Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands(Sopade) 4- Jahrg. Nr. 8 August 1937 A-117Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrgang Nr. 8 August 1937 Inhaltsverzeichnis Tei 1 A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Ein Amerikaner über das Dritte Reich 2) Deutsche Städtebilder München Breslau Württemberg A 1 17 7 Kleinstadt in 18 3) Kriegsfurcht und Kriegshoffnung Die Stimmung in den Grenzgebieten Hitler- Gegner setzen Hoffnungen auf den Krieg- Die offizielle Propaganda nährt die Kriegspsychose 4) Die Lockerung der Mitgliedersperre der NSDAP FI. Aus der Landwirtschaft 1) Die Haltung der Bauern 2) Die Zwangswirtschaft 3) Getreidewirtschaft und Futtermittelnot 29 34 34 53 1458 62 4) Bestrafung von Verstössen gegen Zwangswirt= 62 schaftsvorschriften 5) Das Erbhofwesen 6) Staatliche Leistungsförderung Nachtrag 66 71 74 TII. Der Kirchenkampf -21) Aus der evangelischen Kirche A 78 80 Berichte aus Sachsen, Mitteldeutschland, Berlin, Schlesien, Wasserkante, Nordwestdeutschland, Südwestdeutschland und Rheinland- Westfalen 2) Aus der katholischen Kirche 105 Berichte aus Rheinland- Westfalen, Bayern, Südwestdeutschland und Schlesien 3) Der Kampf um die Jugend 120 Te i 1 B: Uebersichten Aussenpolitische Uebersicht I. Der Zusammenbruch der Nicht- Interventionspolitik. 1) Der englische Optimismus 2) Die Sprengung der Kontrolle B 1 3 3 6 3) Die deutsche Kriegs provokation 4) Ausweglose Situation 8 13 II. Die Politik Sowjetrusslands 18 II. Der Ueberfall Japans auf China 25 IV. Der Wiedereintritt der Vereinigten Staaten in die 30 Weltpolitik V. Unsicherheit in Südosteuropa VI. Unsicherheit und Ungewissheit 32 35 25 A- 1Tei 1 A ( Abgeschlossen am 18. September 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland 請 註 註 1) Ein Amerikaner über das Dritte Reich == Im folgenden bringen wir einen Reisebericht, in dem ein bekannter amerikanischer Gelehrter seine Erlebnis se und Erfahrungen auf einer längeren Reise durch Deutschland zusammengefasst hat und der zur Zeit in einflussreichen politischen und religiösen Kreisen der Vereinigten Staaten vertraulich zirkuliert. Der Bericht bestätigt das, was wir in diesen Heften wieder und wieder über die wirtschaftliche und geistige Lage im nationalsozialistischen Deutschland berichten mussten. Der Verfasser, der den religiösen Kreisen in USA nahesteht, ist erschüttert von der materiellen Not, der geistigen Unterdrückung und vor allem der moralischen Verwüstung, die er überall angetroffen hat. Bemerkenswert ist insbesondere die Schlussfolgerung, zu der er gelangt: Er erkennt, wie verhängnisvoll das Bestreben vieler Kreise vor allem in England und Amerika ist, an Hitler- Deutschland das wieder gutzumachen, was man an der Republik versäumt hat." Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, Busse für unsere früheren Sünden zu tun, denn wir wenden uns an die falschen Leute." Das derzeitige Regierungssystem in Deutschland ist meiner Ueberzeugung nach weitgehend kontrolliert von Fanatikern wie Hitler, Goering, Rosenberg, Streicher( und nun ist auch Ludendorff in allerhöchster Gunst). Diese Fanatiker haben die grausamsten, rohesten, gewissenlosesten Elemente aus dem Lande um sich versammelt( z. B. Goebbels). Ich weiss natürlich, dass manche Herren aus der alten Beamtenschaft sehr anständige Leute sind, wie sie es immer waren( oder vielleicht jetzt sogar mehr als früher, da sie sich ja jetzt selbst mehr und mehr verdrängt sehen von den jungen Parteimitgliedern, die die notwendigste Vorbildung für einen Aufstieg haben: Verdienste um die Partei). A-2- Wir haben mährend unserer ganzen langen Reise durch Deutschland den Eindruck gehabt, dass die Partei langsam aber stetig ihren Einfluss im Volke verliert. Viele Deutsche haben unsere Meinung bestätigt. Im denkenden Teil der Bevölkerung hat die Partei wenig Anhang-die Anhängerschaft kommt meistens aus dem stumpfsinnigen, denkträgen Kleinbürgertum, das sich zu einer Art von Wichtigkeit emporgesohmeichelt fühlt. Der langsame Prozess der Ernüchterung, der in früher loyalen Parteimitgliedern vor sich geht, wird nicht etwa durch neue Konvertiten ausgeglichen. Natürlich gibt es immer Leute, die unter dem wachsenden Druck und der wachsenden Kontrolle es klug oder absolut notwendig finden, äusserlioh der Partei zuzustimmen. Hier einige Details der gegenwärtigen Lage: Die Universitäten sind in ihrer Bedeutung beträchtlich zurüokgegangen.Nur die praktischen Fakultäten zeigen etwas Leben. Deutschland war einst eines der bedeutendsten Länder in Philologie, Philosophie, Theologie, Geschichte etc., aber es besteht wirklich kein Anlass, jetzt noch zum Studium nach Deutschland zu gehen. Die Professuren sind verödet, und ihre Veröffentlichungen haben aufgehört. Einige der älteren Herren lesen zwar noch, aber ihre Begeisterung ist dahin. Heute haben wir in allen diesen Disziplinen eine bessere Erziehung als in Deutschland. Die physikalischen Wissenschaften und die Technischen Hochschulen werden nur um der Industrie und der Aufrüstung willen gefördert. Der Wunsch, wirklich zu studieren, hat bei den Studenten sehr nachgelassen. Warum arbeiten und schuften, wenn der einzige Wert, der Avancement verbürgt, in Parteitätigkeit, Drill und Marschleren besteht? Ein anderer Ausblick in das geistige Leben: Ein junger, rein arischer Reohtsstudent hat seine erste Prüfung gemacht und dann seine Studien eingestellt. Wir drückten ihm unser Erstaunen aus. Anlässlich der Ausschaltung der jüdischen Rechtsanwälte, so nahmen wir an, müsse doch glänzende Aussicht für arische Rechtsanwälte bestehen. Der junge Mann erzählte uns, das Gegenteil sei der Fall. Jedermann versuche Streitigkeiten ausserhalb des Gerichts zu schlichten, da vor Gericht alles unter Parteielnfluss entschieden werde. Viele Deutsche erzählten uns, die grösste Schande in ihrem Lande sei jetzt, dass an den Gerichtshöfen keine Gerechtigkeit herrsche. Wir hörten auch oft, dass die Lehrlinge aus ähnlichen Gründen jeden Lerneifer vermissen lassen. Die deutsche Industrie wird in Zukunft nicht mehr das sein, was sie einmal war. Warum soll man in einer Fabrik arbeiten, wenn das Tragen einer Uniform und das Laufen zu aller Art von Parteiveranstaltungen die einzige Entscheidung für die Zukunft des jungen Mannes bringt? Es genügt, den kleinsten Teil der Arbeitszeit an die Tätigkeit in der Fabrik oder im Kontor zu setzen, um einen garantierten, wenn auch kleinen Lohn zu bekommen, wie alle anderen hart Arbeltenden auch. Der Unternehmer ist hilflos, wenn der Arbeiter ein guter Nazi ist. Die nicht so A-3begünstigten Arbeiter schaffen oft 60 Stunden die Woche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die jetzige Ausbeutung viele Jahre aushalten. Die Löhne sind sehr gering. Ein Rayonchef in einem Warenhause oder in einer Fabrik bezieht 240,- RM monatlich. Das ist weniger als 50 Dollar in Amerika, in unsere Kaufkraft umgerechnet. Die meisten Mädchen in den Geschäften erhalten 75,- bis 80,- RM im Monat, ungewöhnlich fähige, ältere Mädchen kommen auf 115,- bis 120,- RM im Monat. Tüchtige Arbeiter verdien en 130,- bis 155,- RM im Monat. Die Gesundheit der Leute ist schlecht. Den ganzen Winter hindurch gab es Erkältungen, Influenza etc., und zwar im Grossen manchmal ein Drittel der Bevölkerung. Man kann die Unterernährung in den Gesichtern der Frauen sehen sie opfern sich auf, damit die Männer und die Kinder mehr Essen haben sollen. Ein Stabsoffizier des Heeres erzählte mir, der Körperzustand der Rekruten sei schlecht, und die meisten Offiziere wüssten es. Wenn man eine Parade von Nazis aus der Arbeiterschaft sieht, ist der Anblick einfach jammervoll. Wenn Deutschland jetzt einen Krieg begänne, würde es vom Gesundheitsstandpunkt dort anfangen, wo es den Weltkrieg abbrechen musste. Keines der Hauptnahrungsmittel ist noch rein und die Belieferung ist nie regelmässig. Das Aussehen der Bevölkerung entspricht dieser Diät-man merkt den Unterschied sofort, wenn man die Grenze nach Deutschland überschreitet. Nicht nur bei den Nahrungsmitteln, auch bei den meisten anderen Materialien herrscht der Ersatz vor. Wir haben nie einen von den so laut angepriesenen Ersatzartikeln gesehen, der etwas wert gewesen wäre. Wir werden einige Proben von diesem Ersatzschund mitbringen. Das Ergebnis ist, dass Deutschland seinen Textilexport einbüsst. Dabei besteht Warenmangel. Ein Grosshändler in Berlin erzählte mir, er könne viele Artikel nicht erhalten. Es sei aber auch nicht schlimm, denn seine Kunden hätten doch kein Geld zu kaufen. Ein amüsanter Zwischenfall: Unser Freund, Professor Dr. NN., der infolge seines langen Aufenthalts in Deutschland etwas von dem landläufigen deutschen Patriotismus angenommen hat, bezweifelte meine Informationen und riet uns, die ausgezeichneten deutschen Textilstoffe zu kaufen. Wir zogen aber vor, uns in Basel neu einzukleiden. Zwei Monate später trafen wir den Freund in der Schweiz wieder. Er brachte einen Anzug mit, den er sich zwei Monate vorher in Deutschland hatte machen lassen; er sah verheerend aus. Auch er kaufte nun in Basel. Stahl und Holz ist hauptsächlich für Regierungs- und Parteigebäude verfügbar. Die Arbeiterhäuser, die errichtet werden, sind bei weitem nicht so gut wie die unter dem sozialdemokratischen Regime gebauten. Früher gab es Baderäume, jetzt meist nicht. Natürlich, der durchschnittliche amerikanische Tourist, der nach den Taten der Partei fragt, bekommt die Häuser gezeigt, die 10 Jahre vorher von den Sozialdemokraten gebaut worden sind. Den Arbeitern ist Streiken und jedes Murren verboten. Die Unternehmer sitzen gut, wenn sie Regierungsaufträge A-4haben. Die Jugend der Nation verdient das grösste Mitleid unter allen Bevölkerungsschichten; sie wird zur Grausamkeit, zur Härte, zur Bespitzelung ihrer Eltern, zum Hass gegen alle anderen Länder, zum Hochmut gegenüber allen anderen Nationen, zur Verachtung von Christentum, Anstand und Bescheidenheit erzogen.( Und ihr Verhalten gegenüber Frauen und Mädchen ist entsetzlich). Die Verrohung der Sitten erlaubt, dass ein junger Mensch, der treu zur Hitlerbewegung steht, von allen moralischen Verpflichtungen befreit ist. Persönliche Moral gibt es nicht mehr. Entscheidend ist die Gruppenmoral der Treue zur Partei. Promiskuität ist der tatsächlich akzeptierte Zustand. Der Staat braucht Kinder. Er versorgt die unehelichen Kinder. Nach einem neuen Dekret hat die unverheiratete Mutter das Recht auf die Bezeichnung" Frau". Junge Paare können eine Ehestandsbeihilfe bekommen, von der ein Viertel für jedes Kind gestrichen wird. Die Magd eines unserer Gastgeber hat ihre Stellung zum 1. Juli aufgegeben. Sie will im September heiraten, weil sie im November ein Kind erwartet. Sie ist übrigens eine gute Christin, aber auch nationalsozialistisch beeinflusst. Ihr Bruder hat vorschnell und widerwillig aus demselben Grunde letzte Ostern geheiratet. Unter normalen Verhältnissen würde das diesen jungen sehr netten und anständigen jungen Leuten nicht passiert sein, aber sie sind nun in das System verstrickt. Der Bräutigam dieses Mädchens ist ein Soldat, und er sagte uns, er habe nur seine Pflicht für sein Land und die Partei getan. Das Mädchen aber ist traurig. Um Ihnen die Art der nun üblichen Moral zu zeigen, möchte ich Ihnen zwei Fälle aus führenden Kreisen unserer christlichen Gemeinschaft schildern: Einer, mit altem adligen Namen, heiratete sein Mädchen einen Monat vor der Geburt des Kindes. Er ist ein Student und kann weder die Mutter noch das Kind unterstützen. Der andere schwängerte ebenfalls ein Mädchen aus gutem Hause und weigert sich nun, sie zu heiraten. Wenn das schon in gut christlichen, beschützten Häusern geschieht, können Sie sich ungefähr vorstellen, wie es in anderen Kreisen aussieht. Wir fühlen, dass das System zum Untergang verurteilt ist, aber niemand wagt ein Urteil, wann es zusammenbrechen und was na chher kommen wird. Wir wissen, dass die politische Opposition am Werke ist, aber wir kamen nicht mit ihr in Verbindung. Zweifellos haben weder die Sozialdemokraten noch die Kommunisten ihre Ziele preisgegeben, aber sie bleiben unter der Oberfläche. Wenn das Regime plötzlich seine Macht verlieren würde, müsste das Ergebnis furchtbar sein. Die Nazis haben so grausame Methoden gegen ihre Gegner angewendet, dass die Strassen sich vom Blut der Rache röten würden. Es würde ein zweites Spanien werden. Wenn ich eine Lösung wählen könnte, würde ich die Armee für eine Zwischenzeit die Macht übernehmen lassen. Es könnte dann ein Kaiser gewählt werden, und man könnte stufenweise zum parlamentarischen System übergehen. Die Deutschen sind für eine Republik nicht reif. Ohne Zwei A-5fel wird die allgemeine Wehrpflicht und ein gut Teil der Reglementierung bleiben. Die Deutschen sind gefühlsmässig ein ganz unreifes Volk. Wenn es nicht gar so traurig wäre, wir könnten über die Dinge lachen, die wir sehen. Eine Voraussage für die Zukunft: Ich bin überzeugt, es wird in den nächsten 50 Jahren eben so unangenehm sein, in Deutschland zu leben wie in Spanien. Die Deutschen zerstörten ihr moralisches und religiöses Leben während des Weltkrieges in dem vergeblichen Bemühen, ihn unter allen Umständen zu gewinnen, und nun haben sie den Preis zu zahlen. Unglücklicherweise haben die Deutschen mehr als andere Völker zu leiden, um etwas zu lernen. Während der letzten vier Jahre haben sie ihrem seelischen Leben besonders schlimmen Schaden zugefügt, und das muss gebüsst werden. Man kann innerhalb weniger Jahre alle die kostbaren, zarten seelischen Werte zerstören, die eine Rasse in tausenden von Jahren geschaffen hat Kontrolle über die Jugend kann es in 20 Jahren schaffen. Viele Leute in anderen Ländern, besonders Pazifisten, neigen dazu, in ihrem moralischen Urteil über das gegenwärtige Deutschland durch eine Ueberkompensierung der Irrtümer gelähmt zu werden, die gegenüber der jungen deutschen Republik begangen worden sind. Diese ungesunde geistige Haltung ist in unserer jetzigen Weltlage sehr gefährlich. Wir alle kennen jene Irrtümer und ihre bedenklichen Folgen, aber wir kamen während unseres Aufenthaltes in Europa zu der Erkenntnis, dass das meiste von dem, was sich in den letzten Jahren ereignet hat, irgendwie doch gekommen wäre. Der absolute Mangel an wirklich religiösem und moralischem Leben in der deutschen Nation war seit langem entsetzlich. Als eine Illustration, was ich meine: Die Lutherische Kirche war natürlich die Staatskirche. Ihre Pfarrer waren Staatsbeamte. Der Staat unterstützte die Kirche- die Kirche unterstützte den Staat. Gleich allen Staatsbeamten standen auch die Pfarrer eine Klasse über dem Volke und waren absolut unabhängig vom Volke. Sie hatten ein Gesetz zur Kirchenverwaltung und sie wandten es an. Ihr Kirchenglaube war das gute alte System von Martin Luther, unverändert, mit all seiner verwickelten Auffassung der menschlichen Natur und der Beziehungen des Menschen zu Gott und zum Staate. Gelegentlich war ein Pfarrer erleuchtet und furchtlos, aber er blieb eine Ausnahme. Die gläubigen Deutschen mit ihrem angeborenen Glauben an Staatskontrolle über jedes Gebiet menschlichen Lebens nahmen die religiösen Instruktionen der Staatskirche ohne Zweifel hin. Eine solche Kirche hat natürlich absolut keine Verteidigungskraft gegen eine verrückte Gewalt, wie wir jetzt sehen. Und nun betrachte man die unbedeutende Bekenntniskirche, die wenigstens den Mut hat, sich nicht ganz reglementieren zu lassen. Ich bewundere ihren Mut einigermassen es ist immerhin hoffnungsvoll, mutige Leute zu treffen. Aber wie ihre eigenen Mitglieder, soweit sie denken, erzählen, sind sie vor sich selbst nicht ehrlich. Sie behaupten immer noch, sie seien dem Führer treu, obwohl sie sehr genau wissen, dass er ihr unversöhnlicher Feind ist. Aber, was viel schlimmer ist, sie haben A-6unserer Zeit absolut nichts zu bieten. Ihre religiöse Welt ist die von Martin Luther, die heutzutage kein intelligenter Christ annehmen kann. Zum Beispiel: Martin Niemöller. Er ist einer ihrer starken Führer, dem ihre Mitglieder mit hilfloser und hoffnungsloser Treue anhängen. Wir haben ihn predigen hören. Wir haben seine Schriften gelesen. Wir kennen Leute aus seiner nächsten Umgebung. Er weist alle Besucher ab, soweit sie nicht aus seiner Gemeinde stammen und ihm absolut vertraut erscheinen. Wir fühlen als Christen einen Wall zwischen uns und diesem mutigsten Pfarrer der deutschen Bekenntniskirche. Obwohl in seinem Buche" Vom Unterseeboot zur Kanzel" der äussere Wechsel klar ist, können wir absolut keine Andeutung einer inneren Wandlung spüren. Schon deshalb, weil wir nicht verstehen. können, wie ein christlicher Pfarrer erzählen kann, er habe unbewaffnete Schiffe torpediert und das in einer Art, die nirgendwo ein Wort des Bedauerns oder der Sympathie für die armen Opfer seiner Torpedos kennt. Einer seiner nächsten theologischen Freunde sagte uns, Niemöller habe seine Ideen in dieser Beziehung noch nicht durchdacht und er geriete jedesmal in Zorn, wenn ihn jemand wegen dieser Widersprüche frage. Was soll man zu einem solchen Mann sagen? Und er ist ein Führer von Tausenden, die wenigstens Mut zeigen. Lassen Sie uns noch einmal zurückkommen zu unserer Haltung gegenüber dem gegenwärtigen System in Verbindung mit unseren Sünden gegen das republikanische Deutschland. Es ist höchste Zeit, dass wir uns von der Erschlaffung erholen, die uns in dieser Beziehung befallen hat. Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, Busse für unsere früheren Sünden zu tun, denn wir wenden uns an die falschen Leute. Das ist sehr wichtig. Es gibt sehr fromme Leute, die sagen:" Wir dürfen nicht vergessen, dass da etwas von innerem Licht in Hitler und Goebbels ist," und dabei bleiben sie. Aber wir dürfen da nicht stehen bleiben in unserer Rückständigkeit; in unserer Enge und Hartherzigkeit versäumten wir als Nationen- mit den anständigen, intelligenten christlichen Elementen in Deutschland nach dem Kriege zusammenzuarbeiten. Diese Deutschen sagen uns nun: " Nun gut, wir tragen Euch das nicht nach, aber wir könnten nicht verstehen und nicht verzeihen, wenn Ihr das dem gegenwärtigem Regime geben würdet, was Ihr uns verweigert habt, diesem System, das alles vernichtet und lähmt, was an anständigen, christlichen international gesinnten Leuten im Lande lebt. Das natürlich würde für alle Welt der Beweis sein, dass die anständigen demokratischen Leute in Europa nicht auf Euch zählen können." Schliesslich noch einen Beweis dafür, was wir meinen, wenn wir sagen, das jetzige Regime sei ein Gebilde von Falschheit". Wir haben gerade von einem Ehepaar eines Nachbarlandes, das etwas Geld in Deutschland hat und jedes Jahr hinfährt, um etwas von dem Geld zu verleben, die folgende unbedingt zuverlässige Geschichte gehört: Als die Eheleute dieses Jahr in Deutschland zu dem zuständigen Beamten gingen, um einen entsprechenden Betrag des Sperrkontos freizubekommen, wurde 1-7ihnen von dem Beamten gesagt, das Geld könne dieses Jahr nicht freigegeben werden. Dann wurden sie gefragt, woher sie kämen und wurden zu ihrem Erstaunen belehrt, wie gut es für ihr Heimatland wäre, wenn es auch den Nationalsozialismus annehme. Sie hörten eine Weile erstaunt und geduldig zu, dann aber sagten sie, sie seien wegen ihres Geldes gekommen und nicht, um einen, wenn auch sehr interessanten politischen Vortrag zu hören. Der Beamte lud sie dann ein, mit ihm zu einem anderen Beamten zu gehen, der das Geld vielleicht freigeben werde. Ausserhalb seines Arbeitsraumes, in dem sich noch einige Beamte aufgehalten hatten, sagte der Herr zu den Ausländern: Glauben Sie kein Wort von dem, was ich Ihnen soeben sagte. Ich denke ganz anders, aber ich muss so reden, wenn ich befördert werden will. Kommen Sie morgen wieder und Sie werden Ihr Geld bekommen. Die" Kollegen" in meinem Büro werden dann denken, dass der andere Beamte Ihnen den Betrag gewährt habe." Diese Geschichte ist absolut verbürgt und sie kennzeichnet die Lüge und die Heuchelei, die über dem Deutschland des Führers liegt. 