Deut sohl and-Beri cht der Sopade Prag X* 3k Jahrg. Nr. 12. Dezember 1936. -???- In hal sera eichnis Te i 1 Nachrichten und Berichte. I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die lähmende Kriegsangst- Deutschland und der Krieg in Spanien- Die Haltung des Bürgertums A 1 II. Aus den Betrieben 19 1) Die allgemeine Situation in den Betrieben 19 2) Die Widerstandsregungen 3) Der Betriebsterror 4) Die Werkscharen 35 5) Die Stellung des Vertrauensrats 6) Betriebsveranstaltungen 7) Die Zustände auf den Rüstungsbaustellen 8) Einzelberichte aus Berlin, Bayern, Südwestdeutschland, Sachsen, Mitteldeutschland, Schlesien III. Der Terror 39 44 47 2 238372* 1) Der Terror gegen die Illegal en a) Urteile gegen Sozialdemokraten Liste hoher Zuchthausstrafen- Die Zusammensetzung der politischen Gefangenen Neue Verurteilungen b) Das Los der Gefangenen Berichte aus Strafanstalten und Konzentrationslagern c) Spitzel- und Vernehmungsmethoden 61 61 61 69 69 97 -22) Der Terror gegen die Juden Behördenmassnahmen und Gerichtsurteile Die Diffamierung der Juden- Die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz- Binzelberichte- Die" Rassenschande"-Justiz 3) Der allgemeine Terror Zwangsmassnahmen gegen Vereine GRED Berichte aus Südwestdeutschland, Bayern, Rheinland- Westfalen, Norddeutschland, Sachsen und Schlesien A 111 127 Te i 1 B : Uebersichten Die Entwicklung der Weltwirtschaft 1) Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft in der Krise B 1 2) Welthandel und Weltproduktion 3) Die kranken Glieder der Weltwirtschaft 138 4) Die Kräfte des Wiederaufbaues 12 a) Die Wiederherstellung der Währungseinheit 12 b) Die Kapitalbewegungen 15 c) Die Handelspolitik 19 5) Die politischen Gefahren 22 A-1Te11 A ( Abgeschlossen am 12. Januar 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland. Mehr denn je sind alle Volksschichten von der Sorge erfüllt, der Krieg stehe nahe bevor. Der Vier jahresplan, die Lebensmittelrationierung, die Gestellungs befehle für den Mobilmachungsfall, die erhöhte Aktivität des Luftschutzes, das Eingreifen Deutschlands in Spanien, die hemmungslose Hetze gegen Sowjetrussland alles das gibt der Kriegspsychose ständig neue Nahrung. Für die Beurteilung der Massenstimmung ist dabei eines wichtig: gleichgültig, ob diese Kriegsangst vom Regime bewusst genährt wird oder nicht, sie wirkt wie ein ungeheueres politisches Ablenkungsmanöver. Alles starrt hypnotisiert auf den Krieg. Viele Unpolitische mit der Vorstellung: es hat ja alles keinen Zweck, es kommt ein Krieg und dann... Viele Politische, die den Untergang des Regimes herbeisehnen, mit dem Gedanken: es muss ein Krieg kommen, denn ohne Niederlage im Krieg ist das Regine nicht zu stürzen. Der Fatalismus, der in beiden Auffassungen zum Ausdruck kommt, ist heute eine der stärksten Stützen des Regimes. Die lähmende Furcht vor dem Kriege bewirkt, dass das Volk immer neue Opfer will enlos auf sich nimmt und dass auch der Blick der politischen Menschen abgelenkt wird von den Aufgaben und Möglichkeiten, die für den Kampf gegen das Regime in der gegenwärtigen Situation gegeben sind. Und immer wieder muss man hinzufügen: die Mehrheit des Volkes billigt nach wie vor die Aufrüstung, weil Deutschland inmitten einer waffensterrenden Welt nicht wehrlos bleiben könne. A- 2Wir entnehmen unseren Berichten: Bayern: Aus zuverlässigster Quelle wird uns berichtet, dass General von Reichenau in einer Sitzung der Kommandeure des Standortes München erklärt hat:" Die Vorbereitungen für die Mobilmachung müssen bis März 1937 vollendet sein. Für die Durchführung der Anweisungen haften Sie. Das soll nicht bedeuten, dass im März der Krieg sein wird, jedoch muss die deutsche Wehrmacht bis dorthin für alle Fälle gerüstet sein." Zur Zeit werden von der Münchner Polizeidirektion bei allen Besitzern von Kraftwagen und Lastfahrzeugen eingehende Erhebungen angestellt, welche dieser Fahrzeuge im Mobilmachungsfalle für den Militärdienst bereit gestellt werden können. Bei der NS- Frauenschaft wurden Listen verteilt, in die die Frauen sich je nach ihrem Interesse für die Ausbildung in bestimmten Männerberufen anmelden können. Es wurden genaue Angaben verlangt über Alter, Kinderzahl, bisherige Berufsausbildung, Gesundheitszustand usw. In einer mündlichen Erklärung wurde mitgeteilt, dass der Zweck dieser Erhebungen sei, Frauen im Kriegsfalle in die Lage zu versetzen, Hilfsdienste in Männerberufen zu leisten. In der Hitler- Jugend wurden in den letzten Monaten besondere Ausbildungsnachmittage eingeführt, in denen die Jugend im Werfen von Eierhandgranaten und im Maschinengewehrschiessen geübt wurde. Die Eierhandgranaten sind mit Sprengkapse in versehen, damit genau festgestellt werden kann, ob sie richtig geworfen werden. Das Maschinengewehr ist ein Uebungsmodell. Bei den letzten Luftschutzübungen in München wurden die Teilnehmer in den Kellern versammelt. Die Uebungsleiter hielten überall gleichlautende Vorträge, deren wesentlicher Inhalt war: Ihr alle wisst, dass Deutschland eines Tages von einer Macht im Osten angefallen werden wird, gegen die wir uns zur Wehr setzen müssen. Selbstverständlich gibt es da keine Kriegserklärung, aber es wird jeder früh genug erfahren, wann der Kriegs ausgebrochen ist, dann hat jeder auf seinem Posten zu sein. Auf die in einem Fall gestellte Frage, ob die Tschechoslovakei diese Macht im Osten sei, gab der Uebungsleiter keine Antwort. Mitte Dezember haben, wie uns aus München, Augsburg und aus dem Allgäu gleichlautend berichtet wird, alle ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau eine Zuschrift erhalten, in der sie angewiesen werden, sich am ersten Tage nach der erfolgten Mobilmachung durch den deutschen Rundfunk um 8 Uhr vormittags im Polizeipräsidium in den Räumen der bayerischen politischen Polizei zu melden.. An der Grenze der Bayerischen Ostmark wurden schon vor zwei Jahren alle männlichen Einwohner zu Grenzschutzübungen einberufen. Nunmehr wurden die so ausgebildeten Grenzschutzleute zu Kompagnien zusammengefasst. Infolge der allgemeinen Wehrpflicht war es notwendig, die Ausbildungsform des Grenzschutze AA-85umzuorganisieren. Hat man früher infolge der ungeklärten Einberufungsverhältnisse die männlichen Mitglieder jeweils nach den Buchstaben des Alphabets zu sonntäglichen Uebungen einberufen, so hat man jetzt die zum Militärdienst nicht Verpflichteten nach militärischem Muster in feste Grenzschutzreserven eingeteilt. Ein eindrucksvolles Beispiel der deutschen Kriegspropaganda ist der Film" Der Verräter", der vor kurzem in München lief. Für diesen prämierten Spionageabwehrfilm wird von Parteikreisen und von der Wehrmacht eine grosse Propaganda entfaltet. Wir geben die Schilderung eines unserer Freunde wieder: Ufa- Theater in der Sonnenstrasse. Die linke Strassenseite ist ein einziger Autopark von Partei- und Heereswagen. Im Foyer des Kinos dicht gedrängt die verschiedensten Uniformen. Eine eigene Stimmung lastet auf den Besuchern, die sich von dem Film etwas ganz besonderes erwarten. Durch die vielen Uni formen bekommt das sonstige Kinomilieu einen mehr offiziellen militärischen Anstrich. Der Film soll die deutsche Spionageabwehr veranschaulichen. Der fein ausgedachte Plan ausländischer Spionage agenten, die in den Besitz von Konstruktionen kommen wollen, scheint infolge des Verrates einzelner Personen zu gelingen, scheitert aber im letzten Augenblick an der Standhaftigkeit eines jungen Panzerschützen. In den Agenten kann man deutlich französische Beauftragte erkennen. Die Handlung an sich würde kein Interesse verdienen, wenn nicht um sie in sehr geschickter Weise die vernichtende Wucht des deutschen Machtapparates aufgebaut wäre. Der Film beginnt mit einer eindrucksvollen Gelände übung der neuesten Grosskampfwagen. Hunderte von Tanks rasen über ein Sandfeld und schiessen auf in den Boden gesteckte Attrappen, die gegnerische Soldaten darstellen. Dann sieht man, wie die ungeheuerlichen Tankmaschinen sich in unglaublicher Schnelligkeit durch einen Wald hindurcharbeiten. Die stärksten Kiefern zerbrechen wie Zündhölzer. Man hört das Krachen des zersplitternden Holzes und das Rattern der Motoren. Bei dieser Stelle hört man im ganzen Zuschauerraum ein Murmeln, dazwischen Ausrufe des Entsetzens. Hauptsächlich Frauen geben ihren Empfindungen lauten Ausdruck durch Ausrufe wie" fürchterlich"," das ist ja schrecklich" usw. Die Jagd nach einem entführten Bomber gibt Gelegenheit, die deutsche Luftwaffe vorzuführen und einen Teil der Flotte. Die Grundtendenz des Filmes ist deutlich: Man will dem Besucher vor Augen führen, dass in jedem Strassenbahnwagen, auf der Arbeitsstelle, überall wo Menschen zusammenkommen, die Gefahr besteht, von einem gegnerischen Agenten ausgehorcht zu werden." Darum. Deutscher, sage kein Wort zu viel, wenn Du nicht willst, dass Du in das Netz der Spionage gerätst und die Macht des deutschen Staates zu fühlen bekommst." In diesen Film wurden alle Soldaten des Standortes München kommandiert. Wochenlang fanden fast jeden Nachmittag geschlos sene Vorstellungen statt. Ein in X. wohnender Führer der NSDAP, der seine Dienststelle heute in Berlin hat, sprach in vertrautem Kreise starke Befürchtungen für die Entwicklung in der nächsten Zukunft aus. Er glaubt, dass die Entwicklung zum Bolschewismus nicht aufzuhalten ist, weshalb auch die Parteileitung in schweren Sorgen lebe. Der Krieg sei unvermeidlich, es komme nur darauf an, dass Deutschland dabei den ersten unerwarteten und vernichtenden Schlag führt. Ob das gelingt, sei durchaus nicht sicher. Der Betreffende hat sich in den Bergen ein kleines Wochenendhaus gebaut, wohin er sich in gefährlichen Augenblicken zurückziehen will. Berlin, 1.Bericht: Der allgemeine Eindruck in Berlin ist, dass wir 1936 das letzte Friedensweihnachten verlebt haben. Die Nachrichten aus Spanien, der" Kampf dem Verderb", die Lebensmittelknappheit, die Einberufungen und die neuen Passvorschriften( Ausstellung von Auslandspässen nur mit Zustimmung der Wehrkreiskommandos) drängen die Sorge jedermann auf. Hinzu kommt, dass jetzt praktisch die gesamte wehrfähige Bevölkerung in die Stammrollen aufgenommen worden ist. Die Leute werden zur Polizei vorgeladen und sehr eingehend befragt. Sie müssen angeben, ob sie schon gedient haben, ob sie Mitglied der SA, der SS sind oder waren, ob sie irgend eine Parteifunktion bekleiden usw. Sogar die Frauen werden erfasst. Mir sind drei Fälle zuverlässig bekannt, in denen Frauen die Aufforderung erhalten haben, sich im Falle der Mobilmachung an bestimmten Stellen zum Hilfsdienst einzufinden. Zwei von diesen Frauen sind ledig, die dritte ist verheiratet; alle drei sind unter 30 Jahre alt. Diese Frauen sind durch diese Aufforderungen sehr überrascht worden. Sie sind weder politisch noch sonstwie hervorgetreten, sie haben weder besondere Kurse mitgemacht, noch gehören sie dem Roten Kreuz, dem Reichsluftschutzbund oder einer anderen Organisation an. 2. Bericht: Wie seit Monaten steht auch jetzt noch im Vordergrund die Einstellung auf den nahe bevorstehenden Krieg, obwohl sich in letzter Zeit gerade in der Arbeiterschaft nach dem Urteil mehrerer unserer Gewährsmänner stärker die Ansicht verbreitet: Deutschland kann ja gar keinen Krieg führen, wo jetzt schon alles zu knapp und schlecht wird. Selbst in der Rüstungsindustrie wird in zunehmendem Masse mi Ersatzmaterialien gearbeitet. In der" Friedensproduktion" ist das Tempo der Materialverschlechterung erschreckend, ganz besonders bei den eigentlichen Verbrauchsgütern, vor allem bei Textilien. Wurde noch vor etwa vier Wochen aus der wachsenden Zwangsbewirtschaftung der Schluss gezogen, dass der Kriegsausbruch in nächste Nähe gerückt sei, so gewinnt jetzt die Ueberlegung an Raum, dass ein Land, dass schon im Frieden zu derartigen Massnahmen gezwungen ist und in dem A-5schon im Frieden zum Teil dauernde, zum Teil periodische Mangelerscheinungen auftreten, das Wagnis eines Krieges nicht auf sich nehmen kann. In dem schnellen Wechsel der Meinungen gestern: es gibt bald Krieg und Deutschland bereitet ihn vor; heute: Deutschland bereitet sich zwar auf den Krieg vor, will ihn aber zur Zeit nicht, da es gar keinen Krieg aushalten kann spiegelt sich die Labilität der Gesamtlage wider und zeigt sich erneut, wie sehr die Massenstimmung von den Tageserlebnissen und-Beobachtungen beeinflusst wird. Man muss notwendig zu falschen Schlüssen kommen, wenn man die schwankende Versorgungslage Deutschlands als entscheidenden Faktor der deutschen Aussenpolitik einsetzt. Das geschieht aber heute in grossen Teilen der deutschen Arbeiterschaft, der Mittelschichten und auch der Unternehmer bewusst oder unbewusst. So richtig es ist, dass Deutschland in seiner heutigen wirtschaftlichen Verfassung keinen grossen Krieg führen kann an den offenbar automatisch als die einzig mögliche Form der kommenden Auseinandersetzungen in Europa gedacht ist-, so falsch wäre es, anzunehmen, dass für lokalisierte Kriege, die ja das einigermassen offen zugegebene Ziel Hitlers sind, die Schwierigkeiten in der deutschen Versorgungslage entscheidend sind. In Wahrheit führt Deutschland heute bereits in Spanien Krieg, eine Art Kolonialkrieg. Und es bringt dabe: das Kunststück fertig, diese Tatsache zumindest dem eigenen Volke zu verbergen. Auch diejenigen in Deutschland, die von den Truppen sendungen nach Spanien wissen, haben nicht das Bewusstsein, dass Deutschland bereits Krieg führt. Bei der einfachen Uebertragung der jetzigen deutschen Versorgungssituation auf den Kriegsfall wird vergessen, dass im Kriege Methoden offen angewendet werden können, die heute gar nicht oder nur versteckt Anwendung finden, nämlich die Sicherung der Versorgung mit Gewalt. Solange der Frieden gewahrt bleiben soll, sind den Aktionen Schachts bestimmte Schranken gesetzt, sie müssen sich in zivilen Formen bewegen. Diese Schranken fallen fort, wenn Krieg geführt wird. Für Deutschland gibt es allein in Europa viele Möglichkeiten, sich mit den nötigsten Rohstoffen und Lebensmitteln zu versorgen, sobald es statt auf den leeren Geldsack, auf seine Rüstung pochen kann. Unsere Genossen verweisen ausdrücklich auf diese Möglichkeiten des Regimes mit der Bitte, sie im Ausland genau zu beachten und im Einzelnen zu untersuchen. Natürlich sind es nicht die" kriegswirtschaftlichen" Massnahmen des Regimes und die tolle Aufrüstung allein, die die Kriegspsychose hervorrufen. Die spanischen Ereignisse, die Goebbelspropaganda und plötzliche Bereitschaftsmassnahmen, wie zu Weihnachten die Abkürzung des Urlaubs der Soldaten und der Arbeitsdienstler, rufen immer von neuem das Gefühl hervor, dass plötzlich, sozusagen in jeder Stunde, der Mobilma chungsbefehl ergehen könnte. Nach unseren Beobachtungen bildet sich dadurch allmählich ein Gefühl der dauernden -6Kriegsbereitschaft heraus, daca von Regime vielleicht in der Form nicht bewusst hervorgerufen worden ist, aber sicherlich nicht ungern gesehen wird. Während vor einigen Wochen noch im allgemeinen das Cortal vorherrschte, dass Deutschland einen grösseren Krieg unter allen Unständen verlieren würde, setzt sich jetzt immer häufiger auch bei antifaschistisch eingestellten Kreisen die Auffassung durch, dass bei dem Ausmass der deutschen organisatorischen Kriegsbereitschaft und bei der psychologischen Vorbereitung auf den Krieg vielleicht doch eine starke Ueberlegenheit auf deutscher Seite vorhanden ist. Südwestdeutschland: Wo immer man mit Leuten zusammenkommt, ob in der Bahn oder in Wirtschaften oder auf der Strasse, überall hört man nichts anderes als: jetzt gibt es bald Krieg so kann es nicht mehr weiter gehen. Als das Abkommen mit Japan bekannt wurde, hört man ganz allgemein die Ansicht: nun geht es bald los. Sogar die Lehrer in der Schule sprachen mit den Kindern davon. Dass die Vereinbarungen zwischen Deutschland und Japan sich gegen den Kommunismus richten, glaubt kein Mensch, denn für den Durchschnittsmenschen in Deutschland ist doch Kommunismus und Russland nur ein Begriff Also gibt es nur Krieg mit Russland. Natürlich gibt es auch Patrioten, die schon davon schwärmen, dass die Ukraine eine zukünftige deutsche Provinz wird. Kommt einer mit dem Einwurf " Ja und Frankreich" so wird er meist mit einer Hand bewegung abgetan. In einem Wirtshausgespräch meinte ein guter Nazi: " Die Faschisten in Frankreich warten nur darauf, dass wir mit den Russen in Konflikt sind, dann wird auch dort der Faschismus an die Macht kommen und Blum und Konsorten werden zum Teufel ge jagt." Rheinland- Westfalen: Die Kriegsstimmung wird bewusst oder unbewusst von den Naziamtswaltern genährt. Keine Versammlung geht vorüber, ohne dass auf die bolschewistische Gefahr verwiesen und den Zuhörern erzählt wird, dass Russland die Absicht habe, Deutschland zu überfallen. In der X- Siedlung in Y. wurde eine Luftschutzversammlung ab gehalten. Von sämtlichen 127 Haushaltungen waren die Frauen erschienen. Es wurden grauenhafte Sachen erzählt. Wenn in Spanien die Roten gewännen, so müsste Deutschland eingreifen. Es könne nicht warten, bis es überfallen werde. Der Krieg würde zum überwiegenden Teil mit der Luftwaffe geführt werden. Russland verfüge über riesige Luftbomber, die das ganze Land in kürzester Zeit massenweise überfliegen würden. Frauen und Kinder würden am meisten gefährdet sein, weil sie zuhause bleiben müssten. Gegen solche Möglichkeiten gelte es, sich rechtzeitig zu schützen. Die Frauen hätten die Pflicht, sich im Luftschutz rechtzeitig zu üben. Material für den Fliegerschutz müsse jede Frau selber beschaffen. Das Reich habe dafür keine Mittel, es müsse die Waffen beschaffen und vor allen Dingen so schnell wie möglich die stärkste Luftwaffe A- 7der Welt bauen. Als Stahlhelm sollten die Leute Kochtöpfe nehmen und sie mit Putzwolle ausfüllen. Die Wirkung solcher Reden ist furchtbar. Die Frauen sagen, es habe ja keinen Zweck mehr, noch irgendwie an die Zukunft zu glauben. Nach Weihnachten ginge es los. Manche Frauen können es nicht mehr mit anhören. Sie gehen einfach nicht mehr in solche Vorträge und sie bringen es nicht mehr fertig, sich an den Uebungen zu beteiligen. Es herrscht eine solche Kriegspsychose, dass es normalen Menschen unmöglich ist, sich mit anderen zu unterhalten, ohne auf den kommenden Krieg zu sprechen zu kommen. Zu der psychologischen Vorbereitung auf den nächsten Krieg gehören auch Veranstaltungen wie die folgende: Nur eine große Sondervorstellung am Sonntag, 1. Nov., vorm. 11.15 Uhr Kassenöffnung 10 45 Uhr Das Geheimnis der Marneschlach 1914 Die größte Tragédie des deutschen Volkes Ein Tatsachenbericht in Bild und Wort von Schriftsteller W. Kunde He deutsche Schicksalsschlacht und ihre dunklen Hintergründe Warum sind wir aus dem Sieg In den Rückzug geführt werden? Warum hat Deutschland den Krieg vertoren? Im Anschluß Volk an der Front Der neue große Weltkriegs- Tonfilm mit den packenden Originalaufnahmen von der Pront Das Heldenlied des foldgrawon deutschen Frontsoldaten Wenn Tausend einen Mann crschlagen. Das ist nicht Ruhm. das ist nicht Ehr' Drum heißen wird's in späteren Tagen Gesiegt hat doch das deutsche Heer National- Theater Marxloh, Kaiser Wilheim Straße A-8Sachsen Bekanntlich hat jedes Haus seinen Luftschutzwart. Er trägt die volle Verantwortung für die Durchführung aller Anordnungen und Befehle. Zur Schulung dieser Luftschutzwarte werden in gewissen Zeitabständen mehrtägige Kurse abgehalten. So wurde z. B. in Annaberg am 11. Dezember abends im Hotel " Schützenhaus" ein Kursus eröffnet, der sieben Abende umfasste. Jeder Luftschutzwart hatte einen" Befehl" erhalten und musste sich ordnungsmässig zur Stelle melden. Der Saal war überfüllt. Architekt Beyer- Annaberg hielt einen" technischen Vortrag" von einer Stunde. Es wurden alle bereits bekannten Anweisungen wiederholt: Es muss ein Alarmsignal in jedem Hause sein, in grösseren Häusern möglichst auf jedem Korridor eine Klingel. Auf dem entrümpelten Boden hat der Sandkasten zu stehen, dazu Hacke, Axt und Schaufel. Eine Hausapotheke mit reichlichem Verbandsmaterial muss vorhanden sein. Die Schulung der Frauen für den Sanitätsdienst ist systematisch zu betreiben. Auf jedem Korridor muss ständig ein Eimer mit Wasser stehen. Der Hauswart muss sich möglichst imprägnierte Kleidung und festes Schuhwerk beschaffen. Die Hausbewohner sollen sich Stahlhelme beschaffen, mindestens der Hauswart muss einen haben. Wer sich keinen Stahlhelm beschaffen kann, soll geeignete Töpfe zur Verfügung halten, um sie im Ernstfalle über die Köpfe stülpen zu können. Jedes muss natürlich versuchen, auf schnellstem Wege den Keller zu erreichen und im übrigen sein Gasschutzgerät zur Verfügung zu haben. Für die Feuerwehr, den Sanitäts- und Polizeidienst gel ten besondere Bestimmungen. Nach diesem Vortrag wurde den Zuhörern noch ein regelrechter politischer Vortrag vorgesetzt, in dem in Bolschewistenschreck gemacht wurde. Die Zeit sei ernst. Ueberall drängten die roten Horden vor. Hitler wolle keinen Krieg. Es sei aber kein Zweifel mehr, dass er Deutschland aufgezwungen werde. Die bols chewistischen Horden stünden an der deutschen Grenze. Ihr Weg führe durch die verbündete Tschechoslovakei. Die deutsche Grenzbevölkerung müsse sich darüber klar werden, dass sie im Kriegsgebiet wohne. Er, der Vortragende, habe die Pflicht, sie darauf aufmerksam zu machen, dass im Ernstfalle das Grenzgebiet geräumt werden müsse. An den spanischen Vorgängen könnten sie ermessen, welche Gefahren der deutschen Bevölkerung drohen und wie notwendig es sei, sich dieser Bolschewisierung mit ganzer Kraft entgegen zu werfen. Eine drückende Schwüle lag über der Versammlung. Von Begeisterung keine Spur. Einige Hausbesitzer meinten vertraulich zueinander:" Es ist schade, wenn man noch etwas an den Buden machen lässt, wenn sie doch einmal zusammengeschossen werden." Schlesien: In jedem Haus ist eine grosse Luftschutzmerktafel angebracht, deren Beschädigung oder Entfernung strafrechtlich verfolgt wird. Nachstehend bringen wir eine stark verkleinerte photographische Wiedergabe: A- 91 Luftschutz Merktafel 12 3 4 Was ist schon jetzt vorzubereiten? Dachboden aufräumen/ Alles entbehrliche, leicht brennbare Gerümpel entfernen/ Am Bodeneingang Kiste mit Sand, breite Schippe und Schaufel, Wasserfässer, Löscheimer sowie Kasten mit Verbandszeug und Brandbinden bereitstellen. Im Keller Schutzraum auswählen, einsturzsicher und gasdicht herrichten/ Für Sitzgelegenheiten und Notabort sorgen, Handwerkszeug wie Hammer, Zange, Spaten, Brechstange, Hacke, Säge bereitlegen/ Für Notbeleuchtung( elektrische Taschenlampen) Verbandszeug, Chlorkalkpuder sorgen/ Material zum Abdichten, Sandsäcke, Decken usw. vorbereiten Näheres erfrage bei der Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes. Was ist bei Aufruf des Luftschutzes zu tun? Sofort Schutzraum herrichten/ Fenster von außen mit Sandsäcken oder Erde verdämmen/ Behelfsmäßige Gasschleuse herrichten durch Einhängen von Decken in den Eingang. Bodenkammern öffnen, die letzten brennbaren Sachen entfernen/ Nachts alle Fenster abblenden, kein Licht zeigen/ Koch-, Trink- und Löschwasser bereithalten. Was ist bei Fliegeralarm zu tun? Ruhe!/ Fort von der Straße/ Schutzraum aufsuchen und dort ruhig verhalten/ Vorher Herdfeuer löschen Hauptgashahn absperren/ Brandwache auf den Boden/ Den Anordnungen des Luftschutzhauswartes vorbehaltlos folgen. Verhalten bei Einschlägen der verschiedenen Bomben! Gegen Sprengbomben bietet allein der Schutzraum hinreichenden Schutz/ Im Freien hinlegen/ Wer den Schutzraum nicht mehr erreicht, nimmt in den unteren Stockwerken hinter Mauerpfeilern Deckung/ Brandbomben mit Sand oder Asche zudecken, nie Wasser auf brennende Brandbomben schütten/ Brandherd sofort mit Wasser bekämpfen Bei Feststellung chemischer Kampfstoffe( Apothekengeruch) Raum in Ruhe verlassen/ Entgiftungstrupp anfordern/ Nicht laufen, nicht tief atmen, nasses Tuch vor Mund und Nase/ Treten Beschwerden auf, unbedingt Ruhe und Arzt. Wegweiser durch den Luftschutz: 1. Blockwart: 2. Luftschutzhauswar. 3. Heller der Hausfeuerwehr.. Sparen schafft Arbeit! Darum spare bei der Hindenburger Genossenschafts- Bank e. G. m. b. H. Kronprinzenstraße 274 Aelteste Bank am Platze! Gegr. 1893 4. Haussanitäter: 5. Zuständiges Polizeirevler: 6. Rächste Rettungsstelle u. Krankenhaus: RE Jeder kauft MOBEL stets gern... denn sie sind formschön, preiswert, modern Schlafzimmer, Küchen u. kompl. Wohnungseinrichtungen kaufen Sie am billigsten in der Möbelfabrik ADOLF EBERLE Glelwitz, Breslauer Straße 15 Fernruf 4612 Besichtigen Sie unverbindlich meine Verkauferlume. Ehestandsdarlehen werden angenommen. Nachahmungen werden gerichtlich verfolgt. Verstümmelung der Merktafel insbesond. Abscheiden des Reklameteils stellt Sachbeschädigung der u. wird nach§ 308 Str. G.-B. strafrechtlich verfolgt! Druck: Glogauer Druckerei 6. m. b. M., Glogas Herausgegeben im Auftrage des Reichs- Luftschutz- Bundes. Verkehrs- Verlag Schilder, Breslau 6, Alsenstraße 36. 2510 Unter den Arbeitern ist nach wie vor Spanien in aller Munde. Die nachfolgenden Berichte bestätigen erneut die Tatsache, dass deutsche Soldaten in Spanien kämpfen. Berlin, 1.Bericht: Was wird aus Spanien? Diese Frage beschurtigt uns alle brennend. Spanien ist das Gespräch, wohin man hört, und alle haben die Hoffnung, dass das Regine mit seiner Einmischung einen bösen Reinfall erleben wird. -10Die Rundfunknachrichten werden fieberhaft verfolgt; Strassburg, Prag und Moskau werden ständig abgehört. Die deutschen Neutralitätsbeteuerungen werden nicht mehr geglaubt. So ist z.B. überall bekannt, dass 6.000 8oldaten in Cadiz gelandet sind. Man hört diese Mitteilung von verschiedensten Seiten immer wieder und sie trägt nicht wenig zur Beunruhigung bei. Die Nachrichten über die Truppenverschickungen nach Spanien werden bestätigt durch zahlreiche Mitteilungen, die Soldaten an ihre Eltern und Verwandten gerichtet haben: Ihr Truppenteil habe seinen Standort verlegt, aber die Eltern brauchten keine Besorgnisse zu haben. Sie könnten jedoch nicht schreiben, wohin sie kommen. Die für die Soldaten bestimmten Weihnachtspakete mussten teils bis zum 3., teils bis zum 9. Dezember an die alte Adresse des Truppenteils gesandt werden. In einem Falle wurde auch die Versendung an eine Deckadresse und zwar beim Marine postamt in X. gewünscht. Dieser Termin für die Ablieferung der Weihnachtspakete ist deshalb besonders bemerkenswert, weil in der Presse eine Mitteilung veröffentlicht wurde, dass etwaige Weihnachtspakete für die Mannschaften der deutschen Kreuzer, die in spanischen Gewässern Dienst tun, ebenfalls bis zum 9. Dezember einzusenden waren. Nach unseren Informationen sind vor allem technische Truppen nach Spanien gekommen. Beim Flugzeug- Geschwader" Richthofen" fanden vor einiger Zeit Trauerfeiern für die 4 Flieger statt, die für die Ehre Deutschlands gestorben sind. Vermutet wird, dass sie in Spanien gefallen sind. Die Formationen mussten antreten und es wurde ihnen mitgeteilt, dass wieder ein Kamerad für Deutschlands Ehre gefallen sei. Dann das Lied vom guten Kameraden. Aus. Ferner liegen Nachrichten von 2 Fliegern vor, die noch am 20. Dezember noch mit Freunden in Berlin zusammen waren. Eine am 23. Dezember in" Larache, Espana- Marrucos" mit Zensurstempel versehene Postkarte zeigt, dass der eine sich schon in Spanien befindet. Der andere schrieb am 24. Dezember aus Lissabon. Allgemein kann wohl gesagt werden, dass keinerlei Begeisterung für die deutsche Einmischung in Spanien herrscht und die Mehrzahl der Leute wünscht, wir hätten uns nicht darauf eingelassen. Im allgemeinen ist die Ansicht verbreitet, dass der Konflikt zwischen Russland und Franco unvermeidlich ist. In unseren Kreisen hofft man sehr, dass die Franooleute noch mal eine Dummheit machen und ein russisches Schiff versenken, damit Russland dann Vergeltung üben kann. Welche Folgen ein solcher offener Konflikt haben würde, darüber macht sich kaum jemand Gedanken. Man ist zwar der Meinung, dass wir die Leidtragenden sind, aber in unseren Kreisen hat man doch die stille Hoffnung, dass es gelingt, auf diese Weise das Regime abzuschütteln. A-112. Bericht: Deutschlands Binmischung in Spanien ist viel weniger bekannt als allgemein angenommen wird. Zwar sind die politisch stärker interessierten Arbeiter vor allem durch das Radio einigermassen informiert, nicht aber die grosse Masse der politisch Desinteressierten. Auch diese verfolgen die spanischen Ereignisse sehr genau und zwar durchweg mit Sympathie für Madrid. Sie freuen sich darüber, dass Madrid nicht gefallen ist, nachdem ein entscheidender Regiefehler von Goebbels- der Fall Madrids bereits vor zwei Monaten als sozusagen vollendete Tatsache mitgeteilt worden war. Auch die Mitteilungen über das Eingreifen der Internationalen Brigade und der Sowjet- Union wirken ausserordentlich ermutigend auf die deutschen Arbeiter. Selbst die Tatsache, dass die deutsche Presse nur von den" Roten" spricht, wendet sich psychologisch gegen das Regime. Seitdem in Spanien die entscheidende Wendung zum erfolgreichen Widerstand der Volksfrontregierung gegen Franco eingetreten ist, sind die Depressionsstimmungen, die wegen der spanischen Entwicklung etwa vor zwei Monaten herrschten, überwunden. Darüber hinaus ist - zum Teil in unmittelbarem Zusammenhang mit Spanien- eine allgemeine Belebung des politischen Interesses und der Aktivität der Arbeiter in Berlin festzustellen. Sachsen: Ein uns bekannter Chauffeur dient gegenwärtig das zweite Jahr. Anfang Oktober wurde er zu einem Regiment nach X. versetzt und schrieb nach Hause, dass sie jetzt auch Tanks fahren. Am 15. Oktober schrieb er das letzte Mal. Nachdem die Eltern vier Wochen keine Nachricht von ihm erhalten hatten, wandten sie sich an das Regiment. Aber auch von dort kam keine Antwort. Am 26. November erhielten sie einen Brief, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass, falls sie ihrem Sohn ein Weihnachtspaket schicken wollten, dies bis spätestens 2. Dezember in der Sammelstelle beim Postant Berlin 10 eingetroffen sein müsste. Das Paket sollte in Sackleinen eingepackt und innen und aussen mit der bisherigen Adresse versehen werden.- Die Eltern sind der Ueberzeugung, dass ihr Sohn in Spanien ist und sind stark beunruhigt, dass sie noch immer keine Nachricht von ihm erhalten haben. Als der Prager Rundfunk im Dezember meldete, dass sohon über 1.000 Soldaten von Deutschland in Spanien gefallen sind, geriet die Familie in hellste Aufregung. Die Länge des spanischen Bürgerkriegs hat das Interesse nicht gemildert, sondern ausserordentlich gesteigert. Seit die Front vor Madrid steht, ist der Glaube an internationales Zusammenwirken, an die Kraft der Arbeiterklasse im Wachsen, besser ausgedrückt: er ist neu begründet. Allerdings ist auch die Macht und der Einfluss Russlands in der Bewertung aussergewöhnlich gestiegen. Obwohl zum Teil angenommen wird, dass Frankreich auch liefert, da die Zeitungen eine Reihe von Einzelmeldungen darüber enthalten, wird Blum von einem grossen Teil der deutschen Bevölkerung gehasst, man sieht in seiner Politik nur eine Politik des Bremsens. Russland verbindet seine Hilfe mit Propaganda, die wirkt stärker. A- 12Die Stimmung in Deutschland wechselt mit dem Kriegsglück in Spanien. Der Glaube an die alles niederwalzende Wucht der deutschen Waffen und der nationalsozialistischen Politik ist im militärischem Sinne schon arg erschüttert. Da die spanische Regierung einen so zähen Widerstand leistet, ist Spanien für den deutschen Faschismus zur Prestigefrage geworden. Diese Meinung wird in allen Bevölkerungskreisen vertreten und die Mehrheit ist der Anschauung, Hitler könne nicht mehr zurück. Ein kennzeichnendes Beispiel aus einem Gespräch zwischen Funktionären der NSDAP: Stimmung gedrückt. Der Eine:" Die oben mögen nur nicht so lange rumfackeln Ein Anderer:" Das und genug Truppen runter schaffen." geht nicht so einfach. Das muss gemeinsam mit Mussolini gemacht werden. Hätte der schon soviel Truppen und Material runter geschafft wie wir, wäre die Bande längst erledigt." Der Dritte:" Wenn der's nur nicht macht wie im letzten Krieg mit seinem Italien. Wir müssen das Bad aussaufen und die haben den Gewinn. Der Erste:" Das ist doch ganz egal. Jetzt haben wir's einmal angepackt, da gibts kein Zurück." Der Dritte:" Dann geht es aber überall los."- Der Erste: #Das bleibt sowieso nicht aus." Rheinland- Westfalen: Spanien hält alle politisch Interessierten in Spannung. Es gibt kaum jemand, der nicht wünschte, dass Franco unterliegen möge. Ob Sozialdemokrat, ob Kommunist oder Katholik, alle sympathisieren mit der rechtmässigen spanischen Regierung und alle haben grösste Hochachtung vor den Milizen. Man erinnert sich, dass bereits vor zwei Monaten im deutschen Rundfunk und in der Presse angekündigt wurde, dass Madrid in Kürze in Händen der Rebellen sein würde. Und man zieht aus der Tatsache, dass die Einnahme Madrids noch heute nicht Franco gelungen ist, den Schluss, dass sich in Spanien eine bedeutsame Kräfte verlagerung abgespielt haben muss. Das Volk sagt: wenn es so gut um Franco stünde, dann brauchte Hitler nicht Freiwilligen- Truppen nach Spanien zu schicken. Da über Spanien viel geredet wird, erfolgen ständig Verhaftungen. Während sozialdemokratische, katholische und kommunistische Arbeiter offen für die spanische Regierung eintreten, äussern bürgerliche Leute ihre schweren Bedenken gegen das Abenteuer, in das sich Hitler mit der Entsendung von Freiwilligen gestürzt hat. Allgemein ist die Auffassung vertreten, dass die Einmischung in Spanien für Hitler ein Mittel ist, von der immer schwieriger werdenden Wirtschaftslage abzulenken. Vielfach werden junge Leute aufgefordert, sich" freiwillig" für Spanien zu melden. Vornehmlich werden Leute des Jahrganges 1911 geworben. Das sind also die 25- Jährigen. Diese Meldung stammt aus dem Westfälischen. Sie stimmt überein mit der nachfolgenden Mitteilung aus dem Wurmgebiet im Rheinland. Von dort wird gemeldet, dass man die ehemaligen Fremdenlegionäre für Spanien anzuwerben sucht. Sie sollen sich bei einer NSDAP- Stelle melden. Versprochen wird, dass das Gehalt oder -13der Lohn an eventuelle Familienangehörige weitergezahlt werde und dass in Spanien ein auskömmlicher Sold gewährt werde. Bs haben sich nur wenige ehemalige Legionäre gemeldet, obWohl es deren im Wurmkohlenbergbau eine grosse Anzahl gibt. Geworben wird ausserdem in den Nazi- Formationen. Man legt auch hier Wert darauf, dass die Leute mindestens 25 Jahre alt sind. Hamburg: Der Versand deutscher Waffen nach Spanien geschieht nach unserer Feststellung einheitlich durch die Hamburger Firma" Spiro"( Benno Spiro, Waffenhandlung, Adolfsbrücke 9-11., Inh. Bruno Spiro und Exportkaufmann Paul Robert Spiro, Sedanstr. 7). Am Sonntag, den 29. November wurden hier in Hafen zwei Schiffe befrachtet. Von der Mannschaft durfte niemand an Bord bleiben. Tag und Nacht war höheres Redereipersonal an Bord. Am Montag Ausreise nach Portugal. Auf der Werft... wurden in der vorigen Woche ungefähr 1.loo Mann für Spanien eingeschifft. Es soll sich hierbei hauptsächlich um Monteure und Techniker handeln. Unsere Seeleute berichten, dass die deutschen Dampfer sehr oft im Konvoi von deutschen Kreuzern fahren, wenn sie nach Spanien oder Portugal unterwegs sind. Bayern: Der Kampf in Spanien, besonders der Tod Bäumlers vor Madrid, hat bei vielen Arbeitern das Interesse an der sozialistischen Bewegung und den Glauben an die Kampfkraft der Arbeiter neu belebt. Die meisten haben Bäumler gekannt mit seinen Schwächen und Mängeln. Sein Heldentod, der auch durch die deutschen Zeitungsmeldungen nach denen Bäumler von den eigenen Leuten erschossen worden sei in seiner moralischen Wirkung nicht herabgemindert werden konnte, hat ihm bei den Arbeitern einen Platz unter den Märtyrern des Sozialismus gesichert. Die gemeine Lügenhetze der Zeitungen hat noch mehr dazu beigetragen, dass Bäumlers Name in vieler Munde war. Sein Tod hat mehr als alle Propagandaaktionen des Moskauer Senders für die Internationale Brigade geworben. In den letzten Wochen haben 5 Arbeiter von München aus den Versuch unternommen, nach Spanien durchzukommen, um dort an den Kämpfen teilzunehmen. In einem Fall hat ein Arbeiter, der in der Ostmark auf einem Strassenbau beschäftigt war, und der bereits zwei Jahre Dachau hinter sich hatte, seinen Arbeitsplatz verlassen und hat sich ohne jegliche Papiero über Frankreich nach Spanien durchgeschlagen, wo er heute an der Front um Madrid kämpft. Einen Einblick in die Haltung des Bürgertums gewähren die nachstehenden Aufzeichnungen über Gespräche mit Bürgerlichen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. :) કથ A-14Ein nationalsozialistisches Ehepaar: Beide mit dem Doktorgrad, beide haben im Ausland studiert und sprechen mehrere Sprachen. Beide kamen in Herbet 1932, abges tossen durch die ewigen Strassenunruhen, Versammlungsschlachten, das Zeitungsgezänk usw. zur NSDAP als der einzigen Partei, die ihren Idealen entsprach: undogmatisches Christentum, nationale Haltung, antiliberal und sozial. Die Berufung Hitlers begrüssten beide als eine seelische Erleichterung. Von Ausschreitungen während der Revolution hätten sie zwar gelegentlich gehört, aber soweit sie es überhaupt geglaubt hättendiese Vorgänge als Uebergriffe unkontrollierter Elemente betrachtet. Jedenfalls glaubten sie, dass kein anderer Ausweg als Hitler da sei. An die Reichstags brandstiftung durch die Kommunisten hätten sie und die allermeisten ihrer Freunde fest geglaubt. Man sei wochenlang in einem richtigen Rausch gewesen und habe infolgedessen die Kehrseite der Entwicklung gar nicht sehen können. Die erste Ernüchterung sei gewesen, als bei ihnen gehaussucht wurde, obwohl sie Nationalsozialisten waren, weil sie viele jüdische Freunde hatten( beide sind kulturell stark interessiert). Man habe die ganze Korrespondenz mit jüdischen Schriftstellern und Künstlern mitgenommen, die aber ganz unpolitisch gewesen sei. Gehört hätten sie dann von der Geschichte nichts mehr, und es so als einen interessanten Zwischenfall betrachtet. Ihren Standpunkt zur Judenfrage-sie halten ihre jüdischen Freundschaften aufrecht- präzisierten sie dahin, dass nun einmal bedeutende rassische Verschiedenheiten vorhanden seien. Ihre Erfahrungen gingen dahin, dass die Mischung sehr verschiedener Rassen unerwünscht sei. Wenn das nicht allgemein eingesehen werde, habe der Staat das Recht, mit Verboten einzugreifen. Dieselbe Politik gelte gegenüber dem geistigen Einfluss des Judentums, der in Presse, Theater, Dichtung etc. das geistige Gesicht Deutschlands verfälscht habe. Ihnen falle es dabei gar nicht ein, die jüdischen Kulturträger zu diffamieren. Sie stellten nur fest, dass der enorme jüdische Einfluss das Gesicht Deutschlands. verfälscht habe. Es falle ihnen gar nicht ein, Wertmassstäbe anzulegen, aber deutsche Dichtergestalten wie Storm, Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Mathias Claudius, Liliencron, Hebbel usw. unterschieden sich - auch wenn sie von jedem Antisemitismus frei seien- klar und unüberbrückbar von der gesamten jüdisch- deutschen Literatur. Weder könne auf der deutschen Seite ein Zweig oder ein Wassermann stehen, noch auf der jüdischen etwa ein Lilieneron oder ein Raabe. Das seien einfach Tatsachen. Streicher sei nicht die NSDAP. Es handele sich hier nur um eine nationalpolitische Frage, die mit einer geringeren Bewertung der Juden nichts zu tun habe.. Die Juden seien nicht geringwertiger, sie seien nur anders. Das sei der Standpunkt sehr vieler Nazis. Die erste wirklich grosse Enttäuschung sei gewesen, al's der Vater der Frau, ein hoher Beamter, sich habe pensionieren lassen, weil ihm bestimmte Zumutungen gestellt wurden, die A-15er nicht erfüllen wollte. Man habe sich aber damit beruhigt, dass es wohl nur eine lokale Korruptionserscheinung sei. Nun stellten sie eine lange Reihe von Fragen, deren Beantwortung sie noch mit einigen Zweifeln aufnahmen. Als ich ihnen schliesslich meine eigenen Erlebnisse im Braunen Hause erzählte, brachte das die Frau zur vollen Offenheit. Sie seien längst durch ihre wiederholten Auslandsreisen in ihrer Ueberzeugung erschüttert. Die Grundlage. ihrer schon vor dem Nazismus erlangten rassenpolitischen und nationspolitischen Ueberzeugung stehe zwar fest, aber sie glaubten nicht mehr, dass das jetzige System richtig sei. Die Enttäuschung auch in Nazikreisen sei riesengross, aber man fühle sich ohnmächtig. Ganz seien die Kinder dem System. verfallen. Die grosse Mehrzahl der Studenten sei politisch indifferent, weniger kritisch. Man sage sich einfach, was sollen wir uns den Kopf zerbrechen. Der Führer und seine Unterführer wollen es so und sie werden schon wissen, warum'; also folgen wir ihnen. Es herrsche Gleichgültigkeit, aber der Glaube sei verschwunden, wenn es auch noch viele fanatische Partei anhänger gebe. Eine Ueberwindung des Systems werde sehr lange dauern; sie rechneten nicht mehr mit einem Umschwung in dieser Generation. Zur Frage Diktatur oder Demokratie erklärten beide, wie der einzelne Mensch in der Krankheit Bettruhe brauche, so müsse ein Volk im Fieber eine Diktatur ertragen, aber sie fragten sich natürlich längst, ob nicht alles zu weit gehe. Die Frau sagte am Schlusse: " Wenn das alles wahr ist, was Sie uns gesagt haben, was wird es dann einmal in Deutschland geben, wenn die Wahrheit bekann wird..." Die folgende Unterredung wurde mit einer gebildeten, parteipolitisch nie tätigen Frau geführt, die aber wegen ihrer radikalpazifistischen Ueberzeugung viele Schikanen und auch einige Haussuchungen über sich ergehen lassen musste. Geflaggt hat diese Familie bisher noch nicht und sie wird auch unter keinen Umständen flaggen. Weder die Frau noch ihr Mann haben bisher eine Abstimmung mitgemacht. Jedesmal wurden sie am Wahltage wiederholt von Nazis aufgesucht. Diesen Schleppern wurde jedesmal ruhig erklärt, mit" Ja" könne man aus pazifistischen Gründen nicht stimmen, mit" Nein" wolle man nicht stimmen und das Abgeben eines weissen Zettels widerspreche der Aufrichtigkeit, die der Führer von jedem Deutschen verlange. Die Folge waren dann Haussuchungen und das Mitnehmen von pazifistischer Literatur, aber keine Verhaftung oder Misshandlung. Es handelt sich allerdings um eine Familie, die man vielleicht wegen ihrer geschäftlichen und persönlichen Beziehungen zum Auslande schont. Immerhin meinte die Frau, die den Eindruck einer sehr geschlossenen und tapferen Persönlichkeit macht, es sei viel mehr zu erreichen, wenn es nicht den allermeisten Lanten an Zivilcourage fehle. Is sei kann zu fassen, wie die Propaganda immer wieder wirke obwohl sehr viele Leute, wenn ale nicht unter der allgemeinen A- 16Wirkung der Massenpsychose ständen, eigentlich nicht mehr glaubten. Der Stumpfsinn und die Kritiklosigkeit sei grensenlos. Sie habe in mehreren Fällen Akademiker gesprochen, die begeistert arzählt hatten, ja, nachdem sie das Buch" Mein Kampf gelesen hätten, seien sie doch überzeugt, dass Hitler ein wunderbar grosser Mann sei. Da sie die Maziliteratur sehr genau kennt, habe sie dann examiniert und regelmässig gefunden, dass diese" Gebildeten die Jugendgeschichte Hitlers, vielleicht auch noch ein paar Abschnitte über die Juden etc. gelesen hatten, aber niemand lese das ganze Buch. Die Verblödung sei trestlos. Dann gebe es einen anderen Typ, der einfach an Hitler glauben wolle, weil diesen Leuten sonst alles zusammenstürze. Bine sehr fromme und gebildete Frau, der sie z.B. ber Tatsachen der Folterung usw. gesprochen habe, hielt sich die Ohren zu und habe hysterisch gekreischt:" Das will ich nicht hören. Das kann nicht wahr sein, und wenn es vorgekommen ist, weiss unser Führer nichts davon!" Dann habe sie geschrieen" Was soll aus unserer Jugend werden, wenn sie auch noch den Glauben an diese Fahne verliert. Das sei kein Einzelfall, sondern sei für viele typisch. Es breite sich Hoffnungslosigkeit aus. Eine nennenswerte Bewegung in den Betrieben bestreitet sie ganz entschieden( und ich füge hinzu, dass sie eine gute Beobachterin ist und gute Beobachtungsmöglichkeiten hat). Die meisten Arbeiter seien zufrieden, dass sie wieder etwas verdienten, und es sei ihnen ganz gleichgültig, was sie machten, ob Kriegsmateri al oder etwas anderes. Viel stärker als bei den Arbeitern sei die kritische Stimmung bei den Studenten. In den Grossstädten drückten sich jetzt viele Kinder von der Hitler- Jugend Der Glaube an Hitler sei noch sehr gross, wachse vielleicht sogar noch. Das sei die Wirkung einer für viele unwiderstehlichen Propaganda, die den Mann ins Uebermenschliche hebe. Nicht übersehen dürfe man auch, dass dieser Staat unendlich vielen die Möglichkeit gebe, sich wichtig vorzukommen. Jeder der in den unzähligen Organisationen irgend eine" Führer" Stellung, wenn auch ehrenamtlich, habe, vielleicht mit ein paar Litzen oder Sternen, komme sich ungeheuer bedeutend vor. Die Frau hat gute Beziehungen zur hohen Bürokratie, die den Schwindel vielleicht am meisten durchschaue und ihr Verbleiben damit rechtfertige, dass sie sage, ja, was soll erst noch werden, wenn wir nicht bremsend da sind. Sehr gross sei in den sogenannten gebildeten Kreisen die Zahl der Leute, die sich mit" Heroismus" betrügen, indem sie erklärten, man müsse eben Opfer für die Freiheit bringen. Das werde sich eines Tages noch lohnen. Persönlich glaubt sie an wachsende Widerstände in der Jugend, aber es sei noch alles ziellos, und von dem Vergangenen wisse diese Jugend nichts. Bin Vertreter einer mittleren deutschen Präzisionsmaschinenfabrik, der wahrscheinlich immer sozialdemokratisch gewählt hat, aber nicht eingeschriebenes Mitglied der Sozialdemokratie A- 17war, äusserte sich politisch sehr pessimistisch. Auch bei wirklich freien Wahlen würde Hitler noch eine Mehrheit bekommen, weil die Furcht vor neuen Komplikationen gross sei. Insbesondere würden viele Millionen Arbeiter für Hitler stimmen, weil sie fürchteten, die Arbeit zu verlieren. Die frühere jahrelange Arbeitslosigkeit stehe als ein Gespenst vor allen, und man sei einstweilen mit jedem Lohn zufrieden, das heisst, man finde sich damit ab, wenn man nur dauernde Arbeit habe. Der Arbeiter habe aber bei allen Einschränkungen jetzt viel mehr als früher das Gefühl einer gewissen Existenzsicherheit, weil tatsächlich das Entlassen von Arbeitern heute nicht so leicht sei. Natürlich wisse jeder Unternehmer, dass die früheren Marxisten seine besten Leute seien und er glaube nicht, dass von unseren früheren Leuten noch welche auf der Strasse lägen; aber sie stürben doch allmählich aus. Die Kommunisten bezeichnete er als" Pack". Man könne an zahlreiche Fahnen sehen, dass das Hakenkreuz über Hammer und Sichel genäht sei. Die Judenfrage interessiere viel weniger, als ich annehme. Der Radauantisemitismus werde in seiner Gegend von jedem anständigen Menschen abgelehnt und man könne ab und zu vor Stürmerkästen laut abfällige oder höhnische Bemerkungen hören. Man habe Mitleid mit diesem und jenem einzelnen Juden, aber jeder sei so mit seinen eigenen Sorgen geplagt, dass sich kein Mensch um das Schicksal der Juden in der Literatur usw. kümmere. Wir machten alle den Fehler, die geistige Beweglichkeit der heutigen Deutschen in allen Schichten zu überschätzen. Es sei eine sehr grosse Wurschtigkeit und nicht im Geringsten ein aktiver Widerstand vorhanden. Die Jugend sei geistig vollkommen leer. Vielleicht gebe es winzige politische, Zirkel in der Jugend. Von seinen Söhnen und deren Freunden wisse er, dass es an jedem politischen Interesse fehle und nichts von dem vorhanden sei, was uns in unserer Jugend als Freiheitsideal vorschwebte. Es sei der Diktatur gelungen, die von früher geschulte politische Minderheit ganz ungläubig zu machen, soweit politische Meldungen in Betracht kämen; die Jugend aber lese gedankenlos, was ihr vorgesetzt werde und gehe ihrem Vergnügen nach, wozu ja durch" Kraft durch Freude" genug Gelegenheit sei. Wie es bei den Studenten sei, wisse er nicht. Auf die Angestellten und die Arbeiter jugend träfe seine Schilderung jedenfalls generell zu. Der Führerfimmel sei durch die Propaganda sehr tief eingefressen, und man gestehe infolgedessen auch in manchen Arbeiterschichten den " Führern eine Lebenshaltung zu, die bei uns grössten Anstoss erregen würde. Ueber die Korruption und insbesondere über die sexuelle Verwilderung in der Jugend werde viel geklatscht, mehr über das Sexuelle als über den Luxus der neuen Bonzen. Politische Bedeutung habe das alles nicht. Auch der Kirchenkampf sei politisch bedeutungslos. Die übergrosse Mehrheit der Arbeiter sei religionslos wie immer. Es herrsche ein ganz grosser Stumpfsinn und wir glaubten nicht, mit welchen lächerlichen Mitteln die Massen" gufrieden zu halten seien. An A- 18Widerstand aus der Arbeiterschaft glaube er auf Jahre hinaus nicht, überhaupt erwarte er nichts von der Generation von etwa 3o. Nur wenn die leeren Gefässe der heutigen Jugend mit neuen Ideen gefüllt würden, könne es später mal zu einer Explosion kommen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seien gross. Er glaube, dass zur rechten Zeit, fall nicht ein Krieg alles umwerfe, eine internationale kapitalistische Verständigung mit dem Dritten Reich Hitler und mit ihm eine wahrschein lieh gemilderte Diktatur retten werde.. Bine jüngere Dame aus preussischem Uradel:( Die Familie hat Besitzungen in Ost-, West- und Mitteldeutschland. Trotzdem kann es ihr nicht gut gehen, denn die" Baroness" bekleidet eine sehr bescheidene Brotstellung, nur um zu Hause nicht länger zur Last zu fallen. Es ist eine zahlreiche Familie. Mehrere Brüder brauchen als Offiziere und Studenten Zuschüsse. Der konservative Adel sei unversöhnlich gegen das System, man verachte den Nationalsozialismus und seine Führer. Der ostpreussische Oberpräsident Koch sei voller Hirngespinste. Niemand habe seinen Plan der Industrialisierung Ostpreussens ernst genommen. An das polnische Bündnis glaube niemand in ihren Kreisen. Die jungen Gutsherren und Junker seien vielleicht noch mehr gegen das System als die alten. Eine grosse Bedeutung hätten die jungen Bekenntnispfarrer, und zwar gerade solche, die aus der besonderen Ausbildung der Bekenntnis. kirche ins Amt kämen; sie seien auf dem Lande im Osten Träger einer nicht politischen, aber sehr tapferen religiösen Opposition.