Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrg. Nr. 5. Mai 1937. DIE DEUTSCHLAND-BERICHTE haben alch zur Aufgabe gesetzt, d Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftl chen Gebieten zu verfolgen. Ihr Beobaohtungsfeld erstreckt sich auf: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen Die Lage in den Betrieben Die Wirtschaftslage Arbeitsmarkt Preisentwicklung Lebensmittelversorgung Rohstoffversorgung Geld und Kredit Handel und Gewerbe Landwirtschaft Sozialpolitik Lohnpolitik* Steuerpolitik Korruption und Misswirtschaft Terror J ugend Hitler-Jugend Schule Hochschulen Kirohenfragen Kulturpolitik NS-Organisationen NSDAP, SA, SS Arbeitsfront, KdF Arbeitsdienst Verwaltung Hunderte von Berichterstattern arbeiten unter grössten Schwierigkeiten an dieser Aufgabe mit und auf der grossen Z* von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlä sigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Wir lassen die Berichterstatter nach Möglichkeit selbst z Worte kommen, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimm und den Geschehnissen in Deutschland zu vermitteln. Manche eher Einzelmeldungen gibt, auch wenn der Gesichtskreis des richterstatters noch so eng ist, ein deutlicheres Bild von wirklichen Lage, als der wohlabgewogene, umfassende Berich eines sehr urteilsfähigen Beobachters. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmässig Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die E Wicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter gros ren Gesichtspunkten zusammenfassend dargestellt wird. Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrgang Nr. 5. 8 Inhaltsverzeichnis Mai 1937 Te i 1 A: Nachrichten und Berichte. I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Die Beunruhigung der Unternehmer 2) Die allgemeine Stimmung 3) Oppositionelle Aktionen 4) Deutschland und Spanien 5) Abnehmende Kriegspsychose 6) Der Kurzwellensender auf Welle 29,8 A 1 1626262 7) Die Ausstellung" Schaffendes Volk" in 29 Düsseldorf II. Aus der Wirtschaft 37 1) Allgemeine Berichte 37 2) Der Rohstoffmangel 48 a) Eisen und Nichteisenmetalle b) Textilien 48 57 c) Leder d) Holz 61 62 e) Papier f) Gummi 64 g) Sonstige Rohstoffe 3) Der Nahrungsmittelmangel 3 Die Massnahmen zur Streckung des Brotgegetreides Die Propaganda im Dienste der Verbrauchslenkung- Die Versorgungslage in den einzelnen Landesteilen 65 67 11. Der Terror gegen<3ie Illegale Opposition A 81 1) Urteile gegen Sozialdemokraten 84. 2) Spitzel- und Vernehmungsmethoden 86 a) Ueberwachung im täglichen Leben 86 b) Bespitzelung des Briefverkehrs 89 c) Verschärfung der Grenzkontrolle 90 d) Verhaftungs- und Vernehmungsmethoden 91 3) Das Los der Gefangenen 91 Die Ueberfüllung der Strafanstalten- Todesfälle unter sozialdemokratischen Gefangenen- Berichte aus Konzentrationslagern und Strafanstalten: Dachau 93 Liohtenburg llo Saohsenburg 115 Hamburg-Fuhlsbüttel 118 Kisslau 122 Frauenkonzentrationslager Moringen 123 Zuchthaus Osterstein I23 IV. Das Winterhilfswerk 1936/37 128 1) Geldsammlungen 130 2) Sachspenden 14.2 3) Die Leistungen des WHW 14.6 Teil B; Uebersichten. eher Aufgaben und Grundsätze der politischen Berichterstattung 1) Die Aufgaben B 2 2) Die Grundsätze 13 A-1e 1 1 ä ( Abgeschlossen am 14. Juni 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland = 1.1. 1) Die Beunruhigung der Unternehmer Als ein neues Moment in der inneren Entwicklung Deutschlands erscheint die wechsende Beunruhigung der Unternehmer. Es ist vor allem die steigende Rohstoffnot, die die Unternehmer mit Sorgen erfüllt, während den Verbrauchermassen die Bedeutung des Vorganges noch nicht voll zum Bewusstsein gekommen ist. Fabrikanten wie Grosskaufleute stehen je länger je mehr unter dem Eindruck, dass" es so nicht weitergehen kann". Sie müssen ihre Lagerbestände verkaufen, ohne sie wieder auffüllen zu können. Sie haben kaum noch eine Möglichkeit, den Erlös der Lagerverkäufe wertbeständig anzulegen und deshalb beschleicht sie das beklemmende Gefühl, dass ein grosser Ausverkauf Deutschlands im Gange und ihre Vermögens substanz bedroht ist. Diese psychologische Wirkung der Rohstoffnot auf die Unternehmer ähnelt sehr der früheren Wirkung des Lebensmittelmangels auf die breiten Massen. Die erste grosse Welle der Lebensmittelknappheit hat im Volke ebenfalls die Ueberzeugung ausgelöst: so kann es nicht weitergehen. Inzwischen aber hat sich das Volk an die" Versorgungsspannungen" weitgehend gewöhnt. Mit einem ähnlichen Ablauf der psychologischen Wirkungen muss man auch bei der Rohstoffnot rechnen. Gewiss, der Rohstoffmangel ist wirtschaftlich gefährlicher als der Lebensmittelmangel, aber auch auf diesem Gebiet gibt es noch grosse Möglichkeiten des Ausgleichs durch Entbehrung: einmal durch Verschlechterung der Versorgung und zweitens durch Einschränkung der Arbeit und des Verdienstes( Kurzarbeit in den verschiedenen Formen). Politisch stellt sich deshalb das Problem ähnlich wie bei der Lebensmit A- 2telknappheit: inwieweit der Mangel durch Entbehrung ausgeglichen werden kann, ist in grossem Umfange nicht eine wirtschaftliche, sondern eine psychologische Frage. Das ist die Frage, wie weit das Volk zu neuen Einkommens- und Verbrauchseinschränkungen zu bewegen ist. Hinzukommt, dass der jetzigen Unzufriedenheit der Unternehmer auch nur geringe moralische Kraft innewohnt. Solange die Geschäfte gut gingen, waren diese Unternehmer bereit, sich mit dem Regime und allen seinen Schandtaten abzufinden. Jetzt, WO sie für ihr Kapital fürchten müssen, werden sie auf einmal kritisch. Hinter dieser Opposition aus Geschäftsinteresse steht noch nicht die Kraft der Ueberzeugung, steht noch keine grundsätzliche Gegnerschaft gegen das System. Der" Wirtschaft" geht es einstweilen nur um die Wiederherstellung der freien" Unternehmerpersönlichkeit", noch nicht um die Wiederherstellung der freien Fersönlichkeitsrechte überhaupt. Die Unternehmer sehnen sich nach der freien Wirtschaft, aber noch nicht nach der Freiheit schlechthin, Immerhin, auch das ist schon etwas. Es ist nicht unwichtig, dass nach den anderen Bevölkerungsschichten nun auch weite Kreise der Unternehmer von der allgemeinen Unzufriedenheit erfasst werden. Und es ist nur natürlich, dass diese allgemeine Unzufriedenheit in jeder Bevölkerungsschicht, in jedem Berufsstand ihre besonderen Ursachen hat. Jeder sieht zunächst nur das, was ihn unmittelbar angeht. Der Arbeiter sieht die gedrückten Löhne, die erhöhte Antreiberei und die steigenden Preise, der Mittelständler die höheren Steuer- und Spenden lasten und die gesunkene Gewinnspanne; der Landwirt sieht, dass er nicht mehr Herr auf seinem Hofe ist und dass seine Steuern und Abgaben immer weiter wachsen. Und nun kommt noch der Unternehmer hinzu und sieht mit seinen Rohstoff- und Marenlagern sein Betriebskapital dahinschwinden. Zunächst folgert jeder aus einem anderen Grunde, dass es so nicht weitergeen keun und in dieser Zersplitterung der Missstimmung liegt ihre politische Schwäche. Von dem Grade, in dem diese Zersplitterung überwunden wird, hängt es ab, ob aus der allgemei A-3nen Missstimmung eine wirklich politische Kraft erwachst. Erst muss jeder Berufsstand lernen, über seine unmittelbaren Sorgen hinauszusehen und zu erkennen, dass die Missstände in seinem Bereich dieselbe Grundursache haben wie die in anderen Bereichen. Es müssen die verschiedenen Ströme der Unzufriedenheit in einen allgemeinen Strom zusammenfliessen; erst muss beim Arbeiter, beim Bauern, beim Mittelständler, beim Unternehmer die gleiche Erkenntnis heranreifen, dass es nur eine gemeinsame Ueberwindung aller Sorgen und Gefahren gibt, die Ueberwindung des Regimes. Nur auf diesem Wege kann aus dem fatalistischen, unpolitischen Gerede:" So kann es nicht weitergehen" die gemeinsame politische Ueberzeugung werden:" Das Regime muss weg!" Dieser Prozess ist im Gange. Noch kann man nicht übersehen, in welchem Tempo der weitere Ablauf erfolgen wird. Das ist umso weniger möglich, als auf der anderen Seite die Diktatur nicht untätig bleibt. Da die Gefahr für die Diktatur aus dem Zusammenfliessen der verschiedenen Strömungen der Unzufriedenheit droht, ist ihre Gegenwehr vor allem darauf gerichtet, die ses Zusammenfliessen zu verhindern. Zersplitterung des Volke: bis zur völligen Atomisierung war von Anfang an der taktisch Leitgedanke der nationalsozialistischen" Volksführung" und dieser Taktik entspricht es durchaus, dass mal diese, mal jene Bevölkerungsschicht vom Regime umworben wird. Seit langem gelten diese Bemühungen vor allem den Arbeitern. Das Regime muss ihnen grosse Opfer auferlegen, gleichzeitig aber versucht es, sie bei guter Laune zu erhalten. Ging das bisher vorwiegend auf Kosten der Mittelständler( Abbau der Handelsspanne) und der Bauern ( Ablieferungszwang), so scheint man neuerdings auch die Unternehmer in verstärktem Masse zu den Kosten dieser Begünstigung der Arbeiter in kleinen Dingen heranzuziehen( Urlaubs- und Lohnregelungen). Unseren Berichten entnehmen wir: Berlin, 1.Bericht: Besonders unzufrieden sind zurzeit neben den Bauern vor allem die Leute aus der Wirtschaft. In den Kreisen der Industriellen und der Grosskaufleute herrscht zum Teil eine regelrechte Weltuntergangsstimmung. Sie glauben, -4dass alles verloren ist, weil sie nicht sehen, wie sie ihre Substanz erhalten können. Sie möchten vom Nationalsozialismus loskommen, weil sie jetzt fürchten, dass er ihr Kapital angreift, und sie überlegen sich, was man da tun könnte. Hinzukommt, dass auch Offizierskreise sich überlegen, wie sie die Nationalsozialisten loswerden könnten. Dabei ist interessant, dass die Ueberlegungen in der Regel in der Richtung gehen, Hitler wenn irgend möglich beizube halten, dafür aber Goebbels und Himmler abzuhalftern. Dass die Diktatur heute von Bauern und von den Unternehmern schärfer abgelehnt wird als von Arbeitern, hat seinen guten Grund in der praktischen Politik der Nazis. Die Nationalsozialisten sehen sich heute, gezwungen, die Arbeiterinteressen stärker zu begünstigen als sie selbst wollen; sie poussieren die Arbeiterschaft, weil sie von dort die grössten Gefahren fürchten. Aber alles, was sie zu Gunsten der Arbeiterschaft tun, muss in dieser oder jener Form zu Lasten der Besitzenden gehen. Es kommt heute nicht selten vor, dass Lohndifferenzen zu Gunsten der Arbeiter geschlichtet werden, so ist z. B. ein neuer kaufmännischer Angestelltentarif erlassen worden, der eine gute Ordnung in die kaufmännischen Lohnverhältnisse gebracht hat. In einer Mitgliederversammlung irgend einer Fachgruppe beschwerten sich die Unternehmer über diese Tarifordnung. Darauf trat ihnen der Fachgruppenleiter folgendermassen entgegen:" Wir haben die liberalistischen Zeiten überwunden. Sie haben von der Arbeitsbeschaffung Adolf Hitlers grosse Vorteile gehabt, jetzt müssen Sie auch einen Teil der Kosten dafür tragen. Es geht nicht an, dass Sie nur alle Vorteile einheimsen und selbst nichts dafür aufbringen wollen." Damit war die Sache erledigt und keiner von den Unternehmern wagte noch ein Wort der Kritik. Auch die Urlaubsregelung ist in den meisten Tarifordnungen gut. Man geht auch wirklich gegen unsoziale Betriebsführer vor. Ebenso sind die Aktionen der" Schönheit der Arbeit" kein Pappenstiel. Es ist da in vielen Fällen wirklich Grosses geschaffen worden. Neue Fabriksanlagen sehen Gemeinschaftsräume usw. vor, die vorbildlich sind. Die Fürsorge für Mutter und Kind ist ausgebaut worden( Verschickung von Wöchnerinnen, Mütterholungsheime usw.). Natürlich zieht man das auf der anderen Seite den Arbeitern wieder ab: es gibt praktisch keine Ueberstundenbezahlung mehr; es ist bekannt ,, wie hoch die Abzüge sind; auf hundert verschiedene Arten wird der Lohn des Arbeiters gedrückt. Aber im Ganzen ist eben die Politik des Nationalsozialismus nicht so arbeiterfeindlich, als dass sie bei den Arbeitern nur Gegnerschaft ernten könnte. 2. Bericht: Ernste Industrielle sind gemeinsam der Auffassung, dass es se nicht mehr weitergehen kann. Einige Leute glauben sogar, dass schon im September einschneidende Aenderungen zu erwarten wären. Begründet werden diese Auffassungen durchgängig mit dem wachsenden. Rohstoffmangel, vor allem mit dem Mangel an Eisen. In den Kretsen der Wirtschaft rechnet man in naher Zukunft wegen des Rohstoffmangels mit neuer grosser Arbeitslosigkeit. Das Regime versucht, das Wiederanwachsen der Arbeitslosigkeit dadurch zu umgehen, dass es die Betriebsführer nötigt, Kurzarbeit einzuführen. Deshalb fürchten die Unternehmer, dass man sie solange zwingen wird, die Arbei ter zu halten, bis sie zur Betriebsschliessung schreiten müssen. Der Versuch, durch. Autarkie aus den Schwierigkeiten heraus zukommen, wird in diesen Kreisen sehr skeptisch beurteilt, denn der Vierjahresplan setzt umfangreiche neue Maschinenanschaffungen voraus, die wegen Mangel an Eisen nicht durchgeführt werden können. So droht der Rohstoffmangel, der die Ursache für den Vierjahresplan ist, seine Ausführung an einer entscheidenden Stelle unmöglich zu machen. Sachsen: In massgebenden Kreisen der Industrie herrscht gegenwärtig die Meinung vor, dass die Einschaltung in die Weltwirtschaft unter allen Umständen erreicht werden muss. Gelingt dies nicht, dann ist guter Rat teuer, da man an siegreiche kriegerische Vorstösse nicht mehr glaubt. Dieses Dilemma erzeugt eine so fühlbare Depressionsstimmung, eine solche Nervosität, dass man sich erstaunt fragt, ob denn diese Kreise die seit langem drohenden Gefahren überhaupt nicht zu übersehen vermochten. Die Binnenkonjunktur, das gute Geschäft scheint sie wirklich so blind gemacht zu haben, dass sie nicht an das Morgen dachten. Jetzt sehen sie die Götzendämmerung kommen, während die Arbeiterschaft noch nicht an ein Ende glaubt, zumal sie die Kopflosigkeit dieser" Wirtschaftsführer" nicht kennt. Nordwestdeutschland: Die Stellung der Wirtschaft zum Regime hat sich im letzten halben Jahr wesentlich gewandelt. Ein Unternehmer, der früher dem Zentrum nahe stand, war vor einem Jahr noch durchaus zufrieden. Er verdiente gut und erkannte nicht, dass es sich um eine Scheinkonjunktur handelt. Heute fürchtet er um sein Vermögen und seine Sachwerte." Rettungelos verloren!" ist seine Prognose. Aber die Rohstoff- und Ernährungsschwierigkeiten werden die Nazis noch nicht in absehbarer Zeit zum Abtreten zwingen. Das deutsche Volk wird sich noch eine ganze Zeit lang Streck- und Einschränkungsmassnahmen gefallen lassen. Es murrt, aber die Exekutive ist zu 100% in der Hand der Nazis. Und diese sind absolut entschlossen, ihre Macht zu gebrauchen. Solange diese Exekutive zusammenhält, ist an einen Zusammenbruch des Regimes nicht zu denken. Aber der Zusammenhalt unter den Führenden ist nicht 30 gut wie die Reden glauben machen wollen. Noch unter keiner Regierung in Deutschland hat soviel Neid und Missgunst und Hunger nach Aufstieg und damit Intrige unter den Führern der zweiten und dritten Garnitur geherrscht. Württemberg: Die allgemeine Missstimmung nimmt noch immer zu, aber diese Zunahme äussert sich nicht in dramatischen Formen, weil dazu der äussere Anlass. fehlt. Auch die Ursachen A- 6des Vertrauensschwundes kommen den meisten Menschen nur langsam zum Bewusstsein und nur dort, wo politische Erinnerungen aus der Vergangenheit lebendig sind und sich mit neuen Erlebnissen verschmelzen, hat die Ablehnung des Bestehenden einen ausgesprochen politischen Charakter. Deshalb hat die Missstimmung, die gleichwohl alle Kreise erfasst, heute noch kein eigentliches politisches Gewicht. Sie darf, obwohl sie die Nazis manchmal etwas hemmt, nicht überschätzt werden. Das gilt besonders von der Missstimmung, die auf wirtschaftliche Ursachen zurückgeht. Solange z. B. von der Rohstoffknappheit nicht das persönliche Schicksal von Millionen Arbeitern berührt wird, wird sie-innenpolitisch gesehenkein ernsthafter politischer Faktor sein. Das ist aber heute noch nicht der Fall. Wohl ist in manchen Wirtschaftszweigen, auch in einzelnen Rüstungs betrieben eine Tendenz zum Abbau der Ueberstunden festzustellen. Auch ausserhalb der Textilindustrie, wo ja generell Kurzarbeit eingeführt ist, ist teilweise die Arbeitszeit herabgesetzt worden. Beides, Ueberstundenabbau und Kurzarbeit, rufen Lohnausfall hervor und machen die eingetretene Teuerung fühlbar. Bei vielen Arbeitern war nämlich der Verdienst bisher infolge längerer Arbeitszeit und stärkeren Arbeitstempos manchmal auf einem annehmbaren Niveau gehalten worden. Aber diese Wirkungen sind alle zusammen noch nicht so stark, dass sie bei der Masse der Arbeiterschaft das Gefühl erzeugen, dass nun eine grosse Welle der Arbeitslosigkeit im Anrollen ist und das Regime bei der Lösung seiner Wirtschaftsaufgaben gescheitert ist. Diese Ueberzeugung allein aber könnte der Ausgangspunkt einer breiten antifaschistischen Entwicklung sein, weil die Arbeiter genau so wie alle anderen Schichten im allgemeinen mit ihren Gedanken, auch wenn sie kritisch sind, in der Ebene des Bestehenden bleiben und sich heute in ihrer Masse noch keine Vorstellung von dem machen, was einmal den Nationalsozialismus ablösen könnte. 2) Die allgemeine Stimmung Es ist kein Zweifel, dass die allgemeine Stimmung von wachsender Bitterkeit erfüllt wird. Ein früherer hervorragender Politiker, der noch in Deutschland lebt, kleidet diese Wahrnehmung in die Formulierung:" Weniger Witze, dafür sorgenvolle Fragen bei den denkenden Menschen: Wie soll das enden?" Es ist auch festzustellen, dass die oppositionellen Strömungen sich vertiefen. Der Verlust der Freiheit und die Last der Unterdrückung kommen immer weiteren Kreisen zum Bewusstsein und erfüllen sie mit tieferer Gegnerschaft gegen das Regime, die nicht mehr 1-7allein aus äusseren Anlässen, sondern aus grundsätzlichen Erwägungen erwächst. Zur Erhärtung dieser Feststellungen beschränken wir uns auf die Wiedergabe von Berichten aus zwei Bezirken: Berlin: Einer unserer Freunde hat versucht, die Einstellung der jungen deutschen Intellektuellen zu ermitteln und kommt zu folgender zusammenfassender Darstellung: Allgemein ist die Missstimmung über die Subventionierungswirtschaft. Sie wird allmählich der Punkt, an dem sich gerade die Opposition der deutschen Intelligenz gegen das Regime, dem sie doch anfangs im Durchschnitt mit aktiver oder passiver Sympathie gegenüberstand, entzündet. Ein Angestellter, der früher überzeugter Nazi war, meinte: Alles ist beim alten geblieben und wird auch immer so bleiben. Natürlich gibt es Klassengegensätze. Alles Gemeinschaftsgerede ist doch nur Gerede und kann auch gar nichts anderes sein. Warum nur erst das grosse Gefasele vom" nationalen Umbruch" und wie das alles hiess? Zu den früheren Klassen ist nur noch die grossgezüchtete Bürokratie gekommen, die alles desorganisiert. Der Korrespondent eines Grossbetriebes, der immer" unpolitisch" war, meint, jetzt gehe ja alles noch einigermassen. Was aber würde in fünf Jahren sein? Wenn nun die Umstellung auf Friedenswirtschaft nicht gelinge? Er könne sich heute schon gar nicht mehr vorstellen, wie sie gelingen soll. Dazu seien die Dinge schon viel zu weit gediehen. Dann treibe Deutschland in einen sinnlosen Krieg hinein und wie der ausmit nichts als gehen würde, könne man sich ungefähr denken Italien und Japan im Bunde.( Das Bündnis mit Italien wird übrigens allgemein als schwere Belastung empfunden, auch von ausgesprochenen Nazis. Man hört Worte wie" widernatürliches Bündnis".) Ein leitender Mann der Filmindustrie findet für die deutsche Volksgemeinschaft folgende schöne Formulierung:" 364 Tage Klassen unterschiede und ein Tag Volksbier". Ein Regime, das keine Kritik verträgt, ist nicht nur widerlich, es verurteilt sich auch selbst zum Tode. Wenn das auch noch nicht heute und morgen eintritt, so eben doch früher oder später. Mit 99-Prozent- Wahlen kann man die Entwicklung nicht aufhalten. Ein bürgerlicher Vater beklagt sich bitter darüber, dass die Jugend völlig verdorben wird. Seine Kinder werden ihm durch die Hitler- Jugend mehr und mehr entzogen. Er könne gar nichts dagegen machen, wenn er die Kinder nicht in ernste Gewissenskonflikte bringen wolle. Was solle aber aus einer Jugend werden, die von der HJ so absorbiert wird, da sie in der Schule nichts ordentliches lernt und zu Hause auch keine Erziehung durchmacht? Ein Buchhändler ist unzufrieden, weil alle einigermassen verkäuflichen Bücher beschlagnahmt werden. Dabei hätten die A-8Idioten, die da, zum Durchsuchen kommen, von nichts eine Ahnung. Kurios sei, dass von Hitlers" Mein Kampf" niemals ein Exemplar als verheftet oder verdruckt zurückkomme. Das sei der beste Beweis, dass niemand es lese. Bei allen anderen, Büchern komme das mal vor. Ein Architekt beklagt sich über die Erschwerung der Arbeit durch die Bürokratie und den Materialmangels Wenn man mit Eisen bauen will, ist kein Eisen da; will man mit Holz bauen, fehlt es an Hölz. Hat man schliesslich eine Möglichkeit gefunden, so kommt bestimmt jemand von der vorgesetzten Parteibehörde an und pfuscht einem wieder alles durcheinander. Bayern, 1.Bericht( München): Das Volk in seiner Mehrheit steht gegen das Regime, das ist die Feststellung, die heute jeder ernste Beobachter in Deutschland machen muss. Es ist vorbei mit dem Glauben an die Wunderkraft Hitlers, es ist vorbei mit der Hoffnung auf Erlösung aus aller Not. Die Kritik nimmt immer offenere Formen an. Die Kluft zwischen Volk und Führung zeichnet sich deutlich ab. In den letzten Monaten kommt auch die kritische Haltung der Arbeiter klarer zum Ausdruck. Wenn es immer heisst, dass besonders der Mittelstand heftigste Kritik äussere, so kommt das nicht zuletzt auch daher, dass der Geschäftsmann, der Handwerker usw. in seinen Aeusserungen von viel mehr Menschen gehört wird als der Arbeiter. Wenn ein Geschäftsmann seine langjährigen Kunden über seine wirtschaftliche Lage unterrichtet, so kommt das mehr im Volke herum, als wenn ein Arbeiter mit dem anderen bei Gelegenheit ins Gespräch kommt. Es muss also heute, festgestellt werden, dass die Arbeiterschaft nicht weniger kritisch eingestellt ist als der Mittelstand. Neben der materiellen Bedrückung, die immer fühlbarer. wird, und die bisher die stärkste Triebfeder der Meckerei war, tritt in letzter Zeit ein zweites Moment immer mehr hervor. Es ist das Gefühl der Bedrückung, das durch die Unterbindung aller individuellen Freiheitsäusserungen entsteht. Die Diktatur wird spürbarer mit jedem Tag. Solange noch grosse Bewegung im Staatsgetriebe war, solange noch der Prozess der Gleichschaltung andauerte, solange noch durch die Aufrüstung und die Beseitigung der Fesseln des Versailler Vertrags handgreifliche Erfolge sichtbar wurden, solange bei den grossen Anhängermassen des Regimes noch ein Zukunftsglaube und eine Fortschrittshoffnung bestand, hatten die Feste ihren Inhalt und die Reden des Führers ihre Resonanz, solange wurde auch der Druck der Despotie nicht in seiner unerbittlichen Schärfe spürbar. Heute ist das alles anders. Was ist schon der Vierjahresplan? In Russland hat ein solcher Plan ein Ziel und an seinem Ende kann sich das Volk selbst überzeugen, dass es wirtschaftlich aufwärts gegangen ist. In Deutschland sieht jeder, dass die erstrebte Autarkie ihm nicht ein schöneres und besseres Leben bringt, sondern Ersatzstoffe und künstliche Nahrungsmittel. Ein Witz, den man sich in München erzählt, sagt mehr als alle Betrachtungen: Im Englischen Garten zu Minchen läuft ein Mann, nur mit Unterhose und Hemd bekleidet. Er hastet dahin und keucht schwer. Strassenpassanten rufen ihn an und fragen ihn, was das bedeuten soll. Er antwortet ihnen:" Ich bin der Erste, der durch den Vierjahresplan durch ist."- Es ist nicht alles Gold was glänzt, es ist nicht alles wahr, was Hitler sagt, und es ist nicht alles schlecht gewesen, was vor Hitler da war. Diese Gedanken hat heute selbst der Nazis. Aber wenn alles so in sich versinkt, wenn die Hoffnungen so schwinden, so bleibt doch eine sehr reale Sache übrig, die der einfache Mann vorher gar nicht so beachtet hat, die ihm aber heute schon deutlich wird: es bleibt die Macht des Staates. Die Nazi haben die Macht und sie werden sie gebrauchen. Es ist also nicht so, wie viele Hitlergegner heute im neuen Ueberschwang ihrer Gefühle glauben möchten, dass Deutschland bald von seinen Bedrückern befreit sein wird, " denn es kann so nicht mehr weitergehen." Dieser leicht ausgesprochene Satz kehrt, wie schon einmal, jetzt in verstärktem Masse wieder. Nur wer den Faschismus nicht verstanden hat, kann annehmen, dass die Stimmung, die dieser Satz ausdrückt, zu seinem Sturze ausreicht. 2. Bericht:( Aus dem bayr. Wald): Die Stimmung im bayr. Wald ist den Nazi noch nie günstig gewesen, heute ist sie direkt feindlich geworden. In der letzten Zeit nimmt die Wut auf die Bonzen besonderen Umfang an. In Zwiesel wurde im Vorjahre ein Braunes Haus gebaut, in dem die Nazibeamten wohnen und die Amtsräume untergebracht sind. Im Volksmund heisst dieser Bau die Bonzenburg. Die Lasten werden immer grösser, die Preise steigen und die Bonzen werden immer frecher. Wer muss alles bezahlen? Das Volk. Trotz aller Bemühungen und grossen Reden, die gehalten wurden, trotz aller Ministerbesuche in den Elendsbezirken des bayerischen Waldes, die Nazi haben sich gut eingenistet und sitzen in guten Stellungen, aber das Volk steckt noch genau so im Elend wie vorher. Viele Arbeiter, auch Familienväter, sind zu Strassenbauten in andere Teile des Reiches gekommen, Frauen wurden zum Landdienst verschickt. Aber alles hat nichts geändert. Im Gegenteil: die Zwangsverschickten schreiben erschütternde Briefe, wie man mit ihnen umgeht, wie man sie ausbeutet. Die Familienväter können keine Unterstützung heimschicken, weil sie selbst nicht mit dem Geld auskommen. Die Frauen laufen mit ihren Kindern zu den Schaltern der Behörden und der Partei und werden dass dort fast immer abgewiesen. So ist es nur erklärlich, die Hassgefühle immer stärker werden. Diese Stimmung wird auch nicht gemildert durch die Tatsache, dass man in Regen und Grafenau sogenannte Gesundheitshäuser zu errichten beabsichtigt, die der Hebung der Volksgesundheit dienen sollen. In der Bevölkerung überzeugen solche gross spurigen Ankündigungen nicht." Wieder ein neuer Schwindel", das ist die Meinung aller. Die Kluft zwischen der Partei und dem Volke wird immer grösser. Heute ist es schon so, dass selbst das Gute, das die A- 10Nazi doch auch hin und wieder machen, um sich den Schein eines sozialen Regimes zu geben, niemand mehr zu überzeugen vermag. Das Wort Schwindel, das im Kriege vor dem Zusammenbruch so oft gebraucht wurde, ist wieder in aller Munde. 3. Bericht: Aus Reichenhall Freilassing wird berichtet: Die Stimmung gegen die Nazi wird immer schlechter. Trotzdem sich durch die Grenzsperre unsere Fremdenindustrie gehoben hat, trotzdem man in den letzten Jahren sehr viel für die Verschönerung der Häuser und der Gärten getan hat, trotzdem die Arbeitslosigkeit fast gänzlich beseitigt ist, trotz alledem schimpfen die Leute. Es ist das System der bürokratischen Wirtschaft, das den Besitzer verärgert, die steigende Last der Steuern und die Rechtlosigkeit. Der Arbeiter leidet finanziell stark, die Löhne sind heute niedriger, als früher die Erwerbslosenunterstützung war. Was aber in unserem Bezirk die Stimmung gegen die Nazi besonders verschärft, ist die Anwesenheit aller hohen Parteifunktionäre. Die Bevölkerung bei uns kann das Leben und die Taten der Parteiführer aus nächster Nähe beobachten. Man sollte glauben, dass die Anwesenheit Hitlers und seiner Trabanten im Volke besonders begrüsst würde. Nichts davon trifft zu. Hitler wird wohl im ganzen Reich kaum einer solchen Ablehnung im Volke begegnen wie hier im Rupertigau, wo er seine Hochburg aufbaut. Hier kann das Volk die Grossmannssucht der Nazi bonzen in ihrer schönsten Entfaltung bewundern. Hier zeigen sich die Herren Deutschlands, wie sie wirklich sind. Rücksichtsloses Vorgehen gegen die Einheimischen, wüste Herrenmanieren und Grössenwahn, das kann jeder sehen, der hier lebt. In der letzten Zeit herrscht im Volke besondere Erbitterung über die Grossbauten am Obersalzberg. Mit dem Kauf einer kleineren Villa ist es einst angegangen, dann kamen die Garagen dazu, dann ein Anbau usw. usw. und heute gräbt" der einfache Arbeiter seines Volkes", Adolf Hitler, mit einer Belegschaft von 4.000 Mann den ganzen Berg um und richtet sich ein wie ein römischer Cäsar. Alte herrliche Bauernhöfe werden niedergerissen, der Grund wird zwangsenteignet. In einem Hofe z. B. lebte eine alte Bäuerin, deren Vorfahren 200 Jahre auf diesem Besitze sassen. Sie wurde gegen. Entschädigung zwangsenteignet, weil sie sich weigerte, von ihrem Resitz zu gehen.. Der alten Frau ist das so nahe gegangen, dass sie den Verstand verlor und heute in einem Irrenhaus untergebracht ist. In der Bevölkerung werden solche Vorfälle eifrig kolportiert und tragen viel dazu bei, dass auch Hitler seinen Glorienschein bei uns verliert. Die Grossbauten, die am Obersalzberg errichtet werden, sollen viele Millionen kosten. Für die Wachemannschaft wird eine eigene Kaserne gebaut. Die Wache hat die SS- Standarte Deutschland in München übernommen. Z.Zt. ist die Wachmannschaft eine Kompagnie stark. Jeden Monat wird sie ausgewechselt und kommt von München eine neue Abteilung. A- 11Wenn die Wagen Hitlers nach Obersalzburg fahren, fallen sie auf durch das wahnsinnige Tempo. Meist sind es 4 Wagen. Zuerst kommen zwei grosse Tagen mit SS, dann kommt das Auto des Führers und dann noch ein Auto mit 8 Mann Kriminalpolizei. Hitler sitzt meist neben dem Wagenlenker. Bis München fährt er meist mit dem Sonderzug oder mit dem Flugzeug. 4. Bericht: Aus dem Allgäu wird berichtet: Nach unseren Beobachtungen fängt es im Gebälk des Dritten Reiches zu knistern an. Die Unzufriedenheit der Masse hat einen hohen Grad erreicht und hat auch schon die Anhänger der Nazi ergriffen. Wie uns scheint, werden in der letzten Zeit auch die Arbeiter in stärkerem Masse von der Oppositionsstimmung erfasst, d.h. sie trauen sich jetzt mehr heraus. Wir haben Berichte von 4 grösseren Betrieben-Textilbetriebe, Strohhutfabrik, Weberei- die fast alle das Gleiche besagen. Aus einer Fabrik mit 1.500 Mann Belegschaft wird berichtet, dass mindestens 90% der ganzen Belegschaft hitlergegnerisch gesinnt sind und das gegenwärtige Regime in Deutschland grundsätzlich ablehnen. Mit der Unzufriedenheit über die Löhne geht es an, dann wird weiter kritisiert und zuletzt wird über alles geschimpft. Ein Arbeiter aus einer Strohhutfabrik, der ein sachliches Urteil hat und sich früher nicht politisch betätigte, erklärte uns, dass in seinem Betrieb. niemand mehr sei, der die Nazi verteidigt. Die Nazi selbst haben es längst aufgegeben, sich für ihre Regierung einzusetzen. Wenn sie um verschiedene Dinge gefragt und in die Enge getrieben werden, dann erklären sie, dass sie doch auch nur dabei sind, weil sie müssen, weil sie eben schon früher einmal dabei waren und jetzt nicht mehr einfach weglaufen können, ohne dabei sich selbst schwer zu schädigen. Ein ehemaliger Offizier und Freikorpskämpfer, der zu den ernsten Anhängern Hitlers bei uns gehörte, spricht sich heute ganz abfällig über das Regime aus. Er beurteilt die Zukunft Deutschlands sehr trübe und Hitler müsse seine Politik radikal ändern, wenn er sich halten und Deutschland nicht in eine schreckliche Katastrophe treiben wolle. Diese Auffassung beherrscht den weitans grössten Teil des Volkes bei uns. Die Menschen haben das instinktive Gefühl, dass die Regierenden selbst nicht mehr recht wissen, wie alles weiter gehen soll. Der zweite Vierjahresplan zieht bei uns überhaupt nicht. Er ist ein Verlegenheitsprodukt. Keiner weiss, wofür er eigentlich all die Lasten tragen soll. Heute kann man schon vielfach, besonders bei den Bauern, die Aeusserung hören:" Da war's je in der Systemzeit noch besser!" Aber auch Kreise, die weit rechts stehen, wie z. B. unsere Beamten, erkennen heute, dass die sogenannten Systemregierungen eben doch besser, vernünftiger und vor allem erträglicher waren als diese Willkürdiktatur, welche jede freie Meinungsäusserung mit mittelalterlichen Gewaltmassnahmen zu ersticken versucht. Alle Klassen und Schichten des Volkes erkennen heute, dass sie belogen und betrogen wurden, dass man gerade das Gegenteil von dem machte, was man zuerst versprach. A- 123) Oppositionelle Aktionen Fast während der ganzen Dauer unserer Berichterstattung sind uns Berichte über oppositionelle Aktionen zugegangen: MauerAnschriften, Flugblatt- Verbreitung, Zerstörung von HitlerEichen usw. Wir haben diese Mitteilungen in der Regel nicht in den Gesamtbericht übernommen, weil es sich durchweg um Einzelfälle handelte, denen keine symptomatische Bedeutung zukam. In der letzten Zeit hat sich das anscheinend gewandelt. Im letzten Monat sind uns aus verschiedenen Landesteilen Mitteilungen dieser Art zugegangen, die wir im folgenden zusammenstellen. Darunter befinden sich auch Berichte aus zwei Bezirken über Flugblätter einer bisher unbekannten" Deutschen Freiheitspartei" über die auch in der Auslandspresse bereits berichtet worden ist. Berlin, 1.Bericht: Eine illegale sozialdemokratische Gruppe hat zum 1. Mai folgendes Flugblatt verbreitet: Niemals wurde Deutschland so schlecht regiert wie heute. Immer grosse Worte auf schlechtes Papier gedruckt, das ist alles. In der ganzen Welt ist die Nazi- Korruption schon bekannt. Jeder zweite Bonze ist ein Schieber. Einbildung ist es mit der deutschen Aufrüstung. Frankreich hat die 40- Stunden- Woche und doch genug Kanonen. England hat mehr Flugzeuge und dennoch genug Butter. Deutschland hat Maismehl im Brot, Fettkarten, schlechte Löhne und Lautsprechergrossschnauzen statt Gehirne! Eben erlitten die Nazis in Belgien eine schwere Wahlniederlage, in einem Lanc der Demokratie. Riesenhaft rächte sich die spanische Demokratie und schlug die deutschen und italienischen Regimenter. Die Idee der Freiheit siegte über Tanks und Flugzeuge der Nationalisten und Faschisten! Meinst Du, die Pharaonen hätten ihre Pyramiden gebaut, wenn es damals schon Flugzeuge gegeben hätte? Das wären ja Wegweiser für feindliche Flugzeuge gewesen.Hitler machte die deutschen Arbeiter zu Sklaven und durchzieht Deutschland mit breiten Zement bändern, den Autostrassen, damit jeder feindliche Flieger noch aus tausenden Metern Höhe den Weg in die deutschen Städte findet! A-13- 7on unbekannter Seite ist ein Propaganda-Heft der"Volkssozialisten" in Umlauf gesetzt worden.- Auch von den Bibelforschern wird wieder Material verbreitet, das sich jedoch ausschliesslich mit religiösen Fragen beschäftigt. In freiheitlich gesinnten Kreisen wird von der Deutschen Freiheitsbewegung viel gesprochen, über sie besteht jedoch keine Klarheit. Folgendeh Spruch ist mit Hinsicht auf das abgerissene Schillerdenkmal als Anschlag und Handzettel an die Oeffent- lichkeit gekommen, den man mit der Freiheitsbewegung in Verbindung zu bringen sucht: Sein Denkmal habt Ihr wirklich nun vernichtet, doch nicht den Geist, der unsres Geistes Quell. Ein neuer Gesslerhut ward aufgerichtet, doch wartet nur, es kommt ein neuer Wilhelm Teil. Denn stärker als der Diktatoren Dreiheit, wirkt Posas Wort:"Sire, gebt Gedankenfreiheit!" Kein grosses Volk zum Führer sich erkor den Wurm, den Spiegelberg und den Franz Mohr. 2. Bericht: Die Opposition wächst, wird aber durch tiefe Risse in ihrer einheitlichen Arbeitsfähigkeit gehindert. So kann z.B. kein Zweifel darüber sein, dass die Kirche durch die Sitt- llchkeitsprozesse tatsächlich im Volke weitgehend diffamiert wird. In den bürgerlichen Kreisen spielt die Hoffnung auf die Reichswehr immer noch eine unvermindert grosse Rolle. Dazu kommen dann Spekulationen über das Zusammengehen zwischen der Reichswehr und Russland und dergleichen mehr. Das Flugblatt der Deutschen Freiheitspartei, das ich gesehen habe, hat meiner A-14Auffassung nach nur alte abgedroschene Parolen enthalten. Es ist ziemlich wertlos und ziemlich negativ und bringt nichts frisches. Aber vielleicht wirkt gerade diese Art auf die breiten Massen. Südwestdeutschland, 1.Bericht( Baden): Am Fuss des Trifelsberges bei Annweiler befinden sich schöne Anlagen, die in letzter Zeit durch Arbeitsdienst, Notstandsarbeiter usw.noch ausgebaut wurden. Es handelt sich um Grünflächen mit Sträuchern und einem Schwanenweiher. Diese Anlagen wurden kürzlich vollständig zerstört. In der Bevölkerung hält man dies für einen Racheakt enttäuschter Nazis und es wird auch in diesen Kreisen nach den Tätern gesucht. Auf ihre Ermittlung sind 200,- RM Belohnung ausgesetzt. In Bergzabern konnte man dieser Tage eine zeitlang ein an einem Haus gut befestigtes Plakat lesen mit der Aufschrift: Hitler hat keine Frau, der Metzger hat keine Sau, Der Bäcker hat keinen Teig, so stehts im 3. Reich. Es sind loo,- RM Belohnung ausgeschrieben für Angaben, die zur Feststellung des Täters führen können. In der Nähe des Saarufers bei Brebach waren verschiedene Flächen bemalt mit den Worten: Sozialdemokraten und Kommunisten leben noch. Die Aufschriften wurden auf Veranlassung der Behörde rasch entfernt. ( Hauenstein) Trotz eifrigster Nachforschung nach den vorjährigen Tätern wurde auch jetzt wieder der Schiessstand am Nedding von unbekannten Personen beschädigt. Die Klingelleitung wurde vom Stand bis zur Deckung vollständig zerstört. Der Ort hat infolge der häufigen Sabotage akte und Widerstandsregungen gegen das Hitlersystem schon schwer unter Polizeimassnahmen zu leiden gehabt. 2.Bericht( Baden): In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai wurde in der Textilfabrik in Ettlingen( etwa 2.500 Beschäftigte) die aufgezogene Hakenkreuzfahne heruntergeholt. und ein alter Sack dafür hingehängt. Die angebrachten Plakate:" Dass wir hier bauen, verdanken wir dem Führer" waren abgeändert worden und am 1. Mai konnte man dann lesen:" Dass wir hungern, verdanken wir dem Führer" oder" Dass wir nur zwei Tage in der Woche arbeiten, verdanken wir dem Führer". Am 1. Mai wurde nun deshalb die gesamte Kriminalpolizei und eine grosse Zahl von Gestapobeamten von Karlsruhe nach Ettlingen geschickt, die eine Reihe ehemaliger Sozialdemokraten und Kommunisten verhafteten. Bis jetzt haben sie noch nicht festgestellt, wer der oder die Täter waren. Rheinland- Westfalen: Da die massive englische Aufrüstung stimmungsmässig ihre Wirkung nicht verfehlt hat( die Nazis glauben jetzt selbst, dass die Lage des Dritten Reiches bei ihrer Aussen- und Wirtschaftspolitik hoffnungslos ist), so geht eine gewisse Unruhe bis in die Kreise der Gestapo. Viele Gestapo beamte bekommen anonyme Briefe. Mancher Gestapobeamte A-15schläft nicht mehr ruhig. Viele Gestapobeamte stehen stark unter dem Eindruck des allgemeinen Hasses der Bevölkerung gegen sie. Bei der Gestapo des Regierungsbezirkes Aachen hat eine besondere Zusammenkunft stattgefunden, bei der ein oberer SS- Führer die Instruktionen gab. Viele Gestapo beamte wurden ausgewechselt. Aus dem Ruhrkohlenpott wird berichtet, dass die" Freiheitspartei" in den Gesprächen eine erhebliche Rolle spiele. Es sind Flugblätter in Briefkästen und in den Türschlitz gesteckt worden. Auch durch die Post sind solche Flugblätter verschickt worden. Die Tendenz der Flugblätter hält sich ungefähr im Rahmen der national- konservativen früheren Agitation des Stahlhelms. Aus dem Wurmgebiet wird berichtet: Hier ist die Stimmung sehr aufgeregt. Das Volk schimpft wie noch nie. Es schimpft und ist doch froh, dass es überhaupt noch leben kann. Gerüchte durcheilen ständig unser Gebiet. So wird hier viel erzählt von den geheimnisvollen Flugblättern der deutschen Freiheitspartei. Niemand hat eins gesehen, aber viele sprechen darüber. Oberschlesien: Kommunistische Flugblätter für die Volksfront und gegen Hitlers Spanien- Abenteuer sind am 11. und 14. April in der Nähe der Hohenzollerngrube, Karstenzentrumsgrube, Kastellengo grube und Preussengrube teils auf Bäumen, teils an Mauern angeklebt gewesen. Die in Maternvervielfältigung hergestellten Blätter forderten die Arbeiter auf, höhere Löhne zu fordern, eine Volksfront zur Abwehr gegen Hitler zu schaffen, sich im freigewerkschaftlichen Bergarbeiterverband zu organisieren, keine Beiträge an die Arbeitsfront zu zahlen. Selbstverständlich wurden diese Flugblätter sofort entfernt, nichtsdestoweniger machte der Inhalt die Runde innerhalb der Belegschaften. Auf der Kastellengogrube haben Betriebsleitung und Vertrauensrat in einem Aushang die Belegschaft aufgefordert, sofort die Flugblätter abzugeben. Ihr Besitz und ihre Verbreitung werde mit harten Strafen geahndet. Die Gefolgschaftsmitglieder haben die Pflicht, alle anzuzeigen, die im Besitz solcher Flugblätter sind. Am 16. April ist die Chaussee Biskupitz- Martinau bei Hindenburg in den Morgenstunden gesperrt gewesen. Schutzpolizei und SA liessen niemand zur Arbeit passieren, alles ist auf Umwegen umgeleitet worden, weil zu Thälmanns Geburtstag breit über die Strasse mehrere Aufschriften zu lesen waren:" Gebt Thälmann frei"-" Freiheit unserem Thälmann". Die Aufschriften waren mit Farbe aufgetragen und sind in den Asphalt eingedrungen, so dass ihre Entfernung grosse Mühe verursacht hat. Im Zusammenhang damit sind in Hindenburg und Umgebung zwischen dem 18. und 22. April etwa 60 Verhaftungen bei früheren Funktionären der Arbeiterbewegung gemacht worden, Bis auf einen sind aber alle Verhafteten nach sehr eingehendem Verhör wieder freigelassen worden. A-164) Deutschland und Spanien Das Interesse für die Vorgänge in Spanien ist noch immer stark. Der bereits aus früheren Berichten vermittelte Eindruck tritt noch stärker hervor: Die Beteiligung Deutschlands am spanischen Krieg ist bis in die Reihen der Nationalsozialisten hinein unpopulär. Diese Feststellung hat auch aussenpolitische Bedeutung. Hitler kann wegen Spanien so leicht keinen Krieg machen; zunächst hat er jedenfalls die Volksstimmung gegen sich. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhange auch, dass das Zusammengehen mit Italien beim deutschen Volk auf Ablehnung stösst. Man traut den Italienern nicht; die Erfahrung von 1915 wirkt nach. Berlin, 1.Bericht: Ueber die spanischen Ereignisse wird viel gesprochen. Leute, deren Angehörige in Spanien kämpfen, werden auf die Dienststellen der Partei gerufen und darauf aufmerksam gemacht, dass sie nicht über ihre in Spanien stehenden Verwandten sprechen dürfen." Wenn Ihnen Ihr Leben und Ihre Freiheit lieb sind, so schweigen Sie am besten." 2. Bericht: Nach vielen Gerüchten über illegale Spaniensammlungen, die sich meist nicht bestätigt haben, wird jetzt zum ersten Male ein konkreter Fall genannt, wo in einem Betrieb rund 200,- RM illegal für Spanien gesammelt worden sind. Die Kollegen haben das Geld durch Monteure, die ins Ausland gingen, hinausgebracht. 3. Bericht: Hier spricht in NS- Veranstaltungen in Berlin ein Journalist über seine Beobachtungen in Spanien. Er habe nicht mit ansehen können, was für Verbrecher die Nationalen als Gefangene einbrachten. Er habe es für richtig gehalten, dass die Roten bei jeder nur möglichen Gelegenheit erschossen wurden. Er selbst habe in mehreren Fällen, von der Wut über diesen Pöbel gepackt, einige Regierungskämpfer erschossen! Rheinland- Westfalen: Die vielen Gerüchte über Guernica haben dazu beigetragen, dass eine heftige unterirdische Diskussion über das spanische Abenteuer entstanden ist. Es kann heute mit noch grösserer Ueberzeugung gesagt werden: Das deutsche Volk will von dem spanischen Abenteuer nichts wissen! Die" Freundschaft" mit Mussolini ist dem deutschen Volke aufs tiefste unsympathisch. Das Verhalten der Italiener in Weltkriege ist und wird nicht vergessen werden. Die Sympathie mit der spanischen Republik ist im deutschen Volke unverkennbar vorhanden. Man wünscht sehnlichst den Sieg der Demokratie A- 17über die Barbarei des Faschismus. Täglich zeigt sich, dass das spanische Abenteuer Hitlers ihm nicht nur im Auslande, sondern auch im Inlande geschadet hat. Es gibt einfach niemand, der es wagt, dieses Abenteuer zu rechtfertigen. Und im Volke sieht man deswegen mit gespannter Aufmerksamkeit dem Ausgang des spanischen Krieges zu, weil man weiss, dass sich hier Faschismus und Demokratie gegenüberstehen. Da man gegenwärtig in Deutschland nicht offen gegen den Faschismus kämpfen kann, so verfolgt man den Kampf in Spanien mit umso grösserer Teilnahme. Man wünscht bis auf ganz kleine Kreise die Niederlage des Faschismus in Spanien, weil das auch eine Niederlage Hitlers wäre, wenn auch vorläufig nur eine moralische. Uebrigens gibt es kaum jemand, der zu behaupten wagte, Guernica sei von den abziehenden" Roten" in Brand gesteckt worden. Hin und wieder kommt es gewiss vor, dass das Volk nicht ohne weiteres die Meldungen der deutschen Propaganda als Schwindel erkennt. Bei Guernica aber war vom ersten Augenblick an klar, dass dieses Verbrechen an wehrlosen Frauen und Kindern von den deutschen Landsknechten begangen worden war. Nur zweifelt man merkwürdigerweise hier und da daran, dass es deutsche Offiziere aus dem Reichsheer gewesen sein sollen. Man traut den Şoldaten noch immer etwas mehr Menschlichkeit zu wie den Landsknechten in SS- Uniform. Nordwestdeutschland: Eltern wurde aus H., dem Standort des Infanterie- Regiments, bei dem ihr Sohn diente, mitgeteilt, dass der Sohn im Manöver verunglückt sei. Als die Eltern die Leiche zu Hause zu beerdigen wünschten, wurde ihnen erklärt, dass die Bestattung schon stattgefunden habe. Als dann die Eltern wissen wollten, wo der Sohn beigesetzt sei, wurde ihnen gesagt, dass man das nicht wisse. Solche Vorgänge werden sehr schnell kolportiert und schaffen eine immer stärker werdende Stimmung des Misstrauens und der Sorge. Schlesien: Aus Wirtschaftskreisen wird berichtet, dass sich Wirtschaftsführer wiederholt mit der deutschen Intervention in Spanien beschäftigt haben. Dabei wurde auf die Gefahren hingewiesen, die sich für Deutschland daraus ergeben müssten. Einmal handele es sich um Verschwendung von Material, für das kein Ersatz beschafft werden könne. Dann aber erwecke man mit den Meldungen auch Hoffnungen, die sich nicht erfüllen würden. Die Arbeiter könnten sich durch die Auslandsrundfunkmeldungen überzeugen, dass sie falsch informiert werden, und da die Herzen der Arbeiter ohnehin auf seiten der spanischen Bevölkerung seien, schaffe man bei den deutschen Arbeitern eine Bürgerkriegsstimmung. 2. Bericht: Die Vorgänge in Spanien finden die grösste Aufmerksamkeit der Arbeiter. Aus den Zeitungsberichten und dem deutschen Rundfunk erfahren die Leute immer nur von Siegen der Generäle über die Bolschewisten. Aber ein grosser Teil unserer Leute hört Strassburg, Moskau und Prag und ist auf diese Weise über die wirklichen Vorgänge an der spanischen Front gut informiert. Sie werden daher jeden Tag bestürmt und gefragt, wie es in Wirklichkeit in Spanien aussieht. Natürlich müssen sie sich dabei sehr vorsehen. In letzter Zeit scheint auch die Partei Anweisungen gegeben zu haben, dass die" Spaniolen", wie sie genannt werden, genau überwacht werden. Diese Spionenarbeit besorgen die jetzt in jedem Betrieb eingesetzten Werkscharen. Der Unwille über die Teilnahme Deutschlands am spanischen Krieg ist auch bei den Nazis und in bürgerlichen Kreisen stark und kostet dem System viele seiner besten Anhänger. Das Wort Hitlers:" Kein Tropfen deutsches Blut für fremde Interessen", ist nicht vergessen. Ueber die Teilnahme Deutscher am Kriege auf Seiten Francos wird berichtet: Berlin: Der Reichswehrangehörige X. ist nach Spanien gekommen, allerdings schon vor Inkrafttreten des Nichteinmischungsabkommens. X. war früher Mitglied der Sozialistischen Arbeiter- Jugend und auch im Arbeiter- Schützenbund tätig. Er ist später zum Militär gegangen und dort Obergefreiter geworden. Vor seiner Abfahrt nach Spanien ist er zum Unteroffizier befördert worden. Er ist als aktiver Soldat nach Spanien gegangen. Aus Köpenick ist uns ein Fall bekannt, dass ein deutscher Soldat, der bei der Flak diente, in Spanien gefallen ist. Bei ihm kann bestimmt keine Rede davon sein, dass er etwa freiwillig nach Spanien gegangen ist. Ebenfalls in Spanien gefallen ist der Sohn eines städtischen Arbeiters. Der Junge war früher Sportler. Als Todesursache wurde den Eltern mitgeteilt, dass er" bei einer Uebung in Westdeutschland tödlich verunglückt" sei. Die Leiche wurde nicht überführt. Aus Döberitz wurde berichtet, dass die Frau eines Offiziers, die die Mitteilung vom Tode ihres Mannes erhalten hatte, auf die Strasse gelaufen ist und allen Leuten zugeschrieen hat, dass ihr Mann in Spanien getötet wurde. Ueber das Schicksal der Frau ist uns nichts bekannt geworden. Sachsen, 1.Bericht: Ein Feldwebel berichtet: Das Verhältnis zwischen dem Militär und den Nazis sei äusserst gespannt, besonders wegen der Spanienfrage und der Verschickung sogenannter Freiwilliger nach Spanien. Vor einigen Wochen haben die Chargierten bei Parolenausgabe Anweisungen erhalten, soweit es irgend möglich sei, geeignete Leute als Freiwillige für Spanien zu werben. Das Wehrkreiskommando Dresden habe 800 Mann zu stellen, die am 20. Mai nach Döberitz kommen sollten, um dort die weiteren Befehle abzuwarten. In der Garnison Dresden hätten sich nur 150 gemeldet. Alle anderen seien mit Versprechungen über besonders hohe Löhnung, doppelte Anrechnung der Dienstjahre und Beförderungen indirekt kommandiert A-19worden. In Döberitz solle eine besonder schlagfertige Formation zusammengestellt werden, die schnellstens nach Spanien transportiert werden solle. Es seien insgesamt 3.000 Mann vorgesehen, die sich aus Fliegern, Funkern und besonders im Nahkampf ausgebildeten Leuten zusammensetzen sollen. Das Wehrkreiskommando Berlin stellt ebenfalls einen Stab von Fachleuten, Ingenieure, Monteure und Mechaniker, zusammen. 2. Bericht: Der 25 Jahre alte Soldat X. aus Y. diente beim -Regiment in Z. Im Dezember 1936 erhielten seine Eltern von ihm einen Brief, dass er in den nächsten Tagen zum Manöver nach Norddeutschland komme. Falls ihm die Eltern schreiben wollten, sollten sie die Briefe an das Regimentskommando nach Z. schicken, das dann schon die Post versorgen würde. Die Eltern hatten wiederholt geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Ende März bekamen sie einen Brief von ihrem Sohn, in dem er mitteilte, dass er in dem Manöver schwer verletzt worden sei und mit dem Tode ringe. Der Brief war von dem Sohn unterschrieben und trug den Poststempel Z. Mitte April wurden die Eltern vom Regimentskommando verständigt, dass ihr Sohn den bei.dem Manöver erlittenen Verletzungen erlegen sei; gleichzeitig wurde angefragt, ob die Eltern wünschen, dass die Leiche von Z. nach Y. überführt werde. Das geschah auch, dauerte allerdings volle 11 Tage. Der Sarg durfte nicht wieder geöffnet werden und die Eltern konnten ihren toten Sohn nicht noch einmal sehen. Alle Bitten und Interventionen wegen der Oeffnung des Serges nutzten nichts. Auch die Todesursache wurde den Eltern nicht mitgeteilt. Sie bekamen einfach keine Antwort oder sie wurden von einem Amt zum anderen geschickt. Anfang Mai 1937 erhielten die Eltern einen Brief von einem ausländischen Staatsangehörigen, der. ihnen mitteilte, dass er viele Grüsse von ihrem Sohn, der bereits verstorben war, ausrichten solle. Er sei mit seiner Truppe nach Spanien geschickt worden, ohne dass er etwas davon gewusst habe, wohin es geht. Den Soldaten sei bei ihrer Abreise gesagt worden, es gehe zum Manöver nach Norddeutschland. Der Ausländer war in einer Franco- Kaserne mit dem nunmehr verstorbenen Sohn bekannt geworden, der mit vielen reichsdeutschen Soldaten dort lag, während in einer anderen Kaserne nur italienische Soldaten lagen. In der Kaserné haben ihn viele reichsdeutsche Soldaten gebeten, er solle doch ihre Eltern verständigen, dass sie in Spanien seien und nicht im Manöver. Sie seien erst belogen und dann schliesslich gezwungen worden, nach Spanien zu gehen. Während seines Aufenthaltes in der Kaserne in Spanien hat der Ausländer u.a. folgendes erfahren: In Spanien müssen die deutschen Soldaten een Brief an ihre Eltern oder Angehörigen schreiben, dass is in den over in Norddeutschland schwer verletzt wurden. sser Brier wird von der deutschen Kommandostelle in Spanien Verwahrt. det ein deutscher Soldat in Spanien den Tod, ward dief nach Deutschland geschickt und im Garni A-20sonsort zur Post gegeben. Kurz darauf folgt dann vom Garnison- Kommando in Deutschland die Mitteilung, dass der Sohn den bei den Manövern erlittenen Verletzungen erlegen sei. Die toten Soldaten werden dann mit Flugzeugen von Spanien nach Deutschland gebracht. Ein solches Flugzeug befördert jedesmal 15 bis 20 Leichen. Mit dieser Mitteilung ging der Vater des verstorbenen Soldaten auf das Polizeipräsidium in Y. und verlangte Aufklärung. Die Beamten wollten wissen, woher der Vater diese Kenntnis habe. Er zeigte den Brief des Ausländers. Die Beamten erklärten dem Vater, das sei Greuelpropaganda. Die Eltern jedoch glauben an den Inhalt des Briefes. Die ganze Sache hat ziemlich viel Aufsehen erregt. Südwestdeutschland: Aus einem grösseren Garnisongebiet wird über die Anwerbung von" Freiwilligen" nach Spanien folgendes berichtet: Von der Gebirgsartillerie sind noch keine" Freiwilligen" nach Spanien gegangen, weil anscheinend diese Spezialtruppe dort nicht gebraucht wird. Dagegen befinden sich sehr viele Jäger in Spanien. Wie" Freiwillige" gemacht werden, erklären die Soldaten folgendermassen: Wird beim Antreten der Kompagnie gefragt, wer sich freiwillig nach Spanien melde, dann treten gewöhnlich alle vor, um nicht aufzufallen. Von den Vorgetretenen werden dann die ausgesucht, die der Kompagnieführer am liebsten los sein will. Es sind dies in den meisten Fällen nicht gerade die besten Soldaten und daraus erklären sich auch manche Vorgänge unter den Franco- Truppen in Spanien selbst. Rheinland: Seit Beginn des spanischen Bürgerkrieges macht die deutsche Presse und das Radio viel Aufhebens von der Fürsorge der deutschen Regierung für die" Spanien- Flüchtlinge". Die Selbstlosigkeit der deutschen Naziregierung war jedoch nicht allzu gross. Denn viele der" Spanien- Deutschen" wurden nach kurzer Zeit wieder zurückgeschickt, um in der Armee Francos Dienst zu tun. Interessant ist, wie dabei die Auslands organisation der NSDAP und der spanische Konsul in X. zusammenarbeiteten. Beide sorgten dafür, dass die militärdiensttauglichen Deutschen so schnell wie möglich nach der Hauptstadt der Rebellen, nach Burgos, gingen. Ein Deutscher, der 18 Jahre in Spanien als Techniker in Y. wohnte und dort eine gutgehende Autowerkstatt betrieb, befand sich auf einer Reise in Portugal, als der Aufstand der Rebellen ausbrach. Er hielt sich noch mehrere Monate in Portugal auf. Schliesslich bekam er vom deutschen konsul in Lissabon die Aufforderung, sich nach Deutschland zu begeben, um dort in den" Arbeitsdienst einzutreten. Der Mann wurde schliesslich Anfang Januar 1937 nach Deutschland" heimgeschafft", wie es in seinem Pass heisst. Bei seiner Ankunft in Deutschland hatte er sich sofort bei der" Auslandsorganisation der NSDAP" in Hamburg zu melden. Von dort schickte man ihn zum" Hilfsausschuss 1-21für Spaniendeutsche" in Berlin. Dieser Hilfsausschuss verlangte von ihm, dass er mehrere Stundenflüge zum Zwecke seiner Verwendungsfähigkeit als Kriegsflieger machte. Die Flüge fanden bei Nacht und im Nebel statt, um die Orientierungsd& ss fähigkeit zu prüfen. Es wurde ihm ausdrücklich gesagt, er für Passagierflüge nicht in Betracht komme, da man nicht Menschenleben gefährden könne. Schliesslich sagte man ihm, er solle erst einmal nach Z. gehen und sich dort erholen. Dort blieb er drei Wochen. Nach Z. schickte ihm der spanische Konsul in X. einen" Abmeldebogen" und ausserdem ein sogenanntes Hoheitsabzeichen für die Uniformmütze( Abzeichen der NSDAP), ausserdem noch ein Abzeichen in Form einer Metall- Rose, über dessen Verwendung keinerlei Angaben gemacht wurden. Alles wurde vom Konsul im Auftrag der NSDAP geschickt. Dass aber auch der deutsche Konsul in Lissabon ( Portugal) bereits verständigt war, zeigt die Tatsache, dass der Mann von diesem Konsul die Aufforderung nach Z. bekam, sich mit der Neptun- Linie von Hamburg nach Vigo einzuschiffen und sich in Burgos zu melden, um bei der Franco- Armee Dienst als Flieger zu tun. Der Mann hatte keine Lust, dieser Aufforderung zu folgen und ging" schwarz" über die Grenze. Wasserkante: Die Waffenlieferungen nach Spanien dauern an. Es ist nicht möglich, darüber eine spezialisierte Mitteilung zu machen, da die Gefahr besteht, dass die Berichtsquelle festgestellt werden kann. Jedenfalls werden im Hamburger Hafen laufend Schiffe mit allen möglichen Waffen und mit Munition befrachtet, die nach Spanien in See gehen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass diese Schiffe Portugal anlaufen. 