine sehr vorteilhafte taktische Lage kommen: Es kann weiterrüsten, aber es braucht den Rüstungswettlauf mit den Westmächten bei den schweren Waf fen nicht weiter aufzunehmen, bei denen die finanzielle und technische Ueberlegenheit der anderen offensichtlich ist und von Deutschland nur unter den allerschwersten Opfern wieder einzuholen wäre. Umsomehr käme dann die Ueberlegenheit des B-39deutschen Kriegspotentials zur Geltung, die auf der organisatorischen Begabung und Diszipliniertheit seiner Bevölkerung und auf der ausserordentlichen Leistungsfähigkeit seiner Industrie und seines Verkehrswesens beruht. Und noch eins; Die demokratischen Länder, deren Wehrpolitik unter der Kontro: le der Oeffentlichkeit steht, müssten eine solche Abrüstungsvereinbarung einhalten, Hitler- Deutschland aber könnte sie insgeheim umgehen. Gewiss gibt es einen gegnerischen militärischen Nachrichtendienst, dem solche Umgehungen auf die Dauer nicht verborgen bleiben würden. Aber bis er sie entdeckt, bis er ausreichendes Material zusammengebracht hat, bis das militärische Oberkommando die Regierung zum Einschreiten veranlass hat, bis der darauf folgende Notenwechsel mit Deutschland abgeschlossen ist, das Schiedsgericht den Fall geprüft hat und zu einer Verurteilung Deutschlands gekommen ist- bis dahin kann der Krieg schon ausgebrochen sein. > Ist das deutsche Abrüstungsangebot genauer spezialisiert, so ist der wirtschaftliche Teil der deutschen Vorschläge nur ganz allgemein gehalten." Um dem allgemeinen Wunsche nach eine Wiederherstellung günstiger wirtschaftlicher Verhältnisse zu entsprechen" erklärt sich die Reichsregierung bereit," sofort nach Abschluss des politischen Vertragswerks mit den in Frage kommenden Ländern in einen Gedankenaustausch über wirtschaftliche Fragen einzutreten und alles in ihrer Macht Stehen de zur Verbesserung der Wirtschaftslage in Europa sowie der von dieser nicht zu trennenden Weltwirtschaft im allgemeinen beizutragen."" Was bedeutet das alles?" fragt die" Frankfurter Zeitung" in ihrem Kommentar zu dem Plan vom 3. April, " Deutschland ist bereit, in jeder Beziehung den Anschluss an die Welt zu suchen und mit ihr zusammenzuarbeiten: politisch wie wirtschaftlich." In Wahrheit ist Deutschland bereit, nicht nur einen militärischen, sondern auch einen wirtschaftlichen Waffenstillstand mit der Welt abzuschliessen, weil es auf dem bisherigen Wege nicht mehr weiter kann. Unter dem Druck seiner. wachsenden Wirtschafts- und Finanznöte wird Deutschland zum B- 40Apostel eines Wiederaufbaus der Weltwirtschaft." Ein Frieden in Ihren wird psychologisch und materiell erst dann wirklich gesichert sein, wenn die Völker sich imstande sehen, ihren wirtschaftlichen Wohlstand durch Zusammenarbeit zu vermehren.' ( Rudolf Kircher in der Frankfurter Zeitung vom 29.März) Sollte jedoch die Welt auf dieses Angebot nicht eingehen, dann droht Hitler mit der" ehrenvollen Vereinsamung". Das aber bedeutet und das wird vor allem an die Adresse Englands gedas Ausscheiden eines Landes aus der Weltwirtschaft, das auch heute noch im Welthandel an dritter Stelle stehe.. " Erreicht würde also eine neue, un absehbare Erschütterung des Weltmarktes und eine Wiederverschärfung der inneren Krise in zahlreichen Ländern."