Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrg. Nr. 7 Juli 1937 DIE DEUTSCHLAND- BERICHTE, die der Vorstand der seit 1934 Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Prag, monatlich im Umfange von 140 bis 180 Seiten herausgibt, haben die Aufgabe, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftlichen Gebieten zu verfolgen. Sie beruhen auf der Arbeit einer organisierten politischen Berichterstattung, deren Beobachtungsfeld sich insbesondere auf folgende Gebiete erstreckt: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen Die Lage in den Betrieben Die Wirtschaftslage Arbeitsmarkt Preisentwicklung Lebensmittelversorgung Rohstoffversorgung Geld und Kredit Handel und Gewerbe Landwirtschaft Sozialpolitik Lohnpolitik Steuerpolitik Korruption und Mißwirtschaft Terror Jugend Hitler- Jugend Schule Hochschulen Kirchenfragen Kulturpolitik NS- Organisationen NSDAP, SA, SS Arbeitsfront, KdF Arbeitsdienst Verwaltung ZuIn allen Landesteilen und Gesellschaftsschichten arbeiten Berichterstatter als Glieder der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland an dieser Aufgabe mit. Auf der großen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen fälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Die Berichterstatter kommen nach Möglichkeit selbst zu Wort, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu geben. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmäßig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter größeren punkten zusammenfassend dargestellt wird. Gesichts Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrgang Nr. 7 Juli 1937 Inhaltsverzeichnis Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 1 Stimmungsbilder aus Sachsen Die Stimmung unter den Nationalsozialisten Neue Hoff= nungen auf die Reichswehr- Die Kolonial= propaganda II. Der Terror 1) Der Terror gegen die Juden Juden, die man nicht auswandern lässt Der" Stürmer" prangert Juden und" Juden= genossen" an- Die wirtschaftliche Verdrän= gung der Juden schreitet fort- Judenfeind= liche Massnahmen der Behörden und der NSDAP Die Rassenschand e- Justiz- Allgemeine Berichte über die Lage der Juden in Deutsch= land Vorbereitungen für die Austreibung der Juden aus Oberschlesien nach Ablauf der Genfer Konvention 2) Der allgemeine Terror DED 14 14 32 Spitzelkarteien der nationalsozialistischen Organisationen Erschwerung von Ausland s= reisen- Verschärfte Grenzkontrolle- Gerichts= urteile gegen" Meckerer" Der Polizeiterror Das Vorgehen gegen Vereine Einzelberichte 9 III. Aus der Wirtschaft -21) Die Krise des Vierjahresplans 2) Die Rohstoffnot a) Eisen und Nichteisenmetalle Weitere Einschränkung des Eisenver= brauchs Mangel an Motoren b) Andere Rohstoffe 2 Textilien Gummi Papier Leder Verschiedene Rohstoffe Bericht aus einer oberschlesischen Kohlenzeche Das Sammeln von Altmaterialien A 58 58 61 61 69 3) Aus der Exportwirtschaft 80 Meldepflicht für alle Ausfuhrgeschäfte Aus der Praxis der Exportförderung 4) Aus der Devisenzwangswirtschaft 87 90 IV. Die Lohnentwicklung. 92 2) Tarifliche Lohnerhöhungen 96 99 1) Lohnbewegungen 3) Tarifliche Lohnsenkung und Lohndifferenzierung Die Bauarbeiterlöhne 1932 und 1937 Betriebsberichte über den Abbau von Akkordlöhnen usw. 4) Ersatzlose Aufhebung von Tarifordnungen 5) Sonderzuwendungen " Gewinnbeteiligungen" Gratifikationen 6) Die Umgehung der Tarifordnungen 7) Die Arbeitszeit 8) Der Urlaub 9) Einzelberichte 111 112 Treueprämien 117 120 129 132 -3Teil B: Uebersichten. Das Erziehungswesen im Dritten Reich: I. Die Volksschule 1) Die Umgestaltung der Volksschule 2) Die nationalsozialistischen Schulbücher 3) Die Gemeinschaftsschule 4) Die Lehrerbildung B 1 6 lo 15 A- 1 Til A ( Abgeschlossen am 6. August 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die allgemeine Lage in Deutschland hat sich im Berichtsmonat nicht verändert. Die Missstimmung ist nach wie vor allgemein; es wird vielerorts mit erstaunlicher Offenheit geschimpft, aber ein ernsthafter Wille zum Widerstand ist noch nicht vorhanden. Der drohende Krieg beschäftigt die Gemüter: als Sorge bei der breiten indifferenten Masse, als Aussicht auf Erleben und Heldentum bei einem grossen Teil der Jugend, als Hoffnung auf die Niederlage und den Zusammenbruch des Regimes bei vielen Gegnern der Diktatur. Wir verzichten darauf, die Berichte wiederzugeben, die diese Feststellungen erneut bekräftigen. Stattdessen bringen wir im folgenden einige Stimmungsbilder aus Sachsen, die ein anschauliches Bild von dem nationalsozialistischen Alltag in diesem Industriegebiet geben. 1. Bericht: Im Bezirk Döbeln( D. ist eine Industriestadt mit etwa 25.000 Einwohnern) hat die NSDAP erst spät Fuss gefasst. Ihren ersten sichtbaren Anhang bekam sie 1927, als die Wirtschaftspartei zerfiel. Diese Mittelständler waren ihre erste Domäne. In die Landwirtschaft drang die Partei erst nach 1931 vor und NSBO- Zellen in den Betrieben entstanden sogar erst gegen Ende des Jahres 1932. Im Vogtland dagegen gehen die Anfänge der Bewegung, wenn auch unter anderem Namen, auf das Jahr 1921 zurück. Die Namen, die heute einen Klang in der vogtländischen NSDAP haben, waren damals die Führer. Heute hat die NSDAP im Vogtland weit mehr abgewirtschaftet als im Döbelner Bezirk, namentlich in Arbeiterkreisen. In Döbeln sind die Arbeiter fast alle in der Arbeitsfront. Die unentschlossene Haltung der Gewerkschaften in der Zeit von März bis Mai 1933 hat viel dazu beigetragen, dass die Arbeiter dieses Gebietes geschlossen in die DAF eintraten. Viele von ihnen sagen heute, wären wir damals nicht so sohnell hineingegangen, so könnten wir jetzt leichter loskommen. Am diesjährigen 1. Mai konnte die DAF feststellen, dass in Döbeln- Stadt von 13.240 Beschäftigten nur noch 412 nicht der A- 2Organisation angehören, während im Bezirk Döbeln- Land von 16.100 Beschäftigten 1.320 Aussenseiter sind. Auf dem Lande ist die Zahl der Nichtorganisierten also grösser als in der Stadt. Die Ursache mag sein, dass auf dem Lande die kleinen Betriebe und das Handwerk überwiegen. Die Arbeitslosigkeit ist im Bezirk sehr stark gesunken. Erstens haben die Metallbetriebe grosse Konjunktur und sind auch gegenwärtig fast noch alle voll beschäftigt. Ausserdem ist der Baumarkt durch die vielen Um- und Neubauten gut belebt. Die Stadt holt hier viele Versäumnisse auf dem Gebiet des Wohnungsbaues nach. Ein grosses Lazarett ist ebenfalls errrichtet worden. Seit 1934 sind ferner aus dem Stadtgebiet allein zwischen 900 bis 1300 Arbeiter ständig beim Autobahnbau beschäftigt gewesen und haben dadurch den Arbeitsmarkt entlastet. Eine grosse Anzahl Frauen hat Beschäftigung in einer neuerrichteten Fabrik für Netze und Zeltplanen gefunden, die in drei Schichten arbeitet. Trotz dieser günstigen Arbeitsmarktverhältnisse gehört Döbeln mit zu den Städten, in denen die Spareinlagen nicht zugenommen haben. Es herrscht geradezu Hochbetrieb im Betriebssport. Dabei sind die ehemaligen Arbeitersportler stark vertreten. Man hat ihnen hier eine neue Möglichkeit der sportlichen Betätigung gegeben und sie machen auch alle mit. Der Vereinssport hingegen, der von den deutschen Turnvereinen betrieben wird, verliert immer mehr an Bedeutung. Der Betriebssport lenkt ab von Streitigkeiten, vom Grübeln und vom Kirchenbesuch. Die Pfarrer sind zwar nicht für das Regime, sie entfalten aber auch keine Gegenpropaganda. Das Volk ist ruhig. Ein wesentlich anderer Boden ist die Stadt X. Diese Industriestadt mit ihrer ehemaligen SPD- Mehrheit und ihren guten Arbeiterorganisationen ist auch heute noch eine schwere Nuss für die NSDAP. In mancher Hinsicht hat sich gegenüber früher sogar eine Besserung ergeben. Die Arbeitermehrheit lag immer in heftigen Auseinandersetzungen mit den Mittelstandsvertretern. Jetzt sind Arbeiter und Mittelständler im täglichen Kleinkampf einig. Die NSDAP kann anfangen, was sie will, sie stösst aur Kälte und Ablehnung. In Abständen von einigen Monaten werden immer wieder willkürlich ehemalige Sozialdemokraten und Kommunisten verhaftet, besonders Gewerkschaftsbeamte. Einer hält den Rekord mit 12 Verhaftungen. Er genoss schon früher bei der Stadtbevölkerung ein gutes Ansehen. Es ist seitdem nur noch gestiegen. In diesem Ort hat auch die SA und SS sehr schnell abgewirtschaftet. Ihr wüten 1933, viele Korruptionsfälle, sittliche Verwahrlosung usw. bewirkten, dass das Ansehen bei der Bevölkerung bald verloren ging. Was der SA noch aus bürgerlichen Kreisen angehörte, verlangte, dass der Mob ausgerottet würde. Tatsächlich ist eine Wandlung zum besseren eingetreten. Die " verdienten alten Kämpfer" sind in gute Stellungen gebracht worden und sind auch gegenwärtig noch in Amt und Würden. Diese Posten jäger sind es aber auch, die die Razzien auf wehrlose Opfer hinten herum organisieren. Eine offene Aufleh A- 3nung gegen diese Schmarotzer ist auch in I. nicht möglich. Aber es gibt soviele sichtbare Beweise von Solidaritätsakten mit den Opfern und ihren Angehörigen, dass kein Zweifel. über die Wirkung der Massnahmen möglich ist. Kinder werden in Kost genommen. Kleidung und Nahrungsmittel werden geschenkt. Die Geschäftsleute steeken den Angehörigen heimlich etwas zu. Mütter, Söhne und Töchter der Opfer finden schnell einen Arbeitsplatz usw. Diese Erscheinungen sind der NSDAP von I. nicht mehr unbekannt. Man misstraut deshalb den engsten Mitarbeitern in der SA und SS. Seit März dieses Jahres hat das Misstrauen gegenüber den eigenen Anhängern in diesen Parteigliederungen dazu geführt, dass Haussuchungen von dem Sondersturm der Technischen Nothilfe vorgenommen werden. So grundverschieden sind die Verhältnisse in zwei etwa gleichgrossen sächsischen Industriestädten. Dabei muss betont werden, dass nicht etwa wirtschaftliche Ursachen diese Ver-, schiedenartigkeit bedingten. Auch in X. ist die wirtschaftliche Besserung zu bemerken. Insbesondere seit den Fortschritten bei der Zellwolle hat die Textilindustrie besondere Beschäftigung. Dennoch schwelt es unter der Decke. Die NSDAP muss fortgesetzt berichtigen und beschwichtigen. Ende Juni hatten die Stadtväter beschlossen, für den Bau eines HJ- Heimes und zum Fonds" Krankenkassenneubau" als erste Rate je eine Summe zu bewilligen. Kurze Zeit darauf erliess der Bürgermeister eine Bekanntmachung, dass Dunkelmänner den Beschluss so ausgelegt hätten, als verdiene die HJ eine schnellere Förderung als das neue Krankenhaus. Dabei werde vergessen, dass der Krankenhausbau keine städtische, sondern in erster Linie eine Bezirks- und Staatssache sei. Die Stadt habe durch die gewiss verhältnismässig geringe Summe ihr Interesse bekunden wollen. Diese Erklärung ist aber eine Irreführung. X. ist eine bezirksfreie Stadt und den Bezirk geht der Krankenhausneubau solange nichts an, als nicht ein besonderer Zweckverband gebildet wird. Die Siedler sind ebenfalls enttäuscht. Sie haben in vielen Fällen ihre Siedlungsdarlehn kurz nach der Inflation erhalten. Nach den damaligen gesetzlichen Bestimmungen waren die Tilgungssätze zunächst auf 5 Jahre mit 1% festgesetzt. 1932 wurde diese Frist wiederum um 5 Jahre verlängert. Als sie Ende 1936 abgelaufen, war, wurde bestimmt, dass ab 1. 1. 1937 die Siedler 2% Tilgung zu entrichten haben. Als nun eine Abordnung der Siedler auf dem Rathaus vorstellig wurde, um eine Herabsetzung zu erreichen, erwiderte der Bürgermeister: Die Siedler haben sich wirtschaftlich gut erholt und im übrigen sind sie fast alle nur gezwungene Nationalsozialisten. Es sei deshalb kein Anlass zu besonderem Entgegenkommen. Gerade bei der letzten Sammlung zur" Hitler- Freiplatzspende" hätten die Siedler wieder nur ganz wenig gezeichnet. So wurden die Siedler abgewiesen, obwohl sich ihre wirtschaftlichen Verhältnisse tatsächlich nicht gebessert haben. Als am 18. Juni zu Ehren des im Vorjahr verstorbenen gleich A- 4geschalteten Arbeiter- Dichters Heinrich Lersch eine Gedenkfeier im... Saal stattfand, waren zwar in den Betrieben 2.300 Karten verkauft worden, zur Feier aber nur 400 Personen erschienen. Der DAF- Kreiswalter Z..erging sich deswegen in wüsten Drohungen. Am nächsten Tag fand ein Betriebsappell statt, an dem alle Belegschaften teilnehmen mussten, um die Festrede doch noch anzuhören. Zwischen der Technischen Nothilfe( Teno) und den anderen Untergliederungen der NSDAP gibt es fortgesetzt Reibereien. Kürzlich hatte die Teno auf der.. ein Mahnmal errichtet, das abends beleuchtet wurde und so allgemeines Interesse erweckte. Dann aber musste die Beleuchtung eingestellt werden, angeblich deshalb, weil sie den Verkehr störe. Darauf nahmen die Teno- Leute nicht mehr an den gemeinsamen Pionierübungen mit der SA teil. Gegenwärtig wird die Teno offiziell besonders gefördert, weil sie grössere Zuverlässigkeit gegenüber der oppositionell eingestellten Bevölkerung bewiesen hat. Wäre wieder einmal eine freie Abstimmung möglich, in X... würde der ganze Spuk mit einer vernichtenden Mehrheit hinweggefegt. 2.Bericht: Das erzgebirgische Grenzland steht seit Wochen. im Zeichen militärischer Uebungen verschiedenster Art und hatte oft" hohen Besuch". Militärische Einquartierung ist deshalb keine Seltenheit mehr. Es gibt das bekannte Manöverleben mit den entsprechenden Ballveranstaltungen und dem " Erleben" für den weiblichen Teil der Bevölkerung. All diese Erscheinungen werden zur Gewohnheit und das ist nicht zuletzt ihr Sinn. Die Bevölkerung soll sich daran gewöhnen, dass das Gebiet den Charakter der Etappe hat, damit es keine Panik gibt, wenn aus dem Spiel Wirklichkeit wird. Bei den Uebungen gibt es ohnehin öfters einmal Tote oder Verletzte. Dazu kommen noch die Zeltlager der HJ und der Flugschüler, die in verschiedenen Orten aufgeschlagen worden sind. Die Kinos haben sich diesem ganzen Milieu angepasst und bringen die entsprechenden Filme." Das Schloss in Flandern", oder" Marie, die Magd" haben" gute Beifilme". In ihnen werden die wehrsportlichen Uebungen der verschiedensten halbmilitärischen Verbände in allen inzelheiten, mit Appellen, Ausspeisungen an der Feldküche, Instruktionsstunden, Ausmärschen, wehrsportlichen Einzelübungen, Schlaf- Wasch- und Unterkunftsräumen, Büchereien usw. gezeigt. Dazu kommen die sozialen und militärischen Leistungen des Systems in Form von Bildfolgen, die Goebbels selbst durch Ansprachen erläutert. Die Winterhilfsaktionen werden in aller Vielseitigkeit gezeigt, die" Kraft- durch- Freude"-Fahrten durch Länder und Meere, die Kinderverschickungen und die Heimpflege, die Krankenfürsorge und die Bauleistungen, angefangen beim Siedlerhaus bis zur Autobahn, die Erfolge auf dem Gebiete der Ersatzstoffwirtschaft und der Rüstungs industrie, die militärische Laufbahn vom Einrücken der Rekruten bis zur grossen Truppenparade A- 5usw. Durch diese intensive Propaganda soll das Volk dahin gebracht werden, das Regime so zu sehen, wie es gesehen werden will. Und es lässt sich nicht bestreiten, dass unpolitische Menschen, vor allem die Jugend entsprechend beeinflusst werden. Die Filme üben ihren Einfluss bis über die Grenzen aus. Die Henleinanhänger kommen auf den verschiedensten Schleichwegen über die Grenze, um ihre an sich schon einzigartige Begeisterung erneut aufzufrischen. Dass noch Paraden und Aufmärsche in Ergänzung dieser Propaganda als Werbemittel angesetzt werden, versteht sich von selbst. So waren vom 26. bis 28. Juni" grosse Tage" für die Bevölkerung dieses Gebietes. Für den 25. Juni war die Weihe der Autobahn Dresden- Meerane angesetzt. Da aus dem erzgebirgischen Bezirk zuletzt noch 40 Arbeiter an der Autobahnstrecke mitbeschäftigt waren, sollten und konnten diese an der Weihe teilnehmen und den Führer sehen. Ihre weitere Ehrung bestand darin, dass sie am nächsten Tag auf Lastautos verfrachtet wurden und gemeinsam mit dem Reichsstatthalter Mutschmann und Dr. Ley, die natürlich im eleganten Horchwagen fuhren, von Dresden aus nach Kupferhammer- Grünthal transportiert wurden. Die Autos der" Führer" hatten die entsprechende Zivilbegleitung, die Autos der 40 Arbeiter wurden von 4 SS- Polizeistreifen eskortiert. In Kupferhammer- Grünthal, unmittelbar in Grenznähe, begann die erste Funktion der Arbeiter. Sie mussten Reklame stehen bei der Weihe der dortigen Stammarbeitersiedlung, die verbunden wurde mit dem 400- jährigen Jubiläum der Kupferwerke F.A. Lange. Das Werk hat einen Betrieb auf sächsischer und einen auf böhmischer Seite. Ley hielt eine Ansprache und brachte Anspielungen auf den bösen Grenznachbarn. Die Deutschland feindlich gesinnte Welt habe die jetzigen Rohstoffschwierigkeiten verursacht, die aber baldigst behoben sein würden.Dazu muss man wissen, dass im Betrieb der Firma auf sächsischer Seite schon seit Mitte, Mai wegen Rohstoffschwierigkeiten kurz gearbeitet wird, während auf böhmischer Seite im Betrieb im Schweinitztal dauernd Neueinstellungen und Ueberstundenleistungen erfolgen. Die Hauptstrasse von Olbernhau nach Kupferhammer war ein Fahnenmeer. Am Tage vorher hatten allerdings nur einzelne Häuser Flaggen herausgehängt. Da kam die Anordnung der Stadt, dass jedes Haus auf Kosten der Stadt zu flaggen habe. Es wurde eine Ehrenpforte errichtet mit der Inschrift:" Dem Schöpfer der DAF! Sieg Heil!" Die Buchstaben waren aus Grün gebunden. In letzter Minute fiel der Buchstabe" f" herunter, so dass über den" Schöper" viel gelacht wurde. Die Spaliere auf der Strecke Ansprung- Zöblitz waren nutzlos errichtet, da Mutschmann erst nach Rothental und dann, die Grenze im Natschungstal entlang über Rübenau nach Zöblitz fuhr. Zu seiner Sicherung fuhren vor seinem Wagen drei und hinterher zwei Autos mit Gestapo. Die Spaliere bildeten meist Arbeiter und alte Leute; Handwerker und Landwirte, sowie die Geistlichen fehlten. A- 6In Marienberg wurden die auf Lastautos transportierten Arbeiter für einen neuen Reklame zweck gebraucht. Es waren vier Autos mit Italienern eingetroffen, die Ley in seiner Ansprache als engste Mitarbeiter des Duce vorstellte. Der Beifall, der der Rede folgte, war sehr mässig. Nicht einmal die Naziarbeiter waren von dem italienischen Besuch begeistert. Dann schüttelten Bonzen und italienische Gäste den 40 Reklamearbeitern die Hände. Mutschmann hielt in der Exerzierhalle der ehemaligen Unteroffiziersschule in Marienberg, die man gegenwärtig NSKK- Erziehungsschule nennt, eine Rede. Er betonte darin, dass Deutschland ein Volk ohne Lebensraum sei und Kolonien brauche. Dieses, sein Recht, werde es allen Widerständen zum Trotz durchzusetzen wissen.( Hier gab es besonderen Beifall der Italiener.) In Bezug auf die Arbeitsschlacht sagte er:" Wenn euer Bezirk jetzt eine Stockung in der Arbeitsbeschaffung hat, so nehmt das nicht tragisch. Urlaub und Feldarbeit tun auch einmal gut." Zu diesen Bemerkungen war er wahrscheinlich dadurch veranlasst, weil die 1.600 Arbeitslosen, die der Bezirk noch hat, vom Arbeitsamt weg zur Spalierbildung abkommandiert worden waren. Mit dieser Redeübung waren die Veranstaltungen beendet. Die Reklamearbeiter wurden nach Hause geschickt. Es ist schon seit längerer Zeit erkennbar, dass die allgemeine Missstimmung auch auf die Nationalsozialisten übergreift. Die Beobachtung dieser Entwicklung, über die wir bereits früher berichtet haben( Heft 4/1937, Seite A 3 ff.), ist wichtig, weil sie zeigt, dass die untersten Gliederungen der Partei trotz der strengen Disziplin in diesen Organisationen gegen Stimmungseinflüsse der Umwelt keineswegs immun sind. Diese kleinen Amtswalter, Pgs. und SA- Leute mögen noch so sehr dem Gesinnungsdrill unterworfen werden, schliesslich können sie sich als Arbeiter und Kleinbürger doch nicht den Einflüssen ihrer Umwelt entziehen. Die parteipolitische und" weltanschauliche" Disziplin der nationalsozialistischen Organisationen ist daher fragwürdiger als es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat. Einstweilen ist vor allem die SA. weitgehend demoralisiert. Je mehr die Ernichterung und Enttäuschung um sich greift, umso mehr kann damit gerechnet werden, dass auch die anderen Gliederungen davon erfasst werden.- Ueber die Stimmung unter den Nationalsozialisten wird uns berichtet: A- 7Berlin: In der... Strasse wurde ein 12- jähriger Junge von einem Spielkameraden angeschossen. Der Vater des Jungen ist Arbeiter und seit 1933 organisierter Nazi. Wegen dieses Vorfalls schimpfte er mächtig auf die jetzige Jugend erziehung und wurde deshalb verwarnt. Er liess sich dadurch nicht abhalten, weiter zu schimpfen und wurde verhaftet. Er wurde zwar nach 3 Tagen wieder freigelassen, aber für ihn ist jetzt Schluss mit der Partei. Er wurde mit Verlust der Arbeitsstelle bedroht, erreichte aber merkwürdigerweise das Gegenteil: im Betrieb wurde er Vorarbeiter und geradezu eine Art Märtyrer, für den sich die Belegschaft einsetzt. Die Nazis sind still geworden. Ein Bäckermeister in der..Strasse, ehemaliger Nazi, wurde im Januar 1937 mit einer Geldstrafe belegt, weil er angeblich zuviel weisses Mehl verbacken hat. Seitdem gehen die Frau und die Kinder des Mannes nicht mehr in die Naziveranstaltungen, und als Ostern ein Kind eines ehemaligen Marxisten aus der Schule entlassen wurde, schenkte er ihm einen Kuchen mit den Worten:" Wir gehören ja doch zu Euch". Seitdem hat das Geschäft guten Zulauf aus der Gegend. Ein Hausbesitzer in der Hermannstrasse wurde verhaftet, weil er den Austritt seiner 17- jährigen Tochter aus dem BdM mit den Worten verteidigt hat:" Es liegen genug Konfirmanden als Wöchnerinnen im Entbindungsheim." Gegen eine Geldbusse von 1.000 Mark ist er wieder entlassen. Der Mann war ebenfalls früher Nazi. Sachsen, 1.Bericht: Es gibt für einen ehemaligen Marxisten keine grössere Genugtuung als einen Disput zwischen" alten Kämpfern" mitanzuhören. Ein mit dem sächsischen Reichsstatthalter Mutschmann persönlich befreundeter" alter Kämpfer" aus Bergarbeiterkreisen sagte gelegentlich einer solchen Aussprache:" Hört nur bald mit Eurer Parteischeisse auf."- Die alten Pg. schimpfen nicht nur untereinander und gegen ihre Führer, sondern sie geben auch der Ueberzeugung Ausdruck, dass es bei den gegenwärtigen Verhältnissen ein Wunder sei, dass das Volk nicht mehr rebelliere." Lange hält der Leim nicht mehr", sagte ein bekannter Oberbonze der Stadtverwaltung von Zwickau. Sie wollen dann alle Kommunisten werden. Trotzdem klingt durch ihren Pessimismus noch der Glaube an eine günstige Wendung. Mit der spanischen Entwicklung sind auch diese Kreise unzufrieden. Sie sind aber der Ueberzeugung, dass es in Spanien noch zu einem grossen Einsatz Deutschlands käme. Auch der Kirchenkampf wirft seine Schatten bis in diese Kreise. Die Meinung ist geteilt. Der eine Teil ist der Auffassung, man wird sich auch diesmal durchsetzen, wenn nur kompromisslos am gesteckten Ziel festgehalten wird. Der andere Teil begreift aber, dass es sich nicht nur um die Pfaffen, sondern um eine Bewegung des Volkes handelt, die unausrottbare Wurzeln hat. Nach ihrer Auffassung ist der Kampf gegen die Christen im jetzigen Stadium der Entwicklung unklug.Man bekomme die ganze Welt zum Feinde und die Juden hätten wieder A- 8Stoff für ihre Propaganda. 2.Bericht: Die SA und SS kann heute ihre Leute nur noch bei direktem Zwangsdienst zusammentrommeln. Die anderen Dienste, wie Exerzieren und Ausmärsche, müssen in der Regel aus Mangel an Teilnehmern unterbleiben. Als vor einiger Zeit das hiesige jüdische Kaufhaus einmal durch SA- Leute überwacht wurde und vorher die Bevölkerung unter grossem Tamtam aufgefordert worden war, nichts mehr dort einzukaufen, war das Kaufhaus zum Brechen voll und der Verkehr musste polizeilich geregelt werden. Bei dieser Gelegenheit hörte einer unserer Genossen einen SA- Mann sagen:" Es ist doch ganz klar, dass alles hierher rennt, jeder erwartet doch von uns eine Sensation. Jetzt müssen wir nun dafür sorgen, dass bei dem Juden im Laden niemand totgetreten wird. Wir sind doch die am meisten Betrogenen, weil wir heute das stützen müssen, was wir vor 1933 bekämpft haben. Und dabei muss heute jeder die Schnauze halten, damit er nicht in Sachsenburg auf Marxismus umgeschult wird.". Bayern: Unter den alten Parteimitgliedern gibt es viele, die heute genau so über die Sauwirtschaft schimpfen, wie sie vor der Machtergreifung über die Zustände in der Republik geschimpft hatten. Durch den Nachschub von Zwangsmitgliedern wird die Stimmung innerhalb der Partei nicht gehoben. Es gehen Gerüchte, dass täglich in der Hauptkanzlei der Kreisleitung München goldene Parteizeichen einlaufen, die" alte Kämpfer" zurückschicken, weil sie mit den jetzigen Zuständen unzufrieden sind. Die brutale Diktatur hält sie noch zusammen, diese Armee von mehr oder weniger gut disziplinierten Soldaten, aber ihre geistige Kampfbereitschaft für das vorgegebene Ziel ist ständig im Sinken begriffen. Südwestdeutschland, 1.Bericht( Württemberg): Die zunehmende Kritik an den Zuständen, die Unzufriedenheit fast aller Schichten der Bevölkerung erfasst auch die Mitglieder der NSOrganisationen. Sie sind sogar nicht selten die Träger der kritischen Stimmungen. Das gilt vor allem für die SA, deren Bedeutung dauernd zurückgeht, trotz aller öffentlichen Lobhudelei, wie sie jetzt wieder anlässlich des SA- Sportfestes in Stuttgart geübt wurde. In allen Orten, die wir beobachten können, ist der Mannschaftsbestand der SA infolge der Ermüdung der SA- Männer, ihrer Enttäuschung und Gleichgültigkeit, ausserordentlich zurückgegangen. In den Betrieben sind gerade die Mitglieder der SA, und nicht selten die sogenannten" alten Kämpfer", die nichts geworden sind, die lautesten Kritiker nicht nur am Betrieb, sondern auch am Regime überhaupt. 2.Bericht( Baden): Von Mitgliedern der NSDAP kann man die Auffassung hören, dass die Regierung schon lange zum Krieg getrieben hätte, wenn sie nicht Angst davor hätte, weil es dann den Nazis selbst an den Kragen ginge. Ein" alter Kämpfer", A- 9der bei den Nazis eine ziemlich grosse Rolle spielte, spricht in der letzten Zeit immer nur von" Angstwaltern" anstatt von" Amtswaltern". Rheinland- Westfalen:" Dass der Laden zusammenklappen muss, ist klar", sagte unlängst ein" alter Kämpfer" zum Berichterstatter. Es werde ja jeden Tag schlechter und es bestehe keine Aussicht, dass es wenigstens in absehbarer Zeit besser werden könnte." Wir sind alle betrogen", meinte er schliesslich. Und dann beklagte er sich darüber, dass die" Märzgefallenen" und die" Maikäfer" ihre Posten bekommen hätten, aber die" alten Kämpfer" höchstens ein goldenes Ehrenzeichen:" Ja, ja, die" alten Kämpfer" werden jeden Tag aufs neue vor den Kopf gestossen, die' Maikäfer" aber bestimmen." Diese" Maikäfer" und" Märzgefallenen" haben aber auch die Nase voll. Das kann man am besten daraus ersehen, dass sie die ehemaligen Sozialdemokraten, die sie noch von früher her kennen, und um deren Gunst sie früher in vielen Fällen gebuhlt haben, wieder anquatschen. Sie trauen der Sache des Dritten Reiches nicht und sie möchten sich wieder rechtzeitig auf den" Boden der gegebenen Tatsachen" rétten. Nach der Machtübernahme konnten sich diese Burschen nicht genug tun im Schmähen und im Denunzieren von Marxisten, heute haben sie bereits wieder Angst vor der kommenden Entwicklung. Oberschlesien: Die SA- Männer der Borsigwerke bei Hindenburg haben in einer gesonderten Versammlung die Verwaltung dieses Betriebes angeklagt, dass sie den Vierjahresplan offen sabotiere, weil fast immer Materialmangel herrsche. Man forderte 14 Tage Faustrecht und man werde wieder Ordnung schaffen. In einer anderen Naziversammlung, wo überwiegend Vertrauensräte und Amtswalter aus Hindenburg vertreten waren, erklärte einer der Amtswalter, dass es Sabotage der Unternehmer sei, wenn Kohlen zum Export für je 4 Mark die Tonne frei bis Stettin geliefert werden, während man im Industriegebiet auf der Grube hierfür 8,- RM zahlen müsse und auf dem Lande sogar 10,- RM. Ein früherer Genosse, der Vertrauensrat ist, hat den Eindruck, dass man die SA wieder radikalisiere, um die grosse Unzufriedenheit, die auch in Nazikreisen immer mehr um sich greift, abzulenken, Wir haben von Zeit zu Zeit immer wieder darüber berichten müssen, dass die Hoffnungen auf die Reichswehr bei allen Gegnern des Regimes trotz aller Enttäuschungen nicht aussterben. Nach den in den letzten Wochen eingelaufenen Berichten scheinen sich diese Hoffnungen neuerdings sogar wieder verstärkt zu haben. Wir geben im folgenden einige dieser Berichte wieder, wollen aber auch diesmal keinen Zweifel daran lassen, dass wir diese Reichswehr- Hoffnungen nicht teilen. A- 10Bayern, 1.Bericht: In ganz Oberbayern ist bekannt geworden, dass im Reichsheer eigene Spezialabteilungen aufgestellt worden sind, die gesondert vereidigt wurden. Diese Eidesformel, deren Verrat mot Todesstrafe geahndet wird, ist das Geheimnisvolle. Es gehen Gerüchte darüber, dass sich diese Aktion der Reichswehr gegen die SS und SA richte, die im Ernstfalle durch diese Sonderformationen ausgeschaltet werden sollen. In Offizierskreisen spricht man ganz offen davon, dass die Mission der nationalsozialistischen Partei beendet sei. Ein Offizier äusserte sich in einem Gespräch folgendermassen:" Die grossen Leistungen der Partei werden von uns allen anerkannt. Niemand wird Hitler das Verdienst absprechen, dass er die deutsche Souveränität wieder hergestellt, der Wehrmacht zur heutigen Grösse verholfen hat. Aber nunmehr muss die Entwicklung über die Partei hinweggehen, weil sie mit ihrer Ideologie immer neue Konflikte schafft." 2.Bericht: In München spricht man offen davon, dass in kurzer Zeit die Partei von der Wehrmacht abgelöst werden solle. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, dass eine organisierte Propaganda solche Nachrichten in Umlauf bringt. Besonders in katholischen Kreisen liebäugelt man mit diesem Gedanken, der die realen Machtverhältnisse vollständig verkennt. Die Partei ist weit davon entfernt, ihre Machtstellung aufgeben zu wollen oder gar zu müssen; im Gegenteil, sie baut ihren Machtapparat immer mehr aus. Schlesien: Verstärkt tritt wieder die Auffassung auf, dass die Reichswehr die Zustände ändern müsse und ändern werde. Es heisst, dass" bestimmte Offizierskreise" auf dem Standpunkt ständen, die NSDAP habe zwar durch die Einführung der Wehrfreiheit, die Besetzung des Rheinlandes usw. Grosses geleistet. Jetzt aber schade sie nur, halte die weitere Entwicklung auf und müsse deshalb beseitigt werden. Die Entwicklung könne vor der Partei nicht Halt machen. Nordwestdeutschland: Die höheren und älteren Offiziere sind besorgt, dass die Armee durch parteipolitische Leidenschaften und durch den fanatischen Eigensinn Hitlers und seiner Parteibonzen jeden Tag gegen die ganze Welt in einen Krieg gestürzt werden könnte. Diese Offiziere halten die Armee noch lange nicht, für" fertig", die bisherige Zeit zur Ausbildung eines Massenheeres mit seinen notwendigen Reserven für viel zu kurz und den Mangel an Kriegsmaterial, besonders für die Ergänzungen während eines Krieges, für verhängnisvoll. In diesen Kreisen ist man der Auffassung, dass es nur Männern wie Schacht, Fritzsch und Neurath zu danken sei, wenn es bis jetzt noch nicht zu internationalen Exzessen gekommen ist. Zwar betrachten auch diese Offiziere Spanien als ein gutes Experimentierfeld für die deutschen Waffen, aber sie sind besorgt, dass es durch Spanien doch noch zum offenen europäischen Konflikt kommen könnte. Man hält in diesen Krei A-11 sen auch nichts von der hysterischen Hetze gegen Russland und ist verärgert darüber, dass ausgerechnet in England ein sturer Nazi bonze als Botschafter sitzt. Diese Offizierskreise leben im allgemeinen genau so neben diesem Parteistaat, wie sie als Reichswehr neben der Weimarer Republik gelebt haben. Sie versagen den Naziwürdenträgern keinen formellen Respekt, aber sie fühlen sich in ihrer Gegenwart nicht wohl. Unter den jüngeren Offizieren gibt es fanatische Nazis. Ihre Aufnahme war nicht zu verhindern, sollte es nicht offene Konflikte mit der Partei geben. Sie sind in unbedeutender Minderheit und stehen der geschlossenen Front der anderen Kameraden gegenüber, die sich niemals etwas vergeben, aber auch niemals herzlich werden. In der Armee ist man verärgert über den Kulturkampf gegen die Kirchen, über den Streicherschen Antisemitismus, über. die Verblödung der Jugend durch die HJ und über die Verfla-, chung des Schulwesens. Man verurteilt das Gestapo- Unwesen, die Konzentrationslager und die widerlichen Propagandamanieren. Nach der Auffassung der Offizierskreise müsste es eine der ersten Kriegsnotwendigkeiten sein, zur Sicherheit der militärischen Aktion bei einer Mobilmachung eine Reihe von Nazi bonzen ihrer bisherigen Funktionen zu entkleiden. Seit Jahren wird in Deutschland eine intensive Kolonialpropaganda betrieben. Diese Propaganda hat bisher nicht den Charakter einer Regierungsaktion angenommen, sondern geht vom Reichskolonialbund aus, der unter nationalsozialistischer Führung steht.( Bundesführer ist der Reichsstatthalter in Bayern General von Epp). In der letzten Zeit ist diese Propaganda verstärkt worden, weil der wachsende Rohstoffmangel einen erwünschten Anlass dazu gab. Deshalb wird die Mitgliederwerbung für den Reichskolonialbund jetzt vor allem auch in die Betriebe hineingetragen. Mitgliederwerbung und Propagandaaktionen auf diesem Gebiet dienen mehrfachen Zwecken. Der nächstliegende ist selbstverständlich das Bestreben, den Kolonialgedanken dem Volke einzuhämmern und auf diese Weise eine Volksstimmung zu schaffen, die im geeigneten Augenblick aussenpolitisch, aber auch wirtschaftspolitisch eingesetzt werden kann.( Wir haben bereits früher auf die wirtschaftspolitische Bedeutung aufmerksam gemacht, die Kolonien für das Dritte Reich haben könnten: wichtiger als durch ihre Rohstofflieferungen könnten sie dem Regime als Investitionsob A- 12jekte werden, weil es Objekte wären, für deren nationale Bedeutung das Volk zu weiteren Entbehrungen zu bewegen wäre; vgl. Heft 1/1937, Seite B 47). Der zweite Zweck der Kolonialpropaganda ist, einer nationalsozialistischen Organisation neue grosse Beitragseinnahmen zu verschaffen, über deren tatsächliche Verwendung natürlich keine Rechnung gelegt wird. Der dritte Zweck schliesslich und er wird meist übersehen- ist, den Volksmassen eine Art Demokratie- Ersatz vorzutäuschen. Wir haben bereits früher darauf aufmerksam gemacht, dass z.B. die Aktion " Kampf dem Verderb" einen solchen Demokratie- Ersatz darstellt, denn sie wendet sich an jeden" Volksgenossen" mit der Aufforderung, mitzuwirken, damit das grosse Ziel der deutschen Nahrungsfreiheit wirklich erreicht wird. Ebenso steht es mit der Kolonialpropaganda. Das Regime versucht, bei den Massen den Anschein der tätigen Mitwirkung zu erwecken, indem es den Arbeitern in den Betrieben sagt:" Ihr müsst mithelfen, dass Deutschland seine Kolonien wiederbekommt, und damit seine Rohstoffnot überwinden kann." Bayern, 1.Bericht: In den letzten Monaten hat die Aktivität des Reichskolonialbundes erheblich zugenommen. Im ganzen Reich werden in allen grossen und kleinen Orten Ortsgruppen des Reichskolonialbundes gegründet. Die Gauredner der Partei und alle zur Verfügung stehenden Propagandisten werden in den Kolonialfragen geschult. Diese Aufgabe fällt dem Kolonialbund zu. Besonders gross ist die Werbung für diesen Bund unter den Angehörigen der Wehrmacht. Vorerst werden Aufklärungsvorträge über die Kolonien nur in den Organisationen der Partei gehalten. Jedoch wird alles vorbereitet, damit eines Tages mit einem einzigen Schlage das ganze deutsche Volk in spontaner Aktion den Ruf nach Kolonien erhebt. Das Propagandamaterial wird bereits hergestellt. Es handelt sich dann nur darum, dass der Befehl zur Aktion von oben gegeben und das ganze deutsche Volk bis in das kleinste Dorf in eine Bewegung gerissen wird, die dann den führenden Männern die Möglichkeit gibt, auf die spontanen Willensäusserungen des deutschen Volkes hinzuweisen. Besondere Anstrengungen werden darauf verwendet, im Auslande Organisationen des Kolonialbundes zu schaffen. Zu diesem Zwecke werden in Deutschland lebende Auslandsdeutsche herangezogen, die beauftragt werden, ihre Beziehungen im Ausland in den Dienst dieser Sache zu stellen. 2. Bericht: Im ganzen Lande wird für den Kolonialbund eine grosse Propaganda gemacht. In allen Aemtern liegen Listen auf, in denen sich die Beamten als Mitglieder des Kolonialbundes A- 13einzutragen haben. Wer sich davon ausschliesst, wird gefragt, ob er gegen die Wiedererwerbung der deutschen Kolonien sei, was natürlich keiner zu bejahen wagt. Auf diese Art presst man die ganze Beamtenschaft zu Mitgliedern des Reichskolonialbundes.. In Garmisch ist zur Zeit eine grosse Kolonialausstellung zu sehen, die starken Zulauf hat. Jeden Abend wird der Film " Deutschost- Afrika" gespielt, der deutlich zeigt, warum man diese Gebiete wieder zurückhaben will. Mitteldeutschland: In einem grossen Metallbetrieb, der auch Rüstungsaufträge hat, ist in den letzten Wochen eine energische Werbeaktion für den Reichskolonialbund durchgeführt worden. Nach Abschluss der Aktion erschien am Schwarzen Brett des Betriebes nachstehende Werksbekanntmachung: Zum Aushang! Werksbekanntmachung Nr. Reichskolonialbund Der vor kurzem an die Gefolgschaftsmitglieder gerichtete Aufruf, die Arbeiten des Reichskolonialbundes durch den Erwerb der Mitgliedschaft zu fördern, hat das erfreuliche Ergebnis gehabt, daß bisher rd. 2300 Gefolgschaftsmitglieder die Mitgliedschaft erworben haben. Der Kreisverband des Reichskolonialbundes teilt mit, daß in Anerkennung des freudigen Eintretens der Gefolgschaftsmitglieder der Werke für die Ziele des Reichskolonialbundes am ein LichtbildMontag, dem 21. ds. Mts., um 20 Uhr im Saal der Gaststätte vortrag des Reichsfachredners Pg. über ,, Nationalsozialismus und Rohstoffkolonien" stattfindet, zu dem alle Gefolgschaftsmitglieder eingeladen sind. Pg. ragender Redner und einer der besten Kenner Afrikas. Der Eintritt ist frei. gilt als ein hervor= Für den Vorstand Sachsen: In einem Niedersedlitzer Betrieb verstieg sich ein Redner der DAF zu folgender Bemerkung: Er könne mit Bestimmtheit sagen, dass Deutschland seine Kolonien in Kürze wiederhaben werde. Niemals würde Deutschland darauf verzichten. Der Führer hätte im vertrauten Kreise geäussert, er würde in Bälde dafür sorgen, dass Deutschland seine Kolonien zurückerhalte. A-14II. Der Terror. +) 1) Der Terror gegen die Juden Der antisemitische Terror hat sich während der Berichtszeit weiter verschärft. Aemter, Parteistellen, Gerichte und Polizei wetteifern darin, die wehrlosen Juden zu verfolgen und zu quälen. Lässt irgend eine Amtsstelle auch nur ein wenig Milde walten, so fährt sofort die Parteipresse dazwischen mit dem " Stürmer" an der Spitze- und prangert die lässigen Richter, Beamten und Volksgenossen an. Die Annahme, Deutschland wolle" alle Juden loswerden", bestätigt sich indes nicht mehr lückenlos. Wohl wird die jüdische Auswanderung im allgemeinen recht gern gesehen, sofern der weitaus grösste Teil des Vermögens zurückbleibt. Vom 1.Februar 1933 bis zum 31. Dezember 1936 haben etwa 110.000 Juden Deutschland verlassen, gleichzeitig erfolgte eine natürliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung im Lande, so dass in diesen vier Jahren die Zahl der Juden in Deutschland von 517.000 auf 390.000, d.h. um etwa ein Viertel zurückgegangen ist. In den Jahren 1934 bis 1936 vereinnahmte das Reich 153,3 Millionen Mark Fluchtsteuern, die fast ausschliesslich aus jüdischem Vermögen stammen. Aus Vermögen übrigens, das nach Zahlung der Fluchtsteuer nur zu einem Bruchteil ins Ausland verbracht wer-\ den konnte, denn die Steuerschuld entsteht nicht aus der Uebertragung von Vermögen, sondern schon aus der Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland, und die Transferierungsmöglichkeiten sind (+ Vor zwei Monaten( Heft 5/1937, Seite A 81- 127) haben wir über den Terror gegen die illegale Opposition in Deutschland berichtet. Nunmehr lassen wir die Abschnitte " Terror gegen die Juden" und" Allgemeiner Terror" folgen. Die in Heft 5/1937, Seite A 93 gebrachte Meldung, der politische Häftling Esslinger aus Dresden habe im Zuchthaus Waldheim Selbstmord verübt, entspricht nicht den Tatsachen. A-15seit Jahren sehr beschränkt. Aber der Kräftemangel in gewissen Berufszweigen bringt es mit sich, dass man sich auch die jüdischen Qualitätsleistungen für den" Ernstfall" zu sichern sucht. Jüdischen Facharbeitern, jüdischen Technikern und Aerzten wird wie verschiedene Berichterstatter melden- immer häufiger die Ausreisebewilligung verweigert. Und zwar mit der Begründung, sie würden" noch gebraucht werden". So wird berichtet: Mitteldeutschland: Hier arbeiteten in einem grösseren Werk bis vor kurzem zwei jüdische Techniker. Sie wurden auf Grund der Treibereien einiger Nazi- Vertrauensleute entlassen. Einer der Beiden wollte ins Ausland gehen. Auf der Polizei wurde ihm der Pass verweigert." Ein Techniker findet in Deutschland immer Arbeit". In Wahrheit hat der Mann bis jetzt keine Arbeit bekommen, von deren Ertrag er einigermassen auskömmlich leben könnte. Sachsen: In X. praktiziert ein jüdischer Arzt, der in seinem Fach sehr tüchtig ist. Die Nazis verlangten, dass dieser Arzt verschwinde. Der Major einer hiesigen Reichswehrabteilung hat dies jedoch verhindert. Er verlangte, dass der jüdische Arzt durch eine gleichwertige Kraft ersetzt werde. Bis heute ist ein Ersatz von den Nazis noch nicht gestellt worden. Berlin: Interessant ist, dass im Gegensatz zur sonstigen Verschärfung des Terrors gegen die Juden jüdische Aerzte ziemlich unbehelligt bleiben. Ihre Einnahmen und Ausgaben werden nur sehr genau daraufhin kontrolliert, ob nichts ins Ausland geht. Es wird ihnen nicht erlaubt, auszuwandern. Der Grund ist, dass ein Mangel an Stabsärzten eingetreten ist. Die Wehrmacht verlangt, dass keine Aerzte aus Deutschland herausgelassen werden. Auch hier begnügen sich die amtlichen Stellen damit, die Reserve- Juden im Lande festzuhalten, sehen sich aber nicht veranlasst, ihnen das Leben im Lande erträglicher zu machen. So heisst es z.B. in einem weiteren Bericht aus Berlin: Die jüdischen Aerzte sind, soweit sie Frontkämpfer waren, auf Grund der Gesetze noch zur Krankenkassenpraxis zugelassen. Die Krankenkassen lassen aber nichts unversucht, um die Patienten von ihnen fernzuhalten. Wenn ein Krankenkassenpatient zur Krankenkasse kommt, um sich einen Krankenschein zu holen, wird er gefragt, von welchem Arzt er sich behandeln lassen will. Nennt er einen jüdischen Arzt, der noch zur Krankenkassenpraxis zugelassen ist, so versucht der Kranken A- 16kassenbeamte regelmässig, den Kranken durch abfällige Bemerkungen dazu zu bewegen, sich lieber von einem arischen Arzt behandeln zu lassen. Vor einiger Zeit ist in einem Erlass gegen diese Praxis Stellung genommen worden, aber die Beamten kehren sich einfach nicht daran. Die Deutsche Arbeitsfront gewährt jedem Mitglied für jeden Tag der Krankheit eine Unterstützung von 25 Pfg. Diese Unterstützung fällt automatisch fort, wenn sich der Kranke von einem jüdischen Arzt behandeln lässt. Die Hauptrolle im antisemitischen Betrieb spielt nach wie for Julius Streicher. Sein Wochenblatt" Der Stürmer" wird immer häufiger vor allem an Schulen und Postämtern angeschlagen. Wer es noch wagt, einem Juden eine Freundlichkeit zu erweisen, der riskiert, seinen Namen in der Stürmerrubrik:" Was das Volk nicht verstehen kann" wiederzufinden und so an tausenden von Strassenecken in Deutschland angeprangert zu werden. Wir geben ein paar besonders bezeichnen de Notizen aus dieser ständigen Rubrik wieder: Im Hause des Maurers Karl Weiß in Ziegenort( Kreis Uedermünde) ist der Jude Levy aus Züllchow ein gern gesehener Gast. Die Frau des Amtsgerichtsrat a. D. Wegner in Neichenbach/ Sa. fauft in dem jüdischen Kaufhaus Krell& Co. ein. Ihr Gatte ging bis zur Eingangstür des Judenkaufhauses. Der Kraftbroschtenbesizer Hermann Steinhoff aus Elsdorf fuhr ben Juden sirf zu einer Jubenbeerdigung. Am Fenster bes Kraftwagens hatte er einen Hakenkreuzwimpel angebracht. Am Leichenbegängnis des Judendoktors Landsberg in Joas chimsthal( Uckerm.) nahmen teil der Herr von Behrendt, der Friseurmeister Bolte, die Ehefrau des Schlächtermeisters Schulz, bie Ehefrau des Grünkramhändlers Grüßte und der Arbeiter Lindemann. Die nier Mitalieber betreuenschaft Ochtenbung ( Kreis Mayen), die Ehefrau Wilhelm Adermann, die Ehefrau des Josef Lescau, die Ehefrau des Adolf Merler, und die Thefrau des Auton Müller nahmen an der Beerdigung des Juden Süßmann teil. An der Beerdigung der Jüdin Schwab in Schmieheim ( Amt Lahr) nahmen folgende deutsche Frauen teil: Die Ehefrau bes Landwirts Frig Menthaler, die Ehefrau des Ratsdieners Frizz Schrempp, die Ehefrau des Landwirts Christian Hiller Auch die und die Ehefrau des Landwirts Georg Adermann. beiden Witwen Elise Binder und Mma Schrempp gaben der Jüdin das leßte Geleit. An der Beerdigung der Jubin Fanny Rosenthal in Oberlahnstein am Rhein nahmen folgende Deutsche teil: Der penfionierte Bollsekretär Ginig nebst Frau, der Maurerpolier Lauer mit Frau, Fr. Minui Zhels, Frau Karbach nebst Tochter, Fr. Christ. Groß, die Witwe Steil und die Frau des Hotelbefizers Willy Elzen. Die deutsche Frau Steil heulte dabei so, daß ihr bie Tranen bis zum hals herunter liefen. A-17Die wirtschaftliche Verdrängung der Juden geht ununterbrochen weiter. So gingen in der Berichtszeit u.a. folgende grössere Firmen in arische Hände über: Der Restaurations betrieb Kempinsky, Berlin, mit allen dazugehörigen Restaurationsbetrieben, der Verlag S. Fischer, Berlin( die Familie Fischer ist seit dem 1. Januar 1937 vollkommen aus dem Verlag ausgeschieden) das Warenhaus Gebrüder Barasch, Breslau( jetzt KarstadtKonzern), die Zigarrenfabrik Loeser& Wolff, Elbing( eine der grössten Zigarrenfabriken Europas), die Schuhfabrik Herz, Offenbach a.M,( eine der grössten