Deutschland- Bericht der Sopade Prag X. 3. Jahrg. Nr. 7. Juli 1936. Inhaltsverzeichnis Te i 1 A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 1 II. Aus den nationalsozialistischen Organisationen 1) Die NSDAP Organisation saufbau- Parteigerichtsbarkeit Schulungsmassnahmen- Stellung im Urteil des Volkes Weder inneres Leben noch Selbstbewusstsein- Die Filmpropaganda der Partei 2) SA und SS 3) Die Deutsche Arbeitsfront 12 12 22 24 35 Ueberorganisation- Finanzielle Schwierigkeiten Unterstützungsleistungen- Die Haltung der Arbeiter und Unternehmer zur DAF Die Presse der Arbeitsfront 4) Kraft durch Freude 53 62 III. Aus der Landwirtschaft Die Stimmung unter den Bauern wirtschaft- Autarkiebestrebungen des Reichsnährstandes 6009 Die MilchDas Erbhofgesetz Flurschäden Sonderbericht über den Reichsnährstand 81 89 IV. Der Kirchenstreit -2- T e i 1 B:Uebersichten Finanzpolitik(II): Die nationalsozialistische Steuerpolitik I. Volkseinkommen und öffentliche Belastung B 1 II. Die Steuererleichterungen 6 Einmalige Erleichterungen- Dauernde Erleichterungen III. Offene Steuererhöhungen Fettsteuer- Reichsschlachtsteuer- Heubelas- tung des Kraftverkehrs und des Neuhausbesitzes- Lockerung der Realsteuersperre- Erhöhung der Bürgersteuer- Sonstige Gemeindeabgaben- Reichsurkundensteuer- 17. Versteckte Steuerhöhungen 14 Einkommensteuer- Lohnsteuer- Körper schaf ts- steuer- Reichsbewertungs- und Bodenschätzungsgesetz- Vermögenssteuer- Umsatzsteuer- Reichsfluchtsteuer- Kapitalverkehrssteuer 7. Verschärfte Steuererfassung 2$ Die Machtstellung der Bürokratie- Die Steuerrechtsprechung- Die Stellung der Steuerberater- Ausbau der Steueraufsieht- Verschärfung der Steuerbeitreibung- Indirekte Zwangsmittel- Die Aenderung der Tabaksteuer- VI. Steuerreform und Steuerertrag 35 Eine nationalsozialistische Rechnung- Steueraufkommen und Konjunktur- Die Verteilung der Mehrbelastung auf Massen- und Besitzsteuern. A-1Teil A ( Abgeschlossen am 5. August 1936) I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die allgemeine Stimmung der Bevölkerung hat im Berichtsmonat keine wesentlichen Veränderungen erfahren. Es sind aber einige zusammenfassende Berichte eingegangen, die sich vor allem durch eine nüchterne Beurteilung der Situation in der Arbeiterschaft auszeichnen. Bayern: Die Haltung der breiten Massen lässt keine Anzeichen für eine Erschütterung des nationalsozialistischen Regimes erkennen. Gewiss: Die Klassengegensätze haben sich weiter verschärft und auch die wirtschaftliche Lage ist keineswegs aussichtsreicher als zu Beginn des Jahres. Aber die machtpolitischen und propagandistischen Massnahmen der Regierung und der verschiedensten Organisationen der NSDAP haben von ihrer Wirkung nichts eingebüsst. Eine Zersetzung des Apparats, besonders des staatlichen zeigt sich nirgends. Die überall zutage tretende Unzufriedenheit wird von den Machthabern mit erstaunlicher Findigkeit erfolgreich auf ungefährliche Gebiete abgelenkt. Die Arbeiterschaft ist heute weit weniger an politischen Vorgängen interessiert und steht weit weniger kritisch zu ihnen als andere Volksschichten. Die politische Indifferenz hat im Proletariat erschreckende Formen angenommen. Und selbst wenn man von Arbeitern politische Gespräche hören kann, zeugen sie meist von einer unglaublichen Unkenntnis der politischen Vorgänge. Die vom Regime systematisch betriebene Entpolitisierung der Massen ist unter der Arbeiterschaft am weitesten vorgedrungen. In den letzten Wochen war die Haltung zum Fall Danzig besonders aufschlussreich. In der jüngeren Generation ist die Begeisterung für schroffes Auftreten, ohne Rücksicht auf die Folgen stark im Wachsen begriffen. Die Rede Greisers in Genf z.B. haben Gruppen von Studenten vor der Anschlagtafel einer grossen Redaktion mit spontanem Beifall begrüsst:" Man muss es ihnen endlich zeigen, dass man mit Deutschland nicht mehr Schindluder treiben kann." Auch die Arbeiter nahmen eine ähnliche Haltung ein. Ich sass in einem Arbeiterfrühzug, als die Morgenzeitungen die Rede Greisers brachten. In meinem A-2Abteil befand sich eine Anzahl Eisenbahner, die zur Arbeit fuhren. Um Greisers Ausführungen entspann sich ein lebhafter Diskurs. Alle waren einig in der Feststellung, dass Greiser ganz recht gehabt habe mit seinen Angriffen:" So ist es richtig, in die Luft gesprengt gehört diese Schwindelbande. Ein Bombengeschwader, so wärs richtig. Endlich einmal einer, der die Schneid hat, die Wahrheit zu sagen." So gings fort eine halbe Stunde und alles beteiligte sich mit einer auffallenden Lebhaftigkeit an diesem Schimpf sermon und alle waren sich einig in der Verächtlichmachung des Völkerbundes und der Verherrlichung der Gewalt. Entpolitisierung der Massen mit grossem Erfolg im Gang, das ist etwa die Formel für die Massenstimmung. Die zeitweise eingetretene Verknappung von Lebensmitteln ( Butter, Eier u.a.) hat die psychologische Wirkung, die sie bei ihrem ersten stärkeren Auftreten im Vorjahre auslöste, absolut verloren. Bei jeder neuen Verknappungskrise ist das deutlich zu merken. Man hat sich, wie an so vieles andere, auch an solche Perioden gewöhnt und die hysterische Hamsterwut kleinerer Gruppen wird mehr und mehr belächelt. Kommt ein solcher Hamsterer oder ein Schwarzhändler nach Dachau, so freut man sich darüber und betrachtet es als durchaus in Ordnung. Die straffe Zusammenfassung des Polizeikörpers und die unablässige Schulung der Beamten der politischen Polizei verstärkt auch in oppositionellen Kreisen das Gefühl, dass z.Zt. jeder offene Widerstand völlig aussichtslos ist. Dieses Gefühl fördert die Lethargie, in der sich die Masse der Arbeiterschaft und ein beträchtlicher Teil des Bürgertums befindet und veranlasst überzeugte Gegner des Regimes zu grösster Vorsicht. Nicht unbedenklich ist die in den letzten Monaten von den Unternehmern grösserer Betriebe in wachsendem Ausmasse angewandte Methode, in Betriebsversammlungen und Veranstaltungen mit Freibier und Speisescheinen den Betriebsangehörigen eine Unterhaltung zu bieten, die sehr dem Kneipwesen früherer Jahrzehnte entspricht. Es wird heute mehr Bier getrunken als in der Weimarer Zeit. In kleinen Wirtschaften trifft man jetzt wieder mehr kleine Saufklubs aus Arbeitern. Für München die richtige Stimmung, den Menschen wieder die alten Zeiten vorzugaukeln. Auch die Ent politisierung der Jugend wird systematisch durch eine Förderung der Kneiptugenden betrieben. Es ist jetzt wieder so wie zu Zeiten Wilhelms: an den Tagen der Einberufung zum Heer und zum Arbeitsdienst ziehen Haufen gröhlender, angeheiterter junger Menschen durch die Städte und Dörfer und geben sich ganz der Stimmung des Augenblicks hin. Früher ist die Polizei gegen solche Ruhestörer eingeschritten, heute wird das von oben gefördert. Früher bildeten sich solche Abschiedsfeiergruppen von selbst aus der Stimmung des Abends heraus, heute werden sie organisiert und geführt. A-3Auf dem Lande hat der Tag der Abschiedsfeier der Einberufenen die Form ausgelassenster Festesfreude angenommen. Reich mit Blumen und Buschen geschmückt fahren die Burschen auf verzierten Wagen durch die Dörfer. Reichlich fliesst derAlkohol. Wer bei der Ausmusterung nicht für tauglich erachtet wurde, der empfindet das als Schande, fühlt sich zurückgesetzt und ausgestossen. Viel Tanz und lange Saufereien schliessen sich an und die patriotische Stimmung erlebt Höhepunkte wie nicht einmal im Vorkriegsdeutschland." Es gibt nichts schöneres als Soldat zu sein", das ist die Grundstimmung der heutigen Jugend, sowohl auf dem Lande, wie auch in der Stadt. Fort von zu Hause, hinaus ins Leben und sorgenfreie Jahre vor sich zu haben, ein strammer Uniformträger zu sein und von den Mädchen bestaunt zu werden, das ist genug zum Glücklich sein. So wird dem ganzen Militärdienst und darüber hinaus der Herrschaftsmethode des heutigen Deutschlands das Bittere genommen, die Jugend fühlt den Druck, die Unfreiheit nicht mehr, die ihr aufgezwungen ist. Und die Alten? Da kann man viele von ihnen beobachten, wie sie in Kneipen sitzen und den Jungen Freibier zahlen und dann kommen all die längst bekannten Kriegsgeschichten wieder zum Vorschein. Die Leiden des Krieges sind vergessen und vor den glühenden Augen abenteuerlustiger Jungens schwelgen sie in Begeisterung über ihre einstigen Heldentaten. In einem Brief, den ein sehr intelligenter Torfarbeiter schreibt, kommt die Stimmung unter der Landarbeiterschaft deutlich zum Ausdruck. Der Schreiber arbeitet seit 20 Jahren auf einem Torf stich des bayerischen Oberlandes und ist altes Mitglied der Sozialdemokratie. Die übrigen Arbeiter des Torfunternehmens waren alle organisiert und politisch sehr fortschrittlich eingestellt. Viele von ihnen haben Kleintierzucht für den häuslichen Gebrauch, so Hühner, Ziegen, Schweine etc. Unser Freund schreibt u.a.: Bei uns wird es politisch immer trostloser. Seit der Zeit als Du weg bist, hat sich alles von Grund aus verändert. Wir halten zwar noch alle fest zusammen, doch einige sind schon so indifferent geworden, dass man mit ihnen gar nicht mehr über die Dinge reden kann. So z. B. der... Von ihm haben wir doch so viel gehofft. Heute will er nichts mehr wissen und mir hat er schon einige Male Zweifel geäussert, ob überhaupt noch eine andere Zeit kommt. Die Arbeiterschaft sei nichts wert und vielleicht muss es so sein, dass es Herrn und Knechte gibt, wenn man nicht bei den Herrn ist, so muss man eben Knecht sein. Darauf versteift er sich heute und will von nichts mehr wissen. Wenn ich versuche, mit ihm von der Vergangenheit zu reden und dass es schon wieder so weit kommt, dass wir was zu sagen haben, dann geht er weg und will nichts mehr davon wissen. Glaub mir, lieber... es ist schwer für unsereinen, da durchzuhalten und den Mut nicht zu verlieren. Wir haben niemanden mehr, von dem wir was erfahren könnten, niemand kommt zu uns und auf der anderen Seite immer die Redensarten der Nazi, die uns noch heute alles mögliche versprechen und die auch, das muss A-4man sagen, ihre Sache viel besser verstehen als wir. Das einzige, was wir noch haben, ist der Moskauer Sender, da sitzen wir oft beim S... zusammen, der einen 4- Röhren- Super hat. Den hat er sich gekauft und wir haben ihm dazugezahlt unser fünf, so dass er eigentlich uns gemeinsam gehört. Der Sender hat viel Interessantes, aber manchmal meinen wir, könnte er schon noch besser sein. Er könnte mehr über Deutschland bringen, mehr Anweisungen für uns. Könnt Ihr da gar nichts machen? Erstaunt wirst Du sein, wenn ich Dir schreibe, dass dem langen F.... seine Frau eine prächtige Sozialistin ist. Sie ist es, die uns immer wieder aufrichtet. Sie hat einen starken Glauben und einen grossen Hass. Es hilft nichts anderes: wenn die Arbeiter je wieder etwas zu sagen haben, dann muss ausgekehrt werden, aber richtig. Mit der Demokratie, wo jeder reden kann und hetzen wie er mag, sind wir nicht mehr einverstanden. Wir müssen vor allen Dingen zuerst Ordnung schaffen mit Gewalt und dann, wenn die Kapital isten vernichtet sind, dann können wir die Zügel wieder lockern. Ja, anders gehts nicht. Oft reden wir über die Vergangenheit und sagen immer wieder, dass wir viel zu weich gewesen sind, viel zu viel geredet haben und zu wenig zugeschlagen, jetzt schlagen uns die anderen. Wir denken halt, dass doch ein Krieg kommt, anders wird das heutige Regime nicht zusammenbrechen. Dann müssen wir erst schauen, was übrigbleibt von uns allen. Berlin, 1. Bericht: In die letzten Wochen fallen eine Reihe von Ereignisse, die an sich zu breiteren Diskussionen in der Arbeiterschaft hätten führen müssen. Jedoch ist, abgesehen von den festen illegalen Kreisen, in denen natürlich diskutiert wird, in den Betrieben nichts von einer Belebung des politischen Interesses zu bemerken. Es wirkt sich aus, dass die Arbeiter entweder überhaupt keine Zeitung mehr lesen oder höchstens die" Morgenpost"., Das Auftreten Greisers in Genf z. B. spielte sich aber nach dem Bericht dieser Zeitung so ab, dass Greiser zwar dem Völkerbund seine und" des deutschen Volkes" Meinung gesagt habe, sonst aber durchaus korrekt geblieben sei und plötzlich und unmotiviert von den Journalisten angegriffen wurde und flüchten musste. Nur nach und nach sickert einiges über das wirkliche Verhalten Greisers in Genf durch, ohne dass die Wahrheit aber dem Ansehen der Nazis schadet. Der Völkerbund gilt als ohnmächtige Institution und als" Quatschbude", wer ihn verachtet und verächtlich macht, kann durchaus auf Sympathien bei den Massen rechnen. Allerdings kommt auch vielfach das Gefühl auf und wird auch zum Ausdruck gebracht, dass die Danziger Affäre und das Verhalten Greisers vor dem Völkerbund nur eine Kraft- probe ist und dass bald ein" stärkeres Stück aufgespielt" werden wird. Doch verbinden sich damit keine klaren Vorstellungen A- 5und im grossen ganzen geben sich die Arbeiter gar nicht mehr die Mühe, ernsthaft über die mögliche Weiterentwicklung nachzudenken. Man kann, das betonen unsere Gewährsmänner jetzt wieder sehr stark, die eingetretene Entpolitisierung der Arbeiterschaft gar nicht überschätzen. Das politische Bewusstsein der Massen ist weit unter das Niveau des Jahres 1933 gesunken und selbst frühere gut aktive Parteimitglieder, die sich durchaus noch innerlich" als die Alten" fühlen, sind bereits unerhört stark von der trommelnden Nazi propaganda beeinflusst. Sie bemänteln das zum Teil vor sich selbst, indem sie zu dieser und jener Frage, sei es die Gleichschaltung Danzigs, sei es der Kampf gegen Versailles, sei es der Anschluss Oesterreichs, feststellen:" Na ja, dafür sind wir doch auch immer gewesen. Wenn Hitler das jetzt schafft, ist es ja nur gut. Er nimmt uns einen Teil der Arbeit ab." Sie sehen nicht oder wollen nicht sehen, dass sie damit der Volksgemeinschaftsideologie der Nazis Schritt für Schritt verfallen. Sie sehen nicht, dass jeder aussen- oder innenpolitische Sieg der Nazis ein Sieg über die Arbeiterschaft ist und dass es nicht möglich ist, dass die Nazis" uns einen Teil der Arbeit abnehmen". Noch krasser äussert sich die unbewusste Gleichschaltung in einem Gespräch, das einer un serer Vertrauensleute mit einem älteren ehemaligen Genossen, sogar einem früheren Funktionär hatte, der sich durchaus noch ais Sozialist fühlt. Das Gespräch drehte sich um die wachsende deutsch- französische Spannung und fand statt nach dem Regierungsantritt Blums. Unser Gewährsmann wollte in vorsichtiger Form auf die Bedeutung der Volksfrontregierung in Frankreich und ihre möglichen Perspektiven hinweisen, brach aber die Unterhaltung ab, als der ehemalige Genosse inbezug auf die Gefahr eines Krieges mit Frankreich äusserte:" Gegen die Franzosen nehme ich auch noch einmal die Knarre in die Hand. Frankreich ist doch ein imperialistischer Staat, man sieht das ja schon an seiner Kolonialpolitik." Derartige Beispiele liessen sich beliebig vermehren. Es sei nur noch eine Aeusserung eines ehemaligen Genossen, früher Besitzer einer Parteikneipe, zu den französischen Betriebsbesetzungen wiedergegeben, die nicht nur beweist, wie sehr der Genosse der tendenziösen Nazi- Berichterstattung erliegt, sondern, was viel gefährlicher ist, wie sehr ihm das Bewusstsein für internationale Solidarität und überhaupt für Klassenkampf verloren gegangen ist." Bei den Betriebsbesetzungen" meinte er," sollen sie ja so allerhand beiseite gebracht haben. Kann man sich ja auch denken, wenn sie so Tage lang ohne Aufsicht im ganzen Betrieb herumlaufen können. Ueberhaupt muss es toll zugegangen sein. In der Illustrierten hat man ja die Bilder gesehen, wie den Streikenden Schnaps in den Betrieb gebracht wurde." Eine Betrachtung, lediglich vom Gesichtspunkt der verletzten bürgerlichen Ordnung. Aber auch hier muss betont werden, dass der Genosse schwer beleidigt wäre, wenn man ihn nun etwa als Gleichgeschalteten oder Abtrünnigen bezeichnen würde. Er war sich der Kleinbürgerlichkeit seiner Gedanken überhaupt nicht bewusst und konne von A-6unserem Gewährsmann einigermassen davon überzeugt werden, dass erstens bei den französischen Betriebsbesetzungen eine mustergültige Disziplin geherrscht hat und zweitens es sich dabei um eine wichtige Klassenkampfaktion gehandelt hat, die auch für die deutsche Arbeiterschaft und für den Kampf gegen das Hitlerregime seine Bedeutung hat. Etwas politischer ist schon die Einschätzung der bisherigen Erfolge der Volksfront regierung durch ehemalige Gewerkschafts- und Betriebsfunktionäre oder sozialpolitisch interessierte Genossen. Sie lässt sich dahin zusammenfassen, dass die französischen Arbeiter jetzt erst das erreicht hätten, was die deutschen schon seit 1918 haben. Nur die Vierzig- Stunden- Woche ginge darüber hinaus. Aber teilweise sei sie ja in Deutschland eingeführt. Derartige Einschätzungen werden jedoch oft mit einer charakteristischen Bemerkung abgeschlossen etwa derart:" Man muss sich nur wundern, dass die Franzosen diese sozialpolitischen Massnahmen jetzt erst treffen, wo sie doch schon so lange eine Republik haben." Daneben gibt es natürlich immer noch eine breite Schicht von Arbeitern, die nicht in der illegalen Arbeit stehen, sich aber doch noch ein gut Teil ihres politischen Instinkts und Urteilsvermögens bewahrt haben. Ihre Urteile über die französische Volksfrontregierung schwanken zwischen vorbehaltloser Zustimmung und Freude über den Sieg der französi schen Sozialisten und Skepsis, auch in Frankreich könne es so gehen wie bei uns 1919/20." Wenn da man bloss ein Ebert oder Noske dabei ist, der den Arbeitern in den Rücken fällt Schliesslich wird auch das Volksfrontregime vielfach einer einfachen linken parlamentarischen Koalitionsregierung gleichgesetzt. Man fürchtet eine schwache Politik der Regierung Blum gegenüber Deutschland, so dass zuletzt weder die französischen Arbeiter noch die deutschen, sondern das Naziregime Nutzni esser des Erfolges der französischen Volksfront sein würden. Man sieht also, eine ganze Skala von Urteilen, aber keineswegs eine eindeutige Sympathie, ein eindeutiges Solidaritätsbewusstsein" der" deutschen Arbeiter. Vielmehr hebt einer dass es in seiner unserer Gewährsmänner ausdrücklich hervor, Umgebung und in seinem Betrieb überhaupt nicht von selbst zu Debatten über Frankreich gekommen ist, sondern er diese Unterhaltung in allen Fällen erst herbeiführen musste. Als wesentliche Lehre wird daraus gefolgert, dass es ein Hauptproblem des illegalen aktiven Kampfes der Bewegung geworden ist, die mit der Dauer des faschistischen Regimes in Deutschland immer grösser werdende Distanz zwischen dem politischen Denken der noch organisatorisch erfassten und aktiven Genossen und dem Gros der indifferenten und unbewusst der Nazipropaganda erliegenden Arbeiter zu überwinden. Die Unterschiede im Denken sind heute oft schon so gross, dass es schwer fällt, eine geme in same Sprache zu finden und sich nicht schon durch die Ausdrucksweise als" Illegalen" zu verraten. Es gibt heute noch die Zwischenschicht jener Genossen, die A-7zwar nicht aktiv sind, die sich aber, obwohl sie einen Kontakt mit der illegalen Bewegung bewusst vermeiden, innerlich noch als" dazugehörig" betrachten. Diese Zwischenschicht gewinnt eine zunehmende Bedeutung, weil an sie noch relativ leicht heranzukommen ist, mit ihr noch leicht eine allgemeine Verständigung möglich ist, so dass sie auch die gegebenen Vermittler zwischen dem aktiven Kern der Bewegung und der indifferenten Arbeitermasse ist. Nur kann man sie nicht durch gedrucktes oder geschriebenes Material erfassen. Immer noch erhalten viele solcher heute abseits stehenden Genossen von dieser oder jener Seite Material zugestellt, doch mit dem Ergebnis, dass es meist unmittelbar nach Empfang und ungelesen vernichtet wird. Der einzig gangbare Weg zur Beeinflussung dieser Zwischenschicht ist die Aufrechterhaltung der persönlichen Beziehungen und die indirekte, dem Betreffenden selbst nicht bewusst werdende Beeinflussung. Sehr oft handelt es sich darum, zunächst einmal wieder jenen Grad von Klassenbewusstsein herbeizuführen, der im Jahre 1933 noch als Allgemein- Niveau der deutschen sozialistischen Arbeiterschaft gelten konnte, der aber heute verloren ist. Natürlich ist das nicht schematisch zu verstehen. Die Erfahrungen der letzten Jahre wirken sich auch da aus, wo sie nicht bewusst verarbeitet werden. Aber es kommt doch in erster Linie darauf an, den Prozess des Absinkens in die Indifferenz bei den Genossen aufzuhalten, die noch nicht abgerutscht sind, aber sich in der Gefahr befinden, indifferent zu werden. 2.Bericht: Die Arbeitslosigkeit ist ohne Zweifel in Berlin sehr zurückgegangen. Leider ist unter der Arbeiterschaft eine furchtbare Gleichgültigkeit eingetreten; einer traut dem anderen nicht und besonders der Nachwuchs ist vollständig interesselos. Man hört in Arbeiterkreisen nichts mehr von den vielen tausend Verhafteten, nichts mehr von den Folterungen in den Konzentrationslagern, es ist alles vergessen oder aber man bestreitet direkt, dass derartiges bestanden habe oder bestehe das sei alles Schwindel. Deprimierend ist der Byzantinismus, der sich besonders in den Arbeiterkreisen gegenüber den neuen Bonzen bemerkbar macht. Diejenigen, die früher nicht genug über die Arbeiterführer schimpfen konnten, die doch wahrlich bescheiden lebten, sehen jetzt die Vergeudung, den Prunk und die Bereicherung der neuen Herren Deutschlands und- mucksen nicht, im Gegenteil. Sachsen: Die Arbeiter sind, soweit sie Arbeit haben, mit ihrer Lage im allgemeinen zufrieden, weil sie sehen, dass es den Arbeitslosen und den jungen Leuten im Arbeitsdienst und beim Militär noch schlechter geht als ihnen. Die politische Unfreiheit und Unterdrückung empfinden sehr viele nicht als ein Uebel, weil man ihnen hat einreden können, dass die demokratischen Freiheiten, um welche die Arbeiterklasse jahrzehntelange Kämpfe geführt hatte, ihr auch kein wirtschaftlicies onlergehen haben verschaffen können. Diese Enttäuschung A-8wirkt sich heute als politisches Lähmungsmoment aus. Trotzdem wäre es falsch, anzunehmen, dass diese Arbeiter Hitleranhänger geworden wären. Sie sind einfach unpolitisch geworden, sind in völlige politische Indifferenz verfallen, werden für die Verteidigung des Hitlerregimes in Stunden der Entscheidung bestimmt keinen Finger krumm machen. Es kommt sogar noch immer vor, dass nachts Parolen gegen das Hitlerregime angebracht werden, so z.B. vor einiger Zeit an den Litfasssäulen in Bautzen, ferner an den Zäunen von Baustellen in Pirna:" Der Marxismus lebt!"-" Freiheit!"-" Nieder mit Hitler!" In Chemnitz waren kürzlich eines Morgens die Fusssteige in einer Vorstadt mit der Parole bemalt:" Das Vierte Reich ist rot!" Das freche Treiben und das prasserische Auftreten der Nazibonzen treibt jedem anständigen Menschen das Blut in die Adern und mancher Arbeiter kocht vor Wut, wenn er die Dinge um sich herum betrachtet und das verlogene Theater der Nazis sieht. Aber wenn es sich darum handelt, einen kleinen Vorteil zu erringen, einen Arbeitsplatz zu erlangen oder zu erhalten, dann duckt derselbe Arbeiter vor den braunen Kreaturen, ja, er ist, wenn er dazu die Gelegenheit hat, sogar bereit, seinen Klassengenossen der Gestapo auszuliefern. Das zeigt, bis zu welchem Grade die klassenverräterische Einzelgängerei als Frucht der nationalsozialistischen Aufspaltungstaktik schon gediehen ist. Das Interesse am Klassenschicksal ist zum grossen Teil völlig verschwunden, an seine Stelle ist der kleinlichste Einzel- und Familienegoismus getreten. Dass von einer solchen Einstellung keine proletarischen Opfer für den revolutionären Kampf erwartet werden können und eine Unterstützung der illegalen Arbeit nicht einmal in der leichtesten Form in Rechnung zu setzen ist, ist selbstverständlich. Aber sichtbar wird hier die ungeheuere sozialistische Erziehungsund Aufbauarbeit, die erst zu leisten ist, ehe man wieder den prächtigen, opferbereiten Menschenschlag zur Verfügung haben wird, den die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Erziehungsarbeit in Deutschland in jahrzehntelanger Arbeit herangebildet hatte. Der Hitlerismus hat vieles davon in einem trostlosen Trümmerhaufen verwandelt. Immerhin erwächst ein ganz neuer, junger Stamm illegaler Kämpfer heran, von denen die meisten früher überhaupt noch keine politische verantwortliche Arbeit geleistet haben. Alles was früher einmal in führender Position in Partei oder Gewerkschaft gestanden hat, tritt immer mehr in den Hintergrund und will oder kann an der neuartigen Tätigkeit nicht mehr teilnehmen. Südwestdeutschland, 1. Bericht: Der Faschismus hat sich nicht auf die blosse mechenische Zerstörung der gegnerischen Organisationen beschränkt, sondern darüber hinaus in Millionen Menschen das Gefühl für die Notwendigkeit selbstverständiger gesellschaftlicher und ökonomischer Aktion verschüttet. Viele, die es weit von sich weisen würden, Nationalsozialisten zu A-9sein, gewöhnen sich allmählich an den Zustand der Bevormundung, der" Betreuung durch die Amtswalter", der der Ausdruck vollkommener Unfreiheit ist. Das gilt nicht nur für die Arbeiterklasse, ja vielleicht ist gerade unter der Arbeiterschaft der Prozentsatz der Unversöhnlichen grösser als in anderen Schichten. Aber hier, wo unsere Freunde verwurzelt sind, wo sie aus Instinkt und Erkenntnis die Kraftquelle und den wichtigsten Ausgangspunkt der neuen Bewegung sehen, stehen sie am stärksten unter dem Eindruck der Gefahr, dass sich die Menschen mit dem Verlust ihrer Freiheit und ihrem Ersatz durch Surrogate, durch Phrasen wie" Ehre"," Würde"," Volksgemeinschaft" etc. abfinden. So schreibt ein früherer, sehr aktiver Genosse: " Mein Leben hat sich vollkommen verändert. Während ich früher jeden Abend fort war, bin ich jetzt jeden Abend zu Hause. Morgens stehe ich mit dem Bewusstsein auf, dass es heute nur den" Betrieb" für mich gibt. In der Strassenbahn sehe ich mir jeden Mitfahrenden darauf an, ob er nicht ein Horcher ist, jedes Wort, das man mit einem Kollegen spricht, wird zuvor lo mal auf der Zunge herumgedreht, bis es ausgesprochen wird. Man weiss: ein ungeschicktes Wort und du landest anstatt gegen Abend zu Hause, gegen Mittag in irgend einer Polizeistation. Im Betrieb schweigt man sich gegenseitig an und spricht, wenn es sich nicht vermeiden lässt, nur von der Arbeit. Die Pausen sind stumm. Und wenn der Feierabend kommt, verdrückt sich jeder so rasch als möglich, damit ihm nicht noch kurz vor Torschluss ein unbedachtes Wort entschlüpft. Dann legt man sich nach dem Essen bald ins Bett und hat das wohltuende Gefühl, wieder einen Tag überstanden zu haben und noch" frei" zu sein. Das ist jetzt unser Leben, für uns alte Funktionäre der Arbeiterbewegung ein Hund edasein" Es sind aber nicht nur die durch ein Menschenalter tätiger Arbeit unauflöslich mit der sozialistischen Bewegung verbundenen Genossen, die so vegetieren. Viele Junge empfinden tief den Druck, der auf ihnen lastet. Aber nur bei wenigen schlägt diese Empfindung in echte und zielgerichtete Aktivität um. Zahlreich sind die Fälle, wo sich einst sehr rührige Menschen ganz in ihre Berufsarbeit verbohren, richtige Fachsimpel geworden sind und jeder Berührung mit der illegalen Arbeit ängst lich ausweichen. Sie wissen, dass sie dann nicht mehr loskämen, sie scheuen die Unsicherheit, die sie dann auf sich nehmen müssten und verschanzen sich deshalb hinter ihrem Lerneifer für ihr berufliches Vorwärtskommen. Die Mehrzahl allerdings stumpft langsam überhaupt ab gegen jede wirklich politische Regung. Auf diesen Hintergrund muss man auch die Tatsache projizieren, dass der grosse Stimmungsauf schwung zugunsten des Nationalsozialismus während der Märzkampagne so rasch in sich zusammenbrach. Es wäre falsch, daraus eine wesentliche Verbesserung der Position der antifaschistischen Arbeit zu folgern. Natürlich wird heute wieder mehr gemeckert und geschimpft als zwischen dem 7. und 29. März, natürlich treten die grossen und kleinen Sorgen des Alltags wieder stärker ins A-109 38 26 Bewusstsein der Menschen. Aber alle kritischen Stimmungen werden gedämpft durch eine alles niederdrückende Resignation, die ihren Ursprung in dem Eindruck hat: das Regime erreicht alles, was es will. Die bürgerlichen, kleinbürgerlichen und bäuerlichen Elemen-te sind durch die militärischen und nationalistischen Aktionen des Regimes, auch wo sie gegen einzelne ökonomische Massnahmen meckerten, politisch wieder so an den Nationalismus gebunden worden, dass gar nicht daran zu denken ist, dass sich aus diesen Schichten beim normalen Ablauf der Dinge in ta absehbarer Zeit irgend eine ernsthafte Oppositionsströmung entwickelt. 90 H E 2. Bericht: Die Stimmung in der Arbeiterschaft ist nach wie vor sehr uneinheitlich. In politisch etwas geschulteren Kreisen wird immer noch die Auffassung vertreten, dass das Regime sich nicht halten könne. In der übrigen Arbeiterschaft zeigt sich ein fast völliges Sich- damit-abfinden. Der weitaus grössere Teil der Arbeiter verfällt immer mehr der Interessenlosigkeit und vorherrschend wird der völlig Indifferente, der selbst zu jeder Denunziation gegen die eigenen Klassengenossen zu gebrauchen ist. Grosse Teile der Arbeiterschaft versuchen sich bei den Mach tha bern Liebkind zu machen. In einem aber sind alle Arbeiter einig, gleich ob sie Nazis sind oder nicht, nämlich dass die Löhne und Gehälter zu niedrig sind. Diese allgemeine Auffassung führt aber durchaus nicht zu einer Stärkung des Solidaritätsgedankens, sondern vorerst glauben viele noch immer ihre Lebenslage durch Schmarotzertum verbes sern zu können. Das Uebereinkommen mit Oesterreich hat innerhalb der Bevölkerung grosse Ueberraschung ausgelöst, aber durchaus nicht jene grosse Begeisterungswelle wie bei der Rheinlandbesetzung. Die Beurteilung ist auch da recht unterschiedlich. Ein kleinerer Teil der Bevölkerung sagt:" Jetzt wird Frankreich so klein, wie es sich früher gross gedünkt hat." In Nazikreisen kräht man hinaus:" Jetzt geht es so langsam Frankreich an den Kragen". Ein anderer Teil des Volkes und das dürfte der grössere sein, betrachtet das Uebereinkommen mit Oesterreich als einer jenen Schachzüge, die regelmässig immer wieder kehren, um das Volk von seiner Elendslage abzulenken. Der von der Propaganda erneut stark in den Vordergrund geschobene Bolschewistenschreck findet nicht mehr die gläubige Aufnahme wie vor zwei Jahren. Gleichwohl ist der Bolschewistenschreck in seiner Tiefenwirkung immer noch ein gutes Schreckmittel und die geschickt verwendeten Nachrichten über die Fabrikbesetzungen in Frankreich und die Vorgänge in Spanien wirken sehr stark auf die bürgerlichen Schichten in Deutschland. Schlesien: Ueber die Stimmung unter der Arbeiterschaft in Breslau kann anhand von Nachrichten aus etwa 20 Betrieben gesagt werden, dass heute fast völlige politische Passivität, A- 11bei einem grossen Teil sogar Indifferenz herrscht. Die Arbeiter sind keine Faschisten, aber auch keine Sozialisten. Die Arbeitsmoral der früher Unorganisierten ist erschreckend gesunken. Eine besondere Rolle spielen die alten Gewerkschaftler in den Betrieben. Sie stellen die Meckerer, sie haben sich durchwegs eine anständige Gesinnung bewahrt. Sie haben noch Solidaritätsbewusstsein und sie versuchen auch, sich gegen das Antreibersystem zu wehren.- Die Vorgänge in Frankreich begegnen grösstem Interesse. In den Betrieben werden sie eifrig besprochen. Ueber die Stimmung unter den Arbeitern des Striegauer Gebietes wird berichtet: Diese Arbeiter in dem früher gut organisierten Gebiet sind verzweifelt und ohne Hoffnung, vielfach ohne Interesse für ihr eigenes Schicksal. Sie kommen abends spät aus den Steinbrüchen, sind todmüde und gehen in aller Frühe wieder zur Arbeit, ohne richtig ausgeruht zu haben. Vereinzelt werden Stimmen laut, die gute Konjunktur zur Verbesserung der eigenen Lebenslage auszun ützen. Die Arbeiter reagieren darauf überhaupt nicht. Die Vorgänge in Spanien und Frankreich führen da und dort zu Unterhaltungen, die oft zu dem Schluss führen, dass es den Arbeitern in diesen Ländern auch so gehen werde wie den deutschen. Der Kapitalismus sei eben stärker und siege am Ende doch. Mit dem Ausbruch des Krieges wird in absehbarer Zeit gerechnet. Im Waldenburger Revier ist von der alten Arbeiterbewegung kaum noch etwas zu spüren. Illegale politische Arbeit wird abgelehnt. Es ist vorgekommen, dass man alte Gewerkschaftler gezwungen hat, Funktionen in der DAF anzunehmen, um die Reihen unserer Genossen weiter zu zersetzen. Die Nazis kamen hinterher in den Betrieben zu unseren Leuten und sagten inbezug auf die Gewerkschaftler:" Seht nur, wie sie umfallen!" Das Gross- Bürgertum und der schlesische Adel stehen dem Nationalsozialismus weitgehendst feindselig gegenüber. Neben vielem anderen ist es der Versuch, alle Kulture inrichtungen der Partei und ihrem Geiste zu unterstellen, der diese Stimmung hervorgebracht hat und ständig vertieft. In den Kreisen des Klein- Bürgertums und des Handwerks greift eine nicht gekannte Verelendung um sich. Auffällig ist in diesen Schichten die hohe Selbstmordziffer, die die wirtWiderspiegelt. In diesen Kreisen schaftliche Lage deutlich ist heute eine masslose Erbitterung gegen den Faschismus vorhanden. Im Gegensatz zu der Stimmung in der Arbeiterschaft kann man vom Bürgertum im allgemeinen sagen, dass sich hier bereits ein einheitlicher Wille formt. Auch hier sieht man noch keine Gegenkraft, die Hitler ablösen könnte, aber die Gegnerschaft ist eindeutiger und fester. Neben dem alten Bürgertum wächst heute deutlich sichtbar eine neue staat serhaltende Bourgeoisie heran, die auf Gedeih und Verderb mit dem Regime verbunden ist. Diese Schicht des neuen Reichtums setzt sich aus denen zusammen, die in der Partei und ihren Nebenorganisationen die Führerstellen besetzt halten, und aus den Kriegsvorbereitungsgewinnlern. A-12II. Aus den nationalsozialistische Organisationen 1) Die NSDAP Der Organisationsaufbau der NSDAP ist etwa folgender: Einschliesslich Danzig gliedert sich die Partei in 32 Gaue und 800 Kreise. Die geographische Abgrenzung der Gaue und der Sitz der einzelnen Gaugeschäftsstellen ergibt sich aus nachstehender Uebersichtskarte: ( HSG 2009 SCHLESWIGHOLSTEIN MEKLENBURGPOMMERN LÜBECK Harbury EBORG Ser Stettin Wilhelmsburg KURMARK GROSS- BERLIN ESSEN Oldenburgo WESEREMS Mänstg చ WESTFALEN- NORD Essen Bochum Düsseldorf WESTFALENDÜSSELDORF Koin O KÖLN- AACHEN HANNOVEROST+ MAGDEBURG HANNOVER- ANHALT SUD Spesso HALLE MERSEBURG Halle SUD esselo KURHESSEN Weimar O THÜRINGEN Koblenz HESSEN NASSAU KOBLENZ TRIER Frankfurter RHEINPFALZ Neustadta BADEN UNTERFRANKEN Würzburg OStutigert WURTTEMBERG Nürnbergo MITTEL FRANKEN Augsburgo SCHWABE Bayreuth OKrigsberg Domaig DANZIG OSTPREUSSEN LiegnitzO resden OBreslau SACHSEN SCHLESIEN BAYR: OSTMARK OMünchen MÜNCHENOBERBAYERN Oppelno Deutsches Reich mit der Baueinteilung der NSDAP GAUGRENZEN LANDESGRENZEN OSITZE DER GAUGESCHÄFTSSTELLEN A-13Am Vorabend des letzten Hitler- Geburtstages wurden 126.500. " Politische Leiter" und 546.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Partei vereidigt. Wie das Organisation sgefüge der Partei in der Gau- und Kreisinstanz beschaffen ist, zeigt ein Einblick in die Organisation des Gaues Hamburg. Der Gau Hamburg umfasst das Land Hamburg mit etwa 1,2 Millionen Einwohnern und hat nach dem Stand von Anfang Juli 45.996 eingeschriebene Mitglieder.( Zum Vergleich diene die Tatsache, dass die SPD bis 1933 in Hamburg über 80.000 Mitglieder hatte). Die Gauleitung gliedert sich in folgende Gauämter: Gauorganisation samt Gaupersonalamt Gaupropagandaleitung Gaufilmstelle Gauarchiv Gaupresseamt Amt des Gauwirtschaftsberaters Gauschulungsamt NS- Frauenschaft Gauamt für Beamte Gaurechtsamt Gauamt für Erzieher Gauamt für Technik Gauheimstättenamt Gauamt für Studenten NS- Kriegsopferversorgung Jedes dieser 16 Gauämter hat sein eigenes Büro, sein eigenes Telefon und die meisten sind auch an räumlich verschiedenen Stellen untergebracht. Das Gaurecht samt hat einen Leiter und seinen Stellvertreter, einen Geschäftsführer und vier Hauptstellenleiter. Es unterhält 14 Rechtsberatungsstellen und 3 Nebenstellen. Die NS- Kriegsopferversorgung hat nicht nur einen Geschäftsführer, sondern auch noch 7 Abteilungsleiter. Der Gau umfasst 15 Kreise. In einer Kreisleitung( der Kreis über den berichtet wird, hat rund 100.000 Einwohner und 2.500 Mitglieder) unterstehen dem Kreisleiter als dem" Hoheitsträger" folgende 19" Dienststellen" der Partei: A-14Kreispersonalamtsleiter Kreisgeschäftsführer Kreiskassenleiter Kreispropagandaleiter Kreisschulungsleiter Kreis- Hilfskassenobmann Kreispresseamtsleiter Kreisorganisationsleiter Kreisrechtsamtsleiter Heimstättenamtsleiter Kreiswirtschaftsberater Kreisausbilder DAF- und NSBO- Kreisamtsleiter NS- Hago- Krei samtsleiter NSV Amt für Volkswohlfahrt NS- Frauenschaft Amt für Technik NS- Lehrerbund NS.Kriegsopferversorgung. Der Gau Schlesien der NSDAP, der die Provinz Schlesien mit 5,7 Millionen Einwohnern, aber nur 128.000 Parteimitgliedern umfasst, gliedert sich in 3 Gaugeschäftsstellen, 48 Kreise ..200 Ortsgruppen und Stützpunkte, 3.600 Zellen und 13.300 3locks. Ein Blockleiter entfällt also auf durchschnittlich noch licht 10 Parteimitglieder. Während in Hamburg 3,8% der Bevölkeung Parteimitglieder sind, sind es in Schlesien nur 2,2%. Aus Bayern liegen die wichtigsten Zahlen für den Kreis Hof or. Das Kreisgebiet umfasst nahezu 70.000 Einwohner( die Zahl ler Parteimitglieder ist nicht bekannt) und gliedert sich in 20 Ortsgruppen und 28 Stützpunkte. In der Kreisleitung sind 7 Amtswalter tätig( davon sind 42 Altparteigenossen), in den rtsgruppenleitungen 88( 52 Altpg.); dazu kommen 410 Blockleier( davon 155 Altpg.). Insgesamt also 641 Politische Leiter. Dabei ist zu beachten, dass Hof die fünfte Ortsgruppe der ISDAP im ganzen Reichsgebiet ist. Aus Bayern wird ferner berichtet, dass die Partei zur Zeit amit beschäftigt ist, das Blocksystem umzuorganisieren. Die lockeinteilung soll nicht mehr auf der Grundlage einer bestimm en Zahl von Parteimitgliedern erfolgen, sondern eine bestimmte ahl von Haushaltungen der Volksgenossen umfassen. A-15" Jeder Volksgenosse soll nach diesem Plane, der heute schol im ganzen Reiche nach Anordnungen Dr. Leys in der Durchführung begriffen ist, in lebendiger Fühlung mit dem Beauftragten der Partei stehen- der keinen anderen Auftrag hat, als dort zu helfen, wo geholfen werden muss, dort zu raten, wo Rat geheischt wird, dort zu berichten, wo Wünsche oder Sorgen fühlbar werden." Aus dieser parte iamtlichen Verlautbarung wird besonders klar, dass die ganz ungewöhnliche Aufblähung des Partei apparats nicht nur der Versorgung" alter Kämpfer", sondern auch noch zwei anderen Zwecken dienen soll: Einmal soll die Partei 930 09 soldurch diesen Apparat befähigt werden, die ihr zugewiesene Stellung als" Mittlerin zwischen Volk und Staat" auszufüllen. Die" Volksgenossen" und nicht nur die Parteigenossen len sich möglichst viel an die Partei wenden, um ihre Fürsprache und Unterstützung bei den Behörden oder auch in privaten Angelegenheiten zu erlangen. Die Partei strebt eine Art allgemeiner Vormundschaft oder Fürsorgeerziehung über das ganze Volk an, und um diese Aufgabe erfüllen zu können, braucht sie naturgemäss einen ungleich grösseren Apparat als eine gewöhnliche Partei. Sie braucht aber auch diesen Apparat, um dauernd " in Fühlung" mit dem Volke zu bleiben, d.h. um das Volk dauernd zu beobachten und zu bespitzeln und so den Nachrichtendienst der Polizei und der SS zu unterstützen. Die monatlichen Stimmungsberichte, die die Zellenleiter zu erstatten haben, gehören zu den wichtigsten Aufgaben des Parteiapparats. Weil der Partei im nationalsozialistischen Staatsaufbau diese Aufgaben zugewiesen sind, deshalb soll sie auch nur einen verhältnismässig kleinen Teil des Volkes umfassen. Heute wird man die Zahl der Parteimitglieder auf etwa 2 Millionen schätzen können und davon sind etwa 675.000 Funktionäre, rund ein Drittel aller Pg. Obgleich man noch immer dabei ist, die Zahl der Funktionen zu vermehren, soll die Mitgliedschaft keine wesentliche Erhöhung erfahren. Massgebende Parteiführer, vor allem der Reichsschatzmeister Schwarz, haben wiederholt erklärt, dass die seit dem 19. April 1933 bestehende Mitgliedsperre keine allgemeine Aufhebung erfahren werde. Es käme nur eine vorüber A-16gehende Lockerung infrage, um" alten verdienten Parteikämpfern aus der SA, SS, NSKK, NSBO und anderen Gliederungen der Partei den Eintritt in die Partei zu ermöglichen". In Zukunft würde sich die Partei dann überhaupt nur durch den Nachwuchs aus der HJ und dem BdM ergänzen. Hierzu zwei Berichte: Berlin: Eine Kleinbürgerfamilie machte unlängst den Versuch, aus der NSDAP auszutreten. Begründung: die Beiträge und son stigen Parteiabgaben seien zu hoch. Man bedeutete ihnen auf dem Parteibüro, an Austreten sei gar nicht zu denken, es bestehe Mitgliedssperre. Niemand dürfe hinein, aber auch niemand heraus. Hamburg: Die NSDAP nimmt" insgeheim" neue Mitglieder auf und zwar haben die Blockwarte den Auftrag, die dafür Geeigneten zu bestimmen. Ein Blockwart erklärte lachend:" Die sollen den Platz auffüllen für die, die keine Beiträge mehr zahlen, aber wenn ich danach handeln will, kann ich die 6o, die ich jetzt habe, wohl alle streichen." Um die Partei für ihre Aufgaben brauchbar zu machen, sind ihre Mitglieder einer besonderen Kontrolle und fortgesetzten Schulungsmassnahmen unterstellt. Die Kontrolle ist vor allem in der Sache der Parteigerichtsbarkeit. Die Parteigerichte obersten Instanz die drei Kammern des obersten Parteigerichts, in der Mittel- Instanz die Gaugerichte, in der unteren die Kreis- und Ortsgerichte werden unabhängig von den ordentlichen Gerichten, aber mit ihrer Unterstützung tätig; sie können Disziplinarstrafen( Verweis, Verwarnung und Ausschluss aus der Partei), aber auch Geld- und Haftstrafen verhängen. Aus Sachsen wird über die Praxis der Parteigerichte berichtet: 96 Strafen von zwei Tagen bis sechs und acht Wochen Haft für renitente Parteimitglieder sind hier keine Seltenheit mehr. Der Eisenwarenhändler Fritz Spengler in Adorf i.V., ein überzeugter Nazi, wurde von der Ortsgruppe Adorf der NSDAP zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt. Spengler hatte eine Tür- Plakette für das WHW gekauft, die für ein Vierteljahr Gültigkeit haben sollte. Dafür sollte er vor weiteren Sammlungen verschont bleiben. Er wurde jedoch nach einem Monat erneut von Sammlern besucht und es wurde ihm erklärt, dass die Plakette bereits