Deut sohl and-Be r i cht der Sopade . Prag X. 3. Jahrg. Nr. 10. Oktober 1936. Inhaltsverzeiehmie T e i 1 A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 1 Die Haltung des Bürgertums- Der Ablauf der spanischen Tragödie im Spiegel deutscher Stimmungsberichte- Dad Volk' und der Vier jahresplan- Die Kolonialpropaganda II. Sozialpolitik und Spendenwirtsohaft 1) Die Winterhilfe Sammlungen und Leistungen 2) Die sonstige Sammelei 3) Die NS-Volkswohlfahrt 4) Der Abbau der behördlichen Sozialpolitik Die Sozialversicherung- Die Arbeitslosenversicherung und Krisenfürsorge- Die Kriegsopferversorgung- Die Wohlfahrtspflege der Gemeinden- Bericht aus einem Altershelm. III. Die Jugend im Dritten Reich 1) Die Hitler-Jugend Die Jungvolk-Werbung- Die Erziehungsmethoden der HJ- Der"Dienst" in der HJ- Die Verrohung und sittliche Verwahrlosung der Jugend- Die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern- Ernüohterungserscheinungen- Die Jugend in den Betrieben 2) Aus der Schule$2 3) Von den Hochschulen gg 4) Lebenslauf ein�s Hitler-Jungen lo6 22 22 34 38 45 63 63 -2- T e i 1 B: Uebersiohten Finanzpolitik{IV): Die Finanzierung der deutschen Rüstungen I. Die Einnahmequellen B 2 1) Steuereinnahmen und Budgetersparnisse 2 2) Der AusTerkauf von Reichsvermögen 4 3) Die eingestandene Sohuldensteigerung 4 4) Die Arbeitsbeschaffungs- und Rüstungs- weahsel 7 3) Gesamtsohätzungen 15 II. Der Kaufpreis der Rüstungen 17 III. Wo sind die Grenzen?. 28 Teil A (Abgeschlossen am 10. November 1936 I. Die allgemeine Situation in Deutschland. Nachdem vir im vorigen Monat einen zusammenfassenden Bericht über die Haltung unserer Genossen in Deutschland wiedergegeben haben, lassen wir jetzt einen Bericht über die Haltung des Bürgertums folgen. Dieser Bericht stützt sich auf zahlreiche Unterhaltungen mit Männern und Frauen aus verschiedenen Landesteilen und verschiedenen Schichten des Bürgertums, die nicht Sozialisten sind, u.a. mit einem Universitätsprofessor, mit mehreren Studenten verschiedener Fakultäten, mit einem höheren königl.-preuss. Verwaltungsbeamten, der im Jahre 1918 seinen Dienst quittiert hat, weil er der Republik nicht dienen wollte, und mit der Frau eines deutschen Offiziers. Es sind durchweg Leute aus früher konservativen, christlich-sozialen und liberalen Kreisen. Jeden machte ich zunächst darauf aufmerksam, dass er Unannehmlichkeiten haben könne, wenn bekannt werde, dass er mit mir gesprochen habe. Alle gingen darüber sofort hinweg. Ein Student antwortete:"Na schön, dann also eine Unannehmlichkeit mehr!" Alle ohne Ausnahme bezeichneten meine Anschauungen über die Dauer des Regimes als zu pessimistisch. Keiner hatte je illegales Material gesehen oder von dessen Existenz anders als durch Zeitungsberichte gehört. Alle wunderten sich, dass das Volk die allgemein verhasste Tyrannei weiter ertrage, und jeder wartet darauf, dass sich endlich überall ein organisierter Widerstand regt. Für das System seien nur noch die Leute, die unmittelbare materielle Vorteile aus den öffentlichen Kassen hätten, also die Bonzokratie, nicht aber die Masse der Beamten, die zuviel Gelegenheit hätte, die gan ze Unfähigkeit und Korruption des Nationalsozialismus zu beobachten. Unzweifelhaft hat die intensive Propaganda grosse Verwirrung geschaffen, aber das Fragen nach den Tatsachen ist doch allgemein. Jeder fragte mich in der Unterhaltung etwa:"Was war denn eigentlich am 30. Juni los?" Alle erklärten dann, sie glaubten nicht, dass die Wirkung dieses Tages schon vorüber sei. Jeder kam auf den Reichstagsbrand A-2- zu sprechen. Keiner glaubte mehr recht an die Brandstiftung durch Kommunisten und wollte von mir Beweise haben, dass es wirklich die Regierung gewesen sei, da man sich in den gebildeten Kreisen einfach nicht vorstellen könne, dass eine deutsche Regierung so verbrecherisch handelt. Alle erklärten sich durch meine Darlegungen überzeugt. Mehrere fragten: "War es denn wirklich so, dass wir nur noch die Wahl zwischen Hitler und dem Kommunismus hatten?" Alle erklärten sich getäuscht durch den Nationalismus Hitlers und durch seine positiv christlichen Erklärungen, die sie ernst genommen hätten. Einer erklärte, dass er noch immer Hitler persönlich für ehrlich halte, aber das war nur einer. Einmütig waren alle in der Erklärung, dass die Minderwertigkeit des nationalsozialistischen Führer- und Terwaltungs- korps allgemein voll erkannt sei. Den Wahlschwindel meinten alle genügend zu durchschauen. Niemand im Reiche nehme die Wahlen ernst. Einer, ein Theologe, meinte, schon bei der ersten Wahl im Juni 1933 würden bei einer gesicherten Abstim mung und zuverlässigen Zählung nicht mehr als etwa die Hälfte der Stimmen für Hitler gefallen sein. Allen waren meine Angaben über den Umfang der Misshandlungen, Wohnungszerstörungen, Ersohiessungen auf der Flucht, Zuchthausstrafen etc. neu. Die Unwissenheit über politische Tatsachen ist offensichtlich in diesen"gebildeten" Kreisen erschreckend. In der politischen Beurteilung des Systems ist ein Unterschied zu machen zwischen den Theologen, die sich nur kirchlich religiös mit dem Staate auseinandersetzen und jede Poli tisierung ihres Kampfes ablehnen und den Studenten, die sich auch politisch mit den Nationalsozialisten auseinandersetzen und zwar durchaus auch schon in kleineren Zirkeln. Diese jungen Leute fühlen sich ziellos. Als ich sie auf den mangel den Sozialismus aufmerksam machte, gab es bei jedem zunächst Einwände, die Kapitalisten müssten doch viel abgeben, oder das Winterhilfswerk wurde angeführt, aber ich merkte, dass sie furchtbar gern widerlegt werden wollten und selber an ihre Argumentation nicht glaubten. Einer der Studenten, der im Jahre I933 Nazi war, gab sofort zu, man habe sie enttäusc weil die Grosslndustrie nicht enteignet und verstaatlicht worden sei. Dasselbe gelte für den Grossgrundbesitz. Die Unruhe über dieses Ausbleiben sei in der studierenden Jugend ziemlich gross. Ein anderer Student fragte mich, ob es richtig sei, dass die Schwerindustrie die Nazis kurz vor der Machtergreifung durch die Zuwendung von Millionensummen gerettet habe. Darüber werde viel gesprochen, ohne dass man Näheres wisse. Weithin sei man auch der Meinung, die Korruption und Tetternwirtschaft übersteige alles je Dagewesene. Ein Student erzählte mir, in seinen Freundeskreisen pflege man, wenn wieder mal das Gespräch auf diesen oder jenen Bonzen und seine Lebensführung komme, nur zu sagen:"In dem früheren System hat der Oberbürgermeister Boss gehen müssen, weil seine Frau einen Pelz zu billig gekauft hat..." ille versicherten mir, von einer Gleichschaltung de? Stu- deuten und der Professoren könne gar keine Rede sein. Mancht der aufoktroyierten Professoren würden ostentativ gemieden, und zwar schon deshalb, weil sie nichts zu sagen hätten. Streberisch veranlagte Studenten, aber auch manche Professoren und Beamten vermieden allmählich,'sieh auf den Nationalsozialismus festzulegen, weil sie mit einem Umschwung in absehbarer Zeit rechneten. Alle versicherten mir, auf irgend welche Sympathien für den russischen Kommunismus nicht ge- stossen zu sein, wenn auch manchmal mit einem gewissen Fatalismus davon gesprochen werde, der Bolschewismus komme doch. Die zweijährige Dienstzeit sei nicht nur ganz allgemein abgelehnt worden, sondern habe vielen auch erst die Augen über den Ernst der aussenpolitischen Lage geöffnet. Die Losung "Kanonen statt Butter" werde meist bespöttelt und manchmal in ihren Kreisen offen als Blödsinn bezeichnet. Wie solle schliesslich das Volk die Kanonen bedienen, wenn es an der kräftigen Ernährung fehle. Das System könne unmöglich einen längeren Krieg führen. Dazu sei die Zersetzung schon viel zu weit vorgeschritten. Die SA. werde in intellektuellen Kreisen allgemein abgelehnt. Wer aus dem Heere zurückkehre,, sei ein geschworener Feind der SA. und sage sich nur, was denn diese dumme Spielerei noch solle. Soweit das Studententum in Betracht komme, bringe der Militärdienst sichtbare Wandlungen in Gestalt eines grösseren Ernstes und vermehrter Kritik gegenüber den landläufigen Repräsentanten des Systems hervor. Der Unterschied zwischen den Offizieren und den Lokalgrössen der Nazis sei denn doch bedeutend. Auf irgendwelche pazifistische Strömungen oder auf irgendwelche grundsätzliche Ablehnung der Abrüstung ist bisher keiner der Befragten gestossen Hingegen beginne man sich allmählich Gedanken zu machen, wie denn das alles bezahlt werde und man sei innerlich unsicher, ob denn nicht am Ende alles so gehe, wie einst mit der Kriegj anleihe. Mehrere Studenten versicherten, dass die Nazis in � guter Kenntnis der Stimmung in der Studentenschaft immer zurückwichen, wenn irgendwo eine geschlossene Studentengruppf, gegen gewisse Zumutungen auftrete. - Der frühere preussische Verwaltungsbeamte ist ein typischer Vertreter der"Reaktion". Verwandte von ihm, darunter I ein Greis, sitzen wegen"Verleumdungen" hinter Schloss und Riegel. Im Grunde haben sich diese Leute nicht geändert. Die; Witze, die