Deut sohl and-Be r i cht der Sopade Prag X. 3. Jahrg. Nr. H. November 1936. ) Inhaltsv er zeiehnis T e i 1 A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland !lm zusammenfassender Bericht aus Bayern- Die Kriegsstimmung- Deutsche Waffen- und Mann- schaftstrensporte nach Spanien- Münchner Filmaufnahmen aus dem spanischen Bürgerkrieg- Die Anteilnahme des Volkes an dem spanisohen Freiheitskampf- Dia"antibolsohewlstische Schau" in München. II. Aus der Wirtschaft 1) Die Preisüberwachung 2) Die Preis bewegung 3) Die Lebensmittelversorgung 4) Die Rohstoffknappheit Verschärfung der Zwangsbewirtschaftung- Mangel an Eisen 5) Geld und Kredit Flucht ins Eigenheim- Organisierung des Schulsparens 6) Aus der Exportindustrie Die Auswirkung der Abwertungen III. Die Lohnentwicklung 1) Die Lohnbewegungen 2) Die Lohndifferenzierung 3) Aufhebung von Tarifverträgen 4) Offene Tarifversohlechterungen Lohnvergleiche mit 1932- Lohnsenkungen im Hausgewerbe- Versohlechterungen bei jugendlichen Arbeitern- Lohnabbau durch Aenderung des OrtBklassonverzaichniaees- Betriebaberichte -2- 5) Das Leist mgsprlnzlp "Minderleistungsfähige Arbeiter"- Leistungslohn und Akkordarbeit- Betriebsber lohte 6) Unverbindiiohkeit und Abdingbarkeit der Tarifordnungen Die Tätigkeit der Arbeltsgerichte- Die Anordnungen der Treuhänder- Betriebsberichte 7) Die Arbeitszeit Die Dehnbarkeit des Arbeitstages- Die Mehrarbeitszuschläge- Betriebsberiehte 8) Die Verlängerung der Kündigungsfristen 113 9) Der Urlaub. 121 Die nationalsozialistische Urlaubspolitik- Der Urlaub für Jugendliche, für Schwerbeschädigte usw.- Das Urlaubsmarkensystem im Baugewerbe- Betriebsberiehte lo) Einzelberichte 133 Teil B: Uebersiehten. A 87 97 loo Aussenpölitische Uebersicht A T e i 1 A [Abgeschlossen am 9. Dezember 1936} I. Die allgemeine Situation in Deutschland. Das wichtigste Merkmal der gegenwärtigen Situation in Deutschland ist die Tatsache, dass das Regime sich immer weniger auf die Propaganda verlassen kann und sich immer mehr auf die nackte Gewalt stützen muss. Es stellt das Trommelfeuer der Propaganda-Aktionen nicht ein, aber es weiss, dass die Wirkung der Propaganda angesichts der allgemein wachsenden Missstimmung immer welter nachlässt. Deshalb ist es gezwungen, den Terror zu verschärfen: die drakonischen Wirtschaftsverordnungen(Todesstrafe für Kapitalflucht, Zuchthaus für Preisüberschreitun-. gen), das lückenlose Erziehungsmonopol.der Hitler-Jugend und die vollständige Unterbindung der Kritik nun auch auf dem 3e- biet der Kunstbetrechtung sind die sichtbarsten Anzeichen üa- für. Diese Schwergewichtsverlagerung in den nationalsozialistischen Herrschaftsmethoden kommt besonders deutlich in dem nachstehenden Bericht aus Bayern zum Ausdruck, der auch deshalb Beachtung verdient, weil er infolge besonders günstiger Umstände ein Berichtsgebiet umfasst, wie es in dieser Ausdehnung nur selten von einem Beobachter überblickt werden kann. Im letzten Bericht haben wir zwei Merkmale als für die öffentliche Stimmung besonders bezeichnend dargestellt: eine neue starke Beunruhigung durch die zunehmende Verknappung der Lebensmittel und in zweiter Linie eine ständig wachsende Diskussion über den von allen erwarteten Krieg. Nach den gleichlautenden Berichten unserer Genossen aus allen Teilen des Bezirkes und aus den verachiedensten. Schichten der Bevölkerung können wir diese Darstellung in verschiedener Hinsicht ergänzen. 