Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrg. Nr. 2. Februar 1937. DIE DEUTSCHLAND- BERICHTE haben sich zur Aufgabe gesetzt, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftlichen Gebieten zu verfolgen. Ihr Beobachtungsfeld erstreckt sich auf: Die Stimmung in den Korruption und einzelnen Bevölkerungskreisen Misswirtschaft Die Lage in den Betrieben Terror Die Wirtschaftslage Jugend Hitler- Jugend Arbeitsmarkt Preisentwicklung Lebensmittelversorgung Rohstoffversorgung Geld und Kredit Handel und Gewerbe Landwirtschaft Schule Hochschulen Kirchenfragen Kulturpolitik NS- Organisationen Sozialpolitik Lohnpolitik Steuerpolitik NSDAP, SA, SS Arbeitsfront, KdF Arbeitsdienst Verwaltung Hunderte von Berichterstattern arbeiten unter grössten Schwierigkeiten an dieser Aufgabe mit und auf der grossen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Wir lassen die Berichterstatter nach Möglichkeit selbst zu Worte kommen, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu vermitteln. Manche solcher Einzelmeldungen gibt, auch wenn der Gesichtskreis des Berichterstatters noch so eng ist, ein deutlicheres Bild von der wirklichen Lage, als der wohlabgewogene, umfassende Bericht eines sehr urteilsfähigen Beobachters. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmässig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter grösseren Gesichtspunkten zusammenfassend dargestellt wird. 4. Jahrgang Nr. 2. Februar 1937 Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland Wesentliche Verschlechterung der allgemeinen Stimmung- Der Eindruck der Hitler- Rede vom 30. Januar Die Fortsetzung der Kriegsvorbe= reitungen · Die deutsche Beteiligung am spanischen Krieg- Die Haltung des Birgertums Missstimmung auch in den Reihen der National= sozialisten. II. Der Arbeitseinsatz 1) Die Facharbeiterfrage 2) Die Zwangsarbeit 3) Der Landarbeitereinsatz Unterbindung der Landflucht- Verschickung städtischer Arbeitsloser aufs Land Landhilfe, Landjahr, Landdienst A 1 30 32 41 46 Der Arbeitsdienst. Nachtrag: Statistische Angaben III. Aus Handel und Gewerbe 55 56 56 Die Meisterpriifungen Die organisatorische 1) Die organisatorische Bevormundung Die Zwangsinnungen Das Lehrlingswesen Einschnürung des Handels. -22) Die wirtschaftliche Lage Die Lage im Grosshandel- Die Situation der Kleinhändler, der Fleischer und der · Das Borgun wesen Handwerker 3) Die Steuer- und Beitragsbelastung 4) Die Liquidation der Konsumvereine A 99 66 78 55 77 80 IV. Der Kampf gegen die Kirchen 85 1) Die Vorgänge in der evangelischen Kirche 85 Die Entwicklung in Dokumenten und Selbstdarstellungen der Bekenntniskirche 2) Die Lage der katholischen Kirche 119 Berichte aus den katholischen Landesteilen 3) Der Kampf um die Schule 128 Teil B: Uebersichten Die deutsche Landwirtschaft im Zeichen der Kriegsvorbereitung == I. Die Marktordnung II. Die Erzeugungsschlacht == B 3 17 19 22 23 ein Opfer der 30 1) Massnahmen zur Produktionssteigerung 2) Massnahmen zur Verbrauchseinschränkung 3) Die Ergebnisse der Erzeugungsschlacht III. Die deutsche Landwirtschaft Ristungspolitik. A-1Til A ( Abgeschlossen am 10. März 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die Berichterstattung über die Entwicklung der allgemeinen Stimmung ist weitaus stärker als die Beobachtung der Entwicklung auf bestimmten Sachgebieten der Gefahr ausgesetzt, mehr die subjektiven Eindrücke der einzelnen Berichterstatter als einen allgemein gültigen Querschnitt durch die tatsächliche Lage wiederzugeben. Diese Gefahr kann auch der systematische Beobachter bei allem Willen zu strenger Objektivität nur schwer vermeiden. Deshalb sind wir in der Verwertung solcher Stimmungsberichte sehr zurückhaltend. Gleichwohl sprechen die beiden nachstehenden zusammenfassenden Berichte dafür, dass in den letzten Wochen eine wesentliche Verschlechterung der allgemeinen Stimmung in Deutschland eingetreten ist: Berlin: Nach der Auffassung verschiedener, von einander völlig unabhängiger, Beobachter ist ein Stimmungswandel in der Berliner Bevölkerung bis weit ins Bürgertum hinein festzustellen, wie er in diesem Umfange bisher nicht beobachtet werden konnte. Wer sich zum Beispiel allein aus Beobachtungen in Berliner Kneipen ein Bild über die Einstellung der Bevölkerung zum Regime machen wollte, der müsste zu dem Schluss kommen, dass es kaum noch Anhänger des Naziregimes gibt. Es ist schon schwer geworden, sich von dem allgemeinen Geschimpfe fernzuhalten; man fällt auf, wenn man nicht schimpft. Dies ist der Fall, obwohl jeder, und insbesondere die Wirte verpflichtet sind, Beschimpfungen des Staates oder irgend eines Führers sofort anzuzeigen. Freiwillige Denunziationen sind heute jedoch überaus selten geworden. Dafür nehmen allerdings die bezahlten Lockspitzel zu. In der Bahn, auf den Märkten, in den Kneipen und in den Lebensmittelgeschäften kann man auf diese Achtgrosshenjungens stossen, die sich aber meist durch ein allzu provokatorisches Schimpfen kenntlich machen. Es mögen genug Opfer dieser Lockspitzel auf die Anklagebank und in die Gefängnisse wandern, doch ist -2die Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht halb so gross wie die des freiwilligen Denunziantentums in den ersten Jahren des Hitlerregimes. Die Verhöhnung des Regimes oder seiner Führer vollzieht sich zum grossen Teil in Formen, die von der Polizei schwer zu fassen sind, z. B. in einem übertriebenen Byzantinismus, wenn man etwa von Göring als von" unserem guten, lieben, süssen Göring" spricht, oder jeden Satz mit einer Berufung auf" unseren unübertrefflichen und unerreichbaren Führer" einleitet. Der Terror hält unvermindert an, seine Wirkung lässt nach, weil die freiwilligen Handlanger fehlen, auf denen ein grosser Teil der Wirkung des Terrors der ersten Jahre beruhte. Ausser dem umfangreichen Lockspitzelwesen hat das Regime ein-auf dem Papier lückenlosesPeobachtungsnetz durch das System der Blockwarte aufgebaut. Jeder Blockwart ist zur Berichterstattung über das Leben und Treiben der Hausbewohner verpflichtet. Viele Blockwarte zeichnen sich aber durchaus nicht durch besonderen Eifer aus. Diejenigen, die getreu berichten, sind sehr bald bekannt und man sieht sich vor ihnen vor. Es ist ja auch im Grunde selbstverständlich, dass bei einem so ausgedehnten Ueberwachungsapparat, wie ihn das Dritte Reich organisieren muss, die unteren und untersten Organe, die gar nicht oder nur schlecht bezahlt werden können, sich der allgemeinen Stimmung gar nicht entziehen können. So stark auch der Druck des Apparats auf sie sein mag, der tägliche und stündliche Druck der Mitbewohner des Hauses und der Kollegen im Betrieb muss sich auf die Dauer als stärker erweisen. 0 Eine Analyse der allgemeinen Missstimmung gegen das Regime ist zur Zeit überaus schwer. Teuerung, Rohstoff- und Lebensmittelknappheit, Missstimmung wegen der allseitigen Regleall diese Gründe waren vor einem mentierung, Kriegsangst halben Jahr auch schon wirksam, zum Teil sogar stärker. Noch vor wenigen Wochen konnte man von einer ausgesprochenen Kriegspsychose sprechen, die heute mehr einer latenten Kriegsengst gewichen ist. Auch die Lebensmittelknappheit, speziell Futterknappheit ist im Augenblick weniger fühlbar als noch vor etwa vier Wochen. Dennoch hat die Misstimmung ohne Zweitel zugenommen und breitere Kreise erfasst. Ausserdem geht sie tiefer als früher, ist nicht mehr an einen gerade aktuellen Anlass gebunden, richtet sich vielmehr gegen die bestehenden Verhältnisse überhaupt, gegen das ganze Regime, gegen die Bonzokratie im allgemeinen ebenso wie gegen die einzelnen grossen und kleinen" Führer", Hitler eingeschlossen. Letzteres unterscheidet die Situation wesentlich von früheren " Meckerperioden"." Der Führer" wird nicht mehr von der Kritik ausgenommen. Er hat zu oft selbst seine Verantwortlichkeit für alle Vorgänge in Nazi- Deutschland erklärt. Jetzt wird er Massen beim Wort genommen. Das ist, wenn es sich durch ne etwas längere Periode bewahrheiten sollte, von grundsätzlicher Bedeutung. Es würde nämlich bedeuten, dass nicht mehr diese und jene Massnahme, nicht mehr dieser und jener Repräsentant des Regimes kritisiert und angegriffen A-3wird, andere Massnahmen und andere Repräsentanten dagegen gebilligt werden, sondern dass jetzt das System als ganzes, unter Umständen, obwohl einzelne " total" abgelehnt wird, Massnahmen sogar Zustimmung finden. Im Grunde setzt die Kritik heute an jedem Punkt an, bedient sich jeder Gelegenheit, um auch sofort in eine grundsätzliche Demonstration umzuschlagen. Symptomatisch ist ein Vorfall bei einer Sportveranstaltung in der Deutschlandhalle, der allerdings erst in seiner vollen Bedeutung gewürdigt werden kann, wenn man den allgemeinen Stimmungshintergrund in Berlin kennt. Es handelt sich um das sogenannte" Sechstage- Nachtrennen" vom 23./24.Januar. ( In Deutschland finden keine Sechstagerennen mehr statt, da sie" unsportlich" sind. Stattdessen werden von Zeit zu Zeit, in der Deutschlandhalle eine Nacht hindurch" Sechstage- Nachtrennen" veranstaltet!) Unser Gewährsmann ging mit einigen Freunden zu dem Rennen, da er gehört hatte, dass vor Weihnachten von der Leitung der Veranstaltung mitgeteilt worden war, dass der" Sportpalastwalzer", der sehr beliebt ist, verboten worden sei, weil der Verfasser ein Jude ist. Diese Ankündigung soll damals mit Gejphle und Gepfeife aufgenommen worden sein. Die Demonstration richtete sich besonders gegen die Kapelle, die vom Arbeitsdienst gestellt war. Unser Gewährsmann erwartete bei der Januar- Veranstaltung eine Wiederholung der Demonstration und wurde nicht enttäuscht. Gleich als er sich hinsetzte, wurde er von einem Nachbar, der ihn gar nicht kannte, gefragt:" Sagen Sie mal, wie geht denn eigentlich der Sportpalastwalzer?" Als nach einer Weile die Musik eine Pause machte, ertönten sofort vereinzelte Rufe:" Den Sportpalastwalzer!" Die Rufe wurden immer stärker und schwollen noch mehr an, als die Musik mit einem anderen Stück einsetzte. " Den Sportpalastwalzer wollen wir hören!" Schliesslich setzte allgemeines Gejohle und Gepfeife ein. Niemand achtete mehr auf die Rennen; die Musik war kaum noch zu hören; alles johlte und schrie" Sportpalastwalzer". Immer mehr fingen an, den Sportpalastwalzer zu pfeifen oder zu summen. Vereinzelte Rufe:" Der kann doch nicht dafür, dass er Jude ist. Wir wollen den Sportpalastwalzer, auch wenn er vom Juden ist!" Die Demonstration setzte erst nach einer geraumen Weile einfach aus Ermüdung- aus. Nach etwa einer Stunde wurden durch das Mikrophon einige Ergebnisse angesagt. Dabei sagte der Ansager: " Die Kapelle wird gebeten, etwas ruhiger zu spielen, damit die Ergebnisse zu verstehen sind." Das wirkte auf das Publikum wie ein Signal, jetzt gegen die Kapelle-es handelte sich um eine Militärkapelle- zu demonstrieren:" Die Kapelle soll überhaupt verschwinden oder den Sportpalastwalzer spielen". " Ihr sollt die Wünsche der Volksgenossen erfüllen. Den Sportpalastwalzer wollen wir hören!"" Was geht uns das an, dass er ein Jude ist, den Sportpalastwalzer!" Auch diesmal hörten die Rufe erst nach langer Zeit infolge Erschöpfung und Heiserkeit auf.- Im Sportbericht in den Zeitungen war am anderen Tage von diesen Vorfällen kein Wort zu lesen. Sie machen aber in A -4Berlin sehr schnell die Runde und werden allgemein als eine Demonstration gegen das Regime verstanden. Den Kern dieser randalierenden Opposition bilden nicht die Arbeiter, sondern die Mittelschichten. Ihrer bemächtigt sich eine wachsende Verzweiflung. Die Verdienste sind wirklich sehr gering und die Ueberwachung wird immer strenger und unangenehmer. Mehr und mehr begreifen die Kaufleute und Handwerker, dass sie nicht nur" vorübergehend" Opfer bringen sollen, sondern einem dauernden und systematischen Druck auf ihre Lebenshaltung ausgesetzt sind. Vor allem treiben sie die verschiedenen Abgaben, die einfach umgelegt werden und vor denen man sich nicht drücken kann, zur Verzweiflung. Bei der Arbeiterschaft ist die Opposition gegen das Regime viel differenzierter, allerdings im allgemeinen auch bewusster und politischer. Aber die breiten Schichten der früher Unorganisierten neigen noch recht häufig dazu, ausgerechnet gewisse sozialpolitische Leistungen des Naziregimes zu entdecken und " anzuerkennen", einfach aus dem Grunde, weil sie keine Ahnung von den Leistungen der früheren Gewerkschaften haben. So erzählt einer unserer Gewährsleute, dass es ihm mehrfach passiert sei, dass Arbeitskollegen lobend hervorgehoben haben, dass die DAF im Krankheitsfalle Hilfe gewährt. Es handelt sich natürlich um Arbeiter, die früher niemals gewerkschaftlich organisiert waren und darum nichts von den Unterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften wissen. Der alte, organisierte Kern der Arbeiterschaft ist gegen solche Verirrungen gefeit. Aber auch die anderen erkennen mit der lobenden Hervorhebung bestimmter Einrichtungen des Regimes nicht das Regime als Ganzes an, sondern schränken damit umgekehrt nur ihre Kritik am Régime ein. Rheinland- Westfalen: Aus allen Bezirken kommen Berichte über eine tiefgehende Verschlechterung der allgemeinen Volksstimmung. Das Regime sucht dieser Missstimmung beizukommen, indem es die verschiedenen Amtswalter land auf, landab schickt, sie in Versammlungen der DAF, der NSV, der SA sprechen lässt. Keiner weiss etwas Neues zu sagen. Sie alle wiederholen die Reden von Hitler und anderen Nazi grössen. Oeffentliche Versammlungen der NSDAP finden kaum noch statt. Sie werden von vornherein sabotiert, niemand kümmert sich darum. Nur dort, wo eine Kontrolle des Einzelnen möglich ist, geht men notgedrungen hin. Alles ist öde und fahl. Der Beifall der Versammlungsteilnehmer wird immer schwächer. Die Nazibonzen kämpfen verzweifelt gegen die allgemeine Niedergeschlagenheit und offene Feindseligkeit des Volkes an. Die Enttäuschung ist ausserordentlich und noch ständig im Wachsen. In der Stadthalle zu M.- Gladbach hielt der DAF- Krei sobmann Hergrüter eine Rede vor den Mitgliedern der DAF. Ueber diese Rede wird in der" Niederrheinischen Volkszeitung" u.a. berichtet: A-5" Zur mutlosigkeit ist nicht der geringste Anlass vorhanden", das war wohl der Hauptsinn der recht anschaulichen und vielseitigen Ausführungen des Redners. Er behandelte in leicht verständlichem Plauderton alle Fragen, die heute auf der Strasse, in den Haushaltungen, unter den Nachbarn und Nachbarinnen, vor allem aber in den Betrieben durchgesprochen werden. Das geschieht bekanntlich nicht immer sachlich und oft auch mit wenig Einsicht. Mutlosigkeit und Schwarzsehen sind ein Unkraut, das ausgerottet werden muss, das aber bekanntlich nicht leicht auszurotten ist. Dazu gehört zähe Kleinarbeit, gehört vor allem das aufrecht und unbeirrt vorgelebte Beispiel eigenen Vertrauens in die Staatsführung für jeden, der Mutlose bekehren will..." Ueberall wird geschimpft und nicht immer in sogenannten sachlichen Formen. Da hat der Herr Kreisobmann schon recht. Wenn z. B. ein Bonze mit seinem feinen Auto kommt, dann sagt man:" Das ist auch ein Volksgenosse." Es gibt tausend Gelegenheiten zum Widerstand und zur Sabotage. Ein Bild vom Karneval in Aachen, das gewisse Rückschlüsse auf die Stimmung des Volkes zulässt: Mit ungeheuerer Reklame hatte man den Karneval eingeleitet. Die Bevölkerung wurde tausendmal ermuntert, sie wurde aufgefordert, die Häuser zu beflaggen und vieles mehr. Es ist auch gelungen, die Masse auf die Strassen zu bringen. Aber sie stand Gewehr bei Fuss. Das Volk ist so voller Sorgen, dass es selbst in Aachen nicht gelang, die richtige Karnevalstimmung in die Massen hineinzubringen. Dem Karnevalszuge voran fuhren Lautsprecherautos und die Menschen wurden aufgefordert, zu" schunkeln". Aber merkwürdig: es war, als ob die Aachener das Lachen verlernt hatten, und das will wohl etwas heissen. Mir ist es mehrmals passiert, dass ich gefragt wurde, warum ich nicht ein bisschen aus meiner Haut herausginge. Und auch andere wurden so gefragt. Wir sollten nicht so teilnahmslos tun, es sei doch alles so nett. Wir konnten feststellen, dass die" Aufmunterer" extra für ihre Arbeit bestellt waren und dass sie sogar den Auftrag hatten, bei dieser Gelegenheit die Stimmung des Volkes zu erkunden. Ein besonderer Clou der Leitung bestand darin, alle Witze der letzten 14 Tage im Lautsprecher bekannt zu geben. Offenbar wollte man auf diese Weise der allgemeinen Missstimmung ihre Schärfe und Feindseligkeit nehmen. Aber man hatte die Rechnung ohne die Einstellung des Volkes gemacht. An solchen Witzen hat das Volk nur Gefallen, wenn man sie sich heimlich zutuscheln kann. Alles, was öffentlich gesagt wird, macht auf das Volk keinen Eindruck mehr. Am 30. Januar hat Hitler vor dem" Reichstag" seine grosse Rede zum vierten Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung gehalten. Die nachstehenden Berichte zeigen, wie diese 1-6Rede im Volk aufgenommen worden ist, und gewähren damit zugleich einen Einblick in das Verhältnis zwischen Volk und Machthaber. Rheinland, 1.Bericht: In der Presse, an den Litfasssäulen, durch Plakate in den Betrieben, in Versammlungen, überall wurde wochenlang auf die grosse Rede Hitlers am 30. Januar hingewiesen. Besonderer Wert wurde auf den Gemeinschaftsempfang gelegt, der nach Möglichkeit in Betrieben, in Kinos, Schulen und Wirtschaften erfolgen sollte. Angedeutet wurden grosse Ueberraschungen, etwas noch nie Dagewesenes. Selbst in den Reihen der Nazis war eine gewisse Nervosität eingetreten. Ueberall Geheimniskrämerei: Hitler würde es Eden und Blum geben, die Welt würde staunen. Endlich war der grosse Tag und die grosse Stunde gekommen. In den Betrieben standen alle Räder still, die Strassenbahn verkehrte nur noch zu etwa einem Drittel ihres sonstigen Betriebes, die Strassen hatten sich geleert, nur hier und da sah man eine uniformierte Kontrolle, die nachsah, ob geflaggt war. Schulen und öffentliche Gebäude waren überfüllt, ebenso die Kinos. Ich ging in ein Kino, und zwar in den Ufa- Palast. Hier war vor 8 Tagen ein besonderer Zwischenfall passiert: Als Göring in der Wochenschau bei seiner Reise nach Italien auftrat, schrie ein Besucher:" Da fährt er los mit 80 Mann und gibt die Devisen aus, die für Butter und Margarine ausgegeben werden sollten." Eine halbe Stunde flutete das Licht auf, es entstand ein Rennen und Jagen, um den Rufer festzustellen; fünf Reihen wurden genau ausgeforscht, aber niemand wurde gefunden. Um diesen Makel vom Ufa- Palast abzuwaschen, war der Vorführungsraum zum 30. Januar besonders hergerichtet worden. Schwarzer Hintergrund aus Samt, links und rechts 10 Meter lange Hakenkreuzfahnen, in der Mitte ein überlebensgrosses Hitlerbild im Goldrahmen. Davor ein riesengrosser Lautsprecher, so dass der Eindruck erweckt wurde, als spräche Hitler an Ort und Stelle. Links und rechts ausserdem Lorbeerbäume. Ab 12,30 Uhr Militärmusik. Pünktlich um 1 Uhr die Uebertragung aus der Krolloper. Uniformierte Besucher versuchten, Stimmung in die Masse zu bringen, sie klatschten mit, wenn in der Krolloper geklatscht wurde. Nichts rührte sich, nicht einmal, als Hitler den" Clou" brachte, nämlich dass die Reichsbahn und die Reichsbank von jetzt ab wieder der alleinigen Kontrolle des Reiches unterliegen würden. Als Hitler dann die Gegensätze zwischen England und Deutschland aufzuzeigen und Eden lächerlich zu machen suchte, um im gleichen Atemzuge zu erklären, der Vierjahresplan werde durchgeführt, weil er Arbeit für die Arbeiter bedeute, da wussten die Hörer, was dieser Zusammenklang bedeutete. Sie wussten, dass da der Lei ensweg des deutschen Volkes angekündigt wurde wie im Kriege, dass Hitler keine Verständigung mit England mehr will, 1-7sondern dass er mit dieser Rede England den Kampf und dem deutschen Volk die Not angesagt hatte. Am Schlusse der Rede sah man überall todernste Gesichter. Nachdem Göring seine Schlussrede gehalten hatte, war der Beifall in der Krolloper noch nicht zu Ende, aber der Ufa- Saal schon zu dreiviertel leer. Rufe:" Stehenbleiben!" ertönten. Niemand kümmerte sich darum, nur ein Bruchteil der Besucher sang die Hymnen mit. Die Rede war kaum verklungen und schon begannen die Meckerer ihr Werk. Der Lorbeerkranz, den man Hitler in den Zeitungen zu winden suchte, wurde in tausend Fetzen zerrissen. Als ich zwei Stunden nach der Rede zu einer Karnevalsveranstaltung ging, hörte ich kein gutes Wort mehr über die Rede. Dagegen wurde Hitler nachgesagt, er schmücke sich mit fremden Federn, das" Zerreissen von Bestimmungen des Versailler Vertrages sei nur Theater, das hätten schon frühere Regierungen besorgt, besonders was die Frage der Reichsbahn und der Reichsbank beträfe. Seit 1930 seien sowieso nur noch ganz geringe Beträge für Zinsen gezahlt worden. Im übrigen sässen nicht nur Ausländer im Aufsichtsrat der deutschen Reichsbank, sondern Schacht sässe auch im Aufsichtsrat oder im Vorstand der Bank für internationalen Zahlungsausgleich. Das Ganze sei Theater, für das sich das deutsche Volk nichts kaufen könne. Noch schlimmer war die Stimmung, als ich am 1. Februar unter Studenten in Köln weilte. Dort sagte man mir, Hitler habe mit seiner Rede den Karneval eingeleitet, und machte. ironische Bemerkungen über Hitlers Aberglauben. Aeusserungen dieser Art hört man nicht nur in den Kreisen der Intelligenz. In den Reihen der Nazis gehen sie ebenso, wenn nicht noch schlimmer um. Dort wird gotts jämmerlich gelästert und geschimpft:" Satt kann er uns nicht machen, da will er uns in Schlaf reden. Wer lange schläft, den Gott ernährt."-" Die Geister, die wir heraufbeschworen, wir werden sie nicht mehr bannen können" usw. Heute spricht kein Mensch mehr von dieser Rede. Bariht 2.Reue. Wochenlang wurde mit viel Geschrei auf den 30. Januar und auf die" grosse Rede des Führers" vorbereitet.Man hatte tatsächlich so etwas wie eine gewisse Spannung erzielt.. Allerdings gab es viele, die von vornherein mit Voreingenommenheit dem Tage der grossen Rede entgegensahen." Mal sehen, was wir diesmal wieder für einen Schwindel vorgesetzt bekommen", so sagten die Arbeiter. Und ihre Stimmung verschlechterte sich noch, als bekannt wurde, dass sie zwar die Rede anhören müssten, aber die verlorenen Stunden nicht bezahlt, sondern abgearbeitet werden. In verschiedenen Betrieben weigerten sich die Arbeiter, unter diesen Bedingungen sich die Rede anzuhören. Sie wurden bei Strafe der Entlassung gezwungen, die Arbeit ruhen zu lassen. Die Rede hat eine ungeheuere Enttäuschung zurückgelassen. Diese Enttäuschung hat sogar in die Reihen der" alten Kämpfer" Eingang gefunden. Viele hatten damit gerechnet, dass wenig 1-8stens eine Wahlkomödie angekündigt. würde. Das Ausbleiben einer solchen Ankündigung gibt nun zu allerlei Bemerkungen Anlass. Allgemein ist die Auffassung verbreitet, dass Hitler bereits so unsicher ist, dass er keine Wahl mehr wagen zu können glaubt. Heute spricht kein Mensch mehr von der Rede Hitlers. Sie ist, abgesehen von der Enttäuschung, die sie hinterlassen hat, heute bereits vollkommen in Vergessenheit geraten. Bayern: Die letzte Rede Hitlers hat als Beruhigung gewirkt, aber sie wird im allgemeinen als schwach empfunden. Trotzdem wird von einem grossen Teil der Bevölkerung Hitlers politische Haltung als erfolgreich bezeichnet. Auch in unseren Verbindungszirkeln begegnet man vereinzelt der Auffassung: " Hitler ist wirklich ein grosser Politiker und Staatsmann, nur schade, dass er auf der anderen Seite steht." Das hindert allerdings die Menschen nicht, fest zu schimpfen und an den Bonzen, die nach übereinstimmender Auffassung aller Nazi und Nichtnazi heute mehr als je zuvor das öffentliche Leben beherrschen, scharfe Kritik zu üben. Sachsen: Die Hitlerrede am 30. Januar hat auf die Bevölkerung keine grosse Wirkung gehabt. Es wurde zwar wieder alles mit dem üblichen Tamtam aufgezogen, alle wurden veranlasst, sich die Rede und den ganzen Reichstagsaufzug anzuhören, aber niemand war in Spannung oder festlich erregt. Stumpf liessen die Leute die Zeremonien in den Rundfunkapparaten an sich vorübergehen. Auch die Vierjahrfeier hat keine Freudenkundgebungen hervorgerufen. Alles dachte daran, was man in diesen vier Jahren schon verloren hat und wohin das alles noch führen wird. Was Hitler sagte, als er seine vier Jahre feierte, war so abgedroschenes Zeug, dass man die Zuhörer hier gähnen sehen konnte. Nicht einmal die SA-, SS- und NSDAP- Leute brachten dieser Rede besonderes Interesse entgegen. Hinterher hat kein Mensch von ihr gesprochen. Die Verwandlung der Reichsbahn und der Reichsbank in unmittelbare Reich sunternehmungen hat die Leute kaum berührt. Die meisten haben gar nicht gewusst, dass es bisher anders war, und wenn es formal anders gewesen ist, dann hat es keinen Menschen gestört. Die Zurückziehung der Unterschrift unter das Schuldbekenntnis hat auch niemanden gross aufgeregt, denn die Klärung der Kriegsschuldfrage empfindet jetzt nach 23 Jahren auch der einfache Mann als eine Angelegenheit der historischen Forschung und nicht der nationalen Ehre. Und wenn die geschichtliche Untersuchung die Mitschuld des wilhelminischen Regimes feststellt, dann empfindet das kein normaler Deutscher bei uns als eine allgemeine Ehrenkränkung, sondern bloss als eine historische Tatsache, die nur die ehemalige kaiserliche Regierung belastet. 2.Bericht: Die Stagnation der spanischen Fronten, die diplomatische Offensive Frankreichs und Englands wegen der A-9Nichteinmischung, die Reden Edens und Blums, all das hatte in den letzten Januartagen ein sehr lebhaftes Interesse für das geschaffen, was Hitler nun zu dieser Situation zu sagen haben würde. Eine staatsmännische Leistung wurde erwartet, grosse Reformen im Innern( Hoffnungen und Befürchtungen hielten sich die Wage) und aussenpolitische Lösungen. Der unmittelbare Eindruck der Rede war eine Enttäuschung und eine Bestätigung. Innerpolitisch eine Bestätigung, weil ein völliger Ausgleich mit allen widerstrebenden Kräften aus der Reichsheerführung und Industrie erreicht scheint. Eine Enttäuschung, weil die grosse Manövrierfähigkeit der Parteispitze hierdurch erneut unter Beweis gestellt wurde und eine Ausbalancierung der Kräfte wahrscheinlich für die Wegstrecke bis zum Kriegsfall erreicht ist. Mit den aussenpolitischen Ausführungen können wohl alle oppositionellen Deutschen zufrieden sein. Hitler hat in dieser Hinsicht alles getan, den unentwegten Verständigungspolitikern auf der Gegenseite die Verständigung zu erschweren. 3.Bericht: Die Feier des 30. Januar in X. war nicht erhebend. Die Beteiligung an den Gemeinschaftsempfängen war schwächer als im März vorigen Jahres, als Hitler seine Rheinlands befreiungsrede hielt. Die Rede sollte ein Rechenschaftsbericht sein, die Zuhörer empfanden aber die Phrasenhaftigkeit. Bei den Lautsprechern im Freien gab es nur vereinzelte Zuhörer. Die Wohnungen standen dank der Arbeit der Blockwarte unter schärfster Kontrolle. Als in der... Strasse einem Wohnungs inhaber vormittags 11 Uhr eine Radioröhre durchbrannte, besorgte der Blockwart bis zum Beginn der Hitlerrede unentgeltlich eine neue. Im selben Häuserblock versagte aber während der Rede ein Apparat und die Familie hatte das Unglück, einen Sohn zu haben, der früher im KZ war. Ohne jeden Beweis hat man den Burschen am Abend des 30. Januar verhaftet unter der Anschuldigung, den Empfang gestört zu haben. Er befindet sich noch in Haft und ist bis Mitte Februar noch nicht ver-leider nommen worden. Vermutlich wollte sich der Blockwart ein ehemaliger Kommunist- eine besondere Belobigung verdienen. Schlesien: Das Gesamturteil über die Rede war ablehnend. Kaufleute und namhafte Industrielle haben noch am gleichen Abend erklärt: das ist der letzte Appell zur Kriegsbereitschaft. Die Kaufleute sind besonders erbost, weil man sie gerade im Januar mit Steuereinziehungen beglückte und da war es verständlich, dass man nach der Rede des Führers offen zugab, dass man sich in Adolf sehr getäuscht habe. Die früheren Zeiten seien doch besser gewesen, denn da stand jemand im Reichstag auf, und konnte die Wahrheit sagen; heute muss man wie ein Taubstummer alles hinnehmen. Freilich gibt es auch noch verbohrte Nazis, die allem zustimmen, was der Führer sagte. Die Arbeiterschaft hat schon vorher an dem ganzen" Reichstag" Kritik geübt und die Abgeordneten als Mameluken bezeichnet. Sie hat die Rede als eine Ankündigung dafür aufgefasst, A- 10dass es wirtschaftlich noch schlechter werde. Man hatte erwartet, dass Hitler wegen der Kolonien und wegen Spanien viel rücksichtslos er sprechen werde. Dass die Hetze gegen Russland in der Führerrede die Hauptrolle spielen werde, hatte man von vornherein angenommen. Denn, so sagen die Arbeiter, das ist ja das einzige Mittel, mit dem man alle Missstände im Dritten Reich zu verschleiern sucht. Auch die Arbeiter sind der Ansicht, dass alle Reden des Führers nur von dem bevorstehenden Krieg, der unausbleiblich ist, ablenken sollen und dass es irgendwo in diesem Jahre noch losgehen werde. Berlin: Die Hitlerrede wird im ganzen als ein Rückzug Hitlers und als Eingeständnis der Schwäche gegenüber England gewertet. Vor allem die Stelle, dass die Zeit der Ueberraschungen jetzt vorüber sei, wird als Rückzug vor England aufgefasst, wobei die Ansichten auseinander gehen, ob diese Stelle der Hitlerrede" ernst" zu nehmen sei oder nicht. Im allgemeinen ist die Wirkung der Rede verblüffend gering und das Interesse viel mehr von der Rüstung der anderen Länder, in erster Linie Englands in Anspruch genommen, als von den Perspektiven, die Hitler entwickelt. Man weiss und spürt zu genau, dass der deutschen Aufrüstung bestimmte Schranken gesetzt sind, an die sie bereits heute an allen Ecken und Enden stösst, während das englische Weltreich erst beginnt, seine Möglichkeiten allmählich auszuschöpfen. Die Hitler- Rede vom 30. Januar hatte vorher Anlass zu zahl reichen Gerüchten gegeben. Als die Rede dann keine Sensationen brachte, trat eine gewisse Entspannung ein, die auch die Sorge vor einem nahe bevorstehenden Kriege etwas verringerte. Aber die Fortsetzung der Kriegsvorbereitungen sorgt dafür, dass die Gedanken an den Krieg nach wie vor die Gemüter beherrschen. Berlin: Eine Wandlung vollzieht sich nach unseren Beobachtungen in der Einschätzung der Kriegsgefahr. Immer noch wird der Krieg als bald bevorstehend und unvermeidlich betrachtet. Aber während früher die politisch Geschulten erwarteten, dass Deutschland den Krieg mehr oder weniger vom Zaune brechen würde, begegnet man jetzt häufig der Auffassung, dass die Nazis tatsächlich den Krieg vermeiden möchten, dagegen das Ausland, insbesondere England, ihn herbeiführen werde. Es ist das eine Wirkung der starken englischen Aufrüstung. Die Anhänger des Regimes sagen: das alte englische Spiel wiederholt sich. Kaum ist Deutschland etwas erstarkt, da bereiten die Engländer den Krieg vor und bringen eine Weltkoalition gegen uns zusammen!- Die Gegner des Regimes argumentieren: Jetzt endlich machen sich die Engländer stark und werden sich nicht mehr alles gefallen lassen. Beim nächsten Anlass, den Hitler bietet, werden sie gegen uns los chlagen!- In beiden Auffas sagen kommt zum Ausdruck, dass man nicht damit rechnet, da33 Hitler von sich aus den Krieg provozieren wird. Ausserdem wird im Grunde unbewusst- von vornherein eine Unterlegenheit Deutschlands gegenüber England angenommen und als selbstverständlich unterstellt, dass von nun an das Gesetz es Randells nicht mehr bei Hitler liegen wird, sondern auf England übergegangen ist. Bayern Der Höhepunkt der Kriegsfurcht war erreicht, als der Kreuzer" Königsberg" an der spanischen Küste spanische Handelsschiffe beschoss. Als dieses Vorgehen ohne ernste Folgen lieb, trat eine langsame Beruhigung ein. Die allgemeine Aufregung legte sich vor allem nach den letzten grossen Reden der europäischen Staatsmänner und besonders nach der Reichstagsrede Hitlers vom 30. Januar. An einen nahe bevorstehenden Krieg glaubt man jetzt nicht mehr, wenn man auch für die Zukunft besorgt ist. Die Entwicklung zeigt wieder einmal, dass die Massenstimmung in Deutschland starken Schwankungen unterworfen ist, die nicht zuletzt in der Rechtlosigkeit und Ohnmacht der Massen ihre Ursache haben. Das Volk hat keinen Einfluss auf die Politik des Staates und ist allzuleicht bereit, falschen Friedensworten Glauben zu schenken, die seinen Wunschvorstellungen entsprechen. In Deggendorf hat man eine besondere Abteilung des Grenzschutzes aufgestellt, in die nur gediente Soldaten, die Mitglieder der Kriegerverbände sind, aufgenommen werden. Die Leute haben alle das 50. Lebensjahr überschritten und kommen im Mobilisierungsfalle nur für besondere Aufgaben in Betracht. Ihre Uniform besteht aus braungelber Khaki uniform, Brecheshosen, Wickelgamaschen und Segeltuchmützen. Als Waffe tragen sie das Seitengewehr, doch hat jeder sein Militärgewehr daheim. Die alten Herren kommen sich furchtbar soldatisch vor und sind auf ihre besondere Uniform sehr stolz. Diese Truppe wird wohl kaum für Angriffszwecke Verwendung finden, sondern mehr als Verstärkung der lokalen Polizeibehörden im Kriegsfalle. Nordwestdeutschland: Man glaubt, am Krieg noch einmal so vorbeigekommen zu sein durch das Nachgeben der Regierung im Konflikt wegen Spanien und Marokko. Auch wird vielfach die Ansicht vertreten, dass wir technisch weiter seien als das Ausland, und uns gegen einen Angriff eine ganze Zeit, selbst gegen eine Uebermacht, halten können. Die Jahrgange 1907 und 1908, die zu den im Wehrgesetz vorshenen Uebungen noch nicht herangezogen worden sind, haben jetzt bereit tellungsbefehle für den Kriegsfall erhalten und gleichzeitig die Aufforderung, sich wegen ihrer Einreihung in die Stammrollen bei den Einwohnermeldeämtern zu melden. Bemerkenswert ist auch die Erfahrung, dass sogenannte Kriegsbeorderungen bisher in keinem Falle an einen früheren sozialdemokratischen Funktionär ergangen sind. A-12- Sachsan; Aus verschiedenen Grenzorten wird übereinstimmend die Aufstellung von Grenzsohutzabteilungen gemeldet. Diese Abteilungen kommen regelmässig Sonnabends zusammen und ser- deu-- 3 Stunden ausgebildet. Sfidsestdeutsohland: Es wird mit Hochdruck am Ausbau des Luftschutzes gearbeitet. In den Städten werden die Haushaltungsvorsteher, Männer oder Frauen, bezirksweise zu den Kursen kommandiert. Die Kurse umfassen 6 Abende. Nachstehend eine Einladung zu einem solchen Kursus: Po'chsl fts t b d S n i t i.l d* 19'' Rheinland-Westfalen: Die Mitglieder des Luftsohutzbundes werden persönlich zu Versammlungen eingeladen und müssen durch ihre Unterschrift bestätigen, dass ihnen die Einladung ausgehändigt worden ist. Trotzdem gehen viele nicht zur Luft- sehutzver Sammlung. Ueber die Anteilnahme an den Ereignissen in Spanien und über die 7erschlekung deutscher"Freiwilliger" nach Spanien sind in den letzten Wochen folgende Berichte eingelaufen.(Sämtliche Berichte beziehen sich auf die Zeit vor der Ausdehnung des A-13Nichteinmischungs- Abkommens auf die Freiwilligen): Nordwestdeutschland: Man weiss zu genau, dass nicht nur Freiwillige bei der SA und SS geworben wurden, sondern dass bestimmte militärische Formationen sich in Spanien aufhalten. So erfuhr man einiges von Angehörigen der Besatzung des Kreuzers" Königsberg". Weiter spricht der Fall eines früheren Mitgliedes der Sozialistischen Arbeiterjugend, der sich zur Ableistung seiner Dienstpflicht bei einer Flakabteilung befindet, eine sehr deutliche Sprache. Seine Eltern erhielten von ihm vor Wochen eine Nachricht, dass er jetzt nur mehr über sein persönliches Wohlergehen, nicht mehr über seinen Aufenthalt schreiben dürfe. Der Brief wurde von einer zentralen Berliner Militärpoststelle zugestellt. Gleichzeitig wurde den Eltern mitgeteilt, dass sie Post für ihren Sohn in doppeltem Umschlag wiederum an diese Berliner Poststelle schicken könnten. Seit mehr als sechs Wochen sind die Eltern jetzt ohne Nachricht von ihrem Sohn. Dabei steht fest, dass sich der Junge in all den Jahren gesinnungsmässig nicht geändert hat und unter keinen Umständen wirklich freiwillig zur Franco- Armee gegangen ist. Anders liegt der Fall bei einer Reihe uns namentlich bekannter SA- Männer, die sich freiwillig für Spanien anwerben liessen. Meist sind es amoralische, rauflustige Burschen, und es ist bezeichnend, dass darunter Leute sind, die bis 1933 als bekannte Schläger der KPD galten, dann SA- Leute wurden und jetzt als Freiwillige zur Franco- Armee gingen. Mit drei Schiffen sind Winterhilfskartoffeln nach Spanien transportiert. Die Schiffe" Marsala" und" Girgenti" haben volle Kartoffelfracht geladen, und diese wurde direkt von dem WHW geliefert. Als Ziel der Reise wurde" Mittelmeer" angegeben. Rheinland- Westfalen: Junge Leute, die schon gemustert sind, wurden gefragt, ob sie nach Spanien gehen wollen, um auf Seiten Francos zu kämpfen. Ebenso wirbt man Leute an, die früher in der Reichswehr gedient haben. Mehrere junge Leute, die zur Marine eingezogen worden sind, wurden nach Spanien transportiert. Es gibt Jungen, von denen man seit Monaten nichts weiss. Die Eltern sind in grosser Sorge; nur hier und da wagt es mal ein Vater oder eine Mutter, sich bei der Militärbehörde nach dem Verbleib zu erkundigen. Sie bekommen immer eine ausweichende Antwort. Südwestdeutschland: In der letzten Zeit sind sehr viele " Freiwillige" nach Spanien transportiert worden. Bei den Soljaten hiess es, sie gingen nach Spandau zum Scharfschiessen. Allein in einer Garnisonstadt in X. sind von drei Regimentern insgesamt Mannschaften in Stärke von etwa einer Kompagnie nach " Spandau" gekommen. Vor kurzem wurde einer Kompagnie eröffnet, dass einer der Abkommandierten einem Unglücksfall zum Opfer gefallen sei. So hiess es dann auch in der Todesanzeige in der Zeitung. A-14Nach Kaiserslautern, Vinningen, Pirmasens und Ludwigshafen sind Meldungen über den Tod junger Soldaten gelangt, die angeblich verunglickt sind. Der Vinninger soll auf dem Kreuzer" Endea" einem Herzschlag erlegen sein. Es wird bestrittea, dass diese Todesfälle sich in Spanien ereigneten, wie es von der Bevölkerung angenommen wird. Während die Verschickung" Freiwilliger" nach Franco- Spanien unvermindert ihren Fortgang genommen hat, wird jeder bestraft, der den Versuch macht, sich der spanischen Regierung als Freiwilliger zur Verfügung zu stellen. So wurden vor dem Karlsruher Schöffengericht am 28. Januar zwei ehemalige Kommunisten Klempp und Dingler, die zur" Internationalen Brigade" gehen wollten, aber beim Grenzübertritt in Kehl verhaftet wurden, zu 1 Jahr 2 Monaten und 1 Monat 2 Wochen Gefängnis bestraft. Die Strafe gegen Klempp fiel höher aus, weil er als Werber angesehen wurde. Bayern, 1.Bericht: In X. dient der Soldat des Bauern Y. im zweiten Jahr bei der Reichswehr. Vor einiger Zeit schrieb er nach Hause, dass er Geld haben möchte, weil er nach Spanien komme. Der Vater erzählte das im Orte herum mit dem Ergebnis, dass er vor kurzem in Schutzhaft genommen wurde. Soldaten, die in München dienen, mussten Anfang Dezember losen, wer" zum Schutz der Kolonien" ausersehen sei. Diese Leute haben auch von der Stadt München Geschenke bekommen. So hat einer der Verschickten eine Armbanduhr nach Hause gesandt, die er von der Stadt München bekommen hat. In Z. haben die Eltern eines dieser Soldaten seit 6 Wochen keine Nachricht bekommen; sie können ihrem Sohn selbst auch nicht schreiben, weil sie nicht wissen, wohin. Kein Mensch glaubt mehr an die Nachrichten der Presse und des Rundfunks über die Kriegslage in Spanien. Wenn man diesen Nachrichten glauben wollte, müsste ja Madrid schon längst gefallen sein. Wer Radio hat, hört fast mehr Auslands- als Inlandssender. Jeder kennt genau die Sendezeiten der ausländischen Sender. Jedermann weiss, dass deutsche" Freiwillige" in Spanien kämpfen. Wenn die Angehörigen von Reichswehrsoldaten längere Zeit von den Soldaten keine Nachrichten bekommen haben, so bekommen sie Angst, dass auch ihr Angehöriger nach Spanien geschickt worden ist. 2. Bericht: Die spanischen Ereignisse haben bei unseren engeren Freunden ein neues lebhaftes Interesse an den politischen Vorgängen wachgerufen. Der anhaltende Widerstand hat Hoffnungen erweckt, dass von Spanien das Wiedererstarken des internationalen Sozialismus seinen Ausgang nehmen werde. In den Betrieben haben sich mutige Menschen spontan zu illegalen Sammlungen bereit gefunden. In einem Falle wurde in einem Betriebe von 700 Arbeitern ein Betrag von 56 Mark zusammengebracht. Die Interventionspolitik des deutschen Faschismus wird allgemein verurteilt. Auch die Nationalsozialisten selbst sind durch die Entwicklung der Verhältnisse in Spanien A-15innerlich beunruhigt." Das wird eine harte Nuss werden, und uns noch viel Geld kosten", sagte ein Redakteur des Völkischen Beobachters" zu seinen Kollegen und erging sich dann in sehr ernsten Betrachtungen über die vermutliche Expansionskraft des Bolschewismus. Es ist den Nationalsozialisten durchaus nicht wohl in ihrer Haut. Die vielfach im Ausland gebrachten Meldungen über Sammellager von Freiwilligen in München, die mit der Bahn über Oesterreich nach Italien verbracht und dort nach Spanien eingeschifft worden sein sollen, konnten von uns nicht entdeckt werden, soviel wir uns auch bemühten, dieser Sache auf den Grund zu kommen. Desgleichen sind die Meldungen über angebliche Demonstrationen von Frauen, deren Männer in Spanien gefallen sind, erfunden. Sachsen, 1.Bericht: Der Maurer X. in Y. war Anfang 1936 zum Militär eingerückt. Im Dezember erhielten seine Eltern von ihm einen Brief, dass er in den nächsten Tagen zu Manövern nach Norddeutschland ginge. Sie sollten seine Briefe an das zuständige Kommando richten. Seitdem hatten die Eltern nichts wieder von ihm gehört. Dieser Tage erhielten sie durch die örtliche Polizei die Mitteilung, dass ihr Sohn bei den Manövern tödlich verunglückt sei, die Leiche könnte nicht nach hier überführt werden und die Angehörigen auch nicht am Begräbnis teilnehmen, da ihr Sohn bereits beerdigt sei. Da die Eltern ziemlich nahe der Grenze wohnen, konnten sich die Leute bisher immer leicht orientieren, dass Deutschland" Freiwillige" nach Spanien schickt. Gleich bei der ersten Mitteilung ihres Sohnes schöpften die Eltern den Verdacht, dass ihr Sohn nach Spanien musste. Nach der Mitteilung von dem tödlichen Unfall war ihnen klar, dass der Sohn in Spanian gefallen ist. In ihrer Verzweiflung schimpften die Eltern auf das Regime, wo sie nur konnten. Eines Tages erschien ein Gestapo beamter aus der Kreisstadt bei ihnen und verwarnte sie dringend, nicht weiter herumzureden, dass ihr Sohn in Spanien gefallen sei, sonst müsste die Polizei Massnahmen ergreifen. Beim Weggehen sagte der Beamte so nebenbei:" Sie wissen wohl, dass wir in Deutschland Konzentrationslager haben!" Dieser Vorfall hat sich natürlich wieder schnell in der Stadt herumgesprochen. Der Soldat Richter aus Chemnitz, vom 9. Inf.Reg. Potsdam, ist in Spanien auf Seite der Rebellen gefallen. Seiner Mutter wurden durch Polizeibeamte die Wertsachen ihres gefallenen Sohnes übermittelt. Man teilte ihr mit, dass ihr Sohn bei Manövern in der Nähe von Berlin tödlich verunglückt sei. Ein Kaufmann in A. wollte sich mit der Nachricht, dass sein Sohn bei einem Manöver verunglückt sei, nicht zufrieden geben. Auf sein Drängen wurde ihm eine Aschenurne zugeschickt. Weitere Ermittlungen, die er anstellte, hatten zur Folge, dass er unter Polizei aufsicht gestellt und verwarnt worden ist, mit niemand über diesen Fall zu sprechen. A-lbIn B. kam Mitte Januar ein Bauernsohn, der Unteroffizier bei der Reichswehr ist, mit einem Oberarmschuss nach Hause. Er gab an, dass er beim Manöver verunglückt sei. Allen Nachfragen, wo er seine Verletzung erhalten habe, wich er aus. Wie wir bereits im vorigen Bericht mitteilten, waren auch von C, Flieger nach einem kurzen Urlaub nach Spanien verschickt worden. Zu den Weihnachtsfeiertagen war einer dieser Flieger wieder in C., aber mit verbundenem Kopf. Vorher soll er in Stettin in Behandlung gewesen sein. Mitteilungen über die Herkunft und Art seiner Verletzung konnten von ihm nicht erlangt werden. Auch gegen seine nächsten Angehörigen hatte er sich nicht darüber ausgesprochen, hatte aber auch deren Vermutungen, dass er an den Kämpfen in Spanien teilgenommen habe, nicht widerlegt. Auch in D. sind bereits Nachrichten eingetroffen, dass Soldaten aus dieser Stadt in Spanien gefallen sind. In den meisten Fällen wurden die Angehörigen davon benachrichtigt, dass der Soldat bei" Manövern verunglückt sei. 2. Bericht: Mehreren Eltern, deren Söhne bei der Reichswehr dienen, ist mitgeteilt worden, dass ihre Söhne zu einer Manöverübung abkommandiert seien, und dass alle Post an eine zentrale Adresse in Berlin zu richten ist. Die Angehörigen sind überzeugt davon, dass ihre Söhne nach Spanien gebracht worden sind, und zwar ohne über ihr Einverständnis überhaupt erst befragt worden zu sein. Zwei Familien haben die Nachricht erhalten, dass ihre Söhne bei Manöverübungen tödlich verunglückt seien. Den Angehörigen wurde verboten, Trauerkleidung anzulegen und über die Unglücksfälle mit Dritten zu sprechen. Schlesien: Die Vorgänge in Spanien stehen in der Arbeiterschaft nach wie vor im Vordergrund der Diskussion. Die Berichterstattung der deutschen Presse wird als offene Fälschung bezeichnet, da man Madrid schon im August und dann im Novem ber als gefallen bezeichnet hat, während man jetzt zugeben muss, dass der Bürgerkrieg noch sehr lange dauern wird. Das Hauptverdienst an der erfolgreichen Abwehr der Rebellen schreibt man den Russen zu; die Internationale Brigade steht in hohem Ansehen und über den Zuzug von Freiwilligen für die Roten werden fantastische Zahlen genannt, die man aus dem italienischen Sender erfahren haben will. Der Fall Malagas wurde zunächst nicht geglaubt, bis man die Tatsache durch die Auslandssender bestätigt erhielt. Man hält auch nicht mit der Kritik an Frankreich und England zurück, die den Sieg der Demokratie in Spanien trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht zulassen wollen. Die Teilnahme deutscher Truppen am Krieg in Spanien wird scharf verurteilt, denn man habe dort nichts zu suchen, verärgere nur die Grossmächte, die dann gegen Deutschland vorgehen werden. Diese Verurteilung findet man auch in den Kreisen der Nationalsozialisten. So spielte sich bei einem alten A-17Kämpfer, der als Kohlenhändler die Verteilung der Kohlen vom Winterhilfswerk vollzieht, folgender bemerkenswerter Vorfall ab: Als man auf Spanien zu sprechen kam, äusserte der alte Kämpfer:" Was haben wir in Spanien zu suchen? Lassen wir doch die Spanier selbst ihr Schicksal entscheiden." Es waren gegen 50 Leute da und man machte Bemerkungen darüber, ob man vielleicht nur deshalb so wenig Kohle erhalte, weil diese auch nach Spanien verschickt werden. Da legte der Kohlenhändler los, dass die Zustände ohnehin in Deutschland unhaltbar wären, die Steuern seien nicht mehr zu tragen und da engagiere man sich in Spanien und mache sich die ganze Welt zu Feinden. Er sei alter Kämpfer, aber mit Spanien, das habe Hitler schlecht gemacht, das könne nicht gut enden. Als er von den Anwesenden Zustimmung erhielt, merkte er erst, dass er sich zu weit vorgewagt hatte und überliess die weitere Verteilung der Kohlen seiner Frau mit der Bemerkung, man sei doch untereinander und da dürfe man schon ein Wort wagen. Aus industriellen Kreisen wird berichtet, dass sich Freiwillige nach Spanien aus der Reichswehr überhaupt nicht melden, sondern dass alle zwangsweise abkommandiert werden, ohne dass die meisten wissen, wohin es geht. Es ist allerdings jetzt Regel geworden, dass Eltern, deren Söhne beim Wehrdienst sind und lange nichts von sich hören lassen, einfach sagen: " Ja, man hat ihn sicher nach Spanien abgeschoben." Die Aemter der Wehrkreiskommandos werden deswegen mit Anfragen überhäuft. Berlin, 1.Bericht: Ein naher Verwandter von mir dient seit Anfang 1936 bei einem Flak- Artillerie- Regiment. Nach halbjähriger Ausbildung-die Ausbildungszeit war so kurz, weil er Facharbeiter ist- nahm er an mehreren Manövern teil, dann verliess er plötzlich Mitte Oktober mit seinem Truppenteil Deutschland, ohne dass über den Bestimmungsort des Transports Näheres bekannt wurde. Briefe an ihn sind an die bisherige deutsche Adresse des Truppenteils zu richten und Briefe von ihm kommen ebenfalls ohne Ortsangabe an. Alle Briefe sind 14 Tage bis 3 Wochen unterwegs. In einem der letzten Briefe schrieb er:" Wir befinden uns hier in halbem Kriegszustand... Wir haben grosse Sehnsucht nach der Heimat, von der wir sehr weit entfernt sind... Vor Ende Mai haben wir keine Aussicht, zurückzukommen... Die Verpflegung ist schlecht, ebenso die Unterbringung..."- Bin früherer Brief war mit dem Schiffsstempel einer deutsch- spanischen Dampferlinie versehen. 2.Bericht: Das Kriegsministerium hat eine bemerkenswerte prinzipielle Entscheidung gefällt: Es hat das Gesuch eines Arztes, ihm seinen Sohn, der als Freiwilliger bei Franco in Spanien schwer verwundet wurde, zur Behandlung zu übergeben, abgelehnt. Dem Vater ist geantwortet worden, dass das Ministerium seine Zustimmung zur Rückkehr des Verwundeten nicht zu geben vermag. Zugleich ist unter Hinweis auf diesen A-18Fall den Bezirkskommandos Befehl erteilt worden, jedes Gesuch gleicher oder ähnlicher Art abzulehnen und zwar aus prinzipiellen Erwägungen, über die man sich aber nicht weiter auslässt. Es ist nicht schwer, die Massnahme zu verstehen: wie leicht könnte einer, der dort an den Kämpfen teilgenommen hat, aus der Schule plaudern. Es ist schon besser, er gesundet oder stirbt im Süden. Wie vorsichtig man ist, beweist auch noch ein anderer Vorgang: In Kiel liegt gegenwärtig die " Deutschland", sie ist aus Spanien heimgekehrt. Trotzdem die Matrosen an den Kämpfen nicht teilnahmen, auch kaum einmal Landurlaub erhalten haben, also wirklich wenig erzählen können, ist ihnen auf Befehl des Kriegsministeriums strengstens untersagt worden," wirkliche oder erdichtete Erlebnisse" zu berichten. Sie werden bei den täglichen Appellen immer wieder an diesen Befehl erinnert, dessen Missachtung strenge Strafe nach sich zieht. Wir haben in den letzten Monaten wiederholt über die Haltung des Bürgertums berichtet( vgl. Oktober 1936 Nr. 10, Seite 1 ff und Dezember Nr. 12, Seite A 13 ff). Wir lassen nachstehend weitere Berichte folgen. Diese Berichte bestätigen erneut frühere Wahrnehmungen: wie uneinheitlich die Auffassungen. im Bürgertum sind, wie weithin unpolitisch seine Haltung ist und wie sehr man daher gerade in bürgerlichen Kreisen dazu neigt, die Bedeutung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten für den Bestand des Regimes zu überschätzen. Bayern: Es ist eine allgemeine Tatsache, dass unpolitische Menschen, die zwar Tag für Tag und bei jeder Gelegenheit krakeelen und schimpfen, im nächsten Augenblick mit scheinbarer Begeisterung die Hand zum Hitlergruss erheben. Einige Beispiele mögen das veranschaulichen: Einer unserer Freunde geht mit einem Hausbesitzer auf der Strasse. Dieser erzählt ihm lang und breit über die unerträglichen Belastungen, die durch die Heraufsetzung der städtischen Strassenreinigungsgebühren entstanden sind. Er schimpft auf die Regierung, der gegenüber alle Notverordnungen Brünings verblassen müssten. Da erklingt Marschmusik und ein Zug SS zieht vorüber. Unser guter Bürger stellt sich in die vorderste Front an den Gehsteig und erhebt stramm die Hand zum Hitlergruss. Er ergeht sich in Betrachtungen über die tadellose Marschdisziplin der Truppe und deren fesche Uniformen. Wer ihn nicht gerade vorher schimpfen hörte, glaubt einen waschechten Nazi vor sich zu haben. Es scheint, als ob der Mann gar nicht so weit denken kann, um zu erkennen, dass die marschierende SS und die Macht, die ihn im täglichen Leben so bedrückt, in letzter spitze ein und dasselbe sind. A- 19Ein weiteres Beispiel: Eine Stenotypistin mit 80,-FM Monatsgehalt, die ausser der Zwangsmitgliedschaft bei der DAF nirgends mittut, vollkommen unpolitisch ist und in grosser materieller Sorge lebt, fährt am Tage der Hitlerrede mit der Strassenbahn heim. An einer Kreuzung muss die Strassenbahn anhalten, um einen längeren Zug von SS vorbeizulassen. Das Mädel steigt aus, begibt sich in die vorderste Reihe der spalierbildenden Passanten und reckt voll innerer Ueberzeugung die Hand zum Hitlergruss. Als sie wieder zurückkommt und die Strassenbahn weiterfährt, fragt sie unser Freund:" Sagen Sie, warum steigen Sie da extra aus? Das kann doch kein Mensch von Ihnen verlangen. Sind Sie denn eine so begeisterte Nationalsozialistin? Das habe ich ja gar nicht gewusst." Sie gibt hm zur Antwort:" Wenn ich das mache, leiste ich einer vaterländischen Pflicht Genüge. Das tue ich nicht der SS oder der Nazis wegen, das tue ich, weil ich eine Deutsche bin." Ein drittes Beispiel: In einem Vorortzug nach Augsburg fahren täglich die gleichen Menschen zusammen. Arbeiter, Regierungsräte, kleine Beamte, Techniker usw. Jeden Tag entspinnt sich ein Gespräch über politische Fragen. Dabei kann man beobachten, dass die Beamten sich als starke Stützen des Regimes fühlen und sich ihrer Stellung bewusst sind. Sie nörgeln zwar da und dort, sie kritisieren die Einmischungspolitik in Spanien, sie reden über den Lebenswandel des neuen Polizeipräsidenten, aber am Tage der Winterhilfssammlung, die von Beamten durchgeführt wird, erscheint der Herr Regierungsrat schon im Zug mit seiner Büchse und lässt keinen entrinnen. Er erledigt seine Verpflichtung mit Eifer und geniert sich vor niemanden. Man hätte einmal früher einem Herrn Regierungsrat so etwas zumuten sollen. Ein viertes Beispiel: In dem grossen Kaufhaus Hertie in München kauft einer unserer Freunde einen Gegenstand. Er verhandelt gerade mit der Verkäuferin, als drunten auf der Strasse Marschmusik ertönt. Alles rennt an die Fenster und auch die kleine Verkäuferin lässt ihren Kunden stehen und entschuldigt sich für einen Augenblick. Eine Erscheinung, die es früher nicht gab. Sind diese Menschen deshalb überzeugte Nazis? Sie sind es nicht, aber sie nehmen alles wie wechselnden Sonnenschein und Regen, sie freuen sich an dem Glanz froher Feste und jammern über die unerträglichen Lasten des Lebens. Südwestdeutschland: Aus Gesprächen mit katholischen Lehrerinnen. 