sie früher über den"Sattler Ebert" erzählten, machen sie jetzt über die Reichsstatthalter und Gauleiter. Der Widerstand des Grossgrundbesitzes und aller mit ihm zusaa menhängenden Gesellschaftssohiohten sei geschlossen und werdf sich in der Ernährungswirtsohaft noch schlimm auswirken. Er selber hat übrigens weder Ar noch Halm und ist überzeugt, dass grosse Agrarreformen kommen müssen. Die jetzigen Ernährungsschwierigkeiten rührten schon zum grossen Teil von dem passiven Widerstand der mittleren und kleineren Bauern her, die schlechter zu kontrollieren seien und sich in der A-4- Umgehung der Terordtmngea nicht so in acht zu nehmen brauchten wie die Grossen mit vielen Dienstboten und Arbeitern. Der Bauer sei nach wie vor rein materiell eingestellt und die nationalsozialistischen Phrasen gingen zu einem Ohr hinein, zum anderen hinaus. Es gebe keine nationalsozialisti sehen Bauern, nur unzählige Leute auf dem Lande, die seit zwanzig Jahren von allen sich verraten und verkauft fühlten und nur noch darauf bedacht seien, sich und ihr Vermögen über das Durcheinander hinüber zu retten. Der Gedanke, dass Kommunisten auf dem Lande Einfluss gewinnen könnten, sei absurd. Man spreche kaum von ihnen, ausserdem halte man viel fach die Nazis für Bolschewisten und das vermehre gewiss nicht die Sympathien für den Kommunismus. Man warte auf etwa Neues. Wie es aussehen werde und wann es komme, wisse man freilich nicht. Nur wundere sich jeder, dass nicht losgeschlagen werde, man warte aber immer auf den anderen. Besonders stark interessierte mich natürlich die Stimmung der Jugend. Alle versicherten mir, ich sei in deren Beurteilung zu pessimistisch, denn der latente Widerstand sei gross und auch die Kritik am System und an den Führern wachse, wenn auch das Gefühl bleibe, dass man einen Führer brauche, was in Ermangelung eines Besseren Hitler zugute komme. Soweit die bürgerliche Jugend überhaupt politisch denke, wirkten die parlamentarischen Kämpfe in anderen Ländern, auch die Betrieb.abesetzungen und der Bürgerkrieg in Spanien ab- stossend. Von"Einheitsfront" wisse man nichts, die Frage Kommunismus und Sozialdemokratie werde nicht besprochen und interessiere in diesen Kreisen nicht. Alle erklärten, dass die Enttäuschung, die Ernüchterung und der innere Widerstand in der Jugend wüchsen. Man mache mit, weil man nicht anders könne, aber von einer tieferen Ueberzeugung sei nicht die Rede. Es sei eine.— allerdings nicht organisierte-- Oppo- sltioasströmung überall in der Jugend vorhanden. Der grosse Vorteil des Systems sei, dass die Jugend nicht in grösseren Kreisen diskutieren und über grössere Gebiete in Verbindung treten könne. Wäre das möglich, würde ein Strom von Widerspruch gegen den Nationalsozialismus aufbrechen, weniger ideologisch, sondern gegen den unerhörten Zwang, gegen die unmögliche Gleichschaltung und gegen die ganze Unsauberke.it des Führerapparates. Die Frau des Reichswehroffiziers war 1933 begeisterte Nezl- stin und zwei Jahre Mitglied des BdM. Sie wurde'unter dem Elr fluss ihrer Freunde im Offizierskorps kritisch und trat endlich trotz grosser Schwierigkeiten, die sie sich zuzog, aus. Sie hebe das aber gegen den Rat ihres Mannes und seiner Offiziersfreunde getan, die ihr geraten hätten, drin zu bleiben und einen Führerinnenposten zu erwerben. Das sei die einzige Möglichkeit, die Geschicihte von innen heraus auszuhöhlen denn einstweilen sei gegen den �riesenhaften Apparat von ausse nichts zu machen; sie habe sich aber eine solche Rolle nicht zugetraut. Sie habe jedoch deutschnationale Freundinnen, die A-S- diese Doppelrolle spielten. Habe man erst eine gewisse Stufe in der Führerhierarchie erstiegen, dann sei man ziemlich selbständig und könne sich allerhand in der Beeinflussung der Jugend herausnehmen. Das umsomahr, als es an Kräften fehle, die grössere Gruppen führen und erziehen könnten. Die Abneigung gegen die Termännliehung der weibliehen Jugend sei wahrscheinlich bei den jungen Männern noch grösser als bei den Jungen Mädchen. Persönlich glaubt sie nicht, dass die Verrohung und die Entsittlichung so gross sei wie erzählt werde. Nur würden die Mädels durch das ewige Marsohleren und Singen von Landskneohtsliedern zu Trampeln. In ihrer Stadt sei eines Tages ein singender Trupp Jugend unter den Fenster) des Gymnasiums vorbeigezogen. Ein Studienrat habe das Fenster geöffnet und die Primaner, die von ihren Plätzen aus die Strasse nicht übersehen konnten, gefragt:"Was sagt Ihr? Marschiert da ein Trupp Jungen oder Mädchen?" Alle hatten auf Jungens getippt, tatsächlich sei es marschierender BdM gewesen. In den Helmabenden gehe es eigentlich nicht anders zu, als früher in der Jugendbewegung. Politisch interessiert seien nur wenige. Die Zahl der fanatischen Nazistinnen sei gering und werde immer geringer. Hauptunterhaltung sei zurzeit die Nahrungsmittelnot, und die Entschuldigungen der Regierung machten nicht viel Eindruck. Ihre Offiziersfreunde seien sämtlich gegen die Nazis und bezeichneten deren SA- und SS-Führer als"Kroppzeug", von dem sie leider doch eine ganze Menge ins Offizierkorps hätten nehmen müssen. Das Offizierkorps bemühe sich, genau so exklusiv zu werden wie frühe) Dass unter gewissen Toraussetzungen Leute, die sich in der Bewegung verdient gemacht hätten, Offiziere werden könnten, ohne das Abitur gemacht zu haben, rege die Offiziere auf, die eine lange und harte Ausbildung hinter sich hätten. Die meisten Offiziere dürften die Partei verachten, aber man- betraohte den Parteiapparat noch als ein notwendiges Uebel. Die Frau bezeichnete sich selbst als"reaktionär" und behauptete, dass in ihren Kreisen das Wort"Reaktion" als ehrend gelte, erklärte aber, man wisse sehr genau, dass man nicht mehr zu den alten Verhältnissen zurückkehren könne. Aehnlich äusserte sich ein Student, der hauptsächlich mit Offiziersfamilien verkehrt: keine politischen Gespräche, aber Witze über Blomberg, der allgemein"Hitlerjunge Quex" heisse, gelegentlich auch schnoddrige Bemerkungen über"Ädoli Während der Olympiade sei er einmal!�it seinem Bruder-der selbst Offizier ist- in einer Gruppe von Offizieren gestanden. Hitler habe, wie oft, auf sich warten lassen. Darauf allgemeines Geschnarre:"Na, Adolf wieder zu spät? Morgen ne Stunde nachexerzieren." etc. Dass. die Offiziere, mit Ausnahme der jüngsten Jahrgänge, Nazis seien, glaube er nichi. Allgemein geklagt werde im Heere über die reaktivierten Offiziere, die weder körperlich noch geistig den Anforderungen gewachsen seien. Sehr schwer sei es, genügend Offiziere für die Flugwaffe und die Tanks zu bekommen; die meisten meldeten sich zu weniger gefährlichen Waffen. Sein Bruder und des- A-6- sen Freunde behaupteten, nass die deutsche Armee erst in einigen Jahren kriagsfertig sei. Ein Fabrikant. Anfang 40, schneidig, gebildet, Typ: früher volkaparteilich, sagte mir, er könne sich nicht erinnern, seit Monaten einen Menschen getroffen zu haben, der- noch für die jetzige Regierung sei. In seinem Betriebe von etwa 2oo Mann halte er nur einen einzigen Arbeiter für einen überzeugten Nationalsozialisten, alle anderen seien Marxisten. Er habe hauptsächlich freie Gewerkschafter und die seien ihrer alten Fahne treu. Von den Kommunisten könne er nicht dasselbe sagen, aber deren Ueberlaufen zum Nationalsozialismus habe auch längst aufgehört, da damit nichts mehr zu erreichet sei. Es sei richtig, dass die Arbeiter müde seien, aber es sei eine eigentümliche Müdigkeit zwischen Radikalismus in der Grundstimmung und Hoffnungslosigkeit. Er unterhalte sich mit manchen Arbeitern sehr- freimütig. In seinen Gesellschaftskreisen glaube man nicht mehr an ein Gelingen der Wirtschafts- und Finanzexperimente und befürchte, dass der Krieg komme oder andere Katastropen. Das System werde nur noch von dem bewaffneten Parteiapparat, in gewissem, aber nicht parteipolitischem Sinne vom Heer und von der Angst getragen, was bei einem Umsturz herauskommen könne. Hitler gelte nach wie vor als persönlich sauber und guten Willens. Es sickere allmählich die Wahrheit über die Verbrechen vom Reichstagsbrand bis zum 30. Juni durch, aber man glaube nicht dass Hitler die Wahrheit gewusst habe. Durch die Auslandsreisen dringe manches nach Deutschland hinein. Die wenigsten schmuggelten zwar Bücher, aber sie erzählten zuhause, was sie draussen gelesen hätten. Ein' halb. jüdischer Schullehrer sagte mir, er sei ebensosehr wie seine arische Frau davon überzeugt, dass der Antisemitis-, mus tief eingefressen sei und dass Juden, auch Halbjuden etc. auf viele Jahre hinaus in Deutschland keine Zukunft hätten.