5) Abnehmende Kriegspsychose Die wachsenden Rohstoffschwierigkeiten vermindern die Angst vor einem nahe bevorstehenden Krieg. Immer mehr Menschen sehen, dass Deutschland jetzt keinen Krieg führen kann. Auch die Aufrüstung der anderen Mächte, vor allem Englands, hat in dieser Richtung gewirkt.. Aber die Sorge bleibt, dass der Rüstungswettlauf und die wachsenden inneren Schwierigkeiten des Regimes früher oder später zu einem Krieg treiben werden. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Die Debatten über die Kriegsgefahr haben sich in der Tendenz gewandelt. Während noch vor wenigen Monaten eine grosse Kriegsangst bestand, hat diese Haltung in letzter Zeit der Meinung Platz gemacht, dass die verantwortliche Militärführung die deutsche Kriegsfähigkeit zur Zeit sehr gering einschätzt und ihre Auffassung auch gegenüber den Vabanquespielern in der Partei- und Staats A- 22führung durchzusetzen vermag. Man glaubt, dass ursprünglich die Aufrüstung eingeleitet wurde, um einen inneren Konjunkturaufschwung herbeizuführen, dass diese Rüstungskonjunktur dann weiter getrieben wurde, weil die Hoffnung auf eine Initialzündung in der Privatwirtschaft aus blieb und dass schliesslich die Haltung des Auslandes gegenüber der deutschen Aufrüstung bei der Partei- und Staatsführung den Grössenwahn steigerte, dass man sich alles erlauben dürfe und auch einen Krieg riskieren könne. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Erfahrungen des spanischen Abenteuers keine Freude für die deutsche Heeresführung waren und sind. Die ungenügenden qualitativen Leistungen haben vor allem bei der Wehrmacht ernüchternd gewirkt. Diese Ernüchterung wird noch verstärkt durch den Mangel an jeder Kriegsbegeisterung im deutschen Volke. Daneben wird vor allem die Frage der Rohstoff- und Lebensmittelversorgung dazu beitragen, kriegerische Experimente mindestens vorerst ausserhalb der Berechnung zu lassen, zumal die Aussicht auf eine rasche Ueberrumpelung des Gegners wegen der grossen Rüstungen der anderen Länder geschwunden ist. Diese Erkenntnisse ändern nichts daran, dass auf weite Sicht die Lösung gewisser Probleme, seien es Rohstoff- oder Raumfragen, natürlich auch von der Generalität unter dem Gesichtswinkel der Gewaltanwendung gesehen werden. Es ist nicht so, als ob die Pazifisten im heutigen Deutschland die Generalstreifen trügen. Aber die Generäle nehmen den Krieg zu ernst, als dass sie sich auf Improvisationen einlassen möchten. Die Differenz mit der Staats- und Parteiführung besteht nicht im Prinzip, sondern in der Frage des geeigneten Augenblicks. 2. Bericht: In den letzten Wochen ist eine ganz neue Mentalität zum Kriegsproblem in der Bevölkerung zu bemerken. In dem politisch grundsatzlosen und suggestiv leicht zu beeinflussenden Teil der Bevölkerung ist die Meinung von der Unabwendbarkeit des Krieges fester geworden, aber an die Stelle der bisher angenommenen Ursache, nämlich der faschistischen Expansionssucht, ist die Ansicht getreten," alle Feinde Deutschlands bereiten einen Ueberfall vor, um Deutschland völlig zu vernichten. Deutschland ist nun in jeder Beziehung den anderen wieder zu mächtig geworden." Diese vielfach variierte Auffassung hört man jetzt bis in gewisse Arbeiterschichten. Für den ruhigen Beobachter ist es klar, dass diese Mentalität vom System bewusst gezüchtet wird. Die" Aufklärungstätigkeit" in den vielen NS- Organisationen und in der Presse tut ihre Wirkung. Das tägliche Leben bringt so viel Enttäuschungen und Verbitterung, dass das System das Volk in geschickter Weise auf die" mutwillige und schnöde Behandlung Deutschlands durch das Ausland" ablenkt. Rheinland- Westfalen: Für die zahlreichen Musterungen werden die beiliegenden" Aufforderungen" verwendet.( vgl. Originalkopien Seite A 22 und 23). ( Einberufende leuffelle ebeten, bei 2ntwort und Anschrift t. und Geschäftsnummer anzugeben. Dieses Aufforderungsschreiben berechtigt zum Löfen einer Militärfahrkarte gegen Barzahlung für die Hinfahrt*). am bei in ( Bahnhofstagesstempel f: die Hinfahrt) Nihtzutreffendes ist zu streichen. A- 23Aufforderung für 19...... ( Ort, Tag) L Sie werden hiermit auf Grund des Webrgesetzes aufgefordert, fich ( Fan Monat. Jahr) ( Dienststelle) ( Ort, Straße, Gebäude) um Uhr, zur militärischen Untersuchung einzufinden. Bei unentschuldigtem Fernbleiben haben Ste Bestrafung nach den Wehrgesetzen zu gewärtigen. Siebe umstehende Besonderen Anordnungen"). Dufforderung ist mitzubringen und bei der( dem) abzugeben. Den Ausweis zur Erlangung einer Militärfanverteur oie Rückfahrt erhalten Sie nach Ausstellung wieder zurüc*) Reht für die Militärfahrkarten werowe Ihnen gegen Vortage der Fahrkarte für of infahrt erflatter) haben Sie selbst zu tragen*) ( Dienststempel) ( Unterschrift Kommandeurs d. einberufenden Dienſtſtell Hauptmann( F) u. Leiter der Beeldear A- 24Es sind zur Untersuchung mitzubringen: a. den Geburtsschein, Unterlagen zur Nachweisung der arischen Abstammung. b. Schulzeugnisse, Nachweise über Berufsausbildung, Arbeitsbuch 0. Ausweis über Zugehörigkeit: zur H J( Marine, HJ, Lufts porteinheiten der HJ) zur SA, SS, NSK K, NS Reiterkorps, zum Deutschen Seglerverband, Deutschen Luftsportverband, zum Reichsluftschutzbund, Freiw. Wehrfunk- Gruppe Marine, zum Deutschen Amateur sende- und Empfangsdienst, zur Technischen Nothilfe, Freiwillige Sanitätskolonne, zur Feuerwehr. d. den Nachweis über den Besitz des Reissportabzeichensø oder des SA- Sportabzeichens. e. Freischwimmerzeugnis, Rettungsschwimmerzeugnis, Grundschein, Leistungsschein, Lehrschein der deutschen Lebensrettungsgesellschaft. f. den Nachweis über fliegerische Betätigung, Bescheinigung des Dienststellenleiters über fliegerische- fachliche Verwendung g. Führerscheine, Nachweis über Motorsportkursus, Reiterschein, h. Nachweis über Ausbildung beim Roten Kreuz j. Nachweis über Seefahrtzeiten, Besuch von Seefahrtschulen, Schiffsingenieurschulen, Debegfunkschule, Patente, k. Sportseeschifferzeugnis, Führerschein des Seglerverbandes, den Schein C einer Seesportschule, Seesportfunkzeugnis 1. Nachweis über geleisteten Arbeitsdienst m. Nachweis über geleisteten Dienst in der Wehrmacht, Landespolizei oder SS- Verfügungstruppe n. Annahmeschein als Freiwilliger der Wehrmacht, des Reichsarbeitsdienstes oder der SS- Verfügungstruppe. o. 2 Lichtbilder in Civil ohne Kopfbedeckung, p. Brillenträger müssen die Brille und das Brillen rezept mitbringen qu. eine Badehose. A- 25Die Anlage(" Es sind zur Untersuchung mitzubringen") ist besonders interessant, weil sie zeigt, dass die ganze vormilitärische Ausbildung in den nationalsozialistischen Organisationen sorgfältig berücksichtigt wird. In einer Stadt des Westens ist es übrigens bereits dazu gekommen, dass 12 ältere Leute, die nachuntersucht werden sollten, zum angesetzten Gestellungstermin nicht hingingen und infolgedessen von der Polizei zum Teil mit dem Polizeiauto- geholt werden mussten. Sachsen, 1.Bericht: Die Gegenwart ist beherrscht von Ernährungsschwierigkeiten und Rohstoff sorgen. Sie brennen so auf den Nägeln, dass man sich weniger mit aussenpolitischen Vorgängen beschäftigt. Es ist das allgemeine Gefühl vorhanden, dass die Kriegspsychose, hervorgerufen durch das gesteigerte Rüstungs tempo, die Gemüter aller Schichten der Bevölkerung stark bedrückte, langsam aber stetig überwunden wird.. Die Ernährungsschwierigkeiten und Rohstoff sorgen, die bis in den einzelnen Haushalt wirken, haben an dieser Umwandlung der Ansichten entscheidenden Anteil. 2. Bericht: Es herrscht immer noch grosse Kriegsangst unter den Leuten, besonders, wegen der Nähe der Grenzen. Fühlte man sich 1914 durch die Nachbarschaft des verbündeten Oesterreichs geschützt, so weiss man, dass jetzt grosse Wahrscheinlichkeit besteht, dass Sachsen im Kriegsfalle auch Kriegsgebiet wird. Das gibt der Bevölkerung dieses Landes, das seit rund 125 Jahren den Krieg nicht mehr unmittelbar gesehen hat, eine neue Einstellung zum Kriege. Man fürchtet ihn und hasst das Regime, das so offenkundig mit ihm spielt. Die Einflüsterungen der Propagandaredner, dass dem Reiche von der Tschechoslovakei Gefahr drehe, glaubt hier kein vernünftiger Mensch. Man fragt sich auch, warum eine derartige Gefahr, von der man von 1918 bis 1933 nichts gehört hat, nun auf einmal seit dem Dritten Reich so plötzlich entstanden sein soll. Umso grösser ist das Misstrauen gegen die Hitler- Regierung, dass sie Angriffspläne verfolgt, und umso grösser wird die Abneigung gegen das Regime in diesem Gebiete, je mehr sich die Bevölkerung ihrer gefahrvollen geographischen Lage bewusst wird. Die Behörden sorgen durch fortwährende aufreizende Verordnungen selber dafür, dass die Bevölkerung in eine wahre Kriegspsychose hineingetrieben wird. Es mag unter der Jugend einige Abenteurerelemen te geben, die sich von Kriege für ihr inhaltloses Leben einige Aussichten auf Karriere versprechen, die Bevölkerung in ihrer grossen Mehrheit aber ist gegen den Krieg eingestellt, und wenn es einmal dazu kommen sollte, wird hier.eine wahre Panik ausbrechen. 2.Bericht: Die hier vor kurzem aufgestellte GrenzwachtKompagnie( die Angehörigen dieser Kompagnie haben ihre sämtlichen Ausrüstungsutensilien ausser Stiefel zu Hause) mussten Mitte Mai zu einer zehntägigen Uebung einrücken. In der Stadt G., die etwa 8.000 Einwohner hat, sind im A- 26April gegen 200 Mann zur Waffenübung eingezogen worden. In, gleicher Anzahl soll nach Ablauf der ersten Uebung eine weitere Kolonne einberufen werden. 3. Bericht: In einer sächsischen Grossstadt sind innerhalb weniger Monate mehrere Autokontrollen in folgender Weise vorgenommen worden: Eine dem Berichterstatter in ihrer Zusammensetzung nicht bekannte Kommission sass vor einem Amtsgebäude an einem grossen Platz. Reihenweise hatten die Privatautos, Last- und Personenwagen vorzufahren. Anhand eines Katasters wurde der Motor, die Bereifung und alle übrigen wesentlichen technischen Details des Autos durchgeprüft, Kataster vermerkt. im Schlesien: Hier sind jetzt alle wehrfähigen Männer bis zum 55. Lebensjahr gemustert. Die als tauglich Erklärten werden in jedem Monat an einem Tage der Woche zum Grenzdienst einberufen, um sie militärisch auszubilden. Ueber ihre Ausbildung dürfen sie selbst in ihrem engsten Familienkreis nichts sagen. Der Lohn für den Ausbildungstag wird den Leuten von ihren Arbeitgebern abgezogen, aber auch von der Militärverwaltung erhalten sie keinen Pfennig Entschädigung. Ein grosser Teil dieser Ausgemusterten ist auch schon zu achttägiger Ausbildung nach Striegau geschickt worden. Hamburg: Die Lastwagen- und Lastzugbesitzer haben für ihre Fahrzeuge neue Gestellungsbefehle erhalten. Sie müssen am ersten Mobilmachungstag im Hafen bei einem Depot der SS stehen. 6) Der Kurzwellensender auf Welle 29,8 Wir haben bereits im vorigen Monat über die Wirksamkeit des Geheimsenders auf Welle 29,8 berichtet( Nr. 4/1937, Seite A 32 ff.). In den letzten Wochen sind uns folgende neue Berichte darüber zugegangen: Bayern: Wir haben in unserem letzten Monatsbericht auf die Wirkung dieser Senderpropaganda hingewiesen und Einzelheiten darüber berichtet. Es ist nun nicht so, dass der Sender diese unsichtbare Bewegung und diese nicht fassbare, vor allem nicht organisierte Oppositionswelle herbeigeführt hätte. Der Sender kam nur in eine Zeit, in der jede neue Kraftäusserung der antihitlerischen Opposition auf fruchtbaren Boden fiel. Wie stark die Menschen darauf reagierten, zeigt zugleich, dass die Massenstimmung deutlich gegen das Regime gerichtet ist. Wie reagierte aber das Regime darauf? Zuerst tat es einmal gar nichts. Alles wartete auf den Gegenschlag und A- 27nichts geschah. Das bewog schon viele zu glauben: seht, sie können nichts mehr machen, sie sind am Ende. Dann setzten die Störsender ein, zuerst unzulänglich, aber im Laufe der Zeit mit immer besseren technischen Methoden. Heute ist es schon so weit, dass der Sender Tage lang nicht mehr hörbar ist und dann nur, wenn man ein unerträgliches Störgeräusoh beim Suchen in Kauf nimmt. Dieses Störgeräuschs wegen ist es den meisten nicht mehr möglich, den Sender einzuschalten, weil man dieses Pfeifen durch alle Wände hindurch hört, so dass es den Nachbarn auch bei geschlossenen Türen und Fenstern nicht verborgen bleiben kann, dass man den Sender sucht. Die technischen Mittel haben also im Augenblick wieder dem Regime ein Uebergewicht gegeben. Aber damit hat seine Aktion noch nicht ihren Abschluss gefunden. Zum ersten Male seit der grossen Verhaftungswelle im März 1933 hat in München eine Aktion der Gestapo grossen Ausmasses begonnen. Während des ganzen Monats April bis zum 1.Mai wurden in München Massenverhaftungen vorgenommen. Am 25. April waren 432 Mann verhaftet, von denen inzwischen schon wieder viele freigelassen wurden. Die Verhaftungen selbst gingen ganz verborgen vor sich. In den Betrieben wurden die Leute von ihren Arbeitsplätzen durch die sogenannte Werkspolizei weggeholt. An die Stelle eines Arbeiters, der aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden war, trat sofort ein Ersatzmann, so dass es selbst in der Werkstatt den Mitkollegen erst nach längerer Zeit bekannt wurde, dass ein Kollege verhaftet worden war. Am Fabrikeingang wurden die Verhafteten den Zivilbeamten der Gestapo übergeben. Die Verhafteten wurden strengen Verhören unterzogen. Dabei wurde festzustellen versucht, mit welchen Personen die Verhafteten Privatbeziehungen unterhalten, ob sie ausländische Sender hören, welche Beziehungen sie im Betrieb haben usw. Aus den Verhören geht jedenfalls hervor, dass man auf diese Weise Anhaltspunkte für eine enge Beziehung oppositioneller Arbeiterkreise untereinander zu finden hoffte. Bei verschiedenen Verhaftungen wurden die Radio- Apparate auseinandergenommen, in einem Fall wurde ein Photo- Apparat beschlagnahmt. An den Radio- Apparaten wurden technische Veränderungen vorgenommen, so dass man bestimmte Sender nicht mehr hören kann.( Die neuen Typen der Radio- Apparate, wie z. B. der neue" Saba", der auch für Kurzwelle eingerichtet ist, geben übrigens ausländische Sender wie z. B. die Kurz- und die Langwelle von Moskau nicht wieder). Rheinland: In der letzten Zeit sucht man eifrig nach Schwarzhörern. Peilwagen sind ständig unterwegs, um die Leute festzustellen, die Kurzwellen- Sendeeinrichtungen benutzen. Man besitzt auch Listen über alle Leute, die Empfangsgeräte haben. Im Volke ist das Gerücht verbreitet, dass es einen Geheimsender gebe, der von Studenten gemacht sei. A- 28Schlesien: Der kommunistische Geheimsender 29,8 hat eine grosse Bedeutung erlangt. Wer immer ein Rundfunkgerät mit Kurzwellenempfang hat, hat Besucher, die den Sender abhören wollen. Selbst in den Kreisen der Nationalsozialisten wird der Gemeinschaftsempfang organisiert., Oppositionelle Nationalsozialisten lassen unverhohlen ihre Schadenfreude darüber erkennen, dass dieser Sender existiert. Dass der Sender seine Wirkung tut, kann man auch daraus entnehmen, dass man jetzt mit ungeheuerlichen Strafen gegen das Abhören des Moskauer Senders vorgeht. In Breslau sind in letzter Zeit einige Prozesse durchgeführt worden, in denen Strafen bis zu 5 Jahren Zuchthaus für das Rundfunkhören verhängt wurden. Der Staatsanwalt erklärte in seiner Anklagerede, dass zwar den Nationalsozialisten gestattet sei, gegen Deutschland gerichtete Rundfunksendungen anzuhören, um sich zu informieren, staatsfeindliche Elemente dagegen würden in ihrer Haltung bestärkt und deshalb sei mit schärfsten Strafen gegen sie vorzugehen. Sachsen: Das Interesse für die Radiosendungen von Moskau, Strassburg usw. ist nach wie vor sehr gross. Das Interesse für den kommunistischen Geheimsender hat bei manchen Arbeitern etwas nachgelassen. Sie sagen, dass er immer wieder dasselbe bringe und keine besseren Nachrichten übermittele als die anderen Stationen. Nordwestdeutschland: Der Standort des Kurzwellensenders 29,8 wurde schon in der Nordwestecke des Reiches vermutet. So hat man in Emden Haussuchungen bei Holländern gehalten, die seit Jahren in Deutschland wohnen, weil man sie mit dem Sender in Verbindung brachte. Die Meinungen über diese Sendungen sind geteilt. Manches findet man gut, manches lehnt man wegen zu grober einseitiger KP- Propaganda ab. Das beeinträchtigt die antifaschistische Wirkung. Uebrigens wird der Moskauer Sender derartig gestört, dass man ihn selbst mit guten Geräten nur sehr schlecht hören kann. Es hilft auch nichts, wenn er die Wellenlänge ändert, denn die Störsender haben die Umstellung sehr schnell herausgefunden. Es wäre sehr wichtig, wenn die demokratischen Länder es nicht allein der im Umfang sehr begrenzten politischen Illegalität überliessen, den Machtwahn des Faschismus zu bekämpfen Grosse Aufklärungsarbeit könnte geleistet werden, wenn die demokratischen Länder mit starken Sendern in deutscher Sprache regelmässig die internationale Situation durch gute Vorträge schilderten. Die ausländischen Sender werden stark abgehört, besonders Strassburg, aber sie bringen fast nur kurze Meldungen, die in ihrem Zusammenhang nicht immer begriffen werden. Ausserdem ist es so, dass selbst Strassburg in einer Art spricht, als wenn es sich bei jedem Satz entschuldigen möchte, dass es eine andere Meinung zum Ausdruck bringt als A- 129das offizielle Deutschland. Wir meinen nicht, dass man schimpfen soll, aber so etwas, wie ein demokratisches Selbstbewusstsein könnte das Frankreich Léon Blums aufbringen. Moskau findet infolge seiner übermässigen Aggressivität wenig Glauben. Die deutschen Sendungen der Tschechoslovakei sind sehr vorsichtig und geben keine genügende Möglichkeit zur Urteilsbildung. Luxemburg hat jetzt einen Ansager, der alles tut, um den richtigen SA- Ton zu sprechen. 7) Die Ausstellung" Schaffendes Volk" in Düsseldorf Die Veranstaltung grosser Ausstellungen ist ein wichtiges Mittel der nationalsozialistischen Massenpropaganda. In den letzten Monaten standen vor allem die Bolschewisten- Ausstellungen im Vordergrund. Wir haben im November 1936( Heft 11/1937 Seite A 14 ff) einen Bericht über die" Antibol schewistische Schau" in München gebracht. Aehnliche Ausstellungen haben in anderen Grossstädten stattgefunden. Neuerdings aber dienen die Ausstellungen vor allem der Propaganda für die Leistungen des Dritten Reichs und für den Vierjahresplan. Zur Zeit laufen drei Grossausstellungen: In Berlin die Ausstellung" Gebt mir vier Jahre Zeit", in Düsseldorf die Reichsausstellung" Schaffendes Volk" und in München die Gross- Ausstellung des Reichsnährstandes. Wir haben einen unserer Berichterstatter gebeten, uns über die Düsseldorfer Ausstellung einen Sonderbericht zu übermitteln. Diesem Bericht entnehmen wir: 3 Allgemein wird diese Ausstellung als" Schau für den Vierjahresplan" bezeichnet und sie ist in der Tat eine Ausstellung für all die neuen Werkstoffe. Allerdings hat man sie dazu erst gemacht, nachdem die wachsenden Rohstoffschwierigkeiten des Dritten Reichs zu diesem Vierjahresplan zwangen. Denn die Ausstellung war Jahre vor ihrer Eröffnung geplant. Es ist eine der üblichen Grossprechereien gewesen, als Göring bei der Eröffnung sagte:" Wir sind stolz darauf, zwei Ausstellungen pünktlich, wie es im nationalsozialistischen Staat nicht anders sein kann, eröffnen zu können." Die Ausstellung ist tatsächlich erst etwa zur Hälfte fertig. Als ich eine Gruppe von Künstlern, die auf der Ausstellung beschäftigt sind, fragte, warum man denn bisher so wenig Reklame für die Ausstellung gemacht habe, bekam ich die Antwort:" Sie sind wohl nicht von hier? Wenn Sie das wären, dann müssten Sie wissen, dass die Ausstellung noch gar nicht fertig ist.". A- 30Fast sämtliche Bauten, die bis jetzt freigegeben sind, tragen das Merkmal der absoluten Unfertigkeit. Ueberall heisst es:" Vorsicht, frisch gestrichen"-" Hier können Sie nicht gehen, es müssen die Wände noch geputzt werden"-" Sehen Sie sich vor, die Maschinen sind noch frisch" usw. Auf den Böden werden Platten( aus Resten von Vistra und Zellwolle mit Zement gemischtes Material) hergestellt und zu Wänden zusammengefügt. In einigen Fällen fehlt noch das Dach, in anderen sind die Decken noch nicht mit Stoff bekleidet. Die Ausstellung besteht aus 19 Grossbauten mit etwa 40 Hallen, Restaurationen und anderen Gebäuden. Dazu kommen ein riesiger Vergnügungspark und die wirklich guten Gartenanlagen. Noch nicht ausgestellt hat die Deutsche Arbeitsfront; die Räume sind zwar fertig, aber sie wurden noch nicht zur Besichtigung freigegeben. Das gleiche gilt vom Luftschutzbau. Die Handwerkerhallen sind noch nicht einmal im Rohbau fertig; der Lehrlingsbau ist halbfertig, ebenso der Flugzeugbau. Das Ausstellungsprogramm wurde aus diesen Gründen offiziell noch nicht verkauft. Die sogenannte Künstlersiedlung war ebenfalls nicht fertig, die Hälfte ist jedoch bereits bewohnt. Die sogenannte Mustersiedlung der DAF dagegen ist fertig und auch zur Besichtigung freigegeben. Der Vergnügungspark funktioniert natürlich auch bereits. Nur sind die Preise ausserordentlich hoch, zum Teil betragen sie RMK 0,75 bis 1,- RM. Ebenso hoch sind die Preise in den etwa 20 Cafes und Restaurants: 1/2 Ltr. Bier 0,65 RM bis 0,80, 1 Tasse Kaffee 0,50 RM, 1 Kännchen Mokka 1,- RM. Alles so, dass das" schaffende Volk" die Ausstellung nicht besuchen kann. Auch der Eintrittspreis für die Gesamtausstellung ist viel zu hoch. Für die Zeit von 9 bis 6 Uhr muss man 1,50 RM und zum Besuch des Vergnügungsparks in den Abend stunden 0,50 RM bezahlen, Kinder und Erwerbslose die Hälfte. Dementsprechend ist der Besuch; nur abends ist der Vergnügungspark gerammelt voll. Ich habe mich am zehnten Tag nach der Eröffnung in einer Halle stundenlang aufgehalten und ausser den Aufsichtsbeamten niemand gesehen. Die Eröffnung am 8. Mai ging verhältnismässig still vonstatten. Göring kam von Münster her in seinem angehängten Salonwagen mit dem fahrplanmässigen Eilzug um 9,15 Uhr in Düsseldorf an. Nur die obersten" Spitzen der Behörden", der SA, der SS, des NSKK usw. waren zum Teil von seiner Ankunft unterrichtet worden. Die Autokolonne durchraste die Strassen im 60- km- Tempo. Leute, die zufällig die Gegend passierten, wussten nicht, was los war, sie sahen die blitzschnell fahrenden Autos und aus war die Sache. Erst nachträglich erfuhren viele, dass es Göring gewesen war. Auf demselben Wege und im selben Tempo sauste Göring wieder davon, ohne die Ausstellung richtig besichtigt zu haben. Jetzt sagen die Düsseldorfer: " Er ist unerkannt entkommen". A- 31. Ein Gang durch die Ausstellung. Pavillon" Reichsbund der deutschen Beamten": Es wird die Tätigkeit der Beamten bei der Eisenbahn( Lokomotivführerdienst, Stellwerkdienst, Laboratorium, Gleisbau, Vermessungsdienst gezeigt. Alle Viertelstunde läuft ein Kurzfilm, der diese Tätigkeiten zeigt und erläutert, begleitet natürlich von" Kampfliedern der Bewegung" und anderen Liedern, die die Geschlossenheit der Beamten und der Arbeiter zeigen sollen. Mit Urdokumenten, z. B. aus der Zeit Friedrichs des Grossen, wird die Beamtenschaft aufgefordert, in einer Zeit wo Deutschland im schwersten Existenzkampfe stehe und von Feinden umgeben sei, es nicht an Pflichttreue und Mut zum Durchhalten fehlen zu lassen. Die Blut- und Rassentheorie wird selbstverständlich ebenfalls ins rechte Licht gerückt und Dokumente aus der Bismarckschen Zeit müssen herhalten zur Erhärtung dieser Theorie. Eine ganze Seitenwand wird von einer Karte ausgefüllt, welche Gaue, Kreise und Ortsgruppen, sowie die Zahl der Beamten zeigt. Nach dieser Aufstellung gibt es im ganzen Reich nur 40.000 Polizeibeamte. Das ist eine glatte Fälschung. Vermutlich gibt es allein 40.000 Gestapo beamte.- In diesem Pavillon habe ich zwei Stunden gesessen und mir Notizen gemacht; ausser mir war kaum ein Besucher da. Haus der DAF: Im Parterre ist links die Polizei, rechts sind die Büros untergebracht. Im oberen Stockwerk gibt es als einzig besichtigungsfähiges einen" Kulturfilm", genannt: " Schaffendes Volk". Man zeigt die Herstellung von Uhren, Streichhölzern, Porzellan und andere Arbeitsvorgänge. Im übrigen natürlich entsprechende Musik. Und ausserdem zeigt man Bäder wie: Karlsruhe, Wiesbaden, die bayerischen Bäder und anderes. Schliesslich auch" Sport" wie: Tennis, Reiten, Schwimmen, Hockey usw. Es liegen teuere Zeitschriften aus wie:" Die Dame"," Leipziger Illustrierte". Das wirklich schaffende Volk hat in dieser Umgebung kaum etwas zu suchen. Es ist aber möglich, dass die oberen noch nicht eröffneten Räume später mehr bringen werden. Presseabteilung: Riesige Räumlichkeiten, aber nichts drin. Gezeigt wird die übliche Entwicklung der Zeitung, handschriftliche Zeitungen aus der Lutherzeit, Uebergang zum Typendruck, Anfänge der Buchdruckerkunst u.a. Alles ein wenig primitiv. Dann geht es zu Adolf Hitler. Alle 14" Schmachjahre" werden wieder einmal heruntergehaspelt. Alle" Verbrechen der Marxisten", alle Versprechen der Nazis aus der damaligen Zeit tauchen wieder einmal auf. Diejenigen ausländischen Zeitungen, die einmal eine günstige Aeusserung über das Dritte Reich gebracht haben, sind an den Wänden angebracht. Dazu die üblichen Lobpreisungen und Tiraden der Nazizeitungen. Nichts, aber auch gar nichts Neues. Da Besucher auch in diesen Räumen nicht zu finden sind, wirkt alles öde und tot. Ich habe mich eine geschlagene Stunde bewegen können, ohne gestört zu werden. A- 32Schliesslich wird noch ein Film gezeigt: Der Werdegang der Buchdruckkunst von der Handsetzerei bis zur modernsten Maschinensetzerei, und ausserdem der Rotationsdruck. An die Presseabteilung schliesst sich die Buchausstellung an. Selbstverständlich Hitlers:" Mein Kampf" in verschiedenen Prachtausgaben und an erster Stelle. Rosenbergs" Mythos". an zweiter Stelle und dann folgt all der Nazizauber. Ein Katalog war nicht zu haben. In einem grossen Lesesaal liegen etwa 80 Zeitungen aus, nur amtlich zugelassene selbstverständlich. " Der Versicherungsring der deutschen Arbeit"( die ehemalige " Volksfürsorge" der Freien Gewerkschaften) hat einen besonderen Pavillon, der erst am 14. Mai eröffnet wurde. Es werden Zahlen in der üblichen Art gezeigt. Im übrigen wird jeder Besucher solange am Aermel festgehalten, bis er sich hat versichern lassen. Sparkassen und Krankenkassen haben einen besonderen Flügel des DAF- Hauses. Auf grossen Tafeln wird der Segen der Krankenkassen demonstriert. Die Kassen wetteifern miteinander. Die Mittelstandskassen versuchen den Ortskrankenkassen die Mitglieder auszuspannen. Sobald man beim Besucher heraushat, dass er nicht pflichtversichert ist, wird er bearbeitet, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Man gewinnt den Eindruck, dass hier bestimmte Anweisungen ergangen sind, damit ja niemand entkommt. Man will alles halbwegs erreichbare Geld in die Kassen der verschiedensten Art bekommen, damit die Reichsanleihen alle Gelder über diese Kassen erfassen können. Die Industrie- Pavillons: Hier sieht man die deutsche Schwer- und Fertigwarenindustrie. Natürlich fast ausschliesslich die grossen Firmen. Man zeigt die neuesten Werkzeugmaschinen, die die menschliche Arbeitskraft ersetzen. Grosse Karusseldrehbänke, bei denen 6 Meissel zugleich angesetzt sind. Drehbänke, bei denen mit 3 und 4 Supperts gearbeitet wird. Eine Maschine zeigt, wie Schrauben aus dickem Stahldraht in einem Arbeitsgang hergestellt werden. Die Maschine schneidet auf Mass, nietet den Schraubenkopf, dreht die Schraube gleichmässig, schneidet Gewinde, härtet und kühlt die Schraube in einem einzigen Arbeitsgang. Sie wird bedient von einem Dreher und einem Mädchen. Das ist zwar an sich nichts neues. Hier jedoch soll es den Zweck haben, den deutschen Menschen zu überzeugen, dass Deutschland alles kann. Ganz so ist alles aufgezogen. Ich machte mir einige Notizen und schon war ein Mann da, der den ganzen Vorgang bis ins kleinste erläuterte und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass diese Maschine 25 Arbeiter, grösstenteils Facharbeiter, ersetzt. Offenbar auf bestimmte Anweisungen hin, setzt der Instrukteur seinen Erklärungen hinzu, dass Deutschland und die deutsche Industrie einfach alles könnten und dass sie unüberwindlich geworden seien, seitdem Adolf Hitler dafür gesorgt habe, dass der deutsche Arbeitsprozess nicht mehr durch A- 133Streiks und sonstige Unruhen gestört wird. Eine Nagelherstellungsmaschine hat noch grösseres Tempo. Sie wird ebenfalls von einem Facharbeiter und einem 16- jährigen Mädchen bedient. Ersatzstoffe: Hier gibt es allerhand Neuigkeiten. Da ist z.B. Bakelite, eine Mischung von Buchen- Hartholz und Kunstharz. Ca. 30 Firmen haben Erzeugnisse dieser Art ausgestellt. Es gibt aus diesem Material angefertigte Schreibzeuge, Rasierapparate, Schmuckgegenstände, aber auch Lager für Automobile und Eisenbahnwagen. Es gibt Einrichtungen für Walzwerke, die grosse Belastung auszuhalten haben, und Zahnräder für Autos und andere Maschinen, alles aus diesem Material verfertigt. Ausgestellt sind ferner Korkersatz, Linoleumersatz, Tapeten aus Holz und Gummi- Ersatz, sowie ganze Zimmerbelege und Teppiche aus demselben Material. Für Buna, den aus deutschem Material hergestellten" Gummi", gibt es eine besonders grosse Abteilung. Hier wird bei den Erklärungen, die man dem Publikum gibt, immer wieder betont, es sei falsch anzunehmen, dass hier" Ersatz" gezeigt würde. Es sei vollwertiger Gummi, den man hier zeige, und das Publikum solle sich seine Voreingenommenheit vor diesem Material abgewöhnen. Man sagt dem Publikum ferner, dass es im Lande auf keinem Stück Fertigprodukt die Bezeichnung" Buna" oder Gummi- Ersatz geben werde. Zum Beweise dafür, dass Buna kein Ersatz ist, hat man eine grosszügige Anlage geschaffen, die ständig in Betrieb ist. Auf der einen Seite zeigt man, wie aus dem milchigen Saft des Gummibaumes Gummi gemacht wird. Auf der anderen Seite macht man aus Kohlebestandteilen und Kalk dieselbe Flüssigkeit, oder wenigstens solche, die ebenso aussieht wie das echte Urprodukt. Und dann zeigt man Berge von" Buna". Es werden die grössten Ballonreifen gezeigt; es gibt Gummihandschuhe, Schürzen, Mäntel, Wandbekleidungen, Schläuche für die Feuerwehr und für andere Zwecke. Alles, was man sich aus Gummi vorstellen kann, wird aus Buna gemacht. Gerresheimer Glas: Diesen Namen hat das Material, das sich Glaswolle nennt bzw. dazu verarbeitet wird. Jedenfalls wird das neue Material aus denselben Grundstoffen hergestellt, aus denen man z. B. Fensterglas macht. Vor den Augen des Publikums wird die Glaswolle gesponnen und kommt auch gleich in den Webstuhl. Der Arbeitsprozess kann genau verfolgt werden und die Produkte: vom Handtuch bis zum Wandschoner, vom Teppich bis zum Kleid, vom Strumpf bis zum Anzug liegen aus. Zellwolle" Vistra" ist selbstverständlich auf der Ausstellung ebenfalls ausgiebig vertreten. Hier wird gezeigt, wie aus Buchenholz ein Faserstoff wird, der wasserabweisend ist. Anzüge, Kleiderstoffe, Bettwäsche, alles gibt es aus " Vistra". In der Farbe und im sonstigen Aussehen gibt es tatsächlich keinen Unterschied. Und das Publikum wird ständig A- 34in der Ausstellung aufgefordert, die Stoffe zu befühlen und dann zu urteilen. Besonders herausgestellt sind die Reichsautobahnen. Sie sollen so etwas wie" deutscher Sozialismus" sein. Die Machthaber haben das ganz richtige Gefühl, dass die Massen kein Verständnis für die Anlegung dieser Prachtstrassen haben. Denn die Massen wissen, dass in diesen Autobahnen wie in vielen anderen nutzlosen Dingen nicht nur die Steuergroschen der Massen stecken, sondern dass sie nur gebaut werden konnten, weil tausende von Arbeitssklaven daran für wenig Geld arbeiten mussten. Deshalb sucht man den Eindruck zu erwecken, dass die Autostrassen für alle da seien. Deshalb hat man einen Ausspruch von Hitler gross an die Wand geknallt: " Es ist ein schönes Bewusstsein, an einem Werk mitzuwirken, das nicht den Interessen eines Einzelnen dient, sondern allen gleich und viele Jahrhunderte hindurch dienen soll". Dieser und andere Wand sprüche sind charakteristisch für die Verlogenheit eines Systems, das sich sozialistisch nennt, es aber nicht ist. Eines Systems, das deshalb solche Ausstellungen benutzt, um das Volk besoffen zu machen. Der Clou von allem ist eine persönliche Phrase Hitlers, die an besonders sichtbarer Stelle angeschlagen wurde:" Ich bin Sozialist, weil es mir unverständlich erscheint, eine Maschine mit Sorgfalt zu pflegen und zu behandeln, aber den edelsten Vertreter der Arbeit, den Menschen selbst, verkommen zu lassen." Das wagt man als Bekenntnis eines Mannes und eines Systems dem Volke hinzuhalten, obwohl heute die gesamte Wel töffentlichkeit weiss, mit welchen barbarischen Mitteln " der edelste Vertreter der Arbeit in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern behandelt und gefangen gehalten wird. Holz und Holzverbrauch: Dieser Abteilung hat man ganz besondere Sorgfalt gewidmet. Besonders reichlich sind Zahlen verwendet worden. Man beginnt so: Wie beschaffen wir das nötige Holz? Waldvermehrung und Aufforstung Nutz- und produktionsloses Land Waldschädensgebiete Blössen Eichenschälwaldungen, Hauberge 550.000 ha 425.000 ha 115.000 ha 55.000 ha 55.000 ha 1.200.000 ha Die Durchführung dieser Arbeiten bedingt die Einstellung von 120.000 Waldarbeitern und 80.000 sonstigen Erwerbslosen. Es ergibt sich ein Pflanzenbedarf von 4,4 Milliarden aus Saatzuchten. Die Aufforstung hat zur Folge, dass wir eine jährliche Steigerung von 3,5 Millionen Festmetern Holz erzielen können. Die Ertragssteigerung würde die Holzeinfuhr von Jetzt 22,5% auf 9,2% herabsinken lassen. Es würde nur noch die Einfuhr von Spezialhölzern notwendig sein. Das ist eine sehr einfache Methode, wie sie sich der kleine A- 35Moritz nicht einmal vorstellen könnte. Ich habe beobachtet, wie ein Professor mit seiner Klasse vor den Tafeln stand und fortwährend den Kopf schüttelte. Es wird nur wenige geben, die nicht daran denken werden, dass ja solche Anpflanzungen auch einige Jahre gebrauchen, bevor sie wieder abgeholzt werden können. Nationalsozialistische Wirtschaftstheorie, die das deutsche Volk schon zu bezahlen hat und noch zu bezahlen haben wird. Es kommen dann die verschiedenen Verfahren bei der Verwendung von Holz zur Darstellung: Verzuckerung, Holzverkohlung usw. Halle 9 ist mit" Kampf dem Verderb" ausgefüllt: Es ist eine Mischung von statistischem Material, Darstellungen über die Erzeugungsschlacht, Klagen über zu wenig Raum und Kolonialforderungen. Stark agitatorisch und deshalb verwirrend; was wohl auch der Zweck dieser Abteilung ist. Jährlich müssen wir zusätzlich 1 Milliarde Mark aufwenden, um den Verlust durch Verderb durch Einfuhr zu ersetzen. 1 1/2 Milliarden RM schmälern dem deutschen Volke seine Ernährung durch Unaufmerksamkeit, Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit, Wegwerfen, Verkommen lassen, Rostenlassen usw. Dann wird zu zeigen versucht, dass die Lage sich dadurch noch verschärft, dass es 1933 noch 6 Millionen Arbeitslose gab, dass aber heute nur noch 1 Million zu verzeichnen ist. Als Mittel zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung werden empfohlen: Erntekindergärten, die die Hausfrau auf dem Lande entlasten. Es wird darauf hingewiesen, dass Dung- und Jauchegruben geeignet sind, den Dünger zu verbessern. Sorgfältige Behandlung der Maschinen erspare ebenfalls Verluste. Es sei bessere Ausnutzung der Grünländereien durch Einkoppelung und Unterkoppelung erforderlich. Dann kommen die bisherigen Erfolge durch staatliche Regelung( Steigerung der Milcherträge, des Zwischenfrüchte anbaus, der Erzeugung von Butter, Schmalz, Fleisch, Steigerung der Aufwendungen für die Konservierung der Futtermittel und die Anschaffung von Maschinen und Gerätschaften, Vergrösserung der Anbaufläche durch Oedlandgewinnung, Meliorationen und durch Umbau von ackerfähigem Grünland usw. usw.). Der Erfolg der Erzeugungsschlacht wird zu zeigen versucht. Schliesslich wird auch der landwirtschaftliche Berufswettkampf erwähnt. Dann folgt eine lange Reihe von Darstellungen über die Verminderung des Einfuhrbedarfs bei wichtigen Rohstoffen durch vermehrte inländische Erzeugung, Ersatzstoffproduktion und" Kampf dem Verderb". Als Schluss dieser Landwirtschaftsschau und der Ausstellung " Kampf dem Verderb" erscheint die Forderung nach Kolonien. Es wird darauf hingewiesen, dass 1913 auf 1 Quadrat- km 124 Einwohner kamen, 1935 dagegen 141. 15% der Bodenfläche sei Deutschland entrissen worden. Daher sei es jetzt umsomehr berechtigt, die Kolonien zurückzufordern. Das werde immer energischer geschehen. A- 36Schlussbetrachtung Die Ausstellung macht im Grossen und Ganzen einen guten Eindruck. Was zunächst noch stört, das ist die Tatsache, dass sie nicht fertig ist und noch einige Wochen, bis zur Fertigstellung vergehen werden. Besondere Neuigkeiten bringt die Ausstellung nicht. Sie ist auch bis jetzt nicht populär. Wenigstens nicht bei den Düsseldorfern. Ich habe mehrere Proben machen können. Populär wird die Ausstellung schon wegen der hohen Eintrittspreise nicht werden. Und es gibt auch nichts ausserordentliches zu sehen. Alles ist nationalsozialistische Werbung für das Dritte Reich und für den ganzen Ersatzzauber. Die Leute haben keine Lust, sich das auch noch in einer Ausstellung anzusehen. Und dazu kommt, dass im Westen und besonders, in Düsseldorf durch die verschiedenen Betrugs- und Korruptionsfälle sowieso eine erbitterte Stimmung gegen das System herrscht, die sich sehr zu ungunsten der Ausstellung auswirkt. A- 37II. Aus der Wirtschaft = 1) Allgemeine Berichte Mehr noch als in den Vormonaten-unsere letzte Wirtschaftsübersicht findet sich im März- Bericht( Heft 3/1937, Seite A 75- 122)- leidet die deutsche Wirtschaft heute unter der Rohstoffnot. Mit ihren technischen und ökonomischen sind auch ihre psychologischen Wirkungen gewachsen. Jetzt sind.es die Unternehmer, die davon überzeugt sind, dass es so nicht weitergehen kann. Umgekehrt ist die Entwicklung beim Lebensmittelmangel verlaufen. Die Knappheit dauert an, aber die Bevölkerung gewöhnt sich langsam an diesen Zustand. Wir stellen diesmal der Einzelberichterstattung zwei zusammenfassende Berichte voran, die einen guten Ueberblick über die gegenwärtige Lage der deutschen Wirtschaft geben. Beide stammen von Männern aus der Praxis, der eine von einem Techniker und Betriebsleiter, der andere von einem Textilfachmann. Der Bericht des Technikers schildert besonders eindrucksvoll Wirkungen der Rohstoffnot. Er zeigt, wie der Mangel an Eisen, auf den wir an dieser Stelle sehr frühzeitig aufmerksam gemacht haben( vgl. Heft 11/1936, Seite A 48 f., Heft 1/1937 Seite A 49 f und Heft 3/1937, Seite A 96 f), immer bedrohlicher wird. Im März- Bericht( Heft 3/1937, Seite A 96) wurde auch bereits die Kontingentierung von Baueisen behandelt. Diese Regelung ist inzwischen durch eine andere ersetzt worden. Die Angaben," die der Berichterstatter darüber macht, geben die Regelung wieder, wie sie in den letzten Wochen in der Praxis gehandhabt worden ist. Wenn Betriebseinschränkungen und Kurzarbeit noch nicht das Ausmass erreicht haben, das man bei dem empfindlichen Mangel. an vielen industriell wichtigen Rohstoffen erwarten müsste, so gibt der Berichterstatter dafür eine bemerkenswerte Erklärung: Der Rohstoffmangel hat nicht nur eine produktionshemmende, A- 38sondern auch eine produktionsbelebende Wirkung. Diese Belebung geht nicht nur von der Erzeugung der synthetischen Rohstoffe aus, sondern auch von den Umstellungen der Produktionsanlagen und den Neuanschaffungen, ohne die Verwendung von Ersatzprodukte technisch nicht durchführbar wäre. Allerdings kann der Ausgleich der Stockung hier durch die Belebung dort nur so lange währen, wie hier diesem Umstellungsprozess nicht gleichfalls die Rohstoffe fehlen. Schon jetzt sind die Lieferfristen der Maschinenindustrie infolge Eisenmangel lang. Dem Bericht entnehmen wir: ausserordentlich Laien und selbst nicht eingeweihte Techniker machen sich keine Vorstellung von dem Umfang und den Auswirkungen der Rohstoffknappheit in Deutschland. In der Metallindustrie zum Beispiel fehlt es an allen wichtigen Rohmetallen. Die Nichteisen- Metalle, Kupfer, Bronze, Messing und andere Legierungen, sind schon seit Jahr und Tag kontingentiert. Aber diese. Kontingentierung bedeutet keine Sicherung des Bedarfs, sondern nur eine Rationierung unzureichender Mengen. Die Lieferfristen sind ausserordentlich weit gesteckt und trotzdem werden die Termine nicht eingehalten. Es kann keine Rede mehr davon sein, dass man z. B. heute noch Legierungen nach DinNormen verwenden kann. Heute muss man das nehmen, was man gerade bekommen kann. Das gilt auch für die Rüstungsindustrie, 2.B. für den Torpedo bau. Bestimmte Legierungen sind kaum zu ersetzen, so etwa Phosphor- Bronze für Schneckenräderkränze. Nicht besser sieht es beim Stahl aus. Wolfram und Chromnickelstahl dürfen nur noch für Rüstungszwecke verwendet werden. Da sie in der Hauptsache für Geschützrohre gebraucht werden, spricht man heute kurz von Geschützstahl. Aber auch die Qualität dieses Geschützstahls ist schlechter geworden. Die Gleichmässigkeit dér grossen Schmiedestücke, die für die Geschützrohre verwendet werden, hängt von der Güte der Legierung ab, und die ist heute nicht mehr gewährleistet. Wie man überhaupt allgemein sagen kann, dass auch die Qualität der Metalle, die noch vorhanden sind, ausserordentlich nachgelassen hat. Nirosta- Stahl darf nicht mehr hergestellt werden. Ebenso gibt es die früheren Spezialstähle VCN( Vergüteter Chromnickelstahl) und ECN( Einsatz Chromnickelstahl) heute nicht mehr. An ihre Stelle ist Molybdänstahl getreten, der sich aber als hochwertiger Baustahl nicht ebenso gut eignet; das Material ist bedeutend" filziger", wie der Fachmann sagt, und lässt sich schwer bearbeiten.( Die Bearbeitung verursacht bei manchen Werkstücken einen 30% höheren Kostenaufwand). Auch auf diesem Gebiet nimmt man es mit den früheren Vorschriften über die Verwendung von Spezialstahl nicht mehr so A- 39. au sondern sieht zu, das zu verwenden, was man erhalten 10. Grosse Schwierigkeiten haben sich in der Kugellagerindustrie ergeben, weil es an schwedischem Material fehlt. Früher wurden gewisse Halbfabrikate, die aus sehr hochwertigem Stahl sein müssen( z. B. das Material für die Aussen- und Innenringe von Kugellagern), aus Schweden bezogen.. Dafür stehen jetzt die Devisen nicht mehr in genügender Menge zur Verfügung. ... C Besonders gross ist der Mangel an Eisen. Man kann ohne Ubertreibung sagen, dass Nichteisenmetalle noch leichter zu bekommen sind als Eisen. Es gibt nicht einmal mehr gewöhnliches Gusseisen in ausreichender Menge. Es fehlt auch an dem ganz gewöhnlichen Armierungseisen, wie es z. B. in der Form langer, dünner Rundeisenstäbe für den Eisenbetonbau gebraucht wird. Bei diesem Eisen kommt es bekanntlich weder auf die Qualität noch auf die Abmessungen an. Trotzdem ist auch dieses Eisen ausserordentlich knapp. In früheren Jahren war man froh, wenn mit Beendigung der Frostperiode die Bautätigkeit wieder aufgenommen werden konnte. In diesem Jahr lag der Strassenbau länger still, als aus Witterungsgründen notwendig war, weil es an Eisen für Betonkonstruktionen fehlte. Auch bei der Reichsbahn ist fühlbarer Rohstoffmangel eingetreten. Es ist schon vorgekommen, dass in den Reparaturwerkstätten die Arbeitszeit verkürzt werden musste, weil Ersatzteile für Reparaturen nicht rechtzeitig zu beschaffen waren. Ausserdem macht sich jetzt schon bemerkbar, dass bei dem rollenden Material häufiger Reparaturen nötiger sind, weil zum Teil Ersatzstoffe verwendet werden mussten. Die Rohstoffknappheit hat bereits dahin geführt, dass Sonntags- und Ueberstundenarbeit in den meisten Fällen aufgehört haben. Vor einigen Monaten gab es überhaupt keinen Feierabend mehr. In einem Betrieb wie Borsig, der jetzt 16.000 Arbeiter beschäftigt, konnte man überhaupt nicht mehr durchfinden, was erste, zweite und dritte Schicht war. Es gab Leute, die 120 Stunden in der Woche arbeiteten. Dieses Bild hat sich infolge des Rohstoffmangels radikal gewandelt. Der Rohstoffmangel hat aber noch eine andere Wirkung, und diese entgeht dem oberflächlichen Betrachter häufig: Er ruft nicht nur Betriebsstockungen und Kurzarbeit hervor, sondern er regt zugleich die Wirtschaftstätigkeit an. Der nichteingeweihte Beobachter muss z. B. den Eindruck gewinnen, als ob es der deutschen Gummi- Industrie ausserordentlich gut ginge, denn er kann feststellen, dass sie sich vollkommen neu mit Maschinen einrichtet. Das hat aber seinen Grund in der Verwendung von Buna anstelle von Rohkautschuks. Buna ist, bestimmt nicht schlecht, wiewohl noch kein abschliessendes Urteil möglich ist, aber die Bearbeitung dieses Ersatzstoffes verlangt einen Kraftaufwand, der das zwei- bis zweieinhalbfache des für Naturkautschuk beanspruchten beträgt. Wurde z. B. früher A- 40eine Rohkautschukpresse mit 60 PS betrieben, so sind bei der Verwendung von Buna 140 PS nötig. Infolgedessen muss sich die Gummi- Industrie neue Elektromotoren anschaffen, das bedingt wiederum den Einbau stärkerer Getriebe, stärkerer Leitungen, Schalter usw. Ein zweites Beispiel aus der Farbenindustrie: Die Farben- und Lackfabriken müssen neue grosse Kugelmühlen( Rührwerke) aufstellen, weil sie bei der Lackherstellung anstelle der bisher verwendeten natürlichen Rohstoffe einen Rohstoff aus Nitrocellulose verwenden müssen. Dieser Rohstoff ist, wie schon der Name sagt, dem Dynamit nahe verwandt und daher sehr explosionsgefährlich. Infolgedessen müssen die Lackfabriken ihre Rührwerke und ihre gesamte elektrische Installationsanlage explosionssicher umgestalten( z. B. Anlage von Oelschaltern). Für die Verarbeitung des neuen Rohstoffs wird auch hier eine grössere Kraft gebraucht. Auf diese Weise werden infolge der Rohstoffnot viele neue Maschinen, Apparate usw. gebraucht und so entsteht das Bild einer fieberhaft arbeitenden Wirtschaft. Oft sind die Ersatzstoffe nur unter grossen fabrikatorischen Schwierigkeiten zu verwenden. Manchmal sind die Naturprodukte überhaupt unersetzlich. Da ist z. B. das Bohröl, ein wasserlösliches Oel, mit dem die Schneidewerkzeuge gekühlt werden. Anstelle dieses Bohröls muss seit einiger Zeit ein Ersatzstoff verwendet werden, der bei den damit beschäftigten Arbeitern Hautkrankheiten hervorruft. Es hat wegen der Verwendung dieses Ersatzstoffes, den die Arbeiter" Leichenfett nennen, schon Unruhe in den Betrieben gegeben, die aber keine Aenderung bewirkt hat. Unersetzlich ist Wolfram; das für die Glühlampenindustrie und die Herstellung von Geschiltzstahl gebraucht wird. Der Rohstoffmangel macht sich hier aber nicht nur bei dem eigentlichen Rohprodukt, sondern auchbei der Aufbereitung bemerkbar. Zur Verarbeitung des WolframErzes werden grosse Rührwerke( mit einem Durchmesser von 2 Meter) gebraucht, die aus amerikanischen Pitchpine hergestellt, sein müssen. Da das Erz mit Salzsäure angesetzt wird, muss mit peinlicher Genauigkeit darauf geachtet werden, dass jede Berührung mit Eisen vermieden wird. Dieses Pitchpineholz ist aber wegen Mangel an Devisen knapp. So hat sich z.B. Krupp, der für Geschützstahl monatlich 5 Tonnen Wolfram- Erz verbraucht, schon an Osram wenden müssen, um von diesem grossen Glühlampenwerk Wolfram zu beziehen, weil er mit seinen eigenen Anlagen nicht mehr weiter kann. Andererseits darf man nicht in den Fehler verfallen, jeden Ersatzstoff von vornherein als minderwertig anzusehen. Men darf nicht vergessen, dass die Verwendung von Ersatzstoffen anstelle von Naturprodukten nicht erst durch den Vierjahresplan eingeleitet worden ist. Diese Entwicklung hat vielmehr schon viel früher eingesetzt und wird nur durch den Vierjahresplan beschleunigt. Das ist für die Erfolgsaussicht des Vierjahresplans von grosser Bedeutung. Was noch vor 15 oder 20 Jahren als Ersatzstoff galt, hat sich heute schon längst A- 41dem Naturstoff als überlegen erwiesen. Ein Beispiel: Früher machte man die sogenannten Ritzel( kleine Zahnräder, die mit grosser Schnelligkeit auf grössere Getrieberäder wirkten, wie z. B. bei elektrischen Autoanlassern) aus Rohleder ( vor allem, um die Geräusche zu vermindern). Dieses Rohleder wurde hydraulich gepresst und seitlich mit Metallscheiben armiert, die dann durchgefräst wurden. Schon vor 9- 10 Jahren hat die AEG aus einem Abfallprodukt einen Ersatzstoff hergestellt, der den Namen Novotext trägt und der dem Rohleder in mehrfacher Beziehung überlegen ist.( Dieses Novotext ist nicht, wie Rohleder, gegen Wasser und vor allem gegen Oel empfindlich. Es ist fast ebenso fest wie Gusseisen und bedarf keiner seitlichen Armierungsscheiben mehr. Ausserdem isoliert es, so dass z. B. Steuerungsgetriebe für Radiosender nur aus diesem Ersatzstoff hergestellt werden können). Der Mangel an Rohhäuten hat jetzt bewirkt, dass dieser Ersatzstoff sich allgemein eingebürgert hat. Man kann sagen, dass die Rohstoffknappheit zum Teil erst Ersatzstoffen den Markt eröffnet hat, deren Herstellung schon lange vorher technisch gelöst war und deren Verwendung keineswegs immer mit Nachteilen für den Fabrikationsprozess verbunden ist. Erst verhältnismässig spät ist man dazu übergegangen, den Mangel wenigstens teilweise zu organisieren. Bis vor kurzem blieb einem Unternehmen, bei dem es an Rohstoffen fehlte, nichts weiter übrig, als sich an die zuständige Wirtschaftsgruppe zu wenden, die dann bei der betreffenden Ueberwachungsstelle vorstellig wurde. Blieben diese Vorstellungen ohne Erfolg, dann hiess es für den Unternehmer: Hilf Dir selbst! Es ist kein Wunder, dass unter diesen Umständen die Rohstoffbeschaffung zu merkwürdigen Geschäftspraktiken geführt hat. Nicht mehr der Kunde, sondern der Rohstofflieferant wird heute umworben. Man sieht zu, wo man irgend etwas bekommen kann und zahlt oft wesentlich überhöhte Preise. Die grosse Lastwagenfabrik Büssing- NAG, die jetzt vor allem Raupenschlepper und Raupenkraftwagen für die Reichswehr baut, hat vor einiger Zeit eine ganze Anzahl Lastwagen durch das Rheinland und andere Provinzen geschickt mit dem Auftrag, bei sämtlichen Händlern nach allen möglichen Eisensorten zu fragen und alles greifbare Material sofort aufzukaufen. Wenn eine Firma Rüstungsaufträge hat, dann versucht sie, sich von der zuständigen Reichswehrstelle die Dringlichkeit bescheinigen zu lassen und rückt dann mit solchen Empfehlungsschreiben der Ueberwachungsstelle zu Leibe. Seit Mitte Februar hat man in der Maschinen- und KesselbeuIndustrie Vorbereitungen zur Kontingentierung aller Rohstoffe und Halbfabrikate getroffen. Damals mussten die ersten umfangreichen Fragebogen über den Verbrauch im Jahre 1336 an die Wirtschaftsgruppe Maschinenbau eingereicht werden. Mitte März wurde dann die ganze Erhebung noch einmal wiederholt. Diesmal wurden Strafen für den Fall angedroht, wenn mehr als der unmittelbare Bedarf angegeben würde. Offenbar ist bei der ersten Erhebung vielfach ein fingierter Bedarf angegeben wor A- 42den. Dann wurden die Walzwerke und Giessereien verpflichtet, alle Aufträge zurückzugeben, die sie bis zum 30. 