1. Gespräch mit einer Lehrerin aus einer Grossstadt: " Wie stehen Sie zur Aufrüstung? Das Aufrüsten war schon richtig, jetzt dürfen sie aber aufhören. Jetzt sind wir doch den anderen an Stärke gleich. Wenn wir weiterrüsten, gibt es letzten Endes doch einen Krieg. Von welcher Seite, glauben Sie, wird der Krieg ausgelöst werden? A-20Natürlich vom Ausland, das uns wieder wie vor 1914 als gefährlichen Konkurrenten betrachtet, wenn wir den anderen rüstungsmässig überlegen sind. Dann fallen sie eben wieder über uns her. Aber Deutschland provoziert doch das Ausland, siehe Rheinlandbesetzung, siehe Einmischung in Spanien! Die Rheinland besetzung hatte bei uns grosse Begeisterung ausgelöst. Das war auch richtig, diese Schmach des Friedenspaktes von Versailles aus zulöschen. Und was Spanien anbelangt, so ist es vielleicht nicht richtig, dass Deutschland sich einmischt. Aber die Photos, die man in der Presse sie ht, z. B. die Nonnensärge, die sie ausgeräumt, und die Leichname, die sie auf die Strasse gestellt haben, das ist doch grauenhaft. Wir( sie meint einen gewissen Kreis katholischer Lehrerinnen) wünschen ja dem Hitler- Regime je früher desto lieber den Bankrott, aber lieber doch noch Hitler als so was. Sie glauben wohl alle Greuel über Spanien, die in der deutschen Presse stehen? Auf anderen Gebieten sind Sie gegenüber den Pressemeldungen des Regimes doch auch kritischer? Nein, ich glaube nicht alles, was in der Presse steht. Aber Photos kann man nicht so fälschen. Und ausserdem nimmt unsere Kirche in diesem Falle auch scharf Stellung gegen die Roten dort unten. Was sagen Sie zu der Verschickung von deutschen Truppen nach Spanien? Ich habe davon gehört. Man flüstert es sich zu. Wenn sich Leute freiwillig dazu melden, habe ich gar nichts dagegen. Aber man scheint zwangsweise ganze Kompagnien der Reichswehr dort runter zu schicken. Jedenfalls hört man immer wieder, dass Angehörige von Soldaten Karten bekommen, die die Mitteilung enthalten, dass sie zu längeren Manövern wegmüssen. Man hört auch schon von Zuschriften des betreffenden Regiments: " Beim Manöver tädlich verunglückt." Natürlich sagt sich dann alles:" In Spanien gefallen". Diese Nachrichten rufen ziemliche Aufregung hervor und man erzählt es sich überall. Wie steht es mit der Lebensmittelknappheit? So schlimm ist das nicht. Im allgemeinen bekommt man noch alles. Nur wesentlich teurer. Bei meinem Einkommen wirkt sich das nicht so aus. Bei den Arbeitern mag das sicher anders sein. Früher haben die Arbeiterfrauen, wenn sie zu mir in die Schule kamen, um sich wegen ihrer Kinder zu beraten, sich noch darüber ausgelassen. Heute sagen sie nichts mehr. Jetzt sind auch alle meine Mädels in der Hitler- Jugend. Noch vor einem Jahr hatte ich Fälle, wo sich die Eltern strikte weigerten, ihre Kinder in die HJ zu tun. Aber allmählich bricht aller Widerstand. Man hätte doch auch nie geglaubt, dass Hitler sich 4 Jahre halten kann. A-21Wie stehen Sie jetzt zum Regime? Genau so wie früher. Ich habe zwar früher stets Zentrum gewählt, habe mich aber sonst nie um Politik gekümmert. Ich lehne das Hitlerregime ab, weil es gegen die Kirche ist, weil es keine Meinungsfreiheit lässt und weil ein Teil meiner Angehörigen gezwungen ist, im Auslande zu leben. Ich verkehre nicht mit Nazis. Aber die Regierung wird auch noch den letzten Rest der katholischen Organisationen verbieten! Bis jetzt haben sie sich an unseren katholischen Lehrerinnenverband noch nicht herangewagt. Wir wissen, dass wir scheel angesehen werden. Jede einzelne von uns ist auch schon vom Direktor eingehend bearbeitet und teilweise sogar gewarnt worden. Aber da geben wir nicht nach. Was wollen Sie aber tun, wenn dieser Verband aufgelöst wird? Dann werden wir uns eben privat zusammenfinden. Das ist unser Letztes, was wir haben, das lassen wir uns nicht nehmen. Was, glauben Sie, kann man tun, um eine Aenderung der gegenwärtigen Zustände in Deutschland herbe izuführen? Wir können nichts tun. Man kann ja kaum ein Wort sagen, ohne Angst haben zu müssen, dass man ins KZ kommt. Die Hilfe muss yon aussen kommen. Oder die Reichswehr wird Hitler stürzen. 2. Gespräch mit einer Lehrerin aus einer Kleinstadt: Sie ist ausgehungert nach Neuigkeiten. Sie weiss überhaupt nichts, kennt keine aussenpolitischen Zusammenhänge. Sie fragt, ob es wahr sei, dass noch immer Menschen von der Gestapo in Konzentrationslagern und Gefängnissen misshandelt werden. In ihrer Stadt höre man davon nichts. Jeder ginge seiner Arbeit nach, man vermeide, von Politik zu reden, sei auch zu desinteressiert. Alle Schulkinder seien in der HJ. Kinder kommunistischer oder sozialistischer Eltern hätte sie auch vorher kaum gehabt, da sie an einer Mittelschule unterrichte. Zur Kriegsgefahr:" Ja, man redet überall vom Kriege., Wir haben aber gar keine ausreichenden Mittel, um richtig aufzurüsten. Das Ausland ist uns weit überlegen. Das Ausland müsste zuerst abrüsten. Ausserdem müsste uns das Ausland die gestohlenen Kolonien wiedergeben. Wir brauchen doch Rohstoffe, die anderen bekommen doch auch Rohstoffe durch ihre Kolonien. Ich glaube, England wäre schon geneigt, uns unsere Kolonien wiederzugeben. Aber Frankreich will nicht. Die Franzosen hassen Deutschland und wollen es vernichten. A-22Deutschland hat keine Schuld am kommenden Krieg. Wir alle wollen ihn nicht. Aber alles kann sich Hitler nicht gefallen lassen. Zu Spanien: Ich habe oft über Hitler geschimpft, aber wir sind alle froh, einen Hitler zu haben, anstatt solcher Zustände wie in Spanien.( Aber begierig hört sie sich alles an, was wir ihr über die wirklichen Zustände in Spanien berichten. Zum Schluss erklärt sie, alle Dinge haben ihre zwei Seiten und es würde an dem einen soviel wahr sein wie an dem anderen). Zu Russland steht sie ganz negativ. Nie wolle sie russische Zustände in Deutschland. Deshalb müsse man sich ja auch wohl cder übel mit Hitler zufrieden geben; denn er habe ja den Bolschewismus aufgehalten. Zur Judenfrage: Besonders aergern sie die Judenverfolgungen auch bei denen, die getauft sind, was wohl auf ihre strenge, kirchliche Beeinflussung zurückgeht. Ein gewisser Antisemitismus ist bei ihr festzustellen. Die Juden: das ist für sie eine andere Welt, doch die Verfolgungen der Juden, ihre wirtschaftliche Ausrottung, findet sie barbarisch. Dagegen hätte sie es für vernünftig betrachtet, wenn ein numerus clausus eingeführt und eine gewisse Beschränkung bei Beamtenkandidaturen eingeführt worden wäre. Ueber die Zukunft macht sie sich gar keine klaren Vorstellungen. Dass es anders kommen müsse, davon ist sie überzeugt. Wie und durch wen, darüber denkt sie nie nach. Vielleicht durch die Reichswehr, sagt sie nach einigem Ueberlegen. Da sie in einer fast 100% igen katholischen Stadt lebt, an einer katholischen Mittelschule unterrichtet, fühlt sie sich so " unter uns", dass es keine grossen Unbequemlichkeiten für sie hätte, wenn das Regime noch Jahre dauern würde. Berlin, 1.Bericht: Ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär berichtet über ein Gespräch mit einem Gross industriellen: Der Industrielle, der meine frühere Tätigkeit kannte, sagte zu mir:" Na, Sie hätten sich doch ruhig umstellen können." Auf meine etwas erstaunte Frage, wie er zu dieser Ansicht käme, antwortete er mir:" Die Arbeitsfront macht uns Unternehmer doch viel mehr kaputt. Gegen die Gewerkschaften konnten wir noch Widerstand leisten, aber hinter diesen Herrschaften steht doch die ganze Staatsgewalt. Natürlich wird alles, was die Vertrauensräte verlangen," freiwillig" gegeben. Aber geben wir es nicht, dann sind wir unsozial und das kann seine Folgen haben." Seine weiteren Klagen richteten sich vor allem gegen den ungeheuerlichen Steuerdruck, gegen die Ueberlastung mit Spenden, wobei von den grossen Werken grosse Summen gefordert werden, und gegen die gesetzlichen Bestimmungen des Anleihestockgesetzes. Auf meinen Einwand, dass diese Dividendenbestimmung doch eigentlich den Wünschen der Industriever A- 23waltungen entgegenkäme, antwortete er mir:" Ja, solange wir in der Krise waren, aber jetzt wissen wir nicht, wohin mit dem Gelde." Mein Einwand:" Stille Reserven". Antwort:" Das hat doch alles seine Grenzen. Man kann doch nicht alles in den Bilanzpositionen verstecken. Wir lassen jetzt alle unsere Geschäftsräume herrichten und die Fassaden unserer Gebäude abputzen. Wir machen in" Schönheit der Arbeit". Er legte mir dann weiter dar, dass durch diese Art der Politik die Industrie daran gehindert werde, sich für den kommenden Rückschlag mit Reserven zu sichern. Auf meinen etwas ironischen Einwand, dass ein Rückschlag nicht zu erwarten sei, bekam ich die Antwort:" Ja, was denken Sie denn? Unsere ganze Konjunktur hängt doch von den Rüstungen ab. Wie lange geht denn das noch? Wir nehmen das Geschäft natürlich gern mit, aber uns graut vor der Zukunft. Wenn der Rückschlag da ist, soll uns die weise Regierung, die uns bis hierher gebracht hat, wieder heraushelfen." Meine Schlussbemerkung bei der Verabschiedung:" Ich kann mir nicht denken, dass die Geschichte noch lange so weitergeht", beantwortete er:" Nee, bestimmt nicht, die Sache muss bald ein Ende haben." Ich fand dann in der Tat bestätigt, dass nicht nur dieser eine Unternehmer, sondern sehr viele grossindustrielle Werke ihre Betriebsgebäude und Arbeitsräume" verschönern". 2.Bericht: Gespräch mit einem jüdischen Gros skaufmann, der früher der Sozialdemokratie nahestand: Wie beurteilen Sie die Stimmung der Bevölkerung? Wenn heute freie Wahlen stattfinden würden, könnte Hitler höchstens 30% aller Stimmen für sich gewinnen. Die Missstimmung ist wirklich allgemein, am stärksten natürlich im Mittelstand und bei den Bauern. Der Mittelstand steht sich wirtschaftlich ausserordentlich schlecht, die Schwerindustrie regiert und die Kleinen müssen bluten. Die Bauern sind mit dem Zwang unzufrieden und lassen ihre Missstimmung häufig in recht derber Form laut werden. Aber das hilft alles nichts, kein Mensch traut sich, etwas zu unternehmen oder gegen Massnahmen des Systems Widerstand zu leisten. Alle kuschen und haben Angst vor der Gestapo. Von innen ist keine Aenderung des heutigen Zustandes zu erwarten, das Volk ist feige und ängstlich geworden. Wie stellen Sie sich eine Aenderung der Zustände vor? Das Hitler- Regime muss von aussen gestürzt werden. Es ist meines Erachtens wirtschaftlich am Ende, es ist entblösst von allem, was es benötigt, es verfügt über keinen nennenswerten Goldschatz mehr und der Aussenhandel wird täglich weiter ruiniert. Wenn alle anderen Länder den Boykott genau so durchführen würden, wie USA, dann gäbe es Hitler heute schon nicht mehr. Morgenthau hat gesagt:" Wir werden das Hitlersystem beseitigen, ohne einen Schuss abgeben zu müssen" und wir sind überzeugt, dass er und seine Freunde es schaffen. A -24äisier wird in wenigen Monaten am Ende sein, wenn er keine Eilfe vom Ausland erhält. Nehmen Sie an, dass es zu einem Krieg kommt? Man spricht allgemein davon, dass die Generalität bisher den Krieg verhindert hat. Aber wir sind überzeugt, dass es bald zum Kriegsausbruch kommt. Viele Hunderttausende hoffen darauf, weil sie ihn als die einzige Möglichkeit, dieses Regime loszuwerden, ansehen. Lieber ein Krieg, lieber ein in 20 oder 30 Teile zerstückeltes Deutschland, als den heutigen Zustand verewigen. Halten Sie die Niederlage für so sicher? Aber das ist doch selbstverständlich! Ein neuer Krieg wird keine drei Monate dauern und Deutschland ist erledigt. Der Zusammenschluss der drei grossen Demokratien ist fertig und er wird auch in Kriegsfall funktionieren. Es ist möglich, dass es in den ersten paar Tagen eine Stimmung wie im August 1914 gibt, aber sie wird viel rascher abebben als damals. Diejenigen, die den Weltkrieg mitgemacht haben, haben genug. Die Jugend, ja, die mag vielleicht begeistert sein, aber sie ist heute noch nicht entscheidend. Auf der anderen Seite wird der Hass gegen das Regime, das Gefühl, wieder ein Gewehr in der Hand zu haben, den oppositionellen Kräften grössten Aufschwung geben und das Schicksal der Hitlerregierung besiegeln helfen." Sachsen: Ein Textilindustrieller( Jude): Ein wichtiges Charakteristikum für die Beurteilung der allgemeinen Stimmung ist nach wie vor die grosse Bereitschaft der Bevölkerung, vor allem der Arbeiterschaft, auf die Parolen der Regierung einzugehen. Gerade die Arbeiter hätten sehr wohl Möglichkeiten, der Regierung das Leben sehr sauer zu machen, aber sie machen von diesen Möglichkeiten keinen Gebrauch. Anstatt dass sich die Arbeiterfrauen vor den Fischläden drängen, sellten sie bei allen Fleischern Fleisch verlangen, gerade weil sie wissen, dass es nicht immer Fleisch gibt. Anstatt Margarine und Marmelade zu verbrauchen, sollte überall nach Butter gefragt werden. Aber man tut es nicht, weil man der Suggestivwirkung der Propaganda erliegt. Leider kann z. B. kein Zweifel darüber bestehen, dass der monatliche Küchenzettel und die sonstigen Kochanweisungen in der Presse gerade von den breiten Massen weitgehend befolgt werden. Meine Auffassung ist: wenn dem Regime aus der Masse heraus einmal ernste Schwierigkeiten bereitet werden, dann wird es eher bei den Mittelständlern, den Kleingewerbetreibenden der Fall sein, als bei den Arbeitern. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Ein Unternehmer beurteilt die politische Entwicklung folgendermassen: Was die antiliberalistischen Parolen der Nazis und Hitlers selbst betrifft, A-25so kann ich nur sagen, dass sich mit oder ohne Einverständnis der" Führer" des Dritten Reiches niemand um die Parolen kümmert. Die Kapitalisten regieren im Dritten Reich. Das ist die Tatsache. Sie verdienen, solange die Konjunktur anhält und sie verdienen auf ihre Art. Darum bleiben sie noch still; was nicht besagt, dass sie nicht alle grosse Sorgen über den Ausgang der Experimente haben. Die Wirtschaftskreise wollen auch nichts vom Antisemitismus wissen. Es ist z.B. allgemein bekannt, dass Krupp von Bohlen und Halbach seinen Sohn in einem jüdischen Bankhaus untergebracht hatte und dass er ihn erst auf Betreiben der Nazis, und weil seine Weigerung gar zu aufsässig erschienen wäre, aus diesem Bankbetrieb herausgenommen hat. Die" Wirtschaft" unterscheidet sich in ihrem Verhalten in nichts von dem in der Zeit der Weimarer Republik. 1918 schluckte sie Ebert und die Sozialdemokraten als das kleinere Uebel. Die Sozialdemokraten waren gut genug, Deutschland vor dem Bolschewismus zu retten. Das ist auch die Aufgabe, die die" Wirtschaft" Hitler zugedacht hat. Es ist ein grosser. Irrtum, wenn man annimmt, dass die sogenannte Wirtschaft ein festumrissenes politisches Programm hatte und hat. Sie lebt seit langem von Gelegenheiten. Und sie will keinen Bürgerkrieg. Sie wollte den Bürgerkrieg vermeiden und deshalb war sie bei Hitler. Inzwischen" riechen" diese Leute schon wieder die Katastrophe und- sie suchen sie abzuwenden. Man lässt Hitler noch seine äussere Machtstellung. Man macht sogar in Ergebenheit. Aber im Geheimen arbeitet man schon an seinem Sturz. Man sieht sich nach Hilfe um. Die Wirtschaftskapitäne sind sich über die wahre Stimmung in Arbeiterkreisen, d.h. in den selbstbewussten und aufgeklärten Arbeiterkreisen, nicht im Unkleren. Tausend Einzelbei spiele könnten das belegen. Ueberall spricht man darüber. Man fragt die ehemals bekannten Arbeiterführer aus und gibt zu erkennen, dass es ja so nicht immer bleiben könne. Ueberall werden die Drähte gezogen. Das Volk macht dazu die Begleitmusik, indem es offen kritisiert und seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt. Man soll sich nicht täuschen. Die Grossindustrie ist sehr genau über die Stimmung unterrichtet. Vor allen Dingen weiss sie um wirtschaftliche Dinge und Möglichkeiten Bescheid. Man kann den deutschen Wirtschaftskapitänen alles vorwerfen: politische Unkenntnis, Mangel an sozialem Verständnis und vieles andere. Nur nicht Unkenntnis über die wirtschaftliche Lage und über die hoffnungslosen wirtschaftlichen Zukunftspläne des" Führers". Kenner lassen sich durch äussere Machtentfaltung der Nazis nicht im geringsten täuschen, auch nicht durch grosse Worte über die Autarkie und anderes. Die Entwicklung 1st viel weiter gediehen als es äusserlich scheint. Die Wissender sehen völlig klar, dass es keinen Ausweg auf dem jetzigen Fege gibt, dass das deutsche Wirtschaftsleben zusammenbrechen muss, wenn nicht das Steuer herumgeworfen wird. Deshelb wird das Bündnis mit der Reichswehr immer enger. Sie A-26soll nach der Konzeption der Wirtschaft Deutschland retten. Dieser Ausweg mag auch irrig sein, aber man glaubt zunächst an seine Möglichkeit. Auch in Beamtenkreisen" riecht" man bereits die kommenden Dinge. Auch da könnte ich hunderte von Beispielen anführen, die beweisen würden, wie man sich schon wieder" umzustellen" beginnt. Man lasse sich nicht täuschen durch die tausende von Vereidigungen auf den" Führer". Das ist ja alles Humbug und wird einfach als Notwendigkeit hingenommen, wenn man sein Brot behalten will. Das deutsche Volk ist ja ein so grundan ständiges Volk. Es liebt deswegen auch über alles die sogenannte Ordnung. Es will kein" Chaos". Diese im Grunde anständige Gesinnung nützen die Kapitalisten aus. Sie haben sie immer aus zunützen verstanden. Ich glaube trotz aller Gegenmeinungen an die Möglichkeit, dass sich der Umschwung über Nacht vollziehen wird. Alles wird vorher unter der Decke vorbereitet, alles wird" organisiert". Und eines Tages wird Deutschland unter einer neuen Herrschaft erwachen. Neunzig Prozent des Volkes werden dann zufrieden sein, dass sich mal wieder alles in " grösster Ordnung" vollzogen hat. Leider werden dabei die wahren Schuldigen wieder mit heiler Haut davonkommen. Man soll sich nicht täuschen: Der Hass gegen die Nazis ist doch bereits zum guten Teil verflogen. Man will nur wieder frei atmen können. Und von den Schandtaten der jetzigen Machthaber, von der Anzündung des Reichstages, von den Folterungen in braunen Häusern und Konzentrationslagern, von den Erschiessungen der Gegner des Systems und von den Kameradenmorden der Nazis haben-leider- nur verhältnismässig wenig Leute in Deutschland erfahren. Wenn man es heute Unwissenden erzählte, dann glauben sie es einfach nicht. 2. Bericht: Interessant ist das Verhalten der kleinen Geschäftsleute. Bei dem Mangel an vielen Dingen müssen sie manches von den Kunden hören. Sie stimmen zumeist in die Klagen der Kunden mit ein und sie sabotieren sogar manche Anordnung der Behörden. Das geschieht besonders in den Zeiten, wo es besonders schlecht geht. Sobald es aber mal wieder ein paar Monate besser zu gehen scheint, so ist die Stimmung sofort wieder umgeschlagen. Ihre" Politik" richtet sich ausschliesslich nach dem Stande des jeweiligen Geschäftes. Natüraber lich gibt es in ihren Reihen auch politisch Gebildete, sie sind sehr selten. Von grosser Bedeutung für die weitere Entwicklung in Deutschland ist die Frage, in welchem Masse die allgemeine Missstimmung auch in die Reihen der Nationalsozialisten, der Pgs., SAund SS- Leute eindringt und damit die ersten Voraussetzungen für eine Zersetzung des nationalsozialistischen Machtapparats A-27schafft. Die nachstehenden Berichte zeigen, dass dieser Prozess seit einiger Zeit im Gange ist und dass die Kritik an der Führung auch unter den Anhängern des Regimes um sich greift. Bayern, 1.Bericht: Ein alter Pg., arischer Rechtsanwalt, freut sich furchtbar, mich zu sehen. Er weiss, ich bin Jude, drei Jahre aus Deutschland weg. 1933 hatte er mich überhaupt nicht mehr beachtet. Umso erstaunter bin ich, dass er so über das" System" und die" Misswirtschaft" schimpft. Es war aber keine Provokation. Alle die guten bürgerlichen Leute, die vor 1933 in unserem Hause verkehrten, uns dann aber schnitten, hatten mich förmlich auserkoren, um mich über die Meinung des Auslandes auszufragen und um ihrer Verärgerung Luft zu machen. Jeder beneidete mich um meine Existenz im Ausland und alle hatten furchtbare Angst vor dem kommenden Krieg, in den sie, ihrer Ansicht nach, Hitler stürzen wird. 2.Bericht: Auf Streicher ist es zurückzuführen, dass sämtliche Nürnberger" Ratsherren" verpflichtet wurden, aus der Kirche auszutreten. Diesem Verlangen hat nur einer nicht entsprochen: Pg. Biemüller, alter Kämpfer und hoffnungsvoller Spross der jungen NSDAP- Generation. Er hat es vorgezogen, sein Amt als Ratsherr niederzulegen, denn sein Vater ist Pfarrer. Ein Zufall, eine Kleinigkeit- aber hier wurde dadurch ein alter Pg. zum Abseitsstehenden und innerlich Verärgerten. Das spricht sich herum und trägt nicht zur Hebung der Begeisterung für Streicher bei. Allerdings muss betont werden, dass der häufig anzutreffende Hass der alten Pgs. gegen Streicher eben nur gegen ihn gerichtet ist und man immer noch hört:" Unser Führer weiss das nicht...." Wer die Person des Nürnberger Polizeipräsidenten, Dr. Martin, kennt, wundert sich über die bisherige Dauer und Stärke seiner Position. Bekannt ist, dass er ein alter Deutschnationaler und von Hause aus Philosemit ist. Da es jedoch nicht angeht, dass in Streichers Gau ein" Deutschnationaler" so lange Polizeipräsident ist, sagen die Nazis: da die Zugehörigkeit zur NSDAP den Polizeibeamten unter der Republik verboten gewesen wäre, sei er eben illegales Mitglied und offiziell Deutschnationaler gewesen. Diese Behauptung der Nazis veranlasste einen ehrbaren Bürger aus den früheren Kreisen Martins in einem Lokal zu der Bemerkung:" I kenn doch den Martin, mir macht keiner was vor! Wenn's heut die Kommunisten am Ruder wären, täten's auch sagen: der war schon illegal Mitglied bei uns und deshalb ist er Polizeipräsident geworden.." Diese Bemerkung trug dem Manne einige Tage später eine Verhaftung ain. Martin verhörte ihn höchst persönlich, d.h. er schrie ihn an, wie er dazu käme, eine solche Bemerkung zu machen. Der Verhaftete, früher aus den gleichen Gesellschaftskreisen wis Martin, war nicht aus der Ruhe zu bringen, auch nicht mit der Aussicht auf Dachau. Er sagte nur trocken:" Wir kennen ans doch, Herr Martin." Mehr sagte er nicht. Nach einigen A-28Tagen wurde er wieder freigelassen. Pfalz: Es kann ohne Uebertreibung gesagt werden, dass die Enttäuschung ganz allgemein ist und dass sich die amtierenden Nazis von den Opponenten nur dadurch unterscheiden, dass sie sich bemühen, die Gründe für die Verschlechterung der Verhältnisse darzulegen. Es gibt aber auch genug Blockwarte und andere Nazi- Funktionäre, die ihre Sympathie mit den Meckerern gar nicht verheimlichen und daher kommt es ja auch, dass im Vergleich zu der allgemein geübten Kritik nur verhältnismässig wenig Anzeigen erstattet werden. Berlin: Ein Möbelträger berichtet von einem Erlebnis in einer Kneipe in Neukölln. In dieser Kneipe sitzen ein paar Kollegen zusammen und schimpfen. Ein Kollege tut sich besonders hervor, er ist sehr laut und redet rabiat. Ein neuer Gast kommt herein und grüsst mit" Heil Hitler". Darauf der laute Kollege:" Darauf scheiss ich". Der Nazi will auf ihn losstürzen, aber die anderen stellen sich dazwischen. Irgend jemand sperrt die Tür ab. Es entwickelt sich eine kleine Rempelei. Der Nazi will heraus, und den Mann auf dem Revier anzeigen. Aber die Kollegen halten ihn davon ab mit der Bemerkung:" Na, Mensch, siehste denn nicht, dass der Mann nich ganz richtig is? Kiek doch bloss mal den seine Augen an, det is doch klar, dass der nich ganz beieinander is." Der Wirt fängt an, dem Nazi Mollen einzuflössen, was einen offenbar besänftigenden Eindruck auf diesen Mann macht. Er beruhigt sich nach und nach, die Tür wird wieder aufgesperrt und nach einer Zeit allgemeinen Witzemachens zieht der gute Nazi ab. Die Kollegen machen dem Krakeeler nun Vorwürfe über seine Damlichkeit. Der tobt weiter, er sei ein" alter Kämpfer" und seit vielen Jahren bei der NSDAP und nach der Machtergreifung habe er gewartet, dass nun alles besser werde. Im Betrieb habe er dafür eintreten wollen, dass er und seine Kollegen mehr Lohn bekommen. Alles sei aber Schwindel gewesen. Er sei aus der Bude herausgeflogen und es sei ihm dreckig gegangen wie noch nie. Da habe er sein Parteibuch zerrissen und an die Partei zurückgeschickt. Er würde denen schon noch zeigen, was er von ihnen denke. Wichtig zur Beurteilung dieser Szene ist, dass die Kneipenbesucher keine Stammgäste waren und einander nicht kannten. Sachsen: Sehr wesentlich ist, dass von der jetzigen Verstimmung grosser Teile der Bevölkerung jetzt auch al te Kämpfer erfasst werden. Gerade alte Kämpfer sagen häufig ganz offen, dass sie die Schnauze voll hätten. Schlesien, 1.Bericht: Hitler ist an allem Schuld und ein das ist heute eine Auffassung, die Verräter am Programm, in der Arbeiterschaft bis weit in die Nazikreise, soweit sie nicht in guten Posten sitzen, verbreitet ist. Wiederholt wird uns von früheren Gewerkschaftlern erzählt, dass sie mit A- 29Nazis im Betrieb zusammenarbeiten oder im Hause zusammen wohnen, die damals mit ihrer Partei durch dick und dünn gingen, heute aber Hitler und den Nationalsozialismus ableh-. nen. Für sie ist der Lebensmittelmangel der deutlichste Beweis dafür, dass der Nationalsozialismus versagt habe. Wieder sehe man, dass die da oben alles haben, während alte Parteigenossen auch heute noch ohne Arbeit sind und von den Kameraden in den Aemtern missachtet werden, weil sie nur noch zum mitmarschieren gut genug sind. Aber die Zeit werde kommen, wo man abrechnen wird." Wenn es zur Entscheidung kommt, dann werden wir schon wissen, was zu tun ist". Oft führen frühere Nazis eine schärfere Sprache gegen ihre einstigen Freunde als die Kommunisten. Immer mehr dringt die Ueberzeugung durch, dass Hitler nur noch alles mit der Reichswehr und den feinen Leuten mache, dass er sich aber vor den alten Kämpfern drücke. Freilich verfehlt die Opposition nicht, jede Gelegenheit auszunutzen, um den früheren Nazis zu sagen: " Ihr habt ja das alles so gewollt! Nun müsst Ihr eben zusehen, wie Ihr mit Adolf fertig werdet." 2. Bericht: Es ist kein Geheimnis, dass innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen die Zersetzung Fortschritte macht. Das ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerung sieht, dass alle Versprechungen eben nur Versprechungen geblieben sind. Man sagt sich, dass Deutschland kein Vertrauen in der Welt besitzt, dass die bolschewistische Hetze nur ein Ablenkungsmanöver des Regimes ist, während 1 Wirklichkeit nur Zeit gewonnen werden soll, um die Aufrüstung zu Ende zu führen und dann in einem Krieg den Ausweg aus allen Schwierigkeiten zu suchen. A-30II. Der Arbeitseinsatz In einem Artikel" Vom Arbeitsmarkt zum Arbeitseinsatz" von Arbeitsamtsdirektor Dr. Frey im" Frankfurter Volks blatt" vom 19. September 1936 wird über den von den Nationalsozialisten geprägten Begriff des Arbeitseinsatzes gesagt: " Arbeitseinsatz ist die Lenkung der im Volke bereitstehenden Arbeitskräfte gemäss der Eignung des einzelnen dahin, wo die völkische Wirtschaft sie braucht. Es ist also nicht so, als ob wir das Wort" Arbeitsmarkt" aufgegeben hätten es ist aus allen Zeitschriftentiteln verschwunden und kommt fast nur noch mündlich aus alter Gewohnheit vor- weil uns das gebrauchte sprachliche Bild nicht mehr zusagte. Der Begriff selbst ist Vergangenheit geworden, weil wir anders denken und handeln." Markt" bedeutet ein Durcheinanderfluten; man ist versucht, von einem" freien Spiel der Kräfte zu sprechen." Einsatz" ist bewusstes Lenken vorhandener Strömungen. Wir haben uns nicht einen neuen Namen für diese Sache zugelegt, sondern wir verhalten uns anders." Das ist richtig. Die Regelung des Arbeitseinsatzes umfasst heute die Gesamtheit aller Versuche, alle vorhandenen Arbeitskräfte zur Erreichung bestimmter Zwecke zu lenken. Der eine Zweck ist die Anpassung des Arbeitsmarktes an die Zielsetzungen der Wehrwirtschaft. Das Wort" Arbeitseinsatz" hat nicht nur einen militärischen Klang, sondern auch einen militärischen Sinn: es bedeutet Dirigierung der gesamten volkswirtschaftlichen Arbeitskraft zum Zwecke der Kriegsvorbereitung. Der andere Zweck ergibt sich aus der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Situation Deutschlands. Wir haben bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass die entscheidende wirtschaftspolitische Aufgabe in Deutschland heute darin besteht, den Hochstand von Froduktion und Beschäftigung unter allen Umständen zu halten. Auf dem Gebiet des Arbeitsmarktes folgt daraus die Aufgabe, die vorhandenen Arbeitskräfte so rationell wie möglich einzusetzen, eine Aufgabe, die vor allem in die Lösung der Facharbeiterfrage mündet. Die amtlichen Angaben über den Stand der Arbeitslosigkeit A-311 nonerdings noch weniger beweiskräftig als vorher. Im Oktober 1936 st die Arbeitslosenstatistik einer neuen" Berei1 interzogen worden. Nachdem schon vordem die Notstands97, Fürsorgearbeiter usw. aus der Statistik herausgenomme worden waren, sind seitdem auch alle diejenigen Arbeitslosen ausgeschieden worden, die mehr als zwei Drittel erwerbsbeschränkt sind oder aus anderen Gründen nicht voll für den Arbeitseinsatz zur Verfügung stehen. Die Zahl der Arbeitslosen betrug nach der amtlichen Statistik im September 1936 immer noch etwas über eine Million und ist im Dezember wieder auf 1 1/2 Millionen gestiegen. Die wirkliche Zahl der Arbeitslosen ist mindestens doppelt so hoch, wie sich aus einer einfachen Berechnung ergibt: Am 1. September waren 21,6 Millionen Arbeitsbücher ausgegeben. Die Zahl der nach der Statistik der Krankenkassen zur gleichen Zeit Beschäftigten betrug 17,9 M11lionen. Rechnet man von der Differenz von 3,7 Millionen rund eine Million Arbeitsdienstler und Soldaten ab, so bleiben noch 2,7 Millionen Arbeitslose zum 1. September. Trotzdem macht sich gleichzeitig in der Tat in wichtigen Berufen ein empfindlicher Facharbeitermangel bemerkbar. An sich ist dieser Facharbeitermangel nach der Ueberwindung der Krise eine internationale Erscheinung, die auf Mangel an Nachwuchs an gelernten Arbeitern und ausgebildeten technischen Angestellten und ausserdem darauf zurückzuführen ist, dass während der Krisenjahre viele gelernte Arbeiter ihren Beruf gewechselt haben und jetzt nur unter Sehwierigkeiten zu ihrem alten Beruf zurückwechseln können. In Deutschland ist aber das Problem noch durch den einseitigen Charakter der deutschen Rüstungskonjunktur verschärft worden. Das Regime will offenbar den jetzigen Stand der Arbeitslosigkeit als im grossen ganzen unabänderlich hinnehmen und bemüht sich lediglich darum, aus diesem Millionenheer noch eine Reserve an Facharbeitern herauszuholen, im übrigen aber den " unverdaulichen Rest" als arbeitsunfähig oder beschränkt arbeitsfähig aus der Unterstützung und der Statistik hinauszu A- 32manöverieren. Ende Oktober 1936 hat die Reichsanstalt Erhebungen über die Einsatzfähigkeit" der noch vorhandenen registrierten Arbeitslosen durchgeführt. Danach waren von den am 21. Oktober bei den Arbeitsämtern gemeldeten 1.076.000 Arbeitslosen 582.000 Facharbeiter, 161.000 Angestellte und 333.000 ungelernte Arbeiter. Nach der Unterscheidung des Arbeitsamtes waren wegen körperlicher Behinderung, Gebrechlichkeit, hohen Alters usw. 237.000 oder 22% nicht mehr voll arbeitsfähig. An Arbeitskräften, die für den bezirklichen Ausgleich in Frage kommen, wurden 302.000 Arbeiter und Angestellte oder 28% gezählt. Untersucht man die einzelnen Berufe auf den Facharbeitermangel hin, so ergibt sich: Am 31. Oktober waren im Reich arbeitslos 7.500 voll einsatzfähige Maurer( das sind 1,5% der Gesamtzahl an Maurern nach der Zählung von 1933), 3.700 Zimmerleute( 2,2%), 219 Kupferschmiede( 1,5%), 735 Dreher( 0,5%), 645 Werkzeugmacher( 1,3%), 364 Schweisser( 1,7%). 1) Die Facharbeiterfrage Angesichts dieser Entwicklung ist das Schwergewicht der heutigen Arbeitseinsatzpolitik auf die Lösung der Facharbeiterfrage für die rüstungswichtigen Betriebe und die Sicherung des Nachwuchses an Fachkräften verlagert. Infolgedessen hat sich die deutsche Arbeitsmarktpolitik seit unserer letzten Uebersicht über dieses Gebiet( März 1936, Seite A 60 ff) wesentlich umgestellt. In der Hauptsache handelt es sich dabei um folgende lesenenmen: 1) Anfang November 1936 hat Göring als Beauftragter für den Vi er jahresplan eine Reihe von Verordnungen erlassen, die u.a. vorsehen: a) Kontrolle aller Mehreinstellungen von zehn und Ler Metallarbeitern innerhalb eines Vierteljahres, b) Zuriccfihrung von anderweit beschäftigten Metallarbeitern und -aufecnarbeitern in ihren gelernten Beruf, c) Verbot des Tegengagierens von Facharbeitern( Verbot von Kennwortanzeigen: 2) Seit Mitte Februar diese Jahres ist jeder Facharbeiterwechsel in der hetallindustrie auch innerhalb desselben Arbeitsamtsbezirkes genehmigungspflichtig. ande ovember hat die Reichsanstalt für Arbeitsvermitt* Reihe Prerer Massnahmen aufgehoben, so insbesondere al e Sperrvorschrift für den Arbeitseinsatz landwirtschaftlicher Arbeiter, b) die Sperre für den freien Zuzug von Arbeitskräften nach dem Saarland und nach Bremen, c) die Vorschrift über den Arbeitsplatz- Austausch jugendlicher Arbeiter von 1934. 4) Der einseitige Charakter der Rüstungskonjunktur und die wehrwirtschaftlich. bedingten Standortverschiebungen haben zu einer sehr ungleichmässigen Verteilung des Angebots und der Nachfrage an Arbeitskräften geführt. Neben Bezirken mit noch immer hoher Arbeitslosigkeit wie Schlesien( Breslau), Sachsen( Plauen), Niederrhein( Aachen) und der bayerischen Ostmark ist in anderen Bezirken der Mangel an Facharbeitern besonders gross( z. B. Mitteldeutschland). Als Abhilfemassnahme ist der" zwischenbezirkliche Ausgleich" eingeführt worden, d.h. Zwangsverschickungen von Arbeitern aus einem Bezirk in einen anderen. 5) Ein Anordnung Görings von Anfang November 1936 bezweckt die vermehrte Einstellung von Lehrlingen in der Eisen- und Metallwirtschaft, sowie im Baugewerbe. Der Reichswirtschaftsminister hat die Lehrzeit für das Maurer- und Zimmerer- Handwerk, die bisher meist 4 Jahre betrug, auf 3 Jahre verkürzt. Die DAF hat im Gau Sachsen eine" Lehrlingsrolle" eingeführt, in der alle Facharbeiter- Lehrverhältnisse in der Textil-, Metall- und Holzindustrie erfasst werden sollen. 6) Schliesslich laufen eine Reihe von Umschulungsmassnamen, Anlernkurse usw., in denen Buchdrucker, Friseure usw. zu Metallarbeitern umgeschult werden. Ueber die praktische Durchführung dieser Massnahmen wird obs aus den verschiedenen Landesteilen berichtet: A- 34Südwestdeutschland: 1. Bericht( Württemberg): In der letzten Zeit ist aus mehreren Bezirken berichtet worden, dass dort keine vermittlungsfähigen Arbeitslosen mehr vorhanden seien. Ebenso wird immer wieder über den fühlbaren Facharbeitermangel, vor allem in der Metallindustrie, geklagt, dem durch Umschulung von Arbeitern solcher Berufe, die durch die allgemeine Entwicklung der Produktionsrichtung überzählig wurden, abzuhelfen versucht wird. Sehr stark ist diese Umschulung unter den Buchdruckern durchgeführt worden, die durch die Vernichtung der deutschen Literatur und vor allem durch die Strangulierung der Presse einen grossen Teil ihrer Erwerbsmöglichkeiten verloren hatten. Neuerdings wird sehr viel Lärm um die Intensivierung der Berufsschulung gemacht. Die DAF richtet überall sogenannte Kreisarbeitsschulen ein, die aber, soweit bis jetzt ersichtlich ist, weniger der beruflichen Fortbildung als der Gesinnun- sbildung für die DAFFunktionäre dienen. In einem Vortragsabend der DAF, der sich mit den Fragen der Berufsschulung beschäftigte, musste der Redner der bisherigen Berufsschule des Zeugnis ausstellen, dass sie wertvolle Arbeit geleistet habe. Eine Steigerung der Handwerkslebre wird propagiert, aber das kann höchstens auf eine gesteigerte Lehrlingszüchterei hinauslaufen, da die ökonomischen Bedingungen, unter denen das Handwerk heute arbeitet, alles andere als besser geworden sind. Hinzu kommt, dass heute die jungen Arbeiter eben in der Zeit, die sie normalerweise zur Vertiefung ihrer beruflichen Kenntnisse benützen sollten, zum Arbeitsdienst und zum Heer eingezogen werden. Der Widerspruch, ja das Fehlen einer klaren Auffassung in diesen Fragen kam letzter Tage in einem Vortrag zum Ausdruck, den der Staatssekretär im württembergischen Innenministerium, Waldmann, ein früherer Rechnungsrat bei der Landesversicherung, vor der Württembergischen Verwaltungsakademie hielt. Während er auf der einen Seite aus dem Vierjahresplan Hitlers folgerte, dass sich daraus eine verstärkte Industriealisierung ergebe und dass deshalb der hohe Stand der Berufsschulung und der Qualitätsarbeiter erhalten bleiben müsse, schlug er für diejenige männliche Stadtjugend, die weder arbeitsdienst- noch wehrdienstfähig ist, eine zweieinhalbjährige Landdienstpflicht vor. Damit wäre auch die letzte Chance, im Falle eines Krieges einen nicht kriegspflichtigen Stamm von Facharbeitern zu besitzen, zerstört. 2. Bericht: Bei der Rüstungsfirma X. fanden vor einiger Zeit grosse Arbeitereinstellungen statt. Dadurch entstand bei den anderen Unternehmen der Gegend Arbeitermangel, so dass Arbeiter aus Sachsen angefordert und auch geschickt wurden. Im gesamten Schwarzwälder Industriegebiet und ebenso im Seekreis herrscht bereits Mangel an gelernten Metallarbeitern. Zur Zeit wird eine Erhebung angestellt, wo noch gelernte Hetallerleiter beschäftigt sind, ohne in ihrem Fache tätig A- 35zu sein. Diese sollen alle ausgetauscht werden gegen ungelernte Arbeiter. Wasserkante, 1.Bericht: Arbeitslose Facharbeiter gibt es in Rendsburg nicht. Der grösste Teil der Facharbeiter ist in den Rüstungsbetrieben in Kiel beschäftigt. Auch die ungelernten Arbeiter müssen zum grössten Teil in Kiel arbeiten, bei Marinebauten, Dock- und Kai- Anlagen, auf den Werften, Rammarbeiten beim Bau des U- Boot- Hafens usw. Für diese ungelernten Arbeiter, die morgens um 1/2 4 Uhr von Rendsburg abfahren müssen und abends 3/4 7 Uhr zurückkommen, beträgt der Stundenlohn 62 Pfg. Man kann sich kaum vorstellen, wie gross die Anzahl von Arbeitern ist, die täglich nach Kiel fahren und dort nur für Rüstungs- und Kriegsarbeiten tätig sind. Sie unterstehen gleichzeitig dem Arbeitsamt Kiel, so dass sie für den Fall, dass sie arbeitslos werden, in der Kleinstadt Rendsburg nicht els Arbeitslose in Erscheinung treten. Maurer sind in Rendsburg nicht zu bekommen. Während des Sommers und auch jetzt noch sind Maurer aus Schlesien nach Rendsburg kommandiert. Gebaut wird für nur das Militär, und zwar in erster Linie Kasernen. Obgleich vor dem Kriege in der Kleinstadt Rendsburg schon ein Divisions- Stab lag und an Militär Artillerie, Train und Infanterie, reichen die fast alle vor dem Krieg neuerbauten Kasernen jetzt nicht sua. Hinzu komm.en Wohnhäuser für Offiziere und Unteroffiziere, Magazine und Garagen für motorisierte Kavallerie. 2.Bericht: In Hamburg herrscht grosser Mangel an Facharbeitern. Man hat aus diesem Grunde Umschulungskurse eingerichtet, in denen Angehörige von Berufen, in denen grosse Arbeitslosigkeit herrscht( Barbiere, Buchdrucker, Schriftsetzer) und ungelernte Arbeiter als Facharbeiter ausgebildet werden. Nach Beendigung des Kurses findet eine Prüfung statt, an der ausser Hamburgern auch Berliner Vertreter teilnehmen. Diese Leute werden dann in die grossen Betriebe( Blohm& Voss, Howaldt usw.) als Dreher, Bohrer, Stemmer, Schweisser vermittelt. Die Firmen zahlen diesen Leuten jedoch nur den Lohn eines ungelernten Arbeiters. Sie behaupten, dass diese Kräfte nicht vollwertig sind. Die Differenz wird vom Wohlfahrtsamt gezahlt. In diesen Kursen kommt es sehr oft zu heftigen Auseinandersetzungen, da natürlich die meisten, die bereits einen Beruf gelernt haben, an ihrem erlernten Beruf festhalten wollen. 3. Bericht: Arbeitslose Metallarbeiter, besonders Dreher, Bohrer, Schweisser usw. gibt es im ganzen Gebiet zwischen Hamburg und Lübeck nicht mehr. Der Verdienst ist besonders für die gelernten Arbeiter in den Rüstungsbetrieben dieses Gebiets erheblich über dem Durchschnittslohn. Hinzu kommt, dass in den meisten Betrieben täglich 10 bis 12 Stunden und auch 1Sonntags gearbeitet werden muss. Von einem Wechsel der Arbeiter in den Betrieben kann bei uns gar keine Rede sein. Im Gegenteil, ein Facharbeiter kann ohne Zustimmung des Meisters und der Firma seinen Arbeitsplatz nicht wechseln. Er bekommt in einem anderen Betrieb keine Arbeit und beim Arbeitsamt keine Erwerbslosenunterstützung. Der Mangel an Facharbeitern, besonders Drehern, ist so stark, dass z. B. einzelne Firmen einen Meister wochenlang in Deutschland herumgeschickt haben, um Dreher zu suchen. Sie wurden sogar aus dem Saargebiet und aus Mitteldeutschland mitgebracht. Von diesen sind nur noch wenige hier. Alle anderen sind wegen" besonderer Tüchtigkeit" wieder nach Hause geschickt worden. Ein neuer Typ von Facharbeitern sind die sogenannten" LolaKämpfer". Es handelt sich hierbei um folgendes: Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz" Lockstedter Lager" sind 1.000 Nazis, zwischen 20 und 35 Jahre alt, in einem vierteljährigen Kursus als" Facharbeiter" ausgebildet worden. Nach diesem Vierteljahr wurden sie auf die Betriebe losgelassen. Unter ihnen befanden sich eine Anzahl oesterreichischer Nazis, die geflüchtet waren. Unser Betrieb bekam einige Male eine Portion dieser" Lola- Kämpfer", die nun unter Leitung eines wirklichen Facharbeiters, bei einem Stundenlohn von 45 Pfg. und freiem Mittagessen in der Kantine ihre Tüchtigkeit beweisen sollten. Da sie jedoch die meiste Zeit im Lockstedter Lager mit exerzieren und sonstigen" geistigen" Uebungen verbracht hatten, wussten sie zum Teil noch nicht einmal, wie sie an der Drehbank das Arbeitsstück anfassen sollten. Mehrere Drehbänke wurden in Stücke gefahren, so dass die Direktion und besonders die aufsichtsführenden Facharbeiter ihre helle Freude an diesen" Lola- Kämpfern" hatten. Vor einigen Monaten ist der Betriebsführer des Flenderwerkes nach Schlesien gefahren, um 200 Arbeiter mit Familie nach Lübeck zu holen. Bei ledigen und unabhängigen Leuten hat man Angst, dass sie nach einigen Tagen wieder davon laufen. Alle grossen Betriebe suchen Wohnungen für ihre Arbeiter. Auch Nichtfacharbeiter werden eingestellt und mit Hungerlöhnen angelernt. Nordwestdeutschland, 1. Bericht: Die Hafenarbeiter in Emden haben zwei schlechte Monate hinter sich. Mitunter bestand der Wochenlohn aus einer einzigen Schicht zu 10,- RM. Dabei gibt es für die Hafenarbeiter keine Kurzarbeiterunterstützung mehr. Als Folge der Kanalsperre wurden 300 Hafenarbeiter entlassen. Die Entlassungen erfolgten nach folgenden Gesichtspunkten: 1. wer einen Beruf erlernt hat, 2. wer in einem Fach angelern ist, 3. sämtliche Ledige, 4. sämtliche Verheiratete mit zwei oder weniger Kindern. 2. Bericht: Obwohl die Metallindustrie mehr Arbeiter bøschäftigt als in den besten Zeiten vorher, sind noch einige tausend Metallarbeiter ohne Arbeit, weil die Verpflanzung A-37von Metallarbeitern aus dem ganzen Westen und aus dem Saargebiet sehr gross ist. Allein in unserer Stadt sind mindestens 4.000 auswärtige Metallarbeiter beschäftigt. Diese fremden Arbeiter sind, da bei ihnen zu allem noch die Trennung von der Familie, doppelte Haushaltführung usw. hinzukommen, wohl die Unzufriedensten. Wer zu Hause Arbeit bekommen kann, geht wieder fort; aber diese Möglichkeit ist begrenzt, da im Grenzgebiet keine Rüstungsindustrie vorhanden ist. Eine grössere Anzahl Essener Arbeiter, die mit den Leichtmetallwerken gekommen waren, sind wieder nach Hause gegangen, weil sie, wie sie sagten, zu Hause von der Arbeitslosenunterstützung besser leben könnten als von ihrem Lohn bei doppeltem Haushalt. In Essen wurden sie vom Arbeitsamt als" von Montage zurück" geführt. Bei den Leichtmetallwerken werden besonders viel berufsfremde Arbeiter beschäftigt: Buchdrucker, Schlachter, Bäcker usw. Von 1.600 Buchdruckern haben 700 Arbeit; 1933 waren es noch 1.000, und die Zahl der Beschäftigten geht ständig zurück. Rheinland: Im Aachener Grenzgebiet ist die Lage nach wie vor schlecht. Zwar ist auch hier die Arbeitslosigkeit durch alle möglichen Manipulationen zahlenmässig etwas zurückgegangen. Jedoch stieg sie im Dezember wieder erheblich, nämlich auf 16.741 an. Dabei ist zu beachten, dass von den Arbeitslosen im Aachener Arbeitsamtsbezirk rund 14.500 voll arbeitsfähig sind und auch voll beschäftigt werden könnten, wenn eben Arbeit vorhanden wäre. Die Textilindustrie liegt nach wie vor darnieder. Jetzt sucht man durch Umschulung gewisse Erwerbslose in andere Gegenden zu verpflanzen. Besonders werden auch viele junge Leute nach Ostpreussen in die Landwirtschaft geschickt. Bayern, 1.Bericht: Für die Durchführung des neuen Vierjahresplanes sucht man überall Arbeitskräfte frei zubekommen, die an besonderen Stellen eingesetzt werden. In der grossen Kartothek eines Münchner Betriebes arbeiten 4 Buchhalter. und 3 Lehrlinge. Infolge der Anweisungen, die der Betrieb für die Erfüllung des Vierjahresplans erhalten hat, wurden 2 Lehrlinge aus dieser Beschäftigung herausgenommen und in die technische Abteilung versetzt. An alle Wirtschaftsberater, Buchsachverständigen und Betriebsaufsichtsorgane wurden Schreiben mit der Aufforderung gerichtet, bei allen ihnen zugänglichen Betrieben dafür zu sorgen, dass eine strenge Rationalisierung der Arbeitstechnik durchgeführt wird, um Leute frei zu machen. 2. Bericht: Der Facharbeitermangel, vor allem in Rüstungsbetrieben hat es mit sich gebracht, dass vom Münchner Arbeitsamt Spezialisten, die in Arbeit standen, in andere Betriebe verpflanzt wurden. Die Betriebsinhaber, bei denen diese Leute beschäftigt waren, haben keine Handhabe gegen diese Massnahmen und müssen sich damit abfinden. Den betroffenen Technikern A-38oder Chemikern bleibt ebenfalls nichts anderes übrig, als den neuen Arbeitsplatz anzutreten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, als" arbeits unwillig" gemassregelt zu werden. 3. Bericht: Die Firmen stehlen einander die Facharbeiter weg trotz aller Verbote. Es sind nicht genügend Spezialarbeiter vorhanden; vor allem fehlt es an Elektroschweissern, Schlossern, Drehern. Diese Arbeiter arbeiten schon lange 60 Stunden in der Woche. Die Schuckertwerke haben eine Werkspensionskasse, dadurch haben sie eine Uebersicht über die bei ihnen einmal beschäftigten, jetzt invaliden Arbeiter, weil sie von der Firma als Werkspensionisten geführt werden. Soweit es sich bei diesen Pensionisten um gelernte Arbeiter, wie Elektroschweisser usw. handelt, hat ihnen die Firma ein höfliches Schreiben gesandt mit dem Ersuchen, sich evtl. zur Arbeitsaufnahme bereit zu erklären. Berlin, 1. Bericht: Die Entlassung von Facharbeitern ist deshalb schon schwierig, weil durch die neuen Bestimmungen über den Arbeitseinsatz der Unternehmer an besondere Vorschriften gebunden ist. Kürzlich kursierten im Betrieb Fragebogen, die von den Meistern aus gegeben wurden und bei denen ausgefüllt werden musste, was man von Beruf ist, was man gelernt hat usw. Diese Angaben wurden verlangt, obwohl doch sowohl beim Arbeitsamt die Arbeitsbuchkartothek bereits besteht und auch die Firma selbst eine eingehende Kartei darüber besitzt. Die Meister erklärten, dass es sich um die Kartothek für den Arbeitseinsatz handele. Die Bestimmungen werden jetzt sehr genau genommen. So ist uns ein Fall bekannt, dass ein gelernter Schlosser, der früher in seinem Beruf keine Stellung bekommen konnte und schliesslich als Hausdiener sein Auskommen fand, jetzt vom Arbeitsamt gezwungen wurde, seinen Posten aufzugeben. Ihm wurde eine Stelle als Schlosser nachgewiesen, die er inzwischen auch angetreten hat. Der Mann hatte gar keine Absicht, wieder in seinen alten Beruf zu gehen. Er verdiente als Hausdiener dem Tarif nach zwar weniger, stellte sich aber durch die Taschengelder und sonstigen Vergünstigungen mindestens ebenso gut und ihm passte diese Arbeit viel besser, weil er als Lungenkranker die wesentlich leichtere Arbelt besser verrichten konnte. Darauf wurde aber keine Rücksicht genommen. Wenn Facharbeiter in einem Betrieb wegen Arbeitsmangel vom Unternehmer zeitweise nicht in ihrem Beruf beschäftigt werden, sondern, um über gewisse faule Zeiten hinwegzukommen, andere Arbeiten verrichten müssen( selbst bei gleicher Bezahlung), dann muss jetzt seit einiger Zeit dem Arbeitsamt davon Mitteilung gemacht werden. Das Arbeitsamt entscheidet, ob der Mann im Betrieb bleiben kann oder ob er nicht für die Zeit eine andere, seiner Berufsvorbildung entsprechende Arbeitsstelle erhalten soll. A-392.Boricht: Der Buchdrucker- Arbeitsmarkt ist etwas entlastet. Gründe dafür sind erstens die Werbe- Massnahmen, deren Zahl jetzt wieder etwas ansteigt.( Es werden wieder Drucksachen hergestellt, die Werbung nimmt einen gewissen Aufschwung) Zum grösseren Teil aber ist diese Entlastung auf die grosse Umschulungs- Aktion zurückzuführen. Es gibt jetzt viele Metallarbeiter, die ehemals Buchdrucker waren. 3. Bericht: Bezeichnend für den Ernst, mit dem das Problem des Facharbeitermangels speziell für den Kriegsfall in Deutschland betrachtet wird, ist auch eine Umfrage, die über die frühere Berufsausbildung der Angestellten gemacht wurde. Alle ehemaligen Handwerker unter ihnen hàben die Mitteilung erhalten, dass sie eventuell zu Facharbeitern umgeschult würden. Für arbeitslose Angestellte mit früherer handwerklicher Ausbildung werden bereits Umschulungskurse eingerichtet. West- Sachsen, 1.Bericht: Ein bei der Krankenkasse Plauen als Hausmann beschäftigter Maurer wurde entlassen und sofort vom Arbeitsamt nach Weimar zum Kasernenbau vermittelt. Aus dem Bezirk Plauen sind alle arbeitslosen Maurer nach Jena, München, Augsburg und nach dem Bezirk Leipzig zu Arbeiten vermittelt worden. Diese Vermittlung wird schon seit Ende Juni 1936 betrieben. Mitte November 1936 wurden durch Vermittlung des Arbeitsamtes 500 Bauhandwerker aus A. zum Flughafenbau nach X. verschickt. Einigen, die sich dagegen auflehnten,-wurde mit dem Entzug der Unterstützung gedroht. Von Chemnitz sind Tischler nach Hannover für den Flugzeugbau vermittelt worden, Versprochen wurde ein Bruttolohn von 28, RM pro Woche. Durch die immer noch anhaltende Verschickung von Maurern sind seit Anfang August 1936 keine arbeitslosen Maurer mehr in Chemnitz zu finden. Die verschickten Maurer sollen fast ausschliesslich bei Betriebserweiterungen von Heereslieferungswerken, Flugzeughangars, Kasernen, Befestigungswerken usw. beschäftigt werden. 