- Es sei da zwischen Alten und Jungen zu unterscheiden. In der} Schule werde der gesamte Unterrichtsstoff von rassischem Anti semitismus durchtränkt und man dürfe sich nicht belügen: das grabe sich tief in die kindlichen Seelen ein. Z.B. werde in jeder Woche ein Spruch gewählt, der auswendig gelernt werden müsse und die ganze Woche an der Schultafel stehe. Das seien meistens Sprüche aus nationalsozialistischen Schriften und es komme auch vor, dass ein Spruch:"Die Juden sind unser Unglück" gewählt werde. Dieses Gift werde von den jungen Seelen aufgenommen. Aber auch unzählige Erwachsene seien der Propaganda erlegen. Sie missbilligten Radau-Antisemitismus und Verfolgungen, aber die Ausschaltung der Juden aus Verwaltung, Wissenschaft, Kunst etc. finde beinahe allgemeine Billigung. In den Lehrern habe das System die besten und treuesten Agitatoren. Die Lehrer hätten ähnlich wie die Angestellten immer schon zu romantischen völkischen Ideen geneigt. Hinzu komme, dass sie dem Staat für seinen antikirchlichen Kampf und die Entkonfessionalisierung der Schule dankbar seien. Sehr weit A-7- abgelehnt werde der"Stürmer" auch von begeisterten Nationalsozialisten, aber er hänge nach wie vor in zahllosen Kästen aus und werde namentlich von der halbwüchsigen Jugend und Kindern verschlungen. Diese Burschen und Mädchen glaubten an das, was sie da lesen und sehen. Viele Eltern seien darüber entsetzt. Er wisse, dass neulieh ein lokaler Nazifübrer an den Stürmer-Verlag geschrieben habe, das und das gehe zu weit, und man dürfe es Kindern nicht vorlegen. Er habe aber keine Antwort erhalten. Stark und tief wirke die antibolschewistische Hetze. Meine wiederholte und bestimmte Frage, ob denn dieses Geschrei nici die umgekehrte Wirkung habe, verneinte der Lehrer, der allerdings in einer mehr bäuerlichen und kleinbürgerlichen Gegend lebt. Andererseits gebe es natürlich auch Kreise, die aus ihrer Verbitterung und ihrem Hass zu den Kommunisten neigten. Von dem weit überwiegenden Teil der Bevölkerung könne man aber sagen, dass sie mit dem Blick auf den Bolschewismus erkläre:"Na, dann lieber Hitler!'; Das Sinken des Lebensmittelstandards werde nün allgemein gefühlt, aber obwohl doch die Aufrüstung einen wesentlichen Teil der Schuld trage, richte sich nach seinen Beobachtungen die Erbitterung nicht gegen das Heer, auch nicht gegen die Offiziere, die entschieden jetzt mehr Sympathien in breiteren Volksschichten genössen al früher. Die zweijährige Dienstzelt sei eine unangenehme Ueber rasohung gewesen, aber er glaube nicht, dass grosse Massen grundsätzlich gegen die allgemeine Wehrpflicht seien; sie sei aus erzieherischen Gründen auch von vielen Sozialdemokraten begrüsst worden. Dass die nationalsozialistische Stimmung tief eingedrungen sei, glaube er nicht, jedoch habe Hitlef verstanden, an schon vordem vorhandene nationale Instinkte und seelische Bedürfnisse zu appellieren. Auch die Arbeiter seien nationaler geworden. Das habe mit der Schimpferei auf die Regierung und die Not nichts zu. tun. Es sei mehr ein Nationalgefühl, wie es Naumann in seinen Schriften gepredigt habe. Hitler sei noch ausserhalb der Schusslinie der Kritik, weni stens allgemein gesprochen, aber der messianische Glaube an ihn sei so ziemlich erloschen. Man schimpfe auf ihn fast nie, während z.B. Goebbels nahezu allgemein verhasst sei, auch bei den Nazis. In Bezug auf die wirtschaftliche Zukunft fühle sich jeder unsicher, aber die vielen Menschen, die durch die Aufrüstung Arbeit bekommen hätten, betrachteten diese Arbeits beschaf fung als ein grosses Werk. Man dürfe wohl behaupten, dass man dem früheren System fast im ganzen Volke verdenke, dass es nicht gelungen sei, die Arbeltslosen, insbesondere die Jugend, von der Strasse zu bringe.n. Die Verringerung der Arbeitslosigkeit, die Aufrüstung und die aussenpolltische Energie seien das grosse Plus der Hitlerpolitik, und er persönlich glaube nach seien Beobachtungen nicht, dass auch nur ein Zehntel des Volkes diese Tatsachen innerlich nicht anerkenne. Die früheren Regierungen würden im Volke als willens- A-8- sohnach empfunden und die Parteien ebenfalls. Er verslchertt mir, das sei nicht seine eigene Meinung, denn er kenne die Grosstaten der Republik sehr genau, aber es sei die fast all gemeine Volksmeinung. Hitler wisse die Volksseele zu behandeln und immer wieder Massen für sich zu gewinnen.-Davon habe kein früherer Reichskanzler etwas verstanden. Irgend welche Kenntnisse sozialistischer Gedankengänge in unserem Sinne fand ich bei keinem der Befragten, aber grosses Interesse bei jedem. Hätte ich aber nicht gleichzeitig absolut für die deutsche Gleichberechtigung und für Abrücken von den Moskauer Kommunisten gesprochen, wäre ich zweifellos bei allen auf Misstrauen gestossen. Wir ergänzen diesen zusammenfassenden Bericht durch eine Reihe von Mitteilungen über die Haltung des Bürgertums aus verschiedenen Landesteilen. Nordwestdeutschland: Ein unpolitischer Mediziner berichtet nia i gemahne Htimmung im Bürgertum ist schlecht. Wer nicht irgendwie materiell an das System gekettet ist, schimpft ausnahmslos über die Zustände im Lande. Es sind die bekannte; Klagen: Korrumpierte, Verachtung weckende Verwaltung und Parteibonzokratie, Durchstechereien, Sohmiergeldsystem, völlige Ersetzung der Leistung durch das Parteibuch. Da und dort auch im Bürgertum vereinzelter passiver Widerstand, aber keine Spur einer einheitlichen Linie, keinerlei aktiver Wille Man wartet auf die Arbeiterschaft und sieht trotz der Wünsche das jetzige System vernichtend zu treffen, diesen Aktionen der Arbeiterschaft mit wenig Freude entgegen. Diese zwiespältige Haltung hat ihre Ursache darin, dass sich sowohl die Propaganda des Systems wie die einzige von aussen bemerkbare Gegenpropaganda in der Alternative treffen: Faschismus oder Bolschewismus. Gerade das Bürgertum, das meist bessere als Volksempfänger-Radio-Apparate besitzt, hört sehr eifrig Moskau und ist bereit, aus der alltäglichen eigenen Erfahrung heraus alles zu glauben, was von dort mitgeteil wird. Das System suggeriert durch seine ganze Propaganda gerade dem Bürgertum, dass es nach dem Nationalsozialismus nichts anderes als den Bolschewismus geben könne. Und auf derselben Linie bewegt sich die einzige dem Bürgertum bemerkbare Gegenarbeit: der Moskauer Sender. Aber niemals war das Bürgertum so reif für eine Propaganda sozialistischer Lösungen unter Wahrung gewisser persönlicher Freiheiten wie jetzt. Immer wieder wird gegen die westeuropäischen Demokratien der Vorwurf erhoben, warum sie das Land ausschliesslich der faschistischen und bolschewistischen Propaganda überlassen. Für das Bürgertum besteht kein Zweifel, dass die Spannungen zwischen diesen beiden Faktoren eines Tages durch den Krieg gelöst werden. Man fragt sich, warum Westeuropa so kurzsichtig ist'md nichts dagegen unternimmt. Ob man denn die Gefahr A-9- nicht sehe, die für den Westen gleich gross sei, ob der Faschismus oder der Bolschewismus am Rhein stehe. Allgemein glaubt man, dass es eine Kriegserklärung nicht geben wird und die Mobilmachung völlig überraschend kommt, dass die Mobilisation auch Hand in Hand geht mit kriegerischen Operationen nach irgend einer Seite. Dass Kriegsbegeisterung im Volke herrscht, kann man wirklich nicht behaupten. Dabei ist man auch im Bürgertum überzeugt, dass das System sich auf Widerstände vorbereitet und sich sicherlich nicht scheuen wird, auch Zehntausende an die Wand zu stellen. Zweifellos wird das Heer unter dem zu erwartenden Druck marschieren. Dennoch glaubt man, dass die Stimmung so schlecht ist, dass die erste militärische Niederlage zu inneren Explosionen führen muss. Als Beispiel der schlechten Stimmung erzählt der Berichterstatter den Fall eines Feldwebels, der ihm nach der Parade in Nürnberg versicherte:"Wenn Adolf Krieg macht, geht mein Sohiesseisen nach hinten los." Trotz der sehr eindeutigen Reden der führenden Nazis gegen den Osten ist man keineswegs davon überzeugt, dass die kriegerische Aktion unter allen Umständen mit einem Angriff in dieser Richtung beginnen wird und muss. Man hat inzwischen gelernt, die Entwicklungstendenzen und Absichten des Systems in dem offenherzigen Werk"Mein Kampf" nachzulesen und ist dabei auf die Feststellung gestossen, dass nach Hitlers Meinung ein erfolgreicher Schlag gegen den Osten nur zu führen ist, wenn im Rücken die französische Gefahr beseitigt ist. Man glaubt, dass ein einheitlicher Plan noch nicht besteht, dass etwa dann, wenn man Frankreich von seinen Bündnisverpflichtungen gegenüber Polen, der Tsohechoslovakei und Russ- land abbringen kann, auch umgekehrt operiert werden kann, also erst der Osten, dann der Westen an die Reihe kommt. Auss{ dem fühlt man sich auch stark genug, wenn man noch einige Zeit zur Vorbereitung hat, einen Zwei- oder Mehrfronten-Krieg zu führen. Es gibt heute in weiten bürgerlichen Kreisen keinen Zweifel mehr darüber, dass Grund und Boden, Kohle und Stahl genau wie die Verkehrsmittel und die Grossbanken in die Hände des Staates gehören. Solchen Lösungen würde man sich nicht nur nicht entziehen, man würde sie sogar begrüssen, wenn zugleich gewisse persönliche Freiheiten, die nun einmal das Leben erst lebenswert machen und erträglich, gewährleistet würden. Ein sozialistischer Staat mit demokratischen Freiheiten würde heute, wenn er grosszügig propagiert würde, weitesten Anklang und Widerhall finden. Das