4. nicht ausführen konnten. Um den Bedarf zu regulieren, wurden sieben Bedarfsgruppen gebildet, die nach dem Rundschreiben der Wirtschaftsgruppe Maschinenbau umfassen: 1. Mittelbare und unmittelbare Ausfuhr; 2. Wehrmacht; 3. Vierjahresplan( zum Aufbau der Ersatzstoffindustrie); 4. Vierjahresplan( zur Sicherstellung der Ernährung); 5. Siedlungsbauten für Arbeiter; 6. Reichsbahn und Reichsautobahn; 7. private Wirtschaft. Diese Gruppeneinteilung ist inzwischen durch die Einführung der Kontingente vom 1. Mai ab überholt. Nunmehr hat jede Bedarfsgruppe ein Kontingent, das mit bestimmten Kennziffern versehen ist. Diese Kennziffern sind bei allen Aufträgen anzugeben. Wenn z. B. die Reichsbahn einen Auftrag erteilt, so muss sie die betreffende Kontingentnummern dem Lieferanten mitteilen, der sie dann wiederum dem Unterlieferanten für Hal bzeug angibt. Auf diese Weise kann nachgeprüft werden, ob die Kontingente eingehalten werden. Vom 1. Mai müssen sämtliche Unternehmungen der Wirtschaftsgruppe Maschinen- und Kesselbau eine neue Buchführung nach amtlichen Formularen über den Rohstoff- und Halbzeugverbrauch führen, die von der Wirtschaftsgruppe Maschinenbau und der Ueberwachungsstelle für Eisen und Stahl fortlaufenden Revisionen unterzogen wird. Bei der Kontingentierung gibt es jetzt nur noch zwei Gruppen: 1) Ausfuhr, 2) alle übrigen Geschäfte. Die Ausfuhrkontingente gelten für das ganze Jahr, die übrigen Kontingente werden jeweils monatlich festgesetzt. Für Mai/ Juni ist ein Kontingent von 75% des Durchschnittsverbrauches des Jahres 1936 festgesetzt, für Juli/ August ist ein Kontingent von 55% in Aussicht genommen, das aber wahrscheinlich noch erhöht werden wird. Nicht kontingentiert sind die gesamte ElektroIndustrie( Elektromotoren, Schalter und Installationen), der Eisen-, Hoch- und Brückenbau und die gesamte Metallwarenfabrikation. Diese Industriezweige arbeiten alle nicht mit Kennziffern, sondern müssen ihren gesamten Eisenbedarf im freien Handel decken. Das ist nicht etwa ein Vorteil, sondern ein schweres Hindernis für die laufende ausreichende Materialversorgung. J In den Rüstungsbetrieben gibt es sozusagen zwei Verwaltungen: Die eine Verwaltung ist der Betriebsführer und sein Angestelltenstab; die zweite Verwaltung stellt der Beauftragte der wehrwirtschaftlichen Abteilung des Reichswehrministeriums dar. Wenn man als Firmenvertreter einen Rüstungsbetrieb besich-. tigen will, dann meldet man sich zunächst bei der Betriebsleitung an. Wenn man dann aber in den Betrieb selbst hineingehen will, um an Ort und Stelle die Fabrikation zu beobachten, dann muss man zu dem Beauftragten des Wehrministeriums gehen und von ihm einen Besichtigungsnachweis erbitten. Man hat ein Formular zu unterschreiben, auf dem man Privatadresse, vertretene Firma usw. angeben muss, auf dem man sich zum Stillschweigen über alles verpflichtet, was man im Betriebe A- 43beobachtet und auf dem man auch darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Brueh dieser Verpflichtung Landesverrat darstellt, der mit Todesstrafe bedroht ist. Ausserdem ist auf diesem Formular noch vermerkt, dass Name und Adresse des Besuchers in allen Fällen dem Gestapa gemeldet würde. Das ganze Reich ist jetzt in Wehrwirtschaftsbezirke eingeteilt, die wiederum in Abschnitte untergeteilt sind. An der Spitze jedes Wehrwirtschaftsabschnittes steht eine Kommission, in der ein Offizier und ein Fachmann vertreten ist. Diese Kommission hat die Aufgabe, alle in ihrem Bereich lie genden Betriebe zu besichtigen und festzustellen, ob es sich um einen wehrwirtschaftlich wichtigen Betrieb handelt oder nicht. In jedem Betrieb wird darüber ein umfangreicher Fragebogen aufgenommen. Wird dann entschieden, dass das betreffende Unternehmen wehrwirtschaftlich wichtig ist, dann wird es zum R- Betrieb ernannt und erhält einen Vertrauensmann des Wehrwirtschaftsbezirks, der auf alles zu achten hat. Diese Vertrauensleute sind oft" alte Kämpfer", die laufend Statistiken und Berichte über den Betrieb anfertigen. Der zweite Bericht stammt von einem Textilindustriellen, der über besondere Erfahrungen in der Verwendung der synthetischen Spinnstoffe und der Handhabung der amtlichen Aussenhandelskontrolle verfügt. Der Bericht gibt ausserdem interessante Einblicke in die praktische Wirksamkeit der Preis- und Buchprüfungsstellen, die das gesamte Geschäftsgebaren jedes grösseren Unternehmens mit peinlicher Genauigkeit überwachen. Der Berichterstatter geht auch auf die Ursachen der deutschen " Geldschwemme" ein. Die Bankguthaben nehmen zu, weil die Warenläger abnehmen und nicht erneuert werden können. Das Regime hindert die Unternehmer sogar so weit wie möglich, Waren länger als irgend notwendig dem Markte vorzuenthalten. Diese Geldfille erlaubt es zwar, die Reichsanleihen bequem unterzubringen, wenn auch nicht ganz ohne amtlichen Druck, hinter ihr versteckt sich aber ein tatsächlicher Verzehr der Kapitalsubstanz. So empfinden es auch viele Unternehmer, wenn sie klagen, die Wirtschaft müsse zusammenbrechen. Man vergisst, dass die tiefen Eingriffe in die Dispositionsfreiheit der Unternehmer es dem Diktaturregime erlaubt, durch radikale Einschränkungen des Rohstoffverbrauchs einen noch so knappen Vorrat zu strecken. Wie weit die Eingriffe der staatlichen Stellen in die Ge A- 44schäftsführung des einzelnen Unternehmers gehen, zeigt der Bericht schliesslich auch am Beispiel der Aussenhandelskontrolle. Es ist richtig, dass die neue Spinnfaser kein Ersatzstoff, sondern ein neuer Werkstoff ist. Man muss damit rechnen, dass sie mindestens dieselbe Bedeutung bekommen wird wie die Kunstseide. Die technischen Schwierigkeiten sind bereits zum Teil in den letzten Monaten erstaunlich schnell überwunden worden und die Ueberwindung manch anderer Schwierigkeiten wird nur eine Frage der Zeit sein. Die Beimischung von Vistra zu Wolle oder Baumwolle bewährt sich nicht in allen Fällen gleichmässig. Bei Mako- Gewebe hat sich z. B. erwiesen, dass eine Beimischung von Vistra bis zu 12% das Produkt sogar verbessert. Die Waschfähigkeit bei Hemdenstoffen ist ebenfalls schon befriedigend gelöst. Die Reissfestigkeit der Faser ist in trockenem Zustand grösser als bei Baumwolle. Sie ist deshalb gut für Damenkleider, Vorhangstoffe, Möbelstoffe usw. verwendbar. Weniger geeignet ist dagegen die Beimischung bei Wolle. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass Naturwolle auch noch im Gewebe-wie der Fachmann sagt-" arbeitet". Wenn also z. B. Wollstoffe gewaschen werden, so" arbeitet" die Naturwolle, nicht dagegen die beigemischte Kunstfaser und infolgedessen löst sich das Gewebe, so dass die Reissfähigkeit nachlässt. Deshalb ist die Verwendung für Anzugsstoffe noch nicht gelungen. Anzüge aus Vistra sehen wirklich aus wie tote Hunde. Sie drücken sich leicht und der Stoff hält die Körperwärme nicht aus. Dagegen sind bei anderen Stoffmischungen die anfänglich vorhandenen Verarbeitungs- Schwierigkeiten grösstenteils überwunden, insbesondere auch die Schwierigkeiten beim Färben. Nur rauhen kann man Vistra nicht. Schlecht verwendbar ist die Vistra auch für Woll- Strick- Garne. Dieses Garn löst sich bei Beimischung von Vistra sehr leicht, denn die Naturfaser hat kleine Häkchen und hält infolgedessen' gut zusammen, während die Kunstfaser glatt ist. Ebenso wie die Kunstseide ist auch das Vistra- Gewebe ein sehr guter Wärmeleiter, hält also die Wärme nicht. Neuerdings versucht man auch, Buchenholz für die Herstellung von Vistra zu benutzen. Bisher war man der Auffassung, dass der Zellulose- Gehalt der Buche zu gering sei. Jetzt besteht aber Aussicht, dass man auch die Buche verwenden kann. Dagegen ist es nicht mehr möglich, das Kupfer- Verfahren anzuwenden, weil dazu Linters gebraucht werden, die eingeführt werden müssen und infolgedessen nicht zu haben sind. Die Warenknappheit in der Textilwirtschaft ist ausserordentlich gross. Zurzeit kontingentieren die einzelnen StoffFabrikanten von sich aus ihre Lieferungen. In den wichtigsten Textilbezirken werden gegenwärtig nur 8% der Lieferungen von 1936 zugeteilt. Die Materialien, die die Fabrikanten verarbeiten müssen, sind zum Teil ausserordentlich schlecht. Besonders A- 45schlecht ist die Qualität der türkischen und sonstigen " Exoten Baumwolle. Die Weber klagen über ausserordentliche Schwierigkeiten bei der Verarbeitung des Materials. Baumwollgarne sind sehr knapp, Nessel und Rohbiber sind überhaupt nicht zu haben. Reisswolle ist ebenfalls seit etwa 4 Wochen kontingentiert. Wollstrickgarne sind, weil Vistra dafür nicht gut verwendet werden kann, kaum am Markt. Der Verkäufer diktiert wieder. Im Grosshandel darf übrigens auch der ausländische Ursprung einer Ware genannt werden, während es im Kleinhandel verboten ist. Bezeichnend für die heute in Deutschland bestehenden Handels- Usancen ist aber, dass auch der Fabrikant dem Grossabnehmer gegenüber lügen darf. Wird er der Lüge über-. führt, so darf der Vertragspartner deshalb nicht vom Vertrag zurücktreten oder Schadenersatz verlangen. Ob man unter diesen Umständen noch ein reelles Geschäft machen kann, hängt sehr stark von den persönlichen Verhältnissen ab, die zwischen Käufer und Verkäufern bestehen. Die versteckte Preissteigerung durch Qualitätsverschlechterung geht weiter. Mäntel- und Anzugsstoffe sind sehr schlecht geworden, sie drücken sich sehr stark. Trotz der Preisstoppverordnung sind für gute Waren auch jetzt noch immer höhere Preise erziel bar. Arische Firmen setzen sich sehr häufig glatt über die Preisstoppverordnung hinweg. Im ganzen kann man bei Textilien gegenüber 1934 eine Preissteigerung von 10 bis 20% feststellen. Inwieweit im letzten halben Jahr trotz der Preisstoppverordnung weitere Preissteigerungen erfolgt sind, hängt sehr oft auch von der Art des Betriebes ab. Ein grosser Betrieb, der viel fremdes Personal hat, muss sich strenger an die Preisstoppverordnung und an das Spinnstoffgesetz halten als etwa kleinere Grossisten, die, wenn sie frech genug sind, Aufschläge von 30 bis 40% verlangen können. Man wird aber annehmen müssen, dass diesen Umgehungen sehr bald ein Riegel vorgeschoben werden wird. Der Sinn der Preisstoppverordnungen, ist geradezu die Expropiierung der Unternehmer. Erst hat man die liquiden Mittel mit Beschlag belegt( dadurch, dass man den Sparkassen, Versicherungsanstalten und Banken die Reichsanleihen aufgezwungen hat), jetzt greift man in die Substanz der Unternehmungen ein. Die Produktion ist zwar gestiegen, aber der Verdienst der Unternehmer wird durch die Preiss toppverordnung ausserordentlich beschnitten. Die Preisstoppverordnung wird sehr streng gehandhabt. Eine sehr grosse Zahl von Preisprüfern-man spricht von 3.000- dringt in die Betriebe ein und ist ausserordentlich gut informiert. Die neue Preisregelung für die Textilindustrie hat im Grunde den Zustand vor der Preisstoppverordnung, d.h. die Rechtslage nach der Spinnstoffverordnung von 1934, wieder hergestellt. Danach dürfen Preissteigerungen bei den Rohstoffen einkalkuliert werden. Aber die Gewinnspanne muss absolut dieselbe bleiben, sie soll also prozentual verringert werden. A- 46Die Fabrikanten werden auch regelrecht gezwungen, zu verkaufen, und dürfen ihre Ware nicht zurückhalten. Die Folge ist, dass sie über grosse flüssige Mittel verfügen und nicht recht wissen, was sie damit anfangen sollen. Rohstoffe können sie nicht kaufen, weil sie nicht genug hereinbekommen können. Dann haben sie angefangen, sich Grundbesitz zuzulegen. Als das aber einen grossen Umfang angenommen hatte, kam die bekannte Verordnung, die den Erwerb von Grundstücken genehmigungspflichtig machte. Andere haben wieder ihr Geld in Maschinen angelegt, aber der Bedarf ist schon längst überdeckt, und ausserdem können die Maschinenfabriken jetzt nur noch mit sehr langen Fristen liefern. So kommt es, dass der Geldmarkt ausserordentlich flüssig ist und dass auch die Reichsanleihen gut gezeichnet werden.( Uebrigens wird den reichen Leuten in nicht misszuverstehender Weise" anheimgestellt, sich mit beachtlichen Summen an der Zeichnung der Reichsanleihen zu beteiligen). Bemerkenswert ist nun, dass jetzt zahlreiche Fabrikanten und Grosshändler anfangen, sich, soweit sie können, versteckte Warenlager anzulegen, und zwar in Privathäusern und an sonstigen Stellen, die ihnen sicher erscheinen. Sie tun das in der Vorstellung, dass die Wirtschaft doch bald zusammenbrechen wird und dass sie dann einen Warenvorrat brauchen, um wieder neu anfangen zu können. Dieses Verfahren verspricht allerdings wenig Aussicht auf dauernden Erfolg. Die leitenden Stellen werden bald dahinter kommen, und dann wird man zweifellos brutal durchgreifen. Die neuen Reichsanleihen sind bekanntlich bei der Reichsbank voll lombardierbar, so dass die Liquidität der einzelnen Unternehmungen nicht unmittelbar durch Anleihezeichnung zu leiden braucht. Aber die Lombardierungsanträge werden genau geprüft. Die Kredite, die die Reichsbank gibt, müssen wirtschaftlich und staatspolitisch gerechtfertigt sein und auf diese Weise hat die Reichsbank alle Möglichkeiten in der Hand, um ein ganz individuelles System der Kreditbewilligung aufzubauen. Für die Import- und Exportgeschäfte kommt zu der Preis- und Steuerüberwachung und der Kreditreglementierung noch das hochnotpeinliche Ueberwachungsverfahren für Ein- und Ausfuhr. Der Antrag zur Einfuhr bewilligung ist auf zwei getrennten Formularen zu stellen. Das eigentliche Antragsformular enthält Angaben über den Namen der importierenden Firma, über den ausländischen Exporteur und vor allem die Frage, ob das Exportzuschussverfahren( im Kompensationswege) in Anspruch genommen wird. Ferner wird gefragt, ob die Einfuhr zu Zwecken der Weiterverarbeitung oder der Wiederausfuhr erfolgen soll, ob die Lieferung an den Klein- oder Grosshandel, an das Handwerk usw. vorgesehen ist und dergleichen mehr. Das zweite Formular ist ein eingehender statistischer Fragebogen. Hier werden die Waren nach den Zollpositionen genau festgehalten. Ausserdem ist anzugeben, wieviel aus dem betreffenden Einfuhrland im ersten Halbjahr 1933 und im ersten Halbjahr 1934 be A- 47zogen worden ist und welche Zahlungen dafür geleistet wurden. Bei Kompensationsgeschäften sind diese Formulare in siebenfacher Ausfertigung einzureichen; bei Geschäften mit England ist der Fragebogen zweimal, der statistische Bogen dreimal auszufertigen. Alle Ausfertigungen gehen an die Ueberwachungsstelle. Im Einfuhrantrag ist ausserdem eine Original- ProformaRechnung des ausländischen Fabrikanten beizulegen. Erst wenn der Einfuhrantrag genehmigt ist, darf die Bestellung an die ausländische Fabrik aufgegeben werden. Die Lieferung muss dann auch in einem bestimmten Monat erfolgen. Ist die Ware geliefert, so erfolgt die Zahlung unter Beifügung der Devisengenehmigung, der Rechnung und des Herkunftserzeugnisses unmittelbar an die Reichsbank. Nach welchem System die Kontingentierung der Einfuhr erfolgt, ist nicht bekanntgegeben worden und lässt sich auch nicht anhand der Praxis ermitteln. Im grossen ganzen kann man feststellen, dass sich das Verfahren eingespielt hat und jetzt einigermassen klappt. Die Angaben der Importeure werden sorgfältig nachgeprüft. Die Ueberwachungsstellen schicken Prüfungsbeamte in die Betriebe, die sehr sachverständig sind, zum Teil 8 Tage lang im Betrieb bleiben und alles untersuchen, insbesondere genau das Rohstofflager prüfen. Beim Export werden Ausfuhrvergütungen bis zu 50% gewährt. Aber der Zuschuss schwankt sehr häufig von Geschäft zu Geschäft. Mir ist ein Fall bekannt, in dem eine bestimmte Ware, die für 14, RM je kg im Inland verkauft wird, vor kurzem nach der Türkei für 7,60 RM pro kg geliefert wurde. Die Differenz ist der Exportzuschuss. Man drängt jetzt zwar die Exporteure sehr, die besten Preise herauszuholen, macht aber praktisch nach wie vor jedes Geschäft, das überhaupt zu machen ist und zu jedem Preise, der geboten wird. Häufig zahlt der ausländische Abnehmer nur den Preis für die Rohstoffe. Die Schwierigkeiten bei der Ein- und Ausfuhr sind so gross, dass die grösseren Firmen dauernd Vertreter unterwegs haben, die in Berlin oder Hamburg bei den massgebenden Stellen wegen Einfuhrgenehmigungen, Exportzuschüssen, Kalkulationsfragen usw. vorsprechen und versuchen, herauszuholen, was von Fall zu Fall herauszuholen ist. Zur Zeit bestehen besondere Schwierigkeiten im Clearingverfahren mit der Türkei. Eine grosse Schiffsladung Tuche durfte im Hafen von Konstantinopel nicht ausgeladen werden. Darauf fuhren eine Reihe von Fabrikanten nach Ankara, um die Durchführung des Geschäftes doch noch zu erreichen. Das ist ein bezeichnendes Beispiel für die Art und Weise, wie man heute Ausfuhrgeschäfte machen muss. Sehr gut klappt dagegen der deutsch- englische Handelsvertrag. Man hat den Eindruck, dass Deutschland hier alles versucht, um die deutsch- englischen Wirtschaftsbeziehungen nicht zu trüben. Während bis vor einem Vierteljahr die Ueberwachungsstelle für Kleidung und verwandte Gebiete kaum Einfuhrbewilligungen erteilte, ist in den letzten Monaten fast alles, genehmigt worden. A- 482) Der Rohstoffmangel a) Eisen und Nichteisenmetalle Von der Kontingentierung des Eisenverbrauchs wird besonders schwer das Bauwesen betroffen. Einem Vortrag des Referenten für die Durchführung des Vierjahresplans im Reichsarbeitsministerium Oberregierungsrat Dr. Fischer- Dieskau über die Baueisenkontingente ist zu entnehmen, dass in der Bauwirtschaft die Behörde mit der Zuteilung von Eisen keine Garantie für die Lieferung der benötigten Eisenmengen übernimmt. Jeder müsse sich das Eisen und die übrigen Baustoffe selbst beschaffen. Ausserdem sei im Hochbau eine wesentliche Erhöhung der baupolizeilichen Spannungen eingetreten, mit anderen Worten: die Sicherheitsvorschriften werden der Ersparnis von Eisen geopfert. Ausserdem wird für die Rückkehr zu der früheren Bauweise, Bau der Keller mit Gewölben, Bögen, Umstellung auf Bruchsteinmauerwerk usw. an Stelle des Eisenbetonbaus Propaganda gemacht. Der Reichsinnungsverband des Baugewerkes hat umfangreiche Richtlinien für die Einsparung von Baueisen erlassen, von denen wir den ersten Abschnitt auf Seite 49 und 50 im Original bringen( der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der vollen Ausnutzung den baupolizeilich zugelassenen Eisenspannungen). Die Ueberwachungsstelle für Eisen und Stahl hat mehrfache Bestellungen oder Einkäufe in Roheisen, Walzwerkserzeugnissen usw. für ein und denselben Bedarf verboten, ferner Lieferung von Waren in der Form von Gegengeschäften oder Koppelungsgeschäften. Unrichtige Angaben hinsichtlich der Art eines Auftrages, der Verwendung usw. werden bestraft. Bei Siedlungen und Bauten, die mit öffentlichen Mitteln hergestellt werden, sollen anstelle der eisernen Oefen. wieder Kachelöfen verwendet werden. Die Verwendung von Weissbléch und Weissband ist durch Anordnung der Ueberwachungsstelle für Eisen und Stahl zur Herstel: : A- 49Reichsinnungsverband des Baugewerkes Berlin W 35 Margaretenstraße 7 Fernsprecher B 2 Lühow 6471-72 6egr. 1899 Berlin, im März 1937. Borläufige Richtlinien für die Einsparung von Baueisen Die in den letzten Monaten eingetretene Verknappung am Eisenmarkt macht es für jeden Baugewerbetreibenden zur Pflicht, den Bedarf an Baueisen weitestgehend einzuschränken, insbesondere dort, wo dies technisch und wirtschaftlich jederzeit vertreten werden kann. I. Bauplanung Bei der Planung von Bauvorhaben ist zu beachten, daß der Umfang der Bautätigkeit( insbesondere der privaten Bautätigkeit) künftig von dem Eisenverbrauch beeinflußt werden wird. Die Arbeitsämter können die gemäß der Vierten Anordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes meldepflichtigen privaten Bauvorhaben nur im Rahmen der zur Verfügung stehenden Eisenmengen genehmigen. Bauten, die kein oder nur sehr wenig Baueisen benötigen, werden bevorzugt berücksichtigt. a) Fensters und Türöffnungen Fenster- und Türöffnungen sind nicht, wie vielfach üblich, mit I- Trägern, die ausgemauert werden, oder Eisenbetonbatten zu überbeden, sondern zu belivivin( 8. V. Bewölbe aus Natuwerkſtein oder Ziegeln). Große Öffnungen machen unter Umständen Entlastungsbögen erforderlich. Mit Rücksicht auf die durch die Gewölbewirkung auftretenden Schubbeanspruchungen und zur Vermeidung eines erhöhten Eisenbedarfs durch Maueranter ist eine entsprechende Anordnung der Tür- und Fensteröffnungen erforderlich( Vermeidung sogenannter Edfenster usw.). Große Öffnungen, die sich nicht mehr durch Gewölbebögen abschließen lassen, werden an Stelle von I- Trägern zweckmäßigerweise durch weniger Eisen verbrauchende Eisenbetonbalten, überdeckt. Die Ausführung von Gewölbebögen ist in der Regel nicht wesentlich teurer als die überdeckung der Öffnungen durch Träger. Die Kosten des Ausmauerns, des Umspannens und Ausdrückens der Trägerflansche und die Kosten der Lieferung des Baueisens entsprechen im allgemeinen den durch das Herstellen des Gewölbes erhöhten Lohnkosten. b) Massivdeden Maffivdecken sind nur dort vorzusehen, wo feuer- oder baupolizeiliche Vorschriften dies zwingend fordern. Massivdecken als Abschluß gegen Dachbodenräume oder Massivdächer find zu vermeiden, soweit solche nicht aus Forderungen des Luftschußes angeordnet werden. Rellerdecken Bei Trägerdecken find an Stelle von Eisenbetonplatten oder Steineisendecken eifenlose Steindecken anzuwenden. Bei Wohngebäuden und Siedlungsbauten find nach Teil B der Eisenbetonbestimmungen bei einer Gesamtbelastung einschließlich Eigengewichts bis 450 kg/ m² ebene Steindecken ohne Eiseneinlagen bei folgenden Spannweiten zulässig: bei 10 cm hohen Steinen bis 1,20 m, bei 12 cm hohen Steinen bis 1,40 m. Der Schalung ist ein kleiner Stich zu geben. Die Deckenplatten können auch durch ½ Stein starte Ziegelgewölbe( fog. Preußische Kappen) erfest werden. A- 50Die Verwendung von Bimsdielen, 3ementhohldielen usw. kann nur soweit in Frage kommen, als die Herstellerfirmen entsprechend mit Rundeisen armierte Dielen zur Verfügung stellen können. Um den Eisenbedarf auf ein Mindestmaß herabzusehen, sind auch die Trägerentfernungen ( Rappenbreiten) nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu wählen. Es besteht die Möglichkeit, z. B. durch Verringerung der Trägerzahl, Vergrößerung der Trägerabstände usw. den Eisenbedarf( Träger und Moniereisen) auf ein Mindestmaß herabzudrücken. Stehen Bauträger nicht zur Verfügung, so können diese durch sog. Gurtbögen mit entsprechenden Pfeilervorlagen ersetzt werden, zwischen die ½ Stein starke Rappengewölbe( z. B. Preußische Kappen, Böhmische Kappen) angeordnet werden. Gewölbekonstruktionen erfordern einen Mehraufwand an Arbeitslohn und Ziegelsteinen und Mörtel, der unter Umständen durch den verringerten Bedarf an Bauträgern kostenmäßig aufgewogen werden kann. Geschoßbecken Sier gelten die gleichen Ausführungen wie bei ,, Kellerdecken". Gewölbedecken dürften jedoch nur in beschränktem Umfange zur Anwendung kommen. An Stelle von Trägerbecken geben vielfach Steineisendeckenkonstruktionen oder Eisenbetonrippendecken( mit Hohlförpereinlagen) Möglichkeiten zu Eisenersparnis, wenn Massivdecken zur Ausführung gelangen müffen. c) Maffivtreppen Mafftvtreppen find nur dort vorzusehen, wo feuer- oder baupolizeiliche Vorschriften dies zwingend fordern. Treppenstufen und Treppenläufe aus an der Baustelle hergestelltem Eisenbeton, fabrikmäßig hergestellte Kunststeinstufen mit Eisenbewehrung sind durch Stufen aus Naturstein, aus Stampfbetonstufen oder aus Mauerwerksstufen, aufgefattelt auf Wölbkappen, zu ersetzen. Podeftträger können durch Gurtbögen ersetzt werden. Treppenläufe können auch durch sog. steigende Kappen von Podestträger zu Podestträger oder von Gurtbogen zu Gurtbogen gebildet werden. d) Fundamente Fundierungen von Gebäuden, die schwere Lasten zu übernehmen haben, sind statt in Eisenbeton in Stampfbeton bei entsprechender Verstärkung auszuführen. Das Maß des Ersatzes von Fund- amentplatten in Eisenbeton( sog. Flachgründungen) durch Stampfbetonfundamente hängt von> örtlichen Verhältnissen, dem Grundwasser, Bodenschwierigkeiten usw. ab. e) Stühmauern Winkelftügmauern aus Eisenbeton können durch Schwergewichtsmauern aus Stampfbeton, Bruchsteinmauerwerk oder durch Erddruckgewölbe ersetzt werden. f) Innenausbau Beim Ausbau von Gebäuden sind zahlreiche Eifeneinsparungen möglich. Eiserne Balkongitter können durch Mauerwerkbrüstungen oder Solzgeländer ersetzt werden. Eiserne Treppengeländer fönnen durch Holzgeländer ersetzt werden. Schornsteinschieber und Reinigungstüren tönnen durch Schieber ays Betonwerkstein ersetzt werden. Weitere Einsparungen find durch Ersak von Zentralheizungen usw. durch Luftheizungen oder durch neuzeitliche Ofenheizungen( Rachelöfen) möglich. Bei entsprechender Planung läßt sich auch der Verbrauch der notwendigen Rohrleitungen, Beund Entwässerungsrohre, elektrischen Lichttabel und Leitungen auf ein Mindestmaß einschränken. fg) Gonftiges Eiserne Spundwände, Rammpfähle usw. laffen sich, je nach Einzelfall, durch hölzerne Spundwände, Betonbohr- oder Rammpfähle ersehen. Eiserne Gartenzäune, Einfriedungen können durch hölzerne Gartenzäune, Gartenmauern usw. ersetzt werden. Bei Eisenbetonbauten wie auch bei Bauten Eisenkonstruktion lassen sich durch Anordnung durchlaufender Balken oder Gerbergelenkbalken bedeutende Einsparungen an Eisen erzielen. Bei Eisenbetonhalten find stets Vouten bei Anschlüssen an Stüßen oder Unterzügen vorzusehen. Bei Säulenkonstruktionen sollen schlanke- Säulen vermieden werben und stärkere Säulen, die einen geringeren Bewehrungsprozentsaz benötigen, verwendet werden. Weiterhin ist bei Eisenbetonbauten nicht mit doppelt bemehrten Querschnitten zu recheien( Druceifenarmierung), sondern dem entwer= fenden Ingenieur find entsprechende Konstruktionshöhen zur Verfügung zu stellen. A- 51lung von Verpackungen für eine grosse Zahl von Nahrungsmitteln, chemisch- technischen und kosmetischen Erzeugnissen verboten worden. Auch bei den Nichteisenmetallen hat der wachsende Mangel weitere Rationierungsmassnahmen erzwungen. Die Wirtschaftsgruppe Nichteisenmetall- Industrie, die vom Reichswirtschaftsministerium mit der Verteilung des Aluminiums beauftragt worden ist, führt eine Bestandserhebung der Vorräte an Aluminium nach dem Stande vom 1. Mai durch. Die Verarbeiter von Platin und Platinmetall haben laufend ihren Bedarf anzumelden. Ueber die Verwendung von Platin sind neue Vorschriften erlassen worden. Die Herstellung echter Silberwaren von einem bestimmten Feinsilbergehalt an ist verboten, darüber hinaus die Herstellung bestimmter Gegenstände aus Silber, Tafelaufsätze, Damenhandtaschen, Becher, Kaffee- und Teemaschinen, Lampen usw. Für Auslands- Aufträge gelten die Verbote nicht. Auch die Ausfuhr ausser Kurs gesetzter Silbermünzen ist verboten worden. Verboten ist auch die Verwendung von Gold und Goldpräparaten für bestimmte Porzellanerzeugnisse. Unseren Berichten entnehmen wir:" Berlin, 1.Bericht: Bei Borsig wird geklagt, dass die Rohre der Langrohrgeschütze sehr häufig springen. Es wird auf das Fehlen der richtigen Erze zurückgeführt. Bei Daimler- Benz, fällt in der Abteilung Kurbelwellenbau seit Mitte März die dritte Schicht aus. Siemens ist zur Zeit in allen Werken überbeschäftigt. Bis jetzt macht sich kaum Rohstoffmangel bemerkbar. Gelegentlich treten hier oder da kleine Stookungen ein, die aber immer sehr schnell behoben werden. In der Direktion macht man sich aber schon für die nächste Zukunft grosse Sorgen. Man rechnet, dase spätestens im Herbst der Rohstoffmangel. so empfindlich sein wird, dass dann Arbeiterentlassungen vorgenommen werden müssen. In einer grossen Maschinenfabrik wird der Rohstahlmangel in der letzten Zeit immer empfindlicher merkbar. Für die zweite Maihälfte ist für 500 Beschäftigte der Urlaub festgesetzt worden. Dadurch kommt man um die Einführung von, Kurzarbeit herum. An sich wäre die Konjunktur für diesen Betrieb jetzt sehr gut wenn er sie eben voll ausnützen könnte, was aber wegen der unregelmässigen Versorgung mit Rohmaterialien unmöglich ist. Bei Lorenz- Radio herrscht starker, Rohmaterialmangel. Man ist jedoch in der Lage, durch Ersatzstoffe die grössten A- 52Mängel zu beheben. Im allgemeinen kann gesagt werden, dass die Erfahrungen mit den mannigfach benutzten Ersatzstoffen zufriedengestellt haben. Als unersetzlich hat sich Kupfer erwiesen. Hier liegt ein ganz besonderer Mangel vor. In einer Abteilung wurden 2000 m Kupferdraht erst 1 Jahr nach Bestellung zur Bearbeitung zur Verfügung gestellt. Man verarbeitet heute weitgehend im Betrieb Elektron und Selonin. Die Verarbeitung hat gute Erfolge gezeitigt, jedoch ist beim Arbeitsprozess grösste Vorsicht gegenüber Verletzungen notwendig. Die mit diesen Arbeiten betrauten Arbeitskräfte klagen über stark eiternde und langwierige Wunden, die nur durch geringfügige Splitter oder Risse entstanden sind. Ein besonders erschwerender Umstand ist die leichte Brennbarkeit dieser Materialien bei der Verarbeitung. 2. Bericht: Wie alle anderen Bedarfsgegenstände, so leiden auch die Staubsauger unter der Rohstoffknappheit. Sie werden jetzt nicht mehr vernickelt, sondern nur noch brüniert geliefert. Es werden auch keine Messingrohre, sondern nur noch Eisenrohre verwendet, die natürlich eine viel kürzere Lebensdauer haben. Aber das merkt man ja erst später. Ein Klempner berichtet, dass er gezwungen ist, für Dachrinnen verzinktes Eisenblech zu verwenden. Es ist kein Lötzinn zu bekommen. Ein anderer Klempner hat sich 1 kg Stanniol zum Preise von 9,- RM gekauft; das muss er nun erst sortieren und ein Drittel davon wegwerfen, dann kann er den Rest einschmelzen, um Ersatz für das übliche Löt- Zinn zu haben. Nordwestdeutschland: Bei einer grossen Werft sind vier Schiffe mit je 7.000 Tonnen in Auftrag gegeben. Mit Rücksicht auf die langen Lieferfristen der Eisenproduktion werden sogar die Baumethoden geändert. Sobald der Kiel gelegt ist, werden die Schiffsrümpfe vorne und hinten hochgerissen, damit man die genauen Masse der Eisenplatten bekommt. Früher betrug für diese Platten die normale Lieferzeit zwei Monate. Heute hat man mindestens mit achtmonatiger Lieferfrist zu rechnen. Dieselbe Werft lässt beim Abwracken ganze Rohrleitungen aus den alten Schiffen vorsichtig abmontieren. Diese kommen in ein Säurebad- und werden in die neuen Schiffe wieder eingebaut. Das gab es früher nie und hätte unbedingt gegen die Berufsehre und gegen die Sicherheit verstossen. Nicht minder stark wirkt sich der Mangel an Holz, vor allem an den -grösstenteils schwedischen- Sperrholzplatten zur Verkleidung der Innenteile der Schiffe aus. So ist jetzt vor einigen Wochen eines der 7.000 Tonnen- Schiffe vom Stapel gelaufen, wird jedoch noch Wochen nicht abgedeckt im Wasser liegen müssen, ehe an der weiteren Fertigstellung gearbeitet werden kann, weil eben diese Sperrholzplatten fehlen. Der Holzeinkäufer der Werft ist in die verschiedensten Städte gereist und hat geradezu nach Holz gesucht, bisher ohne Erfolg. " Arbeitsfreie Tage" sind seit vielen Wochen in den grossen hannoverschen Rüstungsbetrieben eingelegt. Sie werden unre A- 53regelmässig festgesetzt. So kommt es vor, dass die Belegschaft erst am Morgen beim Arbeitsbeginn die Mitteilung erhält, dass tagsüber nicht gearbeitet wird und die Arbeiter wieder nach Hause gehen können. Bezahlt werden diese Tage natürlich nicht. Die Ursache ist Rohstoffmangel und die Versorgungslage ist so unübersichtlich, dass man tagszuvor noch nicht sagen kann, ob am nächsten Tag gearbeitet wird. Wasserkante: In allen Rüstungsbetrieben macht sich zunehmender Mangel an Baumaterialien, besonders für Schiffsbauten, bemerkbar. Vor allem auf den Werften muss oft halbe oder ganze Tage bei bestimmten Arbeiten ausgesetzt werden, da die notwendigen Materialien fehlen. Dabei handelt es sich nicht etwa nur um Kupfer, Messing, Zink, Zinn, sondern um Platten und T- Eisen für den Kriegsschiffsbau. Besondere Kolonnen sind auf den grossen Werften mit dem Sammeln und Zusammentragen selbst der kleinsten Abfälle beschäftigt. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Der Rohstoffmangel macht sich in der rheinischen Industrie immer schärfer bemerkbar. Zinkblech ist ausserordentlich knapp und trotz der Preisstopverordnung von 48,- RM auf 73,- RM pro loo kg. gestiegen. In der Maschinenindustrie fehlt in zunehmendem Masse Eisen. Es mehren sich die Fälle, dass die Wünsche der Kundschaft nicht befriedigt werden können. Eine Firma, die Reissmaschinen für Kunstwollefabrikation herstellt, hatte 96.000 Tonnen Guss angefordert, sie bekam jedoch nur 30.000 Tonnen zugeteilt und muss tatsächlich auf diese nun auch noch warten. Das hatte zur Folge, dass die Nachtschicht wegfiel und die Tagschicht nur noch verkürzt arbeitet. Ein Maschinenfabrikant, dem bis Oktober 1937 75% und ab da 50% seines Bezuges aus dem Vorjahre bewilligt wurden, kann für Geld und gute Worte nichts bekommen. Man vertröstet ihn mit einer Lieferfrist von 5 bis 6 Monaten. Er wandte sich an die für ihn zuständige Wirtschaftsgruppe. Er erhielt die Auskunft, das Eisen müsse er sich selbst besorgen. Die Wirtschaftsgruppe habe nur die Aufgabe, darüber zu wachen, dass er nicht zuviel bekomme. Von Rheinmetall in Düsseldorf wird gemeldet, dass Aufträge genügend vorhanden sind, dass man jedoch keine neuen Leute einstellen kann, weil Materialmangel vorhanden ist.. Die Firma Mannesmann- Duisburg arbeitet infolge Rohstoffmangel nur 36 Stunden in der Woche. Werkzeugmaschinen können nur hergestellt werden, soweit das notwendige Rohmaterial geliefert werden kann. Hier bestehen nach wie vor die grössten Schwierigkeiten. 2. Bericht: Bei den Autobahnen soll in Zukunft die Verwendung von Eisen- und Eisenbeton- Konstruktionen nach Möglichkeit eingeschränkt werden. Man will wieder zu den alten Steingewölbebauten zurückkehren. Der Eisenmangel hat dazu geführt, dass auf dem Lande jetzt viel Fachwerkbauten errichtet werden.Die Genehmigung für private Bauvorhaben ist zurzeit überhaupt nicht zu erlangen. A- 54Südwestdeutschland, 1.Bericht( Württemberg): Eine ganz merkwürdige Sache ist es mit dem Material, das wir verarbeiten. Getriebe, zumal für Tanks und Militärlastwagen haben bestimmt eine hohe Beanspruchung aus zuhalten. Seit längerer Zeit wird aber der Gussstahl immer miserabler. Er ist brüchig und porös, und infolgedessen nimmt nicht nur der Ausschuss zu, sondern auch die Bruchchance beim Gebrauch. Wir fragen uns jetzt schon, wie das einmal werden wird, wenn die Vehikel in die diese Getriebe eingebaut sind, im Ernstfalle eingesetzt werden. Das Gleiche gilt aber auch vom Werkzeugstahl. Die Haltbarkeit unserer Werkzeugstähle beträgt durchschnittlich nur noch 50% der früheren. Dadurch sinkt naturgemäss die Leistung, die Lust zur Arbeit und der Arbeitsertrag. 2.Bericht( Baden): Die verschiedenen Armaturen, die früher aus Messing hergestellt wurden, werden jetzt aus Eisen gemacht und vernickelt. Bayern: Für elektrische Leitungen gibt es kein Kupfer mehr, sondern eine Aluminiumlegierung. Kupfer wird allgemein nur dann abgegeben, wenn ein entsprechendes Quantum Altkupfer abgeliefert wird. In vielen Radiogeschäften Münchens war Ende März kein Antennendraht zu haben. Die Preissteigerung bei allen Metallwaren hält an und beträgt bei einigen Artikeln wie Kupfer, Messing, Antennendraht usw. über 20%. Der Preis für Blei ist per Kilogramm um 18 Pfg. gestiegen. Sachsen: Die VOMAG( Vogtländische Maschinenfabrik, Plauen) muss Bleche, die früher 3mal gewalzt wurden, jetzt bis zu 15 Mal durch die Walzen schicken, ehe sie den erforderlichen Zustand erreicht haben. In der Reparaturwerkstätten stehen Vomag- Wagen wochenlang herum, ehe die VOMAG in Plauen Bleche liefert. In einer Firma, die Schulbänke und Kisten zur Verpackung von Munition anfertigt, sind infolge Eisenmangels für die Kistenverschlüsse Entlassungen erfolgt. Eine Maschinenfabrik, die Rüstungsaufträge hat, arbeitet mit verkürzter Arbeitszeit, meist 4 Tage in der Woche. Der Grund ist Mangel an Eisen und Stahl. Obwohl die Belegschaft seit 1935 auf das Doppelte gestiegen ist, erhält das Werk nur 60% seines Bedarfs von 1935. Eine Armaturenfabrik arbeitet nur tageweise. Es fehlt an Messing und Bronze. 2. Bericht: Ein Instrumentenhändler in X. hat grosse Schwierigkeiten, die benötigten Instrumente und Ersetzteile hereinzubekommen. Die Messing bestandteile für Blasinstrumente werden aus ungeeigneten Ersatzlegierungen, teilweise sogar aus Eisen oder Stahl hergestellt. Darunter leidet die Qualität des Instrumentes, mitunter verliert es überhaupt seine Brauchbarkeit. A- 55In einem Musik.-. Instrumenten- Betrieb in Y., der noch ein grosses Lager von Fertigwaren hatte, die zum grössten Teil aus Messing bestanden, wurde jetzt, wahrscheinlich auf. Anweisung des Arbeits- und Wirtschaftsministeriums, das gesamte Material eingeschmolzen. Aus einer mittleren Metallwarenfabrik wird berichtet, dass besonders Rohguss nur schwer erhältlich ist und nur dann geliefert wird, wenn bei der Bestellung gleichzeitig alter Gebrauchsguss abgeliefert wird. Die Leitungsrohre für Bier in den Gaststätten, die bisher aus Blei hergestellt wurden, werden jetzt abmontiert und durch Porzellanrohre ersetzt. 3. Bericht: Die DKW- Werke waren immer vollbeschäftigt. Seit Weihnachten nehmen die Stockungen infolge Rohstoffmangels zu. Um ihn zu verschleiern, kam die Betriebsleitung oder die Arbeitsfront auf den Attsweg, einen Teil der männlichen Belegschaft-600 Mann- zu den 8- Wochenübungen der Reichswehr einziehen zu lassen. Nach acht Wochen wurde die zweite Gruppe-450 Mann- eingezogen. Aber diese Verminderung der Arbeitskräfte reichte nicht aus. Anfang Mai sind einzelne Abteilungen zur Viertagewoche übergegangen. Die Bleiwarenfabrik X. in Y., die infolge ihrer Monopolstellung seit 1933 keine Arbeitslosigkeit kannte, hat seit Ostern Rohstoffschwierigkeiten. Die unmittelbare Stockung an Rohblei war so stark, dass von der Belegschaft von 800 Mann 480 einen Monat aussetzen mussten. Mitte Mai hat man es glücklich wieder auf 4lo Leute gebracht. An eine volle Beschäftigung ist aber nach Ansicht des Betriebsführers für längere Zeit nicht mehr zu denken. 4.Bericht: Für die Autofriedhöfe hat sich jetzt eine grosse Konjunktur entwickelt. Jetzt werden häufig alte Autos hauptschlich wegen des guten Materials gekauft, das in ihnen steckt. 5. Bericht: Von behördlicher Seite wird beruhigend gewirkt, die Versorgung mit Metallen werde nach dem Einspielen der Organisation mit den Kennziffern sich bessern, da Bestände vorhanden seien. Für Kupfer stimmt das in gewissem Grade, da man viel gekauft hat, allerdings zu spät und zu höchsten Preisen während der Hausse, dank Ausschaltung des sachkundigen jüdischen Handels. Wenn bei Unterredungen mit Geschäftsfreunden unter vier Augen wie üblich- die allgemeine Lage erörtert wird, stelle ich jetzt die unverfängliche Frage: " Glauben Sie, dass man aus eigener Kraft mit den gegenwärtigen Schwierigkeiten fertig wird?" dann explodiert mein Partner regelmässig:" Wie stellen Sie sich das vor, wenn Bürokraten anstelle von Fach- und Kaufleuten disponieren." Die Stimmung in der Wirtschaft wird langsam hoffnungslos. Die Wohnungen in den Siedlungen werden neuerdings alle ohne Bäder gebaut. Es wird lediglich ein Gemeinschaftsbad im A- 56Haus errichtet. Das ist auf den Rohstoffmangel zurückzuführen, die Installateure können nicht genügend Rohre usw. bekommen. Schlesien, 1. Bericht( Breslau): Die Rohstoffknappheit macht sich heute bereits auf allen Gebieten bemerkbar. Es fehlt nicht nur an Messing und Kupfer, sondern auch an Gold und Silber, die Juweliergeschäfte haben darunter sehr zu leiden. Goldene Ringe( Trauringe etc.) gibt es fast gar nicht mehr, es gibt nur noch zu sehr erhöhten Preisen Goldlegierungen zu 3330. In der letzten Zeit gibt es Ringe mit einem Messingkern, der galvanisch mit einem Silbermantel umgeben wird, auch " Goldringe" mit einem Silberkern. Neben dem Goldstempel befindet sich eine kleine Punze, die das Zeichen für den Silberkern darstellt. Silberbestecke und andere Silbergegenstände gibt es überhaupt nicht mehr; wo noch einige auf Lager sind, werden sie nur gegen Altsilber verkauft. Auch zum Erwerb von versilberten Gegenständen muss man Altsilber mitbringen. Elektriker, die nicht schon vor längerer Zeit Draht bestellt haben, sind Mitte März ohne Draht geblieben. Einige Geschäfte konnten sich nur dadurch helfen, dass sie sich den Draht zu weit teueren Preisen von den Einheitspreisgeschäften holten. Anfang April war aber auch dort vorübergehend kein Draht zu haben. Die kleinen Geschäfte holten sich dann das Material von den grösseren Installationsfirmen, mussten dabei jedoch einen 4- mal höheren Preis bezahlen als bei der Fabrik. Die Hausinstallationen verteuern sich dadurch ganz wesentlich, auch ist der Verdienst der Elektriker vermindert. 2. Bericht( Oberschlesien): Von der Schraubenfabrik X. wird jetzt berichtet, dass dort die Arbeitszeit auf 5 Tage in der Woche wegen Rohstoffmangel verkürzt, worden ist. Zum Teil sind auch Aufträge durch die Werksverwaltung nicht mehr angenommen worden, da keine Aussicht besteht, sich hierfür Material zu beschaffen, obgleich, wie dem Vertrauensrat bestätigt wurde, genügend Devisen vorhanden sind. Aus einer Reihe von Ortschaften wird berichtet, dass Neubauten nicht beendet werden können, weil sowohl Kupferdraht für Elektrizitätsleitungen, als auch Rohre für Wasserleitungen fehlen und nicht beschafft werden können. Die Schlosser und Lieferanten stellen es den Bauherren anheim, sich direkt durch Parteistellen Material beschaffen zu lassen. Eine Reihe von Beton- Neubauten, die in Gleiwitz und seiner nächsten Umgebung geplant waren, sind nicht genehmigt worden, weil man das Eisenmaterial zu anderen Zwecken brauche. Auf den Delbrückschächten bei Hindenburg musste eine Einfallhaspel ausgewechselt werden. Da Motoren als Ersatz nicht vorhanden waren, wurde die Abteilung eingestellt und ist seit 6 Wochen ausser Betrieb. Von anderen Gruben wird berichtet, dass man Schienenbogenträger auf Fahrstrecken ausbaut, um sie als Schrotteisen abzugeben, und dafür Eisenteile zu erhalten. Von verschiedenen Zechen wird berichtet, dass Reparaturen A- 57sehr lange unterbleiben, Motore oft nicht mehr beschafft werden können, und hin und wieder sogar Teile des Betriebes untertags eingestellt werden, weil man das Material zur Reparatur nicht beschaffen kann. Besonders bei Reparaturen von Kohlenwagen werden oft Teile von guten Wagen entwendet, um schlechtere Wagen zu reparieren. Es ist auch schon vorgekommen, dass so viele Reparaturwagen angehäuft waren, dass dadurch die Förderung eine Stockung erlitt. Die Betriebsführer zucken mit den Achseln und erklären, alles würde für Rüstungszwecke gebraucht, da könnten sie nichts machen. b) Textilien Der vor kurzem durchgeführten Kontingentierung der Reisswolle ist eine Bestands- und Umsatzerhebung der zuständigen Ueberwachungsstelle vorangegangen, über die wir dem Nachrichtendienst der Deutschen Bekleidungsindustrie( der nur den Mitgliedern der Wirtschaftsgruppe Bekleidung zugänglich ist) entnehmen: NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie. Berlin W 62 Lieferung 8 7.4.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Rohstoffe Ordnungsziffer 4 Seite 16 Betr.: Erhebung über Lumpen, Reißwollbestände und-Umfaß im 1. Bierteljahr 1937 Die Überwachungsstelle für Wolle und andere Tierhaare hat unter dem 18. März 1937 einen Fragebogen über Lumpen-, Reißwollbestände und-Umsatz im 1. Vierteljahr 1937 an alle Firmen zur Versendung gebracht, in deren Betrieb alte oder neue Lumpen und Reißwolle gehandelt, be- oder verarbeitet werden oder anfallen. In Frage tommende Firmen, welche bisher einen solchen Fragebogen nicht erhalten haben, haben einen solchen unverzüglich von der Überwachungsstelle für Wolle und andere Tierhaare, Berlin NW 40, Moltkestraße 2, anzufordern. Die Fragebogen sind bis spätestens zum Sonnabend, dem 10.April 1937, bei Vermeidung von Ordnungsstrafen einzureichen. Lumpen( Tar. Nr. 543 des Stat. Warenverzeichnisses) sind außer alten Stoffabfällen auch neue Abschnitte von gewebten, gewirkten oder gestrickten Waren. Reizwolle( Tar. Nr. 414) ist nur derjenige wollene Spinnstoff, der durch Reißen solcher abgenutter Gespinstwaren und solcher Abfälle gewonnen wird, die unter die Bos. 543 des Stat. Warenverzeichnisses fallen. A- 58Einen Schluss auf die Lage der Rohstoffversorgung lässt auch nachstehende Stellungnahme der Textil- und Bekleidungsindustrie zur Frage der Lieferungsvorbehalte zu, die wir dem gleichen Nachrichtendienst entnehmen: NACHRICHTENDIENST Der Deutschen Bekleidungsinduftrie Verkaufs-, Zahlungsund Lieferungsbedingungen Berlin W 62 Kielganftr. 4 Lieferung 10 30.4. 1937 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Ordnungsziffer 7 Seite 4 Betr.: Lieferungsvorbehalte Verschiedene Meldungen aus Mitgliederkreisen über Lieferungsvorbehalte seitens unserer Vorlieferanten haben uns veranlaßt, an die Textilindustrie, heranzutreten, die zu der Frage wie folgt Stellung nimmt: ,, Nach den Einheitsbedingungen der deutschen Textilindustrie sind u. E. Lieferungsvorbehalte nicht gestattet; darüber hinaus erscheinen sie uns auch rechtlich und kaufmännisch unnötig, soweit sie den Fall ungenügender Rohstoffbelieferung auf Grund behördlicher Maßnahmen betreffen sollen. Wenn ein Lieferant ohne rechtliches Verschulden, das im Falle höherer Gewalt oder behördlicher Maßnahmen nicht gegeben sein kann, nicht liefert, verschiebt sich die Lieferzeit ohne weiteres." Wir empfehlen bei evtl. vorkommenden Schwierigkeiten in dieser Frage ausdrücklich auf die vorbezeichnete Stellungnahme der Textilindustrie hinzuweisen. Aus unseren Berichten: Provinz Brandenburg: Im Textilrevier Forst in der Lausitz ist die Rohstoffknappheit seit langem sehr fühlbar. Von den 35.000 Arbeitern des Bezirkes arbeiten 29.000 verkürzt. Bis vor kurzem haben die Fabrikan ten ihre Kundschaft darauf hingewiesen, dass sie für die Ausführung der Lieferung nicht garantieren könnten, da Materialmangel bestehe und auch Zellwolle sei nicht zu haben. Eingaben der Fabrikanten in grosser Zahl haben erreicht, dass die Preisstoppverordnung für die Textilindustrie praktisch aufgehoben worden ist, und zwar in der Form, dass die Verteuerung der Rohstoffe auf den Preis aufgeschlagen werden darf. Kaum war diese Verordnung da, so stellte sich schon heraus, dass das ganze Klagen über Rohstoffmangel zum Teil nur ein Druckmittel gewesen ist, um die Bewilligung zu Preiserhöhungen zu erhalten. Die Fabrikanten liessen ihrer Kundschaft durch die Vertreter sofort mitteilen, A- 59dass jetzt wieder Ware zu haben wäre und sie daher Aufträge mit Lieferungsgarantie übernehmen könnten. In welchem Umfange von der Möglichkeit der Preiserhöhung Gebrauch gemacht worden ist, zeigt ein Beispiel: Für Mützen, die vor der neuen Verordnung 26,- RM kosteten, ist der Preis auf 34,- RM erhöht worden. Schlesien, 1.Bericht( Breslau): Die Textilbetriebe können nicht mehr die gewünschten Mengen liefern. Selbst Zellwolle ist sehr knapp. Bringen die Firmen neue Muster heraus, so sind sie 8 Tage nach der Mustervorlage bereits ausverkauft. Es dauert dann meist 3 bis 4 Wochen, bis die Geschäfte, wieder beliefert werden können. Schneiderleinen zur Innenverarbettung von Sakkos, Mänteln usw. wird nur noch mit Zellwollebeimischung hergestellt. Der Preis dieses Leinens ist nur wenige Pfennige billiger, als der für die reine Ware. Die Reichswirtschaftsgruppe der Bekleidungsindustrie hat ein Rundschreiben herausgebracht, wonach niemand mehr Stoffe lagern haben darf, als er in den nächsten 6 Wochen verkaufen kann, auf keinen Fall darf der Einkauf den des Vorjahres übersteigen. In den Geschäften finden z.T. Kontrollen( Hausdurchsuchungen) statt, ob gehamsterte Waren vorhanden sind. Das Denunziantentum blüht wieder, besonders als Waffe im Konkurrenzkampf. 2. Bericht:( Oberschlesien) Gleiwitzer Kaufleute berichten, dass Textilfabriken Aufträge nur bei einer Lieferfrist von 6 Monaten annehmen, wobei ausdrücklich betont wird, dass für Lieferung keine Garantie übernommen werden kann, da Rohstoffmangel oft die Ausführung der Aufträge unmöglich mache. Sachsen: Die Baumwollspinnerei der Firma F.H. Hammersen A.G. Osnabrück in Riesa arbeitet wegen Mangel an Rohstoffen seit geraumer Zeit verkürzt. Diese Baumwollspinnerei hatte früher immer voll zu tun. Seit dem Bestehen des Unternehmens hat es noch niemals Kurzarbeit gegeben, auch nicht in den ärgsten Krisenzeiten. " Bayern: Die Textilfabrik in X. kann seit längerer Zeit wegen Mangel von Rohstoffen-hauptsächlich in der Jute abteilungnur kurz arbeiten. Die Säckeknappheit nimmt allmählich geradezu kriegsähnliche Ausmasse an. Früher hatte die Firma immer Säcke aufträge in Höhe von 10.000 bis 100.000 Stück ausgeführt. Heute kann sie immer nur Lieferungen von loo bis höchstens 1.000 Stück ausführen, und selbst diese geringe Anzahl muss Wochen, oft Monate vorher bestellt werden. Die Säcke können bei der fast völligen Drosselung der Juteeinfuhr nur zu einem geringen Teil aus Jute bestehen. 50% sind Papier, ein Teil Jute, ein Teil anderer Ersatzstoffe. Die Einkäufer der Firma, die früher auf dem Lande nur gebrauchte Säcke in Posten von loo Stück und mehr bei den Müllern usw. aufkauften, müssen Jetzt froh sein, überhaupt welche zu bekommen und nehmen des A- 60halb jedes Quantum. Wegen der Knappheit der Ware ist der Preis der Säcke trotz Preisüberwachung gestiegen. Papiersäcke sind fast im gleichen Umfange zu sehen wie während des Krieges. Sie sind oft sogar qualitativ besser als die aus Jute-, Papier- und Ersatzstoffen gemischten Säcke, aber sündhaft teuer, da Zellulose teils Einfuhr-, teils Rüstungsbedarfsartikel ist. Südwestdeutschland: Zur Zeit macht man die Beobachtung, dass die Angs tkäufe wieder stärker überhand nehmen. Die grossen Versand geschäfte Witt in Weiden( Oberfranken) und Haagen im Wiesental in Baden, die hauptsächlich die badischen Gegenden beliefern, führen schon seit Wochen nicht mehr alle Bestellungen aus. Den meisten Sendungen liegt ein Begleitschreiben bei, in dem es heisst, die Ware Nr. so und so werde in der Preisliste nicht mehr angeboten. Es handelt sich hauptsächlich um Baumwollstoffe, Hemdenstoffe und Handtücher. Der Oberbürgermeister von Pirmasens hat nachstehende- bezeichnende Bekanntmachung erlassen: Bekanntmachung. Wiederholt wird bei der Leichen- l fchau die Wahrnehmung gemacht, daß die Verstorbenen in wertvoller Kleidung und Ausstattung, teils in neuer Beschaffung, beftattet merden. Ich halte es für dies Pflicht eines jeden Volksgenoffen, bei der Bestattung von Toten jeden unnötigen Aufwand zu unterlaffen. Pirmasens, 18. Mai 1937. Der Oberbürgermeister. Rheinland: Die Textilindustrie am Niederrhein klagt über sich ständig verschärfenden Mangel an Baumwolle. Wegen des Mangels an Material mussten viele Aufträge abgelehnt werden. Das Auslandsgeschäft ist nach wie vor schlecht, da das Ausland die Waren aus Ersatzstoffen nicht kauft. Die Stoffe werden nicht nur immer schlechter, sondern auch teurer. Letzthin wurde in einem früher sehr umfangreichen Stoffe- Engrosgeschäft wieder ein Preisaufschlag von 3,-RM per Meter bei einer mittleren Qualität durchgeführt. BerlinDie Qualität der Gebrauchsgegenstände hat ausserordentlich nachgelassen. Ich habe mir kürzlich für 6,95 RM ein Hemd gekauft, habe es zweimal in der Wäsche gehabt mit dem Erfolg, dass schon jetzt die Manschetten durch sind. Die Regen- Ueberschuhe werden jetzt im Schaft mit Stoff statt wie bisher mit Gummi hergestellt. c) Leder Damit kein Stück Haut der Lederverarbeitung entgehe, ist von der Ueberwachungsstelle für Lederwirtschaft angeordnet worden, · A-61dass die Tierkörper von Rindern, Einhufern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Hunden, die in Abdeckereien usw, beseitigt werden, abgehäutet werden und die Häute der Felle der Verarbeitung zugeführt werden müssen. Rheinland: Leder ist knapp und es wird immer teurer. Der Preis für Schuhe ist zum Teil um 100% gestiegen. Es wird berichtet, dass die Firma Salamander nicht mehr in der Lage ist, ausreichend zu liefern, weil das Leder fehlt. Herrensohlen und Absätze kosten heute 3,40 RM( früher 1,80 RM bis 2,10 RM.) Sachsen: Die Kunstlederfabrik Bierling hat wegen Rohstoffmangel Entlassungen vorgenommen. a) Holz Die Knappheit an Holz hängt ausser mit dem Devisenmangel mit dem gesteigerten Bedarf für öffentliche Bauten und für die Zellstoff- Fabrikation zusammen. Der Reichsforstmeister hat die Marktvereinigung der deutschen Forst- und Holzwirtschaft ermächtigt, die Zuteilung von Erzeugnissen der Forst- und Holzwirtschaft zu regeln. Es soll damit vor allem dem Mangel an Papierholz abgeholfen. Dieselbe Stelle ist auch mit der Regelung der Holze infuhr betraut worden. Die Einfuhr von Rundholz zur Herstellung von Holzmasse, Zellstoff, Zellulose ist jetzt auch ohne Bewilligung erlaubt. Der Reichsforstmeister hat sich vorbehalten, die Höhe des Einschlages für einzelne Holzarten festzusetzen bzw. abzuändern. Der Raubbau am deutschen Wald geht weiter. Bayern: Der Raubbau in den staatlichen Forsten und Gemeindewaldungen wird fortgesetzt, ja in einzelnen Landstrichen sogar noch verstärkt. Im Forstamt X. wurde für dieses Jahr das 2 3/ 4- fache des früheren Holzeinschlages zur Schlägerung ausgemessen. Die Landesforstämter wurden ermächtigt, nach genauer Ueberprüfung der Waldbestände für die einzelnen Gemeinden Schlägerungsquoten festzusetzen, die auf die einzelnen Wald lose der Privatbesitzer aufgeteilt werden. Sachsen, 1.Bericht: Aus den grossen Waldungen werden Abholzungen in einem Umfange vorgenommen, die einen Raubbau gleichkommen. Viele Hektar Wald werden vollständig abgeholzt und A-62dann umgeackert und mit Getreide besät. Nach einigen Jahren soll dann dieses Gelände wieder neu bepflanzt werden. Wenn in diesem Tempo die Abholzungen weiter getrieben werden, ist in einigen Jahren kaum noch etwas von deutschen Wald übrig. 