1.) Die Beunruhigung der Bevölkerung über die Wirtschaft- lieha Entwicklung iat durch die im letzten Monat zum grossen Teil wieder überwundene Verknappung der Lebensmittel nicht eingedämmt worden. Tieisch, Butter und Eier kamen wieder in grösserem Umfange auf den Markt, so daas bei einer zwar immer spürbaren Beschränkung die Bedürfnisse knapp befriedigt werden konnten. Es zeigte sich aber, dass die Miasstimmung im Volke nicht mehr mit den periodisch auftretenden Schwierigkeiten schwankt, sondern dass eine Grundmissstimmung vorhanden ist, die das ganze System betrifft und die durch jede neue Schwierigkeit nur noch vertieft wird. Allgemein ist die Feststellung, dass sich die Unzufriedenheit auf alle Echiohten der Bevölkerung erstreckt, dass aber besonders der Mittelstand und das Kleingewerbe, vor allem die kleinen Geschäftsleute in eine immer trostlosere Stimmung verfallen. Die gedrückte Stimmung erfasst auch die Nationalsozialisten. Kaum einer von ihnen, ob mit oder ohne Parteiabzeichen, fühlt sich verpflichtet, seinen Staat zu verteidigen. Ausgenommen sind die Frofitträger der neuen Tirtsehaft, die Postenjäger und Parteibeamten. Aber auch sie sind in Sorge, wie sich diese Entwicklung weiter auswirken wird. Wir haben ans erster Quelle Berichte über endlose Beratungen der zuständigen Parteistellen, wie man dieser Missstlmmung und Unruhe im Volke entgegenarbeiten könnte. Die Wirkung der Bede Görings und die Ankündigungen über den neuen Vier jahresplan werden von den Berichterstattern etwas abweichend beurteilt. Die Genossen z.B. in München versichern dass die Rede ohne jeden Einfluss gewesen sei, während andere Freunde in der Provinz die Wirkung höher einachätzen. Alle stimmen jedoch darin überein, dass kein Mensch sich für diese neuen Pläne begeistert Und in ihnen die Rettung des Landes sieht. Zwar glaubt man, dass die Regierung ihr Programm durchführen wird und wenn es noch so viel an Volksvermögen kosten sollte, doch empfindet jeder, dass das nichts anderes ist als Krlegsvorbereitnng. Das Volk nimmt die Lasten nur unwillig auf sich. In einer Zeit der dauernden Beschränkung der Lebenshaltung der breiten Volksschichten muss die von den Spitzenträgern des Systems getriebene Verschwendung die Erregung noch verstärken. Die Bauwut sowohl der offiziellen Parteistellen als auch der einzelnen grossen Parteimänner läset sich beim Volk längst nicht mehr mit der Begründung"Arbeitsbeschaffung" rechtfertigen. Jetzt, da viele Menschen durch die Aufrüstung wieder in Arbeit stehen, fehlt ihnen vollständig der Sinn dafür, daas sich Schwarz, Ley, Amann und andere römische Prunkvillen für Millionenbeträge bauen. Diese Tatsache iat bekannt bis Ina kleinste Dorf und bildet Gesprächsstoff für das ganze Volk. Der Ausdruck"Bonze" Ist wieder in aller Mua a. Früher hat man sich noch mit dem Witzemaohen begnügt, heute kolportiert man schon eifrigst die Einkommanssätze der "oberen Bonzen", Aia Millionenbeträga, die ihre Villen koatan, das Beuohlerisoha in den Reden Görings usw. A-3- Zs gibt zwar noch immer fanatische Parteigänger, auch unter dem einfachen Volke, aber sie werden immer vereinzelter und werden immer mehr isoliert. Mit solch unverbesaerliehen Dummköpfen will man sich nicht unterhalten, man meldet sie und nimmt sich vor ihnen in jeder Hineicht zusammen. Jeder weiss, wo diese Leute wohnen und was sie tun. Ihre Solle wird immer mehr die von verhasaten Spitzeln, die ausserhalb des Volkes stehen. 