Bürgertum ist heute weltanschaulich mürbe. Das soll nicht heissen, dass es nicht ein Ideal habe. Aber es verzweifelt an diesem Ideal, das scheinbar nirgends mehr auf der Welt besteht, jedenfalls für den Deutschen nicht, der sowohl in seinem Lande wie auch in der einzigen Ausseneinwirkung durch den Moskauer Sender nur die Verherrlichung der Staatsallmaeht bis in die privateste Sphäre hinein vernimmt. A-lO- MitteldeutschLand:(Berichterstatter ist ein Mittelst&ndler ein alter Deutschnationaler, der eine Zeitlang auch Nazi war. Er hat ständige Fühlung mit Kreisen des Grossgrundbesitzea und Krautjunkeradels.) Zuerst haben wir gedacht, der Hitler wird den Bolschewismus zum Teufel Jagen. Der Bolschewismus ist Ja auch viel schlimmer als der Nationalsozialismus Aber heute ist es so, dass der Nationalsozialismus zum Bolschewismus geworden ist und bei ns die gleichen Zustände herrschen wie in Russland. Früher hatte ich nie geglaubt, dass Juden misshandelt, Kommunisten und Sozialdemokraten geprügelt und totgeschlagen wurden. Man hat davon gesprochen, aber ich sagte immer, kein Deutscher kann so barbarisch sein, dass er das fertigbringt. Nun haben sie neulich den Bruder meines Reisenden auf offener Strasse in Hannover so geprügelt, dass er ins Krankenhaus musste. Es soll angeblich eine Aeusserung gegen das Hitlersystem getan haben. Auch den Mann meiner Putzfrau haben sie drei Wochen eingesperrt und als ich ihn nach seiner Entlassung fragte, wie es ihm ergangen sei, hat er kein Wort darüber gesprochen; das ist sehr verdächtig, sicher haben sie ihn verprügelt. Hitler hatte versprochen, dem Mittelstand zu helfen. Nun war ich schon dreimal vor dem Bankrott gestanden und konnte nur mit Hilfe meines Jüdischen Schwiegersohnes davor gerettet werden. Ich nahm es meiner Tochter immer übel, dass sie einen Juden geheiratet hat. Heute bin ich Fhilosemit; denn mein eigener Sohn ist wohlbestallter Redakteur einer grossen Nazizeitung und Hesse mich glatt verhungern. Das grösste Warenhaus in X., das in arischen Händen war, hat nun zumachen und den Betrieb um einen Spottpreis verkaufen müssen. Eine altangesehene Familie der Armut preisgegeben! So ist es überall. Aber das Bonzensystem ist schlimmer als in der Republik. Ueber all hört man von Unterschlagungen, alles bereichert sich auf Kosten des Mittelstandes und der Arbeiter. Das nimmt noch mal ein schlimmes Ende. Tie stellen Sie sich eine Aenderung vor?- Alle meinen, die Republik müsste wieder kommen. Auch meine adligen Freunde. Die Republik in etwas veränderter Form. Und mit Hilfe des Auslandes. Wir können Ja nichts machen. Die würden doch lieber das ganze 7olk er schiessen, als ein Quäntchen ihrer Macht preisgeben. Vielleicht wird auch die Reichswehr eine Aenderung herbeiführen, auf die hoffen wir stark. Eine Reichswehrregierung oder eine Republik. Wie denken Sie über Russland?- Hitler macht ja alles den Russen nach. Wir haben Ja Jetzt auch den Bolschewismus, den wir verhindern wollten, indem wir uns mit Hitler verbündet haben. Jetzt unterdrückt uns dieser"Anstreicher". Wenn die Kommunisten keine Republik wollen, machen wir nicht mit. Der Kommunismus mag etwas ganz Ideales sein, wenn er durchgeführt ist. Aber wir wollen kein Russland. Es ist schlimm genug, was wir Jetzt schon haben. Am besten wäre, es käme wieder eine Regierung mit de okrati sehen Parteien, die durchgreifende A-11- sozial� Maasnahmen für den Mitteletand und die Arbeiter durchführen würde. Wie denken Sie über Krieg und Rheinlandbeaetzung?- Es war richtig von Hitler, das Rheinland wieder zu besetzen. Das ist doch unser Land und der Tersailler Vertrag ist eine Schande. Da haben wir auch gejubelt, als das Rheinland besetzt wurde. Aber mit der Aufrüstung könnte er mal aufhören. Das geht doch alles auf unsere Kosten. Und diese Geheimniskrämerei mit den Flugplätzen in der Umgebung von X. Zur Verteidigung müsste das doch schon langen, was bis jetzt aufgerüstet wurde. Allerdings starrt auch die übrige Welt in Waffen und will uns angreifen; da muss man schon gerüstet sein. Denken Sie nie daran, dass Hitler die anderen angreifen will?- Lächerlich. Die Reichswehr ist doch klug genug, um zu wissen, dass die anderen wieder eine Uebermacht wie I9I4 bilden würden und Deutschland verloren wäre. Krieg ist etwas Schreckliches, kein Mensch will den Krieg, auch Hitler nicht. Rheinland-Westfalen: loh habe oft Gelegenheit gehabt, an Privatunterhaltungen von mittleren und auch grösseren Unternehmern und Direktoren grosser Werke teilzunehmen. Niemals habe ich, selbst von Leuten, die mit dem Parteiabzeichen herumlaufen und den Hitlergruss verhältnismässig korrekt anwenden, den Ausdruck einer starken nationalsozialistischen Gesinnung zu hören bekommen. Devisenschwierigkeiten, Rohstoff knappheit, Wirtschaftebürokratie, Witze über den"Sozialismus der Tat" und über führende Leute sind das Thema der Unter Haltungen. Allgemein wird über den allgemein guten, teilweise sehr starken Geschäftsgang in dem Sinne gesprochen:"Ja, aber wofür ist das? Wer weiss, wie.lange diese unnatürliche Belebung anhält? Und wer weiss, was danach kommt?" Man denkt auch hier natürlich an den Krieg, man nützt die Konjunktur aus, so gut man kann, wobei man allerdings über viel zu geringen Verdienst klagt,"so dass es sich bald überhaupt nicht mehr lohnt zu arbeiten". Ebenso fürchtet man eine Krise, die nach dieser gewaltsam durchgeführten Mobilisierung der Wirtschaft infolge der Aufblähung des Produktionsapparates viel fürchtbarer sein würde als irgend eine frühere. "Was sollen wir mit den Maschinen machen, wenn einmal die Reichsaufträge ausbleiben!" hört man Unternehmer sagen. Ein Direktor der... Hütte, die mit einer Ueberstürzung arbeitet, die von dem Direktor als"Wirtsohaftshysterie" bezeichnet wird, erklärte, man könne nur mit Zähneknirschen denn Raubbau, den man mit den Erzen treibe, zusehen. Die Industrie- und Handelskammer hat alle die Klagen und Vorwürfe über die Bürokratie anzuhören. Die Beamten entschuldigen sich damit, dass sie keinen Einfluss darauf hätten, sondern dass sie sich nur an die Anordnungen der Berliner Stellen halten müssten. Man kann dann von einem UnterhehMter hören:"Ja, danh hauen Sie doch in Berlin mit der Hhnd auf A-12 den Tlscii! Das ist ja schlimmer als In der Kriegszeit mit den Bewilligungsformalitaten!" usw. Ein früher demokratischer Maschinenfabrikant sagte einmal im kleinen Kreise mit äusserster Entrüstung:"�indet sich denn keiner, der die Leute beseitigt, bevor sie die Wirtschaft ganz ruiniert haben?" Der Lokalverein der Metallindustriellen in X. hat in jedem Monat in seinen Clubräumen ein Essen mit Sauferei usw. Dabei werden stets die neuesten Witze erzählt, und hier in der geschlossenen Gesellschaft kennt die Kritik keine Grenzen. Einmal protestierte ein Unternehmer dagegen, der Ratsherr ist und ein Amt in der NSDAP hat. Darauf wurde ihm gesagt; "Was wollen Sie denn? Früher haben Sie in der Wirtschaftspartei auf unsere Kosten gesoffen, heute sind Sie Ratsherr und saufen auch auf unsere Kosten!" Sachsen: Der Bezirksleiter einer Textilfabrik äussert sich: Stand ich früher der Hitlerbewegung wegen ihres ganzen plebejischen Gehabena ablehnend gegenüber, so hatte sie doch meinen Beifall, als sie nach dem März 1933 gründlich und mit eisernem Besen mit der Parteienwirtaohaft aufräumte. Dass dabei Uebergriffe vorkamen, verwunderte mich zunächst nicht, denn bei jeder Umwälzung kommt es zu Gewalttaten, die nicht immer sofort eingedämmt werden können. Aber mit der Zeit änderte ich meine Stellung dazu. Von Verwandten und Bekannten, die früher in Linkskreisen standen, erfuhr ich, dass sie in Polizeigefängnissen und SA-Lokalen körperlich schwer misshandelt worden sind, ohne dass sie etwas verbrecherisches' begangen hätten. Die gemeine Behandlung der Juden, die meiner Ansicht nach auf diese Weise nicht auszurotten sind, und allet die anderen Uebergriffe veranlassten mich, über das Wesen der Hitlerdlktatur nachzudenken, denn offenbar kann das Regime ohne diesen Terror nicht bestehen. Dazu kommt die Korruption. Jetzt können Einzelne ohne die geringste Kontrolle schalten und walten, wie sie wollen. Nun betrachte ich auch die Arbeit der Sozialdemokratie nach 1918 mit anderen Augen und muss ehrlich gestehen, dass ich die Zeiten wieder herbeisehne, in denen man reden, tun und lassen konnte, was man wollte. Das Leben ist jetzt furchtbar. Auf Schritt und Tritt fühlt man sich beobachtet, niemanden kann man mehr trauen. Jeden Monat wird für etwas anderes gesammelt. Ein Rätsel ist mir, wo die Unsummen von Geldern hinkommen. Nicht einmal in der Gemeinde hat man irgend eine Kontrolle, was mit den Geldern geschieht. Die Arbeitslosigkeit ist tatsächlich gesunken, wenn auch nicht in dem Masse, wie immer wieder in den banal redigierten Zeitungen versichert wird. Aber trotzdem sind noch viele Menschen ohne Beschäftigung. Früher war ich der Meinung, dass diese Leute nicht arbeiten wollen. Heüte glaube ich, dass, abgesehen von den asozialen