der gozla/ o ozialen Bonn Deutschland- Bericht der Sopade Prag X. 3. Jahrg. Nr. 9. September 1936. De atle Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte Die allgemeine Situation in Deutschland Die Angst Die Haltung unserer Genossen vor dem Kriege- Die Anteilnahme an den Ereignissen in Spanien- Die Wirkung der Bolschewistenhetze- Der Nürnberger Parteitag begegnet allgemeiner Gleichgültigkeit. Aus der Wirtschaft 1) Der Lebensmittelmangel 2) Die Rohstoffknappheit A 1 22 22 29 3) Die Preissteigerung 35 4) Die Preisüberwachung 40 5) Schwankendes Vertrauen in die Währung 44 6) Aus der Exportindustrie 46 Korruption und Misswirtschaft 51 1) Misswirtschaft und Verfehlungen 54 Berichte aus Bayern, Südwestdeutschland, Hessen, Rheinland- Westfalen, Nordwestdeutschland, Wasserkante, Berlin, Sachsen und Schlesien 2) Unterschlagungen von Nationalsozialisten a) NSDAP, HJ, SA und SS b) NS- Volkswohlfahrt und Winterhilfe c) DAF und KdF d) Betriebe e) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen f) Verwaltung 63 MOTOL 69. 71 Aus den Betrieben A 75 aus Berlin, Nordwestdeutsohland, Rheinland, Bayern, Sachsen, Schlesien, Wasserkante, Mitteldeutschland Teil B: Uebersichten Die deutsche Wehrwirtschaft 1. Die Wurzeln der Wehrwirtschaft B 1) Der totale Krieg 1 2) Der totale Staat 5 11. Die wehrwirtschaftlichen Massnahmen in Deutschland 1) Der wirtschaftliche Generalstab und seine Exekutivorgane 8 2) Die Sicherung der Rohstoff- und Ernährungsbasis 11 3) Die Handelspolitik im Dienste der Wehrwirtschaft 16 4) Produktionsanlagen auf Vorrat 2o 3) Das Finanzierungsproblem 21 6) Die Arbeiterfrage 24 II. Kritik der Wehrwirtschaft 29 1) Die Widersprüche der kapitalistischen Wehrwirtschaft* 29 2) Die Verstaatlichung der Rüstungsindustrie 31 3) Das Facharbeiterproblem 34 4) Wehrmacht und Staat 36 A-1Teil A ( Abgeschlossen am 6. Oktober 1936) I. Die allgemeine Situation in Deutschland. Bei der Beurteilung der Volksstimmung muss heute mehr denn je zwischen der Haltung der grossen unpolitischen Masse und der Sinstellung der politisch denkenden Schichten unterschieden werden. Die Aufhebung der Meinungsfreiheit, die alles niederwalzende Wucht der System- Propaganda und der allumfassende Gesinnungsterror haben die Kluft zwischen politisch Denkenden und Nichtdenkenden, die immer bestanden hat, ausserordentlich vertieft. Umso höher ist es zu veranschlagen, dass sich trotz alledem in der Arbeiterschaft ein Kern politisch selbständig lenkender Menschen erhalten hat, dessen ausstrahlende Kraft zwar heute gering sein mag, von dem aber unter günstigeren Umständen starke politische Energien ausgehen können. Aus einem Landesteil, den wir in diesem Fall nicht näher bezeichnen können, ist uns ein zusammenfassender Bericht über die Haltung unserer Genossen zugegangen, der anschaulich zeigt, in welcher Weise dieser politische Kern seinen Zusammenhalt wahrt und sich trotz allen Polizeiterrors Möglichkeiten politischer Wirksamkeit erkämpft hat. Die in unserem Bezirk gemachte Erfahrung wurde uns aus anderen Parteibezirken immer wieder bestätigt: In den Bezirken und Orten, in denen die Arbeiterschaft bodenständig( in gewissem Sinne konservativ) war und ein starkes Organisationsbewusstsein hatte, bildet die grosse Masse der früher organisierten Genossen heute noch eine Gesinnungsgemeinschaft. Ein Musterbeispiel dafür bildet unsere örtliche Partei organisation. In den einzelnen Parteiabteilungen weiss man, wer von " unseren Leuten" abgeschwenkt und wer nicht ganz zuverlässig ist. Es sind erstaunlich wenige, die offen Nationalsoziali sten geworden sind. Wo man sich um die Genossen gekümmert hat, da sind sie heute noch zuverlässig und haben niemals den A-Glauben an eine neue grosse Geschichte der Arbeiterbewegung verloren. Wir führen diese ausgezeichnete Stimmung unserer Genossen darauf zurück, dass wir seit dem Umsturz regelmässig Material verbreitet haben, in dem wir uns bemühten, vor allem die grosse Linie der Entwicklung zur Orientierung der Genossen aufzuzeigen, um sie durch den Wirrwarr der Nachrichten, Gerüchte und Parolen hindurchzuführen. In Partei bezirken wie dem unsrigen war die Zugehörigkeit zu irgend einer Organisation der Arbeiterbewegung Ehrensache und in weiten Kreisen schon seit einer oder gar zwei Generationen traditionell. Diese Treue zur Arbeiterbewegung und die starke organisatorische Tradition äussert sich heute so, dass man sagt: wir halten zur Sache, wie wir es immer ta ten; aber weil heute eine ganz andere Situation für die Arbeiterschaft besteht, weil es ganz andere Fragen sind, um die es sich heute handelt, und weil uns die Zukunft ganz andere Aufgaben stellt, als wir sie jemals hatten, darum können wir nicht unsere früheren Auffassungen an diese Fragen und Aufgaben anlegen, sondern wir müssen uns mit demselben Ernst um Klarheit bemühen. So kommen dieselben Menschen, die unsere Treuesten waren, heute zu Auffassungen, die sich von den früheren in wichtigen Punkten unterscheiden. Man hat das deutliche Bewusstsein, dass im Jahre 1933 ein neues Kapitel der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung angefangen hat. Aber es ist besonders wichtig, dass bei gelegentlicher Kritik an einzelnen Massnahmen der früheren Parteien, die übrigens nicht so ausgiebig geübt wird und die man nicht für sehr wichtig hält man ein Schimpfen auf die früheren Organisationen nicht duldet. Denn man sagt sich richtig, dass nur der heute wirklich gute Arbeit leisten kann, der mit seinem Herzen an der Arbeiterbewegung hing; aber wer das tat, mag er Sozialdemokrat oder Kommunist gewesen sein, der kann niemals auf eine Organisation schimpfen, die ihm viel bedeutet hat. Es muss offen gesagt werden, dass die älteren Genossen, die den Krieg mitgemacht und sich früher um die politischen Ereignisse gekümmert haben, viel mehr Verständnis haben als die Jungen, die 1933 vielleicht eben erst in der Arbeiter jugendbewegung gewesen sind. Es gibt auch unter ihnen Gruppen, die sich aus persönlicher Freundschaft zusammengefunden haben, um Wanderungen zu machen, aber ein politisches. Band ist dabei kaum zu bemerken. 1933 schlugen ganze Gruppen der Sozialistischen Arbeiterjugend um und beteiligten sich bei den Kommunisten, weil das für radikaler gehalten wurde. Einige Gruppen solcher Abgeschwenkten gingen hoch, eine ganze Reihe Genossen wurde mit Kommunisten verurteilt, und dann wandten sich viele ganz von der Politik ab. Erst in letzter Zeit haben wir versucht, zu diesen Wander- und Freundschaftsgruppen, die isoliert bestehen, Fühlung zu bekommen und, ohne dass sie es merkten, denn es sind nicht nur ehemalige Angehörige der Vertrauensleute in den Gruppen zu Arbeiter jugend darin gewinnen, die die jungen Genossen in unserem Sinne beeinflussen und Interesse für Politik wecken könnten. A-38379 620 Es ist natürlich, dass junge Genossen, die in ihren Anschauungen und Urteilen ungeheuer" radikal" sein wollen, von Organisation nichts wissen wollen, sondern dass sie nur die " Revolution" im Auge haben, die irgendwann gemacht werden muss. Als wir Ende 1934 daran gingen, neben den Gruppen, --diese Gruppen wurden welche die Schriften verteilen, schon im Sommer 1932 nach gründlicher Auswahl aufgestellt, und von diesen damals ausgesuchten besten und rüstigsten Funktionären ist nicht ein einziger nachher abgeschwenkt auch die Partei im alten Organisationsrahmen wieder zu organisieren, ergab es sich von selbst, dass für diese Arbeit frühere Genossen ausgewählt wurden, die einmal die Bedeutung der Organisationsarbeit von früher her kennen und die Kleinarbeit, die in der illegalen Zeit alles ist, richtig einschätzen. Oftmals haben wir von den Funktionären gehört: wenn man sich streng an die Grundsätze der Arbeit hält, dann ist sie eigentlich gar nicht so gefährlich. Der Schriftenvertrieb hat bei uns in diesen Jahren nur wenige Opfer gefordert, und das innere Leben der Organisation ist sehr rege. Man kommt regelmässig zusammen, bespricht Vorfälle in Betrieben oder in den Wohngegenden, man unterhält sich über den Inhalt der Schriften und der Funktionärblätter, in den Erfahrungen aus der praktischen Arbeit mitgeteilt werden, man hört Rundfunk oder liest ausländische Zeitungen. Es werden Themen vorgebracht, über die man etwas lernen will, und auf diese Weise wird die Leitung immer darüber unterrichtet, womit die Genossen sich beschäftigen und was sie für besonders wichtig halten. Es ist nun selbst bei den früheren Parteimitgliedern nicht so, dass sie alle freudig mitarbeiten. Sehr viele geben hin und wieder etwas für die Gefangenen, d.h. zur Unterstützung der Angehörigen; Schriften lesen auch die meisten gern, aber selbst mithelfen, Schriften zu verteilen oder sich zu betätigen, indem sie selbst organisierten, das ist etwas anderes. Wohl alle sind der Ansicht, dass etwas getan werden muss, aber viele halten es aus diesem oder jenem Grunde für sich selbst für zu gefährlich. Und da schliesslich die Mitarbeit auf eigene Verantwortung geht, soll man niemand moralisch dazu nötigen. Aehnlich, wenn auch längst nicht so gross wie bei den früher politisch Organisierten, ist das Interesse für die politischen Vorgänge bei den Gewerkschaftlern. Selbst Arbeiter, die nicht aus Klassenbewusstsein einem Verband angehört haben, wissen doch etwas von der Arbeiterbewegung, und die Zugehörigkeit zu einer Organisation vor 1933 ist immer schon ein gewisser Schutz dagegen, dass der Arbeiter der oft wirklich sehr geschickt an ihn herangetragenen Propaganda erliegt. Theoretische Erörterungen machen auf diese Arbeiter keinen Eindruck. Es war in der ersten Zeit nicht leicht, den an die politisch nicht geschulten Arbeiter herangetragenen Gedanken der nationalsozialistischen" Volksgemeinschaft als demagogische Mache nachzuweisen, aber wir haben hierauf immer wie A- 4Aer Mühe verwandt. Wir haben uns von Anfang an nicht auf die fortgeschrittensten Genossen, sondern auf die Auffassungsgabe des organisierten Arbeiters eingestellt. Das hat die Funktionäre manchmal eredet, aber es hat sich als richtig erwiesen. Einen starken Auftrieb bekam die Arbeit nach dem 30. Juni 1934 und dann durch die Lebensmittelknappheit im letzten Winter. Die Atmosphäre wurde dadurch günstiger. Selbst Genossen, die vorher skeptisch waren, wenn sie auch nicht ihre Gesinnung verloren hatten, wurden jetzt zugänglibher, weil sie sich sagten: Jetzt kann man schon erkennen, dass Hitler nicht ewig bleibt, und man sieht, dass die Dinge in Fluss kommen. Aber die Genossen hüten sich doch davor, die Tragweite solcher Ereignisse und ihre Bedeutung für den Bestand des Systems zu überschätzen. Der grösste Teil der früher organisierten Arbeiter, der heute von uns beeinflusst wird, wirkt nicht nur gesinnungsmässig wieder" ansteckend" auf andere Arbeiter, sondern arbeitet in der Weise, dass streng darauf geachtet wird, dass keine Arbeitsfront- oder ähnliche Abzeichen oder EiserneKreuz- Bänder, die eine Zeit lang Mode waren, getragen werden, dass nationalsozialistische Blätter abbestellt und in den Betrieben nicht gekauft werden usw. Tatsächlich sieht man bei uns kaum einen Arbeiter mit dem Arbeitsfront- Abzeichen. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass früher unorganisierte, indifferente Arbeiter von dieser Atmosphäre beeinflusst werden. Die Angestellten sind, soweit sie früher politisch organisiert waren, ebenfalls gesinnungsmässig zuverlässig. Für die früher lediglich gewerkschaftlich organisierten Angestellten gilt dasselbe, was über die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gesagt wurde. Allerdings sind die Angestellten im ganzen noch vorsichtiger als die Arbeiter. Eine Ausnahme bilden nach unseren Beobachtungen die technischen Angestellten, vor allem in solchen Betrieben, in denen Ingenieure nicht offen nationalsozialistisch sind. Wie vorsichtig die Angestellten sind, geht daraus hervor, dass wir zwei Jahre hindurch in den..Werken, deren Angestellte früher zum grössten Teil Mitglieder des ZdA waren, unter den Angestellten keine Vertrauensleute gewinnen konnten. Es ist verständlich, dass die Beamten wieder eine Sonderstellung einnehmen. Die Fühlung mit ihnen besteht meist durch Beamte, die seinerzeit entlassen wurden und mit den früheren Kollegen noch Fühlung haben. Insbesondere ist die Beziehung zu den Telegraphen-, Post- und Eisenbahnbeamten gut. Es gibt unter ihnen sogar Schriftenverteiler, die regelmässig unter den Kollegen die illegalen Schriften verbreiten. In X. wurden im Sommer mit vielen Arbeitern zusammen auch mehrere Beamte verhaftet. Sie waren von den Obmann als verdächtig denunziert worden. Besonders unter den Polizeibeamten in Y. besteht eine gute Stimmung. Der grösste Teil von ihnen war früher im Schrader- Verband und manche auch in der Partei or 1-5ganisiert. Wir haben sowohl unter den Revierbeamten als auch in den Bereitschaften mehrere Vertrauensleute. Unsere Arbeit wirkt über die Kreise der Arbeiter hinaus. Wir können das immer wieder feststellen. Oft kommt es vor, dass in Wirtschaften Dinge erzählt werden, die wir in unseren Blättern verbreitet haben, besonders konkrete Dinge wie Angaben über die Gehälter der Minister usw. Es ist notwendig, auch solche Dinge zu verbreiten, weil alle Leute gern was zu erzählen haben wollen, auch Arbeiter und ihre Frauen, solche Dinge eignen sich zum Kolportieren. Es ist unmöglich, in den Kreisen des Mittelstandes organisatorisch zu arbeiten, man kann die Stimmung nur auf solche Weise indirekt beeinflussen. und Bürgerliche Gruppen arbeiten nicht politisch bei uns. Uebrigens haben wir auch sonst bei Bürgerlichen die Erfahrung gemacht, dass es falsch ist, ein Programm zusammenzukleben, das vielleicht Spezialforderungen dieser oder jener kleinen Schicht enthält. Man hat auch in den kritischen und politisch denkenden Kreisen des Bürgertums Achtung vor einer Arbeiterpartei, die unversöhnlich, energisch und hart ist. Ist von eigener Arbeit bürgerlicher Gruppen nichts zu bemerken, so wird doch alles mit Freude begrüsst, was gegen das System gerichtet ist, und darin machen selbst frühere Stahlhelmer nicht einmal mit kommunistischen Sachen eine Ausnahme. Aber selbst in kritisch eingestellten Kreisen des Bürgertums denkt man nicht politisch logisch, sondern man neigt immer dazu, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Besetzung der Rheinlandzone, die Kolonialfrage als nationale Fragen aufzufassen, in denen man mit Hitler übereinstimmt, zumal solche Punkte ja auch den Zielen bürgerlicher Parteien entsprechen. Gewöhnlich kommt dann die Ernüchterung bald, wenn man sich überlegt, dass Deutschland ja nicht in einem luftleeren Raum lebt, und dass das alles Fragen sind, hinter denen ein drohender Krieg steht. Selbst in bürgerlichen Kreisen, die politisch interessiert sind, besteht über das, was nach Hitler kommen kann, keine Klarheit. Jedenfalls haben die bürgerlichen Gruppen keine eigenen politischen Ziele. Man hört dagegen immer wieder von Bürgerlichen, wenn man sie fragt, wie sie sich denn eine Aenderung vorstellen, die Worte:" Ich möchte mal wissen, wie lange die Arbeiterschaft sich das gefallen lässt!" Wir sind zu der Ueberzeugung gekommen, dass wirklich nur die Arbeiterschaft auf Grund ihrer politischen Ziele und ihrer Organisationsfähigkeit zur Führung aller antifaschistischen Kräfte in Deutschland berufen sein kann. Nach unseren Erfahrungen sind auch bürgerliche Kreise bereit, diesen Anspruch anzuerkennen, da sie in ihren Reihen nur Kritik und Fatalismus, Angst vor dem Kriege, aber keine aktive Gegenwirkung. gegen das System sehen, während man in der Arbeiterschaft zielbewusst arbeitet, um eine revolutionäre Gesinnung in die Arbeiter hineinzutragen, und Kampfbereitschaft als Vorausbsetzung für eine Aenderung der Dinge fordert. 4-6Wir haben nicht nur in unserem Bezirk, sondern weit daruber hinaus die Erfahrung gemacht, dass die ständige Kriegsgefahr heute das Thema ist, das die allgemeine Diskussion beherrscht. Aber nur die Arbeiterfunktionäre reagieren positiv auf diese Gefahr des drohenden Krieges, indem sie sich heute konkret überlegen, was die Arbeiterschaft im Kriege tun kann, um den Sturz des Systems herbeizuführen. Jedoch beschränken wir unsere Arbeit nicht auf diese Fragen. Man darf nicht auf einen Krieg warten, um Hitler stürzen zu können, sondern die Arbeiterschaft muss fähig sein, auch andere Situationen auszunutzen. Allerdings sagt man sich, wird ein Krieg die klarste Situation ergeben, und falls es nicht zu einem Kriege kommen sollte, kann es sehr lange dauern, bis die deutsche Arbeiterschaft zu einer Erhebung fähig ist. Die Angst vor dem Bolschewismus ist vor allem bei denen lebendig, die der Presse auf das Wort glauben, dass nach Hitler nur ein Chaos kommen könnte. Man versteht dann unter Bolschewismus die Ereignisse im Russland von 1917 bis etwa 1920 mit ihren Greueltaten, ihrer Hungersnot usw. und man sagt: dann schon lieber Hitler als solche Zustände. Bis in die Arbeiterschaft hinein wirkt diese Angst vor systematischen Greueltaten, mit denen man" die bürgerliche Klasse ausrotten" will. Natürlich ist dieser Angst mit Erfolg, selbst bei Bürgerlichen, dadurch entgegengewirkt worden, dass wir sagten: Nach Hitler kommt nicht der Bolschewismus, sondern der Sozialismus; natürlich wird auch nicht eine schrankenlose Demokratie errichtet, sondern eine starke sozialistische Regierung wird rücksichtslos den Staatsapparat säubern und die wichtigsten wirtschaftlichen Unternehmungen verstaatlichen usw. Es wird also tatkräftig mit der Verwirklichung des Sozialismus begonnen werden, aber das alles wird sich diszipliniert vollziehen. Gerade durch die Betonung der starken Disziplin der deutschen Arbeiterschaft wird am besten der Angst vor dem Bolschewismus, die eine Angst vor dem Chaos ist, entgegengearbeitet. Sehr lebhaft bewegen alle unsere Genossen die mit Russland zusammenhängenden Fragen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben dafür zu sorgen, dass die Ansicht in der Arbeiterschaft allgemein wird: Wir deutschen Arbeiter wollen das sozialistische Deutschland selbst schaffen, wir brauchen dazu nicht russische Agenten; wir wollen nicht, dass Deutschland einmal von der Komintern kolonisiert werden soll. Man lehnt die Politik der Komintern ab, aber man ist sich darüber klar, dass Russland in einem Kriege für die deutsche Arbeiterschaft eine sehr wichtige Rolle spielen wird, zumal in der zweiten Internationale keine Kräfte sichtbar sind, die in ähnlicher Bedeutung als wirkliche Macht wirksam werden können. Es ist richtig, die Politik der Komintern abzulehnen, aber als grundfalsch wird es allgemein empfunden, dass an dem russischen Staat eine Kritik geübt wird, wie sie früher üblich war. Man will den russischen Staat anerkennen und sich über jeden Vorteil, den er aus der internationalen Lage zieht, freuen; A-7über die russische Aufrüstung, weil nach all dem Schaukeln der Politik der Westmächte gegenüber Deutschland Russland der einzige unversöhnliche Gegner Hitlerdeutschlands ist. Man wünscht also ein positives Verhältnis zu Russland, weil man sich sagt, dass Russland der erste Verbündete eines sozialistischen Deutschlands sein wird. Dabei wird, das weiss man, viel davon abhängen, in welchem Masse es gelingen wird, frühere kommunistische Kreise für eine solche Linie zu.gewinnen. Es ist möglich. Hüten muss man sich aber durchaus davor, solche Versuche, frühere kommunistische Arbeiter für unsere Linie zu gewinnen, mit Einheitsfrontverhandlungen gleichzusetzen, wie sie in der Imigration unternommen werden, die für die Tätigkeit der Genossen in Deutschland ohne Belang sein würden, selbst wenn sie Erfolg haben sollten! Zusammenfassend ist festzustellen: In unserem Bezirk ist die Misstimmung allgemein stark. Lediglich durch sogenannte nationalpolitisch bedeutsame Ereignisse kann eine starke Aufmunterung der Stimmung erreicht werden. Die Kreise der Hitlertreuen sind.u.E. vor allem mittlere und höhere Beamte, Geschäftsleute und gelbe Arbeiter, Studenten und andere bürgerliche Jugend. Die Kriegsfurcht ist allgemein. Politisch aktiv sind allein die Arbeiterkreise. Hier muss man unterscheiden, einmal den festen Kern der Funktionäre, dann die grosse Masse der politisch aufgeklärten Arbeiter, die aber noch längst nicht zum grössten Teil bereit sind, etwas zu tun, die weniger aktiven, früher nur gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, sowie schliesslich die Gelben, die eigentlichen NSBO- Arbeiter. Von einer revolutionären Bereitschaft der ganzen Arbeiterschaft kann längst nicht die Rede sein. Sie ist nur bei den Funktionären vorhanden, und diese werden damit zu den Kreisen, von denen allein eine aktive antifaschistische Frontbildung in Deutschland zu erwarten ist. Die allgemeine Stimmung in allen Bevölkerungsschichten wird beherrscht von der Sorge vor dem Krieg und der erneut verschärften Lebensmittelknappheit. Das erneute Anwachsen der Kriegsangst, auf das wir bereits im vorigen Monat aufmerksam gemacht haben, hat in den letzten Wochen durch die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, die masslosen Angriffe auf Sowjetrussland in Nürnberg; die Entwick- lung in Spanien und die spaltenlangen Manöverberichte in allen Zeitungen neue Nahrung erhalten. Unsere Berichterstatter äussern sich darüber: Schlesien, 1.Bericht: Die Reden auf dem Nürnberger Parteitag und die im höchsten Masse betriebene Presse- Hetze gegen Russland verstärken weiter die Auffassung, dass der Krieg unausbleiblich ist. Die Erhöhung der Wehrpflicht auf zwei Jahre Dienstzeit und die fortgesetzte Verschickung von Arbei A-8tern nach dem Osten Deutschlands wirken in gleicher Richtung. Die Verlängerung der Dienstzeit wird von der Bevölkerung in weitestem Masse, auch von den Wehrpflichtigen abgelehnt.Unter den Soldaten, die im Herbst zur Entlassung kommen sollten, herrscht grosse Misstimmung. Die Nachricht von der Dienstzeit- Verlängerung wurde bekannt als in Niederschlesien ein Armeekorps- Manöver durchgeführt wurde. Die Soldaten, die wie beim Militär üblich, schon die Tage bis zur Entlassung abzählten, schimpften in ihren Quartieren mordsmässig über diese Massnahme. Jetzt wurde der Jahrgang 1914 ausgehoben, bei dem sich schon viele Verheiratete befinden, die ohne Rücksicht darauf ihre zwei Jahre Dienstzeit leisten müssen. Bis weit in die Nazikreise hinein kann man immer wieder Stimmen hören, dass man an einem Kriege nicht teilnehmen wolle und werde. Die Arbeiter wiederum sagen, man werde sich nicht die Knochen kaputtschiessen lassen, die " alten Kämpfer" hätten dann Gelegenheit zu kämpfen. 2.Bericht:( Oberschlesien) Man war nach Beendigung der Olympiade auf alle Ueberraschungen gefasst, nur nicht auf die Verlängerung der allgemeinen Wehrpflicht. Selbst in den Kreisen, in denen man bisher der Einführung der früheren Militärherrschaft sehr sympathisch gegenüberstand, wirkte die Erklärung wie ein Donnerschlag. Man sagt sich, dass es um Deutschland sehr schlecht bestellt sein müsse, wenn man Russland als den Hauptfeind hinstellt. Man glaubt, dass die Herabsetzung des Militärdien stalters in der Sowjet- Union für Deutschland nur eine willkommene Gelegenheit war, und dass die zwei jährige Dienstzeit eingeführt wurde, um ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit zu verhindern.- Sei es in den Betrieben oder in Geschäften und öffentlichen Lokalen, das Thema Krieg verschwindet nicht aus der Diskussion und selbst bei den Zusammenkünften der SA spricht man davon, dass man wohl früher oder später werde daran glauben müssen. Aus Gleiwitz wird zuverlässig berichtet, dass bei einem Appell der SA offen gesagt wurde: in der Heimat da machen wir diese Militärspielerei noch mit, aber an dem grossen Kriegsdreck beteiligen wir uns nicht. Kreisleiter Jonas aus Gleiwitz sagte gelegentlich einer SA- Zusammenkunft, dass es nun mit der Herrlichkeit bald zu Ende geht, denn wenn erst der Kriegszustand erklärt wird, dann hätten sie doch nichts mehr zu sagen, dann würden die Reaktionären mit dem Militär wieder Obenauf sein. Im übrigen verweist man als Beweis dafür, dass der Krieg für Deutschland unabwendbar ist, auf die Kosten der Aufrüstung, denn man mache nicht solche Ausgaben ohne vorbestimmte Absicht. In den sogenannten besseren Ständen ist eine gewisse Art leichten Lebens eingerissen, denn für wen soll man denn sparen," man dreht uns doch bei Kriegsausbruch die Taschen um". " was einem nicht schon jetzt durch die Betteleien genommen worden ist, wird man sich später als" Dienst am Vaterland" abpressen lassen müssen". Die Lebensmittelknappheit führt man auch darauf zurück, dass das Militär in Fleisch und Fetten A- 9Reserven anlegt, denn es dauere nicht mehr lange, bis losgeschlagen wird. Es kursieren in diesen Kreisen Gerüchte, dass Hitler noch einmal versuchen würde, durch eine Friedenserklärung Kolonien zu bekommen und wenn man sie Deutschland nicht freiwillig gibt, so würde man sich Land dort holen, wo man es noch haben kann. Die Arbeiterschaft lehnt in ihrer Mehrheit den Krieg ab, betrachtet ihn aber als das einzige Mittel, durch das Hitler gestürzt werden kann. Man glaubt, dass bei Kriegsausbruch nur wenige der heute Beschäftigten zum Kriegsdienst herangezogen werden, weil ja die Betriebe ohnehin von der Jugend bis zu 25 Jahren frei sind. Diese ist beschäftigt im Arbeitsdienst, im Land jahr oder sonstwo; in den Betrieben dagegen sind nur diejenigen beschäftigt, die man im Kriege zur Aufrechterhaltung der Produktion noch nötiger brauchen wird als bisher. Man hat ja auch durch Verschickung von Arbeitern nach Westfalen, Pommern und Westpreussen das Gebiet hier schon so " bereinigt", dass man kaum noch Menschen übrig hat, um sie in den Militärrock. zu stecken. Einig ist man sich in den Betrieben darüber, dass Deutschland weder den Krieg lange führen kann, noch dass es siegen wird, wenn man auch heute schon mit Ueberraschungen rechnet, die im Augenblick der Kriegserklärung erfolgen werden. Die Nazis in den Betrieben erklären offen, dass sie nicht für Hitler gekämpft haben, damit er sie in den Krieg führt. Gerade von den Nazis, die jetzt Arbeit haben, will keiner etwas vom Kriege wissen, denn sie sind sich darüber klar, dass dann die Nazi- Herrlichkeit ein Ende hat. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Hauptgegenstand der Unterhaltungen ist nach wie vor der Krieg. Es bilden sich regelrechte Zirkel, oft in öffentlichen Lokalen, die diese Frage ständig beschäftigt. Es sind Menschen der verschiedensten Berufsschichten, die sich da treffen. Jeder sucht eine Neuigkeit zu erhaschen. Den deutschen Zeitungen glaubt man nicht. Man wundert sich, dass Russland nach den Beschimpfungen auf dem Parteitag in Nürnberg nicht die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen hat. Die einen meinen, Hitler habe gewiss nur die Probe mit seiner besonderen Provokation gegen Russland machen wollen. Wenn sich Russland das auch noch gefallen lassen würde, dann würden neue Provokationen anderer Völker kommen. Vielleicht habe auch Hitler erwartet, dass Russland tatsächlich die diplomatischen Beziehungen abbrechen würde und dann hätte er vor der Geschichte als derjenige dagestanden, der den Krieg nicht gewollt habe. Die anderen meinen, Russiand habe tatsächlich Angst, es im jetzigen Augenblick auf einen Krieg ankommen zu lassen. Es sei noch nicht fertig und das wisse Hitler sehr genau; deshalb sei er so frech gewesen. Wieder andere sind der Meinung, Hitler wolle den Krieg mit Russland so schnell als möglich, weil er nicht wisse, ob nicht Deutschland doch eines Tages völlig eingekreist und damit von vornherein verloren sei. Kaum jemand A-10aber ist auf den Gedanken gekommen, dass Hitler mit seinen Reden den grossangelegten Versuch gemacht hat, die übrige Welt von Russland zu trennen. Im Allgemeinen ist man der Auffassung, dass Deutschland zum Kriege bereits fertig sei. Die Truppe sei ausgezeichnet und die Flugplätze wüchsen an allen Ecken und Enden aus der Erde, Flugzeuge gäbe es in Mengen wie niemals. Die Kriegsmaschine sei im vollen Lauf und für den Fall des Kriegsausbruchs sei alles viel besser vorbereitet als 1914. Die Bevölkerung wird auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit den Methoden des Krieges vertraut gemacht. Die Luftabwehr ist inzwischen zu einer ausgezeichnet funktionierenden Organisation geworden. Alle diese Dinge tragen dazu bei, dass das Volk einfach zu dem Glauben kommen muss, dass der Krieg über Nacht kommen kann. Von Kriegsbegeisterung ist allerdings keine Rede. Die Jahrgänge, die den Krieg mitgemacht haben, haben" die Schnauze voll". Offen sagen sie, und man muss sich wundern mit welcher Offenheit sie es aussprechen, dass sie gar nicht daran dächten, noch einmal ins Feld zu ziehen. Die Generation, die zwar nicht mehr im Felde war, die aber durch die berühmten " 14 Jahre" gegangen ist, die alles Elend der Nachkriegszeit mitgemacht und die im Geiste der Völkerverständigung erzogen worden ist, will ebenfalls nichts vom Kriege wissen. Man kann bei dieser Generation, besonders bei den aktiven Soldaten, eine Begeisterung für den Krieg nicht finden. Etwas anderes ist es bei den Jungen, die in der HJ sind. Sie betrachten das Ganze romantisch. Sie mimen das Soldatische, sie sind ganz stramm. 2.Bericht: Alle Welt erwartet den Krieg. Es ist eine richtige Psychose. Die ruhigeren Elemente dringen mit ihrer Auffassung nicht mehr durch. Die Sozialisten halten Hitlers Reden für Agitation und glauben nicht daran, dass Deutschland bereits fertig ist. Hitler nützt ihrer Meinung nach nur die Schwäche der westeuropäischen Länder aus, denn er weiss, dass dort einflussreiche Kräfte am Werke sind, die immer wieder zun Nachgeben mahnen werden, weil sie den Krieg verabscheuen und weil sie ausserdem Angst haben. Diese ruhigen und nüchternen Ueberlegungen werden allerdings auch nur von einem ganz geringen Bruchteil der Bevölkerung angestellt. Die Masse der Arbeiter stellt den Ausbruch des Krieges in Rechnung und sie hofft darauf, weil der Krieg das System hinwegfegen müss13. Die Nazis bestreiten, dass es Krieg gebe, und gehen von anderen Erwägungen aus. Sie glauben an die" überzeugenden Reden" von Hitler und meinen, dass man sich seinen Argumenten nicht verschliessen könne und dass man deswegen Deutschland nicht mehr lange Widerstand entgegensetzen werde. Ausserdem hätten die Franzosen und die Engländer Angst. Man kann nicht sagen, dass die nachdenklichen Nationalsozialisten den Krieg wollen. Auch sie haben Angst und bei manchem hat sogar die pazifistische Idee, die während der Nachkriegszeit in Deutschland tiefe A-11Wurzeln geschlagen hatte, noch heute eine gewisse Nachwirkung. Das sind jene Kreise, die einmal republikanisch und sozialistisch waren. Diese Nazikreise sind auch gar nicht so sehr von dem unbedingten Sieg Deutschlands in einem zukünftigen Krieg überzeugt. Dass ein unglücklicher Ausgang des Krieges den Zusammenbruch des Dritten Reiches und damit die grosse Abrechnung bringen würde, ist ihnen durchaus geläufig. Berlin, 1. Bericht: Im ganzen lässt sich, ausgelöst in erster Linie durch die spanischen Vorgänge, stimmungsmässig gefördert durch die wieder fühlbar werdende Lebensmittelknappheit, ein Wiedererwachen des politischen Interesses in der deutschen Arbeiterklasse bemerken. Im Mittelstand ist sogar eine ausgesprochene" Meckerstimmung" festzustellen. Die Verlängerung der Dienstzeit hat die Stimmung auch nicht gerade gehoben. Im Zusammenhang mit Arbeitsdienst, Land jahr und ähnlichen Einrichtungen bedeutet sie, dass die jugendlichen Arbeiter ungefähr drei Jahre, manchmal länger, irgend wie gedrillt und kaserniert werden. Diese drei Jahre gehen ihnen nicht nur beruflich verloren, es wächst mit der Zeitdauer auch die Antipathie gegen den" Kasernenhof", dem sich die jungen Leute immer von neuem in irgend einer Weise ausgeliefert sehen. Andererseits wächst allerdings auch die Entfremdung gegenüber dem normalen Leben, so dass das Regime im grossen ganzen wohl erreichen wird, dass sich in den jungen Arbeitern für einige Jahre eine Ideologie entwickelt, die zwar nicht faschistisch sein wird, aber doch bedenklich militaristisch. Unsere Genossen wenigstens schätzen die Möglichkeit, auf die im aktiven Dienst Stehenden in unserem Sinne einzuwirken, ausserordentlich gering ein. Eine solche Einwirkung kann kaum organisiert geschehen. Sie ist in wirkungsvollem Masse erst möglich, wenn die gesamte Volksstimmung sich gegen den Militarismus kehrt. Die heutige Misstimmung über die Verlängerung der Dienstzeit kann noch nicht als Beginn einer solchen Massenstimmung angesehen werden. Dazu ist das Instrument der neuen deutschen Armee noch zu jung und darum " interessant"- auch wenn geschimpft wird. 2. Bericht: Ueber die Wehrpflicht ist die allgemeine Meinung die, dass man sich dem Zwange nicht entziehen kann; aber von Begeisterung für das Militär ist keine Rede. Die jüngeren Leute sagen, wir müssen zum Arbeitsdienst und dann noch zum Militär, wir haben ja gar nichts vom Leben und erst recht nichts von unserer Jugend. Wir werden aus dem Berufe gerissen, ohne dass wir etwas dafür haben. 3. Bericht: Die Kriegssorge unter den Menschen wird immer stärker. Die Presse arbeitet nach Kräften daran, diese Sorge zu vermehren. Unter anderem hat man geschrieben, dass Russland eine besonders leistungsfähige Eisenbahn nach der ČSR gebaut habe, um Deutschland mit grossen Menschen- und Materialmassen von der Flanke angreifen zu können. Wie weit die Kriegsfurcht bereits vorgeschritten ist, beweist der Umstand, dass einige kleine Besitzer in den Grenzdörfern ihre Besitzungen verkaufen und sich in Mitteldeutschland ankaufen wollen. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Ohne Rücksicht auf die politische Haltung glauben alle Volksschichten, dass das gesamte Ausland vor Deutschlands militärischer Ueberlegenheit furchtbare Angst hat. Auch früher organisierte Arbeiter sind der Meinung, dass der neue schlagkräftige deutsche Militarismus den Krieg bedeutet. Es sei ganz gleich, ob demokratische Staatsmänner immer wieder versuchen, jede neue rücksichtslose Provokation Deutschlands mit hilflosen Bitten um gemeinsame Verhandlungen zu beantworten. Der sozialistische Arbeiter versteht wohl, dass die Sozialisten im Ausland aus Angst um die Zivilisation auch unter grossen Opfern den Krieg vermeiden möchten. Die Welt hat eben jetzt noch nicht begriffen, dass der Faschismus den Krieg bedeutet. Sonst hätte es in Berlin keine. Olympiade geben können, sonst hätte ein belgischer Sozialdemokrat beim Internationalen Städtetag nicht Hitler die Hand drücken können, sonst wären beim FreiZeitkongress in Hamburg nicht al le demokratischen Länder vertreten gewesen, sonst müsste man den Kampf der deutschen Sozialdemokratie mit Taten und nicht nur mit Empfehlungen unterstützen. Wenn Deutschland den Zeitpunkt für günstig hält, wird es seine gewaltige Kriegsmaschine in Bewegung setzen. Wer glaubt, dass dann in Deutschland eine Revolution gegen den Krieg beginnt, verrechnet sich genau so wie der Völkerbund, wenn er Italien an die Gesetze der Zivilisation erinnert. Es ist nicht von entscheidender Bedeutung, dass es Jetzt schon in Deutschland Millionen Stimmen gibt, die Grauen und Entsetzen vor dem kommenden Krieg empfinden, dass Millionen Pazifisten aus moralischen und Verstandesgründen den Krieg ablehnen, dass die deutschen Sozialdemokraten politisch genug geschult sind, auch heute noch, um zu wissen, dass der Krieg ganz bewusst provoziert wird. Vor der deutschen Hitlerfrechheit kuscht die ganze Welt, wie kann da die geknebelte Arbei terschaft eine Revolution führen? Wenn die Kriegschancen für Hitler durch einmütige Waffenbrüderschaft aller Länder gegen Deutschland vernichtet sind, dann kann sich auch in Deutschland wieder die sozialistische Bewegung entwickeln. Bleibt glücklich der drohende Krieg aus, dann wird sich nur in langdauernden Prozess eine neue deutsche Arbeiterbewegung entwickeln können. 2. Bericht: Da die Kriegsfurcht übermächtig ist, wagt man sich sogar an die für Nationalsozialisten heiligsten Gefühle heran. Man kann von Parteimitgliedern und selbst von SS- Leuten Zustimmung erhalten, wenn man sagt:" Selbst wenn alles, was Hitler gemacht hat, gut ist, wenn es darum einen Krieg mit allen seinen Schrecken geben sollte, dann wäre alles nicht gut; denn nach Hitlers Worten gibt es in Europa kein A-13Ziel, für das es sich lohnt, einen Krieg zu führen." Und auch Parteimitglieder stimmen Baldwins Worten zu, dass die Welt unterzugehen verdiente, wenn Europa nicht ohne den Krieg über die heutige gefährliche Situation hinwegkommen könnte. Die Furcht vor dem Kriege macht selbst in Parteikreisen skeptisch gegen die Friedensliebe Hitlers und Goebbels. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Kriegspsychose nimmt zu, das ist gar nicht mehr in Abrede zu stellen, man kann mit ruhig und nüchtern denkenden Leuten reden, sie sind alle der Meinung, dass es ja zu nichts anderem als zum Krieg führen könne. In den Wirtschaften, wo die Unteroffiziere und die Feldwebel verkehren, hört man von dem kommenden Krieg mit einer solchen Selbstverständlichkeit sprechen, als ob morgen schon die Mobilma chung wäre. 2. Bericht: In der Pfalz ist schon lange eine Beklemmung in weiten Bevölkerungskreisen festzustellen, weil nicht viel Intelligenz dazu gehört zu begreifen, dass dieses Gebiet vom kommenden Krieg nicht unberührt bleiben wird. Die Erhöhung der Dienstzeit hat diese Stimmung noch verschlimmert. Die grosse Betriebsamkeit auf den Landstrassen, Eisenbahnen, in den Kasernen und auf den militärischen Anlagen, die Registrierung aller gedienten Leute bis zu 45 Jahren, der gesteigerte Luftschutzrummel, die Einrichtung der Wehrkommandos auch in Orten, die keine Garnison haben, alles das, zusammen mit dem, was die Leute trotz der grossen Zurückhaltung von den Urlaubern hören, gibt dieser Stimmung fortgesetzt neue Nahrung. Sachsen, 1.Bericht: Bei den Betroffenen hat die Verlängerung der Militärdienstzeit grosse Verbitterung ausgelöst. Erst haben sie ein Jahr Arbeitsdienst weggemacht, dann ein Jahr Militärdienst und nun wird einfach noch ein Jährchen angehängt, alles eben, wie's Adolfs Laune will,- das ist überall die gleiche Meinung. Im ganzen ist die Stimmung gedrückt, weil die meisten mit einem Kriege rechnen und nicht so sieges sicher sind. 2. Bericht: Von der Verlängerung der Dienstzeit ist niemand erbaut. Ein junger, gerade dienender Genosse schrieb gerade am Tage der Erklärung der Dienstzeitverlängerung, dass er sich freue, sein Jahr bald hinter sich zu haben. Er hätte es furchtbar satt, auch seine Kameraden. Wenn er frei wäre, würde er dann alles erzählen. Dass diese jungen Leute mit Begeisterung in einen Krieg ziehen sollten, ist kaum zu erwarten. Jedenfalls ist die jetzige Situation keinesfalls mi der von 1914 zu vergleichen. 3. Bericht: Starker Missmut herrscht unter der Bevölkerung über die Einführung der zweijährigen Dienstzeit. Es ist Lug und Trug, dass darüber das Volk begeistert wäre. Im Gegenteil, die jungen Leute, die ihre Militärzeit absolvieren, A- 14klagen über schlechtes Essen und über sehr starken Schliff. Ueber die starke Anteilnahme der deutschen Arbeiter an den orgängen in Spanien wird erneut berichtet: Berlin: Ein ausserordentliches Interesse breiter Arbeiterschichten findet Spanien. Während bisher die Arbeiter kaum noch Zeitungen lasen, fangen sie an, jetzt Mittags- oder Abendblätter zu kaufen oder bleiben zumindest am Zeitungsstand stehen, um die Ueberschriften zu lesen. Sie kaufen allerdings nur, wenn sie irgend etwas Neues aus oder über Spanien erwarten. Die Diskussion ist natürlich sehr zurückhaltend. Niemand wagt im Betrieb, offen seine Symathie für die spanischen Arbeiter auszudrücken. Daran ist nicht zu denken. Aber man stellt Ueberlegungen an, welche Folgen ein Sieg Francos haben könnte und es ist manchmal erstaunlich, welchen guten aussenpolitischen Instinkt sich die Arbeiter gewahrt haben. So fand in einer Berliner Grossbuchdruckerei folgendes Gespräch statt( Von den spanischen Generalstruppen war gerade irgend ein Sieg gemeldet worden):" Wenn der Franco siegt, dann ist es ja mit Blum auch Essig. Aber die Franzosen werden schon heimlich liefern. Die haben doch Angst, dass es " Wenn die sonst bei ihnen genau so kommt wie in Spanien." ganze Sache man nicht überhaupt noch zum Krieg führt. Auf eigene Faust könnte doch keine von den spanischen Parteien so einen langen Bürgerkrieg führen. Da stehen doch andere " Mit dem Krieg ist das solche Sache. Sie Mächte dahinter." sind doch alle noch nicht so weit. Spanien ist ihnen sicher zu früh gekommen!" Charakteristisch an diesem Gespräch ist, wie scheinbar jede Parteinahme vermieden ist und dennoch auf die vermuteten Hintergründe und auch auf die internationale Bedeutung hingewiesen wird. Die Greuelpropaganda der Hakenkreuzpresse über Spanien verfängt nach unseren Beobachtungen wenig. Ausserdem macht die Goebbelspropaganda auch hier einen Regiefehler, indem sie dauernd von französischer und russischer Hilfe, von Geldsammlungen usw. für die Madrider Regierung schreibt und dadurch eine aktivere internationale Solidarität der sozialistischen Kräfte vortäuscht als tatsächlich vorhanden ist. In Deutschland stellt sich durch die Berichterstattung der Presse und im Rundfunk der Kampf in Spanien wirklich bereits als eine grosse internationale Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Faschismus dar, in der scheinbar die Initiative auf seiten der sozialistischen Kräfte liegt, wenn auch die Generäle andauernd siegen. Verkehrt wäre es, unmittelbare Rückwirkungen der spanischen Kämpfe auf die politische Aktivität der deutschen Arbeiter zu erwarten. Die Auswirkungen beschränken sich auf ein grösseres politisches Allgemeininteresse. Der Gedanke an eigene Aktivität kommt den deutschen Arbeitern deswegen nicht und kann ihnen auch nicht kommen. Die Machtverhältnisse in Deutschland selbst werden ja durch die Ereignisse in Spanien A-15nicht berührt. Ein Sieg der spanischen Arbeiter verstärkt höchstens die Hoffnungen, dass schliesslich doch durch äussere Kräfte die Krise des Regimes herbeigeführt wird, die die Arbeiter teils bewusst, teils instinktiv als die unumgängliche Voraussetzung für die Wiederentfaltung der Kampfkraft der deutschen Arbeiterklasse ansehen. Zugleich wird aber auch empfunden, dass der Ausgang der spanischen Kämpfe erstens für die Entwicklung in Frankreich bedeutungsvoll ist, und damit im Zusammenhang auch für Deutschland. Ein Sieg der Volksfront in Spanien und eine Befestigung in Frankreich verschiebt selbstverständlich das Kräfteverhältnis zwischen den sozialistischen und faschistischen Kräften Europas in einem solchen Masse, dass die aussenpolitische Konzeption des Dritten Reichs davon entscheidend betroffen wird. In den illegalen Zirkeln wird dies bereits diskutiert, von den politisch interessierten, aber inaktiven Arbeitern wird es immer stärker empfunden. Allerdings steckt der Aberglaube, dass die Faschisten dank ihrer grösseren Hemmungslosigkeit und der rücksichtslosen Gewaltpolitik sich zuletzt überall gegen die demokratischen Kräfte durchsetzen, bereits sehr tief in den Köpfen der Arbeiter, so dass die meisten dem Ausgang der spanischen Kämpfe skeptisch entgegensehen. Umso gewaltiger wäre die psychologische Wirkung eines Sieges der Madrider Regierung. Unsere Freunde glauben für diesen Fall an eine starke Belebung des Willens zur politischen Aktivität bei den Arbeitern, versprechen sich also davon sehr wichtige Besserung der psychologischen Vorbedingungen für eine erfolgreiche illegale Arbeit. Der Glaube an die Unbesieglichkeit des Faschismus wäre gebrochen. Rheinland: Spanien ist in aller Munde. Man macht sich draussen sicher kaum einen Begriff, wie sehr aller Augen nach Spanien gerichtet sind. Nicht dass man sich Spanien in den oppositionellen Kreisen als Vorbild nehmen möchte. Man sieht sehr wohl die Mängel des spanischen Bürgerkriegs. Aber man hofft darauf, dass endlich der internationale Faschismus und damit Hitler eine Niederlage erleidet. Klar wird erkannt, dass vom Ausgang des spanischen Bürgerkrieges ausserordentlich viel auch für Deutschland abhängt. Die Genossen suchen sich untereinander zu unterrichten über das, was wirklich in Spanien los ist. In vielen Dingen können sie sich aus ihrer alten Kenntnis der Verhältnisse in fremden Ländern ein eigenes Bild machen, wahre von falschen Nachrichten unterscheiden, auch ohne durch die illegale Literatur unterrichtet zu sein. Spanien aber lag immer etwas ausserhalb der früheren Betrachtungen über die internationalen Verhältnisse. Deshalb fällt es vielen jetzt schwer, sich auch ohne zuverlässige Nachrichten von draussen richtig zu orientieren. Auch das übrige Volk schwankt zwischen Sympathie und Antipathie für die spanische Regierung. Verschwiegen werden darf nicht, dass die Bürgerkriegsschrecken, die von der Nazi presse und vom deutschen Rundfunk aufgebauscht und gegen den" Bolschewismus" A-16ausgenützt werden, einen gewissen abschreckenden Eindruck machen. Jedoch lassen sich nur die geruhsamen Spiessbürger, die Sorge um ihren Besitz haben, ins Bookshorn jagen. Man kann mit gutem Recht sagen, dass der grösste Teil des Volkes von den Greuelnachrichten der deutschen Stellen viel abstreicht. Man macht sich im übrigen sowieso auch in Deutschland auf das Schlimmste gefasst und ist der Ueberzeugung, dass, wenn es in Deutschland einmal bricht, sei es infolge eines Krieges oder eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der Bürgerkrieg mit all seinen Schrecken unvermeidbar ist. Westfalen: Der Kampf in Spanien beherrscht auch bei uns die Gemüter. In den Betrieben und in den Familien der Genossen wird lebhaft über Spanien diskutiert. Man zittert förmlich darum, dass die Faschisten siegen könnten. Unverständlich bleibt vielen, wie es möglich war, dass die Kommunisten zwar zur Volksfront gehören, aber in Spanien bis vor kurzem nicht mitregierten und in Frankreich auch nicht mitregieren. Man empfindet diesen Zustand als das alte scheinheilige Spiel der Kommunisten und glaubt an ihre demokratische Ehrlichkeit nicht. Unverständlich bleibt uns auch, welche Gründe England und Frankreich davor zurückhalten, der spanischen Demokratie zu helfen. Diese grossen Staaten müssen eine furchtbare Angst vor Deutschland und Italien haben, scheinen aber nicht zu begreifen, dass sie mit jedem Zurückweichen die Dreistigkeit des Faschismus steigern. Diskutiert wurde in den Betrieben auch über Hitlers Ausfälle in Nürnberg dagegen, dass " man von Nichteinmengung in die spanischen Vorgänge redet, aber gerade in diesen Ländern Demonstrationen, Sammlungen aller Art für die bolschewistischen Banden durchführt." In diesen Tagen nämlich wurde auf Anordnung der Deutschen Arbeitsfront in den Betrieben an den Anschlagbrettern aufgefordert, zugunsten der Spanien- Deutschen Ueberstunden zu leisten. Es kann sich kein Arbeiter weigern, denn dann fliegt er. In einer bekannten Fahrradfabrik ging eine Liste herum, in der aufgefordert wird, zu obigem Zweck je 50 Pf. zu zeichnen. Die Namen der Belegschaftsmitglieder waren bereits von der Firma eingetragen und es stand in der Liste:" Wer nicht zeichnen will, mache ein Kreuz". Ebensogut kann er aber auch gleich seine Kündigung einreichen. Nordwestdeutschland: Die Bevölkerung steht ganz unter den Eindrücken der Ereignisse in Spanien. Man spricht ziemlich offen darüber, dass Deutschland in Spanien die Hände im Spiele hat, und ist sich darüber klar, dass aus der Politik Hitlers, gewollt oder nichtgewollt, nur der Krieg geboren werden kann. Mit dieser Entwicklung hat man sich gedanklich schon abgefunden wie mit etwas Schicksalhaftem. Welches Ausmass die Verdummung der grossen Masse angenommen hat, beweist die Tatsache, dass bei Ausbruch der Kämpfe in Spanien die deutsche Oeffentlichkeit durch die DNB- Meldun A-17gen tatsächlich erst zu der Auffassung gebracht wurde, die Faschisten seien die rechtmässige Regierung und die" Bolschewisten hätten dagegen einen Aufstand organisiert. Erst nach einer ganzen Reihe von Tagen kam man zu der Feststellung, dass die" Roten" die rechtmässige Regierung seien. Auch unsere Kreise bleiben durch die Presseberichterstattung nicht ganz von falschen Gedankengängen verschont. Südwestdeutschland: Anlässlich der Vorgänge in Spanien verdreht man den Leuten mit dem Bolschewisten schreck erneut so recht den Kopf. Die Propaganda ist auch durchaus nicht ohne Erfolg. Lasst Euch draussen nicht etwa zu dem Gedanken verleiten, dass der Freiheitskampf in Spanien vielleicht in Nazionien freiheitliche Gefühle erweckt. Auch die französischen Kämpfe mit ihren Errungenschaften für die Arbeiterschaft haben keine solchen Gefühle erweckt. Hätte ich nicht durch Euch volle Aufklärung erhalten, ich glaube bald, dass ich auf Grund der Goebbels- Propaganda auch nicht mehr klar sehen könnte. Schlesien: Das Interesse am Bürgerkrieg in Spanien hat nicht nur nicht nachgelassen, sondern sich eher verstärkt. Wo überhaupt Menschen zusammentreffen, wird über den Bürgerkrieg gesprochen. In den Arbeiterkreisen ist die Sympathie eindeutig auf seiten der Arbeiterklasse Spaniens. Die Lügenmeldungen der deutschen Presse über die Lage an den Fronten werden verglichen mit den Nachrichten ausländischer Sender und der tatsächlichen Situation. Nach wie vor übt aber die unglaubliche Greuel propaganda eine gewisse Wirkung in allen Bevölkerungsschichten aus. Eines der Mittel, um dem Volke die weitere Aufrüstung und die Opfer, die sie erfordert, schmackhaft zu machen, ist die Bolschewistenhetze. Bereits im vorigen Monat haben wir darüber berichtet, dass die amtliche Propagandakampagne gegen Sowjetrussland ausserordentlichen Umfang angenommen hat. Inzwischen ist das durch den Nürnberger Parteitag aller Welt sichtbar geworden. Seitdem läuft die Propagandawalze ununterbrochen weiter. Neben Presse und Rundfunk gibt es Spezial- Propagandamaterial gegen den Bolschewismus in Massen. Eine 50- seitige Broschüre über die" Zwangsarbeit in der Sowjetunion", herausgegeben vom " Institut zur wissenschaftlichen Erforschung der Sowjetunion" ( 1) hat bis jetzt eine Gesamtauflage von 1.200.000 erreicht. Keine Nummer des" Arbeitertums"( Auflage 2.252.661) erscheint ohne umfangreiches Greuelmaterial über den Bolschewismus. Der A-1R- "Olympiazug", eine Kraftwagenkolonne mit einer Wanderausstellung ist in einen Propagandazug gegen den"Weltfeind Nr. 1" umgewandelt worden. Ueber die Wirkung dieses Propagandarummels äussern sich unsere Berichterstatter: Sohlesi en: Die Bolschewistenhetze wird hier weder von den Arbeitern noch von aen Geschäftsleuten ernst genommen. Man weiss in fast allen Kreisen genau, dass dies nur Ablenkungsmanöver sind. Als auf den Delbrüokschächten bei Hindenburg ein Nazi auf die Bolsohewisierung in Frankreich und Spanien hinwies, wurde er ausgelacht und ihm zu verstehen hegeben, dass er nur abwarten solle, denn auch in Deutschland gehe es bald los. Tatsächlich werden gerade hier öfters kommunistische Flugblätter gefunden, doch hat man bisher niemanden erwischen können. Im übrigen ist es bekannt, dass jeder, der ein Radio besitzt,, den Moskauer Sender hört. Und gerade die Nazis sind es, die dann die Neuigkeiten an den Mann bringen wollen. Man weiss, dass dies vor allem Versuche sind, um Mithörer irgendwie denunzieren zu können, was aber die Arbeiter längst durchschaut haben. In Geschäftskreisen lehnt man die Bolschewistenhetze ab und sagt, dass alles Schwindel sei, was damit in Deutschland getrieben werde, denn wenn nur die Hälfte wahr wäre, so würde weder England noch Frankreich die Verbindung mit Russland aufrecht erhalten. Berlin: Im ganzen ist wieder ein etwas regeres politisches Interesse festzustellen als in den Monaten vorher. Das ist teilweise auf die Propaganda des Regimes selbst zurückzuführen. Die heftige Russland- und' Bolschewistenhetze, die sehr plötzlich kurz vor der Verlängerung der Dienstzeit einsetzte, ohne dass man zunächst einen Anlass zu dieser Kampagne erkennen konnte, hatte nicht in allen Fällen die von Goebbels gewünschte Wirkung! Sie führte vor allem dazu, dass den deut- og sehen Arbeitern wieder bewusst wurde, dass es ausserhalb Deutschlands auch noch eine Welt gibt und dass diese 7/elt, nach der Goebbels-Propaganda zu urteilen, weder nazifreund- lieh noch bolschewistenfeindlich ist. Der Zweck der Propaganda, die Notwendigkeit der verstärkten Militarisierung zu be- weisen, geriet in Widerspruch zu der sonstigen Tendenz in der es? deutschen Presse und im Rundfunk, dass ausserhalb Deutschlands allgemeiner wirtschaftlicher und moralischer Niedergang F*- herrscht. Plötzlich bewies die deutsche Presse in bisher noch nicht erlebter Eindringlichkeit, dass die Russen die stärkste Armee der Welt aufgebaut hätten und Deutschland einem Ueber- fall dieser Armee und vor allem der russischen Flugzeuge so- zusagen wehrlos ausgeliefert sei. Da die deutschen Arbeiter Immerhin etwas von Industrie und von Rüstungsproduktion verstehen, so sagten sie sich selbstverständlich; Wenn die Rus- sen eine solche Armee aufbauen, so viele Flugzeuge produzie- A-19ren können, müssen sie ihre Wirtschaft ganz schön in Schuss gebracht haben. Mit dem Niedergang wird es also wohl nicht so ganz stimmen. Die von der deutschen Presse gleichzeitig gebrachten zahlreichen Meldungen über das Arbeiterelend in Russland oder über direkte Hungersnöte wurden daher mit grosser Skepsis aufgenommen. Eine unerwartete Unterstützung erhielt allerdings die Propaganda des Regimes durch den Moskauer Prozess, der einen Vergleich mit dem deutschen 30. Juni 1934 herausforderte. Er stösst bei den Arbeitern auf allgemeines Unverständnis. Viele nahmen die Meldungen, weil sie sie nur aus der deutschen Presse kennen lernten, als Lüge hin und meinten, es handele sich auch hier nur um einen Propagandatrick Goebbels. Sonst hörte man vielfach Aeusserungen, wie:" Jetzt weiss man überhaupt nicht mehr, wofür man sein soll. Die Nazis erschiessen ihre eigenen Leute und die Kommunisten machen dasselbe. Schliesslich entsteht in Russland noch genau solch Regime wie bei uns. Und wenn das alles wahr ist, was Trotzki und Sinowjew gemacht haben sollen, muss es ja wirklich schlimm in Russland aussehen. Aber wer weiss heute noch, was wahr und was Schwindel ist!" Die Genossen unserer Gruppe sind der Ansicht, dass der Moskauer Prozess gerade in dem Augenblick der verstärkten antirussischen Hetze des Regimes praktisch die Wirkung einer aktiven Hilfeleistung für Goebbels hatte. Rheinland- Westfalen: Die Bolschewistenhetze hat zu einem gewissen Erfolg geführt. Nicht dass man mit Hitler der Meinung ist, Russland müsste aus Europa verbannt werden. Aber es ist nicht zu bezweifeln, dass in katholischen Kreisen die Klosterverbrennungen in Spanien, die Mitteilungen über die Erschiessung von Pfarrern und Schwestern Eindruck gemacht haben. Es tritt mehr und mehr eine neue Entfremdung zwischen oppositionellen Katholiken und Kommunisten ein. Und das Bemerkenswerteste: die übrige Opposition, einschliesslich der Sozialdemokraten, lehnt heute einen Bolschewismus in Deutschland noch mehr ab als früher. Man sucht sich aufs neue von den Vertretern der Diktatur des Proletariats zu distanzieren. Ja selbst die Anhänger der Kommunisten erklären freimütig, dass für sie die alte bol schewistische Auffassung nicht mehr in Betracht komme. Auch sie wollten ein freies Deutschland ohne Unterdrückung. An die Behauptungen der illegalen KPLiteratur, dass Trotzki und Sinow jew und alle die anderen Agenten der Gestapo gewesen seien, glaubt wirklich kein Mensch auch die KP- Leute nicht. Der Trotzkisten- Frozess hat den deutschen Kommunisten schwer geschadet. Von einem tiefgründigen Erfolg der Bolschewistenhetze kann man aber nicht sprechen. Man weiss, dass ein Bolschewismus nach russischem Muster in Deutschland nicht möglich ist. Man lässt sich auch nicht verblüffen durch die Hinweise darauf, dass die demokratischen Länder dem Bolschewismus entgegentrieben. Der einfache Mann, der sich nicht mit theoretischer Haarspaltereien beschäftigt, ist sogar der Meinung, dass der A-20Dritte Reich sich im Grunde in Nichts vom bolschewistischen Russland unterscheidet. Südwestdeutschland, 1.Bericht: In den Kreisen der kleinen Handwerker und Geschäftsleute debattiert man zur Zeit lebhaft über den Bolschewismus. Man meint, dass die ganzen Nachrichten über den Bolschewismus nur deshalb verbreitet werden, um das deutsche Bürgertum in Furcht zu halten, und um dann beweisen zu können, dass, wenn die Nazis nicht wären, die Schreckensherrschaft des Bolschewismus käme. In einer lebhaften De batte hierüber am Wirtshaustisch rief einer der wütend gewordenen Kleinhandwerker:" Der Bolschewis tenschreck ist für uns das, was für die kleinen Kinder der Nachtvogel. Eine Zeitlang glaubt man daran. Wenn es aber immer wiederholt wird, dann geht dieser Glaube und damit auch die Furcht davor verloren." Man nimmt allerdings in diesen Kreisen an, dass es bei einer solchen Hetze über kurz oder lang zu einem Zusammenstoss mit Russland kommen werde. 