2.Bericht: Bei der städtischen Strassenbahn in Chemnitz befinden sich unter dem Fahrpersonal eine Reihe ehemaliger Facharbeiter, wie Schlosser, Mechaniker, Tischler und andere mehr. Die ehemaligen Facharbeiter mussten eine kurze Nachschulung in ihren ehemaligen Berufen durchmachen und sind dann in Arbeit vermittelt worden. Die Entlassen en verlieren damit ihre durch langjährige Tätigkeit erworbenen Pensionsansprüche bei der städtischen Strassenbahn. Ende September bis Anfang Oktober 1936 wurden in allen Plauener Betrieben, welche nicht zur Metallindustrie gehören, Rundfragen vorgenommen, um festzustellen, wieviel Facharbeiter, welche in der Metallindustrie oder sonstigen Rüstungsbetrieben Verwendung finden könnten, in anderen Betrie A-40augenblicklich noch untergebracht sind. 3. Bericht( Oberes Erzgebirge): Die Bautätigkeit war in den letzten Jahren so gering, dass die meisten Bauarbeiter nach wie vor die Arbeitsämter belagerten. In den Erzgebirgsdörfern gibt es verhältnismässig viel Bauarbeiter, die auch in guten Zeiten bis Chemnitz, Aue und Zwickau auf dem Arbeitsmarkt erschienen. In den letzten Jahren konnten sie nur selten in den Städten Arbeit finden. Die einzelnen Notstandsarbeiten der Gemeinden an Strassen, Flussregulierungen usw. waren nur kurze Beschäftigungen. Jetzt sind mehrere Transporte ins Magdeburger Gebiet gebracht. Infolge dieser Massnahmen ist in einzelnen Orten an der Grenze bereits ein Mangel an Baufacharbeitern eingetreten, den man auch wieder aus Propagandagründen dadurch zu beheben sucht, dass einzelne Baufacharbeiter aus der CSR eingestellt werden. Da auch die noch freien Arbeitskräfte aus der Metallindustrie in der letzten Zeit durch Vermittlung der Arbeitsämter nach Mitteldeutschland gebracht worden sind, beschränken sich die Arbeitslosen gegenwärtig auf die älteren Jahrgänge, die nicht mehr als voll arbeitsfähig betrachtet werden bzw. auf kaufmännische Berufe und wegen demokratischer Einstellung entlassene Angestellte und Beamte. Ost- Sachsen, 1.Bericht: Am 15. September 1936 hat das Arbeitsamt Dresden 200 Arbeiter aller Berufe nach Stettin vermittelt, die dort längere Zeit arbeiten sollen. Die Leute wussten überhaupt nicht, um was für Arbeiten es sich handelt. Weigerungen wurden mit Entzug der Unterstützung beantwortet. Ein 24- jähriger, der die Vermittlung zur Landarbeit verweigerte, wurde mit Entzug der Unterstützung bestraft. Dagegen hatte es für einen Dreher, der nach Swinemünde vermittelt werden sollte, aber verheiratet war, keine Folgen, als er ablehnte unter Hinweis auf doppelten Haushalt und den dafür zu geringen Verdienst. Freiwilliger Arbeitswechsel ist nicht gestattet. Das Arbeitsamt vermittelt einfach diese Stellung nicht und der betreffende Arbeiter kann nicht anfangen. Das Arbeitsamt hat eine besondere Abteilung für Umschulung eingerichtet, die Umschulungskurse veranstaltet. Diese Kurse sind unentgeltlich. Zum Teil wird den Arbeitslosen auch das Fahrgeld ersetzt. Ein Zwang zur Benutzung dieser Kurse wird nicht ausgeübt. Ein Teil dieser Kurse war vor allem der Umschulung kaufmännischer Angestellter auf gewerbliche Berufe gewidmet. In diesen Fällen können die Angestellten an den Kursen aber erst teilnehmen, nachdem sie vorher ein Vierteljahr auf einer Baustelle der Reichsautobahn gearbeitet haben. Sämtliche Dresdner Strassenbahner, die Berufe erlernt haben, müssen sich durch das Arbeitsamt zwangsweise in ihre alten Berufe vermitteln lassen. An ihrer Stelle werden ungelernte Kräfte eingestellt. Alle Proteste nützen nichts, da es sich um eine Massnahme innerhalb der kriegswirtschaftlichen Mobilmachung handelt. A-412.Bericht: Man sucht überall nach Facharbeitern, es wird bei den Staats-, Verkehrs- und Gemeindebehörden nach gelernten Facharbeitern geforscht, um sie zu veranlassen, ihre Stellung zu wechseln und in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Wird von einem Arbeiter gegen die Umstellung auf eine neue Beschäftigung Widerstand geleistet, dann lässt man durchblicken, dass man in der Ablehnung der staatsnotwendigen Arbeit natürlich ein staatsfeindliches Verhalten erblicken müsse, das für ihn nicht ohne Folgen bleiben könne. Wer irgend kann, verheimlicht seine Fachausbildung als Metallarbeiter, wenn er eine öffentliche Anstellung innehat. 3. Bericht: Das Arbeitsamt Heidenau sucht dauernd Arbeiter für das Metallgewerbe. Da aber nicht mehr genug gelernte Metallarbeiter vorhanden sind, so fordert des Arbeitsamt jetzt auch solche gelernten Metallarbeiter en, die in der Nachkriegszeit infolge Arbeitsmangel ihren gelernten Beruf aufgegeben hatten und in anderen Berufen untergekommen waren. Das Arbeitsamt versucht jetzt, solche Leute festzustellen und diese sollen zwangsweise in ihre alten Metalla rbeiterberufe umgeschult werden. Ein gros ser Teil der Leute, die zum Teil jetzt besserbezahlte Stellungen innehaben, weigert sich entschieden. Schlesien: In den letzten Monaten wurden aus Breslau Facharbeiter nach Brandenburg in die Lastkraftwagenfabrik Opel verschickt. In der Maschinenbauanstalt in Görlitz wurden 100 Arbeitslose als Lehrlinge zum Granatendrehen eingestellt. Die Leute bekommen 1,- RM pro Tag und ihre Arbeitslosenunterstützung. 2) Die Zwangsarbeit Soweit es sich um ungelernte Arbeiter handelt, erfolgt die Liquidierung der Arbeitslosigkeit in wachsendem Masse durch Zwangsverschickung. Auf diese Weise werden vor allem die Arbeitskräfte für die Rüstungsbauten und die Autobahnen bereitgestellt. Zum Teil erfolgt aber auch die Unterbringung in der Landwirtschaft, bei Meliorationsarbeiten usw. Dagegen haben die Notstandsarbeiter stark an Bedeutung verloren. Ueber die Rücksichtslosigkeit, mit der diese Zwangsverschickungen durchgeführt werden, entnehmen wir unseren Berichten: Schlesien, 1.Bericht: Aus dem ganzen oberschlesischen Revier wurden viele hunderte Arbeiter durch die Arbeitsämter nech Pommern und Mecklenburg, teilweise auch nach Ostpreussen verschickt. Die Arbeitslosen mussten sich durch einen beson A- 42ders dazu gestellten Arzt untersuchen lassen. Die Arbeiter murrten zwar, als sie erfuhren, was man mit ihnen vor hatte, aber sie liessen sich verschicken. Man sagte ihnen allerdings sofort, sie würden die Unterstützung verlieren, falls sie sich weigera würden, zu fahren. Aber nach kurzer Zeit schon kehrte eine Anzahl Arbeiter aus der Verschickung zurück mit der Erklärung, der Lohn sei zu niedrig, die Unterkünfte seien schlecht und ihre zurückgebliebenen Familien müssten besser unterstützt werden. Diese Leute wurden nach kurzer Zeit verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, offenbar, um auf diese Weise vor weiteren Eigenmächtigkeiten dieser Art abzuschrecken. Die Frauen verschickter Männer erhielten für die ersten vierzehn Tage der Abwesenheit ihrer Männer die bislang gezahlten Arbeitslosengelder. Dann bekamen sie nur noch pro Tag 1, RM und für jedes Kind 60 Pfg. mit der Begründung, dass nach den ersten vierzehn Tagen die Männer von ihrem verdienten Geld den Familien schicken müssten. Die Männer schickten aber gar nichts oder fast gar nichts, da sie( bei freier Verpflegung und Unterbringung) nur sehr wenig Bargeld erhielten. Darauf zogen die Frauen in Gruppen vor das Wohlfahrtsamt und drohten ihre Kinder dort zu lassen, falls man ihnen nicht die volle Unterstützung zahlen würde. Diese Aktion der Frauen war teilweise von Erfolg, sie erhielten erhöhte Geldunterstützungen, die aber immer noch nicht der Arbeitslosenunterstützung entsprachen. 2. Bericht: Die nach Ostpreussen und Mecklenburg abgeschobenen Arbeitslosen werden unter den denkbar schlechtesten Verhältnissen, bei einem Stundenlohn von 35 bis 45 Pfg. beschäftigt. Sie sind zum Teil in Scheunen und Ställen untergebracht. Aus diesem Grunde kehren die Leute in grosser Zahl zurück. Trotzdem ihnen jede Unterstützung abgesprochen wird, wollen die Leute sich nicht noch einmal verschicken lassen, Lieber wollten sie ins Konzentrationslager denn els Sklave nach Ostpreussen, wo sie schlimmer als das Vieh behandelt würden. Einer der Heimkehrer erzählte, dass er zwar unbeschränkt arbeiten durfte, 12 bis 14 Stunden im Moor bei einem Stundenlohn von 33 Pfg., aber am Wochenschluss blieben ihm nach allen Abzügen nur 1,12 RM übrig, weil er zusätzliche Portionen verzehrt hatte. Er war ledig und deshalb durfte er Essensportionen nachfordern; verheiratete Arbeiter dürfen nicht mehr verbrauchen als 12,- RM, damit sie auch noch etwas nach Hause schicken können. 3. Bericht: Im Oktober 1936 wurden 15 Personen zu Moorarbeiten nach Ostpreussen abgeschoben, von denen 12 wieder zurückkamen, weil die Zustände bei der Arbeit nicht auszuhalten waren. In Gleiwitz hat das Arbeitsamt es abgelehnt, diesen Leuten Arbeit zuzuweisen, und das Wohlfahrtsamt hat ihn an jede Unterstützung verweigert. Daraufhin gingen die Frauen der Heimkehrer auf das Wohlfahrtsamt, schlugen dort Krach und A-43wollten lieber in Haft genommen werden, els at leeren Händen Z ihren Kindern zurückgehen. Schliesslich wurden innen Nahrungsmittelscheine ausgehändigt und man versprech, in einzelnen zu untersuchen, wie weit man die Männer lei Arbeitszuweisung berücksichtigen könne. 4. Bericht: Die aus Beuthen und Ratibor verschickten Arbeitslosen wurden bisher nicht nur in der Landwirtschaft der Ostund Nordprovinzen untergebracht, sondern auch bei den Reichsautostrassen im Osten und Norden. Dort geht es den Arbeitern etwas besser als bei den Bauern. Sie haben besseres Essen und besseren Lohn, aber die Unterbringung ist sehr primitiv. Die Arbeiter erhalten 49 Pfg. Stundenlohn brutto. Ihre Verschickung kommt einer Deportation gleich. Mit Koffern, Kisten oder Säcken bepackt, meistens begleitet von Frauen und Kindern, geht es in Gruppen durch die Strassen zum Bahnhof. Hier grosse Abschiedsszenen und dann weiter. Die Arbeiter werden sehr angetrieben. Es gibt mit den Antreibern manche Reiberei. Von agressiven Handlungen ist bis jetzt nichts bekannt. Hin und wieder lassen auch Arbeiter ihre Arbeit im Stich und wandern wieder in ihre Heimat. Jedoch sind diese Fälle nicht mehr so häufig wie zu Anfang. Nicht wenige Arbeiter, die willkürlich zurückgingen, wurden anfangs längere Zeit in Haft genommen und ausserdem wurde ihnen die Unterstützung entzogen. Diese Lessnahmen scheinen die Arbeiter abzuschrecken. Sachsen, 1.Bericht: 200 Arbeiter aus Zwickau( Stedt und Les sind nach Süddeutschland zum Reichsauto stressenbau, Strecke Stuttgart- Ulm, verfrachtet worden. Sie erhalten dort eine Stundenlohn von 68 bis 75 Pfg. Untergebracht sind sie in Lagerberacken. Wer jedoch Privatquartier bezieht, muss einschliesslich Morgenkaffee dafür 3,50 RM in der Woche bezahlen. Für Verheiratete wird ausser dem Stundenlohn noch eine Tageszulage von 1,- RM bezahlt. Die Arbeit ist schwer und es herrscht starke Antreiberei. .Berient: Ein jüngerer Arbeitsloser, der schon das vierte Jeur arbeitslos ist, ohne dass er trotz Ableistung seiner Arbeitsdienstpflicht von einem Jahr Arbeit bekam, wurde zu einen Tunnelbau mit 56 Pfg. Stundenlohn vermittelt. Da der Weg zur Arbeitsstelle zu weit ist, muss er in ein Logis gehen. Nun langt aber der Lohn kaum zum Sattessen. Das Arbeitstempo ist geradezu rasend. Viele Arbeiter halten das Tempo nicht sus. Einige sind schon bei der Arbeit zusammengebrochen. Wer von selbst aufhört, dem wird die Wohlfahrts unterstützung entzogen. 3.Bericht: Vom Arbeitsamt Zittau wurden Arbeitslose, ob verheiratet oder nicht, ma ch Württemberg zur Flussregulierung geschickt. Versprochen wurden 68 Pfg. Stundenlohn. In Ostritz wurden in Sommer alle ledigen männlichen Arbeitslosen, welche gesundheitlich geeignet befunden wurden, nach A-44Stuttgart transportiert. Von diesen Leuten ist eine ganze Anzahl wieder zurückgekommen. Einige davon zu Fuss. Die Leute mussten in der Umgebung von Stuttgart Teiche ausschlemmen. Das haben viele nicht ausgehalten und sind ausgerückt, dafür bekommen sie jetzt eine Reihe von Wochen keine Unterstützung. 4.Bericht: Die private Bautätigkeit ist fast zum Erliegen gekommen. Spezialarbeiter aller Berufe, selbst Verheiratete, werden zu Bahn- und Strassenbauten bis nach Württemberg und ins Saargebiet geschickt, wer es ablehnt, nach dort zu gehen, wird aus der Unterstützung ausgeschlossen. Am 6. November 1936 wurden in Plauen 50 Maurer unter der Androhung, dass bei Verweigerung der Arbeitsannahme ihre Unterstützung gesperrt würde, nach Braunschweig zu Kasernenbauten verpflichtet. Schlesien: Aus Görlitz sind mehrere hundert Mann zum Flugplatzbau und Kanalbau nach Torgau verschickt worden. Sämtliche Arbeitslose, die verschickt werden, dürfen keine Vorstrafe haben und werden bei Antritt der Arbeit vereidigt. Der Tarif beträgt 69 Pfg., ausgezahlt werden 51 Pfg. Stundenlohn. Gearbeitet werden pro Tag 10 Stunden. Verheiratete erhalten ausser dem Lohn noch 1,- RM pro Tag für die Familie. Wer nicht freiwillig geht, dem wird die Unterstützung entzogen. Bayern: Mit den Arbeitslosen verfährt man bei den Arbeitsämtern wie sonst nur beim Militär. Von Fuchsmühl wurder. 35 Arbeitslose einfach zum Autostrassenbau nach Rosenheim ia Oberbayern abgestellt, obwohl sie dagegen protestierten. Der erreichbare Höchstlohn für diese Erdarbeiten beträgt nach den Angaben des arbeitsamtes 28,- RM. Das Arbeitsamt selbst hat errechnet, dass für den Lebensunterhalt usw. 21,-RM in der Woche aufgehen, so dass für die Familie daheim noch ganze 7, RM in der Woche bleiben. Pfalz: Grosse Erregung rufen die Massenverschickungen von Arbeitslosen und Wohlfahrtsunterstützungsempfängern nach Bayrisch Zell, Günzburg, Stuttgart, Kornwestheim und anderen Orten hervor. Trotzdem schon bei den ersten" Freiwilligen" Transporten durchgesickert war, dass Bezahlung, Essen und Unterbringung unter aller Kritik sind, hat man den Leuten cie Verbringung nach Dachau angedroht, wenn sie sich weigert, aitzugehen oder an der Arbeitsstelle ausreissen. An den Bahnbefen spielen sich Szenen ab wie während des Krieges, wena cie Urlauber wieder an die Front mussten. Die Erohung mit Dachau ist bereits in einem Fall in die Tat umgesetzt worden. Der Schuhfabrikarbeiter Otto Volb aus Pirmasens wurde verhaftet und für 3 Monate nach Dachau verbracht, weil er freiwillig seine Arbeit im Rechtsrheinischen aufgat. Trotzdem festgestellt wird, dass dadurch seine Familie der öffentlichen firsorge anheimgefallen ist, wurde ihm für och en die Arbeits A 45 los enunterstützung gesperrt. Rheinland: Am Niederrhein wächst die Missstimmung auch deswegen, weil man neuerdings Arbeiter nach den Erzbergbaugebieten in Württemberg deportiert. Das hat zur Folge, dass die Männer nicht nur von ihrer Familie getrennt wurden und die Familien schwere Not leiden. Frauen wurden sechs Wochen lang nicht unterstützt, obwohl die Männer bei dem geringen Verdienst nicht in der Lage waren, ihren Familien genug zum Leben zu schicken. Erst neuerdings gibt man Zusatzunterstützung. Nordwestdeutschland: Im Jahre 1936 wurden aus Oldenburg und auch aus Ostfriesland in grossem Umfange Arbeiter MA in andere Landesteile verschickt. Der Druck, mit welchem die Arbeitsämter dabei. vorgingen, war ausserordentlich gross. Man nahm weder Rücksicht darauf, ob die Löhne die getrennte Haushaltsführung gestatten, noch auf andere Dinge. Meist erfuhren die Arbeiter nicht einmal, um welche Arbeiten es sich handelt. Ihre Fragen wurden damit beantwortet, dass man ihnen erklärte, sie bekämen einen Stundenlohn von 52 Pfg. Um was für eine Arbeit es sich handele, würden sie schon sehen. Grössere Trupps von Arbeitern sind nach Nürnberg und Braunschweig, angeblich zum Autostrassenbau verschickt worden. Eine andere Sammelgruppe kam nach Verden a.d.Aller in Munitionsfabriken. Wasserkante, 1.Bericht: Für Hamburg spielt die Arbeitslosigkeit noch immer eine grosse Rolle, da die Hafenarbeiter nach wie vor unter ihr schwer zu leiden haben. Man hat einen grossen Prozentsatz von ihnen, besonders der jüngeren, in die Arbeitslager geschickt, aber noch immer gibt es tausende Erwerbslose. Vor einiger Zeit sind im Lande Hadeln grosse Kuhlarbeiten in Angriff genommen worden. Die Arbeiter müssen die dortige mergelhaltige Erde bis zu 3 Meter Tiefe umschaufeln; im Kreise Stade sind Hamburger Arbeitslose eingesetzt, um Meliorationsarbeiten durchzuführen. 2.Bericht: Viele erwerbslose Arbeiter aus Hamburg werden zwangsweise nach Mecklenburg verschickt, um dort an der Reichsautobahn und den Bauvorhaben der Wehrmacht zu arbeiten. Sie erhalten einen Stund enlohn von 62 Pfg. Berlin: Die Verschickungen von Bauarbeitern zu Flugplatzund ähnlichen Wehrmachtsbauten haben grossen Umfang angenommen. Die Verpflegung ist in der Regel sehr schlecht und wenn auch der Lohn günstig ist, so kommen doch die Arbeiter durch den getrennten Haushalt kaum zurecht. Die Verheirateten versuchen deshalb, wenn irgend möglich, davon wieder loszukommen. -463) Der Landarbeitereinsatz Im Dritten Reich gibt es nicht nur eine Facharbeiter-, sondern auch eine Landarbeiter- Frage. Der Mangel an Landarbeitern ist zum Teil dadurch künstlich geschaffen worden, dass die Heranziehung ausländischer Wanderarbeiter unterbunden wurde und die meisten Bauernsöhne durch Arbeits- und Wehrdienst zwei und einhalb Jahre hindurch der Landwirtschaft als Arbeitskräfte entzogen werden. Andererseits ist er eine natürliche Folge der verbesserten Beschäftigungslage in den gewerblichen Berufen. Die Nationalsozialisten haben diesen Zug vom Lande in die Stadt, der ohnehin ein Ausdruck für die unvergleichlich/ gün stigeren Arbeitsbedingungen auf dem Lande ist, noch durch weitere Verschlechterung der ländlichen Arbeitsbedingungen verstärkt. Es geht aber für die Nationalsozialisten nicht darum, den so entstandenen Mangel an Landarbeitern zu beheben, sondern sie wollen darüber hinaus dauernd eine grössere Zahl von Arbeitskräften auf dem Lande binden. Das entspricht sowohl den Bedürfnissen der Erzeugungsschlacht, als auch der Notwendigkeit, den städtischen Arbeitsmarkt von ungelernten Arbeitern zu entlasten. Diesen Zwecken sollen vor allem folgende Massnahmen dienen: a) Massnahmen zur Unterbindung der" Landflucht". Um das Hinüberwechseln von landwirtschaftlichen Arbeitskräften in die Industrie unmöglich zu machen, wurden" Kontrakt brüchige" mit empfindlichen Strafmassnahmen bedroht. Der Treuhänder der Arbeit für Schlesien hat gegen solche Landarbeiter Ehrengerichtsverfahren angekündigt, das bayerische Staatsministerium des Innern sogar Schutzhaft. Diese Massnahmen wurden durch den Göring- Erlass vom 22. Dezember 1936 über die Einbehaltung von Arbeitsbüchern bei Kontraktbrüchen gekrönt. Daneben führt die Reichsanstalt" verstärkte Aufklärungs- und Erziehungsarbeit" in dieser Richtung durch. b) Massnahmen zum Ersatz ausländischer Wanderarbeiter durch städtische Arbeitslose. Dieses Verfahren, bereits 1936 in grossem Stil angewendet, soll 1937 im Zeichen des Vierjahres A- 47plans weiter ausgebaut werden. Sogar die Beschäftigung auf den Reichsautobahnbauten soll in den Erntemonaten zugunsten der Landwirtschaft eingeschränkt werden. Auch der Arbeits-\ dienst wird zur Erntehilfe herangezogen. c) Massnahmen zur dauernden Ueberführung Jugendlicher in landwirtschaftliche Berufe: verstärkter Einsatz der Berufsberatung zugunsten der Einstellung von Lehrlingen in bäuerlichen Betrieben, Fortführung der Landhilfe, vor allem in der Form der Landhelfergruppen, Umschulungslager für junge Mädchen und der Landdienst der HJ," das augenblicklich wichtigste Gebiet ihrer Sozialarbeit"( Obergebietsführer Axmann). Unserem Berichtsmaterial entnehmen wir: Bayern, 1.Bericht: Schlimm ist es für die Industriearbeiter, die während ihrer Arbeitslosigkeit einmal Arbeit in der Landwirtschaft genommen haben. Sie dürfen nicht mehr in die Industrie zurück, weil sie als Landarbeiter gelten. Das führt manchmal zu den haarsträubendsten Erscheinungen. Ein früher arbeitsloser Glasmacher, Vater von vier Kindern, hat bei einem Bauern als Knecht gearbeitet. Er könnte jetzt wieder in der Glasfabrik unterkommen und seine Familie wieder besser ernähren. Er darf diese Arbeit nicht annehmen und der Fabrikant darf ihn nicht einstellen; der Mann muss landwirtschaftlicher Arbeiter bleiben. 2. Bericht: Zur vorjährigen Erntezeit wurde vom Arbeitsamt in München an alle Bauunternehmer ein Rundschreiben folgenden Inhalts verschickt und auch beim Arbeitsamt in Anschlag gebracht: " Die intensive Auswertung des Bodens verlangt einen erhöhten Einsatz von Arbeitskräften. Der dringendst notwendige Arbeiterbedarf muss durch Sondermassnahmen sichergestellt, erhalten und durch verstärkte Zuführung jugendlichen Nachwuchses ergänzt werden. Die verfügbaren Kräfte aber reichen keineswegs aus, um den erhöhten Einsatz an geeigneten Arbeitern zur Einbringung der Ernte aus den Reihen der Arbeitslosen sicherzustellen, die zumeist Berufen angehören, denen Vorkenntnisse und körperliche Eignung zur schweren Erntearbeit fehlen, während die an Schwerarbeit gewöhnten Hilfsarbeiter während des Sommers ziemlich restlos in Arbeit sein werden. In den Reihen der Hilfsarbeiter des Baugewerbes, der Ziegeleien und anderer Berufe ist eine erhebliche Zahl ehemaliger landwirtschaftlicher Arbeiter, die wegen Verheiratung nicht mehr in der Landwirtschaft Verwendung finden konnten. Diese Leute sind als Reserve zur A-48 Einbringung der Ernte ausersehen und müssen gewärtig sein, aus ihrer Tätigkeit für die Erntezeit herausgenommen und als Erntearbeiter eingesetzt zu werden. Von den Betriebsführern und Baustellenleitern muss erwartet werden, dass sie in richtiger Erfassung der ernährungspolitischen Wichtigkeit der rechtzeitigen Ernteeinbringung, der vorübergehenden Freigabe der ehemaligen landwirtschaftlichen Arbeiter zur Erntearbeit keinen unnötigen Widerstand en tgegensetzen." Die von dieser Massnahme Betroffenen, meistens Arbeiter, die schon seit Jahren im Baugewerbe beschäftigt sind, werden dadurch schwer geschädigt. Während der Hochsaison, wo für sie die Möglichkeit besteht, die aufgelaufenen Schulden der Winterzeit abzudecken, verlieren sie den Arbeitsplatz und werden aufs Land gesteckt. Abgesehen von der viel niedrigeren Bezahlung und der trotz früherer Tätigkeit für alle ungewohnten Arbeit, werden diese Arbeiter dauernd von ihrem Arbeitsplatz vertrieben, denn die Baufirmen versuchen naturgemäss, für sie Ersatz aus den Reihen der arbeitslosen Industriearbeiter zu finden, der ihnen eine kontinuierliche Arbeit garantiert. 3. Bericht: Auf einer oberbayerischen Alm ist jetzt ein Senne beschäftigt, der noch im Frühjahr bei der Autobahn arbeitete und dort wöchentlich ca. 26,- bis 30,- RMK verdiente. Kurz vor dem Almauftrieb erhielt er die Lohnabrechnung mit dem Bescheid, er müsse als ehemaliger Schweizer dem landwirtschaftlichen Arbeitsnachweis überstellt werden. Von dort erhielt er die Zuweisung zu einem Bauern, der eine grosse Almwirtschaft betreibt, auf der er heute als geprüfter Schwei zer tätig ist. Als Bezahlung bekommt er monatlich 5,- RM und ein kleines Deputat für die Familie. Der Mann hat jede Arbeitsfreude verloren und beklagte sich bitter über diese noch nie dagewesenen Zustände. Die Bauern haben es heutzutage nicht nötig, einen guten Schweizer so zu bezahlen wie früher, weil ihnen der Arbeitsnachweis zur Verfügung steht und der Arbeiter sich nicht helfen kann. Solche Beispiele, die sich alle ähnlich sind, könnten wir mehrere anführen. 4. Bericht: Das Landesarbeitsamt hat durch die Hitler- Jugend verschiedene Umschulungslager einrichten lassen. In diesen Lagern werden arbeitslose Mädchen in der Landwirtschaft ausgebildet. Der Umschulungslehrgang dauert 8 Wochen. Die Mädel sind mit einer Lehrerin auf einem Bauernhof untergebracht. Jede Teilnehmerin muss sich verpflichten, im Anschluss an den Lehrkurs mindestens ein Jahr lang in einem landwirtschaftlichen Betrieb tätig zu sein. Der Kursus ist kostenlos. Die Teilnehmer bekommen wöchentlich 1,-RM. Die Reisekosten und Arbeitskleider werden vom Arbeitsamt vergütet. Es sind sehr wenige Mädchen, die von sich aus das Bedürfnis haben, als landwirtschaftliche Hilfskräfte ausgebildet zu werden, um A-49sich dann ein Jahr lang um geringen Lohn ausbeuten zu lassen. Da helfen dann die zuständigen Arbeitsämter nach. In Rosenheim wurden kurzerhand 11 Arbeitermädel, die schon seit längerer Zeit arbeitslos sind, vom Arbeitsamt verständigt, in 8 Tagen sich in einem Schulungslager auf dem Samerberg ei nzufinden. Den Mädels wurde erklärt, dass sie zu keiner Arbeit vermittelt werden, wenn sie dieser Aufforderung nicht Folge leisten. 5.Bericht: Die von den Arbeitsämtern zugewiesenen Hilfskräfte wandern meist nach kurzer Zeit in ihre Heimat zurück.. Sie sagen sich: lieber hungern wir weiter, als dass wir wegen dieser paar Pfennige durch die schwere Landarbeit unseren Körper ruinieren. Die Grossbauern sind durch ihre Leuteschinderei, die keine Rücksichtnahme auf körperliche Eignung der Zugeteilten kennt, selbst Schuld an diesem Zustand. Schlesien, 1.Bericht: Die Erzeugungsschlacht wird in grösstem Ausmasse auf dem Rücken der Erwerbslosen durchgeführt. In Hirschberg wurde allen Krisenunterstützungsempfängern die Unterstützung gesperrt. Sie bekamen die Anweisung, sich aufs Land zur Landarbeit zu begeben. Ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und früheren Beruf wurden die Leute ausnahmslos zu den Bauern geschickt. Darunter natürlich viele, die von der Landwirtschaft nicht die geringste Ahnung haben. Die Bauern aber wiesen sie ab. Zahlreiche Bauern sind auch gar nicht in der Lage, Arbeitskräfte aufzunehmen, weil sie keine brauchen oder keine bezahlen können. Die Bauern mussten sich eine entsprechende Bescheinigung vom Ortsbauernführer ausstellen lassen. Mit dieser Bescheinigung mussten sich, dann die nicht aufgenommenen Erwerbslosen wieder beim Arbeitsamt melden. 2.Bericht: Das Breslauer Arbeitsamt hat Arbeitslose aufs Land zum Kartoffelhacken vermittelt. Die Löhne dafür waren so niedrig, dass die Frauen unbedingt mitarbeiten mussten, weil sie während der Dauer der Arbeit ihres Mannes keine Unterstützung bekommen. Die Einteilung in diese Landarbeit war daher nur unter Zwang möglich, im Weigerungsfalle wurde die Unterstützung entzogen. Die Entlohnung erfolgte im Akkord. für einen Zentnerkorb wurden 8 Pfg. bezahlt. Es wurden selten mehr als 8 Körbe im Tage geschafft, was also einem Lohn von 64 Pfg. pro Tag entspricht. Dabei war die Verköstigung frei, sie war jedoch, besonders auf den Gütern, ausserordentlich schlecht. Ein Grossteil der Arbeiter war zu der Arbeit überhaupt nicht fähig, sie schafften denn auch nicht mehr als 5 bis 6 Körbe am Tage. Die Arbeitsstelle darf auch in derartigen Fällen nur mit Zustimmung des Besitzers verlassen werden, eigenmächtiges Verlassen der Arbeitsstelle gilt als Arbeitsverweigerung und wird mit Unterstützungsentzug geahndet. Arbeitslose aus Neisse wurden nach Pommern zur Kartoffel ernte zwangsweise veschickt. Versprochen wurde ihnen 15 Pfg. für den Zentner. Andere mussten nach Mitteldeutschland zum Rübenstechen. Wer niht geben sollte, dem wurde mit Entzug der Unterstützung gedroat. Man muss Landhilfe, andjahr und Landdienst unterscheiden. Die Landhilfe besteht seit 1933 neben dem Arbeitsdienst als " freiwillige" Organisation; die vor allem den Bauern billige Arbeitskräfte stellen sollte. Das Landjahr ist als neuntes Volksschuljahr, also für die 15- jährigen, gedacht, und der Landdienst ist eine neuere Einrichtung der Hitler- Jugend, die der Zurückführung Jugendlicher auf das Land, aber auch der Bereitstellung von Erntehelfern dienen soll. Neuere Zahlen stehen für alle drei Organisationen nicht zur Verfügung. Es wird uns berichtet: Rheinland: Seit April 1936 sind viele junge Arbeiter und Arbeiterinnen bei der sogenannten" Landhilfe" tätig. Von mehreren Stellen wird uns gemeldet, dass diese Leute bis jetzt noch keinen Pfennig Barlohn erhalten haben. Von den Arbeitsämtern, die sie damals vermittelten, war ihnen gesagt worden, sie bekämen 25,- bis 35,- RM im Monat neben Kost und Logis. Inzwischen waren die mitgenommenen Kleidungsstücke verschlissen, aber Geld bekamen die jungen Leute nicht. Die Missstimmung wuchs und führte schliesslich dazu, dass die Landhelfer im Kreise Eschweiler die Gelegenheit der Abhaltung von sogenanntem weltanschaulichen Unterricht dazu benutzten, einen regelrechten Streik zu verabreden, wenn man ihnen nicht wenigstens 15,- RM von den versprochenen 35,- RM auszahlen würde. Die Sache wurde ruchbar und der 19- jährige Sohn eines Eschweiler Strassenbahners-eines Vaters von 8 Kindern- wurde als Rädelsführer verhaftet..Die Verhandlung gegen ihn hat noch nicht stattgefunden. Die übrigen wurden entlassen, nachdem eine Sitzung vor dem Ehrengericht stattgefunden hatte, in der ausdrücklich festgestellt wurde, dass die Verpflegung den ortsüblichen Verhältnissen entsprach. Die Frage des Lohnes wurde in der Schwebe gelassen. Schlesien, 1.Bericht: Von den Landhelfern aus X. wird berichtet, dass man das Lager streng militärisch abgeschlossen hält. Die Verpflegung ist einfach unerträglich, An Stunden-, lohn für Feldarbeiten wurden zwischen 20 und 35 Pfennigen gezahlt. Wenn irgend jemand die Flucht ergreifen kann, so tut er es. Werden die Leute aufgegriffen, so werden sie durch die Polizei zurücktransportiert. 6 Landhelfer aus Y., die aus dem Lager geflohen waren, mussten unter Polizeibegleitung von Stadt zu Stadt wieder ins Lager zurückmarschieren. Ausserdem wurde ihnen die Verpflegung während des Marsches von ihrem A-51Lohn in Abzug gebracht. Welchen Misshandlungen die Land helfer unter Umständen ausgesetzt sind, geht aus einer Verhandlung vor dem Sozialen Ehrengericht in Schlesien hervor, des einen Landwirt zu einer Ordnungsstrafe von ganzen 60,- Rik(!) verurteilte, weil er einen Landhelfer geohrfeigt und sogar gepeitscht hatte. 2. Bericht: In dem Dorfe A. sind mehrere Mädchen aus Kosel und Ratibor untergebracht, um ihr sogenanntes Landdienstjahr zu absolvieren. Obgleich sich die Madchen mit ihrem Los abfinden, so bleibt die Tatsache bestehen, dass man sie unter Zwang aus dem Elternhause genommen und zu den Bauern in den Dienst gegeben hat. 17- jährige Mädchen verdienen neben der freien Station monatlich 20,- RM. Ein anderes Mädchen aus dem Landdienst verdient bei fünfstündiger Arbeit und zwar von 7 bis 12 Uhr als Bedienerin bei einer besseren Familie monatlich 12,- RMk. Dazu das zweite Frühstück. Sachsen: Im Radio und in der Presse wird die Landhilfe und das Land jahr mit ihren Vorteilen ausserordentlich herausgestrichen. Von Burschen und Mädchen, die dieses Jahr dabei waren, wird jedoch berichtet, dass sie sich oft nicht richtig sattessen konnten und auch den Anstrengungen nicht gewachsen waren. Viele haben deshalb vorzeitig ihre Stelle verlassen. Von den Mädels wird berichtet, dass ihre Unterbringung oft recht fragwürdig gewesen sei. Oft seien sie in ihren Schlafgelegenheiten unsittlichen Angriffen durch Knechte ausgesetzt gewesen. Nordwestdeutschland: In Ostfriesland befinden sich jetzt drei Land jahrheime für Mädchen. Dass es sich auch hier um eine Ausnützung billiger Arbeitskräfte handelt, geht daraus hervor, dass diese Mädchen im vergangenen Herbst in verschiedenen Teilen des Bezirks in Zeltlagern untergebracht wurden, um an Ort und Stelle von morgens drei Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit bei den Ernte arbeiten zu helfen. Südwestdeutschland: Die Landhilfe ist für viele Kleinbauern direkt eine Plage geworden. Die Arbeitskraft wäre manchmal ganz nützlich, aber der kleine Betrieb erträgt nicht einmal die Belastung der Verpflegung. Besonders schwierig wird die Sache, wenn dem Landhelfer aus irgend einem Grunde die Unterstützung des Arbeitsamtes entzogen wird. Der Bauer müsste nun diesen Betrag selbst zahlen, kann es aber nicht. Der Helfer darf aber auch nicht weg, so dass sich dadurch ganz unerquickliche Verhältnisse ergeben. Man hat Leute in den Landdienst befohlen, die 5 bis 10 Jahre in einem Betrieb gearbeitet haben, um deren Weiterbeschäftigung sogar der Unternehmer gebettelt hat. Nach Ablauf der Zeit wurde es dem Unternehmer nicht mehr erlaubt, den Arbeiter einzustellen, wenn er noch nicht 25 Jahre alt ist. Wenn sich diese Leute A-52dann arbeitslos melden, kommen sie sofort in ein weit entferntes Arbeitslager. Viele melden sich deshalb nicht und werden dann nicht mehr als Arbeitslo se gezählt. Einen erheblichen Teil der Hilfskräfte für die Landwirtschaft stellt der Arbeitsdienst, vor allem der weibliche Arbeitsdienst. Stärke und Dauer des Arbeitsdiens tes wurden durch Erlass vom 26. September 1936( Reichsgesetzblatt vom 28. September 1936) neu geregelt. Danach beträgt die Dienstzeit im Reichsarbeitsdienst für alle arbeitsdienstfähigen Wehrpflichtigen ein halbes Jahr. Die Stärke des Reichsarbeitsdienstes ist innerhalb der Zeit vom Oktober 1936 bis Anfang Oktober 1937 auf 230.000 Mann( einschliesslich Stammpersonal), in der Zeit bis Anfang Oktober 1938 auf 275.000 Mann( einschliesslich Stammpersonal), in der Zeit bis Anfang Oktober 1939 auf 300.000 Mann( einschliesslich Stammpersonal) festgesetzt. Der vorläufig noch auf" freiwilligen" Eintritt beruhende Arbeitsdienst für die weibliche Jugend soll" planmässig zur Vorbereitung der Arbeitsdienstpflicht weiter entwickelt werden". Die Stärke des Arbeitsdienstes für die weibliche Jugend soll in der Zeit vom April 1937 bis März 1938 auf 25.000 Arbeitsmaiden( einschliesslich Stammpersonal) erhöht werden. Durch eine Verordnung Görings vom 24. Oktober 1936 wurde der gesamte Arbeitsdienst zur Hackfrüchte- Ernte abkommandiert. Ebenso wurde der Arbeitsdienst für die Hopfen- Ernte herangezogen. Im Hopfengebiet von Spalt in Bayern wurden insgesamt 1.300 Mann Arbeitsdienst aus Thüringen und Unterfranken eingesetzt. Ueber die Verhältnisse in einer Reihe von Arbeitsdienstlagern geben die folgenden Berichte ein eindrucksvolles Bild: Berlin: Bericht über das Arbeitslager Trebbin:( Arbeitslager- Kompagnie 6/92, Führer Gauarbeitsführer Heldt. Das Lager umfasst 120 Leute, llo sind eingezogen im Alter bis zu 21 Jahre; etwa 10 freiwillig). Unser Mann berichtet:. In den ersten 6 Wochen gab es keinen Urlaub, mit Ausnahme jedes zweiten Sonnabend und Sonntag, wo die Leute Ausgang hatten. Die Löhnung betrug in zwei Wochen 2,34 R. In der ersten Zeit, etwa 3 Wochen lang, wurde nicht gearbeitet, sondern exerziert und zwar mit Spaten, nicht mit Waffen, A-53sodann exerzieren auf der Eskaladierbahn, auf der in den ersten 14 Tagen 6 Mann Unfälle erlitten. Das Essen war in den ersten drei Wochen gut, liess in der letzten Zeit aber sehr nach, so dass verschiedene Beschwerden erhoben wurden. Es erschien eine Kommission, die aber das Essen als gut bezeichnete. Nach drei Wochen wurden die Leute bei Meliorationen beschäftigt. 6 Uhr aufstehen, 1/2 Stunde Frühstück, dann Abmarsch. In der ersten Zeit mussten die Leute laufen, jetzt haben sie Räder bekommen. Gearbeitet wird bis 12 Uhr. Das Frühstück wird während der Arbeit eingenommen. Mittags kommen sie zurück, haben 1 Stunde angeblich Ruhe, die aber vorwiegend für Putzen von Geräten, Flicken von Kleidern usw. verwendet wird. Bettruhe kommt während dieser Zeit praktisch nicht in Frage, obgleich sie vorgesehen ist. Dann wird exerziert, insbesondere Griffe- Klopfen am Spaten. Von 6 bis 7 Uhr abends soll theoretischer Unterricht( Rassenlehre usw.) stattfinden. Um 7 Uhr gibt es Abendbrot, das aus Käse und Brot besteht; in der letzten Zeit wurde statt Butter Schmalz gegeben. Um 8 Uhr ist offiziell Feierabend. Die Leute bringen ihre Sachen in Ordnung. In der Regel wird noch eine Gesangstunde angesetzt und dann gehen die Leute todmüde ins Bett. Die Stimmung ist nicht besonders gut. Es sind in der letzten Zeit Loren stehen gelassen worden. Die Leute haben erklärt, dass sie nicht mehr können. Es ist ihnen nichts passiert. Schlesien: In X. besteht ein Arbeitsdienstlager, in welchem rund 180 junge Leute untergebracht sind. In diesem Lager wird eifrig politisiert. Die. Arbeitsdienstler sind dort sehr radikal. Wenn sie ohne Aufsicht sind und in ihren Freistunden, unterhalten sie sich ziemlich kritisch über die Verhältnisse in Deutschland. Wer nicht ihrer Meinung ist, wird bekehrt oder aus dem Zirkel ausgeschlossen. Dies alles, ohne dass bisher eine Denunziation erfolgt wäre. Sachsen, 1.Bericht: In dem Arbeitsdienstlager in Y. beträgt die Entlohnung pro Woche 2,50 RM. Davon müssen Schuhputz- und Flickzeug usw. angeschafft werden. Für den eigenen Spaten werden wöchentlich 50 Pfg. bis zur Restzahlung einbehalten. Die Arbeitszeit dauert von 7 bis 4 Uhr. Anschliessend werden Sport, Unterricht und militärische Ausbildung veranstaltet. Die Arbeiten bestehen grösstenteils in Wege- und Strassenbau. Aber auch von Privatunternehmern werden die Arbeitsmänner zu verschiedenen Arbeiten angefordert. In diesem Falle schicken die Unternehmer ihre Lastkraftwagen und holen sich die benötigten Arbeitskräfte. Eine Lohnzulage ist damit nicht verbunden, die Unternehmer müssen nur einen bestimmten Betrag an die Lagerverwaltung abführen. 2.Bericht: Im Arbeitsdienstlager Eibau i.Sa. ereignete sich im Sommer vorigen Jahres folgender Vorfall: Der Truppführer R.. liess bei den schweren Strassenbauten jedesmal sechs A-54Mann seines Trupps arbeiten und die anderen sechs Mann susruhen, da die jungen Leute bei der mörderischen Hitze und der miserablen Verpflegung nebst 25 Pfg. pro Tag einfach nicht in der Lage waren, die vorgeschriebene Arbeit zu leisten. Das wurde dem Lagerkommandanten gemeldet und der Truppführer W. wurde wegen dieses Vergehens vor versammelter Mannschaft degradiert und zu drei Tagen strengen Arrests und zu einem sechswöchentlichen Urlaubsentzug verurteilt. Zugleich wurde ihm das Arbeitsbuch entzogen, so dass der junge Mensch, der bereits über drei Jahre beim Arbeitsdienst war, keine freie Arbeit bekommen kann. Bayern: Das Arbeitsdienstlager Fürstenried bei München, belegt mit 2.000 Mann, ist das sogenannte Musterlager, das stets fremden Besuchern gezeigt und euch immer bei sllen Aufmärschen herangezogen wird. Die militärische Ausbildung unterscheidet sich in nichts von der in der Kaserne, bloss dass die Unterkunftsräume dürftiger sind als dort. Es herrscht ein äusserst scharfer Drill. Im September, kurz vor der Entlassung, kam es zur offenen Meuterei einer ganzen Abteilung, die der Truppführer noch in den letzten Tagen unerhört geschliffen hatte. Die Leute verweigerten den Gehorsam und wollten nicht mehr mit ihren sauber geputzten Uniformen, die zur Ablieferung bereit waren, in den Dreck hinein. Man liess die Leute abtreten. In der Nacht wollten einige durchgehen, sie hatten ihre Bündel schon gepackt. Daraufhin wurde der Abgang verweigert. Welche Strafen verhängt wurden, ist uns nicht bekannt. Südwestdeutschland: Entgegen den früheren Berichten wird nunmehr beim Arbeitsdienst ganz allgemein über das schlechte Essen und über die Behandlung geklagt. In den ersten 14 Tagen nach dem Einrücken konnten die jungen Leute Essen holen, soviel sie wollten. Das ist jetzt anders. Jetzt kommt ein gewisses Quantum auf den Tisch und die Aeltesten, die zuerst schöpfen, nehmen soviel sie wollen und die unten am Tisch haben dann gewöhnlich nicht mehr viel. Dazu kommt eine kleinliche Schikanierung durch die Stubenältesten und Vormänner. Morgens werden die Betten wieder auseinandergerissen; der Inhalt des Spindes wird rausgeschmissen, wenn auch nur das Geringste daran auszusetzen ist. Die jungen Leute müssen die Sachen während des Morgenessens wieder in Ordnung bringen und können dann mit leerem Magen an die Arbeit gehen. Der selbe Drill wie in der Vorkriegszeit, nur noch schlimmer. Bei der Arbeit in der Kiesgrube oder im Gelände werden die gewöhnten Bau- und Erdarbeiter an die Spitze gestellt und die anderen sollen dann das gleiche Tempo einhalten. In Tuttlingen( Württemberg) wurde vor kurzem ein junger Mann beardigt, der noch wenige Tage vorher mit 40 Grad Fieber auf die Arbeitsstelle musste. Er wurde dann heimgeschickt und starb am anderen Tag. Von seinem Arbeitslager wagte niemand, zur Beerdigung zu kommen, sondern ein anderes Ar A- 55beitslager musste eine Vertretung senden. Nordwestdeutschland: Der Arbeitsdienst wird bei uns vorzugsweise bei der Moorkultivierung und bei der Melioration eingesetzt. Allgemein wird über die ungenügende Verpflegung, vor allem der Qualität nach, und über schlechte Behandlung geklagt. So mussten die Lagerinsassen in X. in der Nacht, bevor sie ein paar Tage Pfingsturlaub antreten sollten, auf Alarmsignale hin antreten. Die meisten zogen nur die hohen Stiefel und keine Strümpfe an, weil sie glaubten, dass sie nur auf dem Hofe antreten und sofort wieder wegtreten müssten. Statt dessen mussten sie einen fünfstündigen Gewaltmarsch machen.(" Wartet nur, wir wollen Euch schon schleifen; Ihr sollt Euren Urlaub erst verdienen".) Am Morgen hatten die meisten Jungen abgescheuerte Füsse; einige konnten infolgedessen nicht auf Urlaub fahren. Es wird darüber geklagt, dass jedes Unvermögen, die hohen Anforderungen des Dienstes und der Arbeit zu erfüllen, als schlechter Wille ausgelegt wird. In solchen Fällen wird sofort" Strafdienst" verhängt. _N_a_c_h_t_r_a_g_ Nach Abschluss dieses Abschnittes sind die von der Reichsanstalt herausgegebenen Statistischen Jahresübersichten für 1936 erschienen( Beilage zum Reichsarbeitsblatt Nr. 7 vom 5. März 1937) Diesen Uebersichten entnehmen wir folgende statistische Daten: Die Zahl der Landhelfer betrug im Jahre 1936 am: 15. Januar 15. Mai 15. Sept. 69.765 26.689 51.098 15. Dez. 31.122 Als Notstandsarbeiter wurden im Jahresdurchschnitt beschäftigt: 1932 48.570 1934 1935 1933 1936 31.1.37. 161.423 390.986 217.434 122.515 52.841 Als Pflichtarbeiter wurden Unterstützte aus der Arbeitslosen- und Krisenfürsorge( also ohne die Wohlfahrts unterstützten) im Jahre 1936 beschäftigt am: 31.Januar 31.Mai 30.Sept. 31.Dez. im Jahresdurchschnitt 30.239 18.524 10.957 17.170 18.683 Die Zahl der Beschäftigten auf den Reichsautobahnen( ohne Stammarbeiter) betrug am: 31.Januar 62.782 1936 30.Juni 30.Sept. 31.Dez. 109.866 96.202 131.Jan.1937 71.268 37.843 : 56III. Aus dandel und Gewerbe. Alle Berichte stimmen seit langem darin überein, dass die Handel- und Gewerbetreibenden die Schicht in Deutschland sind, die am unzufriedensten ist und am meisten meckert. Nicht ohne Grund. Vor dem Umsturz hatten die Nationalsozialisten den Handwerkern und Kleinhändlern die grössten Versprechungen gemacht; seit dem Umsturz aber haben sie eine Wirtschaftspolitik getrieben, die in hohem Cade auf Kosten dieser Schicht gegangen ist. Die Klagen, die aus ihren Reihen kommen, haben nach wie vor( wir haben zuletzt im November 1935, Seite A 89 ff. über die Lage des gewerblichen Mittelstandes berichtet) die gleichen Ursachen: 1. Die organisatorische Bevormundung und Gängelung,. die Verschlechterung der Einkommen durch Herabdrückung der Handelsspanne, sowie durch die Rohstoff- und Lebensmittelschwierigkeiten, 3. die erhöhte Belastung durch Steuern, Spenden und Beiträge und 4. das Weiterbestehen der Warenhäuser und Konsumvereine. Auf Grund der in den letzten Monaten eingegangenen Berichte stellt sich die Lage des Handels und Gewerbes nach diesen vier Gesichtspunkten folgendermassen dar: 1) Die organisatorische Bevormundung. Die organisatorischen Bemühungen der Nationalsozialisten um die Erfassung der Mittelständler erstrecken sich vor allem auf das Handwerk. Wie die Unternehmer und Arbeiter, sind auch die Handwerker in Zwangsorganisationen zusammengefasst. Die Innungen sind fachlich und bezirklich gegliedert und in den Bezirks- und Kreishandwerkskammern zusammengefasst. An der Spitze dieser Organisationen stehen mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Innungs- Obermeister und Kreishandwerksmeister. Die Wahl, der sie ihr Amt verdanken, ist eine Scheinwahl, in Wirklichkeit werden sie durch die zuständigen" Dienst A-57. stellen" der NSDAP ernannt. Die Handwerker unterstehen als Mitglieder ihrer Innung der politischen und wirtschaftlichen Kontrolle der ihnen vom Regime vorgesetzten Führer. Sie empfinden diese Bevormundung durch die Obermeister usw. mehr als Plage denn als Wohltat, nehmen ihre Anordnungen häufig nicht ernst, suchen sie zu umgehen und sich von den Veranstaltungen der Innung zu drücken. D Wasserkante: Die Mitglieder der Zwangsinnung werden nur zweimal im Jahr zu öffentlichen Versammlungen eingeladen, mit anschliessendem" Deutschen Tanz". In diesen Versammlungen wird an Hand von Zahlen gewöhnlich behauptet, dass es dem Handwerkerstand jetzt erheblich besser ginge als zur Systemzeit. Die Innungsmitglieder glauben aber an diese Zahlen und Behauptungen nicht. Sie machen sich darüber lustig, dass die Referenten den grössten Teil ihrer Ausführungen dazu verschwenden, gegen die Meckerer und Miesmacher Drohungen auszustossen. Verdächtig sind alle, die dem neuen Kurs skeptisch oder teilnahmslos gegenüberstehen das aber sind die meisten. Die massgebenden Leute in der Innung treiben Cliquenwirtschaft. Berufliche Neuerungen werden kaum vorgeführt. Unwillkommene Innungsmitglieder hält man von derartigen Vorführungen und Besichtigungen fern. Weil das so ist, wird von den Mitgliedern nichts ernst genommen. Sie empfinden im vollsten Wortsinne die Innung als Zwangsinnung. Man umgeht alle von der Innung in Kraft gesetzten Vorschriften, wo man nur kann. Dafür regnet es denn auch erhebliche Geldstrafen. Der Besuch der Mitgliederversammlungen muss häufig durch Androhung von Geldstrafen erzwungen werden. Der Obermeister der Baugewerken- Innung einer grösseren Stadt richtete an die Mitglieder folgendes Rundschreiben, das wir im Wortlaut wiedergeben: Den 9./XII.1936. An die Mitglieder der Baugewerken- Innung. Meine Handwerkskollegen! Die gestrige Mitglieder- Versammlung gibt mir Veranlassung, zu Nachstehendem: War der Besuch der Versammlung an sich ein unerfreulicher, so bedeutet es jedoch geradezu eine beschämende Disziplinlosigkeit, wenn Mitglieder im Schutz der Dunkelheit des Filmvortrages die Versammlung verlassen, was im übrigen von recht wenig Mut und noch weniger Kameradschaftsgeist zeugt. Ich richte daher an alle noch einmal den dringenden Appell, derartige Vorkommnisse unter allen Umständen zu vermeiden, da A-58dieselben auf die Innung und damit auf jeden einzelnen ein schlechtes Bild werfen. Das Baugewerbe ist immer an der Spitze des Handwerks marschiert, das soll und muss so bleiben. Zur Unterstützung des Gewissens eines jeden einzelnen habe ich daher in der gestrigen Mitgliederversammlung folgende Anordnung erlassen und bekannt gegeben: 1. Meine erste Anordnung vom 12. 11. 34. betr. Strafen bei Nichtbesuch der Innungsversammlung wird wie folgt geändert: Im 2. Absatz muss es statt" verwirkt eine jedesmalige Strafe von RM 3" künftig heissen," eine jedesmalige Strafe von RM 5,-", Im letzten Absatz heisst künftig statt" Mitglieder, die das 6o. Lebensjahr überschritten haben", Mitglieder, die das 65. Lebensjahr überschritten haben". Danach hat die abgeänderte 1. Anordnung nunmehr folgenden Wortlaut: Sie ergeht neu als 4. Anordnung des Obermeisters vom 8.12. 36: 4. Anordnung: Strafen für den Nichtbesuch der Innungsversammlung: Um die Interessen der Baugewerken- Innung in jeder Hinsicht wahrnehmen zu können, ist jedes Mitglied verpflichtet, die angesetzten Sitzungen, Versammlungen und sonstigen Veranstaltungen zu besuchen, sofern es nicht durch Ortsabwesenheit, Krankheit oder andere unvermeidliche Vorkommnisse verhindert ist. Wer ohne genügende schriftliche Entschuldigung fern bleibt, verwirkt eine jedesmalige Strafe von RM 5,-. Entschuldigungan sind nur der Geschäftsstelle zuzustellen. Mitglieder, die das 65. Lebensjahr überschritten haben, sind von vorstehender Vorschrift befreit. Des weiteren gebe ich bekannt, dass in Zukunft die Briefumschläge der Einladungen am Schlusse der Versammlung abzugeben sind. Ferner müssen Entschuldigungen künftighin bis zum Beginn der Versammlung schriftlich eingereicht werden. Nachträgliche Entschuldigungen haben keine Gültigkeit. 2. Da ich weiterhin festgestellt habe, dass in letzter Zeit Vorladungen der Geschäftsstelle nicht immer bzw. nicht immer termingemäss Folge geleistet worden sind, wird die in meiner 2. Anordnung vom 12. 11.34. betr. Befolgung von Vorladungen festgesetzte Strafe von RM 5,- auf RM 10,- erhöht! Diese Abänderung tritt ebenfalls sofort in Kraft. Der Obermeister. Die Zwangsorganisationen des Handwerks werden in wachsendem Masse in den Dienst der wirtschaftlichen Mobilmachung gestellt und als Hilfsorgane zur Durch thrung des Vierjahresplanes verwendet. Den Handwerksmeistern wird damit praktisch immer mehr ihre Selbständigkeit genommen und ihre Existenz gerät immer mehr in Abhängigkeit von dem Wohlwollen der Beauftragten des nationalsozialistischen Staates. So will man z. B. die Kleinmeister, um dem Facharbeitermangel abzuhelfen, zwingen, sich als Industriearbeiter zu verdingen. Seit Anfang dieses Jahres ist ein wahres Kesseltreiben gegen die sogenannten EinmannBetriebe im Gange. Görings Organ, die" National- Zeitung", Essen,( 11. 1.37) schreibt z.B." Unrentable Einmann- Betriebe sind ein Verbrechen". Der Reichsstand des Deutschen Handwerks hat die Handwerkskammern und Innungen gebeten, ihre Bezirke auf unrentable Einmann- Betriebe zu sichten und die in Frage kommenden Handwerker darauf hinzuweisen, dass ihnen im Interesse des Vaterlandes und auch im eigenen Interesse die Möglichkeit geboten wird, als Facharbeiter zu arbeiten. Nur wer eine von der Handwerkskammer ausgestellte Handwerkskarte hat, ist berechtigt, als selbständiger Handwerker tätig zu sein. Die Handwerkskarte soll die Schwerzarbeit ausmerzen und gleichzeitig die Vermehrung der Handwerksbetriebe, besonders der Kleinbetriebe, eindämmen. Der Auslese der Erwünschten und der Aussiebung der Unerwünschten dienen auch die seit einiger Zeit auf Anordnung des Reichshandwerksmeisters durchgeführten Besichtigungen der Handwerksbetriebe. Die DAF- Walter der Reichsbetriebsgemeinschaft mussten die Ergebnisse auf Grund von Fragebogen zusammenfassen. Von 16.573 besichtigten Betrieben erhielten, was die Wirtschaftlichkeit anlangt, 55% die No te " gut", 27%" ausreichend" und 18%" nicht ausreichend". Bekleidung und Reinhaltung: 50%" gut", 2%" ausreichend", 21%" nicht ausreichend". Die Tarifbedingungen wurden von 74% eingehalten, von 23% der Fälle nicht eingehalten, 3% zahlten übertarifliche Löhne. Beschaffenheit der Unterkunftsräume: bei 73%" gut", 15% " ausreichend", 12%" nicht ausreichend". Die" Durchsetzung des Gedankens der Betriebsgemeinschaft" ergab in 71% der Fälle " gut", in 18%" ausreichend" und in 11%" nicht ausreichend". Die A-60- Frafung erstreckt sich also auch auf die politische Zuverlas- eigkeit. Bine weitere Aussiebung erfolgt durch die Meisterprüfung, der sich nicht nur die unterziehen müssen, die einen selbständigen Handwerksbetrieb errichten wollen, sondern auch solche, die sich bereits als Selbständige niedergelassen haben. Wasserkante: Wer heute ein Geschäft aufmachen will, muss Meister sein. Ist er das nicht, so darf er sich nicht einmal an einem Handwerksbetrieb beteiligen oder in einem solchen Betrieb einen Meister beschäftigen. Das betrifft auch Leute, die schon vor dem Kriege-ohne Meistertitel- im Fach selbständig waren und es nun wieder werden wollen. Die Inhaber von bestehenden Geschäften(also etwa eines Friseür- ladens) müssen die Meisterprüfung nachholen oder ihr Geschäft zumachen, falls nicht die Geschäftseröffnung vor dam 31. 12. 1930 erfolgt ist. Die Meisterprüfung stellt sich sehr teuer. Man kann auf ungefähr 400,- HM rechnen, u.a. muss vor Beginn des Innungskursus, an dem der Meisterprüfung teilnehmen muss, auch eine bestimmte Summe für eine Nachfeier nach erfolgter Meisterprüfung einbezahlt werden. Man erschwert die Prüfung stark. Unwillkommene Anwärter versteht man, durchfallen zu lassen. Auf die Prüfung werden die Handwerker durch Kurse vorbereitet. Die Handwerkskammer Oberbayern versandte am 24. 9. 1936 folgendes Rundsohreiben an die Früfungskandidaten: Handwerkskammer von Oberbayern A. Nr. 169263/461 H 8 B München 6. den 24. Sept. 1936 Damenstiftstr. 5/111 An die Teilnehmer des 98- Allgemeinen Meisterprüf ungs-Vorberei tungskursest Betrifft: q8. Allgemeiner Meist er- prüfun�s-Vorbereitungskurs. Die Handwerkskammer von Oberbayern teilt mit, dass Sie zu dem am Mittwoch, den 30. Sept. 1936, 19 Uhr, im Verwaltungsgebäude der Handwerkskammer, München, Damenstiftstr. 3/111 Rgb. beginnenden 4:-6198. Allgemeinen Meister- Prüfungs- Vorbereitungskurs zugelassen sind. Unter Uebermittlung eines Lehr- und Stundenplans werden Sie ersucht, rechtzeitig und pünktlich zu erscheinen. Das Unterrichtsgeld beträgt einschliesslich des Kursmaterials RM 20,- und wird am ersten Unterrichtsabend eingehoben. Falls Sie an der Teilnahme verhindert sind, wolle dies der Kammer umgehend mitgeteilt werden. Es wird ausdrücklich bemerkt, dass die Zulassung zum Kurs keine Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung bildet. Pr./R. Heil Hitler! von Oberbayern Handwerkskammer Der Präsident: gez.: Franz Hatz Der Syndikus: gez. Dr. Mackh Der Stundenplan dieses Kursus sieht für die Zeit vom 30.9. 36. bis 13. 