Elementen, die Menschen froh ren, wenn sie Arbeit hätten. Das Regime mit seiner wirtuhafC liehen und politischen Totalität musste auch die Möglichkeit A-13- haben, für alle Arbelt zc schaffen. Aber offenbar bestehen hier doch wirtschaftliche Probleme, die Hitler nicht Ibsen kann oder lösen will. Ich bewundere die Menschen, die trotz des ungeheueren Zwanges und der hermetischen Abgeschlossenheit den Mut haben, in Opposition zum Hitlerregime zu stehen. Gewiss, das geschieht in anderen Formen als früher, aber trotzdem geschieht es doch. Ich kann das ganz deutlich im Betrieb beobachten. Ts sind da so viele Kleinigkeiten, über die gelächelt oder eine scheinbar belanglose Bemerkung gemacht wird, so dass man deutlich erkennen kann, dass das Denken nicht ausgeschaltet oder gleichgerichtet ist. Mit dem Bolschewismus, ja, d.a hat Hitler schon recht. Tie man jetzt in Spanien sieht, wollen die Kommunisten doch auch nichts anderes, als was die Nazis machen, nur im umgekehrten Sinn. Und wenn ich an Russlaad danke, so wird mir Angst und Bange, dass auch in Deutschland ein solcher Bürgerkrieg beginnen könnte. Der Bolschewismus wäre ohne Hitler sicherlich schon in das übrige Europa eingedrungen. So aber ist doch die bolschewistische Gefahr aufgehalten worden und früher oder später werden auch die anderen Länder zu der gleichen Einsicht kommen und Massnahmen zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr treffen. Die Kommunisten sind nun einmal Menschen, die alles aufteilen wollen und dem Individium keine Entfaltungsmöglichkeiten lassen. Deswegen bin ich auch kein ausgesprochener Gegner des Hitlerregimes. Denn was kommt hinterher? Die Kommunisten würden ihre Gegner noch ärger behandeln, als es die Nazis gegenwärtig tun. Deshalb ist eine Opposition gegen das Regime nutzlos. Die militärischen Rüstungen, gewiss, die werden in Deutschland geradezu fieberhaft betrieben. Dafür wird wahrscheinlich das meiste Geld verwendet. Und mir wird Angst und Bange vor dem kommenden Kriege. Dass der Sieg Deutschlands so fest steht, wie es immer wieder behauptet wird, bezweifle ich. Die anderen Staatsmänner und Militärs müssten ja Narren sein, wenn sie den deutschen Rüstungen tatenlos zusehen würden. Sicherlich werden auch die sich auf den Krieg vorbereiten und im Rundfunk und in der Presse wird uns ja immer wieder vor Augen geführt, dass die anderen Staaten bereit sind, Deutschland zu überfallen. Wenn es stimmt, dass auch das Ausland so fieberhaft rüstet, dann finde ich die Milit$rpolitik Deutschlands gerechtfertigt, denn mit dem Taschentuch in der Hand, kann man sich gegen einen bewaffneten Feind nicht wehren. Südwest deutsohland(Aus einem Reisebericht): Es ist erstaun- lieh, wie es gerade in den gebildeten Schichten an jeglichem Interesse für öffentliche Angelegenheiten fehlt. Man redet in diesen Kreisen höchstens noch über das, was ihnen von oben vorgesetzt wird, also z.B. über den 7ier jahresplan, über den Bolschewismus usw. In der Landeshauptstadt dieses kleinen A-14- Staatea ist nichts mehr übrig geblieben von dem Bewusstsein der Eigenstaatlichkeit, auf das man früher so starkes Gewicht gelegt hat. Selbst den Lokalpatriotismus, den typischen Oberlehrergeist, gibt es nicht mehr. Auf meine Frage nach den praktischen Auswirkungen der Reichsreform konnte mir der Befragte, ein Jurist, nicht einmal Auskunft darüber geben, ob das Land noch eine Regierung habe oder ob das frühere Staatsministeriums aufgelöst sei. Sogar meine Frage nach dem derzeitigen Oberbürgermeister der Stadt setzte einen anderen Akademiker, der hoch dazu in der SA eine Funktion hat, in arge Verlegenheit. Früher sei der Fg. X. dagewesen, aber der sei schon lange fort, dann wäre eine Zeit lang der Fg. Y. am Ruder gewesen und dann der Fg.Z, aber wer es gegenwärtig sei, wisse er wirklich nicht. Die allgemeine Apathie geht noch weiter: die Menschen scheinen überhaupt nicht mehr zu denken, selbst die Fragen ihrer eigenen Zukunft scheinen sie nicht mehr zu interessieren. Sie loben so in den Tag hinein. Der erschütternde Ablauf der spanischen Tragödie spiegelt sich auch in den Stimmungsberichten aus Deutschland. Die syst- matische Propagandahetze des Regimes gegen die Volksfront-Regierung bleibt nicht ohne Wirkung. Berlin: Unter dem Eindruck der ungünstigen Nachrichten aus Spanien hat das rege Interesse, das die spanischen Kämpfe zuerst in der deutschen Arbeiterschaft fanden, wesentlich. nachgelassen. Es�ist keineswegs erloschen, aber der Optimismus und die hochgespannten Hoffnungen der ersten Wochen sind dahin und einer starken Skepsis gewichen. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die deutsche Presse nur die Meldungen der meuternden Generale bringt und von den Regierungstruppen nur Niederlagen und Greuel berichtet. Das Regime hat die tiefe Sympathie der Arbeiter für die spanische Volksfront sehr genau erkannt und in einer Pressekonferenz eingehende Vorschriften für die Berichterstattung über Spanien erlassen. Die Anweisungen auf einer Hauptschriftleiterkonferenz lauten völlig ungeschminkt:"Ueber das Interesse der Arbeiter an den Vorgängen in Spanien sind wir genau orientier Es handelt sich jetzt darum, durch eine entsprechende Berichterstattung die Sympathien der Arbeiter für derartige Bewegungen ein für allemal auszurotten. Es muss den Arbeitern eindringlich bewusst gemacht werden, dass für sie keine Hoffnung mehr besteht, ihre marxistischen Träume zu verwirklichen. Alles, was an Material gegen Sowjetrussland und gegen die Kommunisten vorhanden ist, und sei es auch noch so alt, muss jetzt gebracht werden. Die Zeitungen müssen die Regierung in ihrem Kampf gegen den Bolschewismus mit allen Mitteln unterstützen!" Gegen Zeitungen, die das nicht in genügendem Masse tun sollten, wurden Repressalien angedroht. Die älteste A-15- Ladenhüter aus den Russ Landaren iven der grossen Zeitungen kamen daraufhin wieder zu Ehren, well jeder Redakteur irgend etwas"Originelles" gegen Russland bringen wollte. Charakteristisch ist auch die Aeusserung eines SA-Mannes: "tVenn man jetzt plötzlich die vielen Leute an den Zeitungsständen stehen sieht, dann sieht man, wie viele Marxisten noch da sind und wie frech sie wieder aufleben." Im allgemeinen wird die Einstellung des Durohschnitts- deutschen, vor allem des Bürgerlichen, von den Darstellungen der Goebbelspropaganda beherrscht. Alles ist das Werk russischer Agenten und die Fremdenlegionäre und Marokkaner Francos sind die Hüter der Zivilisation und der europäischen Kultur. Vor allem ist das Gefühl vorhanden, und wird vom Goebbelsapparat immer wieder erzeugt und verstärkt, dass es in der ganzen Welt drunter und drüber geht, dass überall Anarchie und Aufruhr herrscht und nur Deutschland eine Oase der Ordnung und des sozialen Friedens ist. Die mündliche Propaganda des Goebbelsapparats(das deutsche Propagandaministerium macht auch in"Flüsterpropaganda") verbreitet ernsthaft das Gerücht, die Konzentrationslager wären so gut wie abgeschafft, der Terror habe sehr nachgelassen und was jetzt noch in Haft ist, das seien wirklich unverbesserliche asoziale Elemente. Es gibt natürlich recht viele, die diese Gerüchte gerne glauben, weil sie so sehr bequem sind, und das schlechte Gewissen beschwichtigen. Dabei kann man sehr häufig feststellen, dass dieselben Leute, die eben noch steif und fest derartige Dinge behauptet und die Ordnung in Deutschland gepriesen haben, im selben Atemzug über den Fleischmangel schimpfen und sarkastische Bemerkungen ihres Schlächters kolportieren wie etwa: Ochsen haben wir genug, aber sie haben alle nur zwei Beine t, oder verbreiten, dass"jetzt'schon sogar" in der Arbeiterschaft grosse Unzufriedenheit über das Regime herrsche. Bayern: Die Nazis haben nicht ohne Erfolg die Ereignisse in Spanien zu einer wüsten Bolschewistenhetze ausgenutzt. Aber auch der russische Trotzkistenprozeas hat schwankende Menschen gegen den Bolschewismus und damit gegen die Idee der sozialistisch-antifaschistischen Front gebracht. Diese Umstellung konnte man deutlich bei gewissen Gruppen der Katholiken beobachten. Bei ihnen hat das Erschrecken vor der Bedrohung durch den Bolschewismus ihre feindliche Einstellung gegen den Faschismus gemildert. Bei der Entscheidung zwischen der bolschewistischen oder der faschistischen Diktatur wählt man doch lieber die faschistische, sie ist standesgemäsaer. Die Nazis machen das sehr klug. Sie verteilen z.B. vor den Kirchen Flugblätter gegen die"Weltpest des Bolschewismus", in denen sie Hitler als den grossen Retter verherrlichen und ihn als einzigen Schützer der katholischen Religion anpreisen. In allen Kirchen wird jetzt gegen den Bolschewismus gewettert und für die bedrängten Katholiken in Spanien gebetet. Selbst bei den Jungkatholiken, denen die Führung der A-16- katholischen Kirche selbst zu wenig charakterfest ist und die bisher starke Neigungen zu einer Verständigung mit Sozialisten im Kampfe gegen Hitler erkennen Hessen, macht sich in der letzten Zeit eine deutlich