deutschen Schuhfabriken). Den grössten Umfang haben nach wie vor die judenfeindlichen Massnahmen der Behörden, der NSDAP und anderer öffentlicher Institutionen. Wir stellen aus Massnahmen dieser Art innerhalb der Berichtszeit folgende-unvollständige- Liste zusammen: Der Reichserziehungsminister hat eine Zusammenfassung der Richtlinien über die Rechtsstellung der Juden im deutschen Schulwesen gegeben. Wo jüdische Privatschulen und öffentliche Schulen für Juden fehlen, besuchen die jüdischen Kinder den Pflichtunterricht der allgemeinen öffentlichen Schulen. Es sollen aber nach Möglichkeit besondere Schulen oder wenigstens Judenklassen eingerichtet werden. In den Wahlschulen( mittlere, höhere Schulen und Fachschulen) können-neben jüdischen Frontkämpferkindern- 1,5 Prozent jüdische Schüler zugelassen werden. Jüdische Mischlinge besuchen grundsätzlich die allgemeinen Schulen. Zur Reifeprüfung als Nichtschüler und zu den sprachlichen Ergänzungsprüfungen sind wie bisher jüdische Bewerber deutscher Staatsangehörigkeit nicht zuzulassen. Soweit an jüdischen höheren Schulen Reifeprüfungen abgehalten werden, sind die Abgangszeugnisse ausdrücklich als Zeugnisse jüdischer höherer Schulen zu kennzeichnen. Juden können nicht Lehrer oder Erzieher deutscher Jugend sein. Auch jüdische Mischlinge sind künftig für den Beruf eines deutschen Jugenderziehers nicht zugelassen. Juden, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sind seit dem 15. April 1937 zur Doktorprüfung in Deutschland nicht mehr zugelassen. Einer Anordnung des Reichsinnenministers Frick zufolge ist es den Krankenkassen der Beamten, Angestellten und Arbeiter bei allen öffentlichen Behörden untersagt, die Kosten für die Inanspruchnahme von jüdischen Aerzten, Zahnärzten, Apotheken, Kranken- und Heilanstalten usw. zu erstatten. Ferner A-18werden Zeugnisse jüdischer Aerzte zum Nachweis einer dauernden oder vorübergehenden Dienstunfähigkeit nicht mehr anerkannt. Die jüdischen Berufsberatungsstellen sind geschlossen worden. In einer Ausführungsverordnung zur Durchführung der Deutschen Gemeindeordnung hat der Reichsinnenminister bestimmt, dass Juden nicht mehr Gemeindebürger sind. Sie verlieren damit das Recht auf die Inanspruchnahme der Wohlfahrtspflege und zahlreicher gemeinnütziger Institutionen. Der Reichsfinanzhof hat entschieden, dass die Befreiung von der Vermögenssteuer wegen Verfolgung mildtätiger Zwecke nicht in Frage kommt, wenn Juden unterstützt werden sollen. Auf diese Entscheidung stützt sich ein gemeinsamer Erlass des Reichsjustizministers und des preussischen Finanzministers, in dem festgestellt wird, dass die jüdischen mildtätigen Stiftungen keine Gebührenfreiheit, auch keine Befreiung von Gerichtsgebühren, mehr beanspruchen können. Der Präsident der Reichspressekammer hat bestimmt, dass nur solche Personen im Vertrieb von periodischen Druckschriften tätig oder an Vertriebsunternehmungen solcher Art beteiligt sein dürfen, die für sich und ihre Ehegatten den Nachweis der arischen Abstammung bis zum Jahre 1800 erbringen können. Durch eine Verordnung des Reichspropagandaministeriums ist allen in Deutschland erscheinenden jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Gemeindeblättern verboten worden, aus deutschen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern zu zitieren oder auf den Inhalt Bezug zu nehmen. Nichtarier und solche Arier, die mit einer Jüdin verheiratet sind, wurden von der Mitgliedschaft im Reichskriegerbund ausgeschlossen. Seither haben mehrere Arbeitsgerichte entschieden, dass auch langjährig beschäftigte jüdische Arbeitnehmer in öffentlichen Betrieben, die bisher als Frontkämpfer ihren Arbeitsplatz behalten durften, gekündigt werden können. Die nach den Richtlinien des Beauftragten für den Vierjahresplan zugelassenen Altmaterialienhändler sollen künftig numerierte grüne Armbinden tragen. Die Hausfrauen werden angewiesen, sich nur an solche" zuverlässigen"-das heisst arischen- Händler zu wenden. Einem arischen Haushaltungsvorstand, der mit einer Jüdin verheiratet ist oder mit Juden in Hausgemeinschaft lebt, ist künftig das Hissen der Reichs- und Nationalflagge sowie das Zeigen der Reichsfarben verboten. In Ellwangen, Bietigheim, Ulm, Brackenheim, SchwäbischHall wurden die jüdischen Händler von den Viehmärkten ausgeschlossen. A-19Im Kreis Freudenstadt( Schwarzwald) haben sämtliche Viehversicherungsvereine beschlossen, vom Juden gekauftes Vieh nicht mehr zu versichern. Die Darlehnskassen geben für den Kauf von Vieh aus jüdischer Hand keine Darlehen mehr. Ausserdem hat der Kreisleiter allen Hotels, Gaststätten, Kurhäusern und Pensionen des Kreises die Aufnahme von Juden verboten. In Leichingen( Württemberg) hat der Bürgermeister den Juden den Besuch aller Märkte verboten. Auf dem Stuttgarter Pferdemarkt haben Juden keinen Zutritt mehr. In Kippenheim( Baden) wurden den Juden durch Beschluss der Gemeindeverwaltung die als" Bürgernutzen" überlassenen Grundstücke weggenommen und an deutsche Jungbürger verlost. Verschiedene Gemeinden im Gau Köln- Aachen( so u.a. Oberbruch- Drommen und Porselon), ebenso Besch( Obermo seler Grenzort) haben beschlossen, jedem Bürger, der mit Juden geschäftlich oder auf andere Art in Verbindung tritt, das Gemeindenutzungsrecht zu entziehen. In Nürnberg wurde den Juden der Zutritt zu sämtlichen Sommerbädern der Stadt verboten. Der Oberbürgermeister von Leipzig hat eine Polizeiverordnung erlassen, wonach Inhaber von Gast-, Schank- und Speisewirtschaften, die von Nichtariern betrieben oder von Nichtariern aufgesucht werden, an der Aussenseite oder am Eingang des Lokals deutlich sichtbar, darauf hinzuweisen haben. Arisches weibliches Personal darf in diesen Betrieben nicht beschäftigt werden. In Berlin wurde die von der Regierung genehmigte Delegiertentagung des Verbandes jüdischer Jugendvereine Deutschlands, die am 14. März stattfinden sollte und zu der bereits hunderte von Delegierten aus allen Teilen Deutschlands eingetroffen waren, im letzten Augenblick durch die Gestapo verboten. Aus Berlin wird weiter berichtet: Ueber die jüdischen Sportverbände( Bar Kochba, Makkabi und der jüdische Frontkämpferbund) ist vor einiger Zeit ein zeitlich unbegrenztės Spielverbot verhängt worden, und zwar ohne Begründung. Schon mehrmals wurden Spielverbote auf bestimmte Zeit verhängt, dann wieder aufgehoben, dann wieder verhängt. Verhängung und Aufhebung erfolgten meist ohne jede Begründung. Die Folge dieser dauernden Schikanen ist, dass die Verbände allmählich finanziell ruiniert werden. Sie dürfen sowieso nur noch auf eigenen Sportplätzen spielen. Die Pacht eines der Tennisplätze kostet z.B. 11.000,- RM. Wenn nicht gespielt werden darf, kommen auch keine Einnahmen herein. Ausserdem sind keine Möglichkeiten zum Training gegeben, so dass die jüdischen Sportler in Deutschland allmählich ihre sportlichen A-20Qualitäten verlieren, nicht mehr wettbewerbsfähig bleiben. Die jiidische Sportjugend in Deutschland ist daher sehr deprimiert. Im Passwesen ist seit einiger Zeit wieder eine stärkere Benachteiligung der Juden zu beobachten. So erhielten sie grundsätzlich kein Visum, um zur Pariser Weltausstellung zu reisen. Auch Reisen nach Oesterreich werden nur in ganz seltenen Fällen genehmigt. Es ist mehrfach vorgekommen, dass jüdischen Passinhabern ihre langfristigen Pässe entweder ganz entzogen oder auf eine kürzere Laufzeit umgeschrieben wurden. Aus Bayern wird gemeldet: Die Pässe der Nürnberger Juden wurden eingezogen. Sie werden von der Polizei aufbewahrt und können für Auslandsreisen nur dann abgeholt werden, wenn der Inhaber nachweisen kann, dass er die Auslandsreise aus geschäftlichen Gründen unternehmen muss. Auch die Entscheidungen der Gerichte tragen nach wie vor systematisch dazu bei, die Juden aus allen Bezirken des öffentlichen Lebens herauszudrängen. Das Kammergericht hat-im Gegensatz zur bisherigen Praxisentschieden, dass für einen arischen Erben die Verwaltung seines Erbes durch einen jüdischen Testamentsvollstrecker auch dann nicht tragbar sei, wenn der Erblasser diesen Testamentsvollstrecker ausdrücklich benannt habe. Der Bürgermeister einer mittelbadischen Landgemeinde, der geschäftlichen Verkehr mit einem jüdischen Viehhändler gepflogen hatte, ist durch Urteil des badischen Verwaltungsgerichtshofes als Disziplinarhof mit Dienstentlassung bestraft worden. Damit ist zum ersten Mal für den Verkehr mit Juden die Dienstentlassung eines Beamten ausgesprochen worden. Das Landesarbeitsgericht Frankfurt a.Main hat entschieden, dass die Beiordnung eines Armenanwalts zurückgenommen werden kann, wenn sich nachträglich herausstellt, dass die Partei Jude ist. Das Amtsgericht Remscheid hat entschieden, dass Käufe, die die Ehefrau eines Nationalsozialisten bei Juden vornimmt, den Ehemann nicht verpflichten könnten," da sie nicht im Rahmen der Schlüsselgewalt lägen. 11 Das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg betrachtete den Kauf eines Mantels in einem jüdischen Geschäft als Eheverfehlung. Eine Frau, der diese" Verfehlung" von ihrem Ehegatten nachgewiesen wurde, ist schuldig geschieden worden. A-21Die" Rassenschande"-Justiz wendet sich immer häufiger auch gegen Arier, die Beziehungen zu einer Jüdin unterhalten haben. Aus einer vom Statistischen Reichsamt bekanntgegebenen Uebersicht über die Kriminalität im dritten Vierteljahr 1936 geht hervor, dass allein in diesen drei Monaten 128 rechtskräftige Verurteilungen wegen Rassenschande erfolgten. Unter den in der Berichtszeit ergangenen RassenschandeUrteilen greifen wir folgende wegen ihrer besonderen Härte heraus: In Hamburg wurde ein getaufter Jude, der im Bordell mit einer arischen Prostituierten" Rassenschande" getrieben hatte, zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Für einen weiteren Fall, in dem der Angeklagte einen vollendeten Verstoss gegen das Gesetz bewusst vermieden und dem Mädchen auch gesagt hatte, dass er Jude sei, erhielt er acht Monate Gefängnis. Beide Strafen wurden zu einer Gesamtstrafe von zehn Monaten Gefängnis zusammengezogen. Der Jude Fritz Edelstein, Hamburg, der gleichfalls mit arischen Prostituierten Verkehr unterhalten hatte, erhielt 18 Monate Gefängnis. Ein Hamburger Jude, der seit über 9 Jahren Beziehungen zu einer arischen Frau hatte und sie nach den Nürnberger Gesetzen nicht aufgab, erhielt 18 Monate Gefängnis. Ein Arier, der seit 1927 mit einer Jüdin Beziehungen unterhielt und auch mit ihr zusammen wohnte, wurde zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Der Arier Kettenhausen aus Hamburg lebte seit 1930 mit einer Jüdin zusammen. Nachdem er wegen politischer Delikte lange Zeit im Konzentrationslager und im Gefängnis gewesen war, nahm er nach seiner Freilassung, Anfang 1937, die alten Beziehungen wieder auf. Er wurde zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von der 8. Strafkammer des Landgerichts Berlin wurde der 58- jährige Jude Max Spitz zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Er hatte versucht, eine seiner arischen Angestellten" gefügig zu machen". In der Urteilsbegründung wurde ausdrücklich betont, dass es zu vollendeter Rassenschande nicht gekommen sei. Der 70 Jahre alte Jude Eugen Heilbrun aus Cottbus wurde zu einem Monat Gefängnis und 1.000,- RM Geldstrafe( ersatzweise Reitere loo Tage Gefängnis) verurteilt, weil er in der irrigen Auffassung, das Dienstboten- Gesetz gelte für Juden seines alters nicht- eine arische Haus angestellte unter 45 Jahren in seiner Wohnung beschäftigt hatte. A-22Der katholische Pater Ulrich Kaiser von der Sankt- PaulKirche in Berlin- Moabit wurde im Juli 1937" wegen Beihilfe zur Rassenschande" zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er im März 1935( also vor Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze) eine Mischehe einsegnete, deren Registrierung vom Standesamt verweigert worden war. Der ledige, 55 Jahre alte Jude Heumann aus Ulm unterhielt seit dem Jahre 1921 mit einer arischen Kriegerwitwe ein Verhältnis, das zur Verlobung führte. Nach Verkündung der Nürnberger Gesetze kam es noch dreimal zu Zusammenkünften. Heumann wurde wegen Rassenschande zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängis verurteilt. Der 62 Jahre alte Jude Moritz Hirschfelder aus Rottweil a.N. wurde wegen" tätlicher Beleidigung" zu 4 Monaten Gefängnis. verurteilt. Er hatte, wie es in der Urteilsbegründung hiess," an der ledigen 43 Jahre alten R.L. Zärtlichkeiten begangen." Im übrigen wird uns über die Situation der Juden in Deutschland folgendes berichtet: Berlin, 1.Bericht: Einen überaus aufschlussreichen Einblick in die Methoden, mit denen der Terror gegen die Juden von Amts wegen geübt wird, gewährt das nachstehende Protokoll der Berliner Ratsherrensitzung vom 3. Juni: Stenographischer Verbandlungsbericht über die Beratung mit den Ratsberren der Reichshauptstadt Berlin am 3. Juni 1937. 9. Gikung. Ratsherr Körner: Herr Stadtpräsident! Meine Parteigenossen! Ich möchte kurz noch einige Anregungen von mir aus geben. Die sommerliche Zeit bedingt natürlich auch einen vermehrten Badebetrieb. Wenn die Juden von sich aus irgendwo eine Institution aufsuchen oder Gelegenheiten suchen, um sich entgegen ihren geschichtlichen Erfahrungen trotzdem mit Wasser vertraut zu machen, ( Heiterkeit) dann schön. Aber ich halte es nicht für richtig, daß heute unsere öffentlichen Einrichtungen, die großen Freibäder oder meinetwegen die Badewiese in Gatow und dergl. heute wieder zu Tummelplägen dieser Juden gemacht werden, die nun bunt durcheinander mit unseren Deutschen dort liegen. Persönlich berührt mich dieser Anblick außerordentlich unangenehm. Ich sehe nämlich als Berliner Junge etwas sehr scharf in diesen Dingen und habe in kürzester Zeit jetzt beobachtet, daß fie sich auch sehr stark mit Arbeiterfamilien anfreunden, sich auf denselben Decken herumwälzen und auch sehr scharfe Blicke nach unseren Mädchen wieder werfen, außerdem auch natürlich politische Diskussionen und Gespräche zum Teil entstehen( das läßt sich sehr harmlos beim Picknick machen) und dergl. Ich möchte von mir aus die Anregung geben und den Antrag stellen, daß die Stadtverwaltung bei öffentlichen Einrichtungen die privaten Badeanstalten sollen im Moment gleichgültig sein- erklärt: Der Zutritt von Juden ist unerwünscht! A- 23Stadtmedizinalrat Dr. Conti: Zur Zeit ist es so, baß ein städtisches Hallenbad den Juden den Zutritt direkt verboten hat. In einem weiteren wird den Juden kein Zutritt gewährt. Die übergroße Mehrzahl der städtischen Bäder, sowohl der Hallenbäder wie der Freibäder, haben Tafeln, daß das Baden von Juden unerwünscht sei. Einige, darunter auch Wannsee, haben den Juden teinerlei Beschränkungen dieser Art bisher auferlegt. Ich habe mich erfundigt, wieweit wohl Mißstände beobachtet worden sind und bekam von den Badeanstaltsleitern die Auskunft, daß Mißstände gar nicht beobachtet worden seien. Ich halte es aber für möglich, daß diese Beobachtungen nicht so scharf sind wie die Ihrigen. Es werden manche von diesen Leitern nicht den Blick dafür haben, wer wirklich Jude ist oder wer nicht Jude ist. Ich bin selber der Ansicht, daß wir diesen Zustand der Ausschaltung der Juden aus den Badeanstalten allmählich verschärfen sollten. Es durch irgendeine Anordnung von oben her zu tun, hielte ich für unzweckmäßig wegen der außenpolitischen Auswirkungen, die in feinem Verhältnis dazu stehen. Dagegen sollen die Badeanstalten den Text ihrer Schilder allmählich verschärfen und gleichzeitig eine schärfere Kontrolle ausüben; das wäre an sich erwünscht. Ich habe die Badeanstaltsbesizer ermächtigt und ermahnt, auf Mißstände wie die Belästigung deutscher Mädchen ihr besonderes Augenmerk zu wenden und rücksichtslos zuzugreifen, ohne viel vom Juden zu sagen, dann den betreffenden Juden scharf zu packen und ihn einfach herauszuwerfen. Das gleiche sollen sie tun, wenn die Badekleidung irgendwie nicht den Anforderungen genügen sollte. Sie sollen bei den Juden gerade diese Ge= legenheit benutzen, aber die antijüdische Seite der Sache nicht allzusehr in den Vordergrund stellen. Verordnungsmäßig liegt es noch so, daß wir die Juden aus der Benutzung der Bäder nicht vollkommen ausschließen dürfen. Es gibt einen salomonischen Erlaß des Reichsinnenministers, der ungefähr sagt: Man darf ihnen die Benutzung der Bäder insgesamt nicht ganz verwehren, aber wo Beschränkungen mit dieser Einschränkung durchgeführt werden können, kann es geschehen. wären also z. B. nach dem Erlaß in der Lage, alle Badeanstalten mit Berbetstafeln zu versehen bis auf eine, die wir ohne Verbotstafel belassen. Man fann dann, wenn ein Jude kommt und baden will, ihm fagen: Du kannst dahin gehen. Auf diesen Zustand als Endzustand möchte ich hinaus und dazu die Badeanstalt in der Dennewigstraße ausersehen, weil der dortige Bezirk 2 Badeanstalten hat, und diese günstig nach Westen hin gelegen und außerdem, sehr wenig schön ist. Dann möchte ich diese eine Badeanstalt ohne Schild belaffen und bei den anderen allmählich zur Berschärfung der Untersagung kommen, ebenso wie bei den Freibädern. Wir 06 es bei Wannsee ratsam ist? Wannsee wird sehr viel von Ausländern besucht. Wannsee ist also der kritische Punkt. Ich habe mich dieser Ansicht bisher nicht anschließen können. Sollten die Klagen zunehmen, so berichtet der Bezirksbürgermeister. Natürlich achte ich darauf sehr. Oberbürgermeister und Stadtpräsident Dr. Cippert: In bezug auf die Hallenbadfrage dürfte die Auskunft des Herrn Stadtmedizinalrats für Sie befriedigend sein. Ich würde mich freuen, Parteigenosse Conti, wenn diese von Ihnen ins Auge gefaßten Maßnahmen beschleunigt durchgeführt würden. Zur Frage der Freibäder. Wannsee möchte ich folgendes sagen. Wir haben im Jahre 1935 dort ein Schild angebracht: Juden ist das Baden und. der Zutritt verboten!" Auf Wunsch des Auswärtigen Amtes haben wir es wieder wegnehmen müssen, als die Vorbereitungen zur Olympiade rollten. Es stimmt durchaus, was der Herr Stadtmedizinalrat sagte: insofern ist das Strandbad Wannsee ein wunder Punkt. Ich habe mit dem damaligen Leiter des Strandbades Wannsee gesprochen und ihn gewissermaßen auf den Weg einer geschickt formulierten Selbsthilfe verwiesen. Das hat sich eigentlich sehr gut be währt. Ich glaube, man sollte dies gerade in bezug auf das Freibad in einer Gegend, wo feine Absperrung stattfindet( Gatower Bademiese usw. usw.), nicht rein behördlich regeln, sondern daran denken, daß es schließlich Gott sei dant SA.- und SS.- Leute gibt, die ohne Uniform auch so, wie sie Gott erschaffen hat, da sind und sizzen. Das sind unsere politischen Soldaten, die die Augen offen haben und sehen, was gespielt wird und unter Umständen auch mit der nötigen Forsche einschreiten. ( Ratsherr von Jagow: Das ist mit dem Polizeipräsidenten gleich zu regeln.) Im Strandbad Wannsee hat es sich sehr gut bewährt, Herr Obergruppenführer. Dort haben sich die S.Leute vorher beim Strandbadleiter gemeldet, sich als solche kenntlich gemacht und gesagt, sie würden da und ba liegen, wenn irgend etwas vorfäme, so ständen sie zur Verfügung. Sie haben dann die Sache auch nicht so gemacht, daß sie an Ort und Stelle einen furchtbaren Krach gemacht und einen großen Menschenauflauf inszeniert haben, sondern sie haben den Bademeister darauf aufmerksam gemacht. Der Bademeister hat den Betreffenden aufgefordert, das Bad sofort zu verlassen. Wo es nötig schien, haben die wackeren SA.- Leute draußen im Walde außerhalb des Badebetriebes ein bißchen gewartet, bis der Mann herausfam, und ihm. dann das nötige eröffnet. ( Heiterkeit) Dieses Verfahren soll sich, wie mir Parteigenosse Kiepe 1. 3. berichtet hat, außerordentlich gut bewährt haben. ( Ratsherr von Jagow: In welchem Jahr war das?) Das war im vergangenen Jahr. A-242.Bericht: Die Bne- Brith- Loge wurde aufgelöst, und zwar mit der Begründung, eines der führenden Mitglieder habe sich kommunistisch betätigt. Das dürfte eine reine Erfindung sein, denn der angebliche" Kommunist" wurde nach mehrtägiger Schutzhaft freigelassen. Auch alle anderen führenden Leute der Loge ( Bne Brith zerfiel in etwa 15 bis 20 Unterlogen) wurden verhaftet. Es fanden Haussuchungen bei ihnen statt und im Anschluss daran wurden sie in das Logenheim in der Kleisstrasse transportiert und dort nacheinander einzeln vernommen. Alle Verhafteten wurden bis auf zwei freigelassen. Das Logenheim wurde beschlagnahmt. Die Gestapo beamten konfiszierten sämtliche Einrichtungsgegenstände, Tischtücher, Silber, Porzellan usw. Die Gedenktafeln und die Porträts der Logengründer wurden von den Wänden gerissen, angeblich um ins antisemitische Museum nach München geschafft zu werden. Das Logenheim ist durch eine hohe Hypothek der Viktoria- Versicherung belastet. Beschlagnahmt wurde auch das gesamte Logen- Kapital. Sehr brutal ging man bei der Beschlagnahme des Altersheims vor. Die Insassen, Greise und kränkliche alte Frauen, wurden buchstäblich auf die Strasse gesetzt. Alle hatten sich durch eine beträchtliche Summe eingekauft und wurden auf diese Weise enteignet. Jetzt ist die jüdische Gemeinde aufgefordert worden, das Altersheim wieder vom Staat zurückzukaufen oder zu pachten. Das ist bisher unterblieben, weil die Mittel fehlen. 3. Bericht: Die freundliche Haltung, die die Nationalsozialisten gegenüber der völkisch- jüdischen Arbeit in den zionistischen Kreisen zur Schau tragen, besteht nur nach aussen. Die Ausbildung von Juden für Landarbeit ist schon vor einiger Zeit auf deutschem Grund und Boden verboten worden. Man erschwert jetzt auch die Ausbildung jüdischer Arbeitskräfte im Ausland. Juden, die sich zur landwirtschaftlichen Ausbildung ins Ausland begeben, laufen Gefahr, bei der Rückkehr nach Deutschland( zum vorübergehenden Aufenthalt bis zur endgültigen Auswanderung) verhaftet und als politische Rückwanderer behandelt zu werden. Man weist sie aus oder bringt sie in ein Konzentrationslager. Seit der Auflösung der Bne- Brith- Loge ruht der gesamte Betrieb der jüdischen Kulturbünde in Berlin. Selbst Sportveranstaltungen dürfen nicht stattfinden. Auch allgemein vermehren sich die Anzeichen dafür, dass wieder mit erneuter Schärfe gegen das Judentum vorgegangen werden soll. Man versucht z. B. systematisch, die Juden aus den Baugenossenschaften, die jetzt im Besitz der Nazis sind, hinauszudrängen. So hat man in einer Treptower Baugenossenschaft sämtlichen Juden gekündigt und sie gezwungen, zum nächsten Termin auszuziehen. Auch die Geschäftsleute sind davon betroffen worden, ohne dass jemand danach gefragt hat, was die Leute denn nun machen sollen, wenn sie so ihrer Existenz beraubt werden. In gleicher Weise versuchen es die Nazis auch bei den Krankenkassen, die Juden zu schikanieren. So hat die VoG- Krankenkasse( Privatkrankenkasse 10 A-25für selbständige Gewerbetreibende) noch immer eine Anzahl jüdischer Mitglieder, die sie jetzt nach und nach hinauszusetzen beginnt. Wenn ein solches Mitglied einmal nicht ganz pünktlich zahlt oder sich sonst eine Nachlässigkeit zuschulden kommen lässt, die bei anderen gar nicht beachtet wird, dann versucht man, die Leute gleich hinauszuschmeissen. Auf diese Weise wird die Krankenkasse nicht nur judenrein, sondern sie wird auch ihre Verpflichtungen los. Aber die jüdischen Mitglieder sind um ihre jahrzehntelangen Beitragszahlungen gebracht. 4. Bericht: Ein Jude berichtet uns: Trotz aller gegenseitigen Rücksichtnahme und obwohl von einer antisemitischen Welle nicht zu reden ist, gestaltet sich das Leben der Juden in Deutschland und das Zusammenleben mit Ariern äusserst unangenehm. Besonders leidet die ältere jüdische Generation. Trotzdem muss man sagen, dass es immer wieder Arier gibt, die den Juden helfen, die sie trösten oder ihnen Schwierigkeiten aus dem Wege räumen. Das hindert aber nicht, dass es stets von neuem zu Depressionsstimmungen kommt. Da ist z. B. die ganz untergeordnete Frage des Händeschüttelns, aus der sich manchmal unmögliche Situationen ergeben können. Ich habe einen Bekannten, der SA- Mann ist. Wir kennen uns seit Jahrzehnten und reichen uns stets die Hände. Aber was sollen wir tun, wenn wir uns auf der Strasse begegnen. Es kann zu vielen Schwierigkeiten führen und ihn in seiner Stellung gefährden, und so haben wir vereinbart, dass wir das Grüssen auf der Strasse überhaupt unterlassen. Man fühlt sich nicht mehr als Angehöriger des deutschen Volkes. Ich hatte früher keinen jüdischen Verkehr, sondern so gut wie ausschliesslich arische Freunde. Diesen Umgang habe ich aus den verschiedensten Gründen sehr stark eingeschränkt. Man kommt sich geistig wie ein Emigrant im eigenen Land vor. Dieser Eindruck wird durch die organisatorischen Massnahmen noch verstärkt, die bei jüdischen Veranstaltungen vorgeschrieben sind. Es ist bekannt, dass Veranstaltungen der jüdischen Kulturbünde nur von Juden besucht werden dürfen. Die nichtarische Abstammung muss nachgewiesen werden. Um Zutritt zu diesen Vorführungen zu haben, muss man sich vorher einen Lichtbildausweis verschaffen, der nur gegen Vorlegung des Passes ausgefolgt wird. Auf der Karte ist ausdrücklich vermerkt, dass Missbrauch strafrechtlich verfolgt wird. Bei jeder dieser Veranstaltungen sind natürlich Angestellte der Gestapo anwesend.- Die jüdischen Blätter können sich natürlich nicht rühren. Die einzige Ausnahme bildet die Frontkämpferzeitung" Der Schild", die noch etwas mehr Möglichkeiten als die anderen hat, heikle Fragen zu behandeln. Die Stimmung der Juden a chwankt ausserordentlich. Einmal scheint es so, als wenn irgend eine Massnahme des Regimes alle Hoffnungen vernichtet, dann wieder glaubt man Anzeichen dafür wahrnehmen zu können, dass die offizielle Verfolgung der Juden nicht weiter betrieben wird. Aber viele Juden haben nicht den Mut, sich zu entscheidenden Entschlüssen aufzuraffen und A- 26alle Brücken abzubrechen. Es sind ja nicht nur die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die es den Juden beinahe unmöglich machen, Deutschland zu verlassen. So unwahrscheinlich es klingt, so muss man doch sagen, sie hängen an Deutschland trotz aller Verfolgungen und es versucht jeder. wenn irgend möglich, doch in Deutschland zu bleiben. Ja, es ist so, dass manche Juden, die 1933/34 ausgewandert sind, wieder zurückkehren. Ein Vertreter einer jüdischen Hilfsorganisation sagte kürzlich:" Man ahnt ja nicht, wie viele jüdische Eltern sich hier einfinden, um sich darüber zu informieren, welche Möglichkeiten bestehen, ihre Kinder wieder zurückzuholen. Selbst wenn man ihnen erklärt, dass die Kinder ein halbes Jahr Konzentrationslager zu erwarten haben, sagen die Eltern doch:" Na gut, dann müssen sie das durchmachen. Aber es ist besser, sie sind hier in Deutschland." 5. Bericht: Der Antisemitismus ist am stärksten unter den Intellektuellen, und zwar besonders unter den Ärzten. Im Volk selbst ist er nicht so stark. Bezeichnend ist oft die Haltung der Geschäftsleute. So war ich eines Tages mit einer jüdischen Gesellschaft in einem Hotel abgestiegen, in dem wir, nachdem wir schon Zimmer bestellt hatten, die Tafel: " Juden unerwünscht" entdeckten. Wir erklärten daraufhin dem Wirt, dass wir unter diesen Umständen unsere Zimmer wieder abbestellen müssten; der Wirt beteuerte jedoch, dass er nichts dafür könne, dass er doch auch nur dazu gezwungen würde usw. Schliesslich drehte er in unserer Gegenwart das Plakat um. Ein anderer Gastwirt ging sogar soweit, uns zu erklären, dass er gerade Wert auf jüdische Gäste lege, denn es könnten doch auch mal wieder andere Zeiten kommen. Wenn ein Jude eine Restauration eröffnen will, muss er sich jetzt verpflichten, aussen am Lokal das Schild:" Jüdische Gaststätte" anzubringen. Das kürzlich in jüdische Hände übergegangene Cafe Bavaria, Berlin W 30, Am Barbarossa Platz, Inh. I. Engländer, trägt im Schaufenster und über der Tür je ein grosses Schild:" Jüdische Schankwirtschaft". Bayern: In Zwiesel ist vor kurzem ein jüdischer Reisender auf offener Strasse angepöbelt und genötigt worden, den Ort mit dem nächsten Zug zu verlassen. Ueberall kann man jetzt in diesem Ort Schilder lesen:" Juden sind hier unerwünscht". Dabei ist die Bevölkerung keineswegs fanatisch antisemitisch. In München fand vor einigen Wochen eine Konferenz der grössten Textilindustriellen von Bayern statt. Es sprach 1 1/2 Stunden lang der Gauleiter Streicher, nach ihm der Minister Esser. Beide verlangten, dass nach Möglichkeit alle Lieferungen an jüdische Geschäftsleute eingestellt werden sollen. Daraufhin erklärten einige Redner, dass dies einfach nicht zu machen sei. Die Juden hätten ihnen in schwersten wirtschaftlichen Krisen. Waren abgenommen und so Betriebseinschränkungen, vielleicht sogar Stillegungen verhindert. Man könne dieses Verhalten nicht in der Weise vergelten, wie das A- 27die Referenten verlangten. Streicher erklärte im Schlusswort, mit diesen" Duseleien" müsse Schluss gemacht werden. Die ewige Rücksicht müsse nunmehr ein Ende haben. Bei der... Bank in X. ist ebenso, wie bei anderen Grosswonach banken, der Juden- Paragraph in Anwendung gekommen, jüdische Angestellte nur im gleichen Prozentsatz zu ihrem Anteil an der Bevölkerung beschäftigt werden dürfen( 1/ 2%). Da in dieser Bank etwa 200 Angestellte tätig waren, so durfte nur ein jüdischer Angestellter behalten werden. Sämtlichen anderen jüdischen Angestellten wurde gekündigt und sie wurden mit Abfindungen entlassen. Früher durften die auswandernden Juden Wohnungseinrichtungen mit ausführen, da das aber dazu geführt hat, dass die Leute sich neue Sachen anfertigen liessen, um sie dann im Ausland zu verkaufen, ist diese Möglichkeit unterbunden worden. Die Leute müssen vor der Auswanderung die Belege für sämtliche gezahlten Steuern bis ins letzte beibringen und sie werden nur hinausgelassen, wenn alles bis auf Heller und Pfennig gezahlt worden ist. Mir ist aus mehreren Fällen bekannt, dass jüdische Exporteure, auch wenn sie nur kurze Auslandsreisen vorhaben, doch einen grossen Teil ihrer Effektendepots zu Gunsten des Finanzamtes sperren lassen müssen. Württemberg, 1.Bericht: Der Antisemitismus, den die Nazis besonders auf dem Land mit aller Gewalt schüren, hat die Bauern längst nicht so erfasst, wie seine Propagandisten es wünschen. Noch heute kommen die jüdischen Hopfenhändler in jedes Dorf und die Bauern machen gerne mit ihnen Geschäfte. Vor einigen Monaten kam es zu folgendem Zwischenfall: Ein jüdischer Hopfenhändler aus Nürnberg bereiste die Gegend von X.. Dabei kam er in ein Wirthaus, in dem viele ihm bekannte Bauern am Tisch sassen. Man unterhielt sich freundschaftlich über die Geschäfte, bis es einem Nazi- Bauern einfiel, die Entfernung des Juden vom Tisch zu fordern. Der Mann musste aufstehen, wenn er sich nicht Unannehmlichkeiten zuziehen wollte. In den Tagen darauf kaufte er in dem Dorf allen Hopfen auf, nur zu dem Nazi ging er nicht. Er liess ihm aber durch andere Bauern sagen, seinen Hopfen solle ihm der Staat abnehmen; der Jude verzichte darauf. Die Bauern haben den Betreffenden deshalb weidlich gehänselt. 2. Bericht: Die Lage der Juden verschlechtert sich auch in Württemberg noch dauernd. Kürzlich wurde von höchster Staatsstelle die völlige Verdrängung der Juden aus dem Viehhandel gefordert. Zahlreiche landwirtschaftliche Organisationen und Marktgemeinden haben entsprechende Beschlüsse gefasst. Es ist jedoch immer wieder festzustellen, dass das Volk die von oben erzeugte Hassstimmung gegen die Juden nur unter Zwang mitmacht. Allerdings gibt es hier( in einer Stadt von mehr als 400.000 Einwohnern), abgesehen von den wenigen Lokalen, die A-28jüdische Besitzer haben, kein einziges, in dem Juden verkehren können. Nur der Wartesaal des Bahnhofs ist ihnen noch nicht verschlossen. In manchen Orten der Provinz bekommen jüdische Reisende in den Hotels keine Unterkunft, ja Autoreisenden wird selbst der Verkauf von Benzin verweigert. Unter den. " arischen" kleinen Geschäftsleuten hat die" Entjudung" von Warenhäusern, wie sie hier bei Tietz und zuletzt bei dem alteingesessenen Kaufhaus Landauer erfolgte, nut die Abneigung gegen die Nazis gesteigert. Ein kleiner Fabrikant in Stuttgart, mit dem ich über diese Dinge sprach, meinte:" Früher haben" sie" uns gesagt, die Warenhäuser machen euch kleinen Geschäftsleute kaputt. Jetzt werden die Warenhäuser nicht kaputtgemacht, sondern entjudet. Dafür gehe ich jetzt kaputt. Das ist die einzige Aenderung, die ich bemerken kann." Nordstetten bei Horb hatte früher eine zahlreiche Judengemeinde. Jetzt ist dort die Synagoge von einem Wirt gekauft und abgebrochen worden. Pfalz: Der Terror gegen die Juden hat sich durch das Verhalten der führenden Personen der Landesbauernschaft sehr verschärft. Der Landesbauernführer Bonnet hat 3 Ortsbauernführer ihres Amtes enthoben, weil sie noch Geschäfte mit Juden gemacht und sich so als unwürdig erwiesen hätten, ein Ehrenamt zu bekleiden. Es handelt sich um die Ortsbauernführer Kessler aus Bann, Holzinger aus Birkenhördt und Hartmetz aus Battweiler. Nordwestdeutschland: Das Kind eines Genossen war erkrankt und die Eltern gingen mit ihm zu einem Kinderarzt, der zwar Jude ist, aber doch in der Arztliste steht. Dieser Arzt nahm das Kind in Behandlung. Der Vater hat darüber aber auf seiner Arbeitsstelle gesprochen und beim nächsten Besuch musste der Arzt den Eltern mitteilen, dass er das Kind nicht weiter behandeln dürfe. Es blieb den Eltern also nichts anderes übrig, als einen anderen Kinderarzt aufzusuchen. Diesem erzählten sie, dass sie zuvor bei Dr. X. gewesen wären. Der neue Arzt war empört. Es wäre ein Skandal, dass man dem Kollegen jetzt die Weiterbehandlung verbiete. Er sei zwar Jude, stünde aber auf der Arztliste und habe als Kriegsteilnehmer verschiedene Auszeichnungen erhalten. Mitteldeutschland, 1. Bericht: Der Judent error ist wohl regional sehr verschieden. Wir leiden z.B. nicht ganz so sehr darunter wie die Juden in Bayern. Aber auch wir wissen: das ist nur eine Frage der Zeit. Wenn das Regime durchhält, dann ist die Judenfrage in einigen Jahren für ganz Deutschland erledigt. Die Bevölkerung ist im Grunde nicht zumindest nicht aktivantisemitisch. Die Schreier bestimmen den Ton. Wenn man mit dem Einzelnen spricht, begegnet man in der Regel Achtung und Sympathie. A- 292. Bericht: Eine jüdische Dame hat an die Kurverwaltung eines kleineren Badeorts folgende Anfrage wegen eines Kuraufenthalts gerichtet und kurzerhand mit dem Stempelvermerk:" Juden nicht erwünscht" zurückerhalten: 37Windent: bitte ich höft. um Mitteilung; roid with. von J mit voller Pension volmen könnte. Ich bin Wicharierin, blond, De ich sehr ampestrange arbeiten muss, suche ich im möglichst mhighs Quartier, with mil flies. Tasser, und nicht zu weit von Waldbad euffent, coll. in der begent du Pest. Then Nachrichten, outgegenschot line ich Jaden nicht erwünscht Sachsen, 1.Bericht: Immer wieder wird von den Parteiamtsstellen und Behörden aufgefordert, nicht bei Juden zu kaufen. Beamte mussten sich schriftlich verpflichten, Käufe bei Juden zu unterlassen. Trotzdem ist das Kaufhaus Schocken in Freiberg voll von Käufern, insbesondere an den letzten Tagen der Woche. Die Beamten schicken ihre Frauen oder lassen sich durch andere Personen ihren Bedarf mitbringen. Auch bekannte Nazis handeln so. Auch in Plauen wurden Beamte, Handel und Gewerbe wieder vor Judengeschäften gewarnt. Beamte, die in besonderen Fällen mit Juden in Geschäftsverbindung treten müssen, bedürfen vorher zu diesen Geschäften der Genehmigung. Namentlich auf dem Gebiete der Mehlbeschaffung soll es ohne Judengeschäft nicht gehen. Also darf der Beamte dieses Geschäft tätigen, aber nur mit ausdrücklicher Genehmigung. Das ergibt natürlich zeitweise ein tolles Durcheinander. So ist es überhaupt in der Wirtschaft. Was heute erlaubt ist, wird morgen verboten und umgekehrt. 2.Bericht: Nach dem Vorbild der früher von den Sozialdemokraten veranstalteten Leipziger Volksfeste haben die Nazis in diesem Jahr zum ersten Mal eigene Volksfeste veranstaltet. In den Festzügen wurde auch ein Wagen gezeigt, der die Nürn A- 30berger Gesetze gegen die Juden versinnbildlichen sollte. Auf dem Wagen sassen an vier Tischen gutgekleidete Juden und reichten blonden Mädels Perlenketten und ähnlichen Tand. Die Mädels sassen gebrochen dabei.- Der Wagen sollte offenbar darstellen, wie deutsche Mädchen durch Juden verführt werden. 3. Bericht: In Riesa hat unter der Judenhetze vor allem die Firma Troplowitz zu leiden. Dieser Firma werden andauernd die grossen Schaufenster mit roter Farbe, mit Wasserglas usw. verschmiert. Die Versicherung, die den Schaden decken muss, versucht, sich an der Stadt schadlos zu halten, weil die städtische Polizei immer wieder versagt. Schlesien: Die Pass- und Zollkontrolle wird in Liebau an Feiertagen ziemlich genau ausgeübt. Neuerdings werden Juden auf Extralisten registriert. In X. gehörte einem Juden ein sehr gut bewirtschaftetes Gut. Es ist seit einem Jahrhundert im Familienbesitz. Den dortigen Nazis war das jüdische Gut schon immer ein Dorn im Auge. Nun haben sie erreicht, dass es verkauft werden musste. Am 15. Juli lief die sogenannte" Genfer Konvention", das deutsch- polnische Sonderabkommen über Oberschlesien vom 15. Juli 1922 ab, das die deutsche Regierung verpflichtete, alle Bürger Oberschlesiens" ohne Unterschied der Geburt, des Volkstums und der Religion" gleich zu behandeln. Damit fallen alle jene Milderungen fort, die-neben den polnischen Minderheitsangehörigen auch den Juden bisher noch zugute kamen. Die Nürnberger Gesetze treten nun auch für Oberschlesien in Kraft. Die nachstehenden Berichte aus der Zeit vor dem 15. Juli 1937 zeigen, dass die Nationalsozialisten den Ablauf der Konvention entsprechend vorbereitet haben. 1.Bericht: In den letzten Wochen wurden an den Türen jüdischer Geschäfte runde Klebezettel angebracht, die einen " Streicher juden" zeigen, der von einer Aufschrift umgeben ist:" Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter." Das kleinere Publikum nimmt zwar an dieser Art Agitation keinen Anteil, aber in den sogenannten besseren Kreisen merkt man, dass doch jetzt jüdische Geschäfte gemieden werden. Lehrer und Beamte werden oft überprüft, ob sie bei Juden kaufen. Das jüdische Ehepaar Kaiser in Hindenburg, das eine Gastwirtschaft betrieb, ist durch die Sabotage zum Selbstmord getrieben worden. Das Unternehmen lag nahe an der Grube. Die Nazis hielten unter Drohungen die Arbeiter vom Besuch des Gasthauses ab. Dazu kamen Steuerschwierigkeiten, so dass die 60- bis 65- jährigen Selbstmord begingen. In Arbeiterkreisen A- 31- A waren die Juden beliebt." Die Nazis sind schuld am Selbstmord der Kaisers", war eines Tages nach dem Begräbnis am Grubentor zu lesen. Die Beerdigung wirkte wie eine Demonstration aus allen Volkskreisen. Dem christlichen Arzt Dr. Keller in Hindenburg wurde die Eisenbahnerkrankenkasse abgenommen, weil er eine Jüdin zur Frau hat und es ablehnte, sich von ihr scheiden zu lassen. Kurz darauf beging Dr. Kellers Frau Selbstmord. Dennoch verfügten die Nazis," da Dr. Keller Rassenschande durch Jahre hindurch betrieben habe, sei er nicht würdig, deutsche Volksgenossen durch die Krankenkasse zu betreuen." Dr. Keller war im Kriege Offizier. Aus Klausberg bei Hindenburg wird berichtet, dass die dortigen Kleinsiedler vom Blockwart die Aufforderung erhalten haben, an ihren Hoftüren und Gartentoren Schilder anzubringen:" Juden ist das Betreten des Hofes und der Wohnung verboten". 2.Bericht: Die Reichsregierung hat bereits bekanntgegeben, dass mit Ablauf der Genfer Konvention die Nürnberger Gesetze auch auf Deutsch- Oberschlesien Anwendung finden werden. Das hat zur Folge, dass bereits mit dem 1. Juli eine Reihe jüdischer Kaufleute in Beuthen, Gleiwitz, Hindenburg und vor allem in den Landbezirken ihre Unternehmungen aufgelöst oder verkauft haben. Es sind zahlreiche Abwand erungen nach Polen, nach der Tschechoslowakei, besonders aber nach Palästina erfolgt. Die Juden waren in Oberschlesien durch den Minderheitenschutz vor Nazi- Uebergriffen gesichert, der Präsident der gemischten Kommission hat wiederholt für Juden, wenn sie geschädigt wurden, Entschädigungen vom Reich herausgeholt. Im Verlauf der vier Jahre Hitlerherrschaft soll der Betrag 5 Millionen Mark betragen haben. Jetzt besteht für die Nazis die Möglichkeit, sich an den verbliebenen Juden schadlos zu halten. In der Vogel baude in Guidowald bei Hindenburg sassen an einem Sonntag einige jüdische Bürger als Gäste. Ihnen gegenüber wurde auf Tischen ein Transparent aufgerollt, welches die Aufschrift enthielt:" Juden unerwünscht". Sie begaben sich zum Wirt, der erklärte, er könne dies leider nicht verhindern, aber von ihm stamme das Transparent nicht. Ob es die Konkurrenz anbringen liess oder die Nazis, könne er nicht feststellen. Niemand wagte, das Transparent zu entfernen, aber die jüdischen Bürger wurden auch weiterhin bedient. A-322) Der allgemeine Terror Es liegt im Wesen der Diktatur, dass mit der Dauer ihres Bestandes der Kreis der Verärgerten und Enttäuschten wächst und dass damit der Teror sich weiter verschärfen muss-wenn sich das Regime nicht selbst aufgeben will- und dass diese Verschärfung neue Erbitterung hervorruft. Richtete sich der Terror in den ersten Monaten nach der Machtergreifung vor allem gegen" Marxisten" und Juden, so kamen sehr bald die Mitglieder ehemaliger bürgerlicher Parteien an die Reihe, die Deutschnationalen, die Stahlhelmer, später die Katholiken und Bekenntnischristen, alle Arten religiöser Sektierer mit den Bibelforschern an der Spitze, schliesslich die angeblich" wuchernden" Kaufleute, die mit der drakonischen Marktregelung unzufriedenen Bauern, die in ihrer geschäftlichen Handlungsfreiheit gehemmten Unternehmer usw. Wer einmal mit der herrschenden Macht in Konflikt geraten ist und etwa gar im Konzentrationslager war, findet später überall Hindernisse auf seinem Weg, so dass er schon dadurch in seiner oppositionellen Haltung bestärkt wird. So ist es z. B. allgemein bekannt, dass ehemalige Konzentrationslagerhäftlinge bei der Arbeitsvermittlung benachteiligt werden und in ihrem Beruf erst dann wieder Arbeit bekommen, wenn in ihrem Bezirk alle anderen Berufskollegen untergebracht sind. In solchen Fällen trägt die Karte beim Arbeitsamt den Vermerk" Nicht zu vermitteln" oder irgend ein anderes Zeichen. Je mehr die Missstimmung wächst, desto eifriger wird jeder Betrieb, jeder Häuserblock, jede Wohnung überwacht. Aus allen grösseren Städten im Westen, aus Sachsen und aus Berlin sind uns Nachrichten darüber zugegangen, dass die Hausbesitzer aufgefordert worden sind, je einen Hausschlüssel bei der zuständigen Revierwache der Polizei abzugeben. Es scheint sich also um eine einheitliche Verfügung für das ganze Reich-oder zumindest für alle grösseren Städte des Reiches- zu handeln. Im Rheinland wurde die Massnahme damit begründet, dass" für den Fall einer A- 33Luftschutzübung oder gar eines echten Fliegerangriffs die Polizei in der Lage sein müsse, in jedes Haus zu können." Diese Begründung ist lächerlich, denn welches Haus öffnete sich der Polizei( vor allem bei Alarm zustand) nicht in wenigen Sekunden? Der wahre Zweck dieser Massnahme ist offenbar, gewisse polizeiliche Aktionen gegen einzelne Hausbewohner-Verhaftungen, Haussuchungen usw. auf diese Weise rascher, unauffälliger und vor allem ohne das Risiko einer vorzeitigen Warnung der Betroffenen durchführen zu können. In allen Landesteilen sind in den letzten Monaten von der Partei, der Arbeitsfront und der NSV umfangreiche Personenstandserhebungen durchgeführt worden. Unter welchem Vorwand sie auch immer eingeleitet worden sind, es besteht kein Zweifel, dass es sich um eine Aktion zur möglichst genauen Ueberwachung der gesamten Bevölkerung handelt. Uns wird darüber berichtet: Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In Essen nahm die NSDAP eine " Bevölkerungserhebung" vor.In allen Haushaltungen wurde der nachstehende Fragebogen abgegeben, der nach 5 Tagen dem Blockleiter der NSDAP in den Briefkasten geworfen werden sollte. Haushaltungskarte für das sozialpol.Erfassungswesen( NSDAP) Stock Straße: Nr. Zu- u.Vorname der Haus Beruf geboren am led.. haltungsmitglieder ( auch Untermieter) Mitglied in welcher verh. Parteigliederung ed. Kinder angeschl. Verband Bitte genaue Angaben, deutl. Schrift! Abholung erfolgt in.... .Tagen A-34- Gauleiter Terboven bezeichnete diese Listen als"Organisationsunterlage für die restlose Betreuung und weltanschauliche Durchdringung des gesamten Volkes". 2. Bericht: Vor einiger Zeit wurde jedem Haushalt im Gau Köln-Aachen eine"Hausliste" der Deutschen Arbeitsfront zugestellt.