2.Bericht: Hitler macht sich ganz bestimmt eine falsche Vorstellung von der Wirkung seiner Propaganda gegen den Bolschewismus. Die Hundertprozentigen plappern das nach, aber im allgemeinen Umgang mit normalen Menschen merkt man, dass man nicht viel davon hält." Die treibens ja zum Bolschewismus, die sind ja schuld, wenn die Leute den Bolschewismus wünschen" und ähnliche Aussprüche kann man oft hören. Der Nürnberger Parteitag begegnete in diesem Jahr einer allgemeinen Gleichgültigkeit. Höchstens fragte man nach den Kosten. Rheinland- Westfalen: Nürnberg ist in der Bevölkerung ohne Widerhall geblieben. Die Zeitungen mit den Berichten über den sogenannten Parteitag wurden kaum gelesen. Die Reden haben keinen Eindruck gemacht, bis auf die ständigen Herausforderungen Russlands. Alle übrigen Ereignisse in Nürnberg sind völlig wirkungslos an der Bevölkerung abgeglitten. Oft hörte man, dass es besser wäre, dem Volke Brot und vor allem Fett und Fleisch statt der Reden zu geben. Die unmittelbar Beteiligten aber verschwinden in der grossen Menge. Sie wurden in der Heimat während der Zeit wo sie in Nürnberg waren, nicht einmal vermisst. Und als sie zurück kamen, da gingen sie im Alltagsleben unter. Bayern: Vom Nürnberger Parteitag redet man überhaupt nicht mehr. Es war zu arg, was dort an Uebertreibung und Geschimpfe geleistet wurde, um bei ernsten Menschen eine Wirkung auslösen zu können. Es wird im Volke weiter geschimpft, natürlich mit der nötigen Vorsicht. So konnte man gar oft hören:" Ja wieso denn einen zweiten Vierjahresplan, warum wird denn nicht erst der erste vier jahresplan erfüllt?" Die ununter A 1brochene Antibolschewistenhetze in der Nazipresse zieht schon längst nicht mehr. Sachsen: Die Vorbereitungen für den Reichsparteitag in Nürnberg nahmen ja, wie aus der Presse ersichtlich war, einen ungeheueren Umfang an. Die Nachrichten darüber, dass Goebbels täglich durch die Presse und durch den Rundfunk ins Volk pumpte, wurden mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Man kann wohl sagen, dass bei dieser Veranstaltung. alle Bevölkerungsschichten in Opposition gestanden haben und diesen Rummel ablehnten. Automatisch wurden Vergleiche mit den Arbeitertagungen der früheren Parteien angestellt und vor allem fragte man sich in allen Kreisen, woher das Geld für diesen Parteitag komme, allein schon für die riesigen Bauten auf dem Parteitagsgelände. Im grossen und ganzen wurde aber vom Reichsparteitag wenig Notiz genommen. In der Parteimitgliedschaft und in den anderen Gliederungen herrschte durchaus keine Teilnahmebegeisterung, im Gegenteil, mancher versuchte sich von der Beteiligung unter allen möglichen Vorwänden zu drücken. Viele wieder nutzten die verschiedenen Vergünstigungen, wie Fahrpreisermässigung usw. aus, um einmal billig nach Nürnberg zu kommen mit dem Vorsatz, dem Rummel möglichst fernzubleiben. Schlesien: Es ist diesmal allgemein aufgefallen, dass um die Beschickung des Parteitages nicht viel hergemacht worden ist. Hat man noch im Vorjahre Mitglieder der Arbeitsfront delegiert, auch wenn sie nicht Nazis waren, so hat man diesmal die Delegation nur aus alten Kämpfern zusammengesetzt, und wer fahren wollte, musste reichlich blechen, denn die Parteikassen sind leer. Jedenfalls lehnten es Industrieleitungen diesmal ab, die Parteitagsdelegationen zu finanzieren; auch Sammlungen für diesen Zweck unterblieben. Als einer unserer Genossen bei der Hindenburger Arbeitsfront vorsprach, wer denn dieses Jahr zum Parteitag fahre, wurde ihm erklärt:" Das ist schon alles erledigt. Nur die alten Kämpfer kommen noch dran. Das habe schon aufgehört, dass man auf Kosten der Partei Reisen machen könne und dann die Partei tage lächerlich mache, wie das gerade durch Delegierte der Hindenburger Arbeitsfront der Fall war." Auch sonst wird nicht viel vom Parteitag gesprochen. Er wirkt nicht mehr so wie in den Vorjahren und selbst die Nazis sagen, man solle sie mit diesen Dingen in Ruhe lassen. A-22II. Aus der Wirtschaft ==== SE 1) Der Lebensmittelmangel Der Hitler hat keine Frau Der Bauer hat keine Sau Der Metzger hat kein Fleisch Das nennt sich nun das Dritte Reich. ( Aus Mannheim) Die wirtschaftliche Lage in Deutschland wird charakterisiert durch eine erneute Verschärfung des Rohstoffmangels und der Lebensmittelknappheit. Insbesondere der Rohstoffmangel wird jetzt nach Räumung der Läger in den Fabriken, im Gross- und Kleinhandel auch dem Verbraucher in voller Schärfe fühlbar. Mag die Proklamation des neuen Vier jahresplanes in Nürnberg auch aussenpolitische Ziele verfolgt haben-Druck auf die Westmächte, die deutschen Interessen bei dem Währungsakkord aus Anlass der bevorstehenden Franc- Abwertung zu berücksichtigen- so diente sie doch auch einem wesentlichen innerpolitischen Zweck: sie sollte dem Volke zeigen, dass die Regierung die Lage nicht nur kennt, sondern auch schon einen grosszügigen Plan ins Werk gesetzt habe, um sie zu meistern. Bis jetzt erscheint es unwahrscheinlich, dass sich aus den neuen Versorgungsschwierigkeiten ernsthafte politische Erschütterungen ergeben könnten. Wir entnehmen darüber unseren Berichten: Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die Lebensmittelschwierigkeiten, die Steigerung der Preise, überhaupt die Verschlechterung der Lebensbedingungen der breiten Massen drücken schwer. Es klagen sozusagen alle Kreise. Sie schimpfen nach wie vor und es sind nicht zuletzt die Nazis, besonders die SA- Leute, die heftige Kritik üben. Jedoch soll niemand glauben, dass diese Dinge schon soweit gediehen sind, dass es zu ernsthaften Widerstand aregungen kommen kann. So weit sind wir noch nicht in Deutschland. Das deutsche Volk kann noch viel mehr ertragen. Man schränkt sich eben ein, man isst weniger, man teilt das Vorhandene, so gut es geht, ein und-- hofft, A- 23dass es wieder besser werden könnte. Ich bin der festen Ueber zeugung, dass das deutsche Volk noch lange durchhalten kann und dass vorläufig noch niemand Hungers sterben wird. Wer an die 14 Jahre der Vergangenheit denkt, in denen wir gewiss viel Not gehabt haben, in denen es aber auch Zeiten gab, wo das Volk allgemein recht gute Zeiten hatte, der wundert sich oft, dass es jetzt eben auch geht. Gewiss merken die Leute den Unterschied, der darin liegt, dass man ohne Freiheit und in grösserer Not denn jemals leben muss, gewiss heisst es überall: hätten wir doch noch mal die Vergangenheit. Gewiss hört man immer wieder, besonders in den Kreisen, die Hitler früher zujubelten, dass doch eigentlich alles so geworden ist, wie es die Sozialdemokraten voraus gesagt haben; aber es gibt noch keinen bewussten und offene Widerstand. Dazu bedarf es ganz ausserordentlicher Ereignisse. Die Opposition rechnet in dieser Beziehung mit dem Krieg, der ja auch objektiv gesehen, zu erwarten ist. 2. Bericht: Bisher liess sich ein Teil des Volkes mit den Hinweisen darauf, dass die Versorgungsschwierigkeiten nur vorübergehender Natur seien, immer wieder beschwichtigen. Nürnberg hat manchem die Augen geöffnet, weil dort gewissermassen der Dauerzustand dieser Schwierigkeiten verkündet wurde. Besonders der Hinweis darauf, dass man im Winter mit grösseren Schwierigkeiten zu rechnen habe, hat die Unruhe ver stärkt. Infolgedessen schwindet das Vertrauen. Man glaubt einfach nicht mehr, dass die Lebensmittelversorgung unter allen Umständen sichergestellt ist. Das Volk wird in den Zeitungen darauf aufmerksam gemacht, dass gewiss nicht mehr alles zu haben sein werde; jedoch sei die" Werktagskost" unter allen Umständen gesichert. Berlin: Für die Stimmung des Mittelstandes und der unpolitischen Arbeiter ist gegenwärtig die wieder auftretende Lebensmittelknappheit besonders wichtig. Seit Wochen schon gibt es in den Arbeitergegenden nur noch Gefrierfleisch. An den Eiermangel hatte man sich schon gewöhnt. Aber jetzt wird auch die Butter wieder knapp. Vor allem aber das Rindfleisch. Es bilden sich schon wieder Schlangen vor den Läden. Auch vor den Ross schlächtereien steht man wieder Schlange. Dass die Stimmung da nicht sonderlich rosig ist, ist natürlich. Aber es ist festzustellen, dass bisher die Meckerei nicht die gleichen Formen annimmt wie im vergangenen Jahr. Man ist jetzt schon daran gewöhnt und knüpft nicht Vermutungen wie in vergangenen Jahr an die Lebensmittelknappheit. Man weiss, dass das Regime einen Ausweg findet, wenn der Mangel zu spürbar wird. Ausserdem lenkt das Regime die Misstimmung auf die Kleinhändler als Sündenböcke ab. Die Geschäfte werden abwechselnd verschieden gut beliefert. Es entsteht dadurch der Eindruck, dass die Tüchtigkeit des Einzelhändlers massgebend für gute oder schlechte Belieferung ist. Die Händler werden daher von den Kunden angetrieben, sich mehr zu kümmern. Im A-24ganzen sind bis jetzt die Filialgeschäfte besser versorgt als die Einzelhändler, so dass eine starke Abwanderung der Kunden zu den Filialgeschäften zu beobachten ist. Schlesien: Das Verhalten der Bevölkerung zur Nahrungsmittelknappheit ist sehr aggressiv. Es wird offen gegen die Pleitemacher geschimpft, die gut leben, alles zusammenstehlen und das Volk hungern lassen. Auf dem Gleiwitzer Wochenmarkt kam es vor einem Fleischerstand zu einer offenen Szene und als die Polizei erschien, beschwichtigte sie die Frauen, denn es sei ja nur im Augenblick alles etwas knapp, es würde schon wieder besser werden. Früher wären die Frauen bestimmt verhaftet worden, jetzt liess man sie aber laufen und das Publikum quittierte diesen Vorfall mit der Aeusserung, man müsse nur frei der Polizei die Wahrheit sagen, damit diese es den Lumpen oben wieder sage, wie das Volk denkt. Alles könne ja doch nicht eingesperrt werden. Es ist bezeichnend, dass scheinbar jetzt die Frauen die Männer mobil machen, damit sie auf den Arbeitsstellen Krach schlagen, wenn es kein Fleisch und keine Butter gibt. Man erinnert an die Kriegszeit, wo nur dann mehr gegeben wurde, wenn Krawalle stattgefunden haben. Es wird heute schon gemeckert, wie man es vor Wochen kaum für möglich gehalten hätte. Sachsen: Von allen Bevölkerungskreisen wird scharfe Kritik an diesen Zuständen geübt. Selbst Nazis und Fabrikanten machen hiervon keine Ausnahme. Verhaftungen sind wegen dieser Meckerei bisher wohl aus dem Grunde nicht erfolgt, weil man dann die gesamte Bevölkerung verhaften müsste. Selbst die sonst so vorsichtigen Beamten beteiligen sich an der Kritik. Ein Fabrikant hatte Anfang September mit seiner Belegschaft eine Besprechung, bei der er zum Schluss sagte:" Solche Zustände hat uns nun also das gelobte Dritte Reich gebracht und wir alle müssen kaputt gehen, damit die" tausend Führer" standesgemäss leben können." Auch von den anwesenden SA-Leuten erhielt er wegen seines Mutes Beifall. Nachteilige Folgen hat dieser Ausspruch bis jetzt für den Fabrikanten nicht gehabt. Die Amtswalter der NS- Organisationen werden von einer Zusammenkunft zur anderen gejagt, auf welchen sie Anweisung erhalten, wie sie auf die Bevölkerung einwirken sollen. Aber alle diese Beschwichtigungen nützen nichts. Die Reichsparteireden von Hitler und Goebbels haben gerade das Gegenteil von dem erreicht, was sie sollten. Heute ist es soweit, dass den Worten der Führer nicht mehr geglaubt wird, auch nicht mehr von denen, die immer die Ausrede gebrauchten, der Führer wisse von alledem nichts. Bayern: Man sollte erwarten, dass die anhaltende Fleischknappheit bei der Bevölkerung ähnlich der Butterknappheitsperiode kritische Strömungen erzeugen würde. Das ist jedoch nach unseren Beobachtungen kaum der Fall. Die Bevölkerung A-25scheint sich an diesen Zustand nun schon gewöhnt zu haben und stellt sich auf fleischlose Kost, besonders viel auf Fischkost um. Das ist besonders für den Münchner nicht leicht, der ja als starker Fleischesser bekannt ist. Die strenge Marktkontrolle hat bewirkt, dass von Schwarzschlachtungen wenig mehr zu hören ist. Das Risiko wird für den Händler zu gross. Pfalz: Mehr als von den grossen Paraden werden die Gemüter bewegt von der Lebensmittelknappheit. Die Oberhalunken haben alle Hände voll zu tun, um in Zeitungsnotizen, Anweisungen an die Versammlungsredner usw. Warnungen gegen die allgemeine Meckerei hinausgehen zu lassen. Aber das nutzt alles nichts. Es hat sich gezeigt, dass die Ernährungsfrage eben doch der kitzlichste Punkt ist. Wenn auch eine gewisse Gewöhnung an verschiedene Verschlechterungen gegen früher fest gestellt werden kann, so rufen doch besonders stark hervortretende Störungen, wie das jetzt wieder beim Fleisch der Fall war, grosse Beunruhigung und starke Kritik hervor. Es ist sehr interessant, sich einige Zeit in einer Schlange vor dem Metzgerladen aufzuhalten. Wenn die" Angestellten" gerade so eifrig im Gespräch darüber sind, wie das wohl kommen mag, dass schon wieder das Fleisch so knapp ist, kommt ein Arbeiter oder eine Arbeiterfrau und entbietet mit dem ernstesten Gesicht den" Heil- Hitler"-Gruss. Manche senken den Kopf, manche kichern und laben sich an den enttäuschten Gesichtern Ueberall scheint es besonders boshafte oder" aufgehetzte" Kinder zu geben, denn gerade sie scheinen es darauf abgesehe zu haben, in solchen Situationen recht häufig an den Hitlergruss zu erinnern. Das Regime arbeitet einerseits mit Versorgungsbeschränkungen andererseits mit Propagandamas snahmen. Vom 27. August bis zum 21. September war die Herstellung von roher Wurst und rohem Schinken untersagt. Vom 1. Oktober ab ist die Lieferung von Schlagsahne auf 25%( im Vorjahre ab 15. Oktober 60%) beschränkt und der Direktverkauf an Verbraucher verboten. Käse darf mit gewissen Ausnahmen nur noch 20% Fettgehalt haben( ebenfalls schärfere Regelung als im Vorjahre). Die Kälberschlachtungen sind vom 1. 10. ab auf 80% der Schlachtungen von Juli 1935 bis Juni 1936 kontingentiert worden, nachdem bereits vorher das Schweine- Schlachtkontingent wieder auf 70% herabgesetzt worden war.( vgl. im übrigen August- Heft, Teil B). Die Propaganda will dem Volke die Gründe der Lebensmittelknappheit auseinandersetzen und den Verbrauch auf die genügend A-26vorhandenen Lebensmittel ablenken. Fleisch und Fett sollen durch mehr Zucker, Brot und Kartoffeln ersetzt werden. Ein Artikel, der Anfang September durch die ganze Presse gegangen ist, trug die Ueberschrift:" Ausgerechnet aus Rind- und Schweinefleisch... Hausfrauen, es gibt auch Fisch und Geflügel und Wild!" Unter Führung des Reichsernährungsministeriums und des Reichsnährstandes ist eine grosse Propagandaaktion:" Kampf dem Verderb" eingeleitet worden, die das Verderben von Lebensmitteln bei Erzeugern, Händlern und Verbrauchern eindämmen will. Der Reichsnährstand ruft zum Sammeln von Fallobst auf, das für die Herstellung der verbilligtem Volks- Marmelade gebraucht werde. Welche Formen der Lebensmittelmangel angenommen hat, ergibt sich aus den nachstehenden Berichten: Schlesien, 1.Bericht: Rindfleisch fehlt im gleichen Masse wie Schweinefleisch. Den Fleischern wird Gefrierfleisch zugewiesen. Die Qualität des Fleisches und vor allem der Wurst ist schlecht. Die Wurst hat einen unappetitlichen Geruch. Das Fleisch ist minderwettig und schrumpft beim Kochen stark zusammen. Fett und Margarine werden nur Viertelpfundweise abgegeben. Wer in der Markthalle Fleisch kaufen will, muss früh um 7 Uhr da sein. Ein Fleischer, der früher 20 Schweine in der Woche verkaufte, bekam bei der letzten Knappheit 8 Stück zugewiesen, heute erhält er 2 Schweine, wenn er Glück hat. 2.Bericht( Oberschlesien): Die Fleischerinnung Beuthen hat ihre Mitglieder darauf aufmerksam gemacht, dass es im Oktober nur noch 50% der bisherigen Zuteilungen geben wird, nachdem seit der letzten" Verknappung" ohnehin weit unter 50% der früheren Mengen geliefert wurden. Fleischer, die früher noch 4 Schweine, eine Kuh und zwei Kälber zugewiesen erhielten, bekamen in der Zeit vom 1. bis 9. September nur zwei Schweine und eine Kuh. Kalb- und Hammelfleisch ist ganz ausgeblieben. Bei Speck sind die vorhandenen Mengen im Augenblick vergriffen. Allgemein rechnet man mit langer Dauer und weiterem Umsichgreifen des Mangels. Sachsen, 1.Bericht: Die Karten zum Bezuge von verbilligter Margarine werden zum Teil nicht beliefert. Dabei ist diese Margarine in der Qualität so schlecht, dass sie stinkt und fast ungeniessbar ist. In der Zittauer Morgenzeitung vom 1. August fand sich A-27folgendes bezeichnendes Inserat: Empfehle heute fettes Hundefleisch Roßichlächteret Paul Chriftoph Aeußere. Weberstraße 27, Ginaga Kaiferstraße 2. Bericht: Es fehlen Rind- und Schweinefleisch, alle Arten Wurst, Fett, Butter, Eier, ja sogar verschiedene Gemüsesorten wie Reis, Graupen, Linsen und Erbsen. Dagegen gibt es noch Bohnen. Obst und Fische kann man in allen Variationen angepriesen bekommen. Das Brot ist ein undefinierbares Gemisch. Weissbrot ist fast ungeniessbar. Butter, reichlich mit Salz durchsetzt, wird nur in 1/4 Pfd.- Stückchen abgegeben. Die Fleischermeister des oberen Vogtlandes müssen jeden Montag auf den Schlachthof nach Plauen und bekommen dort ihr Vieh zugewiesen. In der Woche vom 9. bis 16. August bekamen sie nur 35% des früher verbrauchten Schweinefleisches. An Rindfleisch erhielten sie 60%. In der Woche vom 30. August bis 5. September erhielt jeder Fleischer ein halbes geschlachtetes Schwein ohne Rücksicht darauf, wieviel er sonst an Schweinefleisch in seinem Betrieb verbraucht. Bayern, 1.Bericht: In der Ostmark ist eine neue Sorte von Volksbrot in den Handel gebracht worden, die wenig Anklang gefunden hat. Gleich darauf setzte ein lebhafter Brotschmuggel ein, der für die hiesigen Grenzverhältnisse einzigartig ist. Ein Bäckermeister, der in einem nahe an der Grenze gelegenen Dorfe in der Tschechoslovakei sich recht und schlecht durchwurstelte, macht jetzt das beste Geschäft. Alle 14 Tage fährt er mit einem Pferdefuhrwerk vollgeladen mit Brotlaiben zu einer nahe an der Grenze liegenden Unterkunftshütte. Von X. und Y. kommen die Interessenten schwarz über die Grenze und holen sich das Brot. 2. Bericht: In der über 5.000 Einwohner zählenden Stadt X. haben sich in der vorigen Woche alle Metzger und zwar für die Dauer der ganzen Woche 83 in einen Ochsen teilen müssen. Mehr wurde ihnen nicht zugewiesen. Sonst gibt es meist überhaupt nur Kuhfleisch von alten Kühen, die abgemolken sind und nicht mehr trächtig werden, also sogenannte Wurstkühe. In Nürnberger Zeitungen erschienen lange belehrende Artikel für die Hausfrauen, dass sie nicht über die Rindfleischnot schimpfen sollen und auch nicht über die ualität des Fleisches." Ist mal das Fleisch von einem etwas älteren Tiere, so lässt man es etwas länger kochen oder braten" heisst es wörtlich in diesen Artikeln. Aus dem Oberpfälzer Grenzgebiet wird berichtet, dass gerade auf dem Lande jetzt grosser Mangel an Frischfleisch A-28herrscht. Die Metzger und die Gastwirte erhalten zu gleichen Teilen Frisch- und Gefrierfleisch zugewiesen. Das Gefrierfleisch ist sehr oft von zweifelhafter Qualität und gibt beim Kochen oder Braten bereits einen üblen Geruch von sich, so dass viele Leute nach dem ersten Versuch darauf verzichten.( Ich nehme an, dass hier unsachgemässe Behandlung beim Auftauen unterlaufen ist, was auf dem Lande sehr leicht möglich ist, da man dort früher nie etwas mit Gefrierfleisch zu tun gehabt hat). 3. Bericht: In Molkereiprodukten macht sich eine zunehmende Verknappung bemerkbar. Besonders in Oberbayern ist der Milchanfall im Tal stark zurückgegangen. Die Bauern haben heuer mehr Milchkühe auf die Almen getrieben als im Vorjahre, weil sie im Almbetrieb mehr Möglichkeiten haben, die Verordnungen des Milchwirtschaftsverbandes zu umgehen. In früheren Jahren wurde in ländlichen Ortschaften der Bedarf an frischer Almbutter immer voll gedeckt. Die Bauern gingen mit Butter von Haus zu Haus, um sie anzubringen. Heute ist dieser Handel kaum sichtbar. Nur persönliche Bekannte bekommen die sehr begehrte Almbutter, der grösste Teil wird zu Ueberpreisen in die Stadt verkauft. Hartkäsesorten sind sehr gefragt und kommen nur wenig auf den Markt. Inlandsware ist schon längst aufgebraucht. Ausländische Käsesorten, wie Edamer sind auch nicht immer zu haben und die Kleinhändler nehmen Vormerkungen auf die zu erwartenden Anlieferungen auf. Südwestdeutschland: Ueberall ist auf den Wochenmärkten ein Mangel an Landbutter zu beobachten. Selbst in ländlichen Gegenden. Die teure Molkereibutter kann man noch haben. Auch in den billigeren Margarine sorten herrscht Mangel. In den Geschäften hängen Plakate, in denen darauf hingewiesen wird, dass die billige Konsummargarine nur für Minderbemittelte sei. Bessergestellte sollen die im Preise höherstehenden Marken kaufen. Wörtlich heisst es dann:" Wer dies nicht macht, trotzdem er es vermag, schadet der Volksgemeinschaft". Auch Reis ist knapp, der an die Händler nur in ganz kleinen Mengen geliefert wird. Auch wegen des Verbrauchs von Reis finden sich in allen Geschäften Plakate:" Eine Verfütterung von Reis ist streng verboten. Käufer von Reis unterwerfen sich ohne weiteres dieser Verpflichtung. Zuwiderhandelnde werden bestraft." Westfalen: In Bochum und Umgebung werden die Metzgerläden erst Mittwochs geöffnet; wer aber Speck oder frisches Schweinefleisch haben will, muss schon in aller Herrgottsfrühe zur Stelle sein. In Westfalen wie im ganzen Ruhrgebiet setzt jetzt schon wieder Butterknappheit ein. Schon seit dem letzten Winter muss das Brotmehl einen bestimmten Prozentsatz" Asche" enthalten. Ein Mühlenbesitzer sagte uns, dass seien die Bestandteile des Kornes, die nach der Vermahlung nicht mehr verbrennen. Er fügte hinzu: früher A-29wäre ich bestraft worden, wenn ich so etwas in das Brot hineingetan hätte; heute werde ich bestraft, wenn ich diese unverdaulichen Bestandteile nicht in das Mehl tue. Wasserkante: Aus Kreisen der Kolonialwarenhändler wird une berichtet, dass Waren, die vom Ausland eingeführt werden müssen, schwer zu bekommen sind. Sago, Buchweizengrütze, Maizena sind oft wochenlang nicht vorrätig. Reis gibt es nur in schlechten Qualitäten. 2) Die Rohstoffknappheit. Dass die Rohstofflage sich zuspitzt, geht schon aus der gestiegenen Zahl behördlicher Anordnungen zur Bekämpfung des Mangels hervor. Mitte August wurden Anordnungen über Streckungs mittel und Verwendungsbeschränkungen von Bleiweiss und Bleimennige, ferner über Einkaufsgenehmigungen von Bastfaserabfällen, Polsterwerg usw. erlassen. Anfang September musste die Lieferung von Zellwolle kontingentiert werden, weil die Nachfrage nach diesem Ersatzstoff wegen Mangel an Natur- Wolle die Lieferfähigkeit der erst im Aufbau begriffenen Zellwolleindustrie überstieg. Mitte September hat der Reichsverkehrsminist er die Landesbehörden angewiesen, das zu schnelle Fahren und das Ueberladen von Lastkraftwagen zu unterbinden, weil dadurch der Reifenverschleiss übermässig erhöht werde. Die Aktion" Kampf dem Verderb" erstreckt sich auch auf dieses Gebiet. Die Bevölkerung wird angehalten, Konservendosen, Lumpen Bindfaden usw. usw. zu sammeln und den Verwertungsstellen zuzuführen. Die Gemeinden lassen den Müll nach Altstoffen sichten. In Berlin wird eine neue Entzinnungsanstalt gebaut, die den Konservendosenanfall in Ostdeutschland verarbeiten soll. Korken aus Holz werden propagiert. In den Autofabriken stehen Tausende von bereits verkauften Wagen, die nicht geliefert werden können weil die Bereifung fehlt... Unseren Berichten entnehmen wir: Nordwestdeutschland: Der Rohstoffmangel hat zu dem Plan geführt, die Rüstungsindustrie auf Grossbetriebe zu konzentrieren weil dort das Material wirtschaftlicher verwendet werden könne. A-30Damit stimmt überein, dass eine Maschinenfabrik( Belegschaft 300 Mann), die seit über einem Jahre Granaten hergestellt hatte, ankündigte, sie müsse ihre Arbeiter entlassen, wenn die Heeresaufträge nicht verlängert würden. Als das nicht geschah, wurden 270 Mann entlassen.- Selbst für Auslandsaufträge bekommt die Maschinenindustrie nur von Monat zu Monat Lagerweissmetall" Thermit", Rotguss und Bronze bewilligt, und zwar nur nach energischem Drängen und mit der Drohung, man müsse die Arbeiter entlassen, wenn das Material nicht bewilligt würde. Auf sehr langen Fragebogen muss, die Verwendung des Materials bis ins kleinste nachgewiesen werden. Die letzte Frage auf den Fragebogen lautet:" Wieviel Tage können Sie den Betrieb noch aufrechterhalten, wenn das Material nicht bewilligt wird?", und es wird regelmässig geantwortet:" Keinen", aus Angst, weil sonst das benötigte Material nicht bewilligt wird.- Messing darf die Maschinenindustrie nicht mehr verwenden. Die bisher aus Messing hergestellten Maschinenteile werden aus Aluminium hergestellt. In den Prospekten und Angeboten heisst es dann:"... aus Leichtmetall mit besonders hoher Festigkeit". Daneben wird die gesamte Metallindustrie propagandistisch stark bearbeitet, um Leichtmetall zu verwenden. Eine grössere Leimfabrik musste die Herstellung eines bekannten wetterfesten Anstriches aufgeben, weil ihr nicht die Einfuhr der notwendigen Fette zugestanden wurde. Der Artikel war eine gute Exportware, da er sich besonders für die Tropen gut eignete. Die Firma bezog das Fett aus Dänemark; obwohl sie für den dreifachen Betrag allein nach D. exportierte, wurde die Einfuhr des Fettes nicht bewilligt. Die Firma hatte einen grösseren Glyzerinvorrat. Sie hat ihn unvorsichtigerweise angegeben. Es wurde ihr vorgeschrieben, wieviel sie von dem Vorrat monatlich verbrauchen darf. Auf diese Weise wurde die Verarbeitung auf mehrere Jahre verteilt, während er eigentlich nur für einige Monate bei der üblichen Produktion gereicht hätte. Eine bekannte Seifenfabrik bekommt kein Fett für ihren Spezialartikel und für ihre Waschmittelherstellung bewilligt. Ein findiger Kopf hat sich einige Helfer gesucht und besucht mit ihnen jeden Abend die Küchen der grossen Hotels, wo ihnen das Fett aus den Abwasch- Schüsseln aufgehoben wird, das dann die Firma zur Seifenfabrikation verwendet. Unter den Malermeistern blüht der Schlei chhandel mit Oelen. Hochwertiges Material müssen sie sich unter der Hand" verschaffen. Die Continental Gummi- Werke A.G. arbeitete seit dem Herbst vorigen Jahres nur drei Tage in der Woche, weil das Rohmaterial tatsächlich aufgebraucht war. Die Herstellungsversuche von synthetischem Kautschuk bei der I.G.- Farbenindustrie A.G. wurden mit Hochdruck durchgeführt, bis es gelang, ein Kunstprodukt( Buna) herzustellen, dessen Herstellungskosten nach Pressemeldungen dreimal, nach anderen Angaben jedoch fünfmal so hoch sind wie der Weltmarktpreis des Rohkautschuks. Die A-31Dauerhaftigkeit des Materials ist geringer als die des Kautschuks, jedoch ist eine grössere Beanspruchung bei kürzerer Dauer möglich. Die Maschinenindustrie hat grosse Aufträge durch die Herstellung des synthetischen Kautschuks erhalten, da die bisherigen Maschinen der durch die neue Produktion hervorgerufenen stärkeren Belastung nicht gewachsen sind; die Maschinen, besonders die Walzwerke müssen von stärkerer Konstruktion sein. Die genannten Gummiwerke hatten der Reichswehr für Riesenballonreifen einen Preis genannt, der den Preis der Reifen aus Kautschuk erheblich überstieg. Darauf erschienen Reichswehroffiziere mit SS- Führern und Gestapobeamten im Verwaltungsgebäude und verlangten, dass die Firma der Reichswehr die Reifen zu dem der Reichswehr genehmen Preise lieferte. Die Firma hätte in den letzten Jahren derartig hohe Dividenden gezahlt, dass sie jetzt für das Heer ruhig mit Verlust liefern könne. Auch heute wird aus Rohstoffmangel noch nicht wieder voll gearbeitet, obwohl, die Firma sich alle Mühe gibt, auf dem Kompensationswege Kautschuk zu erhalten. So hat sie ein grosses Werk in Spanien( Torrelavega, Santander) errichtet, um Devisenguthaben zu erwerben, die zum Ankauf von Rohkautschuk verwandt werden könnten. Die Firma hat auf ihre Kosten einen Oberingenieur nach den USA gesandt, der eine ganze Reihe befreundeter Firmen zum Ankauf einer patentierten Gummimaschine von einer Maschinenfabrik interessieren sollte, an der die Continental- Werke selbst nicht interessiert sind. Die Firma hoffte auf diese Weise der Maschinenfabrik Devis enguthaben zu verschaffen, für deren Verwertung zu Kompensationsgeschäften gegen Kautschuk sie sellst wieder die Genehmigung der Reichsbank zu erhalten hoffte. Auch ausländische Gummifirmen kaufen in Deutschland Maschinen mit dem ausgesprochenen Zweck, ihre deutschen Werke mit Kautschuk zu versorgen, obwohl sie an dieser Kompensation keinen besonderen Verdienst haben, da sie ihren deutschen Werken den Kautschuk nicht unter Weltmarktpreis liefern dürfen( z. B. Hutchinson- Paris- Mannheim; Englebert- Lüttich- Aachen; ähnlich Jenatzy- Leleux- Sclessin( Lüttich) Köln). Da es trotz grosser Anstrengungen deutschen Firmen nicht gelingt, Kautschuk in nennenswertem Umfange zu bekommen, wird neben der kostspieligen Herstellung von synthetischem Kautschuk die Regenerierung von Altgummi und die Verarbeitung von Regeneraten vorgenommen. Auch durch diese Umstellung hat die Maschinenindustrie wieder nennenswerte Aufträge erhalten. Die Qualität wurde dadurch erheblich verschlechtert, während die Preise nicht gesunken, vielmehr erhöht worden sind.- Der Mangel an Rohmaterial ist umso empfindlicher, als die Heeresaufträge erheblich sind. Die deutschen Gummifirmen bestellen Maschinen in ganzen Serien und schreiben für Maschinen, für welche die Lieferfrist normal 3 bis 4 Monate beträgt, Liefertermine von 4 Wochen vor. Es gibt daher Werke in der Gummimaschinen- Branche, die bei voller Arbeit in drei Schichten A-32infolge dieser indirekten Rüstungsaufträge einen Auftragsbestand haben, der für fast ein Jahr ausreicht. Vor kurzem ist bezüglich der Rohgummiknappheit ein ministerieller Erlass herausgekommen, in dem es heisst, dass erst die Versorgung des Heeres sichergestellt werden müsse, selbst wenn Handel und Industrie darunter leiden," da kriegsmässiger Zustand herrscht" Rheinland: Leder sind sehr knapp und werden täglich teurer. Holzwolle wird rationiert. In Kleiderstoffen hat die Hamsterwelle wieder eingesetzt, weil man befürchtet, dass die Waren durch Zusatz von Kunst- und Zellwolle immer mehr an Qualität verlieren. Südwestdeutschland: Die Saarpfälzische Schuhindustrie klagt weiterhin über ungünstige Verhältnisse. Die 60% ige Lederkontingentierung macht sich nach der Aufarbeitung der Vorräte immer stärker bemerkbar. Nur wenige Betriebe arbeiten 48 Stunden. In der Lederindustrie und im Ledergrosshandel waren die Umsätze infolge der Lederknappheit sehr schwach. Auch in den Schuhfabriken in Tuttlingen und Fahrnau- Baden werden oft Feierschichten eingelegt, da es zeitweise an Leder mangelt. In einer Frankfurter Apparatefabrik, in der zur Herstellung elektrischer Apparate Silber gebraucht wird, machte sich empfindlicher Silbermangel bemerkbar. In den letzten Augusttagen haben nun Ankäufer der Firma alle Althändler in Frankfurt abgeklopft, um Altsilber, Ringe und dergleichen zu kaufen. Eine bekannte Strickwarenfirma hat auf die Waren einen Preisaufschlag von 6 Prozent vorgenommen und ihre Lieferungen wesentlich eingeschränkt. Die Firma hat versucht, die neuen Ersatzstoffe zu verwenden und dabei hat sich herausgestellt, dass diese Garne auf ihren Maschinen nicht verarbeitet werden können. Die Fittingsfabrik in Singen a.H. verarbeitet eine neue, besonders harte Aluminiumlegierung, die für Radkapseln an Militärfahrzeugen, Scharniere an Munitionskisten und ähnliches verwandt wird. Bayern: In der letzten Zeit wird ein wahrer Propagandafeldzug geführt gegen allen Verderb in Haushalt und Heim. In öffentlichen Versammlungen, auf Plakaten und Hausanschlägen, wird die Bevölkerung aufgefordert, alles noch Verwertbare in eigens aufgestellten Altmaterialkisten zu sammeln. Die Kinder in der Schule werden von ihren Lehrern ermahnt, die Eltern in dieser Arbeit zu unterstützen. Wenn die Mutter die leere Zahntube wegwerfen will, dann sei es ihre Aufgabe, sie aufzuheben und so der Wiederverwertung zuzuführen. Besonders auf Hader, Stoffreste aller Art und Altmetalle hat man es abgesehen. Ausserdem versucht man durch Bild und Wort die deutsche Hausfrau zum Sparen anzuspornen. Die NS- Frauenschaft A-33führt Lehrvorträge durch, die den Zweck haben, die werdenden Hausfrauen und auch solche, die es schon sind, über rationelles Kochen und Aufbewahren leicht verderblicher Lebensmittel aufzuklären. Sogar der Staatsminister Wagner hat sich in den Dienst der Propaganda gestellt. Vor einiger Zeit wurde eine Versammlung der Frauenschaften in Freising auf den Marienplatz in München übertragen, wo einige Dutzend Menschen ziemlich teilnahmslos den Worten Wagners lauschten. Die Rede wirkte auch nicht besonders ermutigend; wer hört es gern, wenn immer wieder vom Sparen die Rede ist, wo man heutzutage nicht einmal die notwendigsten Anschaffungen machen kann. Er sagte u.a. wörtlich:" Wir müssen wieder so sparsam leben wie unsere Eltern und Grosseltern gelebt haben." Am Schluss hörte man den Beifall aus dem Uebertragungssaal, aber von den Zuhörern auf dem Marienplatz rührte sich keiner. Die Menschen zerstreuten sich wie bei einem Marktstand, wo der Verkäufer durch besonders lautes Geschrei die Leute angelockt hat, die angebotene Ware aber bei keinem die Kauflust anregte. Man schaut und hört hin, denkt sich das Seine und geht. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, liegen in den Kellern des Hauptmünzamtes in München für 200 Millionen Mark Aluminiumscheidemünzen zu 10, 20, 50 Pfennig und 1 Mark, mit dem Prägedatum 1936/37. Durch die besonders strenge Wahrung des Dienstgeheimnisses ist in der Oeffentlichkeit davon nichts bekannt. Voraussichtlich werden im Spätherbst diese Scheidemünzen in den Verkehr bekommen. Die roten Zettelchen, die den Verbraucher zur Ablieferung der Metalltuben ermahnen, und die bisher nur den Tuben für Zahnpaste beilagen, sind jetzt auch in den Schachteln für Schuh creme enthalten. Sachsen: Die Firma Kellermann in Limbach, Trikotagenerzeugung, die bisher täglich 8 Stunden gearbeitet hatte, ist jetzt nur noch für 3 Tage in der Woche beschäftigt, da angeblich ein Auftrag aus Frankreich storniert worden ist, weil infolge Mangel an Wolle die Lieferfristen nicht eingehalten werden konnten. Die Kammgarnspinnerei Stöhr& Co. A.G. in Markkleeberg, die vor dem Umsturz und bis Mitte 1935 ca. 1000 Arbeiter in drei Schichten beschäftigte, musste wegen Rohstoffmangel ihre Arbeiter bis auf ca. 300 entlassen, die teilweise auch noch verkürzt arbeiten. Ebenso liegen die Verhältnisse bei der Schokoladenfabrik Riquet& Co., bei welcher z.Zt. ungefähr 200 Arbeiter beschäftigt sind. Die Baumwollspinnerei im Chemnitzer Bezirk ist äusserst schlecht beschäftigt. Eine der Ursachen ist das Fehlen der geeigneten Maschinen, die infolge der Umstellung auf die Ersatzfasern gebraucht werden. Auch die Spinnereien im Bezirk liegen brach. Die Schwierigkeiten der Umstellung auf die Ersatzwirtschaft, wie auch Mangel an Rohstoffen und teilweise án Aufträgen lässt diese Industrien nicht flott werden. A-34In der Ostritzer Jute spinnerei und-Weberei sind rund 300 Leute entlassen worden. Wie stark der Materialmangel in diesem Betrieb sein muss, ergibt such aus der Tatsache, dass heute anstatt Jute sehr viel Flachs verarbeitet wird. Das war in all den Jahrzehnten, die der Betrieb läuft, nur während des Krieges der Fall. Im Bezirk Zwickau i.Sa. besteht ein Mangel an Hanf. 1/2 kg. Hanf kostet im Kleinhandel 60 bis 80 Pf., während er in der ČSR für 15 Pf. zu haben ist. Die Teppich textilwerke Adorf 1.V., welche auch Papierköper für Säcke herstellen, haben grossen Materialmangel und arbeiten weiterhin kurz. Das Rohmaterial, welches früher stets von Schweden bezogen wurde, fehlt wegen Devisenmangel. Deutsches Material, welches zwischendurch mit verwendet wurde, wird nicht mehr bezogen, da es keine haltbare Ware liefert. Auch die übrigen Webereien arbeiten verkürzt, da es an Garn und Schnur fehlt. Die Firma Salzmann& Co., Zeltplanenfabrik in Oederan war stark für Heereslieferung tätig. Bisher wurde in drei Schichten gearbeitet. Jetzt setzt die gesamte Belegschaft 2 bis 3 Tage in der Woche aus wegen Materialmangels. Die früher sehr gut beschäftigte Steinnuss- und Hornknopfdrechslerei in X. hat infolge Materialmangels sehr schleppenden Geschäftsgang. Durch stärkere Verwendung von Holzknöpfen und auch durch kleine Aufträge für Militärbedarf hat sich das Geschäft zeitweise belebt. Reifen für Lastkraftwagen 36 x 6 kosteten früher complett 90 RMark; jetzt 120 RMark. Trotzdem herrscht an Ersatzreifen ein derartiger Mangel, dass die grossen Ueberland-Lastkraftwagenzüge ohne Reservereifen fahren müssen. Treten Pannen ein, und die sind jetzt infolge der schlechten Beschaffenheit der neuen Bereifung an der Tagesordnung, so müssen die Fahrer versuchen, neue Reifen unterwegs zu kaufen. In Leipzig kam es zwischen Kraftfahrern daher zu einer Schlägerei, weil die Reifen nicht langten. Schlesien: In allen Zeitungen, Illustrierten, Zeitschriften usw. wird verstärkt das Sparen von Rohstoffen aller Art propagiert. Es wird aufgefordert, Büchsen zu sammeln, Kartoffeln dünner zu schälen usw. Daraus schliesst die Bevölkerung nicht nur auf die Wirtschaftslage, sondern auch auf baldigen Kriegsausbruch. Eine im Strassenbild Breslaus nicht mehr wegzudenkende Erscheinung ist heute wieder der Lumpen sammler mit seinem Hundewagen. Dieser Beruf ist in der letzten Zeit häufig neu ergriffen worden. Aufgekauft werden Papier, Flaschen, Dosen, Kapseln, Lumpen, Eisen usw. Das Löten mit Zinn bei Dachdeckern und Klempnern wird weitgehendst durch ein neues Schweissverfahren ersetzt. Für die A- 35Anwendung des neuen Verfahrens findet eine Umschulung der Handwerker statt.- Messingwalzen für eine SteindruckSchnellpresse waren nicht zu haben. Es gibt als Ersatz Ei senwalzen, die mit einer Metall- Legierung überzogen sind. In der Textilindustrie verschlechtert sich die Geschäftslage immer weiter. Heute schon sind Fabriken ohne Baumwolle. In den Stoff- und Konfektionsgeschäften ist wieder Konjunktur wie kaum vorher. Es werden in grösstem Masse Stoffe und Anzüge gehamstert. In der Hauptsache werden die noch vorhandenen besten Qualitäten gekauft. Uns ist ein Fall bekannt, wo 10 Anzüge auf einmal gekauft wurden, gegen bis Ende 1937 laufende Wechsel. Berlin: Die Reichsbahn hat in den letzten Jahren ihren Bestand an Kraftwagen bedeutend vermehrt. Jetzt stehen zahlreiche Wagen der Reichsbahn unbenutzbar auf den Autobahnhöfen, weil sie aus Mangel an Material nicht repariert werden können. Trotz Ueberfluss an Wagen musste die Reichsbahn bereits Kraftwagen transporte an Private abgeben. Seit langem schon besteht die Vorschrift, Putzwolle zur Reinigung zurückzuliefern. Jetzt ist von der Direktion eine neue Mahnung an das Personal ergangen, den Gebrauch von Putztüchern usw. einzuschränken und alles gebrauchte Material regelmässig zur Reinigung zurückzugeben. Diese Vorschrift wäre in letzter Zeit nicht genügend befolgt worden. Nach einer Mitteilung von anderer Seite sollen im nächsten Jahre auch die Bleiplomben für Güterwagen durch Aluminiumplomben ersetzt werden. Der Rohstoffmangel in der AEG hat weiterhin zugenommen. Rüböl wird nur in Höhe von 10% der angeforderten Menge zugeteilt, stattdessen werden andere Oele geliefert. 3) Die Preissteigerung. Mit der erneuten Lebensmittel- und Rohstoffverknappung hat auch die Preissteigerung, die in den Sommermonaten zwar keinesfalls unterbrochen worden ist, sich aber doch verlangsamt hatte, einen erneuten Antrieb erhalten. Die freien Preise steigen offer. die gebundenen Preise steigen im Schleichhandel. Besonders deutlich ist diese Entwicklung bei den Fleischpreisen: die amtlichen Preisnotierungen für Rind- und Schweinefleisch bleiben unverändert, die für Kalb- und Hammelfleisch steigen stark an. Es sind aber auch amtliche Preiserhöhungen vorgenommen worden. Die Ueberwachungsstelle für Landwirtschaft hat am 19. 9. 1936. die Höchstpreise für Schaf- und Lammfelle erhöht. Der Reichs A-36- und Preussische Wirtsohaftsminister hat eine Erhöhung der Ter- bandepreise für die Hanfindustrie um 8%(nach einer bereits am 18.11. 35 erfolgten Erhöhung um 12%) und für Strohpappe[um 1 HMark je loo kg) bewilligt. In Bayern wurde Anfang August der Bierpreis mit Zustimmung der Regierung um 4. Pf. je Liter (etwa 8- 10%) erhöht. Aus unseren Berichten ergeben sich folgende Materialien zur Prei sentwicklung: Sachsen: Wir haben eine Reihe von amtlichen Marktnotierun- gen verfolgt und sind dabei zu folgenden Feststellungen gelangt: 1. Preise in der Markthalle Dresden nach dem amtl..Bericht 19.8. 22.9. für 1/2 kg. Kalbfleisch: Schnitzel Keule, Rücken, Schulter,] Hals, Bauch mit Brust) Hachse Leber Wammalf leisoh: Keule Rücken Kamm Bauch mit Brust Blatt 2. Preise am Flauener Schlaohtviehmarkt(amtl. Bericht): Ochsen, höchsten Schlacht wertes Färsen"" Kälber, beste Mast- u.Saugk mittjare" geringere Saugkälber Weidemasthammel Schafe, mittlere A-373. Chemnitzer Schlachtvishmarkt( amtl. Bericht): 20.7.36 27.7.36117.8.361 24.8.36 in RMK für 50 kg Lebendgewicht Kälber, beste Mast- u.Saugk. 60-65 70-72 75-78 85-90 mittlere" geringere Kälber 52-58 64-68 70-74 78-84 geringere Saugkälber 45-50 58-63 62-69 70-77 40-44 52-57 50-60 65-68 Hammel, beste Weidemasth. 48-52 48-52 56-60 60-65 mittlere und ältere 44-46 44-47 47-54 52-58 Schafe, beste 45-47 45-46 53-58 59-62 mittlere 40-44 50-57 4.Zittauer Marktpreise( amtl. Bericht): 15.8.36. 19.9.36 in RMk für 1/2 kg Schmeer( Flomen) Enten Ziegenfleisch Suppenhühner 0,90 1,10 1,20 1, lo 1,20 0,70 0,80 0,80 0,90 Auch die Mineralölpreise sind enorm gestiegen. Das beste Standard- Motor- Oil koste te vor dem Umsturz 1,20 RMK pro Liter. Jetzt verkauft die Gesellschaft regeneriertes Oel. Das ist also Oel, welches bereits verbraucht, aber aufgefangen und wieder gereinigt worden ist. Der Liter solchen minderwertigen Oels kostet jetzt 1,50 bis 1,70 RMK. Auch die Benzinpreise sind gestiegen. Die jetzigen Preise liegen um mindesten 2 bis 3 Pfennige pro Liter über den Preisen von 1932. Leder ist bei verminderter Qualität bedeutend teurer geworden. Früher bezahlte man für ein Stück Leder für ein Paar Herrensohlen 1,15 bis 1,20 RMK. Jetzt muss man dafür 1,40 bis 1,70 RMK zahlen. Wasserkante: Wie die Grosshandelspreise für Kalb- und Hammelfleisch in den letzten Monaten gestiegen sind, ergibt sich aus nachstehender Uebersicht, die auf den amtlichen Notierungen der Preise bei den Verkäufen der Grossschlächter an die Ladenfleischer beruht: Preise für jnied höch- ni ed- höch- nied- höch- nied- höch50 kg in RMk.rig- ster rig- ster rig ster rig- ster ster ster ster ster Vom 1.- 7.3.36 9.- 15.8.36 23.- 29.8.36 13.- 19.9.36 Kalbfleisch beste Mastu.Saugk. 100 108 116. 122 125 135 130 138. 98 105 115 115 124 llo 125 mittlere Mastu. Saugkälber go A-38Preise für nied 50 kg in RMk.rigvom: geringere Saugkälber höch- nied- höch- nied- höch- nied- höchster rig- ster rig- ster rig- ster ster 1.- 7.3.36 ster ster ster 9.- 15.8.36 23.- 29.8.36. 13.