2) Deutsche Städtebilder Aus dem im letzten Monat eingelaufenen Berichtsmaterial über die allgemeine Situation in Deutschland wählen wir diesmal einige Berichte über das Leben in deutschen Städten aus. Die Berichte schildern München zur Zeit der Einweihung des Hauses der Deutschen Kunst, Breslau anlässlich des Deutschen Sängerfestes und den Alltag in einer württembergischen Kleinstadt. München. In München, der" Hauptstadt der Bewegung", ist heute eine deutliche Ernüchterung festzustellen. München unterscheidet sich damit von vielen anderen Städten, wie z. B. Nürnberg, Augs burg und von vielen Provinzstädten. Trotz aller Bemühungen, trotz der vielen repräsentativen Veranstaltungen, trotz der Sonderstellung, die München als Kunststadt geniesst, kann man ruhig sagen: München ist keine nationalsozialistische Stadt und sie ist es auch nie gewesen. Der Nationalsozialismus hat seine Anziehungskraft eingebüsst. Der Münchner erträgt ihn wie eine unabänderliche Schickung des Himmels und sucht auf seine Art sich hinaus zuwinden, wo er nur kann, ohne dabei mit den Gesetzen in Konflikt zu geraten. Dieser Zustand drückt sich überall aus. Reisende aus Berlin z. B. haben schon oft festgestellt, dass man in München viel freier leben könne, weil schon die ganze Atmosphäre anders sei. Schon der Charakter der Bevölkerung stemmt sich dem Nationalsozialismus entgegen. In München haben einst die Nazis in A-8einem Bierhaus putsch gesiegt. Das war ein Rausch, den man bald überwand. München hatte danach seinen Faschismus überwunden. Siegen konnte er erst, als er sich auf den Norden des Reiches ausdehnte und in dem alten preussischen Geist den richtigen Nährboden fand. So ist es auch kein Zufall, dass München keinen Naziführer von Format hat. Der Reichsstatthalter General von Epp ist heute alles, bloss keine repräsentative Figur des Nationalsozialismus. Man weiss von ihm genau, dass er jeden Monat noch zum Beichten geht und dass er sich von der Naziöffentlichkeit fernhält, wo er nur gerade kann. Der Münchner Oberbürgermeister Fiehler gilt als eine Null, als ein Mann, der ein Kanzlei sekretär geblieben ist und keiner selbständigen Handlung fähig ist. Die übrigen Beamten in höheren Stellungen sind fast alle von auswärts gekommen. Der Einzige, der auf Münchner Boden gewachsen ist und der heute in München eine Machts tellung bekleidet, ist ein derart korruptes Subjekt, dass sich die Bevölkerung mit Abscheu von ihm wendet. Der ehemalige Hausknecht und heutige Würdenträger des Nationalsozialismus Christian Weber ist geradezu zu einem Symbol des Nationalsozialismus in München geworden. An ihm kann man den Aufstieg und den Verfall der Partei genau beobachten. Der ehemalige Hausknecht des blauen Ochsen ist zu den reichsten Menschen der Stadt München emporgeklettert. Er ist Hotelier geworden und Besitzer eines mächtigen Rennstalles, er ist Transportunternehmer und Eigentümer mehrerer Villen, er ist der gierigste Geschäftemacher und der hemmungsloseste Säufer, er ist in allen Aemtern der Herr, er ist der Tyrann von München. In ihm sieht heute die ganze Stadt den Repräsentanten der nationalsozialistischen Partei und zugleich den grössten und hemmungslosesten Bonzen, der in Bayern je ein Amt bekleidete. Als Obmann des Rennvereins hat Weber die von ihm früher schon ergaunerten Grundstücke in der Nähe des Rennplatzes Riem über den Kaufwert an die Stadt verkauft. Die ganzen übrigen Anlagen in Daglfing sind heute sein Besitz. In München gibt es viele Fern- Omnibusse, mit denen auch die KdFReisenden befördert werden. Das ganze Unternehmen des Münchner Fern- Autobusverkehrs ist Privatbesitz des Bonzen Weber. Ausserdem gehören ihm die grössten Münchner Benzin- Tankstellen. Augenblicklich wird für sein Unternehmen in der Schwanthalerstrasse eine Grossgarage gebaut. Er ist der eigentliche Besitzer des grossen" Hotels Wagner" in der Sonnenstrasse und der dazu gehörigen Brauerei, wenn auch heute noch offiziell die Partei als Eigentümer erscheint. Entsprechend seinem Reichtum und seiner Stellung hat er seine Wohnung in der Residenz der bayrischen Könige aufgeschlagen. Seine unzähligen einflussreichen Aemter und Funktionen nützt er rücksichtslos für seine Interessen aus. Die persönlichen Beziehungen zu Hitler, der ihm wegen seiner Verdienste zu Dank verpflichtet ist, machen seine Stellung unangreifbar. Er kann machen, was er will, niemand wagt A- 9es, gegen ihn aufzustehen. Das geht so weit, dass man Hitler persönlich für dieses Treiben verantwortlich macht und erzählt, dass er nur deshalb Weber nicht absetzen könne, weil dieser zuviel von ihm wisse. Aber man glaubt, dass Weber eines Tages erschossen werden wird. Die verschiedenen Versuche amtlicher Stellen, Weber für sein korruptes Verhalten zur Verantwortung zu ziehen, sind immer gescheitert. Kreise in der Partei, besonders einflussreiche Persönlichkeiten im Braunen Haus, die gegen Weber vorzugehen beabsichtigten, hatten bereits einen eigenen Akt über ihn angelegt, der Grundlage einer Untersuchung des Parteigerichts sein sollte. Als Weber davon erfuhr, ging er selbst ins Braune Haus und erklärte in aggressivster Form, indem er mit der Reitpeitsche auf den Schreibtisch schlug, dass er mit einem SS- Sturm erscheinen werde, falls ihm der Akt nicht übergeben werde. Nach diesem Auftritt verschwand der Akt aus dem Braunen Haus. Durch dieses Verhalten der oberen Bonzen werden auch die anständigen Elemente in der Partei verärgert und machen in mehr oder weniger offenen Form Opposition. Dabei hoffen sie auf die Anständigkeit Hitlers, der doch unmöglich von diesen Dingen genaue Kenntnis haben könne. In der Münchner Bevölkerung, wo man offen all diese Erscheinungen kolportiert, wird die Partei immer mehr zum Gegenstand der Verachtung. Nur durch Gewalt kann sie sich noch Respekt verschaffen. Was nicht durch die Korruptionserscheinungen an Sympathien schon zerstört worden ist, wird durch die Verschwendung vernichtet, die die Partei im Grossen betreibt. Der vollständige Umbau Münchens, die sinnlose Zerstörung alter Werte, das pomphafte Gepränge bei allen Parteiveranstaltungen vermindert merklich auch die Sympathien für Hitler selbst. Der durchschnittliche Münchner hat für die grossmännische Bausucht des Führers kein Verständnis. Das hat sich besonders deutlich gezeigt an dem Verhalten der Münchner Bevölkerung zu dem Prunkfeste am" Tag der Deutschen Kunst". Wir Münchner haben schon viele Parteiveranstaltungen gesehen, wir haben die grössten Feste der Partei erlebt und haben uns daher nach allen Ankündigungen und Vorbereitungen auf eine grosse Prachtentfaltung gefasst gemacht. Heute müssen wir zugeben, dass wir alle unsere Erwartungen übertroffen sahen. Schon im Mai und Juni waren Hunderte von Kunstgewerblern damit beschäftigt, die für den Festzug" Zweitausend Jahre Deutsche Kultur" ausersehenen Figuren und Plastiken herzustellen. In einigen Kunststickereien arbeiteten die Frauen 12 bis 14 Stunden am Tage an den herrlichen Schabracken und Prunkteppichen. Wochen vor dem Fest wurden an beiden Seiten der Ludwigstrasse in je 6 Meter Abstand tiefe Schächte ausgehoben, in welche grosse Stahlrohe für die Fahnenmasten eingelassen wurden. Diese Schächte sind mit Eisendeckeln zu verschliessen und können auch für spätere Feste benützt werden. Ausserdem hat man die gepflasterten Schutzinseln bei den A- 10Strassenbahnhaltestellen in der Ludwigstrasse entfernt, um für den Festzug mehr Raum zu haben. Die Inseln wurden nunmehr versenkbar gemacht, um sie auch für künftige Aufmärsche rasch entfernen zu können. Eine Woche vor dem Fest wurden vor den Augen der staunenden Münchner in der Ludwigstrasse die Fahnenmasten aufgestellt. Die 12 m langen Fahnen an den 22 m hohen Masten waren in goldbronzierte Stahlrohrrahmen eingespannt und mit einer galgenähnlichen Hängevorrichtung an den Masten angebracht. Alle Strassen, die der Festzug berührte, wurden mit Drahtseilen überspannt, an denen je drei Fahnen angebracht wurden. Alle Häuser sockel wurden mit roten und braunen Tüchern bespannt. Ueberall wurden mächtige Pylonen aufgestellt, die alle neu angefertigt werden mussten. An einigen Plätzen, so am Eingang der Von der Tannstrasse und am Karlsplatz, sowie am Bahnhofsplatz, errichtete man riesige mit Tannenreisig verzierte Türme, die mit Stand bildern gekrönt waren. Alles war in eine einzigartige Festbühne verwandelt. Besonders reich war der Bahnhofplatz geschmückt, wo allein über 200 Fahnenmasten aufgestellt worden sind. Das Innere der Bahnhofs halle war mit roten und braunen Tüchern ausgeschlagen und mit goldenen Lorbeerkränzen behängt. München war in eine Zauberstadt verwandelt. Der Münchner aber griff sich ob dieser ganzen Zauberei an den Kopf und fragte sich: Wer muss das alles bezahlen? Für die Festbeleuchtung am Samstag musste jede Wohnpartei 10 Leuchtbecher für jedes ihrer Fenster kaufen. Wer sich dagegen wehrte, musste eine schriftliche Begründung abgeben und einen Antrag auf Befreiung stellen. Dadurch wurde erreicht, dass sich kaum jemand der Anordnung zu entziehen wagte. Am Samstag um 9 Uhr abends wurde die Illumination befohlen. Im ganzen wurden in München drei Millionen Leuchter angezündet. Alle Baudenkmäler in der inneren Stadt waren mit Scheinwerfern beleuchtet. Die technische Abteilung des " Autozugs Deutschlands" hat allein 500 Rundstrahler installiert. Auf lo grossen Plätzen wurden. Freikonzerte gegeben, zu denen alle Parteigliederungen kommandiert waren. Um 7 Uhr abends war der pomphafte Empfang der Reichsregierung im Ausstellungspark. Der Zugang und die ganze Umgebung war mit SS abgesperrt. Die Münchner konnten nur den herrlichen Wagenpark bestaunen, der bei der Auffahrtsrampe zu sehen war. In den Strassen herrschte ein lebhafter Betrieb. Bis spät in die Nacht durchzogen auswärtige KdF- Gruppen die Stadt. Am Sonntag brachte die Einweihung des Hauses der Deutschen Kunst die Hauptattraktion des ganzen Festes mit dem bekannten Festzug" 2000 Jahre Deutscher Kultur". Der Festzug war mehr ein militärisches als ein künstlerisches Schauspiel. Zwei Drittel aller Teilnehmer waren Krieger. Von den speerbewehrten Kämpen der Germanenzeit bis zu den am Schluss des Zuges marschierenden Heeres- und Parteiformationen, konnte man die äussere Entwicklung des deutschen Kriegers verfolgen. Wohl am geschmacklosesten wirkte eine Gruppe, die durch drei Plastiken die Begriffe" Opfer, Glaube und Treue" versinnbildlichen sollten und in deren Mitte ein auf hohen Pylonen A-11angebrachtes Hoheitszeichen mitgeführt wurde. Der ganze Festzug wurde geradezu erschlagen von dem immer wiederkehrenden Hakenkreuz, das in allen nur erdenklichen Formen auf Fahnen, Teppichen, Pferdedecken, Pylonen, Kleidern, Helmen als Sinnbild der Sonne, der Freiheit, der Macht usw. die Blicke verwirrte. Wer nicht hoffnungslos vernagelt ist, dem musste die ganze Aufmachung widerlich erscheinen. Das Schönste am ganzen Festzug war das ausgesucht wertvolle Pferdematerial, das aus allen Bauerndörfern zusammengeholt worden war. Die Nacht zum Montag war dem Vergnügen vorbehalten. Im Englischen Garten und im Ausstellungspark wurde eine Festnacht der Künstler abgehalten. An mehreren Stellen waren. Tanzflächen errichtet, wo abwechselnd die verschiedensten Tanzgruppen Vorstellungen gaben. Für den Sitzplatz verlangte man 3. bis 5,- Mark, für den Stehplatz 1,- Mark. Wer ausserhalb der Absperrung als Zaungast mitmachte, musste 30 Pfg. bezahlen. Von dieser Nacht des Vergnügens haben sich die Münchner viel mehr erwartet. Er ist eine einzige Wurzerei geworden. Zahlen, zahlen, zahlen, das war die Devise des Abends. Für die Regierungsmitglieder und die oberen Parteibonzen wurde am Sonntag Abend hinter dem Hause der Deutschen Kunst eine Sondervorstellung abgehalten. Hier bot sich den staunenden Münchnern, soweit sie überhaupt etwas davon erspähen konnten, ein überzeugendes Schauspiel der lebendigen deutschen Volksgemeinschaft. Auf einer Wiese hatte man eine Tribüne errichtet, auf der auserlesene Künstler und Musiker ihr Bestes boten. Die grosse Terrasse des Hauses der Deutschen Kunst war voll besetzt mit den Würdenträgern des Reiches und ihren Frauen. Schon bei der Auffahrt der Wagen konnten die Münchner ihre neue Aristokratie bestaunen. Ein Auto schöner als das andere und in ihnen sassen die spartanischen Führer des Reichs und winkten leutselig dem jubelnden Volke zu. Man glaubte die Zeit. König Ludwigs wieder auferstanden. Mit dem Fernglas konnte man erstaunliche Dinge sehen. An den Tischen, die mit herrlichen Blumenfeldern bedeckt waren, wurden schon kurz nach Beginn der Vorstellung die feinsten Delikatessen aufgetragen und nur Sekt dazu getrunken. Die Toiletten, die di e Damen an diesem Abend trugen, entlockten den Zuschauern Rufe der Bewunderung. Die Brillanten blitzten, die Kleider leuchteten in allen Farben, frohes Gelächter begleitete das üppige Mahl und bis spät in die Sommernacht klang die Lust und Freude des Führerkorps von der strahlenden Parkwiese im Englischen Garten. Und das Volk stand stumm, Stunden und Stunden. Wer aber glaubt, dass man viele Rufe der Entrüstung und der Wut gehört hätte, der irrt sich. Wer sich innerlich entrüstete, der ging weg oder blieb still, denn die Spitzel stehen doch überall. Aber nicht alle entrüsteten sich. Sie liessen das Schauspiel an sich vorübergleiten wie einen Prunkfilm. Viele drückten ihre Bewunderung und ihr Staunen ob solcher Schönheit aus, sie waren geblendet von all der Pracht. Dem kleinen Mann, der nicht selbständig genug in A 12seinem politischen Urteil ist, fällt erst in zweiter Linie ein, dass das auch von ihm bezahlt werden muss. Zuerst regt sich in ihm die Bewunderung und der Untertanengeist. Hier konnte man deutlich merken, wie weit die Entpolitisierung des Volkes fortgeschritten ist. Erst wenn die Pracht vergangen ist und der kleine Mann wieder in der Not des Alltags steckt, erinnert er sich des glänzenden Festes und dann beginnt seine Kritik und er zieht seine Vergleiche. In den Münchner Betrieben wurde in der darauffolgenden Woche viel über die protzenhafte Schwelgerei geflüstert und Zahlen gingen um, was das alles gekostet haben soll. Dass sich das Münchner Volk vom Zahlen drücken will, zeigt auch die offizielle Bekanntgabe über die verkauften Karten. Es wurden 125.000 Karten für den Festzug und die Künstlerfeste gekauft. Wenn man die angeblich loo.000 auswärtigen Gäste, die ja alle eine Karte kaufen mussten, in Abzug bringt, sieht man, welch verschwindend kleiner Teil der Münchner Bevölkerung als zahlende Zuschauer an dem Fest teilgenommen haben. Rechnet man die verkaufte Karte zu einem Durchschnittspreis von 2,- RM( KdF hat meist nur 50 Pfg. bezahlt), so sind das nach vorsichtigen Schätzungen nicht einmal 5% der tatsächlichen Kosten, die für die Dekoration der Strassen, Plätze und Gebäude ausgegeben worden sind. Die Angestellten im Braunen Haus wollen wissen, dass die Gesamtkosten des Festes an die Bausumme des Hauses der Deutschen Kunst heranreichen. Ein Teil der Gelder wurde durch Zwangsbeiträge von grossen Firmen und Geldinstituten aufgebracht. Die Bayerische Hypothekenbank hat al lein 25.000,- RM für Dekoration bezahlen müssen. Bei der Münchner Bevölkerung machten die Festabzeichenverkäufer schlechte Geschäfte. Wenn für die Winterhilfe gesammelt wurde, konnte man sich schwer davon drücken, aber für einen Aufwand in solchen Formen wollten die wenigsten eine Mark opfern. Die Staatsbeamten und Gemeinde angestellten mussten alle das Festabzeichen kaufen. Bezeichnend für die Stimmung der Münchner Bevölkerung ist der Ausspruch einer Beamtenfrau:" Wir sollen die Kartoffelschalen und die Knochen sammeln und die vertun das Geld grad wie sie wollen." Die Polizei hatte umfassende Sicherheitsmassnahmen durchgeführt. Eine strenge Ueberwachung aller Hotels fand in diesen Tagen statt. Beamte der politischen Polizei in Zivil hatten. 14 Stunden Dienst. SS- Leute in Zivil wurden zum Hilfsdienst herangezogen. In den Strassen, wo die Mitglieder der Reichsregierung erschienen, wie z.B. am Odeonsplatz, wo sich die Tribüne für den Führer und das diplomatische Corps befand, wurden 400 Beamte in Zivil unter der Bevölkerung verteilt. Eine neue Methode der Gestapobeamten ist, ihren Spitzeldienst in Begleitung von Damen auszuüben. Niemand denkt daran, dass das Liebespärchen, welches da vor ihm oder hinter ihm geht, in Polizeidiensten steht. Schon Tage vorher erschienen Geheimbeamte in dem um den Odeonsplatz liegenden Häusern und stellten Listen darüber auf, welche Personen den Festzug besichtigen werden und von welchen Fenstern aus. Die Absperrung durch SS wurde sehr streng gehandhabt. A-13Dem politischen Beobachter musste es auffallen, dass der bayerische Reichsstatthalter, General von Epp, an den offiziellen Feierlichkeiten nicht teilgenommen hat. Diese Distanzierung wurde besonders in den katholischen Kreisen vermerkt. Es ist bekannt, dass General von Epp in der letzten Zeit besondere Zurückhaltung übte. Gerüchte wollen das auf seinen streng katholischen Standpunkt zurückführen. Er heisst im Volksmund Muttergottesgeneral. Epp ist ein intimer Freund des Kardinals Faulhaber und hat heute noch Beziehungen zum Exkronprinzen Rupprecht. Epp hat sich auch anlässlich seines letzten Geburtstages jede Art von Gratulation verbeten und ist aus München abgereist. In der Bevölkerung gibt diese Haltung Epps zu den verschiedenartigsten Gerüchten Anlass. Breslau Einige Tage vor dem Beginn des Breslauer Sängerfestes wurden die Hausbesitzer und Mieter der Stadt durch die Partei aufgefordert, die Häuserfronten und Schaufenster der Geschäfte zu schmücken. Ausserdem sammelte die Partei bei den Mietern. für die Ausschmückung der Häuser. Am Samstag Abend fand auf der Friesenwiese eine grosse Kundgebung mit einem phantastischen Feuerwerk statt. Schon am Nachmittag hatten alle Betriebe und Geschäfte mit Ausnahme der Lebensmittelgeschäfte zu schliessen. Die Kundgebung war stark besucht. Das ganze Gelände war, wie man das jetzt von allen grossen Kund gebungen her gewohnt ist, mit Balken und Stangen in" Pferdekoppeln" eingeteilt und abgesperrt. Ueber das Feuerwerk war nur eine Meinung zu hören: so etwas hatte Breslau noch nicht gesehen. Während und nach der Rede, die auf das Feuerwerk folgte, versuchten organisierte, über das ganze Gelände verteilte Trupps Begeisterung und Sprechchöre: " Ein Volk- ein Führer" zu entfachen. Die organisierten Gruppen blieben aber mit ihren Rufen allein. Am Sonntag kam Hitler zur" Weihestunde", die auf dem Ringplatz abgehalten wurde. Anschliessend fand der grosse historische Festzug statt. Hitler fuhr im Auto vom Flugplatz bis zum Rathaus. Die ganze Strecke, die etwa 9 km lang ist, und von einem riesigen Spalier von SA- Leuten umsäumt wurde, war für jeden Verkehr gesperrt. Von auswärts waren zu diesem Zweck 23 SA- Standarten nach Breslau transportiert worden. An die SA war ein Geheim- Befehl herausgegeben worden. Er enthielt die Anweisung, dass die SA im Spalier so zu stehen habe, dass ein Mann mit der Front zum Publikum der andere mit der Front zur Fahrbahn zu stehen habe. Die Sperrkette dürfe von niemand passiert werden. Das Publikum sei auf das genaueste zu beobachten, auffällige Leute sofort zu melden und ihre Festnahme zu veranlassen. Die SA- Leute durften unter sich keine Unterhaltungen führen. Der Ring und das Rathaus waren stark von SS besetzt. Auf dem ganzen Weg, den Hitler nehmen musste, waren SS- Leute als Dachschützen auf den Dächern po A-14stiert. Hitler durfte nicht fotografiert werden. Wo Zuschauer sich erhöht aufstellten, um zu fotografieren, wurden sie von den Polizei entfernt. Alle Seitenstrassen, die von dem Wege, den Hitler nahm, abzweigten, waren in einer Entfernung von etwa loo m hinter dem an der Hauptstrecke stehenden Publikum von Polizei truppen besetzt. Im Festzug wurden zahlreiche historische Wagen und Trachten mitgeführt. U.a. ritt der" Alte Fritz" auf einem Pferd, während Nero mit der Harfe, begleitet von zahlreichen Mädchen, in römischer Tracht auf einem Wagen fuhr. Die Wagen mussten von den Firmen gestellt werden. Städtische Arbeiter wurden gezwungen, an den Trachtengruppen mitzuwirken. Die Sensation des Festzuges waren zwei schwarz- rot- goldene Fahnen, die solches Aufsehen erregten, dass die Presse am nächsten Tage eine längere Erklärung dazu geben musste: schwarz- rot- gold seien die alten deutschen Farben gewesen, die in der Systemzeit zur Parteifahne herabgewürdigt worden wären. Man tat alles, um die sehr zahlreichen Auslandsdeutschen von der einheimischen Bevölkerung abzusperren. Sie wohnten zusammen und speisten zusammen. Alle Auslandsdeutschen wurden kostenlos verpflegt und untergebracht, die besseren Leute sogar in den feinsten Hotels. Jeder bekam täglich Butter, Brot und eine ganze Wurst zum Frühstück, mittags gab es aus der" Gulaschkanone" Eintopfgerichte, so dass die meisten Leute, besonders die Sudetendeutschen keinen Heller auszugeben brauchten. Man hat damit den Auslandsdeutschen beweisen wollen, dass alles" Lug und Trug" ist, was im Ausland über den Nahrungsmittelmangel behauptet wird. Aber dafür hat in der Woche, in der das Sängerfest in Breslau stattfand, die Stadt Görlitz nicht ein Pfund Butter bekommen. Auch in Hirschberg gab es in dieser Woche weder Butter noch Fleisch, alles