2. Bericht: Die grossen Holzschleifereien und Zellulosefabriken im Heidenauer Bezirk hatten vor dem Umsturz längs der Elbe und der Bahnlinie auf ihren grossen Stapelplätzen Hunderttausende von Festmetern Schleifholz liegen. Heute zeigen diese Stapelplätze eine gähnende Leere. Die Fabriken leben nur von der Hand in den Mund. Während eine Fabrik ihren Aufträgen entsprechend etwa 40.000 Festmeter Holz monatlich verarbeiten könnte( früher ist dieses Quantum regelmässig bewältigt worden), stehen ihr heute höchstens 10.000 Meter zur Verfügung. 3. Bericht: Die Rohstoffknappheit auf dem Baumarkt macht sich besonders bei Eisen und Holz bemerkbar. Die guten ausländischen Hölzer für die Innenausstattung der Räume sind nur unter grossen Schwierigkeiten und nach langem Warten zu beschaffen. Rheinland: Tannenholz darf nicht mehr als Grubenholz verwendet werden. Der Bergbau muss jetzt das teurere Kiefern- und Eichenholz nehmen. Tannenholz wird restlos für die Zellstoff Fabrikation verbraucht. Neuerdings verwendet man auch eiserne Stempel in den Gruben. Man wird übrigens damit in den Gruben dieselben Erfahrungen machen wie mit den eisernen Schwellen beim Bahnbau während des Krieges. G e) Papier Mit dem Mangel an Holz hängt der Papiermangel zusammen. Selbst die Innenseiten der" Frankfurter Zeitung", die die Aufgabe hat, im Ausland die deutsche Presse zu repräsentieren, werden seit Mitte Mai auf schlechterem Papier gedruckt. Nordwestdeutschland: Die Reisenden in Büromaterial, Schreibmaschinenpapier und anderen Papiersorten, klagen sehr über die Verhältnisse im Papierhandel. Ganz gewöhnliches Durchschlagpapier wird etwa drei Monate nach Bestellung von den Fabriken geliefert. Wenn dann die Besteller die Waren wegen Qualitätsmangel ablehnen, sind die Reisenden gegenüber der Fabrik verpflichtet, die Ware auf eigene Rechnung zu übernehmen. Dieser Zustand wird auch aus anderen Branchen gemeldet. Die Herstellerfirma nimmt die Ware in keinem Falle zurück. Das gilt ebenso für Blaupapier und Schreibfedern. Die Qualität der Schreibfedern hat sich sehr verschlechtert. Den Auftragsbestätigungen im Papiergewerbe wird folgender A-63Lieferungsvorbehalt beigefügt: Lieferungan öglichkeit bleibt je nach der Lage der Rohstoffversorgung vorbehalten. Soweit durch behördliche Anordnung oder durch behördlicherseits genehmigte Verfügung der Vereinigung holzhaltig/ holzfrei Qualitätsänderungen vorzunehmen sind, bleibt die Lieferung abgeänderter Qualitäten zu den jeweils kartellmässig festgesetzten Preisen ebenfalls vorbehalten. Dem Abnehmer steht es frei, in solchen Fällen vom Vertrage zurückzutreten. Bayern: Der Papiermangel hat zu einer Verkleinerung der Zeitungen geführt. In München ist kein Butterpapier aufzutreiben. Die Milchfrauen und Butterhändler bitten die Kunden, selbst das Einwickelpapier mitzubringen. Rheinland: Der Papiermangel verschärft sich. Die Zeitungen dürfen keine Werbeexemplare mehr verteilen. In den Geschäften wird durch Plakate aufgefordert, Taschen, Netze oder Packpapier mitzubringen, damit an Papier gespart wird. Sachsen: In Dresdner Geschäften hängen kleine Plakate aus, auf denen die Kunden aufgefordert werden, zum Einholen von Marmeladen und anderen Waren Schüsseln mitzubringen, damit Papier gespart werden könne. Ein besonders sinniges Plakat zählt sogar auf, dass es 50 Jahre Wachstums bedürfe, ehe aus einem Baume Papier gemacht werden könne! Eine Papierfabrik in X. verwendet jetzt ungefähr 20% weniger Devisenholz und mischt bei Kartonmasse noch 20% Stroh bei. Schlesien: Allen Druckereien, Verlagsanstalten, überhaupt allen Stellen, die Druckschriften herausgeben, wurde vor einiger Zeit eine Geheimverfügung zugestellt, die anordnet, dass alle Druckschriften, Prospekte usw. ab sofort um 10% ihres Umfanges zu kürzen sind. Die Papierbelieferung stösst auf die grössten Schwierigkeiten. Bei einem grossen Zeitschriftenverlag bestellte eine Firma einen Prospekt, der einer Zeitschrift dieses Verlags beigelegt werden sollte. Dieser Prospekt hat besondere wirtschaftliche Bedeutung. Normalerweise hätte der Prospekt im Mai geliefert werden können. Die Papierbestellungen der Firma wurden früher innerhalb 14 Tagen ausgeführt. Jetzt wird ihr die Lieferung erst für Oktober zugesagt. Infolgedessen konnte der Verlag die Beilage des Prospektes erst für November in Aussicht stellen. A-64f) Gummi Der Zoll auf Rohkautschuk ist auf 125,- RM je Doppelzentner erhöht worden. Das ist ein Wertzoll von loo%, erhöht also den Preis des natürlichen Kautschuks auf das Doppelte. Der Zweck ist erstens, die grosse Preisdifferenz zwischen dem eingeführten natürlichen und dem von den IG- Farben erzeugten künstlichen Kautschuk( Buna) zu dessen Gunsten zu vermindern. Der Zoll ist gleitend, erhöht sich also automatisch, wenn der Kautschukpreis sinkt. Ausserdem soll der Ertrag des Zolles, der amtlich auf loo Millionen RM jährlich geschätzt wird, dazu beitragen, die Kosten des Buna- Werkes zu decken. Der Zoll bewirkt eine Verteuerung der Produktionskosten der Gummi- Industrie und mittelbar auch der Auto- Industrie. Bayern: Sport- und sanitäre Artikel aus Gummi werden infolge des Rohstoffmangels nur in geringem Umfange hergestellt. Die Vertreter der Firmen, die diese Artikel erzeugen, arbeiten schon seit Monaten nur um die Bahnspesen. Autoreifen sind jetzt kaum zu haben. Nur wenn man zu Reifenhändlern gute Beziehungen hat, kann man ab und zu einen auftreiben. Auch Autos selbst sind knapp. Die Fabriken bedingen sich jetzt zum Teil Lieferfristen bis zu einem halben Jahre aus. Sachsen, 1.Bericht: Die Autohändler sind nicht in der Lage, für ihre Kunden die notwendigen Reifen aufzutreiben. Die vor Jahren ausgewechselten alten Reifen kommen jetzt alle wieder zu Ehren. 2. Bericht( Dresden): Reifen für Motorräder sind überhaupt nicht zu haben. Die Händler bedingen sich den Kunden gegenüber Lieferfristen von 6 Wochen aus. 3. Bericht: Die DKW- Werke in Zschopau haben in letzter Zeit schon öfters verkürzt arbeiten lassen. Gegenwärtig wird wegen Rohstoffmangels von Montag bis Freitag gearbeitet. Im Lager stehen grosse Mengen von Motorrädern ohne Bereifung, die z.Zt. nicht beschafft werden kann. Daher können grosse Bestellungen von Motorrädern nicht ausgeführt werden. Vor nicht langer Zeit hat eine Besichtigung der Werke durch Ausländer stattgefunden. Aus allen Teilen von Sachsen hatte man Bereifungen hergeholt, um den Ausländern zu zeigen, dass es keinen Rohstoffmangel gebe. Die Arbeiter mussten schnellstens die Holzwolle an den Motorrädern entfernen und die Bereifungen auf A- 65ziehen. Nach der Besichtigung wurden die Bereifungen wieder abmontiert und an die Stellen zurückgesandt, die sie dem Werk leihweise überlassen hatten. g) Sonstige Rohstoffe Die Metall- Folien für Rotaprint- Druckapparate weisen in der letzten Zeit eine starke Qualitätsverschlechterung auf. Die Druckfolien sind mit einer dünnen Aluminium- Schicht überzogen ,. für die selbst bei der Ausführware- nicht mehr das Rohmaterial in alter Qualität beschafft werden kann. Auch die bisher übliche Stanniol- Verpackung ist weggefallen. Als Vorbereitung zur Rationierung der Kraftstoffe nach der Dringlichkeit des Bedarfs wird zur Zeit von den Polizeibehörden eine Erhebung über sämtliche ortsfesten und orts beweglichen Verbrennungsmotoren und der von ihnen benötigten Kraftstoffe durchgeführt. Berlin: Die Zahnpasta- Fabriken haben mit den von ihnen in der letzten Zeit verwendeten Metalltuben schlechte Erfahrungen gemacht. Sie mussten Ersatzstoffe verwenden, was zur Folge hatte, dass der Inhalt oxydierte und braun wurde. Aehnliche Missstände ergaben sich auch bei Haut creme- Tuben. Die Firmen haben diese Tuben zurücknehmen müssen und haben überall Vertreter herumgeschickt, die die Geschäftsleute beruhigen mussten. Eine Tempelhofer Fabrik für Flugzeug- Modellbau muss wegen Rohstoffmangel 4 Tage in der Woche aussetzen, so dass nur an 2 Tagen gearbeitet wird. Reis- Stärke ist ausserordentlich knapp. Die Kolonialwarenhandlungen bekommen wöchentlich 4 kleine Pfundpackungen, die natürlich nicht hin und herreichen. Schon früher haben wir berichtet, dass die Tabakdetaillisten ihren Bedarf an Zigarren nur schwer zu decken vermögen. Jetzt klagen sie über mangelhafte Belieferung mit Zigaretten. Auch Restaurationsbetriebe erhalten nur mit Schwierigkeiten die erforderlichen Mengen Zigaretten und dabei bleiben selbst Lokale von internationalem Ruf nicht unberührt. Das Verbot, Blech zur Herstellung von Tabak- Emballagen zu verwenden, beginnt sich auszuwirken. Die Marken Ravenklau und Güldenring, die bisher in Blechpackungen auf dem Markt erschienen, werden jetzt in Pappkartons verkauft, die mit einer dünnen gebräunten Aluminium- Walzauflage beklebt sind. Rauchtabak wird ausschliesslich in Papp- und Papierpackungen verkauft. Nordwestdeutschland: Mangel herrscht an allen möglich en Bedarfsartikeln. So ist z. B. kein taugliches Gummiband für A- 66die Wäsche, keine brauchbare und haltbare Näh- und Stopfseide, kein gutes Maschinengarn, Eisengarn usw. zu bekommen. Bett- Satin ist kaum noch aufzutreiben und dasselbe gilt auch für andere Manufakturwaren. Beim Kauf kleiner Gegenstände, deren Umhüllung früher meist mit einem kleinen schmalen Gummibändchen zusammengehalten wurde, wird ein Papierklebestreifen benutzt. Bayern: In der letzten Zeit ist eine Verknappung an Medikamenten und Verbandsmaterial für Wundbehandlung eingetreten. In den öffentlichen Krankenhäusern wird mit Watte und Binden gespart und die Verbände werden nur gewechselt, wenn es unbedingt notwendig ist. In den Apotheken sind alle Arten von Spezialbinden ausverkauft und können nicht nachgeliefert werden. Auf Befragen über die Ursache dieses Mangels, bekommt man überall dieselbe Antwort: Man muss sparen und die Spezialbinden, die aus fremden Rohstoffen hergestellt worden sind, können nicht mehr erzeugt werden. Vom 1. Juni 1937 ab dürfen Verbandswatten nur noch mit einem Gewichtsanteil von mindestens 50% Zellwolle hergestellt werden. Bei allen von der Rohstoffknappheit betroffenen Unternehmungen tritt durch den Leerlauf der Büros und der Produktion eine starke Verteuerung der Produktionskosten ein. Tausende von Absagebriefen müssen geschrieben und verschickt werden. Die Rechnungsstellung wird erschwert durch die immer häufigere Teillieferung der bestellten Waren. Die Angestellten der Expedition und Lagerhaltung sind mangelhaft beschäftigt; um die eingearbeitete Belegschaft nicht entlassen zu müssen, wird der Arbeitsgang verlangsamt. Schlesien: Ein bekannter Grossvertrieb von Kathreiners Melzkaffee hat in Oberschlesien seinen drei Reisenden die Stellung gekündigt, weil Bestellungen auf Malzkaffee zur Zeit nicht mehr entgegengenommen werden können. Dieser Artikel ist fast völlig vergriffen und kann infolge des Mangels an Gerstenkörnern bis auf weiteres nicht geliefert werden. Die vorhandenen Bestände sind von Amts wegen durch Erhebung festgestellt und kontingentiert worden. Sachsen: Ein selbständiger Malermeister geht jetzt stempeln und erhält mit Frau pro Woche 5,50 RM Unterstützung. Voriges Jahr hatte er noch soviel zu tun, dass er drei Leute beschäftigen konnte. In diesem Jahre aber kann er wegen Materialmangel nicht arbeiten. Es gibt keinen Firnis und die Leute haben keine Lust, sich die Wände mit Ersatz vollschmieren zu lassen. Bei der Posamentenfabrik, die Metallflimmer produziert, herrschte in der letzten Zeit Mangel an Rohstoffen, obwohl eine Reihe von Auslandsaufträgen vorhanden war. Alle Bemühungen um rechtzeitige und ausreichende Zuteilung blieben er A-67folglos. Als angekündigt wurde, dass der sächsische Statthalter Mutschmann nach X. komme, um einige Grossbetriebe zu besichtigen, kam der Unternehmer auf die Idee, ebenfalls bei Mutschmann' eine Betriebsbesichtigung durchzusetzen. Mutschmann kam und nahm davon Kenntnis, dass eine Reihe von befristeten Aufträgen für Indien vorliegen, deren Ausführung wegen Rohstoffmangel gefährdet ist. Der Einfall hat geholfen. Der Betrieb hat seine Rohstoffe erhalten und ist z.Zt. voll beschäftigt. Rheinland: Jetzt klagen auch die Mineralbrunnenbetriebe und die Bierbrauereien über Mangel an Rohstoffen und über die dadurch bedingten Betriebseinschränkungen. Wasserkante: Die Handwerker klagen über die Ersatzstoffe, die sie verwenden müssen. Sie sind teuer und bedeutend schlechter, so dass die Handwerksmeister, besonders die Maler, viele Schwierigkeiten mit ihren Kunden haben. Z.B. Leinöl, eines der Hauptprodukte für den Maler, darf nur 30% Fett enthalten. Ueberschreitungen dieser Anordnung kann mit Geldstrafe bis zu 80.000 RM bestraft werden. Leinöl- Ersatz ist weit teurer und seine Haltbarkeit ist sehr gering.Streichfertige, in Kanistern gelieferte Oelfarbe ist sehr oft nach kurzer Zeit nicht nur dick geworden, sondern sieht aus wie eine gallertartige Masse, die man wie einen Pudding aus den Dosen herausstülpen kann. Alle Versuche, die Farbe wieder durch Beimengung flüssig zu machen, scheitern. Nur die Herstellerfirmen selbst können die Farbe wieder streichfertig machen. Vollwertige Lacke gibt es überhaupt nicht mehr. 3) Der Nahrungsmittelmangel Der Mangel an Nahrungsmitteln ist an sich seit dem letzten Berichtsmonat( März 1937) kaum abgeschwächt, sondern eher durch den Zwang zur Streckung des knapp gewordenen Brotgetreides verschärft. Dagegen hat sich die Art gewandelt, wie die Bevölkerung stimmungsmässig darauf reagiert. In den folgenden Berichten kehrt wiederholt die Wendung wieder, die deutsche Nahrungsmittelnot sei nicht so katastrophal, wie sie im Ausland geschildert würde. Man ist missgestimmt, dass alles teurer wird und vieles fehlt, was früher reichlich vorhanden gewesen ist. Aber man findet sich mit dem Zustand ab wie mit unabwendbaren Schicksalsschlägen. Die Regierung versteht es immer besser, den Mangel zu rationieren und keinen allseitigen Mangel und damit A-68c auch keine allgemeine Unzufriedenheit aufkommen zu lassen, die dem Regime politische Schwierigkeiten bereiten könnte. Während die eine Ware fehlt, wird eine andere reichlich angeboten. Vor allem wird das Auftreten einer generellen Missstimmung durch systematische Differenzierung verhindert. In einigen Gegenden ist die Fettkarte eingeführt, in anderen steht ihre Einführung noch aus. Butter, die für den minderbemittelten Teil der Bevölkerung unerschwinglich ist, fehlt in Arbeitervierteln, umso reichlicher können" bessere" Wohngegenden damit beliefert werden. In manchen Gegenden ist Fleisch fast gar nicht zu bekommen, in anderen ist die Fleischversorgung einigermassen ausreichend. Bei all dem blüht, der Gefahr schwerer Bestrafung zum Trotz, der Schlei chhandel, so dass Leute, die Geld haben, nichts zu entbehren brauchen, also auch keinen Anlass zur Unzufriedenheit haben. Bei bestimmten Waren ist allerdings die Knappheit schon chronisch. Das gilt für Margarine, Eier, Fette, neuerdings für Speiseöl. Das alles wird mit Murren ertragen, denn das Volk gewöhnt sich daran, als Objekt staatlicher Bevormundung behandelt und in dauernder Spannung gehalten zu werden. Die vorjährige Ernte war weit schlechter, als amtlich zugegeben wurde. Bisher war der Fettmangel die schwerste Nahrungssorge des Regimes, jetzt ist es der Mangel an Brotgetreide. Um ihm abzuhelfen, wird vor allem das Mehl verschlechtert. Darüber wird in den folgenden Berichten allgemein Klage geführt. Bereits Anfang Januar war die Zahl der bis dahin erlaubten acht Mehltypen auf drei reduziert worden. Der Zweck war, aus der verfügbaren Kornmenge eine möglichst grosse Mehlausbeute heraus zuholen. Seitdem gab es nur ein mittelhelles Weizenmehl Type 812, ein Auszugame hl Type 502 und ein dunkles Mehl Type 1050. Die beiden letten Typen durften von den Mühlen nur gleichzeitig ( gekoppelt) und zwar in jeweils gleichen Mengen hergestellt. werden. Die Folge war, dass auch die Mehlhändler das hellere Mehl nicht verkaufen wollten, ohne dass gleichzeitig das dunkle Mehl abgenommen wurde. Die Hausfrauen weigerten sich aber, das A-69dunkle Mehl zu nehmen und erst recht hatten die Teigwarenfabriken dafür keine Verwendung. Man hat sich deshalb entschlossen, das helle mit dem dunklen Weizenmehl bei der Herstellung nicht mehr im Verhältnis von 5: 5, sondern von 6: 4 koppeln, also vom helleren Mehl etwas mehr, vom dunklen etwas weniger produzieren zu lassen. Das soll gleichzeitig der Erzeugung von Griess zugute kommen, woran es nach den folgenden Berichten fast völlig fehlt. Der Mehrbedarf an Weizen soll durch Einfuhr gedeckt werden. Gleichzeitig wird den Mühlen gestattet, bei einer Beimischung von 20% Auslandsmehl den Mehlpreis um 10% zu erhöhen. Das bedeutet also eine Verteuerung des Mehls besserer Qualität. Zugleich wird der Preis der minderwertigsten Type 812 herabgesetzt, so dass die Preisdifferenz zwischen der helleren und der dunkleren Mehl type 30% beträgt. Der Zweck dieser Preisdifferenz ist offenbar, die Koppelverkäufe dadurch überflüssig zu machen, dass die minderbemittelte Bevölkerung um des verbilligten Preises willen mit dem minderwertigen Mehl verlieb nimmt und auf die verteuerte bessere Qualität ganz oder fast ganz verzichtet. Der Anreiz der Preisstaffelung wird durch Zwangsmassnahmen ergänzt. Die Mühlen können verpflichtet werden, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Mehlerzeugung dem zuständigen Getreidewirtschaftsverband zur Verfügung zu stellen, damit die Versorgung der Teigwarenfabriken. sichergestellt wird. So wird von vornherein ein Teil der Erzeugung helleren Mehls den Bäckereien entzogen. Um das Hamstern von Mehl zu unterbinden, werden in Zukunft nur die Betriebe mit Mehl handeln dürfen, die amtlich zugelassen sind, und die Mühlen verpflichtet, laufend über die Höhe ihrer Bestände und über die von ihnen abgesetzten und gekauften Mengen Meldung zu erstatten. Die Verarbeiterbetriebe dürfen nicht mehr Mehl auf Lager halten, als sie in drei Wochen verarbeiten können und müssen die im vorigen Jahr verarbeiteten Mehlmengen melden. Zu den Verarbeitungsbetrieben gehören auch Krankenhäuser, dagegen nicht Verarbeitungsbetriebe A-70der Wehrmacht. Neuerdings hat der Reichsminister des Innern den Bäckereien erlaubt, das im eigenen Betrieb anfallende Altbrot wieder zu verwenden. Der Zusatz darf nicht mehr als 3% des verwendeten Mehls betragen und muss" so fein in der Teigmasse verteilt werden, dass es im fertigen Brot mit blossem Auge nicht zu erkennen ist". Die Verwendung von Mehl zur Herstellung von Kleister und von hoggen zur Herstellung von Kornbranntwein ist verboten. Die Verwendung von Brotgetreide zu technischen Zwecken ist nur mit Erlaubnis des zuständigen Getreidewirtschaftsverbandes gestattet. Von besonderer Bedeutung sind die Massnahmen zur EinschränKung der Verwendung von Brotgetreide als Futtermittel. Um zu verhindern, dass Roggen und Weizen statt in die Mühlen in die Futtertröge wandert, wurde die sogenannte Umtauschaktion inszeniert. Ueber die Pflichtmenge hinaus abgeliefertes Brotgetreide konnte in Futtergetreide, vor allem Mais umgetauscht werden. In einem Aufruf( siehe Seite A 71) des Reichsnährstandes wird zum Umtausch von Roggen gegen Futtermittel aufgefordert und die Verfütterung von Brotgetreide als Landesverrat gekennzeichnet. Offenbar hat diese Aktion keinen grossen Erfolg gehabt. Denn jetzt wird zu Zwangsmitteln gegriffen. Bisher bestand eine Ablieferungspflicht nur für Brotgetreide; bei Futtergetreide waren dagegen nur die Abschlüsse der zuständigen Behörde zu melden. Nunmehr ist in das Ablieferungskontingent auch Gerste und Hafer eingeschlossen worden, und zwar in der Weise, dass für jeden Erzeuger ein pauschales Grundkontingent nach den durchschnittlichen Ernteergebnissen seines Betriebes festgesetzt wird, in dem keine feste Menge für Gerste und Hafer, ohl aber für Weizen und Roggen enthalten ist. Wenn Brotgetreide über die dafür festgesetzten Mengen hinaus abgeliefert wird, vengert sich entsprechend die Ablieferungspflicht für Futgetreide. Die Landwirte dürfen also das kontingentierte ttergetreide nur im eigenen Betrieb verwenden, wenn sie ent A-71Zur Sicherung der deutschen Brotversorgung: Tanicht Belcentbritan Band Boden Roggen gegen Futtermittel! Warum? Was? Wie? Wann? Wer? Wo? Aller mahlfähiger Roggen dient der Brotversorgung und gehört nicht in den Futtertrog. Wer Brotgetreibe verfüttert, begeht Landesserrat( Hermann Göring auf dem Reichsbanerntag 1936). Roggen wird getauscht gegen: Gerſte, Mais, Maisfuttermehl; auf Bunsch gegen Kleie over vollwertige Zuckerschnißel. Die Eintauf erfolgt schlicht um schlicht, b. b. für bie gleiche Menge Roggen gibt es bie gleiche Menge Futtermittel. Dabei werden Gerste und Mais gum Roggenerzeugerfestpreis, Aleie zum reinen Kleiefestpreis, Maisfuttermehl Sam Breise von 7,50 RM pro Zentner und vollwertige Zuderschaigel zum Preise von 6- R pro Zentner sämtlich frei Eisenbahnempfangsffation geliefert. Ab sofort. Es muß jeder, der Roggen noch zur Verfügung hat, eintauschen. Er ist dazu feboch erft berechtigt, wenn er sein Roggen. ablieferungsso voll erfüllt hat. Der Eintausch erfolgt durch Abschluß eines Erzeuger Tauschvertrages mit Deinem gewohnten Berteiler( Händler oder Genossenschaft), Du mußt Dig an ihn wenden. Deine zuständige Kreisbanernschaft wird Dir die volänbige Erfüllung Deines Ablieferungsfolls and damit Deine Berechtigung zum Eintaus an Hand ber vorhandenen Unterlagen bescheinigen. Bediene Dich also diefer Möglichkeit des Eintausches! Du erfüllst damit Deine Pflicht gegenüber dem Bolksganzen! Drud: Reichsnährstand Berbags- Gef m. 5. B., Berita SW- 11, Sedemannftrate A-72sprechend mehr Brotget eide abliefern. Die Reichsnährstandsorgane bekommen auf diese Weise die Futtermittelversorgung oder doch einen wesentlichen Teil davon in eigene Hand; andererseits soll im Landwirt das Interesse erweckt werden, möglichst viel Brotgetreide abzuliefern, um über Gerste und Hafer im eigenen Betrieb verfügen zu können. Nach wie vor wird mit grosser Intensität und viel Geschick die Propaganda in den Dienst der Streckung spärlich vorhandener Nahrungsmittel gestellt und für ihren Ersatz durch reichlich vorhandene agitiert. In der Presse werden regelmässig Küchenzettel für die ganze Woche veröffentlicht, worin der Genuss gerade der Lebensmittel empfohlen wird, die z.Zt. reichlich da sind. Mit dieser Propaganda ist insbesondere der Reichaausschuss für Volkswirtschaftliche Aufklärung betraut, der einen" Rezeptdienst" eingerichtet hat. Die Kaufleute bekommen allwöchentlich ein Quantum davon zugeteilt und müssen es an ihre Kunden verteilen. Auf den Seiten A 73 und A 74 bringen wir zwei Proben dieses Rezeptdiens tes. Berlin, 1.Bericht: Der Lebensmittelmangel ist immer noch sehr fühlbar, wenn die Versorgung auch von Woche zu Woche schwankt. Vor einigen Wochen war im Berliner Osten Butter in beliebigen Mengen zu haben, dagegen gibt es in dieser Gegend keine Margarine und kein Schmalz. Umgekehrt ist es im Westen Berlins. Dort sind Margarine und Schmalz im Ueberfluss vorhanden, dagegen herrscht starker Buttermangel. Die Ursachen sind klar: Der Westen will Butter und keine Margarine, der Osten kann Butter nicht bezahlen. Aehnlich steht es mit Eiern; sie fehlen im Westen, sind dagegen im Osten und Norden mehr als ausreichend vorhanden. Fleisch gibt es genügend, aber nur von jungem Vieh; Speck und Wurst gleichfalls genügend. Die Wurst ist jedoch entweder sehr schlecht oder ausserordentlich verteuert. Man kann annehmen, dass die Preise für halbwegs gute Wurst sich seit 1933 verdoppelt haben. Gute Schlackwurst ist nicht unter 70 Pfennig das Viertelpfund zu haben. Der Vertreter einer Darmgrosshandlung machte einen Schlächtermeister darauf aufmerksam, dass bald keine Därme mehr zu haben sein würden. Schon heute wird für Wurst hüllen meist Kunstdarm verwendet. Brot darf seit Februar nicht mehr frisch abgegeben werden. Schrippen sollten überhaupt nicht mehr gebacken werden. Damit ist man aber nicht durchgekommen. Beim Mehleinkauf muss man zusammen mit gutem Mehl eine entsprechende Menge schlechten A- 74Rezeptdienst Herausgegeben vom Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung Deutsche Hausfrau! Berlin W 9 SPEISE QUARG' schmeckt sehr gut, gibt Kraft und Mark! Selten nur fannst Du für einen so niedrigen Preis ein so wertvolles Nahrungsmittel kaufen. Wir wollen Dich nicht mit wissenschaftlichen Zahlen und Tabellen langweilen. Wisse, daß Speisequarg als Hauptnährstoff das Milcheiweiß enthält und reich an Kalt- und Phosphorsalzen ist. Diese sind notwendig zur Bildung und Gesunderhaltung der Knochen und 3ähne. Deshalb essen ihn auch die Kinder so gern. Ist er mit Obst oder Fruchtfäften angerichtet, so find sie ganz begeistert davon. Speisequarg hilft auch gut verdauen, was ja bekanntlich die wichtigste Tätigkeit bei unserer gesamten Nahrungsaufnahme ist! Der feine säuerliche Geschmack fst nämlich auf die Bildung von Milchsäure zurückzuführen, die aus dem Milchzucker beim Kauen entsteht. Diese Milchsäure fördert, die Verdauung auf die einfachste und natürlichste Weise, ohne den Darm zu reizen. Und die Abwechslung in Deinem Speisezettel? Sei unbesorgt, liebe Haus frau! Du weißt, daß wir vor Deinem oft in schweren Notzeiten geschulten Wiffer und Können und vor Deiner Erfahrung die größte Hochachtung haben. Trotzdem: Set so gut und lies die folgenden Rezepte einmal aufmerksam durch und bewahre sie dann gut auf. Du wirst staunen, was für abwechslungsreihe, wohlschmeckende warme und falte Speisen sich mit Quarg bereiten lassen! Schon als Brotaufstrich läßt er Dir hier die Auswahl unter acht verschiedenen Zubereitungsarten. Damit ist aber Deine Kunft noch lange nicht erschöpft. Die aus Quarg hergestellten eiweißreichen Käse: Harzer, Mainzer, Thüringer Stangenkäse, Goldleisten, Bauern oder Faustkäse, 3. T. in sehr appetitlich aussehenden Backungen, haben den gleichen Nährwert und die gleichen guten Eigenschaften. Auch der sogenannte Blauschimmelkäse, der, ähnlich dem Camembert, mit einem feinen, eßbaren Schimmelrasen besiedelt ist, hat seine besonderen Liebhaber. Der eiweißreiche Käse ist typisch deutschen Ursprungs und gehört also mit Recht zu unserer bodenständigen Ernährung. Kochrezepte, bearbeitet vom Deutschen Frauenwerk, auf Seite 2-4 Bei seiner Verwendung schlägst Du, wie der Volksmund sagt, mindestens vier Fliegen mit einer Klappe: Du schonst Dein Wirtschaftsgeld, ernährst Dich und die Deinen richtig, hilfft uns Devisen sparen und die Fettversorgung sichern, alles Pflichten, die Deiner würdig sind! BROTAUFSTRICHE a) Weißer Quarg: 250 g durchgestrichener Quarg wird mit 3 Eßlöffeln Milch, oder Rahm gut vermischt und mit Salz und einer Prife Buder gut abgeschmeckt.( Belgabe von Kümmel oder geriebener 3wiebel nach Belieben.) b) Tomatenquarg: wie a) unter Hinzufügen von 2 Eßlöffeln Tomatenmart. c) Kräuterquarg: wie a) unter Hinzufügen von gehackten Küchenkräutern( Schnittlauch, Beterfilte, Dill, Borretsch oder dergleichen). d) Rettich quang: wie a) unter Hinzufügen von geriebenem Rettich oder Belag von Rettichscheiben. e) Garbellenquarg: wfe a) unter Hinzufügen von Sardellenpaste. f) Quarg mit gelben Rüben oder Karotten: wie a), Belag von geraffelten gelben Rüben. g) Fleisch quarg: wie a) unter Hinzufügen von Schinken, Wurft- oder Bratenwürfelchen. h) Gurkenquarg: wie a), Belag von frischen Gurkenscheiben, bestreut mit gehackter Petersilie. MITTAG- UND ABENDBROT Kartoffel- Quargsuppe: Butaten: 500 g Kartoffelschnigel, 1 3wiebel, 1 gelbe Rabe, 1/2 Sellerfewurzel, etwas Lauch und Peterfilie, Salz, in 1 1 Waffer zusammen weichkochen. 125 g Quarg,/ 4 1 Milch verquielen, die durchgestrichene Suppe daranrühren, abschmecken und mit Schnittlauch bestreuen. Gebackene Quargtlöße: Zutaten: 250 g Quarg, 50 g Butter, 2 Eler, Teelöffel Salz, Muskatnuß, 90 g Mehl, 1 bis 2 Handvoll Wedmehl, Backfett. Bubereitung: Quarg, gefchmolzene Butter, Eler, Gewürz, Mehl mit footel Wedmehl mifchen, bis sich die Klöße formen lassen, flachbrücken und auf betben Gelten 10 Minuten bellbraun backen. Beigabe: Gemüse oder Salat. Quargauflauf, pitant: Butaten: 500 g Quarg, 3 Eßlöffel Sauerrahm, 30 g Mebl, 4 Efer, 150 g Schinken oder 60 g geriebenen Käse. Zubereitung: Durchgestrichenen Quarg mit Rahm, Eigelb, Mehl und Salz mischen, gewürfelten Schinken oder Käse dazugeben und zulegt den steifgeschlagenen Eierschnee unterziehen. D gefetteter, mit Wedmehl ausgefreuter Form ungefähr 3/4 Stunde backen. A-75Mehls mitnehmen. Dadurch wird der offiziell nicht erhöhte Preis in Wirklichkeit doch heraufgesetzt. Die Qualität sminderung ist allgemein eine der wesentlichsten und sehr schwer fassbaren Formen der Preissteigerung. Bei etwa zwei Dritteln der Lebensmittel sind die Preise stabil geblieben, aber die Qualitäten verschlechtert. Die Preise der anderen Lebensmittel sind unter dem Titel" Luxus" umso stärker heraufgesetzt worden. Am deutlichsten lässt sich das bei Obst und Wurst feststellen. 2.Bericht: Die Qualität von Semmeln und Brötchen ist durch Beimischung von Streckungsmitteln schlechter geworden. Sehr selten oder überhaupt nicht zu erhalten sind Griess, Graupen und bis vor kurzem auch Bier. Die Versorgung mit Fett und Butter ist jetzt besonders schwierig. Pro Person werden jetzt alle 10 Tage 50 Gramm Fett ausgegeben. Die Fett- und Butterversorgung erfolgt auch nicht einheitlich. Obgleich die Kundenlisten eingeführt sind, kommt es vor, dass in den Verkaufsstellen des ehemaligen Konsumvereins die Kunden nicht so beliefert werden können, wie in anderen Geschäften. 3.Bericht: Wir hören jetzt. aus den Berliner Betrieben mehrfach, dass Propagandisten usw. entlassen würden, da ja selbst die beste Werbung ihren Sinn verliert, wenn auf die eroberten Aufträge hin wegen Warenmangels keine Belieferung der Kundschaft erfolgen kann. Uns ist bekannt, dass die Hersteller von Kathreiners Malzkaffee, der Fabrikant des bekannten Kaffeezusatzes Frank- Gries Heinrich Frank Söhne, Berlin W 57, die Firma Dr. August Oetker, Berlin und Bielefeld, Hersteller der bekannten Oetker Pudding- und Kuchenpulver, ferner einige Seifenfabriken einen grossen Teil ihrer Propagandisten entlassen und zum Teil ihre Werbeabteilungen gänzlich aufgelöst haben. Aber auch kleine Geschäftsleute haben kein Interesse mehr, neue Kundschaft zu erwerben, da sie nicht einmal ihren alten Kundenkreis zufriedenstellen können. Hier. nennen wir als Beispiel eine alte Molkerei, die im Verlaufe von 8 Wochen nach eigenen Angaben etwa loo Kunden direkt die Belieferung absagte, weil dem Betrieb wegen Futtermangels Ware nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehe. Schlächter, Kolonialwarenhändler usw. sind alle bemüht, eine Vergrösserung ihres Kundenkreises zu verhindern. Sie hätten schon genug Aerger, sagen sie und bezeichnen sich als bedauernswerte Blitzableiter für die Wut der unbefriedigten Kundschaft. Man spricht jetzt sogar von einer bevorstehenden Kartoffelknappheit, obwohl dafür keine Symptome erkennbar sind, höchstens der Mangel an Kartoffelstärke und.-Mehl. Zur Zeit kommen schon in grossen Mengen Kartoffeln neuer Ernte auf den Markt, während die alten noch vielfach in ausgezeichneter Beschaffenheit und bisher stets-als wohl einziger Artikelin jeder Menge zu haben waren. A-76Südwestdeutschland, 1.Bericht( Württemberg): Die Lebensmittelknappheit hat in den letzten Wochen keine schärferen Formen angenommen. Man gewöhnt sich allmählich daran, dass einmal dies, einmal etwas anderes nicht zu haben ist. Die Kritik richtet sich im allgemeinen mehr gegen die geringe Qualität der Waren, so neuerdings gegen das schlechter gewordene Weissgebäck. Die Hausfrauen klagen auch, dass das Mehl zum Backen ungeeignet sei. Mit allen Mitteln wird versucht, die Hausfrauen auf die Knappheit" auszurichten". Die NS- Frauenschaften haben jetzt im Rahmen einer Ausstellung 10 Tage lang Schaukochen veranstaltet, dessen Grundlage der Vierjahresplan und seine Erfüllung durch die Hausfrauen war. Das Motto war: " Gut kochen heisst heute volkswirtschaftlich kochen.. Erst die Hausfrau ist vollkommen, die sich auf die jeweilige Wirtschaftslage einstellen kann." Bei der Beurteilung der Schwierigkeiten auf dem Lebensmittelmarkt darf man natürlich auch nicht übersehen, dass die straffe Marktregelung den Nazis die Möglichkeit gibt, regulierend einzugreifen. Sie haben immer etwas, was sie auf den Markt werfen können, und sie handhaben diese Möglichkeit, auftretende Missstimmung abzuschwächen, gegenüber den Hausfrauen mit grosser Virtuosität. Interessant ist auch, dass sich immer mehr die Kehrseite der Lebensmittelverknappung und Lebensmittelverschlechterung zeigt: die Hamsterei. Wer irgend eine Beziehung zum Dorfe hat-und das sind in Württemberg noch sehr viele- versucht auf diesem Wege, oft mit hohen Preisen, sich einen Zuschuss zu den zugeteilten Butter- und Eiermengen zu verschaffen.Die Bauern kommen diesem Bedürfnis entgegen, weil sie selbst immer jede Gelegenheit ausnutzen, um die starre Zwangswirtschaft der behördlichen Marktregelung durchbrechen zu können. Wie weit diese Entwicklung bereits gediehen ist, zeigt eine Rede des Reichsstatthalters für Württemberg vor der NSFrauenschaft, in der er nach dem offiziellen Bericht" in scharfen Worten, die durch nichts zu begründende äusserst verwerfliche Hamstermanie geisselte." 2.Bericht( Baden): Mehl kann man jetzt weder in den Mühlen noch in den Lagerhäusern erhalten. Geklagt wird auch besonders von den Hühnerhaltern, dass sie kein Futter mehr bekommen. Sie erhalten in den Lagerhäusern der Bauernvereine ein " Mastfutter", den Zentner zu 14,- RM, das wie gemahlener Hundekuchen aussieht. Woraus es eigentlich besteht, kann niemand feststellen, nur die Hühner fressen es eben nicht. Reis oder Griess kann man nur erhalten, wenn man als guter Kunde bei einem Kaufmann eingeschrieben ist, der noch einen kleinen Vorrat hat. In Südbaden gab es hier zwei Wochen lang überhaupt keine Eier, seit 8 Tagen sind sie wieder in beschränktem Umfange zu haben. Butter ist da, Schweinefett nur sehr knapp. Brot ist schlecht, das Backmehl ist etwas besser geworden, Die neuen Teigwaren sehen ganz grau aus. Auch das Speiseöl wird sehr knapp. Ein Feinkostgeschäft, das bisher viel Mayonnaise A- 77hergestellt hat, kann sie nicht mehr herstellen, weil es kein Oel mehr dag bekommt. Es wird jetzt wieder viel mehr in der Schweiz gekauft. Als trotz Abwertung des Schweizer Frankens Mark= Franken gerechnet wurde, war der Einkauf in der Schweiz. zunächst stark zurückgegangen. Jetzt kauft wieder alles drüben. Teigwaren sind in der Schweiz nicht billiger als in Deutschland, aber besser. Mehl wird in grossen Mengen geholt und geschmuggelt. Zucker ist immer noch viel billiger, Seife viel besser, natürlich auch Schokolade und Kakao. Man steht zeitweise wieder bei der Abfertigung an der Grenze Schlange, und zwar hinüber und herüber. Bayern, 1.Bericht( München): Die Verknapp ung der Butter, die im Vormonat eingesetzt hatte und zum Teil jahreszeitlich bedingt war, hat sich im Berichtsmonat verschärft. Butter wird jetzt nur achtelpfundweise abgegeben und nur auf Kundenlisten. Auch Schweinefett ist sehr knapp und in guter Qualität selten zu haben. Weizengriess ist kaum aufzutreiben, so dass die Frauen auf das Land hinaus fahren, um dort bei den Krämern die Vorräte aufzukaufen. In den Geschäften wird jetzt Weizenmehl verkauft mit der Bezeichnung" Hergestellt aus Auslandsweizen"; das Pfund ist am 3 Pfg. teurer als Inlandsmehl. Die Eierhamsterei hat solche Formen angenommen, dass der Elerwirtschaftsverband Bayern in einer der letzten Verordnungen jeglichen direkten Verkauf der eiererzeugenden Betriebe an die Verbraucher, die nicht im Orte selbst ansässig sind, verboten hat. Hunderte von Autobesitzern sind vordem aufs Land gefahren, von Dorf zu Dorf und haben alle nur erreichbaren Eier zu Ueberpreisen aufgekauft. Von einem Beamten des Marktantes haben wir erfahren, dass die Marktüberwachungsstelle an der Peripherie Münchens Strassenkontrollen durchgeführt hat und an einem einzigen Tage bei 23 Personen die mitgeführten Eier beschlagnahmt hat, weil sie ohne Händlerlegitimation grössere Mengen Eier aufgekauft hatten. Frischgemüse ist sehr teuer und für Arbeiterhaushalte unerschwinglich. Italienische Frühkartoffeln, Kohlrabi, Blumenkohl usw. sind um 30 bis 40% teurer als im Vorjahre. Das meistgekaufte, mit Sesam und Rüböl vermischte Salatöl fehlt vollständig. Dagegen kann man reines Olivenöl in Dosen, für die Arbeiter unerschwinglich, in jeder feineren Delikatessenhandlung kaufen, soviel man will. Gerade jetzt, zur beginnenden Salatzeit, ist dieser Mangel besonders empfindlich, da Butter und Speck zum Anrichten von Salat auch nicht immer zu haben sind. Die Hausfrauen schimpfen er bärmlich über diese Zustände. So eine Wirtschaft habe es doch früher in der schlechtesten Zeit nicht gegeben. 2. Bericht: Die Lebensmittelknappheit hält an. Aber sie wird im Ausland stark überschätzt. Fehlt irgend etwas, so gibt es doch genügend andere Sachen, die man kaufen kann und A-78die einen satt machen. Wir sind noch lange nicht bei 1917 angelangt, und nach meiner Ansicht würde das deutsche Volk unter dem heutigen Terror jetzt noch mehr Knappheit ertragen als 1917. Buttermangel: er berührt doch den Arbeiter gar nicht. Wir essen schon seit 1930 Margarine. Dass diese so gemein teuer geworden ist, berührt uns viel mehr als die Butterknappheit. Ueberdies ist die Qualität der Margarine schlechter geworden. Manchmal fehlt Schweinefleisch oder Eier oder sonst etwas. Ich stehe dem Hitlersystem völlig ablehnend gegenüber, muss aber doch zugeben, dass erst dann ein Wettrennen nach einem Artikel einsetzt, wenn das Gerücht geht, dass er fehlt. Gibt es mal kein Schweinefleisch, dann isst man eben Rindfleisch. Leute, die mehr als 8 oder 14 Tage lang kein Schweinefleisch gegessen haben, weil es nicht zu haben war, meinen nun, sie müssten unbedingt welches haben. Der Bedarf nach einem fehlenden Artikel wird auf diese Weise übersteigert und es entsteht ein fal sches Bild. 3.Bericht( bayerisch- österreichische Grenze): Der Lebensmittelschmuggel von Oesterreich nach Deutschland nimmt zu. Besonders bei Butter und Geflügel. Erst kürzlich wurden Mitropa- Kellner beim Schmuggel von Geflügel erwischt. Immer mehr bürgert sich ein, dass man an Sonntagen zum Essen mit Grenzschein nach Oesterreich hinüber geht. Sachsen, 1.Bericht: Ein Mangel an Lebensmitteln besteht, er ist jedoch keineswegs so katastrophal, wie es in den ausländischen Zeitungen dargestellt wird. Wenn irgend einmal ein Artikel knapp wird, schafft man sofort etwas anderes heran. Die Bevölkerung ist über den ab und zu auftretenden Mangel bestimmter Artikel gar nicht so empört, die Frauen sagen sogar sehr oft, dass das ja alles gar nicht so schlimm sei, das könne schon vorkommen usw. Die Kontrolle der Preise wird sehr streng durchgeführt. Ueberschreitungen der festgesetzten Preise werden streng bestraft, unter Umständen mit Schliessung des Geschäfts. 2. Bericht: Der Mangel an Fleisch, Fett, Butter usw. ist immer noch sehr fühlbar. Hülsenfürchte sind ebenfalls schwer zu bekommen und fortwährend knapp. Das Brot ist schwarz, schmierig und fast ungeniessbar. Der Bevölkerung werden weiter Kohl und Fische zum Kauf angepriesen. Dabei fehlt es zum Kochen von Kohl an Fett und auch die Fischwaren sind nicht mehr 80 gut wie früher. 3.Bericht: Ein ausgesprochener Lebensmittelmangel herrscht nicht, doch kann man nicht immer alles kaufen, was man gerade wünscht. Einmal gibt es keine Eier( das Stück kostet 12 bis 14 Pfg., je nach der Grösse), dann kein Tafelöl, dann fehlt es an Speck, dann gibts wieder kein Palmin. Wer Beziehungen hat, bekommt alles. Die Geschäftsleute reservieren die seltenen Waren für ihre alte Stammkundschaft und bieten sie ihnen A- 79auch ohne Nachfrage an, wenn wieder eine neue Lieferung hereingekommen ist. Die Abgabe von Butter auf Kundenlisten wird in Dresden ganz verschieden gehandhabt. Manchmal ist reichlich Butter vorhanden, so dass jeder genügend bekommen kann und manche Leute aus finanziellen Gründen nicht einmal das ganze Quantum abnehmen können. Dann gibt es wieder Wochen, wo sie 1 bis 2 Tage lang knapp ist. Die Qualität ist bedeutend schlechter als früher. 4.Bericht: Es gibt nur noch dunkles Brot, dem die verschiedensten Zusatzstoffe beigemischt werden, so z.B. Kartoffelmehl, Bohnenmel u.a. Den Bäckern ist es nur noch an einigen Tage der Woche, meist nur an zweien, erlaubt, feines weisses Gebäck herzustellen, das aber nur so heisst, in Wirklichkeit auch recht dunkel aussieht. Die Vorräte an Futter- Getreide, besonders Mais, sind bei den meisten Grosshändlern sehr klein, mitunter überhaupt aufgebraucht. Als Futtermittel werden bereits minderwertige Mischfutter benützt, z. B. als Hühnerfutter, so dass die Tiere an Wert und Leistung sehr. zurückgehen. Der Mangel an Fleisch ist schon chronisch geworden. Speck und bestimmte Wurstsorten zu erhalten, ist selten möglich, und dann nur in kleinen Mengen. Das mag zum Teil daran liegen, dass in der Bevölkerung Panikstimmung herrscht, dass man fürchtet, viele Menschen würden diese Nahrungsmittel hamstern, wenn sie unbeschränkt zu haben wären. Aber auch diese Panikstimmung selbst ist für das Gefühl der Unsicherheit, das in der Bevölkerung herrscht, kennzeichnend. Butter ist gleichfalls knapp, wenigstens für die minderbemittelte Masse, die nicht wie die wohlhabenden Schichten und die hochgekommenen Staats- und Parteibonzen hohe Ueberpreise zahlen können. 5.Bericht: Im sächsischen Grenzgebiet ist seit einigen Wochen selten Butter oder Margarine zu haben, selbst auf Verbilligungsschein ist die Abgabe von Margarine ungenügend. Die Hausfrauen klagen, dass auch Zwiebeln fehlen. Von Fett, Speck und dergleichen gibt es nur 50 Gramm pro Kopf und Woche. Dagegen ist in der brandenburgischen Lausitz wieder Butter in genügenden Mengen vorhanden. Die Preise ziehen immer weiter an, und die Arbeiter können bei ihren ohnehin reduzierten Löhnen und durch Kurzarbeit in der Textilindustrie weder Butter noch Fleisch kaufen. Schlesient 1. Bericht. In Schlesien ist jetzt die Rationie. rung der Fettversorgung strikt durchgeführt. Fett, Butter und Speck sind nur noch auf Marken bei dem Händler zu erhalten, bei dem man eingetragen ist. Ueber das vorgeschriebene Quantum hinaus ist nichts zu bekommen. Häufig können allerdings Arbeiter das ihnen zustehende geringe Quantum nicht kaufen, weil sie nicht einmal dazu genügend Geld haben. Fleischer und A-80Händler verkaufen solche übrig gebliebenen Waren zu erhöhten Preisen an zahlungsfähige Kunden. 2.Bericht: Die allgemeine Versorgung ist besser geworden, in Görlitz bekommt man jetzt pro Kopf und Woche 150 Gramm Butter. Die meisten Arbeiter können sich die teure Butter nicht mehr kaufen, so dass die besser bemittelten Kreise mehr als ihre Ration kaufen und bekommen. Sehr starke Nachfrage ist nach Salatölen, die fast nicht mehr zu haben sind. Es werden verschiedene" Ersatzöle" angeboten, die aber kaum oder gar nicht geniessbar, aber noch teurer sind als früher die besten Olivenöle. 3.Bericht( Oberschlesien): Die Fettkarte, die zum Bezug von 1/4 Pfund Fett oder Speck pro Kopf der Familie berechtigt, ist zwar ausgegeben, aber vielfach reichen die den Fleischern zur Verfügung gestellten Mengen zur Belieferung der Kunden nicht aus. In Einzelfällen sind die Fleischer ihrer Kundschaft gegenüber mit der Belieferung von Fett mit einer Woche im Rückstand. In Ratibor ist der Preis für gute Molkereibutter von 1,56 RM auf 1,32 RM gefallen; der Preis der Eier von 11 auf 9 Pfg. Gute Butter ist aber kaum zu haben. Rheinland- Westfalen: Die Margarine wird immer schlechter. Zudem ist kaum Oel zu haben. In letzter Zeit hat man auf den Landstrassen wiederholt Autokontrollen durch Gendarmerie durchgeführt, um dem Schleichhandel mit Eiern, Schinken und anderen Lebensmitteln auf die Spur zu kommen. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: Die Qualität der in den letzten Wochen zum Verkauf gelangten Butter und Margarine ist skandalös. Die Ware hat in fast allen Fällen einen ranzigen Geschmack und eignet sich daher kaum zum Brotaufstrich. Selbst beim Backen und Braten verliert sie diesen Geschmack nicht. In Rothenburgsort erkrankten Leute nach dem Genuss von Klöben, die von einer Gross- Bäckerei in Rothenburgsort geliefert waren. Die grosse Zahl der Erkrankten zwang die Behörde, durch Radio bekannt zu geben, dass das zu den Klöben verwandte Fett nicht einwandfrei gewesen sei. Eier gab es ausreichend, jetzt ist es aber sehr knapp damit. Sie werden vielfach unter der Hand gekauft. Ende Mai waren in Hamburg Butter, Margarine und Obst wieder sehr knapp. Die Erwerbslosen bekommen im Monat 1 Pfund Margarine zugeteilt. Man muss aber Glück haben, wenn man die billige Sorte bekommen will. Hintenherum kann man auch manchmal ein halbes Pfund von der teueren erhalten. Butter und Margarine sind auch in der Umgebung knapp; Spargel ist selten. Die Gemüsehändler sagen, dass er nach Berlin geht, damit die Fremden den Mangel nicht merken. 2.Bericht. In Hannover ist die Fettknappheit, nicht so gross. Dagegen ist ausländisches Obst fast gar nicht zu haben. Deutsches Obst und Gemüse sind für den Arbeiter sehr teuer. A-81III. Der Terror gegen die illegale Opposition ============ ( Im Gegensatz zu den früheren Uebersichten über den Terror in Deutschland-zuletzt im Heft 12/1936, Seite A 61 bis 137- umfasst der nachstehende Abschnitt infolge Platzmangels nur den Terror gegen die illegale Bewegung. Das Berichtsmaterial über den Terror gegen die Juden und den allgemeinen Terror werden wir in einem der nächsten Hefte zusammenstellen.) Das Regime sucht noch immer im Ausland-vor allem bei den westlichen Demokratien- den Eindruck zu wecken, als ob es sich bei der Vergewaltigung aller politisch Andersdenkenden um einen Kampf gegen den Bolschewismus handele, den es im Interesse der ganzen Welt führe. Dieser Propagandalüge bediente sich auch der Präsident des Volksgerichtshofes, Dr. Thierack in einem Vortrag, den er im Januar im Hotel Kaiserhof vor der" Gesellschaft der Berliner Freunde der Deutschen Akademie" über die Aufgaben des Volksgerichtshofes hielt. Er sagte( 1t. Bericht der" Deutschen Allgemeinen Zeitung") u.a.: " Selten würde ein Prozess vor diesem Gericht verhandelt, bei dem der Angeklagte von sich aus gefehlt habe. In den meisten Fällen führten die Fäden zu anderen Völkern, wo der unsichtbare Gegner des deutschen Volkes die treibende Kraft sei. So wie bei den Sabotage akten in der englischen Marine, bei dem Mord im Bois de Boulogne, und bei den Bombenattentaten gegen Regierungsgebäude in Portugal zeige sich auch bei den Vergehen, die vor dem Volksgerichtshof zur Aburteilung kommen, stets die grinsende Fratze des Bolschewismus.. Um den Kampf erfolgreich zu bestehen, sei es notwendig, dass alle Nachbarn Deutschlands die Gefahr erkennen.." Mit Recht stellt demgegenüber die grosse Presse des demokratischen Auslandes immer wieder fest, wie wenig der politische Justizterror des Dritten Reiches mit weltanschaulichen Kämpfen gegen den Bolschewismus zu tun hat, wie sehr es sich um einen reinen Machtkampf zur Selbsterhaltung des Regimes handelt. Es ist allgemein bekannt, dass Regimegegner aller Schattierungen vor dem Volksgerichtshof zu harten Strafen verurteilt werden. Katholiken genau so wie Kommunisten, nationalistische Oppositio A-82nelle genau so wie Sozialdemokraten und Demokraten. Wir haben schon wiederholt die Praxis der Diktatur enthüllt, die Verfolgung der illegalen Opposition in Dunkel zu hüllen und möglichst wenig Aufsehen dabei zu erregen. Diese Praxis wird fortgesetzt. Der deutsche Polizei- und Justiz- Apparat arbeitet immer geräuschloser. In den letzten Monaten sind in vielen Landesteilen Massenverhaftungen erfolgt, sind hunderte von ehemaligen Funktionären und Mitgliedern der Arbeiterparteien in Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt worden, ohne dass die Zeitungen darüber etwas berichtet hätten. Auch von den Urteilen gegen die Gegner der Diktatur wird nur ein Bruchteil veröffentlicht. Binige Berichterstatter äussern sich über diese Praxis: Berlin: Der Terror der Gestapo hält unvermindert an, er tritt aber nicht mehr so deutlich nach aussen in Erscheinung wie früher. Die Gestapo bemüht sich, möglichst wenig Aufsehen zu erregen, teils um die Stimmung nicht zu verschärfen, mehr aber, weil überhaupt die geräuschlose Arbeit heute ihr Prinzip ist. Es lässt sich immer wieder feststellen, dass sie oft Monate und Monate beobachtet, ehe sie zugreift. Man weiss von der Allgegenwart der Geheimpolizei, man hört von dieser oder jener Verhaftung, ohne dass es möglich wäre, genauere Einzelheiten zu erfahren. Baden, 1.Bericht: Die Zeitungen veröffentlichen in ganz Baden kein einziges Urteil des Sondergerichts mehr. Trotzdem zum Beispiel das Mannheimer Sondergericht vom 8. bis 16. Februar jeden Tag verhandelte, erfuhr man in den Zeitungen gar nichts darüber. Wer überhaupt noch etwas erfahren will, muss als ständiger Beobachter in die Sitzungen gehen. pas fällt aber in kurzer Zeit auf. Abgesehen davon, finden die meisten Verhandlungen unter Ausschluss der Oeffentlichkeit statt, und selbst wer im Gericht anwesend ist, kann nur nach dem Urteil vermuten, um was es sich überhaupt gehandelt hat. 2. Bericht: Es mehren sich in Qberbaden die Verhaftungen und Verurteilungen. Es geschieht aber auffallend selten, dass eine erfolgte Verurteilung in die Zeitung kommt. Auch die Verhaftungen werden nicht mehr veröffentlicht, höchstens findet man hie und da in einem Polizei- oder Gendarmeriebericht eine kurze Andeutung. So wurden in den letzten drei Wochen in einem grossen Industrieort Oberbadens mehrere Personen verhaftet und verurteilt, ohne dass auch nur eine Zeile über die Sache in der Zeitung gestanden hätte. A-83Die Verschärfung des Terrors findet vor allem ihren erschrokkenden Ausdruck in der Zunahme der Todesurteile wegen Hochverrats. Auf Grund des Gesetzes zur Aenderung von Vorschriften des Strafrechts und des Strafverfahrens vom 24. April 1934 kann u. a. zum Tode verurteilt werden, wer zur Vorbereitung des Hochverrats" einen organisatorischen. Zusammenhalt herzustellen oder aufrechtzuerhalten" sucht, wer die Massen" durch Herstellung oder Verbreitung von Schriften, Schallplatten oder bildlichen Darstellungen oder durch Verwendung von Einrichtungen der Funkentelegraphie oder Funken telephonie" in hochverräterischem Sinne zu beeinflussen sucht, wer es unternimmt, ho chverräterische" Schriften, Schallplatten oder bildliche Darstellungen zum Zwecke der Verbreitung im Inland aus dem Ausland einzuführen". Diese Bestimmungen sind so dehnbar, dass praktisch jede Propaganda gegen das herrschende Regime, jeder Zusammenschluss von Gegnern der Diktatur mit dem Tode bestraft werden kann. Bis Ende 1936 sind auf Grund dieses Gesetzes nur zwei Todesurteile ergangen: im August 1935 gegen den Bezirksinstrukteur der Roten Hilfe, Claus,( vollstreckt am 17. Dezember 1935) im gleichen Monat gegen den früheren kommunistischen Reichstagsabgeordneten Kayser( umgewandelt in lebenslängliches Zuchthaus). Bei dem Todesurteil gegen Claus hielt es der Volksgerichtshof noch für nötig, sich auf die politischen Vorstrafen des Angeklagten, vor allem auf seine Verurteilung wegen führender Beteiligung am mitteldeutschen Aufstand 1921 zu berufen. Seit einigen Monaten ist auch diese Schranke gefallen. In den letzten fünf Monaten sind sechs Todesurteile wegen Vorbereitung zum Hochverrat ( nicht gerechnet die weit grössere Zahl von Todesurteilen wegen Landesverrats) ergangen und zum Teil vollstreckt worden und ausserdem ein Urteil über lebenslängliches Zuchthaus. Am 15. Februar wurde der Kommunist Johann Eggert hingerichtet. Er ist" wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens"-weil er sich" bis zu seiner Verhaftung für die Komintern betätigt habe"- zum Tode verurteilt worden. Am 25. Mai wurde wegen" Vorbereitung eines ho chverräterischen Unternehmens" der 29 Jahre alte Otto Kropp aus Köln hingerichtet. In der offiziellen Bekanntgabe des Deutschen Nachrichtendienstes heisst es: " Der Verurteilte hatte als hoher kommunistischer Funktionär und in ständiger Verbindung mit ausländischen Stellen der Komintern in verschiedenen Städten Westdeutschlands versucht, eine illegale Organisation ins Leben zu rufen. Seine Betätigung erstreckte sich noch bis zum März 1936." Am 15. Mai wurde der frühere preussische Landtagsabgeordnete der KPD, Walter Kassner, vom Volksgerichtshof wegen" hochverräterischer Tätigkeit für die Ziele der verbotenen und aufgelösten KPD" zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Am 4. Juni wurde in Berlin der 21- jährige amerikanische Staatsbürger Helmut Hirsch hingerichtet. Das Urteil lautete auf" Hochverrat und Vorbereitung eines Sprengstoffvergehens". Am 8. Juni wurde der ehemalige kommunistische Redakteur Adolf Rembte und der frühere kommunistische Bezirksleiter in Bremen Robert Stamm zum Tode, sowie der frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Max Maddalena zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. 