1.37 37 Unterrichtsabende mit 74 Unterrichtsstunden vor. Vorgesehen sind u.a. 4 Stunden für" Die NSDAP, Allgemeine Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung des Nationalsozialismus", 2 Stunden über" Die Deutsche Arbeitsfront, ihr Aufbau und ihre Aufgaben", ferner Gewerberecht, Arbeitsrecht, Sozialversicherung, Wechsel- und Scheckrecht, Das Unterrichtsgeld beträgt Buchführung, Kalkulation usw. einschliesslich des Kursmaterials 20,- RM. Dass der Unterricht in" Nationalsozialismus" keine blosse Propagandaangelegenheit ist, zeigen folgende Berichte: Sachsen, 1. Bericht: Ein Schlossermeister, der selbständig ist und einen Gewerbeschein besitzt, aber keine Meisterprüfung abgelegt hatte, wurde vor kurzem aufgefordert, sie nechzuholen. Er bestand die Prüfung theoretisch und praktisch mit grossem Lob. Als die Prüfung zu Ende war, fragte man A-62ihn noch, was Nationalsozialismus bedeute. Der Schlossermeister sagte hierauf:" Der Nationalsozialismus ist eine verfeinerte Form des Kommunismus." Die Prüfungskommission war darüber ganz entsetzt, hat den Meister durchfallen lassen und ihm gesagt, er möge sich erst einmal über den Sinn des Nationalsozialismus aufklären lassen und dann nochmals zur Prüfung erscheinen. 2.Bericht: Ausserordentlich erschwert worden sind die Prüfungsbestimmungen, wenn ein Geselle Meister werden will. Ausser dem Gesellen- und Meisterstück und der damit zusammenhängenden theoretischen Prüfung, wie Materiallehre, doppelte Buchführung usw. muss der Prüfling noch eine staatspolitische Prüfung ablegen, auf die er sich fast noch gewissenhafter vorbereiten muss, als auf die eigentliche Handwerksprüfung. Denn wenn er hier Unkenntnis an den Tag legt, fällt er glatt durch. Der Prüfling muss unbedingt den Lebenslauf Hitlers kennen, muss wissen, wer der Gauleiter der NSDAP ist usw. Wer Minister, wer Präsident des Reichstags und sonstiger Institutionen ist, die Tätigkeitsgebiete die- › ser Leute und ihre Verdienste um die NSDAP, wie die Geschichte der NSDAP überhaupt, sind ebenso Hauptbestandteile solcher Prüfungen. Der Prüfling muss weiter die nationalsozialistische Staatsidee, das Programm der NSDAP, die Organisation des Handwerks und die Ehrengerichtsbarkeit aus dem ff. kennen. Auf das Wissen auf allen diesen Gebieten wird mehr Wert gelegt als auf die eigentliche Fachprüfung selbst. Wenn nun ein Prüfling die Meisterprüfung bestand en hat, so ist noch lange nicht gesagt, dass er sich nun auch schon selbständig machen kann. Sind in einem Ort beispielsweise 10 selbständige Schlossermeister und besteht nach Auffassung der nationalsozialistischen Machthaber kein Bedarf an weiteren selbständigen Schlossermeistern, dann kann sich der neue Meister hier nicht eher als solcher niederlassen, bis einer der alten Meister sein Handwerk niederlegt. Dann kann er den Betrieb des alten Meisters erwerben. Besondere Gelegenheiten zur Bevormundung der Handwerker bietet das Lehrlingswesen. Schon in der Frage, ob er einen Lehrling nehmen will oder nicht, ist der Meister nicht frei. Hat er aber einen eingestellt und nimmt er es mit der Lehrlingsausbildung ernst, so kann ihn die übermässige Beanspruchung der Lehrlinge durch die HJ sehr leicht in Konflikt mit den nationalsozialistischen Organisationen bringen. Sachsen: Der Schmiedemeister X. aus Y. musste auf Drängen der DAF und der HJ einen Lehrling aufnehmen, obwohl er keinen brauchte. Aber dieser Lehrling, der der HJ angehörte, führte sich gleich in der ersten Zeit so auf, dass er bald mit dem A- 63Lehrmeister in Differenzen kam. Der Lehrling kam unregelmässig zur Arbeit, liess sich vom Meister nichts sagen, sang und pfiff während der Arbeit standig die HJ- Lieder usw. Dazu kam noch, dass der Lehrling fast jede Woche einen Tag oder manchmal auch zwei volle Tage regblieb, weil er angeblich Dienst bei der HJ gehabt hätte. So wurden die Differenzen immer grösser, der Lehrling wurde immer frecher und eines Tages wurde er von seinem Lehrmeister entlassen. Als Entlassungsgrund gab der Meister an, dass der Lehrling sich frech und unanständig benommen habe, faul in der Arbeit sei, nichts lernen wolle und jede Woche einen oder zwei Tage wegen angeblichen Dienstes bei der HJ der Arbeit ferngeblieben sei. Drei Tage nach der Entlassung wurde der Meister, der im ganzen Ort als ein anständiger, fleissiger und achtungswerter Charakter bekannt ist, von der Polizei aus der Schmiede weg verhaftet und in das Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert. Als Grund wurde ihm eben die Entlassung des Lehrlings angegeben. Der Meister sollte deswegen in ein KZLager eingeliefert werden. Inzwischen hatte aber die Verhaftung unter der hiesigen Bevölkerung eine starke Verbitterung hervorgerufen. Gleichzeitig hatten sich auch alle Gewerbetreibenden der Stadt beim Gemeindeamt und bei den nationalsozialistischen Organisationen für den verhafteten Meister eingesetzt. Dieser Druck veranlasste, dass der keister wieder entlassen wurde. 1 Bayern: Die Handel- und Gewerbetreibenden klagen über die schwachen Leistungen ihrer Lehrkräfte. Bei den diesjährigen Gehilfenprüfungen haben mehr als die Hälfte der Prüflinge mit knapper Not bestanden. In den Lehrbriefen werden jetzt nicht mehr die Prüfungsnoten, sondern nur mehr der Vermerk " Bestanden" eingetragen. Die Ursache der geringeren Leistungskraft der Lehrlinge sehen die Lehrherrn darin, dass die Jugend von den parteilichen Organisationen so stark in Anspruch genommen wird, dass sie sich nicht mehr mit dem nötigen Ernst auf ihre Berufsausbildung konzentrieren kann. Alle Versuche, dieser schwindenden Qualität durch eine Aktion entgegenzuwirken, wie sie z. B. der Berufswettbewerb und die Berufsschulen darstellen, haben bisher keine Besserung gebracht. Die Lehrherrn haben schon häufig über diesen Uebelstand geklagt, und diese Kritik kommt auch in den Rundschreiben der Innungen zum Ausdruck. Aber es wird nichts von Bedeutung unternommen, um hier Abhilfe zu schaffen. Die Lehrherrn selbst können nichts dagegen unternehmen, sie müssen den Anforderungen der Jugendführung nachgeben. Wenn die Jungen merken, dass ihr Lehrherr diese Verhältnisse bekrittelt, so melden sie es ihrer Führung, um sich so den Rücken zu steifen. Im übrigen ist das Handwerk-wie auch andere BerufszweigeObjekt des Konkurrenzkampfes zwischen der amtlichen Standes A- 64organisation( Innungen, Handwerkskammern und der deutschen Arbeitsfront. Die DAF sucht vor allem durch Schulungseinrichtungen und Propagandaveranstaltungen politischen Einfluss auf das Handwerk zu gewinnen. Anfang Februar hat Ley eine Anordnang ber die Gewährung von Personalkrediten an junge Handwerker durch die Bank der deutschen Arbeit erlessen. Ihre wichigste Bestimmung lautet:" Der Bewerber muss ein einwandfreies rolitisches Führungszeugnis des Hoheitsträgers der Partei beibringen". Aehnlich liege die Dinge im Handel. Auch hier macht sich wachsende organ.satorische Einschnürung bemerkbar. Das Gesetz von 1934, das Errichtung von Einzelhandelsgeschäften von einer behördliche Genehmigung abhängig macht, wird neuerdings scharfer angewendet. Wie beim Handwerk die Einmann- Betriebe, will man beim Handel Klein- und Kleinstbetriebe aussieben, einerseits um die Facharbeiterfrage auch von dieser Seite her einer Lösung näher zu führen, endererseits, um die Rentabilität der verbleibenden Handelsbetriebe zu erhöhen. Im Mai 1936 wurde von der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel die " Endgiltige Ausgestaltung des Einzelhandelsschutzgesetzes zu einem wahren Einzelhandelsberufsgesetz gefordert und hierzu als nötig bezeichnet, dass der Nachweis der erforderlichen Sachkunde und der persönlichen Zuverlässigkeit zu einer unerlässlichen Voraussetzung für die Genehmigung zur Errichtung einer Verkaufsstelle erklärt werde( bisher nur eine Sollvorschrift). Darüber hinaus soll auch der Nachweis eines bestimmten Eigenkapitals gefordert werden. Vor der Entscheidung der Behörde über die Konzessioniserung eines Einzelhandelsgeschäftes wild das Gutachten der zuständigen Industrie- und Handelskammer eingeholt. Auf einer Tagung des Einzelhandelsausschusses der Industrie- und Handelskammer Zittau vom 28. Oktober vorigen Jahres wurde mitgeteilt, dass seit dem 22. Oktober 1935 der Kammer im ganzen 763 Anträge zur Begutachtung vorgelegen haben, von denen 467 befürwortet und 296 abgelehnt werden mussten. In 136 Fällen hat die Kammer eine Sachkundeprüfung durchgeführt. A-65Wiederholt wurde in den letzten Wochen in Bekanntmachungen der Polizeibehörden und in der Presse davor gewarnt, die Gesetzes bestimmungen, die die Eröffnung von Geschäften von staatlicher Genehmigung abhängig machen, unbeachtet zu lassen. Ver eine Einzelhandelsverkaufsstelle eröffnen oder übernehmen will, darf mit der Verkaufstätigkeit nicht eher beginnen, als er die erforderliche Genehmigung in Händen hat. Die Polizei ist anderenfalls berechtigt, das Geschäft zu schliessen, ohne dass der Betroffene Schadenersatzansprüche geltend machen kann. Am schärfsten wird gegen das sogenannte ambulante Gewerbe, den Hausierhandel, vorgegangen. In einem Tätigkeitsbericht der Wirtschaftsgruppe" Ambulantes Gewerbe" wird mitgeteilt, die Mitgliederzahl habe am 31. März rund 134.000 betragen und sei inzwischen auf über 150.000 gestiegen. Berlin, 1. Bericht: Seit längerer Zeit führt das Regime einen regelrechten Feldzug gegen die ambulanten Gewerbetreibenden. In dieses Gewerbe haben sich viele in der Krise arbeitslos Gewordene, die noch eine kleine finanzielle Reserve hatten, oder einige Mittel für den Anfang in der Verwandtschaft auftreiben konnten, geflüchtet in der Hoffnung, sich damit eine, wenn auch schmale Dauerexistenz, schaffen zu können. Die ambulanten Gewerbetreibenden hatten immer einen guten Kontakt zur Arbeiterbewegung; viele Mitglieder ihres Verbandes gehörten einer der beiden Arbeiterparteien an. In Herbst wurden für Berlin Bestimmungen erlassen, dass Händler einen Stand nur noch eröffnen dürfen, wenn im Umkreis von loo Metern kein anderes Geschäft der gleichen Branche vorhanden ist. Diese Bestimmung kehrt sich speziell gegen dia kleinen Zigarettenhändler. Welche Auswirkungen diese Bestinmung hat, erkennt man daran, dass allein am Senefelder Platz Jetzt auf Grund obiger Bestimmung drei Zigarettenwagen und zwei Kioske geschlossen worden sind. Die auf diese Weise ihrer Existenz beraubten Händler stehen sich besonders schlecht, da sie als ehemalige Selbständige keine Arbeitslesenunterstützung bekommen, sondern lediglich auf die Wohlfahrtsunterstützung angewiesen sind. 2. Bericht: Aus Parteikreisen verlautet, dass in nächster Zeit eine Neuordnung des ambulanten Gewerbes erfolgen wird, Dabei soll die Weiterführung des Gewerbes vom Nachweis eines Mindestumsatzes abhängig gemacht werden. Die ausfallenden Händler sollen dem Arbeitsmarkt zugeführt werden. Für den Handel auf dem Lande und in der Kleinstadt ist eine Verfügung zu erwarten, nach der die Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen vollständig vom Handel getrennt wird. Dort sollen künftig nur entweder Bauern oder Molkereibesitzer oder reine Händler existieren. A-662) Die wirtschaftliche Lage In wirtschaftlicher Beziehung haben Handwerk und Handel besonders stark unter den Folgen der Rohstoff- und Lebensmittelschwierigkeiten und der Preispolitik des Regimes zu leiden. Aus einer im Aufklärungs- und Redner- Informationsmaterial der Reichspropagandaleitung der NSDAP und des Propagandaamts der Deutschen Arbeitsfront( September 1936) veröffentlichten Statistik der Reichsbetriebsgemeinschaft 17" Handel" geht hervor, dass in 793.000 Einzelhandelsbetrieben 1.862.000 Personen beschäftigt sind, das sind also etwas mehr als 2 Personen je Betrieb einschliesslich des Betriebsinhabers. Da in dieser Statistik auch die Grossbetriebe mit hunderten von Angestellten enthalten sind, aber der Hausierhandel fehlt, muss der Anteil der sogenannten Einmannbetriebe, d.h. der vom Inhaber und seinen Angehörigen allein geführten Geschäfte an der Gesamtzahl der Einzelhandelsbetriebe ausserordentlich gross sein. Die Ueberfülle der Klein- und Kleinstgeschäfte ist zum Teil eine Frucht der Krise. Der Kleinhandel war eine Zuflucht für viele, die ihre Arbeit verloren hatten und ist es in starken Masse noch heute. Umso schwerer müssen gerade auf dem Kleinhandel die Opfer lasten, die das Regime allen Volksschichten zum Zwecke der Kriegsvorbereitung auferlegt. Eine von der Forschungsstelle für den Handel angestellte Untersuchung zeigt, dass der Grossbetrieb dem kleinen Geschäft fast in jeder Hinsicht überlegen ist und dass" an der gesamten Umsatzsteigerung die Unternehmungen mit den grössten Umsätzen überdurchschnittlich teilgenommen haben, während die kleinen Gruppen unter dem Durchschnitt lagen".( Frankfurter Zeitung vom 3. 11. 36). Hinzu kommt, dass der Versuch, Preiserhöhungen zu unterbinden, zum grossen Teil auf Kosten der Handelsspanne durchgeführt worden ist. In dem bereits erwähnten Redner- Informationsmaterial der NSDAP heisst es darüber u.a.: A-67" Es ergab sich die Notwendigkeit, dass gewisse Preissteigerungen, die im Sektor der Erzeugung notwendig wurden, wie z.B. in der Landwirtschaft bzw. durch Devisen- und RohstoffSchwierigkeiten auch in der gewerblichen Wirtschaft, durch den Einzelhandel aufgefangen wurden. Hierdurch ergab sich. vielfach eine Verringerung der Gewinnspanne des Einzelhandels, die sich besonders in der Lebensmittelbranche bemerkbar machte. Im Zuge der Wiederherstellung der Rentabilität der deutschen Landwirtschaft erfuhren die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte teilweise Erhöhungen. Durch Marktordnungsmassnahmen des Reichsnährstandes erfolgte eine teilweise Festlegung der Preise und Preisspannen im Nahrungsmittelhandel( agrarische Erzeugnisse), wobei eine erhebliche Verkürzung der Gewinnspanne des Lebensmittelhändlers eintrat... Aus all diesen Zahlen geht hervor, dass der deutsche Einzelhandel und insbesondere der Nahrungsmittelhandel im Interesse des Wiederaufbaues der deutschen Wirtschaft schwere Opfer gebracht hat und wohl auch in Zukunft noch bringen muss." Fast noch mehr als der Einzelhandel ist der Grosshandel Objekt der Zwangswirtschaft. Der Einfuhrgrosshandel ist zum Teil ganz ausgeschaltet und durch die als Organe der Devisenzwangswirtschaft funktionierenden Reichsstellen ersetzt, die selbst einkaufen, und sich der Grosshändler nur als eine Art amtlicher Verteiler bedienen. Den Grosshändlern werden bestimmte Warenmengen zugewiesen und ihnen die Höhe der Lagerhaltung, die Gewinnspanne und die Verkaufspreise vorgeschrieben. Sie haben zwar mehr Ausweichungsmöglichkeiten als die Kleinhändler und auch infolge ihrer grösseren Kapitalkraft mehr Bewegungsfreiheit, aber auch aus ihren Kreisen mehren sich die Klagen. Sie finden ihr Echo in den Berichten der Industrie- und Handelskammern. Wir bringen eine kleine Auslese: Industrie- und Handelskammer Essen: Die Schwierigkeiten, mit denen ein grosser Teil des Grosshandels zu kämpfen hatte, lagen in der Hauptsache in der allgemeinen Festpreispolitik begründet. Wenn dem Erzeuger selbstverständlich ein ausreichender Preis zugebilligt werden muss und eine Preiserhöhung aus den bekannten Gründen aus geschlossen ist, so hat der Grosshandel andererseits berechtigten Anspruch auf eine Handelsspanne, die wenigstens seine Existenz gewährleistet. Dabei ist noch zu berücksichtigen, A-68dass durch den Wegfall des Zwischenhandelsprivileg bei der Umsatzsteuer und durch die allgemein gewuenschte und auch durchgefuehrte grössere Lagerhaltung die Unkosten nicht unbeträchtlich gestiegen sind. Industrie- und Handelskammer Duesseldorf: Ausser der Warenverteilung spielt bei der Versorgungslage die Preisregelung fuer die beteiligten gewerblichen Betriebe eine grosse Rolle. Auch hiervon wird vor allem wieder der Handel beruehrt. Er hat Verständnis dafuer und unterstuetzt selbst alle Massnahmen, die geeignet sind, Preissteigerungen zu verhindern und die Kosten fuer die Nahrungsmittelversorgung herabzusetzen. Er gerät indes in eine sehr schwierige Lage, wenn Preisanordnungen ergehen, die auf seine besondere Leistung und auf seine Selbstkosten nicht genuegend Ruecksicht nehmen. Er hat bereits grosse Opfer gebracht und Preissteigerungen der Erzeuger aufgefangen. Doch haben solche Opfer eine Grenze, da die Betriebe nicht auf die Dauer ohne Nutzen arbeiten können. Wie bei der Warenverteilung, so sind auch hierbei die kapitalschwächeren Betriebe von den Schwierigkeiten hart betroffen. Industrie- und Handelskammer Muenchen: Infolge notwendiger Einfuhrbereinigungen sind verschiedene Kolonialwaren ueberhaupt ausgefallen. Die Nutzenspannen sind bei denjenigen Waren, fuer die eine Marktregelung angeordnet ist, in einem solche Masse geschmälert worden, dass sie nicht einmal mehr die reinen Geschäftsunkosten decken. Speiseöle, Fette, reichsverbilligte Marmelade, Zucker usw. können vom Grosshandel meist nur unter Verlust an die Abnehmer weitergegeben werden. Einen Ausgleich bei anderen Waren zu schaffen, wie dies frueher immer wieder gelang, ist aber nahezu unmöglich geworden, so dass, wenn diese Zwangslage länger andauern sollte, vielfach die letzten Ruecklagen eingesetzt werden muessten... Die Kleinhändler haben unter dem doppelten Druck der Verkuerzung von Gewinnspanne und Umsatz und der ruecksichtslosen Methode der Steuereinschätzung und Steuereinziehung zu leiden. Dazu kommt die Einfuehrung von Kundenlisten fuer Fett, die die Händler in ihrer Bewegungsfreiheit hemmen und in Konflikt mit der Kundschaft bringen. Der Kleinhändler fuehlt, dass seine Selbständigkeit immer mehr zum blossen Schein wird und dass er ohne festes bloss noch ein Verteiler, ein Staatsangestellter Gehalt, ist. A-69Berlin, 1.Bericht: Die Kleinhändler, aber auch die Grossfilialbetriebe sehen mit Entsetzen, dass es bald keinen Artikel mehr gibt, an dem sie wirklich etwas verdienen können. Der Leiter eines Grossfilialunternehmens hat mir vorgerechnet, wie schwierig die Situation seines Unternehmens ist. Bei Butter und Fett sind die Preise vorgeschrieben und die Einkaufspreise so hoch, dass kaum eine Gewinnspanne bleibt. Käse ist knapp. An Wurst ist ebenfalls nichts mehr zu verdienen, und so wird die Zahl der Artikel, die den Ausgleich bilden sollen, immer geringer. Kein Wunder, dass sich die Kleinhändler immer mehr als blosse Verteiler fuehlen und fuer selbständige kaufmännische Tuechtigkeit kein Raum mehr bleibt. Hinzukommt, dass das Geschäft sich nicht mehr gleichmässig, sondern ausserordentlich stossweise abwickelt. Wenn man heute einen Posten Ware ergattern kann, wird man ihn zwar schnell los, aber dann ist wieder wochenlang To tenstille am Markt. Die steuerliche Belastung wird fuer den Kleinhandel immer drueckender. Man kann ja geradezu sagen: frueher konnte der Kleinhändler ueberhaupt nur bestehen, weil er seine Steuern nur sehr unvollkommen zahlte. Heute, wo das Regime durch das Wareneinkaufsbuch den Kleinhändler zwingt, seine Steuern genau zu entrichten, muss das ein weiterer Grund fuer seinen wirtschaftlichen Zusammenbruch sein. 2. Bericht: Die Lebensmittelhändler in Berlin klagen allgemein ueber die viel zu niedrige Handelsspanne und ueber das System der Festpreise, das sie allmählich ruiniere. Da infolge der Rationierung z.B. bei Butter fast nur kleine Mengen abgegeben werden( 1/4 und 1/8 Pfunde) seien die Wiegeverluste sehr gross und verringerten die effektive Handelsspanne noch mehr. Viele Artikel fallen durch die Verkaufsregulierung ueberhaupt aus. Die Einfuehrung der Kundenlisten ist den Händlern genau so unangenehm wie den Hausfrauen. Die Händler sind dadurch noch mehr unter Aufsicht gestellt als bisher und ausserdem in ihrer Dispositionsfreiheit gehemmt. Bayern: Die Umsätze steigen und die Gewinne sinken und zwar teils durch Erhöhung der verschiedenen Abgaben, teils durch Verringerung der Handelsspanne. Die Verdienstspanne im Eiergrosshandel ist von 10% auf 2% gesunken. Man kann sich leicht ausrechnen, dass der fünffache Umsatz bei gleichbleibenden Unkosten notwendig ist, um den frueheren Nutzen zu erreichen. Im Zeichen des" Wirtschaftsaufschwunges" sind in Muenchen seit Januar 1936 neunzig Zigarren- und Zigarettengeschäfte geschlossen worden. Die Geschäftsinhaber waren nicht mehr in der Lage, die hohen Steuern und Ladenmieten zu bezahlen. Um halbwegs existieren zu können, ist eine durchschnittliche Tages losung von 50,- bis 60,- RM notwendig. Bei einem Bruttoertrag von 16% kommt der Händler dann nach Abzug der Steuern auf einen Monatsverdienst von 180,- bis 200,- RM. Davon muss er noch die Miete und sonstige Unkosten bezahlen. Da für A-70den Hauptunsarz die 2 1/2 Pfg.- Figaretten in Betracht kommen, muessen ca. 1.00 Stueck täglich verkauft werden, um eine solcne Kasseniosung zu erreichen. Die wenigsten kleineren Geschäfte kommen auf einen solchen Umsatz und fretten sich nur sehr kuemnerlich durch. Sie sehen keinen Ausweg, die Steuerbelastung wird immer drueckender und der Umsatz geht langsam aber ständig zurueck. Immer mehr Kundschaften greifen zu billigeren Rauchwaren. Der Grossteil dieser Händler wäre froh, wenn sie eine bescheidene Stellung finden könnten, um ihren Laden aufgeben zu können, der ihnen oft nicht mehr einbringt, als die Wohlfahrtsunterstuetzung eines Arbeiters. Sechsen: Unter den Lebensmittelhändlern unseres Bezirks herrscht grosse Unzufriedenheit ueber, die Kundenlisten fuer Fette. Man hat ihnen zwar die Einrichtung damit schmackhaft machen wollen, dass man ihnen versprochen hatte, die Kunden wuerden ihnen dann als fester Stamm gehören und ein Wechsel wuerde nur innerhalb langer Fristen zugelassen. Der Warenmangel ist aber dauernd so hoch, dass nicht einmal die Kunden laufend bedient werden können. Ferner sind die meisten Kaufleute der Ansicht, dass ihnen zu wenig Kunden zugewiesen worden sind oder dass sich jetzt bei ihnen zu wenig Kunden angemeldet haben, weil sie in der Zuweisung mit Tare benachteiligt worden sind. Der Umsatz ist so schmal geworden, dass die Existenzgrundlage des Kaufmanns sich sehr verengt hat. Pfalz: Die Milchhändler, die nach der Neuregelung des Milchhandels durch die Milchzentralen eine neue Berufsschicht darstellen, die hauptsächlich aus den Reihen der " alten Kämpfer" ausgewählt wurde, haben jetzt protestiert, weil sie bei der Ausgabe der Kundenlisten uebergangen worden sind. Bisher konnten sie auch Butter und Margarine verkaufen. Am schwersten sind die Fleischer und Viehhändler betroffen. Nächst den Verbrauchern haben sie die Folgen der Fett- und Fleischnot zu tragen. Sie müssen teuer einkaufen und zu den vorgeschriebenen Höchstpreisen verkaufen. Infolge des Fleischmangels ist ihr Umsatz stark zurückgegangen. Sie können das Vieh nicht im freien Kauf erwerben, sondern bekommen es zugeteilt; und ihre Käufe unterliegen einer strengen amtlichen A-71Kontrolle( Schlusssche inzwang). Die Metzger waren früher die treuesten Anhänger Hitlers, heute zählen sie zu den schlimmsten Meckerera. Berlin, 1. Bericht. Nach Informationen aus der Berliner Fleischerinnung sind in den letzten Monaten 800 Schlächterläden in Berlin geschlossen worden. Den Schwierigkeiten der Fleischversorgung sind natürlich vor allem kleinere Geschlfte zum Opfer gefallen. Die Schliessung so vieler Läden( in anderen Branchen sind-wenn auch in geringerem Mass8Schliessungen ebenfalls erfolgt) macht sich auch in Strassenbild bemerkbar. 2.Bericht: ter den Kleingewerbetreibenden geht es den Fleischern ar schlechtesten. Sie haben wegen des Fleischangels nicht sehr den früheren Umsetz, können aber auch ihre laufende: Unkosten nicht entsprechend verringern. Sie werden gezwungen, die Angestellten zu beschäftigen, sie missen den Lasen offen balten usw. Die Läden s ehen trostlos aus, meist sind sie völlig leer, gelegentlich liegt ein Stück Fleisch oder Wurst eus. Die Fleischer versuchen sich dadurch zu helfen, dass sie alles mögliche andere verkaufen, z.B. Gurken, Konserven usw. Sie schimpfen schrecklich auf das Regime, aber das hat keine politische Bedeutung. Wena z. B. irgend einer von den Führern durch die Strassen fährt, dann sind diese Kleingewerbetreibenden doch wieder die ersten, die vor die Tür treten und die Hand zum Hitlergruss heben. Bayern, 1.Bericht: Das schon 1935 einsetzende grosse Metzgersterben schreitet weiter fort. Wie wir aus bestinformierter Quelle erfahren, sind seit Januar 1936 in München von etwa 800 Metzgern 165 gezwungen gewesen, ihre Geschäfte zu schliessen. Die kapitalstarken Grossbetriebe können sich halten, die kleinen Betriebe gehen zugrunde. Die Metzger innung ist machtlos und wird auch von ihren Mitgliedern nicht mehr dazu angehalten, für sie zu intervenieren, weil sich alle derartigen Versuche als ergebnislos herausgestellt haben. Bei einer der letzten Versammlungen, die die Metzger innung abgehalten hat, ist es zu wüsten Ausbrüchen der aufgebrachten Metzger gekommen. Es fielen beschimpfende Ausdrcke gegen Regierung und Behörden. Schliesslich musste der Vorsitzende mit der Verständigung der Polizei drohen, um die Ruhe wieder einigermassen herzustellen. Trotzdem gelang as nicht, die Tagesordnung abzuwickeln und die Versammlung nu33te wegen allgemeinen Tumults vorzeitig geschlossen werden. 1. Bericht: Das von den Viehhändlern aufgekaufte Vish wird in die Schlachthallen gebracht ,, dort von den Lohnschlieh tern geschichtet und den Metzgern zugeteilt. Heute entsteht ein Kampf um die besten Stücke. Jeder fühlt sich bei der Zutei A-725 techteiligt, was zu grossen Reibereien Anlass gibt. I Regans burg fand vor einiger Zeit eine Versammlung der ozger statt, in der es sehr heftig zuging. Die Teilnehmer sebimprten auf die Zustände. Die Preisspamme pro Prund sei auf 5 Pfg. gesunken. Ein weit verbreitetes Mtteres Fitzwort sagt:" Han braucht die Leute gar nicht mehr in Dacham einsusperren, gebt ihnen einen Metzgerladen, dann geht jeder von selbst zugrunde." in Lam in der bayerischen Ostmark erklärte ein Metzger in der Wirtschaft, dass er bei 5 Pfg. Preisspanne, die er noch beim Pfund Fleisch habe, nicht mehr lange weiterbestehen könne. So schlacht wie heute, sei es noch bei keiner Regierung gewesen. Früher habe man wenigstens die Leute noch leben lassen, heute richte man alle zugrunde. Der Metzger wurde angezeigt und ist wegen zersetzender Reden in Schutzhaft gecommen worden. Sein Geschäft wurde gesperrt, Sachsen, 1.Bericht: Ueber die Stimmung unter den Fleischermeistern ist die nachstehende Unterhaltung recht bezeichnend. Ein ehemaliger Parteigenosse tritt in den Laden eines Flaisohers und trifft den Meister allein an. Da ihn dieser kennt, klagte er unserem Genossen seine Not, weil jetzt so wenig Vieh auf den Markt komme und die Preise dafür stark in die Höhe gegangen seien. Deshalb sei sein Verdienst äusserst gering. Unter anderem sagte er dann, die Arbeiter sollten doch zusammenstehen und versuchen, die alte Demokratie wieder herzustellen. Daraufhin erklärte unser Genosse:" Ihr habt ja dieser Regierung in den Sattel geholfen, Ihr habt den SA- Leuten Körbe voll Wurst und die Bäcker haben Körbe voll Semmeln zu den SA- Ausmärschen und auch sonst gegeben. Wenn ein Arbeiter zu Euch gekommen ist und etwas von Euch hat haben wollen, dann habt Ihr die Polizei angerufen. Heute wünscht Ihr dis alte Demokratie wieder und wir sollen dazu unsere Knochen herhalten!" Der Meister gab unserem Genossen schliesslich recht und erklärte resigniert:" Aber so, wie es heute ist, kann es doch nicht weitergehen. 97 2. Bericht: In einer kleinen Stadt trafen sich in einem Restaurant einige Viehhändler und Fleischer. Es währte auch nicht lange und sie waren mitten im Gespräch über die jetzigen Zeiten. Sie schimpften über die unzulänglichen Verordnungen und die Bauern, die wegen der Höchstpreise kein Vish mehr verkaufen. Es gebe leider keinen Spielraum mehr im Ein- und Verkauf, man könne es wirklich keinem Menschen verdenken, wenn er jetzt mit seiner Ware zurückhalte. Auf der einen Seite bekommt der Bauer nur die Höchstpreise beim Verkauf seines Viehes, wenn er aber Zuchtvieh einkaufen muss, bezahlt er für den Zentner 12,- RM mehr, als er beim Verkauf des Schlachtvieh erhält. Das seien eben keine geordneten Verhältnisse mehi. Kein Stück Vieh könne unter der Hand gekauft werden. Als werde genau registriert und kontrolliert, Ueber jedes --Stück Vieh müsse der as erbracht werden, FOE* S gekauft und an wen es vessauft worden ist. Heute weiss man überhaupt nicht mer, wer Händler ist; ist es die Regierung oder sind wir es. Was ist aus dem freien Handel geworden. Wenn man dem Handel keine solch unsinnigen Verordnungen auferlegte, dann wären die Verhältnisse nicht so verworren, wie sie jetzt sind. Wenn die jetzigen Zustände noch lange anhalten, dann wiirden die Händler samt und sonders zu Grunde gehen. 3. Bericht: Die Viehandler, welche früher auf dem Lande ihr Vieh selbst einkauften und nur dann, wenn sie nicht geniigend Vieh auftreiben konnten, den Rest auf dem Schlachthof erstanden, dürfen heute nur noch auf dem Schlachthof einkaufen. Der Viehhändler kaufte sich früher sein Futter für das Schlachtsieh selbst, während er heute auch dieses Futter auf dem Schlschthof kaufen und dafür das Doppelte bezahlen muss. Diese Ferteuerung hat natürlich die Viehhändler ausserordentlich verstimmt, und es hat schon manche harte Auseinandersetzung zegen des Viehmangels und der Futterverteuerung gegeben. Wasserkante: Der Mangel an gutem Schlachtvieh, die scharfe Kontingentierung und die Festsetzung von Höchstpreisen für die einzelnen Fleischsorten, wirken sich für die Schlachter katastrophal aus. Die Reglementierung des Viehhandels und die Verteilung de Selechtviehes auf den Märkten führt sehr oft zu einem grossem Durcheinander. Die Verteilung des Fleisches wird nach Meinung der Kleinen ungerecht gehandhabt. Die" Kleinen" schimpfen auf die" Grossen", die imstande sind, Schmiergelder zu zahlen. Es gibt Schlachter, die im Verlauf einer ganzen Woche nur 50 Pfund Fleisch zugeteilt bekommen. Trotzdem treibt das Finanzamt unerbittlich die Steuern ein. Werden die Abgaben nicht pünktlich gezahlt, schliesst man en Schlachtern die Geschäfte. So erging es in den letzten Wochen zwei Schlachtern in Flensburg( im Norden der Stadt). Das eine Geschäft bestand seit 28 Jahren. Beide Söhne des Inhabers waren seit 1931 eifrige S- Leute. Der Schlachter selbst wohnt heute ausserhalb der Stadt in einer Baracke. Das brige handwerk leidet vor allen unter dem Rohstoffmangel. Bayern: In der Holzschuhindustrie wären Aufträge da, vie nie zuvor. Sie können aber nicht ausgeführt werden, weil die Holzschuhfabrikanten nicht einmal das mindevertige Spaltleder mehr bekommen. An Leder fehlt es überall und alle Schuhmacher jammern, dass sie fest nirgends Leder auftreiber können, und wenn sie ja eins zu kaufen bekommen, so ist es ron minderwertiger Qualitat. Fr Filzschuhe 1st kein Fil mehr da. A-74Sachsen: Ein kleiner Tapezierermeister berichtet, dass sich auch in seinem Gewerbe der Materialmangel recht erschwerend bemerkbar macht. Die Bezugsstoffe für Möbel bestehen zu 50% aus Ersatzstoffen. Packleinewand hatte bisher den gleichen Prozentsatz Ersatzstoffzusatz, und die neuesten Muster sind jetzt vollständig aus Ersatzstoff. Es sei ihm heute unmöglich, für die Haltbarkeit seiner Waren nur die geringste Garantie zu übernehmen. Affrik sei heute überhaupt nicht mehr zu bekommen und auch dafür muss ein Ersatzstoff genommen werden, der nicht entfernt so dauerhaft ist. Durch das Fehlen oder die Verschlechterung der Materialien entstehen bei der Verarbeitung Mehrarbeiten, die eine genaue Kalkulation fast zur Unmöglichkeit machen. Auch ein Malermeister klagt seine Not über den Materialmangel. Firnis und Lacke sind überhaupt in den früheren Qualitäten nicht mehr zu erhalten. Als Ersatz gibt es Material, mit dem man herumexperimentieren muss, um nur überhaupt etwas ansehnliches hervorzubringen. Auch dem Malermeister sind bereits verschiedene gute Arbeiten verlorengegangen, weil sich die Kundschaft gegen die Verwendung von Ersatzstoffer wendet und lieber mit der Ausführung von Malerarbeiten wartet, bis wieder besseres Material verwendet werden kann. Infolge der Abneigung der Kundschaft gegen die Ersatzstoffe habe er von acht Gesellen bereits fünf entlassen müssen, die er bei normalem Geschäftsgang in anderen Jahren auch im Winter beschäftigt habe. Die Rüstungsaufträge des Handwerks sind nur ein fragwürdiger Ausgleich für diese Schwierigkeiten. Nach übereinstimmenden Berichten ist das Reich bei den Handwerkern ein sehr schlechter Zahler. Wasserkante: Auch bei Rüstungsaufträgen macht sich Rohstoffmangel bemerkbar. Besonders bei Klempnern, Elektrikern, aber auch bei Tischlern. Es gibt kaum richtig getrocknetes Holz oder Sperrholz zur Verarbeitung. Dazu kommt, dass das Reich ein schlechter Zahler ist. Während auf der einen Seite die Steuerschraube bis auf das Aeusserste angespannt ist, lässt sich das Reich mit der Bezahlung reichlich viel Zeit. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Uns sind mehrere Bandwerker bekannt( Tischler, Maler, Glaser), die seit 1 1/2 Jahren auf einen erheblichen Restbetrag für Arbeiten warten, die sie bei Kasernen- Neubauten ausführten. Seit dem vorigen Winter wird allen von der Reichswehr zu Angeboten aufgeforderten Firmen mitgeteilt, dass sie" nicht mit sofortiger Bezahlung" zu rechnen hätten. Handwerker sagten uns, dass sie absichtlich bei Aufforderungen der Wehrwirtschaftsstellen zur Abgabe von Angeboten die Offerten so machten, dass sie für die Ver A-75gebung der Aufträge gar nicht in Frage kämen. Allerdings können sich nur solche Handwerker diese Ablehnung leisten, die sonst Aufträge haben. In Innungsversammlungen ist wiederholt in sehr derber Form über diese Aufträge gesprochen worden. Von den nationalsozialistischen Obermeistern wird die mangelhafte Bezahlung seitens der Staatsstellen als Opfer des Handwerks für den Aufbau des Reiches verteidigt. 2.Bericht: Handwerker klagen, dass sie ihre Arbeiten in Kasernen und bei anderen Heeresauftragen sehr schleppend bezahlt erhalten. Sie sind umso mehr verärgert, als sie wissen, dass der Grossindustrie die Heeresaufträge sogar bevorschusst werden." Wenn wir nur mit derselben Eile bezahlt würden, wie uns die Steuern abgeholt werden", hört man immer wieder. Rheinland- Westfalen: Die kleinen Unternehmer klagen fiber sehr scharfe Abnahmebedingungen der Militärverval tung. Eine westfälische Genossenschaft, die Lederteile für Artillerie und Kavallerie herstellte, ist an solchen schweren Bedingungen kaputtgegangen. Sie hatte einen Auftrag über RM 150.000. Bei der Abnahme durch die Militärverwaltung stellte sich heraus, dass die Bedingungen nicht erfüllt waren, und der ganze Auftrag wurde nicht abgenommen. Viele kleine Unternehmer und die Genossenschaft dazu gingen pleite. Einer Kölner Genossenschaft wurden 20.000 Militärblusen nicht abgenommen und einer anderen Vereinigung geschah dasselbe mit 12.000 Kavallerie- Kartentaschen. Die kleinen Unternehmer gehen natürlich die schwersten Lieferungsbedingungen ein, um überhaupt nur Aufträge zu bekommen. Und in den kleinen Werkstätten arbeiten in der Regel ganze Familien bis spät in die Nacht hinein. Bayern: Die Schneiderinnung in X. ist mit grossen Heereslieferungen für Reithosen beauftragt worden. Die Innung verteilte den Auftrag an eine grössere Anzahl von kleinen Meistern und bezahlte aus der Innungskasse die Aufträge. Nach der zweiten Lieferung wurden die Meister davon verständigt, dass sie für die abgelieferten Hosen sofortige Barbezahlung nicht erwarten könnten, da die für die beiden ersten Lieferungen von der Innungskasse ausgelegten Summen vom Reich noch nicht ersetzt worden seien. Die Meister gaben sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden und verlangten die Einberufung einer sofortigen Versammlung. Die Versammlung wurde vom Innungsmeister einberufen und dort neuerdings der vom engeren Ausschuss vorgelegte Beschluss begründet, dass Gelder vorerst nicht vorhanden seien und erst die Zahlung des Reiches abgewartet werden müsse. Daraufhin erklärten die Meister, dass sie unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage seien, die Aufträge auszuführen. Die Innung war gezwungen, die Aufträge zurückzunehmen und hat sie einer Grossfirma, die Lieferungskredit gewähren konnte, übertragen. A-7 Riickschlüsse auf die wirtschaftliche Lage im allgemeinen und die des gewerblichen Mittelstandes im besonderen lassen auch die in letzter Zeit zahlreich ergriffenen Massnahmen gegen das Borgunwesen zu." In erschreckendem Umfange", heisst es im " Westdeutschen Beobachter" vom 22. 1. 37," mehren sich in letzter Zeit die Klagen der Bauhandwerker, dass sie nicht nur bei Reparaturen, sondern vor allem auch bei Neubauarbeiten viele Monate lang auf die Bezahlung ihrer manchmal bis zu mehreren tausend Mark hohen Rechnungen warten müssen". Im" Zeitungsdienst des Reichsnährstandes" vom 27. 1. 1937 wird dem Lebensmittelhandel die Verpflichtung auferlegt, nur noch gegen sofortige Barzahlung zu verkaufen und keine Frist für die Bezahlung mehr einzuräumen. Der Verbraucherkredit müsse völlig ausgeschaltet werden, weil er keine volkswirtschaftliche und privatwirtschaftliche Berechtigung mehr habe. Die Schuhmacherinnungen Sachsens haben beschlossen, das Barzahlungssystem einzuführen. Sachsen: Die Handwerker beklagen sich bitter darüber, dass ihre Arbeitsleistungen fast überhaupt nicht mehr bar bezahlt werden, sondern alles borgt. Es scheint, dass jeder auf eine plötzliche Inflation hofft, die ihm seine Schulden entwertet. Ist der Schuldner ein angesehener Parteibonze, dann wagt der arme Schuhmacher oder Schneider kaum, ihn zu mahnen. In Annaberg im sächsischen Erzgebirge erliessen aus dieser unerträglichen Notlage heraus die Schuhmacher am 29.12.36 folgenden Aufruf in der Zeitung: Shubmacher Jamung des Kreises Annaberg i.Grap A6 1.3anuar 1937 wird von allen Schuhmachern des Kretses für die Abgabe von Reparaturen und Neuanfertigungen die Barzahlung eingeführt. Diese Maßnahme ist notwendig. wei cinerieits die aus dem Borgweien entiandenen Berluite nicht mehr tragbar find, anderseits die Schuhmacher Leder usw. selbst mur noch gegen Barzahlung faufen fönnen. Wir appellieren an alle, diese Maßnahme zu unterstügen, die einem Berufsitand wieder eine gefunde Lebensgrundlage geben foll Betrachter. Sie es als eine Selbstverständlichkeit. auch beim Schubmacher bar zu bezahlen. Eine Abwanderung ist zwecktas, da jeder Schubmacher sich verpflichtet hat, feine Leiſtungen und Lieferunaer nur gegen bar abzugeben. Die Schuhmacher Innung Annaberg A-77Bayern: Die Lederindustrie leidet an Rohstoffmangel und besonders schwer unter der in dieser Branche eingerissenen Pumpwirtschaft. Die Lederhändler verkaufen an die Schuhmachermeister auf Kredit, da die wenigsten Meister über das zum Barkauf nötige Kapital verfügen. Von einem Lederhändler in X. erfahren wir, dass er von seinen 26.000,- RM Aussenständen bisher keine 20% hereinbekommen konnte. Von der Bezirksfachgruppe Bayern wurde an die Lederhändler im September ein Schreiben verschickt, worin vor der Auswirkung der überspannten Kreditwirtschaft gewarnt wird. 3) Die Steuer- und Beitragsbelastung Die steuerliche Belastung des gewerblichen Mittelstandes ist erheblich vermehrt worden, nicht so sehr durch Erhöhung der Steuersätze als durch Verschärfung der Steuererfassung. Wir haben darüber-vor allem über das Wareneingangsbuch- im November- Bericht 1935( Nr. 11, Seite A 94 f.) eingehende Ausführungen gemacht. Inzwischen ist die steuerliche Kontrolle der Kleinhändler und Gewerbetreibenden durch die Warenausgangs- Verordnung vom 20. 6. 1936( vgl. 1936 Nr. 7, Seite B 30) weiter ausgebaut worden. Darüber hinaus ist es vor allem die uferlose Spenden- und Beitragswirtschaft, die den Gewerbetreibenden drückende Lasten auferlegt. Wasserkante: Mit ungewöhnlicher Schärfe und Brutalität gehen die Finanzämter gegen jeden vor, der seine Bücher nicht in Ordnung hat. Für die ganzen zurückliegenden Jahre werden bei den Kleinhändlern die Bücher nachgeprüft. Hierbei vergleicht man die Lieferbücher der Grossisten mit den vos dec Kleinhändlern geführten. Falls die Betreffenden nicht instasde sind, die Steuern und die Geldstrafen zu zahlen, se sie ohne Gnade ins Kittchen. Am liebsten sehen die Finanzämter jedoch, wenn die Strafe gezahlt wird. Jeder muss die doppelte Buchführung einführen. Wer nicht imstande ist, das selbst zu machen, muss es sich von einem amtlichen Bücherrevisor machen lassen. Berlin, 1.Bericht: Die Besitzer von Lastkraftwagen sind bezirklich in einem Reichsverband organisiert und haben einen Mitgliedsbeitrag von 5,- RM zu zahlen, wozu noch gelegentliche Sonderbeiträge und Umlagen kommen. Daneben haben ber auch die verschiedenen Fachgruppen ihre Organisationen; gibt es zum Beispiel in Berlin eine Fachgruppe der Fahrer der Filmbranche, die ebenfalls 5,- RM Monatsbeitrag erhebt und die Fuhrunternehmer durch Boykott, Auftragsen tzug usw. zum Beitrag zwingt. A-87C. Bericht. Die kleinen Geschäftsleute Laben es jetzt nicht leicht. Es kommt alles mögliche zu ihnen sammeln. Wenn es nicht das WHW ist, dann ist es die NSV oder der Vaa, ein enderes al kommen Schulkinder oder Hundea, und alle wollen Speade haben. Dazu kommen die Innungsbeiträge. Jetzt erden sogar neue Abgaben für Lehrlinge eingehoben. Schlesien, 1. Bericht: Alle Inhaber von Ladengeschäften mussten vor einiger Zeit Mitglied der Industrie- und Handdelskammern werden. Für jeden Verkaufszweig sind jährlich 0,- RM Beitrag zu entrichten. Ein kleiner Kaufmann, der Lebensmittel, Schnittwaren, Stahlwaren( Töpfe und lesser) und Wurstwaren führt, muss in 4 Abteilungen angemeldet sein und viermal 6,- RMK Beitrag entrichten. Milchgeschäfte sind, wenn sie noch etwas Lebensmittel führen, in 2 bis 3 Abteilungen eingegliedert. Diese Bestimmungen werden äusserst bürokratisch durchgeführt. 2. Bericht: In der Schuhmacherinnung des Kreises Hirschberg ist offene Rebellion ausgebrochen. Die Innungsbeiträge sind um das Vierfache gestiegen, der Obermeister, der friher in der" Sau- Republik" eine Aufwandsentschädigung von 100,- RM im Jahre erhielt, bekommt jetzt 900,- RM im Jahre. Sachsen: Die Obst- und Gemüsehändler in Lommatzsch hatten das Missfallen der Ortsgewaltigen erregt. Sie alle hatten zum WHW Obst gespendet, darunter aber soviel faules, dass dies als Sabotage ausgelegt wurde. Sie waren zwar früher alle begeisterte Anhänger des Systems, aber jetzt erschien dies wirklich wie eine stille Abmachung, dem fortgesetzten Spendensammeln auf diese Art Einhalt zu gebieten. Die Leitung wurde geladen und musste sich die entsprechenden Vorwürfe anhören. Bei dieser Gelegenheit wurde gleichzeitig zum Ausdruck gebracht, dass auch eine Beschwerde der NSKK- Führung darüber vorliege, dass die Kraftwagen der Händler an den Prüfungs tagen in der Regel in sehr schlechtem Zustand seien und auch hier der Eindruck entstehe, dass dies absichtlich geschehe. Die Leitung rechtfertigte sich mit allerlei Ausreden und erklärte sich bereit, einige Hitler- Jungen zum Auslesen des Obstes zu bestellen. Am zweiten Tag aber wurden diese Jungen schon wieder entlassen, weil die Händler fes+ stellen mussten, dass nicht nur das faule Obst weg kam, sondern auch viel gutes. Nun sind wieder die Obst- und jenisehändler der Auffassung, die Jungen seien entsprechend instruiert worden, um den geizigen und widerspenstiger rdier:: eins auszuwischen. Bayern: Alle Einzelhändler wurden von ihrer zuständigen Wirtschaftsgruppe aufgefordert, einen Sonderbeitrag fiir ney zu errichtende Fischgeschäfte zu leisten. Mit diesem Geld sollen einzelne schon bestehende Fischhandlungen ausgebaut und und neue errichtet werden. In einem uns bekannten Fall wurde ein Sonderbeitrag von 15,-RM vorgeschrieben. Die Spendenaufforderung hat folgenden Wortlaut: Wirtschaftsgrave Einzelhandel Bertin W35 Breimburm- von- Rocker- fer 37 A- 79Kaufleute des deutschen Einzelhandels. Der vom Führer verfündete und von Ministerpräsident Generaloberst ring durchgeführte Bierjahresplan sieht eine entscheidende Förderung der deutschen Fischwirtschaft vor, die auf wichtigen Teilgebieten unfere Ernährungswirtschaft entlasten soll. Es wird notwendig werden, den Fischverbranch mindestens zu verdoppeln. Tie Fischerei ist für die vermehrte Produktion gerüstet, weitere Fischbampfer find in Auftrag gegeben. An uns Staufleute ist der Appell gerichtet worden, an diesem Werk mit aller Tatfenft mitzuhelfen. Dies macht es uns zur Pflicht, durch Mitarbeit an dieser nationalen Aufgabe zu beweifen, daß wir in der Lage sind, eine an uns gestellte staatspolitische Aufgabe zu lösen. Wir sichern damit gleichzeitig den Kaufleuten des Fischhandels ihre Existenz und schaffen neue Umsätze. Dem Einzelhandel fällt die Aufgabe zu, den Absatz der vermehrten Fischfänge ficherzustellen. Wir müssen in der Lage sein, diese Aufgabe schon in furzer Zeit zu lösen und deshalb beabsichtige ich, zur Finanzierung neuer Fischgeschäfte, zur Errichtung oder zum Ausbau bestehender Fifchabteilungen innerhalb bestehender Geschäfte eittent finanziellen Grundstock zu schaffen. Ich habe den Beirat der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel um die Ermächtigung gebeten, für dieſe Zwecke von den Mitgliedern der Fachgruppe Nahrungs- und Genußmittel eine Sonderumlage zu erheben. Die Beirats mitglieder der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel haben aber erkannt, daß hier eine Aufgabe gestellt worden ist, die nicht einer einzelnen Fachgruppe, sondern dem gesamten deutschen Einzelhandel zufällt und haben von sich aus beantragt, die notwendigen Mittel durch einen Sonderbeitrag des gesamten Einzelhandels aufzubringen. Ueber diesen Ausdruck wahren und tatfrohen Gemeinschaftsgefühls habe ich mich herzlich gefreut; es hat meine Zuversicht gestärft, daß es mir gelingen müsse, die Aufgabe in Zufammenarbeit mit meinen Einzelhandelskaufleuten zu lösen. Wir dürfen jetzt feine Zeit mehr verlieren. Daher rufe ich Alle zur Mitarbeit auf. Ich weiß, daß auch der deutsche Einzelhandel in seiner Gesamtheit von nationalsozialistischem Wollen beseelt ist. Er wird sich daher der ihm übertragenen großen staatspolitischen Aufgabe würdig erweisen und mir durch bereitwillige Bahlung des Sonderbeitrages ermöglichen, fte erfolgreich durchzuführen. ( Dr. Franz Hayler) Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel A-804) Die Liquidation der Konsumvereine Man hatte dem Mittelstand versprochen, ihn von der Konkurrenz der Konsumvereine zu befreien. Man liess sie aber zunächst bestehe.. um die Arbeiter nicht allzusehr vor den Kopf zu stosser und begn gte sich damit, ihnen Nazis als Angestellte aufzwingen. Die Konsumvereine wurden also nicht 2- rschlagen, ondern fortgeführt. Gerade die grossen Konsumvereine erwiesen sich aber unter den neuen Verhältnissen als lebensunfähig, so dass durch das Gesetz über die Verbrauchergenossensenaften vom 21. Mai 1935 eine umfangreiche Liquidation eingeleitet werden musste. Dabei wurde für die Liquidation der Spareinrichtungen sämtlicher Konsumvereine eine Frist bis zum 31. Dezember 1940 gesetzt. Die Liquidation auch der grossen Konsumvereine wird aber verzögert, offenbar weil die Nazis, die dort untergekommen sind, so lange wie möglich ihre Posten halten wollen. Durch eine neue Verordnung ist die Frist zur Liquidation lebensunfähiger Verbrauchergenossenschaften über den 1. Januar 1937 hinaus verlängert worden. Fir die Liquidation und vor allem zur Sicherung der Spareinlagen hatte das Reich 60 Millionen zur Verfügung gestellt. Trotzdem wird ein Druck auf die Inhaber von Sparkonten ausgeübt, um sie zu teilweisem Verzicht auf ihre Guthaben zu bewegen. Inzwischen wird das Eigentum der Konsumvereine verkauft. Die Verteilungsstellen werden an Einzelhändler verramscht. Zum Teil werden die Konsumvereine vorläufig weitergeführt, aber nicht ais Genossenschaften, sondern als gewöhnliche Filialunternehmen, in denen jeder kaufen kann und der Verkauf nicht mehr auf die Mitgliedschaft beschränkt ist. Aach Angaben, die Ministerialdirektor Dr. Wienbeck Anfang arz gemacht hat, sind von den insgesamt 3.000 Ladengeschäften b. ster rund 300 Läden geschlossen und etwa 1.000 auf Einzelendler übergeführt worden. Für etwa 1.800 Konsumvereinsläden Labe sien die Ueberführung in Einzelgeschäfte trotz lebhafter A-81Ben hungen de beteiligten Stellen nicht durchrühren lassen, so dass durch Grindung besonderer Auffanggesellschaften ein Uebergangsstadium geschaffen werden musste. Schlesien: Bei dem in Liquidation befindlichen Konsumverein" Vorwärts" in Breslau wurde jetzt eine erste Rate von 1 Million Mark zur Befriedigung der Inhaber von Spar uthaben zur Verfiigung gestellt. Ursprünglich war bekannt gemacht worden, dass diese Ansprüche erst im Jahre 1940 befriedigt werden würden. Bei der jetzigen Auszahlung gelten folgende Richtlinien: Beträge bis zu 100 RM werden voll ausgezahlt, wodurch eine Vereinfachung des Betriebes herbeigeI hrt werden soll, bis zu 200 RM werden 25%, bis zu 500 RM 20%, bis zu 2.000 RM 15% und über 2.000 R 10% ausgezahlt. Der Inhaber eines grösseren Guthabens" kenn" bis zu 33 1/ 3% verzichten. Tut er das, so wird ihm die Restsumme gleich ausbezahlt. Von dieser Möglichkeit wird stark Gebrauch gemacht, da kein Vertrauen besteht und man lieber jetzt weit weniger nimmt als noch bis 1940 zu warten. Ein Kriegsinvalide mit einem Guthaben von 18.000 RM hat als einer der ersten auf 1/3 seines Geldes, gleich 6.000 RM, verzichtet. Damit wurde aber allen anderen, die nur auf einen geringeren Prozentsatz verzichten wollten, jedes Verhandeln mit der Leitung unmöglich gemacht. Auf Verzichts- Angebote bis zu 25% wollte die Leitung sich nicht einlassen. Sachsen: Der Konsumverein" Vorwärts" in Dresden besteht nicht mehr. An seine Stelle ist die" Dresdner Lebensmittelversorgung" getreten. Diese hat nicht mehr die Eigenschaft einer Genossenschaft. In ihren Geschäften können alle Personen kaufen. Die Verteilungsstellen sind Privatbesitz geworden. Die Inhaber sind jedoch verpflichtet, ihre Waren vor der GEG zu kaufen. Es werden daher genau wie früher fas ausnahmslos GEG- Produkte verkauft. Die Mitglieder des er-maligen Dresdner Konsumvereins haben zum grossen Teil iire Anteile noch nicht ausgezahlt erhalten. Diese Auszahlung folgt etappenweise. Alles Eigentum des Konsumvereins wird nach und nach verkauft und von diesem Erlös werden die Anteile an die Mitglieder ausgezahlt. Auf diese Weise wird das Eigentum der ehemaligen Vereinsmitglieder geradezu verschleudert. Die Verkaufsstellen des Chemnitzer Allgemeinen Konsumvereines in den Arbeitervierteln und Siedlungen bestehen zum grössten Teil noch und werden auch von der Arbeiterschaft unterstützt. Allerdings hat der Umsatz in diesen Verkaufsstellen gegenüber früher bedeutend ma chgelassen. Die Verkaufsstellen in den Vierteln, wo mehr bürgerliches Publikum vorherrscht, sind schon längst geschlossen. Das Warenhaus des Konsumvereins am Antonsplatz ist ebenfalls geschlossen. Sämtliche Verteilungsstellen, des Freiberger Konsumvereins sind jetzt an Privatpersonen vergeben worden, die völlig un A-82abhängig ihr Geschäft betreiben. Von den ehemaligen Verkäuferinnen in den Verteilungsstellen sind alle, bis auf eine entlassen worden. Die Mitglieder des ehemaligen Konsumvereins haben ihren Geschäftsanteil und auch die Prozente der letzten zwei Jahre noch nicht zurückerstattet bekommen. Einige Mitglieder haben sich nun an die Abwickelungsstelle gewandt und verlangten die Auszahlung ihres Guthabens. Von dort erhielten sie die Mitteilung, dass eine Auszahlung noch nicht erfolgen könne, es stehe ihnen aber frei, dass sie für den ihnen zustehenden Betrag Waren aus den ehemaligen Konsumvereins- Verteilungsstellen entnehmen könnten. Von dieser Regelung machen jetzt die meisten Mitglieder Gebrauch, da sie glauben, dass es besser ist, jetzt Waren zu entnehmen, als später vielleicht gar nichts zu bekommen. Die Verbrauchergenossenschaft Riesa hat im letzten Geschäftsjahr eine Rückvergütung von 3%- gewährt. Dazu muss allerdings bemerkt werden, dass heute nicht mehr wie früher auf alle Waren Marken ausgegeben werden, sondern nur noch auf etwa die Hälfte. Butter, Fett, Margarine und viele Artikel sind vom Markenbezug und damit von der Rückvergütung ausgeschlossen. Im ganzen macht also die Rückvergütung nur noch etwa 1 1/ 2% aus. Die Genossenschaft geht immer mehr zurück. Die Umsätze werden kleiner und das Interesse der alten Mitglieder wird immer geringer. Unsere Leute vertreten die Auffassung, dass die Nationalsozialisten die Genossenschaften, soweit man sie nicht liquidiert hat, langsam zu Grunde gehen lassen. Die Betriebe der Gross einkaufsgesellschaft Deutscher Konsumvereine in Riesa- Gröba sind noch so leidlich beschäftigt. Hier muss allerdings berücksichtigt werden, dass diese Betriebe zum Teil grosse Lieferungen für das Heer auszuführen haben. Dasselbe trifft auch auf die Bäckerei des Konsum- Vereins Riesa zu. Die Konsum- und Produktivgenossenschaft" Obererzgebirge" mit dem Sitz in Annaberg sollte bis Ende 1936 liquidiert sein. Obwohl eine Reihe von Verkaufsstellen- Häuser inzwischen verkauft worden sind, konnten die Sparer noch nicht alle befriedigt werden. Die endgültige Liquidation wurde deshalb auf den 31. Dezember 1937 festgesetzt. Im Januar erfolgte nunmehr die Auszahlung der Sparguthaben im Betrage von 50, bis 200,- RMK in Höhe von 75%. Anstatt Zinsen für die vergangenen Jahre zu erhalten, büssen also die Sparer noch 25% der eingezahlten Gelder ein. Berlin: Der Berliner Konsumverein hat nicht mehr den grossen Zuspruch, den er früher hatte. Man kauft in den Konsumläden teuerer ein und die Waren sind nicht frisch genug, weil der Absatz zurückgegangen ist. Viele Filialen sind auch eingegangen, weil sich sehr viele Käufer zurückgezogen haben. Meist sind es nur noch die alten Leute, die noch an" ihrem Konsum" hängen, auch deshalb, weil sie ihre Gelder darin stecken haben. Die Konsumvereine leiden auch unter einer A.