( Erich Welter in der Frankfurter Zeitung vom 15. März). sagt G Das ist das Gesetz der Diktaturen: wenn sie den Frieden wollen( ein Friede, der für sie nur ein Waffenstillstand sein kann), dann eröffnen sie den neuen Zustand mit einem kriegerischen Akt; wenn sie den Anschluss an die Weltwirtschaft suchen müssen, dann drohen sie mit dem endgültigen Ausscheiden aus dem Weltmarkt. Wie aber soll der wirtschaftliche Anschluss Deutschlands an die Welt zustandekommen? Handelt es sich nur um eine internationale Anleihe für Deutschland? Oder handelt es sich um zollpolitische Vereinbarungen oder gar um eine teilweise Rückkehr zum Freihandel? Schliesslich ist die Abschliessung Deutschlands in erster Linie sein eigenes Werk. Welchen wirtschaftspolitischen Beitrag will es nun leisten, um den Folgen seiner eigenen verhängnisvollen Politik zu entgehen? Hitler schweigt sich in seinen Vorschlägen darüber aus. Vielleicht ist er sich noch selbst nicht klar, ob er dabei mehr auf Schacht oder Darré hören soll. Vielleicht glaubt er aber auch nicht daran, dass der Anschluss an den Weltmarkt schon in einigen Monaten zu gewinnen ist. Denn selbst wenn Deutschland ehrlich bestrebt wäre, am Wiederaufbau der Weltwirtschaft mitzuwirken, wären die Schwierigkeiten ausserordentlich. Jetzt aber hat Deutsch R- 41land durch seinen Rechtsbruch in allen Ländern die Tendenzen, die Wirtschaft in den Dienst der Rüstung zu stellen, verstärkt und damit das Gegenteil von dem erreicht, was seinen Interessen entspräche. 2) Der Sinn der Wahl Warum diese" Wahl"? Warum dieser Wahlkampf, der alles übertrumpft hat, was in irgend einem Lande bisher auf diesem Gebiet geleistet worden ist? Warum dieser ganze Hexensabbath von Propaganda und Terror, warum die Aufpeitschung der Massen leidenschaften, wenn man nichts weiter will als Frieden und wirtschaftliche Zusammenarbeit? Weil es die anderen Völker vielleicht sonst doch nicht glauben könnten und weil dem eige nen Volk der Rückzugsversuch auf die Linie der Verständigungs politik als eine grandiose Tat, ebenso sehr als Ausdruck staatsmännischer Klugheit wie gewaltiger, aber auch gebändigter Kraft, dargestellt werden musste. Die Machthaber gestehen es selbst ein:" Und wenn die Emigra ten in anderen Ländern immer noch den Eindruck zu erwecken ve suchen, als sei das nationalsozialistische Regime nicht im Lande verwurzelt, so wird ihnen jetzt erneut bewiesen, dass das Gegenteil der Fall ist."( Goebbels am lo.März in der Berliner Deutschlandhalle)" Die Welt soll am 29. März sehen, es ist nicht ein Mann, der da aufgestanden ist, sondern dass diese Grundsätze Glaubenssätze des ganzen deutschen Volkes sind."( Hitler am 25. März in Ludwigshafen)." Am 29. März handelt es sich um nichts anderes, als dass die gesamte Natior den Akkumulator der deutschen Führung wieder auffüllt. Es darf der Welt kein Zweifel erlaubt sein, dass der Führer im Namen des ganzen deutschen Volkes spricht."( Goebbels am 17. März in Berlin). Warum, fragt sich der denkende Volksgenosse, kann der Akkumulator der deutschen Führung entladen worden sein, da sie doch von Erfolg zu Erfolg geschritten ist? e L B- 42Aber die Machthaber kennen das geringe Ansehen, das die Führung des deutschen Reichs im Ausland geniesst. Sie wissen, dass man ihnen nicht glaubt, dass man sie nicht als rechtmässige Vertreter des deutschen Volkes anerkennt und deshalb brauchen sie diese propagandistische Riesenveranstaltung, die ihnen wenigstens den Schein der Legitimation verschaffen soll Aber es ist nicht nur das. In der Diktatur, die sich selbst gern als" plebiszitäre Demokratie" bezeichnet, haben diese " Wahlen" eine besondere, über den aktuellen Anlass hinausreichende allgemeine