vor zwei Monaten ihre Gültigkeit verloren hatte. Sp. riss die Plakette von der Tür, warf sie auf den Boden und trat sie mit Füssen. Daraufhin erging obiges Urteil, welches auf seinen Einspruch auf 5 RMK ermässigt wurde. Sp. besitzt Verbindungen zu sehr einflussreichen Leuben in der Parteileitung. A-17Die Schulungsmassnahmen verfolgen den Zweck, die negative Auslese an Menschen, die die Partei ihrer Herkunft und ihrem Wesen nach darstellen muss, wenigstens notdürftig so weit zu bringen, dass sie den gestellten Aufgaben in der Partei und in der Verwaltung gewachsen ist. Nachdem die NSDAP die geistige und moralische Knechtung des Volkes organisiert, will sie jetzt in ihren eigenen Reihen die Hochzüchtung von Geist und Charakter organisieren. Bezeichnend für diese Methode ist die Bekanntmachung des Reichsleiters Rosenberg, des" Beauftragten des Führers der NSDAP für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP",--ausserdem gibt es noch einen Reichschultungsleiter Dr. Frauendorfer vom Juni dieses Jahres: " Zum Zwecke der Vertiefung und Sicherung der einheitlichen Formung der nationalsozialistischen Weltanschauung richte ich in meinem Amte eine" Zentralstelle für weltanschauliche Gestaltung" ein. Diese Stelle untersteht zunächst meiner persönlichen Leitung. Die" Zentral stelle für weltanschauliche Gestaltung" hat die Aufgabe, in engster gemeinsamer Arbeit mit anderen Dienststellen und Gliederungen der NSDAP die der nationalsozialistischen Weltanschauung entsprechende gedankliche Ordnung herauszuarbeiten und damit die Voraussetzungen auch für eine einheitliche nationalsozialistische Lebensgestaltung zu fördern." Die Organisation der Schulung umfasst Orts-, Kreis-, Gauund Reichsschulen, die zum grössten Teil erst im Aufbau begriffen sind. Die Schulen sind Internate und tragen den romantischer Namen" Schulungs burgen"; die Reichsschulen heissen" Ordensburger ( Zu den drei bestehenden sollen noch zwei weitere hinzukommen). Die Heranbildung des Nachwuchses soll also in einem besonderen Schulsystem vor sich gehen, dass den jungen Menschen schon nach den ersten Volksschuljahren erfasst und aus der Masse der Volksgenossen aussondert. Es ist bezeichnend, dass sich vor einiger Zeit sogar die SSZeitung" Das Schwarze Korps"( vom 25. Juni 1936) gegen diesen " konfektionierten Nationalsozialismus" wandte und darauf aufmerksam machte, dass allein schon die geeigneten Lehrer fehlen " für den Riesenapparat, den die Schulung der Bewegung schon A-18heute darstellt. Trotz dieses Riesenapparates ist es bisher weder gelungen, das Ansehen der Partei in der Oeffentlichkeit zu heben, noch der Partei selbst ein inneres, geistiges Leben einzuflössen. Für die Stellung der NSDAP im Urteil des Volkes zwei Beispiele: Hessen: Die NSDAP spielt in den Augen der Bevölkerung überhaupt nur eine Rolle als Organisation zur Besetzung der öffentlichen Stellen mit Nationalsozialisten. Wenn einer eine niedrige Parteinummer hat, dann hat er damit eben einen erhöhten Anspruch an den Staat. Wenn dieser Anspruch noch nicht befriedigt worden ist, dann rechnet man damit, dass der Betreffende wohl demnächst versorgt wird. Die Reichswehr ist im öffentlichen Bewusstsein eine Machtsäule des Systems, nicht aber die NSDAP. Es kommt hinzu, dass die Partei in Hessen und Hessen- Nassau verhältnismässig wenig von sich reden macht. Es finden selten Versammlungen und Kundgebungen statt, und wenn schon welche abgehalten werden, dann sind die offiziellen Reden der Parteiführer ziemlich bitter und enttäuscht und ganz auf die Defensive abgestellt. Der Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger ist der unbeliebteste Mann in Hessen. Er ist ein ganz untergeordneter Mensch, ein bösartiger Intrigant, aber er ist heute ein Machtfaktor in Hessen, weil er es verstanden hat, alle Nebenbuhler zu beseitigen. Man spricht davon, dass seine Macht darauf beruhe, dass ihm Hitler die Entstehung der nationalsozialistischen Beamtenbewegung verdanke. In der Bevölkerung unterhält man sich über seine Saufgelage, über die Geschenke, die er nimmt, über seine verschiedenen Einnahmenquellen als Gauleiter, Reichsstatthalter, Reichstagsabgeordneter usw. usw. Ununterbrochen werden Witze über ihn in Umlauf gesetzt. Er ist kein guter Redner und die Bevölkerung mag ihn schon gar nicht mehr hören. Er hat mit dazu beigetragen, dass die NSDAP in Hessen in den letzten drei Jahren einen ungewöhnlich starken Kräfteverbrauch hatte. Der frühere Reichsstatthalter Jung ist abgesetzt worden, die Minister Werner und Müller haben ihren Posten verlassen müssen und in der Bevölkerung weiss niemand, wo sie eigentlich geblieben sind. Bayern: Der zweite Bürgermeister von Selb heisst Bauer. Er ist ofter erheblich betrunken und hat dann in den Wirtshäusern Zusammenstösse mit den anderen Gästen. Wegen geschäftlicher Angelegenheit hat er einmal einen Eid abgelegt, der nach Meinung aller Eingeweihten ein Meineid war. Der Staatsanwalt beim Landgericht Hof beantragte damals auch eine mehrjährige Freiheitsstrafe gegen Bauer und sofortige Verhaftung. Das Gericht sprach Bauer frei, nachdem eine Anzahl massgebender Nazibonzen energisch für ihn Zeugenschaft abgelegt hatte. Allgemein gilt Bürgermeister Bauer als der" Meineidbauer" von Selb. Vor einiger Zeit war Bauer wieder in einer Bierwirtschaft in Selb, in der auch der Sohn des Erbhofbauern Jäckl A-19anwesend war. Erst soffen sie beide miteinander, dann kamen sie in Streit. In diesem Streit erklärte der junge Jäckl: " Mein Vater ist Erbhofbauer, übergibt er den Hof, dann bin ich Erbhofbauer, das ist fein was anderes als Meineidbauer!" Der Bürgermeister Bauer steckte diese anzügliche Bemerkung stillschweigend ein und hat auch nachträglich keine Anzeige erstattet, weil er seine Meineidssache vor Gericht nicht noch einmal aufgerollt haben will. Ganz Selb spricht aber davon. Ebenso wenig ist es gelungen, die Parteigenossen selbst zu einer weltanschaulich geschlossenen, kämpferischen Gemeinschaft zusammenzuschweissen. Die Partei hat kein inneres Leben, und ersetzt auf ihren Veranstaltungen geistige Auseinandersetzungen durch leeren Betrieb und öde Unterhaltung. Unzufriedenheit, Neid und Missgunst sind unter den Pg. weit verbreitet. Sachsen: Die P.0. ist bloss dazu da, um die eigenen Parteimitglieder abzulenken, und zu verhindern, dass sie auf eigene Gedanken kommen. Es gibt immerfort Theater, Konzerte, Nachbarschaftsabende und sonstige gesellige Veranstaltungen. Ausserdem hat praktisch jeder Pg. ein Amt, entweder als Zellenleiter, Blockleiter usw. In den Ortsgruppenversammlungen finden Vorträge statt, an die sich eine freie Aussprache schliesst. In dieser freien Aussprache soll" gesunde Kritik" zugelassen sein. Da aber die Führer nun schon immer das Best. tun, kann doch niemand etwas besseres sagen und infolgedessen steht die" gesunde Kritik" nur auf dem Papier und die freie Aussprache kommt grösstenteils nicht zustande. Wenn die Leute dann nach Hause gehen, stecken sie allerdings die Köpfe zusammen. Aber was soll man machen. Viele haben die Geschichte satt, aber sie können nicht aus der Partei austreten, ohne ihre Staatsfeindlichkeit zu beweisen, denn sie müssten ja das Austrittsgesuch begründen und wie sollen sie das tun? Die Unzufriedenheit ist auch in den Kreisen der Amtswalter ziemlich gross. In Neugersdorf, Ebersbach und Neusalza- Spremberg hat die Gestapo vor einiger Zeit einige Amtswalter verhaftet. Unter vier Augen kann man auch von P.0.- Mitgliedern allerhand hören. Einer hat einmal auch den Versuch gemacht, aus ehrlichem Wollen heraus in einer Ortsgruppenversammlung die wirklichen Zustände in der Partei offen zur Sprache zu bringen. Aber man hat ihn dabei so schwer zusammengestaucht, dass er froh sein musste, nicht gemeldet zu werden. Seitdem traut sich niemand mehr, ein offenes Wort zu sagen. Unter vier Augen kann man von Amtswaltern Aussprüche hören wie: es hat ja gar keinen Zweck, dass wir noch in die Amtswalter A-20sitzung gehen. Wir können doch den Leuten nicht immer dasselbe Zeug vorreden. Oder: wundern soll es mich nicht, wenn sie mich auch mal wegholen, ich kann auch die Schnauze nicht halten. Berlin: In Berlin sind fieberhafte Bestrebungen im Gange, das äussere Stadtbild vom Stürmerschen Radau- Antisemitismus zu reinigen, um das Olympiadegeschäft nicht zu verderben. In einer Versammlung der NSDAP wandte sich ein Pg. gegen die unglaubliche Verlogenheit, die sich in diesem Kotau vor dem internationalen Grosskapital und den Juden zeige. Der Redner wurde niedergeschriean und ein Amtswalter erklärte, dass man das machen müsse, um die Devisen hereinzubekommen. In Wahrheit bleibe der alte Kurs voll in Geltung. Sachsen: Unter den lokalen Grössen der NSDAP treten häufig aus Neid und Missgunst schwere Differenzen auf, die in einzelnen Fällen sogar bis zu gerichtlichen Klagen gegeneinander geführt haben. Die. übergeordneten Instanzen bemühen sich in der Regel, die gerichtliche Austragung zu verhindern, um die inneren Differenzen nicht öffentlich sichtbar werden zu lassen. So wird aus X. bei Chemnitz mitgeteilt, dass ein zur Schlichtung in den Ort gekommener Vertreter der Kreisleitung den streitenden Partnern vorgehalten hat, ob sie sich denn über die ganze Situation, in der sich die Partei befinde, gar nicht im Klaren seien, dass sie der Aussenwelt das Schauspiel gerichtlinher Differenzen bieten wollten. Das freue doch den heimlich und fieberhaft arbeitenden Gegner nur und die Feinde der Bewegung würden durch solche Vorkommnisse sehr ermuntert, weil sie den Eindruck der inneren Zerrissenheit gewännen. Sie sollten sich ja darüber klar sein, dass der Partei noch schwere Kämpfe bevorständen, von denen noch kein Mensch sagen könne, wie sie ausgehen würden. Sollte der Gegner wieder einmal an die Macht kommen, so wüssten sie wohl, was ihnen allen bevorstände, einer wie der andere müssten sie ihre jetzige Betätigung mit dem Leben bezahlen. Ob sie denn nun begriffen, wie notwendig es sei, unter allen Umständen treu zusammenzustehen und jeden ungünstigen Eindrucl nach aussen zu vermeiden. Bayern: In den Dienststellen der NSDAP, der SA und SS haben Auflehnungs- und Neidgefühle angesichts der systematischen fortgesetzten Sparpolitik nach unten weitere Nahrung gefunden. Gespräche über protzenhaftes, anmassendes und verschwenderisches Verhalten der höheren Amtswalter verstummen nie. Aber auch die Ueberwachung und Ausmerzung" unzuverlässiger" Elemente( die auch vor einem alten Datum des Parteibuches nicht Halt macht und selbst Träger des Blutordens ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager bringt) hat schärfere Formen angenommen. Die Apparatbürokratie arbeitet sehr exakt und unerbittlich. Auch hier das allgemeine Bild: Je umfangreicher die allgemeine Misstimmung, umso straffer die Apparatur, umso A- 21beweglicher die allgemeine Missstimmung. Der innere Bau der Partei weist zur Zeit keinerlei Lockerung auf, die die Machthaber auch nur im geringsten beängstigen müsste. Rheinland: Einer unserer Genossen traf vor einigen Wochen auf der Strasse rein zufällig einen" alten Kämpfer", den er von früher her kannte und von dem er wusste, dass der Mann seit 1923 in der NSDAP ist und dass er alle Phasen der NSBewegung mitgemacht hatte, sogar schon in der deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund- Bewegung gewesen war. Der Nazi sagte im Verlauf des Gesprächs zu unserem Genossen:" Ja, sieh mich mal an. So laufe ich noch immer mit meinem Koffer herum, genau wie damals. Ich bin nichts geworden, andere aus meinem Milieu und aus meinen Formationen von ehemals sind Standartenführer und sonst etwas geworden. Noch viel mehr sind wie ich nichts geworden. Die Geschäfte gehen schlechter denn jemals. Adolf Hitler kann mich mit Götz von Berlichingen." Dieser Eine ist keine Ausnahme. Viele sind heute genau so enttäuscht. Wenn sie noch immer" dabei bleiben", dann gibt. es dafür vielerlei Gründe. Manche schämen sich, ihren Irrtum und ihre Enttäuschung öffentlich einzugestehen, andere haben noch immer Hoffnung, dass in der Partei eine Wandlung eintreten könnte und dass die" Ideale" und" Programmpunkte" doch noch verwirklicht werden würden. Jedenfalls sind viele NSDAPMitglieder heute unendlich enttäuscht, zum Teil aus persönlichen, zum Teil aus sachlichen Gründen. Südwestdeutschland: Ein Student, der alter SA- Mann ist, gehört einer Art Rechtsopposition in der NSDAP an. Er ist als " alter Kämpfer" nicht für einen verstärkten Radikalismus, sondern im Gegenteil steht er auf Seiten Blombergs und ist ein entschiedener Gegner von Rosenberg und Goebbels. Er liest ausländische Zeitungen und verurteilt wegen der Wirkungen auf das Ausland die Wahnsinnspolitik gegen die Kirche. Zu demselben Typ gehört eine" alte Kämpferin", die sogar eine Mitgliedsnummer unter 100 hat. Sie ist gegen die jetzige Führung, denn sie fühlt sich in erster Linie als Nationalsozialistin und nicht als Sozialistin. Da sie von glühendem Nationalgefühl erfüllt ist, beherrscht sie die Angst, dass die jetzige Politik Deutschland schädigen könnte. Man kann fast sagen, dass diese Art von oppositionellen Pgs. sogar innerhalb der Partei konspirieren. Sie versuchen, bei Stellenbesetzungen ihre Leute zu lancieren und die Radikalinskis hinauszudrängen. Sie schaffen sich zahlreiche persönliche Verbindungen und sie hüten sich, allzusehr mit der Organisation zu verwachsen. Man will in den Organisationen nicht sonderlich aufsteigen, denn das Schicksal Röhms schreckt. Diese Oppositionellen sind keine Gegner Hitlers. Sie glauben, dass der Führer den gesunden Instinkt hat. Das hinderte sie nicht, selbst den Hitlergruss zu unterlassen. A-22Schlesien: Die Stimmung in der NSDAP ist sehr schlecht. Die Mitgliedschaft unterhält sich über Korruptionsfälle, Vergehen und Unterschlagungen der Politischen Leiter. Es herrscht eine starke Führerfluktuation, in grossem Masse erfolgen Versetzungen. In den letzten Wochen wurden alte Mitglieder, die seit langem mit ihren Beiträgen im Rückstande sind, aufgesucht und zur Nachzahlung aufgefordert. Sachsen: Die NS- Frauenschaften sind wirkliche Kaffekränzchen. Zwar werden alle Anstrengungen gemacht, geeignete Funktionärinnen zu finden, aber vergebens. Keine Frau meldet sich. Ab und zu wird dann einfach eine zur Führerin kommandiert, aber diese verschwindet wieder nach kurzer Zeit unter irgend einer Ausrede. Finden mal Vorträge über Arbeitsverhältnisse und Aehnliches statt, dann erntet die Vortragende meist nur lautes Gelächter. Gerade in der Lausitz sind fast alle Frauen in der Textilindustrie tätig gewesen oder noch heute tätig, so dass man ihnen nichts vormachen kann. Berlin: Die Referentinnen der NS- Frauenschaft werden von der Leitung gezwungen, die vermittelten Vorträge nicht selbst auszuarbeiten, sondern sie von dem von der Referentenvermittlung gelieferten Manuskript abzulesen. Sie müssen sich verpflichten, das Manuskript wortwörtlich zu verlesen, allerdings sollen sie den Eindruck erwecken, als ob sie frei sprechen. Wenn die Referentinnen--gelegentlich-- nach eigenen Manuskripten reden sollen, dann muss der Vortrag vorher ausgearbeitet und im Wortlaut zur Prüfung eingereicht werden. Die Referentin, von der diese Mitteilungen stammen, fand die Methode des Manuskriptablesens sehr zweckmässig, es erleichtere die Arbeit. Selbstverständlich finden keine Diskussionen über diese Vorträge statt. Mitteldeutschland: Der Verband der Arbeitsinvaliden ist nach dem Umsturz zur NS- Arbeitsopferversorgung geworden, die der NSDAP unterstellt worden ist. Die Versammlungen waren früher, als der Verband noch unter sozialdemokratischer Führung stand, immer rein sachlich. Es wurden Fragen der Unterstützung besprochen, und die Mitglieder wurden mit der sachlichen Arbeit des Verbandes bekanntgemacht. Heute spielen sich die Dinge ganz anders ab. Es werden zwar auch noch regelmässige Versammlungen veranstaltet, aber eine solche Versammlung sieht jetzt folgendermassen aus: Die Versammlung wird vom Versammlungsleiter mit" Heil Hitler" begrüsst und antwortet geschlossen mit" Heil Hitler". Dann wird das Horst WesselLied gesungen. Dann gibt es ein Theaterstück, das einen lächerlichen und banalen Inhalt hat. Darauf tritt ein Schauspieler auf, der schlechte Witze macht und schliesslich wird das Deutschlandlied gesungen; dann geht man auseinander. Von sachlicher Unterrichtung und von Besprechung der Fragen, die die Arbeitsopfer angehen, ist keine Rede. Einmal im Jahr gibt es ein Zusammentreffen mit Kaffee und Kuchen.- Aber man darf sich keine Illusionen machen; der Mehrzahl der Leute gefällt A- 23das, sie sagen: so etwas gab es früher nicht. Besonders intensiv wird die Filmpropaganda der NSDAP betrieben. Nach einem Bericht der Amtsleitung Film der NSDAP sind im Jahre 1935/36 insgesamt 141 Parteifilme mit 16.995 Kopien hergestellt und vor allem auf dem Lande durch transportable Vorführungseinrichtungen gezeigt worden. Uns wird berichtet: Bayern: Die Parteiortsgruppen werden seit Monaten mit Filmen beliefert. Von der Gaugeschäftsstelle fährt dauernd ein Filmwagen im Lande herum. Nationalsozialistische Kitschfilme wie z.B.:" Ein Mann will nach Deutschland" werden in jedem kleineren Dorf vorgeführt. Jeden Tag ist der Wagen an einem anderen Ort. Selbst Dörfer mit nur 600 Einwohnern werden besucht. Der Eintrittspreis beträgt 50 Pf. Durchschnittlich alle 6 Wochen findet eine Filmvorführung statt. Bei der Landbevölkerung findet diese Einrichtung grössten Zuspruch. Der Andrang ist grösser als in der Kirche. Seit einigen Monaten kommen fast lauter Kriegsfilme, zu denen auch die Jugend Zutritt hat. Diese Art von Propaganda tut auf dem Dorfe ihre Wirkung. Der Bauer hat ja sonst nie Gelegenheit, ein Kino zu besuchen, umsomehr gibt er sich dann dem Genusse" nationalsozialistischer Kunst" hin. Dazu laufen dann noch Kettenlichtbildervorträge durch alle Ortsgruppen. Hier macht man Generalangriff auf den Bolschewismus. Der Lichtbildervortrag" Hungersnot in Sowjetrussland" ist nun schon durch fast alle Ortsgruppen gelaufen. Eintritt 20 Pf. Ein Freund, der sich diesen Vortrag anhörte, berichtet: " Zuerst kam eine grosse Rede gegen den materialistischen Geist des Bolschewismus, schreckliche Bilder von halb verfaulten Menschenleibern, von Leichenbergen, die hinter Strauchwerk aufgeschichtet waren, von Kindern, die bis auf das Skelett abgemagert waren, Kirchen halb verfallen, wurden gezeigt. Bettelnde Kinder und an Bäumen aufgehängte Menschen. Er war schrecklich in seiner Zusammenstellung. Und das, so sagte der Redner, ist das wahre Bild von Russland. Aber dann kam plötzlich blühendes Land, schöne lichte Wohnungen, herrliche Strassenbilder, lachende Menschen und das ist unser Deutschland. Zum Schluss dann das Bild des Führers, der das alles geschaffen hat und uns vor dem Bolschewismus bewahrte. Hinzuzufügen ist nur, dass die meisten Leute im Saal, selbst die Nazis, diesen Vortrag als schlecht bezeichneten, denn wenn so plump gelogen wird, dass man es mit Händen greifen kann, verdas fängt es auch bei den Deutschen nicht mehr. Ein Bild, hungernde Kinder zeigte, ist einem Antikriegsbuch entnommen und zeigt verhungerte armenische Kinder. Das Bild stammt aus dem Weltkrieg, aber des wurde den Zuschauern nicht gesagt." Pfalz: In den pfälzischen Dörfern wird gegenwärtig ein Film der NSDAP vorgeführt, betitelt:" Deutscher Wehrwille, deutscher Ehrwille". Der ganze Entwicklungsgang von der deutschen Früh A-24geschichte bis zur heutigen Wehrmacht gelangt zur Vorführung, wozu dann noch besonders interessante und eindrucksvolle Darlegungen kommen. 2) SA und SS. Die SA hat seit dem 30. Juni 1934, seit der Einführung der Wehr- und Arbeitsdienstpflicht und seit der Heranziehung der SS zu Polizei aufgaben ihre Bedeutung verloren. Sie hat weder Ansehen in der Bevölkerung, noch Selbstbewusstsein und die Führer suchen verzweifelt nach gelegentlichen Betätigungsmöglichkeiten. In Bautzen wird z. B. die SA neuerdings damit beschäftigt, in" freiwilliger Gemeinschaftsarbeit" einen Festplatz herzurichten. In der kleinen ostpreussischen Stadt Darkehmen nachte sich die SA während der Trockenperiode im Frühsommer dadurch nützlich, dass sie Abend für Abend den neu angepflanzten Stadtwald mit Giesskannen und Eimern bewässerte. Zahlenmässig ist die SA immer noch eine grosse Organisation, lie sich in 21 Gruppen, 97 Brigaden und 627 Standarten glielert. Die Standarte, die dem Regiment in der Armee entsprechen soll, hat eine Sollstärke von mindestens 1.000 Mann, so dass also noch mindestens 650.000 Mann der SA angehören müssten. ... ber alle Berichte stimmen darin überein, dass die Zugehörigkeit zur SA vielfach nur noch auf dem Papier steht und die Zahl der aktiven Mitglieder immer geringer wird. Während man nach dem 30. Juni 1934 im Zuge der Säuberungsaktion den Leuten den Austritt leicht machte, versucht man seit inigen Monaten offensichtlich, den Bestand zu halten und Ausritte zu unterbinden. Die Umstellung der Betätigung auf Schuungsmassnahmen wird fortgesetzt. In einigen Gauen sind neue SAruppenschulen eingeweiht worden. Sachsen, 1.Bericht: Die SA hat stark an Wert verloren. Seit dem 30. 6. 34. ist sie bloss noch ein Verein. Man beschäftigt sie heute zum grössten Teil nur mit politischer Schulung und mit Sport. Sie hat tatsächlich keine Waffen mehr, während vor dem 30.6. soviel Waffen vorhanden waren, dass jeder SA- Mann ausreichend hätte ausgerüstet werden können. Auch der Schiessunterricht ist abgeschafft. Die SA hat auch keine eigenen A-25Fahrzeuge mehr. Unser Oberführer hatte noch einen Wagen, aber der sollte auch gegen einen kleineren umgetauscht werden. Die unteren SA- Führer, bis zum Ober- Truppführer, die nicht besoldet werden, haben eingesehen, dass die SA nichts mehr ist, und sind nicht mehr mit dem richtigen Ernst bei der Sache. Dazu ist der Dienstbesuch sehr schlecht. Die 3 Standart en unserer Gegend sind im Frühjahr 1935 zu einer zusammengelegt worden. Die Standarte 20, die früher 1.800 Mann stark war, hat bei der Zusammenlegung nur noch eine Stärke von 800 Mann gehabt. Der Sturm X. ist von 120 Mann auf 34 Mann zurückgegangen. Das Verhältnis zwischen Mannschaften und Führern ist sehr gespannt und keineswegs kameradschaftlich. Das zügellose und verschwenderische Leben der SA- Führer vor dem 30.6.34. wirkt immer noch nach. Die SA- Leute sind unzufrieden, weil sie immer opfern sollen und keine Vorteile sehen. Die SA hat zwar eine eigene Stellenvermittlung, aber viele hoffen seit Jahren vergeblich auf einen Arbeitsplatz. Ab und zu müssen sie wieder neue Fragebogen ausfüllen. Eine direkte Vermittlung gibt es nicht mehr; es geht jetzt alles durch das Arbeitsamt. Auf dem Vermittlungsbogen des Arbeitsamtes steht dann oben drauf, dass der Betreffende SA- Mitglied oder" alter Kämpfer" usw. ist, und die meisten Arbeitgeber lehnen dann schon unter allen möglichen Vorwänden ab, weil sie schlechte Erfahrungen mit SA-Leuten gemacht haben. Die politische Schulung in der SA besteht darin, dass man Hitlers Kampf auseinandernimmt. Vor einigen Monaten hat man Schulungsreferenten ausgebildet. Das wurde so gemacht, dass bestimmte SA- Kameraden aus jedem Sturm dazu abgeordnet wurden, die dann in 4- Wochen- Kursen--zweimal 2 Stunden in jeder Woche zum Referenten ausgebildet wurden. Seitdem reisen diese Schulungsreferenten im Sturmbann herum und leiern ihr auswendig gelerntes Referat herunter. Es heisst zwar immer, dass dann freie Aussprache sein soll, aber diese Referenten sind einer solchen Aussprache einfach nicht gewachsen. Sie können nur ihr Referentenmaterial herunterbeten; wenn sie dann selbst Stellung nehmen sollen, versagen sie. Wir sind 1933 als ehemalige Sozialdemokraten in die SA hineingegangen, weil wir uns gesagt haben: wenn die SA für die Bewachung der Konzentrationslager und für die Durchführung von Haussuchungen herangezogen wird, dann ist es gut, wenn wir dabei sind. Es ist auch gut, wenn wir die Methode des Gegners kennen lernnen und seine Organisationen eingehend studieren. Ausserdem wollten wir aber versuchen, die SA zu zersetzen. Diese Erwartungen haben sich alle nicht erfüllt. Das Führerprinzip und die Spitzel in der SA verhindern jeden Erfolg der Zersetzungsarbeit. Wir haben zwar mit den anderen SA- Kameraden in der geeigneten Form diskutiert und man hat uns auch recht gegeben. Aber wenn dann ein höherer Führer kommt und eine Rede hält, dann setzt er sich schliesslich mit seiner Autorität doch wieder durch. Zwischen SA- und SS- Leuten besteht alles andere als ein A-26kameradschaftliches Verhältnis. Die SA-Leute haben sich von Anfang an gefragt, warum denn die Partei überhaupt zweierlei Truppen brauchte und sie haben sich dann schliesslich die Antwort gegeben: nur um die einen gegen die anderen auszuspielen. 2. Bericht: Ein bezeichnender Fall aus der Zeit nach dem. Gustloff- Attentat in der Schweiz. Ein Chemnitzer SA- Mann, alter Kämpfer, äusserte kurz nach Bekanntwerden der Todesnachricht:" Na ja, warum soll ein so prominenter Pg nicht auch einmal eins abkriegen, er kanns doch nun nicht immer bloss schön haben in seinem Leben und wir anderen räumen den Dreck weg. Man wundert sich bloss, dass nicht mehr bei uns im Reiche vorkommt, nach dem, was wir 1933 angestellt haben. Bei uns kommts vielleicht mal alles auf einmal." 3. Bericht: Ein SA-Mann, der früher Kommunist war und bald nach dem Umsturz zur SA ging,( er ist etwa 23- 24 Jahre alt) fühlt sich sehr wohl, empfindet das Exerzieren als eine Selbstverständlichkeit, hat aber seine politischen Anschauungen nicht geändert. Er hat die Uniform der SA mit grösster Selbstverständlichkeit angezogen und macht ohne innere Hemmungen alles mit, was von ihm verlangt wird. Er frisst noch heute nicht die Nazis, sondern jeden Sozialdemokraten. Von den Nazis meint er, dass sie es schon richtig anfassen. Die Gewaltmethoden der Diktatur behagen ihm und er zieht daraus den Schluss:" Jetzt sehen wir erst, dass die Kommunisten recht haben. Wir hätten auch befehlen müssen." Im übrigen bringt er aus der SA sehr viele Witze gegen das System mit nach Hause und mitunter die saftigsten. 4. Bericht: In Zittau fand Ende Juni ein Gautreffen der SA statt. Reichsstatthalter Mutschmann und Ley hielten Reden. Während des Aufmarsches gingen SA- Patrouillen durch die Gasthäuser und suchten nach SA-Leuten, die in den einzelnen Stürmen fehlten. Die angetroffenen SA- Männer erklärten, sie könnten nicht solange stehen. In Wirklichkeit hatten sie keine Lust und wollten sich dem Zwang zur Beteiligung an dem ganzen Quatsch nicht mehr fügen.- Einem Scharführer, der aus der SA austreten wollte, wurde bedeutet, dass er von drei Aerzten ein Attest darüber beibringen müsse, dass er krank sei. Er bekam dann 6 Wochen Urlaub. Im März dieses Jahres hat sich der SA- Sturmführer Resch aus Chemnitz in Reichenhall erschossen. Er wurde nach Chemnitz überführt und dort mit grossem Pomp begraben. In der Bevölkerung hält sich das Gerücht, dass sein Selbstmord nicht freiwillig gewesen sei. Er habe Umgang mit hohen Chemnitzer SAFührern gehabt, die im Verdacht der Homosexualität stehen. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In der SA herrscht grösste Unzufriedenheit. Man fragt, wann endlich die wichtigsten Punkte des Parteiprogramms erfüllt würden. Wo geschieht etwas A-27zur Beseitigung der Zinsknechtschaft? Wie steht es mit der Festsetzung der Höchstgehaltsgrenze von 10.000 Mk? Die Unruhe in der SA und in anderen national sozialistischen Kreisen hat verschärfte Pflichtappelle zur Folge gehabt. Man lässt immer aufs Neue dem Führer die Treue schwören. Man versucht, den Mitgliedern der SA das verlorene Selbstbewusstsein wiederzugeben. Denn sie sind alle unsicher geworden. Deshalb versammelt man auch immer wieder Massen. Diese Massenansammlungen sollen jene Sicherheit im öffentlichen Auftreten zurück zaubern, das angesichts der allgemeinen Unzufriedenheit und der im täglichen Verkehr in Erscheinung tretenden Abneigung gegen die Uniformträger der Nazi- Bewegung immer mehr schwindet. Der SA- Mann, von dem diese Angaben stammen, berichtet über einen bezeichnenden Vorfall. Der SA- Führer Reuter aus Stollberg hatte eine Bierreise mit mehreren Unterführern der SA gemacht. Schliesslich war Reuter so besoffen, dass er die Gäste eines besseren Lokals belästigte. An einem Tisch sassen zwei Soldaten, die auf Urlaub waren, ein Gemeiner und ein Gefreiter. Sie wurden dauernd verhöhnt und sie verbaten sich die Unverschämtheiten mehrere Male. Zuletzt forderten sie Reuter auf, zu verschwinden, wenn er sich Unannehmlichkeiten ersparen wolle. Als Antwort darauf schüttete dieser das Bier des einen Soldaten aus. Darauf boxten die beiden Soldaten den Reuter nieder und Reuter rief jämmerlich um Hilfe nach seiner SA. Diese aber hatte sich schnell verdrückt und Reuter wurde schliesslich so zugerichtet, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste, wo er mehrere Tage blieb. Der Vorfall hat ihm ausserdem den Kreisleiterposten gekostet. Derselbe SA- Mann berichtet, dass der Riss mitten durch die uniformierten Nazi- Organisationen ginge. Die SS kann die SA nicht riechen. Nur zu oft liegen die einzelnen Gruppen vor dem Ehrengericht in Streit. Auch das NSKK tritt als Konkurrenz gegen die SA auf und die Mitglieder dieses Korps bilden sich auf ihre besondere Stellung sehr viel ein. Früher wetteiferte man in sogenannten Sport- und anderen Leistungen miteinander, jetzt betrachtet man sich mit scheelen Augen und die eine Formation sieht in der anderen nicht nur die Konkurrenz, sondern auch die Kontrollformation über die andere. Die SA-Leute fühlen sich als Soldaten zweiter Klasse. Viele wären längst ausgeschieden, wenn sie nur könnten. Gerade dieses Gefühl der Minderwertigkeit aber macht die SA immer mehr zu einem recht unsicheren Faktor des nationalsozialistischen Regimes. Da man weiss, dass die SA verseucht ist, rechnen wir damit, so sagte der SA- Mann, dass die Sperre für die SA nicht mehr aufgehoben werden wird. Man fürchtet vor allen Dingen das Hinüberwechseln aus der HJ. Diese Jugend ist ausser Rand und Band, und hat mit der alten preussischen Disziplin nichts mehr gemein. Das ist eine Jugend, die zu allem fähig ist und an der Adolf Hitler noch einmal seine Freude haben wird. Deshalb sucht man den Uebertritt dieser Jugendlichen in die SA A-28zu verhindern. Nur bei den sogenannten Reiterstürmen hat man jetzt die Sperre aufgehoben. In dieser auserlesenen Truppe hofft man, die zukünftigen Führer besser schulen und disziplinieren zu können. Bei Banken und anderen Institutionen macht man jetzt Reklame für den Eintritt in diese Formationen. Und so wird wieder eine neue Gruppe geschaffen, um sie gegen die andere ausspielen zu können. 2.Bericht: Als vor kurzem Stabschef Lutze in Aachen war, hat die SA drei Stunden in starkem Regen stehen müssen, bevor der Herr Stabschef kam. Dann mussten die Kolonnen vom Stadion zurück nach dem Elisenbrunnen in Aachen, um dort den Parademarsch auszuführen. Viele sind unter den Anstrengungen zusammengebrochen und es wurde mächtig über die Strapazen geschimpft. Aber wenn alles vorbei ist, sind die Leute wieder ruhige Bürger. Diesmal aber kam das dicke Ende noch nach. Bei der ganzen Geschichte ist nämlich ein Fehlbetrag von 7500, Mark entstanden, der jetzt von den SA-Leuten in Umlage aufgebracht werden soll, d.h. jeder SA- Mann soll drei Monate lang je eine Mark extra zahlen. Das hat natürlich grosse Missstimmung zur Folge. Die SA- Leute fragen sich, was das Fest- Essen zu Ehren des Herrn Lutze gekostet haben mag, wenn die Stadt es nicht einmal allein bezahlen kann. In X., einer Landgemeinde mit 7.500 Einwohnern, zählte die SA früher einmal 300 Mann. Heute sind es noch 40. Von diesen 40 fehlt beim Appell regelmässig die Hälfte. Oft treten jedoch nur 6 bis 7 Leute an. Viele SA- Leute, die bei der Machtübernahme selber die Verhaftungen der Gegner des Systems mitgemacht haben, erklären, dass es ihnen heute leid tue, dass sie den Schwindel damals mitgemacht hätten. In unserem Gebiet sind bei der SA nur diejenigen, die einen Posten bekommen haben und ihn nicht verlieren möchten, und die sogenannten" Maikäfer". Meist sind das ältere Leute. Die SA beginnt zu vergreisen; denn die jungen Leute machen nicht mehr mit. die 3. Bericht: Die SA ist zersetzt. Es gibt Abteilungen, 40% Kommunisten in ihren Reihen haben, teils ehemalige, teils Leute, die es heute ihrer Gesinnung nach sind, Leute, die mit Gott und aller Welt unzufrieden sind, die gelegentlich auf Hitler, dann wieder auf die Kapitalisten schimpfen und die auch manchmal drohen, sie würden noch einmal" richtige Revolution" machen, die aber im Grunde harmlos sind. Sie marschieren immer aufs neue, füllen die Versammlungen auf Befehl, markieren überall die Herrschenden und lassen sich im übrigen immer aufs neue einseifen. Es sill willfährige Elemente, die Hitler heute nicht mehr gefährlich werden können, bis auf einen kleinen Teil in der unteren Führerschicht, der tatsächlich aus Ueberzeugung unzufrieden, aber viel zu klein ist, um ernstlich an Auflehnung zu denken. Wie es in der SA aussieht, dafür ein kleines Beispiel: ich kenne einen SA- Mann, der sich früher nie um Politik gekümmert A-29hatte. Für ihn war alles gleich. Er war nur gegen die Sozialdemokraten und mimte, wenn man ihn nach seiner Einstellung fragte, den Kommunisten. Bei Wahlen wählte er natürlich auch kommunistisch; Jetzt ist der Mann bei der Essener " Nationalzeitung" als Zeitungsträger untergekrochen und nun ist er strammer SA- Mann und überzeugter Nationalsozialist. Und seine Frau denunziert jeden, der auch nur die leiseste Andeutung gegen das Regime zu machen wagt. Aus solchen Elementen besteht die SA im hiesigen Gebiet zum grossen Teil und dem entspricht auch ihre Bedeutung. Wer aus der SA austreten will, wird daran gehindert, wer aber aus irgend welchen Gründen hinausgeworfen wird, dem wird das in den Polizeiakten vermerkt. Die Aktivität hat sehr nachgelassen, so trat z. B. in letzter Zeit in Y. ein Sturm von 150 Mann nur noch mit 30 Mann an. Bayern, 1.Bericht( München): Die SA stellt heute nicht mehr die Kernt ruppe dar, die sie einmal war. Die besten Teile wurden ausgemustert zur Wehrmacht und zur SS. Damit ist auch der Kampfgeist dieser Truppe geschwunden. Die SA macht heute einen ausgedienten Eindruck. In der Hauptsache setzt sie sich aus alten Männern und ganz jungen Burschen zusammen. Die Stürme treten bei ihren Propagandamärschen mit kaum einem Drittel ihrer früheren Stärke an. Die weltanschaulichen Unterrichtskurse hat man grösstenteils wieder eingestellt, nachdem ihr Besuch immer schlechter wurde. Feldübungen werden noch regelmässig abgehalten. In der Zivilbevölkerung geniesst die SA keine Achtung mehr. Man nimmt sie nicht mehr für voll. 2. Bericht( Südbayerische Provinzstadt): Die SA hat hier keine Bedeutung mehr. Zwar wird noch exerziert, aber die Leute haben keine Lust mehr dazu. Die Jungen möchten alle zur SS und zum Militär. Die SA ist jetzt ein Veteranenverein geworden. Im hiesigen SA- Sturm sind Unsittlichkeiten vorgekommen, das hat sich in der ganzen Stadt herumgesprochen. Die neue Führung im Sturm kann sich keine rechte Autorität mehr verschaffen. Bei einem Appell, zu dem 70 Mann antreten sollten, sind nur 27 erschienen. Zuerst hat man viele Ausschlüsse vorgenommen, aber das macht man jetzt auch nicht mehr. Man wurstelt so fort. In der Ortschaft A. wurde der ganze SASturm aufgelöst, weil so wenige zu den Uebungen kamen, dass sie nicht mehr abzuhalten waren. 3. Bericht: In Thurnau in Oberfranken hat der Gau Bayerische Ostmark seit einiger Zeit eine SA- Führerschule eingerichtet, in der die unteren SA- Führer in 14- tägigen Kursen zusammengefasst werden. Grundlage des gesamten Unterrichts ist Hitlers" Mein Kampf". Daneben werden" Kampfsport" geübt und Absperrmassnahmen und Rettungsdienst. 1-30Schlesien: Für den 10. Juni war ein Appell der SA am Kamillusplatz in Hindenburg angeordnet, zu dem 500 Mann antreten sollten. Erschienen sind nur 80 bis loo Mann, von denen sich auch noch einige davon machten, als sie sahen, wie wenig angetreten waren. Beim Abmarsch fehlte auch die Fahne. Während des Marsches sang die SA von den angesagten Kampfliedern nur jeweils die erste Strophe, mit dem Rest müsse man doch auf die anderen, die fehlten, warten. SA- Leute, die vom Wehrdienst zurückkehren, beschweren sich, dass sie von den Offizieren schikaniert würden. Vor dem Hindenburger SA- Heim hat man die Aushängetafel für das" Schwarze Korps" entfernt, angeblich, weil der Verlag die Zeitung nicht mehr gratis liefern will. Ein Bericht über Russland, der vor dem SA- Heim ausgehängt war, wurde mit" Rot Front" überschrieben. Dies können nur SA- Leute getan haben. Dass die Beamten den Nazis gegenüber selbstbewusster auftreten, zeigt folgender Vorfall: Bei einem Menschenauflauf im Hindenburger Bahnhof wollte die SA eingreifen, wurde aber vom Bahnschutz abgewiesen. Als daraufhin der Kreisleit er erschien, um sich zu beschweren, wurde auch er weggeschickt. In Biskupitz bei Hindenburg wurden 30 SA- Leute verhaftet, weil sie in Verbindung mit der Schwarzen Front gestanden haben sollen. Es soll auch Geld gesammelt und ins Ausland geschickt worden sein. Einige der Verhafteten sind wieder entlassen, dürfen aber bei der SA keinen Dienst mehr tun. Ein Sturmführer soll die Leute verpfiffen haben. Man versuchte den Vorfall zu verheimlichen, er ist aber in der ganzen Gegend bekannt geworden. Nordwestdeutschland: Ein Musiker aus einer Standartenkapelle erklärt: Es ist kein Schwung mehr hinter der Sache. Von 28 Musikern kommen 13 zum Ueben. Zwei Drittel des Abends sind mit Auseinandersetzungen ausgefüllt. Wiederholt hat man sich auf der Heimfahrt von Gastspielen im Autobus die Köpfe blutig geschlagen. Das bei solchen Konzerten von allen verdiente Geld steckt der Dirigent in die Tasche. Manchmal ist er so gnädig, jedem Spieler 2 oder 3 Mark zu geben, obwohl oft genug ausser Essen und Schlafen 15 Mark pro Mann verdient werden. Bei drei Jahren Mitgliedschaft und regelmässiger Beitragsleistung sind Beitragsmarken bisher niemals ausgegeben worden. Wasserkante: Der Sturmführer Curt aus Schönkirchen bei Kiel hat seinem Leben durch Erschtessen ein Ende bereitet. Curt gehört zum linken Flügel und hat während der letzten Zeit in scharfer Opposition zu den führenden Bonzen gestanden. In einer Wirtschaft, in der sein Sturm, aber auch andere Gäste verkehrten, hat er mehrfach geäussert, sie seien allesamt belogen worden. Nur eine Clique habe die soziale Frage für sich gelöst, das Volk aber verelende. Curt musste sich vor dem Uschla verantworten. Er selber erzählte, dass er von A-31seinen Anklagen nichts zurückgenommen habe. Er wusste genau, was ihm drohte und hat auch seinen Freunden gegenüber niemals ein Hehl aus der Gefahr gemacht, in der er sich befand. Für das Ende Mai in Kiel abgehaltene Nordmarktreffen der SA, SS und der NSKK hat der Führer der SA- Gruppe Nordmark, Meyer- Quade, in einem Aufruf um Sach- oder Geldspenden für Ausrüstungsmaterial gebeten. Gebraucht werde alles, vom Tornister bis zum Kochgeschirr und von der Kleinkalibermunition bis zum Marschkompass. Der Hamburger Polizeisenator Bolz hat der Hamburger MarineSA ein Erholungsheim gestiftet. Das Heim ist in einem alten Herrensitz eingerichtet und bietet gleichzeitig 50 Leuten Unterkunft. In Barsbüttel bei Wandsbek wurde die neue Gruppenschule der Hamburger SA eingeweiht. Neben theoretischem Unterricht werden dort vor allem Lehrübungen im" Katastrophendienst und Katastrophenschutz" abgehalten. Die SS umfasst zur Zeit etwa 200.000 Mann und gliedert sich in 10 Oberabschnitte, 30 Abschnitte und 85 Standarten( Regimenter). Neben der allgemeinen SS bestehen die SS- Verfügungstruppe( drei Standarten und zwei Sturmbanner) und die SS- Wachverbände( für die Bewachung der Konzentrationslager). Seit der Ernennung des Reichsführers SS Himmler zum Chef der deutschen Polizei und des SS- Gruppenführers Heydrich, des Chefs des Sicherheits- Haupt tamtes der SS, zum Chef der Sicherheitspolizei, ist die Verbindung zwischen SS und Polizei noch enger geworden. Obgleich die SS im Gegensatz zur SA als Elitetruppe gilt, sind uns auch neuerdings wieder verschiedene Berichte zugegangen, die den derzeitigen Wert dieser Organisationen noch etwas Zweifelhaft erscheinen lassen. Bayern, 1.Bericht: Aus einer Kreisstadt mit 6.000 Einwohnern und fast rein katholischer Bevölkerung wird uns berichtet: Nachdem das Landeswaisenhaus von hier wegverlegt wurde, hat man uns 500 Mann aus der SS- Leibstandarte hierhergelegt. Niemand kann sich vorstellen, welchen Terror diese Bande ausübt. Kein Mensch wagt mehr laut zu reden. In allen öffentlichen Lokalen lümmeln die Schwarzen herum, kommandieren und randalieren. Ganz schlimm war es unter dem früheren Kommandeur der Abteilung, so schlimm, dass er durch einen etwas energi scheren Mann ersetzt wurde, der jetzt etwas mehr Disziplin in die Truppe gebracht hat. Aber es ist noch immer schlimm genug, beinahe so, wie wenn man in einer von feindlichen Truppen besetzten Stadt lebte. A-322.Bericht: Die SS geniesst viel mehr Achtung als die SA. Sie wird in besonderen weltanschaulichen Vortragsabenden geschult. Regelmässig finden in der Universität Vorträge auswärtiger Redner über Rassenprobleme, Bevölkerungspolitik, Geopolitik usw. statt. Man sucht in der SS durch alle erdenklichen Mittel das Bewusstsein zu erreichen, dass sie eine Herrenschicht bilde." Die SS ist zur Rassenpflege besonders verpflichtet, denn sie ist die Vereinigung zweier Auslesen, und zwar der Leistungsauslese und der Fortpflanzungsauslese. Die SS muss dem deutschen Volke den Nationalsozialismus vorleben und das Vorbild einer geistig und sittlich hochstehenden erbgesunden Sippe sein." So hiess es in einem dieser Vorträge. Die SS ist wirklich eine auserlesene Truppe. Bei ihr sind viele Idealisten, die ihren Dienst ernst nehmen und ehrlich an ihre Mission glauben. Der Stolz auf die Uniform lebt in jedem. 