- 19.9.36 90 loo 105 115 loo geringere Kälber Hammelfleisch: beste Mastlämm.loo 70 82 llo 44 65 70 80 80 90 85 95 105 105 113 llo 128 105 114 beste Masthammel, mittl.Mastlämmer u. ältere Masthammel 95 loo 98 104 105 120 98 105. beste und mittlere Schafe 90 90 llo 88 98 80 84 90 Bayern, 1.Bericht: Eine der fühlbarsten Preissteigerungen war bei uns die Bierpreiserhöhung. Wie wir schon früher berichteten, wurde die letzte Biersteuererhöhung auf Kosten der Brauereien durchgeführt. Seit dieser Zeit führen die Brauereien einen harten Kampf um ihre Existenz. Ohne jede Vorbereitung in der Oeffentlichkeit wurde nun Anfang August der Bierpreis um 4 Pf. pro Liter erhöht. Interessant dabei ist, dass nur der " Völkische Beobachter" eine Notiz darüber gebracht hat. Früher gab es grosse Zeitungspolemiken, heute geht alles ohne sichtbaren Widerhall in der Oeffentlichkeit vor sich. Umso grösser ist die Erregung der Bevölkerung. Gerade in dieser Jahreszeit betrachtet man die Bierpreiserhöhung als eine schwere Belastung. Aber der Protest ebbt sich bei den Kellnerinnen ab, weiter kommt er nicht. 2. Bericht: Das Bier wurde um 4 Pf. je Liter verteuert. In Orten, in denen man ein kleineres Schankmass als einen halben Liter hatte, beträgt die Preissteigerung sogar 6 Pf pro Liter. In X. z. B. sind statt der halben Literglässer 0,45- Litergläser eingeführt; trotzdem wurde der Bierpreis für dieses 0,45-1- Glas ebenfalls von 23 auf 25 Pf. erhöht. Die Bierpreise wurden in Bayern im November 1934 durch ein Dekret des Innenministers Wagner um 4 Pf. pro Liter Lagerbier gesenkt. Damals war es ein Erfolg der regierenden Nazis, es hatten auch die Preise dem Diktat eines Ministers und Gauleiters zu folgen. Jetzt aber wurde den Brauereien die Ermächtigung erteilt, nach Massgabe der wirtschaftlichen Lage ihrer Betriebe, die Bierpreise, wie sie vor dem 16. November 1934 waren, wieder herzustellen. Nun verkriecht sich die angeblich starke Regierung hinter die Brauereien. Die en trechteten Arbeiter und sonstigen kleinen Leute sehen an diesem Beispiel deutlich, dass das Braukapital mächtiger ist als die Regierung, dass die Regierung nur rücksichtslos gegen die kleinen Leute ist, aber nicht gegen die Kapitalisten, und das ist es, was diese Kritik auslöste und sie nicht verstummen lässt. Denn es A-39gibt Brauereien mit 10 und 12% Dividende und auch diese haben die Bierpreise sofort erhöht. 3. Bericht: Die Zuckerpreise wurden um 2 Pf. erhöht. Die Erhöhung ist gerade zur Einkochzeit den Hausfrauen doppelt ungelegen. Ein Ei kostete im Bayerischen Wald früher beim Bauern 7 Pf., jetzt 10 Pf., in Nürnberg auf dem Wochenmarkt früher 7- 8 Pf., jetzt 14 Pf. Der Wurstmangel hat auch zu einer Steigerung der Wurstpreise geführt. Geringwertiger Leberkäse, der vordem 80 Pf. pro Pfund kostete, kostet jetzt 1,20 Mark pro Pfund; Schweinefett früher 80 Pf., jetzt 1,30 Mark. Früher war es immer so, dass ausgelassenes Schweinefett um 10 Pf. pro Pfund mehr koste te als das Schweinefleisch. Nun beträgt der amtliche Preis für Schweinefleisch 90 Pf., aber das Schweinefett kostet 1,30 Mark. In X. erzählte ein Schuhmachermeister: Gestern hatten wir Versammlung, zu der ein Vertreter der Abteilung Leder der NS- Hago da war, der uns begreiflich machen wollte, dass eine Lederpreiserhöhung um 30% durchgeführt werden müsse und dass wir dem Volke das begreiflich machen müssen. Im Interesse der grossen Sache müsse das Volk diese Teuerung auf sich nehmen. Wir hätten den Kerl beinahe aus der Versammlung hinausgeworfen. Oben am grünen Tisch macht man die Teuerung, uns schickt man einen Redner her und wir wollen es dann dem Volke begreiflich machen, dass das so recht ist. Wir müssen ja alle noch zugrunde gehen. Mit dem Zuzug der ersten Fremden ins Oberland sind die Preise der Hotels und Gaststätten erheblich gesteigert worden. In Gaststätten mittlerer Preislage verlangt man für ein Durchschnitts- Menü 1,50 Mark, das früher für höchstens 1 Mark abgegeben wurde. Diese Umstellung auf die Saison ist eine alljährliche Erscheinung, doch war noch nie eine so starke Preiserhöhung zu beobachten. Die Gastwirte begründen diese ausserordentlich starke Erhöhung mit der allgemeinen Verteuerung der Lebensmittel. Südwestdeutschland: In den letzten Wochen hat wieder eine starke Preissteigerung für Lebensmittel eingesetzt. Den Metzgern wurde erlaubt, den Preis für Kalbfleisch von 1 Mark auf 1,20 Mark zu erhöhen. Die Preise für Schweinefleisch wurden für einzelne Stücke ebenfalls heraufgesetzt. Auch die Würste wurden im Preise erhöht oder sie werden kleiner gemacht. Verschiedene Wurstsorten gibt es nur noch in erster Qualität. Für erste Qualität ist bekanntlich kein Höchstpreis festgesetzt. Bei Aufschnitt ist insofern ein Preisaufschlag eingetreten, als man jetzt beim Kauf gefragt wird:" Mit oder ohne Schinken". Mit Schinken kostet dann der Aufschnitt bis zu 10 Pf. das Viertelpfund mehr. Bei den Schuhen und zwar bei allen Sorten ist in den letzten Monaten( seit Juni) eine Preissteigerung eingetreten und zwar um 15 bis 20 Prozent. Bei der von der Masse gekauften 4-40Schuh bekleidung ist ein durchschnittlicher Aufschlag von 2 bis 3 Mark pro Paar festzustellen. Berlin: In den letzten Monaten war eine weitere Preissteigerung für Stoffe und Rauchwaren zu beobachten. Forster Konfektionsstoffe, die Mitte Mai 1,50 Mark kosteten, werden Mitte Juni mit 1,70 Mark pro Meter gehandelt, Qualitäten zwischen 2 und 3 Mark sind um 0,25 Mark per Meter gestiegen, zwischen 3 und 4 Mark 0,40 und 0,50 Mark. Ia Ledervelour, der im Juni 5,85 Mark gekostet hat, muss seit Juli mit 7,50 Mark bezahlt werden. Aehnlich verläuft die Preisentwicklung im Rauchwarenhandel. Persianerfelle, die vor 10 Tagen noch für 15 Mark zu haben waren, kosten heute über 22 Mark. Diese bedrohliche Entwicklung wird auch durch die Ende Juni erfolgte Festsetzung von Höchstpreisen für den Rauchwarenhandel gekennzeichnet. Generell ist ein Mangel an guten Pelzsorten zu beobachten. Hier wirken sich die fehlgeschlagenen Verhandlungen mit Russland immer schärfer aus. Schlesien: Die Kohlenhändler zahlen für Kohlen I. Qualität ab Grube pro Waggon(= 20 t) 12 Mark mehr, der Kleinhandelspreis ist pro Zentner um 1 Pf. gestiegen. Den Kohlenhändlern wurde demnach die Verdienstspanne pro Zentner um 2 Pf. gekürzt. In Gleiwitz 0.Schles. betrugen die Preise für Speck( 1/2 kg) im Januar 1933 0,50 bis 0,60 RMark, heute kostet 1/2 kg. Speck das Doppelte: 1 RMark bis 1,20 RMark. Fleisch billigster Qualität erhielt man früher für 0,50, heute nur für 0,90 RMark. Margarine der billigsten Qualität koste te früher 0,26 RMark( 1/2 kg), heute kostet die gleiche Qualität 0,65 RMark. 4) Die Preisüberwachung Das Regime versucht, die bedrohliche Preisentwicklung durch Verschärfung der Preisüberwachung einzudämmen. Der Reichsernährungsminister hat Anfang September seine Verordnung vom 5. Dezember 1935, die die Verhängung von Ordnungsstrafen gegen alle Preisüberschreitungen bei Lebensmitteln( nicht nur bei Lieferung an den Verbraucher) zulässt, bis zum 31. März 1937 verlängert. Die Regierungspräsidenten, vor allem die von Rheinland- Westfalen haben scharfe Massnahmen( neben Geldstrafen auch Betriebsschliessungen) angedroht. In der Bekanntmachung des Regierungspräsidenten in Düsseldorf vom 19. 9. heisst es: A-41" Der Regierungspräsident wendet sich nochmals mit einer ernsten Mahnung an alle, die es angeht, sich im Rahmen der festgesetzten Höchstpreise zu halten. Mit gleichem Nachdruck werden die Gross- und Zwischenhändler, insbesondere auch die Fleischwarenfabrikanten und die Erzeuger gewarnt, die ihnen gesetzten Preisgrenzen zu überschreiten. Geschieht das trotzdem, so werden die auf den verschiedensten Gebieten bereits ergriffenen Massnahmen noch verschärft werden. Die Aufgabe der mit der Preisüberwachung betrauten Dienststellen könnte wesentlich erleichtert werden, wenn insbesondere die Hausfrauen bei ihren Einkäufen darauf achten würden, dass die vorgeschriebenen und meist in den Preisverzeichnissen bekanntgegebenen Preise eingehalten und alle darüber hinausgehenden Forderungen energisch zurückgewiesen würden." Der Reichswirtschaft aminister hat die Preiserhöhungen zweier Autoreifen- Fabriken aufgehoben, weil sie diese Erhöhungen " ohne Rücksicht auf die ihnen aus den wirtschaftlichen Erfor-. dernissen der Gegenwart erwachsenden Pflichten" vorgenommen haben. Aus allen Landesteilen liegen Pressemeldungen über Verhängung von Schutzhaft wegen Preisüberschreitungen, vor allem gegen Fleischer, vor. Aus den nachstehenden Berichten ergibt sich, dass trotz aller dieser rücksichtslosen Massnahmen Umgehungen der Preisvorschrif ten nach wie vor an der Tagesordnung sind. Südwestdeutschland: Der Wille der Regierung und der nachgeordneten Behörden, Preissteigerungen zu verhindern, kann nicht bezweifelt werden. Der Kampf gegen die Preissteigerung wird aus der klar ausgesprochenen Erkenntnis heraus geführt, dass, wenn die Preissteigerungen nicht unterbunden werden können, eine Erhöhung der heute schon ungenügenden Löhne nicht mehr aufzuhalten sein wird. Das Regime kämpft also auf diesem Gebiete geradezu einen Verzweiflungskampf. Wie dieser Kampf geführt wird, dafür folgende Beispiele: In der Stadt X. beschlossen die Metzgermeister eine Preiserhöhung bei Rindfleisch von 80 auf 87 Pf. je Pfund. Dieser Preisaufschlag wurde auch tatsächlich am nächsten Morgen durchgerührt. Dann aber erschien die Polizei, die den Metzgern mit sofortiger Schliessung der Geschäfte und mit Verhaftung drohte, wenn sie nicht sofort wieder zu dem festgesetzten Preis von 80 Pf. verkaufen würden. Einige Tage darauf erhielten die Metzger vom Bezirksamt eine schriftliche Rüge, in der im Wiederholungsfalle eine Geldstrafe von 200 Mark und eventuell neben der Geldstrafe noch weitere Strafen angeboten wurden. A-42In einer württembergischen Industries tradt beschlossen die Metzgermeister ebenfalls eine Preiserhöhung für das Pfund Rindfleisch von 80 auf 85 Pf. Hier konnten die Metzgermeister den Aufschlag sogar 3 Tage durchhalten. Am vierten Tag erschien dann der Obermeister in Begleitung der Kriminalpolizei und verlangte ebenfalls unter Androhung von Haftstrafen die Wiedereinführung des festgesetzten Höchtspreises von 80 Pf. Schon eine Stunde nach diesem Besuche des Obermeisters prüfte die uniformierte Polizei und sah nach, ob auf den Preistafeln der Preis auch in 80 Pf. umgeändert war. Für die Metzger ergibt sich hier bezüglich der Rentabilität folgende Berechnung: Den Metzgern, die Schweinefleisch und Kalbfleisch verkaufen können, ist noch ein gewisser Verdienst möglich. Sobald es sich aber um Rindfleisch handelt, entsteht mehr und mehr ein Verlustgeschäft. Die Höchstpreise für Schlachtvieh sind bei Rindfleisch auf 39 bis 41 Pf. je Pfund Lebendgewicht festgesetzt. Unter diesen Preisen bekommt der Metzger nichts zu kaufen. Die Landwirte verkaufen aber zu diesem Preise nur minderwertiges Schlachtvieh. Die Ausbeute für den Fleisch verkauf beträgt nur rund 50% des Schlachtgewichts. Bei einem Verkaufspreis von 80 Pf heben sich also Einnahmen und Ausgaben gegenseitig auf. Der Metzger hat als Mehrerlös lediglich die Einnahmen aus der Haut, den Eingeweiden, Herz und Nieren usw. Von diesem Mehrerlös soll er nun alle Abgaben wie Schlachthausgebühren, Löhne, Steuern usw. bezahlen. Besseres Grossvieh wird von den Bauern nur als Nutzvieh verkauft und die dafür verlangten Preise sind für den Metzger beim Verkauf nach Höchstpreisen völlig untragbar. Sehr aufschlussreich sind auch die nachstehenden drei Bekanntmachungen aus dem Wirtschaftsgebiet Saarland- Pfalz: 1. Bekanntmachung des Gauleisters Bürckel vom 13.7.1936: " Es sind mir Fälle von Preissteigerungen bekannt geworden, die jedes Verständnis für die Lage des kleinen Mannes vermissen lassen. Ich habe deshalb den Pg. Regierungsdirektor Nietmann mit der Ueberprüfung der Preise beauftragt und ihn angewiesen, mit allen Mitteln überhöhte Preise zu senken und im Falle unzulässiger Preissteigerungen rücksichtslos einzuschreiten." 2. Aus einer Bekanntmachung des Beauftragten des Gauleiters für Preisüberwachung vom 25. Juli: " Spekulativer Kettenhandel an lebensnotwendigen Gütern ist nicht selten. Zudem zwingen diese Tatsachen zu dem Schluss, dass die zur Regelung der Versorgung berufenen Organisationen sich noch nicht vollkommen eingespielt haben. Die Eierpreise werden rücksichtslos erhöht, die Klassifizierung nicht vorgenommen und der Verkauf geschickt versteckt an der hinteren Ladentür, unter der Theke zu überhöhten Preisen. Die Uebertretung der Fleisch- und Wurstpreise ist uner A-43hört, insbesondere im saarländischen Teil des Gebietes, wo wahrhaftig der Zeitpunkt gekommen wäre, endlich die Fleischpreise zu senken. Wenn ausgerechnet dann weite Kreise glauben, die Wurstpreise stillschweigend zu erhöhen, so ist dieses Verhalten besonders verwerflich. Eine Anzahl von Wirtschaftsbetrieben nimmt Erhöhungen der Mineralwasserpreise vor, trotzdem auch hierzu gar keine Veranlassung und Notwendigkeit vorliegt. Einige Hausbesitzer halten den Zeitpunkt für besonders" geeignet", Mietsteigerungen durchzuführen. Um den festgestellten systematischen Preissteigerungen das Handwerk zu legen und diesen Wucherbetrieben ein Ende zu machen, aber auch um den ehrbaren und anständigen Kaufmann zu schützen, sind die mit der Preisüberwachung beauftragten Polizei organe angewiesen, in jedem Uebertretungsfalle sofort Anzeige zu erstatten. Die bisherigen Verwarnungen werden eingestellt und an ihrer Stelle sofort empfind liche Geldstrafen verhängt; darüber hinaus wird die Frage der Schliessung des Geschäftsbetriebes geprüft werden..." 3. Aus einer Bekanntmachung des Polizeipräsidenten von Saarbrücken vom 21. August: " Der Gemüsegrosshändler D. aus Saarbrücken wurde in Schutzhaft genommen, weil D. nicht nur wiederholt gegen die. Verordnungen des Herrn Reichskommissars betreffend die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln verstossen, sondern weil der Händler durch seine Verkauf smethode ein krasses asoziales Verhalten an den Tag gelegt hat. Der Grosshändler nutze die augenblickliche Knappheit an Tomaten aus, indem er an Kleinhändler Tomaten, die zur Zeit sehr stark begehrt sind, nur unter der Bedingung abgab, dass diese auch ein bestimmtes Quantum Wirsing mitkauften..." Bayern: Die Preisverordnungen werden rigoros durchgeführt... Streifkolonnen sorgen dafür, dass die vorgeschriebenen Preistafeln vor den Ladengeschäften jede Preisveränderung erkennen lassen. Vielfach kommt es vor, dass die Käuferschaft sich mit den Händlern gegen diese Verordnungen verbindet und sie gemein sam umgeht. Auch auf dem Eiermarkt hat sich keine Besserung eingestellt. Die Ende Juni erlassene Preisverordnung des bayerischen Eierwirtschaftsverbandes wird nur in den grösseren Stadtmärkten und Ladengeschäften beachtet. Die Händler umgehen diese Verordnungen des Verbandes wo sie können, weil sie Gefahr laufen, dass sich die Kleinkaufleute nach bäuerlichen Lieferanten umsehen. In Polizeihaft genommen wurde der Metzgermeister Georg Krapfenbauer von Vohenstrauss. Krapfenbauer, der Besitzer der grössten Fleischerei von Vohenstrauss ist, wurde überführt, dass er unter Ueberschreitung seines Kontingents schwarz geschlachtet hatte. Das schwarzgeschlachtete Tier, ein neun Zentner schweres Kalb, wurde beschlagnahmt. A- 44Schlesien: Bei den Händlern wird eine scharfe Kontrolle der Preise durchgeführt. Aber nicht etwa nur wegen Preisüberschreitungen, sondern wegen Nichteinhaltung der Mindest preise. In der Grossmarkthalle in X. standen eine Anzahl Händler beisammen und besprachen diese Kontrollen. Dabei wurden Erlebnisse mit den Kontrolleuren zum Besten gegeben. Eine Marktfrau erzählte, sie habe 1/2 Pfund Butter zu 70 Pf. verkauft statt zu 71 Pf., wie es vorgeschrieben sei. Der Kontrolleur habe 1 RMark Strafe festgesetzt, die gleich kassiert wurde. Ein Fleischer erzählte, dass ihm ebenfalls eine Strafe von 1 RMark zudiktiert worden sei, weil er Fleisch um 1 Pf. unter dem vorgeschriebenen Preise abgegeben habe. Er habe die Strafe nicht bezahlt, sondern Einspruch erhoben. Auf den Einspruch hin wurde ihm eine Strafe von 15 RMark vorgeschrieben. Ein Bäudler erzählte, dass man bei den Kontrollen überhaupt nicht der Bestrafung entgehen könne. Die Eier würden nachgewogen, dann findet sich sicher ein Ei der Klasse B unter denen der Klasse A. Er habe bei der letzten Kontrolle dem Kontrolleur gleich beim Betreten des Ladens 1 RMark hingelegt mit dem Bemerken:" Hier haben Sie gleich die Strafe, finden werden Sie sowieso etwas." Rheinland- Westfalen: Auch Kartoffeln sind durchaus nicht mehr in den gewohnten Mengen zu bekommen. Auch hier steigen die Preise und alle Verordnungen des Regierungspräsidenten über die Höchstpreise sanktionieren im Grunde nur einen Zustand, der bereits bei Bekanntwerden der Verordnungen wieder überholt ist. Gegenwärtig beträgt der Höchstpreis für Kartoffeln 0,50 RMark für 5 kg. Es werden aber bereits höhere Preise gezahlt, weil auch die Kartoffeln nicht immer in ausreichender Menge vorhanden sind. Und die Städter ziehen aufs Land zum Hamstern, weil sie Sorge haben, dass der Winter noch erheblich grössere Schwierigkeiten bringen werde. In den Metzgereien werden die ausgehängten Fleisch- und Wurstpreise täglich überschritten. Meist wird den Kunden erklärt, dass die ausgehängten Preise natürlich für eine schlechtere Sorte gelten. Das Publikum zahlt, weil es die Ware haben will. 5) Schwankendes Vertrauen in die Währung. Wir haben wiederholt( zuletzt im Juni- Heft, Seite ▲ 34r) darüber berichtet, dass das Misstrauen gegen die Geld- und Kreditpolitik des Regimes immer wieder neu geweckt wird. In den letzten Wochen sind uns darüber folgende Berichte zugegangen: Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Schon im Herbst 1935 hörte man oft Unternehmer von einer Zwangsanleihe reden, die der Wirtschaft auferlegt werden sollte. Damals sprachen die A-45Hausbesitzer von Zwangshypotheken auf alle bebauten Grundstücke und von Steuererhöhungen, die in der Weise vorgenommen werden sollten, dass der Grundbuchwert aller bebauten Grundstücke erhöht werden sollte. In diesem Kreise erzählte.. man damals, dass in Berlin bereits der Grundbuchwert aller Häuser um 50% erhöht worden sei. In einem Verwaltungsstreitverfahren wurde festgestellt, dass die Stadtsparkasse der kleinen westfälischen Stadt I.. schon im Januar 1934 überhaupt kein flüssiges Geld mehr hatte. Sparkassenbeamte einer grosstädtischen Sparkasse erzählen, dass es schon seit langen keine einzige Sparkasse oder Bank gäbe, die liquide sei. Alles Geld würde für die Arbeitsbeschaffung verwendet; die Guthaben beständen aus Arbeitsbeschaffungswechseln. Bei dieser Sparkasse beträgt jetzt der Höchstbetrag für Abhebungen bei täglicher Kündigung hundert Mark. Ein öffentliches Geldinstitut, dessen Hauptaufgabe früher die Geldbeschaffung für Kommunen, Genossenschaften und Private zur Durchführung von Bauvorhaben war, hat seit Herbst 1935 keine Gelder für Hypotheken mehr zur Verfügung. Während früher ein Bauherr mühelos von diesem Institut eine Hypothek von 5.000 und auch mehr Mark erhalten konnte, gibt es heute zu diesem Zweck nur kurzfristige Personalkredite von 1.000 Mark. Ein Ansturm auf die Sparkassen ist in der Einwohnerschaft nicht zu bemerken im Gegensatz zum Herbst 1935, wo zeitweise der Satz für Abhebungen nur 20 Mark täglich betrug. Damals wurden Käufe von Wäsche und vor allem Hamsterkäufe von Lebensmitteln vorgenommen. Dagegen besteht starke Neigung, Geld in Werten anzulegen, in Gärten oder, selbst wenn keine Bauabsicht besteht, in einem Baugrundstück. Andererseits haben auch viele die Absicht, aus dem schlechten Stande der deutschen Mark Vorteile zu ziehen. Ein Pg. und Mitglied des Vertrauensrates einer grossen Firma hat uns einen Plan entwickelt, wie man durch Banknotenverschiebung an dem tiefen Kursstand der Mark in Holland profitieren könne. In einer Maschinenfabrik gingen im März d. Jhrs. Anfragen ausländischer Vertreter ein, ob die Gerüchte über eine Markabwertung, von der im Ausland viel gesprochen werde, den Tatsachen entsprächen und ob es daher nicht besser wäre, in Zukunft in fremder Valuta anzubieten, um dem Risiko einer Abwertung der Mark zu entgehen. Diese Anfragen wurden damals von der deutschen Firma in dem Sinne beantwortet, dass an eine Abwertung der Mark bestimmt nicht zu denken sei. Einige Wochen später gab plötzlich der betreffende Unternehmer, der Leiter einer Fachgruppe in der Organisation der gewerblichen Wirtschaft, die Anweisung, dass Auslandsangebote nur noch in Dollar, Pfund und Gulden abgegeben werden sollten. Diese Massnahme hat alarmierend nicht nur in der fraglichen Branche gewirkt, sondern, da sie ja in weiten Kreisen bekannt wurde, darüber hinaus. A-46In den lassen des Volkes glaubt man, dass eine selbst begrenzte Abwertung der Mark man sprach von 30 Prozent-, den Anfang einer Inflation bedeutet. Man glaubt, dass da r Hitlers Stern rascher als durch irgend eine andere Massnahme sinken wird. 2.Bericht: Bei allen Leuten, die wirtschaftlich ber der Durchschnitt stehen, ist das Bestreben vorhanden, jede vorhandene Geldmenge gleich in Waren anzulegen. Es werden besonders gekauft: Haushaltsgegenstände, Wäscheeinrichtungen, Silberwaren und ausgesprochene Luxusartikel. Das richtet sich nach dem Stande der vorhandenen Mittel. Bei vielen Betriebsführungen besteht das Bestreben, erzielte Ueberschüsse zur Verbesserungen der Betriebsanlagen zu verwenden, die nicht immer sehr notwendig sind. Man kauft z. B. serienweise neue Schreibmaschinen, Autos usw., ohne dass die alten abgenutzt wären. Auf der anderen Seite winkt bei solchen Anschaffungen eine Steuerermässigung. Bayern: Die in der letzten Zeit zunehmende Kriegspsychose hat sogar zu erhöhten Abhebungen von Sparkassenguthaben geführt. Die Sparer kaufen wahllos Grundstücke und Liegenschaften zusammen, ohne auf den später zu realisierenden Ertrag Rücksicht zu nehmen. Es ist weniger Inflationsfurcht als Angst vor dem Kriege und der zwangsweisen Besteuerung der Vermögen. Dieser Ausfall an Spareinlagen wird nur teilweise aufgehoben durch die grossen Zwangssparverbände wie z. B. die Hitlerjugend. Schlesien: Die letzte 700- Millionen Anleihe surde in der Arbeiterschaft besprochen. Es ist das erste Mal, dass derartige wirtschaftspolitische Vorgänge in weiteren Arbeiterkreisen Interesse auslisten. Anlass dazu gab die Pressemeldung, dass seit 1933 3 1/2 Milliarden innere Anleihe aufgenommen worden seien. In Arbeiterkreisen sagte man, dass man sich klar sein müsse, das weder bei den Sparkassen noch bei den Versicherungsinstituten noch Gelder vorhanden sein könnten. Alles habe das Reich für die Aufrüstung weggenommen. Wer bei den Sparkassen grössere Abhebungen nacht, muss den Zweck, für den de Geld gebraucht werden soll, angeben. 6) Aus ce: Exportindustrie. Ueber Erfahrungen i er deutschen Exportwirtschaft entnehmen Fr einem Sonderberi Die Exporteure kia- n allgemein über die bürokratische Regelung des Ausfuhr schäftes. So können dringende Anfragen und Angebotsanforder. gen, die oft per Luftpost erledigt aerden müssen, nicht er cksichtigt werden, weil jede Auslands A-47anfrage erst der zuständigen Wirtschaftsgruppe zugeleitet werden muss, die umständliche Verfahren anwendet, bis das Angebot gemacht werden kann. Eine andere Schwierigkeit ist die Bewilligung der Ausfuhrrückvergütung. Die Spesen( ausser Provision, Cif- Kosten) sind im Auslandsgeschäft oft sehr hoch; es gibt da Vertrauensprovisionen und anderes, was der Exporteur nicht auf den Preis aufschlagen kann, sondern was er, um überhaupt ein Geschäft abschliessen zu können, von seinem eigenen Verdienst nachlassen muss. Auch für solche Spesen müsste der Exporteur seiner Ansicht nach das Zusatzausfuhrverfahren in Anspruch nehmen können, auch für diesen Betrag müsste ihm die Ausfuhrrückvergütung gezahlt werden, weil es oft erst dadurch zu einem Geschäft gekommen ist. Aber die Prüfungsstellen der Wirtschaftsgruppen, welche die Ausfuhrrückvergütung zu bewilligen haben, lehnen es regelmässig ab, solche Extraspesen mit in die Bewilligung einzubeziehen. Dadurch und durch den schleppenden Geschäftsgang bei den Wirtschaftsgruppen entstehen bei den Exporteuren grosse Schwierigkeiten, und man kann in Briefen von Exporteuren z. B. lesen:" Auf solche Weise glauben die Bonzen der Bürokratie, die nichts vom Exportgeschäft verstehen, den Export zu fördern! Sie ruinieren ihn!" Oder:" Damit glaubt man heutzutage die Geschäftslust der Exporteure erhöhen zu können! Die Herren nehmen einem überhaupt die Lust, noch Geschäfte abzuschliessen!" Die Abwicklung der Formalitäten im Exportgeschäft ist dermassen kompliziert, dass grössere Firmen mehrere Angestellte beschäftigen müssen, um alle die notwendigen Formalitäten von der Anfragemeldung bis zum Scripsantrag erledigen zu müssen. Bei den Wirtschaftsgruppen selbst hat ein umfangreicher Beamtenapparat die eingehenden Meldungen zu bearbeiten, die Preise zu prüfen und schliesslich das Bewilligungsverfahren durchzuführen. Die das Auslandsgeschäft ausführende Firma hat dann schliesslich der Reichsbank- Devisenstelle eine genaue Abrechnung über den durch das Geschäft erworbenen Devisenbetrag, den die Firma natürlich niemals selbst zu sehen bekommt, einzureichen.- Jede Auslandsanfrage im Betrage von über 15.000 Mark ist der zuständigen Fachuntergruppe, Fachgruppe und Wirtschaftsgruppe vor der Angebotsabgabe einzureichen und zwar mit dem Angebotspreis. Die betreffende Firma bekommt von der Wirtschaftsgruppe darüber Bescheid, welche anderen Firmen dieselbe Anfrage vorliegen haben. Die zuerst meldende Firma hat dann mit allen anderen Firmen eine Verständigung über den Preis herbeizuführen. Das ist oft nicht leicht, wenn, wie z. B. bei Maschinen, die Preise infolge verschiedener Konstruktion oder bei Sonderausführungen starke Abweichung der zeigen. Führt eine der Angebotsfirmen Preisverhandlungen ngen voneinanmit dem Ausland skunden, so hat sie darüber die Konkurrenzfirmen zu informieren. Preisnachlässe dürfen nur mit Zustimmung aller anderen Angebotsfirmen eintreten. Versagt eine Konkurrenzfirme ihre Zustimmung,-was natürlich sehr häufig dér wall ist dann muss die die Zustimmung erbittende Firma sich A- 48mit der betr. Fachgruppe in Verbindung setzen. Die Fachgruppe veranlasst die widerspenstige Firma, ihre Konkurrenzgedanken aufzugeben, und dann muss die erste Firma nochmals die Zustimmung der betreffenden Konkurrenzfirma einholen. Dabei git es natürlich sehr viel Feindschaft und Zusammenstösse zwische der Konkurrenz. Es wird dann darüber geklagt, dass das eine Einengung der" privaten Initiative" sei usw. Die Konkurrenz wacht sorgsam darüber, dass die Firmen nicht auf andere Weise, beispielsweise durch Stellung eines Monteurs oder ähnliches, dem Auslandskunden einen preislichen Vorteil einräumen, was natürlich wieder den eigenen Gewinn schmälert, und bei Feststellung solchen Entgegenkommens erfolgt prompt eine Anzeige bei der Fachgruppe mit dem Antrage, der betreffenden Firma die Exportrückvergütung zu versagen. Dann stellt die Fachgruppe Ermittlungen an, fragt die anderen Angebotsfirmen um ihre Meinung in der Sache usw. Solche Anzeigen mehren sich bei den Fachgruppen in erschreckendem Masse. Es gibt eigentlich kein grösseres Auslandsgeschäft mehr, bei dem die Lieferfirma nicht solchen Denunziationen seitens einer Konkurrenzfirma ausgesetzt ist. Und doch sind die Firmen zu einem besonderen Entgegenkommen, das auf Kosten des Verdienstes geht und aus dem angegebenen Grunde sorgsam verschleiert werden muss, in vielen Fällen gezwungen, wenn sie überhaupt ein Geschäft für Deutschland haben wollen, weil trotz der Ausnahme- Exportrückvergütung von 28% die Angebotspreise deutscher Maschinen noch erheblich über den Preisen der englischen Konkurrenz liegen( in Südamerika z. B. lo bis 15%).- Dadurch leidet auch bei deutschen Industriefirmen die Freude am Exportgeschäft. Dazu kommt noch etwas anderes. Die Bewilligung von Devisenbeträgen für Auslandsreisen von Vertretern und Monteuren erfolgt nur in geringer Höhe und sehr zögernd. Dem Antrag auf die Devisenbewilligung muss die gesamte Korrespondenz mit dem Auslandskunden beigefügt werder und die Devisenstelle der Reichsbank prüft nach einem Gutachten der Industrie- und Handelskammer, ob die Reise wirklich notwendig ist. Es kommt vor, dass für eine einen Monat dauerr de Montage dem Monteur ein Betrag von 50 RMark bewilligt wird. Anfang des Jahres konnten Firmen, die öfter Montagen im Auslande durchzuführen haben, die Einrichtung eines Kontos von 1.000 RMark bei der Reichsbank beantragen, von dem ohne ein längeres Bewilligungsverfahren die entsprechenden Beträge abgehoben werden sollten. Aber praktisch bedeutete dieses Konto gar keine Erleichterung; denn es musste gleich darauf dasselbe Bewilligungsverfahren durchgeführt werden, so dess dieses Sonderkonto überhaupt keine Bedeutung hat. Guthaben bei Auslandsfirmen können von deutschen Firmen nicht frei nach eigenem Ermessen verwendet werden. Alle im Auslande angeschafften Guthaben müssen der Reichsbank gemeldet werden. Ein Vertreter bekam für eine ein halbes Jahr dauernde Reise nach England, wo eine grosse Anzahl Kunden technisch beraten werden sollte, einen Betrag von 250 Rark 4-49bewilligt, nachdem die Korrespondenz geprüft und festgestellt worden war, dass einige Angebote wahrscheinlich zum Geschäft führen würden. Die Reise musste weiterhin in der Weise finanziert werden, dass ein englischer Kunde einen Betrag von RMark 500 vorschoss á conto eines bei einem gemeinsamen Geschäftsfreunde in einem dritten Land zu erwerbenden Guthabens. Der Rest von mehreren hundert Mark wurde von der englischen Firma geliehen, wobei sich die deutsche Firma verpflichtete, den Betrag in RMark dem englischen Kunden bei einem späteren Besuch zurückzuerstatten. Beide Wege sind nach den Devisenbestimmungen unzulässig, aber es blieb nichts anderes übrig, als die Reise auf diese Weise zu finanzieren. Ausländische Vertreter in Ländern, mit denen Deutschland ein Clearingabkommen besitzt, klagen darüber, dass ihnen infolge der grossen Zahl der Verrechnungsanträge die ihnen überwiesene Provision nicht ausgezahlt wird. So teilte ein jugoslavischer Vertreter mit, die Nationalbank in Belgrad zahle ihm die überwiesene Provision nicht aus, da so viele Verrechnungsanträge vorlägen, dass es, falls Deutschland nicht höhere Guthaben in Jugoslavien erwerbe, frühestens in einem Jahre an der Reihe sei. Der Vertreter schrieb, dass es unter solchen Umständen für keinen ausländischen Vertreter einen Reiz habe, für eine deutsche Firma tätig zu sein. Welche Vorsicht die Clearingländer Deutschland gegenüber anwenden, geht daraus hervor, dass man sogar Arbeitslohn, und das ist die Provision, in die Verrechnung der Forderungen einbezieht. Alle diese Schwierigkeiten wirken hemmend auf das Auslandsgeschäft. Die Exportförderungsabgabe, die von 2- 6% gestaffelt ist, wird bei allen Unternehmungen nach dem Umsatz erhoben. Der Mittelstand ist empört darüber, dass jeder Schlachteroder Malermeister die Exportförderungsabgabe zahlen muss. Die Misstimmung ist darüber so gross, dass man allgemein mit einer Aenderung der Verteilung dieser Abgabe rechnet. Die Maschinenindustrie zahlt im grossen und ganzen 4% vom Umsatz an Exportförderungsabgabe und erhält den grössten Teil zurück. Trotzdem gibt es Maschinenfabriken, die mehr an Abgabe zahlen, als sie an Exportrückvergütung zurückerhalten. Das ist dann der Fall, wenn das Inlandsgeschäft sehr gross, aber das Auslandsgeschäft nur gering ist. Wenn es um die Devisen geht, vergisst das Regime sogar seine rassenpolitischen Grundsätze. Ein jüdischer Exporteur, der bereits zweimal wegen" Greuelpropaganda" im Konzentrationslager war, führt nach wie vor sein Geschäft weiter, weil er über einen sehr gut ausgebauten Vertretungsapparat verfügt und immer noch verhältnismässig gut zu tun hat, so dass er erhebliche Devisenbeträge abliefern kann.- Ein anderer Hamburger Exporteur, der mit Norwegen sehr gute Beziehungen hatte, klagt über vollständiges Darniederliegen des Geschäfts. Die deutsche Gesandtschaft in Oslo hatte, um die Beziehungen wieder besser zu gestalten, einige Hamburger Geschäftsleute und norwegische Kaufleute eingeladen. Zu einer aus diesem A- 50Anlass abgehaltenen gesellschaftlichen Veranstaltung, wurden auch in Oslo wohnende deutsche Juden eingeladen. Der nationalsozialistische Gesandtschaftsbeamte klagte darüber, dass das neue Personal ungebildet sei und sich nicht zu benehmen wisse. An das Russengeschäft wurden mit Recht grosse Hoffnungen geknüpft; denn Russland kaufte die schwersten und teuersten Maschinen. Grosse deutsche Maschinenfabriken schickten eigene Vertreter nach Moskau und liessen sie wochenlang in den Vorzimmern des Technopromimport herumsitzen, um anderen deutschen Firmen die Aufträge abzu jagen. Nachdem von 1953 bis Herbst 1935 die geschäftlichen Beziehungen zu Russland fast ganz zum Erliegen gekommen waren, hatte das 200- Millionen- Abkommen eine Belebung zur Folge, die sich auch in dem starken Interesse besonders für die neuesten Erzeugnisse der deutschen Maschinenindustrie äussert. So kommen wöchentlich mehrere Anfragen mit Bitten um Katalogmaterial von amtlichen russischen Stellen, der Handelskammer Leningrad, dem Volkskommissariat für Schwerindustrie, sowie von vielen einzelnen Ingenieuren. Bald stellte sich jedoch in Moskau eine starke Misstimmung ein, als man dort erfahren hatte, dass die deutschen Firmen ungerechtfertigt hohe Wucherpreise verlangten. Auf Anordnung des Reichswirtschaftsministeriums müssen z.B. bei Angeboten von Textilmaschinen 60%, von Gummimaschinen 40% auf die Inland spreise aufgeschlagen werden. Dieser Aufschlag ist nach Ansicht der deutschen Firmen selbst völlig ungerechtfertigt; denn die deutschen Lieferfirmen erhalten den Rest der Kaufsumme 50 Tage nach Lieferung. Die Sowjetstellen waren empört, als sie von diesen Aufschlägen hörten, die im Widerspruch zu dem 200- MillionenAbkommen ständen, und sie drohten mit diplomatischen Schritten. Den deutschen Firmen wurden Ulitmaten gestellt, einen 10% über dem Inlandspreis liegenden Preis zu akzeptieren, anderenfalls sollten die Maschinen in England statt in Deutschland bestellt werden. Die deutschen Firmen mussten dann einen Preis akzeptieren, der nur 20% über dem Inlandspreis lag. Telefonisch bezeichnete eine hohe Moskauer Stelle solche Geschäftsmethoden als räuberisch. Die Russen waren dann bezüglich der Lieferbedingungen, Konventionalstrafen usw. auch engherzig. Im ganzen hat das Russlandgeschäft bei mancher deutschen Maschinenfabrik im letzten Jahre einen wesentlichen Bestandteil des Auslandsgeschäfts ausgemacht. A-51III. Korruption und Misswirtschaft " Der Nationalsozialismus hat einen grundsätzlichen Wandel geschaffen und den früheren Niedergang von Sitte und Anstand bekämpft", heisst es in dem Aufklärungs- und Rednermaterial der NSDAP( August 1936). Dieser Kampf hat offenbar mit einer el: latanten Niederlage der Nazis geendet. Korruption und Misswirtschaft sind nicht nur Uebergangserscheinungen der" revolutionären Epoche des Dritten Reichs, sondern wie wir bereits in unserer letzten Uebersicht über dieses Gebiet( Heft 2/1936 S.69-104) festgestellt haben wesentliche Bestandteile des Regimes, von denen es sich nur befreien könnte, wenn es die Grundlagen seines politischen Systems aufgäbe. Der ganze" Kampf" des Regimes gegen die Korruption erschöpft sich denn auch seit langem im wesentlichen in dem Bemühen, die Mehrzahl ler Fälle geheimzuhalten. Viele Fälle kommen überhaupt nicht vor die ordentlichen Gerichte, sondern werden nur vor den Parteigerichten verhandelt, die geheim tagen und keiner öffentlichen Instanz Rechenschaft schuldig sind. Soweit aber die ordentlichen Gerichte mit solchen Angelegenheiten befasst werlen, sind die Justizpressestellen und Gerichtsberichterstatter angewiesen, bei Mitteilungen an die Oeffentlichkeit, wenn ir3- nd angängig, zu verbergen, dass es sich um Verfehlungen von Nationalsozialisten handelt. Typisch ist deshalb folgender Bericht aus Sachsen: Immer und immer wieder wird von Korruptionsfällen gemunkelt. Es verschwinden auch ab und zu Funktionäre der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen oder ziehen plötzlich mit Familie unbekannt wohin. Jeder solcher Fall ist mit Gerichten über Korruption verbunden. Etwas Genaues lässt sich selten feststellen, denn das Regime ist ängstlich und mi Mitteln bemüht, Korruptionsfälle zuzudeck A-52In welcher Weise diese Vertus chung geübt wird, zeigen die beiden nachstehenden Fälle: 1.) Eine bekannte, arische Grossfirma der Maschinenindustrie, die vor allem Elektrizitätswerke beliefert, hat nach den bisherigen Feststellungen Beamte in 223 staatlichen, städtischen usw. Betrieben durch ausserordentliche Zuwendungen bestochen oder zu bestechen versucht. Es handelt sich um einen der grössten Bestechungsfälle der neueren Zeit, die Angelegenheit ist in internen Kreis en seit Monaten bekannt, die aber Staatsanwaltschaft befasst sich mit der Anklageerhebung weil Nationalsozialisten in die Sache verstrickt sind, hat die breite Oeffentlichkeit bis jetzt überhaupt nichts davon erfahren. Vielmehr sondiert der Generalstaatsanwalt noch bei der Partei, wie die Angelegenheit am besten beigelegt werden kann. In einer Notiz der Fachzeitschrift" Der technische Handel heisst es darüber: " Der Generalstaatsanwalt hat, um sich über die Stellungnahme der NSDAP unterrichten zu lassen, die..." Abteilung zur Wahrung der Berufsmoral" in der Reichsleitung der NSDAP ersucht". um gutachtliche Aeusserung 000 2.) Der Oberpräsident der Provinzen Grenzmark Posen- Westpreussen und Brandenburg und von Berlin, Preussischer Staatsrat, Gauleiter des Gaues Kurmark der NSDAP, Reichstagsabgeordneter Wilhelm Kube ist Anfang August seiner sämtlichen Aemter enthoben, verhaftet und angeblich pensioniert worden. Vierzehn Tage später erfolgte die Verhaftung des stellvertretenden Gauleiters der NSDAP, Berlin, des preussischen Staatsrats und Reichstagsabgeordneten Artur Görlitzer. Beide Männer haben sich seit langem schwerer Verfehlungen in Partei- und Staatsämtern schuldig gemacht. Es wird ihnen u. a. Erpressung an Nichtariern, ungeheuerliche Spesenwirtschaft usw. zur Last gelegt). Beide wurden ohne öffentliche Anklagee rhe bung zur Niederlegung ihrer Aemter veranlasst, ohne dass die deutsche Oeffentlichkeit bisher etwas über die Gründe erfahren hätte. A-53In welcher Weise bei Berichten über Gerichtsverhandlungen versucht wird, zu verschweigen, dass die Verfehlungen Nationalsozialisten und nationalsozialistische Organisationen betreffen, zeigen die folgenden beiden Beispiele: Die" Deutsche Bodensee- Zeitung", Konstanz berichtete Mitte Juli 1936: " Der Urkundenfälschung und Unterschlagung beschuldigt, sass ein 31jähriger Mann aus Zimmern auf der Anklagebank. Er hatte... das Vertrauen seiner vorgesetzten Dienststelle dadurch missbraucht, dass er aus dem Vertrieb von Kalendern, Lotterielosen und Eintrittskarten unbefugter Weise Gelder für sich behielt... Er wurde zu einer Gefängnisstrafe von 7 Monaten und 100 Mark Geldstrafe verurteilt..." Es handelt sich wie unser Berichterstatter feststellen konnte- um einen Nationalsozialisten, der Unterschlagungen bei der NSV begangen hatte. Der" Vogtländische Anzeiger", Plauen, berichtete in Nr. 57/36 über vier Fälle von Untreue, Unterschlagung, Diebstahl und Betrug, die die 12. Strafkammer des Landgerichts Plauen beschäftigten. In dem ausführlichen Prozessbericht heisst es nur: " Die Angeklagten hatten Vertrauensposten in einer hiesigen Organisation und haben dieses Vertrauen in gröblichster Weise missbraucht... Zum Ausgleich ihrer Abrechnung behalfen sich die Angeklagten mit Beitragsmarken, die ihnen in grösseren Mengen zugeteilt waren... Während so die Misswirtschaft mit verschiedenen Methoden vertuscht wird, gibt es offensichtliche Korruption in der obersten Naziführung, die durch geschickte Regie führung das Odium des Korrupten verloren hat.. Ebenso wenig wie man sich darüber aufregt, dass Hitlers" Mein Kampf", herausgegeben von dem Verlage Hitlers( Franz Eher Nach), in hunderttausenden von Exemplaren durch amtliche Stellen( Schulen, Standesämter, öffentliche Bibliotheken usw.) bezogen werden muss, ebensowenig erregt es noch Aufsehen, wenn der oberste Beamte der Reichsfinanzverwaltung, Staatssekretär Fritz Reinhardt, zugleich Herausgeber der Deutsohen Steuer- Zeitung ist, die von allen Amtsstellen der deut A-54schen Steuerverwaltung gehalten werden muss. Ebenso wie sich die Oeffentlichkeit schon mit dem Gepränge abgefunden hat, das Hitler, Göring und Goebbels bei amtlichen und privaten Empfängen und Festlichkeiten entfalten, ebenso wird das Volk immer mehr abgestumpft gegen die Verschwendungs- und Grossmannssucht der Führer zweiten Grades. Dr. Ley hat nach Meldung der" Kölnischen Zeitung das Gut Rottland bei Waldbröhl zum Preise von 300.000 Mk. gekauft. Vor knapp vier Jahren war Ley noch ein Bankrotteur, der, wie Göring, den Offenbarungseid leisten musste. Die Tochter Leys hat eine Hitlerbüste angefertigt; die Anschaffung dieser Büste wird den zehntausend Amtsstellen der Ley schen Arbeitsfront energisch" empfohlen". Der Reichsschatzmeister Schwarz lässt sich eine Villa für über 250.000 Mk. bauen; die Villa des früheren Kommunisten und jetzigen Leiters der Reichsbetriebsgemeinschaft 7 Chemie der DAF und Reichstagsabgeordneten Karwahne kostet nur 110.000 Mk. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Bayern: 1.) Misswirtschaft und Verfehlungen Der Reichsschatzmeister der NSDAP, Sohwarz, hat sich in Tegernsee auf einem der schönsten Plätze eine Villa bauen lassen, die bis heute schon eine Viertelmillion Reichsmark gekostet hat. Selbstverständlich musste auch ein Konferenzzimmer errichtet werden, um" interne Parteibesprechungen" abhalten zu können. Für diesen Raum wurde eine herrliche Stukdecke für 30.000 Mk. hergerichtet. Unter Anleitung hervorragender Künstler arbeiteten die Stukkateure wochenlang. Dann kam eines Tages die Frau des Schatzmeisters, um die Arbeit zu besichtigen. Da sie mit der künstlerischen Ausführung unzufrieden war, musste die ganze Decke wieder heruntergeschlagen werden. Diese ungeheuere Geldverschwendung hat bei der Bevölkerung grosse Erregung ausgelöst. Einer der unbeliebtesten Nazibonzen in München ist der ehemalige Metzgermeister und nunmehrige Präsident des Rennvereins und Rataherr Weber. Früher einmal war er Hausmeister beim" Blauen Bock", heute tyrannisiert er im Rathaus seine Untergebenen. An jedem Sauf gelage nimmt er teil, öfter schon wurde er vollständig besoffen aus dem Rinnstein auf gelesen. Seine Geldverschwendung ist in der ganzen Stadt sprichwört A-55lich. Sein Benehmen erregt selbst bei Nationalsozialisten Aergernis. So hat der Ratsherr Zöberlein gegen Webers Geldverschwendung protestiert; mit dem Ergebnis, dass er aus dem Stadtrat ausscheiden musste. In der Bevölkerung werden diese Vorgänge stark kolportiert und allgemein wird für Zöberlein Partei ergriffen. Der Proviantinepektor bei der Fliegerabteilung in Marktredwitz, Pg. Jahnemüller, war früher erster Lagerleiter des Arbeitsdienstlagers Marktredwitz. In dieser Stellung betrog er die Mannschaft um Proviant und als das bekannt wurde, versetzte man ihn als Feldmeister des Arbeitsdienstes nach Kulmbach. Hier beging ér erneut Unterschlagungen, worauf er endlich fristlos entlassen wurde. Eine Strafverfolgung erfolgte auch diesmal nicht. Er war dann eine Zeitlang Polizeispitzel, bis er neuerdings die Stelle als Proviantins pektor erhielt. In dem oberbayrischen Ort Hundham, Bezirk Miesbach, verschwanden seit Monaten die Katzen. Als schliesslich einem pensionierten Staatsangestellten sogar fünf grosse Angorakatzen gestohlen wurden, ermittelte man die Täter. Es waren junge Burschen, die zur engeren Verwandtschaft des Nazi- Bürgermeisters gehören, der im Orte ein Gasthaus mit Metzgerei besitzt. Men stellte fest, dass der Bürgermeister die Katzen in seiner Metzgerei verwurstet hat. Er wurde angezeigt, die Gendarmerie nahm die Erhebungen auf. Ausserdem haben aber die Dorfbewohner in einem eigens organisierten Faschingszug die ganze Geschichte der Oeffentlichkeit vordemonstriert. Auf 5 Leiterwagen wurde der Vorgang dargestellt. Am Vorabend des Umzuges stellten die Veranstalter die Wagengruppe bei dem zweiten Wirt des Dorfes in den Schuppen. Die Katzendiebe erfuhren davon und zündeten den Schuppen an. Das Feuer wurde aber rechtzeitig bemerkt und die Wagen gerettet. Dem Wirt verbrannten jedoch 40 Zentner Heu. Dieser" Faschingszug" hat Aufsehen erregt. Um ihn zu sehen, kamen die Bauern mit ihrem Anhang von weither. Auf dem ersten und zweiten Wagen wurde das Binfangen der Katzen mit viel Miaugeschrei dargestellt. Man sah die Uebeltäter, wie sie mit angerusstem Gesicht um den Bauernhof schleichen und auf die Gelegenheit warten, das Katzerl mitnehmen zu können. Der schmunzelnde Wirt vor seinem Laden, der sich über diese billige Fleischzufuhr freute, erregte besondere Aufmerksamkeit. Auf den andern drei Wagen war die Verarbeitung und der Verkauf zu sehen. Am letzten Wazeigte man die gen, der vormittags erst hergerichtet wurde Brandstiftung. Ein Riesenhallo begleitete diese sonderbare Fahrt durch das Dorf. Vor dem Wirtshaus des Hauptschuldigen wurde Halt gemacht und der ganze Vorfall ausgeschmückt mit d passenden Knüttelversen nochmals gezeigt. Der Wirt liess sich nicht blicken. Das Wirtsgeschäft und die Metzgerei werden seither gemieden. Die geächteten Katzendiebe rächten sich an dem Metzgermeister des Nachbardorfes, der die WurstmasbhiW A-56ne zur Schaustellung ausgeliehen hatte, indem sie ihm alle Obstbäume abschälten. Hundham heisst jetzt allgemein im Tolksmund Katzenham. Südwestdeutschland: Der frühere, jetzt abgesetzte Bürgermeister von Radolfzell, Speer, hatte noch bewirkt, dass eine SS- Schule nach Radolfzell gelegt wird. Etwa vierzehn Tage vor Weihnachten 1935 begann der Bau dieser SB- Kaserne. Der Boden wurde ausgehoben und die Grundmauern wurden betoniert. Anfang März 1936 kam eine Kommission aus Berlin zur Besichtigung und es eickerte durch, dass nunmehr nicht für die S8, sondern für das Heer gebaut werde. Die bereits betonierten Fundamente wurden gesprengt und neue Fundamente von einer Grossfirma gelegt. Anfang Mai mussten, nach einer neuen Besichtigung, auch diese Fundamente als zu schwach- wieder herausgesprengt werden. Den Arbeitern wurde eingeschärft, zu sagen, es seien Bodens prengungen vorgenommen worden. Das glaubt natürlich kein Mensch, da es in der ganzen Gegend nach etwa 30 bis 40 Zentimeter Humus nur die weiche, fette Lette gibt. Durch diese mehrfachen Sprengungen sollen gegen 250.000 Mk. unnütz verpulvert worden sein. Der Boden, auf dem diese Kaserne erstellt wird, war Jahrzehntelang den. bürgergenussberechtigten Gemeinde angehörigen überlassen gewesen. Sie sollten nun von der Stadt entschädigt werden. Jetzt klagen diese Leute gegen die Stadt, weil sie ihre Ablösungsverpflichtungen nicht einhält. Die SA- Leute Gg. Hornung, Otto Orth und Gg. Lelle aus dem stillen Walddörfchen Ludwigswinkel wurden wegen widernatürlicher Unzucht zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Unter den alten Kämpfern" in Mannheim befinden sich wahre Verbrecher, die heutzutage geehrt werden. Einer der bekanntesten ist Kurt Böger. Er wurde im Jahre 1928 wegen Messerstecherei zu 9 Monaten Gefängnis, 1930 wegen Zuhälterei zu 8 Monaten Gefängnis und wegen Landesfriedensbruch zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die" Nationale Bewegung" hat diesen Mann amnestiert und zum stellvertretenden Standartenführer gemacht. Ausserdem brachte man ihn als Expeditionschef in einem ehemaligen jüdischen Warenhaus unter. Nummer 2 heisst Ernst Baumgart, ebenfalls aus der Neckarstadt. Im Herbst 1929 wurde er wegen Körperverletzung zu 14 Monaten Gefängnis und Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt. Heute ist Baumgart Sturmführer. Im Konzentrationslager" Heuberg" war Baumgart als Wacht habender. Er beteiligte sich dort u. a, an dem Mord an zwei jüdischen Schutzhäftlingen aus Heilbronn. Jetzt ist er Abteilungsleiter im Konsumverein Mannheim und Umgebung. Nr. 3 ist der wegen Landes friedensbruch im Jahre 1981 zu 14 Monaten Gefängnis abgeurteile August Ludwig. Auch er ist, wie die anderen," alter Kämpfer". A-57 Ein 38- Führer aus Kaiserslautern hat die 23jährige BMScharführerin Risch, die mit ihm Beziehungen unterhielt, von der So m hohen Brücke hinabgestürzt. Sie wurde tot aufgefunden. Der Täter ist noch auf freiem Fuss. In Rodalben wurde der SA- Mann Bold wegen sittlicher Verfehlungen verhaftet. Ein Blookwart des Reichsluftschutzbundes, Anton Senftleber, Mannheim, nahm" im Auftrag des RLB" bei einer 16 1/ 2- jährigen und einer 20 jährigen körperliche Untersuchungen vor über Erbgesundheit usw. Die Sache kam auf, der Blockwart wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. In Pfullendorf, Oberbaden, hatte die Misswirtschaft derartige Formen angenommen, dass die Gauleitung einschreiten musste. Zwei Kreise wurden zusammengelegt und ein neuer Kreisleiter berufen. Der bisherige Kreisleiter und Bürgermeister, Weishaupt, wurde ganz plötzlich abgesetzt. Er befindet sich aber in Freiheit, obwohl ortsbekannt ist, dass er der Verführung Minderjähriger bezichtigt wird. Er war vollständig unfähig und nicht in der Lage, seinen Posten als Bürgermeister auszufüllen. Sein Adjutant, Polizeiwachtmeister Lutz, wurde mitsamt seiner Frau verhaftet, weil sie mit Verbilligungsscheinen für Fette grosse Schiebungen gemacht hatten. Auch Lebensmittelscheine vom WHW sind in grosser Zahl verschwunden. Frau Lutz war Leiterin der NS- Frauenschaft und Volkswohlfahrt. Der Beauftragte der DAF., Pg. Karl Antoni, wurde am 1.3.36 von Kaiserslautern nach Ludwigshafen am Rhein versetzt. Ursache für diese Versetzung waren Zechgelage und Weibergeschichten. Den letzten Anstoss gab ein Vorkommnis, das die Nazizeitungen schonungs voll einen" Schwächeanfall" nannten. Antoni hatte sich nach durchzechter Nacht in sein Büro begeben, die Hakenkreuzfahne als Bettzeug benutzt und war so eingeschlafen. Bei Bürobeginn wurde er so von seiner Sekretärin L. aufgefunden. Die Fahne war- wie er selbst- völlig besudelt. Die Sekretärin erzählte dieses Erlebnis ihren Kolleginnen, woraus recht bald das schönste Stadtgespräch wurde. Sie wurde fristlos entlassen und musste sich vor Gericht wegen übler Nachrede und Verächtlichmachung des DAFBeauftragten Antoni" verantworten. Das Urteil lautete, unter Berücksichtigung, dass Frl. L. eine alte Kämpferin ist, auf 6 Wochen Gefängnis.. Die als eifrige Nationalsozialisten und alte Kämpfer bekannten Metzgermeister Bohrer, Kuhn und Theyson in Pirmasens wurden Anfang August verhaftet. Die drei Metzger haben, entgegen den Bestimmungen, Kälber und Rinder schwarz geschlachtet und verkauft. Da die Tiere vor der Schlachtung nicht durch die Fleischbeschauer kontrolliert wurden, ist auch ein schwer tuberkuloses Rind mit zum Verkauf gekommen. Der Bauer A-58hatte darauf aufmerksam gemacht, die Metzger haben aber nur die Eingeweide verbrannt und das übrige Fleisch verwendet. Die drei Geschäfte wurden auf verläufig 8 Tage geschlossen. Der Nationalsozialist Hermann Freisser aus Pirmasens stand vor kurzem vor der Zweibrücker Strafkammer unter der Beschuldigung, sich an 14jährigen Mädchen vergangen zu haben. Die Verhandlung wurde vertagt. Rheinland- Westfalen: Der Kreisleiter der NSDAP Schmeer, Aachen, landete vor einiger Zeit auf einer Bierreise.beim #singenden Wirt Otto Beck, Edelstr. 