2.) Es wäre jedoch sehr verfehlt, wollte man diese Miss-! Stimmung des ganzen Volkes als ein Anzeichen für den baldigen Sturz des Regimes betrachten. Wer sich in Deutschland umsieht, der weiss, dass davon gar keine Rede sein kann. Der glänzend funktionierende Kundsohafterdienst meldet die Stimmung im Volke ganz genau nach oben. Dort reagiert man auch immer sofort auf jade neue Grundatrömung. Heute scheinen die Machthaber zu wissen, dass es ihnen mit Reden und Propaganda allein nicht mehr gelingt, das Volk in Schwung zu halten. Diese Aufmärsohe und Feste mit Fahnen und Geschrei tun keine Wirkung mehr. Die kühnste Propaganda kann auf die Dauer nicht über die wirkliehen Zustände hinwegtäuschen. Das jedoch bedeutet keineswegs das Ende der nationalsozialistischen Regierungskunst. Es können noch viele Register gezogen werden und die Nazis sind darin Meister. Es ist klar, dass das Regime heute mit anderen Mitteln regiert als noch vor Monaten, und dass man ea amfgsgeben hat, alle Deutschen zu Nationalsozialisten zu machen. Wenn man sich heute in Deutschland umsieht, empfindet man an allen Orten die grausame Wucht des Militärstaates. Deutschland, ist zu einem einzigen Volk von Soldaten geworden. Es ist völlig gleich, was der einzelne denkt, ob er achimpft und meckert, ob er empört ist oder nicht, er ist ein Soldat in einer ausgerichteten Front und kann gar nichts anderes tun als strammstehen, wenn er nicht will, dass eine barbarische Strafe ihn trifft. Ea ist für den im Ausland weilenden Deutschen unvorstellbar, wie sich dieser Militäretaat in den letzten 6 Monaten entwickelt hat. Die vollständige Durohorganisierung und Uhlformierung das Volkes und aller seiner Lebensauaserun- gen hat eine Stufe erreicht, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. So prägt sich dem Volke mit jedem Tage mehr die totale Macht des Faschiamus ein. Der einzelne iat nichts, der Militärstaat ist alles. Dieses Bewusstsein hat haute mehr oder weniger jeder Deutsche, selbst der, der ein überzeugter- Gegner dieses Staates ist. Hinzu kommt, dass der!error noch immer weiter verschärft wird. Die Verhaftungen verdächtiger Personen an allem Ecken und Enden des Bezirkes, die ständige Beunruhigung durch Haussuchungen, die neuen barbarischen Frügelmethodan in den Konzentrationslagern, die erbarmungslose Vernichtung von Ewlsten und Leben, all das nimmt täglich zu. Wer von deutschen Gerichten einmal erfasst wird, und unter dem Verdacht der A-4- staatsfeindlichen Betätigung steht, wird, seibat wenn er freigesprochen werden musa, nicht mehr äua der Haft entias- aen. Alles wandert in die Konzentrationslager und wird dort ohne Urteil gefangen gehalten. Wer das zweite Mal in ein Konzentrationslager eingeliefert wird, hat keine Hoffnung mehr, es noch lebend zu verlassen. Das Spitzel-System ist bedeutend ausgedehnt worden. Neben dem Heer von Agenten, das die Polizei unterhält, werden die noch fanatischen Anhänger der Partei und die Verräternaturen, die ja überall unter den Menschen zu finden sind, in ein fein gegliedertes Netz der Bespitzelung eingebaut. In jedejp grossen Wohnhaus ist Irgend eine Person diesem Spitzelnetz angegliedert. Zwar sind diese Leute vielfach bekannt, dennoch sind sie gefährlich. Nach aussenhin verurteilt man die Angeberei, hinten herum organisiert man sie. Besonders scharf ist die Bespitzelung in den Rüstungsbetrieben. Der Rüstungsarbeiter steht unter dauernder Ueberwaohung. Die Arbeiter kommen sieh wie Sklaven vor, die in einem riesigen Arbeitslager tätig sind.' Zusammenfassend ist festzustellen: Was das Regime in den letzten Monaten an Vertrauen bei den Massen verloren hat, sucht es durch vermehrten Terror wettzumachen. Nach der Auffassung unserer Freunde wird sich der Terror noch verstärken; das Regime ist dazu maohtmässig durchaus in der Lage. Wie reagiert nun das Volk auf diesen Zustand?