1) Urteile gegen Sozialdemokraten Im August 1936( Hert 8/1936, Seite A 37 f.) haben wir über den Prozess gegen den Freundeskreis der Emigranten Lampersberger berichtet. Josef Lampersberger war im April 1935 aus der Tschechoslovakei nach Deutschland verschleppt und nach mehreren Monaten auf Grund tschechoslovakischer Intervention jedoch freigelassen worden. Sein Münchner Freundeskreis wurde verhaftet und zunächst fünfviertel Jahre lang in Untersuchungshaft gehalten. Ende Juli 1936 wurde die erste Gruppe von 31 Angeklagten in München vor Gericht gestellt. Es wurden Zuchthausstrafen und Gefängnisstrafen bis zu 3 Jahren verhängt. Das Verfahren gegen den Hauptangeklagten Faltner, München, und gegen zwei weitere Angeklagte wurde damals abgetrennt. Erst nach abermals 9 Monaten, also nach mehr als zweijähriger Untersuchungshaft wurde gegen diese Gruppe vor dem Berliner Volksgerichtshof verhandelt. Wir erhalten darüber folgenden Bericht: Bayern: Der aus dem Falle Lampersberger bekannte Hauptbeschuldigte Josef Faltner und seine Gruppe ist Ende April vor dem Berliner Volksgericht abgeurteilt worden. Zu der Verhandlung wurden aus München 30 Zeugen gebracht, die 14 Tage in einem Viehwagen auf dem Transport waren. Die meisten von A- 85ihnen kamen aus dem Konzentrationslager Dachau. Faltner, der sich während seiner ganzen Haft und auch im Prozess der ersten Gruppe sehr vorbildlich benommen hatte, wurde zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Staatsanwalt hatte Todesstrafe beantragt. Der Mitangeklagte Faltners, Josef Feuerer, wurde zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt, ein anderer Angeklagter, Alois Weber, verstarb auf dem Transport nach Berlin in Halle/ Saale an Herzschlag. Er konnte die Strapazen der langen Fahrt nicht aushalten. Die Behandlung durch die Aufsichtsorgane war sehr brutal. Die Frau des Franz Faltner befindet sich noch im Frauenkonzentrationslager Moringen. Seine beiden Kinder sind in Fürsorge erziehung. Südwestdeutschland: In Karlsruhe wurden Mitte März 1937 drei Sozialdemokraten vor dem Zweiten Senat des Volksgerichtshofes wegen" eines ho chverräterischen Unternehmens" zu zehn, acht und fünf Jahren Zuchthaus und Ehrverlust verurteilt. In einem Prozess gegen 17 Kommunisten und Sozialdemokraten vor dem Landgericht Stuttgart, bei dem insgesamt 28 Jahre Zuchthaus und 8 Jahre Gefängnis verhängt wurden, erhielt der Sozialdemokrat Eugen Wick, früherer Unterbezirksleiter der Sozialistischen Arbeiter- Jugend, 1 Jahr 3 Monate Gefängnis, sein Bruder Emil 9 Monate Gefängnis, ein weiteres früheres Mitglied der Sozialistischen Arbeiter- Jugend, Erwin Ackermann, ebenfalls 9 Monate. Die Genossen hatten Verbindung mit einer kommunistischen Gruppe aufgenommen. Sie waren seit Ende 1934 in Untersuchungshaft. Wasserkante: In Hamburg wurden folgende Sozialdemokraten aus Nord- Barmbeck verurteilt: Hansen zu 4 Jahren, Oettinger zu 3 Jahren, Schumann zu 2 Jahren und 9 Monaten, Wiese zu 2 Jahren, Lübsted zu 2 Jahren Zuchthaus, Spangenberg erhielt 1 1/2 Jahr Gefängnis. Vor dem Hanseatischen Sondergericht wurde der Sozialdemokrat Johann Schröder wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren 6 Monaten und zu drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Berlin: Der Volksgerichtshof verurteilte die Berliner Sozialdemokraten Alfred Nowak zu 5 Jahren Zuchthaus und Bauernschäffer zu 4 Jahren Zuchthaus. Mitteldeutschland: Im Februar und März dieses Jahres fand, ein Massenprozess gegen eine Reihe früherer sozialdemokratischer Funktionäre statt, von denen bereits im Herbst vorigen Jahres 150 in Halle verhaftet worden waren. Unter den damals Verhafteten befanden sich der frühere Volksblattredakteur Wielepp, ein Mann von nahezu 70 Jahren, sein Kollege Kasparek, gleichfalls über 60 Jahre alt und der frühere Leiter der Sozialdemokratischen Studentengruppe Wolf. Der fünfte Senat A- 86des Kammergerichts, der in Halle zusammengetreten war, verurteilte alle führenden Angeklagten zu Zuchthausstrafen von durchschnittlich drei Jahren wegen angeblicher illegaler Fortführung der Sozialdemokratischen Partei. Schlesien: In Breslau wurden 21 Sozialdemokraten, SAP- Leute und Kommunisten abgeurteilt. Es erhielten die Sozialdemokraten: Herbert Klose Hollmann Scharfenberger Willi Falkner Gerhard Wesser Paul Wiesner Gerhard Müller Braunert Walter Braus 3 Jahre Zuchthaus 2 1/2 Jahre Gefängnis 2 1/2 Jahre Gefängnis 1 3/4 Jahre Gefängnis 1 3/4 Jahre Gefängnis 1 Jahr 8 Monate Gefängnis 1 1/2 Jahre Gefängnis 1 1/2 Jahre Gefängnis 6 Monate Gefängnis. 2) Spitzel- und Vernehmungsmethoden a) Ueberwachung im täglichen Leben Rheinland- Westfalen: Die Polizei hat allen ehemaligen Schutzhäftlingen und politisch Vorbestraften verboten, politische oder kritische Gespräche zu führen oder etwas über ihre Erlebnisse im Gefängnis oder im Konzentrationslager zu erzählen. Sobald nur das Geringste bekannt würde, erfolge sofort aufs Neue die Verhaftung, und zwar auf unbestimmte Zeit. Weil viele Leute die ausländischen Sender abhören, hat man einen sogenannten Horchdienst eingerichtet. Zu den Zeiten, wo Strassburg und Luxemburg senden, werden die Wohnungen stichprobenartig kontrolliert. Es wird besonders darauf geachtet, ob fremde Personen sich in den Wohnungen aufhalten. Ausserdem werden die beiden Sender durch besondere Wellen gestört. Kleine Apparate sind dann nicht zu benutzen. Berlin, 1.Bericht: Nach wie vor wendet die Gestapo die Methode an, verhaftete Arbeiter oder Angestellte unter Aufsicht wieder in ihren Betrieb zurückkehren zu lassen und sie unauffällig durch den Betrieb zu schicken. Dabei wird beobachtet, wer den Verhafteten begrüsst oder anspricht. In der Regel führt aber diese Methode heute zu keinem Erfolg mehr, weil sie schon zu bekannt geworden ist und die Leute sich infolgedessen vorsehen. Die Ueberwachung ist jetzt so gut durchorganisiert, dass sich Mitglieder der illegalen Bewegung praktisch nicht mehr in Privatwohnungen treffen können. Jeder Treppenaufgang hat heute seinen Aufpasser. Ein solcher" Aufgangswalter", wie man ihn nennen könnte, sammelt die Winterhilfsspenden ein, läuft mit allen möglichen Formularen herum, erkundigt sich A- 87nach allen Familienangelegenheiten und sucht alles und jedes in Erfahrung zu bringen. Er soll sich mit den Hausfrauen über die Preise und über die Lebensmittelknappheit unterhalten, er dringt in die Wohnung ein, er soll feststellen, welche Zeitung die einzelne Familie hält, wie ihre Lebenshaltung ist usw. Sogar alte Pgs. haben sich schon bis zur Gauleitung mit Protesten über diese Pott- Kiekerei gewendet. Praktisch wird jeder Mieter mindestens einmal in der Woche von einem solchen Blockwalter aufgesucht und von ihm ausgefragt. Diese Blockwalter haben dann laufend Berichte über ihre Ermittlungen an ihre zuständige Parteistelle abzuliefern. i 2.Bericht: Aus einem östlichen Bezirk Berlins wird folgender Stimmungsbericht gegeben: In diesem Arbeiterbezirk gibt es immer noch wie in den Anfängen des Regimes häufige Razzien, weil irgendwo gemeckert oder gar ein Flugblatt verteilt worden sein soll. In 99 von loo Fällen handelt es sich dabei um reine Provokationen. Die Gefahr geht dabei von den Blockwarten aus, die nicht nur als Aufpasser, sondern oft genug auch als Provokateure wirken. Die meisten Blockwarte erhalten eine Entschädigung für gutes Aufpassen. Ausserdem wird aber jeder Blockwart auch wieder kontrolliert, so dass er in ständiger Angst lebt, durch seinen Kontrolleur angeschwärzt zu werden. Der Blockwart muss nicht nur melden, was er von selbst beobachtet und bemerkt, er wird ausserdem dauernd, manchmal täglich, um Feststellungen in irgend einer Sache gebeten. Bringt er keine Meldungen, so ist er bald schlecht angeschrieben. Das hat aber nicht zur Folge, dass er sein Amt los wird das möchten in diesem Bezirk die meisten- sondern er wird erst einmal" geschult", dann wird ihm bessere Belohnung in Aussicht gestellt, und wenn er dann immer noch nichts besonderes feststellt, wird er. schliesslich verwarnt. So kommt es, dass die Blockwarte zuletzt eben einfach Sachen erfinden, nur um auch mal etwas beobachtet zu haben. Jeder Blockwart versucht, von seinem Amt so bald wie möglich wieder loszukommen, was aber gar nicht einfach ist. Das beste Mittel ist Wohnungswechsel oder Amtsübernahme bei der Arbeitsfront, der SA oder dem Luftschutz. Im vergangenen Jahre konnte man vom Amt des Blockwarts noch freikommen, wenn man bei der NSV mitarbeitete. Das gilt jetzt nicht mehr als Entschuldigung, weil ein ausgesprochener Mangel an Blockwarten herrscht. Sehr häufig werden die Blockwarte durch anonyme Briefe an der Nase herumgeführt. Das hat schon dazu geführt, dass ganze Häuserblocks Fingerabdrücke liefern mussten. Im Mai wurden mehrfach Razzien in den Parkanlagen gemacht und " Verdächtige" mitgenommen. Um bei solcher Gelegenheit festgenommen zu werden, genügt es, dass irgendjemand behauptet, er habe gehört, dass man auf der Bank im Park" gemeckert" habe. A-88Sachsen, 1. Bericht: In X. trat bei einem früheren Gewerkschaftsangestellten ein Mann auf, der offensichtlich einen Decknamen benützte und erklärte, er stehe mit den Emigranten in der Tschechoslovakei in Verbindung. Wenn die ihrer Idee Treuge bliebenen in X. die Verbindung mit jenen aufnehmen wollten, sei er bereit, zu vermitteln. Zu seiner Legitimation wies er sich mit ordnungsgemässem Pass aus, der alle Angaben eines sozialdemokratischen Redakteurs enthielt. 2.Bericht: Die Gestapo beobachtet zur Zeit in Dresden insbesondere die früheren Funktionäre von Partei, Gewerkschaften und Reichsbanner. Andere Genossen lässt man einigermassen in Ruhe. Leute, die wegen politischer Vergehen bestraft worden sind, erhalten von der Polizeibehörde in Dresden keine Zulassung für schwere Kraftfahrzeuge. Andere, welche umzogen, erhielten nach wenigen Tagen in den neuen Wohnungen den Besuch eines Polizeibeamten, ihres neuen Reviers, der angab, er wolle nur einmal vorsprechen, weil die Meldung vom Umzug ergangen sei, und da müsse er sich den Betreffenden einmal ansehen, weil..." na, Sie wissen ja, wegen der Strafe". 3. Bericht: Im Grenzgebiet kann man beobachten, dass sich Einheimische zum niedrigen Handwerk der Spitzelei nicht mehr hergeben, heute sind es vielmehr Bettelleute aus Böhmen, die in Arbeiterkreise einzudringen versuchen, um die Leute auszuhorchen. Im Gegensatz zu anderen Grenzorten, wo dem Bettelunwesen energisch zu Leibe gegangen wird, halten sich im Bezirk T. Bettler auf, die mit Mitgliedskarten der Sudetendeutschen Partei versehen sind und geradezu gehegt werden. Die Bevölkerung hat diese Gefahr sehr schnell erkannt und behandelt diese" böhmischen Bettler" entsprechend. Auch die von Sachsen besuchten Grenzlokale in der Tschechoslovakei erfreuen sich des Besuches dieser Bettler. Auf Grund einer Denunziation aus böhmischer Quelle wurde ein Arbeiter plötzlich entlassen, weil, wie der Arbeitgeber betonte, die Meldung eingegangen sei, dass er sich in Böhmen an einer sozialistischen Kundgebung beteiligt habe. Schlesien: Wie uns aus Polizeikreisen in X. berichtet wird, hat die Breslauer Leitung der Gestapo Anweisungen gegeben, in der Bevölkerung, insbesondere in der Arbeiterschaft, Ermittlungen darüber anzustellen, wie die Ereignisse in Spanien beurteilt werden. Die Materialsammlung soll mit Beschleunigung durchgeführt werden; die Schutzpolizei ist beauftragt worden, der Gestapo hierbei behilflich zu sein. Das ganze Waldenburger Revier wimmelt von Gestapoagenten, die sich häufig als Hausierer bei den Familien einschleichen, politische Gespräche provozieren und dann Anzeigen erstatten. A-89b) Bespitzelung des Briefverkehrs Rheinland- Westfalen: Im Westen fand vor einiger Zeit eine Konferenz der leitenden Postbeamten statt; die Versammlung stand unter der Leitung von Gestapo- Beamten und hatte den Zweck, Fragen der Briefkontrolle zu behandeln. Von Zeit zu Zeit sollen Briefe gewisser Leute kontrolliert und photographiert werden. Das soll besonders für die Auslands post gelten. Man müsse diese Kontrolle dauernd ausüben. Man habe Briefe oft 6 bis 8 mal photographiert, in einem Falle sogar 18 mal, um so einen Staatsfeind zu fassen. Es handele sich in den meisten Fällen um verstockte Fanatiker, die man schwer greifen könne. Bayern: Wir konnten in einem Falle feststellen, dass Briefe aus dem Ausland an Genossen im Reiche unauffällig geöffnet, geprüft und dann ordentlich weitergeleitet werden. Ein Genosse erhielt einen reinen Privatbrief aus dem Ausland. Er war ordentlich verschlossen, enthielt aber einen Zettel: " Gegen Weiterleitung bestehen keine Bedenken". Er ging damit zur Post und meldete mit Vorzeigung des Briefes und des Umschlages, dass der Brief geöffnet gewesen sein muss. Der Beamte beruhigte ihn damit, dass es sich wohl nur um die deutsche Devisenkontrolle handele. Sachsen: Wie in allen grösseren Städten, besteht auch in X. bei der Post eine Devisenüberwachungsstelle. Alle vom Ausland eingehende Post wird meistens schon von der Bahn aus gesondert eingeliefert und kommt nach dem Hauptpostamt. Hier arbeiten ein Dutzend Beamte in drei Schichten zu je vier Mann nach bestimmten Richtlinien. Die Zusammensetzung der Beamten ist so getroffen, dass jeder Schicht ein zuverlässiger alter Pg. und mindestens ein Mann zugeteilt ist, der bereits polizeiliche Funktionen ausgeübt hat. An Hand von Listen werden alle Empfängeradressen durchgesehen und Briefe, die auf den Listen verzeichneten Adressaten zugehen, besonders abgelegt. Auch alle übrigen Briefe werden durchgeprüft und die verdächtig erscheinenden mit modernen Apparaten auf ihren Inhalt geprüft, ohne jedoch in allen Fällen geöffnet zu werden. Die besonders abgelegten Briefe werden dann geöffnet und durchgelesen. Nach Kenntnisnahme ihres Inhaltes-es handelt sich natürlich nicht nur um Durchsuchung nach Devisen- werden diese Briefe, wenn sie verdächtig sind, photographiert und dann mit dem bekannten Verschluss:" Zwecks Devisenüberwachung geöffnet" dem Empfänger zugestellt. Für die Briefe im Inland gilt das Postgeheimnis ebenfalls nicht mehr. Alle Briefe, die dem überwachenden Beamten verdächtig erscheinen, werden geöffnet. A-90c) Verschärfung der Grenzkontrolle Bayern: Die älteren Grenzbeamten waren nach dem Umsturz anfänglich tief beunruhigt, dass die ihnen zur Einschulung beigegebenen SS- Leute sie von ihrem Posten verdrängen würden. Heute haben sie sich wieder beruhigt, da die Neueinstellungen keinen Abbau der alten Beamten zur Folge hatte, sondern der Verstärkung der Grenzaufsicht diente. In Georgenberg waren früher 4 Zollbeamte stationiert, jetzt sind es 17. Pfalz: In der Grenzbewachung sind weitere Verschärfungen eingetreten. Vielen Grenzgängern wurden die Grenzkarten entzogen, abgelaufene wurden nicht mehr verlängert. Pässe wurden eingezogen mit dem Bemerken, wer ins Ausland müsse, könne nach entsprechender Prüfung des Falles seinen Pass vorübergehend bekommen, müsse ihn aber nach der Rückkehr wieder abliefern. Sachsen, 1. Bericht: Dresdner Freunde melden, dass die Gestapo jetzt in die Hütten im Grenzgebiet junge Leute entsendet, die versuchen sollen, mit Funktionären der illegalen Bewegung in Verbindung zu kommen. Die Ueberwachung auf den Elbe- Personendampfern, die über die Grenze fahren, ist verstärkt worden. Insbesondere unter den Kellnern, die am leichtesten mit dem Publikum ins Gespräch kommen, sind Propaganda- Redner der DAF und zugleich Gestapo spitzel eingestellt worden, die sich auch für militärische Dinge interessieren. 2.Bericht: Während vor 1933 in dem Grenzabschnitt von. sich etwa 18 Zollbeamte und 2 Gendarmen im Dienste befanden, wurde der Beamtenapparat nach dem Umsturz zeitweise auf 30 und noch mehr Zollbeamte erhöht. Seit April ist eine weitere Grenzverschärfung eingetreten und nunmehr sind 8 Gendarmeriebeamte und loo Zollbeamte in diesem Abschnitt tätig. Im Grenzgebiet von Y. ist es zeitweilig wie ausgestorben. Durch die Abriegelung und Unterbindung des kleinen Grenzverkehrs ist natürlich die Ueberwachung der Grenze für die Sicherheitsorgane sehr erleichtert, und der illegale Uebertritt desto mehr erschwert. Die am meisten zu fürchtende Absperrkette liegt nicht direkt an der Grenze, sondern einige hundert Meter zurück. Direkt an der Grenze laufen nur die offiziellen Doppelposten der Grenzwache. Etwas zurückgezogen, auf gut übersichtlichen Stellen, sitzen aber Beobachter mit Feldstechern. 3. Bericht: Die Vorschriften über das Betreten der Wälder im Grenzgebiet werden von Tag zu Tag strenger. Es ist der Bevölkerung nun fast ganz verboten, im Walde sich ein wenig Holz aufzulesen und Reisig zu sammeln. Auf diese Weise will A-91man die Ueberwachung des Grenzverkehrs erleichtern und besonders den illegalen Grenzverkehr unterbinden. Ausserdem sind die Grenzwälder dichter mit SS, SA, Grenz-, Forst- und Zollbeamten besetzt worden und diese Besetzung wird noch immer verstärkt. d) Verhaftungs- und Vernehmungsmethoden Sachsen: Ein tschechoslovakischer Staatsbürger wurde vor einiger Zeit auf reichsdeutschem Gebiet verhaftet und nach X, zur Gestapo transportiert. Als Verhaftungsgrund wurde Spionage angegeben. Von der Gestapo wurde er stundenlang verhört, über Emigranten und deren Tätigkeit, sowie auch über tschechoslovakische Genossen ausgefragt. Er wurde drei Wochen festgehalten und dann wieder auf freien Fuss gesetzt. Während er vorher gut genährt war, hat er in diesen drei Wochen 16 Pfund abgenommen. Schlesien: Hier fand ein Prozess gegen eine Gruppe von Gegnern des Regimes statt. Ueber die Bespitzelung im Gefängnis und über die Methode des Verhörs erfahren wir folgendes: Bei Beginn der Untersuchung waren nur einige wenige Genossen verhaftet. Zwei davon lagen in nebeneinander befindlichen Zellen und stellten fest, dass sie sich in der Nacht verständigen konnten. Die Unterhaltung wurde abgehorcht und dadurch kam es zu einer hohen Zahl von Verhaftungen. Eine Anzahl der Angeklagten liessen sich auch dadurch hereinlegen, dass die Gestapo angebliche Geständnisse vorlegte. Sie glaubten, die Gestapo wisse alles und machten dann weitere Angaben. Bayern: Bei Haussuchungen ist es ein beliebter Trick der Gestapo beamten, die Kinder der Verdächtigen-von den Dreijährigen angefangen- an sich heranzulocken und sie auszufragen. Das dreijährige Söhnchen eines Genossen lief auf die Frage:" Wo hat denn der Vater die Zettel hingetan?" eifrig auf das Versteck zu, wo im Beisein des Kindes das illegale Material untergebracht worden war. Der Genosse wurde sofort verhaftet. 3) Das Los der Gefangenen In der Berichtszeit ist die Ueberfüllung der Strafanstalten zu einer Sorge des Regimes geworden. Es ist in gewissen Landesteilen kaum mehr möglich, neue Gefangene unterzubringen. So befinden sich z.B. gegenwärtig im Zwickauer Zuchthaus Osterstein, das für 1.000 bis höchstens 1.200 Häftlinge eingerichtet ist, A-921.600 Gefangene, im Zuchthaus Gross- Strehlitz in Schlesien 800 Gefangene bei einem normalen Fassungsvermögen von höchstens 500 Gefangenen. In Schlesien wurden verschiedene aufgelassene, baufällige Strafanstalten wieder in Gebrauch genommen. Auch die Kasematten der Festung Glatz wurden mit politischen Häftlingen belegt, die dort unter menschen unwürdigen Bedingungen hausen müssen. Eine Folge der Ueberfüllung sind grosse Gefangenentransporte von Stadt zu Stadt, von Landesteil zu Landesteil. So wird z.B. berichtet, dass die Gerichtsgefängnisse in den kleinen Städten zwischen Hamm und Bielefeld mit Gefangenen aus dem Ruhrgebiet belegt sind. Im Freiberger Gerichtsgefängnis ( Sachsen) befinden sich viele politische Häftlinge aus Dresden. Die Juden aus sämtlichen Konzentrationslagern des Reiches werden augenblicklich zu Sammeltransporten vereinigt und nach dem Konzentrationslager Dachau gebracht. Es ist möglich, dass mit der Ueberfüllung der Strafanstalten eine Uebung zusammenhängt, die man neuerdings im Zuchthaus Fuhlsbüttel( Hamburg) handhabt. Dort hat man politische Gefangene, die einen Teil ihrer Strafe bereits abgesessen haben, in das Konzentrationslager Papenburg überwiesen. Die dort zu verbringende nicht befristete- Zeit gilt als Strafunterbrechung, so dass das Verfahren auf eine willkürliche Strafverlängerung hinausläuft. In der vorigen Terror- Uebersicht( Heft 12/1936, Seite A 70) haben wir eine Liste von 10 Konzentrationslagern zusammengestellt( Dachau, Sachsenburg, Lichtenburg, Welzheim( Württemberg), Hamburg- Fuhlsbüttel, Berlin- Columbiahaus, Papenburg( 6 Lager), Sachsenhausen- Nordbahn, Moringen, Leipzig- St. Georg Krankenhaus). Nach den inzwischen eingegangenen Berichten bestehen ausserdem noch: 11) Konzentrationslager Kisslau Baden 12) Konzentrationslager Dresden- Mathildenschlösschen ( zugleich Untersuchungsgefängnis). A- 93Auch in diesem Berichtszeitraum sind wieder eine Reihe von Genossen in Konzentrationslagern und Strafanstalten gestorben. Uns sind bekannt geworden: August Erder aus Annweiler( Pfalz)," Selbstmord durch Erhängen" im Gefängnis zu Landau, Esslinger aus Dresden," Selbstmord durch Erhängen" im Zuchthaus Waldheim, Dr. Hirschberg aus Berlin, gestorben an Entkräftung im Zuchthaus Braunschweig, Karl Rüter aus Hamburg," Selbstmord durch Erhängen" nach 6- wöchiger Untersuchungshaft. Valentin Schmetzer aus Frankfurt( Main), gestorben während der Unterbrechung einer 3- jährigen Zuchthausstrafe aus Krankheitsgründen. Im folgenden bringen wir eine Reihe von Berichten aus Konzentrationslagern und Strafanstalten. Sie umfassen die Konzentrationslager Dachau, Sachsenburg, Lichtenburg, Hamburg- Fuhlsbüttel, Kisslau, das Frauenkonzentrationslager Moringen und das Zuchthaus Osterstein. Alle Berichte stammen aus den Monaten April und Mai 1937.( vgl. hierzu auch die ausführlichen Berichte über die Konzentrationslager Sachsenburg und Lichtenburg im Heft 12/1936, Seite A 81 ff und 86 ff.) Da cha u I. Ueber den Aufbau des Lagers. Je 54 Mann sind eine" Stube". Früher wurde die Stube Korporalschaft genannt. Der Leiter ist ein Gefangener, der die Bezeichnung" Stubenältester" führt. 5 Stuben oder Korporalschaften sind zu einem" Block" zusammengefasst. Früher bezeichnete man das als eine" Kompagnie". Jeder Block ist in einer eigenen Baracke untergebracht. Der volle Block hat demnach 270 Mann. Ueber jeden Block ist ein" Blockältester" gestellt, ebenfalls ein Gefangener. Der Blockälteste ist dem" Blockführer" unterstellt, einem SS- Mann, meist im Range eines Scharführers. oder eines Oberscharführers. Ueber dem Scharführer steht der" Rapportführer", der ein SS- Sturmführer ist. Dann folgt der Gefangenenlagerführer im Range eines Standartenführers. Das Gefangenenlager einschliesslich des Lagers für die SS A-94bildet das" Lager Dachau". Das Lager Dachau in seiner Gesamtheit ist dem" Lagerkomma ndaten" unterstellt, der im Range eines SS- Oberführers steht. Bei den Gefangenen haben sich die neuen Bezeichnungen nicht eingebürgert. Sie sprechen immer noch von Korporalschaften und Kompagnien. In Dachau gibt es neun Blocks oder Kompagnien. Sie sind in verschiedenen Baracken untergebracht. Wir bringen nachfolgend eine Schilderung dieser Blocks. I. Kompagnie: Hier sind die sogenannten" Zweimaligen" zusammengefasst, d.h. alle politischen Schutzhäftlinge, die schon einmal in Dachau waren und die wegen irgendwelcher Vergehen, oft auch nur wegen eines Verdachts, ein zweites Mal eingeliefert worden sind. Diese Zweitmaligenkompagnie gehört zu den traurigsten Kapiteln von Dachau. Sie wurde erst im dritten Jahr nach der Machtergreifung Hitlers gebildet und ist heute zum Kern des Lagers geworden. Die Zweitmaligen befinden sich nämlich innerhalb des Konzentrationslagers noch einmal in einem Konzentrationslager. Es dürfen nach genaueren Schätzungen 190 bis 200 Mann sein. Sie sind gänzlich von den anderen Gefangenen abgeschlossen. Keiner der Lagerinsassen darf mit ihnen in Verbindung treten. Ihre Baracke ist im Lager von einer starken Umzäunung umgeben. Die Zweitmaligen dürfen sich auch nicht wie die anderen Gefangenen in ihrer Freizeit im Lager ergehen. Sie haben einen " Freiplatz" zur Verfügung, der zwischen 2 Baracken eingeschlossen ist und ein Ausmass von ca. 70 x 5 m hat; das heisst, nicht mehr als ein schmaler Gang. Das ist alles für 200 Menschen. Es ist weniger als in jedem Gefängnis. Ihr Blockführer ist der SS- Scharführer Dambach. Er behandelt die Gefangenen sehr übel. Man hört oft sein brüllendes Geschimpfe. Vor der Tür der Baracke stehen Posten und keiner der Gefangenen darf in der Lagerhof treten. Es wird ihnen erklärt, dass keiner hoffen könne, unter 10 Jahren das Lager wieder zu verlassen. Für alle besteht ein Rauchverbot. Alle 3 Monate dürfen sie einen einseitigen kleinen Brief schreiben und einen empfangen. Alle 3 Monate dürfen sie 10 Mark geschickt bekommen, um sich Lebensmittel zu kaufen. Man sieht die Gefangenen nur, wenn sie zu ihrer Arbeitsstätte geführt werden. Sie werden zu den schlechtesten und schwersten Arbeiten verwendet. Bis Herbst 1936 waren viele von ihnen noch in der Schreinerei beschäftigt. Das ist jetzt eingestellt. Alle wurden dann zum Abbruch der alten Bunker verwendet, die in einem verfallenden Fabrikbau untergebracht waren. Anfang Februat erfolgte dort beim Abbruch einer Decke ein Unglück. Es gab einen Toten und mehrere Schwerverletzte. Die Zweitmaligenkompagnie gilt im Lager als Hölle. Die Gefangenen, die meist in der Baracke gehalten werden, sehen sehr schlecht aus. Ihre Gesichter sind von der strengen. Haft gezeichnet. Es sind fast ausschliesslich ehemalige politische Funktionäre. Man wirft ihnen vor, die Tätigkeit gegen das A-95Regime nicht aufgegeben zu haben, trotz der Versprechungen, die ihnen bei ihrem erstmaligen Aufenthalt in Dachau abgenommen wurden. Die Stimmung unter der Gefangenen ist gedrückter als im übrigen Lager. Sie werden von den übrigen Dachauer Häftlingen sehr bedauert. II. Kompagnie: Hier befinden sich die asozialen Elemente. Meistens Leute, die sich ihren sozialen Verpflichtungen entzogen haben: Bettler, Säufer usw. Sie sind die einzigen, die wissen, wie lange sie in Dachau bleiben, denn sie sind abgeurteilt. Die Zweitmaligen vom Arbeitszwang kommen auch immer in die gleiche Kompagnie: Durchschnittlich bleibt ein Asozialer 6 Monate in Dachau. Wird er ein zweites Mal eingeliefert, so muss er ein Jahr bleiben, beim dritten Mal 2 Jahre. Unter den Asozialen befinden sich auch viele vorbestrafte Verbrecher. Die Asozialen fühlen sich meist gehobener als die politischen Gefangenen. Zwischen beiden Gruppen bestehen kaum Beziehungen. III.Kompagnie: Hier sind lauter politische Schutzhäftlinge zusammengefasst. Die Kompagnie hat 270 Mann. Sie werden zum Arbeitsdienst herangezogen und je nach ihrem Beruf verwendet. IV. Kompagnie: Auch sie besteht ausschliesslich aus pclitischen Gefangenen, aber meist aus solchen, die schon sehr lange in Dachau sind. Auch fast alle prominenten Persönlichkeiten, wie z. B. der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident von Braunschweig, Jasper, sind in dieser Kompagnie. Jasper wird noch immer sehr schikaniert. Ihm wurde erklärt: " Solange noch ein anständiger Arbeiter in Dachau ist, kommst. Du nicht heraus." Er wird zu Erdarbeiten herangezogen. V.Kompagnie: Ebenfalls politische Gefangene. VI. Kompagnie: Judenkompagnie. Hier befinden sich ca. loo Mann, alles Juden. Nun sollen alle Juden, die im Reich in Schutzhaft sind, nach Dachau kommen. Im Februar und März sind schon Transporte eingelaufen. Die Juden werden sehr schlecht behandelt. Sie sind grossen Schikanen ausgesetzt. Ihnen wird ständig gezeigt, dass man sie verachtet und als niedere Kreaturen ansieht. Alle Juden, ganz gleich, welchen Beruf sie im Leben ausgeübt haben, werden zur Kies: Arbeit verwendet. Sie müssen schwere Arbeit verrichten und werden dabei rücksichtslos behandelt. Auch unter den Gefangenen gibt es viele, die die Juden verachten. Die Lagerleitung geht in der gemeinsten Weise gegen die jüdischen Gefangenen vor. Bei ihnen ist Strafexerzieren an der Tagesordnung. Oft kommt es vor, dass die Judenkompagnie, ähnlich wie die Zweitmaligen, von den anderen Gefangenen abgesperrt werden. Bei ihnen geht man zeitweilig noch weiter und sperrt sie einfach in ihre Baracke ein. So wurden sie z. B. einmal 3 Monate völlig eingesperrt. A-96Die Türen der Baracke wurden vernagelt, die Fensterscheiben wurden überstrichen. Nur wenn das Essen gebracht wurde, hat man etwas gelüftet. Die Luft in diesen Baracken war daher so schlecht, dass oft Gefangene bewusstlos wurden. Da sie auch keinen Ausgang hatten, traten Ausschläge auf und andere Erkrankungen. Die Einsperrung erfolgte in den Monaten Juni bis September 1936, ein zweites Mal Februar bis April 1937. Die Juden sind in 3 Kategorien eingeteilt: Politische Juden, Rasseschänder, jüdische Emigranten. VII. Kompagnie: Sie besteht aus 3 Korporalschaften oder Stuben mit politischen Gefangenen, die vierte Stube umfasst die arischen Emigranten; in der fünften Stube befinden sich die wegen eines Vergehens gegen den§ 175 Inhaftierten. Die sogenannten Hundertfünfundsiebziger werden nur zu Kiesarbeiten mit den Juden zusammen verwendet. VIII. Kompagnie: In den beiden ersten Korporalschaften sind Politische. Es ist die sogenannte Zugangskompagnie. Jeder, der nach Dachau kommt, kommt zuerst in diese Abteilung. Hier wird er solange belassen, bis er für eine der anderen Kompagnien eingeteilt ist. Daher sind diese beiden Stuben meist nicht voll. Die dritte Koroporalschaft setzt sich aus ehemaligen Strafgefangenen zusammen, meist vielfach vorbestraften Verbrechern, die zur Sicherheitsverwahrung verurteilt sind. Auch in der vierten und fünften Korporalschaft befinden sich noch Leute zur Sicherheitsverwahrung, doch sind sie hier gemischt mit Asozialen, die eigentlich in die II. Kompagnie gehören, aber hier untergebracht sind, weil die II. meist überfüllt ist. In der letzten Kompagnie, die eigentlich nicht als volle Kompagnie betrachtet wird, befinden sich die Invaliden und die Kranken. Ihr gehört auch der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher an. Sie sind in der Baracke X. untergebracht. In dieser Baracke befindet sich auch die Kantine und die Bibliothek. Die Invaliden werden zu leichteren Arbeiten herangezogen, so z. B. zur Bibliothekhilfe, zum Strümpfestopfen, zum Küchendienst usw., sofern sie nicht im Krankenrevier liegen und zu keiner Arbeit fähig sind. Kennzeichnung der Gefangenen: Alle Gefangenen sind je nach ihrer Abteilung, zu der sie gehören, durch farbige Stoffstreifen auf den Kleidern gekennzeichnet. Die Streifen sind fünf bis acht cm breit. Zwei sind unterhalb der Knie um die Hosen genäht, zwei an den Armen unterhalb des Ellenbogens und einer befindet sich auf dem Rücken. Die folgende Aufzählung aus dem Gedächtnis ist möglicherweise nicht in allen Punkten ganz genau: Politische: Rote Streifen und am Rücken senkrecht. Arbeitszwang: Blaue Streifen und quer. 175: Rote Streifen mit schwarzen Punkten. A-97Zweitmalige: Rote Streifen und quer. Sicherheitsverwahrung: Grüne Streifen und quer. Politische Juden: Rote Streifen mit gelben Punkten. Jüdische Emigranten: Rote Streifen mit blauen Punkten. Rasseschänder: Gelbe Streifen mit roten Punkten. Bibelforscher: Rote Streifen mit.. Punkten und quer. Arische Emigranten: Blaue Streifen und am Rücken senkrecht. II. Die Arbeitseinteilung: Alle Gefangenen im Lager müssen arbeiten. Das Lager hat eigene Wirtschaftsbetriebe, und zwar 1) Betriebe, die für den Eigenbedarf des Lagers und 2) Betriebe, die für Bestellung von auswärts arbeiten. Für den Eigenbedarf arbeiten die " Kommandanturbetriebe", für auswärts arbeiten die" Wirtschaftsbetriebe". Die Kommandanturbetriebe sind viel kleiner als die Wirtschaftsbetriebe, umfassen aber fast die gleichen Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppen werden" Arbeitskommandos" genannt. Es gibt eine Schreinerei, Schlosserei, Schmiede, Schneiderei, Schusterei, Bäckerei, Metzgerei usw. Am grössten ist die Schreinerei. Dort wird für das Militär gearbeitet. Auch Möbel für die SS- Führer werden hergestellt. Die Arbeitsleiter dieser Betriebe sind Gefangene. Der Leiter der Schreinerei ist z. B. der Kommunist Ewald Thunig. Er wurde einmal aus der Schreinerei versetzt und musste dann wieder dorthin zurückgebracht werden, weil nach seinem Weggang alles durcheinander kam. Es wird gesagt, dass gute Spezialarbeiter nicht aus Dachau entlassen werden, weil man sie nicht entbehren will. Nicht zuletzt deshalb befinde sich z. B. Thunig noch immer in Dachau. Jeder, der nach Dachau eingeliefert wird, muss zuerst in die Kiesgrube. Ist alles geprüft und hat man festgestellt, wofür er zu gebrauchen ist, so wird er einem Arbeitskommando zugeteilt. Die Gefangenen treten früh morgens um 7 Uhr in Kompagnien auf dem Appellplatz an. Dann werden sie zu den einzelnen Arbeitskommandos zusammengestellt und rücken in die Betriebe ab. Dort gibt es keine Trennung der Gruppen. Nur die Juden und die Zweitmaligen fehlen. Die Gefangenen arbeiten lieber in den Wirtschaftsbetrieben als in der Kommandantur, denn sie bekommen vormittags ein Stück Brot mit Wurst, nachmittags nur Brot. Im Kommandanturbetrieb gibt es nur einmal ein trockenes Stück Brot. Die Arbeitszeit dauert im Sommer von 6 Uhr früh bis 10 Uhr und von 3 Uhr bis 6 Uhr abends. Im Winter von 7 Uhr bis 1/2 12 Uhr und von 1 Uhr bis 1/2 5 Uhr. Da meistens dringende Bestellungen vorliegen, werden diese Arbeitszeiten in den Betrieben sehr unregelmässig eingehalten. Viele Ueberstunden, besonders in der Schreinerei, müssen geschoben werden. Oft wird bis 10 Uhr nachts gearbeitet. Die Ausbeutung der Gefangenen ist ungeheuer. Die dürftige Nahrung, die sie bekommen, lässt sie nicht zu Kräften kommen, A-98und so sind alle immer todmüde, wenn sie am Abend heim kommen. Im Gegensatz zu den Gefängnissen bekommen sie für ihre Arbeitsleistung kein Geld. Auch die Essensrationen sind bei schwerer Arbeit nicht besser und grösser. III. Die Wache: Das Wachbataillon Dachau der SS ist 900 Mann stark. Alle Tage wird ein anderer Sturm zur Wache kommandiert. Er hat die Gefangenen auf ihrem ganzen Weg zu begleiten. Die Bewachung ist stark. Die übrigen Angehörigen des Wachbataillon machen militärische Uebungen und haben, sofern sie nicht als Lagerposten eingeteilt sind, dienstfrei. Das Wachbataillon ist jetzt motorisiert. Die Behandlungsmethoden den Gefangenen gegenüber sind sehr unterschiedlich. Die ausgesprochenen Schikanierer haben abgenommen. Dafür gibt es viele, die ihre Unlust zum Wachdienst an den Gefangenen auslassen. Vielen ist auch das ewige Schikanieren schon langweilig geworden. So wird z.B. festgestellt, dass der SS- Mann Steinbrenner, der ein Schrecken des Lagers war, sich geändert hat. Er ist interesselos geworden und lässt die Gefangenen in Ruhe. Er wohnt in der Wehrmühle, gleich beim Lager. Dort wohnen Leute der Wachmannschaft, die verheiratet sind. Der Lagerführer Weissenborn, der vom 20. April 1936 bis in den Herbst das Kommando innehatte, hat viele Verschärfungen verfügt. Er hat auch die Tafeln in der neutralen Zone eingeführt. Sie sind schwarz und tragen einen Totenkopf mit der Warnung:" Bei Betreten wird sofort geschossen!" Unter Weissenborns Lagerführung hat sich auch folgendes zugetragen: Im Oktober 1936 wurde ein Mann von etwa 55- 60 Jahren eingeliefert. Er wurde gleich nach der Einlieferung von den Posten schikaniert. Am dritten Tage seiner Anwesenheit musste er wegen irgendeiner geringfügigen Sache strafexerzieren. Der SS- Mann, der ihn bewachte, schrie ihm immer gemeine Ausdrücke zu und forderte ihn auf, bessere Kniebeugen zu machen. Als er wieder ein gemeines Wort sagte, antwortete ihm der alte Mann:" Du könntest mein Bub sein, Du frecher Laus bengel." Der Posten wollte ihn daraufhin festnehmen und der Mann hob die Hand, als ob er den Versuch machen wollte, sich zu wehren. Er wurde sofort niedergeschlagen und abgeschleift. Am Abend liess der Lagerführer antreten und gab ungefähr folgende Erklärung ab:" Ich mache Euch darauf aufmerksam, dass im Lager das Standrecht besteht, heute nachmittag hat eine solche Kreatur die Hand gegen einen Posten erhoben. Ich teile Euch mit, dass der Mann bereits eine Leiche ist. Merkt Euch das." Bei den grossen Umbauten im Lager wurde auch eine Gasmaskenversuchskammer gebaut. In jeder Woche werden dort einige Tage Gasmasken der SS ausprobiert und auch Uebungen abgehalten. Diese Einrichtung wird aber fast ausschliesslich von SS- Abteilungen aus München benützt. Dass Gefangene als Versuchsobjekte benützt worden wären, ist nicht bekannt. A- 99Es kommt öfter vor, dass SS- Leute von anderen Abteilungen in das Lager strafversetzt werden. Der Dienst im Lager gilt durchaus nicht als angenehm. Die SS- Leute aus dem Wachbataillon Dachau werden, wenn sie sich als geeignet erweisen, meist in die politische Polizei übernommen. IV. Die Religion. Der Kirchenbesuch, der zu Anfang ohne Schwierigkeiten war, ist heute zu einer mutigen Tat geworden. An einem Sonntag ist evangelischer Gottesdienst, am nächsten katholischer. An dem evangelischen Kirchenbesuch nehmen immer ca. 40 bis 50 Gefangene teil. Das ist wenig bei 2.000 Gefangenen. Dem Besuch der evangelischen Kirche setzt man keine Schwierigkeiten entgegen, wohl aber dem Besuch der katholischen. Jeder, Besucher des katholischen Gottesdienstes wird von dem Kompagnieführer aufgeschrieben. Am Montag werden dann diese Kirchenbesucher zum Strafexerzieren verurteilt. Das ist nun eine Regel geworden, die allen bekannt ist. Diese Massnahme hat die Besucherzahl der katholischen Kirche rasch herabgesetzt. Heute gibt es noch zwei unentwegte Kirchenbesucher. Sie wissen, dass sie es büssen müssen, aber sie gehen doch. Alle 14 Tage kommt der katholische Pfarrer für diese beiden, die neben der Strafe auch noch den Spott verschiedener Mitgefangener ertragen müssen. V. Die Bestrafung. Viele Menschen denken heute, dass in den Konzentrationslagern alles in Ordnung gekommen ist und dass die sadistischen Quälereien aufgehört haben. Es ist richtig, dass die willkürliche Abschlachtung von Gefangenen heute nicht mehr so geübt wird wie in der ersten Zeit. Erstens sind die Kerkermeister selber des Schlagens müde geworden und zweitens hat sich eine gewisse" Ordnung" im Strafvollzug durchgesetzt. Aber das System, das da angewandt wird, und das man Ordnung nennt, birgt so viel des Grausamen und Bösen in sich, dass von einer Milderung nicht die Rede sein kann. Es gibt zwei verschiedene Strafarten: das Strafexerzieren und die Prügelstrafe mit nachfolgendem Bunker. Mit jeder Prügelstrafe ist heute auch Bunker verbunden. Der Gefangene, der sich ein Vergehen hat zuschulden kommen lassen, das" mit Strafexerzieren nicht mehr gesühnt werden kann", wird heute zur Prügelstrafe verurteilt. Dabei wird ein Aktenstück angelegt und das Urteil schriftlich festgesetzt. Als Normalstrafe gelten 25 Hiebe mit der Peitsche und 8 Tage Bunker. Zweiter Stræf grad sind 50 Hiebe und 14 Tage Bunker. Das geht bis zu loo Hieben und 4 Wochen Bunker. Bei 8 Tagen Bunker bekommt der Gefangene nur jeden zweiten, in manchen Fällen jeden dritten Tag etwas zu essen. Die Strafexekutionen werden im Hofe vor den Bunkern durchgeführt und finden ungefähr alle 14 Tage statt. Man lässt A-looalle Fälle zusammenkommen. Die Durchführung der Bestrafung geht folgendermassen vor sich. Der Gefangene muss sich vor einem Holzbock aufstellen. Das ist ein eigens angefertigter Stuhl, der eine Höhlung hat, in die der Bauch gelegt werden muss. Die beiden Arme und die Füsse hängen nach abwärts und werden festgeschnallt. Dem Gefangenen wird vor der Auspeitschung noch einmal die Strafe verlesen. Bei dem Strafvollzug sind anwesend der Oberführer, der Lagerführer, der Rapportführer und ein Sturm SS als Zeugen," damit keine Misshandlungen geschehen". Gefangene sind nicht zugegen. Die Auspeitschung erfolgt durch die beiden Kompagni eführer Spatzenegger und Remmele. Manchmal, wenn diese vom Schlagen müde sind, müssen auch SS- Männer eingreifen. Während des Strafvollzugs behält der Gefangene seine Kleider an. Strafen von mehr als 50 Peitschenhieben werden in Raten verabfolgt, immer wenn die Wunden vom ersten Schlagen gerade vernarben. Vor der Auspeitschung findet eine ärztliche Untersuchung statt, die feststellen soll, ob der Gefangene physisch in der Lage ist, die Strafe zu ertragen. Es ist bisher noch kein Fall bekanntgeworden, wo der Arzt eine Bestrafung verhindert hat. Nach der Auspeitschung werden die Gefangenen in den Bunker geworfen, wo man sie sich selbst überlässt. Die übrigen Gefangenen sehen von den Strafhandlungen nichts, aber sie hören jedesmal die gellenden Schreie der Gequälten. Einige Beispiele mögen zeigen, in welchen Fällen die Peitschenbestrafung angeordnet wurde. Ein Gefangener, der von Beruf Gärtner ist, musste ausserhalb des Lagers in den Wohngärten der SS arbeiten. Er bekam von einer Frau ein Päckchen Tabak geschenkt. Da er Nichtraucher ist, verkaufte er den Tabak an seinen Mitgefangenen und kaufte sich für das Geld Brot. Das wurde dem Blockführer gemeldet und dieser veranlasste die Bestrafung: 25 Stockschläge und 8 Tage Bunker. Im Dezember 1936 waren einige Gefangene als Maurer beim Bau der Autogarage über dem Kantinenkeller beschäftigt. Dabei erwis chten sie aus dem Keller einige kleine Büchsen kondensierte Milch und eine Dose saurer Gurken. Zwei der Gefangenen haben diese Dosen entwendet. Alle 5 beschäftigten Arbeiter jedoch wurden bestraft. Jeder von ihnen erhielt 50 Hiebe und 14 Tage Bunker. Einer der Verurteilten hatte einem Kameraden eine Essiggurke geschenkt. Da man Gurken auch in der Kantine kaufen kann, ahnte der Empfänger nicht, dass diese Gurke gestohlen war. Bei der Untersuchung dieses Falles musste die ganze Stube antreten. Es wurden alle gefragt, ob sie von dem Gefangenen X eine Gurke geschenkt bekommen hätten. Der Betreffende trat vor und meldete sich ohne Argwohn. Daraufhin wurde auch er, obwohl er seine Unschuld beteuerte, zu 25 Peitschenhieben und 8 Tagen Bunker verurteilt. Wer heimlich über den Kompagni eführer schimpft, wer seine Mitgefangenen, wenn sie etwas Verbotenes tun, nicht denunziert, wird ebenfalls mit Bunker bestraft. Man hält sich dabei nich an die Strafordnung, die im Lager aufgehängt ist. Für kleine Vergehen, z. B. schlechtes Bettenmachen, unkorrek A-loltes Marschieren etc., wird stundenlanges Strafexerzieren befohlen. In den meisten Fällen liegt überhaupt kein Grund zur Bestrafung vor. Man braucht nur dem Wachposten nicht recht zu gefallen, und schon bekommt man 50 Kniebeugen-mit einem Pickel rechts und links in der Hand- aufgebrummt. Das früher oft angewandte" Baumanbinden" hat man jetzt aufgegeben. Die Strafen haben noch eine schlimme Nachwirkung: Jede Lagerstrafe verlängert die Schutzhaft um ungewisse Zeit. In Dachau gibt es z.Zt. zweierlei Bunker. Sogenannte Strafbunker und isolierte Bunker. Die Strafbunker sind fensterlos, ca. 2 1/2 m breit und 3 m lang. Es befindet sich darin eine Holzpritsche. In der Mitte des Fussbodens ist ein eiserner Ring eingelassen, an den der Häftling mit einem Fuss angekettet wird. Der Boden ist aus Beton. Die isolierten Bunker haben ein Fenster über der Gangtür. Es dringt dämmerndes Licht durch den Gang herein. Im Raum befinden sich ein Hocker, eine Pritsche und Dampfheizung. Der Fussboden ist aus Holz. Die Zellen sind sauber. Im Augenblick sind ungefa hr 25 isolierte Bunker vorhanden. Einer der Bunkerwächter ist der berüchtigte SS- Mann Kannschuster. Wenn er besoffen ist, was öfter vorkommt, so macht er sich manchmal ein Vergnügen daraus, seinen grossen scharfen Hund bei Nacht in die Strafbunker zu lassen. Er öffnet die Tür des Bunkers und hetzt seinen Hund auf die Gegangenen, die nicht ausweichen können, weil sie an der Kette liegen. Der Hund fällt die Gefangenen an, springt an ihnen hinauf und reisst ihnen die Kleider von Leibe. Am anderen Tag können die Wäsche abholer die zerrissenen und blutigen Kleiderfetzen sehen. Das Schreien der so Misshandelten dringt bis in die Baracken und ist in der Nacht schrecklich anzuhören. Alle drei Wochen werden den Gefangenen die Haare kurz geschoren. Nur zwei durften bisher ihre natürliche Haarfrisur behalten: der Bruder des Münchner Oberbürgermeisters Fiehler und du Moulin Eckart. VI. Das Leben im Lager. Das Essen ist in Dachau heute schlechter als in der Anfangszeit. Als Mittagessen gibt es am Montag, Mittwoch und Samstag Kraut und Kartoffeln. Sonst gibt es fast immer Rollgerste und Kutteln. Fleisch, ein kleines Fetzchen, gibt es nur am Sonntag. Die Gefangenen haben bei der schweren Arbeit immer Hunger. Am Abend gibt es Heublumentee, Käse oder ein kleines Ringlein Wurst; Dienstags und Donnerstags Krautsuppe. Frühmorgens gibt es gebrannten Rübenkaffee und alle drei Tage ein Kommissbrot von 1 1/2 kg. Ein Abend: Wenn normaler Arbeitsschluss ist, kommen die Gefangenen um 1/2 6 Uhr in die Baracken. Das Abendessenfassen dauert bis 6 Uhr, der Postempfang von 6 bis 7 Uhr. Um 7 Uhr ist Zählappell. Von 1/2 8 Uhr bis 8 Uhr ist freie A-102Bewegung, von 8 bis 9 Uhr kann man in den Baracken auf sein. Um 9 Uhr wird das Licht ausgedreht und es muss Ruhe herrschen. An vielen Tagen jedoch kommen die Gefangenen erst um 7 oder 8 Uhr von der Arbeit, dann fallen sie totmüde in ihre Lagerstätten. Bei der Krankmeldung zeigt sich besonders, wie barbarisch die Schutzhäftlinge behandelt werden. Wer sich vom Sanitäter nicht mehr pflegen lassen kann, weil seine Erkrankung die Beratung eines Arztes erfordert, der hat einen schwierigen Weg vor sich. Will er sich zum Arzt melden, so muss er sich am Abend zum Kompagnieschreiber begeben. Dieser gibt ihm einen Zettel, mit dem er am anderen Tage zum Kompagnieführer zum Rapport gehen kann. Dieser siebt zum ersten Mal. Er befragt den Gefangenen, und wenn er ihm nicht krank genug erscheint, so schickt er ihn einfach wieder zurück. Lässt er ihn passieren,- so kann der Kranke zum Lagerführer ins Büro gehen. Der fragt ihn noch einmal aus und erst, wenn auch er den Mann für krank genug befunden hat, schickt er ihn zum Arzt. Wenn der Befund des Arztes ergibt, dass der Häftling " übertrieben" hat, so wird er zum Strafexerzieren verurteilt. Nachfolgend zwei Fälle, die zeigen mögen, wie diese dienstlichen Vorschriften durch die Lagerleitung gehandhabt werden. Ein Arbeiter will zum Arzt, weil er am linken Fuss einen Furunkel hat. Er kommt his zum Standartenführer. Dort entwickelt sich folgendes Gespräch:" Herr Lagerführer, ich bitte Sie, mir zu genehmigen, mich beim Arzt melden zu dürfen." Lagerführer:" Was fehlt Ihnen?" Der Häftling entfernt seinen Strumpf und zeigt den Furunkel. Darauf der Lagerführer: " Sie können nicht stehen? Sie haben doch zwei Beine, so stellen Sie sich eben einmal etwas auf das andere. Gehen Sie nur ruhig wieder zu Ihrer Arbeit. So empfindlich darf man nicht gleich sein." Ein Arbeiter hat Panaritium am linken Mittelfinger. Er liess sich vom Sanitäter verbinden und wollte zum Arzt, weil er es vor Schmerzen nicht mehr aushalten konnte. Der Lagerführer erklärte ihm:" Der Mensch hat ja 10 Finger, wenn Sie alt neun richtig arbeiten, genügt es schon." Die Geselligkeit und der Sport. Im Jahre 1935 und noch in den ersten Monaten 1936 wurden verschiedentlich bunte Abende unter ausschliesslicher Mitwirkung der Gefangenen für die Gefangenen veranstaltet. Von diesen bescheidenen Stunden der Geselligkeit ging eine grosse Freude aus. Man fing an, eigene Ideen zu entwickeln, jeder suchte nach Möglichkeiten, wie er zur besseren Ausgestaltung des Abends beitragen könnte. Da trat der Lagerführer Weissenborn sein Amt an und alles wurde eingestellt, denn seiner Ansicht nach ist Dachau" keine Theatergesellschaft". Seither gibt es keine bunten Abende mehr und keine Lieder werden mehr zur Harmonika gesungen. Unter der Leitung des Oberführers Deubel wurde den Gefangenen gestattet, Fussball zu spielen. An Sonntagen bildeten sich A-103Fussballmannschaften, die unter der begeisterten Anteilnahme der Lagerhäftlinge ihre Spiele aus trugen. Da wurde eines Tages verlangt, dass Gefangene sich zur Erwerbung des Reichssportabzeichens melden sollten. Es meldete sich aber niemand. Auf Befragung erklärten die Gefangenen, dass sie infolge der geringen Ernährung die Kräfte nicht aufbrächten, die zu solchen sportlichen Leistungen nötig seien. Das wurde zum Anlass genommen, auch das Fussballspielen zu verbieten, denn " wenn die Leute zu schwach sind; sportliche Leistungen zu vollbringen; so können sie auch nicht Fussball spielen." Alle diese Verschärfungen sind seit Frühjahr 1936 eingeführt worden. Lügnerische Berichte über Dachau. Im" Illustrierten Beobachter vom 3. Dezember 1936 wurde ein Bildbericht über das Konzentrationslager Dachau gebracht. Auf Seite 2017 in der rechten oberen- Ecke wird das Gesicht eines" politischen Verbrechers" gezeigt. Der Mann hat eine eingedrückte Nase. Unter dem Bild steht:" Zum Schutze der Volksgemeinschaft hat der deutsche Staat Typen dieser Gattung für immer von der Gemeinschaft mit den übrigen Volksgenossen ausgeschlossen." Wie wir feststellen konnten, handelt es sich in diesem Falle um den Schutzhäftling Bartel Fischer. Dieser Fischer war leidenschaftlicher Nationalsozialist und alter Kämpfer. Seine Eltern sind begeisterte Nationalsozialisten. Sie haben ein grosses Lebensmittelgeschäft und beliefern eine SS- Kaserne. Sein Bruder bekleidet eine Funktionärstelle bei der NSDAP. Er selbst vermeidet jedes Gespräch darüber, warum er in Dachau ist. Er war früher bei vielen Aktionen gegen die Marxisten beteiligt.