12. Es entstand Streit mit anderen Gästen. Der Wirt rief das Ueberfallkommando herbei. Der Führer des Kommandos, Polizeimeister Franck, erkannte, dass gegen die hohen Bonzen nichts auszurichten war. Er schickte seine Leute hinaus und versuchte zu schlichten. Kreisleiter Schmeer liess sich aber auf nichts ein. Der Polizeimeister bekam von ihm einen Tritt vor den Unterleib und brach zusammen. Das Polizeikommando wurde fortgeschickt und das Sanitätsauto brachte den Polizeimeister ins Krankenhaus. Nach drei Tagen starb er. Offiziell hiess es, er sei an den Folgen einer Blinddarm- Operation verstorben. Die Zeitungen schweigen, der Staatsanwalt schweigt, nur das Volk redet, redet wie nie zuvor. Die Polizei ist auf die Nazis geladen wie nie. Nordwestdeutschland: In Z... sollte ein grosser Sohmuggelprozess durchgeführt werden. Es handelte sich um den Verkauf unverzollter Waren durch Schiffekapitäne aus dem Freihafengebiet an befreundete Familien in der Stadt. Die Untersuchung hat ergeben, dass fast alle NSDAP- Pührer von Z... mitgemacht haben. Wahrscheinlich müsste man die ganze Parteigesellschaft wegen Devisenschmuggel und Zollhinterziehung belangen. Das Verfahren ist daraufhin eingestellt worden. In Braunschweig wurde ein ganzer Verein wegen Vergehens gegen den 175 verhaftet. Darunter befindet sich der Intendant des Stadttheaters, ein bekannter Nazi. Vor zwei Jahren erhielt ein Handwerker in Hannover eine Gefängnisstrafe von einem Jahr, weil er in einer Innungsversammlung dem SA- Oberführer, Senator und Gausportführer Söhlmann, Hannover, dessen Vorstrafenliste in Erinnerung gebracht hatte. Tatsächlich ist Söhlmann zweimal wegen Zuhälterei zu erheblichen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Seit etwa einem Monat ist Söhlmann abgesetzt und inzwischen auch verhaftet worden. Gegen ihn wird Anklage wegen Anstiftung zum Mord in sieben Fällen erhoben. Es handelt sich bei den Ermordeten in sechs Fällen um Republikaner, die im Jahre 1933 von der SA erschlagen und zu Tode geprügelt worden sind, und um einen später ermordeten Anhänger der Strasserfront. Söhlmann, der am 30.6.1934 als Röhmanhänger verhaftet war und A- 59S damals zusammen mit seiner Frau misshandelt wurde, ist jetzt offenbar irgendeiner einflussreichen Konkurrens lastig geworden und sell beseitigt werden. Wasserkanter Der Marine- Jugendgruppenführer Nordmark, Jensen um der Polizeioberwachtmeister Babusik, Hitlerjugendführer in Wands beck, haben wegen homosexueller Verfehlungen zwei Jahre und 5 Jahre Gefängnis erhalten. In den Verhandlungen wurden 50- 60. Khaben als Zeugen vernommen. Nach zuverlässigen Informationen handelt es sich bei über 40 Prozent der im Zentralgefängnis in Neumünster inhaftierten Sträflinge um Nationalsozialisten, die wegen Eigentumsvergehen dort sitzen. Die Misswirtschaft, Trunkenheit und beispiellose Korruption des bisherigen nationalsozialistischen Oberbürgermeisters von Altona hat jetzt mit seiner Abhalfterung geendet. An seine Stelle tritt ein Bürgerlicher, Daniel. Der NS- Kreisamt sleiter von Bergedorf, Pg. Dunst, ist als Trunkenbold und Betrüger stadtbekannt, obwohl niemand wagt, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein junges Mädchen, dem sich Dunst unsittlich genähert hatte, sprach ihren Abscheu offen aus und wurde wegen Beleidigung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Bin Mitglied der Hamburger NSDAP_Gauleitung versuchte nach einer Bierreise sein Auto auf den Eisenbahnschienen nach Hamburg zu fahren. Hinter Tostedt wurde er von einem Güterzug eingeholt, der ihn aber rechtzeitig bemerkte. Man musste einen Hilfszug von Harburg beordern, um die Strecke wieder freizubekommen. Berlin: Die Errichtung neuer Einzelhandelsgeschäfte ist grundsatzlich gesperrt. Trotzdem hat der Nazibürgermeister von Berlin- Zehlendorf, Pg. Helfenstein, die Eröffnung eines neuen Fleischerladens in Nikolassee zugelassen, obgleich andere Gesuche derselben Art vorher abgelehnt worden waren. Ein Kaufmann beschwerte sich und fragte an, ob die Bewilligung vielleicht damit zusammenhänge, dass die betreffende Firma und der Hauswirt eine grössere Spende für das geplante Ehrenmal des Bezirks gegeben hätten. Er wurde vom Amtsgericht Berlin wegen" Beleidigung und übler Nachrede" zu einer Geldstrafe von 200 Mark oder zwanzig Tagen Haft verurteilt, obwohl die Tatsache der Spende unbestritten blieb. In der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin wurden nach der Macht übernahme von den 1200 Angestellen 600 entlassen und durch" alte Kämpfer" ersetzt. Bis Februar 1956 mussten von den 600 alten Kämpfern rund 300 wieder entlassen werden, weil Unterschlagungen, diverse Schweinereien auf sexuellem Gebiet und Trunkenheit es erforderlich machten. Durch die A- 60Beschäftigung dieser alten Kämpfer wurde der Geschäftsbetrieb der AOK so stark gestört, dass die Abfertigung der Mitglieder darunter litt und ein tolles Durcheinander entstand. Bie AOK Berlin sandte an alle grösseren Krankenkassenverwaltungen ein Rundschreiben mit der Aufforderung, Angestellte nach Berlin für drei Monate zu senden, um die Unordnung wieder zu beseitigen. Als diese Leute nach drei Monaten wieder auf ihren alten Plätzen waren, erzählten sie, dass zum Aufbau der alten Geschäftspraxis noch mindestens sechs Monate erforderlich seien. Als Beispiel für die Misswirtschaft wird berichtet, dass eine mittlere Berliner Pirme von der AOK im Februar 1935 eine Rechnung für die Beiträge im November 1934 erhalten hat. Die Firma hat diese Beiträge für 1934 bis jetzt( Mitte 36) nicht bezahlt und ist trotsdem noch nicht einmal gemahnt worden. Sachsen: Der Nazi- Ortsbauernführer von Mittelbach bei Chemnitz wurde angezeigt, weil er entgegen den Vorschriften Eier zu 10 Pfg. pro Stück( statt 8 Pfg.) verkauft hat. Der" alte Kämpfer und Amtswalter Fritsch in Adorf, ein verkommener Mensch, der früher bei der Pima Claviez in Adorf gestohlen hatte und zu Gefängnis verurteilt worden war, ist jetzt zum Aufseher über die Wohlfahrtsempfänger, die beim Badbau Pflichtarbeit verrichten, ernannt worden. Er hat die Pflichtarbeiter derart schlecht behandelt, dass er kürzlich eine Tracht Prügel von ihnen bezog. Der Amtewalter Wunderlich in Adorf, verheiratet und Inhaber vieler Ehrenzeichen, hat im Beisein seines Chefs mit drei jungen Mädchen Nackttänze aufgeführt. Sie wurden überrascht, die Ehe des Chefs wurde aus diesem Anlass geschieden. Eines der BdM- Mädel, die beteiligt war, unterschlug in Betrieb 85 Mk..Sie wurde trotzdem nicht entlassen, da Amtswalter Pg. Wunderlich und der Firmenchef sie deckten. Vor der 1. Grossen Strafkammer des Zwickauer Landgerichte fand jetzt ein Prozess gegen Oberfeldmeister Walter und Unterfeldmeister Friedrich statt, die beide dem Arbeitsdienstlager in Beierfeld 1.Erzgebirge seit 1985 vorstanden. Aus der Anklageschrift ging hervor, dass die beiden sich an Geldern des Arbeitsdienstes vergriffen hätten. Sie haben sich besonders Betriebsmittel doppelt vergüten lassen, von Trager der Arbeit und nochmals von der Gaukasse des Arbeitsdienstes. Beide haben fingierte Rechnungen ausgestellt. Weiter haber sie ihre Privatwohnungen aus den Mitteln des Arbeitsdienstes vorrichten lassen und auch hier Rechnungen und Belege gefälscht. Ausserdem haben sie eine schwarze Kasse angelegt, über die sie niemanden Rechenschaft gaben. In diese Sonderkasse wanderten Spenden, Strafgelder und vieles mehr. Diese Kasse stand nur den Beiden zur persönlichen Verfügung. Auto A-61spesen haben sie doppelt gebucht und bei dem Ausgleich der Wäscherechnungen sogar 25% der Gesamtbeträge in ihre sogenannte schwarze Kasse fllemsen lassen. Trotz der Fülle der Vergehen wurde das Verfahren auf Grund der Amnestien vom 7. August 1934 und 23 April 1936 eingestellt. Das Gericht hielt es für fraglich, ob die Angeklagten das Bewusstsein einer strafbaren Handlung gehabt hätten. Der Kreisleiter der NSDAP in Annaberg ist in den letzten Augusttagen aus geheimgehaltenen Gründen seines Postens enthoben worden. Die Amtsenthebung hat in der NSDAP zu lebhaften Diskussionen geführt. In Crimmitschau kursieren über den Zellenleiter der NSDAP, Johannes Bohne, Gerüchte, die die Nazis zu einer Warnung vor den" Gerüchtemachern" zwangen: " Bekanntmachung! Es treten gewissenlose Zwecklügner auf, erfinden unsinnigste Gerüchte und verleumden in schamloser Weise unseren verdienten Zellenleiter, Pg. Johannes Bohne, Crimmitschau. Ich bitte die Einwohnerschaft, mir behilflich zu sein, durch Anzeige erstattung diese Schurken zu fassen, damit sie einer rücksichtslosen Bestrafung zugeführt werden können. NSDAP. Ortsgruppe Nord Siegert, Ortsgruppenleiter." Vor der Machtergreifung veruntreute Pg. Neudel aus Markneukirchen als Kolporteur der NS- Presse 1.500 Mark. Er versuchte, sich den Betrag durch eine Erpressung wieder zu beschaffen. Das gelangt nicht. Er wurde angezeigt, verhaftet, in Plauen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und auch aus der NSDAP ausgeschlossen. Neudel legte gegen das Urteil Berufung ein und hatte nach dem Umsturz Erfolg damit. Er wurde wieder Parteimitglied und Sekretär bei dem NSDAP- Kreisleiter. Jordan. Später wurde er Leiter der Passabteilung im Markneukirchner Rathaus. Hier beging er erneut Unterschlagungen und Erpressungen. Er erhöhte eigenmächtig die Gebühren für Pässe und sonstige Ausfertigungen und liess die mehr erhobenen Gelder in seine Tasche fliessen. Unbescholtenen Bürgern drohte er aus vorgetäuschten Gründen Ueberführung ins Konzentrationslager an und liess sich dann Schweigegelder zahlen. Schliesslich wurde gegen ihn von einem erpressten Opfer Anzeige erstattet. Neudel wurde darauf aller seiner öffentlichen Aemter in der Verwaltung und der Partei enthoben. Das Verfahren gegen ihn scheint niedergeschlagen zu sein. Pg. Neudel befindet sich nach wie vor auf freiem Fuss. Schlesien: Der aus seinen Saufgelagen, Schlägereien und Unterschlagungen bekannte Hindenburger Bürgermeister Fillusch, " alter Kämpfer" mit goldenem Parteiabzeichen, wurde vor drei Mona ten zwangs-" beurlaubt". Obgleich ihm schon früher gerichtlich durch seinen Mitkämpfer Pelka in Hindenburg die Unter A-62. schlagung von mehreren tausend Mark Parteigeldern nachgewiesen wurde, konnte er seinerzeit nicht gestürzt werden. Anlass zu seiner Beurlaubung war, dass er sich bei der Verschikkung von Mädchen zum Land jahr am Bahnhof Hindenburg in betrunkenen Zustand an diese her angemacht hat. Fillusch schlug dann im Wartesaal des Bahnhofes Gläser und Möbel kurz und klein. Jetzt ist es Fillusch gelungen, wieder in den Dienst zurückzukehren, nachdem er bereits als abgebaut galt und nun wird gegen seine Gegner vorgegangen. Sein Chauffeur Plegel, ein " alter Kämpfer, wurde entlassen, weil er Vieles, was Fillusch trieb, ausplauderte. Ein guter Freund von Fillusch, namens Schott, wurde von seinem Posten entfernt. Ihm werden grössere Unterschlagungen nachgesagt. Er hat darauf erklärt, was der Fillusch darf, das könne er auch. Der Pleischbeschauer Roschak, der in der Nacht vom 1. Mai 1934 einen Angestellten der Wach- und Schliessgesellschaft erschoss, wurde nach Wittenberge abgeschoben. Auch ihm werden Unterschlagungen zur Last gelegt. Przewislik, ein" alter Kämpfer", hat beim Magistrat Wassergelder veruntreut. Er wurde ins Gaswerk versetzt, wo er wieder Gelder unterschlug. Von da kam er in den Sohladit hof, wo er die Unterschlagungen fortsetzte. Jetzt ist er mit Roschak zusammen nach Wittenberge gekommen. Die Frau des Oberpräsidenten und Gauleiters Wagner hat auf der Chaussee Breslau- Oppeln zwei Personen mit ihrem Mercedeswagen totgefahren. Als sie zur Polizei bestellt wurde, ergab sich, dass sie keinen Führerschein besass. Ihr wurde nach dem Unglücksfall ein Führerschein in Breslau ausgestellt, der aber zwei Tage vor dem Unfallstag vordatiert war. Die Hirschberger Grosse Strafkammer verurteilte nach siebentägiger Verhandlung den bisherigen Redakteur des nationalsozialistischen" Hirschberger Beobachters", Pg. und" alter Kampfer Paul- Willi Jakubaschk zu 1 Jahr, 6 Monaten Gefängnis und 900 Mk. Geldstrafe. Jakubaschk hat den Reinertrag von Theaterveranstaltungen seiner Zeitung in die eigene Tasche gesteckt; er Hat Gegenstände des persönlichen Bedarfs auf Rechnung des Verlages eingekauft und nicht bezahlt, zu Unrecht Spesen 11quidiert und sich ebenfalls zu Unrecht Provisionen für Inserate gutschreiben lassen. Jakubaschk hat nicht aus Not gehandelt; das Strafmass wurde nach den Worten des Gerichtsvorsitzenden auch von der Erwägung diktiert, dass er als Redakteur# 8ffentlich und mit aller Schärfe den Kampf gegen Unsauberkeit und Korruption auf allen Gebieten geführt hat". Innerhalb des schlesischen Grenzkorps( Nazi- Grenshilfsposten) wird eine Reinigung durchgeführt, weil eine Anzahl Nazis und SA Männer mit Schmugglern gemeinsame Sache gemacht haben. Die Leute werden einer eingehenden Prüfung unterzogen. Soweit sie zur Reichswehr abgeschoben werden, verspricht man ihnen Wiedereinstellung nach der Wehrdienstzeit. Diejenigen, die die Prüfung nicht bestehen, werden dem Arbeitsamt überwiesen. A- 63Am 9. Juli wurden in Ziegenhals der SA- Sturmführer Meier und drei SA- Leute wegen Vergehen gegen den Paragraph 175 verhaftet. Der NSV- Funktionär Pg. Weinert in Rogau bei Kosel teilte dem Amtsvorsteher mit, sein fünfjähriger Junge sei gestorben. Er verlangte und erhielt einen amtlichen Totenschein, mit dem er sich bei den verschiedensten Behörden und Kassen Totengelder und Beihilfen abholte. Er bestellte einen Sarg und liess sich das Geld für den Sarg aus einem Fonds geben. Weil der Mann NS- Funktionär war, bekam er überall Geld. Inzwischen wurde festgestellt, dass Weinert schamlos geschwindelt hat, sein Kind lebt! Im Januar 1936 wurden in Schweidnitz 8 Mitglieder der SSLeitung Schweidnitz wegen Vergehen gegen den§ 175 verhaftet. Der Hauptangeklagte, SS- Mann Brandt, erhielt vor kurzem 2 1/2 Jahre Zuchthaus. Anfang des Jahres bekam die Postdirektion Breslau einen neuen Präsidenten, den ehemaligen Unterbeamten Hagen, der von Westfalen nach Breslau versetzt wurde. Er ist" alter Kämpfer". und Inhaber des Blutordens..Die Postbehörde kaufte ihm zum Preise von 60.000 Mark eine Villa neben der Postdirektion. Das Haus wurde renoviert, dann wurde eine Mauer zu dem angekauften Grundstück durchbrochen und für den neuen Postpräsidenten ein eigener Zugang zur Direktion geschaffen. 2.) Unterschlagungen von Nationalsozialisten a) NSDAP., HJ., SA. und SS. Südwestdeutschland: Der Nationalsozialist Robert Ludwig, Ruthweiler( Pfalz) wurde wegen Unterschlagung und Untreue zu 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. Er hatte in Ruthweiler die Beiträge für die NSDAP und für das WHW einzuziehen und in Neustadt abzuliefern. Rund 1000.- Mk., die er seit 1935 einkassiert hatte, fehlten bei der Revision. Norddeutschland: Standartenführer Deltow und Standartenkassierer Lindau aus Emden liquidierten Tagesspesen bis zu 120.-Mk. und unterschlugen 47.000.- Mk. Sie wurden vom Landgericht in Aurich wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung und Untreue zu 18 und 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Die NSDAP- Ortsgruppenführer in Husum haben bisher sämtlich Unterschlagungen begangen. Ende Juni 1936 sind wiederum der A-64Ortsgruppenleiter und der Kassierer der NSDAP wegen Unterschlagungen verhaftet worden. Sie haben die Gelder zu Vergnügungsreisen nach Hamburg und Kiel verbraucht. Sachsen Die Ordonnanz der SA- Standarte 133 in Zwickau, Ernst Johannes aus Planitz bei Zwickau, fälschte Quittungen und lieferte kassierte Gelder nicht an die Standartenkasse ab. Er wurde wegen Untreue in Tateinheit mit Unterschlagung und schwerer Urkundenfälschung zu nur 2 Wochen Gefängnis verurteilt. Der Kassierer der NSDAP in Adorf, Amtswalter Schmidt, hat Parteigelder in unbekannter Höhe unterschlagen. Er wurde nicht verhaftet, sondern in ein schlesisches Sanatorium geschickt, obwohl er schon in früheren Jahren als Buchhalter im Privatbetrieb zwei Unterschlagungen begangen hat. Der ehemalige Adjutant des NSDAP- Kreisleiters Pillmayer, Pg. Rödel aus Aue, war wegen Unfähigkeit als Angestellter in eine Nazi- Untergruppe abgeschoben worden. Hier hat er Unterschlagungen begangen und wurde verhaftet. Er wurde bereits früher wegen Unterschlagung von der Firma Hutschenreuther entlassen. Der Obersturmbannführer Halfar, Radiovertreter und Gemeindevertreter in Czarnowanz bei Oppeln wurde ins Konzentrationslager überführt, weil er mehrere Tausend Mark unterschlagen und von seiner Braut 300.-Mk. erpresst hat. Der SA- Truppführer Dürrschmidt aus Limbach i.Sa., der bei der Stadtgemeinde als Strassenkehrer tätig ist, hat 480 Mark Spargelder der SA unterschlagen. Das Geld sollte für die Teilnahme am Reichsparteitag in Nürnberg gespart werden. Die Unterschlagung wurde den SA- und NSDAP- Dienststellen gemeldet, die aber nicht eingriffen. Die betrogenen SA-Leute schworen Dürrschmidt Rache, lauerten ihm abends auf und verprügelten ihn so, dass er erst am nächsten Morgen bewusstlos aufgefunden wurde. Dürrschmidt geht heute noch seiner Arbeit bei der Stadt nach. Von einem Verfahren gegen ihn wegen Unterschlagung ist nichts bekannt. Schlesien: Der Standartenführer Majunke- Breslau befand sich in Breslau 8 Monate in Haft, weil er 27.000 Mark unterschlagen hat. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, da Ma junke drohte, andere führende Persönlichkeiten zu belasten, falls es zu einem Prozess gegen ihn komme. A-65b) NS- Volkswohlfahrt und Winterhilfe Nordwestdeutschland: Ein Vertrauensmann der NSV, Kurt B., wurde in Dortmund wegen Unterschlagung von 140.-Mk. für Winterhilfslose zu zehn Monat en Gefängnis verurteilt. Der NSDAP- Blockwart Luer wurde an der holländischen Grenze. verhaftet, als er mit 1500 Mark WHW- Geldern flüchten wollte. Der Kreisleiter der NSV, van Hove, Enden, musste in einem Prozess zugeben, dass in seiner Kasse 3.500 Mark fehlen. Er entschuldigte sich mit Arbeitsüberlastung. Das Verfahren.gegen ihn ist im Interesse der Partei eingestellt worden. Berlin: Gegen die Funktionäre Steinbock und Hintze des WHW Berlin, Schliemannstrasse, ist Anklage wegen Unterschlagung von WHW- Geldern erhoben werden. Sie haben sich vor ihrer Amtsenthebung besonders dadurch hervorgetan, dass sie alle ih nen als ehemalige Marxisten Bekannten bei den Zuteilungen boykottierten. Bohlesien: Der Nationalsozialist Albert Irmer, bisher Kassierer der HSV, Neustadt /0.S., wurde wegen grösserer Unterschlagungen verhaftet. Die Angelegenheit hat umso mehr Aufsehen erregt, als Irmer bereits wegen Unterschlagung vorbestraft ist. Ueberall spricht man über Protektionswirtschaft. Der Vorsitzende der NSV in Neustadt hat deshalb in der Presse eine Warnung erlassen, nicht über die Unterschlagungen zu sprechen, ehe der Prozess stattgefunden habe. Wer es dennoch tue, werde zur Rechenschaft gezogen werden. Das Görlitzer Schnellschöffengericht verurteilte den NSVFunktionär Rudolf Kubsch aus Hoyerswerda wegen fortgesetzter schwerer Untreue in Tateinheit mit Unterschlagung und schwerer Urkundenfälschung in zwei Fällen zu 5 Jahren Zuchthaus, 5.400 Mark Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverlust. Kubsch hatte Gelder der NSV unterschlagen. Der SS- Scharführer Beck aus Breslau, Lehmdamm 8, wurde zu 5 Monaten Gefängnis wegen Unterschlagung von 380 Mark Winterhilfegeldern verurteilt. A-66o) DAF und Kar Bayern: In der Gauleitung der DAF für die Bayerische Ostmark, Abteilung" Kraft durch Freude in Bayreuth wurden Unterschlagungen in Höhe von mindestens 65.000 Mark begangen. Die Täter sind der Gaupropagandaleiter von" Kraft durch Freude König und der Angestellte Dümmler, beide aus Schönwald. Mitverwickelt ist ein Fräulein du Bellier aus Selb. Die Presse berichtet nichts über den Vorfall. Der frühere Ortsgruppenleiter der DAF in Furth 1.W., Josef Ponkratz, unterschlug 4,000.- Mark in den Jahren 1933/34. Er wurde damals aber nicht gerichtlich verfolgt, sondern zunächst nach München versetzt. Jetzt ist er bei der Reichsbahn in Lindau untergebracht worden. Rheinland- Westfalen: Dem Leiter der DAF in Düren ist ein seltsames Missgeschick passiert. Ein Einschreibebrief mit angeblich 16,000 Mark Beitragsmarken, den er nach Berlin aufgegeben hatte, ist spurlos verschwunden. Man vermutet, dass er Beträge in dieser Höhe unterschlug, da er in Düren ungeheuerliche Zechereien veranstaltete und wegen seines Lebenswandels stadtbekannt ist. Der Kassierer der Deutschen Arbeitsfront im Bezirk EssenKaternberg wurde am 17, Juni von der Grossen Strafkammer Essen' wegen Untreue zu einem Jahr drei Monaten Zuchthaus und 300 RM. Geldstrafe verurteilt. Die Höhe der Unterschlagung belief sich auf etwa 5,000 RM. Der Verurteilte war fünfmal einschlägig vorbestraft. Seit dem 28.5.36 ist der Kassenwalter der DAF der Gauverwaltung Köln, Pg. Heinrich Rothenhöfer, nach Abhebung einer Summe von 80.000 RM von der Bank, die zur Auszahlung von Löhnen bestimmt war, flüchtig. Bisher ist seine Verhaftung, trotz Steckbrief, nicht geglückt. Der Kassierer der DAF in Haaren( Rheinland) unterschlag Mitgliedsbeiträge. Er wurde vom Schöffengericht zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Norddeutschland: Pg. Willi Voss, seit der Gleichs chaltung der Gewerkschaften Leiter des Nahrungsmittel und Getränkearbeiterverbandes in Kiel, hat 20.000 Rmk. unterschlagen. Er wurde wegen Betrug und Unterschlagung zu 3 Jahren, 3 Monaten Zuchthaus verurteilt. Voss hat bereits früher bei der Kieler Spar- und Leihkasse Unterschlagungen begangen. Pg. Gräming wurde 1933 NS- Kommissar für den Gesamtverband in Kiel. Er sitzt jetzt seit 15 Monaten wegen Betrug und Unterschlagung in Untersuchungshaft. A-67Sachsen: Der alte Kämpfer" Glück aus Plauen hat 5.000.Mk( vermutlich aus der DAF- Kasse) unterschlagen. Er wurde zu 1 1/2 Jahren Zuchthaus und 3.000.- Mk. Geldstrafe verurteilt. In der Zahlstelle Werdau der DAF ist der dritte Fall von Unterschlagung aufgedeckt worden. Der Zahlstellenleiter wurde vom Sondergericht zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein Amtswalter der DAF aus Klingenthal hat 300.-Mk. unterschlagen. Er wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. In der Verwaltung der DAF in Zittau unterschlug der Amtswalter Heinrich 12.000 Mark. Heinrich ist an der Erschiessung des Reichsbannermannes Kahlbass in Zittau am 23.Februar 1931 beteiligt gewesen. Der" alte Kämpfer Uebel aus Markneukirchen wurde gleich nach der Machtergreifung Geschäftsführer der Arbeitsfront in Oelsnitz i.V. Er führte ein lockeres Leben und unterschlug Gelder der DAF. Uebel hat sich jetzt auf dem Friedhof in Oelsnitz erschossen. Schlesien: In Neustadt wurden der Obmann Wollny und der Kassierer Reuber der DAF wegen Unterschlagung eines grossen Betrages entlassen. Die Nazis versuchen, die Angelegenheit totzuschweigen. In Breslau wurden vor einiger Zeit 5 Amtswalter der Arbeitsfront wegen Unterschlagungen in Höhe von 9.000 Mark verhaftet. d) Betriebe Bayern: Das Schöffengericht in Hof verurteilte den" alten Kämpfer, Pg. Kurt Köppel wegen fortgesetzter Unterschlagung zu zwei Jahren Zuchthaus und 200 Mark Geldstrafe. Köppel hat über 2260.- Mk. Gelder der Gefolgschaftsmitglieder der städtischen Werke in Hof, die er verwalten sollte, für sich verbraucht. Oefter fertigte er Quittungsdurchschriften an und nahm sie zu den Kassenbelegen, die nicht mit den Originalquittungen übereinstimmten. Auch über den Verbrauch der Gelder, die für verteilte Arbeitsbücher einkassiert wurden, konnte er keinen Aufschluss geben. Köppel, der in Hof führendes Mitglied der NSDAP war, blieb nach Aufdeckung der Unterschlagungen zunächst unbeheiligt. Er wurde lediglich aus den städtischen Diensten entfernt und mit dem Inserateninkasso( 1) der Nazizeitung" Bayrische Ostmark", Ausgabe Hof, betraut. Als auch hier Unterschlagungen erfolgten, forderte ihn die Partei auf, die Konsequenzen zu ziehen und sich zu erschiessen. Er weigerte sich, worauf seine Verhaftung und Verurteilung erfolgte. A-68. Der alte Kämpfer", Pg. Zimm- ermann ist seit Hitlers Machtergreifung städtischer Vorarbeiter in Selb und erhielt bei der Sanitätskolonne eine führende Stellung. Die etwa 80 Mitglieder der Sanitätskolonne mussten sich lange SchaftStiefel: an- schaffen. Die Binkassie rung der Ratenzahlungen dafür hatte Zimmermann übernommen. Er hat das Geld unterschlagen. Eine Verurteilung ist jedoch nicht erfolgt. Dieser Fall hat in Selb Empörung hervorgerufen, die noch dadurch gesteigert wurde, dass Z. vom WHW ein vollständiges Bett erhielt. Rheinland: Der Bruder Dr. Ley's war bei der R.W. E.( I. G.Konzern), einer Stickstoffabrik in Köln- Knapsack, beschäftigt und" verwaltete" dort die Pensionskasse der Belegschaft. In einer Belegschaftsversammlung aufgefordert, über die Leistungen der Kasse Rechenschaft abzulegen, machte er falsche, 80fort widerlegte Angaben. Gegen ihn wurde ein Verfahren wegen Unterschlagung eingeleitet, das aber offenbar inzwischen niedergeschlagen worden ist. Norddeutschland: Bei der Hanomag in Hannover ist im Mai 1936 seit zwei Jahren der sechste Betriebsobmann eingesetzt worden. Alle Absetzungen erfolgten wegen Veruntreuungen. Die" alten Kämpfer" und Pgs. Zorn und Fr. Kastner wurden nach der Machtergreifung 1933 zu Betriebsobleuten der Germania- Werft in Kiel ernannt. Beide wurden im Frühjahr 1936 verhaftet. Während Zorn noch in Untersuchungshaft sitzt, ist Kastner wegen Unterschlagung von rund 10.000 Mk. inzwischen zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das Schöffengericht Harburg- Wilhelmsburg verurteilte den " alten Kämpfer" Heinrich Knops wegen Unterschlagung von 570 Mark, die er als Betriebsvertrauensrat der Hansamühle von dem alten Betriebsrát übernommen hatte, zu 6 Monaten Gefängnis. Knops wurde seines Postens enthoben und durch den Pg. Appel ersetzt. Appel blieb nicht lange im Amt, er unterschlug 118 Mark aus der Bücherkasse des Betriebs und wurde jetzt zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sachsen: Die Gefolgschaftsmitglieder eines grösseren Bautzner Werkes hatten 1933 unter Druck der Nazis eine Sammelbestellung auf Hitlers" Mein Kampf" und das" Horst Wessel" Buch beim Eher- Verlag gemacht. Die Einkassierung der Gelder hatte der fünfmal vorbestrafte Pg. Johannes Seiler aus Bautzen übernommen. Er hat die kassierten Beträge unterschlagen und wurde am 14. Juli 1936 in der Berufungsverhandlung von der kleinen Strafkammer des Landgerichts Bautzen zu 6 Monaten Gefängnis, 50 Mark Geldstrafe und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. 1-69Thüringen: Die Grosse Strafkammer Erfurt verurteilte am 24. September in der Berufsverhandlung einen ehemaligen Betriebszellenobmann und Betriebsratsvorsitzenden aus Eisenach, der rund 800 RMark Mitgliederbeiträge der NSBO unterschlagen hatte, wegen schwerer Untreue zu einem Jahr, neun Monaten Zuchthaus, 200 RMark Geldstrafe und fünf Jahren Ehrverlust. Die von der Vorinstanz verhängte Strafe hatte 8 Monate Gefängnis betragen. Schlesien: Der Kassierer der Krankenkasse der Castelengogrube hat einige hundert Mark unterschlagen. Um die Angelegenheit zu vertuschen, hat die DAF erklärt, die Kasse sei bei der Revision" in Ordnung" befunden worden. Trotzdem hat man den Kassierer entlassen. e) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen Bayern Oberlehrer, Pg. Hermann, Wunsiedel, war Propagandachef für den Luftschutzdienst in Oberfranken. Sein Adjudant war Pg. Max Hauswurz. Beide sind wegen umfangreicher Unterschlagungen und Verun treuungen ihrer Aemter enthoben worden. Pfalz: Der" alte Kämpfer" Heinrich Liede hat als Geschäftsführer der Molkerei Frankenthal( eine Na zipfründe) 1.500 Mark unterschlagen. Er wurde verhaftet und ins Landgerichtsgefängnis überführt. Baden: Der" alte Kämpfer" Seiler aus Ueberlingen am See, ein völlig unfähiger" Techniker", wurde 1933 vom Arbeitsdienst angestellt und kurze Zeit darauf zum Leiter des Lagers in Ueberlingen am See ernannt. Er hat Gelder des Arbeitsdienstes unterschlagen und Devisenschiebungen begangen. Trotzdem wurde. er nicht verhaftet, sondern vor kurzem nur" beurlaubt" und durch einen anderen Pg. ersetzt. Rheinland: Ein Abteilungsführer beim Reichsluftschutzbund in Aachen, dem die Kassenverwaltung unterstand, unterschlug 150 Mark. Vor dem Schöffengericht berief er sich auf die Misswirtschaft seiner nächsten Vorgesetzten. Das Gericht verurteilte ihn zu 4 Monaten Gefängnis und 50 Mark Geldstrafe. Norddeutschland: Der Provinzgruppenführer des Verbandes der Kleingärtner in der Provinz Hannover, Ratsherr Pg. Julius Heinrich Witthuhn, ist wegen Unterschlagung von rund 40.000 Mark in Untersuchungshaft genommen worden. A-70Berlin: Der Kassierer der Innungskrankenkasse der Tischler in Berlin, ein Mitglied der NSDAP, ist geflüchtet und wird steckbrieflich gesucht. Er hat Gelder in unbekannter Höhe unterschlagen. Sachsen: Der SA- Mann Richard Henzel, der bei der Ortskrankenkasse Penig beschäftigt war, hat vom Oktober 1935 bis März 1936 600.-Mk. unterschlagen und war flüchtig. Er wurde aber gefasst und vom Schöffengericht Penig zu 9 Monaten Gefängnis und 100.- Mk. Geldstrafe verurteilt. Der Kassierer der Ortskrankenkasse Freiberg, Pg. Oswald Offenhäuser, veruntreute in 350 Fällen 4.000.-Mk. Er wurde zu zwei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Kassierer des Annaberger Grenzlandtheaters, das gänzlich unter Naziregie steht, Pg. Walter Werner, wurde wegen fortgesetzter Untreue und Unterschlagung( insgesamt 4.000 Mk.) verhaftet. Der Ortsgruppenleiter der Kriegsopferversorgung in Heidenau ist wegen Unterschlagung plötzlich abgesetzt worden und trägt seitdem keine Uniform mehr. Das Landgericht Chemnitz verurteilte am 7. August den Kreiswart des Reichs bundes der Kinderreichen, Ernst Walter Melzer, Chemnitz, wegen fortgesetzter Unterschlagung und Untreue zu 1 Jahr Gefängnis. Melzer hat rund 2.000.- Mk. unterschlagen. Der kommissarische Leiter der nationalsozialistischen Kriegsbeschädigten Organisation in Chemnitz, Pg. Wagner, Chemnitz, Sebastian Bachstr. 97, ein bekannter Nazischläger, hat eingesammelte Gelder für eine KdF- Fahrt seiner Organisation veruntreut. Er ist in der Kaserne 181, Planitzstrasse, beschäftigt und muss die unterschlagenen Gelder abarbeiten. Schlesien: Nach Hitlers Machtantritt wurde ein" alter Kämpfer Leiter des Konsumvereins Bobreck. Er ist jetzt unter Mitnahme von 10.000.-Mk. Geschäftsgeldern geflüchtet. Das Geschäft ist geschlossen, nachdem schon zuvor wegen des Mitgliederstreiks die Filiale in Beuthen liquidiert werden musste. Als einige Mitglieder bei der Hindenburger Parteileitung und später beim Gau in Breslau intervenierten und ihre Einlagen und Anteile zurückforderten, wurde ihnen gesagt, das gehe die Partei nichts an, die Mitglieder hätten eben auf ihren Konsumvereinsleiter besser aufpassen sollen. In Breslau wurden vor einiger Zeit 76 Mitglieder des Luftschutzbundes wegen Unterschlagung von insgesamt 60.000 Mark verhaftet. Vor einer gerichtlichen Bestrafung ist noch nichts bekannt. f) Verwaltung A- 71Bayern: Der ehemalige Zigarrengeschäftsinhaber Pg. Josef Heiss in Rosenheim war schon früher als Schuldenmacher und moralisch verkommener Mensch bekannt. Nach 1933 verkaufte er sein verschuldetes Geschäft und erhielt eine Stelle beim Wohlfahrtsamt Rosenheim. Dort liess er sich wiederholt Verfehlungen zuschulden kommen und wurde ins Arbeitsamt versetzt. Im Arbeitsamt hat er jetzt ebenfalls Unterschlagungen begangen. Obwohl er das gegebene Rückzahlungsversprechen nicht einhielt, ist er bisher unbehelligt geblieben. Ein nach dem Umsturz eingestellter Gemeindediener in Augustenfeld hat über 800 Mark veruntreut. Das Schöffengericht München- Land verurteilte ihn am 19. 9. wegen Amtsunterschlagung zu 6 Monaten Gefängnis. Südwestdeutschland: Der Gemeinde- Einkas sie rer von Rodalben, Pg. Clemens Becker wurde wegen Amtsunterschlagung zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hat 6.000 Mark veruntreut. Pg. K. Stark, Kaiserslautern, wurde wegen Unterschlagung von 2.000.- Mk. Wohlfahrtsgeldern und 4.000.-Mk. Konkursgeldern zu 2 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. In Konstanz wurde der frühere Naziführer von Singen sässer, wegen Unterschlagung im Arbeitsamt mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. ElDer Bürgermeister von Kapaweyer und sein Gemeindesekretär Striebig wurden wegen Unterschlagung und Devisenvergehen verhaftet. Der Steuersekretär Gustav Seitner, Mannheim, Mitglied der NSDAP, wurde von der Grossen Strafkammer Mannheim wegen Amtsunterschlagung zu 2 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Bei Hitlers Machtantritt wurde der bisherige Buchhalter beim Strombezugsverband Waldshut/ Oberrhein wegen angeblicher Unterschlagung entlassen. Die später erfolgte Untersuchung ergab seine völlige Unschuld. Trotzdem wurde er nicht wieder eingestellt. Zu seinem Nachfolger wurde ein" alter Kämpfer" bestimmt, der jetzt wegen tatsächlich begangener Unterschlagungen verhaftet worden ist. Der Gendarmeriekommissar von Pfullendorf hat gegen den dortigen Kreisamtsleiter Pg. Mauch wegen Unterschlagung von 6.000( sechs tausend) RM. aus der Kreisamtskasse Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Mauch ist bis jetzt noch auf freiem Fuss. A-72Der Postbeamte Pg. Eugen Zinsmeister aus Dansenberg hat auf Postanweisungen eingezahlte Gelder für sich behalten. Er wurde zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Pg. Werner Eisenmann aus Pirmasens, ein bekannter Nazi, wurde am 6. August vom Schöffengericht Pirmasens wegen Amtsunterschlagung zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Er zog Schulgelder ein und verkaufte als Beamter des Verwaltungsbüros der Schuhmacherfachschule Schuhe und behielt das Geld für sich. Der als Nazivorkämpfer bekannte Förster Neupert in Fischbach bei Dahn wurde wegen Amtsunterschlagung festgenommen und ins Amtsgericht Pirmasens überführt. Rheinland- Westfalen: Das Nationalsozialist Ohlwein, Duisburg, hat als Angestellter des Duisburger Wohlfahrtaamtes für rund 5.000 Mark Fettverbilligungsscheine gestohlen und für sich verbraucht. Mit diesen Scheinen wurden nicht nur Fett und andere Lebensmittel, sondern auch Kognak, Wein, Zigaretten und Kaviar besorgt. Das Gericht verurteilte Ohlwein wegen fortgesetzter Amts unterschlagung und wegen Anstiftung zur Urkundenfälschung in Tateinheit mit Amtsunterschlagung zu insgesamt 1 Jahr und 10 Monaten Gefängnis, seine Frau wegen fortgesetzter Hehlerei und Urkundenfälschung in Tateinheit mit Hehlerei zu insgesamt 8 Monaten und 2 Wochen Gefängnis. Anfang September wurden drei nationalsozialistische Verwaltungsbeamte des Polizeipräsidiums Recklinghausen wegen Unterschlagung von insgesamt 3000 Mark verhaftet. Sie hatten die Gelder der Polizeikasse entnommen. Norddeutschland: Der Sparkassendirektor in X.," alter Kämpfer und wütender Marxistenfresser, wurde vor einiger Zeit verhaftet. Ihm wurden Unterschlagungen, Reisescheckschwindel, Mündelgelderunterschlagungen zur Last gelegt. Bei der Durchsuchung fand man ein Notizbuch mit den Namen von 53 Frauen, mit denen er das unterschlagene Geld durchgebracht hatte. Der Nationalsozialist Heinrich in Sasel bei Neumünster war bei der Gemeindeverwaltung angestellt. Er unterschlug aus der Kasse für die Invalidenmarken 610 Mark und wurde zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der Amtsvorsteher von Rellingen( Holstein), Pg. Schneider, hat innerhalb eines Jahres 6.000 Mark unterschlagen. Er hat sich bei seiner Verhaftung erschossen. Der" alte Kämpfer", SA- Mann Georg Schemm in Sasel bei Neumünster, war im Zuge der Erneuerung des Beamtenkörpers Vollziehungsbeamter geworden. Jetzt hat sich herausgestellt, dass er in einer ganzen Reihe von Fällen Steuern und öffentliche Beiträge eingezogen, aber nicht abgeliefert hat. Das Geld hat A- 73er für sich verbraucht. In den Einhebelisten verzeichnete er keine Eintragungen, während er die Quittungsblocks richtig führte. Das Gericht hat ihn zu 1 Jahr 3 Monate Gefängnis verurteilt. Berlin: In einem Berliner Arbeitsamt haben zwei Kassenbeamte, die aktivsten Nazis im ganzen Betrieb, rund 8.000 Mark unterschlagen. Sachsen; Der bei der Stadtgemeinde Aue als Verwaltungspraktikant angestellte SA- Mann Martin hat grössere Unterschlagungen begangen. Seit Anfang August 1934 war ihm u.a. auch die Polizeikasse unterstellt, aus der er über 1.100 Mark veruntreute. Auch Urkundenfälschungen mit Stempelmarken hat er sich zuschulden kommen lassen. Er wurde zu einem Jahr, neun Monaten Zuchthaus, 750 Mark Geldstrafe und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Der" alte Kämpfer" Hofmann in Adorf 1.Vgtld., ein prominenter Nazi, der auch die Führerschule absolvierte, hat als Reichspost- Assistent Unterschlagungen von Rentenbeträgen der Sozialversicherung und Urkundenfälschung begangen. Er wurde verhaftet. Hofmann hat insbesondere Nachnahmesendungen unterschlagen. Bei der Feststellung über die Höhe der unterschlagenen Summe wurden alle Geschädigten auf das Postamt bestellt und von Kriminalbeamten vernommen. Jeder wurde gefragt, ob er das von Hofmann unterschlagene Geld wieder haben wolle. Das wurde natürlich bejaht. Die Geschädigten wurden aufgefordert, über den Fall Stillschweigen zu bewahren. Verschiedene haben sich geweigert. Der Direktor der städtischen Bäder in Dresden, ein begeisterter Nazi, wurde Mitte Mai wegen Diebstahl verhaftet. Er hat die Automaten für Seife und Handtücher etc. im Güntzbad, in dem er seine 6- Zimmerdienstwohnung hat, erbrochen und ausgeraubt. Man erwischte ihn auf frischer Tat. Da er ein Monatsgehalt von 800 Mark( nebst freier Wohnung) hat, kann von Notlage keine Rede sein. Nach Unterschlagungen von 17.000 Mark wurde der Kassierer der Girokasse in Langenau bei Freiberg verhaftet. Er hat jetzt gestanden, dass auch der Nazibürgermeister beteiligt ist. Der Bürgermeister ist noch nicht verhaftet, sondern lediglich beurlaubt worden. In Freiberg i.Sa. sind 16 Personen, darunter 7 Offiziere der Garnison, verhaftet worden. Angeblich haben sie Schiebungen bei der Verpflegung der Mannschaften gemacht und durch Falschbuchungen bei den Löhnungen ca. 12.000 bis 15.000 Mark unterschlagen. Schlesien: Bei der Kreisverwaltung in Kosel war bisher ein alter Pg. als Angestellter beschäftigt, der jetzt verhaftet wurde. Er hatte ein dem Kreise gehörendes Haus verkauft und A- 74sich von dem Käufer, dem er erklärte, dass es sein Haus sei, 3.000 Mark anzahlen lassen. Bei der Grundbucheintragung kam der Schwindel auf; es stellte sich bei einer Kassenrevision ausserdem noch eine Unterschlagung von Kreisgeldern in Höhe von 5.000 Mark heraus. Dieser Pg. hat sich 1934 als Denunziant betätigt, durch seine Aussagen wurde im November 1935 eine Reihe ehemaliger Sozialdemokraten vom Breslauer Sondergericht wegen Hochverrat verurteilt. Der Bürgermeister Zeth von Margareth bei Breslau wurde wegen Unterschlagung von 18.000 Mark zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Ratiborer Schöffengericht verurteilte den Nationalsozialisten Friedrich Popp aus Bleischwitz, Kreis Leobschütz, wegen Amtsunterschlagung und Urkundenfälschung zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis. Popp war mit der Vertretung des Zweigstellenleiters einer Sparkasse beauftragt worden. Er entnahm der Kasse 4.000 Mark und flüchtete unter Mitnahme weiterer 2.300 Mark, die er zur Aufbewahrung oder Einzahlung erhalten hätte. Pg. Fritz Lehmann aus Sagan wurde wegen Unterschlagung von etwa 400 RMark Arbeitslosengeldern von der Strafkammer zu einem Jahr Zuchthaus und 450 RMark Geldstrafe verurteilt. Der Postangestellte und Funktionär der NS- Volkswohlfahrt G. Hansmann aus Hirschberg wurde wegen Amtsunterschlagung von der Grossen Strafkammer verurteilt. Der bisherige Nazibürgermeister von Pohldorf, Pg. Josef Tschammer, der auch. Mitglied der Kreisleitung Habelschwerdt der NSDAP war, hat 786,07 Mark Steuern und Abgaben aus der Gemeindekasse unterschlagen. In der Verhandlung vor dem Schöf fengericht in Glatz versuchte er sich damit zu entschuldigen, dass ihm das fehlende Geld irgendwie abhanden gekommen sein müsse. Er ging sogar so weit, seine Familienangehörigen zu verdächtigen. Er behauptete auch, dass ein Gemeindemitglied in dem Verdacht fortgesetzter Diebstähle gestanden habe und dass man bei einer bei diesem vorgenommenen Haussuchung den Betrag von etwa 1.000 RMark gefunden haben soll. Eine diesbezügliche Anzeige ist jedoch bei der Staatsanwaltschaft niemals erstattet worden. Das Gericht glaubte ihm nicht und verurteilte ihn wegen Amts unterschlagung zu drei Monaten Gefängnis. Ostpreussen: Die Insterburger Grosse Strafkammer verurteilte Mitte August den Pg. Reszat, Goldap, zu zwei Jahren Gefängnis, weil er einen Einbruch verübte und zur Bezahlung seiner Zechgelage bei seiner Dienststelle 130 Mark öffentliche Gelder stahl. A-75IV. Aus den Betrieben 1) Die allgemeine Situation in den Betrieben Die in den letzten drei Monaten eingelaufenen Berichte aus den Betrieben( wir haben zuletzt im Juni- Heft S. A 39 ff. über die Lage in den Betrieben berichtet) sind nach verschiedenen Richtungen bemerkenswert: 1. Die Zahl der Fälle, in denen über Widerstandsregungen der Arbeiterschaft berichtet wird, hat sich wesentlich vermehrt. 2. Die Facharbeiter gewinnen in den Industrien, in denen Mangel an Facharbeitern herrscht, immer mehr an Selbstbewusstsein. 3. Es werden Fälle berichtet, in denen die Arbeiter eine starke Solidarität unter Beweis gestellt haben, gelegentlich sogar unter Einschluss der" alten Kämpfer". 4. Das Ansehen der früheren Gewerkschaftsfunktionäre und Betriebsratsmitglieder hat sich sowohl bei den Arbeitern als auch bei den Betriebsleitungen weiter gehoben. 1750 und Es lässt sich noch nicht übersehen, ob diese Feststellungen Allgemeingültigkeit beanspruchen können- es gibt noch genug Berichte, die das Gegenteil von alledem erkennen lassen ob damit eine neue Phase in der Haltung der Arbeiter eingeleitet ist, oder ob es sich nur um Ausstrahlungen der allgemein erneut gewachsenen Unzufriedenheit und Meckerstimmung handelt. Immerhin verdient es Beachtung, dass die Vertreter des Regimes es für nützlich halten, den Arbeitern bei jeder Gelegenheit auseinanderzusetzen, warum vorläufig nicht an Lohnerhöhungen zú denken ist. Wir schicken einige allgemeine Berichte über die Lage in den Betrieben voraus: A-76 Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Aus einer Unterredung mi einem früher führenden freien Gewerkschafter: Wie steht es mit den Möglichkeiten gewerkschaftlicher Arbeit? Der alte Stamm ist zuverlässig und noch vorhanden. Zwischen uns und der Jugend klafft aber ein Abgrund. Nachwuchs ist nicht vorhanden, soweit es sich nicht um junge Leute handelt, die schon in unseren Jugendorganisationen waren. Diese jungen Menschen leiden seelisch schwer. Lohnbewegungen gibt es in den Betrieben immer mal, aber zuletzt diktiert der Treuhänder und die Leute fügen sich. Jedenfalls bleibt aber das Interesse für Lohnfragen grösser als für Politik. Wie wirken die Streiks in Frankreich und der Bürgerkrieg in Spanien? Die Massenstreiks in Frankreich haben nicht zu einer Belebung des Solidaritätsgefühls geführt. Davon sind die Massen noch weit entfernt. Die allgemeine Lethargie ist noch viel zu gross. Hinzu kommt, dass viele keine Zeitungen lesen oder nicht glauben, was in den Zeitungen steht und sich deshalb sagen, man weiss nicht, was in Paris los ist. Aehnlich ist es mit Spanien. Hier kommt noch hinzu, dass auch in der Arbeiterschaft sich viele ängstliche Naturen sagen, es ist immer noch besser, dass Ruhe im Lande ist, als solche Zustände einreissen zu lassen. Auch manche Arbeiter sagen: Hitler hat wenigstens Ruhe im Lande geschaffen. Wie stehen die Leute zur Arbeitsfront? Das Interesse lässt immer mehr nach, was auch daraus zu ersehen ist, dass die Versammlungen immer schlechter besucht werden und selbst Drohungen nicht mehr helfen. Die Zeitungen der Arbeitsfront werden nicht bestellt, obwohl sie umsonst durch die Post bezogen werden können, wenn man ein entsprechendes Formular ausfüllt. Kommt ab und zu ein Naziredner in den Betrieb, so hält er einen allgemeinen politischen Vortrag, während die Leute etwas über Betriebsangelegenheiten hören möchten. Dabei gibt es dann ab und zu Zwischenrufe. Auch bei Ley ist das schon vorgekommen. Zu Betriebsfragen nehmen die Redner nie Stellung; sie verschanzen sich auf Fragen hinter der Ausrede, sie müssten sich da erst beim Vertrauensrat informieren. 2. Bericht: In Köln hat die DAF einen Erlass herausgegeben, der ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse wirft: " Betriebsversammlungen sind nur zulässig, wenn sie vom Führer des Betriebes einberufen worden sind. Sie werden überhaupt praktisch keine erhebliche Rolle spielen, da sie nicht mehr wie unter dem Geltungsbereich des Betriebsrätegesetzes, als Organ der Betriebsverfassung vorgesehen sind und angesichts der Betriebsverbundenheit jeder einzelne Gefolgsmann seine Wünsche oder Anträge bei dem Führer des Betriebes vorbringen kann." A-77Die Betriebsversammlungen bringen oft Ueberraschungen durch Anfragen und deshalb kann man sie eben nicht gebrauchen. Der Bergarbeiterstreitk in Belgien, der vor einiger Zeit im Lütticher Gebiet ausgebrochen war, hatte ebenso wie die früheren Streiks grosse Unruhe im Wurmkohlengebiet verursacht. Die Kumpels verglichen ihre Lage, die immer erbärmlicher wird, mit der Lage der ausländischen Arbeiter, die im Kampfe neues Terrain gewinnen können. In den Betrieben wurde lebhaft debattiert. Diese Unruhe gab der Gestapo Veranlassung, vorübergehend viele ehemalige Sozialdemokraten und Kommunisten, besonders die Funktionäre der Gewerkschaften zu verhaften. Einige befinden sich noch jetzt ohne Grund in Haft. Abgesehen von dem gesunkenen Lohn bei gestiegenen Preisen muss immer mehr geschuftet werden. Es häufen sich die Zusammenstösse mit den Vorgesetzten. Die DAF wird nicht für voll genommen; sie kann und will nach Meinung der Bergarbeiter niemanden helfen. Die Misstimmung gegen die Nazis geht soweit, dass sich selbst der Treuhänder der Arbeit, Börger, der letzt. hin die Betriebe mal wieder zu Betriebsversammlungen zusammenholte, dieser Tatsache nicht verschliessen konnte. Er grüsste die Arbeiter diesmal nicht mehr mit dem Hitlergruss, sondern er gebrauchte das" Glückauf". Beim Horst- Wessel- Lied sangen nur einige Nazis mit, das Gros der Arbeiter schwieg und zeigte damit Börger seine Abneigung und Verachtung gegen das Dritte Reich. 