Bedeutung. Die moderne Diktatur muss einen ständigen Kampf um die Erhaltung ihrer Massenbasis führen. Ihre Machthaber wissen sehr genau, dass sich eine Demokratie nicht allein auf ihre Machtmittel stützen kann und dass der vollkommenste Gewalt- und Terrorapparat sie auf die Dauer nicht vor dem Zusammenbruch schützen könnte, wenn sie keine Massenbasis mehr besässe. Deshalb ist in den modernen Diktaturen nicht nur die Gewalt, sondern auch die Propaganda eine unentbehrliche Stütze der Massenbeherrschung. Diese Massen werden nicht nur geknechtet und unterdrückt, sondern sie werden auch ständig' umworben. In dem Propagandasystem der deutschen Diktatur, das wahrscheinlich heute an Umfang und Wirksamkeit das der anderen Diktaturen noch übertrifft, erfüllen die" Wahlen" eine besondere Funktion. Wahlen sind für die" plebiszitäre Demokratie" nicht nur besonders günstige Anlässe zu Propagandaschlachten, nicht nur Gelegenheiten, bei denen man die Stimmung der Masse wieder einmal" hochreissen" kann, sondern sie sind auch pötig, um immer wieder jenen Schein von Verbindung zwischen Führer und Masse herzustellen, ohne den die moderne Diktatur weder nach aussen noch nach innen auf die Dauer leben kann. Das Volk ist nun einmal da, man darf es sich nicht selbst( und damit der Opposition) überlassen, die Führung muss immer wieder" ins Volk hineingehen." Das alles geschieht schon im faschistischen Alltag in überreichlichem Masse. Bei den Wahlen kommt noch etwas anderes hinzu: sie bieten geeignete Möglichkeiten, dem ↓ B- 43Volk eine Art Mitverantwortung vorzutäuschen, ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass es eigentlich das Regime trägt ( und nicht nur erträgt). Dieses System, das Goebbels" veredelte Demokratie" zu nenne pflegt, ist ein lebensnotwendiger Bestandteil der Diktatur. Man muss sich vorstellen: da ist ein grosses und intelligentes Volk, das zwar die Demokratie nur kurze Zeit kennen gelernt hat, das aber immerhin über 100 Jahre eine weitreichende Selbstverwaltung besessen hatte und das nun dies alles verloren hat. Die neuen Machthaber sind klug genug, zu erkennen, dass dafür irgend ein Ersatz geboten werden muss. und das sind die Volksabstimmungen. Aus Hitlers früherer Ankündigung, alle Jahre mindestens eine Volksabstimmung zu veranstalten, weiss man, dass der Wahnsinn sehr wohl Methode hat, und nur oberflächliche Beobachter konnten aus der Tatsache, dass seit dem 19. August. 1934 keine Abstimmung vorgenommen worden war, den Schluss ziehen, dass man diese Methode aufgegeben habe. Die Gegner des Faschismus müssen wissen, dass die moderne Dik tatur ihnen die Massen niemals kampflos überlassen wird, dass sie sich nicht von den Massen zurückziehen kann, dass sie den Kampf um die Beeinflussung der Massen nicht aufgeben kann, ohr ihrem Untergang zu verfallen. Dieser Zwang zur unausgesetzten Massenwerbung und Massenbeeinflussung bestimmt in der modernen Diktatur auch entscheidend die Form ihres politischen Handelns. Der kategorische Imperativ des modernen Diktators lautet: Handle stets so, dass die Formen Deines Handelns dem Grundsatz der faschistischen Herrschaftsordnung entsprechen. Er ist in seinem Handeln nicht frei, er kann sich die Formen seines Handelns nicht aussuchen. Mussolini musste seinen Krieg, Hitler seine Rheinlandbesetzung machen. Diese Formen des Handelns sind nicht Ausdruck der Stärke der Diktaturen, sondern ihrer Schwäche, ihrer Abhängigkeit von der Massenstimmung und nur