( Die Dame ist begeisterte Bekenntnischristin). Manche davon seien von der SA verprügelt worden, was aber ihren Anhang nur vermehre. Manchmal trete die ganze Gemeinde für diese jungen Pastoren ein. Das seien keine Pfarrer wie früher, die ein Brotstudium betrieben. Wer als junger Pfarrer der Bekenntniskirche sich anschliesse, wisse, was ihm blühe und sei ein Kämpfer. Es gebe da einen richtigen Fanatismus. Hitlers Popularität sei die sich immer erneuernde Massensuggestion, aber die wirke nicht in die alten Gutshöfe. Die Offiziere seien loyal für Hitler, aber nur loyal, und sie seien nicht nationalsozialistisch. Blomberg gelte als schwach, nicht als unehrlich. Man sehe noch immer in Fritsch den kommenden Mann. Im Offizierskorps werde dauernd stark gesiebt, um Natio. nalsozialisten los zu werden oder sie am Avancement zu verhindern. Auf meine Frage erwiderte sie, das treffe auch auf die jüngsten Jahrgänge zu. Es könne nicht ganz verhindert wer den, dass SS- Leute in das Offizierkorps eindringen, aber sie hätten, wie die SA und SS in Heere überhaupt, nichts zu lachen und würden doppelt herangeholt. Auch die Studenten seien enttäuscht. Das Verhältnis zwischen Gutsherren und Arbeitern sei besser, weil die frühere Verhetzung fehle und die gemeinsame Not die beiden Schichten näher zusammenbringe. Die einzigo Hoffnung der" Reaktion" sei das Heer und insofern sei es doch wohl gut, dass Hitler aufgerüstet habe. A-19CEVO II. Aus den Betrieben. 1) Die allgemeine Situation in den Betrieben. In den letzten Monaten hat sich die allgemeine Lage in den Betrieben nicht wesentlich geändert. Die Feststellungen, die wir unserer vorigen Betriebsübersicht( September, Seite A 75 121) vorangestellt haben, gelten auch heute noch: Die Zahl der Widerstandsregungen hat sich vermehrt, wichtige Teile der Arbeiterschaft, vor allem die Facharbeiter, haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Im ganzen ist die Haltung der Betriebsarbeiter erfreulicher als etwa vor einem Jahre. Aber noch immer herrscht-wie auch die nachstehenden allgemeinen Berichte erkennen lassen- viel Fatalismus, viel Angst um den Arbeitsplatz und viel politische Gleichgültigkeit. Berlin, 1.Bericht: Das Bewusstsein der Unentbehrlichkeit stärkt allgemein das Kraftgefühl der Arbeiter, veranlasst sie zu kleinen, unorganisierten und unpolitischen Bemühungen um Verbesserung der Arbeitsbedingungen und wirkt sich im ganzen und im Zusammenhang mit all den anderen Erscheinungen in und um Deutschland in einem regeren gesellschaftlichen und schliesslich politischen Interesse aus. Man kann darüber nicht mehr sagen, als dass damit der Boden für die Tätigkeit unserer Genossen günstiger geworden ist. Das ist sehr wenig, und vielleicht auch eine vorübergehende Erscheinung; es ist aber zugleich sehr viel, da dadurch der gefährliche Prozess der Entpolitisierung, der im Frühsommer des Jahres 1936 zu beobachten war, unterbrochen worden ist. Man darf sich aber keinen übertriebenen Vorstellungen über die neue Aktivität in Deutschland machen. Zweifellos sind" Lohnbewegungen" vorhanden. Aber wie vollziehen sie sich? In völlig atomisierter, völlig individualistischer Form. Die Arbeiter bemühen sich um Lohnverbesserungen, aber indem sie einzeln an den Meister oder Unternehmer herantreten und unter Hinweis auf ihre Arbeitsleistung Zulagen herauszuholen versuchen oder indem sie sich bemühen, trotz aller Hindernisse, die Arbeitsstelle zu wechseln. Letzteres ist seit dem Göring- Erlass in der Rüstungsindustrie ausserordentlich erschwert worden und in den unmittelbar dem Kriegs- oder Luftfahrtministerium unterstehenden Betrieben ohne Einwill1gung des Unternehmers überhaupt unmöglich. Auch bei Einhaltung der Kündigungsfrist. So konnte ein Arbeiter in einem A-20Rüstungsbetrieb, obwohl er die Kündigungsfrist von vierzehn Tagen einhielt, seine neue Arbeit nicht antreten, weil der alte Unternehmer die Ausstellung des sogenannten" Freischein nes" verweigerte. Der Kollege musste zu seiner alten Arbeit zurückkehren. Die" Lohnerhöhungen", die individuell erreicht werden, sind auch in den meisten Fällen nicht mehr, als Ersatz für verringerten Arbeitsverdienst infolge schlechteren Materials, verlängerte Wartezeiten während der Arbeit wegen Materialmangels u.ä. Meist werden sogar diese Verluste nicht einmal durch die Lohnzulagen aufgewogen. Aber so gering auch der materielle Effekt der individuellen, jedoch zahlreichen Bemühungen um Verbesserung der Lohnbedingungen sein mag, politisch ist diese Bewegung bedeutsam und bedarf der sorgfältigsten Beachtung, da sie die zur Zeit einzig mögliche Form der Ausnutzung der Situation durch die Kollegen ist. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass das individualistische Vorgehen die Gefahr in sich birgt, dass die Atomisierung der Arbeiter weitere Fortschritte macht. 2.Bericht: Eine Solidarität unter den Arbeitskollegen wie früher, gibt es heute nicht mehr. Früher pflegten sich z. B. die Arbeiter bei Akkordlöhnen darüber zu verständigen, wie viel sie leis ten wollten, um nicht gegenseitig zum Akkorddrücker zu werden. Das gibt es heute nicht mehr. Jeder leistet heute soviel wie er irgend kann. Gleichwohl kann man sagen, dass sich eine neue gemeinschaftliche Haltung unter den Arbeitern anbahnt. Wenn ein Neuer in den Betrieb kommt, wird er erst einmal einige Zeit lang beschnüffelt und wenn er sich nicht anpasst, schneidet man ihn. Es gibt schon wieder so etwas wie ein gemeinsames Empfinden unter den Arbeitern. Aber die Arbeiter sehen nicht, wie sie diesem gemeinsamen Empfinden organisierten Ausdruck geben können. Auch die SA- Leute können sich oft diesem gemeinsamen Empfinden nicht entziehen. Sie fügen sich ein und warnen sogar gelegentlich unsere Leute vor Gefahren. Es kommt auch vor, dass Meister, die uns früher nahegestanden haben, unsere Leute begünstigen. Die Wiederherstellung einer wirklichen Gemeinschaft unter den Arbeitern wird aber nach wie vor besonders durch das Spitzelwesen erschwert. Es ereignen sich immer wieder Fälle, dass einem Arbeiter eines Tages plötzlich die Papiere ausgehändigt werden und er gehen muss, ohne dass er den Grund erfährt. Man muss aber auch eins zugeben: Unsere Leute sind durch die früheren Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre zu unselbständig geworden. Sie wissen sich heute nicht recht zu helfen. Der nationalsozialistische Vertrauensrat ist praktisch nicht vorhanden. So kommt es, dass ein grosser Teil der Belegschaft in Fatalismus dahinlet. Sie sehen, dass ihr Geld immer weniger wird und sie müssen es immer wieder erleben, dass sie plötzlich durch Rohstoffmangel zum Aussetzen gezwungen werden. Dann kann es ihnen passieren, dass sie in der A-21Woche nur 15 Mark nach Hause bringen. Diese Lage in den Betrieben ist auch für die Lohnfrage von en tscheidender Bedeutung. Bei den Löhnen ist die entscheidende Frage: Wie sollen die Arbeiter Lohnerhöhungen durchsetzen? Es kommt unter den Facharbeitern schon häufiger vor, dass sie an den Meister herangehen und Lohnerhöhungen verlangen. Von Fall zu Fall werden sie ihnen auch zugebilligt und wenn den Leuten in der Regel auch aufgegeben wird, über die Lohnerhöhung zu schweigen, so zieht der eine Fall meist doch andere nach sich. Aber zu allgemeinen Forderungen der Arbeiter auf Lohnerhöhung ist es bisher nicht gekommen. In vielen Betrieben werden die Mitgliedsbücher der Arbeitsfront von den Personalabteilungen selbst verwaltet und das erschwert es naturgemäss dem Arbeiter, sich nach einer besserbezahlten Stelle umzusehen. Wenn er sich irgendwie bewerben will, muss er sein Mitgliedsbuch vorlegen und wenn er es von der Personalverwaltung abholen will, dann wird er gefragt, was er damit vorhabe. Noch mehr wirkt in dieser Richtung das neue Arbeitsbuch. Es erschwert den Stellungswechsel in ähnlicher Weise wie der" Abkehrschein" in der Kriegszeit. 3. Bericht: Die Arbeiterschaft, die ja das eigentliche Rätsel in Deutschland ist, ist viel nazifeindlicher, als es nach aussen in Erscheinung tritt und als es die Betriebskollegen untereinander erkennen lassen. Heute ist auch der Wedding wieder" rot". Noch vor einem Jahre hat man das nicht sagen können. Im Verlauf des Jahres 1933 und 1934 sind die meisten der ehemals mit uns sympathisierenden Arbeiter halbe oder ganze Nazis geworden, auch ein grosser Teil der früher bei uns oder bei den Kommunisten organisierten. Seit 1935 hat aber ein merklicher Umschwung eingesetzt und heute kann man behaupten: Der Wedding ist wieder rot. Dass die meisten im Luftschutz, in der DAF usw. organisiert sind, und sogar, dass sie alle flaggen, das besagt überhaupt nichts. Man kennt sich wieder und man weiss Bescheid. Nur ist die allgemeine Auffassung, dass vorläufig nichts zu machen ist, jede politische Aktivität Unsinn sei und man zunächst einfach abwarten müsse. Aber man sagt wieder:" Wir sind noch die Alten" 4. Bericht: Der Arbeiter ist-im allgemeinen- heute stark entpolitisiert. Er baut seinen Schrebergarten, sammelt Briefmarken, aber er debattiert nicht und zeigt auch in vertrauterem Kreis kaum Lust zur politischen Diskussion. Das haben die Nazis erreicht, aber ebenso sicher ist, dass dieses eingeschlafene politische Interesse zur gegebenen Zeit ruckartig wieder ausbrechen wird. Man soll sich darüber nicht täuschen, die Nazis können es ablenken, aber nicht ersticken. Rheinland- Westfalen: Die denkenden Arbeiter rechnen mit einem Lohnabbau. Denn sie sagen sich, dass das System die ungeheueren Rüstungsausgaben sonst nicht decken kann. Wenn A-22man die Löhne nicht direkt abbauen wird, so wird man wenigstens die Arbeitsreit erhöhen. Anders sei, so meinen diese Genossen, der Vier Jahresplan durchaus nicht durchzuhalten. Jedenfalis glaubt keiner an die Möglichkeit der Heraufsetzung der Löhne. Und von wirklicher Empörung und Auflehnung gegen die Unternehmer oder gar gegen die DAF kann keine Rede sein. Das System bat jede wirkliche Widerstandsregung vorläufig unmöglich gemacht. Man sucht die Ablehnung des jetzigen Sozial- Systems auf andere, ungefährlichere Art zu zeigen. Die Betriebsversammlungen werden, wo nicht äusserster Zwang ausgeübt wird, nicht besucht. Die Redner verden oft mit eisigem Schweigen angehört Das Abzeichen der DAF sieht man fast nirgends. Wer es trägt, der wird entsprechend behandelt. Er gilt als Abtrünniger. Die Nazi amtswalter haben keine schönen Zeiten. Sie werden gemieden und oft verhöhnt. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Im Industriebezirk Mannheim ist von einer stärkeren Aktivität der Arbeitermassen zur Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse nichts zu verspüren. Die Arbeitslosenziffern sind immer noch sehr hoch, wenn auch der tatsächliche Stand nicht mehr zu erfahren ist. 2. Bericht: Württemberg. Augenblicklich versuchen die Nazis, die Stimmung der Arbeiterschaft in den Betrieben dadurch zu ihren Gunsten zu beeinflussen, dass sie die Parole" Gegen die Kriecher und die Günstlingswirtschaft" ausgeben. Diese Parole soll das Interesse der Belegschaften von der Lohnfrage ablenken, die der Hauptgesprächsstoff zu werden droht. Die Sache leidet aber an einem grundsätzlichen Mangel: durch die nationalsozialistische Arbeiterpolitik ist das Günstlingswesen geradezu gezüchtet worden. Die Vertrauens räte werden von den Arbeitern in den meisten Fällen als die Handlanger und Lakaien der Betriebsführung betrachtet. Und die Erfahrung gibt ihnen recht. Die Brbitterung, die vielfach durch das sich stets steigernde Missverhältnis zwischen Preisen und Löhnen hervorgerufen worden ist, ist durch die brutalen Reden der Göring und Hess noch verschärft worden." Wie wenig müssen die da oben von unserem Leben und unseren Existenzbedingungen wissen, wenn sie es wagen, gerade in diesem Augenblick uns wieder mit dem Blödsinn zu kommen, dass" Kanonen wichtiger sind als Butter." Das sind noch die zahmsten Bemerkungen zu diesem Thema. Und zwar wird immer öfter auch der nationalsozialistische Teil der Belegschaft von der Unzufriedenheit miterfasst. Diese Leute sind oft in dem Gefühl ihrer Zugehörigkeit zur privilegierten Kaste, das natürlich nur eine Fiktion ist, sehr viel lauter und geräuschvoller in der Bekundung ihres Unwillens. Die übrigen Arbeiter fühlen sich aber dadurch in der Regel zu besonderer Zurückhaltung veranlasst, weil sie nie wissen, was an dieser Empörung echt und was Provokation ist. A-23Oberschlesien: Es ist allgemein bekannt, dass illegale Vorbereitungen für Gewerkschaften nach Form der früheren freien Gewerkschaften getroffen sind. Man knüpft daran Erwartungen, die weit übers Ziel hinausschiessen. Die Opposition der Arbeiter gegen das System ist in ständigem Wachsen begriffen. Der Mangel an Nahrungsmitteln, insbesondere an Butter, Fett und Margarine gibt Anlass zu verschiedenen kritischen Bemerkungen gegenüber den Vorgesetzten, besonders im Bergbau. Dort werden den Steigern sehr oft die trockenen Brotschnitten entgegengehalten und die Frage gestellt, ob man bei diesem Fressen die gestellten Bedingungen erfüllen kann. Die Belegschaftsversammlungen finden selten statt, da sie von den Verwaltungen erzwungen werden müssen, und Betriebsappelle, in denen man auf die Arbeiterschaft schimpft, werden einfach sabotiert. Ausser dem Vertrauensrat und seinem Anhang geht niemand hin. Auf einigen Gruben mussten erst alle Ausgänge durch SA besetzt werden, um ein Ausrücken der Arbeiter zu verhindern, und trotzdem türmten noch Arbeiter über Mauern und Halden. Auf einer der Belegschaftsversammlungen auf der Abwehrgrube forderten die Arbeiter freie Aussprache über gewisse Missstände und die niedrigen Löhne, worauf die Versammlung sofort vom Betriebsführer aufgelöst wurde. Gerade die Lohnfragen im Verein mit der Nahrungsmittelknappheit sind es, die den Widerstand der Arbeiter immer weiter entfachen. Diese Lage innerhalb der Arbeiterschaft hat den Arbeitgeberverband in Gleiwitz bereits vor einiger Zeit veranlasst, an die Berliner Stellen eine Denkschrift zu verschicken, in der er auf die wachsende Unzufriedenheit der Arbeiterschaft hingewiesen und insbesondere eine bessere Versorgung des weil die wachsende Not die BeGrenzlandes gefordert hat, völkerung den polnischen Organisationen zutreibe. Es wird auch auf die Verminderung der Leistungen hingewiesen und auf den Widerstand, der gegenüber Anordnungen der Beamtenschaft geleistet wird, wobei besonders betont wird, dass dieser Widerstand von den Nationalsozialisten komme. 2) Die Widerstandsregungen. Berlin: Auf einer Baustelle im Berliner Norden bekamen die Arbeiter am Zahltag den Lohn nicht ausgezahlt. Die Firma hatte kein Geld, da ihr die versprochenen Bauzuschüsse noch nicht ausgefolgt waren. Samstags morgens forderten die Arbeiter ihr Geld und stellten die Arbeit ein, da es nicht gezahlt werden konnte. Die Arbeitsniederlegung war einheitlich. Die Betriebsleitung holte einen Vertreter der Arbeitsfront, der durch Versprechungen die Arbeiter zur Wiederaufnahme der Arbeit überreden wollte. Die Arbeiter liessen sich auch dann A-24nicht dazu bewegen, als Gestapo kam. Die Kollegen sagten zu dem Gestapobeamten:" Habt Ihr Buer Gehalt vom vorigen Monat bekommen? Wir wollen auch unser Geld." Die Gestapo zog ab, ohne einzugreifen und nach einer Weile wurde der Lohn ausgezahlt. Interessant ist dazu die Bemerkung eines früheren Genossen, der die Stimmung unter den Kollegen als nationalsozialistisch eingeschätzt hatte, dass er von der Bewegung völlig überrascht war." Ich hätte nie gedacht, dass meine Kollegen so etwas fertig bringen würden." Elektrotechnischer Grossbetrieb( über 5.000 Mann Belegschaft): Das Verhalten der Kollegen untereinander ist sehr unterschiedlich. Neben der grossen Anzahl Indifferenter gibtes sehr viel Gruppen von politisch bewussten Arbeitern, die ohne irgend eine Verabredung und ohne eine bestimmte Richtlinie doch gemeinschaftlich handeln. Wenn z. B. in den Arbeitskolonnen, die in der Regel zwischen 3 und 10 Mann umfassen, ehemals gewerkschaftlich oder politisch Organisierte in der Ueberzahl sind, dann wird dem einen oder den zwei Nazis, die vielleicht in der Gruppe sind oder neu hineinkommen, das Leben so schwer wie irgend möglich gemacht. Das geht ohne jede Aufregung und ganz zwanglos und ist auch absolut unangreifbar. Der Mann ist eben nicht zu gebrauchen, er leistet schlechte Arbeit, es ist immer etwas zu monieren und es ist auch tatsächlich so, dass der Meister selbst zu der Ueber zeugung kommen muss, der Mann ist nicht tüchtig und nicht verwendbar. Das geht so eine ganze Zeit lang schlecht und recht bis die Betreffenden entweder von selbst aufhören oder dass sie die ersten sind, die bei Entlassungen wegen Arbeitsmangel aus dem Betrieb fliegen. Dieses Verfahren, den politisch Missliebigen zu einem schlechten Arbeiter zu stempeln, ist sehr wirksam und ungefährlich. Gewiss sind es skrupellose Mittel, die da angewendet werden. Aber die Nazis haben es mit uns noch viel schlimmer gemacht. Besonders zu betonen ist aber, dass in der Regel diese Aktionen nicht auf irgend eine grosse politische Ueberlegung zurückzuführen sind. Es ist vielmehr eine stille Feindseligkeit, die man gegen den Gleich geschalteten oder den Nazi hat und die allein genügt, um ihn aus der Gruppe oder Kolonne langsam herauszugraulen. Ruhrgebiet: Vor einiger Zeit hat in den Hüttenwerken.... ein Streik stattgefunden. Die Werksleitung hatte eine Herabsetzung der Akkorde der Walzarbeiter bekanntgegeben. Daraufhin gab die Nachtschicht die Parole aus: Wir bleiben nach der Schickt im Betrieb, verständigen die Tagesschicht und werden, im Betriebe bleibend, die Arbeit verweigern, bis wir die alten Akkordsätze wieder zugestanden erhalten. És geschah auch so. Die Walzarbeiter rührten den ganzen Tag die Arbeit nicht an. Daraufhin erschien der Pg. Roland, seines Zeichens Kreisbetriebsgemeinschaftswalter der DAF und legte die Sache zugunsten der Arbeiter bei. Er bewirkte die Rück A- 25nahme der Akkordherabsetzung und eine Verwarnung an die verantwortliche Betriebsleitung. Das ist der einsige Fall in den ganzen Gebiet, in welchem bisher die Arbeitsfront einmal zugunsten der Arbeiter funktioniert hat. Nordwestdeutschlandi Aus I. wurden 200 Arbeiter zum Flagplatzbau in Borkum transportiert. Während des Transportes ist angeblich von einer Gruppe von Arbeitern die Internationale gesungen worden. Die den Transport begleitende" Schutz". Bemannung von SS- Leuten konnte die Sänger nicht feststellen, glaubte, aber in einer Gruppe von sechs Mann die Verbrecher" ermittelt zu heben und verhaftete diese Leute am Bestimmungs. ort des Transportes. Die Bauleitung forderte telefonisch von der zuständigen Staatspolizeistelle den Abtransport der Leute. Diese Gestapostelle wollte die Namen der angeblichen Sanger wissen und als festgestellt wurde, dass es sich um ehemalige Arbeitersportler und Arbeiter- Jugend- Genossen handelte, erklärte der leitende Beamte der Gestapo:" Das ist Ja unmöglich, dass diese Leute gesungen haben, so dämlich sind sie doch nicht!" Er lehnte ab, die Verhafteten abzuholen und empfahl, sie bei der Arbeit zu beschäftigen. Die Bauleitung gab sich damit nicht zufrieden, sondern wand te sich an die nächst vorgesetzte Dienststelle. Inzwischen war ein neuer Zwischenfall passiert. Während der Unterhaltung zwischen den Verhafteten und der SS- Wachmannschaft fühlten sich die Verhafteten durch das Hantieren der SS mit Revolvern bedroht, hatten einen SS- Mann geschlagen und ihm die Waffe abgenommen. Die anderen SS- Leute mischten sich nicht ein, sondern hielten sich zurück. Daraufhin gab die vorgesetzte Dienststelle Befehl, dass die ursprünglich verständig. te zuständige Gestapostelle die Verhafteten abholen müsste. Sie wurden dann nach X. überführt, aber nach zwei Tagen wieder freigelassen. Südwestdeutschland: Auf dem Flugplatz Neuhausen b. Tuttlinge waren unter anderem eine grosse Anzahl Saarländer beschäftigt. Diese wurden in Tuttlingen kasernenmässig verpflegt und jeden Morgen mit Lastautos an die Arbeit gebracht. Auch als es viele Tage hintereinander regnete, mussten die Leute arbeiten. An einem Tage, an dem es wieder in Strömen regnete, fuhren die Leute, es waren etwa 120 Mann, wieder zur Arbeitsstelle. Da der Regen nicht nachliess, weigerten sich die Leute, anzufangen. Sofort wurde das Ueberfallkommando in Sigmaringen alarmiert und rückte auch mit etwa 15 Land jägern an und verhafte te von den Arbeitern sofort fünf Mann als Rädels. führer. Als sich die anderen trotzdem weigerten, die Arbeit zu beginnen, wurden sie fristlos entlassen und durften auch nicht mehr mit dem Lantauto zurückfahren. Sie mussten bis Tuttlingen laufen und auch dort verweigerte man ihnen die Fahrkarte zur Heinreise in das Beergebiet. Darauf zogen die Leute zu Fuss ab, da sie ja keine Mittel hatten, un hoinzufahren. Von den Verhafteten wurde einer, früheres Mitglied A- 26der KPD, nach 12 Tagen entlassen, die übrigen sind immer noch in Haft. Bei dem" Buderus"-Eisen- und Hüttenwerk in Wetzlar/ Lahn wurde vor einiger Zeit eine passive Resistenz durchgeführt. Es waren zwangsweise Sammlungen vorgenommen worden, indem die Beträge einfach vom Lohn abgezogen wurden. Ferner hatte die Betriebsführung willkürlich zwei Männer dem Vertrauensrat zur Seite gestellt, ohne vorher der Belegschaft diese Massnahme anzukündigen. Die mehrere hundert Mann starke Belegschaft ging wohl in den Betrieb hinein, stand aber an den Arbeitsplätzen und arbeitete nicht. Ein Teil der Belegschaft war sogar nicht erschienen. Die nicht erschienen waren, wurden nicht wieder in den Betrieb hineingelassen, sondern es wurden dafür neue Leute, die aus den Ruhrgebiet geholt wurden eingestellt. Auch gegen diese Massnahme protestierten andere Betriebsabteilungen erneut, indem sie wiederum am Arbeitsplatz standen und nicht arbeiteten. In beiden Fällen blieb die passive Resistenz ohne Erfolg. Nur einer der beiden Männer, die dem Vertrauensrat zugesellt worden waren, wurde ausgewechselt. Bayern: In der Baumwollspinnerei Kolbermoor ereigneten sich im Oktober grosse Zwischenfälle. Das Verhältnis der Arbeiterschaft( z.Zt. sind 400 Arbeiter beschäftigt) zur Betriebsführung ist gut. Diese ist nicht nationalsozialistisch. Dafür sind einige Aufsichtsbeamte und Werkmeister verbissene Nazi. Zwischen ihnen und den Arbeitern gibt es immer kleine Reibereien. Einer dieser Werkmeister ist besonders schlimm, er sucht seine einflussreichere Stellung dazu aus zunützen, Andersgesinnten zu schaden, wo er kann. So hat er einen Arbeiter, der schon 15 Jahre in Betrieb ist, ständig mit seinem Hass verfolgt. Wiederholt gab es Auftritte, die aber immer von der Betriebsleitung geschlichtet wurden. Einer dieser Zusammenstösse war so heftig, dass die beiden beinahe ins Handgemenge gekommen wären. Der Arbeiter konnte sich in seiner Erregung nicht mehr beherrschen und schrie dem Werkmeister zu:" Wenn Du so weiter machst, schlag ich Dir noch den Schädel ein." Der Werkmeister meldete das sofort der Betriebsleitung und der Mann wurde auf der Stelle entlassen. Er ging in den Wald und erhängte sich. Ein Landbriefträger fand ihn. Sofort verbreitete sich die Kunde im ganzen Betrieb. Der Arbeiter bemächtigte sich eine grosse Erregung. Sie forderten eine Betriebsversammlung, die auch stattfand. Die Arbeiter beschimpften den Werkmeister als Mörder, schliess lich gingen einige tätlich gegen ihn vor, so dass er gezwungen war, eiligst den Saal zu verlassen. Die Beamten, die ihm zu Hilfe kommen wollten, wurden auch angegriffen. Die Betriebsleitung alarmierte die Polizei, die aber auf Anweisung der Kreisleitung der Partei nicht eingriff. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet und der Werkmeister entlassen. Der gestorbene Arbeiter hatte eine Frau und drei Kinder. A-27In einem grossen Spinnereibetrieb in ereignete sich folgender Vorfall: Bei der letzten Wochenauszahlung im November erhielt ein Werkmeister nur 18 Mark. Der Mann warf die Lohntüte mit dem Geld dem Kassierer vor die Füsse und rief:" Mit diesem Bettel kann man ja kaum mehr die Wohnung bezahlen!" Der Betriebsleiter kam hinzu und beruhigte den erregten Werkmeister mit dem Versprechen, ihm eine einmalige Gratifikation zukommen zu lassen. In einer Bierniederlage, in der 25 Arbeiter beschäftigt sind, wurde im November ein SA- Mann eingestellt, weil der langjährige Gebindewäscher krankheitshalber abgebaut worden ist. Der neueingestellte SA- Mann, den Arbeitern als Prügelheld bekannt, hat nicht länger als 4 Tage gearbeitet. Beim Aufstapeln von бoer- Bansen fiel ihm einer so unglücklich auf die Füsse, dass er ins Spital transportiert werden musste. Der SA- Mann erstattete Anzeige, dass ihm das Bansen absichtlich auf die Füsse geworfen worden sei. Die Arbeiter konnten aber durch Zeugen belegen, dass sie unschuldig seien. Sachsen: Bei dem Talsperrenbau bei Pirk 1.Vgtld. werden täglich Sprengungen vorgenommen, die während der Arbeitszeit stattfinden und jeweils 10 Minuten dauern. Für diese Zeit wird die Arbeit eingestellt. Bisher wurden diese 10 Minuten den Arbeitern von ihren Pausen abgezogen. In der Woche vom 13. bis 20. November 1936 trafen die Arbeiter ein stilles Uebereinkommen, sich diese Zeit nicht mehr von den Pausen abziehen zu lassen. Jedenfalls fingen sie nach Beendigung der Pause die Arbeit erst wieder an, als die Pause voll vorüber war. Die Bauleitung holte die Polizei und SA., diese konnte jedoch nichts ausrichten, da Rädelsführer nicht festgestellt werden konnten. Auch die angedrohten Verhaftungen fanden nicht statt. Das Vorgehen der Arbeiter hatte den Erfolg, dass die Sprengzeiten nicht mehr auf die Pausen angerechnet werden. Oberschlesien: Auf der Karstenzentrum- Grube bei Beuthen erklärten die Belegschaften, sofort aus der Arbeitsfront auszutreten, wenn ihnen die Beiträge zur Winterhilfe in der angekündigten Höhe abgezogen würden. Hier sammelte man auch auf Listen Unterschriften für diese Forderung. Auf der Heinitzgrube wurde die Aktion zum Austritt aus der Arbeitsfront dadurch verhindert, dass drei Bergleute verhaftet wurden. Auf der Hohenzollerngrube bei Beuthen lehnten die Arbeiter die Zahlung der Winterhilfe ab, da man von den paar Groschen, die man verdiene, nichts übrig habe. Angeblich hat sich hier die Verwaltung bereit erklärt, die Beiträge für die Arbeiterschaft zu zahlen. Es ist interessant, dass gerade die Vorgesetzten, die kleinen Beamten, die Arbeiter auffordern, sich das nicht gefallen zu lassen. Durch das Vorgehen der Arbeiter merke man, was los sei und dann dürfe auch die Beamtenschaft wieder ein Wort ris-, A- 28kieren. SA- Leute, die bisher in den Gruben und Werken solchen Aktionen ablehnend gegenüber standen, erklären sich jetzt solidarisch und es kommen nur selten Angebereien vor. Naturgemäss werden die Nazis in den Gruben vorgeschickt, indem man ihnen schmeichelt, dass sie es doch seien, die noch etwas zu sagen hätten. Auf der Castellengo- Grube hingegen wurden frühere freie Gewerkschaftler von den Nazis aufgefordert, mit zum Vertrauensrat zu kommen. 3) Der Betriebsterror. Wenn man die Haltung der deutschen Arbeiterschaft richtig würdigen will, muss man sich immer wieder vor Augen halten, welchem ungeheuerlichen Terror gerade die Betriebsarbeiter ausgesetzt sind. Je weniger sich das Regime auf die Arbeiter verlassen kann, umso mehr wird das System der Bespitzelung und des Zwanges ausgebaut, das heute jeden Betrieb erfasst. Die Arbeitsfront, die Werkscharen, die Werkfrauengruppen, die Werkspolizei und der Werkschutz, die Technische Nothilfe alle organisatorischen Möglichkeiten werden erschöpft, um die Haltung jedes einzelnen Arbeiters auf Schritt und Tritt zu überwachen. 610 Bayern: Metallgross betrieb( über 6.000 Mann, Rüstungsaufträge: Ein besonderes Kapitel ist die Bespitzelung im Betrieb. Jeder Arbeiter steht unter Kontrolle, einen versucht man gegen den anderen auszuspielen. Wird ein Arbeiter aufgenommen, so wird er durch Handschlag dem Betriebsführer gegenüber vereidigt. Er muss mehrere schriftliche Erklärungen abgeben. Dann erhält er einen Pass mit Lichtbild, der ihn bei Kontrollen auf seinem Weg zu seiner Arbeitsstelle ungehindert passieren lässt. Zugleich hat man eine Kontrolle darüber, dass sich der Arbeiter nicht an anderen Orten des Werkes herumtreibt. Immer wird bei den Appellen den Arbeitern die Bedeutung der Spionage abwehr eingeschärft. Drohungen werden ausgesprochen gegen staatsfeindliche Treibereien und gegen un achtsames Verbreiten von Betriebsgeheimnissen. Die Arbeit der Werkspolizei, die jetzt Werkkontrolle heisst, tut ihr. Übriges. Auf allen lastet der Druck militärischer Gewalt. Das geringste Vorkommnis, der kleinste Fehler, der dem Arbeiter bei der Herstellung eines Werkstückes unterläuft, wird streng untersucht. Bei jedem Bruch und jedem Ausschuss taucht der Verdacht der Sabotage auf. In der Kanonenabteilung ist ein Flakrohr gesprungen, daraufhin wurden von der Werksaufsicht sofort strenge Untersuchungen eingeleitet, der verantwort A-29liche Arbeiter ist festgenommen worden. Nur der Tatsache, dass er ein waschechter Nazi ist, hatte er es zu verdanken, dass er rasch wieder freigelassen wurde. Dieser Kontrolldienst geht so weit, dass sogar der Privatverkehr ehemaliger KP- und SP- Leute mit ihren Verwandten und Freunden überwacht wird. Bayerische Motorenwerke( BMW), München. Die Stimmung unter den Arbeitern im Betrieb zeigt nach wie vor eine starke Indifferenz. Die Zurückhaltung in der Stellungnahme zu politischen oder wirtschaftlichen Fragen ist aber nicht nur durch die Interesselosigkeit vieler Arbeiter bedingt, sondern hat auch eine ihrer wesentlichsten Ursachen in der von Tag zu Tag zunehmenden Beschnüffelung der Gesinnung jedes Einzelnen. Es werden systematisch Leute in die einzelnen Abteilungen hineingeschoben, die die Aufgabe haben, die Gesinnung der Arbeiter zu erkunden und ihre Beobachtungen weiterzumelden. Meist muss sich ein solcher Spitzel an andere wenden und so wird es rasch bekannt, dass ein Aufpasser da ist und alle politischen Gespräche verstummen. Zu Beginn des Faschismus haben die Arbeiter in solchen Fällen oft Formen der Abwehr gewählt, die dem Spitzel die Arbeit unmöglich machten. Auch heute noch kommen solche Fälle vor, doch haben unsere Beobachter den Eindruck, dass sich die Arbeiter durch den immer stärker werdenden Druck mehr zurückhalten und sich darauf beschränken, in ihren Aeusserungen Vorsicht walten zu lassen. So ist feststellbar, dass in gut beobachteten Rüstungsbetrieben die Unterhaltungen bei der Brotzeit sich nur noch selten um politische Fragen drehen. Trotzdem nach aussen hin also eine scheinbare Beruhigung in der Stimmung der Arbeiter eingetreten ist, zeigen doch einzelne Beobachtungen, dass sich selbst unter solchen Bedingungen Ansatzpunkte für eine antifaschistische Einstellung erhalten haben. Es gibt eine offizielle Werkspolizei für Unfälle, Brände usw., daneben eine inoffizielle, deren Mitglieder nicht genau bekannt sind; ihr ist die Spionageabwehr übertragen. Ihr Leiter ist der Ingenieur Bauer. Wer von den BMW entlassen wird, weil er nicht ganz zuverlässig ist-Anlass dazu kann schon die Verweigerung des Kaufes der Winterhilfsabzeichen sein- bekommt in sein Arbeitsbuch den Vermerk:" Für BMW nicht geeignet." In einem Metallbetrieb in I. wurde Ende November ein Monteur von der Arbeitsstelle weg verhaftet, Er soll angeblich im Betrieb unwahre Nachrichten über deutsche Waffen- und Truppenlieferungen an die spanischen Generäle verbreitet haben, durch die er die Ruhe und Ordnung im Betrieb gestört habe. Der Monteur war bei der Belegschaft als besonnener Arbeiter sehr beliebt. Die Arbeiter erhoben bei der Betriebsleitung Vorstellungen über den ausgesprochen provokatorischen Charakter dieser Verhaftung, die auf eine Anzeige eines Nazis erfolgt sei. Der Betriebsleiter erklärte, so leid es ihm A-30tue, aber er könne in dieser Angelegenheit nicht intervenieren, der Fall werde speziell von der Gestapo behandelt. Metallwerkstätte( 60 Mann): Bei der Uebertragung der Winterhilfeeröffnung machten verschiedene Arbeiter die üblichen Bemerkungen und lachten dazu. Der Vertrauensmann meldete das der DAF, die eine Nachforschung anstellte und auch einige der Witzemacher ausfindig machte. 7 Mann wurden deshalb mit einer Strafe von 3 Mark belegt. Berlin: In einer Abteilung von Siemens ereignete sich aus Anlass der letzten Uebertragung einer Hitler- Rede folgender Vorfall: Die Rede fand im allgemeinen wenig Interesse. Die Schlosser haben besonders intensiv geschlafen. Ein Mann zeichnete Bilder von den Schlafenden, die er dann zerriss. Einige Mechaniker, bei denen viele Nazis sind, sammelten die Schnitzel, klebten sie zusammen und behaupteten, es seien Karikaturen auf Hitler. Der Zeichner hatte sehr viele Unannehmlichkeiten dadurch, konnte aber schliesslich doch die absolute Harmlosigkeit seiner Malereien nachweisen. Immerhin ist der Vorfall charakteristisch für die Denunziationssucht, die immer noch in einigen, zum Glück schnell schwindenden Gruppen der Arbeiterschaft herrscht. Allerdings war Siemens immer verrufen als" gelber Betrieb". Die Henschel- Flugzeugwerke in B.- Schöneweide stehen in dem Ruf, die besten Löhne von Berlin zu zahlen.( Keine Akkordarbeit, sondern Stundenlöhne). Die Folge der guten Löhne ist, dass sich keine Diskussion über Lohnfragen usw. ergibt. Politische Diskussionen verbieten sich, da in jeder Abteilung des Betriebes Gestapo agenten eingestellt sind, die sofort eine Untersuchung veranlassen, wenn auch nur ein politischer Witz kursiert. Deutscher Telegrafenbau: Der Betrieb hat eine Belegschaft von etwa 400 Mann. Der Einfluss der Nazis ist sehr stark. Der Betrieb lebt in der Hauptsache von Staatsaufträgen. Ein Arbeiter wagte in einer Debatte über Spanien, für die Regierung einzutreten. Er wurde verhaftet! In der AEG bestehen, wie in den meisten Grossbetrieben, verschiedene Werkschutzformationen. So die Werkspolizei, die Werksfeuerwehr und der Werksluftschutzbund. Die Arbeiter werden mit sanfter Gewalt zur Beteiligung an diesen Uebungen gezwungen. Man versucht aber auch, sie damit anzulocken, dass man ihnen so unter der Hand zu verstehen gibt: Na die Sache hat doch wohl auch ihren Vorteil. Wenn Du Mitglied der Werkspolizei usw. bist, dann ist doch das für den Fall eines Krieges sehr günstig. Du bist dann einmal als Facharbeiter und dann, weil Du in der Werkformation gebraucht wirst, unentbehrlich und wirst umso leichter reklamiert. Dieses Argument A-31veranlasst viele, mitzumachen. Die ganze Werkschutzangelegenheit wird, was die Uebungen betrifft, nicht so ernst genommen. Jeden Monat findet einmal nach Feierabend eine 1- stündige Uebung statt. Die Firma ist verpflichtet worden, das Material: Stahlhelm, Gasmaske, Konbinations- Anzug usw. kostenlos zu liefern. Bisher sind noch nicht alle mit dem Zeug versehen, da monatlich nur ein bestimmter Betrag zur Verfügung steht, der bei weitem nicht ausreicht. Die Stahlhelme waren ursprünglich mit dem Hoheitszeichen versehen, auf der einen Seite schwarz- weiss- rot und auf der anderen Seite das Hakenkreuz; sie sind entfernt worden, angeblich auf höheren Befehl. Verschiedene hatten sie allerdings auch schon vorher heimlich" verloren. Die Uebungsstunden sollen nach Feierabend um 4 Uhr beginnen. Ehe die Leute da sind, ist es aber 1/4 5 Uhr, dann erfolgt ein Namensaufruf, so dass es 1/2 5 Uhr wird, bis man mit den Uebungen beginnt, die etwa 10 bis 20 Minuten höchstens dauern. Dann drängt alles zum Schlussmachen, so dass um 5 Uhr schon kein Mensch mehr zu sehen ist. Die Stunde soll" freiwillig geleistet werden und wird nicht bezahlt. Nur diejenigen, bei denen die Uebungsstunde in die Schicht fällt, erhalten sie von der Firma vergütet. Allmählich hat sich übrigens die Tatsache ergeben, dass der eine oder andere nun gerade an dem Uebungstage schnell mal eine Ueberstunde schieben muss, so dass er dann auch diese Uebungsstunde bezahlt erhält. Einmal hat man auch versucht, das ganze etwas militärisch aufzuziehen, das ist aber völlig verunglückt. Das Ergebnis der noch dazu falschen Kommandos war ein allgemeines Durcheinander, so dass die leitenden Leute den Versuch sehr schnell aufgegeben haben. In den Rüstungsbetrieben werden die Arbeiter immer wieder auf ihre Pflicht zur strengsten Verschwiegenheit aufmerksam gemacht. Unter anderem wird das auf Seite 32 folgende Merkblatt verbreitet. Rheinland- Westfalen: Besondere Unruhe und Befürchtungen haben die neuen Fragebogen ausgelöst, die von den Blockwaltern im Auftrag der Behörden ausgeteilt und wieder eingesammelt werden. Diese Fragebogen enthalten eine Unmenge von Fragen. Unter anderem wird nach der früheren militärischen Dienstleistung, nach erhaltenen Orden und Ehrenzeichen, nach der nationalen Zuverlässigkeit gefragt. Gefragt wird nach dem Arbeitsverhältnis, ob Invalidenrentner oder Pensionär. Schliess lich will man wissen, ob es im Hause die Hakenkreuzfahne gibt, welche Zeitung man liest, ob man Mitglied in der NSDAP oder Mitglied einer anderen Nazi- Organisation ist, ob man dem Luftschutz angehört und anderes. Man vergisst aber auch nicht Fragen nach der ehemaligen Zugehörigkeit zu einer Partei, einer Gewerkschaft, einen Sportverein usw. Schliesslich fragt man nach dem Radiogerät und nach der Type desselben. Viele A- 32Arbeitskamerad! Merke Dir folgendes: 1. Das Ausland sammelt elfrig jegliches Material über unsere Rüstungen. Unsichtbar für Dich umspannt ein Netz geheimer Fäden auch Deinen Betriebl Darum sel vorsichtig! Sprich nicht über Betriebsangelegennicht mit Deiner Familie! helten nicht mit Deinem Freunde 2. Vermeide deshalb außerhalb des Betriebes jede Unterhaltung über Deine Tätigkeit! Der würdige alte Herr, der im Wirtshaus am Nebentisch andie biedere Bauersfrau, scheinend in seine Zeitung vertieft ist, die in Deinem Eisenbahnabteil ein Schläfchen zu machen scheint Du weißt nie, ob sie nicht Werkzeuge im Spionagedienst einer fremden Macht sind. 3. Denn jede Bemerkung über Deine Arbeit und Deinen Betrieb sie mag Dir noch so harmlos und unwichtig erscheinen ein wichtiger Baustein in dem Mosalk des ausländischen Nachrichtendienstes sein. kann 4. Du müßt namentlich jede Angabe über unsere deutsche Rüstung gleichgültig ob Du sie gleichgültig ob sie wahr ist oder nichtals allgemein bekannt ansiehst oder nicht- sorgsam vermeiden! 5. Derartige Schwätzereien machen Dich weder interessanter, noch erhöhen sie Dein Ansehen, aber sie können zur Folge haben: darum: Für Dein Volk unermeßlichen Schaden! Für Dein Werk die Vernichtung! Für Deine Arbeltskameraden den Tod! Für Dich das Zuchthaus! Für Deine Familie Elend und Not! Mißtraue jedem Fremden und schweigel Außerdem bringst Du durch Sprachen über solche Dinge Dich selbst in die Gefahr eines Verfahrens wegen Fahrlässigen Landesverrats! A. Nr 64984. 27.10.361 35000. 4-33andere Fragen sind zu beantworten und die Leute haben den Eindruck, als ob man sich bis ins Einzelne über die Gesinnung jedes einzelnen" Volksgenossen" unterrichten will. Die meisten Menschen werden durch diese Fragebogen erneut sehr eingeschüchtert. Allerdings stösst die Fragerei auch auf einen gewissen Widerstand. Viele Fragebogen werden nicht ausgefüllt und noch mehr werden mangelhaft ausgefüllt abgeliefert. Da muss der Blockwalter oft nachhelfen. Er wird auch oft recht unwirsch empfangen und bekommt manches zu hören, so dass sich eigentlich die Nazi bonzen über die wahre Stimmung im Volke nicht im Unklaren sein dürften. Alle Fragebogen sind übrigens mit einer laufenden Nummer versehen und es wird sorgfältig darauf geachtet, dass keiner verloren geht. Südwestdeutschland: Vor einer Agitation oder auch nur der Besprechung der Betriebsverhältnisse hat jeder Angst, da immer wieder Verhaftungen vorkommen. Jeder Arbeiter ist unter dem herrschenden System gezwungen, seine Forderungen für sich persönlich ganz allein zu vertreten. Vorsprechen in einer Lohn- oder Betriebsfrage auch nur zu zweit oder zu dritt, ist Komplott und endet immer mit der Verhaftung wegen Hochverrat. Wie stark der Terror in den Betrieben ist, zeigt folgendes Beispiel: In den Metallwerken in X. wurden vor drei Wochen wieder einige Verhaftungen vorgenommen. Die Verhafteten darunter auch ein Angestellter hatten sich über Spanien unterhalten und die deutschen Nachrichten als Greuelmärchen bezeichnet. Ein Betriebsspitzel machte Anzeige und alle vier sitzen nun im Gefängnis. Der nachstehende Fragebogen über die Betriebsverhältnisse ( Seite 34) muss in allen Betrieben, selbst den kleinsten, zweimal monatlich vom Vertrauensrat ausgefüllt werden. In grossen Betrieben sind in der Regel zwei Mitglieder des Vertrauensrates damit beauftragt. ?? Oberschlesien: Auf einigen Gruben des Beuthener Reviers hat man über die Nürnberger Reden sehr eifrig diskutiert und sie ins Lächerliche gezogen.(" Bald haben wir Erze aus dem Ural und Getreide aus der Ukraine, da wird schon alles besser werden.") Einmal stand am Förderschacht einer Grube eine Aufschrift:" Bald geht es uns besser, wenn die Nürnberger Reden in Erfüllung gehen werden. Es setzten wahllose Verhaftungen, besonders früherer Kommunisten ein, die man aber wieder freiliess, weil nichts herauszubekommen war. In Beuthen, in Karf, in Miechowitz wurden frühere SPD- Leute verhaftet, denen man einfach unterschob, sie hielten doch noch alle zusammen. Zu einem früheren SPD- Genossen schickte man einen Gestapomann, der sich in die SPD aufnehmen lassen wollte, weil man ja schon offen darüber spreche, dass die Sozialdemokraten bald wiederkommen. Ein anderer Mann erschien, um zu A-35fragen, wann die nächste Zusammenkunft stattfände. Hierauf wurde der Genosse zur Polizei gerufen und man redete auf ihn freundlich ein, er solle sich doch nicht verstellen, man wisse doch genau, dass er Beziehungen zu den früheren Leuten habe, die die Bewegung leiten und dass man doch bereits alles wie im Kriege vorbereitet habe, um die Regierung später zu übernehmen. Als der Genosse sich gegen solche Gerüchte entschieden zur Wehr setzte, wurde er nach einem langen Protokoll zwar freigelassen, aber unter ständige Beobachtung gestellt. Man hat ihm im Betrieb Leute zur Mitarbeit beigegeben, bei denen es sich nach ihren provokatorischen Reden nur um Gestapo agenten handeln kann. Ueberhaupt wird auf den Gruben und Hütten eifrig darüber diskutiert, wie und wann die Sozialdemokraten wiederkommen, zumal es bekannt geworden ist, dass die freien Gewerkschaften illegal aufgezogen werden. Man tut so, als ob man darüber mehr wüsste, obgleich es sich in Wirklichkeit nur um ganz verschwindende Anfänge handelt. Allein die Tatsache, dass solche Anfänge bestehen, hat auch in Gleiwitz und Umgebung zu Verhaftungen früherer freigewerkschaftlicher Betriebsräte und Funktionäre geführt. Auch führende SPD- Genossen wurden verhaftet, eingehend vernommen und dann wieder freigelassen. Wasserkante: In einem Werftbetrieb denunzierte ein Vertrauensmann einen seiner Kollegen im Vertrauen grat, dass er beim letzten Gemeinschaftsempfang der Hitler- Rede während des Deutschlands- und Horst- Wessel- Liedes nicht die Hand zum Hitler- Gruss erhoben habe. Der Obmann stellte den denunzierten Vertrauensmann zur Rede. Dieser bestritt den Vorwurf und versicherte, dass er die Angelegenheit mit dem Kollegen klärei würde. Tatsächlich suchte er den Denunzianten und fand ihn in einem Bodenraum. Im Verlaufe der nun erfolgten Auseinander. setzung hat der Denunzierte den Angeber entsprechend Auwi's Anweisung gehörig verprügelt, so dass durch das Geschrei und Gepolter andere Arbeitskollegen hinzukamen und fragten, was denn los sei. Der Denunzierte, ein sehr wortkarger, aber handfester Arbeiter sagte nur kurz:" Das war Freude durch Kraft!". 4) Die Werkscharen. Wir haben über die Werkscharen ala nationalsozialistische Betriebstruppe bereits zweimal( November 1935, Seite A 78 und April 1936, Seite A 86 ff) berichtet. Zum ersten Mal sind die Werkscharen auf dem Nürnberger Parteitag 1935 in der Oeffentlichkeit aufgetreten. Bin Jahr später nahmen 3.000 A- 36Werkscharmänner an Festeitag teil. Um diese Zeit bestanden Werkscharen in 1.400 trieben mit etwa 40.000 Mitgliedern. Nachdem bereits in jahr 1936 ein Abkommen zwischen Ley und Lutze getroffen worden war, dass die Werkscharen grundsätzlich von SA- Führern geführt werden sollen, ist im Oktober eine weitere Vereinbarung über die Zusammenarbeit von SA und' Werkscharen abgeschlossen worden. Nach dieser Vereinbarung werden die Werkschares aus dem in Betrieb arbeitenden SA- Männern und sonstigen Werka angehörigen gebildet. Letztere werden zugleich SA- Anwärter, sofern sie nicht bereits Mitglied einer anderen Gliederung der Partei sind. Das Ziel ist, in möglichst allen grösseren Betrieben eine militärisch geschulte, nationalsozialistisch zuverlässige Wehrorganisation zu schaf fen, die die Betriebsarbeiterschaft beaufsichtigt und Widerstandsregungen von vornherein unmöglich macht. Rheinland- Westfalen: Die Mitglieder der Werkscharen sind. zum Teil ausgewählte Nazis, zum anderen Teil werden auch andere Werksangehörigen in die Werkscharen aufgenommen. Dip Werkscharen sind uniformiert, aber diese Uniformierung ist noch nicht vollständig durchgeführt. In jedem Fall haben alle Mitglieder der Werkscharen einen besonderen Eid auf den nationalsozialistischen Staat und auf den" Führer" zu schwören. Moralischer und materieller Druck sollen dafür sorgen dass kein Mitglied der Werkscharen sich jemals auf sein gu tes Recht als Arbeiter, der seinen auskömmlichen Lohn haben will, berufen kann. Im übrigen ist auch hier alles darauf abgestellt, die Leute soviel wie möglich zu beschäftigen, damit nur niemand auf andere Gedanken kommt. Die Werkscharen werden in besonderen Schulungskursen zusenmengefasst, in denen ihnen das nationalsozialistische A BO beigebracht wird. Sie stehen ständig unter politischer Kontrolle und sollen die gleiche Kontrolle über die anderen Werksangehörigen ausüben. Ihre Aufgabe ist, die Nazigegner nicht nur zu kontrollieren, sondern auch anzu schwärzen, zu denunzieren und eventuell zu erklären, dass man mit diesem oder jenem" Marxisten" nicht mehr zusammen arbeiten wolle. Dass die Werkscharen Streiks zu verhindern haben und dass ihre Schulung besonders in dieser Richtung geht, ist selbstverständlich. Grosse Bedeutung misst man ihnen für den Fall des Krieges bei. Von den sogenannten" Baustürmen" wird uns berichtet, dass bei ihnen eine besonders sorgfältige Auswahl erfolgt. In der Regel kommen auf je 50 Beschäftigte 2 Angehörige der Baustürme. Die Baustürme sind besonders durchgebildet beim Bau der A- 37Reichsautostrassen und auf Bauten für das Heer und für die Munitionsherstellung. Die Arbeiter werden von den Baustürmen dass auf Grund dieser kontrolliert und oft kommt es vor, Kontrolle erklärt wird, man werde nicht mehr mit diesem oder jenem zusammen arbeiten. Schlesien: In den meisten Betrieben werden jetzt Werkscharen ausgebildet, die die Betriebe im Kriegsfalle verteidigen sollen. Sie werden besonders vorgebildet und vor allem gegen den inneren Feind abgerichtet. Es wird ihnen eingeschärft, dass sie selbst vor der Denunzierung von Vater und Mutter nicht zurückschrecken dürfen. Die Werkscharen werden besonders vereidigt. Der Betriebsleiter ist der oberste Chef, dem nach einen Sirenenzeichen alles bedingungslos zu gehorchen hat. Es wird ihnen bei der Aufnahme in die Werk schar ausdrücklich gesagt, dass sie wie Soldaten und nach dem Kriegsrecht behandelt werden. Berlin: In dem elektrotechnischen Grossbetrieb in... besteht eine Werkschar noch nicht. Vor etwa 3 Monaten sollte Jede Werkstatt die Leute unter 30 Jahren melden. Termine wurden festgesetzt und dann verlegt, bis es nach langem Hin und Her zur Einberufung von Versammlungen kam. Schliesslich gingen eine Anzahl, aber bei weitem nicht alle, hin. Es wurde eine kurze Ansprache gehalten und gefragt, wer freiwillig Mitglied der Werkschar werden wolle. In einer Abteilung von 160 Mann stürzten ganze 8 Mann vor, dann nach einigem Zögern weitere 4 Mann. Darüber grosse Erregung:" So geht es nicht!" Es wurden die Namen verlesen und dann erklärt:" So, Sie sind doch einverstanden, dass Sie mit dieser Verlesung Mitglied der Werkschar geworden sind." Schluss. Aber das war wahrschein lich nur ein Schreckschuss, denn etwas später kamen die einzel nen Vertrauensleute in den Werkstätten und fragten jeden unter 30- Jährigen nochmals, ob er nun bei den Werkscharen mitmachen wolle oder nicht. Es stellte sich heraus, dass fast jeder eine Ausrede hatte. Der eine war im Turnverein, der andere verheiratet, der Dritte hatte sowieso keine Zeit und so ging es fort. Einige haben aus Angst oder aus anderen Gründen ja gesagt, haben aber noch nichts gehört. Es ist möglich, dass diese Neugründung dasselbe Schicksal erleiden wird wie die Schaffung einer Wehrsportabteilung, die vor einem Jahr beschlossen wurde, aber dann ebenfalls sanft und selig eingeschlafen ist. 5) Die Stellung des Vertrauensrates. Berlin: In einer Gross- Sattlerei mit 200 Beschäftigten sind die Mitglieder des Vertrauensrats durchweg Kreaturen, die sich nur bei der Betriebsleitung anschmieren. Für die Belegschaft tun sie überhaupt nichts. Neuerdings werden jedem A-38Arbeiter wöchentlich 10 Pfg. abgezogen, die für Fahrgelder und Lohnausfall des Obmanns bestimmt sind. Es entstand grosse Empörung bei der ganzen Belegschaft darüber, dass man für den Vertrauensrat, der ohnehin nichts tut, sich noch Abzüge machen lassen soll. Einige Kollegen haben sich offen dagegen aufgelehnt und vier Mann sind deswegen entlassen worden. Drei der Entlassungen hat man allerdings später wieder rückgängig gemacht. Es blieb jedoch bei dem 10- Pfennig- Abzug. Sachsen: In der Auto- Union ist der Vertrauensmann sehr aktiv. Es findet ein täglicher Appell statt, während er in den anderen Betrieben meist nur wöchentlich abgehalten wird. Bei den Arbeitern hat der Vertrauensrat aber wegen unzähliger nicht erfüllter Versprechen jeden Einfluss verloren. Er verspricht dauernd Dinge, die er niemals erfüllen kann. Die Stimmung ist daher sehr schlecht. Südwestdeutschland: In einem grossen Metallbetrieb waren tausende von Metallarbeitern nicht Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkasse, sondern gehörten der Krankenkasse der Gold- und Silberschmiede an. Natürlich fuhren sie damit bedeutend besser, weil die Leistungen dieser Kasse weit höher sind. Dieser Zustand passte aber der Verwaltung der Ortskrankenkasse nicht und sie setzte es beim Oberversicherungsamt durch, dass durch eine einfache Anordnung alle Mitglieder von Ersatzkassen in unserem Betrieb in die Allgemeine Ortskrankenkasse überführt wurden. Darüber gab es im Betrieb grosse Empörung. Aber nur ein Einziger ging zum Vertrauensrat, um sich dort nach dem Sachverhalt zu erkundigen und sich zu beschweren. Erkundigen konnte er sich zwar nicht viel, denn der ehrenwerte Pg. wusste auf keine konkrete Frage eine andere Antwort als die: er solle zum Oberversicherungsamt gehen, denn er, der Vertrauensmann, wisse in diesen Dingen auch nicht Bescheid. Das hat er auch gar nicht nötig, denn er gab dem Arbeiter zum Abschied noch die Versicherung mit auf den Weg, dass er niemals eine Massnahme, die die Betriebsführung für recht und gut befinde, als etwas anderes ansehen werde. Daher der Titel" Vertrauensrat". In einer Buchdruckerei 300 Beschäftigte) gehören nur zwei Mitglieder des Vertrauensats einer NS- Organisation an. Einer von den beiden, ein NSBO- Mann, ist beruflich nicht ganz auf der Höhe, so dass der Betriebsleiter mit ihm machen kann, was er will. Der Betriebszellenobmann ist ein zeichnungsberechtigter Reisender, der mehr oder weniger auf seiten der Betriebsleitung steht. Der Vertrauensrat wird in der Regel einmal monatlich durch den Betriebsführer zusammengerufen. Die Vertrauensräte bringen dann auch Vorschläge ein, aber bis jetzt ist so gut wie gar nichts erreicht worden. Gelegentlich kommen die Vertrauensratsmitglieder auch ohne die Betriebsführung zusammen, aber diese Zusammenkünfte haben dann rein privaten Charakter. A-39Nordwestdeutschland: In einem Betriebe des Berichtsgebietes wurden in kurzer Zeit drei Sammlungen veranstaltet.Die erste, für die Witwe eines tödlich verunglückten Werks angehörigen, ergab in der betreffenden Betriebsabteilung 13, RMk. Dann eine Sammlung für die Spanien- Deutschen, welche Sammlung nichts brachte. Dann für den verunglückten Sohn eines Werksangehörigen; auch diese Liste geht leer zurück. Nach der erfolglosen Vorlegung der dritten Sammelliste kam ein Mitglied des Vertrauensrates in die Abteilung, um die Arbeiter zur Rede zu stellen. Darauf erklärten ihm mehrere Arbeiter, dass sie nur für Werksangehörige geben wollten, nicht aber für Familienmitglieder, denn das müsse bei der Grösse der Belegschaft dazu führen, dass jede Woche einige Sammlungen vorgenommen werden würden. Gleichzeitig wurde dem Vertrauensrat kla rgemacht, dass für Sammlungen, für die man etwas geben wolle, auch die Liste anders aussehen müsse als jene, die jetzt le er zurückgegangen seien. Man sei es von früher her gewohnt, dass Sammellisten ordnungsgemäss, nämlich mit Tinte oder mindestens Tintenstift ausgestellt, mit zwei Unterschriften versehen, nummeriert und abgestempelt würden. All das fehle auf dem Bleistiftwisch. Daraufhin pumpte sich der Vertrauensrat mächtig auf, ob man etwa glaube, dass er das Geld unterschlage. Das glaube man nicht, aber er könne ja durch ordentliche Listenausfertigung auch den Verdacht solcher Zumutungen beseitigen. Ausserdem habe auch niemand geglaubt, dass der Vertrauensmat X. im Y.