- Es fügt sieh und läset sich von d&m wachsenden Terror zusehends verängstigen. An vielen Beispielen können wir das belegen. Man sollte glauben, dass die zunehmende Missstimmung einen günstigen Boden für eine Aktion, oder wenigstens für eine massige Ausdehnung der organisierten oppositionellen Kräfte abgeben würde. Nichts davon ist der Fall. Die Menschen in Deutschland werden immer mehr verschüchtert, sie fürchten sich vor den Strafen und haben einen grossen Respekt vor der ständig spürbaren Polizeimaoht des Reiches. Wie auah schon früher beobachtet, ist die Wirkung der neuen Spitzel- und Terrormethoden in den einzelnen Orten oft sehr untersohiedlieh. So herrscht z.B. in Augsburg eine"viel dickere Luft" als in München. Zwar ist sie auch hier noch dick genug, aber man kann sich doch noch etwas freier bewegen. In Augsburg ist der Druck des Polizei- und Militärapparates auf Schritt und Tritt spürbar. Die ganze Atmosphäre dieser Stadt atmet Zwangsstaat und Zuchthaus. Aber auch München hat sieh in den letzten Monaten stark gewandelt. Die Menschen sind voll Angst und wollen mit der Polizei nichts zu tun haben. Besonders ängstlich sind die Menschen, wenn sie merken, dass irgend jemand etwas mit illegaler Arbeit zu tun hat. Erschütternde Beispiele liessen sich dafür erbringen. 3.)Zü dieser Angst vor der Polizei kommt in den letzten Wochen immer.mehr die Angst vor dem kommenden Krieg.' Das Regime tut alles, um das Volk an die Schrecken des Krieges zu gewöhnen. Das hat zur Folge, dase die Meaeehea ea die Zwangeläu- A-5- figkait der Nntelcklmog'mm Kriege in ganz kurzer Zeit glauben. Ob man in das aMliohe Sehwaben, in den Chiemgau, nach Münohen oder in den bayerischen Wald kommt, überall kann man die gleichen Worte hören;"Jetzt kommt bald der Krieg!" Noch nie war daa so deutlieh wie in den letzten Wochen. Die Leute fangen an, Geld auszugeben mit der Motivierung:"Jetzt kommt der Krieg, dann ist doch alles hin." Der starke Besuch der Vergnügungsstätten, der in der letzten Zeit wieder zu beobachten ist, wird von unseren Freunden auf diese Stimmung zurückgeführt. Diese Kriegspsychose wird stark gefördert durch die letzten Massnahmen der Militärbehörden. So wird aus allen Orten des Bezirkes berichtet, dass jeder waffenfähige Mann seinen Ge- steilungssohein für den Fall der Mobilmachung zugestellt erhalten hat. Wir lassen hier einige solcher Mitteilungen folgen; Diese Massnahmen haben die Bevölkerung begreiflicherweise sehr beunruhigt. In den Zeitungen ist davon nichts zu lesen. Alles wird so vorbereitet, dass man nur auf den Knopf zu drücken braucht, damit jeder Deutsche auf seinen Posten an die Kriegsmaschine rennt. Unsere Freunde fragen sich: Warum die Ausgabe dieser Gestellungsbefehle, warum diese bis ins kleinste gehende Vorbereitung auf die Mobilmachung, warum diese geradezu wahnsinnige Hast in den Rüstungsbetrieben, wenn man nicht heute schon ganz bestimmte Absichten für die nächste Zeit hat? Weiter wird aus München berichtet, dass in den letzten Wochen in Betrieben Prüfungen des Fersonalstandes durchgefü�jt wurden. Es wurde ermittelt, wieviel Personen unter Umständen aus dem Büro- in den Werkbetrieb überführt werden können. Die Betriebsleitungen haben Zuschriften erhalten, wonach sie ihren Verwaltungsbetrieb dahin überprüfen sollen, ob nicht