Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrg. Nr. 1. Januar 1937. Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrgang Nr. 1 Januar 1937 Inhaltsverzeichnis Te i 1 A 00 Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die Angst vor dem Kriege- Deutschland und der Krieg in Spanien Wachsendes Misstrauen Die antibolschegegen Presse und Rundfunk wistische Propaganda- Der Münchner Fasching. A l II. Aus der Wirtschaft 1) Die Preisüberwachung 2) Die Preisentwicklung 3) Die Lebensmittelversorgung W 17 17 20 26 Das Die Kundenlisten für Fett- Hamsterei Brotgetreide wird knapp Die Propagandamassnahmen zur Verbrauchslenkung- Das " Ernährungshilfswerk" der NSV. 4) Die Rohstoffnot 48 Ausdehnung der Kurzarbeit- Rohstoffmangel auch in der Rüstungsindustrie- Die Rohstoffschwierigkeiten in der Textilindustrie, der Leder- und Schuhindustrie, der Holzwirtschaft, der Papierindustrie usw." Kampf dem Verderb" Zur Durchführung des Vierjahresplans. 5) Geld und Kredit 6) Aus der Exportwirtschaft Einschränkung der Kompensationsgeschäfte 80 85 Aus der Praxis des Exportförderungsverfahrens -2Til B Uebersichten Das vierte Jahr der Diktatur I. Die Aussenpolitik Hitlers Absage an die Friedenssicherung Die Tendenzen der Hitler- Politik Die Ergebnisse II. Die Wirtschaftspolitik 1) Die Scheinblüte der Wirtschaft Von der Arbeitsbeschaffung zum Arbeitseinsatz. Hohe industrielle Produktion. Aussenhandel und Zahlungsbilanz Wachsender Rohstoffmangel Das Scheitern der Erzeugungsschlacht Steigende Preise Geringes Einkommen Anhaltender Tiefstand des Verbrauchs Steigende Steuer- und Schuldenlast Darniederliegender Kapitalmarkt 2) Wirtschaftspolitik als Machtpolitik Die Finanzierung des Vierjahresplans Erhöhte Produktionskosten Ausfuhr und Einfuhr " Mehr arbeiten- weniger verbrauchen" Deutschland und die Weltwirtschaft B 1 4 7 11 18 18 18 21 22 24 25 27 28 30 33 34 A -1Tei 1 A ( Abgeschlossen am 15. Februar 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland === Seit Monaten müssen wir immer wieder darüber berichten, dass das beherrschende Moment der allgemeinen Stimmung in Deutschland die Angst vor dem Kriege ist. Diese Situation hat auch im letzten Berichtszeitraum unverändert fortbestanden. Die Vorstellung, dass der Krieg nahe bevorsteht, hat sogar noch weiter um sich gegriffen und hat ständig Nahrung erhalten durch die Mobilmachungsbefehle, Musterungen, Gestellungsorders für Kraftfahrzeugbesitzer und die unverminderte Aktivität des Luftschutzes. Den nachstehenden Berichten ist ein Zug gemeinsam: ein weit verbreiteter Fatalismus, der mit dem Kriege als einem unabwendbaren Verhängnis rechnet. Berlin, 1.Bericht: Alle Menschen rechnen fest mit einem baldigen Krieg und alle, mit denen ich sprach, waren sich darüber klar, dass dieser Krieg von Deutschland provoziert wird. Ich habe aber niemanden gehört, der auch mit einem deutschen Siege rechnet, oder gar den Krieg begrüsst. Alle haben die stärksten Befürchtungen vor dem Kriegsausbruch. Das gilt nach meinen Beobachtungen vor allem für die Bevölkerungskreise, die früher nicht zu uns gehörten. Bei unseren Genossen stiess ich dagegen sehr oft auf die Ansicht:" Wenn der Krieg nur erst da wäre, nur so geht der Spuk des Nationalsozialismus endlich zu Ende." Ich habe den Eindruck, als ob die Kriegsmaschine bei Beginn der Mobilisierung zwar noch glatt anlaufen wird; wie weit sie aber läuft, ist angesichts der fast einmütigen Ablehnung des Krieges und des Regierungssystems eine offene Frage. Noch immer wird von manchem unserer informierten Genossen die Meinung vertreten, dass die Reichswehr sich-bis auf Blomberg- keineswegs mit den Nazis auf Tod und Leben verbunden habe." Im Generalstab sitzen doch keine Trottel, wie bei den Nazis. Dort weiss man doch bestimmt, dass mit Roheisenvorräten für 3 Monate kein Krieg begonnen werden kann." A-22. Bericht: Die Vorstellung, dass der Krieg nahe bevorsteht, erhält ständig neue Nahrung durch eine Reihe von organisatorischen Massnahmen, die in diesem Sinne gedeutet werden müssen. So erschien z. B. vor kurzem in den Zeiss- Ikon Werken in Berlin- Zehlendorf( ehemals Goerz- Werke) am Schwarzen Brett folgender Anschlag: Bln.- Zehlendorf, den 4/1/37 B.L. Rtg./Gü. Bekanntmachun_g_ Betr.: Männliche Gefolgschaftsmitglieder im Alter von 18- 45 Jahren. Zwecks Ergänzung der Personalakten ist es notwendig, dass alle männlichen Gefolgschaftsmitglieder im Alter von 18 45 Jahren umgehend ihre sämtlichen Militärpapiere( Wehrpass usw.) bis spätestens 7.1.37 zur Ablieferung bringen, und zwar die Angestellten an das Sekretariat und die gewerblichen Gefolgschaftsmitglieder an das Lohnbüro. Die Papiere werden in Kürze wieder zurückgegeben. Diejenigen, die keine schriftlichen Unterlagen mehr haben, aber aktiv gedient haben, bitten wir, ihre Angaben denn persönlich dem Lohnbüro bezw. Sekretariat zu übermitteln, und zwar ebenfalls bis zum 7.1.37. Betriebsführung gez. Hemscheidt gez. Hesselnberg Sachsen: Seit einem Vierteljahr erhalten die deutschen Staatsbürger ihre" Kriegs order". Darin ist genau angegeben, an welchem Mobilmachungstage jeder einzurücken hat und wohin ( Truppenteil oder Betrieb!) Mitzubringen sind: 2 warme Hemden, 2 Unterhosen, 3 Paar Strümpfe, Proviant für 2 Tage und 1 Tornister sowie Feldflasche. Auch die Auto- und Lastkraftwagenbesitzer haben Mobilmachungsbefehle erhalten. Im Bezirk Hohenstein- Ernsttal z.B. müssen die Kraftwagen mit Fahrern und allen Ersatzteilen am 1. Mobilmachungstag um 14,30 Uhr im Schützenhaus HohensteinErnsttal, und am 2. Tage in Dresden sein. Die Personenwagen haben am 1. Tage in Chemnitz, am 2. Tage in Bautzen zu sein Von der Polizeidirektion Zwickau ist allen Kraftfahrzeugbesitzern eine Verfügung zugegangen, nach der jeder bei der Zulassungsstelle Anzeige erstatten muss, wenn er die Wohnung wechselt, das Fahrzeug verkauft, es umbaut oder ausser Betrieb setzt. Zieht er mit seinem Fahrzeug in einen anderen Bezirk, so hat er sich bei der einen Zulassungsstelle abzumelden, bei der anderen aber anzumelden. Wechselt er im gleichen Bezirk die Wohnung, so sind die Aenderungen der Wohnung im Kraftfahrzeugbrief, im Führerschein und in den amtlichen Karteien zu berichtigen. Wenn Aenderungen an Fahrzeug vorgenommen werden, z. B. der Motor ausgewechselt, der Aufbau A- 3geändert, zu einem Kraftrad ein Beiwagen beschafft wird, wenn ein Fahrzeug vorübergehend ausser Betrieb gesetzt wird usw. ist sofortige Meldung zu erstatten. Wer in solchen Fällen die Meldung unterlässt, wird bestraft mit Haft bis zu 6 Wochen oder mit bis zu 150 Mark Geldstrafe. Die Massnahmen werden zwar damit begründet, dass sie zur ordentlichen Führung der Kraftfahrzeugkartei nötig seien. Doch diese Begründung glaubt niemand. Alle bringen diese Massnahmen in Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen. Schlesien: Zurzeit werden in Schlesien die allgemeinen militärischen Musterungen durch die Bezirkskommandos vorgenommen. Alle Männer vom 20. bis 45. Lebensjahr müssen zur Stellung gehen, ob sie gedient haben, den Krieg mitgemacht haben oder nicht. Fast alle werden als militärtauglich erklärt und den verschiedensten Truppengattungen zugeteilt. Sie müssen dann jeden Samstag und Sonntag an den Uebungen des sogenannten" Grenzdienstes" teilnehmen, werden dort militärisch gedrillt und ausgebildet. Aus einem kleinen Ort im Riesengebirge sind allein 700 Mann ausgehoben worden und müssen regelmässig jetzt an den Zweitagsübungen teilnehmen. Die Arbeiter wissen natürlich, was das System mit diesen militärischen Vorübungen bezweckt, sie sind aber zum grössten Teil fatalistisch." Uns ist es egal, ob wir verhungern oder totgeschossen werden, mit uns hat dieser Staat doch kein Erbarmen und wir haben keine Hoffnung mehr." Sie warten alle auf einen baldigen Krieg in der Hoffnung, dass es dann anders wird und dieses System zusammenbricht. An einen inneren Zusammenbruch dieses Systems glauben sie nicht mehr, weil die grosse Masse des Volkes zu mutlos und deprimiert sei und keine Aussicht bestehe, dass das System von innen her gestürzt werden könnte. Bayern, 1.Bericht: In Oberfranken greift die Kriegsangst besonders bei der Land bevölkerung an der tschechischen Grenze um sich. Den Landwirten wurden ihre Grundstücke abgeschätzt und zwar auf Veranlassung der Militärbehörde. Dabei wurde ein ausserordentlich niedriger Schätzwert eingetragen. So wurde z. B. das Grundstück eines Bauern, das mindestens 20.000 RM wert ist, nur mit 7.000 RM bewertet. Allgemein beträgt der von der Militärbehörde zu Buch gegebene Schätzwert 30 bis höchstens 40 Prozent des tatsächlichen Wertes. Da man den Leuten jedwede Auskunft über den Zweck dieses Verfahrens verweigerte, entstanden natürlich die verschieiensten Ansichten. Am verbreitesten ist die, dass man die Anwesen deshalb so niedrig eingeschätzt hat, damit man den Bauern nicht viel zu bezahlen brauche, wenn ihr Anwesen im nächsten Kriege zusammengeschossen werde. 2. Bericht: Alle Kriegsverletzten werden einer genauen Untersuchung unterzogen, um ihre Indienststellung im Kriegsfalle 7 herorüfen. Wie brutal dabei vorgegangen wird, A-4zeigt nachstehender Fall: Ein Kriegsverletzter aus X. wurde nach Y. zum Stabsarzt beordert. Der Mann hat im Kriege durch einen Granatsplitter ein Bein verloren und trägt jetzt eine Prothese. Vor der Untersuchung fragte er den Stabsarzt, was die Vorladung zu bedeuten habe, er bedürfe doch keiner Nachkontrolle mehr, ihm sei seine Rente dauernd zubemessen. Der Stabsarzt antwortete ihm wörtlich:" Lieber Freund, wozu wir Sie brauchen, werden Sie noch früh genug sehen. Sie kommen im Kriegsfalle in einen Einmanntank, da brauchen Sie Ihr fehlendes Bein nicht". Da eine Verwendung dieses Kriegskrüppels als Tankführer praktisch nicht in Frage kommt, sollte diese Antwort wohl nur ein schlechter Witz sein, der zeigt, wie man mit den Helden des grossen Krieges umspringt. Alle Wirtschaftsberater haben neuerdings Auftrag erhalten, in allen von ihnen kontrollierten Privatbetrieben jede nur erdenkliche Form der Rationalisierung zu ermitteln und in einem Plan festzuhalten. Offenbar handelt es sich um zusätzliche Rationalisierungsmassnahmen, die zwar schon in nächster Zeit durchgeführt, aber erst im Kriegsfalle in Kraft gesetzt werden sollen. Besonderes Augenmerk wird der Lehrlingsfrage zugewendet. Es ist eine eigentümliche Situation. Alle Leute sprechen vom Kriege, wie wenn er schon beschlossene Sache wäre. Jeder weiss, dass dieses Regime schon vor der Machtergreifung den Krieg auf seine Fahnen geschrieben hat und, seitdem es den Staat beherrscht, seine ganze Kraft darauf verwendet, das Volk, die Wirtschaft, alles auf den Krieg auszurichten.Keiner sieht einen Ausweg aus dieser Zwangslage, aus der wir unrettbar ins Verderben geführt werden. 3. Bericht: Im Bezirk nimmt die Kriegspsychose immer mehr überhand. Selbst Leute, die vor Monaten sich gegen die Annahme gesträubt haben, dass der Krieg nahe bevorsteht, sind durch die sich täglich steigernden Kriegsvorbereitungen anderer Ansicht geworden. Trotz der verschiedensten Umstände, die dagegen sprechen-Mangel an Rohstoffen, zu wenig ausgebildete Reserven usw. verstärkt sich die Meinung, dass der Krieg im Frühjahr beginnen wird. Nur ist man sich noch nicht klar, gegen wen er geführt werden soll, das heisst, wer der zuerst Angegriffene sein wird. Die allgemeine Ausrichtung auf Sowjetrussland ist jedermann bekannt, aber man will es nicht wahrhaben, dass gegen dieses Riesenreich der Feldzug geführt werden soll. Viel eher nimmt man an, dass die Tschechoslowakei blitzartig überfallen werden soll. Was sich daraus für Verwicklungen ergeben würden, darüber gibt es nur vage Vermutungen. Das ständige Auftrumpfen mit der wiedererstarkton Wehrmacht und die Tatsache, dass es möglich war, in so kurzer Zeit diese gigantische Aufrüstung durchzuführen, verleitet viele zur Ueberschätzung der deutschen Kriegsmacht. Man kann schon wieder dieselben Märchen hören wie 1914, nur dass es anstatt der Serben und Franzosen diesmal die Tschechen und A- 5Russen sind, die nur weggeräumt zu werden brauchen. Wenn man die Greuelmärchen in den Provinzblättern liest, die über Sowjetrussland geschrieben werden, ist man versucht zu glauben, dass die russischen Bauern und Arbeiter nur darauf warten, von den Nationalsozialisten erlöst zu werden. Genau so verhält es sich nach dieser Presse mit der Tschechoslowakei. Die Hälfte davon ist sowieso deutsch, na und die andere Hälfte ungarisch, was solls da noch mit den Tschechen? Solche Ansichten kann man öfter an Biertischen hören. Rheinland- Westfalen: Alles tippt auf Krieg. Dazu tragen die täglichen alarmierenden Artikel mit den klobigen Angriffen, neuerdings nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen Frankreich und England bei. Man kann sich im Ausland gar nicht vorstellen, wie vorzüglich alles auf den Krieg vorbereitet sei. Es gibt eigentlich keinen Deutschen bis zum Alter von fünfzig Jahren mehr, der am Tage der Mobilmachung nicht genau weiss, wo er sich zu stellen hat und was er zu tun hat. Es geht das Gerücht, dass bereits ein fix und fertiger Plan vorliege, nach dem z. B. das linksrheinische Gebiet für den Fall des Krieges preisgegeben und unter Wasser gesetzt werden solle. Das erzählt man sich ganz offen im Volke. Der Krieg werde voraussichtlich im März kommen. Die Kriegspsychose wird genährt durch Anordnungen verschiedenster Art. So werden periodenweise alle tauglichen Lehrer -abschnittweise je ein Fünftel der Lehrer- zu Uebungen einberufen. Sie werden als militärische Unterführer ausgebildet. Die meisten Männer bis zum Alter von fünfzig Jahren haben Order bekommen, dass sie sich am 2. oder 3. Mobilmachungstage an einer bestimmten Stelle zu melden haben. Manche müssen sich auf der Polizeiwache, andere an einer näher bezeichneten Strassenecke oder auf einem öffentlichen Platz melden. Es sind alles Leute, die nicht militärisch ausgebildet sind. Alle diese Leute haben vorher besondere Fragebogen aus füllen müssen. Wer den Fragebogen nicht ausgefüllt hat, wird besonders unter die Lupe genommen. Falls sogenannte Böswilligkeit vorliegt, kommt der Betreffende vor das Volksgericht. Soweit bis jetzt festgestellt werden konnte, haben alle diejenigen keinen Gestellungsbefehl erhalten, die früher einmal eine wichtige Funktion in der politischen oder gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung inne hatten. Ferner alle diejenigen, die wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz oder wegen sonstiger politischer Vergehen bestraft worden sind. Man nimmt an, dass alle diese Personen für den Fall der Mobilmachung verhaftet werden. Die Autobesitzer haben eine besondere Zustellung erhalten, wonach sie sich im Kriegsfalle zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort treffen müssen, ausgerüstet mit vollgetanktem Behälter und mit Ersatzbehältern. Ausserdem müssen sie mitbringen: 2 Garnituren Wäsche, gute Stiefel und für zwei Tage Proviant. Jede Veränderung am Wagen, jeder Verkauf des Wagens, Neuanschaffungen und Wohnungswechsel sind sofort zu melden. A-6- Der Luftschutz wird immer mehr durchorganisiert. Jetzt werden neue Formulare ausgegeben. Die Polizei hat alles zu besorgen. Wer sich bis jetzt geweigert hat, ein Amt im Luftschutz anzunehmen, muss sich aufs neue erklären. Ter sich weigert, wird bestraft. Nordwestdeutschland: Die Angst vor dem drohenden Kriege ist schon sehr allgemein geworden; auch in den Kreisen der SA- Leute, die ja vielfach noch geneigt sind, den Worten der Machthaber zu glauben. Dabei verdient es aber Beachtung, dass die geistige Isolierung der Deutschen von der Aussenwelt auch in Kreisen der Gegner des Systems Auffassungen über die weltpolitische Lage entstehen lassen, die stark von den Gedankengängen der braunen Presse infiziert sind. Dass Deutschland den Krieg selber vom Zaume brechen könnte, ist in weiten Kreisen noch nicht so recht vorstellbar. Die Anteilnahme des deutschen Volkes an den Ereignissen in Spanien ist unverändert stark. Die Berichte über den Einsatz deutscher"Freiwilliger" in den spanischen Kämpfen haben sich wesentlich vermehrt. Während es vor Wochen in Deutschland noch weithin unbekannt war, dass deutsche Soldaten auf Seiten Francos kämpfen, laufen jetzt zahlreiche Gerüchte darüber im Lande um. Berlin. I.Bericht: Wir haben im vorigen Monat darüber berichtet, dass kurz vor Weihnachten zwei Flieger nach Spanien beordert worden seien, von denen der eine aus Spanisch-Marok- ko, der andere aus Lissabon Nachricht gegeben hatte. Die beiden Militärflieger sind jetzt wieder zurück. Sie waren vom Dienst befreit und haben im Auftrage der"Lufthansa" portugi- sische(!) Flugzeuge nach Lissabon gebracht. P.Bericht: Von einem Träger des Blutordens, dar Sekretär im Range eines Fliegermajors ist und in Gatow sitzt(er hat die NSDAP-Mltgliedsnummer I008) habe ich erfahren, dass er Anfang Dezember an einer internen Besprechung teilgenommen hat, bei der der Führer anwesend war. In dieser Besprechung hätte die Frage des Einsatzes der deutschen Luftwaffe in Spanien eine grosse Rolle gespielt. Die Flieger hatten sich vorgenommen, Franco zu Hilfe zu eilen und wollten alle unbedingt nach Spanien fahren. Der Führer habe aber abgewinkt und erklärt, dass das auf keinen Fall in Frage komme. Nach Ansicht der Beteiligten sei die Sache in Spanien ungeschickt angefangen worden. Statt zuerst die grossen Städte, Madrid und vor allem die Hafenstädte, die der spanischen Marokkozone gegenüber liegen, zu besetzen, habe man sich in der Provinz festgesetzt und sei hängengeblieben. Die vielen Opfer seien umsonst gefallen. Allgemein sei auch bei dieser Besprechung zum Ausdruck gekommen, dass der Krieg unvermeidbar sei. Als Bürgerkrieg könne A-7man die Sache in Spanien doch nicht mehr bezeichnen, da schon viel zu viel Länder an dem Ausgang der Angelegenheit interessiert seien. Die Regierung sei sich darüber klar, dass diese spanischen Kämpfe der Anfang zum Kriege seien. Man sei gefasst darauf, dass man gutgeschulte Feinde vor sich haben werde, aber die allgemeine Meinung geht dahin, dass sie sich schon die Zähne ausbeissen werden, da sie keine Ahnung haben, wie stark unsere Luftflotte ist. 3.Bericht: In der Weihnachtszeit herrschte unter den Berliner Hausfrauen eine ziemliche Unruhe. Man sprach ganz allgemein vom kommenden Krieg und fürchtete, dass es nach Weihnachten losgehen würde und dass nachher auch die Hungersnot beginne. Anlass zu diesen pessimistischen Auffassungen waren die Nachrichten in der Presse, vor allen Dingen die Mitteilungen über Spanien. Man wurde nicht mehr schlau aus den Meldungen. Einmal hiess es, Madrid ist schon genommen und am nächsten Tag wieder: an die Einnahme von Madrid sei vorläufig nicht zu denken und so ging es dauernd hin und her, bis schliesslich kein Mensch mehr wusste, was los ist, und die Bevölkerung in grosse Unruhe geriet. Die Leute standen in Gruppen herum und diskutierten; vor allem vor den Zeitungsläden stauten sich die Menschen, so dass man nur schwer bis zum Schaufenster selbst vordringen konnte, um das Neueste zu erfahren. Bei diesen Diskussionsgruppen sind auch wiederholt NaziSpitzel am Werk gewesen. Einer unserer Freunde wurde von einem solchen Spitzel angesprochen und nach seiner Meinung über die Ereignisse in Spanien gefragt. Er war vorsichtig genug, nicht darauf zu reagieren. Es ist aber von ihm und einigen anderen Genossen beobachtet worden, dass andere Leute nach solchen Gesprächen verhaftet worden sind. Die Spitzel haben die Unterhaltungen meist mit der Anfrage, wie man über Spanien denkt, begonnen und sich danach erkundigt, welche Chancen die beiden Parteien im spanischen Bürgerkrieg wohl haben. Sie haben das Gespräch dann auf den zu erwartenden Krieg hingelenkt. Sachsen, 1.Bericht: Bei den Freiwilligen, die nach Spanien verschickt worden sind, muss man unterscheiden zwischen den wirklich Freiwilligen und den zwangsweise" freiwillig" Verschickten. So wird berichtet: Ein Dresdner braver Nazi hatte sich freiwillig nach Spanien gemeldet. Diese Freiwilligen schreiben offen, dass sie in Spanien sind. So hat auch dieser seine Sachen zurückgeschickt und mitgeteilt, dass er bei einer Tankabteilung Dienst tue und zwischen 200 und 300 Mark pro Monat beziehe. Seinen Angehörigen schrieb er, dass diese, falls er fallen sollte, sein Geld von der... Bank abheben sollten, da dorthin seine Bezüge gezahlt würden. Von einem anderen Spanienkämpfer wissen wir, dass er keineswegs freiwillig nach Spanien gegangen ist, sondern abkommandiert wurde. Seine Angehörigen erhielten von ihm lediglich A-8- ein Schreiben, dass er zum Manöver mit unbekanntem Aufenthalt fahren müsse. Erst nach etwa 7 Wochen kam der erste Brief über das Truppenpostamt Berlin, von dessen Inhalt über ein Drittel unleserlich gemacht worden war. Die Angehörigen konnten sich aber soviel zusammenreimen, dass der Soldat auf einer spanischen Insel bei einer Flakabteilung Dienst tut. Eine weitere Dresdner Familie, deren Sohn sich ebenfalls in Spanien befand, erhielt vom Kommandeur des deutschen Stammregisteramtes lediglich die kurze Mitteilung, dass der Soldat"im Lazarett plötzlich verschieden" sei! Es ist den Angehörigen unmöglich, zu erfahren, in welchem Lazarett, noch welche Todesursache vorliegt. Die nach Spanien Verschickten werden nicht erst in Spanien in spanische Uniformen eingekleidet, sondern bereits unterwegs auf den Schiffen. B.Bericht: Am 3. 12. 1936 sind von Dresden drei Batterien eines Flakregimentes nach Spanien verfrachtet worden. Die Soldaten, denen erklärt wurde, sie müssten zu einem Manöver nach der Wasserkante, waren misstrauisch gewesen und zwei Mann, die den anderen erklärten, jetzt gehts nach Spanien, dort können wir für nichts und wieder nichts unsere Knochen zu Markte tragen, wurden denunziert und sofort verhaftet. Beide sitzen im Polizeipräsidium Dresden. Die drei Batterien sind dann mit der Bahn nach Berlin transportiert worden. Von dort haben die Soldaten ihren Angehörigen geschrieben, dass diese in den nächsten Wochen nicht mit Post zu rechnen hätten, und ihnen vorläufig auch nicht schreiben könnten. Wenn irgend etwas wichtiges wäre, dann sollten sie die Briefe an die Garnison Dresden adressieren. In Schönau bei Chemnitz erhielten die Eltern eines Reichswehrsoldaten die Nachricht, dass ihr Sohn im Dienste des Heeres verstorben sei. Ein Reichswehrpilot ist im November 1936 plötzlich für vier Tage auf Urlaub geschickt worden. Die Eltern wunderten sich über diesen plötzlichen Urlaub und der Pilot erzählte ihnen, dass diese Art Urlaub jetzt öfters vorkomme. Von diesen Urlauben kehrten die Kameraden nicht wieder zu ihrer Staffel zurück und man habe auch bis jetzt noch nichts davon gehört, wo sie geblieben seien. Dieser Pilot erhielt am letzten Urlaubstag ein Schreiben des Luftfahrtministeriums, dass er sich in X. am gleichen Abend zu einem bestimmten Schnellzug begeben und im dritten Wagen von hinten reisefertig einzufinden habe. Unter den Piloten herrscht die bestimmte Meinung, dass alle Urlauber, die nicht wieder zu ihrer Staffel zurückkehren, nach Spanien verschickt worden sind. In A. erhielten die Eltern eines Reichswehrsoldaten die Mitteilung, dass ihr Sohn auf dem Felde der Ehre gefallen sei. In einem anderen Fall erhielten die Eltern die Mitteilung, ihr Sohn könne infolge Teilnahme an Mannövem zu Weihnachten nicht nachhause kommen. 1-9Die deutschen Spanienflüchtlinge, die nach Ausbruch des Bürgerkrieges nach Deutschland zurückkamen, erhielten jetzt eine Aufforderung, sich in München bei der Unterstützungsstelle für Spanienflüchtlinge zu melden. Dort bekommen sie eine kurze militärische Ausbildung, um dann wieder nach Spanien an die Front geschickt zu werden. Die Leute sind darüber nicht gerade begeistert. Bayern, 1.Bericht: Ueber die Beteiligung deutscher Truppen an den Kämpfen in Spanien kursieren in den Kasernen die widersprechendsten Gerüchte. Vom Standort München sind bisher keine regulären Truppenteile verschickt worden, es ist aber allen Soldaten bekannt, dass SS und zum Teil auch österreichische Legionäre, die kaserniert waren, nach Spanien abgegangen sind. Die Mannschaften empfinden es als richtig, dass für diese Unterstützung in erster Linie politische Soldaten herangezogen werden. Keiner hat den Wunsch, in Spanien den Heldentod zu sterben. Auf unsere in den Novemberbericht( Seite A 11/12) aufgenommene Meldung von den gestellten Filmaufnahmen in Geiselgasteig, hat nun auch das" Schwarze Korps" geantwortet. Es brachte ein stark retuschiertes Bild und wollte seinen Lesern weis machen, dass die Nummer IIA 4523 eigentlich NA-4523 heissen soll. NA sei das Zeichen für die Provinz Navarra. Dass wir aber zugleich die polizeiliche Bestätigung darüber eingeholt hatten, dass die Auto- Nummer 4523 der Bavaria- Filmgesellschaft, Geiselgasteig, gehört, darüber schweigt sich das" Schwarze Korps" aus. Vor einiger Zeit hat auch der - Deutschland- Sender es für nötig befunden, zu dem Fall Stellung zu nehmen. Die Propagandaabteilung des Senders war damals aber noch nicht auf den Trick mit der NA- Nummer gekommen, so dass sie sich damit begnügte, die ausländischen Presseberichterstatter zum Besuch von Geiselgasteig einzuladen ( auch eine Beweismethode!). Der findige Schreiber im" Schwarzen Korps" hat wenig Glück mit diesem plumpen Schwindel. Durch diese Veröffentlichung ist der Fall erst recht bekannt geworden. 2. Bericht( Aus München): Wir haben schon vor einem Monat berichtet, dass der heldenhafte Widerstand der spanischen Arbeiter auch bei uns in den Betrieben eine sichtbare Wandlung mit sich gebracht hat. Allen ist bewusst geworden, dass in Spanien eine Entscheidungsschlacht geschlagen wird, die auch für uns Deutsche von besonderer Bedeutung ist. Gelingt es dort, den Faschismus endgültig niederzuringen, so ist der alles bedrückende Alb gebrochen und der Wiederaufstieg aller freiheitlichen Kräfte zu erwarten. Die Arbeiter haben wieder Mut gefasst und viele haben den Glauben an die Kampfkraft ges Proletariats wieder gewonnen. Mancher, der schon seit Jahren kein Wort mehr über Politik verlor, beteiligte sich wieder an den Diskussionen und eifrig wurden die Meldungen der ausländischen Sender abgehorcht und weiterverbreitet. A-10Seit Anfang des Jahres ist ein deutlicher Umschwung dieser Stimmung festzustellen. Der Krieg dauert den meisten schon zu lange und es mehren sich die Stimmen der Miesmacher. Viele sagen, dass es Hitler und Mussolini durch ihre Täuschungsmanöver gelingen wird, die Westmächte, vor allem Frankreich, von einer wirksamen Unterstützung der rechtmässigen Regierung abzuhalten, während sie selbst immer Mittel und Wege finden werden, die Nationalen mit Truppen und Material zu versorgen. Zugleich werden sie aber dafür sorgen, dass diese Unterstützung keinen internationalen Konflikt heraufbeschwört, der ihnen nicht gelegen kommt. Dieser plötzliche Stimmungs um schwung ist nur dadurch zu erklären, dass die Arbeiter sich kein klares Bild über die wirklichen Kräfteverhältnisse der kämpfenden Parteien machen können. Die nur teilweise aufgefangenen Meldungen ausländischer Sender und die durch die amtlichen Dementis nur noch vergrösserten Hilfeleistungen deutscher Reichsstellen für Franco, bringen es mit sich, dass die Arbeiter an einem Sieg der Volksfront zu zweifeln beginnen. In 14 Tagen kann sich das Bild wieder wesentlich verändern, sobald ein entscheidendes Vorrücken der Milizen gemeldet wird. Südwestdeutschland, 1. Bericht( Baden): Die Vorgänge in Spanien werden mit ausserordentlich grossem Interesse verfolgt. Man kann sagen, dass diese Vorgänge die Massen mehr interessieren als die innerpolitischen Ereignisse. Wohl' der grösste Teil der Radiobesitzer schaltet abends den Strassburger, Züricher oder Moskauer Sender ein, um etwas anderes von Spanien zu hören, als täglich in der Tagespresse zu lesen 1st. Allgemein glauben auch in Bürgerkreisen nur wenige noch an die" Deutschen Nachrichten". Unter der Arbeiterschaft dürfte es nur einen kleinen Teil geben, der nicht auf den Sieg der Madrider Regierung hofft und damit auch die Hoffnung hegt, dass dies auch günstige Rückwirkungen auf die deutschen Verhältnisse bringen könnte. Sie sagen, ein Sieg Francos würde bedeuten, dass der Faschismus sich in absehbarer Zeit auch in Frankreich festsetzen würde und damit das Ende jeder Demokratie in ganz Europa und auf unendlich lange Zeit besiegelt wäre. Selbst die Katholiken glauben die Greuelmärchen über die Priestermorde usw. nicht. Man spricht auch allgemein davon, dass viele deutsche" Freiwillige" in Spanien sind. Ein Mann, dessen Sohn bei den Fliegern in X. war, erzählt überall, dass dieser Sohn nun seit Wochen auf Seite Francos in Spanien wäre. Wie er erzählt, geht die Postverbindung dieser Leute mit ihren Angehörigen folgendermassen vor sich: Die Soldaten dürfen nur gewöhnliche Postkarten nach Hause schreiben. Diese werden in der Formation gesammelt und nach Berlin geschickt. Dort erhalten sie dann eine deutsche Marke und einen deutschen Stempel und werden erst dann an ihre Adresse abgeschickt. Dieser gleiche Mann erzählt auch überall, es sei verboten, darüber zu sprechen. A-112.Bericht( Pfalz): Ueber die Vorgänge in Spanien wird sehr viel gesprochen. Man kann oft den Ausspruch hören:" Wir sind betrogen, wir wissen nicht, was hier vorgeht." Gerade die Ereignisse in Spanien haben sehr viele Leute veranlasst, Auslandssender einzustellen. Auch die scharfe Abwehr im deutschen Rundfunk gegen die Auslandssender hat viele Leute dazu verlockt, doch einmal zu hören, was von diesen ständig beschimpften Stationen zu hören ist. Auf diese Weise ist manches durchgesickert und man kann sagen, dass die meisten Leute von der Entsendung deutscher Truppen nach Spanien unterrichtet sind. Die älteren Leute erzählen jetzt oft von den Marokko- Konflikten 1905 und 1911 und schliessen daraus auf eine erhöhte Kriegsgefahr. Von beweisbaren Todesfällen aus den spanischen Kämpfen ist nichts bekannt geworden, aber einige Sterbefälle junger Soldaten, besonders Flieger, werden jetzt anders gedeutet, als den offiziellen Angaben über die Todesursache entspricht. Rheinland- Westfalen: Der Krieg in Spanien gibt Anlass zu vielen Gerüchten und Vermutungen. Man erzählt sich, dass bis jetzt etwa 1.500 bis 2.000 deutsche" Freiwillige", die auf Seiten Franco's kämpften, gefallen seien. Genährt werden solche Gerüchte durch Todesanzeigen, die in den Zeitungen erscheinen und die nichts von der Beerdigung sagen. Ausserdem dadurch, dass aus vielen Ortschaften SA- Leute verschwunden sind, die angeblich eine Uebung machen. Von diesen SALeuten haben die Angehörigen seit 5 Wochen nichts gehört. Es häufen sich die Anfragen in den braunen Häusern nach dem Verbleib der SA- Leute. Wasserkante: Aus zwei verschiedenen Orten wird uns mitgeteilt, dass Angehörige von Soldaten sowohl bei der Luftwaffe als auch bei der Infanterie vervielfältigte Briefe bekommen, in denen darauf hingewiesen wird, dass die Angehörigen sich nicht ängstigen sollen, wenn sie längere Zeit keine Nachricht bekommen. Das einzige Handschriftliche an diesen Briefen ist die Unterschrift. In den uns bekannten Fällen handelt es sich um einen Flugfunker und um einen Tanksoldaten. Von beiden wissen wir auf das Bestimmteste, dass sie nicht freiwillig nach Spanien gegangen sind. Aus diesen Berichten geht bereits hervor, dass die Vorgänge in Spanien viel dazu beigetragen haben, das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Meldungen der deutschen Presse und des deutschen Rundfunks zu vertiefen. Die nachstehenden Meldungen lassen den Schluss zu, dass dieser Prozess, dessen politische Bedeutsamkeit nicht betont zu werden braucht, in letzter Zeit nicht unbeträchtliche Fortschritte gemacht hat. A-12Rheinland- Westfalen: Was die Meinung über die Glaubwürdigkeit des Systems betrifft, so wird aus allen Gebieten berichtet, dass man immer das Gegenteil von dem annehme, was die deutsche Propaganda berichte. Das sei besonders klar zum Ausdruck gekommen, als die Meldungen der französischen Presse über die deutschen Truppenlandungen in Marokko in Deutschland bekannt wurden. Das Volk habe sich gesagt, dass, wenn die deutsche Presse diese französischen Meldungen bestreite, etwas Wahres daran sein müsse. Es ist jetzt so, dass selbst, wenn einmal die Wahrheit berichtet wird, diese auch nicht geglaubt wird. Auf einem... Amt in X. macht man sich ständig über die Berliner Radio- Nachrichten lustig. Das geschieht ganz ungeniert. In dem betreffenden Stadtteil gab es vor Jahren einmal einen alten Mann, der, wenn ihm jemand etwas erzählte, stereotyp zu entgegnen pflegte:" Schwindel!". Wird also im Radio des betreffenden.Amtes im Radio eine Meldung durchgegeben, so ruft irgend ein.... Beamter:" Was sagte der alte...?" Und die Gegenantwort im Chor lautet:" Schwindel!" Ich weiss, dass es so und ähnlich überall in den Aemtern ist, ob bei der Post oder bei der Bahn oder sonstwo. Die englischen und französischen Noten an Deutschland vom 23. Dezember wurden in Deutschland in sieben Sprachen totgeschwiegen. Sie wurden trotzdem in Deutschland bekannt, weil es tausende von Familien gibt, die regelmässig die französischen und den Moskauer Sender abhören. Da die Sache nicht unbekannt blieb, so ging Goebbels dazu über, mit beissendem Spott zu dementieren, dass in Marokko deutsche Truppen gelandet seien. Aber niemand glaubte ihm. Als schliesslich Anfang Januar die Schritte Englands und Frankreichs selbst durch die deutsche Propaganda zugegeben werden mussten, da sank die Glaubwürdigkeit des Systems auf den Nullpunkt. Heute ist man auch in den nationalsozialistischen Führerkreisen überzeugt, dass eine Verheimlichung solcher Dinge zwecklos, ja geradezu sinnlos ist; es wird zu viel gelispelt; die Arbeitsleistung in den Betrieben lässt nach infolge der ständigen Gerüchte und Beunruhigungen, die Nerven des Volkes werden ruiniert. Südwestdeutschland: Der Glaube an die Reden und Versprechungen des Propagand aministeriums ist gleich Null. Das gleiche gilt für die Reden, die bei irgend einer Gelegenheit durch eine sonstige Grösse gehalten werden. Man lacht darüber, macht seine Glossen und Witze und spricht auch ganz offen darüber, wenn man...., ja, wenn man weiss, dass man absolut unter sich ist. Selbst die Mitglieder der Nazipartei und ebenso ein grosser Teil der SA- und SS- Leute glaubt nicht mehr an die Reden und lacht ebenfalls darüber. Ja, man kann sogar die Beobachtung machen, dass gerade in diesen Reihen die Unzufriedenheit noch grösser ist und dauernd wächst. Diese Zustände sind natürlich auch den Regierenden bekannt und die Folge davon ist, dass der Terror immer noch grösser wird. A-13Sachsen: An die offiziellen Verlaut barungen des Deutschen Nachrichtenbüros oder der Partei und an die Aeusserungen der Parteiführer glaubt kein Mensch mehr, nicht einmal die Partei. anhänger. Man ist sich im allgemeinen darüber klar, dass es sich meistens um Beruhigungsversuche handelt und vor allen Dingen auch darum, die Stimmung unter der Bevölkerung und unter den Parteianhängern aufzubessern. Wir haben zuletzt im November( Nr. 11, Seite A 14 ff.) über die antibolschewistische Propaganda in Deutschland berichtet, insbesondere über die" Antibolschewistische Schau" in München. Seitdem hat die propagandistische Aktivität des Regimes in dieser Richtung keineswegs nachgelassen. Die Angst vor dem Bolschewismus-seit Jahr und Tag die negative Massengrundlage des Regimes- wird nach wie vor mit allen Mitteln wachgehalten. Den neuerdings über diese Propaganda eingegangenen Berichten entnehmen wir: Bayern: Die Antibolschewistische Schau im Deutschen Museum ist neuerdings bis Ende Januar verlängert worden. In den letzten Wochen wurden sogar die Kinder der umliegenden Gemeinden in Autobussen nach München gebracht, um diese Ausstellung zu besichtigen. Man kann sich nicht verhehlen, dass gerade auf Kinder diese Schau einen nachhaltigen Eindruck macht. Ende Dezember wurden neue Russlandbilder angebracht, die angeblich von zurückgekehrten österreichischen Schutzbündlern stammen, die der russischen Hölle entkommen sind. Die Bilder, das Wohnungselend in Russland darstellend, sind nach Aussagen vieler Besucher alle in Deutschland aufgenommen worden. Südwestdeutschland: Die grosse Versammlungswelle gegen den Weltfeind Nr. 1 ist ziemlich resultatlos verlaufen. Wo nicht genügend Formationen aufgeboten wurden, um das Lokal zu füllen, waren diese Versammlungen alle schlecht besucht. In einer Reihe von Orten mussten die Versammlungen sogar ausfallen. Nun wird dafür umsomehr in den Zeitungen in Bolschewistenschreck gemacht. Hierbei tun sich gerade die gleichgeschalteten Blätter, wie der" Schwarzwälder Bote" und das frühere Zentrumsblatt in Oberbaden, die" Bodenseezeitung", besonders hervor. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In den rheinischen Grossstädten wurde im Dezember die sogenannte" Grossausstellung gegen den Weltfeind Nr. 1" abgehalten. Eine Woche vor Beginn der Ausstellung hielten 8 grosse wie Möbelwagen aussehende Automobile ihren Einzug und wurden mit grossem Pomp von dem NSKK eingeholt.Ein Besucher schildert seine Eindrücke auf der A-14Ausstellung folgendermassen: Die führenden bolschewistischen Persönlichkeiten sind in übernatürlicher Grösse mit unrasierten, verschwommenen Gesichtern und mit einem gewissen Zynismus in den Mienen dargestellt, so wie man Raubmörder darzustellen pflegt. Die Fotos in den Zeitungen, ja sogar im Stürmer erscheinen einem als Engelsgesichter gegen die Fotos in der Ausstellung. Im übrigen ist die Ausstellung kläglich: Bilder, wie die Bolschewiken in Russland gehaust haben sollen, Zeitungsausschnitte, Hungerbriefe, Massenaufläufe, Plünderungen, Zerstörungen, Leichenschändungen. Dazu ein Kino, das von morgens bis abends läuft. Alle Revolutionen werden gezeigt, zuletzt Spanien: zerschossene Häuser, brennende Kirchen, sogenannte Greueltaten. Besonders ausführlich zeigt man die russische Aufrüstung. Die Armee, die Marine, Flugzeuge, Bomber, Jagdstaffeln, U- Boote, ganze Seegeschwader werden vorgeführt. Die russischen Festungen sind zu sehen. Natürlich wird dann auch die deutsche Aufrüstung in entsprechender Aufmachung dargeboten, vor allem die Vorführungen der Wehrmacht auf dem Reichsparteitag. Um die russische Not zu belegen, werden Schuhe, Anzüge, Kleider, Mützen und vieles andere mit Preisen gezeigt. Zum Vergleich werden die deutschen Erzeugnisse und Preise gegenübergestellt. Dabei wird als Durchschnittsverdienst in Deutschland monatlich 198 RM(!) angegeben. Bei dieser Darstellung haben sich die Zuschauer nur stumm angesehen oder mit dem Kopf geschüttelt. Ein Mann, der sich einige Aufzeichnungen zu machen versuchte, wurde diskret darauf aufmerksam gemacht, dass das Notizenmachen in der Ausstellung verboten sei. Man könne alles Wissenswerte haben, wenn man sich die ausliegenden Broschüren kaufe, die zum Preise von RM 0,20, 0,30 und 0,50 zu haben seien. Mein Gesamteindruck geht dahin, dass man. das deutsche Volk immer mehr gruselig machen will vor dem Bolschewismus. Dabei wird alles in einen Topf getan, was oppositionell ist. In Wirklichkeit ist es nicht. der Bolschewismus, den man fürchtet, sondern der Sozialismus und der Marxismus überhaupt. So bezeichnet man z. B. die französische Volksfront- Regierung glatt als Bolschewismus und auch Demonstrationen bei Streiks und Fabrikbesetzungen in Frankreich, geschickt in den Film mit eingeflochten. Die Besucher setzten sich hauptsächlich zusammen aus Schulkindern, Belegschaften und den Nazi- Formationen. Sie alle wurden geschlossen hingeführt. Der offizielle Eintrittspreis ist 50 Pfg. Schulen bezahlten ebenso wie die Betriebe nur 20 Pfg. pro Person.. Es wurde bei den Schulkindern nicht gefragt, ob sie das Geld hätten, sie mussten einfach hingehen. Aus den Landgebieten wurden ebenfalls geschlossen Gruppen in Autobussen zur Besichtigung der Ausstellung herbeigeschafft. Die Wirkung der Nazipropaganda bleibt bei einem Teil des Volkes nicht aus. Es fehlen ja genügend zuverlässige Berichte über die Tatsachen, es fehlen Nachrichten über die wirkliche Haltung der ausländischen Presse, über die Haltung der Regierungen usw. Bei dem dauernden Trommeln gegen den Bolschewismus, der noch immer nicht den Hunger im Ausland ausgerottet hat, der überall Brandherde schafft, der eine Riesenarmee aufgebaut hat, mit der er angeblich eines Tages Deutschland überfallen will, bleibt viel zu viel hängen, als dess sich nicht eine grosse Angst vor diesem bösen, mit den verwerflichsten Mitteln arbeitenden Bolschewismus festgesetzt hatte. Es darf nicht verschwiegen werden, dass im Volke tatsächlich eine starke Abneigung gegen den russischen Bolschewismus besteht. Man darf sich nicht täuschen: in weiten Kreisen des deutschen Volkes, besonders beim Bürgertum herrscht eine solche Abneigung gegen den Bolschewismus, dass man in diesen Kreisen immer wieder geneigt ist, das Dritte Reich als kleineres Uebel anzusehen. Schliesslich bringen wir noch einen aufschlussreichen Bericht über den Münchener Fasching: Der Münchner hat beim Fasching seine eigene Tradition. Wer nur irgendwie einige Mark erübrigen kann, geht damit auf den Maskenball. Politik und Wirtschaft treten in den Hintergrund, man will einmal alles ausschalten und bringt es doch nicht fertig. In früheren Zeiten bei halbwegs geordneten Verhältnissen war der Fasching wirklich eine tolle Zeit, in der auch der kleine Mann seine Freude haben konnte. Wer diese Zeiten noch nicht vergessen hat, kann heute Vergleiche zieben, die sehr aufschlussreich sind für die Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Situation im Reich. Früher herrschte eine ungezwungene Stimmung, die Leute konnten sich noch etwas gönnen, heute kommandierter militärischer Maskenrummel. Wenn auch durch die Aufrüstung Viele Arbeit gefunden, so reicht der Verdienst doch nicht aus, um den Leuten auch nur das bescheidenste Vergnügen zu gestatten. Diesem Urstand haben auch die Partei und ihre Gliederungen Rechnung getragen und so wie im Vorjahr einige Grossbälle ohne Eintritt arrangiert. Kraft durch Freude besorgt dabei das Programm. Ausserdem wird von jedem Krieger- oder Sparverein eine Tanzunterhaltung gemacht, auf der die Mitglieder, such wenn sie nur wenige Biere bezahlen können, ein geselliges Zusammensein finden sollen. Die Wirte klagen, dass bei diesen Unterhaltungen immer weniger konsumiert wird. Wir wollen Kurz zwei Erlebnisse schildern, die deutlich genug aufzeigen, wie sich die Leute heute unterhalten: In einem Schwabinger Kaffeehaus hatten sich die Nachbarn eingefunden, um so wie alle Jahre im engeren Bekanntenkreis en Jahresschluss zu feiern. Eine kleine Kapelle spielte za Tanz. Die älteren Leute sassen bei ihrem Schoppen Wein cer hier und unterhielten sich über vergangene Zeiten, wo A-16- es noch"zünftig" war. Um 2 Uhr früh kamen einige SS-Männer, angeführt von einem schon ziemlich angeheiterten älteren Pasinger Amtswalter in das Lokal. Es wurde eine Runde Wein bestellt, der in kurzer Zeit mehrere folgten. Zuerst unterhielten sich die Fgs. über die Erfolge der Partei und kamen dann auf Spanien zu sprechen. Den Widerstand Madrids konnten sie sich nicht erklären. Einer sagte:"Ich kann nicht verstehen, dass die Nationalen mit unserer Unterstützung das Gesindel noch nicht zum Teufel gejagt haben". Der Amtswalter sprang vom Tisch auf und schrie:"Das wird nicht mehr lange dauern, denen da drunten wer'n wir es schon zeigen!" Die anderen stimmten ihm zu. Durch diesen Vorfall war das ganze Lokal ernüchtert. An allen Tischen wurde die Spanienfrage angeschnitten. Man konnte immer wieder hören:"Ja die Leute da drunten feiern ein trauriges Neujahr." Allgemein bedauerte man das Schicksal des spanischen Volkes. Mit Widerwillen betrachtete man die angeheiterte Gesellschaft der Ruhestörer; alle waren froh, als die Nazis den Raum verliessen. In eine Heldhausener Tanzunterhaltung kam eine Maskengruppe, drei als Marokkaner Verkleidete, die einen zerlumpten Mann an einem Strick mit sich führten. Alles schaute mit Befremden auf diese unerwünschten Eindringlinge. Sie führten den"Gefangenen" durch den Saal, setzten sich an einen Tisch und den Gefangenen unter den Tisch. Bald war ein dichter Kreis um diese Gruppe versammelt. Einer der Umstehenden fragte den Anführer der Gruppe, was der blöde Maskenscherz zu bedeuten habe. Der Maskierte hatte nicht mehr Zeit, Antwort zu geben. Von den Hintenstehenden wurde nach vorne gedrückt und ehe man sich umsehen konnte, war die Gruppe an die Luft gesetzt. Kurz darauf erschienen einige Polizisten, die beim Wirt Erkundigungen einholten. Da der Wirt niemanden nennen konnte, zogen sie wieder ab. Solche Vorkommnisse könnte man viele anführen, die zeigen, dass es beim besten Willen nicht möglieh ist, sich zu unterhalten, ohne an die Weltereignisse erinnert zu werden. Die Bonzen mit ihrem Anhang feiern auf andere Art. Da gehts im Deutschen Theater hoch her. Ein Kostümfest jagt das andere. Feine Delikatessen und teure Schaumweine stehen dem zahlungskräftigen Volksgenossen in Mengen zur Verfügung. Wer Gelegenheit hat, in den Erühstunden an diesen Vergnügungsstätten vorüberzukommen, kann die Besoffenen sehen, die von ihren Kameraden in eleganten Autos heimbefördert werden. Auch auf den wieder so beliebten Offiziersbällen sieht man nichts von der Not des Volkes: Paradeuniformen aus feinstem Tuch und dazu die neuesten Modeschöpfungen der Pariser Salons. Die Schlemmerei hat ein bisher noch nie gekanntes Ausmass erreicht. Ein uns bekannter Fliegeroffizier sagte, dass unter seinen Kollegen der spanische Krieg und die möglichen Rückwirkungen auf das Reich eine Wurschtigkeit haben aufkommen lassen, gegen die schon mehrmals von höheren Kommandostelleh gewarnt wurde. Die jungen Flieger besaufen sich bei jeder Gelegenheit mit den Hinweis, es dauert doch nicht mehr lange, dann sind wir hin. Drum sauft und liebt, wer kann, A- 17II. Aus der Wirtschaft ====== 1) Die Preisüberwachung Seit dem Erlass der sogenannten Preisstop- Verordnung vom 26. November 1936 bleibt die Tätigkeit des neuen Preiskommissars grösstenteils in Dunkel gehüllt. Klargestellt ist bisher nur das Organisatorische. Nach Verordnungen des Reichskommissars vom 14. und 26. Dezember wird unterschieden zwischen Preisbildung und Preisüberwachung. Preisbildungsstellen sind ausser dem Reichskommissar selbst in Preussen die Oberpräsidenten, in den übrigen Ländern die obersten Landesbehörden. Preisüberwachungsstellen sind in Preussen und Bayern die Regierungspräsidenten, in Sachsen die Kreishauptleute, in Hamburg das Amt für Wirtschaft, in allen anderen Ländern die obersten Landesbehörden. Die Preisbildungsstellen haben die Aufgabe, über die Anträge auf Zulassung von Ausnahmen von der allgemeinen Preisstabilisierung nach dem Stand vom 17. Oktober 1936 zu entscheiden. Den Preisüberwachungsstellen liegt es ob, Uebertretungen und Umgehungen der Preisbindungen festzustellen und zu ahnden. Der materielle Inhalt des neuen Preisrechts ist dagegen für alle Beteiligten nicht viel mehr als ein Wust von Zweifelsfragen. Wie vorauszusehen war, musste der Versuch, wenigstens im Prinzip eine Stabilisierung des gesamten Preisniveaus zu erreichen, zu einer unübersehbaren Kette von Schwierigkeiten und Umgehungsversuchen führen. Die Preiss top- Verordnung geht von der Voraussetzung aus, dass zwar bei gewissen Rohstoffen Preiserhöhungen nicht zu vermeiden seien, dass es aber allen Unternehmungen zugemutet werden könne, diese Preiserhöhungen durch entsprechende Verringerung ihrer Gewinnspanne auszugleichen und damit ihr Weiterwirken zu unterbinden( nur für den Fall, dass dadurch eine Existenzgefährdung des Unternehmens entsteht, A-18ist eine Ausnahmebehandlung zugelassen). Es ist verständlich, dass die Unternehmer mit allen Mitteln versuchen, auf Umwegen den Abnehmer doch höher zu belasten; z.B. durch Kürzung der Rabatte, Einführung" neuer" Artikel, Qualitätsverschlechterung, Berechnung eines besonderen Botenlohnes oder sonstiger Spesen, durch Koppelverkäufe usw. Die Preisstop- Verordnung hat also zunächst nur bewirkt, dass alle die Umgehungs- und Schleichhandelsmethoden, die sich bisher vorwiegend im Kleinhandel herausgebildet hatten weil dort bisher das Schwergewicht der Höchstpreisverordnungen lag- nunmehr in der ganzen Wirtschaft zur Anwendung kommen. Es ist schwer vorstellbar, dass das System der sogenannten Preisstabilisierung auf die Dauer aufrecht erhalten werden kann. Sehr bezeichnend heisst es in dem Jahresbericht der Pfälzischen Schuhindustrie:" Die Preisverordnung hat in der Schuhindustrie nicht nur die Preise, sondern auch die Fabrikation und den Verkauf gestoppt". Wie wenig das Preisstop- Verfahren bisher funktioniert, geht auch daraus hervor, dass Anfang Januar.der Reichsarbeitsminister in einem Erlass die Träger des Siedlungsund Wohnungsbaues angewiesen hat, sich mit den zuständigen Preisüberwachungsstellen wegen der jeweils angemessenen Baustoffpreise in Verbindung zu setzen," um zu verhindern, dass von den Lieferern überhöhte Preise gefordert werden. Es hat sich ferner als notwendig erwiesen, Weinversteigerungen bis zum 1. Mai 1937 überhaupt zu unterbinden und die auf Versteigerungen vom 18. Oktober bis zum 22. Dezember 1936 erzielten Preise nachzuprüfen. Unbeschadet des allgemeinen Preiserhöhungsverbotes sind auch eine ganze Reihe neuer Höchstpreisverordnungen ergangen: so für Geflügel, für Wild- und Wildgeflügel, für Papierspäne und Altpapier und in Sachsen für Speck. Als erste allgemeine Ausnahme von der Preisstop- Verordnung ist Ende Dezember eine Erhöhung der Preise für Kohl vom Preiskommissar zugestanden worden. Anfang Februar ist eine Erhöhung der Preise für Tafelschokoladen A-19gefolgt. Bemerkenswert dieser Anordnung der Wirtschaftlichen Vereinigung der deutschen Süsswarenwirtschaft ist auch, dass für Artikel mit Prefsen bis zu 20 Pfg. zwar keine Preiserhöhung, dafür aber eine Gewichtsverminderung bis zu 25% zugelassen wird( die Preiserhöhung bei den übrigen Artikeln beträgt nur höchstens 3 Pfg. 1). Die Strafmassnahmen wegen Ueberschreitungen der Höchstpreise -Geld- und Gefängnisstrafen, Geschäftsschliessungen und Untersagung der Betriebsfortführung usw. nehmen ihren Fortgang. Nach dem bei uns im Berichtszeitraum eingelaufenen Material hat es allerdings den Anschein, als ob sie der Zahl nach zurückgegangen seien. Wir greifen einige Fälle als Beispiele heraus: Südwestdeutschland; Die Preisüberwachung wird in Unterbaden, vor allem in den Industries tädten, ausserordentlich streng durchgeführt. In Oberbaden wird sie lax gehandhabt. Es kommt aber trotzdem auch in Unter baden immer wieder vor, dass Preiserhöhungen stattfinden, ohne dass dagegen amtlich eingeschritten wird. In der Zeitung liest man zwar ab und zu, dass da und dort Verhaftungen, ja sogar Geschäftsschliessungen vorgekommen sind. Da sie aber immer nur von anderen Landesteilen veröffentlicht werden, beginnt man an der Wahrheit dieser Meldungen zu zweifeln. Der Metzgermeister Erwin Hoffmann in Rodalben( Pfalz) wurde verhaftet, weil er wiederholt schwarz geschlachtet und so die Zuteilung an die anderen Metzger erschwert hat. Ferner und dauernd die vorsoll er gekochte Kuhhäute verwurstet geschriebenen Höchstpreise überschritten haben. Rheinland- Westfalen: Eine heftige Kampagne wird nach wie vor gegen die Preistreiber geführt. Man geht gegen sie rigoros vor und will damit offenbar abschrecken wirken. Das erreicht man auch eine Zeit lang..Allerhand Schwindel ist trotzdem an der Tagesordnung. So werden neuerdings Stempel für Eier gefälscht, um einen höheren Preis nehmen zu können. Metzger teilen sich die verschiedenen Fleischsorten so ein, dass sie dabei mit den Preisen nicht zu schlecht wegkommen. Manche werden dabei gefasst, die meisten aber wird man nicht fassen, weil die Kunden mit ihnen solidarisch sind, die die Ware hintenherum kaufen. In den Kreisen der Verbraucher glaubt man, dass das Kartensystem eine bessere Garantie für gerechte Verteilung bieten würde, dass sich aber das Regime vorläufig noch gegen eine solche Massnahme sträube, weil es davon einen Prestigeverlust befürchtet. A-20Sachsen: In Z. wurden mehrere Grossschlächter wegen Preisüberschreitungen bestraft. Zur Verschleierung der Ueberpreise hatten sie Rechnungen durch Einsetzen von Scheinposten gefälscht. In Zittau wurde ein Grosshändler, der deutsche feine Molkerei butter" als die teurere ausländische" Markenbutter" verkauft hatte, mit der Begründung freigesprochen, dass das Gesetz verschiedene Unklarheiten enthalte und dem objektiv erfüllten Tatbestand der Gesetzesübertretung ein gewisses handelsübliches Verfahren gegenüberste hel 2) Die Preisentwicklung Den einen" Erfolg" hat die Preisstop- Verordnung naturgemäss erzielt, dass die amtlichen Preisermittlungen, vor allem die der Kleinhandelspreise, keine weitere Steigerung mehr aufweisen. Auf Grund des uns vorliegenden Materials können wir feststellen, dass die amtlichen Notierungen in den letzten Monaten in fast allen Fällen unverändert oder sogar herabgesetzte Preise anzeigen. Eine Ausnahme machen die Kleinhandelspreise in Chemnitz, die zum Teil noch bis in den Dezember hinein gestiegen sind. Einige Beispiele: Preise in Pfg. festgest.v.Statist.Amt 17.Aug. 11.Sept. 4.Nov. 5.Dez. 18.Dez. Haferflocken, lose 1/2 kg Speisebohnen 1 23 26 11 .99 19 22 Schellfisch ST 11 30 Welschkraut 11 館 lo Kochäpfel 11 19 lo 2232H 62525 24 G 20 35 40 12 15 lo 12 20 2222 26 22 60 6202 25.- 28 20-24 35-70 10-13 20-25 Chemnitzer Markth, Apfelsinen Stück Wallnüsse 1/2 kg Haselnüsse 99 Wirsingkohl មាន ។ 5-15 15 12 2962 25 бо 60 16000 13 Dies sind die amtlichen Preise. Es hat sich aber bisher immer wieder von neuem gezeigt, dass-wo immer ein Mangel auftauchtselbst drakonische Strafen den Schleichhandel zu Ueberpreisen nicht zu unterbinden vermögen. A-21- Tie pich aie Entwicklung der tatsächlich gezahlten Preise in den letzten Wochen vollzogen hat, ergibt sich aus den nachstehenden Berichten. Sie zeigen insbesondere, in welchem Umfange sich die Preissteigerung nach wie vor auf dem Umwege Uber die Aualitätsverschlechterung vollzieht. Berlin: Im allgemeinen hat man den Eindruck, dass die Preisentwicklung in Intervallen vor sich geht. Man kann schon ein richtiges Schema aufstellen: die Preise ziehen 8 oder 14 Tage stark an, dann kommt eine Verordnung, die die Höchstpreise auf Grund der erneuten Preissteigerung festsetzt und so diese hohen Preise anerkennt. Die Verordnung wird eine Zeit lang innegehalten, die Leute richten sich mehr oder minder danach, bis dann nach einiger Zeit die Preise wiederum steigen und ein neuer Höchstpreis auf der jetzt erkletterten Basis erreicht wird. Die Preise für Tleisoh- und Wurstwaren schwanken. Die Verdienstspanne der Schlächter steht in keinem Verhältnis zu früher und infolgedessen suchen sich die Schlächter durch Verschlechterung der Qualität zu helfen. Wurst zu kaufen, ist eine Plage für die Hausfrau, die sehr rechnen muss, da die** gewöhnlichste Wurst nicht unter 4.0 Pfg. das Viertel-Pfund zu haben ist. Billige Wurstwaren sind sehr sohlecht. Leberwurst kostet 4.0 bis 50 Pfg. ein Viertelpfund. Aber-ob sich die Wurst Guts-, Bauern- oder Kalbsleberwurst nennt- von Leber keine Spur. Mit Fleischwurst ist es ebenso. Sülze ist bei fast jedem Schlächter sohlecht, d.h. wenn man auf Fleisch Wert legt, meist ist es nur Knorpel. Harte Wurst, Schinken, .Schinkenwurst sind teuer und für den Durchschnittshaushalt nur ausnahmsweise erschwinglich, da man 50 bis 7° PTg. Tür ein Viertelpfund bezahlen muss. Für Huhn bezahlte ich im Oktober 1936 während der Fleischknappheit 1,25 HM per Pfund; im Dezember/Januar, als Fleisch auf dem Markt zu haben war, 0,90 HM per Pfund. Gänse kosten im Ganzen HM l,lo, gegenüber 0,95 EM im Vorjahr; ausgeschlachtet per Pfund HM l,3o- Käse hat sehr wenig Fettgehalt, ist bisher aber nicht teurer geworden.- Butter kostet HM 1,76 bis l,8o per Pfund. Es gibt nur deutsche Butter. Ein Ei kostet 10 bis 13 Pfg., dabei handelt es sieh um Kisteneier. Bei den Backwaren macht sich die schlechte Ausmahlung bemerkbar, sie sind grau und fest; der Preis ist noch der gleiche wie früher. Auch die Seife jeder Art ist bedeutend schlechter geworden, sie hat weniger Fettgehalt, ist aber noch zu den alten Preisen erhältlich. Mietssteigerungen gibt es offiziell nicht. Das in der Zeit der Wohnungsnot nach dem Kriege in Berlin übliche Verfahren, Abstand zu zahlen, ist selbstverständlich unter dem neuen Regime streng untersagt. Abstandszahlungen gibt es nicht mehr, die-Bache wird jetzt anders genannt. Man kann in den Zeitungen A-22jetzt stets lesen, dass die Wohnungsuchenden mitteilen, sie übernehmen Eingebautes. Man lässt dann irgend eine Kleinigkeit, eine elektrische Anlage oder so etwas in der Wohnung und dafür verlangt man dann den Betrag, den man früher als Abstand verlangt hat. Wasserkante: Schweinefleisch wird in den meisten Fällen nur an ganz alte Kunden abgegeben und dann mit 15 bis 20 Pfg. über die festgesetzten Höchtspreise. Auch überschreitet man die Höchstpreise, indem man Flomen nur mit Eisbein zusammen verkauft. Dabei kostet Eisbein per Pfund 75 Pfg., Speck wird unterm Ladentisch aufbewahrt und nur an bestimmte Kunden abgegeben: Preis RM 1,20. Die Warenknappheit wirkt sich auch zu Ungunsten der Kleinhändler aus. In diesen Gegenden werden z.B. viele Buchweizenfabrikate gegessen. Diese sind nun so knapp, dass der Grosshändler sie nur in Mengen von 5 bis höchstens 10 Kilo an den Kleinhändler abgibt. Ebenso erhalten die Kleinhändler bei Kokosfett höchstens 5 Tafeln auf einmal. Als vor einigen Tagen plötzlich das Gerücht aufkam, dass Dosenmilch knapp würde, ging ein Sturm auf die Händler los. In Wirklichkeit war Dosenmilch in genügender Menge vorhanden. Diesmal verdienten die Händler an dem Gerücht. Die meisten Händler haben einen bestimmten Teil der Waren für die guten Kunden unterm Ladentisch. Ausserordentlich gross ist zur Zeit der Mangel an: Weizenprodukten( Mehl und Griess), Puddingpulver, Maizena, Buchweizengrütze, Reis und Kokosfett. Ueberhaupt nicht zu bekommen sind: Mandeln und Speiseöl, sowie alle Fettwaren mit Ausnahme von Butter. Echter Sago ist so knapp, dass ihn selbst der Grosshändler nur in Mengen von 2 Kilo bekommt. Der Preis beträgt 80 Pfg. das Pfund. Der sogenannte deutsche Sago ist reichlich. Vanille ist im Einkauf von 30 RM im vorigen Jahre auf 60 RMK gestiegen. Z. B. in Flensburg ist eine bestimmte Sorte Wollgarn, die im vorigen Jahre 80 Pfg. pro Lage kostete, in diesem Jahre auf 1,65 RM die Lage gestiegen. Ein anderes Beispiel: Am 3. Oktober 1936 kostete eine Lage Wollgarn einer bestimmten Sorte bei der Firma X. 1,30 RM; am 18. Oktober kostete die gleiche Wolle 1,57 RM. Als der Verkäuferin die Quittung vom 3. Oktober gezeigt wurde, sagte sie wörtlich: " Die Wolle ist aber nicht teurer geworden". Im gleichen Geschäft stieg Pyjamastoff von der gleichen Sorte im Laufe von 14 Tagen von 1,1o RM auf 1,35 RM. Da in den letzten Wochen die Qualität der Stoffe zusehends schlechter geworden ist, werden alle Sorten Stoffe ge hamstert. Die Stammkunden werden von den Verkäufern aufmerksam gemacht, jetzt zu kaufen, da in Zukunft nicht mehr für gute Qualität garantiert werden kann. Nordwestdeutschland: Es ist ein langsames aber stetes Anziehen der Preise festzustellen. Besonders tritt das bei A-23- Fleisch- und Wurstwaren, Fettwaren, Gemüse, Hülsenfrüchten usw. in Erscheinung. Die� Seife wird teurer, ihre Qualität aher schlechter. Putzmittel, wie Sidol usw., sind in der Qualität gleichfalls sehr verschlechtert."Was man in die Hand nimmt, ist Mist", sagen die Hausfrauen. Sachsen. 1. Bericht: Bei einem Vergleich der nachfolgenden Preislisten eines Zwickauer Lebensmittelgeschäftes vom April und Dezember 1936 zeigen sich auf den ersten Blick keine erheblichen Preissteigerungen. Sogar im Vergleich zu der Preisliste vom April 1934 sind keine grossen Preiserhöhungen festzustellen. Aber bei all diesen Produkten sind nicht die Preise, sondern die Qualitäten entscheidend. Denn durchweg sind die besseren Sorten gar nicht mehr im Handel. So hat früher der gute Vollreis 28 Pfg. gekostet, heute kostet Reis 18 Pfg., doch ist das kein guter Vollreis mehr, sondern nur die gewöhnliche Sorte, die früher 14 bis 16 Pfg. gekostet hat. Den guten Reis gibt es jetzt nicht mehr. Ebenso ist es mit Eierpressbandnudeln, Sohnittnudeln, Weizenmehl; die guten Sorten, die früher 26 bis 30 Pfg. gekostet haben, sind nicht mehr im Handel. Ueberhaupt nicht im Handel waren im Dezember 1936 Linsen, Leipziger Allerlei, die guten Eiernudeln und die guten Mehlsorten. Die Preissteigerungen bei Fleisch- und Wurstwaren, die allenthalben festzustellen waren, sucht die Polizei u.a. auch dadurch zu bekämpfen, dass sie die Bevölkerung aufforderte, sich von den Verkäufern Bescheinigungen über Menge, Güte, Gewicht und Preis der gekauften Waren ausstellen zu lassen und damit bei der Polizei vorstellig zu werden. Die Höchstpreise, die nunmehr für Fleisch- und Wurstwaren erlassen worden sind, zeigen im Vergleich zu den Preisen des Jahres 1933 eine erhebliche Steigerung. Die in der folgenden Preisliste zuerst verzeichneten Preise sind die durchschnittlichen Preise des Jahres 1933, an zweiter Stelle folgenden die jetzigen Höchstpreise in der Stadt Zwickau: A- 24( 1 1/2 kg) Gewiegtes Fleisch- und Wurstpreise in Zwickau 1933 Frisches Rind- Schmorfleisch m.Knochen Frisches Rind- Schmorfleisch o.Knochen 0,90 0,80 0,90 0,80-0,90 Dez. 1936 RM RM 0,70 0,84 1,04 Gulaschfleisch 0,90 1,10 0,90-1,10 Talg roh 0,40 0,52 Talg ausgelassen 0,50 0,62 Schweinefleisch- Hinterkeule m.Bein 0,85 0,85 Schweinefleisch- Hinterkeule o.Knochen 0,95 1,02 Schweinsrücken/ Kotelett 0,90 1,05 Schweinsbauch 80 0,90 Schweinslend chen o.Knochen Speck, fett, geräuchert 1,00 1,10 1,25 0,78 1,06 Speck, mager, geräuchert Rauchfleisch Nussschinken, im ganzen Rollschinken 1,00 1,16 10 1,00 1,20 1,40 1,40 1,60 1,60 1,80 Kochschinken, aufgeschnitten frischer Speck 1,40 1,50 1,70 0,60 0,76 Schmer Schmalz Kalbfleisch- Schnitzel 0,60 0,80 0,85- 1,10 1,04 1,40 1,60 Keule, ohne Knochen Nierenstück mit Knochen Nierenstück ohne Knochen Kamm 1,30 1,50 0,951,10 1,20 1,40 1,50 0,90- 1,00 1,04 Blutwurst, Gütegruppe I 1,00 1,10 Blutwurst, Gütegruppe II 0,60 0,80 Speckblutwurst 0,80 0,90 Feine Leberwurst 1,00 1,10 Leberwurst, Gütegruppe II 0,60 0,80 Mettwurst 1,00 1,10 1,10 Knoblauchwurst 0,80 0,90 Jagdwurst 0,80- 1,20 1,10 geräucherte Bratwurst Bauernbratwurst( Knackwurst) 1,10 1,20 1,10 1,28 Bei Fleisch ohne Knochen können die Preise erhöht werden: bei Rindfleisch bis zu 25 Prozent, bei Schweinefleisch bis zu 20 Prozent.. 2. Bericht:( Dresden) Die Grossfirma" Wurstscherber" unterhält hier verschiedene Wurstläden. Unter anderem besitzt sie auch einen grossen Stand in der Antonsmarkthalle. Hier war in den letzten Wochen folgende Preisgebarung zu beobachten: Ein Viertelpfund Sülze koste te erst 19 Pfg., am nächsten Tag 21 Pfg. und in einigen Tagen ging die Steigerung bis zu 28 Pfg. pro Viertelpfund. Eine Kundin fragte dann, wie dies möglich sei; Preissteigerungen seien doch nicht gestattet. 1-25Die Verkäuferin erwiderte lediglich, sie sei nur Angestellte und bekomme jeden Tag die Preise vorgeschrieben. Am nächsten Tag war ein Schild angebracht:" Besonders preiswert 1/4 Pfund 27 Pfg." Allgemein wird berichtet, dass die Fleischpreise gegen früher um rund 20% gestiegen sind. Zucker ist von 34 Pfg. das Pfund auf 42 Pfg. gestiegen. Eier kosteten im Dezember 1932 pro Stück 9 Pfg., in Dezember 1936 15 Pfg. 3. Bericht: Der Schuhmachermeister X., der zugleich ein Schuhgeschäft besitzt, macht über die Preissteigerung im Schuh- und Ledergewerbe folgende Angaben: Ein Paar Halbstiefel, die bisher 11,50 RM kosteten, muss ich gegenwärtig mit 16, RM verkaufen. Ein Paar Sportschuhe, die bisher für 14, RM zu haben waren, kosten jetzt 20,- RM. Ein Paar Herrensohlen mit Absätzen, Grösse 43- 44 kosteten bisher 4,80, jetzt 6,60 RM. Mit weiteren Preissteigerungen ist zu rechnen. Die Preise der Textilwaren sind nach Aussage eines Textilindustriellen seit dem Umsturz im Durchschnitt um etwa 15% gestiegen. Wenn man aber die Qualitätsverschlechterung in Rechnung stellt, ergibt sich eine Preissteigerung um mindestens 50%. Im Jahre 1928 wurde in Y. eine Siedlung für Kinderreiche mit besonders niedrigen Mieten gebaut. Die Mieten betrugen bisher pro Haus im Vierteljahr 30,- RM. Am 1. Oktober 1936 wurde den Siedlern vom Stadtrat mitgeteilt, dass sich ihre Miete um 100%, also auf 60,- RM viertel jährlich ab 1. 1.36. erhöht hat. Die Siedler müssen demnach für die letzten dreiviertel Jahre noch je 30,- RM nachzahlen. Bayern: Die Schuhpreise haben in letzter Zeit um 5 bis 8% angezogen. Die Metallpreise sind um 15 bis 20% gestiegen ( sogenannter Metallbeschaffungszuschlag). Südwestdeutschland: Bei den neuen Höchstpreisen für Fleisch- und Wurstwaren ist im allgemeinen ein Aufschlag von 5 Prozent bei Rindfleisch und bis zu 15 Prozent bei Kalbfleisch und Schweinefleisch festzustellen. Am meisten Entrüstung hat die Tatsache hervorgerufen, dass die billigen Wurstsorten( Schwartenmagen und Krakauerwurst) um 20 Pfg.. pro Pfund erhöht wurden, während gekochter Schinken um 20 Pfg. pro Pfund ermässigt wurde. Die Fleischpreise wurden auch dadurch erhöht, dass die Preise für die verschiedenen Stücke besonders festgesetzt wurden, wodurch im Ergebnis eine bedeutende Preiserhöhung für den Konsumenten herauskam. Auch die Wurst wurde teilweise in den letzten Wochen im Preis nochmals erhöht. So kostet die Leberwurst in X. jetzt 1,60 RM pro Pfund gegen 1,20 RM vor Weihnachten. Gewöhnliche Leberwurst gibt es nur noch bei einzelnen Metzgern. Ebenso hat das Mehl gegenüber dem Vorjahre aufgeschlagen. In Baden ist es vielfach üblich, dass besonders Arbeiter und A- 26kleine Beamte ihr Mehl direkt in den Mühlen der Umgebung holen und zwar immer 25 bis 50 Pfund. Während im Frühjahr das Weissmehl noch 16 Pfg. pro Pfund direkt ab Mühle kostete, bezahlt man jetzt 20 Pfg. Das schwärzere Kochmehl kostete 14 Pfg. und jetzt 18 Pfg. pro Pfund. In den Ladengeschäften ist es von 20 und 22 auf 25 und 26 Pfg. gestiegen. Fische werden in Baden verhältnismässig wenig gegessen. Auch die Fischpreise sind gestiegen und zwar kostet das Pfund bei bestimmten Sorten 45 Pfg. gegen 35 bis 45 Pfg. vor einem Jahr. Trotz Görings Androhungen, jede Preiserhöhung zu bestrafen, sind auch in den letzten zwei Monaten die Preise für Textilwaren gestiegen, hauptsächlich bei Hemdenstoffen. 3) Die Lebensmittelversorgung Die Sicherung der Lebensmittelversorgung-in demokratischen Ländern nur in Zeiten des Krieges oder wiederholter Missernten ein Problem- ist heute in Deutschland Gegenstand allgemeiner Sorge. Mannigfache staatliche Massnahmen sind erforderlich geworden, um die Versorgungslücken halbwegs zu schliessen. Diese Massnahmen umfassen einerseits Anordnungen zur Erzeugungs- und Verbrauchsregelung und andererseits Propagandaaktionen. Die Massnahmen zur Verarbeitungs- und Verbrauchsregelung erstrecken sich vor allem auf Fette. Nach Anordnungen der Reichsstelle für Milcherzeugnisse, Oele und Fette bedarf die Fettverarbeitung in der Süsswarenindustrie und in der Fischindustrie der Genehmigung durch die zuständige Wirtschaftliche Vereinigung bzw. Hauptvereinigung. Ausserdem hat die Reichsstelle angeordnet, dass Margarinefabriken und andere Fettverarbeiter Oele und Fette nur bis zur Höhe eines Monatsbedarfs auf Lager halten dürfen. Der Leiter der Wirtschaftsgruppe " Einzelhandel hat bestimmt, dass für Fette keine Reklame mehr gemacht werden darf( also keine Zeitungsanzeigen, keine Plakate, keine Schaustellungen in Schaufenstern und auf den Ladentischen mehr usw.). Die Reichsinnungsverbände der Bäcker und Konditoren haben ihre Mitglieder angewiesen, Backwaren in siedondem Fett( z.B. Pfannkuchen) nur einmal in der Woche hergustellen. A-27Ausserdem ist eine Herstellungsbeschränkung für schwach entöltes Kakaopulver ergangen( um den Anfall von Kakaobutter für die Schokoladenindustrie zu erhöhen). Schliesslich hat der Reichsnährstand die Mitgliedsbetriebe der deutschen Fischwirtschaft verpflichtet, alle Fischabfälle usw. an die Fischmehlhersteller abzuliefern. Die Marmelade- Verbilligungsaktion ist erneut ausgedehnt worden. Die deutsche Hochseefischerei hat ihren eigenen Vierjahresplan aufgestellt, in dessen Rahmen bis zum Jahre 1940 eine Verdoppelung der Erzeugung erreicht werden soll. Ueber die wichtigste Massnahme zur Verbrauchsregelung, die Kundenlisten für Fett, haben wir bereits berichtet( Nr. 11, Seite A 30 f.). Inzwischen ist die praktische Durchführung in Gang gekommen. Die Presse hat sich zwar redliche Mühe gegeben, nachzuweisen, dass es sich bei diesen Kundenlisten nicht um eine Wiedereinführung des Kartensystems aus der Kriegszeit handelt, aber die Bevölkerung bezeichnet trotzdem die" Haushaltsnachweise" als Fettkarten. Die Organisation der Kundenlisten ist auch im ganzen Lande einheitlich. Die Aktion begann mit einer Aufforderung an alle Haushaltungsvorstände, Antragsformulare auf Eintragung in die Kundenlisten auszufüllen. Wir bringen auf Seite 29 die verkleinerte Wiedergabe einer solchen Aufforderung aus München. Das Antragsformular für den" Haushaltsnachweis" selbst hat folgenden Wortlaut: Antrag Ich beantrage hiermit die Ausstellung eines Haushaltnachweises für den Haushalt des der ( Zuname) wohnhaft... Lfd.Nr. 123 usw. ( Vorname) ( Stand Beruf) ..strasse Nr.... Stockw..... Vorder- haus ' HinterI. Im Haushalt werden voll beköstigt Name Vorname Alter A-28Einschliesslich der länger als 1 Monat in voller Kost befindlichen, vorübergehend anwesenden Personen( Verpflegungsgemeinschaft). II.Der Fettbedarf des Haushalts wird aus eigener Wirtschaft oder aus anderen Quellen a) über 80 v.H. des bisherigen Bedarfs gedeckt( Selbstversorger) ja oder nein b) zum Teil( mehr als 20 v.H. und weniger als 80 v.H.) gedeckt( Teilversorger) z.B. durch regelmässigen Butterbezug im Postversand mit.... kg im 1/4 Jahr, oder je Person..... je kg im Vierteljahr ja oder nein Es ist mir bekannt, dass Selbstversorger nicht antragsberechtigt sind. Ich werde mich als Teilselbstversorger beim Zukauf von Fett den gleichen Beschränkungen unterwerfen wie die übrigen Volksgenossen. III. Ich versichere, dass für den genannten Haushalt ein Haushaltsnachweis noch nicht ausgestellt ist. Es ist mir bekannt, dass ich verpflichtet bin, bei Aenderung in meinem Haushalt oder in meiner Eigenversorgungslage einen neuen Haushaltsnachweis zu beantragen und entsprechende Aenderungen in der Kundenliste zu veranlassen. Es ist mir bekannt, dass ich mich bei Abgabe wissentlich falscher Angaben strafbar mache. Chemnitz, den Dezember 1936 ( Unterschrift) -( Abtrennen) Haushaltsnachweis Zur Beachtung: Bei Aenderungen in der Personenzahl des Haushalts ist nach Löschung in der Kundenliste ein neuer Haushaltnachweis zu beantragen der Haushalt des der' ( Zuname) ( Vorname)( Beruf, Stand) wohnhaft in .strasse Nr.... Nicht eintragen, wird amtlich ausgefüllt. besteht aus .Personen nach Angaben des Antragstellers sind die Personen Teilselbstversorger mit je....kg. im Vierteljahr Chemnitz den..... Dezember 1936 ( Stempel der Stadt) Der Oberbürgermeister der Stadt Chemnitz, I.V.: der Leiter des Statist. Amts 1.A.: 4-29( wird abgetrennt) Kundenliste für Speck, Schmalz u.Talg für andere Fette Nr. Eingetragen Gelöscht Nr. Eingetragen der bei Fa. bei Fa. der bei Fa. Kun( Unter( UnterKund-( Unter| denschrift, denschrift, schrift, liste Stempel) am Stempel am liste Stempel) Gelöscht bei Fa. ( Unterschrift, am Stempel) am München, im Dezember 1936. An alle Haushaltsvorständel Betrifft: Regelung des Fettbezuges. Es soll dem Einzelhandel und dem Meggergewerbe die Möglichkeit gegeben werden, das bereits im letzten Winter von einzelnen Firmen eingeführte Verfahren der Kundenlifte" in erweitertem Umfang und auf genaueren Unterlagen zur Anwendung zu bringen. Die vorgesehenen Anträge werden durch den Hausbefizer oder dessen Vertreter an die Haushaltungen verteilt und von diesen wieder eingesammelt. Um die Unterlagen für die Haushaltsnachweise zu schaffen, hat jeber Haushaltsvorstand für alle zu seinem Haushalt gehörenden und in seinem Haushalt mindestens einen Monat voll beföftigten Berfonen( Berpflegungsgemeinschaft) einen Antrag ausfüllen. Wohnen mehrere Familien in einer Wohnung, so hat jede Familie, die einen eigenen Haushalt führt, einen besonderen Antrag auszufüllen. Das gleiche gilt für Untermieter, die nicht im Haushalt ihres Vermieters volle Stoft erhalten. Der Haushaltsvorstand, der seinen Antrag nicht rechtzeitig( spätestens bis 27. Dezember 1936) bem Hausbefizer übergibt, fann erst im Januar 1937 auf Einzelabfertigung bei der Stadtverwaltung rechnen. Der Oberbürgermeister ber Hauptstadt der Bewegung. Ausserdem wurde den Haushaltungen noch das folgende Merkblatt über den Fettbezug ausgehändigt: A-30Genau durchlesen vor Ausfüllung des beiliegenden Vordrucks für den Antrag auf Ausstellung eines Haus haltenachrelfes.. Auch in den Bordruck des Haushaltsnachweises find Name und Wohnung einzutragen. Der fart umrandete. Teil wird von der Gemeinde ausgefüllt. Es liegt im eigenen Interesse, den Antrag vollständig auszufüllen, da unvollständig ausge füllte Anträge die rechtzeitige Zustellung des Haushaltsnachweises in Frage stellen. Die Personenzahl ist nach dem Stande vom 12. Dezember 1936 anzugeben. Merkblatt über Fettbezug ab Januar 1937 Fettversorgung im Vierjahresplan. 1. Bekanntlich ist Deutschlands Fettversorgung noch zu einem verhältnismäßig hohen Anteil vom Auslandsbezuge. abhängig. Die Bevölkerung wird daher ihren Fettverbrauch so regeln müssen, wie es die Möglichkeiten des Auslandsbezuges im Rahmen des Vierjahresplanes erfordern. Dabei ist nach den Erklärungen der maßgebenden Stellen der Bezug von Fett durch die minderbemittelten Volksgenoffen zu tragbaren Preiser in erster Linie sicherzustellen. Bezug von Konsummargarine. 2. Die von der Reichsregierung seit 3 Jahren durchgeführte Fettverbilligung für die ärmeren Volfsgenossen wird daher 1937 unverändert fortgeführt werden; darüber hinaus wird Konsummargarine au 0,63 RM je 1 kg ab 1. 1. 1937 nur noch gegen Berbilligungsscheine B und besondere Margarinebezugsscheine nach hierfür erlassenen Richtlinien an einen bestimmten Kreis minderbemittelter oder hilfsbedürftiger Volksgenossen abgegeben. Bezug der übrigen Fette. Kundenlisten. 3. Der Absatz der übrigen Fette vom Erzeuger bis zum Einzelhändler wird durch besondere Anordnungen des Reichsnährstandes geregelt und überwacht. Die Einzelhändler und Megger beabsichtigen die Verteilung dieser Fette an den Verbraucher unter Beachtung des eingangs erwähnten Grundsages ab Januar 1937 an Hand von Kundenlisten" durchzuführen, um zu vermeiden, daß ein Kunde zum Nachteil des anderen im gleichen Zeitraum mehrmals oder verhältnismäßig günstiger be= liefert wird. 4. Ohne Eintragung in die Kundenliste wird lein Fett abgegeben werden, auch nicht an Inhaber von Fettverbilligungs- und Margarinebezugsscheinen. Haushaltsnachweis. 5. Um zu gleichmäßiger Verteilung zu fommen, wird ferner der Personenstand des Kunden berücksichtigt werden. Jeder Kunde darf für Sped. Schmalz und Talg nur in einer Stundentiste eingetragen fein, für alle übrigen Fette ( Butter, Pflanzeniett, Speiseći, Margarine- Mittel- und Spizenforte) nur in einer weiteren Lifte. Um Doppeleintragungen zu vermeiden, wird die Eintragung in die Kundenlisten nur auf Grund von Haushaltsnacha weisen vorgenommade Die Eintragung ist auf den Haushaltsnahmeren serwerfen. 6. Der Haushaltsvorstand hat für alle zu seinem Haus halt gehörenden und in seinem Haushalt mindestens 1 Monat voll beföftigten Personen( Verpflegungsgemeinschaft) einen Antrag nach beiliegendem Vordruck) auszustellen. Die Formblätter werden von den Gemeinden in gleicher Weise verteilt und wieder eingezogen wie bei der Verfonenstandsaufnahme vom 10. Oktober. Wohnen mehrere Familien in einer Wohnung, so hat jede Familie, die einen eigenen Haushalt führt, einen besonderen Antrag auszustellen. Das gleiche gilt für Untermieter, die nicht im Haushalt ihres Vermieters volle kost erhalten. Der Antragsteller hat nicht nur den Antragsvordruck auszufüllen, sondern auch in dem anhängenden Vordruck für den Haushalts= nachweis die Bezeichnung des Haushaltes. Die für die Ausfüllung vorgesehene Frist ist auf alle Fälle einzuhalten; Anträge, die nicht rechtzeitig durch den Hausbesitzer oder dessen Vertreter( Hauswalter, Hauswart) übergeben werden, können erst Anfang Januar durch Einzelabfertigung erledigt werden. Selbstversorger. 7. Selbstversorger, d. h. Haushaltungen, die mehr als 80 v. H. ihres bisherigen Fettverbrauchs aus eigener Wirtschaft oder anderen Quellen, z. B. durch Postpafetbejug, Deputat beziehen, erhalten feine Haushaltsnachweise und werden in die Stundenlisten nicht eingetragen. Teilfelbstversorger. 8. Teilfelbstversorger, d. h. Haushaltungen, die meniger als 80 v. D., aber mehr als 26 v.. ihres bishe rigen Fettverbrauchs aus eigener Wirtschaft oder aus anberen Quellen beziehen, erhalten einen Haushaltsnach: veis mit dem Vermert, Teilfelbstversorger". 9. Es wird erwartet, daß die Selbstversorger und Teilfelbstversorger sich in ihrem Fettverbrauch derfel ben Beschränkungen unterwerfen wie die anderen Boltsgenossen. Anderungen im Haushalt. 10. Bei Anderung der Jahl der vollbelöftigten Bersonen oder in der Selbstversorgung find neue Haushaltsnachweile zu beantragen. Ein neuer Haushaltsnachweis wird nur ausgestellt werden, wenn der alte vorgelegt wird, aus bem hervorgehen muß, daß Löschung in den Kundenlisten erfolgt ift. Ist ein Haushaltsnachweis verlorengegangen, fo wird ein neuer Nachweis nur ausgestellt, wean beim Antrag auf dem Antragsoordrud oder durch Bortage emner Bescheini gung der Lieferanten dargetan wird, daß des Haushalt in den Stundeniuien geiricher Austunir ereilt die Verwaltungsstelle für Haushalts- und Betriebsnachweise im Verwaltungsgebäude, Gingaaz Katichhof 2. Sted. Zimmer 58. Fernruf 27201. A- 31Im übrigen wird uns über die Regelung des Fettbezuges berichtet: Berlin, 1.Bericht: Die Ausstellung der Fettkarte wurde in Berlin eingeleitet durch eine Umfrage der Blockwarte der NSDAP bei den einzelnen Haushaltungen. Diese Umfrage erstreckte sich auch darauf, ob die Familien Butter- oder Fettlieferungen vom Lande, etwa von Verwandten, erhalten. Die ausgefüllte Karte wurde dem zuständigen Parteibezirk zugeleitet und dort von der Parteidienststelle abgestempelt. Dann ging man mit der Karte zu dem Fetthändler, der den entsprechenden Abschnitt abzustempeln hatte. Bis heute ist die Karte in Berlin noch nicht in allen Bezirken in Gebrauch genommen worden. Grosse Berliner Lebensmittelgeschäfte, die durch die Rabattmarken oder aus anderen Gründen über Kundenadressen verfügten, haben in der Zeit vor Weihnachten an alle ihnen irgendwie erreichbaren Leute Briefe verschickt etwa des Inhalts: " Wir haben uns erlaubt, Sie in unsere Liste bereits einzutragen und bitten Sie, diese Eintragung zu bestätigen." Diese Werbebriefe haben bei den kleinen Lebensmittelhändlern grosse Aufregung verursacht und auch dazu geführt, dass in der Presse scharfe Artikel gegen den Kundenfang gewisser Geschäftsleute veröffentlicht wurden. 2. Bericht: Die Hausfrauen hatten schon seit geraumer Zeit mit der Einführung der Fettkarte gerechnet. Sie war keine Ueberraschung mehr. Man machte sich darüber lustig und fragte allgemein:" Na, was werden denn noch für Karten kommen?" Jede Karte hat ihre laufende Nummer, die mit der Kundenliste des betreffenden Händlers übereinstimmt. Der Bezug erfolgt in der Weise, dass die Händler bekanntgeben: in dieser Woche werden die Nummern 1 bis 150 beliefert usw. Billige Margarine zu 63 Pfg. das Pfund, die sogenannte Haushal tmargarine, ist seit etwa Anfang September 1936 nicht mehr zu haben. Seit dem 1. Juni wird diese Margarine nur an Inhaber von Verbilligungsscheinen oder Bezugsscheinen abgegeben. Die Margarine zu 1,- RM und 1,10 RMK bekommt man dagegen in genügender Menge. Da der Butterpreis aber mit 1,60 RM für Molkerei butter und 1,56 RM für Landbutter sich nicht verändert hat, ist es natürlich rentabler, wenn man nicht die teuere Margarine kauft, sondern gute Butter nimmt. 3. Bericht: Nach meinen Beobachtungen scheint der tatsächlich vorhandene Fettmangel durch zeitliche und örtliche Verschiebung der Verknappungen verschleiert zu werden. Wenn irgendwo einige Tage oder Wochen die Butter- und Fettlieferungen gestockt haben, wirft man dort ausreichende Mengen hin und beliefert dafür andere Städte geringer. So hat man an jedem Ort zur Zeit der Fettknappheit die plausible Ausrede: Vorübergehende Stockung. A- 32Die Einführung der Fettkarte ist mit völligen Gleichmut hingenommen worden. Sie kan nicht unerwartet, weil wochenlang vorher in der Bevölkerung davon gesprochen wurde. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Das neue System der Fettrationalisierung ist schlimmer als das Kartensystem. Denn man ist an einen Kaufmann gebunden. Es gibt wahrscheinlich die vorgeschriebene Menge, aber darüber hinaus nichts. Völlig ungenügend ist der Bezug von Margarine gegen Verbilligungsscheine geregelt. Eine Person braucht mindestens in der Woche 1 Pfund Fett zum Schmieren; nach der neuen Regelung erhält eine Person aber nur 5 Pfund verbilligtes Fett in Tierteljahr. Die Verbilligung beträgt 25 Pfg. de Pfund, so dass sich der Preis für diese Margarine von 63 auf 38 Pfg. je Pfund ermässigt. Für die Zuteilung von Verbilligungsscheinen sind besondere Richtlinien festgesetzt Danach kann ein Arbeitsloser auf Antrag den Sehein erhalten, wenn sein Bruttoeinkommen in der Woche folgende Sätze nicht überschreitet: 15 RM Alleinstehend Verheiratet, ohne Kinder ?? 1 Kind 2 Kinder ?? 