- Betrieb 2.000 RMK unterschlagen würde, und er habe es doch getan. 6) Betriebsveranstaltungen. Wie wenig es den Nationalsozialisten gelungen ist, die Arbeiter zu gewinnen, zeigt immer wieder sehr anschaulich das Verhalten der Belegschaften bei Betriebsveranstaltungen wie: Gemeinschaftsempfängen von Führerreden, Betriebsappellen, Kameradschaftsabenden usw. Berlin: Die Betriebsversammlungen der Elektrowerke... ( 6.000 Arbeiter und Angestellte) sind in der letzten Zeit erstaunlich langweilig gewesen. 14 Tage vor Weihnachten wurde die letzte Betriebsversammlung veranstaltet. Zunächst konzertierte eine SA- Kapelle bis zum Beginn der Versammlung. Dann wurde die Versammlung durch den Vertrauensrat eröffnet, der verkündete, dass die Werkskapelle eine einstündige Darbietung bringen werde. Nach diesen Musikvorträgen hielt der" Arbeitskamerad" Direktor X., eine ganz kurze Ansprache, die lediglich in der Erklärung bestand, dass die Weihnachtsgratifikation wieder wie in den vergangenen Jahr 15,- RMK. für jeden Beschäftigten betrage und für jedes berechtigte Familienmit A-40glied( ausschlaggebend ist die Steuerkarte) 5,- RMK. extra. Dann spielte wieder die Werkskapelle und nun hielt der Vertrauensrat eine 3- Minuten- Rede, in der er sagte: Rückblickend auf die Jahre 1928 bis 1930 können wir heute feststellen, dass sich unsere Belegschaft zum Teil verdoppelt hat.( Er wollte zum Ausdruck bringen, dass sich die Belegschaft in einzelnen Abteilungen des Werkes verdoppelt habe). Während früher in den Arbeitsräumen gähnende Leere herrschte, sieht man heute die Arbeitskameraden dicht an dicht an den Werksbänken stehen. Kameraden, das ist aber kein Grund, irgendwie Beschwerden über die engen Arbeitsplätze zu führen, denn das Bestreben unseres Führers ist es ja, soviel wie möglich Arbeitskräfte unterzubringen, und der Beengung im Betriebe werden wir auch bald Herr werden. Es ist ja bekannt, dass einige Neubauten in Angriff genommen worden sind, um so jedem einen individuellen Arbeitsplatz zu sichern. Er sprach dafür der Werksleitung seinen Dank aus, brachte ein dreifaches Sieg Heil auf den Führer aus und die Veranstaltung war beendet. Die Reden haben insgesamt 7 Minuten gedauert, sonst wurde kein Wort weiter gesprochen. Weder über die Sorgen und Nöte der Belegschaft, noch über andere dringende Fragen. Die Unfallverhütungswoche in den Optischen Werken.... wurde mit einem Betriebsappell von etwa 1/ 4- stündiger Dauer eröffnet. Es wurde der Belegschaft anheimgestellt, Verbesserungsvorschläge vorzubringen. Aber gleichzeitig erklärte der Redner, dass nicht wieder solche Vorschläge wie im vorigen Jahre vorgebracht werden sollten, weil sie nicht durchführbar seien. Sie legten Wert darauf, nur Vorschläge zu erhalten, die für den Betrieb tragbar seien. Zum Schluss der Unfalíverhütungswoche sollte ein Schluss appell stattfinden. Er wurde aber nicht durchgeführt, da das Interesse allgemein viel zu gering war. In einigen anderen Betrieben hat man sich darauf beschränkt, überhaupt nur Broschüren und Flugblätter, die von der Krankenkasse und den anderen amtlichen Stellen geliefert wurden, zu verteilen und hat sonst nichts getan. Automobilfabrik: Die Belegschaft war sehr verstimmt, dass sie zur Führerrede länger bleiben musste. Viele gingen zum Tor, wurden aber nicht herausgelassen. Auch aus den Klosetts wurden die Arbeiter herausgeholt. Der NSBO- Amtswalter stieg eigens auf einen Stuhl, um zu kontrollieren, ob noch Leute drinnen seien. Er holte die Leute am Arm heraus und führte sie is Versammlungslokal. In einem Gespräch mit einem Vertrauensrat, der sehr stolz darauf ist, dass er den Absatz des" Stürmers" steigern konnte, schätzte dieser, dass die Belegschaft sich zu 50 Prozent aus" Marxisten", zu 25 Prozent aus Nazis und zu 25 Prozent aus Indifferenten zusammensetze. A-41Der dem NS- Parteiverlag Franz Eher Nachf. angeschlossene Verlag Ullstein, Berlin SW 68, Kochstrasse und Berlin- Tempelhot, veranstaltete vor einiger Zeit in der Deutschland halle einen Kameradschaftsabend, in dessen Mittelpunkt die Ehrung von Belegschafts jubilaren stand. Das Hauptreferat wurde von dem Nazi Wächter gehalten, der in seinen Ausführungen in gemeinster Form gegen die ehemalige Sozialdemokratie zu Felde zog. Dieser Betrieb hatte vor 1933 eine sehr stark sozialistisch eingestellte Belegschaft und diese Hetzereien wurden darum sehr übel aufgenommen. Sogar die heute mit den Nazis etwas sympathisierenden Belegschaftsmitglieder äusserten sich abfällig über diese Redeübung. Abgesehen von dieser schweren Entgleisung war jedoch der Abend ein voller Erfolg. Die Nachfrage nach Einlasskarten konnte nicht befriedigt werden. Jeder Betriebsangehörige bekam 2,-RMk. zum Verzehr.Der Bierpreis war für diesen Tag für die grosse Molle, dia sonst 35 Pfg. kostet auf 25 Pfg. herabgesetzt worden. Die Jubilare erhielten ein Geldgeschenk von je 200,- RMK und das übliche Diplom. Im Betrieb selbst fanden in der letzten Zeit immer noch Verhaftungen statt. Im Monat September war sogar für mehrere Tage ein Sonderkommando der Gestapo im Ullstein- Hochhaus im Tempelhof untergebracht. Sachsen: Bei dem Gemeinschaftsempfang der letzten Führerrede haben einige Betriebe zu recht eigenartigen Mitteln gegriffen, um die Arbeiterschaft zum Anhören dieser Rede zu zwingen. Bei der Werkzeugfabrik X. wurde die Garderobe bis zum Schluss der Rede geschlossen gehalten, um ein vorzeitiges Entfernen der Arbeiter zu verhindern.- Die Bauarbeiter der Firma Y. mussten ohne Lohnausgleich 1/2 Stunde früher mit dem Arbeiten aufhören, um am Geme in schaftsempfang teilzunehmen. Bei dem Bauunternehmen Z. fand ein Kameradschaftsabend statt. Zur Deckung der Unkosten mussten von jedem Arbeiter drei Ueberstunden geleistet werden, auch von den Arbeitern, die infolge ihres weiten Weges zur Arbeitsstätte an dem Abend nicht mit teilnehmen konnten. Eine Rückzahlung oder irgend eine Entschädigung ist an diese auswärts wohnenden Arbeiter nicht gezahlt worden. Aus einigen Betrieben des Vogtlandes wird berichtet, dass täglich 20 Minuten vor Arbeitsbeginn der Betriebsappell stattfindet. Diese 20 Minuten werden nicht als Arbeitszeit bezahlt, wer dabei jedoch nicht anwesend ist, wird streng bestraft. Die Arbeiter nennen diesen Appell unter sich die" Zuchthausparade." Schlesien: Auf der Karstenzentrumsgrube wurde Anfang November die Grube vollkommen abgesperrt, um die Belegschaft zur Teilnahme an dem Betriebsappell für die Winterhilfe zu. A-42zwingen. Trotzdem gelang es einem Teil der Belegschaft, über die Grubenhalden zu entkommen. Die Karstenzentrumsgrube gilt als eines der oppositionellsten Nester; man spricht nur von der Kommune. Hier hat man sich auch geweigert, Arbeitsfrontbeiträge und Winterhilfe zugleich zu zahlen. Am nächsten Tag kam unter Androhung sofortiger Entlassung eine Erklärung der Verwaltung, dass die Zeit des Betriebsappells nachgearbeitet werden müsse, wer nicht nacharbeite, dem werde die ganze Schicht gestrichen. Bayern: Bayrische Motorenwerke( BMW) München: Da die Löhne im Verhältnis zu anderen Metallbetrieben noch relativ gut sind, ist auch die Stimmung unter den Arbeitern weniger erbittert. Doch kann man sagen, dass die Nationalsozialisten nichts mehr zu melden haben. Wenn die Arbeiter das auch nicht äussern, so weiss man do ch, dass die Arbeiterschaft vom Nationalsozialismus nicht erobert ist und auch nicht mehr erobert wird. Alle müssen sich zwar dem herrschenden Druck fügen, aber wo sie können, zeigen sie, dass sie an dem ganzen Hitlerquatsch sehr wenig Interesse haben. Das zeigte sich deutlich wieder einmal bei der letzten Führerrede, für die Gemeinschaftsempfang angeordnet wurde. Vorher kündigte man schon an, dass kein Arbeiter das Werk vor der Rede verlassen dürfe. Alle Tore wurden geschlossen und die Leute mussten sich in der grossen Werkhalle und in der Kantine einfinden. Da um 4 Uhr die zweite Schicht angeht und die erste Schicht nicht weggehen durfte, waren viele Arbeiter versammelt. Während der Rede unterhielten sich die Arbeiter untereinander, so dass die Werks- SA. einschreiten musste, um wieder einigermassen die Ruhe herzustellen. Von den 5.000 Mann, die versammelt haben, haben noch nicht 1.000 die Rede angehört. Im letzten Drittel der Uebertragung kam einmal ein grösserer Applaus aus dem Lautsprecher, der länger anhielt. Sofort stürzten Arbeiter zu den Toren und verlangten, hinausgelassen zu werden, da die Rede aus sei. Die Türwärter liessen sich überrumpeln und nun setzte ein allgemeines Gerenne nach den Ausgängen ein. Ja sogar die Fenster wurden geöffnet und durch sie drängten sich die Menschen hinaus, als wenn sie auf einer Flucht wären. Als Hitler weiterredete, kümmerten sie sich nicht mehr darum und das" Dableiben" der SA holte keinen mehr zurück. Die Türen mussten wieder geschlossen werden und wer noch nicht entwichen war, wurde gefangengehalten bis die Rede zu Ende war.- Die Nazianhänger im Betrieb, deren es noch einige in jeder Gruppe gibt, sagen selbst, dass die Uebertragung der Reden in die Betriebe dem Nationalsozialismus mehr schadet als nützt. Ueber den Gemeinschaftsempfang der Ley- Rede wird aus dem Reichsbahn- Ausbesserungswerk X. berichtet: Noch nie war eine so langweilige Stimmung bei einer Gemeinschaftsübertragung wie bei dieser. Ley hat eine Rede gehalten, die so hundsmiserabel war, dass die Arbeiter schon nach den ersten Minuten A- 43nicht mehr aufpassten. Nach einer Viertelstunde war von einer ordentlichen Aufstellung nichts mehr zu bemerken. Alles lier durcheinander und unterhielt sich. Verschiedene versuchten, die grosse Halle zu verlassen, doch wurden die Tore nicht geöffnet. Nach Schluss der stundenlangen Epistel erhob sich keine Hand, kein Lied wurde gesungen, nichts war als eine fade, öde Stimmung. Mehr solche Uebertragungen und der letzte Rest von Ansehen der Nazis wird gründlich vernichtet. Selbst Naziarbeiter haben sich abfällig über diese Veranstaltung geäussert und schoben die Schuld auf Ley, der eben kein Redner sei und durch seine schlechte Sprache selbst Hitler in Verruf bringe. In einer Glasfabrik der bayerischen Ostmark mit 300 Arbeitern fanden sich bei dem Gemeinschaftsempfang nur 26 Arbeiter ein. Daraufhin wurde der Empfang nicht durchgeführt. Die 26 gingen in eine Wirtschaft. Rheinland- Westfalen: Die Betriebsappelle finden in letzter Zelt häufiger statt. Man sucht die Betriebsangehörigen mit dem Vier jahresplan vertraut zu machen und ihnen die Notwendigkeit gewisser Entbehrungen beizubringen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Lohnerhöhungen nicht stattfinden können, solange die Aufrüstung nicht vollständig ist. Bezeichnend ist, dass sich unter den" Kernsprüchen", die " Der Ruhrarbeiter in der letzten Zeit für die Betriebsappelle empfohlen hat, auch der folgende Spruch von Wilhelm Raabe findet: " Wer die Arme sinken lässt, der ist überall verloren. Wer aber jeden Schritt zum Grabe verteidigt und würdig auch die lichtesten Höhen verlassen kann, um in dunkle Tiefen hinabzusteigen, der hat gewonnen." Wasserkante: In einem grossen Exportgeschäft mit etwa 100 Mann kaufmännischen Personals hat sich bei dem letzten" Gemeinschaftsempfang" 1( ein) Angestellter eingefunden, zum grossen Gaudium aller übrigen. Die Angestellten waren früher grösstenteils Mitglieder des GdA und des DHV, also keine Marxisten. Von zwei Firmen in X. ist uns mehrmals aus Anlass von Gemeinschaftsempfängen mitgeteilt worden, dass die Firmeninhaber den Belegschaften es sind in einem Falle 400, im anderen Falle 300 Beschäftigte- zu Beginn der Uebertragung erklärten, sie sollten nach Hause gehen, sie hätten ja doch alle Radio zu Hause und könnten den Empfang dann ja im Kreise ihrer Familien geniessen. A-44 7) Die Zustände auf den Rüstungsbaustellen. Wir haben zuletzt in September 1936( Seite A lol ff) über die Zustände auf den Baustellen der Reichsautobahn, der Militärverwaltung usw. berichtet. In der Zwischenzeit haben diese Berichte wieder einmal eine amtliche Bestätigung erhalten. Vor dem Frankfurter Arbeitsgericht klagte ein Kriegsbeschädigter auf Rücknahme der fristlosen Entlassung. Die Verhandlung ergab, dass sich der Betriebsführer der Baustelle dem Arbeiter gegenüber zu der Drohung hatte hinreissen lassen: " Mit Ihnen werde ich noch exerzieren, ich werfe Sie zwischen die Loren, dass Sie verrecken. Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen die Arbeitslosenunterstützung für 6 Wochen bis ein Viertel jahr gesperrt wird." Das Arbeitsgericht gab der Klage statt und gelangte in der Urteilsbegründung zu folgender bemerkenswerter Feststellung: " Es ist schon eine unerhörte Zumutung für den Kläger, sich derartige Beleidigungen, die weit über das an Baustellen übliche Mass hinausgehen, widerspruchslos gefallen zu lassen. Und trotz allem war der Kläger ruhig und hat seine Arbeit fortgesetzt." Den in den letzten Monaten eingegangenen Berichten entnehmen wir: Berlin: Auf einem Bauabschnitt der Reichsautobahn, der inzwischen fertiggestellt ist, herrschten tolle Zustände. Is waren dort 90 Mann beschäftigt, die in einem Tanzsaal hinter der Wirtschaft des nächsten Dorfes untergebracht waren. Alle 90 Mann schliefen auf Strohsäcken in diesem einen Raum. Die tägliche Arbeitszeit betrug 10 bis 12 Stunden. Man arbeitete auch Sonntags, nur um recht viel zu verdienen. Der Stundenlohn betrug 51 Pfg.. Für das Mittagessen wurden 50 Pfg. abgezogen. Das Essen war aber so schlecht, dass darauf sehr viel geschimpft wurde und grosse Erbitterung herrschte. Sehr aufgefallen ist auch, dass der Kantinen junge entlassen wurde, weil er sich zu oft mit den Arbeitern unterhielt. Der Lagerführer rief eines Tages, als wieder Beschwerden über das Essen eingegangen waren, die Arbeiter zusammen und drohte ihnen mit Entlassung, wenn das Schimpfen über das Essen nicht aufhören sollte. In den Sommermonaten erhielten die Arbeiter keine Schlafdecken und viele schliefen daher in ihren Kleidern, ob A-45wohl die Kleider oft ganz durchnässt waren. Die Erschöpfung der meisten war aber so gross, dass sie trotz der nasson Kleidung schliefen. Politisch waren die Arbeiter kaum interessiert. Von den 90 Mann waren etwa ein Drittel Nazis, ein Drittel schwankend und ein Drittel passiv ablehnend. Bayern: Reichsautobahn, Los X. Bis zum Jahre 1935 wurden die Arbeiter der Reichsautobahn von dem Hilfszug Bayern verpflegt. Das Essen war aber so schlecht, dass es von den meisten Leuten zurückgewiesen wurde. Im Jahre 1936 wurden Kantinen aufgestellt. Die Leute müssen seitdem von ihrer Arbeitsstelle zu Fuss zu der nächsten Kantine gehen, wenn sie nicht unter freiem Himmel essen wollen. Zwei Drittel der Arbeiter bezeichnen sich als Kommunisten. Es ist schon öfter vorgekommen, dass ganze Abteilungen bei Nacht die Internationale gesungen haben. Keiner hat etwas verraten. Von einer kommunistischen Propaganda tätigkeit wird jedoch nichts bemerkt. In X. bei Y. wurde von KdF ein bunter Abend für die Arbeiter der Reichsautobahn veranstaltet. Sie mussten geschlossen in ihrer Arbeitskleidung antreten und nach X. marschieren, ob sie wollten oder nicht. Während des Programms wurden von einem Komiker auch Witze erzählt, die natürlich viele zum Lachen brachten. Während dieser Augenblicke machte man von vorn her Blitzlichtaufnahmen. Einige Tage darauf waren in der ganzen Presse die Bilder zu sehen, unter denen der Text stand:" So fröhlich sind unsere Volksgenossen auf der Autobahn. Die Arbeiter waren darüber sehr verärgert, denn zum Lachen ist ihnen auf der Autobahn wahrlich nicht zu Mute. 貌 Schlesien: Aus einem Brief eines Verschickten: ".. die Brüder vom Arbeitsamt haben uns bitter und böse verkauft. Als wir hier ankamen, fuhren wir gleich in unser neues Heim.. Dort bezogen wir Logis. Zu allererst mussten wir uns verpflichten, auf 5 Monate hier zu bleiben. Als das geschehen war, wurde uns gesagt, wir werden gutes Essen bekommen und so etwas haben wir noch nicht gegessen. Mit vollem Recht, denn das was kam, haben wir noch nicht durchgemacht. Das stimmt voll und ganz. Die Kost wurde immer knap. per. Wir werden gefüttert mit Winterkohl, den bei uns nicht einmal die Hasen am Felde fressen, die Kartoffeln sind immer hart. Gerade so, als wenn wir Feldmäuse wären. Auf drei Tage bekommen wir ein Brot, Fettigkeiten gibts keine. Nur trockne Karo. Am 17., am Sonnabend wollten wir nicht mehr arbeiten, da man mit so einem Frass nur noch eine verwandelte Leiche war. Montag, den 19. wurde wegen dem Essen verhandelt. Sie wollten alle Oberschlesier nach Hause schicken. Aber alle Mann standen geschlossen auf und da versprachen sie, das Essen wird sich bessern. Na, es hat sich gebessert. Aber dafür haben wir alle Tage beim Frühstück neue Verord A-46nungen. Bei jedem Wort wird einem gedroht mit Entlassung und dann kommen Sie dorthin, wohin Sie gehören. Konzentrationslager. Wir sind hier keine Menschen, nur noch Sklaven... Wir unterstehen hier der Militärbehörde. Hätte ich das gewusst, ich wäre im Leben nicht hierhergekommen, um als Kuli behandelt zu werden. Der Lagerführer ist ein Feldwebel von der Landespolizei. Sein Bildungsgrad steht auf einer sehr niedrigen Kulturstufe, gerade diese Knechte brauchen sie. Sobald meine zwei Monate um sind, ziehe ich. sofort in ein Bürgerlogis, um als freier Mensch auf zuatmen. Und werde mir dann das zum Essen kaufen, was mir schmeckt. Die Kameraden, die einen Kocher haben, dürfen ihn nicht verwenden, da es nicht erlaubt ist, in der Bude zu kochen. Die Wäsche müssen wir uns allein waschen lassen. Ein gewisser A. aus B wollte im Klosett Selbstmord begehen, die Hosenträger hatte er schon um den Hals gebunden und wollte sich an der Wasserleitung am Spülbecken aufhängen. Er wurde aber nicht nach Hause geschickt, sondern kam nach Y. in eine Irrenanstalt... Einen Sonntag waren einige Kollegen in der Kirche, um die Zuchthauswände nicht mehr zu sehen und die Gedanken auf ganz was anderes zu konzentrieren. Sie kamen 5 bis 8 Minuten zu spät zum Essen, da wurde ihnen gleich gedroht, nächstens gibts kein Essen. Auf der Reichsautobahn bei km.. ... der neuen Strecke. hat sich folgendes zugetragen: Der Leiter des Barackenlagers ist ein 24- jähriger Flegel, sein Stellvertreter ist 19 Jahre. Beide springen in sehr rüdem Tón mit den Arbeitern um. Einmal beschwerte sich ein Arbeiter über das Essen. Er wurde von dem 19- jährigen angeschnauzt. Der Arbeiter verteidigte sich und ging dann schliesslich weg, ohne etwas erreicht zu haben. Hinter seinem Rücken sagte der Aufseher: " Der verdient für seine Meuterei eins in die Fresse." Der Arbeiter, der wesentlich älter ist, hört das, geht hin und verlangt, dass der Lause junge zuhaut. Der wird blass und wagt angesichts der drohenden Haltung des anderen nicht, zuzuschlagen.- An einem Abend stellen einige Arbeiter auf dem Baracken empfänger den Moskauer Sender ein, vier stehen bei Ertönen der Internationale auf, heben die Faust und singen mit. Der Nachtwächter des Lagers hat das gesehen, konnte die Leute nicht erkennen, hat aber trotzdem den Vorfall gemeldet. Die beiden Burschen hielten einen Lagerappell ab, konnten aber nicht herausbekommen, wer es war. Schliesslich meldete sich einer der vier und sagte: Er und seine Kameraden wären bereit, sich freiwillig zu melden, aber der Verräter müsse auch bekanntgegeben werden. Darauf sagte der Leiter, das werde er mit den vier und dem Angeber persönlich ausmachen. Kurz darauf wurde der Nachtwächter mit der Begründung versetzt, er wäre in diesem Lager nicht mehr seines Lebens sicher. A-47. betriebenen KiesDie an der Ostseeküste von der Firma werke sind seit einigen Monaten unter Militäraufsicht gestellt worden. Vorher war es dort unter den Arbeitern zu Empörungen gekommen, weil die Zustände unhaltbar und die Nahrungsversorgung sehr mangelhaft war. Die Belegschaft wurde durchgesiebt und durch zahlreiche Oberschlesier ersetzt, die vereidigt wurden, nichts darüber zu erzählen, was gearbeitet wird. Das nächste Dorf ist gegen 4 Stunden entlegen, die Urlauber gehen in ständiger Begleitung von Gestapo- Leuten ins Dorf. Militärärzte führen die Aufsicht darüber, wieweit die einzelnen Arbeiter noch arbeitsfähig sind, da sehr oft Ohnmachtsanfälle vorgetäuscht werden, um aus dieser Hölle herauszukommen. Bin" alter Kämpfer" hat dort einen Selbstmordversuch unternommen, dann kam er heim. 8) Einzelberichte. Berlin: Aus der BVG( Berliner Verkehrsgesellschaft, die die Berliner Strassenbahnen, Omnibusse und Untergrundbahnen umfasst): Der Tarifvertrag ist noch unverändert. Aber die Dienstbeanspruchung ist viel grösser als früher. Seit 1932 hatten wir im Monat zwei Feierschichten. Wir kamen auf 192 Stunden Dienst im Monat, d.h. also durchschnittlich auf 24 Arbeitstage. Jetzt dagegen werden immer 25 bis 27 Arbeitstage im Monat erreicht und es gibt Schichten, die 9 1/2 Stunden und länger dauern. Dafür gibt es auch wieder Schichten von nur 6 1/2 Stunden, aber die Ausgleichsstunden werden immer weniger. Die Mehrarbeit erfolgt ohne jede Extrabezahlung. Ursprünglich hiess es, dass bei Jahresabschluss ein Ausgleich erfolgen sollte, aber niemand hat etwas bekommen. Ein Mann, der 35 Stunden Úeberarbeit geleistet hatte und sich wegen des Ausgleichs an die Betriebsleitung wandte, wurde abgewiesen. Man vertröstete ihn auf das nächste Jahr. Aber ein solches Nachholen des Ausgleichsdienstes ist praktisch gar nicht durchführbar, weil ja nicht einmal der laufende Ausgleich hergestellt werden kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die meisten Chauffeure und Schaffner wesentlich mehr Ueberstunden geleistet haben. Den günstig liegenden durchgehenden Dienst bekommen heute durchweg nur noch die Vertrauensratsmitglieder, SA- Musiker und sonstige Pg. Die anderen haben einen stark geteilten Dienst. So gibt es Tage, an denen die Chauffeure von 18 bis 20 Uhr Dienst machen, dann nachts von 1 bis 3 Uhr und dann von 4 bis 7 Uhr. Es gibt sogar Dienste, bei denen zwischen 18 und 23 Uhr zu fahren ist, dann tritt eine Pause bis 1 Uhr ein und dann ist morgens nochmals von 1 bis 5 Uhr Dienst zu machen. Die Direktion fragt natürlich nicht danach, wo die Leute zwischen 23 und 1 Uhr bleiben. Die Verschlechterung der Diens tvorschriften hat dazu geführt, dass jeder, der einen Beruf erlernt hat, versucht, A-48 in diesem Beruf wieder unterzukommen. Früher war es gerade umgekehrt. Da waren die Stellen bei der BVG sehr gesucht, weil sie als Dauerstellung galten. Dabei ist heute festzustellen, dass die Direktion den Leuten, die ausscheiden, Schwierigkeiten macht. Man lässt durchblicken, dass ein ANBscheiden als Störung eines lebenswichtigen Betriebes angesehen werden könnte und ähnliches. Alle sind unzufrieden und die Redewendung" Man ist überhaupt kein Mensch mehr", ist immer an der Tagesordnung. .Der erste Vertrauensrat, ein gewisser Arnswald, der früher Fahrmeister war und dann Fahrdienstleiter wurde, ist plötz lich seines Amtes enthoben worden. Eine Begründung wurde nicht gegeben. Es heisst aber, dass er irgendwo im Betrieb einen anderen Posten erhalten habe. Aus der AEG, Werk...( 6.000 Beschäftigte, davon 50% Frauen) Vor einiger Zeit entdeckte man auf einer Aborttür eine Zeichnung, die einen Mann im Käfig darstellte, der einen Trichter im Kopf hatte, durch den ihm die Nürnberger Parolen eingetrichtert wurden. Dazu war eine entsprechende Unterschrift angebracht. Darauf erschien die Gestapo im Betrieb, hängte die Tür aus und nahm sie mit, angeblich um sie zu fotografieren. Kurze Zeit darauf wurde die gereinigte Tür wieder zurückgebracht. Einige Zeit darauf wurden an einer anderen Tür wiederum Anschriften entdeckt. Diesmal begnügte man sich damit, die Tür an Ort und Stelle zu fotografieren. Die Arbeiter nehmen an, dass das Fotografieren erfolgte, um Schriftvergleichungen anstellen zu können, oder auch nur, um die Arbeiter einzuschüchtern. Die Mehrzahl selbst unserer Freunde im Betrieb hat kein Interesse mehr an der Tarifordnung und an den alten gewerkschaftlichen und sozialpolitischen Fragen und kümmert sich nicht mehr um ihre eigene rechtliche Situation und die der Gesamtarbeiterschaft. Allgemein denkt man: lasst doch den Dreck sausen, wir haben doch keine Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Die AEG hat eine Erhöhung der sogenannten Jubiläumsgelder beschlossen. Arbeiter, die über 25 Jahre im Betrieb sind, erhielten bisher eine Gratifikation von 50,- RMk. Sie ist jetzt auf 250,- RMK.( oder sogar 300,- RMK) und zwar rückwirkend vom April 1936 ab erhöht worden. Osram: Die heutige politische Einstellung der Belegschaft, die früher stark sozialdemokratisch war, ist etwa: 10 Prozent Nazis, 30 Prozent schwankend und 60 Prozent passiv ablehnend. Aktiv wird kaum gearbeitet, aber Diskussionen im engeren Kreis sind häufig. Eingehend wird über Spanien gesprochen. Die Nazis lässt man so viel sie wollen über Spanien und die Sowjetunion schimpfen, ohne dass ihnen entgegengetreten würde. Am Schwarzen Brett hängt dauernd Antispanien- Propaganda. Sie findet aber wenig Beachtung. A-49Vor einiger Zeit war ein Vortrag einer russischen Adligen aber erlebten Bolschewismus angesetzt. Den Amtswaltern war Erscheinen zur Pflicht gemacht. Die anderen wurden eingeladen. Von der 4.000 Mann starken Belegschaft erschienen ganze 170 Leute! Im Vortrag wurden die übelsten Greuelgeschichten über die Sowjetunion aufgetischt. Da ein Teil der Zuhörer demonstrativ schlief, musste der Vortrag sogar abgekürzt werden. Ueber die letzte Führerrede wurde" gemeckert", sie fand keinen Anklang, allerdings zum Teil mit Ausnahme der anti semitischen Ausfälle. Es mehren sich die Anzeichen, dass der Antisemitismus.doch in stärkerem Masse die Arbeiter erfasst, als es bei Beginn der Naziherrschaft der Fall war. Die Buchdruckerei B. hat trotz guter Beschäftigung die Arbeitszeit auf 45 Stunden reduziert. Zugleich herrscht starke Antreiberei, über die sehr viel geschimpft wird. Leys Angaben über Einnahmen und Vermögen der DAF werden nachgerechnet. Ley gibt 300 Millionen jährliche Einnahmen an. Die Arbeiter rechnen sich aber aus, dass bei 30 Millionen monatlichen Einnahmen, von denen gesprochen wird, doch ein erheblich höherer Jahresbetrag herauskommen muss. Ausserdem fragen sie, was aus dem beschlagnahmten Vermögen der Gewerkschaften geworden ist, und wofür die neuen Einnahmen eigentlich verbraucht werden. Zu der Antisowjet- Hetze begnügt man sich meist mit Feststellungen wie: Ueber die Sowjetunion wird so viel geschimpft, damit wir nicht merken sollen, dass und wie wir selber ausgepumpt werden. In einer anderen Druckerei ist die Stimmung ähnlich. Politische Arbeit wird zwar abgelehnt, aber der Zusammenhalt im Betrieb ist gut, was sich besonders bei den täglichen betrieblichen, sozusagen" gewerkschaftlichen" Fragen zeigt. Reichsbahnausbesserungswerk D: Die Belegschaft beträgt etwa 2.500 Mann, von denen etwa 10 Prozent Nazis sind, die übrigens etwa zur Hälfte schwankend, zur anderen Hälfte passiv ablehnend zum Regime stehen. Die Unzufriedenheit im Betrieb ist gross, aber man ist sehr ängstlich. Das Interesse für den Nürnberger Parteitag war gleich Null. Es sollten 60 Mann gratis hinfahren. Sie haben abgelehnt mit der Begründung, dass es im vergangenen Jahr zu kalt gewesen sei und schlechtes Essen gegeben habe. Mittlerer Betrieb im Norden Berlins:( Nähere Angaben können wegen Identifizierungsgefahr nicht gemacht werden) Belegschaft ca. 700 Mann. Der Betrieb befand sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Da machte ein Angestellter eine Erfindung, die es dem Betrieb ermöglichte, Rüstungsaufträge hereinzuholen. Seitdem ist der Betrieb sehr gut beschäftigt and verdient glänzend. Es handelt sich um einen komplizierten A- 50Zubehörteil zu Automobilen. Obwohl der Betrieb seit einem Jahr von dieser Sache fast ausschliesslich lebt, erhielt der Erfinder keine Extravergütung. Jetzt steht der Betrieb unter Reichswehrkontrolle und wird alle paar Wochen von einem Offizier inspiziert. Der offizier stellt hin und wieder bestimmte Forderungen über den Einbau der Sachen oder ähnliches. Wenn er dabei bei den Arbeitern auf Widerstand stösst, versucht er es mit dem Hinweis auf " militärische Disziplin" durchzusetzen. Die Arbeiter antworten ihm:" Von Technik verstehen Sie nichts, wenn Sie etwas Brauchbares geliefert haben wollen, müssen Sie uns schon überlassen, wie wir es machen!" Für die Fertigstellung des ersten Wagens mit dem neuen Zubehörteil war ein fester Termin angesetzt. Einige Arbeiter mussten dabei Spezialarbeiten machen, die streng geheim gehalten wurden. Um den Termin einzuhalten, mussten sie, da andere in die Dinge nicht eingeweiht werden sollten, dauernd Ueberstunden machen. Sie machten wochenlang Nachtschicht gegen doppelten Lohn. Die übrige Belegschaft klagte daraufhin auf dem Wege über den Vertrauensrat bei der DAF wegen " unsozialen" Verhaltens der Betriebsführung. Die Belegschaft behielt recht. Die bevorzugten Arbeiter wurden auf einige Wochen entlassen, gewissermassen, um die Ueberstunden wieder abzufeiern. Der Unternehmer zahlte diesen Arbeitern heimlich den Lohn weiter und stellte sie so bald wie möglich wieder ein. Die alten qualifizierten Arbeiter dieses Betriebes sind frühere Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Im Betrieb werden sie von den Nazis angepöbelt und schikaniert. Sie verteidigen sich mit dem Hinweis auf ihre Zugehörigkeit zur DAF. Obwohl sie die qualifiziertesten Arbeiter sind, bekommen sie keine Lohnprämien. Der Betrieb arbeitet im Akkord. Auch Frauen sind dort beschäftigt. Der Stundenlohn für qualifizierte Arbeiter war unmittelbar vor dem Nazi- Umsturz noch 1,-RMK bis 1,20 RMK; jetzt ist der Grundlohn 60 Pfg. und die meisten kommen nur auf 26 bis 30 Mark in der Woche. Aus einer Gross- Sattlerei: Die Beschäftigtenzahl ist wegen dringender Heeresaufträge stark gestiegen. Sie beträgt zur Zeit ca. 200 Mann. Die Arbeiter verdienen im Akkord wöchentlich 20 bis 25 Mark netto, es gibt aber auch Familienväter, die mit 17 bis 18 Mark nach Hause gehen. Die Arbeiter mit den geringsten Verdiensten werden meistens schnell wieder entlassen, damit der Firma bei einer Kontrolle der Lohnlisten keine Vorwürfe wegen zu geringer Löhne gemacht werden können. Bei der Belegschaft herrscht starke Missstimmung, weil die Arbeit sich für den einzelnen sehr häufig ändert. Behielte man dieselbe Arbeit, so könnte man ohne grosse Schwierigkeiten auf 25 Mark kommen. Wegen des häufigen Wechsels der Arbeitsstücke bleiben aber die meisten darunter. Es gibt vielleicht 10 richtige Nazis und etwa ein halbes Dutzend Antifaschisten. Die Uebrigen sind indifferent. Die Oppositionellen A-51sind aber diejenigen, die am meisten auf den Kasten haben". Sie sind aber bei den Kollegen ziemlich angesehen. Diskussionen werden in Betrieb geführt, aber sehr vorsichtig. Wenn gerade keiner von den Nazis dabei ist, bekommen die kritischen Kollegen immer lebhafte Zustimmung. In anderen Falle, wenn es dann überhaupt zu einer Diskussion kommt, bekommen die Nazis recht. Die spanischen Ereignisse finden grosses Interesse. Auch sonst gans indifferente Kollegen beteiligen sich an Unterhaltungen über Spanien, kaufen sich Zeitungen usw. Die Sympathie ist eindeutig auf Seiten der Volksfrontregierung. Bei einer solchen Diskussion in den ersten Wochen der spanischen Kämpfe kam einer der Nazis dazu und regte sich darüber auf, dass man für die Milizen Stellung nahm. Ein Kollege erklärte ihm darauf:" Sieh mal, unser Hitler ist vom ganzen Volke gewählt, und wenn irgendwelche Leute gegen ihn einen Aufstand machen wollten, müsste er mit eiserner Faust durchgreifen, wie er es gegen Röhm getan hat und wir würden wie ein Mann hinter ihm stehen. Bei der spanischen Regierung ist das ebenso." Der Nazi sah das ein. Exportunternehmen:( Nähere Bezeichnung nicht angängig, über 1.000 Arbeiter und Angestellte) Ein Mitglied der Betriebsführung berichtet: Die Lage im Betrieb ist nicht glücklich. Früher bestanden im Betrieb Klassengegensätze und es sind mit den Gewerkschaften harte Kämpfe ausgetragen worden. Aber heute wird einfach von oben herunter diktiert, noch dazu von Menschen, die vom Geschäft und vom Betrieb keine Ahnung haben, und die Geschäftsleitung und die Arbeiter müssen alles ruhig schlucken. Dadurch ist die Arbeiterschaft mürrisch und unwillig geworden, so dass die Arbeit wahrlich keine Freude mehr macht. Wegen jedem kleinen Dreck muss man die Arbeitsfront oder den Treuhänder befragen, diese wiederum drücken sich ängstlich um irgend eine Entscheidung und man kann von ihnen keinen positiven Bescheid erhalten. Hat man dann selbst die Entscheidung getroffen, dann kommt prompt der Treuhänder oder die Arbeitsfront und kritisieren und verlangen Abänderungen. Von der DAF bestehen strenge Anweisungen, dass Spenden für das WHW usw. direkt vom Lohn abgezogen werden müssen. Auch dadurch ist eine ungeheuere Verbitterung der Arbeiter entstanden, die sich natürlich in der Arbeit auswirkt. Müssen einmal " ausserplanmässige" hohe Spenden abgezogen werden, findet einmal ein Pflichtappell statt oder müssen sich die Arbeiter an irgend einer Veranstaltung beteiligen, so kann man die Reaktion sofort in der Arbeit bemerken. Es wird langsamer, schlechter, weniger gewissenhaft gearbeitet als sonst. Wir als Unternehmer können ja nichts dafür, denn auch wir stehen genau so unter Druck und werden vom Staate geschröpft und es wundert uns nur immer, wie es möglich ist, die Arbeiterschaft noch so niederzuhalten. A-52 Das Spitzelwesen in Betrieb und in der Beamtenschaft ist ungeheuer. Von der Arbeitsfront werden einfach Leute zum Einstellen geschickt und man kann nichts dagegen machen. In fast allen Fällen konnte man feststellen, dass diese Leute spitzeln. Vor einiger Zeit trug sich folgender Vorgang zu: Von der DAF wurde ein Mann als Stanzer geschickt. Dieser wurde eingestellt und bereits nach kurzer Zeit wurden verschiedene Arbeiter auf die Polizei bestellt und verwarnt, weil sie im Betrieb meckern würden. Der Verdacht richtete sich sofort auf diese neuen Arbeiter. Es dauerte nicht lange und dieser Neue kan zur Betriebsleitung und beschwerte sich, dass er von seinen Ko legen schikaniert werde; man werfe ihm Knuppel zwischen die eine, wo man nur könne. Die Betriebsleitung konnte selbstverständlich nichts dagegen tun. Daraufhin denunzierte dieser Neue noch mehr, so dass eines Tages drei Arbeiter im Betrieb verhaftet wurden unter dem Vorwand, sie hätten kommunistische Flugblätter verbreitet. Nach drei Tagen mussten sie wieder entlassen werden, weil ihnen nichts nachgewiesen werden konnte. Die drei Leute wurden wieder eingestellt und eine Woche später fiel dem Neuen während der Arbeit plötzlich ein ziemlich grosser Mutternschlüssel an den Kopf. Er musste drei Wochen krank zu Hause bleiben. Kein Mensch hat und kann erfahren, wer diesen Mutternschlüssel geworfen hat. Seitdem ist dieser Neue merklich kleinlaut und geht allen aus dem Tege, wo er nur kann. Bayern: Aus einem grossen Metallbetrieb( Belegschaft zur Zeit 6.500 Mann), 1.Bericht: Die Belegschaft wurde in den letzten 15 Monaten um 2.500 Mann erhöht, die fast alle in den Rüstungs abteilungen tätig sind. Durch den Zukauf und den Umbau leerstehender Fabriken wurde die Ausdehnung des Werkes beträchtlich erweitert. Viele Arbeiter aus der immer noch kurz arbeitenden Textilindustrie sind in die Rüstungsabteilungen eingetreten und wurden in besonderen Kursen angelernt. Das Arbeits tempo im Betrieb ist aufreibend. Noch nie war eine solche Hetze und eine solche Antreiberei wie in den letzten 3 Monaten. Durch dieses Tempo der Arbeit mehren sich erschreckend die Betriebsunfälle. In diesem Jahre hat der Betrieb 1.400 Unfälle bei einer Belegschaft von durchschnittlich 5.000 Mann zu verzeichnen. Da die Unfälle gerade in den letzten Wochen so erschreckend gestiegen sind, versucht man jetzt durch eine grosse Aktion gegen die sich täglich mehrens den Betriebsunfälle entgegenzuwirken. Es wurden Prämien bis zum Betrage von 500 Mark ausgeschrieben für besonders geeignete Erfindungen neuer Sicherungsvorrichtungen. Die Arbeiter wissen, dass das nichts nützen kann. Es gäbe nur einen Schutz gegen die zahlreichen Unfälle: das Arbeitstempo nicht so mörderisch zu gestalten. Die Stimmung im Betrieb ist nicht für die Nazis. Die Entwicklung zeigt sogar, dass die Arbeiter in zunehmendem Masse A-53feindselig werden. Es traut sich zwar keiner hervor, aber wo man den Nazis eins anhängen kann, ohne sich dabei su geund mit Geschick. Ein fährden, da tut man es mit Wonne Widerstand, der sichtbare Formen annimmt, wurde bisher nur bei Protesten gegen neue empfindliche Abzüge beobachtet. Die Akkordsätze wurden schon einige Male herabgesetzt. Vor 4 Wochen kam es aus einem ähnlichen Grunde zu Differenzen mit der Gefolgschaft. Bei Beginn der Winterhilfe- Aktionen wurde der Belegschaft mitgeteilt, dass auf Antrag des grössten Teils der Mitglieder zugunsten der Winterhilfe pro Woche eine halbe Ueberstunde umsonst geleistet werden soll. In den Reihen der Arbeiter löste dieses Vorgehen, in dem man eine neue Herabsetzung des Lohnes erblickte, starke Erregung aus. Zunächst rührte sich nichts. Am Samstag verliessen nach Schluss der Normalschicht 43 Spezialarbeiter ihre Arbeitsplätze und erklärten, dass für sie die Arbeit zu Ende sei. In der Dreherei und in der Schnellpresse arbeiteten die Leute swar weiter, erhoben aber bei der Betriebsführung Protest und wollten Aufklärung über das Zustandekommen dieser Verfügung. Der Betriebsführer liess eiligst den Vertrauensrat rufen und machte ihm Vorhalte, dass seine Amtsführung schlecht sei, sonst könne eine solche Unruhe unter der Gefolgschaft nicht entstehen. Dieser erklärte, dass zu ihm viele Arbeiter gekommen seien, die eine halbe Ueberstunde leisten wollten, nicht wenige hatten sogar eine Stunde beantragt. Daraufhin habe er die Betriebsführung von diesem Willen der Gefolgschaft in Kenntnis gesetzt. Die Arbeiter lachten ihn aus und machten ihm klar, dass das in keiner Weise der Wille der gesamten Belegschaft war. Nun hielt der Betriebsführer eine Rede und forderte die Arbeiter auf, freiwillig die halbe Stunde Mehrarbeit für die WH zu leisten. Ein Zwang läge ihm fern, aber er sei überzeugt, dass sich kein Mann seines Betriebes ausschliessen werde. Die Arbeiter gaben nach und die halbe Ueberstunde wird geleistet. Als die Wortführer zurückkamen, gab es in den Werkstätten noch heftige Diskussionen mit denen, die keine halbe Stunde leisten wollten. Diese waren aber in der Minderheit und mussten sich fügen. In einem Betriebsappell wurde dann besonders auf diese Tat der Arbeiterschaft hingewiesen und die Freiwilligkeit der Leistung betont. In der Betriebskrankenkasse wurden die Beiträge erhöht und die Leistungen herabgesetzt. Bei der Werks apotheke wurden früher Verbandsstoffe ohne Krankenschein abgegeben, heute muss man einen Krankenschein haben, der 25 Pfg, kostet. Der Stundenlohn für Schlosser beträgt z.Zt. 85 Pfg., für Dreher 80 bis 90 Pfg., für Hilfsarbeiter 62 bis 64 Prg. Der Urlaub wird tariflich eingehalten. Die Jubilare, die 25 Jahre im Betrieb tätig waren, bekamen heuer 3 Tage Extra- Urlaub. Die Pensionen der Werkpensionisten wurden im August um 10 Mark erhöht. Die von den Kassierern der Arbeitsfront angebotenen Kraft- durch- Freude- Urlaubsmarken werden nur von Doppelverdienern und Beamten gekauft. A-542.Bericht: Die Stimmung unter der Arbeiterschaft wird von Tag zu Tag nazifeindlicher. In diesen Wochen vor dem Weihnachtsfest merkt man das am deutlichsten. Die niedrigen Löhne haben es den Wenigsten möglich gemacht, einen Sparpfennig auf die Seite zu legen, um seinen Angehörigen eine kleine Weihnachtsfreude machen zu können. An den Werkbänken dreht sich das tägliche Gespräch um die deutsche Weihnacht" der Arbeiter und der Aktionäre. Der Kampf in Spanien wird lebhaft diskutiert. Die Tatsache, dass Madrid gegen alle Erwartungen den Angriffen der Faschisten erfolgreich Widerstand entgegensetzen konnte, hat bei allen politisch interessierten Arbeitern starke Wirkungen ausgelöst. Bei vielen linksgerichteten Arbeitern merkt man ein deutliches Anwachsen des Selbstbewusstseins. In der Abteilung X. ist in den letzten 2 Monaten das Hetztempo bis zur Unerträglichkeit gesteigert worden. Es wird in drei Schichten gearbeitet. BMW. München:( Bayerische Motorenwerke) An dem neuen Flugmotor M 116 wird auch Sonntags durchgearbeitet. Man rechnet, wenn keine unerwarteten Zwischenfälle eintreten, dass im Januar mit der serienweisen Herstellung begonnen werden kann. Die Arbeitsteilung bei der Herstellung dieses Motors ist noch komplizierter wie bei allen anderen, um die Gesamtkonstruktion zu sichern. Auf Vorschlag des Leiters der Werkpolizei, Ing. Bauer, sollten für die Vorbereitungsarbeiten nur geeichte Nationalsozialisten verwendet werden. Die Betriebsleitung lehnte glattweg ab mit der Bemerkung," wenn wir nur Pgs. arbeiten liessen, kämen wir in 5 Jahren zur Serienerzeugung." Unter den wirklich qualifizierten Facharbeitern sind nur ganz wenige Pgs. und die haben die Nase voll. Was in den letzten Jahren an SA- und SS- Leuten neu eingestellt wurde, sind alles angelernte Arbeiter, die als angelernte Hilfsarbeiter entlohnt werden. In der Maschinenfabrik X. besteht eine eigene Panzerwagenabteilung, bei der nur absolut zuverlässige Anhänger des Regimes beschäftigt werden. Zur allgemeinen Ueberraschung wurden Jetzt 30 Mann wegen" politischer Unzuverlässigkeit" ausgewechselt und anderen Abteilungen des Werkes überwiesen. Im Betrieb wurde eine riesige Propaganda für die antibolachewistische Ausstellung gemacht. Am Lohntag hat man die Eintritts zettel verkauft, doch zeigten die Arbeiter recht wenig Interesse. In einer Werkstatt haben verschiedene Arbeiter den Propagandazettel mit dem Vorderseitenaufdruck" Rotfront le bt" an ihre Werkzeugkasten angeheftet. Der Abteilungsleiter erschien und befahl die Entfernung der Zettel. In einem Grossbetrieb für Sport- und Reiseartikel in I. wurde für die dort in grosser zahi untergebrachten Spanienflüchtlinge gesammelt. Einige Nazis unter den Beamten gaben eine Mark und wollten se mit guten Beispiel vorangehen. Die 774 A-55Sammlung wurde dann eingestellt und man hat nicht mehr versucht, eine neue durchzuführen. Die Sammlung ergab 43 Mark. Aus einer oberbayrischen Brauerei, die etwa 200 Arbeiter beschäftigt: Die Belegschaft, die im grossen ganzen noch dieselbe ist wie vor dem Umsturz, war früher gut gewerkschaftlich organisiert. Praktisch waren alle Arbeiter sozialdemokratische Wähler. Seit dem Umsturz ist von einer sozialdemokratischen Betätigung im Betrieb nichts mehr zu spüren. Die Arbeiter wollen von Politik nichts mehr hören. Aber sie sind innerlich unverändert und zum Teil mit fanatischem Hass gegen das Regime erfüllt. Die politische Bearbeitung und Beeinflussung der Belegschaft hat in der letzten Zeit eine bemerkenswerte Wandlung erfahren. Früher versuchte man durch Betriebsappelle und Kameradschaftsabende etwas zu erreichen. Jetzt geht man mehr individuell vor. Der Nazi bonze-er ist vor einiger Zeit aus München in den Betrieb gekommen- lässt versucht ihn einen Arbeiter nach dem anderen zu sich kommen, zu beeinflussen und sein Vertrauen zu gewinnen. Die Betriebsleitung unterstützt dieses Bestreben durch gelegentliche Lohnzulagen für diesen oder jenen Arbeiter. Das Ganze ist darauf eingestellt, die Behandlung der Arbeiter möglichst zu differenzieren und einen gegen den anderen auszuspielen. Wolldeckenfabrik in A: Die Belegschaft beträgt etwa 100 Mann und wurde im letzten Jahr etwas vermehrt. Die Stimmung im Betrieb ist gegen die Nazis. Die alten Betriebsräte haben wieder ihren alten Einfluss und halten die Arbeiterschaft zusammen. Salinenbetrieb in B: Beschäftigt sind jetzt 130 Mann. Früher war dieser Betrieb durchwegs christlich organisiert. Heute wollen die Arbeiter weder von den Nazis noch von ihrer früheren Führung etwas wissen. Der Wochenverdienst eines Salinenarbeiters beträgt 23 bis 25 Mark. Südwestdeutschland: Grosser Lederbetrieb( 7.000 Arbeiter): Die Firma stand früher unter jüdischem Einfluss, der jetzt völlig ausgeschaltet ist. Der neue, nachgerückte Betriebsführer ist die Verkörperung des Führungsprinzips im alten streng kapitalistischen Sinne. Typisch für das Verhältnis zwischen ihm und der Arbeiterschaft ist eine Aeusserung dieses Herrn:" Was gehen mich die Gefühle der Arbeiter an? Die interessieren mich nicht. Mich interessiert nur ihre Leistung!" Dementsprechend ist auch die Stimmung im Betrieb. Stramme Disziplin, Angeberei und schärfstes Arbeits tempo. Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben dieses Wirtschaftszweiges gibt es keine Kurzarbeit. Es herrscht Hochbetrieb. Von einem inneren Zusammenhalt der Belegschaft zu sprechen, ist unmöglich. Das gibt es nicht, A- 56wenngleich die Erinnerung an vergangene Zeiten-der Betrieb war früher fast looprozentig freigewerkschaftlich organisiert nicht ganz ausgelöscht ist. Das zeigte sich bei verschiedenen Gelegenheiten. So feierte z. B. der Nazi- Betriebsobmann Hochzeit. Aus diesem Grunde wurde die übliche Sammlung unter der Belegschaft für ein Hochzeitsgeschenk durchgeführt. Ergebnis: vier Mark 70 Pfg. Als der frühere Betriebsratsvorsitzende seine 25- jährige Zugehörigkeit zum Betrieb feierte, wurde aus der Belegschaft die Anregung zu einer Sammlung gegeben. Die Nazis versuchten die Sammlung zu hinDas Verhälttertreiben. Ergebnis: eine dreistellige Zahl. nis zwischen der Arbeiterschaft und den Nazifunktionären ist das von Untergebenen und Vorgesetzten, nicht das von Kollegen. Aus einem Buchdruckereibetrieb: Die Belegschaft, etwa 300 Mann, setzt sich fast ausnahmslos aus Leuten zusammen, die schon vor dem Umsturz im Betrieb tätig waren. Bis zum April war ein SS- Mann im Betrieb tätig, vor dem man sich sehr in. acht nehmen musste. Seit er weg ist, fühlt sich die Belegschaft sehr viel freier. Einige, die sich früher überhaupt nicht um Politik gekümmert haben, sind jetzt Mitglieder der NSDAP, und da sie keine politische Schulung haben, sind sie oft sehr dumm. Vor dem Umsturz war fast die ganze Belegschaft organisiert. Gleichwohl bestand im Betrieb sehr wenig politisches Interesse und es machte sich auch keine politische Betätigung bemerkbar. Keiner von den Betriebsangehörigen war im Reichsbanner oder in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Nach dem Umsturz war man vorsichtig und zurückhaltend. Erst seit Anfang 1936 wird wieder diskutiert und zwar zum Teil ziemlich viel und auch recht hochstehend. Vor allem die Ereignisse in Frankreich und in Spanien werden besprochen, wobei man erkennt, dass die deutschen Zeitungen nicht objektiv berichten. Ein früherer aktiver Sozialdemokrat verteidigt den Faschismus stärker als die Nationalsozialisten selbst.Er ist ein richtiger 150- Prozentiger geworden, aber kein Verräter. Ein früherer Kassierer des Buchdruckerverbandes ist gezwungen worden, für die Arbeitsfront weiter zu kassieren und leidet seelisch ausserordentlich darunter, dass er dieses Amt nicht niederlegen kann, ohne seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Aus der Anilinfabrik, Ludwigshafen( JG- Farben) melden unsere Leute einen kleinen Stimmungsumschwung. Die lähmende Angst ist etwas gewichen, es wird wieder diskutiert und zwar im kritischen Sinne. Lohnabzüge, Sammlungen, Einkaufsschwierigkeiten, Teuerung, Görings Rede von seiner Entfettungskur usw. stehen im Vordergrund. Die Löhne bewegen sich zwischen 24 und 30 Mark, bei Jugendlichen ist der Höchstlohn 18 Märk. Die Maschinenfabrik Sulzer arbeitet jetzt mit Hochbetrieb. Gegenwärtig sind 2.500 Arbeiter beschäftigt. Es werden schwere Dieselmotore hergestellt, die nach Kiel und Wilhelms A-57hafen gehen. Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden. Trotz des Facharbeitermangels verden nur 76 Pfg. Stundenlohn bezahlt. Es ist den Arbeitern erlaubt, nach Belieben Ueberstunden zu machen. Leider gibt es genug, die auf den Trick here infallen und mit ihren dadurch erzielten hohen Löhnen für die Firma Reklame machen, die sie mit dem Verlust ihrer Gesundheit bezahlen. Auch aus dem Eisenwerk Kaiserslautern wird berichtet, dass die Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen sehr gross ist und dass viel kritisiert wird. Die vor dem Umsturz organisierten Arbeiter halten sich zurück, weil ihnen der rasche Stimmungswandel etwas verdächtig vorkommt. Man weiss, dass die Unzufriedenheit vorhanden ist, aber man kennt auch die Gefahr dieser öffentlichen Kritik, weil man in den bisherigen Gleichgeschalteten und Nazis immer noch Verräter sieht, denen man nicht traut. Sachsen: In der Textilfabrik Y. nahm der Amtswalter der Arbeitsfront Z. vor einiger Zeit eine Betriebsbesichtigung vor. Am Schluss sagte er:" Das ist ja ein Skandal, wie es in diesem Betrieb aussieht. Anstatt dass, wie es angeordnet worden fat, man alle Abfälle und vor allem die Wolle aufliest und sammelt, liegt alles auf dem Fussboden herum und wird in den Dreck getreten. Es soll nur ja in Zukunft kein Arbeiter zu mir kommen und sich vielleicht darüber beschweren, dass er einmal ordentlich angerunkst und zur Ordnung verwiesen worden sei. Nach dem, was ich hier gesehen habe, kann man nicht sagen, dass man für die Nöte der Regierung Verständnis zeigt. Ehe könne man das Gegenteil, wenn nicht gar Sabotage annehmen. Wenn hier nicht bald Besserung einzieht, dann werden wir mit anderen Mitteln durchgreifen und Ordnung schaffen." Die. Arbeiterschaft nimmt diese Drohung sehr ruhig auf. Sie ist wirklich nicht gut auf ihre jetzigen Bonzen zu sprechen, da die jetzt gezogenen Vergleiche stets zu Ungunsten der jetzigen Bonzen ausfallen. Es finden sich sogar heute des öfteren Leute, welche früher über die Bonzen der freien Gewerkschaften mächtig geschimpft haben, die sagen, dass diese Leute früher ihre Aufgaben viel ernster genommen hätten und viel hilfsbereiter gewesen seien. In der Lampenfabrik A., die 300 bis 400 Personen beschäftigt, darunter etwa die Hälfte Frauen, ist die Stimmung für uns als gut zu bezeichnen. Bei den Frauen ist das Interesse am politischen Geschehen allerdings nicht so stark wie bei den Männern. In der Metallwarenfabrik B., mit etwa 100 Beschäftigten, gleichfalls zur Hälfte Frauen, liegen die Verhältnisse ähnlich. Bei den Frauen herrscht Brbitterung über den Chef, der A- 58die Angewohnheit hat, sich unbemerkt mit der Stoppuhr hinter schnellarbeitende Mädchen zu stellen, um dann auf Grund der so gewonnenen Zeiten die Akkordlöhne neu festzusetzen. In der Färberei C. erhalten die Arbeiter trotz schmutzigster Arbeit nur 62 Pfg. Stundenlohn. Es wird über die Antreiberei und Sohikaniererei durch den Arbeitgeber geklagt. In der Kartonnagenfabrik D.( 300 bis 400 Beschäftigte) erfolgen die Entlassungen nicht mehr nach sozialen Gesichtspunkten. Mädchen, die Familienangehörige zu unterstützen, oder ein Kind zu ernähren haben, werden entlassen, während Frauen, deren Männer in Arbeit stehen, dableiben können. Der Vertrauensrat kümmert sich um solche Dinge überhaupt nicht. Er begnügt sich mit dem Hinweis, so sei die Anordnung von Betriebsführer gekommen. Deshalb gingen einige Mädchen, als sie die Entlassung erhielten, direkt zum Chef, um sich zu beschweren, dass noch Doppelverdiener im Betrieb seien, während sie gehen müssten. Darauf sagte der Chef:" Was, soviel Kommunisten habe ich noch in meinem Betrieb? Es wird Zeit, dass damit aufgeräumt wird." Und es blieb bei den Entlassungen. Maschinenfabrik E.: Bei der Führerrede wurden die Garderoben geschlossen, damit sich niemand von der Belegschaft entfernen konnte. An den Zäunen wurden Posten aufgestellt. Die Kollegen haben die Rede völlig interesselos aufgenommen. Viele haben geschlafen. Die meisten waren wütend, dass die Rede so lange gedauert hat. Man kann jedoch kein einheitliches Bild von der Aufnahme der Rede geben, da die Abteilungen getrennt gehört haben. In einer der Abteilungen ging der Vertrauensmann herum und weckte die Schläfer auf. Der" gemeinsame Gesang" fiel sehr kläglich aus. Bei 300 Besuchern sang der vorsitzende Amswalter fast solo, einen halben Vers lang sang er ganz allein. Mitteldeutschland: Im IG- Farben- Werk in X. sind die Arbeiter vor kurzem bein Vertrauensrat vorstellig geworden, um die Verkürzung der Arbeitsschichten von 8 auf 6 Stunden zu erreichen. Dieses Verlangen wurde mit der Gefährlichkeit der Arbeit begründet, die teilweise nur mit Gasmaske verrichtet werden kann. Hinzu komme noch die immer mehr verschlechterte Ernährungsweise, die bei einer ununterbrochenen Arbeit von 8 Stunden für die unterernährten Arbeiter einfach nicht auszuhalten sei. Ueber den Erfolg dieser Aktion konnte bis heute kein weiterer Bericht erlangt werden. Unser Gewährsmann hatte Gelegenheit, zu beobachten, wie aus einer Abteilung des Werkes, zu der Nichtbeschäftigte keinen Zutritt haben, des öfteren Sanitäter auf Tragbahren Arbeiter und Arbeiterinnen herausbrachten und nach dem Sani A-59tätsraum trugen. Ein Hofarbeiter antwortete auf die Frage, ob denn etwas passiert sei:" Das ist bei uns nichts Neues, das kommt alle Tage einige Male vor." Ein Kranker gab auf die Frage, was ihm eigentlich fehle, ob er Gasvergiftung oder so etwas ähnliches gehabt habe, zur Antwort:" Ach, mir fehlt nichts besonders, es ist weiter nichts als die Folge der Unterernährung. Mein Körper ist infolge der mangelhaften Ernährung nicht mehr den Anforderungen gewachsen." Ueber die Art der Produktion war aus ihm trotz Zureden nichts herauszubringen. Man merkte ihm deutlich an, dass er überaus verängstigt war. Aus einem Rüstungsbetrieb bei Y. wird folgender Vorgang berichtet: Der Vertrauensrat erliess ein Zirkular, worin die mangelnde Staatsgesinnung im Betriebe scharf verurteilt wurde. Es werde dauernd am Staat und an den Verhältnissen im Betrieb herumkritisiert, nichts sei gewissen Leuten mehr recht, mit allem seien sie unzufrieden, Miesmacherei und Meckerei seien an der Tagesordnung. So könne und dürfe es nicht weitergehen. Wer von jetzt ab im Betrieb diese Wühlarbeit noch fortsetze, der verdiene den Arbeitsplatz nicht, an den ihn der Führer gestellt habe, und müsse deshalb entlassen werden. Wer sich besonders bei dieser staatsfeindlichen Agitation hervortue, der werde ausserdem noch auf andere Weise unschädlich gemacht und einer heilsamen Erziehungskur unterzogen werden, die es ihm ein für alle mal verleiden würde, gegen den Staat zu arbeiten.- Aber auch diese Drohung hatte wenig Erfolg. Die passive Resistenz ging weiter. Als nämlich einige Tage später Dr. Ley seinen grossen Appell an die Betriebsarbeiter richtete und die Belegschaft dieses Betriebes, weil ein grosser Teil während der Uebertragung Freizeit hatte, zum gemeinschaftlichen Empfang kommandiert wurde, erschienen von den 2.000 Mann, die extra in den Betrieb kommen sollten, etwa 120 Mann; es war eine völlige Pleite. Diese Missstimmung unter den Arbeitern hat meist keine sichtbaren politischen Ursachen, sondern liegt in den Betriebsverhältnissen begründet. Alles ist verschlechtert worden, jedes kleine Entgegenkommen wird abgelehnt und alle hygienischen Einrichtungen sind beseitigt worden. Für ausgefallende Feiertagsschichten musste an Sonntagen nachgearbeitet werden, in der Kantine wurden die Waren verteuert, es darf dort nicht mehr geraucht werden, in den Waschräumen gibt es kein heisses Wasser mehr, die Handtücher sollen sich die Arbeiter privat beschaffen und waschen lassen, es wird keine Seife mehr geliefert, zu den erforderlichen Betriebsanzügen wird kein Zuschuss mehr geleistet, kurz, eine Reihe von Schikanen hat die Arbeiterschaft aufs äusserste erbittert und sie bringt diese Stimmung entsprechend zum Ausdruck. Nun versucht die Betriebsleitung mit Drohungen und Massregelungen vorzugehen, kann aber damit nichts erreichen, weil die A -60Arbeiterschaft fast zu 90% solidarisch zusammensteht. Auch " alte Kämpfer" und SA- Leute beteiligen sich an diesem passiven Betriebswiderstand. Schlesien: Da eine Besichtigung durch eine Arbeitsfront- Kommission angekündigt war, wurde die Ludwigsglücksgrube bei Klausenberg in der Nähe von Hindenburg einige Tage hindurch gründlich gesäubert. Frischer Anstrich in den Räumen, gründliche Reinigung des Badehauses, Putzen der Fenster und aller Metallgegenstände, auch unter tags sehr weitgehende Säuberung. Diese Grube galt als sehr nationalsozialistisch, aber man war sich der Tragweite des Ergebnisses der Untersuchungskommission wohl bewusst, legte Schichtwechsel ein, stellte besonders zuverlässige Pgs. an bestimmte Vororte, die die Untersuchungskommission aufsuchen sollte. Unter Führung des Arbeitsfront- Leitere von Schlesien, Ring, erschien die Kommission, die aus 12 Mitgliedern, ausgesuchten Amtswaltern, bestand. Die erste Ueberraschung kam beim Eintritt auf den Grubenhof, wo statt des erwünschten" Heil Hitler" nur der Bergmannsruf" Glück auf erklang. Das Gleiche ereignete sich bei der Einfahrt am Förderschacht, wo auf das" Heil Hitler" der Kommission die Arbeiter im Chor mit" Glück auf" antworteten. Beim Einfahren schickten die Arbeiter der Kommission Lachsalven nach. Am ersten Vorort wurde den Kommission smitgliedern auf ihre Frage, wie es gehe, einfach gesagt, wie es denn bei trockenen Schnitten und weniger Lohn einem ergehen soll. Aus den Versprechungen sei nichts geworden, wenig zu fressen und dreckige Arbeit. Am zweiten Vorort liess ein " alter Kämpfer" die Kommission nicht einmal zum Fragen kommen, zeigte seine trockenen Schnitten und sagte, wie lange denn das noch dauern solle, bis der deutsche Sozialismus komme. Er beklagte sich, dass die Soll- Leistungen immer höher geschraubt werden, aber das Gedinge immer niedriger wird. Man versuchte, ihn zu beruhigen, aber der Mann liess sich nicht beruhigen und setzte den Amtswaltern auseinander, dass der Rückgang der Leistungen unvermeidlich sei, weil man nichts mehr nebenbei kaufen könne. Die Untersuchungskommission verschwand rasch, besuchte nur noch Stellen, wo sie mit Arbeitern nicht mehr in Berührung kam und fuhr hinauf. Uebertags wusste man aber schon, was unten geschehen war, und man empfing die Kommission überall mit höhnischem Lachen. Die Verwaltung drohte mit Entlassungen und Massregelungen für diejenigen, die schlecht ausgesagt haben, aber bisher ist noch nichts geschehen. Natürlich wird der Vorfall sehr ausführlich im Industriegebiet herumgesprochen. Eine weitere Studienfahrt" ist seitdem von der Untersuchungskommission nicht durchgeführt worden, A- 64III. Der Terror. SEEBEEXCRESCENTES 1) Der Terror gegen die Illegalen. a) Urteile gegen Sozialdemokraten Die politische Justiz wütet erbarmungsloser denn je. Die Zahl der Verurteilten ist weiter gestiegen, die Strafen sind noch mehr verschärft worden, an Stelle von Gefängnis- werden immer mehr Zuchthausstrafen verhängt. Wir veröffentlichen nachstehend eine- noch dazu unvollständige- Liste jener Sozialdemokraten, die seit dem Umsturz zu Zuchthausstrafen von fünf und mehr Jahren verurteilt worden sind. Hohe Zuchthausstrafen gegen Sozialdemokraten. Name: Wohnort: Verurteilt am: Strafmass: in: Boeks, Berlin, Berlin, März 1936. 5 Jahre Zuchthaus Bredow, Walter, Stettin, Stettin, 15.6. 5 Jahre Zuchthaus 1936. Dick, Bonn, Bonn, Sept. 10 Jahre Zuchthaus 1933 Dutschke, Sachsen, Berlin, Sept. 6 Jahre Zuchthaus 1935 Forch, Hannover, Hamm, Aug. 5 Jahre Zuchthaus 1935 Franke, Friedr., Zwickau, , Zwickau, Dresden, 1936 12 Jahre Zuchthaus Friedel, Rich., Stettin, Stettin, 15.6. 5 Jahre Zuchthaus 1936 Furcht, Hannover ,. Sept. 5 Jahre Zuchthaus 1935. Geiger, München, Badisches Herbst 7 Jahre Zuchthaus Sonderger. 1935 Gersch, Konr., Warnsdorf, Berlin, 3.3. 10 Jahre Zuchthaus 1936. Glander, Herm., Stettin, Stettin, 15.6. 5 Jahre Zuchthaus 1936. Harlos, Martin, Duisburg, 1936. 15 Jahre Zuchthaus 4-62Name: Jänecke, Karl, beck, Jurke, Alfred, Koch, Wohnort: SchöneVerurteilt am: in: Strafmass: Magdeburg 11.3. 15 Jahre Zuchthaus Bochum, Hamm, Dresden, Berlin, Okt. 1933 15.11. 6 Jahre Zuchthaus 1936. 6 Jahre Zuchthaus 1936. Knappe, Dresden, Berlin, Okt. 10 Jahre Zuchthaus 1936. Krache, Karl, Stettin, Berlin, 15.6. 5 Jahre Zuch thaus 1936. Künzel, Rudi, Greiz, Jena, Sept. 6 Jahre Zuchthaus 1935. Küstermeier, Rud., Berlin, Berlin, 27.8. 10 Jahre Zuch thaus 1934. Langhorst, Dresden, Berlin, Okt. 5 Jahre Zuch thaus 1936. Lemmer, Bonn, Bonn, Sept. 8 Jahre Zuch thaus 1933. Löffler, Walter, Berlin, Berlin, 26.9. 7 Jahre Zuchthaus 1936. Lohmann, Rich., Leipzig, Leipzig, Juli 12 Jahre Zuchthaus 1934. Lude, Ludwig, Stolberg, Düsseldorf 11.12. 1936. 8 Jahre Zuchthaus Lühr, Lübeck,.Lübeck, Markwitz, Alfr. Berlin, 29.11. 10 Jahre Zuchthaus 1933. Berlin, 26.9. 6 Jahre Zuchthaus 1936. Mayer, Karl, Mannheim, Dez. 6 Jahre Zuchthaus Neckarst. 1935. Nieter, Osterloh, Patzig, Bremen, Dresden, Berlin, Offermann, Jos. M.- Gladb. Düsseldorf 11.12. 5 Jahre Zuch tha us 0ltersdorf, Karl, Berlin, Berlin, Bremen, Dresden, Berlin, Petersen, Karl, Flensburg, Flensburg, 1934.. 5 Jahre Zuchthaus Flensburg, Flensburg, 1934. 5 Jahre Zuchthaus M.- Gladb. Düsseldorf, 11.12. Rösch, Rich., Rompy, Adam, Runge, Hermann, Mörs, 5 Jahre Zuchthaus 1936. 1936. Düsseldorf, 11.12. 9 Jahre Zuchthaus okt. 12 Jahre Zuchthaus 1936. 1936. 26.9. 6 Jahre Zuchthaus 1936. 30.11. 8 Jahre Zuchthaus 1935. Okt. 15 Jahre Zuchthaus 1936. A-63Name: Wohnort: Verurteilt in: am: Bonn, Sattler, Schmidt, Fritz, Guben, Berlin, Strafmass: Sept. 12 Jahre Zuchthaus 1933. 28.7. 6 Jahre Zuchthaus 1936. Schröder, Bonn, Sept. 8 Jahre Zuchthaus 1933. Schroepfer, Arno, Bochum, Hamm, 15.11.6% Jahre Zuchthaus 1936. Schulz, Bonn, Sept. 1933. 11 Jahre Zuchthaus Schumann, Siebeneichler, Sachsen, Berlin, Hamm, Frau, Stöhr, Heinr., Weierhof, München, Strinz, Willi, Berlin, Berlin, Umrath, Andreas, Nürnberg, Nürnberg, Wallbraun, Jos., Herne, Hamm, Wendt, Willi, Hannover, Werner, Herm., Schön- Berlin wald, Sept. 12 Jahre Zuchthaus 1935. 1936. 6 Jahre Zuchthaus 7.2. 5 Jahre Zuchthaus 1935. 24.5. 7 Jahre Zuchthaus 1934. 1935. 5 Jahre Zuchthaus 17.10. 5 Jahre. Zuchthaus 1936. Sept. 5 Jahre Zuchthaus 1935. 1936. 6 Jahre Zuchthaus Wilhelmsen, J., Hamburg, Hamburg, Witzke, Dresden, 5.11. 5 Jahre Zuchthaus 1935. 1936. 7 Jahre Zuch tha us Diese 51 Sozialdemokraten wurden zu insgesamt 387 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Verurteilungen verteilen sich auf die einzelnen Jahre wie folgt: 1933 7 Verurteilte mit 74 Jahren Zuchthaus 1934 5 Verurteilte mit 39 Jahren Zuchthaus 13 Verurteilte mit 80 Jahren Zuchthaus 1935 1936 26 Verurteilte mit 194 Jahren Zuchthaus Nicht enthalten sind in dieser Darstellung die Zuchthausstrafen unter 5 Jahren und die Gefängnisstrafen. Ihre Zahl ist ausserordentlich viel höher, die nackte Aufzählung der A-- 64Opfer allein würde den zur Verfügung stehenden Raum überschreiten. Ueber die Zusammensetzung der politischen Gefangenen sind erstmals von Strafanstaltsdirektor Dr. Wüllner Angaben gemacht worden. Danach sind 72% aller politischen Häftlinge verheiratet. Mehr als 68% waren nicht vorbestraft, während der Prozentsatz der nicht Vorbestraften bei den Kriminellen 27% beträgt. Die Dreissig- bis Fünfunddreissigjährigen bilden den weitaus grössten Teil der politischen Gefangenen. 53,7% der" Politischen" stammen aus der Arbeiterschaft. Seit Veröffentlichung der letzten Zusammenstellung( August 1936 Nr. 8, Seite A 36 ff) sind uns folgende Urteile gegen Sozialdemokraten bekannt geworden: Südwestdeutschland: Im August und am 10. September wurden vom Sondergericht Karlsruhe eine Reihe Sozialdemokraten verurteilt, denen die Anklage Verteilung der" Sozialistischen Aktion", Neugründung einer verbotenen Organisation und Teilnahme an einer Konferenz vorwarf. Es wurden verurteilt: Karl Denzler, Seckenheim 4 Jahre Zuch thaus, Karl Werner, Mannheim 4 Jahre Zuchthaus, Fritz Schölch, Mannheim 3 Jahre, 8 Monate Gefängnis, Erwin Kraus, Mannheim 2 Jahre, 6 Monate Gefängnis, August Leitze, Mannheim, 2 Jahre, 6 Monate Gefängnis. Am 28. August verurteilte der II. Strafsenat des Volksgerichtshofes Berlin, der in Darmstadt tagte, 6 Sozialdemokraten wegen der Vorbereitung hochverräterischer Unternehmungen zu 2 bis 7 Jahren Zuchthaus und mehrjährigem Ehrverlust. Mitte November verurteilte der Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart den früheren Sozialdemokraten und Reichsbannerkameraden Friedrich Oster, Stuttgart, wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 2 Jahren 3 Monaten Gefängnis. Rheinland- Westfalen: Das Aachener Schöffengericht verurteilte am 16. Oktober den früheren Sozialdemokraten Jakob Hohnrath wegen" übler Nachrede" zu 5 Monaten Gefängnis. Anlass zu dieser Verurteilung war die Weitergabe der Tatsache, dass der Nazikreisleiter Sohmeer grosse Saufgelage veranstaltet und dass von anderen Nazibonzen Unterschlagungen begangen worden sind. Am 11. Dezember fand der sogenannte" Brotfabrikprozess" vor dem Volksgerichtshof in Düsseldorf mit der Urteilsverkündung gegen die 18 Hauptangeklagten sein Ende. Der Prozess war in mehreren Abteilungen durchgeführt worden, und in jedem A-65Fall wurde den angeklagten Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern die illegale Fortführung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Vorbereitung zum Hochverrat zur Last gelegt. Der Hauptangeklagte, der ehemalige Parteisekretär Hermann Runge- Mörs, wurde zu 9 Jahren Zuchthaus verurteilt; Ludwig Lude, Stolberg, früher Gewerkschaftsangestellter, erhielt eine Zuchthausstrafe von 8 Jahren; Adam Rompy, MünchenGladbach, Textilarbeiter, 5 Jahre Zuchthaus; Wilhelm Alex, München- Gladbach, früher Angestellter des Textilarbeiterverbandes, 3 Jahre Zuchthaus; Eduard Dietz, Eisenbahnarbeiter, 3 Jahre Zuchthaus; Josef Offermann, München- Gladbach, Textilarbeiter, 5 Jahre Zuchthaus; Ernst Gnoss, Essen, früher Parteisekretär, 4 Jahre Zuchthaus; Dr. Schiefer 2 1/2 Jahre Zuchthaus. Weitere acht Angeklagte erhielten ebenfalls mehrjährige Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen wegen Vorbereitung zum Hochverrat oder wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats. Lediglich zwei Angeklagte wurden wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. Alle Angeklagten haben eine anderthalb jährige Untersuchungshaft und schwere Misshandlungen in der ersten Zeit ihrer Haft hinter sich. Nordwestdeutschland: Anfang September wurde der Hamburger Sozialdemokrat Manecke wegen Beihilfe zum Hochverrat nur auf Grund der Zeugen aussagen von Gestapo beamten zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Sieben Sozialdemokraten aus der Siedlung Sasel- Berne, in der Nähe Hamburg- Poppenbüttels, wurden wegen Hochverrat verurteilt. Es erhielten Jonny. Schacht 3 Jahre Zuchthaus, 3 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizei aufsicht, Heiland 2 Jahre, 9 Monate Zuchthaus, Lübke 3 1/2 Jahre Zuchthaus. Bei der Verurteilung sagte der Vorsitzende, dass Schacht nichts nachzuweisen sei. Das Gericht sei aber zu der Ueberzeugung gelangt, dass er verantwortlich für den so starken Zusammenhalt der früheren Sozialdemokraten in der Siedlung Sasel- Berne sei. Deswegen müsse er aus diesem Kreis entfernt werden. Am 17. Oktober wurden in Hamm eine Anzahl Sozialdemokraten verurteilt. Der Prozess fand unter Ausschluss der Oeffentlichkeit statt. Selbst die Familienangehörigen erhielten erst Wochen nach der Verkündung des Urteils Nachricht über die in diesem Prozess verhängten Strafen. Nach den bis jetzt vorliegenden Mitteilungen wurden folgende Sozialdemokraten verurteilt: Fritz Künkel, Gronau 3 Jahre, 9 Monate Zuchthaus; Joseph Wallbraun, Herne 5 Jahre Zuchthaus; Hans Dymel, Herne 4 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Wollmeier, Herne 3 Jahre, 9 Monate Zuchthaus; Paul Völkel, Herne, 3 Jahre, 9 Monate Zuchthaus; August Kaiser, Recklinghausen, 3 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Christian Winter, Herne, 3 Jahre, 3 Monate Zuchthaus; Robert Brauner, Herne, 2 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Robert Kurbitz, Herne, 2 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Buchräder, Herne, 3 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Frau Thyrock, Gladbeck, 2 Jahre A-666 Monate Zuchthaus; Willi Brücher, Dülmen, 4 Jahre Zuchthaus; Erich Buchhalski, Recklinghausen, 1 Jahr, 6 Monate Zuchthaus. Einige weitere Angeklagte, deren Namen noch nicht bekannt sind, wurden ebenfalls zu Zuchthausstrafen verurteilt. In der Zeit vom 12. bis 15. November verurteilte das Oberlandesgericht Hamm weitere Sozialdemokraten, die im April/ Mai 1936 als Betriebsangehörige der Bo chumer Konsum- Bäckerei" Wohlfahrt" verhaftet worden waren. Es erhielten: Arno Schroepfer, Bochum, 6 1/2 Jahre Zuchthaus; Alfred Jorke, Bochum, 6 1/2 Jahre Zuchthaus; August Clou, Bochum; 1/2 Jahre Zuchthaus; Heinrich Ruhrpieper, Bochum, 3 1/2 Jahre Zuchthaus; Bernhard Broeckelwirth, Bochum, 2 Jahre Gefängnis; Zimmermann, Alten- Bochum, 1 1/2 Jahre Gefängnis; Frau Goelsch, Steinhausen, 1 1/2 Jahre Gefängnis. Der Angeklagte August Clou, der zu 4 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, ist über 60 Jahre alt. Am 17. November wurde in Hamburg ein weiterer Prozess gegen jugendliche Sozialdemokraten durchgeführt. Angeklagt waren vor allem ehemalige Funktionäre und Mitglieder der Sozialistischen Arbeiter- Jugend, Hamburg, Distrikt Goldbeck. Es wurden verurteilt: der 25- jährige SAJ- Genosse Hans Gottschalk zu 4 Jahren Zuchthaus; der frühere SAJ- Funktionär Richard Lehrs zu 4 Jahren Zuchthaus; der 19- jährige SAJGenosse Heinz Gärtner zu 6 Monaten Gefängnis; der 19- jährige SAJ- Genosse Baumgartl, ebenfalls zu 6 Monaten Gefängnis. Neben diesen namentlich bekannten Jugendgenossen wurden eine Anzahl anderer Jugendlicher, darunter ein Mädel, ebenfalls zu Gefängnisstrafen verurteilt. Berlin: Am 21. September 1936 begann in Berlin ein grosser Prozess vor dem Volksgerichtshof, in dem eine Reihe bekannter Berliner Sozialdemokraten wegen Hochverrats angeklagt waren. Die Verhandlung dauerte 5 Tage. Das Gericht setzte sich aus dem Präsidenten, einem juristischen Beisitzer, einem Fliegeroffizier, einem Marineoffizier und dem SS.Obergruppenführer von Eberstein zusammen. Sofort nach Eröffnung der Verhandlung wurde die Oeffentlichkeit ausgeschlossen, die erst bei der Urteilsbegründung wieder hergestellt wurde. Der Prozess gestaltete sich zu einem erhebenden Beispiel sozialistischer Ueberzeugungstreue und Kameradschaftlichkeit. Der Hauptangeklagte, Genosse Markwitz, sprach einen Vormittag von 1/2 10 Uhr bis 2 Uhr und am nächsten Tag noch einmal von 1/4 4 bis 6 Uhr. Die Haltung, die Markwitz eingenommen hat, war für alle beispielgebend. Er hat allen Angeklagten das Rückgrat gestärkt. Die Verhandlung zeichnete sich dadurch aus, dass keiner der Angeklagten den anderen zu belasten suchte, sondern jeder den anderen nach Möglichkeit entlastete. Der Genosse Markwitz sagte immer, wenn ihm ein Widerspruch zu der Aussage eines anderen Angeklagten vorgehalten wurde:" Der Genosse X. ist mein Freund und wenn er das gesagt hat, dann A- 67wird es so richtig sein." Das wurde zum Vorbild für alle anderen Angeklagten und wenn später ein solcher Widerspruch in den Aussagen zur Sprache kam, dann nahm der Vorsitzende das Wort auf und meinte:" Ich weiss schon, Sie wollen sagen: der Angeklagte X. ist mein Freund usw." Als Markwitz im Laufe der Verhandlung auf Widersprüche gegenüber seinen Aussagen in der Voruntersuchung aufmerksam gemacht wurde, machte er die Bemerkung, dass diese Widersprüche leicht zu erklären wären, wenn er schildern könnte, wie diese Protokolle zustande gekommen seien. Aber das sei ihm ja verwehrt. Darauf fragte der Präsident, warum ihm das verwehrt sei, er solle nur offen reden. Nun fing Markwitz an zu berichten, dass er auf der Gestapo geschlagen worden sei. Kaum hatte er damit begonnen, fiel ihm der Präsident ins Wort mit der Bemerkung, dass er das lieber lassen solle usw. Darauf sagte Markwitz ganz trocken:" Na also, ich habe es doch gleich gesagt, dass ich darüber nicht reden dürfte." Sehr mutig verhielt sich auch der Genosse Hirschberg. Hirschberg ist Jude und war bis zum Umsturz Landgerichtsrat. Er sagte aus, dass er schon immer überzeugter Sozialdemokrat gewesen sei, und dass er 1923 der Sozialdemokratie beigetreten wäre. Damals hätte man ihn aber im Parteibezirk vielfach angefeindet, weil man glaubte, dass er nur als Parteibuchbeamter Karriere machen wolle. Das habe ihn namenlos gekränkt, ohne dass er sich zur Wehr setzen konnte. Dann sei man 1934 an ihn herangetreten, ob er sich an der illegalen Arbeit beteiligen wolle." Nun stellen Sie sich vor, meine Herren Richter," fuhr Hirschberg fort," die ganzen Jahre hindurch hat man mich als Partei buchbeamten verdächtigt und jetzt tritt man mit diesem überaus ehrenvollen Angebot an mich heran. Es ist wohl selbstverständlich, dass ich diese Gelegenheit, mich zu rehabilitieren, sofort ergriffen habe." Jeder Angeklagte leitete seine Ausführungen mit den Worten ein:" Ich bin Sozialdemokrat und bin es aus Ueberzeugung." Markwitz und Löffler haben wiederholt erklärt, dass ihre Ausführungen nicht dazu dienen sollten, die Strafe zu vermindern, sondern die Wahrheit festzustellen. Zu der Urteilsverkündung am 26. September 1936 wurde die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Als Zuschauer waren. nur die Frauen der Angeklagten zugelassen. Sie mussten sich in eine Liste eintragen, die dem Präsidenten zur Genehmigung vorgelegt wurde. L In der Urteils begründung wurde u.a. ausgeführt, dass bei einigen Angeklagten auf Ehrverlust erkannt werden musste, nicht weil ihre Handlungsweise als ehrlos anzusehen sei, sondern weil es den übrigen Volksgenossen nicht hätte zugemutet werden können, dass die Angeklagten sofort nach Ablauf ihrer Strafe wieder Aufnahme in die Volksgemeinschaft finden würden. Es müsste den Angeklagten vielmehr Zeit und Gelegenheit gegeben werden, um sich der Aufnahme in die Volksgemeinschaft würdig zu erweisen.. L Die Strafen lauteten: 6 Jahre Ehrverlust: Alfred Markwitz, 6 Jahre Zuchthaus, Walter Riedel, 4 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust; Paul Siebold, 1 3/4 Jahr Gefängnis; Walter Löffler, 7 Jahre Zuchthaus, 7 Jahre Ehrverlust; Hirschberg, 3 Jahre Zuchthaus, 3 Jahre Ehrverlust; Rackow, 2 1/2 Jahre Zuchthaus; Otto Schieritz, 4 1/2 Jahre Zuchthaus, 5 Jahr Ehrverlust; Erwin Vogel, 3 Jahre Zuchthaus, 3 Jahre Ehrverlust; Karl Oltersdorf, 6 Jahre Zuchthaus, 6 Jahre Ehrverlust; Jaroslav Hrbek, 2 Jahre Zuch thaus, 3 Jahre Ehrverlust; Otto Elchner, 1 Jahr Gefängnis; Erich Cichocki 3/4 Jahr Gefängnis; Otto Pieper, 1 Jahr Gefängnis; Heinz Wobschall, Freispruch. Sachsen: Ende Oktober standen in Berlin 13 Dresdner Sozial-' demokraten und Reichs bannerfunktionäre unter der Anklage des Hochverrats vor Gericht. Sie sollen illegal für die Sozialdemokratie tätig gewesen sein. Die Urteile gegen die Hauptangeklagten sind bekannt. Es erhielten: Patzig ( 23 Jahre alt!) 15. Jahre Zuch thaus; Nieter 12 Jahre Zuchthaus; Knappe 10 Jahre Zuchthaus; Koch 6 Jahre Zuchthaus; Langhorst 5 Jahre Zuchthaus, Schrapps 3 Jahre Zuchthaus; Seifert 2 Jahre, 9 Monate Zuchthaus. In Dresden sind Anfang September 1936 eine Reihe von ehemaligen Chemnitzer Reichsbannerkameraden wegen Verbreitung illegalen Materials verurteilt: Harnisch 2 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Walter Paul 2 Jahre Zuchthaus; Herbert Rutloff 2 Jahre Zuchthaus; Kurt Melzer 2 Jahre Zuchthaus; Kurt Seyrich 1 Jahr, 4 Monate Zuchthaus; Hans Börner 1 Jahr Gefängnis. Die Sozialdemokratin Turra in Riesa wurde zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie ihren emigrierten Mann aufgesucht hatte. Sie wurde allerdings vor Verbüssung der Strafe entlassen. Schlesien: Am 28. Juli wurden nach 6- tägiger Verhandlungsdauer 3 Sozialdemokraten aus Brandenburg und Schlesien wegen illegaler Betätigung vom Volksgerichtshof in Berlin zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Angeklagt waren die Sozialdemokraten Fritz Schmidt, Guben, Willy Walter, Herichsdorf, Max Gloger und Gerhard Neumann, Zittau. Die Vernehmung von Fritz Schmidt dauerte allein 1 1/2 Tage. Die Behandlung durch den Senatspräsidenten und die Beisitzer, die gelegentlich Fragen stellten, war korrekt. Niederträchtig benahm sich nur der Oberreichsanwalt. Zu den Verhandlungen war ein Major des Reichswehrministeriums geladen, weil auch Anklage wegen Landesverrats erhoben war. Der Oberreichsanwalt beantragte gegen G. Neumann und F. Schmidt wegen Landesverrat 12 Jahre Zuchthaus, 12 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht; gegen M.Gloger und W. Walter je 6 Jahre Zuchthaus, 6 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. A- 69Während die übrigen Angeklagten nur ein kurzes Schlusswort sprachen, hielt der Hauptangeklagte Fritz Schmitz eine fast dreistündige, ausgezeichnete Rede. Er erklärte u.a., dass er für seine Ueberzeugung gearbeitet habe, dass er nicht ehrlos gehandelt habe. Er bat deshalb darum ,. ihn nicht zu Verlust des Ehrenrechts und zu Stellung unter Polizei aufsicht zu verurteilen, wenn man schon glaube, eine Zuch thausstrafe über ihn aussprechen zu müssen. Zu der Erklärung des Oberreichsanwalts, dass er die Anklage wegen Landesverrat aufrechterhalte, könne er nur auf das Sprichwort verweisen: der liebe Gott weiss alles. Man müsse dies Wort ergänzen und sagen: der Oberreichsanwalt weiss mehr, denn obwohl der militärische Sachverständige Landesverrat nicht für gegeben halte, glaube der Reichsanwalt daran. Diese Erklärung löste bei allen Heiterkeit aus, mit Ausnahme des Oberreichsanwalts, der mit hochrotem Kopf dasass. Das Urteil lautete: Schmidt 6 Jahre Zuchthaus, 6 Jahre Ehrverlust, Stellung unter Polizeiaufsicht; Max Gloger 4 Jahre Zuchthaus, 4 Jahre Ehrverlust, Stellung unter Polizeiaufsicht; Walter 3 Jahre Zuchthaus, 3, Jahre Ehrverlust, Beschlagnahme des Motorrades. Neumann wurde mangels Beweises freigesprochen. Mitteldeutschland: Das Schöffengericht Braunschweig verurteilte einen 43- jährigen Sozialdemokraten wegen Nichtablieferung von zersetzenden Schriften staatsgefährlichen Inhalts zu 3 Monaten Gefängnis. b) Das Los der Gefangenen. Im Zuge der Vereinheitlichungsbestrebungen sind einige kleinere Konzentrationslager( Kuhberg, Heuberg, Hohnstein, Sonnenburg, Oranienburg) aufgelassen worden. Die Häftlinge wurden aber nur zum kleinen Teil entlassen, die weitaus grössere Zahl wurde in andere Lager überführt. Zu diesem Zweck mussten in anderen Lagern Erweiterungsbauten vorgenommen werden. Wir kennen in mehreren Fällen die Namen der Firmen, die die erforderlichen Bauarbeiten auszuführen hatten und haben über die Bauten auch in diesen Heften berichtet( U.a. Heft Nr. 8/1936, Seite A 67). Auch in Papenburg sind Erweiterungen vorgenommen worden. Zur Zeit bestehen noch folgende 10 Konzentrationslager: A- 701) Reichskonzentrationslager Dachau 2) Konzentrationslager 1234567 3) " 4) 99 11 90\ 7) 89 99 曾 99 曾 8) Konzentrationslager Sachsenburg Lichtenburg Welzheim( Wrttbg.) Hamburg- Fuhlsbüttel Berlin- Columbia Papenburg( 6 Lager: Börgermoor, Esterwegen, Oberlangen, Neu- Sustrum) Sachsenhausen- Nordbahn 9) Frauen- Konzentrationslager Moringen 10) Frauen- Konzentrationslager Leipzig( St.GeorgKrankenhaus). Neben diesen offenen Konzentrations lagern gibt es eine Reihe von getarnten, die sich zumeist in Polizeigefängnissen und Gefangenenanstalten befinden,( So z.B. in der Gefangenenanstalt II, Leipzig, im Gefangenenhaus Polizeipräsidium Dresden und vielen anderen) und zur Aufnahme der" kurzfristig" in Schutzhaft Genommenen bestimmt sind. Die Gesamtzahlen der Lager- Häftlinge sind nicht bekannt, wir wissen aber, dass allein in Dachau rund 2.000 und in Sachsenburg rund 1.400 Schutzhäftlinge untergebracht sind.( Sachsenburg wird z.Zt. erweitert und soll dann 3.000 Häftlinge fassen). Ueber das Los der politischen Gefangenen in den Konzentrationslagern und Strafanstalten entnehmen wir unseren Berichten: Bayern: Im Konzentrationslager Dachau ist ein neuer Kommandant eingesetzt, Loritz aus Augsburg. Er hat wieder ein brutales Behandlungssystem eingeführt. Die Prügelstrafen, die den Gefangenen bei Vergehen gegen die Lagerordnung zudiktiert werden, lässt er vor versammelter Mannschaft vollstrecken. Es gibt besondere Prügelbänke, auf die der Verurteilte mit dem Gesicht nach unten geschnallt wird. Während des Sommers wurden in Dachau 5 Personen aus unbekannten Gründen erschossen. Der Gefangene Fellner aus München wurde zu 30 Tagen Bunker verurteilt, blieb aber über 6 Monate darin, weil die Lagerleitung den Freilassungstermin übersehen hatte. Da sich die Wärter um ihre Opfer in keiner Weise kümmern, waren Fellners fortwährende Fragen und Bitten ergebnislos, ja sie verärgerten den Wärter so, dass er Fellner noch gemeiner als üblich behandelte. Kurz nach seiner Entlassung aus Dachau hat sich Fellner mit einem SA- Mann, der ihn beleidigte, in eine Auseinandersetzung eingelassen, während welcher er sich so erregte, dass er dem BA- Mann eine Ohrfeige gab. Daraufhin wurde er wieder nach Dachau eingeliefert und erneut in den Bunker gebracht. A-71Westfalen: In der berüchtigten Dortmunder Steinwache, dem Sitz der Gestapo, wird unmenschlich geprügelt. Unten bei der Wache wird das Radio laut eingestellt, während oben und im Keller die Misshandlungen erfolgen. Letzthin wurden zwei Brüder verhört. Einer wurde geprügelt und der andere musste die Schreie des Bruders während der Zeit dieses" Verhörs" mit anhören. So ging es abwechselnd. Im Konzentrationslager Esterwegen befanden sich vor einiger Zeit auch mehrere Geistliche, darunter ein Pater Spiecker und ein evangelischer Geistlicher, die sich sehr mutig benommen haben. Sie wurden alle zwei oder drei Tage in den Bunker gesperrt. Dort zwang man sie, obszöne Dinge zu sagen, Spiecker u.a. folgendes:" Die Mutter Gottes ist eine Hure." Zwei Baracken waren um jene Zeit allein mit österreichischen Legionären belegt, die behaupteten: Wöllersdorf war ein Sanatorium gegenüber deutschen Konzentrationslagern. Es waren auch angeblich Reichswehroffiziere unter den Schutzhäftlingen, aus Hannover allein sechs. Ferner ein Verwandter Görings, der auf dessen Veranlassung eingeliefert worden war. Sachsen In Papenburg ist die Behandlung der neu eingelieferten Häftlinge unmenschlich. Schon der Transport zum KZ auf offenen Lastkraftwagen mit überreichlicher Sicherung durch stark bewaffnete Nazis bei Sturm und Regen ist für die durch Hunger und Misshandlungen geschwächten Körper eine grosse Anstrengung. Die Neuen werden mit Fusstritten, Gewehrkolbenstössen und unflätigsten Reden empfangen. Bis alle Aufnahmeformalitäten erledigt sind, wozu man sich gehörig Zeit lässt, müssen die Neuen stundenlang, nur notdürftig bekleidet, in Wind und Wetter stehen. Nach stundenlangem Warten, bei dem niemand von der Stelle gehen durfte, war dann Sachenempfang. Bei der herrschenden Kälte-der Berichterstatter wurde im Februar eingeliefert- ging das Umkleiden den Posten nicht schnell genug und Fusstritte und Püffe setzten wieder ein. Dann wurde mit schweren holländischen Holzschuhen exerziert. Diese Fussbekleidung war allen ungewohnt und auch alte gediente Männer waren kaum instande, die Befehle der jungen Bengels richtig auszuführen. Nach dem einstündigen Exerzieren durften die Neuen endlich in die Baracken und mussten" Betten machen". Selbstverständlich waren sie dem Lagerkommandanten nicht gut genug gemacht, die Arbeit musste mehrfach wiederholt werden. Erst danach erhielten sie, abends gegen 7 Uhr, zum ersten Male Essen. Am anderen Morgen war Arbeitseinteilung. Die Moorerde muss etwa 200 m weit mit der Karre gefahren werden. Keiner darf dabei absetzen oder ausruhen. Die Kolonnenführer sind Zivilisten, die durch ein weisses Tuch an der Mütze kenntlich sind. Es sind schlimme Antreiber, die jeden Häftling beim geringsten Vergehen melden. Die Denunzierten erhalten einige Wochen Arrest, d.h., dass sie während der Nacht in kalten Einzelzellen ohne Betten und Decken verbringen müssen. Am Tage und sogar nach Feierabend, auch Sonnabends und einige Stunden am Sonntag, müssen sie im Moor arbeiten. Ausländer wurden nach einiger Zeit, jedenfalls auf Intervention der Gesandtschaften, von der Kultivierungsarbeiten befreit. Schlesien: Der Berichterstatter war fast 1 Jahr, bis einschliesslich 25. August 1936, im Konzentrationslager Esterwegen. Im Lager befanden sich während des ganzen Jahres durchschnittlich rund 1.300 Häftlinge. Davon waren stets rund 800 politische Häftlinge. Die übrigen waren Kriminelle, die sich in sogenannter Vorbeugungshaft befinden. Unter ihnen auch Meckerer und Miesmacher, Bibelforscher und Katholiken. In den Gemeinschaftsbaracken sind 140 bis 165 Häftlinge untergebracht. Die Berufsverbrecher trugen blaue Hosen und Jacken und hinten auf dem Rücken der Jacke in gelber Oelfarbe die Buchstaben" B.V."( Berufsverbrecher). An einem Jackenarm trugen sie ausserdem noch eine grüne Binde. Die politischen Häftlinge hatten feldgraue Hosen und Jacken. Diejeni gen, die zum ersten Mal im KZ sassen, trugen auf der linken Brust und auf dem Rücken und sogar an den Hosenbeinen je einen roten Streifen. Die anderen trugen rote, aufgenähte Stoffringe um Arme und Beine. In Esterwegen befanden sich ausserdem sogenannte Schulungshäftlinge, d.h. solche, die aus der Emigration zurückgekehrt und gefasst worden waren. Sie erhalten besondere" Schulung", um von dem unheilvollen Einfluss der Emigration befreit zu werden. Auch diese Häftlinge trugen feldgraue Uniform, jedoch mit weissen Streifen. Die jüdischen Häftlinge haben auf ihren Jacken und Hosen eine ganze Anzahl grosser gelber Oelfarbenpunkte, wie Bälle und zwar vorn und hinten. Gleichgrosse Punkte, aber von schwarzer Oelfarbe, trugen die Bibelforscher. In der Schutzhaftzeit des Berichterstatters sind 6 Häftlinge, 2 politische und 4 Berufsverbrecher, umgebracht, d.h. " auf der Flucht erschossen" worden. Unter den Erschossenen befand sich auch ein jüdischer Kunstmaler Paul Lövy, der sich mit seinem Künstlernamen Gangolf oder Gangloff nannte. Paul Lövy war bereits im Jahre 1935 angeschossen worden, wurde aber nach seiner Genesung entlassen. Am 10. August 1936 wurde er aber wieder eingeliefert und am 12. August nachmittags gegen 4 Uhr erschossen. Man kommandierte ihn mit noch 9 Häftlingen zu Arbeiten in einem nahen Wald. Dort wurde bisher nie gearbeitet, auch nach dem Tode Lövy's nicht wieder. Die Leiche hat niemand zu sehen bekommen, nicht einmal jene Häftlinge, die mit im Walde arbeiteten. Der Lagerkommandant von Esterwegen heisst Koch. Er war früher der Leiter des Berliner Columbia- Hauses. Die Besatzung des Lagers bestand nur aus SS- Leuten. Nicht ein SA- Mann war zu sehen. Die SS- Leute gehörten zur Wachttruppe Ostfriesland. A-73Eines Mittags wurde über alle Höfe geklingelt. Alle Härtlinge mussten auf dem grossen Hof antreten. 7 Häftlinge wurden aufgerufen. Man zog ihnen dünne Hosen an und schnallte sie, jeden einzeln, auf sieben bereitgestellte Holzblöcke. Unter diesen 7 Männern befand sich auch ein über 60 Jahre alter Bibelforscher. Der Alte bekam 15 Stockhiebe, die anderen 25 Hiebe, geschlagen wurde mit einer Art Ochsenziemer. Diese Prozedur geschah vor versammelter Mannschaft. Das war die Art der Strafverteilung für die geringsten Vergehen. Die Häftlinge hatten tagelang furchtbare Schmerzen. Sie konnten viele Tage hindurch nicht sitzen, noch auf dem Rücken liegen, dennoch mussten sie ihre Tagesarbeit verrichten. Ein Berufsverbrecher wurde einmal derart geschlagen, dass ihm buchstäblich der After aufplatzte. In den drei Monaten Juni bis August 1936 wurden mehr als 50 Häftlinge in gleicher Weise verprügelt. Durchschnittlich wurde drei- bis viermal in der Woche geprügelt. Wer diese 25 Hiebe bekam, wurde während der folgenden 14 Tage für die Nacht und die Freistunden in Einzelhaft gebracht. In der Freizeit war das Rauchen gestattet. Alle Häftlinge, soweit es ihnen nicht als Strafe verboten worden war, durften Geld von zuhause empfangen und in der Kantine einkaufen. Sie konnten monatlich bis zu 60 Mark empfangen. Die Ernährung der Häftlinge bestand pro Tag aus 1 Pfund dunklem Kommisbrot. Morgens und abends gab es Gerstenkaffee mit Zichorie, abwechselnd mit Mehlsuppe, die sehr dünn war, trotzdem sie mit Reis oder Haferflocken durchsetzt wurde. Die Mittagsmahlzeit bestand aus Hülsenfrüchten, regelmässig fast fettlos, oft tatsächlich ganz ohne Fett. Die Nazis haben die Absicht, das Konzentrationslager Esterwegen zu verlegen. In Sachsenhausen bei Berlin ist bereits ein neues KZ eröffnet worden. Es soll Platz für 4.000 Häftlinge bieten. Ein Transport von 600 Häftlingen erfolgte bereits vor Ende August nach Sachsenhausen. Ein zweiter Transport von 400 Mann wurde in der ersten Septemberwoche vorgenommen. Norddeutschland: Seit Ende Juni 1936 stehen die Provinz und die Stadt Hannover unter stärkstem Gestapo terror. Bis jetzt wurden mehrere hundert Sozialdemokraten, Gewerkschaftsfunktionäre und Reichsbannerführer verhaftet. Vi er der verhafteten Sozialdemokraten sind Anfang Oktober diesen fürchterlichen Misshandlungen erlegen: der frühere Bezirkssekretär des ADGB in Hannover, Otto Brennecke, 54 Jahre alt, der frühere Gauleiter des Deutschen Fabrikarbeiter- Verbandes in Hannover, Willi Scheinhardt, 44 Jahre alt, der frühere Ortssekretär des Reichs banners in Hannover, Alfred Jahn und der frühere Parteifunktionär, Genosse Willi Hahn, Hannover. 2.Bericht: Auf Anordnung der Kommandantur des Konzentrationslagers im Zuchthaus Fuhlsbüttel dürfen die Gefangenen nur noch alle 14 Tage einen Brief empfangen. Bisher konnte jede Woche ein Brief empfangen werden. Die Gefangenen sollen A-74wieder einem stärkeren seelischen Druck ausgesetzt werden. Die Aussenbewachung des KZ Fuhlsbüttel ist vor einiger Zeit der Wehrmacht übertragen worden. Der Innendienst aber wird nach wie vor in der brutalsten Weise von der SS ausgeübt. Schutzhäftlinge, die einige Zeit dort zugebracht haben, und mangels Beweisen wieder zur Entlassung kamen, sind nach ihrer Entlassung kaum als normale Menschen anzusehen, so entsetzlich wirkt die erniedrigende Behandlung sich bei ihnen aus. Im Frühjahr 1936 wurden einige ehemalige Mitglieder der SAJ ins KZ Fuhlsbüttel eingeliefert, weil sie am 1. Mai 1934( 1) eine gemeinsame Wanderung unternommen hatten, wobei man sie erwischte und aufschrieb. Die Behandlung im KZ war fürchterlich, das konnte jeder, der die Betreffenden nach ihrer Entlassung zu sehen bekam, auf den ersten Blick feststellen. Die Angst wirkt noch immer so nach, dass es nicht gelingt, von ihnen Bericht über ihre Erfahrungen zu bekommen. 3. Bericht: In einem Prozess vor dem Hamburger Oberlandesgericht beschwerte sich der Sozialdemokrat Götel beim Senatspräsidenten Rothe, dass er bei der Gestapo misshandelt worden sei und 12 Wochen in Eisen gelegen habe. Rothe, der noch als sehr sachlich gilt, erklärte:" Diese Massnahmen hat man bei Ihnen durchführen müssen, da Sie sonst nicht gestanden hätten." Bei der Beratung, ob die Verteidiger vor oder nach dem Essen sprechen sollten, passierte folgendes: Der Verteidiger fragte, ob man den Angeklagten das Essen, wenn sie später kämen, warmen wolle. Der Gerichtsdiener erklärte:" Das Essen wird um 11 1/2 Uhr in die Zelle gesetzt und wer dann nicht da ist, muss es kalt essen." Rothe meinte:" Natürlich wird das Essen gewärmt, der Gerichtsdiener weiss es nur nicht." 4. Bericht: Der frühere sozialdemokratische Funktionär und Sekretär des Deutschen Metallarbeiterverbands Otto Hampel aus Stassfurt bei Magdeburg hat sich bei Bekannten und Verwandten bis zum Sommer 1935 aufgehalten und so dem Zugriff der Nazis en tzogen. Dann wurde er von der Gestapo aus der Wohnung seiner Tochter in Harburg verhaftet und nach 14 Tagen bekam seine Tochter Mitteilung über seinen" Selbstmord". Sie erhielt auf Verlangen auch die Erlaubnis, die Leiche sehen zu dürfen. Sie bekam ihren Vater aber nicht anders als in einem Abstand von 5 bis 6 Meter zu sehen, und sichtbar war nur der Kopf, selbst das Kinn war noch zugedeckt. Näher heranzugehen wurde ihr unmöglich gemacht. Berlin:, 1.Bericht. In Berlin sind infolge der vielen Verhaftungen in letzter Zeit sämtliche Gefängnisse überfüllt, besonders aber das Polizeipräsidium. Dort. sind durchschnittlich die Zellen, die nur mit einem Mann belegt sein sollen, mit mindestens 4 Mann belegt. In den Zuch thäusern ist die A- 75Stimmung im allgemeinen recht zuversichtlich. Die Gefangenen kommen über vieles hinweg, weil sie glauben, dass bald alles zusammenbricht. Sie sind immer noch verhältnismässig gut über die wichtigsten politischen Vorgänge in der Welt informiert und haben grosse Hoffnungen auf eine baldige Umwälzung. Das frühere Konzentrationslager Oranienburg ist jetzt in ein Schulungslager für die SS umgewandelt worden und wird vielfach auch Ausländern gezeigt, um zu beweisen, dass die Konzentrationslager in Deutschland verschwinden. In dem 98Schulungslager sind gegenwärtig 150 Personen untergebracht. 2.Bericht: Die frühere sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Leni Rosenthal, Berlin- Baumschulenweg, wurde verhaftet. Man fand sie Mitte Oktober in ihrer Zelle erhängt auf. Die Polizei behauptet, sie habe Selbstmord verübt. Freunde der Toten sind der Ansicht, dass sie ermordet wurde. Der zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteil te Sozialdemokrat Ackermann hat in der Nacht vom 7. auf den 8. August 1936 in der Zelle angeblich Selbstmord verübt. Er hinterlässt Frau und Kind. 3. Bericht: Ich wurde durch Gestapobeamte verhaftet, die auch eine Haussuchung vornahmen, bei der sie vor allem meinen Pass suchten. Auf der Fahrt zur Gestapo machte mich ein Beamter darauf aufmerksam, dass er bei dem geringsten Fluchtversuch schiessen würde:" Es wäre doch schade um Dein schönes Jackett" meinte er zynisch. Schon während der Fahrt versuchten die Beamten, im Guten etwas aus mir herauszubringen. Ich gab aber überhaupt keine Antwort. Auf dem Korridor im Gestapohaus wurde ich zum ersten Mal geschlagen; ein Beamter versetzte mir einen Kinnhaken. Nach der ersten Vernehmung kam ich ins Columbiahaus und zwar in die 2. Gefangenenkompagnie. Die Behandlung im Columbiahaus ist sehr unterschiedlich. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Leute in der 2. Kompagnie glimpflicher behandelt werden, während es in der 1. und 3. Kompagnie sehr scharf zugeht. Unser Kompagnieführer war verhältnismässig anständig. Dagegen sind die Wachtposten grösstenteils richtige Strolche. Jede Kompagnie ist etwa 100 Mann stark, von unserer Kompagnie waren etwa 40 Mann in Einzelhaft. Wir hatten von Anfang an eine regelmässige tägliche Freistunde im Hof. Die sanitären Verhältnisse im Columbiahaus sind sehr schlecht. Es gibt auf jedem Flur nur einen Waschraum und 2 Toiletten. Die Wachtposten benutzen jede Gelegenheit, um zu schikanieren. Kine beliebte Methode ist das Bettenmachen und Wiedereinreissen. Während einer Freistunde machte ein Gefangener nicht ganz ordnungsmässig Meldung. Darauf wurde er von dem aufsicatsführenden Posten solange hin- und herge jagt, bis er buchstablich zusammenbrach. Diese Quälerei hat der Kompagnieführer mit angesehen, ohne einzuschreiten. Bein Friseur kam 4-76es vor, dass wir anderthalb Stunden lang mit dem Gesicht zur Wand stehen mussten, bis wir an die Reihe kamen. Je nach Laune des Wach thabenden ging es dabei mehr oder weniger streng zu. Manche verlangten z.B., dass wir geradezu die Nase an die Wand pressten. Nach 8 Tagen fand auf der Gestapo die zweite Vernehmung statt. Dabei bin ich wiederholt mit den Absätzen auf die Füsse und gegen das Schienbein getreten worden. Das ist auch anderen so gegangen. Bei einem Mitgefangenen sah ich noch nach Wochen eine 2 cm breite Narbe am Schienbein. Ob man unter dieser Behandlung es fertigbringt, jede Schuld zu bestreiten, ist eine reine Nervensache. Nach vier Wochen Haft. wurde ich mit etwa 20 Mann ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz transportiert. Dort kam ich wieder in Binzelhaft, hatte keine Freistunde und wurde am zweiten Tag dem Vernehmungsrichter vorgeführt. Er fragte mich, ob ich die vor der Gestapo gemachte Aussage aufrecht erhalte. Ich machte den Einwand, dass ich nicht mehr genau wüsste, was in dem Protokoll steht. Darauf schnitt er mir sofort das Wort ab:" Sie weigern sich also, zu unterschreiben." Das war seine ständige Antwort auf jeden weiteren Einwand, den ich erhob, so dass ich schliesslich aus Angst, wieder nach der Gestapo zurückzukommen, die Aussage vor der Gastapo bestätigte. Nach weiteren 2 Tagen kam ich ins Untersuchungsgefängnis Berlin- Moabit und blieb dort, ohne Vernehmung und ohne Sprecherlaubnis mit meiner Frau zu erlangen, sieben Monate. Zumeist hatte ich Einzelhaft, gelegentlich bekam ich Kriminelle als Zellen genossen. Die Verpflegung war im Juni- Juli 1935 im Untersuchungsgefängnis noch angängig, dann wurde das Essen immer schlechter. Im ganzen hat es sich in der Zeit meiner Untersuchungshaft, also vom Juni 1935 bis September 1936 viermal verschlechtert. Fleisch gab es in der Woche überhaupt nicht, zum Schluss nicht einmal mehr Speckgrieben. Der Kalfaktor sagte, das Essen würde mit" Stearinfett" zubereitet. Die Brühe wurde denn auch, wenn sie kalt war, fest wie Sülze. An Sonntagen gab es Kartoffeln und Fleisch und zwar entweder Gehacktes, Beefsteak, Buletten oder Klopse, also eigentlich immer dasselbe. Gelegentlich gab es auch einmal Schweinebauch. In der ersten Zeit bekamen wir auch hier und da in der Woche einmal Grützwurst. Dieses Gericht wurde dann aber zur Sonntagskost er nannt. Einmal gab es zu Mittag nur Pellkartoffeln und Hering und schwarzen Kaffee; nicht einmal ein Stück Brot dazu. Sogar der Stationsbeamte schüttelte darüber den Kopf und es war ihm offensichtlich peinlich, ein solches Essen auszuteilen. Ende Januar wurde ich dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Die Vernehmung dauerte 2 Tage. Der Untersuchungsrichter nahm ein korrektes Protokoll auf, er gewährte mir auch in seiner Allgemein ist Gegenwart eine Sprechstunde mit meiner Frau. festzustellen, dass die Behandlung im Untersuchungsgericht sehr korrekt war. Der Untersuchungsrichter hat 3.3. keinen Versuch gemacht, das Protokoll anders zu formulieren, als ich A-77es wollte. Ich habe vor dem Untersuchungsrichter bestritten, dass das Protokoll der Gestapo richtig sei. Das hat er ebenfalls protokolliert. Ich wurde später noch einmal kurz vernommen, bis ich dann, nach 16- monatiger Untersuchungshaft im September 1936 vor Gericht kam. 4. Bericht: Ich kam nach meiner Verhaftung zunächst ins Columbiahaus. Die Unterbringung dort war sehr schlecht. In den ersten 3 Tagen erhielt ich überhaupt nichts zu essen, dann gab es mittags einen Schlag Essen, meist Mohrrüben, Kraut, Reis und dergleichen. Das Essen war nur eine dünne Brühe und ohne Fett gemacht. Sonntags gab es Fleisch. Die Zellen im Columbiahaus sind sehr eng. Sie haben nur ein Bett und einen Stuhl, aber keinen Abort. Jeden Morgen werden die Insassen der etwa 6o Zellen einzeln zum Austreten und Waschen herausgeführt. Im Anschluss daran muss dann die Zelle ausgefegt und das Geschirr abgewaschen werden. All das vollzieht sich in einem Hetztempo, so dass von Sauberkeit natürlich keine Rede sein kann. Die Zellen sind infolgedessen sehr schmutzig und man verbietet den Gefangenen, sie selbst gründlich zu reinigen. Da die Zellen keine Aborte haben, muss der-. jenige, der über Tags austreten will, durch eine Signalvorrichtung( das sogenannte" Fahnenschmeissen") dem wachhabenden SA- Mann sich bemerkbar machen. Die SS- Leute benutzen diese Einrichtung zu einer richtiggehenden Quälerei. Je nachdem, wie es dem einzelnen passt, lässt er den Gefangenen stundenlang warten oder reagiert überhaupt nicht. Die strenge Einzelhaft im Columbiahaus wurde noch dadurch verschärft, dass ich die ersten 14 Tage überhaupt nicht in den Hof kam. Dann erhielten wir eine rote Armbinde( womit wir als politische Häftlinge gekennzeichnet wurden, und hatten jeden Tag in Holzpantinen eine Viertelstunde Rundgang im Hof. Während des Rundganges konnte man sich auf dem Hof etwas Zusatzkost( Brötchen, Butter usw.) kaufen. Aber nur bei schönem Wetter, denn bei schlechtem Wetter fiel der Rundgang aus. Ich bin in vier Wochen nur drei- bis viermal zu diesem Rundgang gekommen. Andere Gefangene haben allerdings eine regelmässige Freistunde gehabt. In der Zelle hing ein Vermerk, dass man erst nach der vierten Woche Lesestoff beantragen könne. Auf meinen Antrag wurde mir genehmigt, jeden Tag eine Nummer des " Völkischen Beobachters" zu kaufen. Es gibt nur den" V.B" oder den" Angriff". Bücher gibt es überhaupt nicht. Schon beim Fotografieren muss man sich eine sehr deprimierende, gemeine Behandlung gefallen lassen. Das steigert sich dann noch bei den Vernehmungen. Ich selbst bin nicht gepeitscht oder geprügelt worden, aber während der Vernehmungen hat man mich wiederholt ins Gesicht geschlagen, ist mir an den Hals gesprungen, um mich zu würgen, hat mir auf die Füsse und gegen das Schienbein getreten usw. Ich weiss aber, dass einige meiner Mitverhafteten auch schwer verprügelt worden sind. An jedem Vernehmungstag wurden wir früh um 5 Uhr im A-78Columbiahaus geweckt und mussten uns dann bis gegen 8 Uhr, ohne etwas zum Frühstück bekommen zu haben, mit dem Gesicht gegen die Wand stellen. Dann wurden wir zur Gestapo in die Prinz- Albrecht- Strasse geschafft, kamen dort erst in den Keller und dann in das Vernehmungszimmer. Zwischen den Vernehmungen wurden wir wiederholt hinaus auf den Gang geschickt und mussten dort unter Bewachung warten. Einmal wurden wir von einem SA- Mann bewacht, der zur Leibstandarte Hitlers gehört. Er war anscheinend humaner als die anderen und gestattete, dass wir uns während des Stehens an die Wand anlehnten. Darauf kam ein anderer SS- Mann, schnauzte den Wachthabenden an und zwarg uns, sofort mit dem Gesicht gegen die Wand Aufstellung zu nehmen. Als dieser SS- Mann weg war, schimpfte unser Wachthabender selbst darüber und sagte so beiläufig:" Es ist ja schon immer so gewesen: wir Armen haben eben nichts zu bestellen und so ist es auch unter Hitler geblieben." Wie die Vernehmungsprotokolle der Gestapo zustande kommen, habe ich selbst erfahren müssen. Der vernehmen de Beamte diktiert sofort in die Maschine, und zwar so schnell, dass man kaum folgen kann. Wenn man gegen das Diktat Einwendungen erhebt, setzt es Schläge. Immer wieder versucht der Beamte, einem die Worte im Munde umzudrehen, um etwas Belastendes daraus zu machen. Schliesslich unterschreibt man eine ganz andere Darstellung des Sachverhalts als man sie eigentlich geben wollte. Das ist umso wichtiger, als sich im Verlaufe der Prozessführung gezeigt hat, dass das Vernehmungs protokoll bei der Gestapo massgebend ist. Die Vernehmungen vor der Gestapo zogen sich im ganzen etwa 9 Wochen hin. Die erste Vernehmungsperiode dauerte etwa 14 Tage. Dann hatte ich bis zur sechsten Woche Ruhe. Nach der neunten Woche kam ich zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz, und zwar wieder in Einzelhaft. Dort war die Unterbringung sehr schlecht. Die Zellen sind dunkel, klein und schmutzig; sie enthalten nur eine Militärbettstelle und einen Stuhl, dagegen keinen Tisch. Man muss dasselbe Bettzeug benutzen, das schon von den Vorgängern benutzt wurde. Im Polizeipräsidium war ich nur noch 3 Tage. In dieser Zeit kam ich überhaupt nicht zur Freistunde heraus. Der Hof ist auch sehr schlecht und dunkel. Die Verpflegung ist etwas besser als im Columbiahaus. Die Vernehmung vor dem Vernehmungsrichter, der über die Ausstellung eines richterlichen Haftbefehls entscheidet, dauerte nur zwei Minuten. Dann wurde ich in das Untersuchungs. gefängnis Berlin- Moabit transportiert. Die Zellen im Untersuchungsgefängnis Moabit sind gross und sauber. Sie enthalten ein aufklappbares Bett, einen Klapptisch und eine Klappbank, einen Abort, eine Waschschüssel, ein Hand tuch und ein Staubtuch. Jede Woche gibt es einmal frische Leibwäsche, die Bettwäsche wird alle 5 Wochen gewechselt. Die Wachtmeister prüfen genau, ob die Zellen auch sauber gehalten werden. Um 7 Uhr wird geweckt, dann gibt es A- 79schwarzen Kaffee und ein Stück trockenes Brot. Das Brot wurde in der Zeit meiner Untersuchungshaft immer weniger.Mittags gab es regelmässig am Montag Linsen, am Dienstag Heringskartoffeln( ein Gemisch von Kartoffeln und kleingehackten Heringen, das kaum zu essen war); Mittwoch Graupen oder Kraut mit Kartoffeln, die immer sehr schlecht waren; Donnerstags Reis, Freitags Fisch und Kartoffeln; Sonnabends Mohrrüben, Steckrüben usw. und Sonntags Kartoffeln mit Fleischklops oder Speck und Soase. Das Fleisch gab es übrigens immer kalt. Ausserdem wurde auch im Gefängnis der Eintopfsonntag in jedem Monat streng eingehalten; es gab dann Erbsen. Am Abend gab es in der Regel eine Suppe mit Grütze oder Haferflocken; am Mittwoch Brot mit weissem Käse, am Sonntag Hering, Bückling oder ein Stück Käse und dazu etwas Fliedertee, am Montag Pellkartoffeln und Hering. Ausserden konnte man sich in der Kantine Zusatzkost kaufen. Die Vorschriften sind auch im Untersuchungsgefängnis sehr streng. Wer z.B. beim Sprechen mit Gefangenen erwischt wird, kommt 3 bis 5 Tage in den Keller. Dort wird dann auch geschlagen. Diese Strafe ziehen sich Häftlinge oft dadurch zu, dass sie versuchen, durch den als Kalfaktor tätigen Mitgefangenen Kassiber zu schmuggeln. Ein solcher Versuch ist immer aussichtslos, denn alle Kalfaktoren sind Kriminelle, die sich nicht das geringste Gewissen daraus machen, einen politischen Gefangenen zu verraten. Nach 7 Monaten Untersuchungshaft durfte ich jede Woche zwei Bücher aus der Bibliothek entleihen. Als ich gelegen tlich einen Wunschzettel geschrieben hatte, ein drittes Buch in der Woche lesen zu dürfen, wurde mir das zweimal gestattet, aber kurze Zeit darauf erfuhr ich, dass dieser Wunschzettel Anlass dafür war, dass meine Bibliothek zu Hause erneut von 4 Gestapobeamten" gesäubert" worden ist. Vom Juni 1935 bis Juni 1936 hatte ich keine einzige Sprechstunde! Die erste Sprechstunde erhielt ich als besondere Vergünstigung Ende Juni 1936 in Gegenwart des Untersuchungsrichters. Sie dauerte 15 Minuten. Dann wurde mir alle 14 Tage eine Sprechstunde zunächst in Gegenwart eines sehr pedantischen Justizsekretärs, später im Beisein eines Wachtmeisters gestattet. Im allgemeinen kann man die Sprechzeit gar nicht. richtig ausnutzen. Bei jeder Gelegenheit wird man angefahren, man dürfe das und das nicht sagen. Wenn man seiner Frau vor der Sprechstunde die Hand geben will, muss man das vorher auch auf dem Wunschzettel beantragen. Die politischen Gefangenen fallen keineswegs der allgemeinen Verachtung anheim. Als ich aus der Haft entlassen wurde, wurde ich z.B. von den Hausbewohnern sehr freundlich, ja sogar herzlich begrüsst. Der zuständige Blockwart der NSDAP bot mir an, mir bei der Krankenkassenanmeldung behilflich zu sein und verschaffte mir auch eine kleine Gelegenheitsarbeit. Ich hatte geradezu den Eindruck, als wollte A-80er sich bei mir entschuldigen und zu erkennen geben, dass er keiner von den üblichen Bonzen sei. Auch im Gefängnis machte sich das Gleiche bemerkbar. Die politischen Gefangenen sind fast alle in Einzelhaft untergebracht. Sie werden grundsätzlich nicht zu Hilfsarbeiten, als Kalfaktoren usw. herangezogen. Eines Tages wollte mich der Stations oberwachtmeister im Untersuchungsgefängnis als Kalfaktor heranziehen und fragte mich, aus welchen Gründen ich in Untersuchungshaft sei. Als er hörte, dass ich ein" Politischer" wäre, antwortete er:" Immer wenn man einen anständigen Menschen haben will, ist es ein Politischer." 5.Bericht: Ein entlassener Schutzhäftling, der mehrere Strafanstalten durchlaufen hat, berichtet: Ich kam ins Columbiahaus, die alte Militärarrestanstalt. Das Essen war gut, die Behandlung" korrekt, geschlagen wurde ich nicht mehr. Die Aufseher waren blut junge, 20- bis 22- jährige SSLeute. Aber auch diese" Korrektheit" war nichts als endlose Quälerei. Wenn ein Aufseher erschien und die Zelle aufschloss, mussten wir-- jede Zelle war mit zwei Mann belegt-aufspringen, Hab- Acht- Stellung annehmen, ganz genau, ganz korrekt Hände an der Hosennaht, strammstehen und Meldung machen:" Melde gehorsamst: zwei Kompagnie, Gang zwei, belegt mit zwei Mann. Mit Schutzhäftling Nr.. und Schutzhäftling Nr.. bitten den Herrn Wachtmeister, austreten zu dürfen." Der Wachtmeister gab seine Zustimmung, blieb aber regelmässig in der Tür stehen. Also musste man erneut bitten:" Bitte den Herrn Wachtmeister, vorbeigehen zu dürfen."- Und so korrekt vollzog sich alles. Wir mussten natürlich" Betten bauen". Ich war Soldat, war im Felde. Ich kenne das Theater. Aber diese jungen Schnösels, die sicher nicht in der Lage waren, einen Strohsack auch nur richtig aufzuschütteln, sie piesackten uns," ganz korrekt", mit ihrem" Betten machen". Mit Streichhölzern und anderen Hilfsmitteln versuchten wir, der Vorschrift zu entsprechen, die Betten peinlich genau zu legen. Oft half alles nichts. Fünfmal am Tag und mehr rissen sie uns das Kunstwerk ein:" Betten bauen". Wir hatten täglich eine Stunde Freizeit. 25 Minuten lang wurden Freiübungen gemacht, 35 Minuten standen wir im Karree und durften rauchen. Es war eine bunt durcheinandergewürfelte Gesellschaft, zum Teil in eigener Kleidung, teils in Anstalts. tracht, die dann aber wesentlich schlechter war als je in der schlimmsten Kriegszeit. Zu Kalfaktoren wurden die Leute gemacht, die in Sicherheitsverwahrung kamen. Jede Gruppe war besonders gekennzeichnet. Jeder trug an Armen und Beinen einen farbigen Streifen: die Hundertfünfundsiebziger einen gelben, die Politischen einen violetten, die, die ihre Strafe bereits verbüsst hatten, einen roten, die zum oder Tom KZ kamen, einen grünen. Nur die Freigesprochenen waren ohne Streifen. A-81Sachsen, 1.Bericht: Der Empfang neuer Schutzhäftlinge im Konzentrationslager Sachsenburg bildet immer wieder neuen Zeitvertreib für die en tmenschten SS- Posten. Die neu Ankommenden müssen sich mit dem Gesicht zur Wand stellen und, solange die Aufnahme währt, die Hände im Genick verschränken. Wer dabei irgend eine Bewegung zu machen versucht, wird geschlagen. Oft passiert es, dass Leute schon bei der Aufnahme zusammenbrechen. Der Einzige, der diese" Tortur" verbietet, ist der mit dem" Blutorden" ausgezeichnete 2. Lagerkommandant Rödel. Auf diesen ist die SS- Besastzung wegen seiner menschlichen Regungen nicht gut zu sprechen. Alle anderen Lagerkommandanten, deren es noch vier gibt, dulden solche Exzesse und sehen lächelnd zu. Fast alle Lagerinsassen werden mit Arbeiten, für die sie sich eignen, beschäftigt. Die jüngeren kräftigen Häftlinge mit Aussenarbeiten, die älteren mit Innendienst: Kartoffelschälen, Kleiderreinigen und dergleichen. Sobald einer zum Innendienst kommandiert ist, erhält er eine besonders gezeichnete Armbinde als Kennzeichen, dass er sich ausser der Freizeit auf dem Hofe bewegen kann. Alle anderen kommen nur zu bestimmten Stunden an die frische Luft. Durch das Eingreifen des Lagerkommandanten Rödel ist das Exerzieren für die über 50- jährigen in Wegfall gekommen. Ebenso sind die Gebrechlichen und Kranken vom Exerzieren en tbunden. Diese Leute werden beim Appell aufgerufen, müssen eine besondere Abteilung bilden und werden dann je nach Laune der Abteilungskommandanten mit Hof- oder Schlafsaalsäubern usw. beschäftigt. Den Exerzierfähigen wird dafür in diesen Stunden nichts geschenkt, sie werden regelrecht" geschliffen." Ausser den offiziell angesetzten Prügelstrafen, die als Warnung für alle Schutzhäftlinge in deren Beisein vollzogen werden, sickern die Nachrichten über einen" Geschundenen" meistens nur gerüchtweise durch. Nur die nächsten Vertrauten der Opfer erfahren es genauer, was sie aus zustehen gehabt haben. Werden einmal Tote fortgeschafft, dann erfährt man erst nach Tagen etwas über die näheren Vorgänge. Während meiner neunmonatigen Haft wurden 3, in den dreissiger Jahren stehende Schutzhäftlinge auf dem" Pferd"( Prügelbock) geprügelt. Alle drei befanden sich seit 1933 in Schutzhaft. Sie wurden geprügelt, weil sie sich das" Politisieren nicht abgewöhnen". Der Prügelbock besteht aus Holz. Die vorderen Füsse stehen senkrecht, die hinteren schräg nach hinten. Oben liegt ein Brett. An die vorderen Füsse werden die Arme, an die hinteren die Beine angeschnallt. Der Oberkörper wird ausserdem noch an das Brett angeschnallt, so dass sich der Delinquent nicht rühren kann. Sein Gesicht liegt auf dem Brett auf, so wie es der Geschlagene beim Anschnallen hingelegt hat. Für uns als Zuschauer war diese Tortur ebenfalls eine qual, die manchen von uns ohnmächtig zusammenbrechen liess. A-82Diese drei Leute sind zuerst" wegen Politisierens" mit 6 Wochen strengen Bunkers bestraft worden und erst dann sind sie auf den Prügelbock gekommen. Die gesamte Belegschaft musste um diesen Bock antreten. Jeder Delinquent hatte 25 Stockhiebe zudiktiert erhalten, die er laut mitzählen musste. Die Schläge wurden mit einem 1 cm dicken Haselnussstecken verabreicht, der vorher in Wasser eingeweicht worden war. Bei der Verabreichung der 25 Hiebe sind mehrere SS- Leute beteiligt. Da ein Delinquent nicht bis zum Ende mitgezählt hatte, bekam er nicht 25, sondern 30 Hiebe. Danach kamen sie wieder in den Bunker. Ueber den Tod des sozialdemokratischen Redakteurs Dr. Sachs wurde im Lager viel geflüstert. Er soll im Bunker alles unter sich gemacht haben und wurde daraufhin jedesmal hinauf in die Waschküche geschleift und mit eiskaltem Wasser übergossen. Dann wurde er wieder nach dem Bunker geschleift, denn laufen konnte er nicht mehr. Dies soll an manchen Tagen 2 bis 3- mal geschehen sein, bis er starb. Uns wurde beim Appell mitgeteilt, dass wieder ein jüdischer Untermensch krepiert sei, der nach eigenen Angaben die Kost im Dritten Reich nicht vertragen konnte, weil sie zu allgemein gehalten sei. Er habe laut Protokoll vor 1933 kein Frühstück mit seiner Frau unter dem Preise von 25,- RMK. eingenommen.- Die Schutzhäftlinge waren über die Todesnachricht sehr niedergeschlagen. Die Belegschaftsstärke betrug bis Mitte 1936 ungefähr 1.400 Mann. Es gab 6 Kompagnien in Stärke von 250 Schutzhäftlingen. Die grosse Villa neben der früheren Fabrik ist Dienstwohnung der Lagerkommandanten und Kompagnieführer. Für jeden der ersten fünf Kommandanten steht ein rassiges Reitpferd zur Verfügung. Rödel hat eine Hasenzucht von 30 Stück, die ein Schutzhäftling betreuen muss. Von den Speiseresten aus dem Lager werden 24 Schweine aufgezogen, natürlich nur für die Wachmannschaften. Zwei Schutzhäftlinge sind für das Wohlergehen der Borstentiere verantwortlich. 2.Bericht: Die Gefangenen des KZ Sachsenburg sind in Kompagnien eingeteilt. Der ersten Kompagnie gehören die" Rückfälligen an. Sie hat eine verschärfte Lagerordnung. Während zum Beispiel alle anderen Kompagnien alle 14 Tage Post abschicken und empfangen dürfen, hat die erste Kompagnie nur 4 Schreibtage im Jahr( 1) Alle Vierteljahre dürfen sie 21 Zeilen schreiben und erhalten. Pakete dürfen die Gefangenen der ersten Kompagnie überhaupt nicht empfangen.( Lebensmittel dürfen überhaupt keinem Häftling gesandt werden). Die Gefangenen dürfen sich Geld schicken lassen und können dann in der Kantine des Lagers Lebensmittel kaufen. Für die erste Kompagnie sind 10 Mark im Vierteljahr zugelassen, bei den anderen besteht keine Begrenzung. Ohne Geldsendungen ist überhaupt nicht auszukommen. Es ist alles so teuer, dass man die paar Mark im Nu los ist. A-83Jeder Häftling erhält dreimal am Tage Essen. Morgens 4 Scheiben Brot und 1 Löffel Marmelade oder 12 Gramm Margarine und einen Topf schwarzen Kaffee. Margarine gibt es aber nur zweimal in der Woche, und zwar Mittwo chs und Sonntags. Mittags gibt es 3/4 bis 1'Liter Essen und zwar Reis, Graupen, Erbsen, Linsen, Bohnen, Dörrgemüse, Flecke, Weisskraut, Schälkartoffeln. Das alles ist aber für die schwere Arbeit zu mager und kraftlos. Das Abendbrot besteht aus 4 Scheiben Brot, dazu 1 Hering, Käse, Sülze, Büchsenwurst oder eine Schüssel dünne Suppe. Frühstück und Vesper erhalten die Gefangenen nicht. Morgens 5 Uhr ist Wecken, 1/2 7 Uhr Appell und Arbeitsbeginn. Von 12 bis 1/2 2 Uhr ist Mittag. Dann wird wieder bis 1/2 6 Uhr gearbeitet. Um 1/2 9 Uhr erst darf sich der Gefangene auf sein Lager begeben. Besondere Schlafsäle gibt es nicht. Die Räume sind kalt, da der Fussboden betoniert ist. Die Luft ist sehr schlecht, da geraucht wird und auch die Abortanlagen befinden sich in demselben Raum. Die erste Kompagnie ist von den anderen 3 Kompagnien getrennt. Sie hat den schlechtesten Raum. Er ist zu klein und zu kalt. Als Austrittsgelegenheit dient ein grosser Blecheimer, der aber nur im Notfall benutzt werden darf. Sonst werden die Häftlinge kommandoweise unter Bewachung zum Austreten geführt. Die Arbeitszeit beträgt 9 bis 11 Stunden täglich. In den Unterkünften der Gefangenen stehen Tag und Nacht Posten im Stahlhelm und mit Arme epistole bewaffnet. Auf den Arbeitsplätzen stehen, auf 20 Gefangene berechnet, 12 bis 15 SSPosten mit Gewehr oder Maschinenpistole. Innerhalb des Lagers sind Maschinengewehrtürme errichtet, die ständig mit Posten besetzt sind. Um das Lager befindet sich ein 2 1/2 Meter hoher Stacheldrahtzaun, welcher an die Hochspannung angeschlossen werden kann. Alle 40 Meter stehen ausserdem noch Posten mit Gewehr oder Maschinenpistole. Zurzeit sind über 700 Mann SS- Besatzung im Lager. Während ein Teil exerziert, hat der andere Wachdienst. Es sind die Hundertschaften 13, 15, 17 und 23 und noch etwa 200 Rekruten. Die Lagerleitung und die Verantwortlichen sind Obersturmbannführer Schmidt, Sturmbannführer Rödel, Untersturmbannführer Simon, die Kompagnie führer Paul Hampe, Walter, König, Oberscharführer Pfaff und Untersturmführer Weigel. Es ist schlimmer als im Zuchthaus. Im Lager gibt es bei den geringsten Anlässen Hausstrafen. Rauchverbote, Schreibverbote, Strafsingen, Essen im Stehen einnehmen, Strafstehen, Redeverbot, Strafexerzieren oder Spaziergangssperre am Sonntag. Weitere Strafen sind 1 bis 42 Tage Bunker bei Wasser und Brot. Die Höchststrafe ist 42 Tage im Dunkelarrest bei Wasser und Brot, Krummschliessen in der Zelle. Bei Antritt der Strafe sowie bei Beendigung derselben je 25 Stockhiebe, wofür extra ein Folterbock vorhanden ist, auf den der Gefangene geschnallt wird. SS- Leute teilen die Hiebe aus, der Gefangene muss laut mitzählen. Bevor der Gefangene A- 84die Hiebe erhält, wird er ärztlich untersucht, ob er sie aushält. Alle anderen Mitgefangenen müssen bei solchen Strafen im Hofe aufmarschieren und in Achtungsstellung zusehen. Danach wird der Gefangene in den Bunker gebracht. Die Folgen sind zerschlagene Nieren und Nervenzusammenbrüche. Die Häftlinge sind andauernden Schikanen der Posten ausgesetzt. Bei der Arbeit müssen sie mit Wagen oder Karre im Laufschritt Kniebeuge und andere Quälereien machen. Oder: während 6 Mann einen Wagen Steine laden müssen, müssen die übrigen 15 Mann singen oder Kniebeuge machen. Beschwerden gibt es nicht. Beschwerden sind Meuterei und dafür gibt es die härtesten Strafen. Es werden verschiedene Arbeiten gemacht: Steinbruch, Strassenbau, Schottersteine schlagen, Barackenbau, Garagenbau, Tischlerei, Schlosserei, Schneiderei und Schusterei. Für keine der Arbeiten wird ein Entgelt geleistet, auch gibt es keine Sonderkost. Vor Hunger suchen sich die Gefangenen die noch halbwegs geniessbaren Abfälle heraus, die in Körben und Tonnen für die ca. 30 Schweine der SS- Bewachung bereitstehen. Alle Arbeiten werden unter strengster Bewachung ausgeführt. Sonntags ist arbeitsfrei. An diesen Tagen geht es unter schwerer SS- Bewachung auf den Exerzierplatz, welcher von Posten mit Gewehren und Maschinengewehren umstellt ist. Hier können sich die Häftlinge" frei" bewegen. Leibwäsche, Anzüge und Schuhe erhalten die Häftlinge vom Lager. Die Anzüge sind blau- weiss gestreift, die der ersten Kompagnie haben noch rote Ringe um Arme und Beine. Die Häftlinge, die vorher Zuchthaus verbüsst hatten, haben extra ein schwarzes Z auf dem Rücken. Immer wieder kommen aus den Gefängnissen und Zuch thäusern neue Häftlinge, die ihre Strafe verbüsst haben, Sie werden dann noch 6 bis 12 Monate in Schutzhaft gehalten. Die übrigen Häftlinge müssen durchschnittlich 8 bis 16 Monate im Lager bleiben. Ein Teil ist aber schon länger dort, manche bereits 2 1/2 Jahr. Alle diese Gefangenen sind zum grössten Teil krank und mit ihren Nerven fertig. Magenkrank und mit Rheumatismus behaftet ist fast jeder Dritte im Lager. Die Krankenreviere sind immer voll von Fieber- oder Unfallkranken. Ist ein Häftling krank, so dürfen es die Angehörigen nicht erfahren, auch dürfen die Gefangenen keinen Besuch empfangen. Stirbt ein Angehöriger eines Häftlings, ganz gleich ob Vater, Mutter oder Kind, so gibt es für den Häftling keinen Urlaub. Angesprochen werden die Häftlinge von den Bewachungsmannschaften nur mit Schwein oder Verbrecher, Hund oder Gesindel. Der grösste Teil der Gefangenen besteht aus früheren Sozialdemokraten oder Kommunisten. Ungefähr 8 bis 10% der Lager insassen sind kriminelle und asoziale Elemente, die zur Bespitzelung der politischen Gefangenen verwendet werden. Im Frühherbst 1936 befanden sich auch ca. 50 wegen Verdacht A-85der" Rassenschande verhaftete Juden in Lager. Unter den Häftlingen sind ungefähr 40 bis 50 Kriegs and Arbeitsinvaliden, welche genau so arbeiten müssen und soMkaniert werden, win die anderen. Entlassungen aus dem Lager. sind selten. Die meisten Häftlinge sind Familienväter, deren Frauen z. T. ebenfalls verhaftet sind. Das Lager wird zur Zeit vergrössert. Es soll Platz für 3.000 Hartlinge geschaffen werden. In letzter Zeit kan viel Hinrichtungsmaterial und Bettstellen in Lager an. 3.Bericht: In Hammerleubsdorf im Zschopautal in Sachsen befindet sich schon seit mehreren Jahren das Sohulungslager der SA für Sachsen. Vom nahen Konzentrationslager Sachsenburg werden Häftlinge nach Hammerleubsdorf kommandiert, um hier Ordonanzdienste für die SA zu verrichten. Dabei werden sie des öfteren von den SA- Leuten geschlagen. In letzter Zeit häufen sich die Fälle, dass auch die Gestapo in Sachsenburg prügeln lässt, um Geständnisse zu erzwingen. In Sachsenburg befinden sich eine Anzahl SS- und SA- Leute aus dem Chemnitzer Bezirk, die wegen Meckerei verhaftet worden sind. Auch einige Pfarrer sind in Schutzhaft. Diese werden mit schweren Arbeiten, wie Steineklopfen usw. beschäftigt. Da die Kost für diese Beschäftigung zu knapp ist, so wird von den Pfarrern sehr über Hunger geklagt. Wenn sie aber um etwas Brot bitten, dann sagen die SA- Leute:" Lasst Euch welches von Eurem Gott geben! Rheinland: Als wir neuen Häftlinge im Konzentrationslager Lichtenburg einrüekten, stand SS mit ihrem Kommandanten Schmidt, der später nach Sachsenburg kam, in Hof. Wir mussten in zwei Gliedern antreten, unser Gepäck vor uns hin und die Hände auf den Kopf legen. Der Kommandant ging eine Stunde vor der Front auf und ab. Er erkundigte sich nach der Herkunft jedes Einzelnen und machte zynische Bemerkungen. Dann hielt er eine Ansprache:" Wenn Ihr wieder herauskommen wollt, dann habt Ihr Euch anständig zu betragen". Dann kam eine Serie von Beschimpfungen und Gemeinheiten. Wir seien Marxistenschweine und das hätten wir jetzt zu. büssen. Alle Mann wurden einem Kompagnie führer übergeben. Sofort ging es im Laufschritt um die Kirche herum, nebenher die SS mit Hundepeitschen. Von der SS wurden uns Beine gestellt. Viele fielen hin und schlugen sich die Knie auf. Dann ging es die Treppen, hoch. Schliesslich mussten wir im Treppenhaus antreten und die Taschen leeren. Jeder wurde gefragt, welche Funktion er bekleidet hatte. Wir wurden dabei angebrüllt und unflätig beschimpft. Schliesslich kamen wir in Einzelhaft. Auf einen Pfiff des Kompagnie führers mussten wir unzählige Male aus der Zelle heraustreten und dann mit den Händen auf dem Rücken vor der Zellentür Aufstellung nehmen. Danach wurden uns die Haare ganz kahl geschoren. Wir erhielten eine alte A-86Schupo uniform, von der die blanken Knöpfe abgeschnitten waren und mussten dann zur Schreibstube und vor dieser mit dem Gesicht nach der Wand Aufstellung nehmen. Die Personalien wurden in eine Kartothek eingetragen. Wer vorbei wollte, hatte zu sagen:" Bitte, vorbeigehen zu dürfen". Wer es nicht richtig machte, wurde getreten, gestossen und misshandelt. Am nächsten Tag mussten wir im Gang vor der politischen Abteilung üben, wie man sich im Lager zu benehmen hat. Wer zum Nebenmann sprach, musste sofort in Kniebeuge gehen und dabei ständig die Arme bewegen. Auch wurde das sogenannte Rotten geübt, d.i. auf Ellenbogen und Fussspitzen kriechen. Beim Fotographen wird man an den Haaren gezogen und gefragt: " Was sind Sie?" Wer meint, er würde nach seinen Beruf gefragt bekommt prompt die Gegenantwort:" Ein Schweinehund, ein Scheisskerl usw. Ein gemeines Kommunistenschwein sind Sie, ein Hund, den man gleich totschlagen müsste." Wer nicht schnell genug antwortete, bekam einen Tritt. Bei der üblichen Untersuchung mussten wir uns schliesslich auf dem kalten Flur ausziehen und endlos warten. Die Strafbestimmungen sehen vor, dass man beim geringsten Mien everziehen oder Lachen in den Bunker kommt und 25 Hiebe erhält. Beim Prügeln muss der Geschlagene zählen. Das Zählen ging aber oft bei den Schmerzen, die natürlich Schreie auslösten, unter und dann musste immer wieder von vorn angefangen werden. Ständig wurde exerziert. Die älteren Leute kamen abends todmüde und zerschunden in ihrer Zelle an und heulten dann vor Schmerzen und Wut über solch eine Schinderei. Man muss dabei bedenken, dass die Gefangenen vorher lange in polizeilicher Untersuchung oder im Gefängnis gewesen und infolgedessen an körperliche Betätigung nicht mehr gewöhnt waren. Zeitweise hatten wir zwei Kompagnien Homosexuelle, darunter sehr viele Nazis. Sie haben auf dem Oberschenkel eine gelbe Binde mit der Bezeichnung A. Das sollte A... f... heissen. " Rassenschänder" gab es auch. Sie hatten eine rote Binde mit der Bezeichnung R. Im Allgemeinen werden vier Mann in einer Zelle untergebracht. Homosexuelle werden ständig in ihrer Zelle überwacht, die ganze Nacht über brennt das Licht. Schlesien, 1. Bericht: Ein im Oktober aus dem KZ Lichtenburg Entlassener berichtet, dass sich die Zustände im Lager wesentlich verschlechtert hätten. Für die geringsten Vergehen wird wieder Prügelstrafe und Einzelhaft verhängt. Vor und nach der Einzelhaft werden bis zu 50 Schläge verabfolgt. Ins Lager kommen immer neue Häftlinge, nur ie und da wird einer entlassen. Der Berichterstatter ist entlassen worden, weil er sich eine unheilbare Krankheit zugezogen hat. 2. Bericht: Für die lagers Lichtenburg tohaftgefangenen des Konzentrationseine, vom Inspekteur der Konzentrationslager, Gruppenführe Dicke, herausgegebene Lagerordnung. A-87Während meines Aufenthaltes in Lichtenburg, Januar 1936 bis September 1936 wurde sie einmal bekanntgegeben. Dazu mussten alle aus den Zellen. Das Strafrecht steht dem Kommandanten,-Standartenführer Bananowski in dessen Vertretung dem Obersturmbannführer Remmert zu. Eine Vernehmung des angeschuldigten Gefangenen findet in den wenigsten Fällen statt. Ich habe oft erlebt, dass eingelieferte Arrestanten keinerlei Ahnung von einem Vers to ss gegen die Lagerordnung hatten. Die Lagerleitung wende te folgende Strafen an: 1. Einzelhaft; 2. Isolierungshaft; 3. gelinden Arrest; 4. verschärften Arrest; 5. Prügel; 6. Krummschliessen; 7. Totschlag. Alle Haft-, Arrest- und Prügelstrafen wurden in einem besonderen Arrestraum vollzogen. Dieser liegt im Keller des Flügels C und besteht aus 13 Zellen. Jeder Arrestraum besitzt ein Gitter, welches den Gefangenen die Möglichkeit nimmt, sich der Tür zu nähern. Vor dem Fenster befinden sich zollstarke Gitter und eiserne Blenden zum Verdunkeln. Die Aufsicht über den Arrestraum ist dem Kompagnieführer Paul Ludwig, Lichtenburg, übertragen. Vertretungsweise verrichteten alle anderen Kompagnieführer den gleichen Dienst. Einzelhaft wird über Schutzhaftgefangene verfügt, die mit den übrigen Lagerinsassen in keinerlei Berührung kommen sollén. Während meiner Zeit handelte es sich ausschliesslich um SS- Leute, die aus den Bewachungsmannschaften des Lagers Dachau stammten oder um Pgs. aus den führenden Schichten der Partei. Sie waren abgesondert, im übrigen jedoch den Angehörigen in den Kompagnien gleichgestellt. Isolierhaft bedeutet Untersuchungshaft im Lager. Ihre Verhängung erfolgte gleichmässig über SS- Angehörige und Häftlinge. Gelinder Arrest wird nur von Angehörigen der Wachtruppe verbüsst. Er bedeutet lediglich Freiheitsentziehung. Im übrigen aber ist die Behandlung und Verpflegung wie in der Kaserne. Verschärfter Arrest ist das übliche Strafmittel gegen Schutzhäftlinge. Die Vollstreckung erfolgt in Zellen, deren Fens ter durch eine Blende verschlossen und damit verfinstert werden. An Verpflegung erhalten die Arrestgefangenen täglich 350 Gramm Brot mit einem Topf Wasser, an jedem vierten Tag eine warme Mahlzeit und dann 24 Stunden lang das gleiche Essen wie die übrigen Häftlinge. Dazu am Abend einen Strohsack. Die Schlafstelle besteht aus einer gemauerten Pritsche mit Holzeinlage und drei dazugehörigen Decken, die an jedem Morgen herausgelegt werden müssen. Am Tage-in vielen Fällen 42 Tage lang- ist die Zelle bis auf den Nachtkübel leer. Ein Lebenszeichen von seinen Angehörigen erhält niemand während dieser Zeit. Die frühere Uebung, Arreststrafen durch Verlesen des Arrestbefehles beim Appell der Lagerinsessen bekanntzugeben, wurde im April 1936 aufgehoben. Von da an warf der Kommandant A-88 die Schutzhäftlinge gruppenweise in Arrest. Sechs, ja neun Mann erhielten an manchem Tage verschärften Arrest. Nicht immer bestand die Möglichkeit, sie unterzubringen. Für die mit Arrest Bestraften gab es keine ärztliche Untersuchung auf Arrestfähigkeit, keine Rücksichtnahme auf Alter, Krankheit oder Gebrechen. Bei Beginn der Strafe trägt ihnen der Arrestdiensthabende eine Meldung auf, die Jedem, der die Tür öffnet, zu erstatten ist. Weigerten sich Gefangene, die Meldung wegen ihrer Unwahrheit abzugeben, so musste der Betreffende" Sport in Arrest", eine weitere Arreststrafe, Prügel oder Krummschliessen über sich ergehen lassen. Nach solchen Marterungen weigerte sich keiner mehr. Von Anfang April 1936 an wurden die Häftlinge zunächst für 4 bis 5 Tage in Arrest gesteckt und ihnen dann erst die Dauer der Strafe mitgeteilt, die mit der Verkündung zu laufen begann. Das traf besonders die Neuankömmlinge, die sofort dem Arrest verfielen. Jeden Freitag trafen 20 bis 25 und mehr ein. Selten aber verging ein solcher Tag, ohne dass nicht wenigstens einer von den" Neulingen" bestraft und sofort abgeführt wurde. Am folgenden Dienstag oder Mittwoch teilte ihm die Lagerleitung mit, dass er mit 6 Tagen verschärftem Arrest belegt sei und diese Strafe mit dem Verkünden dieses Ukas zu laufen beginne. In Wirklichkeit lagen aber schon 4 bis 5 Tage dieses Erziehungsmittels hinter ihm, so dass die erduldete Strafe nicht 6, sondern 10 und mehr Tage betrug. Selbst dort, wo sechs Wochen Arrest verhängt wurden, scheute man sich nicht, auf solche Weise mehrere Tage anzuhängen. Die befohlenen Meldungen lauteten wörtlich: " Schutzhäftling Paul Schöbel, Waldenburg: bestraft mit 6 Tagen verschärftem Arrest, weil er seinen Vorgesetzten höhnisch anlachte!"-" Schutzhäftling Walter Markus, Breslau: bestraft mit 6 Tagen verschärftem Arrest, weil er seinen Vorgesetzten frech anlachte!"-" Schutzhäftling Paul Stiegl, Salzwedel: bestraft mit 6 Tagen verschärftem Arrest, weil er seinen Vorgesetzten belogen hat!" Stiegl war Reichs bannermann. Bei einem Zusammenstoss des Reichsbanners mit der SA wurde ein SA- Mann getötet. Stiegl war dabei und wird dafür mit 4 Jahren Gefängnis bestraft. Nachdem er diese verbüsst hat, erfolgt seine Ueberführung in das Lager. Bei seiner Ankunft fragt ihn der Kommandant:" Wollten Sie den SA- Mann töten?" Stiegl antwortet:" Nein." 6 Tage verschärften Arrest verhing der Kommandant wegen dieses" Nein.' " Schutzhäftling Molsen, Berlin, bestraft mit 21 Tagen verschärftem Arrest, weil er 131,50 M aus dem Lager nach Berlin sandte. Dieser Betrag war bestimmt zum Ankauf eines Motors für die Blumenzüchterei des Molsen." Schutzhäftling Greinert, Lauchhammer, bestraft mit 6 Tagen verschärftem Arrest, weil er ein Brenngles bei sich führte." Greinert benutzte zum Lesen eine Lupe. Bei einer Leibesvisitation, die im Anschluss en den täglich stattfindenden Arbeitsdienstappell vorgenom A-89men wurde, fand man bei ihm dieses Glas. Der Lagerkommandant entschied, es sei zum Anzünden von Zigaretten und Zigarren bestimmt, also ein Brennglas. " Schutzhäftling Paul Stroh, Grenzmark, bestraft mit 21 Tagen verschärftem Arrest wegen unvorschriftmässiger Meldung." Stroh war ein völlig kranker Mensch, anfangs der 60er Jahre, körperlich schwach, magen- und nierenleidend und mit vollkommen zerrütteten Nerven. Krumm und gebückt laufend, war er das Wrack eines Mannes. Beim Betreten des Schutzhaftlagers unterliess er, den darin befindlichen Lagerführer Remmert zu fragen:" Bitte eintreten zu dürfen." Wegen Unterlassung dieser Worte erfolgte seine sofortige Abführung. 21 Tage hielten die Gewaltigen des Lagers für erforderlich, um Stroh zur richtigen Meldung zu zwingen. Der Schutzhäftling Paul Fischbock, Dessau, wurde mit Arrest bestraft, weil er sich weigerte, seinen Reichstagswahlschein anzufordern. Kurz vor der letzten Wahl im Jahre 1936 gab die Lagerverwaltung bekannt, dass diejenigen, die sich im Besitze des Wahlrechts befanden, ihren Wahlschein anfordern sollten. Das Lager sei selbständiger Bezirk mit besonderem Abstimmungsraum. Es sei somit Gelegenheit gegeben, von dem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Braukmann, Hamburg, sowie Fischbock weigerten sich, den Wahlschein zu beschaffen. Beide gehörten der 2. Kompagnie an. Dem Drängen des KompagnieOberscharführers Bräuning gibt Braukmann nach. Fischbock bleibt hart und wird dafür am frühen Morgen in Arrest geworfen. Der Abend des gleichen Tages bringt ihm jedoch die Freiheit wieder." Wir werden Dich schon weich machen", lautete die Drohung, die der Kompagnieführer Ludwig Fischbock bei seiner Entlassung mit auf den Weg gibt. Wahrlich, sie haben ihn weich gemacht. Nur wenige Tage später wird Fischbock wegen angeblich unkameradschaftlichen Verhaltens mit 10 Tagen verschärftem Arrest bestraft. Wieder sind diese Tage um. Er geht zu seiner Kompagnie und weiss, dass ihm Schlimmes bevorsteht. Dreimal 24 Stunden weilt er im Kreise seiner Kameraden die ihm helfen und ihn achten, wie kaum einen anderen, dann verhängt der Kommandant erneut 21 Tage verschärften Arrest über ihn:" Weil er zu langsam über den Hof gegangen ist." Drei Wochen, eine lange Zeit im Lagerleben, länger noch für den, der sie im Arrest verbringen muss, gehen ins Land. Wieder hat Paul Fischbock seine Strafe verbüsst und kehrt in den Kreis seiner Kameraden, die leidenschaftlichen Anteil an seinem Geschick nehmen, zurück. Jeder fragt, wie lange? Jeder sieht das Kommende, wird traurig im Nachdenken über die Dinge und fürchtet die Antwort. Eine kurze Zeit später! Die Kompagnien sind zum Abendappell angetreten. Darunter auch Paul Fischbock. Vor Beendigung desselben ruft der Arrestdiensthabende Ludwig Fischbock heraus." Erschiessen Sie mich! In Arrest aber gehe ich nicht mehr!" Gleich einem Protest gegen vergewaltigtes Menschentum klingt dieser Schrei über den weiten Hof und A-90wirkt erschütternd auf seine Schicksalsgefährten. Von Posten mit geladenem Gewehr geschleppt und gestossen, wird Fischbook in Arrest gebracht." 42 Tage verschärften Arrest, weil ich meinen Vorgesetzten angeschnauzt habe", lautete die ihm befohlene Meldung. Während dieser Tortur, mit der die Nazis den Häftling " weich" machen wollten, wurde noch eine besondere Strafe, das" Krummschliessen" über ihn verhängt, weil er sich weigerte, die Meldung zu erstatten. Die Arme wurden ihm auf dem Rücken, soweit als möglich unter die Schulterblätter gedrückt, mit Schliessketten und Schloss gefesselt. Der Körper ruhte auf den Fussspitzen und war von den Füssen bis zur Brust mittels Stricken am Gitter befestigt. So hing er mit nach vorn geneigtem Kopf am Gitter der Zelle 39. Die Pritsche dieses Unglücklichen befand sich etwa einen Schritt vom Gitter, an das er angeschlossen, entfernt. Darauf stand ein Topf mit Wasser und ein Stück Brot. Fischbock sah dies es blieb aber für ihn unerreicht, um seinen Durst zu löschen. Von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends währte diese Folter. Kleidung und Wäsche waren durchnässt und voller Kot, die Arme unbrauchbar, am Körper blaue und rote Streifen, völlig gebrochen, kam Fischbock am folgenden Morgen zum Waschen. Dort wurde ihm von dem Posten befohlen, in dem etwa 50 Meter langen Gang des Arrestkellers im Laufschritt hin und herzurennen. ABRAD Fischbock war ein unglücklicher Mensch. Etwa 1,50 m gross, am Rücken völlig verwachsen, körperlich schwach, galt all sein Denken seinem Kinde, und sein Hass der Frau, die sich von ihm scheiden liess und geschieden wurde:" Weil ihr nicht zugemutet werden könne, dass sie in ehelicher Gemeinschaft mit einem Mann lebe, der dem heutigen Staat so feindlich und ablehnend gegenüber stehe wie ihr Mann, Paul Fischbock." So in dem Urteil des Landgerichts Dessau. An der Marterung Fischbocks waren die Kompagnie führer Bräuning, Schäfer, Ludwig und Hinkelmann beteiligt. Leiter der Quälereien war der Lagerkommandant Bananovsky und sein Adjutant, Lagerführer Remmert. Prügelstrafe sollte entsprechend der Lagerordnung nur vom Inspekteur der Konzentrationslager, Gruppenführer Eicke, verhängt werden. Die Formel für diese Strafe im Arrestbefehl lautet:" 25 bzw. 50 Stockschläge auf Gesäss und Rücken." Sie enthielt ferner den Vermerk:" Vom Gruppenführer genehmigt am..." Diese Bestimmung steht aber nur auf dem Papier. Der Kommandant Bananowsky verhing die Strafe nach freiem Ermessen, ohne jemand zu fragen oder sich daran hindern zu lassen. Zur Durchführung war ein sogenannter" Prügelbock" vorhanden. Auf vier kräftigen, nach aussen gestellten Balken war eine 5 cm starke Holzplatte im Ausmass 60 x 80 cm mit einer Neigung von 35 bis 40 Grad befestigt. Durch die beiden vorderen Beine und die Platte waren starke, breite Riemen gezogen. Sie dienten zum Anschnallen und Festhalten des Körpers A-91während des Prügelns. Durch die Neigung des Bockes wird das Gesäss stark durchgedrückt. Der Kopf liegt an der tiefsten Stelle der Platte. Das Anschnallen erfolgt an den Füssen, unmittelbar über den Knöcheln, am Körper und unter den Armen. Bine Bewegung ist nicht möglich. -08. Diese Strafe wurde bis zum 1. April 1936 vor allen, im Karree angetretenen Schutzhäftlingen des Lagers vollzogen. Der Delinquent musste dazu den Bock und die Rohrstöcke 1 m lang und 1 bis 1 1/2 cm dick- aus den Keller des Arrestes, etwa 50 m über den Hof, in die Mitte dieses Karrees tragen, um sich dort anschnallen und prügeln zu lassen. Die gesamte Lagerleitung, der Arzt und ein Bereitschaftszug der Wachtruppe mit gefällten, schussfertigen Gewehren zur Sicherung waren ebenfalls anwesend. Zu den vom Kommandanten über die Schutzhäftlinge verhängten Strafen treten die unzähligen Erschwerungen und Schikanen, die von dem jeweiligen Arrestdiensthabenden gegen die Eingeschlossenen angewendet werden. Besonderes darin leisteten die Kompagnie führer Ludwig und Hinkelmann. Beide kamen sehr oft betrunken zum Dienst. Nicht selten war es, dass die Saufgelage--Kameradschaftsabende genannt-- bis zum Morgen währten. Irgend einen bezeichneten sie dann als einen" ganz grossen Lumpen", holten ihn aus der Zelle und jagten ihn, ohne Schnürriemen in den Schuhen, ohne Hosenträger oder Gürtel im Vorraum des Arrestes-einem etwa 50 m langen Gang hin und her. Mit festgehaltenen Hosen, schlotternden Schuhen an den Füssen, an körperlicher Bewegungsfreiheit gehindert, rennen die Gefangenen hin und her. Den Arrestdiensthabenden laufen sie immer zu langsam und der Befehl:" Wirst Du schneller laufen!" treibt sie immer von neuem an. Um dem nach zukommen, werfen sie die haltlos und hindernd an den Füssen hängenden Schuhe ab und wollen in Strümpfen laufen. Wüste Beschimpfungen, Drohungen wie:" Mensch, ich hau Dir eine in die Schnauze!" sind die Folge. Alle Arrestanten waren verpflichtet, jeden Morgen beim Oeffnen der Zelle die Decken herauszulegen, die sie erst am Abend zurückbekamen. Keinem war es gestattet, sich während des Tages auf die Pritsche zu setzen oder niederzulegen. Sechs weitere Tage Arrest bedrohten jeden, der sich dabei überraschen liess. Nicht wenige sind für solche Vergehen mit einer weiteren Arreststrafe belegt worden. Zu den Strafen und Erschwerungen im Arrest treten die unzähligen Schikanen, Strafdienste und Strafarbeiten, die von den" Führern" der einzelnen Kompagnien angeordnet wurden. Von der Stunde der Ankunft bis zum Tage der Entlassung machen sie einem jeden das Leben zur Hölle. Ich selbst war mit blossen Händen in der vollen Abortgrube beschäftigt, musste die Kläranlage reinigen, täglich die Müllgrube umwühlen. Auf Ab168ung war nur zu hoffen, wenn ein anderer" auffiel". Letzteres war ja so leicht. Die Hände auf dem Rücken tragen, nicht genügend rasches Laufen über den Hof, ein Wort, eine Redewen A- 92dung im Brief und viele andere solcher Kleinigkeiten genügten dazu. Wie oft kamen wir nach verrichteter Arbeit in unsere Zellen und fanden diese in einem unglaublichen Zustand: mit eingerissenen Betten, durchwühlten Strohsäcken, von den Wänden herabgerissenen Bildern, auf den Fussboden verstreuten Privatsachen und Briefen. Irgend einer dieser Würdenträger war dann mit dem Bettenbau nicht zufrieden gewesen. Dann ordneten halt 300 Mann-die übliche Stärke einer Kompagnieeine Stunde lang ihre Betten. Wir machten die Betten, die Wachposten warfen sie wieder durcheinander. Einreissen ordnen! Einreissen ordnen! Eine Stunde lang. Darüber verging unsere Freizeit am Mittag. In ähnlicher Weise beschnitt man uns die Stunden nach dem Feierabend. Unter dem Vorwand einer bevorstehenden Besichtigung des Lagers putzten die Kompagnien ihre Gegenstände, scheuerten ihre Räume. Niemals aber kam irgendein Mensch, um die Ordnung und Sauberkeit im Lager Lichtenburg zu bewundern. Wir sangen befehlsgemäss täglich nach Arbeitsschluss, wie in der Schule, eine Stunde lang Lieder. Melodien und Texte, die wir nicht liebten; marschierten an anderen Tagen die gleiche Zeit im glühenden Sonnenbrand, in Sechserreihen, nach gleichem erzwungenen Gesang in dem Hofe herum, mussten uns die Uebertragung irgend einer uns gleichgültigen Rede anhören, schälten Kartoffeln, scheuerten die Kasernen der Wachtruppe und machten" Sport". Dann wieder gibt es Alarm: Schlüssel rasseln in den Schlössern, von Posten mit Stahlhelm und schussfertigem Gewehr werden die Türen aufgerissen. In Unterhosen, barfuss, in dem Zustand, in dem wir uns eben befanden, treten die Häftlinge vor ihre Zellen. Herumrennende Posten, kommandierende Füh-Durchzählen der Gefangenen Rechnen wieder Durchzählen! Ein wüstes Durcheinander. So eine halbe, eine ganze Stunde lang. rer Körpervisitationen beim Antreten, während der Arbeit, das Suchen nach Rauchwaren, nach Feuerzeugen und Schriftstücken, ja selbst nach Brot und Lebensmitteln, wiederholtes Kurzscheren der Haare, stundenlanges mit dem Gesicht der Wand zugekehrtes Stehen an der Mauer. Rauchverbot, Entziehung der Bücher, Brief- und Paketsperre, Entzug der Freizeit, sind einige der Massnahmen, die wir ständig über uns ergehen lassen mussten. Gefürchtet war der" Sport". Junge und Alte, Gesunde und Kranke mussten dazu antreten. Lagerkommandant Reich gab im Februar 1936 dem Kompagnieführer Bräuning-einem der berüchtigten Schinder im Lager- den Auftrag:" Mit der II. Kompagnie Sport zu machen, dass sie auf den Bäuchen in die Zellen kriechen." Diese Absicht war und blieb immer Leitmotiv und alle" Uebungen" waren dazu angetan. 50 und mehrmals Kniebeuge mit vorgestreckten Armen, in erschreckend langsamen Tempo, in Hocksitz, die Hände vor den Knieen gefaltet, um A-93805 den Hof herumspringen-eine Uebung, die beim Militär verboten ist den Körper aus dem Liegestütz auf der Erde fortgesetzt heben und senken, fortwährendes Antreten mit stets Auf, Hinlegenwechselnden Richtungen und Fronten. Hinlegen Auf! Laufschritt, marsch, marschl sind einige von den Abarten der Körpergymnastik, die uns zwingen sollten," auf dem Bauche in unsere Zellen zu kriechen." Wehe.dem, dessen körperliche Verfassung diesen Anstrengungen nicht gewachsen war. Jeder Aufsichtsführende beim" Sport" war bemüht, seinen Vorgänger zu übertreffen, die Gefangenen mehr zu schinden als der andere. In diesem Bestreben wurde er unterstützt von den als Zuschauer herumstehenden Angehörigen der Wachtruppe. Vom Lagerkommandanten bis zum SS- Anwärter halfen sie bei dieser Marterung, traten die Schwachwerdenden mit den Füssen, gleichviel wohin, beschimpften sie mit:" Faules Aas, Du willst wohl nicht mehr,"-" Du verfluchtes, faules Schwein!" -" Dreckige fette Judensau!", stiessen ihm den Gewehrkolben in den Rücken, gleichgültig, ob das Opfer 60 oder 20 Jahre alt war. unter Täglich wird den aufziehenden Wachmannschaften, denen sich viele junge Menschen von 17 Jahren an befinden, vom Kommandanten eingetrichtert:" Das sind Eure Feinde! Sie können verrecken!", täglich werden sie aufgefordert, mit der rücksichtslosesten Strenge gegen uns" Lumpen" vorzugehen. Ganz anders wurde mit den Angehörigen der Wachtruppe umgegangen, wenn sie Arrest hatten. Das Recht, sie zu strafen, liegt in den Händen der einzelnen Sturmführer und des Kommandeurs des Totenkopfs turmbannes" Elbe", Sturmbannführer Reitze Vor der Einlieferung in Arrest erfolgt die ärztliche Untersuchung auf Arrestfähigkeit. Wird sie nicht ärztlich bescheinigt, oder dem Strafbefehl nicht beigefügt, dann darf der Betreffende nicht eingesperrt werden. Auch hier gibt es Abstufungen im Vollzug. Sie gleichen den geschilderten Strafarten, die gegen Schutzhäftlinge Anwendung finden. Die Verpflegung der bestraften Wachmänner ist sowohl der Menge als auch der Güte nach viel besser als die der Gefangenen. Während die Gefangenen täglich 350 Gramm Brot erhalten, bekommt ein Angehöriger der Wach truppe im Arrest looo Gramm. Verbüssen sie gelinden Arrest-eine Strafe, die niemals gegen Schutzhäftlinge verfügt wurde- so gewährte ihnen die Lagerleitung die gleiche Beköstigung wie in der Kaserne. Ausserdem dürfen sie lesen, schreiben oder sich in anderer Weise selbst beschäftigen. Dazu erhalten sie Bettwäsche und Matratze. Angehörige der Wachtruppe erhalten verschärften Arrest selten länger als 5 Tage. Nur in einem Fall betrug die Strafe 8 Tage. 3 bis 5 Tage war das übliche Strafmass. Dazu erhalten sie jeden dritten Tag volle Beköstigung, bestehend aus Morgenkaffee, Mittags- und Abendbrot, letzteres mit Butter, Wurst oder Käse, Tee oder Kakao. Für die Angehörigen der Wach truppe bestand kein Entzug der Decken, kein Verbot, währead der Tagesstunden die Pritsche zu benutzen. Der grösste A-94Teil verschlief die ihnen zudiktierte Strafe. Sie standen in vielen Fällen nicht einmal auf, wenn einer ihrer Vorgesetzten die Zelle öffnete. Mit grösster Sorgfalt achteten die Arrestdiens the bonden darauf, dass die Zellen, in denen SS- Leute lagen, besonders warm gehalten wurden." Die Gefangenen können erfrieren, unsere Leute aber müssen es schön warm haben", sagte der Kompagnief threr stets zu dem Arrestkalfaktor. Berlin: Seit einigen Monaten ist im KZ Lichtenburg wieder eine erhebliche Verschärfung erfolgt. Besonders die Ernährung 1st sehr schlecht. So gibt es für 12 Mann ein Brot, das ist ein Viertel der beim Militär vorgeschriebenen Rationen. Einige Häftlinge durchstöbern regelmässig die Müllgrube nach Abfällen der Wachtmannschaft. Die Wachtmannschaft gehört zur SS- Verfügungstruppe, Lagerkommandant war bis vor kurzem Bananowski, am gefürchtetsten war aber der stellvertretende Kommandant Rennert, früher Esterwegen. Beide hatten auch mit der Wach truppe häufige Differenzen. Schon bei der Reichstagswahl hatte es unter der SS, die gesondert von der Häftlingen wählte, 7 Neinstimmen gegeben.