(Siehe Seite A 35)- Bayern: Auch bei uns hat man mit der Spitzelkartei begonnen. Allgemein erzählt man sich, dass die Nazis die Absicht haben, über jeden einzelnen Einwohner eine genaue Kartothek anzulegen und in ständigen Berichten seine politische Haltung festzunageln. Vor kurzem waren zu diesem Zweck die Blockwarte der Partei im ganzen Dorf herumgeschickt worden und sollten die Geburtsdaten aller Einwohner, also nicht nur die der Erwachsenen, sondern selbst der kleinsten Kinder festzustellen. Ich habe nach dem Grunde gefragt, worauf mir der Blockwart-übrigens ein früherer Sozialdemokrat, der diese ehrenamtliche Funktion übernehmen musste- ganz offen sagte, dass die Angaben zur Anlegung einer Kartei dienen sollen. Sachsen: Waren es bisher die Blockwarte, die am intensiv- sten die Ueberwachung und Werbung im kleinsten Bereich durchführten, so findet diese Arbeit neuerdings ihre Ergänzung in der Tätigkeit der NS-Frauenschaft. Was dem Blockwart nicht gelingt, weil ihm zuviel Misstrauen begegnet, das versucht die Frau, die dem Block zugeteilt ist, auf feinere Art zu erreichen. Es ist die"bessere Dame", die da ihre Besuche in den Arbeitervierteln macht. Sie ist vielseitig. Einmal bringt sie abgelegte Sachen mit, um eine Freude zu machen, das andere Mal kommt sie vorwurfsvoll mit Erkundigungsfragen, warum die Arbeiterfrau so wenig Anteil nimmt an dem"Kampf gegen den Verderb". Das dritte Mal gibt es Ratschläge, wie man auf billige Weise aus alten Sachen neue machen kann usw. Anfangs regten sich die Arbeiterfrauen über die neuen Schnüffelmethoden auf. Jetzt ist es schon zur Gewohnheit geworden, dass der Frauenbesuch kommt. Man lässt die Frauen einfach reden. Schlesien: Die Hindenburger Blockwalter haben vor einigen Monaten neue Kartothekkarten erhalten, die sofort ausgefüllt werden mussten. Es wurde besonders darauf Wert gelegt, dass die frühere Parteizugehörigkeit von Mann, Frau und Kindern eingetragen und dass angegeben wurde, in welcher Naziorganisation die Betreffenden sind und welche Aemter sie dort ausüben. Berlin, I.Bericht: Die NSDAP-Ortsgruppen bemühen sich sehr um eine möglichst vollständige Erfassung der Mieter ihres Bereiches. Sie haben Leute herumgeschickt, die die einzelnen Hausbewohner ausfragen sollten. Das muss nur in den wenigsten Fällen geklappt haben. Die meisten werden sich wohl A- 36gegen die Fragerei gewehrt haben. Die Nazis sind deshalb dazu übergegangen, sich die amtlichen Listen zu beschaffen. In den einzelnen Ortsgruppen hat man die Mitglieder der NSDAP verpflichtet, in ehrenamtlicher Arbeit Auszüge aus diesen Listen zu machen, um die Aufstellungen der Nazis zu ergänzen. 2.Bericht: In der letzten Zeit sind von der DAF wieder Fragebogen ausgegeben worden, in denen alle möglichen Angaben gemacht werden müssen. Offenbar wird jetzt die seit längerer Zeit angekündigte Umorganisierung der Arbeitsfront auf der Basis der Wohnblocks in die Praxis umgesetzt. Eine weitere Liste nennt sich" Hauskarte der NSV". Sie soll eine lückenlose Uebersicht über alle Bewohner eines Blocks geben, die zu den verschiedensten Zwecken dienen kann. Auffallend ist, dass die Altersunterteilung genau den" militärischen" Bedingungen angepasst ist, nämlich 6- 18 Jahre ( vormilitärische Erziehung), 18- 45 Jahre( allgemeine Dienstpflicht) und über 45 Jahre. Auch bei Frauen ist diese Alterseinteilung angewandt worden( Siehe Abbildung der Liste Seite A 37 und A 38). Einer besonderen Ueberwachung sind die Auslandsreisen der " Volksgenossen" unterworfen. In der letzten Zeit ist eine neue Verschärfung des Passwesens und der Grenzkontrolle eingetreten. Seit dem 1. Januar erhalten wehrpflichtige Personen vom 18. bis zum 45.( in Ostpreussen bis zum 55.) Lebensjahr Auslandspässe nur mit Zustimmung des zuständigen Wehrbezirkskommandos. Das Gesetz über das Passwesen vom 11. Mai 1937 ermächtigt den Reichsinnenminister, das Pass-, das Ausländer- und das Meldewesen neu zu regeln. Ueber Schwierigkeiten bei der Passerteilung erhalten wir u.a. folgende Berichte: Sachsen: In X. wird die Ausstellung von Pässen folgendermassen gehandhabt: Wenn ein Pass beantragt wird, kommt ein Beamter in die Wohnung und fragt nach dem Grunde. Verheiratete, die Arbeit und eigene Wohnung haben und politisch unverdächtig sind, erhalten den Pass ohne weiteres auf 5 Jahre. Wehrpflichtige bis zu 23 Jahren bekommen den Pass nur nach ausdrücklicher Genehmigung der Militärbehörde, also sehr schwer. Ledige, die keinen eigenen Haushalt haben und arbeitslos sind, erhalten auch keinen Pass. Haben sie aber Arbeit, erhalten sie Pässe für 6 Monate. In Y. wollte ein völlig unpolitischer Mann sich einen Reisepass ausstellen lassen, um Verwandte in der Tschechoslowakei zu besuchen. Der Polizeibeamte liess alle Minen springen, um den Mann von seinem Vorhaben abzubringen. Er müsse ihn Gau Berlin Block: Blockwalter: Name Hausbesiger: Lfd. Nr. Name A-37Sauskarte der NSV. für das Haus 3elle: Haushaltungsvorstand Familienname Vorname Beruf 2 3 4 uauolaad männlich Wohnung Alter Wohnung weiblich männlich weiblich männlich weiblich 0-6 3. 6-18 3. 18-45 3. im Haush. insgesamt davon*) Famil. Unter Mitgl. mieter männlich Famil 5 6 7 8 9 10 11 Gumme: ( Elebertrag) *) Sausangestellte, die im Haufe wohnen, find als Untermieter aufzuführen. 12 13 rtsgruppe: Zellenwalter: Hausverwalter:. Aufteilung nach Alter und Geschlecht ienmitglieder weiblich Name Name Untermieter männlich weiblich A-38Straße Play Nr. Kreis: Wohnung Alter Wohnung UnterUnter ftützt: ftützt: durch durch NSDAP. WHW. NSV. 45.3. 10-63. 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 6-18 3. 18-45 3. über 45 3. 0-6 3. 6-18 3. 18-45 3. jagn 45 3. 0-6 3. 6-18 3. 18-45 3. uber 45 3. Sam. Ungeb. Untermieter davon Mitglied der SA. 55. NSKK. N5B. Ehren amtl. in der NSV. tätig 31 32 33 Untermieter Sam. Angeb. Untermieter Sam. Juden It. Abg. Gesetz давир Untermieter 34 35 36 37 38 39 40 A- 39dringend warnen, denn in der Tschechoslowakei würde jeder Reichsdeutsche von den Tschechen verhaftet und in den Kerker geworfen. Die Tschechen liessen gar keinen Reichsdeutschen über die Grenze und machten bei der geringsten Sache sofort von der Waffe Gebrauch. Als sich der Mann aber nicht einschüchtern liess, stellte der Polizeibeamte den Pass aus mit den Worten:" Sie werden aber doch als guter Deutscher in der Tschechoslowakei nichts Schlechtes über unser deutsches Vaterland sagen! 17 Schlesien: Die Pass- Schwierigkeiten nehmen zu, doch geht man anscheinend einheitlich vor. Während in Breslau Pässe überhaupt nur noch auf ein halbes Jahr ausgestellt werden, sind in Ostpreussen auch in letzter Zeit noch Pässe auf mehrere Jahre ausgestellt worden. In Berlin wird diese Frage offenbar individuell gelöst. Es sind Fälle bekannt, wo Pässe nur mit halbjähriger Gültigkeit ausgestellt wurden, allerdings auch solche mit längerer Dauer( 2 Jahre und 5 Jahre). Da für Frankreich ein besonderes Ausreisevisum verlangt wird, hat man eine ständige Kontrolle über die Frankreichreisenden. Leute, deren politische Gesinnung nicht einwandfrei ist, bekommen das Visum nicht. Ueber die verschärfte Grenzkontrolle wird berichtet: Bayern, 1.Bericht: Als anlässlich des Hand ballspiels Deutschland gegen Oesterreich Zwischenfälle vorkamen, wurden sofort der Grenzverkehr viel schärfer überwacht und die Grenzposten verdoppelt. Ueberhaupt ist in der Gegend die Zollkontrolle und damit natürlich auch die Gesamtüberwachung ausserordentlich verschärft worden. Kürzlich erschien eine geharnischte Verordnung, die den bisherigen Bergwanderbetrieb fast völlig unterbindet. Eine ganze Reihe sehr viel begangener Ho chgebirgswege und Berggipfel sind gesperrt, weil sie auf österreichischem Gebiet liegen. 2.Bericht: Die Grenzbewachung ist durch SS ausserordentlich verstärkt worden. Längs der tschechoslowakischen Grenze sind Anfang Juni sogenannte" Sicherungsbereiche" eingerichtet worden. Es wurden grosse Tafeln aufgestellt, auf denen das Wehrkreiskommando bekannt macht, dass in diesem Gelände niemand stehen bleiben dürfe, dass das eingezäunte Gelände nicht betreten werden dürfe, dass man nicht fotografieren dürfe usw. Südwestdeutschland: Der kleine Grenzverkehr wird immer mehr a bgedrosselt und hat auch ausserordentlich ma chgelassen. Auf dem Rückwege werden teilweise die Waren kontrolliert, ob sie nicht mehr gekostet haben als die zur Mitnahme freigegebene Summe ausmacht. In Konstanz- Kreuzlingen wird von den Zollbeamten bei der Einreise von der Schweiz nach Deutschland streng nach Zeitungen gefahndet.Wenn Ware in gedrucktes Papier eingewickelt. ist, wird genau nachkontrolliert, was es für Zeitungen sind. A-40Auf den Strassen Konstanz- Radolfzell, Radolfzell- Singen wird Tag und Nacht eine scharfe Kontrolle ausgeübt; insbesondere auch im Gebiet Radolfzell und Höri, jener Landzunge, die den Untersee nach der schweizer Seite hin abschliesst. Die Zollorgane halten jeden Passanten an und untersuchen ihn weniger auf Zollgüter als auf Literatur. Es ist beobachtet worden, dass Gestapobeamte bis nach Metz und Strassburg in den Schnellzügen mitfahren, um die Fahrgäste beobachten zu können. Sachsen, 1.Bericht: Früher hatte der grösste Teil der Grenzbewohner Dauerausweise. Diese Ausweise sind in diesem Jahr nicht wieder erneuert worden. An der Battelecke, einem Gasthaus in Motzdorf,( Tschechoslowakei) unmittelbar hinter der deutschen Grenze, führt ein Touristenweg von Holzhau i.Sa. nach Motzdorf. Dieser Weg wird von Touristen viel benutzt und an Sonn- und Feiertagen von Grenzbeamten überwacht. Seit einiger Zeit werden dort nur noch Personen durchgelassen, die im Besitz eines Grenzausweises sind. Leute mit Pässen werden mit der Aufforderung zurückgewiesen, die Grenze an den Zollübergangsstellen zu überschreiten oder sich einen Grenzausweis ausstellen zu lassen. Wer mit seinem Pass die Grenze an anderen Stellen als auf den Zollstrassen überschreiten will, muss dies beim Passamt beantragen. Die Zollstation X. beschlagnahmte bei einem Reisenden, der nach Deutschland zurückwollte, ein Buch. Das Buch wurde durchleuchtet und dann mit einigen Chemikalien behandelt. Als man nichts fand, wurde dem Reisenden gesagt, dass er gehen könne, das Buch bleibe jedoch beschlagnahmt. Als der Besitzer protestierte, erklärte man, dass er das Buch ersetzt bekomme. Tatsächlich bekam er 14 Tage später einen Geldbetrag zugesandt. Auch sonst geht man an der Grenze ähnlich vor. Gelegentlich werden sogar Seifenstücke zerschnitten. 2. Bericht: In den letzten Wochen wird die Kontrolle im kleinen Grenzverkehr sehr scharf durchgeführt. Es vergeht fast kein Tag, ohne dass mehrere Personen im Zollamt bis aufs Hemd ausgezogen und untersucht werden. Schlesien, 1.Bericht: Bei einer Familie, die einige Tage in der Tschechoslowakei bei Bekannten zu Besuch war, erschien nach der Rückkehr ein Gestapobeamter und erkundigte sich, wovon sie in der Tschechoslowakei gelebt habe. Die mitgenommenen 10,-RM hätten doch nicht gereicht. Es konnte jedoch dem Gestapobeamten glaubhaft nachgewiesen werden, dass in diesem Falle ein freund schaftlicher Gegenbesuch vorlag. 2.Bericht: Die Grenze bei Kudowa wird jetzt sehr scharf überwacht. Früher waren 2 Grenzbeamte an der" Bohemia" stationiert, jetzt sind es deren elf, die alle Stunde abwechseln. Die" Bohemia", ein Lokal unmittelbar an der Grenze, war A-41früher das Ziel aller Badegäste von Kudowa. Jetzt setzen die Braunen alles daran, um die Leute von dem Besuch fernzuhalten. Wer nicht Pass und Grenzschein hat, darf das Lokal nicht besuchen. 3. Bericht( Oberschlesien): Mit dem 15. Juli verlieren die bisherigen Verkehrskarten, die auf Grund der Genfer Konvention ausgegeben wurden, ihre Gültigkeit. Zwischen Polen und Deutschland ist nun ein Sonderabkommen getroffen worden, wonach die Verkehrskarte durch Grenzübertrittsscheine ersetzt werden soll. Die Verkehrskarten mussten jedem Bewohner des Abstimmungsgebietes erteilt werden und galten für das ganze Abstimmungsgebiet. Jetzt ist der Grenzübertritt auf einen Streifen von 10 auf polnischer und 15 Kilometer auf deutscher Seite beschränkt. Ausserdem erfahren wir aus zuverlässiger Quelle, dass man deutscherseits nicht jedem Antragsteller einen Grenzübertrittsschein aushändigen will. Die Anträge werden von der örtlichen Polizei aufgenommen. Aber sie entscheidet nicht. Die Anträge gehen erst zur Staatsanwaltschaft, dann zum Polizeipräsidium und zuletzt zur Gestapo, die allein entscheidet, ob der Antragsteller würdig ist, einen Grenzübertrittsschein zu erhalten. Es werden Listen angefertigt, um gewisse Antragsteller bei der Grenzübertrittsstelle unter besondere Kontrolle zu stellen. Im übrigen spielen im Bereich des allgemeinen Terrors dieselben Faktoren eine Rolle wie beim Terror gegen die Illegalen und gegen die Juden: die Justiz, die Polizei und die Verwaltung. Die Justiz arbeitet mit unverminderter Brutalität. Die Sondergerichte verurteilen weiter ganze Reihen von" Meckerern" zu hohen Strafen. In den veröffentlichten Urteilen ist meist nur von" Beschimpfungen" der Regierung oder der Partei oder einzelner Parteiführer die Rede. In vielen Fällen handelt es sich -nach Einzelberichten, die uns zugegangen sind, die wir aber nur zum Teil veröffentlichen können- bei diesen" Beleidigungen" entweder um sachlich durchaus berechtigte Kritik an vorhandenen Missständen oder um äusserst harmlose Bemerkungen, die mit" Beleidigung" nichts zu tun haben. Wir beschränken uns darauf, in folgendem einige besonders bezeichnende Urteile zusammenzustellen: Bayern: Das Bamberger Sondergericht verurteilte in einer einzigen Sitzung einen Angeklagten" wegen ordinärer Redensarten gegen den Führer" zu 1 Jahr Gefängnis, einen zweiten Angeklagten, der" einen von Verleumdungen gegen die Regierung A- 42strotzenden Brief in einen Briefkasten warf", zu 10 Monaten Gefängnis, einen dritten, der in berauschtem Zustand" über die Regierung und alles Mögliche geschimpft hatte" zu 100 Mark Geldstrafe. In einem Nürnberger Fabrikhof war ein Ausschnitt aus einem Nürnberger Blatt mit einem Bild von Leni Riefenstahl an die Mauer geheftet und mit einer angeblich gegen" die Dame" und den Gauleiter gerichteten- handschriftlichen Bemerkung versehen worden. Ein 54- jähriger Arbeiter wurde auf Grund eines Schrift- Gutachtens zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Ein 60- jähriger Einwohner aus Rettenbach äusserte sich in einer Wirtschaft abfällig über den" Blutmarsch" vom 9. November 1923 und verweigerte den Hitlergruss. Er erhielt 1 Jahr Gefängnis. Das Sondergericht Nürnberg verurteilte einen Angeklagten, weil er in einer Gastwirtschaft" unwahre Behauptungen über Julius Streicher" aufgestellt hatte, zu 7 Monaten Gefängnis. Südwestdeutschland: Ein Portier von der Fittingsfabrik in Singen stand vor dem Sondergericht in Mannheim und wurde zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er vor zwei Jahren einmal zu einem jungen Burschen gesagt hatte:" So, gehst Du auch in das Idiotenlager nach Offenburg( HJ- Lager)?" Am gleichen Tag wurde ein Angestellter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in einem Gespräch gesagt hatte: " Wir rüsten ja bloss, damit wir den Russen bei Gelegenheit die Ukraine abnehmen können." In der gleichen Sitzungsperiode wurde ein Arbeiter der Fittingsfabrik, Singen, zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er zu einem anderen gesagt hatte, die Schweiz nehme keine Zwanzigmark- Scheine mehr an. Das Sondergericht in Trier verurteilte einen Mann, der sich einem Sammler gegenüber abfällig über das Winterhilfswerk geäussert hatte, zu 4 Monaten Gefängnis, einen weiterer Angeklagten wegen" hetzerischer Aeusserungen gegen den Staat und seine Einrichtungen" zu 3 Monaten Gefängnis; zwei Kolporteure der" Missionsbrüder" wegen Förderung einer verbotenen Sekte durch Verkauf von Büchern und Abhaltung von Bibelstunden zu je 9 Monaten Gefängnis, einen Mann aus der Umgebung von Trier wegen" beleidigender Aeusserungen gegen den Führer" zu 4 Monaten Gefängnis.- Alles an einem Vormittag. Die Hausbedienstete Rosa Schweickert war bei den Eheleuten Ludwig Klöffel in Hagenbach in Dienst, Eines Tages machte sie Anzeige gegen Klöffel, er habe sich in niederträchtigen Worten gegen den Führer geäussert. Das Frankenthaler Sondergericht leitete ein Ermittlungsverfahren ein. In ihrer Angst wirkten nun die Eheleute Klöffel auf das Dienstmädchen ein, es solle doch sagen, mit den Schimpfereien sei nur der Schwiegervater gemeint gewesen. So geschah es. Nun erhielt aber eine Mieterin von der Sache Kenntnis, die aus Rache -weil sie ausziehen musste Anzeige erstattete. Das Schwur A-43gericht verurteilte deshalb L. Klöffel zu 8, Frau Klöffel zu 5 und die Schweickert zu 4 Monaten Gefängnis wegen Verleitung zum Meineid bzw. wegen Meineid. Rheinland- Westfalen: Ein seit 12 Jahren in einem Werk tätiger Maschinenmeister machte in einer Gastwirtschaft einige abfällige Bemerkungen über das Regime. Er wurde auf vier Tage in Schutzhaft genommen und anschliessend von seiner Firma fristlos entlassen. Gegen diese Entlassung erhob er Klage. Das Arbeitsgericht in Kleve wies die Klage ab und stellte fest, dass staatsfeindliche Aeusserungen zu fristlosen Entlassungen von Gefolgschaftsmitgliedern berechtigen. In Essen war ein Arbeiter entlassen worden, weil er 1936 nicht zur Reichstagswahl gegangen war. Das Landesarbeitsgericht Essen( Sa.56/ 36) erklärte, es liege keine unbillige Härte vor, denn durch eine solche Interesselosigkeit für die Lebensnotwendigkeiten der Nation stelle man sich ausserhalb der Volksgemeinschaft. Hannover: In der Stadt mehren sich die Fälle, wo die Polizei angebliche" Gerüchtemacher" verhaftet und den Gerichten zur Bestrafung zuführt. Die Presse warnt ständig vor" übler Nachrede". Auch in der Provinz regen sich die Nazi bonzen und veranlassen die Bestrafung der Meckerer und" Verleumder". So ist ein Lüneburger namens Hildebrandt wegen einiger Bemerkungen über das Privatleben des nationalsozialistischen Bürgermeisters zu 300,- RM Geldstrafe verurteilt worden. Was er gesagt hatte, stimmte aufs Wort. Die Leute sagen, alle " Verleumdungen" wären leicht zu vermeiden, man müsse nur anders leben, als die nationalsozialistischen Bonzen es tun. Ostpreussen: Vor dem Sondergericht in Allenstein stand als Angeklagter der Fleischermeister Eduard Preuss, ein Bruder des vom Regime angefeindeten Kaplans Preuss in Allenstein. Er soll in seinem Laden geäussert haben, Deutschland sei bankrott. Obgleich er diese Bemerkung abstritt, erhielt er 1 Jahr 6 Monate Gefängnis. Wasserkante: Das Schöffengericht Wesermünde schickte einen Mann für 3 Monate ins Gefängnis, der sich in seiner eigenen Wohnung abfällig über den heutigen Staat geäussert hatte. Ein im gleichen Hause wohnender Politischer Leiter der NSDAP hatte die Bemerkungen durch die nur einen halben Stein dicke Wand mit angehört. In Oldenburg erhängte sich der Grosshändler für Fahrräder und Nähmaschinen Reyersbach. Man hatte ihn ins Gefängnis gebracht, weil er im Gespräch über Spanien gesagt hatte:" Was wollt Ihr denn? Deutschland liefert doch auch Waffen und Freiwillige nach Spanien?" Berlin: Ein betrunkener Arbeiter hat kürzlich in einer Wirtschaft sein DAF- Abzeichen vom Rock abgerissen und zertreten. -44Er wurde verhaftet und zu 1 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sachsen: in Plauen wurde ein Arbeiter fristlos entlassen, well er den Betriebszellenobmann" beschimpft und beleidigt hatte". Das Arbeitsgericht erklärte die Entlassung für berechtigt. Der entlassene Arbeiter wurde ausserdem noch wegen Beleidigung zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Ein in Elbersdorf bei Bautzen lebender schwachsinniger Junge-15 Jahre alt, jedoch geistig auf der Stufe eines Dreijährigen stehend- stammelte eines Tages:" Heil Moskau!" und später:" Nicht mehr sagen Heil Moskau Hohnstein kommen!"( ehemaliges Konzentrationslager). Mit vieler Mühe und nach langen Fragen quetschten die nationalsozialistischen Eltern angeblich den Namen eines ehemaligen Kommunisten aus dem Kinde heraus, gegen den daraufhin Anklage wegen" groben Unfugs" erhoben wurde. Der Beschuldigte leugnete, dem Kind die Redensarten beigebracht zu haben, er wurde dennoch zu 4 Wochen Haft verurteilt. Das Urteil stützte sich allein auf die Aussage des Schwachsinnigen und auf die der Eltern, die dem Angeklagten feindlich gesinnt waren. Mitteldeutschland: In Sonneberg erhielt eine Frau einen Monat Gefängnis, weil sie die Behauptung weiter verbreitet hatte, der Ortsgruppenleiter der Partei würde für seine ehrenamtliche Tätigkeit bezahlt. Vor dem Landgericht Halberstadt fand ein Ehescheidungsprozess statt, in dem der Mann beschuldigt war, seiner Frau wegen ihrer Zugehörigkeit zur NS- Frauenschaft Vorwürfe gemacht und die Tätigkeit der Frauenschaft als" Kaffeeklatsch und Kinkerlitzchen" bezeichnet zu haben. Die Ehe wurde aus alleinigem Verschulden des Mannes geschieden, da die dauernde Kritik an der Mitarbeit des Ehegatten in der NSDAP oder ihren Gliederungen einen Ehescheidungsgrund darstelle. Nicht jeder Verhaftung folgt eine gerichtliche Aburteilung. Vielmehr ereignet sich häufig, dass die Festgenommenen nach monatelanger" Schutz"- oder Untersuchungshaft freigelassen werden müssen, weil das Material zur Anklageerhebung nicht ausrei cht. Weder eine Verfassungsbestimmung, noch eine Amtsstelle noch die Macht einer öffentlichen Meinung schützen heute den deutschen" Volksgenossen" vor polizeilichen Uebergriffen. Ueber diesen Polizei terror erfahren wir u.a. folgende Einzelheiten: Berlin: Bezeichnend für eine Art von aufkeimender Sabotageund Attentatspsychose scheint ein Vorfall aus dem Norden Berlins zu sein. Dort ist, beim Südufer, ein Petroleum- Lagerhof mit fünf Behältern. Gleich daneben befindet sich eine Elektri zitäts- Umschaltestation. Anfang Juni nahm man nachts einige A- 45harmlose Leute in der Nähe des Lagerhofs fest, und am Morgen wurde verkündet, dass eine Brandstiftung geplant gewesen sei. Den Einwohnern der Gegend schien die ganze Aktion sehr fragwürdig und einige haben das auch zu den Polizeileuten gesagt. Ein Mann meinte, so etwas könne doch gar nicht passieren, das würde die Polizei doch im Keime ersticken. Das wurde als Meckerei aufgefasst und der Mann sistiert. Es stellte sich heraus, dass es der Obmann einer grossen Brauerei und ein " alter Kämpfer" war. Er ist nach Feststellung der Personalien wieder entlassen worden. Jedoch wurde in der Gegend eine Razzia abgehalten, bei der man etwa 200 Personen mitnahm. Sie sind aber alle nach zwei Tagen wieder entlassen worden, ohne dass das Geringste festgestellt werden konnte. Folgender Einzelfall kennzeichnet ebenfalls die Atmosphäre, in der man heute in Berlin lebt: Ein Arbeiter eines städtischen Werkes, der seit 1932 bei der NSDAP und der SA war, meldete sich vor einigen Monaten wegen Krankheit bei der SA ab und liess sich pensionieren. Einige Zeit darauf bestellte er das Abonnement auf den" Angriff" ab. Seitdem erhielt er unter dem Vorwand, seine Tochter verkehre mit einem ehemaligen Kommunisten, nicht weniger als drei Polizeibesuche. Die Tochter bestritt, dass sie mit einem Kommunisten verkehre und der Vater war der Meinung, dass man ihn nur schikanieren wolle, weil er sich zurückgezogen habe. Am 20. April liess er sich im Hausflur bei der Uebertragung der Hitlerrede zu der Bemerkung verleiten:" Was der sagt, das weiss ich sowieso!" Abends um 7 Uhr wurde er schon abgeführt. Die Frau ging daraufhin zur Polizei in die Finowstrasse und kam auch nicht wieder. Die 19- jährige Tochter kam gegen 8 Uhr nach Hause, erfuhr von der Verhaftung des Vaters, fand die Mutter nicht vor und glaubte, alles sei wieder auf die gegen sie erhobene Beschuldigung zurückzuführen. In ihrer Verzweiflung drehte sie den Gashahn auf. Als die Frau, die die ganze Nacht nach ihrem Mann gesucht hatte, morgens um 5 Uhr nach Hause zurückkehrte, fand sie die Tochter tot. Der Vorfall hat grosse Aufregung in der Nachbarschaft verursacht. Es wurde den Einwohnern der Gegend verboten, an der Beerdigung teilzunehmen. Die Frau hat man dann als Aufwärterin in einer Schule angestellt, um die Gemüter etwas zu besänftigen. Sachsen: In Leipzig veranstalteten die Nazis am letzten Sonntag im Juni und am ersten Sonntag im Juli eine besondere Aktion. Unter dem Vorwand, nur die Leute zählen zu wollen, die sich in den Grünanlagen aufhalten, wurde eine regelrechte Razzia durchgeführt. Punkt 11 Uhr vormittags wurden die Anlagen gleichzeitig abgesperrt und" durchgekämmt". Die Kontrollen wurden durchgeführt von kleinen Trupps SS in Zivil, immer 7 Mann und 1 Polizist, der auch in Zivil war. Es wurden festgenommen: im Johannepark 24, im Albertpark 9, im Scheibenholz 78, im Nonnenpark 16, in Rosental 126, im Palmengarten 14, im Johannistal 6, im Volkspark 23, im Volkshain 17 und beim Völkerschlachtdenkmal 18 Personen. Die Festgenommenen wurden A- 46nach politischen Schriftstücken durchsucht und zum grossen Teil nach etwa eintägiger Haft freigelassen. Eine Beamtenfrau, die im Ausland zu Besuch gewesen war und nun ihren Kränzelschwestern von ihren Eindrücken berichtet hatte, wurde wegen ihrer" Zungenfertigkeit" 6 Wochen zur Strafe einem Mädellager als Küchendienstfrau zugeteilt und ihr Mann in Pension geschickt. Die Frau ist 59 Jahre alt. Auf dem Wochenmarkt in X. äusserte sich vor kurzem ein Mann, dass die Butter schlecht, das Brot fast ungeniessbar sei und dass der Kukuruz, der für das Vieh passe, in Semmeln und Brot verbacken werde. Er wurde denunziert und von einem Polizeibeamten sofort mit auf die Polizeiwache geführt. Dort wurde ihm angedroht, dass er ins KZ komme, wenn er nochmals solche Aeusserungen wiederhole. Schlesien: Im Industriebezirk sind gegen 600 Personen, sogenannte" asoziale Elemente", verhaftet worden, die nun ausserhalb Oberschlesiens, angeblich in Ostpreussen zur Zwangsarbeit verwendet werden. In Martinau wurde eine Frau verhaftet, weil sie über den Fleischmangel geschimpft und darauf hingewiesen hatte, dass die Reichen sich durch Hamstern alles beschaffen. Seit Wochen befindet sie sich in Haft und man sagt jetzt, dass sie ins Konzentrationslager überstellt worden sei, weil man gerade in Martinau ein Exempel gegen die Meckerer statuieren will. In Schweidnitz verübte die Familie Rother( Eltern und Sohn) Selbstmord. Der Vater war pensionierter Lehrer, der Sohn früher Landrat in Brandenburg. Als Sozialdemokrat wurde der Sohn aus der Stellung entlassen. Jetzt sollten Vater und Sohn verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht werden. Daraufhin vergiftete sich die Familie mit Leuchtgas. Ein hinterlassener Brief wurde von der Polizei beschlagnahmt. Die Zeitung brachte nur eine kleine Notiz. Ohne Namensnennung wurde mitgeteilt, dass drei Personen tot aufgefunden worden seien. Bei den Hultschinski- Werken in Oberschlesien sind vor einiger Zeit zahlreiche Verhaftungen vorgenommen worden, man spricht von 24 Personen. Die Verhaftungen sollen damit zusammenhängen, dass staatsfeindliche Anschriften auf Munitions kisten vorgefunden wurden, aber auch ganze Munitionspackungen verloren gegangen seien, die später in der Klodnitz, einem kleinen Fluss, aufgefunden wurden. Man hat einige Arbeiter nach der Labandhütte versetzt, einem Nebenwerk der Hultschinskiwerke in Laband, wo gleichfalls nur für Rüstungszwecke gearbeitet wird. Eines Tages erschienen bei den Frauen der versetzten Arbeiter angebliche Kontrolleure des Winterhilfswerks und stellten Ermittlungen darüber an, was die Frauen vom WHW erhalten hätten, ob man sie anständig behandelt habe und ähnliches. Die Männer stellten sich ausserordentlich freundlich. Schliesslich kamen diese Gestapo agenten auf die Männer selbst zu sprechen, fragten danach, in welchem Betrieb sie arbeiten und was dort hergestellt werde. Anscheinend haben die Männer ihren Frauen doch etwas über die Arbeiten im Betrieb erzählt. A- 47Jedenfalls wussten die Frauen zuviel. Das hatte zur Folge, dass die Männer nicht mehr aus dem Betrieb nach Hause kamen, sondern verhaftet wurden. Der Vorfall löste in der Belegschaft selbst die grösste Empörung aus. Die Werkmeister wurden angewiesen, besonders auf die Belegschaft zu achten und jeder, der von diesem Vorfall sprach, wurde mit Entlassung bedroht. Mitteldeutschland: Wie weit die Bespitzelung des gesamten öffentlichen und privaten Lebens durch die Gestapo geht, zeigt folgender Fall, der sich in X. abgespielt hat. Ein ausländischer Staatsbürger, der früher Deutscher war, besuchte in X. Verwandte. Eines Tages traf er auf der Strasse einen früheren Bekannten und rief ihn an. Beide unterhielten sich dann auf dem Fusssteig. Wahrscheinlich haben sie nicht sehr laut gesprochen und standen deshalb sehr nahe beieinander. Plötzlich trat ein Zivilist auf sie zu und forderte sie auf, mitzugehen. Der Ausländer verwahrte sich dagegen und wies seinen Pass vor. Der Gestapobeamte, der sich legitimiert hatte, war etwas kleinlaut geworden, notierte sich die Namen und Adressen der beiden Leute und jagte sie auseinander. Am nächsten Tag wurde bei dem Deutschen in der Wohnung Haussuchung abgehalten und er wurde drei Stunden lang darüber verhört, wer dieser Fremde war, welcher politischen Richtung er angehört, was sie miteinander gesprochen haben usw. usw. Da nicht das Geringste nachgewiesen werden konnte, war die Sache damit erledigt. Ueber die Auflösung und Gleichschaltung von Vereinen berichteten wir bereits in Heft 12/1936( Seite A 127,128). Inzwischen sind u.a. folgende Fälle bekannt geworden. Gerade dass es sich dabei um kleine und kleinste Fälle handelt, ist für den Terror in Deutschland bezeichnend. Das Regime muss heute fürchten, dass sich noch im kleinsten und harmlosesten Privatklub" Meckerzentralen" bilden könnten. In einer Konferenz der Kreis- und Ortsbauernführer von Hannover teilte der Landesbauernführer Rheden mit, dass der Reichsnährstand. in Hannover etwa 800 ländliche Organisationen aufgelöst habe. In Hamburg wurden der" Kleingarten- und Siedlerverein der Erwerbslosen- Achterbrook", der" Hansen- Tebel- Chor" und der Gesellschaftsklub" Walzertraum" verboten und aufgelöst. Der Verein" Jachtschule Blankenese" hat sich nach langem Kampf " freiwillig aufgelöst". Der Kreis II, Gross- Berlin, des Deutschen Schützen bundes, eine seit 500 Jahren bestehende Organisation, wurde aufgelöst, weil sich in ihm angeblich zahlreiche Stahlhelmer und Reichsbanne rleute zusammengefunden hatten. Es wurden auch A-48einige Verhaftungen vorgenommen. Der Reichsführer der SS und Chef der Polizei hat den " Reichsverband der Kriegsteilnehmer- Akademiker e.V.", Berlin, für das ganze Reichsgebiet aufgelöst und verboten. Südwestdeutschland: Neuerdings wird wieder stärker in Gleichschaltung gemacht. Es gab immer noch Vereine, die nicht gleichgeschaltet waren. So auch noch manche Mietervereine. Diese werden nun gleichgeschaltet. Das geht folgendermassen vor sich: Jedes Vorstandsmitglied erhält ein Schreiben, dass es seines Postens enthoben ist und bis zum... die in seinen Händen befindlichen Akten abgeben müsse. Neben den Mietervereinen wurden auch kleinere Sport- und Gesangsvereine betroffen. Sachsen: Den gleichgeschalteten Sportorganisationen geht es durch die Bank schlecht. Alle klagen über starken Mitgliederrückgang und Ebbe in den Kassen. Das letztere ist darauf zurückzuführen, dass die Reichssportleitung von den einzelnen Vereinen einen ungeheuer hohen Betrag einhebt und somit die schwächeren Vereine nötigt, sich mit grösseren zu verschmelzen oder einzugehen. Jede Nummer der Reichssportzeitung ist immer spaltenlang gefüllt mit Mahnungen beitragsrückständiger Vereine, deren Streichung angedroht wird, wenn nicht endlich der Reichsbeitrag abgeführt wird. Der Mitgliedermangel entsteht dadurch, dass ein grosser Teil der turnfähigen und willigen Jugend bei der SA, im Arbeitsdienst oder in der Reichswehr ist und dass es trotz des erfolgten Uebertrittes vieler Arbeitersportler in sogenannte neutrale Sportvereine vollkommen an Nachwuchs fehlt. Jugendliche dürfen in die Sportvereine nicht mehr aufgenommen werden, weil diese Generation der Hitlerjugend zugeführt werden soll. So sind die Sportvereine lediglich auf die älteren Jahrgänge angewiesen, die nach Verbüssung von Arbeitsdienst und Militärpflicht nicht immer besonders sportbegeistert sind. In Heidenau musste ein grosser bürgerlicher Sportverein, der vor der Machtergreifung 1.500 Mitglieder zählte und seinerzeit der Arbeiterschaft den einzigen Versammlungssaal vor der Nase weg kaufte, heute dieses Lokal unter den Hammer bringen, weil er hoch verschuldet war und seine Mitgliederzahl auf wenige hundert gesunken ist. Diese Erscheinungen gehören in der Sportbewegung des 3. Reiches jetzt zu den Alltäglichkeiten. Dem Kleingartenbauverein Aue misstraut man noch immer. Als in den Frühjahrswochen der Boden bestellt wurde, forschte man nach, ob nicht noch irgendwo Waffen versteckt sind. Ein Kommunist hatte 1933 ausgesagt, dass im Gelände des Vereins 400 Gewehre versteckt worden seien. Da man damals nur 3 Gewehre gefunden hat, glauben die Nationalsozialisten, sie müssen die Spuren der restlichen 397 noch finden. Diese fortgesetzte Ueberwachung hat dazu geführt, dass ein Teil der Schrebergärtner ihren Garten abgegeben hat, um der ständigen polizeilichen Ueberwachung zu entgehen. A-49Schlesien: Für den Kleingärtnerverein Hindenburg- West wurde vom Stadtgruppenleiter ein neuer Vorsitzender bestimmt. Dies ist den Vereinsmitgliedern in einem Rundschreiben mitgeteilt worden. Dieses Schreiben, das wir nachstehend im Original wiedergeben, zeigt zugleich, wie man heute mit den deutschen " Volksgenossen" umgeht. An die Mitglieder des Kleingärtnerverein West". In Zusammenarbeit mit Provinsgruppe, Gartenant und Kreisleitung der NSDAP ernenne ich hiermit Herrn Diple- darteninspektor eiter des Kleingärtnervereins Wilde 冷 C Terba West and Horm Fg. Mi o hallek an seinem Stellvertreter. Herr Wilde wird sich jetst energisch der Entwässerung und des Wegebames annehmen. Ich erwarte, dass jetzt endlich die Hetze im Gelände aufhört, anderenfalls werde ich die Namen der Hetser der Kreisleitung der NSDAP mitteilen, damit diese sich die Zeitgenossen, die den friedlichen Aufbau des Geländes stören, etwas genauer ansieht. Mndenburg, den 14. 3.1937. Der Stadegruppenleiter ges. Dr. Imhof f. Mitteldeutschland, 1.Bericht: Ein Erntehelfer wurde bei einem Bauern untergebracht. Bauer und Helfer fassten schnell zueinander Vertrauen und tauschten ihre Ansichten aus. Der Bauer erzählte dem Erntehelfer, dass sie angewiesen worden sein, die Erntehelfer streng zu überwachen. Es sei ihnen verboten, den Helfern irgendwelche Naturalien zu geben, nur Geld. Einmal könnten dadurch Schwierigkeiten für die Ablieferungspflichten entstehen und zweitens würde die Gefahr vermieden, dass die Helfer für Hamsterpreise die Waren ohne jede Kontrollmöglichkeit weiterverkaufen. Der Helfer erzählte dem Bauern, dass sie im Arbeitsamt vom Obmann der NSDAP Auftrag erhalten hätten, die Bauern, denen sie zugeteilt würden, streng zu überwachen, ob sie heimliche Vorräte hätten und schwarz verkauften. Für den Fall, dass sie etwas melden könnten, würden sie dafür belohnt. Es wurde ihnen in Aussicht gestellt, dass dann im Herbst kein Zwang mehr zum Dienstantritt ausgeübt würde. Als einer der Arbeitslosen einwendete, dass sicher der Bauer, den man verraten A- 50habe, sich dafür bedanken würde, noch einmal den Helfer aufzunehmen, hatte der Obmann geantwortet:" Das glaube ich auch, aber es muss ja auch nicht derselbe sein. Das nächste Mal wird wieder gewechselt." 2. Bericht: Neuerdings werden" politisch Unzuverlässige" vom Wehrdienst im Frieden ausgeschlossen. Dabei arbeiten die Wehrbezirkskommandos mit der Gestapo Hand in Hand. Den Ausgeschlossenen geht( und zwar gewöhnlich nach der Musterung und Aushebung, unmittelbar vor dem Einrücken ins Heer) das in Abschrift folgende Formular zu: Wehrnummer. Wehrbezirkskommando: Bild des Ausgeschlossenen mit Namensunterschrift Polizeiliche Meldebehörde Ausschliessungsschein. der ( Beruf, Vor- und Familienname) geb.am 0 ( Tag Monat, Jahr) zu ° ( ort) Musterungsort Stempel: Wehrbezirkskommando Stempel: Der Polizeipräsident Polizeiamt.. Geschäftsstelle: wird hiermit vom Dienst in der Wehrmacht im Frieden ausgeschlossen. Er scheidet aus dem Wehrpflichtverhältnis aus. den. 19. Tag, Monat, Jahr Der Wehrbezirkskommandeur Die Kreispolizeibehörde ( Unterschrift) Dienststempel Unterschr. Stempel: Der PolizeiPolizeiWehrbez.Kommando sekretär präsident Zur Beachtung: 1) Alle Eintragungen sind mit Tinte oder mit Hilfe der Schreibmaschine auszuführen. 2) Der Verlust dieses Scheines ist sofort dem zuständigen. Wehrmeldeamt zu melden. 3) Fälschung und missbräuchliche Benutzung dieses Scheines wird als Urkundenfälschung gerichtlich verfolgt. A- 513.Bericht: Die in Magdeburg anlegenden Schiffe, die aus der ČSR kommen, stehen immer im Verdacht, illegales Material mitzuführen. Deshalb ist es üblich, dass Gestapo beamte zunächst als Lockspitzel auf die Schiffe gehen und sich als Hitler- Gegner ausgeben. Bei der Postdirektion in Magdeburg besteht ein besonderes Spitzelsystem. Schon seit 1934 sind gewisse Briefträger mit Prämien ausgezeichnet worden. In den Richtlinien für die Postüberwachung ist vorgesehen, dass Briefe, in denen Zeitungsausschnitte vermutet werden, der Zensur vorzulegen sind. Auslandsbriefe sollen besonders aufmerksam untersucht werden. In einem Falle konnte sogar festgestellt werden, dass der Briefträger als Meckerer aufgetreten ist, um die Empfänger auszuhorchen und sie dann anzuzeigen. Für die Meldung eines Staatsfeindes werden 5,- RM gezahlt. Im Magdeburger Postdirektionsbezirk erhielten im Jahre 1934 für wichtige Angaben 13, im Jahre 1935 29 und im Jahre 1936 sogar 42 Beamte besondere Prämien ausgezahlt. 4.Bericht: Die Bleicherei X. ist im vorigen Jahre in eine Flachsbereitungsanstalt umgewandelt worden. Früher wurden in dieser Bleicherei 600 Leute beschäftigt. Da aber jetzt die Löhne verhältnismässig niedrig, die Arbeit sehr schmutzig und andere Arbeit genug vorhanden ist, geht niemand gern in diesen Betrieb. Er ist deshalb ausschliesslich auf die Arbeitsvermittlung des Arbeitsamtes angewiesen und nur wer sich dieser Vermittlung nicht entziehen kann, nimmt dort Arbeit an. Als ein Arbeiter, der früher Strumpfwirker war, wieder einen Arbeitsplatz in diesem Beruf gefunden hatte, und deshalb die Arbeitsstelle wechseln wollte, machte man ihm Schwierigkeiten. Als es ihm gelungen war, diese Schwierigkeiten zu überwinden, hatte das Arbeitsamt inzwischen diese Arbeitsstelle an einen anderen vermittelt. Darüber aufgeregt, trank er in diesen Tagen einen über den Durst und äusserte dabei:" Wenn die Bude nicht wäre, hätten wir es besser." Dieser Ausspruch( in einem Gasthaus in einem anderen Ort geäussert) wurde ihm zum Verhängnis. Kurze Zeit danach brach durch einen Essendefekt in der Flachsbereitungsanstalt ein Gross brand aus, der einen Schaden von 400.000,- RM verursachte. Als bekannt wurde, dass das Feuer gerade in dem Arbeitsraum, in dem dieser Arbeiter gearbeitet hatte, zuerst ausbrach, erstattete der Gastwirt, der diesen Ausspruch gehört hatte, die Anzeige. Der Arbeiter wurde sofort verhaftet. Der Betriebsleiter war aber vernünftiger als der Gastwirt und unternahm eine Intervention beim NSDAP- Gauleiter, die von Erfolg begleitet war. Der Arbeiter kam wieder frei. Die Gestapo forschte nun das Vorleben des Arbeiters aus und entdeckte in ihm verschiedene dunkle Punkte. So war der Mann bis 1932 Kassierer bei den Freidenkern gewesen und hatte an einer Russland reise teilgenommen. Nun wurde der Arbeiter wieder verhaftet und dem KZ in Sachsenburg überstellt, wo er sich jetzt noch befindet. A-5? Sachsen, 1.Bericht: Auf der Strecke von Chemnitz nach Dresden spielte sich vor einiger Zeit folgender Vorgang ab: Ein Dresdner Fabrikant sprach sich zwar lobend über das Regime aus-es habe Ordnung gemacht usw.- meinte aber, nun sei es Zeit, dass Deutschland wieder Kaiserreich werde mit der Hohenzollern- Dynastie an der Spitze. Der Hass im Innern und die Unruhe nach aussen könnten nur durch die Monarchie beseitigt werden, und das sei jetzt das Wichtigste, wenn die Industrie wieder aufblühen solle. Als der Zug in Dresden einlief, wurde der Fabrikant von drei Kriminalbeamten erwartet und verhaftet. 2.Bericht: Die Zigarrenfabrik... in X. ist Lieferantin für den sächsischen Wirtschaftsminister Lenk. Als in einigen Zigarren etwas Unrat enthalten war, beschwerte sich der Minister. Einige Arbeiterinnen wurden vorübergehend verhaftet. Die Attentatsriecher haben das Gerücht verbreitet, auf den Minister sei durch vergiftete Zigarren ein Attentat geplant gewesen. 3.Bericht: In einer erzgebirgischen Zeitung hat ein Arbeiter eine Annonce aufgegeben, dass er seine Hühner wegen Futtermangel verkaufen wolle. Das gab Anlass zu seiner Verhaftung. Nach einer Woche Haft wurde er wieder entlassen. In der Stadt Freiberg sucht die Polizei nach Möglichkeit, den Andrang der ärmeren Bevölkerung vor der Kaserne an der Chemnitzer Strasse in der Mittagszeit zu unterbinden. In der Regel sind mehr als loo Leute da, die sich um Mittagessen bemühen. Mehrfach wurde diese" Unsitte" in der Zeitung kritisiert, die den Anschein erwecken müsse, als ob in Freiberg Not und Elend herrsche. Den Soldaten war vor kurzer Zeit direkt verboten worden, ihre Mahlzeiten abzugeben. Dadurch wurde aber die Erregung in der Bevölkerung nur gesteigert. Es hiess:" Die geben die Essenreste lieber den Schweinen, anstatt den hungernden Menschen". Nun hat man die Essenreste wieder freigegeben, die Polizei stellt aber die Leute, die sich darum bemühen, in der Regel fest. 4.Bericht: Der Sturmführer Z. in der Stadt I., der zugleich Geschäftsführer der DAF ist, versammelte vor kurzem die Blockwarte seines Bezirkes, um ihnen folgendes zu erklären:" Bei mir gehen seit letzter Zeit so wenig Anzeigen über Meckerer und Mies- macher ein, dass ich annehmen muss, Ihr Blockwarte gehört ebenfalls zur Bande der Meckerer und Miesmacher. Ihr braucht nicht zu denken, dass wir nicht wissen, dass gemeckert und gemeutert wird. Ich erwarte also von Euch, dass Ihr in Zukunft jeden, auch wenn es Euer nächster Verwandter ist, zur Anzeige bringt. Wenn ich einen von Euch feststelle, der eine Anzeige unterlässt, so muss er damit rechnen, dass er selbst eingesperrt wird." A-53Berlin, 1.Bericht: Mit meinem Zeitungshändler habe ich ein Uebereinkommen getroffen, dass er mir täglich die interessanten Blätter, vor allen Dingen die ausländischen Zeitungen, zusammenlegt und mir möglichst unauffällig gibt. Ich liefere sie ihm dann am anderen Tage gelesen wieder zuriick und zahle ihm dafür eine wöchentliche Leihgebühr. Man muss aber bei diesen Strassenhändlern sehr vorsichtig sein. In einem Fall ist festgestellt worden, dass eine Zeitungshändlerin, die von der Gestapo engagiert war, illegale Zeitungen unter der Hand verkauft hat. Sie hat auf diese Weise einige Oppositionelle überführt, die dann bei günstiger Gelegenheit von der Gestapo verhaftet wurden. Den Zeitungshändlern und-Vertriebsstellen gehen regelmässig Listen des Polizeipräsidiums zu, auf denen die jeweils verbotenen Nummern der sonst noch erlaubten ausländischen Blätter aufgeführt sind. Wir geben auf Seite A 54 zwei solche Listen in photographischer Abbildung wieder. 2.Bericht: Wenn man heute ein Geschäft eröffnen will, dann muss man Antrag über Antrag an die verschiedensten Stellen richten: an das Finanzamt, an das Zollamt, an die Handelskammer, an die Arbeitsfront, an die Polizei. Und dann setzen die Nachforschungen ein. Aber die einzelnen Instanzen erkundigen sich nicht etwa bei einem selber, sondern beim Hausverwalter, beim Blockwalter, bei der zuständigen NS- Stelle usw., und auf diese Weise wird es vielen Menschen mit politischer Vergangenheit praktisch unmöglich gemacht, sich eine Existenz aufzubauen. Bayern, 1.Bericht: Bei der Postdirektion I. wurden 8 SSLeute neu eingestellt, die den Auftrag haben, die Posteinund-ausgänge zu zensieren und gleichzeitig die Beamten zu bespitzeln. Man hält die Bespitzelung der Beamten deshalb für notwendig, weil die Beamten sich der jetzigen Propaganda für den Eintritt in die NSDAP sehr ablehnend verhalten und von den aufliegenden Aufnahmescheinen fast keinen Gebrauch gemacht haben. Ein Briefträger gab einem Amtswalter auf seine Anfrage wegen des Partei beitritts zur Antwort:" Wer uns früher nicht gebraucht hat, den brauchen wir heute auch nicht." Dieser Ausspruch war der Anlass zur sofortigen Entlassung des Briefträgers. Er wurde ins Parteihaus geschafft, wo man ihn 14 Tage festhielt und ihn erst auf Drängen seiner Familie freiliess. Seine jahrelange Dienststelle ist der Mann aber los. 2. Bericht: Für die Festbeleuchtung zum Tag der Deutschen Kunst in München musste jede Mietpartei für jedes Fenster 10 Zelluloidbecher mit Kerze kaufen. Die Becher wurden von der Partei zum Preise von 12 Pfg. das Stück ins Haus geliefert. Wer den Bestellzettel nicht ausfüllte, musste eine schriftliche Erklärung abgeben, warum er sich weigerte. Die meisten Parteien hatten von früheren Festlichkeiten her noch A-54Der Polizeipräsident 12345 2. " 11 3. # 1 4. H in Berlin. Berlin, den 30. 11. 36 Die nachstehend aufgeführten 3eitungen, Beitschriften usw. finh polizeilich beschlagnahmt! Zeitung" Daily Mirror"( London) Nr.10.295 v. 28.11.36( 8438), " News Chronicle"( London) Nr. 28.265 v. 28.11.36( 8439), " The Daily Telegraph"( London) Nr. 25 431 v. 28.11.36( 8440), " The Morningpost"( London) Nr. 51.302 v. 28.11.36( 8441), " Schweizerische freie Volkszeitung"( St. Gallen) Nr. 48 v. 27 11.36( 8442), 5. 6. $ 1 7. 11 8. " 9. " 1 95 10.) " Journal des Debats"( Paris) Nr. 330 v. 28.11.36( 8443), " Le Petit Parisian"( Paris) Nr. 21.822 v. 27.11.36( 8444), " Le Temps"( Paris) Nr. 27.477 v. 28.11.36( 8445), " New York Herald Tribune"( Paris) Nr. 17.953 v. 27.11.36( 844%, " Excelsior"( Paris) Nr. 9.481 v. 28.11.36( 8447). Sofern eine biefer 3ettingen, Seitichrifin niw. noch nachträglich geliefert wird, find fami liche Stücke beim zufundigen Boligai- enier abzuliefern. Falis bie Ablieferung nicht mög lich sein sollte, ist bas zuständige Bolizei- Revier zu benachrichtigen, welches Abholung veranlaßt. An alle Zeitungsverfäufer und vertriebsstellen. Der Polizeipräsident in Berlin. Berlin, den 9.36. Die nachstehend aufgeführten 3eitungen, Jeitschriften usw. fimb polizeilich beschlagnahmt! 1.) Zeitung" Aargauer Tagblatt"( Aarau) Nr.235 v.7.10.36( 7990), " News Chronicle"( London) Nr.28.221 v.8.10.36( 7991), " Daily Mirror"( London) Nr.10.251 v.8.10.36( 7992), 2. 