3. Bericht: In einem Presse- Bericht über die Besichtigungsfahrt der Teilnehmer an der Münchner Führertagung wurde dargestellt, dass die SS- Unterkünfte in Dachau von der Mannschaft der SS errichtet worden seien. Es heisst darin u.a.: " Die Anlagen sind ausnahmslos ohne Hilfe von Partei und Reich durch die Schutzstaffeln selbst in eineinhalb Jahren mühevoller Arbeit aufgeführt worden... In eigenen SS- Wirtschaftsbetrieben, Schlächterei, Tischlerei, Schreinerei, Schneiderei, Bäckerei, Schlosserei wird ausschliesslich für den eigenen Bedarf der SS gearbeitet. Eine Beteiligung am öffentlichen Markt erfolgt nicht." Gegenüber diesem Bericht ist festzustellen, dass beim Bau dieser Gebäude die Arbeit von Schutzhäftlingen geleistet wurde. Ebenso wurde die Inneneinrichtung von Häftlingen hergestellt. In den Werkstätten wird aber auch für den Privatbedarf der SS- Führer gearbeitet. Schlafzimmereinrichtungen, ganze Wohnungseinrichtungen werden hier gefertigt, ohne dass sich jemand darum kümmert. Blühendste Korruption entfaltet sich hier. 4.Bericht: Im Konzentrationslager Dachau gab es drei besonders schlimme Menschenquäler unter den Nazibonzen. Heute lebt keiner mehr von ihnen. Sie hiessen Mutzbauer, Steinbrenner und Sporer, den die Gefangenen" Iwan den Schrecklichen" nann-. ten. Mutzbauer war der erste politische Leiter des KZ Dachau. Er machte den Gefangenen das Lager zur Hölle. Laufende Unterschlagungen an den Postsendungen an die Gefangenen führten schliesslich dazu, dass gegen Mutzbauer eine Untersuchung eingeleitet werden musste. Einer Urteilsvollstreckung kam Mutzbauer durch Selbstmord zuvor. Er hat sich im Lager Dachau aufgehängt. Das war schon 1934. Iwan der Schreckliche, Sporer, war in Dachau SS- Scharführer. Er war ein dummer, brutaler Mensch. Man sagte von ihm, dass er nicht einmal seinen Namen richtig schreiben konnte. Er war vielleicht der brutalste. So zwang er Juden, dass sie A-33- ihre eigenen Exkremente in den Mund nehmen mussten. Er ist der Mörder des Juden Hausmann. Es musste eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet werden wegen Unterschlagung aller Art, besonders wegen Unterschlagungen in der Lagermetzgerei. Im August 1935 wurde Sporer aus dem Lager entlassen, ohne dass aber eine Strafverfolgung einsetzte. Man sah ihn dann in München als städtischen Strassenkehrer. Im März I93G wurde Sporer eines Tages in einer Münohener Anlage als Leiche gefunden. Ueber die Todesursache wurde nichts verlautbart. Steinbrenner Hans, der andere viehische Menschenquäler, war zunächst in Dachau einfacher SS-Mann, wurde dann SS-Scharführer und in dieser Eigenschaft Lagerverwalter. Aber man konnte ihn dort wegen Unregelmässigkeiten nicht lange belassen und er wurde wieder zum gewöhnlichen SS-Mann degradiert. Im Frühjahr 1936 wurde er eines Tages als Leiche auf der Strasse von Dachau nach München gefunden. Er war erschossen. Es geht das Gerücht, dass ihn Röhm-Leute ermordet haben.- Die SS- und SA-Leute, die im Grenzdienst stehen, müssen sich einer Eignungsprüfung unterziehen. Dabei fallen die meisten durch. Auf diese Weise wird man einen Teil von ihnen los. Der SS-Mann Hoffmann, der als Hilfs-Grenzer in Reichenau bei Waidhaus[nördl. Oberpfalz) stationiert war, hat sich jetzt erschossen. Er war als lärmender und brutaler Nazi bekannt. Hoffmann hatte über seine Verhältnisse gelebt und Schulden gemacht. Der Durchfall bei der Prüfung zerstörte seine Hoffnungen auf eine auskömmliche Beamtenexistenz. Ein anderer SS-Hilfsgrenzbeamter hat sich im Grenzort Brix, Gemeinde Neuhausen,(zwischen Asch und Behau) erschossen. Auch dieser Selbstmord soll die Folge des Ausscheidens aus dem Grenzdienst sein. Sachsen. 1. Bericht: Aus einem Gespräch mit einem jungen SS-Mann:"Sie stammen aus Oesterreich, dann sind Sie doch sicher österreichischer Emigrant?- Ich bin kein Emigrant, denn ich habe ja jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Ich bin in der SS nur zur Ausbildung.- Wollen Sie denn nicht gern nach Oesterreich zurück?- Ja, ich möchte schon, aber eines Tages werden wir uns schon Oesterreich holen. Wir nehmen schon Rache. In Dachau ist noch Platz genug. Wir werden ja nur darauf vorbereitet und wir sind ja so stark gerüstet!- Aber die anderen Staaten sind auch hoch gerüstet und die werden das nicht erlauben.- Aber bei uns ist das doch alles viel moderner, die Rüstung der anderen Staaten ist älter und wir haben alles neue Waffen und neue Maschinen.- Aber das bedeutet doch, dass Sie den Krieg wollen. Der Führer sagt doch immer, dass Deutschland den Frieden will.- Ja natürlich wollen wir den Frieden, wir bereiten uns nur darauf vor, falls uns jemand angreift.- Eben haben Sie mir aber doch gesagt, dass Sie sich Oester- A- 34reich wiederholen wollen, das geht doch nicht ohne Krieg. Wir folgen unserem Führer. Wir werden zum strengsten Gehorsam erzogen und was der nächste Vorgesetzte befiehlt, müssen wir tun. Wenn man mir befiehlt, dass ich meinen besten Kameraden erschiessen muss, dann muss ich es eben tun.Sie erzählten, dass Ihr Stammlager Dachau ist. In Dachau ist doch wohl auch das Konzentrations ager? Ja, das ist gleich nebenan, aber denen geht es nicht schlecht. Denken Sie niemals daran, dass man diese Leute der Freiheit beraubt hat. Denken Sie niemals daran, wie es Ihnen gefallen würde, wenn man sie wegen Ihrer politischen Ueberzeugung einsperren würde. Bedenken Sie doch, wie es die Oesterreicher mit Ihren Parteigenossen dort gemacht haben. Eigentlich haben Sie recht. Möchten Sie nicht wieder ihren Beruf ausüben? Zu meinem Beruf möchte ich gern zurück, aber was wollte ich machen. Ich war in Oesterreich lange arbeitslos und da haben wir eine Brücke gesprengt, um zu beweisen, dass wir noch da sind, und da musste ich eben raus." Dieses Gespräch ist sehr lehrreich. Es zeigte, dass dieser junge, etwa 25jährige Mann absolut nicht denkt. Er merkte nicht, wie widerspruchsvoll er sich im Laufe des Gesprächs äusserte. Er merkte auch keineswegs, worauf ich mit meinen Fragen hinaus wollte. Er erzählte mir, dass er niemals etwas lese, früher sei er in seiner Freizeit" am Berg gegangen". Er ist also eine richtige Landknechtsnatur. 2. Bericht: Die SS wird überall sichtbar bevorzugt, gilt als eine Art Offiziersgarde des Regimes, geniesst weitgehende Vorrechte, ist sehr gut bewaffnet und ausgerüstet und tritt überall mit betontem Selbstbewusstsein auf. Die SA gilt als die proletenhafte Massenformation, die man über die Achsel ansieht. Das hat auch bei uns in Sachsen eine scharfe Spannung zwischen SA und SS zur Folge, wobei die SA der angreifende, höhnende, spottende und polemisierende Teil ist, weil sie sich überali der SS gegenüber als zurückgesetzt und als der eigentliche Macher der" Revolution" undankbar behandelt vorkommt. Es käme bei uns in Sachsen viel öfter zu schweren Auseinandersetzungen und Schlägereien zwischen SA und SS, wenn die SA nicht wüsste, dass sie bei einem Einschreiten der Partei- Instanzen den Kürzeren ziehen würde. Schlesien: In der SS wird neuerdings das Rasseproblem stark behandelt. Ein Erlass der Reichsführung stellt fest, dass die Bräute der SS- Leute in den wenigsten Fällen den rassischen Ansprüchen entsprächen. In X. fand ein Vortrag vor der SS statt, bei dem der Vortragende anhand von Bildern zeigte, wie die Frauen für SS- Leuten beschaffen sein müssten. Nach dem Vortrag machten sich alle, aber auch alle SS- Leute über den Vortrag und die Bilder lustig. A-35Auf dem schlesischen Gautag, der in Breslau stattfand, waren Hess und Ley anwesend. Hess fuhr im Auto zu der Kundgebung in das Stadion. Immer wenn eine Frau mit einem Kinde auf dem Arm im Spalier stand, liess er halten und schüttelte der Frau die Hand. Die SS- Leute, die die Absperrung durchgeführt hatten, unterhielten sich hinterher darüber: dass sei doch nicht mehr ernsthaft, wie sich Hess da benommen habe. Er habe sich zum Stadion hinaus" durchgeschüttelt". 3) Die Deutsche Arbeitsfront. In der DAF herrscht noch immer eine ungeheuerliche Ueberorganisation. Mitte 1935 ist die sogenannte" soziale Selbstverwaltung" gekrönt worden durch die Schaffung einer Reichsarbeitskammer, von 26 regionalen Arbeitskammern und über 3.000 Arbeitsausschüssen, in denen die Vertreter der Organisation der gewerblichen Wirtschaft mit den DAF- Amtswaltern zusammensitzen sollen, um die Volksgemeinschaft zu demonstrieren. Nach der feierlichen Eröffnung am 31. August 1935 hat am 28. November eine erste Tagung der Reichsarbeitskammer stattgefunden, auf der einige belanglose Referate gehalten wurden und seitdem ist überhaupt nichts mehr über die Arbeitsweise dieser ganzen grossen Organisation in die Oeffentlichkeit gedrungen. Sie steht genau so auf dem Papier wie der grösste Teil der DAF- Organisationen überhaupt.. Die DAF gliedert sich wie die NSDAP in Gaue, Kreise und Ortsgruppen mit dem entsprechenden bürokratischen Apparat. Das ist aber nur die Dachorganisation, denn neben der regionalen Gliederung besteht eine fachliche: die DAF ist nach Branchen in 18 Fachverbände eingeteilt, die den Namen" Reichsbetriebsgemeinschaften" tragen.( Darunter auch Handel, Handwerk, Landwirtschaft und freie Berufe). Diese Reichsbetriebsgemeinschaften sind nun ihrerseits wieder bis nach unten durchorganisiert. Ihre untersten Funktionäre sind die" Betriebswalter", über ihnen stehen die" Ortsbetriebsgemeinschaftswalter", die " Kreisbetriebsgemeinschaftswalter" und die" Gaubetriebsgemeinschaftswalter". Ueber die Aufgaben dieser Funktionäre entnehmen --36wir dem" Aufklärungs- und Rednerinformationsmaterial der Reichspropagandaleitung der NSDAP und des Propagandaamtes der DAF" ( Juni 1936) einige bezeichnende Stellen. Ueber den Betriebswalter heisst es: " Er wacht darüber, dass der Gemeinschaftsgedanke geübt und erhalten wird. Er ist verantwortlich für die Pflege der Kameradschaft und somit für die Erhaltung des Arbeitsfriedens. Niemals darf er einseitiger Interessenvertreter werden. Er muss das Vertrauen der Belegschaft, des Ortsgruppenwalters sowie des Betriebsführers haben und mit diesen auf das engste zusammenarbeiten. Er muss den Wirtschaftsvorgang seines Betriebes ebenso kennen wie die Betriebs- und Tarifordnung, die Bestimmungen des" Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit", die Aufgaben der DAF, das Programm der NSDAP und Adolf Hitlers Standard- Werk" Mein Kampf". Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, den Betrieb zu einem mustergültigen zu entwickeln. Er hat daher: die Gefolgschaft mit den Aufgaben der Deutschen Arbeitsfront bekanntzumachen und für ihre weltanschaulich nationalsozialistische Schulung zu sorgen; die Anordnungen der DAF im Betrieb durchzuführen; die vollständige Beteiligung des Betriebes an Veranstaltungen der NSDAP oder der betreffenden Gliederung vorzubereiten und zu veranlassen; die nationalsozialistische Presse zu verbreiten und die ordnungsmässige Zustellung der Fachzeitschriften an die Gefolgschaftsmitglieder zu überwachen; Werkscharen zu bilden und Betriebsappelle durchzuführen; die Aufgaben der NS- Gemeinschaft," Kraft durch Freude", Feierabend- und Freizeitgestaltung, zu fördern; die soziale Lage jedes einzelnen Gefolgschaftsmitgliedes genau zu kennen, den sozialen Ausgleich und die gerechte Entlohnung der Gefolgschaft zu überwachen, sowie um die Steigerung der Betriebserträgnisse besorgt zu sein; den Gefolgschaftsmitgliedern Auskunft über die Gewährung besonderer Vergünstigungen nach Massgabe des Status der DAF zu erteilen; mit dem Vertrauensrat des Betriebes die Massnahmen zu beraten, die der Verbesserung der Arbeitsleistung, der Gestaltung und Durchführung des Betriebsschutzes, der Stärkung der Verbundenheit aller Betriebsangehörigen untereinander, und dem Wohle aller Glieder der Gemeinschaft dienen; das Betriebsgemeinschaftsfest durchzuführen und den Betriebsführer bei der Einberufung und Leitung von Betriebsversammlungen zu unterstützen; für die menschenwürdige Ausgestaltung des Arbeitsplatzes einzutreten, sowie für die Einrichtung von Betriebswohl fahrtseinrichtungen, Fachschulen und Lehrbetrieben zwecks A- 37Förderung der begabten Belegschaftsjugend zu sorgen; die sozialhygienischen Zustände zu überwachen, die Berufskrankheiten zu beobachten und in engster Zusammenarbeit mit den Krankenkassen, den Gesundheitsämtern, mit der staatlichen Gewerbeaufsicht sowie der Gewerbepolizei und der NS- Volkswohlfahrt Vor- und Fürsorge zu üben; den Ortsbetriebsgemeinschaftswalter in jeder Hinsicht mit Rat und Tat zu unterstützen. Bei Betrieben mit einer Belegschaftsstärke von über 100 Mann setzt der Betriebswalter für je 25 Gefolgschaft smitglieder einen Betriebsblockwalter ein. Bei grösseren Betrieben können bis zu sechs Betriebsblocks einem Betriebszellenwalter unterstellt werden." Es ist klar, dass ein einfacher Betriebsarbeiter einem solchen Arbeitsprogramm hilflos gegenüberstehen muss. In Bezug auf den Ortsbetriebsgemeinschaftswalter wird gesagt: " Alle artgleichen Betriebe im Bereich einer Ortswaltung der DAF bilden zusammen die Ortsbetriebsgemeinschaft.... Betriebsführer und Gefolgschaft sind nicht mehr zwei getrennte, sich feindlich gegenüberstehende Parteien, sondern Kameraden einer auf Gedeih und Verderb verschworenen Gemeinschaft. Das gemeinsame Interesse des Gesamtbetriebes hat allen Sonderwünschen voranzugehen, denn soziale Verbesserungen können nur dann verwirklicht werden, wenn die Steigerung der Betriebserträgnisse die Voraussetzung dafür schafft. Deshalb hat der Ortsbetriebsgemeinschaftswalter gerade der Pflege des Gemeinschaftsgedankens sein Hauptinteresse zuzuwenden." Die besonders umfangreichen Aufgaben des Kreisbetriebsgemeinschaftswalters werden folgendermassen eingeleitet: " Die Summe aller artgleichen Ortsbetriebsgemeinschaften eines Kreises der DAF bildet die Kreisbetriebsgemeinschaft. Die Kreisbetriebsgemeinschaftswalter ist seiner Reichsbetriebsgemeinschaft sowie seinem Kreiswalter für die Sicherung des Arbeitsfriedens in den von ihm zu betreuenden Betrieben verantwortlich." Schliesslich wird über die Aufgaben des Gaubetriebsgemeinschaftsleiters ausgeführt: " Der Gaubetriebsgemeinschaft swalter gehört zu den engsten Mitarbeitern des Gauwalters der DAF. Ihm steht ein Stellvertreter zur Seite, der Betriebsführer sein muss. Dieser ist in den meisten Fällen Bezirksgruppenleiter der zuständigen Fachgruppe innerhalb der Wirtschaftsgruppe. Die Aufgabe des Gaubetriebsgemeinschaft swalters ist die weltanschauliche Ausrichtung der Betriebe und ihre sozialpo A-38litische Betreuung. Fachlich unterstehen ihm die Betriebs-, Orts- und Kreisbetriebsgemeinschaftswalter seiner Reichsbetriebsgemeinschaft im Gau und die entsprechenden Referate: 1. Betriebskartei 2. Vertrauensratsschulung 3. Tarif- und Betriebsordnung 4. Frauen 5. Treuhänder 6. Verbindung zur Wirtschaftsorganisation und 7. Berufsschulung. Seine Spezialaufgabe ist die Entwicklung des Musterbetriebs, und derjenige Gaubetriebsgemeinschaftswalter ist der ihm gestellten Aufgabe am meisten gerecht geworden, der in seinem Gebiet den höchsten Hundertsatz an Musterbetrieben aufzuweisen hat..... Wer die nationalsozialistischen Grundsätze nicht anerkennt, hat auch kein Recht in unserer Gemeinschaft. Der Gaubetriebsgemeinschaftswalter hat in Verbindung mit den zuständigen Behörden die Möglichkeit, Widerstrebende zu erziehen und Schädlinge auszumerzen.." Der Organisation saufbau einer Reichsbetriebsgemeinschaft wird an dem Beispiel der RBG 5" Holz" gezeigt. Es sieht folgendermassen aus: 1. Abteilung Organisation: Unterabteilung: Betriebskartei, Betriebsarchiv( mit dem Referat " Musterbetriebe"), === Dienststellenkartei Statistik 11 10 Propaganda( mit den Referaten Betriebsappelle, Aufmärsche, Werkscharen, Schönheit der Arbeit, K.d.F.), Soziale Selbstverantwortung ( mit den Referaten: Arbeitsausschüsse, Fachversammlungen, Verbindung zur Wirtschaft). 2. Abteilung" Personal- und Etatverwaltung": Unterabteilung: Kasse( mit dem Referat Buchhaltung, Büro11 ?? 11 u. Materialverwaltung, Kraftfahrwesen), Personal Poststelle Registratur 3. Abteilung" Presse": Unterabteilung: Mitteilungsblatt 99 ?? Fachliche Schulungsblätter, Archiv und Bücherei A-394. Abteilung" Schulung": Unterabteilung: DAF- Walter- Schulung, 11 Vertrauensrats- Schulung. 5. Sozial- Abteilung: Unterabteilung: Tarifordnungen, 11 11 11 Betriebsordnungen, Arbeitsrecht, 11 11 Arbeitsschutz u. Sozialversicherung, Heimstätten u. Siedlung, Heimarbeit u. Lohngewerbe. 6. Abteilung" Berufserziehung" 7. Abteilung" Jugend": Unterabteilung: Jungarbeiter 11 Jungmädel 8. Abteilung" Frauen" 9. Fachgruppe I Rohholz- Industrie lo. Fachgruppe II 11. Fachgruppe III 12. Fachgruppe IV Holzverarbeitende Industrie Holzverwandte Industrie." Die Ueber- und Desorganisation der DAF kommt auch in ihrer verworrenen Finanzwirtschaft zum Ausdruck. Anfang März 1935 hat Ley mitgeteilt, dass bei über 20 Millionen Mitgliedern jährlich etwa 300 Millionen Mark Einnahmen erzielt würden und dass davon 70 Millionen oder 22% auf Verwaltungsausgaben entfielen. Das ist gegenüber einem Verwaltungskostenanteil von 2,5 bis 4% bei den früheren Gewerkschaften eine ungeheuerliche Steigerung. Seitdem ist zwar bekanntgeworden, dass die Mitgliederzahl der DAF auf 25 Millionen angeschwollen ist, aber keine weitere Mitteilung über ihre Einnahmen und Ausgaben mehr ergangen. Aber angesichts der unverantwortlichen Wirtschaft ist es kein Wunder, wenn sich die DAF trotz riesiger Einnahmen in finanziellen Schwierigkeiten befindet. Anfang 1936 mussten zahlreiche Grundstücke der früheren Gewerkschaften veräussert werden, um Mittel zu beschaffen( ADGB- Schule in Bernau, Afa- Bundesschule in Zehlendorf, Bürohaus des Keramischen Bundes usw.). Dazu wird uns berichtet: A-40Von sehr gut unterrichteter Seite habe ich erfahren, dass die Finanzlage der Arbeitsfront keineswegs so günstig ist, wie man annehmen sollte. Zwar nimmt sie wegen der immer mehr durchgesetzten Zwangsorganisation sehr hohe Beträge ein, während gleichzeitig die Aufwendungen für gewerkschaftliche Leistungen stark vermindert worden sind. Trotzdem hat sie schon im Jahre 1935 erhebliche finanzielle Schwierigkeiten gehabt. Im grossen ganzen sieht die tatsächliche Verteilung der Ausgaben etwa folgendermassen aus: rund 20% entfallen auf reine Verwaltungsausgaben( Gehälter usw.), weitere 20% werden für Unterstützungen und Gewerkschaftsleistungen aufgewendet, weitere rund 20% dienen als Zuschuss für" Kraft durch Freude" und ihre Unterorganisationen, 20% verschlingen die Bauten und der Rest von 20% geht für sonstige gewerkschaftliche Ausgaben drauf, d.h. auch wieder überwiegend für Verwaltungsaufwendungen, so dass die gesamten Verwaltungskosten etwa 40% erreichen. Die unteren Gehälter sind verhältnismässig niedrig, aber in den gehobenen Stellen sind die Bezüge sehr hoch. Ley hat immer wieder neue ehrgeizige Pläne, die er durchzusetzen versucht, ohne auf die finanzielle Lage Rücksicht zu nehmen. Vor allem die Bauten verschlingen Unsummen. Für 1936 rechnet man mit einem Ausfall an Beiträgen. Um den Schwierigkeiten zu begegnen, hat man Versicherungsfachleute herangeholt, um nach ihren Ratschlägen das ganze Finanzgebaren zu revidieren. Auch die Beitragskassierung klappt noch immer nicht, obgleich in den meisten Fällen der Beitrag vom Lohn abgezogen wird. Rheinland- Westfalen: Die Beiträge werden durchaus nicht regelmässig bezahlt. Es gibt Mitglieder, die bis zu einem Jahr mit ihren Beiträgen im Rückstande sind. Das sind natürlich solche, die aus irgendeinem Grunde nicht in den Betrieben kassiert werden. Bei Hausbesuchen geht die Beitragskassierung meist sehr lässig vor sich. Die Hauskassierer arbeiten unter Zwang und sie sind an der Kassierung lediglich insofern interessiert, als es sich um ihre Prozente handelt. Werden sie mehrere Male abgewiesen, oder auf das nächste Mal vertröstet, so kommen sie überhaupt nicht mehr wieder. Um dem Uebelstand abzuhelfen, erfolgte vor einiger Zeit wieder einmal eine sogenannte" Mitgliedsbuchumschreibung". Sämtliche Mitgliedsbücher der DAF sollten in kurzer Zeit umgeschrieben werden, Zu dieser Umschreibung wurden nur Mitgliedsbücher angenommen, die keine Rückstände aufweisen. Man erklärte, dass jedes Mitglied selbst für die Ordnung der Mitgliedschaft verantwortlich sei und dass es verpflichtet sei, sich seine Mitgliedschaft durch Nachzahlung der Beiträge bei der Ortsverwaltung zu sichern. Die alten Mitgliedsbücher würden ungültig, wenn jetzt die Sache nicht in Ordnung käme, und eine spätere Regelung sei ausgeschlossen. A-41Hamburg: Bei den Beiträgen zur Arbeitsfront wird es nicht sonderlich genau genommen. Ein Beitragskassierer, zu dem ein früheres Verbandsmitglied kam, das ein halbes Jahr lang keine Mitgliedsbeiträge gezahlt hatte, und das nun 40 Pf. wöchentlich zahlten wollte, sagte:" Was, Sie wollen 40 Pf. zahlen? Mit 40 Pf. haben Sie nicht mehr Rechte als mit 20 Pf., zahlen Sie man nur 20 Pf."- Bei der Einsetzung von Strassenkassierern hat man vielfach auch auf unsere Leute zurückgegriffen, da die Arbeitsfront mit ihren eigenen Pg. oft schlechte Erfahrungen gemacht hat. Unsere Leute wurden nicht erst gross gefragt, sondern es hiess einfach:" Sie sind von dann und dann für die und die Zelle der Kassierer." Jetzt ist eine Neuregelung in der Kassierung insofern eingeführt worden, als zwar die Beiträge sowohl im Betrieb, als auch in den Kreisstellen, den Stadtteilen und durch Hauskassierung gezahlt werden können, die Kassierer aber sämtlich bei der Zentralstelle abzurechnen haben. Nicht etwa bei den Kreisstellen, so dass oft oder eigentlich immer ein unentwirrbares Durcheinander in den Beitragsforderungen entsteht. Denn wenn jemand seinen Beitrag z. B. schon längst im Betrieb gezahlt hat, so kann er gut und gerne noch verschiedene Male von der Kreisstelle und dem Hauskassierer zur Zahlung aufgefordert werden; es muss jede Uebersicht in den Kassenverhält nissen verloren gegangen sein. Neuerdings kommt es auch gelegentlich vor, dass die Arbeiter Aufklärung über die Verwendung ihrer Beiträge verlangen- allerdings vergeblich. Bayern: Die Arbeiterschaft nimmt eine kritische Haltung gegen die Arbeitsfront ein. Bis heute ist die Frage vieler Mitglieder nach einem Statut der Organisation, das wenigstens einigermassen Aufschluss über die Verwendung der eingehenden Riesensummen gewährt und nicht nur die Pflichten, sondern auch die Rechte der Mitglieder erläutert, unbeantwortet. Die Amtswalter der Arbeitsfront werden bei der Erhebung der Beiträge oft nach gefragt und helfen sich- meist in sichtlicher Verlegenheit- mit Vertröstungen auf die Zukunft. Sachsen: In einer Versammlung der Fachgruppe Metall in X. wurde verlangt, dass man Revisoren bestimmt, die die DAF- Kasse revidieren sollten. Hierauf wurde vom Versammlungsleiter die Erklärung abgegeben, dass man solche Sachen heute nicht mehr brauche und dass solche Anträge mit den Gedankengängen der Volksverbundenheit nicht in Einklang zu bringen seien. Die Unterstützungsleistungen der DAF betragen nur noch einen Bruchteil der früheren gewerkschaftlichen Leistungen. Der Rechtsanspruch und die Bemessung der Unterstützung nach der Höhe der A-42Beitragsleistung ist praktisch beseitigt, statt dessen sind Bedürftigkeitsprüfungen wie bei der Wohlfahrtspflege der Gemeinden eingeführt worden. Die Anträge werden alle in Berlin im Amt für Selbsthilfe entschieden, so dass sich regelmässig wochenlange Verzögerungen ergeben. Grundsätzlich wird Erwerbslosen-, Kranken-, Invaliden- und Sterbegeld unterstützung gezahlt. Ausserdem Notfallunterstützungen( einmalige Beihilfen die z. B. an die Stelle der früheren Kurzarbeiter unterstützung getreten sind), Heiratsbeihilfen und Beihilfen für die Hinterbliebenen tödlich Verunglückter. Schlesien: Anstelle der Arbeitslosenunterstützung der Gewerkschaften zahlt die DAF nur eine Beihilfe. Diese beträgt bei Leistung von 52 Beiträgen für den Verheirateten mit 2 Kindern 14 RMK für 48 Tage( Früher: bei Leistung von 52 Beiträgen für 72 Tage 70 Pf. pro Tag in der niedrigsten Stufe, nach 10 jähriger Zugehörigkeit das Zweieinhalbfache des Unterstützungssatzes. Nach der Aussteuerung bei Leistung von erneut 52 Beiträgen die gleiche Unterstützung für 60 Tage, im dritten Unterstützungsfall für 48. Tage). Bei der DAF muss der Arbeitslose, wenn er für 48 Tage 14 RMK erhalten hat, eine Wartezeit von 2 Jahren zurücklegen, bis er eine neue Beihilfe bekommt. Verheiratete ohne Kinder erhalten für 48 Tage nur 12 RMk. Die Unterstützung wird gestrichen, wenn während der Arbeitslosigkeit Schwarzarbeit verrichtet wird. Sachsen, 1.Bericht: Wer früher bei den Metallarbeitern einen Wochenbeitrag von 1,50 RMk. leistete, bezog 26 Wochen hindurch eine Arbeitslosenunterstützung von 7,80 Mk. wöchentlich und zwar neben seiner Arbeitslosenunterstützung. Heute erhält er für 6 Wochen nur eine Unterstützung von 3,20 RMK. wöchentlich. Auf dem Antragsbogen sind jedoch Fragen vorgesehen, als ob es sich um Wohlfahrtsunterstützung handelte; z. B. ist, wenn das Einkommen in der Familie des Antragstellers einen bestimmten Betrag erreicht, mit der Auszahlung der Unterstützung überhaupt nicht zu rechnen. Aus diesem Grunde verzichten die meisten Mitglieder der DAF auf Antragstellung. 2.Bericht: Die Unterstützungen der Arbeitsfront sind zwar nach aussen unverändert geblieben, aber man hat immer mehr Mittel und Wege gefunden, sie möglichst wenig zu gewähren. Früher hatte jedes Gewerkschaftsmitglied, das ordnungsgemäss seine Beiträge gezahlt hatte, Anspruch auf Gewerkschaftsunterstützung, wenn es arbeitslos wurde. Heute wird die Arbeitslosenunterstützung der Arbeitsfront nur nach einer sehr strengen Bedürftigkeitsprüfung gezahlt. Ebenso ist es mit der Kurzarbeiterunterstützung. Früher bekamen die Gewerkschaftsmitglieder, wenn sie weniger als 36 Stunden in der Woche arbei A- 43teten, ohne weiteres Kurzarbeiter unterstützung vom Verband. Heute ist diese Unterstützung überhaupt weggefallen. Bayern: Die Krankenunterstützung der DAF wird regelmässig erst nach Ablauf der Krankheit ausgezahlt. Jeder einzelne Fall wird nach Berlin eingeschickt. Es dauert oft Monate, bis der Versicherte seine ihm rechtlich zustehenden Unterstützungsgelder bekommt. Die Arbeiter sind über dieses Verfahren sehr aufgebracht und haben schon mehrmals bei der DAF dagegen protestiert, ohne bisher damit eine Aenderung zu erreichen. Hamburg: Alle Unterstützungsanträge gehen nach wie vor von den Ortsleitungen der Arbeitsfront nach Berlin. In der Zentrale werden die Entscheidungen gefällt. Das dauert in den meisten Fällen 3 bis 4 Wochen. Die Arbeitsfront erkennt in Krankheitsfällen grundsätzlich kein Krankenattest eines jüdischen Arztes an, obgleich die Krankenkasse wenigstens formell noch einige jüdische Arzte zulässt. Schlesien, 1. Bericht: Ein Arbeiter in Breslau war 9 Tage krank und meldete sich bei Beginn der Krankheit wegen seiner Unterstützung bei der DAF. Dort wurde ihm erklärt, dass zunächst die Bedürftigkeit geprüft werde. Als er schon wieder arbeitete, erhielt er aus Berlin den Bescheid, dass die Unterstützung bewilligt sei. 7 Karenztage bleiben unterstützungsfrei und die Unterstützung für die restlichen 2 Tage würden ihm für eine eventuelle spätere Krankheit gutgeschrieben, da er bereits die Arbeit wieder aufgenommen und somit sein Einkommen habe. 2. Bericht: Niemand hat bei uns Statuten der Arbeitsfront. Kein Mensch kennt die Unterstützungsregelung, auch der Zellenobmann nicht. Bei der Krankenunterstützung besteht eine Karenzzeit von 8 Tagen, darüberhinaus gibt es 3 Mk Krankengeld wöchentlich. Durchweg wird der Antrag auf Krankenunterstützung erst nach 4 Wochen genehmigt. Die meisten neuorgani sierten Mitglieder wissen überhaupt nicht, dass es Krankengeld gibt. Rheinland- Westfalen: In der Reichsbetriebsgemeinschaft Textil ist folgender Unterstützungsabbau eingetreten: Früherer Textilarbeiterverband: Wochenbeitrag Tägliches Krankeng. Mk. 1,20 1,10 Wöchentl.Krankeng. ( 7 Tage) 7.70 Jetzt DAF: Mk. 0,45 0,35 6 Tage 2,10 Der Wochenbeitrag ist also um 62,5% herabgesetzt worden, die Unterstützung für eine Woche dagegen um 72,72%. Der Rechtsanspruch ist abgeschafft. Wer zu einem jüdischen Arzt geht, A 44 bis die Leute in den Besitz des Krankengeldes kommen. Wer ein sonstiges Einkommen über 100 Mark hat, bekommt keine Verbands unterstützung. Ein Kollege, der sich darüber beschwerte, erhielt, nachdem er verschiedene Instanzen durchlaufen war, die bezeichnende Antwort: Man könne jetzt nicht endgültig entscheiden, es stünden einschneidende Veränderungen im Versicherungswesen bevor. Sachsen: Trotz eines Abzuges für die Arbeitsfront von 2,20 Mk monatlich, ist es heute fast niemandem mehr möglich, ein Krankengeld oder eine sonstige Unterstützung zu erhalten, da der Patient schon nach 8 Tagen Krankheit zum Vertrauensarzt geschickt wird. Ist er längere Zeit krank, dann muss er an die DAF ein Gesuch richten, in welchem er auch seine Bedürftigkeit auf die Unterstützung nachweisen muss. Im Falle der Anerkennung der Bedürftigkeit kann er dann nach 10 bis 12 Wochen auf die Ueberweisung des Geldes rechnen. Berlin: Die ehemalige Verbands- Invalidenunterstützung ist entweder ganz gestrichen worden, oder es werden nur noch Renten in Höhe von einem Viertel der statutarisch zustehenden Ansprüche gewährt. Zum Beispiel ist allen Staublungenkranken in Teltow die Verbands-Invalidenunterstützung ganz gestrichen worden, weil sie Unfallrenten von 80 bis 200 Mark pro Monat erhalten. Aber auch anderen Anspruchsberechtigten ist nach Nachprüfung der" Bedürftigkeit" die Verbands- Invalidenrente entzogen worden. In mehreren Fällen bei monatlichen Bezügen von 45 Mark sonstiger Rente. Dabei handelt es sich um Leute, die 25 bis 40 Jahre organisiert gewesen sind. Die übrigen Unterstützungen werden oftmals erst nach 6 bis 8 Wochen ausgezahlt, dabei mit der Fragestellung, ob der Anspruchsberechtigte nicht freiwillig zu Gunsten" anderer" verzichten will. Ueber die Haltung der Arbeiter und Unternehmer zur Arbeitsfront unterrichten die nachstehenden allgemeinen Berichte: Westfalen: Die Haltung der organisierten Arbeiterschaft zur Arbeitsfront war von Anfang an sehr skeptisch. Man hielt sie immer nur für eine getarnte gelbe Organisation. Der Grossunternehmer pfeift auf die Arbeitsfront. Der Kleinunternehmer im Revier, der Mann mit einer" Gefolgschaft" von 500 bis 1.000 Mann hat dagegen oft eine schlotternde Angst vor der DAF. Wenn Arbeitsfrontvertreter in den Betrieb kommen, werden sie sofort vom Chef empfangen und mit Zigarren und Kaffee bewirtet. Meist handelt es sich dabei um Entlassungsvorgänge, um" Schönheit der Arbeit" usw., fast nie um Lohnfragen. Bei ernsteren Sachen kommt die Arbeitsfront gleich mit 3 oder 4 Vertretern angerückt, die dann oft sehr grossmäulig auftreten. Meist ist es dem Unternehmer schon nach einer halben Stunde gelungen, sie einzufangen und zu beruhigen. Oft werden diese Leute vom Unternehmer eingeladen und in jeder Weise einge A- 45wickelt. Sie sind meist so ungeschult, dass sie sich nicht. einmal Notizen machen und dann oft die Hauptsache vergessen. Es gibt aber auch robuste Leute bei der Arbeitsfront, die dem Kleinunternehmer schon schwer zusetzen können. Die Arbeitsfront hat den Versuch gemacht, eine Bespitzelung jedes Betriebes dadurch einzuführen, dass sie die Betriebswalter zur regelmässigen wöchentlichen Berichterstattung über Bezahlung, Ueberstundenleistung usw. anhält. Dieser Plan bleibt aber zum grossen Teil auf dem Papier stehen, weil diese Betriebswalter meist gar nicht in der Lage sind, solche Berichte abzufassen und wenn schon mal berichtet wird, dann tut die Arbeitsfront nichts, um etwaige Missstände abzustellen. Kommt ein Fall vor das Arbeitsgericht, so macht die Arbeitsfront vor allem den Versuch, die Sache vorher mit einem Vergleich aus der Welt zu schaffen. Der Unternehmer bekommt einen Vertreter durch die Arbeitsfront und der Arbeiter auch einen und die beiden Pg.-Amtswalter setzen sich nun zusammen, um irgend ein faules Kompromiss zu schliessen. Wirkliche Streitigkeiten, die vor dem Arbeitsgericht zum Austrag gebracht werden, gibt es also kaum noch. So kommt es, dass die Zahl der vor dem Arbeitsgericht anhängigen Verfahren in unserem Revier auf etwa 10% gesunken ist. Ist irgend eine ernste Frage im Betrieb zu regeln, dann holt sich der Unternehmer in vielen Fällen einen früheren freigewerkschaftlichen oder christlichen Vertrauensmann, mit dem er die Sache vorher bespricht. Wendet, einer dieser Leute ein, dass doch der Vertrauensrat dazu da sei, dann antwortet ihm der Unternehmer etwa:" Ach, das sind ja lauter Esel, die muss man vor vollendete Tatsachen stellen." Es werden dann in der Tat nur noch formale Vertrauensratssitzungen gemacht, in denen der Vertrauensrat lediglich zu der besprochenen Regelung ja und Amen zu sagen hat. Auch die Arbeiterschaft geht meist selbst zu den früheren Funktionären und es gibt sogar nationalsozialistische Amtswalter, die bei ihnen Rat suchen. Diese Amtswalter haben ja meist nicht einmal vom Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit eine Ahnung und machen bei Vertretungen vor dem Arbeitsgericht nur Phrasen. Besonders schlecht ist die Stellung der Angestellten im Betrieb. Es gibt keinen Angestellten mehr, der es wagt, von seinem Unternehmer Lohnerhöhungen zu fordern. Er findet bei der Arbeitsfront keinen Schutz. Viele Arbeiter sind bei der Arbeitsfront geblieben, weil sie ihren Unterstützungsanspruch nicht verlieren wollten. Im Augenblick, wo die Fortzahlung der Unterstützung fraglich wurde, setzten dann auch sofort die Störungen bei der Beitragsleistung ein und das war mit der Anlass dafür, den' Abzug der Beiträge vom Lohn einzuführen. Dieser Abzug ist im Revier fast vollständig durchgeführt. Nur die Zwergunternehmungen, die keine Betriebswalter haben, sind davon ausgeschlossen. Für die jungen Arbeiter ist die Arbeitsfront nichts anderes als eine verlängerte HJ. Die 16- bis 18- Jährigen wissen über A-46haupt nicht mehr, was eine Gewerkschaft ist und stellen daher von vornherein keinerlei gewerkschaftliche Ansprüche an die Arbeitsfront. Der Aufwand für das Personal ist heute sehr viel höher als früher. Dem Kassierer für einen kleineren Ort wird heute durchweg( etwa 60 bis 70 Mark monatlich) bezahlt. In der Zentralverwaltung des Bergarbeiterverbandes wurde vor einigen Jahren ein schwerer Kampf darum ausgefochten, ob die Zentrale ein Personenauto anschaffen dürfe oder nicht. Schliesslich wurde ein solches Auto beschafft, das aber zugleich noch der Bezirksverwaltung zu dienen hatte. Heute hat der Zentralvorstand 7 Personenkraftwagen und die Bezirksverwaltung nochmals 4. Berlin: Die kleinen Unternehmer haben Angst vor der Arbeitsfront. Die Arbeitsfront legt es ja auch geradezu darauf an, die Unternehmer zu ducken, und dem Arbeiter einzureden, dass er im Betrieb beinahe ebenso wichtig wäre wie der Unternehmer. Infolgedessen gibt es Unternehmungen, in denen die Leute wieder ziemlich kess sind, weil sie glauben, dass sie bei der Arbeitsfront Rückhalt haben. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Arbeiter sind sich darüber klar, dass die Arbeitsfront nur eine Organisation zur Versorgung von Nationalsozialisten ist. Sie empfinden deutlich, dass sie ein blosser Apparat ohne Leben und ohne eigentliche Tätigkeit ist. Dazu liegt die bürokratische Aufblähung auf der Hand. Früher hatten wir in X. ein Gewerkschaftshaus, heute gibt es ausser dem Gewerkschaftshaus noch 6 Arbeitsfrontbüros an anderen Stellen der Stadt. Früher hielten die Gewerkschaften 2 Autos, heute braucht die Arbeitsfront 12 Wagen. Bei alledem hat die Arbeitsfront keine Aufgaben mehr. Die ungeheuere Bürokratie wird mit reinem Leerlauf beschäftigt. Es werden immer wieder neue Mitgliedsbücher ausgestellt. Fortwährend müssen Fragebogen entworfen, verteilt und ausgefüllt werden, ohne dass man irgend einen Sinn in dieser ganzen Tätigkeit erblicken kann. Die Rechtsauskunftsstelle hat z.B. nichts mehr zu tun, weil die Arbeitsgerichtsbarkeit kaum noch Bedeutung hat. Hinzu kommt, dass die Amtswalter der Arbeitsfront nach wie vor völlig unfähig sind, auch nur primitive Funktionen zu erfüllen. Es kommt deshalb immer wieder vor, dass man frühere Gewerkschaftsangestellte zu Rate zieht, um einigermassen Ordnung in den neuen Apparat zu bringen. Die Arbeiter erinnern sich auch sehr wohl, dass die früheren Gewerkschaften Versammlungen abhielten, Bericht erstatteten und Ueberblicke über die Entwicklung der Kassenlage gaben. Heute hört man überhaupt nichts mehr von der Arbeitsfront. Die anfänglich in grossem Umfange veranstalteten Kundgebungen sind stark eingeschränkt worden. Diese Verhältnisse bleiben nicht ohne Eindruck auf Menschen, die in der ersten Zeit geglaubt haben, dass die Arbeitsfront A-47tatsächlich gewerkschaftliche Funktionen ausüben könnte. So ist z.B. ein früherer Sozialdemokrat in dieser Hoffnung in die Arbeitsfront hineingegangen und hat dort in verhältnismässig kurzer Zeit eine ziemlich grosse Karriere gemacht. Heute ist er völlig enttäuscht über die Verbonzung des ganzen Betriebs, über seinen organisatorischen Leerlauf und über die Aussichtslosigkeit, mit der Arbeitsfront irgend etwas im Interesse der Arbeiter durchzusetzen. Er steht heute ganz unter dem Einfluss unserer Leute und braucht ihren Rat und er hat inzwischen praktisch schon den Weg zu uns zurückgefunden. Auch in der Arbeitsfront ist ein starker Wechsel unter den Funktionären zu beobachten. Leute an massgebender Stelle, die die Arbeiterschaft immerhin kannte, werden plötzlich abberufen und kein Mensch erfährt, wohin sie kommen. Stattdessen tauchen neue Leute auf, die im Bezirk völlig unbekannt sind und die deshalb keinerlei Vertrauen bei den Arbeitern haben. Es ist heute die Regel, dass die Arbeiter über ihre eigenen Organisationsverhältnisse nicht Bescheid wissen, dass sie die massgebenden Amtswalter nicht einmal kennen. Früher bestand zwischen den Gewerkschaftsfunktionären und den Mitgliedern gerade in unserem Bezirk ein enges persönliches Verhältnis. Heute wird alles rein bürokratisch erledigt und Amtswalter und Mitglieder bleiben sich dauernd fremd: Es ist das gerade Gegenteil von Verwurzelung und Volksnähe.Früher gab es nichts volkstümlicheres in unserem Ort als das Gewerkschaftshaus. Gewiss war vieles kleinlich und beengt, aber die Verbürokratisierung, es war doch lebendig. Den Leerlauf, den ganzen leblosen Betrieb fühlen auch die Nationalsoziali sten. 2.Bericht: Das Urteil der Proleten über die DAF wird heute in der Hauptsache bestimmt durch ihr Verhalten in Arbeitsstreitigkeiten. Dabei macht man fast immer die Erfahrung, dass sich die Bonzen drücken, wenns irgend geht. Zu sagen haben die Mitglieder in dieser Zwangsorganisation nichts und es erscheint mir für absehbare Zeit ausgeschlossen, dass man durch die Ue bernahme von Funktionen in der DAF wirklich ernsthafte illegale Arbeit leisten könnte. Man darf dabei auch nicht übersehen, dass für einen grossen Teil der Arbeiter die DAF eine ähnliche Bedeutung hat wie das Steueramt, und wenn ihnen erst zum Bewusstsein kommen wird, wie ihre Beiträge verwendet werden, dürfte ihr Widerwille gegen diese Schröpfmaschine kaum durch die Tätigkeit einiger antifaschistischer Funktionäre zu überwinden sein. Ein Aufnahmeformular der DAF, Gau Saar- Pfalz, liegt bei. ( siehe nächste Seite) dard eine DA Dienft ftelle auszuflen BeltragsBaffe A-48Die Deutsche Arbeitsfront Sau Pfals- Gaas Derm. St.:. Ortsgruppe:. Kreis: Aufnahme- Erklärung Hiermit ersuche ich um meine Aufnahme in die Deutsche Arbeitsfront Ce( ft mir bekannt, daß die Deutsche Arbeitsfront eine Organisation ist, welche von dem Führer, Adolf Hitler gegründet wurde, um alle in der Wirtschaft tätigen Volksgenoffen zum nationalsozialistischen Grundjag der Dollegemeinschaft zu erziehen. Ich bin rein arischer Abstammung und gehöre Peiner Freimaurer- Loge an. Ich verpflichte mich, in all meinem Denken und Handeln nach dem nationalsozialistischen Grundfag Gemeinnug geht vor Eigennut, zu' ftreben. Deutliche Schrift ist unbedingt erforderlich um Rückfragen zu vermeiden und Zeit und Geld zu sparen! Name Cal n auch Mädchenname) Vorname Wohnort: Geburtstag Straße: u. Jahr:.. Geburtsort:... Staatsangehörigkeit: ledig verheiratet verwitwet geschieden ( Richt zutreffendes ftreichen) Anzahl der Kinder unter 18 Jahren. Alter derselben Erlernter Beruf Jegt tätig ale Bei der Firma in Erwerbelos ja nein Anschrift( Siz) der Firma( Stempel). Sind Sie Gehaltsempfänger? ja nein oder Wochen- Lohnempfänger? fa neta In welchem Verband waren Don Sie früher organisiert? 1.. 2 DON فاط Waren Sie Mitglied in der Partei oder einer der betreuten Organisationen der Partei und find Sie a) ausgetreten oder wurden Sie b) ausgefchloffen 1. Am welche Organisation handelt es sich? 2. Ortsgruppe diefer Organisation? 