3. Bericht: In den Kruppschen Rüstungsbetrieben sind die Arbeiter keineswegs zufrieden. Einmal wird ständig der Akkord verschlechtert, andererseits steigen die Preise und da die Lohnarbeiter noch schlechter gestellt sind als die Akkordarbeiter, so breitet sich die Misstimmung immer mehr aus. Trotz aller Sicherungsmassnahmen, die das System getroffen hat--Sicherung des Fabrikgeheimnisses; Drohung mit Landesverra tsprozessen, wenn etwa Betriebsverhältnisse preisgegeben wird die Arbeiterschaft unruhiger. Das werden sollten usw. kommt daher, dass sie angesichts des drohenden Krieges selbstbewusster wird, denn im Kriege wird das Regime gerade auf die Rüstungsarbeiter angewiesen sein. Die Betriebe wimmeln von Angebern. Jedermann kennt die Leute, die ständig zur Polizei laufen und dort das Geringste angeben. Man weiss sogar, dass Prämien für diese Angeberei gezahlt werden. Leider muss gesagt werden, dass sich auch ehemalige Freigewerkschaftler, zum überwiegenden Téil Kommunisten unter den Angebern befinden. Es sind meist diejenigen, die früher nicht genug schimpfen konnten über die schlechten Verhältnisse. Die aufrechten Arbeiter lassen sich jedoch durch die Ueberläufer nicht beeindrucken. Diese sind und bleiben für sie Verräter, denen man für den Fall des Umsturzes Rache schwört. Man merkt sich diese Burschen sehr genau. A-78Schon jetzt lässt man sie fühlen, wie sehr man sie rerachtet. Selbstverständlich geht das nicht offen. Aber es hat sich ein System herausgebildet, dass noch viel schlimmer wirkt. Die Angeber werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit geschädigt. Viele Meister und Vorarbeiter machen. das mit. Sie werden bei Gesamtakkorden reingelegt, sie bekommen bei Einzelakkorden besonders schlecht bezahlte Arbeiten; os lässt sich manches" drehen", ohne dass irgend eine Stelle etwas dagegen machen kann und es gibt hundert Möglichkeiten, um solche Leute da zu treffen, wo sie am besten zu treffen sind: am Einkommen. Der Hitlergruss wird nur noch vereinzelt angewendet. Man hilft sich mit anderen Grüssen. Wer mit" Heil Hitler" grüsst, der macht meist noch eine Bemerkung dazu und dann weiss Jeder Bescheid. Auch die spanischen Ereignisse sind jetzt Gegenstand der Annäherung. Es gibt eigentlich schon eine Organisation, die im wirklichen Sinne des Wortes keine ist und die doch besteht, weil die Grenzen gegen die Aussenstehenden gezogen sind. In den Betrieben gibt es tausend Möglichkeiten, die spanischen Ereignisse zu debattieren. Da man die Spitzel und Provokateure in den drei Jahren genau kennen gelernt hat, so kann man sich im vertrauten Kreise offen auslassen. Mit leidenschaftlichem Interesse verfolgen die Arbeiter die Ereignisse in Spanien. Man kann mit Recht erwarten, dass, wenn die Regierung und die Arbeiter siegen sollten, das eine ganz neue Situation in den Betrieben ergeben würde. Dann würde neuer Mut und neue Kampfes lust einziehen. Die kühl abwägenden und psychologisch halbwegs geschulten ehemaligen Funktionäre sagen: nach einem Siege der spanischen Volksfront sei mit regelrechten Auflehnungsversuchen zu rechnen. Schon jetzt sei die Stimmung bis zur Siedehitze gestiegen. Allerdings sind alle Behauptungen, dass in Deutschland und besonders im industriellen Westen für die spanischen Arbeiter gesammelt würde, Phantasie. Soweit ist man noch nicht.. Das wäre schon deswegen nicht möglich, weil bei dem geringsten Anzeichen einer solchen Tätigkeit die Gestapo hart eingreifen würde. Es wäre Wahnsinn, so etwas jetzt zu machen. Die bisherige Methode des Sichtotstellen und gewissermassen der Heuchelei ist viel besser geeignet, die Arbeiter zusammenzuhalten. Sie verhütet allzuviele Opfer, Opfer, die man vielfach für zu gross ansieht im Verhältniss zu den Erfolgen die durch solche Opfer erreicht werden könnten. Im allgemeinen sind unsere Leute heute wieder optimistischer, weil man ohne sie nicht auskommen kann. Das stärkt die Arbeiter ungemein. Berlin: Aus einem Gespräch: S Frage: Wie steht der Betriebsarbeiter zum Regime? Antwort: Die Gesamtstimmung ist als Ablehnung zu bezeichnen. Berlin hat nur einen nazi treuen Grossbetrieb, die A- 79Siemenswerke in Siemensstadt. Dieser Betrieb ist zu 80% der Belegschaft nazitreu. Nun weiss jeder Gewerkschaftler aus früherer Zeit, dass Siemens schon immer als gelbe Bude bekannt war. Dort werden auch nur nazi treue Leute eingestellt. Dabei distanzieren sich die übrigen Metallarbeiter vom Siemenspersonal; Siemensleute werden über die Achsel angesehen. In allen übrigen Grossbetrieben ist es der Arbeitsfront und der NSDAP bis heute noch nicht gelungen, eine Befolgung ihrer Anordnungen durch die Belegschaft zu erzielen. Frage: Die ab lehnende Haltung der Arbeiterschaft zum System ist Deiner und anderer Meinung nach allgemein. Welche Faktoren hältst Du nun für notwendig, dass die Arbeiterschaft aus ihrer negativen Haltung zum positiven Kampf gegen Hitler übergeht? orAntwort: Ein Haupthindernisgrund dafür ist die Gefahr, arbeitslos zu werden. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit hält grosse Teile der Arbeiterschaft davor zurück, zu offenem Protest überzugehen und sich stärker und straffer zu ganisieren. Der von unseren Kreisen so oft begrüsste Konjunktur- Niedergang im Dritten Reich ist hier zugleich ein wesentlicher Hinderungsfaktor für den offenen Kampf der Arbeiterschaft gegen Hitler. Frage: Wie ist die Einstellung der Arbeiterschaft zu unseren früheren Funktionären? Antwort: Das Verhältnis hat kaum eine Aenderung erfahren. Unsere Leute sind nach wie vor die Berater und müssen oft einzelne Arbeiter vor Unvorsichtigkeiten und unüberlegtem Handeln bewahren. Nordwestdeutschland: Die Stimmung der Arbeiter ist in den Betrieben, in denen ein hoher Prozentsatz Facharbeiter beschäftigt wird, durchgehend besser als in den Betrieben, die einen hohen Prozentsatz ungelernte Arbeiter beschäftigen. So konnten bei der Winterhilfsspende, die 10% der Lohnsteuer betrug, und bei anderen Sammlungen die Facharbeiter der grossen Betriebe sich in grossem Umfange weigern, den Abzug vom Lohn vornehmen zu lassen. Sie sind unentbehrlich und können sich wirklich manches erlauben, was einem ungelernten Arbeiter, der durch irgend einen anderen ersetzt werden kann, nicht möglich ist. In bestimmten Abteilungen der X- Werke und des YBetriebes, sowie in mittleren Maschinenfabriken ist nicht nur die Stimmung ziemlich einheitlich, sondern man verständigt sich hier sogar über ein gemeinsames Vorgehen. In solchen Abteilungen haben auch Sammlungen für die Gefangenen einen für die heutigen Verhältnisse ansehnlichen Erfolg. Diese Arbeiter sind die früheren Stammbelegschaften, die nicht nur Nachbarn im Betriebe waren, sondern die auch in den Vierteln dieser Werke wohnen und sich persönlich kennen. In Arbeiterkreisen ist man empört darüber, dass Russland wieder so ausgedehnte Geschäftsbeziehungen zu Deutschland A-80unterhält. Man weiss, dass Russland die meisten Maschinen, die es aus Deutschland bezieht, billiger und-selbst wenn es sich um Spezialmaschinen für die Textil- oder GummiIndustrie handelt- ebenso gut aus England beziehen kann. Ein Kommunist gab sich Mühe, die Russlandkäufe als ein Attentat auf Deutschlands Rohstoffvorräte zu erklären, aber er wurde von Arbeitskollegen ausgelacht. Dabei sagte ein früherer kommunistischer Funktionär:" Ihr jammert über Thälmann; zehntausende Kommunisten sitzen im Zuchthaus und Konzentrationslager; der Moskauer Sender hält an jedem Abend Brandreden gegen den Hitlerfaschismus, aber Sowjetrussland ist das Land, das jetzt Schachts stärkster Helfer ist. Wenn ich bis jetzt Kommunist geblieben wäre, von heute ab würde ich es nicht mehr sein!" Uebrigens redeten sich die Kommunisten ein, das Abkommen sei ein sehr geschickter Schachzug Russlands, denn Russland rechnete damit, dass es bestimmt im Laufe der zwei Jahre, die der Kredit läuft, zu einem Kriege kommen werde, und dass Russland dann überhaupt nichts zu bezahlen brauche. Inzwischen sind schon fünf Vierteljahre von dieser Zeit verstrichen. Schlesien; Die Arbeiterschaft lehnt nicht nur das System ab, sondern ist ihm jetzt vielfach offen feindlich gesinnt, was in den Betrieben durch gelegentliche Leistungs verminderun zum Ausdruck kommt. Die Arbeiter erklären, man könne doch nicht auf die Dauer bei diesem Lohn und der mangelhaften Ernährung Höchstleistungen vollbringen und man solle doch endlich etwas vom Nationalsozialismus zeigen, statt mit Versprechungen zu jonglieren. Unsere Genossen in den Betrieben sind der Ansicht, dass die Betriebsbeamten vorgeschickt werden, um die Stimmung in den Betrieben zu studieren, aber dass sie nicht offen nach Oben allès weitergeben, sondern die Stimmung besser schildern als sie tatsächlich ist. Hingegen scheinen die führenden Männer in der Industrie doch zu wissen, dass man nicht lange die Arbeiterschaft niederhalten kann und tun alles, um den massgebenden Männern in Berlin das klarzumachen. wobei sie die ganze Schuld auf die Arbeitsfront und den Parteiapparat schieben, die die Arbeiterschaft begehrlich machen. würden. Ueber die vor kurzem in Hindenburg( Oberschlesien) abgehaltene grosse Ley- Kundgebung wird berichtet: Stimmungsmässig war von vornherein alles gegen Ley eingestellt, was verschiedentlich offen zum Ausdruck kam. Das Beste seiner Anwesenheit waren das Feuerwerk im Hitler- Stadion in Hindenburg und sein Versprechen, dass in Oberschlesien grosszügige Siedlungen gebaut werden sollen. Aber um diese Versprechungen kümmert man sich herzlich wenig. Der Besuch in Hindenburg war auf etwa 100.000 Menschen berechnet. Obgleich alles aufgeboten wurde, waren nur etwa 40 bis 50.000 Mann erschienen; der grösste Teil der Belegschaft blieb der Kundgebung fern und drückte sich, wo sie nur konnte. In der Rede Leys im Stadion zu Hindenburg kam auch offen zum Ausdruck, dass er sehr wohl A- 81die Unzufriedenheit der Bergarbeiter verstehe, denn die Löhne seien wirklich gering, hier müsse Wandel geschaffen werden. Wie dieser Wandel aber geschaffen werden sollte, darüber schwieg sich auch Ley aus. Dieser Kritik an der Industrie ging ein Zwischenfall auf der Gleiwitzer Grube voraus. Beim Erscheinen Leys auf dem Grubenplatz machten die aufgestellten Arbeiter keine Anstalten, Leys Hitlergruss zu erwidern und Ley stellte an seine Begleiter die Frage, was denn hier los sei. Da traten drei Arbeiter hervor und erklärten, es bestehe kein Grund zur Zufriedenheit, denn die Löhne seien gering und die Arbeit sehr schwer%; die Beschwerden bei der Arbeitsfront nützten nichts. Ley begriff die Situation, erbat eine Delegation nach dem Gleiwitzer Oberschlesien- Haus und liess sich die Beschwerden vortragen, versprach auch, sich für ihre Berücksichtigung bei der Betriebsleitung einzusetzen. Als Demonstration lehnte er den Empfang der Betriebsleitung nach dem der Arbeiter im Oberschlesien- Haus ab. men. Die Belegschaft der Preussag- Gruben Westfeld und Ostfeld, sowie der Delbrückschächte bei Hindenburg, begrüssten Ley mit Aufschriften an Kohlenwagen, die nach den Skaleywerken ( Kokswerke) transportiert wurden:" Ley, Du bist uns nicht willkommen, Du hast uns noch 20 Pf. vom Hungerlohn weggenom"( Man hatte ihnen 20 Pf. für eine Kundgebungsplakette abgezogen). Auf der Anschlagtafel von Westfeld war ein Aufruf zu lesen:" Wer ist Ley?" In Maschinenschrift wurde da erklärt, dass Ley ein kleiner Angestellter der IG- Farben war, wegen Suffs fortgejagt wurde, seine Schulden nicht bezahlen konnte und jetzt ein Gut im Werte von 150.000 Mark besitze. Woher hat Dr. Ley das Geld?" Ein SA- Mann, der die Ansammlung der Kumpels vor der Tafel sah, riss den Aufruf herunter und brachte ihn zur Polizei, die aber den SA-Mann als mi tverdächtig verhaftete und 3 Tage festhielt, ohne dass man den Tätern auf die Spur kam. Der Aufruf gegen Ley machte dann schnell die Runde in den Betrieben und wurde auch nach der Abfahrt Leys noch eifrig diskutiert. Beim Besuch einer Hindenburger Siedlung aus der Systemzeit wollte Ley im Gespräch mit den Bewohnern diese Siedlung als ein Werk der Nazis verherrlichen, bekam aber den Bescheid, dass er wohl von seinen Leuten belogen worden sei, denn die Siedlung bestehe seit 1928, stamme also aus der Systemzeit, und seit die Nazis herrschen, sei nicht einmal die Strasse ausgebessert worden. Auch hier zog Ley. es vor, sich rasch zu verabschieden. Seinen Zorn lud Ley dann in den Verhandlungen mit den Industriellen ab, die er für die Opposition im Grenzland, besonders innerhalb der Arbeiterschaft, verantwortlich machte. Die Regierung gebe Aufträge und die Herren zeigten sich ihrer Aufgabe, die Menschen zum Nationalsozialismus zu erziehen, in keiner Weise gewachsen. Aber abends bei einem grossen Essen, welches die Industrie gab, scheint man sich wieder aussöhnt zu haben. A-82Schlimmer erging es den örtlichen Leitern der Arbeitsfront und der Partei, die bei einer Besprechung in Beuthen regelrecht abgekanzelt wurden. Ley stellte ihnen das Zeugnis einer gewissenlosen Unfähigkeit aus und kündigte eine gründliche Reinigung des Führerkorps an. An dem hier für ihn veranstalteten Essen nahm er nicht teil, er sei gegen solche Verschwendungen von Parteigeldern. Geschehen ist bisher noch nichts. Die Betriebsleitung der Gleiwitzer Gruben rächte sich an den Beschwerdeführern. Die drei Häuer, die sich auf dem Grubenhof an Ley gewandt und die Löhne als zu gering bezeichnet ( hatten, wurden von der Untertage- zur Haldenarbeit versetzt, was für sie einen Lohnverlust von etwa 30% bedeutet. Aber die Illegalen haben dafür gesorgt, diesen Vorfall auf Handzetteln auf fast allen Gruben zu verbreiten und nun hat man von Ley ein Andenken, dass Volksgenossen, die ein freies Wort sprechen, im Einvernehmen mit Ley von der Betriebsleitung bestraft werden. Es ist uns bekannt, dass die Kundgebungen Leys in Oberschlesien auf Veranlassung der Kreisleitung der Arbeitsfront stattfanden, um die Stimmung innerhalb der Arbeiterschaft zu bessern, da man sonst mit Streiks rechnen müsse. Die Industriellen halten Leys Mission für gescheitert und die Nazis geben offen zu, dass es für sie eine Katastrophe war, wie der" Säufer" in Beuthen gegen die" alten Kämpfer" getobt habe. Sachsen: Wir gehen verbissen und missmutig an unsere Arbeit. Wir erkennen den Druck und den Terror, der auf uns lastet und wir wissen, dass wir uns nicht wehren können. Bei jeder Sache, und bei jeder Kleinigkeit, die nach Widerstand aussieht, werden wir als ehemalige Gewerkschaftler und Sozialdemokraten verantwortlich gemacht. Bei Sammlungen, die durchgeführt werden, richtet sich der Grossteil der Belegschaft nach unserer Haltung. Deshalb bezeichnet uns der Amtswalter als diejenigen, die die Belegschaft verhetzen. Kürzlich wurde auf Veranlassung der DAF für spanische Flüchtlinge gesammelt, Jeder sollte 10 Pf. geben. Wir weigerten uns, und ausser. dem noch ca. 60% der Belegschaft. 3 Mann von uns wurden hier-. auf ins Betriebsbüro gerufen und hier wurde uns erklärt, dass wir wegen dieser Weigerung in der nächsten Woche jeder einen Tag aussetzen müssten, was auch in der folgenden Woche geschah. Gern haben wir diese Entscheidung auf uns genommen, wenn auch der ausgefallene Lohn fehlte. Die Anfragen, die wir in den Belegschaftsversammlungen und in den Versammlungen der DAF stellen, werden einfach nicht beantwortet. Die Gespräche in den Pausen drehen sich nicht wie früher um das Recht der Arbeiter, sondern das Hauptthema ist Krieg und Kolonien. Heiterkeit riefen bei uns die Ausführungen Hitlers auf dem Parteitag in Nürnberg hervor, dass es keine Arbeitgeber und keine Arbeitnehmer mehr gäbe. Die Machtvollkommenheit der Arbeitgeber ist ja heute grösser denn je. Die früher geschulte Arbeiterschaft erkennt die Hohlheit dieser Phrase. A-832) Die Widerstandsregungen. Das Soziale Ehrengericht Mitteldeutschland hat in einer grundsätzlichen Entscheidung Arbeitskämpfe ausnahmslos für unzulässig erklärt. Wer zu Arbeitskämpfen auffordere, verliere unweigerlich seinen Arbeitsplatz. In dem entschiedenen Falle hatten mehrere Landarbeiterin nen, obwohl sie den in der Tarifordnung vorgesehenen Lohn erhielten, regelrecht gestreikt, um die Zahlung eines höheren Lohnes zu erzwingen. Durch die unrechtmässige Arbeitsniederlegung entstand dem Betrieb ein nicht unbeträchtlicher Schaden. Die Streikführerin wurde vom Sozialen Ehrengericht mit einem Verweis bestraft, wobei zu beachten ist, dass die an sich in Fällen dieser Art gebotene schwerste Ehrengerichtsstrafe( Entfernung. vom Arbeitsplatz) deshalb nicht verhängt werden konnte, weil das Gefolgschaftsmitglied bereits fristlos entlassen worden war.- Das Soziale Ehrengericht führte aus: Die Angeklagte hat als Gefolgschaftsangehörige durch Propagierung von Kampfmassnahmen zum Zwecke der Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen den Arbeitsfrieden im Betriebe durch böswillige Verhetzung der Gefolgschaft gefährdet. Ihre Handlungsweise verstösst gegen den Grundgedanken des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit. Im nationalsozialistischen Staat sind Arbeitskämpfe wie Streik und Aussperrung undenkbar. Arbeitskämpfe sind somit Verstösse gegen das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit( SoZEG Mitteldeutschland 136/35) Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Die... Werke sind ein Reichswehrbetrieb. Als Betriebsführer fungiert ein Offizier. Er erscheint jeden Morgen im Betriebe und inspiziert alle Abteilungen. Dabei wird er von den Ingenieuren und Meistern in militärischer Haltung begrüsst, während sich die Arbeiter um seine Anwesenheit nicht kümmern. Ingenieure und Meister sind angewiesen, alles aus dem Betriebe herauszuholen, was herauszuholen ist. Es herrscht daher ein Antreibersystem schlimmster Art. Höhere Leistungen werden durch Akkordverschlechterungen erpresst, die von den Abteilungsleitern ( Ingenieuren) auf Anordnung durch Anschlag bekanntgemacht werden. Manchmal gelingt es, durch Obstruktion einer ganzen Abteilung eine solche Verschlechterung für einige Zeit abzuwehren. Eine scharfe Zuspitzung erfuhr ein solcher Konflikt vor einigen Wochen in einer Handgranatenabteilung, in der etwa 100 Mann eine solche Verschlechterung einmütig ablehnten. In den letzten Monaten war der Akkord dreimal verschlechtert worden. Als man jetzt abermals durch Anschlag bekannt gab, dass in Zukunft pro Stunde soundsoviele Werkstücke abgeliefert werden müssten--fast die doppelte Zahl wie vor einem halben Jahr-- arbeitete die Abteilung unbekümmert um diese A-84Anordnung in dem bisherigen Tempo weiter. Am nächsten Tage erschien abermals ein Anschlag, in dem jedem, der die gewünschte Zahl nicht ablieferte, mit Entlassung gedroht. Wieder kümmert man sich nicht darum. Nach ein paar Tagen wurde bekanntgemacht, dass jeder, der sich nicht nach dieser Anordnung richtete, verhaftet würde wegen Sabotage. Als auch diese Anordnung nichts nützte, verhaftete man einen" alten Kämpfer" als Rädelsführer, man tat den anderen nichts, sondern vorläufig wurde die Anordnung zurückgenommen, bis sie in einiger Zeit wieder erlassen wird. Der Verhaftete hatte sich sehr mannhaft benommen. Er meinte, dass er als alter Pg. und SAMann sich das erlauben könne. Dem Ingenieur hatte er gesagt, er hätte zu dem ganzen" Mist" keine Lust mehr usw. Selbst die Gauleitung, an die er sich dann wandte, konnte nichts für ihn tun. Derselbe SA-Mann hatte im letzten Winter auf alle ihm erreichbaren Handgranaten eines Tages mit Kreide " WHW"( Winterhilfswerk) geschrieben. Es war grosse Aufregung im Betriebe, Gestapo erschien, aber bei der Solidarität der Kollegen erreichte sie nichts, obwohl allgemein bekannt war, dass der SA- Mann der Täter war. Dass" alte Kämpfer" bei solchen Konflikten in den Vordergrund treten, ergibt sich aus der Taktik unserer Genossen, die es verstehen, diese Leute vorzuschicken. Aus einem grösseren Textilbetrieb( Firma und Sitz des Unternehmens müssen geheim gehalten bleiben): In allen Abteilungen unseres Betriebes spielen die Nazivertrauensleute eine klägliche Rolle. Sie werden überhaupt nicht für voll genommen. Die Belegschaft war früher restlos freigewerkschaftlich oder christlich organisiert. Heute besteht zwischen den Freigewerkschaftlern und Christen ein völliges Vertrauen sverhältnis. Hat es auch früher zwischen den Christen und uns keine besonderen Differenzen gegeben, so können wir erklären, dass es jetzt so ist, als gäbe es zwischen uns gar keine Unterschiede. Die religiöse Einstellung der Christen kommt im Betriebsleben nicht in Erscheinung und uns stört sie nicht. Die Gegnerschaft zu den Nazis ist völlig einheitlich. Eine Sorge um Denunziation hindert die Christen und Freigewerkschaftler in keinem Fall, sich gegenseitig Informationen zu geben und die Zustände zu besprechen. Die Tarifsätze bestehen formell noch aus der Vorhitlerzeit. Doch wird versucht, durch neue Akkordpreise für neue Arbeitsmethoden den Lohn zu senken. In zwei Abteilungen war das vor einigen Wochen der Fall. Betroffen wurde auch der Nazivertrauensmann; der am meisten wütend war. Bisher waren diese Abteilungen mit guten Facharbeitern besetzt, den höchsten Lohnempfängern. Durch eine neue Materialverwendung konnte sich der Lohn bei den alten Akkordsätzen noch erhöhen, da die geübten Arbeiter ein grösseres Quantum erreichen konnten. Deshalb wurden die Akkordsätze einfach um ca. 30% herabgesetzt, so dass sich nun ein Minderverdienst von rund 15 Mark in der Woche gegenüber den bisherigen Löhnen ergeben musste. Dem Nazivertrauensmann wurde so 40 A- 85eingeheizt, dass er energisch vorstellig wurde, aber vom Betriebsführer aus dem Büro geworfen wurde. So wütend gemacht, rief er eine Versammlung der beiden Abteilungen ein, randalierte wild von einem Tisch herab über die Reaktionäre usw. Die Belegschaft der beiden Abteilungen trat auf seine Forderung in den sofortigen Streik, wobei er nicht merkte, wie er der Geschobene war. Der Betriebsführer rief den Amtswalter der Arbeitsfront, der den Vertrauensrat seiner Funktion enthob. Dann verhandelte der Betriebsführer mit einigen früheren Betriebsräten, Christen und Freigewerkschaftlern, und es wurde erreicht, dass der bisherige Lohn weitergezahlt wird. Die ganze Belegschaft weiss natürlich, dass sowohl der Arbeitgeber wie die alten Funktionäre damit den Nazis eine Lektion erteilt haben. Ueberhaupt legt die Betriebsführung grossen Wert darauf, dass zwischen ihr und den früheren Funktionären der Gewerkschaften ein gutes Verhältnis besteht. Die Facharbeiter in der Rüstungsabteilung der Hanomag Hannov) verdienten bis in die letzte Zeit 60 bis 70 Mark die Wocne im Akkord. Jetzt hat man die Akkordsätze wesentlich abgebaut, so dass man bei der gleichen Arbeitsleistung kaum über den Stundenlohnsatz( 62 Pf) hinauskommen kann. Vertreter der Betriebsleitung haben auch erklärt, dass praktisch zum Stundenlohnsatz die Akkordleistungen geschafft werden müssten, weil der Staat nicht mehr bezahlen könne. Die Arbeiter jedoch gaben sich damit nicht zufrieden, sondern liessen die Leistungen ebenfalls zurückgehen. Die Betriebsführung bezeichnete das als Sabotage und setzte schliesslich andere Arbeiter, und zwar vorwiegend SA-Leute, an die Plätze dieser Abteilung. Aber das Unerwartete geschah: Auch die SA- Leute legten kein schnelleres Tempo an den Tag, so dass das Ergebnis dasselbe blieb. Daraufhin hat ein Obermeister einen SA- Mann als Rädelsführer entlassen. Der Mann, ein" alter Kämpfer", beschwerte sich und erreichte auch seine Wiedereinstellung. Alte Gewerkschaftler versicherten, im Laufe der Zeit würde man also auch noch den SA-Leuten ein Solidaritätsgefühl mit ihren Arbeitskollegen beibringen können. In einer Ziegelei wird den Arbeitern bei der schweren Arbeit ein Stundenlohn von 46 Pf. gezahlt. Der Betrieb kann die Masse der Aufträge kaum bewältigen. Es kommt vor, dass die Steine noch warm an die Baustellen geliefert werden. Schliesslich haben die Arbeiter erklärt, streiken zu wollen, wenn ihnen nicht wenigstens der Lohnsatz für Notstandsarbeiten, also 52 Pf. pro Stunde, bezahlt würde. Diese Streikankündigung war der letzte Ausweg, ma chdem alle Bemühungen beim Arbeitgeber, bei der Arbeitsfront und bei der Partei, ergebnislos verlaufen waren. Darauf wurde vom Arbeitgeber wie auch von der Arbeitsfront angedroht, im Falle eines Streiks würde man sie alle ins Konzentrationslager sperren. Dennoch legten schliesslich 30 Arbeiter die Arbeit nieder und streikten eine Woche hindurch. Ein Teil der Arbeiter erhielt in der Zwischenzeit eine andere, etwas besser bezahlte A- 86Arbeit. Der Rest der Streikenden nahm nach einer Woche die Arbeit zum alten Lohn wieder auf. Der Arbeitgeber erklärt, bei den Aufträgen, die Teile von staatlichen Aufträgen ausmachen, keine höheren Löhne bezahlen zu können. Die streikenden Arbeiter, die weder Unterstützung noch Hilfe von der Arbeitsfront erhielten, mussten, wenn sie ihre Familie nicht verhungern lassen wollten, nach einer Woche die Arbeit wieder aufnehmen. Rheinland- Westfalen: Der Notstandsarbeitsplatz in X. zeigt die typische Entwicklung der letzten Zeit: Die Arbeiter werden immer dreister. Die Angst vor Entlassung und vor den Vorgesetzten ist geringer geworden. Auf einer Baustelle hatte man durch Unvorsichtigkeit einen Apparat unbrauchbar gemacht. Darauf hat man den Arbeitern den verursachten Schaden vom Lohne abhalten wollen. Diesen Versuch beantworteten die Arbeiter mit der Niederlegung der Arbeit. Sie fingen nicht eher wieder an, als bis die Angelegenheit in ihrem Sinne geregelt war. Nichts hielt sie ab. Man drohte ihnen, dass sie alle zur Halde versetzt würden. Das ist gewissermassen Strafarbeit. Alle liessen die Arbeit liegen und gingen zur Halde. Hier konnte man infolge des besonders niedrigen Lohnes nichts mehr abziehen. Zwar kamen die Arbeiter nicht völlig zu ihrem Recht, aber es war ein Akt der Solidarität und des Widerstandes. In dem sogenannten Aufbaulager Korschenbroich kam es zu einem regelrechten Streik. Es handelte sich um die Frage, ob die Arbeiter selber ihre Gerätschaften stellen sollten. Das lehnten die Arbeiter( Notstandsarbeiter) ab. Die Betriebsleitung wurde gezwungen, die Forderung anzuerkennen. Der Streik hatte zwei Stunden gedauert. Südwestdeutschland: Ueber die Opelwerke in Rüsselsheim ging das Gerücht, dass im Juni 300 oder gar 3000 Mann gestreikt hätten. Nach unseren Ermittlungen handelt es sich um folgendes: In einer Abteilung sollte etwa 300 Arbeitern der Akkord heruntergesetzt werden. Diese Arbeiter protestierten in einem Schriftstück an die Direktion und alle 300 haben dieses Schreiben unterzeichnet. In diesem Schreiben drohten sie mit Kündigung. Darauf nahm die Arbeitsfront die Sache in die Hand. Gleichzeitig mit der Uebernahme der Sache durch die Arbeitsfront hat sich auch die Gestapo eingestellt und eine Untersuchung eingeleitet, ob kein Komplott bestehe. Es wurden eine Anzahl Arbeiter verhaftet, nach dem Verhör jedoch wieder freigelassen. Diese Leute sagen jedoch über diese Sache nichts aus. Vor kurzem kam vor dem Arbeitsgericht Mainz die Widerrufsklage von Arbeitern zur Verhandlung, die damals fristlos entlassen worden waren. Das Arbeitsgericht wies die Klage ab, weil sich die Arbeiter dadurch, dass sie vom laufenden Band weggelaufen waren, sich einen Verstoss gegen die Volksgemeinschaft und die Grundgedanken des Gesetzes zur Ordnung der A- 87nationalen Arbeit haben zuschulden kommen lassen. Bayern: In einer Porzellanfabrik haben Arbeiterinnen Lohnkürzungen nicht einfach hingenommen. Hier hat man folgendes Verfahren angewandt: In einer Abteilung haben 15 Frauen und 1 Mann gearbeitet, der Mann mit einer Akkordlohnbasis von 63 Pf. pro Stunde, die Frauen von 37 Pf. Nun hat man den Mann aus der Abteilung herausgenommen und dafür eine Frau eingestellt. Die schwere Arbeit, die bisher der Mann verrichtete, haben nun die Frauen mit erledigen müssen, so dass sie bei grösserer Anstrengung nur noch einen Stundenlohn von 35 Pf. erzielen konnten. Die Frauen verlangten aber energisch ihren alten Lohn. Sie gingen zum Betriebsvertrauensmann, der sich erst hinausreden wollte. Aber die Frauen liessen nicht locker, verlangten, dass der Fall der DAF unterbreitet werde und wiesen immer wieder darauf hin, dass nach Aeusserungen von Ley und Hitler selber keine Lohnkürzungen durchgeführt werden sollen. Nun haben in der vorigen Woche die Frauen wieder einen Lohn erhalten, der einer Stundenlohnhöhe von 37 Pf. entspricht. Aber um den zu wenig erhaltenen Lohn für 13 Wochen müssen sie sich noch streiten.- Dieses energische Auftreten hatten die Frauen noch vor kurzem nicht an den Tag gelegt, es ist eine Folge der eingetretenen Teuerung. Den Leuten wird es eben zu bunt, gleich mit doppelten Ruten gezüchtigt zu werden. In einer Glasfabrik haben die Arbeiter Lohnerhöhungen gefordert, da sie bei den bisherigen Löhnen nicht mehr bestehen können. Der Betriebsführer erklärte sich einverstanden, wenn jeweils in 3 Arbeitspartien soviel gearbeitet werde wie bisher in 4 Partien. Jetzt arbeitet eine Partie jeweils rund 8 Stunden, dann hätte sie 12 Stunden arbeiten müssen. Das hätte keine Lohnerhöhung bedeutet, sondern wäre nur einfach eine bezahlte Mehrarbeit gewesen mit der Folge, dass ein Viertel der Belegschaft entlassen worden wäre. Das haben die Arbeiter einmütig abgelehnt, so dass es beim bisherigen Zustande bleibt Man kann sagen, dass die Arbeiter vor einiger Zeit noch dieses Ansinnen des Gefolgschaftsführers ruhig hingenommen hätten. An der Autobahnstrecke von Hof nach Geroldsgrün trieb ein Polier die Erdarbeiter besonders rücksichtslos zu Mehrlei stungen an. Ja, er ging soweit, dass er einen Arbeiter nicht nur anschrie, sondern an den Schultern packte, Darauf nahm der Arbeiter seine Schaufel und schlug sie dem Polier mit aller Wucht über den Kopf. Ueber das Ohr hinweg war die ganze Kopfhaut des Poliers aufgeschlagen. Gerade um diese Zeit wurden neuzugewiesene Arbeiter eingestellt. Sie sahen den Vorgang und erklärten, die Arbeit nicht anzutreten," da sie an dieser Arbeitsstelle um ihr Leben fürchten müssten." Sprachens und fuhren nachhause. Sie meldeten daheim am Arbeitsamt diesen Vorgang und man gewährt ihnen die Unterstützung weiter, obwohl man sonst wegen Arbeitsverweigerung die Unterstützung einstellt. 4-88Sachsen: Aus einem Rüstungsbetrieb( nähere Angaben I.ssen unterbleiben): Vor einiger Zeit wurde in diesem Betrieb, in dem Flugzeugmotoren hergestellt werden, wegen Lohndifferenzen und wegen des herrschenden Antreiber systems gestreikt. An dem Streik beteiligte sich eine ganze Abteilung von etwa 150 Mann. Darunter befanden sich auch etwa 40 SA- und etwa 20 SS- Leute. Der Streik begann früh um 7 Uhr bei Arbeitsbeginn, weil am Tage vorher die Akkordsätze durch Aushang wieder herabgesetzt worden waren. Schon nach kurzer Zeit kamen drei Wagen der Polizei mit einem Amtswalter der Partei, der die Leute auf das Staatsschädigende ihres Verhaltens aufmerksam machte. Als die Arbeiter geschlossen das Ansinnen, die Arbeit wieder aufzunehmen, ablehnten, musste die Direktion allen die Entlassungspapiere ausstellen. Die SA- und SS- Leute wurden sofort verhaftet und in ein Konzentrationslager überführt. Einige der entlassenen Arbeiter haben aber sehr bald wieder Arbeit bekommen. In der Textilindustrie im Bezirk Chemnitz hat sich in den letzten Monaten eine eigenartige Praxis herausgebildet. In mehreren Betrieben war die Arbeiterschaft infolge der herabgesetzten Löhne und der fortgesetzten Antreibereien unruhig geworden und hatte durch die Vertrauensräte Forderungen auf bessere Entlohnung und menschlichere Behandlung gestellt. Auch die Arbeitsfront wurde verständigt und griff, allerdings ohne Erfolg, ein. Seit Anfang Juni ruhen nun diese Betriebe ganz und man hat in einigen Orten des Chemnitzer Bezirks sogenannte Musterbetriebe eingerichtet, in denen nur noch hundertprozentige Nazis und solche Arbeiter beschäftigt werden, mit denen die Unternehmer schon immer tun konnten, was sie wollten. In Gersdorf z. B. ist ein solcher Musterbetrieb mit einer Belegschaft von 4 bis 500 Personen errichtet worden, welcher Gaze erzeugt. Mit dieser Einrichtung will man nun die sich allmählich wieder auf ihren Klassenstandpunkt besinnenden Textilarbeiter für neue Ausbeutung und für die Aufnahme des nationalsozialistischen Gedankenguts" gefügig machen. Ober- Schlesien: Am 17. Juli war Dr. Ley zu einer grossen DAF- Kundgebung in Hindenburg. Am 15. Juli war Lohntag für die Bergarbeiter der Grube Ludwigsglück. Die Auszahlung des Lohnes erfolgt vor der Schichteinfahrt. Die Arbeiter stellten fest, dass man in ihre Lohntüte eine Plakette gelegt und für diese vom Lohn 20 Pf. abgezogen hatte. Es war die Plakette für die zuvor erwähnte DAF- Kundgebung. Einmütig forderten die Arbeiter die sofortige Rückzahlung der 20 Pf. mit der Erklärung, dass dieser Abzug keine Berechtigung habe, und dass sie nicht eher einfahren würden, als bis das Geld zurückbezahlt sei. Inzwischen kamen auch die Arbeiter der Frühschicht ausgefahren die sich ebenfalls den Forderungen anschlossen, da bei ihnen gleichfalls der Abzug vorgenommen worden war. Während dieser Ansammlung wurden die Büroschalter geschlossen. Aber nach einiger Zeit öffnete man sie wieder, man hatte sich in der Zwischenzeit genügend Kleingeld beschafft und zahlte jedem A- 89Einzelnen die 20 Pf. wieder aus. Bemerkenswert ist noch, dass einige Arbeiter, ehe sie wussten, dass die 20 Pf. nachgezahlt wurden, die Plaketten den Angestellten auf den Bürotisch warfen, die dies schweigend über sich ergehen liessen. Nach der Auszahlung der 20 Pf. gingen die Bergleute ruhig nach Hause oder fuhren ein. Als sich in Gleiwitz die Arbeiter verschiedener Betriebe zum Abmarsch nach Hindenburg gesammelt hatten, wurde kurz vor dem Abmarsch auch eine Hakenkreuzfahne vorbeigetragen, die dem Zug vorangehen sollte. Die Belegschaft eines Betriebes verweigerte der Fahne den Hitlergruss. Nur einige Männer grüssten lau. Es handelte sich um die Belegschaft eines Neubaues. Sie erklärten auf Vorhaltungen, die man ihnen machte, dass sie nicht bereit seien, eine Fahne zu grüssen. Einen Gruss würden sie nur der Arbeit und dem Recht geben. Sehr schnell war Schutzpolizei im Ueberfallwagen zur Stelle und verhaftete sämtliche Leute. Sie wurden in Schutzhaft gebracht. er Auf einzelnen Gruben sind die Belegschaften bereits bei den Vertrauensräten vorstellig geworden, man möge für Fett, Butter und Fleisch sorgen, sonst haue man die" Klamotten" hin. Aus diesem Anlass kam es zwischen dem Vertrauensrat und einigen Bergarbeitern der Castellengogrube bei Beuthen zu einer Prügelei, da dem Vertrauensrat Herzog gesagt wurde, solle nicht nur verhandeln, sondern handeln, damit es etwas zu fressen gebe. Gegen 3 Bergleute wurde ein Verfahren eingeleitet; verhaftet wurden sie nicht. Der Vertrauensrat aber erklärte der Belegschaft, er nehme es den Kumpels nicht übel, er leide ja genau so unter den Verhältnissen wie die anderen. Die Betriebsleitung der Castellengo grube versprach, dass sie sich um die Gewährung von Zusatzkarten für Margarine und die Verbesserung der Fleischversorgung bemühen werde. Man habe hierfür von Berlin bereits feste Zusagen. Der Vorfall sprach sich bald im Revier um und auf einzelnen Gruben erfolgte ein Massenansturm zu den Vertrauensräten, aber auch zu den Betriebsleitungen selbst. Auf der Abwehrgrube bei Mikult schütz- Hindenburg erklärte der Betriebsführer, er könne nichts versprechen und wenn die Amtswalter der Partei versprochen hätten, Margarine und Butter zu beschaffen, so solle man den Burschen nur auf den Pelz rücken. Die wären immer mit Versprechen schnell bei der Hand und wenn es dann nicht klappt, schieben sie die Verantwortung den Direktoren zu. Er wolle zwar versuchen, was durch den Arbeitgeberverband wegen der Fettversorgung unternommen werden könne, versprechen könne er aber nichts. Auf der Grube Sosnitza bei Gleiwitz weigerte sich die Belegschaft eines Tages einzufahren, weil eine Leistungssteigerung ohne Lohn erhöhung angeordnet worden war. Nach Verhandlungen des Vertrauensrates mit der Verwaltung wurde der Konflikt beigelegt, nachdem sich auch der Kreisleiter der Arbeitsfront auf die Seite der Arbeiter gestellt hatte. In der A-90nachfolgenden Belegschaftsversammlung wurde aber den Arbeitern mit dem Konzentrationslager gedroht, wenn sich solche Vorfälle wiederholen sollten oder jemand es wagen sollte, etwas von dem Vorfall zu berichten. Trotzdem wurde die Aktion im ganzen Industriebezirk bekannt und auf Drängen der Verwaltung wurde der betreffende DAF- Kreisleiter abberufen. Beim Reichs- Autobahnbau Gleiwitz- Beuthen versuchte man, den Arbeitern die Leistungsprämie zu kürzen und wollte die Regenstunden nicht mehr bezahlen mit der Begründung, dass es sich seit dem 1. April nur noch um Aufräumungsarbeiten handele. Der Vertrauensrat wurde von der Belegschaft als Vertretung abgelehnt und die Arbeit niedergelegt. Sie wurde erst wieder aufgenommen, als die Zusage erfolgte, dass der Streit dem Arbeitsgericht zur Entscheidung übergeben werde, was auch erfolgt ist. Die Arbeitsgemeinschaft Lenz, Krause, Schalthorn wurde daraufhin vom Arbeitsgericht in Hindenburg verurteilt, den Tarif einzuhalten. Bei den Kokswerken in Hindenburg muss die Belegschaft einen Beitrag für" Kraft durch Freude" von 10 Pf. zahlen. Als dieser Beitrag jetzt auf 20 Pf. erhöht wurde, erschien eine Delegation unter Führung von Nazis beim Betriebsführer Dr. Korten und drohte mit Arbeitsniederlegung, falls der Beitrag nicht wieder herabgesetzt werde. Die Delegation erhielt die Zusage, dass auch weiter nur 10 Pf. abgezogen würden. Auch auf der Gleiwitzer Grube wurde Widerstand gegen Abzüge und Spenden geleistet. Der Vertrauensrat wurde von der Belegschaft derart bedrängt, dass er den Kreisleiter kommen liess. Dieser beschimpfte die Belegschaft und die Auseinandersetzungen wurden so stürmisch, dass er das Ueberfallkommando herbeirufen musste. Die Polizei nahm den Kreisleiter und den Vertrauensrat mit, die Belegschaft war einfach auseinandergelaufen. Die Arbeiter bezeichneten die höheren Abzüge für die Arbeitsfront als Schweinerei. Unter den Arbeitern wird erzählt, dass die Vertrauensräte Habraschke und Kampe und der Kreisleiter Walter Meier von der Polizei verprügelt worden seien, weil sie unnütz Unruhe in die Arbeiterschaft hineingetragen hätten. Berlin: Charakteristisch für die Freiheiten, die sich in der heutigen Rüstungskonjunktur gelernte Qualitätsarbeiter bereits nehmen können, ist folgender. Vorfall aus einem Berliner Rüstungsbetrieb. Der Betriebsleiter musste an einem Kursus der Arbeitsfront teilnehmen. Nach Absolvierung des Kurses ordnete er an, dass in seinem Betriebe die Arbeiter mit" Heil Hitler" zu grüssen hätten. Daraufhin viele Witze, dass er sonst scheinbar nichts in dem Kursus gelernt hätte. Ein Arbeiter weigerte sich, der Anordnung zu folgen, lieber wolle er gehen. Er kündigte tatsächlich seine Arbeit. Der Meister versuchte, ihn zum Bleiben zu überreden, er dürfe ruhig wieder " Guten Tag" sagen und bewilligte ihm ausserdem noch 5 Mark " Dreckzulage" pro Woche. Der Arbeiter ist trotzdem aber ge A-91gangen und hat sofort wieder Arbeit gefunden. Bei Orenstein& Koppel, Lokomotivfabrik, Berlin, haben 40 Leute wegen Lohn senkung die Arbeit niedergelegt. Die Firma hat einen entsprechenden Anschlag am Schwarzen Brett darüber gebracht. 4 Mann sind, anscheinend als Rädelsführer, verhaftet worden, die anderen sind im Betrieb geblieben. Ebenso kam es bei der Auto- Union zu Differenzen. Den Autosattlern ist eine Lohnsenkung von 1,17 auf 1,07 Mark angedroht worden. Auch hier erschien die Gestapo, um Rädelsführer festzustellen. Sie konnte aber nichts ausrichten. Die angedrohte Massnahme ist nicht durchgeführt worden. Wasserkante: In einer Maschinenbau- Anstalt ist es den Arbeltern gelungen, ein Vertrauensratsmitglied, das beim Morgenappell strammere Haltung und besseres Singen der nationalen Lieder verlangte, zu entfernen. Singen und den deutschen Gruss erweisen tun nur die Lehrlinge. Alle anderen Arbeiter machen das ganze Theater nicht mit. 3) Der Betriebsterror. Nordwestdeutschland: Zu dem bereits früher erstatteten Bericht über die Errichtung einer Werkspolizei( vgl. Juni- Heft S.A 43 ff.) berichten wir ergänzend, dass die Werkspolizei nicht nur in Rüstungsbetrieben, sondern in allen Betrieben aufgestellt werden soll. Wir wissen, dass in Betrieben mit nicht einmal 100 Mann Belegschaft ein Arbeiter oder Angestellter zu den fraglichen Kursen entsandt worden ist und den Auftrag erhalten hat, im Betriebe einige Leute zu seiner Unterstützung zu suchen. Berlin: In den der Fachgruppe Nahrungsmittel und Getränke angegliederten Betrieben ist festgestellt worden, dass die Betriebszellenleiter in viertel jährlichen Abständen Fragebogen vertraulich zugesandt erhalten, in denen sie Angaben zu machen haben über: 1. als staatsfeindlich bekannte oder in Erscheinung getretene Betriebsangehörige; 2. staatsfeindliche Regungen bei Betriebsappellen und Veröffentlichungen; 3. Interessenregungen, die über die Befriedigung elementarer Wirtschaftssorgen persönlicher Natur hinausgehen; 4. evtl. Verdachtsgründe über illegal bestehende Betriebszellen und deren beobachtete Aktivität, in Verbindung mit den mutmasslichen Organisationsleitern oder den möglichen; 5. Auftauchen illegalen Materials. Diese Fragebogen gelangen anscheinend auf Betreiben der Gestapo über die Arbeitsfront zur Verteilung. 4-92In einem Rüstungsbetrieb hat ein Arbeiter im vorigen Jahr das Wahlresultat der Vertrauensratswahl kritisiert. Das kam später zu Ohren des Vertrauensrates, der die fristlose Entlassung des Arbeiters durchsetzte und ausserdem Anzeige erstattete. Der Arbeiter wurde freigesprochen und der Vertrauensrat gerüffelt. Der Arbeiter hatte gleichzeitig eine Klage auf Wiedereinstellung eingebracht, der stattgegeben wurde. Er wurde dann in eine andere Abteilung versetzt. Schlesien: In einem Betrieb wurden vor kurzem 2 Angehörige der ehemaligen Sekte der" Ernsten Bibelforscher" entlassen, weil sie sich geweigert hatten, dem Luftschutz des Betriebes beizutreten. Dies wurde als Staatsfeindlichkeit und Sabotage ausgelegt. Die Belegschaft bekundete ihre Solidarität mit den Entlassenen dadurch, dass sie Sammlungen veranstaltete, an denen sich sogar ein grosser Teil der technischen Angestellten beteiligte. Diese Sammlung sollte den Entlassenen über die 6 Wochen hinweghelfen, während deren ihnen die Unterstützung gesperrt worden war. Südwestdeutschland: Alle Beobachtungen lassen darauf schlies sen, dass in allen Betrieben die Bespitze lung immer gründlicher durchgeführt wird. Die Folge davon ist natürlich die förmliche Züchtung von Lumpen. In einzelnen Betrieben konnte festgestellt werden, dass sich die Nazis, namentlich wenn sie Vertrauensräte sind, stundenlang in die Aborte einschliessen, um so die Gespräche der Arbeiter mit abzuhören. Es sind auch schon Verwarnungen an Arbeiter wegen dieser Gespräche auf dem Abort erfolgt. In den Lonzawerken, Chemische Fabrik für Stickstoffe, Karbit usw. in Waldshut a. Oberrhein( Belegschaft etwa 1.800 Mann) herrscht eine wahre Denunziationswut. Schliesslich sah sich der dortige Vertrauensrat gezwungen, in einem gesonderten Anschlag gegen das Denunziantenwesen Stellung zu nehmen und zu besserer Kameradschaft aufzufordern. Sachsen: In den Mühlenbauwerken Seck A.G., Dresden- Sporbitz unterhielten sich in der Frühstückspause die Arbeiter. Dabei sagte einer:" Mir ist es gleich, ob ich deutsches Brot oder russisches Brot esse, die Hauptsache ist, ich habe genug." Ein anderer sagte darauf:" Du denkst wohl, mich haben sie schon vom Nationalsozialismus überzeugen können? Keine Spurl" Auf Veranlassung eines Vertrauensmann es der DAF mussten die beiden Arbeiter von der Betriebsleitung entlassen werden. Die Betriebsführung der Sächs.Gusstahlhütte A.G., Freital, hat eine Verordnung erlassen, worin den Werksangehörigen verboten wird, ohne Zustimmung der Betriebsleitung das Reichsgebiet zu verlassen. Es wird dabei besonders auf den kleinen Grenzverkehr mit der ČSR hingewiesen, welcher nunmehr nur noch mit Zustimmung der Betriebsleitung erfolgen darf. In einem Grossbetrieb der Papierindustrie findet die nachstehende Karteikarte Verwendung. Sie ist ein bezeichnendes Dokument für die Methoden, mit denen man heute die Arbeiter in den Betrieben kontrolliert. Name: Wohnung: A- 93Vorname: Abteilung: Zelle: Geb. am: in: Block: Staatsangehörigkeit: Söhne geb. Ledig, verheiratet, verw. Kinder: Töchter geb. Erlernter Beruf: tätig als: Eintritt in die Firma: entlassen: DAF. seit: Mitgl.- Nr.: NSDAP. seit: Nr.: NSBO. seit: Nr.: SA, seit: als: NSV. seit: als: SS. seit: als: Frauenschaft seit: als: HJ. seit: als: Luftschutz seit: als: BDM. seit: als: Sportliche und gesellschaftliche Betätigung: Freiwilliger Arbeitsdienst in der Betr.- Gem.: Kriegsteilnehmer: Arbeitsdienst: Heeresdienst: Beteiligung an Veranstaltungen, Plakettenkauf usw. Gefolgschaftskasse:( schwarz = Januar Februar 1935 1936 1937 1938 Arbeitertum bestellt ab: März Nr. Leistung, rot= Gegenleistung) April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Summa Männer: arbeitet die Ehefrau? Bei verheirateten Gefolgsch.- Mitgl. Frauen: Verdienst wöchentlich der Ehemann? " " 00 Unterhaltsverpflichtungen gegenüber: A-944) Die Stellung des Vertrauensrates. Nordwestdeutschland: Die vor der letzten nicht abgehaltenen Vertrauensrätewahl ausgegebene' Parole, die Stimmzettel ungültig zu machen, fand überall Anklang bei den Genossen. Wir haben aus keinem einzigen Betrieb erfahren, dass man etwa ein geschlossenes Vorgehen der Arbeitskollegen in anderer Richtung für möglich hielt, sei es, um sogenannte" rote Kampfkandidaten" aufzustellen, oder sich auch nur auf besstimmte Kandidaten der Liste zu einigen. Auch diesmal war wieder das Bestreben, vor allem bei den bisherigen Vertrauensräten selbst, bemerkbar, frühere Betriebsratsmitglieder zur Annahme der Vertrauensratsposten zu bewegen. Dieses Restreben hat seine Ursachen, aber es wurde überall abgelehnt. Die Ursache liegt in der unangenehmen Rolle, welche der Vertrauensrat im Betrieb zu spielen hat. Er muss nach dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit die Massnahmen der Betriebsführer der Gefolgschaft verständlich machen, er ist also der Vertrauensrat des Unternehmers. Andererseits sehen aber die Arbeiter im Vertrauensrat das Organ, das ihre Wünsche bei der Betriebsleitung zur Sprache zu bringen hat. Tatsächlich gibt es viele Beispiele dafür, dass Vertrauensräte sich wirklich auch als Vertretung der Arbeitskollegen fühlen. Das ist die natürliche Solidarität des Arbeitskollegen. Darum muss die Arbeitsfront von Zeit zu Zeit nachdrücklich darauf hinweisen, dass die Vertrauensräte nichts mit den früheren" Betriebsräten der Klassenkampfzeit" zu tun haben und dass sie ihre Aufgaben auch nicht so auffassen dürften. Mancher Unternehmer kann ein Klagelied über diese falsche Auffassung von den Aufgaben des Vertrauensrates singen. Ueberall haben unsere Genossen erkannt, dass Aktionen, gleich welcher Art,( Winterhilfe,.Lohn erhöhung, Widerspruch gegen Akkordverschlechterung, falsche Ueberstundenberechnung, die an der Tagesordnung ist, usw.) nur vom Vertrauensrat, nur von Nationalsozialisten durchgeführt werden müssen. Unsere Genossen kennen von früher die Methoden, dem Betriebsrat das Leben schwer zu machen, und dieselben Methoden werden heute gegenüber dem Vertrauensrat angewandt. Man setzt ihm solange zu, bis er nicht mehr anders kann, als die Wünsche der Kollegen der Betriebsleitung vorzutragen. So helfen unsere Genossen planmässig, den" Wirtschaftsfrieden" als eine Illusion vor den Kollegen darzustellen. Jede uns bekannte Aktion ist in solcher Weise durchgeführt worden. Meist ohne Erfolg, vor allem, soweit Lohnforderungen in Frage kamen, aber jeder weiss dass sie anders nicht zu führen sind. Jede wilde Aktion, d.h. jede nicht vom Vertrauensrat durchgeführte Aktion gilt als " marxistische Hetze" und ist von vornherein verloren. Auf der anderen Seite sind unsere Genossen bestrebt, sich in jeder Weise als gute Arbeitskollegen zu bewähren, Solidarität zu halten und die Kollegen in allen Dingen zu beraten, von denen A-95die Vertrauensräte nichts verstehen, vor allem in allen sozialpolitischen Fragen. Jeder Arbeiter im Betriebe lacht über Parolen wie" Aufstellung von roten Kampfkandidaten", einmal weil er weiss, dass eine solche Verständigung über derartige Kandidaten nicht nur an dem Willen derer scheitern wird, die solche Posten übernehmen sollen, und besonders weil bei den gesetzlich festgelegten Aufgaben des Vertrauensrates für die Tätigkeit" roter Kampfkandidaten" gar kein Raum ist. Das ist eine wirklich keitsfremde Parole, die nirgends befolgt wird. Taktisch richtig erscheint es den Genossen, alle heute in den Betrieben aktuellen Fragen durch die Vertrauensräte behandeln zu las sen. Die Arbeit der Vertrauensräte für die Arbeiterschaft ist nicht erfolgreich. Also sollen sich die Nationalsozialisten selbst von den Direktoren hinausschmeissen und sich obendrein noch von der Arbeitsfrontleitung wegen ihrer Unbot-. mässigkeit zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Die Vertrauensräte kennen diese üble Situation, und sie wären froh, wenn die früheren Funktionäre diese Posten übernehmen würden, aber die Funktionäre bedanken sich dafür. Die gesetzlich festgelegte Funktion des Vertrauensrates bringt es mit sich, dass der Korruption Tür und Tor geöffnet ist. Es ist da nicht nur die Rede von Zigarren und dergleichen, sondern Lohnerhöhungen und Vergünstigungen aller Art spielen dabei eine grosse Rolle. Dem willfährigen Vertrauensrat geht es gut, während derjenige, der sich als Vertreter der Arbeiterschaft fühlt, nichts zu lachen hat. Die Rolle des Vertrauensrates als eines vom Vertrauen des Unternehmers getragenen und zur Bearbeitung der Arbeiter eingesetzten Organes bringt es mit sich, dass die Vertrauensräte sich allgemein als Unternehmerknechte keines Ansehens erfreuen. Man sieht in ihnen entweder diejenigen, die früher gelb waren und sich im Betriebe durch Mangel an Solidarität oder durch natürliche Unterwürfigkeit und Dummheit auszeichneten, oder Böswillige, die sich kaufen liessen. Berlin: Die Vertrauensräte werden als Sprachrohr der Betriebsleitung benutzt. Selbst wenn die Mitglieder eines Vertrauensrates guten Willens sind, ist ihnen keine Möglichkeit gegeben, Vorteile für die Belegschaft im Verhandlungswege zu erzielen, weil weder eine rechtliche Grundlage dafür besteht, noch der Unternehmer mit der Erzwingung der Forderungen rechnen muss. In Betrieben mit vernünftiger Leitung existieren oft zwei Instanzen. Einmal der Vertrauensrat als Sprachrohr, und dann der alte Betriebsrat als Verhandlungspartner bei Differenzen. Schon lange nicht mehr sieht die Arbeiterschaft im Vertrauensrat ihre Betriebsvertretung. Die Mitglieder derselben müssen, besonders wenn es sich um Nazis handelt, weidlich Spiessruten laufen. Man gibt ihnen ständig Aufträge, von denen im Voraus die Gewissheit besteht, dass sie negativ erledigt werden. A-96Sachsen: Auch hier ist mit der Schulung der Betriebszellenleute und der Vertrauensräte begonnen worden. Zwei Mann aus dem Bezirk kamen nach Frankfurt a.Main auf die ArbeiterAkademie. Für die beiden Leute bedeutet dies eine Auszeichnung. Die Arbeitgeber jedoch sind nicht erfreut, denn sie müssen die Kosten dafür tragen. Die Unternehmer müssen nicht nur den Lohn weiterzahlen, sondern auch noch den grössten Teil der in Frankfurt entstehenden Kosten tragen. Die Arbeiter freuen sich darüber, dass wieder ein Anlass gegeben worden ist, um die Arbeiter gegen das System aufzubringen. Schlesien: In der Kleiderfabrik X. sind etwa 50 Leute beschäftigt. Die Belegschaft ist sehr kritisch gegen das Regime eingestellt. Bei Sammlungen wird nicht oder nur sehr widerwillig gegeben. Die Beteiligung an KdF- Veranstaltungen ist schwach. Der Vertrauensrat besteht aus Nationalsozialisten, die von der Belegschaft als Vertretung abgelehnt werden. Der erste Vertrauensrat ist ein ungelernter Arbeiter, dessen Beschäftigung darin besteht, Waren aus einer Abteilung in die andere zu bringen, zu Beginn der Arbeit und bei Anfang und Ende der Arbeitspausen zu klingeln usw. Er achtet auf strengste Einhaltung der Pausen, schnauzt Arbeiter und Arbeiterinnen beim Zuspät kommen an, droht mit Geldstrafen, verbietet laute Unterhaltung, treibt zur Arbeit an und ähnliches mehr. In einer Unterhaltung äusserte er sich, erst kämen die Geschäfts- und dann die Arbeiter- Interessen. Dem Unternehmer gegenüber ist er devot. Der zweite Vertrauensrat ist ein Angestellter. Dieser schimpfte einmal, weil sich eine Arbeiterin nach seiner Ansicht zu lange auf der Toilette befand. Der erste Vertrauensrat ergriff Partei für die Arbeiterin. Es wurde im Betrieb besonders vermerkt, dass er sich zum ersten Mal für ein Mitglied der Belegschaft eingesetzt hatte. In den oberschlesischen Betrieben--und zwar ohne Ausnahme-haben die Vertrauensräte reichlich Arbeit bekommen. Jede Kleinigkeit führt zur Beschwerde und man fordert Abhilfe, entweder von der Verwaltung oder von der Kreisleitung der Arbeitsfront und droht bei jeder Gelegenheit mit Beitragssperre; man will für sein Geld auch sein Recht haben. Die Vertrauensräte ihrerseits wollen oder können die Beschwerden nicht mehr einfach ablehnen, geben sie an die Betriebsleitung weiter, die wiederum ihren Zorn an den Vertrauensräten auslässt, weil sie sich als unfähig erweisen, die Arbeiter in Schach zu halten. Wasserkante: Die Betriebsführer sind in den Betrieben die absoluten Herren und die Nazivertrauensleute müssen der Belegschaft ihre Anordnungen klar machen. Tun sie es nicht gut geaug, so fliegen sie, mindestens aus ihrer" Vertrauensposition". Der Betriebsführer wird in solchen Fällen immer so stark sein, der DAF beizubringen, dass der Nazivertrauensmann keine Ahnung von der Betreuung einer Belegschaft hat. Die Vertrauensräte 1-97sind doch nur Strohpuppen. Was hat es für einen Sinn, sich bei diesen Kerlen etwa über die Arbeitsbedingungen zu beschweren? 