-83 anderen Schwierigkeit. Die Frauen können heute nicht mehr, wie es früher üblich war, sagen: morgen werde ich dieses oder jenes kochen. Dazu haben sie infolge der Lebensmittelknappheit und der Teuerung nicht mehr die Möglichkeit. Wenn die Frauen irgendwie Zeit haben, dann gehen sie heutzutage durch die Strassen und in die Markthalle und sehen zu, dass sie irgendwo etwas Billiges bekommen oder diese oder jene Lebensmittel überhaupt auftreiben können. Dadurch sind die Leute gezwungen, von einem Händler zum anderen zu ziehen und der Konsumverein, der auf eine feste Kundschaft angewiesen ist, hat das Nachsehen. Nordwestdeutschland: Die Genossenschaft" Produktion" Hamburg wurde in" Niederelbische Verbrauchergenossenschaft" umgetauft. Sie hatte in Hamburg- Hamm früher ein grosses Gebäude, worin die sogenannten technischen Betriebe, d.h. die Tischlerei, Mechanikerwerkstätten, Malerei, Schlosserei usw. untergebracht waren. Nach der Uebernahme des Betriebes im Jahre 1933 wurde das Gebäude verkauft. Die frühere Schlächterei der" Produktion" ist jetzt im Besitz einer Konservenfabrik. Eine Rückvergütung für das Geschäftsjahr 1935 wurde nicht ausgezahlt, sondern die Genossen bekamen statt Bargeld Gutscheine auf das Kaufhaus der Genossenschaft, d.h. für Textilwaren, ausgehändigt. Es setzte sofort ein Ansturm ein, denn jeder wollte sich seinen Anteil sichern. Die beiden Kaufhäuser der" Produktion" waren schon seit jeher das Sorgenkind der Genossenschaft, da es ihnen an sachkundiger Leitung fehlte. Das wurde na ch 1933 natürlich noch viel schlimmer, denn von da ab blieben die wenigen Genossen, die vordem aus Treue zur Genossenschaft im Kaufhaus gekauft hatten, auch noch fort. Die neue Rückvergütungsart sollte also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Man wollte die Auszahlung des Bargelds sparen, gleichzeitig aber auch mit den alten Lagerbeständen aufräumen. Viele Genossen sind umgekehrt, ohne ihre Rückvergütung in Anspruch zu nehmen, da es an der notwenigen Auswahl in den Artikeln fehlte. Es haben sich dabei sehr scharfe Auseinandersetzungen zwischen den Käufern und dem Personal, das hauptsächlich aus nach 1933 eingestellten Nazis besteht, abgespielt. Zum 1. Oktober 1935 wurde die Liquidation des Hannoverschen Konsumvereins bekanntgegeben. Die besten der 130 Verkaufsstellen sollten von Lagerhaltern auf eigene Rechnung weitergeführt werden, die GEG sollte weiter Lieferantin der Geschäfte sein, da man die Eigenbetriebe nicht stillegen könne usw. Die Spareinlagen wurden gesperrt. Seitdem ist kein Pfennig der Spargelder ausgezahlt worden und es wurde sogar angekündigt, dass die Genossen mit der gesetzlichen Haftsumme herangezogen werden würden. Die Liquidation unterblieb damals, aber vor einiger Zeit haben die Lagerhalter ein Schreiben erhalten, dass mit der damals geplanten Umwandlung der Genossenschaft jetzt zu rechnen sei. Unsere Genossen haben lange eine uneinheitliche Haltung zum Konsumverein A-04eingenommen. Während die einen sagten, man sells den Konsumverein pleite gehen lassen, weil die NSDAP húg dafür die Verantwortung habe, waren andere der Ansicht, dass der KV nach wie vor ein Unternehmen der Arbeiterschaft sei. Das Geschäft ging gut in den Läden, in denen bekannte Funktionäre als Lagerhalter tätig waren, aber es wurde gar nichts in den Läden gekauft, in denen man mit Nationalsozialisten Versuche machte. Darum sind auch nicht nur die alten Lagerhalter noch da, sondern es wurden bekannte Funktionäre von früher eingestellt. Viele Läden des Konsumvereins gelten bei den Genossen als die Stelle, wo man an ungeniertesten reden kann. In Vertreterversammlungen wurde stets offene Obstruktion getrieben, dem Vorstand das Vertrauensvotum versagt und bei Diskussionsreden unserer Funktionäre ostentativ und stürmisch geklatscht. Man duldete das, weil man weiss, dass vom guten Willen der Käufer die Existenz des Unternehmens abhängt. A-85IV. Der Kampf gegen die Kirchen == 2283 Der Ricktritt des evangelischen Reichskirchenausschusses und die Ausschreibung von Kirchenwahlen, der Tod des Bürovorstehers der vorläufigen Leitung der Bekenntniskirche, Landgerichtsdirektor a.D. Dr. Weissler, im Konzentrationslager Sachsenhausen, die Audienz der deutschen Kardinale und zweier deutscher Bischöfe beim Papst und die Aktionen gegen die Bekenntnisschulen-diese Ereignisse der letzten Wochen haben der Oeffentlichkeit des In- und Auslandes erneut zum Bewusstsein gebracht, dass der Kampf des Nationalsozialismus gegen die christlichen Kirchen nicht beendet, sondern in ein neues, vielleicht entscheidendes Stadium getreten ist. Seit unserer letzten Uebersicht über den Kulturkampf in Deutschland im November 1935( Nr. 11, Seite A 3of.) ist uns ausserordentlich umfangreiches Material darüber zugegangen, dass dieser Kampf in der Zwischenzeit niemals geruht hat. Wir miissen uns darauf beschränken, einige Auszüge aus diesem Material wiederzugeben, aus denen hervorgeht, mit welchen Mitteln und in welcher Form dieser Kampf bis in die letzte Zeit geführt worden ist. 1) Die Vorgänge in der evangelischen Kirche Während des ganzen Jahres 1936 sind die Gewaltmassnahmen. gegen die Bekenntniskirche nicht abgerissen.( Wir bringen dariber weiter unten einiges dokumentarisches Material) Aber im grossen ganzen spielte sich der Kampf unter dem Ausschluss der Oeffentlichkeit ab. Es war dem Regime gelungen, die Kirche immer weiter zurückzudrängen und der Oeffentlichkeit das Bewusstsein zu nehmen, dass es in diesem Kampf um mehr als um Dogmen und innerkirchliche Machtfragen geht. Die Anteilnahme oes Volkes an diesen Auseinandersetzungen hat gegenüber den Vorjahren ausserordentlich nachgelassen. Seit einigen Monaten A- 86aber hat der Kampf wieder schärfere und sichtbarere Formen angenommen. Am 10. November 1936 fand auf der Wartburg die Gründungsversammlung des" Bundes fir Deutsches Christentum" statt, der unter Führung der( radikalen) thiringischen Richtung der Deutschen Christen steht. De bei tauchten-seit langem zum ersten Mal- such der( offenbar noch immer nicht abgesetzte) Reichsbischof Miller und der frühere Berliner Bischof Hossenfelder wieder auf. Anfang November wurde der der Bekenntniskirche na hestehende Verlag" Unter dem Wort" verboten. Mitte November untersagte der Reichskultusminister den Theologiestudenten, an Unter:: chtsveranstaltungen der Bekenntniskirche teilzunehmen. Mitte Dezember wurde die von der Bekenntniskirche unterhaltene Theclogische Schule in Elberfeld polizeilich geschlossen. Zum 1. Januar hat der deutschchristliche Bischof von Libeck Balzer alle Bekenntnispfarrer in Lübeck ihres Amtes entwurde hoben. Ein Pfarrer, der trotzdem seine Kirche betrat, von der Gestapo verhaftet und aus Liibeck ausgewiesen. Dem Landesbischof Mahrarens wurde in Lübeck, dem Landesbischof Meiser in Erfurt verboten zu sprechen. In Thüringen hat der Minister für Volksbildung angeordnet, dass das Alte Testament nicht mehr im Religionsunterricht verwendet wird. Zahlreiche führende Nationalsozialisten sind in den letzten Monaten aus der Kirche ausgetreten, darunter der Reichskirchenminister Kerrl selbst. Mitte Februar hat der Reichsinnenminister verboten, dass die Namen der Ausgetretenen in der Oeffentlichkeit bekanntgegeben, insbesondere von der Kanzel herab verlesen werden. Diese Entwicklung hat schliesslich zu zwei entscheidenden Ereignissen geführt: am 12. Februar trat der Reichskirchenausschuss zurick und am 15. Februar wurden durch einen Erlass Hitlers Neuwahlen für eine verfassungsgebende Generalsynode der deutschen evangelischen Kirche ausgeschrieben. Damit soll, wie es in der Verordnung heisst," nunmehr die Kirche in voller Freiheit nach eigener Bestimmung des Kirchenvolkes sich selbst aie neue Verfassung und damit eine neue Ordnung geben". Diese volle Freiheit und eigene Bestimmung ist dieselbe wie bei den 1-7Reichstagswahlen, olksab:: e und Vertueus SlеL. Demgemäss hat denn auch der er Reichspressekammer unterstehende" Reichsverband der evangelischen Presse" bereits den Kirchenblättern das Verbot bermittelt, die Kirchenwahlen, insbesondere die Wehlordnung, in irgend einer Form zu kritisieren und etwa zur Nichtbeteiligung an der Wehl aufzufordern. Unter den gegebenen Verheltnissen kann die Wahl nur zwei Ergebnisse zeitigen: entweder ergibt sie wie die von 1923 eine grosse Mehrhe: er nationalsozialistischen Deutscher Ghristen ( auf die darsis twa 75% der Stimmen entfielen) oder aus der Wahl geht eine Generalsynode hervor, die infolge ihrer inneren Zerrissenheit andlungsunfähig ist und damit dem Staat den erwiinschten vorane liefert, selbst mit umso grösserer Entschlossenheit zu i Worin wird dies Handeln bestehen? Auch hierfür gibt es zwei Möglichkeiten: einmal die volle Trennung von Kirche and Steat ( Wegfall der Staatszuschüsse, des Kirchensteuerrechts ugr.: oder die Gründung einer nationalsozialistischen Staatskirche, wie sie die thüringische Richtung der Deutschen Christen fordert. Welche von beiden Möglichkeiten ergriffen werden wird, oder ob sie beide nacheinander realisiert werden, lässt sich heute noch nicht ibersehen. Fest steht wohl, wie es Kerl Barth kirzlich ausgedrückt hat, dass es den Nationalsozialisten nicht mehr darauf ankommt, die deutsche evangelische Kirche zu ertbern, sondern zu vernichten. Die Aussichten der Kirche, in diesem Ringe ihre Selbständigkeit zu behaupten, sind-üicht zuletzt durch eigene Schuld der Kirchenführer- heute geringer als je zuvor. Die einstige Kampfentschlossenheit des Pfarrernotbundes, die das Volk bis * eit einer le in nichtkirchliche Kreise aufhorchen liess, ist längst lizu bereiwilligen Kompromissbereitschaft gewichen, esondere er Politik des Reichskirchenausschusses ihren Steel bufgedrückt hat. Gerade diese fragwürdige" Keutralität" sta Regime ermöglicht, ein wesentliches Ziel bereits - zu erreichen: ale marche vom Volk zu trennen. 3 A-88Gelingt es vollends, die Kirche in den Augen des Volkes als eine bedeutungslose, halastarrige Sekte hinzustellen, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis man gegen ihre Angehörimit derselben Brutalität vorgeht, wie man es seit langen gegen die Ernsten Bibelforscher tut. ge Im folgenden versuchen wir, einen Ueberblick über die Entwicklung des Kempfes gegen die evangelische Kirche an Hand von Dokumenten und Selbstzeugnissen der Bekenntnischristen zu geben.( Dieses Material-chronologisch geordnet- verteilt sich auf die Zeit vom März 1936 bis Februar 1937) 1. Aus einem von Rechtsanwalt Traue in Klötze im Auftrag des Pfarrers Evers in Immekath( einer Landgemeinde mit etwa 800 Einwohnern in der Provinz Sachsen) an den Generalstaatsanwalt in Steni: gerichteten Strafantrag: Pfarrer Evers hat nach der letzten Wahl unter Berufung auf eine ihm zugestellte Verfügung des Provinzialkirchenausschusses ein an ihn gerichtetes Ersuchen des Ortsgruppenleiters der NSDAP in Immekath, die Kirchenglocken zu einer anderen als der in der Verfügung genannten Zeit zu läuten, abgelehnt. Danach erschienen am Abend des 30. März zwei SS- Männer im Pfarrhause und baten Pfarrer Evers, in einem vor der Tür stehenden Auto Platz zu nehmen. und mit ihnen zur Kreisleitung in Selzweder zu fahren. Evers entsprach der Bitte, man bestieg zusammen das Auto und fuhr nach S. Auf eine Frage von E., die er an einen der SS- Männer richtete, was er bei der Kreisleitung solle, erklärte der SS- Mann, dass er das nicht wisse. Das Auto hielt in S., aber nicht vor der Kreisleitung, sondern vor dem SS- Heim, in dem E. dann noch immer höflich gefragt wurde, warum er nicht habe läuten lassen wollen. E. erklärte, dass von" nicht läuten lassen wollen" keine Rede sein könne. Er habe eine Verfügung des Provinzialkirchenausschusses gehabt, nach der er sich zu richen gehabt hätte, und eine andere Verfügung sei ihm nicht bekannt gewesen. Man sagte E. darauf, dass doch die anderen Pestoren die Verfügung bekommen hätten, warum er als einziger sie nicht hätte bekommen sollen, erklärte ihm, dass er sich ausserhalb der Volksgemeinschaft gestellt habe, unḍ forderte ihn zu einem Spaziergang durch die Stadt auf. r bekɛm ein Schild in die Hand gedrückt, auf dem die Worte stunden:" Achtung! Ich habe die Kirche verrammelt, um nicht 1saten zu lassen!" Rechts und links neben ihm wurden zwei Zitlerjungen postiert, die das Schild mit einem Strick in der en Richtung zu halten hatten. Es formierte sich ein Zug, -== en Spitze sich eine Trommler- und Fanfarenkapelle A-89der ritierjugend setzte. Hinten befanden sich Jugendliche uad SS. Der Zug setzte sich dann mit E. und einem Bauern, dem man vorwarf, nicht gewählt zu haben, in Bewegung. Sprechchore leren in gewissen Abständen:" Nieder mit den Spiessara! leder mit den Pfaffen!" Unter dem Singen von Liedern zog man vielleicht anderthalb Stunden durch die Stadt, am Schlus durch das Arbeiterviertel, in dem die Arbeiter wiederholt laut Pfui riefen. E. fielen bei dem Umzug auch einige Pferdeacfel an den Kopf. An Strassenecken stand uniforlert Hitlerjugend. Es ging schliesslich zum SS- Heim zurück, # sich der Zug unter dem Ruf der Hitlerjugend" schade" aufloste. E. wurde in einen dunklen Keller in dem SS- Heim gesperrt, in dem sich eine Tonne, eine Kiste, ein Sack mit leeren Konservenbüchsen, ein Haufen altes Papier, ein Eimer und eine Fritsche befanden. Nach einer Weile kamen mehrere SS- Leute mit zwei Gummi knüppeln. E. wurde jetzt mit den Gummiknüppeln und mit einer etwa 50 cm langen Latte bearbeitet. An der Latte befand sich ein verrosteter umgebogener Nagel, durch den der Rock von E. an verschiedenen Stellen durchlöchert wurde. Als einer der SS- Leute erklärte, dass er nicht mehr schlagen könne und bat, abgelöst zu werden, schlugen andere weiter. E. wurde auch mit Fusstritten traktiert und bekam, als er zu schreien anfing, ein paar Fausthiebe ins Gesicht. Als er nicht aufhörte zu schreien und aus Mund und Nase blutete, nahm man ein Stück Papier vom Boden und presste es ihm in den Mund. Darauf führte man ihn wieder in die Wachtstube. Zuerst wurde er zur Wasserleitung geführt, um ihm Gelegenheit zu geben, das Blut abzuwaschen. Als er das den Leuten nicht recht machte, fasste man ihn an dem Kragen, drehte den Wasserhahn auf und hielt seinen Kopf darunter. Er wurde jetzt wieder gefragt, warum er nicht habe läuten lassen. Als er nochmals auf seine Verfiigung hinwies, wurde ihm kurzerhand gesagt:" Du lügst!" Es wurde ihm weiter erklärt, dass er bei der Wahl mit" Nein" gestimmt habe, dass man seinen Stimmzettel wiedererkannt habe und dass er auch Schuld an neun weissen Zetteln trage. Dann trat ein SS- Mann auf ihn zu, der sich ihm als früherer Knecht bekannt gab, der 1932 in Immekath gewesen sei. Dieser meinte zu E., dass er ja noch nicht Hunger gehabt habe und er sähe sehr gut genährt aus, wobei Stimmen im Hintergrunde laut wurden, man müsse ihn in den Bauch treten, und die Worte" Du Pfaffe fielen. Fortan wurde von den Geistlichen dauernd als Pfaffen gesprochen und E. nur noch geduzt. Der Knecht gab E. nunmehr eine Ohrfeige nach der anderen, dass das Blut spritzte. Als einige Tropfen an die Wand spritzten, wurde ihm gesagt, dass er sie nachher ablecken könne. Zwischendurch wurde er wieder aufgefordert, unter der Wasserleitung das Blut abzuwaschen, um in das gereinigte Gesicht wieder neue Schläge zu bekommen. Als die Züchtigung den Leuten, die E. für Führer hielt, genug zu sein schien, gaben sie das Zeichen zum Aufbruch. E. wurde wieder in den Keller geführt. Dort sass er längere Zeit in der Kälte. Als die Leute das Heim verlassen hatten, und nur noch Wacht A-90stec da zaren, kam einer, der nicht uniformiert war, aber -in Fihrer zu sein schien, wesentlich freundlicher und höflicher war, E. aber immer noch duzte, und liess E. ins scatzimmer gehen, weil es im Keller doch zu kalt sei. E. brechte die Nacht auf einem Stuhl sitzend im Wachtzimmer cu, zunächst im Lesestoff lesend, den man ihm gegeben hatte. Einige der Leute fingen mit ihm eine Unterhaltung an, in der das noch immer gebrauchte Du kameradschaftlich klang und wohl euch kameradschaftlich gemeint war. Es wurden auch religiöse Fragen erörtert, wobei die Leute zum Ausdruck brachten, dass sie seinen Glauben nicht als echt ansahen und E. selbst für anaufrichtig hielten, der gelernten Dogmen anhinge. Schätzungsweise um 4 Uhr in der Nacht kam ein anderer SS- Mann als Ablösung; nach Ansicht von E. einer von denjenigen, die ihn mit dem Gummiknüppel bearbeitet hatten und der ihm besonders roh erschien. Dieser Mann versuchte nochmals, ihn ins Verhör zu nehmen, behauptete immer wieder, E. sage die Unwahrheit und bot E. noch mehr Schläge an. Gegen 8 Uhr morgens wurden E. und der Bauer, der mit in dem Zuge gewesen ist, und auch geschlagen worden war, zusammen in einen Keller gesperrt und ihnen eröffnet, dass sie beide bald verhört werden wiirden. Um 9 Uhr kam jemand, der Hausmeister zu sein schien, und gab ihnen die Sachen, die man ihnen-Herrn E. Hosenträger, Kragen, Kravatte und sämtlichen Tascheninhaltnach der Misshandlung im Keller abgenommen hatte, gegen quittung zurück. Sie wurden dann gefragt, was sie sich nun wünschten und ihnen gesagt, dass es nun nach Hause ginge, sie wären noch einmal gnädig davon gekommen. Gestern seien ein paar Kommunisten dagewesen, die wären ins Gefängnis gekommen, und wenn die Führer bei der Züchtigung nicht gebremst hätten, dann wären sie unter Umständen totgeschlagen worden und danach wäre auch nichts gekommen. E. und der Bauer wurden darauf in einem Auto aus Salzwedel hinaus vor die Stadt gefahren und dort auf der Strasse mit der Weisung abgesetzt, zu sehen, wie sie weiterkämen... Soweit der Bericht an den Generalstaatsanwalt, dem nur noch hinzugefügt werden muss, dass bis heute die" Ermittlungsbeniihungen" der Staatsanwaltschaft noch nicht dazu geführt haben, auch nur einen einzigen Täter zu fassen. Eine andere Anzeige hat folgenden Wortlaut: Als ich heute am 1. Mai 1936 gegen 3 1/2 Uhr an dem Stiirmerkasten meiner Gemeinde... mit dem Rade vorbeifuhr in der Richtung..., standen dort der mir bekannte Lehrer... und zwei andere Herren, deren Namen ich nicht mit Sicherheit angeben kann. Wahrscheinlich war es der SA- Obertruppführer... und Inspektor... Bei dem Vorbeifahren hörte ich höhnische husrufe, wie" Juden"," Judenpastoren haben hier nichts zu suchen", worauf ich, ohne mich irgendwie aufzuhalten, zuriick A-91rief:" Narren auch nicht". Darauf fuhr ich weiter und war bereits 2,5 km von... entfernt, als mich plötzlich ein Motorrad iiberholte, auf dem sich der Lehrer... und der SAObertruppführer... befanden. Etwa 20 m vor mir hielt das Motorrad. Die beiden( in SA- Uniform) stellten sich mir in den Weg, ergriffen die Lenkstange meines Rades, zwangen mich zum Absteigen und unter der unzutreffenden und von mir sofort zurückgewiesenen Behauptung, ich hätte die SA beleidigt, überfielen sie mich mit Faustschlägen in mein Gesicht. Ich setzte mich zur Wehr, wurde aber von den beiden in rohester Weise zu Boden geschlagen und auch dann noch, zumal von dem Lehrer..., mit Faustschlägen und Fusstritten ins Gesicht bearbeitet. Nach einiger Zeit erschien, von .... kommend, der Milchhändler... aus und rief schon von weitem:" Ich dulde das nicht, sofort aufhören!" Dieser Aufforderung kamen die beiden erst nach, als Herr... ganz nahe herangekommen war. Die beiden wandten sich dann in drohender Haltung gegen... und ich gewann den Eindruck, dass sie auch mit ihm eine Schlägerei anfangen wollten. Unterdessen hatte ich mich vom Boden erhoben, worauf der Lehrer... sofort mit geballten Fäusten auf mich loskam. Zu einer erneuten Misshandlung kam es jedoch nicht, weil der Milchhändler mich eintrat. Ich hatte vielmehr die Möglichkeit, mit dem Rade weiterzufahren, wobei ich nur durch den ziemlich starken Blutverlust behindert war. Ich hörte noch, wie der SAObertruppfiihrer... hinter mir her rief:" Komm bloss nicht wieder, Du Schweinehund!" Dann gelangte ich unangefochten zu Pfarrer... Dort wurde mir Hilfe durch den hinzugezogenen Arzt, Medizinalrat Dr..... Der Tatort wurde durch die dort noch vorhandenen Blutspuren zwei Stunden später festgestellt durch für Auch diese Anzeige eines Pfarrers, obwohl erhärtet durch die ibereinstimmende Zeugen aussage des Milchhändlers... blieb bisher ohne Eingreifen gegen die Landfriedensbrecher. Ein besonders gravierender Fall sei ausführlich dargestellt, und zwar wiederum nach Akteamaterial, das in allen Einzelheiten Leim Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten liegt. Es handelt sich um die Vorgänge in Seelow, einem Landstädtchen in er ark Brandenburg, mit 3.000 Einwohnern. hre 1933 wurde der Kandidat der Theologie Pecina vom vageiischen Konsistorium als Prädikant nach Seelow entsenet. in Jahre 1934 schloss er sich der Bekennenden Kirche unt legte bei dieser die zweite theologische Prüfung ab. araufhin entliess ihn der Probst Otto Eckert im Januar 1935 sus dem Dienst der Provinzialkirche. Am 10. Februar 1935 rurde er von der Bekennenden Kirche in Seelow ordiniert. Bis pfi 193) konnte Pastor Pecina ungestört in Seelow arbeiten.-war wurde er von der Partei und, von der SS, die ihn früher zu Feldgottesdiensten und anderen Gelegenheiten häufig herangezogen hatte, seit seinem Bintritt in die Bekennende Kirche nicht mehr gewünscht; aber zu Schwierigkeiten kam es nicht. Das wurde erst anders, als durch das Vorgehen des deutschchristliche Pfarrers von Bräunigen, dem die Ernennung zum Superintendente: in Seelow in Aussicht gestellt worden war, ein förmlicher Kampf gegen Pecina begann. Vom Konsistorium wurde der deutsch- christliche Pfarrer Hafner nach Seelow entsanit, der in der schroffsten und unerfreulichsten Art gegen Pfare Peeina auftrat. Nunmehr kam es zu Störungen des Gottesdienstes und zu anderen Massnahmen staatlicher und kirchlicher Stellen. Auf Einzelheiten soll hier nicht eingegangan werden. Schliesslich wurde Pecina durch Verfügung der Staatspolizei vom 3. Mai 1935 ausgewiesen, ohne dass ihm irgend ein Verschulden zur Last gelegt werden konnte. Pecina folgte dem Ausweisungs befehl, weigerte sich aber, die Kirchenbicher in deutsch- christliche Hände zu geben. Das führte zu seiner Verhaftung, die nach einiger Zeit wieder aufgehoben wurde. Das Verfahren gegen ihn wurde schliesslich wieder eingestellt. Inzwischen rückte das Osterfest 1936 näher. Die Eltern der Konfirmanden wünschten dringend, dass ihre Kinder von Pastor Fecina eingesegnet würden. Als den ausgewiesenen Geistlichen die Möglichkeit gegeben worden war, sich wieder in ihren Gemeinden aufzuhalten, nahm Pastor Pecina den Konfirmandenunterricht wieder in die Hand. Er hielt die Einsegnung. Als dann bekannt wurde, dass auf Anordnung des Reichsministers Herrl sämtliche Ausweisungen ohne Auflage zurückgenommen seien ( 9. April 1936) hatten sowohl er selbst wie die Gemeindemitglieder den dringenden Wunsch, dass dem nun schon jahrelang andauernden Schwebezustand ein Ende gemacht würde. Daraufhin wurde er am Sonntag, dem 19. April 1936, von Superintendent Lic. Albertz in einem eindrucksvollen Gottesdienst unter starkster Beteiligung der Gemeinde namens der Bekennenden Kirche als Pfarrer eingeführt. Von dem Einführungsgottesdienst war die Staatspolizeistelle Frankfurt/ Oder am Tage vorher durch die Leitung der Bekennenden Kirche fernmündlich verständigt worden. Sie hatte erklärt, dass sie nichts dagagen unternehmen würde. In Verhandlungen zwischen der Leitung der Bekennenden Kirche und der Finanzabteilung beim Konsistorium war erreicht worden, dass letztere für Pastor Pecina das seiner Lage entsprechende Gehalt bewilligte. So war Ende April 1936 in Seelow alles in Ordnung. In der Gemeinde herrschte völlige Ruhe. Da wurden in der Nacht vom 1. zum 2. Mai von unbekannter Hand die Fenster des Pfarrhauses eingeworfen, auch ein Schuss in das Pfarrhaus abgegeben. Nunmehr erfolgte unter dem 7. Mai auf Grund der sogenannten Kommunistenverordnung die erneute Ausweisung des Pfarrers Pecina. In der Verfügung der Staatspolizei wird als Grund an A- 93gegeben, dass" Sie durch Ihr Gesamtverhalten in letzter Zeit die Bevölkerung in Seelow in Unruhe und Erregung versetzt haben und es erwiesen ist, dass in Auswirkung Ihrer Tätigkeit in Seelow die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung gestört worden ist bzw. weiter gestört wird.” Pfarrer Pecina erklärte, dass er sich ausserstande sähe, sich abermals durch einen nicht näher substantiierten Befehl der Staatspolizei von der Gemeinde trennen zu lassen, der er feierlich vor Gott das Evangelium zu predigen gelobt habe. Daraufhin wurde er verhaftet und zunächst in das Amtsgerichtsgefängnis Frankfurt, Oder gebracht. Am 9. Mai wurde er dann in das Polizeigefängnis überführt und damit wurden ihm zugleich die Möglichkeiten entzogen, die das Strafrecht zum Schutze eines Angeklagten vorsieht. Die Vertretung Pecinas in Seelow übernahm Prädikant Brandenburg, der schon früher während der ersten Ausweisung Pecinas die Gemeinde betreut hatte. Ausserdem befand sich in Seelow Pecinas Vikar, Freuss. Am Donnerstag, dem 14. Mai sollte abends in der Gemeinde ein Bittgottesdienst für den ausgewiesenen Pfarrer stattfinden, den Prädikant Brandenburg halten sollte. Der Landrat des Kreises Lebus übersandte zuvor dem Biirgermeister folgende Verfügung: " Der Landrat des Kreises Lebus Seelow( Mark), den 14. Mai 1936. Anliegend übersende ich Abschrift einer auf Anordnung der Preussischen Geheimen Staatspolizei erlassenen Verfigung vom heutigen Tage mit dem Ersuchen, die Zustellung der Verfügung_kurz vor Beginn des Gottesdienstes um 8 Uhr vorzunehmen. Im Falle der Widersetzlichkeit ist über Brandenburg sofort Schutzhaft zu verhängen. Sollte ein Vertreter der Bekenntniskirche für Brandenburg eintreten, und den Gottesdienst abhalten wollen, so ist dies durch Ortsausweisung zu verhindern. Die Durchführung dieser Massnahme bitte ich zu überwachen. I.A. Dr. Moderow." Daraufhin wurde dem Prädikanten Brandenburg kurz vor Beginn des Gottesdienstes der Ausweisungsbefehl zugestellt, dem er aber nicht Folge leistete. Er wurde in Schutzhaft genommen ond in das Polizeigefängnis nach Frankfurt/ Oder gebracht. Währenddessen wurde über den Vikar Preuss auf Anordnung des Gendarmerie- Oberleutnants Kaiser von 3/4 8 Uhr bis 9 Uhr abends Hausarrest verhängt, so dass auch der während dieser Zeit unter Bewachung stehende Vikar den Bittgottesdienst nicht abhalten konnte. Dennoch war es möglich, der in der Kirche versammelten Gemeinde Gottes Wort zu verkünden. In der Kirche befand sich nämlich der Vikar Kintzel aus einer Nachbargemeinde, der während des Gottesdienstes die Orgel spielen sollte. Er trat nun an die Stelle der beiden anderen verhinderten Prediger und hielt den Bittgottesdienst ab. Ihm und seinem Lehrherrn, Pfarrer von der Au in Neuentempel, A-94wurde daraufhin vom Bürgermeister von Seelow" mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres das Betreten des Ortsgebietes der Stadt Seelow" untersagt. Pfarrer von der Au hat darauf folgende Antwort erteilt: " An die Ortspolizeibehörde der Stadt Seelow, Herrn Bürgermeister Dr. Flashaar. Auf Ihr Verbot des Betretens der Stadt Seelow, das mir am gestrigen Tage, dem 16, Mai 1936, zugestellt wurde, erkläre ich Ihnen hiermit folgendes: Die Beachtung Ihres Verbots, dem ich mich in meinem Privatleben fügen kann, wird mir in dem Augenblick unmöglich, in dem von mir die Ausiibung meines geistlichen Amtes als Prediger oder Seelsorger von meiner Kirchenleitung her oder aus der Gemeinde Seelow heraus verlangt wird. Ich denke dabei etwa an den Fall einer wiederkehrenden Behinderung eines der derzeitigen oder künftigen Seelower Geistlichen". Eine entsprechende Erklärung gab Prädikant Kintzel ab. Die Bekennende Kirche der Mark Brandenburg hat zur Versorgung der Gemeinde nach der Verhaftung Brandenburgs sofort einen anderen Hilfs prediger übersandt. Er hat die darauf folgenden Gottesdienste ungestört halten können. Am Dienstag, dem 19. Mai, hielt Präses Scharf in Seelow den Bittgottesdienst ab und am Sonntag predigte nachmittags vor einer zahlreich versammelten Gemeinde Pfarrer Niemöller, Berlin- Dahlem und überbrachte die Grüsse des altpreussischen Bruderrates. Von der Bekennenden Kirche und von der Gemeinde Seelow wurden bei allen zuständigen Stellen der Kirche und des Staates Vorstellungen wegen der Verhaftungen erhoben. Es ist bekannt geworden, dass auch Mitglieder des brandenburgischen Provinzialkirchenausschusses sich diesen Vorstellungen angeschlossen haben. Denn es besteht nirgends ein Zweifel darüber, dass die beiden Geistlichen sich nichts haben zu schulden kommen lassen. Sondern, dass ihre Verhaftung allein darin ihren Grund hat, dass die örtlichen Staatsbehörden sich durch die Rückkehr Pecinas in ihrem Ansehen geschädigt fühlen. Der Provinzialkirchenausschuss hielt es dann für richtig, obwohl versprochen worden war, dass nicht wieder ein Gegenpastor nach Seelow kommen sollte, doch einen neutralen Hilfsprediger zu entsenden und einem neutralen Nachbarpfarrer die Verwaltung der Pfarrstelle zu übertragen. In gemeinschaftlicher Arbeit mit den ausserkirchlichen Stellen versuchen nun die Geistlichen, die Arbeit Pecinas zu zerstören, während dieser im Gefängnis sitzt. Einwohner von Seelow sind in das Landratsamt vorgeladen worden. Dort wurde von ihnen gefordert, dass sie Gottesdienste bekenntnistreuer Geistlicher nicht besuchen dürften. Die Schulleitung musste die Konfirmanden auf den Unterschied des neutralen Hilfs predigers hinweisen. Benachbarten Geistlichen der Bekennenden Kirche wurde verboten, den Boden Seelows zu betreten. In steigender Zahl wurden Gemeindemitglieder aus ihrer Stellung entlassen, lediglich deshalb, A-95weil sie Bittgottesdienste für die verhaftet en Pfarrer besucht hatten. Trotz dieses erneuten Druckes hält die Gemeinde in ihrer ganz grossen Mehrheit fest zu ihren verhafteten Geistlichen. Die Pfarrer im Gefängnis stehen nicht minder fest. Es ist ihnen eröffnet worden, dass sie sofort freigelassen würden, wenn sie sich verpflichteten, nicht nach Seelow zurückzukehren. Sie haben das abgelehnt. Frau Pecina, die der Geburt ihres dritten Kindes entgegensieht, hatte angefragt, ob ihr Mann für die Tage der Geburt beurlaubt werden könne, um dann in das Gefängnis zurückzukehren. Die Staatspolizei stellte die Bedingung, dass die Geburt des Kindes nicht in Seelow, sondern an einem anderen Ort erfolgen müsse und dass Pfarrer Pecina mit keinem Glied seiner Gemeinde in Berührung kommen diirfe. Pfarrer Pecina, mit diesen Bedingungen bekannt gemacht, bat, sie zunächst seiner Frau mitzuteilen, da er nicht wissen könne, ob sie sich stark genug fühle, hier nein zu sagen. Frau Pecina lehnte die Bedingungen ab: ihr Kind solle in Seelow zur Welt kommen! Damit war die Sache entschieden.. In Westfalen hat sich folgender Fall zugetragen: Am 18. und 19. Juni 1936 wurden in Bielefeld folgende Personen verhaftet: Pastor Mebus, der Vorsitzende des Presbyteriums der Kirchengemeinde Bielefeld- Altstadt, der Hilfs prediger Stein, Bielefeld- Sieker, der Kirchenmeister Wörmann, der Presbyter, Rektor 1.R. Schröder, die Mitglieder des Bruderrats der Bekenntnissynode Meyer- Sieker, Daube und Frau Wege; ausserdem Frau Voss, Mutter einer Kachetumenin, aus Sieker. Nach einer amtlichen Pressemeldung, die in Bielefelder Zeitungen am 22. Juni 1936 erschien, erfolgte die Verhaftung unter dem Verdacht des Landfriedensbruchs. Der Verhaftung sind folgende Ereignisse vorausgegangen: Die Lutherkirchengemeinde Bielefeld- Sieker ist ein Teil der Kirchengemeinde Bielefeld- Altstadt. Sie besteht aus etwa 7.500 Gemeindemitgliedern. Beide Pfarrer dieses Bezirks gehören seit längerer Zeit zu den Deutschen Christen. Das Vertrauen zu ihnen ist in der Gemeinde weithin geschwunden. Dies kommt in einem für hiesige Verhältnisse äusserst geringen Kirchenbesuch zum Ausdruck. Die Bekenntnisgemeinde bildete sich im November 1934. Sie hat schon am 4. Mai 1935 an das Presbyterium den Antrag gerichtet, einen eigenen Hilfs prediger für ihre geistliche Versorgung zu bekommen, damit die fortschreitende Auflösung der Gesamtgemeinde verhindert würde. Der Wunsch nach der Entsendung eines Hilfs predigers konnte damals aus Mangel an Kräften nicht erfüllt werden. Erst am 21. April 1936 wurde mit Wirkung vom 15. April der Hilfsprediger Stein aus Witten dem Presbyterium der Altstadtgemeinde " zur besonderen Verfügung des Vorsitzenden des Presbyteriums zwecks Dienstleistung im Pfarrbezirk Bielefeld- Sieker" vom Westfälischen Bruderrat überwiesen. Am 24. 4. fasste das A- 961 Presbyterium folgenden Beschluss:" Presbyterium erklärt sich Jamit einverstanden, dass der vom Provinzialbruderrat entsendte Hilfs prediger Stein in der Luthergemeinde( Sieker) die pfarramtliche Versorgung der Bekenntnisgemeinde und darüber hinaus aller Gemeindeglieder, die seinen Dienst begehren, übernimmt und die erforderlichen Amtshandlungen vollzieht. Der Hilfs prediger untersteht dem Vorsitzenden des Presbyteriums."( Mit 21 gegen 4 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen). Schon seit Herbst 1935 fanden alle 14 Tage( an DonnerstagAbenden) Gottesdienste der Bekenntnisgemeinde Sieker in der dortigen Kirche statt, die für alle zugänglich waren. Auf Beschluss des Presbyteriums vom 24. April 1936 sollten diese Gottesdienste jeden Sonntag um 8,15 Uhr stattfinden. Gegen diese Beschlüsse, die ordnungsgemäss gefasst waren, setzte nun ein heftiger Widerstand der deutschchristlichen Pfarrer ein. So wurde gleich der erste Gottesdienst am 3. Mai 1936 dadurch unmöglich gemacht, dass die beiden Pfarrer Kanzel und Altar besetzt hielten. Der Gottesdienst fand dann auf einer Bauerndiele statt( von über 500 Gemeindemitgliedern besucht). Ebenso wurde der zweite Gottesdienst in der Kirche am folgenden Sonntag dadurch unmöglich gemacht, dass die Pfarrer der Deutschen Christen plötzlich einige Tage vorher einen eigenen Gottesdienst ansetzten. Der Gottesdienst der Bekenntnisgemeinde fand seitdem regelmässig in der benachbarten Jakobuskirche statt. Des weiteren wurde Hilfsprediger Stein durch Pfarrer Buschtöns oder seine Beauftragten gehindert, den kirchlichen Unterricht für die ihm anvertrauten Katechumenen und Konfirmanden im Luthergemeindehaus Sieker zu halten( durch Verweigerung des Schlüssels, Anbringung eines Steckschlüssels, sowie durch Versperrung des Eingangs). Am 13. Mai fand in Bielefeld eine Sitzung des Provinzialkirchenausschusses mit Vertretern der Bekenntnisgemeinde und der Deutschen Christen statt, deren Beschlüsse eine äusserlich friedliche Lösung erhoffen liessen. Trotz dieser Beschliisse des Provinzialkirchenausschusses setzten die deutschchristlichen Pfarrer ihre Tätigkeit gegen die Arbeit des Hilfspredigers Stein fort. Unter dem 28. Mai wurde durch Verfiigung des Regierungspräsidenten den Schulleitern verboten, Schulstunden für den kirchlichen Unterricht von Hilfsprediger Stein frei zugeben. Diese Verfügung beruht offenbar auf der Meinung, dass die Tätigkeit des Hilfs predigers Stein illegal sei, weil das Konsistorium in nicht entsandt habe. Demgegenüber ist festzustellen, dass jedes Presbyterium das Recht hat, einen Hilfs prediger oder Prädikanten im Gemeindedienst zu beschäftigen. Einer besonderen Berufung des Konsistoriums bedarf es zu einer solchen nicht endgültigen Beschäftigung nicht. Da Hilfs prediger Stein gehindert wurde, den Unterricht im Gemeindehaus abzuhalten, erteilte er diesen in den folgenden Tagen in einem Privathause. Als sich auch dies als unmöglich erwies, versuchte Hilfsprediger Stein A-97am 16. Juni erneut, in Begleitung des Kirchenmeisters Wörmann den Unterricht im Gemeindehaus abzuhalten. Wieder wurde ihm der Eintritt verwehrt, diesmal durch den deutschchristlichen Vikar Hahn. Dabei stiess der Vikar Hahn den Hilfsprediger Stein vor die Brust. Am Nachmittag, vor Beginn des Katechumen en- Unterrichts versetzte Hahn dem Presbyter Schröder, welcher den Hilfs prediger Stein begleitete, einen Stoss, so dass dieser fast die Treppe heruntergestürzt wäre und seine Brille zerbrach. Am folgenden Tage suchten Pastor Mebus und Hilfs prediger Stein einen Rechtsanwalt auf und besprachen mit ihm die Möglichkeit, eine einstweilige gerichtliche Verfügung zu erwirken, welche eine weitere Behinderung des Hilfs predigers Stein unmöglich machen sollte. Der Rechtsanwalt gab den Rat, noch einen Versuch zu machen, den Unterricht im Gemeindehaus abzuhalten und zu diesem Versuche Zeugen mitzunehmen. Demgemäss ging am 18. Juni vormittags Pastor Mebus als rechtsmässiger Vorsitzender des Presbyteriums mit Hilfs prediger Stein und dem Kirchenmeister Wörmann zum Gemeindehaus, um den Eintritt in das Gemeindehaus zu ermöglichen. Ausserdem waren erschienen vom Bruderrat die Herren Meyer zu Sieker und Daube, weiter Frau Voss als Mutter eines Kinder. Pastor Mebus und Kirchenmeister Wörmann wurden von Pastor Buschtöns, Vikar Hahn und durch andere Personen am Eintritt gehindert. Pastor Mebus erklärte dem vor dem Gemeindehaus stehenden Pastor Buschtöns, dass er( Mebus) als Vorsitzender des Presbyteriums das Hausrecht im Gemeindehaus habe, er möge ihm also nicht widerrechtlich den Eintritt verwehren, er sei gekommen, um den ordnungsmässigen Beschluss des Presbyteriums durchzuführen. Pastor Buschtöns lehnte ab, den Eingang frei zugeben. Als Pastor Me bus darauf ohne jede Gewaltanwendung an Pastor Buschtöns vorbeigehen wollte, wurde er von Pastor Buschtöns vor die Brust gestossen. Als Pastor Mebus den Versuch machte, den zweiten Flügel der Eingangstür zu öffnen, entstand ein Gedränge, während dessen das Gemeindehaus betreten werden konnte. Von den Deutschen Christen wurde darauf die Polizei gerufen, Pastor Mebus wurde verhaftet, aber nach kurzem Verhör wieder freigelassen. Am Nachmittag wurde er durch die Staatspolizeistelle in seinem Hause festgenommen und in das Polizeigefängnis gebracht. Im Laufe des Nachmittags und des folgenden Vormittags wurden auch die übrigen oben genannten sieben Personen festgenommen. Die Festgenommenen wurden nach dem Verhör durch die Staatspolizei dem Richter vorgeführt, der Haftbefehl erliess. Dieser Haftbefehl wurde durch Beschluss der Strafkammer Bielefeld vom 24. Juni" mangels eines gesetzlichen Haftgrundes" aufgehoben. Darauf wurden alle Verhafteten am 24. Juni aus der Haft entlassen. Am Abend des folgenden Tages wurden Pastor Mebus und Hilfsprediger Stein erneut zur Staatspolizei geholt. Dort wurde ihnen eröffnet, dass" auf Grund ihres Verhaltens bei den Ereignissen am 18. Juni( Eindringen in das Gemeindehaus Bielefeld- Sieker) gemäss§ 1 und 4 der Verord A-98nung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 mit sofortiger Wirkung gegen sie ein Aufenthalts- und Redeverbot erlassen sei. Das Aufenthaltsverbot erstreckt sich auf den Regierungsbezirk Minden. Das Redeverbot trifft jedes Auftreten als Redner in öffentlichen und geschlossenen Versammlungen, soweit es sich nicht um eine rein seelsorgerische Tätigkeit handelt. Als seelsorgerische Tätigkeit sind lediglich der Gottesdienst und kirchliche Amtshandlungen anzusehen. Die beiden wurden weiter darauf hingewiesen, dass jede übrige Tätigkeit, insbesondere die Bibelarbeit und die Arbeit in kirchlichen Schulungskursen unter das Redeverbot falle. Auf Befragen wurde auch das Abhalten von Bibelstunden als verbotene Bibelarbeit bezeichnet. Ein besonders klare Darstellung der wahren kirchlichen Lage seit der Einsetzung des Reichskirchenausschusses und der Landeskirchenausschüsse gibt Pfarrer Immers, Wuppertal, in seinem Rundbrief vom 20. Mai 1936 an die reformierten Prediger Deutschlands. Diesem Rundbrief entnehmen wir: "..Was die Gewaltmethoden eines Jaeger, die Irrlehren einės Hossenfelder, und die hierarchischen Gelüste eines Oberheid nicht fertig brachten, das erreicht jetzt, wie es scheint, weithin Minister Kerrl mit den von ihm eingesetzten Ausschüssen. Die Netze sind so geschickt gesetzt, dass die armen Fischlein scharenweise hineingehen und, solange die Reuse noch im Wasser hängt, sogar meinen, sie könnten noch frei schwimmen. Darum nachstehende Besinnung: I. Nach welchem Gesetz. sind die Ausschüsse angetreten? 1.) Nach dem Gesetz des Staates, der schon vorher a) seit 1933 unablässig bemiiht war, die Kirche sich gehörig zu machen, b) im März 1935 durch Errichtung der Finanzabteilungen der Kirche vollends die goldene Fessel anlegte. So ist dann c) die Berufung des Ministers Kerrl und das Gesetz vom 24. September mit seiner Präambel nur ein weiteres Glied in der Kette, die der Staat um die Glieder der Kirche schmiedet. Wir müssen das Wesen des Staates als eines totalen klar erkennen. Karl Barth sagte darüber:" Das ist der Staat, der alle in seinem Raum lebendigen Kräfte, auch die geistigen Kräfte, vorbehaltlos seinem Zweck unterordnet, d.h. praktisch dem Willen seiner Staatsführung unterwirft. Der totale Staat, das ist der Staat, der vom Individium wie von allen Gruppen in seinem Raum vorbehaltlos fordert, dass ihre Willensbildung ausschliesslich zu immer neuer Bejahung des Willens der Staatsführung führe. Der totale Staat, das ist der Staat, der jede vom Willen seiner A-99Staatsführung abweichende freie Aussprache, jede Frage, jede Sorge, jede Ueberlegung hinsichtlich des Rechtes oder Unrechtes im Handeln seiner Führung unterdrückt und der. damit jede freie Willensbildung in seinem Raum praktisch unmöglich macht. Der totale Staat, das ist der Staat, der kein Recht über sich anerkennt, der nur das Recht kennt, das er selber setzt, und auch dieses Recht nur in der Interpretation, die er selber ihm von Fall zu Fall zu geben gedenkt. Der totale Staat, das ist der Staat, der keinen Gott kennt ausser sich selber und seinem rethorischen Schattenbild, dem sogenannten" Allmächtigen", der die Eigenschaft hat, immer gerade das zu wollen, was die Staatsführung will. Der totale Staat, das ist mit anderen Worten der Staat, dessen Führung praktisch keiner Instanz gegenüber verantwortlich ist." Damit ist unsere Stellung zu den Ausschüssen festgelegt. Es handelt sich um Organe des Staates, mit deren Hilfe er versucht, die Kirche entweder gleichzuschalten oder zu vernichten. Er würde sich selbst aufgeben, wenn er irgend ein Gebilde in seinem Bereich sich selbst überliesse. 2. Die Ausschüsse sind angetreten nach dem Gesetz des Mythus. a) Die Erklärung des Reichskirchenausschusses und des Landeskirchenausschusses macht sich die staatliche Absicht zu eigen, Mythus und Evangelium in einer Kirche miteinander zu verbinden durch Stempelung der Bekennenden Kirche zur Gruppe. Man grenzte sich nicht ab gegen die Abgötterei, streute ihr vielmehr Weihrauch. b) Nach dem Sinn des Gesetzes und der Absicht des Gesetzgebers wurden neben Männern der Kirche nicht nur der BdM ( Bund deutscher Mädchen), sondern auch DC( Deutsche Christen) in die Ausschüsse aufgenommen. Auf diese Weise wurden die DC zu neuem Leben erweckt und treiben heute wieder landauf, landab ihr Zerstörungswerk. In der Leitung und Vertretung der Kirche sind heute die DC als gleichberechtigt anerkannt. Dadurch wird die Irrlehre verharmlost. c) Die Verordnungen der Kirchenausschüsse atmen den Geist des Mythus. Ich erinuere an die Disziplinarordnung, und an die Minderheitenordnung. Der Auftrag der Kirchenausschüsse ist die Toleranzkirche, unter deren Dach sich allerlei Volk tummeln kann: Kirche als Gesellschaft zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse. Den Jammer kennen wir zu genau, um noch einmal leichten Herzens in solche Versumpfung der Kirche zu willigen... II. Nach dem Gesetz des Staates und des Mythus müssen die Ausschiisse ihren Weg zu Ende gehen. 1. Sie sind keine Leitung und Vertretung der Kirche dem Staate gegenüber, sondern sie sind staatliche Organe, die, vom Staat mit der Leitung und Vertretung der Kirche beauf A- 100tragt, mit oder gegen ihren Willen, des Staates Absichten über die Kirche durchführen müssen. Ich erinnere nur an die furchtbaren Perspektiven, die deutlich werden, in einer der neuesten Aeusserungen Zöllners, dass die Innere Mission getrost vom Staate übernommen werden könne... Deshalb finden diese Männer kein klares Wort gegen den Mythus, gegen die Irrlehre der DC, gegen die Verwüstung unserer Jugend durch Vereidigung vom 10. Jahre ab, durch Zerstörung ihres Glaubens in Zeitschriften und Schulungen, kein Wort gegen die Lästerungen der Gnade Gottes durch Dr. Ley. Vielmehr bei allen sich ergebenden Gelegenheiten Aeusserungen, wie sie dem Wesen der Staatskirche entsprechen( siehe auch die Aeusserungen vor und nach der Wahl zum 29. März 1936). 2. Die Ausschüsse geniessen keine geistliche Autorität. Ihr Ansehen beruht auf Macht und Geld. 3. Der Weg der Ausschüsse in Nassau- Hessen macht deutlich, dass sie zwangsläufig in Gegensatz zur Bekennenden Kirche geraten und dann als staatliche Organe zur Bekämpfung den Weg der Gewalt beschreiten. III. Was tun die Glieder der Bekennenden Kirche, die in den Ausschüssen mitarbeiten. 1. Sie lassen sich ködern durch das" Friedensangebot" des Staates. Hierbei hat von Anfang an die in Aussicht gestellte Kirchenwahl eine Rolle gespielt. Wir waren so harmlos zu hoffen, dass eine kirchliche d.h. vom Bekenntnis her gestaltete Wahlordnung im Sinne der Bekennenden Kirche Grundlage für die Neuwahlen sein würde. Diese Utopie hat Minister Kerrl gründlich zerstört, als er sagte, nach einem bekenntnisbestimmten Wahlrecht würden ja nur die Glieder der Bekennenden Kirche wählen können. Es würden aber alle nationalsozialistischen Volksgenossen wählen. 2. Sie lassen sich missbrauchen zur Zerstörung der Bekennenden Kirche, denn zwangsläufig müssen sie, da sie doch Leitung und Vertretung der Kirche sein sollen, und auch wollen, der Bekennenden Kirche das Recht der Leitung und Vertretung der Kirche absprechen. 3. Sie werden zwangsläufig zu Verfolgern der Kirche werden, denn die Unwahrhaftigkeit des Ansatzes nimmt ihnen das gute Gewissen und treibt sie dem Verkläger in die Arme. IV. Was hat in dieser Lage. die rechtmässige Leitung der Kirche, d.b. die Bekennende Kirche zu tun? 1. Sie muss endlich aufhören, die Ausschüsse so zu sehen, wie sie sie gern haben wollte, als eine willkommene Rechtsbilfe. Wir haben vielmehr der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, dass sie nach dem Gesetz und nach ihren eigenen Aeusserungen und Handlungen Leitung und Vertretung der Kirche sein wollen. A-101Daraus ergibt sich fiir uns ein Doppeltes. a) Es ist jedem Glied der Bekennenden Kirche verwehrt, in irgendwelchem Ausschuss mitzuarbeiten, auch nicht in den Gemeindeausschiissen. Denn ehrlicherweise kann nur der mitarbeiten, der die Gesetzgebung des Kirchenministeriums und die bisherigen Erklärungen und Handlungen der Kirchenausschüsse bejaht. Lasst uns nie vergessen, dass jeder, der sich den Ausschüssen zur Verfügung stellt, damit eingegliedert wird in ein System zur Gleichschaltung oder Zerstörung der Kirche Jesu Christi. ) Die Ausschüsse haben wir als Organe des Staates anzuSehen, denen wir jede kirchenregimentliche Funktion absprechen. Wenn wir mit ihnen zu tun haben, lasst uns nie vergessen, dass uns in ihnen der Arm des Staates entgegentritt. Die bisherige Beobachtung bei allen Verhandlungen zwischen leitenden Stellen der Bekennenden Kirche und den staatlichen Kirchenausschüssen lässt sich zusammenfassen in den Satz: wer verhandelt, wird verhandelt. Fir die Kirche gilt es vielmehr: nicht verhandeln, sondern handeln. 2. Die Kirche hat sich zu scheiden von jenen, die aj sich der von ihnen vormals anerkannten Leitung der Kirche im Ungehorsam entziehen, b) die in einer Kirchenleitung mitarbeiten, die sich vor Schrift und Bekenntnis nicht ausweisen kann, vielmehr im Dienst antichristlicher Mächte steht, c) die sich mit den Feinden des Kreuzes Christi zusammentut, um die Kirche in die babylonische Gefangenschaft zu führen. Wie sich diese Entscheidung vollziehen soll? Einen ersten Schritt dazu hat der brandenburgische Bruderrat getan, als er den in die Ausschüsse eingetretenen Mitgliedem der Bekennenden Kirche die rote Karte abforderte und damit deutlich machte, dass diese Männer nicht zugleich in der kämpfenden Schar der Kirche und in einem Organ zur Verfälschung oder Knebelung der Kirche sein können.. Wir müssen aber voll Scham bekennen, dass die schwankende Haltung der leitenden Organe der Bekennenden Kirche sehr viel zur Verwirrung der Gemeinden und der Pfarrer beigetragen hat. Wie anders ständen wil heute wohl da, wenn die klare Erkenntnis über das Wesen der Ausschüsse, wie sie im altpreussischen Bruderrat bereits im Herbst 1935 zum Siege kam, auch von dem Reichsbruderrat und der damaligen vorläufigen Leitung geteilt worden wäre." Im Juli 1936 hat der Reichskirchenausschuss ein Wort an die Gemeinden" herausgegeben, in dem er gegen die Anfechtungen Stellung nimmt, denen die deutsche evangelische Lehre im A-10heutigen Deutschland ausgesetzt ist. Wir bringen im folgenden die Originalkopie dieser Verlautbarung: A Wort an die Gemeinden er Reichskirchenausschuß sieht es als seine Pflicht an, gemäß Artikel 4 der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche darüber zu wachen, daß der Glaube an Jesus Christus, den Seiland der Welt, den Erlöser von Sünde und Schuld, nicht verfälscht wird. Der Glaube entspringt aus der Predigt; die Predigt gründet sich auf das ewige Gotteswort, die frohe Botschaft von Jesus Chriftus, die uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Martin Luther hat uns gelehrt: daß wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen." Diese Worte aus unseren Bekenntnisschriften sind auch heute gültig und wegweisend. 