( Siehe Bild nächste Seite) Als diese Bilder in Dachau für den" Völkischen Beobachter" aufgenommen wurden, suchte man lange unter den Gefangenen herum, bis man die richtigen Köpfe fand. Dabei wurden Berufsverbrecher mit 30 Vorstrafen als politische Verbrecher ausgegeben. Wie man die Bilder stellte, dafür nur ein Beispiel: Ein Häftling sass auf einer Bank in der Sonne. Die Kantinenkatze war in der Nähe. Die Photographen, die des Weges kamen, forderten den Mann auf, die Katze auf den Schoss zu nehmen und mit ihr zu spielen. Die Katze wollte jedoch nicht bleiben. Nun erhielt der Gefangene Befehl, sich in der Kantine ein Stück Wurst zu kaufen, um damit die Katze zu locken. Der Häftling sagte, er habe kein Geld. Es wurde ein anderer geholt, der Geld hatte, um sich Wurst zu kaufen und der wurde mit der Katze aufgenommen. Besuche. Wenn Besuche von höheren Persönlichkeiten oder von Ausländern in das Lager kommen, so müssen die Leute antreten, die man vorher dazu ausgesucht hat. In erster Linie sind das hässlich aussehende Juden und Verbrecher, die sich in Sicherheitsverwahrung befinden und unter denen solche sind, die 50 und 7o Vorstrafen haben. Die Antworten, die von diesen Gefangenen auf die Fragen des Lagerführers gegeben werden, A-104sind natürlich für die Besucher recht abschreckend. Wenn da z.B. ein Mann, der befragt wird, warum er in Dachau ist, antwortete" Ich bin ein Trinker und habe seit zwei Jahren meine Frau und meine vier Kinder in grösster Not gelassen, ich bin 12 Mal wegen Diebstahls vorbestraft", so muss der Besucher einen schlechten Eindruck bekommen. Die politischen Gefangenen führt man nie vor, und müssen sie einmal in Reih und Glied antreten, so fragt sie niemand nach ihrer Meinung und selbst wenn sie gefragt würden, könnten sie nicht die Wahrheit sagen. Es ereignete sich einmal folgender Vorfall: Im Lager befand sich ein Mann, der angeblich wegen illegaler Arbeit festgenommen wurde. Er selbst behauptete, dass er nie etwas damit zu tun gehabt habe und erklärte das auch noch nach einem Jahre allen Gefangenen und seinen intimsten Freunden. Diese glaubten es auch, da er ein vollständig unpolitischer Mensch war. Fragte ihn jemand:" Warum bist Du in Dachau?", so gab er zur Antwort:" Ich weiss es nicht". Als anlässlich der antibol schewistischen Ausstellung in München ein Besuch italienischer Faschisten im Lager stattfand, fragte der Lagerführer zufällig auch diesen Mann, warum er in Dachau sei. Der antwortete prompt:" Ich weiss es nicht". Nach dem Besuch wurde er zu zweistündigem Strafexerzieren verurteilt. Dann wurde er wieder gefragt und gab wieder die Antwort:" Ich weiss es nicht." Darauf hat man ihn zu 6 Wochen Bunker und loo Peitschenhieben verurteilt. Als er den Bunker verliess, fragte ihn der Lagerleiter noch einmal:" Wissen Sie jetzt endlich, warum Sie in Dachau sind?" Der Mann antwortete nichts mehr. Eine besondere Attraktion bei Besuchen war der Häftling Türriegel, ein Maurer, der einmal vom Gerüst gefallen war und dadurch an seinem Verstande gelitten hat. Er war das Vergnügungsobjekt der Wache, die mit ihm ihre Witze machte. Dieser Mann erklärte immer, dass er nie mehr heimgehen wolle, weil ihn daheim seine Frau schlüge. Ihm gefalle es so gut, dass er immer dableiben wolle. Man konnte dem Türriegel keinen grösseren Schreck einjagen, als wenn man sagte, dass er Dachau verlassen müsse. Kam Besuch, so musste Türriegel vor und sein Sprüchlein herunterleiern, damit die Gäste den Beweis hatten, dass die Gefangenen überhaupt nicht mehr aus Dachau herauswollen. Türriegel wurde gut behandelt, denn man fand im ganzen Lager keinen zweiten mehr, der sich mit ehrlicher Ueberzeugung gleich lobend über Dachau aussprach. Die Stimmung unter den Gefangenen. Die Stimmung ist natürlich je nach Veranlagung des einzelnen Gefangenen sehr verschieden, doch ist allen gemeinsam ein starkes Gefühl der Bedrückung. Für jeden Häftling ist ein Gedanke besonders deprimierend: dass er nicht weiss, wie lange er in Haft behalten wird. Es lässt sich auch keine Norm erkennen, nach der die Entlassungen erfolgen. Es sind heute Menschen in Dachau, die vor Gericht freigesprochen wurden, die keinerlei Stellung in irgend einer politischen Partei bekleideten, ja die �-loS* fr iier nicht einmal Mitglied einer Partei waren und die nun schon seit wier Jahren festgehalten wenden. So trägt jeder einzelne immer die Hoffnung mit sich, dass beim Entlassungsappell eines Tages sein Name genannt wird. Eine Aenderung der bestehenden Zustände erwarten 90% der befangenen nur durch einen Krieg. Aber dabei sind sie sieh klar a rüber, dass das für sie nicht die Freiheit bedeuten würde. Im Lager ist bekannt und alle rechnen bestimmt damit, dase sie im Falle eines Krieges noch grausamer behandelt werden. Die Solidarität unter den Gefangenen, die ja aus sehr verschiedenen Elementen bestehen, lässt sehr zu wünschen übrig. Man muss sich vor Denunzianten hüten, denn es kommen immer wieder Verrätereien vor. Die meisten Politischen haben sich zu kleinen Gruppen zusammengefunden, die sich von dem Gros der übrigen Gefangenen unterscheiden. Es gibt aber auch Politische, an deren fester Gesinnung kein Zweifel besteht und die vollständig allein bleiben und nie ein Wort über politische Dinge sprechen. In den politischen Zirkeln entwickeln sich Freundschaften in edelsten Formen. Das Verhältnis zwischen ehemaligen Sozialdemokraten hen und Kommunisten hat sich vollständig ausgeglichen. Ein hervorragender Kommunist, der früher ein starker Hasser der Sozialdemokraten war, hat heute folgenden Standpunkt; Fehler haben wir alle gemacht. Es ist sinnlos, immer bloss darüber zu reden. Wir müssen schauen, dass wir in der Zukunft diese Fehler nicht noch einmal machen. Einige Sozialdemokraten, darunter auch bekannte persönlichkeiten, haben sich höchste Achtung bei den Gefangenen erworben. Ob ehemaliger Kommunist oder Sozialdemokrat, zu diesen Genossen blickt man auf, denn man würdigt in ihnen den Wert ihrer Persönlichkeit. interessant war zu beobachten, wie der Ausbruch des spanischen Kampfes auf die politischen Gefangenen wirkte. Als die deutschen Zeitungen über die Kämpfe berichteten, waren alle Politischen, aber auch viele Unpolitische in grosser Aufregung. Spanien wurde auf einmal zum Mittelpunkt aller Gespräche. Als die Kämpfe länger andauerten, verflog zwar das Interesse bei den Unpolitischen, in den politischen Zirkeln aber wurden die Diskussionen heftig fortgesetzt. Als Madrid, obgleich die deutschen Zeitungen den baldigen Einmarsch Francos angekündigt hatten, sich heldenhaft behauptete, waren sich alle darüber klar, dass der Faschismus einen hartnäckigen Gegner gefunden habe. Nun erlosch das Interesse nicht mehr. Spanien interessierte mehr als Deutschland. Die meisten hatten wenig von Spanien gewusst, nun war Spanien zum Inbegriff ihrer Sehnsucht geworden. Von den Internationalen Brigaden lasen sie in den deutschen Zeitungen mit Staunen. Nach Spanien! Wenn man nach Spanien könnte! Einmal diesem Faschismus gegenüberstehen, einmal gegen ihn kämpfen können, einmal als freier Mann die Hand gegen ihn erheben! Die Zirkel schlössen sich noch enger zusammen und jeder, der etwas von Spanien zu erzählen wusste, war ein grosser Mann. A-106Alle Bücher, die in der Bibliothek über Spanien zu finden waren, waren plötzlich weg. Und jeder, der ein solches Buch, sei es nun eine Reisebeschreibung oder ein Sprachlehrbuch, im Besitz hatte, hatte einen Kreis von 3 bis 4 Kameraden um sich, die auch in dem Buche lesen wollten und denen er erzählen musste, was er gelesen hatte. Es gab 6 Bücher über Spanien und diese wanderten von Mann zu Mann. Auszüge aus spanischen Sprachlehrbüchern wurden gemacht, damit auch andere lernen könnten. Der" Völkische Beobachter" und das " Schwarze Corps" werden eifrigst nach Meldungen über Spanien durchgesucht und dann versucht man zu deuten und zwischen den Zeilen zu lesen. Bei allen ist eine Sehnsucht und ein Wunsch: einmal für 8 Tage ins Ausland kommen, um zu wissen, was wirklich los ist in der Welt. Amnestiegerüchte schwirren ständig umher, aber fast alle müssen ohne Hoffnung begraben werden." Im Falle eines Krieges werden wir alle erschossen", das ist die Auffassung vider. Man weiss nie, was der neue Tag bringt, immer lauert die Gefahr, dass aus irgendwelchen Gründen Repressalien ausgeübt werden. Die Gefangenen haben das Gefühl, Geiseln zu sein in den Händen von Gewaltmenschen. Vom 26. Juni bis 26. September 1936 war im Lager eine Entlassungssperre verhängt, weil angeblich Entlassene wieder illegal gegen das Dritte Reich gearbeitet haben. Diese Mitteilung wirkte verschieden auf die Gefangenen. Die Unpolitischen fielen über die Politischen her und machten ihnen heftige Vorwürfe, aber auch unter den Politischen gab es Verbitterung gegen die entlassenen Kameraden. Nur wenige hielten an ihrer kämpferischen Auffassung fest. Bei dem Grossteil der Gefangenen löste die Entlassungssperre, da sie zunächst auf unbestimmte Zeit verhängt worden war, starke Depression aus. Es häuften sich die Selbstmorde und Selbstmordversuche. Die Selbstmorde treten periodenweise auf. Es kommen Wochen, in denen vier bis sieben Selbstmord versuche unternommen werden. Die Gefangenen, die sich mit solchen Gedanken tragen, werden zuerst immer apathischer, bis sie sich eines Tages das Leben zu nehmen versuchen. Aus der Masse der Fälle seien hier nur einige herausgegriffen. Hans Söllner, der 19- jährige Bruder des früheren kommunistischen Reichstagsabgeordneten, befindet sich seit März 1933 im Lager. Er hat sich nie in seinem Leben mit Politik beschäftigt und wird nur als Geisel festgehalten. Ständig wird ihm erklärt, dass er nur entlassen wird, wenn sich sein Bruder meldet. Der junge Mann, der immer wieder seine Hoffnungen auf Entlassung begraben musste, hatte eine neue Hoffnung gefasst, dass er Weihnachten 1936 endlich entlassen werde. Er glaubte das aus Bemerkungen von Wachorganen schliessen zu können. Er freute sich auf diese Weihnachten. Sie kamen, aber Söllner blieb, wo er war. Als die Entlassenen verlesen waren und er wieder in die Baracke zurückging, sah man ihm an, dass A-107. er innerlich gebrochen war. Drei Tage nach dem Fest beschloss er, das Leben zu verlassen. Er machte an einem Nachmittag drei Selbstmordversuche. Zuerst versuchte er, sich mit einer Hacke den Schädel zu spalten. Daran wurde er gehindert. Dann, eine Stunde später, wollte er sich an seinem Hosenträger im Abort aufhängen. Ein Gefangener beobachtete ihn und meldete es der Wache. Man holte ihn wieder ins Leben zurück. Ein drittes Mal verschwand er am Abend ins Closett und brachte sich mit einem zugefeilten Blech vier Schnitte in den linken und drei Schnitte in den rechten Arm bei. In seinem Blute liegend fand man ihn. Nach Verhängung der Entlassungssperre erhielt ein Gefangener von seiner Frau einen Brief, sie wolle nicht mehr auf ihn warten, und er möge sie freigeben. Der Mann weinté stundenlang. Am Nachmittag brachte er sich im Stiegenhaus Schnittverletzungen an den Armen bei. Erst als das Blut von dem dritten in den zweiten Stock herabtropfte, wurde er tot aufgefunden. Wieder ein anderer Gefangener versuchte Selbstmord zu begehen, indem er in die sogenannte neutrale Zone bei der Umfassungsmauer hineinlief. Wer diese Zone betritt, auf den muss der Posten sofort schiessen. Das geschah auch. Der Posten schoss und der Mann stürzte zusammen. Gleich darauf erschien der Sicherheitsoffizier, der Kasernentagedienst und der Kompagnieführer. Der Mann wurde abgeschleift. Der Friedhof. Dort befinden sich 19 Grabhügel, das heisst, man erkennt im Rasen 19 Erhebungen, bei denen schwarze Täfelchen stecken. Auf ihnen steht eine Nummer. Verschiedene Gräber bergen mehrere Tote. Der Friedhof, der im Munde der Gefangenen Heldenfriedhof heisst, wird nicht gepflegt. Das Gras wächst darüberhin und wird gemäht, wenn die Wiese gemäht wird. Kein Gefangener darf den Friedhof betreten. Bei den Bestattungen ist nie ein Gefangener zugegen. Zwei SS- Sanitäter scharren den Toten ein. Juden: Im Herbst 1936 hat sich der 50 Jahre alte Jude Dr. Fels, ein ehemaliger Stabsarzt, aufgehängt. Er war in der Abteilung der Rasseschänder. Gegen ihn richtete sich der ganze Hass und die Verachtung der Wachmannschaft, da er von Statur und Aussehen hässlich war. Er musste trotz seines schwächlichen Körpers schwere Kiesarbeiten verrichten, und man stellte ihn immer in einen Wassergraben. Einmal wurde er z. B. von den Wachposten durch Gewehrkolbenschläge gezwungen, unter Wasser zu tauchen. Wenn er wieder versuchte heraufzukommen, liess man ihn etwas Luft schnappen und schlug ihn wieder ins Wasser zurück. An diesem Spiel hatte die SS eine höllische Freude. Ein andermal wurde er gezwungen, auf Händen und Füssen herumzukriechen und Brennesseln zu essen. Dadurch hat er sich eine Krankheit zugezogen. Eine besondere Schikane war auch, dass man ihm bei der Brotzeit das Stückchen trockenes Brot verwehrte und ihn zuschauen liess, wie die anderen assen. Sein Leben in Dachau war eine einzige Qual und ein unvorstell A-100bares Martyrium. Er hat es nicht mehr ausgehalten. An einem Fensterkreuz im Revier fand man ihn eines Tages erhängt. Die Sanitäter schnitten ihn ab und scharrten ihn im Heldenfriedhof ein. Nie bekam er einen Brief, niemand in der Welt hatte sich mehr um ihn geklimmert. Im Dezember 1936 wollte sich ein dreissigjähriger jüdischer Emigrant, der äusserst schwächlich war, zum Arzt melden. Durch die schweren Arbeiten, bei denen er von der Wache ständig angetrieben wurde, war er so mitgenommen, dass er nicht mehr gerade gehen konnte. Als er beim Arzt erschien, um sich krank zu melden, erklärte dieser:" Ja, wenn Sie kein Jude wären, dann schon. So aber gehen Sie nur wieder an Ihre Arbeit. Er schickte ihn wieder in die Kiesgrube. Dort wurde er mit Hohn empfangen und es wurde ihm erklärt, dass man ihm" sein Simulieren schon austreiben werde." Er musste Karren schieben. Plötzlich schnappte er nach Luft und brach zusammen. Er wurde abtransportiert. Nach einer Stunde war er tot. Dieser Emigrant war nach Palästina ausgewandert. Dort ging es ihm aber so schlecht, dass er wieder nach Deutschland zurückfuhr, und aus diesem Grunde hatte er den besonderen Hohn der SS zu ertragen. Weihnacht 1936. Zu Weihnachten kommt immer die Schwester Pia und überreicht jedem Gefangenen persönlich ein Päckchen. Es enthält ein Stück Hartwurst, drei Lebkuchen, zwei Tafeln Schokolade und 18 Zigaretten. Die Gefangenen benützten die Gelegenheit, an die Schwester Pia heranzukommen und sie zu bitten, für sie ein Wort einzulegen. In einigen Fällen hat das auch genützt, so dass die Schwester Pia mit Bitten überhäuft wurde. Beim letzten Weihnachtsbesuch wurde vorher der strenge Befehl ausgegeben, dass kein Gefangener die Schwester Pia ansprechen darf. Die Bildung. Für die Weiterbildung der Gefangenen wird nichts getan. Der Bruder des Oberbürgermeisters Fiehler, der sich wegen krimineller Verbrechen in Sicherheitsverwahrung in Dachau befindet, und der eine bevorzugte Stellung einnimmt, hat einmal Vorträge über Judentum und Geld gehalten. Die Gefangenen suchten dem zu entgehen, indem sie bis 10 Uhr nachts freiwillig arbeiteten, denn nur wenn jemand arbeitete, konnte er von dem Vortrag wegbleiben. Sonst steht den Gefangenen nur die dürftige Bibliothek zur Verfügung. Postsendungen. Jeden Tag nach der Arbeit werden die Postsendungen ausgeteilt. Für die Häftlinge ohne Strafverschärfung sind Geldsendungen bis 15,- RM wöchentlich gestattet. Briefe empfangen kann man unbeschränkt. Jede Woche kann der Gefangene einmal schreiben, und zwar abwechselnd eine Karte und einen Brief. Vor der Aushändigung jeder Geldsendung wird der Gefangene gefragt, von woher er Geld erwarte. Wenn er es nicht weiss, wird das Geld zurückbehalten. Gefangene, die Lebensmittelpakte erhalten, werden immer wieder darauf hingewiesen, dass sie mit anderen zu teilen haben. 11 -109Bibelforscher. Es befinden sich etwa 40 im Lager. Sie gelten als die grössten Fanatiker. Auch in Dachau hören sie nicht auf, für ihre religiösen Auffassungen zu werben. Alle Bestrafungen tragen sie mit stoischer Ruhe. Es ist ihnen auch schon gelungen, einige Gefangene für ihre Sache zu gewinnen. Man kann sich mit ihnen gut unterhalten, aber sie sind sehr einseitig. Im Bunker. Die Bunker sind fast alle besetzt. Es befinden sich dort Menschen, die schon viele Monate eingesperrt sind. Niemand weiss, ob sie überhaupt noch da sind, denn sie werden nie ins Freie gebracht. Ein Mann aus dem Bunker musste zum Arzt geführt werden. Er brach zusammen, als er ins Freie trat.Er konnte die Augen nicht öffnen. Er sah aus wie ein Gespenst. Am 13. Juni wurde der Seemann Otto Fosswinkel, ein Kommunist, aus Hamburg eingeliefert. Er soll in dem Prozess gegen Fiete Schulte und Genossen freigesprochen worden sein und hat im Gerichtssaal, als man Fiete abführte, gerufen:" Rettet Fietes Kopf"!" Daraufhin kam er nach Dachau. Nach seiner Einlieferung erklärte ihm der Oberführer Deubel:" Mann, schau Dir die Sonne an, Du kannst von Glück reden, wenn Du ihren Aufgang noch einmal siehst." Seither ist der Gefangene im Lager nicht mehr gesehen worden. Empfang der Hitlerrede. Die Hitlerrede am 30. Januar wurde durch Lautsprecher im Lager übertragen. Die Uebertragung war sehr schlecht und kaum verständlich. Nur etwa 200 Mann hörten sich die Rede an, die übrigen gingen spazieren. Am nächsten Tag rief der Lagerführer die Mannschaft zusammen und erklärte, dass er sich jetzt davon überzeugt habe, dass sie noch immer staatsfeindlich seien. Einmal habe er sehen wollen," ob nicht doch ein Funke von Besserungswillen vorhanden sei", deshalb habe er keinen Pflichtappell angeordnet. Aber sie hätten gezeigt, wie sie in Wirklichkeit dächten. Sie dürften nicht hoffen, dass man sie jetzt freillesse. Diese Sabotage habe ihnen schwer geschadet. Er sagte wörtlich:" Wir wissen ja, dass Ihr noch alle Kommunisten seid, aber das könnt Ihr Euch merken: wenn auch der Kommunismus einmal kommt, Ihr werdet ihn nicht erleben. Dafür werden wir sorgen." Nach dieser Rede meldeten sich verschiedene Gefangene und erklärten, dass sie den Empfang der Rede nicht aus bösem Willen versäumt hätten, sondern wegen des schlechten Empfangs. Es sei einfach nichts zu verstehen gewesen. Daraufhin hat der Lagerführer seinen eigenen Apparat kommen lassen und als eine Schallplattenübertragung der Rede gegeben wurde, musste das ganze Lager antreten. A- 110Lichtenburg In Lichtenburg werden die Gefangenen bei der Einlieferung in das Lager nach Beruf und Arbeitsfähigkeit gegliedert. Sind sie Handwerker, so kommen sie zur II. Kompagnie; Erd- und Landarbeiter werden der III. Kompagnie, rückfällig gewordene Ankömmlinge der Strafkompagnie zugeteilt. Kranke und Krüppel -wir hatten Menschen im Lager, die auf zwei Krücken liefen oder völlig blind, von ihren Kameraden geführt und betreut werden mussten verwendet die Lagerleitung zum Putzen der Ess- Bestecks für die SS und für die notwendigen Arbeiten in den Unterkunftsräumen der Gefangenen. In den Werkstätten waren Schlosser, Schmiede, Tischler, Maler, Polsterer, Schuhmacher, Büchsenmacher und Buchbinder beschäftigt. Maurer, Zimmerer, sowie Dachdecker fanden auf den Bauten im Lager und ausserhalb des Lagers Verwendung. Die Angehörigen der einzelnen Arbeitsgruppen unterstehen während der Verrichtung ihres Dienstes einem Schutzhaftgefangenen, der als Vorarbeiter tätig ist. Von der Lagerleitung ernannt, erhielt er einen schwarzen Winkel in V- Form auf weissem Felde mit der laufenden Nummer und der Bezeichnung seines Berufes. Die Vorarbeiter tragen ihn am linken Oberarm und werden als Winkelträger geführt. Sie sind für die Verteilung der Arbeit an die Gefangenen und für die Güte der Produktion verantwortlich. Sie müssen auch die Angehörigen ihrer Kolonne, in einzelnen Berufen bis zu 50 Mann, vom Appellplatz zur Werkstatt und zurück führen. Schutzhaftgefangene, die mit Gefängnis, Zuchthaus und Ehrverlust bestraft waren, dürfen nicht" Winkelträger" werden. Während der Zeit, da ich im Lager war, trugen von bekannten Funktionären der Arbeiterbewegung folgende diesen Winkel: Carl Mierendorff( Korporalschaftsführer 2 der II. Kompagnie) Rechtsanwalt Hans Litten- Berlin( Buchbinderei), die kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Grube( Tischlerei), Geschke( Schlosserei) und Max Herms( Elektriker). Neben diesen Gruppen von Handwerkern arbeiten die ungelernten Gefangenen unter gleichen Verhältnissen als Strassenkehrer, Kartoffelschäler, als Wäscher und in den Aussenkommandos der III. Kompagnie als Erdarbeiter. Mit besonderer Vorliebe beauftragte die Lagerleitung Intellektuelle damit, Aborte und Latrinen zu reinigen. Rechtsanwälte( Bendix- Berlin), Lehrer( Walter Stoecker- Berlin), Studenten( Paul Krämer- Königsberg) verrichteten diese niedrigen Dienste, fuhren Jauche und wühlten mit blossen Händen im menschlichen Kot herum, kehrten, von den Schwarzen verhöhnt, die Strasse, schleppten Kohle oder leisteten andere ähnliche Arbeiten. Als ich mit Bendix im Frühjahr 1936 die Latrine der II. Kompagnie reinigte, kam grinsend der Lagerführer Remmert. Mit dem ganzen Zynismus, dessen dieser fette Bursche fähig war, verhöhnte er meinen Gefährten, der un mehr als 20 Jahre älter war als dieser" Führer" mit den Worten: A-111" Na, Bendix! Schöne Arbeit, was? Da wird heute das Essen besonders gut schmecken!" Diejenigen, die mit solchen Arbeiten bedacht waren, standen bei der Lagerleitung oder irgend einem Kompagnieführer in besonders schlechtem Ansehen. Sie galten als unverbesserlich, zeigten sich nicht willfährig genug, hatten vielleicht getrotzt oder hatten, wie ich, gegen zugefügte Beschimpfungen vernehmlich protestiert. Sie wollte die Lagerleitung erniedrigen, beugen, in ihrem Ehrgefühl treffen. Wir waren aber stolz, von jenen gehasst zu werden. Viermal: morgens, mittags, nachmittags und abends mussten wir zum Arbeitsdienstappell antreten. Bei dieser Gelegenheit standen an den Ausgängen der Unterkunftsräume der Kommandant, sein Adjutant Remmert oder die Kompagnieführer und trieben die Gefangenen zu immer schnellerer Gangart an, jagten sie in ihre Zellen und Säle zurück, ordneten Laufschritt an und liessen, wenn sie schlecht geschlafen hatten oder noch betrunken waren, was häufig vor kam, vor Beginn der Arbeit eine halbe Stunde" Sport" machen. Dabei brach sich der Schutzhäftling Otto Koch, Erfurt, den Knöchel, lag Monate lang im Lazarett und wurde bei meiner Entlassung, an zwei Krücken hängend, geführt. Aus den Werkstätten, aus den Unterkunftsräumen und von ihren ausserhalb des Lagers gelegenen Arbeitsplätzen kamen die Gefangenen zu den Appellen. Ca. 850 Mann standen in einem Karree auf dem Hof. Die Zugänge waren von Posten, zum Teil mit Maschinengewehren, abgeriegelt. Immer marschierte dazu der Bereitschaftszug der SS-ca. 40 Mann stark- auf. Für jeden vernehmbar klang das Kommando des Zugführers:" Mit scharfen Patronen laden und sichern!" über den Hof. Der Befehl, das Schlagen der Gewehrschlösser, das Rasseln der Patronen beim Einschieben und das Herumwerfen der Sicherungsflügel, machten auf den Neuling einen unheimlichen Eindruck. Oft erlebten wir, dass sich am Abend beim Entladen der Gewehre und Pistolen Schüsse lösten. Vor den Gefangenen, inmitten des Karrees standen die " Führer", darunter auch der Kommandant Bananowski, Träger des Blutordens. Im schmutzigen Trainingsanzug, die Hände in den Hosentaschen, klein und dick, wälzte sich dieser" Edelmann" über den Hof. Taschentuch brauchte er keines. Er rotzte und spuckte wie ein Kaschemmenbruder. Die Umstehenden mussten gut aufpassen, wenn sie von dem Auswurf zerschont bleiben wollten. Während meiner Freistunde im Sommer 1936 löste sich vom Dache des Zellenbaues, in dem die II. Kompagnie untergebracht war, ein etwa acht Meter langes Stück Sims und stürzte mit viel Getöse auf den Hof. Da es abends war und die Sonne nicht mehr an jener Stelle lag, befand sich kein Gefangener dort. Wir alle, die es mit erlebten, empfangen es als das Walten eines gütigen Geschicks, dass keiner unserer Kameraden unter den Trümmern lag. Dieser Vorfall gab dem Kommandanten beim nächsten Arbeitsdienstappell Anlass zu folgender Rede: A-112" Es sind ein paar Klamotten vom Dache gefallen. Es werden noch mehr herunter fallen. Uns ist es gleichgültig, ob einer von Euch dabei kaputt geht. Ihr braucht ja nicht so nahe an die Mauern zu gehen." Gern und oft brachte er vor uns Wehrlosen seine Macht zum Ausdruck:" Wer nicht pariert, wird eingesperrt"." Wer meutert, wird erschossen!"-" Bei uns sitzen die Kugeln locker im Lauf, und unsere Jungens schiessen gut" waren stets wiederkehrende Drohungen. Diese Haltung des Lagerkommandanten blieb nicht ohne Wirkung auf die Wachtposten, welche den einzelnen Werkstätten und Arbeitsgruppen zugeteilt waren. Mit gefälltem, schiessfertigem Gewehr standen sie in den Arbeitsräumen, liefen sie hinter den Gefangenen her und trieben sie an. Jeder Gefangene, der an ihnen vorbeigehen wollte, musste mit den Worten:" Bitte vorbeitreten zu dürfen" um die Erlaubnis dazu bitten. Jeder, der das Closett benutzen wollte, musste melden:" Schutzhäftling Y.Z. zum Austreten!" Wehe dem, der diese" Pflichten" vernachlässigte. Machte die Zwangsarbeit ohnehin keine Freude, so wurde sie zur Pein, wenn die beigegebenen Posten ihrer Roheit und Brutalität freien Lauf liessen. Dann stiessen sie den Arbeitenden nach Lust und Liebe den Gewehrkolben in den Rücken, traten ihnen mit den Stiefeln in das Gesäss, beschimpften sie" faules Aas"," dummes Luder"," dreckige Judensau"," verfluchter Louis" und ähnlich. Der Standartenführer Bananowski liebte diesen Ton und dieses Verhalten. Der Gefangene, seine Ehre und sein Leben galten ihm nicht einen Pfifferling. Wie oft rühmte er sich dieser Brutalität bei den Arbeitsdienstappellen:" Wenn Ihr wollt, könnt Ihr hier drin verrecken. Mich bekümmert das nicht." Stand irgend ein Angehöriger der Arbeitsgruppen in dem Verdacht, während seiner Tätigkeit geraucht zu haben oder Rauchwaren bei sich zu führen, dann erfolgte plötzlich eine Leibesvisitation. Unter dem Schutze einer Anzahl von Wachtposten suchten Kompagnie- und Lagerführer die Taschen, Wäsche, Kleidung und Stiefel der davon Betroffenen durch. Das Mitführen von Tabakresten, aus gekautem Priem, ja selbst das Verwahren von Nägeln und Stiften in den Taschen genügte, um den Besitzern 6- 10 Tage verschärften Arrest einzutragen. Rauchen war weder während der Arbeitszeit noch in den Pausen gestattet. Vor dem 1. April 1936 erhielten die Handwerker und die im Freien arbeitenden Gefangenen als zweites Frühstück eine Margarines tulle und, soweit in der Häftlingsküche von der Morgenausgabe Reste vorhanden waren," warmen Kaffee". Auch übrig gebliebene Heringe oder Käse wurden damals abwechseln an die einzelnen Gruppen verteilt. Mit dem Dienstantritt des Kommandanten Bananowski hörte das auf. Besonders hart lastete die Zwangsarbeit auf den Angehörigen der I. Strafkompagnie. Die schwerste Arbeit und die geringste Verpflegung-ihnen war das Recht, Zusatznahrungsmittel zu kaufen, entzogen- blieb ihnen vorbehalten. Steineschlagen und-Setzen, Schachten, Müllgrube entleeren, Pflug A-113Halsen und Wagen. Sie verrichteten die Arbeit eines Zugtieres, wurden von den Posten angetrieben, beschimpft, gemartert und mussten hungern. Dafür zwang sie die Lagerleitung, bei ihren Märschen" fröhliche" Lieder zu singen. " Ob Arbeitsdienst, ob Sport uns winkt, doch stets ein frohes Lied erklingt!" Schon im Zuchthaus enthielten unsere Mahlzeiten viel Wasser. Die Lagerverwaltung von Lichtenburg fügte es noch reichlicher bei. Liessen wir das Essen am Mittag oder am Abend eine kleine Weile stehen, dann bildete sich am Boden der Schüssel ein oft undefinierbarer Satz. Mehr als die Hälfte des Inhalts war Wasser und wurde von uns in den Nachtkübel geschüttet. Gelegentlich einer Unterhaltung mit dem Küchenchef Bergemann sagte ich diesem, dass ich Wasser nicht in den Stiefeln liebe, geschweige denn im Magen. Er aber erwiderte mir:" Fleisch und Fett im Essen braucht der Mensch nicht. Es schmeckt nur besser, wenn welches drin ist." Nach dieser Auffassung erfolgte die Zusammenstellung und Zubereitung unserer Mahlzeiten durch die Lagerleitung. Im Sommer begann für uns der Tag um 5 Uhr morgens und endete um 9 Uhr abends. Für diese 16 Stunden gewährte die Kommandantur 350 Gramm Brot täglich, 1 1/2 Liter" Essen" am Mittag und 3/4 Liter" Suppe" zur Nacht. Als Bro taufstrich für die gleiche Zeit empfing jeder Gefangene bei Ausgabe des Frühstücks 25 Gramm Pflaumenmus oder die gleiche Menge" Kraut mit Himbeer und Molken". So stand auf den Pappschachteln, aus denen diese rätselhafte, gallertartige Masse verteilt wurde. Das Messer, mit dem wir dieses Kraut auf unser Brot strichen, oxydierte sofort, wurde schwarz und war kaum mehr blank zu bekommen. Das Zeug wirkte ätzend auf den Stahl. Was immer wir auch als Brotaufstrich bekamen, es reichte kaum aus, um eine Schnitte zu schmieren. Den grössten Teil des Tages mussten wir uns mit trockenem Brot begnügen. Speisezettel für eine Woche Tag: Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Mittag: Nudelsuppe Weisskraut mit Abend: Erbssuppe Graupensuppe Kartoffeln Bohnen mit Talg Königins uppe Reis mit Zucker u.Zimt Gek.Seefisch mit Bohnenmehlsuppe Gemüsesuppe Mehlsuppe Sonnabend Sonntag Senfsauce Linsensuppe Erbsen mit" Speck" Salzhering u.Tee. Als eines Tages an der Küchentafel" Nudeln mit Rindfleisch" stand, suchten wir es vergebens in unserem Essen. Für etwa 850 Gefangene war 20 kg Fleisch von minderwettiger Sorte verwendet worden. Es gab viele Kanäle, in denen es verschwand. Dafür gab es umso reichlicher" Suppenwurze". Zwischen der Ausgabe des Frühstücks, die vom 1. April bis 1. Oktober 1/2 6 Uhr erfolgte, und dem Mittagessen um 1/2 11 Uhr lagen sechs lange Stunden, von denen 4 beim Schachten, Steineklopfen, am Schmiedefeuer, am Pflug, oder auf den Baustellen verbracht wurden. Ohne satt zu sein, marschierten wir während der Sommermonate im glühenden Sonnenbrand von 1/2 12 Uhr bis 1/2 1 Uhr auf den Höfen, machten Sport und gingen um 2 Uhr mit leerem Magen an unsere Arbeitsplätze, erhielten um 1/2 6 Uhr abends eine Wassersuppe mit trockenem Brot und legten uns um 9 Uhr abends hungrig ins Bett. Der Hunger wütete unter den Gefangenen. Alle, besonders unsere jüngeren Kameraden, die Angehörigen der Strafkompagnie und der schwer arbeitenden Berufe schrieen nach Brot, bettelten geradezu darum. Der Hunger lässt viele der Gefangenen ihre Menschenwürde vergessen. Wie Tiere wühlen sie in der Müllgrube herum, suchen nach Resten von Brot, Wurst, nach etwas Essbarem, das die Angehörigen der SS wegwerfen, schämen sich dessen und geben an, es für andere zu suchen. Sie standen an den Kübeln, in die das Schweinefutter geschüttet wurde und entnahmen daraus, was noch halbwegs essbar war, entleerten den SS- Leuten die Müllkübel in der Hoffnung, in ihnen Brot zu finden. Eines Tages nach Arbeitsschluss liess der Lagerführer Remmert die in der Tischlerei beschäftigten Gefangenen antreten und durchsuchte sie persönlich nach Brot. Denjenigen, bei denen er etwas fand, kündigte er 6 Tage Arrest an, fand aber dann doch nicht den Mut, sie einzusperren. Unter der Wirkung dieser Ernährung litten die Gefangenen an allgemeiner Schwäche, steter Müdigkeit, Energie- und Willenslosigkeit. Wo sie stehen, können sie schlafen. Der körperliche Zustand, besonders der Schwerarbeitenden, war besorgniserregend. Die Dachdecker z.B. weigerten sich, in solcher Verfassung auf den hohen Dächern zu arbeiten. In dieser Situation entschloss sich ein Winkelträger zu einer schriftlichen Eingabe an die Lagerleitung. In ihr legte er die Ernährungsverhältnisse im Lager und deren Wirkung auf die ihm unterstellten Handwerker dar und bat um Gewährung einer ausreichenden Nahrung. Nachdem der Stand artenführer Bananowski von diesem Schritt Kenntnis genommen hatte, liess er die unter dem Winkelträger arbeitenden Gefangen antreten. Er befahl denjenigen, die Kenntnis von der Handlung ihres Vorarbeiters besässen, vorzutreten. So versuchte er dem, der den Hunger seiner Kameraden hatte lindern wollen, eine Anklage weger Meuterei anzuhängen. Meuterei wurde nach der Lagercrdnung mit Erschiessen geahndet. Dieser Versuch blieb erfolgios. Keiner meldete sich. Die Lagerleitung beantwortete die Eingabe mit der sofortigen Verringerung der täglichen Brotration. Bisher erhielten wir pro Tag 400 Gramm, von nun an 350 Gramm. A-115Sachsenburg 1. Bericht: Im September 1936 befanden sich in Sachsenburg drei Kompagnien Schutzhäftlinge mit zusammen 480 bis 500 Mann. Diese Zahl erhöhte sich bald danach auf sieben Kompagnien mit einer Belegschaft von insgesamt etwa 1300 Mann. Während der Lebensmittelmeckerer- Welle gab es viele Verhaftungen. Ausserdem setzte um diese Zeit eine verstärkte Ueberweisung von politischen Strafgefangenen ein, die 1933/34 verurteilt und nach Verbüssung ihrer Strafe dem Konzentrationslager überwiesen worden waren. An einem Tage kamen einmal allein 400 neue Schutzhäftlinge. Die Zahl der Gefangenen schwankte seither sehr. Im April 1937 war sie wieder auf 400 Häftlinge gesunken, um nach Pfingsten 1937 erneut auf angeblich 1.400 zu steigen. Das Lager selbst bietet Raum für 2.500 Schutzhäftlinge. Jede Kompagnie hat einen Gefangenenfeldwebel. Zu diesem Posten werden meist frühere Soldaten gewählt. Der Feldwebel trägt auf einer gelben Binde drei Winkel am Aermel und hat im Gegensatz zu den anderen Gefangenen etwas Bewegungsfreiheit im Lager. Seine Funktionen erstreckten sich im wesentlichen darauf, für Ordnung innerhalb seiner Kompagnie zu sorgen. Er hat die Essenverteilung zu regeln, zu läuten, beim Appell das Antreten zu überwachen, das Abzählen vorzunehmen und der SS- Wache die Zahl der zum Appell Angetretenen zu melden. Er muss ferner die Kartothek führen, Wäsche ausgeben und ähnliche Dienste verrichten. Während der einfache Gefangene, wenn er den Raum verlassen will, um einen Auftrag aus zuführen, oder wenn er zur Toilette gehen will, sich bei dem SS- Posten abmelden muss und eine Wachbegleitung erhält, ist der Gefangenenfeldwebel innerhalb des Lagers dazu nicht gezwungen. Er kann die Posten zwischen den einzelnen Räumen und Häusern ungehindert passieren. Neben diesem Gefangenenfeldwebel gibt es noch Zwei weitere Chargen unter den Gefangenen. Erstens Leute mit zwei Winkeln, die in der Wäscherei oder beim Aussenkommando usw. als Vorarbeiter tätig sind% 3B zweitens der sogenannte " Schwung", d.h. die Gefangenen, die zum persönlichen Dienst bei der SS- Wache und-Leitung kommandiert sind und die einen Winkel tragen. Als die Gefangenen noch in drei Kompagnien eingeteilt waren, umfasste die 3. Kompagnie drei Züge: 1. Zug Kriminelle und Zuhälter; 2. Zug Handwerker, SS- Bedienung, Gärtner, Wäscher usw.; 3. Zug Juden. Die Juden wurden den schwersten Misshandlungen unterworfen. Besonders litt der jüdische Arzt Dr. Boas, der wiederholt Prügel erhielt. Er war ein ausserordentlich tapferer Mensch. Als ihn der SS- Führer Schmidt nach einer eben vollzogenen Prügelstrafe-Boas hatte 25 Hiebe erhalten und wurde gerade vom Prügelbock losgeschnallt- höhnisch fragte, wie ihm das bekommen sei, sagte Boas:" Ein deutscher Offizier verträgt alles"; Boas war im Weltkrieg, obwohl Jude, Offizier. Der SS- Führer Schmidt fand an diesen Exekutionen besonderes Interesse und liess einmal eine solche Ab strafung um kurze Leit verschieben, bis er mit einigen" Damen", die er aus der Stadt im Auto mitgebracht hatte, in seiner Villa angelangt war und nun mit ihnen gemeinsam das Schauspiel vom Fenster aus verfolgen konnte. Die Prügeleien fanden auf dem Hofe zwischen der Villa der SS- Leitung und dem Gefangenenhaus statt. Seit einiger Zeit ist die SS- Mannschaft nicht mehr im Lager selbst untergebracht, sondern nach dem in der Nähe gelegenen Frankenberg geschafft worden. Im Lager befinden sich nur noch die zum jeweiligen 8- tägigen Dienst kommandierten Wachmannschaften. Das sogenannte Jauchen- Kommando besteht aus 8 bis 10 Man. Es hat die Aufgabe, die Senkgruben zu leeren. Das Kommando bestand aus einigen Kriminellen, die ständig darin Dienst hatten und die sich auch nicht vor der dreckigen Arbeit scheuten, zumal sie dabei Raucherlaubnis hatten und damit eine grosse Vergünstigung erhielten. Zu diesen ständigen Angehörigen des Jauchenkommandos kamen dann die 2 bis 4 Mann, die jeweils strafweise zu diesem Kommando versetzt wurden und die dann sowohl von den Kriminellen wie vor allem von den SS- Wachthabenden entsetzlich schikaniert und gedemütigt wurden. Im Konzentrationslager befindet sich auch eine kleine Bibliothek von etwa 400 Büchern, zumeist natürlich Schriften aus dem Dritten Reich( zu Erziehungszwecken) und einigen ganz wenigen Romanen, wie etwa solche von Ganghofer. Die Bibliothek wurde zu meiner Zeit verhältnismässig wenig benutzt. Es war den meisten Leuten nicht nach Lesen zumute. Der Bibliothek angeschlossen war auch eine Buchbinderei, in der kräftig für den Privatbedarf der SS- Leitung gearbeitet und die Privatbüchereien der SS- Leute schön eingebunden wurden. Ganz erstaunlich ist das Verhalten der Ernsten Bibelforscher. Diese vielfach jungen Leute bewiesen unerschütterlichen Oppositionsgeist, sie zeigten Märtyrergesinnung und waren unbeugsam wie keine andere Gruppe im Lager. Wir politischen Gefangenen hatten von Anfang an die Losung unter uns ausgegeben, nicht zu rebellieren und uns allen Anordnungen der Lagerleitung zu fügen, da die SS- Leute mit uns wenig Federlesen gemacht hätten und nur darauf warteten, dass wir ihnen Anlass zum Einschreiten gaben. Wir leisteten also vorschriftsmässig den Gruss usw. Die Ernsten Bibelforscher waren dagegen unter keinen Umständen dazu zu bewegen. Ihre JehovaGläubigkeit verbot es ihnen und sie hielten sich strikte daran. Eine Anzahl von ihnen weigerte sich auch, die Freilassung aus dem Konzentrationslager anzunehmen. Einige erklärten, sie wollten solange im Lager bleiben, bis man ihnen die Ausübung ihrer Religionstägigkeit wieder erlaube. Eine Folge dieser Haltung war übrigens, dass sich unter den Ernsten Bibelforschern die meisten Selbstmorde und Selbstmordversuche ereignten. Sehr anständig verhielten sich auch die Geistlichen. Besonders hervorragend der evangelische Pfarrer Ackermann. Er war A-117nach einiger Lagerzeit freigelassen worden, nahm seine Tätigkeit für die Bekenntniskirche sofort wieder auf und wurde deshalb erneut verhaftet und wieder ins KZ gebracht. Hier hatte man inzwischen sogenannte Schulungsstunden eingerichtet und Ackermann wurde veranlasst, den anderen Häftlingen aus dem NS- Schrifttum vorzulesen. Einmal zwang man ihn, den " Stürmer" vorzulesen. Ackermann nahm die Zeitung und las den Annoncente il vor, legte dann das Blatt weg und erklärte: " Wer den Mut oder die Lust hat, etwas anderes aus diesem Blatt vorzutragen, möge es tun, ich tue es nicht". Die evangelischen Pfarrer wurden übrigens ebenso wie die übrigen Gefangenen behandelt. Man schor ihnen das Haar und zog sie auch zu den Erdarbeiten heran. Als später auch zwei katholische Geistliche ins Lager kamen, gab es zunächst für die Lagerleitung einiges Kopfzerbrechen. Da die Häupter der Geistlichen geweiht und gesalbt waren, traute man sich nicht, sie zu scheren. 2. Bericht: Ein Genosse, der 2 Jahre im Konzentrationslager Sachsenburg war, macht folgende Angaben: Die Behandlung in Sachsenburg hat sich bis heute nicht geändert. Im Februar ist im Gegenteil wieder eine Verschärfung der Behandlung eingetreten. Eine der neuen Methoden war folgende: 14 neu eingelieferte Schutzhäftlinge wurden in den Aufnahmeraum gebracht. Sie mussten sich mit dem Gesicht zur Wand aufstellen. Von hinten wurden sie von SS- Leuten mit den schweren Stiefeln in die Fussgegend oberhalb der Fersen getreten und mit den Köpfen gegen die Wand gestossen. Nach einer Stunde erschien der Lagerkommandant. Die Gefangenen waren bereits in zwei Linien angetreten. Der Kommandant hielt eine Ansprache, in welcher er betonte, dass sie" jetzt im Lager wären und einer guten und wohlwollenden Behandlung sicher seien". Die Wirklichkeit hatte die Verhafteten einige Minuten vorher eines besseren belehrt. In den ersten Wochen wurden die Gefangenen hauptsächlich mitten in der Nacht schikaniert. Die Posten wurden mit dem Kommando" Antreten zum Erschiessen" aus ihren Unterkunftsräumen alarmiert. Die Gefangen en hörten das Kommando. Zitternd vor Angst sassen sie auf ihren Pritschen. Bis gegen Morgen wurde einer nach dem anderen geholt und vernommen. Am Morgen kam das Kommando:" Die Erschiessung ist verschoben". Das grauenhafte Spiel wurde einige Nächte lang wiederholt. Viele Nervenzusammenbrüche waren die Folge. 3. Bericht: Die GEG- Tabakfabrik in Frankenberg Bez. Chemnitz ist eingestellt und als Kaserne des SS- Totenkopfs turmes eingerichtet worden, dem die Bewachung des Konzentrationslagers Sachsenburg obliegt. Nach Fertigstellung eines Anbaues soll die jetzige Belegschaft noch um einige 100 Mann der SS verstärkt werden. Unter den Leuten sind einige, die ausgesprochen sadistisch veranlagt sind und deswegen vom Lagerleiter Schmidt bevorzugt werden und auch am meisten an den Quälereien der Schutzhäftlinge beteiligt sind. Bei den übrigen 2) A-118kommt ab und zu doch eine gewisse Menschlichkeit zum Ausdruck. Sie kommen deshalb oft in Gewissenskonflikte mit den Dienst vorschriften. Im Jahre 1936 haben sich allein in Frankenberg 6 SS- Männer erschossen, darunter auch Chargierte. Zum Beispiel hat sich nach Weihnachten 1936 ein Sturmbannführer das Leben genommen, weil er als Wachthabender zu Weihnachten zugelassen hatte, dass ein Schutzhäftling vom Lager aus mit seiner Frau eine kurze Unterredung halten konnte. Nach der Dienstordnung ist das ein schweres Vergehen, es steht harte Strafe darauf. Die Löhnung der einzelnen SS- Leute in dieser Formation bewegt sich zwischen 10,- RM für Anfänger bis 480,- RM monatlich für Obersturmbann- Führer, dazu Verpflegung, Wohnung und Bekleidung. Am 11. März 1937, abends zwischen 7 bis 8 Uhr, wurden die Bahnhofstrasse und die nach Sachsenburg führende Strasse für jeden Verkehr gesperrt. Alle Anlieger wurden aufgefordert, die Fenster zu schliessen und sich von den Fenstern zu entfernen. Es liefen zwei Züge auf dem Frankenberger Bahnhof ein, die ca. 600 Gefangene mit Begleitmannschaften brachten. Die Gefangenen waren zum Teil Mann an Mann mit Handfesseln verbunden. Nachforschungen ergaben, dass die Gefangenen aus dem Rheinland und aus Lichtenburg gekommen waren. SS- Männer erzählten, dass jetzt eine Auswechselung der Zuchthäusler mit den Schutzhäftlingen vorgenommen würde. Es stände in kurzer Zeit der Besuch von Ausländern zu erwarten, denen man zeigen wolle, dass im KZ- Lager Sachsenburg nur Berufsverbrecher untergebracht seien. Man kann annehmen, dass z.Zt. in Sachsenburg mit den Neuangekommenen wieder etwa 1.300 Menschen untergebracht sind. Ein Teil der Schutzhäftlinge ist vor kurzem bei Bauarbeiten für SS- Wohnhäuser verwendet worden. Hamburg Fuhlsbüttel 1. Bericht( Von einem teschoslovakischen Staatsangehörigen): Das" Kolafu"-Konzentrationslager Fuhlsbüttel- liegt im Stadtgebiet Hamburg, aber ausserhalb der Häuserblocks auf freiem Felde. Auf dem Transport war ich mit einem Leidensgefährten durch eine Kette zusammengeschlossen. Im Aufnahmebüro des Lagers mussten wir uns, mit dem Gesicht zur Mauer, hart an die Wand stellen. Bei der kleinsten Bewegung wurden wir angeschrieen. Das dauerte eine halbe Stunde. Dann wurde ich in die Kanzlei geführt. Der Aufnahmebeamte war ein SSMann, und zwar der Neffe des Reichsstatthalters Kaufmann. Er zeichnete sich durch besondere Grobheit und Unflätigkeit aus. Dass ich weder bei der Einlieferung noch später misshandelt worden bin wie viele andere Häftlinge- führe ich auf meine tschechoslovakische Staatsangehörigkeit zurück. Nur im Gang vor der Aufnahmekanzlei gab es eine kleine Szene, wie sie in A-119den Konzentrationslagern alltäglich ist. Irgend ein Posten zwang mich, einen vierzig Meter langen Gang entlangzurennen und feuerte mich mit Rufen an:" Kannst Du nicht schneller laufen?"," Wir werden Dir Beine machen!" Zum Glück rief mich der Gestapo beamte Krüger in diesem Augenblick zum Verhör, so dass die erniedrigende Jagd nicht lange währte. 1 1/2 Tag blieb ich im sogenannten" Zugangskeller", der sich im C- Flügel befindet und Einzelzellen enthält. Am meisten beunruhigte es mich, dass meine Angehörigen ohne jede Nachricht von mir waren. Als ich den wachthabenden SS- Mann um Schreibpapier und Bleistift bat, sagte er:" Wir sind hier keine Postanstalt". Kleine Schikanen waren an der Tagesordnung. So passierte es mir, dass mich irgendein SS- Lümmel -mit der Begründung, ich hätte mich bei seinem Eintritt nicht vorschriftsmässig gemeldet- an der Gurgel gepackt und hin- und hergeschüttelt hat. Von der Einzelzelle wurde ich in einen Gemeinschaftssaal des C- Baues geschafft. Wir waren dort zunächst 8, später 12 Mann. Ich fand dort unter den Eingekerkerten einen wahrhaft ergreifenden Kameradschaftsgeist. Sie teilten alles miteinander und richteten sich gegenseitig auf. Mir reichten sie sofort Tabak, Papier usw., damit ich über die erste Zeit hinweg käme. Es gab eine" Saalkasse", zu der jeder beisteuerte und aus der die" Zugänge" unterstützt wurden, die ja zunächst ohne einen Pfennig Geld waren. Der Ssal war ausreichend gross, aber ungenügend durchwärmt. Wir drängten uns oft frierend um die Heizröhre zusammen. Wir machten abwechselnd Stubendienst und hielten den Raum sehr sauber, damit wir von Ungeziefer verschont blieben. Unsere Tage schlichen sehr eintönig hin. Zur Arbeit wurden wir nicht herangezogen. Früh- und Abendappell, eine einzige morgendliche Freistunde im Hof und die Mahlzeiten- das waren die einzigen" Abwechslungen". Während der Stunde im Hof mussten wir zu zweit gehen und durften kein Wort miteinander sprechen. Während des übrigen Tages spielten wir etwas Schach, Bücher waren kaum vorhanden, nur zwei völlig zerlesene und uninteressante Schmöker. Miteinander offen zu sprechen wagten wir kaum, weil wir immer einen Lauscher hinter der Tür vermuten mussten. Hinzu kam natürlich, dass wir alle sehr deprimiert waren. Unser Schicksal war ungewiss, und die Sorge um unsere Angehörigen peinigte uns. Ich hatte nach fünf Tagen zum ersten Mal Gelegenheit, nachhause zu schreiben. Bis der Brief die Zensur passiert hatte, vergingen noch einige Tage, so dass meine Familie eine ganze Woche lang nicht wusste, was aus mir geworden war. Im übrigen durften wir wöchentlich ein Wäschepaket empfangen, dem 50 Gramm Tabak, ein Päckchen Zigarettenpapier ( für Nichtraucher eine Tafel Schokolade) und 500 Gramm Fettwaren( etwa 12 Pfund Butter, 12 Pfund Wurst) beigepackt werden konnten. Wöchentlich durften wir einen Brief absenden, der Briefempfang war nicht beschränkt. Die von den Familien gelieferten Lebensmittel waren keine Zukost, vielmehr war die Lagerkost so schlecht und knapp, A-120dass wir auf die Sendungen angewiesen waren. Das Mittagessen -ein Eintopfgericht- war zu meiner Zeit erträglich, aber sonst erhielten wir nur früh, nachmittags und abends einen Topf bitteren schwarzen Malzkaffee und trockenes Brot. Einmal in der Woche gab es 1/2 Pfund Margarine und ein kleines Stück Wurst, das am gleichen Tage gegessen wurde. Wir hätten ohne die Pakete von zuhause also fast immer treckenes Brot essen müssen. Das schlimmste waren die Nächte. Im Konzentrationslager selbst wurden wir zwar-in unserer Abteilung- nicht misshandelt, aber es war die Regel, dass Kameraden mitten in der Nacht zum Verhör ins Stadthaus abgeholt wurden. Wer am Abend den Bescheid bekam, dass er an der Reihe sei, tàt kein Auge zu, und wer vom Verhör zurückkam, hatte meist Striemen im Gesicht und am Körper. War es nachts in Saal etwas lauter als sonst, so geschah es, dass man uns aus den Betten holte und uns eine halbe Stunde lang Freiübungen machen liess. Nur mit dem Hemd bekleidet, im kalten Korridor. Im Nachbarflügel hagelte es bei solchen Gelegenheiten Fusstritte und Stösse, wir blieben wenigstens davon verschont. Vom Fenster aus habe ich beobachtet, wie Häftlinge, deren Hände mit Handschellen aneinandergekettet waren, bis zum Umsinken Dauerlauf machen oder in Hockstellung auf dem Hofe herumhüpfen mussten. Konnte einer nicht weiter, so wurden die anderen gezwungen, ihn mit Fusstritten anzutreiben. Mitte Dezember wurde ich vom Konzentrationslager ins Untersuchungsgefängnis gebracht. Wir lagen dort in einem sehr düsteren, schlecht geheizten Gemeinschaftssaal. Es herrschte normaler Gefängnisbetrieb. Unter uns waren Häftlinge, die schwere Misshandlungen hinter sich hatten und unter Wundschmerzen litten. Die alten Gefängnisbeamten behandelten uns nicht schlecht, sie versahen sachlich ihren Dienst. Die jungen aber konnten sich im Kommandieren nicht genug tun, sie brüllten uns an, liessen bei" ungenügender Meldung" 15 bis 20- mal" Auf und Nieder" üben und fanden ein Gefallen daran, uns in jeder Weise zu schikanieren. 2.Bericht:( Von einem spanischen Rückwanderer): Nach Abschluss der Verhöre wurden wir gemeinsam in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel geschafft. Ich muss sagen, dass die Behandlung, die wir durchmachen mussten, nicht ganz so schlecht war, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Wir wurden nicht geschlagen. Selbstverständlich mussten wir uns sofort nach der Einlieferung mit dem Gesicht zur Wand aufstellen, wurden schrecklich angebrüllt und mussten solange stehen, bis wir an die Reihe kamen, ohne dass wir uns umsehen oder gar mit jemanden sprechen durften. Das Konzentrationslager Fuhlsbüttel befindet sich in einem grossen Gebäudekomplex zusammen mit dem Zuchthaus und einem Frauengefängnis. Dem KZ- Gebäude angegliedert ist ein zweites Haus, das die Wäscherei und die Küche enthält. Das KZ- Gebäude A- 121hat drei Stoakwerke. In Erdgeschoss befinden sich neben einigen Gemeinschaftszellen auch die Räume der SS- Verwaltung, sowie einige kleine Zimmer, in denen die Verhöre stattfinden. Die beiden anderen tagen enthalten, soweit mir bekannt, nur Zellen. Das Gebäude ist sehr alt und hat noch Kreuzgewölbe. Der Gemeinschaftsraum, in den wir nach der Aufnahme gebracht wurden, war gross, d.h. etwa 10 Meter lang und 8 Meter breit. Er war mit zehn Mann belegt, aber wohl für viel mehr Gefangene berechnet, da ca. 30 Betten in Raum standen. Abort befindet sich in der Zelle, er ist extra eingebaut in der Besenkammer; fliessendes Wasser war ebenfalls vorhanden. Die Bewachung erfolgte ausschliesslich durch SS- Leute, auch vor dem Lager. Nach meiner Meinung kann keine Rede davon sein, dass die Reichswehr den Aussenwachdienst übernommen hat. Dieses Missverständnis, dem man häufig begegnet, wird dadurch entstanden sein, dass die SS- Leute mit Stahlhelm und Karabiner herumlaufen und deshalb von Nichte ingeweihten und Ahnungslosen für Reichswehrsoldaten gehalten werden können. Die Verpflegung in Fuhlsbüttel war so, dass man bei längerer Haft nach und nach verhungern müsste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute diese Kost auch nur für ein bis zwei Monate ohne schwerste gesundheitliche Schädigung überstehen können. Wir erhielten morgens eine Esschale voll sogenannten schwarzen Kaffee, sonst nichts. Weder Brot noch irgend etwas anderes. Mittags, 11 bis 1/2 12 Uhr, bekamen wir einen Liter Essen, fast ganz ohne Fett. Als Abendessen gab es un 5 Uhr ein Pfund Brot und den berühmten schwarzen Kaffee. Zum Brot bekamen wir einmal in der Woche ein Stückchen Margarine, sonst nichts, weder Wurst noch Butter noch Fisch oder irgend etwas anderes als Aufstrich. Die Folge war, dass wir schon nach 8 Tagen ein Schwächegefühl hatten und von der Vorstellung besessen waren: länger hältst du das nicht mehr aus. Wir haben wiederholt Schutzhäftlinge gesehen, denen man an ihrer furchtbaren Hautfarbe und ihrem sonstigen Aeusseren merkte, dass sie schon längere Zeit von dieser Kost leben mussten. Nur einmal gab es ein verhältnismässig gutes Essen: Salzkartoffeln, gekochten Fisch in Senfsauce. Es stellte sich heraus, dass an diesem Tage eine Besichtigung des Lagers, wahrscheinlich durch Ausländer, erfolgte. Wir blieben während des ganzen Aufenthalts in dem geschilderten Gemeinschaftsraum. Einer der Gefangenen wurde zum Stubenältesten ernannt. Er war für die Sauberkeit der Zelle und die Disziplin der Insassen verantwortlich. Zum Essen musste jeweils in Reih und Glied angetreten werden, dann hiess es:" Augen links!" und der Stubenälteste meldete den Zel lenbestand. Abends wurden regelmässige Appelle abgehalten. Zur Arbeit herangezogen wurden wir nicht. Wir hatten aber auch keine Möglichkeit, den sonst üblichen Spaziergang zu machen, obwohl in EZ ein grosser Hof war. Wir sind die ganze Zeit nicht zu irgend einer Art Freistunde hinausgekommen. A- 122Die Bewachung wurde von der SS vorgenommen. Je zwei Ham lösen sich jeweils ab. Die Leute waren sehr neugierig und haben uns verhältnismässig gut behandelt. Angebrüllt haben sie uns regelmässig nur dann, wenn ein Vorgesetzter kan.Sonst waren sie anständig und es kam auch vor, dass gelegentlich einer der Wachhabenden zu uns in die Gemeinschaftszelle kan und sich mit uns unterhielt. Natürlich wurden wir mit Du angesprochen. Am zweiten Tag erhielten wir Besuch vom Leiter der SS- Wache. Er visitierte unsere Zelle und gewährte uns dann Raucherlaubnis. Da einige von uns noch Geld hatten, konnten wir uns durch die SS- Leute Tabak beschaffen lassen. Is wurde allerdings ein schandbar schlechter Kurs für unser Geld gezahlt, so erhielten wir z.B. für loo Peseten von der Bank ganze 5,- RM. Wir wurden nicht in der üblichen Weise kahlgeschoren, sondern konnten uns vom Friseur die Haare nach Wunsch schneiden lassen. Den unangenehmsten Eindruck hinterliess der Leiter des Konzentrationslagers, der eines Tages in unserer Zelle erschien. Er hatte die Zigarette im Mundwinkel hängen und stellte sich breitbeinig in den Raum, schlug mit der Reitpeitsche an seine Stiefel und näselte:" Mache Euch darauf aufmerksam, dass derjenige, der zum Fenster hinausschaut, erschossen wird." Dabei lächelte er zynisch. Kiss lau Das Konzentrationslager Kisslau in Mittelbaden, das seit Beginn des Dritten Reiches besteht, ist nicht aufgehoben worden. Als der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Marum dort am 29. März 1934 ermordet wurde, nahm auch die Auslandspresse von diesem Lager Notiz. Seitdem wird es selten erwähnt, wohl weil Klagen über die Gefangenenbehandlung nicht mehr laut geworden sind. Kisslau ist eine Anstalt mit festen Gebäuden, nicht mit schnell errichteten Baracken. Es diente schon seit Jahrzehnten für die Unterbringung von Landarmen, Gewohnheitsbettlern und Arbeitsscheuen, war also vollständig zu Lagerzwecken eingerichtet. Auch heute werden dort noch solche Elemente untergebracht, während die Konzentrationslagerhäftlinge abgesondert sind. Politische Häftlinge in strengen Sinne-d.h. überzeugte politische Gegner des Regimes- werden in Kisslau selten eingeliefert. Sie kommen nach der Verhaftung zumeist ins Untersuchungsgefängnis. Dort sitzen sie allerdings auch oft monatelang, um endlich freigesprochen zu werden oder eine Strafe zu erhalten, die weit kürzer ist als die erlittene Untersuchungshaft. In Kisslau dagegen sitzen in der Hauptsache Unzufriedene, Meckerer, auch einige. Juden. Die Zeitungen erwähnen solche Einlieferungen nicht. In Baden hält man nicht viel von Lagerhaft, wohl der Kosten A- 123wegen, man schickt die Leute lieber ins Gefängnis oder ins Zuchthaus. Frauenkonzentrationslager Mo ringen Das Frauenkonzentrationslager Moringen war Ende 1936 mit 134 Frauen belegt. Die Häftlinge leiden furchtbar unter dem Platzmangel. Die engen Räume, in denen sie untergebracht sind, lassen keine ordentliche Lüftung zu und wurden während des Winters nur mangelhaft geheizt. Die einzelnen Lokale werden von den Frauen als Preussensaal, Bibelforscher-, Juden und Bayernsaal bezeichnet, je nachdem sie mit Frauen aus Bayern, Preussen oder mit Jüdinnen, belegt sind. Die Verpflegung ist schlechter als in den Schubgefängnissen und be steht täglich aus Eintopfgerichten, ohne jede Abwechslung. Im Sommer wurden viele Frauen zu harten Feldarbeiten verwendet, bei denen sie eine kleine Kostaufbesserung erhielten. Viele Frauen konnten in ihrem unterernährtem Zustande diese Arbeiten nicht leisten und brachen auf dem Felde ohnmächtig zusammen oder bekamen Herzanfälle. Die alten Bibelforscherinnen machen den Aufseherinnen viel zu schaffen. Sie leisten weder einen Hitlergruss, noch lassen sie sich von ihren Andachten abhalten. Seit kurzem hat man als besondere Schikane unter die poli-* tischen Insassen des Lagers Prostituierte übelster Sorte gemischt, die ihre Mithäftlinge zu bespitzeln haben. Diese Massnahme wird von allen als besonders drückend empfunden. Zuchthaus 0 ster stein Im Zuchthaus Osterstein bei Zwickau herrschen jetzt unmögliche Zustände. In dieser Anstalt, die bereits 1932 wegen ihrer schlechten Beschaffenheit aufgelöst und nach 1933 wieder geöffnet worden ist, können normalerweise 1.000 bis 1.200 Personen untergebracht werden. Gegenwärtig ist sie jedoch mit 1.600 Gefangenen belegt, von denen 1.200 politische Häftlinge und 400 kriminelle Sträflinge sind. Die beiden Gruppen sind nicht voneinander isoliert. Die Solidarität unter den politischen Häftlingen ist die denkbar beste. Echteste Kameradschaft herrscht bei ihnen, ganz gleich, welcher Parteirichtung sie früher angehörten. Die Gefangenen müssen eine geist tötende und unhygienische Arbeit leisten, die nicht nur zur Qual wird, sondern auch A- 124die Gesundheit schädigt, die bei der mangelhaften Verpflegung ohnehin geschwächt ist. Die Gefangenen müssen hauptsächlich Wolle zupfen. Ausserdem sind viele damit beschäftigt, riesige Mengen alter Korsetts zu zertrennen. Wo diese herkommen, ist unbekannt, sie sind zum Teil mit Schweiss- und Blutkrusten überzogen. Die Metallstäbe sind verrestet. Daneben müssen die Gefangenen noch grosse Bestände alter Waffenröcke und Uniformstücke zertrennen, die noch aus dem Kaiserreich stammen. Infolge des Rohstoffmangels werden die alten Stoffe gebraucht. Viele Gefangenen müssen sich bei der Arbeit übergeben, angewidert von Anblick und Geruch der verschwitzten und verkrusteten Korsetts und Kleidungsstücke. Muss ein Gefangener brechen, so bekommt er vom Aufsichtspersonal zur Strafe für die" gemachte Schweinerei" 20 Tage Bunker. Der Verdienst für diese Arbeit beträgt 4 Pfg. pro Tag; er steigert sich auf 6, 8, 12 usw. bis. ca. 30 Pfg. Die Steigerung hängt von der Führung des Gefangenen ab und von der Höhe seines Strafmasses. Hat der Gefangene eine hohe Strafe zu verbüssen, steigert sich allmählich sein Tagesverdienst bis zum Höchstsatz. Von diesem Verdienst wird die Hälfte als Rücklage verwendet, die dem Gefangenen bei der Entlassung ausgezahlt wird, die andere Hälfte wird als Hausgeld ausgegeben.. Davonkann sich der Gefangene etwas Lebensmittel kaufen. In vielen Fällen bekommt aber der Gefangene die Rücklage nicht ausgezahlt, weil darüber die Gefängnisverwaltung vollständig willkürlich entscheidet. Die Kost ist so beschaffen: Morgens" weisser Kaffee" und Brot mit 15 Gramm minderwertiger Margarine; zum Frühstück ein Stück Brot mit 15 Gramm Margarine ohne Getränk; zum Vesper schwarzen Kaffee und trockenes Brot; abends trockenes Brot mit einem Stück Käse oder Wurst und dergleichen, sowie Kaffee. Das Mittagessen war bis 1934 ganz erträglich. Jetzt gibt es aber überhaupt kein Fleisch, und Fett ist so wenig im Essen, dass die Gefangenen völlig entkräftet sind. Die Behandlung der Gefangenen ist, soweit sie älteren Beamten aus der Republik unterstehen, erträglich. Anders ist es mit den jungen Beamten, die erst nach 1933 angestellt wurden. Diese schikanieren und peinigen die politischen Gefangenen, wo sie nur können. Ein Gefangener, der mehrere Jahre in diesem Zuchthaus zugebracht hat, war bei seiner Entlassung nicht nur seelisch und moralisch ruiniert, sondern auch gesundheitlich so geschädigt, dass er lange Zeit braucht, um wieder einigermassen gesund zu werden. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten über das Los der politischen Gefangenen in Deutschland: Nordwestdeutschland: Karl Rüter, ver sechs Wochen verhaftet, hat sich Pfingst sonnabend" erhängt". Er war früher Mitglied der Reichsbanner- Abteilung 11 und des Arbeiter Samariter- Bundes, aber seit 1932 nicht mehr politisch tätig. Rüter war Vater A 225eines Kindes von 9 Monaten. Die Familie durfte den Erschlagenen nicht noch einmal sehen. Die Leiche ist verbrannt worden. Vom Zuchthaus Fahla büttel bind insgesamt 200 Verurteilte nach Papenburg transportiert worden. Südwestdeutschland: Der Sozialdemokrat August Erder aus Annweiler ist im März 1937-genaues Datum ist nicht bekanntim Gefängnis zu Landau gestorben und am Ostermontag, den 29. März, beerdigt worden. Als Todesursache soll von Amtsseite " Selbstmord durch Erhängen" angegeben worden sein. Erder, ein vieljähriges treues Mitglied der Sozialdemokratie, war im Dritten Reich nicht politisch tätig. Dennoch wurde er am Ostermontag 1936-genau ein Jahr vor seinem Tode- mit seiner Frau und mehreren Anderen verhaftet, weil er im Verdacht stand mit Emigranten in Verbindung zu stehen. Ein volles Jahr lang sass er im Gefängnis, ohne dass Anklage erhoben wurde. Unter diesen Umständen ist ein Selbstmord nicht ausgeschlossen. Frau Erder befindet sich noch heute im Landauer Gefängnis. Vom Tode ihres Mannes erfuhr sie vor der Beerdigung nichts. . 2.Bericht: Der Sozialdemokrat Valentin Schmetzer aus Frankfurt( Main), der" wegen politischer Umtriebe" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, ist durch Tod von seinen Zuchthausqualen erlöst worden. Schmetzer war vor Hitler Sekretär des Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes. Er wurde im November 1935 verhaftet und 1936 verurteilt. Ein Viertel seiner Strafe hatte er bis zu seinem Tode verbüsst. Eines Tages erhielt Frau Schmetzer folgendes Telegramm:" Sie haben Ihren Mann im Zuchthaus abzuholen, da seine Krankheit sich verschlimmert hat. Nach Wiederherstellung hat er sich bei uns wieder zu melden. Die Krankheit gilt nur als Strafunterbrechung." Trotz erheblicher wirtschaftlicher Schädigung durch die Verurteilung ihres Mannes und dessen Strafverbüssung, hat die Frau doch die erforderlichen Mittel von etwa 50,- RM aufgebracht und ihren Mann mit einem Auto aus dem Zuchthaus in das Frankfurter Krankenhaus gebracht. Einige Tage später ist er gestorben. Am 28. April 1937 wurde er auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt a/ Main beigesetzt. Berlin, 1.Bericht: Der im Markwitz- Prozess zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilte Genosse Hirschberg, über dessen tapferes Verhalten vor Gericht wir berichteten( Heft 12/1936, Seite A 67), ist in den Ostertagen 1937 in Zuchthaus Braunschweig gestorben. Kurz vor Ostern erhielt er den ersten Besuch seiner Frau bewilligt. Sie fand ihn ungebrochen. Einige Tage später erhielt sie die Nachricht von seinem" plötzlichen Tode". Am Sonntag vor Ostern wurde der Sarg in Berlin den Flammen übergeben. A- 126Sachsen: Das alte Dresdner Gerichtsgefängnis Mathildenstras se, im Volksmund bekannt als Mathildenschlösschen, dient als Untersuchungsgefängnis und als Schutzhaftlager. Das Gefängnis war 1931 bereits ausser Betrieb gesetzt worden. Nach dem Umsturz wurde es wieder in Gebrauch genommen. Im Hofe erfolgt die Bewachung durch SA- Leute. Die Schliesser sind junge Polizeibeamte. Ehemalige Gefangene klagen insbesondere darüber, dass die Polizeibeamten sie bei jeder Gelegenheit mit Ohrfeigen traktiert und als" Marxistenschweine" beschimpft haben. Im Zuchthaus Waldheim hat sich der Sozialdemokrat Esslinger erhängt. Wahrscheinlich deshalb, weil man ihm mitgeteilt hat, dass er nach Verbüssung seiner Strafe nicht frei komme, sondern in ein Konzentrationslager überführt werden würde. Esslinger war früher Betriebsvertrauensmann bei der Firma Greiling, Dresden. Er wurde am 9. März 1954 zu 2 Jahren 9 Monaten Zuchthaus verurteilt. Im Freiberger Gerichtsgefängnis sassen am 1. April dieses Jahres nur 29 Kriminelle, aber 185 politische Untersuchungshäftlinge. Darunter ein Teil aus Dresden. Jede Woche wird ein Teil ins Konzentrationslager Sachsenburg abgeschoben. In den Konzentrationslagern ist, so berichten alle Genossen, die zurückkommen, das Verprügeln noch immer an der Tagesordnung. Häufig wird man gleich mit Prügeln empfangen. Unsere Freunde sind besonders empört, weil die Schläger meistens junge Leute sind. Die Stimmung der ehemaligen Häftlinge ist furchtbar. Sie sind niedergeschlagen, abgemagert und gesundheitlich ruiniert, aber sie tragen sich alle mit Rachegefühlen. Ende 1936 ist aus dem Vorort Chemnitz- Hilbersdorf ein Mann zum zweiten Mal nach Sachsenburg geschafft worden. Die Frau hat sich in Sorge um ihren Mann zusammen mit ihrem dreijährigen Kinde durch Gas vergiftet. Sie hinterlässt noch einer 13 Jahre alten Sohn. Berlin: Während früher die Verhafteten in der Zeit ihrer Vernehmung durch die Gestapo im Columbiahaus untergebracht wurden, sind die Genossen I. und Y. sofort ins Polizeipräsidium eingeliefert worden. Dort gibt es jetzt eine ganze Abteilung, in der Häftlinge der Gestapo während der Vernehmung vor der Gestapo in der Prinz- Albrecht- Strasse untergebracht sind. Die Unterbringung im Polizeipräsidium ist sehr schlecht. Verhaftete klagten, nachdem sie in das Untersuchungsgefängnis Berlin- Moabit eingeliefert worden waren, dass sie vom Polizeipräsidium Alexanderplatz her noch ganz verwanzt und verlaust seien. Schlesien: In der Festung Glatz in Schlesien sind jetzt eine grosse Zahl politischer Gefangener untergebracht worden. Die Leute müssen wie Tiere in den Kasematten der alten Festung hausen. Die Ernährung ist derart schlecht, dass 15 Erkrankungen an Ruhr vorgekommen sind. Diese Kranken liegen A- 27in ihren Zellen, wo sich niemand um sie kümmert. Der Arzt sagte bei den Krankmeldungen, dass er ihnen kein anderes Essen verordne, denn Verbrecher am Staat verdienten nichts anderes. Die Behandlung ist sehr schlecht, es herrscht ein ausgesprochen militärischer Drill und ein unerträgliches Antreibersystem in den Arbeitsstätten. Vier Gefangene haben Selbstmordversuche unternommen, konnten aber noch rechtzeitig ins Leben zurückgerufen werden. Die Bewachungsmannschaften bestehen nur aus besonders brutalen SS- Leuten. Das Zuchthaus Gross- Strehlitz war früher regulär mit höchstens 500 Häftlingen besetzt, jetzt sind es ständig rund 800 Häftlinge. Auch das Jugendgerichtsgefängnis in Gross- Strehlitz, das aufgelassen war, ist nun für politische Verbrecher eingerichtet worden. Die kleinen Zellen sind zeitweise mit 4 Mann belegt. Das Zuchthaus in Striegau und das Gefängnis in Görlitz waren ebenfalls vor 1933 aufgelassen worden. Jetzt sind beide Anstalten wieder als Zuchthaus bzw. als Gefängnis in Betrieb genommen und überfüllt. In ihnen werden auch viele politische Häftlinge gefangen gehalten. Im Striegauer Zuchthaus haben die Insassen im April einen Hungerstreik drei Tage lang durchgeführt, und zwar wegen des ungeniessbaren Essens und der unmenschlichen Behandlung. Unter den Insassen befinden sich auf 30 SS- Leute. Man liess daraufhin zur Unterstützung der Aufseher Gestapobeamte kommen. A-128- IV. Das Wintarhilfawsrk 1936/37 Int vierten Jahr seiner Durchführung hat aas Winterhilfswerk nunmehr seine"gesetzliche" Regelung erfahren. Am 1. Dezember 1936 hat das Reiohskabinett das"Gesetz über das Winterhilfswerk des deutschen Volkes" und am 27. März 1937 der Reiehspropaganda- minister die"Verfassung für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes" erlassen. Das Gesetz vom 1. Dezember 1936 hat dem Winterhilfswerk die Stellung einer rechtsfähigen Stiftung des bürgerlichen Rechts verliehen. Im übrigen wird an dem bisherigen Zustand nichts geändert. Das Winterhilfswerk untersteht nach wie vor dem Reiohspropagandaminister, der als eigentlichen Leiter den"Reiohsbeauftragten für das Winterhilfswerk" ernennt. Die gesamte Organisation des Winterhilfswerks bleibt eine Filiale der NSDAP, der Reiohsbeauftragte ist zugleich der Leiter des Hauptamtes der NSDAP für Volkswohlfahrt(NSV). Die Rechnungsprüfung wird wie bisher durch den Reiohssohatzmeister der NSDAP ausgeübt. In der Durchführung seiner Sammlungen bleibt das Winterhilfswerk von den Vorschriften des Sammlungsgesetzes vom 5. November 1934 freigestellt. Dem vom Reiohspropagandaminister am 16. April 1937 erstatteten sogenannten"Rechenschaftsbericht" ist über die bisherige Entwicklung des Winterhilfswerks zu entnehmen: Das...rk 1933/3 t bi' 1936/37 A-129Diesen Zahlenbild, dessen Richtigkeit natürlich nicht nachgeprüft werden kann, ist folgendes zu entnehmen: Die Summen der ausgewiesenen Geldspenden ist von 188 Millionen im Jahre 1935/36 auf 233 Millionen RM im Jahre 1936/37 gestiegen. Dagegen haben die übrigen Einnahmen-offenbar vorwiegend Sachspenden von 184 Millionen auf 166 Millionen abgenommen. Während für das dritte Winterhilfswerk die Spenden der Firmen und Organisationen von den Lohn- und Gehaltsabzügen gesondert ausgewiesen wurden, ist das diesmal unterblieben. Zusammen hat sich dieser Posten von 137 Millionen auf 162 Millionen RM erhöht. Da beim vierten Winterhilfswerk zum ersten Mal laufende Reichsspendenlisten veröffentlicht worden sind, wird man annehmen müssen, dass sich nicht nur die Spendenleistung der Lohn- und Gehaltsempfänger, sondern auch die der Unternehmungen erhöht hat. In den Spendenleistungen der Organisationen ist je nach dem Charakter der Organisation indirekt teils eine Belastung von Lohn- und Gehaltsempfängern, teils von Unternehmungen, Gewerbetreibenden, Landwirten usw. enthalten. Bei den Reichsstrassensammlungen hat sich die Zahl der verkauften Abzeichen gegenüber dem Vorjahr um 80%, das Ergebnis um 107% erhöht. Beim letzten Winterhilfswerk sind mehr als viermal soviel Abzeichen verkauft worden als beim ersten! Der Ertrag der Eintopfspenden hat nur geringfügig zugenommen. Die Zahl der Betreuten ist im Vergleich zum ersten Winterhilfswerk auf etwa zwei Drittel gesunken; nach der nationalsozialistischen Propaganda ein eindeutiger Beweis für den unablässigen wirtschaftlichen Aufstieg; nach der Volksmeinung ein Zeichen dafür, dass von den Sammlungen und Spenden noch mehr als von Anfang an für andere Zwecke, vor allem für die Rüstung, verwendet worden ist. Ende April nahm der Reichsbeauftragte für das Winterhilfswerk in einem Vortrag" auch Stellung zu dem dummen und törichten Gerede, dass die Aufrüstung aus den Mitteln des Winterhilfswerkes mitfinanziert werde, und wies zahlenmässig nach, dass der Durchschnittssatz bei der Betreuung einer bedürftigen Familie zwischen loo und 120 RM liegt."( Bericht des A-130" Völkischen Beobachters" vom 24.4. 1937). In den nachstehenden Berichten wird gezeigt, welche Leistungen das Winterhilfswerk aufzuweisen hat. In demselben Vortrag teilte der Reichsbeauftragte auch mit, dass" zum erstenmal das Winterhilfswerk jetzt Ueberschüsse für allgemeine Aufgaben der deutschen Wohlfahrtspflege verwenden kann. Es entlastet das deutsche Volk dadurch in den Sommermonaten von Sammlungen des Roten Kreuzes, der Caritas, der Inneren Mission und des Reichsmütterdienstes." Diese Organisationen, deren eigene Sammeltätigkeit auch bisher schon fast ganz lahmgelegt worden war, sind nunmehr vollständig auf die Zuweisungen vom Winterhilfswerk angewiesen. Man kann sich denken, was das im Zeichen des Kirchenkampfes für die katholische Caritas und die evangelische Innere Mission bedeutet. Die Aufbringung der Mittel ist wie bisher durch Geld- und dabei angewendeten SammelmethoSachspenden erfolgt. Ueber die den entnehmen wir unserem Berichtsmaterial: 1) Geldsammlungen Am sichtbarsten tritt die allgemeine Sammelei bei den Strassensammlungen in Erscheinung. Wie schon aus der ausserordentlichen Steigerung des Abzeichenverkaufs und des Ertrages hervorgeht, war diese Form der Sammelei diesmal eine besondere Landplage. Alle Berufszweige wurden herangezogen: Die Amtswalter der Arbeitsfront, die SA-, SS- und NSKK- Leute, die Beamten, die Polizei und die Feuerwehr, die Reichswehr, die HitlerJugend usw. usw. Es gab alle erdenklichen Sammelabzeichen: Weihnachtsfiguren aus Holz, die Eiserne Rose, das BernsteinAbzeichen, Margueriten und Glückskäfer, Trachtenfiguren usw. Zu diesen Reichsstrassensammlungen gehört auch der" Tag der nationalen Solidarität", an dem die Prominenten aus Politik, Verwaltung und Wehrmacht sammeln. Er brachte diesmal 5,4 Millionen gegen 4,1 und 4,0 Millionen in den beiden Vorjahren. Zahllos sind die Formen der Sammelei in den einzelnen Orten. Neben den Reichsstrassensammlungen gab es besondere Gaustrassen A- 131sammlungen. Sachsen führte z. B. eine solche Sammlung mit einem Spitzenabzeichen( Tag der vogtländischen Elster) durch, Schleswig- Holstein mit einer Serie von Terrakotta- Abzeichen mit den Köpfen von acht bekannten Heimatdichtern. In Berlin wurden Varieté- Elefanten als Sammler abgerichtet und durch die Strassen geführt. Am 8. Januar- einem der monatlichen" Eintopfsonntag" gab es auf zahlreichen Berliner Plätzen" Gemeinschaftsessen mit Musik" zugunsten des Winterhilfswerks. Vor Weihnachten wurde ein" Opferbuch für Winterhilfs- Spenden" angelegt, das nach Abschluss des Winterhilfswerks dem Archiv der Reichshauptstadt übergeben worden ist. In Sachsen sammelte die Polizei in historischen Uniformen. Die Hitler- Jugend veranstaltete eine Versteigerung zugunsten des Winterhilfswerkes. In Leipzig wurde eine Nachbildung der Olympia- Glocke aufgestellt, in der bei jedem Spendeneinwurf ein Schlagwerk ertönte. Zahlreiche" Pfennig- Sammlungen" wurden durchgeführt, u.a. auf den Dresdner Verkehrsmitteln. Vor Weihnachten fand eine besondere " Liebesgabensammlung" statt, vor Neujahr wurden Listen für eine " Neujahrsbitte des Winterhilfswerks" aufgelegt. In SchleswigHolstein wurden in verschiedenen Orten gemeinschaftliche" Opferessen" durchgeführt. In Schulen wurden Handarbeiten für das Winterhilfswerk angefertigt. Es gab wieder eine Reichswinterhilfe- Lotterie, Spendenkarten der Reichsbahn( diesmal als Pusselspiel ausgestaltet), Fussballspiele zugunsten des Winterhilfswerks, ein Winterhilfs- Schiessen des Reichskriegerbundes usw. Neu waren ein Winterhilfs- Werberitt einer Kunstreiterin durch ganz Deutschland und ein grosser musikalischer Abend bei Hitler, auf dem die geladenen 150 " Wirtschaftsführer" rund 700.000 RM spenden durften. Nicht übersehen werden dürfen die vielfachen Zwangsmittel, mit denen man den Sammelerfolg sichert. Nur wer seine Sammelpflichten voll erfüllt, hat Anspruch auf die in jeden Monat neu herauskommende" Türplakette", mit der er seine Wohnungstür wie einen Reisekoffer bekleben muss, will er nicht als Staatsfeind erscheinen. In Dessau sind Häuserabzeichen eingeführt A-132worden Duisburg hat ein" Ehrenbuch des deutschen Opfers" angelegt, in das sich die Betriebsbelegschaften einzeichnen mussten. Im übrigen verweisen wir auf die nachstehenden Berichte: Südwestdeutschland: 1. Bericht( Pfalz) Der Gaupropagandawalter der DAF, Gau Koblenz- Trier, hat eine vertrauliche Denkschrift über die Erfahrungen mit der Strassensammlung der DAF am 17./18. Oktober 1936 verfasst. In dieser Denkschrift heisst es: Ueber den mange lnden Sozialismus des Bauern, der doch tatsächlich den grössten Nutzen durch unsere Kommunistenabwehr hat, klagen viele Kreise in ihren Berichten. So schreiben sie: Kreis Neuwied:" Weniger erfreulich war die Beobachtung, dass in den ländlichen Bezirken schlechter gesammelt wurde, als bei der Sammlung im März. Die Mitglieder des Reichsnährstandes weigerten sich in den meisten Fällen, überhaupt ein Abzeichen abzunehmen, so dass es den Anschein hatte, es handele sich um eine organisierte Opposition." Kreis Baumholder:" Eine grosse Anzahl Bauern im Kreis hat weder eine Plakette gekauft, noch etwas gespendet. Als Weigerungsgrund wurde alles mögliche angeführt." Kreis Bitburg:".... dagegen in den ländlichen Gegenden, die doch finanziell sehr gut stehen,-Obstverkauf pp- war das Ergebnis sehr schlecht und die nicht verkauften Abzeichen kommen aus diesen Gegenden." Kreis Kochem:" Die Bauernschaft versagte bald restlos. Dies mag in den Moselgemeinden an der schlechten Weinernte liegen, in den Hochwald gegenden sowie in der Eifel, wo kein Wein geerntet wird, zeigte sich aber das gleiche Bild. Jedermann behauptete, er habe kein Geld." Kreis Kreuznach:" Teilweise sehr schlechte Ergebnisse wurden auf einzelnen Dörfern erzielt, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass viele Bauern wegen des Weinabsatzes und der qualitativ schlechten Weinernte verärgert sind... Es gibt leider immer noch eine Schicht von Bauern, die den Sozialismus nicht lernen wollen... Es ist den DAF- Waltern aufgefallen, dass gerade die ärmsten Volksgenossen am besten gegeben haben, während die Bessergestellten wenige oder gar keine Abzeichen erworben haben."( Gemeint sind hier wohl die gutgestellten Bauern. Anm. d. Kreispropagandawalters.) Kreis Mayen:" Wie bei allen anderen Sammlungen musste auch bei dieser Sammlung die Feststellung gemacht werden, dass gerade der Bauernstand, dem der Nationalsozialismus am meisten geholfen hat, sich am wenigsten erweichen lässt, an der Steuerung der Not mitzuhelfen. A-133Kreis Prüm:" Es mangelte an Opfersinn der Bauern." Kreis Saarburg:" Der Bauer gibt kein Geld und ist aus diesem Grunde das Ergebnis nicht besser geworden." Kreis St. Goar:" Bei der Sammlung mit den Werkscharen machten wir die Feststellung, dass die ländliche Bevölkerung im Verhältnis zum Arbeiter viel weniger opferte, sich sogar teilweise ablehnend verhielt. Dasselbe wird uns durch die Ortsobmänner bestätigt. Es wäre erforderlich, dass von höherer Stelle eine weltanschauliche Schulung für die Mitglieder des Reichsnährstandes angeordnet würde." Kreis Simmern:" In ausgesprochenen Bauerndörfern... war die Sammlung schlecht." 9 Kreis Wittlich:" Die unwesentliche Steigerung des Ergebnisses ist darauf zurückzuführen, dass in den ländlichen Bezirken die überwiegende Bewohnerzahl Bauern sind, die bei der Sammlung sehr wenig gaben." Kreis Koblenz:" Leider mussten wir feststellen, dass die Landbevölkerung lieber den Pastoren für ihren Opferstock spendet, als sich an unseren Sammlungen zu beteiligen." Doch auch der Beamtenschaft wird in den Kreisberichten kein Lob ausgesprochen. Die Kreise melden: Kreis Trier:" Bei Behördenbetrieben konnten wir sogar erkennen, dass mindestens die Beamtenschaft von einer Gebefreudigkeit nichts erkennen liess." 11 Kreis Altenkirchen:" Die Gebefreudigkeit unter den Arbeitskameraden der Faust hat bewiesen, dass dieselbe weit höher einzuschätzen ist, wie die der Beamten und Angestellten. Kreis Simmern:" In gutgestellten Beamtenkreisen war die Sammlung schlecht." Kreis Kochem:"... Beamte zeigen eine gewisse Zurückhaltung Für Sammlungen." Kreis Baumholder:" Seitens der Beamten wurden Spenden gegeben, die unter jeder Kritik stehen." Kreis Ahrweiler:" Die Sammelergebnisse bei den öffentlichen Verwaltungen waren äusserst schlecht und betrugen teilweise nur 10% pro Gefolgschaftsmitglied gegenüber den Industrieund Handwerksbetrieben." Kreis Neuwied:"... Auch bei den Beamten wurde in einigen Fällen auf Widerstand gestossen. So passierte es in Linz, dass der Amtsgerichtsrat Bruns nicht gestattete, dass in seinem Büro eine Sammlung durchgeführt wurde. Er weigerte sich auch selbst, an der Sammlung teilzunehmen oder ein Scherflein beizutragen, und zwar begründete er dieses Verhalten damit, dass er sich auf den Standpunkt stellte, er habe nur der Aufforderung zur Sammlung Folge zu leisten, wenn A-134die Beamten eine Sammlung durchführten und die Behörden von ihrer vorgesetzten Dienststelle aufgefordert würden, sich beim Sammeln einzuschalten. Einen ähnlichen Standpunkt nahm auch der Amtsgerichtsrat Gerber aus Neuwied ein. Ich erlaube mir, Ihnen die schriftliche Darlegung dieses eigenartigen Volksgenossen beizufügen.... Ein sehr schlechtes Resultat zeigten einzelne Bürgermeisterämter. Sie wiederholten allerdings in einzelnen Fällen, soweit die Bürgermeister zu erreichen waren, die Sammlung und erzielten dann ein besseres Ergebnis. Es muss aber festgestellt werden, dass das Verhalten der Beamten bei den Mitgliedern der DAF eine grosse Erbitterung hervorgerufen hat und dass es letzten Endes nicht erstaunlich ist, wenn sich allmählich eine unerträgliche Stimmung gegen die Beamten auf der ganzen Linie bemerkbar macht. Aus den Meldungen der Kreise spricht andererseits grösste Hochachtung gegenüber den Gefolgschaftsmitgliedern aus den Betrieben und auch die Sammler erhalten für ihren freudigen Einsatz die Anerkennung: Kreis Ahrweiler:" Besonders gute Sammel ergebnisse waren in den Betrieben zu verzeichnen, die grösstenteils einen Stundenlohn pro Gefolgschaftsmitglied geopfert haben." Kreis Neuwied:" Im übrigen muss betont werden, dass die Walter und Warte der DAF sich in aufopferungsvoller Weise für die Sammlung eingesetzt haben. Für diese Tatsache spricht schon das Ergebnis." Kreis Kochem:" Gute Erfahrungen machten wir mit der Arbeiterschaft, die auch in diesem Jahre das letzte für die Winterhilfe gab." Kreis Kreuznach:" Wenn man diese Einzelergebnisse einer genauen Prüfung unterzieht, dann muss man feststellen, dass die Arbeiterschaft in den Städten und auf den Dörfern sich doch langsam ans Opfern gewöhnt... gerade die schlechtbezahltesten Arbeiter zeigten sich im Opfern ganz gross." Kreis Mayen:" Was die Erfahrungen in diesem Jahre anbelangen, so kann ich nur das eine sagen, dass dort, wo wirklich gesammelt wurde, das Ergebnis hervorragend ist. Ich erinnere nur an das arme Mayen, wo das Ergebnis vom März um 104% überboten wurde." Kreis Koblenz:" Unsere armen deutschen Volksgenossen sind die bravsten Spender gewesen. Kreis Simmern:"... dagegen in den Arbeiterkreisen sowie bei den kleineren Angestellten war das Ergebnis sehr gut." Kreis Bitburg:" Dass ein Mehrbetrag gegenüber dem Vorjahr herausgekommen ist, ist darauf zurückzuführen, dass die Schaffenden gut gespendet haben." A- 135Kreis Wittlich:" Es hat sich gezeigt, dass das Interesse der Arbeiter sich stark gehoben hat... Sämtliche Arbeiter haben in den Betrieben eine Stunde übergearbeitet... Ich konnte auf jeden Fall feststellen, dass die Arbeiter gern und freudig gegeben haben, was unbedingt ein Gradmesser für ihre Stimmung ist." Kreis Zell:" Eine besondere Freude löste die Sammlung in den Betrieben aus." Aus meinen eigenen Beobachtungen, die durch Angaben von Sammlern unterbaut sind, muss ich noch eine insbesonders für die Garnisonstädte wichtige Feststellung hinzufügen, die allergrösste Beachtung verdient: Die Angehörigen der Wehrmacht lehnen den Kauf eines WHW- Abzeichens mit der Begründung ab, sie dürften das Abzeichen nicht an der Uniform tragen. Somit entfällt für sie der äussere Anlass zum Abzeichenkauf. Auf der anderen Seite beobachtet die Bevölkerung die Passivität der Wehrmachtsangehörigen-darunter natürlich auch Offiziere und Unteroffiziere- und erhält keinen Antrieb. Alle das Abzeichen tragende Wehrmachtsangehörigen könnten Propagandisten für das WHW sein, bei der jetzigen Lage tritt jedoch das Gegenteil ein. Dazu wäre das Offizier- und Unteroffizierkorps auch geldlich zu opfern in der Lage. Es erscheint mir dringend notwendig, hier eine Aenderung für das ganze Reichsgebiet eintreten zu lassen. Das Tragen des WHW- Abzeichens an der Uniform müsste der Wehrmacht für den Sammeltag gestattet werden! Dem Reichspropagandaamt der DAF wird es m.E. obliegen, diese Neuregelung durch Besprechungen mit der Reichspropagandaleitung und Wehrministerium herbeizuführen... ... l Aufbauend auf meine eigenen Erfahrungen und die Meldungen aus den Kreisen mache ich folgende Verbesserungsvorschläge:.... 3) Auf den Dörfern kann nicht auf die Haussammlung verzichtet werden, sonst stehen die Sammler auf den Strassen vergeblich und man macht sogar einen Bogen um sie herum. Bei der Haussammlung selbst ist jedoch mit aller Energie, die mit Freundlichkeit gepaart sein kann, das Opfer fürs WHW abzuverlangen. Dabei darf der Sammler niemals allein sein. Am besten ist sogar ein Bauer oder ein anderer einflussreicher Mann im Orte als 3. Sammler beizugeben... 4) Tauscht Sammler von Ort zu Ort aus. Um den Hemmungen der ländlichen Sammler zu begegnen, ist es äusserst praktisch, die Sammler der Orte gegenseitig auszutauschen. Ich verspreche mir von dieser Massnahme einen grossen Erfolg..." A- 136Die Sammler für das Winterhilfswerk haben jetzt Listen mit sämtlichen Namen der Bewohner ihres Bezirks und Rubriken, aus denen dann ein genauer Ueberblick über das Verhalten der einzelnen Familien zu gewinnen ist. Es nutzt jetzt nichts mehr, am Eintopf sonntag Ausflüge zu machen. Wer eine leere Rubrik hat, wird ständig verfolgt. 2. Bericht( Baden): Bei den Eintopfsammlungen haben sie jetzt soviel Leute zum Sammeln aufgeboten, dass jeder Sammler nur 4 bis 5 Häuser zum Sammeln hat. Er musste aber in jedes Haus so oft gehen, bis er jede Haushaltung angetroffen hat. Diejenigen, die am Samstag und Sonntag nicht anzutreffen waren, müssen noch am Montag aufgesucht werden.- Zu Weihnachten wurde eine Sondersammlung von Weihnachtspaketen durchgeführt. In Oberbaden wurde in zahlreichen Betriebsversammlungen der Antrag gestellt, dass die Arbeiter jeden Monat eine Ueberstunde für das Winterhilfswerk leisten. Dass der Antrag einstimmig angenommen wurde, erklärt sich am Rande. Die Brotsammlung wurde in diesem Jahre nicht in natura, sondern in der Form einer Geldspende durchgeführt. Die Sammlerinnen kamen mit Quittungsblocks, auf denen die Hausfrauen einzutragen hatten, wieviel Brote sie spenden wollten unter gleichzeitiger Bezahlung des entsprechenden Betrags.. Die Spenden scheine werden dann an die Bedürftigen als Gutscheine verteilt. An den letzten zwei Bettelsonntagen wurde folgende" Neuheit" eingeführt: Die Sammler hatten ihre Sammelbüchsen teilweise auf langen Stangen befestigt. Die SA marschierte singend oder spielend durch die Strassen und wenn sich dann irgend ein Fenster öffnete, wurde dem Neugierigen flugs die Sammelbüchse unter die Nase gehalten. Ausserdem hatten die Sammler den Auftrag, alle zwei Stunden die gleichen Wirtschaften wieder abzuklopfen, und sie wurden von den Amtswaltern deswegen genau kontrolliert. 3. Bericht( Württemberg): In einem Buchdruckbetrieb mittlerer Grösse hat der Betriebsführer ohne Anhören der Belegschaft oder ihrer sogenannten Vertretung einfach verfügt: In unserem Betrieb werden 10% der Lohnsteuer für das WHW abgezogen. Bayern: Die" freiwilligen" Sammlungen in den Betrieben für das WHW sind einer Zwangsabgabe gleichzustellen. Alle Berichterstatter melden gleichlau tend, dass bei der letzten Betriebssammlung kein einziger Arbeiter davon kam, ohne zu zahlen. Die Amtswalter und Betriebsführer stellten sich bei den Stempeluhren auf und zwangen jeden, ein Abzeichen zu kaufen. Wer nicht als Volksverräter gebrandmarkt oder seinen Arbeitsplatz verlieren wollte, musste zahlen. Auf dem Lande werden von den nationalsozialistischen Lehrern die Schulkinder genötigt, Kalender und Broschüren zu verkaufen, deren Erlös angeblich für die Winterhilfe bestimmt sei. Die Schulkinder, die schon ungern die Pfund sammlungen A-137mitmachen, nehmen dieses Kolportagematerial mit nach Hause und weinen den Eltern solange vor, bis sie etwas kaufen. Wer ohne etwas verkauft zu haben, in die Schule kommt, wird vor der ganzen Klasse als fauler und undeutscher Schüler hingestellt. Bei den Strassensammlungen in München werden immer neue Lockmittel der Werbung eingesetzt. Engel und Weihnachtsmänner, Blech- und Jazzmusik, ja sogar neue Sammelbüchsen hat man erfunden, weil die alten scheinbar zu klein waren. Es werden jetzt geschnitzte altdeutsche Holztruhen verwendet. Die Ende Oktober 1936 an jeden Haushalt verteilten Winterhilfesparkassen sind nach einigen Monaten eingesammelt worden. Von einem Beamten im Hauptamt der NSV haben wir in Erfahrung gebracht, dass der Erfolg dieser Aktion die gesteckten Erwartungen schwer enttäuschte. 10% aller eingesammelten Büchsen waren überhaupt leer; in vielen befanden sich Lohnzettel und alte Aluminiummünzen. Der durchschnittliche Inhalt betrug 10 bis 15 Pfg. Interessant ist das Sprüchlein, das bei der Ausgabe auf einem Zettel den Büchsen beigelegen hat: " Du Armer gib von dem Wenigen, Du Bessersi tuierter gib reichlich, Du Reicher gib reichlich, damit Du nicht einmal geben musst." Sachsen, 1. Bericht: Wie schon 1935/36 ist es auch bei der diesjährigen Winterhilfe üblich gewesen, den Firmen, die Rüstungsaufträge haben, var zuschreiben, welche Spenden sie zu entrichten haben. Dies geschieht auch gar nicht mehr heimlich, weil man der Oeffentlichkeit beweisen müsse, dass die Partei keine Kriegsgewinnler wieder schaffen wolle. Dabei gibt es natürlich manchmal Betriebsunfälle, da sich Firmen weigern, die ihnen vorgeschriebenen Spenden nun auch wirklich abzuführen. So wurde in der Stadt Döbeln folgende Spendenliste aus der Fachschaft" Chemie" veröffentlicht: R. Sack, Maschinenfabrik, Leipzig, G. Sohre A.G., Freital, Dr.W. Schwabe, Leipzig, Lingnerwerke, Dresden, Uhlig& Co., Leipzig, 10.000,- RM " 曾 97 1.300, 1.000, 1.000, 750, 毁 Chem. Fabrik Greiner, Döbeln, R. Wenzel, Chemnitz, Dr. Frankel, Kamenz, C.A. Becker, Leipzig, 500, 480, 300, 700, 铃 99 11. Dr. Kutzschbach, Limbach, 300, Thür. Gasgesellschaft, Leipzig, 20.000, Kohlen Bubiag, Bockwitz, 17.000, Kohlen Bubiag, Mückenberg, 3.000, 曾 56.330,- RM A-138Des sind in der Hauptsache Firmen, die Grossaufträge an Teerprodukten, Dachpappen und ähnlichen Erzeugnissen, sowie für Stahlkonstruktionen vom Truppenübungsplatz Zeithain erhalten haben. Die Döbelner Firma setzte sich nun mit einigen dieser Firmen wegen der vorgeschriebenen Höhe der Spenden in Verbindung und stellte dabei fest, dass sie alle nicht gezahlt hatten. Es handelte sich also nur um einen Bluff, um die einzelnen Firmen zum Zahlen zu veranlassen. Bei den Pfunds ammlungen kommt jetzt die Sammlerin mit einer Mappe mit Liste und Bleistift ins Haus. Wer wiederholt nichts gibt oder nicht anzutreffen ist, ist den Blockwarten zu melden, die das" Notwendige" veranlassen. Dabei ist natürlich wiederum ein Unterschied festzustellen. Handelt es sich um Arbeiterfamilien, so trifft bald" mahnender Besuch" ein, diese" staatsfeindliche Zurückhaltung" zu beenden. Ist der " Schuldige" aber ein angesehener Bürger und die Sammlerin erkundigt sich nach einiger Zeit nach dem Veranlassten, so lautet in der Regel die Antwort:" Die Familie hat schon anderweitig gespendet." Im sächsischen Bergbau muss wöchentlich eine Stunde unentgeltlich für das Winterhilfswerk gearbeitet werden. Dafür sind die Empfänger dieser Kohlen ab und zu verpflichtet, an die Kumpels Dankansprachen zu halten. 2.Bericht: Zum Sammeltag der DAF, an dem auch die Betriebsführer sammelten, war der Inhaber der Firma X. so liebenswürdig, seinen Gefolgschaftsmitgliedern in einem Lohnbeutel 5 bzw. 10 Pfg. auszuhändigen, damit ihm alle Leute beim Verlassen der Fabrik eine Spende in die Sammelbüchse werfen konnten. Darüber war die Belegschaft natürlich begeistert. Am nächsten Lohntag stellte sich aber heraus, dass jedem dieser Betrag vom Lohn abgezogen war. Die Betriebsführerin des Betriebes Y. setzte sich an diesem Sammeltage an den einzigen Ausgang ihres Betriebes und ging jeden ihrer Gefolgschaftsmitglieder um eine Spende an. Einen Arbeiter, der nur 20 Pfg. gab, schnauzte sie an:" Gerade Sie könnten einen Stundenlohn opfern." Der Vertrauensrat der Firma Z. hat beschlossen, dass jedem Gefolgschaftsmitglied ein Stundenlohn für das WHW abzuziehen ist. Vergeblich haben mehrere Arbeiter den Vertrauensrat darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Beschluss ungesetzlich ist, weil die Sammlungen zum WHW" freiwillig" sind. Bei den Haussammlungen ist jetzt eine Neuerung eingeführt worden: Es werden Zeichnungslisten verwendet, die während der ganzen Sammelperiode gelten. Auf diesen Listen befindet sich der Aufdruck:" Diese Liste ist als Urkunde zu betrachten". Durch diesen Aufdruck hat man jetzt eine Handhabe, bei Fälschungen oder Vernichtung dieser Listen den Täter schärfer anzufassen. In Markneukirchen ging der Bevölkerung folgende Aufforderung für eine besondere Weihnachtsspende zu: A-139Der Ortsbeauftragte für das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1936/37 Markneukirchen i.V. Markneukirchen, den 14.Dez.1936. Werte Einwohner! Am Nachmittage des kommenden Mittwoch wird es in unserer Stadt recht lustig zugehen! Wer Zeit hat, kann um 14 Uhr einmal in den Rathaushof schauen, dort treffen sich fast 400 NSV- Blockwalter, Pimpfe und Jungmädel, um dann mit weihnachtlich geschmückten Wagen zu Ihnen zu kommen. Also bleiben Sie lieber daheim, damit Sie nicht am nächsten Tage nochmals aufgesucht werden müssen. Und was wollen die wunderlichen Gefährte bei Ihnen? Ein Weihnachtspaket abholen.! Was darin sein soll? Wir kennen weder Ihr Geld noch Ihr Herz; aber ein guter Rat soll schon gegeben werden! natürlich Also hier ist er: Sie gehen gleich heute in die Stadt nicht ganz ohne und versorgen sich einige Kleinig oder Grossigkeiten, vielleicht weihnachtliche Lebensmittel( Pfefferkuchen, Nüsse, Äpfel, Baumbchang, Zuckerwaren usw.) oder neue Spielzeuge, Bücher, Schreibwaren oder winterliche Kleidungsstücke( Mützehen, HandDas tragen Sie heim, packen es recht nett schuhe, Strümpfe usw.) ein, hängen aussen cin Kärtchen an, auf dem geschrieben steht was drin ist, und geben es am Mittwoch den Sammlern. Sie können auch selbst etwas backen, etwa kleine Sternchen, oder Häschen, oder selbst etwas herstellen. Die Hauptsache ist, dass Sic mit Ihrer Weihnachtsgabe winlich Froude bereiten. Und das wollen Sie doch! Der Ortsbeauftragte. Muh Berlin, 1.Bericht: Bei der letzten Winterhilfssammlung ist man in verschiedenen Betrieben dazu übergegangen, den Arbeitern einen Stundenlohn extra abzuziehen mit der Begründung, dass die bisherigen Sammelergebnisse ungenügend seien. So ist man in einigen staatlichen Druckereien, aber auch in verschiedenen Privatbetrieben verfahren. Bei Ullstein sind drei Mann fristlos entlassen worden, weil A- 140sie bei einem Betriebsappell nichts in die Sammelbüchse getan haben. Die Betreffenden sind 29, 26 und 11 Jahre im Betrieb gewesen. Am Schwarzen Brett erschien ein Anschlag, in dem mitgeteilt wurde, dass diese drei sich gegen die Betriebsgemeinschaft und die Volksgemeinschaft vergangen haben und dass die Belegschaft sich deshalb weigere, mit diesen Leuten noch länger in einem Betriebe zusammen zu arbeiten. Es wurden dann einige Wochenlöhne dieser drei herausgesucht, um die übrige Belegschaft noch weiter gegen sie aufzuputschen. Man hat angeprangert, dass diese Leute 96,- 70,- und 50,- RM verdient haben, hat aber dabei unterschlagen, dass es sich um einmalige Spitzenlöhne handelte, die dadurch zustande gekommen waren, dass die Betreffenden Extra- Schichten und Ueberstunden gemacht hatten und so bis zu 70 Stunden in der Woche gearbeitet haben. Die" Empörung der Belegschaft" war so zustande gekommen, dass ein Betriebswalter Unterschriften in einer Abteilung des Betriebes gesammelt hatte für eine Erklärung, die sich gegen die Nichtbeteiligung dieser drei Leute an der Sammlung aussprach. Der Gesamtbetrieb war überhaupt nicht gefragt worden. 2. Bericht: Obwohl die Abzüge für die Winterhilfe regelmässig vom Lohn erfolgen, müssen die Kollegen auch noch jeden Monat eine Anzahl Plaketten verkaufen. Als das Sammlungsergebnis ungenügend war, wurden sie gezwungen, jeder im Betrage von 5,- RM Plaketten zu übernehmen. Die Arbeiter haben weder die Zeit, sich intensiv um die Sammlung zu bekümmern, noch die Lust, sich durch die Bettelei unbeliebt zu machen, und zahlen darum oft lieber die Plaketten selbst. Das bedeutet einen weiteren Lohnabzug. Ein Kollege, der gegen diese Methoden protestierte und darauf hinwies, dass er Frau und mehrere Kinder zu ernähren habe, wurde kurzweg entlassen. Die Kollegen haben daraufhin das nächste Mal nichts für die Spenden gesammelt, sondern für den entlassenen Kollegen, da bei ihm grosse Not herrschte. Sie haben diese Begründung auch ihrem Abteilungsleiter mitgeteilt, der nichts gegen sie machen konnte. 3. Bericht: Bei Sammlungen im Hause geht man jetzt so vor dass der Zellenwart, der für die Familien seines Bereiches verantwortlich ist, zusammen mit dem Blockwart, der dann in Uniform ist, zu den einzelnen Familien geht. Einer hat eine Liste, der andere kommt mit der Büchse. Dieser Aufzug macht natürlich auf viele Eindruck. Bei den Strassensammlungen versucht man alles mögliche, um die Leute gebefreudig zu machen. Da werden plötzlich an einem Sammelsonntag einige Löschzüge der Feuerwehr alarmiert, die sich auch richtig an den Sehläuchen zu schaffen machen. Die Leute werden neugierig. Plötzlich wird von der Polizei alles abgeriegelt, als wenn man nach Verbrechern fahnden wollte und nun beginnt die Sammelei. In einem anderen Falle A-141wurde bei der Errichtung eines Gerüst es mit Artisten und Photoaufnahmen gearbeitet. Als sich hierbei genügend Schaulustige versammelt hatten, wurde die Strasse ebenfalls durch Polizei und SA abgeriegelt und die Sammelbüchsen traten in Aktion. Es kommt auch vor, dass die Sammler ebenfalls empfinden, dass sie der Bevölkerung nur auf die Nerven fallen. Einer der Sammler-ein SA- Mann- an den letzten Sammelsonntagen, kam auf mich zu mit der Frage:" Sie haben wohl auch keinen Bedarf, nicht wahr?" und als ich abwehrte, sagte er bloss: " Na jut" und wandte sich ab. Ein anderer Vorfall hat sich in der Marienburger Strasse abgespielt. Einem" Volksgenossen", der nichts geben wollte, sagten die SA- Leute:" Ob du hier koofst oder bei een anderen, ist doch jleich, anjemeckert wirste ja doch wieder." Kurz darauf wurde der Betreffende tatsächlich wieder von zwei anderen Sammlern angehalten und aus Scherz machte er diesen gegenüber dieselbe Bemerkung, die die vorigen Sammler ihm gegenüber gebraucht hatten. Die aber verstanden keinen Spass, sondern holten sofort einen Polizeibeamten, der den Mann abführte, obgleich er versuchte, den Zusammenhang aufzuklären. 4. Bericht: Grossen Eindruck hat der Tag der nationalen Solidarität gemacht. Selbst auf die Intellektuellen wirkt es sehr stark, wenn die führenden Nationalsozialisten persönlich auf die Strasse gehen und sammeln. So erzählte mir ein Arzt( Mischjude), wie stark es auf ihn gewirkt habe, Goering und Goebbels, umringt von einer grossen Menschenmenge, auf der Strasse genau so wie jeden anderen kleinen WHWSammler mit der Büchse arbeiten zu sehen. Schlesien: Gross sind die Klagen der Nazis über die Bevölkerung, die sich, wo sie nur kann, von den Spenden drückt. Es gäbe Kaufleute und besitzende Schichten, die sich nicht schämen, bei Spenden offen Pfennige zu geben. Die sichersten Zahler das seien die Arbeiter und Angestellten und das auch nur, weil man ihnen die Beträge einfach abzieht. Bei Spendensammlungen erhalte man oft, so wurde bei einer SA- Versammlung in Biskupitz berichtet, den unbezahlten Steuerzettel vorgehalten. Man könne nichts geben, bevor diese Sache nicht erledigt sei, denn der Staat brauche doch mehr als die Sammler. Der Sturmbannführer schnauzte die Versammlung an, ob sie auch schon unter die Meckerer gegangen sei. Man dürfe einfach nicht hinausgehen, bevor der betreffende Kaufmann oder Handwerker nicht etwas gegeben habe und sei er widerspenstig, so A- 142müsse man eben mit Drohungen nachhelfen. Darauf erfolgte prompt die Antwort, es sind doch unsere Leute, die nichts geben, die anderen zahlen ja so wie sie können. Aus Betrieben in Hindenburg und Beuthen wird gemeldet, dass die Beamten von den Verwaltungen den Auftrag bekommen haben, genau darüber Buch zu führen, wer sich weigert, Winterhilfe zu zahlen und wer wenig gibt. Es soll den" Saboteuren" gesagt werden, wer sich vor der Winterhilfe drücke, könne mit seiner Entlassung rechnen. 2) Sachspenden Neben den Geldsammlungen sind auch diesmal in grossem Umfange Naturalsammlungen durchgeführt worden. Eine dauernde Einrichtung ist die monatliche Pfundspende, zu der jeder Haushalt beizutragen hat. Ebenso aus früheren Jahren übernommen ist die Kleidersammlung, die auch diesmal wieder von der Wehrmacht und der SA vor Weihnachten durchgeführt wurde. Gleichfalls vor Weihnachten gab es eine Spielzeug- Sammlung. Die einzelnen Berufsstände wurden wieder besonders herangezogen; die Bäcker, die Fleischer, die Obst- und Gemüsehändler, die Schuhmacher, die Jäger usw. Die nachstehenden Berichte gewähren einen Einblick in die Praxis dieses Spendenbetriebes. CLP Mitteldeutschland: Die Landwirte müssen für das Winterhilfswerk entsprechend der Grösse ihrer Höfe spenden. In unserer Gegend ist es üblich, dass die Bauern einigemale im Jahr schlachten. Dazu müssen sie jetzt jedesmal beim Bürgermeister einen Schlachtschein holen. Mit dem Schlachtschein erhalten sie dann eine Blechbüchse mit ihrem Namen darauf. Diese muss dann mit Wurst oder Braten gefüllt, sterilisiert abgeliefert werden. Es ist jetzt der Name auf jeder Büchse angebracht worden, weil es vorgekommen ist, dass die Bauern Wurstsuppe oder Knochen in den Büchsen abgeliefert haben. Hierbei wird zwischen Bauern und Arbeitern kein Unterschied gemacht. Jeder, der schlachtet, muss eine Büchse mit Wurst oder Braten abliefern. Sachsen: Der Kreis Chemnitz des Winterhilfswerks hat zur Kleidersammlung das anliegende Flugblatt herausgebracht. Wichtig ist vor allem der Satz:" Volksgenossen, die keine Sachspenden zur Verfügung haben, können einen entsprechenden Betrag in die Büchsen der Sammler werfen!" A- 143Am Freitag, dem 30. Oktober Kleider Sammlung! DOS Winterhilfswerk r findel bei Ihnen die Sachspendenund Kleidersammlung des Winterhilfswerkes Ball. Erwünscht: Alle Kleidungsflücke für Männer, Frauen, Kinder wie: Mäntel, Ansüge, Unterwäsche, Strümpfe, Schuhe, Haushallartikel. Das WHW. bittet, die Gegenflände zu bündeln, Schuhe zufammenzuknüpfen! nicht erwünscht: Matraßen, die in einem derartigen Zufland find, daß Sie fich felbft nicht mehr darauf legen würden, Schuhe, die bis auf die Brandfohlen durchgelaufen find, kapulle-Kinderwagen usw. Bedenke, mit den gespendeten Gegenständen foll not und Elend gelinbert werden! Dolksgenoffen, die keine Sachspenden zurDee fügung haben, können einen entsprechenden Betrag in die Büchfen der Sammter werfen! Winterhilfswerk des Deutfchen Volkes Keelsführung Chamaik Leg jetzt schon Deine Spende zurecht! tationellos Berlin: Zur Kleidersammlung des Winterhilfswerks wurde das auf Seite 144 wiedergegebene Flugblatt verbreitet: deut Dentice Pfund= Amt für Volko. wohlfahrt Rreidam bellerpartel München. Mabl PAK 1036/37 Sammlung Quittung über 1 Pfund= Spende 066571* Der Kreisbeauftragte des WHW 1936/37 Rr. Ortuer Bayern: Wie im Vorjahre wurde auch heuer eine Kleidersammlung durch die Garnison für das WHW durchgeführt. Die Sammelwagen der Wehrmacht fuhren durch die Strassen, voran Musikkapellen. In den Strassen wurde durch Trompeter zur Ablieferung aufgerufen. Die Gebefreudigkeit hatte heuer sehr nachgelassen. Ganze Strassenzüge lang wurde nichts gegeben. In München gab es diesmal die neben stehenden Quittungen. Bei der Pfund sammlung werden Jetzt vorgedruckte Tüten verwendet, auf denen auch der Name des Spenders vermerkt wird. Das geschieht, um den Tüteninhalt in jedem Falle kontrollieren zu kön A-144Winter Hilfswerk des Deutschen Volkes 1936/37 Hausfrauen Berlins! über zwei Jahre sind es her, feitdem das Winterhilfswerk gebrauchte Kleidungsflüche in einer großen Aktion gefammelt hat. Die Kleiderfammlungen wurden damals abgebrochen, well alle faushaltungen h ople freudig beteiligt hatten und demzufolge verwendbare, gebrauchte Kleidungsflüdte nicht mehr zur Berfügung ftanden. Inzwifchen haben sich aber in zahlreichen Haushaltungen wieder gebrauchte Schuhe, Mäntel, Anzüge, Jacken, hofen und Kleider angefammelt, die entbehrlich find. Und nun kommen die Helferinnen und helfer des Winterhilfswerkes wieder einmal an jede Tür, um gebrauchte Kleidungsstücke einzufammeln. Seht in Euren Haushaltungen nach, was Ihr dem Winterhilfswerk au gebrauchten KleidungsHausfrauen! en( penden könnt! Wir nehmen alles! Spenden, die wir für unsere Betreuten nicht mehr gebrauchen können, liefern wir an die Materialfammlung Kampf dem Verderb" ab. Es kommt also nichts um, alles wird verwertet! Um so wichtiger ist es, daß jede Hausfrau Berlins Ihre Schränke gründlich überprüft. Am Donnerstag, dem 26. November 1936 wird die Sammlung durch einen Aufruf des Berliner Senders an die Bevölkerung Berlins eingeleitet. Drei Tage lang werden unfere Sammler, unterstützt Dom BBM., in feden Haushalt kommen! Adtet auf die Sammelwagen der Wehrmacht, der Bolizei, der Technischen Nothilfe, des NSAA, der Reichspoft, der Reichsbahn und der Berliner Feuerwehr, die von Horniften begleitet werden. Wir nehmen nicht nur gebrauchte Kleidungsstüme, wir nehmen auch Bücher und Spielfachen, die wir für die Weihnachtsbelcherungen verwenden wollen. Benkt daran, Hausfrauen, daß Ihr auch mit geringen Spenden viel Freude bereiten könnt! Die Reichshauptstadt ist im Winterhilfswerk immer vorbildlich gewefen! Darum beweist auch jetzt Eure Opferfreudigkeit. Darole am 26., 27., 28. November: Gebrauchte Kleidung dem WHW! Heil Hitler! Der Goubeauftragte für das WHW 1936/37 100 pen, weil sich bei früheren Pfund sammlungen herausgestellt hat, dass dabei oft minderwertige Ware gespendet worden war. Nordwestdeutschland: In Oldenburg gab es auch in diesem Jahre wieder eine Fettsammlung. Nachstehend die Aufforderung der Kreisleitung des Winterhilfswerks: Kreisführung des WHW Oldenburg- Stadt Oldenburg, Januar 1937. Betr.: Fettsammlung am 3.Februar 1937 Schon in den Vorjahren wurde im Gau Weser- Ems für das jeweilige Winterhilfswerk eine einmalige Fettsammlung mit gutem Erfolge durchgeführt. Auch in diesem Jahre wird eine solche Sammlung zur Durchführung kommen, und zwar findet dieselbe im Kreis Oldenburg- Stadt am 3. Februar, dem Tage der üblichen Pfundſammlung, statt. An alle Haushaltungen ergeht die Bitte, diese Sammlung dadurch zu unterstützen, daß als Spende für die diesmalige Pfundſammlung nach Möglichkeit Fettwaren gewählt werden. A-145Eine besondere Bitte ergeht an alle bäuerlichen Betriebe, Schlachtereien, Selbsterzeuger, Firmen usw., diese Sammlung durch aus Fettwaren bestehende Sonderspenden tatkräftig zu unterstüzen, damit bei Bekanntgabe des Ergebnisses, wie in den Vorjahren, ein möglichst guter Erfolg für das WHW zu verzeichnen ist. Allen Spendern, welche diese Sammlung zu unterstützen gedenken, sei für ihre Opferbereitschaft im voraus herzlich gedankt. Heil Hitler! Aveisführung des WSW Oldenburg- Stabt Für die Weihnachtsspende wurde nachstehende Anweisung über Musterfüllungen erlassen, aus der hervorgeht, dass jede Spende den Wert von 3 Mark übersteigen sollte: Musterfüllung 1: Musterfüllung 2: 500 gr. Mebl efwa Mk.24 500 gr. Drei- Sloden" Mattaroni etwa Mk.-.60 500 gr. 3uder -.43 " 1 Batet Goethe ebfuchen -.36 11 " 1 Balet Scholofabe- Lebkuchen. 1F " -.30 50 gr. Zee -.45 " 500 gr. Gries -26 " " 1 Büchse Olsardinen -20 100 gr. Raffee -.40 " " 500 gr. 3uder " " -43 250 gr. Ralao 1 Rügenwalder Teewurft 1 Büchse Olsardinen -.40 1 Kochsalami -.90 " -.70 Per zum Ausfüllen. -.10 -20 Mk. 3.06 Plätzerl zum Ausfüllen -.10 Mk. 3.03 Musterfüllung 3: 250 gr. Drei Gloden"-Eiernubl 1 Batet Hohenlohe Haferflocen 1 Cervelat Wurst. 1 Batet Schokolade.Lebkuchen 100 gr. Raffee 1 Büchse Ölfardinen Plägerl zum Ausfüllen Musterfüllung 4: etwa Mk.-.35 500 gr. Gries efwa Mk.-.26 -.28 " 250 gr. Ratao " -.40 " 1.40 100 gr. Raffee -40 " I -.30 " 50 gr. Zee -.45 -.40 1 Paar geräucherte Leberwürffe -.50 <-. 20 1 Patet Schokolade.Lebkuchen -.30 " -.10 500 gr. Miehl -.24 500 gr. 3uder -.43 Mk. 3.03 Plágerl zum Ausfüllen -.05 Mk. 3.03 Musterfüllung 5: Musterfüllung 6: 250 gr. 1 Palet Goethe- Lebkuchen Drei- Gloden" Gernubl etwa Mk. 55 500 gr. Gries etwa Mk.-.25 -.38 500 gr. 3uder -.43 100 gr. Raffee -.40 1 Rügenwalder Zeewurst -.70 250 gr. Ralao -.40 1 Steingabener Käferl -25 1 Steingabener Räse -.25 500 gr. Drei- loden" Maltaroní -.60 50 gr. Tee 1 Rügenwalder Teewurfi Plätzeri zum Ausfüllen <-. 45 " 1 Batet Schokolade Lebkuchen -.50 -.70 50 gr. Zee -45 -10 Plägeri sum Ausfüllen -10 Mk. 5.05 Mk. 3.08 Zur Anordnung M$ 4 A-1463) Die Leistungen des Winterhilfswerks Nach der bereits zitierten Mitteilung des Reichsbeauftragten für das Winterhilfswerk sind in diesem Jahre durchschnittlich loo bis 120 Mark an jede betreute. Familie verteilt worden. In folgenden stellen wir Berichte über die tatsächlichen Leistungen zusammen: Schlesien: In Oberschlesien wird als Grundlage für die Winterhilfs- Leistungen anliegender Erhebungs bogen verwendet ( siehe Seite A 147 bis 150). In Ratibor haben die Armen der Stadt im Januar je zwei Zentner Kartoffeln erhalten, diese waren total erfroren, so dass die Leute sie nicht essen konnten. Sie trugen die Kartoffeln auf die umliegenden Dörfer zu den Bauern und erhielten dafür eine viel geringere Menge gute Kartoffeln. Unter den Armen war deshalb grosse Aufregung. Sonst wird darüber geklagt, dass bei der Mengenzuweisung zu ungunsten der Bezieher Fehler gemacht werden, was nach Meinung der Leute mit Absicht geschehe. Für Schuhwerk und Kleidungsstücke müssen trotz früherer Angaben immer neue Anträge gestellt werden, worauf langwierige Bedürftigkeitsprüfungen erfolgen, bis den Antragstellern die Lust vergeht, sich um diese Spenden weiter zu bemühen. Andererseits hängt man die Bekanntmachungen in den verschiedenen Bezirken so verschieden aus, dass die Leute später um ihre Anteile kommen und dann abgewiesen werden. Dies ist besonders in Hindenburg und den umliegenden Ortschaften festzustellen. Die von der Winterhilfe betreut gewesenen Familien und Einzelpersonen werden von Funktionären der Winterhilfe in unbestimmten Zeitabständen unvorbereitet besucht. Auf diese Weise soll kontrolliert werden, ob die Betreffenden nicht besser leben als sie angeben. Die Armen, die davon betroffen werden, sind sehr ungehalten über dieses Misstrauen. In den Naziorganisationen werden lebhafte Klagen darüber geführt, dass bei der Verteilung nicht alles mit richtigen Dingen zugehe, dass viel verloren ginge oder gewisse Pgs. sich und ihre Verwandten zunächst berücksichtigen. Bei der Frauenschaft in Gleiwitz wurden die Beschimpfungen so offen besprochen, dass der Vorstand versprach, eine Untersuchung darüber einzuleiten, wieweit die Klagen berechtigt seien. Aus Hindenburg und Gleiwitz wird berichtet, dass bereits mehrere Zentner gesammelter Pfundpackungen in die Abfallsammlungen geworfen werden mussten, weil alles durcheinanderkam: Zucker und Salz, Erbsen und Reis und was sonst noch gegeben wurde. In Hindenburg musste die Kreisleitung in die Winterhilfsstelle Dorotheenstrasse eingreifen, da die Pgs. sich zunächst aus den Sammlungen selbst versorgten, bis es durch eine Aufwartefrau gemeldet wurde. 10 Vorname des Antragstellers: Straße:.. A-147Nr.. Winterhilfs Unterstüt Gebäudeteil: ater und Einkommen aller zum Haushalt gehörenden Personen( einschi. des Anttagstellers): Kame Vornamen Geburtstag und-jahr Verwandschaftsverhältnis zum Antragsteller Ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet Ron- Stautsfej= ange= fion hörigkeit Beri 3. Monatliche Ausgaben: a) Miete RM. 4. Betr. Saisonarbeiter: Durchschnittliches Monatseintommenader zum Haushalt gehörenden Personen in den letzten 6 Monaten. Lfd. Nr. 1 RM. abzügl. Hauszinssteuer RM... b) Gesetzliche Unterhaltungsverpflichtungen RM 2 KM. Alimente RM RM RM RM. c) Monatliche Rückzahlung von Fürsorge- Kosten RM. 10 345618SO RM.. RM. R.M 恐怖 7 RM KM. 9 Klb. RU insgesamt RM Zus. Kl regnung es monatlichen Einkommens ist das wöchentliche Entommen mit 4.3, 14 fcaige Einfommen mit 2.15 ju multiplizieren. 