wurde nach Breslau verladen. Nicht nur, dass man die Auslandsdeutschen vier Tage frei beköstigte, man machte mit ihnen nach dem Sängerfest auch noch kostenfreie Autobusfahrten ins Riesen-, Glatzer- und Altvatergebirge. Der Oberbürgermeister liess sich zum Sängerfest an seine Amtskette ein goldenes Hakenkreuz anbringen. In der Presse wurde dann geschrieben, die Bevölkerung habe das Hakenkreuz anfertigen lassen. Aus Anlass des Festes erschien in den " Breslauer Neuesten Nachrichten" in der ersten Ausgabe eine Profil- Aufnahme von Goebbels. Goebbels sah auf diesem Bilde so jüdisch aus, dass von amtlichen Stellen die Entfernung des Bildes bei der zweiten Ausgabe veranlasst wurde. Die Redaktion und die Geschäftsleitung waren noch tagelang na chher in Angst, ob deswegen behördliche Massnahmen gegen die Zeitung erfolgen würden. Das Fest selbst hat in der Stadt keinerlei Wirkungen hinterlassen. Kein Mensch redet mehr davon. A-15Kleinstadt in Württemberg In unserer Kleinstadt mit rund 6.000 Einwohnern hatte 1933 der Nationalsozialismus beinahe hundertprozentig gesiegt. Abgesehen von der zahlenmässig nicht sehr starken Arbeiterschaft, die in ihrem Kern von Anfang an die Gleich schaltung ablehnte, fielen ihm damals alle Schichten der Bevölkerung zu: die Handwerker und die Kleinbürger, die schon vorher seine treuesten Anhänger waren, die Beamten, die hier infolge der zahlreichen Behörden eine grosse Rolle spielen, die Bauern, alle sahen damals in der Machtergreifung Hitlers die Erfüllung ihrer politischen Sehnsucht, alle glaubten, dass nun die Einlösung der Versprechungen beginnen werde, mit denen sie der Nationalsozialismus gewonnen hatte. Die kleine Schar der Nichtnationalsozialisten hatte in dieser ersten Zeit einen schweren Stand. Denunziationen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung und die vielen Aufmärsche der NS- Organisationen erfassten wirklich das ganze" Volk" bis auf die paar" Unbelehrbaren". Aber schon 1934 begann da und. dort die Ernüchterung, weil nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen waren. Wie bei den Kleinbürgern meist, fing es damit an, dass durch die rasche Karriere einiger besonders fragwürdiger Figuren unter den Nationalsozialisten Neidgefühle erweckt wurden. Dann kamen unmittelbarere Nachteile. Die Handwerker fanden, dass bei der einsetzenden Aufrüstung die grossen Betriebe besser wegkämen als sie. Im Zusammenhang mit der Reichsautobahn wurden empfindliche Eingriffe in den Grundbesitz zahlreicher begeisterter Nazianhänger vorgenommen. Es kam die Zeit der Knappheit dieses und jenes Nahrungsmittels, die sich verschärfende Reglementierung der Wirtschaft, die die Kleinen weit schwerer trifft als die Grossen. Heute ist das Bild beinahe dem von 1933 entgegengesetzt.Zwar findet man in unserer Stadt, wo einer den anderen kennt, nicht wie damals wilde Debatten über die Regierung. Denn dafür hat die Diktatur ja gesorgt, dass alle von der Angst vor den Folgen eines unbedachten Wortes erfasst sind. Aber wenn zufällig einmal ein ehemaliger Sozialdemokrat mit einem als Nazinachläufer bekannten Bürger unter vier Augen zusammentrifft, braucht er ihm gar nicht erst die Zunge zu lösen: ganz von selbst bricht dann der Unmut aus. Man hat oft das Gefühl, als ob die ganze Herrlichkeit wirklich nicht mehr allzu lange dauern könnte. Das ganze gesellschaftliche Leben, das früher in unserer Stadt sehr reich und vielfältig war, ist auf die paar absolut gleichgeschalteten Vereine zusammengeschrumpft. Bei den Veranstaltungen, wie etwa beim" 1.Mai" oder ähnlichen Anlässen, drückt sich jeder, der nicht unbedingt teilnehmen muss. Würde einem nicht auf der Strasse immer wieder ein uniformierter Bonze begegnen,-allein die DAF hat hier 10 Angestellte, während früher die Gewerkschaften nur ehrenamtliche Funktionäre hatten dann könnte man kaum darauf kommen, dass man in A-16einer Stadt des Dritten Reichs lebt. Tagelang kann man eu/. der Strasse gehen, ohne jemals den Hitlergruss zu sehen. Dafür aber versichern unsereinem bei jeder Gelegenheit Leute, die früher nicht genug schreien konnten, dass dieses System keinen Bestand haben könne. Während in früheren Jahren, wenn geschimpft wurde, meistens irgend eine persönliche Verärgerung die Ursache für diese Missstimmung war, hat sich im letzten Jahr hier eine gewisse Veränderung vollzogen. Immer wieder kann man bei einem Kleinmeister oder einem Bauern hören, dass es gar keinen Sinn mehr habe, sich an irgend einer Versammlung zu beteiligen. Man habe ja doch nichts zu sagen, alles werde von oben angeordnet und man dürfe-ob es sich nun ums Zahlen oder um etwas anderes handle- doch nur Ja und Amen dazu sagen. Diese Meinung ist nicht Ausfluss einer augenblicklichen Verbitterung, sie hat sich tief in den Köpfen festgesetzt und lähmt alle gesellschaftlichen Beziehungen. Sogar gut bürgerliche Organisationen bekommen das zu spüren. Als kürzlich im Zuge der Neuorganisation der Sportvereine der immer mehr oder weniger nazifreundliche Radfahrerverein in die neue Einheitssportorganisation überführt werden sollte, verteilten die Mitglieder das ganze Vereinsvermögen. vorher, weil sie nicht wollten, dass es irgendwohin versickere, und nur ein ganz kleiner Teil trat in die neue Organisation über. Die früheren Arbeitersportler sind mit verschwindenden Ausnahmen völlig passiv geworden und haben allen Versuchen, sie wieder zu sportlicher Tätigkeit heranzuziehen, kalte Ablehnung entgegengesetzt. Etwas mehr Glück haben die Nazis bei den Arbeitersängern gehabt. Allerdings nicht, ohne dass sie gegen einzelne Genossen starke Druckmittel, z. B. die Drohung mit dem Verlust der Existenz, anwendeten. Um die wirklichen Nazis macht man einen grossen Bogen, wenn man es vermeiden kann, mit ihnen zusammenzutreffen. Ganz geringes Ansehen geniessen die Bonzen, die sich durch ihr herausforderndes und anmassendes Verhalten selbst in ihren eigenen Reihen viele Gegner geschaffen haben. Als in den Tagen der stärksten Erregung über die spanischen Ereignisse auch bei uns sehr lebhaft über die dortigen Vorgänge diskutiert wurde, konnte man bei verschiedenen Gelegenheiten aus dem Munde von früher durchaus loyalen Anhängern des Dritten Reiches die Auffassung hören: Wenn bei uns einmal die Sache zum Klappen kommt, dann werden noch ganz andere Dinge passieren als in Spanien. Sehr viel Gesprächsstoff bot vor kurzem folgender Vorfall: Wir haben am Ort einen sehr prominenten Naziführer, dessen Gesicht auch bei genauester Betrachtung keine arischen Merkmale aufweist. Das gleiche gilt von seiner ganzen Familie und man weiss seit langem, dass es ihm Mühe machen würde, seine Ahnentafel in eine den Anforderungen entsprechende Verfassung zu bringen. Als jetzt die Tochter dieses Herrn einen ortsansässigen Angestellten heiratete, wurde bekannt, dass zwar der Bräutigam entsprechend den gesetzlichen Vorschriften seine arische Abstammung bis zum Urgrossvater nachweisen musste, dass aber von der Braut" im Hinblick auf ihre A-17Stellung als BdM- Führerin" nur der Nachweis eines arischen Grossvaters gefordert wurde. Ganz allgemein herrscht die Ansicht, dass man durch gute Beziehungen zu irgendwelchen Bon-. zen heute alles erreichen kann. Dementsprechend ist das Vertrauen zu den Behörden. Was die angeblich durch die Nazis wiederhergestellte öffentliche Moral betrifft, so, genügt die Feststellung, dass gegenwärtig allein in unserem Amtsgerichtsgefängnis 21 Männer, keine Marxisten, wegen Verbrechens gegen 175 des Strafgesetzbuches in Untersuchungshaft sitzen. In unserer Stadt, die noch relativ viel Landwirte hat, spielt jetzt natürlich die neue Regelung der Getreideversorgung eine nicht geringe Rolle. Schon jetzt kann man sagen, dass sich auch die treuesten Nazi anhänger darauf vorbereiten, die Ablieferungsmengen wo immer möglichst herabzudrücken und die Vorschriften zu umgehen. Auf dem Gebiet der Schlachtviehversorgung ist es übrigens schon heute so, dass sowohl die Bauern wie die Metzger nur noch unter Umgehung der behördlichen Vorschriften handeln können. Ein mir bekannter Metzgermeister, der früher für seine grosse Kundschaft wöchentlich zwischen 6 und 8 Schweinen schlachtete, darf jetzt nur schlachten. Ein anderer, bei dem die Situation ähnlich ist, wurde vor kurzem auf Grund einer anonymen Anzeige verhaftet und sieht seiner Bestrafung entgegen. Die Stimmung der Einwohnerschaft ist in solchen Fällen in der Regel auf Seiten der Delinquenten. 2 Am meisten erbittert gegen die Nazis sind die zahlreichen Gastwirte unserer Stadt. Sie haben dazu gute Gründe. Heute machen nur noch die ausgesprochenen Parteiwirte halbwegs gute Geschäfte. Sie haben die Parteiveranstaltungen und die Zusammenkünfte der übrigen MS- Organisationen. In allen anderen Gasthäusern ist es tagtäglich, auch Sonntags, totenstill.. " Wenn man doch kein offenes Wort mehr reden kann, ist es besser, man bleibt in seinen vier Wänden. Dann ist man wenigstens nicht der Gefahr ausgesetzt, dass einem einmal doch der Gaul durchgeht und man nach Dachau kommt." Das ist der Ausspruch. eines pensionierten Beamten, der früher den Ruf eines sehr geselligen und bierfreudigen Menschen hatte. Die Menschen verkriechen sich in ihre Wohnungen und haben Angst davor, dass sie einmal angesprochen werden könnten. Besser besucht sind jetzt allerdings die Kirchen. Die Katholiken, die in der Minderheit sind, haben hier immer einen kämpferischen Geist gehabt. Sie sind jetzt noch enger zusammengerückt, obwohl man von direkten Massnahmen gegen sie am Ort.noch nichts gemerkt hat. Dagegen hat sich unter den evangelischen Kirchenbesuchern, überhaupt im evangelischen Kirchenvolk eine starke Wandlung vollzogen. Die Geistlichen stehen ganz auf dem Boden der Bekenntniskirche, obwohl einer von ihnen nach aussen stets als waschechter Nazi auftritt. Die Gläubigen in ihrer erdrückenden Mehrheit sind gleichfalls bekenntniskirchlich gesinnt. Jede Woche finden ausserhalb der ordentlichen Gottesdienste Bittgottesdienste für die Kirche statt, die immer sehr gut besucht sind. Verschiedentlich ist A-18aus solchen Anlässen die Landjägermannschaft aufgeboten worden, ohne dass es zu direktem Eingreifen kam. Es handelte sich dabei wohl mehr um eine Demonstration, die durch die Nazi- Instanzen erzwungen wurden. Noch schärfer gegen die Kirchenpolitik der Nazis ist die Stimmung bei den sogenannten Stundenleuten, den kirchlichen Sekten und Gemeindschaften, deren es in unserer Stadt nicht wenige gibt. In ihren Reihen wurde vor dem 5. März 1933 die intensivste Propaganda für Hitler gemacht. Ich erinnere mich, dass Stundenleute es waren, die die Naziflugblätter jam Kirchenausgang austeilten. Heute wird in den Zusammenkünften dieser Gemeinschaften von Hitler als dem" Antichrist" gesprochen. Noch ein Wort über die Arbeiter: Der alte gute Kern der organisierten Arbeiter ist unversehrt. Auch die jüngere Arbeitergeneration, soweit sie bereits in den früheren Arbeiterorganisationen erfasst war, hat sich mit geringen Ausnahmen gut gehalten. Man kennt sich, man weiss, wem man vertrauen kann und man hält in den Formen, die heute möglich sind, miteinander Fühlung. Freilich fehlt das, was uns früher stark gemacht hat: das geistige Leben in der Organisation. Man hilft sich damit, dass man auf das Urteil angesehener Freunde hört und im übrigen sich bei jeder Gelegenheit klar macht, dass man mit dem jetzigen System nichts gemein hat. In den Betrieben, die wir hier haben,-es sind nicht viele und keine grossen- sind die Arbeiter heute in ein ganz patriarchalisches Verhältnis zurückversetzt worden. Was man ihnen als ihre Vertretung vor die Nase gesetzt hat, besass nie Vertrauen und erwirbt sich durch seine" Tätigkeit" erst recht keines. Zudem ist, soweit es sich nicht um Metallbetriebe mit Staatsaufträge handelt, Kurzarbeit an der Tagesordnung, wozu noch neuerdings erhebliche Lohn senkungen durch Akkordschinderei kamen. Es besteht wenig Grund für die" Arbeiter der Faust", sich für Hitler und sein Regime zu begeistern. 3) Kriegsfurcht und Kriegshoffnung Die Vorstellung, dass die Entwicklung der Dinge unausweichlich zum Kriege treibe, ist nahezu allgemein geworden. Es gibt dafür verschiedene Ursachen. Da ist einmal der Rohstoffmangel, der vielfach zu der Ueberlegung führt, dass Deutschland kein anderer Ausweg bleibe als der Krieg. Ein Beispiel: Württemberg:( Aus einer Industriestadt mit 20.000 Einwohnern:) Eine starke Quelle der Unruhe, nicht nur für die unmittelbar betroffenen Arbeiter, sondern für die ganze Einwohnerschaft, die ja von den Arbeitern lebt, ist die Rohstoffkrise. Die Diskussionen über dieses Thema finden über die Betriebe hinaus ihre Fortsetzung in der Bürgerschaft und stärker als sonst A-19ist die Sorge, zu welchen Verzweiflungsschritten die jetzige Situation die Nazis treiben könnte. Immer öfter hört man, dass es wahrscheinlich nur einen Ausweg aus dieser Sackgasse gebe: den Krieg. Die Arbeiter, die ja tagtäglich im Betrieb die Schwierigkeiten erleben, glauben nicht, dass das Dritte Reich einen Krieg gewinnen werde. Da sind weiter die unablässig fortgesetzten Kriegsvorbereitungen, die vor allem unter der Grenzbevölkerung die Ueberzeugung festigen: der Krieg ist unvermeidbar. Gleichzeitig hat sich das Verhältnis zum Krieg gewandelt: man rechnet nicht mehr mit einem schnellen und überlegenen Sieg Deutschlands; der kommende Krieg wird kein" Spaziergang" sein. Sachsen: Früher hatte man bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten darauf hingewiesen, wie schwach die ČSR militärisch sei. Die Feuerwehren würden es mit dem tschechischen Militär aufnehmen und es aus dem sudetendeutschen Sprachgebieten vertreiben, noch ehe die Russen sichtbar würden. Immer wenn von einem Blitzkrieg die Rede war, dachte Freund und Feind des Friedens im Grenzland an die Vernichtung der ČSR und Oesterreichs. Es war allgemeine Anschauung, dass, selbst wenn die Westmächte und Russland der CSR oder Oesterreich helfen würden, diesen Ländern zunächst kein anderes Schicksal beschieden sein würde als im Weltkrieg Belgien. Seitdem die ČSR erhöhte Anstrengungen macht, ihre Verteidigung vorzubereiten, entstand bei einem grossen Teil der Grenzbevölkerung der Eindruck, dass der" Blitzkrieg" kein Spaziergang werden würde und folglich auch unser Grenzland Kriegsschauplatz werden müsste. Seitdem sah man auch die vielen militärischen Uebungen, die in den letzten Monaten im Grenzgebiet durchgeführt worden sind, mit anderen Augen an. Vor allem aber ist dieser Stimmungsumschwung durch die Arbeiten an der deutschen Grenzbefestigung gefördert worden. Wenn bisher bei militärischen Uebungen im Grenzgebiet immer angenommen wurde, die Tschechen greifen an und die Deutschen ziehen sich, weil zu schwach, kämpfend von der Grenze bis auf. eine vorbereitete Verteidigungslinie zurück, so betrachtete Seit das die Bevölkerung mehr oder minder als Spielerei. die Ausführungsbestimmungen zum Gesetz über die Grenzsicherung vorliegen, sieht die Grenzbevölkerung, dass es ernst wird. Sie sieht, dass ihr weit mehr Rechte genommen werden als der Grenzbevölkerung in der ČSR. Aber nicht nur diese wirtschaftliche Seite löst Beunruhigung aus, sondern die Grenzland bevölkerung muss auch ihre bisherigen Ansichten über den nächsten Waffengang in Mitteleuropa revidieren. Die neuen Verteidigungsmassnahmen zwingen zu der Ueberlegung, dass sich in den leitenden militärischen Stellen Deutschlands die Meinungen über die Siegesaussichten grundlegend verändert haben müssen. Wenn doppelte Verteidi A- 20gungslinien auf deutschen Boden errichtet werden sollen, so muss darin die Erkenntnis liegen, dass das militärische Potential der Tschechen und ihrer eventuellen Verbündeten viel stärker ist, als man es bisher dargestellt hat. Dass die Tschechen von sich aus einen Krieg beginnen, daran glauben nicht einmal die dümmsten Nazis. Man kann also nur damit rechnen, dass im Ernstfall ein deutscher Angriff zurückgeschlagen werden könnte und dann der Krieg auf deutschem Boden fortgesetzt werden müsste. Bezeichnend für die Kriegspsychose im Grenzgebiet ist folgender Fall. In dem kleinen Grenzort Reitzenhain im Bezirk von Marienberg lebt ein alter Heilpraktiker, zu dem weit und breit die Menschen laufed. Im Nebenberuf ist er Hellseher und dieser Ruf ist mindestens ebenso gross. Im Mai hat er auch politisch" hellgesehen" und seinen Kunden geweissagt, dass in der zweiten Hälfte des August der Krieg beginnt und dass Hitler im Verlauf des Krieges eines gewaltsamen Todes sterben wird. Mit Windeseile wurde diese Kunde in der Flüsterpropaganda weiter gegeben." Der Reitzenhainer Mann hat es gesagt und der muss es wissen." Die Nazi grössen erfuhren die Kunde auch und veranlassten die Verhaftung des meckernden Hellsehers. Nach kurzer Zeit ist er aber wieder freigelassen worden. Nun wird erzählt, dass er sich freiwillig erboten haben soll, sich wieder zu stellen, wenn seine Voraussage nicht zutrifft. Pfalz, 1.Bericht: Man glaubt, dass der Krieg nahe bevorsteht. Ueberall werden geradezu fieberhaft Vorbereitungen für die Unterbringung grosser Truppenteile getroffen. Viele Leute arbeiten an den Grenzbefestigungen. Es werden Kasematten, Stollen, Hallen gebaut und wenn der Bauzaun niedergelegt ist, sieht man oft nichts als eine grosse Eisenplatte, die den Eingang verdeckt. Die Baustellen sind sehr scharf bewacht, niemand darf stehen bleiben, niemand darf photographieren. In Pirmasens und bei Saarbrücken werden neue Kasernen und Baracken gebaut. Zwischen Brebach und Schafbrücke sind militärische Festungsanlagen im Bau, die scharf abgesperrt sind. Aehnlich ist es der ganzen Grenze entlang. Es gab eine Zeit, in der stark an einen deutschen Sieg im Kriege geglaubt wurde. Heute hat man das Empfinden, dass die meisten Leute nicht mehr an die Ueberlegenheit Deutschlands glauben, sondern dass sie mit einer Niederlege rechnen. Daran scheint die Nazi propaganda selbst schuld zu sein, denn sie schildert ja dauernd in den schwärzesten Farben, wie die anderen Völker aufrüsten und es wird ständig soviel über Frankreich, England und Amerika geschimpft, dass sich die Leute sagen, wenn Deutschland sich mit diesen mächtigen Staaten dauernd verfeindet, dann muss es den Krieg verlieren. 2.Bericht: Die Gespräche über den Krieg spielen eine grosse Rolle. Alle wissen zu erzählen von irgend einer Wahrsagerin, die den Krieg für spätestens August oder September vorausgesagt hat. Die Luftschutzpropaganda ist weiter ausgebaut, auch A-21das kleinste Dorf hat schon seine Luftschutzübung gehabt. Die Grenzorte haben jetzt ständig Einquartierung. Die SA hat wöchentlich zweimal Uebung und man kann von ihnen hören, dass sie als erster Grenzschutz in Frage kommen," wenns losgeht". Eine grosse Anzahl Baufacharbeiter und Arbeitslose werden jetzt unter Leitung der Pionierstäbe zu Befestigungen verwendet. Als die Regierung Blum zurücktrat, waren die SALeute ganz begeistert und rechneten mit einer französischen Revolution, die dann den Einmarsch in Frankreich erleichtern müsste. Die rasche Neubildung der Regierung enttäuschte sie. Dagegen waren die Gegner des Regimes sehr bestürzt, weil sie ja auch unter dem Einfluss der Kriegs propaganda stehen, die so stark mit der französischen Revolution rechnet. Sie haben ständig die Besorgnis, die deutschen Machthaber könnten einen Schwächezustand Frankreichs dazu benutzen, den Krieg zu beginnen. Baden: Im ganzen Gebiet sind in den einzelnen Dörfern und Gehöften Depots mit Waffen und Munition angelegt worden. An einzelnen Stellen arbeiten geschlossene Trupps aus Norddeutschland, die selten mit der Bevölkerung in Berührung kommen, da sie in Wohnbaracken untergebracht sind und dort auch verpflegt werden. In den Rheinwaldungen bis zum Ilsteiner Klotz sind fast alle Spaziergänge polizeilich gesperrt. Die Bevölkerung rechnet fast fatalistisch mit einem Krieg. Sie macht aber gar kein Hehl daraus, dass sie nicht an einen Sieg glaubt. Resigniert meint sie, dann beginne eben das Elend noch einmal von vorne, nur noch schlimmer als 1918. Nordwestdeutschland: Um den kommenden Krieg drehen sich die Gespräche in allen Volkskreisen. Alle fürchten den Krieg. Selbst unter den Nazis besteht eine grosse Kriegsangst. Bei uns im Westen mit seinen wichtigen industriellen Anlagen ist man allgemein davon überzeugt, dass das Gebiet in den ersten Tagen eines Krieges von der feindlichen Luftwaffe verwüstet wird. Wachsende Furcht vor dem Kriege bei den einen, aber auch wachsende Hoffnungen darauf bei den anderen. Ein grosser Teil der Gegner des Regimes sieht heute in einem Krieg, den ihrer Meinung nach Deutschland verlieren müsste, die einzige Möglichkeit, das Regime zu stürzen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Rheinland- Westfalen: Nach wie vor spricht man im Volk vom Krieg. Die aussenpolitische Entwicklung wird mit höchstem Interesse verfolgt. Der Spiesser glaubt alles, was ihm das Regime über Deutschlands aussenpolitische Situation vorsetzt. Dieser Spiessertyp ist und bleibt" national" im reaktionären Sinne. Bei aller Gegnerschaft gegen Hitler in diesen Kreisen A- 2des Spiessertums, billigt man seine Haltung in der Aussenpolitik. Die Arbeiter sehen die Lage anders. Sie erkennen die grossen Gefahren, in die Hitler das deutsche Volk gebracht hat. Aber sie wünschen sehnlichst den Augenblick herbei, in dem die Nazis losschlagen. Denn, so sagt man, braucht es nur einige Wochen und die Revolution ist da. Das deutsche Volk will den Krieg nicht, nur die Nazis wollen ihn und daran werden sie zugrunde gehen. dann Baden: Ueberall befürchtet oder erhofft man den Ausbruch eines Krieges. Dies gilt neuerdings besonders in bezug auf die ostasiatischen Vorgänge. Ein grosser Teil der Arbeiter hofft tatsächlich auf einen Krieg, weil er davon ein Ende der Hitler- Diktatur erwartet. Pfalz Hauptgesprächsstoff ist immer noch der bevorstehende Krieg." Die wollen den Krieg, das sieht man ja überall.Man hört und sieht nichts mehr, als militärischen Kram; die haben keine Rube, bis der Krieg da ist." So kann man ständig in allen Variationen reden hören. Dabei wagen die Spiessbürger Bemerkungen, über die man oft staunen muss." Ich weiss, was ich machen werde, wenn's los geht, die Grenze ist ja nicht weit"." Die sollen sich Dümmere suchen für ihren Ja, man kann Krieg, ich putz die Platt, wenn's los geht." auch den Ausspruch hören:" Mit wem wollen denn die Krieg führen? Die Hälfte der Soldaten wird ihnen ja ausreissen!" Manche lassen sich sogar zu dem Stossseufzer hinreissen: " Ohne Krieg bringen wir ja die Gesellschaft doch nicht mehr los."