11... „ Die Predigt und sein Wort nicht verachten." Diese Mahnung wird vielfach nicht ernst genommen. Es finden sich in vielgelesenen Wochenzeitungen und Zeitschriften Auße rungen, die unseren Glauben an den Gott und Vater Jesu Chrifti verächtlich machen, das Alte Testament in den Schmutz ziehen und verhöhnen, den Apostel Paulus, den größten Jünger Jesu, als jüdischen Rabbiner und politischen Revolutionär diffamieren, selbst vor einem Mißbrauch von Worten Jesu nicht zurückschrecken. Wir lassen uns dadurch nicht beirren; aber wir wollen als Gemeinden, Pfarrer und Kirchenleitung gegen solche Angriffe auf unseren Glauben zusammenstehen. Auch wer sich in Deutschland nicht zum chriftlichen Glauben bekennt, sollte Achtung und Ehrfurcht haben vor der Bibel, die uns Martin Luther verdeutscht hat. Wir werden als derzeitige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche nicht müde werden, wann und wo es uns möglich ist, für das Recht auf öffentliche Abwehr solcher Angriffe einzutreten. Und wenn man sich dabei auf Rosenbergs, Mythus" beruft, so wollen wir darauf hinweisen, daß, entsprechend den amtlichen Erklärungen, dieses Buch eine Privatarbeit ist, die in Fragen des Glaubens nicht verbindlich gemacht werden darf. Dazu ein anderes. Zum Lesen und Hören des Gotteswortes gehört Zeit, jeden Tag, besonders aber am Sonntag. Wie steht es aber mit unserem Sonntag? Es gibt über. all in Stadt und Land reiche Gelegenheit, am Gottesdienst teilzunehmen. Wenn wir nur willens find, Gottes Wort zu hören! Das gilt auch für unsere Jungen und Mädel, Männer und Frauen in den Formationen und Verbänden. Es ist vielfach üblich geworden, den Sonntagvormittag zu Aufmärschen, Besichtigungen, Schulungen oder Beratungen zu nehmen, zum mindesten als Aufmarschzeit. ,, Gebt dem Kaiser, was des Raisers ist, und Gott, was Gottes ift", hat unser Seiland gefagt. ,, Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Wir zwingen niemand in unsere Gottesdienste, aber wir wollen uns auch nicht offen oder heimlich zwingen lassen, vom Gottesdienst fernzubleiben. Der Stellvertreter des Führers hat unter dem 13. Oktober 1933 ausdrücklich erklärt: Gewissenszwang darf nicht ausgeübt werden." In der Vereinbarung des Reichserziehungsministers und Reichsjugendführers vom 7. Juni 1934 heißt es:„ Der Sonntag der Jugend gehört grundsäglich dem Elternhaus und der Familie. Veranstaltungen der Schule und der Reichsjugendführung( 53. Bewegung) find daher grundsäglich auf die Werktage zu verlegen." Wir sind willens, uns mit euch dafür einzusegen, daß der Sonntag in Deutschland heilig gehalten wird. Darum müssen wir eine entgegenkommende Urlaubsgewährung zum Gottesdienstbesuch fordern. Das hören des Gotteswortes bedarf schließlich des Lernens", damit lebendiger Glaube wachse und reffe. Hier wenden wir uns zunächst an die Väter, Mütter und Paten, denn sie haben es am Tauftage vor dem Angesicht Gottes gelobt, ihre Kinder im Glauben an Jesus Chriftus zu erziehen. Deshalb werden sie sich mit ganzer Kraft für die Erhaltung solcher Einrichtungen einfegen, die einer evangelischen Erziehung dienen. A-103 Dazu gehören evangelische Kindergärten als Erfanz und Ergänzung der Familien. erziehung. Sier ist nie und nimmer von Entkonfeffionalisierung" zu reden. Denn Entkon fessionalisierung der Famille bedeuter Entchriftlichung des Volkes. Wir wollen auch auf den Religionsunterricht unserer Kinder achten. Es ist un recht, wenn die Religionsstunden zu etwas anderem gebraucht werden als dazu, den Kindern die Bibel nahezubringen. Aber auch die anderen Unterrichtsfächer: Deutsch, Geschichte und Biologie, dürfen nicht niederreißen, was der Religionsunterricht und das chriftliche Elternhaus bauen. Selft euren Kindern in den Jahren des Werdens und Reifens zu innerer Bindung an Gottes Wort und Flarer Glaubensentscheidung. Tiemand laffe evangelische Jungen und Mädel zwingen, deutschgläubige" Lieder und Sprechchöre zu lernen! Das hieße Jesus Chriftus verleugnen. Evangelische Jugendarbeit ist heute so notwendig wie je. Die Kirche ist unserer Jugend die Botschaft von Jesus Christus schuldig. Diese Arbeit ist ihr von der Reichsjugendführung auch ausdrücklich zugestanden. Deshalb fördert die evangelische Jugendarbeit! Auch die Jugend im Landjahr und Arbeitsdienst, in Lager und Schulungs. burg hat Anspruch auf den Dienst unserer Kirche. Wenn ein Jugendlicher lange ohne Tisch. gebet, Gottesdienst und Bibelstunde lebt, dann wird nicht nur chriftliche Sitte zerstört und jugendliches Wachsen und Reifen gehemmt, sondern Gottes Gebot mißfachtet. Deshalb for. dern wir die seelsorgerische Betreuung der Jugend in Landjahr und Arbeitsdienst, Lager und Schulungsburg. Solche Kirchliche Arbeit ist um unserer und unserer Kinder Zukunft, um unserer Kirche und unseres Volkes willen notwendig. Wir fühlen uns an sie gebunden, weil Gott sie uns geboten hat. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.". Darin liegt für uns alle die Verpflichtung:„ Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes." Berlin, den 10. Juli 1936. Der Reichskirchenausschuß ( gez.) D. 3oellner Als Antwort auf dieses" Wort an die Gemeinden"( und einem gleichzeitig im Mitteilungsblatt der Deutschen Evangelischen Kirche erschienenen offiziösen Artikel" Zur gegenwärtigen kirchlichen Lage" hat der Pfarrer Hans Asmussens, der mit Niemöller die entschiedene Richtung der Bekenntni kirche führt, an den Vorsitzenden des Reichskirchenausschusses, D. Zöllner, einen Brief vom 16. Juli 1936 gerichtet, den wir entnehmen: 11 Hinsichtlich des Wortes an die Gemeinden kann ich nur meiner Freude darüber Ausdruck geben, dass endlich diese so wichtige Frage auch von Ihnen angepackt wird. Das Aufbrechen einer neuen Weltanschauung, die unter parteilicher Regie und staatlichem Schutze steht, stellt die Kirche vor entscheidungsvolle Fragen. Sie wissen, dass unser Verhältnis zum Reichskirchenausschuss von Anfang an durch die begründete Furcht bestimmt gewesen ist, es könne der Reichskirchenausschuss nicht willig oder nicht fahig sein, jene Frage energisch anzugreifen, die durch die neue Weltanschauung der A-104Kirche gestellt ist. Des to dankbarer nehme ich es zur Kenntnis- und viele meiner Brüder werden es mit mir tun- dass der Reichskirchenausschuss die Tatsache einer grundsätzlichen Spennung zwischen der neuen Weltanschauung und der christlichen Botschaft anerkennt und sich also in einer Front wissen muss mit all denen, die ihrem Amtsauftrag gemäss an der Klärung dieser Spannung mitarbeiten. Wie aber soll ich es mir erklären, dass der Reichskirchenausschuss nun gerade das vermissen lässt, dass er mit all diesen Kämpfern um der Sache willen in einer Front zu stehen gedenkt? Wäre das der Fall, dann könnte es doch nicht angeten, dass er diejenigen Pfarrer, die um dieser Soennung will en ihr Amt durch die" Deutschen Christen" verloren haben, rechtioser sein lässt, als sie es jemals früher waren. Dann könnte es doch auch nicht sein, dass er alle jene Pfarrer allein sein lässt, die in der jüngsten Zeit um dieser Spannung willen haben Verfolgungen erdulden missen. Sie wissen, Herr Generalsuperintendent, unter welchen nichtigen Anlässen wir einst aus unseren Aemtern entfernt worden sind. Ist doch z. E. mein Konflikt mit dem Präsidenten v. Heintze, dem Vicepräsidenten Kinder und dem geistlichen Vicepräsidente Christiansen gerade auch daran ausgebrochen, dass ich mich Ihnen, Herr Generalsuperintendent, zur Verfügung stellte. Aehnlich liegen die Dinge bei manchen Amts briidern. Und heute sind die, die uns absetzten, entweder noch im Amt, oder mar miiht sich, ihnen hervorragende Stellungen zu übertragen. Die Entrechte ten leben von den Unterstützungen ihrer Brüder. Aber wo bekommen sie ihr Recht? Sie haben nicht einmal die Möglichkeit, dass ihr Fall nachge priift und zu einem rechtlichen Urteil geführt wird... Wenn ich nun aber auch von dem Schicksal jener Entrechteten und Verfolgten absehen wollte, so gibt es doch auch genug sachliche Griinde, die gegen jenen Artikel im Mitteilungsblatt geltend zu machen sind. Ich mache Sie nur auf einiges aufmerksam: 1. Es muss auf das Schärfste zurückgewiesen werden, dass das Mitteilungsblatt den Anschein erweckt, als ob wir in ähnlicher Weise wie die" Thüringer" uns der Irrlehre schuldig gemacht hätten. Dabei wird den Thüringern und dem Reichsbischof noch die Ehre angetan, dass man ihnen in einer gewissen Ausführlichkeit widersteht, so dass der Vorwurf der Irrlehre jedenfalls als begründet erscheint. Uns aber macht man den Vorwurf, dass wir gegen das Bekenntnis der Kirche verstossen hätten, indem man sich mit einigen vagen Andeutungen begnügt. Kann das verantwortet werden?... Warum, so muss ich fragen, erweckt wohl das Mitteilungsblatt den Anschein, als ob es nur die" Radikalen" wären, welche sich im Widerspruch zum Reichskirchenausschuss befinden? Warum wird der Anschein erweckt, als ob die lutherischen Landesbischöfe in weitgehender Uebereinstimmung sich mit dem Reichskirchenausschuss befinden? Sollte es wirklich A-105beim Reichskirchenausschuss in Vergessenheit geraten sein, dass es der bayerische Landeskirchenrat war, der uns Bruderräte ermahnte, sich von den Ausschüssen das Notregiment nicht nehmen zu lassen? Sollte es wirklich beim Reichskirchenausschuss nicht bekannt geworden sein, dass die Brüder aus den intakten Kirchen zusammen mit uns vor noch nicht langer Zeit die nassau- hessischen Brüder ermahnt haben, dem dortigen Kirchenausschuss Widerstand zu leisten? Kann die in Ihrem Mitteilungsblatt gewählte Darstellung verantwortet werden? 3. Und nun gar die Drohung, in welche Ihr Artikel ausmündet! So ernst wir uns fragen lassen, ob wir auch wohl rechte Lehre führen, so lassen wir uns nicht unter dem Druck einer Drohung fragen! Uns ist die Zeit von 1933 und 1934 noch zu deutlich in Erinnerung, als dass wir nicht wüssten: Drohungen mögen wohl einige vorübergehend einschüchtern, aber sie wirken keine geistliche Frucht, und wenden sich gegen den, der sie ausstösst... Die Kirche hat in Barmen die Voraussetzung ausgesprochen, unter der allein der Art. I der Verfassung von 1933 einen bekenntnismässigen Sinn bekommt. Ich bitte Sie, davon überzeugt zu sein, dass es nicht gelingen wird, uns jene alte konsistoriale Kirche. wieder erträglich zu machen. Ich bitte Sie, überzeugt zu sein, dass wir auf dem Wege von Barmen weitergehen werden, ohne nach links oder rechts zu sehen, es sei denn, man überführe uns mit dem Worte Gottes. Die Hoffnung, uns in eine Freikirche abzudrängen, ist eine trügerische Hoffnung..." Anfang August 1936 hat die Berliner Bekennende Gemeinde den folgenden Rundbrief verbreitet: Nur für Glieder der Bekennenden Gemeinde! Am Sonnabend, den 8. August versammeln wir uns zum Abend spaziergang nach Teufelssee um 4 1/2 Uhr am Tunnel. Auch Gäste sind herzlich willkommen. Die Rundbriefe Nr. 53 und 54 sind beschlagnahmt. Pfarrer Pecina und Vikar Brandenburg aus Seelow sind seit 12 Wochen im Gefängnis, weil sie die Ausweisung aus Seelow, fir die nach ihrer Meinung kein Grund vorlag, nicht angenommen haben. Sie werden jederzeit entlassen, wenn sie die Ausweisung annehmen. Da sie sich an ihre Gemeinde gebunden wissen, und die Gemeinde hinter ihnen steht, verweigern sie jede Anerkennung der Ausweisung. Frau Pfarrer Pecina hat in dieser Zeit ein kleines Mädchen bekommen. Ihr Mann wäre beurlaubt worden, wenn Frau Pastor Pecina nicht in Seelow niederkommen würde. Sie hat dies abgelehnt. Aus ihren Gemeinden sind ferner ausgewiesen: Pf. HechlerHeppenheim am 28. April auf Ersuchen des hessischen Landeskirchenausschusses aus dem Lande Hessen. Pfarrer Homberg, Wiesbaden- Dotzheim am 28. 4. aus dem Reg.Bez. Wiesbaden und A-106dem Lande Hessen. Pfarrer Herrfurth am 25. 4. aus seiner Filialgemeinde Heegheim, Pfarrer Wolter, Auerstädt( Prov. Sachsen) am 1. 4. aus dem Kreise Eckartsberga, Pfarrer Mebus. Bielefeld am 27. 6. aus Westfalen und dem Rheinland, Hilfs prediger Stein, Bielefeld-Sieker am 27. 6. aus Westfalen und Rheinland, Pfarrer Rinneberg, Erfurt am 18. 7. aus dem Reg.Bez. Erfurt und Thüringen. Wir wollen diese Pfarrer und die bedrängten Gemeinden in unser Gebet einschliessen. Das Mitglied des Provinzialkirchenausschusses, Superintendent Riehl- Crossen wollte Pfarrer Pecina und Vikar Brandenburg im Gefängnis besuchen. Der Besuch wurde ihm verweigert, da die beiden Brüder der Seelsorger nicht bediirfen, weil sie freiwillig im Gefängnis seien. Die Bekennende Kirche Berlins veranstaltet anlässlich der Olympischen Spiele eine Vortragsreihe in der Apostel Pauluskirche in Schöneberg, Grunewaldstr.( Strassenbahnlinie 7,59) unter dem Thema:" Der Weg der deutschen evangelischen Kirche in der Gegenwart", Montag, 3. 7. Präses Koch, Präses Jacobi:" Die Kirche Jesu Christi in Deutschland", Mittwoch, 5. 8. Lic. Bonhoffer:" Das innere Leben der evangelischen Kirche in Deutschland", Freitag, 7.8. Professor Iwand:" Die Kirche des Wortes", Montag, 10.8. Pfarrer Asmussen:" Die Kirche der Rechtfertigung aus dem Glauben", Mittwoch, 12.8. Generalsuperintendent D. Dibelius:" Die innere Erneuerung der Kirche und Professor Geismar, Kopenhagen: Grusswort., Freitag, 14. 8. Pfarrer Niemöller- Dahlem:" Der alleinige Herr der Kirche Jesus Christus", Professor Benzten- Kopenhagen: Grusswort, Voraussichtlich werden auch an den übrigen Abenden hervorragende Glieder ausländischer Kirchen ein Grusswort über' bringen. Die Glieder der Bekennenden Gemeinde sind herzlich eingeladen. Bitte keine Telefongespräche oder briefliche Aeusserungen über diese Veranstaltungen machen. In evangelischer Glaubens verbundenheit Delius, Pfarrer. Aus einer Predigt, die am 11. Oktober über Römer 13, 1-7 in einer bekennenden reformierten Kirche des Westens gehalten wurde: "..Wenn wir deshalb als Christen durch den Mund des Apostels, d.b. des Bevollmächtigten Jesu Christi heute seine Stimme richtig hören wollen, so haben wir uns heute auf deutsch klar zu sagen: Ein jeder unter uns ohne Ausnahme, cei interten dem netionalsozialistischen Führerstaat als der Obrigkeit, die über uns tatsächlich Gewalt hat. Denn es gibt keine Obrigkeit über Menschen, die nicht von Gott und nach seinem unwidersprechlichen Willen über sterbliche Menschen Gewalt hat: also auch der Staat, in dem wir leben, hat seine Gewalt über uns von Gott empfangen. Und damit wir nicht denken, dem Apostel sei bei diesen Worten die Feder ausgerutscht oder übergeflossen, sagt er ausdrücklich zum zweiten Mal:" Wo Obrigkeit ist, da ist sie von Gott verordnet." Also ist uns die nationalsozialistische Obrigkeit von Gott verordnet, damit wir ihr untert an sein sollen. Ob wir das nun freudig und begeistert hören, oder aber mit geheimem Seufzen- es bleibt dabei:" Wer sich wider die Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung und ist kein Christ. Wer aber widerstrebt, und wäre es noch so geheim wie nur irgendwie möglich, der wird über sich ein Urteil empfangen." Damit ist aber für Christen nicht nur das Urteil eines Volks- oder Sondergerichts gemeint, sondern das Urteil Christi am Jüngsten Tage. Denn durch Christus, den König der Wahrheit, wird Gott alle Menschen am jüngsten Tag richten, und wir werden als Deutsche unserer Tage am Jüngsten Tag nicht zuletzt gefragt werden, wie unsere Stellung auch in den geheimsten Gedanken gegenüber der uns von Gott verordneten nationalsozialistischen Obrigkeit gewesen ist. Freilich, wenn wir uns das im Namen des lebendigen Gottes und seines Herrn und Heilandes Jesu Christus uns allen sagen, so muss sofort hinzugefügt werden, dass es sich darum handelt, die Obrigkeit recht zu verstehen und ihr nach Gottes Wort die rechte Aufgabe zuzuweisen und zu bekennen: die Obrigkeit ist eine weltliche Ordnung Gottes, und die hat die ihr anvertrauten Untertanen auf weltliche Weise zu regieren. ... Die Obrigkeit hat nicht Gedanken zu verfolgen, sondern Worte und Taten, die an die Oeffentlichkeit kommen. Und da jede Obrigkeit Gewalt über die Untentanen nie aus eigener Kraft erlangt hat, sondern nur weil Gott es so gewollt und gefügt hat, muss die Obrigkeit als Dienerin Gottes selber die zehn Gebote Gottes in Ehren halten, sonst widerstrebt sie Gott und wird von Gott eines Tages entsetzt werden, was immer ein furchtbares Gericht für die Völker bedeutet. Vergleichen wir das Spanien von heute! Und doch, gleichviel, ob die Obrigkeit die zehn Gebote Gottes, so wie sie Gott durch Moses am Berg Sinai der Menschheit gegeben hat, und Jesus in seiner Thronrede, der Bergpredigt, bekräftigt hat, gleichviel ob eine Obrigkeit die zehn Gebote Gottes in Ehren hält und ausübt, sie bleibt Gottes Dienerin und ist nur den schlechten Werken zu fürchten... Paulus hat sein menschliches Recht nach Recht und Gerechtigkeit verteidigt und hat auch trotz aller Ränke seiner jüdischen Gegner sein Recht erlangt, bis auf den letzten Prozess, von dem die beiden Briefe an Timotheus sprechen. In diesem letzten Prozess rechnete er nicht mehr mit Freisprechung, sondern mit dem Tode, weil mittlerweise nach der A-108grossen ersten Christenverfolgung in Rom das Christentum selber ein Staatsverbrechen war. Dennoch hatte er ein gutes Gewissen, und dies stärkte ihn, den Kelch zu trinken, nämlich ungerechterweise als Verbrecher behandelt zu werden... So hält ein Christ die irdische Ordnung der weltlichen Obrigkeit und des weltlichen Staates hoch, auch wenn die Obrigkeit ungläubig ist und von Jesus nichts hören und wissen will. Obrigkeit bleibt Obrigkeit, auch wenn sie Unrecht tut, so wie Vater Vater bleibt und Mutter Mutter, auch wenn sie ihren Kindern Unrecht tun. Gott will, dass man die Obrigkeit ehre wie Vater und Mutter. Und wie es die Kinder schuldig sind, ihren Eltern zu gehorchen und ihnen auch äussere Unterstitzung zu geben, wenn das nötig ist, so missen auch die Untertanen der Obrigkeit das geben, was sie für ihre Zwecke nötig hat. Unser Volk ist ein armes Volk, und unsere Obrigkeit muss gewaltige Opfer an Kraft, Zeit und Geld von unserem Volke verlangen. Bringen wir dieses Opfer! Denn Gott verlangt es:" Deshalb müsst ihr auch Schoss zahlen( Steuer zahlen); denn sie sind Gottes Diener, die solchen Schutz des Volkes handhaben( v.6)". Und auch das wird zweimal gesagt. Nicht nur den Schoss, die Kopfsteuer von damals, soll man richtig zahlen, sondern alle Steuern, nicht die direkten, sondern auch die indirekten, die Zölle und Gebühren, und wie alle die Geldforderungen heissen, die dem Volke um staatlicher Zwecke willen auferlegt werden. Auch die freiwilligen Opfer sind darin einbegriffen, wie heute die des Winterhilfswerkes. Werden solche freiwilligen Opfer von der Obrigkeit gefordert, so müssen wir sie bringen, und zwar nach gewissenhafter Einschätzung unserer Leistungsfähigkeit. Wenn wir dies auf unserer Kanzel aussprechen, so wissen wir uns frei von irgend einer Menschengefälligkeit oder falscher Liebedienerei. Wir sind an die Worte des Apostels als an seine Weisungen unseres himmlischen Königs Christus gebunden. Wenn wir die Obrigkeit in dieser Predigt ehren, so geschieht es, weil da steht:" Furcht dem, dem die Furcht gebührt, und Ehre dem, dem Ehre gebührt!" Wir ehren die Cbrigkeit, weil fhre Gewalt ihr von Gott gegeben ist, also von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus, welcher ist das Haupt aller Fürstentümer und Obrigkeiten( Kolosser 2,10; Epheser 1,21). Indem wir die Obrigkeit in allen irdischen Dingen ehren, ehren wir Christus als ihre oberste Gerechtigkeit. Wenn sie aber etwas von uns fordert, was gegen Christus und sein Wort ist, so wollen wir leiden als Christen und uns dessen nicht schämen. Aber wir wollen Gott bitten, dass er aller Obrigkeit, von der obersten bis zur untersten, das Herz auftue für das Königreich der Wahrheit, für die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, für den Glauben an Jesus als das Heil aller Völker, auch des unsrigen! Amen" Aus dem" 56. Brief zur Lage" der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland vom 31. Oktober 1936: A-109Das Evangelische Pfarramt Berlin- Friedrichshagen erhielt folgenden Brief: " Die Aushänge der Stuttgarter Plakatmission waren im Jahre 1935 auf mehreren Bahnhöfen unseres Bezirks zugelassen. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die Aushangsgenehmigung in der Qeffentlichkeit als Stellungnahme der Reichsbahn zu kirchlichen Fragen angesehen wurde, so dass wir uns genötigt sahen, die Zulassung allgemein zu widerrufen. Wir sind daher zu unserem Bedauern nicht in der Lage, Ihrem Antrag zu entsprechen. Das übersandte Plakat geben wir anbei zurück." Stempel: Deutsche Reichsbahn Reichsbahndirektten Berlin gez. Unterschrift Die Stuttgarter Plakatmission bringt christliche Worte deutscher Männer an die Oeffentlichkeit als Zeugnis christlichen Glaubens." "... Erschütternd und aufrüttelnd sind... folgende Erhebungen: In Brandenbg/ Berlin sind von 1674 Pfarrstellen unbesetzt: 422= 24,6%, in Ostpreussen sind von 551 Pfarrstellen unbesetzt 136= 25,1%, in Sachsen sind von 1653 Pfarrstellen unbesetzt 574 28,8% in Pommern sind von 686 Pfarrstellen unbesetzt 22= 29,1% Fassen wir alles zusammen, so sind in der Evangel.Kirche der altpreussischen Union vorhanden 7.275 Gemeindepfarrstellen, von denen am 31. Dezember 1935 unbesetzt waren 1.704 23,4%." " " Gemäss einem Erlass des Reichsstatthalters wird in HessenNassau ab 1. Oktober 1936" die Zahl der wöchentlichen Religionsstunden an sämtlichen hessischen Volksschulen um eine Wochenstunde gekürzt. Die seitherige 4. Religions stunde ist als Deutschland- Stunde in den Stundenplan wieder aufzunehmen." Den Ersatz der Morgenandachten durch gelegentlich nationalsozialistische Morgenfeiern ordnet der sächsische Volksbildungsminister durch Verordnung vom 17. 8. 1936 an:" Im Einvernehmen mit dem Reichs- und Preussischen Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und dem Herrn Reichsun Preuss. Minister für die kirchlichen Angelegenheiten wird angeordnet, dass an Stelle der Morgenandachten gelegentlich nationalsozialistische Morgenfeiern zu veranstalten sind, an denen alle Lehrer und Schüler, die zur Zeit der Feier Unterricht hätten, teilzunehmen haben..e" Aus einem vertraulichen Rundschreiben der Bekenntniskirche vom November 1936: A- 110Die Kirche wird zur Sekte. Ohne dass es eigentlich richtig bemerkt worden wäre, hat die Kirche doch im Laufe des Kirchenkampfes enorm an Boden verloren. Sie ist in eine Position gedrängt worden, die der einer Sekte sehr nahe kommt. Ein Vergleich mit der berühmten Sportpalastkundgebung von 1933 zeigt das ganz deutlich. Damals erschien sofort nach der" En tgleisung" des Dr. Krause eine Erklärung des Reichsbischofs in der Presse, die besagte, dass die Grundlage der Kirche selbstverständlich Art. 1 der Kirchenverfassung sei, also die absolute Geltung von Bibel und Bekenntnis. Vor einiger Zeit fand eine ähnliche Kundgebung statt, die Amtswalter tagung der Deutschen Christen Gross- Berlins im Kriegervereinshaus am 28. 9., auf der z.B. Dr. Steiger noch viel mehr Gotteslästerung trieb als Dr. Krause damals. Wer kann heute noch dagegen protestieren? Wo wird noch darauf geachtet, dass Art. 1 der geltenden Kirchenverfassung in Kraft bleibt? Wo wird heute überhaupt noch von diesen Dingen. gesprochen? Und andererseits welche Tageszeitung würde heute noch eine derartige Erklärung des Reichsbischofs drucken oder drucken dürfen? Soweit sind wir heute schon im Kampf um das Bekenntnis zurückgefallen. Ein anderer Vergleich: 1933 hatten die einzelnen Gemeinden noch ihre volle Selbstverwaltung. Heute ist es schon dahin gekommen, dass einzelnen Gemeinden( z. B. in Dahlem) von der Finanzabteilung vollständig fertige und mit allen Zahlen ausgefüllte Kirchensteuerbeschlüsse zugeschickt werden, bei denen lediglich noch die Unterschriften fehlen. Welcher Unterschied besteht da eigentlich noch zwischen der Kirchensteuer und der staatlichen Kultursteuer? Soweit sind wir heute schon im Kampf um die Selbständigkeit der Gemeinden zurückgekommen. Allein die Bekenntniskirche erhebt überhaupt noch den Anspruch auf Freiheit und Selbständigkeit der Kirche, nur sie kämpft noch für eine aus dem Bekenntnis gewachsene Ordnung der Kirche, nur sie redet noch von Irrlehre und scheidet zwischen Kirche und Unkirche. Doch auch sie hat an Raum verloren im deutschen Volke, nicht durch eigene Schuld, sondern durch all die Anderen, die gewollt oder ungewollt dem Mythos Vorspanndienste geleistet haben und freiwillig eine Position nach der anderen in der Oeffentlichkeit aufgegeben haben. Die ganzen Behörden der Deutschen Evangelischen Kirche sind heute durch die staatlichen Kirchenausschüsse zu Reichsbehörden geworden, wo staatlicher Wille und Parteiwille in kirchlicher Form regieren. So sind auch oft die Massnahmen der Ausschüsse nicht mehr von Staatsmassnahmen zu unterscheiden. Wo aber der Staat regiert, dort wird bestimmt keine Rücksicht mehr auf den Totalitätsanspruch des Evangeliums genommen.-Die Bekenntniskirche hat sich gegen dieses Aufgeben kirchlichen" Besitzes" in der Oeffentlichkeit gewehrt. Sie hat Vorposten gehalten, die von der sogenannten Kirche längst preisgegeben waren. Jetzt wird die Bekenntniskirche mit Gewalt von diesem Posten vertrieben. Der taat nennt das Entkonfes A-11] sionalisierung des öffentlichen Lebens." In Wirklichkeit soll in der Oeffentlichkeit nur noch der Totalitätsanspruch des Nationalsozialistischen Mythos gehört werden, ohne dass daneben der Totalitätsanspruch Christi laut wird. Deshalb die vielen staatlichen Massnahmen gegen die Bekenntniskirche. 1. Die Wagenmission wurde als konfessionell verboten. 2. Die Plakatmission, die die" Goldnen Worte" herausgab, wird in der Oeffentlichkeit ihren Dienst nicht mehr tun könnon. 3. Die in Bethel erscheinende Tageszeitung" Aufwärts" hat mit dem 30.4. ihr Erscheinen einstellen miissen. 4. Die vor einiger Zeit verbotene Wochenschrift" Der Reichsbote" wird nicht wieder erscheinen. 5. Das biblische Wochenblatt" Unter dem Wort", das auf Veranlassung des Kirchenministeriums zunächst für ein halbes Jahr verboten war, ist durch das Propaganda- Ministerium fir dauernd verboten worden. Das Blatt hatte eine Auflage von 25.000. 6. Am 20. 10. wurde auf der Geschäftsstelle des rheinischen Rüstdienstes die gesamte Schriftenreihe" Kirche im Kampf um das Evangelium" beschlagnahmt. Es handelt sich um eine Anzhl von 800 Stück des volksmissionarischen 10- Pfg.- Heftes. 7. Aus der Reichspressekammer ausgeschlossen oder mit Ausschluss bedroht wurden: Pfarrer Middendorf( Hannoversches reformiertes Wochenblatt) Pfarrer Immer u. Lic. Klugkist- Hesse( Unter dem Wort) Sup. Staemmler( Mut und Kraft) Dr. Linz und Dr. Harnisch( Kirche im Kampf um das Evangelium) Sup. Fleischmann, Missionsdirektor Dr. Kaak. Angesichts dieser rigorosen Massnahme wird man damit rechnen müssen, dass in absehbarer Zeit kein kirchliches Blatt mehr existieren wird, das von einem Gliede der Bekenntniskirche herausgegeben wird. 8. Die Aktion gegen die Predigerseminare der Bekenntniskirche ist bekannt.. 9. Die Schliessung der theologischen Schulen( kirchliche Hochschulen) ist geplant. Dazu gehört auch die grosse theologische Schule in Bether, deren Schliessung der Kultusminister vorhaben soll. Weiter hat der Kultusminister den theologischen Fakultäten mitgeteilt, dass er die Staatspolizei ersucht habe, die kirchliche Unterweisung der Theologie- Studenten durch das Lehramt in Berlin nunmehr endgültig zu unterDinden. Der erste Schritt in dieser Richtung ist bereits getan. Die Freizeit von Berlin- Brandenburger Theologie- Studenten, die vom 25. 10. ab in Sachsenhausen bei Berlin stattfinden sollte, ist auf Veranlassung des Reichsinnen- und des Reichskultusministers polizeilich verboten worden. lo. Alles, was irgendwie kirchlich vorbelastet ist, wird aus dem öffentlichen Leben hinter die Kirchenmauern zuriickgedrängt. Theologie- Studenten dürfen nicht mehr Jungvolk Führer sein: Abschrift: A-112NSDAP Deutsches Jungvalk Stamm II/ 2/ 20 Eichwalde, 4.10. 36. An den Jungenschaftsführer.... Auf Dein Schreiben, betreffend Beurlaubung von Jungvolkdienst bis zum Examen, muss ich Dir leider mitteilen, dass durch Verfügung der R.F.J. Theologie- Studenten nicht mehr Jungvolkführer sein sollen. Diese Verfügung habe ich selbst nicht gelesen, da der Jungbannführer mir dies nur auf die Weitergabe Deines Schreibens dazu mitteilte. Is erscheint mir daher ratsam, dass ich Dich wieder an die SA zuriicküberweise, soweit Du keine anderen Wünsche hast. Dies wiirde dann mit Wirkung vom 10. 10. 36 geschehen. Deine Papiere kannst Du Dir am 9. 10. bei mir abholen. Heil Hitler Der Führer des Stammes II/ 2/ 20 11. Der Reichs- und Preussische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, ordnet an, dass Geistliche, die zur Erteilung des Religionsunterrichts an den Schulen zugelassen sind, sich auch ausserhalb des Religionsunterrichts jeder Betätigung in konfessionellen Organisationen( Leitung konfess. Jugendverbände) und jeder Werbung für dieselben zu enthalten haben. 12. Einem württembergischen Pfarrer wurde das Recht zum Religionsunterricht entzogen... Der wiirttembergische Kultusminister hat... in einer Verfügung vom 8. 10. an die Ministerialabteilung für die Volksschule bestimmt: " Stadtpfarrer Mörcke in Kirchheim- Teck hat im Schlussgebet seiner Predigt am 22. 3. unter anderem folgendes ausgeführt: " Ich bitte Gott, dass er dem Führer die Zucht seines Geistes nicht entziehen, sondern angedeihen lassen möchte, damit er sich in Demut vor ihm beuge." Ich entziehe dem Stadtpfarrer Mörcke wegen dieser unerhörten Entgleisung das Recht zur Erteilung des Religionsunterrichtes an allen Schulen des Landes. Hiernach ist das Weitere zu veranlassen. Der evangelische Oberkirchenrat ist verständigt. 13. Für die thüringischen Volksschulen ist ein Religionsrahmen- Lehrplan herausgegeben worden. In welcher Form hier der Religionsunterricht gegeben werden soll, zeigen einige Sätze eines Begleitschreibens des Schulrates des Kreisamtes Hildburghausen zu diesem Lehrplan:. " Durch den Rahmenlehrplan verschwindet das alte Testament aus unserem Unterricht. Ich ersuche deshalb alle Schulleiter nunmehr endlich auch alle Anschauungsbilder über die Judengeschichte aus dem Alten Testament aus den Schulen zu entfernen unter sinngemässer Handhabung von Rundschreiben Nr. 99, Ziffer 9, Abs. 2. Es ist durchaus wünschenswert, wenn" der Stiirmer" im Religionsunterricht weitgehendste A-113Verwendung findet. Wir können an Hand dieser Zeitung unseren Kindern am sindringlichsten darlegen, dass das Judenvolk sich in 2.000 Jahren in keiner Weise geändert hat." 14. Entweder NS- Lehrerbund oder konfessioneller Lehrerverein. Erlass des Reichsamtleiters des NSLB vom 29. 9. 1936: " Das Hauptamt für Erzieher in der Reichsleitung der NSDAP ist zum alleinigen Träger der politischen und weltanschaulichen Schulung der deutschen Erzieher berufen. Der NSLB hat die gesamte deutsche Erzieherschaft einheitlich auszurichten. Eine Aufspaltung und Abspaltung der Angehörigen des NSLB nach Konfessionen würde eine untragbare weltanschauliche Zersplitterung hervorrufen, und die Ursache zum Zwiespalt unter den deutschen Erziehern bilden, was mit den Aufgaben und Zielen des NSLB unvereinbar ist. Es besteht daher Anlass, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Mitglieder des NSLB nicht gleichzeitig Mitglieder von konfessionellen Vereinen sein können. Angehörige des NSLB haben zwischen ihm und konfessionellen Lehrer- bzw. Lehrerinnenverein zu wählen. Vollzugsmeldung ist bis zum 1. 11. 36. zu erstatten an die Leitung des Amtes für Erzieher der zuständigen Kreisleitung, die die Sammelmeldung über ihre zuständige Gauamtsleitung an die Hauptamtsleitung Bayreuth weiterleitet. Die Leiter des Amtes für Erzieher in den Kreis- und Gauleitungen sind mir für die Durchführung dieser Anordnungen persönlich verantwortlich." 15. Der Staat bestimmt, welche geistlichen Lieder in den Volksschulen noch gesungen werden dürfen. Das wiirttembergische Kultusministerium hat für die württembergischen Volksschulen angeordnet, dass im lehrplanmässigen Musikunterricht diejenigen geistlichen Lieder eingeübt und gesungen werden sollen, die von beiden Kirchen als gemeinsames religiöses Gut anerkannt worden sind... Andare Kirchenlieder und Choräle, die nach Auffassung der Oberkirchenbehörden einen besonderen Bestandteil des bekenntnismässigen Unterrichts darstellten, könnten im Musikunterricht der deutschen Volksschule nicht eingeübt werden. Das könnte grundsätzlich nur im Religionsunterricht geschehen und sei Sache des Religionslehrers... Wer verfügt in Wirttemberg über die Kirchengebäude, der Staat oder die Kirche? Diese Frage ist jetzt brennend geworden, nachdem am 15. 1o. das württembergische Staatsministerium dem Gesuch der Volkskirchen bewegung" Deutsche Christen"( Nationalkirchliche Bewegung des vom württembergischen Landesbischof beurlaubten Stadtpfarrers Schneider) stattgegeben und derselben die Stuttgarter evangelische Schlosskirche eingeräumt hat. Ferner hat dasselbe den Vertrag über die evangelische Garnisonkirche in Stuttgart mit einjähriger Frist zugunsten der Schneiderschen Bewegung gelöst. Eine parochiale Kirchen A-114gemeinde, deren Gottesdienste auch von Gemeinschaftsleuten stark besucht wurden, fast durchweg aus Angestellten und Arbeitern gesammelt, verliert damit ihr Gotteshaus an eine ausserkirchliche Bewegung.. 17. Der Staat hat sich in Fechingen( Saar) zu Gunsten des vom Konsistorium ernannten Pfarrers gegen den Bekenntnispfarrer eingesetzt. a) An einen bekenntnistreuen Lehrer in Fechingen ist von seiner Schulverwaltung die Aufforderung ergangen, seine Tochter, eine besonders treue Konfirmandin des Bekenntni spfarrers Eissen, zu dem vom Konsistorium eingesetzten Pfarrer Frank in den Unterricht zu schicken, anderenfalls er die Folgen tragen miisse. b) Pfarrer Frank liess sich, begleitet vom politischen Ortsgruppenleiter, bei der Knappschaft die Seelsorge in dem Hallberger Krankenhaus in Neu- Fechingen übertragen. c) Der Reichskommissar für das Saarland, Abtl. für Kultusund Schulwesen, greift durch nachstehend abschriftlich mitgeteiltes Schreiben unzweideutig in den Kirchenkampf ein, indem er die Einsetzung von Pfarrer Frank als gesetzmässig erklärt: " Der Reichskommissar für das Saarland, Abtl.III. Kultus- u. Schulwesen III/ G I. Herra Anton Eissen, Fechingen. Saarbr. 3.10.36. Auf Ihr Schreiben vom 23.9.36. Nach amtlicher Mitteilung des ev. Konsistoriums der Rheinprovinz vom 1.9.36. ist zum Pfarrer von Fechingen der bisherige Hilfsgeistliche, Frank in Lebach ernannt worden. Diese Ernennung ist auf Grund der bestehenden Rechtsverhältnisse gesetzmässig. Sie sind daher weder berechtigt, sich unter Verwendung des Kopfbogens der" EV. Kirchengemeinde FechingenSaar pp." als Pfarrer zu bezeichnen, noch irgend eine öffentliche kirchliche Amtshandlung, sei es durch Predigt, sei es durch Erteilung von Konfirmandenunterricht oder sonstwie, auszuüben. Ich mache Sie hierauf, obwohl diese Sachlage Ihnen bereits bekannt ist, ausdrücklich aufmerksam unter Hinweis auf§ 132 des Str.Gesetzbuches. Sollten Sie sich trotzdem unbefugt weiter mit der Ausübung des Pfarramtes befassen, so werde ich die Angelegenheit unverzüglich der Staatsanwaltschaft übergeben, evtl. auch weitere Massnahmen gegen Sie wegen Erregung von Unruhe in der Bevölkerung auf Grund der entsprechenden Gesetze anordnen. Unterschrift: I.V. gez.: Jung" 18. Vorbereitungen zur Unterbindung konfess. Jugendlager: " Gebietsbefehl 20/35. 2/20 Teilnahme an konfess. Veranstaltungen. A-115Münster, den 30.8. 36. Aus Berichten der Staatspolizeistellen erfahren wir, dass an Lägern und geschlossenen Veranstaltungen der konfess. Jugendvereine zum grössten Teil bis zu 60% Mitglieder der H.J. beteiligt gewesen sind. Die Staatspolizeistellen bitten. uns dringend, unseren Mitgliedern die Teilnahme an solchen Lägern und Veranstaltungen zu verbieten. Ich bitte die Bannführer darum, dass eine entsprechende Anweisung bis zur letzten Einheit durchgegeben wird und möchte festlegen, dass eine Teilnahme, beispielsweise an irgendwelchen charitativen Veranstaltungen, die nicht verboten werden können, nur erfolgen kann, wenn eine Genehmigung des Bannführers oder des Jugendbannführers vorliegt. 1s muss unter allen Umständen vermieden werden, dass in Zukunft noch einmal sich die Staatspolizei ausser Stande sieht, ein verbotswidriges Lager aufzulösen, weil Mitglieder der Hitlerjugend daran beteiligt sind. Bekanntlich ist es durch die Staatspolizeistelle nicht möglich, gegen Mitglieder der etwas zu unternehmen. Unterschrift: Der Leiter des Stabes gez.Karl Müller, Oberbannführer." Schliesslich bringen wir im Wortlaut den Rücktrittsbrief des Reichskirchenausschusses an den Reichskirchenminister Kerrl. Das Entscheidende ist darin der Punkt 6. Es handelt sich dabei um nichts geringeres, als dass Kerrl den Mitgliedern des Reichskirchenausschusses auseinandersetzte, dass er auf dem Verordnungswege den Artikel 1 der Verfassung ausser Kraft setzen wollte. Dieser Artikel aber ist für Bekenntnisfront und Kompromisswillige das einzige, was ihnen diese Verfassung tragbar machte, nämlich das Bekenntnis, dass die unantastbare Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche das Evangelium von Jesus Christus ist, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt wird und in den Bekenntnissen der Reformation erneuert worden ist. Und warum wollte man diesen Artikel der Kirchenverfassung ausser Kraft setzen? Feil bei den Thüringer Deutschen Christen die Teufe ohne Wennung des Namens Gottes vollzogen wird und in Bereich der bayrischen Landeskirche und des Lutherischen Rates eine solche Taufe nicht als christliche anerkannt wird. Auch baben die Thüringer Brot und Wein als * Sinnbild der deutschen Erde gerefekt. A-116Anlage zu R K A 1361 Der Reichskirchenausschuss R.K.A. 1966 Berlin- Charlottenburg, 12. Febr.37. Marchstr. 2. Der Reichskirchenausschuss teilt Ihnen, Herr Minister, zur Begründung seines mit Schreiben vom heutigen Tage vollzogenen Rücktritts folgendes mit: 1. Bei den Verhandlungen, die im Herbst 1935 anlässlich der Einsetzung des Reichskirchenausschusses geführt worden sind, und bei den mannigfachen Besprechungen, die Sie uns in den ersten Monaten unserer Tätigkeit gewährt haben, war über eine Reihe von Punkten zwischen Ihnen und uns ein Einvernehmen hergestellt. So haben Sie, Herr Reichsminister, dem zugestimmt, dass in allen Landeskirchen, in denen im Lai fe des Kirchenkampfes zwei verschiedene Kirchenregimente mit beachtlicher Gefolgschaft in der Pfarrerschaft und in den Gemeinden sich gebildet hatten, so dass die betreffenden Landeskirchen hinsichtlich ihrer Leitung völlig aufgespalten waren, Kirchenausschüsse eingesetzt werden sollten. Dabei war im Grundsatz festgelegt worden, dass nicht nach dem Gesichtspunkt einer formalen Legalität des bisherigen Kirchenregiments verfahren werden könne. Diesem Grundsatz entsprechend ist z.B. auch in dem Fall der ev. lutherischen Landeskirche Sachsens verfahren worden. Zu unserem Bedauern sind seit März 1936, also seit einem Jahre, trotz unserer ununterbrochenen Vorstellungen und unserer sorgfältig ausgearbeiteten Vorschläge keine Kirchenausschüsse mehr gebildet worden, obwohl in den Gebieten wie Mecklenburg, Thüringen, Lübeck, Bremen und z.T. auch in Oldenburg besonders grosse kirchliche Notstände herrschen. Wir haben unsere Arbeit im Oktober 1935 nur aufnehmen können in der Gewissheit, dass auch in den genannten Kirchengebieten Kirchenregimente geschaffen würden, die gemäss dem von Ihnen, Herr Reichsminister, ständig in den einschlägigen Verordnungen genannten Grundsatz" verpflichtet sind, mit dem Reichskirchenausschuss zusammenzuarbeiten auf der Grundlage der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche". Dass diese Zusammenarbeit mit den Landeskirchen im Laufe des letzten Jahres immer enger geworden ist, und dass es uns möglich war, sämtliche deutschen evangelischen Landeskirchen mit Ausnahme der 5 genannten und Anhalt in der Kirchenführerkonferenz zu vereinigen, dürfen wir wohl als einen Erfolg unserer Tätigkeit buchen. Dadurch aber, dass einzelne Kirchenleitungen in offene Opposition gegen den Reichskirchenausschuss treten konnten, ohne dass Sie, Herr Reichsminister, daraufhin die sofortige Einsetzung eines Landeskirchenausschusses verfügten, wurde nicht Aur die Durchführung unseres Befriedungswerkes gehindert, sondern auch die uns von Ihnen übertragene und von uns auch in der Kirchenöffentlichkeit bekanntgegebene Verpflichtung, bis zum September 1937 eine A-117einheitliche Wahlordnung zur Neubildung der kirchlichen Körperschaften zu schaffen, und in der ganzen Deutschen Evangelischen Kirche in die Wirklichkeit umzusetzen, undurchführbar gemacht. 2. In der Verhandlung, die wir mit Ihnen, Herr Reichsminister, Ende Januar 1936 geführt haben, haben Sie uns die Freiheit zugestanden, die Leitung der deutschen Evangelischen Kirche entsprechend der Verfassung auch in den innerkirchlichen Dingen durch Erklärungen und Kundgebungen theologischer Art auszuüben. Diese uns damals zugesagte Freiheit besteht heute nicht mehr. Auf Veranlassung Ihres Ministeriums ist der Druck und die Verbreitung unseres Mitteilungsblattes wiederholt behindert worden, ja es ist sogar zur Beschlagnahme des Gesetzblattes der Deutschen Evangelischen Kirche gekommen. Die kirchliche Presse hat mehrfach Anweisung erhalten, den Inhalt unserer amtlichen Nachrichten nicht nachzudrucken oder zu kommentieren. Der Nachdruck aus dem Gesetzblatt der Deutschen Evangelischen Kirche ist nicht mehr bzw. nur noch soweit gestattet, als das Deutsche Nachrichtenbüro die Berichte ausgibt. Am schmerzlichsten hat uns berührt das Verbot, dass unser Wort zum 30. Januar, das ein Treuebekenntnis zum Werk des Führers und eine feierliche Bereiterklärung zur Mitarbeit im Kampf gegen den Bolschewismus darstellt, nicht einmal in der kirchlichen Presse veröffentlicht werden durfte. 3. Zu Anfang unserer Tätigkeit haben Sie, Herr Reichsminister, uns versichert, dass Sie bemüht sein werden, die Mitglieder des Reichskirchenausschusses von den Beschränkungen der kirchlichen Versammlungsfreiheit und Redefreiheit auszunehmen. Wir haben von dieser Zusage keinen Gebrauch gemacht und haben mit vollem Bewusstsein die Beschränkung auf uns genommen, die für die Amtsträger der Kirche verfügt waren. Wir konnten dies tun, weil Sie, Herr Reichsminister, uns immer von neuem versicherten, dass Sie in innerkirchliche Dinge, insbesondere in die Freiheit der Wortverkündigung nicht eingreifen würden. Auf Weisung Ihres Ministeriums ist nun aber dem Vorsitzenden des Reichskirchenausschusses das Verbot erteilt, das Gebiet der Stadt Lübeck zu betreten. Dadurch wurde ein Mitglied des Reichskirchenausschusses, das jenseits alles kirchlichen Handels lediglich in Ausübung seines geistlichen Amtes zur Tröstung und Beruhigung der angefochtenen Gemeinden eine Predigt halten wollte, an diesem Gottesdienst gehindert. Es wurde demnach in dem vorliegenden Falle dem Vorsitzenden des Reichskirchenausschusses als der von Ihnen, Herr Reichsminister, eingesetzten Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche nicht mehr erlaubt, das in wiederholten feierlichen Zusagen der Kirche zugesprochene Recht der freien und ungehinderten Verkündigung des Wortes Gottes auf der Grundlage des Artikels 1 der Verfassung auszuüben. Wir sehen in diesem Zusammenhang bewusst von der Art, wie die staatlichen Massnahmen gegen unseren Vorsitzenden zur Anwendung A-118gebracht wurden, ab. Das uns besonders Bewegende an diesem Vorfall ist aber, dass die Behinderung nicht auf Weisung der zur Wahrung der äusseren Ordnung berufenen Stellen des Staates ausging, sondern wie es in dem einschlägigen Schreiben ausdrücklich heisst, auf Weisung Ihres Ministeriums. 4. Wiederholt, zum letzten Male im Falle Lübeck, hat der Reichskirchenausschuss angesichts der mancherlei Gefährdungen seines Auftrages versucht, das Ohr des Führers zu erreichen. Wir glaubten, dass der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche als der grössten kirchlichen Körperschaft des öffentlichen Rechts im Mutterland der Reformation Gelegenheit gegeben würde, dem Führer unseres Volkes unmittelbar sagen zu dürfen, was uns bewegt. Die zuletzt auf unseren Einspruch gegen die im Fall Lübeck getroffenen Massnahmen vom Chef der Reichskanzlei gegebene Antwort hat uns die schmerzliche Gewissheit gegeben, dass es der Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche nicht gestattet ist, dem Führer unmittelbar ihre Nöte und Sorgen vorzutragen. 5. Besonders erschwert wurde die Stellung des Reichskirchenausschusses dadurch, dass seine innerkirchliche Autorität und Glaubwürdigkeit ernstlich in Frage gestellt wurde durch die uneingeschränkt vordringende antikirchliche und antichristliche Propaganda.( Kirchenaustritte!) Das Vertrauen der Pfarrer und Kirchengemeinden in die Absichten des Kirchenministeriums und in die Möglichkeiten des im Einvernehmen mit diesem arbeitenden Reichskirchenausschusses konnte nicht erhalten werden, wenn das Befriedungswerk in immer steigendem Masse durch eine nicht eingedämmte Bekämpfung des christlichen Glaubens von aussen her gestört wurde. Wir haben unablässig gebeten, die fortdauernden Angriffe in der Presse einzuschränken, die Aeusserungen von Schulungsleitern in NS- Formationen zu mässigen, das Auftreten einiger führender Amtsträger in Staat und Partei gegen die Kirche abzustellen. Wir erinnern an unsere Entschliessung vom 10.7. 36, zuletzt an die gemeinsame Kundgebung mit den Landeskirchenführern am 20. November 1936. Trotz aller Vorstellungen ist uns nicht sichtbar geworden, was veranlasst wäre, um die von uns für Kirche, Staat und Volk gleich unheilvoll angesehene Entwicklung einzudämmen. Sie werden verstehen, dass dadurch das Vertrauen des Reichskirchenausschusses in das Fortbestehen der vor einem Jahr getroffenen Vereinbarung aufs schwerste erschüttert und seine Glaubwürdigkeit in den kirchlichen Kreisen aufs äusserste gefährdet wurde. 6. Besonders wichtig für unsern Rücktrittsbeschluss sind aber die Mitteilungen gewesen, die Sie, Herr Reichsminister, uns durch unsere Mitglieder Diehl, Eger, Koopmann, denen Sie eine Aussprache gewährt haben, machen liessen. Die von Ihnen in Aussicht genommene Verordnung stellt nicht nur eine völlige Abkehr von dem Einvernehmen dar, das Sie und wir im Herbst 1935 über den Weg und die Durchführung der Neuordnung der Deutschen Evangelischen Kirche erzielt hatten, sondern bedeutet nach unserer Ueberzeugung eine solche Gefährdung der A-119durch ein von Führer unterschriebenes Reichsgesetz anerkannten Verfassung der Deutschen' Evangelischen Kirche, das die Auswirkungen dieses Vorgehens für die Deutsche Evangelische Kirche nach menschlichem Ermessen unabsehbar sind. Wir haben, Herr Reichsminister, unseren Auftrag nach den Worten Ihrer Verordnung vom 3. Oktober 1935 als Männer der Kirche übernommen. Wir haben auch von vornherein und mit Ihrer Billigung betont, dass damit auch für unsere Tätigkeit im Reichskirchenausschuss die Bindungen bestehen, denen jedes Regiment in der Deutschen Evangelischen Kirche vom Wesen der Kirche her untersteht. Wir können uns in keinem Augenblick von der Verpflichtung lösen, die wir in unseren kirchlichen Aemtern durch Eid und Gelübde auf uns genommen haben. Wenn es Ihnen, Herr Reichsminister, aus Ihren Erwägungen heraus unmöglich ist, den im Oktober 1935 gemeinsam vereinbarten und begonnenen Weg weiterzugehen, so können wir unsererseits aus der Verantwortung, die uns als Männern der Kirche obliegt, und aus unserer Verpflichtung gegeniiber dem Artikel 1 als der unantastbaren und unzerstörbaren Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche nicht länger mehr nach aussen den Eindruck erwecken, als ob die zwischen uns und Ihnen im Herbst 1935 getroffenen Abmachungen weiterhin bestünden. In dem Augenblick, wo die von uns übernommene Verpflichtung und der uns von Ihnen dementsprechend erteilte Auftrag mit Ihrer gegenwärtigen Stellung nicht mehr vereinbar ist, bleibt uns nur übrig, die Folgerungen zu ziehen. Herr Landesbischof Diehl stimmt, wie wir auf seinen ausdrücklichen Wunsch mitteilen, dem Rücktrittsbeschluss des Reichskirchen ausschusses zu, hat jedoch nicht an der Beschlussfassung über dies Schreiben teilgenommen. gez. Zöllner 2) Die Lage der katholischen Kirche Die Situation der katholischen Kirche ist der der evangelischen sehr ähnlich. Auch sie wird Schritt für Schritt zuriickgedrängt, um schliesslich hinter Kirchen- und Klostermauern nur noch ein sektenhaftes Dasein zu fristen. Der Hauptangriff richtet sich hier gegen den Einfluss der Kirche auf die Jugend erziehung. Mit der Erhebung der Hitler- Jugend zur StaatsJugend ist nun auch formal der katholischen Kirche das Recht abgesprochen worden, als selbständiger Erziehungsfaktor aufzutreten. Neben dem Kampf gegen die katholischen Volksschulen gehen Aktionen gegen die höheren katholischen Schulen einher A-120( Erlass des Oberpräsidenten der Rheinprovinz gegen den Besuch dieser Schulen durch Kinder von Beamten). Bayern schaltet die dort sehr zahlreichen klösterlichen Lehrkräfte aus der Volksschule aus. Der Reichskirchenminister hat die Kirche angewiesen, die Kirchensteuer um 33% unter den Stand von 1934 zu senken. Dem Caritas- Verband ist das Recht der Stellenvermittlung entzogen worden. Kirchenblätter dürfen nicht einmal Todesanzeigen mehr bringen und keine Abonnentenversicherung gewähren. Hirtenbriefe und päpstliche Botschaften dürfen nicht mehr gedruckt werden, auch nicht mehr in den Diözesan- Blättern erscheinen. Auch die katholische Kirche ist nicht ohne Schuld an dieser Entwicklung. Sie hat geglaubt, durch den Abschluss des Reichskonkordats sich auch innerhalb des nationalsozialistischen Regimes eine gesicherte Stellung erhalten zu können und muss nun erleben, wie der Vertragspartner den Vertrag nach allen Regeln der Kunst aushöhlt und entwertet. Es hat sich furchtbar an der katholischen Kirche gerächt, dass sie es unternommen hat, mit den Feinden der Wahrheit und des Rechts zu paktieren. Sie ist so ohnmächtig geworden, dass sie heute trotz aller bitteren Erfahrungen noch immer keine Gelegenheit vorübergehen lässt, um ihre Verhandlungsbereitschaft zu beteuern. Während Karl Barth erkennt, dass sich der Kampf gegen die Kirche in Deutschland grundsätzlich nicht mehr von dem in Russland unterscheidet, finden sich noch immer hohe katholische Würdenträger, die den Kampf des Nationalsozialismus gegen den Bolschewismus, als den gemeinsamen Feind, feiern. Die nachstehenden Berichte lassen aber auch erkennen, dass Angehörige des niederen Klerus sehr oft weit mutiger auftreten und als entschlossene Glaubensstreiter bei dem katholischen Kirchenvolk in hoher Achtung stehen. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Unter dem Druck der katholischen Massen, besonders der katholischen Arbeiterschaft Westdeutschlands, hatte die katholische Kirche angesichts der Angriffe und Unterdrückungsversuche durch den faschistischen Staat zunächst die Taktik des Widerstandes und des A-121Kampfes eingeschlagen, die sie eine Zeitlang an die Seite der antifaschistischen Arbeiter führte und ihr grosse Sympathien eintrug. Unberechtigte Sympathien, wie sich jetzt zeigt. In dem ersten Fuldaer Hirtenbrief versuchte das oberste Kirchengremium des deutschen Katholizismus, die Fuldaer Bischofskonferenz, sich bedingungs- und willenlos dem braunen Faschismus zu beugen. Sie verriet damit ihre Anhänger in der breiten Masse, die mit bitterer Enttäuschung erkennen mussten, dass es ein Wahn ist, in der Kirche einen äusseren und inneren Halt gegen faschistische Unterdrückung zu suchen. Dariiber hinaus aber bietet sich die Kirche jetzt ausdrücklich als Komplize für die Kriegspläne der Hitlerregierung an. Kein Wort fällt in dem letzten Hirtenbrief gegen die Unterdrickung, gegen die Folterungen, Morde und sonstigen Greueltaten durch das braune System. Aber man hetzt gegen die" kommunistischen Umtriebe", man fordert die Regierung zum Kampf gegen den" Bolsche ismus" auf und ist bereit, Hitlers Bundesgenosse zu sein. Man empfiehlt sich der Naziregierung als " machtvollen Stimmungswall". Die gemeinste Stelle in diesem Brief aber ist:" Wenn jetzt Spanien dem Bolschewismus erläge, wäre das Schicksal Europas zwar noch nicht besiegelt, aber in beängstigende Frage gestellt. Welche Aufgabe damit unserem Volk und Vaterland gestellt ist, ergibt sich von selbst. Möge es unserm Führer mit Gottes Hilfe gelingen, dieses ungeheuer schwere Werk in unerschiitterlichster und treuester Mitwirkung aller Volksgenossen zu lösen." Dieser Hirtenbrief ist eine Schande für die katholische Welt, wenn er auch nur vom oberen Klerus verfasst worden ist. Der Brief hat aber auch sein Gutes. Er schafft Klarheit und er zeigt dem katholischen Volke, dass andere Mittel angewendet werden müssen, um vom Faschismus befreit zu werden, dass die Kirche ungeeignet ist als Mittel im Kampfe gegen das System, es sei denn, dass der untere Klerus im Verein mit der katholischen Arbeiterschaft Front macht gegen die Bischöfe. Manche meinen, die Haltung der Bischöfe sei als Taktik zu bewerten. Mag sein. Aber diese Taktik ist falsch und sie rettet die Kirche nicht%; von den katholischen Arbeitern und von vielen Pfarrern wird sie auch missbilligt. Wie sich die Nationalsozialisten die" Verständigung" mit der katholischen Kirche denken, das zeigt ein Bericht, der uns aus einer Versammlung der DAF für Betriebsführer und Betriebswalter im Kurhause Gmind zugegangen ist. Die Versammlung wurde in Vertretung des Treuhänders der Arbeit Börger vom Kreisobmann Schmeer mit folgenden Worten eingeleitet: " Die dunklen echte, deren Ziel es von jeher gewesen ist, die nationale Volkswerdung zu verhindern, sind wieder einmal am Werk. Dieses Wirken des Katholizismus ist seit vielen hundert Jahren nichts anderes gewesen, als Schwächung, ja Ausrottung des deutschen Blutes und damit der deutschen Geistesfreiheit. ch dieser Einleitung behandelte der Kreisleiter Binz aie rage der Kirche. Die Bibel sei nur ein schlechter kom- n, sie sei teilweise von den Semiten übernom A-122men, und da von Juden nichts Gutes kommen konne, so wisse man, was man von der Bibel zu halten habe. Die Religionskriege hätten nur der Macht- und Kapitalgier der Päpste gegolten. Dasselbe gelte von Hexenprozessen, bei denen in erster Linie blonde und blauäugige Germanen umgebracht worden seien. Noch vor zweihundert Jahren habe man in Brand in der Eifel auf Betreiben der Pfaffen Menschen gefoltert und umgebracht. Auch Luther, der schon auf dem richtigen Wege gewesen sei, habe sich durch Huss, Melanchthon und andere von seinem rechten Wege abbringen lassen; schliesslich sei die durch Kompromisse bastardierte evangelische Lehre zustande gekommen. Was die Religionen in den Jahrhunderten fir Elend erzeugt hätten, sei unverzeihlich. Dass sich Leute gefunden hätten, sich für diese Kirche zu opfern, sei direkt fortgeworfenes Leben gewesen, in Zukunft diirfe es das nicht mehr geben. Er der Redner- habe als Kreisleiter des Kreises Schleiden jeden Tag Freivorstellungen mit Filmen für Kinder und Erwachsene veranstalten lassen, es gebe viele belehrende und kulturelle Vorträge. Alles sei blutgebunden und geeignet für das deutsche Volk. Dafür gebe er 51.000,-RM aus, während die Pfaffen im gleichen Zeitraum und für das gleiche Gebiet 680.000,- Ri verbraucht hätten. Was da im ganzen Reiche von der Kirche ausgegeben wiirde, das könne man sich anhand der Bevölkerungsziffer leicht ausrechnen. Wieviel Land könnte für das viele Geld urbar gemacht werden! Dabei brauchte niemand gottlos zu werden, denn die nationalsozialistische Lehre sei so, dass Katholiken wie Evangelische darin ihre Befriedigung finden könnten. Zuerst käme nach seiner Meinung der Glaube an den Führer, dann käme der Glaube an Deutschland von selbst. An unseren Gott glaubten die Menschen von selbst, denn der habe den Führer geschickt.