3 Kinder 23 15529 究 45 37 43 RM 2.Bericht: Die grossen Nahrungsmittelfirmen rechnen mit wachsenden Schwierigkeiten in der Fettversorgung. Im westfälischen Industriegebiet gab es vor Weihnachten 5 Wochen lang in den Verkaufsstellen der Konsumvereine keinen Speck. Die Margarine war ebenfalls ausserordentlich knapp. Die Bevölkerung schimpfte die Angestellten aus( weil sie sich ja nicht direkt gegen das System wenden konntel. Aus Köln wird mitgeteilt, dass es, seit die Fettverbilligungsscheine eingeführt sind, lediglich in einer Woche regulär Margarine gegeben habe. Ein einziges Mal gab es 1/4 Pfund Schmalz für 2 Personen und die grossen Familien erhielten noch 1/4 Pfund Nierenfett dazu. Die Fettfrage wird überall diskutiert, besonders auf dem Arbeitsamt. Bayern: Für die Ausstellung der Haushaltsnachweise für die Kundenlisten wurde vom Statistischen Amt der Stadt München ein Riesenapparat aufgeboten. Ueber 1.000 Angestellte, darunter mehr als die Hälfte ehrenamtliche Hilfskräfte, waren tätig, um die Arbeit noch vor dem 1. Januar fertig zu bringen. In jedem der Stadtbezirke wurden in den bereitgestellten Schulhäusern die Ausgabestellen eingerichtet und die ausgefüllten Antragsformulare entgegengenommen. Ueber 400.000 Antragsformulare wurden ausgefüllt und abgegeben. Man kann sich vorstellen, wieviel administrative Arbeit die weitere Kontrolle dieser Fettrationierung noch kosten wird. Einige hundert Pgs. haben dabei wieder ihr Amt gefunden. Die Bevölkerung hat sich mit dieser neuen Form des Fettbezugs abgefunden. A-33Sachsen: Die Zuteilung der Fette auf Grund der Kundenlisten ist ganz verschieden. Wir erhalten bei unserem Fleischer pro Person und Woche 50 Gramm Fett, Speck oder Talg. Meine Eltern im Konsum bekommen ein Viertelpfund pro Person und Woche. Butter bekommen wir 1 1/2 Stück pro Person und Woche, die Familie meines Bruders 1 Stück pro Person und meine Eltern 1 1/2 Stück für zwei Personen. Das Verteilungsprinzip beZweckt entweder, dass der Ruf nach Lebensmittelkarten aus dem Volke kommen soll, oder man will durch das gegenwärtige System erreichen, dass die Bessergestellten nicht eingeengt werden, denn jeder Krämer wird Frau Dr. Soundso zuvorkommender behandeln als eine Arbeiterfrau. Die Einführung des Fettkartensystems hat sich auch deshalb als notwendig erwiesen, weil die Hamsterei trotz aller Ermahnungen bis in die letzte Zeit hinein fortgesetzt worden ist. Berlin: Die unregelmässige Fettversorgung hat wieder zu der Einrichtung der sogenannten Fett- Töpfe geführt. Die Frauen haben sich fast alle insgeheim Fett- Töpfe angelegt und versuchen so über schwierige Perioden hinwegzukommen immer vorausgesetzt, dass sie das Geld und die Gelegenheit dazu haben. Die Anlage von Fett- Töpfen ist zwar verboten und wird angeblich auch hoch bestraft, aber es wird trotzdem gemacht. Der Nazi- Hauswart ist beauftragt worden, in die Speisekammern zu sehen, um festzustellen, ob so ein Fett- Topf angelegt worden ist. Man muss die Sachen also gut verstecken und sich hüten, einer Nachbarin davon etwas zu erzählen. Südwestdeutschland: Trotz der immer wiederkehrenden Anordnungen und Strafen blüht die Hamsterei nach Landbutter und Eiern lustig weiter. Dabei kann man nicht einmal in den letzten Wochen von einer wesentlichen Knappheit von Butter und Eiern sprechen. Sachsen, 1. Bericht: In Zittau gibt es ab nächster Woche pro Kopf 50 Gramm Speck oder Schweinefett, ausserdem 150 Gramm Butter pro Kopf und Woche. Jede Hausfrau hamstert Mehl, weil cie Nachricht verbreitet wird, es gäbe Ende März kein Mehl mehr. Die Wohlhabenden hamstern säckeweise Mehl ein. 2. Bericht: Der Mangel an Lebensmitteln hat einen grossen Teil der Bevölkerung nervös gemacht. Man hat allgemein, someit man dazu in der Lage war, tüchtig gehamstert. Rheinland: Bei den Ausverkäufen darf kein Leinen angeboten werden. Man befürchtet, dass Leinen gehamstert werden könnte. A- 34Die Versorgung mit Brotgetreide ist nur gesichert, wenn die Verfütterung von Roggen und Weizen so weit wie möglich eingeschränkt und eine möglichst vollständige Ablieferung des Brotgetreide- Liefersolls erreicht wird. Der Reichsnährstand hat daher verschärfte Massnahmen zur beschleunigten Erfüllung des Ablieferungssolls ergriffen. In jeder Gemeinde wird ein" Sachverständigenausschuss" gebildet, der für die pünktliche und vollständige Getreideablieferung zu sorgen hat. Ausserdem sind durch die Ortsbauernführer Listen über die" freiwillige" Ablieferung darüber hinausgehender Mengen aufgestellt worden. Der Handel mit Roggen und Weizen zu Futterzwecken, sowie die Verfütterung von zugekauftem Roggen und Weizen ist verboten und die Verfütterung von selbst erzeugtem Roggen und Weizen als " denkbar unerwünscht" bezeichnet worden. Das Verbot erstreckt sich auch auf die Geflügelhaltungen, ihnen soll" im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten" Mais zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus beabsichtigt die Reichsgetreidestelle demnächst grössere Mengen von Futtermitteln bereitzustellen, um einen Anreiz zu erhöhten Ablieferungen von Brotgetreide zu schaffen. Wegen Mangel an Futtermitteln droht ein neuer" Schweinemord". Der Reichs- und preussische Innenminister hat die Gemeinden aufgefordert, in ihrem Eigentum befindliches Brachland( Baugelände usw) zum Zwecke der landwirtschaftlichen Nutzung zu verkaufen oder zu verpachten. Uns wird berichtet: Bayern: Aus der Landshuter Gegend wird gemeldet, dass die Körndlbauern Anweisung erhalten haben, ihre gesamten Weizenund Roggenbestände sofort anzubieten. Wie wir von zuverlässiger Quelle erfahren, ist in der Ostmark kein eigener Roggen mehr zu haben. Die wenigen Bauern, die Getreide verkaufen konnten, haben dies gleich nach der Ernte getan. Die Schnapsbrennereien müssen ihr schon angekauftes Getreide wieder abliefern, nur die Malachitroggenbestände können sie behalten. Den Brennereien wurde zugesichert, dass sie bei günstigerer Marktlage berücksichtigt würden. In allen Bauerngemeinden wurden unter dem Titel" Freiwillige Mehrablieferungen von Brotgetreide" Sammlungen durchgeführt. Der Ortsbauernführer mit einigen Helfern nahm die A-35Einzeichnung in die Liste vor. Die kleinen Bauern, die noch Mehl zukaufen müssen, konnten nichts abgeben und die grösseren richteten sich nach der Leistung ihres Nachbarn, der nach ihrer Schätzung denselben Ertrag haben musste wie sie. Dabei kam es öfters zu erregten Auftritten. Der Ortsbauernführer-besorgt, einen möglichst hohen Ablieferungssatz zu bekommen- drängte die einzelnen Bauern, mehr zu geben, als sie freiwillig gewillt waren. Die Bauern versuchten mit langen Erklärungen über die Bodenbeschaffenheit und den geringeren Ertrag dieser Mehrablieferung zu entgehen. Man kann sagen, dass durch diese Getreideaktion die Bauern, denen schon die bisherigen Verordnungen des Reichsnährstandes lästig fielen, langsam aufsässig werden. Wenn sich auch diese Opposition öffentlich noch lange nicht bemerkbar machen wird, so wird sie umso mehr an den künftigen Leistungen verspürbar sein. Die Verknappung an Brot- und Kochmehlen versucht man durch beschleunigte Vermahlung des heurigen Ernte anfalls zu beheben. Eine letzthin ergangene Verordnung besagt, dass der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung vorübergehend die Ausnutzung eines Mühlenkontingents auf eine andere Mühle mit grösserer Leistungskraft übertragen kann. Praktisch bedeutet dies die teilweise Stillegung aller Kleinmühlen. Nicht nur die Ausmahlung des Getreides wird kontrolliert, sondern auch die Erzeugung des Fertigproduktes. Die Münchner Bäcker haben die Anweisung erhalten, bis 15. Dezember ihre täglich verbackene Mehlmenge und die Anzahl der hergestellten Brote und des Feingebäcks zu melden, ausserdem müssen alle belieferten Grossverbraucher, wie Wirtschaften und Kleinkaufleute, namentlich aufgeführt werden. Vor einigen Monaten haben die Kreisbauernschaften in Vorträgen und Versammlungen an die Bauernschaft appelliert, möglichst viel Jungvieh aufzuziehen, damit die Fettversorgung allmählich gesichert werden kann. Die äusserst schlechte Futtermittelernte und vor allem das fehlende Mastfutter zwingt die Bauern, das Jungvieh in Massen abzus tossen. In den ersten Wochen des Dezember war auf den Münchner Märkten ein so grosser Kälber- und Schweine anfall, dass sie nicht abgesetzt werden konnten. Täglich wurden allein 3 bis 4.000 Stück Schweine teils tot, teils lebend angeliefert. 2/3 wurden vom Reichsnährstand durch Mittelsmänner angekauft und nach Norddeutschland verschickt. Trotz dieses Riesenangebots ist in der Stadt keine Schweinefett zu haben. Nach genauen Schätzungen einiger Kreisbauernschaften sind allein in den letzten 3 Wochen 20% aller Ferkel geschlachtet worden. Ein Kreisbauernführer sagte wörtlich:" Wenn das so weiter geht, ist in 3 Monaten kein Schwein mehr auf dem Markte und keines im Stall". Rheinland- Westfalen: Brotgetreide ist sehr knapp. Die neue Ausmahlung allein beweist das schon. Die Mühlen sind nicht in der Lage, den Anforderungen gerecht zu werden. Gewiss gibt es noch immer Brot. Aber es mehren sich die Sorgen der Getreidefachleute, dass im Frühjahr die Knappheit so gross werden A- 36würde, dass man ohne Rationierung nicht auskommen werde.Diese Besorgnisse werden durch die Anordnung verstärkt, dass alles verfügbare Getreide bis 28. Februar abgeliefert sein muss. Die Viehzüchter klagen über Mangel an ölhaltigen Futtermitteln. Es fehlen Oelkuchen für die Milchwirtschaft, ferner fehlt es an Biertrebern und Malzkeimen. Futterzucker wollen die Viehzüchter nicht. Schliesslich fehlen neuerdings auch Futterkartoffeln. Man nimmt an, dass diese zurückgehalten werden, weil man vermutet, dass im Frühjahr die Speisekartoffeln sehr knapp und dadurch stark gefragt werden. Die Bevölkerung wird ständig durch sogenannte Aufklärungsartikel zur Kleintierzucht angeregt. Ziegen, Kaninchen sollen gezüchtet werden. Immer wieder wird dabei auf die Kriegszeit verwiesen. Der Krieg sei nicht zuletzt verloren gegangen, weil man nicht rechtzeitig alle wirtschaftlichen Mittel in Anwendung gebracht habe. Tatsächlich sei es gar nicht der Mangel an Nahrungsmitteln gewesen, der den Krieg verlorengehen liess, es sei nur die mangelnde sittliche Haltung des deutschen Volkes gewesen, das nicht rechtzeitig auf alle diese Dinge aufmerksam gemacht worden sei, das zu wenig zur Selbsthilfe geschult worden sei, das seine Kleintierzucht vernachlässigt habe, das viele Lebensmittel und viele Futtermittel habe umkommen lassen. Es sei jetzt noch Zeit, das Volk in einem Sinne zu erziehen, der es ermögliche, in kommenden grossen Prüfungen durchzuhalten. Kein Kartensystem könne ersetzen, was Unverständnis schlecht mache. So wird das Volk ganz unverhüllt auf den Krieg vorbereitet. Berlin, 1.Bericht: Reisende für Mehl bieten Bäckermeistern, die ihnen als zahlungsfähig bekannt sind, Mehl an mit dem Hinweis, dass ab Februar das Mehl noch schlechter werde. Kleie und Futtermittel sind in der Qualität schon bedeutend schlechter geworden. Angeblich sind die Futtermittel mit Holzmehl gemischt. Grosse Betrügereien sind in letzter Zeit vorgekommen und man hat schon Obermüller deswegen in andere Mühlen versetzen müssen, um sie vor dem Zorn der Bauern zu schützen. 2.Bericht: Ueber die unzulängliche Lebensmittelversorgung laufen viele Gerüchte um. So heisst es, dass die Mühlen die Pflichtreserve an Getreide, die sie seinerzeit auf Anordnung der Regierung erhöhen mussten, bereits vermahlen haben. Die Nachrichten der ausländischen Sender über die schlechte deutsche Ernte machen tiefen Eindruck und viele fürchten, dass die Getreide- und Brotversorgung schon zu Beginn des Frühjahrs sehr kritisch werden wird. Wenn man die Leute dann daran erinnert, dass in den Krisenjahren bis 1932 doch derartige Mängel völlig unbekannt waren, dass man keine Lebensmittelnot in Deutschland kannte, dann sagen alle: ja, ja, das stimmt schon, das ist auch wahr- aber kaum einer stellt diese Ueberlegung von sich aus an. A- 3730 weniger Die Propagandamas snahmen zur Verbrauchslenkung verfolgen einen wirtschaftlichen und einen politischen Zweck. Wirtschaftlich ist die Durchsetzung der Parole" Mehr arbeiten verbrauchen" eine Frage von entscheidender Bedeutung( wir gehen auf diese Frage in unserem wirtschaftspolitischen Jahresrückblick im Teil B näher ein). In dieser Hinsicht soll die Propaganda das Volk vor allem dahin bringen, sich den verschie densten Formen der Verbrauchseinschränkung zu fügen: das Volk soll weniger und vor allem weniger gut essen, es soll geringere Ansprüche an Kleidung und Wohnung stellen und es soll sich schon jetzt an die Ersatzstoffe gewöhnen. Neben dieser wirtschaftlichen Funktion der Propaganda zur Verbrauchslenkung darf man ihre politische nicht übersehen. Politisch gesehen ist diese Propaganda für das Regime zum grossen Teil Selbstzweck. Vieles, was da geschieht, mag-vor allem vom Ausland her- lächerlich erscheinen, es hat für das Regime seinen guten politischen Sinn: Der" Kampf dem Verderb" ist eine Gelegenheit, das Volk zu beschäftigen, zur Mitwirkung heranzuziehen, ihm die Ilusion einer Mitverantwortung für das Gelingen des Gesamtplanes zu verschaffen, dem nationalsozialistischen Parteiapparat ein neues Feld umfassender organisatorischer Betriebsamkeit zu eröffnen usw. Diese Methoden gehören zum eisernen Bestand des faschistischen Regierungssystems. Ein Regime, das das Volk von jeder tatsächlichen Mitwirkung ausschliesst, muss jede Gelegenheit ergreifen, dem Volk Raum für eine scheinbar verantwortliche Mitwirkung zu geben, damit ihm sein ohnmächtiges Herdendasein nicht zum Bewusstsein kommt. Die Propaganda zur Verbrauchslenkung arbeitet im wesentlichen mit den Methoden, die noch aus der Kriegszeit in Erinnerung sind. Es tauchen wieder die sattsam bekannten Kalorien- Rechnungen auf, die dem Volk klar machen sollen, dass es mit viel weniger auskommt als bisher. Aerzte und Ernährungsfachleute weisen nach, dass die Ernährung bisher viel zu fett und infolgedessen gesundheitsschädlich war. Hausfrauensorgen und Haushaltsfragen fristen nicht mehr bloss in den Frauenbeilagen der Zeitungen A-37Die Propagandamassnahmen zur Verbrauchslenkung verfolgen einen wirtschaftlichen und einen politischen Zweck. Wirtschaftlich ist die Durchsetzung der Parole" Hehr arbeiten weniger verbrauchen" eine Frage von entscheidender Bedeutung( wir gehen auf diese Frage in unserem wirtschaftspolitischen Jahresrückblick im Teil B näher ein). In dieser Hinsicht soll die Propaganda das Volk vor allem dahin bringen, sich den verschie densten Formen der Verbrauchseinschränkung zu fügen: das Volk soll weniger und vor allem weniger gut essen, es soll geringere Ansprüche an Kleidung und Wohnung stellen und es soll sich schon jetzt an die Ersatzstoffe gewöhnen. Neben dieser wirtschaftlichen Funktion der Propaganda zur Verbrauchslenkung darf man ihre politische nicht übersehen. Politisch gesehen ist diese Propaganda für das Regime zum grossen Teil Selbstzweck. Vieles, was da geschieht, mag-vor allem von Ausland her- lächerlich erscheinen, es hat für das Regime seinen guten politischen Sinn: Der" Kampf dem Verderb" ist eine Gelegenheit, das Volk zu beschäftigen, zur Mitwirkung heranzuziehen, ihm die Ilusion einer Mitverantwortung für das Gelingen des Gesamtplanes zu verschaffen, dem nationalsozialistischen Parteiapparat ein neues Feld umfassender organisatorischer Betriebsamkeit zu eröffnen usw. Diese Methoden gehören zum eisernen Bestand des faschistischen Regierungssystems. Ein Regime, das das Volk von jeder tatsächlichen Mitwirkung ausschliesst, muss jede Gelegenheit ergreifen, dem Volk Raum für eine scheinbar verantwortliche Mitwirkung zu geben, damit ihm sein ohnmächtiges Herdendasein nicht zum Bewusstsein kommt. Die Propaganda zur Verbrauchslenkung arbeitet im wesentlichen mit den Methoden, die noch aus der Kriegszeit in Erinnerung sind. Es tauchen wieder die sattsam bekannten Kalorien- Rechnungen auf, die dem Volk klar machen sollen, dass es mit viel weniger auskommt als bisher. Aerzte und Ernährungsfachleute weisen nach, dass die Ernährung bisher viel zu fett und infolgedessen gesundheitsschädlich war. Hausfrauensorgen und Haushaltsfragen fristen nicht mehr bloss in den Frauenbeilagen der Zeitungen A-39Das Volk soll nicht nur bei der Einschränkung des Verbrauchs, sondern auch bei der Steigerung der Erzeugung mithelfen. Die Kleintierhalter sollen mehr Kaninchen, Hühner und Ziegen halten. Die Imker sollen mehr Bienenvölker züchten. Die Seidenraupenzucht soll durch verstärkte Anpflanzung von Maulbeerbäumen gefördert werden. Ein besonders charakteristisches Beispiel für diese Propaganda ist die Reichsspeisekarte. Sie ist sozusagen wissenschaftlich entworfen worden vom Institut für Konjunkturforschung und dient der Steuerung des Verbrauchs nach zwei Richtungen: 1) der Verbrauchseinschränkung, vor allem bei Fett in jeder Form; hier ist das Ziel, 25% des bisherigen Fettverbrauchs einzusparen; 2) der jahreszeitlichen Lenkung; es soll jeweils möglichst das verbraucht werden, was nach dem Ernteverlauf, dem Viehbestand usw. am meisten am Markt ist. Diese Reichsspeisekarte wird ergänzt durch zahllose lokale Küchenzettel. So gibt z. B. der" Rezeptdienst der Abteilung Volkswirtschaft Hauswirtschaft, Gau Sach sen" der NSDAP täglich unter der Ueberschrift" Kocht nach der Marktlage" einen sächsischen Küchenzettel heraus. In der" Westfälischen Landeszeitung" vom 17. Januar erschien folgender Küchenzettel für die Woche vom 18. bis 24. Januar Montag: Suppe aus Resten vom Sonntag, Haferflodenauflauf. Dienstag: Kohlrollen mit Fischfüllung, Kartoffeln. Mittwoch: Milchsuppe, Rofentohl mit Bratkartoffeln. Donnerstag: Grünfernsuppe, gebackenes Herz mit Kar toffeln und Salat. Freitag: Sauerkrautauflauf mit Fisch, Schokoladen Speise. Samstag: Bellfartoffeln mit Quargtunke. Sonntag: Ochsenschwanzsuppe, Schwarzwurzeln mit Fleischtlößchen gemischt und Kartoffeln, Kaffeecreme. A-40Dieser Küchenzettel spricht für sich selbst. Als Fleischgerichte erscheinen am Donnerstag" gebackenes Herz" und am Sonntag" Schwarzwurzeln mit Fleischklösschen gemischt". Dafür gibt es zwei Mal Fisch. Diese Küchenzettel- Politik hat noch weitere Kreise gezogen. Das Reichskriegsministerium hat die Wehrmachtsküchen angewiesen, ebenfalls im Sinne der Verbrauchslenkung tätig zu sein. Die Wirtschaftsgruppe" Gaststätten und Beherbergungsgewerbe" hat eine vereinfachte Speisekarte für Gastwirtschaften herausgegeben. Die NS- Volkswohlfahrt hat unter dem Namen Ernährungshilfswerk eine grosse Organisation zur Sammlung der Küchenabfälle aufgezogen. In jeden Haushalt kommen" Hauskübel" als Sammelbehälter. Die Abholung erfolgt durch die NSV und die städtischen Müllabfuhren. Die Verwendung der Abfälle erfolgt in den grösseren Städten in eigenen Schweinemästereien der NSV( in Berlin will die NSV z.B. 35.000 Schweine mästen), während in kleineren Orten das System der sogenannten' Patenschweine" eingeführt wird. Die NSV kauft Läuferschweine und gibt sie bei Bauern in Pflege; die Bauern erhalten die Abfälle und müssen das fette Schwein kostenlos an die NSV abliefern) Der Reichs- und preussische Innenminister hat die Gemeinden angewiesen, die NSV bei diesen Bestrebungen nach Kräften zu unterstützen. Ueber den Stand der Lebensmittelversorgung wird uns berichtet: Berlin, 1.Bericht: Man macht sich vielleicht von den Schwierigkeiten einer Hausfrau in Berlin heute keine rechte Vorstellung. Man hat sich daran gewöhnt, dass man besondere Spezialitäten wie Zunge oder Leber nur noch an bestimmten Tagen oder nur zu bestimmten Stunden bekommen kann, d.h. selbst dann nur bekommen kann, wenn keine der üblichen Knappheitsperioden eingetreten ist. Dass solche Dinge manchmal für 8 oder 14 Tage fehlen, wird nicht mehr als Mangel angesehen, sondern nur als unabänderliche Tatsache zur Kenntnis genommen. So war es z.B.vor Weihnachten nicht möglich, auch nur 1/8 Pfund Schabefleisch zu bekommen. Es war eben nicht vorhanden. Wenn eine Hausfrau etwas mehr Zeit hat, dann kann sie sich einer Reihe von Schwierigkeiten und Haushaltssorgen entheben. Die Frau aber, die im Beruf steht und nur in der kurzen Zeit zwischen Feierabend und Ladenschluss der Lebensmittelgeschäfte 1-41noch die Möglichkeit zum Einkaufen hat, ist viel schlechter dran. Solche Frauen bekommen viel weniger und sie müssen es noch dazu teuer bezahlen. Um die Weihnachtszeit herum waren die Schwierigkeiten nicht in dem gleichen Masse vorhanden, weil man durch reichlichere Zufuhr die Bevölkerung beschwichtigen wollte. Das wenige Geld, das den meisten zum Einkauf nur zur Verfügung stand, hat dazu geführt, dass noch bis Mitte Januar von diesen Vorräten etwas in den Geschäften vorhanden war. $ Die Lebensmittelversorgung ist sehr ungleichmässig und schwankt von Stadtteil zu Stadtteil. Die Organisation der Lebensmittelverteilung ist zu einem Geheimnis geworden, das zu den merkwürdigsten Schwierigkeiten führt. So waren z. B. vor kurzem in ganz Pankow keine Eier zu bekommen oder höchstens 1 bis 2 Stück. Als ich aber zu Verwandten nach Schöneberg ging und ihnen mein Leid klagte, waren diese ganz erstaunt und erklärten mir: hier kannst Du soviel Eier haben wie Du willst. Und es stimmte auch. In Schöneberg gab es 10 Eier oder mehr.. Das dauert so 8 Tage, dann ist es wieder umgekehrt. Man hat allgemein den Eindruck, dass die Versorgung umschichtig nach den einzelnen Lebensmitteln und Stadtteilen vorgenommen wird. Hier hat man seit Wochen keine Mögeine halbe Stunde Straslichkeit, ein Kotelett zu bekommen senbahnfahrt und man kann soviel kaufen, wie man will. In einigen Stadtteilen muss man um 7 Uhr morgens schon anstehen, um Butter zu bekommen; in anderen sind die Läden voll davon. Das führt natürlich dazu, dass die Kolleginnen im Betrieb sich untereinander darüber verständigen, was in den einzelnen Stadtteilen gerade zu erhalten ist. Vielfach lassen sich dann etwas aus andediejenigen, bei denen gerade Mangel herrscht, ren Stadtteilen mitbringen und mit der Zeit entwickelt sich ein Tauschhandel durch den ganzen Betrieb. Allgemein geht die Klage der Hausfrauen dahin, dass die Backwaren schlechter geworden sind. Das liegt wahrscheinlich an der geänderten Ausmahlung. Die Bäcker klagen über den Mangel an Mehl. Sie haben die Befürchtung, dass es bald auch Brotkarten gibt. Auch die Hausfrauen sprechen schon ganz offen darüber, dass es derartige Karten demnächst geben wird. An der Freibank herrscht ein wahnsinniger Andrang. Das Fleisch ist noch schlechter geworden und die Zahl der Reklamationen ist so ausserordentlich gestiegen, dass man dazu übergegangen ist, ein Beschwerdebuch anzulegen. Wenn das Fleisch gar zu schlecht ist, dann wird es den Leuten auch tatsächlich umgetauscht. Die Freibankkäufer standen meist schon um 3 Uhr morgens an, um ja nur Fleisch zu erhalten. Das ist jetzt aber verboten worden. Die Leute dürfen sich erst um 7 Uhr in der Freibank einfinden. Die Polizei sorgt dafür, dess dieses Verbot eingehalten wird. Das hindert natürlich nicht, dass jetzt die Leute sehr früh in den umliegenden Strassen herumstreifen, um ja nicht den Augenblick zu verssen, in dem sie sich anstellen können. Natürlich wird auch viel Schwindel getrieben und es gibt ganze Familien, A-42die dort hinkommen und einkaufen, um dann das Fleisch weiter zu verkaufen. 2.Bericht: Stimmungsmässig ist ein Fortschritt insoweit festzustellen, als die Kunden heute wenigstens die Schuld an den Verhältnissen nicht mehr den Händlern geben, sondern begriffen haben, dass es an dem Regime liegt. Die Erregung unter den Hausfrauen war sehr gross, als die Fragebogen für die Anfertigung der Kundenlisten in die Häuser gebracht wurden. Die Frauen stürzten alle auf die Treppen und überall ging ein grosses Geschimpfe los:" Jetzt ist es also so weit; jetzt haben wir die Butterkarten. So gings im Kriege los; bald kommen die Brotkarten, die Reihenfolge kennen wir schon" ... usw. Die Fleischverknappung wirkt sich übrigens besonders ungünstig für Arbeiter aus, die einen weiten Weg von der Arbeitsstelle nach Hause haben. Sie kommen praktisch überhaupt nicht mehr zu Fleisch. Normalerweise können sie bei den heutigen Löhnen und Preisen nur am Lohntag Fleisch kaufen, und auch dann nur billiges Fleisch wie Wellfleisch und Bauchfleisch. Da sie alle am Freitag Lohntag haben, ist die Nachfrage gerade nach diesen billigen Fleischsorten am Freitag sehr gross. Der Vorrat in den Fleischereien reicht nicht aus, so dass diejenigen, die später von der Arbeitsstelle kommen, nichts mehr vorfinden ausser teureren Fleischsorten, die sie sich nicht leisten können. 3. Bericht: Der Lebensmittelmangel führt auch zu einer Verteuerung der Lebenshaltung. Die Frauen haben sich z. B. darauf eingerichtet, irgend eine bestimmte Fleischsorte zu kaufen und haben den Speisezettel darauf eingestellt. Das Fleisch ist nicht da, also muss etwas anderes, meist kostspieligeres gekauft werden. Das verteuert dann das Essen, wenn es nicht schon dadurch teurer wird, dass der ganze Speisezettel umgestellt werden muss. Nicht jede Frau ist so geschickt, in solchen Notfällen das Zweckmässige und Richtige zu treffen. die sonst Schmalz gegessen haben, weil es erViele Arbeiter, giebiger ist als Butter, essen nun Butter, weil Schweinefett nicht vorhanden ist, und sind auch dadurch gezwungen, mehr auszugeben. Die billige Margarine ist nicht zu bekommen und die teure, die ja doch immerhin viel schlechter ist als gute Butter, ist im Preise so hoch, dass es unrentabel ist, Margarine zu kaufen. Sachsen: In Plauen ist der Andrang zur Freibank so stark geworden, dass Karten ausgegeben werden mussten und die Karteninhaber zu bestimmten Zeiten nach Nummern abgefertigt werden. Nachstehend zwei Anzeigen aus der" Neuen Vogtländischen Zeitung" vom 6. und 27. November( Nr. 260 und 277): A-43FreibankVerkauf. Sonnabd., 7. 11. Karteninhaber 1451-1510 1511-1570 630. 8 8-9 9-10 1571-1630 10-11 1631-1690 FreibankVerkauf. Sonnabd.. 28. 11. Karteninhaber 60. 8 171- 250 8-9 251- 300 9-10 301- 350 10-11 351- 425 11-12 1691-1750 11-12 426- 500 12-1 1751-1810 12- 1 501- 550 1-2 1811-1900 Die Reihenfolge ist einzuhalten. 1-2 551 600 Die Reihenfolge ist einzuhalten. In X. herrschte in den letzten Wochen ein empfindlicher Mangel an Fleisch, Fett, Speiseöl und Speck. Die Frauen schimpfen empört in den Geschäften und die Kaufleute sind hilflos, weil sie von den Grosslieferanten nichts erhalten. Vier Frauen, die zu sehr geschimpft hatten, wurden von der Polizei verhaftet. Zwei Frauen hat man nach einigen Stunden wieder freigelassen, während man die anderen beiden Frauen erst nach 2 1/2 Tagen wieder entliess. Letzteren wurde die Ueberführung in ein Konzentrationslager angedroht, wenn die Polizei nochmals eine Schimpferei von ihnen höre. In den Wurstfabriken in Pockau- Lengefeld i. Erzgeb. sind vor Weihnachten viele Entlassungen( etwa 150 Personen) vorgenommen worden, die mit den Schwierigkeiten in der Fleischversorgung zusammenhängen. Auffallend ist, dass jetzt in diesen Fabriken fast nur Konserven hergestellt werden, die für das Militär bestimmt sind. Wurst- und Fleischwaren gehen von Lengefeld aus nur wenig in den Privathandel im Gegensatz zu früher, wo die Wurs thändlerinnen vom oberen Erzgebirge bis nach Chemnitz hausieren gingen. Neben dem allgemeinen Mangel an Nahrungsmitteln wirkt das natürlich auf die Bevölkerung ziemlich erbitternd und die Polizei hat bereits viele Personen auf die Wache bestellt und dort verwarnt, in den Läden und sonstigen öffentlichen Lokalen nicht zu meckern. Wir beziehen schon einige Jahre hindurch von einem Mehllieferanten das Mehl. Ab 1. Februar darf das gute Mehl nicht mehr allein verkauft werden. Wer einen Sack gutes Mehl nimmt, muss zwei Sack gewöhnliches Mehl in Kauf nehmen. Der Verkäufer kann das Mehl entweder mischen oder an seine Kunden beide Sorten verkaufen. A-44Hamburg: Der Mangel an Lebensmitteln ist nicht allein auf unzureichende Einfuhr zurückzuführen, sondern auch auf Anhäufung von Vorräten bei der Heeresverwaltung. Wir haben wohl der Zahl nach einen sehr hohen Schweinebestand, aber auch das grosse Schweineschlachten hat schon wieder begonnen. Wenn die Schweine ein Gewicht von 250 Pfund haben, werden sie geschlachtet. Früher war das Gewicht schlachtreifer Tiere bis zu 400 Pfund. Der grösste Teil des Fleisches geht an die Konservenfabriken für Heereskonserven. Der frühere Konsumverein" Produktion", der ohne Heeresaufträge längst bankrott wäre, hält durch diese Aufträge einen grossen Teil seiner Betriebe aufrecht. Die Bevölkerung bekommt nur wenig Fleisch, und manche Teile nur, wenn sie gute Kunden beim Schlachtermeister sind. Das Fleisch wird den Schla chtermeistern auf dem Schlachthof nach Kontingenten zugeteilt, die nach dem vorjährigen Umsatz berechnet werden. Daher kommt es, dass in den Hauptstrassen, wo Läden mit vielen Laufkunden sind, mehr Fleisch vorhanden ist, als in den Vororten. Das Mehl ist, wie in der Kriegszeit, sehr viel mehr ausgemahlen. Alles Brot schmeckt schon seit längerer Zeit kleisterig. Kartoffeln werden noch nicht zugesetzt. Alle Butter, die es im Handel gibt, ist zumindest mit lo% an Pflanzenfetten gestreckt. Durch das neue Fettkartensystem ist der Kunde dem Händler auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Am besten stehen sich noch die Leute die vom Wohlfahrtsamt Fettkarten für verbilligte Speisefette bekommen. Die bekommen wenigstens noch regelmässig ihr Fett ( man frage nur nicht, wie es schmeckt!). Wer Geld hat und in einem Laden guter Kunde ist, bekommt das, was der Händler in kleinen Mengen hat, hintenherum zugesteckt. Seit Wochen gibt es in den Läden im freien Verkauf nicht mehr regelmässig, sondern nur sehr selten Speck, Schmalz, Margarine oder Kokosfett. Ausländisches Obst gehört zu den seltenen und teueren Kostberkeiten, die man sich nur bei hohen Festlichkeiten erlauben kann. Die billigsten hiesigen Essäpfel kosten 500 Gramm 45 Pfg. Da das deutsche Winterobst nur noch kurze Zeit am Markt ist, werden wir bald kein Obst mehr haben. Die Kartoffelzufuhr zur Stadt ist kontingentiert. Die Kontrolle übt der Ortsbauernführer eines jeden Dorfes aus. Der Bauer, der einen Sack Kartoffeln aus seinem Dorfe herausbringen will, muss dafür vom Ortsbauernführer einen Erlaubnissche in haben. Er bekommt ihn nicht, wenn das Kontingent einer Stadt für einen bestimmten Zeitraum auf gebraucht ist. Für illegalen Verkauf sind hohe Strafen angesetzt. Man sagt, dass wir eine besonders hohe und gute Kartoffelernte gehabt haben ilch, die in die Stadt geliefert wird, braucht, um als Vollailch zu gelten, nur 3% Fettgehalt zu haben. Sie darf aber A-45nicht mehr haben, denn für die Bauern besteht Molkereizwang, so dass gar keine andere als abgerahmte Milch in den Handel kommt. Sahne ist im freien Handel nicht zu haben. Verkauf und ' Herstellung sind strafbar. Nur die Konditoreien erhalten einen Bruchteil ihres vorjährigen Umsatzes zur Garnierung. Nordwestdeutschland: Die Schmalzknappheit ist seit 2 bis 3 Monaten derartig, dass die Händler den Kunden, ohne sie zu fragen, zu der geforderten Ware 1/4 Pfund Schmalz wöchentlich einmal beilegen. Dann erübrigen sich Rückfragen im Beisein anderer Käufer. Beim Verkauf von Aufschnitt, Speck usw. sind die Händler dazu übergegangen, diese Waren für ihre festen Kunden zu reservieren und auch nur dann zu verkaufen, wenn gleichzeitig andere Waren gekauft werden. Das Geschäft " von unter dem Ladentis ch" aus der" grossen Zeit" ist wieder erstanden. An den sogenannten Fleischtagen stehen, besonders in den Arbeitervierteln, lange Schlangen vor den Schlächterläden, und zwar schon in aller Herrgottsfrühe. Diese Tage sind in der Regel Dienstag und Freitag. Die Kunden haben dann auch nicht die Gelegenheit, irgendwelche Wünsche zu äussern, sondern müssen mit dem durch den Schlachter zuge teilten Fleisch zufrieden sein. Bis zum Mittag ist ausverkauft. Die Qualität des Schweinefleisches ist teilweise stark verschlechtert. Wie uns ein Züchter mitteilt, liegt das an den von der Reichsstelle zugeteilten Futtermitteln. Der Züchter klagte heftig seine Not darüber, dass die Schweine das zugewiesene Mischfutter nur aufnehmen, bis der grösste Hunger gestillt ist. Dann legen sich die Tiere hin und lassen das Futter unangerührt. Zum Mästen ist es also nicht geeignet. Ebenso steht es mit den Futtermitteln für das Geflügel. Der Preis stieg von 9 auf 14 Pfg. und ausserdem wird nur ganz minderwertiges Getreide verwendet. Infolgedessen blüht der heimliche Roggenhandel. Ohne ihn wären die Geflügelzüchter gar nicht in der Lage, die von ihnen verlangten Eiermengen abzuliefern. Die Regierung verlangt Hühner, sagen die Züchter, die den ganzen Tag legen, aber kein Futter brauchen. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Falls etwas knapp wird, ist es genau wie im Weltkriege. Dann kommen die Professoren und Aerzte her und sagen dem Volke, dass die fehlenden Nahrungsmittel sowieso der Gesundheit nicht zuträglich sind. So haben sie festgestellt, dass der Fleischverbrauch im Jahre 1816 nur 13,6 kg und Kopf betrug. 1913 sei der Verbrauch bereits auf 52 kg gestiegen. Und im Jahre 1935 sei er sogar auf 68 kg heraufgeklettert. Dazu macht uns ein Schlachtermeister, der über eine 40jährige Praxis verfügt, auf folgendes aufmerksam: Natürlich hat man im Jahre 1816 nur die angegebene Menge verbraucht. Aber das gilt nur für den Teil der Bevölkerung, der beim Schlächter Rindfleisch und hin und wieder ein Stück Schweinefleisch Kaufte. Die grosse Masse der Bevölkerung aber A-46schlachtete selbst und dabei wurde viel Fleisch eingepökelt und geräuchert. Diese Mengen wurden niemals von der Statistik erfasst. Das ging zum Teil bis in die neunziger Jahre so. Erst mit dem Wachstum der Grossstädte änderte sich das Bild durch die Abnahme der Hausschlachtungen. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass die Hälfte des geschlachteten Viehes bis vor dem Kriege nicht von der Statistik erfasst werden konnte, weil die Bauern ihre Hausschlachtungen einfach nicht anmeldeten. Der von der Statistik nachgewiesene Fleischverbrauch ist also mehr auf genauere statistische Erfassung als auf wirklichen Mehrverbrauch zurückzuführen. Praktisch wirkt sich die neue halbe Rationierung der knappen Nahrungsmittel schon jetzt wieder so aus, dass die zahlungsfähigen Kreise keinen Mangel haben. Der Schleichhandel hat bereits kräftig eingesetzt. Fettmangel gibt es nur in den Kreisen der Minderbemittelten. Die grossen Schlächtereien haben alles, was sie brauchen; sie geben ihren bemittelten Kunden, soviel diese haben wollen. Der kleine Fleischer jedoch kann seine armen Kunden nicht im geringsten befriedigen. In Köln werden neuerdings alle möglichen Kohlsorten in riesigen Mengen angeboten. Den Wirsingkohl kauft zum grössten Teil das WHW auf und verteilt ihn. Der Preis ist bereits 2 Pfg. höher als vor Wochen. Das WHW hat ihn mit seinen Aufkäufen in die Höhe getrieben. Seit 2 Wochen ist kein Reis zu haben. Die Bevölkerung wird ständig aufgefordert, Fische zu essen. Das WHW gibt ebenfalls Fische an die Bevölkerung ab. Die Fische sind aber oft schlecht und das WHW brät dann riesige Fischmengen, um das Material im letzten Augenblick vor dem völligen Verderb zu schützen. Apfelsinen gab es zu Weihnachten nicht mehr, ebenso keine Erdnüsse. Sogenannte Vollschokolade gibt es ebenfalls nicht mehr. Früher bekamen die Arbeiter und Arbeiterinnen der Schokoladenfabriken bestimmte Mengen zu Weihnachten, die sie dann weiterverkauften. In diesem Jahre gab es nichts. In der Schokoladenfabrik Monheim in Aachen sind 200 Arbeiter und Arbeiterinnen entlassen worden. Das vom WHW gelieferte Weihnachtsmehl war nicht rein. Die Kuchen blieben trotz grösster Anstrengungen breiig. Es geht das Gerücht um, dass im April das Mehl alle sein würde. Die Bauern könnten sich nicht einmal genügend Korn für die Saat sichern. Man spricht auch von einer Beschränkung des Milchbezuges. Aus Genossenschaftskreisen verlautet, dass für den Milchbezug das Kartensystem eingeführt und dass nur noch die Hälfte der bisherigen Menge geliefert werde. 2.Bericht: Alle Verteilungsanweisungen schaffen keine Fette. Jeder in unserer Stadt weiss, dass es seit 8 Tagen keine Margarine auf Marken gibt, dass es in einer Woche auf zwei Personen 1/4 Pfund und für fünf Personen 1/2 Pfund Nierenfett A- 47gibt, dass kein Schmalz zu haben ist, dass es kein Gramm Speck gibt, dass aber an gewisse Leute das Fett hintenberum verkauft wird zu Preisen, die eben weit höher sind als die amtlich festgesetzten Preise. Seit vierzehn Tagen predigt man in allen Versammlungen, im Radio, schreibt man in den Zeitungen, dass man abends nicht Brot, sondern fettlose Suppen essen solle. Den Arbeitgebern empfiehlt man. Werksküchen einzurichten und Eintopfgerichte zu kochen, hauptsächlich Kohl. Das wäre sparsamer im Fettverbrauch und die Arbeiter brauchten sich nicht Fett- oder Margarinebrote mit auf die Arbeit zu nehmen( von Wurst spricht man schon gar nicht mehr). In den Schulen wird den Kindern erzählt, wer Brötchen esse, sei ein Volksschädling und vieles andere mehr. Das Volk aber fragt sich, inwieweit man in Deutschland noch von der Kriegszeit des Jahres 1917 entfernt sei. Men ist überzeugt, dass in zwei Monaten die Brotkarten da sein werden. Südwestdeutschland, 1.Bericht( Baden): Seit Weihnachten gibt es in allen Landesteilen ausreichend Fleisch, auch etwas Schweinefett. Eier gibt es auch genug. Butter kann man fast allerorts täglich haben. Die Fettscheine sind bis jetzt noch nicht zur Anwendung gelangt. Ebenso im Saargebiet. Das Brot wird immer schlechter. Ich kaufe Bauernbrot, das ist ein halbschwarzes, vor kurzem immer noch recht gut ausgebackenes recht bekömmliches Brot gewesen. Jetzt gibt es ganze Speckknollen darin, die man eben wegschneiden und wegwerfen muss. Mehl kann man noch in Fünfpfund- Packungen kaufen, es ist aber nicht mehr so gut. Die Bäcker sagen, es sei zu kurz, die schlechte Ernte mache sich bemerkbar. Tadellos ist noch das Kommisbrot beim Militär, es hat noch keinerlei schlechte Beimischung. In X. wurde entsprechend den allgemeinen Anordnungen eine Zeit lang keine Cervelatwurst mehr angefertigt. Anfang November erhielten die Metzger vom Bezirksamt die Anweisung, solche Würste wieder herzustellen. Die Innung erhob dagegen den Einwand, dass die Metzger zu wenig Schweinefleisch hätten, um genügend von dieser Wurstsorte zu machen; darauf wurde ihnen erlaubt, nur zweimal in der Woche diese Wurstsorte herzustellen. Es ist allgemein festzustellen, dass die billigen Wurstsorten nur in ganz bescheidenem Masse hergestellt werden. Nach 10 Uhr vormittags sind die billigen Sorten bereits ausverkauft. 2.Bericht: Das Bürgermeisteramt Landau gibt bekannt, dass die Gemeinde eine Schweinemast beginnt mit einer Anfangszucht von 50 Schweinen. Die Zucht soll bis auf 200 gesteigert werien. Das Futter muss die Bevölkerung liefern, zu welchem Zweck Einsammler eingestellt werden. Der Volksmund hat über biese zukünftigen" Saunazis" schon seine Witze fertig. A-48 Die Regierung der Pfalz hat der Presse eine Mitteilung übergeben, in der gegen die Koppelgeschäfte beim Lebensmittelkauf Stellung genommen und den Lebensmittelhändlern gut zugeredet wird, sich an die behördlichen Vorschriften zu halten. Schlesien: Der Mangel ist zum Dauer zustand geworden. Die Polizei ist beauftragt, jede Ansammlung vor Geschäften zu zerstreuen und wer nicht auseinandergeht, wird bestraft. Die Fleischer müssen die Geschäfte offen halten und dürfen nur sagen, dass die Ware eben ausgegangen ist. Nicht anders ist es bei den Buttergeschäften und Kaufleuten, die Nahrungsmittel führen. Die Belieferung auf Grund der Kundenlisten für Fett erfolgt einseitig. Ein Kaufmann in X., der eine Kundenliste über 40 Haushalte mit etwa 150 Personen dem Grosshändler für Fettbelieferung vorlegte, erhielt darauf für 14 Tage 12 1/2 kg Margarine und als er seine Nachbestellung machte, musste er zunächst stundenlange Telefongespräche führen, um dann weitere 3 kg Fett zu erhalten, die ihm bei der nächsten Lieferung wieder in Abzug gebracht wurden. Während es früher den Fleischern verboten war, die Fettansätze bei Kaldaunen zu verbrauchen-sie mussten verbrannt werden wird jetzt die Bereinigung der Kaldaunen besonders überwacht. Die Fettreste werden gesäubert und für den Verbrauch in Bäckereien zubereitet. Die Zuteilung von Schweinen und Kühen, sowie Kälbern ist streng kontingentiert. Dabei müssen die Fleischer dem Viehgrosshändler Vorschüsse zahlen, ohne zu wissen, was für eine Ware sie erhalten. Vielfach ist es jetzt unter Fleischern üblich geworden, die zugeteilte Menge im ganzen weiter zu verkaufen, weil sich bei den geringen Mengen nicht einmal das Standgeld auf dem Markt lohnt. Butter muss vom Markt verschwinden, ist eine neue Parole, die von den Nazis ausgegeben wird, weil sie auf dem Markt nur aufreizend wirke. Es wird daher eine strenge Kontrolle auf den Märkten durchgeführt, ob die Preise eingehalten werden und ob die Händler Butter versteckt halten. Wird Ware versteckt vorgefunden, so wird diese beschlagnahmt und es werden Strafen bis zu 50 RM oder sofortige Verhaftung auferlegt. Ein Nazihändler, der bei den Parteistellen über dieses Vorgehen Beschwerde führte, wurde dahin unterrichtet, dass Butter am Markt nicht geduldet werden könne. Die Hamsterer kauften alles ein und die Armen gingen leer aus. Ausserdem werde viel Butter aus Polen geschmuggelt, was die Einschleppung von Krankheiten befürchten lasse, zudem sei das Selbstbuttern für die Bauern ein Weg, sich vor der Ablieferung zu drücken. 