( Bei den Häftlingen angeblich 50% Neinstimmen). Die Wachtruppe wurde daher im Sommer ebenTalls sehr geschliffen. Anfang Oktober fand ein Rekrutenabschiedsball für diejenigen Mitglieder der Wachtruppe statt, die zum Militär einrückten. Dabei fand man Inschriften an den Wänden wie:" Gestrenge Herren regieren nicht lange" und" Gleicher Lohn und gleiche Tressen und dazu das gleiche Fressen". Der Kommandant und der Kommandant- Stellvertreter wurden kurz darauf versetzt. Besonders schlecht werden die Juden im Lager behandelt. Nach der Wahl erklärte der Kommandant, jetzt könne er die Juden nicht mehr sehen. Sie wurden darauf besonders zusammengefasst und kommen mit den übrigen Häftlingen nicht mehr zusammen. Ebenso sind diejenigen, die sich zum zweiten Mal in Schutzhaft befinden, in gesonderten Abteilungen. Diese Abteilungen werden besonders schikaniert. Im Juli ist ein jüdischer Häftling, Ignaz Manasse aus Berlin C. beim Strafexerzieren so gequält worden, dass er tot zusammenbrach. Solche Fälle sind wahrscheinlich häufiger, nur erfahren die übrigen Häftlinge davon meist nichts.. Sachsen: Im Krankenhaus St. Georg in Leipzig befindet sich ein Frauen- Konzentrationslager. Es wird berichtet, dass die Behandlung nicht gut sei. Im Polizeigefängnis in Markneukirchen wird die Verpflegung immer schlechter. Die Verwaltung erklärte, dass für die Verpflegung abermals pro Kopf und Tag 10 Pfg. weniger in Reohnung gestellt werden muss. Vor dem Umsturz betrugen die vollen Verpflegs- und Unterhaltssätze 1,40 RMk. Nachher wurden sie auf zuerst 1,04 RMK und jetzt auf 94 Pfg. pro Tag und Kopf herabgesetzt. A- 95Der Sozialdemokrat Dost, Chemnitz, Jahnstrasse, wurde 1935 verhaftet. Dost hat vor einiger Zeit im Polizeigefängnis Chemnitz Selbstmord begangen. Jetzt stellt sich heraus, dass er an der ihm zur Last gelegten Verbreitung von illegalen Zeitungen völlig unbeteiligt war. Im Zuch thaus Waldheim hat sich der Sozialdemokrat Essliger erhängt, wahrscheinlich deshalb, weil man ihm mitgeteilt hat, dass er nach Verbüssung seiner Strafe nicht freigelassen, sondern in ein Konzentrationslager überführt werden würde. Schlesien, 1.Bericht: Ende September 1934 wurde der Zittauer Sozialdemokrat Gerhard Neumann wegen angeblicher illegaler Tätigkeit verhaftet. Am 28. Juli 1936, also nach mehr als 22 Monaten Untersuchungshaft, sprach der II. Senat des Volksgerichtshofes Berlin den Angeklagten Neumann aus Mangel an Beweisen frei. Am 3. August 1936 wurde Neumann aus dem Columbiahaus Berlin entlassen. Die Erlebnisse Neumanns in der fast zweijährigen Haft sind für die Leiden vieler anderer Untersuchungsgefangener charakteristisch: Neumann wurde nach seiner Verhaftung von der Kriminalpolizei in Hirschberg verhört. Sie verlangte, er solle die Behauptungen der Gestapo über seine angebliche hochverräterische Tätigkeit durch ein Geständnis bestätigen. Als Neumann sich weigerte, wurde er mit Ohrfeigen und Schlägen mit Gummiknüppeln über Kopf und Rücken bearbeitet. Man drohte ihm, dass man seine ganze Familie einsperren würde, bis er" mürbe" sei. Neumann unterschrieb nicht. Daraufhin wurde die Prozedur am nächsten Tag eine halbe Stunde lang mit verstärktem Prügeln wiederholt. Aus vielen Wunden blutend, unterschrieb Neumann das von der Gestapo aufgesetzte Protokoll, das seinen eigenen Angaben in allen wesentlichen Punkten widersprach. Die erlittenen Verletzungen waren so schwer, dass ihn der Oberwachtmeister Schulz sofort zum Anstaltsarzt brachte und verbinden liess. Der Kopf blieb wochenlang in Binden. Am 8. Oktober 1934 endete die" Schutzhaft", Neumann, der einige Tage zuvor einen Selbstmordversuch gemacht hatte, kam ins Liegnitzer Untersuchungsgefängnis. Zunächst wurden seine Kleidungsstücke gründlich untersucht. Der Anzug wurde völlig aufgetrennt und die Sohlen und Absätze von den Stiefeln gerissen, um Beweise für Neumanns Schuld zu finden. Da es keine Gefängniskleidung gab, weil das Gefängnis stark überfüllt war, wurden Anzug und Schuhe in den Gefängniswerkstätten wieder zusammengeflickt. Die Kosten für diese Reparatur wurden Neumann von den spärlichen Geldsendungen seiner Angehörigen in 25- und 50- Pfg.- Beträgen abgezogen. Am 18. 2. 35. kam er nach Breslau in Untersuchungshaft. Die Zustände in diesem Gefängnis waren geradezu grauenhaft. Das Essen ungeniessbar, schlecht und sehr knapp, die Zelle wimmel te von Wanzen, so dass an ein Schlafen nicht zu denken war. Man konnte mit den Händen die Wanzen vom Tisch und Bett A-96herunterstreifen. Ergebnislose Vernehmungen durch den Untersuchungsrichter folgten. Seine schwerkranke Frau wurde auf Grund einer Denunziation aus dem Krankenhaus in Schutzhaft überführt und dort unter Zuhilfenahme von Gummiknüppeln" vernommen". Die Misshandlungen waren so schwer, dass Frau Neumann auf einem Auge erblindete, während die Sehkraft des zweiten Auges stark geschwächt wurde. In ihrer Not führte die Frau einen 14- tägigen Hungerstreik durch, so dass sie nach einigen Monaten Schutzhaft so entkräftet war, dass sie 50 Kilo ihres Gewichts verlor und statt 105 nur noch 54 Kilo wog. In diesem Zustand erfolgte die erneute Ueberführung Frau Neumanns ins Krankenhaus und von dort ins Marienheim, Zittau, wo sie unter ständiger Aufsicht der Gestapo stand. Endlich nach fast zweijähriger Haft- kam es zur Verhandlung vor dem Volksgerichtshof. In den sechstägigen Verhandlungen bot die Gestapo alle Mittel auf, um den Volksgerichtshof von der Schuld des Angeklagten zu überzeugen. Die älteste Tochter Neumanns wurde veranlasst, vor Gericht gegen ihren Vater auszusagen. Seine Frau war auf Grund eines ärztlichen Gutachtens vom persönlichen Erscheinen vor Gericht entbunden worden. Die Gestapo liess jedoch die Vernehmungsfähigkeit feststellen und die Frau nach Berlin schaffen. Als Frau Neumann vor dem Volksgericht erschien, war sie nicht mehr in der Lage, ihren Ehemann zu erkennen und ihre Personalien richtig anzugeben. Sie wurde nach der misslungenen Vernehmung erneut in Schutzhaft genommen und in Moabit eingeliefert. Während der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof beantragte Neumann die Ladung der Polizeibeamten, die ihn misshandelt hatten. Sie erschienen am nächsten Tag. Neumann schilderte die Misshandlungen, erzählte, wie die Unterschrift unter dem Protokoll zustande gekommen war. Der Vorsitzende fragte die Beamten. Sie gaben die Misshandlungen halb zu, meinten aber, dass es nicht so schlimm gewesen sei, wie Neumann es dargestellt habe. Sie hätten wohl den Gummiknüppel gehandhabt, aber direkte Misshandlungen... Anders verhielten sich die Beamten aus Dresden und Frankfurt a.0. Die Sozialdemokraten, die, bereits früher verurteilt in diesem Prozess als Zeugen vernommen wurden, verlangten ebenfalls Vernehmung der Kriminalbeamten, die sie misshandelt hatten. Sie nannten 14 Namen und die 14 Beamten wurden telegrafisch herbeigerufen. Die Genossen schilderten die Misshand lungen. Der Senatspräsident begann mit der Vernehmung der Beamten. Darauf trat der Gestapo beamte Dresel- Dresden, der Hauptschuldige an den Misshandlungen, vor, griff in die Brust. tasche und überreichte dem Präsidenten des Senats eine Mitteilung eines Dresdner Regierungsrats, dass den Beamten die Genehmigung zur Aussage nicht erteilt sei. Ein Verteidiger sprang auf, legte Verwahrung dagegen ein, dass ein Regierungs. rat gegenüber dem höchsten deutschen Gericht ein solches A-97Verhalten zu zeigen wage. Der Senatspräsident zuckte die Achseln; dagegen sei zunächst nichts zu machen. Der Volksgerichtshof sprach Neumann mangels Beweisen frei, aber die Gestapo verhaftete ihn. Er wurde zunächst nach Moabit und am 30. Juli nach dem Columbiahaus gebracht. Hier nahmen ihn kaum zwanzigjährige SS- Leute in altpreussische Zucht. Am 3. August 1936 wurde Neumann entlassen, ihm aber gleichzeitig mitgeteilt, dass seine Frau" sehr schwer erkrankt" sei.- Er wurde zum Krankenhaus gebracht, aber seine Versuche, sie noch einmal ins Bewusstsein zurückzurufen, waren vergeblich. Sie starb am nächsten Tag. Die Krankenschwester weigerte sich, über die Ursache der tödlichen Erkrankung Frau Neumanns etwas zu sagen. Voll Entsetzen sah Neumann, dass der Körper seiner Frau mit dicken roten Striemen bedeckt, dass ein Arm verbunden und eine Schwellung am Kopf sichtbar war--- sie war zu Tode misshandelt worden. 2.Bericht: Die Zustände im Breslauer Gefängnis Kletschkauerstrasse sind in letzter Zeit noch schlimmer geworden. Die Nahrungsmittelrationen sind bedeutend verkürzt worden und für die geringsten Kleinigkeiten werden Sonderstrafen verordnet, wobei man es besonders auf die Ersparung der Nahrungsmittel abgesehen zu haben scheint. Es gibt dann nur trockenes Brot und Wasser und nur jeden vierten Tag warmes Essen. Die Gefängniszellen sind überfüllt. Es kommen sehr viele Politische, die abgesondert werden und mit denen jeder Verkehr untersagt ist. Früher durfte alle Monate ein Brief an die Angehörigen geschrieben werden; seit einiger Zeit nur alle 6 Wochen. c) Spitzel- und Vernehmungsmethoden. Nordwestdeutschland: Sofort nach dem Umsturz wurden alle sozialdemokratischen und überhaupt nicht" zuverlässigen" Beamten aus der politischen Polizei entfernt und in andere Ressorts versetzt. Sie wurden durch Beamte, die früher schon geheim der NSDAP angehört hatten, oder durch SS- Leute ersetzt Die fachliche Eignung war dabei nicht ausschlaggebend. Trotz aller Säuberungsarbeit konnten aber doch einige unserer Vertrauensleute in der politischen Polizei bleiben. Wir haben von ihnen allerhand erfahren, nicht nur über die Stimmung in den Büros, sondern auch über die Arbeit selbst. Es ist interessant, dass sich schon bald nach dem 30. Juni 1934 Beamte der politischen Polizei in den Büros darüber unterhielten, was wohl nach Hitler komme. In unserer Grossstadt werden über 100 Agenten der Gestapo fest bezahlt, und zwar mit 50 bis 100 Mark monatlich. Darunter sind solche, die auf den Strassen, in den Betrieben usw. arbeiten, dann auch Spezialagenten für Kommunisten, Sozialdemokraten, Katholiken, Stah 1 A-98helm, Freimaurer usw. Diese festen Agenten haben einen Ausweis der Geheimen Staatspolizei und dürfen eine Schusswaffe mit sich führen. Sie sind den Polizeirevieren bekannt, in deren Bezirk sie arbeiten. Viele dieser bezahlten Agenten haben Untervertreter, die ihnen für ein paar Groschen Zuträgerdienste leisten. Meist benehmen sich diese ganz ungeschulten Leute sehr plump. Unsere Genossen wehren sich gegen diese Spitzel, die überall anzutreffen sind, dadurch, dass sie sich nur mit ihnen bekannten Menschen offen über politische Dinge unterhalten oder in so allgemeiner Form in Fragen, Andeutungen usw., dass ihnen kein Strick daraus gedreht werden kann. Das geschieht instinktiv. Beobachtungen werden von allen Gliederungen der Partei durchgeführt, und zwar in erster Linie von Nachbarn. Wir haben festgestellt, dass besonders Frauen, denen man es nicht zutrauen sollte, sich dabei betätigen, und zwar so systematisch, dass wir daraus schliessen mussten, dass es auf Anweisung geschieht. Die Bespitzelung in den Betrieben wird von den NSBO- Leuten in Verbindung mit der Gestapo durchgeführt. Leichter als die in Arbeit stehenden Genossen geraten arbeitslose Genossen in den Verdacht, politisch etwas zu tun, weil sich die Gestapo sagt, dass die in Arbeit Stehenden ja im Betrieb unter Kontrolle sind. Verdächtige Arbeiter werden dem Obmann des Vertrauensrates gemeldet, und dieser muss dafür sorgen, dass in allen Abteilungen des Betriebes Beobachter sitzen. Der Bericht über solche Beobachtungen wird über die NSBO der Gestapo mitgeteilt. Eine direkte Zusammenarbeit. der Gestapo mit dem Sicherheitsdienst( SD) der SS findet nicht statt; vielmehr wird der SD nach unseren Informationen nur zur Erkundung der Stimmung innerhalb der Parteigliederungen und zur Ueberwachung bestimmter Parteimitglieder verwandt. Es ist das Bestreben der Gestapo, in den Arbeiterkreisen selbst Spitzel zu gewinnen, weil sie nur so etwas herausbekom men kann. Gestapoleute haben uns versichert, dass die Polizei nur durch Spitzel oder durch ungeschickte Zeugenaussagen bei der Vernehmung etwas heraus bekommen könnte. Die KPD wurde früher bereits von der politischen Polizei beobachtet und dank der in der Partei vorhandenen zahlreichen Spitzel war selbst der illegale Apparat der KPD, der stets bestand, in unserem Bezirk zu jeder Zeit der Polizei bekannt. Anders ist es mit der SPD, die früher nicht von der politischen Polizei beobachtet wurde und von der lediglich im Sommer 1933 nach dem Parteiverbot durch Angabe der Sekretariate, durch Listen usw. der Polizei ein erheblicher Teil der legalen Funktionäre bekannt wurde. Da man also von früher her nicht die persönlichen Beziehungen der Genossen kennt, auf denen die illegale Arbeit beruht, sucht man Spitzel in die Reihen dieser Genosse) zu bringen. Man hat wiederholt früheren Funktionären solche Angebote gemacht. A-99Bine Genossin, früher Angestellte das..amtes, wurde zur " Von Gestapo vorgeladen und gefragt:" Wovon leben Sie?" ... Mark Renter." Devon können Sie doch nicht leben!" " Das müssen so viele andere auch können."-" Sie könnten eine Staatsstellung bekommen."" Glauben Sie denn, dass ich meine frühere Arbeit noch machen könnte?"" Sie könnten eine Stellung bekommen, die viel mehr einbringt. Sie waren früher Funktionärin der SPD und Sie kennen viele Funktionäre. Sie wissen, dass die Funktionäre noch in Kreisen zusammenkommen. Sie gehen ja selbst auch zu solchen Kreisen hin." " Davon ist mir nichts bekannt; jedenfalls gehöre ich nicht zu solchen Kreisen, und ich habe auch so gut wie keine Fühlung mehr mit früheren Funktionären der SPD."-" Na, überlegen Sie sich die Sache und wenn Sie es sich überlegt haben, dann kommen Sie bitte noch einmal wieder. Ich glaube ja, dass Sie wiederkommen werden. Auf Wiedersehen!" Bei Verhören hat man ganz unverblümt Genossen, die man für weniger intelli gent oder charaktervoll hielt, das Angebot gemacht, gegen gute Bezahlung Genossen anzugeben oder sich an illegaler Arbeit zu beteiligen, um dann die Polizei darüber zu informieren.• Aus dem Gefängnis entlassene Genossen sucht man dadurch zu gewinnen, dass man ihnen verspricht, man wolle ihnen sofort Arbeit besorgen und ihnen die Rückkehr ins bürgerliche Leben ermöglichen; alles Gewesene solle vergessen sein usw., Die Gestapo hat die Frauen von Genossen aufgesucht, die in Rüstungsbetrieben beschäftigt sind und sie gefragt, wo der Mann beschäftigt sei, was das für ein Betrieb sei, was der Mann dort für Arbeit zu machen habe usw. Wenn die Frau vorsichtig war, hiess es;" Na, Sie als Ehefrau werden doch wohl wissen, was Ihr Mann im Betrieb macht!"- Auf solche Weise versucht man Genossen, denen man sonst nichts anhaben kann, wenigstens einer Verletzung der bei der Einstellung übernommenen Schweigepflicht zu überführen. Die Frage nach der Art der Beschäftigung wird den in den Rüstungsbetrieben tätigen Genossen auch regelmässig bei Verhören schon bei der Aufnahme der Personalien gestellt. Um verdächtige Genossen zu überführen, werden keine Kosten gescheut. Die Gestapo quartiert einen Spitzel als Untermieter in demselben Haus oder in der Nachbarschaft des Verdächtigen ein. Er hat dann zu versuchen, mit dem verdächtigen Genossen in Verkehr zu kommen. Er muss ihm sagen, dass er in Magdeburg, Dortmund oder sonstwo gearbeitet habe, dort sei viel los gewesen, aber hier in dieser Stadt rühre sich ja kein Mensch. Oft gelingt es dann dem Spitzel, das Vertrauen des Arbeiters zu gewinnen, nach und nach erhält er dann eine illegale Schrift; möchte er gern selbst mitmachen, lernt er mehrere andere Genossen kennen usw. Das ist die am meisten angewandte Methode, um Fühlung mit illegal tätigen. Genossen zu bekommen. Während, in unserem Bezirk unsere Genossen auf solche Ver A-100suche kaum hereingefallen sind, weil sie streng illegal organisiert sind und sich fest an die erprobten Grundsätze des Sich- Abschliessens halten, haben die Gestapos pitzel in der KPD entsetzlich gehaust. Während wir 1935 glaubten, dass die Kommunisten an illegaler Technik unübertrefflich seien, weil sie darin Erfahrungen hatten, haben wir bald und immer wieder das Gegenteil feststellen müssen. Aus diesem Grunde lehnen unsere Genossen jede organisatorische Arbeit mit Kommunisten ab; sie freuen sich allerdings, dass hier und da kommunistische Funktionäre unsere ihnen durch Dritte zugeleiteten Schriften in ihren Kreisen verteilen. Organisatorische Verbindung mit ihnen lehnen wir ab, und zwar aus Gründen unserer Sicherheit. Der Apparat der KPD ist der Gestapo bekannt und man begibt sich also in eine Falle, wenn man sich mit der KPD gemeinsam betätigt. Nicht zuletzt die Stetigkeit unserer Arbeit und die organisatorische Zuverlässigkeit unserer Genossen, die sich nicht gegenseitig denunzieren und die zu arbeiten verstehen, hat uns bei manchem dieser früheren Kommunisten Vertrauen gewonnen. Anfang 1934 wurde eine ganze Bezirksleitung der KP verhaftet, darunter ein früherer Beamter. Dieser mir aus der Schulzeit gut bekannte Mann hatte einen Freund, der Pressechef bei der SA war. Dieser SA- Funktionär erzählte mir, er sei sofort nach der Verhaftung seines KP- Freundes zu dessen Eltern gegangen und habe dort ein ganzes Paket KP- Akten, darunter Listen mit Namen von einigen hundert Funktionären usw. weggeholt. Das sei ja eine Sauwirtschaft bei denen gewesen; er habe das nur aus persönlicher Freundschaft abgeholt, ein paar Stunden später sei die Polizei zur Haussuchung erschienen. Anfang 1935 wurden in... mehrere hundert Kommunisten verhaftet, und zwar merkwürdigerweise alles Arbeiter, die tatsächlich kommunistisch organisiert waren. Jeder von ihnen wurde überführt. Es war ein Mann im" Auftrage der Zentrale" erschienen, der die Sache ordentlich in Schwung bringen sollte. Er fand Anschluss; denn die Polizei hatte ihn zu den Leuten geschickt, die sie ganz dringend im Verdacht hatte. Der Mann arbeitete wie ein Wilder, er organisierte und brachte viele Leute zusammen. Um zu kontrollieren, ob der Mann auch die richtigen Verbindungen hatte, schrieb man im Polizeipräsidium Sachen, die dann als partei treue kommunistische Artikel in der illegalen KP- Zeitung erschienen. Vier Monate arbeitete der Mann in der Stadt und lernte während dieser Zeit den grössten Teil aller Leute kennen, die für die KP in Frage kamen. Als genug beisammen waren, fuhr die Polizei mit Lastwagen herum und holte die Leute ab. Auf der Polizei wurden sie alle dem" Abgesandten der Zentrale" gegenübergestellt, der sie sämtlich überführte. Ein Jahr später wurden in der Stedt und im Kreise zahlreiche Arbeiter verhaftet. Hier war ein Vertreter der Bezirksleitung erschienen, um ebenfalls zu organisieren. Er verkaufte Schriften in den Betrieben und auf den Baustellen, A- 101er sammelte Geld und organisierte die Arbeiter, unter denen sich auch SA- und SS- Leute befanden, die sich wahrscheinlich auf Anweisung organisieren liessen. Als genügend Leute organisiert waren, wurden auch sie sämtlich verhaftet. Diese Lockspitze lmethoden werden mannigfaltig variiert. Als die Gestapo einmal einen Posten kommunistischer Blätter beschlagnahmte, wurden SA- Leute in Zivil zu kommunistisch verdächtigen Arbeitern geschickt, um ihnen für 10 Pfg. eine Schrift anzubieten. Alle Arbeiter kauften eine Schrift, und ein paar Stunden darauf wurden sämtliche Käufer verhaftet. Häufig werden bei verdächtigen Arbeitern Schriften abgegeben; man kommt, wenn der Mann nicht zu Hause ist, und sagt der Frau:" Ihr Mann weiss schon, von wem die Schriften kommen" usw. Werden die Blätter dann nicht von dem betreffenden Genossen bei der Polizei abgeliefert, dann wird er verhaftet. Bei uns werden Schriften grundsätzlich nur von Genossen anEin Arbeitergenommen, die man persönlich genau kennt. Jugend- Genosse, der mit der KP arbeitete, wurde abends mit einem Paket Schriften zu einer bestimmten Stelle geschickt, wo ihm ein Funktionär der KP das Paket abnehmen würde, und zwar gegen ein bestimmtes Stichwort. Der junge Genosse nannte das Stichwort, aber der Funktionär war nicht von der KP, sondern von der Gestapo; er nahm ihn mit.- Eine junge Kommunistin, deren Mann ein bekannter Kurier war und kürzlich verhaftet wurde, erhielt vor einiger Zeit Besuch von einem Mann, der sich als Freund des in Berlin illegal lebenden Mannes der Frau ausgab, Grüsse von ihm bestellte und fragte, ob er nicht eine Nacht bei ihr bleiben könne; er müsse ins Ausland fliehen und werde am nächsten Tag über die Grenze gehen. Die Frau beherbergte den Mann, der ein Polizeispitzel war, wurde am nächsten Morgen verhaftet und später zu Zuchthaus verurteilt.- Bei einem früheren Funktionär der KP erschien ein Genosse und bat ihn, doch für eine Nacht einen Koffer mit Schriften aufzuheben. Der Funktionär tat es und wurde in derselben Nacht verhaftet. Solcher Beispiele gibt es viele. Diese Vorkommnisse haben in unserem Bezirk das Vertrauen zur Arbeit der KP erschüttert. Man sagt in der Arbeiterschaft: Wer mit der KP arbeitet, für den ist es nur eine Frage der Zeit, wann er hochgeht. Eine grosse Rolle spielen für die Gestapo Frau und Kinder des Verhafteten. Um Geständnisse zu bekommen, führt man dem. Verhafteten die weinende Frau und die jammernden Kinder vor; man verspricht dem Verhafteten ehrenwörtlich, dass er gleich mit seiner Familie fortgehen kann, wenn er gesteht. Mancher wird dann weich und fällt diesem grausamen Spiel zum Opfer. Dass die Gestapo ihr Ehrenwort hält, hat keiner erlebt. Bin Mann ist verhaftet, aber man sucht noch das Paket illegaler Schriften, das er bekommen haben soll. Man sagt der Frau:" Sehen sie zu, dass Sie das Paket finden, bringen Sie es uns, und Sie können Ihren Mann gleich mitnehmen. Is liegt A-102uns nur daran, die Schriften zu haben." Die Frau sucht, fragt nach im Bekanntenkreis und kann schliesslich das fragliche Paket der Polizei bringen. Aber statt den Mann freizulassen, behält man auch die Frau da, und beide bekommen einige Jahre. Viel Unheil haben eifersüchtige Frauen angerichtet, zumal wenn sie kein Verständnis für Politik haben. Es ist auch vorgekommen, dass Männer Genossen angaben, wenn sie eifersüchtig waren. Diese menschlichen Schwächen sind die Helfer der Gestapo. Und aus solchen Tatsachen ist immer wieder zu lernen, dass die Grundlage der ganzen illegalen Arbeit ein persönliches Vertrauensverhältnis derer ist, die miteinander zu tun haben. Berlin, 1.Bericht: Der Leiter der Dienststelle SPD im Gestapohaus Prinz- Albrechtstrasse ist der Kriminalkommissar Arethmann. Unter ihm arbeiten Kriminal sekretär Müller und Kriminalassistent Hoffmann. Hoffmann ist der gemeinste. Obgleich er den untersten Rang hat, kann er sich am meisten herausnehmen, weil er Mitglied der NSDAP ist. Die Vernehmung vor der Gestapo beginnt zumeist damit, dass dem Verhafteten die" Sozialistische Aktion" gezeigt und er gefragt wird: " Wo hast Du das her?" Wer abstreitet, eine Nummer der" Sozialistischen Aktion" bekommen zu haben, dem werden meist aus einer Mappe die( gefälschten) Protokolle anderer Verhafteter vorgelesen, die angeblich alles schon gestanden haben. Mir hat man bei der Vernehmung noch einen grossen Stoss von Fotografien von Angehörigen meines Betriebes vorgelegt mit der Aufforderung, Bekannte herauszusuchen. Dabei hat man auch neueingestellte Nazis unter die Fotos gemischt, die ich noch gar nicht kennen konnte, um mich auf diese Weise aufs Glatteis zu führen. Es wurde auch der NSBO- Mann meines Betriebes, ein SS- Mann, geholt, der mit den Personalkarten der Personalabteilung kam und sich sehr gemein gegen mich benahm. Auch während dieses Teils der Vernehmung wurde ich auf die Füsse getreten und am Halse gewürgt, weil ich nicht genug Leute kannte. Man hat mich dann noch in den Betrieb gefahren und mich den Arbeitern gegenübergestellt. Das war ein sehr kritischer Augenblick, weil ich fürchtete, dass einzelne an mich herantreten und mich begrüssen würden. Das wäre dann für diese Genossen sehr gefährlich gewesen. Weil das aber niemand tat, verlief diese Gegenüberstellung ergebnislos. Die Vernehmungen im Gestapohaus werden in der Regel von 3 bis 4 Beamten durchgeführt, die ein regelrechtes Kreuzverhör beginnen, aber auch mit allerlei Tricks arbeiten. Eine der dabei angewendeten Methoden ist z.B., dass zwei Beamte anscheinend nur unter sich einige Bemerkungen über den Fall des Häftlings machen wie etwa: die Sache ist ja ganz klar, der und der hat ja alles gestanden, mag der hier noch so lange leugnen, es wird ihm doch nichts helfen usw. Diese Be A-103 merkungen sind auf den Häftling gemünzt und sollen ihn dazu verleiten, von vornherein alles zuzugeben. Eine andere Methode ist, hinter dem Rücken des Häftlinge einen anderen here inzubringen, dann den Häftling plötzlich herumzureissen und ihn dem anderen gegenüberzustellen. Auf diese Weise will man den Verhafteten überrumpeln. Zwischen den Vernehmungen müssen die Verhafteten stundenlang auf dem Korridor stehen, während andere Mitverhaftete zur Vernehmung hereingerufen werden. Nach dieser quälenden Wartezeit werden sie dann wieder vernommen und man sagt ihnen, der inzwischen Vernommene hätte bereits alles ausgesagt. Dabei ist mir persönlich ein Fall bekannt, in dem der andere in der Zwischenzeit überhaupt nicht vernommen wurde, sondern einfach im Vernehmungszimmer warten musste. 2.Bericht: Die Methode, Spitzel in die Zelle zu schicken, die sich als Gefangene ausgeben, um dadurch etwas zu erfahren, wird noch sehr häufig angewandt. Binem Gefangenen wurde durch seinen" Mitgefangenen" gut zugeredet, doch ein Geständnis abzulegen, es sei doch viel besser für ihn und er würde danach entlassen. Als dies keinen Erfolg hatte, verliess der " Gefangene" die Zelle mit den Worten:" Na, dann werden wir uns woanders sprechen und dort wirst Du schon reden!" Am anderen Tag wurde der Gefangene abgeholt und schwer misshandelt, ein Geständnis konnte die Polizei aber auch dadurch nicht erzwingen. 3.Bericht: Mein Zellengenosse kam mir von vornherein etwas verdächtig vor, weil er gleich alles von mir wissen wollte. Obgleich der Mann das ziemlich plump anfing, besteht doch eine gewisse Gefahr, dass man ihm wider Willen etwas sagt, denn nach den langen Wochen der Einzelhaft hat man ein ausserordentlich starkes Bedürfnis, überhaupt wieder einmal mit einem Menschen sprechen zu können. Ich habe mich aber zusammen genommen und kurze Zeit darauf bot sich auch eine Gelegenheit, dass mich ein kommunistischer Gefangener vor meinem Zellengenossen warnen konnte. Nach einigen Wochen kam der Mann weg und nach seinem Auszug fand ich einige Zettel mit Entwürfen über das, was er über seine Ausfragerei aussagen wollte. 4.Bericht: Wenn ein Journalist an einem Hochverratsprozess als Berichterstatter teilnehmen will, muss er von Fall zu Fall einen Antrag mit Lichtbild stellen. Mit welchen Spitzelmethoden gearbeitet wird, zeigt folgender Fall: Vor einiger Zeit hat man einen Verhafte ten unter entsprechender Bewachung einen ganzen Tag lang vor einem Betrieb auf und abgehen lassen und dabei beobachtet, welche Betriebsangehörigen ihn grüssten oder ihm auch nur zulächelten. Diese Leute hat man dann verhaftet.. A-1045.Bericht: Wir haben Nachrichten, dass Nazi- Leute von der Gestapo ausgebildet worden sind und noch unterrichtet werden, um Meckerern und Staatsfeinden das Handwerk zu legen. Damit wird bei uns die Neuorganisierung der Naziorganisation in Verbindung gebracht. Mit dieser Reorganisation ist auch eine Neu- Aufteilung der Häuserblocks in Berlin verbunden. Die Kontrolle der Einwohner ist jetzt sehr viel besser durchorganisiert worden. Das System der Hauszellen oder Blockwalter ist sehr verbessert worden. Im Prinzip soll es in Zukunft so sein, dass ein Vertrauensmann der Nazis nur 4 bis 5 Familien unter sich hat und sie individuell betreut. Natürlich wird das eine Schnüffelei in grössten Masse werden. Zu diesem Spitzelsystem sind eine Unzahl Menschen erforderlich. Wie sie die zusammenkriegen wollen, ist mir ein Rätsel. Das Ganze läuft unter dem Deckmantel der Wohlfahrt. und wird als Sache der NSV getarnt. Allerdings ist die ganze Geschichte noch nicht recht durchorganisiert. In Bezirken, in denen aktive NSV- Leute sitzen, hat man bereits begonnen; in anderen ist überhaupt noch nicht der Anfang gemacht worden. Die Gestapo veranstaltet in diesen Monaten wieder Rundfragen bei unseren ehemaligen Gewerkschafts-, Partei-, Behördenusw.-Funktionären und erkundigt sich nach allem möglichen, so z.B. danach, wovon sie leben, was sie tun, ob sie beschäftigt sind, ob sie Reisen gemacht haben usw. Als Grund für diese lästige Ausfragerei wurde in dem einen oder anderen Falle angegeben, dass über alle ehemaligen Funktionäre der Arbeiterbewegung Kartothek- Karten angelegt seien, die von Zeit zu Zeit wieder vorgelegt und überprüft oder ergänzt würden. Die Aussenbeamten erhalten dann die Anweisung, die Nachforschungen aufzunehmen. Seit dem 1. Oktober 1936 hat jeder Hauswart für jeden Hauseinwohner eine sogenannte Hauskarte anzulegen, auf welcher Vor- und Zuname des Familienoberhauptes, der Geburtsname der Frau, der Kinder, gegliedert nach dem Alter bis zu 12 Jahren und über 12 Jahre; Religion, ob arisch oder nichtarisch. Weiter muss angegeben werden, in welchen Parteiorganisationen bzw. Gliederungen die Familienmitglieder tätig sind oder Beiträge zahlen. Gefragt wird:" Was zahlt die Familie in die NSV, zur Winterhilfe, zur Hitlerspende?" Falsche und unrichtige Angaben werden mit harten Strafen bedroht. 6.Bericht: Die Spitzeltätigkeit wird nach gleichlautenden Beobachtungen immer besser ausgebaut. Es kann festgestellt werden, dass die Polizei bei ihrer Arbeit gegen die Staatsfeinde mit immer überlegteren Methoden arbeitet. Vor allem greift sie nicht sofort zu, wenn sie Staatsfeinde vermutet, sondern wartet ruhig ab und lässt sich alles erst einmal entwickeln. Es ist uns bekannt, dass die Polizei in einem Fall die Tätigkeit einer illegalen Gruppe ziemlich genau kennt, sie hat aber bis heute noch nicht zugegriffen. Da die A- 105Leute nicht genau wissen, was die Polizei weiss, ist es für sie sehr schwer, sich zu schützen. Die Hauszellenwarte sind aufgefordert worden, ihre Karteien zu überprüfen und richtigzustellen. Die Bespitzelung der Hausbewohner soll offenbar verstärkt werden. Von der Geheimen Staatspolizei sind nach und nach über die gesamte Bürokratie und das Militär, bis zum Hauptmann, politische Personalakten angelegt worden. Die Aufbewahrung soll ausserordentlich raffiniert gesichert sein. Rheinland, 1.Bericht: In Aachen hat man eine Reihe von Arbeitslosen, die auf öffentlichen Plätzen ihre politischen Ansichten ausgetauscht haben, verhaftet. Die Gestapo hat sie lange beobachtet und dann zugegriffen, nachdem sie festgestellt haben will, dass man sich sehr eingehend über Spanien unterhalten hatte. 2.Bericht: In vielen deutschen Zeitungen findet sich in letzter Zeit folgendes Inserat: Wir fuchen Moch 2-3 Darren( auch Damen) für den Außenbien bef hoben Berbienflmöglichkei ten. Be Eignung feste Anstellung! Richt fachleute erhalten Anleitung. Ernsthafte Bewerber melben fo mit Ausweispapieren bei Firma Deinrich 2 eenders, Aachen, Augustastraße 36. 1069 Anternal. Speditionsge/ wulf Meldet sich jemand auf das Inserat, so passiert es häufig, dass die Gestapo nach einiger Zeit erscheint und sich den Interessenten näher ansieht. Man vermutet, dass diese Inserate im Einverständnis mit der Gestapo aufgegeben werden, um so Leute zu fassen, die gern eine mit vielen Fahrten verbundene Stelle annehmen möchten, um dabei auf dem Lande illegale Verbindungen anzuknüpfen. Es ist auch wiederholt vorgekommen, dass diejenigen, die sich entsprechend der Anweisung im Inserat schriftlich meldeten, auf dem Arbeitsamt ihre Bewerbungsschreiben wiederfanden und sie dort gehörig ausgefragt wurden. Die nationalsozialistische Partei hat ihre untersten Organe, die Blockwarte, angewiesen, alle Haushaltungen aufs Genaueste zu bespitzeln und zu überwachen. Das auf den Seiten 106 und 107 wiedergegebene Dokument zeigt, wie das geschieht. Es ist eine Karto thekkarte, die in Westdeutschland über jede Haushaltung geführt wird. Militärverhältnisse: a) Soldat gewesen: von bei welchem Truppenteil: b) Kriegsbeschädigt? ja nein. abgegangen als:. c) Orden und Ehrenzeichen: bis Bezieher folgender Zeitungen Besitzt der Angefragte eine Hakenkreuzfahne? Welches Rundfunkgerät? Sonstige Vereinsangehörigkeit? Welches Amt hat er in dem Verein inne? WB VB IB Sonstige I Anschließend sind ausführlich die Verhältnisse der Familie sowie die politische Zuverlässigkeit, jetzige und frühere Einstellung der Angefragten genau zu schildern. Datum: Unterschrift des Zellenleiters: A-107 A- 108Südwestdeutschland, 1.Bericht: Uns wird von verschiedenen Verurteilten übereinstimmend mitgeteilt, dass neuerdings Anrechnung der Untersuchungshaft nur noch vom Zeitpunkt des Geständnisses an erfolgt. Damit soll auch auf künftige Angeklagte schon ein gewisser Druck ausgeübt werden, gleich bei der Verhaftung zu gestehen, um eine frühere Entlassung für sich herauszuschlagen. Die Grenzbewachung hat sich erneut verschärft. Zwischen den schon bestehenden Schutzhäuschen wurden neue errichtet. Das Personal wechselt in kurzen Abständen, um nicht mit. der Grenzbevölkerung bekannt zu werden. Die Kontrolle der Passanten ist sehr scharf, so dass immer weniger Franzosen sich diesen Unannehmlichkeiten aussetzen wollen. Der früher stillgeduldete illegale Grenzübertritt der deutschen Grenzbevölkerung ist fast unmöglich geworden. Die auferlegten Strafen haben abschreckend gewirkt. Junge Männer werden, wenn sie in der Nähe der Grenze erwischt werden, sofort als Deserteure verdächtigt. Sie bekommen weder Pässe noch Grenzscheine. In letzter Zeit sind viele Pässe eingezogen worden, so dass auch der legale Grenzübertritt verringert wurde. Neuerdings werden auch die Postämter stark bespitzelt. Der Schalterverkehr steht immer unter einer gewissen Bewachung. 2.Bericht: Bei der..fabrik in X. hatten die SA- Männer den Auftrag, die früheren politischen Gegner auszufragen, was sie über Spanien denken. Ein SA- Mann, der recht unzufrieden ist und gern aus der Schule plaudert, hat dies brühwarm einem Oppositionellen erzählt, und dieser hat dann gleich alle jene gewarnt, die als Auszufragende in Betracht kommen könnten: Bayern: In München bekamen alle Radiohörer ein Formular zum Ausfüllen, in welchem sie mitteilen mussten, wie stark ihr Rundfunk- Apparat ist, welche Sender man hören kann, welche am liebsten abgehört werden, ob man sie gut hört und welche Sender unter den ausländischen Stationen gehört werden. Radio- Apparate mit Kurzwellenempfang müssen unter Angabe der zu hörenden Wellenbänder besonders aufgeführt werden. 料 Sachsen, 1.Bericht: Die Bespitzelung aller Bevölkerungsschichten durch den Luftschutz ist jetzt sehr stark. Durch die Haus- und Blockwarte steht jede Familie unter scharfer Kontrolle. Die Hauswarte müssen jede Woche einen genauen ausführlichen Bericht über die Haltung und Stimmung der einzelnen Hausbewohner an die vorgesetzte Stelle einreichen. Auch in den Siedlungen an der Peripherie von Dresden hat die Spitzeltätigkeit sehr stark zugenommen. Dort wohnen ja meist Arbeiter und kleinere Angestellte, die dem Regime am gefährlichsten erscheinen. So wurden z.B. jetzt in verschiedenen A- 109Siedlungen Familien, die als Meckerer bekannt sind, ausquartiert und in deren Wohnungen SA- und SS- Leute einquartiert, die nun die ganze Siedlung im Sinne des Nationalsozialismus propagandistisch bearbeiten müssen. Ausserdem bespitzeln diese Leute natürlich, wo sie nur können. 2.Bericht: Der Gastwirt Kurt Richter, Chemnitz- Gablenz, Gasthaus Wartburg ist vor einiger Zeit verhaftet worden. Er hatte verbotene Bücher, die ihm in einem Paket überbracht worden waren, in Verwahrung genommen, ohne zu wissen, was das Paket enthielt. Als die Gestapo zur Verhaftung kam, sagte sie Richter auf den Kopf zu, dass er verbotene Bücher im Besitz habe. Es wird vermutet, dass hier Spitzelarbeit vorliegt. In der Wartburg verkehrten früher oft Arbeiter. Richter wurde zu 2 Jahren, 9 Monaten Zuchthaus verurteilt. 3. Bericht: Die Grenzverhältnisse haben sich in der letzten Zeit wieder verschlechtert. Die Patrouillen sind häufiger, die Posten strenger. Eine Neuheit: die Grenzer stehen nicht nur auf der Strasse, sondern auch abseits bei den kleinen Grenzübergängen, manchmal gedeckt in der Flur. Im Grenzgebiet Oberwiesenthal- Bärenstein sind die Finanzer zum grössten Teil ausgewechselt worden. Die von der SS, oder vereinzelt auch von der SA, Eingestellten sind abgelöst worden von Versorgungsanwärtern der Reichswehr, die in auffällig starker Weise dem Grenzdienst zugeteilt werden. Schlesien, 1.Bericht: In Oberschlesien wurde eine Reihe ehemaliger Sozialdemokraten polizeilich vernommen und dann wieder freigelassen. Man wollte von ihnen wissen, ob die Genossen noch zusammenkommen oder ob jemand aus dem Auslande bei ihnen war. In A. wollte man von den Leuten die" Sozialistische Aktion" haben, da sie doch unter den Marxisten eifrig kolportiert werde. In B. sind gleichfalls frühere Sozialdemokraten zur Polizei gerufen und beschuldigt worden, Verbindung mit dem Auslande zu haben und ferner den Moskauer Sender zu hören. 2. Bericht: Die SS- Männer und Hilfspolizisten Reinelt, Klose, Frobel, Winzek, Papst und der Hauptwachtmeister Kroll, sämtlich Breslau, haben sich besonders bei Misshandlungen von politischen Häftlingen ausgezeichnet. Der Hilfswachtmeister Knebel- Breslau hält sich zeitweise in der Seidenberger Gegend auf und treibt dort Spitzeldienste. In der Gestapo zentrale Breslau arbeiten die Kriminalsekretäre Spittler, Franz und Synowitz. Diese Beamten waren besonders an den Misshandlungen von verhafteten Strasserleuten aus Breslau beteiligt. 3. Bericht: Bei einer Lehrer- Fachschafts- Sitzung in C. erschien Anfang Oktober ein höherer Beamter, angeblich aus A-110Oppeln und hielt einen Vortrag über die Bekämpfung der Miesmacher. Bei dieser Gelegenheit wurde den Lehrern bekanntgegeben, dass bei ihnen Beamte der Polizei erscheinen werden, denen sie genau Bericht zu erstatten haben und deren Aufträge auszuführen seien. Tatsächlich erschienen dann in Volksschulen in D. Gestapo beamte und forderten von den Lehrern, dass sie die Kinder ausfragen sollen, ob man den Moskauer Sender höre, was darüber gesprochen werde, wer zu den Eltern komme, über was man sich unterhalte und was für Zeitungen gelesen würden. Die Kinder sollten sich besonders die Titel merken. In einzelnen Fällen wurden Namen der Kinder angegeben, die besonders auszufragen sind. Die Lehrer sind einheitlich der Meinung, dass man sie als Spitzel gegen die Bevölkerung missbrauchen will, zumal deutlich gesagt wurde, dass man es geschickt anstellen müsse, um alles aus den Schülern herauszuholen. Auch in den Werkstätten werden vielfach Beobachtungen gemacht, dass plötzlich eine Neueinstellung erfolgt, der Mann einige Tage tätig ist, dann aber wieder ausbleibt. Dies sind Gestapobeamte, die mit bestimmten Aufträgen in den Betrieb kommen. In Hindenburg sind in den letzten Wochen eine Reihe von Baracken aus der" Systemzeit" abgetragen worden. Die Familien wurden gegen ihren Willen mit anderen Arbeitslosen zusammengelegt und es wurde ihnen in Aussicht gestellt, dass sie eine Wohnung erst dann erhalten würden, wenn sie sich gegenüber Nachbarn bewährt hätten. Man fordert von ihnen Spitzeldienste und brachte sie deshalb nur bei solchen Arbeitslosen unter, die" staatsfeindlicher Gesinnung" verdächtig sind. Auf der Strecke Breslau- Gleiwitz wurde eine Zug- Postkontrolle eingerichtet, angeblich deshalb, weil hier Briefe mit illegalen Schriften festgestellt und beschlagnahmt wurden. Alle Briefe, die auf dieser Strecke in die Postzüge geworfen werden, werden kontrolliert. P. Urbanietz, Hindenburg, früher Gymnasialstrasse, ist Polizeispitzel und wurde nach Neukirch versetzt. Er ist auch wiederholt ins Ausland geschickt worden. 4. Bericht: Die beiden Töchter des Sozialdemokraten G. Neumann, Zittau, wurden, da die Eltern verhaftet waren, von der Gestapo" betreut". Die Mädel, 10 und 15 Jahre alt, wurden in die Obhut eines SA- Scharführers gegeben. Im Hause dieses SA- Scharführers verkehrte ein zweiter SA- Scharführer namens Hebetanz. Dieser Freund des" Vormunds" der beiden Kinder verführte die noch nicht 16- jährige Tochter Neumanns und erzwang von ihr ein" Geständnis" über die hochverräterische Tätigkeit der Eltern. Dieses" Geständnis" verwandte die Gestapo auch in der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof. A-1115.Bericht: In einem Prozess vor dem Volksgericht wurden die Methoden der schlesischen Gestapo, belastendes Material zu beschaffen, enthüllt. Einer der Angeklagten unterhielt nahe der Grenze ein Heirats- und Grundstücks- Vermittlungsbüro. Er inserierte auch in sudetendeutschen Zeitungen. Die schlesische Gestapo hat etwa ein halbes Dutzend tschechoslovakischer Staatsbürger veranlasst, auf diese Inserate zu antworten und ihn zu besuchen. Sie waren beauftragt, ihn oppositioneller Aeusserungen und Handlungen zu überführen. Die deutsche Polizei hatte ihnen, wie sich aus den Aussagen der Beamten vor dem Volksgericht ergab, Beträge zwischen 30 und 50 Mark gegeben, mit denen sie die Vermittlungsgebühren, die der Angeklagte erhob, bezahlten. Die von den Beamten genannten Namen befanden sich sämtlich in den Kassenbüchern des Angeklagten als Kunden verzeichnet. 6.Bericht: Der Sozialdemokrat X. war schon vor seiner Verhaftung beobachtet worden. Die Gestapo hatte festgestellt, dass er in Y. mit jemanden in Verbindung getreten war. Er sollte sagen, wo der Betreffende wohne. Sein Gedächtnis funktionierte absolut nicht. Schliesslich, nachdem er zum x- ten Male aufgefordert war, erklärte er sich bereit, zu versuchen, das Haus wiederzufinden, wenn er durch die Strassen geführt werde. Vier Tage lang führten ihn die Kriminalbeamten durch die Strassen von Y. Dann wurde es ihnen zu dumm, da sich der Verhafte te durchaus nicht mehr auf das Haus besinnen konnte. Zu dem Vater eines verhafteten Kommunisten aus Biskupitz kam ein angeblich früherer Mitinsasse des Gefängnisses, der erzählte, dass der verhaftete Z. alles preisgegeben habe. Es stellte sich erst später heraus, dass diese Angaben fingiert waren, um Z. bei den Illegalen unmöglich zu machen. 2) Der Terror gegen die Juden Der Kampf gegen die Juden in Deutschland beschränkte sich im ersten Halbjahr 1936 wegen der Olympiade auf zahlreiche unauffällige Behördenmassnahmen und" Einzelaktionen". Sehr bald nach Abschluss der Olympiade wurde aber die zentral geleitete antisemitische Agitation wieder aufgenommen. Im Mittelpunkt des Nürnberger Parteitags stand die antisemitische Hetze gegen Sowjetrussland. Goebbels, Alfred Rosenberg und andere hielten Referate über den" jüdisch- bolschewistischen" Weltfeind. Am 3. und 4. Oktober tagte-unter dem Vorsitz des( inzwischen A-112abgesetzten) Staatsrats Professor Dr. Carl Schmitt-- die Reichsgruppe Hochschullehrer im NS- Rechtswahrerbund. Auf der Tagesordnung stand ein einziges Thema:" Das Judentum in Rechts- und Wirtschaftswissenschaft." Am 19. November wurde an der Universität München die" Forschungsabteilung zur Juden. frage" des" Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands" feierlich eröffnet. Der im Vezember in Chur geführte Prozess gegen den jüdischen Attentäter David Frankfurter diente der deutschen Presse als Anlass für eine grosse antisemitische Aktion. Sie beschimpfte das Schweizer Gericht, fälschte die Prozessberichterstattung und versuchte, die Tötung Gustloffs durch Frankfurter als das Werk einer all jüdischen Verschwörung hinzustellen. Besondere Aktivität im Kampfe gegen die Juden entfaltet nach wie vor" Der Stürmer", das antisemitische Hauptorgan. Julius Streicher liess zum Parteitag eine umfangreiche Sondernummer," Weltverschwörer" erscheinen, die einen Auszug aus den" Protokollen der Weisen von Zion" enthielt. Seit einiger Zeit berichtet das Blatt regelmässig über die Neueinrichtung von" Stürmer"-Aushangkästen. Eine Durchsicht der letzten 8 Nummern hat ergeben, dass in diesen zwei Monaten 131 neue " Stürmer- Kästen errichtet wurden, darunter am Städtischen Krankenhaus, Darmstadt, an der Volksschule Gaussig, an der Volksschule Gehlweiler, am Bürgermeisteramt Pappenheim und an anderen staatlichen und städtischen Gebäuden. Auf den Seiten 113 und 114 sind Reproduktionen eines Flugblattes und aus einer 16- seitigen Werbebroschüre des " Stürmer"-Verlages wiedergegeben. Wir haben in diesen Berichten wiederholt( zuletzt in Heft Nr. 8/1936, Seiten A 12 ff.) Material über Judengegnerische Massnahmen veröffentlicht. Im folgenden geben wir eine Anzahl neuerer Erlasse oder Verordnungen von Behörden und letztinstanzlicher Gerichtsurteile wieder, die gegen die Juden geichtet sind. A-114Der Stürmer Der Stürmer ist der treue Wächter des deutschen Volkes schützt Dich vor jüdischer Ausbeutung HEUTE prima ( trefol Hack fleisch the billy Stopf gans OST DEVISEN Es hat der Teufel viele schon beftodhen- Auf Jeinen Leim ist Klein und Groß gekrochen- Er macht auch nicht vor Klostermauern haltDenn wer ihn nicht durchschaut, verfällt ihm allzubald Alles was groß, hoch und heilig war, hat der Jude in den Staub geriffen ( Rede des Führers: 21. 8. 1924) Ohne Was willfte mit ä Kah. Fang mer die Ratten mit der Falle und machen Hackfleisch davon. Der Goi feißt alles, wenn es nur billig ist Der Jude wird immer and ewig der geborene Privatkapitalist allerschlimmster ( Rede des Führers: 28.7. 1922) ausbenterister Art Jein. Die Juden sind unser Unglüdl Lösung der Judenfrage teine Erlösung des deutschen Volkes! Julius Treicher. O Weil ihre Lieb gilt dem deutfchen Mann, der anderer Kon feffion, trifft fie der römischen Kirche Fluch Doch dem getauften Jud, der fich erfchlich des deutschen Mäde chens Gunft, thm wird zutell der Kirche Gegen Die Sünde wider Blut und Raffe ift die Erbfände dieser Welt und das Enda ( Adolf Hitler: Mein Ramp einer fich the ergebenden Menschheit. Der Reichserziehungsminister Dr. Rust hat Nichtariern die Erteilung von Privatunterricht und die Leitung von Privatschulen verboten. Der Reichs- und Preussische Landwirtschaftsminister hat angeordnet, dass Juden als Buchmacher und Buchmachergehilfen nicht mehr zugelassen werden dürfen. Jüdische Medizinalpraktikanten dürfen laut Anweisung des Reichs innenministers nur noch in jüdischen Krankenhäusern A-115 tätig sein. Der Reichsverband der deutscher Zeitungsverleger hat angeordnet, dass Israelitische Gottesdienstnachrichten nicht mehr in der deutschen Presse veröffentlicht werden dürfen.- Juden dürfen laut Verfügung des Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung nicht mehr Beisitzer in den Spruchausschüssen der Arbeitsämter sein. Nach einem Erlass des Chefs der deutschen Polizei, Reichsführer SS Himmler, dürfen in jüdischen Gaststätten keine deutschblütigen weiblichen Angestellten mehr beschäftigt werden.- Die jüdischen Kunsthändler haben von der Reichskulturkammer die Weisung erhalten, sich ihrer Bestände in kürzester Zeit zu entäussern.- Für Kosten, die durch Inanspruchnahme von jüdischen Aerzten, Rechtsanwälten usw. entstanden sind, werden gemäss einem Runderlass des Reichsministers des Innern keine Unterstützungen an Behördenangehörige mehr gezahlt. Ferner werden Atteste jüdischer Arzte nicht als ausreichend angesehen. Die jüdischen Organisationen und privaten Handelsunternehmen erhielten von den Behörden die Weisung, alle jüdischen Angestellten, die Ausländer sind, zu entlassen. Sämtliche jüdischen Zeitungen erhielten die Mitteilung, dass sie ab 1. Oktober 1936 der Reichspressekammer nicht mehr angehören und der Kontrolle des Kulturkommissars Hans Hinkel unterstellt werden. Gleichzeitig wurde die Jüdische Telegraphen- Agentur in Berlin aus der Vereinigung der Nachrichten- Agenturen in Deutschland ausgeschlossen. GOD Die Tätigkeit der jüdischen Kulturbünde ist stark eingeschränkt worden. Im Herbst wurden die leitenden Männer verhaftet, anderen wurde Sprechverbot auferlegt. Theaterstücke, die als" deutsches Kulturgut" betrachtet werden, aber auch solche, die das Judentum verherrlichen( Lessings" Nathan der Weise" u.a.) dürfen von jüdischen Organisationen nicht aufgeführt werden.- Für ganz Deutschland sind acht jüdische Schulen behördlich als höhere jüdische Schulen anerkannt worden. Das Gesetz unterscheidet zwischen geschützten( Frontkämpfer-) Kindern und nichtgeschützten( Nicht- Frontkämpfer-) Kindern. Die Unterscheidung ist wichtig, weil nur geschützte Kinder in unbeschränkter Zahl übernommen werden dürfen, für die nichtgeschützten setzt dagegen das Oberpräsidium jedes Jahr eine Quote fest.- Mit Genehmigung des Ministeriums für Kultus und Unterricht ist in Karlsruhe eine Volksschulabteilung für jüdische Kinder errichtet worden. Amtlich wird mitgeteilt, dass die Bamberger Volksschulen judenfrei geworden seien. Für die jüdischen Kinder wurde in der Synagoge eine eigene Schule eingerichtet.- Die thüringischen Behörden haben angeordnet, dass aus den Schulräumen alle Bilder zu entfernen sind, die die Geschichte der Juden im Alten Testament illustrieren. Gleichzeitig wird den Schulleitern empfohlen, sich im Religionsunterricht in möglichst hohem Masse des" Stürmers" zu bedienen.