3. Zeitpunkt des Austrittes bezm. Ausschlusses.... Aufnahme gebühren Marte RM. 0.50 Ort und Datum: Clorebandfée Unterfchrift Sachsen: Wenn der Vertrauensrat einmal seiner Sache ganz sicher ist und beim Betriebsführer nichts erreichen kann, dann wendet er sich an die Arbeitsfront. Der Ortswalter der Arbeitsfront ist bei uns der Gemeindestrassenwärter. Er bekleidete diesen Gemeindeposten schon früher und war damals Sozialdemokrat. Er hat sich dann aber, weil er seine Stellun A-49nicht verlieren wollte, sehr schnell nach dem Umsturz umgestellt und da die Nationalsozialisten eben niemand anderes hatten, haben sie ihn zum Ortswalter der Arbeitsfront gemacht. Nun soll er die Interessen der Arbeiter vertreten, obgleich er nie im Betrieb stand und von der ganzen Sache nichts versteht. Er muss seine Sache ehrenamtlich machen und man muss ihm zugestehen, dass er den besten Willen hat. Aber er kann ebenfalls grösstenteils nichts machen, denn wenn er zum Betriebsführer kommt, um eine Beschwerde, die der Vertrauensrat an ihn gerichtet hat, durchzusprechen, oder wenn er sich den Betriebsführer in seine Sprechstunde kommen lässt, dann steht der Betriebsführer soviel geistig höher, dass er ihn durch alle hand Rechenkunststücke sehr schnell überzeugen kann, dass der Betrieb die und die Forderung einfach nicht tragen könnte. Früher hatten wir in der Gewerkschaft Fachleute, die etwas vom Beruf verstanden, die waren dem Unternehmer natürlich ganz anders gewachsen und denen konnte er nicht soviel vormachen. Wenn nun der Ortswalter sich in besonderen Fällen mit der Erklärung des Betriebsführers nicht zufrieden gibt, dann leitet er den Fall an den Kreisleiter weiter. Unser Kreisleiter Reiter ist ein früherer Rittergutsinspektor und" alter Kämp fer". Dieser Mann, der niemals Einblick in einen Fabrikbetrieb gehabt hat, soll nun die Arbeitsfront in einem Kreis leiten, in dem die Landwirtschaft eine ganz untergeordnete Rolle spielt und in dem Textil-, Metall-, Holz- Industrie und noch viele andere Industriezweige vorhanden sind. Wenn man seine Reden hört, dann ist er der beste Mann und die Leute haben ja darin eine gewisse Kunst entwickelt, in den Betriebsappellen usw. dem Arbeiter alles Mögliche zu erzählen. Man hat allerdings den Eindruck, dass diese Reden von oben kommen, weil eine wie die andere ist und in allen Betrieben dasselbe gesagt wird. Aber wirklich etwas ausrichten kann der Kreisleiter auch nicht. Wenn so ein Arbeitsfrontbonze in den Betrieb kommt, dann meldet er sich beim Betriebsführer an und dann ist er für den Betrieb überhaupt nicht mehr sichtbar. Wendet man sich an ihn in einer bestimmten Sache, dann heisst es:" Ja, dann und dann kommt der Pg. sowie so, der ist dafür zuständig usw." und der vertröstet einen dann wieder auf einen anderen, ohne dass irgendwie Abhilfe geschaffen wird. Un ser Betrieb war vor dem Umsturz zu etwa 80% organisiert. Heute ist der ganze Betrieb in der Arbeitsfront und der Beitrag wird vom Lohn abgezogen. Wer nicht bei der Arbeitsfront ist, hat kein Anrecht auf den Arbeitsplatz. So steht es in der Betriebsordnung. Diese Betriebsordnung ist vom Treuhänder der Arbeit herausgegeben worden und wurde auch von unserem Betrieb unverändert übernommen. Die Arbeiter haben das schon grösstenteils eingesehen. Sie haben auch eingesehen, dass die Arbeitsfrontbonzen zwar in ihren Reden davon sprechen, dass wir eher in Badehosen herumlaufen und trocken Brot essen müssten, als dass wir den Kampf um die Freiheit Deutschlands aufgeben könnten, dass sie dann aber sich ins Gasthaus zurückziehen und ihre grossen Menüs ver A- 50zehren. Wenn früher einmal ein Arbeiter nicht auf seinen Lohn kam, dann konnte er sich an seine Gewerkschaft wenden und dann wurde die Sache nachgeprüft, ob es an ihm, an der Maschine oder am Material lag. Heute ist an eine solche Nachprüfung nicht zu denken, heute liegt es immer nur am Weber. Die Arbeiter erkennen langsam auch den wahren Charakter der Arbeitsfront. Es ist ja überhaupt nicht möglich, sagen sie, dass ein Verband, in dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammensitzen, beiden gleich gerecht werden kann. Es gibt allerdings noch einen Teil von Arbeitern, der die alten Gewerkschaften verwünscht, aber der grösste Teil sagt: obgleich früher bei den Gewerkschaften auch vieles zu wünschen übrig blieb, war es doch damals viel besser als heute. Die Tatsachen sprechen schliesslich eine zu klare Sprache. Man überlegt sich, dass früher nur ein Teil der Arbeiterschaft in den Gewerkschaften organisiert war, während heute die Arbeitsfront hundertprozentig die Arbeiterschaft erfasst. Früher wurden die Leistungen der Gewerkschaft gesteigert, wenn es gelang, das Organisationsverhältnis zu verbessern. Heute aber sind die Leistungen wesentlich geringer als früher. Den Arbeitern fällt auch auf, dass sie heute nichts mehr über die Finanzgebarung der Arbeitsfront erfahren. Früher gaben die Gewerkschaften alle Vierteljahre Abrechnungen. Heute erfolgt überhaupt keine. Man fragt sich, warum heute keine Abrechnungen mehr gegeben werden. Warum sind trotz hundertprozentiger Organisierung die Leistungen nicht verbessert worden? Was machen die Bonzen eigentlich mit dem Geld? Vor einiger Zeit hat die Arbeitsfront in Sachsen den auf der nächsten Seite folgenden Aufruf verbreitet, in dem Organisationszwang unverhüllt zum Ausdruck kommt. Bezeichnend für das Verhalten der Arbeiter zur Arbeitsfront ist auch die Entwicklung der Presse der Arbeitsfront. Die DAF gibt--neben dem" Arbeitertum", dem" Aufbau" und den Mitteilungsblättern der einzelnen Reichsbetriebsgemeinschaften-die früheren Gewerkschaftszeitungen in Form von" fachlichen Schulungsblättern" weiter heraus. Diese Blätter erscheinen seit tem 1. Oktober 1935 nur monatlich, während die Gewerkschaftszeitungen früher bis auf wenige Ausnahmen wöchentlich erschiecen. Da Gewerkschaftsaufgaben in den Blättern der Arbeitsfront richt behandelt werden dürfen, wird ihr Inhalt im wesentlichen rit allgemeinen politischen oder betrieblichen Erörterungen und it der Behandlung von fachtechnischen Fragen gefüllt. Seit Oktober 1935 erscheinen 73 solcher Blätter und damals wurde auch an Stelle der bisherigen Zustellung der Zeitungen durch die A-51I M q A b 6 B 2 Vollendet die Gemeinschaft und erfüllt sie mit Leben! Im Mittelpunft aller Aufgaben der Deutschen Arbeitsfront steht die Schaffung einer wahrhaften Betriebs gemeinschaft in allen Betrieben. Der Führer schreibe in feiner, Berordnung über Wesen und Ziel der DF." vom 24. Oftober 1934: Das Ziel der Deutschen Arbeitsfront ist die Bildung einer wirklichen Bolts- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen." Für die Volksgemeinschaft find zwei Zellen von außerordentlicher Bedeutung: Die Familie und der Betrieb. Herrscht in diesen beiden Zellen Ordnung und Gemeinschaftsgeißt, dann wird die Bollsgemeinschaft nichts zu wünschen übriglaffen. Die DAF. hat in dreijähriger Tätigkeit in den Betrieben die Organisationen der Unordnung und ber Zerstörung beseitigt und an beren Stelle die aufgerichtet. Front der Ordnung Nunmehr mast bie Bg. ben Totalitätsanspruch geltend, der ihr auf Grund ihres umfangreichen Aufgabengebietes zusteht. Alle Schaffenden in den Betrieben und Werkstätten haben diesen Totalitätsanfpend anzuerkennen und ich zur 3s belennen. Front aller Schaffenden Wir müssen darauf bestehen, daß in allen deutschen Betrieben die Gemeinschaft zunächst organisatorisch restlos vollendet wird. Wer diese Bollendung der organisatorischen Gemeinschaft bewußt oder unbewußt nicht ermöglicht oder nicht fördert, treibt damit Sabotage an der Erfüllung der Aufgabeh der DAF.. die ihr vom Führer und von der nationalsozialistischen Bewegung gestellt wurden. In der organisatorisch vollendeten Gemeinschaft muß Ordnung herrschen. Jeder, der zu dieser Gemeinschaft gehört, untersteht in allen Fragen und Aufgaben der DAF. nur dem Betriebszellenobmann und dem Bes triebswalter. Mag der eine oder andere Arbeitstamerad außerhalb des Betriebes einer Gliederung der Bewegung oder einer anderen Organisation angehören, in bezug auf seine Rechte und Pflichten innerhalb der Betriebsgemeinschaft spielt dies feine Rolle.. Die D. betennt sich zu diesen Grundsätzen nicht etwa der Beiträge wegen, die sie von ihren Mita gliedern erhält und auch zu fordern hat, sondern einzig und allein der Menschen wegen, die sie bes treuen will. Die Beiträge find gewig notwendig, und es ist auch erforderlich, daß sie pünktlich und richtig bezahle werden; le find aber nicht das Wichtigste. Vief wichtiger find uns die schaffenden Menschen, find uns the o'fenes Belenntnis zur DAF., ihre Mitarbeit und ihre Einsatzbereitschaft. Es gilt nunmehr, die organisatorische Gemeinschaft überall zur lebendigen Kameradschaft auszubauen und eine eilerue, unzerstörbare Gemeinschaft in allen Betrieben zu errichten. Es geht dabei um die Bil bung einer wirklichen Bolls and Leistungsgemeinschaft aller Deutschen, wie fie ber Führer fordert. Au alle Schaffenden im San Sachfen, Betriebsführer und Gefolgichaften aller Betriebe, ergeht unser Ruf, an diefer Aufgabe tatkräftig mitzuarbeiten und mit zuhelfen! Der Gauwalter der DAF. und Landesobmann der RSBO. sea Deitsch Sonderbeilage jum Rundbrief Nr. 36 der Deutschen Arbeitsfront, Gauwaltung SachsenDiele Beilage ist sofort nach Erheinen in allen Betrieben, Werkstätten und Dienststellen auszuhängen 1 0 Betriebswalter die Postzustellung eingeführt. Jedes Mitglied kann beim Briefträger eine Zeitung nach freier Wahl bestellen und das Bestellgeld auf den nächsten DAF- Beitrag anrechnen lassen. Diese Regelung musste nach einem halben Jahr wieder fallen gelassen werden, weil die Arbeiter nicht einmal das Bestellgeld auslegen wollten. Seit April 1936 werden die Zeitungen ohne A-52Bestellgeld geliefert. Obgleich die Zeitungen also nach wie vor kostenlos zugestellt werden, werden von den 25 Millionen Arbeitsfrontmitgliedern nur etwa 7 Millionen Zeitungen bezogen. Hierzu wird uns berichtet: Schlesien: Seit dem 1. April werden die DAF- Zeitungen wieder völlig unentgeltlich geliefert, obgleich es sich um Postversand handelt. Solange nämlich die Arbeiter die Zustellgebühr verauslagen sollten, haben die meisten den Bezug abgelehnt. Jetzt sind den DAF- Mitgliedern neue AbonnementsFormulare vorgelegt worden, die ausgefüllt werden mussten. Wer trotz der unentgeltlichen Zustellung nicht abonnieren will, muss in einer besonderen Spalte den Grund der Ablehnung angeben. Berlin: Die Metallarbeiterzeitung wird uns kostenlos geliefert und per Post zugestellt. Sie ist im DAF- Beitrag inbegriffen. Das" Arbeitertum" wird durch die Blockwalter verteilt. Obgleich es nur 10 Pf. kostet, ist das Interesse dafür natürlich ausserordentlich gering. Man hört manchen verzweifelten Stoss- Seufzer der Blockwalter:" Menschenskind, nimm mir bloss eine Zeitung ab, ich werde doch auch von oben gedrückt." Es hat sich mit der Zeit schon einigermassen klar herausgestellt, wer das" Arbeitertum" nehmen will und wer nicht. Diejenigen, die bei ihrer ursprünglichen Ablehnung geblieben sind, werden seit längerer Zeit nicht mehr belästigt, es sei denn, dass mal wieder ein besonders tüchtiger Blockwalter, der neu ist, grösseren Druck dahinter setzt. Der " Stürmer" wird im Betrieb ebenfalls angeboten und zwar in der gleichen Weise wie das" Arbeitertum". Es werden aber nur sehr wenige Exemplare verkauft. Südwestdeutschland: Die DAF klagt selbst darüber, dass ein grosser Teil ihrer Zeitungen nicht an den Mann zu bringen sind. Unsere Beobachtungen in den Betrieben bestätigen diese Tatsache. Freiwillig nehmen die Arbeiter in der erdrückenden Mehrheit die DAF- Blätter nicht und wenn sie schon zur Abnahme gezwungen werden, lesen sie sie kaum. Das entspricht nur der Wertschätzung, die die DAF bei den Betri bsarbeitern geniesst. Jetzt ist die ganze Presse voll von Drohungen gegen Unternehmer, die den Tariflohn nicht einhalten. In den Betrieben lacht oder schimpft man über diese Artikel, weil die Praxis lehrt, dass die DAF dort, wo wirklich Grund und Ursache zum Eingreifen gegeben wäre, sich hinter ihre Unzuständigkeit verschanzt. A-534) Kraft durch Freude KdF ist weiter im Ausbau begriffen. Hier gibt es etwas zu organisieren und da sind die Nationalsozialisten in ihrem Element. Mit dem Arbeiter im Betrieb wissen sie nichts recht etwas anzufangen, aber mit dem Arbeiter in der Freizeit( in der er leicht zum Kleinbürger wird), mit dem werden sie eher fertig. Hier kann vor allem gross spurig gebaut werden, ohne dass man soziale Kritik zu fürchten hätte, und das geschieht denn auch: fünf eigene Seebäder für je 20.000 Menschen, eine eigene KdFFlotte von 30 Schiffen, Landerholungsheime für 100.000 Leute ein Programm auf Jahre, das hunderte von Millionen Mark beanspruchen soll. Drei Schiffe sind schon auf Kiel gelegt, der Bau eines Seebades auf der Insel Rügen ist in Angriff genommen, der Bau eines Landerholungsheim in Königswinter am Rhein für 5.000 Menschen soll demnächst folgen. Neben der Erweiterung des Reise- und Erholungsbetriebes geht der Ausbau des Unterhaltungswesens einher. KdF hat ein besonderes Amt" Feierabend" gebildet, in dem alle Massnahmen auf diesem Gebiet organisatorisch zusammengefasst sind. Das alles hat Methode und darf in seiner Bedeutung nicht unter schätzt werden. Im Bereich von Kraft durch Freude wird die nationalsozialistische Ideologie organisiert, dass die Lösung der sozialen Fragen umgangen werden kann, wenn man dem Arbeiter statt mehr Lohn mehr" Ehre", statt mehr Freizeit mehr" Freude", statt besserer Arbeits- und Lebensbedingungen mehr kleinbürgerliches Selbstgefühl verschafft. KdF ist nicht nur eine raffiniert erdachte und geleitete Organisation zur" Betreuung" der Massen, sondern geradezu ein Symbol des von der NSDAP repräsentierten" nationalen Sozialismus". Heute noch steht ein grosser Teil der Arbeiter, wie die nachstehenden Berichte zeigen, misstrauisch und ablehnend abseits, heute werden noch viele technische, aber auch viele psychologische Fehler gemacht. Es bleibt Aufgabe sorgsamer Beobachtung, ob es der Organisation, die A-54heute schon 14 Millionen Volksgenossen" erfasst", gelingt, diese Widerstände und Fehler allmählich zu überwinden. Einen Einblick in die Vielgestaltigkeit des KdF- Programms bieten die von den einzelnen Gauen herausgegebenen Prospekte und Monatshefte. So veranstaltet der Gau Sachsen vom Januar bis September 1936 46 Gaufahrten, darunter 4 Seefahrten, ausserdem 104 Bezirksfahrten, darunter ebenfalls 4 Seefahrten. Der Gau München- Oberbayern, der allein in München 83 Geschäftsstellen unterhält, hat im Mai 1936 neben Urlaubs- und Wanderfahrten folgende Veranstaltungen durchgeführt: Theateraufführungen Frauennachmittage Kinderfeste Fröhliche Samstagsnachmittage Gymnastikkurse Reitunterricht Segelsportfahrten an d.Ostsee Vorträge Führungen d.Museen usw. Bildungs- Arbeitsgemeinschaften Leichtathletik( Reichssportabz.) Fachkurse( Stenographie, Deutsch Sportspiele( auch Tennis) Schwimmkurse Unseren Berichten entnehmen wir: Rechnen, Musik usw.) Kochkurse Bayern, 1.Bericht: Die KdF hat jetzt ihre Wanderfahrten sehr ausgebaut. Es werden Tages- und Halbtagswanderungen, Radtouren usw. unternommen. Diese Wanderfahrten haben einen sehr grossen Zuspruch, weil sie ausgezeichnet vorbereitet sind und glänzende Führer haben. Geologische und botanische Exkursionen, auch die Führungen durch Kunstsammlungen sind in der letzten Zeit stark ausgebaut worden. Eigene KdF- Jugendwandergruppen haben sich gebildet. Die Beliebtheit der KdF- Veranstaltungen ist sehr gross geworden. Auch der einfache Arbeiter kann sich solche Wanderungen leisten, denn sie kommen meist billiger als jede Privatwanderung. Die KdF wird bei fast allen Volksgenossen als eine wirklich anerkennenswerte Leistung des Nationalsozialismus gewertet. Die Sportkurse der KdF erfreuen sich immer grösserer Beliebtheit auch bei älteren Leuten. Jeder kann daran teilnehmen. Auf Wunsch erhält man eine sogenannte Jahressportkarte, die 20 Pf. kostet. Aus ihr ist ersichtlich, welcher Organisation der Besitzer der Karte angehört. Bei jedem Besuch eines Kursabends muss man bezahlen. Man erhält dann eine Sportmarke in die Karte eingeklebt, so dass man genau verfolgen kann, wie oft der Kursteilnehmer die Abende besucht hat. Mitglieder der DAF, der SA, der SS, der Wehrmacht zahlen bei einem Monatseinkommen bis zu 120 Mark monatlich für den Abend 10 A-55Pf., über 120 Mark Monatseinkommen 20 Pf., Nichtmitglieder der obigen Organisationen zahlen 30 Pf. Durch diese Einrichtung wird eine ausgezeichnete Finanzierung des Sportbetriebs erreicht. Die beiden grossen Turnhallen der städtischen Mittelschule sind fast jeden Abend von KdF belegt. Von der Provinz aus werden jetzt durch die KdF alle Woche Theaterfahrten nach München durchgeführt. Bis aus 120 km Entfernung kommen an Wochentagen die Theaterzüge nach München. So ist es dem Provinzler leicht gemacht, auch die Theaterveranstaltungen in der Grossstadt zu besuchen. Der Zuspruch ist sehr gross. Von den oberbayerischen Fremdenverkehrsorten wird berichtet, dass es durch Kdr zwar mehr Uebernachtungen gibt als früher, dass aber dadurch kein erhöhter Gewinn erzielt würde. Im Gegenteil, die Hotelbesitzer zahlen dabei oft drauf. KdF zahlt pro Bett 1 Mark, während sie sonst 2,50 und 3 Mark verlangen können. Dieser Betrag deckt die Unkosten nicht.Aber die Hotels haben keine Wahl. Sie werden einfach von der Gemeinde informiert, dass für einen bestimmten Tag eine gewisse Anzahl von KdF- Gästen zu erwarten ist und müssen alle freistehenden Zimmer zur Verfügung stellen. Kommen dann aber Privatgäste, so müssen sie diesen absagen, wodurch ihnen ein wirklicher Verdienst entgeht. Ausserdem ist es oft vorgekommen, dass die Privatgäste ausgezogen sind, weil sie die Gesellschaft der KdF- Reisenden, bei denen es meist sehr laut hergeht, nicht wünschen. 2.Bericht: Alle KdF- Züge waren 14 Tage vor Pfingsten ausverkauft. Die Arbeiter und Angestellten benutzen diese äusserst günstigen Fahrgelegenheiten, ohne sie als besonderes Verdienst der Partei zu werten. Man sagt sich: die werden bei der grossen Teilnehmerzahl bei allen ihren Veranstaltungen und Reisen nicht drauf zahlen. Sollte jemals ein Defizit vorkommen, wird es die DAF übernehmen.( Die Leistungen von KdF sind wirklich erstaunlich. Eine Fahrt von München zum Königsee mit Rundfahrt bis zum Obersee kostet 5 Mark). Eine besondere Sache sind die Schiffsreisen. Es ist allge mein bekannt, dass an diesen Fahrten zum Grossteil Frauen teilnehmen, die auf einer solchen Reise Anschluss suchen. Ein Teilnehmer, der auf St. Louis nach Madeire fuhr, berichtete uns, dass auf der ganzen Fahrt die Erotik wahre Triumphe feierte. Die sehr stark vertretenen Amtswalter haben hier die willkommene Gelegenheit, sich ausser Reichweite ihrer Ehefrauen von den Strapazen ihrer schwerer Amtstätigkeit zu erholen. Jeder kann ein kleines intimes Erlebnis mit nach Hause bringen und all dies verdankt er dem Führer, der auch die Sexualwünsche seiner Getreuen auf diese Art befriedigt. Wir verweisen im übrigen auf das beigegebene KdF- Monatsprogramm. Die Vorstellungen im Prinzregententheater werden durch Gemeinschaftsbesuche der Betriebe gefüllt. Durch diese indirekte Nötigung der Arbeiterschaft erreicht man ein volles Haus und erklärt dann stolz in der Presse, das deutsche Volk A-56- habe sein Herz für das Theater neu entdeckt. Es kommt aber auch vor, dass einer oder der andere, der früher für das Theater nichts übrig hatte, durch diesen zwangsweisen Anschauungsunterricht allmählich interessiert wird und sich einer Theatergemeinde anschliesst. Die grosse Masse der Arbeiter würde aber sehr gerne auf diesen Kunstgenuss verzichten, ihnen wären bessere Löhne lieber. 3. Bericht: Die KdF hat jetzt alle Hände voll zu tun mit dar Vorbereitung von Bommerf esten-und Urlaubsfahrten. In den Betrieben werrden Turniermannschaften zusammengestellt, die auf den Festen ihre Austragungskämpfe machen werden. Diese Feste sind Nachahmungen der früher von der gesamten Münchner Arbeiterschaft durchgeführten Volksfeste in der Menter- schweige, die immer den grössten Zuspruch hatten. Heute wird das ganz gross im Ausstellungspark aufgezogen und findet bei der Arbeiterschaft starken Anklang. Als Preise für die bei den Turnierkämpfen siegenden Mannschaften der einzelnen Betriebe sind Urlaubsfahrten mit KdF-Schiffen vorgesehen, die aber nicht der siegenden Jungmannschaft, sondern älteren Arbeitern im Betrieb, welche durch Besohluss der Gefolgschaft -dazu bestimmt werden, zugute kommen. Südwestdeutschland. 1. Bericht: Ueber Kraft durch Freude geht die Meinung nach wie vor dahin, dass ihre Reiseveranstaltungen nur für Bessergestellte in Frage kommen. Arbeitslose und geringverdienende Arbeiter können einfach nicht mitmachen. Dafür beteiligen sich immer wieder wohlhabende Leute aus dem Bürgertum an diesen Reisen, die natürlich vorher auch gereist sind. So hat z.B. in X. ein Zahnarzt, der eine sehr gute Praxis hat, eine Reise nach Madeira mitgemacht. Immerhin muss man einräumen, dass für einen gutbezahlten Arbeiter, der sich an einer grösseren Reise beteiligen kann, das schon etwas bedeutet. Er bekommt einen anderen Blick, er hat das Gefühl, dass er sich jetzt auch etwas leisten kann, was früher nur für die besseren Schichten da war. Und so ist "KdF" vielleicht das einzige am. ganzen System, das von den meisten Schichten anerkannt wird. S.Bericht: An den"Kraft-durchFreude-Reisen" können sich die Arbeiter nur in geringem Masse beteiligen. Bei einem Urlauberzug aus der Mark ah den Bodensee mit etwa 800 Teilnehmern waren keine fünf Prozent Arbeiter. Es waren in der Haupt sache Geschäftsleute, kleine Handwerker und Beamte. Bei kürze ren Reisen, Tagefahrten usw. kann man eher Arbeiter antreffen Was so über das Wochenende mit KdF an den Bodensee fährt, sind durchweg Proleten. Als ein solches KdF-Schiff in Konstanz ausgeladen wurde, hatte eine Frau ihr Portemonnaie verloren. Es wurde gefunden und es stellte sich heraus, dass es ganze 90 Pf. enthielt. Im Schwarzwald macht sich KdF für die Hotelbetriebe ziemlich unangenehm bemerkbar. Durch die Massentransporte ergibt A- 57sich ein langsamer Abzug der sonstigen Kurgäste, die natürlich bessere Preise bezahlen. Einesteils verziehen sich diese Gäste wegen der grossen Unruhe, die diese Massenbelegschaften mit sich bringen, andererseits auch wegen der verminderten Bequemlichkeit der Unterbringung. KdF wird übrigens nun von den Betrieben recht kräftig zu Reklamezwecken ausgenützt. So ist der Ausflug der Belegschaft der Maggiwerke nach Stuttgart ein einziger Reklame zug für die Firma gewesen. An den Eisenbahnwagen war in grosser Aufschrift angebracht:" Kraft durch Freude- Maggiwerke, Singen a.H." Eine glänzende Reklame für das Werk. 3. Bericht: In den..werken in X. hat man eine neue Kasse gegründet, für welche jedem Arbeiter in der Woche lo Pf. abgezogen werden. Diese fliessen in die Reisekasse der KdF. Jedem Arbeiter wird garantiert, dass er in den nächsten fünf Jahren mindestens einmal drankommt. Ueber diese neue Kasse wird nicht schlecht geschimpft. Sachsen, 1.Bericht: Am 20. Juni nunhatte eine Berliner KdF- Stelle mit Omnibussen eine Fahrt ins Blaue nach Klingenthal unternommen und wollte die Leute auf vier Tage bis zum 23. Juni dort unterbringen. Aber schon am 21. sah man ein, dass es gefährlich ist, mit den Leuten so nahe an die Landesgrenze zu fahren. An diesem Tage mussten ungefähr 100 Grenzausweise an die KdF- Teilnehmer ausgegeben werden. Als aber am 22. die Nachfrage nach solchen Ausweisen noch grösser war, wurde diesen Leuten der Grenzausweis verweigert, und als deshalb unter den Teilnehmern ein berechtigtes Murren einsetzte, wurde ihnen gesagt, dass alle Personen, welche nach Böhmen zu gehen wünschen, nicht mehr an der gemeinschaftlichen Heimfahrt teilnehmen dürfen. Denn, so sagte der leitende Amtswalter, wer Geld dazu habe, dies in ein fremdes Land zu tragen, anstatt das leidende heimische Gewerbe zu unterstützen, der könne dann auch auf seine Kosten die Rückreise bestreiten. Für Uebernachtung mit Morgenkaffee wird den Quartierleuten 1,10 Mk pro Tag bezahlt. Aber die Berliner, meist junge Angestellte, müssen ziemliche Ansprüche an die Quartiergeber gestellt haben und deshalb weigern sich eine ganze Menge Leute, weiterhin solche Gäste zu beherbergen. Anders war es bei der Beherbergung von Leipziger Teilnehmern, meistens älteren Arbeitern aus städtischen Betrieben. 2.Bericht: Ueber Kraft durch Freude geht hier das geflügelte Wort um:" Die Bonzen fahren nach Madeira. Die Kleinen erhalten eine Strassenbahnrundfahrt in Dresden." 3. Bericht: In Sachsen haben mehrere Korruptionsfälle bei der KdF viel Gemeckere hervorgerufen. Die Art, wie die KdF Exkursionen durchführt, stösst viele Arbeiter ab. Man fährt aus wie eine Hammelherde und die alberne Erklärerei vor jedem A-58Denkmal und jedem Bild, die der Vertiefung der nationalsozialistischen Weltanschauung dienen soll, widert manchen an. Für KdF hat man einige sehr kräftige Namen gefunden: Bonzen bordell, Posten- Vermittlungs A.G., Ehevermittlung usw. 4.Bericht: Auf einem Schwimmkursus der" Kraft durch Freude" an dem über 50 Frauen teilnahmen, habe ich die Erfahrung machen müssen, dass es dort sehr wenig parteimässig zugeht. Es handelte sich bei der Teilnehmerinnen durchweg um einfache Leute. Man hörte kaum ein" Heil Hitler" und wir, die wir früher bei den Arbeitersportlern waren, fühlten uns sozusagen zu Hause. Ich hatte zunächst Bedenken, an einer KdFVeranstaltung teilzunehmen, aber es bleibt einem ja nichts anderes mehr übrig. Umso mehr war ich angenehm überrascht, bei der Zusammensetzung und der Handhabung dieses Kursus gar nichts Nationalsozialistisches zu finden. Die Tatsache, dass man um KdF kaum noch herum kommt, wenn man Sport treiben oder Reisen machen will, ist ziemlich allgemein. So nehmen z. B. viele unserer Genossen, die früher bei den Naturfreunden waren, heute die Gelegenheit wahr, die Reisen mit KdF zu machen. Es bleibt einfach keine andere Möglichkeit. 5.Bericht: Kraft durch Freude hat viel Zuspruch. Man kann doch für billiges Geld allerhand haben. Im Central- Theater in Dresden erhält man einen Platz im I. Rang, Tribüne, für 1,25 Mk., regulär kostet er 2,50 Mk., im III. Rang einen Platz für 40 Pf. Auch die Ferienreisen sind preiswert. Schlesien: KdF veranstaltet Autofahrten in die nähere Umgebung. Die Teilnahme ist gering. Die Arbeiter unterhalten sich auf den Gruben darüber, dass ihnen zu solchen Vergnügungsfahrten das Geld fehle, ausserdem sei man auch nicht unter sich, man habe keine Möglichkeit, sich zu unterhalten, am nächsten Tag schon wisse der Stei- ger, was der Einzelne versprochen habe. Lasse man ein unvorsichtiges Wort fallen, dann werde man bei der Arbeit gedrückt. Die Reisen der KdF sind für die Arbeiter eine sehr kostspielige Sache. Wenn auch die Reise an und für sich nicht teuer ist, so sind doch die Nebenausgaben sehr hoch. Wer sich etwas ansehen will, das nicht im Programm steht, muss besonders bezahlen. Es werden Vergnügungen aller Art veranstaltet, die sehr viel Geld kosten, das in die Kasse der Organisation" Kraft durch Freude" geht. Wer sich aus Mangel an Mitteln nicht an den Veranstaltungen beteiligen kann, für den ist so eine Reise nur ein halbes Vergnügen. Er fühlt sich ausgeschlossen und zurückgesetzt. Berlin, 1.Bericht: Kraft durch Freude geniesst kein grosses Ansehen. Die Theatervorführungen enttäuschen sehr. Allgemeine Auffassung ist, dass für KdF- Veranstaltungen nur zweit A-59- oder drittranglge Besetzung verwendet wird. Die Leute sagen sich: wir geben lieber 5° mehr aus und haben einen guten Platz, als dass wir die Loserei mitmachen und dann vielleicht im III. Rang einen schlechten Platz erwischen. Mit den Urlaubsfahrten ist es nicht anders. Natürlich mag sich mancher wohlfühlen, aber diese Massenabfertigung behagt doch vielen nicht. Man hat doch keine Freude daran, weil man sich nicht offen aussprechen kann, da immer fremde Leute dabei sind, von denen man nicht weiss, wie sie denken. Was die Madeira- Fahrten betrifft, so ist alles Humbug. Es herrscht auch heute noch die Meinung vor, dass das meist Bonzenfahrten sind. Gewiss wird von unseren Genossen auch manchmal der Vorwurf erhoben: warum habt Ihr das nicht früher auch schon gemacht? Zumeist aber werden diese Veranstaltungen doch von allen kritisch beurteilt und selbst bei den Indifferenten steht die Ueberzeugung fest, dass der ganze Rummel doch nur dazu dient, um uns einzulullen. P.Bericht:(Aus einem Brief einer ehemaligen Genossin) Was soll man den Leuten sagen, wenn sie mit Argumenten kommen, wie: Heute sieht man, wo die Gewerksohaftsbeiträge bleiben. Ist ein Arbeiter früher in die Oper, in den Zoo, ins"Rheingold"(Weinstuben) gekommen? Sehen Sie sich das Rrograpm an, wie die Arbeitsfront für Unterhaltung der Arbeiterschaft sorgt. Sehen Sie einmal, wie gebaut wird, wo man ninblickt, erstehen riesige Neubauten. 3. Bericht: MF arbeitet sehr rührig. Die Ansichten über diese Organisation sind sehr geteilt. Es ist oft sehr schwer, den Leuten die demagogischen Absichten, die die Nazis damit verfolgen, klarzumachen. Benutzt wird MF nur von Leuten mit mittleren Einkommen, da ja die schlecht bezahlten Arbeiter nicht einmal 2o Mk für eine Fahrt ins Erzgebirge sparen können. Nordwestdeutschland: Bei den KdF— Abenden gibt es leichtes Kabarett minderwertigster Sorte. Anzügliche, dumme und freche Redensarten aus dem Sumpf niedriger Erotik sind üblich. Die Besucher sind meistens kleinbürgerliche Handwerker und Angestellte mit ihren Frauen und schulentwachsenen* Kindern. Dieser Sorte Bürger ist jeder Schmutz ausgelassenste Unterhaltung. Wir haben zuletzt eine solche Veranstaltung besucht und festgestellt, dass von rund 300 Besuchern nur lo wirkliche Arbeiter waren. Die Unkosten betrugen an dem Abend rund 450 Mark bei ungefähr I50 Mark Einnahmen. Das Defizit wird aus unseren Beiträgen von der DAF gedeckt. Wasserkante: Wie die Aufnahme der Veranstaltungen der KdF ist, ersieht man daraus, dass oft die Veranstaltungen"aus technischen Gründen" abgesagt werden. Der Absatz der Karten reicht bei weitem nicht aus, um die Veranstaltungen durchführen zu können. Als Retter in der Not sprang bei einer A-60schon abgesagten Fahrt nach X. ein Grossbetrieb ein, der alle Karten aufkaufte und an seine Arbeiter und Angestellten verteilen liess. Die KdF hatte als Preis 5 Mk festgesetzt für eine Dampferfahrt ohne Verpflegung. Dieselbe Fahrt kostete bei jeder Vereinsveranstaltung auch nicht mehr. Eine Unterabteilung der Gemeinschaft" Kraft durch Freude" ist das Amt" Schönheit der Arbeit". Mit ihren Aktionen für die verbesserte Ausgestaltung der Arbeitsplätze wird seit Monaten viel Reklame gemacht. Wie die Sache in der Praxis aussieht, zeigen die nachstehenden Berichte: Schlesien: Auf Veranlassung des Amtes" Schönheit der Arbeit sind auch bei Linke- Hoffmann einige Abteilungen " verschönert" worden, nachdem ein Hochschulprofessor die Sache vorher begutachtet und Vorschläge dafür gemacht hatte. Es wurden also z.B. die Pressluftrohre angestrichen, die Heizungsrohre rot, die Entlüftungsrohre grün; die Stabpfeiler in einem Saal grün, die Wände ganz bunt, die Fensterrahmen hellgrün usw. usw. Die Arbeiter sollten diese Verschönerung nach Feierabend selber machen. Der Vertrauen srat sollte deshalb eine Liste herumgeben, in die sich die Arbeiter für diese Arbeit einzeichnen sollten. Der Vertrauensrat einer Abteilung aber hat einen Schrebergarten und hatte selber keine Lust, diese Arbeit mitzumachen. Er sagte daher den Arbeitern, als er mit der Liste herumging:" Ich mache da nicht mit, ich habe meinen Garten und Ihr braucht auch nicht mitzumachen". So wurde die Sache in der Kupferschmiede zwar angefangen, blieb dann aber sehr schnell liegen. In der Werkzeugmacherei wurde überhaupt nicht erst mit der Arbeit begonnen. Schliesslich wurde die Sache auf Kosten der Firma zu Ende geführt, die eine Reihe von Malern und Lackierern, die zeitweise ohnehin wenig beschäftigt waren, für diese Arbeit abkommandierte. Die ganze Instandsetzung war nicht von langer Dauer; schon nach 4 Wochen überzog sich alles mit einer leichten Schicht von Staub und Russ.- Im Wagenbau hat man für eine Belegschaft von 1.200 Mann eine winzige Grünfläche hergerichtet mit 4 oder 5 Bänken. In der Kupferschmiede hat man an den Fenstern Blumenkästen angebracht, in die die Arbeiter selbst alle möglichen Blumen angepflanzt haben. In dieser Abteilung ist auch ein Frühstücksraum eingerichtet worden, der mit einem Hitlerbild verziert wurde. Von der Belegschaft benutzt höchstens ein Viertel in der Pause diesen Raum, weil er viel zu ungünstig liegt und bei der Kürze der Pausen die Leute von den weit entfernt liegenden Arbeitsstellen viel zu viel Zeit verlaufen würden. Sachsen:( Pappen- und Kartonnagenfabrik, 500 Beschäftigte) In unserem Betrieb ist kürzlich im Rahmen der Aktion für " Schönheit der Arbeit" ein Radio angeschafft worden. Und das A-61kam so: Der Vertrauensrat liess eines Tages ein Rundschreiben zirkulieren, in dem es hiess: Da die Belegschaft den Wunsch geäussert habe, im Betrieb ein Radio zu haben, hätte er mit dem Betriebsführer Rücksprache genommen und erreicht, dass dieser damit einverstanden sei. Es sei deshalb nötig, dass alle Arbeiter und Arbeiterinnen dafür 1 1/2 Stundenlohn opfern, den übrigen Teil würde die Firma bezahlen. Wir waren alle ganz sprachlos und einer frågte den anderen, wer denn eigentlich das Radio haben wolle, Wir haben genug von den Geräuschen der Maschinen und sind froh, wenn der Betrieb während der Mittagspause stillsteht. Trotzdem musste die Belegschaft auf dem Rundschreiben ihre Bereitwilligkeit zur Leistung der anderthalb Arbeitsstunden erklären. Ich und zwei andere Kolleginnen aus meiner Abteilung weigerten uns, zu unterschreiben, aber schliesslich wurden wir von den übrigen so bedrängt, dass wir zu guter letzt doch unterschrieben. Viele waren über diesen Abzug sehr verärgert, denn schliesslich merkt man bei einem Wochenverdienst von insgesamt 16 bis 17 Mark, den Ausfall sehr. Baden: Eine Maschinenfabrik beschäftigt zwei- bis dreihundert Arbeiter und Angestellte. In jedem Jahre wurde an die Arbeiter und Angestellten eine Gratifikation ausbezahlt. Diese betrug im vorigen Jahr 80 Mark. In diesem Jahr wird nichts ausbezahlt und man erklärt, die Gratifikation werde benützt, um einen Speise- und Aufenthaltsraum zu bauen. Man muss bedenken, dass etwa 30 bis 50 Mann von der Gesamtbelegschaft dort essen und sich aufhalten werden, während die übrigen dreiviertel nach Hause gehen. Berlin: Die Organisation" Schönheit der Arbeit" ist nur durch Zeitungsartikel bekannt. Sonst hört man darüber nicht ein Wort. B ▲-62III. Aus der Landwirtschaft Wir haben wiederholt darüber berichtet, dass die Haltung der Landwirtschaft gegenüber dem Nationalsozialismus sich infolge der Zwangswirtschaft für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, des Erbhofrechtes und den dadurch heraufbeschworenen Kreditschwierigkeiten und der verschärften steuerlichen Erfassung wesentlich gewandelt hat. Obgleich der Nationalsozialismus der städtischen Bevölkerung grosse Opfer zugunsten der Landwirtschaft zugemutet hat und noch immer weiter zumutet, stimmen bis jetzt alle Berichte vom Lande darin überein, dass die Missstimmung unverändert gross ist. In den katholischen Landesteilen wird sie naturgemäss durch den Kampf gegen Wir stellen einige alldie Kirche noch besonders verschärft. gemeine Berichte voran: Bayern: Ein Gewerbetreibender, den sein Beruf dauernd über Land führt und der eifriges Mitglied der sozialdemokratischen Partei war, gibt uns folgenden Bericht über seine Eindrücke aus dem bayerischen Chiemgau: Wenn man die Stimmung unserer Landbevölkerung mit der zu Beginn der Hitlerherrschaft vergleicht, so muss jeder objektive Beobachter erkennen, dass das Hitlerregime auf dem Lande fast jedes Vertrauen verloren hat. Die Enttäuschung, die die unerfüllten Hoffnungen bringen mussten, ist allgemein. Dieses Empfinden macht sich bei jedem Einzelnen je nach seinem Temperament in mehr oder weniger derber Form Luft. Es gibt solche, die sich, ohne dass man ihre Zunge zu lockern bräuchte, in den hasserfülltesten Beschimpfungen ergehen, so dass man unwillkürlich nach der Tür und dem Fenster schaut, ob nicht andere Ohren da sind, die es hören könnten; und es gibt auch solche, die alles mit stoischer Ruhe ertragen und die nationalsozialistische Herrschaft wie ein una bänderliches Schicksal hinnehmen. Was es aber nicht gibt, das sind Bauern, die den Nationalsozialismus aus innerster Ueberzeugung heraus vertei digen und selbst, wenn sie aus irgendwelchen materiellen Gründen Anhänger der Partei sein sollten, wagen sie ihn nicht zu verteidigen. Wenn man bei den Bauern viel herumkommt und als politisch nicht interessierter Händler bekannt ist, kennt man die wahre Stimmung besser als jeder Nazibauernführer im Reich. Fast jeder schüttet einem sein Herz aus und man wird ihr Vertrauter. A- 63Deutlich fühlt man, wie froh die Menschen sind, wenn sie wieder offen ihre Qual und ihre Sorgen von der Seele sprechen können." Wie wird denn das noch weitergehen, wie wird das noch enden, wie denkst Du darüber? Das sind die Fragen, die am Schluss jeder Betrachtung gestellt werden. Die Bauern denken, man müsste mehr wissen, weil man aus der Stadt ist und weil man überall herum kommt. Wenn man ihnen dann sagt, dass es überall gleich ist, dass das Volk es selbst so gewollt hat und dass es nur das Volk selbst wieder ändern kann, dann merkt man, wie hilflos der Bauer der ganzen Situation gegenüber steht. Wenn seine Jammer- und Schimpfepistel zu Ende sind, hört auch meist sein Denken auf. Vorstellungen über eine politische Gegenwirkung der Bauernschaft sind äusserst selten zu finden, und selbst wenn sie bei den Betrachtungen Einzelner in Erscheinung treten, zeigen sie nicht, dass der Wille zu einer wirklichen Aktion dahinter steht. Jeder hofft auf die unsichtbare Hand des Schicksals, die vielleicht vom Ausland her oder aus der unbekannten Sphäre wirtschaftlicher Zerrüttung in das Getriebe eingreifen könnte und allem Leiden des Volkes.ein Ende macht. Bei meiner genauen Kenntnis der Gedankengänge vieler Landwirte meines Arbeitsgebietes habe ich die feste Ueberzeugung, dass die Bauernschaft unter den heutigen Verhältnissen nicht reif ist, überhaupt den Versuch zu einer organisierten Opposition zu machen. Wie sich die Stimmung im einzelnen äussert, darüber einige Beispiele: In einem bayerischen Bergdorf mit 350 Einwohnern sprach ich mit dem Bürgermeister, den ich seit langem kenne. Er ist bei der Machtübernahme im Amte geblieben, weil die Nationalsozialisten keinen geeigneten Vertreter stellen konnten. Er ist ein sehr vernünftiger und weitsichtiger Bauer. In der verhältnismässig kleinen Gemeinde gibt es 45 Wirtschaften, durchschrittlich Mittelbauern mit 10 bis 12 Stück Vieh. Es wird wegen der hohen Lage des Ortes fast ausschliesslich Milchwirtschaft betrieben. Dieser Bürgermeister stellt die Situation in seiner Gemeinde ungefähr so dar: Es ist richtig, dass der nationalsozialistische Staat den Absatz der bäuerlichen Produkte flüssig gestaltet hat. Der Milchbedarf der Grossmolkerei Y, wohin der Grossteil der Milch des Dorfes wandert, kann im Gegensatz zu früher heute nicht mehr befriedigt werden. Haben die Bauern früher noch vielfach Milch selbst ausgebuttert und dann die Butter verkauft, so sollen sie jetzt alle Milch der Molkerei liefern. Der gute Absatz der Milch kann aber die erhöhten Unkosten nicht ausgleichen, die durch das Ansteigen der Futtermittelpreise( oft bis zu 40%) entstanden sind. Die Milch ist im Preis gleich geblieben, Futtermehl jedoch bis zu 20% teurer geworden und vor allen Dingen sehr schwer zu bekommen. Was aber die Stimmung der Bauernschaft ganz besonders bedrückt, ist die ungeheuere Bürokrati sierung, die durch den Reichsnährstand und die nicht enden wollende Kette von neuen Gesetzen und behördlichen Verordnun A-64gen hervorgerufen wird. Die Bauern haben für diese Bürowirtschaft kein Verständnis. Das Gefühl, dass sie eigener Herr sind auf ihrem Sach", wird ihnen genommen und damit wächst der Missmut, dass Misstrauen und die Nörgelei. Dazu kommt noch, dass viele Verordnungen den wirklichen Interessen des landwirtschaftlichen Betriebes geradezu zuwiderlaufen, wie 2.B. das Körgesetz. Man merkt vielen Verordnungen an, dass sie am grünen Tisch gemacht werden und der Bauer sieht in ihnen" preussischen Geist. Es ist aber falsch, wollte man von einer Verelendung im Dorfe sprechen. Das landwirtschaftliche Entschuldungsgesetz hat manchem Bauern geholfen, aber der Bauer ist zu leicht geneigt, nach aussen seine Unzufriedenheit zur Schau zu tragen. Von einer Verèlendung der bäuerlichen Wirtschaften in unserer Gemeinde kann nicht die Rede sein. Trotzdem bringt das Amt der Bürgermeisterei heute erhöhten Missmut und persönliche Belastung mit sich. Es ist, als ob der Frieden im Dorfe dahin wäre. Einer traut dem anderen nicht recht und doch weiss jeder, dass er mit dem gegenwärtigen Zustand gar nicht einverstanden ist. Soweit die Auffassungen des Bürgermeisters. Der Bauer empfindet instinktiv, dass die Interessen der Landwirtschaft den Machtbedürfnissen der nationalsozialistischen Führerschicht untergeordnet werden. Die Bauernführer sind zum grössten Teil Menschen, die dem Bauern unbekannt sind und daher schon von vornherein bei ihm kein Vertrauen finden. Vor allem haben sie eine sehr geringschätzige Meinung von Herrn Darré. Die totale und rücksichtslose Bürokratenwirtschaft lässt den Bauern seine Rechtlosigkeit empfinden und so kommt es, dass man sehr oft der Aeusserung begegnet:" Da heisst es immer, unterm Bolschewismus sind die Bauern rechtlos, viel schlimmer als bei uns kanns dort auch nicht sein." Das Vertrauen zu den alten Führern der Bauernschaft ist sehr gestiegen. Mehr noch als vor einem Jahre kommen die Bauern zu ehemaligen Angestellten der Bauernorganisationen aus der Zeit der Demokratie, um sich von ihnen Rat zu holen. Wenn sie von dort zur örtlichen Vertretung der Bezirksbauernschaft verwiesen werden, erklären sie, dass sie zu diesen" neuen Bauernvertretern kein Vertrauen haben, weil diese nichts verstehen und ja doch nicht dem Bauer helfen können, denn sie sind ja von den Nazis bezahlt. Die radikalsten Gesinnungen in der Bauernschaft zeigen sich bei den ehemaligen Bauernbündlern. Bei einem Besuch in Z., einem Pfarrdorf mit 2.900 Einwohnern, einer einstigen Hochburg des Bauernbundes, traf ich eine geradezu radikale Grundstimmung der Bevölkerung an. Diese einst von Gandorfer geführten Bergbauern waren vom Nationalsozialismus nie begeistert; ihre Ansichten über eine neue Ordnung sind schon positiv. Einer dieser Bauern, ein sehr angesehener Mann in der Gemeinde, erklärte mir:" Unsere Bauern haben für die Nazis nichts übrig. Seit ihrer Herrschaft ist die Gemeinde wie unter einem Alpdruck. Es ist ausgeschlossen, dass Hitler auf A-65diesem Wege lange weiter machen kann, er wird im Krieg enden. Was dann kommt, kann niemand sagen. Wenn aber eine Volksregierung noch einmal kommen soll, dann muss es eine Arbeiterund Bauernregierung sein. Solange die Arbeiter und Bauern nicht zusammengehen, wird sich keine neue Macht in Deutschland bilden. Es sind schwere Fehler vom Bauernbund in der Vergangenheit gemacht worden. Nie wäre es soweit gekommen, wenn Arbeiter und Bauern gewusst hätten, um was es geht." Auf meine Frage, wie er zum Kommunismus stehe, meinte er: " Was für Russland gut ist, kann für uns schlecht sein und umgekehrt, aber ich habe gar keine Angst, dass der russische Bolschewismus bei uns kommen könnte, denn die Landwirtschaft und das ganze Land ist doch bei uns viel anders geartet. Wer etwas von Politik versteht, der weiss, dass die Nationalsozialisten das selbst nicht glauben, was sie über den Bolschewismus als Gefahr für uns Bauern sagen. Bei vielen Bauern verfängt das freilich und sie glauben tatsächlich, dass ihnen Grund und Boden genommen werden soll, aber sie trauen schon den Nazis auch nicht mehr. Die Angst vor der Kriegswirtschaft ist heute schon bei allen da. Mit dem Pferdekauf für das Reich sheer geht es an und bei der Schweinezwangswirtschaft hört es auf. Wenn sich nach einem Kriege in Deutschland eine Arbeiter und Bauern- Regierung bilden sollte, wird sie eine ganz andere Form haben als in Russland. Die Bauern werden dann froh sein, wenn der ganze Schwindel aufhört, und werden dem Neuen nicht entgegentreten, genau wie 1918, aber dann kommt es darauf an, dass wirklich etwas für die Bauern gemacht wird. Wenn der Bauer das merkt, dann wird er mittun und mag dann die Regierung heissen, wie sie will." Auf meine Frage, ob er nicht glaube, dass man schon jetzt etwas gegen die Hitlerregierung machen kann, sagte er:" Nein, jetzt ist es aussichtslos, irgend etwas zu tun. Noch ist es nicht reif. Man kann nicht verhindern, dass die Nazis sich immer mehr verrennen und damit wächst auch die Misstimmung bei den Bauern. Es ist doch so, dass es dem Bauern heute noch immer verhältnismässig gut geht. Er hat keinen Hunger zu leiden und die Regierung ist durch die Ausnützung aller Gewalt doch sehr stark, wenn sie auch den grössten Teil der Landbevölkerung stimmungsmässig gegen sich hat. Der Bauer wird sich noch viel gefallen lassen und ich glaube überhaupt nicht, dass er für eine Revolution zu brauchen sein wird. Die Ausnahmestellung, die unsere Bauern schon seit langer Zeit mit ihren politischen Ansichten einnehmen, darf nicht täuschen. Ein Krieg ist nicht aufzuhalten, aber er wird bald zu Ende sein, dann kann vielleicht aus der Armee oder in der Industriebevölkerung eine Revolution entstehen. Aber darüber kann man heute noch gar nicht reden. Vielleicht ist es dann so, dass es gar kein grosses Deutschland mehr gibt und dass wir unter die Knute anderer Mächte kommen, dass vielleicht Deutschland aufgeteilt wird oder sonst seine Einheit verliert. Viele Bauern würden sich einer Trennung von Preussen auch heute noch nicht in den Weg stellen. Jetzt ist es zwar etwas ruhiger A-66aber am Anfang sind schon Unterhaltungen über eine Donaumonarchie geführt worden." Diese Auffassungen sind in ihrer Klarheit eine Seltenheit; der Bauer ist zu ihnen auch nur gelangt, weil er sich schon früher viele Jahre in einer politisch aktiven, freien Bauernbewegung betätigt hat. Er will aber nichts von einer illegalen Betätigung wissen, er lehnt jede Schrift ab und bezeichnet die Organisierung einer Opposition als im Augenblick unmöglich. Er verlässt sich auf die Entwicklung und stellt sich abwartend zur Seite. Seine Kinder teilen mit ihm diese Ansichten, auch die Söhne, die jetzt beim Militär sind. Ihnen gilt die politische Autorität des Vaters. Rheinland- Westfalen: 1.Bericht. Ein Berichterstatter, der ständig mit Landwirten in Fühlung ist, äussert sich über die Lage auf dem Lande: 20 Der Bauer ist und bleibt Individualist. Daran kann auch der Nationalsozialismus nichts ändern. Er will selbständig wirtschaften und- verdienen können. Ihm ist es gleich, was aus dem Volke wird. Es wäre ein grosser Irrtum, wenn wir das nicht bei unseren Betrachtungen über die Zukunft mit in Rechnung stellen würden. Der Bauer legt grössten Wert auf guten Verdienst, er hasst deshalb auch jede gebundene Wirtschaft, die ihm nicht gestattet, sein Vieh, seine Milch und die sonstigen Produkte dort zu verkaufen, wo er die höchsten Preise bekommen kann. Die Juden sind gar nicht so verhasst bei den Bauern, wie das die Nazis hinstellen. Der Bauer kennt sich lange mit dem jüdischen Viehhändler, er kennt seine Methode des Handels und des Handelns, ja er hat sie sich selbst im Laufe von Generationen angeeignet. Dabei ist er gar nicht schlecht gefahren und es sind keine Einzelfälle, in denen der Bauer für sein Vieh beim Juden immer mehr bekam als beim christlichen Viehhändler. Jetzt müssen die Bauern ihre Produkte morgenweise abliefern. Das ergrimmt sie sehr. Sie sagen, dass sie selber wüssten, was sie abgeben können. Sie gäben sowieso das ab, was sie abgeben können, schon weil sie kein Interesse daran haben, ein Produkt zu behalten, das ihnen Geld bringt und das sie selber nicht verwenden können. Im übrigen sorge die eigene Not dafür, dass sie das verkaufen, was halbwegs zu entbehren ist. Jetzt aber wird bestimmt, was abzuliefern ist und die Preise auch. Die Preise sind aber zu niedrig, so sagen die Bauern, und in der Stadt wird es zu dem und dem Preise verkauft. Warum müssen erst da noch andere verdienen und wo bleiben die Ueberschüsse, die die Auffangstellen schlucken? Nicht nur das, die Bauern, welche sich einmal an den Finger stossen, werden öffentlich gebrandmarkt. Das alles ergrimmt den Bauern und man kann wirklich nicht davon reden, dass er gut auf das Dritte Reich zu sprechen ist. Die jungen Bauern sind zum grossen Teil nicht in den Naziorganisationen. Viele katholische Bauern sympathisieren sogar mit den Sozialdemokraten. Sie sind auch in vielen Fällen A- 67für unsere Ziele zu gewinnen. Nur wollen sie die Gewissheit haben, dass man ihnen den Glauben an ihren Gott nicht nimmt. Die Bauern im Westen des Reiches sind fanatische Kirchenanhänger und es wim Hitler nicht gelingen, sie ihrer Geistlichkeit abspenstig zu machen. Ich war Zeuge einer Unterhaltung eines Bauern mit einem SSMann, und diese Unterhaltung wurde zu einem richtigen Krach zwischen den Beiden." Was habt Ihr uns denn gebracht? Nichts! Ich kann mir keinen Anzug mehr kaufen! Was habt Ihr versprochen? Was habt Ihr aus uns gemacht? Bettler sind wir geworden. Nichts als Schwindel! Bleibt mir vom Halse mit Eurem Blubo. Das ist ja alles Quatsch, und alles andere dazu. Aber, es kommt noch mal anders." So schimpfte dieser Bauer auf den SS- Mann ein. Und es geschah dem Bauern nichts. Man wagte sich nicht an ihn heran. In diesem katholischen Bauerndorf ist die Bauernschaft streng katholisch. Nachdem man die katholischen Organisationen aufgelöst hatte, wurden sie getarnt. Das ist in unzähligen Bauerndörfern so. Es ist einfach nicht wahr, dass die Bauern in den hiesigen katholischen Gebieten nationalsozialistisch geworden sind, besonders nicht die junge Bauernschaft. 