4) Die Rohstoffnot Der Mangel an Rohstoffen hat sich im Berichtszeitraum zu einem ernsten Problem für die deutsche Wirtschaft entwickelt. A-49Wie wir in der volkswirtschaftlichen Uebersicht im Teil B näher begründen, ist die deutsche Wirtschaftspolitik vor die Aufgabe gestellt, den Hochstand von Produktion und Beschäftigung unter allen Umständen zu halten, sollen sich nicht aus der Kreditausweitung der letzten Jahre schwere Gefahren ergeben. Die Lösung dieser Aufgabe wird durch die Rohstoffnot, von der jetzt fast alle Wirtschaftszweige erfasst sind, gefährdet. Wie gross die Gefährdung ist, wird sorgfältig verschleiert. So ist z. B. nach den amtlichen Statistiken die Kurzarbeit sehr zurückgegangen. Tatsächlich hat sie wie auch aus den nachstehenden Berichten hervorgeht- infolge des Rohstoffmangels einen ungewöhnlich grossen Umfang angenommen. Aber diese Kurzarbeit wird meist von den Arbeitsämtern nicht" genehmigt" und infolgedessen auch nicht registriert. Die Rohstoffe gehen plötzlich aus, weil erwartete Lieferungen nicht eintreffen, der Unternehmer schickt seine Leute nach Hause-manchmal muss er ihnen in diesen Fällen auch den Lohn weiterzahlen ein formeller Antrag an das Arbeitsamt auf Genehmigung der Kurzarbeit wird entweder gar nicht erst gestellt oder nicht genehmigt, weil inzwischen neue Rohstoffe eingetroffen sind. Es ist klar, dass diese Folgen der Rohstoffnot, auch wenn die amtliche Statistik von ihnen keine Notiz nimmt, die Wirtschaft mit ausserordentlich unproduktiven Kosten belasten. Nachdem lange Zeit in erster Linie, die Textilwirtschaft unter dem Rohstoffmangel zu leiden hatte, ist jetzt vor allem die Metallindustrie betroffen. Den einschränkenden Anordnungen, über die wir im November 1936 zuletzt berichtet haben( Nr. 11, Seite A 47), sind inzwischen weitere gefolgt. Anfang Dezember wurden Höchstpreise für Gussbruch erlassen, Ende Dezember wurde die Verwendung von nichtrostenden Stählen für den Inlandsbedarf beschränkt. Ende Januar wurden Massnahmen zur Erfassung edler und unedler Metalle in Privatbesitz getroffen. Einem Schreiben des Reichsbeauftragten für unedle Metalle an die Reichsgruppe Industrie über Kupplungs- und Gegengeschäfte mit unedIen Metallen entnehmen wir folgende bezeichnende Stellen: A- 50" Bedauerlicherweise führt fast regelmässig eine Verknappung. an Waren oder Rohstoffen zu der unerfreulichen und wirtschaftsschädlichen Erscheinung der sogenannten Kuppelungsund Gegengeschäfte. Wer in der glücklichen Lage ist, ein Erzeugnis liefern zu können, für das die Nachfrage das Angebot übersteigt, nutzt diesen Umstand aus, um für seine Lieferungen die Gegenlieferung anderer Erzeugnisse auszubedingen, deren Beschaffung auf normalem Wege ihm Schwierigkeiten bereitet. Die Hoffnung, dass eine nationalsozialistische Wirtschaftsgesinnung das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft vor einer Wiederholung solcher-aus der Zeit des Weltkrieges noch bekannter Zustände schützen würde, ist leider nur in unbefriedigendem Masse in Erfüllung gegangen. Infolgedessen hat sich die Ueberwachungsstelle genötigt gesehen, durch ihre Anordnung 37 vom 27. Februar 1936 betr. Einkauf und Verkauf von un edlen Metallen alle Kuppelungsund Gegengeschäfte mit unedlen Metallen unter Strafandrohung zu verbieten." Anfang Januar wurde im Gebiet der Oberahr eine Kupfererzgrube, die jahrzehntelang stillgelegen hatte, wieder in Betrieb genommen. Die nachstehenden Berichte über den Rohstoffmangel in der Metallwirtschaft erbringen vor allem den Beweis, dass auch die Rüstungsindustrie nicht mehr regelmässig mit Rohstoffen versorgt werden kann. Berlin, 1.Bericht: Der Materialmangel ist viel grösser, als gemeinhin bekannt ist. Dass Kupfer und Messing nicht zu bekommen sind, auch wenn man dringende Heeresaufträge hat, ist ja wohl allgemein bekannt. Es gibt Lieferfirmen, die für die Lieferungen Fristen bis zu 2 Jahren ansetzen und mir sind Auftragsbestätigungen bekannt, in denen Ende 1938 als Liefertermin angegeben wird. Bemerkenswert ist, dass jetzt auch der Mangel an Eisen nicht mehr eine vereinzelte Erscheinung ist, sondern dass die meisten Firmen darüber zu klagen haben. Man kenn schon sagen, dass es kaum noch grössere Firmen gibt, die genug Eisen bekommen können. Dabei machen auch Heeresaufträge keine Ausnahme mehr. Es ist eben nichts da; darunter müssen alle Hersteller und alle Aufträge leiden. Ja, es ist selbst so weit gekommen, dass auch Aluminium knapp geworden ist. 2. Bericht: Für die herrschende Eisenknappheit ein bezeichnendes Beispiel: Ein kleiner Betrieb, der Küchengeräte erzeugt, war nicht mehr in der Lage, die verhältnismässig geringen Eisenmengen aufzutreiben, die für seine Produktion erforderlich sind. Die Betriebsleitung versuchte sowohl unter A-51Berufung auf vorhandene Auslandsaufträge als auch durch Intervention beim Kriegsministerium wegen Heereslieferungen, sich Eisen zu beschaffen, aber vergeblich. Sie musste des- halb ihren Betrieb vorübergehend schliessen. Wegen des Eisenmangels arbeiten z.B. auch die Emaillierwerke durchschnittlich nur mit 50% ihrer Kapazität. Selbst grossen Firmen kann es passieren, dass ihre Eisenversorgung plötzlich unterbrochen wird. So hiess es eines Tages bei Borsig gegen 3 Uhr nachmittags, dass kein Eisen da sei und dass noch nicht zu übersehen wäre, wann die neue Lieferung käme. Mir wurde glaubhaft berichtet, dass die Werke der Berliner Metallindustrie-die vor dem Kriege stets für 6 bis 8 Monate Rohmaterial lagern hatten- seit Herbst 1936 nur etwa für 3 Monate Eisen und Stahl auf Lager haben und wegen einer weiteren Verknappung in grosser Sorge sind. Bereits 1935 setzte eine lebhafte Propaganda für die Devisenersparnis durch Verwendung von Alumium anstelle von Kupfer, Zinn usw. ein. Die in Deutschland hergestellten Gebrauchsgegenstände aus Aluminium werden zumeist ausgeführt. Seit etwa Mitte vorigen Jahres ist der Propagandafeldzug für die Verwendung von Aluminium so gut wie vollständig eingestellt. Der Grund dafür ist ein starker Mangel an Aluminium, dem man durch verschärfte Einschränkung des Verbrauchs von Aluminium für Gebrauchsgegenstände beizukommen sucht. Zwei Fabriken in X., die beide sich mit der Fabrikation von Konservendosen und Tuben aus Aluminium, das also als Zinnersatz dient, beschäftigen, haben wegen Rohstoffmangels ihren Betrieb eingestellt. Milchkonserven werden schon seit langem in Aluminiumdosen vertrieben. Diese Dosen sind in Berlin schon seit längerer Zeit nicht mehr zu sehen. Auch Bier wird nach Amerika in Aluminiumbehältern exportiert. 3.Bericht: Die Bewag( Berliner Elektrizitäts- Werke) darf bereits seit längerer Zeit keine Kupferkabel mehr legen, sondern nur noch Aluminum verwenden, obwohl die Haltbarkeit und Elastizität der Aluminiumkabel bedeutend geringer ist und der Betrieb daher sehr verteuert wird. Die Postverwaltung hat durchgesetzt, dass sie weiter Kupfer verwenden darf, und zwar, weil sie vielfach Unterwasser- Kabel legen muss und Aluminium sich zu schnell zersetzt. Die Post hat erklärt, dass sie nicht für ein Funktionieren der Betriebe garantieren könne, wenn sie gezwungen würde, Aluminiumkabel zu verwenden. Aus den Stadtbahnwagen wurden auch die Messingstangen entfernt-soweit noch welche vorhanden waren- und durch Aluminium ersetzt. Im November herrschte, wie uns von einem Vertrauensmann im Reichsarbeitsministerium berichtet wird, dort ausgesprochene Katerstimmung, da man mit zunehmender und andauernder Arbeitslosigkeit infolge des wachsenden Rohstoffmangels rechnete. Es gab bereits ziemlich offene Diskussionen darüber. Seit Dezember ist ein Wandel der Auffassungen eingetreten. Man rechnet damit, dass in" nicht zu ferner Zeit" der Rohstoff A-52mangel durch ausländische Hilfe behoben wird. 4.Bericht: Wenn ein kleiner Klempnermeister einen schadhaft gewordenen Wasserleitungshahn ersetzen will, dann muss er erst den alten abliefern, ehe er einen neuen bekommt. Ebenso ist es mit Bleirohren und vielen anderen notwendigen Gebrauchsgegenständen. Ausserordentlich knapp ist der dünne Leitungsdraht, den die Leute für Selbstanlagen verwenden. Man bekommt ihn privat überhaupt nicht mehr zu kaufen; nur noch Elektriker und andere Fachleute erhalten ihn, haben aber auch Schwierigkeiten bei der Beschaffung. In einer grossen Akkumulatorenfabrik in Berlin wird ständig über die mangelhafte Belieferung mit Rohstoffen geklagt. Es fehlt an Blei. Selbst für die Heeresaufträge reicht die bewilligte Menge nicht aus. Zeitweilig ist es so, dass aus den vorliegenden Heeresaufträgen noch die besonders dringlichen herausgesucht werden müssen, für die dann zunächst das Blei geliefert wird, während die anderen Heeresaufträge und schon gar die für die Privatfirmen einfach zurückgestellt werden. Jetzt ist man dazu übergegangen, den Firmen die Ablieferung von altem Blei zur Pflicht zu machen, wenn sie neues Material haben wollen. Hamburg: Knappheit an Rohstoffen besteht bei fast allen Metallen und Baustoffen. Eine hiesige Eisengrosshandlung, die hauptsächlich Träger und Baueisen liefert, geht nur noch Lieferverträge auf mindestens 12 Wochen ein. Und alle diese Verträge sind mit Vorbehalt ausgestattet und kommen nur für Rüstungsbauten in Frage. Alle Privatbauvorhaben müssen schon bei der Planung angezeigt werden und bedürfen zur Durchführung besonderer Genehmigung. Höherwertige Metalle sind besonders knapp. Es ist kaum möglich, die notwendigen Materialien für dringende Reparaturen und Instandsetzungen zu bekommen. Besonders hart ist das für kleine Handwerker, die ihre Arbeiten und Aufträge aus diesem Grunde oft gar nicht, oder nur sehr verspätet durchführen können. Die Kupfermühle bei Flensburg arbeitet aus Mangel an Rohmaterial nur Woche um Woche. In diesem Betrieb werden zur Hauptsache Kupfer und Messingrohre gezogen, sowie Platten hergestellt. Allerdings spielt bei dem Rückgang der Beschäftigung auch der Ausfall von Auslandsaufträgen eine Rolle. Vor einigen Tagen mussten an einem Neubau die Elektriker am Vormittag die Arbeit einstellen, da es an Kupferdraht mangelte. Nach zwei Tagen war es gelungen, das Fehlende zu beschaffen. Auf der Insel Sylt sind die Rüstungsbauten zum Teil eingestellt. Die Fenster und Türen wurden vernagelt. Die Handwerker erhielten den Bescheid, dass die Bauten erst zum Frühjahr fortgesetzt würden, Grund: Materialmangel. A- 53Auf der Flensburger Werft fehlt es an Kupfer- und Messingflaschen, sowie an Zink, Zinn und Metallrohren. Im übrigen hamstert man dort auf der Werft alle Metalle, z. B. besonders rohe Kupferblöcke. Das hat man auf der Werft früher nicht gekannt.. Am Tage vor Neujahr wurden in Hamburg sämtliche bei Militärbauten beschäftigten Arbeiter entlassen. Wie sich später herausstellte, erstreckte sich diese Entlassung auch auf die Arbeiter, die für Hamburger Firmen an auswärtigen Militärbauten beschäftigt waren. Als Gründe für die Entlassung werden Materialmangel, aber auch Schwierigkeiten bei der Finanzierung angenommen. Bei der Firma Schmidt& Söhne, in der besonders für die Ausrüstung von Hilfskreuzern, Dampfern und für sonstige Rüstungsaufträge gearbeitet wird, wurden die Kupferschmiede plötzlich entlassen. Grund: Materialmangel. Bis zum 1. Oktober war auf dem Flugplatz Fuhlsbüttel bei Hamburg eine Fliegerschulabteilung der Luftwaffe untergebracht. Am 1. Oktober 1936 sollte diese Abteilung nach Hagenov in Mecklenburg verlegt werden. Auf dem Gelände waren bis zu diesem Zeitpunkt das Rollfeld und drei Hallen fertig gebaut. Rund 80 Mann Bodenpersonal wurden zu diesem Termin nach H. versetzt. Es handelte sich hierbei um Handwerker, Monteure, Zahlmeisterei- und Büropersonal. Ausserdem die Platzkommandantur und die Einkaufsstelle. Bei der Ankunft dieses Personals stellte sich jedoch heraus, dass in absehbarer Zeit der Betrieb noch nicht aufgenommen werden konnte. Quer über das Rollfeld läuft eine Hochspannungsleitung, die bis heute aus Mangel an Material nicht verlegt werden konnte. Es besteht daher für die Flugzeuge keine Möglichkeit zum Starten und Landen. In den Hallen und auf dem Rollfeld davor fehlt der Zementguss, da bisher der notwendige Zement nicht beschafft werden konnte. Für die Unterbringung der Mannschaften ist bis jetzt( Ende Dezember) nur eine Baracke für 40 Mann vorhanden. In dieser Baracke fehlen jedoch die Betten. Die für diesen Platz bestimmten 70 Flugzeuge stehen daher immer noch in Hamburg auf Lager. Für Ersatzteile und sonstiges Baumaterial für Flugzeuge sind keine Räume vorhanden, ebenso fehlen die Werkstätten- Gebäude bis jetzt vollständig. Material für Flugzeugbau und Reparatur ist in Massen eingetroffen und unausgepackt in Scheunen aufgestapelt. Die bereits anwesenden 80 Mann hatten in diesen 3 Monaten nichts weiter zu tun, als ab und zu einige Waggons zu entladen und täglich zweimal zum Appell anzutreten. Sie spielen auch einmal Fussball und gehen fast alle am Freitag auf Urlaub nach Hamburg, wo ihre Familien wohnen. Für diese Tätigkeit erhalten sie ausser Lohn noch eine Trennungszulage. In der Nähe von Bornhoved bei Gut Schönhagen( 8 km nordöstlich von B.) ist seit einiger Zeit ein neues Remontedepot in Betrieb genommen. Ausser dem Wohnhause für den Kommandanten dieses Depots fehlen alle anderen Gebäude. Diese sind über die Grundausschachtungen noch nicht hinaus. Ursache: Materialmangel. Seit etwa 4 Monaten befinden sich aber schon 400 A-54Pferde dort, für die noch nicht einmal die Reitbahn fertiggestellt ist, so dass ordnungsmässiges Bewegen und Einreiten unmöglich ist. Mannschaften und Pferde sind bis heute bei den Bauern in den umliegenden Dörfern einquartiert. Eine Lieferungsvorschrift bei Heereslieferungen besagt, dass kein Lieferant, der die Lieferfristen nicht inne hält, zu weiteren Lieferungen zugelassen werden darf. Da man bei Innehaltung dieser Vorschrift überhaupt keine Lieferanten mehr zulassen dürfte, steht sie nur noch auf dem Papier. Durch das Fehlen der Rohstoffe, besonders in der Elektroindustrie, die ja an fast allen Lieferungen stark beteiligt ist, können die Lieferanten die Fristen einfach nicht inne halten. Aus diesem Grunde hat man seit einem Vierteljahr die Dinge laufen lassen. Rheinland- Westfalen: Der Kasernenbau bei Aachen, über dessen Stillegung bereits berichtet wurde, kann noch immer nicht weitergeführt werden. Es sollen eiserne und hölzerne Träger fehlen. Im ganzen will man bei Aachen etwa 25 Bauten durchführen. Es geht jetzt sehr langsam. Jede Woche wird an zwei Häusern nur ein Stockwerk fertiggestellt. Die Artilleriebauten sind seit Weihnachten noch nicht aus der Erde heraus. Kupferleitungen kommen nur bei Hochspannungsleitungen in Frage. Vorher ist die Genehmigung bei der zuständigen Wirtschaftsstelle einzuholen. Es muss die dreifache Menge Altkupfer abgeliefert werden. Die Lieferzeit für Kupferdraht beträgt drei bis vier Monate. Selbst für Aluminiumdraht ist eine längere Lieferzeit festgesetzt. Dampfheizungen können schon nicht mehr rechtzeitig eingebaut werden, weil Materialmangel herrscht. Kupferkessel, Messinghähne und Türgriffe aus Messing dürfen nicht mehr verwendet werden. Bierleitungen, die früher aus Blanka- Zinn hergestellt wurden, haben jetzt Aluminium. Die Biegungen werden aus Glas hergestellt. Klempner und Installateure haben Altmaterial abzuliefern, wenn sie neues Material erhalten wollen. Für Altmaterial bekommt man 1/3 der Menge an neuem Material. Die Anlagen auf Neubauten dürfen nicht mehr mit Wasserrohren aus Blei hergestellt werden. Es muss verzinntes Stahlrohr verwendet werden, dessen Haltbarkeit auf etwa die Hälfte des bisher verwandten guten Materials geschätzt wird. Südwestdeutschland: Die Industrie, soweit sie für RüstungsZwecke arbeitet, ist gut beschäftigt, wenn nicht der Materialmangel Stockungen verursacht. Diese Stockungen sind neuerdings besonders häufig bei der eisenverarbeitenden Industrie, vor allem in Mannheim und Karlsruhe. Im Schwarzwald fehlt es besonders an Messing. Die Inhaber der Kleinbetriebe fühlen sich zurückgesetzt und klagen schwer darüber, dass nur den Grossbetrieben das notwendige Material zur Verfügung gestellt werde, während man ihnen, den Kleinen, es vorenthalte, um sie auch von Heereslieferungen auszuschliessen. In den Fittingswerken in Singen haben sämtliche A- 55Arbeiter, die in den letzten Monaten eingestellt worden sind, die Kündigung auf den 27. Februar erhalten. Genau gesagt: die bereits vor 14 Tagen ausgesprochene Kündigung wurde bis zu diesem Zeitpunkt verlängert, für den Fall, dass es nicht gelingen sollte, bis dahin dem Materialmangel abzuhelfen. Der Direktor des Betriebes ist zur Zeit in Berlin, um wegen der dringlichen Lieferung von Gusseisen zu verhandeln. Bayern: In einigen Münchner Metallbetrieben, die hauptsächlich Kupfer, Zinn und Zink verarbeiten, ist Kurzarbeit eingeführt worden. In den Bayerischen Leichtmetallwerken wird schon seit längerer Zeit ein Spezialventil für Flugmotoren erzeugt, das ganz aus asthenidischem Material hergestellt wird. Die Erzeugungskosten für dieses Ventil betragen 25 Mark. Gewöhnliche Ventile wurden bisher um 3 bis 5 Mark verkauft. In Baufachkreisen rechnet man im laufenden Jahr mit einem erheblichen Rückgang der privaten Bautätigkeit, u.a. wegen der schwierigen Materialbeschaffung. Es fehlen zeitweilig Ziegel, Zement, Dachplatten, Rohre, Beschläge usw. Auch jene Artikel, für die nur Inlandsrohstoffe verwendet werden, sind nur unregelmässig und in nicht genügender Menge zu haben, weil sie für die im Rekord tempo aufgeführten Kasernen- und Befestigungsbauten aus dem Markt gezogen werden. Uns ist ein Fall bekannt, in dem der Auftraggeber vom Baumeister verlangte, dass das gesamte für den Bau benötigte Material vor Baubeginn gelagert und ihm gezeigt werden muss, erst dann wollte er den Bau in Auftrag geben. Der Baumeister konnte diesem Verlangen nicht entsprechen. Bei den Siedlungsbauten bestehen grosse Schwierigkeiten mit der Beschaffung des notwendigen Installationsmaterials. Die Preiserhöhungen für Metalle bringen auch grosse Ueberschreitungen der Kostenvoranschläge mit sich. Sachsen: Bei den Mitteldeutschen Stahlwerken in Riesa kann in einigen Abteilungen nicht voll gearbeitet werden, weil das Martinswerk nicht genügend Stahl liefern kann. In der Metallindustrie in Chemnitz mussten infolge Rohstoffmangel vor Weihnachten die nachstehenden Firmen verkürzt arbeiten lassen: Auto- Union, Reinecker, Haubold und die Zimmermann- Werke; ausserdem einige Metallgiessereien. Die" Universelle", eine der grössten Metallwarenfabriken Dresdens,( Rüstungsbetrieb) musste wegen Rohstoffmangels ihre Belegschaft einige Wochen aussetzen lassen. Jetzt wird wieder voll gearbeitet. In den... Werken, die Heeresaufträge ausführen, besonders Teile für Flugzeuge, bestehen folgende Zustände bei der Material belieferung: Das zur Verarbeitung gelangende Material wird von den auftraggebenden Reichsstellen genau berechnet und es wird nur soviel geliefert, als unbedingt erforderlich ist. Wird nun bei der Verarbeitung etwas versehen und werden A-56dadurch Teile unbrauchbar, so ist immer guter Rat teuer. Es müssen von der Betriebsführung erst lange Gesuche mit ausführlicher Schilderung des Falles an die betreffende Reichsstelle gemacht werden, bevor das notwendige Ersatzmaterial geliefert wird. Da nur die Menge Material geliefert wird, die zur Ausführung des jeweiligen Auftrages unbedingt nötig ist, können die einzelnen Teile immer nur in der Anzahl hergestellt werden, wie sie gebraucht werden. Da aber das Einstellen der Maschinen oft mehr Zeit beansprucht, als die Herstellung der einzelnen Teile erfordert, ist diese Art der Produktion sehr kostspielig. Hinzu kommt noch, dass oftmals am nächsten Tag erneute Aufträge einlaufen und dann das zeitraubende Einrichten der Maschinen von neuem beginnt. Seit einiger Zeit ist die Musikindustrie ausserordentlich gut beschäftigt, aber neuerdings macht sich der Mangel an Rohstoffen sehr zum Nachteil der Betriebe und Arbeiterschaft bemerkbar. Messing ist fast nicht mehr zu haben und wird für Inlands bestellungen nicht zum Verarbeiten freigegeben. Es muss Ersatzmaterial verwendet werden. Da sich Aluminium nicht besonders gut bewährt, muss Eisen verwendet werden, das sich aber sehr schlecht bearbeiten lässt, da es nicht genügend biegsam ist und die Bearbeitung ziemlich teuer zu stehen kommt. Das Eisen muss sehr gut geschliffen, vernickelt und dann mit einer Messinglegierung überzogen werden. Durch den Rohstoffmangel haben die Betriebe grössere Unkosten und die Arbeiter kargeren Verdienst, weil sie einmal mit der Bearbeitung länger aufgehalten und zum anderen wegen Rohstoffmangel oftmals aussetzen müssen. Durch diese Umstände sind die Arbeiter und die Betriebsinhaber verbittert. Es macht sich in den Betrieben eine gewisse Arbeitsunlust bemerkbar. Der Mangel an Blei macht sich stark fühlbar. Nach einer Verordnung müssen alle Klosetts mit Wasserspülung versehen sein. Diese Verordnung kann jetzt nicht mehr durchgeführt werden, weil die nötigen Bleirohre fehlen. Ebenso können infolge Fehlens von Bleirohren die Wasserleitungen in Neubauten nicht fertiggestellt werden, so dass Neubauten unvollendet stehen bleiben. Wegen Mangel an Zink werden die Blechemballagen jetzt galvanisiert. Reiner Kupferdraht wird nicht mehr verkauft. Zu fast allen Zwecken, für die bisher Kupferdraht Verwendung fand, wird jetzt eine Legierung, die zum grossen Teil aus Aluminium besteht, genommen. Diese Legierung ist nicht ebensso leitungsfähig wie Kupfer. Bei der Posamentenfabrik Wimmer, Annaberg- Geyersdorf, wurden im Januar 30 Mann aus Mangel an Rohstoffen entlassen. Es fehlt an Messing, das für besondere Behänge, die dort produziert werden, gebraucht wird. Bei der Posamentenfabrik Starke, Annaberg, fehlt es ebenfalls an Metall, das für die Flimmerproduktion gebraucht wird. Die Lieferzeit für diese Rohstoffe wird immer länger. Sie beträgt gegenwärtig schon ein Vierteljahr. A- 57Auch in der Textilindustrie, die schon seit langem unter ausserordentlichen Materialbeschränkungen leidet, sind neue Verschärfungen der Rohstoffbewirtschaftung eingetreten. Mitte Dezember wurde die Anbringung von Flor- Rändern an Kunstseidenstrümpfen für Damen untersagt. Ende Dezember wurde-ähnlich wie bei den Metallen- eine allgemeine Meldepflicht der Bestände an Baumwoll- und Baumwollgemischgespinsten eingeführt. Anfang Januar wurde der Beimischungszwang von Reiss- und Zellwolle für verschiedene Waren erhöht. Einen Monat später wurde der Anteil der Reiss- oder Zellwolle bei Verdunkelungsstoffen auf 65% festgesetzt. Mitte Dezember wurde die Herstellung und der Einkauf von Polsterwerg usw. an die Genehmigung der Ueberwachungsstelle geknüpft. Anfang Januar wurde eine Preisregelung für Rosshaar usw. erlassen. Im folgenden bringen wir einige Originalkopien aus dem Nachrichtendienst der Deutschen Bekleidungsindustrie, die ein bezeichnendes Licht auf die Rohstofflage in dieser Industrie werfen( siehe Seite 58 und 59).. Dass die in dem auf Seite 59 wiedergegebenen Rundschreiben der Wirtschaftsgruppe Bekleidungs industrie gerügten unzulässigen Bezeichnungen tatsächlich noch immer im Gebrauch sind, geht auch aus unserer Berichterstattung hervor. So ist uns z.B. die nachstehende Qualitätsbezeichnung übermittelt worden, die Ende Januar noch im Handel war: PRIMA WOLLGEMISCHT GEWASCHEN Im übrigen wird uns über die Lage der Textilindustrie in den verschiedenen Landesteilen, die Einführung, der Ersatzstoffe usw. berichtet: NACHRICHTENDIENST Der Deutfchen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Kielganftr. 4 A-58Rohstoffe Ordnungsziffer 4 Betr.: Rohstoff- Freudigkeit Die Bedeutung der Bellwolle für die deutsche Gesamtwirtschaft und für das Einzelunternehmen dürfte von unseren sämtlichen Mitgliedsfirmen, nachdem wir immer wieder darauf hingewiesen haben, voll erkannt worden sein. Unsere Mitgliedsfirmen werden sich darüber tlar sein, daß es ein Mangel an Voraussicht ist, wenn sie bei ihren Abnehmern einen Argwohn oder Widerwillen gegen die deutschen Rohstoffe weden. Leider haben wir immer wieder feststellen müssen, daß die Gefolgschaft unserer Mitgliedsfirmen sich diese Gedankengänge noch nicht in hinreichendem Maße zu eigen gemacht hat. Von Abnehmern wird uns berichtet, daß Vertreter und Reisende, um ihre Wollartikel möglichst günstig abzusehen, auf den Beimischungszwang, auf angebliche Verschlechterung der Stoffe usw. durch unwahre Behauptungen oder geheimnisvolle und törichte Erklärungen hinweisen. Dabei stellt sich bei näherer Betrachtung der Gespräche in den meisten Fällen heraus, daß die Vertreter und Verkäufer von keiner Sachkenntnis über die Zellwolle beschwert sind. Durch solche nichtsnuhigen Redereien aber gelingt es den Vertretern, teilweise eine völlig unberechtigte Nervosität bei ihren Abnehmern hervorzurufen, um dann in einem Angstzustand bessere ,, Geschäfte" machen zu fönnen. Das ist unlauterer Wettbewerb, der die Abnehmer bei Erkennung ihrer falschen Disposition zur Annullation der Aufträge berechtigt. Wir legen unseren Mitgliedsfirmen dringendst nahe, auf ihre Vertreter und Verkäufer underzüglich einzuwirken und ein disziplinierteres Verhalten von ihnen zu fordern. Der Betriebsführer haftet persönlich für das Verhalten seiner Vertreter und Verkäufer, wenn er der Tendenz' des Rohstoffprogramms zuwiderhandelt. Betr.: Rohstoffbewirtſchaftung Die Überwachungsstelle für Bastfasern- Jutewirtschaftsstelle- bittet uns dringend, unsere Mitglieder auf die im Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger" vom 30. Oftober 1936 veröffentlichte Anordnung 22 der Überwachungsstelle für Bastfasern hinzuweisen. Es ist notwendig, daß jeder Betrieb diese Anordnungen befolgt und alles gebrauchte Sadmaterial dem Sadaufläufer mit gelbem Ausweis(§ 1 der Anordnung) sofort übergibt, und daß die vorgeschriebenen Preise eingehalten werden. Ferner liegt es im dringendsten Eigeninteresse der Industrie, jegliches Sadmaterial pfleglich zu behandeln, die Säde vor Verschmutzung zu schützen und an trockenen und ungezieferfreien Orten aufzubewahren. Betriebe, die sich in eigennütziger Weise über die Anordnungen der Überwachungsstelle hinwegfegen, werden unnachsichtig bestraft. Lieferung 13 20. 11. 1936 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Selte 5 A-59Betr.: Hamster und volkswirtschaftlich unberechtigte Einkaufs Dispofitionen Zum Schuge unserer Mitglieder und zur Abwehr späterer Strafverfolgungen machen wir unsere Mitglieder ausdrücklich darauf aufmerksam, daß unsere Anordnung im Schnellbrief vom 2. November 1936( gerichtet an die Mitglieder der Fachuntergruppen Herrenoberbekleidung, Berufsund Sportbekleidung, Gummi- und Lederbekleidung, Damenoberbekleidung und Mützen) in vollem Umfange gültig ist und wirksam bleibt. Betr. Sittenwidriges Gebaren in der Gestaltung der Marenverteilung Ans Anlaß der planmäßigen Verteilung einzelner bewirtschafteter Rohstoffe mehren sich in lester Zeit die Fälle, daß kapitalkräftige Abnehmer, welche auf die Ausnutzung tonditionsgemäßer Zahlungsziele verzichten, in bevorzugter Weise beliefert werden, während andere durchaus leistungsfähige Abnehmer, die jedoch auf die Ausnutung der üblichen Zahlungsziele angewiesen find, nur unangemessene und unzureichende Angebote und Lieferungen erhalten. Die Gründe, die als Entschuldigung für die unzulängliche Belieferung oder die Versagung des Angebots angeführt werden, entsprechen häufig so wenig der wahren Sachlage, daß die eigensüchtigen Motive unverkennbar sind. Wir warnen diejenigen, die es angeht, auf das dringlichste vor derartigen un lauteren Geschäftspraktiken, die dem Sinn und Zweck des vom Preußischen Ministerpräsidenten Generaloberst Göring verkündeten Vierjahresplanes in jeder Weise zuwiderlaufen und als Sabotage am Aufbauwerk des Führers verurteilt werden müssen. Es ist selbstverständliche Pflicht eines jeden deutschen Unternehmers, sich seiner Stellung als Arbeitsbeauftragter des deutschen Volkes bewußt zu sein und die thm anvertrauten Wirtschaftsgüter in gerechter Weise zur Verteilung zu bringen. Betr.: Bezeichnungsgrundfäße der Spinnftoffwirtschaft Wir müssen feststellen, daß noch immer Waren mit der Bezeichnung„ Reine Wolle“,„ Reine Baumwolle" usw. von unseren Mitgliedern verkauft werden. Wir machen auf Nr. 5 der ,, Mitteilungen des Reichsverbandes der Deutschen Bekleidungsindustrie" vom 15. Oktober 1936 aufmerksam, in denen wir die Bezeichnungsgrundsätze der Spinnstoffwirtschaft veröffentlicht haben. Aus diesen Bezeichnungsgrundsätzen geht eindeutig hervor, daß Warenbezeichnungen wie ,, Reine Wolle"," Reine Baumwolle" usw. für den heutigen Qualitätsbegriff nichtssagend sind und deshalb zu unterbleiben haben. Wir machen weiter nochmals darauf aufmerksam, daß die strikte Befolgung der Bezeichnungsgrundsätze durch eine Anordnung des Leiters der Wirtschaftsgruppe allen Mitgliedern zur Pflicht gemacht ist. Sollten wir weiterhin Verstöße durch unsere Mitglieder feststellen, werden wir diese ohne weitere Ankündigung mit einer Ordnungsstrafe ahnden müssen. A- 60Berlin, 1. Bericht: Die Beschäftigung der Wirkwaren industrie ist infolge Rohstoffmangels ausserordentlich ungleichmässig. Während z. B. eine grosse sächsische Strumpfwarenfabrik, die etwa 800 bis 900 Beschäftigte umfasst, in drei Schichten ar.beitet, wird in einer grossen württembergischen Fabrik derselben Branche nur 2 bis 3 Tage in der Woche gearbeitet.Nachdem vor einiger Zeit bereits die Zellwolle kontingentiert wurde, ist jetzt auch die Kunstseide der Kontingentierung unterworfen worden. Mit dieser Kontingentierung ist eine Beschränkung der Kunstseidengarne auf bestimmte Normen verbunden. Diese Beschränkung erhöht noch die Umstellungsschwierigkeiten, die sich ohnehin aus der starken Verwendung von Zellwolle und anderen Ersatzstoffen für die Textilindustrie ergeben. Bisher bestanden in der Verwendung von Kunstseidengarnen von Fabrik zu Fabrik ausserordentlich viele individuelle Verschiedenheiten. Auf diese Verschiedenheiten waren auch die Maschinen eingestellt und jetzt ergibt sich nun die Notwendigkeit, den Produktionsprozess auf die zugewiesenen Garne umzustellen. Für die Baumwollindustrie gibt es neuerdings sogenannte Reichsbankbaumwolle. Vor kurzem hat die Reichsbank mit der National City Bank in New York einen Rohstoffkredit angeblich über 600.000 Ballen Baumwolle-ein knappes Drittel der deutschen Jahreseinfuhr- abgeschlossen. Dieser Kreditabschluss soll mit gewissen Vergünstigungen bei der Verwendung amerikanischer und schwedischer Stillhaltegelder verbunden sein( die schwedischen Stillhaltegelder werden ebenfalls von der National City Bank verwaltet). Jetzt mehren sich nun die Klagen aus der Baumwollindustrie über die Methoden, mit denen die Reichsbank diese Baumwolle auf den Markt bringt. Die Reichsbank, die ohnehin das ganze Einfuhrbewilligungsverfahren in der Hand hat, bietet nämlich diese Baumwolle nicht zum Weltmarktpreis, sondern mit einem Aufschlag von 50% an. Vielen Firmen bleibt aber nichts anderes übrig, als diese Baumwolle zu nehmen, obgleich sie insbesondere bei Heereslieferungen in Schwierigkeiten kommen, weil sie unter allen Umständen die Preise einhalten müssen. Man kann deshalb hören, dass Textil- Industrielle sagen, sie machten lieber die Bude zu, als unter diesen Bedingungen weiter zu arbeiten. 2.Bericht: Trotz der Erhöhung des Holzschlages auf 150% macht sich ein grosser Mangel an Zellulose bemerkbar, weil nicht nur die Rüstungsindustrie, sondern auch die Textilindustrie erhöhten Bedarf hat. Andererseits gibt es natürlich in der Textilindustrie eine Reihe von Ersatzstoffen, die mit den deutschen Hölzern nicht hergestellt werden können. Dem erhöhten Bedarf ist jedenfalls nicht nachzukommen. Es ist ein Glück für das Regime, dass die Leute kein' Geld haben, um sich Textilien kaufen zu können. Das ist auch der einzige Grund dafür, dass es auch heute noch Wolle und Wollstoffe zu kaufen gibt. A-61Konfektionsstoffe aus Baumwolle ohne Beimischung von Reissbaumwolle usw. bekommt man nicht mehr. Rosshaar- und Kamelhaarleinen usw. sind knapp. Gerade die billigen Sachen und Sorten gibt es nicht mehr. Ein Garbadine- Mantel etwa, der im Vorjahre 60,- RM kostete, kostet jetzt, die gleiche Qualität vorausgesetzt, 90,- RM. Trotzdem fällt das nicht unter das Verbot der Preissteigerung. Die 60,-Mark- Qualitäten sind eben ausgegangen und diese 90,-Mark- Ware, die effektiv dieselbe ist, wird eben als eine andere Qualität bezeichnet und kann infolgedessen teurer verkauft werden. Die Fabrikanten sagen, es handele sich um anderes Material, und sie komEin Garbadine- Stoff men mit diesen Argumenten auch durch. von geringerer Qualität hat im Herbst etwa 6,- RM gekostet; er kostet jetzt 9,- RM, ist aber nicht mehr zu haben. Wir würden selbst 12,- und 15,- RM bezahlen, wenn wir den Stoff nur bekommen könnten. Die Knappheit macht sich bisher vorwiegend in den Spinnereien und Webereien bemerkbar. Und auch das ist ein Glück für das Regime, denn heute wissen die Verbraucher noch nicht, was sie in den nächsten Jahren zu erwarten haben. Als Kuriosität ist die Tatsache zu verzeichnen, dass viele Fabriken, besonders die kleineren, die nicht genug Geld hatten, sich Maschinen für die Verarbeitung von Zellwolle anzuschaffen, jetzt günstiger dastehen. Sie konnten sich nicht umstellen und waren gezwungen, sich nach Wolle umzusehen und in entsprechendem Umfang einzudecken. Wer zu solchen Fabrikanten Beziehungen hat, kann auch heute noch mit der Lieferung reiner Stoffe rechnen. 3.Bericht: Inzwischen sind auch die neuen deutschen Stoffe auf den Markt gekommen. Sie werden übereinstimmend als sehr schlecht beurteilt. Nach Meinung eines Textilfachmannes ist, sich die Industrie vollkommen im klaren darüber, dass die Zellwollstoffe noch nicht annähernd den Anforderungen genügen, die an einen brauchbaren Stoff zu stellen sind. Das Ausland sehe die Sache zwar falsch, wenn es sich einfach über die " Ersatzstoffe" lustig mache; die Zellwolle habe vielmehr eine grosse Zukunft, aber es sei dazu noch eine langjährige Entwicklung nötig. Der jetzige überstürzte Ausbau der Zellwolleproduktion sei dieser Entwicklung gar nicht dienlich, weil dadurch Riesenkapitalien in einer Weise festgelegt würden, die sich vielleicht bald als falsch erweisen könne. Bis jetzt lägen noch nicht genügend Erfahrungen vor, wie sich die Zellwolle gegen Licht, Witterungseinflüsse usw. verhalte, ausserdem seien noch nicht genügend Erfahrungen über die Färbungsmöglichkeiten und die Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Fasern gesammelt. Wenn das Verfahren ausgebaut sei, ergäben sich bestimmt eine Reihe neuer Verwendungsmöglichkeiten. Ausserdem sei er überzeugt, dass sich die meisten heutigen Mängel( geringer Wärmeschutz, geringe Haltbarkeit, Empfindlichkeit gegen Feuchtigkeit etc.) beseitigen lassen. Aber dazu gehören Erfahrungen, ihre Verarbeitung in Versuchsan A-62stalten und dann meist grosse maschinelle Umstellungen. Bis jetzt gelinge es noch nicht, einigermassen gleichmässige Fäden herzustellen. Von der Gleichmässigkeit hängt aber die Haltbarkeit zu einem grossen Teil ab. Die forcierte Massenproduktion bringt das neue Produkt in Verruf. Ein gewisser Vorteil läge allerdings darin, dass nun sozusagen zwangsweise eine grosse Anzahl von Fachleuten für dieses Gebiet entstehen, so dass die Chance, dass einige von ihnen wichtige Erfindungen oder Beobachtungen zur Weiterentwicklung des Verfahrens machen, grösser wäre, als wenn nur ein paar Laboratorien und Versuchsfabriken sich damit befassten. Dadurch könne Deutschland allmählich einen Vorsprung vor den anderen Ländern bekommen und die Zellwolle sogar zu einem wichtigen Ausfuhrartikel werden. Vorläufig sei das jedoch nur eine Chance, dagegen die Belastung durch die teuren und schlechten Stoffe eine Realität. Die Azeta in Lichtenberg bei Berlin( Kunstseidenwerk der IG- Farben), hat Weihnachten Betrieb seinschränkungen angekündigt. Begründung: vorübergehender Zellulosemangel. 4.Bericht: Die Klagen über die Verschlechterung der Textilwaren sind ganz allgemein. Die Wolle haart und trägt sich schlecht. Vor allem handgearbeitete Wollsachen sind schlechter geworden. Die Verkäuferinnen in den Geschäften erklären selbst, dass es immer schlimmer werde und sagen:" Nehmen Sie das hier, wir bekommen in dieser Qualität nichts mehr herein." Ich habe den Eindruck, dass das ganz bestimmt nicht gesagt wird, um die Leute zum Kauf zu veranlassen. Neugekaufte Sachen ziehen sich und sind undankbar im Gebrauch. Wenn man mit einem Bekannten über Kleidung spricht und erfährt, dass er sich einen Anzug machen lässt, dann kann man sicher sein, dass man auf die Frage: was für einen Anzug, die Antwort bekommt:" Halbeiche"," Trauerweide" oder ähnliches. Massanzüge, die 1933 RM 120,- gekostet haben, sind jetzt, gleiche Qualität vorausgesetzt, unter 160,- RM auf keinen Fall zu haben. Sachsen, 1.Bericht: Die Versorgung der deutschen Textilindustrie mit Rohstoffen ist sehr ungleichmässig. Es gibt grosse Textilfabriken, die noch mit Vorräten für 3 Jahre versehen sind. Sie haben für diesen Zweck besondere Lagerräume von 500 oder gar looo qm gebaut. Dagegen hat die kleine Textilindu- trie strie, die mengenmässig doch den Ausschlag gibt, nichts mehr. Für den Aussenstehenden ist es ohnehin erstaunlich, dass die deutsche Textilindustrie ohne zureichende Rohstoffeinfuhr in den letzten Monaten wenigstens im bisherigen Umfang hat produzieren können. Einer der Gründe dafür ist die umfangreiche Verarbeitung von Kunstbaumwolle( Reissbaumwolle). In Sachsen gibt es fünf Kunstbaumwollefabriken. Sie haben früher 500 Tonnen Kunstbaumwolle monatlich erzeugt, heute dagegen erzeugen sie 2.500 Tonnen. Die Kunstbaumwolle wird zur Hälfte aus A- 63dem Inland beschafft, zur Hälfte aus dem Ausland eingeführt. Die Einfuhr erfolgt teils auf dem Wege über den Verrechnungsverkehr, aber auch in nicht geringen Mengen durch Schleichhandel, insbesondere im Zusammenhang mit dem Veredlungsverkehr. 