- Die Zuhörer spendeten diesen Worten nur geringen Beifall. Ueber diese Versammlung wurde kein Wort in der Zeitung berichtet. Man benutzt aber die Versammlungen der DAF, um im Beisein der Unternehmer die Kirche herunterzureissen. Es ist die langsame Vorbereitung auf grössere Aktionen. Vorläufig macht man die Menschen auf diese Art für den grossen Schlag aufnahmefähiger, indem man sie daran gewöhnt. Und ausserdem wird immer offener zum Kirchenaustritt aufgefordert. Der Kulturkampf entbrennt jedenfalls im Westen auf der ganzen Linie. Viele Pfarrer sind wegen mutiger Aeusserungen vor die Gestapo geladen worden und haben Verwarnungen erhalten, es sind auch Verhaftungen erfolgt. 2. Bericht: Die Katholiken sind nach meiner Meinung nach wie vor die geschlossenste Oppositionsgruppe, die es zurzeit in Deutschland gibt. Gewiss, der obere Klerus gibt sich viel Mihe, mit Hitler zu einem Akkord zu kommen. Der untere Klerus aber ist nach wie vor scharf ablehnend, weil er täglich beobechten kann, wie sehr die neuen Gesetze über die StaatsJugend und über vieles andere der Kirche schaden. Es gibt in katholischen Kreisen eine heftige passive Resistenz. Der *-123Fall Cloppenburg, wo der Stadthalter Röver in einer grossen Versammlung erklären musste, dass das Kreuz nicht aus Schulen and v 1 den Wegen verschwinden werde, sondern dass es wieder angebracht werden koune, at den Katholiken sehr viel Mut gemacht. Durch ganz westdeutschland hat diese Geschichte die Runde gemacht und noch immer wird dar iber gesprochen. Die Pfarrer sagen, dieser Fall beweise, dass die Abwehr nicht hoffnungslos sei, dass man kämpfen miisse und dass man mit Erfolg kämpfen könne. Am heftigsten und am energischsten wehren sich die katholischen Jinglingsvereine. Kaum ein berzeugter Katholik ist Nazi. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch Katholiken in den Nazi organisationen gäbe. Aber die Uniform ist in vielen Fällen nur Tarnung. Sie soll täuschen und sie täuscht im Grunde nur die Nazis. Die Katholikea kämpfen auf ihre Art. Sie hoffen darauf, dass mit der Zeit die Widerstände in den übrigen Volksschichten gegen das System so stark werden, dass man einfach nicht mehr in der Lage sein wird, sich der Kirche zu erwehren. Sie meinen, dass die Zeit für sie arbeite. Die Pfarrer benutzen tausend Gelegenheiten, um ihre Anhänger zu ermutigen. Die Vereinigungen der Katholiken haben noch längst nicht aufgehört zu existieren, die Kanzel gibt noch immer Gelegenheit, Hirtenbriefe zu verlesen und in Predigten, wenn auch vorsichtig, den Widerstand anzufachen. Man sollte sich nicht täuschen: allzuleicht diirfte es Hitler nicht fallen, diesen Geist des stillen, aber zähen Widerstandes auszurotten. 3. Bericht: Die katholische Geistlichkeit hält sich in der letzten Zeit sehr zurück, wahrscheinlich auf generelle Anweisung ihrer Oberen. Die Katholiken bringen ihren Bischöfen nach wie vor unerschütterliches Vertrauen entgegen. Weist man sie auf die Bischofskonferenz von Fulda hin, so hört man das kennzeichnende Wort:" Unsere Bischöfe werden schon wissen, warum sie das und jenes tun." Es ist bei den Katholiken ode geworden, in jede noch so harmlose Aeusserung eines Bischofs einen verborgenen systemfeindlichen Sinn hineinzulegen. Während die katholischen Kirchen und die Synagogen überfllt sind, hat der Besuch der evangelischen Kirchen beider Richtungen sehr nachgelassen. Oft hört man von katholischer Jugend erzählen:" Wir haben den und den Pfarrer gehört, der fir unseren katholischen Glauben im Gefängnis war." Man ist stolz auf solche Geistliche. Ein katholischer rbeiter wendte sich an einen katholischen Geistlichen und beklagte die" Greuel" der spanischen Volksfront, die Virchenverbrennungen usw. Daraufhin nahm er Geistlicht ein Blatt Papier zur Hand und sagte:" Sehen Cie! Ich habe mir alle die Neldungen unserer Presse über ie Greuel und irchenverbi ennungen aufbewahrt. Merkwürdigerweise habe ich festgestellt, dass die Kirche schon dreimal verbrannt worden ist, jene verbrannte Kirche auf einmal wiedes zu Gottesdiensten für die Rebellen dient, jener ermordete Geistliche da und da eine Rede gehalten hat... Wissen Sie, A-124 ich habe dar ber meine eigenen Gedanken. ich denke, Sie ver stehen mich." Sudwestdeutschland, 1. Bericht: Die Katholiken gehen fleissig in die Kirche, besonders die Frauen. Die Männer sind verschlossen und haben Angst und dazu kommt noch eine grosse Enttäuschung über die Haltung der Bischöfe. Ein alter Zentrumsmann sagte mir dieser Tage:" Unsere Führer hätten nicht freiwillig die Zentrumspartei auflösen, sondern festbleiben und die Pai tei verbieten lassen sollen wie die Sozialdemokratie Dann stände es besser und die Katholiken war n widerstandsf niger geblieben." Es macht sich immer stärker bemerkbar, dass die Kat holiken über eine nicht leichgeschaltete Kerntruppe verf igen. Ob diese nun bewusst illegal geführt wird oder sich nur aus Religiosität heraus spontan zusammenfindet, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls zeigt sich bei religiösen Veranstaltungen grösserer At ein Zusammenhalt, der auf eine fishrende Kerntruppe schliessen lässt. 2.Bericht: Ende Januar wurde im Religionsunterricht von den katholischen Pfarrern eine kleine Druckschrift" Katechismuswahrheiten"( Vom rechten Glauben/ Vom wahren Gott/ Vom wirklichen Christentum/ Vom christlichen Leben) an die Schüler verteilt; am darauffolgenden Sonntag auch in der Kirche und in der Christenlehre. Am Donnerstag, den 4. Februar wurde dann in den Schulen ein Erlass des Reichskultusministers verlesen, dass diese Drucksache wieder eingezogen werde und die Schüler mussten in den meisten Orten sofort nach Hause, um die rein religiös gehaltene kleine Schrift zu holen und abzuliefern. Bayern, 1.Bericht: Schon früher haben wir über das besonders standhafte Verhalten des Rosenheimer Chorregenten Pfaffinger berichtet. Er ist Religionslehrer und Stadtprediger und erfreute sich bei den Katholiken stets grosser Beliebtheit. Pfaffinger lehnte es ab, den Hitlergruss in der Kirche zu erwidern und hat wegen seines Verhaltens schon öfter Geldstrafen zudiktiert bekommen. Den Nationalsozialisten war er immer ein Dorn im Auge; sie versuchten alles, um ihr zu demitigen und zu schädigen. Doch gelang es Pfaffinger durch seine besondere Art immer, seinen Widersachern die Waffen aus der Hand zu schlagen. Nun hat man einen teuflischen Plan gegen ihn ausgeheckt, der an die Zeiten der Hexenverbrennung erinnert. In einer Religionsstunde hatte Pfaffinger einige Schiiler zur Rede gestellt, weil sie nicht in der Sonntagsschulmesse gewesen sind. Die Jungen erklärten, dass sie im Jungvolk Dienst gehabt hätten. Als Pfaffinger ihnen entgegenhielt, dass sie doch dann zu einer früheren Stunde die Messe hätten besuchen können, erwiderte ihm ein Junge:" Ihre blöde Messe geht mich einen Dreck an, unser Appell ist unsere Messe!" Pfaffinger, der über eine so freche Antwort sehr erregt war, gab dem Buben eine Tatze. Dieser schrie ihm darauf hin zu: " Das werden Sie büssen!" Wie andere Schiler erzählten, hat der gestrafte Hitlerjunge nach der Stunde erklärt, dass er dem Pfaffinger schon etwas antun werde. Er hat sich an der Hand eine Verletzung beigebracht und in diese Salz gestreut. Nach einigen Tagen wurde er von den Eltern zum Arzt gebracht, der die Verletzung konstatierte. Nun ging eine wiste Hetze gegen den Priester in der ganzen Stadt los. In der Zeitung erschien eine Notiz, die auf die Missstände im Religionsunterricht des Herrn Pfaffinger hinwies. Eine Versammlung der Elternschaft wurde abgehalten, in der der Junge mit verbundener Hand auftrat. Pfaffinger wurde als sadistischer Kinderschläger bezeichnet und mit den gemeinsten Ausdrücken belegt. Noch in derselben Nacht erschienen vor dem Pfarrhause etwa 200 Menschen, die unter wildem Geschrei forderten, dass ihnen Pfaffinger ausgeliefert werde. Der Ortspfarrer begab sich vor die Tir und erklärte, dass er keinen Grund sehe, dass Pfaffinger das Haus verlasse. Der Tumult wurde immer grösser und schon flogen Steine gegen den Ortspfarrer. enster wurden zertrimmert. Die Menge zog, als sie erkannte, dass Pfaffinger so nicht zu bekommen war, vor die Polizeiwache und forderte die Polizisten auf, Pfaffinger zu verhaften. Nach längerem Zögern gingen die Polizisten mit und forderten Pfaffinger auf, sich in Schutzhaft zu begeben. Als dieser das Pfarrgebäude verliess, stürzte sich die. Menge auf ihn und versuchte seiner habhaft zu werden. Am wildesten gebärdeten sich die Weiber, die in die ordinärsten Schmährufe ausbrachen, wie:" Hängt sie auf, die schwarze Sau!" Die Polizisten hatten kaum die Macht, Pfaffinger in ihrer Mitte zu halten. Von allen Seiten wurde er bespuckt, und zwar so, dass er kaum noch aus den Augen sehen konnte. Auch die Uniformen der Polizisten waren voll bespuckt. Die Gattin des früheren zweiten Bürgermeisters Gietl, schrie von ihrer Wohnung aus dem Zuge zu:" Sieht so das Dritte Reich aus? Schämt Euch doch, das Kleid eines Priesters so zu entehren!" Kaum hatte sie gerufen, flogen schon die Steine und bald war kein Fenster der Wohnung mehr ganz. Man machte Anstalten, die Frau ebenfalls us der Wohnung zu holen. Nach langem Geschrei und bedrohlichen Angriffen, konnte Praffinger auf ie Polizeiwache gebr cht werden, von wo er dann mittels Auto in das Gefängnis trasportiert wurde. A nächsten Tage wurde er wieder ent16.sen, weil nachgewieser wurde, dass an den Beschuldigungen, die gegen ihn erhoben wurden, nichts wahr gewesen ist. Trot ise Vorfil e lehat es Pfaffinger b, sich von Rosenheim verse zen za assen. ein Verhalten hat ihm bei dem standhafte Fest berzeugungstreuer Fatholiken grosse Sympathien einret acht. Die Kreislei ung Rosenheim hat dann ein Flugblatt nde. Coffentlichkeit verbreitet, d's erneut eine unwahre Bistellung des Tales fibt. Hetze gegen der Priester hat seither nicht nachgelassen. A- 126No ch immer passiert es, dass fanatische Hitlerjiinger auf der Strasse ausspucken, wenn ihnen Pfaffinger begegnet. 2.Bericht: Die katholischen Schichten erwarten sich von der Faulhaber- Reise nach Rom einen Kurswechsel des bayerischen Klerus. Es wurde in Laienkreisen stark kritisiert, dass von der letzten Aussprache des Kardinals mit dem Fiihrer, nichts bekanntgegeben wurde. Durch das Gesetz über die Staatsjugend ist jeglicher Einfluss konfessioneller Kreise auf die Jugend unterbunden. Den üblichen Beteuerungen der Nationalsozialisten, dass sie das Konkordat einhalten werden, wird kein Glauben geschenkt. Die Praxis zeigt deutlich, dass es den Machtha bern, vor allem der jüngeren Führerschicht daran gelegen ist, die deutsche Jugend ohne diesen" römischen Klimbim" aufzuziehen und sie ganz ihren völkischen Idealen unterzuordnen. Der überaus starke Besuch der Weihm chtsmetten hat gezeigt, dass sich wohl die älteren Jahrgänge um ihren Seelsorger. scharen, die Jugend aber fast vollständig fehlt. Dieser Umstand gibt den aktiven Laienkreisen und der Priesterschaft zu denken. Die Papstrede, hauptsächlich der Teil, in der er sich mit der Weltgefahr des Bolschewismus auseinandersetzte, hat keinen grossen Anklang gefunden. Die Katholiken sagen sich, was kann es schon viel schlechter werden, als es bei uns so schon ist. Immer wieder redet man sich auf den Bolschewismus hinaus und die atheistische Jugend erziehung des Nationalsozialismus will man mit Treuekundgebungen bekämpfen. Die alten überzeugten Katholiken verlieren langsam den Glauben an die kämpferische Kirche, die nur überall in erster Linie um ihre Profitinteressen bangt. Allmählich ist auch grösseren Kreisen bekannt geworden, warum der Klerus gegen die verschiedenen Ausfälle der Nazis nicht Stellung nimmt. Gleich nach den Devisenprozessen im Vorjahr wurden von der Steueraufsichtsbehörde umfangreiche Betriebskontrollen bei allen Wirtschaftsunternehmungen der Kirche und der verschiedenen Orden durchgeführt. Diese Untersuchungen sollen ergeben haben, dass die Sachwalter der Kirche jahrelang grosse Steuerhinterziehungen begangen haben, deren Ausmass in die Hunderttausende geht. Durch ein Geheimabkommen mit den Episkopat haben die zis bisher von einer öffentlichen Anprangerung dieser Straftaten Abstand genommen. Hitler behält sich offenbar ver, an einem späteren, geeigneteren Zeitpunkt, die Generalabrechnung mit der" raffenden Kirehe" zu halten. Wie uns bekannt geworden ist, sollen jetzt alle in kirchlichen Besitz befindlichen Wirtschaftsunternehmungen und Giter von einer eigens errichteten Weberwachungsstelle betreut werden. Dadurch will man bei etwaigen Unregelmässigkeiten in der Verwaltung dieser Unternehmungen die Verantwortung kirchlicher Stellen auf diese Treuhandstelle abwälzen. A-127 In Münchner Laienkreisen wird jetzt eine grosse Propaganda für das katholische Kirchenblatt gemacht. Angesehene Bürgerfrauen gehen als Werberinnen von Haus zu Haus. 3.Bericht: Gegen den neuerlich einsetzenden Kampf der Parteistellen gegen die Kirche machen sich in den Reihen der Katholiken schichteren Widerstandsversuche bemerkbar. Die Laienkreise sind erschüttert über das Ergebnis der Schuleinschreibungen, zu dem sie nicht unwesentlich beigetragen haben. Hätte sich die ganze katholische Elternschaft auf die Seite ihrer Seelsorger gestellt, dann wäre die Bekenntnisschule gesichert gewesen. So kritisieren sie eben auch nur in ihren Kreisen und beugen sich dem Druck des allmächtigen Parteistaates. Am 31. Januar wurde von allen Kanzeln herab ein Hirtenbrief verlesen, der in der Presse nicht abgedruckt wurde und der auch sonst nicht im Druck erschien. In diesem Hirtenbrief wurde in äusserst scharfer Form gegen die kirchenfeindlichen Bestrebungen Stellung genommen. Zuerst suchte man die Verlesung zu verhindern, das gelang aber nicht. In verschiedenen grossen Kirchen Münchens wurden Beamte der politischen Polizei beobachtet. In der Frauenkirche wurden die Besucher beim Verlassen der Kirche stichprobenweise durchsucht, ob sie nicht Schriften bei sich hätten oder vielleicht beim Verlesen des Hirtenbriefes mitgeschrieben haben. In der Theatinerkirche wurde ein Herr von einem Beamten der politischen Polizei ersucht, mit ihm hinaus zugehen und vor der Kirche wurde der Mann verhaftet, weil er mitgeschrieben hatte. Der Prediger in der Heiligen Geistkirche wurde am 31. Jänner verhaftet, weil er von der Kanzel herab sich gegen den Geist des Antichristes gewendet habe, der unser Volk verführe. Schlesien: Seit einigen Monaten hat auch in Oberschlesien der Kampf gegen die katholische Kirche stärker eingesetzt. An die Arbeiter wird der" Durchbruch", das Blatt der Deutschen Glaubens bewegung, gratis verteilt, in den Naziversammlungen werden die Bischöfe und die Katholiken angegriffen, bei den Schwestern in Hindenburg und Gleiwitz sind Haussuchungen vorgenommen worden. Einzelne Geistliche wurden vor die Gestapo in Gleiwitz geladen und sollten Auskunft geben, was sie von den Sittlichkeitsverbrechen im Kloster wissen, denn aus der Beichte müssten ihnen solche Fälle bekannt sein. Auch in Gross- Strehlitz drohte man dem Pfarrer, er solle endlich lobend über den Nationalsozialismus und den Führer predigen, sonst könne ihm etwas passieren. Im Kloster der Barmherzigen Brüder in Pilchowitz erschien die Gestapo aus Gleiwitz und holte sich einzelne Mönche heraus, die in den letzten Jahren krank waren oder ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen und unterschob ihnen Geschlechtskrankheiten. Der etwa 65- jährige Prior wurde von einem jungen Gestapo- Beamten über Sexualdinge ausgefragt, dass es A-128dem Geistlichen schwindelig wurde und er einem höheren Staatsbeamten erklärte, er habe ja nicht einmal gewusst, dass es Dinge gäbe, wie die, über die er von dem Gestapomann befragt wurde. Einige Mönche behielt man in Haft, damit sie gesprächiger würden, sie wurden aber später wieder freigelassen. Man sucht aber immer noch nach Sittlichkeitsverbrechen, die angeblich mit Nonnen im Pilchowitzer Kloster passiert sein sollen. Bei der Bevölkerung löste dieses Vorgehen gegen die Barmherzigen Brüder Entsetzen aus und man fragt sich, was da noch kommen könne, wenn man jetzt nicht einmal mehr vor diesen heiligen Stätten Halt mache. Denn selbstverständlich sind die Nazis bemüht, die übelsten Verleumdungen über die " Hurer und Faulenzer" zu verbreiten, die" sich satt fressen und das Volk betriigen". 3) Der Kampf um die Schule Der Kampf zwischem dem Staat und den nationalsozialistischen Organisationen auf der einen Seite und den Kirchen auf der anderen Seite um die Gestaltung der Jugenderziehung ist in den letzten Monaten in ein neues Stadium getreten. Bis dahin war der nationalsozialistische Vortrupp in diesem Kampf die Hitler- Jugend, die mit allen Mitteln ihren Monopolanspruch auf die Jugendführung durchzusetzen versuchte. Seit der Erhebung der HJ zur Staats jugend ist diese Auseinandersetzung beendet. Die kirchlichen Jugendverbände bestehen formell weiter, aber sie missen sich auf die religiöse Betreuung der Jugend beschränken, dürfen nicht öffentlich auftreten, keine Wanderungen, Jugendlager usw. veranstalten und durch ihre Jugendarbeit den Dienstbetrieb der HJ nicht behindern. Auf diese erste Phase des Kampfes um die Jugend die Erdrosselung der kirchlichen Jugendverbände- folgt die zweite: die Aufhebung der Bekenntnisschule. Im Jahre 1933 glaubte die katholische Kirche einen besonders geschickten Schachzug getan zu haben, als sie das Reichskonkordat mit der neuen nationalsozialistischen Regierung abschloss. In diesem Konkordat kam das Regime tatsächlich der katholischen Kirche weit mehr entgegen, als es die Kirche in der Weimarer Republik, die sich zum Grundsatz der Gemeinschaftsschule bekannt hatte, jemals A-129• hatte erreichen können. Wie in der Frage der Jugendverbände stellte sich aber auch in der Schulfrage bald heraus, dass die Auslegung des Konkordats im Dritten Reich keine Rechts-, sondern eine Machtfrage ist. Dabei vermochte das Regime gegenüber der gewiegten päpstlichen Diplomatie ein wirksames taktisches Mittel einzusetzen: das Nebeneinander von Partei und Staat. Dieses System in Sowjetrussland erfunden und erprobtgestattet es jederzeit, die Parteiorganisationen, soweit wie tunlich vorprellen zu lassen und hinterher das eroberte Gebiet staatlich zu besetzen. Nach diesem System ist das Dritte Reich zur Zeit am Werke, den Einfluss der Kirchen auf die Schule auszuschalten. Ansatzpunkte sind vor allem die Schuleinschreibungen. Der Erfolg ist vielversprechend. Im rein katholischen München betrugen die Einschreibungen für die Gemeinschaftsschule: 1934 13% 1935 1936 34,5% 65,1% 1937 95,2% Im überwiegend protestantischen Nürnberg verteilten sich die Einschreibungen folgendermassen: Gemeinschaftsschule evangelische Schule katholische Schule 1936 1937 82% 91,3% 6% 4,0% 12% 4,7% In ganz Württemberg sind die konfessionellen Volksschulen fast vollständig verschwunden; in Stuttgart blieben zuletzt für die katholische Bekenntnisschule nur noch 57 Schüler übrig. Nach diesen ermutigenden Anfangserfolgen ist jetzt das Ziel der Nationalsozialisten, die Gemeinschaftsschule in ganz Deutschland zur einzigen Schulform zu machen. Die Führung fällt dabei dem NS- Lehrerbund zu, der 97% aller Lehrer umfasst. Daneben ist der Staat selbst nicht untȧtig. Der bereits vorerwähnte Abbau der klösterlichen Lehrkräfte in Bayern betrifft in etwa 400 staatlichen Schulen 1676 weibliche Ordensangehörige A-130- (Arme Sohulschmestern, Englische Fräulein und Franziskanerinnen). Im laufenden Rechnungsjahr sollen davon zunächst 600 durch staatliche Lehrkräfte ersetzt werden. Im übrigen hat der Staat durch unmittelbare Eingriffe in den Unterricht grosse Möglichkeiten, den kirchlichen Einfluss auszuschalten. Die Nürnberger Stadtsohulbehörde hat sich in einem Erlass gegen die Versuche von Pfarrern gewendet, mit Lehrern die Fragen des biblischen Unterrichts zu besprechen. Die Regierung von Anhalt hat ebenso wie die von Thüringen die Religionslehrer angewiesen, das Alte Testament nicht mehr als Unterrichtsgegenstand zu benutzen. Der"Stürmer" unterstützt den Kampf des Regimes gegen die Kirchen auf seine Welse. Auf Seite Ißl bringen wir die Originalkopie des Titelblattes der Nummer 4 vom Oktober 1936. Tie sich der Kampf um die Jugend in der Praxis abspielt, zeigen die nachstehenden Berichte: Bayern. I.Bericht: Der Ausgang der Schuleinschreibungen in München hat die katholischen Kreise überrascht. Nach dem Gesetz über die Staatsjugend, das die schon bisher nur noch beschränkt mögliche Erziehung der Jugend ausserhalb der Schule gänzlich aufgehoben hat, war zu erwarten, dass sich nun der Stoss gegen die Schule richten würde. Jedermann konnte das voraussehen, nur die Kirche gab sich der trügerischen Hoffnung hin, dass sie durch ihre Werbetätigkeit für die Bekenntnisschule zumindest den Stand vom Vorjahr erhalten könnte. Die Katholiken verteilten Flugblätter in Massen, wurden sogar persönlich von den Pfarrherren aufgesucht, alles mit dem Erfolg, dass 95% der durchaus katholischen Elternschaft Münchens sich für die Gemeinschaftsschule entschieden haben. Wer wollte sein Kind den Schikanen in der Hitlerjugend aussetzen, wenn er es in die Bekenntnisschule schickte? Die Aufrufe der Partei und der Appell des Unterrichtsministers Wagner fiir die Gemeinschaftsschule zeigten jedem deutlich, wofür er sich zu entscheiden habe. Die Totalität des Faschismus hat auch hier wieder leinmal gesiegt. Die Pfarrhäuser wurden von der Polizei überwacht. Es konnte niemand Zutritt finden und auch die Geistlichen wurden auf ihrem Wege kontrolliert. Die Beamten erhielten eine Zuschrift, worin sie aufgefordert wurden, ihre Kinder in die Gemeinschaftsschule einzuschreiben. Der Staat könne nur Beamte brauchen, die sich ihrer Pflicht bewusst sind. Als ein Beispiel für die Werbemassnahmen der katholischen Kirche bringen wir auf Seite 132/33 ein Rundschreiben des 'atholischen Pfarramtes St. Johann Bapt. in München. A-131Der Stürmer Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit HERAUSGEBER: JULIUS STREICHER Citat mb.20 Ds. 849 Timmer 44 bab Betanball Rodbebelangen&& Being Sdleb ber Ro preme 14 Tage ser rideles Dais- Dis Türnberg, im Oktober 1935 22 mm ferie, 1 mm bebe Belle ha grillBesings Our Stiemer, Jalut Strider, Sale- R. BARNED michdale 19. Berlagdeltung Ros Blakenben Malebigale 19. calpe 21850. Beidedente Setberg. 106. Selleing berg, plemen Amberg 2. Sefa 305 ( nadjmiting 4). 14. Jaly 1936 Die Antwort an Theologen und Schriftgelehrte Bas Oberschulrat Frig Fint an fagen hat! Der anstößige Stürmecatifel Jn Nr. 36 des Etürmers veröffentlichte ich einen Arie, Ner ib ketisette: Tas Alte Teftament. Gine Gefahr in unserer Jugenderziehung". Ich unterzog in biefem Artifel ben fitttichen Gehalt, ben Gottesbegriff bes Altex Teftaments, feine Frauen und Männergestalten einer& ritit. Meine Kritik gipfelte in ber Gefelleng, daß das& lte Leßament ein grauenhaftes Griegelbild bes fabisex Bolles fet und bat feine Braxen zub mannergestalten, bir burd leglichen 6umpf ber Sande und bes Berbredens wateten, unserer bentschen Sugent nie xxb zimmer Borbild au sein vermögen 3 behauptete, baß unsere beutsche Jugend Fb gegen die ihr in ben Schulen jahrelang verabreichte eistellamentarisch- jabifche oft und gegen bie ihr als Borbilder und Heilige gepriesenen jüdischen Chebeechjer and Mafjemmorber von felbft were. Swelerlei Sufdiciften Dieser Artilel bradte bem Stürmer unb mir gange Etöße von Julchriften aus allen Gauen bes Reiches ein. Ein Teil dieser Briefe Rammt von einfachen Männern und Frauen unferes Bolles. Die Schrift verrät, daß hier Bände ble Beber fahrten, bie schwere Arbeit tim. In birjen Briefen einfacher Menschen heißt es immer wieber: Meber Jhren Auffet habe ich mich gerezt.... Bas Sit fhreiben, hat mich fen lange bebrådt usw. Ler andere Teil ber en is gerichteten Bufchriften kamen as bei ergen Stelle ber achtheologen und 64rifgelehrten der protkantider: Belerntnißliche. Dieje Cas dem Subalt Dit Damiger Subenges Pi Bebenmilember DE Schubtube Girin Die heilige Schrift DAS ALTE TESTAMENT A Ermabenbel ngare Betrag auf dem Bichlicicfant Den Geift, der aus dem Buche fpricht, Bersteht die deutsche Sugend nicht Die Juden sind unser Unglück! A- 132Katholisches Pfarramt St.Johann Bapt. Liebe Eltern! Minchen, im Januar 1937. In tiefster Sorge wende ich mich als Ihr verantwortlicher Seesorger an Sie, um Ihnen zum Tag der Schuleinschreibung ein wohlgemeintes Wart zu sagen. Es geht diesmal um den Bestand der Bekenntnisschule in Minchen. Die Bekenntnisschule im rechten Geiste geführt ist für die Kinder ein Stick Heimat. Das religiöse Familienleben mit seinem ganzen Geiste, mit all seinen Festen und Pflichten findet seine harmonische Fortsetzung in der Schule. Die Lehrkräfte sind einer Glaubens iberzeugung mit Eltern und Kindern und können die unerschöpflichen. Erziehungskräfte, die im Leben Jesu Christi und der Heiligen liegen, in der Schule einsetzen. Schule und Haus sind ein Ganzes. Die Bekenntnisschule hat Sie selbst haben sie ja besucht und können es bezeugen die auf sie gesetzten Erwartungen vollauf erfillt. Sie hat fast alle Helden des Weltkrieges erzogen; aus Tausenden von Feldbriefen spricht noch heute die wundervolle Kraft religiöser Ueberzeugung zu uns, die sie aus Elternhaus und Schule geschöpft haben; sie hat die Heldenmiitter erzogen, die schwersten Heimatdienst geleistet, die des Blutopfer ihrer Kinder gebracht und gegen den Umsturz von 1918 so erfolgreich sich für die Bekenntnisschule eingesetzt heben. Sie hat sich zu allen Zeiten ehrlich bemiiht, die ihr anvertraute Jugend zur Wahrheit und Treue, zur Reinheit, zur Liebe zu Heimat und Vaterland und zum Gemeinsinn zu erziehen. Noch bis vor kurzem besuchte der Grossteil aller Miinchener Kinder die Bekenntnisschule und die Ergebnisse der dort geleisteten Erziehungs- und Unterrichtsarbeit, wie sie alljährlich durch Prüfungen sichergestellt war, gereichen nach dem Urteil aller Kundigen der Bekenntnisschule weichen missen. Trotzdem soll sie jetzt der Gemeinschaftsschule weichen missen. Aber selbst wenn auch die Gemeinschaftsschule, wie versichert wird, wirklich christlich bleiben sollte, wenn auch nicht, wie es da und dort schon geschehen ist, die Kreuze aus der Schule entfernt, Kreuzzeichen und Händefalten verboten, die heilige Schrift vor den Kindern verächtlich gemacht, Spottbilder auf Kirche und Priester in der Schule aufgehängt werden, die tiefere Einheit der Erziehung, die höchste, vertrauensvollste Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus, wie sie aus der Religion erwächst, ist in der Gemeinschaftsschule nicht mehr möglich. Der Religionsunterricht bildet dort nicht mehr den Mittelpunkt des gesamten Unterrichts, sondern wird nur be1 A- 133 wertet wie ein Fach, neben anderen Fächern; der Lehrer, der selbst an einer Klasse mit lauter katholischen Kindern für sich anderen Bekenntnisses sein kann, darf nicht mehr seine ganze Persönlichkeit einsetzen, es darf ausserhalb des Religionsunterrichtes nicht mehr die Rede sein von der heiligen Messe, von der Mutter Gottes, vom Schutzengel, von den kirchlichen Festtagen; der ganze Reichtum katholischer Bildungswerte kann somit nicht mehr ausgebreitet und wirksam gemacht werden. Die Einheit der religiösen Erziehung ist zerstört, unersetzliche Erziehungskräfte sind aus der Schule verbannt katholische Eltern, können Sie das wirklich für Ihre Kinder die Ihnen ans Herz gewachsen sind, ertragen? Aber noch haben Sie die Entscheidung in der Hand. In feierlichem Vertrage, der die Unterschrift der Reichsregierung trägt, ist die Bebeihaltung und Neuerrichtung von Bekenntnisschulen gewährleistet. Sie haben als Katholiken ein staatlich verbürgtes Recht darauf. Melden Sie daher Ihr Kind unter allen Umständen für die Bekenntnisschule an und zwar die Schulneulinge am Samstag Nachmittag, die übrigen Kinder am Sonntag zur festgesetzten Stunde. Alle vor diesen Terminen abgeforderten und in der Schule abgegebenen Unterschriften sind rechtsungültig. Lassen Sie sich nicht einschüchtern durch Drohungen, are wider alles Recht ausgesprochen werden! Lassen Sie sich nicht beeinflussen durch die billige Ausrede: Andere schicken ja ihre Kinder auch in die Gemeinschaftsschule! Sie sind persönlich und ganz allein verantwortlich für Ihr Kind! Als Ihr Seelenhirte, getrieben von der Verantwortung vor Gott und der Sorge um die Jugend, habe ich Ihnen diesen Brief geschrieben. Sie werden mir das Recht nicht absprechen, in der Lebensfrage katholischer Erziehung als Ihr Berater aufzutreten. Ich habe keine Machtmittel; ichkann Sie nicht zwingen. Ich kann nur als Ihr Seelsorger an Ihre gläubige Überzeugung, an Ihre aufrichtige Liebe zu Ihren Kindern appellieren; ich kann sie nur im Namen Jesu bitten, Ihren Kindern den Segen der Bekenntnisschule zu erhalten. Am nächsten Freitag um 8 Uhr abends halten wir in diesem Anliegen eine eigene Elternstunde in der Pfarrkirche ab. Hiezu ladet Sie dringend ein mit priesterlichem Segenswunsch Ihr Seelsorger F- l. Haffericita, Schadtpft. Herausgegeben und angefertigt vom Erzb. Ordinariat München u.Freising } A-1342.Bericht: Die Schuleinschreibungen fiir die Gemeinschaftsschule sind unter dem üblichen Druck zustande gekommen. Man hat vorher den Eltern, die ihre Kinder in die konfessionelle Schule schicken wollten, klargemacht, dass es keinen Zweck hätte, sich für die Einschreibung in die konfessionelle Schule zu entscheiden. Die Gemeinschaftsschule komme ja doch und die konfessionelle Schule würde dann abgeschafft oder die Schüler der konfessionellen Schule hätten mit grossen Nachteilen zu rechnen usw. Andere Einschreibungen als die für die Gemeinschaftsschule hätten also keinen Zweck. Es ist klar, dass sich viele Eltern davon haben beeinflussen lassen und dem allseitigen Druck nachgegeben haben. Ueberall ist ein Rückgang an Schulgeistlichen und Sohulschwestern zu beobachten. In X. haben wir statt 4 Pfarrer nur noch 3, weil der Schulgeistliche ausgeschieden ist, ohne dass er durch einen anderen ersetzt wurde. Zwei Schul schwestern vom St. Franziskus- Orden, die in der Volksschule unterrichteten, sind durch Lehrerinnen ersetzt worden. Die ungünstigen Aussichten, die diese Entwicklung für den geistlichen Nachwuchs eröffnen, haben bereits dahin geführt, dass die Zahlen der Theologiestudenten und der Novizen sehr nachgelassen haben. Fast jede Woche erscheint jetzt ein neuer Hirtenbrief und einer ist immer schärfer als der andere. In unserer Stadt ist das Jungvolk einige Male geschlossen in die Kirche gezogen, um die Predigt des Pfarrers zu überwachen. Jedem Jungvolk- Jungen ist aufgetragen worden, sich einen bestimmten Satz zu merken. Der erste in der Reihe den ersten, der zweite den zweiten usw. Auf diese Weise wollte man die ganze Predigt des Pfarrers wieder rekonstruieren. Dem Stadtpfarrer ist diese Sache aber zur Kenntnis gekommen und bei der nächsten Predigt hat er von der Kanzel scharf dagegen Stellung genommen: wenn er wüsste, dass wieder Jungen mit einem solchen Auftrag in der Gemeinde sässen, wiirde er sich nicht scheuen, sie zu züchtigen und sie aus der Kirche zu weisen. Sonst wird alles getan, um die Kinder vom Kirchenbesuch abzuhalten. Der Religionsunterricht hat kein Gewicht mehr. Die Schulmessen, die früher täglich abgehalten wurden, finden nicht mehr statt. 3. Bericht: Am Samstag, den 18. Oktober 1936 fand in Neustart bei Coburg( etwa 9.000 Einwohner) die Abstimmung über die Schulfrage statt. Der Wahl ging morgens ein evangelischer Gottesdienst voraus, nach dem sich die Kirchenbesucher in Begleitung der Geistlichkeit geschlossen zum Abstimmungslokal begaben. Von den 1922 Stimmberechtigten gaben lo76 ihre Stimmen ab, davon 348(= 32,6%) für die Gemeinschaftsschule und 718(= 67,4%) für die Bekenntnisschule. Die Wahlbeteiligung betrug 56%. Diese Abstimmung ist ein Protest gegen das Nazi regime. Die Neustädter Bevölkerung ist gerade auf diesem Gebiet so fortschrittlich, dass sie in einem freien Staate gerade umgekehrt A-135gestimmt haben würde. Ihre Entscheidung fir die Konfessionsschule bedeutet, dass sie zu den Pfarrern steht, weil sie Gegner des Regimes sind. Diese Stadt gehört übrigens zum Gau Bayrische Ostmark, dessen Gauleiter Wächtler zugleich Reichsleiter des NS- Lehrerbundes ist. Pfalz: Am Samstag, den 20. Februar fanden in Pirmasens die öffentlichen Schuleinschreibungen statt. Das Ergebnis der Eintragungen wird mit 80 Prozent für die Gemeinschaftsschule angegeben. Rheinland: In den letzten Wochen wurde von der evangelischen Kirche das folgende" Wort an die Erziehungsberechtigten" als Flugblatt an die Kirchenanhänger verbreitet: Ein Wort an unsere Eltern und Erziehungsberechtigten. Diisseldorf, den 1.Februar 1937. Unter den Fragen, die uns gegenwärtig in der Kirche am meisten auf der Seele brennen, steht die Schulfrage mit an erster Stelle, Seit 400 Jahren hat sich Gott der Herr mit reichem Segen zur konfessionellen evangelischen Schule bekannt. Sie gewährleistet uns bis auf diese Stunde wie keine andere Schulart den christlichen Charakter der Gesamterziehung und= unterweisung unserer Kinder. Und auf dieses einheitliche Gepräge der Gesamterziehung und unterweisung missen wir allen Wert legen, damit der Mahnung der Schrift:" Teiset meine Kinder und das Werk meiner Hände zu mir" ihr unabdingbares Recht werde. Wir können uns aus der Verantwortung vor Gott und um der Seelen der durch die Hl. Taufe in die christliche Kirche aufgenommenen, uns unvertrauten Kinder willen nicht mit einem nur angehängten Religionsunterricht begnügen. Es muss unbedingt vermieden werden, dass unsere Kinder mit unserer Zustimmung unheilvoll verwirrt wer= den durch ein verhängnisvolles Widereinander christlicher Beeinflus= sung, die sich nicht veträgt mit dem Christus glauben, ohne den es kein Christentum gibt. Um unseres Gewissens willen können wir unsere evangelische Bekkentnisschule, die uns gesetzlich zugestanden ist, nicht leichthin preisgeben. Die jetzt zur Erörterung stehende" Deutsche Schule" oder" Deutsche Gemeinschaftsschule" ist keine christliche Schule im Sinne der christlicken Konfessionen, die die Bekenntnisschule bis auf den heutigen Tag geprägt haben. Deshalb sollen unsere lieben Eltern und Erziehungsberechtigten mit allem Ernst ermahnt sein, gefragt und nicht gefragt, tapfer und unerschrocken für die deutsche evangelische Bekenntnisschule und ihren Fortbestand einzutreten. Wir halten una an die feierliche Zusage, dass den christlichen Konfessionen der ihnen zu= kommende Einfluss in Schule und Erziehung eingeräumt und sichergestellt werden solle. Diese Sicherstellung vermögen wir nur in der konfessio= nellen Schule als wirklich gegeben anzusehen. Wir missen uns nachdricklich dagegen verwahren, dass Erziehungsbe= rechtigte und Erziehungsverpflichtete bezüglich der von ihnen begehr= ten oder zu wählenden Schulform womöglich unter Druck und Drohung zur Abgabe von Erklärungen veranlasst werden, die ihrer Ueberzeugung nicht entsprechen und die sie abgeben, ohne ausreichend und zutreffend unterrichtet zu sein und ohne übersehen zu können, was sie unterzeich= nen. Unterschriftensammlungen, die nicht von zentraler behördlicher Stelle angeordnet sind, sind abzulehnen und haben keine verpflichtende Wirkung. Dass der Staat aus seiner Neugestaltung auch für die Schule seine Folgerungen zieht, ist selbstverständlich, Aufgabe der Kirche und ihrer Glieder ist es, mit allen Kräften dafür zu sorgen und sich dafür einzusetzen, dass dabei der Verpflichtungen des apostels zu ihrem vollen Recht komme, unsere Kinder in der Zucht und Vermahnung zum Herrn zu erziehen. Wenn wir das aussprechen, so wissen wir, dass wir damit auch unserem geliebten Volk und Vaterland, für dessen Gegenwart und Zukunft wir als Christen heilige Verantwortung tragen, den denkbar besten Dienst tun. Eine Schule mit der Bibel und um die Bibel wird für das Volksleben allezeit eine unerschöpfliche Quelle des Segens und der Kraft sein. Gott der Herr mache uns wacker und entschlossen, zu tun, was wir zu tun schuldig sind, damit unserer teuren evangelischen Jugend das Kleinod des Glaubens unserer Väter unverkürzt erhalten bleibe. D. Stoltenhoff Generalsuperintendent. -Aus dem Kirchlichen Amtsblatt der Rheinprovinz, r. 3/ 1937 B- 1Te 1 1 B ( Abgeschlossen am 5.März 1937) Die deutsche Landwirtschaft im Zeichen der Kriegsvorbereitung " Die organisierte Vorbereitung der Privatwirtschaft, wie der ganzen Gesellschaft, für den Krieg schon im Frieden, ist eine der wichtigsten Aufgaben der gegenwärtigen Rüstungspolitik." ( Wehrwissenschaftlicher Atlas) Die Landwirtschaft ist im Dritten Reich wie alle anderen Wirtschaftszweige der Kriegsvorbereitung untergeordnet. Die ganze Entwicklung der nationalsozialistischen Agrarpolitik, deren Messnahmen, wie die" Frankfurter Zeitung" vom 18. 10. 1936 feststellt," manchmal über die Ideen und Absichten der ständischen Marktordnung weit hinausgehen", ist nur als aktive Vorbereitung auf den" Ernstfall" zu verstehen. Dieser innige Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen Agrarpolitik und den Kriegsvorbereitungen wird von den Nationalsozialisten keineswegs abgeleugnet." Es nützt uns keine Wehrmacht, wenn dieser Wehrmacht und dem Volke, welches von dieser Wehrmacht beschützt wird, nicht unbedingt die erforderlichen Lebensmittel erklärt das" Wochenblatt der Landesgeliefert werden können" 9 bauernschaft Sachsen" vom 26. 1. 1936. Die Ausrichtung der gesamten Agrarpolitik auf den Kriegsfall bestimmt hre Zielsetzungen und Methoden. Das Ziel ist die Sicherung einer ausreichenden Lebensmittelversorgung für das Heer und eines Ernährungsminimums für die Etappe. Die Erzeugungsschlacht ist der Weg, auf dem dieses Ziel in kürzester Zeit erreicht werden soll. Denn die heutigen Machthaber Deutschlands hon as Wort des englischen Landwirtschaftsministers, 111 dass der Krieg auf den Kartoffelfeldern entschieden wird" begriffen und machen verzweifelte Bemühungen, um die Nahrungsfreiheit zu erreichen. Die Notwendigkeit, die im Kriege unentbehrliche Zwangsbewirtschaftung und Rationierung schon im Frieden vorzubereiten, bewirkte, dass die einfuhr- und preisregulierenden Massnahmen der ersten drei Jahre nationalsozialistischer Agrarpolitik zu einem fast lückenlosen System der staatlich organisierten Kanalisierung der gesamten landwirtschaftlichen Produktion ausgebaut wurden.Die" nährständische Marktordnung", d.h. die Zentralisierung der Verteilung aller Nahrungsmittel in der Hand des Staates, gibt dem faschistischen Staat die Möglichkeit, die vorhandenen Mengen durch Bildung und Einsatz zentraler Reserven und durch Verbrauchsrationierung gleichmässiger zu verteilen und so im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten besser zu manövrieren. Vor allem dient die faschistische" Marktordnung" dem Versuch, bei Verknappung der Versorgung die Verbrauchsbeschränkung nicht durch Preiserhöhungen, sondern durch Rationierung zu erreichen. Denn je mehr das gesamte Leben Deutschlands auf die unmittelbare Kriegsvorbereitung abgestellt wird, desto grösser ist das politische Risiko, bei sinkenden Löhnen die Lebensmittelpreise steigen zu lassen, desto mehr bestimmen die" lohnpolitisch notwendigen Grenzen"( siehe das Referat des Reichshauptabteilungsleiters III, Dr. Korte, auf dem letzten Reichsbauerntag) die Preisgestaltung bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Die staatliche Agrarpolitik, die sich im Dritten Reich von der blossen Ueberwachung stufenweise bis zur direkten Bewirtschaftung entwickelt hat, wird offiziell von der" ständischen Organisation der Landwirtschaft" getragen. In Wirklichkeit handelt es sich beim Reichsnährstand, wie bei allen anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationen im Dritten Reich, um eine Teilorganisation im System des totalitären faschistischen Staates, deren Massnahmen nicht vom Wollen der durch sie erfassten Menschen, sondern von der Zielsetzung des B-3Faschismus bestimmt werden. Wir haben es hier mit einer Form staatlicher Zwangswirtschaft zu tun, die straff zentralisiert und bürokratisch aufgebaut ist, bis ins entfernteste Dorf reichend, die alle Zweige der Landwirtschaft erfasst und der alle Mittel des wirtschaftlichen und politischen Drucks zur Verfügung stehen. Diese totale Organisation der deutschen Landwirtschaft hat die Aufgabe, die totale Mobilmachung vorzubereiten. Auf keinem anderen Gebiet der Wirtschaft ist im Zeichen der Kriegsvorbereitung eine so neuartige, umfassende und zentralisierte Organisation geschaffen worden, wie auf dem Gebiet der Landwirtschaft. Aber auch auf keinem anderen Gebiet hat der Faschismus mit einer solchen Konsequenz den" deutschen Sozialismus zu verwirklichen versucht. Wir halten es darum für notwendig, an dieser Stelle eine zusammenfassende Darstellung der Grundlagen und der Technik der nationalsozialistischen Agrarpolitik zu geben. Diese Darstellung ist umso notwendiger, als die beiden Hauptpfeiler der gegenwärtigen Agrarpolitik -die Marktorganisierung und die Erzeugungsschlacht- tiefgehende Veränderungen im deutschen Dorf ausgelöst haben, deren Verlauf und Ergebnisse bei der Orientierung des antifaschistischen Kampfes berücksichtigt werden müssen. I. Die Marktordnung. Die landwirtschaftliche Marktorganisation in ihrer gegenwärtigen Form ist das Ergebnis einer mehr als dreijährigen Entwicklung, die durch das" Gesetz über den vorläufigen Aufbau des Reichsnährstandes" vom 13. 11. 1933 eingeleitet wurde. Eine neue" ständische Marktordnung" sollte die" Herausnahme der landwirtschaftlichen Märkte aus der kapitalistischen Wirtschaft" bewirken und durch Ausschaltung der Konkurrenz dem Bauer die Stabilität der Preise und den Absatz seiner Erzeugnisse sichern. Zur Ausschaltung der Konkurrenz und der Spekulation wurde aber nicht der Weg der Entwicklung bäuerlicher Selbsthilfe in Form der Absatzgenossenschaften beschritten, B- 4sondern sie erfolgte dadurch, dass alle landwirtschaftlichen Märkte und der gesamte Aussenhandel mit Agrarerzeugnissen unter staatiiche Kontrolle gestellt wurden. Diese Kontrolle führte stufenweise zu immer strafferen Organisationsformen, zur direkten Beeinflussung und schliesslich zur zentralen Lenkung der gesamten Verteilung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Wir werden weiter unten zeigen, wie diese Entwicklung in einzelnen in erster Linie durch das Versagen von Teillösungen, durch die Notwendigkeit der rationellen Verteilung der knappen Lebensmittel und durch die dauernden Umgehungen der bestehenden Regelungen verursacht wurde. Seit drei Jahren ist der Absatz und die Verwertung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ein Experimentierfeld in den Händen des Reichsbauernführers" Darrée. Bei manchen Erzeugnissen, so vor allem bei Getreide, Kartoffeln und Schlachtvieh, d.h. bei Erzeugnissen, an deren Absatz fast die Gesamtheit der deutschen Landwirte interessiert ist, haben sich die angewandten Systeme mit einer solchen Schnelligkeit gewandelt( bei Kartoffelflocken z. B. haben sich im Laufe von zwei Jahren sechs verschiedene Systeme der Marktordnung abgelöst!), dass der nicht eingeweihte Beobachter nur schwer durch das Gewirr der Gesetze, Verordnungen und Ausführungsbestimmungen die allgemeinen Grundzüge der Entwicklung verfolgen konnte. Gegenwärtig ist die kriegswirtschaftliche Organisation der deutschen Landwirtschaft im Grossen und Ganzen zum Abschluss gelangt. Die einzelnen noch geltenden Bestimmungen der in den letzten vier Jahren erlassenen Gesetze werden für die verschiedenen Erzeugnisse zu" Generalordnungen" zusammengefasst( so am Beginn des laufenden Erntejahres für Getreide, dann für Kartoffeln), die zeigen, in welchem Grade die Kontrolle der Agrarproduktion und der Absatzwege erreicht ist. Im folgenden wird in grossen Zügen zu zeigen versucht, wie die Grundlinien der Entwicklung der nationalsozialistischen Marktordnung und ihrer Anwendung bei den wichtigsten Erzeugnissen verlaufen. B Die ersten staatlichen Eingriffe in den Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse hatten die Beschränkung der Einfuhr und die Kontrolle der Preisbewegung durch Einführung von Erzeuger- Mindest- und Höchstpreisen und durch Festsetzung von Handelsspannen für den Gross- und Kleinhandel für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse zum Ziel. Die Erzeugermindestpreise sollten dem Bauern einen den Produktionskosten entsprechenden Erlös sichern, während die Kleinhandelshöchstpreise und die festen Handelsspannen die Verbraucher vor übertriebenen Preissteigerungen schützen sollten. Sobald aber Versorgungsschwierigkeiten auftraten, zeigte es sich, dass alle Erzeugnisse zu Höchstpreisen verkauft wurden und dass mannigfaltige Ungehungen die geltenden Preisbegrenzungen nach oben völlig illusorisch machten. Es entstand der Anreiz, nur minderwertige Waren zu produzieren, um für diese die geltenden Höchstpreise zu erzielen. Andererseits begünstigte das System der Höchstund Mindestpreise die Bildung von" toten Winkeln": um die Erlöse zu steigern, wurden von den Erzeugern nur die am nächsten gelegenen Verbrauchszentren beliefert, wo ja die angebotenen Erzeugnisse fast immer zu den Höchstpreisen, oft sogar mit illegalen Zuschlägen, realisiert werden konnten. Zwischen den Händlern und den Verarbeitern von Agrarerzeugnissen entstand ein scharfer Kampf um den Anteil an den festgesetzten Handelsspannen( so z.B. der heftige Kampf zwischen Mühlen, Mehlhandel und Bäckern um die Getreidebandelsspanne). Um diese Missstände zu beseitigen, wurden die Erzeugerhöchstund Mindestpreise, die, wenn auch nur theoretisch, einen gewissen Spielraum für die Preisbildung gelassen hatten, nach und nach bei allen Erzeugnissen durch Festpreise ersetzt, die nach Qualitäten und meistens auch regional schärfer abgestuft waren. Der erste Versuch einer Festpreisregelung wurde im Herbst 1934 bei Brotgetreide unternommen. Nacheinander wurden alle anderen wichtigen Lebensmittel, Futterstoffe und Rohstoffe für die landwirtschaftlichen Industrien( Zuckerrüben, Industriekartoffeln, Industriegetreide) in die Festpreisregelung einbezogen, -6wobei die einzelnen Preise nach Qualitäten abgestuft und für das Reichsgebiet mehrere Preisgruppen geschaffen wurden. Die ursprünglich häufig zugelassenen Zuschläge für überdurchschnittliche Qualitäten, sowie die Frachtzuschläge für entfernter gelegene Produktionsgebiete wurden immer mehr durch weitere Differenzierung der Festpreise bei gleichzeitiger genauer Bestimmung der entsprechenden Qualitäten ersetzt, da immer wieder festgestellt werden musste, dass nur" beste" Ware auf den Markt kommt. So wurden im Februar 1936 Qualitätspreise für Schlachtvieh eingeführt, da bei anhaltender Angebotsknappheit auf den Schlachtviehmärkten für alle Tiere, selbst für die schlechtesten Qualitäten, Höchstpreise erzielt werden konnt en und die Landwirte auf die Ausmästung der Tiere verzichteten Parallel dazu wurden die Handelsspannen immer genauer geregelt und Kleinhandelspreise starr festgesetzt, da alle Höchst- und Richtpreise dauernd überschritten wurden. Sollten die Preisbindungen ursprünglich nur die wichtigsten Lebensmittel umfassen, so zeigte es sich sehr bald, dass zwangsläufig immer neue Produkte in das Festpreissystem eingegliedert werden mussten. Gegenwärtig sind für fast alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse Festpreise in Geltung. Die Ausdehnung der Festpreise auf immer weitere Erzeugnisse ergab sich aus den inneren Notwendigkeiten der nationalsozialistischen Marktregelung. Bei Angebotsverknappung stieg sehr bald die Nachfrage nach verwandten, aber für den Massenkonsum minder wichtigen und darum bisher von der staatlichen Preisregulierung nicht erfassten Erzeugnissen und führte bei diesen zu unverhältnismässig grossen Preissteigerungen. Wir können diesen Vorgang besonders deutlich bei der Entwicklung der Fleischpreise beobachten. Als im Juli 1935 die Fleischpreise stark anzogen, wurden durch die Verordnung vom 31. 