123456 " 11 12 13 H " The Daily Telegraph"( London) Nr.25.387 v.8.10.36( 7993), " L'Ere Nouvelle( Paris) Nr.6.834 v.8.10.36( 7994), " L'Intransigeant"( Paris) v.8.10.36( 7995). Sofern eine diefer 3e ungen, 3eiffchriften usw. noch nachträglich geliefe wird, find famt che Stücke beim zuständigen Bolizei- Revier abzuliefern Falls bie Holi farung nicht möglich fein follte, ist das zuständige Polizei- Revier gabenachrichtigen, welches? tung veraniant. An alle Zeitungsverläufer und vertriebsstellen. A-55farbige Lampions zu Hause und wollten diese verwenden, doch war einheitliche Beleuchtung vorgeschrieben. In einem der Stadtgemeinde gehörenden Hause weigerten sich einige Mietparteien, die Leuchtbecher zu kaufen. Daraufhin hat ihnen die Stadtgemeinde auf den nächsten Termin gekündigt, und die NSDAP erklärte, dass sie durch SA- Leute die Fenster schmücken lassen werde. Schlesien, 1.Bericht: Die Blockwarte in Gleiwitz werden jetzt dafür verantwortlich gemacht, dass jeder Bewohner ihres Blockes eine Fahne besitzt und bei den vorgeschriebenen Gelegenheiten auch flaggt. In der Siedlung Rossberg bei Beuthen waren die Hakenkreuzfahnen sehr selten. Wiederholt wurde auf die Bewohner ein Druck ausgeübt, bei festlichen Anlässen zu flaggen. Aber auch das hatte nur wenig Erfolg. Nun haben Parteistellen die Blockwarte aufgefordert, die Bewohner, die nicht flaggen, aufzuschreiben und ihre Arbeitsstellen festzustellen. Den Leuten sind jetzt vorschriftsmässige Hakenkreuzfahnen zugestellt worden und die Kosten werden ihnen-je 3 Mark monatlich- vom Lohn abgezogen. 2.Bericht: In Hindenburg gingen beim Sportfest am 19. Juni NSDAP. me für Dollswohlfahrt 06. Martinau Rontroll- r. * Beuthen O.-S., den 5. März 1937 Wir wollen der Welt und unserem Dolfe zeigen, daß wir Deutsche das Wort Gemeinschaft nicht als eine leere Phrafe anffaffen, sondern daß es für uns wirklich eine innere Verpflichtung enthält: Einladungskarte für den Saushalt Mr. *. Adolf Hitler. Die 176. Volkswohlfahrt ladet Sie hiermit zu der am Montag, den 8. März 1937, um 20 Uhr, im Gasth. Fritsch stattfindenden öffentlichen Versammlung efn. Thema: » Ewiges Deutschland«< Erscheint in Massen zu diesem aufschlußreichen Vortrag. Die Einladung ist gültig für 2 Personen. 出 heil hitler! Eintritt frei! Kreisleitung Beuthen O.-S. Mug, M. d. R. Kreisletter. Boßmann Areisamtsleiter für nev. die SA- Leute von Haus zu Haus und ermittelten, aus welchem Grunde nicht geflaggt werde. Sportteilnehmer aus der Provinz Schlesien wurden aufgefordert, ihren Quartierleuten Hakenkreuzfähnchen zu kaufen, falls diese nicht von selbst flaggen. Die Einwohner von Hindenburg erhielten die nebenstehende Einladung zu einer Versammlung der NSVolkswohlfahrt. Um den Besuch zu kontrollieren, waren die in den einzelnen Haushaltungen verteilten Zettel mit Nummern versehen. A-563.Bericht: Wie aus Polizeikreisen berichtet wird, hat die Gestapo Auftrag erhalten, in den Gaststätten, besonders dort, wo die Arbeiterschaft verkehrt, nach der Stimmung der Bevölkerung zu forschen. Einige Gastwirte in Biskupitz, Beuthen, Miechowitz und einem Teil des Landbezirkes Gleiwitz erhielten die Aufforderung, ihre Gäste mehr zu belauschen und jeden Kritiker zu melden. In den Land bezirken von Warmuntowitz und Gnadenfeld, aus denen auch Arbeiter ins Industriegebiet zur Arbeit kommen, ist die Kritik an den heutigen Zuständen besonders gross.In den letzten Wochen wurde nun festgestellt, dass bei verschiedenen Bauern verdächtige Hausierer erschienen, die sich nach Getreideabgaben, Stand der Ernte usw. erkundigten und sich auch in politische Gespräche einliessen. Wenn die Bauern oder ihre Frauen sich über das System missliebig aussprachen, so wurden sie kurz darauf durch Gestapo zur Vernehmung abgeholt. Gewöhnlich war bei den Verhören ein Zeuge zugegen, der angeblich von draussen die Gespräche des Hausierers mit dem Verhafteten mit angehört haben will. Da diese Vorfälle auch schon anderwärts passiert sind, nimmt man an, dass es sich hier um ein systematisches Vorgehen der Gestapo gegen die Meckerer auf dem Lande handelt. Es wurden schon mehrere Anklagen gegen derart bespitzelte Bauern erhoben. Für die" asozialen" Elemente, die in Oberschlesien massenhaft verhaftet werden, wurde jetzt ein Erziehungslager bzw. Umschulungslager in Klein- Neudorf bei Grottkau errichtet. Aus Oberschlesien sollen sich zurzeit gegen 800 Personen dort befinden. 4. Bericht: Der Kampf gegen die polnische Minderheit wird jetzt besonders scharf geführt. Amtswalter und Vertrauensräte der Betriebe hielten in Hindenburg am 7. Juni unter dem Vorsitz des Arbeitsfrontleiters Jonas eine vertrauliche Sitzung ab, in der festgestellt wurde, dass sich die Belegschaften bei kritischen Bemerkungen sehr häufig der polnischen Sprache bedienen. Dem müsse vorgebeugt werden, zumal am 15. Juli die Genfer Konvention erlischt. Aber, so sagte Jonas, die Regierung wolle Freundschaft mit Polen, es gehe also nicht an, dass dieser Kampf gegen die polnische Sprache in voller offentlichkeit geführt werde. Die Vertrauensräte, und die Amtswalter seien verpflichtet, an alle deutschen Volksgenossen heranzutreten, um zu verhindern, dass polnisch gesprochen werde und in den Betrieben gegen alle Polnischredenden mit besonderem Nachdruck vorzugehen. Auch vor Entlassungen solle man dabei nicht zurückschrecken. In der Versammlung der Kleinsiedler Anfang Juni in Hinden-, burg wurde von den Nazimitgliedern verlangt, dass man Transparente heraushänge, mit der Aufschrift, dass hier nur deutsch gesprochen werden dürfe. Denn in den Gärten werde viel polnisch geredet und dabei an der Regierung und an Hitler Kritik geübt. Der Vorsitzende erklärte hierauf, dass dies aus gesetzlichen Gründen in Oberschlesien nicht ginge, A- 57ausserdem könnte es Rückwirkungen jenseits der Grenze haben. Aber, so betonte er, ein guter Nationalsozialist wisse, was er zu tun habe; selbstverständlich müsse mit den Polaken Schluss gemacht werden, aber das dürfe nicht auffallen. 400 Ein Arbeiter, der sich zur polnischen Minderheit zählt, wurde in der Lokomotivabteilung der Gleiwitzer Eisenbahnwerkstätte fristlos entlassen, angeblich, weil er verschwiegen habe, dass er Pole sei. Er habe 1921 22 während des Aufstandes nur polnische Zeitungen gelen und sei damals auch nicht zur Arbeit gekommen. Der politische Leiter der NSDAP erklärte ihm bei seiner Beschwerde, dass er nichts gegen seine Entlassung tun könne, da nur Volksgenossen Anrecht auf Arbeit hätten. Ein Schwerkriegsbeschädigter war über 20 Jahre bei der Feuerwehr in X. tätig, als er eines Tages zu einem Polizeioffizier gerufen wurde, der vor einigen Monaten aus Berlin gekommen und dem Präsidium Y. zugeteilt ist. Der Polizeioffizier fragte den Mam, ob er sich nicht schäme, als Deutscher seinen Jungen ins polnische Minderheitsgymnasium zu schicken. Dieser antwortete, dass er sich doch immer zur polnischen Minderheit bekannt hätte. Darauf schimpfte ihn der Offizier als Hochverräter und forderte von ihm, dass er seinen Sohn sofort aus dem polnischen Gymnasium abmelde oder es werde etwas geschehen. Schon am nächsten Tage erhielt die Verwaltung der..werke den Auftrag von der Polizei, den Kriegsverletzten zu entlassen. Man legte ihm nahe, die Uniform abzugeben und seine Pensionierung zu beantragen, da man unmöglich gegen die Polizei, besonders gegen den Polizeioffizier etwas machen könne. Der Mann zog es vor, sich pensionieren zu lassen. Derselbe Polizeioffizier hat in zwei anderen Städten vor einigen Wochen am Markt verschiedentlich Händler angehalten, wie sie dazu kämen, hier polnisch mit der Kundschaft zu sprechen. Darüber beschwerten sich die Krämer bei ihrer Fachschaft die die Angelegenheit an die Partei weitergab. Das hinderte den Polizeioffizier nicht, auch in einer dritten Stadt in gleicher Weise aufzutreten, da nach seiner Meinung" mit den Polaken hier Schluss gemacht werden muss". Auch in den Instruktionsstunden gibt dieser Offizier den Polizeibeamten Anweisung, dafür zu sorgen, dass nicht so viel polnisch gesprochen werde. Gegen die polnischen Arbeitersportler in Klausberg, Hindenburg und Beuthen wird jetzt von den Behörden sehr scharf vorgegangen. Die Genfer Konvention sei abgelaufen und nun sei es an der Zeit, endlich mit dem" Marxismus" Schluss zu machen. Tatsächlich hat das zu einer solchen Verängstigung der Mit-' gliedschaft geführt, dass die aktive Betätigung der polnischen Arbeitersportler aufgehört hat. A-58 III. Aus der Wirtschaft ===== 1) Die Krise des Vierjahresplans Zwei alarmierende Massnahmen haben in der letzten Zeit weithin deutlich gemacht, dass die Versorgungslage der deutschen Wirtschaft in ein kritisches Stadium getreten ist: Die Gründung der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten" Hermann Göring" und die Verordnung über die Gesamtablieferung und das Verbot der Verfütterung von Brotgetreide. Wir haben bereits im Vormonat(" Die Krise der deutschen Wehrwirtschaft", Heft 6/1937 Teil B) dargestellt, dass der Mangel an Eisen schon jetzt die Fortführung des Vierjahresplanes bedroht und nicht abzusehen ist, woher die Eisenmengen genommen werden sollen, die zum vollen Ausbau der geplanten Ersatzstoffindustrie gebraucht werden. Ein Bericht eines Technikers und Betriebsleiters, den wir vor zwei Monaten an dieser Stelle gebracht haben( Heft 5/1937, Seite A 38 ff) zeigte eindrucksvoll, dass der Rohstoff- und insbesondere aur Eisenbedarf der Wirtschaft infolge der Umstellung auf die Ersatzprodukte viel grösser ist, als der Nichteingeweihte ahnt. Schon in diesem Bericht war darauf aufmerksam gemacht worden, dass die scheinbare Hochkonjunktur in Deutschland zum grossen Teil auf diese Umstellung der Wirtschaft auf die Ersatzstoffe zurückzuführen ist. Diese Auffassung kommt erneut in dem nachstehenden Bericht eines Bankfachmanns zum Ausdruck. Dieser Bericht stellt die Konjunkturängste dar, von denen die deutschen Wirtschaftskapitäne im allgemeinen und die Leitungen der Grossbanken im besonderen beherrscht werden. Die Schilderung ist weit pessimistischer, als wir selbst zur Zeit die Perspekti ve der deutschen wirtschaftlichen Entwicklung sehen, enthält aber eine Reihe zweifellos zutreffender Feststellungen. Vor allem die eine, dass die Steigerung der Erzeugung z.B. eines so wichtigen Grundstoffes wie der Kohle nicht als Symptom einer echten Konjunktur zu werten ist, sondern als Folge des forcierten Ausbaus der synthetischen Industrie, also der vom Staat ins A-59Werk gesetzten und zum grossen Teil auch finanzierten Sonderkonjunktur des Vierjahresplans: Die meisten Zahlen der deutschen Konjunkturstatistik sind zwar nicht gefälscht, müssen aber notwendigerweise von jedem Nichteingeweihten falsch gewertet werden. So ist z.B. die Steigerung der Kohlenerzeugung durchaus nicht, wie man gemeinhin annehmen sollte, als ein besonders günstiges Konjunktur symptom zu betrachten. Zwar ist im Ruhrbergbau die Förderung auf einem neuen Höchststand angelangt, aber es machen sich eben auch die ersten Anzeichen einer Kohlenknappheit geltend, die für die weitere Entwicklung sehr gefährlich ist. Die ausgedehnte Verhüttung inländischer Erze, die Treibstoff- und Kautschuksynthese u.a. bedingen einen Mehrbedarf an Kohle, der auf etwa lo Millionen Tonnen jährlich geschätzt wird. Das entspricht der normalerweise im deutschen Kohlenbergbau vorhandenen Reserve. Schon jetzt ist der Kohlenbergbau gezwungen, zur Befriedigung des gesteigerten Bedarfs bisher weniger gefragte Kohlen heranzuziehen. Das Kohlenkontor errichtet eine neue grosse Brechanlage, um sogenannte grobe Nüsse zu brechen. Das verteuert die Produktion, ausserdem sind aber die technischen Einrichtungen der Kesselanlagen fast immer auf bestimmte Kohlensorten eingestellt und müssen nun z.T. geändert werden. Der Kohlenbedarf der neuen chemischen Industrie ist aber noch lange nicht auf dem Höhepunkt angelangt. Es ist damit zu rechnen, dass der forcierte Ausbau dieser synthetischen Industrie den Kohlenmangel in anderen Industrien so steigern wird, dass er, wie die Knappheit an anderen Rohstoffen, diese sozusagen materielle Grenze der Konjunktur, die sich jetzt schon überall zeigt, noch verengern wird. Die Steigerung der Kohlenproduktion, soweit sie auf die Entwicklung der synthetischen Industrien zurückgeht, ist also nicht als normales Konjunkturzeichen zu werten, sondern höchstens als Zeichen einer Sonderkonjunktur. Soweit die erhöhte Kohlenerzeugung aber eine Folge des vermehrten Kohlenverbrauchs für die Verhüttung armer inländischer Erze ist, muss man sie sogar als Beweis gegen die Gesundheit dieser Konjunktur werten. Die Verhüttung inländischer Erze ist ja gerade ein Zeichen der deutschen Wirtschaftsschwierigkeiten und ein Menetekel der Grenzen, auf die die deutsche Binnenkonjunktur zwangsläufig stösst. Ebensowenig ist die Steigerung der Roheisenerzeugung und der Elektrizitätserzeugung ohne weiteres als Beweis für die gute Konjunktur zu betrachten. Die Steigerung des Elektrizitätsverbrauchs ist zu einem erheblichen Teil darauf zurückzuführen, dass für den Bau der neuen Industrien und für diese Industrien selber erhebliche Mengen Elektrizität gebraucht werden. Diese Elektrizität gehört aber zu den Unkosten der deutschen Ersatzstoffindustries Erst, wenn es gelungen sein sollte, diese Ersatzstoffindustrien rentabel zu gestalten, haben sie selbst eine echte Konjunktur und erst dann könnte A-60auch der gesteigerte Elektrizitätsverbrauch als Konjunkturzeichen gewertet werden. Aehnlich ist es mit der gesteigerten Roheisenerzeugung. Sie ist zum grossen Teil durch den umfangreichen neuen Maschinenbedarf hervorgerufen, der dadurch entstanden ist, dass erstens die neuen Industrien natürlich einer neuen Ausrüstung bedürfen, zweitens aber die alten Industrien, weil sie sich auf Ersatzstoffe umstellen müssen, neue Maschinen brauchen, da die alten den geänderten Bedürfnissen nicht entsprechen. Es handelt sich also auch hier um eine Sonderkonjunktur der Eisenindustrie, die nicht einer Allgemeinkonjunktur der deutschen Wirtschaft entspricht, sondern eine Folge der grossen Umstellung der deutschen Wirtschaft ist. Ob diese Umstellung aber insgesamt einmal rentabel sein wird, das ist die grosse Frage, von der die Bewertung der gegenwärtigen Konjunktur überhaupt abhängt. Zunächst entsteht jedenfalls für die Konsumenten der Eisenindustrie, die sich jetzt neue Maschinen anschaffen müssen, ein erhöhter Abschreibungsbedarf, da ja die alten Maschinen zu einem grossen Teil ausfallen. Selbstverständlich ist für die Eisenindustriellen diese ganze Konjunktur insofern echt, als sie erst einmal ihre Verdienste einheimsen. Das Ganze muss aber zuletzt einmal bezahlt werden. Es ist schliesslich dasselbe Problem wie bei der Rüstung. Wie sehr übrigens neben dem Rohstoffmangel auch der Facharbeitermangel hindernd auf die Konjunkturentwicklung wirkt, lässt sich an dem Beispiel der Samtindustrie im Rheinland zeigen. Dort können jetzt grosse Aufträge nicht in der geforderten Zeit ausgeführt werden, weil es an Facharbeitern fehlt. Zum Teil liegt das daran, dass in den ersten Jahren nach dem Umsturz die Frauen unter Druck aus dem Arbeitsprozess herausgenommen wurden. Jetzt sucht man sie wieder in den Produktionsprozess einzureihen, auch solche, die vorher Ehestandsbeihilfen bekommen haben, damit sie aus dem Produktionsprozess ausscheiden. Jetzt will aber ein Teil der Frauen nicht wieder in den Betrieb zurück; ein anderer Teil, der 1934 bis 1935 arbeitslos war, hat inzwischen in anderen Industrien Unterkunft gefunden, so dass es jetzt ausserordentlich schwer ist, die notwendigen Facharbeiterinnen heranzuziehen. Erschwert wird die Beschaffung der Arbeitskräfte ausserdem durch die Regulierung des Arbeitseinsatzes, die, obwohl sie auf dem Papier sehr nach Planmässigkeit aussieht, in Wirklichkeit ganz planlos geschieht. Heute werden Leute umgeschult aus Berufen, die im Augenblick gerade nicht so gesucht werden, um morgen in diesem Beruf zu fehlen. Zum Beispiel werden Schuhmacher in einigen Orten auf den Sattlerberuf umgeschult. Bei einem Ansteigen des deutschen Verbrauchs ist aber bestimmt mit einem Mangel an Schuhmachern zu rechnen. Das Ansteigen des deutschen Verbrauchs muss einsetzen, sobald es überhaupt gelingen sollte, die jetzige deutsche Sonderkonjunktur in eine organische Konjunktur umzuwandeln. Man könnte mehrere solcher Beispiele anführen. Die massgebenden Kreise der deutschen Wirtschaft sehen die A- 61Problematik der ganzen Entwicklung sehr genau. Von den Banken wird daher schon vor unüberlegten Kapazitätserweiterungen gewarnt. Wenn auch der gegenwärtige Auftragsbestand sehr oft eine Erweiterung angebracht erscheinen liesse, zumal auch eine restlose Ausnutzung der vorhandenen Kapazität nicht immer dem Rentabilitätsoptimum entspricht, so müsse eben doch überlegt werden, wie die Lage nach Beendigung dieser Umstellungs- Sonderkonjunktur sein würde. Die vielen Fälle, in denen heute schon Betriebe in der Durchführung von Aufträgen durch Rohstoffmangel behindert sind, werden von den deutschen Banken mit immer grösserer Sorge registriert. Bis jetzt zeigen sich noch keine gangbaren Wege, um die materiellen Grenzen, auf die die deutsche Konjunktur immer bedenklicher stösst, so auszuweiten, dass auch nur der bisherige Stand der Produktion gesichert würde. Die vielen Mahnungen, den Anschluss an die Weltwirtschaft zu finden-wobei unter den gegebenen deutschen Bedingungen an einen Abbau der" Vierjahresproduktion" nicht gedacht werden kann- sind als der Versuch Deutschlands anzusehen, möglichst viele andere Länder, speziell die kleineren, in die Eigenart der deutschen Entwicklung einzubeziehen und dabei gleichzeitig einen Teil des Risikos der deutschen Entwicklung auf diese Länder abzuwälzen. So sind auch besonders die Versuche einer Bindung der jugoslawischen und neuerdings der österreichischen Wirtschaft an die deutsche zu betrachten. Das Misstrauen der Banken gegen die Konjunktur zeigt sich auch darin, dass die neuen Industrieanlagen im Rahmen des Vierjahresplanes, die jetzt eine Anfangsfinanzierung durch die letzten Ausgaben von Industrieobligationen erhalten haben, nach Auffassung der Banken später im wesentlichen vom Reich finanziert werden sollen. Die Banken haben beim Reich interveniert, dass der freie Kapitalmarkt zur Finanzierung dieser " Vierjahresplanindustrien" möglichst nicht herangezogen werden soll. Wie das Reich sich die Finanzierung denkt, lässt sich etwa aus der Art schliessen, wie jetzt die Buna- Produktion finanziert wird, nämlich durch Erhöhung der Zölle. Im ganzen muss man auf Grund dieser Feststellungen zu der Ansicht kommen, dass die Anzeichen mehr für einen Rückgang der jetzigen deutschen Konjunktur, hervorgerufen durch den Materialmangel und durch das allmähliche Nachlassen der besonderen Umstellungsfaktoren sprechen als für eine Umwandlung in eine echte Konjunktur. 2) Die Rohstoffnot a) Eisen und Nichteisenmetalle Der Eisenmangel hat sich in der letzten Zeit weiter zugespitzt, nicht zuletzt deshalb, weil der Versuch, der Eisenknappheit durch eine Regelung des Eisenmarktes Herr zu werden, weitgehend A- 62missglückt ist. Nach dieser Regelung( über die wir in Heft 5/1937, Seite A 48 ff eingehend berichtet haben) sollte die Verteilung des Eisens auf Grund einer Rangordnung der Dringlichkeit erfolgen, wobei dem Export und dem" national wichtigen Investitionsbedarf" der Vorrang eingeräumt wurde. Diese Vorrangstellung ist aber, vor allem wohl von der Wehrmacht, durch übermässiges Ueberschreiten der Kontingente ausgenutzt worden. Die minder bevorzugten Eisenverbraucher haben dagegen so schlecht abgeschnitten, dass z. B. der Maschinenbau im April und Mai nur die Hälfte des für ihn bestimmten Kontingents zugewiesen bekommen konnte. Um der übermässigen Lagerbildung zu steuern, wird eine genaue Erhebung über die Lagerbestände durchgeführt. Auf Anordnung Görings wurde jeder, der am 30. Juni 1937 über einen Lagerbestand von mehr als 10 Tonnen Eisen- und Stahlmaterial verfügte, verpflichtet, diesen Bestand bis zum 15. Juli der Ueberwachungsstelle für Eisen und Stahl zu melden. Weitere Einschränkungen des Eisenverbrauches sind angeordnet worden. So bestand seit etwa 1/2 Jahr eine Anzeigepflicht für Bauvorhaben von einer bestimmten Summe der dafür vorgesehenen Arbeitslöhne an( siehe Heft 3/1937, Seite à 96/97). Nunmehr ist die Anzeigepflicht für alle öffentlichen und privaten Bauvorhaben vorgeschrieben, bei denen mehr als 2 Tonnen Baueisen verwendet werden. Damit soll das Ziel der Einsparung von Baueisen besser erreicht werden. Selbst die bevorzugten Vierjahresplanbauten müssen, bevor sie ausgeführt werden, von zwei Amtsstellen, vom Chef des Rohstoffamtes für Industriebauten und vom Leiter der Geschäftsgruppe Arbeitseinsatz für Wohnbauten, genehmigt sein. Die Erzeugung und Verwendung von Muffendruckrohren aus Gusseisen und von Abflussrohren ist zum Zwecke der Einsparung von Eisen Beschränkungen unterworfen worden. Sie dürfen nur noch in vorgeschriebener Wandstärke hergestellt werden. Für bestimmte Verwendungszwecke ist die Verlegung von Eisen-, Stahl- und Eisenbetonrohren verboten. Hatte man sich bisher darauf beschränkt, den Eisenmangel A- 63E A E durch Rationierung des Verbrauchs zu mildern, so versucht man mit der Gründung der Reichswerke A.G. für Erzbergbau und Eisenhütten" Hermann Göring" dem Problem von der Seite der Erzeugung her beizukommen. Die Gesellschaft, die unter Führung des Reiches steht, hat die Aufgabe, Eisenerzvorräte zu erschliessen und auszunutzen. Ins Auge gefasst sind zunächst die Erzvorkommen in Südwestdeutschland und im Harz, die bisher nur zum kleinen Teil erschlossen sind, weil sie wegen ihres geringen Eisengehalts von durchschnittlich weit unter 30%( z.T. nur 9 bis 12%) zu kostspielige Aufbereitungsarbeiten erforderlich machen. 1927 hatte der Anteil des deutschen Eisenerzes am Eisenerzverbrauch etwa ein Achtel betragen, 1936 nach amtlicher Angabe ein Sechstel. Die Knappheit von Eisen hat zur Folge, dass auch Mangel an Motoren und ihren Bestandteilen herrscht. Es ist jetzt eine besondere Meldepflicht für Motorenverkäufe eingeführt worden, über die der nachstehende Bericht interessante Aufschlüsse gibt. Berlin: Der Handel mit Motoren untersteht einem strengeren Ueberwachungssystem als im Kriege. Dabei ist die Kontrolle ausserordentlich bürokratisiert und lähmt jede Geschäftstätigkeit. Will jemand einen kleinen oder grossen Motor verkaufen, so muss der Verkauf bei der Fachschaft Eisen und Metall angemeldet werden. Es gibt grosse vierseitige Fragebogen. Die Ausfüllung übernimmt meist schon der Händler. Der Händler nimmt den Motor mit in seine Werkstatt, bringt ihn auf den Prüfstand und muss nun warten, bis ein Prüfungsingenieur von der Fachschaft geschickt wird. Die Fachschaft überträgt Prüfungen sehr oft auch Studenten. Der Motor muss vor dem Prüfer laufen, der Prüfer macht seine Notizen auf den Fragebogen und der Fragebogen wird an den Verkäufer geschickt, der auf alle Fälle zunächst einmal 2,- RM pro loo Mark Verkaufssumme für die Prüfung zahlen muss unabhängig davon, ob der Motor überhaupt verkauft wird oder nicht. Das Bestreben des Händlers ist, ein Gutachten zu erlangen, das die Verschrottung des Motors gestattet. Der Händler hat das grösste Interesse an der Verschrottung des Motors, da er mehr herausholen kann, wenn er die Teile einzeln verkauft, als er für den ganzen Motor erzielen würde. Das ist eine unmittelbare Folge des Rohstoffb hungers. Der eigentliche Sinn der Prüfungen ist, eine genaue Registrierung der Motoren vorzunehmen und gute Motore der kriegswichtigen Industrie zuzuführen. Es ist klar, dass die Händler die Neigung haben, das Funktionieren des Motors durch, sagen wir einmal, weniger gute Pflege zu erschweren, um die b A- 64Verschrottungserlaubnis zu erhalten. Ausserdem scheint teilweise bereits ein recht intimes Verhältnis zwischen den Prüfern und den Händlern sich herausgestellt zu haben. Wenigstens wurden im April die Berliner Händler Kurt Menzel, Heinrich Kessel und Otto Becker zu Geldstrafen von je 5.000,-RM verurteilt, weil sie den Prüfern" Spenden" zukommen liessen. Es ist jedoch nichts darüber bekannt, dass die Prüfer bestraft worden sind. In ein ähnliches Verfahren ist die Grosshandelsfirma Kellermann, Berlin, Blücherstrasse, die mit Kugellagern handelt, verwickelt worden. Die Firma hat alte Lager aufgekauft, sie poliert und dann als neue weiterverkauft. Sie ist zu 20.000,- RM Geldstrafe verurteilt und ausserdem ist ihr das Recht entzogen worden, sich an Heereslieferungen zu beteiligen. Diese Lieferungen darf sie jedoch nach drei Monaten wieder aufnehmen, wenn sie eine Sondersteuer von 50.000,- RM zahlt. Ueber den Mangel an Eisen und Nichteisenmetallen und seine Wirkungen liegen folgende Berichte vor: Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Der Betriebsleiter einer Fabrik für Messgeräte usw. ist wegen der weiteren Entwicklung sehr besorgt. Bis 1934 wurde rund die halbe Produktion des Werks exportiert. Jetzt macht der Export nur noch 3 Prozent der Produktion aus. Dabei könnte das Werk an sich heute noch mehr exportieren, wenn es seine Produktion erweitern könnte. Das scheitert aber am Materialmangel, in zweiter Linie auch an Arbeitermangel. Ein anderer Spezialbetrieb( Pumpenfabrik) hatte seine Belegschaft seit 1933 auf etwa das Dreifache vermehrt. Bis 1933/34 hat der Betrieb drei Viertel seiner Produktion exportiert. Seitdem ist der Export mehr und mehr zurückgegangen; dafür erhielt der Betrieb aber grosse Heeresaufträge, die ihm die grosse Vermehrung der Belegschaft gestattete. Šeit Anfang 1937 mussten jedoch umfangreiche Entlassungen vorgenommen werden, so dass die Belegschaft am 1. Mai 1937 nur noch 160 Mann zählte. Hauptgrund für die Entlassungen waren Materialmangel. Ausserdem liessen die Heeresaufträge langsam nach und konnten nicht durch Exportaufträge ersetzt werden. 2. Bericht: Wie hemmend sich der Rohstoffmangel auf den Export auswirkt, dafür ein Beispiel aus einem kleineren Betrieb, der Kugelgelenke baut. Für den Betrieb liegen Auslandsaufträge vor, die nicht ausgeführt werden können, weil das Rohmaterial fehlt. Ausserdem müsste der Betrieb für die Ausführung der Aufträge etwa 120 Arbeiter neu einstellen. Alle Versuche des Chefs, Material zu bekommen, sind trotz Hinweis auf die Devisenerlöse und auf die Mehreinstellung von Arbeitern bis jetzt gescheitert. Der Betrieb findet auch keinen Anschluss an die Rüstungskonjunktur, weil andere Firmen für diese Produktion ein A-65Monopol bei der Heeresverwaltung haben und er als Kleinbetrieb nicht die Mengen liefern kann, die Heer und Marine brauchen. Vergrösserung des Betriebs scheitert aber sehr an der Materialfrage. Berlin: Das Kabelwerk Siemens beschäftigte bis Ende Mai 7.530 Arbeiter. Am 1. Juni sind wegen Materialmangels 500 Arbeiter beurlaubt worden und am 11. Juni weitere 500. Den Beurlaubten ist in Aussicht gestellt worden, dass sie ihre Arbeit am 12. Juli wieder aufnehmen könnten. Vorstellungen wegen der Entlassung, um die es sich ja praktisch handelt, hatten keinen Erfolg. Die Betriebsleitung selbst hat sich bemüht, die Entlassungen dadurch zu vermeiden, dass sie Rohmaterial von ihrem Münchner Werk nach Berlin holen wollte. Das ist der Firma aber nicht gestattet worden. Durch den Mangel an Rohmaterial sind grosse Schwierigkeiten in der Auslieferung eingetreten, die sehr wesentlich den Export betreffen. Es liegen Aufträge aus Südamerika, der Türkei und dem Iran vor, die jetzt liegen bleiben müssen. Das Werk befürchtet, dass sie storniert werden müssen. Bei Borsig wird wegen Rohstoffmangels jetzt auch in den Rüstungsabteilungen kurz gearbeitet. Wasserkante, 1.Bericht: Auf den Deutschen Werken befinden sich z.Zt. im Bau ein Flugzeugmutterschiff, ein grosser Tankdampfer für die Marine, acht grosse Zerstörer, acht F.- Boote, ausserdem eine Anzahl U- Boote. Die" Leipzig" ist nach Rückkehr von Spanien ins Dock gegangen. Bei all diesen Arbeiten macht sich der Materialmangel sehr stark bemerkbar. Die Arbeiten schreiten nur langsam fort. Es muss mitunter tagelang ausgesetzt werden, weil besondere Teile fehlen. Teilweise versucht man, den Urlaub der Belegschaft so einzuteilen, dass jeweils die Arbeiter der Abteilungen in Urlaub gehen, die den Betrieb wegen Materialmangel einstellen oder einschränken müssen. An der Helling für den grossen Panzer, der wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres aufgelegt werden soll, wird gebaut, allerdings nur soweit Material vorhanden ist. Auf der Germaniawerft ist ebenfalls Arbeit genug vorhanden. Es liegen hier auf Helling ein Panzer von 28.000 t, ein Flugzeugmutterschiff( wie auf den Deutschen Werken), ein grosses Schnellboot( F, neues Modell), neun U- Boote zu iloo t, zwei Torpedo jäger. Weitere sechs Torpedo jäger liegen im Wasser und machen Maschinenprobe. Auch hier macht sich der Materialmangel immer stärker bemerkbar. Es wird versucht, die Arbeiten soweit wie irgend möglich zu strecken. Entlassungen oder Kurzarbeit sind bisher nicht durchgeführt. 2. Bericht: Eine Fabrik, die Siegelflaschenverschlüsse herstellt, leidet seit langer Zeit unter Materialmangel. Sie bekommt keine grossen Platten zur Herstellung der Flaschenverschlüsse, sondern nur kleine Abfallstücke. Die Folge ist, A-66dass die grossen Stanzen nicht benutzt werden können. Das hemmt die Arbeitsintensität. Bei 4 Ueberstunden täglich wird das frühere Arbeitspensum nicht erreicht. 3. Bericht: Die Handwerksmeister klagen darüber, dass sie Aufträge wegen Materialmangels nicht ausführen können. Andererseits dürfen sie keine Arbeiter entlassen. Schlosser und Malermeister leiden unter Materialmangel, desgleichen die Elektro- Installateure. Sie verwenden ohnehin nur noch Leitungen aus Ersatzstoffen, trotzdem zwingt sie der Materialmangel sehr oft zu Arbeitsunterbrechungen. Glasermeister müssen, wenn sie für Bleieinfassungen oder für die sogenannten Jalousieklappen in den Fenstern Bleirahmen haben wollen, altes Blei abliefern. Klempner müssen altes und gebrauchtes Bleirohr abliefern, wenn sie neues haben wollen. Verzinktes Bandeisen, das die Böttcher benötigen, ist nicht zu bekommen. Das gewöhnliche Bandeisen lagert bei einigen Grosshändlern, die es nach Belieben abgeben können. Die Folge davon ist, dass nur der Handwerker Ware bekommt, der sofort und gut bezahlen kann. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Das Mannheimer Werk von Mercedes- Benz hat wegen Materialmangel in mehreren Abteilungen Kurzarbeit eingeführt. Es wird in der Woche nur 35 Stunden gearbeitet. Nur in den Abteilungen, die für die Rüstung arbeiten, ist Vollbetrieb. Wegen Mangels an Aluminium werden in den Aluminium- Betrieben nur noch Artikel hergestellt, die der Rüstung dienen. Der Bau der Aachbrücke bei Singen wurde eingestellt; die ausführende Freiburger Firma hat ihre Leute entlassen, weil sie kein Eisen bekommen kann. Vielfach wird berichtet, dass selbst kleine Brücken wegen Eisenmangels nicht fertiggestellt werden können. Eine Pumpenfabrik hat strengste Anweisung, ab 1. Juli nur noch für die zum Export bestimmten Maschinen Messing zu verwenden, obwohl ohnehin die Fabrikation von Pumpen sehr eingeschränkt ist. 2. Bericht: Die württembergische Metallindustrie hat zwar viel Aufträge, aber kein Rohmaterial. Es fehlt vor allem an Roheisen, vom Eisenträger bis zum Nagel. Ueberall leere Lager und nicht genügend Nachschub. Auf dem privaten Baumarkt wirkt sich der Mangel an Eisen und Holz besonders stark aus. Die kleinsten Bauvorhaben werden erst nach vielen Wochen genehmigt. Die Bauunternehmer müssen in den meisten Fällen den Weg bis zu den höchsten Stellen persönlich machen. Wenn sie dann mit der Baugenehmigung glücklich zurückkommen, ist mancher Zierteil, manche Veranda, mancher Dachvorba u wegen Rohstoffeinsparung gestrichen. Bayern, 1. Bericht: Die Bayrischen Motoren- Werke( BMW) können in der Flugmotorenabteilung keine Aufträge ausführen, A-67weil es an hochwertigem Stahl mangelt. Die Firma hat die Lizenz zum Bau des amerikanischen Hornetmotors erworben, kann sie aber nicht verwerten und die Bestellungen darauf nicht ausführen. Im letzten Monat ist zwar keine Entlassung vorgenommen worden, dafür aber in einzelnen Abteilungen die Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden herabgesetzt worden. Zu dem arbeitsfreien Samstag ist nun auch unfreiwillig der" blaue Montag" hinzugekommen. Bei den neuen Automobilen sieht man kaum mehr einen verchromten Bestandteil. Für grosse Omnibusse ist eine Lieferzeit bis zu einem halben Jahr üblich. Die Ausführung von Bestellungen auf Lastwagen dauert 2 bis 3 Monate. Nicht viel besser ist es bei Motorrädern. Die gangbaren kleineren Typen sind im freien Ladenhandel nicht zu haben. BMW- Maschinen werden zur Zeit überhaupt nicht verkauft. Die ganze Motorradproduktion der BMW geht auf Heeresrechnung. Eine Folge dieser Verknappung ist, dass jetzt sehr viele englische Maschinen bei den hiesigen Generalvertretungen bestellt werden. 2. Bericht: Viele Grossbetriebe Oberbayerns haben wegen Rohstoffmangels Arbeiter entlassen. Der Eisenmangel ist so gross, dass schon vor einigen Wochen der Bau einiger grosser Brücken eingestellt werden musste. In Einfamilienhäuser dürfen wegen Mangel an Rohmaterial keine Dampfheizungen eingebaut werden. Vom Stadtbauamt in München werden nur noch ganz selten Baubewilligungen für Einzelfamilienhäuser erteilt. Im Installationsgewerbe wird jetzt zur Herstellung von Röhren sehr häufig der neue Werkstoff Mipolam verwendet, ein chemisches Produkt aus Kohle, Wasser und Kalk. Wasserleitungshähne aus reinem Messing sind kaum aufzutreiben, ebensowenig Blei- und Kupferrohre. 3. Bericht: Siemens- Schuckert in Nürnberg( Gesamtbelegschaft. rund 9.000 Mann) hat 1.500 Arbeiter drei Wochen lang wegen Materialmangel aussetzen lassen. Sie sind dann nach und nach wieder eingestellt worden. Es gibt fast kein Gold mehr für Zahnersatz. Stattdessen wird ein weisses Metall mit einer ganz schwachen Goldlegierung verwendet. Sachsen, 1.Bericht: Die Eisengiesserei in X. und einige andere Maschinenfabriken arbeiten schon seit einiger Zeit kurz. Grund: Materialmangel. Von einer Giesserei mit einer Belegschaft von 120 Mann wurden Anfang Mai 60 Mann wegen Mangel an Zink und Aluminium entlassen. Die übrige Belegschaft setzt wöchentlich zwei Tage aus. Nur die Rüstungsbetriebe werden einigermassen ausreichend mit Rohstoffen versorgt. Einige Abteilungen der DKW- Werke arbeiten schon seit einigen Monaten abwechselnd kurz. Wegen Mangel an Weissblech dürfen Konservenbüchsen aus Blech nicht mehr hergestellt werden. A-682.Bericht: Bei der Herstellung von Musikinstrumenten macht sich der Rohstoffmangel immer stärker bemerkbar. Es fehlt vor allem an Draht für Tasten. Bisher war es üblich, dass für Musikinstrumente Stimmplatten aus Messing verwendet wurden. Da aber auch Messing schwer zu haben ist, erging vor mehreren Wochen die Anweisung, dass nur noch in teure Musikinstrumente Stimmplatten aus Messing eingebaut, für die anderen jedoch nur noch Stimmplatten aus Aluminium oder Weissblech verwendet werden dürfen. Schlesien, 1. Bericht: Die Hegenscheidtwerke-BrückenbauRatiborhammer, arbeiten wegen Materialmangel seit einigen Wochen verkürzt, und zwar an drei Tagen in der Woche. Die Verwaltung kündigte Entlassungen an, falls das aus Berlin angeforderte Material nicht eintrifft. Die Firma hat die Vollendung der Brücke in Richtung Ratibor eingestellt. Eine Firma, die Einrichtungen für Brennerein und Presshefefabriken herstellt, hat Auslandsaufträge, aber es, mangelt sehr stark an Material. In der Hauptsache werden Kupferkessel und-bottiche hergestellt, aber es fehlt an Kupferblech, so dass die Arbeit oft tagelang gestreckt werden muss. Auch an weniger wichtigem Material mangelt es. Zuweilen kann eine Arbeit nicht beendet werden, weil ein Stück passenden Flacheisens nicht aufzutreiben ist, dann wieder hilft man sich mit einem Stück Blech. Ein andermal fehlt Asbestschnur, die zum Abdichten verwendet wird. Putzwolle und Lappen müssen sparsamst verwendet werden; ein Anschlag im Betrieb sagt, dass neues Material nur gegen Ablieferung des alten verbrauchten abgegeben wird. Der Materialmangel veranlasst zu Versuchen mit neukonstruierten Apparaten und neuen Materialien. Im Betrieb wird zur Herstellung von Kupferkesseln ein Eisenblech verwendet, auf das ein sehr dünnes Kupferblech aufgewalkt ist. Die sogenannte Dampf- Maischkolonne( Apparat für Hefefabrikation) wurde bisher aus Kupfer hergestellt. Jetzt hat man einen neuen Apparat aus Gusseisen konstruiert. 2.Bericht: Eine grosse Waggonfabrik hat für den Fall, dass keine Besserung in der Materiallieferung eintritt, Kurzarbeit angekündigt. Oft kommt es jetzt schon vor, dass die Arbeiter im Betriebe herumstehen, weil ihnen zur Fortsetzung einer Arbeit Material fehlt. Vor allem mangelt es an Eisen. Der Betrieb hält Lieferungstermine nicht ein; vorliegende Aufträge können wegen des Materialmangels nicht begonnen werden. Der Betrieb hat fast ausschliesslich Staats- und Heeresaufträge. Eine Elektrofirma hat Kabel bestellt, es wurde ihr eine Lieferfrist von 18 Monaten gestellt. Die gleiche Firma wollte einen Motor beziehen. Die Lieferfirma stellte die Bedingung, dass ein alter Motor zur Ausschlachtung des Kupfers zurückgegeben werden müsse. A-693. Bericht: In der Herminenhütte bei Laband, einem Rüstungsbetrieb, arbeitet seit etwa 3 Wochen die Belegschaft wegen Rohstoffmangel nur drei Tage in der Woche. Die Arbeiter werden damit vertröstet, dass es bald wieder Vollarbeit geben würde. Bisher wurde mit 900 Mann in drei Schichten gearbeitet. Ein Bauunternehmer aus X., der auch an einem Kanalbau beteiligt ist, muss immer wieder aussetzen, weil es besonders an Stabeisen, Holz, Nägeln und Schrauben fehlt. Er hatte Aufkäufer durch ganz Schlesien geschickt, um die fehlenden Materialien zu beschaffen, aber ohne Erfolg. Lieferungstermine von mindestens 6 Monaten wurden zur Bedingung gemacht. Auch beim Bau der Autostrasse Breslau- Gleiwitz- Beuthen werden jetzt wiederholt Feierschichten eingelegt, weil das Material nicht rechtzeitig herankommt. 4. Bericht: Der Material- und Rohstoffmangel wird immer grösser. Siedlungsbauten, die von Staat und Gemeinde gefördert wurden, können nicht fertiggestellt werden. Obwohl die Häuser äusserlich fertig dastehen, können sie nicht bezogen werden, da an der Inneneinrichtung alles fehlt. Es fehlen die elektrischen Lichtleitungen, Waschkessel, Türbeschläge, vor allem auch die Anstriche. Blei und Bleimantelrohre für die Wasserleitungen sind so schwachwandig, dass sie nur einen sehr geringen Druck aushalten. Um dem Uebel abzuhelfen, werden Druckreduzierungsventile eingebaut. Diese, früher aus Messingrotguss hergestellt, sind jetzt nur aus Gusseisen, wodurch die Lebensfähigkeit und das präzise Funktionieren stark herabgemindert wird. In einer Waggonfabrik, in der zurzeit 4.000 Arbeiter. beschäftigt sind, herrscht starker Materialmangel, besonders an Eisen und Kupfer. Das Eisen wird per Auto in kleinen Mengen aus Betrieben in Mitteldeutschland herbeigeschafft, nur um die schon monatelang halbfertigen Eisenbahnwaggons endlich fertigzustellen. b) Andere Rohstoffe Auch auf vielen anderen Gebieten hat die Rohstoffknappheit sich verschärft und damit auch die Neigung zum Hamstern. Es häufen sich daher die Verordnungen, die verhindern sollen, dass durch übermässige Lagerbildung Rohstoffe der Verarbeitung entzogen werden. Lieferung und Bezug bestimmter Materialien werden genehmigungspflichtig, die Lagerbestände anmeldepflichtig gemacht. Der Grosshandel wird bevorzugt. Man will dem Kettenhandel zu Leibe gehen und vor allem dadurch eine möglichst A-70vollkommene amtliche Uebersicht der Lagerbestände und Kontrolle der Lagerbildung erlangen, dass der Handel auf wenige Grossfirmen beschränkt bleibt. Die Massnahmen zur Bekämpfung des akuten jangels sind zugleich Massnahmen zur Vorbereitung der künftigen Kriegswirtschaft. An die Genehmigung durch die zuständige Ueberwachungsstelle sind jetzt gebunden: Lieferung und Bezug von Terpentinerzeugnissen Lieferung und Bezug von Leimleder.( Die Verbraucher von Leimleder sind verpflichtet, monatlich Meldung über Zu- und Abgänge und Lagerbestände zu machen) Der Handel mit zellwollenen Spinnstoffen.( Der Verkauf darf nur an verarbeitende Betriebe, nicht an andere Händler erfolgen. Alle Käufe und Verkäufe müssen der Ueberwachungsstelle gemeldet werden) Alle Betriebe, die pflanzliche oder tierische Oele und Fette zu Mayonnaise, Fisch- und Fleischsalaten verarbeiten. ( Davon sind auch grössere Gastwirtschaften betroffen). Der Verkauf von Därmen von Grosshandel zu Grosshandel ist verboten und nur ausnahmsweise mit Genehmigung erlaubt. Betriee der Fleischwarenindustrie dürfen Därme aus eigener Schla chung nur an den Grosshandel abgeben. Der Hausierhandel mit Dären ist untersagt. Die Darmimporteure und Darmgrosshändler sind verpflichtet, einen Teil des jetzt vorhandenen Materials licht auf den Markt zu bringen, sondern auf Lager zu nehmen, ' um einer auftretenden Verknappung einzelner Darmarten rechtzeiig wirksam begegnen zu können". Zur Regelung des Verkehrs mit Fellen und Häuten ist das Reichsgebiet in 15" Anfallgebiete" eingeteilt. Häute und Felle dürfen us ihnen nur entfernt werden, wenn sie an einen Verarbeiter erkauft worden sind. Dadurch soll" eine bessere Kontrolle über ualität und Preisbildung ermöglicht werden". Verarbeiter düren nur noch von einer Häuteverwertung oder einem Grasshändler aufen. Die Verarbeitung bewollter Schaffelle darf nicht weiter erstärkt werden. Die Ueberwachungsstelle hat die Ermächtigung A-71erhalten, den Verarbeitern Vorschriften bezüglich der Herstellung und Verwertung ihrer Erzeugnisse zu machen. Jede Baumwollfabrik darf eine bestimmte Menge von roher Baumwolle zu Baumwollstoffen verarbeiten. Auf dieses Kontingent wird jetzt auch der in Mischgespinsten enthaltene Anteil an Baumwolle angerechnet. Die Verarbeitungsfrei grenze ist herabgesetzt. Koppelgeschäfte werden bestraft. Ferner ist eine ganze Reihe von Verwendungsverboten und Verwendungsbeschränkungen verfügt worden. Mehr als vier Fünftel aller Kunstharze werden aus Phenol und Kresol hergestellt. Deshalb ist angeordnet worden, dass die im Steinkohlenteer enthaltenen Phenol- und Kresolmengen restlos zu erfassen sind. Die Ausfuhr von Phenol und Kresol ist verboten. Die aus Phenol und Kresol erzeugten Kunstharze, die sogenannte Phenoplaste sollen nur soweit verwendet werden, wie ihre Verarbeitung zur Ersparung devisenkostender Rohstoffe führt. Deshalb ist die Ueberwachungsstelle" Chemie" ermächtigt worden, zu bestimmen, in welchem Umfange Phenoplaste verarbeitet werden dürfen. Die Verwendung von gebleichtem Sulfitzellstoff bei der Herstellung holzfreier Schreib- und Druckpapiere und Kartons ist begrenzt worden. Die Verwendung von Kraftfahrzeugluftreifen an Gespannwagen ist allgemein untersagt. Brauerei- Auslaugpech muss der Aufarbeitung zugeführt und darf nur zur Herstellung von Neupech verwendet werden. Die Verarbeitung von Fischtran zu Le bertran- Emulsions- Mischfutter ist verboten. Die Ueberwachungsstelle für Kautschuk und Asbest ist ermächtigt, die Verarbeitungsmengen zu erhöhen oder herabzusetzen. Dadurch soll die sparsamste und zweckmässigste Verwendung devisenpflichtiger Rohstoffe gesichert werden. Tabak und Tabakextrakt dürfen nur in der von der Ueberwachungsstelle freigegebenen Menge zu Kautabak verarbeitet werden. Die Verarbeitung ausländischer Rohtabake ist auf 80% der 1934 A-72und 1935 durchschnittlich verarbeiteten Menge beschränkt. Für eine ganze Anzahl von Waren, darunter Isolierbänder, Kabel und Leitungen, Kohlepapier, Lacke, darf nur noch inländischer Oel-, Flamm- und Azetylenruss verwendet werden. Die Verarbeitung von Papiergarnen kann für bestimmte Zwecke verboten werden. Zur Ersparung von Papier sind der Verpackungsindustrie Einschränkungen auferlegt worden. Weitere Einsparungen sind bei Postkarten, Geschäftspapieren, Schulheften, Zigarettenpackungen usw. vorgesehen. Für bestimmte Papiersorten sind Beimischungen angeordnet. Um den unproduktiven Verbrauch von Tapetenpapier für die Zusammenstellung von Mustern einzuschränken, darf der Einzelhandel in die Musterkarte für die Verkaufszeit 1938 höchstens 500 Blatt aufnehmen. Die Musterkarte darf 40 x 47 cm nicht überschreiten. Bisher mussten die zur Verpackung von Markenbutter gebrauchten Buttertonnen neu sein. Nun dürfen auch gebrauchte Tonnen benutzt werden. Die Molkereien und Butterhandlungen sind verpflichtet, einmal gebrauchte Tonnen nach ihrer Entleerung den zugelassenen Böttchereien zu den ortsüblichen Bedingungen anzubieten. Der Reichsinnungsmeister des Schuhmacherhandwerks, Hess, erklärte, es müsse eine gewisse Einschränkung der massenweisen Herstellung von Luxus- und Modeschuhen vorgenommen werden, da Leder nur in beschränkten Umfange zur Verfügung stehe und es noch keinen vollwertigen Ersatz für Naturleder bei Fussbekleidung gebe. 2 Fine intensive Propaganda wird für die sparsame Verwendung von Verpackungsmaterial gemacht. Die amtlichen Aufrufe wenden sich nicht nur an die Händler, sondern auch an die Hausfrauen. Sie werden aufgefordert, ihre Einkäufe mit der Einholetasche zu besorgen oder entsprechende Behälter mitzubringen. Ebenso werden öffentliche Ermahnungen an Autofahrer gerichtet, ihre Reifen nicht durch zu schnelles Anfahren und zu scharfes Brem A-73- aea vorzeitig abzunutzen. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten Textilien Rheinland-Westfalen: In der BaUmwoll- und Zellwollspinae- rei besteht Rohstoffmangel. In der Baumwollweberei sind Be- triebselnsebrHnkungen bzw. Arbeitszeiteinaohränkungen wegen Garnmangel erfolgt. Zum Teil konnten Aasfuhraufträge wegen Mangel an Material nicht ausgeführt werden. Sachsen: In der Weberei in I. arbeiten die Leute wegen Materialmangel in der Woche nur noch einen Tag. Als Ausgleich erhalten sie Kurzarbeiter-Unterstützung. Die Teppichweberei in Y., die jetzt noch ca. 600 Personen beschäftigt, arbeitet nur noch an 3 Tagen in der Woche. Sämtliche Chemnitzer Textilbetriebe haben Kurzarbeit eingeführt, hauptsächlich wegen Rohstoff-, teilweise auch wegen Auftragmangel. Bemühungen einzelner Firmeninhaber, bessere Baumwolle zur Verarbeitung zu erhalten, blieben erfolglos. Eine Firma, die darum nachgesucht hätte mit der Begründung, sie wolle ihre Auslandskundschaft ordentlich bedjaten, erhielt die Antwort: wenn sie die Ware nicht für gut genug befinde, so solle sie ruhig darauf verzichten, es gebe genügend andere Firmen, die sieh darum reissen. Nachstehend ein Beispiel für die Pflichtpropeganda, die in dieser oder ähnlicher Form alle Zeitungen für die Zellwollgewebe treiben müssen: A-74Schlesien: In der Textilindustrie ist der Rohstoffmangel geradezu katastrophal. Infolge der vielen Ersatzmittel haben die Weber kaum noch die Hälfte ihres früheren Verdienstes. In der Weberei ist der Arbeiter nicht imstande, mehr als einen Stuhl zu bedienen, da die Fäden infolge ihrer schlechten Qualität ständig reissen. Eine grosse und alte Weberei- und Spinnereifirma in Oberschlesien, in deren Diensten ein grosser Teil der Bevölkerung der Stadt steht, hat die Arbeitszeit auf 36 Stunden herabgesetzt. Sie war in der letzten Zeit vorwiegend mit der Herstellung von Stoffen für Drillichzeug und Strohsäcke beschäftigt. Mangel an Kohstoffen und das Fehlen neuer Heeresaufträge werden als Grund angegeben. In einer anderen oberschlesischen Stadt hat eine Fabrik, die Gummimäntel für die motorisierten Truppen herstellte, wegen Mangel an Rohstoffen den Betrieb schliessen müssen. Sie hatte rund 60 Personen, Männer und Frauen, beschäftigt. Gummi Schlesien: In einem grossen schlesischen Werk sind Lastwagenchassis ohne Gummibereifung hergestellt worden, und zwar laufen diese schweren Chassis auf Holzfelgen und Holzrädern mit Eisenbeschlag. Sie machen einen höllischen Krach, und als kürzlich die ersten 7 Exemplare dieser neuen Erfindung durch die Stadt liefen, staunten die Leute über dieses neuartige Gefährt und hielten sich die Ohren zu. Sachsen: Die Arbeiter, die ihr Fahrrad für ihre tägliche Fahrt zur Arbeitsstätte brauchen, müssen Schläuche und Fahrradmäntel aus sehr schlechtem Material benützen. Sie sind teurer und vor allem sehr kurzlebig. Schon nach zwei bis drei Monaten reissen die Fahrradmäntel an dem Befestigungsreifen durch und können nicht mehr geklebt oder repariert werden, weil sie keinen Halt bieten. Die Bevölkerung wird immer wieder ermahnt, mit allen Gummigegenständen ja recht schonend umzugehen und keinerlei Gummi verderben zu lassen oder zu vernichten. Der Reichsverband der deutschen Industrie hat in einem Rundschreiben aufgefordert, um den Gummi der Autos zn schonen, wieder mehr als bisher die Eisenbahn und Pferdefuhrwerke für Transporte zu benutzen, auch dann, wenn höhere Transportkosten dadurch entstehen. Nordwestdeutschland: Die Reifenknappheit für Lastautos ist so gross, dass sehr häufig Lastautos wegen Reifenpannen und Mangel an Ersatzreifen auf der Chaussee liegen bleiben. Dann muss der Chauffeur telefonisch den nächst erreichbaren Vulkaniseur herbeirufen, der mitunter viele Kilometer weit fahren muss, um das Auto zu erreichen. Die Reparatur kann dann erst in der Werkstatt vorgenommen werden. Das dauert häufig A.-75länger als einen Tag. Während dieser Zeit bleibt dann das Auto auf der Strecke liegen. Hat der Chauffeur verderbliche Ladung, muss ein anderer Wagen der Firma geschickt werden, um die Ware zu übernehmen. Alle Chauffeure sind darüber ärgerlich, zumal alle Kraftwagen der Armee mit vier Qualitätsreservereifen versehen sind. Papier Südwestdeutschland: In den Druckereien ist Mangel an Kunstdruckpapier. Deshalb ist von einigen Druckereibetrieben für die nächste Zeit Arbeitsverkürzung angekündigt. Schlesien: In den Breslauer Druckereien Brehmer& Minuth, Hubert Rosinski und Guttmann wird wegen Papiermangel verkürzt gearbeitet. Für Papierbestellungen vom April ist die Lieferung im Oktober in Aussicht gestellt. Bei einer grossen Papierfabrik in Oberschlesien, die rund 350 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, vollkommen modern eingerichtet und rationalisiert, war 14 Tage lang die Holzbelieferung ausgeblieben. Alle Vorräte sind aufgebraucht. Es wird zur Zeit nur noch mit halber Belegschaft gearbeitet. Wenn nicht bald neue Holzvorräte kommen, muss der Betrieb vorübergehend stillgelegt werden. Leder Südwestdeutschland, 1. Bericht: In der Schuhindustrie werden Kunsterzeugnisse als Innenfutter für die Schuhe verwendet. Das ist natürlich bald zerstört. Die Arbeiter haben mit diesen schlechten Materialien ein schwierigeres Arbeiten. Jetzt schreibt man den Stepperinnen schon vor, wie lang die Fäden sein dürfen. Nicht das kleinste Stück Zwirn soll verloren gehen. Die unvermeidbaren Reste werden gesammelt. In der Schuhindustrie hatten in den letzten Wochen Männer einen Wochenlohn von 8 bis 10 Mark. Die Kurzarbeit nimmt ständig zu. Auch in Kaiserslautern wird in den verschiedensten Werken überwiegend kurz gearbeitet. Um Bankrotte bei den kleineren Schuhfabriken zu verhindern, wurden die grösseren Betriebe bei der Lederzuteilung unter Hinweis auf ihre Vorräte etwas zurückgesetzt. Die Lager_leeren sich aber, und die Grossen sehen mit Schrecken dem Tag entgegen, wo auch sie vollständig von der Zuteilung abhängig sind und ihre Substanz, auf die sie immer so stolz waren, verschwunden ist. Die durch den Rohstoffschwund verfügbaren Kapitalien werden ebenfalls stark angegriffen, weil ja Entlassungen verboten sind. 2.Bericht: Die Schuhfabriken in Tuttlingen/ Württemberg arbeiten seit einem Monat nur noch 30 Stunden in der Woche. Einzelne Abteilungen müssen sogar tagelang aussetzen. Ursache: Mangel an Leder, sonders an feineren Sorten. A- 76Verschiedene Rohstoffe Wasserkante: Leinöl darf von den Malern nur in genau vorgeschriebenen Fällen verwendet werden. Verstösse gegen diese Anordnung können mit Strafen bis zu lo0.000,-- RM geahndet werden. Synthetisches Leinöl ist für die Zubereitung von Farben, obgleich es dreimal so teuer ist wie richtiges, zu verwenden. Die Farben bestehen fast nur aus Ersatzstoffen, sind sehr schlecht und oft überhaupt unbrauchbar. kaum Sachsen, 1.Bericht: Ein Malermeister in X. erklärte, dass die Farben, die sie jetzt verwenden müssten, vollständig " ölfrei" seien. Er habe kürzlich in einer Wohnung einen Fussboden gestrichen, nach zweimaligem Aufwaschen war die Farbe wieder weg, und der alte Fussboden wurde wieder sichtbar. Wenn die Maler eine Wohnung neu streichen, sei bestimmt in einigen Tagen die Farbe wie vom Erdboden verschwunden, so dass niemand mehr eine alte Wohnung neu streichen lasse. 2. Bericht: Der Holzmangel wird hier immer fühlbarer, und im Baugewerbe können aus diesem Grunde angefangene Bauten oft nicht fertiggestellt werden. Vor allem fehlt das Holz für Fussböden. Können die am Bau beteiligten Arbeiter nicht anderweitig beschäftigt werden, so müssen sie inzwischen stempeln gehen. 3. Bericht: In einer Zigarrenfabrik in X. hat schon seit März Kurzarbeit eingesetzt, weil es teilweise keinen Tabak gab, andererseits aber auch, weil die Inland sumsätze bei der Firma seit Mitte 1936 um 24% nachgelassen haben. Eine bekannte Leimfabrik in Y. hat infolge Rohstoffmangel für 12 Wochen Kurzarbeit festgesetzt. Es wird nur noch vier Tage gearbeitet. Die Arbeiter sind darüber nicht allzu böse, denn das Arbeiten mit allerlei Ersatzstoffen aus Abfällen ist höchst gesundheitsschädlich und macht die Arbeit zur Qual. Schlesien: Eine bedeutende Malzfabrik muss ihre Tore schliessen, weil auf Grund der Bestimmung des zweiten Vierjahresplans Getreide nicht mehr zu Kornkaffee verarbeitet werden darf. Bayern, 1.Bericht: In unserer Glasfabrik wurde früher tschechoslowakische Steinkohle zur Erzeugung des bei der Glasbereitung verwendeten Gases benutzt. Jetzt muss statt der tschechoslowakischen Steinkohle deutsche Braunkohle verwendet werden. Diese Braunkohle eignet sich aber für die Gaserzeugung nicht entfernt so gut. Sie gibt kein gleichmässiges Gas. Die in der Braunkohle noch zahlreich vorhandenen organischen Substanzen führen dazu, dass das Gas pufft und knallt, dass die Flamme einmal stark und dann wieder schwach 1st usw. Auf diese Weise kann keine gleichmässige Temperatur ( es wird eine Hitze von 1500 Grad gebraucht) erzielt werden, A- 77und dadurch wird auch das Gas unregelmässig. Bei dickem Glas fliesst das Glas nicht gleichmässig nach, weil die Hitze nicht ausreicht. Das so erzeugte Glas ist minderwertig und kann als sogenanntes Spiegelglas keine Verwendung finden. 2. Bericht; Es wird alles mögliche versucht, um dem Rohstoffmangel zu begegnen. Eine Chemische Fabrik in Nürnberg hat z.B, als Ersatz für Oelfarben ein wetterfestes farbiges Carbolineum hergestellt, das in grossen Blech- Kanistern versandt wird. Jetzt hat jedoch die Blechemballagenfabrik der Chemischen Fabrik mitgeteilt, dass sie nur noch den laufenden Restauftrag erledigen und neue Aufträge voraussichtlich nicht annehmen könne, da man nicht wisse, ob man noch weiteres Rohmaterial erhalte. Man versucht jetzt wieder mehr als früher zur Glasverpackung überzugehen und verwendet anstelle der Blechdosen jetzt in grösserem Umfange Gläser zum Einwecken, da diese wiederholt zu verwenden sind. In der Spielwaren industrie ist vielfach eine Umstellung auf Blechspielwaren anstelle der Blei- und Zinn- Figuren erfolgt. Kürzlich erschien eine neue Verordnung, die es verbietet, für Einzäunungen Holz und Metall zu nehmen. Es sollen anstelle dessen lebende Hecken usw. gesetzt werden. Auch Fahnenstangen dürfen nicht mehr aus Holz oder Metall hergestellt werden. Im Mai dieses Jahres ist in dem grossen Nürnberger Stadtpark der Eisenzaun von mehreren Kilometern Länge abgerissen worden. Das hat einiges Aufsehen erregt, so dass der Bürgermeister im Stadtrat erklärt hat, ein solcher Eisenzaun passe nicht mehr in die heutige Zeit. Ausserdem sei er auch zwecklos, de er" dan liebesdürstigen Pärchen den Zugang zum Park ja doch keine Hindernisse in den Weg stelle." Man nimmt allgemein an, dass der Zaun der Rohstoffnot zum Opfer gefallen ist. Der folgende Bericht schildert die Zustände, die in einer oberschlesischen Kohlenze che durch den Materialmangel eingerissen sind: Infolge des Materialmangels ist die Sicherheit auf den Gruben nicht mehr gewährleistet. Der Verbrauch von Oel und Putzwolle ist eingeschränkt, Alte Putzwolle, Eisenabfälle, alte Schrauben, Späne und alte Kabel aus abgebauten Stollen müssen gesammelt und abgeliefert werden. Da nicht genügend und nur schlechtes Oel zur Verfügung steht, kommen häufig Motorendefekte vor. Im Betrieb ist an der Förderanlage ein Motor verbrannt, der Ersatzmotor ist seit Wochen im Betrieb, ein zweiter Motor ist inzwischen nicht angeschafft worden, der alte nicht repariert, so dass bei einem neuen Motorendefekt die Förderung stillge A- 78legt werden müsste. Durch elektrische Motoren betriebene Rutschen füllten in einer bestimmten Zeit 60 Wagen; diese eistung wurde für die gleiche Zeit auf 120 Wagen gesteigert.. Jetzt muss man auf die alte Leistung zurückgehen, da die Motore überbeansprucht und neue nicht zu beschaffen sind. In einer benachbarten Grube wurde bei der Förderanlage ein Motor unbrauchbar. Da man keinen Ersatz schaffen konnte, wurde der Motor der stillliegenden Ersatzpumpanlage abmontiert und bei der Förderung verwendet. Seit Wochen ist kein Ersatzmotor an die Pumpanlage angeschlossen. Wenn der bei der Pumpanlage arbeitende Motor aussetzt, kann diese nicht weiter betrieben werden. Bei Wassereinbruch in die Grube besteht dadurch nicht die Möglichkeit, durch Ingangsetzen der zweiten Pumpe ein erhöhtes Abziehen des Wassers zu bewerkstelligen. Die Belegschaft ist also in ständiger erhöhter Lebensgefahr. Neue elektrische Leitungen werden in den Gruben kaum noch gelegt. Es wird meist Altmaterial verwendet, Bruchstellen werden immer und immer wieder geflickt. Die Sicherheit wird immer geringer. Infolge dieses Raubbaus und der durch Materialmangel verursachten Herabsetzung der Leistungsfähigkeit der Betriebsanlage muss die Förderung zurückgehen. Genaue Unterlagen über die Unfallziffern, die teilweise auch infolge des in den Gruben üblichen Antreibesystems steigen, sind schwer zu beschaffen, da die Unfälle vor der Belegschaft verheimlicht werden. Selbst die Beerdigungen macht man nicht bekannt. Aber die Unfallziffer muss sehr hoch sein, denn die Lazarette sind so überfüllt, dass normal Erkrankte in auswärtige Krankenhäuser verbracht werden müssen. DER ALTW ENHANDLER HOLT DIE HITLER JUGEND Tuben Metallfolies Silberpapier Flelchenkaplek Lumpen lomio Altpapier der A Altmetall Abfülle von Kupfer, Bronze, Aluminium, Blet, Zinn, Zink, Melling, Stahl Halen und Kaninchenfella Mide werden DIE SCHULJUGEND Knochen Sommelingee Dienstag& Freling Das Sammeln von Altmaterialien, über das bereits im Januar ( Heft 1/1937, Seite A 72 ff.) und im März( Heft 3/1937, Seite A 111 ff.) berichtet worden ist, wird mit unvermindertem Eifer fortgesetzt. Das nebenstehende, im" Völkischen Beobachter" veröffentlichte Bild zeigt anschaulich die Arbeitsteilung, die für die Altstoffsammlung vorgeschrieben ist. Die wertvollen Stoffe werden von den Altwarenhändlern gesammelt, die jetzt eine besondere, von der N.S.D.A.P. A-79ausgehändigte Armbinde tragen müssen. In der Zeit vom 8. bis 16. Juni wurde von der NSDAP und ihren Gliederungen eine Sammlung von Altpapier durchgeführt. Aus Oberschlesien ist uns die nachstehende Aufforderung der NSDAP zugegangen: NSDAP Ortsgruppe Hindenburg P. Siedlung Süd Hindenburg Oberschl., den 11.5.1937 Kleiststr. 9 An alle Volksgenossen des Ortsgruppenbereiches Siedlung- Süd Betr. Altmaterialiensammlung! Am Sonnabend, den 15.d.Mts. nimmt die NSDAP Ortsgruppe Hindenburg Siedlung- Süd im Laufe des Nachmittags eine Grossammlung von Altmaterialien im gesamten Ortsgruppenbereich vor. Jede einzelne Familie wird von SA- Männern, Politischen Leitern usw. aufgesucht. Es wird gesammelt: Eisen, Aluminium, Blei, Zink, Kupfer, Messing, Altpapier, Stoffreste, Lumpen jeglicher Art und Altgummi. Ich bitte noch bis dahin recht tüchtig zu sammeln, damit ein 100% iger. Erfolg zu verzeichnen sein wird. Heil Hitler! gez.Stachon, Ortsgruppenleiter i.V. Sachsen, 1.Bericht: Alles, was man sich nur denken kann, wird gesammelt, angefangen von Lumpen, Papier, Blechdosen, Tuben, Knochen bis zu Küchenabfällen. Ja selbst der Fettrand, der sich beim Geschirrabwaschen am Rand des Beckens absetzt, soll mit Zeitungspapier entnommen und gesammelt werden. Er soll angeblich zur Herstellung von Schuhcreme Verwendung finden. Wenn das so weiter geht, wird aber auch der Fettrand vom Geschirrwasser bald verschwinden, denn alles wird schlechter und minderwertiger. Die Milch brennt beim Abkochen stets an, weil ihr das Fett entzogen ist, die Butter enthält viel Salz und Wasser und ist lange nicht mehr so ergiebig. Die Kinder sind beim Sammeln sehr eifrig am Werk und wollen einander überbieten, da die einzelnen Schulen für die Höchstleistung prämiiert werden. So wurde in einem Schrebergartenverein der Verlust einiger Wasserhähne bemerkt, und es stellte sich heraus, dass Jungens in ihrer Sammelwut die Wasserhähne einfach abgeschraubt und in die Schule mitgenommen hatten. Im Zusammenhang mit der Sammlung von Abfällen wird den Kindern in der Physik- Stunde dann erläutert, was man aus diesem oder jenem gewinnen kann. Es werden sogar Experimente gemacht. Z.B. wurde aus Knochen Leim hergestellt und Fett ge A-80wonnen. Von solchen Experimenten sind die Kinder natürlich begeistert und werden dadurch immer wieder von neuem zum Sammeln angeregt. 2.Bericht: Bisher häuften sich die Anordnungen, alles mögliche zu sammeln; jetzt wird immer wieder verkündet, was nicht mehr gesammelt werden soll. Konservenbüchsen wurden zunächst in grossen Massen gesammelt, dann stellte sich wahrscheinlich ihre Nutzlosigkeit heraus. Die Stadt Annaberg fuhr in den ersten Apriltagen ganze Autoladungen voll Konservenbüchsen wieder auf den Abfallplatz. Die Bevölkerung sieht den Unsinn und schüttelt die Köpfe über die Widersinnigkeit. Südwestdeutschland, 1.Bericht( Baden): Es vergeht keine Woche, in der nicht in allen Haushalten nach Altmetall, Altpapier, Lumpen usw. gesucht wird. In einzelnen Städten wird die Entrümpelung der Speicher folgendermassen durchgeführt: Der Luftschutzwart des betreffenden Bezirkes kommt mit einigen höheren Funktionären des Luftschutzbundes, um zu kontrollieren. Befinden sich Papier, alte Kleider, alte Teppiche usw. auf dem Speicher, so wird dem Besitzer nahegelegt, sie abzugeben. Am Tage nach der Besichtigung kommt schon ein Fahrzeug, um alles, was nur noch einigermassen zu verwerten ist, abzuholen. Der Betrag, der dann dafür ausgesetzt wird, wird der Volkswohlfahrt gutgeschrieben. Selbstverständlich werden am liebsten Alteisen und sonstige Metalle mitgenommen. In Karlsruhe meinte ein Hausbesitzer, dass dieses Alteisen doch nicht feuergefährlich wäre. Hierauf die prompte Antwort, dass es aber die Löscharbeiten behindere. 2.Bericht( Pfalz): Mit der Begründung, es habe sich bestimmt wieder überall genügend Gerümpel angesammelt, ist eine neue Entrümpelungsaktion angeordnet worden. Es wird ausdrücklich aufgezählt, was alles zur Unterstützung des Vierjahresplans gefunden werden soll. Selbstverständlich wissen die Leute, dass es auch auf die Entdeckung von Hamsterware abgesehen ist und ihre Sorge, wie diese beiseite schaffen, ist grösser als die des Hamsterers zur Zeit des Krieges. Während der Entrümpelung müssen auch die Keller nachgesehen werden. 3) Aus der Exportwirtschaft In welchem Grade die deutsche Ausfuhr der amtlichen Reglementierung unterliegt, zeigen anschaulich die nachstehenden Originalkopien aus dem Nachrichtendienst der Deutschen Bekleidungsindustrie. Ende April ist die Meldepflicht auch für diejenigen Ausfuhrgeschäfte eingeführt worden, für die das Zusatzausfuhrverfahren( die Gewährung von Exportzuschüssen, abgekürzt ZVA) A-81nicht in Anspruch genommen wird. Ueber dieses Meldeverfahren entnehmen wir dem Nachrichtendienst der Bekleidungsindustrie: NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 11 14.5.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 48 Streng vertraulich! Betr.: Anordnung einer Meldepflicht über abgeschlossene, bisher den Brüfungsstellen nicht gemeldete Ausfuhrgeschäfte Auf Grund von§ 34 des Gesetzes über die Devisenbewirtschaftung( Devisengesez) vom 4. Februar 1935( RGBI. I. S. 106) in der Fassung der Verordnung über die Einführung der Gesetzgebung über die Devisenbewirtschaftung und den Zahlungsverkehr mit dem Ausland im Saarland vom 23. Februar 1935- RGBI. I. S. 278- und des Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die Devisenbewirtschaftung vom 1. Dezember 1936( RGBl. I, S. 1000) wird angeordnet: § 1 1. Vom 1. Mai 1937 ab haben die Ausführer alle abgeschlossenen Ausfuhrgeschäfte, die den für den Bereich der Wirtschaftsgruppen der Reichsgruppe Industrie zuständigen Prüfungsstellen bisher nicht gemeldet wurden, entweder fortlaufend oder monatlich gesammelt spätestens bis zum fünften Tage des folgenden Ralendermonats zu melden. Soweit bereits eine Meldepflicht angeordnet ist, wird sie hierdurch nicht berührt. 2. Die Vorschriften in§ 10 und§ 12 der Durchführungsverordnung zum Gesez über die RGBI. I. S. 114 in der Fassung der Devisenbewirtschaftung vom 4. Febrúar 1935 Verordnung über die Einführung der Gesetzgebung über die Devisenbewirtschaftung und den Zahlungsverkehr mit dem Ausland im Saarland vom 23. Februar 1935- RGBl. I. S. 278, der Zweiten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Devisenbewirtschaftung vom 24. Juli 1935 RGBI. I. S. 1046 und der Sechsten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Devisenbewirtschaftung vom 28. Oktober 1936- RGBl. I. S. 930 finden entsprechende Anwendung. §2 Meldungsvordrucke sind von den für die Ausführer zuständigen Prüfungsstellen zu beziehen, die mit näheren Anweisungen über die Durchführung des Meldeverfahrens versehen sind Der Reichswirtschaftsminister Berlin, den 29. April 1937 J. A.: gez. Brinkmann. A-82NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 68 Lieferung 12 31.5.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe Ausfuhrförderung und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsinduftrie Ordnungsziffer 13 Seite 49 Streng vertraulich! Betr.: Anordnung einer Meldepflicht über abgeschloffene bisher den Brüfungsstellen nicht gemeldete Ausfuhrgeschäfte Im Nachrichtendienst Lieferung 11 vom 14. Mai 1937 hatten wir Ihnen von der obenerwähnten Anordnung Kenntnis gegeben. Aus zahlreichen Buschriften müssen wir jedoch ersehen, daß viele Mitglieder diese Anordnung falsch verstanden haben. Es sind der Prüfungsstelle auf den neuen roten Meldeformularen ausschließlich diejenigen Geschäfte bekanntzugeben, für die das Zusagausfuhrverfahren nicht in Anspruch genommen wurde. Dagegen sind alle Auslandsgeschäfte, für die das Zusahausfuhrverfahren beantragt und bewilligt wurde, der Prüfungsstelle nicht zu melden. Wir bitten um peinlichste Beachtung dieser Bestimmungen, damit doppelte und Fehlmeldungen vermieden werden. Die bisher für Meldungen an die Prüfungsstelle verwandten Formulare sind ungültig. Zu verwenden ist ausschließlich der neue rote Meldebogen. Eine einzige Ausnahme bildet Palästina.( Siehe Nachrichtendienst, Lieferung 7 vom 22. 3. 37, Ordn.- 8iffer 13, S. 30.) NACHRICHTENDIENST Der Deutfchen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 14 5.7.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 61 Streng vertraulich! Betr.: Meldepflicht über abgeschlossene, bisher den Prüfungsstellen nicht gemeldete Ausfuhrgeschäfte In Ergänzung bzw. Erläuterung der Veröffentlichung im Nachrichtendienst, Liefg. 11, vom 14. Mai 1937, Ordnungsziffer 13, S. 48, und Liefg. 13, vom 15. Juni 1937, Ordnungsziffer 13, S. 52, wird bekanntgegeben: A- 831. Wenn mehrere Einzelgeschäfte auf einem Vordruck zusammen gemeldet werden, so dürfen sie nicht aus verschiedenen Monaten stammen, sondern jeweils nur aus dem Berichtsmonat. 2. In den Meldungen ist ausnahmslos der Ausfuhrerlös in fakturierter Währung und der Ausfuhrwert in Reichsmark anzugeben. 3. Die Meldungen selbst und auch die Anlagen sind uns einfach zureichen. nicht doppelt ein4. Reine Durchfuhr-( Transit-) Geschäfte sind nicht zu melden. 5. Grundsätzlich ist für die abgeschlossenen, nicht geförderten Ausfuhrgeschäfte der Ausführer meldepflichtig. Wer Ausführer ist, bestimmt§ 12 der Durchführungsverordnung zum Devisengesetz vom 4. Februar 1935; d. h. der zur Abgabe der ExportvalutaErklärung Abschnitt A verpflichtete Ausführer hat auch die Meldung zu erstatten( vgl. auch§ 13). Erfolgen also Lieferungen an das Ausland über einen Kommissionär, so ist dieser für die Geschäftsabschlüsse meldepflichtig. Um Doppelmeldungen zu vermeiden, hat jedoch der Kommissionär, der bekanntlich selbst keine ZA- Anträge stellen darf, nur Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 14 5.7.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 60 die abgeschlossenen Ausfuhrgeschäfte zu melden, für die der Hersteller oder Zulieferer nach seiner Renntnis das ZAV. nicht in Anspruch nimmt; dies wird in der Regel aus der Preisstellung zu erkennen sein. Ist sich der Kommissionär aber nicht im klaren darüber, ob der betreffende Geschäftsabschluß eine Förderung im ZAV. erfährt, ſo wird er auch in diesen Zweifelsfällen die Meldung abzugeben haben, und zwar unter ausdrücklicher Angabe der Hersteller- oder Zuliefererfirma.. Ferner ist zu berücksichtigen, daß der Kommissionär bei allen geförderten Ausfuhrgeschäften bei der Beschaffung der Ablieferungsbescheinigung( Dego- ZA- Vordruck Nr. 3a) für den Hersteller mitzuwirken hat. In diesem Falle hat er gegenüber seiner zuständigen Reichsbankanstalt den Nachweis über den Eingang des Ausfuhrerlöſes zu führen, damit der Hersteller den Verlustausgleichbetrag von der Deutschen Golddiskontbank ausgezahlt erhalten kann. Hat der Kommissionär irrtümlicherweise ein solches Ausfuhrgeschäft ursprünglich für nicht gefördert angesehen und entsprechend Meldung erstattet, so kann er diese Meldung gegenüber der Prüfungsstelle bei Erhalt der Ablieferungsbescheinigung nachträglich zurückziehen. Vorstehende Ausführungen gelten sinngemäß auch bei Ausfuhrgeschäften, die von einem nichtantragsberechtigten Eigenhändler oder von einer Herstellerfirma durch Vermittlung eines Handelsvertreters( Exportagenten) abgeſchloſſen werden. A-84Mit dem Zusatzausfuhrverfahren selbst beschäftigen sich die nachstehenden Verlaut barungen der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie. Sie lassen erkennen, welche Schwierigkeiten dem deutschen Aussenhandel heute bei der Kalkulation, bei der unterschiedlichen Behandlung der einzelnen Länder, bei der Einziehung der Exportförderungsabgabe usw. gemacht werden. NACHRICHTENDIENST Der Deutfchen Bekleidungsindustrie Berlin W 68 Lieferung 14 5.7.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 58 Streng vertraulich! Betr.: Berücksichtigung des Wiederbeschaffungspreises bei der Kalkulation des Ausfuhrerlöses, Nichtberücksichtigung bei der Kostenfalfulation für das ZAB. Die Preisstellung bei Verkäufen ins Ausland muß den seit längerer Zeit feststellbaren anhaltenden Steigerungen der Preise für international stark begehrte Rohstoffe Rechnung tragen. Insoweit besteht eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, daß die voraussichtlichen Wiederbeschaffungskosten der Preiskaltulation zugrunde gelegt werden. Auf jeden Fall ist eine Verschleuderung deutscher Fertigwaren und der in ihnen enthaltenen devisengleichen Rohstoffe zu verhindern und nach Möglichkeit eine angemessene Beteiligung der deutschen Herstellerfirmen an den gegenwärtig auf ausländischen Märkten für zahlreiche Waren erzielbaren Preisaufbesserungen zu sichern. Dagegen darf der Wiederbeschaffungspreis in der Kostenkalkulation des ZAV. nicht berücksichtigt werden. Hier sind vielmehr bestimmungsgemäß zur Ermittlung des Verlustes lediglich die Kosten unter Bugrundelegung der jeweiligen Tageseinkaufspreise einzusetzen. Geschätzte oder nicht entstandene Kosten dürfen im ZAV. grundsätzlich nicht zugrunde gelegt werden. Sie würden u. U. zu einer nicht vertretbaren Belastung des ZAV. führen und dem Zweck des ZAV.- Überbrückung des durch untervalutarische Ronkurrenz tatsächlich entstandenen Verlustes widersprechen. Betr.: Ausfuhrvergütung für deutsche Erzeugnisse aus Zellwolle Die Zelta Zellwolle- Ausgleichskasse GmbH., Berlin W 62, Wittenbergplatz 1, teilt uns mit, daß die Zelka- Vergütung für ab 8. April 1937 abgeschlossene Ausfuhrgeschäfte 1,15 RM. je Kilogramm Zellwolle für bisher geförderte Erzeugnisse aus Acetat- Martenzellwolle beträgt. A-85Der Vergütungsfat für bisher geförderte Erzeugnisse aus Viscose- Markenzellwolle, KupferMarkenzellwolle und Viscosekupfer- Markenzellwolle beläuft sich nach wie vor auf 0,80 RM. je Kilogramm Zellwolle. Betr.: Zufaßausfuhrverfahren- Zahlungsfristen Es besteht erneut Veranlassung, auf unsere Ausführungen im Nachrichtendienst Lieferung 14 vom 5. Dezember 1936, Seite 36, hinzuweisen, wonach es unzulässig ist, mit ausländischen Abnehmern längere Zahlungsziele zu vereinbaren, als sie üblich sind. Wir weisen nochmals darauf hin, daß die Prüfungsstelle ihr besonderes Augenmerk bei den einzelnen Anträgen auf vertretbare Zahlungsziele richtet. Firmen, die diese Anordnung mißachten, verschleppen nicht nur unnötig den Devisenanfall und schädigen damit nationale Interessen, sondern sie haben auch schwere eigene Nachteile zu erwarten. Betr.: Ausfuhr nach Columbien Die im Nachrichtendienſt Lieferung 3 vom 8. Februar 1937, Ordnungsziffer 13, Seite 20, angeordnete Meldepflicht sämtlicher Ausfuhrgeschäfte an öffentliche und private Auftraggeber vor Angebotsabgabe ist mit Wirkung vom 1. Juni 1937 aufgehoben. Es gilt für die Ausfuhr nach Columbien daher lediglich noch die im Nachrichtendienst Lieferung 11 vom 14. Mai 1937 angeordnete Meldepflicht für solche Geschäfte, für die eine Zusahausfuhrvergütung nicht gewährt wird. Um eine möglichst gleichmäßige Einfuhr columbanischer Erzeugnisse und damit eine normale Abwicklung der deutschen Ausfuhrforderungen sicherzustellen, ist erforderlich, daß die Ausführer nur möglichst kurzfristige Zahlungsziele gewähren. Der bisherige Ausschluß Columbiens vom 8usagausfuhrverfahren ist mit Wirkung für Geschäftsabschlüsse ab 1. Juni 1937 wieder aufgehoben. Näheres über die zu gewährenden Säße ist auf schriftliche Anfrage bei der Prüfungsstelle zu erfahren. Betr.: Ausfuhrförderungsabgabe 1937/38 Wie wir festgestellt haben, fehlen von einigen Firmen noch die gelben Umsazmeldeformulare, die dem Veranlagungsschreiben zur Ausfuhrförderungsabgabe 1937/38 beigelegen haben. Wie machen die Firmen, die noch im Rückstand mit dieser Meldung sind, darauf aufmerksam, daß wir auf die Angaben, die als Kontrolle für eine richtige Errechnung der Ausfuhrförderungsabgabe benötigt werden, nicht verzichten können. Sollten die ausstehenden Meldungen nicht bis zum 15. Juli d. I. eingehen, müssen wir die säumigen Firmen mit einem geschätzten Umsatz veranlagen. Bei dieser Gelegenheit bitten wir wiederholt dringend darum, alle Zahlungen für Ausfuhrförderungsabgabe auf das Sonderkonto E bei der Deutschen Bank und Disconto- Gesellschaft, Stadtzentrale, Abteilung A, Berlin W8, Mauerstraße 25( Postscheckkonto der Bank Berlin Nr. 1002) abzurichten und gegenüber der Bant mit dem Verwendungszweck zu versehen, d. h. also, unbedingt auf dem Zahlungsabschnitt anzugeben, für welches Erhebungsjahr die Beträge verbucht werden sollen. Dies ist für alle Firmen erforderlich, damit Fehlbuchungen vermieden werden. A-86Der Reglementierung im grossen entspricht die Reglementierung im kleinen. Was der Wirtschaftsgruppe-also der Vertretung des ganzen Wirtschaftszweiges recht ist, muss den ihr angeschlossenen Fachgruppen-d.h. den Vertretungen der einzelnen Branchenbillig sein. So macht z. B. die Fachgruppe Damen- Oberbekleidungsindustrie folgendermassen in Exportförderung( mit dem Ergebnis, dass neue Fragebogen versandt und ausgefüllt werden müssen): Fachgruppe Damen- Oberbekleidungs- Industrie der Wirtschaftsgruppe Bekleidungs- Industrie Berlin 62, Rielganstraße 4 Fernsprecher: Sammelnummer 1 Kurfürst 9076 21.Mai 1937 Souderrundschreiben. Streng vertraulich! exportieronden Mitglieder. Ciltsehr! Bei den Nachforschungen über die Gründe des ExportRückganges wird öfters Klage darüber geführt, dass die Vorlieferanten nicht rechtzeitig oder nicht ausreichend licforn, so dass dadurch Exportaufträge nicht ausgeführt werden konnten. Falls sich bei Ihnen auch solche Fälle ereignet haben sollten, bitten wir Sie, auf anliegendem Fragebogen diesbezügliche konkrete Angaben zu machen, damit auf diese Weise möglichst umgehend Abhilfe geschaffen worden kann. Eventuelle Fehlanzeigen sind erforderlich, und wir bitten um möglichst umgehende Erledigung. FACHGRUPPE DAMEN- OBERBEKLEIDUNGS- INDUSTRIE Die Geschäftsführung: Anlage. A-87Schliesslich wird uns aus Sachsen berichtet: Die Handelskammer Dresden hat ein Rundschreiben an alle Firmen erlassen, die für Russlandaufträge in Frage kommen. Darin wurden sie ermahnt, dass Russland aufträge unbedingt anzunehmen, mit Sorgfalt zusammengestellt und ausgeführt werden sollen. Die Handelskammer erklärt ausdrücklich, man solle sich keinesfalls von der Zeitungsschreiberei beeinflussen lassen. 4) Aus der Devisenzwangswirtschaft Eine Reihe von Bestimmungen über den Verkehr mit Devisen ist verschärft worden. So ist die Bestimmung, dass die Verfügung über ausländische Wertpapiere, auch soweit sie in Deutschland zugelassen sind, von der Genehmigung der Devisenstelle abhängig ist, dahin ergänzt worden, dass auch eine Verpfändung als eine derartige" Verfügung" anzusehen ist. Sehr interessant ist die Verrechnung von Baumwoll- Lieferungen aus USA. Mitte des Jahres 1936 war die Verrechnung von Warenlieferungen aus USA über Ausländerkonten für Inlandszahlungen ( Aski- Verfahren) von der Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung verboten worden. Das Verbot ist zwar nicht aufgehoben, wird aber durch private Abmachungen durchbrochen. Es wird die Einrichtung sogenannter Inlandskonten zu Gunsten amerikanischer Exportfirmen bei einer Devisenbank genehmigt, auf die der Gegenwert von Lieferungen amerikanischer Baumwolle, aber nur von Baumwolle, eingezahlt werden kann und die nur zur Bezahlung deutscher Waren, vor allem Fertigwaren, verwendet werden dürfen. Ueber die Errichtung dieser Inlandskonten, ihren Höchstbetrag, über Aenderungen in der Baumwollbezugsfirma oder ihrer deutschen Vertretung entscheidet allein die Devisenstelle. Umfangreiche Listen der zum Warenaustausch über Inlandskonten zugelassenen Baumwollfirmen und der zur Abwicklung ihrer Guthaben zugelassenen deutschen Waren werden ständig veröffentlicht. Aus den Listen ist ersichtlich, dass die Vertreterfirmen häufig wechseln. Offenbar findet eine strenge Prüfung ihrer Zuverlässigkeit statt. Das Verbot der Bezahlung amerikanischer Lieferungen A-88mit Aski- Mark sollte die Amerikaner zwingen, deutsche Waren zu kaufen oder auf Lieferungen nach Deutschland bzw. ihre Bezahlung zu verzichten. Das neue Verfahren ermöglicht Rohstoffeinfuhren ohne Aufwand von Devisen und nötigt zugleich die amerikanischen Inhaber von Aski- Konten, ihre Aski- Mark anstatt zur Verrechnung gegen amerikanische Forderungen zum Import deutscher Waren zu verwenden. Mit diesen Methoden versucht man zugleich, fehlende Rohstoffe zu beschaffen und die Fertigwarenausfuhr zu steigern. Eine Wirkung der deutschen Devisenknappheit ist z. B. die Liquidation der deutschen Burrough Rechenmaschinen A.G., die den Absatz und die Reparatur ihrer Detroiter Muttergesellschaft betreibt und eine Reihe von Filialen im Reich unterhält. Weil sie ihre Schulden an die Muttergesellscgaft nur in grossen Abständen und nur in kleinen Beträgen über Sperrmark bezahlen konnte, kann sie seit März vorigen Jahres keine amerikanischen Rechen- und Büromaschinen mehr einführen und auch keine Ersatzteile geliefert bekommen. Ausserdem wird uns berichtet: Schlesien: Im Mai und Juni wurden überhaupt keine Anträge auf Reisekreditbriefe angenommen, sondern erst Anfang Juli. Es wird also August, bis die Kreditbriefe ausgehändigt werden können. Die Kreditbriefe, die unmittelbar nach dem 20. April beantragt worden sind, sind noch nicht ausgestellt. Nach Aufhebung der Sperre werden diese bevorzugt behandelt, zum Nachteil derjenigen, die ihren Antrag erst nach dem 1. Juli einreichen können. Ein Kaufmann aus X., der auswandern wollte und beantragt hatte, einen Teil seines Vermögens mit über die Grenze ins Ausland nehmen zu dürfen, erhielt nachstehenden Bescheid. Die Antwort zeigt, dass es ihm unmöglich gemacht wurde, sein Vermögen auf ehrliche Weise mitzunehmen. Der Präsident des Landesfinanzamtes Schlesien, Devisenstelle Dev.St.A.IX.) Breslau 13, Höfchenstr. 31. Betrifft Ihr Schreiben vom(...) .1937 Sofern Ihnen die zuständige Ortspolizeibehörde eine Dringlichkeitsbescheinigung für die von Ihnen beabsichtigte Ausreise ausgestellt hat und einen entsprechenden Vermerk in Ihren Reisepass aufnimmt, können Sie ohne meine A-89Genehmigung über den Freigrenzbetrag von je Person Reichsmark lo,--( Hartgeld oder Devisen) hinaus noch je Person Reichsmark 50,-- in deutschem Hartgeld oder Devisen in das Ausland mitnehmen. Falls die genannte Stelle nach den ihr gegebenen Richtlinien die Dringlichkeitsbescheinigung nicht erteilen kann, können Sie lediglich die Freigrenze von Reichsmark 10,-ausnutzen, sofern sie nicht bereits anderweit in Anspruch genommen worden ist. Eine Einzelgenehmigung zum Devisenerwerb bzw. Verbringung in das Ausland kann ich für den genannten Zweck nicht erteilen. I.A. gez. Kupke Südwestdeutschland: Die Grenzgänger, d.h. die Deutschen, die drüben Schweizer Franken verdienen, sind vor 10 Tagen fast alle bis auf ganz wenige Ausnahmen mit Geldstrafen von 20, bis loo, RM bestraft worden, weil sie nicht zwei Drittel ihres Verdienstes der deutschen Reichsbank angeboten haben. Ein Angestellter, der 450,- Frs. Monatsgehalt hat, erhielt vier Wochen Gefängnis und 500,- RM Geldstrafe, alle anderen nur Geldstrafen. Dabei kam es zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen. Einer Arbeiterin hat man loo,- RM Geldstrafe aufgebrannt, und nach langem hin und her, wobei sie sich gewaltig gewehrt hat, so dass der Beamte ihr mit Verhaftung drohte, ging es mit 70,- RM ab. Ein Schreiner sollte 70,- RM zahlen und wehrte sich kräftig; er kam mit 40,- RM davon. Unter den Leuten herrscht starke Erregung, denn für den Franken bekommen sie bei der Reichsbank nur 56 Pfg. Erst nach wochen- und monatelangem Warten bekommen diejenigen die Differenz bis auf 76 und 78 Pfg. nachbezahlt, die den Nachweis führen, dass sie sonst das Fürsorgerecht in Anspruch nehmen müssen. -90IV. Die Lohnentwicklung Die Lohnen twicklung in Deutschland in der ersten Hälfte dieses Jahres bestätigt im ganzen die allgemeinen Feststellungen, die wir in unserer letzten lohnpolitischen Uebersicht im November 1936( Heft 11/1936, Seite A 66- 142) getroffen haben: Neben der Senkung der Reallöhne infolge der Preissteigerung lässt sich in zahlreichen Fällen sowohl anhand der Tarifordnungen wie der Berichte aus den Betrieben nachweisen, dass auch die Nominallöhne herabgesetzt wurden. Es geschah dies in den verschiedensten Formen, teils durch direkte Verschlechterungen der tariflichen Stundenlöhne, teils durch Herabsetzung der Akkordsätze, durch Aenderungen der Einstufungen in die verschiedenen Lohnklassen oder durch stärkere Differenzierung der Löhne. Den Lohnverminderungen stehen auch einige Lohnsteigerungen gegenüber; sie ändern aber nichts daran, dass das Regime unverändert die Politik verfolgt, das Gesamtniveau der Löhne stabil zu halten und möglichst noch weiter zu senken. Die Lohnerhöhungen, die vorgenommen worden sind, konnten durch die Lohnsenkungen bei anderen Arbeiterkategorien kompensiert werden. Bei der Betrachtung einzelner Lohnerhöhungen könnte man zunächst den Eindruck gewinnen, als kündige sich eine Tendenz zur Lockerung des starren Lohngefüges an, ein gewisses Nachgeben gegenüber dem unverkennbaren Druck der wieder voll in Arbeit stehenden Massen. Ein sorgfältiges Abwägen der zu unserer Kenntnis gelangten Lohnveränderungen zeigt jedoch, dass im ganzen von einer Tendenz steigender Löhne nicht die Rede sein kann. Es liegen auch unmissverständliche Aeusserungen von offiziösen deutschen Stellen und von Hitler selbst vor, die zeigen, dass das Regime nicht daran denkt-und ja auch nicht daran denken kann die bisherige Lohnpolitik zu ändern, solange es an seiner wehrwirtschaftlich orientierten ökonomischen Politik festhält. Das Regime macht sich nicht die geringsten Illusionen darüber, dass seine ganze Wirtschaftspolitik mit der Aufrechterhaltung A-91des niedrigen Lohnniveaus steht und fällt. Der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik bei der NSDAP, Bernhard Köhler, wies in einem Vortrag am 4. Dezember 1936 klipp und klar auf den Zusammenhang zwischen Währung und Lohnniveau in Deutschland hin:" Die Sicherheit unserer Währung beruht auf dem festen Verhältnis von Arbeit und Brot, d.h. von Lohn und Preis." In seiner Rede vom 30. Januar 1937 hat auch Hitler für die Dauer des zweiten Vierjahresplan Lohnerhöhungen mit der Begründung abgelehnt, dass sie zu Preissteigerungen und Währungsabwertungen führen müssten. Reichsarbeitsminister Seldte erklärte in einem Interview für den" Völkischen Beobachter" am 29. März 1937: " Aber die Reichsregierung muss daran festhalten, dass, solange noch grosse Aufgaben zur Erringung und Sicherung unserer nationalen und wirtschaftlichen Freiheit zu erfüllen sind, Wünsche auf eine Verbesserung der noch zurückgebliebenen Löhne zurücktreten müssen... Sobald aber einmal unsere grossen nationalen Aufgaben erfüllt sein werden, wird die Reichsregierung sofort bereit sein, die Löhne nachzuprüfen." Im" Völkischen Beobachter" hat sich Nonnenbruch in einer Reihe von Artikeln( 21.3., 26.3., 27.4., 21.5.) mit der Frage der Lohnerhöhungen auseinandergesetzt und sie mit dem unverhüllten Hinweis darauf abgewiesen, dass Lohner höhungen in Deutschland das Aufrüstungsprogramm gefährden würden: " Der Arbeiter ist im Durchschnitt in einer Lage, die sich nicht in dem Umfang wie die allgemeine Lage der Wirtschaft gebessert hat. Das ist der Fall, obwohl viele Unternehmer bereit wären, höhere Löhne zu zahlen, um überhaupt Facharbeiter zu bekommen. Der Staat ist dem entgegengetreten..... Dadurch, dass in den Betrieben verdient wird und dass es möglich ist, höhere Löhne zu zahlen, sind die Güter, die mit diesen höheren Löhnen gekauft werden sollen, noch lange nicht da. Und darum handelt es sich! Wenn die Löhne dennoch erhöht würden, gäbe es ein Durcheinander."( Unterstreichungen von uns.) Es kann also kein Zweifel sein, dass das Regime sich über die Zwangslage, in der es sich in der Frage der Lohngestaltung befindet, völlig im klaren ist und darum mit aller Härte an der bisherigen Lohnpolitik festhalten wird. Unser Hinweis auf die zentrale Bedeutung, die in dieser A- 92Situation Lohnbewegungen der Arbeiterschaft für das Gelingen oder Misslingen der Pläne der Diktatur zufällt, findet darin sozusagen seine amtliche Bestätigung. Zugleich geht aber daraus hervor, dass das Regime alle, auch die kleinsten betrieblichen Regungen der Arbeiterschaft auf das peinlichste überwachen und nötigenfalls rücksichtslos unterdrücken wird. So elastisch das Regime in manchen Fragen sein mag, in dieser Frage muss es starr an der bisherigen Politik festhalten, so lange der grosse Umstellungsprozess der deutschen Wirtschaft auf volle Kriegsbereitschaft läuft. 1) Lohnbewegungen Bis jetzt ist es dem Regime mit den Mitteln des Terrors, der Demagogie und der wohlberechneten und genau begrenzten Zugeständ nisse gelungen, die vielfachen Bemühungen der Arbeiter, individuell oder gruppenweise Lohnerhöhungen herauszuholen, in solchen Schranken zu halten, dass die gewährten Zugeständnisse nicht nur für die staatlichen Ziele ungefährlich sind, sondern zum Teil sogar der vom Regime gewünschten Lohndifferenzierung dienen. Wir verzeichnen im folgenden wieder eine Anzahl von Widerstandsregungen in den Betrieben und mehr oder weniger individuelle Versuche, Lohner höhungen durchzusetzen oder Lohnsenkungen abzuwehren. Wir fassen sie zwar unter dem Begriff " Lohnbewegungen" zusammen, doch haben diese Lohnbewegungen selbstverständlich nichts gemein mit den Lohnkämpfen in Ländern mit organisierter Arbeiterschaft und Koalitionsfreiheit. Es ist ein unterirdischer Guerilla- Krieg, der in Deutschland um den Lohn geführt wird, von dem nur wenig nach aussen bekannt wird. Nach wie vor müssen solche Vorgänge sorgfältig beachtet werden, weil sie die einzige Form sind, in der die deutschen Arbeiter überhaupt versuchen können, für ihre Interessen einzutreten. Und auch diese Möglichkeiten verringern sich ständig. Mit der Beschränkung der Freizügigkeit der Arbeiter, der immer weitergehenden amtlichen Regulierung des Arbeitsmarktes durch die A-93Arbeitsämter und dem Verbot des" Wegengagierens" von Facharbeitern, sind die Aussichten der Facharbeiter immer geringer geworden, bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Dass das zähe Ringen um den Lohn trotzdem in wechselnden und überaus mannigfachen Formen ununterbrochen anhält, zeigen die folgenden Einzelberichte: Berlin, 1.Bericht: Die Löhne in dem Elektrowerk X. basieren noch auf dem alten Tarifvertrag. In der letzten Zeit häuften sich die Forderungen der Arbeiter auf Zulagen. Sie wurden zum grössten Teil erfüllt. Diese Lohnforderungen werden meist einzeln beim Meister unter Hinweis auf die hohen Löhne in anderen Betrieben, auf die Verteuerung der Lebenshaltung usw. vorgebracht. Der Meister unterstützt in der Regel diese Forderung und die Direktion fällt die Entscheidung. Meist werden bei solchen Vorstös sen der Arbeiter auf Lohnerhöhung 2 bis 3 Pfg. Zulagen zugebilligt. Die Lohnerhöhung für einen Einzelnen zieht fast regelmässig die Forderungen anderer Kollegen nach sich. Tran sportarbeiter erhalten in unserem Betrieb zwischen 68 und 71 Pfg. Stundenlohn, Frauen zwischen 48 und 62 Pfg., Schlosser zwischen 90 Pfg. und 1, lo RMK., Werkzeugmacher zwischen ca. 1,- RM und 1,35 RM. Der Spitzenlohn für Einrichter beträgt wie früher 1,20 RM. Die Werkzeugmacher und einige andere Kategorien arbeiten in sogenanntem Lohnakkord. Es wird für die Arbeit 1 eine be stimmte Minutenzahl festgesetzt. Wird die Arbeit in geringerer Zeit geschafft, so wird entsprechend umgerechnet und gezahlt. Ist der Akkord schlecht und falsch kalkuliert, so beantragen die Arbeiter beim Meister, dass er die Arbeit neu abstoppt. Sie kommen auch meist damit durch. Auf Grund der Konjunkturlage müsste der Spitzenlohn in dem Betrieb etwa 1,60 RM betragen. Niemand erhält aber mehr als 1,35 RM in der Spitze. Die Direktion hat sich hinter einen Beschluss der Verwaltung verschanzt, wonach über diese Lohnhöhe nicht hinausgegangen werden könne. 