2. Bericht: Zur Reich snährausstellung in Frankfurt sollten möglichst viele Bauern aus dem Rheinland gehen. Wie die Sache vor sich ging, das zeigt folgender Fall: Die Bauern in X. kamen nicht sahnend mittags vom Felde und fanden eine vorgedruckte Karte vor: Laut Beschluss des Reichsnährstandes, Kreisbauernschaft Köln, werden Sie bestimmt, an der diesjährigen Reichsnährstandsausstellung in Frankfurt/ M. teilzunehmen. Der Zug fährt ab Köln 6,55 Uhr, Fahrpreis beträgt 6,30 M. Die Kosten hat jeder Teilnehmer selbst zu tragen. Da es keinen Widerspruch gibt, so machten sich die Bauern auf die Strümpfe, um Geld zu besorgen. Die Bauern haben geflucht, denn ihnen lag gar nichts an der Ausstellung und das Gelá hatten sie auch nicht dafür. 3. Bericht: Aus der Eifel wird berichtet, dass die Bauern aufs Höchste unzufrieden sind. Sie schimpfen, dass die Wände wackeln. Es sammelt sich mehr und mehr Hass gegen die Nazis an. Die Not zwingt die Bauern fest zusammen. Allgemein ist man in der Eifel der Meinung, dass es, wenn das noch einige Zeit so weitergeht, unbedingt zu einer schweren Explosion führen muss. In den Bauernkneipen wird offen diskutiert, niemand nimmt Rücksicht. Wer sich in solcher Kneipe in Uniform sehen lässt, der wird aus dem Lokal herausgeekelt, oder die Bauern stehen stumm auf und verlassen demonstrativ das Lokal. Wenn das oft vorkommt, dann ist der Wirt der Leidtragende. Darum sieht er die Uniformierten nicht mehr gerne und manchmal sagt er diesem oder jenem SA- Mann, er solle das nächste Mal ohne Uniform erscheinen, damit die anderen nicht weggingen. A -68Politische Schlussfolgerungen allerdings zieht der Bauer im Grossen und Ganzen nicht, bis auf die eine das System muss weg, weg unter allen Umständen. Aber er sieht im System zu allererst die Zwangswirtschaft. Dasselbe wird aus dem Hunsrück gemeldet. In diesem Elendsgebiet war einstmals der Nationalsozialismus Trumpf. Die schweren Bauern jungen waren riesig stolz in ihrer Uniform. Heute schämen sie sich ihrer Uniform und kaum einer zieht sie noch bei festlichen Gelegenheiten an. Das Elend ist in diesen Gebieten nur noch grösser geworden und die Stimmung ist infolgedessen vollständig umgeschlagen. Aus den einstmals Begeisterten sind fanatische Gegner geworden. Die SA ist kaputt, die Auflösung der letzten Reste geht immer schneller fort. Offener Widerstand allerdings ist nicht zu verspüren, nur stumme Resignation. Die Bauern wissen sich nicht zu helfen. Gegen das System aber sind sie alle. Nordwestdeutschland: Von der wirtschaftlichen Lage der Bauern ist zu sagen, dass ganz allgemein eine Besserung eingetreten ist. Die Produkte werden systematisch abgesetzt, der erzielte Preis ist allerdings nur wenig gestiegen. Grossen Unmut erregen die zwangswirtschaftlichen Massnahmen. Milch- und Eierabgabe haben einen Groll hervorgerufen. Die Preise für den Erzeuger werden als unzureichend betrachtet. Man muss dabei aber bedenken, dass gerade der Bauer immer unzufrieden ist und darf seine Misstimmung nicht übertrieben einschätzen. Ueberall wird über die Eintreibung der Steuern geschimpft und die Steuerabführung wird absichtlich sabotiert. In den Gesprächen kann man hören, dass die Bauern nicht willens sind, für die prassenden Bonzen Abgaben zu zahlen. Nirgends habe ich in der städtischen Bevölkerung so offen über die Naziführer, vor allem der unteren Grade herfallen hören wie bei den Bauern. Von einer planmässigen Sabotage in der Produktion kann man nicht reden, da der Bauer selten planmässig wirtschaftet. Er kalkuliert nur immer vom gegenwärtigen Zustand auf den nächstkommenden Termin. Es ist aber keine Uebertreibung, wenn man erklärt, der Bauer richtet sich nur wenig nach den Aufforderungen des Reichsnährstandes. In der Zeit des Fleischmangels hat er schnell versucht, was an Schweinen noch abgesetzt werden konnte, möglichst mit Sonderprofit abzusetzen. Was er glaubte für sich aufsparen zu müssen, hat er sofort sichergestellt und eingeschlachtet. Rücksicht auf die Ernährungslage des Volkes nimmt er überhaupt nicht, auch wenn er wirklich noch" Heil Hitler" sagt. Das ist allerdings sehr selten der Fall. Ich will einen markanten Fall schildern, der zeigt, dass sich der Bauer einen Dreck darum schert, ob sein Handeln" nationale Belange" stärkt oder schädigt. Der Schrift-. führer einer landwirtschaftlichen Genossenschaft in X. erklärte mir: Unsere Genossenschaft umfasst den ganzen Landkreis. Wir regeln sowohl den Absatz für unsere Mitglieder, wie A- 69wir die Preise überwachen und auch als Kreditinstitut fungieren. Gemeinsame Einkäufe von Saatgut, Maschinen und anderen Betriebsmitteln aller Art werden von uns besorgt. Es ist uns angeordnet, dass wir nur deutsche Ware kaufen dürfen und zwar aus Devisengründen und nationaler Gesinnung. Wir richten uns überhaupt nicht danach. Ausländisches Saatgut kaufen wir nach wie vor, wie wir es nötig haben und die Qualität es rechtfertigt. Den Weg der Bezahlung finden wir schon. Um Devisenprozesse haben wir keine Angst. Der Vorsitzende unserer Genossenschaft ist der Kreisbauernführer. Man hat ihm ein Auto und einen Chauffeur stellen müssen, damit er in der Lage ist, die Bauern ständig an der Stange zu halten. Für seine Wirtschaft ist ihm ein Verwalter gestellt, den die Genossenschaft bezahlen muss. Er selbst bekommt 450 Mark Monatsgehalt, dazu die Entlohnung des Chauffeurs und die Kosten für das Auto.Der Mann war schon lange vorher unser Vertreter im Kreise, hat sich schon rechtzeitig der NSDAP angeschlossen, ohne jemals politisch Nazi zu sein. Die jungen Krakeeler konnten von ihm zurückgehalten werden. In der ersten Zeit traten sie öfter auf, aber der Kreis-" führer" wehrte sie mit seiner Befehlsgewalt immer erfolgreich ab. Sein Auftreten ist völlig unbeirrt. Er sagt seine Meinung ohne Verzierungen. Dem Vertreter einer Auslandsfirma erklärt er ganz offen:" Wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten bei Ihrer Arbeit haben, dann kommen Sie zu mir, ich gebe Ihnen meinen Auftrag zuerst und Sie können sich auf mich überall berufen. Ich bin auch bereit, Ihnen für Ihre Besuche bei meinen Kollegen eine schriftliche Empfehlung mitzugeben. Was die Nazis sagen, das stört mich nicht. Erst kommt unsere Wirtschaft." Tatsächlich bekam der deutsche Vertreter der ausländischen Firma eine schriftliche Empfehlung und hat von 90% unserer Mitglieder seinen Auftrag erhalten. In der Grossgrundbesitzerschaft ist es unter anderen Umständen ebenso. Von Nazigesinnung ist nichts zu merken. Es geht überall mit" Guten Tag" usw. Ueber die jeweiligen Zustände wird sowohl von den Besitzern wie den Verwaltern in abfälligster Art gesprochen. Ausdrücke wie:" Was sich die Braunen wohl denken" usw. sind üblich. Unter den Grossgrundbesitzern herrscht ein starker Stahlhelmgeist. Die deutschnationale Gesinnung tritt immer hervor. Grosser Stolz besteht wegen der neuen Armee. Selten hört man aber für die Nazis ein besonderes Wort des Dankes. Hitler lässt man als einen Menschen gelten, der sich wenigstens nicht dem Aufbau der Armee versperrt hat. Man ist aber viel zu stolz, ihm ein Verdienst an der Erringung der Wehrfreiheit zuzuerkennen. Man sagt, dass man sich soweit bereits durchgesetzt habe und sich auch noch weiter durchsetzen werde. Sachsen: In unserem Dorf ist ein Schmiedemeister, ein " alter Kämpfer" der NSDAP. Die meisten Bauern hatten bisher bei ihm arbeiten lassen. Kommt da eines Tages wieder ein Bauer zu ihm und will seine Pferde beschlagen lassen. Er. A-70grüsst freundlich" Guten Morgen". Der Schmied antwortet: " Heil Hitler". Darauf meinte der Bauer zum Schmied, er müsse sich bald umstellen, die Zeiten wären vorüber. Der Schmied erwiderte aber, er denke nicht daran, die Zeiten würden überhaupt erst anfangen. Nun kamen die beiden in einen Wortstreit und die Folge war, dass der Bauer seine Pferde nahm und zu einem anderen Schmied ging, der nicht Parteimitglied ist. Der Hitlerschmied lief zum Ortsgruppenleiter und erzählte ihm den Vorgang. Dieser sagte ihm aber, er habe für solche Lappalien keine Zeit. Darauf erstattete der Schmied Anzeige bei der Gestapo. Diese kam auch, 4 Mann stark, und unterzog das Anwesen des Bauern einer gründlichen Haussuchung. Auch Stall und Scheune mussten daran glauben. Natürlich verlief sie resultatlos. Der Bauer war nicht anwesend und als er bis zum Abend nicht zurückkam, fuhr das Kommando wieder ab und ist auch nicht wieder aufgetaucht. Als der Bauer bei seiner Heimkehr vom Vorgefallenen erfuhr, ging er sofort von einem Bauern zum anderen. Die Folge ist jetzt, dass kein Bauer mehr bei dem Nazi schmied.arbeiten lässt, sondern jeder zu dem anderen Schmied geht. Nach 14 Tagen ging es dem Nazischmied doch zu sehr an die Nieren und er suchte den Bauern auf, un ihn um Verzeihung zu bitten, es solle doch alles wieder gut sein, er sei an dem Tage bloss sehr aufgeregt gewesen. Der Bauer aber handelte sehr konsequent und verbot dem Schmied sein Haus. Der" alte Kämpfer" ging, ohne ein Wort noch sagen zu können, mit gesenktem Kopf hinaus. Er hat jetzt Zeit, vor seinem Hause zu stehen und zuzusehen, wie die Bauern zu sei-. nem Konkurrenten fahren. Er ist schon so weit, dass er sogar diese Bauern mit" Guten Morgen" oder" Guten Tag" grüsst, um sie wieder als Kundschaft zu gewinnen. Trotzdem lassen diese weiter bei dem anderen Schmied arbeiten. Brandenburg: Die Bauern sind sehr ungehalten über die strenge Milchkontrolle, die von den Milchwirtschaftsverbänden durchgeführt wird und die sich auch auf den Rahmgehalt der Milch erstreckt. Missstimmung bei den Bauern erregt auch die oft ganz unsachverständig gehandhabte Kontrolle über ihre sonstigen Erzeugnisse. So wurden z.B. bei der Spargelernte Beamte des Reichsnährstandes auf das Land geschickt, die die Aussortierung nach drei Sorten vornehmen sollten. Es waren Leute, die absolut nichts von der Sache verstanden und die Bauern waren sehr empört über ihr Verhalten. Eine Bauersfrau hat z. B. ihren Spargelkorb einem dieser Beamten vor die Füsse geworfen. Schleswig- Holstein: Die Steuerbehörden treiben die Steuern von der Landbevölkerung ein. Dabei ereignen sich nicht selten Scenen, wie sie zur Zeit der" Landvolkbewegung" sich abspielten. Bei Uetersen sollte vor einiger Zeit ein Pächter gepfändet werden. Als der Gerichtsvollzieher erschien, befanden sich bei dem Landwirt so viel Bauern, dass der Beamte vorzog, umzukehren und Polizei zur Hilfe zu holen. In Begleitung von Zwei Polizeibeamten kehrte er zurück und wollte die Pfändung A-71vornehmen. Dabei leistete aber der Pächter so starken Widerstand, dass ihm die Polizei schliesslich Handfesseln anlegen musste. Da der Gefesselte nicht nur die Polizei beleidigt und geschlagen hatte, sondern auch" wüste Schimpfereien gegen die Regierung" so sagte der Vorsitzende des Schnellgerichtes in Altona ausstiess, kam er vor das Sondergericht. Die Strafe war nicht allzu hart: wegen tätlicher Beleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt erhielt er 3 Monate Gefängnis und wegen Beleidigung der Regierung weitere 3 Monate, zusammen also 6 Monate Gefängnis. Eine besondere Rolle spielt seit einiger Zeit die Neuregelung der Milchwirtschaft. Neben dem Ablieferungszwang ist im November 1935 eine Milchleistungskontrolle der Kühe eingeführt worden. Die Durchführung dieser Massnahme ist im Februar dieses Jahres einem besonderen Beauftragten des Reichsnährstandes übertragen worden, der angeordnet hat, dass die Kontrolle mindestens einmal im Monat erfolgt und die Kosten( angeblich nur ein Zehntel Pfennig pro Liter) von den Kuhhaltern und den Molkereien aufzubringen sind. Einige Berichterstatter äussern sich über die Haltung der Bauern in diesen Massnahmen: Rheinland- Westfalen: Man muss sich als Fachmann das Vieh in Deutschland ansehen, um zu erfahren, wie die Lage für uns Bauern mit Milch- und Viehwirtschaft wirklich ist. Ich habe eine Wirtschaft mit 80 Morgen Land, zum überwiegenden Teil Wiesen. Unter normalen Verhältnissen müsste ich 35 Stück Milchvieh( Grossvieh und das dazugehörige Kleinvieh) halten und gut durchbringen können. 1933 hatte ich sogar noch fast soviel Vieh. Ich betrieb Milchwirtschaft, d.h. ich lieferte die Milch direkt an meine Kunden, bekam für den Liter Milch damals 22 Pf. und konnte, gestützt auf diese Einnahme, eine wirklich intensive Wirtschaft führen. Ich verwendete riesige Mengen Kraftfutter. Die Folge meiner Wirtschaftsweise war, dass auch die Wiesen ertragreicher wurden. Denn die möglichst grosse Viehhaltung ist die Voraussetzung für die Erzielung fetter Wiesen. Viehdung ist die Hauptsache; sonst ist eben der Heuertrag nicht so gut. Dann kamen die Nazis. Ihre erste Aufgabe war die Zwangswirtschaft und das Unterbringen einer Anzahl von Leuten in dem neugeschaffenen Apparat. Wir durften nicht mehr direkt an den Kunden verkaufen und erhielten jetzt für den Liter Milch nur noch 14 Pf. Davon mussten wir noch 2 Pf. abführen. Dieselbe Milch wird aber für 24 Pf. verkauft. Die Pachtpreise dagegen wurden nicht herabgesetzt. Uns wurde im übrigen erklärt, dass wir unbedingt den halben Tag, den wir in der Stadt für unseren Milchabsatz verwenden müssten, jetzt einsparen könnten. Jetzt könnten wir uns ausschliesslich unse A-72rer Wirtschaft widmen. Dann kam die Drosselung der Kraftfuttermittel- Einfuhr. Für das Kraftfutter, das noch zu bekommen war, stiegen die Preise ungeheuer. Jetzt ist kaum noch etwas aufzutreiben. Es begann die Propaganda für das Silo- Wesen. Die Ansammlung von Grünfutter in den Silos sollte die Futtermittel- Lücke ausfüllen. Die erste Folge des Mangels an Kraftfutter war, dass wir Vieh abschaffen mussten. Denn wovon sollten wir das Vieh gut ernähren. Damals fielen die Preise sehr stark, so dass die Regierung eingreifen und das Vieh aufkaufen und konservieren musste. Natürlich konservierte die Regierung auch noch aus anderen Gründen. Was meinen Betrieb anbetrifft, so war die Auswirkung die, dass ich statt damals 30 Stück Grossvieh, heute noch 16 Stück habe. Selbst diese Zahl werde ich nicht einmal mehr durchhalten können. Für den Fachmann ist also die, Sache sehr einfach zu erklären: weniger Futter, weniger Vieh, weniger Vieh, weniger Dung und damit weniger Ertrag der Wiesen. Das Land wird immer magerer, das Vieh immer erbärmlicher, der Milchertrag immer geringer. Der Zweck des Silo- Baues wurde illusorisch gemacht dadurch, dass die Wiesen schlechter wurden und überhaupt alles zurückging. Die Silos sind eben ein Notbehelf, sie können das Kraftfutter nicht ersetzen. Kunstdünger können wir nur in beschränktem Masse kaufen und dadurch wird der Ausgleich ebenfalls verhindert. Viele von uns Bauern sind jetzt bereits pleite. Noch viel schlimmer sind die Bauern dran, die sehr weit von der Stadt weg wohnen und die schon immer Butterwirtschaft betrieben haben. Diese Bauern mästeten früher ihre Schweine mit der Magermilch. Jetzt sollen sie die Magermilch mit 12 Pf. pro Liter verkaufen; denn nach der Auffassung des Reichsnährstandes ist die Magermilch nicht zum Viehfüttern da. Die Folge davon ist Schweineknappheit. Gewiss sind die Preise garantiert. Trotzdem lohnt sich das Füttern der Schweine nicht. Diese können nicht richtig gemästet werden, die Mästung dauert zu lange und am Ende haben die Tiere doch kein Gewicht. Auch hier fehlt das Kraftfutter. Die Stimmung ist infolgedessen schlecht. Die Bauern sagen, wir haben nur den Bonzena ppa rat zu unterhalten. Wir haben nur zu schuften und den ganzen Tag über im Mist herumzuwühlen, während die Nazibonzen sich gute Tage machen. Es wird dem Bauern nie in den Kopf gehen, dass alle diese Zwangsmassnahmen notwendig sind. Diesen Zwangsapparat betrachtet der Bauer schon als einen gewissen Bolschewismus. Er hat sich den Sozialismus so gedacht, wie ihn die Reaktionäre dargestellt haben. Das berühmte Bild mit der letzten Kuh, die dem Bauern aus dem Stalle von den staatlichen Stellen geholt wird, sitzt fest in seinem Gedächtnis und er fragt sich, ob dieser Zustand nicht viel schneller unter dem Nationalsozialismus erreicht wird. Man redet soviel vom drohenden Bolschewismus, was wir aber jetzt in Deutschland. erleben, ist viel schlimmer als Bolschewismus. Es gibt nichts mehr ohne Vorschrift, eine Zwangsmassnahme löst die andere ab. A-73Es wird auch grosse Reklame gemacht mit der Behauptung, dass die Zwangsversteigerungen abgenommen hätten. Jedoch muss man jetzt amtlich zugeben, dass sie von 1934 auf 1936 tatsächlich erheblich angestiegen sind. Im übrigen bringen die Zwangsversteigerungen nichts mehr. Die Bauern sind solidarisch, sie kaufen keinen zwangsversteigerten Hof. Und niemand will Geld in eine Sache stecken, die von vornherein aussichtslos ist. So konnten in letzter Zeit mehrere Zwangsverkäufe durch amtliche Stellen nicht durchgeführt werden, weil sich keine geeigneten Käufer fanden. Bayern, 1. Bericht: Die vom Milchwirtschaftsverband erlassenen Verordnungen werden rücksichtslos durchgeführt. So hat man in Y., einem grossen oberbayerischen Dorf, auf Antrag der Molkerei allen grösseren Bauern, die für die Buttererzeugung in Betracht kommen, die Zentrifugen plombiert. Die Bauern lieferten vielfach an die Molkereien weniger ab, als die bei der Kontrollmessung festgesetzte Literanzahl betrug und begründeten das mit den verschiedenster Ausreden, wie Krankheit der Kühe usw. Auf diese Weise war es ihnen möglich, hie und da Butter zu erzeugen, die für sie einen viel höhe ren Erlös brachte als die Abführung der Milch an die Molkerei. Bei unvermuteten Hauskontrollen kam man auf die Umgehung der Bestimmungen und plombierte kurzweg die Zentrifugen. Eine Protesteingabe aller von diesen Massnahmen betroffenen Bauern an die Zentralstelle des Milchwirtschaftsverbandes wurde bis heute nicht beantwortet. Neuerdings wurde die Kontrollpflicht sogar auf einen Kuhbestand bis zu 3 Stück herunter ausgedehnt, so dass auch schon Kleinhäusler ihren Milchertrag angeben müssen. 2.Bericht: Die Butterknappheit im Winter war in Bayern nicht zuletzt auf die strikte Einhaltung des neuen Körgesetzes zurückzuführen. Dieses Gesetz besagt, dass nur der vom Bezirksverband beigestellte, mit einer Stammrolle versehene Zuchtstier für die Aufzucht beansprucht werden kann. Bisher hielt sich jeder mittlere Bauer selbst einen Bullen, den sie den kleineren Bauern gegen eine kleine Entschädigung zur Verfügung stellten. Durch diese individuelle Behandlung der Aufzucht konnte bisher ein Umsichgreifen des vereinzelt auftretenden Scheidenkatarrhs bei Rindern verhindert werden. Nunmehr sind alle Bauern mit Ausnahme der Grossgrundbesitzer gezwungen, den vom Bezirksverband für diesen Zweck bereitgestellten sogenannten" Papierstier" in Anspruch zu nehmen. Durch diese den Bauem aufgezwungene Massnahme hat die Erkrankung der Kühe derart um sich gegriffen, dass die Bauern zur Selbsthilfe greifen. Um sich vor den schon mehrmals bis zur Höhe von 150 Mark verhängten Strafen zu schützen, erklären sie, dass sich ihr Stier während der Nacht selbst vom Barren losgemacht habe und sie für die erfolgte Befruchtung nicht verantwortlich gemacht werden könnten. Trotzdem werden die Bauern meist rücksichtslos mit Geldstrafen belegt. Eine A-74Folge dieser in Ober- und Niederbayern vielfach auftretende Massenerkrankung der Kühe ist in erster Linie der sinkende Milchertrag. Der Gewährsmann hatte bisher einen täglichen Milchüberschuss von 40 Liter, jetzt bringt er nur mehr 8 10 Liter zusammen. Weiterhin hat sich die durch diese Erkrankung verminderte Zeugungsfähigkeit in einer Verknappung der Kälberzahl ausgewirkt. Die Folgen dieses Körgesetzes sind noch gar nicht abzusehen, aber heute schon kann man sagen, dass die verursachten Schäden noch Jahre andauern werden. Westpreussen: Hier haben viele Bauern sich monatelang geweigert, den Ablieferungsanweisungen des Milchwirtschaftsverbandes Folge zu leisten. Schliesslich sah sich der Milchwirtschaftsverband gezwungen, folgende( im Original hektographierte) Mahnung mit Strafandrohung zuzustellen: Milchversorgungsverband Westpreussen Elbing, Traubenstr. 3. An den Landwirt/ Bauer Herrn in Post: Kreis: Elbing, den 1936 Betr.:Verstoss gegen die Anordnung betr.Milchablieferungsverpflichtung. Durch die Anordnung der Milchversorgungsverbände vom 22.11. Ihre Milch an diejenige v.J. sind Sie verpflichtet, ab Molkerei zu liefern, die Ihrem Ortsbauernführer durch eine Liste vom Milchversorgungsverband Westpreussen mitgeteilt war Wegen etwa bestehender Unklarheiten müssten Sie bei Ihrem Ortsbauernführer anfragen. Wie mir mitgeteilt wurde, haben Sie trotz dieser Anordnung die Lieferung an die Molkerei, der Sie nach der Liste zugeteilt worden sind, nicht aufgenommen. Ich weise Sie hierdurch gemäss 8 Abs.1. Ziff. 3 der Satzung für Milchversorgungsverbände noch einmal ausdrücklich an, Ihrer Milchablieferungsverpflichtung an die genannte Molkerei im Sinne des§ 2 der Verordnung vom 22.11.35 nachzukommen und verweise dabei auf die Strafbestimmungen des§ 5 dieser Anordnung. Sollten Sie durch unerwartete Ereignisse an der Milchlieferung z.Zt, zwingend verhindert sein, so ersuche ich Sie, unverzüglich unter genauer Darlegung der Hinderungsgründe einen Antrag auf Befreiung von der Ablieferungspflicht an mich zu stellen. Ich habe gleichzeitig mit diesem Schreiben die obengenannte Molkerei ersucht, mir umgehend mitzuteilen, A- 75ob Sie Ihrer Milchablieferungsverpflichtung nachgekommen sind. Falls ich binnen 3 Tagen nicht in dem Besitz der Mitteilung der Molkerei bin, dass Sie die Lieferung aufgenommen haben, oder falls bis dahin nicht ein Befreiungsantrag in obigem Sinne hier eingegangen ist, haben Sie mit schwerer Bestrafung zu rechnen. MILCHVERSORGUNGSVERBAND WESTPREUSSEN DER VORSITZENDE: Мам Riorn. Pfalz: Grosse Missstimmung hat die Milchablieferungspflicht hervorgerufen. Kleine Bäuerchen, die seit Jahren immer ihre 2 Kühe halten konnten, mussten eine abstossen und zwar angesichts der Zwangsablieferung unter Verlust. Für das bisschen Milch, das sie noch abgeben können, bekommen sie nicht einmal die Hälfte gegen früher. Diese kleinen Bauern haben Milch, Eier, Butter und Käse immer direkt an den Verbraucher verkauft und dadurch eine Rentabilität erzielt, dass sie auch noch den Händlergewinn einnehmen konnten. Das geht jetzt nur noch auf gefährlichen Schleichwegen, die nicht jeder benutzen kann. Noch immer finden Beschlagnahmen und Verurteilungen wegen Umgehung der Ablieferungspflichten statt. Einem Bauern vom Huberhof bei Nünschweiler wurden 8 Pfund Butter beschlagnahmt, die er in der Stadt verkaufen wollte. Es wurde festgestellt, dass er fortgesetzt seine Milch nicht abgeliefert und Butter zum eigenen Verkauf erzeugt hatte. Ein Bauer von Donsieders hat seine Milch direkt an Kunden verkauft und vor Gericht erklärt, seine bedürftigen Verhältnisse hätten ihn dazu gezwungen, den Verkaufspreis zu erzielen, der fast das Doppelte über dem Erzeugerpreis liegt. Beide Urteile sind noch nicht bekanntgegeben. Frau Berta Breiner von Bobenthal gab vor dem Amtsgericht Dahn zu, dass sie aus Not, infolge der schlechten Bezahlung für die an die Zentralstelle abgelieferte Milch, Wasserzusätze gemacht habe. Sie bekam 6 Wochen Gefängnis. Frau Else Keller erhielt für dasselbe Vergehen, für das sie sich mit der gleichen Begründung entschuldigte, 70 Mark oder lo Tage Gefängnis als Strafe. Ein dritter Fall wurde wegen plötzlicher Erkrankung des Angeklagten ausgesetzt. Dass für das ganze Jahr 1935 für jeden Hafen Milch( das sind 2 Liter) 8 Pf. an die städtische Zentrale abzuführen sind, wovon der ländliche Käufer die Hälfte und der Bauer die Hälfte zahlen muss, hat grosse Aufregung hervorgerufen. Beide setzen sich allerdings zusammen und einigen sich über das bezogene Quantum Der Landesbauernfürer Pfalz/ Saar hat eine Warnung an die Bauern erlassen, die gegen die bäuerlichen Grundpflichten A-76verstossen und bedroht sie bei Fortdauer der Verfehlungen mit" Abmeierung". Neben dem Ausbau der agrarischen Zwangswirtschaft laufen nach wie vor die Autarkie- Bestrebungen des Reichsnährstandes einher. Förderung des Flachsanbaues, der Schafhaltung, der Seidenraupenzucht, des Anbaus von Sojabohnen, Spinnkurse für Bäuerinnen usw. Die Flachsanbaufläche ist von 23.000 ha im Jahre 1935 auf rund 45.000 ha in diesem Jahre gestiegen. Uns wird berichtet: Bayern, 1.Bericht: Bereits im vorigen Jahre wurde der Flachsbau von der Landesbauernschaft mit allem Nachdruck gefördert. Die Bauern erhielten besondere Anleitungen, die Abnahme wurde geregelt, Flachsröstereien wurden errichtet, damit den Bauern die Arbeit des Röstens abgenommen wurde und das Rösten kunstgerecht erfolgte, ohne die Faser zu beschädigen. Der Erfolg blieb nicht aus. Während im Jahre 1933 in Bayern nur 770 ha mit Flachs bestellt wurden, waren es 1934 1168 ha, 1935 rund 5.000 ha und 1936 sind es rund 7.800 ha. Im laufenden Jahre erfolgte der Flachsanbau nicht mehr auf Crund von Anbauverträgen mit den einzelnen Bauern, sondern auf der Grundlage von Gemeindelisten. Zur Erzielung von hochwertigen Qualitäten wurden Feldprämien gewährt. Die Landesbauernschaft hat namhafte Beträge dafür ausgesetzt. Die Anbauflächen werden nicht nur nach Regierungsbezirken, sondern auch nach Kreisbauernschaften veröffentlicht, um so im Konkurrenzkampf zu erhöhter Flachsanbautätigkeit anzuspornen. 2. Bericht:( Oberfranken) Die Propaganda für den Flachsanbau hat in diesem Jahr grössere Erfolge erzielt. Jeder Brache ist dazu umgestürzt worden, so dass buchstäblich kein Stück brachliegender Grund vorhanden ist. Die Landwirte sind sehr zufrieden, endlich etwas gefunden zu haben, was sie auf diesen Landstrichen anbauen können. Auch der Hopfenanbau ist vermehrt worden, um auch darin vom Ausland unabhängig zu werden. Nur in einer Beziehung versuchen die Bauern die Behörden immer wieder zu hintergehen: bei Ablieferung der Milchprodukte und der Eier. Jeder versucht, soviel als möglich im Kleinverkauf an den Mann zu bringen, da hierbei grössere Gewinne abfallen. 3. Bericht: Im bayerischen Oberland wird eine starke Propaganda für den Anbau der Soja- Bohnen betrieben. Der Preis für einen Doppelzentner betrug im Vorjahre 16 Mark. Heuer wird ein Preis von 32 Mk. ab Station garantiert. Die Bauern haben aber gegen die Pflanzung Misstrauen, weil sich das Klima als zu rauh erwiesen hätte. A-774. Bericht:( Bayr. Ostmark) Die Bauern werden aufgefordert, die Anpflanzung von Walnussbäumen in grösserem Umfange zu betreiben. Mindestens ein Walnussbaum sollte bei jedem Bauernanwesen stehen. Wer aber einen Reichszuschuss für Aufforstungszwecke erhält, muss sich verpflichten, mindestens 2 Walnussbäume zu pflanzen. Im" Ernstfall" werden die Walnüsse für die Oelgewinnung, die Baumstämme für die Herstellung von Gewehrschäften benötigt. Die Lan desbauernschaft Bayern berichtet, dass die Anzahl der Seidenbauer in Bayern von 99 im Februar 1935 auf 255 Ende Januar 1936 gestiegen ist. Den Züchtern ist untersagt, selbstgewonnene Raupeneier zur Zucht zu verwenden. Als einzige Bezugsquelle wurde die Versuchs- und Forschungsanstalt für Seidenbau in Celle bestimmt. Als einziger Kokonaufkäufer ist die Celler Spinnhütte zugelassen. Der Landesverband bayerischer Schafzüchter meldet, dass die Anzahl der Schafe in Bayern von 368.636 Stück im Dezember 1934 auf 456.237 Stück im Dezember 1935 gestiegen ist. Die Zunahme beträgt also 87.601 Stück oder 23,76 Prozent. In der gleichen Zeit betrug die Zunahme im ganzen Reichsgebiet nur 12,64 Prozent. Als besonders erfreulich wird bezeichnet, dass die Schafe im Alter von nicht einem Jahre um 44,09% zugenommen haben. Sachsen, 1.Bericht: Die Erzgebirgsbauern sollten sich auch auf Flachs und anderen Fasergewächsanbau einrichten. Da die hiesigen Bauern aber mit dem ganzen Regime nicht zufrieden sind, lehnen sie dieses Ansinnen in stiller Uebereinkunft ab. Sogar der Kreisbauernführer ist mit in Opposition und schimpft mehr als die anderen über die heutigen Verhältnisse. Ebenso wie in der Flachsfrage verhalten sich die Bauern in der Schafzucht. Wir denken gar nicht daran, diesen Rummel mitzumachen, nachdem man uns mit den ganzen Versprechungen so über die Ohren gehauen hat. 2. Bericht: Der Reichsnährstand veranstaltet in Ostsachsen sogenannte Belehrungsabende, wobei den Kleinhäuslern dringend angeraten wird, Schafe zu halten. Sie sollten sich dann lieber eine Ziege weniger halten, aber dafür mindestens ein Schaf. Schlesien: Der Landrat des Kreises Patschkau sandte vor einiger Zeit ein Rundschreiben an die Bauern seines Kreises, mit der Aufforderung, sich schriftlich zum Flachsanbau zu verpflichten. Ein grosser Teil der Bauern verweigerte die schriftliche, wie überhaupt jede Verpflichtung, anzubauen, wozu er gezwungen werden würde. Jetzt will man mit Zwang gegen die Bauern vorgehen. Es sind bereits besondere Kontrollkommissionen gebildet worden, um die einzelne Wirtschaft zu prüfen und die Gründe festzustellen, wenn sich die Bauern dennoch weigern sollten, Flachs anzubauen. Die Bauern machen sich über die Sache lustig, andere wieder sind empört. A-78In einer Bauernversammlung in X., in der von fast 60 Bauern und 40 Stellenbesitzern nur 6 Bauern und 15 Stellenbesitzer erschienen waren, wurde ein Vortrag über die Notwendigkeit des Flachsanbaues gehalten. Auch ging es darum, die Bauern, aie nicht mehr die erforderlichen Mengen Milch abliefern, durch gute Worte zu bewegen, ihren Verpflichtungen gegenüber der Volksgemeinschaft nachzukommen. Die Bauern machten viel Krach und immer wieder hörte man die Zwischenrufe, man wolle den Redner nicht hören, man solle die Redner schicken, die ihnen vor dem Umsturz alles versprochen hätten. Der Versammlungsleiter versuchte die wenigen, aber aufgeregten Anwesenden zu beruhigen mit den Worten: die Nationalsozialisten hätten vor der Machtübernahme nichts versprochen. Durch diese Erklärung gab es einen derartigen Krach, dass die Versammlung nicht weitergeführt werden konnte. Sie musste aufgelöst werden, bezeichnenderweise in der Form, dass der Vorsitzende und der Redner den Saal verliessen. Unwillen erregen auch nach wie vor die Bindungen, die das Erbhofgesetz den Bauern auferlegt, wiewohl auch hier die Interessen und damit die Stimmungen geteilt sind. Als neuer Gesichtspunkt taucht der Hinweis auf, dass das Gesetz die Landwirte zur Einschränkung der Geburten veranlassen könnte. Sogar der" Völkische Beobachter" hat sich bereits in einem Aufsatz mit diesen Befürchtungen auseinandersetzen müssen. Berlin: Die Aufnahme, die das Erbhof- Gesetz in den bäuerlichen Kreisen gefunden hat, dürfte am besten gekennzeichnet sein durch eine Verordnung, die mit dem Gesetz in Kraft trat und die bis heute noch nicht aufgehoben ist: dass nämlich das Reichserbhofgesetz in Wort und Schrift ohne die Genehmi gung des Reichsbauernführers nicht behandelt, besprochen oder kommentiert werden darf. Mit unverhohlener Freude wurde das Gesetz in jenen bäuerlichen Kreisen aufgenommen, denen wegen ihrer Verschuldung das Messer an der Kehle sass. Im allgemeinen wird es in jenen Gegenden, wo das Anerbenrecht bisher nicht üblich war, als Härte und Ungerechtigkeit empfunden. Ein Bauer aus dem Kreise Teltow gab dieser Stimmung mit den Worten Ausdruck:" Ich stelle mir nicht mehr Pferde in den Stall als ich Hafer habe.( Er wollte damit sagen: ich werde nur ein Kind in die Welt setzen, weil ich nur einem etwas geben darf und die anderen der Gnade oder Ungnade des Anerben ausgeliefert wären). Meine noch ledige Schwester möchte gern heiraten, meine übrigen drei Geschwister habe ich ausbezahlt, ihr kann ich nichts geben, da ich den Hof nicht belasten darf, trotzdem er einen Wert von RMK 80.000 hat und nur mit 25.000 Mk an erster Stelle belastet ist. Gern würde ich eine Parzelle verkaufen, die mehr Bau- als Ackerland ist, A- 79aber auch dazu habe ich die Genehmigung des Anerbengerichts nicht bekommen. Meine Schwester wird kaum heiraten können, weil ihr Verlobter mit ihrer Mitgift rechnen muss, ich ihr aber nichts geben darf." Dieser Fall ist einer von Tausenden, der in den verschiedensten Variationen vorkommt. Tausende befinden sich in dem Glauben, sie besitzen Vermögen und haben doch keines. Ihr Anteil ist auf dem Hof eingetragen, aber der Bruder, der Erbhofbauer, kann nichts geben oder flüssig machen. Graf Kalekreuth, der frühere Führer des Reichslandbundes, bezeichnete das Reichserbhofgesetz mit gutem Recht als ein Gesetz, das dazu geschaffen ist, auf dem Lande entweder die Geburten von staatswegen zu regulieren oder die bäuerliche Bevölkerung zu verproletarisieren. Der Osten Deuts hlands wird anstatt bevölkert, gerade durch das Erbhofgesetz en tvölkert.. Auch durch Einheirat kann man nicht Erbhofbauer werden. Im Oldenburgischen wollte ein Landwirt in einen Erbhof einheiraten. Der Hof war stark verschuldet, der Landwirt hatte Geld und wollte nach erfolgter Heirat sein Geld in dem Hof investieren, den Hof entschulden und wieder. rentabel gestalten. Vorsorglicherweise erkundigte er sich beim Anerbengericht und erhielt eine Auskunft, die ihn veranlasste, von dem Projekt Abstand zu nehmen. Durch Einheirat wäre er nicht Erbhofbauer geworden, auch nicht eines seiner Kinder, sondern der Hof wäre nach dem Tode der Bäuerin an deren Bruder, der Beamter in Hannover ist bzw. an einen seiner Söhne zurückgefallen. Der Erbhofbauer ist vollständig in den Händen der Partei. Antinationalsozialistische Einstellung kann die Aberkennung der Bauernfähigkeit zur Folge haben oder den Ausschluss eines unzuverlässigen Anerben von der Erbfolge. Aberkennung der Bauernfähigkeit ist bisher in ungefähr 25 Fällen ausgesprochen worden und zwar handelt es sich in den meisten Fällen um staatsfeindliche oder antinationalsozialistische Einstellung. Im Bereich der Kreisbauernschaft Berlin ereignete sich folgender Fall: Ein kinderloses Ehepaar besass einen Erbhof. Zum Anerben hatte es einen Neffen aus der Grenzmark bestimmt. 1935 starb der Bauer und als Anerbe sollte mit Genehmigung des Anerbengerichts jener Neffe eingesetzt werden. Eine andere Nichte des Ehepaares war an einen Schmied verheiratet, der seit 10 Jahren in Berlin in seinem Beruf tätig war. Er gehörte aber auch schon seit 1926 zur Partei, rechnete also zur alten Garde. Durch das Reichserbhofgesetz war er bzw. seine Frau um das Erbteil des Onkels gebracht. Durch Denunziation beim Kreisbauernführer erreichte er, dass der Neffe, der Berufslandwirt ist, wegen seiner früheren Zugehörigkeit zu einer" Systempartei" und weil er vor dem Umsturz gegen den Nationalsozialismus offen aufgetreten war, von der Erbfolge ausgeschlossen wurde. So wurde der Nicht- Landwirt Erbhofbauer. Im grossen ganzen gesehen besitzt das Gesetz in den bäuerlichen Kreisen mehr reinde als Freunde. Preunde sind jene, die es begrüssten, weil sie jetzt vom Gläubiger nicht mehr bedrängt werden dürfen. Zum anderen ist das Gesetz noch zu در A-Ɛ0jung, als dass bereits alle Bauern die Folgen am eigenen Leib zu spüren bekommen hätten. Sachsen: In X. lebt ein alter Landwirt; jetzt ist er Erbhofbauer. Sieben Kinder hat er aufgezogen und dafür gesorgt, dass jedes von ihnen sein Auskommen für später hat. Einige davon sind selbst schon Besitzer von Bauerngütern, die anderen haben studiert, ein Sohn ist Ingenieur, so dass jetzt kein Kind da ist, welches den Erbhof übernehmen will. Der Bauer wollte seinen Erbhof verkaufen, dies wurde ihm aber untersagt. Da strengte er einen Prozess an um den Verkauf seines Besitzes. Diesen Prozess hat er gewonnen. Trotzdem machte er die Rechnung ohne den Wirt. Nachdem er einen Käufer gefunden hatte und sich mit diesem auch über den Kaufpreis geeinigt hatte, kam eine Kommission, die den Verkauf verboten hat, weil der Käufer nie Erbhofbauer werden könnte. Auch den Wert des Gutes kann nicht der Besitzer bestimmen, sondern er wird von der Kommission festgesetzt. Bayern: Unter die Landwirte hat ein Gerücht weitere Unruhe getragen, dass man alle Nicht- Erbhofbauern mit ihrem Besitz ebenso binden will wie die Erbhofbauern. Es soll auch dem Nicht- Erbhofbauern vorgeschrieben werden, zu welchem Werte er sein Anwesen dem Nachfolger zu übergeben hat und dass er es, wenn ein männlicher Nachkomme da ist, diesem zu übertragen hat. Der noch freie Landwirt hätte also mit seinem Anwesen ebenso wenig freie Hand wie der Erbhofbauer. Schon bisher hat es eine stattliche Anzahl von Bauern durch allerlei Winkelzüge verhindert, dass sie Erbhofbauern geworden sind. Die Bauern sagen bereits unter sich:" Wir werden wieder Lehensknechte, nur dass der Staat unser Lehen sherr ist." Das Gefühl des Bauern, nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein, wird dadurch verstärkt, dass das Regime mit bewährter Rücksichtslosigkeit auch bei anderen Anlässen über seine Interessen--oder buchstäblich über seine Felder-- hinwegschreitet. Es mehren sich die Berichte über Flurschäden, die den Bauern durch Uebungen der Reichswehr, der Wehrverbände, der HitlerJugend und durch sportliche Veranstaltungen zugefügt werden. Sachsen: In Johanngeorgenstadt wird der Segelflug sehr eifrig betrieben; dies zum Leidwesen der Bauern. Der Segelflug wird vom Regime stark unterstützt und die Segelflieger nehmen deshalb keine Rücksichten auf die Felder und Wiesen. Ein Landwirt ist einmal dagegen eingeschritten, aber dadurch wäre er beinahe ins Konzentrationslager gekommen. Entschädigungen für angerichtete Schäden werden erst nach langer Zeit und vielen Verhandlungen gewährt. 