2.Bericht: Die Verarbeitung der Zellwolle in der Strickerei branche verursacht vielen Aerger. Die Faser ist noch zu ungleichmässig und nicht fehlerfrei. Da nun an den Strickmaschinen die Nadeln auf jeden kleinsten Widerstand reagieren, kommen immer wieder Bruchstellen in die Strickware. Nicht nur zum Leidwesen der Arbeiter, die dann ihre Maschinen immer wieder ausl egen müssen und dadurch im Akkord nichts verdienen können, sondern auch zum Schaden der Betriebe, die dann diese Waren nicht mehr zum vollen Preise, sondern als fehlerhafte Ware an den Mann bringen müssen. Bei der Firma F. in X. müssen fast alle Abteilungen wegen Mangel an Wolle verkürzt arbeiten oder unregelmässig aussetzen. Bayern, 1.Bericht: Der Aufkauf noch erreichbarer Qualitätsartikel in Herren- und Damens toffen durch zahlungskräftige Kunden, hält weiterhin an. In wenigen Wochen werden die noch vorhandenen Restbestände vollkommen aus dem Markt verschwunden sein und nur mehr Mischgewebe zu haben sein. Strickwolle ist nur noch mit Zellwolle gemischt zu haben. Das Schneidergewerbe ist durch die Stoffhamsterei auch in der sonst toten Saison gut beschäftigt. Ueber ein Rundschreiben des Reichsnährstandes, das in Oberbayern verteilt wurde, wird sehr viel gelacht. In diesem Schreiben wird den Bauern angeraten, wo es nur irgendwie möglich ist, Maulbeerbäume anzupflanzen, um die Seidenraupenzucht zu fördern. Wer die oberbayrischen Bauern kennt, wird zugeben, dass dieses Verlangen des Reichsnährstandes nie verstanden werden wird und keinen Erfolg haben kann. 2.Bericht: Ab 12. Dezember 1936 wird der Beimischungszwang für bestimmte Gewebe von 33% auf 50% erhöht. Ich glaube aber nicht, dass aus diesen Schwierigkeiten eine ernsthafte Gefahr für das System entsteht. Die heutigen Machthaber verstehen es, die Wirtschaft in Gang zu halten, zumal man ja auf Währung und dergleichen keine Rücksicht zu nehmen braucht. Z.B. wird man türkische Baumwolle 40% über Weltmarktpreis kaufen; von Jugoslavien und Italien kommen auf Verrechnungsweg grosse Mengen Hanf herein, mit denen man die mit Edeldevisen zu bezahlende Jute, obgleich sie nur die Hälfte kostet, ersetzt. Dasselbe Manöver auf allen Gebieten. Bei einem Staatsauftrag von 3 Millionen werden so glatt 1 bis 1'1/ 2 Millionen verschleudert, spielt aber auch- tatsächlich gar keine Rolle. Dass bei solchen Verhältnissen einzelne Leute und Firmen gross verdienen, ist klar, wenn auch die verschiedenen Preisvorschriften das verhindern sollen. Letztere werden aber A-64hauptsächlich von den Juden und kleinen Leuten beachtet und ein langsames, aber sicheres Steigen des gesamten Preisniveaus und damit Absinken des Reallohnes lässt sich mit allen Mitteln und schönen Reden nicht verhindern. Neben der Textilindustrie leidet die Leder- und Schuhindustrie seit langem unter dem Mangel an Rohstoffen. Seit mehr als einem Jahr sind Einkauf und Verarbeitung der meisten Ledersorten auf 60% des früheren Normalbedarfs kontingentiert ( Schaf- und Ziegenfelle auf 75%). Diese Kontingentierung ist Ende des vergangenen Jahres abermals verlängert worden. Gleichzeitig wurde-ähnlich dem seit längerer Zeit bestehenden Ausfuhrverbot für Schrott ein Verbot der Ausfuhr von Lederabfällen erlassen. In den Fachzeitschriften der Schuh- und Lederwarenindustrie wird den Fabrikanten die Verwendung von Ersatzstoffen zur Pflicht gemacht. In der Schuhindustrie sind Versuche im Gange, Ersatzmaterialien für Brands ohlen( aus Lederabfällen und Pappe) und Schuhsohlen( aus Gummiabfällen und Gummimilch) herzustellen. Uns wird berichtet: Pfalz: Der Jahresbericht der saarpfälzischen Schuhindustrie weist auch in diesem Jahr darauf hin, dass diese Industrie infolge des Ledermangels nicht von dem allgemeinen Aufstieg profitieren konnte. Es heisst da: " Allein bald macht sich der Mangel an Bodenleder bemerkbar, dasselbe wurde von Monat zu Monat knapper und im Monat Dezember war das Bodenleder zur Fabrikation kaum hereinzubringen. Zur Streckung der Bodenledervorräte mussten dann wieder Arbeitseinschränkungen Platz greifen. Man wird sagen können, dass die meisten Betriebe des Gremiumsbezirks im abgelaufenen Jahr zwischen 36 und 40 Stunden beschäftigt waren. Die Steigerung der Preise der ausländischen Häute und Felle, die bekanntlich 50% des Bedarfs der deutschen Lederindustrie ausmachen, führte zur Verteuerung des Leders im Rahmen der Lederpreisverordnung 1934 und naturgemäss auch zu höheren Selbstkosten des Schuhwerks; aber erst gegen die zweite Hälfte des Januar 1936 hin war es möglich, die Schuhherstellungspreise den gesteigerten Rohmaterialienpreisen im Rahmen der ab Dezember 1935 auch für die Schuhindustrie und den Schuhhandel für gültig erklärten Lederpreisverordnung anzupassen." A-65Die Lage in der Schuhindustrie ist zur Zeit etwas besser als im vergangenen Sommer, aber die Kurzarbeit ist allgemein auch in den Betrieben, die genügend Aufträge hätten. Es fehlt einfach an den Materialien. Gegenwärtig ist eine Lederbestandsaufnahme im Gang, die auch die kleinsten Ledergeschäfte und Schuhmachereien erfasst. Die Stimmung ist sehr gedrückt. Die traurigen Verhältnisse der Kriegswirtschaft sind hier noch in zu guter Erinnerung. Die Löhne haben sich nominell nicht geändert, aber infolge der ständigen Kurzarbeit, der hohen Lohnabzüge und der Preissteigerungen ist die Lage der Arbeiter trostlos. Allein im Bezirk Pirmasens, mit 100.000 Einwohnern, werden amtlich 4.000 Arbeitslose zugegeben. Tatsächlich werden es etwa doppelt so viel sein. Infolge der immer noch weit verbreiteten Heimarbeit ist es den Leuten, die sich vor der Verschickung in andere Gegenden drücken wollen, möglich, zu behaupten, dass sie einem Heimarbeiter helfen. Württemberg: In Tuttlingen wird in den drei grössten Schuhfabriken in den meisten Abteilungen nur noch an 5 Tagen je 7 Stunden gearbeitet. Nur in den Abteilungen, in denen grobes Schuhwerk hergestellt wird, wird noch Vollarbeit geleistet. Für feineres Schuhwerk fehlt das Leder. Wasserkante: In den grossen Lederfabriken von Adler und Oppenheimer, Schmidt Söhne und bei Wagner in Neumünster wird schon seit längerer Zeit nur 4- 5 Stunden gearbeitet. Grund: Materialmangel. Dasselbe gilt für die Lederfabrik in Elmshorn. Mitteldeutschland: Von der Weissenfelser Lederindustrie wird das Kilo gutes Rindleder an den Grosshandel für 7,- bis 10, RM abgegeben. Die Unternehmer erhalten aber nur einen Bruchteil ihres früheren Bedarfs. Als Ersatz wird Schweinsleder zum gleichen Preis angeboten. In der Leder- und auch in der Schuhindustrie ist die Arbeitszeit sehr unbeständig. Es wird abwechselnd einmal voll, dann wieder kurz gearbeitet. Bayern: Die Schuhpreise haben um 5 bis 8% angezogen. Sohlenleder ist nur mehr II. Qualität zu haben. Den Schuhmachermeistern wurde von der Innung empfohlen, für leichte Strassenschuhe den Kunden Sohlenersatz aufzureden. Berlin: In den Schuhgeschäften raten die Verkäufer den Kunden, sich einzudecken. Wegen des Ledermangels und der steigenden Preise werde im neuen Jahre eine erhebliche Verteuerung einsetzen. Qualitativ auch nur einigermassen gute Damenhalbschuhe kosten schon jetzt etwa 10,- bis 12,50 RM, Herrenschuhe 12,- bis 15,- RM. Einige grosse Schuhfirmen preisen Schuhe mit Sohlen aus neuem wasserdichtem" Harzstoff" an. A-66Zu den einfuhr abhängigen und daher rohstoffgefährdeten Industrien gehört auch die deutsche Holzwirtschaft. Die Holzeinfuhr stellt den viertgrössten Einfuhrposten dar und 1934 betrug der Anteil des ausländischen Holzes am gesamten deutschen Nutzholzverbrauch etwa 25%. Durch den Aufbau der grossen Zellwollefabrikation wird die Rohstofflage bei Holz weiter verschlechtert. Schon seit 1934 wird in den staatlichen Waldungen Raubbau getrieben, dadurch, dass die Einschlags quote auf 150% des normalen Einschlags festgesetzt wurde. Mitte Dezember ist diese Einschlagsquote auch für kommunale und private Forsten über 50 ha vorgeschrieben worden, eine Massnahme, die in grossem Umfang nur den bereits seit langem auch hier üblichen Raubbau legalisiert. Grundsätzlich ist im Rahmen des Vierjahresplans der Reichsforstmeister( Göring) ermächtigt, in allen Waldungen die Höhe des Einschlags, die Holzarten und das Sortiment zu bestimmen. Anfang Januar ist eine Meldepflicht für Grubenholzvorräte eingeführt worden. Daneben sind mehrere Verordnungen zur Preisregelung ergangen( vor einiger Zeit für Rundholz, Anfang Dezember für Schnittholz, unter dem 10. Februar ein Verbot von Rundholzauktionen). Wir lassen wieder einige Berichte folgen: Bayern, 1.Bericht: Die Schlägerungsquote wurde in den Staatswaldungen im Durchschnitt um 50% erhöht und teilweise bis zu 300% überschritten. Es ist ein glatter Raubbau. Nach einer amtlichen Feststellung sind die Nadelstammholzumsätze in den süddeutschen Landesforsten von durchschnittlich 1,8 Mill. Festmeter in den Jahren 1927- 1932 auf 3,0 Mill. Festmeter im Jahre 1936 gestiegen. Die Preise für Nadelschnittholz sind in ständigem Steigen begriffen. Bauholz kostete im Oktober 1935 40,- RM, heute 45,- RM, Bretter 1. Klasse im Oktober 1935 67,- bis 71,- RMK, heute 76,- bis 80,- RM, Bretter 2.Klasse im Oktober 1935 42,- bis 45,- RM, heute 47,- bis 50,- RM. 2.Bericht: Mit den Bauernwäldern wird ein fürchterlicher Raubbau getrieben. Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass diese Wälder, wenn es noch einige Jahre so weiter geht, radikal vernichtet sein werden. Schon heute ist in vielen Gemeinden der ganze Wald abgetrieben. Natürlich haben die Bauern nicht an Wiederaufforstung gedacht und die einschlägigen Ge A-67setze missachtet. Der Zustand der Bauernwaldungen ist so schlimm, dass die Behörden neuerdings energisch vorgehen und den Bauern Strafen auferlegen, um sie zur Wiederaufforstung zu zwingen. Schuld an diesem Raubbau sind die Nazis. Mit dem ersten Vierjahresplan nach der nationalen Erhebung sind die Bauern verrückt gemacht worden. Die Nazi bauern haben zwei Jahre lang von Hof zu Hof und in jeder Gemeinde herumerzählt, dass jetzt der grosse Wiederaufbau kommen, dass Deutschland autark werde und nun mehr erzeugt und alles besser gemacht werden müsse. Das Ergebnis war, dass die Bauern Wiesen kultiviert, ihre Wirtschaftsgebäude erneuert, mehr Vieh und mehr Pferde angeschafft haben. Zu dem Wunsch, den Plan des Führers durchzuführen, kam die nationale Einstellung, geschürt durch die intensive Nazi propaganda, und kam vor allem natürlich der Ehrgeiz des einzelnen Bauern. Jeder wollte seinen Besitz besser haben, jeder mehr Vieh als der andere im Stall haben. Geld war jedoch für alle diese Zwecke nicht vorhanden. Aber der Wald war ja då, und zugleich die Holzknappheit und die steigenden Erlöse für das Holz. Also wurde wild darauf geschlägert und das Ergebnis sind die jetzt heruntergewirtschafteten Bauernwälder. Berlin: Einen Blick hinter die Kulissen des Vierjahresplans ermöglicht die Zeitschrift" Holzmarkt", das Organ der deutschen Holzwirtschaft. Diese Zeitschrift führt seit einiger Zeit eine Kampagne gegen die Zellwollefabrikation. Sie weist nach, dass das Standortproblem für eine Ersatzproduktion in Deutschland an keiner Stelle günstig zu lösen wäre. Nirgends gäbe es in Deutschland zusammenhängende Waldungen von einer solchen Grösse, dass eine Zellwollefabrik ihre Rohstoffe aus unmittelbarer Nähe ohne erhebliche Tran sportkosten beziehen könne. Infolgedessen spiele schon das Transportkostenproblem bei der Versorgung der Zellwollefabriken mit deutschem Holz eine Rolle. Die deutsche Holzwirtschaft sei überdies nicht entfernt in der Lage, den Holzbedarf der geplanten Zellwollefabrikation zu decken, so dass umfangreiche Holzeinfuhr nötig sei. Dadurch würden die Transportkosten noch höher. Ausserdem ergebe sich daraus ein Devisenproblem, umsomehr als die bisherigen ausländischen Holzlieferungen durch günstige Kompensationsverträge ermöglicht worden sind.- Diese Polemik der deutschen Holzwirtschaft gegen den Vierjahresplan hat nicht zuletzt ihren Grund darin, dass die Holzwirtschaft zur Finanzierung der Zellwollefabrikation herangezogen werden soll. Die Möbelfabrikation leidet sehr unter dem Mangel an trockenen Hölzern. Es ist wie im Kriege, die Möbel werden aus grünem Holz gebaut, wodurch die Gefahr entsteht, dass das Holz nachträglich reisst. Sofern man kann, verwendet man Sperrholzplatten. Diese sind aber knapp, weil der grösste Teil eingeführt werden muss. Sperrholz wird jetzt fast nur von Lettland bezogen und auch nur in unzureichender Menge. Der übermässig A-68grosse Holzeinschlag in den Wäldern hat bereits dahin geführt, dass leitende Forstbeamte Göring gewarnt und auf die schwere Dauerschädigung des Waldbestandes hingewiesen haben. Pfalz: Anfang Januar tagten in Kaiserslautern die saarpfälzischen Tischler. Reichsinnungsmeister Kaiser sprach über die Aufgaben des deutschen Tischlerhandwerks. Die erste dieser Aufgaben sei die Mitarbeit an der Erfüllung des zweiten Vierjahresplanes. Wenn von deutschen Fabriken und chemischen Werken neue Materialien geschaffen worden seien, die uns vom Ausland unabhängig machten, so sei es dann auch die Aufgabe der Tischler, sich dieser Materialien zu bedienen. Hamburg: Das Holz wird knapp. Die Tischler fangen an, auf Lager zu hamstern. In engem Zusammenhang mit der Holzwirtschaft steht die Papierindustrie. Auch hier herrscht Rohstoffmangel. Mitte Dezember wurde durch Verordnung die Herstellung und der Verkauf von Fichtengrubenholz bis zum 30. September 1937 untersagt und die Verwendung von Fichtenholz als Brennholz eingeschränkt. Dafür sind alle Waldbesitzer verpflichtet, ihr Fichtenbrennholz als Papierholz anzubieten. Beim Grubenholz läuft diese Verordnung darauf hinaus, dass die noch auf den Gruben vorhandenen Lager aufgebraucht werden sollen, ohne dass Ersatz beschafft wird. Ende Dezember ist für Papierholz- Einkäufe eine Genehmigungspflicht und für Papierholzbestände eine Auskunftspflicht eingeführt worden. Unsere Berichterstatter melden: Sachsen: Die Papierfirma Richard Klippgen& Co., Dresden, versendet den auf Seite 69/70 im Original wiedergegebenen Kundenbrief, der zeigt, in welchem Umfange schon jetzt Warenmangel in der Papierwirtschaft herrscht. Bayern: In der Papierindustrie müssen von den Grossbestellern jetzt schon die Aufträge für Juni- September aufgegeben werden. Eine Folge dieser Anweisungen ist, dass sich die Kleinkaufleute, entgegen ihrer bisherigen Praxis an verschiedene Grosshändler wenden, um ihren notwendigen Bedarf zu decken. lat es der eine nicht, vielleicht bekomme ich es bei einem anderen. Auch bei Bezügen von echt Pergament- oder Pergament- Erfaz- Papier bitten wir Sie, sich rechtzeitig mit uns in Verbindung zu setzen. Größere Mengen sind nicht mehr von heute auf morgen zu beschaffen. Alofettpapier war Jahre hindurch ein schlecht kalkulierter Artikel. Die Preisüberwachungsstelle hat gestattet, daß die Fabriken ihre Preise den Gestehungsfoften anpassen. Wir taten Ihnen, sich einzudecken. Inzwischen durch Preisverordnung der Regierung geregelt. Schulhefte Sie werden bemerkt haben, daß neue billigere Angebote auf dem Markt vorliegen. Wir liefern Ihnen Schulhefte zum gleichen Preis wie unfere Konkurrenz. Bitte beachten Sie die hervor ragende Papierqualität in unseren Heften. Die neuen Musterbücher die Ihnen das Aufsuchen und Auffinden der in unserer Preisliste verzeichneten Sorten sehr erleichtern, vermuten wir in Ihren Händen. Sollte dies nicht der Fall sein, bitten wir um Anforderung. Die fehlenden Musterbücher find in Arbeit. Wir hoffen, sie spätestens bis Ende Januar 1937 zur Verteilung bringen zu können. Zunächst bringen wir neu heraus: Kunstdruckpapiere farbige Prospekt- und Elmschlagpapiere farbige Umschlagfartons Normalpapiere und gummierte Papiere. Die neuartige Anordnung in unserer Preisliste scheint allgemein zu gefallen. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns Ihre Vorschläge zur weiteren Verbesserung unterbreiten würden. Neue Sorten Heute möchten wir Sie noch ganz besonders auf unser Erhace- hartpoftpapier mit Wasserzeichen bikace daripost aufmerksam machen, das sehr gut eingeschlagen hat. In der Qualität und Preisklasse erfüllt das Papier die weitgehendsten Ansprüche. Es eignet sich gleichermaßen für Druckfarbeiten, für" Maschinen- und Handschrift. Ganz besonders gefallen die zarten Farben Hellblau und Kornfarben. Muster stehen Ihnen jederzeit gern zur Verfügung. Beachten Sie den billiger Preis für ein erstklassiges Papier mit symmetrischem Wasserzeichen. Ju fämtlichen Sorten Erkace- Hartpoft stehen passende Briefumschläge zur Verfügung. Auch diefer Brief ist auf Erface- Hartpost gedruckt. Bitte überschreiben Sie uns Ihre Anfragen und Aufträge, prompte Ausführung fichern wir Ihnen zu. Mit Deutschem Gruß Richard Blippgen& Co. Richard Klippgen& Co., Dresden fundenbrief Nr.1 Chemnih Hamburg Forneprech- Sammel- Nr. 25408 Telegramasa: Kippaan, Dresden Giro- Kontor Ralohebank, Dresden Bankkonten: Draadner Bank, Dresden Allgem. Beutsobe Credit- Anstalt, Dresden Commerz- und Privatbank, Dresden Giro- Zentrale Sachsan, Dresden Postecheck- Konto: Dresden Nr. 203 Trotz der vermehrten Schwierigkeiten in der Beschaffung von Papier, die durch die längeren Lieferfristen hervorgerufen sind, ist es uns gelungen, unsere Lagerbestände auf dem laufenden zu halten. Falls Sie Anfertigungen zu vergeben haben, bitten wir Sie, die papierbestellungen möglichst rechtzeitig aufgeben zu wollen, damit wir Ihnen ausgeruhtes Papier anliefern können. Mit einer Verkürzung der Lieferfristen ist für die nächste Zeit keinesfalls zu rechnen. Packpapiere Jn Packpapieren herrscht Mangel. Lieferfristen von 5 bis 6 Monaten find keine Seltenheiten. Besonders bei Natronkraftpad und Sulfitpad. Wir raten Ihnen dringend, vorzusorgen und bei laufendem Bedarf Schon jetzt Ihre Bestellungen für die nächsten 8 Monate aufzugeben. Gestreifte und gerippte Papiere sollen, wie wir hören, in absehbarer Zeit nicht mehr hergestellt werden, da die für die Rippung benötigten Filze aus dem Ausland bezogen werden. Bitte überlegen Sie, ob Sie nicht schon jetzt von der Bestellung gerippter oder geftreifter Packpapiere Abstand nehmen können. Bei der Beschaffung von Seidenpapieren und Jellulofepadpapieren bestehen ebenfalls große Schwierigkeiten. Auch in diesen Artikeln bitten wir, auf lange Sicht zu disponieren. Teilweise, 3. B. in billigen Einschlagpapieren und Padzellulofepapieren, find von den Fabriken die Qualitäten geändert worden. Muster stehen Ihnen zur Verfügung. Sollten in der Qualität geringfügige Änderungen bemerkbar fein, bitten wir um Nachficht. Diefe Pleinen Schwankungen find nicht zu vermeiden. www.ace 19 gekämmar Gedruckt oul Sace Paarpoot 19 gohammer A- 69 A- 70Berlin: Durch den Ausbau der Zellwolleproduktion ist der deutsche Bedarf an Zellstoff und an Holz ausserordentlich gewachsen. Um einen Ausgleich herbei zuführen, wird jetzt die Zuteilung von Zellstoff an die Papierfabriken eingeschränkt, so dass die Papierfabriken bereits die Belieferung der Kunden rationieren müssen. Die Firmen müssen ihren Bedarf an Geschäftspapier ein halbes Jahr vorausbestellen und werden in der Reihenfolge des Eingangs der Bestellungen beliefert. Nachbestellungen werden nicht berücksichtigt, ehe nicht alle alten Bestellungen aufgearbeitet sind. Die Reichsschrifttum skammer hat in einem vertraulichen Rundschreiben alle Verleger von Zeitschriften und Tagesblättern aufgefordert, zur Einsparung von Papier den Umfang ihrer Blätter ab 1. Januar um 10% zu kürzen. In einem Buch- und Kunstdruckbetriebe wurde der Druck des Arbeitsdienstpasses aus Papiermangel unterbrochen und dann nach 14 Tagen auf schlechterem Papier fortgesetzt. In einigen Druckereien sind Entlassungen des Personals mit Papiermangel begründet worden. Die Rohstoffschwierigkeiten sind nicht auf diese IndustrieZweige beschränkt. Es mangelt noch an vielen anderen Einfuhrprodukten, vor allem an Gummi, Mineralölen und Farben. Anfang Februar wurde die Regenerierung von Mineralölen genehmigungspflichtig gemacht. Mitte Dezember wurde für Schwefelsäure eine Lieferungsgenehmigung und Verbrauchsmeldung eingeführt. Ueber sonstige Rohstoffnöte entnehmen wir unseren Berichten: Berlin: Der Fettgehalt der Seifen ist verringert worden. Die Seife ist viel schlechter als vor einem Jahr. Das gilt vor allem für Toiletteseife, aber auch die Waschseifen haben sehr gelitten. Der Fettgehalt, der früher 60% betrug, wurde auf 50% und neuerdings auf 40 oder 45% herabgesetzt. Trotzdem durfte diese Seife in den Anpreisungen noch als reine Fettseife bezeichnet werden. Sehr schlecht sind auch die flüssigen Seifen zum Haarwaschen geworden. Sie sind mit scharfen Zusätzen versehen, die den Händen und dem Haar schaden. Zum Zwecke der Devisenersparnis sollte versucht werden, die chinesische Sojabohne durch deutsches Erzeugnis zu erset zen. Für die Soja- Autarkie wurde lebhafte Propaganda gemacht und die Produktion auf einigen grossen, in der Nähe von Breslau dafür bereitgestellten Versuchsflächen, in Angriff genommen. Das Experiment ist aber gescheitert und der Anbau von Sojabohnen musste eingestellt werden. In den Ambi- Bud- Presswerken, Berlin- Johannistal, wird seit 8 Wochen wegen Rohstoffmangel verkürzt gearbeitet. A-71Sachsen: Silbersaiten für Violinen, Cellos usw. dürfen nur noch für den Export hergestellt werden. Im Inland dürfen nur legierte Saiten Verwendung finden. Zu diesem Zweck sind jetzt an alle Händler und Hersteller Vordrucke ausgegeben worden, auf denen die Verkäufer bescheinigen müssen, dass die mit echten Silberfaden versehenen Saiten nur für das Ausland bestimmt sind. Die Kohlenschächte in Lugau- Oelsnitz hatten früher riesige Kohlenhalden, die oft jahrelang nicht abgesetzt werden konnten. Jetzt sind diese Halden verschwunden und stattdessen ist Kohlenmangel eingetreten. Die Qualität der Steinkohlenbriketts ist durch übermässigen Fettentzug der Kohle sehr stark zurückgegangen. Wenn die Briketts nur eine Nacht der Witterung ausgesetzt sind, so zerfallen sie. In einem Betrieb von etwa 250 Arbeitern ist der Mehrverbrauch an Briketts infolge der verminderten Qualität pro Tag 23 Zentner. In der Gussstahlhütte Freital- Döhlen, einem Staatsbetrieb, sind wegen Rohstoffmangel 200 Mann entlassen worden. Ausserdem arbeitet ein Teil der Belegschaft verkürzt. Die Zufuhr böhmischer Braunkohle ist um 50% gedrosselt worden. Die deutsche( Senftenberger) Braunkohle entwickelt aber nicht die gleiche Hitze, wie die böhmische. Gegenwärtig werden Versuche unternommen, der Senftenberger Kohle oberschlesische beizumengen, um die erforderlichen Hitzegrade zu erreichen. Aufträge hat das Werk genügend. In der Auto- Union stehen die Lager voller Wagen ohne Bereifung, da es an Gummi fehlt. Mitteldeutschland: Ich suche schon seit 3 Wochen vergeblich Ersatzreifen für mein Auto. In den verschiedensten Städten wurde mir von den Gummihändlern gesagt, dass private Abnehmer sich eben so behelfen müssten, da zur Zeit die ganze Fabrikation für das Militär benötigt würde. Hamburg: Den Autobesitzern ist anheim gestellt worden, zur Schonung der Reifen möglichst nicht über 50 km zu fahren. Besonders Reifen für Lastkraftwagen sind schwer zu beschaffen. Mit Zement muss ausserordentlich gespart werden. Man geht dazu über, den Putz mit Gips zu bestreichen. Das führt dazu, dass in den Neubauten sehr oft beim Nägeleinschlagen grosse Putzflächen herunterfallen. Die Maler schimpfen über Mangel an Leinöl. Das zur Verfügung gestellte ist von sehr schlechter Qualität. Es trocknet nicht. Leim, Lacke und Terpentin sind knapp. Verbrauch von Menningfarbe ist auch für Rüstungsbetriebe verboten. Es wird dafür ein wenig brauchbarer Ersatzstoff zur Verfügung gestellt. Pfalz: In Homburg tagten vom 4. bis 6. Januar die saarpib Izischen Malerinnungen. Hauptberatungsgegenstand war die Umstellung auf den Vierjahresplan. Der Bezirksinnungsmeister erklärte, des Malerhandwerk habe im Rahmen des Vierjahresplans eine grosse Aufgabe bekommen. Leinöl und Lack sollen durch A-72inländische, Bindemittel und Harze ersetzt werden. Das erfordere eine durchgreifende Umstellung in der Anwendung und Verarbeitung. Rheinland- Westfalen: Die Autofahrer und Betriebsführer haben Rundschreiben von ihrer Fachschaftsleitung erhalten, in denen sie angehalten werden, gebrauchte Autoöle, Maschinenöle, Dieselmotorenöle, sowie Transformatorenöle nicht fortzuschütten. Die kleinste Menge soll gesammelt werden. Die Rückstände sollen im Regenerierungsverfahren wieder einwandfrei verwendungsfähig gemacht werden. In allen grösseren Städten sind Oel- Regenerierungsanstalten errichtet worden. Die Oelverbraucher haben die Sorge, dass es bald so schlimm werden wird, wie es im Kriege war. Jeder sucht sich noch einzudecken. Man erwartet bald eine allgemeine Rationierung der Schmieröle. Bayern: Der immer stärker fühlbare Mangel bei den verschiedensten Rohstoffen, hat jetzt zu einer anormalen Vorratswirtschaft geführt. Die Grosshändler fordern die Kleinkaufleute auf, ihren wahrscheinlichen Bedarf auf mindestens drei Monate zu bestellen, damit sie besser disponieren können, weil ihnen die Produzenten die bestellten Waren nur in Teillieferungen zugehen lassen. Es kommt nicht selten vor, dass ein Auftrag überhaupt nicht ausgeführt werden kann und die Grosshändler gezwungen sind, anderweitig Ersatz zu schaffen. Schokoladenfabriken klagen über die Schwierigkeiten der Rohstoffbeschaffung. Die Vorräte sind bald gänzlich aufgebraucht und es bestehen geringe Aussichten, dass für den Ankauf des Rohmaterials die notwendigen Devisen beschafft werden können. Nordwestdeutschland: Auch die Qualität des Büromaterials verschlechtert sich ständig. So z. B. bei Federn, Farbbändern, Papier usw. Die Reisenden der Lieferfirmen beantworten Reklamationen nur mit Achselzuoken und mit dem Hinweis, dass die Lieferfirmen sich nicht beschweren dürfen. Auch die Ueberwindung der Rohstoffschwierigkeiten ist zum Anlass grosser Propagandaaktionen gemacht worden. Der Leiter der Geschäftsgruppe" Rohstoffverteilung" des Beauftragten für den Vierjahresplan hat die Gauleitungen der NSDAP beauftragt, die Sammlung von Altmaterialien und Abfällen in den Haushalten zu organisieren. Die Gaubeauftragten der Partei haben Kreis- und Ortsgruppenbeauftragte ernannt. Die Richtlinien für diese Sammlungen vom 26. November 1936, die erst Mitte Januar veröffentlicht worden sind, sehen u.a. vor: A- 73" Gesammelt werden folgende Produkte: Lumpen aller Art, alte ausgeschiedene Gegenstände und Abfälle aus Kupfer, Bronze, Messing, Aluminium, Nickel, Blei, Zinn und Zink, Alteisen und Stahl, Altpapier aller Art, Felle und Häute, Flaschen jeder Art( mit Ausnahme von Medizinflaschen) und schliesslich Knochen, aber nur wenn kurzfristige Abgabe möglich ist. Folgende Gegenstände, aber nur diese, werden nach besonderer Anordnung des Reichs jugendführers von der HJ gesammelt: Tuben, Metallfolien( Silberpapier) und Flaschenkapseln. Ausserdem werden aber noch Schulsammlungen durchgeführt. So werden z. B. in den Berliner Schulen zweimal wöchentlich Knochen gesammelt( ebenso in Dessau). Am 4. und 5. Dezember hat die HJ in allen Landes teilen Bucheckern gesammelt. Der Sammler- Lohn für Bucheckern ist von 18 auf 25 RM je 100 kg erhöht worden. Die bereits im Vorjahre durchgeführte Bindegarnsammlung wird auch in diesem Jahr wiederholt. Vom 20. Febr. bis 7. März wird eine Aktion zur Erfassung des Alteisens in der Landwirtschaft veranstaltet. Es wird zum Verkauf gebrauchter Säcke aufgerufen, um dem Jutemangel abzuhelfen. Einen Einblick in die Methoden, mit denen man den Sammelerfolg zu steigern versucht, gewährt der nachstehende Ausschnitt aus einem Bilderbogen" Kampf dem Verderb"( siehe Seite 74: 1 Unsere Berichterstatter äussern sich über die Sammelaktionen: Bayern: In den neuesten Anweisungen, die von der Geschäftsstelle des Gaststätten- und Beherbergungsgewerbes, München, en alle Wirte und Kaffeehausbesitzer ergangen sind, wird verlangt, dass die Gaststättenbesitzer mit ihrem Inventar sparsam umzugehen haben und besonders der Wäscheverbrauch aufs äusserste eingeschränkt werden muss. In gewöhnlichen Gasthäusern, die nicht für den Fremdenverkehr in Betracht kommen, dürfen künftig überhaupt keine Tischtücher verwendet werden, ausserdem sollen nur mehr Papierservietten abgegeben und bei der Behandlung von Bettwäsche besondere Sorgfalt aufgewendet werden. Alle diese Anordnungen treffen nur die mittleren und kleinen Betriebe, ausgesprochene Fremdenbetriebe sind davon eusgenommen. Als ein Münchner Wirt diesen neuesten Ukas seinen Gästen zur Kenntnis brachte, sagte er wörtlich:" Ich bin nur neugierig, wann sie uns vorschreiben werden, wieviel Schneuztucheln und Klosettpapier wir verwenden dürfen". A-75Die ganze Propaganda der Partei ist jetzt auf den Vierjahresplan eingestellt. Hunderte von Versammlungen, Lichtbildervorträge und Filmvorführungen werden abgehalten, um die notwendigen Sparmassnahmen schmackhafter zu machen. Die Parole " Kampf dem Verderb" wird mit deutscher Gründlichkeit in die Tat umgesetzt. Sogar die Dorfgemeinden haben von der Landesbehörde Auftrag erhalten, alles verfügbare Altmaterial sofort zu sammeln und kostenlos an die Bahn zu befördern. Nachstehend ein Aufruf der NSDAP Furth 1.Wald: Aufruf zur großen Sammelaktion für Altmaterial Nach dem Willen des Führers find wir verpflichtet, das Volksgut zu schüßen und das Altma terial zu sammeln. Dolfsgenossen: Schaut nach in den Wohnungsräumen und auf dem Dachboden. Sammelt die alten Kleidungsstücke, Stoffrefte, alte Säde, Zeitungspapier, Bücher, Flaschen und Altmetall. Auch im Hofraum liegt so ähnliches altes Zeug. Stellt Sammelkästen auf. Hinein mit dem Altmaterial! Dollsgenossen! Werft fünftig derlei Gegenstände nicht mehr weg. Sammelt fie und bewahrt sie auf bis zur Abholung. Hitlerjugend vird allmonatlich immer in der ersten Woche des Monats diese Sachen in den Haushaltungen abholen.( Erftmals in der ersten Dezemberwoche.) Sammelt daher alle Euer Ultmaterial und sortiert es wie folgt: a) Eisenfchrott: Altgußeisen, Schmiedeeisenabfälle, Stahlabfälle, 3. B. Faßringe, Ofen. türen, Altnägel, Herdplatten usw. b) Nichteisen Altmetall: Kupfer, Messing, Zinn, Zint, Aluminium, z. B. Metalltuben, Metallfolien, Metallkapseln, Rafierklingen, Staniol, Blechbüchsen aller Art. c) Glas: j. B. Flaschen, Flaschenbruch, Glühbirnen, Fensterglasbruch. d) Papier: z. B. Altaften, Zeitungspapier, Packpapierabfall, Schmutz und Schundbücher. e) Lumpen: 3. B. Stoffrefte aus Leinen, Baumwolle und Wolle, alte Strümpfe und Säcke, Ultkleider, Altschnüre. f) Knochen. 9) Hüchenabfälle. Die Küchenabfälle werden vom BDM( Bund deutscher Mädchen) täglich gesammelt. furth i. Wald den 21. November 1936. Heil Hitler! Ortsgruppe der NSDAP Furthi. Wald gez. Perlinger Ortsgruppenleiter und Bürgermeister. Each and Verlagde kerti Perer Schratt, Farth i. Weld" Im Reichsbahnausbesserungswerk Freimann bei München wurde eine grosse Halle gebaut, die das von den zuständigen Dienststellen gesammelte Altmaterial aufzunehmen hat. A- 76In München hat jeder Haushalt eine sogenannte Winterhilfssparkasse bekommen. Das ist eine kleine Papiermachéschachtel, auf der ein Pfennig abgebildet ist. Diese Sparkassen werden von den Luftschutzwarten ausgeteilt. Der Empfänger muss durch Unterschrift den Empfang bestätigen. Jede Kasse ist nummeriert. Alle Monate kommt der Luftschutzwart und kassiert den Inhalt der Schachtel, der auf der Liste eingetragen wird. Es sollen nur Pfennige hineingeworfen werden. So will man nämlich das Kupfer aus dem Volke herausbringen. Im Monat sollen mindestens 30 Pfg. zusammenkommen, hat der Verteiler gesagt. Wer nichts gibt, wird als Saboteur des WHW betrachtet. Berlin: Die Aktion" Kampf dem Verderb" hat groteske Formen angenommen. Auf der U- Bahn sind in den Wagen Kästchen angebracht worden, in die die leeren Tuben geworfen werden sollen; ebenso auf den Bahnhöfen. Die Mehrzahl der Leute hat aber kein Interesse an dieser Aktion und die Kästen sind meist leer. Nachstehend ein Anschlag aus dem Zeiss- Ikon- Werk, BerlinZehlendorf: Bln.- Zehlendorf, den 19/11/36 B.L.Rtg./Gu. Bekanntmachung. " Kampf dem Verderb!# Unter diesem Motto werden in ganz Deutschland zwecks Vermeidung von Materialvergeudung wertvolle Metallabfälle, wie Zinn, Blei usw., nicht mehr in den Kehricht geworfen, sondern sollen systematisch gesammelt werden, damit sie wieder verwendet werden können. Aus diesem Grunde sind auf dem Weg zur Kantine und beim Pförtner 2 Sammeltonnen aufgestellt worden. Die Gefolgschaftsmitglieder werden gebeten, sofern sie verbrauchte Zahnpastatuben, Einlagen von Schokoladen- und Zigarettenpackungen, Flaschenkapseln usw., welche meistens aus Zinn gefertigt sind, besitzen, diese sowie andere wertvolle Metallreste in die Sammeltonnen zu werfen. Betriebsführung gez. Hemscheidt A.-77Nordwestdeutschland: Die Kreisleiter der NSDAP haben angeordnet, dass vor allem in den Schulen besondere Kästen aufgestellt werden sollen, in die die Kinder die Knochen, die sie am Tage zuvor zuhause sammeln konnten, zu werfen haben. Die Aufsicht führen die Ausschüsse für die Verwertung von Altgut. Daneben sollen die Schulkinder auch noch Gummi, Lumpen, Altmetall und anderes" Altgut" sammeln und diejenige Schule wird besonders gelobt, in der die Kinder am meisten aufbringen. Pfalz: Die Schrottsammlungen sind jetzt bis in die kleinsten Dörfer aufs sorgsamste organisiert. Meist sind in den Schulhöfen Kisten oder Abteile hergerichtet für jede Sorte der gesammelten Materialien. Soweit bisher jüdische Altwarenhändler sich mit dieser Arbeit befassten, wurden sie übergangen und neue, arische Altwarenhändler bestimmt, die dann für die Weiterleitung zu sorgen haben. Dadurch sind einige " alte Kämpfer" zu Lumpensammlern geworden, die allerdings leicht zu arbeiten haben, weil die ganze Jugend für sie eingespannt ist. Aus den Ortschaften wird das Material auf die städtischen Sammelplätze gefahren. Es kommt wohl eine Menge Zeug zusammen, aber sachkundige Leute sagen, dass der Wert in keiner Weise den propagandistischen Behauptungen entspreche. Der Eifer ist sehr unterschiedlich und manche besonders eifrige Lehrer sind die Zielscheibe des allgemeinen Spottes geworden. Sachsen: Die Reichsarbeitsgemeinschaft Schadenverhütung hat folgendes Flugblatt verbreitet: Deutsche Hausfrauen, helft inländische Rohstoffe sammeln! Der Führer hat dem deutschen Volke und vor allem der deutschen Wirtschaft in dem neuen Vierjahresplan die Aufgabe gestellt, Deutschland in seiner Rohstoffversorgung vom Ausland unabhängig zu machen. Ein wichtiger inländischer Rohstoff ist der Knochen. Er liefert z. B. das Knochenfett, aus welchem Glycerin, Stearind Seife hergestellt werden. Die entfetteten Knochen werden dannn.hz Knocherleim, Knochenmehi und Knochenasche verarbeitet. Diese technische Auswer ung des Knochens konn nur durch die Industrie erfolgen Werft also die wertvollen Knochen, auch wenn ihr sie schon ausgekocht habt, nicht in den Mülleimer, sondern gebt sie möglichst frisch und gut eingewickelt Euren Kindern mit in die Schule, wo sie unverzüglich der Verwertung zugeführt werden. Wer Altmaterial und Knochen sammelt, kämpft mit für die wirtschaftliche Unabhängigkeit des deutschen Volkes! REICHSARBEITSGEMEINSCHAFT SCHADEN UG Die Lehrkräfte der hiesigen Schulen haben sich mit den Kindern in den Dienst der Parole" Kampf dem Verderb" gestellt. Die Kinder mussten alle Abfälle zu Hause und auf der Strasse sammeln und in die Schule mitbringen, wo sie gemeinschaftlich sortiert wurden. Insbesondere auf Rasierklingen und alte Tuben wurde förmlich Jagd gemacht. Im übrigen wird uns über die Durchführung des Vierjahresplans und die Wehrwirtschaft berichtet: Berlin, 1.Bericht: Ein besonderes Problem entsteht im Zusammenhang mit dem Vierjahresplan bei der Verwertung der Nebenprodukte. So fällt z. B. bei der synthetischen Erzeugung von Treibstoffen in grösseren Mengen Propan- und Butan- Gas ab. Schon seit einiger Zeit ist die JG, die in den Leunawerken dieses Heizgas erzeugt, bemüht, dafür einen Absatz zu finden. Neuerdings sind auch die Gemeinden veranlasst worden, einen Teil ihrer Omnibusse mit diesem Gas zu betreiben. So läuft in Berlin der Omnibus 14 mit Propan- Gas. Jetzt ist nun eine Gemeinschaftsgründung der Metallwarenfabrik Ehrich& Graetz und der Dessauer Gasgesellschaft mit grossem Gesellschaftskapital zustandegekommen. Diese Gesellschaft beabsichtigt, das Land mit einem Netz von Ortsvertretungen zu überziehen und will vor allem den Versuch machen, die Verwendung von Propan- Gas in Stahlflaschen auf dem flachen Lande in grossem Stil zu organisieren. Auf jeden Fall aber bedeutet die grosszügige Propagierung von Propan- Gas einen Einbruch in die Domäne der Elektrizitäts- und Gasversorgung und der Braunkohlenindustrie, deren Absatzentwicklung geschädigt wird. So ist es kein Wunder, dass sich z. B. in der letzten Nummer des" Wirtschaftsringes" ein ganzseitiges Inserat der deutschen Braunkohlenwirtschaft befindet, in dem zwischen den Zeilen gegen die neuen Gaspläne polemisiert wird. Es ist übrigens ursprünglich daran gedacht worden, das Ausland an der Finanzierung des Vierjahresplanes zu interessieren. In Berlin hat man deshalb einigen amerikanischen Bankiers Vorträge gehalten, bei denen man vor allem versucht hat, den Amerikanern im Zusammenhang mit der Verwertung der Stillhaltegelder Geschmack an der Sache beizubringen. Diese Absicht hat sich aber nicht verwirklichen lassen. 2. Bericht: Die Heeresaufträge sind von altpreussischer Genauigkeit und Gründlichkeit heute sehr weit entfernt. Es wird zwar ausserordentlich gespart und die Lieferanten werden in ganz unglaublicher Weise mit den Preisen gedrückt. Aber dafür wird auf andere Weise das Geld wieder in Massen hinausgeworfen. In der Heeresverwaltung sitzen in den für den Bezug verantwortlichen Stellen jetzt vielfach die ehemals arbeitslos en Diplomingenieure, die keine praktische Erfahrung haben und nun, da sie in Staatsstellungen gekommen sind, nach der Theorie und dem Schema verfahren. Sie schreiben den Lieferanten die Ausführung der Heeresaufträge bis ins einzelne vor und stellen Richtlinien auf, die einfach unsinnig sind. Wenn man -79die bestellten Katerialien so abliefert, wie sie angefordert werden, dann ist es unmöglich, dass mit den Zeugs gearbeitet werden kann. Erhebt man aber Einwendungen und macht auf das Unmögliche der Ausführungsvorschriften aufmerksam, dann wird man abgewiesen und verliert unter Umständen die Aufträge. Durch diese falschen Dispositionen wird ungeheuer viel Heeresgut verschleudert und viele Mängel werden sich erst später herausstellen, wenn die Sachen in Benutzung genommen werden. Hamburg: Die" Volksfürsorge" hat ihren Angestellten und Werbern die Göring- Rede über den Vierjahresplan mit nachfolgender Widmung ausgehändigt: Wir schaffen mit! An alle Arbeitskameraden im Innen- und Außendienst um Beginn der unferee Nation vom Führer gestellten Aufgaben übermitteln wir Ihnen wegen der künftigen Bedeutung den Wortlaut der Rede des Ministerpräsidenten Generalobert Göring vom 26. 10. 1936 mit der Bitte, fie federzeit zum Studium bereitzu halten und danach bei all unferer Arbeit zu handeln. Aber 24 000 Arbeitskameraden der Volksfürsorge Versicherungsgesellschaften find erfüllt von dem Gelfte des Vertrauens, des Mutes und der Tatkraft, fie treten gemeinsam an zur Mitarbeit an dem großen Werk der wirtschaftlichen Befreiung. Jeder seht sich mit ganzer Kraft dafür an der Stelle ein, an die tha das Schickfal gestellt hat. Hell Hitler! Volksfürsorge Versicherungs- Gesellschaften Vorstand und Geschäftsleitung Polemann. Osnovsky haucke when Betriebsortsgruppe A-05) Geld und Kredit Im Zusammenhang mit dem neuen Vierjahresplan sind wie wir bereits im November( Nr. 11, Seite A 58) berichtet haben- auch die Devisenvorschriften erneut verschärft worden. Nachdem man versucht hatte, die" Wirtschaftsverräter" durch Androhung der Todesstrafe für Kapitalflucht einzuschüchtern, ist Mitte Dezember ein Gesetz über Amnestie für Devisenvergehen erlassen worden, die bei tätiger Reue bis zum 31. Januar 1937 Straffreiheit für alle Strafen zubilligt. Die Verschärfung der Devisenvorschriften erstreckt sich vor allem auf die Erfassung der Ausfuhrerlöse. Wir entnehmen darüber dem Nachrichtendienst der deutschen Bekleidungsindustrie folgende als" streng vertraulich" bezeichnete Anordnungen( siehe Seite 82 und 83): Ausserdem wird uns über die rücksichtslose Anwendung der verschärften Bestimmungen folgendes berichtet: Berlin: Bei den Romeylowerken G.m.b.H., Nowawes, Grossbeerenstrasse 109/113, Ges. für drahtlose Telegraphie( ca. 400 Mann Belegschaft) wurde am 15. 12. 1936 der 1. Direktor, der am 17. 12. mit seiner Familie nach der Schweiz reisen wollte, verhaftet. Ebenso der 2. Direktor. Die beiden Villen des 1. Direktors in Potsdam wurden von Gestapo durchsucht. Für den Betrieb wurde ein Staatskommissar eingesetzt. Telefon wird von Gestapo überwacht. Es soll sich um Devisenvergehen handeln. Südwestdeutschland: Am 30. Januar wurden durch die Gestapo sechs Mitglieder der Direktion der Fittingswerke in Singen a/ H( Belegschaft etwa 3.000 Mann) verhaftet, darunter auch der Direktor Leuenberger. Am 2. Februar wurden von den Verhefteten 4 Mann wieder entlassen. Direktor Leuenberger und ein anderes schweizerisches Mitglied der Direktion sitzen noch. Man nimmt an, dass es sich um Devisenvergehen handelt. Seit dem 1. November ist für den Einkauf der Grenzbevölkerung in der Schweiz die Lebensmittelkarte eingeführt worden. Vorher wickelte sich der Grenzverkehr immer reibungslos ab. Seit dem 1. November musste jedem Rückkehrenden, der in der Schweiz eingekauft hatte, ein Vermerk in seine Karte gemacht werden. Während nun früher drei und vier Zöllner dastanden, die nur die Waren auf ihre Zollpflichtigkeit ansahen, waren NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Kielganftr. 1 A-81Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 Streng vertraulich! Anordnung der Prüfungsstelle für den Bereich der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie gemäß§ 5 Biffer 1 Abs. 2 der zweiten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Devisenbewirtschaftung. Im Hinblick auf die strengen Strafbestimmungen der Devisengesetzgebung ist genaue und pünktliche Beachtung nachstehende Anordnung geboten. Betr.: Meldepflicht aller mit öffentlichen Auftraggebern in Jugoslawien beabsichtigten Geschäfte Mit sofortiger Wirkung sind alle Ausführer verpflichtet, Ausfuhrgeschäfte, die sie mit öffentlichen Auftraggebern in Jugoslawien zu tätigen beabsichtigen und bei denen der Ausfuhrerlös mehr als 5000, RM. beträgt, vor Abgabe des Angebots der Prüfungsstelle zu melden. Die Meldung hat mabhängig davon zu erfolgen, ob die spätere Inanspruchnahme des Zusatzausfuhrverfahrens beabsichtigt ist oder nicht. Der Meldung muß außer dem Angebotspreis auch eine genaue Ralkulation beigefügt sein. Lieferung 9 8.10.1936 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 14 NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Kielganftr. 