- Das Kultusministerium hat die die Judenfrage und das Rassenproblem behandelnden Kapitel in Hitlers" Mein Kampf" ala Sohul- und Jugend- Lektüre separat A-116herausgegeben. Das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus hat verfügt, dass bei den Lehramtsprüfungen die Rassenkunde einbezogen werden soll. Auf Veranlassung des Reichsrechtsführers, Reichsleiter Dr. Frank, hat das Amt für Rechtsschrifttum im Reichsrechtsamt der NSDAP ein Verzeichnis jüdischer Rechtsautoren in Angriff genommen. Im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers und dem Reichsinnenminister wurde bestimmt, dass die jüdischen Ruhestandsbeamten, die noch Mitglied des Reichs bunds der deutschen Beamten waren, ausscheiden müssen. Sie verlieren sämtliche für Beamte bestehenden Rechte und Vergünstigungen. Der Bremer Israelitischen Gemeinde wurde der von ihr seit 30 Jahren zu Gottesdiensten benutzte Union- Saal entzogen. Der Bürgermeister von Ellwangen hat angeordnet, dass in Zukunft Juden und solche Personen, die mit Juden Geschäfte tätigen, auch politisch Unzuverlässige und solche, die sich gegen die Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung ablehnend verhalten, vom städtischen Grundstück serwerb sowie bei Verpachtungen ausgeschlossen bleiben. Der stellvertretende Bürgermeister von Schramberg hat bekanntgegeben, dass ein" Judenmarkt" geschaffen werde, auf dem die Stände von den anderen Standinhabern getrennt sind. Die Stadtverwaltung in Sonnenburg( Neumark) hatte den jüdischen Händlern auf dem Jahrmarkt einen abgesonderten Platz zugewiesen, damit sie nicht zwischen den anderen Ständen ihre Buden aufbau ten. Die Juden blieben darauf dem Jahrmarkt fern. Die Stadtbehörden von Leipzig haben das Denkmal für Felix Mendelssohn- Bartoldy entfernen und zerstören lassen. Den nichtarischen Deutschen wurde ver bo ten, auf deutschen Golfplätzen zu spielen. Die Reichsbahndirektion Regensburg hat den nach dem Juden Bettmann benannten Bahnhof Bettmannssäge mit Wirkung vom 1. September 1936 in" Regentalsäge" umbenannt. Auf Anordnung des Oberbürgermeisters ist in Dresden der " Jüdenhof" in" Neumarkt" umbenannt worden. Das Amtsgericht Leipzig hat die Erbe insetzung eines Juden durch einen Deutschen unter Umgehung der gesetzlichen Erben für nichtig erklärt. Das Landgericht Berlin hat entschieden, dass ein der NSDAP angehörender Rechtsanwalt einer jüdischen Partei nicht als Pflicht- oder Armenanwalt beigeordnet werden darf.- Der Reichsfinanzhof hat die Vertretung eines arischen Steuerpflichtigen durch seinen jüdischen Nach einer Rechtsberater als rechtsunwirksam abgelehnt. Entscheidung des Rechtspflegers beim Amtsgericht Worms sind Nationalsozialisten berechtigt, bestellte Waren nicht abzunehmen, wenn der Lieferant Jude ist. Ein jüdischer Arzt und Sanatoriums inhaber übertrug nach seiner Auswanderung die Leitung seines Sanatoriums einem Stellvertreter. Diesem wurde jedoch die Erteilung der Konzession zum Betriebe des Sanatoriums verweigert. Die gegen diese Entscheidung erhobene Klage des jüdischen Arztes wurde vom Landesverwaltungsgericht Schwerin abgewiesen, weil der Arzt durch das Verlassen Deutschland seine staatsfeindliche Gesinnung bewiesen habe. - Das Suchsische Oberverwaltungsgericht hat die Steuerbefreiung( Aufwertungssteuer) für die Schulräume eines jüdiDer Sche inverkauf eines jüschen Schulvereins abgelehnt. dischen Geschäfts an arische Angestellte ist nach einer Entscheidung des Kammergerichts unlauterer Wettbewerb und strafbar. Die jüdische Firma F. Levy& Sohn nahm einen arischen Teilnehmer auf und wollte sich in" H. Lehmann& Co" umbenennen. Das Kammergericht bezeichnete diese FirmenändeDas Oberlandesgericht in Marienwerrung als sittenwidrig. der erklärte in einer Urteilsbegründung: " Diejenigen Volksgenossen, die noch heute beim Juden kaufen, sind kein Teil des deutschen Volkes, der die öffent liche Meinung darstellt. Die deutsche öffentliche Meinung vertritt vielmehr die Auffassung von dem sittlichen Unwert des Einkaufs bei einem Juden." BL Die Kündigung eines jüdischen Beschäftigten ist laut Urteil des Amtsgerichts Hanau keine unbillige Härte, wenn er nieEin städtischer Arbeiter in Hamm war mals arbeitslos war. entlassen worden, weil seine Frau bei einem Juden eingekauft hatte. Das Arbeitsgericht wies die Widerrufsklage des Entlassenen ab. Ein arischer Angestellter eines Verbandes wurde entlassen, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Seine Klage wurde vom Landesarbeitsgericht Berlin abgewiesen. Eine Hausgehilfin, der zugemutet wird, in einem jüdischen Geschäft einzukaufen, darf nach einem Urteil des Arbeitsgerichts Gelsenkirchen fristlos kündigen und hat Anspruch auf den vollen Arbeitslohn bis zum Ablauf der ordnungsmässigen Kündigungsfrist. Der jüdische Personalkontrolleur Less, Berlin, war auf Verlangen des nationalsozialistischen Betriebszellenobmannes entlassen worden. Das Landesarbeitsgericht Berlin lehnte die Widerrufsklage ab, da der Kläger zwei Das Kammergeuneheliche Kinder von arischen Müttern hat. richt hat den Lehrvertrag eines weiblichen arischen Mündels mit einem jüdischen Lehrherrn nicht genehmigt. Die Diffamierung der Juden wird mit allen Mitteln fortgesetzt Im Verlag Kohlhammer erschien ein Verzeichnis jüdischer Verfasser juristischer Schriften und im offiziellen deutschen Rechtsverlag ein" Verzeichnis juristischer und nationalökoIn München erschien nomischer Schriften jüdischer Autoren". in zweiter Auflage" Das musikalische Juden-ABC", in dem alle Komponisten und Musiker jüdischer Abstammung verzeichnet sind. Aus den Katalogen grosser deutscher Musikverleger sind sämtliche Namen jüdischer Komponisten und Musiklehrer ausgeschieden worden. Im Auftrag der NSDAP erschien vor Weihnachten in Breslau ein Verzeichnis der jüdischen Geschäfte in Breslau. A-118Der Gemeinderat von Fischbach( Pfalz) beschloss, Handwerker und Arbeiter, die von Juden kaufen, von allen öffentliIn Mörnsheim( in chen Gemeindearbeiten auszuschliessen. Streicher- Gau) wurden zwei nationalsozialistische Gemeinderatsmitglieder aus dem Gemeinderat entlassen, weil sie mit - Der dem Juden Lang aus Treuchtlingen Geschäfte machten. Erbhofbauer Jacob Meibohm, Ahrenswohlde, Schöffe im Gemeinderat, wurde aus der NSDAP ausgeschlossen, weil er sein Vieh bei dem jüdischen Schlächter Joseph Engel in Ahlerstedt ablieferte und er mit dem Juden mit dem Motorrad durch das Dorf fuhr.- Bei den Rinderschauen der Friesischen Milchviehzüchter- Vereinigung Jeverland wurden mehrere Züchter von dem Wettbewerb ausgeschlossen, weil sie immer noch mit Juden Geschäfte machen. Von der SA- Standarte 2 in Stettin wurden wegen Einkaufs in jüdischen Geschäften folgende Personen aus der SA ausgeschlossen: Kurt Gloxin,( Sturm 3/2), Verbindungsstrasse 20, Karl Gericke( Sturm 18/2), Turnerstr. 80, Bodo Schildhauer( Sturm 18/2), Luisenstr. 2.- Der Ratsherr Josef Hansen, Bauer, Buscherhof, wurde aus dem Gemeinderat abberufen, weil er heimlich mit Vieh juden Geschäfte gemacht hat.In Bann wurde der Ortsbauernführer seines Postens enthoben, weil er Geschäfte mit Juden getätigt hatte.- Das" Hamburger Tageblatt" veröffentliche Mitte Oktober die Namen von Beamten die einen jüdischen Arzt regelmässig konsultiert haben. Der Kampf gegen die Juden durch Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz wird mit allen Mitteln fortgeführt. In Nürnberg berief Julius Streicher die Steuerbeamten aus Franken zu einer Versammlung, in der er ihnen Anweisung gab, wie man sich der Juden mit Hilfe der Administration entledigen könne.- Durch Einführung der Lumpenhändlerkarte soll auch dieser Gewerbezweig" judenrein" gemacht werden.- Mehr als 2.000 jüdische Fleisch-, Fett- und Eier- Händler wurden im Herbst durch das Reichsamt für Nahrungsmittelverteilung zur Liquidation gezwungen. Allein in Berlin mussten mehr als 50 jüdische Getreide firmen den Betrieb einstellen. In der Provinz wurden jüdische Lebensmittelgeschäfte von der Belieferung mit Fleisch, Butter, Fett und Eiern zum Detailverkauf ausgeschlossen.- Der Berliner Polizeipräsident hat die Scnliessung vieler jüdischer Fleischhandlungen und Wurstfabri In Herzogenrath wurde der jüdische ken Berlins angeordnet. Metzger August Rubens aus Herzogenrath wegen asozialen Verhaltens in Schutzhaft genommen und die Schliessung seines In einer Reihe von Fällen hat der Geschäftes verfügt.. Reichskommissar für das Kreditwesen Bankunternehmungen die Fortführung des Geschäftsbetriebs untersagt oder die Auflösung veranlasst. Zu einem grossen Teil handelt es sich dabei Das Ziskoven- Konservatorium in um jüdische Bankgeschäfte. Bonn, bisher im Besitz eines Nichtariers, konnte sich nicht mehr halten und wurde von der Stadt zu für sie sehr günsti A-119gen Bedingungen erworben. Im Oktober wurde in" feierlichem Rahmen" die Berlin- Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH in Suhl und Weimar der Wilhelm Gustloff- Stiftung übergeben. Die Waffenwerke in Suhl befanden sich früher im Besitz der jüdischen Familie Simson. Anfang 1934 verfügte Hitler die Stellung der Waffenwerke unter einen nationalsozialistischen Treuhänder. Im Dezember 1935 wurde die Enteignung der Werke verfügt. Die Familie Simson ging vollkommen leer aus. Um den offenen Raub zu vertuschen, wurde unter der Beschuldigung, die Firma habe das Reich übervorteilt, ein Betrugsverfahren eröffnet.( Siehe Heft Nr. 8/ 1936, Seite A 14).- Am 23. 12. wurde der seit 6 Monaten laufende Prozess beendet. Es wurde beschlossen, das Verfahren gegen den geflohenen Hauptangeklagten" vorläufig" einzustellen, die verhängte Vermögensbeschlagnahme bleibt jedoch be= stehen. Die Angeklagten Bätz und Klett wurden mangels Beweise freigesprochen. Das Verfahren gegen den Angeklagten Gutke wurde auf Grund des Straffreiheitsgesetzes vom 7. August 1934 eingestellt, da er nur zu einer Geldstrafe unter 1.000 RMK hätte verurteilt werden können. In arischen Besitz überführt wurden u.a. die Papiergrosshandlung S.L. Cahan, Berlin, das Schuhhaus Aron& Co., Allenstein, die Basaltstein- Gesellschaft, Schweinfurt und das älteste Spezialwaren- und Geschenkartikelhaus im Osten, Gerson Fränkel, Breslau, das Textilwaren- Kaufhaus Gebrüder Alsberg G.m.b.H. Hamm 1.Westf., die Herrenbekleidungsfirma Gustav Carsch& Co., Frankfurt und Höchst a.M., die bekannte Firma Louis Schwarz, Schwiebus, die grosse Konfektionsfirma Loebenstein und Freudenthal, Hildesheim, das grosse Kaufhaus Barasch, Magdeburg und das Textil- und Modekaufhaus Brummer & Benjamin, Halle/ Saale. Nicht minder wütet der Terror gegen die Juden in den freien Berufen. Ueber den Rückgang der Zahl der jüdischen Aerzte liegen einige Angaben vor. Danach ist die Gesamtzahl der Kassenärzte in Deutschland von 32.600 im Jahre 1933 auf rund 30.500 im Jahre 1936 gesunken. Im gleichen Zeitraum fiel die Zahl der jüdischen Aerzte von 7.500 auf 3.500. Anfang 1936 waren noch 3.921 jüdische Aerzte in Deutschland tätig, davon 2.145 in Berlin. Anfang November 1936 hatte sich die Zahl der Berliner jüdischen Aerzte um weitere 500 bis 600 vermindert. Zwei Drittel der jüdischen Aerzte sind über 45 Jahre alt. Unseren Berichten entnehmen wir über Terrorakte gegen Juden: Südwestdeutschland, 1.Bericht: Aus Fischbach wird von einer Zusammenkunft der Geschäftsleute unter dem Vorsitz des Bürgermeister Lambert berichtet, in der scharfer Protest A-120dagegen erhoben wird, dass schon wieder viele Geschäfte mit Juden abgeschlossen werden. Der Bürgermeister schloss nach scharfer Kritik der Zustände seine Rede wie folgt: " In der Bekämpfung des jüdischen Handels wird in Zukunft keine Sabotage geduldet. Am allerwenigsten von solchen, die von der Gemeinde irgend einen Nutzen ziehen. Unterstützung der Juden wird als Widerstand gegen den Nationalsozialismus betrachtet und dieser Widerstand wird unbarmherzig niedergeschlagen." Der Ortsgruppenleiter der NSDAP Höheischweiler, erklärte am Schluss eines Vortrages über Nationalsozialismus und Bolschewismus: " Dieser rote Terror ist von Juden ins Werk gesetzt und wird heute noch von diesen unterstützt. Ich erwarte deshalb strengte Beachtung unserer Richtlinien, die ich nochmals bekannt geben werde und nach denen mit Juden keinerlei Geschäfte mehr gemacht werden dürfen." Die Landesbauernschaft Saarpfalz gibt folgende Anordnung des Leiters des Landes zuchtverbandes bekannt: " Der Eintritt zu den von den anerkannten Landeszuchtverbänden durchgeführten Verkaufsveranstaltungen ist nichtarischen Händlern verboten. Ich ordne hiermit an, dass an den Eingängen der Veranstaltungen Schilder angebracht werden: " Juden ist der Zutritt nicht gestattet." Infolgedessen mehren sich die Verhaftungen von jüdischen Händlern. Der Schuhhändler Jakob Frank und der Viehhändler Siegfried Löwenstein aus Bergzabern wurden wegen angeblicher Uebertretung der Devisengesetze verhaftet. Die beiden von der Gendarmerie verhafteten Weinhändler Berthold Weil aus Neustadt und Paul Reichlein aus Haardt wurden in das Konzentrations lager Dachau verbracht. In der Taubergegend sind drei jüdische Viehhändler, Siegfried und Samson Rotschild aus Grünsfeld und Strauss aus Mergentheim, verhaftet worden. Es war ihnen die Handelserlaub nis entzogen worden. Trotzdem scheinen die Bauern der Gegend weiter sehr gern mit ihnen Geschäfte gemacht zu haben, bis die arische Konkurrenz die Gendarmerie in Bewegung setzte. Die Gendarmerie nahm den jüdischen Weinkommissionär Emil Maier, Maikammer, fest, der beschuldigt wird, sich gegen die Richtpreis- und Schlusssche invorschriften vergangen zu haben. Wegen Verstoss gegen die Ausmahlungsvorschriften wurde der Besitzer eines Getreide- und Mehlhandelsbetriebes Isaac Decker, Kirchheimbolanden, als Volksschädling und Saboteur in Schutzhaft genommen. Der jüdische Mehlhändler Albert Mayer aus Niederhochstadt wurde denunziert, er habe die Absicht, ins Ausland zu fliehen. Er wurde verhaftet und 60.000 Mark seines Vermögens wurden zur" Sicherstellung" beschlagnahmt. Auf Veranlassung der Kreisleitung wurde der jüdische Geschäftsmann Nathan Rosenbla tt verhaftet, weil er gegenüber einem" Stürmer"-Verkäufer die Bewegung beleidigt haben soll. A- 1212.Bericht: In Konstanz wurde morgens gegen 1/2 5 Uhr am 1. November von einem Unteroffizier Feuer in der Synagoge bemerkt. Die alarmierte Feuerwehr fand ein Feuer im Innern vor. Ausserdem waren die Orgel zerschlagen und die Goldund Silbergefässe beschädigt. Die alten Schriften, dabei ein alter, handgeschriebener Talmud waren vernichtet. Im Volk ist man allgemein der Meinung, dass dies eine durch die Judenhetze ausgelöste Brandstiftung ist. Die Hetze hat im Seekreis durch das Auftreten von Streicher in Hagenau, Mitte Oktober, erneut Nahrung bekommen. Die Nachforschungen nach den Tätern sind ganz eingeschlafen. Aber die" BodenseeZeitung", das frühere Zentrumsorgan hat eine Rüge erhalten, weil sie ausser dem nichtssagenden amtlichen Bericht noch eine Notiz veröffentlichte, dass mehrere Täter in Betracht kämen. Der Jude Blum, Rülzheim, wurde verhaftet und ins Landauer Gefängnis eingeliefert, weil ihn ein 13- jähriges Mädchen beschuldigte, er habe auf der Strasse nach Rheinzabern das Mädchen überfallen wollen und sei nur davor zurückgeschreckt, weil gerade die ältere Schwester des Wegs kam. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Die Stadt Emden hat sehr grosse finanzielle Schwierigkeiten. Sie hat grosse Teile ihres Grundbesitzes verschleudert und ausserdem Grund, der in Erbpacht gegeben ist, zum Kauf angeboten. Diese Finanznot zeitigte auch noch eine andere Begleiterscheinung. Die jüdischen Viehhändler, die auf dem bekannten Zuch tviehmarkt in Leer nur noch hinter einem Stacheldraht an bestimmter Stelle Geschäfte tätigen durften, haben mit dem Emdener Nazibürgermeister verhandelt, ob sie auf dem Emdener Viehmarkt volle Bewegungsfreiheit bekommen können. Das hat man ihnen zugesagt. Von da ab fanden die Märkte in Emden gewaltigen Zulauf. Während hier sonst kaum zwei Dutzend Stück Vieh aufgetrieben wurden, kamen jetzt 300 bis 400 Stück Vieh zum Verkauf. Die jüdischen Viehhändler konnten sich ungehindert zwischen anderen Marktbesuchern bewegen. Der Oberbürgermeister von Leer, der Nazigauinspektor Drescher, kam mehrfach zu Markttagen nach Emden und besah sich das Ganze, machte Notizen und hat sich schliesslich in Berlin über den Mangel an antisemitischer Solidarität bei seinem Emdener Rathauskollegen beschwert. Der Oberbürgermeister von Emden erklärte auf eine Berliner Anfrage, dass jedes Stück Vieh, das auf dem Emdener Markt gehandelt würde, der Stadt einen Erlös von 12 bis 14 Mark einbringe und dass die Stadt bei ihrer Finanzlage sich den Verzicht auf diese Einnahmequelle nicht leisten könne. Diese Entscheidung hat man im Reichs- Landwirtschaftsministerium gutgeheissen und nun blieb dem Nazibonzen von Leer, der natürlich den Markt bei sich behalten wollte, nicht anderes übrig, als ebenfalls alle Einschränkungen gegenüber Jüdischen Viehhändlern aufzuheben. Das ist geschehen. Leer hat wieder grosse Märkte. A-1222.Bericht: Ein in jüdischem Besitz befindliches Kaufhaus in einer der Städte des Berichtsgebietes ist jetzt vom Inhaber an einen Nationalsozialisten vermietet worden.( Es handelt sich um einen Inhaber des sogenannten Blutordens). Nachdem dadurch der Boykott aufgehoben ist, wird in dem Kaufhaus ausserordentlich stark gekauft. So stark, dass sich Mittelständler bei der Kreisleitung beschwerten, dass doch der Inhaber immer noch der Jude sei und durch die Miete verdiene. Bis jetzt ist aber noch keine Aenderung eingetreten. 3. Bericht: Eine Jüdin kam vor kurzem zur Untersuchung in ein städtisches Krankenhaus. Der Chefarzt erklärte ihr nach der Untersuchung:" Ihr Fall ist ganz ernst. Sie müssen sofort operiert werden, sonst besteht Lebensgefahr. Aber ich muss Ihnen gleichzeitig mitteilen, dass ich Sie nich operieren kostet darf. Wenn ich Sie in dieses Krankenhaus aufnehme, mich das meine Stellung. Doch ich will mit meinem Kollegen vom katholischen Krankenhaus sprechen, dass er Sie sofort operiert." So geschah es dann auch. Eine junge Jüdin, ziemlich vermögend, hat die Auswanderungs erlaubnis erhalten. Wegfahren kann sie aber doch nicht, da sie bei der Ankunft 500 Dollar vorweisen muss, wofür sie keine Devisen bekommt. Diese junge Jüdin war kürzlich bei Bekannten eingeladen und sass mit ihrer Freundin am Kaffeetisch, als der 10- jährige Sohn nach Hause kam. Die Mutter forderte den Jungen auf, sich zu ihnen an den Tisch zu setzen doch der Junge protestierte mit der Begründung," er wolle nicht neben einer Jüdin sitzen." Als der Vater von der Arbeit nach Hause kam, sagte die Frau zu ihm, dass der Junge ungezogen gewesen sei. Der Bengel, natürlich HJ( Jungvolk) bekam darauf vom Vater eine Ohrfeige. Am nächsten Morgen beklagte sich der Junge bei seinem Lehrer:" Mein Vater hat mich gezüchtigt, weil ich mich geweigert habe, mit einer Jüdin in Berührung zu geraten." 2 Stunden später war der Vater arbeitslos! Sachsen: Ein Schwerkriegsbeschädigter wartete vor einem Einheitspreisgeschäft auf seine Frau, die dort einkaufte, als er von einem Mann in Zivil nach der Höhe seiner Rente, dem Grad seiner Verwundung, seinem Namen usw. gefragt wurde. Er wies den Fragesteller scharf zurück mit der Bemerkung, wenn er etwas wolle, solle er einen Beamten holen, dem werde er schon Rede und Antwort stehen. Der Fragesteller liess sich aber nicht abweisen, zeigte einen Ausweis der NSDAP und wies darauf hin, dass er als Kriegsbeschädigter doch Gelder des Staates beziehe und dass er damit durch das Einkaufen im Einheitspreisgeschäft die Juden unterstütze. Das sei Verrat am Volke und ein guter Nationalsozialist könne sich das nicht gefallen lassen. Der Kriegsbeschädigte liess sich aber nicht einschüchtern: von den paar Pfennigen, die er als Rente erhalte, müsse er kaufen, wo es am billigsten sei. Damit A-123liess er den Fragesteller stehen, der derart verdutzt war, dass er es unterliess, einen Beamten zu informieren. In Bad Elster praktizieren noeh drei Jüdische Krzte, Dr. Löwenherz, Dr. Helm und Dr. Peters. Weil sich unter den Kurgästen viel Juden befinden, liess man diese drei Aerzte bisher unbehelligt. Jetzt hat man ihnen aber die Kassenarztpraxis ohne Angabe von Gründen entzogen. 1753 Justiz arbeitet mit gesteigerter HefSchlesien: Die SA hat dem jüdischen Händler. Brauer und dem jüdischen Gastwirt Deutsch in Klausenberg die Schaufenster eingeschlagen. Dann wurde von den Nazis in Umlauf gesetzt, die Kommunisten seien schon wieder frech und veranstalteten Judenpogrome, um dann im Ausland damit Propaganda zu machen, dass die Juden in Deutschland verfolgt würden. Die" Rassenschande" tigkeit.( Wir haben wiederholt zuletzt im August- Heft 1936 Seite A 27 ff. die bekanntgewordenen Rassenschande- Urteile veröffentlicht). Obwohl schon für versuchte Rassenschande bis zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus verhängt worden ist, verlangen die Nationalsozialisten eine weitere Versehärfung der Rechtsprechung. Die Nazi zeitungen, mit dem" Stürmer" an der Spitze, beschimpf en Richter, die milde" Rassenschande"-Urteile fällen. Der Reichs justizminister hat bereits im Frühjahr 1936 Richtlinien an die Staatsanwaltschaften herausgegeben, in denen betont wurde, dass von jetzt an, nachdem eine gewisse Uebergangszeit abgelaufen sei, die Zuwiderhandlungen dann als zuchthauswürdige Delikte angesehen werden müssten, wenn sie sich in das Jahr 1936 hinein erstreckten. Um eine möglichst weitgehende Einheitlichkeit der Rechtsprechung auf dem Gebiet des Rasseschutzes herbeizuführen, hat der Reichs justisminister die Einrichtung von Spezialstrafkammern angeordnet. Mitte November fanden Besprechungen zwischen Vertretern des Reichs justisministeriums und der sonstigen beteiligten Zentralatellen, Richtern und Staatsanwälten über die Handhabung der Messeschutz- Bestimmungen der Nürnberger Gesetze statt. Staatssekretär Dr. Freisler verlangte, dass die Strafverfolgungsbehörden sich mit allem Nachdruck für die unbedingte Burchsetzung des Gesetzes einsetzen, wie es ihnen der Reichsminister der Justiz schon wieder A-124holt zur Pflicht gemacht habe. Er teilte mit, dass der Hundertsatz der wegen Rassenschande ergangenen Zuch thausurteile in den letzten Monaten ständig gestiegen sei. Die uns in den letzten vier Monaten bekanntgewordenen Urteile wegen" Rassenschande" sind in der nachstehenden Uebersicht zusammengefasst: Berlin Berlin Berlin Berlin Brakel Braunsch weig Bremen Breslau Breslau Eugen Prinz Breslau Erwin Hahn Breslau Friedrich Roll Breslau Fritz Schlesinger Kurt Krämer Breslau Breslau Breslau Breslau Breslau Breslau Breslau Buer Hans Karl L. Chemnitz Rassenschande- Urteile September Dezember 1936 Name des Verurteilten: Dr. Th. Holzinger Max Rosenberg Israel Rappaport Dr. Reinh. Krauss Elias Friedländer Dr. Herm. Salomon Alex Sonnenfeld Rich. Flech the im Samuel Elperin Kurt Horowitz Fritz Hamburger Joachim Ander Alfred Epstein Alfred Kanin Erwin Steinert Paul Marienfeld Paul Zimmermann Berthold Weinberg Wohnort: Bayreuth Bahle Berlin- Zehlend. Urteil: Jahre Zuchthaus Mon. Gefängnis 1 1/2 Jahre Gefängn. 29122H 1 Jahre Zuchthaus Jahr Zuchthaus Jahr Gefängnis Mon. Gefängnis Jahre Zuchthaus Jahre Zuchthaus 1 1/2 Jahre Zuchthau Jahr Zuchthaus Jahr, 3 Monate Gefängnis DELETEL Jahr Gefängnis Jahre Zuchthaus Jahr Zuchthaus 2 1/2 Jahre Zuchthau Jahr Zuchthaus Jahre Zuchthaus Jahr, 9 Monate Zuchthaus Jahre Zuchthaus 1 1/2 Jahre Zuchthau CANDL Jahre Zuch thaus 10 3 3 1 1 2 1 2 2 1 Jahr Gefängnis 1 Jahr, 2 Monate Gefängnis Iwan Fränkel Dortmund 1 Jahr, 3 Monate Gefängnis Ernst Fränkel Dortmund 1 Jahr, 3 Monate Gefängnis Viktor Desser Dresden 1 Jahr Zuch thaus H.W. Seelig- Paul Dresden 1 Jahr Gefängnis Ludwig Baruch Dresden Isidor Cohn Hans Löwenstein Martin Mans ohn Düren Eisleben Monate Gefängn. Monate Gefängn. Jahr Zuchthaus Essen 1 Jahr Gefängnis A-125- Name des Verurteilten: Wohnort: Urteil: Max Meyer Jakob Markus Albert Perlhefter Rosenbaum Robert Simon Hoff mann Kreis Josef Klausner Salli Heumann Alfred A. David Dzentselsky Julius Holländer Hans Hirschfeld Jacob Cohn Emil Levy Beruh. Kettenhausen Emst Rueff Martin Levy Wilh. Nelki Willy Curland Louis Weil Klara Scholz Kurt Schlösser Kurt Bär Repkow Willi Kötzing Josef Abraham Willi Fink Adolf Manasse Simon Siegfr. Mayer Ed. Rössner-Rosenthal F. Diwald Mordche Kessel Alfred Bärwald Heinr.Bermann Dr. Herrn. Salomen Hermann Horn Franz Josef Faal Max Schwarz David Chemnitzer Siegmund Mannheimer Gurt Goldschmidt Erich Goldschmidt Fritz Ostrowski Johann Georg Rauh Isidor Jenny Silberge Hans Schleckkys Kurt Freddy Flink Alfred Kaufmann Max Sternberg Estenfeld Frankf./M. Frankf. /M. Gelsenkirch. Gen singen Go oh Goch Guben Güsten Hagen Halle Hamburg Hamburg Hamburg Hamburg Hamburg Hamburg Hamburg Hamburg Hamburg Heohingen Heldenheim Hemsbach Karlsruhe Köln Königsberg Königsberg Kolberg Kolberg Landau Landau Leipzig Leipzig Liegnitz Linz Luckenwalde Mühlhausen München München München Naumburg Nordhausen Nordhausen Nowawes Nürnberg Odessa Oldenburg Plauen Recklingh. Remscheid 2 2 2 7 1 2 1 1 2 6 2 2 1 1 2 2 1 1 1 1 1 6 l l 2 1 1 1 1 2 1 3 l i l l 9 10 9 i 10 Jahre, 8 Monate Zuchth. Jahre Zuchthaus Jahre Zuchthaus Monate Gefängnis Jahr, ß Mon. Gefängnis Jahre Zuchthaus 1/2 Jahre Zuchthaus 1/2 Jahre Zuchthaus Jahre Zuchthaus Monate Gefängnis 1/2 Jahre Gefängnis Jahre Zuchthaus Jahr Gefängnis Jahr Zuchthaus Jahre Zuchthaus Jahre Zuchthaus Jahr, 3 Mon. Gefängnis Jahr Gefängnis 1/2 Jahre Zuchthaus Jahr, 7 Mon. Zuchthaus 1/2 Jahre Gefängnis Monate Gefängnis Jahr, 2 Mon. Gefängnis 1/2 Jahre Gefängnis Jahre, 8 Mon. Zuchthaus Jahr Zuchthaus Jahr, 4 Monate Zuchth. Jahr, 6 Mon. Zuchthaus Jahr, 6 Mon. Zuchthaus Jahre Zuchthaus Jahr Zuchthaus Jahre Zuchthaus Jahr, 2 Mon. Gefängnis Jahr Gefängnis Jahr, 3 Mon. Gefängnis Jahr Gefängnis Monate Gefängnis Monate Gefängnis Monate Gefängnis Jahr, 2 Mon. Gefängnis Monate Gefängnis Monate Gefängnis Monate Gefängnis Monate Gefängnis Jahr, 8 Mon. Gefängnis Jahre Gefängnis Jahr, 3 Mon. Gefängnis Jahr, 6 Mon. Gefängnis Jahr Zuchthaus Jahr Zuchthaus A -26Name des Verurteilten: Wohnort: Max Gellhorn Josef Salomon Dr.Gust. Esslinger Siegfried Heim Sinzig Stuttgart Stuttgart Stuttgart Stettin Talheim Tiengen Ulm Erich Schragenheim Jul. Hirschfeld Jos. Guggenheim Moritz Levi Kurt Bühler Oskar Rosenwald Heinr. Schmoll R. Katz Max M. Alfred Mendel Dr. G. Flörsheim Kurt Franc Ulm Vlotho Warburg Witzenhausen Würzburg Wuppertal Zeitz/ Aue Zschopau Urteil: 1 Jahr, 1 Mon. Gefängnis 5 Monate Gefängnis 1 Jahr, 2 Mon. Gefängnis 4 1/2 Monate Gefängnis 1 Jahr, 3 Mon.Gefängnis 1 Jahr, 2 Mon. Zuchthaus 1 Jahr Zuchthaus lo Mona te Gefängnis 8 Monate Gefängnis 1 Jahr Gefängnis 1 Jahr Gefängnis 1 Jahr Zuchthaus 2 Jahre, 8 Mon.Gefängnis 1 Jahr Gefängnis 1 1/2 Jahre Zuch thaus 1 Jahr, 2 Mon. Zuchthaus Zu diesen namentlich bekannten, in der Berichtszeit( 4 Monate) verurteilten" Rassenschändern" kommen die folgenden 13 Fälle, in denen die deutsche Presse Verurteilungen wegen Rassenschande ohne Namensangabe gemeldet hat: 7. 10. 36. Landgericht Berlin: 1 Jahr Zuchthaus. Ein 42- jähriger Jude zu Grosse Strafkammer Landgericht Coburg: Ein 27- jähriger Jude zu 3 Jahren Zuchthaus. Grosse Strafkammer Essen: Ein 23- jähriger Jude zu 8 Monaten Gefängnis. 27. 6. 36. Grosse Strafkammer, Frankfurt/ M.: Ein Arier zu 1 Jahr, 3 Monaten Gefängnis. 15. 9. 36. Grosse Strafkammer, Frankfurt/ M. Ein 33- jähriger Jude zu 1 Jahr, 6 Monaten Zuchthaus. 29. 9. 36. Grosse Strafkammer, Frankfurt/ M.: Ein 20- jähriger Jude zu 2 Jahren Zuchthaus. 9.10. 36. Grosse Strafkammer, Frankfurt/ M. Ein 19- jähriger Jude zu 1 Jahr, 6 Monaten Zuchthaus. 10.10. 36. Grosse Strafkammer, Frankfurt/ M.: Ein 29- jähriger Jude zu 1 Jahr, 6 Monaten Zuchthaus. Hildesheim: Ein Jude zu 1 Jahr, 3 Monaten Gefängnis. 10. 9. 36. Grosse Strafkammer, Mainz: Ein 27- jähriger Jude zu 1 Jahr Gefängnis. 2.12. 36. Landgericht, München: Ein 33- jähriger Jude zu 1 Jahr 8 Monaten Zuchthaus. 2.12. 36. Landgericht, München: Ein 50- jähriger Deutschblütiger zu 2 Jahren Gefängnis. Nürnberg: Ein 25- jähriger Jude zu 1 Jahr Zuch thaus.( Ein Jahr Zuchthaus, weil er einmal mit einer arischen Prostituierten zusammen war!) A-127 Insgesamt sind also in 4 Monaten über 100" Rassenschänder" verurteilt worden. Weitere 53 sind neu verhaftet worden und sehen ihrer Aburteilung entgegen. Neuerdings gehen auch die Gerichte gegen die" rassenschändenden" Frauen vor. Da eine Verurteilung auf Grund der Nürnberger Gesetze nicht möglich ist, werden sie wegen" Begünstigung bei einem Vergehen gegen das Blutschutzgesetz" verurteilt. Die Grosse Strafkammer in Braunschweig verurteilte eine Deutschblütige zu 1 Jahr Gefängnis. Die gleiche Strafe erhielt eine deutschblütige Frankfurterin, die am 7. 10. vom Bezirksschöffengericht Darmstadt verurteilt wurde. Die Jüdin Alice Simon, Köln, erhielt wegen Rassenschande begünstigung 6 Monate Gefängnis. 3) Der allgemeine Terror Die grausame und unerbittliche Maschinerei der Terror- Justiz erfasst nicht nur den bewussten" Staatsfeind" und den Juden, sondern auch den harmlosen Nörgler und Meckerer, jedweden, der es noch wagt, öffentlich seine Meinung zu sagen. Wir haben im Rahmen unserer letzten Berichterstattung über den Terror in Deutschland eine Liste von Urteilen gegen Meckerer und Andersdenkende veröffentlicht( August 1935, Seite A 78 ff), die nur umfasste. Wir müssen zwei Landesteile-Bayern und die Pfalzes diesmal aus Raumgründen unterlassen, eine uns vorliegende Liste aus den wichtigsten Gebieten -noch weit umfangreicherewiederzugeben. Der Justiz- Terror wird durch den Verwaltungsterror wirkungsvoll ergänzt. Auch dafür nur einige Beispiele: Die seit dem Umsturz betriebene Gleichschaltung des Vereinswesens hat offenbar noch immer nicht zu einem für die Machthaber befriedigendem Ergebnis geführt. Trotz des Runderlasses vom 5. 9. 1935 über die Ueberwachung weltanschaulicher Vereine, der des Wiederaufleben liberalen Geistesguts" durch zentrale A- 128Kontrolle von vornherein zu verhindern suchte, erfolgten fortlaufend neue Auflösungen und Verbote. In der Berichtszeit wurden folgende Massnahmen bekannt: Die Geheime Staatspolizei hat den" Reichsverband der Mieter gewerblicher Räume E.V., Sitz Berlin" aufgelöst und verboten. Aehnliche Verbote wurden auch in Hamburg, Sachsen usw. erlassen. Der" Verein für Seelenleben" in Nürnberg wurde wegen volks. schädigenden und staatsfeindlichen Verhaltens aufgelöst. Wegen staatsfeindlichem Verhalten seiner Mitglieder ist die" Hamburger Chor- Vereinigung", ein gemischter Gesangvez ein in Gross- Hamburg aufgelöst und das Vermögen des Vereins beschlagnahmt und eingezogen worden. Der" Freundschaftsbund Hansa von 1933 e.V." ist für das gesamte Hamburger Staatsgebiet verboten und aufgelöst worden. Der Sächsische Minister des Innern hat den Rauchklub " Frohsinn" in Schneeberg aufgelöst und verboten. Der" Kaiserliche Jachtklub" in Kiel ist aufgelöst worden. Durch Verordnung des Reichsstatthalters ist die lose Vereinigung" Adventgläubige" für den Bereich des Landes Sachsen aufgelöst und verboten worden. Unseren Berichten entnehmen wir: Südwestdeutschland, 1.Bericht: In der letzten Zeit sind wieder eine Anzahl angeblich" asoziale Elemente" nach Dachau verschickt worden. Bemerkenswert sind folgende Fälle: Konrad Krämer aus Seebach, weil er ange bo tene Arbeit nicht annahm und dadurch den Unterhalt seiner Familie vernachlässigt haben soll; Der Landwirt Franz Eckrich, Speyer wurde auf Antrag der Kreisleitung nach Dachau verbracht. Er soll seine Pflichten haben, indem er als Landwirt und Familienvater verletzt Zechschulden machte und Tabak auf den Feldern verderben liess. Erwin Weinkauf aus Pirmasens, wegen Arbeitsverweigerung und beharrlicher Unterhaltsverweigerung. Wegen schlechter Führung und mangelhafter Arbeitsleistung wurde der Dachauer Aufenthalt für die Arbeiter Eugen Sauer und Ludwig Eberhardt, beide aus Pirmasens, um weitere 3 Monate verlängert. 2. Bericht: In der oberbadischen Stadt X. hat ein Kriegsbeschädigter seit Jahren einen Kiosk. Vor 10 Wochen äusserte sich der Mann in einer Wirtschaft, er sei heute noch Kommunist. Schon am anderen Tage wurde er verhaftet und sitzt noch heute im Gefängnis. In Oberbaden wurden die sogenannten Arbeiterbildungsvereine aufgelöst, sie sollten im sogenannten Volksbildungsverband A- 129aufgehen. Der Singener Verein hat beschlossen, weiter als Gesangverein zu existieren, er wird aber nicht in den deutschen Sängerbund aufgenommen und kann auch an keiner Veranstaltung teilnehmen. 3.Bericht: Uns sind mehrere Fälle aus Württemberg bekannt, wo Leute ganz harmlos auf die Polizei bestellt worden sind und einfach nicht mehr nach Hause kamen. Auf Anfragen bei der Polizei wurde wochenlang stereotyp erklärt, man möge sich nicht beunruhigen, dem betreffenden Familienmitglied gehe es ganz gut und es befinde sich wohl. Erst nach langen bangen Wochen wurde dann mitgeteilt, dass sich der Mann im Welzheimer KZ befinde. Ueber die Gründe der Verhaftung wird keinerlei Auskunft gegeben. Nicht selten handelt es sich um Leute, die bereits einmal im KZ waren und vermutlich auf Grund irgend einer Denunziation wieder verhaftet wurden. Ein Ulmer Einwohner wurde angeklagt und verurteilt, weil er behauptet hatte, der Nazipolizeipräsident von Ulm, Wilh. Dreher, sei 1918 an der Revolte auf der Flotte beteiligt und früher ein wilder Marxist gewesen. Im Urteilsspruch hiess es: Vermutlich handele es sich um eine Verwechslung mit einer anderen Mann gleichen Namens. Herr Dreher sei ein Ehrenmann. In Ulm weiss jedes kleine Kind, dass der jetzige Polizeipräsident, ehe er 1923 Nazi wurde, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war, dass er 1918 in Berlin bei der VolksMatrosen- Division stand und dass er an der Erhebung der Flotte in Kiel mindestens teilgenommen hat, dass er in der Zeit der Lebensmittelunruhen von 1919 führenden Anteil an einer wilden Aktion nahm, bei der der damalige Oberbürgermeister Schwammberger aus dem Rathaus herausgeholt und in den Marktbrunnen getaucht wurde. Bayern, 1.Bericht: Die Gewerbetreibenden werden seit kurzel Zeit auch von der Gestapo auf ihre Zuverlässigkeit beobachte Wird einem Kleinkaufmann nachgewiesen, dass er die Meckerei unterstützt, so wird ihm sofort die Gewerbeberechtigung entzogen. Kürzlich wurden in X. die Eltern von zwei noch nicht schulpflichtigen Kindern in Haft genommen, weil die Kinder einem Gendarmen gegenüber geäussert hatten:" Wir grüssen nicht mehr mit" Heil Hitler", der hat uns ja auch verraten." Die Verhaftung, die grosses Aufsehen in der Gegend erregte und lebhaft besprochen wurde, hat dem Regime sicher keine neuen Anhänger gebracht. In der Gemeinde Flintsbach, Oberbayern, war im Oktober militärische Einquartierung. Einige Tage nach dem Abmarsch des Militärs verbreitete der Oberlehrer,--der zugleich Obmann der NSDAP- Ortsgruppe ist-- das Gerücht, dass bei einen bekannten Bauer, dem der Oberlehrer übel gesinnt war, die Soldaten schlecht einquartiert worden sind und die Pferde A- 130muffiges Heu als Futter erhalten haben. Der Bauer bezeichnete den Lehrer daraufhin als Lügner und wurde verklagt. Er konnte aber den Wahrheitsbeweis erbringen, dass er für das Militär glänzend gesorgt habe und wurde freigesprochen. Eine Woche später wurde er verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, wo er heute noch ist. Seine Frau machte die grössten Anstrengungen, ihn frei zu bekommen. Auf der Kreisleitung der NSDAP sagte man ihr, ihr Mann brauche längere Zeit, bis er kuriert sei. 2.Bericht: Vor einiger Zeit mussten eine Anzahl Einwohner von Nürnberg- Gartenstadt zum NSDAP- Ortsgruppenvorsitzenden Rackelmann kommen. Er beschimpfte sie in der unflätigsten Weise, da sie Hitlergegner seien und erklärte, dass sie sofort aus der Gartenstadt ausziehen müssten. Das betraf zum Teil Gründungsmitglieder der Gartenstadt, die in ihrem Häuschen seit der Erbauung wohnten. Diese Baugenossenschaft Gartenstadt hat auch eine eigene Werkstätte für kleine Reparaturen usw. Dort arbeitete seit langer Zeit der Arbeiter Seiler. Auch er wurde von Rackelmann als Schwein, Schweinehund, Landesverräter usw. zusammengeschimpft, aus seiner Arbeit entlassen und erhielt den Auftrag, sich eine andere Wohnung zu suchen. Der alte Mann hat sich nach dieser" Aussprache" beim Nazi- Ortsgruppenleiter in seiner Wohnung mit Leuchtgas vergiftet. Ein anderer Mann, auch Gründungsmitglied der Baugenossenschaft Gartenstadt wurde ebenfalls aufgefordert, seine Wohnung zu räumen, weil er im Frühjahr gegen Hitler gestimmt habe. Er klagte erfolgreich beim Amtsgericht in Nürnberg, wurde aber in das Konzentrationslager nach Dachau eingeliefert und von dort erst entlassen, als er erklärte, dass er" freiwillig" auf seine Wohnung in der Gartenstadt verzichte. Ein Nürnberger Arbeiter, der in einer Wirtschaft beim Bier nur so nebenbei erklärt hatte:" Na, Kraft durch Freude gabs doch früher auch schon!", wurde am anderen Tage verhaftet. Da das Delikt zur Anklageerhebung nicht ausreichte, wurde er freigelassen, erhielt aber Stadtverweis aus Nürnberg und muss mit seiner Frau verschwinden. Ein alter Arbeiter, Invalidenrentner, der während des Parteitages in einer Wirtschaft in Nürnberg ein Glas Bier mit den anwesenden Nazis trank und sich humoristisch unterhielt, meinte nach einiger Zeit:" So, jetzt gehe ich heim, schliesslich erzähle ich noch Witze, die mir nicht gut bekommen." Die herumsitzenden Nazis lachten alle aus vollem Halse, da erhob sich ein Mann in Zivil, der auch mit am Tische sass, zog aus der Tasche seinen Ausweis als Kriminalbeamter heraus und sagte:" So. Herr..., Sie kommen mit mir!" Erst auf die sehr energischen Einwände der Nazis nahm der Beamte von der Verhaftung Abstand. Rheinland- Westfalen: Ein Los verkäufer für die Arbeitsbeschaffungslotterie in X. betrat eine grössere Wirtschaft und begann ohne vorherige Erlaubnis des Wirtes seine Lose zu A- 131verkaufen. Der Wirt stellte ihn zur Rede und schon war der Krach da. Als der Verkäufer allzu frech wurde, verbot ihm der Wirt sein Lokal. Da der Verkäufer nicht gehen wollte, wandte der Wirt Gewalt an und setzte den Nazi vor die Tür. Der Verkäufer erstattete Anzeige, der Wirt wurde verhaftet, aber nach ein tägiger Haft wieder entlassen. Jetzt ist er. jedoch vom Sondergericht zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Bergarbeiter, der Mitglied der NSV ist, hatte zu einem Holländer gesagt, dass er schon zwei Tage trocken Brot mit Marmelade gegessen habe. Er wurde vom Betriebsführer geholt und ihm mitgeteilt, dass er sofort entlassen würde, wenn er das noch einmal zu einem Ausländer sage, da das an La desverrat grenze. Norddeutschland: Die Wohnblocks der früheren Konsumgenossenschaft" Produktion" in Hamburg hatten bisher bei allen offiziellen Anlässen sehr schlecht geflaggt. In ca. 100 Wohnungen waren kaum vier oder fünf sehr kleine Fahnen aufgehängt und diese stammten von früheren Sozialdemokraten, die in staatlichen Betrieben beschäftigt sind und daher flaggen mussten. Jetzt haben die Nazis bei allen Einwohnern des Wohnblocks angefragt, weshalb man nicht flagge, und wenn dann die Ausrede benutzt wurde, man besitze keine Fahne und habe kein Geld dafür, so ist den Betreffenden von den Nazis eine Flagge gegeben worden, die nun jedesmal ausgehängt werden muss. Die Leih- Fahnen werden nach jedem Gebrauch eingesammelt. Der Gastwirt Brehm, Wandsbecker Markt, wurde verhaftet, weil er bei der Uebertragung der Göbbelsrede sein Radio ab gestellt hatte. Seine Wirtschaft wurde polizeilich geschlossen. Der Hanseatische Lebensversicherungsgesellschaft in Hamburg wurde der Geschäftsbetrieb untersagt, weil angeblich einige Angestellte illegale Arbeit geleistet hätten. Mit dieser falschen Behauptung sollte vertuscht werden, dass man missliebigen ehemaligen Sozialdemokraten, die dort beschäftigt rauben wollte. Auf Verlangen waren, die Existenzgrundlage der Gestapo sind eine Reihe Bezirksvertreter ohne Angabe von Gründen zwangsweise entlassen worden. Der Land rat a.D. Dr. Wachs, in Kiel, der bis jetzt Direktor der Landesbank der Provinz Schleswig- Holstein war, ist seines Amtes mit sofortiger Wirkung enthoben worden, weil er führende Nazis der Provinz beleidigt haben soll. Auf den" Deutschen Werken" in Kiel müssen alle dort Beschäftigten die auf Seite 132 im Original wiedergegebene Erklärung über ihre arische Abstammung abgeben. A- 1323urüd an AP 2 Auf Grund der Vorschriften des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. 4. 33. ( R. G. Bl. 1, Seite 175) und der hierzu bisher ergangenen drei Durchführungsverordnungen vom 11. 4. 33, 4. 5. 33 und 6.5. 33, welche auch für die Deutsche Werke Kiel Aktiengesellschaft in Kiel nach. den gesetzlichen Vorschriften zur Anwendung zu gelangen haben, sind Dienstverpflichtete( Angestellte, Arbeiter usw.) nichtarischer Abstammung zu entlaffen. Als nichtarischer Abstammung gilt, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt;, wobei es genügt, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil nichtartsch ist( gilt auch bei außerehelicher Abstammung, durch die Annahme an Kindes Statt wird jedoch ein Eltern- und Kindesverhältnis in dem hier in Frage stehenden Sinne nicht begründet). Dies ist insbesondere dann ohne weiteres anzunehmen, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil der füdischen Religion angehört hat. Ich erkläre hiermit nach bestem Wissen und Gewissen, daß ich bei Berücksichtigung vorstehender Ausührungen arischer Abstammung bin. Kiel, den 193.. Seitens der Dienstverpflichteten, welche nach den vorstehenden Ausführungen nichtarischer Abstammung find, sind die auf der Rückseite angegebenen Fragen zu beantworten: 1) Haben Sie in der Zeit vom 1. 8. 14. bis 31. 12. 18, ausweislich von Eintragungen in der Kriegsstammtolle oder in der Kriegsrangliste, für das Deutsche Reich oder seine Verbündeten bei der fechtenden Truppe an einer Schlacht, einem Gefecht, einem Stellungskampf oder an einer Belagerung Es genügt nicht, wenn sich femang, ohne vor den teilgenommen?( Nähere Angaben machen. Feind gekommen zu sein, während des Krieges aus dienstlichem Anlaß im Kriegsgebiet aufgehalten hat). 2) 3ft Ihnen das Verwundetenabzeichen verliehen? 3) Haben Sie an den Kämpfen im Baltikum, in Oberschlesien, gegen Spartafiften und Separatisten sowie gegen die Feinde der nationalen Erhebung teilgenommen?( Nähere Angaben machen). 4) Ist Ihr Vater oder find Söhne von Ihnen im Weltkriege gefallen?( Als gefallen gilt auch, wer einer Verwundung erlegen ist, die er als Frontkämpfer erlitten hat). Kiel, den. 193 A-133Ein Akademiker aus X., der wegen angeblicher illegaler Arbeit eine Gefängnisstrafe verbüssen musste, erhielt von der berufsständischen Kammer die Mitteilung, dass ihm die Führung des Doktor- Titels untersagt sei. Sachsen, 1.Bericht: Das Arbeitsamt in Chemnitz vermittelt -offenbar auf Anordnung der Gestapo- ehemalige Schutzhaftlinge von Sachsenburg, die als besonders schwere Fälle angesehen werden, nicht in Arbeit. In X. im Vogtland wurde der Arbeiter Y. verhaftet, weil seine Kinder auf der Strasse erzählt hatten, sie hätten zu Hause eine Druckmaschine. Sie meinten damit einen AktenLocher. Der Mann sitzt noch heute, nach über 4 Wochen. Ein Händler aus dem oberen Vogtland wollte zu einer Auslandsmesse fahren und beantragte deshalb die Ausstellung eines Passes. Das wurde zunächst abgelehnt, da er als früheres Mitglied einer marxistischen Partei als unsicheres Element galt. Nach längerem Hin und Her erhielt er doch einen Pass mit der Auflage, ihn sofort nach dem Messebesuch wieder abzugeben. 2.Bericht: Ein früherer Kommunist, der seit 12 Jahren in Afrika gelebt hatte, kehrte kürzlich nach Dresden- Leuben zurück. Vor seiner damaligen Ausreise hatte er seine ein jährige Tochter seiner Schwester zur Erziehung übergeben. Jetzt wollte er die weitere Erziehung seines Kindes wieder selbst übernehmen. Die Behörden verweigern dies aber, weil er politisch unzuverlässig sei. In der Cigarettenfabrik Greiling in Dresden ist eine Arbeiterin fristlos entlassen worden, weil sie den Deutschen Gruss nicht erwidert hatte. Die Arbeiterin hat dagegen erfolglos Protest erhoben. Einige Tage später wurde am Schwarzen Brett bekanntgegeben, dass jeder entlassen würde, der den Deutschen Gruss nicht anwende. In der Bau- und Spargenossenschaft Dresden- Laube gast sind einigen bekannten Marxisten die Wohnungen gekündigt worden. Daraufhin haben sich einige dieser Mieter zusammengetan und Klage erhoben. Es sind schon wiederholt Verhandlungen angesetzt worden, aber die Nazis schickten zu den Terminen keinen Vertreter, so dass diese immer wieder vertagt werden müssen. Die Nazis befürchten, dass sie den Prozess verlieren und erscheinen deshalb zu den Terminen nicht, ziehen aber auch die Kündigungen nicht zurück. 5.Bericht: Die Reichsbahndirektion Dresden hat eine RundVerfügung an alle nachgeordneten Stellen erlassen, von dem wir auf Seite 134 den Anfang im Original wiedergeben. In dieser Verfügung wird nicht nur gerügt, dass sich Beamte verheiratet haben, ohne die" erforderliche Anzeige zu erstatten", sondern auch angekündigt, dass in Zukunft die Nichtbefolgung der Anordnungen über die arische Abstammung bestraft werde. A-134Deutsche Reichsbahn Reichsbahndirektion Dresden Dresden, am 4. Juni 1936 An 3 Po sämtliche Reichsbahnstellen - je besonders( Diese Verf ist jeder Perso und ADA beizulegen). Betr: Arische Abstammung( Reichsstelle für Sippenforschung, Ahnenpaẞ) Nachstehend werden die Verfügungen des Herrn Generaldirektors vom 14. April 1936, 52.504 Po, und vom 20. Mai 1936, 52.504 Po, bekanntgegeben. Die Bestimmung unter 2( 3) auf Seite 6 der bei der Perso befindlichen Verfügung vom 9.2. 1934, 3 Po, ist richtigzustellen. Die Gutachten sind über die RBD anzufordern. In letzter Zeit ist-insbesondere bei den apl und den Beamten im Vorbereitungsdienst- festgestellt worden, daß sich diese nach ihrer Einstellung in den Reichsbahndienst verheiratet haben, ohne daß die nach Verf vom 19. 10. 1934, 3 Pad, erforderliche Anzeige nebst den beglaubigten Abschriften der vorgelegt worden ist. zugehorigen Urkunden Die Anordnungen über die Feststellung der arischen Abstammung sind genau zu befolgen. Unterlassungen werden künftig bestraft werden. Die Beamten und Anwärter sind hierauf besonders hinzuweisen. A-1353.Bericht: In X. wurde der Bauunternehmer Z. verhaftet, weil er beim Richtfest mit einem SS- Mann in eine erregte politische Debatte gekommen war und gesagt hatte:" Geh'Du nach Hause und zieh Dir Deine SS- Hosen an, denn Du taugst doch nur zum Arbeiter erschlagen." Der Bauunternehmer ist nun bereits das dritte Mal verhaftet. Der Bäckergeselle A. erhielt bei dem Bäckermeister B. ausser freier Kost und Logis wöchentlich 8,- RMK Lohn. Da er von diesem Betrag alle Bedürfnisse wie Kleidung, Wäsche usw. bestreiten, ausserdem wöchentlich 60 Pfg. für die DAF und 50 Pfg. für das WHW bezahlen muss, so verlangte er eine Lohnerhöhung. Er wurde damit abgewiesen und wendete sich an die DAF in O., die ihm erklärte, er müsse mit dem Lohn auskommen. Hierauf ging der Geselle am 28. November zum Kreisleiter der NSDAP und beschwerte sich über den Meister und die DAF. Der Kreisleiter wies ihn ebenfalls ab. Wenn er mit seinem Lohn nicht auskomme, dann müsse er sich eben einschränken. Als A. darauf anfing zu schimpfen, wurde er aus dem Zimmer geworfen und sollte verhaftet werden. Er hatte sich jedoch aus der Wohnung entfernt, wurde aber durch die Not nach einiger Zeit zur Rückkehr gezwungen. Sobald er wieder auftauchte, wurde er sofort verhaftet. .4.Bericht: Alle 17- bis 45- Jährigen müssen ihre Pässe bis 15. Januar an das Bezirkskommando abliefern, sie können sie wiederbekommen, wenn das Wehrkreiskommando keinen Einwand erhebt. Wenn diese Personen mit diesen Pässen ins Ausland reisen wollen, müssen sie genau angeben, wohin und zu wem sie reisen, ob es sich um Verwandten besuch handelt, oder zu welchem Zweck die Reise unternommen werden soll. Vor der Ausreise muss die Genehmigung des Bezirkskommandos und der zuständigen Parteistelle eingeholt werden. Die Grenzübertrittsscheine werden ebenfalls alle eingezogen. Wer einen solchen Grenzübertrittsschein haben will, muss vorher die Genehmigung der Parteistelle und der Polizeiverwaltung haben. Dabei muss er ebenfalls angeben, zu welchem Zweck er den Grenzschein haben will, ob er Verwandte in der ČSR hat und aus welchem Grunde er öfter in die ČSR reisen will. Die Grenzübertrittsstellen sind angewiesen worden, eine genaue Registratur über alle Personen zu führen, die die Grenze überschreiten. Schlesien: 1.Bericht. Im Industriegebiet ist unter den Erwerbslosen, die bei öffentlichen Arbeiten beschäftigt waren, eine neue Berufsgruppe IV gebildet worden. Wer diese IV hat, muss sich dreimal in der Woche zur Kontrolle im Arbeitsamt stellen. Wie es heisst, gelten diese Erwerbslosen als unzuverlässige Elemente und werden deshalb so schikaniert. Die Verschickung" unzuverlässiger Elemente" aus Oberschlesien, besonders aber Reichsdeutscher aus Polen nach dem Innern Deutschlands wird fortgesetzt. Die Leute kehren A-136meistens wieder zurück, weil sie keine Beschäftigung erhalten. Nunmehr verschickt man die Männer zugleich mit der Familie, um alle loszuwerden. Die Berliner mögen mit den Leuten machen, was sie wollen; aus dem Grenzgebiet müssen sie heraus. Die Antifaschistin Frau Mosiol aus Zaborze- Hindenburg, die sich bereits seit zweieinhalb Jahren im Frauen- Konzentrations lager befindet, hatte ihrem Mann längere Zeit nicht geschrieben, so dass sich dieser an die Behörden wandte. Da er dort keine Antwort erhielt, sang er aus Protest die Internationale und wurde darauf gleichfalls ins Konzentrationslager überführt. Der Haushalt der Mosiols wurde aufgelöst, das minderjährige Mädchen in die Erziehungsanstalt überwiesen und der 17- jährigen Tochter anheimgegeben, sich zu verheiraten. 