-" Der Krieg ist die einzige Rettung. Nur ein Krieg kann uns wieder bessere Zustände bringen." dass Bayern: Eine Aenderung der gegenwärtigen Verhältnisse in Deutschland kann meiner Auffassung nach nur durch aussenpolitische Ereignisse erfolgen, d.h. also, ich nehme an, es zum Kriege, zur darauffolgenden Niederlage und dann zur Beseitigung der jetzigen Machthaber kommt. Andere Möglichkeiten zum Sturze des Systems kann ich mir heute nicht vorstellen. Sachsen: Die Arbeiterschaft findet sich immer mehr mit der Tatsache der erlittenen Niederlage ab und hofft nur auf einen Krieg. Auf einen Krieg hoffen übrigens auch die anderen Hitler- Gegner. Niemand hält es für möglich, dass sich das Volk aus eigener Kraft befreien könnte. Es wird einem wörtlich gesagt:" Wenn Ihr es nicht fertigbringen könnt, die Anderen von der Notwendigkeit eines Präventivkrieges zu überzeugen, dann wird es nicht anders; wir schaffen es nicht.' Das Regime tut nichts, um das Volk von der ständigen Beschäftigung mit dem bevorstehenden Krieg abzulenken. Im Gegenteil, die offizielle Propaganda ist eifrig bemüht, die Kriegspsychose A-23wachzuhalten. Denn die Kriegsangst schafft in breiten Massen den Geisteszustand, den das Regime braucht, um dem Volke immer neue Opfer für die Rüstung auferlegen zu können. So ist besonders in der letzten Zeit die Furcht vor Spionen systematisch gezüchtet worden. Anfang August ist durch die gesamte Presse und über alle Rundfunksender eine" Warnung vor landesverräterischen Agentenwerbern" verbreitet worden( siehe Original auf Seite A 24). In den Betrieben, vor allem in den Rüstungsunternehmen, sind an die Arbeiter Abdrucke der neuen Bestimmungen des Strafgesetzbuches über Hochverrat, Landesverrat und Wehrmittelbeschädigung, sowie Abdrucke aus dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb( Wahrung des Geschäfts- und Betriebsgeheimnisses) verteilt worden. Wir bringen auf den Seiten A 25 bis A 28 Originalproduktionen solcher Abdrucke, die uns aus Sachsen und Schlesien zugegangen sind. Im übrigen entnehmen wir über die propagandistischen Kriegsvorbereitungen des Regimes unseren Berichten: Nordwestdeutschland: Nicht nur in grösseren Städten, sondern auch in Kreisstädten werden sogenannte" Wehrschauen" gezeigt, die Begeisterung für das neue Heer erwecken sollen. Das Programm einer solchen Wehrschau enthält folgendes: Vormittags Hand- und Fussballspiele von Sportabteilungen der Wehrmacht, mittags kann jeder sich unter den Klängen einer Bataillonskapelle aus der Gubschkanone Essen holen, die Kinder können reiten und Jugendliche wie frühere Soldaten können auf den Schiessständen gratis schiessen; am Nachmittag gibt es ein grosses militärisches Schauspiel: Exerzieren einer Schützenkompagnie, MG- Hindernislauf, Bodengymnastik, Luftabwehr durch Infanterie, wobei drei Flugzeuge beschossen werden, die sich einer marschierenden Kolonne nähern. Ferner sieht man das Manövrieren von Tanks, eine Quadrille eines schweren MG- Zuges, Dienst einer Nachrichtenstaffel usw., sowie schliesslich einen Infanterie- Angriff. Natürlich ist das Interesse für diese Vorführungen sehr gross. Selbst in Kreisstädten von etwa lo.000 Einwohnern sind mehrere tausend Zuschauer dazu auf die Beine zu bringen. Junge Arbeiter meiden zum grossen Teil diese Wehrschauen. Eine Gruppe von Arbeitsdienstlern wurde in der Stadt angehalten und gefragt, warum sie nicht mit ihren Lagergenossen zu der Schau gingen. Darauf antworteten einige:" Das können wir noch früh genug sehen!" A-24Det v Ruf 8228 und 8229 Gegründet am... Wazetgenpreis: Die fedsaelpaltene Willimeteraette im Anselgenteil 7% ia.. die dreigcivaltene Milli| Epredseit: Montag bis Brettag 17 BIS 18 19 meterseil im Textteil 22 Bfennig. Nachiakitaffel A. Alle weiteren Anzeigenbedingunges: find in der Bezugspreis für den Monat 2.30.. 9021 reisliste 7 enthalten. 3m alle böberer Gewalt, die den Betrieb der Beitung. der Stefenten oder ber 2.60.( einidl. 80 Btg. Boft- Ueberweisunge Haus. Für Ridgabe unverlangter Schriftith Beförderungseinrichtungen fört. erllicht fede Verpflichtung auf Erfüllung der Anzeigen Aufträge und ftiger Störungen des Betriebeß der Beitung Leiftung von Ehabenerfas. Gerichtsstand: Döbeln in Ea. ber Besieber Felnen Anspruch a Danptacichäftstelle und Trudetei: Döbeln. Breite Straße 5, Griftleitung: Bronftr. 10( Thüringer Bof). № 185 Stadtbankkonto 2022, Adca Filiale Döbeln, Gewerbebant, Landw.= Bank, Postschedfonto 26532 Letpatg Mittwoch, 11. August nachm. Achtung: Spione am Werk! Warnung vor landesverräterischen Agentenwerbern. Immer wieber versucht das Ausland, in die Geheimnisse unserer Landeßverteidigung und unserer wirtschaftlichen Un abhängigmachung einzubringen. Ein altes Mittel der aus ländischen Spione ist das nach einem bestimmten Plan ers folgende Serantreten an in Not geratene ober kreditsuchende deutsche Volksgenossen zum Zwede ihrer Auwerbung für den ausländischen Nachrichtendienst. Spi fonder Der gruppen Dal Eunft, d'Etudes; Boite Poftale 20; Beder, clo Buco, Passage du nord Mr. Bizin, Rommerce Bourse, Place de la Bourse; S. Haas, Boite Postale 709; van den Narelle, Postfach 18, Brüssel- Bertret Nord( auch van den Nabelle geschrieben, Postfach 54, Postfach die Ent 612, Brüssel- Centre, Postfach 864. Weitere Dednamen bes Lamprecht in Brüssel: Meyer, Romin, Schäfer, Crestin, Bireat. Bedeuti Lüttich: E. Bireat, Poste restante, Liége- Centre; J. Creſtin, mehr il Der Weg dieses auf die Gewinnung von Landesverrätern Boulevard de la Sauvenière P. N. 11; Otto, Postfach 21; nicht me gerichteten Verfahrens ist folgender: Die Beauftragten ge- Postfach 52; Postfach 60 Berviers; Postfach 111 Rue de Bo- tei als wisser ausländischer Kreditinstitute stellen aus den deutschen verie 28, Lüttich; Verviers: Auxiliaire Technique, Postfach 60, zu sage Tageszeitungen usw. Gesuche um Darlehen oder Hypothefen Bureau des Etudes, Postfach 60; Lemmert, Postfach 60; Mde. geword fest. Diese Kreditinstitute stehen großenteils im Dienst det, Sové, 70 Avenue de Spa. ausländischen Spionage. So werden die Nomen oder die Eine andere Form der gegen Deutschland gerichteten politi Chiffrenummern der Kreditsuchenden unmittelbar an die Or Spionage besteht in der Anwerbung von Berichterstattern für gane des ausländischen Nachrichtendienstes weitergeleitet. Ber- eigens zu Ausspähungszwecken vom ausländischen Nachrich- im Re spricht sich dieser einen Erfolg, so werden die Kreditsuchenden tendienst gegründete Pressekonzerne und Korrespondenzvers sporttre aufgefordert, an eine bestimmte Adresse im Ausland ihre lage. Sie veröffentlichten mehrere deutsche Zeitungen und Aufgab. Wünsche mitzuteilen. Kommen sie dieser Aufforderung nach. Beitschriften fürzlich nachstehendes Juserat: so erfolgt im allgemeinen die Anweisung, zum Zwede einer angeblichen Auszahlung des Darlehens über die Grenze zu fommen. Der ausländische Geldgeber gibt nun einmal oder auch mehrmals geringe Darlehensvorschüsse und verspricht größere Summen, wenn als Gegenleistung gewisse Nachrichten über deutsche Verhältnisse geliefert werden. Ist der Darlehnssuchende dem ausländischen Nachrichtens dienst hierdurch erst einmal ins Neg gegangen, so wird er rüdsichtslos erpreßt und zum Berrat gezwungen. Den Ab schluß bildet dann in der Regel der bekannte rote Anschlag des Boltsgerichtshofes in Berlin, der die Hinrichtung eines Landesverräters mitteilt. Um einem solchen Angriffsverfahren des ausländischen Nachrichtendienstes einen Riegel vorzuschieben, werden hier: mit alle folche darlehnssuchende Volksgenossen ausdrücklich gewarnt, mit undurchsichtigen ausländischen Kreditinstituten oder im Ausland wohnenden Beantwortern von Kreditgefuchen in Verbindung zu treten. Die Soweit, der Vo fchen& SA. er Kennin die Zic in sein In den „ Neuentstehender Welt- Pressekonzern sucht Korrespondenten in großen Städten fämtlicher europäischer Staaten. Festes Monatsgehalt. Bewerbungen mit Angabe bisheriger Tätigkeit unter: Dr. Hugon, Budapest- Poste restante. Hinter diesem„ Welt- Pressekonzern" steht einwandfrei die SA." 6 Spionagezentrale einer ofteuropäischen Macht. Die Ant- Sinn worten auf die- Bewerbungsschreiben trugen jeweils folgende wehrsp A. if Unterschriften: 1. Dr. Edgar Hugon, Warszawa, sfrythra pocztowa 922; beutsche Dr. Dr. Nagy, Gydnia, ul 10 Lutego 24; 3. Dr. Edgar Hugon, traft. Di Gydnia, skrytýka pocztowa 79. Von den Bewerbern wurden als Probeleistungen gegen tüchtigt hohes Honorar umfangreiche und ins einzelne gehende Ar- in dem beiten und Einsendungen verlangt, die u. a. betrafen: Berlin gelegt und, seine Industrie, Rohstoffloge in Deutschland, Flugzeug Offenb Insbesondere wird auf zwei zur Zeit einwandfrei für den werfe in Deutschland, vertrauliche Dokumente, Echriftstücke chen 8, ansländischen Nachrichtendienst tätige Agentenwerber hinaus allen Gebieten des deutschen Lebens. Vertrauliche und wurde gewiesen: 1. Franz Dobianer, Jude, zur Zeit in Tetschen, Tschechoslowakei, Gartenstraße 28, Tel. Tetschen 54; 2. Lamprecht, zur Zeit in Belgien. Tobianer unterhält in der Tschechoslowakei unter der Firma„ Teutsche Kreditverwertung, Aussig, Direttor 3. Müller", eine Kreditbank( Scheinunternehmen), die bestrebt ist. im Sinne der vorstehenden Ausführungen Verbindungen nach Deutschland aufzunehmen. Geheimakten über SA., und das Heer. nung f SA.- S Di Alle Bolfsgenossen, die mit Dobianer, Lamprecht, Hugon oder mit einer der angegebenen Decadressen in Berbindung stehen oder mit denen eine Verbindungsaufnahme versucht sozialist worden ist oder noch versucht werden wird, werben hiermit auf Auftrag gefordert, sich umgehend bei der nächsten Staatspolizeiftelle, liftifi die auf jedem Polizeirevier erfragt werden kann, zu melden nen O und Angaben über Art und Umfang der bestehenden Ver- worden bindung zu machen. Sie leisten damit Volf und Reich einen spiele". Lamprecht ist für eine westeuropäische Macht tätig. Er großen Dienst. Die Angaben werben vertraulich behandelt. dem F wendet das gleiche Berfahren wie Tobianer on. Lamprecht Wer dagegen trog der ihm durch diese Beröffentlichung zu Man ſt bedient sich u. a. folgender Decadressen: Antwerpen: S. Haos, teil gewordenen Aufklärung seine Meldung unterläßt, leistet Poste restante; Holbey, Boite Postole 484( Unterschrift Gold- der ausländischen Spionage Borschub, macht sich strafbar und berg). Schließjoch 204. Brüssel: Auriliaire Technique; Bureau bringt damit sich und sein Baterland in schwere Gefahr. Die Hindenburg- Spende soll erneuert werden. listische, als.den De August und G Führe Aufgal lichen geben. wetttä Zum 90. Geburtstag des Generalfeldmarschalls. Der Führer gibt ein Beispiel. Das Kuratorium der Hindenburgipende erläßt folgenden, fen, Sparkassen, Postanstalten und das Postscheckonto ber ten ai Hindenburgfpende" Berlin Nr. 78 800 entgegen. Muirut: mcraf. vorau: Sport Zur Aushändigung an den Arbeitnehmer A-25Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb vom 9. 3. 1932 § 17. Mit Gefängnis bis zu drei Jahren und mit Geldstrafe oder mit einer diefer Strafen wird bestraft, mer als Angestellter, Arbeiter oder Lehrling eines Geschäftsbetriebes ein Gescharts oder Betriebsgeheimnis, das ihm vermöge des Dienstverhältnisses anvertraut worden oder zugänglich geworden ist, während der Geltungsdauer des Dienstverhältnisses unbefugt an jemand zu Zwecken des Wettbewerbes oder aus Eigennuß oder in der Absicht, dem Inhaber des Geschäftsbetriebes Schaden zuzufügen, mitteilt. Ebenso wird bestraft, wer ein Geschäfts- oder Betriebsgeheimnis, dessen Kenntnis er durch eine der im Abs. 1 bezeichneten Mitteilungen oder durch eine gegen das Gesetz oder die guten Sitten verstoßende eigene Handlung erlangt hat, zu Zwecken des Wettbewerbes oder aus Eigennuß unbefugt verwertet oder an jemand mitteilt. Weiß der Täter bei der Mitteilung, daß das Geheimnis im Ausland verwertet werden foll, oder verwertet er es selbst im Ausland, so kann auf Gefängnis bis zu fünf Jahren er fannt werden. Die Vorschriften der Abs. 1 bis 3 gelten auch dann, wenn der Empfänger der Mitteilung, ohne daß der Täter dies weiß, das Geheimnis schon kennt oder berechtigt ist, es fennenzulernen. Auszug aus den§§ 88 ff. R. St. G. B., Abschnitt Landes- Derrat in der fassung des Gesetzes vom 24. 4. 1934. § 88. Staatsgeheimnisse im Sinne der Vorschristen dieses Abschnittes ind Echriften, Zeichmungen, andere Gegenstände, Tatsachen oder Nachrichten darüber, deren Scheimhaltung vor einer ausländischen Regierung für das Wohl des Reichs, insbesondere im Interesse der Landesverteidigung erforderlich ist. Verrat im Sinne der Vorschriften dieses Abschnitts begeht, wer mit dem Vorjah, das Wohl des Reichs zu gefährden, das Staatsgeheimnis an einen andern gelangen läßt, insbe sondere an eine ausländische Regierung oder an jemand, der für eine ausländische Regierung tätig ist, oder öffentlich mitteilt. § 89. Wer es unternimmt, ein Staatsgeheimnis zu verraten, wird mit dem Tode bestraft. $ 90. Wer es unternimmt, sich ein Staatsgeheimnis zu verschaffen, um es zu verraten, wird mit dem Tode oder mit lebenslangem Zuhthaus bestraft. § 90€ Wer zu einer ausländischen Regierung oder zu einer Person, die für eine ausländische Regierung tätig ist, in Beziehung mitt oder mit ihr Beziehungen unterhält, welche die M A- 26teilung von Staatsgeheimnissen oder von Gegenständen, Tatsachen oder Nachrichten der im § 90a Abj. 2, 4 bezeichneten Art zum Gegenstande haben, wird mit Gefängnis bestraft. § 90d.. Wer es unternimmt, ein Staatsgeheimnis an einen andern gelangen zu lassen und dadurch fahrlässig das Wohl des Reichs gefährdet, wird mit Gefängnis bestraft. Ebenso wird bestraft, wer es unternimmt, sich ein Staatsgeheimnis zu verschaffen und dadurch fahrlässig das Wohl des Reichs gefährdet. § 90e. Wer fahrlässig ein Staatsgeheimnis, das ihm kraft seines Amtes oder seiner dienstlichen Stellung oder eines von amtlicher Seite erteilten Auftrags zugänglich war, an einen anderen gelangen läßt und dadurch das Wohl des Reichs gefährdet, wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft. § 92. Wer ein Verbrechen des Landesverrats nach den§§ 89 bis 90a, 90f bis 91b mit einem anderen verabredet, wird mit Zuchthaus bestraft. Ebenso wird bestraft, wer zu einem der im Abs. 1 bezeichneten Verbrechen auffordert, sich erbietet oder eine solche Aufforderung oder ein solches Erbieten annimmt. Erklärt der Täter die Aufforderung, das Erbieten oder die Annahme schriftlich, so ist die Tat vollendet.. wenn er die Erklärung abgesandt hat. Nach den Vorschriften der Abs. 1, 2 wird nicht bestraft, wet freiwillig seine Tätigkeit., aufgibt und bei Beteiligung mehrerer das Verbrechen verhindert. § 92b. Wer einen von der Reichsregierung zur Sicherung der Landesverteidigung erlassenen Gebot oder Verbot zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bestraft. Wird die Zuwiderhandlung während eines Krieges gegen das Reich oder bei drohender Kriegsgefahr begangen, so ist die Strafe Gefängnis. § 92d. Wer vorfäßlich über amtliche Ermittlungen oder Verfahren wegen eines in diesem Abschnitt bezeichneten Verbrechens oder Vergehens ohne Erlaubnis der zuständigen Behörde Mitteilungen in die Öffentlichkeit bringt, wird mit Gefängnis bestraft. A- 27Gesez zur Änderung des Strafgesetzbuches wird. Dom 2. 7. 1936. Die Reichsregierung hat das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet § 139. Wer von dem Vorhaben eines Hochverrats oder Landesverrats, einer Wehrmittelbeschädigung, eines Verbrechens wider das Leben, eines Münzverbrechens, eines Raubes, Menschenraubes oder gemeingefährlichen Verbrechens glaub= hafte Kenntnis erhält und es unterläßt, der Behörde oder dem Bedrohten hiervon zur rechten Zeit Anzeige zu machen, wird mit Gefängnis bestraft. Ist die Tat nicht versucht worden, so kann von Strafe abgesehen werden. In besonders schweren Fällen kann auf Zuchthaus und, wenn die geplante Tat mit dem Tode bedroht ist, auch auf lebenslanges Zuchthaus oder auf Todes= strafe erkannt werden. § 143a. Wer ein Wehrmittel oder eine. Einrichtung, die der deutschen Landesverteidigung dient, beschädigt, zerstört oder unbrauchbar macht und da= durch die Schlagfertigkeit der deutschen Wehrmacht gefährdet, wird mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft. Ebenso wird bestraft, wer wissentlich ein Wehrmittel oder eine solche Einrichtung fehlerhaft herstellt oder liefert und dadurch die Schlag= fertigkeit der deutschen Wehrmacht gefährdet. Der Versuch ist strafbar. In besonders schweren Fällen ist auf zeitiges oder lebenslanges Zuchthaus oder auf Todesstrafe zu erkennen. § 353b. Ein Beamter oder früherer Beamter, der unbefugt ein ihm bei Aus= übung seines Amtes anvertrautes oder zugänglich gewordenes Geheimnis offenbart und dadurch wichtige öffentliche Interessen gefährdet, wird mit Gefängnis, in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft; hat der Täter mit der eingetretenen Gefährdung fahrlässig nicht gerechnet, so ist auf Gefängnis bis zu zwei Jahren oder auf Geldstrafe zu erkennen. Einem Beamten steht eine für eine Behörde tätige Person gleich, die auf die gewissenhafte Erfüllung ihrer Dienstpflicht durch Handschlag oder zur Verschwiegenheit besonders verpflichtet worden ist. Der Versuch ist strafbar. Die Tat wird nur mit Zustimmung der dem Täter vorgesezten Behörde, und, wenn er nicht in seinem Amt oder seiner Stellung ist, der letzten vorgesetzten Behörde verfolgt. Die Verfolgung von Personen, die zur Verschwiegenheit besonders verpflichtet worden sind, tritt nur auf Anordnung des Reichministers der Justiz ein. A-28§ 353 c. Wer, abgesehen von dem Fall des§ 353 b, unbefugt ein amtliches Schriftstück, das als geheim oder vertraulich bezeichnet worden ist, oder dessen wesentlichen Inhalt ganz oder zum Teil einem anderen mitteilt und dadurch wichtige öffentliche Interessen gefährdet, wird mit Gefängnis bestraft. Ebenso wird bestraft, wer unbefugt einem anderen eine Mitteilung weitergibt, zu deren Geheimhaltung er von einer zuständigen Stelle be= sonders berpflichtet worden ist, und dadurch wichtige öffentliche Interessen gefährdet. In besonders schweren Fällen ist die Strafe Zuchthaus bis zu zehn Jahren. Hat der Täter mit der eingetretenen Gefährdung fahrlässig nicht gerechnet so ist auf Gefängnis bis zu zwei Jahren oder auf Geldstrafe zu erkennen. Der Versuch ist strafbar. Die Tat wird nur auf Anordnung des Reichsministers der Justiz verfolgt. Auf vorstehendes Gesetz wird besonders hingewiesen! § 139 enthält die Anzeigepflicht für jeden, der von einem Vorhaben von Landesverrat, Sabotage glaubhafte Kenntnis erhält. • Für unsere Gefolgschaftsmitglieder genügt die Anzeige an die Abt. Werkswache. Der Betriebsführer. Auf einem fünftägigen Schulungskursus in der Gauschule Wennigser Mark( der früheren Schule des Fabrikarbeiter- Verbandes) sprach Anfang Juli u.a. der Regierungspräsident Diehls, der frühere Chef der Gestapo, über" Unsere Gegner und ihre Methoden". Dabei führte er aus, dass man den Ernst und die Gefährlichkeit der Gegner an ihrer Einstellung zum Kriege ermessen könne. Er zitierte Stellen aus illegalen Schriften und ermahnte die Hörer, bei allen Beobachtungen und Diskussionen besonders die Meinung der Leute über den Krieg zu ermitteln. Südwestdeutschland: Die zahlreichen Todesurteile wegen Landesverrats, darunter eine Anzahl aus der Pfalz und dem Saargebiet, haben die Menschen sehr eingeschüchtert. Viele verstummen sofort, wenn das Gespräch Fragen der Aufrüstung berührt. In den Zeitungen wird ebenfalls dauernd darauf hingewiesen, dass jeder Verrat militärischer Geheimnisse ohne Gnade mit dem Tode bestraft wird. Auch das hat die Wirkung, dass mit einem baldigen Kriege gerechnet wird. A.