Arbeitskräfte freigesetzt werden können, wenn im Bürobetrieb eine Vereinfachung eintreten würde, und welche Vereinfachung möglich wäre. Bei der Bevölkerung herrscht für den Krieg nirgends auch nur die bescheidenste Begeisterung. Selbst die Jugend, die noch vor einem Jahre für Kriegsideen zu haben war, ist heute wesentlich stiller geworden. So hat nach genauen Beobachtungen der Zustrom zur Fliegerwaffe wesentlich nachgelassen. Die vielen Abstürze, von denen in den Zeitungen nichts zu lesen ist, sprechen sich immer rasch im Volke herum. Das Volk erkennt die Schrecken des Krieges und will den Frieden, aber jeder ist so eingeschüchtert und so hineingeprosst in die Klammer dieser Kriegsorganisation, dass ihm nur die Resignation bleibt. 4,} Die anti bolschewistische Propaganda hat in den letzten zwei Monaten weiter zugenommen. Wir konnten beobachten, dass es sogar in vielen Fällen, besonders beim Bürgertum.gelingt, den Bolschewistenaohreok glaubhaft zu machen. Der Hass gegen die Tschachoslovakei, die man überall als einen Vasallenstaat A-6- Russlands hinstellt, wi?3 systematisch genährt. Antibolsohe- wiatlsehe Ausstella'igen werden aufgemacht. In der Schmie wurden in den letzten Wochen den Kindern belehrende Vorträge über Spanien gehalten, in denen die Grausamkeiten der Roten in für Kinderhirne geradezu vergiftender Form ausgemalt wurden. In einer Schule liess ein Lehrer von den Kindern die' Landkarte Europas zeichnen, auf der die als Todfeinde Deutsch lands bezeichneten Staaten Russland, Tschechoslovakei und Frankreich rot gemalt werden mussten. Alle Kinos werden in den Dienst der antibolschewistischen Greuelpropaganda gestellt. 5.) In der Arbeiterschaft ist der Prozess der Verbitterung weiter fortgeschritten. Es zeigt sich, dass es dem Regime nicht mehr gelingt, auf die Arbeiterschaft einen �influss auszuüben, geschweige denn sie für die Idee der Machthaber zu begeistern. Das wissen die Faschismen genau und darum gehen sie auch hier zu verstärktem Terror über. Obwohl die illegale Bewegung schwach ist und überhaupt nicht in Erscheinung tritt, fangen' die Vertreter der Arbeitsfront jetzt an, gegen die Versuche der bolschewistischen Zellenbildung in den Betrieben zu wettern. Früher hiese es, dass der Kommunismus vernichtet sei, jetzt fängt man von neuem an, gegen ihn zu kämpfen. Jeder Arbeiter und auch die Redner der DAF wissen, dass in den Betrieben keine kommunistischen Zellen bestehen. Wenn- man jetzt wieder gegen den Kommunismus losgeht, so nur, weil man eine Begründung für den Terror braucht. Dabei ist alles Bolschewismus, was nicht nationalsozialistisch ist. Die Verbitterung unter den Arbeitern ist nicht von jjHe- galen Zellen organisiert, sje entwickelt sich aus der Lage in den Betrieben. Es ist für die Nazis sehr schwer, dagegen anzukämpfen, denn es fehlen die Ansatzpunkte. Man kann doch nicht alle Betriebsarbeiter verhaften. So greift man wahllos irgend einen Arbeiter heraus und massregelt ihn, um damit die anderen einzuschüchtern. In einem grossen Münchner Betrieb wurde z.B. ein Arbeiter fristlos entlassen, weil er keine Win terhilfsmarke klebte. Das hat man ihm noch in sein Arbeitsbuch geschrieben. Persenlloh sagte ihm der Abteilungsleiter, er könne im Betrieb nicht mehr geduldet werden, weil er Bol- sohewist sei. Aber auch in der Arbeiterschaft zeigen sich keinerlei Formen eines organisierten Widerstandes oder einer sichtbaren Oppsition. Die Arbeiter klagen zwar alle über die niederen Löhne und rechnen sich Vergleiohszahlen