reservierte Haltung bemerkbar. In der Arbeiterschaft haben die Torgänge in Spanien zu Diskussionen Anlass gegeben, sogar darüber, ob und wie man die spanische Volksfront unterstützen könnte. Es gibt zwar viele Arbeiter, die sich zu diesen Dingen nicht äussern, die völlig interesselos erscheinen, aber es gibt kaum einen, der für Mola und Franeo Partei ergreifen würde. Dass die französische Regierung die spanische nicht unterstützt, finden alle völlig unverständlich. Gleichwohl darf man die Anteilnahme der unpolitischen Arbeiter nicht überschätzeh. Nur die politisch Denkenden sind von den Ereignissen wirklich ergriffen, bewundern den Heldenkampf der spanischen Arbeiter und leiden tief darunter, dass die Niederlage des Volkes immer unabwendbarer wird. Rhe inland-Wes tf al en: Die Aufmerksamkeit aller ist auf Spa- nien gerlohtet. Ho% des Volkes haben den sehnlichsten Wunsch, dass die Regierung und die Volksfront siegen möge. Die Katholiken sind im Grunde gegen die spanischen Faschisten schon deswegen, weil sie von den deutschen Nazis gepriesen werden. Jedoch stösst sie die Verwüstung von Kirchen und die Ermordung von Gefangenen und Priestern ab. Diese Dinge verstehen auch viele Arbeiter, die ehemals freigewerkschaftlioh und sozialistisch organisiert waren, durchaus nicht. Trotzdem wünschen alle mit heissem Herzen den Sieg der Arbeiter über den Faschismus herbei. Denn man weiss, dass vom Ausgang dieses Kampfes auch für die Entwicklung in Deutschland sehr viel abhängt. Südwestdeutschland: In den letzten Tagen sind hier die wehr- fähigen Spanionflüchtlinge zusammengezogen und mit 600 anderen Freiwilligen[insgesamt I.400) über Genua nach Spanien verschickt worden* In der Fresse aber toben unsere Nazis über die "Provokationen" Russlands in London. Ueberhaupt sehen wir hier die Läge als ziemlich gespannt an. Denn Deutschland will doch nicht abseits stehen, wenn Russland sich"einmischt"� Dem Volk kann man ja weissmachen, dass Russland angefangen habe... Einige Berichterstatter äussern sich über den neuen Tieriahres- plan: Berlin: Vor einigen Tagen sind die Werbe- und Fropaganda- leiter deren Berliner Gruppe sich alle vierzehn Tage im Hotel Atlas zur Auasprache trifft— zusammengeholt worden, um Anweisungen über die Durchführung der Vierjahresplan-Aktion entgegen zu nehmen. Sie sind beauftragt worden, in Norddeut sei A-17- land eine grosse Aktion mit dem Ziel zu entfalten, die Bevölkerung zur Verbrauchsumstellung zu bewegen und sie zu veranlassen, statt Kartoffeln mehr Mehlerzeugnisse(Knödel, Nudeln usw..) zu verwenden. Diese Propaganda wird jedoch nicht zentral aufgezogen, sondern soll als lokale Angelegenheit in den einzelnen Städten durchgeführt werden. Man verspricht sich von dieser Verbrauchsumstellung die Freistellung erheblicher Kartoffelmengen für die Schweine-Mast, denn es fehlt in diesem Jahr an Futtergetreide. 2. Bericht: Man hat sich bereits darüber den Kopf zerbrochen was eigentlich werden soll, wenn erst einmal die Aufrüstung ein gewisses Ende erreicht haben wird, und man machte sich schon auf eine neue Millionenarbeitslosigkeit gefasst, bevor Hitler in Nürnberg den neuen Vier jahresplan verkündete. Man versteht die Bedeutung dieses Planes zwar nicht,— man kann es nicht, weil ja gar keine exakten Angaben gemacht worden sind— hat aber doch das Gefühl, dass zunächst die Staatskonjunktur jedenfalls noch nicht zuende gehen wird. Insofern ist zweifellos Nürnberg eine psychologische Beruhigung gewesen. Dass Hitler gerade jetzt mit der Verkündung des neuen Planes hervorgetreten ist, beweist, dass er immer noch gut über die Stimmung und die Sorgen im Volk unterrichtet ist und ein gutes Empfinden dafür hat, was im jeweiligen Augenblick zur Hebung der Stimmung not tut. Sachsen: Am Tage nach der Goring-Rede im Berliner Sportpalast konnte man überall, in der Strassenbahn, in den Lokalen, vor allem aber in den Betrieben hören:"Hast Du gestern auch den"Bunten Abend" aus dem Sportpalast gehört?"- "Gering hat Witze gemacht: 20 Pfund will er abgenommen haben, das glaubt ja niemand. Das soll er erst mal beweisen und uns seine Wiegekarten zeigen."-"Und wenn schon, wenn wir 20 Pfund abnehmen, sind wir überhaupt nichts mehr." usw. Im allgemeinen wird berichtet, dass Gering wohl die lächerlichste Figur im Dritten Reich ist. Nordwestdeutschland: Vor einigen Wochen hielt Dr. Goebbels vor einem grösseren Kreis von Angehörigen der Lederbranohe einen Vortrag über die Durchführung des Vier jahresplanes � Der Anlass dazu war, dass sich sowohl Handwerks- und Handelskammern, als auch Fabrikanten und Exporteure an die verschiedensten Reichsstellen gewandt hatten, um für die Lederbranche die Genehmigung zur Einfuhr bestimmter Ledersorten für die Produktion bestimmter privater Bedarfsartikel zu erhalten. Goebbels erklärte ungefähr: Der Führer hat in Nürnberg den Vier jahresplan des Nationalsozialismus verkündet. An seiner Verwirklichung hat jeder Deutsche an seinem Platz mitzuwirken und alle persönlichen Ansprüche zurückzustellen. So hat auch der Lederwarenfabrikant seine nationalsozialistische Bestimmung zu erfüllen. Wenn es nicht mehr möglich ist, aus A-1P- gutem Rind- oder Schweineieder Taschen aller Art herzustellen, dann ist es eben die nationalsozialistische Pflicht der Fabrikanten dieser Branche, aus deutschen Werkstoffen und deutschen Rohstoffen für die"deutschen Frauen und Damen" gefällige Waren zu erzeugen. Es ist die Aufgabe des Fabrikanten, für seine Ware aus gutem deutschen Ersatz bei den Käuferinnen nationalsozialistischen Stolz zu erwecken. Stellen Sie die Waren aus Ersatzstoff so gut her, dass jede "deutsche Frau und jede Dame" mit Freude ihre Fabrikate kauft. Unsere neue grosse Armee muss für jeden Fall und für alle Bedürfnisse dreifach eingedeckt sein. Bis zu dem letzten Soldaten brauchen wir die dreifache Bekleidung, die dreifache Ausrüstung, die dreifache Bewaffnung. Heute haben wir erst 75% dieser Aufgabe erfüllt, 225% müssen in den nächsten vier Jahren erfüllt werden. Das ist die Aufgabe des Vierjahresplanes und das ist die Aufgabe jedes Deutschen. Der 7ersammej.ten hat sich unter dem Eindruck der Rede eine grosse Unruhe bemächtigt und in den anschliessenden privaten Unterhaltungen waren Wendungen wie:"Die Bande opfert ihrem Grössenwahnsinn noch ganz Deutschland!*-"Es ist der reine Bolschewismus".-"Dagegen war Wilhelm ein Pazifist".-"Die zünden aus Nationalsozialismus ganz Europa an".-"Wir werden eines Tages erleben, dass sich die ganze Welt auf uns stürzt" usw. Goebbels hatte auch kurz die Finanzmethoden des Dritten Reichs besprochen, weil die Unternehmer und Händler geklagt hatten, dass sie niemals in den Besitz ihrer Verdienste kämen. Dabei hatte er den Satz gesprochen:"Der persönliche Eigennutz hat zu schweigen, die ganze Wirtschaft steht allein im Dienst des nationalsozialistischen Staates. Der einzige wirkliche Wept, den es gibt, ist die Arbeitskraft". Darauf sagte der Direktor einer Mittelstandsbank nachher privat zu einem Kollegen:"Nun ist Goebbels beim jüdischen Marxismus gelandet". Die Koloni alpr opaganda— von langer Hand vorbereitet— nimmt jetzt regere Formen an. Hitler hat auf dem Nürnberger Parteitag das Stichwort gegeben. Im ganzen Reich werden kolonialpolitische Veranstaltungen durchgeführt. Die Fresse wird in steigendem Masse dem selben Zweck dienstbar gemacht. Seit Monaten erscheint in jeder Nummer des"Arbeitertums", der grossen Zeitschrift der Arbeitsfront, ein grosser bebilderter Beitrag über die deutschen Kolonialpioniere. Die Zigarettenindustrie, die erfahhungsgemäss die Propagandakonjunktur besonders gut wittert, legt den Packungen Koloniaibilderserien bei. Der Relchskoldniaibund--unter A-19- Tührung dea Reichaatatthalters in Bayern, General Ritter v. Zpp,— entfaltet eine umfangreiche Werbetätigkeit. Nachstehend bringen air die Originalkople einer Aufforderung zum Beitritt: Unseren Berichten entnehmen wir: Sohlesien: Die Lehrerschaft von Gleimitz, Hindenburg und Reuthen bekam die Aufforderung, die Kinder darüber aufzuklären, wie notwendig Deutschland die Kolonien habe, wenn die Bevölkerung nicht verhungern solle. Alle Not tn Deutschland, besonders aber das Fehlen von Rohstoffen, sei darauf zurückzuführen, dass Deutschland seiner Kolonien beraubt worden sei Die Beamtenschaft der Hüttenwerke wurde von der Verwaltung aufgefordert, innerhalb der Arbeiterschaft für den Beitritt zum Kolonialbund zu werben. Die Beamteneohaft der Gruben musste auf Geheiss der Verwaltung geschlossen dem Kolonialbund beitreten, wofür besondere Beiträge erhoben werden. Sachsen: I.Bericht. In einer Versammlung der NSDAP in Marienberg am 30. September sprach der Gaüredner Bergmann a.a. über die Kolonialfrage. Seine reichlich konfusen Darlegungen lassen sich ungefähr folgendermassen zusammenfassen: Deutschland braucht Kolonien, um leben zu können, denn die hoa""td)' na) att M]aa)[tiaac hotoaiaUa!atacaaa9aa 3os Cebcns- yctb! bcs t3o!hM ip acnoM Mc But!