- 294) Die Lockerung der Mitgliedersperre der NSDAP Mit den bisher an dieser Stelle zusammengetragenen Materialier haben wir den Beweis erbracht, dass die sogenannte Lockerung der Mitgliedersperre der NSDAP in Wirklichkeit eine gross angelegte Aktion zur Gewinnung neuer Parteimitglieder darstellt. ( Vergl. hierzu Heft 4/1937, Seite A 1 ff. und Heft 6/1937, Seite A 8 ff.). Auch das neuerdings eingelaufene Berichtsmaterial bestätigt diese Feststellung. Anfangs war von den Parteiinstanzen der Eindruck erweckt worden, als ob die Mitgliedersperre nur für kurze Zeit aufgehoben würde. Offenbar haben sich aber die" Volksgenossen" nicht genügend beeilt, um ihre Aufnahme nachzusuchen, denn die Aktion läuft jetzt schon fast fünf Monate und ist immer noch nicht abgeschlossen. Amts- und Parteistellen bemühen sich immer von neuem, die Hemmungen der Volksgenossen zu überwinden. So hat z. B. der Gauschatzmeister der NSDAP für den Gau Köln- Aachen am 3. August-" da vielfach Unklarheiten bestehen"- noch einmal die Aufnahmebedingungen veröffentlicht. Am 22. August hat das Gaupresseamt des gleichen Gaues in einer Erklärung, die die Presse des ganzen Reichs übernehmen musste," zu in der letzten Zeit verbreiteten Aeusserungen über die Behandlung der Parteianwärter" mitgeteilt, dass eine Wartezeit nicht bestehe und die Mitgliedskarten für die neuen Mitglieder Zug um Zug ausgestellt würden. Bereits Mitte bekanntgeJuli hatte das Oberkommando des Heeres öffentlich geben, dass Beamte, Angestellte und Arbeiter der Wehrmacht, die vor dem lo. September 1935 in einer Gliederung der NSDAP oder in einer ihrer angeschlossenen Verbände Dienst getan haben, jetzt ihre Aufnahme in die Partei beantragen können. Unserem Berichtsmaterial entnehmen wir: Bayern, 1.Bericht: Wie weit die Bemühungen der Nazis gehen, zahlreiche neue Mitglieder zu gewinnen, haben wir bei uns recht deutlich gesehen. Die SA- Standarte X. ist 2.500 Mann stark. Von diesen 2.500 Mann sind nicht weniger als 1.800 zur Parteimitgliedschaft vorgeschlagen worden. Das ist ganz automatisch gegangen. Die 1.800 Mann brauchten persönlich A-30keine Anträge zu stellen. Sie wurden auf Grund der Kartei ausgesucht. Als Massstab wurde meines Wissens genommen, ob der Betreffende seit Oktober 1933 bei der SA ist und nichts. besonderes gegen ihn vorliegt. Von den 700, die von dieser Aktion nicht betroffen wurden, gehören natürlich die meisten der Partei bereits an. Der kleine Rest der nicht zur Aufnahme Vorgeschlagenen wird von den SA- Leuten gebildet, die erst ganz neu in der SA sind oder über deren Führung Ungünstiges bekanntgeworden ist. Die Leute müssen 3,- RM Aufnahmegebühr bezahlen; ausserdem einen Werbebeitrag von 2,- RM und einen Monatsbeitrag von mindestens 2,- RMk. Im übrigen ist der Beitrag nach dem Einkommen gestaffelt. Die neuen Mitglieder müssen die Monatsbeiträge rückwirkend ab 1. Mai bezahlen, so dass sie mindestens 14, bis 15,- RM auf einmal ausgeben müssen. Aber obwohl alle über diese hohen zusätzlichen Ausgaben murren, weigert sich doch keiner, in die Partei einzutreten. Alle Leute, besonders in meinen Kreisen, sagen sich, dass die Mitgliedschaft in der NSDAP schliesslich doch bei Beförderungen, Bewerbungen usw. ausschlaggebend sein kann, und dass man deshalb diese Mehrkosten in Kauf nehmen muss. Man muss auch bedenken, dass es sich bei sehr vielen dieser neu zur Aufnahme Vorgeschlagenen um Leute handelt, die nach dem Umsturz zur SA oder zu Nebenorganisationen der NSDAP gingen, weil sie sich davon eine Sicherung ihrer Existenz oder eine Besserung ihrer Lage versprachen, d.h. sie sind Konjunkturritter. Für diese Leute ist es nur folgerichtig, wenn sie jetzt einen Schritt weitergehen und sich das noch bessere Alibi der NSDAP- Mitgliedschaft verschaffen. Bei den Aufnahmen zur NSDAP wird auch sonst- wahllos vorgegangen. Einer meiner Bekannten ist z. B. jetzt ebenfalls zur Aufnahme in die Partei vorgeschlagen worden, weil er bei der NSV als" Rechnungsführer" tätig ist. Das hört sich gross an, aber in Wirklichkeit ist der Mann erst ganz kurze Zeit bei der NSV und nur infolge seiner beruflichen Stellung und bei dem chronischen Mangel an geeigneten Funktionären in kürzester Frist avanciert. Die Neuaufnahmen erfolgen meiner Meinung nach nicht, um den Einfluss der" alten Kämpfer" auszuscha ten. Man will vielmehr den grossen Kreis der Funktionäre in den nationalsozialistischen Nebenorganisationen durch die Erwerbung der Mitgliedschaft der NSDAP zu einer strengeren Parteidisziplin zwingen und sich ausserdem neue Einnahmen sichern. Das ist meiner Auffassung nach der Sinn dieser ganzen Aktion. Eure. Auffassung, der Einfluss der" alten Kämpfer" könne durch die neuen Parteimitglieder paralysiert werden, ist sicherlich falsch. Man kann nicht mit alten Vorstellungen von Mitgliedschaft an die NSDAP herangehen. Ueber etwaige abweichende Meinungen" alter Kämpfer" wird ja in der NSDAP nicht diskutiert. Ausserdem kommt hinzu, dass unter den" alten Kämpfern" wohl nur sehr wenige verbittert sind. Solche Leute gibt es natürlich auch, aber auch für sie gilt doch zumeist das Wort: A-31" Was der Führer sagt, ist richtig!" Man muss auch bedenken, dass diese" alten Kämpfer" doch grösstenteils überall und immer bevorzugt werden. Ein Beispiel für viele: Eins der billigen Einfamilienhäuser in X.( nur 21,- RM Monatsmiete) wurde kürzlich frei. Die NS- Verwaltung der Siedlung hat über den neuen Mieter zu entscheiden. Sie hat einen Mann mit goldenem Parteiabzeichen einem anderen vorgezogen. So ist es überall und das wird ganz selbstverständlich so gemacht. Ein Witz: Zwei Parteimitglieder treffen sich auf der Strasse. Der eine zum anderen:" Du, die Partei ist wieder auf!" Der andere erfreut:" So, kann man jetzt wieder austreten?" Aber das ist eben nur ein Witz; Austrittswünsche wird keiner äussern. 2. Bericht: Die in den Braunen Häusern und den angeschlossenen Vereinen beschäftigten Büro angestellten mussten alle der Partei beitreten. Die Mädels weigerten sich lange und traten erst dann bei, als ihnen gedroht wurde, dass sie entlassen würden, wenn sie die Mitgliedsaufnahme ablehnten. Einige Stenotypistinnen, die aus katholischen Kreisen stammten, erklärten, dass sie nur dann der Partei beitreten würden, wenn der Kampf gegen die Kirche beendet würde, worauf man sie fristlos entlassen hat. 3. Bericht:( Aus einem grossen Rüstungsbetrieb): Als in Betrieb Werbeaktionen für die Partei durchgeführt wurden, blieben wir davon verschont." Euch wollen wir gar nicht haben, denn Ihr seid doch rot geblieben", wurde uns immer gesagt, wenn wir uns wunderten, dass man sich nicht auch um uns bemühte. Als dann allgemein zur Bedingung gemacht werden sollte, dass, wer dem NSKK angehört, auch Mitglied der Partei sein müsse, wollten wir lieber aus dem NSKK austreten, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Beim NSKK aber sagte man uns:" Bleibt nur dabei, auch wenn Ihr nicht zur Partei geht." In den Betrieben erfolgte die Aufnahme in die Partei ohne jede Bürgenstellung, im Gegenteil, es wurde erheblicher Druck ausgeübt, um der Partei neue Mitglieder zuzuführen. Da man unsere Einstellung kannte, beschränkten sich die Parteifunktionäre bei uns darauf, uns für den Beitritt zur NSV solange zu bearbeiten, bis wir zugesagt hatten. Württemberg: Von der Aufhebung der Mitgliedersperre für die NSDAP konnten wir nicht sehr viel bemerken. Vor allem haben wir keinen Versuch festgestellt, frühere Marxisten, die sich loyal verhalten, zum Eintritt in die Partei zu bewegen. Soweit wir sehen, ist man wegen der Aufnahmen nur an Leute herangetreten, die in der letzten Zeit bereits Funktionen in den NS- Organisationen ausgeübt haben. Begeisterung für den Eintritt in die Partei gibt es kaum, ausser bei HJ- Leuten. Die anderen reissen sich nicht darum, weil es sich ja doch nur um Beitragsleistung und Dienst dreht. A- 32010 Sachsen, 1. Bericht: Bei den in die Partei Neuaufgenommenen handelt es sich meist um städtische Beamte, Angestellte und Arbeiter, die schon vor dem 1.10.1934 in einer NS- Organisation gewesen sind. Meist sind es Leute, die vorher dem Opferring angehört haben. Zu einem Bekannten, der um Aufnahme in die Partei nachgesucht hatte und schon vorher Mitglied des Opferrings war, kam der Kassierer und kassierte für die Partel die Monatsbeiträge Juni und Juli in Höhe von je RM 2,50 und ausserdem RM 2,- Eintrittsgeld, zusammen also RM 7, Als er damit fertig war, zog er das andere Buch aus der Tasche und sagte, da er einmal da sei, wolle er auch gleich die RM 5, für die Opferringkasse kassieren. Als sich der Geschröpfte wehren wollte, sagte ihm der Kassierer, dass er doch annehme, der Parteigenosse sei mit vollem Opfersinne in die Partei eingetreten und nicht nur darum, um eben Pg. zu sein! Wohl oder übel musste das neue Opfer zahlen. Die Neueingetretenen dürfen also nicht aus den alten übrigen Organisationen austreten. Zum Schaden haben sie jetzt auch no ch den Spott der anderen, die sich nichte einfangen liessen. Die Ortsgruppe Hans Schemm hat mit dem auf Seite A 33 wieder. gegebenen Anschlag für den Beitritt zur Partei geworben. 2. Bericht: In manchen Betrieben wird für den Beitritt zur Partei mit der Begründung geworben, der Betrieb wolle sich um die Anerkennung als Musterbetrieb bewerben. In anderen Fällen wiederum sagen die Werber zu Widerstrebenden:" Dass Ihr der Partei nicht beitreten wollt, verstehen wir ja bei den jetzigen schlechten Lohnverhältnissen, aber tre te wenigstens der NSV bei. Das kostet monatlich nur 25 Pf." Und tatsächlich, das lassen sich Arbeiter noch aufreden. 3. Bericht: Seit der Aufhebung der Mitgliedersperre der NSDAP sind verschiedene Aufnahmegesuche abgelehnt worden und die Aufnahme wurde in der Regel erst dann vollzogen, wenn der Betreffende eine Aufforderung, der Partei beizutreten, erhalten hatte. Nach unseren Beobachtungen bekommen diese Aufforderung hauptsächlich zahlungsfähige Personen, wie höhere Beamte usw. Es ist jetzt üblich geworden, dass bei der Aufnahme von den Betreffenden ein höherer Betrag( bis zu 50,-RM) gestiftet werden muss, wovon die Hälfte dem Ortsverein verbleibt. Wasserkante:( Aus einem Staatsbetrieb) Vor kurzem hat man bei uns eine Werbeaktion für die Mitgliedschaft in der NSDAP durchgeführt. Von 10 Befragten lehnten 6 rundheraus ab, 4 erbaten sich eine Bedenkzeit. Um einen gleichen Hereinfall zu vermeiden, erschien einige Tage später der Abteilungsleiter im Frühstücksraum und eröffnete uns, dass sich Kameraden, die Mitglied der Partei werden möchten, bis un 2 Uhr bei ihm zu melden hätten." Mit Muttern könnt Ihr nicht erst darüber reden", sagte er wörtlich. Alle sind sich darüber klar, dass es sich für die Nazis nur darum handelt, die Beiträge zu bekommen. Von Begeisterung keine Spur. Während noch vor zwei oder drei Jahren mancher sich bemühte, irgendwo unterzuschlüpfen, um geborgen zu sein, hat man heute das Gefühl, als ob A-33niemand mehr etwas daran liegt. Im Gegenteil, Angelegenheiten, die mit Geldausgaben und Laufereien verbunden sind, hält man sich möglichst vom Leibe. NSDAP Kreis Dresden Stadt Ortsgruppe Hans Schemm Dresden A 1, im Juni 1937 Betrifft: Aufnahme neuer Mitglieder in die NSDAP Der Führer hat am 20. April 1937 mittels gewiffer Richtlinien bekanntgeben lassen, daß die Aufnahmesperre in großem Umfang gelockert wird, um diejenigen Volksgenoijen in die Partei aufzunehmen, die durch ihre nationalsozialistische Haltung und Betätigung in den Jahren seit der Machtübernahme durch den Führer sich eine Anwartschaft auf die Aufnahme in die NSDAP erworben haben. Diese Volksgenossen können jetzt, zugleich mit einer beschränkten Anzahl anderer Volks: genossen und Volksgenossinnen jeden Standes, die glauben, den vom Führer ausgesprochenen Erwartungen zu entsprechen und die gewillt sind, für den Führer und seine Bewegung zu arbeiten und zu kämpfen, schriftliche Gesuche mit kurzen Angaben um Aufnahme an die Ortsgruppenleitung der Ortsgruppe Hans Schemm, Dresden A 1, Johann- Georgen- Allee 13, richten. Persönliche Besuche sind vorläufig zwecklos. F. d. R. gez. Höhne Geschäftsführer gez. Erler Ortsgruppenleiter A-34II. Aus der Landwirtschaft 1) Die Haltung der Bauern Die" Erzeugungsschlacht", der Versuch des Hitlerregimes, die Selbstversorgung Deutschlands mit landwirtschaftlichen Produkten zu erzwingen, hat ihr Ziel nicht erreicht, sondern zu wachsenden Schwierigkeiten in der Versorgung der Städte mit Lebensmitteln geführt. Dieser Misserfolg nötigte das Regime, die staatliche Zwangswirtschaft zu verschärfen und damit das freie Verfügungsrecht des Bauern über seine Wirtschaft immer weiter einzuschränken.Je mehr die Reglementierung zunimmt, umso unwilliger wird der Bauer. Er sieht, dass er nicht mehr Herr auf seinem Hof ist, sondern dass er sich immer mehr von der Reichsnährstandsbürokratie kommandieren lassen muss. Er sieht, dass durch das System des Ablieferungszwanges und der amtlichen Fest preise seine Geldeinnahmen in engen Grenzen gehalten werden, während seine Ausgaben vielfach steigen. Er sieht, dass die Steuern rücksichtsloser eingetrieben werden als jemals zuvor, und dazu noch die Zwangsbeiträge, Spenden und Abgaben aller Art gekommen sind, die es früher nicht gegeben hat. Unzufrieden ist in erster Linie der ältere Bauer. Er vergleicht die jetzigen Zustände mit der Zeit vor Hitler. Er erinnert sich an die grossen Versprechungen, mit denen die Bauern vor dem Machtantritt Hitlers verlockt worden waren, für ihn zu stimmen und die zum grossen Teil unerfüllt geblieben sind. Diese älteren Bauern geben ihrer Missstimmung oft erstaunlich offenen Ausdruck. Es ist nicht selten, dass es in Bauernversammlungen in Gegenwart der Nazibonzen zu erregten Protesten der Bauern kommt. Wenn auch die Bauern, wie alle anderen Schichten der Bevölkerung, vom Naziterror eingeschüchtert sind, so können sie doch mehr als die anderen Teile des Volkes, vor allem mehr als die Arbeiter riskieren, ihrem Herzen durch Schimpfen Luft zu machen, weil das Regime es sich À-35nicht leisten kann, die Bauern mit derselben Brutalität zum Schweigen zu bringen wie die Arbeiter. Anders verhält es sich mit der jüngeren Generation auf dem Lande. Die jüngere Bauerngeneration ist stärker von der nationalsozialistischen Propaganda erfasst; sie kann zudem hoffen, in der riesigen Hierarchie des Reichsnährstandes eine gute Versorgung zu finden. Schliesslich darf nicht übersehen werden, dass die Nationalsozialisten jahrelang die Landwirtschaft auf Kosten der städtischen Bevölkerung begünstigt haben und dass auch die Zwangswirtschaft dem Landwirt nicht nur Nachteile bringt. Sie verhindert ihn zwar, eine für ihn günstige Marktlage auszunutzen, schützt ihn aber durch Preissicherheit und Absatzgarantie vor den Folgen einer ungünstigen Marktlage. Schon deshalb ist ihr Schimpfen mindestens zur Zeit ohne grosse politische Bedeutung. Viele Berichterstatter betonen denn auch, dass der Bauer zu allen Zeiten und auf alle Regierungen geschimpft habe. Schlesien, 1.Bericht: In einer Bauernversammlung in einem niederschlesischen Dorf schilderte ein Gutsbesitzer die grossen Errungenschaften, die der" Führer" den Landwirten gebracht habe und forderte die Bauern auf, noch mehr als bisher zum Führer zu stehen. Während des Vortrages wurde der Redner mehrmals durch höhnische Zwischenrufe unterbrochen. Verlegen erklärte er, er gebe schon zu, dass noch vieles geschehen müsse, dazu brauche aber der" Führer" Zeit. Die Luderwirtschaft der Marxisten sei schuld, wenn heute vieles noch nicht erfüllt sei. Man solle nur dem" Führer" vertrauen, dann würde alles besser werden. Wieder kamen Zwischenrufe: die Marxisten hätten nicht so hohe Gehälter bezogen, der Redner solle doch Aufschluss geben, ob es wahr sei, dass die jetzigen Bauernführer 600,- bis 1200,- RM im Monat Einkommen hätten. Nun kam der Redner in Wut. Er schrie in den Saal, dass solche Anfragen in keiner Versammlung mehr gestellt werden dürften, denn keine Instanz sei den Mitgliedern darüber Rechenschaft schuldig%; B mit solchen marxistischen Methoden habe der Führer aufgeräumt. Uebrigens seien das alles marxistische Lügen, da alles ehrenamtlich gemacht würde und es nur Aufwandsentschädigungen gebe. Und selbst, wenn es wahr wäre, dann sei diese Bezahlung gerecht. Die jetzigen Führer verständen wenigstens etwas, die Marxisten wären ja alle dumme und verkommene Menschen gewesen. Wer heute noch solche Kritik übe, stehe mit ihnen auf einer Stufe und sei ein Staatsfeind. Wer sich nicht fügen wolle, brauche es nur zu sagen. Die A- 36Gestapo würde ihnen dann schon Nationalsozialismus beibringen. Die Versammlung beantwortete diese Drohungen mit lautem anderen Gemurmel und nach und nach ging ein Bauer nach dem aus dem Saal, so dass zuletzt von 8o Anwesenden nur noch 30 übrig geblieben waren. Am Schluss der Versammlung drohte der Versammlungsleiter an, dass man in Zukunft die Versammlungen unter dem Schutz der Gestapo tagen lassen würde. Irgendwelche Folgen sind für die Zwischenrufer nicht eingetreten. Ebenso stürmisch ging es in einer anderen Bauernversammlung zu. Auf Beschwerden über die Milchablieferungskontrolleure und nach Anfragen, wann nun endlich die jahrelangen Versprechungen, die die Partei den kleinen Bauern gemacht habe, erfüllt würden, gab der Kreisbauernführer keine Antwort. Ein Bauer stellte die Anfrage, ob es richtig sei, dass die jetzigen Bauernführer so hohe Gehälter haben, dass der Leiter der Kreisbauernschaft 500,- RM und der Leiter der Landesbauernschaft 750,- RM Monats gehalt beziehe, ohne die hohen Spesen, die diese Herren noch nebenbei be kämen. Das sei früher nie der Fall gewesen ,, denn er sei selbst früher Bauernführer gewesen. Kaum hatte er seine Anfrage beendet, so donnerte der Leiter der Versammlung los, es sei eine Unverschämtheit, solche Anfragen zu stellen. Die Zeit des Meckerns und des Aufruhrs sei vorbei. Es gab natürlich ein ironisches Gelächter und einer nach dem anderen verschwand aus dem Saale, so dass am Schluss von den etwa hundert Teilnehmern nur noch 25 anwesend waren. Der Leiter erklärte, dass gegen solche Unverschämtheiten strengstens vorgegangen würde, bisher ist aber noch nichts erfolgt. 