8. die Kleinhandelspreise für Rind- und Schweinefleisch gebunden, indem in allen Städten die im März 1935 gezahlten Preise als Richtpreise erklärt wurden, deren Ueberschreitung verboten wurde. Bei der weiteren Ver B-7knappung des Angebots zogen die freien Wurst- und Speckpreise, sowie die Preise für die besseren Fleischqualitäten, die ebenfalls nicht gebunden waren, stark an, während die scharf kontrollierten Festpreise für die wichtigsten Fleischsorten( auf, dem Papier) unverändert blieben. Dieses anormale Preisverhältnis zwischen Fleischpreisen und Preisen für Fleischerzeugnisse drohte eine weitere Beschränkung des Fleischangebotes zugunsten gesteigerter Produktion von Fleischerzeugnissen her beizuführen. Deshalb wurden im Oktober 1936 Kleinhandelspreise für Wurst, Speck und weitere Fleischerzeugnisse und-Sorten eingeführt. Schliesslich sind während der letzten Rind- und Schweinefleischknappheit kaufkräftige Schichten auf Kalbs- und Hammelfleisch ausgewichen, deren Preise frei geblieben waren. Die Folge davon war, dass die Kälberschlachtungen stark zunahmen und die Kalbfleischpreise das Doppelte des Vorkriegsniveaus erreichten. Da dadurch die Nachzucht ernsthaft gefährdet wurde, mussten einerseits die Kälberschlachtungen ab 15. Oktober kontingentiert und andererseits für Kalb- und Hammelfleisch ebenfalls Höchstpreise eingeführt werden. Damit waren alle Fleischarten und Fleischwaren in die Festpreisregelung einbezogen. Die dauernden Versorgungsschwierigkeiten in den grossen Verbrauchszentren( Berlin, Ruhrgebiet) zwangen die Regierung, vom System der blossen Beeinflussung des Marktes durch Preisvorschriften zu direkten Eingriffen in die Verteilung der landWirtschaftlichen Erzeugnisse zu schreiten. Diese Eingriffe wurden zuerst durch die" Reichsstellen" vorgenommen, die ursprünglich zur Erschwerung der Einfuhr( durch das System der Uebernahme scheine und Ausgleichsabgaben, siehe Bericht 1935 Nr. 2, Teil B.S.15 ff) geschaffen wurden. Diese Reichsstellen( für Getreide, Eier, Tiere und tierische Erzeugnisse und Milch, Oele und Fette) haben jetzt die Einfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen weitgehend selbst in die Hand genommen, um die Verteilung auf die Verbrauchszentren, in denen die grösste B- 8Knappheit herrscht, besser zu organisieren und um zentrale Reserven an Kühlhauseiern, Gefrierfleisch, Futtermitteln usw. zu bilden. So besteht für die Kraftfuttermittel, die fast ausschliesslich aus dem Ausland stammen und für die die Nachfrage besonders gross ist, ein hundertprozentiges Zuteilungssystem mit festen Kontingenten für jeden Bezirk, jede Kreisbauernschaft und jede Gemeinde. Alle Oelkuchen werden auf Grund von Bezugsscheinen abgegeben, wobei selbst der Verkauf eines unverbrauchten Oelkuchenpostens über die Grenzen eines Landkreisee hinaus nur mit Zustimmung des Nährstandes erfolgen kann. Aehnlich erfolgt in Perioden starken Mangels die zentrale Verteilung der eingeführten Eier, Fette, Oele, des Schlachtviehs und des Gefrierfleisches. Seit einiger Zeit haben die Reichsstellen ihren Aktionsradius von den eingeführten Agrarerzeugnissen auf die einheimischen erweitert. Liegt ein vorübergehendes Ueberangebot für irgend ein Erzeugnis auf dem Inlandsmarkt vor, so kauft die zuständige Reichsstelle die überschüssigen Mengen auf, um sie einzulagern oder den Verarbeitungsindustrien zuzuleiten( dies war z. B. bei der Aktion" Fleisch im eigenen Saft" im Herbst 1934 der Fall). Neben diesen Stützungskäufen im grossen Massstab übernehmen die Reichsstellen Verlustgeschäfte, die sich bei der Belieferung der" toten Winkel" unter Einhaltung der geltenden Festpreise ergeben, indem sie für diese Gebiete die Frachtkosten tragen. Dank dieser vielseitigen Tätigkeit spielen die Reichsstellen im Rahmen der Marktorganisation des Reichsnährstandes die wichtige Bolle von Ausgleichsstellen, die direkt in der Hand der Staatsexekutive liegen, über bedeutende flüssige Mittel und Lebensmittelreserven verfügen und deren Subventionstätigkeit völlig undurchsichtig und unkontrollierbar ist. Das Gegenstück zur zentralen Verteilung der Einfuhr bildet die staatliche Kontrolle über die Verteilung der gesamten inländischen Nahrungsmittelerzeugung, die alle Stufen vom Erzeuger über den Händler und Verarbeiter bis zum Verbraucher B- 9erfasst. Diese Ueberwachung begann im Herbst 1933 mit der Einsetzung von Reichs- und Bezirkskommissaren und besonderen" Marktbeauftragten für mehrere landwirtschaftliche Erzeugnisse. Diese Kommissare, deren Befugnisse entweder über das ganze Reichsgebiet ausgedehnt( so bei Schlachtvieh) oder auf einzelne Erzeugungsgebiete beschränkt waren( wie bei verschiedenen Gemüsearten), erliessen Preisvorschriften und nahmen die verschiedensten Massnahmen zur Absatzregulierung vor. Die Wirksamkeit dieser Massnahmen war aber relativ beschränkt, weil es an geeigneten Kontrollmöglichkeiten fehlte. Deshalb wurden sie im Frühjahr 1934 durch eine straffere Organisierung der landwirtschaftlichen Märkte ersetzt. Die Organe dieser neuen Marktorganisation, die später stufenweise immer weiter ausgebaut wurde und heute eine lückenlose Zwangsorganisation aller landwirtschaftlichen Märkte darstellt, sind die" Hauptvereinigungen", deren Zahl gegenwärtig zehn beträgt ( für Getreide, Kartoffeln, Schlachtvieh, Eier, Milch, Gartenbauerzeugnisse, Zucker, Süsswaren, Brauereiwesen und Fischerei). Diese Hauptstellen, die in regionale Marktverbände gegliedert sind und mit den zuständigen" Reichsstellen" eng zusammenarbeiten, kontrollieren die Bewegung der gesamten deutschen Agrarproduktion vom Erzeuger bis zum Verbraucher. Die Intensität der durch diese Hauptstellen verwirklichten" Marktsteuerung" ist verschieden. Sie reicht von der genauen zahlenmässigen Erfassung der Marktvorgänge, um die Anlage unkontrollierbarer Reserven zu verhindern, bis zur hundertprozentigen direkten Marktbewirtschaftung mit Ablieferungszwang und Verbrauchskontingentierung und eigenen Sammelstellen- und Verteilungsapparat. Die loseste Form der Marktkontrolle wird durch den Schlussscheinzwang verwirklicht. Sie besteht darin, dass bei jedem Kaufgeschäft ein besonderer Schlussschein auszufertigen ist, dessen Durchschlag der zuständige Marktverband und über diesen die Hauptvereinigung erhält. Dadurch kann die Hauptvereinigung B- 10das gesamte Angebot ständig erfassen und bei der Erteilung von Schlusssche informularen einzelne Händler, Aufkäufer und Makler ausschliessen oder auch begünstigen und auf diese Weise eine direkte Kontrolle über den gesamten Markt ausüben. Diese Regelung bedeutet praktisch die Konzessionierung des gesamten Landhandels auf jederzeitigen Abruf. Eine Umgehung des Schlussscheinzwanges ist in der Praxis kaum möglich, da die öffentlichen Verkehrsmittel bei jedem Versand von Agrarerzeugnissen die Vorlegung des Schlussscheines zu fordern haben. Die direkten Eingriffsmöglichkeiten der Hauptvereinigungen werden noch durch die für viele landwirtschaftliche Erzeugnisse geltende Melde- und Genehmigungspflicht vergrössert. Jeder " Verteiler"( Aufkäufer, Grosshändler oder Genossenschaft) muss jeden Versand über die Grenzen eines bestimmten Bezirks dem zuständigen Marktverband vorher anmelden, sei es generell, sei es nur, wenn es sich um grössere Mengen handelt( dieses gilt Z.B. für Eier). Beim Versand von Schlachtvieh muss diese Voranmeldung z.B. drei Tage vor dem Versand erfolgen. Innerhalb dieser Frist erhält der Versender entweder eine Genehmigung, so dass er den Versand in der beabsichtigten Weise vornehmen kann, oder aber eine besondere Versandanweisung, falls der Hauptvereinigung eine Umsteuerung notwendig erscheint. Entsprechend kann in bestimmten Fällen von Verarbeitungsbetrieben, Schlächtern usw. eine Voranmeldung ihres Bedarfs gefordert werden. Eine ähnliche" Andienungspflicht" besteht bei Getreide, Speisekartoffeln und Butter: alle zum Verkauf gelangenden Mengen sind den zuständigen Marktorganisationen des Nährstandes anzudienen und können von diesem anstelle des Käufers übernommen werden. Diese Eingriffe in die Verteilung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit dem Ziel, einen Versorgungsausgleich herbeizuführen, bilden nur eine Uebergangsstufe zur Kanalisierung der gesamten landwirtschaftlichen Produktion durch eine staatliche B- 11Marktorganisation. Diese Kanalisierung wird durch den Liefergwang ermöglicht, der auf immer neue landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgedehnt wird. Bei denjenigen Erzeugnissen, bei denen der Ablieferungszwang in Kraft getreten ist, wird die gesamte Erzeugung mit Ausnahme der für den Eigenverbrauch notwendigen Mengen erfasst. Auf Grund der Betriebsgrösse, der Bodenbeschaffenheit und des Viehbestandes wird jedem Erzeuger ein Grundkontingent zugesprochen, das er innerhalb des Wirtschaftsjahres abliefern muss. Dieses System ist bei Getreide seit zwei Jahren in Kraft und schrittweise ausgebaut worden. Es besteht eine Ablieferungspflicht für die Getreidekontingente, die für jede Kreisbauernschaft, für jede Gemeinde, für jeden Bauern individuell festgesetzt sind. Die Ablieferung hat innerhalb bestimmter Fristen zu erfolgen( 30% bis zum 15. Oktober, 60% bis Ende Dezember, 80% bis Ende Januar, 100% bis Ende Februar), deren Einhaltung durch besondere Kontingentmarken kontrolliert und durch Strafandrohungen erzwungen wird. Die Ablieferungspflicht, die generell ausser für Getreide noch für Zuckerrüben und in vielen Gebieten für Werkmilch ( Milch zur Butter-, Käse- und Dauermilcherzeugung) besteht, wird bei Werkmileh und Zuckerrüben noch durch die Bestimmung verschärft, dass die gesamte Erzeugung an eine bestimmte Molkerei oder Zuckerfabrik und nur an diese abzuliefern ist. Dadurch erhält der Staat die Möglichkeit, einerseits die Erzeugung aus strategischen Gründen in bestimmten Gebieten zu fördern, andererseits die anfallenden Mengen am rationellsten zu verarbeiten und zu verteilen. So ist die Milchverwertung in stärksten Masse in den Molkereien Konzentriert worden, um die Herstellung der Bauera butter, deren Absatz schwer zu kontrollieren ist, zu beschränken. In vielen Gebieten ist in Verbindung mit der Ablieferungspflicht den Bauern das Belbstbuttern verboten worden. Ganz allgemein sind kleinere Molkereien stillgelegt und die ganze Milchverwertung jedes Gebietes in einigen wenigen Grossmolkereien konzentriert worden. Allein im Laufe B-12des Jahres 1935 sind 681 Molkereien geschlossen worden. Die Einführung des Ablieferungszwanges und die Errichtung voa Ablieferungsstellen ist die vollkommenste Form der totalitären Marktorganisation. Hier ist der Staat von Augenblick der Ablieferung durch den Produzenten alleiniger Herr über die gesamte Produktion und überwacht und lenkt sie auf den Weg über alle Grade der Verarbeitung bis zum Verbraucher. Dieser durch die kriegswirtschaftliche Zielsetzung diktierten Endform der nationalsozialistischen Marktorganisation streben auch alle anderen Formen der" Marktordnung" zu, sie bilden praktisch nur Vorstufen dazu. Diese vollkommenste Form der" nährständischem" Marktorganisation fusst auf bezirklichen Sammel- und Ablieferungsstellen für alle Erzeugnisse der Landwirtschaft, wobei Ueberschüsse von einer Zentralstelle aus in die Verbrauchsgebiete gelenkt werden. Die Errichtung solcher Sammelstellen ist bei Schlachtvieh im Gange, bei Eiern in Anlehnung an die vorhandenen Sortenkennzeichnungsstellen und bei den Gartenbauerzeugnissen in Vorbereitung, bei Werkmilch und Zucker und bei Trinkmilch und Getreide bereits teilweise verwirklicht. Für einige Erzeugnisse, für die noch kein allgemeines Sammelstellensystem besteht, ist der Ablieferungszwang in zahlreichen Bezirken durch die Bildung sogenannter" geschlossener Märkte" verwirklicht worden. Innerhalb eines geschlossenen Gebiets muss die gesamte Erzeugung( es handelt sich um Trinkmilch, Frühkartoffeln und verschiedene Gemüsearten) an eine oder mehrere Ortssammelstellen abgeliefert werden, wobei wiederum meist feste Ablieferungskontingente festgesetzt werden. Die gesamte überschüssige Produktion dieses" Einzugsgebietes" wird an ein bestimmtes, ihm zugeteiltes Verbrauchszentrum( Grossstadt) abgeliefert. Die Verkopplung von Ueberschussbezirken mit bestimmten Zuschussgebieten wird übrigens auch bei loseren Marktzusammenschlüssen, z. B. auf dem Schlachtviehmarkt, angewandt, wo die schlesischen Ueberschüsse an bestimmte sächsische Gross B- 13märkte abzuliefern sind. Die neue Marktregelung erfasst alle Handelsgeschäfte mit Agrarerzeugnissen ohne Ausnahmen, da jetzt den Erzeugern jeder Direktverkauf an Verbraucher streng untersagt ist. Durch ständige Kontrolle der Erzeugung und des Eigenverbrauchs der Landwirtschaft, die jeden Direktverkauf unter Umgehung der geltenden Zwangsvorschriften immer schwerer und gefährlicher macht, versucht der nationalsozialistische Staatsapparat die Verfügungsgewalt über die gesamte landwirtschaftliche Erzeugung vom Augenblick der Produktion an in die Hand zu bekommen, um" im Ernstfall" über die gesamten Ernährungsreserven des Inlands verfügen zu können. Der Eingriff des Staates über den Reichsnährstand bleibt nicht auf die" erste Hand"( den direkten Aufkäufer der landwirtschaftlichen Erzeugung) beschränkt. Der Reichsnährstand überwacht und reglementiert die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Erzeugung auf allen Stufen bis zum genussfertigen Lebensmittel ebenso wie den gesamten Handel mit Lebensmitteln. Zur Ausübung dieser Kontrolle besitzt der Nährstand die Befugnis, für alle landwirtschaftlichen Verarbeitungsindustrien ( Mühlen, Zucker-, Konserven-, Süsswarenindustrie usw.) Vorschriften über Preise und Preisspannen, Verarbeitungskontingente und Einlagerung zu erlassen, obwohl diese Industrien nicht zur Organisation des Nährstandes gehören. Praktisch ist die Produktion der in Frage kommenden Industrien vom Nährstand lükkenlos geregelt, wobei bei einigen Zweigen( Mühlen, Mischfutter- und Margarinefabriken) als Organe des Reichsnährstandes besondere" wirtschaftliche Vereinigungen" gebildet wurden. Bei diesen" Nährstandsindustrien" bestimmt die staatliche Zwangsorganisation der Landwirtschaft nicht nur die zu erzeugenden Mengen und die Verkaufspreise, sondern auch die Veränderungen in der Produktionskapazität, da alle Neubauten sowie Erweiterungen bereits vorhandener Betriebe genehmigungspflichtig sind oder vom Nährst and direkt veranlasst werden. Es wird nicht verheimlicht, dass es sich hierbei um staatliche Stand B- 14ortsbestimmung aus wehrwirtschaftlichen Gründen handelt. Die Produktion der gesamten landwirtschaftlichen Verarbeitungsindustrien ist gegenwärtig mit wenigen unbedeutenden Ausnahmen durch eine Vollkontingentierung streng geregelt. Dabei werden entweder die Produktionsmengen am Beginn des Wirtschaftsjahres neu verteilt werden oder es wird-meist auf Grund der bereits vor dem Umsturz in diesen kartellierten Industrien vorhandenen Quo ten- ein Grundkontingent festgelegt und dann jeweils die jährliche oder sogar die monatliche Produktionsmenge in Prozenten des Grundkontingents bestimmt. Die genaue Bestimmung der zu erzeugenden Quantitäten wird oft durch Vorschriften über die zu verwendenden Rohstoffe und die herzustellenden Qualitäten und Sorten ergänzt. Das Ziel dieser Vorschriften ist es, durch Herabsetzung der Qualitäten und Einschränkung der Sortenauswahl( die Massnahmen zur Verminderung der Käsesorten und die Beschränkung der Brotherstellung auf fünf Grund typen gehören dazu) aus der vorhandenen beschränkten Menge an Agrarprodukten eine maximale Menge von Lebensmitteln herzustellen. Die Preisregulierung ist nicht in allen Lebensmittelindustrien einheitlich. Während für Mehl, Margarine und Kartoffelstärke feste Verkaufspreise gelten, bestehen für die einzelnen Zweige der Konservenindustrie Richtpreise, die unterboten werden können, wenn nachgewiesen wird, dass die Verkaufspreise den Selbstkosten entsprechen. Diese Aufrechterhaltung eines gewissen Spielraumes für die Konkurrenz soll eine weitere Rationalisierung der für die Heeresversorgung so wichtigen Konservenindustrie begünstigen. Es entspricht der kriegswirtschaftlichen Zweckbestimmtheit dieser Organisation der Verarbeitungsindustrien, dass für die wichtigsten Lebensmittel ein Lagerzwang besteht, durch den alle einschlägigen Betriebe gezwungen sind, sei es eine bestimmte Menge Rohstoffe( bei Mühlen ein Getreidevorrat für zwei Monate), sei es eine Vorratsreserve ihres Fertigproduktes( bei Zuckerfabriken 12% ihres Grundkontingents) stets auf Lager zu halten. B- 15Auf diese, stets zu erneuernde Reserve kann in besonders kritischen Versorgungslagen zurückgegriffen werden. Sie ist aber vor allem dazu bestimmt, im Ernstfalle eine Anfangsreserve für die Versorgung der Armee zu bilden. Die Zwangsorganisation der landwirtschaftlichen Märkte ist am Beginn des fünften Jahres der Diktatur nahezu allumfassend. Die Stufe der vollständigen Kontingentierung und Zwangsbewirtschaftung ist zwar noch nicht überall erreicht und das System der Festpreise weist noch hie und da Lücken auf. Aber die bisherige Entwicklung lässt keinen Zweifel darüber, dass die lükkenlose Kontingentierung der Produktion und Verarbeitung bei gleichzeitiger genauer Festlegung aller Preise vom Erzeuger über alle Stufen der Verarbeitung bis zum Verbraucher, so wie sie beim Brotgetreide verwirklicht ist, das Ziel der nationalsozialistischen Marktorganisation für alle Agrarprodukte darstellt. . Der Landwirt hat jede Freiheit in der Produktionsgestaltung und in der Wahl des Absatzweges verloren. Gerade die letzten Massnahmen der Regierung zeigen, in welchem Masse an die Stelle der" Unsicherheit der liberalistisch- kapitalistischen Wirtschaft" die sichere Ueberwachung durch den totalitären Staat gesetzt worden ist. Die sogenannten" Hofbegehungen", deren angebliches Ziel die Beratung der Bauern an Ort und Stelle ist, des Bauern auf dienen dazu, den Viehbestand und die Vorräte seinem eigenen Hof zu kontrollieren, während die Milchleistungsprüfung die ständige Ueberwachung der Milchkühe erlaubt. Dass der Faschismus vor der unverhüllten Beschlagnahme nicht zurückschreckt, erweist die seit Jahresbeginn vor sich gehende " freiwillige" Getreideablieferungsaktion. Nachdem das diesjährige Ernteergebnis, das trotz des amtlichen Optimismus in Wirklichkeit wesentlich unter dem vorjährigen liegen dürfte, bekannt wurde, erliess der Reichsbauernobmann Meinberg( der Vertreter Darrées) einen Aufruf an die Bauern, worin er sie auffordert, über das Ablieferungskontingent hinaus freiwillig ihre Ueberschüsse abzuliefern. Jeder Bauer B-16sollte sich durch Einzeichnung in eine besondere Liste zur Mehrabiieferung verpflichten. Die Durchführung dieser" freiwilligen Aktion" erfolgt in der Weise, dass in jeder Gemeinde ein von Ortsbauernführer gebildeter' Sachverständigenausschuss" sicht nur darüber wacht, ob das normale Ablieferungssoll erfüllt worden ist, sondern" nach praktischen Wegen sucht, um auch das letzte Korn Brotgetreide für die Sicherung der Volksarnährung bzw. die Vorratswirtschaft bereitzustellen"( Natioaalsozialistische Landpost vom 6.1. 1937)." Beschlagnahmen sind Ausnahmeerscheinungen, die lediglich bei volksfeindlichem Verhalten Anwendung finden" versichert dasselbe Blatt. In Wirklichkeit bedeutet diese neue Aktion die rücksichtslose Zwangserfassung der gesamten diesjährigen Getreideernte. Es ist noch nicht zu übersehen, ob das jetzt bestehende System noch weiter ausgebaut werden soll. Eine Erweiterung wäre sowohl in der Produktions- wie in der Verbrauchssphäre möglich. Als Erweiterung in der Produktionssphäre käme in Frage, die Ablieferungskontingente durch Anbaukontingente zu untermauern. Aber die nationalsozialistische Presse wehrt sich energisch gegen einen solchen Ausbau, da durch die Anbau- Kontingente indirekt eine weitgehende Stabilisierung der Anbauflächen bewirkt würde, die angesichts der von Jahr zu Jahr schwankenden Bodenerträge zu einer Produktionsverminderung führen müsse. Allerdings wird der Plan ernsthaft erörtert, die Festpreise nur für die erteilten Kontingente zu garantieren und die darüber hinausgehende Erzeugung je nach den Bedürfnissen des Marktes zu bezahlen. In der Milchwirtschaft wird dieses Prinzip schon stellenweise angewandt. Eine Fortsetzung der Zwangsorganisation des Marktes für Nahrungsmittel bis zum Verbraucher ist jedoch sehr wahrscheinlich und auf vielen Gebieten bereits in Angriff genommen. Die Einbeziehung des Lebensmittelhandels in die nährständische Marktorganisation hat dasselbe Ziel wie die gesamte Zwangsorganisation der Agrarerzeugung und des Agrarmarktes: durch einheitliche Organisierung und strenge Ueberwachung aller Marktvorgänge die B- 17Umgehung der Kontingentierungs- und Preisvorschriften zu verhindern und durch die zentrale Verteilung der vorhandenen Nahrungsmittel die Zwangsrationierung in Kriegszeiten bereits im Frieden vorzubereiten. Die Kundenlisten und Bezugsscheine für Butter, Margarine und sonstige Fette unterscheiden sich vom Kartensystem der Kriegszeit nur durch technische Einzelheiten und können von einem Tag auf den anderen in ein solches verwandelt werden. Von der bei Fleisch und Fetten und anderen knappen Nahrungsmitteln bereits eingeführten Bindung der Verbraucher an einen bestimmten Kleinhändler kann die totale Marktorganisation bis zur Beschränkung jedes Lebensmittelhändlers auf einen bestimmten Kundenkreis ausgebaut werden. Dieser Plan wird gegenwärtig unter Hinweis auf die Uebersetzung des Verteilungsapparates bei den Nahrungsmitteln( 700.000 Verarbeiter und Händler gegenüber 3 Millionen Erzeugern) tatsächlich erwogen, wobei eine starke Verminderung der Zahl der Kleinhändler als notwendig und möglich bezeichnet wird. Zunächst soll eine berufsmässige und politische Kontrolle der Neuzulassungen durch den Nährstand erfolgen und damit die Konzessionierung, so wie sie beim Grosshandel durch den Schlussscheinzwang bereits besteht, auf alle Verarbeitungsindustrien und den Lebensmittelkleinhandel ausgedehnt werden. II. Die Erzeugungsschlacht. Seit zwei Jahren steht die nationalsozialistische Agrarpolitik im Zeichen der Erzeugungsschlacht. Immer mehr werden alle Massnahmen auf dem Gebiet der Agrarpolitik auf ein Ziel ausgerichtet:" Mehr erzeugen und das Erzeugte sparsamer verwenden". Durch eine systematische Propaganda, durch Vorträge, Radio, Film und Presse wird dem deutschen Bauer die Notwendigkeit eingehämmert, mehr Lebensmittel zu produzieren, während der städtische Konsument gleichzeitig aufgefordert wird, sparsamer mit den Nahrungsmitteln umzugehen. B- 18Die Erzeugungsschlacht wurde auf dem zweiten Reichsbauerntag im Herbst 1934 in Goslar proklamiert. Nachdem in den ersten Zwei Jahren recht magere Erfolge zu verzeichnen waren, wurde auf dem Ende November 1936 stattgefundenen vierten Reichsbauerntag die zweite Erzeugungsschlacht im Rahmen des Göringschen Vierjahresplanes verkündet. Dabei hat der zum" Leiter der Geschäftsgruppe Ernährung beim Beauftragten für den Vierjahresplan" ernannte Staatssekretär Backe vom Reichsernährungsministerium die einzelnen Massnahmen zur Erreichung der beiden Hauptziele der Erzeugungsschlacht-Mehrerzeugung und Vorratswirtschaft- entwickelt. Die Gesamtheit dieser Massnahmen zielt auf eine Produktionssteigerung in allen Zweigen der deutschen landwirtschaftlichen Produktion ab. Welches Produktionsvolumen bei den einzelnen Erzeugnissen erreicht werden soll, ist vorsichtigerweise nicht verkündet worden. Mit der Eingliederung in den Vierjahresplan ist die Erzeugungsschlacht auch offiziell dem Zwecke der Kriegsvorbereitung untergeordnet worden. Die Hauptanstrengungen werden auf dem Gebiet der Fettversorgung gemacht, bei der Deutschland nach wie vor zu 55 bis 60% auf die Einfuhr angewiesen bleibt. Die Erinnerung an die Folgen des Fettmangels während des Weltkrieges erklären die Hartnäckigkeit der Versuche, den anhaltenden Rückgang der inländischen Fettproduktion zum Stillstand zu bringen. Wir werden weiter unten zeigen, dass dieser Rückgang durch die nationalsozialistische Futtermittelpolitik selbst verursacht worden ist und dass dieselbe Futtermittelpolitik auf dem Gebiet der Fleischversorgung, die 1932 bereits zu 98% aus inländischer Erzeugung gedeckt werden konnte, ein neues Defizit verursacht hat. Die Erzeugungsschlacht ist nicht auf die Nahrungsmittelproduktion beschränkt. Sie soll gleichzeitig die, inländische Produktion der technischen Kulturen steigern, obwohl diese Pflanzen in Deutschland aus klimatischen Gründen nur geringe Erträge liefern. Die Massnahmen der zweiten Erzeugungsschlacht richten sich sowohl an die Erzeuger wie an die Verbraucher. B-19Die einen sollen mehr erzeugen, die anderen weniger verbrauchen. 1) Massnahmen zur Produktionssteigerung Wir können die Massnahmen, die zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion ergriffen wurden, in drei Gruppen zusammenfassen. a) Intensivierung der Agrarproduktion. Die Intensivierungsmöglichkeiten für die deutsche Landwirtschaft, d. h. die Möglichkeiten, bei gleicher Anbaufläche und be im gleichen Viehbestand durch Steigerung der Erträge pro Hektar und der Milchleistung pro Kuh grössere Mengen zu produzieren, sind recht bedeutend. Ein Vergleich der Milchleistung pro Kuh in Deutschland und in Dänemark z. B., oder der Hektarerträge in Deutschland und in Belgien( selbst bei Berücksichtigung der verschiedenen Bodenqualitäten), schliesslich die im Laufe der letzten Jahrzehnte in Deutschland sal bst erzielten Fortschritte der Landwirtschaft zeigen, dass hier noch viel zu tun ist. Die gegenwärtig von den Nationalsozialisten unternommenen Bemühungen, die grösstenteils an die in gleicher Richtung liegenden Massnahmen der vergangenen Jahre anknüpfen, stellen einen Versuch dar, durch staatlichen Druck die relativ zurückgebliebene deutsche Agrartechnik in Biltempo zu vervollkommnen und dadurch zu Produktionssteigerungen zu gelangen. Wir haben in unserer letzten agrarpolitischen Uebersicht( AugustBericht 1936 Nr. 8, Teil B) gezeigt, dass diese Bemühungen zu keinen entscheidenden Erfolgen führen können, weil der einseitig auf Getreide- und Kartoffelbau eingestellte Grossgrundbesitz durch Subventionen vom Zweg zur Intensivierung befreit wird, während gleichzeitig die bauernfeindliche Futtermittelpolitik die Entwicklung der Viehwirtschaft hemmt. An dieser Stelle begnügen wir uns mit der Schilderung der wichtigsten in leser Richtung unternommenen Massnahmen. B-203. Die Machanfsferung der Landwirtschaft wird-insbesondere in Hablick auf den Mangel an menschlichen und tierischen Arbeitskräften in Kriegszeiten- stark gefördert. Insbesondere wird versucht, die Kleinbauern zu gemeinschaftlichen Ankauf und Verwertung von landwirtschaftlichen Maschinen zu veranlassen. In Jahre 1935 erreichte der inländische Landmaschinenabsatz mit 200 Millionen RM fast den Höchststand von 1927( gegen 80 Millionen im Jahre 1932). Da eine reichlichete Futtermittelversorgung die Grundlage für eine Steigerung der Milch-, Fett- und Fleischproduktion ist, wird nichts unterlassen, um die inländischen Futterreserven lückenlos zu erfassen und zu steigern. Neue Methoden in der Anbautechnik-Zwischenfruchthau und der Anbau von Süsslupinensowie in der Zubereitung und Lagerung der Futtermittel werden angewandt. Die Futtereinsäuerung, mit deren Hilfe der Futterwert des Grünfutters erhöht wird, wird durch den Bau von Grünfutterbehältern gefördert, für den hohe staatliche Subventionen ausgeworfen werden.( Allein im Laufe des Jahres 1935 wurde das Fassungsvermögen dieser Anlagen um 70% erhöht). Besonders gebildete Bämpferkolonnen ziehen von Dorf zu Dorf, um mit Hilfe neuer, fahrbarer Anlagen, die Futterkartoffeln einzudämpfen. Diese neuen Methoden werden mit allen dem faschistischen Staatsapparat zur Verfügung stehenden Mitteln der Massenpropaganda, des direkten Zwanges und der Subventionierung vorangetrieben. Trotzdem wird bisher nur ein kleiner Teil der deutschen Futtermittelversorgung nach den neuen Methoden behandelt. Gleichzeitig wird versucht, die Abfälle der landwirtschaftlichen Verarbeitungsbetriebe und der städtischen Verbraucher der Schweinemest zuzuführen. De das Schwein bekanntlich" alles frisst", werden in den Städten die Hausfrauen gezwungen, alle irgendwie für die Schweinemast verwertbaren Küchenabfälle in besonderen Finern zu sammeln, die dann als Futter in die Schweinemästereien der NSV oder zu den Mästern der" Patenschweine" wandern. Mit Hilfe der obligatorischen Leistungskontrolle für alle B- 21Kühe( an 1. 10. 1935 waren durch sie bereits 36,4% aller Milchkahe erfasst), soll eine Auslese der leistungsfähigen Tiere and eine Verbesserung der Fütterungsmethoden erreicht werden. Bela Feldfruchtbau wird eine Ertragssteigerung durch erhöhte Düngemittelverwendung und Saatgutverbesserung angestrebt. Um die Düngemittelverwendung, die seit 1932/33 um durchschnittlich ein Drittel gestiegen ist, weiter zu fördern, ist neuerdings vorgesehen, dass die Düngemittelpreise bei weiterer Verbrauchssteigerung automatisch sinken. Das Saatgut soll durch Sortenverminderung vereinheitlicht und verbessert und die Verwendung des staatlich anerkannten Saatguts gefördert werden. Daneben wird auf allen Gebieten versucht, durch Beratung, Schulung und Propaganda eine Verbesserung der Agrartechnik auch im entferntesten Dorf zu erreichen. b) Die Anbauflächenausdehnung. Neben der Intensivierungskampagne laufen die Bestrebungen zur Ausehnung der Anbauflächen einher. Jede Nummer der nationalsozialistischen landwirtschaftlichen Zeitschriften enthält Berechnungen über die ungeheueren Reserven in Gestalt von Moorund Oedland, die der deutschen Landwirtschaft im Zuge der Erzeugungsschlacht zugeführt werden können. Wir haben in unserer Uebersicht über die Siedlung im Dritten Reich( siehe Dezemberbericht 1935, Teil B, S.15 ff) ausführlich über den Zweck dieser Propaganda und ihre bisherigen mageren Ergebnisse berichtet. Wir können an dieser Stelle hinzufügen, dass auf diesem Gebiet auch bis heute noch keine Fortschritte zu verzeichnen sind, weil der Arbeitsdienst und die Notstandsarbeiter seit der" Wiedererlangung der Wehrhoheit" in erster Linie für die Wehrmachtsbauten gebraucht worden sind, die für das faschistische Deutschland viel wichtiger sind als alle Moortrockenlegungen und Einpolderungen. c) Die Subventionen. Die staatlichen Subventionen werden sowohl zur Finanzierung B- 229 der Investitionen im Zuge der Intensivierungskampagne, wie zur direkten Förderung des Anbaus bestimmter Erzeugnisse erteilt. Der Reichsnährstand hat es in der Hand, die Produktion einzelner Agrarprodukte sei es durch indirekte Subventionen in der Form von unverhältnismässig hohen Festpreisen, sei es durch Zahlung von offenen Prämien( wie es bei Oelpflanzen und Flachs geschieht) zu fördern. Die ganze Ausdehnung des Anbaus von Gespinst- und Oelpflanzen beruht auf solchen Subventionen.Die Steigerung der inländischen Wollerzeugung wird ebenfalls durch durch die" ReichswollStaatssubventionen finanziert, die Verwertungsgesellschaft", die das Monopolrecht zum Ankauf der deutschen Wollerzeugung hat, verteilt werden. 2) Massnahmen zur Verbrauchseinschränkung. Die bisherigen Ergebnisse der beiden Erzeugungsschlachten, auf die wir weiter unten eingehen, haben weder eine Einschränkung der Einfuhr, noch eine Hebung der Inlandsproduktion mit sich gebracht. Infolgedessen versucht der Faschismus, von der Verbraucherseite her das zu erreichen, was von der Erzeugerseite her zu erreichen nicht gelungen ist: den Verbrauch und die Erzeugung in Einklang zu bringen. Die Erzeugungsschlacht wird in der Stadt als Entbehrungsschlacht weitergeführt. Sie steht hier im Zeichen der rücksichtslosen Verbrauchsbeschränkung." Die Versorgung mit Fett wird sich dann glatt abspielen, wenn das deutsche Volk seinen Fettverbrauch um etwa 25% einschränkt" heisst es im" Deutschen Volkswirt" vom 22. Januar ds.Jhrs. Täglich und stündlich werden dem deutschen Volk die Vorteile der fleisch- und fettarmen Kost vor Augen geführt. Aber hier zeigt sich die ganze Problematik der deutschen Ernährungslage: Fleisch und Fette durch Brot und Gemüse ersetzen, heisst, ein Defizit durch ein anderes zu decken: denn die einheimische Getreide- und Gemüseproduktion reicht gerade zur Deckung des gegenwärtigen Bedarfs aus und jede Verbrauchssteigerung muss B-23 bei diesen Erzeugnissen ausländische Zufuhren notwendig machen. Darum wurde die Propaganda für den erhöhten Brotverzehr( angesichts der sehr mässigen letzten Getreideernte) abgeblasen, zumal man merkte, dass zu Brot auch Aufstrich verzehrt wird. Nichtsdestoweniger wird versucht, durch Verbrauchslenkung die Nachfrage nach reichlicher vorhandenen Lebensmitteln auf Kosten der knappen auszudehnen. So ist der Marmeladenverbrauch stark gestiegen und der verbilligte Marmelade aufstrich hat manchem Arbeiter Wurst und Speck ersetzen müssen. Für die reichliche Kohlernte des letzten Jahres wurden neue Absatzmöglichkeiten gesucht und bei der herrschenden unbefriedigten Nachfrage nach allen Lebensmitteln auch gefunden. Die Kampagne für die bessere Verwertung der vorhandenen Nahrungsmittelreserven wird wissenschaftlich und propagandistisch untermauert. Das" Institut für Konjunkturforschung" hat einen ernährungspolitischen Magenfahrplan veröffentlicht, der jeder Hausfrau zeigt, welche Lebensmittel in den einzelnen Monaten " ohne Gefährdung der Wehrkraft der Nation" konsumiert werden können. Durch eine gross angelegte Propagandaaktion, in deren Mittelpunkt die' in Köln abgehaltene Ausstellung" Kampf dem Verderb" stand, wird versucht, die Verluste durch den Verderb von Lebensmitteln, die auf 1 1/2 Milliarden jährlich geschätzt werden, zu vermindern. Verbrauchslenkung und Verminderung des Verderbs können gewiss in engen Grenzen die Verwertung der vorhandenen Nahrungsmittel verbessern. Entscheidend aber bleibt doch die Frage, ob die Erzeugungsschlacht zur Steigerung der einheimischen Agrarproduktion führt. Die bisherigen Ergebnisse der Erzeugungsschlacht zeigen jedoch, dass es trotz aller Bemühungen kaum möglich ist, die landwirtschaftliche Produktion auf dem bisher erreichten Stand zu halten. 3) Die Ergebnisse der Erzeugungsschlacht Eine Beurteilung der Gesamtentwicklung der landwirtschaftlichen Produktion ist durch die Verschiedenheit der Erzeugnisse B- 24und ihres Nährwertes sehr erschwert. Das amtliche" Institut für Konjunkturforschung" veröffentlicht einen landwirtschaftlichen Produktionsindex, in dem die einzelnen Agrarerzeugnisse mit ihrem Kalorienwert eingesetzt sind. Selbst wenn wir diese Zahlen als richtig unterstellen, sind die Gesamtergebnisse, die sie ausweisen, recht mager. } Nach Schätzungen des" Instituts für Konjunkturforschung" ist die landwirtschaftliche Produktion Deutschlands in den drei Erntejahren 1932/1933 bis 1935/1936 von 104 auf 112, d.h. um 7,7% gestiegen. Dieser Indexberechnung liegt der Zweijahresdurchschnitt 1926/1927 bis 1928/1929 zugrunde. Im letzten Erntejahr ist sogar ein Rückgang von 113 auf 112 gegenüber 1934/ 35 eingetreten. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass alle drei Getreideernten, die diese Berechnungen erfassen und die in erster Linie von Witterungsverhältnissen und nicht von den Bemühungen der nationalsozialistischen Agrarpolitik abhängen, überdurchschnittlich und die Ernteergebnisse für die übrigen Feldfrüchte zum grössten Teil ebenfalls recht gut waren. Dieser Steigerung von 7,7% steht ein natürlicher Bevölkerungszuwachs von 3% und eine Abnahme der Arbeitslosigkeit von 4,5 Millionen gegenüber. Mit anderen Worten: die eingetretene Produktionssteigerung genügt kaum, um die zusätzlichen 2 Millionen Münder sattzumachen und die Muskelkraft von 4,5 Millionen Proletariern, die in den Jahren der Arbeitslosigkeit ihre Ernährung auf das absolute Minimum herabdrücken mussten, zu ersetzen. Untersucht man die Ergebnisse der Erzeugungsschlacht bei den einzelnen Erzeugnissen, die in diesen Gesamtindex eingehen, im einzelnen, so ergibt sich ein noch weniger günstiges Bild. Es muss dabei zwischen drei Gruppen von Erzeugnissen unterschieden werden. 1. Die Ernteergebnisse für alle pflanzlichen Erzeugnisse unterliegen starken jährlichen Schwankungen, die in erster Linie durch die Witterungsverhältnisse verursacht werden. Während die Ertragssteigerungen pro Hektar infolge besserer Düngung, Saatgutverbesserung und sorgfältigerer Bebauung erst in langen -25Perioden sichtbar und statistisch durch den Vergleich von Fünf- oder Zehnjahresdurchschnitten mess bar werden, sind jährliche Schwankungen von 10, 20 und bei mehreren Erzeugnissen čes Gartenbaus sogar 30% und darüber möglich. Daraus ergibt sich, dass die bisherigen Ergebnisse der Erzeugungsschlacht auf dem Gebiet der pflanzlichen Erzeugung mit Vorsicht zu werten sind. Bei allen wichtigen pflanzlichen Erzeugnissen( Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben) hat die deutsche Erzeugung dank der jahrzehntelangen Verbesserung der Anbaumethoden schon vor Hitler einen Stand erreicht, der bei Durchschnittsernten zur Deckung des Bedarfs genügt. Nur bei gewissen Gemüse arten ist noch ein dauernder Einfuhrbedarf vorhanden, während bei Zuekerrüben und Kartoffeln die den Bedarf übersteigende Produktion schon im wilhelminischen Deutschland durch Zuckerausfuhrprämien und Kartoffelbrennrechte zu Subventionen an die Grossgrundbesitzer Anlass gab. Die Hitlersche Agrarpolitik war durch drei gute Getreideernten begünstigt worden, die den Nationalsozialisten die Möglichkeit gaben, zu behaupten, dass Hitler die" Nahrungsfreiheit" bei Getreide" erkämpft" habe. Auch die Hackfrucht- und Gemüseernten der letzten Jahre waren im ganzen gut, die Kartoffelernte des Jahres 1936 stellt mit 46 Millionen Tonnen sogar eine Rekordernte dar. Diese Ernteergebnisse, die auf die günstige Witterung und nicht auf die Erfolge der nationalsozialistischen Agrarpolitik zurückzuführen sind, haben in erster Linie die oben angeführte Steigerung des Produktionsindexes bewirkt. 2. Bedeutsamer ist der Einfluss der staatlichen Agrarpolitik bei ċen tierischen Erzeugnissen. Hier ist auch ihre Wirkung unmittelbarer und die Beziehung von Ursache und Wirkung klarer. Bei der relativen Kürze der Reproduktionsperiode beim Vien und Geflügel muss sich die von der staatlichen Preis- und Einfuhrpolitik direkt beeinflusste Futtermittelversorgung in kurzer Zeit auf das Marktangebot von Schlachtvieh und Geflügel, Eiera und Milcherzeugnissen auswirken. Hier haben wir also die Möglichkeit, die unmittelbaren Auswirkungen der nationalsoziali B- 26 stischen Agrarpolitik auf dem wichtigsten Gebiet der landvirtschaftlichen Produktion( allein 50- 60% der Einnahmen der de tschen Landwirtschaft stammen aus der Viebwirtschaft, at becbachten. Die Entwicklung der Viehwirtschaft, an der in erster Linie die Klein- und Mittelbetriebe interessiert sind, ist in der letzten er Jahren für die nationalsozialistische igrarpolitik Bei dem chronischen Mangel an Futtermitgeradezu vernichtend. teln bedeutet die Erzeugungsschlacht für die Viehzucht eine systematische Vernichtung der Bestände und eine Verringerung der Produktion von Vieherzeugnissen( wir haben darüber in unseren vorherigen Uebersichten eingehend berichtet; siehe Deutschland- Berichte Teil B, Februar, August 1935 und insbesondere August 1936, Seite 9 ff. Die Ergebnisse der Viehzählung von Ende 1936 liegen noch nicht vor.) Bei Schweinen wurde der Tiefstand in den ersten Monaten des vorigen Jahres erreicht. Bis September konnte der Schweinebestand durch besondere Erleichterungen in der Futterversorgung, durch Kontingentierung der Schlachtungen und Verbot der Hausschlachtungen der Bauern, d.h. durch Verbrauchsbeschränkungen in Stadt und Land, bis auf 26 Millionen Stück erhöht werden. Aber ein neuer Abbau der Bestände hat bereits begonnen und bis Anfang Dezember ist schon eine Verminderung um 360.000 Stück eingetreten. Die vermehrten Abschlachtungen im Dezember und Januar haben diesen Abbau zweifellos noch vermehrt. Bei Schlachtvieh wirkte sich der Abbau der Bestände ebenso stark wie bei Schweinen aus, aber der Tiefpunkt wurde erst im Spätsommer 1936 erreicht und nur durch überdurchschnittliche Weideverhältnisse im Herbst trat eine merkliche Verbesserung in der Versorgung der Schlachtviehmärkte ein. Aber die ausserordentlich starken Kälberschlachtungen im vorigen Herbst, die zur Kontingentierung dieser Schlachtungen ab 1. 10. 1936 führ ten, und die gegenwärtige ungünstige Lage bei der Futtermitte versorgung( die ungünstigste seit dem Anbruch des Dritten Reitest machen einen erneuten Abbau der Vieh bestände in diesem unvermeidlich. B- 27S Dachtvieb 1- ckgeng er irzeugung blieb nicht auf beschrankt. Obwohl noch keine Produktionszahlen für 1936 vorliegen, rechnet die nationalsozialistische Presse mit einem weiteren Rückgang der Eier- und Mileherzeugnisse. Die leichte Erhöhung der Buttererzeugung konnte nur durch Einschränkung des Trinkmi lehverbrauchs und durch den Ersatz von Vollmilch durch Msgermilch erreicht werden. Es dürfte sich aber überhaupt in erster Linie nur um eine Erhöhung der statistisch besser erfassten Molkereiproduktion auf Kosten der Landbuttererzeugung handeln, d.h. also um eine Erhöhung auf Kosten der Eeschränkung des Eigenverbrauchs der Bauern. Ausserdem wird diese leichte Steigerung durch die Verminderung der Margarineerzeugung ausgeglichen. Somit zeigt sich, dass die Erzeugungsschlacht im wundesten Punkt der deutschen Lebensmittelversorgung versagt hat. Im abgelaufenen Jahr mussten, um die Versorgung der Grossstädte zu sichern, besonders in den ersten Monaten, bedeutende Mengen von lebendem Vieh, Schmalz, Gefrierfleisch und Eiern eingeführt werden. Der Einfuhrüberschuss an lebenden Tieren hat sich seit 1932 mehr als vervierfacht. Die Einfuhr von Butter und Liern ist 1936 gegenüber dem Vorjahr um 6,2 und 9% gesteigert worden. ! Die offizielle Erklärung dieser Einfuhrsteigerungen durch steigenden Verbrauch ist nichts als eine freche Lüge. Im Gegenteil, nach amtlichen Berechnungen( Wirtschaft und Statistik) ist der Pro- Kopf- Verbrauch gegenüber 1932, dem Tiefpunkt der Krise, im Jahre 1936 bei Fleisch um mehr als ein Prozent, bei Fetten um fast 8%, bei Eiern um mehr als 17% gesunken; er ist nur bei Trinkmilch( um 3,6%) und bei Brot und Kartoffeln ( um mehr als 6%) gestiegen. Ausserdem ist aber noch zu berücksichtigen, dass der Verbrauch heute durch die Statistik viel schärfer erfasst wird als früher. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass bei Fleisch und Fleischerzeugnissen, Fetten und Eiern die Auslandsabhängigkeit B- 28in den ersten drei Jahren der Erzeugungsschlacht nicht leiner, sondern grösser geworden ist. Allein im letzten Jahr ist der Einfuhrüberschuss an lebenden Tieren und Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs von 451 Millionen im Jahre 1935 auf 540 Millionen RM, d.h. um 20% gestiegen. 3. Das einzige Gebiet, auf dem durch Subventionen und AnbeuZw ang tatsächlich Produktionssteigerungen erzielt wurden, sind die technischen Kulturen. Hier wurde versucht, die inländische Erzeugung von Gespinststoffen durch Förderung des Flachsanbaus und die Oel- und damit die Oelkuchenproduktion durch Ausdehnung des Rapsbaues zu steigern. Die folgende Tabelle zeigt, dass die Anbauflächen zwar gegenüber 1932 vervielfacht worden sind, der seit Jahrzehnten in Deutschland vor sich gehende Rückgang der technischen Kulturen aber nicht entfernt ausgeglichen werden konnte: Anbauflächen in 1.000 ha 1878 Flachs Raps und Rübsen 133 179 1932 4.5 6,0 1936 44,1 54,6 Diese mit unverhältnismässig hohem Kapitalaufwand erreichten Produktionssteigerungen erfordern zugleich einen grossen Einsatz von Arbeitskräften( bei Flachs allein' für die Ernte einen Mehraufwand von 50 Männer- und 60 Frauenarbeitsstunden pro Hektar inmitten der Erntezeit) und den Bau besonderer Verarbeitung anlagen, ohne dass es irgendwie möglich wäre, auf diesem Gebiet zu einer nennenswerten Unabhängigkeit vom Ausland zu gelangen. Schliesslich wird auf diese Weise der Boden anderen Kulturen entzogen, deren Anbau rationeller wäre, So ist Deutschland in der Nahrungsmittelversorgung gegenwärtig von der Autarkie ebensoweit entfernt wie vor dem Anbruch des Dritten Reiches. Auf dem letzten Reichsbauerntag hat Darrée den Anteil der Einfuhr an der deutschen Lebensmittelversorgung euf 20% geschätzt. Eine systematische Intensivierung der deutschen Landwirtschaft setzt die Aenderung der nationalsozialistischen Futter B- 29mittelpcl: tik und die Ueberwindung der ablehne: des Feltung ser Bauernschaft vorsus. Aber auch wenn es gelänge at Elfe einer gesteigerten Kraftfuttermitteleinfuhr und einer Perbesserung der inländischen Futtermittelerzeugung die Lücke in cer Fleischund Fetterzeugung auszufüllen, würde die Binfuhr von Narunge mittein, die in Inlande nicht erzeugbar sind 300frechte, Ecloniaiveren, Kaffee, Tee usw.) etwa 40% der gegenwärtig zur Lebensmitteleinfuhr verwendeten Devisen erfordern. Bei Ausbrueb des Krieges jedoch-im" Ernstfall", für den die Autarkie vorbereitet wird- wird der gesteigerte Bedarf für das Heer durch die inlancische Landwirtschaft, deren Produktion dann durch Verminderung der Zahl der Arbeitskräfte, fer Düngemittel- and Maschinenlieferungen. stark reduziert sein wird, nicht gedeckt werden können. Die Verbreiterung der Ernährungsbasis durch Besetzung agrarischer Ueberschussländer( Dänemark, Holland) gleich bei Kriegsbeginn ist für Deutschland eine militärpolitische Notwendigkeit." Die wehrwissenschaftliche Forschung"-fordert kaltblütig Heuser im" Deutschen Volkswirt" vom 8. 1. 1937" muss die einzelnen Gebiete der fraglichen Lander nach ihrer Ergänzungsfähigkeit im Kriegsfall beurteilen". Bei den aus der Landwirtschaft stammenden Rohstoffen sind die Aussichten der Autarkie noch geringer als bei den Nahrungsmitteln. Nach amtlichen Schätzungen stammen gegenwärtig über 57% dieser Rohstoffe aus dem Ausland. Sollten alle aus klimatischen Gründen in Deutschland erzeugbaren Rohstoffe( Holz, Häute, Wolle, Flachs, Oelfrüchte, Tabak usw.) im Inland selbst produziert werden, so wäre dafür, nach offiziellen Berechnungen, eine Steigerung der Anbaufläche um fast 60% notwendig( die zum Anbau dieser Rohstoffe zu verwendende Fläche müsste grösser sein als die Belgiens, Hollands, Dänemarks und der Schweiz zusammen). Diese eine Zahl zeigt mit genügender Klarheit, dass die Autarkie bei den Rohstoffen eine unrealisierbare Phantasie ist. Auch das Nebenziel der nationalsozialistischen Agrarpolitik, durch die Erzeugungsschlacht die Devisenbilanz zu entlasten, ist nicht erreicht worden. Angesichts der Erhöhung der Weltmarkt B- 30preise für die Agrarerzeugnisse und die landwirtschaftlichen Rohstoffe braucht Deutschland jetzt einen erhöhten Aufwand an Devisen, um dieselben Mengen zu kaufen. Schon 1936 ist der Einfuhrwert der Lebensmittel durchschnittlich um 21% pro Tonne gestiegen. Dabei hat das Bestreben, bei der Einfuhr die Länder zu bevorzugen, mit denen Deutschland im Kompensationsverkehr steht, nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Die Besserung der Lage auf dem Weltmarkt hat das Interesse dieser Lieferanten( sowohl auf dem Balkan, wie in den Ueberseeländern) am Deutschlandgeschäft erheblich verringert. Im ersten Halbjahr 1936 ist der Anteil der durch Verrechnung bezahlten Einfuhr an landwirtschaftlichen Erzeugnissen im Vergleich zur gleichen Periode des Vorjahres von 60 auf 51% gesunken.( Nationalsozialistische Landpost vom 2. 10. 1936) Infolge des Versagens der Erzeugungsschlacht wird die Landwirtschaft im laufenden Jahr die Devisenbilanz Deutschlands nicht entlasten, sondern noch erheblich stärker in Anspruch nehmen. III.Die deutsche Landwirtschaft Ein Opfer der Rüstungs politik L Wir haben in unserer letzten agrarpolitischen Uebersicht ( August 1936, Teil B, Seite 11 ff) gezeigt, wie die Erzeugungsschlacht und vor allem die ihr zugrunde liegende Futtermittelpolitik sich gegen die Klein- und Mittelbauern auswirkt, deren Produktion und deren Erlöse sie vermindert, und wie sie den Grossgrundbesitz mit ausreichender eigener Futtergrundlage begünstigt. Diese bauernfeindliche Wirkung der nationalsozialistischen Agrarpolitik wird durch die Rüstungspolitik verschärft. Die Aufrüstung entzieht dem bäuerlichen Familienbetrieb Arbeitskräfte, sie nimmt ihm den Boden, sie steigert seinen Pachtzins. Die Reichswehr zieht jährlich über 100.000 Bauernsöhne eia, die zwei Jahre lang durch fremde bezahlte Arbeitskräfte ersetzt werden müssen, wodurch dem Kleinbetrieb oft eine untragbare Mehrausgabe auferlegt wird. Durch Landhilfe und Landdienst B-31kann dieser Ausfall nur zum Teil ausgeglichen weries. Fr dez Bau von Autostrassen, Festungen, Manöver- und Flugplätzen wurde der Besitz von Tausenden vou Bauern enteignet. Sach den gaben des Staatssekretärs Backe auf dem letzten Reichsbeverntag sind allein im Jahre 1935 465.000 ha und im ebgelaufenen Jahr weitere rund 80.000 ha" für den Neuaufbeu Deutschlands" der Landwirtschaft en tzogen worden. Durch zwei Jehre nationalsozialistische Rüstungspolitik ist der Landwirtschaft mehr Boden genommen worden, als in 15 Jahren Weimares Republik der bäuerlichen Siedlung insgesamt zugeführt wurden. Dieser grosse Bodenbedarf für militärische Zwecke hat gemeinsam mit dem Bestreben gewisser grossbirgerlicher Kreise, ihre Kapitalien in Grundbesitz anzulegen, bewirkt, dass in letzter Zeit die Boden- und die Pachtpreise stark gestiegen sind, zumal durch das Erbhofgesetz etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche unveräusserlich geworden ist. Da die Erzeugerpreise seit Mitte 1935 im wesentlichen unverändert geblieben und die Produktionsmengen eher gesunken als gestiegen sind, ist auch keine weitere Steigerung der landwirtschaftlichen Erlöse eingetreten. Diese Lage der Landwirtschaft in Deutschland steht in bemerkenswertem Gegensatz zu der fühlbaren Verbesserung der Lage der Landwirtschaft in der ganzen übrigen Welt. Die ungünstigen Ernteergebnisse der letzten Jahre, vor allem der diesjährigen Getreideernte, die die schlechteste seit 1922 war, und die infolge der konjunkturellen Belebung eingetretene Konsumsteigerung in den Industriestaaten, hat einen starken Abbau der auf die Märkte drückenden Vorräte erlaubt und ein lebhaftes Steigen der Agrarpreise ausgelöst: Grosshandelspreise in London. ( Jahresdurchschnitt 1933 = Weizen Mais 100) Dänischer Bacon Baumwolle Dezember 1935 121 96 111 117 Lezember 1936 182 137 123 129 B- 32Nach Berechnungen des Instituts für Konjunkturforschung ist der Preisindex für alle Agrarprodukte von 44,6 im Jahre 1933 auf 77,8 im dritten Vierteljahr 1936, d.h, um die Hälfte gestiegen und diese Steigerung setzt sich fort. Die in den ersten zwei Jahren nationalsozialistischer Agrarpolitik eingetretene und dann gestoppte Steigerung der deutschen Agrarpreise um etwa ein Viertel( von 80,9 im Januar 1930 auf lol, 5 im Juni 1935 und 103,6 im Dezember 1936) ist damit von der Entwicklung in der übrigen Welt bei weitem überholt. In der ganzen Welt, vor allem in den überseeischen Exportländern und in den Ueberschussländern Südosteuropas haben die steigenden Preise für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse, vor allem für Getreide, den stufenweisen Abbau der staatlichen Exportsubventionen ermöglicht und die Bauern in die Lage versetzt, ihre Kreditfähigkeit wieder herzustellen und ihren Lebensstandard zu verbessern. In den Vereinigten Staaten, wo der Umschwung durch die Politik Roosevelts tatkräftig gefördert wurde, ist der Index der von den Farmern erzielten Preise von September 1935 bis September 1936 von 107 auf 124 gestiegen, während die Preise der von den Farmern gekauften Waren nur von 123 auf 127 gestiegen sind. In Europa waren die Bauern der skandinavischen Länder dank der Politik der sozialistischen Regierungen von den Folgen des Preisturzes auf dem Weltmarkt verschont geblieben. In Frankreich ist es der Volksfrontregierung binnen wenigen Monaten gelungen, durch Schaffung des ezenamtes die Getreidepreise um fast 100% zu erhöhen und den Bauern auch für ihre anderen Erzeugnisse erhebliche Erlossteigerungen zu verschaffen. Im Donaubecken hat sich die Erhöhung der Getreidepreise bereits fühlbar auf die gesamte Volkswirtschaft dieser Länder ausgewirkt. Deutschland bleibt dagegen von der günstigen Entwicklung des Weltmarktes abgeschnitten. Die Rüstungspolitik verbietet jede Steigerung der Preise für landwirtschaftliche Erzeugaisse und diese Stabilisierung der Agrarpreise angesicct: ie: allgemein steigenden deutschen Preisniveaus ist eine Form, in B- 33der die Landwirtschaft zu den Kosten der Rüstung herangezogen wird.( Die andere ist die Erhöhung der Steuerlasten) Die Netionalsozialisten begründen ihre Preispolitik mit der Notwendigkeit, die" liberalistisch- kapitalistische dynamische Wirtschaft" durch die ständisch- statische" zu ersetzen, d.h. die saisonmässigen und konjunkturellen Preisschwankungen für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse auszuschalten. Dieser Versuch, zu gleichbleibenden Jahrespreisen zu gelangen, kann als gescheitert betrachtet werden. Nachdem im August 1936 die Saisonpreise für Eier wieder eingeführt wurden," um den natürlichen Seltenheitsgrad des frischen Eies im Winter im Preis deutlicher zum Ausdruck zu bringen als bisher"( Frankfurter Zeitung vom 19. 8. 1936), wurden im November auch die Saisonzuschläge zu den Schweine- und Rinderpreisen wieder hergestellt. Wie jede Kriegswirtschaft ist die nationalsozialistische Agrarpolitik" planwirtschaftlich". Aber nicht im sozialistischen Sinne der Planung als bewusster Entwicklung der Produktion zur Verbesserung der Bedürfnisbefriedigung, sondern als Teil eines Planes der wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung, dessen zentrale Lenkung die Voraussetzung für den Erfolg ist. Diese Art von" Planwirtschaft" bezweckt eine vollkommenere, umfassendere und ergiebigere Bewirtschaftung der Ernährungsreserven im nächsten Krieg. Sie hat nichts zu tun mit einer rationellen Ausnutzung der Produktionsmöglichkeiten zur Hebung des Lebensniveaus des ganzen Volkes. Die Aehnlichkeit gewisser Methoden der faschistischen Agrarpolitik mit Massnahmen demokratischer Länder verdeckt die Uaterschiede in Wesen und Ziel einer faschistischen und einer demokratischen Agrarpolitik. Die von den demokratischen Regierungen Skandinaviens( und später der Tschechoslovakei und Frankreichs) am Beginn der Weltagrarkrise ergriffenen und später ausgebauten Massnahmen wie Einfuhr- und Binnenhandelsmonopole, Kontingentierung der Einfuhr, Verstärkung des Zollschutzes und ähnliche Vorkehrungen sollten das Sinken der Agrarpreise auf den Weltmarktstand verhindern, um die Erlöse B- 34der Landwirtschaft auf der normaler Ebbe zu halten. Debei basdelt es sich um ein wirtschaftliches Opfer, ces die Arbeiterschaft dieser Lander aus politischen Gründen brechte: Da die Beuern nicht in die Arme des Faschismus zu treibe, ver2:: btete der skandinavische Arbeiter auf einer geringen Teil seizes Verdienstes und bezahlte sein Brot und seine Butter etwas teuerer. Er verzichtete auf das billige Auslandsgetreide, un die Bauernschaft seines eigenen Landes vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten. Die Arbeiterschaft Skandinaviens konnte diesen Weg umso leichter beschreiten, els die Kleinund Mittelbauern in den nordischen Ländern die ungeheuere Mehrheit der landwirtschaftlichen Bevölkerung ausmacher und das hoch entwickelte freie Genossenschaftswesen die Gewähr für die Ausschaltung der Spekulation gab. Nirgends wurde die Dispositionsfreiheit der Bauern durch den Staat eufgehoben oder wurden Zwangsorganisationen geschaffen. Selbst die auf der Anbauflächenbeschränkung aufgebaute Politik Roosevelts beruht auf Freiwilligkeit. In Deutschland hat der Faschismus sich durch seine mit Preis- und Erlössteigerungen verbundene Agrarpolitik in den ersten kritischen Jahren eine sichere Stütze auf dem Lande schaffen wollen. Seitdem die Stabilisierung des Faschismus gelungen ist und die Zusammenarbeit zwischen Faschismus und Reichswehr im Zeichen des neudeutschen Imperialismus zum entscheidenden Faktor der deutschen Entwicklung geworden ist, wurde auch die Agrarpolitik der Rüstungspolitik untergeordnet. Die Werktätigen des Dorfes müssen wie die Werktätigen der Stadt die Last der deutschen Aufrüstung tragen. Niedrige Löhne erfordern niedrige Lebensmittelpreise. Wie der Arbeiter ist der Landwirt zum Opfer des nationalsozialistischen Rüstungswahnsinns geworden. Als Manuskript hergestellt. Sopade, Prag- X, Palackého třida 24. Deutschland Berichte Februar 1937