2.Bericht: Aus einer Versicherungsgesellschaft: Die Gehälter im Betrieb wurden bis vor kurzem völlig willkürlich geregelt. Kein Tarif wurde mehr eingehalten. Die Belegschaft machte einige Versuche, wenigstens die Einhaltung von Tarifverträgen durchzusetzen, aber vergeblich. Bei diesen Versuchen zeigten sich gerade die am schlechtesten Bezahlten am wenigsten solidarisch. Im vergangenen Jahr trat plötzlich eine Besserung in den Gehaltsverhältnissen ein, die aber weder auf Aktionen des Vertrauensrates noch der Belegschaft zurückzuführen ist, sondern auf das schlechte Gewissen des Chefs. Es kam nämlich heraus, dass zwar die Angestellten regelmässig ihre Beiträge zur Winterhilfe geleistet hatten, die Firma sie aber nicht abgeführt hatte. Der Obmann nutzte das aus und drückt seitdem energisch auf den Chef. Es wurden zum Teil recht A-94wesentliche Gehaltsaufbesserungen erreicht, teilweise um 15, RM wöchentlich, von denen allerdings 6,- RM gleich wieder auf dem Weg der Abzüge verschwanden. Der Chef ist auch noch aus einem anderen Grunde Lohnforderungen gegenüber nachgiebiger geworden: er möchte gern als" Musterbetrieb" ausgezeichnet worden- vielleicht verspricht er sich davon eine gute geschäftliche Auswirkung. Bayern, 1.Bericht: In einer kleinen Kistenfabrik fanden in den letzten Monaten Auseinandersetzungen zwischen Betriebsführung und Gefolgschaft über den Arbeitsvertrag statt. Bisher wurden die bei der Herstellung der Kistchen anfallenden Ausschussprodukte auf Arbeitsunkostenkonto geschrieben. Im Herbst 1936 erliess die Betriebsleitung die Anordnung, dass Kistchen, die während des Arbeitsprozesses wegen Spaltung eines Brettchens oder Austreten einer Klammer etc. ausgeschieden werden müssen, nach Schluss der Arbeitszeit von den Arbeitern ohne Entlohnung repariert werden müssen. Da müssen z. B. bei einem Kistchen, bei dem eine Klammer ausgetreten ist, elle Klammern wieder herausgenommen und das ganze muss neu geklammert werden. Ein Deckel, der zersprungen ist-meist weil das Holz sehr feucht geliefert wird und sich aufziehtmuss wieder abgelöst und durch einen neuen ersetzt werden. Da das Rohmaterial sehr häufig schlecht ist, haben die Arbeiter oft mehr als eine Stunde na chzuarbeiten. Es wurden ihnen dann meist noch Vorhaltungen gemacht, weil die Betriebsleitung dadurch erhöhte Betriebsunkosten habe. Die Gefolgschaft wandte sich durch den Vertrauensrat an die Deutsche Arbeitsfront, die mit dem Unternehmer in Verhandlungen eintrat. In einer nach Abschluss dieser Verhandlungen einberufenen Be-. triebsversammlung wurde erklärt, dass keine Handhabe bestehe, die Anweisungen der Betriebsleitung als dem Arbeitsvertrag zuwiderlaufend zu betrachten. Dabei ist es geblieben. 2. Bericht: Aus einer Glasfabrik: In der Schleiferei verdienten die Gehilfen im März und Anfang April durchschnittlich 10, RM in der Woche. Sie wurden bei der Betriebsleitung vorstellig und ersuchten um Hinaufsetzung des Akkordsatzes. Die Betriebsleitung versprach eine Nachprüfung der Kalkulation und bewilligte schliesslich einen höheren Akkordsatz.Der Vertrauensrat überlässt es den Arbeitern, sich um ihre Löhne zu kümmern. Haben die Glasmacher einmal einen guten Akkord, so dass sie auf 25,- RM in der Woche kommen, wird sofort der Akkordsatz heruntergesetzt mit der Begründung, dass eine Ar-. beitsgruppe aus Gründen der Rückwirkung auf andere nicht so viel verdienen könne. Südwestdeutschland: Nach den aus den einzelnen Gebietsteilen gemachten Mitteilungen ist festzustellen, dass es dem einzelnen Facharbeiter noch im Herbst 1936 gelungen ist, auf Grund seiner beruflichen Tüchtigkeit hin und wieder kleine Lohnerhöhungen herauszuschinden. Der Erlass Görings, durch den A-95das Wechseln der Arbeitsstelle erschwert wurde, hat diese Möglichkeit beseitigt. Es gibt Fabriken, in denen den Facharbeitern, die höheren Lohn verlangen, direkt gesagt wird, " das hat Göring verboten". Sachsen: In der Gemeinde C. beschäftigt ein Landwirt drei Mägde, die bisher als Entlohnung ausser Essen und Quartier monatlich 22,- RM bekamen, wobei der Arbeitsgeber Steuern und andere Abgaben trug. Die drei Mägde wurden gemeinsam beim Landwirt vorstellig und wollten eine Lohnerhöhung von 7,-RM haben, um damit ihren Monatslohn auf 29,- RM zu stellen. Der Landwirt sträubte sich dagegen, drohte den Mägden mit Entlassung usw. Da die Mägde bei ihrer Forderung blieben, entschloss sich der Landwirt schliesslich zur Bewilligung der Erhöhung. Jetzt müssen die Mägde aber die Steuern und Abgaben in Höhe von 10,- RM selbst tragen, so dass sie einen Nettolohn von 19,- RM erhalten, statt vorher 22,- RM. Höchstwahrscheinlich hat der Landwirt diese Regelung im Einvernehmen mit der DAF getroffen, denn als die Mägde sich dort beschweren wollten, war die DAF bereits informiert. Ihre Beschwerde wurde nicht zur Kenntnis genommen; im Gegenteil, die drei wurden verwarnt, sie sollten ruhig sein und sich mit dem Lohn zufrieden geben, anderenfalls könnten sie Bekanntschaft mit dem Konzentrationslager machen. Schlesien, 1. Bericht: Die Lohnfrage ist überall akut geworden. So wird aus der Josephinenhütte-Glasfabrik in Schreiberhau- berichtet, dass die Glasschleifer bis zu 63 Stunden arbeiten. Da sie den Ueberstundenzuschlag nicht erhielten, lehnten die Arbeiter die Leistung von Ueberstunden ab. Es wurde dann auf Veranlassung der Betriebsleitung mit der DAF verhandelt. Die DAF erreichte zwar die Anerkennung der tariflich festgelegten Zuschläge bei der Betriebsleitung, die Arbeiter bekommen aber nicht mehr als bisher, weil der Betrag der Winterhilfe zugeführt wird. Bei der Bekanntmachung des Verhandlungsergebnisses kam es zu Auseinandersetzungen: den Arbeitern wurde gedroht, falls sie keine Ueberstunden machen wollten, würden sie sofort entlassen und ins Arbeitslager geschickt werden. Den Glasschleifern blieb nichts weiter übrig, als sich dem Zwang zu fügen. In dem" Füllnerwerk" in Warmbrunn im Riesengebirge, einer grossen Papierfabrik,( etwa 400 Beschäftigte) wurde am 11. Dezember 1936 an alle Arbeiter eine Weihnachtsgratifikation von 10,- RM verteilt; die Angestellten jedoch erhielten einen vollen Monatslohn. Darob grosse Entrüstung unter den Arbeitern. Sie beschlossen, die 10,- RM wieder an das Büro ábzuliefern. Diesen Beschluss haben alle Arbeiter durchgeführt. In der gleichen Fabrik protestierten die Arbeiter bei der Betriebsverwaltung gegen die schlechten Akkordsätze ergebnislos. 2.Bericht: In einer Apparate- Fabrik wollte ein Mechaniker kündigen, um eine neue Arbeitsstelle bei der AEG anzutreten. A-96Die Kündigung wurde nicht angenommen. Als der Arbeiter darauf bestand, dass ihm seine Papiere ausgehändigt werden, weil er an seiner neuen Arbeitsstelle einen weit höheren Lohn erhalte, wurde die Belegschaft zu einer Betriebsversammlung zusammengeholt. In dieser Versammlung sagte der Betriebsleiter u.a.: " Heute gibt es das nicht mehr, dass der Arbeiter machen kann, wes er will. Die AEG ist ein Rüstungsbetrieb und kann infolgedessen höhere Löhne zahlen. Wir dagegen sind Lieferant Russlands und müssen billig liefern, wenn wir mit Russland überhaupt noch Geschäfte machen wollen. Die Belegschaft wolle doch sicher, dass Russland billig beliefert würde." Rheinland: Die Bergarbeiter des Wurmgebietes klagen seit Jahren über die furchtbare Antreiberei. Sie mussten seit langem unter Gedingen arbeiten, die es ihnen einfach unmöglich machten, den Hauerdurchschnittslohn zu erreichen. Die Zechenleitungen glaubten, dass die Bergarbeiter mit der Arbeit zurückhielten und verweigerten deshalb Lohnaufbesserungen.So kam es wiederholt zu gewissen Widerstandsregungen in der Art, dass die Bergarbeiter einfach nicht arbeiteten, obwohl sie eingefahren waren. Nach vielfachen Verhandlungen und Klagen kam es im April 1937 zu einer Entscheidung des Landesarbeitsgerichts in Dortmund, die die Zeche zur Zahlung des Hauerdurchschnittslohnes bei Gesteinstörungen verurteilte. Die Presse stellte in grosser Aufmachung fest, die Zeche sei endlich im Dritten Reich gezwungen worden, ihre Vertragspflicht zu erfüllen. In der" Systemzeit" sei das nicht möglich gewesen. In Wirklichkeit war es umgekehrt. Niemand hat den Bergarbeitern geholfen. Die DAF kümmert sich um nichts. Erst durch die Solidarität der Arbeiter ist es gelungen, die Entscheidung des Arbeitsgerichts herbeizuführen. 2) Tarifliche Lohnerhöhungen Neben Lohnverbesserungen für einzelne Arbeiter, Arbeitergruppen und Betriebe, die durch Sondervereinbarungen zustande gekommen sind, ist auch eine Anzahl tariflicher Lohnerhöhungen festzustellen, bei denen mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sie auf Druck der betreffenden Arbeiterkategorien hin oder als Konzession an die allgemeine Unruhe in den Betrieben zustande gekommen sind, obwohl es im einzelnen nicht nachweisbar ist. So wurden z. B. die Löhne der Ziegeleiarbeiter, die jetzt sehr gesucht sind, durch Abänderungen der vor einem Jahr erlassenen Tarifordnungen in-allerdings sehr geringfügigem- Umfange aufgebessert A-97Tarifordnung für die Ziegelindustrie Gross- Hamburg, Unterelbe, Schleswig- Holstein, Lübeck( RAB1 1937, VI.287): Statt der bisherigen 4 Ortsklassen gibt es nur noch 3. Die Arbeiter der bisherigen Ortsklasse IV erhalten die Löhne der Ortsklasse III, die auch erhöht werden, so dass sich folgendes Bild ergibt: Lohngruppen Ortsklassen I II III Im Gebiet Mecklenburg: I II III jetzige frühere Stunden- Löhne ( in Pfg.) III III IV 554 53 51 48 44 874 50 48 47 46 44 50 48 45 4235 47 44 45 42 43 40 444 In der Ziegelindustrie Sachsen ist durch Abänderung der bestehenden Tarifordnung am 1. April 1937( RABL 1937, VI.293) die Ortsklasse III weggefallen. Die Betriebe der bisherigen Ortsklasse III fallen jetzt unter die Ortsklasse II. In der Ziegelindustrie des Treuhänderbezirks Brandenburgs sind die Löhne in allen Ortsklassen und Lohngruppen um 1/2 bis 3 Pfennig heraufgesetzt worden.( Tarifordnung vom 30. März 1937, RAB1 VI. 290), und zwar in den unteren Ortsklassen stärker als in den höheren. In der Ziegelindustrie der Saarpfalz wurden in der Ortsklasse III die Löhne aller Lohngruppen mit Ausnahme der weiblichen Arbeiter unter 16 Jahren um 1/2 bis 1 Pfennig heraufgesetzt. Die Bauarbeiterlöhne in der Stadt Limburg sind durch Umstufung von der Ortsklasse V in die Ortsklasse IV im Spitzenlohn um 6 Pfg. von 70 auf 76 Pfg, gestiegen( RAB1. 1937, VI. 360). Die neue Tarifordnung des Fleischergewerbes in Sachsen ( 6. April 1937, RAB1. VI. 387) erhöht die Bezüge der Verkäuferinnen gegenüber der Tarifordnung vom 20. 7. 34. um 5,- RM.monatlich. Ausserdem wurde folgende Bestimmung neu in die Tarifordnung aufgenommen: Zu den unter I festgesetzten Lohnbeträgen erhalten Verkäuferinnen folgende Aufwand sentschädigung: je Monat: 1. bei Beschäftigung ohne Gewährung von Kost und Wohnung 2. bei Beschäftigung mit Gewährung von Kost ohne Wohnung 3. bei Beschäftigung mit Gewährung von Wohnung ohne Kost 21,50 RM 8,50 RM 13, RM A-98Lohnverbesserungen erfolgten auch bei einzelnen Bauvorhaben, während insgesamt die Bauarbeiterlöhne gesenkt worden sind. Der Streckentarif der Teilstrecke Erbendorf bis Wieselrietz beim Bau der" Ostmarkstrasse" wurde durch Tarifordnung vom 20. November 1937( RAB1. VI. 178) wie folgt geändert: Die Stundenlöhne für die über 20 Jahre alten baugewerblichen Gefolgschaftsangehörigen betragen: jetzt 67 RPfg. vorher 65 RPfg. in Lohngruppe I( Maurer, Zimmerer usw.) VI( Zementarbeiter usw.) V( Bauhilfsarbeiter) VI( Tiefbauarbeiter) 62 55 53 Maschinisten 1. Klasse 74 2. 3. 99 70 99 62 68 бо மிம் மூலம் Die Löhne der beim Ausbau der Innstufen Attelgars. beschäftigten Tiefbauarbeiter sind von 50 auf 52 Pfg. heraufgesetzt worden( RAB1 VI. 1195, 6.okt. 1936). Ebenso wurden durch Tarifordnung vom 20. November 1937 ( RAB1 VI. 28) die Löhne für die an dem Bau der Gruppenwasserleitung Rhön- Maintal beteiligten Betriebe des Baugewerbes in Lohngruppe I( Maurer, Zimmerer usw.) von 66 aur 68 RPfg. 53 50" VI( Tiefbauarbeiter) 19 erhöht. 11 曾 17 Für die Zigarrenmacher in Südwestdeutschland wurden durch Tarifordnung vom 1. Dezember 1937( RABL. VI. 4) folgende Verbesserungen eingeführt( Regelung der alten Tarifordnung in Klammern): Familienzulage für Zurichter ,, Wickelmacher und Roller Die Zulage beträgt: 1. für Haushaltungsvorstände, die bis zu 2 Kindern unter 15 Jahren zu versorgen haben und ihnen Gleichgestellte( siehe Ziffer II) wöchentl: RMK. 2,50 ( 1,50) 2. für Haushaltungsvorstände, die 3 und 4 Kinder unter 15 Jahren zu versorgen haben 3,50 ( 3 u.mehr Kind.2,50) 3. für Haushaltungsvorstände, die 5 und 6 Kinder unter 15 Jahren zu versorgen haben 4. für Haushaltungsvorstände, die 7 und mehr Kinder unter 15 Jahren zu versorgen haben 4,50 5,50 A-99Diese Beträge werden ausbezahlt, sofern die empfangs berechtigten Betriebsarbeiter( innen) in der Woche gearbeitet haben: mindestens 35 Stunden( 40) 99 24 12 99 ( 25- 39) ( 12-24) in voller Höhe zu zwei Dritteln zur Hälfte Für die Kraftdroschkenfahrer im Wirtschaftsgebiet Mitteldeutschland wurde durch Tarifordnung vom 10. Dezember 1936 ( RAB1. VI. 1301) folgende Ergänzung getroffen: Bei Ueberlandfahrten ist den Kraftwagenführern vom Unternehmer eine angemessene Aufwands entschädigung( Zehrgeld sowie Ersatz der Auslagen für Uebernachtung und sonstiger Baraufwendungen) zu zahlen, sofern diese nicht nach den getroffenen Vereinbarungen vom Fahrgast übernommen worden ist. 3) Tarifliche Lohnsenkung und Lohndifferenzierung Den aufgeführten Fällen von Lohnerhöhungen stehen Lohnsenkungen in weitaus grösserer Zahl gegenüber. Bei den Bauarbeitern sind z.B. in den ersten Monaten des Jahres im Anschluss an die Reichstarifordnung für das Baugewerbe zahlreiche Einzeltarifordnungen erlassen worden, die vielfach Lohnsenkungen gebracht haben. Im folgenden bringen wir eine Gegenüberstellung der neuen Löhne mit den Löhnen von Ende 1932: Die Bauarbeiterlöhne nach den neuen Tarifordnungen im Vergleich zum Jahre 1932. Berufsgruppe Geltungsbereich vom Tarifordnung RABI VI neu Stundenlohn in RPfg.. Ende 1932 Stukkateure 11 Leipzig Magdeburg 11. 7.37. 585 14. 5.37. 468 114 120 104 100 Maurer Zimmerer Maler Frankf./Main 5. 4.37. 301 .90 93 90 93 90 92 Bauhilfsarbeiter Stukkateure 19 館 75 77 München 24. 2.37. 192 109 120 Nürnberg Berlin 108 115 13. 2.37. 143 126 126 Maurer Zimmerer Maurer Zimmerer 108 109 108 llo Bauhilfsarbeiter 90 Hannover 27. 1.37. 165 92 92. 666 90 A- 100Berufsgruppe Geltungsbereich Tarifordnung vom RAB1 VI Stundenlohn in RPfg. neu Ende 1932 Bauhilfsarbeiter 76 79 Maurer Bremen 94 96 Zimmerer 94 96 Bauhilfsarbeiter 78 80 Maurer Braunschweig 88 93 Zimmerer 88 95 Bauhilfsarbeiter 73 77 Maurer Breslau 19. 1.37. бо 89 92 Zimmerer 92 Bauhilfsarbeiter 76 Maurer Waldenburg 76 79 Zimmerer 76 79 Bauhilfsarbeiter 62 65 Stukkateure Dortmund 21. 1.37. 65 loo 104 Maurer 85 90 Zimmerer 88 93 Bauhilfsarbeiter 71 75 Stukkateure Essen loo 104 Maurer 85 90 Zimmerer 88 93 Bauhilfsarbeiter 71 75 Maurer München 23. 1.37. 72 97 Zimmerer 95 97 14035403577 Bauhilfsarbeiter 79 80 Maurer Nürnberg 94 97 Zimmerer 94 97 Bauhilfsarbeiter 78 80 Maurer Magdeburg 23. 1.37. 79 87 89 Zimmerer 87 89 Bauhilfsarbeiter 72 74 Maurer Chemnitz 27. 1.37. 83 88 91 88 Zimmerer 91,5 Bauhilfsarbeiter 73 75 Maurer Dresden 88 96 Zimmerer 88 96,5 Bauhilfsarbeiter 73 80 Maurer Leipzig 88 98 88 Zimmerer 98,5 Bauhilfsarbeiter 73 82 Maurer Zwickau 85 91 Zimmerer 91,5 Bauhilfsarbeiter 75 Maurer Königsberg/ Pr.16.1.37. 95 89 90 Zimmerer 89 90 Bauhilfsarbeiter 74 75 Maurer Stettin 13. 1.37. 98 86 94 Zimmerer 87 95 Bauhilfsarbeiter 73 Berufsgruppe A-lolGeltungsbereich Tarifordnung Stundenlohn Yom RAB1 VI neu Ende 1932 Maurer Hamburg 26. 1.37. 102 llo 110 Zimmerer llo 112 Bauhilfsarbeiter 91 91 Maurer Kiel 91 91 Zimmerer 93 Bauhilfsarbeiter 76 Maurer Rostock 26. 1.37. 102 84 Zimmerer 84 Bauhilfsarbeiter 69 Maurer Erfurt 26. 1.37. 107 87 Zimmerer 85 Bauhilfsarbeiter 72 Maurer Köln 25. 1.37. 113 87 Zimmerer Bauhilfsarbeiter Maurer Mannheim 23. 1.37. 121 88 Zimmerer Bauhilfsarbeiter Stukkateure INDONO MO 87 74 92 90 95 72 76 92 88 92 73 76 96 loo Maurer Karlsruhe 89 Zimmerer 84 89 Bauhilfsarbeiter 70 74 Stukkateure 93 98 Maurer Stuttgart 89 92 Zimmerer 89 92 Bauhilfsarbeiter 74 76 Stukkateure 97 100 In dieser langen Reihe der Vergleiche und wir haben alle Vergleichsmöglichkeiten wahrgenommen zeigt sich, dass die heutigen Bauarbeiter- Löhne fast durchweg unter denen von Ende 1932 liegen. Die deutsche Presse, die sich ziemlich ausführlich mit der Bauarbeiter- Tarifordnung beschäftigt hat, ist auf diese Tatsache mit keinem Wort eingegangen, sondern hebt lediglich die Verbesserungen hervor, die der neue Bauarbeitertarif in bezug auf Kündigungsfristen und Urlaub bringt. Daneben wird behauptet, dass die Tiefbauarbeiterlöhne eine leichte Aufbesserung erfahren haben. Für diese Kategorie fehlen uns jedoch die Vergleichsziffern aus dem Jahre 1932. Eine Anzahl weiterer Tarifverschlechterungen betreffen kleinere Gruppen von Arbeitern. Hierbei tritt erneut das Bestreben hervor, die Löhne stärker zu differenzieren, um auf diese Weise die Arbeiter von einem einheitlichen Vorgehen abzuhalten. So A-102weit sie aus den im Reichsarbeitsblatt veröffentlichten Tarifordnungen ersichtlich sind, stellen wir sie im folgenden zusammen: Der Treuhänder für Niedersachsen hat die Löhne der Schlosser in Hannover( Stadt) und Hannover( Land) durch Tarifordnung vom 9. 2. 1937( RAB1. VI, 155) wie folgt geändert: Schlosser Hannover( Stadt) Hannover( Land) im: 1. 2. 3. 4. 5. Gesellen CEP 1. 2. Jahr RPIg. 82 64 64 65 74 vorher: 3. 4. 5. 82 45 55 64 72 32 54 54 72 72 94 58 65 65 74 Für Braunschweig( Land) werden die Löhne wie folgt festgesetzt: im: vorher: 1. 2. 3. 4. 5. 1. 2. 3. 4. 5. Gesellen Jahr RPfg. Büchsenmacher und Messerschmiede, Huf- und Beschlagschmiede 48 52 58 67 77 53 Elektroinstallateure 45 54 54 72 77 50 58 64 бо бо 75 85 80 85 Installateure und Klempner 57 57 75 75 84 Kraftfahrzeughandwerker 45 50 58 67 77 57 75 55 57 53 65 75 85 84 Mechaniker: a) Näh-- und Sprechmaschinen u.Fahrradmechan. 41 48 54 61 72 b) Büromaschinenmechan. 54 63 72 81 90 Schlosser 45 53 60 68 80 60 70 80 90 loo 41 48 54 61 72. 45 53 60 68 80 Die Löhne der Installateure und Klempner in Stadt- und Landgebiet Bremen, Vegesack und Hemelingen- Arbergen werden wie folgt geändert: vorher: 1. 2. 3. 4. 5. Gesellen Jahr im: 1. 2. 3. 4. 5. RPfg. Installateure und Klempner 65 75 85 89 94 45 60 72 80 92 Diese Tarifordnung tritt mit Wirkung vom 9. Oktober 1936 in Kraft. Ein Anspruch auf Rückzahlung gezahlter höherer Löhne besteht nicht. Durch diese Neuregelung werden also einige Positionen( Installateure, Klempner) verbessert, andere bleiben gleich und die dritten( Schlosser u.a. in den ersten Gesellenjahren) werden erheblich verschlechtert. Dazu tritt die Verordnung noch rückwirkend in Kraft. A- 103Lohnkürzungen und Lohndifferenzierungen bringt auch die am 6. 3. 1937( RAB1. VI, 236) erlassene Abänderung der Tarifordnung für die Fluss- und Küstenschiffswerften der Elbe, Oder, Havel, Märkischen Wasserstrassen, Weser und Ems vom 30.5.1936. Darin werden für Cuxhaven folgende Löhne festgesetzt: neu Tarifordnung vom 30.5.1936 Für Gelernte bis zum vollendeten 22. Lebensjahr 82 RPf. 86 RPf. für Ausgelernte bis zum vollendeten 20. Lebensjahr 78 79 80 ?? für Ausgelernte im 1. Jahr nach der Lehre 72 11 74 " Die Lehrlinge erhalten wöchentlich folgende Mindestvergütungen: im 1. Lehrjahr 17 2. 3. 11 11 4. 11 3,- RMK 4. 3468 6, 程 8, 11 21 statt je Stunde: lo RPf. 15 1 20 25 ?? Ausserdem erfolgt eine Gliederung des Havel- und Mittelelbebezirks in vier statt zwei Ortsklassen, was zu folgenden Verschiebungen führt: Der Mindestlohn für Gefolgschaftsmitglieder über 20 Jahre beträgt nach der neuen Tarifordnung: IV 62 RPfg. 53 ?? 47 81 237 659 560 Ortsklasse: für Gelernte für Angelernte für Ungelernte I II III 70 67 60 57 53 50 1655 65 56 gegen vorher: Ortsklasse: I II für gelernte Arbeiter 67 62 RPfg. für angelernte Arbeiter 57 53 11 50 47 ?? für ungelernte Arbeiter Durch Tarifordnung vom 2. 4. 1937( RAB1. VI. 433) wird die Tarifordnung für die Betriebe der Fleischwarenindustrie im Wirtschaftsgebiet Niedersachsen vom 5. März 1936 wie folgt abgeändert:( Sätze der alten Tarifordnung in Klammern) A-104Arbeiterinnen: in besonders verantwortlicher Stellung sonst: im Alter von über 23 Jahren im Alter von unter 23 Jahren im Alter von unter 20 Jahren Kutscher: mit Inkassovollmacht ohne Inkassovollmacht RMK. pro Stunde 0,60 0,58( 65) 0,55( 57) 0,50( 50) 11 TY 43, RMK je Woche( 50) 38, ( 50) 91 Eine Neueinstufung wird auch durch die Verordnung vom 13.12. 1936( RAB1.VI.12) für die Molkerei- und Käsereibetriebe im Wirtschaftsgebiet Westfalen gegenüber der Tarifordnung vom 16.9. 1936( RAB1.VI. lo31) durchgeführt. Das Mindestbrutto bargehalt für Gehilfen beträgt demnach monatlich: im 1. Gehilfenjahr im 2. und 3. Gehilfenjahr im 4. bis einschl.6." vom 7. Gehilfenjahr an 60 ,. 28 17 45,- RMK gegen bisher 50,-RMk 19 19 60, 75, 11 11 85, 17 17 80, 11 75, Die Tendenz dieser Aenderung, die Löhne der jüngeren Jahrgänge zu senken, ist jetzt sehr häufig feststellbar. Eine Verschlechterung der Löhne der Arbeiter an Pressluftwerkzeugen wird durch folgende Aénderung vom 13. 11. 1936 ( Tarifordnung zur Ergänzung und Aenderung der Tarifordnung für die Hartsteinindustrie in Bayern r.d.Rh., RAB1. vi. 1254) dekretiert: Neue Regelung: 1. Die Stundenlöhne betragen: a) für Schmiede, Maschinisten, Pflastersteinmacher, Brecher und sonstige Facharbeiter b) für Arbeiter an Pressluftwerkzeugen Alte Regelung: 1. Die Stundenlöhne betragen: a) für Schmiede, Maschinisten, Pflastersteinmacher, Pressluftbohrer und sonstiger Facharbeiter 56 bis 60 RPf. 54 11 56 ?? 56 bis 60 RPf. Die uns vorliegenden Betriebsberichte bestätigen die allgemeinen Bemühungen des Regimes um Differenzierung und Kürzung der Löhne: A-105Berlin: Der neue Tarif im Baugewerbe bringt einige Lohnverschlechterungen, wird aber trotzdem merkwürdigerweise unter den Arbeitern wenig diskutiert. Die Dachdecker verdienen 3 Pfg. weniger pro Stunde, die jüngeren Zimmerer sind von 90 Pfg. auf 82 Pfg. abgebaut. Aeltere Zimmerleute äussern sich, dass es gar nichts schade, wenn die Jungen etwas weniger verdienen. Sachsen, 1.Bericht: Ein Werkzeugschlosser aus der Musikindustrie hat verdient: im März 1931 in 96 Stunden 72,-RM; Stundenlohn 75 Pfg. Abzug für Kranken- u.Invaliden- Versicherung 5,96 RM im Dezember 1931 in 66 Stunden 49,50 RM; Stundenlohn 75 Pfg. Abzug für Kranken- u.Invaliden- Versicherung 4,54 RM im Januar 1935 in 96 Stunden 69,12 RM; Stundenlohn 72 Pfg. Abzug für Kranken- u.Invaliden- Versicherung 3,68 RM, Bürgersteuer 0,50 und Arbeitslosenversicherung 2,28, zusammen 6,64 RMK. im Dezember 1935 in 96 Stunden 69,12 RM; Stundenlohn 72 Pfg. Abzug für Kranken- u.Invaliden- Versicherung 3,68 RM, Bürgersteuer 0,50 und Arbeitslosenversicherung 2,28 RM, DAF 1,80 RM monatlich, zusammen 8,26 RM. im März und Dezember 1936 dasselbe. im Januar 1937 in 96 Stunden 69,12 RM; Stundenlohn 72 Pfg. Abzug für Kranken- u.Invaliden- Versicherung 3,--, Bürgersteuer 0,50 und Arbeitslosenversicherung 2,28, DAF 1,80 RM monatlich, zusammen 7,58 RM. 2.Bericht: Im Betrieb Eisenach der Bayrischen MotorenWerke werden Flugzeugteile, Motorboote und Teile von Tanks erzeugt. Es wird fast ausschliesslich für Rüstungsaufträge gearbeitet. Obwohl die Belegschaft seit zwei Jahren wesentlich vergrössert worden ist, hat sich ihre Lage verschlechtert. Es wird meist in Akkord gearbeitet. Eine ganze Reihe von Akkordsätzen sind seit 1933 unverändert bestehen geblieben, die Leistungen aber sind wesentlich gesunken. Es wird so schlechtes Rohmaterial geliefert, dass es auch dem besten Facharbeiter nicht möglich ist, die Leistung von 1933 zu erreichen. Um die Mängel des Materials auf die Arbeiter abwälzen zu können, gibt es überall Strafabzüge. Der beste Facharbeiter kommt nicht völlig ohne Ablieferung von Strafware aus. Die Strafabzüge sind erheblich und betragen wöchentlich im Durchschnitt 4,- RM. Es gibt Arbeiter, die mit 3,- RM Abzüge wegkommen, es gibt aber auch solche, denen 6,- RM wöchentlich abgezogen werden. Der Durchschnittsverdienst ohne die Strafabzüge beträgt wöchentlich im Akkord 43,- RM. Zu diesen Strafen kommt noch ein Werkzeugabzug. Da das Rohmaterial schlecht ist, ist die Werkzeugabnützung entspre A-106chend grösser. Sie geht auch wieder auf Kosten der Arbeiter, denen wöchentlich für Werkzeugverbrauch noch 1,- bis 1,50 RM abgezogen wird. 3. Bericht:( Aus der Auto- Union, Zwickau) Die Arbeiter wer-. den durch den Rohstoffmangel stark benachteiligt. Es entstehen häufig Stehzeiten, weil das Material nicht bereit ist, und die Arbeiter, die fast durchweg im Akkord arbeiten, bekommen diese Zeit nicht bezahlt. Auch in anderer Weise wirkt sich der Materialmangel als Lohnverschlechterung aus. So ist z.B. die Zinnmenge zum Abdichten der Karosserien wesentlich herabgesetzt worden, der Arbeiter muss mit weniger Zinn auskommen und daher mehr Arbeit( stärkeres Verschlagen des Zinns etc.) aufwenden. Die Stücklohnpreise für diese Arbeit sind aber unverändert geblieben. Auch andere Arbeiten werden durch den Materialmangel sehr erschwert und der grösste Teil der Arbeiter kommt nicht mehr auf volle Zeit.( Der Akkord wird in Minuten berechnet.) 4. Bericht: Die JG- Farbenwerke schieben bei der Einstellung von Arbeitern eigentümlicherweise Strohmänner vor. Dem Strohmann wird vom Werk mitgeteilt, dass man etwa 10 bis 15 Schlosser oder Dreher brauche. Der Strohmann, ein kleiner Krauter, fordert Arbeiter vom Arbeitsamt an und schickt sie dann ins Werk zu dem betreffenden Meister. Der prüft die Leute auf ihre fachlichen und sonstigen Eigenschaften und schickt dann die Aufgenommenen mit einem Schein zu dem Schlossermeister, der die Abmeldung beim Arbeitsamt vornimmt. Auch die Lohnzahlung und Entlassung erfolgt nach Anweisung des Werkes auf den Namen des Schlossermeisters. Der Zweck dieses Vorgehens scheint zu sein, dass die Neuaufgenommenen von den Vergünstigungen des Werkes ausgeschlossen werden.( 1/ 4- jährliche Kündigung, besserer Lohn etc.) Die Stammarbeiter werden sehr sorgfältig ausgewählt. Sie haben 80 1/2 Pfg., die übrigen nur 69 Pfg. Lohn. Tiefbau- und Ausschachtungsunternehmer haben unter Arbeitermangel zu leiden. Sie locken durch höheren Lohn. Früher wurden 56 bis 58 Pfg. gezahlt, jetzt erhalten die Arbeiter 61 bis 63 Pfg. Leider ist es aber den Arbeitern fast unmöglich, sich zu verbessern, weil sie vom alten Arbeitgeber einen Befreiungsschein brauchen. Bekommen sie ihn nicht und gehen sie trotzdem, dann wird auf dem Schein vermerkt, dass sie ohne Einwilligung den Arbeitsplatz verlassen haben. Nirgends bekommt ein solcher Arbeiter dann Arbeit. Es sei denn, der alte Arbeitgeber nimmt ihn wieder auf. Eine Dampfkesselfabrik garantierte einem Kesselschmied vor der Einstellung 81 Pfg. Stundenlohn. Bei der Auszahlung gab es aber nur 76 Pfg. Auf seine Beschwerde erhielt der Betreffende lediglich die Antwort, der Tarif für Kesselschmiede sei 69 Pfg., er bekäme also schon über Tarif bezahlt, damit sei es genug. A-1075.Bericht: Bei dem Kasernenneubau in Chemnitz- Ebersdorf ist Hochbetrieb. Bauarbeiter wurden von den Wohnungsbauten weggeholt, um auf dem Kasernenneubau zu arbeiten. An Löhnen werden gezahlt: Für die Maurer 89 Pfg., für die Bauhilfsarbeiter 79 Pfg.( Sätze, die über dem Tarif liegen) und im Tiefbau 67 Pfg. pro Stunde. Meistens wird aber in Akkord gearbeitet. Um einen annehmbaren Akkordsatz zu erreichen, wird schwer geschuftet. Für Deckenputz gab es früher pro qm 65 bis 75 Pfg., heute nur noch 37 Pfg. 6. Bericht: Aus der Textilindustrie wird ein weiterer Lohnabbau gemeldet. Die Weber erhielten bisher, bei gutem Material für looo Schuss 7 Pfg. Dieser Satz wurde in der Mechanischen Weberei Zittau und anderen Textilfirmen auf 5 Pfg.. herabgesetzt. Hinzu kommt, dass sich durch Beimischung von Zellwolle und anderen schlechtern Ersatzstoffen die Ware viel schlechter verarbeiten lässt, was eine weitere Lohnsenkung bedeutet. Die Arbeitsämter der Oberlausitz schicken junge Mädchen und Burschen in die Textilbetriebe als Lehrlinge in die Weberei. Die Lehrzeit, die früher 14 Tage betrug( dann gab es Akkord öhne) ist jetzt auf ein halbes Jahr verlängert worden. Der Verdienst beträgt während dieser Zeit 4,- bis 5,- RM die Woche. Bayern: Bei BMW, München wird im Akkord gearbeitet. Es bestehen 3 Akkordsätze: A-, B-, und C- Akkord. Frauen fallen unter den C- Akkord. Die Anfangslöhne der Hilfsarbeiter betra-. gen 56 Pfg., Spezialarbeiter kommen bis auf 1,22 RM pro Stunde; besonders gute Facharbeiter, wie Rundschleifer und, Automatenschleifer auf 1,30 RM. Angelernte Arbeiter verdienen 1,08 bis 1, lo RM. Im Gegensatz zu früher verdienen Werkzeugmacher, Reparaturschlosser und Anreisser nur 80 bis 90 Pfg. Früher waren das die bestbezahltesten Arbeiter des Betriebes. Schlesien: In einer Tischlerei, die Rüstungsaufträge hat, werden die Löhne durch alle möglichen Machenschaften des Unternehmers gedrückt. Der Tariflohn beträgt 65 Pfg. die Stunde. Der Unternehmer bezeichnet eine grosse Anzahl der Arbeiter als nicht leistungsfähige Handwerker und stellt sie als Hilfsarbeiter ein mit einem Stundenlohn von 45 bis 50 Pfg.. Die Arbeiter werden aber als Tischler beschäftigt. Lehrlinge werden nicht eingestellt, sondern Arbeitsburschen. Diese werden bei ein und derselben Arbeit angelernt und beschäftigt. Sie erhalten einen Stundenlohn von lo bis 14 Pfg. Wasserkante, 1.Bericht: In Flensburg wurde vor einiger Zeit eine neue Dampfschiffgesellschaft gegründet, die an Stelle der ehemaligen Rederei" Bruhn" den Verkehr auf der Flensburger Förde betreibt. In diesem Betrieb müssen die Arbeiter 12 bis 14 Stunden am Tage arbeiten und bekommen dbei nur für 10 Stunden bezahlt. Als sie sich durch ihren Betriebsver A-108trauensmann bei der Arbeitsfront beschwerten, wurde ihnen zur Antwort gegeben:" Hier handelt es sich um einen neuen Betrieb. Daran sind Sie doch alle interessiert, dass er aufgebaut wird, da müssen Sie schon mit dem Lohn zufrieden sein. Später, wenn der Betrieb erst richtig läuft, dann müssen die Arbeitsstund en natürlich voll bezahlt werden." Die Stundenlöhne auf den Werften haben sich seit dem Umsturz folgendermassen verändert: Gelernte Arbeiter: 1933 89 Pf.dazu bis zu 40% Akkord zuschlag 1937 65 Pf.dazu bis zu 38% Höchst akkord oder 22 Pf. Ausgleich Angelernte Arbeiter: 1933 84 Pf.dazu bis zu 40% Akkordzuschlag oder 20 Pf. Ausgleich 1937 59 Pf.dazu bis zu 38% Höchstakkord oder 18 Ungelernte Arbeiter: 1933 79 Pf.dazu bis oder lo 1937 53 Pf.dazu bis oder lo 20 Pf. Ausgleich zu 40% Akkord zuschlag 12 Pf. Ausgleich zu 38% Akkord zuschlag 13 Pf. Ausgleich. Zu den Löhnen kommt eine Frauenzulage von 1 Pf. und eine Kinderzulage von 2 Pf. pro Stunde. Die Ueberstund enzu schläge haben folgende Herabsetzung erfahren: 1933 1937 Sonntagsarbeit 100% 50% Ueberstunden 1.Stunde 2.Stunde 3.Stunde darüber hinaus 25% 1. und 2.Stunde 40% 3. und darüber 25% 40% 50% 75% Durch Ueberstundenarbeit und Sonntagsarbeit ist es besonders den qualifizierten Arbeitern, die teils bis zu 14 Stunden arbeiten, möglich, den Lohnausfall auszugleichen. Andererseits kommen sie auf diese Weise oft bei den Abzügen in eine höhere Klasse, so dass manchmal über die Hälfte des Ueberstunden- oder Sonntags lohnes wieder verloren geht. Nachstehend ein Beispiel über Verdienst und Abzüge eines angelernten Arbeiters mit einem Kind: Stundenlohn Ausgleich Frauenzulage Kinderzulage 0,59 RM 0,19 ? S 0,01" 0.02" Gesamtstundenlohn o, 81 RM 48 Stunden zu o, 81 RM Abzüge pro Woche 38,88 8,44 RM 30,44 Falls dieser Mann an einem Sonntag 8 Stunden arbeitet, verdient er weitere 8,56 RM,( Der Aufschlag wird nur für den reinen Stundenlohn von 59 Pf. gezahlt), so dass sein Gesamt A-109lohn 47,44 RM erreicht. Bei diesem Verdienst erhöhen sich die Abzüge jedoch auf 12,64 RM. Er erhält also nur 34,80 RM ausgezahlt. Für die 8 Stunden Sonntagsarbeit verdient der Mann tatsächlich also nur 4,40 RM. In den sogenannten Landbetrieben sind die Löhne etwas höher. Es kommt hinzu, dass in diesen Betrieben einzelne tüchtige Facharbeiter besonders hoch entlohnt werden. Nordwestdeutschland: In nordwestdeutschen Werftbetrieben werden infolge des Mangels an Schlossern und Schweissern an einzelne Fachleute, die man sich als Arbeiterkern unter allen Umständen erhalten will, Spitzenlöhne gezahlt. Doch handelt es sich hier um Ausnahmen. Der Durchschnitt der gelernten Arbeiter erhält 66 Pfg. pro Stunde. Dazu kommt ein Akkordaufschlag von 20 bis 22%, so dass der endgültige Stundenlohn etwa 80 Pfg. beträgt, was einen Bruttowochenlohn von 38,40 RM ergibt. Die Abzüge bewegen sich zwischen 6 und 7 Mark pro Woche. Verheiratete erhalten zu diesem Lohn 2 Pfg. für die Frau und 3 Pfg. für jedes minderjährige Kind pro Stunde. Unverheiratete hatten früher einen Nettolohn von 46 bis 47 Mark. Die Nettolöhne sind also heute um rund ein Drittel reduziert. Hinzu kommt eine Steigerung der Abzüge und das Sinken der Kaufkraft. Die zweite Gruppe der Werftarbeiter, die angelernten Arbeiter, haben einen Grundlohn von 62 Pfg. Auch hier kommen 20 bis 22% Akkord zuschläge hinzu. Im übrigen berechnet sich der Lohn wie oben. Die dritte Kategorie sind die ungelernten Arbeiter, deren Grundlohn 56 Pfg. pro Stunde beträgt. Diese Arbeiter erhalten keine Akkordzuschläge. Westsachsen, 1.Bericht: Eine Strumpffabrik, die ihre Betriebe mit modernen Maschinen ausrüsten konnte, zahlt heute die besten Löhne im Gebiet. Trotzdem kommt auch bei ihr ein Strumpfwirker nur auf höchstens 38,-RM wöchentlich. In diesem Gebiet waren aber in der Hochkonjunktur 1928/29 wöchentliche Akkordverdienste von loo,- bis 120,- RM keine Seltenheit. Einige Wochenlohnvergleiche zwischen den Jahren 1933 und 1937 zeigen folgende Entwicklung( in allen drei Fällen handelt es sich um verheiratete Arbeiter): 1.Metallbetrieb mit Rüstungsaufträgen: 1933 brutto 39,-, 1937 bei gleicher Arbeitszeit brutto 38,-RM 2.Metallbetrieb( Küchengeräteerzeugung): 1933 brutto 35,-, 1937 bei gleicher Arbeitszeit brutto 30,-RM 3. Metallbetrieb( Erzeugung von Trinkbechern, Kochgeschirren etc.): 1933 brutto 40,-, 1937 bei gleicher Arbeitszeit brutto 31,-RM Die Einbusse am Nettolohn seit 1933 beträgt im Durchschnitt 6,- bis 8, RM wöchentlich. A- 110Weitere Lohnvergleiche aus den Jahren 1933, 1935 und 1936 ergeben folgendes Bild: Wochenlöhne in RMK Frühjahr 1933. Mitte 1935. Ende 1936 Metallwerke: Gelernte ledig 28, 26, 24,50 verheiratet 34, 31, 30, Ungelernte ledig 25, 24, 22,-verheiratet 31,-1 30, 27, Knopfindustrie: Akkordlohn 26, 23, 23,-Zeitlohn 23, 22, 22, Strumpffabrik Akkord 39933, 30,-Metallwarenfabrik Akkord 36, 33, 30,-Papierfabrik Akkord 34, 29, 28,-Kistenfabrik Akkord 31, 29, 27,-Handschuhfabrik A. Akkord 26, 23, 20,-Handschuhfabrik B Akkord 32, 27, 26,-Fleisch- u.Wurstfabrik ( gelernter Fleischer Wohnung ausser Haus) 37,-. 32, 33,-Schürzenfabrik Akkord 23, 19, 19,-Talsperrenbau Forchheim Die Sperre gehört der Stadt Chemnitz, alle Angestellten und Arbeiter sind Nazi, deshalb der erste Abbau erst im April 1936. 36, 36, 33,-2.Bericht: Die Firma T. hat den Arbeiterinnen in der Dämpferei den Lohn um 33 1/ 3% gekürzt. Der Wochenverdienst betrug bisher 28,- RM. 6 Mädchen haben auf diese Massnahme hin sofort den Betrieb verlassen. Sie können bei den gesenkten Löhnen das Fahrgeld zur Arbeitsstätte nicht mehr bestreiten. Bayern: In der Glasfabrik X. sind die Akkordsätze für einzelne Stücke wie folgt herabgesetzt worden: A-111In der Aetzerei für 2- Liter- Krüge früher 8 " 1/4 -Becher schalen " 10-12 cm FingerPf. jetzt 5 Pf. ۲۴ 3 1/2 Pf." 3 品 IT 8 Pf. 11 5" Das bedeutet eine Kürzung des bisherigen Wochenverdienstes von 27, RM um 9,- RM. Mitteldeutschland: Ein Maurer, der beim Bau von Getreidesilos beschäftigt war, berichtete über die Lohnverhältnisse: Für das Verputzen der Innenräume wurde pro Quadratmeter 38. Pf. gezahlt. Dabei wurde ein ausgesprochener Salonputz verlangt, für den früher pro qm 70 bis 80 Pfg. gezahlt worden sind. Wer einigermassen verdienen will, muss täglich 30 qm schaffen. Da die meisten Maurer von auswärts waren und doppelten Haushalt haben, suchten sie selbst um Ueberstunden nach. 3) Ersatzlose Aufhebung von Tarifordnungen Neben dem innerbetrieblichen Abbau der übertariflichen Löhne und den offenen Tarifverschlechterungen haben wir auch diesmal wieder eine Anzahl von Fällen zu verzeichnen, in denen Tarifverträge ersatzlos aufgehoben werden. Dabei ist von neuem darauf hinzuweisen, dass kein Zwang zur Veröffentlichung von Tarifordnungen oder ihrer Aufhebung besteht, so dass nicht festzustellen ist, in welchem Umfang ausserdem noch tariflose Bezirke und Berufszweige bestehen. Nach einer Bekanntmachung vom 1. Juli dieses Jahres gelten alle alten Tarifverträge als aufgehoben, wenn sie nicht in den Verzeichnissen aufgeführt werden, die von den Reichstreuhändern der Arbeit für ihr Wirtschaftsgebiet aufgestellt werden. Weitergeltende Reichstarife müssen im Verzeichnis des Reichsarbeitsministeriums aufgeführt sein. Ersatzlos aufgehoben wurden seit unserer letzten Lohnübersicht folgende Tarifordnungen( Wir sehen dabei von Tarifordnungen für einzelne Baustellen ab, die infolge Beendigung des Baus aufgehoben wurden): Reichstreuhänder für Schlesien, Breslau, 15. Januar 1937 ( RABL. VI 102) Aufhebung einer Tarifregelung über die Entlohnung der Grubenhilfsarbeiter im Waldenburger Steinkohlenrevier. A- 112Reichstreuhänder für Südwestdeutschland, Karlsruhe, 12.März 1937( RABI VI.246) Aufhebung des als Tarifordnung weitergeltenden Tarifvertrages für Poliere und Schachtmeister im Baugewerbe in Württemberg und Hohenzollern vom 14. Juli 1933. Reichstreuhänder für Südwestdeutschland, Karlsruhe, 12.März 1937( RABI VI.245) Aufhebung des als Tarifordnung weitergeltenden Tarifvertrages für Poliere und Schachtmeister im Baugewerbe in Baden vom 20. Dezember 1933. Reichstreuhänder für Nordmark, Hamburg, 12. März 1937 ( RAB1 VI. 246) Der als Tarifordnung weitergeltende Manteltarifvertrag für die Hafenarbeiter in Kiel vom 15. September 1924 nebst protokollarischen Erklärungen vom 15. Dezember 1924 und Lohnund Akkordtarif vom 5. Januar 1932 wird hiermit aufgehoben. Reichstreuhänder für Brandenburg, Berlin, 11.Dezember 1936 ( RAB1 VI 1318) Aufhebung des als Tarifordnung weitergeltenden Tarifvertrages für die technischen Angestellten in der Natursteinindustrie in Berlin. 5.) Sonderzuwendungen In der nationalsozialistischen Lohnpolitik ist seit längerer Zeit das Bestreben zu beobachten, die Unternehmer zu Sonderzuwendungen an die Arbeiter zu veranlassen. So hat man z. B. im vergangenen Jahr grosse Propaganda für die Gewährung von Weihnachtsgratifikationen gemacht. Diese Bestrebungen dienen einmal wie auch andere Massnahmen der nationalsozialistischen Arbeitspolitik- der stärkeren Bindung der Arbeiter an den Betrieb. Zweitens sind sie ein wirksames Mittel, um die Differenzierung der Belegschaft zu steigern. Vor allen Dingen dient die laute Propaganda, die in jedem einzelnen Falle für einen " sozialen Betrieb" entfaltet wird, der etwa eine Sterbekasse oder Wöchnerinnenhilfe einführt, dazu, den Abbau der öffentlichen und gewerkschaftlichen Sozialleistungen zu vertuschen, die früher den Arbeitern gestatteten, auf Geschenke der Unternehmer zu verzichten. In der Tat sind die sogenannten Soziallöhne der früheren Zeit grösstenteils verschwunden. A-113Die Sonderzuwendungen haben für die Unternehmer höheren Löhnen gegenüber den grossen Vorteil, dass sie keine tariflichen Bindungen dabei eingehen und es in ihrem Belieben steht, ob Rechtsanspruch für die Belegschaft entsteht oder nicht. Darauf wird bei der Gewährung solcher Zuwendungen meist besonders hingewiesen. So hat z. B. die Ueberlandszentrale Oberscheld, HessenNassau, verkündet, dass sie" zusätzlich und ohne Schaffung eines Rechtsanspruchs" eine Wöchnerinnen- und Kinderbeihilfe ( oo, RM bei Geburt eines ehelichen Kindes eines Gefolgschaftsmitgliedes") eingeführt hat. Dieses Versprechen ist natürlich von recht fragwürdigem Wert, da es jeden Tag wieder aufgehoben werden kann. SOF Bedeutsam für die Weiterentwicklung der" aussertariflichen" Lohnpolitik in Deutschland kann das Prinzip der Gewinnbeteiligung" als einer besonderen Form des" Leistungslohns" werden. Seit einiger Zeit wird diese Form der Entlohnung von dem Sozialamt der Arbeitsfront propagiert. Das Sozialamt steht auf dem Standpunkt, heisst es in den Mitteilungen des Sozialamtes der DAF vom 22. April, dass die Gefolgschaftsmitglieder durch den Einsatz ihrer Arbeitskraft am Unternehmen beteiligt seien. Diese Beteiligung rechtfertige einen Anspruch der Gefolgschaft auf Gewinnbeteiligung.Dem nationalsozialistischen Grundsatz entspreche es, dass diese Gewinnbeteiligung nicht nach irgendeinem schematischen Verteilungsschlüssel vorgenommen werde, sondern dass die hierfür bestimmten Beträge in Form von gerechten Leistungslöhnen an die Gefolgschaft ausgezahlt würden. Ein gerechter Leistungslohn setze sich aus dem beruflichen Mindestlohn und Leistungsprämien zusammen, die mit der durch höhere Arbeitsleistung wachsenden Produktion steigen müssten. Darüber hinaus müsse gerechterweise auch der nicht zu Preissenkungen oder zur unumgänglich notwendigen kapitalmässigen Stärkung des Unternehmens verwandte Anteil der durch Leistungssteigerung ersparten Kapitalien in den Leistungsprämien zum Ausdruck kommen. Natürlich hat diese Forderung der DAF nichts mit wirklicher " Gewinnbeteiligung" zu tun; vielmehr handelt es sich um ein gefährliches Prämiensystem, das nicht unmittelbar auf der wirklichen Leistung des Arbeiters basiert, sondern erst nach Abschluss der kaufmännischen Bilanz des Unternehmens wirksam wird. A-114Auch hier ist die Verkoppelung der beiden Prinzipien der nationalsozialistischen Arbeitspolitik deutlich: Differenzierung und Bindung an den Betrieb. Wie dieses Prinzip sich in der Praxis auswirkt, zeigt folgender Bericht aus Sachsen: Eine bekannte grosse Werkzeugmaschinenfabrik, die heute auch Bestandteile von Tanks und Unterseebooten produziert, ist glänzend beschäftigt und wirft entsprechende Gewinne ab. Die Dividende ist 1936 von 4 auf 10% hinaufgeschnellt. Da aber gerade 1936 die Akkordlöhne durchwegs heruntergesetzt worden sind; liess sich der Dividendens egen schlecht damit in Einklang bringen. Man gab deshalb an die Arbeiter und Angestellten Gewinnanteilscheine im Betrage von 200,- bis 500,- RM aus, gestaffelt nach den Dienst jahren im Betrieb. Anteilscheine von 500,- RM erhielten 6 Arbeiter, die 40 und mehr Jahre im Betrieb tätig gewesen sind. Die Anteilscheine wurden aber, ohne die Arbeiter zu fragen, gleich als Arbeitsbeschaffungsanleiḥestücke ausgegeben. Trotz der vielen Reklame, die mit dem sozialen Charakter der Firma gemacht wird, haben also die Arbeiter und Angestellten nur ein Papier ohne jeden Wert erhalten. 1928 verdienten die verheirateten Arbeiter bei dieser Firma im Durchschnitt 46,-RM wöchentlich, 1936 aber höchstens 35,-RM. Dabei ist die Arbeitszeit wöchent-| lich 4 Stunden länger. Auch das Sytem der" Treueprämien", auf das wir früher bereits hingewiesen haben, wird systematisch, vor allem in der Landwirtschaft, ausgebaut und neuerdings auch auf die Ehefrauen ausgedehnt. In der Aenderung der Tarifordnung für die landwirtschaftlichen Betriebe im Wirtschaftsgebiet Sachsen vom 17. 3. 37.( RAB1 VI 298) heisst es z.B.: Die mitarbeitenden Ehefrauen von Deputanten, die in den letzten 12 Monaten vor dem 1. Oktober mindestens 1.600 Arbeitsstunden geleistet haben, erhalten als Treueprämie: im 2. und 3.Jahr der Zugehörigkeit zur Betriebsgemeinschaft 99 4. vom 6. Jahr ab 11 5. 11 lo,-- RM 15, RM 20,-- RM Ueber die Auswirkung der Nazipropaganda für Weihnachtsgratifikationen liegen uns eine grosse Anzahl Berichte vor, aus denen wir nachstehend einige wiedergeben: Bayern: Die Rüstungsindustrie hat entsprechend ihrer güns tigen Lage Weihnachtsgratifikationen bezahlt. So z.B. Schuckert in Nürnberg 150,- RM pro verheirateten Arbeiter. In einer oberpfälzischen Glasfabrik betrug der Höchstbetrag für einen A-115 verheirateten Arbeiter dagegen nur 14,- RM. Eine Lederfabrik gab den verheirateten Arbeitern 50,- RM, den Ledigen 30,-RM Weihnachtsgratifikation. Eine andere Firma hat ihren Arbeitern ein Reisemarkenbuch für" Kraft durch Freude"-Fahrten als Weihnachtsgratifikation gestiftet und in dieses Buch für jeden Arbeiter eine Sparmarke zu 5,- RM geklebt. Pfalz: Die neueingeführten Weihnachtsgratifikationen einiger Unternehmer haben zu vielen bissigen Bemerkungen Anlass gegeben. Soweit geringe Bargeldbeträge ausgezahlt wurden, fand natürlich eine Abstufung für Arbeiter, Meister und Angestellte statt, die nichts mit der" Volksgemeinschaftsidee" zu tun hatte. Teilweise gab es Naturalien, die erst recht Kritik herausforderten, weil meistens Ausschussware verwendet wurde. Mitunter mussten die" Gratifikationen" sogar zum Teil bezahlt werden. In einem Betrieb gab es Margarine Marke " Tempo". Deshalb ist" Tempo Tempo" zum Schlagwort geworden, das bei allen Gelegenheiten gebraucht wird. Berlin, 1. Bericht: In fast allen Berliner Betrieben haben dieses Jahr Weihnachtsfeiern stattgefunden, an denen zum Teil die Familienangehörigen der Belegschaft teilgenommen haben. Die Feiern waren meist mit der Verteilung einer Weihnachtsgratifikation verbunden, deren Höhe völlig willkürlich festgesetzt wurde. Aus einem Montageunternehmen wird berichtet, dass die Belegschaft mit Familie eingeladen war. Für jedes Kind sollte es eine Tüte mit Näschereien geben. Die Zahl der Tüten reichte aber nicht aus. Der Festleiter verkündete darauf, dass für die Kinder, die keine Geschenke erhalten hätten, die Väter bekommen würden. Die Väter bekamen aber, wie alle anderen Belegschaftsmitglieder, nur ein Paketchen mit einigen Pfefferkuchen und einem Fünfmarkstück. Bei Siemens wurde als Weihnachtsgratifikation 50,- bis loo, RM je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit gezahlt. Belegschaftsmitglieder, die noch keine drei Monate im Betrieb waren, bekamen nichts. Die Kollegen, die 50,- RM bekommen haben, rechneten sich aus, dass das noch nicht 1 Pfg. pro Arbeitsstunde im Jahre ausmacht. Sie haben sich durch das Weihnachtsgeschenk nicht über den niedrigen Lohn täuschen lassen. Die Gratifikationen in den Siemenswerken wurden nach folgender Staffel bezahlt( entnommen den" Siemens- Mitteilungen" Nr. 180): A-116Sätze der Weihnachtszuwendungen Gruppen Weihnachtsprämie für das für jedes auf der Gefolgschafts- Steuerkarte einmitglied getragene Kind RM Abschlußprämie Besondere Zuwendung 2/ RM RM RM Obermeister und Angestellte der Nürnberger Tarifgruppe T 5 20, 10,-. 