37 A-81Schlesien: Zeitungsmeldungen zufolge gehen bei den militärischen Dienststellen Schlesiens in der letzten Zeit in wachsenden Masse Beschwerden und Klagen über Flurschäden ein, die durch übende Truppen verursacht werden. Nach dem Natural- Leistungsgesetz darf die Wehrmacht zu Truppenübungen alle im Privat- und in öffentlichen Besitz befindlichen Grundstücke benutzen. Ausgenommen hiervon sind nur Gebäude, Wirtschafts- und Hofräume, Gärten, Parkanlagen, Holzschonungen, Dünenanpflanzungen, Hopfengärten und Weinberge, sowie Versuchsfelder, land- und forstwirtschaftlichen Lehranstalten und Versuchsstationen. Die Truppe ist nur verpflichtet, vor Benutzung kultivierter Grundstücke die betreffenden Ortsvorstände zu benachrichtigen, desgleichen sind etwaige entstandene Schäden zu vergüten. Die Truppe dürfe erwarten, dass die Bevölkerung Verständnis für die Notwendigkeit der Geländeausbildung aufbringt und dass unberechtigte Klagen und Beschwerden unterbleiben. Schleswig- Holstein: Der Reichs jägermeister Göring hat im Jahre 1934 eine Verordnung erlassen, nach welcher in der Gegend von X. die Füchse unter Naturschutz fallen, so dass Füchse seit dieser Zeit dort nicht geschossen werden dürfen. Die Tiere sind schon zu einer Landplage geworden. Sie schleichen sich schon am hellen Tage in die Höfe der Bauern. Die Bauern können nichts dagegen tun. Pfalz: Zur Klage über die Steuern kommt jetzt auf dem Lande noch die Klage über die grossen Wildschäden, die auf die erzwungene Hege des Wildbestandes zurückgeführt werden. Sonderbericht über den Reichsnährstand. Durch das Gesetz vom 13. 9. 1933 über den vorläufigen Aufbau des Reichsnährstandes wurde der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ermächtigt, die bisherigen landwirtschaftlichen Organisationen aufzulösen und sie in den Reichse nährstand zu überführen. Dem Reichsnährstand gehören jetzt an: die gesamte deutsche Landwirtschaft einschliesslich Forstwirtschaft, Gartenbau, Fischerei, Jagd, landwirtschaftliche Genossenschaften, Gross- und Kleinlandhandel, sowie Be- und Verarbeiter landwirtschaftlicher Erzeugnisse, z.B. Mühlen-, Konserven, Zucker, Mineralwasser- Fabriken. Der Reichsnährstand ist ferner Rechtsnachfolger der Deutschen Landwirtschafts- Gesellschaft, der preussischen Hauptlandwirtschaftskammer und der öffentlich rechtlichen Berufsvertretungen. In ihn sind sämtliche tandesvereine, wirtschaftlichen Vereinigungen und Verbände, Ein- und Verkaufs-, sowie Kreditgenossenschaften und Gerssenschaftsbanken eingegliedert worden. Der Reichsnährstand gliedert sich in Landes-, Kreis- und Ortsbauernschaften. A-82Das Reich zerfällt in 13 Landesbauernschaften mit einem Landesbauernführer an der Spitze. Ihre Abgrenzung entspricht im allgemeinen der der Landesarbeitsämter. Die Stellung des Reichsbauernführers sowie der Landes-, Kreis und Ortsbauernführer ist ehrenamtlich. Stellvertreter des Reichsbauernführers ist der Reichsobamnn, der des Landesbauernführer der Landesobmann, ihre Stellungen sind hauptamtlich. Nachstehendes Schema gibt einen Ueberblick über die Gliederung der Verwaltungsorgane des Reichsnährstandes: Reichsbauernführer( Darré) Stellvertreter: der Reichsobmann( Staatsrat Meinberg) Stabsamt des Reichsbauernführers ( Stabsamtshauptleiter Dr. Reichle) Verwaltungsamt des Reichsbauernführers ( Major a. D. Boes) Reichshauptabteilung I ( Diplom- Landwirt M. Haiden) Reichshauptabteilung II ( Freiherr von Kanne) Reichshauptabteilung III ( Diplom- Landwirt Trumpf) 13 Landesbauernführer ( Stellvertreter: Landesobmänner) Die Untergliederung in 3 Hauptabteilungen ist bis zur Kreisbauernschaft durchgeführt. Die Leiter der Reichs- und Landeshauptabteilung sind fest besoldet, der entsprechende Posten in der Kreisbauernschaft ist unbesoldet. Die Geschäfte der Kreisbauernschaft, deren Bereich sich mit dem des politischen Kreises deckt, liegen in Händen eines Geschäftsführers, der den Titel eines Stabsleiters des Kreisbauernführers trägt. Die Reichshauptabteilung I umfasst die Betreuung des bäuerlichen Menschen, Erziehung zum echten Nationalsozialisten, landwirtschaftliche Schulen und landwirtschaftliche Siedlung. Der Reichshauptabteilung II obliegen die Verwaltung, Personal angelegenheiten, landwirtschaftliche Ausstellungen und die landwirtschaftlichen Buchstellen. Der Reichshauptabteilung III unterstehen die landwirtschaftlichen Genossenschaften und Genossenschaftsbanken, die landwirtschaftlichen genossenschaftlichen Versicherungsinstitute, der gesamte Landhandel und die Be- und Verarbeiter landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Die einzelnen Reichshauptabteilungen gliedern sich in verschiedene Fachabteilungen, diese führen die Bezeichnung: Haupt A-83abteilung, z.B. Hauptabteilung F( Fisch), oder Hauptabteilung E( Eier). Die landwirtschaftliche Presse untersteht unmittelbar dem Stabsamt des Reichsbauernführers. Der Reichsnährstand besitzt in der Neudeutschen Verlags- und Treuhandgesellschaft ein eigenes Verlagsunternehmen. Früher hatte der Reichsnährstand auch eine eigene Tageszeitung, die" Deutsche Zeitung", die aber mit dem 30. Juni 1934 ihr Erscheinen einstellte. Heute ist das alleinige Organ des R.N. die einmal wöchentlich erscheinende NS- Landpost; ausserdem gibt er eine täglich erscheinende Pressekorrespondenz, den" Zeitungsdienst des Reichsnährstandes" heraus. Jede Landesbauernschaft gibt ebenfalls eine Wochenzeitschrift, wie z. B. der" Kurmärki sche Bauer" heraus. Daneben erscheinen noch eine ganze Anzani Zeitschriften der einzelnen Fachgruppen z. B. der Blumen- und Pflanzenbau, die gleichzeitig als amtliche Fachblätter für die betreffenden Fachgruppen gelten. Die Zeitschrift für Agrarpolitik und Landwirtschaft wird dagegen vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft herausgegeben. Den grössten Aufgabenkreis hat die Reichshauptabteilung III. Sie ist die Rechtsnachfolgerin aller wirtschaftlichen Verbän de und Vereinigungen, die jetzt die Bezeichnung Fachgruppen führen mit einem Reichs- bezw. Landes- oder Kreis- Fachschaftsleiter an der Spitze. Die grössten Verbände, z. B. der Reichsverband des deutschen Viehhandels, des deutschen Gartenbaues, des Obst- und Gemüsebaues, gehören ebenso wie ihre Vermögen, die selbstverständlich zugunsten des Reichsnährstandes beschlagnahmt wurden, der Vergangenheit an. Heute ist jeder Vieh, jeder Eier-, jeder Obst- und Gemüsehändler zwangsläufig Mitglied des Reichsnährstandes. Seine Zwangsmitgliedschaft kommt auf dem Steuerzettel zum Ausdruck, da die Beiträge zum Reichsnährstand durch das Finanzamt erhoben werden. Auch die Juden müssen Mitglieder des Reichsnährstandes sein. Man will auf ihre Beiträge nicht verzichten. Die Zahl der noch selbständigen Verbände ist gering. Zu ihnen gehört der Reichsverband der deutschen Diplom- Landwirte, der Reichsverband der deutschen Sportangler, der Reichsverband der Kleingärtner und Kleinsiedler. Der letzte ist korporativ dem Reichsnährstand angegliedert. Seine Mitglieder zahlen die Beiträge an den Verband und der Verband führt an den Reichsnährstand jährlich eine Pauschale ab. Im uebrigen sind diese Verbände in ihrer Etatsgebarung noch selbständig. Dagegen hat.z.B. der E- De- Ka- Verband, in dem der Kolonial- und Feinkosthandel zusammengeschlossen ist, seine finanzielle Selbständigkeit eingebüsst, alle von ihm erhobenen Beiträge müssen an den Reichsnährstand abgeführt werden, der auch den Etat für den Verband aufstellt. Unklar ist bis heute noch die Zugehörigkeit der Bäcker, Fleischer und Müller zum Reichsnährstand. Auf sie erhebt sowohl der Reichshandwerks- als auch der Reichsbauernführer Anspruch. Hier gehen die Kämpfe noch immer hin und her, ähn A-4lich wie um die früheren Landarbeiterorganisationen und die Land- und Forstangestellten, die nach langen inneren Kämpfen in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert wurden. Sie bilden jetzt die Reichsbetriebsgemeinschaft XIV, Land und Forst, der Deutschen Arbeitsfront, die wiederum dem Reichsnährstand korporativ angeschlossen ist. Der Reichsnährstand ist ein Mammutgebilde, das viel zu schwerfällig ist, um wirklich im Interesse der deutschen Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft arbeiten zu können. Selbstverständlich sind die massgebenden Stellen fast alle in den Händen von zuverlässigen Parteigenossen und wenn noch irgendwo ein Nicht- Pg. sitzt, so nur aus dem Grunde, weil man noch keinen qualifizierten Ersatzmann für ihn gefunden hat. Gerade über dem Nicht- Pg. schwebt dauernd das Damoklesschwert der Entlassung. Sehr schnell ist eine antinationalsozialistische oder staatsfeindliche Einstellung konstruiert und die fristlose Entlassung ist da. Dem Betreffenden wird die ausserordentliche Tüchtigkeit und kaufmännische Zuverlässigkeit bestätigt, aber aus Gründen, die damit nichts zu tun haben, ist die fristlose Entlassung gerechtfertigt. Verträge nützen nichts, eine Rechtfertigung ist unmöglich und keine Arbeitsfront und kein Gericht nimmt die Klage an. Die neuen Männer sind zum grössten Teil junge Leute, bei denen die nötigen fachlichen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen fehlen. Auf die Personalpolitik des Reichsnährstandes hat der Reichsführer SS Himmler in seiner Eigenschaft als Führer des Reichsbundes der deutschen DiplomLandwirte stärksten Einfluss. Infolgedessen sind heute fast alle leitenden Posten im Reichsnährstand mit Diplom- Landwirten besetzt. An Gehältern beziehen: ein Reichshauptabteilungsleiter monatlich ein Reichsabteilungsleiter bzw. ein Reichsfachschaftsleiter 11 ein Stabsleiter bei der Landesbauernschaft ein Stabsleiter bei der Kreisbauernschaft RMK 1.400, 1.000, 1T 11 750, 500,-Jede Kreisbauernschaft hat einen Dienstwagen. Die Landesbauernschaft Kurmark als solche verfügt über 20 Dienstautos. Für die Mitgliedes des Stabsamtes des Reichsbauernführers, für sämtliche Landes- und Kreisbauernführer bzw. ihre Stellvertreter, ebenso für alle Stabsleiter der Landes- und Kreisbauernschaften und alle Organe, deren Tätigkeit sich nicht auf das Büro beschränkt, ist eine Unfallversicherung abgeschlossen worden, deren Prämie allein im Jahre die Summe von RMK 100.000,- beträgt. Die Prämie wird vom Reichsnährstand bezahlt, und kommt, da es sich nur um einen kleineren Personenkreis handelt, einer erheblichen Gehaltszulage gleich. In einigen Kreisbauernschaften musste man den Wünschen der Bauern Rechnung tragen und Kreisbauernführer, die Pg. waren, ihres Amtes entheben. In den meisten Fällen handelte es sich hier um Leute, die wegen ihrer Miss- und Schuldenwirtschaft A-85den denkbar schlechtesten Ruf im Kreise genossen. Nur so ist es erklärlich, dass es heute in einigen Kreisbauernschaften des Westens und in Süddeutschland und selbst in zwei Kreisbauernschaften der Kurmark( Zauch- Belzig und Westhaveland) Kreisbauernführer gibt, die nicht Parteimitglieder sind. Im Kreise Zauch- Belzig ist der Stabsleiter des Kreisbauernführers gleichzeitig politischer Kreisleiter. Als Stabsleiter ist er dem Kreisbauernführer unter-, als politischer Kreisleiter jedoch ihm übergeordnet. Es gibt zahllose Korruptionsfälle. Da ist z. B. der Fall des Landesbauernführers Bredow, eines Freundes des Gaulei ters Kube, der zur alten Garde der Partei gehört, und der vor dem Umsturz mit seinem Bauernhof vollständig verschuldet war. Heute ist nicht allein sein Bauernhof schuldenfrei, sondern er hat es bereits mit Hilfe der Schmiergelder, die er von der" Deutschen Bauerndienst- Versicherungs- Gesellschaft" bezieht, dahin gebracht, für den zweitgeborenen Sohn einen neuen Erbhof hinzukaufen zu können. Eine bittere Enttäuschung musste Darré an seinem Schwager, dem Reichsabteilungsleiter F( Fische) Pg. Giese erleben. Giese, der sich als Flieger- Oberleutnant ausgab, war, wie aus den Polizeiakten festgestellt wurde, 1917 zwangsweise eingezogen worden und hat den Krieg als Ordonnanz im Offizierskąsino in Bromberg mitgemacht. Gleichwohl war seine Brust immer ordensübersät. In Stralsund ereilte ihn sein Schicksal, als er anlässlich der Tagung des Deutschen Seefischereivereins bei einem Sektgelage mit einigen hohen Reichswehroffizieren in Händel geriet. Es kam zu einer Forderung und im Verlaufe dieses" Ehrenhandels" wurde dann festgestellt, dass Giese nicht satisfaktionsfähig und überhaupt nicht im Kriege war. Giese war in seiner Eigenschaft als Reichsabteilungsleiter F nicht allein für die gesamte Fischwirtschaft zuständig, sondern auch Präsident des Deutschen Seefischereivereins und Führer des Reichsverbandes der deutschen Sportangler. Sein Gehalt betrug monatlich RMK 1.200,--, daneben verstand er es, monatlich ungefähr 5.000,- RMK Spesen zu machen. Eines Tages lag folgende kurze Notiz auf dem Schreibtisch der leitenden Beamten des Reichsnährstandes:" Streng vertraulich, nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt! Der Reichsabteilungsleiter F Pg. Giese ist mit sofortiger Wirkung aller seiner Aemter enthoben. Heil Hitler! gez. Meinberg, Reichsobmann." Giese kam nicht ins Konzentrationslager, keine Gestapo beschäftigte sich mit ihm, sondern er sitzt heute an einer anderen Stelle, an der er keine Sprünge mehr machen kann und nur noch ( 1) ein Gehalt von 750,- Mark bezieht. Auch Pg. Dr. Reichle, Staatsamtsführer im Stabsamt des Reichsbauernführers hat seine Nebeneinnahmequelle und zwar im Süddeutschen Versicherungskontor. Alle Versicherungen, die im Reichsnährstand abgeschlossen werden, wie z. B. Autoversicherungen, Sterbekassen usw., müssen über das süddeuts sche Versicherungskontor laufen, das dafür die. Provisionen einsteckt. Bei der Grösse der Organisation handelt es sich A-86um sehr hohe Summen. Einen grossen Apparat neben dem Reichsnährstand bilden die sogenannten Reichsstellen, wie z. B. die Reichsstelle für Getreide und Futtermittel, die Reichsstelle für Tiere und tierische Erzeugnisse( in der die frühere Reichseierstelle aufgegangen ist). Sie unterstehen unmittelbar dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Ihre Aufgabe ist vor allem die Regulierung der Einfuhr von ausländischen agrarischen Erzeugnissen.. Diese Reichsstellen sind die Importeure für. Vieh, Eier, Getreide und Futtermittel, ihnen unterstehen die grossen Getreidespeicher und Kühlhäuser. Sie haben durch ihre Tätigkeit viele Importfirmen um die Existenz gebracht. Die Zahl der Firmen, die durch sie zur Liquidierung gezwungen wurden, schätzt die Kreisbauernschaft Hamburg allein auf über 200( grösstenteils Getreidemakler). Allein 16 Getreideversicherungsmakler- Büros, die sich mit der Transportversicherung für Getreide befassten, haben ihre Tätigkeit einstellen müssen. Die Verbindung zwischen diesen Reichsstellen zum Reichsnährstand wird durch die wirtschaftlichen Hauptvereinigungen hergestellt, wie z. B. die Hauptvereinigung der Roggen- und Weizenmühlen, Hauptvereinigung für Schlachtviehverwertung, die deutsche milchwirtschaftliche Hauptvereinigung mit ihren 15 Milchverbänden und 68 Milchversorgungsverbänden. Daneben bestehen ausserdem wirtschaftliche Vereinigungen der Schmelzhäsehersteller, milchwirtschaftliche Vereinigungen der Dauermilcherzeuger, die Hauptvereinigung für die deutsche Kartoffelwirtschaft und ihre Nebenprodukte. Die Zuständigkeit der einzelnen Reichsstellen ist in den letzten Monaten wiederholt neu abgegrenzt worden. Auch innerhalb der einzelnen Reichsstellen selbst wird dauernd umorganisiert. Es werden neue Abteilungen geschaffen, alte aufgelöst. Das Ganze macht den Eindruck einer unübersichtlichen* und unorganisierten Verwaltung und ist für den Aussenstehenden im Aufbau kaum zu überblicken. Jede Reichsstelle gliedert sich in mehrere Abteilungen. Neben der Hauptverwaltung, die häufig auch nicht in einem Büro zusammengefasst ist, sondern an mehreren Stellen untergebracht ist, verfügen die Reichsstellen noch über Revisionsbeamte, Prüfer und eine Reihe von sogenannten Reichsaussenstellen, einer Art Filialbetriebe in den wichtigsten Grosstädten. Auch in diesem Apparat sind Korruptionsfälle keine seltene Erscheinung. So musste z. B. vor einiger Zeit der Personalreferent der Reichstierstelle fristlos entlassen werden, weil ihm finanzielle Schiebungen nachgewiesen werden konnten. So hat er u.a. für einen Druckauftrag 5.000 Mark verbuchen lassen, 2.000 Mark aber nur ausgegeben und den Rest in seine eigene Tasche gesteckt. Aus Anlass dieses Falles musste der Direktor der Reichsstelle selbst feststellen, dass schon mehrere Fälle dieser Art vorgekommen sind und ein Fall sogar der Staatsanwaltschaft übergeben werden musste. Das Personal in den Reichsstellen wechselt ausserordentlich A-7häufig. Das trifft nicht nur für die unteren Angestellten zu, sondern auch für die leitenden Beamten, die bei der ersten günstigen Gelegenheit in die Industrie abwandern. Vielfach herrscht der Typ des Partei buchbeamten. Es handelt sich dabei durchweg um unfähige grüne Jungens, die keine Ahnung von den sachlichen Erfordernissen haben, sich auch in keiner Weise bemühen und keine Fähigkeiten erkennen lassen. Das macht erklärlich, dass in leitenden Stellen vielfach Beamte sitzen, die nicht Parteimitglieder sind. Das Personal der Reichsstellen wird mit Rundschreiben bombardiert. Ein Rundlauf jagt den anderen, die alle gelesen und abgezeichnet werden müssen. Schlimm ist auch die Gerüchtemacherei und das Tuscheln unter den Angestellten. Die grosse Frage ist, wer bespitzelt wen? Die Zustände waren so unhaltbar geworden, dass kürzlich in einer Reichsstelle ein Rundschreiben gegen die Gerüchtemacherei in Umlauf gesetzt wurde. Dem Personal wurde verboten, Gerüchte zu verbreiten und sich auch nur dafür zu interessieren; es wurde die sofortige Entlassung für den Fall der Nichtbefolgung angedroht. In den Reichsstellen wird allgemein über das unerhörte Tempc geklagt, mit dem die unteren Angestellten zur Arbeit angehalten werden. Der Tarif wird in fast allen Fällen nicht innegehalten. So erhält eine Angestellte 160 Mark, der nach dem Tarif 205,- Mark zustehen würden. In einem Fall hat man eine Angestellte, die 170 Mark erhielt, gekündigt. Als sie Einspruch erhob, beschäftigte man sie weiter, zahlte ihr aber in Zukunft nur noch 140 Mark. Die Reichsstellen haben auch Ueberwachungsstellen eingesetzt, deren Preisprüfer darüber wachen, dass die Preise sich in den von den Reichsstellen vorgesehenen Grenzen halten. Werden Käufe zu Preisen abgeschlossen, die nicht die Zustimmung der zuständigen Reichsstelle finden, dann wird die Genehmigung zur Einfuhr abgelehnt. Die Reichsstellen haben Kundenverzeichnisse, die nur Firmen umfasst, die schon früher Einfuhrgeschäfte der betreffenden Branche getätigt haben. Neue Firmen werden in die Verzeichnisse nicht aufgenommen und erhalten demzufolge auch keine Einfuhrbewilligung. Die Verzeichnisse enthalten übrigens auch noch viele jüdische Firmen, die keine Benachteiligung gegenüber den christlichen Firmen erfahren. Es kommt auch vielfach vor, dass deutsche arische Firmen bei jüdischen ausländischen Firmen ihre Einkäufe vornehmen, ohne dass die Reichsstellen dagegen Einspruch erheben. Die Reichsstellen haben ausserordentlich grosse Einnahmen und erzielen trotz des grossen Apparats hohe Ueberschüsse. Angeblich sind die sogenannten Uebernahmescheine kostenlos, jedoch werden für jede Devisenbescheinigung Gebühren erhoben, die bei den einzelnen Reichsstellen verschieden hoch sind. ( Z. B. bei der Reichsstelle für Tiere 2 v. Tausend, bei der Reichsstelle für Milch 1,5 v. Tausend, bei der Ueberwachungsstelle für Gartenbauerzeugnisse 3 v. Tausend). Die Devisenbescheinigungen sind befristet. Eine Verlängerung der Genehmigung zur Zahlung muss erst wieder neu beantragt werden. Dabei A-88wird eine neue, ermässigte Gebühr fällig. Der Geschäftsgang ist etwa folgender: Die im Kundenverzeichnis stehende Firma hat ein bestimmtes Einfuhrkontingent. Innerhalb dieser Spanne beantragt sie bei ihrer Reichsstelle die Einfuhr( vorgedruckte Formulare, auf denen alle möglichen Angaben über den ausländischen Kontrahenten, die Menge, Lieferfrist, Zahlungsbedingungen usw. gemacht werden müssen) Das Verfahren ist sehr kompliziert und den Firmen werden viele Auflagen gemacht. Die Devisenbescheinigung kann von bekannten grossen Firmen auch nachträglich eingeholt werden. Es kommt häufig vor, dass zwar zunächst die Genehmigung zur Einfuhr erteilt wird, dann aber abgelehnt wird, die Devisenbescheinigung auszustellen. Die Ablehnung erfolgt in der Regel ohne Begründung. Die Erledigung der Anträge soll an sich ohne Verzögerung erfolgen. Häufig wird aber aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen sehr lange zugewartet. So kann es vorkommen, dass Bewilligungen gelegentlich monatelang, zum Teil sogar ein halbes Jahr nicht erteilt werden, besonders dann, wenn Schwierigkeiten mit den betreffenden Ländern vorliegen. Oft häufen sich die unerledigten Anträge zu riesigen Mengen bis irgend eine Entspannung eintritt und die Genehmigungen dann mit einem Mal erteilt werden. Vielfach sind für die Bewilligungen nicht nur Kontingents- und Clearingvorschriften massgebend, sondern auch export politische Gesichtspunkte. A-89IV. Der Kirchenstreit === Wir haben im vorigen Bericht( Juni- Heft S. 88 fr.) eine Reihe von Berichten über den Stand des Kirchenkampfes im katholischen und evangelischen Lager zusammengestellt. In den letzten Wochen sind uns einige neue Mitteilungen darüber zugegangen, die wir als Nachtrag zu dieser Zusammenstellung folgen lassen. Bayern, 1. Bericht: Die finanziellen Leistungen des bayerischen Staates sind schon in den letzten Jahren wesentlich herabgesetzt worden. Nun ist neuerdings durch ein Gesetz vom 20. Mai eine weitere Senkung erfolgt, die stufenweise bis zum Jahr 1938 durchgeführt werden soll. Die Staatsleistungen an die beiden Konfessionen weisen danach folgende Entwicklung auf: Rechnungsjahr: Staatsleistungen an die evangel.Kirche zusammen kathol.Kirche in Millionen RMK: 1931 1932 1935 1936 1937 1938 19,5 15,0 14,2 13,4 6,9 6,2 5,8 5,5 38 34 26,4 21,2 20,0 18,9 Danach wird der Gesamtzuschuss an beide Konfessionen im Jahre 1938 nur noch halb so hoch sein wie im Jahre 1931. Die Leistungen an die katholische Kirche werden prozentual stärker gekürzt, weil von 1936 ab eine Gleichstellung der beiden Konfessionen erfolgt( bisher erhielt die katholische Kirche 3,64 M, die evangelische nur 3,12 M je Kopf der Bekenntnisangehörigen). Diese Leistungsminderung wird vom Staat zugleich dazu benutzt, in den Klerus einen Spalt zu treiben und den niederen gegen den höheren Klerus aufzubringen. Die Leistungen des Staates an die Kirchen zerfallen nämlich in Pflichtleistungen, die noch auf den Reichs- Deputationsabschluss zurückgehen und die freiwilligen Leistungen. Die Pflichtleistungen umfassen im wesentlichen die Gehälter für die Bischöfe und Erzbischöfe, die Dignitäre( Dompäpste, Dom- Kapitulare, Dom- Dekane) und die Vikare in den Stiften. An diesen Bezügen der hohen Geistliehkeit ist nichts geändert worden. Die Herabsetzung der staatlichen Leistung en trifft daher in erster Linie die freiwilligen Leistungen, d.h. das staatliche Ergänzungseinkommen für die übrige Geistlichkeit. Dieses Verfahren hat bereits dazu geführt, dass unter den Pfarrern Misstrauen gegen die A-90bischöflichen Finanzämter entstanden ist. Die Pfarrer glauben, dass die bischöflichen Finanzämter die Gelegenheit benutzen, um sie in ihren Bezügen noch weiter zu drücken, als es der Herabsetzung der staatlichen Leistungen entspricht. Pfarrer, die mit dem 3. Reich sympatisieren, und die es vereinzelt in allen Diözesen gibt, haben bereits verlangt, dass hier Wandel geschaffen und die hohe Geistlichkeit ebenfalls zu Gehaltsabzügen herangezogen werde. Es versteht sich von selbst, dass die Nazis mit allen Mitteln versuchen, diesen innerkirchlichen Spalt nach Möglichkeit zu vertiefen. Dass sittliche Verfehlungen in Klöstern und Erziehungsanstalten, wie sie jetzt durch die Sittlichkeitsprozesse in das grellste Licht der Oeffentlichkeit gezerrt werden, vorgekommen sind, wird von der Kirche an sich nicht bestritten. Die kirchlichen Kreise machen aber darauf aufmerksam, dass in den letzten Jahren infolge der hohen Arbeitslosigkeit ein sehr starker Andrang von Laienbrüdern zu den Klöstern bestanden hat. Der Andrang von Laienbrüdern war zeitweise so stark, dass sogar die Klöster des Auslands, besonders die amerikanischen, mit deutschen Brüdern bevölkert wurden. Viele traten ohne inneren Beruf in die Klöster ein und erstrebten nur eine Versorgung. Solche Elemente müssen besonders leicht am klösterlichen Leben scheitern. Die Kirche ist entschlossen, den Misständen, die sich daraus ergeben haben, selbst zu steuern und strenge Auslese zu treffen. Andererseits kann aber kein Zweifel bestehen, dass die Nazi propaganda die Vorkommnisse masslos übertreibt. Es ist wiederholt vorgekommen, dass man der Kirche Fälle aufzuhalsen versucht, bei denen es sich um ehemalige Klösterbrüder und-Schwestern handelt, die längst aus dem Kloster ausgeschieden sind, oder dass man zwar die Einleitung der Verfahren propagandistisch gross aufgemacht hat, dann aber ihre Einstellung wegen Zusammenbruchs der Anklage völlig verschwieg. So hat man z. B. viel Aufhebens davon gemacht, als seinerzeit der Präses Waltherbach( früherer bayerischer Landtagsabgeordneter und Führer der Katholischen Gesellenvereine) wegen angeblicher homosexueller Verfehlungen angeklagt und in Haft genommen worden war. Als das Verfahren nach fast 6.monatiger Untersuchungshaft eingestellt werden musste, hat man dagegen diesen Ausgang mit keinem Wort in der Presse erwähnt. Vor einiger Zeit wurde eine Klosterschwester aus München, die früher in einem fränkischen Kloster untergebracht worden war, wegen Verführung eines Minderjährigen verurteilt. Die Sache wurde gross als Klosterskandal aufgezogen, obgleich diese Klosterschwester schon vor 3 Jahren wegen mangelnder Eignung aus dem Kloster entlassen worden ist und seitdem Stellungen als Dienstmädchen in Privathaushaltungen inne gehabt hat. Einen ähnlichen Fall betrifft der Notzuchtsversuch eines früheren Bruders einer Eremiten- Verbrüderung. Bei der Behandlung dieses Falles in der Oeffentlichkeit wurde verschwiegen, dass diesem Bruder schon vor 7 Jahren die Erlaubnis zum Tragen eines geistlichen Gewandes entzogen worden ist. In einem vierten Fall handelt es sich um einen ehemaligen BeneF A-91fiziaten( Geistlicher ohne Amtsstellung) aus der Diözese Regensburg. Dieser Geistliche wurde schon 1910 entlassen, ist dann aus dem geistlichen Stand überhaupt ausgetreten und hat geheiratet. Das hat aber nicht gehindert, dass, als er sich jetzt Unterschlagungen zuschulden kommen liess, sein Fall als Pfarrer- Skandal aufgezogen worden ist. Ein besonders gefährlicher Angriff droht der katholischen Kirche in Bayern auf dem Gebiete der Jugend- Erziehung. In den katholischen Kirchen Bayerns ist es heute noch so, dass die. Erziehung der weiblichen Jugend in den Städten vorwiegend in den Händen der Klöster liegt. So wird z. B. in Regensburg die ganze weibliche Jugend in der grossen Klosterschule der" Heiligen Kreuz- und St. Klara- Abtei" unterrichtet, in der etwa 150 weibliche Lehrkräfte tätig sind. Diese Frage ist nicht nur von erziehungs- politischer, sondern auch von finanzpolitischer Bedeutung für die Kirchen. In der Vorkriegszeit leisteten Staat und Gemeinden nur einen geringen Zuschuss zu den Schulkosten. Durch das Konkordat von 1925 verpflichtete sich aber der Staat, den kirchlichen Lehrkräften dieselben Gehälter wie den staatlichen Lehrern und Lehrerinnen( nach Abzug von 20%) zu zahlen. Da die in klösterlichen Gemeinschaften. lebenden Schul schwestern für ihren eigenen Unterhalt sehr wenig brauchen, haben die Klöster aus den Staatszuschüssen hohe Ueberschüsse. Der NSLehrerbund fordert seit langem die Beseitigung der Klosterschulen und die Regierung ist auch bereits bei dem Vatikan vorstellig geworden, um diese Forderung entgegen dem Konkordat durchzusetzen. Man fürchtet in bayerischen katholischen Kreisen sogar, dass das Reich diesen Anlass benutzen wird, um von sich aus das Konkordat zu kündigen und dann den Kulturkampf in Zukunft ohne jede Fessel zu führen. Ein ähnlicher Vorgang spielt sich im Bereich der kirchlichen Fürsorge ab. Die Kirche unterhält auch heute noch zahlreiche Anstalten für Schwachsinnige. Diese Anstalten sind meist Eigentum der Klöster( es kommen vor allem die Orden der Barmherzigen Brüder und der Ursulinerinnen in Betracht). Auch diese Anstalten sind für die Kirche eine Einnahmequelle, weil die Gemeinden, die für die Schwachsinnigen die Fürsorgepflicht haben, einen entsprechenden Unterhaltssatz leisten. So lange man nicht im offenen Kulturkampf diese Anstalten beschlagnahmen kann, versucht das Regime die Gemeinden zu veranlassen, ihre Schwachsinnigen nicht mehr den kirchlichen Anstalten zuzuführen, sondern sie in nationalsozialistischen Anstalten unterzubringen. So ist z.B. in der Nähe von Kulmbach eine staatliche Anstalt für die verwahrloste Jugend errichtet worden, die unter der Leitung von NS- Schwestern und NS- Hausvätern steht. Wenn dieser Prozess weitergeht, werden die kirchlichen Anstalten langsam en tvölkert und zum Eingehen gezwungen. Der Kampf gegen die katholischen Arbeiter- und Gesellenvereine wird von Bayern nicht ganz einheitlich geführt. Während es in der Erzdiözese München noch möglich ist, unter Berufung auf das Konkordat Einwendungen gegen die Auflösung der katholischen Organisationen zu erheben, sind z.B. in Jürzburg die Ley-Terordnungen rücksichtslos durchgeführt worden. Es kommt also vial auf die Stellung des örtlichen Machthabers an. In München wirkt die ausgleichende Haltung des r.eichsstatthalters Epp immer noch etwas zu Gunsten der katholischen Kirche, während in Würzburg der dortige Gauleiter Dr. Helmuth eine unversöhnliche Haltung einnimmt. Kirchliche Kreise rechnen damit, dass die Frage der katholischen Arbeiter- und Gesellenvereine neben der Frage der katholischen Schulen zum Anlass genommen werden könnte, um das Konkordat von Reichswegen zu kündigen. 2. Bericht: Die gedrückte Stimmung unter der katholischen Bevölkerung hält nicht nur an, sie erfasst immer weitere Kreise. Selbst die jungen Leute, besonders die Bauernsöhne, die bislang gedankenlos bei Hitler mitmarschiert sind, werden bedenklich. Die religiösen Sorgen der Alten bleiben auf sie nicht ohne Wirkung,''un haben diese Leute allen Grund, besorgt zu sein. Die Art, wie die Prozesse gegen Ordensbrüder weitergeführt, wie sie in der Presse ausgeschlachtet werden, die Drohung des Innenministers Wagner gegen den Bischof von Eichstätt, die Ankündigung, dass alle geistlichen Lehrkräfte in absehbarer Zeit durch weltliche ersetzt werden, die Kürzungen der Aufwendungen des Bayerischen Staates an die katholische Kirche, das sind zuviele Eingriffe auf einmal und so ist es verständlich, wenn in weiten Kreisen der Katholiken die Befürchtung besteht, dass das Hitlerregime auch vor dem letzten entscheidenden Schlag gegen die katholische Kirche nicht zurückschreckt, worunter die Leute die Konfiszierung des Kirchenvermögens verstehen und die vollständige%undtotmaohung der Pfarrer. So wird allen Ernstes unter den Leuten kolportiert, dass mit Beginn des neuen Schuljahres die Religionastundeh nur mehr in der Kirche erteilt werden dürfen, dasä alle rdensschwestern aus der Krankenpflege entfernt werden usw. In dem Oberpfälzer Städtchen X. haben seit eh und je katholische Ordensschwestern im Krankenhaus als Pflegerinnen gewirkt. Seit einiger Zeit gibt es dort nur hoch braune Hitlerschwestern als Krankenpflegerinnen. Die Leute sind der Auffassung, dass das nur ein Anfang ist. Dabei muss man verstehen, dass der gläubige Katholik des festen Glaubens ist, dass er nur bei der Pflege durch eine religiöse Krankenschwester völlig genesen kann, um die seelischen Sorgen dieser Menschen zu begreifen. Wie reagiert das Volk darauf? In der Regel durch noch tiefere, durch innbrünstigere Religiosität. Man äieht das alles als eine Strafe Gottes an und. hält es für hoch an der Zeit, ernstlich in, pich zu gehen und durch inniges Gebet diese harte Gottesprüfung von sich wieder abzuwenden. Nur so sind auch die Bemerkungen zu verstehen:"Jetzt könnts schon genug sein."-"Jetzt dürfte bald eine Wendung eintreten" usw. A-93Das soll im Munde der wirklich Gläubigen heissen:" Jetzt hätte uns der Herrgott genug heimgesucht." Der wirklich kämpferisch eingestellte Teil unter den Katholiken ist herzlich klein und er bleibt politisch bedeutungslos, solange nicht die Geistlichkeit zu erkennen gibt, dass es nun genug sei und dass man sich nun wehren müsse. 3. Bericht: Die Situation gestattet dem Apparat durchaus die Verschärfung seiner Haltung gegen die Kirche. Viele Kanzelredner haben die Osterzeit und besonders auch die Maiandacht zu direkten Vortragsserien gegen die angeblich heidnichen Bestrebungen des Nationalsozialismus benützt. Hervorragende priesterliche Sprecher haben in raffiniertester Formulierung die Schlinge des Kanzelparagraphen zu umgehen versucht und leidenschaftlich an den wankenden Mut und die Bekenntnistreue der Katholiken appelliert. In einem Fall z. B. wählte ein hoher Würdenträger der Kirche folgende Form, seinem Missmut Ausdruck zu geben: " Täglich muss ich feststellen, dass der Bekennermut unserer Katholiken immer kleiner wird. Da erlebt man, dass man zum Bette eines Schwerkranken gerufen wird und ihm Trost zuspricht in den Stunden der höchsten Not. Dankbar drückt er einem die Hand und fühlt die Kraft priesterlichen Zuspruchs. Der Kranke wird wieder gesund und begegnet einem eines Tages auf der Strasse in Begleitung eines Mannes in Uniform. Nun ist er zu feige, dass er seinen Priester auch nur flüchtig grüsst; er kennt ihn einfach nicht. Wohin ist der Bekennermut unserer Christenschar gekommen, wenn sie schon ihre Preister verleugnet?" usw. Eine objektive Betrachtung dieser Vorgänge- vor allem in der" Hauptstadt der Bewegung" zeigt aber, dass die Masse der Predigthörer aus älteren Frauen und Männer besteht, deren Aktionsfähigkeit sehr beschränkt ist. Die wiederholten begeisterten Huldigungen, die z. B. dem Kardinal Faulhaber nach dem Verlassen des Doms in München und vor seinem Palais durch eine grössere Menschenmenge zuteil werden, verlaufen schon seit einiger Zeit ohne jede Behelligung durch die Polizei oder SS, die ihre Hauptamtsstellen ja in allernächster Nähe der Demonstration sorte haben. Vor kurzem sah ich, als ich mich gerade in der Maffeistrasse befand, eiligst viele Menschen über den Ritter von Epp- Platz in der Richtung gegen die Promenadenstrasse laufen. Ich fragte einen SS- Mann, was da los sei und erhielt die Antwort:" Das sind die Katholiken, die den Faulhaber sehen wollen." Ich lief auch hin und mischte mich unter sie. Ich erfuhr, dass der Kardinal soeben im Dom gepredigt habe und dass er nun bald mit dem Auto in sein Palais einfahren müs. Die Menschen wurden immer mehr und es werden in wenigen inuten ungefähr 3.000 gewesen sein. Nach kurzer Zeit erschien ch das Auto des Kardinals, dem leidenschaftliche Ovationer dergebracht wurden. Das Auto fuhr langsam durch die Menge, der Kardinal grüsste nach allen Seiten. Die Menschen verstreut sich nicht, sondern verharrten vor A-94en Fenstern des Palais und begehrten in Sprechchören ihren Kardinal zu sehen. Ganze Gruppen brachen immer wieder in den Ruf aus:" Wir wollen unseren Kardinal sehen!" Faulhaber zeigte sich dann auch dreimal auf dem Balkon seines Hauses und grüsste die Massen, die inzwischen auf gut 5.000 angewachsen waren. Das Erstaunliche bei dem ganzen Vorgang war, dass die SS und auch die Polizei in der Nähe stand und den ganzen Vorgang überhaupt nicht zu beachten schien. Man hatte stark die Empfindung, dass sie den direkten Auftrag hatten, nichts zu unternehmen. Solche Kundgebungen wiederholen sich an Sonntagen öfters und immer mehr Menschen nehmen daran teil. Man lässt hier ein Ventil offen und hämmert dafür in der nationalsozialistischen Presse noch stärker auf die klösterlichen Orden ein, die als Brutstätten des Lasters bezeichnet werden. Die Kreise des Klerus sind über die Entwicklung der letzten Wochen sehr erschrocken und klammern sich immer mehr an die Hilfe Roms und des Auslandes als an die Hoffnung, aus eigener Kraft eine neue Widerstandsbasis zu finden. Dass es den Nazis jederzeit möglich ist, dir Kirche mit Gewalt anzugreifen, das ist jedermanns Ueberzeugung. Man hat das auch bei der heurigen Fron- leichnamsprozession feststellen können, bei der verschiedene Personen festgenommen wurden, die sich abfällig über den Sicherheitsdienst der SS geäussert haben. Zusammenfassend ist festzustellen: Die Kirche fühlte sich seit Bestehen der faschistischen Herrschaft noch nie so bedrängt wie heute. Ihre eigene Kraft ist zu beachtlichen Gegenwirkungen nicht mehr fähig% 3B ihre Vernichtung hingegen ist auch nicht möglich und wird vom Nationalsozialismus auch nicht gewünscht. 4. Bericht: Verhaftungen und Verurteilungen von Geistlichen nehmen in der letzten Zeit auch in Oberbayern wieder zu. Auch gegen Katholiken geht die Polizei jetzt schärfer vor. Dabei ist interessant, dass zwei Katholiken verhaftet wurden unter dem Verdacht, mit kommunistischen Agenten in Beziehungen getreten zu sein. 5. Bericht: Der 51 jährige katholische Pfarrer Camilus von Lama aus Oberfinning bei Landsberg am Lech hatte in einer Predigt gegen die Regierung Stellung genommen. Obwohl deswegen ein Verfahren gegen ihn eingeleitet war, hat er in einer späteren Predigt die Glaubwürdigkeit der über die bekannten Verfehlungen der Franziskanerordensbrüder ausgegebenen Gerichtsberichte bezweifelt. Er wurde vom Sondergericht München zu insgesamt neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der katholische Katechet Sindersberger in Weiden ist Garnisonspfarrer in Weiden geworden. Er ist als Antinazi bekannt. Die NSDAP arbeitet schon seit langem auf die Beseitigung des Geistlichen aus dieser Stellung hin. Man sagt ihm nach, er missbrauche dieses Amt zu antinationalsozialistischer A- 95Propaganda. Vor kurzem unternahmen die Nazi einen offenen Verstoss gegen den Geistlichen. Sie verlangten vom Garnisonskommandanten, Major Schmidt, die Beseitigung des S. als Militärpfarrer. Der Garnisonskommandant lud mun den Oberbürgermeister und Nazikreisleiter Harbauer von Weiden sowie den Geistlichen zu einer Aussprache zu sich. Harbauer brachte die Klagen gegen den Geistlichen vor. Dieser erwiderte aber nicht nur sehr energisch, sondern ging zum Angriff über und deckte Harbauer ordentlich zu. Er muss dem Harbauer gründlich gesagt haben, was ihm schon längst gesagt gehörte. Der Garnisonskommandant entschied darauf mit den Worten: " Ich finde die gegen Herrn Sindersberger vorgebrachten Vor würfe für absolut unbegründet. Herr Harbauer, ich bin froh, dass wir einen so schneidigen, unerschrockenen Pfarrer haben! Bei der Verabschiedung behandelte der Garnisonskommandant den Harbauer so kühl, dass es fast als eine Missachtung anmutete. Südwestdeutschland: Die Katholiken sind empört über die Art, in der die Franziskanerprozesse durch die Nazipresse behandelt werden. Sie sagen, das Treiben der Röhm und Konsorten hätte Hitler trotz genauer Kenntnis der Dinge jahrelang geduldet. In diesem Falle lasse er nur zugreifen, um die Kirche zu schädigen. Erzbischof Gröber von Freiburg, der sich früher durch gewisse Sympathien für die Nazis einen Namen gemacht hat, hielt in Birnau, einem Wahlfahrtsort in Ueberlingen am Bodensee einen Gottesdienst ab. Eine für die dortigen Verhältnisse ungeheuere Menschenmenge ist zusammengeströmt und hat dem Bischof gehuldigt. In zwei Fällen hat das württembergische Kultusministerium katholischen Pfarrern das Recht zur Erteilung des Religionsunterrichts" an sämtlichen württembergischen Schulen" entzogen. Bei dem Pfarrer Funk in Langenargen am Bodensee lautete die Begründung:" wegen verleumderischer Hetze anlässlich der Abstimmung über die Einführung der deutschen Schule." Bei dem Pfarrer Kehl in Obereschach wurde die Massnahme damit begründet, dass er an seinem früheren Wirkungsort, den er 1932 verlassen hatte, sich" in schamloser Weise unzüchtige Handlungen an Frauenpersonen schuldig gemacht habe." Am 14. Juni war Sammeltag. Vom Bezirksamt in X. war den einzelnen Organisationen ein bestimmter Stadtteil zugewiesen. Es sammelten gleichzeitig Rotes Kreuz, Innere Mission, Bahnhofsmission und Caritas. Die Sammler für das Rote Kreuz hielten sich nicht an den zugeteilten Bezirk, sondern sammelten, wo es ihnen passte. Darüber gab es starke Misstimmung. Bezeichnend ist, dass die Caritas nur 100 RMK weniger sammelte als im vorigen Jahr. Der Zusammenhalt der Katholiken ist sehr stark. Schlesien: Bis vor einigen Monaten war in Oberschlesien. der antikatholische Kurs der Nazis noch nicht so stark bemerkbar und in den Kirchen wagte man gegen das Heidentum noch ein offenes Wort. In den letzten Wochen wurden die Geistlichen in den Landgemeinden um Grosstrelitz-hier ist ein grosser Teil der Bevölkerung polnisch- verwarnt. Es ginge nicht mehr wie zu Lebzeiten Hindenburgs, die Bevölkerung müsse für Adolf Hitler erzogen werden. Die Prozesse gegen die Franziskaner werden in der Presse gross aufgemacht und der Orden als ein einziger Herd von Sittlichkeitsverbrechern hingestellt. In Versammlungen wird darüber referiert und auch bei der Hitlerjugend wird darüber gesprochen und die Sache gegen Pfaffen und Katholiken ausgeschlachtet. Katholische Kreise erklären, diese Propaganda verfehle unter den Intellektuellen ihre Wirkung nicht, während die Landbevölkerung das ganze als Nazi schwindel ablehne. Dass man gewillt ist, gegen die katholischen Kreise schärfer vorzugehen, geht weiter daraus hervor, dass die katholischen Organisationen der polnischen Minderheit unter besondere Beobachtung gestellt sind, weil sich dort angeblich staatsfeindliche Elemente ein Stelldichein geben. Katholische Junglehrer, die bereits vor der festen Anstellung standen, wurden wieder zur Disposition gestellt, ihre Bezüge von 70 RMK auf 50 RMK herabgesetzt und sie zur Dienstleistung ohne besondere Entschädigung herangezogen. Man will sie für den Nationalsozialismus gefügiger machen, wie einer der Amtswalter auf eine Beschwerde eines Junglehrers zu verstehen gab. Rheinland: Die Katholiken erklären offen, dass es unwahr sei, was in den Nazizeitungen über die Verstösse der Pater gegen den Paragraphen 175 stünde. Ueberhaupt ist in der letzten Zeit wieder ein gewisser Widerstand der Kirche zu beobachten. Besonders die jungen Katholiken wehren sich gegen die Nazis mit allen möglichen Mitteln. Die Sammlung der" Caritas" ist ausserordentlich stark durchgeführt worden. Die Sammler traten in grosser Zahl auf, und aus Protest gegen die Nazi- Sammlungen bekamen sie reichlich. Der Männerumzug in Aachen am Fronleichnamstag war in diesem Jahre doppelt so stark wie im vorigen Jahre und viel stärker als der diesjährige Maiumzug. Ungeheuer viel Kirchenflaggen wurden gehisst. Die Nazis kontrollierten die Fenster und machten Aufzeichnungen. Diese Methode ist aber schon zu sehr als Einschüchterungsversuch bekannt und sie zieht deshalb nicht mehr. Sachsen: Die Prozesse gegen katholische Ordenspriester haben im allgemeinen in der Oeffentlichkeit( wenigstens in Westsachsen) sehr wenig Eindrück gemacht. Man kennt den Hass des Regimes gegen die katholische Kirche und setzt die Prozesse zum grossen Teil auf das Konto der kirchenfeindlichen Absichten der Nationalsozialisten. Ausserdem glaubt man vielfach, dass durch diese Prozesse der Bevölkerung wieder einmal ein sensationelles Schaustück geboten und sie von anderen, dem Regime sehr unangenehmen Fragen abgelenkt werden soll. Das bedeutet nicht, dass man an tatsächlich nachgewiesenen A- 97Verfehlungen gleichgültig vorübergehe, aber man macht im Stillen grosse Abstriche und betrachtet den grössten Teil der Prozessberichte unter dem Gesichtspunkt des nationalsozialistischen Propagandabedürfnisses. In diesem Zusammenhang verdient auch das Sektenwesen Beachtung. Die zahlreichen Prozesse gegen Angehörige der Sekte " Ernste Bibelforscher" zeigen, dass sich auf diesem Gebiet dem Regime ein Widerstand entgegenstellt, der zwar nicht politisch, aber massenpsychologisch bedeutsam ist. Es hat in Deutschland immer Gebiete gegeben, die besonders zum religiösen Sektierertum neigten; dazu gehörten vor allem die sächsischen und schlesischen Gebirgsgegenden und Teile Westfalens. Jetzt hat es den Anschein, als ob die geistige Not der Zeit viele Menschen, die sich früher einer politischen Bewegung angeschlossen hatten, dazu bringt, sich dem religiösen Sektierertum zu verschreiben. Sachsen: 1.Bericht. Aus den kleinen Orten Ostsachsens wird übereinstimmend berichtet, dass die religiöse Bewegung auch unter den Genossen verheerende Fortschritte mache. Die Verzweiflung über die jetzige Situation sei so gross, dass alle nur nach irgend etwas griffen, um vom Nazikram abgelenkt zu werden. So ist zum Beispiel der frühere Vorsitzende der Freidenkerbewegung in X., der lange Zeit im KZ Hohnstein war, streng religiös geworden. Wenn man mit ihm sprechen will, dann erhält man stets die Antwort, dass dies alles eine Sendung Gottes sei. Er hat es auch fertig gebracht, ganz offen am Wahltag seinen Wahlzettel durchzustreichen und daraufzuschreiben:" Ich wähle Jesu, Hohnstein genügt mir!" Den Wahlzettel hat er im Wahllokal auch den SA-Leuten gezeigt. Ihm ist nichts passiert.' Scheinbar nehmen ihn auch die Nazis als" verrückt". Auch die Ludendorff- Bewegung der sogenannten Deutschgottgläubigen greift rasch um sich. Viele frühere gute Genossen beteiligen sich daran. 