2. Bericht: Eine Bauernversammlung in dem mittelschlesischen Dorf X. konnte nicht stattfinden. Ein sogenannter Bauernführer, K. aus B., sollte sprechen, von dem allgemein bekannt ist, dass er infolge liederlichen Lebenswandels total verschuldet ist. K. kam in den Versammlungssaal, ohne vorher als Redner angekündigt worden zu sein. Als die Bauern merkten, dass er zu ihnen sprechen sollte, verliessen sie bis auf einige wenige geschlossen und unter Protestrufen den Saal. 3. Bericht( Oberschlesien): Im Kreise Le obschütz war die vorige Ernte sehr schlecht. Infolgedessen gerieten vor allem die neu angesetzten Siedler in grosse Not, so dass sie sich schliesslich weigerten, die Pachtzinsen zu zahlen. Ihre Vorstellungen bei dem Führer des Nährstandes, Baron von Rothenkirch, und bei dem Landrat von Büchs, einem früheren Zentrumsmann, hatten keinen Erfolg. Ein Redner des Nährstandes aus Breslau sollte die Bauern in einer Versammlung beruhigen, aber nur sehr wenige treue Nazis waren zur Stelle. Daraufhin wurde eine weitere Versammlung anberaumt und die Bauern von der SA zu dieser Versammlung abgeholt. In dieser Versammlung kam der auswärtige Redner erst dann zu Wort, nachdem freie Aussprache zugesichert worden war. In der Diskussion legten dann die Bauern gegen den Nährstand los, seine Verordnungen seien einfach nicht zu befolgen. Der Reichsnährstand sei an dem Elend der Bauern schuld usw. Alle Beschwichtigungen des Landrates und des Nährstandführers von Rothenkirch blieben erfolglos. Schliesslich wurde den Bauern zugestanden, dass sie ihre Klagen in Berlin beim Reichsnährstand vortragen dürfen. Die erste Delegation, die in SS- und SA- Uniform erschien, wurde nicht vorgelassen und mit Verhaftung bedroht. Dann folgte eine Delegation von Bauern in Zivil, die dem Landrat vorher ankündigte, dass sie sich lieber in Berlin verhaften lasse, als mit leeren Händen zurückzukommen. Das hatte den Erfolg, dass die Bauern in der Reichskanzlei vorgelassen und dann an den Nährstand verwiesen wurden. Dort versprach man ihnen, einstweilen die Pacht niederzuschlagen. Eine Prüfungskommission sollte über die Höhe der Pacht entscheiden. Sachsen, 1. Bericht: Die Missstimmung der Bauern gegen das Regime hat sich in letzter Zeit verschärft. Das dürfte dazu beigetragen haben, die Regierung zur Herabsetzung der Düngemittelpreise zu veranlassen. Sie hat, mindestens vorübergehend, ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Bauern sagen, die Regierung habe endlich eingesehen, dass die berechtigten Forderungen der Bauern erfüllt werden müssten. Eine andere Frage ist, ob diese dem Regime freundliche Stimmung anhalten wird. 2.Bericht: Im Ort X. fand eine Raiffeisenbezirks tagung statt, zu der als Referent ein Dr. Hein aus Erfurt erschienen war. Er hatte die Aufgabe, das neue Zwangswirtschaftssystem zu erläutern. Die Bauern waren sehr erregt und machten sich in Zurufen und in der Debatte ungezügelt Luft. Vorher war ein Arbeitsdienstlager besichtigt worden, wahrscheinlich zur Erhöhung der Stimmung. Der Tag war heiss und der Bierkonsum hoch, daher die Stimmung stark gereizt. Ein Bauer rief dem Referenten zu:" Schlimmer hat man 1921 auch nicht gehaust." Er meinte damit den mitteldeutschen Aufstand unter Hölz. Der Referent griff dreimal in die Debatte ein, um die Versammelten durch gutes Zureden, aber auch durch Drohungen zu beruhigen. Besonders erläuterte er die Strafbestimmungen, die die Bauern treffen, die sich weigern, ihre Erzeugnisse nach Vorschrift abzuliefern. Er vermochte sich aber nicht durchzusetzen, der Widerspruch wurde immer stärker, so dass zuletzt das Lokal, ohne dass die Tagung ordnungsgemäss abgeschlossen werden konnte, von den Landjägern geräumt wurde. Bestraft wurden bisher die rebellierenden Bauern nicht. Der Referent liess nach der Tagung einigen seiner Freunde gegenüber durchblicken, dass es überall so sei, wo er bisher Versammlungen habe abhalten müssen. Man werde sich dadurch ber nicht stören lassen. Die Weisungen seien ergangen und müssten befolgt werden. A-38Bayern, 1.Bericht: Immer wieder kommt der Ortsbeauftragte der Partei zu den Bauern und hält ihnen vor, dass sie noch mit der Getreideablieferung im Rückstand seien." Der Nachbar hat so und soviel Land und hat so und soviel abgeliefert und Du?" Dazu kommt die Spendenwirtschaft. Die WHW- Sammelei haben die Bauern schon lange satt. In der Nazizeitung von Hof stand kürzlich, dass sich bedauerlicherweise 7 oder 8 Bauern aus dem Dorfe E. geweigert hätten, für die Winterhilfe zu spenden. Nun ist E. unser Nachbardorf, und die Nazizeitung hat leider" vergessen" zu sagen, dass es in dem ganzen Dorf überhaupt nur 12 Bauern gibt, d.h. also, dass 3/4 aller Bauern dieses Dorfes die WHW- Spende verweigert haben. " Wir geben nichts", ist auch in anderen Orten zur stehenden Redensart der Bauern geworden. Bei uns im Dorf hat es auch böses Blut gemacht, dass die Nazis die alten Gemeinderatsmitglieder entfernt haben." Dae waren ehrliche Menschen, die für das Wohl der Gemeinde gewirkt haben. Von den heutigen Gemeindevertretern kann man das nicht in gleicher Weise sagen." Ausserdem sind die Bauern unwillig darüber, dass in dem 12- gliedrigen Gemeinderat heute nur noch 3 Leute sitzen, die die Gemeindeumlage zahlen. Bei den anderen handelt es sich um Fabrikarbeiter, die keinen Besitz haben, die also über die Gemeindeumlage die Entscheidung treffen, zu der sie selbst nichts beitragen. Die Nazis haben auch bei uns die sogenannte Hitler- Freiplatzspende eingeführt. Ein junger Nazis aus der Stadt war 4 Wochen bei einem Bäckermeister, der ihn auch einmal mit in die Gastwirtschaft nahm. Man kam ins Gespräch und der junge Nationalsozialist war bald über die abfälligen und sehr offenen Reden der Bauern bestürzt und fragte sie schliesslich, ob sie denn nicht Nationalsozialisten seien. Der alte R., ein Erbhofbauer und angesehener Mann im Dorf, erwiderte für die anderen:" Nee, wir sind keine Hitler, die gibt es nur in Berlin". Der junge Nationalsozialist begehrte auf und pochte darauf, dass er es als seine Aufgabe ansehe, Aufklärung zu bringen usw. Darauf fiel ihm R. unter dem Beifall der anderen ins Wort:" Aufklärung brauchen wir keine, Du Lauser! Du solltest man noch in die Schule gehen." Die Erbhofbauern können sich. derartige Töne sehr wohl leisten. An sie wagt sich keiner so recht heran. Anders wird natürlich mit den Arbeitern umgesprungen. 2. Bericht: Die Stimmung der oberbayerischen Bauernschaft hat sich sehr zu Ungunsten des Regimes geändert. Auf den Sprechabenden der Ortsbauernschaften mehren sich die Stimmen der oppositionellen Bauern, die nicht alles gutheissen, was von Darré oder dem Reichsobmann Meinberg kommt. In einer kleinen oberbayerischen Pfarrgemeinde hatte der Ortsbauernführer an einem Sonntag sämtliche Bauern zu einer Besprechung ins Wirtshaus eingeladen. Die Bauern kamen sehr zahlreich, weil es hiess, es wurden besonders wichtige Dinge besprochen. Der hielt einen langen als Referent erschienene Kreisbauernführer Vortrag über" Die dritte Erzeugungsschlacht und die besonderen Aufgaben des Vierjahresplans". In der anschliessenden Diskus sion wurden dem Kreisbauernführer manche bittere Wahrheiten gesagt. Ein noch junger Bauer, der sich mit viel Mühe und Liebe einen von weit und breit bewunderten Viehstand aufgezüchtet hatte, kritisierte die bürokratischen Verordnungen des Reichsnähr standes, der mit seiner grossartigen Planung wieder alles vernichte, was er vorden aufgebaut hat. Als Beispiel führte er die Rinder- und Schweine aufzucht an." Var einem Jahr wurde uns immer wieder eingebläut, wir sollten nur aufzüchten, die Futterfra ge würde gelöst werden und heute heisst es, wir haben keine Kunstfuttermittel und werden in absehbarer Zeit keine bekommen. Womit sollen wir das Vie h füttern? Keine Kleie, kein Leinmehl, kein Oelkuchen; Getreide darf nicht verfüttert werden, da gibt es nur ein Mittel: den Viehstand verringern." Die anderen Bauern stimmten ihm zu. Der Kreisbauern- Führer versuchte, die Notlage des Reiches den Bauern begreiflich zu machen und ermahnte sie, die Ernährungsfront nicht zu durchbrechen. Die Bauern versprachen alles, aber nach Schluss der Versammlung, als sie wieder unter sich waren, sagten sie:" Der hat leicht reden, a ber mit dem Reden allein ist's ja nicht getan." 4. Bericht: Die Missstimmung ist bei den Allgäuer Bauern besonders gross. In Oberstdorf im Allgäu z. B. bringen die Bauern, die auch vielfach Fremdenzimmer haben und eigentlich schon dadurch bessergestellt sind als die anderen Bauern, ganz offen ihre Missbilligung zum Ausdruck. In einer Sitzung des Gemeinderates kam es zu erregten Szenen, weil die Gemeinde gezwungen werden sollte, den Bau einer grossen Jugendherberge zu finanzieren. Ein Bauer erklärte, die Behörden sollten gleich allen bäuerlichen Besitz enteignen, dann wisse man wenigstens, wie man daran sei. Es gab eine hitzige Auseinandersetzung, so dass schliesslich der Vertreter der Parteiorganisation die Sitzung verliess. Aehnliche Vorfälle ereignen sich häufig. Die Baern ertragen den staatlichen Druck mit grösstem Unwillen. Vielfach herrscht Erregung darüber, dass die Zahlungen der Molkereigenossenschaft unpünktlich erfolgen, aber die Steuern sofort bezahlt werden müssen, denn das Finanzamt geht sonst rücksichtslos gegen die Säumigen vor. Von den Bauern eines grossen bayerischen Dorfes wurde deswegen Beschwerde erhoben. Weil sie ergebnislos blieb, taten sich die Milchbauern zusammen und nahmen in einer Versammlung eine Entschliessung an des Inhalts, dass sie Steuern erst dann bezahlen werden, wenn sie ihr Geld von der Molkerei bekommen haben. Ein Grossbauer erklärte: " So haben wir uns das Dritte Reich nicht vorgestellt. Das ist ja fast wie in Russland." 5. Bericht: Ich sprach mit einem mittleren Bauern, einem ehemaligen Volksparteiler. Das Regime habe, so meinte er, den Bauern auch mancherlei Vorteile gebracht, hauptsächlich denen, deren Anwesen stark verschuldet war und vor der Zwangsversteigerung gestanden hätte. Das Erbhofgesetz habe Vorteile A-40und Nachteile, ebenso die Marktordnung. Viele Bauern vermögen nicht recht zwischen Vorteilen und Nachteilen zu unterscheiden. Sie schimpfen fortwährend, und viele stehen unter stärkerem finanziellen Druck als früher, aber anderen gehe es besser. Mehr als durch die wirtschaftlichen Nöte seien die Bauern durch den Kampf des Regimes gegen das Christentum erbittert, denn religiöse Fragen beschäftigen sie sehr. Vom Kommunismus wollten die Bauern nichts wissen, wenigstens nicht die mittleren Besitzer. Sie fürchten, der Bolschewismus würde ihnen ihren Grund und Boden nehmen, da finden sie sich lieber mit den Nazis ab, die sie nur halb enteignen. 6. Bericht: Ein Bauer, der 14 Hektar Land besitzt und 5 Milchkühe und einige Jungrinder im Stall hat, gab auf die Frage, was er von der Erzeugungsschlacht halte, die prompte Antwort:" Nicht viel!" Nach seiner Meinung kann man in Oberbayern bei ausgiebigster Düngung nicht mehr viel höhere Ernteergebnisse erzielen. Die Böden sind, besonders in den höheren Lagen, zu arm und vielfach infolge der Landnot der Kleinbauern zu stark ausgenützt worden. Die Veredelung des Viehbestandes ist eine Geldfrage, die ohne staatliche Zuschüsse nicht zu lösen ist. Gute Milchkühe brauchen viel und gutes Futter. Die meisten Bauern haben aber mehrere Stück Vieh im Stall und sparen mit dem Futter, damit es für alle reicht. Oft ist der Verkauf eines Rindes die einzige grössere Einnahme für den Kleinbauern, darum achtet er auf schnelle Aufzucht und weniger auf die Qualität. Auf den Reichsnährstand ist der Bauer nicht gut zu sprechen. Er meinte:" In jeder Kreisbauernschaft sitzen eine Masse Schreiber, die alle von uns bezahlt werden müssen. Je höher hinauf, desto mehr Beamte sind damit beschäftigt, uns zu verwalten. Wenn das so weitergeht mit den Verordnungen, braucht schon bald jeder Bauer einen Kanzlisten, der ihm die vom Reichsnährstand verlangten Listen ausfüllt. Von der Freunderlwirtschaft will ich gar nicht reden. Wer beim Ortsbauernführer gut angeschrieben ist, erreicht auch bei der Kreisbauernschaft etwas, dem wird viel nachgesehen, was man bei einem anderen beanstandet. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Kritik der Bauern bezieht sich hauptsächlich auf die als lästig empfundene Reglementierung des Anbaus und Verkaufs der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die den in Württemberg vorherrschenden Kleinund Mittelbetrieben keine nennenswerte Verbesserung ihres Absatzes, dagegen zahlreiche bürokratische Erschwerungen gebracht hat und vor allem zur vollkommenen Abhängigkeit der Landwirte von der Bürokratie der Landesbauernschaft führt. Die Versuche, sich um die Einmischung der Bonzen zu drücken, sind zahlreich, desgleichen die Verhaftungen von Landwirten wegen Umgehung der Preisbestimmungen. 2. Bericht: Kann man beim Mittelstand von einer breiten Misstimmung sprechen, so gilt das weit weniger für die Bauern. A-41Die staatliche Zwangsbewirtschaftung ihrer Erzeugnisse bringt ihnen durchaus nicht nur Nachteile. Zudem besteht eine gewisse Differenzierung zwischen Alt und Jung gerade in der Landwirtschaft. Die junge Generation ist schon vor 1935 mit fliegenden Fahnen zu Hitler gelaufen, während die Alten noch heute im Stillen an ihren alten politischen Vorstellungen hängen; soweit sie evangelisch sind, deutschnational, soweit sie katholisch sind, eben stramm katholisch lenken. Darüber hinaus aber denken sie hauptsächlich in Zahlen. Und da darf man nicht übersehen, dass die Bauern mancherlei Vorteile auch materieller Art von der Nazi- Wirtschaftspolitik haben. 3. Bericht: Die Bauern tun alles, um sich von der vollen Ablieferung ihres Kontingents zu drücken. In den Dörfern müssen Versammlungen von den Bauernführern abgehalten werden, um die Bauern anzuhalten, ihrer Ablieferungspflicht zu genügen. In einem badischen Dorf wurden die Bauern beim Bürgermeister vorstellig, dass es ihnen nicht möglich sei, das vorgeschriebene Getreide abzuliefern, da sie infolge Hagels eine sehr schlechte Ernte gehabt hätten. Sie verfassten ein Schreiben an die zuständigen Stellen in Karlsruhe, das von allen Bauern unterschrieben war. Daraufhin wurde jeder Bauer einzeln auf das Rathaus bestellt und ihm mitgeteilt, dass gegen ihn eingeschritten würde, wenn er sein Kontingent nicht voll abliefern würde. Es wurde den Bauern aber versprochen, dass sie mit der Belieferung von Futtermais bevorzugt würden. 4. Bericht: Die Bauern sind schon lange nicht mehr mit dem System zufrieden. Die Bekanntmachung über die Getreidea blieferungspflicht hat geradezu Empörung ausgelöst. Die Leute führen in ihrer Gereiztheit Gespräche, über die man nur staunen muss." Jetzt geht's den Bach hinunter"" Das ist der Anfang vom Bankrott" usw. Die Leute sagen, wir waren ja auch früher nicht auf Rosen gebettet und mussten uns um unserer Existenz willen tüchtig wehren, aber heute sind wir die reinsten Bettler gegen damals. Tatsächlich befinden sich die Leute in einer traurigen Lage, ihre Verarmung hat enorme Fortschritte gemacht. Die diesjährige Ernte befriedigt nicht, nur der Wein verspricht gut zu werden. Aber man hat ja noch Absatzsorgen mit der Ernte vom vorigen Jahr. Zu Schleuderpreisen muss der Wein abgesetzt werden, während er in den Städten teuer verkauft wird. Die Bauern sagen:" Einige Spitzbuben haben den Nutzen, und wir müssen verkommen." 5.Bericht: Die Stimmung in der Landwirtschaft ist sehr uneinheitlich, so uneinheitlich wie ihre materielle Lage. Wenn sie gegenwärtig nicht gerade freundlich gegenüber dem Regime erscheint, so ist das weniger darauf zurückzuführen, dass es den Bauern materiell schlecht ginge, denn das ist nicht der Fall, es kommt vielmehr einfach daher, dass ihnen die sich häufenden Anordnungen und Auflagen, die Vorschriften A-42für den Anbau dieses und jenes Produkts, die Ablieferungsvorschriften, die ganze Verengung des selbständigen Handelns, lästig wird. Diese Massnahmen begegnen zunehmender Feindschaft, besonders jetzt, wo sie ihre Krönung durch die neue Verschärfung der Zwangswirtschaft erfahren haben. Diese Feindschaft hat aber kein politisches Gesicht. Sie ist absolut materiell bedingt. Politisch sind viele Bauern ausgesprochen farblos, d.h. sie werden durch Nützlichkeitsüberlegungen bestimmt. Nur die jüngeren Leute sind stärker vom Nationalsozialismus erfasst, sie werden durch die Wiederbelebung alter Sitten und Gebräuche, durch den Appell an ihr Standesgefühl an die NS- Organisationen herangezogen. Die jungen Bauern sind auch in den katholischen Gebieten des Landes durch die Klosterprozesse eher im antikatholischen Sinne beeinflusst worden und haben sich zum Teil stark von der Kirche distanziert, während die ältere Generation eher an den Klerus und die Kirche herangedrängt wurde. O Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Die Kontrolle der Landwirtschaft ist unerhört verschärft worden. Die Beamten des Reichsnährstandes rechnen den Bauern vor, wieviel eine Kuh Milch zu geben, wieviel eine Henne Eier zu legen, wieviel 1 Zentner Saatgut Ernte zu bringen, wieviel ein Schaf Wolle zu liefern, wie gross die Anbaufläche für die einzelnen Getreidearten zu sein hat, wieviel Kartoffeln und wieviel Zuckerrüben anzubauen sind und wieviel bei dem und wieviel bei jenem Wetter zu ernten ist. Der Landrat von X. hat in einer Unterhaltung mit einem bekannten Grossbauern zugegeben, dass die ganze ErnährungsZwangswirtschaft scheitern muss, wenn nicht die Bauern freiwillig mitarbeiten. Als der Landrat dem Grossbauern Vorwürfe machte, dass er noch immer Geschäfte mit einem jüdischen Viehhänder mache und nicht mit der Genossenschaft, erklärte dieser:" Ich habe mein letztes Rind beim jüdischen Händler, mit dem ich seit mehr als 20 Jahren zur Zufriedenheit arbeite, um 80,- RM billiger gekauft als bei der Genossenschaft, das Rind von Sachverständigen schätzen lassen und es für wertvoller bezeichnet erhalten als das andere, das ich von der Genossenschaft um 80,-RM teurer gekauft habe. Mein lieber Landrat, wir müssen auch rechnen." Als sich der Landrat noch beschwerte, dass der Grossbauer, wie ihm berichtet worden sei, den deutschen Gruss nicht anwende, erwiderte dieser:" Wer von uns was will, muss zu uns kommen. Wer zu mir kommt, wird mit" Guten Tag" begrüsst. Wem das nicht passt, soll wieder gehen." Der Landrat gab resignierend seine Belehrungen auf. 2. Bericht: In den Pflichtversammlungen werden die Bauern darauf aufmerksam gemacht, dass jeder, der nicht richtig, d.h. also nicht nach amtlicher Vorschrift wirtschaftet, wer seiner Ablieferungspflicht nicht nachkommt, wer falsche Angaben macht und wer sich sonst gegen die Vorschriften vergeht, enteignet werden kann. In den Pflichtversammlungen in A-43Siegburg und in Rheindahlen hat es fürchterlichen Krach gegeben. Die Bauern sind aufs höchste gereizt. Die meisten bereuen längst, Hitler gewählt zu haben. 3. Bericht: Auf den Höfen in Westfalen werden die Beauftragten des Staates und der NSDAP mit offener Ablehnung behan delt. Ich habe in Versammlungen der Bauern Auftritte erlebt, die es mir geraten erscheinen liessen, mich zu entfernen. Aeusserungen wie:" Lumpengesindel"," Bettelhunde"" Machen Sie, dass Sie raus kommen!"-" Ich habe genug, wenn ich die Steuern bezahlen kann, darüber hinaus zahle ich keinen Pfennig mehr" und anderes waren zu hören. Auffällig ist, dass man gegen die Bauern nichts unternimmt. Wenn ein Arbeiter nur den hundertsten Teil davon sagen würde, was sich die Bauern erlauben, dann würde man ihn sofort verhaften. An die Bauern traut man sich nicht heran. Wasserkante, 1. Bericht: Man findet selten einen Bauern, der sich Mühe gibt, seine Unzufriedenheit zu unterdrücken. Sie schimpfen heute ebenso oder noch mehr als in der Weimarer Zeit. Durch all die Verordnungen über den Verkauf ihrer Produkte und durch die Zwangs bewirtschaftung, von der sie behaupten, dass sie schlimmer sei als während des Krieges, sind sie gegen das System aufgebracht. Man findet kaum einen, der ein lobendes Wort für die jetzigen Zustände findet. Diese Stimmung ist besonders stark in den Gegenden zu spüren, die früher Hochburgen der Nazis gewesen sind, in Mittelholstein und in der Marsch. Hier erzählen die Bauern ganz offen, wie sie früher von den Nazis aufgefordert worden waren, keine Steuern zu bezahlen, und dass heute dieselben Nazis unerbittlich die Steuern eintreiben und darüber hinaus noch alle möglichen Abgaben verlangen. 2. Bericht: Viel böses Blut hat die Entschuldung der stark verschuldeten Bauernwirtschaften gemacht. Die Bauern behaupten, in dieser Entschuldung läge eine Prämie für diejenigen, die schlecht gewirtschaftet hätten, während man den fleissigen und tüchtigen Bauern ausquetsche. Die Knappheit an Futtermitteln wirkt sich für den schleswigholsteinschen Bauern, der in grossem Masse Schweine- und Rindviehzucht betreibt, besonders hart aus. Teilweise sind die Futtermittel, die die Bauern erhalten, so schlecht, dass das Vieh sie nicht fressen will. Auch die in den Städten unter der Parole" Kampf dem Verderb" gesammelten Speisereste und Kartoffelschalen werden von den Bauern nur ungern als Futtermittel verwendet. Zu den begeistertsten Anhängern Adolf Hitlers gehörten vormals die Marschbauern. Fährt man heute an Festtagen durch die Marsch, so sieht man die Hakenkreuzfahne fast nur an öffentlichen Gebäuden. Hier in der Marsch, besonders aber auch auf den Inseln Föhr, Amrum und Sylt hat die LudendorfBewegung sehr viele Anhänger gewonnen. A-443. Bericht: Die Bauern unterhalten sich untereinander ganz ungeniert über die Einnahmen Görings, Darrés und vor allem selbstverständlich über die ihres Oberpräsidenten Lohse. Anders steht es mit den jungen Leuten. Sie lassen sich von dem nationalen Tam- Tam, von den Uniformen blenden und verblenden. Bei einer wirklich freien Wahl würden zwar nicht die älteren Bauern, wohl aber mindestens 50% derer, die vor kurzem 20 Jahre alt geworden sind, für die Nazis stimmen. Die Auffassung der Aelteren kommt in einem Ausspruch eines Bauern zum Ausdruck, der ins Hochdeutsch übertragen, so lautet:" 21 Parteien wie früher, das war wohl doch ein bisschen zu viel, aber eine Partei, wie jetzt, das ist noch verkehrter. Das Richtige wäre wohl, wenn wir drei Parteien hätten." 