� bcc oabCMR BohowcR!" A-gewichtigsten Rohstoffe befinden sich in den Kolonien. Deutschland ist aber auch in erster Linie berufen, den Kolcnial- Tölkern die europäische Kultur beizubringen. Ton den anderen europäischen Ländern, die mehr oder weniger unter marxistisch demokratischem Einflusa stehen, kann man keine ziTilisatori- sehe Beeinflussung und Verwaltung erhoffen. Im Gegenteil, diese versuchen sich in den Kolonien ein bolschewistisches Reservoir anzulegen. Deutschland will aus Prestigegründen die früher besessenen Kolonien zurückhaben, darüber hinaus erhebt es Anspruch auf die Ukraine, die zu Unrecht unter russischer Herrschaft steht. Denn dort wohnen in erster Linie Deutsohe. Früher oder später kommt es ja doch zu einem Zusammenbruch und damit zu einer Aufteilung Rüsslands. Darauf muss Deutschland gerüstet sein und trachten, dass es dabei nicht zu kurz wegkommt. Wie gelangt nun Deutschland in den Besitz von Kolonien? Dazu gibt es viele Wege: erstens treibt Deutschland durch seine verschiedenen und in der ganzen Welt arbeitenden Auslandsorganisationen eine Intensive Kolonialpropaganda. Dadurch sollen die Völker, nicht die Regierungen, über die berechtigten Forderungen Deutschlands aufgeklärt werden. Das kostet natürlich eine Unmenge Geld und deshalb soll möglichst jeder Deutsche Mitglied einer Auslandsorganisation werden, um durch seinen bescheidenen Beitrag die finanzielle Grundlage sicherzustellen. Denn der Staat allein kann aus seinen Einnahmen die ganze Propaganda nicht bestreiten. Zweitens bemüht sich Deutschland, die militärische Gleichberechtigung den anderen Staaten gegenüber zu erlangen, um nötigenfalls im geeigneten Augenblick seinen Forderungen entsprechenden Nachdruck zu verleihen. Gibt Europa den berechtigten und logischen Forderungen Deutschlands nicht nach, dann muss es eben dazu gezwungen werden, denn Deutschland gehört geistig und technisch zu den ersten Repräsentanten. der Welt und kann auf die Dauer nicht auf seine berechtigten Forderungen verzichten. Interessant war, daas bei den Ausführungen des Referenten über die deutschen Rüstüngen und über Kolonialforderungen auffallend viel Husten und Räuspern zu hören war. Ein sichtliches Aufatmen ging durch die Versammlung, als der Referent fertig war und sein Referat auch debattelos zur Kenntnis genommen wurde. Auf der Strasse allerdings gingen die Diskussionen los und man konnte da hören:"Der hat uns wieder'schöc eingeseift; das Geld in unserer Tasche ist uns lieber, als wenn wir es in Ausländsorganisationen stecken oder für Kanonen hergeben" usw. usw. 2. Bericht: Die Wirkung der Kolonialpropaganda ist bis jetzt nicht einheitlich. Zum Teil stösst sie auf Ablehnung mit dem Argument: Nicht zuletzt wegen Kolonien ist der Weltkrieg entstanden. Sie haben uns vorher Unmassen gekostet und nichts gebracht. Auch jetzt wird es wieder so werden. Wer noll denn das nur noch aufbringen. Der neue Krieg rückt immer A-21- noch näher. Westfalen: Die Koloaialpropaganöa wird sehr stark betrie- ben und tat aaeh ihre Wirkung. Man trifft unter den einfachsten Leuten die Illms�oa, durch den Erwerb von Kolonien würde die Rohstoffragw für Deutschland gelöst worden können. Viele Leute glauben auch, dass die Kolonialfrage der Hauptgrund dafür sei, dass sich Deutschland in den Bürgerkrieg in Spanien einmische. Württemberg: Zurzeit tritt die Kolonialpropaganda hinter der Bolschewikenhetze zurück und vollzieht sieh in der Hauptsache in den Stezialorgenisstionen und in internen Veranstaltungen der Partei. Offenbar dient die stille Propaganda der Vorbereitung einer grösseren Aktivität auf diesem Gebiet, für die man mögliehst viele freiwillige Helfer letzt schon heranbildet, indem man den Teilnehmern der internen Veranstal tungen die allgemeinen Gesichtspunkte des Nazi-Kolonialprogramms vermittelt-und sie damit in den Stand setzt, im gegebenen Zeitpunkt als Kolonialsgitatoren in Funktion zu treten. In einer KdF-Veranstaltung, an der etwa 4.00 Personen teilnahmen, behandelte der Redner, ein früherer Kolonist, das Thema etwa folgendermaasen: Zuerst stellte er den kleinen deutschen Kolonialbesitz der Vorkriegszeit dem Kolonialbesitz Englands und Frankreichs gegenüber. Dann stellte er den Satz auf, dass Kolonialbesitz für Deutsehland im Interesse der Sicherung eines wirklichen Friedens und seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nötig sei. Drittens vertrat er den Standpunkt, dass ohne Deutschland die Riesenarbeit des hygienischen Fortschritts in den Kolonien nicht zu Ende geführt werden könne. Die heutigen Mandatsmächte müssten deutsehe Medikamente benützen, um im den Kolonien überhaupt leben zu können. Und viertens müsse Deutsehland auch in den Kolonien ein Bollwerk gegen den Bolschewismus werden.- Es ist sieher, dass die Nazis, wenn sie einmal die Kolonialfrage auf die aussenpolitische Tagesordnung stellen, dabei auf die Zustimmung der grossen Masse der Bevölkerung rechnen können. Sie haben auch in dieser Frage die Bereitschaft eines grossen Teiles des Volkes für sich, auf alle wirklich oder scheinbar nationalpolitisch wichtigen Aktionen hereinzufallen. A II. Sozialpolitik und Spendenwirtaohaft 1) Die Winterhilfe Wer das Opfer in diesem Kampf ablehnt, lehnt Deutschland ab, wer Deutschläiid ablehnt, hat in dieser Gemeinschaft nichts mehr zu suchen. Adolf Hitler Das WHW erstattet in jedem Jahre einen sogenannten"Rechenschaftsbericht".- Diese Berichte sind summarische, auf möglichst grosse propagandistische Wirkung zugeschnittene Aufstellungen, die keine wirkliche Kontrolle ermöglichen, wie überhaupt die Geschäftsführung dieser riesigen Organisation keiner unabhängigen Rechnungsprüfung unterworfen ist- ebensowenig wie die Haushaltspläne und-Rechnungen der öffentlichen Körperschaften. Dem letzten"Rechenschaftsbericht" des WHW ist folgendes zu entnehmen: 1935/36 371,9 Mill.Mk. Gesamteinnahmen davon aus Lohn- und Gehaltsabzügen über Eintopf spenden fast Reichsstrassensammlung Spenden von Firmen und Organisationen Zahl der Betreuten Zahl der Helfer: ständig ehrenamtliche gelegentlich" bezahlte Hilfskräfte 1934/35 360,3 Kill.Mk. 62"" ]32 � � 18,5" 75,2"" 12,9 Millionen 380.000 646.000 7.820 13,8 Millionen 3o8.ooc 509.000 5.198 Bei dem diesjährigen, vierten WHW werden alle erdenklichen Anstrengungen gemacht, um die bisherigen Ergebnisse zu übertreffen. Zum ersten Mal werden lange"amtliche Reichsspenden- listea" veröffentlicht, in denen vor allem die Spenden der grossen Firmen erscheinen. Alle irgendwie erreichbaren Organisationen werden genötigt, sich"in wahrhaft sozialistischer A-23* Tatbereitsohaft;" in den Dienst der"ToUcsgemeinschaft" zu stellen. Den kirlichen Wohlfahrtsorganisationen[Caritasverbände, Innere Mission us-m.) 7;ird jede eigene Sammeltätigkeit untersagt, aber sie werden gezwungen,"freudigen Herzens" mitzuhelfen, den nationalsozialistischen Sammelerfolg' zu erhöhen. Die Stiftungen müssen besondere Leistungen an das'.THW abführen. Die verschiedenen Sportorganisationen haben besondere "Opfertage" durchzuführen. Die deutsche Jägerschaft ist vom Reiohsjägermeister Gering aufgefordert worden, mindestens 5% der jährlichen Nutzwildstreoke jedes Reviers an das WHW abzugeben. Die einzelnen Zweige des Handwerks haben grosse Sonderspenden zu leisten, so z.B. das Bäckerhandwerk eine Million Kilogramm Brot. Die Kleingärtner und Kleinsiedler müssen Naturalien[eingemachtes Obst und Gemüse) spenden. Schule und Hitler-Jugend werden eingespannt. So hat z.B. die Geb.ietsfüh- rung Sachsen der HJ gemeinsam mit dem Gau Sachsen des NS- Lehrerbundes in einem Aufruf angeordnet: a) Lebensmittelsammlung: 1. Teilt Euer Frühstück mit bedürftigen Kameraden! 2. Opfert wenigstens ein Milchfrühstüok wöchentlich für den Armen! Gebt Euer Taschengeld nicht für Näschereien und dergleichen aus! [Patenschaft für Schulmilch). 3. Bittet Eure Eltern um einen wöchentlichen Mittags- tisoh für bedürftige Kameraden!