5) Betriebsveranstaltungen. Berlin, 1.Bericht: Die Gefolgschaftsversammlungen sind allgemein schlecht besucht. In der Regel wird auch ein direkter Zwang zum Besuch der Gefolgschaftsversammlungen durch Kontrollzettel usw. nicht mehr ausgeübt. Man beschränkt sich darauf, die Kontrolle durch die einzelnen Betriebswalter vorzunehmen, die bei ihrer kleinen Gefolgschaftsgruppe genau wissen, wer fehlt. Eine Reihe von Firmen veranstalten nach wie vor Ausflüge, die selbst dann, wenn die Fahrt kostenlos ist, nur von einem gewissen Teil der Belegschaft mitgemacht werden. So veranstaltete eine Metallwarenfabrik( etwa 2.000 Mann Belegschaft) kürzlich eine Dampferfahrt. Die Firma hatte 5 Dampfer auf Betriebskosten gemietet. Die Fahrt war frei, ausserdem wurden für jeden Teilnehmer einige Biermarken zur Verfügung gestellt. Trotzdem haben viele nicht mitgemacht. Es muss allerdings gesagt werden, dass es zum grossen Teil nicht politische, sondern private Gründe sind, die die Betriebsangehörigen von der Teilnahme abhalten. So sind z. B. in diesem Betrieb viel verheiratete Frauen beschäftigt, deren Männer gegen eine Beteiligung der Frauen an dieser Dampferfahrt waren, weil es bei diesen Fahrten nicht immer ganz korrekt zugeht und sich Liebeleien entsponnen haben. In einem grösseren Metallbetrieb erschien vor kurzem am Schwarzen Brett folgender Anschlag: An alle Gefolgschaftsmitglieder Da zu dem Betriebsappell am 22.6. 1936 nur annähernd 400 Arbeitskameraden erschienen waren, wollen wir der Gefolgschaft unseres Werkes einmal etwas Grundsätzliches über den Besuch solcher Betriebsversammlungen sagen. Wir wählen diesen Weg der schriftlichen Bekanntmachung, um auch die zu erreichen, die nie zu einer Versammlung kommen und entsprechende dort gegebene Ermahnungen nicht hören können. Auf einem Betriebsappell werden Fragen behandelt, die für alle Arbeitskameraden unseres Werkes von Interesse und oft von Wichtigkeit sind. Zum Aufbau einer Betriebsgemeinschaft gehört viel Kleinarbeit, an der sich alle beteiligen müssen, und die Richtlinien hierzu erhaltet Ihr von den dazu Berufenen auf den Betriebsappellen. Eine Betriebsgemeinschaft ersteht nicht aus einem Erlass des Betriebsführers oder aus einem Aufruf des DAF- Betriebswalters, sondern aus der inneren Anteilnahme und Mitarbeit aller Gefolgschaftsmitglieder. Die Betriebsgemeinschaft aber bringt uns dem Ziele näher, durch bessere Zusammen A-98arbeit und besseren Arbeitserfolg im Ganzen auch bessere Arbeitsbedingungen für den einzelnen zu schaffen. Und wir verlangen doch wahrlich nicht zuviel! Seit Oktober 1935 haben wir-in einem Zeitraum von 9 Monaten- 4 Betriebsversammlungen abgehalten. Der Betriebsappell am 22.6.36 dauerte 40 Minuten, das ist auch an einem warmen Tage zu ertragen. Schliesslich wurdet Ihr ja nicht zu einem endlosen Vortrag irgend eines Redners eingeladen, sondern der Betriebsführer gab einen Bericht über das bilanzmässig abgeschlossene Geschäftsjahr 1935. Man müsste eigentlich annehmen, dass hierfür mehr Interesse vorhanden ist und ein geringes zeitliches Opfer gebracht werden kann, auch wenn es nicht im Tarifvertrag verankert ist. Wir verzichten auf ein Kontrollsystem, gleich welcher Art, sondern erwarten eine freiwillige Mitarbeit, welche notwendig für die Lösung der gestellten Aufgaben ist. Die Teilnahme an einem Betrieb sappell ist für uns Unterzeichnete und für jedes Gefolgschaftsmitglied Dienst an dem Aufbau einer Betriebsgemeinschaft. Jeder fühle sich verpflichtet, Einblick und Verständnis für alle Fragen unserer Werksangehörigen zu erhalten. Hierzu führen mit die Betriebsappelle! Wir hoffen, dass dieser Aufruf ausreicht, um eine regere Teilnahme an späteren Veranstaltungen zu erzielen. Heil Hitler gez.:( Unterschrift) gez.: Betriebsführer ( Unterschrift) DAF- Betriebswalter In dem... Werk haben seit einem Dreivierteljahr keine Betriebsversammlungen mehr stattgefunden. Diese Betriebsversamm lungen sind ausgesprochen langweilig. Die Werkskapelle spielt irgend ein Musikstück, dann wird" feierlich die Betriebsfahne gehisst( eine Hakenkreuzfahne mit dem DAF- Abzeichen und dem Namen des Betriebes). Der Betrieb svertrauensmann gibt dann zumeist einige Mitteilungen aus dem Betrieb bekannt, worauf das politische Referat folgt. In diesem Werk wird jeden Tag ein Betriebsappell der Jugendlichen veranstaltet. Zunächst kommt der Kernspruch, dann gibt es eine halbe Stunde lang Gymnastik. Es macht sich auch ein gewisser Zwang bemerkbar, in die HJ einzutreten. 2. Bericht: Anfänglich hatten die Rundfunk- Gemeinschaftsempfänge Zuspruch, weil die Unternehmer den entstandenen Zeitverlust ersetzten. Von dem Tage ab, wo der Arbeiter die Zeit selbst einbüssen musste, verschwand auch sehr schnell jedes. Interesse an der Abhörung der Sendung. In den Staats- und Kommunalbetrieben versucht man es nun mit Druck, Zwang und Drohungen, die grossen Privatbetriebe lassen nur formal die Bekanntmachung solcher Empfänge ergehen und stellen sonst jedem die Beteiligung daran frei. A- 99Der Besuch der Arbeitsfront- Kundgebungen und-Versammlungen ist, sobald die Beteiligung an solchen Veranstaltungen freiwillig ist, sehr schlecht. Selbst eine Versammlungs- Tournee des Dr. Ley durch die Berliner Grossbetriebe erwies sich als vollkommene Pleite. Bei der AEG waren auf dieser Versammlung ca. 140 Betriebsarbeiter anwesend, der Rest wurde von der SA und SS gestellt. Später sperrte man die Betriebsausgänge ab, erreichte dadurch aber nur, dass die Versammlung unter grösster Unruhe abgehalten werden konnte. 3. Bericht: Das Regime legt den grössten Wert darauf, dass die Arbeiter nicht zum Denken kommen und keine Diskussionen pflegen. In den Siemenswerken in Siemensstadt spielen täglich in den Mittagspausen SA- Kapellen, die Arbeiter müssen in den Essenhallen ihre Mahlzeiten einnehmen und sich die Militärmärsche anhören, ob sie wollen oder nicht. Die Kameradschaftsabende werden von den Unternehmern direkt sabotiert, sie weigern sich z.T. überhaupt, noch welche abzuhalten und wenn sie dazu gezwungen werden, dann lehnen sie strikte eine persönliche Beteiligung an. In diesen Kameradschaftsabenden geht es zu, wie auf einem Rummel. Ein alter abgedroschener Komiker verzapft seine geistlosen Witze, dann ist natürlich eine Musikkapelle anwesend, die zum Tanz aufspielt, es wird gesoffen und zuletzt artet der ganze Abend in eine grosse Sauferei aus. Die Arbeiterfrauen sehen diese Veranstaltungen nicht gern, erstens entspinnen sich dabei oft Liebesverhältnisse und zweitens kommen die Männer meistens besoffen nachhause, das bisschen Geld ist futsch und die Frau kann sehen, wie sie die Woche wirtschaftet. In vielen Grossbetrieben Berlins wurden in den letzten Tagen Betriebsversammlungen zwangsweise abgehalten, in denen irgend ein Amtswalter über die bolschewistische Revolution in Spanien das tollste Zeug redete. Das Schreckgespenst des Bolschewismus wurde in den blutigsten Farben an die Wand gemalt und die Arbeiter wurden aufgefordert, jeden zu melden, der sich irgendwie zustimmend über die Vorgänge in Spanien äussert. Rheinland: Bei der Firma Heusch, Nadelfabrik in Aachen, machte man auf Kosten der Firma einen Gemeinschaftsausflug. Da die Sache nichts kostete, amüsierten sich die Arbeiter zunächst ganz köstlich. Man riskierte dabei auch sogar einige Groschen aus der eigenen Tasche. Das dicke Ende kam jedoch nach. Es erfolgte nämlich bei der Auszahlung des Lohnes für die Ferienwoche ein Abzug von 8 Stunden; die Berechnung wurde für 40 statt für 48 Stunden gemacht. Die Arbeiter waren sehr entrüstet und sie fragten an, was das bedeute. Da wurde ihnen eröffnet, dass man ja einen Gemeinschaftsausflug gemacht habe, und dass die Firma doch nicht den auch noch bezahlen könne. Eine Beschwerde bei der DAF hatte selbstverständlich keinen Erfolg.. A-100Bayern: Aus einem grösseren Schlossereibetrieb( Belegschaft 100 Mann) geht uns ein Bericht über die Maifeier zu, den wir trotz der grossen Verspätung noch mitteilen, weil er ein bezeichnendes Licht auf die Haltung der Arbeiter wirft: Am 1. Mai wurde jedem Mann der Belegschaft ein Betrag von 3 Mark persönlich vom Betriebsführer ausgehändigt. Dazu kamen noch je 5 Biermarken und 20 Stück Zigaretten. In der gemeinsamen Betriebsveranstaltung war der Betriebsführer zugegen und es entwickelte sich eine sehr angeregte Unterhaltung, die mit steigendem Bierkonsum immer lustiger wurde. Anekdoten aus der guten Vorkriegszeit wurden erzählt und der Chef steuerte persönlich durch einige saftige Witze zur Stimmung bei. Erst spät nachts fand diese Sauferei ihr Ende. Anderentags im Betrieb wollte die Arbeit nicht gut von der Hand gehen und da sowieso mittags Wochenschluss gemacht wurde, entliess der Betriebsführer um 9 Uhr die Gefolgschaft mit dem guten Ratschlag, sich gehörig auszuschlafen, um Montags wieder flott zu sein. Die Arbeiter verabredeten sich für nachmittags zu einem Abendschoppen und viele haben erst Sonntag heimgefunden. Das leutselige Benehmen ihres Betriebsführers wurde angenehm empfunden und man konnte vielfach hören: " Er ist halt doch wieder a guter Kerl." Einige Arbeiter, die sich durch das Verhalten ihres Betriebsführers nicht beeinflussen liessen und ihren Kameraden zu erklären versuchten, dass sie doch ihr eigenes, sauer verdientes Geld versoffen haben und der Unternehmer diese Ausgabe doppelt hereinbringen wird, fanden wenig Gehör. Einer, der schon reichlich getrunken hatte, machte sich zum Wortführer des Betriebes und schrie sie an:" Ihr seid mit nichts zufrieden, wann ist das früher einmal gewesen, dass unser Herr mit uns in der Wirtschaft war? Ihr seid's alte Hetzer, die man net anders machen kann." Am Montag im Betrieb konnte man im Verhalten des Betriebsführers genau beobachten, dass er krampfhaft bestrebt war, Distanz zu wahren und besonders solchen Arbeitern gegenüber, die bei der Unterhaltung mit ihm zu vertraut geworden waren. Solche Beispiele könnte man Dutzende anführen. Ueberall dieselbe Form. Der Versuch, die alte Zunftgemeinschaft wieder aufleben zu lassen, um so den Klassengegensatz zu verwischen. Es wäre unklug, zu verschweigen, dass diese Taktik bei vielen Arbeitern Erfolg hat. Schlesien: Aus dem Waldenburger Kohlenrevier wird berichtet, dass bei den Bergarbeitern nur noch selten Kameradschafts abende stattfinden. Bei den letzten, die stattfanden, suchten die Steiger aus jeder Abteilung 2 bis 3 Mann aus, die an den Kameradschaftsabenden teilzunehmen hatten. A-101. 6) Das Los der Zwangsarbeiter. In den letzten Monaten sind die Arbeitsämter immer mehr zu dem Verfahren übergegangen, Arbeitslose zwangsweise zu irgend einer Baustelle der Reichsautobahn, der Reichsbahn oder der Wehrmacht abzukommandieren. Es handelt sich nicht nur um Notstandsarbeiter, sondern diese Zwangsverschickungen müssen sich alle Arbeitslosen gefallen lassen. Wer sich nicht fügt, wird mindestens mit Unterstützungsentzug bestraft. Wir haben wiederholt über die Zustände auf diesen Baustellen berichtet. Die nachstehenden Berichte stellen erneut unter Beweis, dass es sich nicht nur um vereinzelte Misstände handelt, sondern dass das Los dieser Zwangsarbeiter überall gleich traurig ist. Berlin, 1.Bericht: Autobahn Berlin- Stettin: Wie bei allen Baustellen der Autobahnen ist die Belegschaft aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt und völlig uneinheit lich. Es fehlt nicht nur jede Kollegialität unter den Arbeitern, sondern es kommen sogar häufig Diebstähle vor, so dass dadurch das Misstrauen noch weiter wächst. Ausserdem wird die Antreiberei immer unerträglicher. Die Autobahnarbeiter sind infolge der mangelnden Solidarität nicht in der Lage, sich im geringsten zu wehren. Für den Lohndruck bei den Autobahnen ist bezeichnend, dass z.B. an der Baustelle unseres Berichterstatters eine Arbeit, nämlich das Gleiselegen, die vor einem halben Jahre noch mit 65 Pf. bezahlt wurde, heute nur noch mit 51 Pf. entlohnt wird. Als diese Lohnkürzung eingeführt wurde, wollten die jüngeren Arbeiter die Arbeit niederlegen und bei der Bauleitung vorstellig werden. Die älteren wollten jedoch nicht mitmachen, da sie befürchteten, das würde als Sabotage ausgelegt. So wurde der Lohnsatz von 51 Pf. geschluckt. Gelegentlich einer Göringrede wurden von dieser Baustelle einige Arbeiter abkommandiert. Es war für sie eine ziemliche Strapaze; erst zum Abend kamen sie zum Essen. Es gab für sie Sauerkraut mit Kasseler und Bier. Das gefiel ihnen nicht schlecht, aber ihre Laune schlug um, als ihnen am Wochenende dieser Tag vom Lohn abgezogen wurde, obwohl sie nicht freiwillig gegangen waren, sondern kommandiert worden sind. 2. Bericht: Grosse Erbitterung herrscht bei den Arbeitern, die von den staatlichen Arbeitsplätzen zurückkommen, wo sie 26 Wochen beschäftigt werden. Es handelt sich meistens um A-102Strassenbauten, Autostrassen, Wegebauten usw. Die Leute erhalten dort wöchentlich 21 Mark an Lohn, müssen sich beköstigen und da es weit ab von Berlin ist, auch am Arbeitsplatz wohnen und sollen von diesem Geld auch noch ihre Familien in Berlin unterhalten. In einem Falle-Autostrassenbau bei Stettin- mussten die Berliner Arbeiter Erdbewegungen ausführen. Sie leisteten täglich 8- 10 Loren. Auf einmal erklärte der Bauführer, dass mehr geleistet werden müsse. Für jede weitere Lori würden sie eine Extraentschädigung bekommen. Die Leute waren töricht genug, sich halbtot zu schuften, sie brachten es bis auf 20 Loren, allerdings brachen sie abends erschöpft zusammen, da sie ja alle keine Kraft mehr in den Knochen haben. Als sie dann die" Extraentschädigung" verlangten, erklärte der feine Herr:" Na, seht Ihr, Ihr könnt schon mehr schaffen, wenn Ihr wollt, ich habe das nur mal ausprobieren wollen. Jetzt ist das tägliche Pensum eben 20 Loren und nicht mehr 10 und eine Extraent schädigung gibt es nicht." Die Arbeiter waren empört und erbittert, es kam zu grossen Auseinandersetzungen, aber die SA aus dem Dorfe musste antreten und alles kuschte wieder. Rheinland- Westfalen: Von einem Arbeitsplatz mit Notstandsarbeit( Wegearbeiten) wird berichtet: Die Unterkunftsräume von Pflichtarbeitern, die hier 3 bis 6 Tage arbeiten müssen, sind unter aller Kanone. Die Leute erhalten einen Zuschuss vom Wohlfahrtsamt, der sich nach der Zahl der Kinder richtet und zwischen 1,- und 10,- RMark schwankt. Ein junger Mann, der 6 Geschwister zu unterhalten hat, erhält von der Krisenunterstützung 7,85 RMark und dazu vom Wohlfahrtsamt 16,65 RMK. Dafür muss er 6 Tage arbeiten. Hat ein Familienvater 3 Kinder, so erhält er 17,65 Krisenunterstützung und dazu von der Wohlfahrt 3,90 Mark. Hat er dazu zwei schulentlassene arbeitslose Kinder, so müssen für die 3,90 RMark 3 Personen drei Tage arbeiten. Diese Dinge werden auf unserem Arbeitsplatz natürlich besprochen. Dazu in jeder Pause die Ereignisse in der Welt. Man hält z. B. regelrechte Vorträge über Spanien. Es werden Kollegen beauftragt, den Luxemburger und den Pariser Sender abzuhören und dann zu berichten. Dieser Gesprächsstoff gibt uns oft die Kraft, weiter an die Möglichkeit zu glauben, dass es einmal anders kommt. Und wir halten dann auch die Arbeit besser aus, für die man uns die wenigen Pfennige zahlt. Einmal kam man dahinter. Ueberraschend griff die Polizei ein. Sie verhaftete von der Arbeitsstelle 14 Leute. Vorher war die Arbeitsstelle schon 4 Wochen überwacht worden. Im Polizeibericht wird ausdrücklich gesagt, dass man nicht habe länger warten können, weil die Vergiftung immer mehr um sich greife. Die Verhafteten wurden zunächst durch die Strassen geführt und dann in den Polizeiwagen gesteckt. Unter den Verhafteten befand sich ein Vater von 6 Kindern, er wurde gefesselt, weil er dauernd schrie, dass es durch die Strassen schailte:" Unter der alten Regierung habe ich mir mehr als A-103daa Doppelte an Unterstützung holen können, jetzt habe ich Arbeit und meine achtköpfige Familie hat nichts anderes zu essen als trocken Brot. Ich kann es nirgendwo schlechter haben als jetzt." Der Schweigeapparat, der Gummiknüppel, trat schliesslich in Aktion. Bei der gerichtlichen Verhandlung hat den Mann niemand gesehen. Er muss also schwer zugerichtet worden sein. Nordwestdeutschland: Bei dem grossen Flugplatzbau, der seit einigen Monaten in Oldenburg in Gang ist, haben sich in kurzer Zeit zwei grosse Unglücksfälle ereignet. Ende Mai stürzte die Betondecke eines Hangars ein und begrub 11 Arbeiter unter sich. Keiner konnte lebend geborgen werden. Der Unglücksfall musste von der Presse verschwiegen werden. Drei Wochen später stürzte ein Gerüst ein. Die Folge waren 2 Tote und 10 Verletzte. Hierüber brachte die Presse nur die Meldung: " Ein schwerer Unglücksfall, der 2 Tote und 10 Verletzte kostete, ereignete sich auf einer der Baustellen." Auch diesmal wurden Ort und Art der Baustelle verschwiegen. Bayern: Ueber die Autobahnstrecke von X. nach Y. habe ich wiederholt berichtet. Jetzt stellen sich infolge der einseitigen und schlechten Ernährung auch die Folgen ein. Täglich werden kranke Arbeiter in die Krankenhäuser eingeliefert. Die meisten Krankheitserscheinungen sind: Magenkrankheiten, Ruhr und ausgesprochene Schwächeanfälle. Unter den Schwächeanfällen brechen vor allem die Arbeiter zusammen, die von ihrem Lohn einen grösseren Teil für ihre Familie absparen wollen. Sachsen: Der Autobahnabschnitt Nossen hat die meisten Erkrankungen zu verzeichnen. Das führt aber nicht etwa zur Untersuchung der Ursachen, sondern dazu, dass die Arbeiter sich einfach nicht mehr krank melden dürfen. Die Aerzte sind von den Kassen angewiesen, solche Arbeiter sofort dem Krankenhaus zu überweisen. Der Unternehmer Funke von der Baufirma Funke & Co. in Freital und Tharandt bei Dresden, der am Bau beteiligt ist, hielt jetzt der Belegschaft eine Rede, wonach künftig Erkrankende vor das Gericht wegen Arbeits- Sabotage gebracht werden würden. Dabei ist die Arbeit so schwer, dass viele Arbeiter einfach bei der Arbeit umfallen. Es handelt sich ja hier meist um Leute aus anderen Berufen, die als Notstandsarbeiter von den Wohlfahrts- und Arbeitsämtern bis aus Meissen, Freiberg und Chemnitz zum Bau vermittelt worden sind. Eine Belegschaft von 48 Mann muss in 8 1/2 Stunden täglicher Arbeitszeit 14 Züge zu je 24 Loren Erdreich bewegen! Die Arbeitslöhne für ungelernte Arbeiter betragen pro Stunde 56 Pf., wenn sie aus Städten vermittelt sind. Dagegen erhalten die Arbeiter, die aus den Dörfern kommen, nur 55 Pf. pro Stunde. Für die Arbeiter, die grössere Strecken zur Arbeitsstelle zurückzulegen haben, werden wöchentlich 3 Mark Fahrgeld extra gezahlt. Dabei müssen z.B. die Arbeiter aus Meissen a.Elbe schon 4 Mark für Fahrgeld ausgeben. J A-104Uebrigens sind die meisten dieser Arbeiter nicht in der DAF, obwohl ein grosses Schild am Bauplatz prangt, dass binnen 3 Tagen der Eintritt in die DAF zu vollziehen ist. Die Arbeiter lehnen den Beitritt mit der Begründung ab, dass es sich nur um vorübergehende Notstandsarbeit handele und nicht um ordentliche, laufende Arbeit. Ein Arbeiter an den Tunnelbauten im Ost- Erzgebirge berichtet über die unhaltbaren Zustände, die in diesem Bauabschnitt der Reichsbahn herrschen: In jeder Woche kann man mehr als 6 bis 7 Kameraden als Verunglückte rechnen. Es ist kein Wunder, denn keine der Unfallvorschriften wird von der Bauleitung beachtet. Im Tunnel muss man über finstere Schuttlöcher steigen, die nie abgedeckt werden. Die Karbidlampe ist absolut ungenügend. Man kann einfach nichts sehen. Schon mancher hat hier seine Knochen gebrochen, sei es durch Sturz in die Löcher oder durch Steinschläge. Bei Sprengungen, welche alles erschüttern, müssen wir in dem Tunnel bleiben. Sind wir doch einmal ausserhalb des Tunnels, so werden wir rücksichtslos hineingetrieben in den Pulverdampf. Die Löhne sind ein Hohn für diese schweren Arbeiten. Sie betragen 56 bis höchstens 61 Pf. Es gibt keine Ueberstundenzuschläge und auch keine Nachtzuschläge mehr. Als Sonntagszuschläge werden heute noch 30% berechnet. Diese Woche war eine Besichtigung durch die Baupolizei und Gestapo; da wurde vorher schnell alles abgedeckt und gesi chert, damit die Herren alles in schönster Ordnung finden sollten. Eine Stunde später waren sämtliche Sicherungen wieder weg. Die Arbeitsfront denkt gar nicht an ein Eingreifen, im Gegenteil, man unterstützt nur die Vorgesetzten, die Arbeiter werden gar nicht erst angehört. Durch Anschläge wird bekannt gemacht, dass mit sofortiger Entlassung zu rechnen hat, wer irgendwelche Beschwerden gegen die Vorgesetzten anbringen würde. Bei der genannten" Besichtigung" im Tunnel meinte unser Techniker:" Im Tunnel ist alles in Ordnung, den Arbeitern kann nichts passieren." Es ist eine Gemeinheit, so etwas zu behaupten, wo er doch genau weiss, dass ununterbrochen Unfälle eintreten. Schuld an allem ist die elende Antreiberei durch die Oberhauer( Poliere). Die Stimmung unter uns ist nicht nur illegal gegen das System, sondern schon sehr legal. Zur Zeit diskutieren wir lebhaft über Spanien. Die am schlechtesten bezahlten Bahnarbeiter sind die Streckenarbeiter. Solche Bahnarbeiter unterhielten sich kürzlich an ihrem Bauzug ungefähr wie folgt:" Da haben sie uns das Blaue vom Himmel versprochen.40 Mark in der Woche müsste der Arbeiter verdienen."-" Die schwere Arbeit müsste besser bewertet und bezahlt werden; aber geht nur mal hin zur Arbeitsfront und verlangt etwas, nach Sachsenburg kannste kommen!"" Sprich nur mal den Bahnmeister mit Kamerad an, da kannste mal sehen, was für eine Volksgemeinschaft herrscht! Wir sind immer wieder diejenigen, die verklappst werden." A-105Im Talsperrenbau bei Pirk, wo heute gegen 1.500 Arbeiter aus dem ganzen Bezirk Plauen beschäftigt sind, ist weiterhin das bereits gemeldete Antreiber system im Schwunge. Da nun eine Vermittlung durch ein Arbeitsamt an diese Baustelle von den Arbeitern nicht ohne Verlust der Arbeitslosenunterstützung ab gelehnt werden kann, so gehen ganz Schlaue dazu über, einen Streit mit dem Schachtmeister herbeizuführen. Meist endet dieser Streit mit der Entlassung und dann kann der Arbeiter meist damit rechnen, sofort wieder in die Arbeitslosenunterstützung eingereiht zu werden. Der Wochenlohn für Ledige beträgt netto 15, für Verheiratete 19 Mark. Dass sich die Arbeiter nach diesen Löhnen nicht reissen, ist sehr verständlich. Schlesien: In Oltaschin bei Breslau wird eine grosse FlakKaserne gebaut. Die Belegschaft beträgt 1.500 Mann. Bei schärfstem Antreiber system wird in drei und vier Schichten gearbeitet. Bei einem Deckeneinsturz auf dieser Baustelle gab es 2 Tote. Die Löhne betragen für Facharbeiter 89 Pf., Sonntags wird ein 80% iger, Feiertags ein 100% iger Zuschlag gezahlt. Ein Polier erhielt für den 1. Pfingstfeiertag 64 RMark Lohn. Unsere Vertrauensleute nennen diese Löhne Korruptionslöhne. Die Arbeitsmoral auf der Baustelle ist erschreckend tief gesunken. Die früher Unorganisierten benehmen sich niederträchtig und kriecherisch. Ehemalige Gewerkschaftler halten zueinander und lehnen den Nationalsozialismus eindeutig ab. Ein alter Gewerkschaftler, der längere Zeit erwerbslos war, wurde bei Schachtarbeiten beschäftigt. Er blieb mit seiner Arbeit zurück und bat seine Arbeitskameraden, ihm behilflich zu sein, bis er sich eingearbeitet habe. Dies wurde höhnend abgelehnt. Ein andermal forderte ein Arbeiter einen anderen, der zum Wasserholen ging, auf, auch seine Flasche mitzunehmen. Auch das wurde einfach abgelehnt. Die Baustelle wird von SS bewacht, die Ausweise werden ganz kurzfristig erneuert und von der Polizei auf das Genaueste nachgeprüft. Neuerdings stellt man es den Arbeitern frei, auch zwei Schichten auf einmal hintereinander zu arbeiten. Davon wird viel Gebrauch gemacht. Unser Vertrauensmann hörte ein Gespräch zwischen zwei Arbeitern an. Der eine sagte:" Es ist doch eine Schinderei, die Löhne von 1928 werden noch lange nicht erreicht." Die zweite antwortete:" Zunächst bin ich froh, dass ich überhaupt Arbeit habe."- Diese Einstellung ist sehr weit verbreitet und wird noch auf lange Zeit dazu führen, dass alles widerstandslos hingenommen wird. Ein Arbeiter aus Schlesien, der bei Kasernenbauten in Oldenburg beschäftigt ist, erzählte über die Arbeitsverhältnisse: Die Arbeitsweise sei nervenzerrüttend, so etwas von Antreiberei habe man bisher nicht gekannt. Die Verpflegung sei miserabel; die Wohnbaracken seien schlecht. Alle 13 Wochen nur gäbe es Heimaturlaub. Der Tariflohn betrage 89 A- 106Pf., davon müsse auch die Familie in Schlesien ernährt werden. 2 Zwischen Ratibor und Markowitz wird seit längerer Zeit in grossem Masstabe die Oderregulierung vorgenommen. Die Arbeit wird in drei Abschnitten durchgeführt, zwei Abschnitte sind bereits bewältigt. Zur Zeit liegt die Arbeit fast still, da die erforderlichen Gelder noch nicht zur Verfügung stehen. Wenn die Arbeit im Gang ist, werden wieder ca. 2.000 Mann beschäftigt. Die Arbeiter werden als Notstandsarbeiter beschäftigt, sie arbeiten 40 Stunden, haben 48 Pf. Stundenlohn und verdienen somit brutto 19,20 Mark wöchentlich. Davon Arbeitslosen- und Invalidenvergehen ab an Krankenkassensicherung, Arbeitsfrontbeiträgen wöchentlich 2,72 Mark, so dass ein Barlohn von 16,48 Mark verbleibt. Soziale Zuschläge wie Kinderzulagen usw. gibt es nicht. Ein Arbeitsloser mit 4 Kindern erhält an Unterstützung: Grund unterstützung 28, Mark, dazu für Frau und Kinder je 8,-Mark, zusammen 68,-Mark monatlich, so dass der Nichtarbeitende ebensoviel erhält als Diese der, der die 40 Stunden an der Oder arbeiten muss Oderarbeiter sind sehr stark radikalisiert. Sie politisieren und schimpfen über alles derart, dass man manchmal meinen könnte, man sei in einer Volksversammlung. Die vielen Arbeits. führer dürfen sich nicht muksen, ihre Anordnungen werden einfach nicht befolgt. Wenn versucht wird, bei der Arbeit anzutreiben, erklären die Arbeiter, für das Leichengeld arbeiten sie noch zu schnell. Hitler solle seine Versprechungen erst einmal bei ihnen wahr machen. Dann würden sie auch zu bunt wird, werden die grössschneller arbeiten. Wenn es ten Krakealer, darunter auch" alte Kämpfer", herausgegriffen und auf einige Zeit" in Erholung geschickt", wie die Arbeiter sagen. Berlin: 7) Einzelberichte. Siemens Kabelwerk: In diesem Betrieb wird seit langem in einem sehr scharfen Hetztempo gearbeitet. Es werden Akkordsätze gezahlt, bei denen aber nur sehr geschickte Arbeiter und nur, wenn sie den ganzen Tag das schärfste Arbeitstempo beibehalten, auf einen einigermassen erträglichen Lohn von etwa 75 Pf. die Stunde kommen. Wer nicht ganz geschickt, und eingearbeitet ist, bleibt darunter. Trotz dieser schlechten Lohnverhältnisse gab es bis vor kurzem kaum Lohndiskussionen in unserer Abteilung. In den letzten Wochen kam es jedoch häufiger zu Bemerkungen über die schlechten Löhne und das wahnsinnige Arbeitstempo. Die neuerliche Misstimmung ist durch die Lebensmittelknappheit ausgelöst und die damit verbundene, schon recht bemerkbare Teuerung. Die gelegentlichen Bemerkungen sind natürlich nicht als der Beginn einer " Lohndiskussion" aufzufassen. Dazu besteht gar keine Möglich A-107keit. Ausserdem sieht niemand, wie er zu einem besseren Lohn kommen könnte. Man riskiert schon einmal eine Bemerkung zum Direktor, wenn er durch den Betrieb geht und sich die Gelegenheit gerade bietet, aber bis jetzt hat das kein Ergebnis gezeitigt. Zu politischen Diskussionen kommt es bei uns auch jetzt noch nicht trotz Spanien. Das liegt einfach daran, dass bei dem Hetztempo keine Zeit zu Unterhaltungen ist und daher die Stimmung auch allgemein gedrückt bleibt. Dabei ist die Zusammensetzung der Belegschaft dieser Abteilung gar nicht schlecht und unser Gewährsmann ist überzeugt, dass die meisten Kollegen sich" privat" sehr stark für Spanien interessieren und sich ihre Gedanken machen. Aber innerhalb unserer Abteilung ist der Zusammenhang doch nicht gross genug, um direkte Aussprachen wagen zu können. Sehr schädlich wirkt sich auf die Kollegialität das immer stärker werdende Bestreben der einzelnen Kollegen aus, sich beim Meister in ein gutes Ansehen zu setzen. Sie hoffen auf die Weise, individuell bessere Sätze herauszuholen. Man kann aber hoffen, dass diese Erscheinung, die auch aus anderen Betrieben berichtet wird, wieder verschwindet, wenn erst häufiger die Erfahrung gemacht wird, dass dadurch nicht weiterzukommen ist. Siemens, Abteilung Versuchsmechanik: In dieser Abteilung werden die einzelnen Stücke hergestellt, bevor die Massenproduktion aufgenommen wird. Es sind hier nur hochqualifizierte Arbeiter beschäftigt, die in den meisten Betrieben eine gute Position haben und untereinander auch gute Solidarität halten. In dieser Abteilung von Siemens trifft die allgemein zu machende Beobachtung nicht zu. Und zwar liegt das an dem raffinierten Entlohnungssystem. Die Preise für die einzelnen Stücke werden willkürlich festgesetzt. Da es sich um dauernd wechselnde Stücke handelt, muss um jeden einzelnen Stücklohn ein täglicher Kampf geführt werden. Wenn die Arbeiter ihr Lohnniveau halten wollen, müsste daher jeder einzelne sich jeden Tag beschwerdeführend an den Meister wenden. Das geht auf die Dauer nicht. Niemand hat heute mehr den Mut, jeden Tag einen Kampf um ein paar Pfennige zu führen. Die Folge ist, dass die Kollegen versuchen, sich beim Meister anzuschmieren, um dadurch einen besseren Lohn herauszuholen. Das hat natürlich demoralisierende Folgen und wirkt sich auf den Ton der Kollegen untereinander aus. Häufige Reibereien untereinander sind an der Tagesordnung. Immerhin hält sich die gegenseitige intoleranz in erträglichen Grenzen. Es sind schliesslich alles gelernte Mechaniker, die früher irgendwie mit der Arbeiterbewegung verbunden waren. Jetzt ist es ihnen trotz der nicht übermässig grossen Solidarität gelungen, den Akkordlohn von 1,05 auf 1,20 Mark in die Höhe zu schrauben. Neben der Akkordarbeit haben sie aber Stundenarbeit, manchmal das hat ein Arbeiter 1/3 Stundenlohn und 2/3 Akkord. Aber wechselt stark. Im allgemeinen kommen zudem wöchentlich 3- bis 4 Ueberstunden heraus mit 15% Zuschlag. A-108Das politische Interesse der Kollegen dieser Abteilung ist sehr gesunken und es wird auch sehr viel mit" Heil Hitler" gegrüsst. Eine Zeitung liest kaum jemand, und wenn schon, dann höchstens die" Morgenpost". Ueber die Entwicklung in Frankreich wurde gar nicht gesprochen, wie überhaupt politische Fragen in den Frühstückspausen oder wenn sonst Gelegenheit wäre, nicht angeschnitten werden. Kürzlich ging ein Erlass des Betriebsdirektors herum, in dem darauf aufmerksam gemacht wurde, dass häufig nicht" richtig" gegrüsst würde und dass kürzlich in einem anderen Betrieb eine Arbeiterin aus diesem Grunde entlassen worden sei. Die Arbeiterin habe Klage beim Arbeitsgericht erhoben, sei jedoch abgewiesen worden." Falsches" Grüssen ist also Entlassungsgrund. Osram: In diesem Betrieb sind alte gelernte Arbeiter, vor allem Schlosser und Werkzeugmacher beschäftigt, die gut verdienen. Viele von ihnen, sind alte Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Auch das Arbeitstempo ist erträglich. Politische Diskussionen kamen bisher trotzdem wenig vor, auch keine Diskussionen über Lohnfragen. Jetzt werden ab und zu kleine Witzeleien über die Nahrungsmittelknappheit gemacht. Etwa ruft beim Heimweg einer dem anderen zu:" Vergiss nicht, Muttern nen Kohlkopf mitzubringen. Du sollst doch nicht dauernd Fleisch essen." Auch über Spanien wird gesprochen und aufgrund der letzten Nachrichten werden die Chancen der Parteien abgewogen. Im allgemeinen wird darauf geachtet, dass möglichst keine direkte Parteinahme in Erscheinung tritt. Doch gelegentlich fallen auch Aeusserungen wie:" Allerhand, wie die Bergarbeiter kämpfen können. So leicht sind die nicht klein zu kriegen!" Die Haltung der Regierung Blum wird nicht verstanden. Man ist sich darüber klar, dass die Deutschen und die Italiener Waffen liefern. Die Meldungen der deutschen Presse in den letzten Wochen über französische Waffenlieferungen wurden nicht, wie das Regime wünschte, als Zeichen der Doppelzüngigkeit der Regierung Blum aufgenommen, sondern wurden begrüsst. Aus einem Werk der AEG: Unter den Betriebswaltern befinden sich viele ehemalige SPD- Genossen, die zur Annahme dieser Funktion gezwungen wurden. Sie haben sich zumeist zur Wehr gesetzt, und eine Reihe von Ausreden vorgebracht, haben dann aber, um nicht unliebsam aufzufallen, das Amt angenommen. Natürlich gibt es unter den Blockwaltern auch eine Reihe überzeugter Pgs. Diese Leute sind dann natürlich auch mehr dahinter her, dass die Versammlungen gut besucht werden und sich niemand drückt. Sie melden auch, im Gegensatz zu den anderen Betriebswaltern, unter Umständen dem Vertrauensrat, wer bei den Gefolgschaftsversammlungen gefehlt hat. Der Vertrauensrat begnügt sich aber in solchen Fällen zumeist damit, den Arbeiter vorzuladen und ihn darauf aufmerksam zu machen, dass man sich sein Verhalten merken wird für den Fall, dass A- 109schlechtere Zeiten kommen. Es muss aber gesagt werden, dass diese Drohung durchaus nicht auf alle wirkt:" Wenn es schlechter wird, dann fliegen wir so oder so, sagen sich diese Leute" Die Pgs. kommen zumeist am ersten Tag mit dem ganzen" Behang"( Abzeichen etc.) angerückt. Der Meister sieht aber nicht auf den Behang, sondern auf die Leistung. Ist der Mann nicht tüchtig, dann fliegt er ohne weiteres. Die Unternehmer denken nicht mehr daran, für die Pgs. und SA-Leute Freizeit zu gewähren, wenn sie aus parteidienstlichen Gründen einmal fortmüssen. In dieser Beziehung hat sich im letzten Jahr ausserordentlich viel gewandelt. Die Aktivität der SA- Leute im Betriebe ist längst nicht mehr die gleiche wie früher. Sie schimpfen über die geringen Löhne und über die Direktoren genau wie jeder andere, und unterscheiden sich in der Meckerei durchaus nicht von den früheren Freigewerkschaftlern. Wenn sie angekriegt werden, das" Arbeitertum" zu kaufen, dann halten sie einen langen Vortrag, was sie alles schon beziehen müssen, erklären, dass sie schon ihre SA- Zeitung kaufen müssen, dass sie den SA- Beitrag zu zahlen haben usw. In einer grösseren Abteilung, in der über 300 Arbeiter beschäftigt sind, beziehen etwa 50 das" Arbeitertum". Ausserdem werden mit Mühe und Not 10" Stürmer"-Exemplare verkauft. Die KdF- Zeitschriften dagegen werden gern genommen, sie sind sehr billig, kosten nur 5 Pf. pro Exemplar und sind reich bebildert. Das Tempo der Arbeitsleistung wird in den Betrieben noch immer gesteigert. Nach wie vor wird nach der Stoppuhr gearbeitet und auf die Arbeiter gedrückt, dass sie ihre Leistungen erhöhen sollen. Grosser Metallbetrieb( 1.300 Mann Belegschaft): Vor einiger Zeit erlebte der Betrieb ein neues Beispiel der wirtschaftlichen Knechtschaft und der Auslieferung der Arbeiter an die Unternehmer. Es war- wie schon im letzten Bericht erwähnt früher anlässlich einer Betriebsversammlung den Gefolgschaftsmitgliedern eröffnet worden, dass der Betrieb künftig keine Vorschüsse mehr zahlt. Zwei Gefolgschaftsmitglieder hatten dennoch ungeachtet dieser Bekanntmachung auf Grund besonderer wirtschaftlicher Notlage einen Vorschuss beantragt. Die Recherche durch die Betriebszelle, die übrigens vom Zellenobmann selbst vorgenommen wurde, hatte angeblich den Beweis erbracht, dass diese Notlage bei beiden das Vorschussgesuch nicht rechtfertige. Dementsprechend entschied der Betriebsführer die Gesuche abschlägig und verhängte ausserdem über beide Gefolgschaftsmitglieder einen 14- tägigen Zwangsurlaub. Die beiden Arbeiter stellten darauf Klageantrag beim Arbeitsgericht. Das Gericht fällte folgendes Urteil: Im Dritten Reich könne auf Grund der durch den Nationalsozialismus den Betriebsführern und Gefolgschaftsmitgliedern zugesicherten Freiheit keine Fessel in Bezug auf die Gewährung von Vorschüssen auferlegt werden. Der Betriebsführer muss selbst entscheiden, ob sein Betrieb diese wirtschaftliche Belastung ertrage und wenn nicht. A- 110von der Gewährung von Vorschüssen absehen. Eine Massregelung sei jedoch die Verhängung des Zwangsurlaubs, die im Reich Adolf Hitlers keinen Platz habe. Die Beklagte wurde deshalb zur sofortigen Weiterbeschäftigung der beiden Gefolgschaftsmitglieder verurteilt und hat den Lohnausfall zu ersetzen. Diese Affäre hat unter den Arbeitern eine starke Beachtung gefunden; es wird jetzt von allen beobachtet, ob bei den nächstmöglichen Entlassungen irgend welcher Arbeitskräfte die beiden Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren werden, oder ob der Spruch des Arbeitsgerichts eine nachhaltige Wirkung haben wird. Seit etwa 3 Monaten erhält das Werk Arbeiter aus den verschiedensten Teilen des Reiches zugeteilt. Wie bereits in früheren Berichten erwähnt, ist die Neuerrichtung von Werksanlagen in X. in Angriff genommen, für die eine entsprechende Anzahl von Arbeitskräften benötigt wird. Zur Deckung dieses Bedarfs kommen auch jetzt noch Transporte von Arbeitern hier ins Werk zur Ausbildung. Die Leute erhalten pro Woche 3 Mark Taschengeld, für Logis und Verpflegung sorgt der Betrieb. Die Angehörigen erhalten pro Woche vom Arbeitsamt eine Unterstützung von 11 Mark im Wohnort. Diese Leute werden bis zur Abgabe an das neue Werk in allen Teilen der Produktion ausgebildet. Diese Methode und die wirtschaftlichen Begleitumstände haben eine nicht geringe Erbitterung unter den Arbeitern hervorgerufen. Aus einem Rüstungsbetrieb.( Flugzeugproduktion): Der Betrieb hat etwa 200 Beschäftigte. Es wird in zwei Schichten gearbeitet. Fast täglich erfolgen Neueinstellungen, trotzdem gelingt es der Belegschaft, den Betrieb nazirein zu halten. Es handelt sich um qualifizierte Arbeit und daher sind die Arbeiter gesucht. Bei Neueinstellungen wird dem Neuen von den Kollegen erst regelrecht auf den Zahn gefühlt. Entpuppt er sich als Nazi, so erklären die Kollegen ihm keinen Handgriff, sondern erschweren ihm seine Arbeit noch nach Möglichkeit. Derartige Methoden, solidarisch angewandt, führen immer zu dem Erfolg, unliebsame Elemente aus dem Betrieb fernzuhalten. Der Betrieb steht zu 75% links. Auf den Kameradschaftsabenden des Betriebes ist nie eine Uniform zu sehen. Wer in dem Betrieb gut arbeitet, hat nach Meinung der Meister auch das Recht, einmal zu" meckern". Sehr scharf ist jedoch das Arbeitstempo und die Akkordkalkulation. Es wurde neuerdings ein Kalkulator für den Betrieb eingestellt, der systematisch das Arbeitstempo heraufschraubt. Gegen dieses Antreibersystem hilft selbst das Argument nicht, dass bei dem schnellen Gang die Maschinen leiden, der Stahl bricht etc. Es spielt keine Rolle, ob eine Maschine entzwei geht. Die Kosten für neue Maschinen könn en ja von den Steuern abgezogen werden- und lieber neue Maschinen als Steuern. Ausserdem steht bereits ein Reservebetrieb in Bereitschaft, so dass bei Betriebsstörungen die Arbeiter nur die Plätze zu wechseln brauchen. A-111 Borsig: Vor einiger Zeit erfolgte die Neueinstellung von rund 1.000 Mann. Den Arbeitern wurde vor Antritt der Arbeit ein Revers zur Unterschrift vorgelegt, nach dem es als Hochverrat verfolgt und evtl. mit dem Tode bestraft wird, wenn: 1. irgendwelche Schriften oder Zeichnungen aus dem Betriebe mitgenommen werden; 2. über die Produktion des Betriebes oder die dort fertiggestellten Dinge etwa nach aussen berichtet würde( in einem Nebensatz war hinzugefügt, dass es zwar bekannt sei, dass bei Borsig Kriegsproduktion betrieben würde, trotzdem sei aber jede Erwähnung dieser Tatsache verboten); 3. Frühere marxistische Einstellung werde niemandem verübelt, jedoch würde jede freundschaftliche Beziehung zu Leuten aus der früheren politischen Tätigkeit als verbotene politische Betätigung betrachtet. Am nächsten Tage wurden die neueingestellten Arbeiter vor Arbeitsantritt in einen Gemeinschaftsraum geführt, wo ihnen ein Gestapobeamter eine Ansprache hielt, in der er den Revers im einzelnen kommentierte. In einem Berliner Grossbetrieb ( 1.200 Arbeiter) wurden kürzlich kommunistische Flugblätter verteilt. Durch eine Unvorsichtigkeit wurde auf dem Klosett eines der Flugblätter gefunden. Darauf wurde sofort eine genaue Untersuchung eingeleitet, um die Verbreiter festzustellen. Auch die Nazis hatten solche Flugblätter bekommen, sie haben aber niemand verraten. Die Untersuchung verlief daher vollständig ergebnislos. Es wurde der Belegschaft angedroht, wenn wieder derartige Flugblätter verteilt und gefunden würden, würde die ganze Belegschaft entlassen und verhaftet. Buchdruckerei mit etwa 200 Arbeitern. In der Belegschaft dieser Buchdruckerei herrscht bis heute noch immer ein sehr guter Geist. Zwar machte die allgemein zu beobachtende Entpolitisierung und Ermüdung auch vor diesen Kollegen nicht halt, so dass wir das letzte Mal schon berichten mussten, dass auch hier nach und nach jede Diskussion einschläft. Seit den spanischen Kämpfen hat sich das wieder geändert. Die Vorgänge in Spanien werden täglich verfolgt und kommentiert, und wenn ein Kreis ganz zuverlässiger Kollegen beisammen ist, dann wird auch ungeschminkt der Sympathie für die spanischen Arbeiter Ausdruck gegeben. Man kann sagen, dass die Kollegen dieses Betriebes die volle Tragweite der spanischen Ereignisse für die deutsche. Entwicklung begriffen haben, im negativen wie im positiven Sinne. Bei den meisten Kollegen herrscht die Meinung vor, dass im Falle eines Sieges der Volksfront ein allgemeiner Krieg sehr nahe gerückt ist." Die Nazis können sich nicht gefallen lassen, wenn in Spanien und Frankreich die Sozialisten siegen. Dann ist Deutschland doch eingekreist. Da macht Hitler lieber schnell einen Krieg, ehe die Spanier sich erholt haben." A-112Sehr deprimierend hat der Moskauer Prozess gewirkt. In der Belegschaft sind auch einige ehemalige Kommunisten, mit denen sonst ein gutes Verhältnis besteht und die auch keinen Kontakt mehr mit ihrer Partei haben. Sie sind durch den Prozess sehr verwirrt und gehen jeder Debatte darüber aus dem Wege. Meist mit der Bemerkung: Man weiss doch gar nicht, was wahr ist. Den Zeitungen kann man doch nicht glauben. Die neue Nahrungsmittelknappheit wird ohne viel Kommentare hingenommen; das kennt man nun schon. Gelegentlich nur fallen Bemerkungen, wie:" Ob wir wohl bald einen Auftrag zum Druck von Lebensmittelkarten bekommen?"- Oder:" Man immer langsam, die Kohlrüben kommen in diesem Winter noch nicht, die kommen erst im nächsten Winter." Aber im grossen ganzen wird es eben hingenommen. Nordstern- Versicherung: Bei den Angestellten dieser Versicherungsgesellschaft ist grosse Aufregung durch Pläne einer allgemeinen Gehaltsherabsetzung um 10 bis 20% entstanden. Bisher wurde in diesem Betrieb eigentlich niemals politisch gesprochen. Das ist eigentlich auch jetzt nicht der Fall, aber die Unterhaltung über die befürchtete Gehaltssenkung im Zusammenhang mit ärgerlichen Aeusserungen über die hohen Abzüge erhalten allmählich doch einen politischen Unterton. Von einigen Kollegen hat man den Eindruck, als wenn sie bereits nach einer Gelegenheit zu politischer Unterhaltung suchen, sich nur noch nicht trauen und nicht wissen, wie anfangen. Ueber Spanien wird nicht gesprochen. Aber die Kollegen kaufen sich jetzt alle wieder regelmässig Zeitungen, während sie vorher meist nur ihre Sportzeitung lasen. Nordwestdeutschland: Metallbetrieb: Vor der letzten Reichstagswahl mussten alle Unternehmer die Belegschaften in Betriebsappellen auf die Bedeutung der Wahl hinweisen und ihnen auseinandersetzen, warum sie mit" Ja" stimmen müssten. Der Betriebsführer, der übrigens Mitglied der NSDAP ist, rief seine Belegschaft in der Montagehalle zusammen und sprach 5 Minuten. Er sagte etwa:" Sie haben in den letzten Wochen ja schon oft genug gehört, was alles erreicht ist und wie schön alles geworden ist. Selbst die Rekruten sollen ja schon ein paar Zentimeter grösser geworden sein. Nun wissen wir ja alle, dass überall, wo man hinguckt, etwas nicht so ist, wie es eigentlich sein sollte. Aber darauf kommt es heute nicht an. Das kann alles geändert werden. Wir sitzen wirklich alle in einem Boot und wir müssen alle heute mitmachen, weil es keinen anderen Weg mehr für unser Vaterland gibt, als den, welchen die Regierung eingeschlagen hat. Darum müssen wir alle so wählen, wie man es von uns verlangt, selbst wenn es uns innerlich nicht gefällt." Ein älterer Genosse, Dreher in diesem Betriebe, der früher im Verbande und in der Selbstverwaltung Ehrenämter bekleidete, wurde von dem Betriebsführer an der Drehbank angehalten und gefragt:" Na X., haben Sie sich denn auch schon umgestellt." Antwort des Genossen:" Dazu bin ich zu alt, das kann ich nicht mehr." Der Betriebsführer:" Ja, man muss viel mehr Achtung haben vor denen, die ihre Ueberzeugung haben, als vor denen, die sich nach dem Winde drehen." Vor kurzem ist dieser Genosse Meister in dem Betrieb geworden. Als in diesem Betriebe ein früherer bekannterer Funktionär der Partei eingestellt wurde und der Genosse den Chef fragte, ob die NSBO oder der Vertrauensrat nichts gegen die Einstellung haben würden, sagte der Unternehmer:" Wenn ich Sie einstelle, hat kein Mensch was dagegen zu sagen! Ich kenne Sie und damit basta." Auf dem Arbeitsamt hatte der Stellenvermittler dem Genossen gesagt( auf die Frage, ob von der Partei, NSBO usw. keine Schwierigkeiten gemacht werden würden, wenn er die St- ellung antreten würde):" Wir sind hier eine Behörde und uns hat niemand etwas zu sagen. Wenn wir sagen, Sie sollen die Stelle annehmen, dann ist die Sache erledigt. Ich freue mich, dass Sie auf diese Weise unterkom' men können; denn wir hätten Sie auf Grund Ihrer" Vergangenheit" nicht vermitteln können." Lebensmittelbetrieb( Belegschaft 2.000 Mann): Bei uns besteht eine illegale Zelle. Die" Sozialistische Aktion" wird verbreitet. Das Verhältnis zu den katholischen Arbeitern. im Betrieb ist sehr gut%; gegenseitig besteht ein starkes und berechtigtes Vertrauen im Austausch von Neuigkeiten. Viele ausgesprochene Nazis gibt es nicht im Betrieb. Auch in unserem Betrieb ist es wie in so vielen anderen, dass die Leitung der Firma, wenn irgend möglich, die Einstellung betonter Nazis vermeidet, da sie mit den" alten Kämpfern" inbezug auf die Arbeitsleistung im Verhältnis zur grossen Schanuze schon zu traurige Erfahrungen gemacht hat. Betriebsappelle finden alle paar Wochen einmal statt, doch auch die Stoppuhr besteht noch. Die Löhne in unserem Betrieb sind niedriger als die der Tarifordnung, da der Betrieb eine Betriebsordnung hat, worin nur der Urlaub günstiger als früher ist. Die anderen Bedingungen sind schlechter als die des seinerzeitigen Tarifvertrages, der als Tarifordnung formell heute noch Gültigkeit hat. Die Belegschaft wendet sich kaum an den Vertrauensrat, da die sie am stärksten interessierende Lohnfrage durch diesen doch nicht verbessert werden kann. Rheinland: Die Zeche in Hückelhoven beschäftigt 4.500 Mann; sie ist ausländisches Unternehmen Tholländisch). Der Absatz ist gegenwärtig gut und es gibt auch erhebliche Ausland slieferungen. Während des abessinischen Krieges wurden Kohlen an Italien geliefert, so dass jetzt Haldenbestände überhaupt nicht mehr da sind. Der Betrieb war früher stark kommunistisch. Unmittelbar nach dem 30. Januar war alles gleichgeschaltet. A- 7Heute ist die Mehrzahl der Beschäftigten wieder stark gegen das System. Die Löhne sind dieselben wie im Wurmgebiet, der Durchschnittslohn eines Hauers beträgt 28 bis 30 Mark in der Woche. Die Wohnungsverhältnisse sind, schlecht und die Wohnungen teuer. Die Miete beträgt im Monat 20 Mark. Dafür gibt es zwei Zimmer. Es ist klar, dass bei dieser Lage und bei den allgemein erhöhten Preisen für alle Lebensbedarfsartikel. die Bergarbeiter schlecht leben. Der Widerstand der Belegschaft gegen die Nazis zeigt sich recht drastisch beim Verkauf der Zeitungen der DAF. Bei uns wird das" Arbeitertum" und der" Reichskumpel" vor dem Betrieb verkauft. Zu Anfang ging die Sache ganz gut, alles hatte Angst. Dann liess der Verkauf immer mehr nach. Beide Zeitungen kosteten früher 20 Pf. Als der Verkauf erheblich nachliess, tat die Firma 10 Pf. dazu. Trotzdem wurde der Verkauf, nach 5 Wochen eingestellt, weil nur noch einige Stück abgesetzt wurden. Der Höchstverkauf war 500 Stück. Die Verkäufer werden jetzt überhaupt nicht mehr beachtet. Aus einem Textil- Betrieb: Die Streiks in Belgien wurden sehr aufmerksam verfolgt. Es herrschte grosse Unruhe im Betrieb. Wahllos wurden Verhaftungen vorgenommen, weil man eine geschlossene Aktion befürchtete. Die Verhaftungen betrafen sowohl SPD- als auch KPD- Leute. Die Vorgänge in Spanien werden im Betrieb auf das Lebhafteste verfolgt. Die Nazis triumphierten eine Zeit lang, weil sie glaubten, mit dem Hinweis auf Spanien beweisen zu können, dass sich die Marxi sten nicht selber regieren könnten. Die Antifaschisten im. Betrieb lassen über ihre Meinung in der spanischen Frage keinen Zweifel. Bei günstigen Nachrichten kommt ihre Freude offen zum Ausdruck. Bei ungünstigen Nachrichten lassen sie den Kopf hängen. Es wird über alle diese Vorgänge, wie überhaupt über die politischen Vorgänge ausserhalb Deutschlands lebhaft diskutiert. Natürlich mit der nötigen Vorsicht. Bayern: In einer Fabrik der Autohilfsindustrie( Belegschaft etwa 300 Mann) wurde in der letzten Juni- Woche ein Betriebsappell abgehalten. Vor dem Arbeitsantritt wurden die Leute vom Betriebsbüro verständigt, dass nach Schichtschluss Appell sei, bei dem ein Vertreter der DAF sehr wichtige Mitteilungen machen werde. Tags über wurde an den Arbeitsplätzen hin- und hergeraten, was es da wieder Neues geben könnte. Der eine meinte:" Was wird das schon besonderes sein, höchstens ein Aufruf, dass wir uns bei einer Sonderfahrt beteiligen sollen, oder irgend ein anderer Krampf." Ein anderer glaubte, es dürfte eine neuerliche Mahnung zu erwarten sein, ja das Betriebsgeheimnis zu wahren.