4. Bericht: Früher hatte die Partei ihre besten Zellen auf dem Lande. Die Situation ist vollkommen ausgewechselt. Die Missstimmung ist gross, und als deren Folge ist eine stille Sabotage des Dorfes gegen die Massnahmen und Verordnungen des Reichsnährstandes festzustellen. Die Bauern gehen gerne zu den Kreisveranstaltungen der Bauernschaft. Wenn man sie fragt, warum, dann muss man schon Vertrauen gefunden haben, wenn offen eingestanden wird, das geschehe nicht wegen der Rede des Kreisbauernführers, denn diskutiert würde ohnehin nicht, sondern man träfe einander doch nach der Versammlung in der Wirtschaft und höre dann von den anderen Bauern, wie sie es in ihrem Dorf machen, und wie man sich am besten wehren und am unauffälligsten sabotieren kann. Besonders bei dem Anbau der Oelfrüchte ist diese Sabotage augenfällig. Da man die erste Ernte dem Führer schenken musste, hat man nicht nur die Anbaufläche nicht weiter ausgedehnt, sondern den Anbau teilweise so mangelhaft durchgeführt, dass die Felder wieder umgepflügt und mit Sommerfrucht bestellt wurden. Gegen die Getreideablieferung wehrt man sich, so gut man kann. Wie im Kriege wird das Getreide versteckt. Die Verfütterung ist jedoch mit so hohen Strafen belegt und Kontrollen sind an der Tagesordnung, dass man nur sehr vorsichtig Getreide als Futtermittel verwendet. Die Viehhaltung muss bei der mangelnden Futtermittelversorgung erheblich eingeschränkt werden; damit entfällt dem einzelnen Hof aber eine wesentliche Einnahmequelle. Einige Bauern fragten, warum sich denn die Städter diese immer stärkere Unterdrückung gefallen lassen. Wir Bauern sagen sie, haben ja hier schon einige Tradition, uns gegen Behörden zu wehren. Missen wir aber auch diesmal wieder beginnen, damit es anders wird? Damals wollten wir eine andere Regierung, aber was wir heute haben ist ja schlimmer als all das, gegen das wir uns vor Hitler gewehrt haben. Der" HeilHitler- Gruss war früher bei uns eine Empfehlung, heute haben wir das grösste Misstrauen, wenn sich einer mit diesem Gruss auf dem Dorfe sehen lässt. A-45Rückschlüsse auf die Haltung und die Lage der Bauern lässt auch der nachstehende Bericht aus dem Berliner Büro des Reichsnährstandes zu: Zwischen dem Reichsnährstand und der Abteilung" Versicherungswesen", in der die gesamten landwirtschaftlichen Versicherungen, auch die der früheren Raiffeisenverbände zentralisiert sind, bestehen seit der Zusammenfassung dauernde Reibungen. Die leitenden Direktoren sehen deutlich die Sinnlosigkeit eines grossen Teilės der Organisiererei im Reichsnährstand und sind sich klar, dass das ganze Agrarexperiment in dieser Form nicht gelingen kann. In dieser Abteilung zerbricht man sich den Kopf über die starke Zunahme der Brandstiftungen auf dem Lande, bei denen merkwürdig oft die Täter nicht entdeckt werden können. Man spricht schon von bewussten Sabotageakten. Jedenfalls ist die Opposition der Bauern schon so stark, dass die höheren Beamten des Reichsnährstandes sichtlich nervös werden. So kann man im Büro Gespräche hören, in denen Sätze fallen wie:" Wenn das noch ein Jahr so weiter geht, müssen wir eine besondere Polizei aufs Land schicken, sonst bekommen wir überhaupt nichts mehr." Die Geldnot der Bauern muss ziemlich gross sein, wie aus den hohen Rückständen der Beiträge für die Vieh-, Futter- und Inventarversicherungsstellen hervorgeht. Man schloss im Jahre 1936 für ganz Deutschland mit 65% vollen Zahlungen, 18% Teilzahlungen und 17% Nichtzahlungen, ab. Dagegen gab es 1932, als die Beiträge noch freiwillig waren, nur 11% Nichtzahler. Früher wurde den Bauern, die unter gerichtlichen Entschuldungsverfahren standen, auch die Versicherungsbeiträge gestundet, ohne dass sie deswegen im Versicherungsfalle das Entschädigungsrecht verloren hätten. Seit Oktober 1936 ist das geändert, Es stehen angeblich 24% der Bauern unter dem Entschuldungsverfahren, und man rechnet für dieses Jahr mit 30%. Die Versicherung würde zahlungsunfähig werden, wenn sie unter diesen Bedingungen die Entschädigungspflicht weiter aufrecht erhielte. 1933 sind die Nichtnazis, die Ortsvertreter der Versicherung waren, aus ihren Stellungen getrieben worden, vor allem die Katholiken. Jetzt, wo fast keine neuen Policen mehr abgeschlossen werden und die laufenden Beiträge schlecht eingehen versucht man übefall, die damals abgesetzten Leute wieder zu verwenden. Die lehnen aber in den meisten Fällen ab und sind auch inzwischen meist anderwärts untergekommen. Sehr viele sind Reichswehroffiziere geworden. 2) Die Zwangswirtschaft Die agrarische Zwangswirtschaft, deren einziger Zweck die Vorbereitung der deutschen Landwirtschaft auf den Krieg ist, ist heute schon weiter ausgebaut als während des letzten Krieges. 4-46Dem Bauer wird vorgeschrieben, wie und was er anzubauen und wie er sein Vieh zu behandeln hat. Der Bestand an Vieh und seine Leistung wird ständig kontrolliert und amtlich überwacht. Die Selbstverwertung des Viehs und der Viehprodukte wird den Landwirten mehr und mehr entzogen. Für Milch und Eier besteht Ablieferungszwang. Die Landwirte müssen eine vorgeschriebene Menge Milch zu vorgeschriebenem Preise an die Molkerei abliefern. Es wird ihnen dadurch nicht nur die Selbstverarbeitung der Milch entzogen, sie werden überdies gezwungen, die Milch zu einem Preis abzugeben, der weit niedriger ist als der im freien Handel erzielbare. Die Krönung der staatlichen Zwangswirtschaft ist die Einführung der Hofkarte. Jeder Besitzer eines landwirtschaftlichen Betriebes in der Grösse von mindestens 2 ha muss die auf dieser Karte gestellten Fragen beantworten und damit dem Reichsnährstand eine lückenlose Darstellung seines Betriebes geben. Der Reichsnährstand erzielt damit eine vollkommene Einsicht in die Leistungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft im allgemeinen und jedes, auch des kleinsten Landwirtschaftsbetriebs. Er kann die Leistungsfähigkeit jedes Bauern mit seiner wirklichen Leistung vergleichen und gewinnt so die Unterlage für die sogenannte Hofberatung. Diese Hofberatung beschränkt sich nicht auf betriebswirtschaftliche Ratschläge, sondern schreibt dem Bauern vor, was er zu erzeugen und wie er seinen Betrieb zu führen hat. Damit wird der Landwirt einem Anbauzwang unterworfen und die selbständige Verfügung des Landwirts über seinen Hof fast völlig aufgehoben. Bisher schon war der Reichsnährstand ermächtigt, Erbhofbauern, die der Leitung ihres Betriebes nicht gewachsen erschienen, unter Aufsicht oder Zwangsverwaltung zu stellen. Jetzt ist diese Ermächtigung auf sämtliche landwirtschaftlichen Betriebe erweitert. Wie bereits aus den allgemeinen Berichten hervorgeht, hat die sich ständig verschärfende Zwangswirtschaft bei den Bauern wachsende Ablehnung und Erbitterung hervorgerufen. Die nachstehenden Berichte zeigen die einzelnen Ursachen dafür auf. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass eine vernünftige Wirt A-47schaftsberatung nicht den Bauern auch grosse Vorteile bringen und schliesslich ihre Anerkennung finden könnte. Sachsen, 1. Bericht: Die Landwirte des Annaberger Bezirkes haben mit Unterstützung der kommunalen Behörden und örtlichen Parteistellen an die zuständigen Zentralstellen das Ersuchen gerichtet, den Milcha blieferungszwang aufzuheben. Für den Liter Milch bekommen die Landwirte, wenn er vom Kunden abgeholt wird, 26 Pfg. Bringen die Landwirte die Milch selbst zum Kunden in die Stadt, so erhalten sie sogar 28 Pfg. Holt aber die Ablieferungsstelle die Milch beim Landwirt ab, so muss er sie für nur 17 Pfg. abgeben. Dabei muss er selbst noch die Flaschen anschaffen und von dem Erlös wird noch eine Abgabe von 1 Pfg. je Liter einbehalten. Die Ablieferung ist deshalb immer geringer geworden. Die Landwirte griffen, um sich vor Schaden zu bewahren, zur Selbsthilfe. Um diesen Zustand zu legalisieren, haben die Parteigrössen die Eingabe veranlasst. 2.Bericht: Einige Erbho fbäuerinnen erzählen: Unser tägliches Kleingeld nahmen wir stets aus dem Verkauf von Milch, Eiern und Butter. Von diesem Verkauf blieb soviel, dass auch der Hausrat ergänzt, Kleider und Schuhwerk beschafft werden konnte. Seit der Einführung des Ablieferungszwanges ist das anders geworden. Schwierigkeiten mit dem Absatz hat man zwar nicht mehr. Die Milch wird sofort abgenommen, was besonders im Sommer ein Vorteil ist, aber wir bekommen als Grundpreis pro Liter nur 8 Pfg. Je nach Fettgehalt werden dann Zuschlä ge gezahlt. Milch mit bestem Fettgehalt wird mit 14 Pfg. abgenommen. Solche Milch ohne Zusatzfutter zu erzielen, ist aber unmöglich. Das Zusatzfutter ist jedoch, soweit es zu haben ist, in der Regel um 40% teurer als 1930. Damals war aber für den Liter Milch im freien Verkauf ein Preis von 18 bis 20 Pfg. zu erzielen. In den letzten Jahren konnte man noch von Geldreserven zehren; der letzte Winter hat sie erschöpft. Dabei erhalten wir das Geld für die Milch nicht sofort, sondern meist erst 3 bis 4 Wochen hinterher. Mit den Eiern steht es nicht besser. Die Legetätigkeit der Hühner ist, weil das richtige Kraftfutter fehlt, in den letzten beiden Jahren um 30% gesunken. Da kein Geld zum Kauf von Kraftfutter vorhanden ist, wird die Hühnerzucht vernachlässigt. Die Hühner werden alt und legen deshalb weniger. Es kommen zwar fast allwöchentlich Berater des Nährstandes ins Haus und reden davon, dass man neue Hühnerrassen setzen soll, aber das dazu nötige Geld bringen sie nicht mit. Sie empfehlen eine neue Rasse: das Kartoffelhuhn. Es erzielt angeblich eine besonders hohe Eierproduktion durch Kartoffelfutter. Wir Bauersfrauen glauben nicht daran, aber was verstehen wir von der Wissenschaft! Bayern, 1.Bericht: Die Milchablieferung an die Molkereien wird immer schärfer durchgeführt. In den meisten oberbayeri A-48- schen Ortschaften, wo die Bauern das Vieh auf die Almen treiben, wurden sofort nach dem Abtrieb neue Leistungskontrollen durchgeführt und für jeden Bauer die Ablieferungsmenge festgesetzt. Die Lief erwägen der Molkereien fahren bis in die entlegensten Dörfer zu den Sammelstellen. Einige Bauern im Dorfe X., die sich vor dem Ablieferungszwang neue Separatoren gekauft hatten, stellten an die Kreisbauernschaft Antrag auf Ablösung oder Kostenzuschuss, da sie die Maschinen nicht mehr gebrauchen könnten. Darauf wurde den Bauern ausnahmswejs e ein Drittel der Anschaffungskosten ersetzt. Die Maschinen stehen jetzt grösstenteils unbenutzt und können nur den Sommer über auf den Almen verwendet werden. Die restlose Ablieferung des Milchertrages an die Molkereien hat noch eine andere für den Bauern unangenehme Folge mit sich gebracht. Durch den Vegfall der Mager- und Futtermilch, mit der zum Grossteil lie Kälber und Schweine gefüttert wurden, sind die Bauern genötigt, mehr Futtermehl zu verfüttern, das sie zukaufen müssen. Die Bauern fordern jetzt immer energischer eine Erhöhung des Hilchpreises. Da Buttermangel herrscht und für Butter �eberpreise bezahlt werden, würden sie bei Eigenbutterei einen lo bis 1$% höheren Erlös erzielen, ausserdem könnten sie die Abfallprodukte im Haushalt verwerten. Sie stellen folgende Rechnung auf: Für 1 kg Butter benötigt man je nach Fettgehalt 15 bis 17 Liter Milch, für die sie in der Molkerei 2,55 bis 2,89 HM erhalten. Die Butter können sie zu bis 3<2o RM pro kg verkaufen. Ausserdem würden sie noch für den Verkauf der Magermilch 60 bis 80 Pfg. erzielen, wenn sie sie nicht verfüttern. Die Metzger dürfen nicht mehr wie bisher das Vieh von den Bauern kaufen, sondern müssen nach Y. hinein und dort auf dem Schlachthof einkaufen. Dieser Unsinn, dass die Bauern ihr Vieh von X. nach Y. hineintreiben müssen und der Metzger es von dort wieder nach X. zurückholt, will niemandem in den Kopf. Dieses Verfahren hat natürlich auch für den Bauern grosse Nachteile. Das Vieh, ohnehin durch den ungewohnten Transport unruhig geworden, bleibt im Schlachthof 24 Stunden ohne Nahrung und wenn es etwa Samstag früh eintrifft, dann muss es unter Umständen über 36 Stunden stehen, ohne gefüttert zu werden. Die Metzger haben früher das Vieh stückweise gekauft und den Wert abgeschätzt. Im Schlachthof wird dagegen nach Gewicht gezahlt und Vieh, das lange Zeit unterwegs war und kein Futter erhielt, erleidet natürlich grossen Gewichtsverlust. Verschiedene Massnahmen des Reichsnährstandes sollen dem Aufbau des Viehbestandes dienen. So ist z.B. angeordnet worden, dass gesunde und gut entwickelte Kälber und Rinder nicht geschlachtet werden dürfen. Dagegen müssen Kühe geschlachtet werden, wenn ihr durchschnittlicher Milchertrag weniger als 7 bis 8 Liter am Tage beträgt. In allen Bezirken sind jetzt preisgekrönte Stiere als Zuchtbullen eingestellt worden, z.B. in unserem Bezirk zwei. Nach dem Kör-Gesetz sind alle Bauern A-49verpflichtet, ihre Kühe nur bei diesen Zuchtstieren decken zu lassen. 2. Bericht: Die Bauern in unserem Dorfe sind unruhig geworden und me ckern fürchterlich. Eine der Quellen der Unzufriedenheit ist die Frage des Milchverkaufs und des Milchpreises. Heute erhalten die Bauern für den Liter 12 1/2 Pfg., 1 Glas Bier kostet also soviel wie 2 Liter Milch und das bedeutet viel für die bayerischen Bauern, zumal sie wissen, dass die Milch 20 km weiter, in Hof, für 24 Pfg. an den Verbraucher abgegeben wird. Früher hat man für den Liter Milch, wenn man sie selbst in die Stadt brachte, 20 Pfg. erhalten. Noch Mitte 1933 bekamen die Bauern vom Händler 18 Pfg. je Liter. Allerdings hatte damals der Milchabsatz unter der grossen Arbeitslosigkeit sehr gelitten. Viele Bauern konnten ihre Produkte nur schwer los werden, während andere, deren Verbindungen krisenfester waren, keine oder nur geringe Absatzschwierigkeiten hatten und verhältnis mässig gut verdienten. Es wurde deshalb Ende 1933, Anfang 1934 unter Führung der NSDAP im Orte angeregt, sich zu einem Milchhof zusammenzuschliessen. Im Winter 1933/34 wurde eine Versammlung einberufen, in der sich die Pächter gegen die Genossenschaftsgründung wehrten. Schliesslich wurden Unterschriften für die Gründung des Milchhofes gesammelt. Am Tage nach der Versammlung sah man dann aber eine ganze Reihe von Bauern, die zum Gemeindeamt gingen, um ihre Unterschrift zurückzuziehen. Sie hatten es sich inzwischen überlegt. Es war jedoch schon zu spät. Unter Führung der NSDAP wurde die Milchhof- Genossenschaft gegründet. Zunächst wurde der Milchpreis von 18 auf 15 Pfg. herabgesetzt. Die Landwirte, die auch weiterhin noch direkt an die Verbraucher lieferten, und natürlich einen höheren Preis erzielten, wurden verpflichtet, 2 Pfg. Ausgleichsgeld pro Liter an die Genossenschaft zu zahlen. Es dachte natürlich keiner daran, das Ausgleichsgeld zu entrichten. Die nichtgezahlten Beträge häuften sich, bis schliesslich die Genossenschaft dazu überging, den Bauern, die den vom Milchhof ausgestellten Postauftrag zurückgehen liessen, den Gerichtsvollzieher auf den Hals zu schicken. Das machte viel böses Blut. Hinzukam, dass im Laufe der Zeit der Milchpreis immer weiter, bis auf den heutigem Stand von 12 1/2 Pfg., herabgedrückt wurde. Es kam zu immer heftigeren Streitigkeiten unter den Freunden und Gegnern des Milchhofes. Das Ende vom Lied war, dass der Milchhof in Liquidation ging. Aber nicht nur diese Affäre hat die Bauern verärgert. Andere Neuerungen, die das Regime einführte, haben ähnlich erbitternd gewirkt. So ist z. B. den Bauern verboten worden, selbst zu buttern. Es ist klar, dass von dieser Massnahme mit Ausnahme der paar pertei treuen" Bauernkönige" keiner erbaut ist. Auch die neuen Verordnungen über die Schlägerungsquote in den Privatwaldungen haben bei den Bauern grosse Verärgerung hervorgerufen. Die Bauern müssen ihre schönsten Waldungen schlagen lassen. In die einzelnen Landgemeinden werden A- 50Forstbeamte geschickt, die den Holzschlag der Bauern kontrollieren. Auf ihre Anweisungen hin wird geholzt; sie bezeichnen sogar vielfach die zu schlagenden Stämme. 3. Bericht: Die Ortsbauernführer haben Formula re erhalten, die angeblich nur für die Schweinezählung bestimmt sind. Gleichzeitig wird aber verlangt, dass auch die in den letzten drei Monaten erfolgten Hausschlachtungen, die nicht beschaupflichtig waren, genau nach Stück und Gat tung, ob Grossoder Kleinvieh, angegeben werden. Desgleichen wird verlangt, dass die in den vergangenen drei Monaten geborenen Kälber, auch Totgeburten, nach Zahl und Termin des Kal bens eingetragen werden. Diese angeblich nur statistischen Zwecken dienenden Ermittlungen sind dazu bestimmt,-- so sehen es die Bauern die Kontrolle über den Viehstand noch genauer durchzuführen. An Hand dieser Unterlagen und des Schlussscheines, der bei jedem Verkauf auszustellen und an die Reichsnährstand stelle abzuliefern ist, kann der Reichsnährstand jederzeit etwa noch vorkommende Schwarzschlachtungen ermitteln. Es kommt kein Stück aus dem Stall, ohne dass es nicht der Reichsnährstand erfährt. Nun stellt man noch die jährlichen Kal bungen fest, so dass auch die letzte Lücke in der Kontrolle beseitigt ist. Die Ortsbauernführer wurden angewiesen, darauf zu achten, dass die Zählung und die Eintragung der Abkalbetermine gewissenhaft durchgeführt wird. Eine letzthin vom Landwirtschaftsministerium ergangene Verordnung über den Handel mit Schlacht-, Nutz- und Zuchtvieh beabsichtigt, auch ihn unter schärfere Kontrolle zu bekommen. Bisher waren auf dem flachen Lande die Viehhändler nur an die vom Viehwirtschaftsverband erlassenen Bestimmungen gebunden. Nunmehr soll nach der Verordnung, die persönliche und sachliche Eignung jedes Einzelnen, der dieses Gewerbe ausübt, überprüft und Zulassungen nur nach dem wirtschaftlichen Bedürfnis erteilt werden. Der Handel mit Vieh soll zentralisiert und nur besonders verlässlichen Leuten überlassen sein. In jedem Bauerndorf hat der eine oder andere Wirt als Nebenbeschäftigung den Viehhandel betrieben. Diese Leute waren, ärgert durch die zahllosen Verordnungen des Viehwirtschaftsverbandes, die ihren Handel erschwerten, die grössten Meckerer. Ihnen wird jetzt die Konzession entzogen und in jedem grösseren Ort ein auch politisch verlässlicher Viehhändler konzessioniert, der nach der Ausschaltung der bisherigen Konkonkurrenz eigentlich als Angestellter des Viehwirtschaftsverbandes anzusehen ist. verSüdwestdeutschland, 1.Bericht: Die ländlichen Verhältnis se sind ausserordentlich differenziert. So gibt es z.B. bei uns Gegenden, die ausserordentlich stark unter der nationalsozialistischen Marktregelung und Ablieferungspraxis leiden, während andere verhältnismässig gut damit fahren. In einem Fall ist das Ablieferungssoll schwerer zu erreichen, weil es sich um ein Gebiet handelt, das seit langem kultiviert ist A- 51und heute an der untersten Grenze der Ertragsfähigkeit steht. Versuche, den Boden zu regenerieren, sind bisher vergeblich gewesen, weil es sich um ursprünglichen Moorboden handelt, der seiner Intensivierung Grenzen setzt. In unmittelbarer Nähe ist ein landwirtschaftliches Siedlungsgebiet jüngeren Alters, das hohe Erträge bringt und deshalb verhältnismässig leicht sein Ablieferungssoll erreicht. Es ist klar, dass die Wirkung der staatlichen Eingriffe in die Freiheit des Bauern in beiden Fällen verschieden ist. Aber auch sonst wirken diese Eingriffe keineswegs immer nur verärgernd. Ein Beispiel dafür ist die diesjährige Kirschenernte, die bei uns eine grosse Rolle spielt, und die diesmal sehr gut war. Während die Bauern in früheren Jahren bei grossen Erträgen warten mussten, bis der Händler kam und ihnen einen Preis bot, den sie hinnehmen mussten, weil das Angebot zu gross war und sie auch oft auf ihren Kirschen sitzen blieben, um sie dann an die Brennereien zu niedrigsten Preisen abzugeben, hat ihnen in diesem Jahr die staatliche Absatzregelung die Sorge abgenommen. Durch die Festsetzung eines verhältnismässig hohen Abnahmepreises und die Ausschaltung des direkten Verkaufs an den Verbraucher, wurde den Bauern ein guter Preis.gesichert und die Händler stärker auf den Kirschenabsatz hingedrängt. Die Bauern jedenfalls waren mit dieser Regelung sehr zufrieden und wollten Privaten, die direkt beim Erzeuger kaufen wollten, nichts abgeben, wenn es sich nur um kleinere Mengen und nicht gleich um ihre ganze Ernte handelte. 