die noch grössere Schwäche der Gegner kann diesen Tatbestand verdunkeln. Die Diktaturen, weil auf Gewalt gegründet, brauchen B- 44น unablässig den Kampf. Sie brauchen immer wieder von neuem die Anspannung und Aufpeitschung aller Kräfte des Volkes dem Volk die Kraft zu einer selbständigen( und damit oppositionellen) Anspannung zu nehmen und um in den zwangsläufig folgenden Zeiten der Erschlaffung umso sicherer zu bestehen. Die" Wahl" vom 29. März hat besonders deutlich die gewandelte Funktion der Volksabstimmung in der Diktatur hervortreten lassen. Natürlich hat das Volk nicht zwischen mehreren Auffassungen zu wählen, denn es wird ja geführt. Natürlich ha es nichts zu entscheiden, sondern nur die getroffene Entschei dung zu" bestätigen". Aber im" Wahlkampf" wurde auch immer wieder der Eindruck zu erwecken versucht, als ob diese" Bestä tigung" irgend etwas Wichtiges, Unentbehrliches darstelle, einen notwendigen Beitrag des Volkes zur Gestaltung seines Schicksals, eine ungeheuer grosse Verantwortung für den einzelnen." Ich bitte jetzt das deutsche Volk", schloss der " Führer" seine Reichstagsrede vom 7. März," mich in meinem Glauben zu stärken und mir durch die Kraft seines Willens auch weiterhin die eigene Kraft zu geben, um für seine Ehre und seine Freiheit jederzeit mutig eintreten und für sein wirtschaftliches Wohlergehen sorgen zu können, und mich besonders zu stützen in meinem Ringen um einen wahrhaften Frieden." Diesem Gedanken, dass das Volk hinter ihn treten möge, um ihm Kraft zu geben, hat Hitler in jeder seiner Wahlreden in immer neuen Formulierungen Ausdruck gegeben, am deutlichsten in seiner Frankfurter Rede am 16. März: " Vom ersten Tage meines Ringens in Deutschland an habe ich um die Zustimmung und das Vertrauen meines Volkes gekämpft. Ich habe nicht die Demokratie beseitigt, sondern sie vereinfacht, indem ich mich nicht zur Zuständigkeit der 47 Parteien, sondern zur Zuständigkeit des deutschen Volkes selbst bekannt habe! Dort liegt die Quelle meiner Kraft! Und aus ihr allein kommt unserem Regime die Stärkung, die es benötigt, um seine Aufgabe zu meistern." Das ist mehr als verlogene Demagogie, das ist die systematische Suggestion, dass das Volk irgend etwas mitzuentschelden habe, dass es mi tverantwortlich sei und es ist das Ein100 B- 45geständnis, dass es ohne das Volk nicht geht, dass die Diktatur das Volk braucht. Aus dieser Funktion der" Wahlen" in der Diktatur ergeben sich die besonderen Formen des" Wahlkampfes". Es ist schon ei Kampf, aber ein Kampf, der nicht um den Einzelnen, sondern um die Masse als ganzes gekämpft, der nicht mit den Mitteln der Ueberzeugung, sondern denen der Massensuggestion ausgefochten wird. Es ist ein Kampf nicht um das Volk als eine gegliederte Gemeinschaft von Einzelnen, sondern eine amorphe, atomisierte Masse. Der Einzelne soll sich nicht entscheiden, sondern er soll sich einreihen. Die Abstimmung mit dem Stimmzettel ist nichts als ein( allerdings kaum entbehrlicher) Rückstand aus der Demokratie. Die einzige sinngemässe Form der Abstimmung ist die, die während der Frankfurter Rede Hitlers" spontan" zum Ausdruck kam, als der" Führer" die Frage formulierte: " Deutsches Volk, willst Du, dass zwischen uns und Frankreich nun endlich das Kriegsbeil begraben wird und Friede und Verständigung eintritt? Willst Du das, dann sage" Ja" und als dann die Massen ihr Ja ihm entgegenschrien. Die Masse, zwangsweise zusammengetrommelt in Riesenversammlungen, zwangsweise