2. Bericht: Aus mehreren Orten, z. B. Zwickau, Werdau, Mylau, Reichenbach ist zu berichten, dass dort die Bibelforscher trotz der scharfen Verfolgung durch die Gestapo ihre Sache mutig weitervertreten und dass auch Prozesse und Verurteilungen sie vielfach nicht von ihrer Betätigung zurückhalten können. Zunächst handelt es sich hier selbstverständlich um religiösen Fanatismus, der an seinen Glauben allen Verfolgungen zum Trotz festhält und im Märtyrertum eher eine religiöse A-98Weihe und eine" göttliche Gnade" und dergleichen sieht, aber immerhin schafft auch dieser Widerstandsfaktor mit der Zeit politische Gegnerschaften gegen das Regime, das gerade in Kreisen der Bibelforscher immer stärker als eine Art" Antichrist" hingestellt wird. 3. Bericht: Eine rege Tätigkeit ist bei den ernsten Bibelforschern zu bemerken. Ihre Zeitschrift" Das Goldene Zeitalter" erscheint illegal und wird stark verbreitet. Ueberhaupt betreiben sie ihre Arbeit sehr geschickt, zum Teil fanatisch. So wurde in Gross- Schönau bei Zittau ein Bibelforscher verhaftet, weil er am 29. März nicht gewählt hatte. Bei seiner Verhaftung hat er erklärt, dass er Hitler nie wählen würde, weil er ein Feind der gesamten Menschheit sei, 4. Bericht: In X. haben die Bibelforscher grossen Anhang. Sie haben jetzt das Gerücht in die Welt gesetzt, dass die Hitlerregierung nur noch bis zum Herbst am Ruder sei, da einige Bibelstellen darauf hindeuteten. Die Bevölkerung setzt auf solche Gerüchte grosse Hoffnungen. Rheinland: In unserer Gegend gewinnen neuerdings die " Ernsten Bibelforscher" an Boden. Die Leute sind sehr rührig und zu ihnen flüchten sich alle Menschen, die innerlich nicht mehr ein noch aus wissen. In den Zusammenkünften wird ein gewisser Fanatismus gezüchtet. Viele von den Bibelforschern haben trotz des Terrors nicht gewählt. Die Nazis haben darauf ein Kesseltreiben gegen die Anhänger der Bibelforscher veranstaltet. Auf der Grube" Sophie Jakoba" in Hückelhoven wurden von den Nazis Unterschriften gesammelt mit der Begründung, dass man mit diesen Volksverrätern nicht mehr zusammenarbeiten wolle. Darauf sind vier Arbeiter, die Anhänger der Bibelforscher- Vereinigung waren, entlassen worden. B- 1Tei 1. B ( Abgeschlossen am 1. August 1936) Finanzpolitik( II): Die nationalsozialistische Steuerpolitik I. Volkseinkommen und öffentliche Belastung. Dürfte man den deutschen offiziellen Aeusserungen Glauben schenken, so hätte die nationalsozialistische Steuerpolitik das Kunststück fertiggebracht, trotz umfangreicher Steuersenkungen eine wesentliche Erhöhung des Steuerertrages zu erzielen. Danach ist die Stei- gerung des Reichssteueraufkommens, das im Rechnungsjahr 1935 um 3 Milliarden höher gewesen ist als 1932( 9.654 gegen 6.647 Millionen), allein die Folge des allgemeinen Wirtschaftsaufschwunges seit dem Umsturz gewesen. Bei näherer Betrachtung erweist sich jedoch diese Behauptung als eine reine Propaganda- Legende. Zunächst eine allgemeine Feststellung: Das Reichssteueraufkommen im Rechnungsjahr 1935 hat sogar das des Rechnungsjahrs 1928 übertroffen( 9.654 gegen 9.023 Millionen), das Volkseinkommen war aber noch wesentlich niedriger, es lag selbst nach amtlichen Quellen 1935 noch um 25% unter dem Stand von 1928. ( 56 Milliarden gegen 75,4 Milliarden 1928). Die Aufkommenszahlen für die Landes- und Gemeinde steuern liegen für 1935 noch nicht vor, es besteht aber kein Zweifel, dass sie ebenfalls bedeutend über die von 1928 hinausgehen. 1935 musste also aus sinem beträchtlich geringerem Volkseinkommen eine erheblich 1öhere Steuerlast aufgebracht werden als 1928. Dasselbe ergibt ein Vergleich zwischen den Jahren 1935 und 1932. Das Aufkommen an Reichssteuern ist 1935 um fast ein B- 2Drittel höher gewesen als 1932, das Volkseinkommen( nach den Ermittlungen des Instituts für Konjunkturforschung) aber noch nicht um ein Viertel( 56 gegen 45 Milliarden). Selbst wenn wir also von den amtlichen Schätzungen über das Volkseinkommen ausgehen wir haben wiederholt begründet, warum wir sie seit dem Umsturz für zu hoch halten ergibt sich in den letzten drei Jahren eine wesentliche Steigerung der Steuerbelastung. ( Beschränkt man den Vergleich auf die Reichssteuern, so errechnet sich die Gesamtbelastung des Volk se inkommens 1932 auf 14,7%, dagegen 1935 aur 17,2%). Gegen diese Gegenüberstellung von Volk se inkommen und Reichssteuerertrag könnte der Einwand erhoben werden, dass nicht nur die amtlichen Schätzungen über das Volkseinkommen, sondern auch die amtlichen Nachweisungen über die Steuererträge fragwürdig seien. Wir haben in diesen Berichten wiederholt den Nachweis dafür erbracht, dass amtliche Statistiken des Dritten Reiches mehr den Propagandabedürfnissen des Regimes als der Aufhellung des wirklichen Tatbestandes zu dienen bestimmt sind. An sich wäre es denkbar, dass auch die monatlichen Ausweise des Reichsfinanzministeriums über die Steuer- und Zoll- Einnahmen unter diesen Gesichtspunkten aufgestellt werden und dieses Verfahren wäre praktisch nicht nachprüfbar, weil sowohl die Haushaltpläne, als auch die Haushaltsrechnungen geheim gehalten werden. Trotzdem glauben wir nicht, dass die Nationalsozialisten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, denn die Fälschung der Steuerausweise wäre im Gegensatz zu den Manipulationen bei anderen Statistiken eine sehr kurzsichtige und gefährliche Taktik. Natürlich könnten auf diese Weise In- und Ausland längere Zeit über die wahre finanzielle Lage des Reichs getäuscht werden, aber praktisch würde doch nur ein Kartenhaus aufgerichtet werden, dass über kurz oder lang zusammenbrechen müsste. Hält man also die amtlichen Zahlen über das Reichssteueraufkommen nicht für gefälscht, so bleibt nur der Schluss übrig, dass die deutsche Steuerbelastung entgegen der nationalsozia B- 3listischen Propaganda- Legende in den letzten Jahren nicht ermässigt, sondern erhöht worden ist. Dieser Schluss wird durch eine nähere Untersuchung der steuerpolitischen Massnahmen der letzten drei Jahre bestätigt. Allerdings ist die Erhöhung der Steuerbelastung in Formen erfolgt, die es dem Nichteingeweihten sehr erschweren, einen Ueberblick zu gewinnen. Die Nationalsozialisten haben auch auf diesem Gebiet die Methode angewendet, allgemeine, weithin sichtbare Verschlechterungen zu vermeiden und statt dessen ihr Ziel durch eine Fülle von Einzelmassnahmen zu erreichen. Diese Einzelmassnahmen treffen jeweils nur einzelne Gruppen der Bevölkerung und machen es dem einzelnen praktisch unmöglich, sich darüber klar zu werden, dass sein Schicksal in ähnlicher Form von allen geteilt wird. Die Atomisierung der Verärgerung und des Widerstandes ist das bestimmende taktische Moment für die Steuerpolitik genau wie für die Sozialpolitik und die Lohnpolitik des Regimes. Deshalb kann aber auch über die nationalsozialistische Steuerpolitik nur dadurch Klarheit geschaffen werden, dass die einzelnen Massnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden. Eine solche Darstellung der einzelnen steuerpolitischen Massnahmen der Nationalsozialisten ist aber in einem wesentlichen Punkte unvollkommen: Sie besagt nur etwas über die Entwicklung der eigentlichen Steuerbelastung. Ein bedeutender Teil der Belastungsvermehrung hat sich jedoch ausserhalb dieses Rahmens ergeben: bei den öffentlichen Beiträgen und Spenden. Hier sind Abgabenquellen erschlossen worden, die früher im öffentlichen Haushalt entweder überhaupt keine oder nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Wir haben bereits in der Uebersicht über den Reichshaushalt( Mai- Bericht Nr. 5, Teil B) dargelegt, dass im Dritten Reich der öffentliche Haushalt weit über den traditionellen Bereich der alten Verwaltungszweige hinausgreift und dass dazu vor allem die NS- Organisationen und die verschiedenen Zweige der Wirtschaftsorganisation zu rechnen sind. Die Finanzierungsquellen dieser Organisationen, Beiträge und Spenden, B- 4ind heute der Sache nach öffentliche Abgaben und man kann zu keinem zutreffenden Urteil über die Entwicklung der öffentlichen Gesamtbelastung in Deutschland gelangen, wenn man sie nicht der Steuerbelastung hinzurechnet. Die nachstehende Darstellung der nationalsozialistischen Steuerpolitik bedarf also einer ergänzenden Behandlung der Beitrags- und Spendenwirtschaft des Regimes. Die Darstellung ist auch noch in anderer Hinsicht unvollständig: sie scheidet fast vollständig die Zollpolitik aus. Die Zollbelastung ist sowohl absolut, als vor allem relativ gestiegen. Der Vergleich von Einfuhr( Spezialhandel) und Zollaufkomen seit 1929 zeigt folgendes Bild: in Mill. RMK. -1929 1930 1931 1932 1933 1934 1935 jahre) Einfuhr( Kalender13447 10393 6727 4667 4204 4451 4159 1095 1083 1147 1106 1065 1149 1249 Zollerträge ( Rechnungsjahre) Diese Gegenüberstellung zeigt das ungeheuere Anwachsen der relativen Zollbelastung seit Einbruch der Krise. Sie zeigt aber auch, dass in den letzten drei Jahren das Zollaufkommen um fast 200 Millionen gestiegen ist, obgleich die Einfuhr eine weitere leichte Senkung erfahren hat. Aber mit dieser Gegenüberstellung ist nur ein kleiner Teil der Belastung erfasst, die sich in den letzten Jahren aus der deutschen Zollpolitik ergeben hat. Die Gesamtwirkungen der Zollpolitik kommen erst in der Entwicklung des Preisniveaus zum Ausdruck und in diesem Rahmen können sie nicht aus dem Zusammenhang mit den anderen handels- und preispolitischen Massnahmen( Kontingente, Neuer Plan, regulierte Preise usw.) losgelöst werden. Die Nationalsozialisten haben ohne eigenes Steuerprogramm die Regierungsgewalt übernommen. Unter den 25 Punkten des" unabänderlichen" Programms der NSDAP von 1920 beschäftigt sich nicht einer mit der Steuerpolitik. Ihr Programm liess ihnen also auf diesem Gebiet volle Propaganda- und Handlungsfreiheit B-5( 6 und man muss sagen, dass sie von beiden ausgiebig Gebrauch ge macht haben: vor der Machtergreifung von der Propagandafreiheit und nachher von der Handlungsfreiheit. Haben sie in den Jahren des Kampfes um die Macht auch in ihrer steuerpolitischen Propaganda nicht die geringste Hemmung an den Tag gelegt und die urteilslosen Massén vor allem der Bauern und Kleinbürger bedenkenlos in den Glauben gewiegt, nach dem Umsturz würden sie überhaupt keine Steuern mehr zu zahlen haben, so haben sie in ihrer praktischen Steuerpolitik nach den Umsturz sowohl ihre Anhänger als auch ihre Gegner gründlich enttäuscht. Ihre Anhänger, weil sie ihre Versprechungen skrupellos gebrochen und nicht einmal die Hauszinssteuer und die Negersteuer aufgehoben haben; ihre Gegner, weil sie nicht den steuer- und finanzpolitischen Unfug getrieben haben, den man erwartete. Die Nationalsozialisten haben weder nach der einen noch nach der anderen Richtung Experimente gemacht, sondern sich an das bewährte Alte gehalten und sich darauf beschränkt, es auszubauen. Allerdings haben sie 1933 das Bedürfnis gehabt, ihre Machtstellung auch steuerpolitisch zu untermauern und auch die Steuerpolitik in den Dienst der Arbeitsschlacht zu stellen, aber von Mitte 1934 an wurde der Kurs geändert: die Steuerpolitik hat seitdem nicht mehr die Aufgabe, durch Steuererleichterungen die Arbeitsbeschaffung zu fördern, sondern sie soll durch Steuerverschärfungen die Kostendeckung der Arbeitsbeschaffungsund Rüstungspolitik erleichtern. Das gilt insbesondere von der Steuerreform vom Oktober 1934. Grundsätzlich ist das deutsche Steuersystem heute noch dasselbe wie vor dem Unsturz, nur ist die Gesamtlast erhöht und unsozialer verteilt. Die Steigerung der Steuerbelastung ist erfolgt 1) durch offene Steuererhöhungen, 2) durch versteckte Steuererhöhungen und 3) durch eine allgemeine Verschärfung der Steuererfassung. B- 6II. Die Steuererleichterungen Die Steuererleichterungen, die die Nationalsozialisten nach dem Umsturz durchführten, verfolgten in wesentlichen drei Ziele: 1. Förderung der Arbeitsbeschaffung; 2. bevölkerungspolitische Begünstigung der kinderreichen Familien; 3. Entlastung der Landwirtschaft. Von diesen drei Punkten hat nur die Begünstigung der Kinderreichen noch heute Bedeutung; aber auch sie ist inzwischen mehr als ausgeglichen worden durch eine Mehrbelastung der Ledigen und Kinderarmen. Die Steuererleichterungen zugunsten der Arbeitsschlacht waren von Anfang an grösstenteils einmalige Entlastungsmassnahmen, die Steuersenkungen für die Landwirtschaft sind durch Steuererhöhungen längst überholt. Die einmaligen Steuererleichterungen des Jahres 1933 umfassten in der Hauptsache folgende Massnahmen: 1. Das Gesetz über Steuerfreiheit für Ersatzbeschaffungen vom 1. 6. 1933( HGB1 I.S. 324) gestattete Gewerbetreibenden und Landwirten, in der Zeit vom 30. 6. 33 bis zum 1. 1. 35 alle Aufwendungen für Betriebsanschaffungen à auernder Natur ( für das Anlagekapital) voll vom Gewinn abzuziehen. Wegen der bei der Einkommensteuer bestehenden Progression des Steuersatzes führte diese Bestimmung dahin, dass ein Grossunternehmer für denselben Anschaffungs betrag unter Umständen eine fünf mal höhere Steuerermässigung erhielt als ein Kleingeverbetreibender. 2. Durch das Gesetz über Steuererleichterungen von 15. 7.33 ( RGB1 I.S. 491) wurde für denselben Zeitraum eine 10sige Steuerermässigung für alle Aufwendungen zur Instandsetzung oder Ergänzung gewerblicher Gebäude gewährt. 3. Das Zweite Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit vom 21. 9. 33( RGB1 I.S. 651) sah eine Sankung der landwirtschaftlichen Grundsteuer un 100 Millionen( angeblich um 255T Für die Zeit vom 1. 10. 33 bis zum 31. 3. 1935 vor. Die Senkungsaktion ist nicht erneuert worden. 4. Das gleiche Gesetz ermächtigte den Reichsfinanzminister, einmalig bis zu 50 Millionen für die Senkung der Grundsteuer B- 7bei den Wohngebäuden aus den Jahren 1924 bis 1930 bereitzustellen. In Rechnungs jahr 1934 sind insgesamt 33 Millionen für diesen Zweck verwendet worden. Ob auch der Rest der Ermächtigung ausgenutzt worden ist, ist unbekannt. 5. Durch Verordnung vom 20. 4. 1934( RGB1 I S. 318) ist für die Zeit vom 1. 1. 1934- 31. 3. 1935 für alle Gebäudeinstandsetzungen dieselbe Vergünstigung eingeräumt worden wie vordem für Instandsetzungen an gewerblichen Gebäuden. ( siehe Punkt 2). Bei den dauernden Steuererleichterungen handelt es sich vor allem um folgende Vorschriften: 1. Durch Gesetz vom 10. 4. 1933( RGB1 I.S. 192) wurden alle neuen Kraftfahrzeuge von der Kraftfahrzeugsteuer befreit. Für die alten Kraftfahrzeuge wurde später die Möglichkeit geschaffen, die Steuer durch Zahlung eines einmaligen Betrages abzulösen. 2. Das Gesetz über Steuerermässigungen für Hausgehilfinnen vom 1. 6. 1933( RGB1 I S. 326) gestattet jedem Steuerpflichtigen, für jedes Dienstmädchen in seinem Haushalt monatlich 50 RMK( also jährlich 600 RMK) von seinem steuerpflichtigen Einkommen abzuziehen. Diese Vergünstigung ist in das neue Einkommensteuergesetz vom 16. 10. 1934 übernommen worden, wobei die Begrenzung auf höchstens drei Dienstmädchen in einem Haushalt in Wegfall gekommen ist. Auch diese Vorschrift begünstigt wegen der Progression des Einkommensteuertarifs vor allem die hohen Einkommen. Ein Steuerpflichtiger mit 40.000 RMK Jahreseinkommen hat für jedes Dienstmädchen eine jährliche Steuerermässigung von 250 RMK(= 40% von 600 RMK), ein Steuerpflichtiger mit 4.000 RMK Jahreseinkommen dagegen nur von 96 RMK(= 14% von 600 RMK). 3. Das bereits erwähnte Zweite Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit vom 21. 9. 1933 brachte eine Senkung der Umsatzsteuer für die Landwirtschaft von 2 auf 1%. Dabei ist aber zu beachten, dass seit der 4. Notverordnung von 1931 ( durch die die Umsatzsteuer allgemein auf 2% erhöht wurde) Umsätze in Getreide, Mehl, Schrot, Kleie und Backwaren nur mit o, 85% besteuert wurden. Die Neuregelung bedeutet also für diese landwirtschaftlichen Erzeugnisse eine Steuererhöhung von 0,85 auf 1% und nur für die übrigen eine Steuersenkung von 2 auf 1%. 4. Die einzige wesentliche Steuererleichterung stellt die Senkung der Arbeitslosenhilfe durch das Gesetz zur Erhaltung und Hebung der Kaufkraft vom 24. 3. 1934( RGB1 I S. 235) dar. Diese Senkung umfasste mit Wirkung vom 1. 4. 1934: a) Befreiung aller Verheirateten mit 3 und mehr Kindern b) Befreiung aller Verheirateten mit 1 und 2 Kindern und Einkommen unter 500 Mark monatlich, B- 8c) Befreiung auch der Ledigen und Kinderlosen bei Einkommen unter 100 Mark monatlich, d) gewisse Ermässigungen des Tarifs. Der Ausfall infolge dieser Erleichterungen sollte 300 Mill. jährlich betragen. Tatsächlich ist das Aufkommen der Arbeitslosenhilfe nach den Abrechnungen der Reichsanstalt für Arbeits losenvermittlung von 526,7 Millionen im Rechnungsjahr 1933 auf 262,8 Millionen im Rechnungsjahr 1934 zurückgegangen. Vom 1. 1. 1935 an ist die Arbeitslosenhilfe mit der Einkommensteuer( Lohnsteuer) verschmolzen worden. Eine Sondervergünstigung wurde den NS- Amtswaltern durch Erlass des Reichsfinanzministers vom 13. 6. 1934 zugestanden. Auf Grund dieses Erlasses ist" das Führer- und Verwaltungspersonal sämtlicher Gliederungen der NSDAP hinsichtlich der Bezüge von diesen Stellen mit 1,5%" zur Arbeitslosenhilfe herangezogen worden( statt der sonst bis zu 5,75% gehenden Staffel). Zu den Gliederungen der NSDAP im Sinne dieses Erlasses gehören insbesondere SA, SS, NSKK, P.O., NS- Hago, NSBO, HJ und NSV. 5. Durch Gesetz zur Aenderung des Erbschaftssteuergesetzes vom 16. 10. 1934( RGB1 I. S. 1056) ist eine wesentliche Begünstigung der Kinder und Enkel eingetreten. An Stelle der bisherigen Freigrenze von 5.000 RMK( höhere Erbschaftserwerbe wurden voll besteuert) ist bei Kindern ein Freibetrag von 30.000 RMK und bei Enkeln von 10.000 RMK getreten( bei höheren Erbschaften sind also nur die überschiessenden Beträge zu versteuern). 6. Die Vierte Notverordnung des Reichspräsidenten vom 8. Dezember 1931 hat bestimmt, dass die Hauszinssteuer( Gebäudeentschuldungssteuer) vom 1. April 1935 und 1. April 1937 ab um je 25% gesenkt wird und ab 1. April 1940 ganz wegfällt. Die Nationalsozialisten haben den Eindruck erweckt, als ob es sich bei der Einlösung dieser gesetzlichen Zusage um ein eigenes Steuerreformwerk handele. Tatsächlich haben sie das gesetzliche Versprechen nur der Form nach eingelöst: die Hausbesitzer können über den Senkungsbetrag nicht frei verfügen, sondern haben dafür kommunale Umschuldungsanleihe erhalten. Ausserdem hat Preussen die Gelegenheit dieser" Steuer senkung" benutzt, um einige Milderungsvorschriften seiner Hauszinssteuer zu verschlechtern. Und schliesslich hat sich für viele minder- bemittelte Mieter, die Hauszinssteuernachlass geniessen, aus dem Abbau der Steuer eine Mieterhöhung ergeben, weil ihr Nachlass sich in demselben Grade verminderte, in dem die Steuerbelastung des Grundstücks gesenkt wurde. Der grösste Teil dieser Steuererleichterungen ist inzwischen durch Steuererhöhungen mittelbar oder unmittelbar wieder ausgeglicher worden. Wir unterscheiden im folgenden offene und versteckte Steuererhöhungen. B-9III. Offene Steuererhöhungen. 1. Eine der unsozialsten Steuererhöhungen stellt die Einführung der Fettsteuer durch die Verordnung über die Erhebung einer Ausgleichsabgabe auf Fette vom 13. 4. 1933( RGB1 I S.206) dar. Danach werden Margarine, Kunstspeisefette, Speiseöl und Pflanzenfette mit einer Steuer von 0,50 RMK je kg belastet; der Verbrauch der minderbemittelten Massen wird also ausserordentlich hart getroffen. Die Steuer ist am 1. Mai 1933 in Kraft getreten, ihre Erträge haben sich seitdem folgendermassen entwickelt: Rechnungsjahr Aufkommen in Mill. RMK. 1933 196,5 1934 238,8 1935 302,4 2. Eine nicht minder unsoziale Mehrbelastung der breiten Massen hat sich auch aus der Vereinheitlichung der Schlachtsteuer durch das Gesetz vom 24. 3. 1934( RGB1 I S. 238) ergeben. Die Steuer, die Sätze von 2 22 RMK je Stück Vieh vorsieht, ist mit Wirkung vom 1. Mai 1934 an die Stelle der in den letzten Jahren eingeführten Landesschlachtsteuern getreten. Sie hat durch eine Verordnung vom 21. 3. 1935( RGB1 I S. 391) eine geringfügige Ermässigung erfahren. Ihr Aufkommen hat betragen: im Rechnungsjahr 1932 1934 ( Landessteuern) 136,1 Mill. ( davon 11 Monate Reichssteuern) 202,7 17 1935( nach der Senkung} 193,0 氣 Diese Aufkommenssteigerung ist nur zu einem kleinen Teil auf die Steigerung des Fleischyerbrauchs zurückzuführen. Der Fleischverbrauch betrug in Jahre 1932 31,7 Mill. Doppelzentner, 1934 35,7 Mill. Doppelzentner. Während also der Fleischverbrauch 1932 34 nur 12% stieg, hat sich der Ertrag der Fleischsteuer un fast 50% erhöht. 3. Die Nationalsozialisten haben mit der teilweisen Aufhebung B- 10der Eraftfahrzeugsteuer viel Reklame gemacht, die inzwischen eingetretene Neubelastung des Kraftverkehrs wird totgeschwiegen. Diese Neubelastung ist einmal erfolgt durch die Zollerhöhung für Erdöl und Schmiermittel( Verordnung vom 23. 11. 1935; RGB1 I S. 1357), die für Kraftfahrzeuge und Motoren eine Mehrbelastung von 40 bis 50 Millionen bedeutet. Ausserdem ist vor kurzem die Beförderungssteuer auf den gewerbsmässigen Personenund Güterkraftverkehr ausgedehnt worden( Gesetz vom 2. 7. 1936, RGB1 I S. 531). Bei einem Steuersatz von 12% für den Person enund von 7% für den Güterverkehr rechnet man mit einem Mehrertrag von 15 Millionen. Da die teilweise Aufhebung der Kraftfahrzeugsteuer 65 bis 75 Millionen Ausfall verursacht hat( Aufkommen 1933: 211,6 Mill., 1934: 145,4 Mill., 1935: 135,3 Mill.), ist der grösste Teil dieser Steuersenkung durch die neuen Belastungen des Kraftverkehrs wieder ausgeglichen. 4. Aehnlich ist die Entwicklung bei der Besteuerung des Neuhausbesitzes gelaufen. Während noch 1933 für die in den Jahren 1924 bis 1930 erstellten Wohngebäude eine Steuerentlastung um 50 Mill. durchgeführt werden sollte, ist inzwischen eine radikale Veränderung der Rechtslage eingetreten. Durch Gesetz vom 2. 4. 1936( RGB1 I S. 344) ist für Wohngebäude, die aus der Zeit vom 1. 4. 1918 bis 31. 3. 1931 stammen, angeordnet worden: 1.) Die Befreiung von der Landesgrundsteuer fällt vom 1. 4. 1937 an fort. Das bedeutet für viele Länder eine starke Verschlechterung; Bayern hatte z. B. die Befreiung bis 1948 ausgesprochen. 2.) Zur Gemeindegrundsteuer werden diese Häuser bereits ab 1. 4. 1936 herangezogen( wobei für 1936 eine Uebergangsregelung vorgesehen ist). Die Steuerbefreiung für den sogenannten neuesten Neuhausbesitz ist zwar auf das Baujahr 1936 ausgedehnt worden, aber eine entsprechende Ausdehnung der Befreiungsfristen ist dabei nicht mehr erfolgt; auch hier also allmählicher Abbau.( Die Befreiung erstreckt sich auf die Einkommen- und Vermögenssteuer und die Landesgrundsteuern, dagegen ist die halbe Gemeindegrundsteuer zu zahlen; Zweites Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit vom 21. 9. 1933, Abschnitt IV, RGB1 I S. 651). 5. Eine weitere wesentliche Mehrbelastung zugunsten der Läner und Gemeinden ergibt sich aus der fortgesetzten Lockerung cer Realsteuersperre. Das Verbot der Erhöhung der Realsteuern, B- 11unter der Regierung Brüning im Rahmen der angestrebten Deflationspolitik eingeführt, hatte schon in den letzten Jahren vor dem Umsturz einige Lockerungen erfahren. Die Nationalsozialisten haben diese Politik nach Kräften fortgesetzt. Durch die Verordnung des Reichspräsidenten vom 18. 3.1933 ( RGB1 I S. 1o9, Kap. VI) wurde den Ländern gestattet, den Tarif der Grund- und Gewerbesteuer zu ändern, während die Gemeinden unter bestimmten Voraussetzungen ihre Realsteuersätze bis um ein Fünftel erhöhen durften. Ausserdem durften unter gewissen Voraussetzungen Filialsteuern neu eingeführt und Warenhaussteuern bis auf das Doppelte erhöht werden. Für die Filialsteuern wurde durch Gesetz vom 15. 7. 1933( RGB1 I S. 492) eine Erhöhung bis auf das Doppelte der bisherigen Sätze zugelassen. Das Gesetz über die Realsteuersperre 1934 vom 16. 2. 1934( RGB1 I S. 103) ermächtigte die Länder, eine Erhöhung der Realsteuersätze bis auf den Stand von 1932 zu genehmigen, und das Realsteuersperrgesetz vom 7. 3. 1935 ( RGB1 I S. 349) liess in besonderen Fällen eine weitere Erhöhung zu. Nach diesem Gesetz dürfen auch Filial- und Warenhaussteuern neu eingeführt werden. Diese Gesetzgebung hat in vielen Ländern und Gemeinden zu empfindlichen Realsteuererhöhungen geführt, so in Thüringen vom 1. 4., in Sachsen vom 1. 10. 1935 ab. Sie hat allgemein bewirkt, dass eine fortschreitende Annäherung der Gemeinde steuern an die Höchstsätze eingetreten ist und frühere Steuersenkungen in wachsendem Masse rückgängig gemacht wurden. Das Ausmass dieser Steuererhöhungen und ihr finanzieller Ertrag ist noch nicht voll zu übersehen. Nach der Statistik der kassenmässigen Steuereinnahmen ergibt sich folgende Entwicklung( dabei ist der besseren Vergleichbarkeit halber dem Aufkommen der Grund- und Gebäudesteuer 1934 der Reichszuschuss von 33 Millionen für Senkung der landwirtschaftlichen Grundsteuer hinzugerechnet): Rechnungsjahr 1932 1933 Grund- und Gebäudesteuer 1320,4 Gewerbesteuer 1384,4 544,0 538,4 zusammen: 1864,4 1922,8 1934 1392,0 Mill. RMK. 551,7 曾 ST 1943,7 M111. RMK. 6. Mit der Erhöhung der Realsteuern ging in vielen Fällen eine Erhöhung der Bürgersteuer Hand in Hand. 1930 wurde die B- 12Einführung der Bürgersteuer mit der Notwendigkeit begründet, das finanzpolitische Verantwortungsbewusstsein der Gemeindevertretungen dadurch zu steigern, dass die Erhöhung der Realsteuern von der Erhebung der Bürgersteuer abhängig gemacht wurde. Obgleich mit der Beseitigung der Selbstverwaltung dieser Gesichts punkt hinfällig geworden war und obgleich die Nationalsozialisten selbst in den" Kampf jahren" die" Negersteuer wütend bekämpft hatten, ist die Bürgersteuer nicht beseitigt und auch ihre Verkoppelung mit den Realsteuern nicht aufgehoben worden. Darüber hinaus ging das Bestreben der nationalsozialistischen Steuerpolitik dahin, diese Steuerquelle noch stärker als bisher auszuschöpfen. Um das zu ermöglichen, mussten die dürftigen sozialen Vorschriften der Bürgersteuer verbessert werden( Auch die Diktatur muss auf den alten finanzpolitischen Grundsatz Rücksicht nehmen, dass eine Steuer umso schärfer angespannt werden kann, je besser sie sich der Leistungsfähigkeit der einzelnen Steuerpflichtigen anpasst). Zu diesem Zweck wurde durch verschiedene Gesetze( vom 15. 9. 1933, RGB1 I S. 629, vom 16. 10. 1934, RGB1 I S. 985 und vom 16. 10. 1935, RGB1 I S. 1237) einmal die Freigrenze erhöht( erst auf 120% des Richtsatzes der kommunalen Wohlfahrts pflege, dann auf 130% und schliesslich auf 150%) und ausserdem wurden Familienermässigungen eingeführt. Eine Verschärfung der Vorschriften ist insoweit eingetreten, als bei Landwirten anstelle des Einkommens auch das Vermögen als Steuermassstab angelegt werden kann. Diese Verbesserungen haben der grossen Mehrheit der Steuerzahler keine Entlastung gebracht. In vielen Fällen war die Eröhung der Freigrenze nichts anderes als eine nachträgliche Anpassung an die inzwischen herabgesetzten Richtsätze der Wohlfahrtspflege. Viele Gemeinden haben, um den durch die Verbesserungen hervorgerufenen Ausfall auszugleichen, die Sätze erhöht, so dass praktisch nur eine Belastungsverschiebung von den Vereirateten auf die Ledigen eingetreten ist. Früher waren Bürger steuerbeschlüsse über 200% genehmigungspflichtig, heute erst über 500. Heute durfte die grosse Masse der Gemeinden 500% Bürgersteuer erheben. Berlin hat 1935 seine Bürgersteuer von B-13500% aur 700% erhöht, Hamburg 1936; ebenfalls 700% erheben z. B. Dresden und Fürth. 600% werden z. B. in Chemnitz und Zwickau erhoben. Aus allen Landesteilen kommen Mitteilungen über ausserordentlich verschärfte Eintreibung der Bürgersteuer. Dementsprechend hat sich das Aufkommen der Bürgersteuer entwickelt: Rechnungsjahr 1932. ST 曾 1933 1934 220 Millionen 365 400 11 Für 1935 sind die Zahlen noch nicht bekannt; eine weitere Steigerung steht ausser Frage. Erhoben doch 1934 von 30.212 preussischen Gemeinden noch 11.100 keine Bürgersteuer. Bemerkenswert ist auch die Verschiebung in dem Verhältnis von Bürgersteuer und Realsteuern. In Preussen betrug der Anteil der Bürgersteuer am Gesamtaufkommen von Realsteuern und Bürgersteuer: im Rechnungs Jahr 1931 im Rechnungsjahr 1932 im Rechnungsjahr 1933. im Rechnungsjahr 1934 9,8% 12,0% 17,4% 17,7% 7. Ein besonderes undurchsichtiges Kapitel bilden die sonstigen Gemeindeabgaben. Nur selten wird bekannt, wenn nationalsozialistische Gemeindeleiter den Versuch machen, auf dem Umwege über die Einführung oder Erhöhung von Gebühren das Abgabenerträgnis ihrer Gemeinden zu steigern. So hat z. B. Pirmasens eine Abgabe für die öffentliche Strassenreinigung neu eingeführt. In Zittau wurde im Oktober 1934 die Müllabfuhrgebühr als umlagefähig erklärt und ein Jahr später eine neue Kehrichtabfuhrgebühr eingeführt. In Hirschberg i.Schles. trat infolge Erhöhung der Kanalisationsgebühren eine Steigerung der gesetzlichen Miete von 119,3 auf 133,3% ein. Die Charlottenburger Wasserwerke haber Anfang 1936 den Wasserpreis von 14 auf durchschnittlich 25 Pfennig je cbm heraufgesetzt. In welchem Umfange Gemeindeabgaben dieser Art erhöht worden sind, erntzieht sich der Nachprüfung. Es ist aber bemerkenswert, dass sich der Reichsarbeitsminister| Anfang 1936 genötigt gesehen hat, Erhöhungen dieser Art, die B- 14zu einer Steigerung der gesetzlichen Miete führen, als" unerwünscht" zu bezeichnen. Hierher gehört auch die Einführung von Bettsteuern in Kurorten, die Ausgabe gebührenpflichtiger Erlaubnisscheine für Pilz- und Beerensucher usw. 8. Ebenso bezeichnend für die Ausschöpfung der letzten Besteuerungsmöglichkeiten ist die Neuordnung der Urkundenbesteuerung. Durch das Reichsurkundensteuergesetz vom 5.5. 1936 ( RGB1 I S. 407) sind vom 1. 7. 1936 ab alle Landesstempelsteueri abgelöst worden. Obgleich die Stempelsteuern als veraltet gelNationalsozialisten geten und ihre Beseitigung auch von.. fordert wurde, wird diese Besteuerungsform jetzt auch auf die Länder ausgedehnt, die bisher keine Stempelsteuern hatten. ( Württemberg, Baden, Thüringen und Lippe). * Die Steuersätze der neuen Reichssteuer sind angeblich der preussischen Regelung angepasst. Die Freigrenze für Mietverträge ist aber z.B. für Preussen von früher 1.000 Mk auf 900 Mk herabgesetzt. Nachdem bereits Preussen 1933 eine Ausdehnung des Urkundenbegriffs vorgenommen hatte, treten jetzt weitere Verschärfungen ein: auch Kirchen und gemeinnützige und wohltätige Unternehmen sind steuerpflichtig; Zwangsversteigerungen( früher in Bayern und Sachsen frei) sind steuerpflichtig usw. Das Aufkommen der Landesstempelsteuer hat 1929 47 Millionen erreicht und ist bis 1932 auf 30,5 Millionen gesunken. Das Aufkommen der neuen Reichssteuer wird auf 40 Millionen geschätzt, wird wahrscheinlich aber höher sein. IV. Versteckte Steuererhöhungen. Neben den offenen Steuererhöhungen, die sich aus der NeueinPührung von Steuern oder der Tariferhöhung bei bestehenden Steuern im Reich, in den Ländern oder in den Gemeinden ergaben, Ist ein grosser Teil der Steuermehrbelastung auf versteckte Steuererhöhungen zurückzuführen. Bei diesen versteckten Steuererhöhungen handelt es sich im wesentlichen um Verschärfung der Bestimmungen über den Umfang der Steuerpflicht, über die Bewersung, über die Freigrenzen usw. Die Nationalsozialisten haben Ich dafür eine eigene Terminologie geschaffen. Im Reichssteuer. latt 1934( s. 754) heisst es über die Steuerreform von 1934: B- 15" Die Beseitigung von Vergünstigungen... kann nicht als neue Steuer oder Erhöhung einer bestehenden Steuer, sondern nur als in Interesse der Allgemeinheit gelegene Steuergestaltung bezeichnet werden." Diese" Steuergestaltung" hat in den letzten Jahren einen ausserordentlichen Umfang angenommen und die Ergiebigkeit besonders der grossen Steuern beträchtlich erhöht. Dabei handelt es sich meist um Vorschriften, die dem Nichtfachmann schwer verständlich sind und deren Bedeutung nur dem jeweils Betroffenen klar wird. 1. Die Umgestaltung der Einkommensteuer ist das Kernstück der Steuerreform von 1934. In das neue Einkommensteuergesetz vom 16. 10. 1934( RGB1 I S. lo05) sind auch die frühere Arbeitslosenhilfe, die Krisensteuer der Veranlagten, der 5% ige Einkommensteuerzuschlag der Einkommen über 8.000 Mk und die thestandshilfe Ledigensteuer) eingebaut worden. Dadurch hat sich die Einkommensteuer erheblich erhöht. Die Einkommensteuer at jetzt keinen Steuertarif mehr, auf Grund dessen die Steuer im einzelnen Fall berechnet werden muss, sondern eine Steuersabelle, aus der für jedes Einkommen die Steuer unmittelbar abzulesen ist. Diese Steuertabelle ist so aufgestellt, dass lie neue Einkommensteuer mindestens ebensoviel erbringt wie rordem die Einkommensteuer und die genannten Nebensteuern zuammen. Ausserdem bringt sie eine starke Begünstigung der Kinlerreichen, die durch eine entsprechende Mehrbelastung der Leigen und Kinderlosen ausgeglichen worden ist. So steigt jetzt die Einkommensteuer bei Ledigen bis zu 50% an, vorher bis zu 40%. Früher waren Ledige mit einem Einkommen bis zu 1.200 RMK jährlich von der Einkommensteuer befreit heute nur noch bis zu 560 RMK. Die Begünstigung der Kinderreichen ergibt sich aus nachstehender Gegenüberstellung. Die Verheirateten waren oder sind bis zu folgenden Einkommensgrenzen steuerfrei: B-16Familien stand kinderlos mit 1 Kind Jahreseinkommen bisher künftig 1.060, 825, 1.160, 1.125, mit 2 Kindern 1.240, 1.425, mit 3 Kindern 1.600,-1.925, mit 4 Kindern 2.140, 2.550,-mit 5 Kindern 2.860, 3.600, mit 6 Kindern 3.480, 9.000, Während die Kinderlosen und die Verheirateten mit einem Kind bisher besser standen, sind jetzt alle Steuerpflichtigen mit zwei und mehr Kindern günstiger gestellt, vor allem die Kinderreichen. Dabei sind die hohen Einkommen besonders begünstigt, denn im Maximum ermässigt sich die Steuer für das vierte und jedes folgende Kind um je 560 RMK jährlich. Die Begünstigung der Kinderreichen ist eine prepagandistisch sehr wirkungsvolle und doch für den Staat wenig kostspielige Massnahme, weil der Anteil der Kinderreichen an der Gesamtzahl der Steuerpflichtigen sehr gering ist. Nach der Einkommensteuerstatistik für das Jahr 1932 entfielen von den früheren Steuerpflichtigen auf Ledige Verheiratete ohne Kinder mit 1 Kind mit 2 Kinderu mit 3 Kindern mit 4 Kindern mit 5 und mehr Kindern 22,7% 35,3% 21,8% 13.6% 4,6 1,2% 曾 98 0,5% Auf die Ledigen und Kinderlosen entfallen also 58% der Gesamtzahl, auf die Verheirateten mit 3 und mehr Kindern dagegen nur 6,3% Einen Vergleich der Einkommensteuerbelastung der Ledigen mit der bisherigen. Belastung durch Einkommensteuer, Arbeitslosenhilfe und Ehestandshilfe zusammen führen wir im nächster Abschnitt bei der Lohnsteuer durch. Eine wesentliche Mehrbelastung für alle Gruppen von Steuerpflichtigen ergibt sich aus der Verschärfung zahlreicher Vorschriften über die Ermittlung des Einkommens. So werden z. B. ait erhöhten Kinderermässigungen in vielen Fällen dadurch wieder ausgeglichen, dass die Bestimmungen über die Zusammenrechnung von Einkünften der Ehefrau und der minderjährigen Kinder mit denen des Steuerpflichtigen erweitert worden sind. Dem Manne wird jetzt auch das Einkommen seiner Frau aus selbständiger und nicht selbständiger Berufstätigkeit hinzugerechnet, also z. B. B- 17die Einkünfte, die die Frau als Waschfrau, Hausschneiderin, Aerztin usw. hat. Ebenso wird dem Vater das Arbeitseinkommen von minderjährigen Kindern zugerechnet, die er im eigenen Betrieb beschäftigt. Früher konnten die Steuerpflichtigen für die sogenannten Werbungskosten und Sonderleistungen Pauschalbeträge von mindestens je 240 RMK jährlich steuerfrei absetzen. Jetzt sind diese Pauschalen auf 200 RMK heruntergesetzt. Ausserdem sind die Voraussetzungen für die Anerkennung höherer Sätze verschärft worden. So dürfen z. B. Rechtsanwälte, Richter, Professoren keine Werbungskostenabzüge für ein eigenes Arbeitszimmer mehr machen. Steuerfreie Dienstaufwandsentschädigungen im Privatbetrieb gibt es nicht mehr( Spesen für Reisekosten und Fahrgelder bleiben unter gewissen Voraussetzungen teilweise steuerfrei). Auch bei Geistlichen, ehrenamtlichen Bürgermeistern usw. sind die entsprechenden Vorschriften verschärft worden. Im Jahre 1929 wurde für buchführende Gewerbetreibende und Landwirte der sogenannte Verlustvortrag zugelassen. Sie durften den Verlust eines Jahres auf den Gewinn der nächsten beiden Jahre anrechnen. Diese Vorschrift, die gerade bei ansteigender Konjunktur einer grossen Zahl von Steuerpflichtigen hätte zugute kommen und den Steuerertrag hätte wesentlich herabmindern müssen, ist beseitigt worden..( Für das Jahr 1934 wurde eine Tebergangsregelung geschaffen). Ebenso wurde die 1931 geschaffene Steuerbegünstigung für Gewinnrücklagen wieder abgeschafft. Eine empfindliche Verschärfung hat die Einkommenbesteuerung der Landwirtschaft erfahren. Von 1931 ab hatte die Landwirtschaft wesentliche Einkommensteuervergünstigungen: a) bis 6000 Mk. Einkommen blieben alle. Landwirte ganz einkommensteuerfrei; b) bis 12.000 Mk. wurden die ersten 6.000 Mk. freigelassen; c) über 12.000 Mk. trat eine Kürzung der Steuer um 10%, höchstens um 600 Mk. ein. Von 1936 ab erfolgt nur noch bei den Einkommen unter 8.000 Mk. eine Ermässigung dadurch, dass die ersten 3.000 Mk. steuerfrei bleiben. Landwirte mit Einkommen über 8.000 Mk. sind voll steuerpflichtig. Damit ist der grösste Teil der Landwirte wieder einkommensteuerpflichtig geworden, eine so wesentliche Aenderung, dass ein neues Ermittlungsverfahren für die B- 18Einkünfte der nicht buchführenden Landwirte erforderlich wurde. Eine ganze Reihe weiterer Verschärfungen können hier nicht behandelt werden. Das Aufkommen der veranlagten Einkommensteuern hat sich ( unter Berücksichtigung der Nebensteuern) in den letzten Jahren folgendermassen entwickelt: Rechnungs jahr veranlagte Einkommensteuer Steuerabzug vom Kapitalertrag Steuerabzug von Aufsichtsratstantiemen Krisensteuer zusammen: 1933 1934 1935 in Millionen Reichsmark 520,1 774,8 1.074,9 42,8 46,2 60,8 4,8 61 6,4. 5,7 2,8 1,9 573,4 829,9 1.144,0 Die Verdoppelung des Aufkommens in den letzten drei Jahren ist kein Massstab für die konjunkturelle Besserung, sondern zu einem entscheidenden Teil auf die dargestellte Verschärfung was noch zu zeigen sein wird. der Steuervorschriften und auf die Verschärfung der Steuererfassung zurückzuführen. 