140, 80, Angestellte d. Berliner u. Nürnberger Tarifgruppen T 4 u. K4 Meister( Berliner Tarifgruppen M 1-3, 20, 10, 105, 70, Nürnberger Gruppe B) Bauleitende Obermonteure Angestellte d. Berliner u. Nürnberger Tarifgruppen T 3, K3 Vizemeister( Berliner Tarifgruppe M4, Nürnberger Gruppe A) Meistervertreter 20, 10, 85, 60, Obermonteure Kolonnenführer und Vorarbeiter größerer Facharbeiter- Gruppen Einzelne höchstqualifizierte Spezialarbeiter Angestellte d. Berliner u. Nürnberger Tarifgruppen T2 und K 2 Unterbeamte Facharbeiter der Berliner Lohn20, 10, 70, 50, gruppen A und B Qualifizierte angelernte Arbeiter der Berliner Lohngruppe B Angestellte d. Berliner u. Nürnberger Tarifgruppen T1, K1 u. d. Berliner Tarifgruppen Cb und Cc 20, 10, 55,- 40, Arbeiter der Berliner Lohngruppen C und D Arbeiterinnen 20, 10, 45,- 30, Kaufmännische und gewerbliche Lehrlinge 10, 3 Laufboten Gefolgschaftsmitglieder, die anderen Tarifordnungen unterliegen, werden entsprechend den Berliner Metalltarifordnungen behandelt. 1) Weihnachtsprämien erhalten alle Gefolgschaftsmitglieder bis zu 600,- RM Monatseinkommen. 2) Abschlussprämien erhalten nur die Gefolgschaftsmitglieder, die" mehrere Jahre mit dem Haus verbunden" sind, sie gelten als Beteiligungen am Erfolg des Geschäftsjahres. Mindestzeit: 5 Jahre ununterbrochene Tätigkeit für Siemens. 3) Besondere Zuwendung: erhalten alle Tarifangestellten und Arbeiter, die mindestens seit April 1936 im Betrieb sind.(" In Anbetracht der an die Gefolgschaft gestellten ausserordentlichen Ansprüche, deren gewissenhafte Erfüllung zu dem günstigen Jahresabschluss beigetragen hat...") A- 1172.Bericht: Weihnachtsgratifikationen wurden diesmal häufiger gegeben als im Vorjahr. Auch halbamtliche Dienststellen und die DAF gaben Gratifikationen. In der Regel betrugen sie etwa 20% des Monatsgehaltes. Im Betrieb Kempinski erhielten die verheirateten Gefolgschaftsmitglieder mit Kindern eine Gans im Durchschnittsgewicht von etwa lo Pfund, die kinderlos Verheirateten ein Paket mit 1 Flasche Kognak, 2 Flaschen Wein, 1/2 Pfund Kaffee. Die Ledigen erhielten je eine Flasche Kognak. Es fanden ausserdem in allen Teilbetrieben gemeinsame Weihnachtsfeiern statt. Sachsen, 1. Bericht: Bei den Glanzstoffwerken in Tannenberg erhielten alle Arbeiter und Angestellten in der Weihnachtswoche einen doppelten Wochenlohn ausgezahlt. Die AEG, die Zweigwerke in Annaberg, Scheibenberg und Crottendorf hat, zahlte ihren Arbeitern als Weihnachtsgratifikation 15,- RM. Die Verheirateten erhielten ausserdem für jedes Kind weitere 3,- RM. 2.Bericht: In den Metallbetrieben, die Heereslieferungen haben, haben Arbeiter und Angestellte eine Weihnachtsbeihilfe erhalten. Von der Firma Reinecker wird berichtet, dass auch die Kinder der Arbeiter beschenkt worden sind. Etwa 1.000 Kinder erhielten auf einem Pappteller 2 Aepfel, 2 kleine Tafeln Schokolade, einige Nüsse und etwas Keks. Die Arbeiter erhielten bei einer Betriebszugehörigkeit bis zu 5 Jahren 20,- RM, von 5 bis 20 Jahren bis zu 80,- RM. Den Angestellten sind einmalige Zulagen je nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit bis zu einem halben Monatsgehalt ausgezahlt worden. 6) Die Umgehung der Tarifordnungen Ein Zeichen dafür, wie häufig die amtlichen Tarifordnungen von den Unternehmern umgangen werden, sind die in der letzten Zeit von mehreren Reichstreuhändern erlassenen öffentlichen Aufrufe, in denen die Unternehmer unter Androhung von Strafen darauf hingewiesen werden, dass die Tarifordnungen Mindestbedingungen darstellen, die unbedingt eingehalten werden müssten. So heisst es z.B. in dem Aufruf des Reichstreuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Westfalen:(" Ruhrarbeiter", 2.Maiausgabe 1937) Es gibt heute immer noch Unternehmer, die ihrer Gefolgschaft den Tariflohn vorenthalten und sich darauf verlassen, dass sich ihre Gefolgschaftsmitglieder damit abfinden, um den Arbeitsplatz nicht zu verlieren... Eine unter tarifliche Bezahlung kann lediglich im Einzelfalle und nur ausnahmsweise mit dringendsten wirtschaftlichen oder sozialen Gründen gerecht A-118fertigt werden. Sie ist nur zulässig und rechtsgültig, wenn ich die ausdrückliche schriftliche Genehmigung hierzu erteilt habe... Wer in wirtschaftlicher Not ist und glaubt, die Tarifordnung nicht einhalten zu können, muss sich augenblicklich an den Reichstreuhänder der Arbeit wenden... Auch wo keine Tarifordnung besteht, ist der Unternehmer verpflichtet, stets einen Lohn zu zahlen, der mindestens als ein in dem Gewerbe üblicher Lohn anzusprechen ist.. Die Rechtsunsicherheit, die immer noch über die wirkliche Bedeutung der Tarifordnungen in Deutschland herrscht, hat ihre Ursache in einem grundsätzlichen Widerspruch des deutschen Tarifwesens. Allgemeinverbindlichkeit und Unabdingbarkeit waren früher das Rückgrat des Tarifwesens; die Durchbrechung dieser Prinzipien nach dem Umsturz war gleichbedeutend mit der Auflösung des ganzen Tarifwesens. Das jetzige System der staatlich dekretierten Tarifordnungen muss diese beiden Prinzipien von einander trennen, da der Sinn der heutigen Tarifordnungen ein anderer ist als der der früheren Tarifverträge. Aufgabe des Tarifwesens war früher in erster Linie der Schutz der Lohn- und Arbeitsbedingungen für die Arbeiter und die Schaffung gleicher lohnpolitischer Konkurrenzbedingungen für die Unternehmer. Im Dritten Reich sind die Tarifordnungen vor allem ein Instrument zur staatlichen Regulierung der Arbeitsbedingungen, des Arbeitseinsatzes und der Konkurrenz der Unternehmer. Diese Aufgaben erfordern unter Umständen gerade die Schaffung ungleicher Arbeitsbedingungen, also die Möglichkeit, Tarifordnungen, die an sich allgemeinverbindlich sind, doch wieder für einzelne Betriebe oder ganze Bezirke aufzuheben und sie durch Sonderregelungen zu ersetzen. So wird in vielen Tarifordnungen den Unternehmern ein Spielraum bei der Anwendung der Tarifsätze eingeräumt. Wir bringen dafür einige Beispiele: Die Tarifordnung für die Strickerei- und Wirkereibetriebe des Stadt- und Landkreises Altenburg vom 7. 11. 1936( RAB1 V1.1259) bestimmt: Für neu eintretende Gefolgschaftsmitglieder kann bis zum Ablauf des ersten Monats ihrer Berufstätigkeit der Stundenlohn bis zu 30 v.H. A-119bis zum Ablauf des zweiten Monats ihrer Berufstätigkeit der Stundenlohn bis zu bis zum Ablauf des dritten Monats ihrer Berufstätigkeit der Stundenlohn bis zu unter die Tarifsätze gekürzt werden. 20 v.H. lo v.H. Die Tarifordnung für das Baugewerbe in Baden vom 27. 4. 1936 ( RAB1 VI. 424) hatte als Lohnsätze in der untersten Ortsklasse festgesetzt:( Stundenlöhne für Arbeiter über 20 Jahre) Facharbeiter( Maurer, Zimmerer, Zementfacharbeiter, Einschaler für Beton, Einschachter, Mineure, Rammer, Zieher, Schlosser, Schmiede, Dreher) Zementarbeiter( Eisenbieger und Flechter) Bauhilfsarbeiter( Zuschläger und Werkstatthelfer, Platzarbeiter im Hochbau) Tiefbauarbeiter( Schlepper und Platzarbeiter im Tiefbau) 60 Pfg. 55 Pfg. 50 Pfg. 50 Pfg. Das ergibt bei achtstündiger Arbeitszeit einen Tagesverdienst von 4, RM. Diese Tarifsätze sind für die Rheinwaldmelioration in Baden durch Tarifordnung vom 17. 12. 36( RAB1 VI.S.8) folgendermassen geändert worden: Ledige Arbeiter verheiratete Arbeiter ohne Kinder bis zu 3 Kindern über 3 Kinder 3, RM pro Tag 3,25" 曾 10 3.35 3,50" 11 ช 17 Diese Löhne sind Nettolöhne, an denen ein Abzug für Sozialversicherungsbeiträge nicht erfolgt. Wie es im übrigen mit der Verbindlichkeit der Tarifordnungen in der Wirklichkeit aussieht, zeigen folgende Berichte aus den Betrieben: Sachsen: Die Tarifbedingungen werden in vielen Betrieben nicht eingehalten. So beträgt z.B. in der Posamentenbranche der Tariflohn für gelernte Mühlstuhlarbeiter pro Stunde 56 Pfg. In einem Betrieb sind vor einiger Zeit einige solche Facharbeiter eingestellt worden, die aber nur 44 Pfg. die Stunde erhalten. Obwohl das zuständige Arbeitsamt die Vermittlung durchgeführt hat und auch die Arbeitsfrontstelle um Eingreifen ersucht wurde, erhielten die Fragesteller die Auskunft, dass die Arbeiter selber die entsprechenden Vorstellungen beim Betriebsführer erheben müssten. Da die Arbeiter damit Gefahr laufen, die Arbeitsstelle wieder zu verlieren, weil das Arbeiterangebot gerade in dieser Branche gross ist, arbeiten sie weiter für 44 Pfg. A-120In einer Buchdruckerei wandte sich ein Arbeiter an den Vertrauensrat, damit dieser beim Chef für ihn die Bezahlung des Tariflohnes verlangen sollte. Der Vertrauensrat wies den Arbeiter an die zuständige Stelle der DAF, die auch seine Beschwerde ann ahm und ihm versprach, sich für ihn einzusetzen. Als der Arbeiter lange nichts von seiner Angelegenheit hörte, fragte er bei der DAF wieder an. Nunmehr wurde ihm erklärt, dass der Betrieb sehr schlecht dastehe und er durch Verzicht auf einen Teil seines Lohnes zur Wiedergesundung des Betriebes beitragen müsse. Südwestdeutschland: Bei den Strassenarbeiten in unserem Bezirk kümmert sich nicht ein einziger Unternehmer um den Tarif. Jeder bezahlt einfach nach" Leistung". Zwei Arbeiter, die aus einer anderen Gegend vom Arbeitsamt zum Strassenbau vermittelt worden waren, beschwerten sich auf dem Büro der DAF, dass sie 8 Pfennige unter Tarif bekämen. Hierauf erhielten sie, nachdem der Vertreter der DAF mit dem Unternehmer telefoniert hatte, die Antwort, ihre Leistungen entsprächen auch nicht denen der anderen Arbeiter. Rheinland- Westfalen: In einem Inserat wurden Elektriker gesucht. Ein Elektriker meldete sich. Man bietet ihm 65 Pfg. die Stunde an. Der Tarif sieht einen Mindestlohn von 95 Pfg. vor. Praktisch konnten die Elektriker früher bis zu 1,30 RM verdienen. Der Mann lehnte die Annahme der Arbeit mit dem Hinweis auf die Tarifbestimmungen ab. Als er zum Arbeitsamt kam, verweigerte man ihm dort die Unterstützung, weil er die Arbeit nicht angenommen hatte. 7) Die Arbeitszeit Das Bestreben, die Arbeitszeit zu verlängern, über das wir in unseren früheren Uebersichten berichtet haben, setzt sich immer stärker durch. Waren schon bisher die Beschränkungen der Arbeitszeit durch tarifliche Bestimmungen nur sehr gering, so in denen liegen jetzt eine grosse Anzahl von Tarifordnungen vor, Beschränkungen für ganze Arbeitergruppen ausdrücklich aufgehoben werden und die 54 bis 60- Stundenwoche als Regel festgesetzt wird. Einige Beispiele für die neuen Arbeitszeitregelungen aus den Tarifordnungen: Die Tarifordnung für die Kalkindustrie im Wirtschaftsgebiet Sachsen vom 21.5.37( RAB1 V1.261) bestimmt, dass für Kraftwagenführer, Zugmaschinenführer, Beifahrer, Kutscher, Heizer und A Maschinisten die regelmässige werktätige Arbeitszeit einschliesslich der Vorbereitungs?rbeiten, Wartezeit und Instandhaltungsarbeiten ausschliesslich der Pausen 54 Stunden in der Woche beträgt. In der Tarifordnung für Sehotterwerke und Kies- und Sandgruben im Wirtschaftsgebiet Nordmark vom 12.5. 1937(RAB1 71 5o9) heisst es: "Der Betriebsführer kann die Arbeitszelt für den ganzen Betrieb oder einzelne Betriebsabteilungen auf 54. Stunden je Woche ausdehnen.. Die regelmässige Arbeitszeit der Lastkraftwagen- und Strassenzugmasohinenführer, Beifahrer und Kutscher beträgt einschliesslich Vorbereitungsarbeiten und Arbeitsbereitschaft wöchentlich höchstens 60 Stunden. Die Kutscher dürfen ausserdem an Sonn- und Feiertagen bis zu 2 Stunden mit dem Füttern und Pflegen der Pferde beschäftigt werden. Dieselbe Bestimmung findet sich in folgenden Tarifordnungen der Ziegelindustrie: Wirtschaftsgebiet: Gleichlautende Bestimmungen enthält ferner die Tarifordnung für die Betriebe der Kieselgurgewinaung,-aufbereitung und -Veredelung in der Lündburger Heide vom 10. 2. 1937'RAB1 Ti. ISo) Für die Kraftfahrsr, Wächter und Wagenwäsoher in den Omnibus- Aust ugsverkehr-, Rundfahrt- und Mietwagenbetrieben Gross- Hamburgs und für die Kraftfahrer der Kreftwagenbetriebe in Bergedorf wird die 66-Stundenwoohe zugelassen(RAB1 VI. 203). Die Tarifordnung für das Holzhandwerk im Regierungsbezirk Merseburg vom 4-* 12. 193� iRABl VI Ißo?) bestimmt: Heizer und Maschinisten sowie Helfer, ferner Kraftwagenführer haben über die jeweils für den Betrieb geltende Ar- A-122beitszeit hinaus täglich bis zu einer Mehrarbeitsstunde zu-. schlagsfreie Mehrarbeit zu leisten. In der Tarifordnung für die Uhrenindustrie und die verwandten Gewerbe des Schwarzwaldes vom 25. 11. 1936( RAB1 VI. 1294) heisst es: " Für Gefolgschaftsmitglieder, deren Arbeit regelmässig und in erheblichem Umfange in Arbeitsbereitschaft besteht, z.B. Pförtner, Wächter, Boten, Bürodiener und Heizer, kann die regelmässige Arbeitszeit ohne Zuschlag bis auf 60 Stunden, für Kraftfahrer und Maschinisten bis auf 54 Stunden wöchentlich erhöht werden. Für Mehrarbeit über die se Zeit hinaus beträgt der Zuschlag 25 v.H." Die Tarifordnung für das Holzgewerbe in der Provinz Brandenburg vom 31. 3. 1937( RAB1 VI. 460) ergänzt die frühere Tarifordnung durch folgende Bestimmung: Die regelmässige Arbeitszeit der Heizer und Maschinisten sowie deren Helfer, der Kutscher und Kraftwagenführer darf einschliesslich der Vorbereitungsarbeiten und Arbeitsbereitschaft höchstens 60 Stunden wöchentlich betragen. Die Kutscher dürfen ausserdem an Sonn- und Feiertagen bis zu 3 Stunden mit dem Füttern und Pflegen der Pferde beschäftigt werden. Die regelmässige Arbeitszeit der Wächter und Pförtner darf einschliesslich Arbeitsbereitschaft höchstens 72 Stunden wöchentlich betragen. Die Reichstarifordnung für das En trostungs- und Eisenanstrichgewerbe vom 10. 3. 1937( RAB1 VI. 243) legt fest: " Der Führer des Betriebes kann in der Zeit vom 1. Juni bis 30. September die werktägliche Arbeitszeit bis zu 10 Stunden täglich ausdehnen." In den Molkereien ist fast überall jetzt die 60- Stundenwoche eingeführt. In einigen Bezirken zunächst nur für ländliche Molkereien, in anderen auch schon für städtische Molkereien. So wird die Tarifordnung für die Molkereien Westfalens am 13. 12. 1936( RAB1 VI 12, 1937) dahin geändert, dass die wöchentliche Arbeitszeit in städtischen Weichkäsereien bis zu 54 Stunden ausgedehnt werden kann.( sonst 48 Stunden, in ländlichen Molkereien 60 Stunden). In der neuen Tarifordnung für die Molkereien Mitteldeutschlands vom 11. 3. 1937( RABL VI 317) wird die bisher 48- stündige A-123Arbeitszeit für alle Abteilungen auf 60 Stunden verlängert. Durch die Tarifordnung für das Molkerei- und Käsereigewerbe in Oberbayern, Schwaben- Neuburg und dem württembergischen Teil des Allgäus vom 11. 1. 1937( RAB1 VI. 326) wird die 54- Stundenwoche eingeführt. Dasselbe gilt für die Molkereien in Schleswig- Holstein( RABL VI 31). Für die Molkereien in Bremen und Oldenburg ist die 60- Stundenwoche eingeführt( RAB1 VI. 1318). In der Tarifordnung für das Molkereigewerbe im Wirtschaftsgebiet Rheinland vom 27. 11. 1936( RAB1 VI. 1304) werden folgende Arbeitszeiten festgelegt: Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt einschliesslich der Sonntage für Stadtmolkereien 48 Stunden. In den Landmolkereien kann die Arbeitszeit 54 Stunden und in der Zeit vom 1. April bis 30. September eines jeden Jahres 60 Stunden einschliesslich der Sonntage betragen. 12 Die 60- Stundenwoche wird ferner in einigen neuen Gaststättentarifen( Ostpreussen-RAB1 VI. 534-; Schleswig- Holstein RAB1 VI. 206-; Mitteldeutschland-RAB1 VI 160-) eingeführt. Die Tarifordnung für das Friseurgewerbe der Provinz Oberschlesien vom 31. 12. 1936( RAB1 VI. 39) erlaubt, dass die regelmässige wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden einschliesslich der Arbeitsbereitschaft ausschliesslich der Pausen auf 55 Stunden ausgedehnt werden kann. In der Tarifordnung für das Friseurgewerbe in den Kreisen Schleswig und Eckernförde vom 19. 11. 1936( RAB1 VI. 1284) heisst es: " Die regelmässige Arbeitszeit einschliesslich Arbeitsbereitschaft, jedoch ausschliesslich Pausen, beträgt 9 Stunden, Sonnabends und an den Tagen vor gesetzlichen Feiertagen 10. Stunden täglich. Die Gesamtdauer der Pausen muss täglich mindestens 1 1/2 Stunden betragen." Auch im Fleischergewerbe sind verschiedentlich die Arbeitszeiten verlängert worden, wie die Arbeitszeitbestimmungen der folgenden Tarifordnungen zeigen: A-124U Tarifordnung für das Fleischerhandwerk im Wirtschaftsgebiet Sachsen( 6. 4. 1937, RAB1 VI. 387): Die regelmässige werktägliche Arbeitszeit der Verkäuferinnen und Ladengesellen kann bis zu 54 Stunden wöchentlich, ( früher 48 Stunden, 20.7.34.) die der Gefolgschaftsmitglieder, die regelmässig zu Geschäftsfahrten( z. B. Viehtransporten, Schlachthof- und Kühlhausfahrten) herangezogen werden, bis zu 60 Stunden wöchentlich ausgedehnt werden. Tarifordnung für das Fleischerhandwerk im Stadtkreis Koblenz, in den Landkreisen Koblenz... v.16. 11.36( RAB1 VI 1314): Die werktägliche Arbeitszeit beträgt ausschliesslich der Pausen: für Angestellte wöchentlich 54 Stunden für Kraftfahrer und Kutscher einschliesslich der Arbeitsbereitschaft wöchentlich 54 Stunden. Dieselbe Regelung findet sich in der Tarifordnung für das Fleischerhandwerk in den Landkreisen Zell, Kochem, Bernkastel vom 12. 11. 1936( RAB1 VI. 1312). In einigen Fällen werden die Zuschläge für Sonntag- oder Nachtarbeit beseitigt. So bestimmt die Ergänzung der Tarifordnung für das Schlosser-, Maschinenbauer- und Kraftfahrzeughandwerk in Gross- Hamburg vom 16. 12. 36( RAB1 VI. 11): " Wird in Betrieben des Kraftfahrzeughandwerks abwechselnd ein Sonntagsbereitschaftsdienst eingerichtet, so sind während des Dienstes, sofern er von der zuständigen Behörde genehmigt und durch die Kraftfahrzeuginnung bzw. durch einen von der Innung hierzu Beauftragten verteilt worden ist, nur die tatsächlich ausgeführten Arbeiten mit dem Sonntagszuschlag von 50 v.H. zu bezahlen, während die in Arbeitsbereitschaft verbrachte Zeit mit dem einfachen Stundenlohn abgegolten werden kann." Vorher wurde für Sonn- und Feiertagsarbeit 50 Prozent Aufschlag gezahlt. Durch Aenderung der Tarifordnung vom 15. August 1936 für das Bäckerhandwerk im Wirtschaftsgebiet Rheinland wird der Zuschlag von 50% für Sonn- und Feiertagsarbeit aufgehoben. ( RAB1 VI. 11) Die Tarifordnung zur Ergänzung der Tarifordnung für die Sand- und Kiesbetriebe im östlichen Teil des Regierungsbezirks Merseburg vom 16. 11. 1937( RABI VI. 1250) hebt den Zuschlag für Nachtarbeit auf," wenn diese in regelmässigen Schichtbetrieb geleistet wird." A-125Die Verlängerung der Arbeitszeit hat eine doppelte Bedeutung: 1) Sie ist ein wichtiges Mittel zur Ueberwindung des Facharbeitermangels und damit eine Voraussetzung für die Durchführung des Vierjahresplans. 2) Sie gibt den betroffenen Arbeiterkategorien Gelegenheit, wenigstens einen Teil der Lohnsenkungen durch Mehrarbeit wieder auszugleichen, und trägt deshalb dazu bei, den Druck auf Lohn erhöhungen abzulenken. Diese Zusammenhänge ergeben sich auch aus den nachstehenden Betriebsberichten. Diese Berichte zeigen aber zugleich auch, dass selbst die mit Zuschlag bezahlten Ueberstunden das Nettoeinkommen oft nur sehr wenig erhöhen, da die Abzüge schneller steigen als die Mehrarbeitsverdienste. Vor allen Dingen finden die Unternehmer ständig neue Wege, auf denen sie der lästigen Bezahlung von Ueberstunden ausweichen können. Sehr üblich ist auch das Nacharbeiten von Feiertagen geworden, wofür keine Zuschläge bezahlt werden. Bayern, 1.Bericht: Der 8- Stundentag wird nur von ganz wenigen Arbeitern eingehalten. Mehr als 90% der Belegschaft machten Ueberstunden zum Normallohn. Die einen mehr, die anderen weniger. Durch diesen Lohnausgleich, der von der Betriebsleitung gefördert wird, unterbindet man eine kollektive Forderung nach Lohnerhöhung, die beim Wegfall jeder Ueberstundenleistung schon längst erfolgt wäre. 2.Bericht: Der Spitzenlohn für einen Werkzeugmacher bei Schuckert in Nürnberg beträgt 1,27 RM in der Stunde. Die Leute arbeiten aber nicht etwa 48 Stunden in der Woche, sondern im Durchschnitt täglich 12 Stunden. Es sind also Leute darunter, die in der Woche 90,- RM und mehr verdienen. Südwestdeutschland: In den X.Werken herrscht Hochbetrieb in den Abteilungen, die mit der Anfertigung von Milchflaschen ( Bombengehäuse) und Granaten beschäftigt sind. Da bis jetzt nur eine gewisse Anzahl Leute mit diesen Arbeiten beschäftigt werden können, müssen diese Tag für Tag Ueberstunden leisten. Auch an Samstag- Nachmittagen und an Sonntagen wird gearbeitet. 12 bis 15 Stunden Arbeitszeit täglich ist die Regel. Den Leuten ist aber streng verboten, darüber zu sprechen. Allgemein herrscht in diesem Betrieb Unzufriedenheit darüber, dass die Feiertage nicht bezahlt werden. Da die Firma aber gut beschäftigt ist," dürfen" die Arbeiter die Feiertage einholen und müssen nun drei Wochen jeden Abend eine Stunde länger arbeiten. Die Belegschaft hat ausgerechnet, dass die Firma annähernd 7.000,- RM an Ueberstundenzuschlägen durch diese neueste Methode spart. A-126In einem Holzbetrieb, mit rund loo Beschäftigten, der zur Zeit sehr gut zu tun hat, steht der Achtstunden tag nur auf dem Papier. Das Ueberstundenwesen hat verheerenden Umfang angenommen. Die Ueberstunden werden vom Betriebsführer einfach diktiert. Auch die Tarifordnung wird vom Unternehmer geschoben. einfach beiseite Anstelle der tariflichen Staffelung der Ueberstunden zuschläge werden generell 25% bezahlt. Aus Aeusserungen von Kollegen, die in Kleinbetrieben unserer Branche, arbeiten, weiss ich, dass wir dabei noch gut fahren. Denn in den kleineren Buden wird überhaupt kein Ueberstundenzuschlag bezahlt. Grosse Erbitterung rief die willkürliche Anordnung der Betriebsführung hervor, dass der Arbeitszeitausfall während der Weihnachtsfeiertage durch Ueberstunden abgeleistet werden muss. Diese Regelung bedeutet für die Arbeiter in mehrfacher Hinsicht einen empfindlichen Schaden: 1. werden keine Ueberstundenzuschläge gezahlt mit der Begründung, dass es sich nur um die Nachholung regulärer Arbeitszeit handele. 2. steigt infolge des gesteigerten Wochenlohns auch der Steuerabzug, ohne dass die Arbeiter durch Ueberstundenzuschläge entschädigt würden. 3. steigen auch alle anderen Abzüge. Als Ostern sich das Ganze wiederholen sollte, weigerten sich die Arbeiter, die Anordnung des Betriebsführers zu befolgen. Nach einigem Hin und Her gab die Betriebsleitung nach. Vom Ehrengericht wurde ein pfälzischer Unternehmer verurteilt, weil er nicht nur auch Sonntags eine 12- stündige Schicht verlangt, sondern das Ueberstundenwesen soweit getrieben hatte, dass manche Arbeiter auf 84 Stunden wöchentliche Arbeitszeit kamen. Es wurde ihm deshalb die Befähigung zur Führung eines Betriebes abgesprochen. In der grossen Maschinenfabrik von Sulzer in Ludwigshafen und in anderen grossen Betrieben liegt es jedoch mit dem Ueberstundenunfug ähnlich. Nordwestdeutschland: In der Rheinschiffahrt werden sehr viel Ueberstunden gemacht. Es ist nicht selten, dass Matrosen durch Ueberstunden in der Woche 10,- RM mehr verdienen als die Schiffsführer. Die DAF unternimmt nichts gegen diese Erscheinungen. Im übrigen bekommt ein Schiffsführer für Ueberstunden keinen Aufschlag. Auf Borkum-aber auch auf verschiedenen Werftbetrieben an der Nordseeküste- haben die Arbeiter wöchentlich 60 Stunden, in Fällen starker Arbeitshäufung sogar 70 und 75 Stunden zu arbeiten. Sie erhalten jedoch am Wochenende nur den Lohn für eine 48- stündige Arbeitszeit plus etwaiger Akkordzuschläge ausgezahlt. Der Rest der Stundenlöhne wird ihnen gutgeschrieben. Tritt nun eine Stockung infolge Materialmangels usw. ein, so werden die Arbeiter einfach nach Hause geschickt und haben die Mehrstunden der letzten sechs oder acht Wochen abzubummeln. Auf diese Weise wird dem Arbeiter das Risiko für solche A-127Stockungen aufgebürdet. Bei besonders qualifizierten Facharbeitern kommt noch hinzu, dass der Arbeitgeber die Leute nicht zu entlassen braucht, ohne fürchten zu müssen, dass sie ihm von einer Konkurrenzfirma fortgeholt werden, denn es besteht ja das Verbot des Wegengagierens von Facharbeitern. Berlin: In einer Reichsstelle, die seit längerer Zeit stark mit Arbeit überlastet ist, werden dauernd Ueberstunden gemacht. Aber die im Tarif vorgesehenen Ueberstundenzuschläge werden nicht gezahlt. Im übrigen wird der Tarif der Reichsangestellten noch eingehalten, so dass die Gehälter in dieser Reichsstelle vergleichsweise noch sehr hoch sind. Sehr hoch sind allerdings auch die Abzüge. Bei einem Gehalt von etwa 400,- RM entfallen 80,-RM auf Abzüge. Die ständigen Ueberstunden haben schon dahin geführt, dass die Angestellten mit einer gewissen betonten Nachlässigkeit die Arbeiten erledigen. Es handelt sich keineswegs um eine politische Sabotage, sondern um die Folge einer gewissen Verärgerung durch die starke Arbeitsbeanspruchung. In einem Versicherungsbetrieb müssen sehr häufig Ueberstunden geleistet werden. Sie werden extra bezahlt und führen dann oft zu einer höheren Einstufung bei den Abzügen. Das Resultat ist dann, dass die Angestellten nicht mehr als zuvor bekommen, der Staat also in Wirklichkeit den Mehrverdienst für die Ueberstunden einstreicht. In der Versuchsanstalt für Flugwesen, Adlershof, werden Zwar hohe Löhne gezahlt, es herrscht aber auch ein besonders schlimmes Hetztempo bei der Arbeit. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 62 Stunden. Dazu kommen meist 3 Sonntage im Monat, an denen 8 Stunden gearbeitet wird. Die Wochenlöhne betragen 75,- RM brutto, 50,- RM netto. Die Sonntagszuschläge sind gestaffelt: 25 Prozent für den ersten, 50 Prozent für den zweiten, 75 Prozent für den dritten und loo Prozent für den vierten Sonntag im Monat. Am vierten Sonntag wird daher niemals gearbeitet. Die Belegschaft ist physisch regelrecht erschöpft. Mitteldeutschland: Bei der Bubiag( Braunkohlen- und Brikett- Industrie A.G.) verdienen Arbeiter unter 21 Jahren in 48- stündiger Arbeitszeit pro Woche netto 22,-RM. Ausserdem können freiwillig noch Ueberstunden gemacht werden, so dass die Arbeitszeit 60 Stunden in der Woche erreicht. Die meisten Jugendlichen machen davon Gebrauch, damit sie denigstens auf einen Nettowochenlohn von 25,- RM kommen. Die Verheirateten gehen in der Regel mit nette 34,- RM wöchentlich heim. Da sind aber auch meistens 10 bis 12 Ueberstunden dabei. In den Ziegelwerken herrscht seit 2 Jahren schon Hochbetrieb und dort wird sogar bis zu 70 Stunden geschuftet. Sachsen Aus einer Eisenbahnwerkstatt wird berichtet, dass die Arbeiter unter einem starken Antreibersystem leiden und viele Ueberstunden leisten müssen. Auch an Sonntagen wird A- 128Jetzt Arbeit verlangt, so dass die Arbeiter nur alle 6 Wochen einmal einen vollständigen freien Sonntag haben. Jeder dritte Sonntag ist von früh 6 Uhr bis Montag früh 6 Uhr frei und jeder sechste Sonntag von Sonnabend abends 6 Uhr bis Montag früh 6 Uhr. In den Reihen der Werkstättenarbeiter spricht man deshalb gewöhnlich von kurzen und langen Sonntagen. In den Horchwerken und im Bergbau wird schon seit langer Zeit der Achtstunden tag nicht mehr eingehalten. Bei den Horch- Werken ist in vielen Abteilungen die 10 bis 12- Stundenschicht eingeführt, während in einigen Abteilungen infolge Rohstoffmangel oft tageweise verkürzt gearbeitet werden muss. Doch auch bei den 10 bis 12 Stunden bleibt es oft nicht. Viele Arbeiter müssen noch weitere Ueberstunden leisten. Die Arbeitszeit in den Wanderer- Werken beträgt jetzt oft mit Ueberstunden pro Woche 60 Stunden. Im Baugewerbe wird bis zu 60 Stunden wöchentlich gearbeitet. Die Arbeitszeit über wöchentlich 48 Stunden ist als Ueberstundenzeit zu vergüten. Es besteht aber die Einschränkung, dass immer eine Zeit von 8 Wochen zusammen zu rechnen ist. Fallen in diese Zeit Feiertage oder Regentage, oder wird aus einem anderen Grunde gefeiert, so werden diese Freizeiten auf die Ueberstunden verrechnet. In der Regel ergeben sich auf diese Weise wenig Ueberstunden, trotzdem bei guter Witterung immer länger als 8 Stunden gearbeitet wird. Schlesien, 1.Bericht: In den Delbrückschächten wurde durch folgende Bekanntmachung Mehrarbeit dekretiert: Bekanntmachung Um den Anforderungen des Absatzes genügen zu können und um einen Lohnausgleich zu schaffen bei der im Monat Mai sonst geringen Schichtenanzahl mit dem 1. Mai würden es nur 23 Schichten sein soll an den folgenden Tagen des Monats Mai die jeweilige Nachmittagsschicht( Grubenbetriebe, Separation und Verladung) 1 Stunde länger arbeiten, und zwar: 21., am 3., 4., 5., 7., 10., 11., 12., 13., 18., 19., 20., 24., 25., 26. und 28. Mai. Diese Mehrarbeit wird hiermit angeordnet. Ferner ist in Aussicht genommen, am Sonntag, dem 23. Mai, in allen Betrieben in 3 Schichten, wie an Wochentagen, zu ar= beiten. Die Genehmigung zu dieser Mehrarbeit ist bei der zu= ständigen Behörde beantragt worden. Die Mehrarbeit an den Wochentagen wird mit 25%, die Sonntagsarbeit mit 50% Zuschlag bezahlt. Wegen der erforderlichen Zugverlegung ist das Weitere bei der Reichsbahn veranlasst worden. A-129Herr Bergwerksdirektor Dr. Leising wird morgen beim Be= triebsappell die Mehrarbeit der Gefolgschaft nochmals er= läutern. Hindenburg, den 30. April 1937 Delbrückschächte gez. Redeker Im ganzen sind die Versuche, im oberschlesischen Bergbau auf Umwegen die Arbeitszeit durch sogenannte Nachschichten für Feiertage zu verlängern, als gescheitert zu betrachten. In den meisten Fällen gehen die Kumpels nach ihren 8 Stunden nach Hause und erklären, dass man bei diesem Fressen keine Ueberstunden und Nachschichten verfahren kann. Zu den Sonntagsförderungen erschienen trotz wiederholter Drohung mit Entlassung nur so wenige Arbeiter, dass die Sonntagsarbeit eingestellt wurde. In einer Belegschaftsversammlung auf der Oehringengrube bei Gleiwitz sagte der Vertrauensrat, dass die Schicht recht wohl verfahren werden könnte, es gäbe Nahrungsmittel genug, aber die Kumpels trieben Sabotage. Darauf antworteten einige prompt:" Freilich, für den, der Geld hat, aber nicht für uns." Es gibt aber einige Gruben, wie Delbrückschächte, Hindenburg, Hedwigswunsch, Klausenberg und Johannaschacht, wo viele Kumpels aus Polen arbeiten, die die Ueberstunden und auch die Nachschichten verfahren. 2. Bericht: Im Waldenburger Kohlenrevier werden seit Novem ber vergangenen Jahres wöchentlich 7 Schichten befahren. Für diese 7. Schicht wird kein Zuschlag gezahlt. Es wird mit Hochdruck gearbeitet, da sich die Kohle besonders für die künstliche Gummierzeugung eignen soll. Auf die Betriebssicherheit wird bei dem Arbeitstempo wenig Rücksicht genommen. In einer Grube, in der 130 Mann beschäftigt sind, gab es in einem Monat 9 Unfälle. In einer Tischlerei ist eine Werkschar von 25 Mann gebildet worden. Es wurde angeordnet, dass auf die Dauer von 8 Wochen die ganze Belegschaft wöchentlich eine Ueberstunde ohne Entgelt machen müsse, um die Mittel zur Einkleidung dieser Werkschar zu beschaffen. Nach Ablauf der 8 Wochen wurde angeordnet, dass die Ueberarbeit zwei weitere Monate geleistet werden muss. 8.) Der Urlaub Die Verlängerung des Urlaubs der Arbeiter ist das sozialpolitische Steckenpferd des Regimes. Es gab auch in der" Systemzeit" den tariflichen Urlaub, aber es steht ausser Zweifel, dass das A- 130Dritte Reich dem Ausbau des Urlaubswesens seit etwa zwei Jahren seine besondere Aufmerksamkeit widmet. In unserer Uebersicht im November 1936 haben wir diese Frage sehr ausführlich behandelt und die Neuregelungen in einer umfassenden Tabelle zusammengestellt( Heft 11/1936, Seite A 121 ff.). Seitdem hat sich prinzipiell nichts geändert, das System ist nur weiter ausgebaut und vereinheitlicht worden. Im Durchschnitt gilt jetzt ein Urlaub von 6 Tagen im ersten Beschäftigungsjahr im Betrieb nach einer Wartezeit von 6 Monaten. Der Urlaub steigt dann mit den Beschäftigungsjahren meist bis auf 12 Tage, in Einzelfällen bis auf 15 und 18 Tage. Schwerkriegsbeschädigte haben meist Anspruch auf einen zusätzlichen Urlaub von 3 Tagen. Für Jugendliche gilt im allgemeinen ein Urlaub von 15 bis 10 Tagen. Die tariflichen Urlaubsfestsetzungen sind auf sämtliche Arbeiterkategorien einschliesslich der Bauarbeiter, der Heimarbeiter und der Hausangestellten ausgedehnt worden. Die Regelung des Bauarbeiterurlaubs nach dem Markenverfahren( vgl. über die Einzelheiten Heft 11/1936, Seite A 136) mit Urlaubskarten-wir reproduzieren die Titelseite einer solchen Urlaubskarte auf Seite A 131- wird von der DAF als besonders grosse Tat gefeiert. Sie ist nicht ganz so originell, wie behauptet wird, sondern bestand in ähnlicher Form schon vor Hitler im Steinsetz- und Parkettlegergewerbe. Die Gründe für die nationalsozialistische" Urlaubspolitik" liegen auf der Hand. Das Regime muss an der Politik der niedrigen Löhne festhalten, aber es ist sich klar, dass es einen Ausgleich, und zwar einen möglichst sichtbaren, für die vorenthaltenen Lohnerhöhungen, die sich eine freie Arbeiterschaft. mit dem Konjunkturanstieg erkämpft haben würde, schaffen muss. Es gibt keine geeignetere Form dafür, als den Urlaub. Ausserdem weiss das Regime, dass die Arbeiter, die durch das gesteigerte Arbeitstempo und die Ausdehnung der Arbeitszeit unerhört gewachsene Anspannung der Kräfte nicht durchhalten können, wenn sie nicht tatsächlich einige Tage im Jahre vollkommen ausspan A-131Ausgestellt am: Vor- und Zuname: geboren am: Wohnort: Arbeiter Urlaubskarte in: Straße: Raum für die in Postwertzeichen ( nicht in Urlaubsmarken) zu entrichtende Gebühr von 30 Raf Freigabevermerk Höhe des Urlaubsgeldes( Gesamtbetrag) dieser Karte RM in Worten: RM Sag der Freigabe: Urlaubsantritt: ( Spätestens 6 Tage nach dem Tage der Freigabe) Einverstanden: Letzter Urlaubstag:. ( Der Gefolgsmann) Vorstehenden Betrag erhalten am: ( Eag, Monat, Jahr) ( Der Betriebsführer) ( Firmenstempel, Unterschrift u, genaue Anschrift des Betriebsführers; in den nachstehenden Fällen unter 1 a, b und d Unterschrift und genaue Anschrift des Empfangsberechtigten) ( Postfcheckkonto, falls Bareinlösung nicht gewünscht wird) zu beachten bei Zahlung des Urlaubsgeldes ohne Freizeit und im Sodesfall 1. Es sind vorzulegen im Falle a) der dauernden Erwerbsunfähigkeit der Rentenbescheid*), b) des Berufswechsels( in einen von diefer Urlaubsregelung nicht betroffenen Beruf das Arbeitsbuch*) und eine Bescheinigung des nachfolgenden Betriebs= führers**), daß die Lohnsteuer abgeführt ist und etwaige Sozialversicherungspflichten erfüllt sind, c) des Sodes( sofern der Betriebsführer das Urlaubsgeld für die Sinterbliebenen abhebt) die Sterbeurkunde oder eine polizeiliche Bescheinigung des Sterbefalls, d) des Sodes( sofern der Arbeiter zur Zeit seines Todes keinem unter diese Urlaubsregelung fallenden Betriebe angehörte und die Hinterbliebenen das Urlaubsgeld ab heben) die Sterbeurkunde oder eine polizeiliche Bescheinigung des Sterbefalls und eine Bescheinigung des legten Betriebsführers**), da die Lohnsteuer abgeführt ist und etwaige Sozialversicherungspflichten erfüllt find. 2. In den Freigabevermerk ist die Höhe des Wertes der verklebten Urlaubsmarken mit den Angaben, dauernd erwerbsunfähig" oder ,, Berufswechsel" oder ,, Ber= storben am ...... einzutragen. Eine weitere Ausfüllung und Bollziehung des Freigabevermerks erübrigt fich. *) Die Berlage des Rentenbescheids und des Arbeitsbuchs kann durch eine entsprechende amtliche Bescheinigung auf der Hrlaubskarte erfest werden. Benn die Beibringung dieser Bescheinigung nicht möglich ist, so find entsprechende Bescheinigungen der einschlägigen Behörden oder Dienstellen( Finanzent, Candesversicherungsanat, gemeine Oriskrenbenkale, Grfagkrankenkaffe usw.) vorzulegen. 15.30m Für Postvermerke der Reichspostdirektion( RRSt) des auszahlenden Postamis Tagestempel kes auszahlenden Vestants AC403 Din A 4 A- 132nen. Es wird darum auch ziemlich streng darauf geachtet, dass der Urlaub genommen und tatsächlich zu Erholungszwecken benutzt wird. Es heisst in den meisten Tarifordnungen:" Der Urlaub muss gewährt und genommen werden. 野 Schliesslich bietet der Urlaub in Verbindung mit den Veranstaltungen der" Kraft durch Freude"-Organisation die denkbar beste Gelegenheit, die Arbeiterschaft geistig und psychologisch zu beeinflussen. Tatsächlich wird der moralische Druck auf die Arbeiter immer stärker, den Urlaub mit KdF- oder mit einer Partei-, Jugend-, SA- Ferien- Veranstaltung zu verbringen. 9.) Einzelberichte Zum Schluss stellen wir noch eine Anzahl von Betriebsberichten zusammen, die weitere interessante Aufschlüsse über die Lohnund Arbeitsbedingungen in den Betrieben geben. Berlin: Aus einem grossen Rüstungsbetrieb: Der Facharbeitermangel führt zu grotesken Erscheinungen. So hat sich der Abteilungsleiter X. dieses Betriebes mit dem Vertrauensrat zusammengetan und einige Spezialarbeiter regelrecht bestochen, um sie von einem Wechsel der Arbeitsstätte abzuhalten. Den Familien dieser Arbeiter wurden Sonderspenden an Kleidern und Lebensmitteln verschafft. Den Arbeitern selbst wurde eine" heimliche" Lohnaufbesserung versprochen und gegeben, so dass sie jetzt mit 47,- RM in der Woche nach Hause gehen, gegen vorher 43,- RM. Einige Facharbeiter aus diesem Betrieb sind Anfang dieses Jahres zu einer anderen Rüstungsfirma übergewechselt. Es hat deswegen einen langen Streit mit dem Arbeitsamt und der DAF gegeben. Von den 17 Arbeitern-durchweg gute Schlosser und Dreher-, die es auf irgend eine Weise fertiggebracht hatten, hinüberzuwechseln, mussten acht am 1. Mai wieder zu ihrer alten Firma zurück. Die Firma Autok in Adlershof hat seit 1936 dauernd neue Leute eingestellt, die fast alle im Bau für Triebbänder für Motorfahrzeuge( Tanks usw.) beschäftigt werden. Die Arbeiter haben Wochenverdienste von 50,- bis 60,- RM netto. In einem Versicherungsbetrieb sind die Gehälter sehr niedrig. Stenotypistinnen erhalten in den ersten Jahren 120,- RM brutto. Erst nach 5 Jahren steigt das Gehalt auf 147,- RM brutto. In dieser Höhe liegt auch das Gehalt der Korrespondenten. Kleine Gehaltssteigerungen darüber hinaus, die von einzelnen erreicht werden, fallen nicht ins Gewicht, weil dann die Abzü A-133ge so stark wachsen, dass kaum ein Vorteil für die Angestellten daraus erwächst. Ein Monteur in einem Metallbetrieb, der ausserordentlich viel Rüstungsaufträge hat, verdient bei 40- stündiger Arbeitszeit und einem Stundenlohn von 1,05 RM in der Woche 42,- RM. In Abzug kommt 1,36 RM Arbeitslosenversicherung, 1,54 RM Kranken- und Invalidenversicherung. Andere Abzüge fallen für ihn weg, da er noch vier schulpflichtige Kinder hat. Provinz Brandenburg: In der Norddeutschen Maschinenfabrik, Luckenwalde, sind die Löhne ziemlich niedrig. Der Einstellungslohn für Dreher beträgt 75 Pfg. die Stunde, er wird auch später selten erhöht, da im Akkord gearbeitet wird. Der Akkordlohn wird nach Zeiteinheiten berechnet, also nach Minuten pro Stück, doch darf der Gesamtdurchschnittslohn bei 48- stündiger Arbeitszeit 1,12 RM pro Stunde nicht überschreiten. Der beste Dreher verdient also im Höchstfalle 54,- RM. Davon geht bei Ledigen ca. 13,- RM an Abzügen ab. Dieser Lohn wird jedoch nie voll ausgezahlt, da jede Woche Abzüge für fehlerhafte Werkstücke gemacht werden. Die Abzüge betragen sehr oft 4,- RM pro Woche; wenn sie höher sind, werden sie auf mehrere Lohnzahlungen verteilt. Die Einstellungslöhne für Fräser betragen nur 65 bis 75 Pf. pro Stunde. Der Lohndurchschnitt darf bei ihnen nie höher als 1,04 RM pro Stunde sein. Der Wochendurchschnittslohn beträgt 35, RM, davon gehen 8,50 RM an Abzügen ab. Die ungelernten Arbeiter, ca. 25 Mann, erhalten durchwegs o, 56 RM pro Stunde. Die angeführten Lohnsätze sind Höchstsätze, die selten erreicht werden, da oft tagelang Rohstoffmangel herrscht( einmal bereits eine volle Woche) und dann die Arbeiter Ersatzarbeiten zu ihren Einstellungslöhnen machen müssen. Besonders unsozial benahm sich die Firma in der Urlaubsfrage. Bei den Einstellungen wurde den bis zum 15. Juli eingestellten Arbeitern ein Urlaub von 8 Tagen versprochen. Dieses Versprechen, wurde jedoch nicht gehalten. Urlaub bekamen nur diejenigen, die bis Ende Mai eingestellt wurden. Die Feiertage müssen vor- bzw. nachgearbeitet werden. Dies geschieht, indem eine Woche lang jeden Tag eine Stunde länger gearbeitet wird. Dadurch wird eine 54- Stundenwoche erreicht. Der Lohn erhöht sich aber nicht entsprechend, weil auch die Abzüge steigen, und zwar viel stärker. Die Fräser haben dann z. B. anstatt der 8,- RM bis 8,50 RM volle lo,- bis lo, 50 RM an Abzügen. Sachsen: In einer Fabrik für photographische Apparate wurde vor kurzem die Lohnsicherung aufgehoben. Bis dahin betrug der Tariflohn 76 Pf. und ausserdem wurde ein Akkord zuschlag von 25% gezahlt. Ebenso wurde bisher 5 Minuten Waschvergütung gewährt. Das ist jetzt weggefallen. Die neuen Sätze diktiert die Firma na ch Gutdünken, nachdem sie die Arbeiter über 4 Wochen lang bei den Arbeiten mit der Stoppuhr kontrolliert A-134hat. Die Arbeiter kommen jetzt bei angestrengtester Arbeit nicht über 30,-RM wöchentlich brutto, also etwa 24,- RM netto hinaus. Im Lauchhammerwerk wird an den Martinsöfen im Kolonnenakkord gearbeitet. Der Grundlohn dieser Arbeiter beträgt pro Stunde 57 Pfg. Während früher der Akkordzuschlag 55% betrug, sind vor einiger Zeit die Akkordsätze auf 32% gesenkt worden. In einer Trikotagenfabrik zahlt man den Näherinnen für 1 Dutzend Hemden- Decknaht nähen, einen Betrag von 21 Pfg. Der Durchschnittsverdienst beträgt in diesem Betrieb 15,-RM in der Woche. Sehr tüchtige Arbeiterinnen kommen im günstigsten Falle auf 17,- bis 18,- RM.( Die Abzüge sind dabei bereits abgerechnet). In einer Fabrik für Nähmaschinenzubehör waren bisher in der Abteilung" Schiffchenrichten" immer nur gelernte Arbeiter tätig. Jetzt werden ungelernte Arbeiter angelernt. Diese erhalten viel niedrigere Löhne als die gelernten. Mitteldeutschland: Ein Arbeiter hat zur Umschulung bei Junkers in Dessau als Leichtmetallschweisser gearbeitet. Während der Umschulung erhalten die Leute nur die Arbeitslosenunterstützung. Beim Arbeitsantritt hat man ihm einen Anfangslohn von 83 Pfg. plus 6 Pfg. Schweisserzulage und einen Liter Milch per Tag zugesagt. Bei der ersten Lohnzahlung erhielt er jedoch, nach Einbehaltung der 6 Karenztage, für 3 Arbeitstage nur lo, 61 RM. Auf seine Beschwerde im Lohnbüro erklärte man ihm, dass er als Angelernter nur auf 61 Pfg. Stundenlohn Anspruch habe. Gelernte Arbeiter erhalten 92 Pfg., Spezialisten RM 1,05. Voraussetzung ist natürlich, dass der Arbeiter im Arbeitstempo mitkommt. Früher war es so, dass derjenige, welcher den Akkordsatz nicht erreichte, wenigstens den Stundenlohn erhielt. Bei Junkers ist es so, dass der Mann nach dem Minuten system eben nur soviel verdient, als er Minuten erreicht hat. Schlesien: Die Weberei X. beschäftigt etwa 80 Frauen. Der Betrieb stellt in der Hauptsache Handtücher her. Der Wochenlohn einer Arbeiterin beträgt 4,- RM bis 9,- RM. Ein Wochenverdienst von 13,- RM, wie er von Einzelnen ab und zu erzielt wird, erregt Aufsehen. In den Glashütten des Gebietes von Schreiberhau wurden Ende 1936 weitere Lohnkürzungen im Einverständnis und mit Duldung der Arbeitsfront durchgeführt, obwohl erst im Frühjahr 1936 ein 15% iger Lohnabzug dekretiert worden war. Bei den neuen Mustern und den neuen Akkordsätzen sind die Verdienstmöglichkeiten der Kunstglasschleifer weiter herabgedrückt worden. An diesen Modellen arbeiten vier Mann drei Tage und verdienen zusammen netto 25,20 RM, so dass also ein Tagesverdienst von kaum 2,- RM pro Arbeiter herauskommt. A-135Ende 1936 wurde in Schreiberhau ein Betriebsappell für die Glasarbeiter des Bezirks abgehalten. Es erschienen etwa 500 Arbeiter. Der Rechtsberater der DAF aus Hirschberg erzählte den Versammlungsteilnehmern in seinem Referat u.a., dass in der heimischen Glasindustrie leider noch zu hohe Löhne gezahlt würden. Dadurch würden die Betriebe unrentabel und auf dem Weltmarkt mit ihren hohen Gestehungspreisen nicht konkurrenzfähig. Nach der Rede des Vertreters der Arbeitsfront erhob sich der Betriebsführer der Josephinenhütte und teilte mit, dass die Betriebsleitung trotz der finanziell schlechten Lage der Betriebe sich erlaube, im Interesse der" Volksverbundenheit" jedem Teilnehmer zwei Biermarken gratis zu spenden. Im gleichen Atemzug erklärte er aber, dass nach dem Vortrag des Herrn Rechtsberaters und im Einverständnis mit der Arbeitsfront ab Neujahr alle tariflichen Löhne um 10% gekürzt und auch alle Akkordsätze um 10% herabgesetzt werden müssten. In der darauffolgenden Aussprache beschwerten sich einzelne Glasarbeiter über die nochmalige Lohnkürzung. Ihnen wurde von dem Vertreter der Arbeitsfront ganz energisch erklärt, sie sollten ja ruhig sein und arbeiten, sie müssten Gott danken, dass sie überhaupt noch im Betrieb tätig sein könnten. Seit September 1936 wurden den Arbeitern der Breslauer Bekleidungsindustrie ständig von der Arbeitsfront und der Wirtschaftsgruppe" Bekleidungs industrie" Lohnerhöhungen versprochen. Sie sollten mit Beginn der Frühjahrssaison in Kraft treten und bis zu 20% betragen. Die Arbeitsfront versandte Schreiben an die einzelnen Firmen und forderte sie auf, bei den Kalkulationen für die Frühjahrssaison die 20% ige Lohnerhöhung bereits mit einzukalkulieren. Im März wurden jedoch die Aufforderungen zur Erhöhung der Löhne zurückgenommen. Die bereits durchgeführten Kalkulationen mussten geändert werden, die Löhne blieben auf dem alten Stand. Z.B. wurde früher für ein Jackett 3,07 RM gezahlt, jetzt 3,10 RM. Bei den Westen ist der Lohnsatz sogar um eine Kleinigkeit erneut abgebaut worden. Die DAF versuchte nun doch noch kleine Verbesserungen durchzudrücken und entsandte in alle Betriebe Kalkulatoren der Berechnungsstelle der DAF. In Verbindung mit dem Ber triebsführer und zum Teil auch mit dem Vertrauensrat wurden Neuberechnungen angestellt, aber einzelne Erhöhungen der Akkordlöhne, die dabei herauskamen, sind so minimal, dass sie kaum ins Gewicht fallen. Nach den bisherigen Feststellungen dürfte die grossangekündigte Lohnerhöhung kaum 2% übersteigen. Auch die Putzmacher hofften im Frühjahr auf Lohnerhöhungen. Bei der Festsetzung der Preise für die Frühjahrssaison wurde jedoch darauf hingewiesen, dass es in dieser Zeit unverantwortlich sei, Preiserhöhungen vorzunehmen. Daher müssten auch die Löhne auf dem bisherigen Stand bleiben. Die Putzmacherinnen erhalten nach wie vor Löhne von 23 Pfg. pro Stunde und müssen weiterhin 60 bis 70 Stunden wöchentlich arbeiten, um auf einen einigermassen auskömmlichen Verdienst zu kommen. A-16Eine besondere Form des Lohndrucks im oberschlesischen Bergbau ist die Kassierung nicht genügend beladener Förderwagen. Die Ladung eines Förderwagens fällt während des Transports durch Rütteln usw. ein und verliert oft auch an Gewicht, da einzelne Stücke vom Wagen fallen. Bis zum Machtantritt Hitlers durften solche Förderwagen, wenn sie nicht genügend beladen waren, nur unter tags reklamiert, bzw. kassiert werden, aber für alle, auf diese Weise beseitigten Förderungen wurde der Lohn der Betriebskasse zugeführt. Jetzt kommt es ausschliesslich der Verwaltung zugute, wenn sie Förderwagen konfisziert. Werden mehrere Wagen von einer Arbeitspartie reklamiert oder kassiert, dann fällt auch die Gedingeleistung und dadurch werden die Bergarbeiter in ihrem Lohn geschädigt. Jetzt werden die Wagen erst übertage reklamiert, nachdem sie sowohl die Förderschale, als auch einen weiteren Transport zur Sortierhalle passiert haben, was naturgemäss einen weiteren Einfall der Kohlen im Wagen hervorruft. Es kommt oft vor, dass ein Förderwagen gehäuft vom Vorort abgeschickt wird und nur dreiviertel gefüllt am Schacht ankommt, weil grössere Stücke einfallen, unterwegs auch Wagen aus dem Gleis rutschen, wobei Kohlen auf der Strecke liegen bleiben. Die Arbeitsparte trägt dann den Verlust des Wagens, obgleich sie ihn am Vorort richtig gefüllt hat. Bayern, 1.Bericht: Bei der Waldarbeit, ich spreche allerdings nur von den Bauernwäldern, denn in den Staatsforsten sind die Löhne etwas besser, bekam man 1931/1932 für 1 cbm geschältes Holz 2,50 RM, in den letzten beiden Jahren erhielt man im Durchschnitt nur 1,30 RM. Wenn man bei diesen Preisen auf RM 35,- bis 40,- RM brutto in der Woche kommen will, dann muss man von früh 5 Uhr bis abends 1/2 9 Uhr arbeiten und selbst dann kann man nur zu diesem Verdienst kommen, wenn man starkes Holz hat, bei schwächerem verdient man entsprechend weniger. Auch bei Brennholz ist eine Lohnsenkung eingetreten. Das Holz wird vom Händler in eigener Regie geschlagen. Der Händler vereinbart mit den Bauern Preis und Menge und dingt sich dann Leute, die die Holzfällerarbeiten usw. machen. Ebenso hat der Händler auch die Fuhrleute selbst zu bezahlen. Früher zahlte der Händler für einen Stier( cbm) Brennholz einen Lohn von 1,20 RM. Heute wird höchstens 1,-RM gezahlt. 