4 A-82Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 Streng vertraulich! Betr.: Exportvalutaerklärungen ( Neue Formulare ab 15. Dezember 1936) Im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Reichsregierung, alle vorhandenen Devisenreserven noch stärker als bisher zu erfassen, hat es sich als erforderlich erwiesen, durch eine schärfere Handhabung des Systems der Exportvalutaerklärungen den Eingang der Erlöse aus der deutschen Ausfuhr wirksamer zu überwachen. Zu diesem Zweck hat die Reichsbank im Einvernehmen mit dem Reichswirtschaftsministerium den Vordruck I der Exportvalutaerklärung, mit dem die Ausfuhren angemeldet werden, sowohl hinsichtlich der äußeren Form als auch des Inhalts umgeſtaltet. Die Form iſt ſofern geändert worden, als der der Sendung beizufügende Abſchnitt I B, der bisher abtrennbar am unteren Rande des Abschnittes I A angefügt war, jetzt zu einer Durchschrift des Abschnittes I A ausgestaltet worden ist. Auf dem unteren Teil des Abschnittes IB ist ein Raum für amtliche Prüfungsvermerke vorgesehen. Der Abschnitt I A wird wie bisher bei Versand der Ware an die zuständige Reichsbankstelle gesandt, während auch der neue Abschnitt I B die Ware begleitet und von den Abfertigungsstellen entgegengenommen wird. Gleichzeitig wird für Kommissions- und Konsignationslieferungen die Verwendung eines besonderen Vordruces vorgeschrieben. Die Richtigkeit der von den Ausführungen in dem Vordruck I gemachten Angaben wird von den mit der Exportvalutakontrolle befaßten Behörden geprüft. Unrichtige Angaben sind mit strengen Strafen bedroht. Die neuen Vordrucke müssen ab 15. Dezember 1936 verwendet werden. Die Benutzung der bisherigen Vordrucke ist von diesem Tage ab nicht mehr zulässig. Betr.: Werbung in ausländischen Zeitungen und Zeitschriften Firmen, die in ausländischen Zeitungen und Zeitschriften für ihre Artikel werben, erteilen ihre diesbezüglichen Aufträge noch vielfach direkt dem ausländischen Verlag. 3m Interesse einer Devisenersparung empfehlen wir wiederholt, solche Aufträge nicht direkt nach dem Ausland zu geben, sondern sich eines anerkannten leistungsfähigen deutschen Anzeigenvermittlers zu bedienen. Anschriften der vom Werberat der deutschen Wirtschaft zugelaſſenen Anzeigenvermittler können bei uns schriftlich erfragt werden. 1 A-83 jetzt seit der Einführung der Lebensmittelkarte nur zwei Zöllner da, die die Vermerke in die Karten machten. So stanten sich natürlich die Menschen und als man nach der Abwertung des Franken in der Schweiz billiger einkaufte, wurde es noch schlimmer. Ab 6. Dezember kam dann noch die Devisenkarte und seitdem muss auch der Uebertritt in die Schweiz vermerkt werden. Nun bilden sich Menschenschlangen auch beim Uebertritt in die Schweiz. Und das Schlimmste, an der Kontrollstelle steht jeweils nur noch ein einziger Zöllner. Diese Methoden der Schikanierung haben bei der Grenzbevölkerung grosse Empörung hervorgerufen. Rheinland: Im Grenzverkehr sind neue Devisenbestimmungen erlassen worden. Dadurch soll der Silbergeldabfluss, der sich in letzter Zeit sehr gesteigert hatte, eingedämmt werden. Zukünftig dürfen Grenzbewohner nur noch 3,- RM statt bisher lo, RM mit über die Grenze nehmen. Von den Zollbehörden wird ausserdem ein Devisenheft ausgestellt, um eine genaue Kontrolle der Grenzgänger zu ermöglichen. Diese Grenzgänger sind neuerdings verpflichtet, zwei Drittel ihres im Ausland erhaltenen Lohnes der Reichsbank in Devisen abzuliefern. Dadurch soll verhindert werden, dass sich die Grenzgänger im Auslande billige Reichsmark kaufen. Die Folge dieser Massnahmen ist, dass immer weniger Leute ins Ausland( nach Belgien und Holland) gehen, weil sie bisher erheblich an der Unterbewertung der Mark im Auslande profitierten. Infolge der sonstigen neuen Devisenbestimmungen hat der Grenzverkehr nach Belgien erheblich nachgelassen, besonders aber wegen der Unterbewertung der Mark. Es lohnt sich nicht mehr, in Belgien einzukaufen. Sachsen: Bei dem Zollamtsneubau Pfannenstiel wurden Mitte Oktober 1936 einige Maurer beschäftigt, die zwar Reichsdeutsche sind, jedoch in der Tschechoslowakei wohnen. Der Bauunternehmer durfte sie indessen nur 14 Tage beschäftigen, weil das Arbeitsamt Schwierigkeiten machte. Diese 5 Maurer wurden daraufhin entlassen, erhielten ihre Papiere, aber keinen Lohn. Der Unternehmer erklärte ihnen, er bekäme keine Kronen bei der Reichsbank. Woche für Woche kamen nun die 5 Maurer zum Unternehmer und verlangten ihren Lohn, jedoch ohne Erfolg. Erst am 14. Dezember 1936 konnten sie ihren seit Oktober rückständigen Lohn erhalten. Am 22. Dezember 1936 ging der SS- Mann X., ein" alter Kämpfer" mit goldenem Parteiabzeichen, zur Reichsbankstelle der Stadt A. und wollte 50 Kronen haben. Obwohl er im Besitze eines Passes ist, konnte ihm die Reichsbankstelle diesen geringen Betrag nicht ausfolgen und gab ihm den Rat, er möchte täglich nachfragen, vielleicht ginge doch im Laufe der Tage ein kleiner Betrag in Kronen ein. Die Firma B. in Y. beschäftigt eine Anzahl Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Tschechoslowakei. Diese bekommen seit Wochen ihren Lohn in Kronen. In der Weihnachtswoche und auch A-84in der Neujahrswoche konnten sie ihren Lohn nicht erhalten, weil die Firma sich die nötigen Devisen nicht verschaffen konnte. Es ist schon wiederholt vorgekommen, dass sich die Lohnauszahlung an diese Arbeiter und Arbeiterinnen infolge der erschwerten Devisenbeschaffung verzögert hat. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Sachsen: Bei der Auflegung der letzten Reichsanleihe hat man jeder Bank eine Aufforderung geschickt, aus der sich die Mindestsumme ihrer Zeichnung ergab. In dem Schreiben wurde festgestellt, wie gross die liquiden Mittel der Banken sind und welcher Betrag demgemäss für die Anleihezeichnung mindestens zur Verfügung gestellt werden müsste. Man kann heute ohne Uebertreibung sagen, dass jede Bank und jede Sparkasse mindestens 40% ihrer flüssigen Mittel in Reichsanleihe und Rüstungswechseln angelegt hat. Praktisch sind die Kreditanstalten damit schon illiquid geworden. Aber diese Illiquidität bedeutet solange nichts, solange nicht grosse Massen der Einleger ihre Einlagen zurückfordern. Andererseits ist es tatsächlich unmöglich, eine grössere Einlage auf einmal zurückzuverlangen. Wenn etwa ein Fabrikant zu einer kleinen Bank oder Sparkasse gehen würde, um eine Einlage von 50.000 Mark zurückzuverlangen, so würde er, wenn er dafür nicht ganz dringende Gründe vorbringen könnte, sich in Gefahr bringen, nähere Bekanntschaft mit dem Konzentrationslager zu machen. Berlin: Die neue Reichsanleihe ist von vielen gezeichnet worden. Besonders zahlreiche kaufmännische Angestellte waren sehr dafür zu haben. Es wurde auch in diesen Kreisen eine sehr intensive Propaganda dafür gemacht. Namentlich die kaufmännischen Fachzeitschriften waren voll davon. Die Reichsanleihe wird mehr gekauft, weil die Verzinsung gut ist und viele Leute dadurch zum Kauf angelockt werden. Reichs- und Staatsbehörden gehen immer mehr dazu über, mit Wechseln statt mit Bargeld zu zahlen. So hat z. B. ein kleinerer Tischlermeister in Berlin einen Auftrag von der Postverwaltung erhalten, der ihm nicht in Bargeld, sondern in Arbeitsbeschaffungswechseln honoriert wurde. Dieser Tischler hat versucht, mit diesem Wechsel im Nennwerte von RM 150,- seinen Farbenlieferanten zu bezahlen, aber dieser hat die Entgegennahme abgelehnt. Keiner will diese Art von Wechseln. Sehr bezeichnend ist der Ausspruch eines Berliner Privatbankiers:" Unsere wichtigste Beschäftigung ist das Kleben von Allongen". Die Arbeitsbeschaffungswechsel haben nämlich eine Laufzeit von 5 Jahren, innerhalb deren sie 19mal prolongiert werden. Diese Prolongation en finden räumlich auf dem Wechselrücken natürlich nicht Platz, so dass Allongen geklebt werden müssen. Unter den Sparern herrscht Unruhe. Ernstlich glaubt aber niemand daran, dass es zu einer Inflation wie in den zwanziger Jahren kommt. Die Mark wird noch immer für stabil gehalten. A-85Es ist zwar so, dass jeder, der Geld hat, den Versuch macht, es in Sachwerten anzulegen. Man kauft vorwiegend gute Kleidung und in den wohlhabenden Kreisen auch Schmucksachen. Aber das geschieht wohl mehr aus der Vorstellung heraus, dass die allgemeine Verschlechterung der Waren und die weitere Verknappung anhalten wird. Nordwestdeutschland: In allen Kreisen herrscht das Bestreben, Barbestände in Waren anzulegen, da nach wie vor grosse Inflationsangst besteht. 6) Aus der Exportwirtschaft Der deutsche Aussenhandel hat in letzter Zeit nicht nur im Zusammenhang mit der verschärften Devisenerfassung neue Einengungen erfahren, sondern auch aus dem sogenannten" Neuen Plan" selbst haben sich erneute Beschränkungen ergeben. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die bisherige Regelung der Kompensationsgeschäfte noch nicht ausreichte, um Ausfuhr und Einfuhr in die vom Regime gewünschten Bahnen zu lenken. Reichsbankdirektor Blessing hat in einem Vortrag vor der Verwaltungsakademie Bremen am 19. November 1936 darüber ausgeführt: "..Nicht die ausländischen Lieferanten haben sich um eine verstärkte Abnahme deutscher Waren bemüht, sondern die inländischen Importeure haben häufig hemmungslos versucht, geeignete Ausfuhrgeschäfte ausfindig zu machen und die deutschen Exporteure zur Abtretung der ohnehin anfallenden Exporterlöse zu veranlassen. Dazu kam trotz aller Verbote, dass immer grösser werdende Kompensationsprämien gegeben und genommen wurden, die zu einer Verteuerung der Einfuhr und häufig auch zu einer unerfreulichen Preisschleuderei an den fremden Märkten geführt haben, wodurch insbesondere auch der normale gegen Devisen getätigte Export gestört und geschädigt wurde. Ferner haben zum Teil wenig saubere Elemente rücksichtslos normale, nicht zusätzliche Exporte gegen die Einfuhr auch solcher Waren kompensiert, auf die wir ohne weiteres hätten verzichten können. Eine Zeitlang bestand sogar die Gefahr, dass sich das Kompensationsgeschäft gerade den weniger lebensnotwendigen Einfuhrwaren zuwandte, weil diese einer Preisprüfung durch die zuständigen Ueberwachungsstellen am wenigsten zugänglich waren..' 11 Diese schlechten Erfahrungen haben dahin geführt, dass durch en Rinderlass des Reichswirtschaftsministeriums vom 5.Nov. A-861936 eine einschneidende Aenderung durchgeführt wurde: 1) Kompensationsgeschäfte mit einem Ausfuhrwert bis zu 50.000 RM wurden untersagt; 2) die Entscheidung über die grösseren Geschäfte bleibt nicht mehr den einzelnen Devisen- und Ueberwachungsstellen überlassen, sondern ist bei der Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung zusammengefasst worden. Gleichzeitig sind Massnahmen ergriffen worden, um das Abwandern der verbotenen kleineren Kompensationsgeschäfte in den Aski- Verkehr( Aski = Ausländersondérkonto) zu verhindern. Ueber die Praxis der Exportförderung bringen wir nachstehend zwei Berichte, die uns aus Exporteur- Kreisen zugegangen sind: 1.Bericht: Man bemüht sich sehr um den Export und versucht, den Exporteuren-auch den jüdischen- entgegen zu kommen. Die Rückvergütung beträgt in gewissen Fällen bis zu 60%, sie schwankt aber von Fall zu Fall. Auch die für den Export nach den einzelnen Ländern festgesetzten Sätzen stehen praktisch nur auf dem Papier. Ein Beispiel: Für eine bestimmte Ware beträgt die Exportförderung nach einem bestimmten Lande 40%. Ein Exporteur hatte sich kürzlich um einen an sich ganz kleinen Auftrag in dieser Ware bemüht, hätte aber bei seinem Angebot unter Zugrundelegung einer Rückvergütung von 40% entweder nicht konkurrenzfähig sein können oder einen Verlust von 5% gehabt. Er beantragte also eine Erhöhung der Rückvergütung und musste zu diesem Zweck eine genaue Kalkulation, auf der Grundlage des Fabrikanten- nicht des Händlerprei ses, vorlegen. Daraufhin bekam er eine Rückvergütung von 48% zugesichert, d.h. also 5% über den Normalsatz zum Ausgleich seines Verlustes und 3% als Gewinnspanne. 2.Bericht: Aus grossindustriellen Kreisen wird berichtet, dass alle amtlichen Stellen auf eine schnelle Steigerung des Exports hinarbeiten. Die sich bietenden Möglichkeiten würden noch längst nicht genügend ausgenützt. Besonders nachdrücklich wurde in einem besonderen Rundschreiben auf die Vorteile hingewiesen, die die deutsch- polnischen und deutsch- russischen Handelsabkommen bieten. Dieses Rundschreiben wurde nach 4 Wochen wieder eingezogen. Man fürchtete die moralischpolitischen Wirkungen, die besonders mit Bezug auf die russische Angelegenheit entstehen könnten. Es werde vielleicht, so meinte man, nicht verstanden werden, dass man auf der einen Seite Russland als den Weltfeind Nr. 1 täglich beschimpft und auf der anderen Seite die besondere Ausnützung der Exportmöglichkeiten nach Russland betreibt. A-87ए Die in diesen beiden Berichten angeführten Tatsachen: Bemessung der Exportvergütung von Fall zu Fall und besondere Förderung des Exports nach Russland finden ihre Bestätigung in der folgenden" streng vertraulichen" Mitteilung, die wir dem Nachrichtendienst der Deutschen Bekleidungsindustrie entnehmen: Betr.: Ausfuhr nach Rußland Wie Ihnen durch die Fachgruppen und Fachuntergruppen im Juni mitgeteilt wurde, besteht seit dieser Zeit unter gewissen einschränkenden Bestimmungen die Möglichkeit einer Förderung von Ausfuhrgeschäften nach Rußland. Auf Grund der Erfahrungen, die inzwischen gesammelt wurden, ist es nunmehr möglich, diese Beschränkungen aufzuheben und das Zusagausfuhrverfahren nach Rußland wie nach den übrigen Ländern, d. h. zu den allgemein geltenden Bestimmungen zu handhaben. Da aus Rußland eine Reihe Rohstoffe eingeführt wird, muß auch die Ausfuhr dorthin besonders gepflegt und in jeder Weise gefördert werden. Die erleichterte Anwendung des ZAV. soll hierzu wesentlich beitragen. Für Geschäftsabschlüsse ab 1. 11. 36 wird für den Bereich der Prüfungsstelle Bekleidungsindustrie bei der Ausfuhr nach Rußland derjenige Sah gewährt, der allgemein für Europa festgesetzt ist. Geschäfte, die trotz Gewährung dieses Verlustausgleichs wegen der Preisstellung nicht zustande kommen oder zu scheitern drohen, sind der Prüfungsstelle vorzulegen unter Beifügung einer genauen Kalkulation und des mit dem Abnehmer geführten Schriftwechsels. Im übrigen besteht nach wie vor die Pflicht, auch diejenigen Geschäfte mit Rußland, die ohne Inanspruchnahme des 8AV. getätigt werden, der Prüfungsstelle zu melden. Es ist jedoch nicht mehr erforderlich, daß diese Meldung vor Geschäftsabschluß erfolgt. Dieser offizielle, nur den angeschlossenen Firmen zugängliche Nachrichtendienst enthält im übrigen eine ganze Reihe aufschlussreicher, sämtlich als streng vertraulich bezeichneter Anordnungen und Mitteilungen, aus denen wir nachstehend eine kleine Auswahl bringen( ZA satzverfahren = Zusatzausfuhr, ZAV Exportförderungsverfahren): = Zu NACHRICHTENDIENST Der Deutschen Bekleidungsinduftrie Berlin W 62 Kielganftr. 4 47-88Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 Streng vertraulich! Betr.: Strafmaßnahmen im Zusaßausfuhrverfahren Im Reichsgesetzblatt I Nr. 104 vom 31. Oktober 1936 ist die VI. Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Devisenbewirtschaftung vom 28. Oktober 1936 veröffentlicht. Unter§ 2 der genannten Vorschriften werden Zuwiderhandlungen gegen Anordnungen der Prüfungsstelle, die auch in einer nicht ordnungs- oder fristgemäßen Erledigung bestehen können und die bisher lediglich mit Geldstrafen geahndet wurden, unter die wesentlich schwereren Strafandrohungen des§ 42 des Devisengeseges gestellt, der Gefängnisstrafe, in besonders schweren Fällen Zuchthaus bis zu zehn Jahren sowie eine Geldstrafe bis zum Behnfachen des in Betracht kommenden Wertes vorsieht. Auch wer vorsäglich zu einer Zuwiderhandlung gegen die erwähnten Anordnungen auffordert, anreizt oder sich erbietet, kann mit den gleichen Strafen belegt werden. Die Prüfungsstelle für den Bereich der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie hat bisher Anordnungen, auf die die neuen Strafbestimmungen Anwendung finden, wiederholt erlassen.. Es handelt sich insbesondere um die Meldepflicht sämtlicher Geschäftsabschlüsse mit USA.( Nachrichtendienst Lieferung 6 vom 25. August 1936); Meldepflicht sämtlicher Geschäftsabschlüsse mit Palästina( Nachrichtendienst Lieferung 8 vom 15. September 1936); Meldepflicht aller mit öffentlichen Auftraggebern in Jugoslawien beabsichtigten Geschäfte ( Nachrichtendienſt Lieferung 9 vom 8. Oktober 1936); Meldepflicht sämtlicher mit Rußland getätigten Geschäfte Anordnung der Prüfungsstelle vom 28. Mai 1936( bekanntgegeben durch die Fachuntergruppen sowie durch Nachrichtendienst Lieferung 12 vom 6. November 1936). Schon im Hinblick auf diese erschwerten Strafbestimmungen bitten wir unsere Mitglieder um genaueste Beachtung der Anordnungen der Prüfungsstelle die jeweils im Nachrichtendienst unter Ordnungsziffer 13 erscheinen- und um pünktliche Einhaltung etwa gesetter Melbetermine. Lieferung 13 20.11. 1936 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungeinduftrie Selte 32 A-89Streng vertraulich! Die Prüfungsstelle für den Bereich der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie gibt bekannt: Betr.: Export- Preise Vereinzelt begegnen wir immer wieder Fällen, in denen deutsche Exporteure bei Preisverhandlungen mit den Abnehmern jeder Druckſtelle nachgeben, statt die Ehrbarkeit ihrer Leiſtung und die Lauterkeit ihrer Kalkulation mit Stolz und Selbstbewußtsein zu verteidigen. Das ebenso beliebte wie berüchtigte Mittel, mit Hinweisen auf angeblich niedrigere Konkurrenzangebote den Lieferanten Konzeffionen abzutroßen, ist in seiner Unwahrhaftigkeit zu alt und zu bekannt, um ernst genommen zu werden. Auch die Bequemlichkeit mancher Vertreter bei Verkaufsverhandlungen vermag die Häßlichkeit dieser Methode nicht zu verschönern oder den Verzicht auf einen gerechten Preis zu rechtfertigen. Merkt ein Abnehmer die weichen Stellen an der Preisfront, dann werden seine Forderungen immer größer. Wir bitten daher wiederholt, im eigenen wie im devisenwirtschaftlichen Interesse alle Anstrengungen zu machen, im Export den besten Preis für unsere Qualitätserzeugnisse zu erreichen. Eine vernünftige Wirtschaft hat nichts zu verschenken, schon gar nicht auf den Märkten der Welt, auf denen wir uns fehlende Rohstoffe teuer erkaufen müssen. Das Ringen um den besten Preis ist daher nicht nur eine Pflicht wirtschaftlicher Vernunft, sondern auch eine stolze Aufgabe, die uns die Ehre der Arbeit stellt. Wir haben endgültig aufgehört ,, Proletarier einer Weltwirtschaft" zu sein. Betr.: Bersendung von Exportunterlagen Es ist festgestellt worden, daß Antragsteller im ZAV. die ZA.- Anträge mit den dazugehörigen Unterlagen( Rechnungen, Kostenaufstellungen, Schriftwechseln usw.) als„ Geschäftspapiere" versenden. Im Hinblick auf die Vertraulichkeit aller mit dem ZAV. zusammenhängenden Angelegenheiten und auf die Möglichkeit, daß bei dieser Versendungsart Schriftstücke abhanden und in unrechte Hände kommen können, ist es geboten, 8A.- Anträge mit den dazugehörigen Papieren verschlossen zu versenden. Nach den postalischen Bestimmungen ist es auch unzulässig, die vorstehend genannten Schriftstücke als Geschäftspapiere zu versenden. Betr.: Berbindung der Ausfuhrfirmen mit deutschen Auslands vertretungen Wir müssen immer wieder die Beobachtung machen, daß die Verbindung zwischen deutschen Ausfuhrfirmen und den amtlichen deutschen Auslandsvertretungen vielfach nicht so eng ist, wie es im Interesse der Exportpflege eigentlich selbstverständlich sein sollte. Wir empfehlen den einzelnen Ausfuhrfirmen dringend, ihre ständigen Auslandsvertretungen anzuweisen, eine möglichst enge und dauernde Verbindung mit den amtlichen deutschen Auslandsvertretungen aufzunehmen. Darüber hinaus dürfte es auch angebracht sein, daß die Betriebsführer bei ihren Auslandsreisen Fühlung mit den amtlichen deutschen Auslandsvertretungen aufnehmen. Eine solche Busammenarbeit wird nur von Vorteil sowohl für die einzelne Firma als auch für den gesamten Export sein. Betr.: Anderung der Bergütungsfäße der Zellwoll- AusgleichsKajfe Im Nachgang zu unserer Mitteilung im ,, Nachrichtendienst" Lieferung 10 vom 16.Oktober 1936 geben wir Ihnen nachstehend die Vergütungssäge bekannt, die die Belta für ab 12. November 1936 abgeschlossene Ausfuhrgeschäfte gewährt: 80 Pfennig je Kilogramm Zellwolle für bisher geförderte Erzeugnisse aus ViscoseMarkenzellwolle( Flor, Vistra, Behla, Cisafiocco, Sniafiocco), und für Erzeugnisse aus Hirschberger, Süddeutscher, Plavia- und Schwarza- B- Bellwolle; 100 Pfennig je Kilogramm Zellwolle für bisher geförderte Erzeugnisse aus RupferMartenzellwolle( Cuprama); 120 Pfennig je Kilogramm Zellwolle für Erzeugnisse aus Viscose- Kupfer- Markenzellwolle( Schwarza W); 135 Pfennig je Rilogramm Zellwolle für bisher geförderte Erzeugnisse aus AcetatMartenzellwolle( Aceta, Drawinella, Rhodia) und für Erzeugnisse aus Lanusa- Zellwolle. Betr.: Ausfuhrvernachlässigung Wir mußten in letzter Zeit mehrfach feststellen, daß bei Änderung von Zusagausfuhranträgen zur Begründung mitgeteilt wurde, daß der Auftrag ganz oder teilweise wegen zu später Lieferung annuliert wurde. Wir bitten die Mitglieder bei Vereinbarung der Lieferfristen zu beachten, daß bei Auslandsgeschäften im allgemeinen ein Anspruch auf Nachlieferungsfrist nur dann gegeben ist, wenn diese ausdrücklich bei Geschäftsabschluß festgelegt wurde. Wir machen im übrigen wiederholt darauf aufmerksam, daß es erste Pflicht einer jeden Firma ist, dem Ausfuhrgeschäft ganz besondere Aufmerksamkeit und Pflege zu widmen. Es ist unverantwortlich, wenn Ausfuhraufträge dadurch hinfällig werden, daß Verzögerungen in der vereinbarten Lieferungsfrist eintreten. Wir weisen nochmals darauf hin, daß Ausfuhraufträge stets bevorzugt und unter Zurückstellung selbst dringender Inlandsaufträge behandelt werden müssen. Wer anders handelt, ist ein Schädling am deutschen Ansehen in der Weir und ein sehr schlechter Sachwalter deutscher Interessen. à-91Streng vertraulich!' Betr.: Handelsverkehr mit Spanien Es wurde in letzter Zeit wiederholt beobachtet, daß von deutschen Firmen versucht wird, Lieferungen nach den noch den früheren Regierungen in Madrid und Barcelona unterstehenden spanischen Gebieten durchzuführen, die über das deutsch- spanische Zahlungsabkommen perrechnet werden sollen. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Lieferungen vori Waren, die für diese Regierungen von besonderem Interesse sind. Während die übrigen deutschen Exporteure, die normale Lieferungen nach Spanien ausgeführt haben, auf die Bezahlung ihrer Ware warten müssen, versucht die Centralbank in Madrid für solche Lieferungen eine bevorzugte Auszahlung durch die deutsche Verrechnungskasse zu erreichen. Die Durchführung derartiger Geschäfte ist aus wirtschaftlichen Gründen unerwünscht, da die deutschen Exporteure, die bisher eine normale Ausfuhr nach Spanien getätigt haben, ohne daß ihnen ihre Exporterlöse überwiesen worden sind, geschädigt werden; sie ist aber auch aus politischen Gründen nicht vertretbar. Betr.: Zufakausfuhrverfahren- Zahlungsfristen Nach vorliegenden Berichten sind deutsche Exporteure in vielen Fällen dazu übergegangen, längere Zahlungsziele zu gewähren, als nach den bisherigen Geschäftsgepflogenheiten üblich waren. Namentlich in denjenigen Fällen, in denen bisher Lieferungen gegen Kasse handelsüblich waren, sind die ausländischen Kunden aufgefordert worden, erst 30-60 Tage nach Lieferung zu bezahlen. Ein derartiges Verhalten kann auf keinen Fall gebilligt werden, da es dazu beiträgt, den DeDifenanfall unnötig zu verschleppen und gegen die nationalen Interessen böswillig zu verstoßen. Die Prüfungsstelle wird bei Bearbeitung der ZA- Anträge die Zahlungsbedingungen schärfftens kontrollieren und diejenigen Firmen, die längere Zahlungsziele, als in der betreffenden Branche üblich, gewähren, vom gesamten ZA- Verfahren ausschließen. Darüber hinaus haben alle Ausführer auch diejenigen, die das ZA- Verfahren nicht in Anspruch nehmen bei einem Versioß gegen die vorstehende Anordnung strafrechtliche Verfolgung zu gewärtigen. A-92Schliesslich fügen wir noch einen Bericht über spezielle Ausfuhrgeschäfte an: Berlin: Grosse Mengen von Kriegsmaterial wurden bisher durch die Aktiengesellschaft für Kriegsausrüstung( Aga) nach Spanien geliefert. Diese Gesellschaft arbeitet mit dem Kriegsministerium zusammen und Oberst Thomas, der Chef der wehrwirtschaftlichen Abteilung des Kriegsministeriums, sass bisher in ihrem Aufsichtsrat. Vor einiger Zeit entstanden Differenzen mit dem Kriegsministerium. Die Gesellschaft hatte bis Anfang Dezember für etwa 650 Millionen Mark Waffen nach Spanien geliefert, konnte oder wollte dann aber nicht mehr weiter liefern, weil die Spanier bisher noch nicht bezahlt hatten. Die Reichsbank verlangte die Ablieferung von 50 Millionen Mark Devisen, aber die Gesellschaft war nicht in der Lage, sie abzuführen. Im Zusammenhang damit hat Oberst Thomas seinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat erklärt. Dieselbe Gesellschaft soll nun auch nach Griechenland Kriegsmaterial liefern. Ursprünglich war in den Wirtschaftsverhandlungen zwischen Deutschland und Griechenland die Lieferung von Eisenbahnmaterial in Höhe von 2 Milliarden Drachmen vereinbart worden. Dieses Geschäft hat sich aber wegen der Eisenknappheit nicht realisieren lassen. Stattdessen soll nun Kriegsmaterial geliefert werden. Um die Grossfilmproduktion rentabel zu machen, genügt im allgemeinen nicht der Inlandsvertrieb, vielmehr gibt für die Rentabilität die Höhe des Auslandsabsatzes den Ausschlag. Der Auslandsverleih deutscher Filme ist aber durch die politische Tendenz und zum Teil auch durch die verschlechterte Qualität der Grossfilme behindert. Für die deutsche Grossfilmproduktion ist daher das Auslandsgeschäft eine schwere finanzielle Belastung. Die deutschen Filmverleihgeschäfte im Ausland müssen häufig grosse Kosten aufwenden, die Verleihpreise stark reduzieren, eigene Theater unterhalten, um die Filmausfuhr und die Aufführung deutscher Filme im Ausland zu ermöglichen. Die Folge ist, dass die von Goebbels gegründete Filmbank in grosse Schwierigkeiten geraten ist und nahe daran war, aufzufliegen. Die Banken wollten sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen, Kredite waren für die Filmproduktion kaum zu erhalten. Da griff das Propagandaministerium ein und verlangte, dass die Filmproduktion sich nicht so sehr nach wirtschaftlichen als nach produktionstechnischen Gesichtspunkten orientiere. Vorstand und Aufsichtsrat der Filmbank wurden neu besetzt. Die Bankleute schieden aus Vorstand und Aufsichtsrat aus, Filmfachleute traten ein, darunter z. B. Carl Frölich. Viel geholfen scheint das nicht zu haben, denn die Herstellung selbst von Spitzenfilmen, für die bereits einige Hunderttausend Mark aufgewendet worden sind, wurde eingestellt, darunter z. B. der Bismarckfilm. B-1Teil B ( Abgeschlossen am 6.Februar 1937) Das vierte Jahr der Diktatur I. Die Aussenpolitik Nach vier Jahren Hitlerherrschaft ist über das Wesen des nationalsozialistischen Systems und damit auch über seine Aussenpolitik keine Täuschung mehr möglich. Es ist die stärkste und geschlossenste Ausprägung des deutschen Nationalismus. Der neue deutsche Militarismus, an dessen Spitze Hitler steht, ist keine vorübergehende Konjunkturerscheinung. Seine Machtentwicklung liegt offen vor aller Augen. Besser als es theoretische Untersuchungen vermögen, hat das Hitlersystem durch seine Machtentfaltung seinen Sinn und seine Vorgeschichte enthüllt. Im Zentrum dieser Macht steht die neue Militärorganisation, die aus den Keimen des neuen Militarismus in der Nachkriegszeit entwickelt worden ist. Diese Militärmacht stellt heute die stärkste einheitliche Zusammenfassung militärischer Macht in Europa dar, die zu Angriffszwecken bestimmt ist. Sie wird über Europa lagern, solange sie nicht durch revolutionäre Ereignisse oder durch eine neue Niederlage im Kriege zerbrochen werden wird. Mit Hilfe dieser Militärmacht soll nicht der Vorkriegszustand, sondern ein weit gefährlicherer Zustand hergestellt werden. Die Verwirklichung der Demokratie hat nach dem Kriege von 1914 bis 1918 Fortschritte gemacht, die weit über den Vorkriegszustand hinausgingen. So problematisch und ungeordnet diese Fortschritte auch waren, so gross die Widersprüche, die sie in sich bargen, so weit entfernt die einzelnen demokratischen Länder auch von einer gemeinsamen europäisch demokratischen Politik waren, B-2so bildeten sie dennoch zukunftsträchtige und entwicklungsfähige Ansätze für die Herstellung einer einheitlich- demokratischen Ordnung in Europa. Diese Fortschritte der Demokratie wieder zu zerschlagen, ist Sinn und Absicht der deutschen wie der italienischen Politik. Die Politik dieser beiden Länder ist deshalb gegenrevolutionär, sie will den Prozess der allmählichen Demokratisierung, der seit 150 Jahren im Gang ist, wieder rückläufig machen. Diese Politik zielt nicht auf eine blosse Wiederherstellung des Vorkriegszustandes ab-national und international- sondern auf ein System der Herrschaft und Bindung, das für die vielen Elemente der Freiheit keinen Raum mehr lässt, die in der Vorkriegszeit selbst in konservativen und halbabsolutistischen Ländern wie Deutschland den Charakter der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnungen mitbestimmten. Die Ordnung der Gegenrevolution ist ein Staatsabsolutismus, der drückender und despotischer ist als die Ordnung des Klassenstaates in einem liberal kapitalistischen System. Der Nationalsozialismus und der Faschismus wollen den Staat zur vollkommenen Inkarnation der reinen Machtpolitik machen. Das reine Machtideal, wie es hinter den wirtschaftlichen, sozialen und rassischen Verhüllungen der nationalsozialistischen Lehre sichtbar wird, setzt dem Ideal eines ruhigen Nebeneinander der Staaten das grundsätzliche Gegeneinander, die angeblich natürliche Feindschaft aller Staaten und das Nacheinander der um die Weltherrschaft kämpfenden Nationen entgegen. Es gibt für die Machtpolitik kein internationales Rechtsprinzip, sondern nur die Konkurrenz der nationalen Machtstaaten. In Deutschland wie in Italien wird die nationalistische Machtpolitik zur Staatsreligion und zur Grundlage der Staatsethik gemacht. In Italien knüpft sie an die Traditionen des römischen Reiches an, in Deutschland wird sie verbunden mit der Rassenmystik. Die Rolle, die der Staat in der älteren Lehre vom Machtstaat spielte, spielt bei Hitler ein mystischer Begriff des arteigenen Volkes. Die Januarrede von Hitler war dafür besonders B- 3lehrreich. Die Erhaltung der Rasse und des arteigenen Volkes bezeichnete er als göttlichen Willen und Befehl, als den von der Vorsehung gewollten und erzwungenen Sinn und Zweck des Lebens. Diese Mystik wird bewusst an die Stelle der anrüchig gewordenen Lehre gesetzt, dass der Krieg eine von Gott gewollte Einrichtung und der eigentliche Sinn des Lebens sei. Praktisch läuft sie auf dasselbe hinaus. Eine Politik, deren führende Männer solchen Anschauungen huldigen, ist zwangsläufig eine Gefahr für den Frieden. Ihre propagandistischen Ideen-nationale Ehre und Grösse, geschichtliche Sendung der deutschen Nation- münden alle in die Leere des reinen Machtwillens. Die Ziele dieser Politik sind grundsätzlich unbegrenzt, sie wachsen mit der Macht. Wir haben auf diese wichtige Tatsache seit Jahren systematisch aufmerksam gemacht. Ihre Erkenntnis ist von grosser Bedeutung. Denn weil die Ziele dieser Machtpolitik grundsätzlich unbegrenzt sind, kann ein Machtstaat vom Typ des nationalistisch- militärischen Deutschlands von heute weder durch territoriale noch durch wirtschaftliche Konzessionen seines aggressiven Wesens beraubt und in einen Kulturstaat verwandelt werden. Diese Machtpolitik schliesst ein friedliches demokratisches Nebeneinander der Völker ebenso aus wie eine demokratische Freiheit im Innern. Sie kennt keine Menschenrechte, keine autonome Persönlichkeit das alles ist für Hitler nur eine" marxistische Lehre von der Menschheit", der er die Forderung entgegensetzt, den Menschen brutal unter das Gesetz des Nationalismus, unter die Staatsraison des Machtstaates zu zwingen. Die Machtpolitik kennt keine gesellschaftlichen Zwecke, denen der Staat zu dienen habe, sondern nur die Gesellschaft als Mittel des Machtzwecks. Diese Vernichtung aller Menschenrechte, aller humanitären Zielsetzung, aller Freiheit, die von der Autonomie der Persönlichkeit ausgeht, ist das Ziel der gegenrevolutionären Machtpolitik Sie strebt nach der Vorherrschaft in Europa, um ein Europa nach dem Bilde Deutschlands und Italiens zu schaffen. Die Ereignisse des Jahres 1936 haben gelehrt, dass der Einfluss der B- 4deutschen Machtpolitik gleich bedeutend ist mit gegenrevolutionärem Einfluss, mit Vergewaltigung demokratischer Verfassungen, mit dem Tode der Freiheit. Die langsame Abwürgung der demokratischen. Verfassung in Danzig ist ebenso ein Beispiel dafür wie das Schüren und die Unterstützung der spanischen GeneralsRebellion durch die Hitlerpolitik. Der wachsende deutsche Einfluss in Bulgarien hat dort die rein faschistischen Tendenzen gestärkt, und in Griechenland hat der deutsche Einfluss einen Staatsstreich zum mindesten begünstigt, der die demokratische Verfassung zerriss und eine Diktatur nach deutschem Muster an ihre Stelle setzte. Alle Völker, die zum Hitlerstaat in ein näheres Verhältnis geraten, werden dadurch der Gefahr der inneren Versklavung ausgesetzt. Wir haben erst kürzlich an dieser Stelle auseinandergesetzt( Bericht Nr. 11, November 1936, Seite B 26), was dieser gegenrevolutionäre Herrschaftswille für die Völker im Südosten Europas und für ihre Staaten bedeutet. Hitlers Absage an die Friedenssicherung Der Erkenntnis dieser Zusammenhänge steht der Umstand entgegen, dass die Staatsmänner der demokratischen Länder immer wie der erklären, dass sie eine ideologische Zerreissung Europas und eine ideologische Blockbildung in Europa entschieden ablehnen. Mit diesen Erklärungen suchen sie Widerstand zu leisten gegen die ideologische Propaganda des Hitlersystems, die alles auf die Formel bringt: für oder gegen den Bolschewismus. Mit dieser Formel soll die Tatsache verborgen werden, dass tatsächlich eine grosse ideologische Spaltung durch Europa geht nur dass es nicht um den Gegensatz zum Bolschewismus geht, sondern um den Gegensatz zwischen Demokratie, Liberalismus, Menschenrechten hier und der Sklaverei und der Machtpolitik des Nationalsozialismus und des Faschismus dort. Die Verdunkelung dieser tatsächlich bestehenden Spaltung durch Staatsmänner demokratischer Länder geht zurück auf die trotz allen von ihnen immer B-5noch genährte Hoffnung, dass Hitlerdeutschland auf den Boden und in den Kreis einer grundsätzlich anderen Politik als seiner nationalostischen Machtpolitik gezogen werden könnte. Diese Hoffnungen gleichen Hoffnungen auf eine Quadratur des Zirkels. Dass sie trotz allem nicht klar und öffentlich fallen gelassen werden, hat seinen Grund. Sie geben den demokratischen Staatsmännern die Möglichkeit, an der Organisation zum Aufschub des Krieges zu arbeiten. Fallen sie, so bleibt nur der Krieg. Um diese Quadratur des europäischen Zirkels bemühen sich die Reden von Eden und Blum, die der Hitlerrede vom 30. Januar vorangingen. Im Grunde genommen dreht sich die europäische Politik von 1933 an um dieses Problem. Es waren im wesentlichen zwei Systeme, die der nationalistischen deutschen Machtpolitik gegenübergestellt wurden und in die man die deutsche Politik einzubeziehen suchte. Das eine ist das System des Völkerbundes nach den strengen Rechtsprinzipien des Völkerbundspaktes, das System der kollektiven Sicherheit. Es gestattet keine Aenderung des Status quo ohne Zustimmung des Betroffenen, lässt also keinen Raum für eine Machtpolitik, die nach Expansion strebt es sei denn, dass sie den Weg über eine innere Zerrüttung und Spaltung eines Landes nimmt, wie sie in Spanien verübt worden ist und im Südosten Europas versucht wird. Auf diesem System beruhten die verschiedenen Paktvorschläge, mit denen Hitlerdeutschland in ein System der europäischen Friedenssicherung einbezogen werden sollte. Dieses System und die davon ausgehenden Vorschläge-vor allem die Ostpakte- sind von Hitler konsequent zurückgewiesen worden, noch zuletzt in seiner Rede vom 30. Januar 1937. Er hat sich nicht damit begnügt, sondern hat im Laufe des Jahres 1936 noch Bindungen zerstört, die auf die Erhaltung des Friedens abzielten. Er hat den Westpakt-den Locarnopakt- zerrissen. Er hat den Abschluss eines neuen Westpaktes sabotiert. Zwischen den Erklärungen des französischen Ministerpräsidenten Léon Blum, der nach einer europäischen Gesamtlösung B -6auf dem Prinzip der kollektiven Sicherheit strebt, und den Reden und Taten Hitlers ist eine Kluft. Es ist die Kluft zwischen demokratischer Friedenspolitik und nationalistischer Machtpolitik. Das andere System geht von älteren Gleichgewichtsvorstellungen aus; es ist im wesentlichen das System der englischen Politik. Es beruht auf der Annahme, dass es keine vollständig entgegengesetzten Interessen von Grossmächten gebe, sondern nur sich durchkreuzende Interessen, dass man deshalb gefährliche Interessenkonflikte ausgleichen könne durch Verständigung über gemeinsame Interessen. Es erstrebt demnach keine festen Blocks, sondern das Zusammenspiel aller. Es ist die Methode, die die englische Politik unmittelbar vor 1914 Deutschland gegenüber anzuwenden suchte, obwohl damals die grossen Blocks der Entente und des Dreibundes einander gegenüberstanden. Jetzt hat der englische Aussenminister Eden den Wunsch erkennen lassen, dass Deutschland auf diese Methode eingehe und zugleich auf das Prinzip der nationalistischen Machtpolitik verzichte. Dieser Wunsch nach einem politischen Zusammenspiel aller ist also abermals ausgesprochen worden in einer Zeit, in der trotz aller offiziellen Erklärungen und Wünsche sich grosse Blocks gegenüberstehen: hier Frankreich und England, Frankreich und seine Vertragspartner im Osten und Südosten, dort Deutschland mit dem, was Hitler zum Teil mit Grund, zum Teil ohne Grund als seine jetzigen und künftigen Verbündeten ansieht. Diesem Wunsche der englischen Politik hat Hitler seinen eigenen Wunsch entgegengestellt, dass England zum Verbündeten der deutschen Machtpolitik werden möge. Das ist die Ausgangskonzeption Hitlers: die Bundesgenossenschaft Italiens und Englands zu erwerben gegen Frankreich und Russland. Er hat aber auch auf einen neuen möglichen Dreibund oder Bund der Mittelmächte gepocht: Deutschland, Italien, Polen, Oesterreich, Ungarn, Jugoslavien, Bulgarien, Griechenland. Und schliesslich hat er deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht auf seine Machtpolitik, auf seine Staatsreligion und damit auf den militari B-7stisch- nationalistischen Charakter seines Systems und seiner Politik zu verzichten gedenke. Für keines der beiden Systeme, einzubein die demokratische Staatsmänner Hitlerdeutschland ziehen wünschen, um die Kriegsgefahr zu vermindern, besteht bei Hitler Gegenliebe. Die Voraussetzungen, die Eden und Blum für eine Politik der Befriedung Europas als notwendig bezeichnet haben, sind nicht gegeben. Die Situation ist deshalb heute verdächtig ähnlich der Situation von 1913/1914, in der alle Staatsmänner an der Organisation zum Aufschub des Krieges arbeiteten und ihn doch nicht verhindern konnten. Hitler hat erklärt, dass mit dem Jahre 1936 die Periode der Ueberraschungen abgeschlossen sei. Das bedeutet nicht, dass der Zustand Europas stabiler wird. Denn die Politik des militaristischen Nationalismus hat ihre innere Gesetzmässigkeit. Sie hat sich die Wirtschaft untergeordnet und muss nun den Zwangsläufigkeiten folgen, die sich daraus ergeben. Man hat in den demokratischen Ländern geglaubt, dass aus diesen Zwangslagen des deutschen Militarismus sich ein Weg zum Frieden öffnen könnte dass wirtschaftliche und politische Verständigung Hand in Hand gehen könnte. Die Januarrede Hitlers lehrt, dass er nicht daran denkt, das künstlich geschaffene Angriffspotential Deutschlands abzubauen. Diese Rede lässt erkennen, dass wirtschaftliche Konzessionen an Deutschland nicht zu einer Kapitulation der deutschen Machtpolitik vor dem Geiste des Friedens, sondern nur zu einer Kapitulation der anderen vor dem Geiste der deutschen Machtpolitik führen würden. Die Tendenzen der Hitlerpolitik Am Ende des Jahres 1935 schien die Politik der deutschen Regierung an einem toten Punkte angelangt zu sein. Aber die Lage wurde verändert und für die deutsche Politik erleichtert durch die Wendung des abessinischen Krieges. Europa erhielt eine Lektion darüber, wohin die Begünstigung des faschistischen perialismus durch demokratische Mächte führt. Die Ereignisse B-8von Ende 1935 und 1936 haben gezeigt, wie verhängnisvoll sich die Politik der Begünstigung ausgewirkt hat, die England gegenüber Mussolini in früheren Jahren betrieben hat. Der Beschluss von Stresa im April 1935, der Italien die Ordnung der österreichischen Angelegenheiten selbständig übertrug, hat den Schaden noch vermehrt. Denn als Mussolini erkannte, dass die Westmächte den italienischen Imperialismus als notwendiges Gegengewicht gegen den deutschen ansahen, nahm er sich den Kaufpreis, den