2.Bericht: Im Zusammenhang mit dem Nürnberger Parteitag schrieb in der 3. Klasse der Hindenburger Gewerbeschule der Lehrer einen Satz an die Tafel, in dem von Treuegelöbnis für den Führer die Rede war. Einer der Schüler hat statt Treuegelöbnis vom Trauerbegräbnis am Nürnberger Parteitag geschrieben. Der Lehrer meldete den Vorfall und der Schüler wurde in eine Zwangserziehungsanstalt überführt. Die Gesuche des Vaters auf Befreiung des Sohnes, der nur nicht achtgegeben habe und den Satz irrtümlicherweise falsch schrieb, wurden abgewiesen. Als am ersten Sammel sonntag die Fleischersfrau Gralla in Klausenberg eine Abgabe für die Winterhilfe verweigerte, wurde sie von der SA aus der Küche heraus geholt und als Volksschädling, der die Winterhilfe verweigere, durch die Strassen geführt. Da Frau Gralla die Hände vor dem Gesicht hielt, wurde sie des öfteren geschlagen. Nach dem Umzug wurde sie verhaftet und später unter der Bedingung freigelassen, dass sie über den Vorfall schweige. Der Wohlfahrts empfänger Hadok aus Peiskretscham bei Gleiwitz war nach Mecklenburg verschickt worden, kam aber zurück. Man machte ihm grosse Schwierigkeiten und sperrte ihm die Unterstützung. Frau Hadok setzte sich auf dem Wohlfahrtsamt dagegen zur Wehr und drohte, dass sie die ganze Schweinerei dem Hitler persönlich schreiben werde. Die Beamten erwiderten lecken könne. Diese Antwort hat ihr, dass der sie am die Frau überall erzählt, worauf sie prompt verhaftet wurde. Die Beamten leugneten, die Redewendung gebraucht zu haben. Frau Hadok wurde zu 3 Jahren, der Mann zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt; die drei Kinder wurden ins Waisenhaus überführt, die Möbel versteigert. Im Werk X. ist ein Facharbeiter beschäftigt, der wegen seiner Kenntnisse von seinen technischen Vorgesetzten sehr geachtet wird. Auf Anraten des Ingenieurs beantragte der Arbeiter Lohnerhöhung, da er seit Jahren auf derselben Lohnstufe stand. Als das abgelehnt wurde, ermunterte auch der Oberingenieur den Arbeiter, nochmals ein Gesuch einzureichen, A-137das er selbst befürworten wolle. Trotzdem kam ein ablehnender Bescheid mit der Begründung, der Arbeiter hätte früher einer staatsfeindlichen Partei angehört. Auch heute sei noch keine Gewähr vorhanden, dass er sich umgestellt habe. Ein Angestellter eines grösseren Industriebetriebes hatte sich vor Jahren geweigert, bei einer Steuerschiebung mitzuwirken. Das Verfahren gegen die Firma wurde 1933 eingestellt, seitdem aber wird der Mann schikaniert. Er wurde wiederholt zu ärztlichen Untersuchungen geschickt, ohne dass er krank ist oder sich krank gemeldet hatte. Das Ergebnis. einer solchen Untersuchung ist das nachfolgende Attest: Dr. med.... Sehr geehrter Herr Kollege! ...... 1936 für dessen freundl. UeberDie Herzbeschwerden des..., weisung ich bestens danke, sind rein nervöser Art. Der klinische Befund ist absolut regelrecht:.... Ich habe eine Behandlung als ganz überflüssig abgelehnt, auch um das subjektive Krankheitsgefühl durch Verarztung nicht noch fester zu verankern. Meine Verordnung, nämlich körperliche Ertüchtigung durch anstrengenden Sport und vor allem eine ihn körperlich und geistig den ganzen Tag ausfüllende geregelte Tätigkeit, passt ihm natürlich nicht. Schade, dass er für den Arbeitsdienst zu alt ist, aber das Heer wird ihn wenigstens für 8 Wochen noch erwischen und das wird ihm überaus dienlich sein oder ihn zerbrechen. Aber dann schad's nichts! Unsere Zeit ist heroisch! Nochmals besten Dank und kollegiale Empfehlung Ihr sehr ergebener Gerichtet an Herrn Facharzt.... B- 1Teil B ( Abgeschlossen am 15. Januar 1937) Die Entwicklung der Weltwirtschaft Hitler und die deutschen Wirtschaftsführer versuchen den Eindruck zu erwecken, als ob Deutschland durch die Entwicklung der Weltwirtschaft dazu gezwungen worden wäre, mit Hilfe des neuen" Vier jahresplanes" sein Heil in möglichster Selbstabschnürung vom Weltmarkt zu suchen. Dieser Propaganda- Legende kommt die weitverbreitete Vorstellung zu Hilfe, dass die Weltwirtschaft sich in der Tat auf absehbare Zeit nicht mehr von den vernichtenden Schlägen der letzten Jahre erholen würde, ja dass sie einem unheilbaren Siechtum verfallen wäre und dass es ein Gebot der wirtschaftlichen Selbsterhaltung sei, aus dieser unabwendbaren Entwicklung die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen zu ziehen, die nur in der Richtung auf Lösung aus der weltwirtschaftlichen Abhängigkeit Deutschlands Wie hat sich demgegenüber die Weltwirtschaft liegen könnten. in den letzten Jahren tatsächlich entwickelt und welche Aussichten für ihre weitere Entwicklung bestehen? 1) Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft in der Krise Es muss daran erinnert werden, dass das, was man allgemein, wenn auch oberflächlich, als den Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu bezeichnen pflegt, zeitlich dem Dritten Reich vorangegangen ist. Das weltwirtschaftliche System, das bis zur Weltwirtschaftskrise bestanden hatte, war durch drei Organisationsmerkmale gekennzeichnet: 1. durch die Freizügigkeit des internationalen Warenverkehrs, abgesehen von Zöllen, die nur in Ausnahmefällen wirklich prohibitiv waren; 2. durch die völlige B-2Freizügigkeit des internationalen Kapitalverkehrs; 3. durch die allen Ländern gemeinsame Währungsgrundlage, die Goldwährung, die nur vorübergehend, während des Weltkrieges und der nachfolgenden Inflationsperiode, verlassen worden war. Gewiss gab es auch in der Vorkrisenperiode der Weltwirtschaft Störungsfaktoren, wie die Verzögerung des Abschlusses der Inflationsperiode in Frankreich( bis zum Jahr 1926), die unberechenbaren Schwankungen der russischen Handelspolitik und die Sonderkrise im Donaubecken, die durch den Zerfall der Donaumonarchie und den Aufbau neuer Staaten hervorgerufen worden war. Aber andererseits empfing die Weltwirtschaft von der allgemeinen Nachkriegsprosperität so mächtige Impulse, dass diese Störungen auf bestimmte geographische und wirtschaftliche Gebiete lokalisiert blieben und im übrigen von den Faktoren überkompensiert wurde, die auf einen Wiederaufbau der Weltwirtschaft gerichtet sind. Der Zusammenbruch dieses Mechanismus wurde im wesentlichen durch zwei Faktoren herbeigeführt: durch die weltwirtschaftliche Produktionskrise und durch die innere Schwäche des internationalen Kreditsystems. Die Produktionskrise rief in allen Ländern die Neigung wach, die geschwächte Kaufkraft des Landes so weit als möglich für die heimische Produktion zu reservieren und das Ausland auf dem inneren Markt so weit als möglich auszuschalten. Das internationale Kreditsystem krankte an einer übermässigen Ausdehnung der kurzfristigen Kreditverflechtungen, die nur in einem sehr stabilen und fest zusammengeschlossenen Weltwirtschaftssystem unbedenklich gewesen wäre. Nur nebenbei sei daran erinnert, welche unheilvolle Rolle schon damals im Hauptschuldnerland der Welt, in Deutschland, jene Mächte gespielt haben, die inzwischen zur Herrschaft gelangt sind. Schacht und seine Hintermänner, die durch ihren Kampf gegen die Auslandsanleihen zur Erhöhung der kurzfristigen Auslandssohulden Deutschlands beitrugen. In der Weltwirtschaftskrise brachen alle drei Pfeiler der Weltwirtschaft nacheinander zusammen. Das internationale B- 3Kreditsystem zerbrach an der Vertrauen skrise, die sich im Sommer 1931 von zwei Krankheitsherden, der Oesterreichischen Kreditanstalt und den deutschen Grossbanken, über die ganze Welt ausbreitete. Die internationale Goldwährung brach zusammen, als England sie im Herbst 1931 aufgab, um seine bedrohliche Position als kurzfristiges Schuldnerland zu retten. Der internationale Warenverkehr wurde auf ein vorher unvorstellbares Minimum vermindert, als eine Reihe von Ländern dazu übergingen, nicht nur die Zölle ausserordentlich zu erhöhen, sondern sie noch durch Einfuhr beschränkungen in den verschiedensten Formen zu ergänzen. 2) Welthandel und Weltproduktion Das Resultat dieser dreifachen Krise war, dass der internatio nale Aussenhandel während der allgemeinen Wirtschaftskrise weit stärker eingeschnürt wurde als die Binnenwirtschaft, dass der auf der tiefsten Stufe der Depression noch stehen blieb, als die einzelnen nationalen Wirtschaften sich bereits zu erholen begannen, und dass er bis zum heutigen Tage weit hinter der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung zurückgeblieben ist. Einige Ziffern mögen diese Feststellungen erläutern. Der Völkerbund veröffentlicht laufend eine Statistik, in der die Aussenhandelsziffern sämtlicher Länder der Welt in der Weise addiert werden, dass sie nach den offiziellen Währungskursen auf Gold umgerechnet werden. Danach entwickelte sich der internationale Aussenhandel folgendermassen: Weltaussenhandel, 1929- 1936( In Millionen alte US- Golddollar Einfuhr Ausfuhr Alle Länder der Welt 1929 35.585 33,021 1930 29,076 26,483 1931 20,795 18,908 1932 13,972 12,895 1933 12,484 11,740 1934 12, oll 11,364 B- 4Einführ Ausfuhr 75 Länder 1934 1935 11,533 10.901 11,724 11,148 erste 9 Monate 1935 erste 9 Monate 1936 8,275 8,994 74 Länder( ohne Italien) 1) 7,807 8,522 Nun sind gewiss gegen eine Statistik, die in einer Periode allgemeiner Währungsabwertungen alle nominellen Geldwerte auf Gold umrechnet, gewichtige Bedenken geltend zu machen. Auch davon abgesehen ist zu berücksichtigen, dass diese Statistik die gleichzeitige Senkung der Preise( in Gold gerechnet) nicht mit erfasst. Trotzdem dürfte es möglich sein, wenigstens eine gewisse Vorstellung von den Grössenordnungen, die dabei im Spiel sind, zu gewinnen, wenn man die Angaben des Völkerbundes über den Goldwert des internationalen Handels den gleichzeitigen Veränderungen der Preise gegenüberstellt, und zwar nach der gleichen Methode, wie sie in der Völker bundsstatistik angewendet sind, nämlich durch Umrechnung der GrosshandelspreisIndizes der einzelnen Länder auf Gold. Diese Umrechnung ergibt für die wichtigsten Länder folgende Index- Ziffern der Grosshandels- Goldpreise: 2) England Deutschl. Frankreich Italien Durchschnitt U.S.A. 1929 loo 100 loo 100 loo 1930 99,7 87,5 1931 76,6 07; 동+) 88; 8 90,8 88,4 89,3 80,0 78,1 1932 68,0 53,9 70,3 68,2 73,0 1933 55,9+) 51,1 68,0 63,6 66,5 1934 47,0 47,7 71,7 60,0 65,0 1935 49,8 46,6 74,2 54,0 1) Okt. 1936 50,3 50,9 76,0 52,7+) 1) die italienischen Statistiken wurden im Herbst 1935 eingestellt. 2) Nach dem offiziellen Markkurs +) Zeitpunkt der Geldabwertung B-5Im folgenden soll nun ein sehr roher Versuch gemacht werden, zu einem" Internationalen Index der Grosshandelspreise" zu gelangen, und zwar auf die Weise, dass die Indexziffern der Gros handelspreise von USA, England und Frankreich auf der Goldgrundlage miteinander kombiniert werden. Die Auswahl dieser drei Länder rechtfertigt sich nicht nur damit, dass sie die weitaus wichtigsten Aussenhandelsländer der Welt sind von Deutschland mit seiner völlig anormalen Preisbildung und Währungsentwicklung muss natürlich abgesehen werden-, sie rechtfertigt sich auch damit, dass jedes dieser Länder einen charakteristischen Geldentwertungstyp repräsentiert. England als Führer des Sterlingblocks entwertete seine Währung etappenweise von 1931 bis 1935, die Vereinigten Staaten die ihre erst ab 1933 und nur bis zum Januar 1934, während Frankreich als Führer des Goldblocks schliesslich erst im Oktober 1936 folgte. Aus diesem sehr rohen Internationalen Grosshandelspreisindex haben wir einen nicht minder rohen Index des Weltaussenhandels berechnet, der die Veränderungen des" inneren Wertes" des Weltaussenhandels widerspiegelt; diesen Index stellen wir dem Index gegenüber, der sich aus den Angaben des Völkerbundes über die Goldwerte des internationalen Handels errechnen lässt. Die drei so gewonnenen Indizes ergeben folgende Entwicklungsreihen: Index der Welte infuhr Durchschnitt Internationaler Grosshandelspreis- in Gold Index in Gold umgerechnet über den nebenstehenden GrosshandelspreisIndex 1929 100 loo 1930 89 82 1931 76 58 1932 39 1933 1934 1935 Sept. 1936 51( Oktober 39 100 92 77 Bei allen Vorbehalten, die mit Recht gegen diesen Versuch eines Weltindexsystems geltend gemacht werden können, darf doch angenommen werden, dass auf diesem Wege die Richtung der Ent -6wicklung im wesentlichen richtig wiedergegeben wird. Danach ist der" innere Wert" des Weltaussenhandels, von 1929 bis 1932 um mehr als ein Drittel gesunken, stagnierte während des Jahres 1933 und erholte sich nur sehr langsam und um ein Geringes in den Jahren 1934 und 1935. Erst im Jahre 1936 wird die Erholung stärker, immer noch bleibt aber der Weltaussenhandel seinem inneren Wert nach um etwa ein Viertel hinter dem Stande vor der Weltwirtschaftskrise zurück. So bedeutsam dieses Zurückbleiben ist, so ist es doch bei weitem nicht so stark, wie meist angenommen wird. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt man auf Grund einer Statistik des Welthandels in den Internationalen Uebersichten des Statistischen Jahrbuchs für das Deutsche Reich 1936( s. 126). Diese Statistik verwendet für die Ausschaltung der Preisveränderungen andere Indexziffern und benutzt als Vergleichsgrundlage nicht das Jahr 1929, sondern das Jahr 1913(= loo). Auf die von der Statistik erfassten Länder entfällt 99% des gesamten Welthandels. Die Statistik führt ausserdem eine Aufspaltung in europäische und aussereuropäische Länder durch. Sie reicht allerdings nur bis zum Jahre 1935. Danach ergibt sich folgendes: Jahr Welthandel( Einfuhr und Ausfuhr) 1929- 1935 in Milliarden RMk. Welt Europa Ausserin vH. von 1913 Europa Aussereuropa Welt europa 1929 109,9 98,2 208,1 112,0° 158,2 129,9 1930 107,7 84,0 191,7 109,8 135.3 119,7 1931 102,8 74.7 177,5 104,7 120,3 110,8 1932 87,4 66,8 154,2 89,1 107,5 96,2 1933 88,3 69,4 157,7 90,0 111,8 98,4 1934 87,6 87,6 70,2 157,8 89.3 112,9 98,5 1935 86,7 86,7 75,6 162,3 88,3 121,8 lol, 3 Nach dieser Uebersicht hat der gesamte Welthandel 1932 seinen tiefsten Stand erreicht und seitdem eine langsame Erholung erfahren. 1935 hat er zum ersten Mal wieder den Stand von 1913 überschritten, bleibt damit aber immer noch um 28,6 B- 7Punkte oder rund 22% unter dem Stand von 1929. Die Uebersicht lässt aber auch einen bemerkenswerten Unterschied zwischen der Entwicklung in den europäischen und der in den aussereuropäischen Ländern erkennen. Der Handel der europäischen Länder hat 1933 eine vorübergehende geringe Erholung erfahren, ist aber 1935 erneut unter den Stand von 1932 gesunken. Der Handel der aussereuropäischen Länder ist dagegen ständig und nicht unerheblich gestiegen, so dass er 1935 schon den Stand von 1931 wieder überschritten hatte. Zum Unterschied von den Preisen, die zur Not auf einen gemein samen Nenner gebracht werden können und deren Entwicklung in den meisten Ländern verhältnismässig gleichmässig verlaufen ist, lässt sich ein. ziffernmässiger Vergleich zwischen der Entwicklung des Welthandels und der der Weltproduktion nicht durchführen. Die Produktionsverhältnisse der einzelnen Länder sind ausserordentlich verschieden, die Verteilung auf landwirtschaftliche und industrielle Produktion ist ganz ungleichmässig und die Entwicklung in den letzten Jahren zu mannigfaltig, als dass sie auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden könnten. Deshalb müssen wir uns darauf beschränken, die Unterschiede zwischen dem Verlauf der Aussenhandelsziffern und der Entwicklung der Weltproduktion durch folgende Feststellungen zu verdeutlichen. 1. Ein grosser Teil des Weltaussenhandels spielt sich in landwirtschaftlichen Produkten ab. Die landwirtschaftliche Produktion aber wurde im Verlaufe der Wirtschaftskrise nur in ganz -wie in den Vereinigten Staaten- eingewenigen Ländern schränkt, hingegen in vielen Ländern sehr stark ausgedehnt. Der gewaltige Rückgang des Weltaussenhandels ist nicht die Folge eines Produktionsrückganges in dieser Wirtschaftssphäre, sondern umgekehrt die Folge einer Ausdehnung der Produktion in Ländern, die früher stärker auf Agrare infuhr angewiesen waren. 2. Die industrielle Produktion entwickelte sich sehr ungleichmässig in den einzelnen Ländern; es können aber verschiedene Typen aufgestellt werden, für die als charakteristische Bei B -8spiele die industriellen Produktionsindizes der folgenden Länder wiedergegeben werden sollen: England als Typus des Industrielandes mit schwachem Krisenrückschlag und starker Erholung; die Vereinigten Staaten als Typus des Industrielandes mit starkem Krisenrückschlag und langsamer Erholung; Frankreich als Typus des Goldblocklandes ohne Erholung; Schweden als Typus der Ländergruppe, die sich in einem durch die Wirtschaftskrise nicht oder kaum gestörten Industrialisierungsprozess befindet. Die industriellen Produktionsindizes dieser vier Länder bieten folgendes Bild: Durchschnitt 1929 England loo U.S.A. loo Frankreich loo Schweden loo 1930 92,3 80,7 100,4 99,3 1931 83,8 68,1 88,9 95,4 1932 83,5 53,8 68,8 90,1 1933 88,2 63,9 76,7 96,0 1934 98,8 66,4 71,0 115,9 1935 105,7 75,6 67,4 126,9 Sept. 1936 115,1 1) 91,6 68,1 139,6 Vergleicht man unseren Index des Weltaussenhandels mit diesen vier Produktionsindizes - und lässt man selbst die landso wird der grosse wirtschaftliche Produktion ausser achtUnterschied zwischen Aussenhandel und Produktion sowohl in der Schwere des Krisenrückschlags wie in Grad und Tempo der Erholung offensichtlich. 3) Die kranken Glieder der Weltwirtschaft Trotz des schweren Schlages, den der Weltaussenhandel erlitt und von dem er sich, wie unsere Zusammenstellungen zeigen, nur sehr langsam zu erholen vermag, wäre es einerseits falsch, vom Zusammenbruch der Weltwirtschaft als einem noch bestehenden und fortwirkenden Zustand zu sprechen, während andererseits die weit verbreitete Auffassung irrig ist, dass die Weltwirtschaft, wie sie bis zum Weltkrieg bestand, ebenso zum Untergang verur1) zweites Quartal 1936 B- 9teilt sei wie die liberale Aere des Kapitalismus, der sie ihre Entstehung verdankte. Wenn man sich die Frage stellt, wodurch sich im gegenwärtigen Augenblick,-unter Beiseitelassung alles dessen, was sich die Struktur der Weltin den letzten Jahren abgespielt hatwirtschaft von der der Vorkrisen periode unterscheidet, so wird man finden, dass der entscheidende Unterschied nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren, so sehr in der inneren Struktur der gesamten Weltwirtschaft liegt als in der Aufspaltung der Weltwirtschaft in zwei ziemlich deutlich voneinander unterschiedene Gruppen: die der Weltwirtschaftsländer und die der isolierten Länder. Genau gekommen, bestand dieser Unterschied grundsätzlich auch schon vor der Krise. Aber damals bestand die Gruppe der isolierten Länder nur aus Russland, und die Isolierung Russlands von der Weltwirtschaft war dadurch gemildert, dass sich allmählich wieder eine leidliche Kreditbrücke zwischen Russland und der übrigen Welt gebildet hatte. Heute ist das Hauptland der isolierten Gruppe Deutschland, und das bedeutet natürlich wesentlich mehr für die Weltwirtschaft. Denn Russland war immer nur als Agrarland mit der Weltwirtschaft verflochten gewesen, Deutschland aber stand mit an der Spitze der industriellen Aussenhandelsländer der Welt und Deutschland war das Hauptschuldnerland der Welt. Dass diese Schulden hauptsächlich politisch begründet waren, ändert am Mechanismus der Kreditverflechtungen nichts. Deutschland macht unter Hitler verzweifelte Anstrengungen, " sich aus den Fesseln der Weltwirtschaft zu befreien". Aber man darf sich selbst in diesem extremsten Fall der Einschrumpfung der weltwirtschaftlichen Beziehungen keine übertriebene Vorstellung von den Grössenordnungen machen, die dabei im Spiele sind. Selbst die Abkehr Hitler- Deutschlands von der Weltwirtschaft ist weit mehr eine chauvinistische Ideologie als eine Realität. Harte Realität ist freilich, dass das Hit B- 10ler- Regime in seiner geradezu phantastischen Verbohrtheit Deutschland aller der Vorteile beraubt, die die Weltwirtschaft zu bieten vermag. Das deutsche Volk hungert bei vollen Weltscheunen. Es ist auf schmalste Kriegsrationen gesetzt, während " draussen" alle Lebensmittel in Hulle und Fülle und wesentlich billiger-real, d.h. im Verhältnis zu den Löhnensind als vor der Krise. zu haben Richtig ist also, dass Hitler- Deutschland an einer" SelbstBlockade" leidet, einer grotesken Parallele zur Kriegsblockade. Aber es dürfen dabei zwei Tatsachen nicht übersehen werden. Die eine ist, dass der Bankerott Deutschlands gegenüber den ausländisch en Gläubigern nicht die entscheidende Ursache dieser Blockade gewesen ist. Der Bankerott begann schon unter der Regierung Brüning, nämlich mit dem Verbot der Zurückzahlung kurzfristiger Auslandsschulden, das dann in die komplizierten Stillhalte vereinbarungen überfuhrt wurde. Nun hat die Hitlerregierung gewiss den Bankerott wesentlich verschärft. Aber nach dem Juli 1931 wäre der ausländische Kreditstrom auf jeden Fall für absehbare Zeit unterbrochen worden, ohne dass deshalb unter Brüning das deutsche Volk mit Butterkarten und Kunstwolle beglückt worden wäre. Des weiteren muss festgestellt werden, dass der deutsche Aussenhandel selbst unter Hitler nicht so vollkommen ausser Verhältnis zur übrigen Weltwirtschaft geräten ist, wie gewöhnlich angenommen wird. Die offiziellen Aussenhandelsziffern Deutschlands lauten folgendermassen: Einfuhr in Millionen Reichsmark Ausfuhr 1929 13,447 12,664 1930 10,393 11,328 1931 6,727 9,206 1932 4,666 5,677 1933 4,204 4,870 1934 4,450 4,166 1935 4,159 4,270 erste 9 Monate 1935 3,090 3,062 erste 9 Monate 1936 3,139 3,459 B-11- �.in Vergleich dieser Ziffern mit dem"normalen" Verlauf soll durch zwei Gegenüberstellungen gewonnen werden. Einerseits sollen die deutschen Aussenhandelsziffern als Goldwährungszahlen mit dem Index des Weltaussenhandels, auf Goldbasis abgestellt, verglichen werden, andererseits mit den Aussen- handelsziffern Englands, dessen Aussenhandelsstruktur am ehesten der deutschen entspricht. Dabei sollen die englischen Aussenhandelsziffern ebenfalls auf Goldbasis gebracht werden. i.lan erhält dann folgende Indexzahlen{alles auf Goldbasis abgestellt): Jahr Welteinfuhr Einfuhr nach Einfuhr nach _ Gross-Britannien Deutschland 1029 loo loo loo 1930 81,7 86,1 77,3 1931 58,4 66,9 50,0 1932 39,3 42,1 34,7 1933 35.1 38,3 31,3 1934 33,7 37,8 33,1 '1935 34,2 37,7 3o,9 erste 9 Monate 1936 39,4 4o,7 31,2 Von der Berechnung der Ausfuhrindexziffern soll hier abgesehen werden, weil die Berechnungsbasis wegen der teilweisen Begründung der deutschen Ausfuhr auf Sperrmark noch unsicherer ist als die für die Einfuhr. Ebenso müssen natürlich alle Vorbehalte wiederholt werden, die gegen die Zuverlässigkeit einer Indexberechnung auf der Goldgrundlage geltend zu machen sind. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass das Zurückbleiben der deutschen Einfuhr hinter der englischen-im Verhältnis zum letzten Vorkrisenjahr- nicht erst seit Hitler datiert, sondern von Anfang an ein Merkmal der deutschen Krise war. Bei der Ausfuhr ist allerdings der Absturz gegenüber England seit dem Einbruch des Dritten Reiches deutlicher zu bemerken, und gerade diese Diskrepanz zwischen Ein- und Ausfuhrentwicklung war es, in der sich die katastrophale Zuspitzung der Weltwirtschaft liehen Situation Deutschlands am stärksten widerspiegelte. Es würde zu weit führen, den Zusammenhang auseinanderzuset- B-12zen, der zwischen der deutschen Rüstungspolitik und dem Absturz der deutschen Ausfuhr besteht. Es möge genügen festzustellen, dass die Rüstungspolitik das deutsche Preisniveau hinauftrieb, während das aller anderen Länder sank, und dadurch die deutsche Ausfuhrfähigkeit untergrub. Da aber das Hitlerregime auch den letzten Rest des deutschen Kredits in der Welt vertan und das letzte Gold der Reichsbank verschleudert hatte, blieb ihm nichts mehr übrig, als die Einfuhr abzudrosseln. Und selbst das wäre noch erträglich gewesen, wenn Hitler nicht auch noch die Nahrungsmitteleinfuhr zugunsten der Einfuhr von Rüstungsrohstoffen abgedrosselt hätte. Es ist aber einleuchtend, dass die kranken Glieder, an denen die Weltwirtschaft leidet, sie im ganzen nicht gesünder machen. Wenn die Erholung des internationalen Handels so stark hinter der der Weltproduktion zurückgeblieben ist, so ist daran zu einem grossen Teil Hitler schuld. Denn Deutschland gehört zu den dominierenden Welthandelsländern und daher muss die Weltwirtschaft es verspüren, wenn der deutsche Anteil am Welthandel in einer Aera der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung künstlich herabgedrückt wird. 1 Hinzu kommt, dass was für Deutschland gilt, in abgeschwächterem Masse auch für andere Länder mit ähnlicher politischer Struktur Geltung hat, vor allem für Italien. Man braucht dabei gar nicht an den Sanktionskrieg zu denken, der natürlich die Entwicklung des Welthandels nicht gerade gefördert hat. Man braucht sich nur daran zu erinnern, dass es Mussolini war, der nach Moskauer Muster die erste" Getreideschlacht" in Europa geschlagen und damit das Vorbild für ähnliche siegreiche Autarkie- Schlachten Hitlers geschaffen hat. 4) Die Kräfte des Wiederaufbaues a) Die Wiederherstellung der Währungseinheit Aber wenn man von diesen wirklich kranken Stellen der Weltwirtschaft absieht, die an Selbstabschnürung leiden, so muss B-13von der übrigen Weltwirtschaft gesagt. werden, dass die Wunden, die ihr diese schwerste aller Wirtschaftskrisen zugefügt hat, allmählich, wenn auch sehr, sehr langsam im Abheilen begriffen sind. Die stärksten Wunden stammten aus dem Zusammenbruch des internationalen Währungs- und Kreditsystems. Aber alle politischen und psychologischen Hindernisse, die in den Goldblockländern, und alle ideologischen Hindernisse, die in Amerika und mehr noch in England der Herstellung einer neuen inter nationalen Währungsbasis im Wege standen, wurden von der unbezwinglichen Kraft, mit der sich die Weltwirtschaft immer wieder eine gemeinsame Währungsgrundlage zu beschaffen sucht, Schritt für Schritt aus dem Wege geräumt. Das Währungsabkommen, das am Tage der französischen Devalvation zwischen den demokratischen Grossmächten Frankreich, England und den Vereinigten Staaten abgeschlossen wurde, und dem später Belgien, Holland und die Schweiz beigetreten sind, sieht zwar formell keine stabile Währungsrelation vor. Denn es wäre psychologisch für England und Amerika unmöglich gewesen, bereits jetzt schon wieder zu einem formellen Goldstandard zurückzukehren. Formell wurden überhaupt nur währungstechnische Abmachungen getroffen, die den beteiligten Ländern die Beherrschung ihrer eigenen Währung erleichtern sollen. Faktisch aber bedeutet das Abkommen ein Währungsbündnis zum gegenseitigen Schutz der bestehenden Währungsrelationen und ein Versprechen zu gegenseitiger Hilfe und Zusammenarbeit, um sie aufrecht zu erhalten. Das ist, solange die drei Mächte dem Geist des Abkommens treu bleiben, ein noch wirksameres internationales Band als der alte mechanische Goldstandard, bei dem jedes Land, auf sich selbst gestellt war und internationale Hilfsaktionen nur selten zustande kamen. Welchen Belastungsproben das neue Währungssystem gewachsen sein wird, muss freilich abgewartet werden. Es besteht kein Grund, die Erwartungen von vornherein zu hoch zu spannen, ehe solohe Belastungsproben überstanden sind. Aber der Fortschritt in der Richtung zur internationalen wirtschaftlichen Verständigung, der in dem Abkommen liegt, darf B -14nicht verkennt werden. Ueberblickt man den tatsächlichen Stand der international en Währungsbeziehungen, so kann festgestellt werden, dass seit dem Beginn des Jahres 1935 alle wichtigeren Währungen der Welt untereinander im wesentlichen so stabil geblieben sind, wie es unter dem alten mechanischen Goldwährungssystem der Fall gewesen ist, mit zwei Ausnahmen. Die eine Ausnahme bildeten die Länder des Goldblocks, dessen Zusammenbruch erst die Voraussetzung für die generelle Wiederherstellung eines internationalen Währungsstandards schuf. Die Tatsache aber, dass faktiscr -abgesehen von eine internationale Stabilität aller Währungen Deutschland und Italiendurch die längst unvermeidlich gewordene Anpassung der Goldblockländer an das internationale Geldwertniveau vorübergehend unterbrochen wurde, verstärkt die Hoffnung, dass das Währungsbündnis der demokratischen Mächte sich bewähren wird. zwei Jahre lang bestand und nur Die andere Ausnahme bilden die Hauptländer des Faschismus, Deutschland und Italien. Der italienische Faschismus nimmt wie auf anderen Gebieten der Weltwirtschaft und Weltpolitik eine Zwischenstellung ein. Er hat, vom Beginn der ersten Vorbereitungen zum abessinischen Abenteuer an, eine ähnliche Währungspolitik wie Hitler- Deutschland eingeschlagen, mit einem offiziellen Lira- Kurs, schwarzen Lira- Kursen im Ausland und einer Art von Sperr- Lira- System. Diese Politik ist noch nicht ganz verlassen, aber im entscheidenden Augenblick ist Mussolini doch auf die Seite der anderen Mächtegruppe gefallen, indem er unmittelbar nach Frankreich die offizielle Abwertung der Lira auf das englisch- amerikanische Niveau durchführte. Es bleibt also Deutschland als das einzige Land mit seiner Doppel- oder Vielfachwährung und dem ununterbrochen schwankend en Kurs seiner verschiedenen Sperrmarkgruppen, der eine feste Eingliederung Deutschlands in die Weltwirtschaft ausschliesst. Es ist allerdings richtig, dass die internationale Währungsgemeinschaft durch die zahlreichen Devisenbeschränkungen geemmt ist, die noch in vielen Ländern bestehen. Devisengesetz B- 15gebungen können aber einen verschiedenen wirtschaftlichen Sinn haben. Sie können den Sinn haben, den offiziellen Währungskurs zu einem fiktiven zu machen. d. h. eine tatsächliche Geldabwertung zu verdecken; das war der Sinn der italienischen Devisenregelung vor der Abwertung der Lira und ist unter anderem der Sinn der deutschen Devisenregelung. In den meisten Fällen aber haben Devisenbeschränkungen heute einen anderen Sinn, nämlich entweder den Kreditverkehr oder den Warenverkehr mit dem Ausland zu regulieren. Mit anderen Worten, die Devisengesetzgebung der meisten Länder ist heute entweder ein Instrument zur Unterbindung oder Erschwerung der Kapitalflucht oder ein zusätzliches Instrument zur Erschwerung der Einfuhr. b) Die Kapitalbewegungen. Der internationale Kreditverkehr ist zunächst durch dasselbe Kennzeichen charakterisiert, das sich auf allen anderen Gebieten der Weltwirtschaft feststellen lässt: durch die tiefe Kluft zwischen Deutschland und der übrigen Welt. Sie ist auf dem Gebiet des Kreditverkehrs noch krasser als auf allen übrigen Gebieten, weil hier zwischen Deutschland und der Welt buchstäblich das Henkerbeil-die Todesstrafe für Kapitalfluchtsteht. Sehen wir aber von Deutschland ab, so bietet sich uns auch heute das Bild grosser internationaler Kapitalbewegungen, die kaum hinter den Perioden des intensivsten internationalen Kapitalverkehrs zurückbleiben. Freilich sind die Motive dieses Kapitalverkehrs zum grossen Teil viel weniger normal als sein technisches Funktionieren. Technisch ist die grösste Schwäche, die dem gegenwärtigen internationalen Kapitalverkehr anhaftet, dass der Anteil langfristiger Kapitalbewegungen noch viel geringer ist, als er es schon vor der Wirtschaftskrise war. Von politischen Anleihen bgesehen, gibt es heute praktisch kein Land, in dem ausländische Anleihen gewährt werden oder gewährt werden dürfen. Von en beiden weitaus wichtigsten Ländern, die dafür in Frage B- 16kämen, haben die Vereinigten Staaten die Gewährung von Anleihen an die Länder, die mit Schuldenzahlungen in Verzug geraten sind-d, h. praktisch an alle Länder- verboten, während in England die Auflegung von Auslandsanleihen, an eine Regierungsbewilligung geknüpft ist, die fast nie erteilt wird. Andererseits ist es sehr bedeutsam, dass die übermässige internationale kurzfristige Verschuldung in der Krise einen schnellen und umfangreichen Liquidierungsprozess durchgemacht hat. Nach Ermittlungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ( B.I.Z.) betrugen die kurzfristigen Auslandskredite der europäischen Länder und der Vereinigten Staaten 1930 rund 70 Milliarden Schweizer Franken, 1934 dagegen nur noch rund 30 Milliar den. Dieser Liquidierungsprozess ist eine wichtige Voraussetzung für die künftige Normalisierung des internationalen Kapitalverkehrs. Er trägt dazu bei, in den Kapitalüberschussländerd erneut die Bereitschaft für Ausleihungen an das Ausland zu fördern, während sie andererseits in den Ländern des Kapitalbedarfs die Voraussetzungen für die Aufnahme solcher Ausleihunger verbessert. Einstweilen spielt in der internationalen Kapitalbewegung eine anormale Erscheinung eine entscheidende Rolle, die man gewöhnlich als Kapitalflucht zu bezeichnen pflegt, d. h. die Verschiebung von Kapital zwischen den einzelnen Ländern aus nicht reinwirtschaftlichen Motiven, vor allem aus Angst vor Währungsentwertung, Krieg, Revolution usw. Jahrelang strömte das Kapital auf der Flucht vor Währungsentwertungen in die Gold blockländer, vor allem nach Frankreich. Aber seit dem Augenblick, wo die Währungen des Goldblocks zusammenzubrechen drohten, wendete sich das Kapital anderen Ländern zu, hauptsächlich den Vereinigten Staaten und in zweiter Linie England. Die Auffassung ist weit verbreitet, dass die Kapitalflucht. aus den ehemaligen Goldblockländern, und speziell aus Frankreich, eine Flucht vor dem drohenden Krieg oder gar vor einem französischen Bürgerkrieg ist. Man darf aber nicht übersehen, dass das Kapital, das seit dem Jahre 1935 Frankreich verlassen B- 17hat, zum grössten Teil fremdes Kapital war, das auf der Flucht aus anderen Ländern nach Frankreich geströmt war. Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, im September 1929, hatte die Banque de France einen Gold bestand von 40,1 Milliarden Francs, im September 1934 von 82,3 Milliarden Francs. Bis zum Zeitpunkt der Abwertung des Francs war der Goldbestand auf 50 Milliarden Francs gesunken, er war also immer noch wesentlich höher als vor der Wirtschaftskrise. Es sind also von den rund 40 Milliarden Francs, die nach Frankreich als dem Lande der stabilsten Währung geflossen sind, rund 30 Milliarden wieder abgeströmt in dem Zeitraum, in dem die Stabilität seiner Währung bedroht war. Wohin sind diese Milliarden und jene anderen geflossen, die aus ähnlichen Motiven vorher nach Holland und der Schweiz gewandert waren und nun von dort wieder abgezogen wurden? In erster Linie in zwei Länder, die Vereinigten Staaten und England. Der Anteil Englands am Kapitalfluchtstrom lässt sich nicht feststellen, da die Bewegungen seines Währungsausgleichfonds geheim gehalten werden. Es kann aber nicht daran gezweifelt werden, dass der grösste Teil des Fluchtkapitals nach den Vereinigten Staaten ging. Der monetäre Goldbestand der Vereinigten Staaten ist von 6.829 Millionen Gegenwartsdollar im Januar 1934 auf 10.845 Millionen Dollar im September 1936 gestiegen d. h. um 60,8 Milliarden Francs nach dem bis Oktober 1936 bestehenden Wertverhältnis. Die Vereinigten Staaten haben algo in den letzten zwei Jahren doppelt so viel Gold gewonnen, als aus Frankreich abgeströmt ist. Von den rund 4 Milliarden Dollar Gold, um die sich der monetäre Goldbestand Amerikas erhöht hat, kamen 1.690 Millionen Dollar oder 25,6 Milliarden französische Frankcs( alter Parität) aus Frankreich. Mit anderen Worten, im Ergebnis nahmen vier Fünftel des aus Frankreich B- 18abströmenden Goldes ihren Weg nach Amerika. 1) Nun erklärt sich die Vorliebe, die das internationale Kapital augenblicklich für Amerika zeigt, sicher zu einem Teil aus politischen Gründen. Amerika liegt heute wesentlich weiter " vom Schuss" als jedes europäische Land, auch als England. So weit dieses Motiv für die Kapitalwanderungen überwiegt, ist es berechtigt, von regulärer Kapitalflucht zu sprechen. Es darf aber nicht übersehen werden, dass auch rein wirtschaftliche Motive für die Kapitalwanderungen vorliegen. Amerika -mit Abund England sind nicht nur die beiden Länder, die stand- als die sichersten gelten, sondern auch diejenigen, in denen die wirtschaftliche Erholung gegenwärtig am kräftigsten ist. Und die Bevorzugung Amerikas durch das internationale Kapital könnte wieder, soweit sie wirtschaftlich begründet ist, damit erklärt werden, dass der bewegliche Teil des internationalen Kapitals allzu gern Börsengewinne" mitnimmt". In Amerika aber ist die Dynamik der Börsenbewegungen wesentlich stärker als in England. Wie der Absturz in der Krise ungleich stärker war, so auch der Wiederaufstieg. Vom Jahresdurchschnitt 1929 bis 1932 ist der Index der Aktienkurse in den Vereinigten Staaten um mehr als 75 Prozent abgesunken, in England hingegen nur um 40 Prozent. Die Steigerung der Kurse von jenem Tiefpunkt bis September 1936 betrug in den Vereinigten Staaten mehr als 180 Prozent, in England 100 Prozent; von Anfang 1935 bis September 1936 stieg der Index der Aktienkurse in den Vereinigten Staaten um 60 Prozent gegenüber 22 Prozent in England. Das internationale Kapital hat es also bei seiner Einwande1) Bei allen diesen Angaben ist zu beachten, dass die monetären Goldbewegungen nicht genau identisch mit den internationelen Kapitalbewegungen sind, und zwar aus zwei Gründen: 1. weil sich nicht alle internationalen Kapitalbewegungen in Goldbewegungen widerspiegeln, sondern sich auch untereinander kompensieren können; 2. weil monetäres Gold auch ins Inland abströmen und von dort zuströmen kann( Goldhortung und-enthortung). Die Goldbewegungen sind daher nur als Richtungsweiser der internationalen Kapitalbewegungen anzusehen. B-19- rung nach Amerika verstanden, das Angenehme mit dem Nützlichen, das Gewinamotiv mit dem Sicherungsmotiv zu verbinden. Es ist aber nicht daran zu zweifeln, dass-genau so wie in den Jahren des amerikanischen Börsenbooms, der im Oktober 1929 zusammenbrach-' europäisches Kapital auch unter normalen politischen Verhältnissen nach Amerika geströmt wäre. Insoweit also kann gesagt werden, dass der kurzfristige internationale Kapitalverkehr, der eines der wichtigsten Instrumente der Weltwirtschaft ist, wieder funktioniert. c) Die Handelspolitik Der letzte Sinn aller Weltwirtschafts-Beziehungen ist der internationale Warenverkehr. Die internationalen Währungsbeziehungen sind nur insoweit wichtig, als sie den internationalen Waren- und Kapitalverkehr erleichtern oder erschweren, und der � internationale Kapitalverkehr wird letzten Endes nur dadurch fruchtbar, dass dem Kapital die Waren folgen. Der internationale Handel ist darum der wichtigste Gradmesser für den Stand der internationale Wirtschaftsbeziehungen. Die Ziffern, die wir oben über die Entwicklung des internationalen Handels wiedergegeben haben, sind gewiss alles andere als ermutigend. Aber nicht minder wichtig als die Frage, um wieviel die Erholung des internationalen Handels bisher hinter der der Weltproduktion zurückgeblieben ist, ist die Frage des "Trends", der langfristigen Bewegungsrichtung des internationalen Handels. Für ihre Beantwortung ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Autarkie-Tendenzen, die ihre höchsten Triumphe in den faschistischen Ländern gefeiert haben und noch feiern, keineswegs auf sie beschränkt geblieben sind, sondern sich in allen Ländern mehr oder weniger stark bemerkbar gemacht haben. Ueberau wurde der Schutz der heimischen Wirtschaft, insbesondere in den europäischen Ländern der Schutz der heimischen Landwirtschaft, vor der ausländischen Konkurrenz verstärkt, sei es direkt durch Zollerhöhungen, durch Einfuhr- B- 20verbote und-beschränkungen oder durch Devisenregelungen, sei es indirekt durch einen Wettlauf in der Geldentwertung oder durch Verwaltungs- Massnahmen, wie Bevorzugung heimischer Produkte bei öffentlichen Aufträgen, oder schliesslich durch Propaganda( Deutsche, kauft deutsche Waren; Buy British usw.) Für den Trend des internationalen Handels wird nun die Frage entscheidend werden, ob es sich bei diesen Autarkie- Tendenzen nur um eine vorübergehende Krisen erscheinung handelt oder um eine" säkulare" Bewegung. Die ideologische Begleitmusik der Autarkie bestrebungen würde für die zweite Annahme sprechen. Diese Musik war nicht bloss in Deutschland und Italien zu hören. Ein anderer Faktor schien der Autarkie- Tendenz förderlich zu sein. In allen Ländern war die Wirtschaftskrise von den breiten Massen mit Recht als ein Versagen des Mechanismus der freien Wirtschaft empfunden worden, und alle Länder reagier ten darauf mit einer wesentlichen Verstärkung des staatlichen Einflusses auf die Wirtschaft. Und diese Tendenz trägt tatsächlich und unbezweifelbar einen säkularen Charakter. Also lag es nahe, anzunehmen, dass die Autarkiebestrebungen ein Ausfluss der gleichen Tendenz zur Zurückdrängung oder Regulierung der freien kapitalistischen Wirtschaftskräfte sind und daher ebenfalls säkularen Charakter tragen. Aber die Tatsache, dass die moderne Weltwirtschaft ein Produkt der kapitalistischen Entwicklung in ihrer liberalen Phase ist, berechtigt an sich noch nicht zu dem Schluss, dass mit der liberalen Epoche des Kapitalismus auch die Weltwirtschaft zum Tode verurteilt ist und es erst recht in einer sozialistischen Wirtschaft sein muss. Die extrem pichtliberalen kapitalistischen Länder Deutschland und Italien sind dafür ebenso wenig ein Gegenbeweis wie das sozialistische Russland. Das russische Reich ist so riesenhaft und so reich mit Naturschätzen ausgestattet, dass mit dem Fortschreiten seiner industriellen Entwicklung sein Aussenhandel B- 21naturnotwendig zu sehr geringer Bedeutung herabsinken muss; diese Tatsache besteht unabhängig von der Form des Wirtschafts- ¨¨¨¨ systems. Und die Wirtschaftsstruktur, die gegenwärtig in Hitlerdeutschland und in abgeschwächtem Masse in Italien besteht, ist nichts anderes als eine Kriegswirtschaft mit so anormalen Symptomen, dass daraus keine Schlüsse auf ein normal funktionierendes Wirtschaftssystem gezogen werden dürfen. Viel aufschlussreicher sind die Tendenzen in dem Land, in dem sich heute die Entwicklung von einem extrem liberalen Wirtschaftssystem zur staatlich regulierten Wirtschaft am stärksten von allen normal funktionierenden Ländern durchsetzt, nämlich in den Vereinigten Staaten. Die amerikanischen Demokraten waren immer Gegner der industriellen Hochschutzzollpolitik gewesen, die von den Republikanern jahrzehntelang getrieben wurde. Der Tiefpunkt der schwersten Wirtschaftskrise aller Zeiten, in dem sie unter Roosevelt die Macht antraten, war gewiss der denkbar ungeeignetste Augenblick, um eine radikale Schwenkung in der Handelspolitik vorzunehmen. Trotzdem bereiteten sie sie schon damals vor, indem der Kongress dem Präsidenten die Vollmacht zu weitgehenden Zollermässigungen in Handelsverträgen gab. Und sowie sich der Druck der Wirtschaftskrise lockerte, ging die Regierung auch tatsächlich daran, mit einem Staat nach dem anderen relativ liberale Handelsverträge abzuschliessen, und zwar auf der Grundlage der Meistbegünstigung, die damit wieder einen Teil des Terrains zurückeroberte, das sie im Strudel der Wirtschaftskrise verloren hatte.( Früher, auch vor dem Kriege, haben es die Vereinigten Staaten immer abgelehnt, Meistbegünstigungsverträge abzuschliessen). An diesem wichtigen Beispiel zeigt sich, dass staatliche Wirtschaftsregelung und liberale Handelspolitik durchaus keinen Widerspruch in sich darstellen, und es wurde auch nur als logisch und nicht als paradox empfunden, dass die gleichen Republikaner, die Roosevelt wegen seiner" staatssozialistischen" Tendenzen Lekämpften, im Wahlkampf für die Rückkehr zur alten hochschutzZöllnerischen Tradition eintraten. Mit dem überwältigenden B- 22Wahlsieg Roosevelts wurde auch der liberale handelspolitische Kurs seines Staatssekretära Hull legitimiert. Diese bedeutsame Kurs änderung in der Handels politik der Vereinigten Staaten verspricht umso mehr von Dauer zu sein, als sie einem wachsenden Bedürfnis der amerikanischen Konjunkturpolitik entspricht. In USA wie in England und einigen kleineren Staaten hat die Binnenkonjunktur einen Grad erreicht, dass sich die leitenden Wirtschaftspolitiker seit längerer Zeit überlegen, wie durch Ausdehnung der Aussenwirtschaft dieser Konjunktur eine breitere Basis gegeben und die Gefahr eines Rückschlags vermieden werden könnte. 5) Die politischen Gefahren. Die Schlussfolgerung, zu der uns unsere Uebersicht über die gegenwärtige Situation der Weltwirtschaft führt, darf gewiss nicht die sein, dass wir früher oder später mit einer völligen Rückkehr zu der Struktur der Weltwirtschaft vor der Wirtschafts krise zu rechnen haben. Um nur das wichtigste Beispiel zu nennen, das für eine dauernde Aenderung der Weltwirtschaftsstruktur spricht: es ist praktisch unvorstellbar, dass England wieder zum Freihandel zurückkehrt, und dass das Wirtschaftsbünö nis des Britischen Empire, das im Abkommen von Toronto abgeschlossen wurde, wieder aufgelöst wird. G Auch auf dem Gebiete des internationalen Kreditverkehrs wird der Vorkrisenzustand zweifellos nicht völlig wiederhergestellt werden und es wäre dies auch gar nicht wünschenswert. Kein Mensch wird wünschen, dass jene schranken- und kontrollose Ueberschwemmung einzelner Länder mit internationalen Krediten wiederkehrt, die für die Katastrophe des internationalen Kapitalverkehrs hauptsächlich verantwortlich war. Selbst wenn in absehbarer Zeit eine Verständigung über die interalliierten Kriegskredite zustande kommen sollte, für die sich Blum seit seinem Regierungsantritt einsetzt, so wird doch zweifellos die Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs sowohl auf B-23der Seite der Gläubiger- wie der Schuldnerländer bestehen bleiben. Aber ebenso falsch wäre es, an einem Wiedererstarken der Weltwirtschaft zu verzweifeln. Es wäre ein Irrtum, zu meinen, dass der Industrialisierungsprozess der Agrarländer dem Welthandel das Lebenslicht ausblasen müsste. Er bedingt keinen Niedergang, sondern nur eine Umstellung des Aussenhandels. ( Statt Textilien werden Textilmaschinen ausgeführt usw.) Oft ist auch der Handelsverkehr zwischen Industrieländern viel stärker als zwischen Industrie- und Rohstoffländern. Schliesslich werden noch immer 90% der Produktionsmittel( Maschinen usw.) in Europa und USA produziert und wenn die wirtschaftliche Entwicklung der zurückgebliebenen Länder vorwärtsschreitet, so kann ihr Kaufkraftzuwachs ihren Produktionsmittelbedarf nur erhöhen. Die wirklichen Gefahrenquellen für die Zukunft der Weltwirtschaft liegen im Bereich der Politik. Die Politik ist auch hier das Schicksal. Wenn die Wirtschaftspolitik in den Dienst der Kriegs- und Machtpolitik gestellt wird, dann wird nicht nur die Binnen-, sondern auch die Aussenwirtschaft ruiniert. Die erste verhängnisvolle Phase einer solchen Politik hat die Welt nach 1918 durchlaufen, als in den Siegerstaaten mächtige Kräfte am Werke waren ausgehend von der interalliierten Wirtschaftsden Krieg der Waffen durch den konferenz in Paris 1917 Wirtschaftskrieg fortzusetzen. Die zweite verhängnisvolle Phase hat in den letzten Jahren ihren Ausgang von der Politik Russlands, Italiens. und Deutschlands genommen, alle ihre Wirtschaftskräfte in den Dienst der Landesverteidigung oder der Kriegsvorbereitung zu stellen. 9 Soweit die Autarkie- Tendenzen eine Begleiterscheinung der Wir schaftskrise waren, ist ihre allmähliche Rückbildung in ähnlicher Weise zu erwarten, wie die Störungen des internationalen Kreditverkehrs so weit behoben werden dürften, als die zahlreichen Bankerotte der Schuldnerländer allmählich abgewickelt B- 24und saniert werden dürften. Soweit aber diese Tendenzen machtpolitische Ursachen haben, ist ihre weitere Wirksamkeit von der allgemeinen politischen Entwicklung abhängig. Vor allem in Deutschland ist jedoch diese Entwicklung völlig unberechenbar. Es wäre durchaus möglich, dass man auch dort früher oder später den wilden Mann in der Schublade verschwinden lässt und Schacht wieder aus der Schublade hervorholt. Deutschland hat gerade unter kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten ein starkes Interesse an einer verstärkten Wiedereinschaltung in die Weltwirtschaft: zum Kriegführen gehören Vorräte, gehört wenigstens ein bescheidener Goldbestand und beides kann man sich nur durch verstärkte Austausch beziehungen mit der Welt beschaffen. Aehnliches gilt auch für Italien. Aber gerade weil die angeblich so stabile Regierungsform der Diktatur in Wirklichkeit die unstabilsten Verhältnisse schafft, gibt es für die Weltwirtschaft nur ein wirksames Rezept gegen die Ausbreitung der faschistischen Krankheitsherde: sie abzukapseln, solange sie Unheil anzurichten vermögen. Das hat dem Währungsabkommen der demokratischen Grossmäch te seine grosse, weit über das Technische hinausgehende grundsätzliche Bedeutung gegeben, dass mit ihm zum ersten Mal in grossem Stil dieses Rezept angewandt wurde. Die demokratischen Länder bilder als die grosse Ländergruppe, in der die weltwirtschaftlichen Spielregeln wieder funktionieren, eine gemeinsame Währungsorganisation, die auch mit einer gemeinsamen Kreditorganisation verbunden ist. Wieweit die faschistischen Länder sich offen oder stillschweigend dieser neuen Weltwirtschaftsorganisation anschliessen, ist ihre Sache. Selbstverständlich steht es ihnen denn Weltwirtschaft zielt immer auf die Orfrei, es zu tun aber ihr Beitritt bildet ganisation der ganzen Welt hin keine Voraussetzung für das Funktionieren der Organisation: sie sind, solange sie sich nicht von selbst eines anderen besinnen, abgekapselt, der Krankheitsherd ist isoliert. Diese Erkenntnis festzuhalten, ist umso notwendiger, als B- 25sich neuerdings gewichtige Tendenzen in der Weltpolitik geltend machen, die auf einen, beschleunigten Anschluss Deutschlands an die Weltwirtschaft abzielen. Es ist nicht zu verkennen, dass vor allem Frankreich an einer Wiederherstellung des internationalen Vertrauens stark interessiert ist; die Lösung seiner eigenen wirtschaftlichen Probleme-Abs toppen der Preissteigerung, Rückführung der Fluchtkapitalien usw. hängt mit davon ab. Aber es wäre eine verhängnisvolle Illusion, zu glauben, Deutschland könnte wie es der holländische Ministerpräsident Colijn kürzlich ausgedrückt hat in eine gesunde wirtschaftliche Zusammenarbeit hineingezwungen werden. Oder es könnte durch wirtschaftliches oder finanzielles Entgegenkommen-Kolonien, Ueberbrückungskredite usw.-- zu einer solchen Zusammenarbeit gebracht werden. Interessiert wäre Deutschland an einer solchen Zusammenarbeit schon. Sie würde ihm eine neue Atempause verschaffen, ihm die Möglichkeit geben, den quantitativ weit genug gesteckten Rahmen seiner Rüstung nun auch qualitativ voll auszufüllen. Aber es würde damit nicht friedfertig werden, sondern jeden wirtschaftlichen Vorteil, den es aus einer solchen internationalen Zusammenarbeit ziehen könn te, nur dazu benutzen, seine Machtstellung weiter auszubauen. Die Machtstaaten haben der Weltwirtschaft schon genug Schader zugefügt. Nicht allein durch die Kriege in der Mandschurei, in Abessinien und in Spanien, nicht allein durch ihre Autarkiebestrebungen, durch ihre wirtschaftliche Rüstung, sondern ebenso durch die ständige Bedrohung, die von ihrer Politik, von ihrem ganzen Dasein für den Frieden der Welt, für die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Länder ausgeht. Die Weltwirtschaft hat diesen dauernden Schädigungen zum Trotz erstaunliche Heilungskräfte bewiesen und es besteht die Hoffnung, dass die auf Zusammenwirken gerichteten Kräfte der Weltwirtschaft sich noch weiter gegen die zersetzenden Kräfte durchsetzen werden, aber es ist gefährlich, zu glauben, dass dieser Prozess mit und nicht gegen Hitler- Deutschland fortgeführt werden müsste.