(Patenschaft für Kinderfreitische.) b) Saohspendensammlung: 4. Arbeitet im Werkunterricht und in den Handarbeitsstunden für das WHW! 3. Spendet während der beiden Sammelwochen: 11. bis 16. Januar 1937 gebrauchsfähige Kleider, Wäsche, Schuhe, Spielzeug; 8. bis 12. März 1937 Sachen für den Schulanfänger. Spielzeug wird in diesem Jahre in der Schule erst nach Weihnachten, von den HJ-Kameradschaften und Jüngerschaften im Rahmen des von der HJ-Gebietsführung Sachsen geplanten Wettrüstens aber vor Weihnachten gesammelt, verbessert und neu angefertigt. A-24 c) Geldsammlung: Werbt durch Wort und Bild für die sowohl von der Schule wie der HJ eigens dafür eingerichteten WHW-V erans tal tungen! Die Reiohspost hat neue Spenden-Briefmarken und-Postkarten ausgegeben. In Magdeburg haben Pioniere der Reichswehr, de;r SA und SS einen"Winterhilfsbahnhof" gezimmert, in dem man Spendenkarten kaufen kann und der auch in anderen Städten gezeigt werden soll. In Berlin werben"Vater und Sohn", die beliebten Karikatur-Figuren der"Berliner Illustrirten Zeitung" für das WHW. Die Filmtheater sollen sich wieder wie im vorigen Jahr durch Freivorstellungen und Sonderveranstaltungen beteiligen. Die Strassensammlungen überbieten alles bisher Dagewesene. Für die erste Samnlung, die am 17. und 18. Oktober unter dem Motto:"Schaffende sammeln und geben" von der Arbeitsfront durchgeführt wurde, sind insgesamt 2 Millionen Sammler aufgeboten worden. Es sammelten die DAF- und KdF-Amtswalter, die Arbeitsführer und Vertrauensratsmitglieder. Gesammelt wurde in den Betrieben, den Geschäften, auf den Strassen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Verkauft wurden 12 verschiedene Grenzlandwappen, offenbar unter Spekulation auf den Sammeltrieb alle Abzeichen auf einmal zu erwerben. Die Werkscharen führten Propagandamärsohe durch; MusikkapelleA der Betriebe, der SA, SS und des Arbeitsdienstes veranstalteten Platzkonzerte. Am 1. November sammelten SA, SS und NSKK. Die SS veranstaltete mit Lautsprecherwagen"Wunschkonzerte"; das NSKK inszenierte auf dem Hermannplatz in Berlin-Neukölln einen Verkehrsunfall; Verkehrssohutzleute nahmen sich die"Verkehrssünder" besonders aufs Korn und liessen sie erst wieder laufen, nachdem sie gespendet hatten. Die Höhe der Einkommensabzüge für das WHW ergibt sich aus den nachstehenden"Richtlinien". A-25- Rithtünicn �DhüerhHfs�crh 5cs RtuWAHn Oothcs 1936/3? Für die Kapitalgesellschaften ist nachträglich eine Aende- rung eingetreten: sie zahlen während der Dauer des WHW(I.Oktober 1936 bis 31- März 1937) 15% ihrer Torauszahlungen auf die Körperschaftssteuer. "Die Monats-Türplakette des WHW ist ein Zeichen dafür, dass der Inhaber dieser Plakette ein seiner wirtschaftlichen Lage entsprechendes Opfer für das WHW gebracht hat. Wer die Plaket te besitzt, darf bei Haussammlungen und sonstigen Sammlungen im Rahmen des WHW(abgesehen von der Eintopf spende, der Pfund spende und den Strassensammlungen) nicht in Anspruch genommen werden"(Runderlass des Reiohsinnenministers vom 21. Aug. 36). A-26- "Diese Richtlinien enthalten lediglich Mindestrsätze zum Erwerb der WHW-Plakette. Es wird Jedoch die bestimmte Erwartung ausgesprochen, dass das von den Einzelpersonen und Firmen zu bringende Opfer in einem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Leistungsfähigkeit steht." Dementsprechend müssen z.B. die Beamten, Angestellten und Arbeiter der öffentlichen Verwaltungen folgende Spendenerklärung abgeben: Spende für das Winterhilfswerk 1936/1937. Ich ermächtige hierdurch die...... (Bezeichnung der Kasse oder Zahlstelle) für die Monate Oktober 193" März 1937 10 v.H. der von mir für diese Monate zu entrichtenden Lohnsteuer(auf volle o,lo RM nach oben abgerundet) und ausserdem für die genannten Monate einen festen Betrag von.... EM 4 von meinen Bezügen einzu- behalten und dem Winterhilfswerk zu überweisen. Den Widerruf der Ermächtigung behalte ich mir vor. Zugleich bitte ich.. die Plakette des WHW 1936/1937 für mich zu beschaffen. Berlin, den.... September 1936. Unterschrift und Dienstbezeichnung. 1) Nur von denjenigen Beamten usw. auszufüllen, die für 1935 zur Einkommensteuer veranlagt sind oder einen Betrag spenden wollen, der den Betrag von 10 v.H. der Lohnsteuer übersteigt. 2) Der letzte Absatz ist zu streichen, wenn für die Winterhilfe ein Betrag gezeichnet wird, der die Richtsätze für den Erwerb der Plakette nicht erreicht. Auf diese Weise wird erreicht, dass die Gefolgschaft der Reichsbahn über die normalen Spendenabzüge hinaus auch in diesem Jahre einen Sonderbeitrag von 1 Million Mk."spendet". Die beim Bau der Muldentalbrücke(Reichsautobahn) beschäftigten Werksangehörigen der MAN haben eine Ueberstunde für das WHW geleistet. Bei der Bank der Deutschen Arbeit A.G.(Bank der Arbeltsfront, früher der Freien Gewerkschaften) ist ein Lohnsteuer abzug von lo bis 30% für das WHW eingeführt worden. Der WHW- Gau München-Oberbayern hat den Betrieben den auf Seite 26 wiedergegebenen Spendenvordruck zugesandt: A.-28- Abzüge und Spenden sind"freiwillig". Es wird aber angenommen, dass jeder Volksgenosse mit den Abzügen einverstanden ist. Ist er es nicht, so muss er sich beim Betriebsführer melden und verlangen, dass der Abzug bei ihm unterbleibt. Das schreckt fast alle ab. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Sohl es ien:Die Fleisoherfachsohaft wurde durch die Leitung aufgefordert, dass in diesem Jahre die Abgabe für die Winterhilfe verdoppelt werden müsste. Wer im vorigen �ahr ein Kalb oder ein Schwein abgab, der müsse in diesem Jahr zwei Stücke an die Winterhilfe abliefern. Die Fleischer erklärten sich damit einverstanden, vorausgesetzt, dass sie die gleiche Schlaohtviehzuteilung wie im Vorjahre erhalten und wenn dies nicht der Fall sei, falle auch für die Winterhilfe nichts ab. Für die Bäcker sind bestimmte Kontingente vorgesehen, die sie an die Winterhilfe abzuliefern haben. Ausser� dem werden selbst die Kinder in den Volksschulen aufgefordert, einmal im Monat ein Pfundpaket mit Nahrungsmittel für bedürftige Kinder mitzubringen. Die Lehrer erklären, dass dies einerAnweisung von oben entspricht, an die sie sich zu halten haben. In einer Bauernversammlung in X. wurde auf Anregung des Ortsbauernführers beschlossen, für das WHW je Morgen und Monat 10 Pf. abzugeben. In Nazikreisen wird offen zugegeben, dass die Spenden für das Winterhilfswerk nur noch erpresst werden können, dass sich die Hausbesitzer weigern, die Winterhilfe einzusammeln und die Kaufleute sie einfach ablehnen, da sie selbst nichts hätten. Man ist nur auf die Pflichteingänge aus der V�irt- schaft und auf die Abzüge von Gehältern und Löhnen angewiesen. Die Arbeiter in Gruben und Hütten wurden durch Anschlag darauf aufmerksam gemacht, dass bis zu einem Einkommen von 100 Mark eine Mark abgezogen werde, bis l�o Mark monatlich zwei Mark und von Einkommen über 2oo Mark 3% des Einkommens. Die Angestellten wurden von den Verwaltungen aufgefordert, "freiwillige" Erklärungen darüber abzugeben, wieviel sie für das Winterhilfswerk spenden wollen. Beträge unter 3 Mark werden nicht angenommen und soweit die Gehälter mehr als 230 Mark betragen, muss ein Mindestbeitrag von 10 Mark geleistet werden. In Gleiwitz waren die Angestellten wegen dieser hohen Abzüge für die Winterhilfe bei einer Betriebsleitung vorstellig geworuen, aber der Direktor Hess sich nicht sprechen. Die Anordnung komme von oben und er könne daran nichts ändern. Sachsen: Bei dem Bauunternehmen Georg Mittag, Bisohofswer- da und der Lausitzer Konservenfabrik Hugo Faul, Sohland a.d. Spree, wurde eine Ueberstunde für das"HW gemacht. Da etwa 60 bis 70� der Belegschaften der Textiltetriebe A-29- Rentsch, Seifhennersdorf, und G.G. Bernhardt, Zittau, nichts mehr zum Winterhilfswerk geben wollten, ist allen Arbeitern ein gleiohaässiger Satz von 2$ Bf. bei der nächsten Lohnzahlung in Abzug gebracht worden. Dagegen erhoben die Arbeiter beim Betriebsführer und dem Vertrauensrat Tinspruch; es wurde ihnen aber kurzerhand erklärt, wer nicht damit zufrieden sei, werde entlassen. Bei der Lösung eines Tages-Grenzausweises ist jetzt ausser der gesetzlichen Gebühr von 50 Pf. noch ein- Beitrag von 50 Pf. für das WHW zu entrichten. Bayern: In einer niederbayerischen Stadt wurde z.B. für Metzgermeister die Regelung getroffen, dsss sie pro verkauftes Pfund Fleisch 2 Ff. für das WHW abgeben müssen. Zu Beginn der Aktion für das neue Winterhilfswerk hat die NS-Frauenschaft in ganz Oberbayern wöchentliche Pfliohtaben- de eingeführt. Die Frauen müssen an diesen Abenden Kinderwäsche und Wintersaohen schneidern. Rheinland-Westfalen: Die Winterhilfesammler werden dieses Jahr noch viel unfreundlicher und kälter als in anderen Jahren von der Bevölkerung behandelt. Die Büohsenklapperer beschränken sich diesmal nicht auf die Strasse, sondern gehen auch von Haus zu Haus. Bei Siedlern und Bartenbesitzern macht man grosse Anstrengungen, Konserven für das MW zu bekommen. Es werden leere Büchsen gestellt und die Büchsen müssen gefüllt abgeliefert werden. Ein Gartenbesitzer in X., Vater von b Kindern, hatte sich geweigert, noch etwas für das WHW abzugeben. Er erklärte dass ja für ihn und seine Kinder schon gesammelt würde. An demselben Abend trat der Vorstand des Gartenvereins zusammen und sohloss den Sünder mit sofortiger Wirkung aus. Die noch vorhandene Ernte wurde beschlagnahmt. Ein Gemeindearbeiter in Y. hatte abgelehnt, für das WHW etwas zu geben, da seine grosse Familie selber hilfsbedürftig sei. Er wurde fristlos entlassen. Das Arbeitsgericht wies die Klage ab und erkannte die Entlassung als zu Recht erfolgt an. Fuhrunternehmer, die Transporte für das WHW machen, müssen eine auf den Zentner Frachtgut berechnete prozentuale Abgabe an das WHW entrichten. Ueber die Leistungen des WHW ist naturgemäss jetzt noch kein Ueberblick zu gewinnen. Bemerkenswert ist, dass bereits im Sommer verschiedene Anstrengungen gemacht worden sind, den Kreis der Unterstützten einzuschränken. 3o hat die NSV im Gau Bayerische Ostmark folgenden Aufruf erlassen: A-30- �Begte�er be$ beui�en SBrnterb�smettes! bcn.9!od)fnid)tmj;aicUntct)