mit früher aus, aber keiner kann sich denken, wie man höhere Löhne durchsetzen könnte. Mit dem täglich wachsenden Terror in den Betrieben, der immer mehr ausgebauten Bespitzelung wird jede Regung mit dem Ziel einer Lohnerhöhung von vornherein im Keim erstickt. Die in diesem Bericht geschilderte Kriegs Stimmung kommt auch in den Berichten aus allen anderen Lendesteilen zum Ausdruck. A-7- Wir greifen folgende hereua: Berlin; In erschreckendem Tempo nimmt in allen Kreisen das Gefühl zu, dass die Welt unaufhaltsam einem neuen Kriege zutreibt. Das ist die absolut einheitliche Grundstimmung, trotz verschiedener Zinstellung zu einer solchen Entwicklung und trotz verschiedenster Beurteilung der innerdeutschen und der aussenpolitisohen Situation. Nach wie vor herrscht vor allem im Bürgertum, aber auch in der Arbeiterschaft die Auffassung dass Hitler den Krieg nicht will, dass aber die mehr oder weniger bolschewistische Umwelt /'uns" in ein Kriegsabenteuer treibt und"wir uns" natürlich wehren müssen. Das deutsch- japanische Abkommen wird durchaus als Militärbündnis aufge- fasst und von den meisten als wesentliche Stärkung der deutschen Position empfunden."Die Regierung versteht doch was von Politik, sie weiss, wie man die Russen in die Zange nehmen kann." Gelegentlich auftauchende Zweifel wegen der Rückwirkung auf England werden von der Goebbelspropaganda über- tBnt. Das Eigenartige ist, dass dieselben Menschen ihre sehr tiefen Zweifel an der Möglichkeit eines deutschen Sieges im kommenden Kriege nicht verbergen können., Diese Zweifel werder genau so wenig begründet wie der fatalistische Glaube an den baldigen Kriegsausbruch. Fundierte Kritik hört man nur aus dem Lager der Grossbourgeoisie, der Bürokratie usw. auf der einen, aus Kreisen der politisch geschulten Arbeiter auf der anderen Seite. Die einen kennen den wirklichen Umfang der Wirtschaftsschwierigkeiten, die anderen sehen immerhin, was in ihren Betrieben los ist. Ausserdem verfolgen sie die Entwicklung im Auslande mit kritischerem Blick. So äusserte, sioi ein Grosskaufmann sehr skeptisch über das deutsch- japahisohe Abkommen als einen"wilhelminischen Streich". Auf die Weise triebe man ja England und USA zwangsläufig in eine Front gegen Deutschland. Es entstünde zwar nicht die Torkriegskonstellation, in der ja auch Japan und Italien gegen Deutschland gestanden hätten, aber erstens wisse man nicht, wo Italien stehen würde, zweitens sei die finanzielle und überhaupt die wirtschaftliche Lage Japans auch nicht gerade glänzend und drittens sei vor allem Russland heute nicht mehr das Russ land von I914. Deutschlands Kriegsvorbereitungen würden zwar organisatorisch exakt klappen; kein Pünktchen übe� dem i würde fehlen. Aber Organisation allein mache es ad oh nicht, wenn auch sicherlich die Anfangsstosskraft Deutschlands heute unverglelchlkih grösser wäre als 1914* Die Rohstoff- und vor allem die Devisensohwierigkeiten seien sehr gross, doch liess sich nicht abschätzen, wielange man sich im Kriegsfalle doch mit allem möglichen Ersatz durchhelfen könne. Die leichtsinnige Annahme, dass Deutschland überhaupt nur einen kurzen Krieg führen könne, teile er nicht, wohl aba� sei er sich klar, dass auf längere Dauer das Uebergewioht bei den anderen Mächten liegen würde. Vorausgesetzt, dass es Deutschland nich gelingt, während des Krieges noch diplomatische Erfolge zu erzielen und die Front der Gegner aufzulockern. In diesem Punkt hätte die de�tsoha Diplomatie trotz der aohweren Belastungen durch d'i