( In der letzten Zeit wurde in verstärktem Masse darauf hingearbeitet, dass auch weniger wichtige Nachrichten über den Herstellungs- und Arbeitsprozess nicht ohne Gefährdung weitergegeben werden können. Die Ar A-115beiter mussten wie auch in anderen Betrieben der Rüstungsindustrie 1 Revers unterschreiben, in dem für Verletzung des Betriebsgeheimnisses einige Male die Todesstrafe angedroht war). Nach Schichtschluss sammelte sich die ganze Gefolgschaft im Innenhof des Fabrikgebäudes. Nach einer kurzen Mitteilung der Betriebsleitung, die besagte, dass das Unternehmen am 1. Mai für die Gefolgschaft rund 1.500 Mark an Biermarken und Essengutscheinen ausgegeben hat, sprach der DAF- Vertreter über die Leistungen der Arbeitsfront. Zuerst mussten die Arbeiter wieder einmal hören, dass sie schon längst ihren Arbeitsplatz verloren hätten, wenn nicht der Führer die Automobilindustrie besonders gefördert hätte. Die ganze Steuerpolitik sei darauf gerichtet, die Automobilproduktion ständig zu steigern. Dann kamen die Errungenschaften der KdF: Urlaubsheime, Kurse, Theatervorstellungen, die Flotte, welche aus den Beitragsgeldern gebaut wird und in einigen Jahren 30 Schiffe zählt und vieles andere mehr. Anschliessend bemerkte der Amtswalter, dass die Ortsgruppenleitung in Erfahrung gebracht habe, dass in diesem Betrieb unverantwortliche Elemente gegen die angeblich zu hohen Beiträge hetzen und nach einer Ausgabenkontrolle verlangen. Jeder Pfennig werde genau verrechnet und wer Augen hat, müsse sehen, was alles in dieser kurzen Zeit geleistet worden sei. Gegen einzeln auftretende Querulanten und Hetzer werde man entsprechend vorgehen, für heute seien sie gewarnt. Menschen, die die Parteieinrichtungen diffamieren und hinten herum nach altbewährter Methode die Betriebseinheit gefährden, verdienen es nicht, dass man ihren Arbeitsplatz sichert. Während dieser Standrede fragten sich die Arbeiter untereinander, was die Ursache zu solchen Drohungen sein könne. Es konnte sich niemand an besondere Vorgänge im Betrieb erinnern. Auf dem Heimweg diskutierten die Arbeiter über den Vorfall. Mehr oder minder hatte sich schon jeder über die unkontrollierbare Wirtschaft in der DAF abfällig geäussert, doch keiner hatte jemals in einem grösseren Kreise konkrete Anschuldigungen ausgesprochen. Diese raffinierte Taktik, bei spürbaren Unmutsregungen in den Betrieben sofort mit der Entlassung zu drohen, die gleichbedeutend ist mit einem langsamen Aushungern, hat bisher noch immer Erfolg gehabt. So wie in diesem Falle, ist es auch in allen anderen Betrieben. Es werden uns gleichlautende Beispiele von überall her berichtet. Die Arbeiterschaft kritisiert zwar herum, sobald ihr aber die Organisation entgegentritt, gibt sie jeden Widerstand auf. In diesem Betrieb ist allerdings die Zusammenarbeit zwischen Betriebsführer und DAF besonders eng. Die Arbeiter glauben, dass die Betriebsleitung die DAF von bestimmten Gesprächen im Betrieb benachrichtigt hat. Grosse Sportartikelfabrik: Der Betrieb ist voll beschäftigt und arbeitet in 3 Schichten. Der grösste Teil der Belegschaft besteht aus Näherinnen. Früher hatte der Betrieb ausser der A- 176. Saison ständig Kurzarbeit und die Hälfte der Belegschaft musste entlassen werden. Heute arbeitet der Betrieb ganzjährig mit voller Belegschaft durch. Das ist auf die Heeresaufträge zurückzuführen. Die Lohnverhältnisse sind durchweg günstig. Der Durchschnittswochenverdienst einer Näherin beträgt 20 bis 26 Mark. Das ist mehr, als ein Arbeiter auf der Autobahn oder ein Taglöhner auf der Eisenbahn verdient. Akkordarbeiterinnen bringen es bis auf 40 Mark in der Woche. In Regie wird kaum mehr gearbeitet. Regie- Arbeiterinnen verdienen 42 bis 45 Pf. in der Stunde. Die Arbeiterinnen waren früher nicht so gut gestellt. Die Stimmung im Betrieb ist dem Regime günstig. Zwar wird nicht über Politik gesprochen und an den Verhältnissen in der Arbeitsfront nimmt man auch kein Interesse, aber doch herrscht bei allen die Grundeinstellung:" Seit der Hitler da ist, haben wir immer unsere Arbeit. Dass er Arbeit geschafft hat, kann niemand bestreiten." Mit dieser Feststellung ist aber die Diskussion auch schon wieder zu Ende. Von einer Urteilsbildung kann keine Rede sein. Was sich im Betriebe zeigt, ist reinster Indifferentismus. Aus einer Porzellanfabrik: Bei einem der letzten Betriebsappelle brachte der Sprecher ein dreifaches Sieg- Heil auf den Führer aus, in das die Arbeiter nur vereinzelt, kleinlaut einstimmten. Daraufhin stellte sich der Betriebsführer auf die Ofenrampe und erklärte:" Ich weiss schon, dass unter Euch noch viele sind, die die Aufbauarbeit des Nationalsozialismus nicht interessiert, aber ich werde es noch soweit bringen, dass Ihr alle begeistert dem Führer zujubelt." Da der Betriebsführer als Nazi- Gegner bekannt ist, haben diese Worte ihre besondere Wirkung nicht verfehlt. Erzählt man sich doch überall, wie der Alte einen unlängst um Arbeit Vorsprechenden abführte. Der Mann kam in die Kanzlei und wollte den. Chef sprechen. Ein Buchhalter sagte ihm, der sei momentan in der Privatwohnung, aber er könne das Telephon benutzen. Der Mann kam am Telephon nicht weiter als zum Grüssen. Als er" Heil Hitler", Herr Doktor" sagte, antwortete dieser:" Ich brauche niemanden" und hängte ab. Dieser Vorfall machte sofort die Runde durch den ganzen Betrieb. Im Basaltsteinbruch in X.ist Hochbetrieb. Haben vor dem Dritten Reich die eingearbeiteten Arbeiter wöchentlich im Durchschnitt 50 Mark verdient, so betragen heute die Höchstverdienste nur noch 22 Mark. Dabei herrscht ein Antreibersystem wie noch nie. Schwere Unfälle sind fast eine Regelerscheinung. Am 23. Juli sind wieder 2 Arbeiter tödlich verunglückt. Schon kurze Zeit vorher war ein Arbeiter tödlich verunglückt. Rühren sich die Arbeiter, so werden sie glatt entlassen. A- 717Sachsen: Aus einer grossen Gussstahlfabrik wird berichtet, dass in der letzten Zeit wiederholt Kurzarbeit eingeführt worden ist. Die Stimmung unter der Arbeiterschaft ist schlecht, man ist sehr unzufrieden und zwar besonders mit der militärischen Behandlung, mit dem aufreibenden Arbeitstempo, den im Verhältnis zu den Lebensmittelpreisen gesunkenen Löhnen und besonders mit dem aufgeblasenem Getue der Nazi betriebsvertrauensräte, die für die Interessen der Arbeiter keinen Finger krumm machen, sondern jede sachliche Aussprache mit nationalsozialistischen Phrasen abdrehen. Demzufolge hat der Vertrauensrat auch keinerlei Ansehen, weil er seine Aufgabe nur darin erblickt, die Arbeiter besser ausbeuten zu helfen und sie zu bespitzeln. Das Regime geniesst in diesem Betriebe keine Sympathien; es kommt zwar auch zu keinen sichtbaren Oppositionskundgebungen, aber die Gesamthaltung der Belegschaft ist eine einzige passive Resistenz, die bei jeder denkbaren Gelegenheit zum Ausdruck kommt. Den Hitlergruss sieht und hört man von Arbeitern überhaupt nicht, es gibt aber auch von den Nazivertrauensleuten niemanden mehr, der sich bemühte, diesen Zustand zu ändern; man hat sich an diese stumme Ablehnung gewöhnen müssen. In einem Dresdner Metallbetrieb fand bisher die Lohnzahlung alle 14 Tage statt, in der Zwischenwoche gab es einen Abschlag, wie es in vielen Betrieben üblich ist. Jetzt erschien einfach am Schwarzen Brett ein Anschlag des Betriebsführers, dass in Zukunft die Lohnverrechnung alle 3 Wochen erfolgen würde; in den beiden dazwischenliegenden Wochen würden lediglich Abschlagzahlungen geleistet. Die Belegschaft ist überhaupt nicht gefragt worden. Aber die Erkenntnis in den Köpfen der Arbeiter über die Wandlung von früher zu jetzt bricht sich langsam Bahn. Selbst ein" alter Kämpfer" und eifriger SA- Mann sagte:" Früher konnte das nicht vorkommen, da haben die roten Betriebsräte dafür gesorgt. Kommt man jetzt zu einem Betriebsvertrauensmann, dann zuckt er nur die Schultern und es ist erledigt." In einer grösseren Metallwarenfabrik erklärte der Betriebsobmann, ein" alter Kämpfer" in einer Diskussion über Lohnund soziale Fragen:" Bis vor einem Jahre haben wir" alten Kämpfer" immer noch die Hoffnung gehabt, dass Hitler sein Versprechen einlöst und sein Programm verwirklicht. Jetzt aber haben wir keine Hoffnung mehr. Für das System ist es nur gut, dass Aussenstehende nicht wissen, wie es in unseren Reihen aussieht, sie würden direkt erschrecken." Bei der gleichen Firma, die heute noch 300 Arbeiter beschartigt, sollte ein Meister, der sich von jeher mit seinen Arbeitern gut vertragen hatte und auch früher Sozialdemokrat war, entlassen werden. Er hatte in einer Betriebsversammlung Zwischenrufe gemacht, die dem anwesenden Amtswalter auf die Nerven fielen. Die Arbeiter schickten eine Delegation mit der Bitte zum Chef, den Meister zu behalten. Dieser hat daraufhin die Entlassung zurückgenommen. Schlesien: Auf einem Schacht im Waldenburger Revier verlangte ein Steiger bei der Streckenförderung eine höhere Leistung. Dabei geriet er in einen Streit mit einem Arbeiter, der aktiver SAMann ist. Der Steiger liess sich dazu hinreissen, den Arbeiter zu schlagen und mit einer Benzinlampe vor Zorn so aufzustampfen, dass ein Glas zerbrach und damit in der Grube offenes Licht brannte. Der geschlagene SA- Mann beschwerte sich bei der DAF und die Arbeiter erwarteten nun eine grosse Sache gegen den Steiger. Es geschah aber gar nichts. Stillschweigend wurde der Steiger in die Verwaltung versetzt, wo er noch heute Dienst macht. Der SA- Mann traut sich nicht, seine Beschwerde weiter zu verfolgen, da er ja doch den Kürzeren zieht. Bei der Firma Linke- Hoffmann, Breslau sind z.Zt. etwa 3.600 Mann beschäftigt. Davon bei L/ H direkt 2.000, bei der Fomag 1.600. Der Betrieb ist voll beschäftigt und hat noch einen grösseren Auftragsbestand. Im Betriebe wurde der Hitlergruss fast nicht mehr angewendet. Der Arbeiter karikierten ihn. Sie begrüssten sich" Heil Otto" Heil Fritz" usw. Jetzt wurden schon 3 Mahnungen an die Belegschaft erlassen, nur mit dem Deutschen Gruss zu grüssen. In der letzten Mahnung wird mit Strafmassnahmen gedroht, falls der Deutsche Gruss nicht angewendet werde. Ein Ingenieur wurde wegen Betriebssabotage verhaftet. Um was es sich handelt, war nicht festzustellen. Der erste Schienenzepp, der jetzt den Betrieb verlassen sollte, wurde nicht abgenommen, weil die Türen nicht schlossen. Darauf wurde ein wegen staatsfeindlicher Gesinnung entlassener Schlosser wieder eingestellt, weil er Fachmann für diese Schlösser ist. Der Schienenzepp ist dann auf einer Probefahrt entgleist. Das versuchte man zwei Tage zu verheimlichen, als man aber in der Bevölkerung allgemein darüber sprach, brachte die Presse an versteckter Stelle eine kurze Notiz. Das Arbeitsamt in X. vermittelte einen Buchdrucker zur Buchdruckerei Y. und stellte dabei vorher fest, ob er die Johannisberger Maschine( Schnellpresse) bedienen könne. Als sich der Arbeiter bei der Firma meldete, wurde er vom Betriebsführer gefragt, ob er an der" Rationell"( Tiegel) arbeiten könne. Der Arbeiter sagte:" Zeigen Sie mal den Schlitten. Der Unternehmer sah ihn schief an und schickte ihn dann an die Schnellpresse. Später kam er und als er sah, dass der Arbeiter die Maschine einwandfrei bedienen konnte, schickte er ihn an die" Rationell", und als er sich nach einiger Zeit überzeugt hatte, dass der Arbeiter auch hier arbeiten konnte, stellte er ihn an eine dritte Maschine, einen einfachen Tiegel. Der Buchdrucker fragte, was das zu bedeuten habe, ob er A- 7etwa alle 3 Maschinen bedienen solle. Das würde er nicht tun. Der Unternehmer müsse sich da schon 3 Buchdrucker kommen lassen. Der Unternehmer sagte dazu nichts, sondern entliess den Buchdrucker am Wochenende. Dieser meldete sich in X. auf dem Arbeitsamt und schilderte den Fall. Der Beamte schickte ihn zur Arbeitsfront. Hier wurde er gefragt, ob der Unternehmer Jude sei. Im übrigen solle er den Vorfall aufschreiben und die Niederschrift beim Arbeitsamt einreichen. Der Beamte auf dem Arbeitsamt nahm aber die Niederschrift nicht an, weil er damit nichts zu tun habe, das sei doch Sache der DAF. Nun ist der Buchdrucker wieder erwerbslos; die Arbeitsfront unternimmt nichts und der Unternehmer hat inzwischen einen neuen Buchdrucker angefordert. Ein grosses Konfektionshaus in X., eine rein katholische Firma, nimmt bei neu einzustellenden Verkäuferinnen Eignungsprüfungen vor. Die Prüfung erfolgt in Bürgerkunde und Geschichte. Gefragt wird nach Kriegsdaten, nach dem Geburtstag des Führers und ähnliches. Dann wird auch eine Tafel mit etwa 15 Bildern heutiger Prominenter vorgelegt und die Prüflinge müssen angeben, wen die einzelnen Bilder darstellen. Ein bei einem Kasernenbau in Y. beschäftigter Zimmermann berichtet, dass die Facharbeiter wie rohe Eier behandelt würden. Der Polier poussiere sie geradezu. Als er kürzlich krank gewesen sei, habe man ihm den Krankenschein besorgt und ihn zum Arzt geschickt, damit er ja rasch wieder arbeitsfähig sei. Er erklärte, wenn es mir nicht passt, gehe ich weg und kann an der nächsten Baustelle schon wieder anfangen. In der Woche vom 30. August bis 5. September wurden in den Eisenbahnwerkstätten in Gleiwitz zweimal Flugblätter in grösserer Anzahl gefunden. Auf diesen Flugblättern wurde zur Einheitsfront und zum Kampf gegen den Faschismus aufgerufen. Ausserdem wurde dazu aufgefordert, sich der Militärdienstpflicht zu entziehen und passiven Widerstand zu leisten. Das Flugblatt war von der KPD unterzeichnet. Die Gestapo erschien im Betrieb und suchte bei den Arbeitern nach dem Flugblatt. Einzelne gaben auch gefundene Exemplare ab. Verhaftungen wurden nicht vorgenommen. Früher waren die Eisenbahnwerkstätten ein Hauptstützpunkt der KPD. Der Direktor einer oberschlesischen Kohlengrube trat nach der Ley- Kundgebung an einen früheren freigewerkschaftlichen Betriebsrat heran und bat ihn, er möchte ihm doch offen und ehrlich sagen, ob die Arbeiter für Hitler in den Krieg gehen werden. Dass die Arbeiter Ley den Hitler- Gruss verweigerten, sei zwar für die Verwaltung ein Skandal, aber es sei doch gut, denn nun werde man in Berlin sehen, dass man die Arbeiter nicht mit Phrasen füttern soll und kann. Er, der Direktor, sehe ein, dass es doch früher besser war, man konnte noch selbst für die Arbeiter etwas tun, jetzt wird nur kommandiert A und hinterher werden die Sündenböcke gesucht. Wo das alles einmal enden soll, wisse man in den leitenden Kreisen nicht, aber gut werde es bestimmt nicht enden. Er wisse, dass der Betriebsrat an seiner früheren Ueberzeugung festhalte und mit ihm viele andere, aber es sei doch gefährlich, denn amtlich würde viel nach ihnen gefragt und die Verwaltung habe manches verhindert, worüber er nicht sprechen wolle. Unser Genosse möge nur ganz offen zu ihm kommen, wenn er etwas wissen wolle oder brauchen solle. Man sei doch früher gut miteinander ausgekommen. Unser Genosse erwiderte darauf, er sei ein alter Mann, die Direktion habe diese ganze Hitlergeschichte mit verschuldet. Man treibe in den Krieg und was das Ende sei, interessiere ihn nicht mehr. Da tat der Direktor sehr entsetzt und verabschiedete sich mit der Betonung, dass er zu ihm nur das frühere Vertrauen haben möge. Auf der... hütte hatte der Betriebsleiter eine ähnliche Unterredung mit einem unserer Genossen, der bei Hitlers Machtergreifung zwar entlassen, aber später als Qualitätsarbeiter wieder geholt wurde. Das Ende der Unterredung war, dass ihm der Betriebsleiter erklärte, dass es ja ohnehin nicht lange dauern könne, dann werde er( der Genosse) wieder Betriebsrat, denn alles treibe zum Kriege und dann brauche man Ordnung im Betriebe. Mit grösstem Interesse aber erkundigte sich der Betriebsleiter danach, ob die SPD noch da sei und was die früheren Genossen machen. Auf die klare Antwort, man könne alles, aber niemanden die Gesinnung rauben, entgegnete der Betriebsleiter, dass er das auch angenommen habe, dass er aber für die Zukunft sehr schwarz sehe. Ueber die Bolschewistenhetze lachte er nur und sagte:" Mehr Bolschewismus, als wir schon haben, kann ja ohnehin nicht mehr kommen." Wasserkante: Aus einem städtischen Elektrizitätswerk: In dem Betriebe wird sehr viel politisiert. Man spricht nur achtungsvoll von Hitler, aber abfällig, geradezu zotig, von seiner Umgebung, Göring, Goebbels usw. Es hat sich fast ein System in der Unterhaltung von Nichtnationalsozialisten mit den Nazis herausgebildet. Bei jeder passenden und selbst unpassenden Gelegenheit hält man den Nazis im Betriebe vor, ob das, was sie ge-. rade meinen, mit den Versprechungen der Nazis, auch mit Hitlers Versprechungen in Einklang zu bringen wäre. Immer wieder wird eifrig die Frage erörtert, was Hitler vor dem Umsturz versprochen und was bis heute davon erfüllt wurde. Bei diesen Unterhaltungen bringen selbst die Nazis ihren Missmut immer deutlicher zum Ausdruck. Nur einige, ganz Fanatische, halten mit ihren Aeusserungen zurück, mehr aber auch nicht. Sie drohen nicht etwa, dass sie die kritischen Aeusserungen anzeigen würden, sie denunzieren auch kaum noch, sie geben sich auch nicht mehr als Spitzel und Handlanger der Gestapo her, wie sie das vordem machten, sie schweigen sich aus und lassen A } die Kritiken über sich ergehen, als hörten sie sie nicht. Dabei wurden gerade in diesem städtischen Betriebe die Nazis ausserordentlich bevorzugt. Während alte Leute, die schon Jahrzehnte im Betrieb tätig sind, nicht vorwärtskommen, hat man junge, unerfahrene Männer ohne Praxis, nur weil sie " alte Kämpfer" sind, schnell aufrücken lassen. Die Leute sitzen nun in den Betrieben drin. Bis dahin waren sie gute und radikale Nazis und SA- oder SS- Leute, aber nun beginnen. sie zu schweigen. Sie verteidigen das System nicht einmal mehr mit Worten.- Ueber die Einstellung und rasche Beförde= rung unerfahrener Leute haben die Arbeiter auch schon mit den Meistern gesprochen. Aber die Meister erklären nur, dass sie daran nichts ändern können. Sie beruhigen die Belegschaft damit, dass es schon wieder einmal anders werde. Die Methoden" rauher Kämpfer" färben auch auf einzelne Arbeiter ab, wie der folgende Vorfall zeigt: Auf der Werft von Blohm& Voss ist vor einigen Woch en ein eigenartiger " Unfall" geschehen, den man richtiger als Mord bezeichnen kann, wenn man nicht annehmen müsste, dass die Tötungsabsicht zweifellos nicht vorgelegen hat. Dort haben sich in einer Arbeitspause 4 jugendliche Arbeiter den sonderbaren" Scherz" erlaubt, einen Arbeitskollegen, jungverheiratet und Vater eines Kindes, mit Gewalt einen Schlauch eines Pressluftbehälters an den After anzusetzen. Der Mann ist durch den riesigen Druck der Pressluft auf die inneren Organe getötet worden. Einer der Urheber wurde beim Anblick der Folgen wahnsinnig. Es erschien sofort ein Schweigegebot an der Schwarzen Tafel und auch in der Stadt darf nicht über diese Geschichte gesprochen werden. In den Lübeca- Werken hat man jetzt verschiedenfarbige Arbeitskleidung eingeführt. Ausserdem Winkel und Streifen auf den Aermeln. Für je 10 Jahre Betriebszugehörigkeit gibt es einen Winkel, für 3 Jahre einen Strich. Mitteldeutschland: In den Junkerswerken in Dessau wurde vor kurzem eine neue Zylinderbohrmaschine aufgestellt, die aber binnen 3 Tagen unbrauchbar wurde. Da man einen Sabotageakt vermutete, erschien Berliner Gestapo im Werk, um Vernehmungen durchzuführen. In einem Betrieb in X. geriet ein Arbeiter mit einem führenden Nazi in Streit und wurde von diesem brutal misshandelt. Hierauf verlangte die Belegschaft stürmisch die Entfernung des Nazis und weigerte sich, mit ihm weiter zusammenzuarbeiten. Die Betriebsleitung verstand es jedoch, die Arbeiter zu beruhigen und den Nazi unter Berufung auf seine Eigenschaft als Facharbeiter zu halten. B- 1Tei 1 B ( Abgeschlossen am 2. Oktober 1936) Die deutsche Wehr wirtschaft I. Die Wurzeln der Wehrwirtschaft 1. Der totale Krieg Der moderne Krieg ist ein absoluter, totaler Krieg. Die Staaten setzen die Gesamtkraft der Nation, ihre letzten materiellen und moralischen Reserven ein, entfalten ihre äussersten physischen und intellektuellen Kräfte, um das Kriegsziel zu erreichen. Eine entscheidende Rolle fällt dabei der Organisation zu, als dem Mittel der Zusammenfassung und Konzentration aller Energien, ihrer einheitlichen Ausrichtung auf den Krieg und ihrer Unterordnung unter den Willen der militärisch- politischen Führung. Die Anstrengung der Wissenschaftler, die Arbeit in den Laboratorien, den Versuchsanstalten, die einsame theoretische Forschung, mag es sich um Mathematik, Chemie, Physik, Medizin, Philosophie, Jurisprudenz, Oekonomie, Pädagogik, Psychologie oder was auch immer handeln, sie alle werden plötzlich zu Disziplinen der einen, allen anderen übergeordneten" Wissenschaft" vom Kriege. Es gibt nichts, was der kriegsführende Staat nicht in seine gewaltige Maschinerie einbezieht. Am wenigsten im Bereich der Wirtschaft, die die eigentliche Basis aller kriegerischen Operationen geworden ist. Schon im vergangenen Weltkrieg, besonders in seiner zweiten Hälfte, entwickelten sich die Elemente des modernen totalen Krieges und damit zugleich auch die Keimform des" totalen Staats". Nach den Erfahrungen des Weltkrieges ist die Notwendigkeit einer besonderen" Kriegswirtschaft" nicht mehr umstrit B-- 2ten. Sie ergibt sich zwangsläufig aus der Technisierung des Krieges und seinem unerhörten Materialbedarf mannigfaltigster Art, dem auch die entwickeltste Wirtschaft nur genügen kann, wenn alle ihre Kräfte einseitig und vor allem organisiert für diese Aufgabe eingesetzt werden. Wenn alle Kräfte der Nation an der Front und im" Hinterland" in den Dienst der Kriegsführung gestellt werden, kann sich notwendig auch der Angriff des Gegners nicht mehr auf die Front beschränken, sondern muss gleichfalls auch gegen das Hinterland geführt werden, um die wirtschaftliche Basis des Feindes zu treffen. War früher das strategische Ziel der Kriegsführung die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte, so fordert der totale Krieg die" totale" Vernichtung des Feindes, d.h. die Vernichtung seiner militärischen und seiner wirtschaftlichen Kräfte. Das hat wiederum Rückwirkungen auf die Wirtschaft, für die Sicherungen gegen feindliche Bedrohung getroffen werden müssen( z. B. Schutz gegen Luftangriffe, Sabotage akte, Blockademassnahmen usw.). Dass der totale Krieg auch eine völlig andere und umfassendere Vorbereitung als frühere Kriege erfordert, darüber bestand bereits beim Ausgang des vergangenen Weltkrieges Klarheit. Die wirtschaftspolitischen Lehren des Krieges wurden wohl zuerst und am klarsten von dem Organisator der deutschen Kriegswirtschaft, Walter Rathenau, schon im zweiten Jahre des Weltkrieges " Deutschen Gesellgezogen, wo er in einem Vortrag( vor der schaft von 1914") ausführte, dass auch im Frieden die Kriegswirtschaftsabteilung als eine Art wirtschaftlicher Generalstab weiter bestehen müsse. Dieser habe dafür zu sorgen, dass nicht nur jederzeit ein Ueberblick darüber besteht, was das Land an Rohstoffen, technischer Ausrüstung, Arbeitskräften der verschiedensten Art usw. braucht, um für jeden Fall gerüstet zu sein, sondern auch dafür, dass dies alles auch vorhanden ist. Der wirtschaftliche Generalstab müsse daher eine umfassende volkswirtschaftliche Statistik führen und darüber hinaus die notwendige Vorratswirtschaft und die Organisierung der Ersatzproduktion veranlassen. B- 3" Es muss dafür gesorgt werden," verlangte Rathenau damals, " dass die Umstellungen, die dieser Krieg in gewaltsamer Weise herbeigeführt hat, in Zukunft selbständig und ohne Erschütterung vor sich gehen. Ein allgemeiner wie wirtschaftlicher Mobilmachungsplan muss geschaffen und dauernd erneuert werden. Wirtschaftliche Gestellungsbefehle sind auszuarbeiten. Das Arbeiterwesen hinsichtlich der Rückstellungen und Freigaben muss ebenfalls im Frieden geregelt werden. Eine handelspolitische Abteilung muss dafür sorgen, dass mit dem neutralen Ausland solche Verständigungen getroffen werden und solche Organisationen entstehen, die einer Vergewaltigung der Ausfuhr durch feindliche Staaten entgegenarbeiten. Handelsstellen müssen dauernd unterhalten werden, welche im Kriege die Ein- und Ausfuhr zentralisieren und Austauschgeschäfte bearbeiten..." In diesen Sätzen Rathenaus ist bereits der Kern dessen entalten, was heute in Deutschland als der" kriegswirtschaftliche Gedanke" oder als" Wehrwirtschaft" propagiert wird. Der Begriff der Wehrwirtschaft hat sich erst allmählich zum Unterschied von der eigentlichen Kriegswirtschaft herausgebildet. Nehrwirtschaft( wir übernehmen diesen Ausdruck, obwohl er aicht sehr klar ist, weil er sich in den deutschen Sprachgebrauch auch ausserhalb der deutschen Reichsgrenzen eingebürgert hat) bedeutet die dauernde Unterordnung der gesamten Wirtschaftsund Sozialpolitik unter die Gesichtspunkte der Vorbereitung auf den Krieg. Es handelt sich schlechthin um eine neue Wirtschaftsanschauung, die den Vorrang vor allen anderen wirtschafts- und sozialpolitischen Zielsetzungen beansprucht. So heisst es im Märzheft der" Militärwissenschaftlichen Rundschau", dem Organ des Reichskriegsministeriums, in einem grundsätzlichen Aufsatz über" Die Begriffe der Wehr-, Friedens- und Kriegswirtschaft" kurz und bündig: " Die Wehrwirtschaft ist das die Wirtschaftsanschauung, -form und-gestaltung bestimmende Prinzip im Frieden und im Krieg... Die Wehrwirtschaft als Anschauung gehört ihrer Natur nach in den Bereich der Politik. Von hier aus ergeht die Forderung sowohl nach der idealen wirtschaftlichen Gesinnung wie nach der Anerkennung der Verpflichtung der Wirtschaft gegenüber dem Staat, dessen Dienerin sie ist.... Sie bestimmt ihrer Natur nach Form und Gestaltung der Wirtschaft; ihr besonderes Kennzeichen ist die Aktivität zum Zwecke der Mobilisierung aller wirtschaftlichen Kräfte, die für das -4Leben des Volkes als Nation Bedeutung haben. Sie strebt... die volle Wehrhaftmachung der Wirtschaft an... Wehrwirtschaft ist in diesem Sinne kein allgemeiner militärischer Begriff, sondern der Ausdruck für die neue Wirtschaftsanschauung." Die eigentliche Kriegswirtschaft ist ebenso wie die wirtschaftliche Mobilmachung für den Krieg nach der Ansicht des deutschen Generalstabs nur ein Sonderfall der Wehrwirtschaft. Wie der Krieg( nach Clausewitz) nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, so soll auch die Kriegswirtschaft nur die Fortsetzung der Friedenswirtschaft mit anderen Mitteln sein. Der Kriegsbedarf umfasst heute weit mehr als das reine Kriegsmaterial. Er umfasst die Gesamtproduktion des Landes, weil die. Ernährung und Kleidung der Armee und des Volkes während eines Krieges genau so problematisch, aber auch genau so notwendig ist wie die Versorgung der Armee mit Waffen, Flugzeugen, Tanks, Es handelt Gasmasken, die Vorbereitung der Luftabwehr usw. sich also um das Problem, Vorsorge dafür zu treffen, dass die Gesamtproduktivität der Wirtschaft im Kriege trotz des Entzugs von Millionen von Arbeitskräften und trotz teilweiser Lahmlegung des Produktions- und Verkehrs- Apparates durch Blockade und Zerstörungen aufrechterhalten, möglicherweise sogar noch gesteigert werden kann. Und es handelt sich darum, dieses Problem für einen längeren Zeitraum zu lösen; denn schon im vorigen Kriege hat sich die Vorstellung als Illusion erwiesen, dass moderne Kriege wegen der ungeheuer vervollkommneten Vernichtungstechnik nur kurze Zeit dauern könnten. Um dieses Problem zu 18sen, müssen Produktionsanlagen bereitgestellt werden, die im Frieden auch bei günstigster Konjunktur nicht voll ausgenutzt werden können; es müssen Organisationen zur Regelung der Produktion und Verteilung vorher geschaffen werden, kurz, es müssen Vorbereitungen getroffen werden, die die kapitalistische Wirtschaft nicht von sich aus treffen würde und die auch gar nicht in ihrem unmittelbaren Interesse liegen. Der totale Krieg und seine Vorbereitung erfordern in der Tat Eingriffe in die Wirtschaft und Umstellungen, die zum Teil von B- 5tiefgreifender Wirkung sind. Sie bedingen zugleich eine vielseitige Einflussnahme des Staats auf die Wirtschaft, wie sie gleichfalls bereits im vergangenen Weltkrieg in Erscheinung getreten ist. Wehrwirtschaft ist notwendig staatlich gelenkte und regulierte Wirtschaft und verbunden mit einem umfangreichen bürokratischen Apparat, der sich schon vor dem Kriege auf seine kriegswirtschaftlichen Aufgaben einarbeiten muss. Dieser Zwang zur staatlichen Regulierung der Wirtschaft erwächst unmittelbar aus den Anforderungen des modernen Krieges. Die Wehrwirtschaft verstärkt damit jene Tendenz zur staatlichen Dirigierung der Wirtschaft, die auch unabhängig von den Anforderungen, die die Vorbereitung auf den Krieg stellt, im heutigen Kapitalismus immer mehr zu Tage tritt und die im totalen Staat ihre besondere Ausprägung erfahren hat. 2. Der totale Staat. Die staatliche Wirtschaftslenkung ist nicht erst eine Folge der Wehrwirtschaft. Ihre Ursachen sind vielmehr in den Entwicklungsgesetzen des Kapitalismus zu suchen und können uns hier nicht beschäftigen. Uns interessieren hier nur die Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung zur staatlich gelenkten Wirtschaft und den vorbereitenden kriegswirtschaftlichen Massnahmen. Die staatliche Dirigierung der Wirtschaft dient in erster Linie der Sicherung der bestehenden Besitz-, Froduktions- und Einkommens- Verhältnisse, also der Sicherung des Kapitalismus. Ihre Hauptmittel sind: Lenkung der Kapitalinvestitionen durch staatliche Kreditregulierung und Regulierung der Börse und des Aktienmarktes; Staatseingriffe in das Verhältnis Schuldner- Gläubiger, Zwangsmobilisierung von Sparkapital, Währungsmanipulationen; Regulierung der Produktion durch Rohstoffzuteilungen, Zwangskartelle, Investitionsgebote und-Verbote, Vorschriften über die Anwendung oder Nichtanwendung von Maschinen; Regulierung des Absatzes durch Kartelle, gesetzliche Marktordnungen, Festpreise, Regulierung der Handelsspannen, Kalkulationsvorschriften u.ä.; Regulierung des Aussenhandels; staatliche Lohnbindungen und Zwangsregulierung des Arbeitsmarktes. B-bDiese Massnahmen laufen in ihrer Gesamtheit darauf hinaus, einen lückenlosen Apparat zur Lenkung des Privatkapitalismus zu schaffen. Das private Unternehmertum soll erhalten bleiben, aber es soll sich den staatlichen Absichten möglichst reibungslos einfügen. Zu diesem Zweck werden umfangreiche Organisationen geschaffen, durch die jeder grosse und kleine Unternehmer, jeder Bauer, jeder Händler genau so wie jeder Arbeiter erfasst wird oder wenigstens erfasst werden soll( z. B. Reichsnährstand, DAF, Organisation der gewerblichen Wirtschaft). Die selbe Tendenz zur Regulierung aller wirtschaftlichen Vorgänge hat aber die Wehrwirtschaft. Sie kann sich infolgedessen aller Mittel und Organisationen, die zur Lenkung der Wirtschaft geschaffen worden sind, bedienen, um sie zugleich einem" höheren Zweck", der Steigerung des Kriegspotentials, unterzuordnen. Wie wenig sich Kriegswirtschaft und freier Kapitalismus miteinander vertragen, bewies bereits der letzte Krieg. Wo heute im Zuge des allgemeinen Wettrüstens in Ländern mit noch überwiegend unregulierter Wirtschaft ebenfalls wirtschaftliche Kriegsbereitschaft angestrebt wird, wird es versucht durch wirt schaftspolitische Eingriffe, die dem sonstigen liberalen Charak ter der Wirtschaft widersprechen. Umgekehrt wird in den Ländern und das sind in erster mit staatlich gelenkter Wirtschaft die WehrLinie die faschistischen oder halbfaschistischen wirtschaft durch die bereits vorhandene wirtschaftliche Regulierung praktisch und ideologisch ungemein gefördert. Es sind dieselben Organisationen und dieselben Methoden, die für beide Arten der Wirtschaftsregulierung angewandt und eingesetzt werden können, so dass heute die" zivilen" und die militärischen Gesichtspunkte in der Wirtschaftsdirigierung und Wirtschaftspolitik sich derart durchdringen, dass nur noch in der Theorie, nicht mehr aber in der Praxis ein Unterschied gemacht werden kann. Das gilt insbesondere für das Dritte Reich. B- 7II. Die wehrwirtschaftlichen Massnahmen in Deutschland. Die wehrwirtschaftliche Aufgabe ist die wirtschaftliche Kriegsrüstung. Die Grundzüge der wirtschaftlichen Rüstung für den Krieg ergeben sich zwangsläufig sowohl aus den Erfahrungen des vergangenen Weltkrieges wie aus den Anforderungen der Technisierung und Motorisierung der modernen Heere. Sie lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Einsetzung eines wirtschaftlichen Generalstabs; Vorbereitung der wirtschaftlichen Mobilmachung durch Aufstellung von Produktionsplänen und Zwangsorganisation der Wirtschaft; Vorbereitung der Wirtschaft auf äusserste Produktivitätssteigerung im Kriege; ständige Kontrolle der Wirtschaft inbezug auf Vorräte und Leistungsfähigkeit; Organisierung der Vorratswirtschaft für alle kriegewichtigen Rohstoffe; Vorbereitung der Ersatzproduktion durch Organisierung von Forschungs- und Versuchsarbeiten und Errichtung von Produktionsanlagen; Sicherung der Lebensmittelversorgung; handelspolitische Vorsorge für die Sicherung der Rohstoffund Lebensmittelzufuhr im Kriege; finanzielle Kriegsvorbereitung; Organisation der ausreichenden Versorgung der Wirtschaft mit Arbeitskräften im Kriege; zentrale Aussenhandelskontrolle. Dazu kommen andere wirtschaftliche Aufgaben, die aber schon seit jeher zum eisernen Bestand aller Rüstungspolitik gehören, wie vor allem der Ausbau des Verkehrswesens.( Das gilt heute insbesondere auch von der Verkehrsluftfahrt, dem Autostrassenbau und der Förderung der Motorisierung.) Die konkrete Lösung der allgemeinen wehrwirtschaftlichen Aufgaben stellt sich in jedem Lande verschieden dar, je nach dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, der eigenen Rohstoffbasis, der klimatischen Verhältnisse, der geographischen, handels- und verkehrspolitischen Lage. Wenn wir uns im folgenden auf Deutschland beschränken, so kann doch kein Zweifel darüber B- 8bestehen, dass in anderen Ländern, vor allem in Russland und Italien, die Entwicklung der Wehrwirtschaft ähnlich weit fortgeschritten ist. 1) Der wirtschaftliche Generalstab und seine Exekutiv organe Die Einsetzung Schachts zum deutschen Wirtschaftsdiktator mag ursprünglich aus anderen als wehrwirtschaftlichen Beweggründen erfolgt sein. In der Praxis der letzten beiden Jahre ist Schachts Amt zum eigentlichen wirtschaftlichen Generalstab Deutschlands geworden. Die wirtschaftliche Abteilung im Rat des Kriegsministerium hat mehr statistische, Studien- und Schulungsaufgaben und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit und der passenden Gelegenheit sein, bis auch der Reichsnährstand der zentralen Wirtschaftsdiktatur unterstellt wird. Der wehrwirtschaftliche Charakter der unter Führung Schachts in Angriff genommenen Wirtschaftsregulierung wurde unterstrichen durch die Ernennung Görings zum" Rohstoffkommissar". Der neue" Vierjahresplan" Hitlers, dessen Kernpunkt der Ausbau der deutschen Ersatzstoffwirtschaft ist, bringt zwar nichts Neues, rückt aber die wehrwirtschaftlichen Aufgaben ausdrücklich in den Mittelpunkt der deutschen Wirtschaftspolitik. Dem wirtschaftlichen Generalstab müssen besondere Exekutivorgane zur Verfügung stehen, Gesetze und Erlasse allein genügen nicht. Zum Teil bedient sich die deutsche Wirtschaftsdiktatur der überkommenen Organisationsformen der Unternehmer, vor allem der Kartelle. Das Kartellwesen ist durch Errichtung von Zwangskartellen und durch die Verschärfung der Kartellaufsicht ausgebaut und einer straffen staatlichen Führung unterworfen worden. Besonders die Form des Kalkulationskartells, die sich bisher noch im" Versuchsstadium" befindet, kann eine grosse kriegswirtschaftliche Bedeutung für die Marktregelung gewinnen. Auch bei der Regulierung der Klein- Handelsspanne, die zunächst nicht unter kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten eingeführt worden ist, spielt das wehrwirtschaftliche Moment sicher bereits eine B-9wichtige Rolle. Darüber hinaus bedarf aber der wirtschaftliche Generalstab einer umfassenden Organisation, die sich auf das gesamte Wirtschaftsleben erstreckt. Diese Gesamt organisation wäre in Deutschland durch die Zusammenfassung der drei grossen Organisationen der Arbeitsfront( DAF), der Organisation der gewerblichen Wirtschaft und des Reichsnährstandes in einer einheitlichen Spitze gegeben. Da die DAF und die Organisation der gewerblichen Wirtschaft durch die sogenannte Leipziger Vereinbarung von 1935 bereits zusammengekoppelt sind, handelt es sich nur noch um die Eingliederung des Reichsnährstandes, damit die ideale Gesamt organisation wenigstens auf dem Papier der Wirtschaft geschaffen wird. Die Funktionen der" Organisation der gewerblichen Wirtschaft" sind bisher einigermassen dunkel geblieben. Abgesehen von der Tätigkeit der Industrie- und Handelskammern haben sie sich bisher im wesentlichen auf die Eintreibung von Beiträgen und besonderen Umlagen wie z. B. der Exportumlage beschränkt. Die Organisation, die offenbar noch nicht ihre endgültige Form gefunden hat, gliedert sich in sechs Reichsgruppen,( Industrie, Handwerk, Handel, Banken, Versicherungen und Energiewirtschaft), die wiederum in regionale und fachliche Untergliederungen zerfallen. Im Frühjahr 1935 erfolgte in Leipzig durch Vereinbarung zwischen Ley und Schacht die korporative Eingliederung der Organisation der gewerblichen Wirtschaft in die Deutsche Arbeitsfront. Es wurden paritätische Ausschüsse der DAF gebildet, denen sozial- und lohnpolitische Aufgaben übertragen werden sollten. Auch dieser Apparat ist noch im Aufbau begriffen und auch seine eigentlichen Aufgaben liegen noch in der Zukunft: nämlich in der Vorbereitung und Durchführung der wirtschaftlichen Mobilmachung, und in der Organisation der Kriegswirtschaft. Dass die Organisation der gewerblichen Wirtschaft wehrwirtschaftliche Aufgaben hat, wird durch einen Brief Schachts an Ley vom 26. Juni dieses Jahres bestätigt, in dem die Bestrebungen der DAF, die Funktionen der Organisation der gewerblichen Wirtschaft an B- 10sich zu reissen, unter Hinweis auf die kriegswirtschaftliche Bedeutung der Organisation zurückgewiesen werden. In diesem Brief heisst es: " Darüber hinaus möchte ich auch im vollen und ausdrücklichen Einvernehmen mit dem Herrn Reichskriegsminister darauf hinweisen, dass eine derartige selbständige Organisation von Unternehmern auch aus kriegswirtschaftlichen Gründen unverzichtbar ist." So undurchsichtig und unfertig der Aufbau der Organisation der gewerblichen Wirtschaft im einzelnen noch ist, so straff und durchaus übersichtlich ist der" Reichsnährstand" durchorganisiert, der die gesamte Agrarwirtschaft einschliesslich der Nahrungs- und Genussmittel- Industrien und des Handels mit Agrar- Produkten erfasst. Der Reichsnährstand ist in erster Linie das gewaltigste bisher geschaffene Zwangskartell. Rein organisatorisch ist diese Leistung umso beachtlicher, als es bisher niemals gelungen war, die nach Produktion, Betriebsform, Betriebsgrösse, Betriebsmethoden, Absatzverhältnissen usw. überaus vielgestaltige deutsche Landwirtschaft einheitlich zu kartellieren. Der Reichsnährstand und die landwirtschaftlichen Marktorganisationen regulieren den Absatz jedes einzelnen landwirtschaftlichen Betriebes, vom kleinsten bis zum grössten, greifen ein in die Besitz- und Kreditverhältnisse, in die Produktionsmethoden, in die Arbeitsbedingungen usw. Das Reichserbhofgesetz nimmt dem Erbhofbauern die freie Verfügung über seinen Grund und Boden und wie dem Betriebsführer das Recht zur Betriebsführung abgesprochen werden kann, so kann über den Bauern die" Abmeierung" verhängt werden. Der Reichsnährstand ist zwar keineswegs aus wehrwirtschaftlichen Gründen ins Leben gerufen worden und seine bisherigen Massnahmen galten mehr der Sanierung der Landwirtschaft, ganz besonders des Grossgrundbesitzes als wehrwirtschaftlichen Zielen. Aber auch diese Ziele spielten von Anfang an eine Rolle. Vor allem aber, und darauf kommt es uns an dieser Stelle an, ist dieser ganze Apparat ohne jede Schwierigkeit in den Dienst einer kriegswirtschaftlichen Organisierung der Produktion, B- 11Terarbeitung und Verteilung von Agrarerzeugnissen zu stellen. Wäre die Organisation nur für solche Zwecke aufgebaut worden, nicht sie könnte innerhalb des faschistischen Rahmens wesentlich anders aussehen. Anders steht es mit der dritten grossen Organisation, der Deutschen Arbeitsfront. Sie könnte zwar theoretisch als Ixekutivorgan des wirtschaftlichen Generalstabs in Frage kommen, doch deutet die bisherige Entwicklung nicht darauf hin, dass sie dafür ernstlich in Aussicht genommen ist. Die eigentlichen wehrwirtschaftlichen Aufgaben, die sich auf dem Gebiet der Arbeitspolitik ergeben, fallen vielmehr der Reichsarbeitsverwaltung zu. Von besonderer Bedeutung ist hier der Arbeitspass, der nicht von der DAF, sondern von den Arbeitsämtern ausgestellt. wird. Wie jeder Wehrpflichtige einen Wehrpass erhält, so muss seit dem 1. September jeder Arbeiter und Angestellte im Besitz eines Arbeitsbuches sein, in dem sein Ausbildungsgang und Angaben über jede von ihm in den letzten zehn Jahren ausgeübte Ttigkeit eingetragen werden. Entsprechende Eintragungen werden in einer Kartothek der Arbeitsämter vorgenommen, die damit zur Stammrolle für den Arbeitseinsatz in einem kommenden Krieg wird. Es ist also offenbar, dass den Arbeitsämtern die entscheidende wehrwirtschaftliche Aufgabe auf diesem Gebiet zufällt und nicht der Arbeitsfront, der das Recht zur Stellenvermittlung genommen worden ist. Da die DAF auch keine tariflichen Aufgaben mehr hat, bliebe als einzige wehrwirtschaftlich wichtige Funktion noch die der psychologischen Beeinflussung der Arbeiterschaft. 2) Die Sicherung der Rohstoff- und Ernährungsbasis. Der" Kampf um die deutsche Nahrungsfreiheit", insbesondere die landwirtschaftliche Erzeugungsschlacht" sind bisher ohne nennenswerten Erfolg geblieben. Das theoretische Ziel der Agrarpolitik war die Selbstversorgung wenigstens für die wichtigsten Nahrungsmittel: Getreide, Fleisch, Fett, Butter, Milch, Eier, Gemüse und darüber hinaus die Schaffung eines Vorrats" in Höhe B- 12einer Jahresernte", eine Forderung, die bei Getreide an sich durchaus erfüllbar ist. Aber selbst das Institut für Konjunkturforschung muss zugeben, dass" in den ersten beiden Jahren der Erzeugungsschlacht... eine statistisch sichtbare Zunahme der Agrarproduktion" noch nicht eingetreten ist.( Wochenbericht 9. Jahrg. Nr. 16) Das Institut gibt der Dürre und der" notwendigen Umstellung auf wirtschaftseigenes Futter" die Schuld an dem mangelhaften Ergebnis. Die Aufgaben der Erzeugungsschlacht seien eben nur in jahrzehntelanger Arbeit zu lösen. Für den Kenner seien dennoch die ersten Erfolge bereits jetzt deutlich sichtbar. Sie würden auch statistisch umso schneller sichtbar ... das Futterproblem( Oelkuchenwerden," je besser es gelingt ersatz und Fischmehlbeschaffung) zu lösen und die Marktordnung in einer für alle Beteiligten günstigen Weise auszubauen!" Ohne Zweifel wird das Regime aus wehrwirtschaftlichen Gründen auch weiterhin den grössten Nachdruck auf den Ausbau der Agrarproduktion legen und auch nicht auf das Ziel der Schaffung grosser Vorräte, wenigstens für Getreide und Futtermittel, zichten. verDas geht unter anderem auch aus der Verteilung der Mahlkon tingente an die Mühlen hervor, die sich nach der Grösse des Lagerraums und nicht nach der Verarbeitungskapazität richtet, womit aus rein wehrwirtschaftlichen Gründen ein Anreiz zur Vergrösserung des Lagerraumes geschaffen worden ist. An Siloraum für Sauerfutter wurden im Jahre 1935 rund 1,5 Mill.cbm neu geschaffen, das ist ein Zuwachs von 65 Prozent. Das Gesamtfassungsvermögen der deutschen Silos beträgt damit 3,8 Mill. cbm. Bei einem Bestand von rund lo Millionen Milchkühen sind die Vorräte, die in diesen Silos gehalten werden können, immer noch minimal,( Sauerfutter für rund 400.000 Kühe) aber das Tempo des Zuwachses ist bedeutsam. Ebenso wird der Anbau von Futter- und Faserpflanzen vorangetrieben. Die Anbaufläche für Hanf stieg von 1932 bis 1935 von 200 ha auf 4000 ha, für Flachs von 5000 ha auf 22.000 ha, für Raps von 6000 ha auf 47.000 ha. Süss- Lupinen wurden auf 12.000 ha neu gezüchtet. Die Zahl der Schafe für Wollzucht vermehrte sich von 1933 bis 1935 von 3,4 auf 3,9 Mill. Stück, so dass die inländische Wollgewinnung heute rund 9 Prozent des deutschen Wollbedarfs deckt. Auch die deutschen Stellen scheinen damit zu rechnen, dass diese Erzeugung nicht mehr nennenswert gesteigert werden kann und konzentrieren daher ihre Anstrengungen auf die Erzeugung künstlicher Textilfasern. Dagegen bestehen offenbar Pläne, die Futtermittelerzeugung weiter zu forcieren, in einem geringeren Grade auch den Anbau von Gespinstfasern. B-13Das Hauptproblem dürfte aber in der Sicherung der Nahrungsmittelversorgung liegen und gerade auf diesem Gebiet haben die Anstrengungen der letzten beiden Jahre keine Erfolge gebracht. Immerhin kann auch dieser Misserfolg wehrwirtschaftlich ausgenutzt werden, gibt er doch Gelegenheit, das kriegswirtschaftliche Verteilungssystem auszubauen und auszuprobieren. Die Fleisch, Fett-, Butter- und Eierknappheit hat für den wirtschaftlichen Generalstab den Wert eines Manövers oder einer Probemobilmachung. Glücklicher als in dem Streben nach Nahrungsmittelautarkie war das Regime in den bisherigen Versuchen, sich in der Einfuhr industrieller Rohstoffe eine gewisse Unabhängigkeit zu sichern. Hier sind von vornherein Grenzen gesetzt, die keine Wirtschaftspolitik überwinden kann. Erze, Edelmetalle, Bauxit u.a. sind gar nicht oder nur in ganz unzureichnenden Mengen in Deutschland vorhanden und können grösstenteils nicht ersetzt werden. Einen solchen Versuch macht das Regime auch gar nicht. Es beschränkt sich auf eine genaue Bestandsaufnahme dessen, was --ohne Rücksicht auf die Koin Deutschland äusserstenfalls sten- gefördert werden kann und sucht im übrigen teure Rohstoffe durch billigere zu ersetzen. Darüber hinaus ist es bestrebt, sich durch eine wehrwirtschaftlich orientierte Handelspolitik bestimmte ausländische Rohstoffe zu sichern. Die Ersatzproduktion beschränkt sich in der Hauptsache auf drei Gebiete: Textilfasern, Treibstoffe und Kautschuk. Bei der Produktion von synthetischen Spinnstoffen interessiert uns lediglich das neue Produkt, die Zellwolle. Die Kunstseide, deren Produktion sich von 1928 bis 1934 verdoppelt hat, bietet keinerlei Problem mehr. Sie kann ohne weiteres in den Mengen erzeugt werden, die gebraucht werden. Bei der Zellwolle dagegen sind noch manche Fragen der Qualität und Verwendbarkeit ungelöst. Vor 1933 kannte man auch schon Zellwolle, aber sie spielte keine Rolle. Seitdem ist die Produktion in Deutschland sprunghaft gesteigert worden( 15.000 t. in 1935, rd. 40.000 t in 1936; im kommenden Jahr wird mit 7o. bis 80.000 t.gerechnet). B- 14Absatzschwierigkeiten bestanden nicht, da die Textilindustrien durch den Beimischungszwang zur Verwendung von Zellwolle verpflichtet sind. Im Gegenteil, die Zellwollefabriken können der Nachfrage nicht nachkommen. Es sollen daher im nächsten Jahre zu den schon fertigen und im Bau befindlichen Werken in Schlesien, Sachsen, Thüringen, Bayern und Hessen noch ein weiteres Werk in Westdeutschland gebaut und die bestehenden Werke erweitert werden. Gegenwärtig beträgt der Anteil von Kunstfasern at den in Deutschland verarbeiteten Rohstoffen rund 10 Prozent. Dazu kommen 9 Prozent inländischer Schafwolle. Die Produktionssteigerung an Zellwolle kann den Anteil der deutschen Inlandsrohstoffe an der Textilproduktion auf 25 bis 30 Prozent steigern. Auch eine weitere Steigerung dürfte nicht ausgeschlossen es gelingt, die vorläufig noch unbefriesein, vor allem, wenn digende Qualität der Zellwolle zu heben( oder die Kosten der jetzt schon vorhandenen guten Qualitäten zu senken). Der volle Ersatz der natürlichen Fasern durch die synthetischen ist nach den bisherigen Erfahrungen ausgeschlossen. Zudem ist auch die synthetische Faser keinesfalls rein deutsches Produkt. Der Rohstoff ist vielmehr Holz, das grösstenteils aus dem Ausland ( Skandinavien und Baltikum) eingeführt werden muss. Es ist nicht möglich, den deutschen Waldbestand wesentlich zu vergrössern, also eine Holzautarkie zu erreichen. Die Abhängigkeit vom Ausland bleibt daher auch bei der Zellwolle bestehen, nur dass Holz natürlich wesentlich billiger ist als Baumwolle und Wolle, also weniger Devisen erfordert. Grössere Aussichten bietet die kriegswirtschaftlich besonders wichtige Produktion von synthetischen Treibstoffen durch Kohlehydrierung oder-Verschwelung. Diese Ersatzproduktion ist in Deutschland am weitesten von allen Ländern vorgeschritten. Sie wird von der IG- Farben, vom Ruhrkohlenbergbau und neuerdings 7cm mitteldeutschen Braunkohlenbergbau betrieben. Letzterer ist vom Staat gezwungen worden, als sogenannte" Braunkohlenpflichtgemeinschaft" ein Kapital von 200 Mill. Mark für die Grrichtung einer grossen mitteldeutschen Hydrieranlage aufzu B-15bringen. Zusammen mit der deutschen Erdölproduktion, die immerhin auch von 26.000 t. im Monatsdurchschnitt des Jahres 1926 auf 36.000 t. im Monatsdurchschnitt 1936 gesteigert worden ist, und mit der verstärkten Anwendung der Holz-, Torf- usw.