er selbst bestimmte. Durch den abessinischen Krieg aber zerschlug er eben das Rechts- und Vertragssystem, mit dem die Westmächte den deutschen Militarismus fesseln wollten. Er kam den deutschen Tendenzen zur Zerstörung des internationalen Rechts machtvoll zu Hilfe. Zweifellos hat Mussolini die deutsche Politik im Jahre 1936 von einem immer stärker werdenden diplomatischen Druck befreit und hat ihr Bewegungsfreiheit verschafft, so dass sie in der ersten Hälfte des Jahres die Machtlage rechtlich zu ihren Gunsten verschieben konnte mit dem Ergebnis, dass sie aggressiv wurde in den überheblichen und provokatorischen Formen, die die wilhelminische Aussenpolitik haben. Alle Tendenzen deutvor dem Kriege charakterisiert scher imperialistischer Expansion, die schon vor dem Kriege in der politischen Realität und in der politischen Literatur aufgetaucht sind, wurden gleichzeitig sichtbar. Die Politik.des neuen deutschen Militarismus vernachlässigt keine von ihnen. Soweit sie sie nicht unmittelbar verfolgt, bereitet sie ihre 610 künftige Verwirklichung systematisch vor auf die Gefahr hin, in ganz Europa Hass und Erbitterung über die immerwährende Verschwörertätigkeit gegen den Frieden auf das deutsche Volk herabzuziehen. Gegen Osten ist an die Stelle der Rosenbergschen Eroberungspläne die klare Tendenz getreten, Sowjetrussland zu isolieren. Bedeutet die Besetzung und Befestigung des Rheinlandes eine strategische Trennung Sowjetrusslands und der Kleinen Entente von Frankreich, so soll die Diplomatie nun auch eine politische Trennung, eine Auflösung des französisch- sowjetrussischen Paktes B- 9erreichen. Der deutsche Militarismus blickt mit Besorgnis auf die wachsende Militärmacht Sowjetrusslands, die dem deutschen Nationalismus bei seinem Bestreben nach der Vorherrschaft in Europa in den Weg treten könnte- ganz abgesehen davon, dass die Rosenbergschen Pläne keineswegs völlig aufgegeben wurden, wenn sie auch in den Hintergrund getreten sind. Diese Pläne entstammen der kontinentalen Schule der Alldeutschen, sie sind im Kriege von Ludendorff, vor dem Kriege und nach 1933 von Hugenberg vertreten worden, sie haben eine grosse Rolle in der ursprünglichen politischen Konzeption von Hitler gespielt. Das Gerede Hitlers von der bolschewistischen Gefahr hat heute nicht nur innerpolitische, sondern auch aussenpolitische Bedeutung. Sowjetrussland soll zum schwarzen Mann in Europa, zum Paria geredet werden. Die antibol schewistische Propaganda Hitlers möchte Sowjetrussland in die Rolle hineinschieben, in die durch die Politik Hitlers Deutschland selbst immer stärker gerät. Die deutschen Machtpolitiker wissen recht gut, dass ohne einen Rückhalt im Osten das französische Bündnissystem gegenüber dem deutschen Militarismus problematisch ist, zumal wenn es zweifelhafte Punkte wie Polen enthält. Die sowjetrussische Militärmacht ist ihnen eine zahlenmässig einigermassen bekannte, ihrem wirklichen Wert nach aber einigermassen unbekannte Grösse, die ihnen jede Kriegskalkulation verdirbt. In ihrer politischen Ausschaltung würden sie eine grosse Erleichterung für ihre Expansionspläne erblicken. Dies Ziel ist während des Jahres in den Vor1936 systematisch und öffentlich verfolgt worden verhandlungen um einen Ersatz für den Locarnopakt, in den Verhandlungen um die Nichtintervention in Spanien, es hat auch eine wesentliche Rolle in der Hitlerrede vom 30. Januar gespielt. COP Auch Polen gegenüber ist die deutsche Politik keineswegs so fried fertig wie es nach dem deutsch- polnischen Vertrag vom Januar 1934 erscheinen möchte. Im Laufe des Jahres 1936 ist die Propaganda und Verschwörertätigkeit in Polnisch- Oberschlesien sehr lebendig gewesen. Sie hat systematisch Gerüchte von B- 10einer bald bevorstehenden Rücknahme Oberschlesiens verbreitet. Gegen Südosten hat das Jahr 1936 eine verstärkte Aktivität der deutschen Politik in der Richtung der alten Linie BerlinBagdad gezeigt. Diese Aktivität hat zwei Methoden benutzt. Es ist versucht worden, wirtschaftlich in den Balkanländern vorzudringen, deren Wirtschaft durch die Sanktionen gegen Italien geschwächt war. Das wirtschaftliche Vordringen sollte das politische Vordringen vorbereiten. Die andere Methode war der Weg über reaktionäre und-faschistische Kräfte und Parteien in den Ländern der Kleinen Entente und der Balkanentente und der Versuch der Einschüchterung durch die deutsche Militärmacht. Die Tendenz geht dahin, diese Pfeiler des Bündnissystems gegen eine deutsche Expansion in der Linie Berlin- Bagdad zu schwä– chen oder gar zum Einsturz zu bringen. Am bemerkenswertesten aber war, mit welcher Entschiedenheit die deutsche Politik im Laufe des Jahres 1936 die Kolonialforderungen in den Vordergrund geschoben hat bis zur offen ausgesprochenen Drohung, dass ohne die Erfüllung der deutschen Kolonialforderung kein wahrer europäischer Frieden möglich sei. Diese Kolonialforderungen zeigen, wie sehr die nationalsozialistischen Politiker in den Bannkreis des traditionellen deutschen Imperialismus geraten sind. Die ursprüngliche Konzeption Hitlers war rein kontinental und ausgesprochen kolonialfeindlich heute vertritt er eine Politik des Uebersee- Imperialismus im Stile jener alldeutschen Schule, der selbst Wilhelm II noch ein zu zahmer und schüchterner Imperialist war. Der Zusammenhang dieser Kolonialforderung mit der durch die Kriegsrüstung verursachten Selbstblockade und Rohstoffnot ist übrigens ohne weiteres einleuchtend. Die Intervention Deutschlands in Spanien ist dafür sehr aufschlussreich. Auf Grund eines Vertrages mit dem Rebellen general Franco liefern die Aufständischen an Deutschland eine sehr beträchtliche Menge Eisenerze, für die Deutschland nicht mit Gold oder Devisen, sondern mit Waffen und Truppen bezahlt. Auch sonst ist die Politik Deutschlands in der spanischen Frage sehr lehrreich. B- 11In Spanisch- Marokko, darüber hinaus aber auch in FranzösischMarokko, wird unter den Eingeborenen systematisch Stimmung gemacht gegen die französische Herrschaft, ebenso wie die deutsche Propaganda in Arabien und Palästina gegen England arbeitet. Wie Veröffentlichungen aus spanischen Archiven zeigen, reicht diese Arbeit bis weit in die Zeit vor dem Machtantritt Hitlers zurück. Hier wird nicht für den Tag gearbeitet, sondern mit langer Sicht auf eine künftige Situation, die die bisherigen Besitzverhältnisse erschüttern und eine Neuverteilung der Welt einleiten soll. Das gleiche gilt für den Vertrag mit Japan, der seine Bedeutung hat nicht nur im Hinblick auf Sowjetrussland, sondern auch im Hinblick auf das holländische Kolonialreich, in dem die deutsche Propaganda ebenfalls sehr aktiv ist. Zieht man noch in Betracht, dass durch einen Vertrag mit Italien Deutschland einen Luftstützpunkt im östlichen Mittelmeer erhalten hat, und dass es heute de facto in Melilla in Spanisch- Marokko einen Stützpunkt für Flugzeuge und Untersee boote besitzt, so erkennt man deutlich das Streben zum Uebersee- Imperialismus, zur Weltpolitik im wilhelminischen, vielleicht im überwilhelminischen Stile. Die Ergebnisse Es erhebt sich nun die Frage: wie weit haben diese Tendenzen, die allesamt im Jahre 1936 kräftig hervorgetreten sind, zu Ergebnissen geführt? Die deutsche Politik ist heute von dem Ziel, Sowjetrussland aus Europa hinauszudrängen, weiter entfernt als im Sommer des Jahres 1936. Unmittelbar nach der Rheinlandbesetzung kam das französische Bündnissystem in einen labilen Zustand. Je stärker die französische Politik im Sommer in das Schlepptau der englischen Politik geriet, umso grösser wurden die deutschen Hoffnungen, ans Ziel zu gelangen. Bei den Versuchen, eine neue Locarnokonferenz vorzubereiten, neigte die eng B- 12lische Politik unverkennbar dazu, den Wünschen Deutschlands weit entgegenzukommen und alle Ostfragen in den Hintergrund zu schieben und auf eine ungewisse Zukunft zu vertagen. Im letzten Drittel des Jahres jedoch ist diese Tendenz zurückgetreten. Die antibols chewistischen Brunnenvergiftungsversuche Hitlers sind von der englischen Politik höflich, aber deutlich zurückgewiesen worden. Die Spekulation auf einen gemeinsamen europäischen bürgerlichen Klassenhass gegen Sowjetrussland hat sich als irrig erwiesen. Damit ist vorerst der Versuch gescheitert, Nutzen aus der Parole zu ziehen, dass Europa entweder bols chewistisch oder faschistisch werden müsse. Die grossen demokratischen Westmächte lassen sich in dies Propagandaschema der Gegenrevolution nicht eingliedern. Der Vertrag mit Polen wird auch heute noch von der Hitlerpropaganda als ein politisches Aktivum angesehen aber mit viel geringerem Recht als zuvor. Mit dem Anwachsen der deutschen Rüstungen sind in Polen auch die Sorgen gewachsen, dass der immer stärker werdende Nachbar eines Tages Revanche für die Abtretung des Korridors und Oberschlesiens nehmen könnte. Die polnische Politik hat sich deshalb wieder stärker Frankreich angenähert. Zwischen Frankreich und Polen sind neue finanzielle und politisch- militärische Bande geknüpft worden. Wenn die Hitlerpropaganda Polen als Bundesgenossen Deutschlands den Westmächten gegenüber ausspielt, so handelt es sich um einen äusserst zweifelhaften Bundesgenossen, der sich sehr leicht in einen Feind verwandeln könnte, wenn sich Deutschland in ein kriegerisches Abenteuer einliesse. In der Richtung nach dem Balkan hat die Politik der Zersetzung und Aufweichung der Bündnisse, die die kollektive Sicherheit garantieren sollen, unverkennbare Fortschritte gemacht. Es handelt sich dabei nicht um endgültige Ergebnisse. Von einer wirklichen Aenderung des Status quo in Mittel- und Südosteuropa, einem materiellen Erfolg der auf diese Aenderung abzielenden Tendenz der deutschen Politik ist keine Rede. Wohl aber hat sich die Konstellation zu Gunsten der revisionistischen Tenden B- 13zen geändert. Unmittelbar nach der Rheinland besetzung richtete die englische Regierung einen Fragebogen an die deutsche Regierung, in den der Status quo im Osten eine wesentliche Rolle spielte. Auf diesen Fragebogen hat die englische Regierung keine Antwort erhalten, bis Hitler in seiner Rede von 30.Januar den Engländern erklärte, dass sie auf solche Fragen keine Antwort erhalten würden, und dass Deutschland in der Sache durch seine Politik darauf antworte und geantwortet habe. Worin haben diese Antworten bestanden? Es handelte sich zunächst um das Problem Oesterreich. Die Unabhängigkeit Oesterreichs, nach der sich der Fragebogen erkundigt hatte, besteht heute darin, dass Deutschland und Italien auf Grund ihrer Abreden das Land in völlige Abhängigkeit von beiden faschistischen Ländern versetzt haben. Das Land ist heute in Wahrheit gemeinsames deutsch- italienisches Herrschaftsgebiet. Einst war es ein Brennpunkt der europäischen Politik, ein Punkt, an dem der Widerstand gegen den Machtwillen des nationalsozialistischen Deutschlands sichtbar wurde.. Heute ist es still darum geworden. Dies Land wird nicht Glied einer Gegenkoalition sein, wenn die deutsche Politik zum Kriege treibt wie immer auch Italien sich dann stellen wird. Unter dem Gesichtspunkt der Macht- und der Kriegsrechnung hat die deutsche Politik in Oesterreich nahezu das erreicht, was sie braucht. Die Frage: Anschluss oder nicht Anschluss? ist heute für die deutsche Machtpolitik lange nicht mehr so aktuell wie ersetzt zunächst den 1933. Die machtpolitische Beherrschung Anschluss. Der" Brückenschlag" nach Italien ist in der Konstellation von heute jedenfalls gelungen. Ein weiterer Punkt ist die Frage Tschechoslowakei- Kleine Entente. So wenig wie das französisch- russische ist das tschechoslowakisch- russische Beistandsabkommen erschüttert worden. Aber der Druck der deutschen Militärmacht hat erreicht, dass sich im Laufe des Jahres 1936, und besonders in der Zeit der Schwäche des englisch- französischen Auftretens in der Tschecho B-14slowakei im Lager der regierenden Agrarpartei Stimmen der Kritik an diesem Abkommen geregt haben, die eine Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland und eine Abkehr von der strengen Linie der Politik, die Masaryk und Beneš geführt haben, forderten. Solange jedoch die tschechoslowakische Politik auf die Unterstützung Frankreichs und Russlands rechnen kann, wird sie ihre traditionelle Bahn nicht verlassen. Sie ist deshalb auch nach wie vor Gegenstand der Drohungen des deutschen Militarismus. Die Kleine Entente ist durch den deutschen Druck in einer Weiterentwicklung zu einem geschlossenen Sicherheitssystem im Osten aufgehalten worden. Weder Rumänien noch Jugoslawien haben sich den Beistandspakten mit Sowjetrussland angeschlossen. Das Bestreben der französischen Politik, die Bündnispflicht der Kleinen Entente, die bei einem ungarischen Angriff in Wirksamkeit tritt, auf einen Angriff Deutschlands auf die Tschechoslowakei auszudehnen, hat zu keinem Ergebnis geführt. In Rumänien wächst der Einfluss der faschistischen Organisationen, in Jugoslawien zeigt sich trotz aller schlechten Erfahrungen bei den Geschäften mit Deutschland eine Annäherungstendenz. Dies ist der Grund dafür, dass Hitler Jugoslavien neben Ungarn, Japan und anderen in der Liste der Länder aufführte, mit denen Deutschland in besonders guten Beziehungen steht. Aber alles dies sind noch keine abgeschlossenen Ergebnisse so dass man diese Stelle der Hitlerrede nicht als Konstatierung einer endgültigen Tatsache, sondern als Manöver zur inneren Zersetzung der Kleinen Entente auffassen muss. Erfolgreicher sind jedenfalls die deutschen Manöver gegen die Balkan- Entente gewesen. Nach dem Staatsstreich in Griechenland, der ein faschistisches Regime an die Macht brachte, das das Land nach dem Muster des Hitlerstaates terrorisiert und militarisiert und sich von Deutschland bewaffnen lässt, nach dem Vertrag zwischen Jugoslawien und Bulgarien, der sich mit dem Status der Balkan- Entente nicht gut vereinbaren lässt, ist B- 15die Schwächung dieses Systems deutlich sichtbar geworden. Was den Uebersee- Imperialismus und die Kolonialforderung anbetrifft, so ist die Forderung nach einer Rückgabe der ehemals deutschen Kolonien von den jetzigen Inhabern bisher mit Entschiedenheit abgelehnt worden. So hat die Konferenz der in England regierenden konservativen Partei jeder Rückgabe ein entschiedenes Nein entgegengesetzt. Schon der Versuch, zu einer aktiven Politik im Stile des Wilhelminismus überzugehen, hat sofort zu einer ernsten Krise geführt. Die neue Marokkoangelegenheit hat erkennen lassen, dass auf diesem Gebiete, wo es faktisch schon um die Neuverteilung der Welt geht, Ueberraschungen und Handstreiche nicht hingenommen werden. Mit ihrer Aktivität nach allen Seiten hin hat die deutsche. Aussenpolitik Gegenwirkungen hervorgerufen. Auf die deutsche Kriegsrüstung antwortet die Aufrüstung der anderen Mächte. Namentlich England hat zur Zeit des abessinischen Krieges erkannt, dass gegenüber dem Angriffspotential eines faschistischen Staates das latente Kriegspotential selbst eines Weltreiches keine hinreichende Grundlage der Politik bildet, und dass es in gegenwärtige, einsatzbereite militärische Kraft verwandelt werden muss. Seitdem arbeiten England, Frankreich und Sowjetrussland daran, der konzentrierten Militärmacht Deutschlands und Italiens gleichwertige oder überlegene Rüstungen gegenüberzustellen. Bei diesem rasenden Rüstungswettlauf sind auf die Dauer England und Frankreich wirtschaftlich im Vorteil. Der militärischen Gegenwirkung entspricht die politische.Heute 1st die politische englisch- französische Zusammenarbeit intensiver als jemals zuvor seit dem Machtantritt Hitlers. Sie ist an die Stelle des von Hitler zerrissenen Locarnopaktes getreten. Es steht zudem ausser Frage, dass die Gegenkräfte gegen die Pläne des deutschen Militarismus die moralische und politische Rückendeckung aller demokratischen Kräfte haben, vor allem die Rückendeckung der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Weltmächte England, Frankreich, Sowjetrussland stehen dem B-16ED Durchbruch des deutschen Militarismus zur Vorherrschaft in Europa im Wege. Ihnen gegenüber hat die Politik der kleinen Mittel, wie sie von Deutschland nicht ohne Erfolg in Südosten geübt worden ist, ihre Grenzen. Das bedeutet aber, dass die deutsche Politik weder die Vorherrschaft noch die Neuverteilung der Welt erreichen kann ohne Krieg. Darum haben alle Ergebnisse dieser Politik rein provisorischen Charakter. Das gilt für alles auch für die politischen Bündnisse und Freundschaften, deren sich Hitler in seiner Rede vom 30. Januar gerühmt hat. Für die meisten dieser Länder ist es mehr als zweifelhaft, ob die Hitlerpolitik im Kriegsfalle auf sie als Bundesgenossen oder als wohlwollende stille Helfer zählen könnte. Die Erfahrungen des Weltkrieges haben gezeigt, dass die Stellungnahme der Kleinen im Kriegsfalle abhängt von der Macht der grossen Kriegführenden und von dem Drucke, der auf die Kleinen ausgeübt wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist es der Hitlerpolitik nicht gelungen, die deutsche Aufrüstung durch ein Bündnissystem zu verstärken, das Deutschland die Uebermacht gegen mögliche Gegenkoalitionen der Grossmächte sichern würde. Anders steht es um die Funktion solcher Bündnisse und Blockbildungen in der Periode der Vorentscheidungen. Das typische Beispiel dafür ist der deutsch- italienische Block. Wie es mit ihm im Kriegsfalle aussehen wird, steht dahin. Aber heute ist er eine Realität der europäischen Politik. Die Zusammenarbeit Deutschlands und Italiens kann dazu führen, dass in der Vorbereitungsperiode beide Mächte ihre Ausgangspositionen für eine kriegerische Auseinandersetzung mit anderen Mächten verbessern. Sie kann auch dazu führen, dass die gegenrevolutionären Ziele beider Mächte gegenüber verschiedenen Ländern erreicht werden. Diese Vorbereitungsperiode ist voller Gefahren. Die Spannungen zwischen England, Frankreich und Sowjetrusland einerseits und Deutschland andererseits sind heute grösser als in den Jahren, B- 17die dem Weltkrieg vorangingen. Sie sind nicht nur grösser, sondern auch ausgesprochener, und es ist nicht das Verdienst der deutschen Politik, sondern das Verdienst der französischen, englischen und russischen Politik, die wirklich den Frieden will, dass es bisher noch nicht zum Kriege gekommen ist. Das ist eine Tatsache, die allen Völkern bewusst ist. Würde es heute zum Kriege kommen, so würde kein Mensch in der ganzen Welt daran zweifeln, dass die Kriegsschuld auf den Schultern der deutschen Regierung liegt, und ein Sturm des Hasses gegen das deutsche Volk würde die Folge sein. Die Dauer dieser Zwischenperiode, in der wir uns jetzt befinden, ist nicht abzusehen. Sicherlich ist trotz der bisherigen Erfahrungen damit zu rechnen, dass die Staatsmänner der Westmächte immer wieder die Quadratur des Zirkels zu lösen, den deutschen Militarismus zu besänftigen versuchen werden. Es ist möglich, dass solche Versuche vom politischen auf das wirtschaftliche Gebiet verlegt werden, so dass dabei die deutsche Rüstung noch wirtschaftliche Hilfe von aussen her erfährt. Solche Hilfe, deren Sinn es wäre, dem deutschen Militarismus den Krieg abzukaufen, müsste zur Stabilisierung und zur Verlängerung des Systems beitragen, sie würde die Machtlage zu Gunsten des deutschen Militarismus verschieben. Was sich von 1933 an auf dem Gebiete der politischen Duldung, ja der Begünstigung der deutschen Aufrüstung ereignet hat, könnte sich dabei auf wirtschaftlichem Gebiete wiederholen. Hält diese Zwischenperiode länger an, so würde die dauernde Kriegsgefahr zum normalen politischen Zustande in Europa werden und die europäische Politik würde dann im wesentlichen darin bestehen, dass am Hinausschieben der kriegerischen Entscheidung gearbeitet wird• ohne sie verhindern zu können. B-18II. Die Wirtschaftspolitik 1) Die Scheinblüte der Wirtschaft Die deutsche Wirtschaft bietet an der Wende vom vierten zum fünften Jahr der Diktatur und damit an der Wende vom ersten zum zweiten Vier jahresplan ein widerspruchsvolles Bild, auf dem sich Licht und Schatten rätselhaft zu verteilen scheinen. Die Arbeitslosigkeit ist stark zurückgegangen, es herrscht Mangel an Facharbeitern; die industrielle Produktion hat den letzten Höchststand von 1929 überschritten; der Verbrauch ist dem Werte nach gestiegen. Die Steuereinnahmen sind beträchtlich gewachsen; der Geldmarkt ist flüssig und die Spareinlagen haben weiter zugenommen. Und die Schattenseiten: Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist nur mit grossen Stockungen und unter Anwendung vielfacher Zwangsmassnahmen aufrecht zu erhalten, allenthalben herrscht Mangel an Rohstoffen; die Löhne sind im Durchschnitt weiter gesunken und darüber hinaus in ihrer Kaufkraft durch starke Preissteiger ungen vermindert, der Gold- und Devisenbestand der Reichsbank ist noch weiter zusammengeschrumpft; Bankgeschäft und Kapitalmarkt liegen nach wie vor darnieder. Diese Widersprüche haben sich nicht durch Zufall ergeben. Teils sind sie bewusst herbeigeführt worden, teils sind sie die zwangsläufige Folge einer Wirtschaftspolitik, die machtpolitischen Zielen untergeordnet ist. Von der Arbeitsbeschaffung zum Arbeitseinsatz Nach der amtlichen Statistik betrug die Zahl der Arbeitslosen Ende Dezember 1936 1.478.000 gegen 2.508.000 ein Jahr zuvor. Die Zahl der Beschäftigten ist nach der Statistik der Krankenkassen in der gleichen Zeit sogar von 15.582.000 aur 16.955.000 gestiegen. Gleichzeitig ist auch die tägliche B-19durchschnittliche Arbeitszeit der Industriearbeiter auf 7,66 Stunden gegen 7,40 1935 und 7,43 Stunden 1934 gestiegen und damit nur noch wenig von dem Höchststand von 7,80 Stunden im April 1929 entfernt. Alle diese amtlichen Zahlen sind-wie auch auf anderen Gebieten- von zweifelhaftem Wert. Der Begriff des Arbeitslosen ist heute nicht mehr derselbe wie vor dem Umsturz, sondern durch verschiedene administrative Massnahmen wesentlich eingeschränkt worden: Die" Durchkämmung der Arbeitslosen hat im letzten Jahre weitere Fortschritte gemacht und vor kurzem wurde sogar amtlich festgestellt, dass von den restlichen Arbeitslosen nur noch etwa 300.000 voll" einsatzfähig und damit allein als eigentlich erwerbslos anzusehen seien. Die Zahl der Notstandsarbeiter hat zwar abgenommen ( Ende Dezember 76.000), dafür aber ist die Zahl der Zwangsarbeiter, die auf die Baustellen der Wehrmacht und der Autobahn verschickt werden, stark gewachsen. Dazu kam die unechte Entlastung des Arbeitsmarktes durch die Einführung der zweijährigen Dienstzeit( um 400.000 Mann) und durch die beträchtliche Auffüllung des Arbeitsdienstes und der Landhilfe! Diese Methoden der unechten und gewaltsamen Entlastung des Arbeitsmarktes haben Deutschland in die Lage versetzt, seine Arbeitslosigkeit in ganz anderem Masse zum Verschwinden zu bringen als zum Beispiel England, obgleich die Produktionserweiterung noch beträchtlich grösser ist als in Deutschland. Die amtlichen Arbeitslosenziffern sagen also wenig über den tatsächlichen Beschäftigungsstand. Ebenso unzuverlässig sind die Beschäftigungszahlen der Krankenkassen. Einmal scheiden in jeder Krise beträchtliche Randschichten von Arbeitnehmern aus der Krankenkassenstatistik aus, weil sie versuchen, im Kleinhandel und Wandergewerbe ihren Lebensunterhalt zu verdienen, um dann bei Besserung des Arbeitsmarktes wieder in ihren erlernten Beruf zurückzuwechseln. In den letzten Jahren war dieser Rückwanderungsprozess besonders stark, weil die Lage des Kleinhandels sich immer ungünstiger gestaltete. Schliesslich ver B -20dient auch die Statistik über die durchschnittliche tägliche Arbeitsleistung in der Industrie keinen Glauben, weil sie die Kurzarbeit nur zum kleinen Teil berücksichtigt, nämlich nur insoweit, als sie vom Arbeitsamt genehmigt ist. Alle die zahllosen Fälle, in denen heute in Deutschland für Stunden oder Tage gefeiert werden muss, weil die Rohstoffversorgung stockt, werden von der Statistik einfach nicht zur Kenntnis genommen. Nicht zu bestreiten ist, dass in einzelnen Berufen, vor allem der Metall- und der Bauindustrie, im Laufe des letzten Jahres ein Mángel an Facharbeitern aufgetreten ist wie übrigens in anderen Ländern auch- so dass Massnahmen zur Deckung des Bedarfs erforderlich wurden( Aussonderung von Facharbeitern aus anderen Stellungen, Umschulung, Unterbindung des Wegengagierens, Förderung des Lehrlingsnachwuchses etc.) Dieser Facharbeitermangel in einzelnen durch die Rüstung besonders beanspruchten Berufen hat mit dazu beigetragen, dass im Laufe des vergangenen Jahres eine bedeutsame Wendung der nationalsozialistischen Arbeitspolitik immer deutlicher hervortrat: die Bewirtschaftung des Arbeitsmarktes nach wehrwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Wie alle anderen Bereiche der Wirtschaft wurde auch der Arbeitsmarkt in den Dienst der wirtschaftlichen Rüstung gestellt und neben die Massnahmen zur weiteren Verringerung der Arbeitslosigkeit traten die Vorkehrungen zur Lösung der Arbeiterfrage im Ernstfall. Mit Hilfe des Arbeitsbuches und der entsprechenden Arbeiterkartei in den Arbeitsämtern wurde eine umfangreiche Organisation geschaffen, die es ermöglichen soll, jeden Arbeiter an den Platz zu stellen, an der er gemäss den jeweiligen wirtschaftspolitischen Zielen gehört. Der zwischenbezirkliche Facharbeiterausgleich, die Zwangsverschickungen auf die Rüstungsbaustellen, die Unterbindung der Landflucht sind die ersten Anwendungsfälle der Politik des " Arbeitseinsatzes", der in einem kommenden Krieg entscheidende Aufgaben zugedacht sind. B- 21Hohe industrielle Produktion Die industrielle Produktion ist weiter gewachsen, allerdings wesentlich langsamer als in den beiden Vorjahren. Die gesamte industrielle Erzeugung ist 1936 um 11% gestiegen, gegen 18% im Jahre 1935. Damit hat die deutsche Industrieproduktion den Stand des Jahres 1929 mengenmässig um. 6% überschritten, während gleichzeitig die englische sogar um 16% uber 1929 lag. Infolge der Befestigung des Rheinlandes und der Einführung der zweijährigen Dienstzeit( Kasernenbau ten), nahm nach wie vor die Bauindustrie eine beherrschende Stellung ein. Von den seit 1933 eingestellten Industriearbeitern kamen 48% allein in der Bauwirtschaft unter: Der hohe Auftragseingang der Maschinenindustrie( 142,7% von 1928, und zwar 180,1% bei den Inlands-, 60,4% bei den Auslandsaufträgen) erklärt sich zum erheblichen Teil aus dem Bestreben der Unternehmer, durch maschinelle Anschaffungen die ausserordentlich gestiegene Steuerbelastung zu verringern. Auch die Verbrauchsgüterindustrie hat diesmal-im Gegensatz zur Abschwächung im Vorjahre- eine Zunahme zu verzeichnen: ihr Produktionsindex stieg um 11%, ihre Beschäftigungszahl um 9%.. Diese Steigerung ist zum erheblichen Teil eine Folge der neu eingeführten zweijährigen Dienstzeit( Bekleidung und Ausrüstung der Mannschaften, Einrichtung der Kasernen usw.). Ausserdem stand die Verbrauchsgüterindustrie im Jahre 1935 noch stark unter den Nachwirkungen der grossen Hamsterwelle vom Herbst 1934, während im Jahre 1936-angeregt durch die wachsende Rohstoffknappheit- wieder zahlreiche neue Hamsterkäufe einsetzten. Gleichwohl besteht das für die deutsche Wirtschaftslage bezeichnende Missverhältnis in der Entwicklung von Produktionsund Verbrauchsgüterindustrien fort. Die Produktionsgüterindustrie konnte in den letzten vier Jahren ihren Beschäftigungsstand um 120% steigern, die Konsumgüterindustrie nur um 29%. B- 22Die Steigerung der Produktion vollzog sich in den meisten Teilen der Industrie unter verschlechterten Ertragsverhältnissen. Die relative Senkung der fixen Kosten durch Ausdehnung der Produktion innerhalb der vorhandenen Kapazität hat in wichtigen Industriezweigen ihre Grenze erreicht. Die Bauindustrie war im dritten Vierteljahr 1936 zu 80% ihrer Kapazität beschäftigt, die Maschinenindustrie im September zu 89,2%, der Fahrzeugbau im August zu 90,3% und die Werftindustrie war praktisch vollständig ausgenutzt. Für die gesamte Wirtschaft errechnet die" Frankfurter Zeitung" eine durchschnittliche Ausnutzung der Arbeiterplatzkapazität zu 72%. Bei diesem hohen Ausnutzungsgrad ergab sich in wachsendem Masse die Notwendigkeit, Neuinvestitionen vorzunehmen, womit an Stelle der Kostendegression eine Kostensteigerung trat. Weitere Kostenerhöhungen ergaben sich aus der Verschlechterung der Rohstoffversorgung und aus der erneuten Erschwerung der Ausfuhr durch die Devalvationen im letzten Vierteljahr 1936. Aussenhandel und Zahlungsbilanz Auch die Entwicklung des Aussenhandels im letzten Jahre bietet äusserlich ein nicht ungünstiges Bild. Der Wert der Ausfuhr konnte um 12%, der der Einfuhr um 1,4% gesteigert werden, der Ausfuhrüberschuss von 111 Millionen im Jahre 1935 auf 550 Millionen. Das Bild erscheint aber sofort weniger günstig, wenn man nicht die Werte, sondern die Mengen zugrunde legt. Mengenmässig ist die Ausfuhr( Januar bis November 1936) um 15% gestiegen, die Einfuhr aber um 1,4% zurückgegangen. Es ist also nicht einmal gelungen, die Einfuhr im früheren, ohnehin unzureichendem Umfange aufrecht zu erhalten, sondern die Einfuhrschrumpfung hat sich auch 1936 noch fortgesetzt, mit allen Folgen der Minderversorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen. Die Steigerung der Ausfuhr aber wurde nur um den Preis ausserordentlich hoher Exportzuschüsse erzielt, die z.B. für den Ab B- 23satz von Lederwaren nach Holland 35%, für Strumpfwaren nach Frankreich 40% betragen( Das sind nur die Normalsätze, die in einzelnen Fällen noch wesentlich überschritten werden). Im letzten Viertel des vergangenen Jahres ist die Ausfuhr infolge der neuen Abwertungen in erneute Schwierigkeiten geraten. In diese Abwertungsländer ging bisher mehr als ein Viertel des gesamten deutschen Exports und noch dazu war der deutsche Aussenhandel mit diesen Ländern in den ersten 9 Monaten 1936 mit 413 Millionen RMK aktiv( während der gesamte Ausfuhrüberschuss in dieser Zeit nur 319 Millionen betrug). Bei gestiegener Gesamtgütererzeugung der deutschen Wirtschaft ist der Anteil des Exports weiter zurückgegangen. Er betrug 1936 nur 10 bis 11% der Gesamterzeugung gegen 20 bis 25% in den zwanziger Jahren. Auch der Anteil Deutschlands am Welthandel dürfte 1936. abermals gesunken sein. Noch wesentlich ungünstiger aber gestaltet sich das Bild, wenn man die Handelsbilanz als Teil der deutschen Zahlungsbilanz betrachtet. Wie der reine Warenhandel 1936 zahlungsbilanzmässig abschliesst, ist noch nicht bekannt. Es ist aber damit zu rechnen, dass in dieser Rechnung der Aktivsaldo wesentlich kleiner erscheinen wird. Im Jahre 1934 betrug das Passivum des deutschen Aussenhandels in der Statistik des Spezialhandels 284 Millionen, in der Zahlungsbilanz dagegen 373 Millionen RMk. 1935 verwandlete sich der Ausfuhrüberschuss von 111 Millionen zahlungsbilanzmässig in einen Einfuhrüberschuss von 3 Millionen RMK. Ein weiterer nachteiliger Umstand: Deutschland hat 1934 rund 550 Millionen, 1935 weitere 260 Millionen Clearingschulden im Ausland gemacht. Diese Schulden mussten im Jahre 1936 zum grösseren Teil abgetragen werden, so dass in dieser Höhe keine Devisen für die Warenausfuhr hereinkamen. Schliesslich hat Deutschland 1935 noch 550 Millionen für die Verzinsung von Auslandskrediten aufwenden müssen; für 1936 ist die Summe noch nicht bekannt, aber kaum geringer gewesen. Trotz gewisser Devisenüberschüsse aus dem Reiseverkehr und den" Dienstleistungen" ( vor allem Seeschiffahrt) mussten daher zum Ausgleich der Zah B- 24lungsbilanz weitere Zuschüsse aus dem ohnehin verschwindend geringem Gold- und Devisenbestand der Reichsbank geleistet werden.( Der Gold- und Devisenbestand, der Ende 1932 noch über 900 Millionen betragen hatte, ging von 93 Millionen Ende 1935 auf 72 Millionen Ende 1936 zurück) Demgemäss musste in den letzten Monaten die Devisenzwangswirtschaft abermals verschärft werden( strengste Ueberwachung des Eingangs der Ausfuhrerlöse, 3- Markgrenze für den Kleinen Grenzverkehr, schärfste Strafen gegen Kapitalverschiebungen ins Ausland usw.). Wachsender Rohstoffmangel Das Rohstoffproblem ist wie vorauszusehen war- im Jahre 1936 für die deutsche Wirtschaft zu einer sehr ernsten Frage geworden. Die Reserven der Wirtschaft waren auf allen Gebieten grösser und der Verzehr der Reserven deckte länger die Einfuhr ausfälle, als man allgemein erwartet hatte. Schliesslich aber gingen die Reserven doch zu Ende und dann nahm der Mangel an Metallen und Gummi, an Baumwolle und Wolle, an Oelen und Fetten von Monat zu Monat zu. In der letzten Zeit fehlte es auch an Eisen, so dass selbst die laufende Versorgung der Rüstungsindustrie ins Stocken geriet. Je mehr die Vorräte abnahmen, um so mehr häuften sich die Anordnungen der Ueberwachungsstellen. In der Textilwirtschaft wurde über den Beimischungszwang von Zellwolle hinaus die Kontingentierung des Absatzes von Zellwolle und Kunstseide erforderlich. Unter dem Schlagwort " Kampf dem Verderb" wurde eine umfassende Sammelaktion für Altmaterialien eingeleitet und gleichzeitig wurde mit dem neuer Vierjahres- Plan der Aufbau einer Ersatzstoffproduktion in bisher unbekanntem Ausmass in Angriff genommen. Dieser Rohstoffmangel wirkte sich nicht nur in einer unzulänglichen Versorgung der Bevölkerung aus diese Wirkung ist auch 1936 erst in den Anfängen spürbar geworden- sondern vor allem in einer erheblichen Kostens teigerung für die industrielle Produktion. Direkte Kosten erhöhungen entstanden durch die B-25Verteuerung der Rohstoffe. Im Clearing- und Kompensationsverkehr konnte Deutschland nicht immer das Beste und Billigste aus dem Ausland kaufen, sondern musste sich oft mit teurerer und schlechterer Ware begnügen. Die Ersatzstoffproduktion vollends liefert Rohstoffe, die trotz geringerer Qualität oft um ein vielfaches teurer sind als das Naturprodukt. Indirekte Kosten erhöhungen ergaben sich aus Umstellungsschwierigkeiten auf die neuen Rohstoffe( z.B. bei Verwendung von Zellwolle statt Wolle, von Kunstbaumwolle statt Baumwolle usw.), vor allem aber auch aus der stossweisen Versorgung mit Rohstoffen, die oft zu vorübergehenden Stillegungen führte. Das Scheitern der Erzeugungsschlacht Die" Versorgungsspannungen" in der Volks ernährung, die bereits im Jahre 1935 einsetzten, sind im vorigen Jahre bei fast allen Lebensmitteln aufgetreten. Irgend etwas war immer nicht oder nur in kleinen Mengen zu haben: bald Butter oder Eier, bald Schweine- oder Rindfleisch, bald Gemüse oder Kolonialwaren, bald Inland sobst oder Südfrüchte. Die Schlachtung von Schweinen und Rindern wurde kontingentiert, das Brot durch stärkere Ausmahlung verschlechtert, der Fettbezug eingeschränkt und einem Kartensystem unterworfen. Dafür wurde die Marmeladenerzeugung ausserordentlich gesteigert( von 700- 800.000 Zentner 1932/33 auf 2,8 Millionen Zentner 1936/37), der Genuss von Kohl, Kartoffeln und Fisch propagiert und schliesslich ein monatlicher amtlicher Speisezettel unter Anpassung an die jeweilige Versorgungslage herausgegeben. Ausserdem musste aber auch die Einfuhr von Tieren und tierischen Produkten von 168,7 Millio nen( Januar November 1935) auf 254,3 Millionen( im gleichen Zeitraum 1936) gesteigert werden. Dabei war die Sicherung der Volksernährung auch in dem unzulänglichen Ausmass nur dadurch möglich, dass ein weiterer Vorratsabbau erfolgte, vor allem beim Getreide. Am Ende des Land B- 26 wirtschaftsjahres 1935/36( Juli 1936) waren die Vorräte an Weizen, Roggen, Gerste und Hafer fast genau halbiert( 1.730.000, to gegen 3.430.000 to im Juli 1935); sie entsprechen jetzt gerade noch der notwendigen Uebergangsreserve von einem Erntejahr zum anderen. Der Brotgetreidebedarf des laufenden Jahres ist gedeckt- unter der Voraussetzung, dass sehr viel weniger verfüttert wird als bisher. Die Ablieferungsvorschriften für Getreide wurden verschärft; für Roggen und Weizen erging ein Brenn- und Verfütterungsverbot, sowie die Anordnung höherer Ausmahlung. Der Futtermittelmangel, der durch die Inanspruchnahme der gesamten Brotgetreideernte für die Ernährung entsteht, gefährdet aufs neue den Aufbau der Viehbestände, der im Laufe des Jahres in Gang gekommen ist. So gab es z.B. am 3. Dezember 1936 einen Rekord bestand an Schweinen( 25,75 Millionen Stück gegen 22,72 Millionen im Vorjahr), aber die Agrarpolitik des Regimes musste Massnahmen ergreifen, um die möglichst schnelle und reibungslose Verminderung des Schweine bestandes in die Wege zu leiten, ehe eine neue Futtermittelnot zu Notschlachtungen führt. Die Gesamterzeugung der Landwirtschaft hat sich wieder etwas erholt. Nach Angaben der" Frankfurter Zeitung" betrug die Erzeugung an Halmfrucht und Kartoffeln( unter Umrechnung von Kartoffeln in Halmfrucht nach dem Verhältnis 4: 1): 1932 1933 35,3 Millionen t 35,9 Millionen t 1934 32,7 Millionen t 1935 1936 31,4 Millionen t 33 Millionen t Der amtliche Produktionsmengenindex ist sogar von lo4, im Jahre 1932/33 auf 111 im Jahre 1935/36, also etwa um 7% gestiegen. Wesentlich stärker haben die Verkaufserlöse der Landwirtschaft zugenommen. Es betrugen: Erntejahr 1932/33 1933/34 1934/35 1935/36 Verkaufserlöse 6,4 7,4 8,3 8,8 Md.RMk Ueb erschüsse über Betriebsausgaben 0,9 1,9 2,7 2,9 Md.RMk B- 27Allerdings entspricht den stark gestiegenen Ueberschüssen der Landwirtschaft auch eine nicht nur absolut, sondern auch relativ gewachsene Steuerbelastung. Steigende Preise Nach den amtlichen Indexziffern hält sich die Preissteigerung in erträglichen Grenzen. Von Oktober 1932 bis 1936 ist der Grosshandelsindex von 94,3 auf 104,3, die Indexziffer der Lebenshaltungskosten von 118,7 auf 124,4 gestiegen. Wir haben bereits im vorigen Jahresrückblick ausgeführt, warum diese Indexziffern die tatsächliche Preisentwicklung nicht zutreffend widerspiegeln, auch wenn sie nicht bewusst gefälscht sind. Sie gehen von Listenpreisen und amtlichen Höchstpreisen aus, die in der Praxis nach wie vor weitgehend überschritten werden. Sie berücksichtigen nicht die Qualitätsverschlechterung, die teils amtlich verordnet( z. B. durch Beimischung von Zellwolle). teils von der Wirtschaft selbst zur Umgehung von Preisbindungen durchgeführt worden ist. Dass diese verschiedenen Formen der Preissteigerung ein bedrohliches Ausmass angenommen haben müssen, geht schon allein daraus hervor, dass das Pegime dazu übergehen musste, alle Preiserhöhungen über den Stand vom 18. Oktober hinaus zu untersagen( sogenannte Preis- Stop- Verordnung des neuen Preiskommissars vom 1. Dezember 1936), und dass Ueber schreitungen der Höchstpreise neuerdings mit Zuchthausstrafen bedroht werden. Aber eine Regierung, die es unternommen hat, das gesamte Preisniveau auf einem bestimmten Stand festzuhalten, darf natürlich nicht zulassen, dass die Indexziffern weitere Preissteigerungen anzeigen. Wir haben in diesen Berichten im Laufe des Jahres auf Grund umfangreichen Materials den Beweis erbracht, dass tatsächlich die Preise von Monat zu Monat weiter gestiegen sind. Es ist schwer, eine Schätzung über das Ausmass der wirklichen Preissteigerung seit 1932 abzugeben. Man wird aber nicht fehlgehen, wenn man eine Erhöhung des gesamten Preisspiegels um 20 bis 25% annimmt. B- 28Der Versuch der Preis- Stabilisierung ist umso bemerkenswerter, als bis dahin zahlreiche Preiserhöhungen amtlich verordnet( z. B. die Bierpreiserhöhung in Bayern um 5 bis 10%) oder nachträglich amtlich sanktioniert wurden( z. B. die Steigerung ier Preise für Fleisch- und Wurstwaren. urcn die Verordnung vom Oktober 1936). Wie wenig die Preis- Stop- Verordnung auf die Dauer praktisch durchgeführt werden kann, zeigen die. Klagen, die schon jetzt über die zahlreichen Umgehungsmanöver auftauchen( Einsparung von Rabatten, Lieferung" neuer" Artikel, Suche nach anderen Abnehmern usw.) Gewiss darf man die Macht des Regimes, auch wirtschaftliche Vorgänge durch Gewaltmassnahmen im gewünschten Sinne zu beeinflussen, nicht unterschätzen. Auf die Dauer aber stellt die Preis- Stop- Verordnung- solange die Ursachen der Preissteigerung nicht beseitigt, sondern noch vermehrt werden- nichts anderes dar als die Methode, bei einem überheizten Kessel das Ventil zu verstopfen. Geringes Einkommen Nach dem Jahresbericht der Reichskreditgesellschaft hat sich das deutsche Volkseinkommen in den letzten Jahren folgendermassen entwickelt: Das deutsche Volkseinkommen ( in Milliarden RMK) +) Einkommen aus Lohn und Gehalt Industrie, Handel und Gewerbe 26,0 1929 1932 1933 1934 1935 1936 43,0 25,7 29,3 32,3 34.5-35 12,6 5,5 6,6 7,6 8,3 Land- u.Forstwirtsch. 