zum Gemeinschaftsempfang in den Fabriksälen festgehalten, zwangsweise zum Absingen des Niederländischen Dankgebets kommandiert sie ist das im Nationalsozialismus geeinte deutsche. Volk. Das alles muss man sich vor Augen halten, wenn man das Ergebnis dieser Wahl würdigen will. Man muss sich vor Augen halten, dass bei dieser" Wahl" mehr noch als bei allen vorhergehenden jede ablehnende Haltung als" Volksverrat" gebrandmarkt wurde, denn es ging um Gleichberechtigung und Frieden. fan muss bedenken, dass diesmal alles und alle aufgeboten worlen waren, um den Deutschen ins Gewissen zu reden: Wirtschaftsührer, katholische und evangelische Würdenträger, Männer der unst und der Wissenschaft, alle sprachen von der Pflicht, sich hinter den Führer zu stellen. Man muss an die inzwischen sehr verfeinerte Terrormaschinerie denken, die heute an fast B- 46allen Existenzen den Hebel ansetzen kann. Und dann muss man sich die Frage vorlegen, ob in einer solchen Situation und unter einem solchen Druck sich irgend ein anderes Volk wesent lich anders verhalten hätte. Und wen dies nicht genügt, der mag an den deutschen Volkscharakter denken und an die unglückliche Geschichte des deutschen Nationalbewusstseins, der mag daran denken, dass dieses deutsche Volk mit seiner angeborenen Begabung für organisatorischen und technischen Fortschritt, mit seiner ihm in jahrhundertelanger Untertanengeschichte anerzogenen Bereitwilligkeit, Disziplin zu üben, Sonderwünsche zurückzustellen, sich auch wider besseres Wissen einzuordnen dass dieses deutsche Volk eine besonders. leichte Beute faschistischer Methoden wer den musste. Der mag daran denken, dass das Nationalbewusstsein des Deutschen seine besonders schwache Seite ist. Denn im Gegensatz zu den grossen Völkern im Westen, hat sich diese Nationalbewusstsein erst spät und im Widerspruch zur Geschichte entwickelt. Als es sich schliesslich als geistig- kul turelle Idee über die Grenzpfähle der Kleinstaaterei erhoben hatte, fand es seine Verwirklichung durch Bismarck in einem Fürstenbund, in anderen Grenzen und in einem anderen Geist. Von da her stammt jener überspannte Nationalismus, der in der Vorkriegszeit und heute wieder die Köpfe vernebelt: " An deutschem Wesen wird noch einmal die Welt genesen!" Und schliesslich muss auch ein Drittes immer wieder gesagt werden: Jede Politik lebt mehr von den Schwächen und Fehlern ihrer Gegner als von ihren eigenen Leistungen, denn die Ausnutzung dieser Schwächen ist in der Regel viel leichter als die Erzielung eigener Leistungen. Hitlers Politik hat in den letzten drei Jahren in entscheidendem Masse von den Schwächen und Fehlern seiner Gegner gelebt: von den Fehlern des Versailler Vertrages und von der Schwäche der Politik der Westmächte, vor allem Englands. Wer in unseren Berichten liest, mit welcher Bitterkeit sozialistische Friedensfreunde sich über die Haltung des Auslandes beklagen, das heute glaubt, alles das 1 m n B- 47Hitler zugestehen zu müssen, was es der Republik verweigert hat, der kann den Frieden von Versailles und die Politik der Westmächte nicht von Verantwortung für das freisprechen, was in Deutschland geschehen ist und noch weiter geschieht. Wir wollen keinen Versuch machen, mit dem Wahlergebnis irgendwelche Manipulationen anzustellen. Was bei der Abstimmung vom 19. August 1934 noch Sinn hatte, ist heute sinnlos geworden. Damals schwankte der Prozentsatz der Ja- Sager in den einzelnen Wahlkreisen zwischen 