2. Die Aenderungen der Einkommensteuer betreffen auch die Lohnsteuer( der Steuerabzug vom Arbeitslohn ist ja nur eine besondere Erhebungsform der Einkommensteuer). Die frühere Besser. stellung der Lohnsteuerpflichtigen in einigen Punkten ist aufgehoben worden. Auch die Lohnsteuer wird jetzt ausschliesslich auf Grund einer dem Gesetz beigegebenen Steuertabelle erhoben, in die zugleich die frühere Belastung durch Arbeitslosenhilfe und Ledigensteuer eingerechnet ist. Ein Vergleich der früheren Belastung eines Ledigen( Lohnsteuer, Arbeitslosen- und Ehestan hilfe zusammengenommen) mit der jetzigen, ergibt folgendes Bil Monatslohn: RMK früher RMK jetzt b RMK 75, 1,50 80, 1,50 0,78 100, 2,-1,82 120, 6,20 5,46 B-19Monatslohn früher jetzt RMK RMK. RMK 140, 8,90 7,28 170, 16,35 13,52 200, 24,85 23,92 250, 28,75 29,90 275, 32,60 34,84 300, 39,50 40,82 400, 59,25 58,50 430, 65,17 66,04 500, 84,-78,52 700, 125,50 123,50 1000, 197,50 195,26 1500, 301,25 315,64 405, 434,20 2000, 3000, 612,50 674,44 Bis zu 200 Mark Monatseinkommen erfahren also die Ledigen eine kleine Entlastung, während von 250 Mk an im allgemeinen eine Mehrbelastung eintritt. Auch die Verheirateten mit 1 Kind und Monatseinkommen zwischen 188 und 500 Mk haben etwas mehr zu zahlen. Dagegen werden die Verheirateten mit zwei und mehr Kindern bis in die hohen Einkommen hinein günstiger gestellt. Eine besondere Mehrbelastung haben die Beamten erfahren, weil sie früher nur mit einem ermässigten Satz zur Arbeitslosenhilfe herangezogen wurden. Die starken Sprünge, die die Steuertabelle von Stufe zu Stufe macht, hat z.B. bereits dahin geführt, dass sich Akkord arbeiter ausrechnen, wieviel sie verdienen müssen, um mit ihrem Wochenlohn noch unterhalb der nächsten Stufe zu bleiben Auch bei der Lohnsteuer kann die Gegenüberstellung der Steuertarife nur einen unvollkommenen Belastungsvergleich abgeben, weil auch hier die Vorschriften über das, was steueroflichtig und was steuerfrei ist, wesentlich verschärft worden sind. Anträge auf Erhöhung der Pauschbeträge für Werbungskosten und Sonderleistungen und auf Berücksichtigung besonderer wirtschaftlicher Verhältnisse werden nur noch selten bewilligt. Bei Reisekosten entschädigungen werden 20 bis 40% als steuerpflichtig erklärt, weil der Steuerpflichtige entsprechende Ersparnisse im eigenen Haushalt gemacht habe. Nebeneinkünfte, z.B. auch zusätzliche Versicherungsprämien des Unternehmers für die Arbeiter werden rücksichtlos besteuert. Sonstige Bezüge; wie Gratifikationen, Geschenke usw., die früher einheitlich mit 10% besteuert wurden, unterliegen jetzt einer Steuer von 16%( Ledige) bis 1%( Verheiratete mit mehr als 3 Kindern). B- 20Der Lohnsteuerertrag zeigt folgende Entwicklung: Rechnungsjahr Steuerabzug vom Arbeitslohn Arbeitslosenhilfe zusammen: 1933 1934 1935 in Millionen Reichsmark 730,1 899,4 1361,7 526,7 262; 8 1256,8 1162,2 1361,7 Jeder Versuch, aus dem Aufkommen der Lohnsteuer allein Schlüsse auf die Entwicklung des Arbeitseinkommens zu ziehen, 1st irreführend. Vom 1. 1. 1935 ab sind die neuen Vorschriften in Kraft getreten. Seitdem ist insbesondere die Arbeitslosenhilfe in der Lohnsteuer aufgegangen. Man muss also für die Vorjahre mindestens die Arbeitslosenhilfe der Lohnsteuer hinzurechnen, wobei zu beachten ist, dass die Arbeitslosenhilfe vom 1. 4. 1934 ab eine wesentliche Senkung erfahren hat. Aber auch sonst sind so wesentliche Aenderungen in der Besteuerung des Arbeitslohnes eingetreten, dass die Aufkommenszahlen keinen zutreffenden Vergleichsmassstab für die Entwicklung des Einkommen: aus Löhnen und Gehältern bilden. 3. Wesentliche Aenderungen, die versteckten Steuererhöhungen gleichkommen, hat auch die Körperschaftssteuer erfahren. Das Gesetz vom 16. 10. 1934( RGB1 I S. 1031) enthält vor allem folgende Neuerungen: a) Die öffentlichen Versorgungsbetriebe, die früher steuerfrei waren, sind jetzt steuerpflichtig. Es handelt sich insbesondere um Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerke, Verkehrsunternehmen und Hafenbetriebe. Der Steuerertrag wird voll den Körperschaften überwiesen, in denen Eigentum sich die Unternehmen befinden, also in der Hauptsache den Gemeinden. b) Steuerpflichtig sind jetzt auch die öffentlich- rechtlichen Kreditanstalten, wie die Landesbanken, Girozentralen, Kommunalbanken, Landschaften usw. Ausgenommen sind Sparkassen und Kreditgenossenschaften. c) Grundsätzlich steuerpflichtig sind nunmehr auch die Genossenschaften; der Reichsfinanzminister hat aber angeordnet, dass es für 1936 und 1937 noch bei der alten Regelung bleibt. d) Die Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit haben ebenfalls ihre Steuerbefreiung eingebüsst. B- 21e) Die Mindestbesteuerung der Aktiengesellschaften, G.m.b. H. usw. ist aus einer Kannvorschrift in eine Mussvorschrift umgewandelt und ausserdem verschärft worden. f) Der Wegfall des Verlustvortrages gilt natürlich auch für die Körperschaftssteuer. g) Ausgaben für gemeinnützige, mildtätige, kirchliche und ähnliche Zwecke sind nicht mehr abzugsfähig. Diese Aenderungen haben das Aufkommen der KörperschaftsSteuer ausserordentlich gesteigert. Auch bei dieser Steuer bietet die Aufkommen sentwicklung daher keinen einwandfreien Konjunkturspiegel. Das Aufkommen betrug in den Rechnungsjahren ( in Millionen Mark): 1929 1930 1931 1932 1933 1934 1935 558,5 450,0 304,1 105,8 210,0 319,5 592,7 4. Die Höhe der Vermögensbesteuerung hängt in grossen Umfange von den Bewertungsvorschriften ab. Die Steuerreform von 1934 hat auch eine ganze Anzahl von Aenderungen des Reichsbewertungsgesetzes gebracht( Gesetz vom 16. 1o. 1934, RGB1 I S. 1035), deren wichtigste sind: a) Da Aktien und G.m.b.H.-Anteile doppelt besteuert werden( einmal bei der Gesellschaft und zweitens beim Inhaber) sah das bisherige Recht vor, dass sie bei der Vermögensbewertung nur mit dem halben Wert angesetzt wurden. Diese Halbierung ist fortgefallen. b) Genossenschaften hatten früher das Recht, die Guthaben ihrer Genossen von ihrem steuerpflichtigen Vermögen abzuziehen. Diese Vergünstigung ist beseitigt. c) Rentenrechte, jährliche Nutzungen und dergleichen werden mit höheren Vervielfachungszahlen kapitalisiert. d) Ueber den Mindestwert landwirtschaftlicher Grundstücke sind neue Bestimmungen getroffen, die eine bedeutende Verschärfung der Bewertung darstellen. Die neuen Vorschriften sind zum ersten Mal für die Neubewer tung des Vermögens nach dem Stand vom 1. 1. 1935 angewendet worden. Ihre Anwendung auf die Grundsteuer der Länder und Gemeinden ist bis zum 1. 4. 1937 hinausgeschoben worden. Gleichzeitig wurde ein Bodenschätzungsgesetz erlassen. B- 22( RGB1 I S. 1050), das. an Stelle der veralteten GrundsteuerKataster( die in Preussen vor 70, in Bayern vor 100 Jahren angelegt worden sind) die Wertermittlungsgrundlagen nach der Bodengüte und der Verkehrslage jeder Parzelle auf den neuesten Stand bringen soll. Wird diese neue grosse Katasterarbeit einmal durchgeführt sein,( eine Arbeit, die Jahre erfordert), so wird sich daraus eine wesentlich genauere Bewertung ergeben, die nicht nur der Vermögenssteuer, sondern auch der Grundsteuer und der Erbschaftssteuer, in weiterem Sinne sogar der Einkommenssteuer zugutekommen wird. Das Vermögenssteuergesetz vom 16. 10. 1934( RGB1 I S.1052) bringt mit Wirkung vom 1. 4. 1936 vor allem folgende Aenderungen: a) Die Berufsverbände sind nicht mehr steuerfrei( darunter fällt natürlich nicht die Arbeitsfront). b) Nicht rechtsfähige Hilfskassen( Pensions-, Witwen-, Waisen-, Sterbe- und Krankenkassen) sind steuerpflichtig. c) Rücklagen für gemeinnützige und wohltätige Zwecke sind nicht mehr steuerfrei. d) Anstelle der allgemeinen Freigrenze von 20.000 Mk. trete: Freibeträge: für den Steuerpflichtigen selbst 19 seine Ehefrau 17 jedes minderjährige Kind 10.000 Mk. 10.000" 10.000" Das bedeutet eine Benachteiligung der Ledigen zugunsten der Familienväter. e) Die Wirkung der neuen Freibeträge für Kinder wird aber zum Teil dadurch wieder aufgehoben, dass jetzt nicht nur das Vermögen der Ehegatten, sondern auch das von Eltern und minderjährigen Kindern zusammengerechnet wird. f) Für Kapitalgesellschaften ist eine Mindestbesteuerung eingeführt worden. Aktiengesellschaften werden mindestens nach einem Vermögen von 50.000 Mk, G.m.b.H. nach einem Vermögen von 20.000 Mk. besteuert... g) Für alle übrigen Körperschaften ist die Freigrenze von 20.000 Mk. auf 10.000 Mk. herabgesetzt worden. Das trifft vor allem die Genossenschaften. h) Der Tarif, der früher bis 50.000 Mk. ermässigte Sätze von 3 und 4 vom Tausend und für Kapitalvermögen über 250.000 Mk. einen erhöhten Satz von 7,5 vom Tausend vorsah, beträgt 22 B- 23jetzt einheitlich 5 vom Tausend. Da aber die Freibeträge bei allen Vermögen steuerfrei bleiben, ergibt sich bei den kleinen Vermögen eine entsprechende Verminderung der Steuerbelastung( sogenannte Degression). Nur die Körperschaften, für die zwar eine Freigrenze, aber kein Freibetrag zugelassen ist, werden auch durch die Tarifänderung schärfer getroffen. Da die Vermögenssteuer erst ab 1. 4. 1936 nach den neuen Vorschriften erhoben wird, haben sich die Verschärfungen durch das neue Reichsbewertungsgesetz noch nicht im Aufkommen auswirken können. Der Ertrag der Vermögenssteuer weist daher noch bis in das Rechnungsjahr 1935 hinein eine Verminderung auf: Rechnungsjahr: 1929 1930 1931 1932 1933 1934 1935 Millionen RMK: 542,2 450,1 372,0 330,3 307,3 3034 302,9 5. Bei der Umsatzsteuer, die neben der Einkommenssteuer die wichtigste Steuerquelle des Reichs ist, sind durch das Gesetz vom 16. 1o. 1934( RGB1 I S. 942) folgende wesentlichen Aenderungen eingetreten: a) Der Binnengrosshandel war bisher steuerfrei, wenn er die Ware nicht auf Lager nahm. Jetzt muss er, ob mit oder ohne Lager, durchweg 9,5% zahlen( ausgenommen sind bestimmte Massengüter wie Wolle, Baumwolle, Brennstoffe, Metalle, Getreide usw.). Einer kleinen Zahl von lagerhaltenden Grosshändlern, die bisher 2% zahlen mussten, steht die grosse Mehrheit der bisher nichtlagerhaltenden Grosshändler gegenüber, für die der neue Steuersatz eine erhebliche Mehr belastung darstellt. b) Der Reichsfinanzminister wird ermächtigt, für mehrstufige Unternehmen eine Zusatzsteuer einzuführen, durch die bestimmte innerbetriebliche Umsätze steuerpflichtig werden. Das ist inzwischen z. B. für die Spinnwebereien durchgeführt worden. Diese Unternehmen müssen also jetzt für das Garn, das innerhalb des Betriebs aus der Spinnerei in die Weberei geht, ebenso 2% Umsatzsteuer zahlen wie für das Garn, das sie an eine andere Weberei liefern. c) Die Umsatzbesteuerung der Einfuhr war bereits auf Grund des Gesetzes über Erhöhung der Umsatzausgleichsteuer vom 5. 7. 1934( RGB1 IS 572) verschärft worden. Diese Regelung, die mit einer wesentlichen Beschränkung der steuerfreien Einfuhr verbunden ist, bleibt bestehen. d) Handlungsagenten, Makler, Schriftsteller, Künstler, Gelehrte usw. waren bisher steuerfrei, wenn ihr Umsatz 18.000 Mk. nicht überstieg. Diese Grenze ist auf 6.000 Mk. B- 24heruntergesetzt worden. e) Hausgewerbetreibende sind jetzt nur steuerfrei, wenn sie lediglich mit Familienangehörigen arbeiten. f) Die Steuerbefreiung für die Revisionsverbände der Genossenschaften, für gemeinnützige und wohltätige Unternehmen ( natürlich mit Ausnahme der NSV) und für Privatschulen( Internate) ist aufgehoben. g) Die erhöhte Umsatzsteuer für Warenhäuser, Filialunternehmen und Konsumgenossenschaften ist verschärft worden: 1. Auch die erste Million des Umsatzes muss jetzt mit 2,5% statt 2% versteuert werden. 2. Auch für Getreide, Mehl und Backwaren ist der Satz von 2,5%( statt bisher 1,5%) zu entrichten. h) Die Versteuerung des Eigenverbrauchs ist verschärft worden. Das neue Gesetz ist am 1. Januar 1935 in Kraft getreten. Aber auch schon vorher hat gerade bei der Umsatzsteuer eine wesentlich schärfere Stauererfassung eingesetzt, auf die noch näher einzugehen sein wird( Wareneingangsbuch usw.). Diese Aenderungen in der Gesetzgebung und Verwaltungspraxis haben das Aufkomnen der Umsatzsteuer so stark beeinflusst, dass es als Massstab für die Entwicklung der volkswirtschaftlichen Umsätze nich in Frage kommt. Seit 1929 hat sich der Ertrag in den einzelnen Rechnungsjahren folgendermassen entwickelt( in Millionen RMK): 1934 1935 1929 1930 1931 1932 1933 lo13,2 996,2 994,2 1354,4 1516,2 1872,5 2020,0 Natürlich findet in der Verdoppelung des Umsatzsteuerertrags seit 1929 auch die starke Preissteigerung der letzten Jahre Ihren Ausdruck. 6. Die Reichsfluchtsteuer, eingeführt durch die Vierte Notverordnung vom 8. 12. 1931( RGB1 I S. 699,731) erfuhr durch las Aenderungsgesetz vom 18. 5. 1934( RGB1 I S. 392) eine ernebliche Ausdehnung. Früher waren nur Personen steuerpflichtig, lie ein Vermögen über 200.000 Mk.( und ein Einkommen über 20.000 Mk) hatten. Jetzt ist die Vermögensgrenze auf 50.000 Mk. erabgesetzt. Diese Aenderung hat zusammen mit einigen anderen B- 25Verschärfungen und der vermehrten Auswanderung eine starke Steigerung des Steuerertrages zur Folge gehabt. Es sind aufgekommen( in Millionen RMK): 1931 1,9 1932 1933 1934 1935 0,9 17,6 38,1 45.3 7. Einer verschärfenden Reform ist auch die Kapitalverkehrssteuer,( Gesellschaftssteuer, Wertpapiersteuer und Börsenumsatzsteuer) durch das Gesetz vom 16. 1o. 1934( RGB1 I S. 1058) upterworfen worden. Wenntrotzdem das Aufkommen der drei Steuern noch weit unter dem Stand der letzten Konjunktur jahre liegt, so spiegelt sich darin vor allem das Darniederliegen des Kapitalmarktes wieder. Es kamen in den einzelnen Rechnungsjahren auf( in Millionen RMK): 1929 1930 1931 1932 1933 1934 1935 89,8 59,7 32,8 25,4 30,0 44,5 34,9 V. Verschärfte Steuererfassung. So zahlreich und einschneidend die Aenderungen der einzelnen Steuergesetze sind, so hätten sie allein doch nicht ausgereicht, um den Steuerertrag seit 1932 um fast ein Drittel zu steigern. Einen hohen Anteil an diesem Ergebnis hat die allgemein verschärfte Anwendung der Steuergesetze. Die nationalsozialistische Steuerpolitik hat es sich bewusst zum Ziel gesetzt, aus den vor. handenen Steuern das letzte herauszuholen und dadurch offene Steuererhöhungen soweit wie möglich zu vermeiden. Es ist nicht zu verkennen, dass in der rücksichtslosen Geltendmachung des Steueranspruchs Fortschritte erzielt worden sind, wie sie allerdings die Republik niemals in diesem Grade und in dieser Form hätte erzielen können. Die wichtigste Voraussetzung für diese Politik war die Stärkung der Machtstellung der Steuerbürokratie. Die Stärkung B- 26 der Bürokratie liegt an sich im Wesen der Diktatur, aber im Bereich der Steuerverwaltung ist dieser Prozess noch besonders gefördert worden. Die Steuerpolitik des Liberalismus ging von der Vorstellung aus, dass die Steuerzahlung nicht ein blosses Gewaltverhältnis, sondern auch ein Rechtsverhältnis zwischen Staat und Bürger darstellt. Der Staat hatte in diesem Verhältnis nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und ein wesentlicher Teil des Steuerrechts war dazu bestimmt, die Rechtstellung des Steuerpflichtigen gegenüber dem Staat zu sichern. Ganz anders der Nationalsozialismus. Für ihn ist die Steuerzahlung ein einseitiges Gewaltverhältnis und der Steuerzahler lediglich Objekt der Gesetzgebung und Verwaltung. Der nationalsozialistische Staatssekretär im Reichsfinanzministerium Reinhardt hat diese Anschauung folgendermassen formuliert( Der NachschauParagraph im neuen Steuerrecht, Deutsche Steuer- Zeitung 1935): " Der Steuerpflichtige oder der Dritte( Auskunftspflichtige) steht zum Reich in einem Gewaltverhältnis. Das war früher bestritten. Heute steht die bezeichnete Tatsache ausser Zweifel. Gedanken, die darauf abzielen, den hoheitsrechtlichen( gewaltrechtlichen) Charakter des Steuerverhältnisses zu verwischen, sind mit nationalsozialistischer Weltanschauung unvereinbar." Der deutsche Steuerzahler hat keine Stimme mehr bei der Gesetzgebung, denn die Steuern werden im Reich, in den Ländern und den Gemeinden nicht mehr beschlossen, sondern verordnet, 1och hat er eine Stimme in der Verwaltung, denn auch in der Steuerverwaltung ist die Selbstverwaltung der Steuerausschüsse beseitigt worden. Die Steuerreform von 1934 trägt deutlich die Züge eines Dikcats der Bürokratie. Das fiskalische Interesse an Verwaltungsvereinfachung, Steigerung des Aufkommens und allenfalls noch in der Förderung der Bevölkerungspolitik entscheidet. Die Verwaltung ist darauf bedacht, in dem Kampf mit dem Steuerpflichigen möglichst schlagkräftig zu werden. Obgleich sich das heuige deutsche Gesetz in seinem Zustandekommen nicht von der abinettsorder des 18. Jahrhunderts unterscheidet, hat das " teueranpassungsgesetz vom 16. lo. 1934 dem Reichsfinanzminister B- 27im 12 der Reichsabgabenordnung eine Generalermächtigung für Abänderungen der Gesetze durch Rechtsverordnungen und Verwaltungsvorschriften erteilt. Ausserdem wird diese Generalermächtigung durch zahlreiche Sonderermächtigungen in den einzelnen Steuergesetzen( auch an die Präsidenten der Landesfinanzämter) ergänzt, so dass die Verwaltung jederzeit die Rechtslage zu ihren Gunsten umgestalten kann. Eine legale Einflussnahme steht den Steuerpflichtigen darauf nicht zu; die Kleinen haben sich zu fügen, für die Grossen gibt es auch heute noch genug Wege, ihre Interessen zu wahren.( Dem Reichsfinanzminister ist ausdrücklich das Recht zuerkannt, in solchen Fällen unter Umgehung der Gesetze Pauschalbesteuerung zuzulassen. In dieser Weise ist z. B. bei der Umwandlung des Stahlvereins verfahren worden). In dem Masse, in dem die Machtstellung der Verwaltung gestärkt worden ist, in dem Masse ist die Rechtstellung des Steuerpflichtigen geschwächt worden. Die Reichssteuern unterliegen einer besonderen Verwaltungsgerichtsbarkeit( Finanzgerichte, Reichsfinanzhof) und diese Rechtsmittelin stanzen haben in früheren Jahren oft einen für die Verwaltung recht unbequenen Standpunkt vertreten. Heute ist die Steuerrechtsprechung ebenso unabhängig wie die Strafjustiz, in Wahrheit steht sie in ungleich höherem Masse als früher im Dienste der Verwaltung. Ohnehin sind in der Diktatur die Rechtsmittel gegen Staatsentscheidungen entwertet. Wer sich gegen den Staat zur Wehr setzt, gerät auch auf dem Gebiet der Besteuerung leicht in den Verllacht der Staatsfeindlichkeit, und der bewährte NS- Terror kann auch hier jederzeit einsetzen, wenn die Verwaltung vor offener Rechtsbeugung zurückschreckt. Der Steuerpflichtige weiss das und fügt sich, wenn er nicht über einflussreiche Verbindungen " erfügt. Die verstärkte Machtstellung der Steuerverwaltung kommt auch n ihrem Verhältnis zu den Steuerberatern zum Ausdruck. Ging rüher die Entwicklung dahin, den Steuerberater zu einem ähnich freien und unabhängigen Berufsstand zu machen wie den B-28Rechtsanwalt, so ist dieser Stand seit dem Umsturz schon fast zu einem Handlanger der Steuerbehörde geworden. Der Steuerbereter ist heute vollständig abhängig vom Wohlwollen der Steuerbürokratie. Seit 1933 ist der Beruf des Steuerberaters konzessionspflichtig und seitdem ist. niemand mehr als Steuerberater zugelassen worden. Diese Regelung ist durch das Gesetz zur Verhütung von Missbräuchen auf dem Gebiet der Rechtsberatung vom 13. Dezember 1935( RGB1 I S. 1478) auf alle Personen ausgedehnt worden, die geschäftsmässig Hilfe in Steuersachen, besonders auch bei der steuerlichen Buchführung leisten. Mit der Erteilung der Berufserlaubnis durch das Finanzamt erhalten diese Personen den Titel" Helfer in Steuersachen". Die Erlaubnis kann jederzeit zurückgenommen werden. " Die Besten derjenigen Volksgenossen", sagte Staatssekretär Reinhardt bei der Eröffnung der Reichsfinanzschule Ilmenau," die sich als Helfer in Steuersachen bewähren, haben Aussicht, später als Steuerberater zugelassen zu werden. Es ist in Aussicht genommen, die Sperre für den Beruf des Steuerberaters im kommenden Herbst oder Winter aufzuheben. Durch die Voraussetzungen für die Zulassung wird gewährleistet sein, dass nur die jenigen Bewerber als Steuerberater zugelassen werden, die fachlich und charakterlich und selbstverständlich auch in ihrer Einstellung zum nationalsozialistischen Staat und zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vorbildlich sind, und dass der Stand der Steuerberater zu einem Elitestand wird." Auf diese Weise kann nicht ausbleiben, dass die Steuerhelfer und Steuerberater immer mehr zu einem verlängerten Arm der Steuerverwaltung werden. Neben der Verstärkung der bürokratischen Machtstellung ist auch eine technische Vervollkommnung der deutschen Steuerverwaltung nicht zu verkennen. Die Nationalsozialisten sind hier Nutzniesser mancher Vorarbeiten, die in der Republik geleistet worden sind. Die Reichssteuerverwaltung ist erst 1919 geschaffe worden und konnte erst nach Ueberwindung der Inflationszeit Aufbauarbeit hat schon systematisch ausgebaut werden. Diese in den letzten Jahren vor dem Umsturz beachtliche Erfolge gezei tigt( vor allem in der Buch- und Betriebsprüfung, in der Reichs. bewertung und im Mahn- und Vollstreckungswesen). Die National B- 29sozialisten haben die Reichssteuerverwaltung offenbar auch zahlenmässig ausgebaut. Der Beamtenstand ist allerdings nicht mehr nachprüfbar, da es keinen öffentlichen Stellenplan mehr gibt; es ist nur bekannt geworden, dass Inde 1935 ein Minister-ial- Erlass wegen vorzeitiger Prüfung zweier Jahrgänge von Anwärtern für den mittleren Dienst ergangen ist, um die Verwaltung beschleunigt aufzufüllen. Nebenher gehen Bestrebungen auf Verbesserung der Nachwuchsschulung.( Einrichtung von zwei Reichsfinanzschulen, in denen jeweils 5- monatige Lehrgänge stattfinden, Abhaltung grosser fachwissenschaftlicher Tagungen usw) Dabei ist bemerkenswert, dass das Buch- und Betriebsprüfungswesen und der Kassen- und Vollstreckungsdienst besonders gepflegt werden. Denn, an zwei Punkten wird vor allem der Hebel zur restlosen Steuererfassung angesetzt: bei der Steueraufsicht und bei der Steuerbeitreibung. Die Steueraufsicht hat sich heute zu einem System von Massnahmen entwickelt, die Steuerumgehungen und Steuerhinterziehungen wirksamer bekämpfen als nachträgliche Strafverfahren. Die Verwaltung verlässt sich nicht mehr auf die abschreckende Wirkung der Strafandrohungen, sondern bevorzugt eine vorbeugende Methode. Früher ruhte das Schwergewicht der Steuerveranlagung auf der Steuererklärung des Steuerpflichtigen und ihrer Nachprüfung durch die Verwaltung. Heute ruht das Schwergewicht auf einer dauernden Kontrolle des Steuerpflichtigen durch die Verwaltung. Diesem Zwecke dient z.B. die erweiterte Auskunftspflicht dritter Personen, die nach einem Urteil des Reichsfinanzhofs vom 24.4. 1936 nicht mehr daran gebunden ist, dass das Finanzamt einem Verdacht nachgeht. Diesem Zwecke dient neen der Vervollkommnung des Buch- und Betriebsprüfungsdienstes, lessen weiteren Ausbau vor kurzem Reinhardt angekündigt hat, ie Vervollkommnung der sogenannten Steuernachschau. Diese Nachchau, die ebenfalls schon vor dem Umsturz im Anschluss an die msatzsteuerkontrollen entwickelt worden ist, stellt eine Art ereinfachte Buch- und Betriebsführung dar. Sie kann ohne Vor.iegen eines Verdachtes( unangemeldet) ausgeübt werden und un B- 30fasst alle Steuerarten. Bei den grossen Finanzämtern gibt es heute besondere Nachschau- Abteilungen, in denen die einzelnen Beamten wieder auf bestimmte Gewerbezweige spezialisiert sind. Staatssekretär Reinhardt hat zu der Neufassung der Bestimmungen über die Nachschau im Steueranpassungsgesetz vom 16.10. 1934 eine bemerkenswerte Feststellung getroffen: " Ob die Ausübung des Fragerechts, die Anordnung einer Nachschau... als billig und zweckmässig anzusehen ist, ist nach nationalsozialistischer Weltanschauung zu beurteilen. (§ 2 Abs.3.Steueranpassungsgesetz). Danach kann die Nachschau niemals als unbillig bezeichnet werden." An diesem Beispiel wird deutlich, dass der einigermassen komisch anmutende Grundsatz der neuen Reichsabgabenordnung, dass Steuergesetze nach nationalsozialistischer Weltanschauung auszulegen sind, seine sehr reale praktische Bedeutung hat. " Nationalsozialistische Weltanschauung" ist auch in der Besteuerung jeweils die Betrachtungsweise, die dem Regime nützt. Um die laufende Kontrolle der Steuerpflichtigen möglichst wirksam zu gestalten, ist die Aufzeichnungs- und Buchführungspflicht wesentlich erweitert worden. Durch Verordnung vom 20. 5. 1935( RGB1 I S. 752) sind alle gewerblichen Пrnehmer, lie keine Bücher nach dem Handelsgesetzbuch furen, verpflichtet worden, vom 1. 10. 1935 ab ein Wareneingangsbuch zu führen. In dieses Buch müssen tagtäglich alle Wareneingänge eingetragen werden und selbst der kleine Schneider muss jede gekaufte Rolle Nähgarn, jedes Paket Stecknadeln aufschreiben. Auf diese Teise ist die Steuerhinterziehung ausserordentlich erschwert und gerade die Erfassung der Kleingewerbetreibenden, die vorden 10ch am meisten Umgehungsmöglichkeiten hatten, erheblich verschärft worden. Um auch noch die letzten Hintérziehungsmöglichreiten zu beseitigen, ist vor kurzem die Warenausgangsverordnun ( vom 20.6. 1936, in Kraft ab 1. 10. 1936) erlassen worden. Sie verpflichtet den Grosshändler, über jede Lieferung einen Beleg( Lieferschein oder Quittung) auszustellen und die Durchschläge geordnet aufzubewahren. Ein solcher Buchungsvorgang ist z.B. auch erforderlich, wenn ein Warenhaus einer Schneiderin B- 31Stoff gegen Rabatt für Wiederverkäufer verkauft. Auf diese Weise ist den kleinen Gewerbetreibenden eine Unterschlagung von Umsätzen durch Nichteintragung in Wareneingangsbuch praktisch unmöglich gemacht, denn sie müssen damit rechnen, dass die Finanzämter anhand der Lieferbelege der Grosshändler die Eintra gungen im Wareneingangsbuch ganz genau kontrollieren können. War die Umsatzbesteuerung bisher gerade bei den Kleingewerbetrei benden sehr lückenhaft, weil man ihnen nicht soviel Buchführungspflichten glaubte zumuten zu können, so muss der finanzielle Erfolg der neuen Massnahmen bei der Umsatzsteuer und damit auch bei der Einkommensteuer und der Gewerbesteuer sehr hoch eingeschätzt werden. Auch anderen Steuerpflichtigen sind vermehrte Aufzeichnungspflichten auferlegt worden. So sind Landwirte( für die die Wareneingangs- und die Warenausgangsverordnung nicht gilt) durch Erlass des Reichsfinanzministers der Buchführungspflicht unterworfen worden, sofern ihr Vermögen 100.000 Mk oder ihr Einkommen 6.000 Mk. übersteigt. Ebenso müssen Aerzte über empfangene Honorare Quittungen ausstellen und die Durchschriften aufbewahren. Neben der Steuerauf sicht ist vor allem die Steuerbei treibung erheblich verschärft worden. So ist insbesondere das Mahnwesen ausserordentlich vereinfacht und abgekürzt worden. Vielfach gibt es nur öffentliche Mahnung statt schriftlicher oder mündlibher Mahnung von Fall zu Fall. Oft ergeht die Mahnung noch vor dem Fälligkeitstermin, und sofort, nachdem dieser Termin verstrichen ist, setzt ohne die früher gewährte" Schonfrist" die Zwangsbeitreibung ein. Wie eine solche öffentliche Mahnung aussieht, möge folgendes Beispiel zeigen: Oeffentliche Erinnerung und Mahnung_ Im Monat April 1936 werden folgende Reichssteuern fällig........ Wer seine Steuern pünktlich entrichtet, fördert das Aufbauwerk des Führers und erfüllt seine Pflicht gegenüber dem Deutschen Volke. Wird eine Steuerzahlung nicht rechtzeitig entrichtet, so ist mit dem Ablauf des Fällig B- 32keitstages der 2% ige Säumni szuschlag verwirkt. Nach Ablauf der Zahlungsfrist werden rückständige Beträge sofort kosten. pflichtig eingezogen. Die Kosten, fallen den Zahlungspflichtigen zur Last. Steuerpflichtige, die es wegen einer Fälligkeit zu einer zweimaligen erfolglosen Mahnung kommen lassen, werden ausserdem in die Liste der säumigen SteuerZahler aufgenommen. Als Mahnung gelten auch öffentliche Mahnung, Zahlungsaufforderung durch Nachnahme und jede Vollstreckungshandlung. Zugleich werden alle noch rückständigen Steuern, die bisher angemahnt worden sind, hiermit nochmals angemahnt. Gleichzeitig werden die rückständigen Tilgungsraten für Ehestandsdarlehen angemahnt. Aachen, den 1. April 1936 Die Finanzämter im Regierungsbezirk Aachen." In dieser öffentlichen Mahnung sind zugleich die neu eingeführten Zwangsmittel aufgeführt: der Säumni szuschlag und die öffentliche Liste der säumigen Steuerzahler. Der Säumniszuschlag hat seine besonders bezeichnende Geschichte. Durch eine Terordnung vom 1. 3. 1933( RGB1 I S loo) wurden die aus dem Jahre 1932 stammenden Steuerverzugszuschläge ab 15. März 1933 aufgehoben und statt dessen Verzugszinsen von 12% und Stundungs und Aufschubzinsen von 5% jährlich eingeführt. Bei der Steuerreform von 1934 wurde durch das Steueranpassungsgesetz(§ 20) bestimmt, dass das Reich vom 1. Januar 1935 weder Aufschubroch Verzugszinsen mehr erhebe( bei Einkommen-, Körperschafts-, Termögens- und Umsatzsteuer auch keine Stundungszinsen mehr), und dass es auch keine Steuerzinsen mehr zahle( z. B. auf Erstattungsbeträge). Nachdem diese Massnahme monatelang propagandistisch ausgeschlachtet worden war, wurde kurz vor dem Inkrafttreten der Neuregelung durch Gesetz vom 24. 12. 1934 RGB1 I S. 1271) der Säumni szuschlag eingeführt. Dieser Zuschlag wird seit dem 1. Januar 1935 in Höhe von 2% bei allen Feichs-, Landes- und Gemeinde steuern sofort nach Ablauf des Zah學 lungstermins fällig. Bisher wurde er bei Rückständen unter 100 Mk. nicht erhoben, seit dem 1. 5. 1936 bleiben jedoch nur Doch Rückstände unter 50 Mk. verschont. Der Säumni szuschlag hat gegenüber den Verzugszinsen den Vorteil, dass die umständ- 9 Liche Berechnung nach der Dauer des Verzugs wegfällt, ausserdem B- 33braucht das Reich bei Erstattungen usw. selbst keine Zinsen zu zahlen. Die Liste der säumigen Steuerzahler ist zum ersten Mal im Juni/ Juli 1936 öffentlich ausgelegt worden. Der Auflegung ging eine sehr wirksame Bearbeitung der Steuerpflichtigen durch die Finanz- und Landesfinanzämter voraus, bei der auch mit" Nachteilen wirtschaftlicher und persönlicher Art" gedroht wurde. Diese Drohung macht die Anprangerung erst voll wirksam. Es wäre sonst denkbar, dass sie im Volksempfinden keineswegs als Schand aufgefasst würde. Wenn aber der wirtschaftliche Boykott oder gar das Konzentrationslager dahinter steht, sieht die Sache schon anders aus. Natürlich trifft auch dieses ganze Verfahren in der Regel nur die Kleinen. Die Grossen verstehen es auch heute noch, durch Verhandlungen mit den zuständigen Stellen zu vermeiden, in Verzug zu geraten und statt dessen Stundung oder Erlass der Steuerforderung zu erreichen. Schliesslich werden auch die verhängten Steuerstrafen veröffentlicht. Eine solche Bekanntmachung in den Tageszeitungen sieht z. B. so aus: Bekanntmachung Gegen den Manufakturwarenhändler Heinrich Höpker, Alsdorf Bahnhofstr. 38, ist wegen Einkommensteuer- Hinterziehung und versuchter Einkommensteuerhinterziehung eine Geldstrafe von 2.000,- RMK, ferner wegen Vermögensteuer- Hinterziehung eine Geldstrafe von 2.000,- RMK rechtskräftig erkannt worden. Die Bestrafung wird auf Grund des§ 399 der Reichsabgabenordnung auf Kosten des Verurteilten veröffentlicht. Aachen, am 27. 12. 1935. Allgemein wird berichtet, dass Zwangsbeitreibungen und Pfändungen heute viel rücksichtsloser durchgeführt werden als früher. Die alten humanen Vollstreckungsbeamten sind entfernt und dafür junge Leute, schneidige S.-Figuren, eingestellt worden, die schon allein durch ihr Auftreten den Steuerpflichtigen in Angst und Schrecken versetzen. So ist z.B. bei Viehpfändungen in Bayern das Vieh nicht im Stall des Bauern belassen, sondern sofort in die Kreisstadt abtransportiert und dort auf Kosten des B- 34Bauern bis zum Versteigerungstermin eingestellt worden. Das Regime verfügt aber heute noch über andere, indirekte Zwangsmittel gegen die Steuerzahler, deren Wirkung nicht zu unterschätzen ist. Dazu gehört z. B. die seit Anfang 1935 bestehende Anordnung oberster Reichs- und Landesbehörden, öffentliche Aufträge nur an solche Bieter zu erteilen, die eine Bescheinigung ihrer zuständigen Finanzamtes über ihre steuerliche Unbedenklichkeit vorlegen. Anfänglich war die Einforderung solcher Bescheinigungen auf Aufträge über 5.000 Mk. beschränkt, später auf Aufträge über 500 Mk. und neuerdings( auf Grund einer Verfügung des Reichsfinanzministers vom 16.6. 1936) werden sogar alle Aufträge über loo Mark erfasst. Auch die Verpachtung von Kantinen, Speiseanstalten usw. fällt darunter. Was dieses Verfahren für eine Wirtschaft bedeutet, die zum grossen Teil von Staatsaufträgen lebt, liegt auf der Hand. Vor kurzem hat ausserdem der preussische Finanzminister im Einvernehmen mit dem Reichsfinanzminister an alle preussischen Behörden die Anordnung gerichtet, für einen bestimmten Zeitraum alle Zahlungen an Gewerbetreibende von mehr als looo Mark dem zuständigen Finanzamt mitzuteilen. Nicht zuletzt bedeutet für die Landwirtschaft die Zwangsablieferung ihrer wichtigsten Erzeugnisse eine zusätzliche Steuerkontrolle von besonderer Wirksamkeit, und die Gegnerschaft der Landwirte gegen die Zwangswirtschaft erklärt sich nicht zuletzt aus dem Zusammenhang zwischen Ablieferungszwang und Steuerleistung. Die Zwangswirtschaft gibt aber der Steuerbehörde nicht nur ein wirksames Kontrollmittel, sondern auch ein bequemes Beitreibungsverfahren in die Hand. So ist wiederholt berichtet worden, dass der Erlös für abgelieferte Waren den Bauern nicht ausgezahlt, sondern auf rückständige Steuern verrechnet worden ist. Eine Sonderregelung, die ebenfalls dem Zwecke verschärfter Steuereinziehung dient, betrifft die Tabaksteuer. B- 35Mit Rücksicht darauf, dass die Tabakbesteuerung bei der Zigarre über 2/3, bei der Zigarette etwa die Hälfte des Kleinverkaufspreises ausmacht, waren den Fabrikanten früher längere Zahlungsfristen eingeräumt worden, so dass sie bei der Lieferung neben den Material- und Lohnkosten nicht auch noch die Steuerbeträge zu verauslagen hatten.( Die Steuerfristen betrugen bei Zigaretten 1 1/2 Monate, bei Rauchtabak 2 und bei Zigarren 3 Monate). Diese Regelung ist durch die Aenderung des Tabakbesteuerungsgesetzes vom 13. 12. 1934 ( RGB1 I S. 1229) beseitigt worden. Die Steuer wird also seitdem sofort fällig, wobei für einige Uebergangsmonate eine Sonderregelung in Geltung war. Obgleich für Kleinbetriebe gewisse Vergünstigungen vorgesehen sind( Rückvergütungen von etwa 5 Millionen), trifft sie die Abschaffung des Steuerkredits hart und verschlechtert ihre Konkurrenzbedingungen gegenüber den Grosskonzernen Reemt sma und Neuerburg erheblich. Schon vorher war übrigens der Verkauf von Tabakerzeugnissen unter dem Banderolenpreis verboten worden( Gesetz vom 21. 9. 1933, RGB1 I S. 653), ebenfalls eine Massnahme, die sich zuungunsten der Kleinbetriebe auswirken musste. Diese Aenderungen muss man berücksichtigen, wenn man die Entwicklung des Tabaksteueraufkommens richtig beurteilen will.Wir stellen im folgenden die Entwicklung der Tabaksteuer und der Kleinverkauf swerte der Tabakerzeugnisse seit 1930 gegenüber: Kleinverkaufs- Tabaksteuer Rechnungsjahr 1930 1931 1932 1933 1934 1935 werte 2726 1058 Mill.RMK. 2242 794 11 2088 762 P ff 2071 743 11 TT 2207 803 11 813 11 11 Danach ist 1934 gegen 1933 das Tabaksteueraufkommen um 8% gestiegen, während die Kleinverkauf swerte um 7% zugenommen haten. VI. Steuerreform und Steuerertrag. Die Nationalsozialisten machen über die Rückwirkungen ihrer Steuerreform auf die Steuererträge eine phantastische Rechnung auf. In dem" Aufklärungs- und Redner- Informationsmaterial der Reichspropagandaleitung der NSDAP"( März 1936) heisst es darüber: B- 36" Die gewährten unmittelbaren Steuersenkungen haben bereits die Summe von 1.135 Millionen RMK jährlich erreicht. Diese Summe setzt sich wie folgt zusammen: loo Millionen RMK Beseitigung der Kraftfahrzeugsteuer für die neuen Personenkraftwagen, 40 Millionen RMK Steuerermässigung für Hausgehilfinnen, 100 Millionen RMK Senkung der Umsatzsteuer der Landwirtschaft, 50 Millionen Senkung der Grundsteuer des älteren Neuhausbesitzes, 300 Million en RMK Senkung der Abgabe zur Arbeitslosenhilfe durch das Gesetz vom 23. März 1934, 60 Millionen RMK weitere Senkung durch Einarbeitung der Arbeitslosenhilfe und der Ehestandshilfe in die Einkommensteuer, 40 Millionen RMK Senkung der Bürgersteuer durch Berücksichtigung des Familienstandes, 20 Millionen RMK Senkung der Erbschaftssteuer durch Einführung von Freibeträgen für Kinder und Enkel, loo Millionen RMK durch Senkung der Umsatzsteuer für den Binnengrosshandel auf einheitlich 1/2 v. H. und Nichterhebung der Umsatzsteuer bis zum Steuerbetrag von 20 RMk. und 225 Millionen RMK. Senkung der Hauszinssteuer in der durch das Gesetz zur Förderung des Wohnungsbaus vom 30. März 1934 vorgesehenen Form." 90 Diese Rechnung ist in sogut wie allen Punkten falsch: Die Kraftfahrzeugsteuer ist um höchstens 75 Millionen gesenkt und die Senkung ist durch Erhöhung der Mineralölzölle und Ausdehnung der Beförderungssteuer bereits grösstenteils wieder rückgängig gemacht worden. Die Senkung der landwirtschaftlichen Umsatzsteuer um loo Millionen ist weit übertrieben, weil--wie wir dargestellt haben für wichtige landwirtschaftliche Erzeugnisse sogar eine Steuererhöhung eingetreten ist. Die Senkung der Grund- Steuer des Neuhausbesitzes um 50 Millionen ist nur einmalig erfolgt. Die Arbeitslosenhilfe ist nur um 260 Millionen gesenkt und diese Senkung ist bei der Steuerreform nicht erweitert, sondern zum Teil wieder rückgängig gemacht wor den. Die Senkung der Bürgersteuer steht lediglich auf dem Papier, in Wahrheit ist in den letzten Jahren die Bürgersteuerlast um fast 200 Millionen erhöht worden. Die Heranziehung des Grosshandels zur Umsatzsteuer mit 0,5% ist keine Entlastung, sondern eine wesentliche Mehrbelastung, da der grösste Teil des Grosshandels bisher umsatzsteuerfrei war. Die Senkung der Hauszinssteuer ist sozusagen nicht gegen bar, sondern gegen Hergabe von Anleihestücken erfolgt, wodurch die Verfügung des Steuerpflichtigen über den Senkungsbetrag erheblich einge B- 37schränkt worden ist. Vor allem unterschlagen die Nationalsozialisten völlig, dass den angeblichen Steuersenkungen hohe Mehrbelastungen aus offenen und versteckten Steuererhöhungen gegenüberstehen. Die Belastung und zwar in erster Linie die Massenbelastung ist von 1933 bis 1935 gestiegen: durch Einführung der Fettsteuer um über 300 Millionen, durch Erhöhung der Schlachtsteuer um 70 Millionen, der Bürgersteuer( bis 1934) um 180 Millionen. Die Ertragsauswirkung der versteckten Steuererhöhungen lässt sich nicht zuverlässig schätzen, ist aber ohne Frage nicht weniger bedeutend. Noch weniger schätzen lässt sich der Anteil, den die Verschärfung der Steuererfassung an der Steigerung des Steueraufkommens gehabt hat. Für jeden Sachverständigen ist klar, dass auf diesem Gebiet grosse Reserven an potientieller, nicht voll erfasster Steuerkraft vorhanden waren und noch vorhanden sind. Ein Teil der Massnahmen, die seit dem Umsturz zur Verschärfung der Steuererfassung ergriffen worden sind, werden sich ebenso wie ein Teil der Steuererhöhungen erst von 1936 ab voll auswirken. Schon das erste Viertel des Rechnungsjahres 1936 hat erneut 400 Millionen mehr Reichssteuern erbracht als 1935 und der Staatssekretär Reinhardt erwartet für das ganze Rechnungsjahr sogar ein Mehraufkommen von 2 Milliarden gegenüber 1935. Diese Schätzung liegt nicht ausserhalb des Bereiches der Möglichkeit. Sie zeigt, welche Summen die Reichsfinanzverwaltung selbst durch rücksichtslose Anwendung der Gesetze aus der Bevölkerung herauszupressen hofft. Erfüllen sich diese Erwartungen und liegt das Steuerergebnis von 1936 allein bei den Reichs steuern um 5 Milliarden über dem Ergebnis von 1932, so wäre das von grosser Bedeutung für die Beurteilung der gesamten Finanzlage des Reichs. Durch eine solche günstige Entwicklung würde sich das Reich wahrscheinlich der Notwendigkeit enthoben sehen, neue grosse Steuererhöhungen durchzuführen oder neue Steuern zu erheben. Andererseits muss man sich hüten, auf die nationalsozialisti B- 38sche Propagandalegende hereinzufallen, dass diese Steigerung der Steuererträge trotz einer Milliardensteuersenkung eingetreten wäre, weil Wirtschaftstätigkeit und Volkseinkommen sich entsprechend stark gehoben hätten. Wir haben bereits bei den einzelnen Steuern nachgewiesen, warum ihre Aufkommensentwicklung keine Rückschlüsse auf das Ausmass der Wirtschaftsbelebung zulässt. Es gibt heute kaum eine grosse Reichssteuer, die einen zuverlässigen Schluss über diesen Zusammenhang gestattet. Am ehesten noch die Beförderungssteuer, die wenigstens bis Ende 1935 unverändert geblieben ist. Am 20. Januar 1936 ist dann die 5% ige Erhöhung des Gütertarifs eingetreten und hat die Steuerergebnisse der letzten Monate des Rechnungs jahres 1935 ( offenbar unbedeutend) beeinflusst. Die Aufkommensentwicklung der Beförderungssteuer aber bietet ein ganz anderes Bild als die der Einkommen-, Körperschafts- oder Umsatzsteuer. Seit 1929 hat sich ihr Ertrag folgendermassen gestaltet( in Millionen Reichsmark): Rechnungsj:: 1929 Personenbeförderung 187,1 172,7 Güterbeförderung 1930 1931 1932 1933 1934 1935 142,1 94,0 89,4 95,2 100,2 176,5 142,5 110,7 85,1 94,5 111,7 119,9 zusammen: 183,9 206,9 220,1 363,6 315,2 252,8 179,1 Auch hier bestehen allerdings manche Fehlerquellen, wie sie sich z.B. aus Tarifsenkungen für Arbeitsbeschaffungsgüter und Kraft- durch- Freude- Fahrten ergeben können. Schon aus der Darstellung der Veränderungen bei den einzelnen Steuern geht hervor, dass die Hauptlast der nationalsozialisti schen Steuerpolitik von den breiten Massen getragen werden muss Einen Anhaltspunkt für die Verteilung der Mehrbelastung gibt die nachstehende Zusammenstellung. Sie ermittelt den Anteil der Massenbelastung am Gesamtaufkommen der Reichssteuern in den Rechnungsjahren 1929 und 1935: B- 391929 1935 in Millionen RMK. Lohnsteuer 1396,1 1361,7 -Umsatzsteuer. 1013,2 2020,0 Beförderungssteuer Zölle und Verbrauchssteuern¹) 2889,6 363,6 220,1 3457,7 Massenbelastung 5662,5 7059,5 Gesamtaufkommen 9171,6 9654,1 Anteil der Massenbelastung 60,5% 73,1% 1) Ohne Schaumwein- und Minderalölsteuer. Danach ist der Anteil der Massenbelastung von 60% im Jahre 1929 auf 73% im Jahre 1935 gestiegen. Diese Gegenüberstellung ist allerdings ungenau. Sie beschränkt sich auf die Reichssteuern und berücksichtigt nicht die Landes- und Gemeinde steuer Ausserdem geht sie davon aus, dass die als Massenbelastung zusammengefassten Steuern, abgesehen von der Lohnsteuer, im Wege der Steuerüberwälzung( bei der Preisgestaltung) den Massen aufgebürdet werden. Es ist sehr schwer, na chzuprüfen, ob die Voraussetzungen für die Steuerüberwälzung 1935 wesentlich anders lagen als 1929. Soweit jedoch die Ueberwälzung 1935 nicht bis zum letzten Verbraucher gelungen sein sollte, ist die Steuer zweifellos bei den Kleingewerbetreibenden hängen geblieben, al so nur bei einer anderen Gruppe der" Masse". Welche Fehlerquellen die Aufstellung aber auch im einzelnen enthalten mag, sie zeigt eindeutig die unsoziale Tendenz, die der nationalsozialistischen Steuerpolitik innewohnt. Diese Tendenz fällt umso schwerer ins Gewicht, als auch die Hauptlast der" freiwilligen" Beiträge und Spenden auf den breiten Massen ruht. Diese Frage wird in einer weiteren Uebersicht über die nationalsozialistische Beitrags- und Spendenwirtschaft näher behandelt werden.