5,5 3,9 4,2 5,1 5,6 Kapitalvermögen 3,3 2,3 2,3 2,4 2,5 Renten und Pensionen Mieten und Pachten 9,2 9.3 8,7 8,9 7,7 0,9 0,8 0,7 0,8 0,8 insgesamt: 74,5 47,5 48.5 53.2 57,2 61,5 + vorläufige Schätzungen Wir haben bereits in der letzten Jahresübersicht eingehend begründet, warum diese amtlichen Zahlen kein zuverlässiges Bild B- 29der tatsächlichen Entwicklung bieten. So beruht z. B. die Statistik des Lohneinkommens auf den Tariflöhnen. Der amtliche Tariflohnindex weist aber für 1935 und 1936 überhaupt keine Veränderung auf. Wir haben dagegen im Jahre 1936 erneut in zwei umfangreichen Uebersichten über die deutsche Lohnpolitik den Nachweis erbracht, dass in Wirklichkeit die Tariflöhne zum grossen Teil nur auf dem Papier stehen und dass auch im vergangenen Jahre bei der grossen Masse der Arbeiter die Lohnsenkung auf den verschiedensten Wegen fortgesetzt wurde. Andere Teile der amtlichen Schätzung des Volkseinkommens beruhen auf der Steuerstatistik. Wir haben vor einiger Zeit an dieser Stelle( Juli- Heft Teil B) in einer eingehenden Darstellung der nationalsozialistischen Steuerpolitik bewiesen, dass die Steuer statistik als Grundlage für volkswirtschaftliche Umsatz-, Einkommens- und Verbrauchsschätzungen nicht mehr in Frage kommt. Bei fast allen Steuern ist durch Veränderung der gesetzlichen Bestimmungen oder der Verwaltungspraxis die Belastung wesentlich verschärft worden, so dass aus der Steigerung ihrer Erträge kein unmittelbarer Schluss auf die Steigerung von Einkommen, Vermögen, Umsatz usw. gezogen werden kann. Es kommt aber natürlich überhaupt nicht auf das Nominal-, sondern auf das Realeinkommen an, also auf die Kaufkraft, die dem jeweiligen Einkommen innewohnt. Auch darüber stellt die Reichskreditgesellschaft eine Berechnung an, die von 1928 ausgeht und zu dem Ergebnis kommt, dass das reale Volkseinkommen 1929 74,8 Milliarden RM und 1936 schon wieder rund 74 Milliarden RMK betragen hat. Aber dieses erstaunliche Ergebnis ist offenbar( die Berechnungsmethode ist nicht angegeben!) dadurch Kaufkraft der Mark anhand der amtzustande gekommen, dass die lichen Grosshandels- und Lebenshaltungsindexziffern ermittelt worden ist und die sind, wie wir dargestellt haben, seit langem nur noch zur Irreführung der Oeffentlichkeit über die tatsächliche Preisentwicklung bestimmt. Wenn in Wirklichkeit aber in den letzten Jahren eine allgemeine Preisteigerung um 20 bis 25% eingetreten ist, dann ist das Realeinkommen seit 1932 B-30AZEE ( dieses Jahr als Basis genommen) nur von 45,2 Milliarden auf 49,2 51,2 Milliarden gestiegen, liegt also noch weit unter dem Stand von 1928 und 1929. In England aber hat sich das reale Volkseinkommen von 1928 bis 1935 um 11% erhöht und ist seitdem weiter gestiegen. Legt man dieselbe Berechnung für das Arbeitseinkommen zu Grunde, so ergibt sich, dass das Realeinkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten von 25,7 Milliarden im Jahre 1932 nur auf 27,630,17 Milliarden im Jahre 1936 gestiegen ist. Diese Steigerung um bestenfalls knapp 5 Milliarden aber ist in einer Zeit zustande gekommen, in der angeblich die Zahl der Beschäftigten um 5 Millionen zugenommen hat und gleichzeitig die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von 6,91 Stunden auf 7,66 Stunden angestiegen ist! 1932 betrug die Gesamtzahlt der durchschnittlich täglich geleisteten Arbeitsstunden also 8,6 Millionen, 1936 dagegen 13,7 Millionen, d.h. etwa 47% mehr, während das Realeinkommen höchstens um 25% gewachsen ist. Oder ein anderer Vergleich: 1929 wurden durchschnittlich 13,6 Millionen Arbeitsstunden täglich geleistet, also nicht ganz soviel wie 1936, das nominelle Arbeitseinkommen aber betrug 43 Milliarden gegenüber 34,535 Milliarden 1936.( Dabei entsprach 1929 der Preisstand etwa dem von 1936). Schliesslich muss man noch berücksichtigen, dass die Lohnabzüge in den letzten Jahren ausserordentlich gewachsen sind. Für Lohnsteuer, Arbeitslosenund Sozialversicherung, WHW, Arbeitsfront und sonstige" freiwillige" Beiträge wurden im Jahre 1936 etwa 2 bis 3 Milliarden RMK mehr abgezogen als 1932. Anhaltender Tiefstand des Verbrauchs Der Einkommensentwicklung entspricht die Verbrauchentwicklung. In der Zeit von Januar bis September 1936 betrug das Arbeitseinkommen 76,4% des Einkommens in der entsprechenden Zeit 1929, während die Einzelhandelsumsätze sogar nur 74,8 des Stan B-31des von 1929 erreichten. In Skandinavien, England und USA aber hat der Massenverbrauch den Höchststand von 1929 bereits überschritten. Mit allen anderen amtlichen Angaben über die Verbrauchs- und Umsatzentwicklung ist nichts anzufangen, weil sie die Preissteigerung ausser acht lassen. Bezeichnend ist die Entwicklung auf dem Gebiet des Wohnungs100, so ergeben sich baus. Setzt man die Bautätigkeit 1928 für England und Deutschland folgende Reihen: England Deutschland 1928 100 100 1932 117 45,5 1933 155,3 57,4 1934 173,5 91,3 1935 1936 195,4 190 77,7 93,5 Während in England die Wohnbautätigkeit das Doppelte von 1928 erreicht hat, bleibt Deutschland Jahr für Jahr hinter dem Stand von 1928 zurück. Es wurden in Deutschland jedes Jahr weniger Wohnungen gebaut als für den Zuwachs an neuen Haushaltungen gebraucht wurden, so dass der Wohnungsfehlbedarf sich ständig erhöht hat und zur Zeit von Fachleuten auf mindestens 1 Million geschätzt wird. Wenn nicht in den letzten Jahren viele Leute es für zweckmässig gehalten hätten, ihre Ersparnisse in Eigenheimen anzulegen, wäre das Ergebnis noch viel ungünstiger. Steigende Steuer- und Schuldenlast Die Steuereinnahmen des Reichs, der Länder und der Gemeinden sind von 1932 bis 1936 um etwa 50% gestiegen( von 10,2 auf schätzungsweise 15,5 Milliarden). Das Regime stellt diese Entwicklung als eine erfreuliche Folge des Wirtschaftsauf schwungs hin. Tatsächlich ist die Vermehrung der Steuererträge nur zum Teil auf die Steigerung der Preise, Umsätze und Einkommen zurückzuführen. Von entscheidender Bedeutung waren vielmehr die zahlreichen offenen und versteckten Steuererhöhungen und die allgemeine rücksichtslose Verschärfung der Steuererfassung und B-32 -Eintreibung( Wir haben dieser Entwicklung im Juli- Bericht -Teil B: Die nationalsozialistische Steuerpolitik- eine eingehende Untersuchung gewidmet). Infolgedessen ist auch die Gesamtsteuerbelastung, ausgedrückt in dem Anteil des Steueraufkommens am Volkseinkommen, ständig gestiegen. Nach der" Frankfurter Zeitung" ergibt sich hierfür folgendes Bild: 1936 1929 1932 1933 1934 1935 in Milliarden RMk. ( Schätzung) 76,0 45,2 46,5 52,6 57,3 62,0 10,2 10,6 11,8. 13,3 15.5 17,6 25,0 Volkseinkommen Steuer- u. Zolleinnahmen von Reich, Ländern u. Gemeinden 13,4 Steuerbelastung in % des Volkseinkommens 22,6 22,8 22,5 23,1 Die Steuerbelastung ist also von 17,6% des Volkseinkommens im Jahre 1929 auf 25% im Jahre 1936 gestiegen. Wir haben in der erwähnten Untersuchung über die nationalsozialistische Steuerpolitik nachgewiesen, dass die Mehrbelastung überwiegend auf die Schultern der breiten Massen gelegt wurde( Der Anteil der Massenbelastung an den Reichssteuer- Einnahmen betrug 1929 60,5%, 1935 dagegen 73,1%). Die steuerliche Mehrbelastung ist umso fühlbarer, als sie nach dem Umsturz durch eine Spenden- und Beitragswirtschaft in einem Umfange ergänzt wurde, der früher schlechthin unvorstellbar war. In unserer Untersuchung über" Die Spenden- und Beitragswirtschaft im Dritten Reich"( August 1936, Teil B) sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass an öffentlichen Spenden und Beiträgen( ohne die Beiträge zur Arbeitslosen- und Sozialversicherung) rund 2,3 Milliarden jährlich erhoben werden. Auch diese Abgaben gehen überwiegend zu Lasten der breiten Massen. Die Spenden und Beiträge stellen sogar eine besonders unsoziale Form der Massenbelastung dar, weil sie jede Anpassung an die Leistungsfähigkeit der Spendenden vermissen lässt. Die Steuereinnahmen waren nur eine Quelle für die Finanzierung B- 33der deutschen Rüstung, und nicht einmal die wichtigste. Wir haben diese Frage in der Reihe unserer finanzpolitischen Untersuchungen eingehend geprüft( Oktober 1936, Teil B:" Die Finanzierung der deutschen Rüstungen"). Die Ergebnisse dieser Prüfung lassen sich nach dem heutigen Stande-unter Verwendung von Angaben der Reichskreditgesellschaft und der" Frankfurter Zeitung" folgendermassen zusammenfassen: CSS Rechnungsjahre 1933 1936 Mehreinnahmen an Reichs-, Landes- und Gemeindesteuern Ersparnisse an Arbeitslosen unterstützung Veräusserung von Reichsvermögen 1 Milliarden RMk. Zugegebene Vermehrung der kurz- und mittelfristigen Verschuldung 10,34 4,85 1,00 2,40 4,20 Anleihen des Reichs und der Reichsbahn Arbeitsbeschaffungs- und Rüstungswechsel 15-30,00 37,79 52,79 RMK. Aufwendungen von 38 bis 53 Milliarden für Arbeitsbeschaffung und Rüstung-genauere Zahlen lassen sich wegen der Geheimhaltung der öffentlichen Wechselverschuldung nicht geben- das ist die finanzielle Bilanz des ersten Vierjahresplans. Davon schwim men 15 bis 30 Milliarden als Wechselkredite in der Wirtschaft und bereiten dem Regime wachsende Sorgen. Darniederliegender Kapitalmarkt Wenn die Kreditausweitung durch die Arbeitsbeschaffungs- und Rüstungswechsel bisher keine stärkeren Wirkungen auf die Preisentwicklung ausgeübt hat, so nicht zuletzt deshalb, weil der Ausweitung des öffentlichen Kredits eine Schrumpfung des privaten gegenüberstand. Die Ausleihungen der Banken an die privat Wirtschaft sind fortgesetzt zurückgegangen, der Umfang der Börsenkredite hält nach wie vor auf einem ausserordentlich tiefen Stand, die Belastung des Kapitalmarktes durch öffentliche Anleihen liess für Emissionen der Wirtschaft so gut wie keinen B- 34Spielraum. Zudem war die Ausgabe von Industrieobligationen und Pfandbriefen, sowie die Vornahme von Aktien- Kapitalerhöhungen an die staatliche Zustimmung gebunden, die nur in Ausnahmefällen erteilt wurde. Auch die Entwicklung der Spareinlagen verläuft nicht mehr. so günstig wie in den ersten beiden Jahren nach dem Umsturz. Im einzelnen bietet die Entwicklung folgendes Bild: Bestand Millionen Ende 1913 18.968 曾 1932 9.917 11 1933 10.808 1934 12.356 1935 13.496 Okt. 1936 14.184 Zuwachs RM. 891 1.548 1.140 688 Im ganzen Jahre 1936 dürfte der Zuwachs um etwa 200 Millionen hinter dem von 1935 zurückbleiben. Diese seit 1934 anhaltende Abschwächung dürfte auf die vermehrte Steuerbelastung, die Zeichnung von Reichsanleihen, aber auch auf die immer wieder neu belebte Flucht in die Sachwerte zurückzuführen sein. Zum Vergleich sei England herangezogen. Von 1933 bis September 1936 stiegen in England die Sparkasseneinlagen um 26,9%, in Deutschland um 30,5%; gleichzeitig stiegen die Bankeinlagen in England um 11%, während sie in Deutschland um 2% fielen( seit 1932 beträgt der Rückgang sogar 15%). Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die englischen Spareinlagen im Gegensatz zu den deutschen 1932 bereits den Stand von 1913 wesentlich überschritten hatten( in England hat keine Vernichtung der Spareinlagen durch Inflation stattgefunden). Die englischen Spareinlagen betrugen Ende 1913 255,9 Millionen b, Ende 1932 464,9 Millionen und Ende 1935 587,6 Millionen b. 2) Wirtschaftspolitik als Machtpolitik So erweist sich der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland als eine Scheinblüte. Die Arbeitslosigkeit ist gressenteils B-35durch unechte Entlastungen verringert worden. Im Bereich der Produktion besteht nach wie vor ein starkes Missverhältnis zwischen Produktionsmittel- und Konsumgütererzeugungi das Wachstum der Produktion hat sich verlangsamt und vollzog sich unter steigenden Kosten. Die industriellen und landwirtschaftlichen Vorräte sind weitgehend aufgezehrt. Einkommen und Verbrauch bleiben in Wahrheit weit hinter früheren Jahren mit gleich hohem Beschäftigungsstand zurück. Die öffentliche Kreditausweitung erfolgte auf Kosten des privaten Kapitalmarkts, der noch immer fast völlig darniederliegt. Von diesem Stande aus tritt Deutschland in eine neue Phase seiner wirtschaftlichen Entwicklung ein, die nicht nur äusserlich durch den Uebergang vom ersten zum zweiten Vierjahresplan gekennzeichnet ist. Es ist zu untersuchen, wie die Aussichten der deutschen Wirtschaft in dieser neuen Phase sind. Die Finanzierung des Vierjahresplanes Wenn man einmal die Technik der Geld- und Kreditvorgänge beiseite lässt, so ergeben sich als eigentliche Quellen der bisherigen Rüstungsfinanzierung: 1. Die Kapitalfreisetzungen, 2. echte volkswirtschaftliche Ersparnisse und 3. Auslandskredite. Die Freisetzung von Kapital entstand einmal aus dem Abbau der Lager und der Aufzehrung der Vorräte( Rohstoffe, Getreide, Fertigwaren, Gold- und Devisenbestände usw.), weiter aus dem Hinausschieben von Ersatzinvestitionen( maschinelle Erneuerung, Rationalisierung usw.) und schliesslich aus dem Rückgang der deutschen Exportwirtschaft( Anlagen, die bisher für den Export arbeiteten, wurden frei für Rüstungsproduktion usw.). Die Reichskreditgesellschaft schätzt die in den letzten 4 Jahren unterbliebenen Ersatzinvestitionen auf etwa 5 Milliarden RMk. Auch die Angabe, dass Ende 1932 noch Vorräte in Höhe von 20 Milliarden RMK( gegen 27 Milliarden Ende 1929) vorhanden waren, lässt einen Schluss auf die Grössenordnung der Kapitalfreisetzung durch Lagerabbau zu. Echte volkswirtschaftliche Erspar 3-36nisse haben sich daraus ergeben, dass die Verbrauchsen twicklung nicht mit der Produktionssteigerung Schritt gehalten hat, sondern bewusst gedrosselt worden ist( Senkung der Löhne, Einschränkung der Einfuhr, unzureichender Wohnungsbau usw.). Diese Ersparnisse haben sich teils in wachsenden Spareinlagen, teils in steigenden öffentlichen Einnahmen an Steuern, Sozialversicherungs- und Arbeitslosenbeiträgen, teils in erhöhten Ueberschüssen der Unternehmungen niedergeschlagen. Ausländische Kredite haben schliesslich nur insoweit eine Rolle gespielt, als Deutschland in den Jahren 1934 und 1935 mehr als dreiviertel Milliarden RMK auf die Bezahlung seiner Einfuhr( vor allem in Verrechnungsverfahren) schuldig bleiben konnte. Wie diese Zusammenhänge deutlich machen, ist der Aufbau der deutschen Rüstungskonjunktur von der Schrumpfung der privaten Wirtschaftstätigkeit begleitet gewesen. Lagervorräte haben sich im Ergebnis in Rüstungsbestände, privater Verbrauch hat sich in staatlichen Verbrauch verwandelt, statt des Ausbaus und der Erneuerung der Produktionsanlagen erfolgte die Errichtung der Wehrmachtsbauten usw. Dieser Vorgang hat seine kreditwirtschaftliche Ausprägung darin erfahren, dass an die Stelle schrumpfender Kredite der Privatwirtschaft, wachsende Kredite des Staates getreten sind. Soweit die staatliche Kreditausweitung diesen Spielraum nicht -tatsächlich ist sie weit darüber hinausgeüberschritten hat gangen- insoweit war sie wirtschaftspolitisch vertretbar, aber in diesem Umfange auch nur als einmalige Aktion durchzuführen. Denn die aufgezeigten Zusammenhänge lassen auch erkennen, dass ein grosser Teil der Reserven, die der Staat für die Finanzierung des Aufschwungs einsetzen konnte, nur einmalige Reserven darstellten, die jetzt fast vollständig aufgebraucht sind. Die grosse Kapazitätsreserve, die das Regime 1933 vorfand, ist nahezu völlig ausgenutzt, die umfangreichen Lagervorräte sind verbraucht, die Schrumpfung der Ausfuhr ist ebenfalls ein einmaliger Vorgang, der nicht fortgesetzt werden kann, und auch die weitere Verminderung des Verbrauchs stösst auf Schwierig B- 37keiten( weil z. B. der Wohnraum zu knapp wird). Auf fast allen Gebieten ist das Gegenteil von dem nötig, was bisher getan wurde: anstelle der Ausnutzung vorhandener Kapazitätsreserven müssen Neuinvestitionen erfolgen; anstelle der Aufzehrung der Vorräte müssen die Lager wieder aufgefüllt werden; die Ausfuhr, bei der schon seit langem mit allen Mitteln eine weitere Schrumpfung verhindert wird, muss weiter gesteigert werden. Und nur beim Verbrauch bleibt noch eine Reserve erneuter Einschränkung, deren Grösse nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch bestimmt ist. Warum aber muss dies alles geschehen? Weil der bisher erreichte Produktions- und Beschäftigungsstand unter allen Umständen gehalten, womöglich noch gesteigert werden muss. Nicht allein aus politischen Gründen, um das Ansehen des Regimes im In- und Auslande nicht zu gefährden, sondern ebenso sehr aus ökonomischen. Die entscheidende Gefahr ist die Verringerung des Wirtschaftsvolumens. Der hohe Beschäftigungsgrad ist in Deutschland erreicht worden durch eine Kreditausweitung, die über den Spielraum hinausging, der sich aus dem Rückgang der privaten Wirtschaftstätigkeit ergab. Durch diese übermässige Ausgabe von Rüstungswechseln hat sich der Umlauf an Zahlungsmitteln erhöht. Offiziell hält sich zwar diese Erhöhung in durchaus angemessenen Grenzen; der Umlauf an Reichsbanknoten und Münzen ist kaum über das Mass hinaus angestiegen, das durch die Ausdehnung des Wirtschaftsvolumens bedingt und gerechtfertigt ist. Es ist aber bekannt, dass die Rüstungswechsel zum Teil bereits als Zahlungsmittel dienen, indem sie von einem Unternehmen zum anderen wandern und insoweit die Verwendung von Zahlungsmitteln oder Buchgeld( Giroverkehr) ersetzen. Darüber hinaus ist aber auch eine Steigerung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes( sowohl der Zahlungsmittel als auch des Girogeldes) eingetreten. Es kann in einer Wirtschaft, die von der Hand in den Mund lebt, nicht anders sein. Der Staat erfasst jede Mark an Steuern mit grösster Energie, um das Geld sofort wieder auszugeben; die halbstaatlichen Organisationen machen es mit den B- 38" freiwilligen" Beiträgen und Spenden ebenso; die Masse der kleinen Einkommensbezieher wird durch die Senkung der Nominalund Realeinkommen zu schnellem Ausgeben des Einkommens genötigt, ausserdem hamstert sie. Die" Frankfurter Zeitung" trifft denn auch die Feststellung:" Auf Umlaufsbeschleunigung beruhte in hohen Masse das" Wunder" der deutschen Anstiegsfinanzierung* eine Feststellung, die allerdings von dem Wunsche diktiert sein mag, die Kreditausweitung möglichst zu verschleiern. Wie dem auch sei, die Vermehrung und die Beschleunigung des Geldumlaufs bleiben nur solange ohne gefährliche inflationistische Wirkungen, als ihnen eine Steigerung der Wirtschaftstätigkeit gegenübersteht. Lässt sich der mit diesen Mitteln einmal erreichte Stand der Wirtschaft nicht aufrecht erhalten, sondern tritt ein Rückschlag, eine Verminderung von Produktion und Beschäftigung ein, dann droht sofort die Gefahr schwerer inflationistischer Störungen. Dann droht insbesondere auch die Gefahr, dass ein grosser Teil der Rüstungswechsel, die bisher von der Wirtschaft gehalten werden, abgestossen werden müssen und damit ebenfalls in die Zirkulation eindringt. Der Geld- und Kreditmantel der Wirtschaft wird auf einmal zu weit. So ist es zu verstehen, wenn es im Jahresbericht der Reichskreditgesellschaft etwas dunkel heisst:" Struktur und Dynamik der deutschen Volkswirtschaft lassen weder einen Stillstand noch eine Ruhepause zu. Diese" Struktur und Dynamik" verlangen unter allen Umständen, dass das Schwungrad der Wirtschaft mindestens in der einmal erreichten Tourenzahl weiter läuft; sie verlangen aber zugleich, dass die Antriebskraft ausgewechselt wird. Denn inflationistische Gefahren drohen von zwei Seiten: sie drohen einmal wegen bereits durchgeführter starker Kreditausweitung, wenn das Wirtschaftsvolumen zurückgeht, sie drohen aber auch, wenn der Versuch gemacht wird, den Hochstand von Produktion und Beschäftigung im gleichen Grade wie bisher durch fortgesetzte Kreditausweitung aufrecht zu erhalten. Damit ist der Punkt erreicht, in dem eigentlich die" Ankurbelung" durch die Wirtschaft nun aus eigener Kraft mit voller Tourenzahl weiterlaufen B-39sollte. Aber in Deutschland hat es sich in den letzten Jahren gar nicht mehr un Ankurbelung in diesem Sinne gehandelt. Der Staat hat nichts getan, um das künftige Weiterlaufen der Wirtschaft aus eigener Kraft zu erleichtern, er hat es im Gegenteil urfmöglich gemacht dadurch, dass er die Wirtschaft in wachsenden Masse auf die Kriegsvorbereitung umgestellt hat. Und nun macht das Regime aus der wirtschaftlichen Not eine politische Tugend. Wirtschaftlich bleibt ihm gar keine andere Wahl als den vollen Lauf der Wirtschaft durch den entscheidenden Einsatz des Staates weiter zu sichern; politisch aber muss es zugleich dasselbe wollen, denn die wehrwirtschaftliche Umstellung ist noch längst nicht vollendet. Der neue Vierjahresplan hat also eine doppelte Aufgabe: er soll nicht nur die wirtschaftliche Aufrüstung Deutschlands vollenden, sondern er soll zugleich die Aufrechterhaltung des bisherigen wirtschaftlichen Volumens sichern. Zugleich vollzieht sich mit dem Uebergang zu dem neuen Vierjahresplan ein wichtiger Wechsel in der Finanzierung der Staatskonjunktur. Das Regime hat die Gefahren erkannt, die aus einer im bisherigen Tempo fortgesetzten Kreditausweitung drohen, es will und kann aber auf der Bahn der militärischen und wirtschaftlichen Rüstung nicht inne halten, es muss also in ganz anderem Masse als bisher volkswirtschaftliche Ersparnisse, Kapital aus der Wirtschaft herausziehen, um die Staatskonjunktur weiter zu finanzieren. Zwei grosse Quellen stehen dafür noch zur Verfügung: Die weitere Einschränkung des Verbrauchs und die Abschöpfung der Ueberschüsse, die sich im Laufe der letzten Jahre in der Wirtschaft gebildet haben. Und hier zeigt sich wieder einmal die grosse psychologische Geschicklichkeit des Regimes. Es gibt heute in Deutschland nur ein Ziel, für das das Volk zu weiterer Verbrauch seinschränkung und die Wirtschaft zum Einsatz ihrer Ueberschüsse gezwungen werden kann: die Aufrüstung, die das Volk nach wie vor in seiner Mehrheit billigt und für die es nach wie vor bereit ist, Opfer zu bringen. B- 40Wenn die" Frankfurter Zeitung" in ihrem Jahresrückblick schreibt:" Vermehrte, ja volle Umschaltung der Staatsfinanzierung von der anfänglichen Kreditfinanzierung auf den Steuerund Anleiheweg erweist sich als notwendig", so ist das in der Tendenz richtig, aber in der Sache unvollständig. Mit Steuern und Anleihen kann man die volkswirtschaftlichen Ersparnisse erfassen, die sich aus der Einschränkung des Verbrauchs ergeben, aber man kann mit diesen Mitteln nur unvollständig die Ueberschüsse der Wirtschaft erfassen. Das Regime kann jedoch diese Ueberschüsse noch auf andere Weise erfassen. Es braucht nicht den Umweg über Steuern oder Anleihen zu gehen, es kann die Verwendung dieser Ueberschüsse für bestimmte Zwecke unmittelbar anordnen. Das ist schon bisher wiederholt geschehen, zuerst bei der Finanzierung der Braunkohlenverschwelung, für die die Braunkohlenindustrie 200 Millionen aufbringen musste, dann bei der Errichtung der verschiedenen Zellwollefabriken, die unter starker finanzieller Beteiligung der Textilindustrie erfolgt. Dieses System ist unter dem neuen Vierjahres- Plan zum Prinzip erhoben worden." Die Finanzierung des Vierjahres- Planes erfolgt", hiess es vor kurzem in der" Frankfurter Zeitung"( vom 30. Januar 1937)," fast ausschliesslich mit privaten Mitteln und unter privater Verantwortlichkeit und wird nur, wo es unbedingt notwendig ist, durch Wirtschaftlichkeitsgarantien des Staates gefördert. Das ist übertrieben, denn auch in Zukunft werden -nicht nur zur Ueberleitung- Staatskredite notwendig sein und Staatssekretär Reinhardt vom Reichsfinanzministerium hat denn auch erneut bestätigt, dass die bisherigen Finanzierungsmethoden nicht aufgegeben werden sollen. Aber man wird doch den Versuch machen, die finanzpolitischen Anforderungen, die der Vierjahresplan stellt, mehr und mehr mit Hilfe jenes Systems zu erfüllen, das man eine staatlich gelenkte Selbstfinanzierung nennen könnte. Dabei ist durchaus damit zu rechnen, dass auch der Kapitalmarkt eingeschaltet wird. Der Staat, der bisher mit Hilfe der Emissionssperre die private Wirtschaft vom Kapitalmarkt praktisch ausschloss, um die Neukapitalbildung für seine B- 41Anleihen abzuschöpfen, hat unter den veränderten Verhältnissen ein Interesse daran, Aktien- und Obligations emissionen zuzulassen. Diese Art von" Belebung des Kapitalmarktes kündigt sich bereits an, nur dass sie kein Anzeichen für eine Umschaltung der Staatskonjunktur auf die Privatinitiative ist, sondern lediglich eine Folge der technischen Umstellung, der die Finanzierungsmethoden der deutschen Aufrüstung unterworfen werden. ( In diesem Zusammenhang verdient auch die Entrechtung der Aktionäre und die Stärkung der Stellung des Vorstandes durch das neue Aktienrecht, sowie das neue Bankdepotgesetz Beachtung). Es wird nicht nur eine weitere staatliche Kreditausweitung -wenn auch in vermindertem Umfange- unvermeidbar sein, das Finanzierungssystem des Vierjahres- Planes wird auch bewirken, dass ein Teil der bisher von der Wirtschaft gehaltenen Rüstungswechsel ins Schwimmen gerät. Denn die Ueberschüsse der Unternehmungen haben sich ja in vielen Fällen in der Form solcher Wechselbestände niedergeschlagen. Deshalb soll denn auch allen inflationistischen Wirkungen, die davon ausgehen müssten, durch noch verschärften Steuerdruck, durch Druck auf die Preise und Druck auf die Löhne entgegengewirkt werden. Hohe Steuern und niedrige Löhne sind auch weiterhin notwendige Bestandteile der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Erhöhte Produktionskosten Erscheint der Vierjahres- Plan geeignet, die Lösung der finanziellen Probleme wenigstens fürs erste durch Einschaltung der Selbstfinanzierungskräfte der Wirtschaft zu erleichtern, so muss er in anderer Hinsicht dazu beitragen, die vorhandenen Schwierigkeiten noch zu erhöhen. Gewiss ist die Erzeugung von Ersatzstoffen immer noch rationeller als die von Kanonen. Denn die Ersatzstoffe können wenigstens verbraucht werden und dadurch vermindert sich die volkswirtschaftliche Belastung in dem Umfange, in dem die Einfuhr der entsprechenden Naturprodukte gedrosselt werden kann. Die Möglichkeiten, die Rüstungs B- 42produktion unmittelbar zu verwerten, etwa durch Waffenausfuhr, sind dagegen sehr begrenzt. Aber die bisherige Rüstungsproduktion vollzog sich grösstenteils unter Ausnutzung vorhandener Kapazitäten, während die künftige Ersatzstoffproduktion umfangreiche und kostspielige Neuinvestitionen erfordert. Hinzu kommt, dass diese industriellen Neuanlagen beschleunigter Abschreibung bedürfen, weil erfahrungsgemäss bei allen neuen Produktionszweigen die eben erstellten Produktionsstätten sehr schnell dadurch entwertet werden können, dass sich der technische Fortschritt im Anfangs stadium der Grosserzeugung besonders rasch zu vollziehen pflegt. Die Steigerung der Produktionskosten im Gefolge des neuen Vierjahres- Planes ist aber nur ein Spezialfall. Auch unabhängig von dem Plan werden, wie bereits dargestellt, jetzt die bisher zum Teil hinausgeschobenen Ersatz- und Neuinvestitionen notwendig. Damit steigen die fixen Kosten und soweit auch durch Abschreibungen im einzelnen Unternehmen für die Ersatzanlagen bereits finanziell vorgesorgt sein mag, die Kosten sind heute in vielen Fällen höher als voraus berechnet werden konnte. Auch die Auffüllung der Lager ist vom In- oder Auslande her in der Regel nur zu gestiegenen Preisen möglich. Steigerung der Produktionskosten vor Gefährlich ist diese allem für die Exportwirtschaft, sie führt entweder zwangsläufig zu Exportverlust en wegen weiterer Verschlechterung der Konkurrenzverhältnisse gegenüber dem Ausland, oder sie macht eine weitere Erhöhung der Exportzuschüsse und damit auch eine weitere Steigerung der Exportumlage der gewerblichen Wirtschaft notwendig. Die Umlagenerhöhung bedeutet dann eine Steigerung der Produktionskosten für alle umlagepflichtigen Unternehmungen. Diese Mehrbelastung würde umso mehr ins Gewicht fallen, als die deutsche Wirtschaft ohnehin mit einem grossen Aufwand für einen ungeheuer aufgeblähten organisatorischen Apparat belastet ist. B- 43Ausfuhr und Einfuhr Dabei ist allein schon die Aufrechterhaltung der bisherigen Ausfuhr wegen der neuen Abwertungen ein Problem. Zweifellos hat Deutschland aber gerade unter kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten ein starkes Interesse an einer weiteren Steigerung seiner Ausfuhr. Deutschland kann nicht Krieg führen, solange es keine Vorräte und keine Gold- und Devisenreserven hat. Die zur Anlage dieser Vorräte notwendigen Einfuhren kann es sich, solange es keine neuen Auslandskredite erhält, nur durch Steigerung der Ausfuhr beschaffen, ebenso wie es seine kümmerlichen Gold- und Devisenvorräte nur durch Ausfuhrüberschüsse wieder auffüllen könnte. Aber die Aussichten dafür sind nicht günstig. Die Preisschere am Weltmarkt-steigende Rohstoffpreise, sinkende oder stagnierende Preise für Fertigfabrikate- besteht noch immer und die vermehrte Konkurrenz der Abwertungsländer wird wahrscheinlich verhindern, dass sie sich bald schliesst. Andererseits kann man damit rechnen, dass Deutschland so oder so in bescheidenem Masse ebenfalls von der allgemeinen Belebung des Welthandels profitieren wird. Unabhängig davon entsteht die Frage, ob Deutschland, selbst wenn es könnte, die Einfuhr aller jener Rohstoffe, für die jetzt Ersatzstoffe erzeugt werden sollen, wieder bis zum vollen Bedarf steigern würde. Es bestehen zwar keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass Deutschland schon jetzt einen Teil seiner Einfuhr vom Verbrauch fernhält, um sich für den Ernstfall einzudecken. Aber eine andere Ueberlegung wird für Deutschland massgebend sein: Wenn die Ersatzproduktion schnelle und durchgreifende Erfolge erzielen soll, dann muss sie über das Stadium des Grossversuchs hinaus bis zur Massenerzeugung vorgetrieben werden. Massenerzeugung bedingt Massenverbrauch und wenn man diesen Verbrauch erzwingt, erzielt man mehrere Vorteile. Erstens kommt die Industrie in die Lage, sich sehr schnell alle die fabrikatorischen Erfahrungen anzueignen, die notwendi B- 44gerweise erst in dem langsamen Prozess der Markteroberung gesammelt werden können. Zweitens gewöhnt man die Bevölkerung rechtzeitig an die Verwendung von Ersatzstoffen, so dass in Ernstfall keine zeitraubende Umstellung der Verbrauchsgewohnheiten mehr nötig ist. Drittens ist bei einer Massenerzeugung mit einer schnelleren Verbilligung der Produkte zu rechnen. " Mehr arbeiten weniger verbrauchen" " Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums" heisst es am Anfang des Gothaer Programms- eine Erkenntnis, die schon auf Adam Smith zurückgeht und die noch heute richtig ist. Es kommt nur darauf an, was gearbeitet wird und wie das Arbeitsprodukt verteilt wird. Die Arbeit kann die Quelle des Wohlstandes aller, aber zu diesen beiden Prinzipien für oder nur weniger sein die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, dem sozialistischen und dem kapitalistischen, fügt das faschistische Wirtschaftssystem noch ein drittes Prinzip hinzu: die Arbeit als Quelle der staatlichen Machtsammlung. In allen faschistischen Staaten-in Italien und in Japan ebenso wie in Deutschlandist der letzte Sinn der gesellschaftlichen Arbeit nicht die Hebung des Volkswohlstandes, sondern die Stärkung der Macht des Staates. Die ganze Wirtschaft wird je länger je mehr dem Machtzweck unterordnet und die Steigerung des Kriegspotentials in jeder Form und mit allen Mitteln ist das entscheidende wirtschaftspolitische Ziel, ein Ziel, dem bedenkenlos der Wohlstand des Volkes geopfert wird. Dem Ziel entsprechen die Mittel. In der" liberalistischen" Wirtschaft müssen Erzeugung, Verbrauch und Kapitalbildung in einem bestimmten Verhältnis stehen, sonst entstehen Krisen.Dio faschistische Wirtschaft ist an dieses Verhältnis nicht gebunden wenigstens kann sie es für längere Zeit ausser Kraft setzen. Statt dessen kann sie Erzeugung, Verbrauch und Kapitalbildung in ein Verhältnis bringen, das ihren machtpolitischen Zielen am besten entspricht. In der" liberalistischen" Wirt B- 45schaft müssen die Produzenten danach trachten, dass ihre Waren auch gekauft werden. In der faschistischen Wirtschaft kann der Staat entweder die Waren selbst kaufen( z. B. Rüstungsmaterial) oder er kann die Bevölkerung zwingen, sie zu kaufen( z. B. Ersatzstoffe). In der" liberalistischen" Wirtschaft ist der Umfang der volkswirtschaftlichen Ersparnis( Kapitalbildung) in hohem Grade abhängig von dem mehr oder minder produktiven Einsatz der Arbeitskraft. In der faschistischen Wirtschaft kann der Staat diese Abhängigkeit weitgehend dadurch aufheben, dass er trotz unproduktiver Produktion eine umfangreiche Kapitalbildung erzwingt, sei es durch Erhebung sehr hoher Steuern und Beiträge, sei es durch starke Einschränkung des Verbrauchs, sei es durch Druck auf die Unternehmer. Alle diese Methoden sind allerdings auf die Dauer nicht anwendbar, weil sie allesamt auf den Verzehr von volkswirtschaftlichen Reserven hinauslaufen aber die Reserven einer Volkswirtschaft sind sehr gross, so dass der Prozess ihrer Aufzehrung viele Jahre hindurch fortschreiten kann, wie das Beispiel Japans und Italiens zeigt. Das machtpolitische Ziel, dem die faschistischen Staaten ihre Wirtschaft unterordnen, ist Rüstung im weitesten Sinne. Ob sich die Abstellung der Wirtschaft auf dieses Ziel lohnt, ob sich die damit verbundenen Opfer lohnen, wird nicht im Bereich des Wirtschaftlichen, sondern im Bereich des Politischen entschieden. Setzt ein faschistischer Staat mit diesen Mitteln und Metho den mit oder ohne Krieg seine machtpolitischen Ziele im wesentlichen durch und gelingt es ihm, diese Erfolge auf die Dauer zu sichern, dann mag sich sein Vorgehen schliesslich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich als erfolgreich erweisen, dann trägt die Gewaltpolitik Zinsen. Bis dahin aber fordert sie nur Opfer. Im faschistischen Staat ist aber nicht nur die Frage, ob diese Opfer gefordert werden können, in erster Linie eine politische und nicht eine wirtschaftliche, vielmehr ist es ebenso die andere Frage, ob diese Opfer auch gebracht werden können. B- 46Der deutsche Vierjahresplan ist dafür ein sehr lehrreiches Beispiel. Deutschland kann die ungeheuerliche Unproduktivität seiner Rüstungs- und Ersatzstoffwirtschaft nur aufrecht erhalten, wenn der Verbrauch weiter eingeschränkt wird. Deshalb wird das Volk gezwungen, seinen Fettverbrauch auf drei Viertel des bisherigen Umfanges einzuschränken, die minderwertigen Ersatzstoffe mit höheren Preisen zu bezahlen usw. Man nennt das in Deutschland Verbrauchs" lenkung". Und das Volk lässt sich auch auf diesem Gebiet" lenken"; nicht ganz ohne Widerstand, aber doch bereitwilliger, als man früher angenommen hätte. Gewiss: man hamstert, wo man kann, aber wo man nicht kann, findet man sich ab. Wenn das Volk genau nach dem Gegenteil von dem verlangen würde, was jeweils im amtlichen Küchenzettel vorgesehen ist, dann wäre es mit der Verbrauchslenkung bald nicht mehr weit her. Wenn die Arbeiter sich nicht mehr aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes neue Lohnsenkungen, neue Mehrarbeit aufbürden lassen würden, dann müsste die faschistische Wirtschaftspolitik schnell in wachsende, kaum lösbare Schwierigkeiten geraten. Solange aber das Volk mehr oder minder gutwillig mitmacht, solange findet die Diktatur auch wirtschaftlich immer neuen Spielraum. Wie lange das so weiter gehen kann, ist mehr ein politisches und massenpsychologisches, als ein wirtschaftliches Problem. Natürlich gibt es auch politische und psychologische Grenzen. Heute stehen die Arbeiter noch stark unter den psychologischen Nachwirkungen der langjährigen Arbeitslosigkeit. Heute vergleichen sie noch ihre gegenwärtige Lage nur mit der Lage während der Krise.( Auch die Unternehmer haben, wie die in allen Ländern geführte Diskussion um die Börsen- und Wirtschaftsentwicklung zeigt, dieselben Sorgen, dass die Konjunktur wieder sehr schnell in eine neue Krise umschlagen könnte). Diese Nachwirkungen des Krisenschocks werden sich mit der Zeit abschwächen, das Selbstbewusstsein der Arbeiter wird wieder steigen, wofür schon jetzt Anzeichen vorliegen. Dann kann sich erweisen, dass die psychologische Entbehrungsgrenze in Deutschland näher liegt B- 47als in Japan, Russland und Italien, denn in diesen Ländern hat das Volk früher kaum bessere Zeiten gesehen, während sich die deutsche Arbeiterschaft schon einmal ein hohes Lebensniveau und eine bedeutsame gesellschaftliche Stellung erkämpft hatte. An eine andere psychologische Grenze kann das Regime dadurch stossen, dass es auf die Dauer nicht leicht sein wird, geeignete Aufgaben zu finden, für die das Volk zu opfern veranlasst werden kann. Auf den ersten Vierjahresplan musste der zweite folgen und wenn bei seinem Ablauf der Zwang zu fortgesetzter Verbrauchseinschränkung besteht, dann muss ein neues Ziel aufim Bewusstsein des Volgestellt werden, für das es sich auch kes lohnt, weiter zu hungern. Vielleicht bemüht sich Deutschland gerade unter diesem Gesichtspunkt so eifrig um Kolonien. Das Regime weiss natürlich auch, dass Deutschland in die Kolonien zunächst sehr viel mehr hineinstecken müsste, als es herausholen kann. Aber so widerspruchsvoll es klingen mag: für Deutschland ist das Hineinstecken vorerst auch wichtiger als das Herausholen. Die Kolonien als Symbol der deutschen Weltgeltung das Regime traut sich zu, dem Volke klar zu machen, dass es sich für dieses Ziel ebenso lohnt, Opfer zu bringen, wie für die Erringung der deutschen Wehr- und Nahrungsfreiheit. Und das ist weitaus wichtiger als die Rohstoffe, die man aus den Kolonien holen könnte, denn es sichert wieder auf Jahre hinaus den vollen Arbeits- und Kräfte einsatz, es sichert die Vollbeschäftigung der Wirtschaft und es sichert die Bereitschaft des Volkes zu weiteren Opfern. Diese Zusammenhänge sind wichtig, weil sie wieder einmal deutlich zeigen, worin die eigentliche Stärke der modernen Diktaturen liegt. Die modernen Diktaturen verlassen sich nicht mehr allein auf die Gewalt; sie verzichten auf die Gewalt nicht, sie wenden sie sogar mit erhöhter Brutalität an, aber sie suchen immer wieder die Ergänzung durch die Propaganda, durch die Methoden der modernen Massenführung, die in Russland zuerst entwickelt, in Italien und Deutschland- weiter ausgebaut worden sind. Im Bereich der Wirtschaftspolitik heisst das: B- 48das Regime begnügt sich nicht mit einer ausserordentlichen Stärkung der Staatsmacht, mit Zwangseingriffen in alle Gebiete des wirtschaftlichen Lebens, sondern es setzt auch immer wieder alle Mittel in Bewegung, um die grosse Masse zum gutwilligen Mitgehen und zu freiwilliger Mitwirkung zu bringen. Man darf sich nicht darüber täuschen, dass das bisher gelungen ist und dass der neue Vierjahres- Plan wiederum eine bewusste propagandistische Aufgabe in dieser Richtung erfüllen soll. Die Aktion" Kampf dem Verderb", die ganze Verbrauchslenkung appelliert an die Mitwirkung der Bevölkerung und sucht dem Volke einen Schein der Mitverantwortung für das Gelingen des ganzen Planes vorzutäuschen. Was in der Demokratie ein Anlass zu Missstimmungen, aufwühlendster Kritik, ja Empörung gewesen wäre, die moderne Diktatur hat es bisher immer wieder verstanden, daraus eine propagandistische Grossaktion zu machen. Deutschland und die Weltwirtschaft Auf lange Sicht-wir wiederholen es- sind diese Methoden allerdings keine Auskunftsmittel. Die wirtschaftlichen Schädigungen, die sich aus der fortschreitenden Verbrauchseinschränkung ergeben, werden wachsen. Die propagandistischen Mittel, mit denen diese Verarmung dem Volke abgeschwindelt wird, lassen in ihrer Wirksamkeit nach. Dauernde Hilfe kann nur von der Weltwirtschaft kommen. Ohne die Wiedereinschaltung in den internawürde Deutschland nicht nur tionalen Waren- und Kreditstrom der dauernden Verarmung, sondern auch dem wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang verfallen. Die Machthaber von heute wissen das und deshalb betonen sie ein um das andere Mal die Bereitwilligkeit Deutschlands zu weltwirtschaftlicher Zusammenarbeit. Aber das Regime möchte die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit einheimsen, ohne seine aggressiven politischen Absichten aufzugeben. Es möchte offene Märkte für seinen Export, aber es will seine Einfuhr nicht freigeben, weil sonst B-49die Ersatzstoffproduktion ins Stocken geraten würde. Es würde sehr gern Auslandskredite nehmen, aber es denkt nicht daran, seine Devisenzwangswirtschaft zu lockern. Es will seine Goldund Devisenbestände wieder auffüllen, aber es müsste bei freiem Kapitalverkehr sofort mit einer Kapitalflucht gefährlichsten Ausmasses rechnen. Das alles verträgt sich durchaus mit dem Plan, die deutsche Wirtschaft bis ins letzte auf den Krieg vorzubereiten. Es ist sogar ein wichtiger Bestandteil dieses Planes. Nicht nur die Autarkie, auch der Anschluss an die Weltwirtschaft kann zum Instrument einer Machtpolitik werden. Das Regime weiss natürlich auch, dass es ohne Vorräte, ohne Gold- und Devisenvorräte keinen Krieg führen kann. Es weiss ebenso, dass die verstärkte Einschaltung in den internationalen Wettbewerb das beste Mittel ist, um die deutsche Wirtschaft an den technischen Fortschritten in der Welt teilhaben zu lassen. Wenn sich das nationalsozialistische Deutschland wieder in verstärktem Masse in die Weltwirtschaft einschalten will, dann aus dem einen Grunde: die Welt soll Deutschland helfen, seine Kriegsvorbereitungen zu vollenden und die verhängnisvollen Folgen der bisherigen Wirtschaftspolitik abzuwenden. Als Manuskript hergestellt. Sopade, Prag X, Palackého třida 24. 600 Deutschland Berichte Januar