2.Bericht: Ein verheirateter Arbeiter( mit 3 Kindern) in einer Zellwollefabrik arbeitete in 4 Arbeitswochen 198 1/2 Stunden und erhielt dafür laut Lohnzettel 97,06 RM. Weiter hat er für eine 12- stündige Sonntagsarbeit 5,86 RM und für insgesamt eine 16- stündige Feiertagsarbeit 7,82 RM bekommen, also llo, 74 RM. Davon gingen folgende Abzüge ab: Einkommen steuer 1,94 RM, Bürgersteuer 1,25 RM, Krankenkasse 3,70 RM, Arbeitslosenversicherung 3,61 RM, Invalidenversicherung 3,-RM, Winterhilfe 0,25 RM, Arbeitsfrontbeitrag 1,40 RM, so dass sich insgesamt ein Abzug von 14,35 RM ergab und der Arbeiter A-137bei 226 1/2 Stunden einen Nettoverdienst von monatlich 96,37 RM ausgezahlt erhielt, also in Stundenlohn umgerechnet genau 42 Pf. pro Stunde verdient hat. Dabei ist in dieser Lohnperiode noch eine Sonntagsarbeit von 12 Stunden und eine Feiertagsarbeit von 16 Stunden enthalten. Südwestdeutschland: In Oberbaden beträgt der Tariflohn für Tiefbauarbeiter 62 bis 65 Pfg. die Stunde. Dieser Lohn wird aber nur selten gezahlt. Die Unternehmer zahlen vielfach nur 58 Pfennige mit der Begründung, dass die Arbeiter nicht voll leistungsfähig wären. Ueberstunden werden in vielen Betrieben gemacht, ohne dass ein Zuschlag gezahlt wird. Das gilt insbesondere vom Nachoder Vorarbeiten für den Arbeitsausfall an Feiertagen. Bei den Kasernenbauten in Radolfzell wurde in Schichten gearbeitet. Zuschläge für die Nachtschicht gab es nicht. B- 1Ti 1 B ( Abgeschlossen am 27. Juli 1937) Das Erziehungswesen im Dritten Reich: I.Die Volksschule.. In der modernen Diktatur hat das Erziehungswesen grundsätzlich andere Aufgaben als in einem freien Staat. Kein Bildungsideal bestimmt seine Prinzipien, sondern ausschliesslich der. Staatszweck. Seine Aufgabe ist nicht, die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu fördern, sondern willfährige Werkzeuge der Staatsführung abzurichten. Sein Ziel ist nicht, in den jungen Menschen das Streben nach Wahrheit zu wecken, sondern politischen Fanatismus zu züchten. Nicht den Willen zur Sachlichkeit und das kritische Bewusstsein soll es heranbilden, sondern engs tirnige Verbohrtheit und gedankenlose Ergebenheit. Es soll nicht den Blick weiten über die Grenzen des eigenen Landes hinaus und Verständnis für die Erfordernisse friedlichen Zusammenlebens der Völker wecken, sondern blinden Chauvinismus und kritiklosen Nationalstolz einimpfen. Es soll die jungen Generationen körperlich, geistig und seelisch auf den Krieg vorberei ten. Wir werden in einer Reihe von Uebersichten die Massnahmen dar stellen, die die Nationalsozialisten seit dem Umsturz ergriffen haben, um das deutsche Erziehungswesen in ihrem" Geist" umzugestalten. Wir beginnen mit der Volksschule. 1) Die Umgestaltung der Volksschule Die Nationalsozialisten waren von Anfang an entschlossen, die Schule ohne jede Rücksicht auf sachliche Erwägungen in den Dienst ihrer Machtpolitik zu stellen. Dieses Ziel war nur durch eine vollständige Umgestaltung der Schule zu erreichen. Den Willen, die Schule von Grund auf zu ändern, brachte der B- 2Reichserziehungsminister Rust auf der Reichstagung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes im Juli 1934 zum Ausdruck: " Es ist ein Unding zu glauben, dass man einen Staat auf Führung einstellt und eine Schule auf Demokratie. Es ist ein Unding, in Deutschland eine Bereinigung von Zehntausenden von Organisationen und Organisationsformen zu vollbringen, der Schule aber das Gesicht exaltierter, liberalistischer Zersplitterung zu lassen... Es wird nicht jedem einzelnen nachgespürt, ob auch in seines Herzens tiefsten Kammern noch irgendwelche Spezialwünsche der Erziehung zu befriedigen sind, sondern es kommt darauf an, seinem Wesen auf den Grund zu schauen und den einzelnen auf diesen Normaltyp umzuprägen, sagen wir es mit einem Satz: Neben der ewigen von selbst sich durchsetzenden Fach- und Berufsausbildung, an die Stelle der allgemeinen Bildung, die nationalpolitische deutsche Erziehung." Die Geschichte der" weltanschaulichen" Umgestaltung der deutschen Schule in den letzten vier Jahren ist ein interessantes Kapitel von naiver Anpassung, byzantinischer Speichelleckerei und bewusstem politischen Gesinnungsdrill. Auch auf diesem Gebiet ist Hitlers" Mein Kampf" die Bibel des Nationalsozialismus. Der Grundzug des Hitlerschen Schulprogramms ist die Abneigung gegen alles Geistige in der Schule." Heranzüchten kerngesunder Körper" ist ihm wichtiger als das" Einpumpen blossen Wissens"." Ein wissenschaftlich wenig gebildeter, aber gesunder Mensch mit Entschlussfreudigkeit und Charakter ist wertvoller als ein geistreicher, Schwächling". Es legt besonderen Wert auf" Erziehung zum Selbstvertrauen"," Gehorsam und Verschwiegenheit"," Weckung des Nationalstolzes", ja selbst des " Chauvinismus"" Die Angst unserer Zeit vor Chauvinismus ist Weckung des Rassesinns und Pfledas Zeichen ihrer Impotenz" ge rassischer Eigenart, das ist das äussere Gerippe des nationalsozialistischen Erziehungsprogramms, wie es in Hitlers " Mein Kampf" ausführlich dargestellt wird. Wie auch auf anderen Gebieten der öffentlichen Verwaltung versuchen die Nationalsozialisten im Bereich der Schule mit einem Mindestmass von gesetzgeberischen Aenderungen auszukomNoch immer bildet in Preussen das allgemeine Landrecht von 1794( 12. Teil. Von den niederen und höheren Schulen) die men. B- 3Grundlage der Schulgesetzgebung. Und ebenso ist die Regierungsinstruktion vom 23. Oktober 1817 grundsätzlich noch in Kraft. Eine Aenderung ist nur insofern eingetreten, als durch die Verfügung vom 30.März 1933 alle Selbstverwaltungseinrichtungen beseitigt und an ihre Stelle das Führerprinzip auch in der Schule eingeführt worden ist. Auch auf dem Gebiet der Volksschulunterhaltung sind die Grundlagen des Volksschul- Unterhaltungsgesetzes vom Jahre 1906 -Verteilung der sächlichen Lasten auf die Gemeinden und der Personallasten auf den Staat- beibehalten worden. Man hat sich nicht zu der grosszügigen thüringischen Lösung durchringen können, die vor dem Umsturz unter sozialistischer Führung geschaffen und nach der die Schulunterhaltung vom Staat, und zwar durch allgemeine Etatmittel, gesichert wurde. Man hat auch die alte Einrichtung der Landesschulklassen beibehalten. Dabei wurde der Gemeindebeitrag für die Landesschulklasse nach der Regel für je 50 Kinder eine Lehrerstelle festgesetzt. Infolgedessen ist die durchschnittliche Klassenstärke der Volksschule ungeheuer gestiegen, und zwar von 42 im Reichsdurchschnitt vor dem Umsturz auf 56 heute. Vor dem Umsturz betrug sie lange Zeit in den linksregierten Ländern Sachsen, Thüringen, Braunschweig und Hamburg sogar nur 30 bis 35 und selbst die Stadt Berlin hielt trotz ihrer finanziellen Schwierigkeiten die Klassenstärke auf 38. Durch die Deutsche Gemeindeordnung vom 15. Dezember 1933 ist die Selbstverwaltung im Volksschulwesen völlig beseitigt worden. Anstelle der Schuldeputation gibt es nur noch Schulbeiräte, die nicht gewählt, sondern vom Bürgermeister berufen werden. " Als Schulbeiräte wurden berufen: 1. Ein bis drei von dem Leiter der Gemeinde mit Zustimmung der Schulaufsichtsbehörde bestimmte, in der Gemeinde angestellte Lehrer. Unter mehreren darf sich eine Lehrerin befinden. 2. die doppelte Zahl sonstiger vom Leiter der Gemeinde im Benehmen mit dem Beauftragten der NSDAP bestimmter Bürger. Hierunter sollen sich Gemeinderäte befinden; 3. ein weiterer von der Schulaufsichtsbehörde im Benehmen mit dem zuständigen Gebietsführer der Hitler- Jugend bestimmter B 4 Bürger. Ferner sollen berufen werden: 4. ein Ortspfarrer der evangelischen oder der katholischen Kirche oder beider Kirchen. Die Bestellung erfolgt durch die Schulaufsichtsbehörde nach Anhörung der kirchlichen Oberbehörde." ( Nationalsozialistische Erziehung vom 30. November 1935) Zu den schulpolitischen Errungenschaften des NachkriegsDeutschlands gehörte das Konferenz- und Mitbestimmungsrecht der Lehrer. In Sachsen, Thüringen und Hamburg war man sogar bis zur kollegialen Schulleitung gegangen, die man auch in Preussen versuchsweise an einigen Schulen durchgeführt hatte. Eine solche demokratische Einrichtung widerspricht natürlich der nationalsozialistischen Anschauung von Grund auf. Darum wurde mit dieser demokratischen Selbstverwaltung radikal aufgeräumt. " Nach dem nationalsozialistischen Führergrundsatz wird dem Schulleiter die Leitung der Schule in vollem Umfang übertragen. Der Schulleiter vertritt die Schule nach aussen und ist der dienstliche Vorgesetzte der Lehrkräfte seiner Anstalt; diese müssen seinen dienstlichen Anweisungen folgen. In allen Angelegenheiten der Schulleitung und der Zusammenarbeit der Lehrkräfte steht dem Schulleiter allein die Entscheidung zu. Aber er soll sich von den ihm unterstellten Lehrkräften beraten lassen und zu diesem Zweck die Lehrerschaft an Stelle der bisherigen Konferenzen berufen, so oft er dies für erforderlich hält, in der Regel monatlich einmal. Als Gegenstück zu seinen Machtbefugnissen trägt der Schulleiter allein alle Verantwortung der Schulaufsichtsbehörde gegenüber. Er ist verantwortlich für die äussere und innere Ordnung des Schulbetriebs und für die Einhaltung der behördlichen Anweisungen; er trägt die Verantwortung dafür, dass seine Schule im Geiste des nationalsozialistischen Staatsgedankens zum Besten der deutschen Volksgemeinschaft arbeitet... Ob ein Schüler versetzt wird, bestimmt nach Anhören der übrigen in der Klasse unterrichtenden Lehrer der Klassenlehrer; die Zustimmung des Schulleiters ist nötig. Dieser kann in Zweifelsfällen den Schüler nachprüfen und danach entscheiden..." Im Jahre 1936 wurde verfügt, dass bei der Besetzung freier Schul- Leiterstellen die Leiter nicht aus dem bisherigen Lehrkörper genommen werden dürfen. Offenbar hat man Angst, dass sie sonst nicht die nötige Autorität besitzen würden. In der Demokratie hatte man besonderen Wert darauf gelegt, dass der B- 5Leiter der Schule organisch, aus seiner Tätigkeit an der Schule selbst herauswachse und sein Einfluss weniger auf seinem Amt als auf seiner geistigen Führung beruhe. Wichtiger als die äusseren Veränderungen ist die innere Umgestaltung der Schule. Sie ist vor allem eine Sache der Lehrpläne. Bis jetzt gibt es noch keinen einheitlichen Schulplan für die Volksschule. Für die Grundschule sind für 1937 im Anschluss an die Neuorganisation des höheren Schulwesens " Richtlinien für den Unterricht in den vier unteren Jahrgängen der Volksschule" herausgegeben worden. Selbstverständlich enthalten auch sie die allgemeinen nationalsozialistischen Bildungsziele. Der Unterricht auf der Unterstufe soll" im Sinne der nationalsozialistischen Erziehung ein Ganzes bilden". Interessant ist an diesen Richtlinien, die sich im übrigen fachlich im Rahmen der üblichen Grundsätze halten, und in ihre: Formulierung sehr verschwommen sind, nur, dass bei dem Stunden. plan der Religionsunterricht überhaupt nicht berücksichtigt worden ist. Darüber hinaus gibt es für die Volksschule eine Reihe von Verfügungen über die jeweilige Gestaltung des Lehrplans. So wurde z. B. durch eine Verfügung vom Februar 1937 angeordnet, dass Themen im Schulunterricht durchzunehmen sind: " Betrieb in Gegenwart und Zukunft " Partei und Bolschewismus" " Unsere Frauen am Werk" " Der Volksgenosse in der " Partei und Staat". GLES GOD " SA. marschiert auch heute" ge für den schaffenden Menschen" NSDAP"" Die Führerauslese der Partei" " Adolf Hitler, der Führer der Partei, der neuen deutschen Nation." " Sor Wir geben auszugsweise aus den Lehrplänen für das 7. und 8. Schuljahr die besonders interessanten Kapitel Geschichtsunterricht und Naturkunde wieder. Der Geschichtsunterricht soll sich in diesen Klassen mit der Zeit von 1871 bis zur Gegenwart beschäftigen. GO 1. Kapitel: Das zweite Reich: Bismarcks Werk und FriedensSorge für den deutschen Arbeitertätigkeit Wilhelms I. Lösung des Raumproblems durch Kolonialpolitik, aber auch durch den" falschen" Weg von Menschen- und Warenexport B- 6Die durch Bismarck errungene Einheit wird durch Polen, Welfen, Sozialdemokraten und Juden gefährdet. Deutschland bereitet sich auf die Verteidigung gegen seine neidischen Gegner vor.- Der Weltkrieg, das Fronterlebnis, Verlauf des Krieges, die Heimat lässt die Front im Stich-( jüdische Kriegswirtschaft und Marxismus)- es ist zu zeigen, dass der heldenmütige Arbeiter an der Front mit dem marxistisch- jüdischen Händlertum im Hinterlande nichts zu tun hat Vertrag von Versailles. 2.Kapitel: 14 Jahre Schmach B 8 Rache der Sieger und Verrat der volksfremden Elemente Der Kampf um den Lebensraum im deutschen Osten Deutsche Kolonialpolitik- Deutschlands Versklavung( besetzte Gebiete, Kontrollen) Deutsc lands Verarmung( Reparationen, Ruhrkampf, Verelendung, Erwerbslosigkeit) Deutschland wird ehr- und wehrlos Deutschland im Innern zerrissen( Separatisten- und Kommunistenaufstände) Jüdisch- marxistischer Materialismus kennt keine sittlichen Pflichten mehr, predigt Klassenkampf und Brudermord macht Gottlosenbewegung und entartet( Ehe und Familie) Der Bolschewismus bedroht Deutschland. 3.Kapitel: Die Rettung in letzter Stunde Deutschland erwacht Adolf Hitler, der Führer Aufstand am 9.November 1923- Schlageter, Wessel- Die nationalsozialistische Revolution und das Wunder der Volkswerdung Deutschland wird völkischer Staat- Wehrhaftmachung( Hitlerjugend, SA, SS, totaler Staat und Führerprinzip, Reinhaltung des deutschen Blutes). Aus dem Lehrplan für den Naturkundeunterricht der letzten beiden Volksschuljahre entnehmen wir: Die Rassenbestandteile des deutschen Volkes- Die weltgeschichtliche Bedeutung der deutschen Rasse( 1/4 bis 1/3 des deutschen Volkes ist erbkrank)- Massnahmen zur rassischen Erneuerung( Ausschliessung erblich schwer Belasteter von der Fortpflanzung, Ausschliessung von Farbigen, Juden und Bastarden von der Eheschliessung mit Ariern; Ahnentafel, Sippschaftstafel usf.) 2) Die nationalsozialistischen Schulbücher. Dem" Geist der Lehrpläne entsprechen die Schulbücher, die seit dem Umsturz entstanden sind. Was G. Woeste in der" Nationalsozialistischen Erziehung vom 14. Juli 1934,( Seite 332) über das Rechenbuch schreibt, wie es die nationalsozialistische Schule braucht, gilt für alle Nazi- Lehrbücher: B- 7" Wir werden ohnedies in der neuen Schule nicht mehr so viel Zeit für das Geistige haben, auch nicht im Rechenunterricht.. Unser Ehrgeiz hat nicht mehr in den Stoffpensen su liegen, die bewältigt worden sind. Ziehen wir auch die Siebenmeilenstiefel aus, mit denen wir in der Schule jede Wissenschaft zu durchmessen versuchten: ziehen wir lieber die SA- Stiefel an, dann können die Jungens besser folgen und sind auch mit Liebe und Begeisterung dabei." Und sie haben wirklich die SA- Stiefel angezogen. So hat Prof. Dr. Ottmar Fecht, Wehrkundliche Stoffe für den Deutschunterricht für den Schulgebrauch bearbeitet und schon 1936 in zweiter Auflage bei Diesterberg, Frankfurt am Main erscheinen lassen, also in derselben Zeit, als deutsche Geschichtsprofessoren im halbamtlichen Auftrag in Paris mit französischen Geschichtslehrern zusammentrafen und nach langen Beratungen vereinbarten, aus den Geschichtsbüchern jede Gehässigkeit, Feindseligkeit und Geschichtsklitterung auszumerzen, um so dem Frieden zu dienen. Auf Seite 3 seines Buches schreibt Dr. 0. Fecht: " Wenn grosse Teile des grossen Volkes dem Pazifismus zum Opfer gefallen waren, so rührte dies ausser von dem Nachhall der Kriegserlebnisse... noch von der überaus rührigen Propagandatätigkeit unserer ehemaligen Kriegsgegner her... Es bleibt eine Schmach für das deutsche Volk, dass sich in seinen eigenen Reihen Volksverbrecher fanden, die pazifistische Gesinnung heuchelten, um als Führer international eingestellter parteipolitischer Richtungen ahnungslose Volkskreise.. für ihre undeutschen Parteigebilde einzufangen, die vornehmlich fremden Interessen und überstaatlichen Mächten dienten." Im Rechenbuch von Koschemann " Rechenaufgaben im neuen Geisten finden wir folgende RechenAufgaben: Luftschutz tut Not... Otten Schmiedewind; Im Jahre 1932 besass die französische Armee 34 Jagdstarfeln mit je 15 Flugzeugen, 44 Beobachtungs-, 17 Tagbomben und 12 Nachtbombenstaffeln mit je 10 Flugzeugen; dazu 560 MarineFlugzeuge und 1.000 Flugzeuge als Reserve. a) Wieviel Flugzeuge besass Frankreich( 39 Millionen Einwohner damals? b) Wieviel Flugzeuge müssten demnach Deutschland( 65 Millionen Einwohner) zugestanden werden?"( Seite 17) "..Die Flugzeuge legen in einer Stunde durchschnittlich 250 km zurück. In welcher Zeit kommen sie a) von Metz nach Mainz( 180 km) b) von Strassburg nach München( 280 km) hin und zurück? B- 8Die Tagbombenflugzeuge können 1.500 kg, die Nachtbombenflugzeuge 2.000 kg Bomben mit sich führen. a) Wieviel Splitterbomben von je 12 kg. b) wieviel Sprengbomben von je 35 kg. c) wieviel Brand bomben von je 750 gr. Gewicht kann ein Flugzeug mit sich führen? d) Wieviel Einschläge würde eine Staffel von 10 Flugzeugen ergeben, wenn man ein Drittel der Bomben als Treffer rechnet? ... 40 Flugzeuge werfen jedes 620 Brand bomben von je 1,5 kg Gewicht über einer Stadt ab. a) Wieviel Brände entstehen, wenn 3/5 der Brandbomben unwirksam bleiben? b) 7/10 des Gewichts einer Bombe ist reiner Kampfstoff, wieviel reiner Kampfstoff ist bei dem Angriff wirksam geworden? c) Wieviel reiner Kampfstoff entfällt dabei auf eine Brandstelle?" ( Seite 18) Die Kreisgruppe des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, Breslau hat eine Sammlung von Schriften zu Deutschlands Erneuerung herausgegeben, von denen mehr als loo Hefte erschianen sin die in Millionen- Auflagen zu dem niedrigen Preis von 10 Pfg. in guter Aufmachung verbreitet werden. Nummer 1 dieser Sammlung ist eine byzantinische Darstellung des Lebens von Adolf Hitler, Nummer 2 behandelt die Schmach von Versailles, es folgen Hindenburg, Schlageter, Wessel. Nummer 54 behandelt das Thema:" Der Jude und der deutsche Mensch" usw. Eine Sammlung von Leseheften:" Die Schule im Dritten Reich. Klassenlesestoff für die neue deutsche Schule"( Verlag Heinrich Beenken, Berlin), von der bis jetzt etwa 7o Hefte erschienen sind, enthält u.a. folgende Hefte: 2." 1.Heft: Unser Reichskanzler Adolf Hitler Hindenburg, der Vater des Vaterlandes Deutsche Helden," Leo Schlageter". Deutsche Helden," Horst Wessel" Nationalsozialistische Führer: Nationalsozialistische Führer: 3. 19 t சம் Herm. Göring Unser Goebbels. Baldur von Schirach Nationalsozialistische Führer: 7." 11. m 16." ST 17. 18." 19. 20." Reichsinnenminister Dr.Frick. Der Stellvertreter des Führers: Rudolf Hess Rassebüchlein für die deutsche Jugend Werden und die Gründung des Dritten Reichs aer Deutschen Deutsche Helden des Krieges zu Land Deutsche Helden des Krieges zu Wasser Deutsche Helden des Krieges in der Luft Den gefallenen Helden zum Gedächtnis. B-921.Heft: Vom Leidensweg des deutschen Volkes 22." 曾 23." 24. 曾 25. 四 26." 27%" 28. m 29. 30. 31. 11 39. 40. 11 41." 47. 53." ( Kriegsende; Inflation- Rote Aufstände) Der Feind im Land ( a.Besetzung, b. Separatismus) Kämpfende Helden ( a. Baltikum, b. Oberschlesien) Kämpfende Helden ( a. Scapa Flow, b. Ruhreinbruch) Was jedes Kind vom Nationalsozialismus wissen muss! Der Geist von Potsdam Grenzlanddeutschtum Deutsche in aller Welt( Auslandsdeutschtum) Unsere geraubten Kolonien Geländesportbüchlein für die deutsche Jugend Luftschutzbüchlein f.d. deutsche Jugend Was die Kleinsten vom Dritten Reich wissen müss Die nationalsozialistische Bewegung in Gadichten( Oberstufe) Heft 1 Die nationalsozialistische Bewegung in Gedichten( Mittelstufe) Heft 2 Deutsche Helden: Unsere S.A. Was die Kleinen von unserem Führer wissen müsse ( Ein Hitler- Heft für die Grundschule) Der Führer spricht! 57. 會 ११ 0 Das Büchlein von deutscher Volksgemeinschaft Aus Heft 53:" Was die Kleinen von unserem Führer wissen müs sen( Ein Hitler- Heft für die Grundschule)" entnehmen wir der Erzählung:" Wie er das Eiserne Kreuz I. Klasse bekam" folgende rührende Darstellung( S. 10/11): " Wie er nun den Schützengraben durchsucht, da klingt auf einmal eine fremde Sprache an sein Ohr. Er sieht französisch Uniformen. O wehl Er ist als einzelner Deutscher in den französischen Schützengraben geraten! Was nun? Soll er sich ergeben? Nein! Er tut.so, als wenn ein ganzes Regiment Soldater hinter ihm her käme. Er hält dem fremden Offizier seine Waffe vor die Augen und ruft:" Hände hoch!" Die Soldaten werfen ihre Gewehre fort, und Adolf Hitler führt sie gefangen fort: Einen Offizier und 15 Mann! Als die aber merken, dass der Deutsche mutterseelenallein ist, knirschen sie vor Wut. Aber nun ist es zu spät. Er bringt sie zu seinem Oberst und erhält das Eiserne Kreuz I. Klasse." Zum Schluss noch einige Stichproben, wie Annemarie Stiehler den deutschen Kindern die Geschichte von Adolf Hitler erzählt. B-10" Hitler zieht von Wien nach München... Es gefiel ihm aber immer schlechter in Wien. Da liefen ja so viele Juden herum, die hatten immer das meiste Geld. Und es waren so viele Polen und Tschechen und andere Ausländer dort...Da kriegte Hitler immer mehr Sehnsucht, nach Deutschland zu ziehen... ( Seite 19.) " Die Sozialdemokraten beim Kriegsanfang..Eigentlich musste man zwei Sorten bei ihnen unterscheiden: 1. die Führer die die Zeitungen und Bücher schrieben und die grossen Reden in den Versammlungen hielten. Das waren meistens keine Arbeiter, sondern Leute, die viel mehr Geld hatten als die Arbeiter. Oft waren es Juden."( Seite 35). " Vom Rheinland ohne Soldaten.... Im Sommer 1935 hatte nun aber Frankreich mit dem kommunistischen Russland, der SowjetRepublik, Verhandlungen geführt.... Als Adolf Hitler das erfuhr, hat er Frankreich gleich gewarnt...Wenn sie( die französische Regierung) sich jetzt mit Russland verbündete, das eine Million und 350.000 Soldaten unter Waffen und 17 1/2 Millionen Reserve habe, dazu die meisten Tanks und die grösste Luftflotte der Welt, dann könnte er das nur als eine Bedrohung Deutschlands auffassen. Dann hätte Frankreich damit den Rheinpakt zerstört und Deutschland würde sich auch nicht mehr an ihn halten. Frankreich hörte aber nicht auf Hitlers Warnung... und Ende Februar 1936 war der französisch- russische Militärpakt abgeschlossen."( Seite 93). Annemarie Stiehler stammt aus der Schule Berthold Ottos. Berthold Otto war ein konservativer und nationaler Mann, nichtsdestoweniger war er ein hervorragender moderner Pädagoge, der in seinem" Hauslehrer" den ersten erfolgreichen Versuch machte, Kindern Verständnis für die grossen geschichtlichen Zusammenhänge beizubringen. Berthold Ottos Aufsätze für die Kinder sind alle von einer tiefen Achtung vor dem Kinde und von dem Willen nach geschichtlicher Wahrheit durchdrungen. Es ist ein schmerzliches Gefühl, zu sehen, wie seine Nachfolger zu feigen und verlogenen Byzantinern geworden sind. 3) Die Gemeinschaftsschule Die Gemeinschaftsschule, die die Nationalsozialisten jetzt in Deutschland zu verwirklichen suchen, entspricht nur rein äusserlich dem, was man früher im allgemeinen und insbesondere nach der Weimarer Reichsverfassung darunter verstand. Die Gemeinschaftsschule des Artikels 146,1 der Weimarer Verfassung 8-11stellt das Ideal einer Schule dar," deren Aufbau nach der Mannigfaltigkeit der Lebensberufe gegliedert" werden sollte, und die nur" Rücksicht auf Anlage oder Neigung der Kinder, nicht aber auf wirtschaftliche Stellung oder Religion der Eltern neh men sollte." Die nationalsozialistische Gemeinschaftsschule ist eine einseitige Partei- und Weltanschauungsschule, die mit= allen Mitteln des äusseren Zwanges und der ideologischen Beein flussung alle deutschen Kinder zu Nationalsozialisten erziehen soll. Das nationalsozialistische Schulprogramm nimmt nicht eindeutig Stellung zu der Frage des Einflusses der Kirche auf die Schule. Dieses Schulprogramm baut sich auf den Punkten 20 und 21 des nationalsozialistischen Parteiprogramms vom 24. Februar 1920 auf. Ueber die Frage der Gemeinschaftsschule heisst es in diesem Schulprogramm: Punkt 4: Das gesamte deutsche Schulwesen bildet die Deutsche Schule. Sie ist Staatsschule; einen Ersatz dafür gibt es nicht. Punkt 5: Die Deutsche Schule ist eine christliche Gemeinschaftsschule. Punkt 6: Das Ziel der Deutschen Schule in all ihren Gattungen ist der" deutsche Mensch". Punkt 9: Die Grundidee der Erziehung ist das Christentum. Dieses Schulprogramm genügte den Propaganda bedürfnissen der damaligen Zeit; war doch die nationalsozialistische Propaganda vor allem gegen die" Gottlosigkeit des Marxismus und Liberalis mus" und auf die Gewinnung der religiösen Schichten des Katholizismus und Protestantismus gerichtet. Das Programm bildete keine Synthese aus den erziehungspolitischen und kulturellen Bestrebungen im Lager der National sozialisten selbst. Gerade in dem aktivsten völkischen Flügel bestand und besteht eine unversöhnliche Feindseligkeit gegen Rom und selbst gegen das evangelische Christentum. Rosenbergs" Mythus des 20. Jahrhunderts" ist ein einziger Angriff gegen Christentum und Papsttum Aber auch abgesehen von diesem einflussreichen extremen Flügel liegt in der Gesamtkonzeption der nationalsozialistischen B.-12Staatsschule der Keim zum Kulturkampf. Der nationalsozialistische Staat will nicht nur politischer Staat, sondern Weltan schauungsgemeinschaft sein. Er nimmt für sich das Prioritätsrecht gegenüber jeder anderen Weltanschauung in Anspruch. Mit diesem Anspruch muss er notwendigerweise in Konflikt mit den verschiedenen kirchlichen Anschauungen kommen. Nach der Machtergreifung schloss Hitler aus taktischen Gründen mit der katholischen Kirche das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933. Für die Volksschule kommen insbesondere die Artikel 21 25 in Frage, die wir wegen ihrer Aktualität wörtlich zitie 0 ren: " Artikel 21. Der katholische Religionsunterricht in den Volksschulen, Berufsschulen, Mittelschulen und höheren Lehranstalten ist ordentliches Lehrfach und wird in Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der katholischen Kirche erteilt. Im Religionsunterricht wird die Erziehung zu vaterländischem, staatsbürgerlichem und sozialem Pflichtbewusstsein aus dem Geiste des christlichen Glaubens- und Sittengesetzes mit besonderem Nachdruck gepflegt werden, ebenso wie es im gesamten übrigen Unterricht geschieht. Lehrstoff und Auswahl der Lehrbücher für den Religionsunterricht werden im Einvernehmen mit der kirchlichen Oberbehörde festgesetzt. Den kirchlichen Oberbehörden wird Gelegen. heit gegeben werden, im Einvernehmen mit der Schulbehörde zu prüfen, ob die Schüler Religionsunterricht in Uebereinstimmung mit den Lehren und Anforderungen der Kirche erhalten. Artikel 22. Bei der Anstellung von katholischen Religionslehrern findet eine Verständigung zwischen dem Bischof und der Landesregierung statt. Lehrer, welche wegen ihrer Lehre oder sittlichen Führung vom Bischof zur weiteren Erteilung des Religionsunterrichtes für ungeeignet erklärt worden sind, dürfen, solange dies Hindernis besteht, nicht als Religionslehrer verwendet werden. Artikel 23. Die Beibehaltung und Neueinrichtung katholischer Bekennt nisschulen bleibt gewährleistet. In allen Gemeinden, in denen Eltern oder sonstige Erziehungsberechtigte es beantragen, werden katholische Volksschulen errichtet werden, wenn die Zahl der Schüler unter gebührender Berücksichtigung der örtlichen schulorganisatorischen Verhältnisse einen nach Massgabe der staatlichen Vorschriften geordneten Schulbetrieb durchführbar erscheinen lässt. B-13Artikel 24. An allen katholischen Volksschulen werden nur solche Lehrer angestellt, die der katholischen Kirche angehören und Gewähr bieten, den besonderen Erfordernissen der katholischen Bekenntnisschule zu entsprechen. Im Rahmen der allgemeinen Berufsausbildung der Lehrer werde Einrichtungen geschaffen, die eine Ausbildung katholischer Lehrer entsprechend den besonderen Erfordernissen der katholischen Bekenntnisschule gewährleisten. Artikel 25. Orden und religiöse Kongregationen sind im Rahmen der allgemeinen Gesetze und gesetzlichen Bedingungen zur Gründung und Führung von Privatschulen berechtigt. Diese Privatschulen geben die gleichen Berechtigungen wie die staatlichen Schulen, soweit sie die lehrplanmässigen Vorschriften für letztere erfüllen. Für Angehörige von Orden oder religiöse Genossenschaften gelten hinsichtlich der Zulassung zum Lehramte und für die Anstellung an Volksschulen, mittleren oder höheren Lehranstalten die allgemeinen Bedingungen." Mit diesem Reichskonkordat glaubte die katholische Kirche sich den weltanschaulichen Einfluss auf den Religionsunterricht, das Weiterbestehen der Bekenntnisschule, der Ordensschulen, der katholischen Jugendorganisationen gesichert zu haben. Auf dieser Basis glaubte die Kirche mit dem neuen Regime Frieden schliessen zu können. Unter dem Druck der katholischen Kirche vollzog sich die Unterwerfung der demokratischen Elemente des deutschen Katholizismus unter die Diktatur. Der politische Katholizismus vollendete, was er seit Brüning und Papen vorbereitete, den Bruch mit der politischen Tradition des vorangegangenen Jahrzehnts. Inzwischen hat die katholische Kirche ein sehen müssen, welcher verhängnisvollen Täuschung sie sich hingegeben hat. Der Nationalsozialismus muss, getrieben durch die in ihm wirkenden Kräfte seine Totalitätspolitik auch auf die Schule ausdehnen. Er steht und fällt mit diesem Anspruch und seiner Durchsetzung. Die Taktik, die der Nationalsozialismus dabei anwendet, entspricht seinem Vorgehen auf anderen Gebieten. den Religionsunterricht, der In den Schulen fängt man an, auf dem Stundenplan steht, stillschweigend nicht mehr zu geben, ohne dass die Behörden einschreiten. Schulandachten werden nicht B- 14mehr besucht und fallen dann von selbst aus. Das Alte Testament wird aus Rassengründen abgelehnt und auch viele religiöse Stoffe des Neuen Testaments, Choräle und Gesänge, werden als Widersprüche zum Ideal des nordischen sodaltischen Menschen unterdrückt. In der Hitler- Jugend wird der Geist der Wotansgläubigkeit und der neuen Hitlerreligion gepflegt und entsprechende Kirchenfeindlichkeit suggeriert. In einem Aufsatz" Charaktererziehung in der Schule" im 6. Jahrgang der" Nationalsozialisti schen Erziehung"( Nummer 5, Seite 54) wird vor dem Religionsunterricht gewarnt: " Ein Fach bietet allerdings die Gefahr, der Erziehung zur Ehre geradezu entgegenzuwirken: der Religionsunterricht. Wie sollen wir unsere Kinder zur Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erziehen, wenn ihnen in der Religionsstunde jüdische Gauner, wie der Betrüger Jacob oder der Getreideschieber Josef, als Vorbilder hingestellt und sie so mit jüdischem Geist und jüdischer Gesinnung durchtränkt werden? Auch manche Stellen des Neuen Testaments sind für unser Erziehungsziel wenig geeignet und müssen mit grosser Vorsicht behandelt werden. Bei der Einweihung der neuen Hochschulen für Lehrerbildung. im November 1936 machte der Reichserziehungsminister Rust aus dem staatlichen Alleinanspruch auf die weltanschauliche Gestaltung der Volksschule kein Hehl: Der deutsche nationalsozialistische Staat sei der erste, der aus eigener weltanschaulicher Kraft lebe. Daher könne aber auch.. eine abhängige Verbindung zwischen Kirche und Schule nicht Bestand haben. Die nationalsozialistische Weltanschauung trage in sich tiefe seelische Kräfte, mit denen der Staat aus eigenem Auftrag seine Aufgaben erfüllen könne. Eine solche Feststellung erscheint besonders in einem Augenblick bedeutsam, in dem die Kirchen den Blick für die wirklichen Kräfteverhältnisse verloren zu haben scheinen. (" Nationalsozialistische Erziehung" vom 21.November 1936 Seite 611). Bereits am 22. Mai 1936 hatte der Leiter des Bayrischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus in München den schrittweisen Abbau der rund 1.600 weiblichen klösterlichen Lehrkräfte in Bayern angekündigt. Begründet wurde dieser Schritt damit, dass" der nationalsozialistische Staat Wert darauf legen müsse, das Unterrichts- und Erziehungswesen ganz in seine Hand zu bekommen." Der gute Wille der Lehrerinnen ge B-15nüge nicht; die Erfahrung habe gezeigt, dass diese" klösterlichen Lehrkräfte in ihrer Gesamtheit auf Grund ihrer Ausbildung, ihrer weltanschaulichen Einstellung und ihrer Ordensvorschriften den neuen Staatsgrundsätzen und Schulzielen beim Unterricht nicht hinreichend gerecht würden." Eine ebenso offene Konkorda tsverletzung stellen die Schulabstimmungen dar. Dabei arbeitet die nationalsozialistische Parteimaschine, wie in diesen Berichten an Hand zahlreicher Beispiele aus vielen Landesteilen gezeigt worden, mit allen Mitteln brutalsten Gesinnungsterrors. Fast in allen Orten entscheiden sich die Eltern zu 90 und 100 Prozent für die Gemeinschaftsschule, auch dort, wo eine stockkatholische Bevölkerung lebt. Viele Eltern sind einfach gezwungen worden, zu unterschreiben, ohne zu wissen, was sie unterschrieben haben. Wo das Abstimmungsergebnis nicht genügte, wurde es nach bewährtem Muster korrigiert. Geistliche, die gegen dieses Verfahren protestierten, wurden verprügelt und unter irgendwelchen Vorwänden ins Gefängnis oder Konzentrationslager gebracht. Arbeiter, Angestellte und Beamte mussten ihren Widerstand mit Stellenverlust büssen. Seit dem 1. April 1937 hat die öffentliche Durchführung der Gemeinschaftsschule begonnen. Der totale Parteistaat lässt alle Schranken fallen und richtet die totale Parteischule für alle Kinder des Volkes ein. Mit der Gemeinschaftsschule hofft das System sich Garantien für die Zukunft zu schaffen. Es kümmert sich nicht darum, dass diese Schule mit dem Fluch von Millionen von Eltern und mit dem wachsenden Widerwillen, der Sabotage und der versteckten Feindschaft von Tausenden von Lehrern ausgebaut werden muss. 4) Die Lehrerbildung Jede Schulreform ist in ihrem Gelingen an den guten Willen der Lehrerschaft, die sie durchführen soll, gebunden. Die nationalsozialistische Bewegung konnte mit einem Stamm gesinnungstreuer" alter Kämpfer" unter der Lehrerschaft rechnen. Sie wusste aber auch aus der Erfahrung, dass die Beamten- und Leh3 B-16. rerschaft aus ihrem Abhängigkeitsverhältnis immer geneigt sein werde, sich einer energischen Staatsgewalt zu unterwerfen und sich ihnen anzupassen. Die äussere Gleichschaltung der Lehrer hat sich denn auch fast hundertprozentig vollzogen. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 und die dazugehörigen drei Durchführungsverordnungen vom 11. April, 4. Mai und 6. Mai 1933 und die entsprechenden preussischen Ausführungsbestimmungen boten die Handhabe, die Volksschule nicht nur von nichtarischen Lehrern, sondern auch von solchen zu säubern, die der kommunistischen Partei angehört haben oder die marxistisch verdächtig waren. Diese Säuberungsaktion war nicht ganz einfach. Schon die Feststellung des Ariertums machte Schwierigkeiten und gab der privaten Gehässigkeit weiten Spielraum. Aber bei dieser Frage konnte man sich noch an meist feststellbare Tatsachen halten. Ganz anders ist es mit der" zuverlässigen Gesinnung". Bis auf den heutigen Tag hat das Denunziantentum auf diesem Gebiete nicht aufgehört. Doch auf der anderen Seite brauchte man Lehrer, und so hat man dann vielfach goldene Brücken gebaut. Wer wieder in die Kirche eintrat, wer dem nationalsozialistischen Lehrerbund oder gar der Partei beitrat, wer sich im Falle der Mischehe von seiner jüdischen Frau trennte, kurzum, wer sich irgendwie gleichschaltete, wurde wieder eingestellt. Diese Gleichschaltung fiel den meisten Volksschullehrern nicht sehr schwer, denn die Mischung von sozialen und nationalen Elementen in den Programmen der Nationalsozialisten entspricht in seinen Grundzügen der Mentalität vieler Volksschullehrer. Auch 1918 ist ein grosser Teil von Lehrern sozialistisch geworden. Selbstverständlich gibt es auch eine Menge von Gesinnungslumpen, die sich ihr neuerworbenes nationalsozialistisches Bekenntnis durch Denunziation, Uebereifer und Schneidigkeit aufwerten wollen. Doch schon heute kann man sagen, dass es dem Nationalsozialismus nicht gelungen ist, weder äusserlich organisatorisch noch innerlich ideologisch, die Volksschullehrerschaft wirklich an sich zu fesseln. Es gibt sehr viel Unruhe, geheimen Widerspruch und viele Ent B-17täuschungen unter den Lehrern. Dass sie nahezu vollzählig dem nationalsozialistischen Lehrerbund angehören, will demgegenüber nicht viel besagen, denn der NS- Lehrerbund ist faktisch eine Zwangsorganisation. Nach der äusseren Gleichschaltung entstand die Aufgabe, die aus der Republik übernommenen Lehrer in die nationalpolitische Zwangserziehung zu nehmen. Diese Aufgabe ist nicht klein. In Deutschland gibt es rund 260.000 Lehrer und Lehrerinnen, denen 200.000 an Volksschulen unterrichten. von Die Schulungslehrgänge, die diese Aufgabe erfüllen sollen, wurden zunächst von den Schulaufsichtsbehörden durchgeführt, dann aber auf Grund eines Ministerialerlasses vom April 1936 dem nationalsozialistischen Lehrerbund übertragen. In diesem Erlass heisst es: " Nachdem der Führer und Reichskanzler der Partei die nationalsozialistisch- politische Schulung des deutschen Vol-. kes aufgegeben hat, liegt die politische Ausrichtung der einzelnen Berufsstände auf ihre besondere Aufgabe hin in den Händen der von der Partei betreuten Organisationen und Verbände. Damit ist dem NSLB die nationalsozialistisch- politische Schulung der gesamten Lehrerschaft übertragen. Mit dem Hauptamtsleiter des NSLB, Gauleiter Wächtler, habe ich daher die Vereinbarung getroffen, dass in Zukunft die bisher von den staatlichen Schulaufsichtsbehörden eingerichteten nationalpolitischen Schulungslehrgänge für Lehrer fortfallen und von den Gauamtsleitungen durchgeführt werden.." Auf Grund dieser Ermächtigung richtete der nationalsozialistische Lehrerbund besondere Schulungslager ein, in denen das Heer der Erziehungssoldaten von Unteroffizieren und Offizieren der Pädagogik nationalsozialistisch eingedrillt wird. Interessant ist die Tageseinteilung dieser Lager, deren Teilnehmer grösstenteils im Alter von 40 bis 50 Jahren stehen: 6 Uhr Wecken und Gymnastik 7 Uhr Ankleiden und Bettenmachen 7,15 Uhr Aufziehen der Fahne 8 Uhr Frühstück 9,15 Uhr Konferenzen, Arbeitsdienst und Schiessübungen Nachmittags: Geländesport,( Kartenlesen, Bau von Schützengräben, Ueben im Werfen von Handgranaten und Exerzieren. B -18Nach dem Abendbrot: Gemütliches Beisammensein, 10,30 Uhr Allgemeine Bettruhe Vererbung Die Konferenzen beschäftigen sich mit folgenden Themen: Rasse Politische Geographie- Das Judenproblem Die Aufgaben der nationalsozialistischen Nationalökonomie. 9 Im letzten Jahr ist dieses System der Lagerausbildung gründlich ausgebaut worden. Die meisten Lehrer haben eine solche Zwangsweise Erziehung an sich vornehmen lassen müssen. Wer sich drücken kann, tut es. Vielfach sind diese Lager an die Grenzen des Reiches verlegt worden, um auf diese Weise Zentren für eine chauvinistische Auslandspropaganda zu schaffen. Ebenso wichtig wie die Schulung der aus der Republik übernommenen Lehrer ist die eigentliche Lehrerbildung. Die Nationalsozialisten knüpfen dabei an das System der preussischen Pädagogischen Akademien an. Dadurch, dass diese Hochschulen zwei Jahre lang keine neuen Schüler aufnahmen, ist eine grosse Lücke entstanden. Ausserdem ist der Geburtenrückgang infolge der Kriegsjahre ausgeglichen; seit 1935 hat ein Aufstieg der Einschulungsziffern begonnen, der eine entsprechende Vermehrung der Lehrkräfte notwendig macht. Dazu kommt, dass auch sämtliche Kandidaten für das höhere Schulwesen vor ihrem eigentlichen Studium zwei Semester an diesen Hochschulen absolvieren müssen. Vor dem Umsturz gab es in Preussen 10 Pädagogische Akademien. Sie wurden nach dem Umsturz in" Hochschulen für Lehrerbildung" umgetauft. Am 11. November 1936 wurden solche Hochschulen in Oldenburg, Saarbrücken, Würzburg, Bayreuth, Karlsruhe und Hamburg neu geschaffen und damit das preussische Vorbild auf das gesamte Reich ausgedehnt( Ausserdem eine Hochschule für Lehrerinnen in Schneidemühl). Nach dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich( 1936) gibt es jetzt im Reiche 16 Hochschulen für Lehrerbildung mit 4.430 männlichen und 704 weiblichen Studierenden. Die grösste Anstalt ist Dortmund( 502 Studierende); die kleinste Esslingen( 61 Studierende). Das zweijährige Studium für Lehrer ist beibehalten worden. Ihrem Wesen nach aber sind diese Hochschulen zu Drillanstalten für den Nationalsozialismus geworden. Selbstverständlich finden B-19nur diejenigen Kandidaten Aufnahme, die sich in der HitlerJugend bewährt haben. In Zukunft werden die Hitlerschulen und die Ordensburgen der NSDAP das Hauptkontingent für diese Hochschulen stellen. Am 10. Juli 1933 hat Reichserziehungsminister Rust bei der Einweihung der Hochschule für Lehrerbildung in Lauenburg die leitenden Gesichtspunkte für die nationalsozialistische Lehrerbildung an diesen Hochschulen entwickelt: " Meine Herren Lehrer, Sie sind die SA- Führer der deutschen Volksbildung! Schätzen Sie diese Aufgabe nicht gering, blicken Sie nicht nach jenen liberalistischen Hochschulgebilden der Vergangenheit, sondern gehen Sie an die Aufgabe, uns zunächst einmal 95 Prozent des deutschen Volkes zu einer grossen deutschen Volksgemeinschaft der Zukunft heranzuziehen: Die Lehrpläne der pädagogischen Akademien lassen deutlich den Versuch des abgetretenen Regimes durchblicken, unter den Decknamen von allerhand schönen wissenschaftlichen Dispositionen eine marxistische Lehrerschaft zur Zersetzung des deutschen Volkes heranzuziehen. Sozialistische Wissenschaft, sozialistische Pädagogigk, industrielle Pädagogik, Gegenwartskunde, alles schöne Decknamen, unter denen man den marxistischen Volkszerstörer der Zukunft heranziehen wollte. An ihre Stelle treten nun ganz neue Lehrfächer: Volkskunde, Wehrgeographie, Grenzlandkunde, Rassenkunde, das sind die Fächer, die schon stofflich den Lehrer und damit den Erzieher und Bilder einer neuen deutschen Jugend von Grund auf ganz anders gestalten, als er bislang gestaltet worden ist." Zwei Jahrgänge der nach diesem System ausgebildeten Lehrer sind bereits in den Schulen tätig. Sie wurden vorzugsweise angestellt. Soweit unsere Berichte aussagen, sind sie tatsächlich eine sehr zuverlässige Avantgarde der Regimes. Sie sind mit nationalsozialistischer Gesinnung und Ideologie vollgepfropft. Sie fühlen sich als die Kämpfer des Führers, als die SA der nationalsozialistischen Pädagogik. Das Regime eröffnet ihnen eine gesicherte Karriere und solange es die Macht dazu haben wird, wird es sich in diesem Lehrernachwuchs auch eine sehr zuverlässige Stütze schaffen. Die Lehrerkollegien nehmen diese anspruchsvollen Jungmannschaften nicht gerade mit Begeisterung auf. Ihr Wissen und ihr methodisches Können ist nicht gerade erstklassig. Aber sie sind sportlich geschult und auf Jugendführung und autoritäre Haltung dressiert. Und das ist im Dritten Reich mehr wert als geistige Schulung. Als Manuskript hergestellt. Sopade, Prag- X, Palackého tři de 24. Juli 1937