10/37 36antrag A- 148Fett Ortsgruppe: Kreis: Gau Schlesien Art und Höhe des monatlichen Einkommens intermiete, Witetsbeitilie Senftiges Ein tommen hebenverbienft, itslos ichertsherbte: tit 631o. Sintommen Alu. Kru, dtenten und Wohlfahrtsterstützung ubegehälteratura.bezüge sw.) RK KRE RA Je خالات و Zuschüsse von Bersonen außerhalb des Haushalts R.M Monatliches*) angaben aber Bergen, eigenen Grundbesitz, Bachtland, Gesamteinkommen PM Jipf Bteb, ujro. Wionatliches Gesamteinkommen aller zum Haushalt gehörenden Personen .RM. Ich versichere, vorstehende Fragen wahrheitsgemäß beantwortet zu haben. Mir ist bekannt, daß ich mich strafbar mache, wenn ich versuche, die Unterstützung durch unwahre und unvollständige Angaben über Einnahmen oder Vermögen irgendwelcher Art zu erlangen. Jch verpflichte mich, jede Veränderung in meinen Einkommens. verhältnissen und denen meiner Angehörigen sofort zu melden. Nach der Nachprüfung RM den 193 ( Unterschrift des ragstellers: A-149Kontroll- Nr.. Zahl der unterst. Person...... Gutachten des WHW- Prüfers 1. Wirtschaftliche Lage des Antragstellers und der Familienangehörigen: Name: Wohnung: Prüfung 2. Größe und Zustand der Wohnung: 3. Besonderer Notstand: 4. Befinden sich der Antragsteller oder Familienangehörige in ärztlicher Behandlung? 5. Name und Anschrift des behandelnden Arztes: 6. Allgemeiner Gesundheitszustand der Familie... 7. Hält ein Vertrauensarzt des Amtes für Voltsgesundheit ( Name und Anschrift) besondere Zuwendungen für notwendig? Lebensmittel 8. Vorschlag über die Art der Unterstützung: Ernährungsgutscheine Mittagstisch Kleidung- Brennstoff:. 9. Besondere Bemerkungen:. Entscheid: Vorname:. den 193.... ( Unterschrift des Prüfers) ( Nicht vom Antrad den 193..... ( Stempel und Unterschrift des Ortsgruppenbeauftragten für das WW) ftellet auszufüllen) A- 150Gutachten des WHW- Prüfers Bachpedfung 1. Wirtschaftliche Lage des Antangollers und der Familienangehörigem: 2. Größe und Zustand der Wohnung: 3. Besonderer Rotstand: 4. Befinden sich der Antragsteller oder Familienangehörige in ärztlicher Behandlung?.. 5. Name und Anschrift des behandelnden Arztes: 6. Allgemeiner Gesundheitszustand der Familie.... 7. Hält ein Vertrauensarzt des Amtes für Volksgesundheit ( Name und Anschrift) besondere Zuwendungen für notwendig? 8. Vorschlag über die Art der Unterstützung: Ernährungsgutscheine- Mittagstisch - Kleidung Brennstoff: 9. Besondere Bemerkungen:. Nachentscheld: Lebensmittel 193.... den ( Unterschrift des Nachprüfers) ben.. 193..... ( Stempel und Unterschrift des Ortsgruppenbeauftragten für das HW) A-151Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Grosse Erregung ist nach verschiedenen Berichten im Westen nach der Veröffentlichung der Zahlen über die Leistungen des WHW entstanden. Goebbels hatte mitgeteilt, dass 400 Millionen aufgekommen seien und dass an einzelne Familien zwischen 30 und 600 Mark abgegeben seien. Alles fragte sich, wer bis zu 30, geschweige denn bis zu 500 Mark bekommen habe. Denn es mehrt sich die Zahl derer, die zwar in Arbeit sind, die aber eigentlich auch Winterhilfe bekommen müssten, weil sie sich keinen Anzug, ja in vielen Fällen nicht einmal mehr eine Hose kaufen können. Dazu kommen die Vielen, die zwar vom WHW betreut werden, aber bedeutend weniger bekommen als vor dem Umsturz. Die Erregung über das WHW hat dazu geführt, dass jetzt genaue Erhebungen von den Amtswaltern über die Verteilung der Mittel des WHW angestellt werden. Es gibt besondere Karten, die ausgefüllt werden müssen. Im Westen hat die Unzufriedenheit nicht zuletzt deshalb so grossen Umfang angenommen, weil fast in allen Orten die Nazis sich entweder zuerst selbst tüchtig bedacht oder umfangreiche Unterschlagungen gemacht haben, so dass es in den meisten Fällen nicht einmal möglich war, die Unterschleife zu verdecken und es zu Gerichtsverhandlungen kam. 2. Bericht: Für die Gewährung von Unterstützung bestehen bei uns die folgenden Richtsätze, die nicht veröffentlicht worden sind, aber scharf innegehalten werden. Wer diese Einkommenssätze erreicht oder überschreitet, bekommt nichts. Alleinstehende monatlich ohne Kinder mit 1 Kind mit 2 Kindern mit 3 Kindern RM 42, " 56 # 71 86, Ehepaare ohne Kinder mit 1 Kind mit 2 Kindern mit 3 Kindern mit 4 Kindern mit 5 Kindern monatlich RM 63, " 78 11 92, " 107, " 122, 11 mit 4 Kindern " loo, mit 5 Kindern " 116, " 137,-mit 6 Kindern " 130, mit 6 Kindern " 152,-" 142, mit 7 Kindern " 166,-" 158,-mit 8 Kindern " 181,-" 175,-mit 9 Kindern " 193,-" 185,-mitlo Kindern " 211,-mit 7 Kindern mit 8 Kindern mit 9 Kindern mit lo Kindern 3. Bericht: Unsere Stadt zählt 160.000 Einwohner. Davon beziehen 45.700 Personen Winterhilfe, also 28,5% der Gesamtbevölkerung. Die Weihnachtsunterstützung war diesmal erheblich geringer als im Vorjahre. Es gab in diesem Jahre keine Butter, sondern nur Margarine. Die verteilte Dosenmilch war schlecht; sie enthielt 7 1/ 2% Fett und 17 1/ 2% fettfreie Trockenmenge. Nachfolgend eine Gegenüberstellung der. Weihnachtsunterstützung von 1936 und 1935: A-I52- Berlln. I.Bericht:Die WHW-Betreuung erfolgt seit November. Pro Monat und Haushalt werden 1 Zentner Kohlen und für den ganzen Winter 5 Zentner Kartoffeln gestellt. Die Kohlen durch die üblichen Kleinhandelsstellen, die Kartoffeln zuerst 2 Zentner direkt durch das WHW, dann wegen schlechter Qualitäten abschnittweise durch den Kleinhandel. Die verausgabten Gutscheine auf je 4 Pf 8- KoM- wurden nur vereinzelt beliefert. Für die WHW-Aktibn zu Weihnachten kann als Richtschnur folgende Leistung angesehen werden, die einem dreiköpfigen Haushalt zubemessen wurde und sich im Rahmen der allgemeinen Leistung in Berlin bewegt: Ein Weihnachtspaket, das bei der gemeinsamen Feier ausgegeben wurde, enthielt; 4 Pfund Mehl(In Sonderpackung, schlechte Qualität, nur zum Kochen, nicht zum Backen verwendbar) 2 Pfund Zucker 1/2 Pfund Käse(genannt Schmelzkäse, anscheinend Kartoffelprodukt, ungeniessbar, wurde von vielen Empfängern verbrannt). 1 pfund Blutwurst-Konserve(Sohlechte Qualität, sehr stark gewürzt) 2 Beutel ä 50 gr. Schokoladenpulver 3 Beutel ä 50 gr. Puddingpulver eine Handvoll Nüsse und Pfefferkuchen(letztere von auffallend sohlechter Qualität.) A-153Ausserdem enthielt das Paket eine kitschige Photographie vom Führer mit dem Hinweis" Der Führer denkt an sein Volk!". Ferner wurde durch den Kleinhandel jeder Haushalt mit einem Weihnachtsbaum versorgt und erhielt einen zusätzlichen Zentner Kohlen zum üblichen Zuschlagspreis von o, 15 RM. Nach dem Fest wurde noch in einzelnen Bezirken aus Restbeständen eine Nachspende verteilt. Als Richtschnur für drei Personen sind zu nennen: 3 Büchsen Gemüsekonserven, und zwar Mohrrüben, gemischtes Gemüse und Kohlrabi, 1/2 Pfund Makkaroni 1 Büchse Sardinen 1 Dutzend Weihnachtskerzen. Bei der Verteilung wurde beobachtet, dass diese Zuteilungen für Pgs ausserdem Dauerwurst und Schokolade enthielten. 2. Bericht: Die diesjährige Weihnachtsspende des Winterhilfswerks war sehr dürftig. Alleinstehende Leute haben in diesem Jahre keinen Weihnachtsbaum bekommen. Sie mussten sich mit den auf den öffentlichen Plätzen aufgestellten begnügen. Es gab auch weder Bargeld, noch Gutscheine. Alleinstehende bekamen nur ein Paket, in dem sich in dem mir bekannten Falle 1 Büchse mit 125 Gramm Leberwurst, 1 Stange Schmierkäse, 1 Pfund Mehl, 1 Pfund Speck und 1/4 Pfund Kakao befand. Auch die übrige Winterhilfsspende war in diesem Jahre viel dürftiger als früher. Es gibt nur den Kohlengutschein und dann Scheine für Kohl und nochmals Kohl. Kohl kann man pfundweise, ja beinahe zentnerweise bekommen. Allerdings wird das nötige Fett dafür nicht mit geliefert. Sachsen, 1.Bericht: Auch in diesem Winter werden grosse Unterschiede bei der Verteilung gemacht. Bei der diesjährigen Weihnachtsbescherung in X. konnte festgestellt werden, dass Personen, die gute Beziehungen zu den Beauftragten der Winterhilfe hatten, stark bevorzugt wurden. Auch bei den laufenden Leistungen der WHW wird immer wieder eine Bevorzugung Einzelner beobachtet. Am 4. 12. 1936 gab das WHW für bedürftige Volksgenossen Brot aus, welches mindestens 14 Tage alt war. In der Stadt A kommt es ziemlich häufig vor, dass man Leute von der Winterhilfe ausschaltet, die früher nie mit marxistischen Organisationen etwas zu tun hatten. Diese ungleiche Behandlung durch die Winterhilfe, die dabei noch manchen bevorzugt, der von der NSDAP besoldet wird, wird einfach nicht verstanden. Es werden Vergleiche gezogen mit den amtlichen Verlaut barungen über die Einnahmen und die Leistungen des WHW, die nicht mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen sind. Heute muss man feststellen, dass früher die städtische Wohlfahrtsfürsorge viel korrekter und unparteiischer den in Not Geratenen geholfen hatte. Aus der Stadt B. wird berichtet: Vom WHW erhält eine dreikopfige Familie pro Monat 1 Zentner Briketts und zweimal A-154im Monat ca. 1 1/2 Pfund Lebensmittel. Auf besondere Veranlassung des" Führers" wurden im Februar 1937 zwei Zentner Heizmaterial ausgegeben. Ein Unterstützungsempfänger, der ledig ist und pro Woche 4,65 RM erhält, bekommt keine weitere Unterstützung vom WHW, wenn er in einem Haushalt lebt, in dem von seinen nächsten Verwandten auch nur eine Person Verdienst hat. Vor Weihnachten 1936 gab es in der Stadt C. durch die Winterhilfe Speck, der nicht zu geniessen war. Auch sonst wird in diesem Jahr über die geringen Leistungen der Winterhilfe sehr geklagt. Während es im vorigen Winter für kinderreiche Familien je nach der Kinderzahl 15 Zentner Kartoffeln und mehr gab, bekamen diese Familien in diesem Jahre nur 6 Zentner. Ferner gab es pro Monat 1 Zentner Steinkohle und einen Zentner Briketts. Zu Weihnachten bekamen dürftige Familien Päckchen mit Mehl, Zucker, kleine Dosen Fleisch und sonstige Kleinigkeiten. Die gewünschten Sachen, wie Wäsche, Schuhe usw.( zu deren Anforderung die Leute vor Weihnachten veranlasst worden waren) blieben aus. Die Leute wurden alle auf später vertröstet. Nur Kinderreiche bekamen etwas gebrauchte Wäsche. Festzustellen war aber, dass die Mitglieder der NSDAP, die mitgesammelt hatten, Pakete mit Wäsche, Kleidungsstücken, Dauerwurst usw. in reichlichem Masse erhielten. 2. Bericht: Bisher ist in Zwickau noch nicht bekannt geworden, dass bei der Verteilung der WHW- Leistungen diejenigen benach teiligt worden sind, die als Gegner des Regimes gelten. Vielmehr ist die Tatsache zu verzeichnen, dass auch solche, die schon mehrfach im Konzentrationslager oder in Schutzhaft waren, ebenso wie andere vom Winterhilfswerk betreut wurden. 3. Bericht: Die Verteilung der Spenden war sehr parteiisch. Wie schon in anderen Jahren war auch diesmal das Bestreben offensichtlich, die Partei anhänger zu bevorzugen und die früheren politischen Gegner zu benachteiligen. In Annaberg bekam die Familie 3 Zentner Kohlen, 1/2 Pfund Malzkaffee, 1 Pfund Zucker, 1 Pfund Salz, 1 Pfund Margarine, 1/2 Pfund Nudein. Für die Kohlen mussten aber pro Zentner 15 Pfg. bezahlt werden. Ein andermal erhielten die Familien noch 4 Pfund Mehl. Es war aber ganz schwarzes Zeug. 4. Bericht: Bei der Winterhilfe ist dieses Jahr stark gesiebt worden. So ist z. B. eine Rentnerin mit insgesamt 42,- RM Monatsrente, wovon sie allein 15,- RM für Miete zahlen muss von der Winterhilfe mit der Begründung ausgeschlossen worden, dass sie mit ihrer verheirateten Tochter eine Wohngemeinschaft unterhalte und der Schwiegersohn die moralische Verpflichtung habe, die Mutter zu unterstützen. 5. Bericht: Bei den Weihnachtsfeiern des Winterhilfswerks für Rentner erhielten viele aus der sogenannten Pfund sammlung dumpfige Gräupchen. Die Teilnehmer an diesen Feiern berichten A-155übereinstimmend, dass die Leistungen der Winterhilfe gegen Weihnachten 1935 auffallend stark zurückgegangen sind. Während 1935 ausser einem Haushaltungsgegenstand noch verschiedene Wollsachen, wie Schals, Handschuhe, Pulswärmer, Strümpfe, gespendet wurden, erhielten die Rentner 1936 nur einen Haushaltungsgegenstand( emaillierten Eimer oder einen schwarzlakkierten Kohlenkasten), einige Aepfel, Nüsse und einen Kranz Feigen. 1935 wurde jeder Rentner noch mit einem Stollen bedacht. 1936 fiel auch das weg. Arbeitslose Winterhilfs- Empfänger werden vom WHW einfach zu Arbeiten kommandiert. So musste ein Genosse beim Kartoffelnausladen für das WHW helfen. Die Kartoffeln wurden im Waggon gewogen. Das Wiegen besorgte ein Nazi. Der Genosse stellte aber fest, dass der Nazi bei jedem Zentnersack eine Gabel zu wenig gab. Er stellte ihn zur Rede und sagte ihm, dass der Zentner loo und nicht nur 95 Pfund habe. Er erhielt aber von dem Nazi darauf keine Antwort. Am nächsten Tage wurde er nicht mehr beim Ausladen verwendet. Die Arbeit muss unentgeltlich ausgeführt werden. Lediglich die tägliche Verpflegung übernimmt das Winterhilfswerk. Bayern: In der Oberpfalz verteilte das WHW in diesem Jahr grössere Spenden als früher. In X. gab es gute Wintermäntel mit Pelzbesatz und mit Seide gefüttert. An die Kinder wurde ein grosser Posten Bleyle- Sachen, eine Sonderspende der Firma, gegeben. Ausserdem gab es Arbeitsanzüge und dergleichen. Ferner gab es je Person 3 Pfund Zucker und viel Seefisch ( Kabljau, Schellfisch usw.). Die Bevölkerung führt die diesjährige reichliche Verteilung aus der Winterhilfe darauf zurück, dass in den Vorjahren in unserer Gegend sehr wenig auf diesem Gebiet geleistet wurde, so dass die Bevölkerung deshalb schon unruhig geworden war. Dagegen waren die Leistungen in Niederbayern sehr schlecht. Dort gab es z. B. überhaupt keine Brennmaterialien und sehr wenig Lebensmittel. Südwestdeutschland: Von allen Unterstützten wird darüber geklagt, dass es diesen Winter bedeutend weniger Nahrungsmittel gibt. Obgleich nach den Zeitungen die Zahl der Unterstützten bedeutend abgenommen hat und grössere Summen eingehen als im vorigen Jahre, gibt es in diesem Jahre weniger als im letzten. Während im letzten Jahre durchschnittlich im Monat zwei Zentner Briketts abgegeben wurden, erhalten die Bedürftigen in diesem Jahre nur einen Zentner. Ausser den Gutscheinen für Kohlen und zu Weihnachten für Lebensmittel ( pro Person eine Reichsmark), wurden bisher im wesentlichen nur die gesammelten Pfund pakete verteilt. Hamburg: Hier ist man im letzten Winter dazu übergegangen, die Leute, die im Winter 1935/36 Unterstützung durch die Winterhilfe bekommen hatten, zu" freiwilliger" Arbeit für die A-156rhilfe heranzuziehen. Einige Beispiele: Ein Bauarbeiter bezog im vorigen Jahre bis zum März Unterstützung durch die Winterhilfe. In diesem Winter bekam er ein Schreiben vom interhilfswerk, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er dafür sich jetzt zur Arbeit bei der Winterhilfe zur Verfügung stellen müsse. Auf seine Antwort, dass ihm das nicht möglich sei, da er augenblicklich in Arbeit stände, erklärte man ihm, dann müsse er eben nach der Arbeitszeit helfen. Der Mann lehnte das Ansinnen mit der Begründung ab, dass seine Arbeitsstelle 15 km von Hamburg entfernt liegt. Nach 14 Tagen erhielt er die Aufforderung, in die NSV einzutreten. Ein anderer Bauarbeiter( 55 Jahre alt, krank, arbeitet jedoch augenblicklich wieder) wurde gleichfalls aufgefordert, sich für die Winterhilfsarbeit zur Verfügung zu stellen, da er im vorigen Jahre Unterstützung bezogen hätte. Auch in diesem Fall wurde verlangt, nach Arbeitsschluss für die Winterhilfe zu arbeiten. Ein dritter Arbeiter( ungefähr 50 Jahre alt, arbeitslos) hat die Aufforderung, bei der Winterhilfe mitzuarbeiten, abgelehnt. Daraufhin wurde ihm mit der Entziehung weiterer Unterstützung gedroht. Auch die Leistungen der Winterhilfe sind in diesem Jahr geringer. Eine Witwe mit einer Tochter, deren Monatslohn 90,- RM beträgt, erhielt im vorigen Jahr für sich Winterhilfe, in diesem Jahre nicht. Ein verheirateter Invalidenrentner erhielt in diesem Jahre nur für sich Winterhilfe. Im vorigen Jahre bekam auch seine Frau etwas. B- 1Tei 1 B ( Abgeschlossen am 7. Juni 1937) Ueber Aufgaben und Grundsätze der politischen Berichterstattung Von dieser Nummer ab erscheint eine gekürzte Ausgabe der Deutschland- Berichte in englischer Sprache. Der nachstehende Beitrag ist zugleich als ein Geleitwort zu dieser Ausgabe gedacht. In der modernen Diktatur-sei es der nationalsozialistischen, sei es der faschistischen, sei es der bolschewistischen- wird die Beschaffung zuverlässiger und objektiver Nachrichten zu einem ernsten und schwierigen Problem. Die Unterbindung jedes freien Nachrichten- und Gedankenaustausches führt je länger, je mehr zu einer wachsenden Unkenntnis über die tatsächliche Enteine Unkenntnis, die draussen wicklung des Diktaturlandes und drinnen gleichermassen um sich greifen muss. Am stärksten wird dieser Mangel im Lande selbst fühlbar. Der durchschnittliche Deutsche hat heute einen viel engeren Gesichtskreis, weiss viel weniger von dem, was in seinem Lande vorgeht als früher. Aber auch der Ausländer weiss weniger davon. Denn auch die ausländischen Zeitungen sind in ihrer Berichterstattung über die Diktaturländer vielfachen Beschränkungen unterworfen. Ihren Korrespondenten sind viele Nachrichtenquellen verschlossen und manches, was sie in Erfahrung bringen, dürfen sie nicht berichten, wenn sie sich nicht der Gefahr der Ausweisung aussetzen wollen. Zu einer besonderen Gefahr wird di Unterdrückung jedes freien Nachrichtenwesens in den Diktaturen für die oppositionellen politischen Bewegungen. Gelingt es diesen Bewegungen, unter ungeheueren Opfern im Geheimen fortzubestehen und den Sitz ihrer Führungen ins Ausland zu verlegen, dann stehen sie immer noch vor der Gefahr, den Ueberblick über das tatsächliche Geschehen in dem Lande zu verlieren, dem ihre Arbeit und ihre Opfer gelten. B Diese Ueberlegungen haben uns vor mehr als drei Jahren veranlasst, eine politische Berichterstattung über Deutschland zu organisieren. Damit wurde-soweit wir wissen- zum ersten Male in der Geschichte der illegalen politischen Parteien der Versuch unternommen, ein politisches Nachrichtenwesen aufzubauen, und auch heute noch sind wir die einzige politische Bewegung, die über ein solches Nachrichtenwesen auf breiter Basis verfügt. Nach dreijähriger praktischer Arbeit ist es an der Zeit, einige zusammenfassende Feststellungen über die Aufgaben und die Grundsätze dieser politischen Berichterstattung zu treffen. 1) Die Aufgaben Die allgemeine Aufgabe der politischen Berichterstattung ist, Nachrichten über Deutschland in möglichst grosser Zahl und von möglichst grosser Zuverlässigkeit zu sammeln. Diese Aufgabe teilt sie mit der Weltpresse und den Nachrichtenagenturen, mit den Korrespondenzen und dem militärischen Nachrichtendienst. Aber wie jeder dieser Zweige des Nachrichtenwesens hat auch die politische Berichterstattung ihre besondere Aufgabe und damit ihren besonderen Charakter. Unser Nachrichtenwesen sammelt Nachrichten aus Deutschland unter einem politischen Gesichtspunkt: es ist ein Teil des Kampfes der sozialdemokratischen Bewegung gegen die Diktatur. Unsere politische Berichterstattung ist aus der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland hervorgewachsen, wird von ihr getragen und dient ihren Zielen. Deshalb haben bei unserer Berichterstattung die politischen Aufgaben den Vorrang vor den propagandistischen. Eine ihrer Aufgaben ist die Sammlung von Tatsachen und Erfahrungen als Grundlage für die Politik der Parteileitung im Auslande. Eine zweite Aufgabe ist die laufende Unterrichtung der Glieder der illegalen Sozialdemokratie in Deutschland. Eine dritte Aufgabe besteht in der Organisierung eines laufenden Erfahrungs- und Meinungsaustausches zwischen den Teilen der Bewegung drinnen und draussen und eine vierte in der Verbreitung der Wahrheit B- 3über Deutschland in der Weit. Es ist für die Leitung einer illegalen politischen Bewegung von grosser Bedeutung. ob sie sich bei ihrer Politik auf eine eigene Berichterstatterorganisation im Lande stützen kann oder ob sie auf die anderen Nachrichtenquellen allein angewiesen ist. Nur wenn sie selbst die Nachrichtenbeschaffung organisiert hat, kann sie auch die Grundsätze bestimmen, nach denen diese Nachrichten beschafft und bewertet werden. Es ist für die innere Unabhängigkeit der Entschliessungen der Parteileitung im Auslande nicht gleichgültig, ob sie bereits auf der Stufe der Nachrichtenbeschaffung von unkontrollierbaren Einflüssen und von Zufälligkeiten unabhängig ist oder nicht. Soll die Berichterstattung eine feste und tragfähige Grundlage für die Politik der Parteileitung bilden, dann darf sie sich nicht auf die blosse Sammlung und Aneinanderreihung der Nachrichten und Berichte aus Deutschland beschränken, sondern muss durch eine zweckentsprechende Ordnung und Verarbeitung des Berichtsmaterials ergänzt werden. Diese Verarbeitung muss nach sachlichen und nach politischen Gesichtspunkten erfolgen. Sie muss ständig bemüht sein, die Einzelnachricht in den richtigen sachlichen und politischen Zusammenhang mit früheren oder gleichzeitig vorliegenden anderen Nachrichten zu rücken. Deshalb gliedern wir das Berichtsmaterial nach Sachgebieten und ergänzen diese Zusammenstellungen von Zeit zu Zeit durch politische und sachliche Analysen, in denen die Entwicklung auf den verschiedenen Gebieten zusammenfassend dargestellt wird. Dieser Teil der Berichtsarbeit, der in der Hauptsache der Zentrale zufällt, ist zugleich eine Aufgabe, die im Interesse der illegalen Parteiglieder in Deutschland erfüllt werden muss. Wo die Diktatur die illegale Opposition nicht vernichtet, schlägt sie sie allzu leicht mit Blindheit und Engstirnigkeit. Die kleine Gruppe von Sozialdemokraten, die in einer Gemeinde, in einem Betrieb für ihre Ueberzeugung kämpft, läuft ständig Gefahr, nur noch ihren engen Gesichtskreis zu übersehen, von der Aussenwelt abgeschnitten zu werden und nicht einmal zu B -4wissen, wie es im näheren Umkreis aussieht. Diese Gefahr der Atomisierung einer illegalen politischen Bewegung zunächst eine Atomisierung der Erfahrungen und Kenntnisse, dann zwangsläufig eine Atomisierung der politischen Beurteilung und der politischen Zielvorstellungen- ist der schlimmste Feind der Opposition. Andererseits sind auch die Teile der Bewegung im Auslande der Gefahr ausgesetzt, der politischen Atmosphäre des Gastlandes zu erliegen, die Entwicklung in Deutschland zu stark unter den Gesichtspunkten des, Gastlandes zu sehen und damit einem Partikularismus besonderer Art zu verfallen, der die Einheit der Bewegung ebenso bedroht, wie die Isolierung der einzelnen Glieder in Deutschland selbst. Wird aber der einen wie der anderen Gefahr nicht systematisch entgegengearbeitet, so erwächst eine dritte: die zunehmende Entfremdung zwischen den einzelnen Teilen der Bewegung drinnen und draussen. Es genügt nicht, dass die Einheit einer politischen Bewegung in ihren fernen Zielvorstellungen begründet ist. Sie muss auch begründet sein in gemeinsamen Erkenntnissen der Gegenwart. Diese gemeinsamen Erkenntnisse ständig zu erarbeiten, ist die Aufgabe jeder politischen Bewegung. In der Illegalität aber bedarf es besonderer Anstrengungen, um zu verhindern, dass dieser geistige Prozess des Erfahrungs- und Gedankenaustausches, des Ringens um die richtige Erkenntnis der politischen Lage und ihrer Möglichkeiten abstirbt. Ein solches Absterben zu verhindern, wird besonders wichtig, wenn die Zeit der Unterdrückung sehr lange dauert. Je länger das Regime an der Macht bleibt, umso mehr muss die Einheit der Bewegung nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit gesichert werden. Mit anderen Worten: neben dem geistigen Ringen um die Einheitlichkeit der Grundauffassungen in den Gliedern der Partei drinnen und draussen muss auch das Bemühen um die Erhaltung der Kontinuität der Bewegung treten. In der Legalität ist das allmähliche Ausscheiden älterer und das Nachwachsen jüngerer Generationen für die Partei kein Problem. Die Kontinuität ihrer politischen Grundauffassungen wird durch Lehre und Beispiel von B- 5selbst gesichert. In der Illegalität wird auch aus dieser Selbstverständlichkeit eine schwierige Aufgabe. Ein richtig gehandhabtes Berichterstattungswesen kann auch für die Lösung dieser Aufgabe grosse Dienste leisten. Sowohl die Sammlung als auch die Auswertung der Berichte kommt der Wahrung der Kontinuität in der Partei zugute. Die Berichterstattung ist eine grosse Gemeinschaftsarbeit, in der durch das ständige Zusammenwirken zwischen drinnen und draussen, zwischen der Leitung und den untersten Gliedern der Partei vieles dazu beigetragen werden kann, die Erhaltung der Tradition mit dem Ringen um geistige Erneuerung zu verbinden. Und erst dadurch kann die Kontinuität gesichert werden. Nur wenn das überkommene Gedankengut lebendig fortentwickelt wird, kann die Bewegung eine lange Zeit der Unterdrückung überstehen. Alle diese Aufgaben kann ein. politisches Nachrichtenwesen nur lösen, wenn es ein Teil der politischen Organisation selbst ist. Wir haben von Anfang an unsere politische Berichterstattung als Glied unserer politischen Organisation aufgebaut. Als wir damit begannen, hat es nicht an Einwendungen gefehlt: es sei einfacher und zweckmässiger, ein Dutzend früherer sozialdemokratischer Journalisten in allen Landesteilen aufzutreiben, die zu regelmässiger Berichterstattung bereit seien, als den Funktionären unserer illegalen Bewegung eine Aufgabe aufzubürden, der sie in der Regel nicht gewachsen seien. Diesem an sich einleuchtenden Einwand hat die Erfahrung schon innerhalb der Berichterstattung selbst Unrecht gegeben. Es hat sich nämlich gezeigt, dass mancher Intellektuelle, insbesondere mancher Journalist sich weniger für diese Aufgabe eignet als mancher einfache Arbeiter. Im allgemeinen ist der Intellektuelle dem Arbeiter an Ausdrucksfähigkeit, Schreibgewandtheit überlegen, häufig aber ist der Arbeiter dem Intellektuellen an Beobachtungsgabe überlegen. Der Intellektuelle neigt oft zu abstrakten Verallgemeinerungen, vorschnellen Schlüssen, geistreichen Perspektiven und besitzt oft nicht die Fähigkeit, einen einfachen Tatbestand wirklich genau und anschaulich wiederzu B-6geben. Natürlich hat auch heute noch der Intellektuelle in Deutschland einen grösseren Gesichtskreis als der Arbeiter, aber doch nicht mehr einen so grossen, dass die Gefahr einseitiger Schlussfolgerungen und übereilter Analysen ausgeschlossen ist. Dazu kommt etwas anderes: ein Nachrichtenwesen, das auf einer Handvoll Intellektueller aufgebaut ist, kann niemals eine weitverzweigte Berichterstattung durch Männer und Frauen aus dem Volke ersetzen. Nur Berichte einer grossen Zahl von Betriebsarbeitern können einen einigermassen zuverlässigen Aufschluss über die Haltung der Arbeiter geben. Man muss den Kleingewerbetreibenden, den Bauern, die Hausfrau selbst sprechen lassen, wenn man einen anschaulichen Eindruck vom Denken und Fühlen des Volkes erhalten will. So eng das Blickfeld dieser Menschen sein mag, so unbeholfen sie sich ausdrücken, die Zusammenstellung ihrer Aeusserungen wird den Politiker besser beraten als so mancher umfassende Bericht eines klugen Beobachters, in dem schliesslich doch die Erfahrungen und Beobachtungen in ihrer Brechung durch das Prisma eines politischen Temperaments erscheinen. Solche urteilsfähigen Beobachter sind schwer zu entbehren, aber ganz un entbehrlich für eine politische Berichterstattung, die das Ohr am Volke haben will, ist die Masse der kleinen Mitarbeiter in allen Schichten des werktätigen Volkes. € Das Entscheidende jedoch ist, dass die politische Berichterstattung einen wichtigen Beitrag für den Aufbau einer illegalen politischen Organisation zu leisten vermag. Am deutlichsten wird das an dem Beispiel der illegalen Arbeit in den Betrieben. Wenn die Aufgabe zu lösen ist, in einem Betrieb einen illegalen dass Stützpunkt zu schaffen, dann ergibt es sich von selbst, man zunächst versuchen wird, in diesem Betriebe einen Berichterstatter zu finden. Löst der eingesetzte Berichterstatter seine Aufgabe befriedigend, dann ist damit in der Regel auch der Mann gefunden, dem nach und nach wenn es die Situation im Betriebe zulässt auch andere Aufgaben gestellt werden können. B-Ob es aber die Situation des Betriebes zulässt auch das wird wieder durch die laufende Beobachtung und Berichterstattung festgestellt werden können. Was von dem einen Betriebe gilt, gilt ebenso von der Gruppe von Betrieben, die in einem Bezirk politisch erfasst sind, und schliesslich von der Gesamtheit der Betriebe im Reich, zu denen die politische Bewegung organisierte Verbindungen unterhält. Und dasselbe gilt von allen anderen Gebieten der illegalen Organisation: überall muss die Berichterstattung erst das Gelände abtasten, bevor ein weiterer organisatorischer Schritt getan werden kann. Ja darüber hinaus hat die organisierte Berichterstattung in vielen Fällen die Entwicklung der Organisation unmittelbar gefördert. Die Aufgabe der Berichterstattung hat den Organisationsleiter immer wieder veranlasst, nach regelmässigen und qualifizierten Verbindungen zu suchen. Die Berichterstattung hat ihm geholfen, die Vorstellung zu überwinden, dass die Verbreitung illegaler Schriften das A und O illegaler Arbeit sei. Sie hat ihn in den Stand gesetzt aber auch dazu angeregt- sich laufend über die ta tsächliche Situation in seinem Bezirk zu unterrichten, ebenso wie sie der Zentrale gestattet, sich ein Bild von dem Stand der Organisation in den einzelnen Bezirken zu machen. So ist die politische Berichterstattung nicht nur eine Leistung, die die illegalen Sozialdemokraten in Deutschland für ihre Parteileitung im Ausland vollbringen, sondern sie ist auch ein Dienst, den sie sich selbst erweisen. Diese grundlegenden organisatorischen Funktionen wird das politische Nachrichtenwesen auch dann noch haben, wenn der illegalen politischen Organisation Aufgaben gestellt werden können, die weit darüber hinaus gehen. Einen umso breiteren Raum aber wird sie in einer Zeit einnehmen, in der die übrige organisatorische Aktivität der illegalen Bewegung weitgehend gehemmt ist. In dieser Situation-das muss freimütig ausgesprochen werden-. befindet sich heute die illegale politische Bewegung in Deutschland. Theoretisch können einer illegalen politischen Organisation sehr verschiedene Aufgaben gestellt werden: Massenpropa B-8ganda, Zersetzungsarbeit in gegnerischen Organisationen, Terror usw. Aber es gibt heute keine Mei nungsverschiedenheiten mehr darüber, dass zur Zeit diese Aufgaben in Deutschland nicht in Angriff genommen werden können. Wirkliche Massenpropaganda durch Verbreitung grosser Mengen illegaler Schriften ist undurchführbar, solange der Polizei- und Spitzelapparat der Diktatur intakt ist. Die Zersetzungsarbeit in den gegnerischen Massenorganisationen( Arbeitsfront, NSV, SA, Luftschutz, HitlerJugend usw), wie sie die Kommunisten mit ihrer Parole des trojanischen Pferdes propagieren, wird ebenfalls von allen einsich tigen Beurteilern nach wie vor als unmöglich betrachtet.( Wir haben uns mit dieser Parole im Heft 11/1935, Seite B 10 ff. eingehend auseinandergesetzt). Die Organisation von Terrorakten schliesslich liegt ausserhalb des Bereiches unserer Organisationsziele. Wir glauben sogar ,. dass die Durchführung solcher Akte in der gegenwärtigen Situation die Diktatur in Deutschland nicht erschüttern, sondern festigen würde. Wenn aber Hitler selbst einem Anschlag zum Opfer fiele, würde die wahrscheinliche Folge sein, dass ihn das Volk als einen Heiligen verehren würde, der durch Mörderhand daran gehindert wurde, sein Werk zu vollenden. So sind die Möglichkeiten der organisatorischen Aktivität für die illegale Bewegung in Deutschland zur Zeit ausserordentlich beschränkt. Solange dieser Zustand anhält-es handelt sich hier nicht darum, Prognosen über seine Dauer aufzustellen- solange bleibt im Grunde der illegalen Organisation als wesentlichste Aufgabe: die weitere Entwicklung zu beobachten und sich auf kommende Aufgaben vorzubereiten. Die Entwicklung beobachten heisst, das haben wir zu zeigen versucht, die organisierte Berichterstattung pflegen. Aber auch die Vorbereitung auf kommende Aufgaben mündet im Bereich der praktischen Organisationstätigkeit in die Aufgabe der Berichterstattung. Vorbereitung auf kommende Aufgaben, oder Schulung, wie man sich in unseren Diskussionen auszudrücken pflegt, ist die grosse geistige Leistung, die in diesen Jahren der Unterdrückung B- 9von allen Gliedern der Bewegung drinnen und draussen verlangt wird. Vorbereitung auf unsere kommenden Aufgaben ist zugleich die beste geistige Gegenwehr auf die Lähmung, die Suggestivwirkung, die geistige Ueberfremdung, die vom Nationalsozialismus ausgeht. Je länger der Nationalsozialismus an der Macht ist, umso gefährlicher werden diese psychologischen Wirkungen, die sich unbewusst vollziehen, umso notwendiger wird die Organisierung der geistigen Gegenwehr. Diese geistige Gegenwehr kann nur zum kleinen Teil durch theoretische Schulung gefördert werden. Es ist uns schon in der legalen Zeit nicht gelungen, breite Schichten unserer Parteigenossen wirklich theoretisch zu schulen. Zweifellos ist manches auf diesem Gebiet erreicht worden, in Deutschland mehr als in anderen Ländern, zugleich ist aber auch viel engstirnige Halbbildung und verbohrte Prinzipienreiterei erzeugt worden. Unter den heutigen Verhältnissen in Deutschland sind die technischen Möglichkeiten einer gründlichen theoretischen Schulung ausserordentlich gering. Umso grösser sind die Gefahren, dass sich die Gegner der Diktatur in dem Bestreben nach geistiger Gegenwehr mit dem Krebspanzer einer" theoretischen" Rüstung umgeben, die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat. Das aber ist eine der grössten geistigen Gefahren, die einer politischen Bewegung drohen: dass sie den Zusammenhang mit der Wirklichkeit verliert. Und deshalb ist es eine der hervorragendsten Aufgaben der politischen Schulung in der Zeit der Unterdrückung, alle Glieder der Bewegung-die Illegalen in Deutschland und die Emigranten draussen- immer wieder zu zwingen, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, sie immer wieder davor zu bewahren, vor all den Enttäuschungen, Bitterkeiten und Grausamkeiten der heutigen deutschen Wirklichkeit die Aazer zu verschliessen. Das hiesse, eine Politik im luftleeren un betreiben, das hiesse, vor dem Gegner den Kopf in den Sand becken, das hiesse vor allem, unsere Mission in der Zukunft 3.tscheidend.gefährden. Die Vorbereitung auf kommende Aufgaben erstreckt sich ja र B- 10nicht nur auf die Aufgaben, die die nächsten Stufen der Organisationstätigkeit in der Zeit der Unterdrückung uns stellen können. Am schwersten, aber auch am notwendigsten für uns ist es, dass wir diese ganze Zeit hindurch den Augenblick nicht aus dem Auge verlieren, an dem wir wieder Verantwortung zu tragen haben werden. Wir wissen nicht, wann dieser Zeitpunkt kommt, wir wissen nicht, ob wir sehr langsam auf unmerklichen Stufen zur Macht emporsteigen müssen, oder ob wir durch eine plötzliche Welle emporgetragen werden. Wir müssen auf beides vorbereitet sein. Vorbereitung auf die Zeit der Machtübernahme aber setzt ständige Erweiterung unserer Sachkunde, ständige engste Verbindung mit dem täglichen Geschehen, unablässige Bemühung um die möglichst vollständige Kenntnis aller politisch wichtigen Tatsachen voraus. Denn Tatsachen sind es, die die Nationalsozialisten in Deutschland schaffen, und mit diesen Tatsachen werden wir eines Tages rechnen müssen, ob sie uns passen oder nicht. Deshalb müssen wir diese Tatsachen kennen und deshalb bedeutet es, wenn wir unsere Mitarbeiter drinnen und draussen immer wieder nötigen, sich mit diesen Tatsachen auseinanderzusetzen, dass wir sie immer wieder dazu anhalten, sich geistig auf den Tag der Machtübernahme einzustellen. An diesem Tage werden wir ein Heer von Behördenleitern in Kreisund Gemeindeverwaltungen, in Fachverwaltungen und Selbstverwaltungsorganen brauchen. Woher sollen wir diese Leute nehmen, wenn wir nicht schon in den Jahren der Unterdrückung damit angefangen haben, sie auf diese Aufgaben vorzubereiten? Je länger wir auf die Machtübernahme warten müssen, umso wichtiger wird diese innere Einstellung. Es wird zu wenig beachtet, dass eine der subjektiven Ursachen für die Unzulänglichkeit unserer politischen Leistungen nach 1918 die mangelhafte Vorbereitung der Partei in der Vorkriegszeit auf den Tag der Machtergreifung war. Vor dem Kriege schien dieser Tag noch so fern zu sein, dass jeder sich lächerlich machte, der ernsthaft daran dachte. So kam es, dass dann die Partei plötzlich, ohne psychologische, aber auch ohne hinreichende sachliche Vor B.- 11bereitung an die Macht kam und kostbare Zeit damit verlieren musste, das zu lernen, was vorher hätte gelernt werden können. Heute sind wir psychologisch in eine ähnliche Lage zurückgedrängt wie vor dem Kriege. Heute scheint uns die Zeit der Machtübernahme wieder so fern, dass es lächerlich wirkt, wenn man schon jetzt von Vorbereitung auf diese Zeit spricht. Sachlich aber ist unsere Lage noch viel schlimmer. Vor dem Kriege hatten wir wenigstens in einigen Selbstverwaltungskörpern, insbesondere aber in den Gewerkschaften Gelegenheit, die Aufgaben des Verwaltens kennen zu lernen. Heute fehlen uns auch diese Möglichkeiten. Deshalb ist die Gefahr besonders gross, dass wir uns auf den bequemen Standpunkt der Nur- Agitation gegen das Regime zurückziehen. Davor soll uns die politische Berichterstattung bewahren und darin liegt ihr wichtigster Gehalt als Schulungsaufgabe. Diese Schulung beginnt auf der untersten Stufe. Da sitzt irgendwo tief im Bayerischen Wald irgend ein Glasarbeiter, der den Auftrag hat, laufend über die Verhältnisse seines Betriebes zu berichten. Diese Aufgabe bereitet ihm ungeheuere Schwierigkeiten, schon das Schreiben geht ihm schwer von der Hand; wenn er nun gar Gedanken und Beobachtungen zu Papier bringen soll, muss er sich sehr abmühen. Aber indem er diese Schwierigkeiten überwinden lernt, lernt er zugleich, seinen politischen Blick zu schärfen und zu weiten, sein politisches Urteil zu festigen, Tatsachen von Gerüchten, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Langsam bekommt er einen Ueberblick über seinen Betrieb und wächst so allmählich, ohne es zu merken, in die Aufgabe eines Betriebsrates hinein, die ihm vielleicht nach der Machtergreifung zufallen wird. Was sich auf dieser Stufe vollzieht, wiederholt sich auf den höheren in gleicher Weise. dient die Berichterstattung, diese unermüdliche, undankbare Kleinarbeit dazu, den Berichterstatter in engster Anlehnung an die tatsächliche Entwicklung zu schulen, und auf die Aufgaben des praktischen Handelns vorzubereiten, die eines Tages unerbittlich fordernd vor ihm stehen werden. Ueberall B- 12Wer will, mag feststellen, dass die Berichterstattung als Schulungsaufgabe von einem veränderten Begriff der Politik ausgeht und einem veränderten Typ des Politikers zustrebt. Wir glauben in der Tat, dass Sachkunde und Politik keine Gegensätze sind, wie wir auch glauben, dass die Bewegung in der Zukunft es sich nicht wird leisten können, den Nur- Politiker und den Nur- Sachkenner nebeneinander stehen zu lassen. Das System des" Spez" mag für eine Diktatur brauchbar sein, eine sozialdemokratische Politik muss darüber hinauskommen und zur Synthese von Politik und Sachkunde gelangen. Denn es gibt keine Politik an sich. Das" Politische" ist eine Haltung, ist eine auf ein gesellschaftliches Ziel gerichtete Form der Aktivität. Politik machen heisst etwas durchsetzen wollen. Was durchgesetzt werden soll, das ist eine Frage des Willens, der Sachkunde und des Möglichen. Menschen, die sozialistische Politiker werden wollen, müssen über mehr Sachkunde verfügen als die Politiker anderer Richtungen. Während es den anderen nur um die Erhaltung des Bestehenden oder um die Eroberung und Sicherung der nackten Macht geht, verfolgen sie ein sachliches Ziel von ungeheuerer Grösse: die Umgestaltung der Gesellschaft. Das ist ein tieferer Sinn unserer Berichtsarbeit: wir wollen unsere Mitarbeiter einer solchen Auffassung vom Wesen sozialistischer Politik zuleiten. Wir wollen sie beizeiten daran gewöhnen, sich mit den Sachen auseinanderzusetzen, die sich immer hart im Raum stossen werden, besonders dann, wenn wir wieder einmal vor der Aufgabe stehen werden, sie gestaltend zu beeinflussen. Der Berichterstatter kann schon heute lernen, was der Politiker in irgend einer Zukunft bitter nötig haben wird: seine politische Aktivität nicht von der Wucht der Tatsachen erdrücken zu lassen, seinen politischen Willen nicht auf der grünen Wiese der Unsachlichkeit zu tummeln, sondern ihn einzuspannen in die anspruchslo se Kärrnerarbeit des sachlichen Bemühens. Dies alles läuft schliesslich auf Menschenformung in höherem Sinne hinaus. In jedem echten politischen Führungswillen lebt B- 13ein Stück prometheischer Schöpferfreude, Menschen zu formen nach seinem Bilde. Auch der Nationalsozialismus formt die Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde der Diktatur und der Barbarei. Wir aber haben die Menschen unserer Bewegung zu formen nach dem Bilde des Sozialismus und allen seinen Werten, nach dem Bilde der freien Persönlichkeit, nach unseren Vorstellungen von sozialer Ethik und politischem Charakter. Wir haben bereits im November 1935 darauf aufmerksam gemacht ( 1935/ Nr. 11, Seite B 23 f.), welche zentrale Bedeutung der Persönlichkeit als Kristallisationskern der illegalen Organisation zukommt. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Entwicklung zur politischen Persönlichkeit aber ist nur möglich, wenn man auch in der Politik die Grundsätze anerkennt, die einen Charakter ausmachen und einen Politiker über alle Anfechtungen, alle Enttäuschungen, alle Niederlagen hinweg zur Bewährung führen. Es sind dies die Grundsätze, nach denen wir unsere politische Berichterstattung aufgebaut haben. 2) Die Grundsätze Die Grundsätze unserer Berichterstattung sind: Totalität der Aufgabenstellung, Vordringen zum Politischen und nicht Steckenbleiben im Technischen, systematische Arbeit und vor allem Objektivität und Wahrheit. -die Der Totalität des nationalsozialistischen Regimes muss die Totalität der politischen Berichterstattung entsprechen. Da der Nationalsozialismus alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens seinen machtpolitischen Zwecken unterordnet Arbeitspolitik ebenso wie die Kirchenpolitik, die Landwirtschaft ebenso wie die Jugend- müssen auch alle diese Bereiche von uns politisch beobachtet werden. Hinzukommt, dass manche technischen Fragen heute ein politisches Gesicht bekommen haben: ie Stockungen in der Lebensmittelversorgung ebenso wie die of knappheit, die Technik des" Arbeitseinsatzes" ebenso ie der nährständischen Marktordnung. Der Berichterstatter B- 14darf jedoch nicht im Technischen stecken bleiben. Er muss allerdings die technische Seite der Sache beherrschen. Der städtische Berichterstatter muss wissen, wie es mit der Regelung des Fettbezugs im einzelnen aussieht, der ländliche muss wenigstens die Grundsätze der nationalsozialistischen Agrarpolitik, des Erbhofgesetzes, der Marktregelung, der Anbaukontingentierung und der Hofberatung kennen. Aber die Berichterstattung muss über die Beherrschung der technischen Einzelheiten hinaus zum politischen Gehalt des jeweils zu beobachtenden Tatbestandes vordringen. Das ist schwerer und problematischer, als es auf den ersten Blick erscheint. Die politische Berichterstattung muss sich an Tatsachen halten und immer wieder an Tatsachen. Erst aus der gründlichen und zuverlässigen Sammlung von Tatsachen ergibt sich das Erfahrungsmaterial, das eine einigermassen gesicherte politische Deutung zulässt. Wo es an ausreichendem Tatsachenmaterial fehlt, beginnt das weite Feld der Kombinationen und der freischaffenden politischen Phantasie. Oft kann aber der einzelne Berichterstatter nicht übersehen, welchen politischen Gehalt eine Tatsache hat, oft ist es auch in einem Bezirk noch nicht möglich, die einlaufenden Einzelmeldungen politisch richtig einzuschätzen. Nur durch das ständige Zusammenwirken zwischen drinnen und draussen, zwischen der BerichterstattungsZentrale und allen ihren Gliederungen kann vermieden werden, dass die Berichterstattung den festen Boden der Tatsachen verlässt und sich im Felde der Kombinationen verliert. Jedes Glied des ganzen Nachrichtenwesens muss ständig darauf eingestellt sein, von einander zu lernen, die eigenen Beobachtungen und Erfahrungen an denen der anderen zu überprüfen. Die Zentrale muss jeden Tag darauf gefasst sein, aus irgend einem Winkel des Reichs eine Nachricht zu empfangen, die eine neue Entwicklungstendenz ankündigt und sie zur Revision ihrer bisherigen Perspektiven zwingt. Umgekehrt muss der einzelne Berichterstatter im Reich alle Arroganz und alles Besserwissenwollen überwinden und sich der Enge seines Blickfeldes bewusst sein. B- 15Unsere Berichterstattung soll der Politik dienen, sie soll aber nicht politisch missbraucht werden. Es ist nicht Sache der einzelnen Berichterstatter und auch nicht Sache der Leitung eines politischen Nachrichtenwesens, mit der Berichterstattung Folitik zu machen. Es wäre das Ende jeder zuverlässigen politischen Berichterstattung, wenn die Berichterstatter ihre Aufgabe darin erblicken würden, nur das zu berichten, was ihrer Meinung nach die Zentrale gerne hört, und das zu verschweigen, was sie nicht gern hört, oder wenn sie Tendenzberichte oder eine Tendenzauswahl ihrer Berichte liefern würden, um die Politik der Parteileitung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Umgekehrt muss sich die Leitung des Nachrichtenwesens davor hüten, sich bei der Zusammenstellung und Auswertung der Berichte von anderen als sachlichen Gesichtspunkten leiten zu lassen. Nur eine zuverlässige politische Berichterstattung kann ihre Funktionen wirklich erfüllen. Zur Sicherung ihrer Zuverlässigkeit gehört auch, dass alle ihre Glieder mit hohem Verantwortungs bewusstsein an der Erfüllung ihrer Aufgabe arbeiten. Die Berichterstattung kann unter Umständen die Grundlage für weittragende Entschlüsse der Parteileitung bilden, deshalb muss auch der letzte Berichterstatter wissen, dass von der Sachlichkeit und Zuverlässigkeit seiner Arbeit vieles abhängen kann. Ein wichtiger Grundsatz für ein politisches Nachrichtenwesen ist die Systematik der Arbeit. Auch diese Systematik wird in der Illegalität zum Problem, um das immer wieder von neuem gerungen werden muss. Jeden Tag kann der Terrorapparat der Diktatur eine mühsam aufgebaute Berichtsverbindung wieder zerstören. Die Berichterstattung kann gegen unmittelbare Aufdeckungen abgeschirmt werden unter grossen Mühen und mit ständigen Schwierigkeiten, aber schliesslich doch mit Erfolg. Schwerer entziehen kann sie sich dem häufigen wilden Umsichschlagen des Regimes, den plötzlichen Massenverhaftungen. Solche Aktionen gehen in der Regel vorüber, ohne die organisierten Verbindungen zu vernichten, aber sie bedeuten ein schweres Hindernis für die Stetigkeit und Systematik der Arbeit, ohne die auf die B-16Dauer kein Erfolg zu erringen ist. Unter diesen Umständen kommt der Systematik der Berichtsarbeit geradezu ein Eigenwert zu. Sie ist eine Form der geistigen Gegenwehr, die nicht nur für den Erfolg der Arbeit, sondern auch für die Erhaltung der seelischen und geistigen Widerstandskraft der illegalen Bewegung wichtig ist. Nicht nur die Beschaffung, auch die Auswertung der Berichte bedarf einer systematischen Arbeit und nicht nur in der Illegalität, auch in der Emigration ergibt sich diese Systematik nicht von selbst. Emigranten neigen dazu, symbolisch gesprochen, ihre Koffer nicht auszupacken, und das, was in der verlorenen Heimat vor sich geht, nur unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob es ihre Rückkehr zu beschleunigen oder hinauszuzögern scheint. Eine solche Geisteshaltung ist einer systemadie tischen politischen Arbeit sehr abträglich; wird sie auf Auswertung der Berichterstattung übertragen, kann sie den Erfolg der Gesamtarbeit in Frage stellen. Diese Auswertung darf die Möglichkeit nicht ausser Acht lassen, dass sich auch schnelle Wandlungen in Deutschland vollziehen können. Ihre Hauptanstrengung aber muss auf die Herausarbeitung einer langen Perspektive gerichtet sein. Nur wenn die Arbeit an der politischen Berichterstattung auch hinsichtlich des zeitlichen Ablaufs der Entwicklung unter grösseren Gesichtspunkten geleitet wird, kann sie sich zu geistiger Freiheit erheben und all den psychologischen Anfechtungen widerstehen, denen die Glieder der Bewegung in der Illegalität und in der Emigration gleichermassen ausgesetzt sind. Zum Wesen der systematischen Arbeit gehört auch ein ständiger Kampf gegen die kurzfristigen politischen Illusionen. Es ist verständlich, dass sich in der Zeit der Unterdrückung drinnen und draussen immer wieder neue Illusion en bilden. Aber sie sind auch immer wieder neue Gefahren. Sie entnerven die moralische Kraft der Opposition und stören immer aufs neue den Prozess der geistigen Klärung, sie verführen zu kurzfristigen Fehlprognosen und hindern die Erarbeitung weitblickender Kon7344 B- 17zeptionen, sie säen wieder und wieder unbegründete Hoffnungen. und treiben die Leichtgläubigen von Enttäuschung zu Enttäuschung. Gegen diese aufreibenden Erregungen einer Stimmungsund Illusionspolitik wenigstens den Kern der Bewegung immun zu machen, ist die Aufgabe der nüchtern- skeptischen Betrachtungsweise, die wir zum Grundsatz unserer Berichterstattung gemacht haben. Sie soll den Kampfeswillen nicht schwächen, sondern stählen, sie soll die Siegeszuversicht nicht untergraben, sondern unbeirrt jenem Ziel zuwenden, so fern es auch sein mag: dass wir eines Tages wieder berufen sein werden zu regieren. Es ist eine der schwersten Aufgaben für die Berichterstatter, zu lernen, Skepsis von Pessimismus und Siegeszuversicht von Illusionen zu unterscheiden. Aber es ist notwendig, wenn sie in der mühevollen und gefährlichen Arbeit der Berichterstattung nicht schliesslich der psychologischen Ermüdung und der Hoffnungslosigkeit verfallen sollen. Die politische Berichterstattung soll ein Ausdruck des Kampfes gegen die Diktatur sein. Wie verträgt sich damit der Grundsatz der Objektivität? Er verträgt sich nicht nur damit, er ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Mit Erfolg kann man einen überlegenen Gegner nur bekämpfen, wenn man ihn genau kennt. Man muss ihn genau studieren, um seine Stärken und seine Schwächen herauszufinden und eines Tages den vernichtenden Schlag zu führen. Bei diesem Studium muss man alle Ressentiments beiseite lassen. Als wir mit der politischen Berichterstattung begannen, sagten wir uns: die Opposition muss sich aus der Erstarrung lösen, in die sie durch den Anblick des moralischen Abgrundes, der sich mit diesem Regime aufgetan hat, verfallen ist. So scheusslich vieles ist, so widerlich die Verlogenheit, so unergründlich die Gemeinheit des Regimes man muss sich trotzdem zwingen, genau hinzusehen. Es gilt, im einzelnen zu prüfen, welche Folgen dieses Uebermass von Gemeinheit und Lüge hat. Es gilt aber auch, festzustellen, ob nicht die praktischen Leistungen des Regimes besser sind als seine verlogene und amoralische Ideologie. Dazu gehört moralischer Mut, weit mehr Mut und innere Sicherheit B- 18als zu einer oberflächlichen Polemik und einer ebenso unsachlichen Gegenpropaganda. Der Grundsatz der Objektivität-oder des politischen Realismus- schliesst auch die Ueberwindung des Subjektivismus ein, in den eine illegale politische Bewegung leicht hineingedrängt wird. Die Politik ist die Kunst des Möglichen und was möglich sein wird, das wird immer die Entwicklung mehr bestimmen als unser eigenes Wollen. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, den Ablauf der Entwicklung. objektiv zu erkennen. Wer immerfort die Wirklichkeit mit seinen Wunschträumen verwechselt, wird niemals die politischen Chancen einer bestimmten Situation real abschätzen können. Wer nach wie vor der Methode huldigt, das, was er erstrebt, als das auszugeben, was ist, erreicht auf diese Weise nur, dass er auch dann nicht gehört werden wird, wenn er wirklich einmal recht hat. Ueber alle Nützlichkeits erwägungen hinaus aber ist unsere Arbeit an der politischen Berichterstattung mit einer bestimmten Auffassung vom Wesen des Moralischen in der Politik verbunden. Klarheit und Wahrheit sind Werte, ohne die die sozialistische Bewegung nicht leben kann. Die einfachste Folgerung aus diesem Grundsatz für die Berichterstattung ist die Bereitwilligkeit, wieder zu ehrlichen und sauberen Begriffen in der Politik zurückzukehren. Das beginnt mit dem Bestreben, eine klare Sprache zu sprechen, einen Stil herauszubilden, der der Berichterstattung angemessen ist, und führt zu einer ständigen Abwehr der systematischen Versuche des Nationalsozialismus, die Gehirne zu vernebeln und alle Begriffe zu verwirren. Es mündet schliesslich in einen Kampf gegen die moralischen Verwüstungen, die die Nationalsozialisten je länger je mehr im deutschen Volke anrichten. Man kann den Kampf gegen die Diktatur auf die Dauer nicht mit Erfolg führen, wenn man ihn nicht auch unnachsichtig und ohne Konzession gegen die ungeheuerliche Verlumpung führt, die von ihr ausgeht. Der Nationalsozialismus lebt von dem moralischen Kapital der Vergangenheit. Er lebt davon, dass das Volk noch immer viel zu gutgläubig ist, dass B- 19es sich immer noch nicht vorstellen kann, zu welchem Ausmass von Unmoral dieses Regime fähig ist. Er lebt vor allem davon, dass sich noch immer im Volke die Moralbegriffe erhalten haben, die er längst über Bord geworfen hat. Je mehr die Nationalsozialisten dieses moralische Kapital verschleudern, je mehr untergraben sie ihre eigene Machtstellung, umso mehr aber beschwören sie auch die Gefahr herauf, dass sie das Volk selbst demoralisieren, ja dass die Relativierung der Moralbegriffe bis in die Reihen ihrer Gegner eindringt. Deshalb haben wir nicht nur die Aufgabe, die geistige Gegenwehr zu organisieren, sondern auch die moralische. Wir werden den Kampf gegen das Regime nicht durchstehen, wenn wir uns nicht auf die moralischen Grundlagen unserer Kraft besinnen und wenn wir nicht die moralischen Werte in der Politik wieder hochhalten. Wir bemühen uns in unserer Berichterstattung, diese Grundauffassung im Kleinen zu pflegen, damit wir dereinst die Kraft haben, sie im Grossen zum Siege zu führen.