94,8( Saar- Pfalz) und 71,5( Hamburg), heute dagegen in denselben Wahlkreisen zwischen 99,9 und 95,8. Damit ist jeder Wahlarithmetik der Boden entzogen. Wir können auch nicht untersuchen, in welchem Umfange das Wahl ergebnis durch unmittelbare Fälschungen verändert worden ist, denn wir können keinen statistischen Nachweis dafür erbringen. Auf eins aber können wir hinweisen: wie bei der Abstimmung vom 19. August 1934 die Mehrheit, die für Hitler stimmte, sich von den verschiedensten, oft entgegengesetzten Motiven leiten lies so sind auch diesmal die Ja- Sager keine einheitliche Willensgemeinschaft. Gewiss ist da eine grosse Zahl, die dem Führer blindlings durch dick und dünn folgt, die seine Friedensbeschwörungen mit hysterischem Beifallsgebrüll quittiert, und bei der doch jeder verständnisinnig mit den Augen zwinkert: der Führer weiss schon, was er will, er wird es den Franzosen schon noch geben. Ebenso gewiss aber gibt es eine grosse Masse, die ehrlich den Frieden will. Wer unsere Berichte liest, wird überrascht sein, wie stark und weit verbreitet sich als erste Reaktion auf den Rheinland- Einmarsch die Kriegsangst einstellte. Viele von denen, die Angst vor dem Kriege haben, werden sich bei den Reden des" Führers" gesagt haben: vielleicht will er doch ehrlich den Frieden und dann muss man ihn dabei unterstützen. Und endlich hat es- auch das weisen unsere Berichte noch eine dritte Gruppe von Leuten gegeben, denen die " Wahl" gleichgültig war, die hingingen und stimmten, weil sie sich sagten: das muss doch jedermann, das muss auch das Ausland sehen, dass dies keine freie Abstimmung ist und dass das Volk aus 103 B- 48für den Ausgang dieser Abstimmung keine Verantwortung trägt. Oder auch: wie ich auch stimme, das Ergebnis steht ja doch schon fest, es gibt ja keine Kontrolle; soll ich deswegen meine Stellung, meine Freiheit, vielleicht mein Leben aufs Spiel setzen, um mit Nein zu stimmen? Wir aber fragen noch einmal: welches Volk hätte sich unter diesen Umständen anders verhalten? Man muss sich nachgerade daran gewöhnen und die 99% JaSager machen es einem leicht dass diese Wahlen keinen ernst. zunehmenden Gradmesser für die allgemeine Stimmung der Bevölkerung darstellen, dass sie aber auch nichts aussagen über die Festigkeit des Regimes. Das deutsche Volk nimmt sie schon selbst nicht mehr ernst. Was aber den Bestand des Regimes betrifft, so könnten wir uns auf Hitler selbst beziehen, der in seiner Reichstagsrede vom 7. März sagte: " Es ist wohl möglich, dass, besonders unter Berufung auf die" Macht", Politiker solche Vergewaltigungen natürlicher Lebensinteressen vornehmen können, allein je mehr und je häufiger und in je schwereren Fällen dies geschieht, umso grösser wird der Druck nach einer Entladung der aufgespeicherten und vergewaltigten Kräfte und Energien sein. Dies führt dann zur Häufung immer neuer Mittel zur Abwehr und steigert damit wieder zwangsläufig den Gegendruck der zusammengepresst werden sollenden Lebensenergien des betreffenden Volkes." Hitler hat diese Worte auf die Aussenpolitik geprägt. Es wird sich erweisen, dass sie auch auf die Innenpolitik anwendbar sind. Aller Terror und alle Propagandakünste werden dem Regime nicht helfen, wenn es nicht auf die Dauer versteht, die natürlichen Lebensinteressen des deutschen Volkes zu befriedigen. Gelingt ihm das nicht, dann wird es doch eines Tages von dem " Gegendruck der zusammengepresst werden sollenden Lebensenergien in die Luft gesprengt werden.