-Vergasung und schliesslich der Spiritus- Beimischung lässt sich eine deutsche Treibstoff- Autarkie erreichen, wenn auch unter sehr bedeutenden Kosten. Vorläufig ist dieses Ziel noch nicht annähernd erreicht, obwohl die Leistungsfähigkeit allein des Leunawerkes von 120.000 t. Benzin Ende 1933 auf gegenwärtig etwa 350.000 t. gestiegen ist. Die Leistungsfähigkeit des von der Braunkohlen- Benzin AG( Pflichtgemeinschaft) errichteten mitteldeutschen Werkes, das Ende 1936 in Betrieb genommen werden soll, ist noch nicht bekannt. Ebenso werden die Ergebnisse der Gemeinschaftsversuche des westdeutschen Steinkohlenbergbaus auf dem Gebiete der Kohlehydrierung vorläufig geheim gehalten. Bekannt ist nur, dass auch in Westdeutschland mehrere neue Anlagen entstehen,( z. B. bei der gemeinsam von Klöckner und Wintershall betriebenen Gewerkschaft Viktor). Wenn man bedenkt, dass allein das mitteldeutsche Werk einen Kapitalaufwand von etwa 200 Millionen erfordert, so kann man sich ausrechnen, dass immerhin noch mindestens zwei Milliarden Mark zu investieren wären, um auch nur den jetzigen Friedensbedarf an Treibstoffen ganz im Inland zu erzeugen. Der Kriegsbedarf ist aber bedeutend grösser. Will Deutschland also ausserdem eine Kapazitätsreserve für die Treibstoffproduktion schaffen, so sind noch umfangreichere Investitionen nötig. Zur Zeit wird insgesamt, einschliesslich Spiritus- Beimengung, ein gutes Drittel des deutschen Treibstoffbedarfs im Inlande erzeugt. Wehrwirtschaftlich entscheidend ist, dass technisch das Problem der Treibstoff- Autarkie lösbar ist. Die Kosten des synthetischen Treibstoffs werden, vor allem wegen der hohen Abschreibungen auf die Anlagen, voraussichtlich auch in Zukunft erheblich über den Kosten des Benzins aus natürlichen Rohstoffen bleiben. Ueber den Stand der Produktion von synthetischen Kautschuk sind keine auch nur einigermassen ausreichende Daten zu erhalten. Das Problem dürfte auch technisch noch nicht gelöst sein. Zwar stellte die IG- Farben auch schon während des Krieges einen Kunstkautschuk her, der in seiner chemischen Zusammensetzung dem Naturkautschuk entsprach, dem aber die entscheidenden Eigenschaften des Naturkautschuk, Elastizität und Zähigkeit fehlten. Der synthetische Kautschuk war brüchig. Auch das, was B-16heute in Deutschland von der IG- Farben produziert wird, ist ein Ersatz, der für viele Zwecke ausreichen mag, aber nicht annähernd mit der Strapazierfähigkeit des natürlichen Gummis konkurrieren kann. Auf unübersteigbare Schranken stossen die Autarki ebestrebungen bei der Erzversorgung. Die Förderung an Erzen kann in Deutschland auch bei Ausserachtlassung der Kostenfrage nicht nennenswert gesteigert werden. Die Sicherung der deutschen Erzversorgung ist in erster Linie eine Sache der Vorratsbildung und vor allem der Aussenhandelspolitik, letzten Endes also ein Devisenproblem. Anders liegen die Dinge bei der Aluminiumproduktion, die zwar auch auf dem ausländischen Rohstoff Bauxit basiert, bei der aber der Anteil der Rohstoffkosten am Endprodukt relativ gering ist. Die Aluminiumerzeugung Deutschlands ist in den letzten Jahren phantastisch gesteigert worden, in erster Linie, weil Aluminium das wichtigste Metall für den Flugzeugbau ist, dann aber auch, weil es als Ersatz für andere Metalle, vor allem für Kupfer, in Frage kommt. Die deutsche Aluminiumerzeugung stieg von 18.900 t. im Jahre 1933 auf 70.700 t. im Jahre 1935. Deutschland ist damit zum grössten Aluminiumerzeuger der Welt geworden( bis 1934 die Vereinigten Staaten). 3) Die Handelspolitik im Dienste der Wehrwirtschaft. Weder ist Deutschland in der Lage, die volle" Nahrungsmittelfreiheit" zu erreichen, noch kann es alle im Inlande nicht vorhandenen industriellen Rohstoffe durch synthetische Produkte ersetzen. Es bleibt auf Auslandslieferungen angewiesen; erreichbar ist nur eine starke Herabminderung dieser Einfuhren. Die wehrwirtschaftliche Aufgabe lautet daher, schon im Frieden Vorsorge dafür zu treffen, dass die unumgänglich notwendigen Zufuhren auch während eines Krieges gesichert bleiben. Zum Teil ist das natürlich ein militärisches Problem. Wenn Deutschland regelrecht umzingelt und hermetisch abgeschlossen werden sollte. R- 17können keine Rohstoffe nach Deutschland geschafft werden. Gegen diesen äussersten Eventualfall hilft keine Handelspolitik. Eine wehrwirtschaftlich ausgerichtete Handelspolitik rechnet vielmehr mit der Aufrechterhaltung eines Minimums an Aussenhandelsbeziehungen auch während eines Krieges und fordert schon für die Friedenszeit eine Orientierung der Aussenhandelsbeziehungen nach den Ländern, deren Erzeugnisse auch im Kriege aller Wahrscheinlichkeit nach zur Verfügung stehen werden. Sie fordert also eine Unterordnung der Handelspolitik unter die strategischen Pläne des Generalstabs. Galt früher für Ein- und Ausfuhr das Prinzip des billigsten und günstigsten Einkaufs und des möglichst vorteilhaften Verkaufs, so tritt es heute vollständig hinter dem wehrwirtschaftlichen Gesichtspunkt zurück, schon im Frieden die Handelsbeziehungen vor allem mit den Ländern auszubauen, die entweder das Objekt des geplanten kriegerischen Vorstosses oder aber als neutrale Produktionsbasis für den Kriegsfall zu betrachten sind. Dafür kommen vom Standpunkt Deutschlands einerseits der Südosten, andererseits der Norden in Frage. Der Südosten Europas ist einstweilen das wahrscheinliche Feld der wirtschaftlichen, politischen und schliesslich einmal kriegerischen Expansion Deutschlands. Die deutsche Handelspolitik hat daher bereits heute deutlich erkennbar das Ziel, die Staaten des Donauraumes in wirtschaftliche Abhängigkeit zu bringen. Deutschland hat in diesen Staaten Rohstoffe aller Art eingekauft, die es zum grossen Teil anderwärts billiger hätte kaufen können. Aber es hat gekauft, ohne zu bezahlen. Infolge--wollen sie ihre deutschen dessen bleibt den Donaus taaten Guthaben nicht verlieren-- nichts anderes übrig, als in grösserem Masse in Deutschland zu kaufen, sich also mit deutschen Waren bezahlen zu lassen, auch wenn das oft sehr teuer ist. Im Verlauf des Jahres 1935 ist auf diese Weise eine schon sehr erhebliche Abhängigkeit des gesamten sogenannten Donauraumes von Deutschland entstanden und die Balkanreise Schachts im Juni dieses Jahres diente der Festigung dieser eigenartigen Handels B-18bez ehungen. Deutschland nahm im Jahre 1935 etwa die Hälfte der gesamten bulgarischen, fast ein Drittel der griechischen, ein Viertel der ungarischen und etwa je ein Sechstel der jugoslavischen und rumänischen Ausfuhr auf. Die Einfuhr Bulgariens kam 1935 zu mehr als der Hälfte aus Deutschland, die Rumäniens zu einem Viertel, die Ungarns zu einem Fünftel, die Griechenlands und Jugoslaviens je zu rund einem Sechstel. Die eingefrorenen Clearingguthaben dieser Länder in Deutschland betrugen Anfang 1936 etwa loo Mill. Mark. Das ist etwa das anderthalbfache des gesamten Ausfuhrüberschusses, den diese Länder im ganzen Jahre 1935 gegenüber Deutschlands erzielten. So kann Schacht heute etwa Ungarn nahelegen, den Anbau von Oelsaaten zu betreiben, an denen Deutschland Interesse hat. Bauxit, den Ausgangsstoff der Aluminiumproduktion, hat Deutschland früher aus Frankreich, im vergangenen Jahre dagegen überwiegend aus Ungarn und Jugoslavien bezcgen. Selbst der Einkauf von Wolle wurde nach den Balkanländern verlegt, obgleich dadurch technische Umstellungen der deutschen Textilindustrie erforderlich wurden. Dazu kommt der Vorstoss der deutschen Rüstungsindustrie nach dem Balkan. Krupp liefert Waffen, baut Brücken und mo--alles gegen dernisiert Rüstungsbetriebe in Jugoslavien Verrechnung über Clearingkonto und obwohl er höhere Preise nimmt als konkurrierende westeuropäische Konzerne. Es ist Schacht gelungen, die Monopolstellung der französischen Gruppe Schneider- Creuzot auf dem Balkan zu durchbrechen. Darüber hinaus hat Schacht Jugoslavien und Ungarn Angebote zur Erschliessung der Bauxit- und Kupfervorkommen gemacht. Deutschland liefert die Maschinen, errichtet die Anlagen, baut die Verkehrswege( Strassen und Eisenbahnen) aus, stellt Ingenieure und Facharbeiter, und übernimmt die gesamte Bauxit- und Kupferausbeute. Sollte dieses Projekt durchgeführt werden, so bedeutet es, dass Deutschland sich inbezug auf die kriegs-- mit Ausnahme von Eisenerz, das es wichtigsten Rohstoffe gesicherin der Hauptsache aus Skandinavien beziehen muss te Zufuhren aus einem Gebiet schafft, von dem es annimmt, dass es wegen der verhältnismässig geringen Widerstandskräfte der Südoststaaten entweder schon durch ökonomischen Druck, schlimmstenfalls durch Krieg unterworfen werden kann. Handelt es sich für Deutschland gegenüber Südost- Europa in der Hauptsache darum, die Wirtschaft dieses Gebietes indirekt nehr und mehr von der deutschen abhängig zu machen, nicht durch Kapitalinvestitionen, sondern durch Organisierung und Erzwingung des direkten Warenaustauschs, so dass schliesslich auch eine produktionstechnische Abhängigkeit des Balkans von Deutschland entsteht, so muss die deutsche Politik gegenüber Skandina B- 19vien anderer Art sein. Deutschland weiss, dass es nicht möglich ist, Skandinavien so zu unterwerfen und von sich abhängig zu machen, wie es das gegenüber dem Donauraum erreichen zu können hofft. Gegenüber Skandinavien betreibt das verschuldete und kapitalarme Deutsche Reich die Politik einer kapitalistischen Grossmacht alten Stils. Deutsches Kapital arbeitet in der schwedischen, norwegischen, finnischen und dänischen Industrie. Krupp ist an dem schwedischen Rüstungskonzern Bofors beteiligt und betreibt mit diesem zusammen den Aufbau einer finnischen Kriegsindustrie; die Vereinigten Stahlwerke sind an dem schwedischen Erzbergbaukonzern Grängesberg beteiligt. Krupp betreibt in Dänemark Brückenbauten am Belt, dessen Befestigung Deutschland erreichen will, um die Ostsee zum geschlossenen deutschen Meer zu machen. Die IG- Farben ist an der norwegischen Stickstoffindustrie massgeblich interessiert. Krupp will in Norwegen ein Werk zur Erzeugung von Qualitätsstahl errichten. Die erste norwegische Kunstseidenfabrik wurde mit deutschem Kapital gebaut. All diese( und andere politische) Anzeichen deuten darauf hin, dass Skandinavien im Kriege der grosse Lieferant Deutschlands werden soll. Also kann man den nordischen Staaten gegenüber nicht die Erpresserpolitik anwenden wie gegen die Balkanstaaten, sondern muss sich am Aufbau der nordischen Industrie beteiligen, damit diese Staaten auch fähig werden, die ihnen zugedachte Funktion zu erfüllen, und damit Deutschland dort Guthaben in Form von Beteiligungen ansammelt, die es im Kriegsfalle nötigenfalls zur Bezahlung der Lieferungen mobilisieren kann. Daneben werden natürlich die Wirtschaftsbeziehungen zu Ländern, die im Kriegsfalle als Lieferanten Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit nach ausscheiden, nicht abgebrochen, aber das leitende Prinzip wird auch im Aussenhandel immer mehr die strategische, die wehrwirtschaftliche Orientierung. An sich ist ein möglichst intensiver und vielseitiger Aussenhandel auch wehrwirtschaftlich notwendig, da nur er Gold- und Devisenvorräte schaffen kann. Im Kriege wird die Einfuhr gegen Kredit noch rarer werden, als sie es heute schon ist, so dass für die Höhe der im Kriege möglichen Einfuhr die Höhe der Gold- und Devisenvorräte entscheidend ist. Nur gerät eben dieses Interesse am Export in Widerspruch zu der wachsenden Konkurrenzunfähigkeit der Wirtschaft, die sich aus der steigenden Belastung durch die Rüstungsausgaben. die Ersatzstoff- und Vorratawirt B- 20schaft und die strategisch orientierte Handelspolitik ergibt. Ganz allgemein ist diese Belastung umso höher, je ärmer ein Land an natürlichen Rohstoffen, je geringer seine Nahrungsmittelproduktion und je ungünstiger, rein geographisch seine Lage zu den entscheidenden Rohstoffgebieten ist. Die aggressiven Mächte der Gegenwart, Japan, Italien und Deutschland, sind alle drei in dieser Beziehung ungünstig gestellt. 4) Produktionsanlagen auf Vorrat. Neben den Nahrungsmitteln und Rohstoffen müssen unter wehrwirtschaftlichen Gesichtspunkten auch die Produktionsanlagen in dem Umfange bereitgestellt werden, in dem sie entsprechend dem voraussichtlichen Kriegsbedarf wahrscheinlich gebraucht werden. Das bedeutet die Schaffung einer Kapazitätsreserve in allen kriegswichtigen Industrien über das für den normalen Friedensbedarf ausreichende Mass hinaus. Die wirklichen Anforderungen, die ein moderner Krieg an die industrielle Leistungsfähigkeit stellen wird, kennt niemand. Sie hängen ja auch wesentlich von dem Umfang, der Dauer und der Bündniskonstellation des kommenden Krieges ab. Immerhin schätzt der Sekretär des englischen Reichsverteidigungsausschusses, Oberst Sir Hankey, dass im Falle eines Krieges mit einer fünfzigfachen Vergrösserung des Armeebedarfs gerechnet werden muss. Für Deutschland mag die Schätzung niedriger anzusetzen sein, da die deutsche Friedensarmee ungleich stärker ist als die englische, immerhin gibt Hankeys Schätzung einen Begriff davon, welche Ausdehnung cer Produktion für den Heeresbedarf im Falle eines Krieges nötig ist. Es muss daher das Ziel der Wehrwirtschaft sein, diesen Anforderungen schon im Frieden einen industriellen Produktionspparat, der diesen Anforderungen genügt, aufzubauen. Die eigent. liche deutsche Rüstungsindustrie, die Schwerindustrie, war schon or Hitlers Machtantritt für den normalen Friedensbedarf viel zu gross. Sie verfügte also bereits über eine erhebliche Kapaitätsreserve, die auch ausreichte, um den Anforderungen der B- 21jetzigen Aufrüstung Deutschlands zu genügen. Nur in Einzelfallen waren Erweiterungen nötig. Ganz anders war es bei der Flugzeugproduktion, der Giftgaserzeugung und der Aluminiumindustrie. Sie sind erst in den letzten drei Jahren auf den Stand gebracht worden, dass sie auch den wahrscheinlichen Kriegsansprüchen wenigstens für die ersten Monate genügen kann. Vom Standpunkt einer normalen Friedenswirtschaft aus wäre die Steigerung der deutschen Aluminiumproduktion nur als ungeheuere Kapitalfehlleitung zu werten, da nicht zu erkennen ist, wie die Anlagen ausgenutzt werden sollen, wenn die grosse deutsche Aufrüstung beendet und nur noch der laufende Ersatz herzustellen ist. Aber auch diese grossen Produktionsanlagen sind eine Form der wehrpolitischen Vorratswirtschaft, und um sie in der" rüstungsarmen" Zeit nicht stillegen zu müssen, wird nach möglichst vielen zivilen Verwendungsgebieten für Aluminium gesucht, deren Belieferung im Kriegsfalle ohne sonderliche Störungen eingeschränkt werden können. Das Halten einer Kapazitätsreserve an industriellen Produktionsanlagen für den Kriegsfall ist in erster Linie ein Finanzierungsproblem, da natürlich nicht ausgenutzte Produktionsanlagen eine starke finanzielle Belastung bedeuten. Aehnlich wie bei der Aluminium- und bei der Flugzeugindustrie liegen die Verhältnisse beim Automobilbau. Die jetzigen Produktionsanlagen für Automobile können nur voll ausgenutzt werden, so lange die Staatsaufträge anhalten. Für den normalen Friedensbedarf sind sie angesichts der Einkommensverhältnisse in Deutschland viel zu gross. Sie müssen aber gehalten werden, da sie für den Kriegsfall gebraucht werden. Die Propagierung eines Volkswagens hat in dieser Hinsicht gleichfalls einen bestimmten wehrwirtschaftlichen Wert. Nicht nur, dass es an sich militärisch wichtig ist, wenn in einem Lande möglichst viele Privatkraftwagen vorhanden sind, die im Kriegsfalle requiriert werden können und möglichst viele Personen Kraftwagen fahren können, die Produktion von Personenkraftwagen erleichtert auch das Durchhalten der Ueberkapazität der Automobilindustrie. Es ist daher wehrwirtschaftlich begründet, wenn diese kriegswichtige Industrie durch Subventionen befähigt wird, billige Privatwagen für den Inlandsbedarf und für den Export herzustellen, die sie aus eigener Kraft nicht herausbringen könnte. 5) Das Finanzierungsproblem Es gibt drei Wege der Kriegsfinanzierung: Steuern, Anleihen und Inflation. Im vergangenen Weltkriege sind alle drei Wege von allen kriegsführenden Ländern beschritten worden. Jedoch R-22in sehr verschiedenem Ausmasse, und das ist für die soziale Wirkung entscheidend. England hat seine Kriegskosten zu 19,8 Prozent durch Steuern aufgebracht, Deutschland zu 13,1. Prozent und Frankreich nur zu 0,9 Prozent. Alles übrige dagegen wurde durch Anleihen und Inflation beschafft. Im letzten Kriegsjahre betrugen die deutschen Kriegskosten monatlich 4 Milliarden Mark, im Jahre also 48 Milliarden. Das ist beinahe so viel, wie das gesamte deutsche Volkseinkommen eines Jahres. Man müsste also das ganze Volkseinkommen erfassen, wollte man die Kriegskosten durch Steuern aufbringen. Eine faktische Unmöglichkeit, abgesehen davon, dass die Kosten eines zukünftigen Krieges angesichts der Technisierung und Motorisierung der Truppen unvergleichlich höher sein werden als im letzten. Je geringer aber da Volkseinkommen eines Landes, umso geringer ist notwendigerweise der Anteil, der durch Steuern zur Deckung der Kriegskosten beigetragen werden kann. Anleihen wiederum haben erspartes, akkumuliertes Volksvermögen zur Voraussetzung. Hier liegt die Ueberlegenheit der reicheren Nationen auf der Hand, wenn das auch nur ein Faktor unter vielen ist, die über die militärische Kraft eines Landes entscheiden. Wenn schon im Frieden der grösste Teil des nationalen Reichtums durch freiwillige oder Zwangsanleihen mobilisiert worden ist, ist die finanzielle Bewegungsfreiheit im Kriege entsprechend geringer. Umso früher muss der Staat dann zum Mittel der Inflation in irgend einer Form greifen. Inflation ist eine Methode der Enteignung. Geldvermögen und Geldeinkommen werden entwertet und auf der anderen Seite in entsprechendem Masse Schulden beseitigt. Wird der Reichtum vernichtet, soweit er sich in Geldform ausdrückt, so bleiben doch die" Sachwerte", also vor allen Dingen die Produktionsanlagen, erhalten. Und das ist schliesslich für die Kriegsführung entscheidend. Solange die Produktivkräfte des Landes ausreichen, um den Bedarf für Heer und Heimat annähernd zu decken und solange das Geldwesen intakt bleibt, ist das innere Finanzierungsproblem für die Kriegskraft nicht ausschlaggebend. Seine Bedeutung liegt mehr auf politischem und sozialem Gebiet. Wenn die B-23Enteignungsmassnahmen in Form von Steuern, Zwangsanleihen und Inflation in erster Linie die Mittelständler und Arbeiter treffen, dagegen die Besitzer der grossen Produktionsmittel verschont bleiben oder sich gar weiter bereichern können, so verschärft das die Klassengegensätze in einer besonders gefährlichen Situation. Mit Recht sehen die Militärs darin eine der Hauptgefahren in einem kommenden Kriege. Daher drehen sich die Debatten um die Methoden der Kriegsfinanzierung in Deutschland wesentlich um die Frage eines" gerechten" Systems, d.h. eines Systems, dass die Massenbelastung möglichst verschleiert. Dass nur die Massen die Kriegskosten letzten Endes aufbringen können, wird dabei ziemlich unumwunden zugegeben. Noch mehr besteht bei der Inflation das Hauptproblem darin, eine Form zu finden, die die Tatsache der Inflation möglichst lange dem Volke verbirgt. Denn ist erst einmal die Inflation vom Volke erkannt, so wird der Prozess der möglichst schnellen Geldabstossung und schliesslich der Geld zurückweisung in Gang gesetzt, der nach den Erfahrungen von 1923 in kurzer Zeit zur vollständigen Zerrüttung des Geldwesens führt. Im Prinzip besteht kein Unterschied zwischen dem eigentlichen Kriegsfinanzierungsproblem und der Finanzierung einer so gewaltigen Aufrüstung wie der heutigen deutschen. Im Kriege tritt nur noch eine Verschärfung der Lage ein: Der Bedarf ist noch grösser, die Möglichkeiten, durch zivile Produktion das Volk se inkommen zu steigern, sind geringer. Darum werden auch zur Zeit in Deutschland Finanzierungsmethoden angewandt, die durchaus den Methoden einer Kriegsfinanzierung entsprechen: wesentliche Erhöhung der Steuerbelastung( s. Juli- Bericht, Teil B) Auflegung von freiwilligen und Zwangsanleihen( bei Sparkassen und Versicherungsanstalten) und fortschreitende Durchführung inflationistischer Massnahmen in einer neuen, für das Volk noch undurchsichtigen Form. Dieses Schacht'sche System der deutschen Rüstungsfinanzierung ist das einzige, das für eine derartig schnelle und umfassende Aufrüstung ohne Inanspruchnahme ausländischer Kredite in Frage B- 24kam; es ist jedoch keine eigentlich" wehrwirtschaftliche" Lösung, da es Reserven aufbraucht, die für den Kriegsfall bewahrt werden müssen. Auch wenn das schwindelhafte Gebäude der Kreditinflation nicht eines Tages in sich zusammenstürzt und diese Finanzierungsmethode noch eine ganze Zeit lang fortgesetzt werden kann, bedeutet sie doch ein System von Vorgriffen. auf spätere Einnahmen, das wehrwirtschaftlich sehr bedenklich ist. Das wehrwirtschaftliche Finanzierungsideal ist, dass alle direkten und indirekten Rüstungskosten möglichst aus laufenden Einnahmen gedeckt werden unter Umständen auch auf Kosten der Unternehmergewinne. So ist das Anleihestockgesetz in Deutschland wehrwirtschaftlich richtig, da es einen Teil der Unternehnergewinne dem Staat für seine Rüstungszwecke zur Verfügung stellt. Auch das Beitragswesen entspricht den wehrwirtschaftlichen Vorstellungen, soweit diese Beiträge wehrwirtschaftlich verwandt werden( was z. B. der Fall ist bei den Aufwendungen für den Luftschutz, für das NSKK, den Arbeitsdienst und teilweise auch für die DAF). Durchaus wehrwirtschaftlichen Charakter haben die Beiträge zum Reichsnährstand und zur Organisation ier gewerblichen Wirtschaft, einschliesslich der Exportförderungsabgabe, da diese Organisationen wesentliche wehrwirtschaftliche Aufgaben zu erfüllen haben und insbesondere die Exportförderungsabgabe der Beschaffung wichtiger Rohstoffe mit Hilfe les Exportdumpings dient. Im ganzen jedoch entspricht die heute in Deutschland betrieDene Finanzpolitik nicht den Bedingungen einer Wehrwirtschaft im Friedenszustand, sondern bereits den einer Kriegswirtschaft und es ist das Problem, vor das sich Deutschland gestellt sieht, wie es den Uebergang von dieser Kriegsfinanzpolitik bei Verlangsamung des Rüstungs tempos ohne Umstellungskrise zu einer friedensmässigen wehrwirtschaftlichen Finanzpolitik finden soll. 6) Die Arbeiterfrage • Die Arbeiterfrage ist im Grunde die entscheidende Frage der ganzen Wehrwirtschaft. Sie stellt sich zunächst als technische 385und organistaorische Frage. Der moderne Krieg bedeutet die denkbar grösste Anspannung aller Kräfte der Nation, darunter im besonderen Masse die Anspannung des wichtigsten Produktionsmittels: der menschlichen Arbeitskraft, die als wichtigste Produktivkraft auch der wichtigste wehrwirtschaftliche Faktor ist. Die voraussichtliche sprunghafte Produktionssteigerung gerade der kriegswichtigen Industrien im Kriegsfalle lässt unschwer einen plötzlichen Mangel vor allem an Facharbeitern voraussehen, zumal zahlreiche Spezialarbeiter dann doppelt gebraucht werden, an der Front und in der Industrie.( Die moderne Front braucht nicht nur Soldaten, die ja auch dem Produktionsprozess entzogen werden, sondern auch zahlreiche Facharbeiter). Es ist eine entscheidende Aufgabe der Wehrwirtschaft, die Verteilung der Arbeitskräfte für den Kriegsfall schon vorher zu organisieren und ausserdem für die nötigen Reserven an Arbeitern, ganz besonders an Facharbeitern zu sorgen. Die Vorarbeiten dazu sind in Deutschland im Gange. Das Arbeitsbuch und die entsprechende Kartei bei den Arbeitsämtern dienen erstens der genauen Bestands aufnahme über die in Deutschland vorhandenen Arbeitskräfte und ermöglichen zweitens eine dauernde genaue Kontrolle über den jeweiligen Aufenthalt und die jeweilige Tätigkeit eines jeden Ar beiters und Angestellten. Aus dem freien Arbeiter wird auch in dieser Beziehung der unfreie, unter Kontrolle stehende Arbeiter. Es war nicht nur eine nationalsozialistische Spielerei, wenn der Begriff" Arbeitsmarkt" durch den Begriff" Arbeitseinsatz" ersetzt worden ist. Es handelt sich in Deutschland nicht mehr in erster Linie darum, einen Ausgleich zwischen dem Angebot und der Nachfrage an Arbeitskräften herzustellen, sondern im Vordergrund steht die Aufgabe, die Arbeitskraft wehrwirtschaftlich möglichst zweckmässig einzusetzen. Praktisch bedeutet das: Die Freizügigkeit der Arbeiter ist aufgehoben. Sie dürfen nicht mehr nach Gutdünken ihren Arbeitsplatz wechseln, sie müssen sich nach Bedarf verschicken lassen und werden schliesslich, soweit sie nicht in der Industrie Verwendung finden sei es wegen fehlender Ausbildung, sei es wed 1 in ihrem B- 26Fach keine Arbeiter mehr gebraucht werden als regelrechte Zwangsarbeiter beim Strassenbau oder irgendwelchen kommunalen Notstandsarbeiten" eingesetzt". Hier hat sich bereits eine Veränderung gegen früher vollzogen, die in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es handelt sich im Dritten Reich längst nicht mehr darum, Arbeitslose aus der Statistik verschwinden zu lassen wie in der ersten Zeit nach. dem Hitler- Umsturz, sondern es handelt sich darum, ein System des dauernden wehrwirtschaftlichen Arbeitseinsatzes zu entwickeln, das sich heute noch im Versuchs- oder Vorbereitungsstadium befindet, das aber bald organisatorisch voll ausgebaut und ständig für den" Ernstfall" bereit sein wird. Und auch die Arbeiter gewöhnen sich immer mehr daran, dass es den freien Arbeitsmarkt nicht mehr gibt und der nach militärischem Muster organisierte Arbeitseinsatz an seine Stelle getreten ist. Die Hauptschwierigkeit des wehrwirtschaftlichen Arbeitseinsatzes liegt aber nicht auf organisatorischem Gebiet, sondern in der Bereitstellung einer ausreichenden Reserve an Arbeitskräften, besonders an Facharbeitern für den Fall des Krieges. Bereits die jetzige deutsche Rüstungskonjunktur hat einen Mangel an Facharbeitern gezeitigt, der sich nach dem" Institut für Konjunkturforschung" vor allem in der Landwirtschaft, in der Ziegelindustrie, in der Steinindustrie, in der Hüttenindustrie, in der Maschinenindustrie, in der Elektroindustrie, in der feinmechanischen und optischen Industrie, in der Fahrzeugindustrie, bei den Werften, im Sattler- und Polstergewerbe und im Baugewerbe bemerkbar machte. Teilweise ist dieser Mangel an Arbeitskräften nur örtlich und bezirklich aufgetreten und wurde durch den sogenannten zwischenbezirklichen und Reichsausgleich abgestellt. Doch funktionierte dieser Ausgleich noch nicht reibungslos. Die Wehrwirtschaftler ziehen aus diesem Facharbeitermangel während der jetzigen Rüstungskonjunktur, in der noch nicht annähernd das im Kriege wahrscheinlich notwendige Produktionsvolumen erzielt worden ist, die Lehre, dass eine weit grössere B- 27Reserve an gelernten Arbeitskräften herangebildet werden muss, als vor Beginn der jetzigen Rüstungskonjunktur vorhanden war. " Jeder Deutsche ein Facharbeiter", ist ihre Parole. Denn gerade die kriegswichtigen Industrien haben einen besonders hohen Anteil an Facharbeitern. Nach dem heutigen Stand ergibt sich in einzelnen Gewerbegruppen z. B. folgendes Verhältnis von GeLernten, Angelernten und Ungelernten: Gewerbegruppe: Prozentsatz im Betrieb an Facharbeitern und Angelernten Betriebs- HandwerUngelernten kern. Industrie und Iandwerk insges.: 48,6 21,3 30,1 davon: Optische u.feinmech. Industrie 66,8 18,7 14,5 Bekleidungsgewerbe 63,9 23,5 12,6 Maschinen-, Apparate and Fahrzeugbau 63.5 21,3 15,2 fisen-, Stahl- und fetallwaren 60,0 22,3 17,7 Baugewerbe 58,1 9,2 32,7 Bisher geschieht in Deutschland sehr wenig, um der Gefahr ines Facharbeitermangels im Kriege vorzubeugen. Die wichtigste ( assnahme ist die schon erwähnte Registrierung der Arbeitskräfe mit Hilfe des Arbeitsbuches, das jederzeit eine genaue Feststellung der Arbeiter ermöglicht, die" unabkömmlich" sind. Lusserdem hat die" Technische Nothilfe", die ursprünglich nur ür den Einsatz bei Streiks in lebenswichtigen Betrieben gebillet worden war, seit langem eine rein kriegswirtschaftliche Funktion erhalten. Die sonstigen Massnahmen erstrecken sich im resentlichen auf den Ersatz von ungelernten und angelernten Areitern, die wegen ihrer leichteren Ersetzbarkeit in erster inie für den Frontdienst in Frage kommen. Für sie ist eine Reserve in der Frauenarbeit gegeben. Die Frauenarbeit nahm wähend des Krieges gegenüber dem letzten Friedensjahr in der Meallindustrie um 35% zu, in der chemischen Industrie um etwa ' 5, im Baugewerbe um über 100 und in der Textilindustrie um B- 28über 200%. Die Vorbereitung des Arbeitseinsatzes der Frauen ist Sache des Frauenarbeitsdienstes, aber sie steckt noch in den Anfängen und wird zugleich gehemmt durch das Bestreben, im Frieden die Frauen möglichst von regulärer Beschäftigung in der Industrie fernzuhalten. Weiter liegt die wehrwirtschaftliche Bedeutung des Arbeitsdienstes der Männer auf der Hand. Im Arbeitsdienst wird nicht nur ein Heer von Schippern für die Front herangebildet, sondern er stellt auch eine Armee von leicht beweglichen und disponierbaren Hilfskräften dar, die heute bei der Ernte, morgen bei schnell auszuführenden Strassenbauten, bei Aufräumungsarbeiten( z. B. nach einem Luftangriff) aller Art usw. eingesetzt und schon am nächsten Tag wieder in einer anderen Stadt, in einem anderen Bezirk zur Verfügung gestellt werden können. Schliesslich gibt es noch ein anderes Mittel, um die Lösung der Facharbeiterfrage im Kriege zu erleichtern: die Rationalisierung auf Vorrat, also die Bereitstellung von arbeitsparenden technischen Anlagen, die erst im Kriege voll ausgenützt werden. Obgleich die Rationalisierung gerade in der Rüstungsindustrie bereits sehr weit fortgeschritten ist, gäbe es an sich auch dort noch viele Möglichkeiten. Der Einwand, dass die auf Vorrat hergestellten arbeitsparenden Anlagen veralten, gilt ebenso für die ganze Rüstungsproduktion. Aber die Hauptschwierigkeit ergibt sich bei der Beschaffung der ausserordentlich grossen Kapitalien für eine solche weitere Rationalisierung in einer Zeit, in der die Finanzquellen schon für die eigentliche Rüstung bis zum letzten ausgeschöpft werden müssen. So erscheint die Arbeitsfrage neben dem Finanzierungsproblem als die schwächste Stelle der deutschen Wehrwirtschaft. Das Regime hat auch auf diesem Gebiet mehr organisatorische Vorarbeit für den Ernstfall geleistet als andere Länder. Aber mit organisatorischen Massnahmen ist diese Frage allein überhaupt nicht zu lösen, weil eben die" Arbeiterfrage" auch für ein faschistisches Regime nicht nur eine technische, organisatorische und finanzielle ist, sondern vor allen Dingen eine soziale und B- 29politische Frage ist. Diese sozialen und politischen Schranken zeigen sich auch auf anderen Gebieten der Vehrwirtschaft, in der Arbeiterfrage können sie sich aber am ehesten als unüberwindbar erweisen. III. Kritik der Wehrwirtschaft. 1) Die Widersprüche einer kapitalistischen Wehrwirtschaft. Schon die Tatsache, dass der deutsche Generalstab es für nötig hält, eine besondere wirtschaftliche Ideologie zu entwickeln und zu propagieren, deutet darauf hin, dass auch der dirigierte deutsche Kapitalismus in seiner heutigen Gestalt nicht ohne weiteres die militärisch notwendige Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte garantiert, zum mindesten nicht in der vom militärischen Standpunkt aus notwendigen Richtung. Die geschichtliche Mission des Kapitalismus war eine ausserordentliche Entfaltung der wirtschaftlichen Produktivkräfte. Aber von Anbeginn hat der Kapitalismus diese Entfaltung auch immer wieder zeitweilig gehemmt, was am sinnfälligsten in der ungeheuerlichen Vernichtung von Werten und Produktivkräften in den periodischen Wirtschaftskrisen in Erscheinung tritt. Schliesslich aber muss das kapitalistische Wirtschaftssystem ist die Grund these, auf der unsere Ueberzeugung von der gesellschaftlichen Notwendigkeit der sozialistischen Umwälzung, beruht zu einer Fessel der Entwicklung der Produktivkräfte werden, die gesprengt werden muss. Die Generalstäbler und" Wehrwirtschaftler" aber sehen zunächst nur die Tatsache, dass die kapitali stische Wirtschaft die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ohne staatlichen Eingriff nicht mehr so steigert, wie es aufgrund der gegebenen technischen und menschlichen Voraussetzungen möglich wäre. und das Notwendigerweise ist schon die Fragestellung, mit der das Militär an die Produktion herantritt, dem Kapitalismus fremd. Das Militär fragt: Ist der Produktionsapparat in der Lage, B- 30eine bestimmte technische Leistung zu vollbringen, kann er diese und jene Erzeugnisse rechtzeitig und in genügender Zahl und Qualität liefern? Das Kapital fragt und muss fragen: Rentiert sich die Produktion, verzinst sich das investierte Kapital? Nun ist Rüstung an sich unproduktiv, bringt nichts ein, sondern kostet nur und stellt eine Belastung dar, die umso grösser ist, wenn an der Rüstung auch noch grosse kapitalistische Schichten sich bereichern. Ausserdem aber erfordert die wirtschaftliche Kriegsbereitschaft den Aufbau eines umfangreichen Produktionsapparats, für den eine zivile Verwendung nicht gegeben ist. So baut zum Beispiel die Flugzeugindustrie Reserveanlagen, die sie vorläufig gar nicht in Betrieb nimmt. Nicht anders steht es mit der Schaffung von Vorratslagern, die auch eine unproduktive Festlegung von Kapital erfordern. Darum ist der Unternehmer, wenn er betriebswirtschaftlich rechnet, gegen grosse Vorräte. Wenn er auf Verlangen des Staates Vorräte anlegt, so will er die darin festgelegten Gelder verzinst sehen wie sein übriges Kapital. Ebenso ist es mit den Ersatzstoffindustrien, so weit ihre Erzeugnisse mit den zu ersetzenden Naturprodukten nicht konkurrieren können. Wenn den Ersatzstoffindustrien durch staatlichen Preisschutz Profite garantiert werden, so bedeutet das eine zusätzliche Belastung der Gesamtwirtschaft. Der grösste Teil dieser Belastungen würde auch einem sozialistischem Staat, der sich auf wirtschaftliche Rüstung einstellen muss, nicht erspart bleiben. Wenn Produktivkräfte unproduktiv angewendet werden, muss ein entsprechender Ausfall bei der Deckung des zivilen Bedarfs entstehen. Aber ein sozialistischer Staat könnte solche Opfer leichter tragen: einmal weil er in der Steiergung der Gesamtproduktivität einem kapitalistischen Staat überlegen ist, zweitens weil er diese Opfer gleichmässig verteilen kann und es keine Schicht mehr gibt, die aus der Rüstung Profit zieht, und drittens weil im sozialistischen Staat wehrwirtschaftliche Probleme nur technisch- organisatori sche Fragen sind, aber keine Fragen der Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse. Im Prinzip muss darum ein sozialistischer B- 31Staat einem kapitalistischen im" Wettrüsten" ökonomisch und sozial überlegen sein, wenn die technischen organisatorischen und sonstigen Bedingungen und die Volkszahl die gleichen sind. Die deutschen Militärs stossen selber auf Schritt und Tritt auf die Widersprüche zwischen kapitalistischen und wehrwirtschaftlichen Ansprüchen an die Wirtschaft und werden darum wider Willen zu ständiger" fachlicher" Kritik am Kapitalismus genötigt. Sie kritisieren nur die jeweils auftauchende Einzelfrage und es wird ihnen nicht bewusst, dass sie in dieser Einzelfrage auch schon das ganze gesellschaftliche System kriti sieren etwa, wenn sie Unterordnung der kapitalistischen Kalkulation unter" wehrwirtschaftliche" Gesichtspunkte fordern. Das ändert nichts daran, dass objektiv die Wehrwirtschaft zu dauernder kritischer Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus zwingt. 2) Die Verstaatlichung der Rüstungsindustrie. Greifen wir die Frage der Verstaatlichung der Rüstungsindustrie heraus. Mussolini hat aus den Erfahrungen des abessinischen Feldzuges die Lehre gezogen, dass die in Form von Aktiengesellschaften betriebenen Grossindustrien( das sind praktisch alle kriegswichtigen Industrien) verstaatlicht werden sollen. Doch sollen die Privatbesitzer entschädigt werden und die Betriebe in ihrer Kalkulation und Leitung selbständig bleiben, so dass am bestehenden Zustand praktisch nicht viel geändert wird, ausser dass für die Unternehmungen jedes private Risiko wegfällt. Auch die von der französischen Volksfrontregierung eingeleiteten Verstaatlichungsmassnahmen in der Rüstungsindustrie liegen auf der Linie, die Mussolini in Italien durchführen will, nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass in Frankreich aus dem verstaatlichten Industrie sektor die Gewinne ausgeschaltet werden sollen. Allerdings ist in den französischen Plänen der Begriff" Rüstungsindustrie" sehr eng gefasst. Es wird nur die eigentliche Waffenproduktion von der Verstaatlichung betroffen. B-32In England trat Mitte Mai Lloyd George für Verstaatlichung n der Rüstungsbetriebe ein. Sein Hauptargument ist, dass zur Vorbereitung einer ausreichenden Kriegsrüstung und industriellen Leistungsfähigkeit im Kriegsfalle ein solches Mass von Voraussicht, Planung und Experimenten gehört, dass die private Industrie dem nicht gewachsen sei. Den Ansichten Lloyd Georges setzte Oberst Sir Hankey in einem Memorandum den bereits erwähnten Einwand entgegen, dass im Falle eines Krieges mit einer fünfzigfachen Vergrösserung des Armeebedarfs zu rechnen sei. Man müsse daher neben den normalen Bezugsquellen der Armee weit stärkere Reserve quellen haben, Unternehmungen, die sich in Friedenszeiten mit der Fabrikation anderer Dinge beschäftigen. Diese Reserve könne nur die private Industrie sein. Man müsse schon im Frieden dafür sorgen, dass sie in einem gewissen Masse entsprechende Produktionsanlagen errichte und das sei nur erreichbar, indem man ihr auch im Frieden Heeresaufträge erteile. Man könne nicht die Leistung der eigentlichen Rüstungsindustrie im Kriege verfünfzigfachen, sondern müsse dazu die ganze Industrie mobilisieren. Diese Gesichtspunkte sind denn auch der jetzigen beschleunigten Aufrüstung in England zugrunde gelegt worden. In Deutschland wird über diese Frage ebenfalls diskutiert, wobei die eine Richtung nach dem Beispiel Englands, die andere mehr dem Italiens zuneigt. Einig ist man sich darin, dass im Kriege ein straffes militärisches Oberkommando auch über die Wirtschaft ausgeübt werden muss. Die Fragestellung bei den Militärs, ob sie für oder gegen die Verstaatlichung sind, ist zunächst nicht politisch und ökonomisch, sondern nur technisch und organisatorisch. Für sie bedeutet Verstaatlichung keineswegs eine Durchbrechung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Und sie ist es auch nicht, sondern kann im Gegenteil ihrer Stabilisierung dienen. Das Moment der pro- oder antikapitalistischen Einstellung muss also bei der Betrachtung der militärischen Debatten über die Form der Führung und Kontrolle der Industrie ausser acht gelas B- 33sen werden. Man kann aus rein technischen und organisatorischen Erwägungen die Rüstungsindustrie verstaatlichen, die Besitzer als Direktoren gegen hohe Gehälter weiterbeschäftigen und zugleich die Besitzrechte ihnen so teuer abkaufen, dass sie sich dabei weitaus besser stenen als wenn sie Unternehmer bleiben würden. Nichts wäre falscher, als in der Forderung der Verstaatlichung etwa eine sozialistische Einstellung zu sehen. Die Forderung der Verstaatlichung kann das genaue Gegenteil bedeuten. Es kommt hierbei auf den Charakter des Staates an, der die Entprivatisierung vornimmt. Dennoch ist die Frage politisch bedeutsam. Da heute die Rüstungsindustrie die entscheidenden Teile der Gésamtwirtschaft umfasst, so bedeutet ihre Verstaatlichung und Unterstellung unter militärische Disziplin die völlige Beherrschung der Schlüsselpositionen der Wirtschaft durch den militärischen Apparat. Zugleich tritt damit aber die Militärmacht aus der betonten Sonderstellung" über den Parteien" heraus, wird sie zwangsläufig in die grundlegenden wirtschafts- und sozialpolitischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Und dies dürfte der entscheidende Grund dafür sein, dass die deutschen Militärs nicht gern an eine Verstaatlichung der Rüstungsindustrie herangehen. Die einheitliche zentrale Befehlsgewalt in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, die für den" Ernstfall" auch von denen gefordert wird, die die Verstaatlichung ablehnen, führt mit weiterer Durchsetzung der wehrwirtschaftlichen Gesichtspunkte auch im Frieden faktisch dazu, die dauernde zentrale Befehlsgewalt des Militärs über die Wirtschaft zu schaffen. ' Die eigentliche Bedeutung der Verstaatlichung der Rüstungsindustrie und überhaupt der Gross- Industrie zeigt sich aber im Hinblick auf die unvermeidlich, spätestens im Verlauf des kommenden Krieges notwendige Vernichtung der Staatsschuld wahrscheinlich im Wege einer Inflation. Wenn der Staat im Besitz der entscheidenden Sektoren der Industrie ist und die Kapitali sten durch Hingabe von Staatspapieren entschädigt worden sind, werden sie ebenfalls Opfer der Inflation durch die Entwertung B- 34dieser Staatspapiere. Diese Entwertung bedeutet dann die Enteignung der Kapitalisten, also eine soziale Umwälzung. Umgekehrt werden, wenn die Groddindustrie privat bleibt, nur die Gläubiger dieser Industrien enteignet, die Industriellen aber ihre Schulden los; die Inflation ist dann für sie wieder der Raubzug am Volksvermögen, den wir in Deutschland in der grossen Inflation erlebt haben. Bei Fortbestehen einer privaten Grossindustrie führt eine Inflation zwangsläufig zu einer unerhörten Verschärfung der sozialen Spannungen, die natürlich auch in den Augen der Militärs gerade im Kriegsfalle die schwerste Gefahr bedeutet. Objektiv, d.h. wenn die deutschen Offiziere nicht selber zu einem grossen Teil persönlich an der Aufrechterhaltung der bestehenden Eigentumsverhältnisse interessiert wären, müsste wehrwirtschaftlich unter diesem Gesichtspunkt die Verstaatlichung der Rüstungsindustrie im weitesten Sinne gefordert werden. 2) Das Facharbeiterproblem das Der Wir haben gesehen, mit welchen organisatorischen Mitte. faschistische Regime die Frage des Arbeitseinsatzes zu los versucht, dass sich die deutschen Militärs bereits Sorgen das" Defizit" an Arbeitskräften im Kriegsfall machen und dass dies eine der schwächsten Stellen der deutschen wirtschaftlichen Rüstung ist. An dieser Stelle zeigt sich aber die wehrwirtschaftliche Ueberlegenheit eines sozialistischen Staates über einen kapitalistischen am deutlichsten. Die kapitalistischen Staaten haben sich bis jetzt ausser Stande gezeigt, die in den letzten 2 Jahrzehnten entstandene strukturelle Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Der gegenwärtige internationale Konjunkturaufschwung vollzieht sich überall bei ausserordentlich hohem Stand der Arbeitslosigkeit( Obwohl gleichzeitig Facharbeiter fehlen). Die Beseitigung dieser strukturellen Arbeitslosigkeit bei gleichzeitiger Entwicklung der technischen Produktivkräfte, also bei weiterer Rationalisierung, ist bei erheblicher Verkürzung der Arbeitszeit ohne Senkung des Lebenshaltungsniveaues B- 35B7th GOD möglich. Nur eine ausschliesslich auf Erhaltung und Entwicklung der technischen und menschlichen Produktivkräfte ohne Rück sicht auf Kapitalsinteressen gerichtete Gesellschaft kann auch jene Reserve an Arbeitskraft schaffen, die die Militärs fordern ohne dass sie die gesellschaftliche Bedingtheit der Erfüllung einer solchen Forderung erkennen. Bei einer, sagen wir 30Stundenwoche die beim heutigen Stand der Technik nichts Utopisches mehr ist könnten wahrscheinlich alle vorhandenen Arbeitskräfte einschliesslich der statistisch nicht erfassten mobilisierbaren weiblichen auf gesaugt werden. Werden zugleich ernste Anstrengungen gemacht, um alle diese Arbeitskräfte möglichst zu qualifizieren, so entsteht eine grosse natürliche Reserve an ausgebildeten und dauernd in Uebung befindlichen Arbei tern. Denn im Kriegsfalle brauchte man nur zu einer längeren Arbeitszeit von z. B. 48 Stunden zurückzukehren, um mit einem Schlage zu einer Vermehrung der verfügbaren Arbeitskraft um mehr als die Häkfte zu gelangen. Natürlich bestehen auch dann noch eine Reihe von organisatorischen Schwierigkeiten der richtigen Verteilung der Arbeitskräfte entsprechend den besonderen Bedingungen der Kriegswirtschaft, aber sie sind nicht schwieriger zu lösen als andere organisatorische Kriegsaufgaben auch und interessieren lediglich die entsprechenden Abteilungen des kriegswirtschaftlichen Gene- 1 ralstabs. Die Schaffung eines" Vorrats an qualifizierter Arbeitskraft" aber ist keine militärische, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, die nicht gelöst werden kann, indem man einige Millionen Arbeiter beruflich ausbildet und dann mit eini gen Mark Arbeitslosenunterstützung oder durch Unterbringung bei irgendwelchen Notstandsarbeiten auf Eis legt. Die Reserve an Arbeitskraft muss in jedem einzelnen Arbeiter selbst liegen. Es ist darum schon richtig, zu fordern, dass jeder Deutsche ein Facharbeiter werden muss. Aber dann muss auch jeder Deutsche Arbeit in seinem Fach finden und zwar dauernd und bei einem Normalarbeitstag, der in Zeiten der Not eben eine erhebliche Verlängerung erlaubt- vorausgesetzt, dass die Arbeiterschaft す B- 36hinter der Regierung steht und den Krieg als ihren Krieg betrachtet; auch das ist keine militärische, sondern eine politische, eine gesellschaftliche Frage. Das Facharbeiterproblem tritt in seiner vollen Bedeutung nicht zutage, so lange sich Staaten gleicher gesellschaftlicher Struktur gegenüber stehen. Kein kapitalistischer Staat kann es vollständig lösen, darum ist auch kein Staat in dieser Beziehung den anderen grundsätzlich überlegen. Das Problem wird aber zu einer für das Kriegspotential entscheidenden Frage, wenn sich Staaten verschiedener gesellschaftlicher Struktur gegenübertreten, also z. B. faschistische und sozialistische. 3) Wehrmacht und Staat. Die Entwicklung der Wehrwirtschaft ist in Deutschland noch bei weitem nicht abgeschlossen. Die sogenannte Aufrüstung näher sich ihrem Ende; jetzt geht es in Deutschland darum, einen entscheidenden Rüstungsvorsprung zu erzwingen und die natürlichen militärischen Schwächen, die sich aus der Lage, der Bodenbeschaffenheit und dem Rohstoffmangel ergeben, soweit wie irgend möglich auszugleichen. Dabei fällt der Wehrwirtschaft eine zendass trale Aufgabe zu. Man wird daher damit rechnen müssen, wehrwirtschaftliche Gedankengänge und Gesichtspunkte in Zukunft noch in ganz anderem Masse in den Vordergrund treten werden. Die dem deutschen Volke eigene Gründlichkeit und Organisationsgabe werden dafür sorgen, dass Deutschland nach allen Richtungen und bis in den letzten Winkel wehrwirtschaftlich durchorganisiert wird. Kommt es dazu, so wird das nicht nur militärisch und wirtschaftlich, sondern auch innenpolitisch von grosser Bedeutung sein. Die Dinge haben hier ihre eigene unausweichliche Konsequenz: wird das wehrwirtschaftliche Denken zur herrschenden Wirtschaft anschauung in Deutschland, so kann das nicht ohne Einfluss auf Wehrmacht Partei bleiben. Setzt die das Verhältnis Staat Wehrmacht den Anspruch durch, das ganze gesellschaftliche B B- 37Leben im Sinne der Wehrwirtschaft zu durchdringen, so muss das ihre Stellung in Regime weiter verstärken. Das Regime hat schon bisher innen politisch im wesentlichen von seinem aggressiven Nationalismus gelebt, aber es ist nicht nur der Nutzniesser, sondern zugleich der Gefangene dieser Ideologie. Aus der Parole:" Alles für die Wehrmacht" kann eines Tages leicht die Folgerung gezogen werden:" Alles durch die Wehrmacht. Für den Fall des Krieges ziehen die Militärs schon heute ganz offen diese Folgerung, indem sie für den Ernstfall die einheitliche Oberleitung des Militärs über die Wehrwirtschaft, d.h. also praktisch über die gesamte Wirtschaft verlangen. Die Nationalsozialisten können dieser Entwicklung umso weniger Widerstand entgegensetzen, als sie es nicht vermocht haben, dem Nationalsozialismus irgend einen handgreiflichen Inhalt zu geben. Ihre Parolen:" Volksgemeinschaft"" Gemeinnutz geht vor Eigennutz" " Brechung der Zinsknechtschaft" sind leere Redensarten geblie ben. Während sie selbst zu wehrwirtschaftlichen Gedankengänger greifen müssen, um diesen Parolen etwas Leben einzuhauchen ( z. B." erst Nahrungsfreiheit, dann Lohnerhöhung"), requirieren die Militärs unverhohlen diese Parolen für ihre wehrwirtschaftlichen Ziele. Diese Ueberlegungen dürfen nicht zu primitiven Vorstellungen über eine Ablösung des Regimes durch eine Militärdiktatur verleiten. Das Regime braucht die Armee, aber die Armee braucht einstweilen auch das Regime. Solange das Regime der Wehrmacht alle wesentlichen Wünsche erfüllt und die Massen in der Hand behält, ist nicht einzusehen, warum die Armee nicht mit der bestehenden Herrschaftsteilung zufrieden sein soll. Die Militärs sind sich klar darüber, dass auch ein Militärregime auf die Dauer nicht ohne Massengrundlage regieren kann. Die Nationalsozialisten haben bisher immer wieder mit Erfolg diese Massengrundlage herzustellen vermocht und auch die Methoden, die sie dabei angewendet haben, können den Militärs recht sein, solange sie nur zum Erfolg führen. Es sind dieselben Methoden, die das Militär selbst seit jeher in eroberten Ländern ge B-38- braucht hat. Deshalb glauben die Militärs von ihrem Standpunkt aus auch nicht, dass eine andere polltische Kraft und eine andere staatliche Organisationsform sich zur Zeit als nützlicher für ihre Zwecke erweisen könnte. Sie nehmen freilich bei dieser Rechnung den Oberbefehl Hitlers mit in Kauf und das ist nach militärischer Anschauungsweise keineswegs nur eine Formalität. So kann eines Tages der groteske Fall eintreten, dass Hitler einen Krieg beginnt, in dem die Armee ihm folgt, wenn vielleicht auch widerwillig, und in dem doch zugleich die Entmachtung der NSDAP die zwangsläufige Folge des umfassenden militärischen Oberbefehls ist.