2.Bericht: Die Kontrolleure sind so raffiniert, dass es den Bauern nicht leicht fällt, Getreide und Kleie vor ihnen zu verstecken. Die Nachbarn verraten allerdings nichts, weil ja alle in der gleichen schwierigen Lage sind. Es wird immer noch Milch an Nachbarn, Bekannte und Verwandte verkauft. Um das zu unterbinden, sind in letzter Zeit scharfe Kontrollen, verbunden mit letzten Verwarnungen und Strafandrohungen ergangen. Nicht einmal für Kranke darf privat ohne besondere Genehmigung geliefert werden. Das System des gegenwärtigen Viehverkaufs wird von den Bauern scharf kritisiert. Früher konnte man sich darauf verlassen, dass das durch Messung des Bauchumfangs und der Länge des Schweines ermittelte Gewicht sich nachträglich als annähernd richtig herausstellte. Heute, wo es keine jüdischen Händler mehr gibt, bewegen sich die Differenzen zwischen 15 und 20 Pfund und die Leid tragenden sagen ganz offen, das hätten die Bonzen gestohlen. 3. Bericht: In letzter Zeit prüfen" Leute mit Kragen und Manschetten" in den Gewannen der einzelnen Dörfer, welche Oedflächen noch ausgenutzt werden können. Die Bauern lassen os an bissigen Bemerkungen darüber nicht fehlen, denn sie sagen sich, wenn da etwas herauszuschlagen wäre, hätte man nicht erst auf diese Stadtschnösel gewartet. Es handelt sich meist um Flächen, die wegen der Nähe des Waldes vermost sind, um Sümpfe, deren Kultivierung im Verhältnis zum Nutzen zuviel kostet und um Steinrasseln. Aber auch diese Flächen gaben A-52bisher einigen Nutzen als Viehweiden, als Spender von Beeren, Reisern und Weidenruten. Jetzt wird von den Leuten auch noch verlangt, dass sie Bienenzucht betreiben und ihnen vorgeschrieben, welche Blumen sie zu diesem Zweck anzupflanzen haben. Auch der Seidenbau wird jetzt propagiert, neben dem völlig unrentablen Flachsbau. Vom Bauer wird also heute alles mögliche verlangt, um Deutschland zu retten. Kopfschüttelnd sieht er aber, dass es immer mehr bergab geht. Jede Woche gibt es Zwangsversteigerungen von Vieh und anderen Gegenständen. Rheinland- Westfalen: Die Bauern haben sich bereits mit der Ablie erung der Eier und Milch abgefunden, der Widerstand gegen die Ablieferungspflicht ist schwächer geworden. Die Gewohnheit, aber auch das Einspielen der Apparatur, hab en der Ablehnung den Stachel genommen. Was der einzelne Bauer braucht, hält er ohnedies zurück. Dagegen hat die Getreideablieferung einen Sturm hervorgerufen, da sich die Bauern diesem Zwang nicht unterwerfen wollen. Führer des Widerstandes sind hier die Erbhofbauern. Sie waren früher einmal stramme Nazis und sind auch heute noch Parteimitglieder, weil man sich der allmächtigen Parteiorganisation nicht entziehen kann, will man nicht seinen Besitz aufs Spiel setzen und abgemeiert werden. Früher genossen die Erbhofbauern besondere Begünstigungen, namentlich seitens der Organisation des Reichsnährstandes. Die Kreditbeschaffung ist aber durch das Erbhofgesetz so erschwert worden, dass dadurch alle sonstigen Vorteile aufgehoben werden. Die Schwierigkeiten der deutschen Ernährungswirtschaft haben zudem bewirkt, dass die differenzierte Behandlung der Bauern und Landwirte nicht aufrechtzuerhalten war. Die von den Massnahmen der Reichsregierung betroffenen Erbhofbauern, die eine besondere Gruppe im Dorf zu sein schienen, haben sich wieder enger mit den übrigen Landwirten verbunden. Charakteristisch dafür ist der Widerstand der Bauern gegen die Hofkarte. Den Bauern ist es unsympathisch, dass Fremde auf Grund der Karte seinen Hof nicht nur bis in alle Einzelheiten kennen lernen, sondern diese Karte zugleich eine genaue Kontrolle seiner Wirtschaftssituation ermöglicht. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass der Reichsnährstand die Führung der Hofkarte im ganzen Reich erzwingen wird. Wo sich die Bauern nicht anders helfen können, führen sie die Hofkarte derartig ungenau, dass man wenig mit ihr anfangen kann. Dauernde Kontrollen, Hofbegehungen u.a. mehr werden mit der Absicht veranstaltet, neben der Hofkarte, auf deren exaktere Ausfüllung gedrängt wird, einen Ueberblick über jedes Gehöft zu bekommen. Bauern ohne Gesinde sind in einer günstigeren Lage, weil sie die Denunziation durch Fremde nicht zu befürchten haben. Sie wollen auch niemanden vom Arbeits- und Hilfsdienst, denn sie befürchten, bespitzelt zu werden. Wenn sie eine Zuweisung nicht vermeiden können, behandeln sie die auf den Hof geschickten Leute denkbar schlecht, selten gelingt es einem von ihnen, das Vertrauen des Bauern A- 53zu gewinnen. Wasserkante: So, wie es sich die Herren am Grünen Tisch vorstellen, geht es in der Landwirtschaft nicht. Da kommt ein grüner Junge daher und will uns nun lehren, wie die Landwirtschaft betrieben werden soll. Es ist ja sehr schön, wenn man uns ermahnt, immer tüchtig künstlichen Dünger zu gebrauchen. Abgesehen von der Beschaffung des künstlichen Düngers, müssten die Leute doch auch wissen, dass es ganz unmöglich ist, mit Hilfe von künstlichem Dünger den Bodenertrag ins Ungemessene zu steigern. Mutet man dem Boden zuviel zu, dann muss ein Rückschlag eintreten. Ebenso ist es mit den Kühen. Man gibt uns gute Ratschläge, wie die Qualität und die Quantität der Milch gehoben werden soll, aber schon jetzt kommt es vor, dass die Kühe nicht mehr zum Kalben zu bekommen sind. So ist es auf allen Gebieten, und das ist doch auch ganz natürlich. Wenn jemand übermässig an seinen Kräften zehrt, muss später eine Ermattung eintreten. 3) Getreidewirtschaft und Futtermittelnot Deutschland kann allein aus dem heimischen Boden allenfalls den Getreidebedarf für seine Brotversorgung befriedigen, aber nicht seinen Bedarf an Futtermitteln. Die Abdrosselung der Getreide einfuhr hat zur Folge, dass auch bei guten Ernten Futtermittelmangel herrscht und Fett- und Fleischknappheit eintritt. Solange genug Vorräte an Brotgetreide aus früheren Jahren vor handen waren, halfen sich die Bauern durch Verfütterung von Brotgetreide. Seitdem alle Reserven aufgebraucht sind und ungünstige Ernten die volle Erfassung der Brotgetreide- Ernte für die menschliche Ernährung notwendig machten, bemüht sich das Regime, die Verfütterung von Brotgetreide zu unterbinden. Im vorigen Jahr wurde versucht, den Landwirten wirtschaftliche Vorteile einzuräumen, um sie zur Mehrablieferung von Brotgetreideanzureizen.( Siehe Heft 5/1937, Seite A 70) Als das nichts half, wurde die Pflichtablieferung, die bis dahin sich nur auf Weizen und Roggen erstreckt hatte, auf Futtergetreide ausgedehnt. Die Landwirte sollten für die Menge Brotgetreide, die sie über ihr Kontingent hinaus ablieferten, eine entsprechende Menge- Futtergetreide behalten und im eigenen Betrieb verwerten dürfen. A-54Als auch dieser Ausweg zur Mehrablieferung von Getreide so gut wie wirkungslos blieb, wurde durch die jüngste Verordnung Darrés die Zwangswirtschaft vollendet und jeder Landwirt verpflichtet, alles Brotgetreide, das er erntet, bis auf den Bedarf für Aussaat und eigene Ernährung abzuliefern und jede Verwendung von Brotgetreide zu Futterzwecken zu unterlassen. Auf Vergehen gegen diese Verordnung stehen ausserordentlich schwere Strafen. Es kann auf Geldstrafen bis loo.000 Mark und auf Gefängnis, in schweren Fällen auf Zuchthaus von unbegrenzter Dauer und auf Geldstrafen in unbeschränkter Höhe erkannt werden. Dem Landwirt wird die Zuteilung von Futtermitteln als Ersatz versprochen, aber dieses Versprechen ist ein Wechsel auf die Zukunft von zweifel haftem Wert, weil seine Einlösung nicht von der Grösse des Bedarfs an Futtermitteln, sondern von der Höhe des Devisenbedarfs abhängt. Die Futtermittelnot ist die schwerste Sorge der Bauern und besonders der Klein- und Mittel- Bauern, die ausser den Einnahmen aus der Viehwirtschaft kaum über andere Barerträge verfügen. Je grösser die Futtermittelnot wird, umso grösser wird die Abhängigkeit des Bauern von Reichsnährstand. Denn da der Bauer sich die Futtermittel nicht mehr selbst verschaffen kann, ist er auf die amtliche Zuteilung und noch mehr als bisher auf das Wohlwollen seiner vom Reichsnährstand bestellten Vorgesetzten angewiesen. Bisher konnte der Bauer mit Hilfe mancher Kniffe sein Korn der Ablieferung entziehen und für die Verfütterung retten. Jetzt ist das ganz abgesehen von dem Risiko der schweren Bestrafung viel schwieriger geworden. Die Einbringung der diesjährigen Ernte ist grosszügig or ganisiert worden. Ein Heer von Erntehelfern wurde eingesetzt. Landhelfer, Arbeitsdienstler, SA- und SS- Leute und Reichswehr. Der Zweck dieser Grossaktion war erstens, dem durch Landflucht verursachten Mangel an geschulten Landarbeitern abzuhelfen, wobei die fehlende Arbeitsqualifikation der Helfer durch ihre Quantität ersetzt werden musste. Hauptsächlich kam es aber wohl darauf an, die Erntearbeiten zu beschleunigen, damit kein Korn durch A-55die Ungunst des Wetters der ohnehin gefährdeten Brotversorgung der Städte entzogen würde. Vielfach sind aber die Helfer von den Bauern weniger als Hilfe denn als unerwünschte Aufpasser empfunden worden. Die folgenden Berichte sind zum Teil vor Einbringung der Ernte und vor dem Erlass der neuen Getreideverordnung erstattet worden. Schlesien, 1.Bericht: Die Erfassung des Getreides wird bei der dortigen Bauernschaft des Kreises Kreuzburg( Oberschlesien) rücksichtslos durchgeführt. Bei der Zuweisung von Saatgetreide kommt es oft zu Streitigkeiten zwischen den Bauern und den Parteistellen. Die Bauern lassen es an offener Kritik nicht fehlen, oft muss die Ablieferung erzwungen werden. Die Bauern drohen, die Nazis sollen im nächsten Jahr sich das Getreide selbst anbauen. Man hat sogar die Beitragszahlung an den Nährstand eingestellt mit der Begründung, dass man nichts verkaufen können und auch kein Geld besitze. Bei den Kleinbauern in der Umgebung von Hindenburg und Beuthen fordert man die Abgabe von 8 Zentnern Korn und Roggen je Morgen. Nach Angaben der Bauern ergab die diesjährige Ernte höchstens 4 bis 5 Zentner pro Morgen, was auf die schlechte Düngung des Bodens zurückzuführen sei. Sachsen, 1. Bericht: So gross wie in diesem Jahr war wohl die Sorge um die Erntearbeiten noch nie. Auch der kleinste Bauer sollte und durfte Helfer für die Ernte in Anspruch nehmen. Aus allen Arbeitsdienstlagern wurden die Arbeitsdienstler zu den Landwirten kommandiert. Auch andere Gliederungen der NSDAP wurden zu den Erntearbeiten herangezogen. Oft wollen die kleinen Landwirte gar keine Helfer, da die Familie ausreicht und man überflüssige Esser entbehren kann. Die Einbringung der Ernte soll aber mit allen Mitteln beschleunigt werden. Das wird unter Anwendung stärksten Drucks betrieben. 2.Bericht: Im Bezirk Flöha- Rochlitz ist die Roggenernte besser geworden als zunächst angenommen werden konnte. Dagegen ist die Weizenernte stark hinter den Erwartungen zurückgeblieben, sie ist direkt schlecht. Die Haferernte ist ebenfalls sehr mässig. Dieses Jahr war der Helferdienst so organisiert, dass eine Rekkordernte spielend bewältigt werden könnte. Die Helfer sind meistens Arbeiterfrauen und Arbeitertöchter. Das Arbeitsangebot aus diesen Kreisen war so stark, dass die Arbeitsämter weitere Zuweisungen aus anderen Gebieten nicht vorzunehmen brauchten: Gewährt wird in allen Fällen Kost und Logis, die Bezahlung ist aber verschieden hoch, von 1,50 bis 2,- RM täglich. Die Helfer versuchen immer, einen Teil des Geldes stehen zu lassen, und dafür Getreide A-56einzutauschen. Die Verwendung des Arbeitslohns der Helfer zum Kauf von Getreide ist aber verboten. Nur Kartoffeln darf ihnen der Landwirt ablassen, bei dem sie arbeiten. Von dieser Erlaubnis wird ausgiebig Gebrauch gemacht, weil man Angst vor dem Hungerwinter hat und sich deshalb vorsorglich einzudecken sucht. Die Erntearbeiten werden mit grösster Eile betrieben und die Leute auf dem Land schliessen daraus, dass der Krieg nahe bevorsteht. Darin werden sie bestärkt durch das grosse Aufgebot von SS und NSKK für die Feldbewachung. Die Ernte wird sofort ausgedroschen. Es werden meist Dampfmaschinen verwendet, die von Ort zu Ort wandern und gleich Lastwagen mitbringen, die das Getreide abholen und zu den Mühlen bringen. Das abgelieferte Getreide wird nicht sofort bezahlt; es gibt nur 30% Anzahlung, aber auch das nicht so gleich. Die Bauern werden im Ungewissen darüber gelassen, wann sie zu ihrem Gelde kommen. Das erzeugt starke Unruhe. Die Bauern benutzen den Geldmangel als Entschuldigung dafür, dass sie mit Erntedankspenden diesmal sparsamer sind als im Vorjahr. Der Bezirk Borna- Grimma- Oschatz hat den Ruf der sächsischen Kornkammer. Schon deshalb wird darauf Wert gelegt, die Ernte beschleunigt einzubringen. Bargeld erhalten die Landwirte nicht, sondern nur Wechsel, die zwei Monate laufen. Die Roggenernte dürfte im Durchschnitt um 15 bis 20% geringer sein als im Vorjahr. Der Weizenertrag, der im Vorjahr schon gut war, ist diesmal noch besser geworden, der Haferertrag aber sehr schlecht. Es heisst bereits, dass die kommende Aussaat überwacht werden soll, weil angeblich der Hafer dieses Jahr zu dünn ausgesät worden sei. Die Erntehelfer aus der Stadtbevölkerung hatten gehofft, etwas Getreide anstelle des Lohns zu erhalten, das wurde aber verboten. Wenn es zum Dreschen geht, und das geschieht sofort, sitzen die Kontrolleure den ganzen Tag dabei, damit ja kein Sack heimlich weggeschafft werden kann. Die Bauern sagen, der ganze Erntedienst ist nicht zur Hilfe, sondern zur Kontrolle aufgezogen. Das Getreide wird nach dem Dreschen sofort nach Kassel und Mainz abgeliefert. Ein Getreidekommissar sprach ganz offen davon, dass die Heeresvorräte völlig erschöpft seien. Mitteldeutschland: Unser Gebiet( Torgau- Wittenberg) wimmelt jetzt von Erntehelfern. Sie sind in solcher Menge eingetroffen, dass sich die Bauern ihrer kaum erwehren können. Das Reiter- Regiment 10 in Torgau stellt ihnen sogar Pferde und Wagen zur Verfügung. Die Soldaten- Kutscher versuchen, für ihre Pferde heimlich etwas Hafer zu erlangen. Sie behaupten, den Pferden seien in letzter Zeit die Rationen sehr gekürzt worden. Die Helfer, die von den Arbeitsämtern vermittelt worden sind, erhalten neben Kost und Logis täglich 1,80 RM. Sie sind nicht freiwillig zur Erntearbeit gegangen, wenigstens das Gros nicht, sondern vom Arbeitsamt bei Androhung des Unterstützungsenzugs vermittelt worden. Den Helfern dürfen A-57pro Kopf 5 Kilo Roggen, 2 Kilo Weizen und 1 Kilo Hafer gegeben werden, wenn sie nachweisen, dass sie Familie oder Kleinvieh haben. Die Organisierung der Erntearbeiten ist mustergültig. Der Helferdienst setzt sich zusammen aus Abteilungen des Arbeitsdienstes, der HJ, des BdM und aus Militärabteilungen. In Korn ist eine Mittelernte zu erwarten, in Weizen eine gute Mittelernte, aber in Hafer eine schlechte. Insgesamt dürfte nach den Schätzungen der Gesamternteertrag um 15% niedriger sein als im Vorjahr. Die Getreidevorräte müssen total aufgebraucht sein, denn man lässt die Körner direkt vom Feld in die grossen Mühlen zu Krietzsch nach Wurzen und Hofmann nach Riesa fahren, die das Mehl sofort nach Leipzig, Merseburg und Dresden ausliefern müssen. Es werden neue Dreschmaschinen verwendet und das Stroh in den meisten Fällen gleich zu Häcksel geschnitten. Das ist eine Neuerung. Wahrscheinlich will man dadurch die häufigen Strohbrände verhüten. Die Bewachung der Erntefelder übt das NSKK aus. Ursprünglich war auch der Reitersturm dafür vorgesehen. Das liess sich aber nicht durchführen, weil er sich zumeist aus Bauernburschen zusammensetzt, die für die Erntearbeiten zu Hause gebraucht werden. Beim Helferdienst geht es zu wie zu Manöverzeiten, teils wird auf Stroh geschlafen, manchmal aber auch, wie im Biwak, im Freien. Den Helfern dürfen nur nach genauen Listen Ernteerträgnisse in ganz geringem Umfange gegeben werden. In den meisten Fällen gibt es nur 1 kg Korn. Kartoffeln können aber nach Belieben abgegeben werden. Zu den Erntearbeiten im Bezirk Gera ist ein zahlreiches Heer von Helfern herangezogen worden, bestehend aus freiwilligen Helfern aus dem Stadtkreis, die vom Arbeitsamt vermittelt wurden und Abteilungen des Arbeitsdienstes und der HJ. Dazu kommen die Landscharen der SS, die weniger Helfer als Ueberwacher sind, wie überhaupt alle diese Partei truppen Helfer- und Späherdienste zugleich verrichten. Den Bauernsöhnen, die im Vorjahr zu den Erntearbeiten Urlaub erhalten hatten, ist er diesmal in nur wenigen Fällen bewilligt worden. Die Ernte arbeiten werden im Hetztempo betrieben. Man begründete die Beschleunigung damit, dass im Bezirk Manöver der 1. Panzer- Division Mitte August stattfinden sollten und bis dahin die Felder geräumt ein müssten. Die Kornernte ist nicht besonders gut ausgefallen. Der Weizen ist etwas besser, als angenommen worden war, aber geringer als im Vorjahr. Die Flachsernte ist gut, aber die Haferernte ist schlecht. Das Getreide wird gleich auf den Feldern nachgetrocknet, da die zur Verwendung kommenden elektrischen Dreschmaschinen auch Trockenroste haben. Die Bauern sagen zwar, dass dadurch das Stroh etwas verliert, weil es schnell spalte. Dort, wo das Getreide lagert, sind ständige Wachen aus NS- Reiterstürmen postiert, weil es im Vorjahr eine Reihe von Bränden gegeben hatte. Das Getreide wird meist nach Erfurt und Halle abgeliefert. 5.000 Doppelzentner Korn A-58gehen aus dem Bezirk nach Falkenberg, wo ein neues Heeresdepot errichtet worden ist. Dorthin sind auch 12.000 Doppelzentner Hafer zu liefern. Zunächst müssen die grossen Güter liefern, die Erträgnisse der Klein- und Mittelbauern bleiben zunächst auf den Gütern bis zum Abruf. Erntehelfer, die früher in Russland waren, sagen, dass dieses Jahr alles den russischen Kollektiven nachgemacht. worden sei. Der einzige Unterschied sei, dass der Aufseher dort russisch und hier deutsch spricht. Die Reaktion auf diese Zwangsmassnahmen ist sehr verschieden. Manche sagen: Warum noch schimpfen, dass der Bolschewismus drohe, seine Wirtschaftsmethoden haben wir doch schon. Die Grossbauern schimpfen natürlich am meisten. Sie sagen: Hätten wir uns nicht die ganze Welt zum Feind gemacht, brauchten wir jetzt nicht alles so übers türzt und zu so niedrigen Preisen zu verkaufen.- Die" berufsständischen Landarbeiter" stehen aber in fast allen Fällen auf der Seite der Nazis, weil es ihnen gefällt, dass der Zwang, den bisher nur immer sie zu spüren bekamen, nun auch die alten Gutsherren erfasst. Im Gebiet von Schleusingen- Meiningen- Schmalkalden wurden mit der Erntehilfe teilweise sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Von den Arbeitsämtern sind alte Kämpfer vermittelt worden, die sonst nirgends untergebracht werden konnten. Diese zum Teil asozialen Elemente haben den Bauern manche Sorge und Un annehmlichkeit bereitet. In der Annahme, dass es den Arbeitsämtern vor allem darauf ankomme, diesen Landsknechten Einnahmen zu verschaffen, beschlossen die Bauern in einzelnen Orten, den Helfern nur den Lohn auszuzahlen und auf die Erntehilfe zu verzichten. Man hielt dieses Verfahren immer noch für billiger und erträglicher, als die " alten Kämpfer" auf den kleinen Anwesen wie die Herren schalten und walten zu lassen. Die Bauern hatten sich aber getäuscht, die SA- Leute waren mit dieser Regelung nicht einverstanden. Sie erhoben Protest bei ihren vorgesetzten Stel-. len und es sollte sogar zu einem SA- Aufmarsch, sozusagen zu einer Strafexpedition kommen. Unter solchen Umständen mussten sich die Bauern in das Unvermeidliche fügen. Bayern, 1.Bericht: Am schlimmsten wirkt sich die Marktregelung bei den Futtermitteln aus. So muss der Bauer z.B. für einen Zentner Roggenkleie 7,- RM, für rumänische Kleie, die gegenwärtig in kleineren Mengen erhältlich ist, sogar 7,50 RM pro Zentner entrichten, bekommt jedoch für seinen vollwertigen Roggen im günstigsten Falle nur 7,95 RM. Dieselbe Menge Kleie kostete 1932 bei einem Roggenpreis von 9 bis 10 RM höchstens 4,30 RM. Daher die Weigerung der Bauern, Vieh, besonders Schweine, zu füttern, das Bestreben, sich der Ablieferungspflicht zu entziehen und das eigene Getreide als Futtermittel zu verwenden. 2. Bericht: Im Rahmen der Erzeugungsschlacht mussten die Bauern je nach Grösse ihres Besitzes 1 bis 2 Tagewerke mit A-59Flachs, Hanf oder Maia bebauen. Die hierfür nötigen Sämereien erhielten sie im Frühjahr vom Kreisbauernamt und sollten im Herbst die Ernte dafür abliefern, hätten also die Arbeit umsonst leisten müssen. Viele Bauern ernteten deshalb diese Felder nicht ab und erklärten, dass sie unmöglich dazu Zeit fänden, dass die einzelnen Frachte eine längere Zeit zur Bearbeitung brauchten und sie die wenigen günstigen Tage für die eigene Ernte benötigten. Daraufhin wurde in einigen Gemeinden der Arbeitsdienst eingesetzt. Auf vielen Feldern kam diese Hilfe zu spät und ein Grossteil der Früchte verdarb. Die Futtermittelpreise sind jetzt so hoch, dass sich das Mästen für viele Bauern nicht mehr rentiert, weil sie das Fleisch im Laden billiger kaufen, als es ihnen selber zu stehen kommt. Ein mittlerer Bauer in F. hat genaue Aufzeichnungen über die verfütterten Quantitäten an Mastfutter gemacht und kam zu dem Ergebnis, dass ihm das Pfund totes. Gewicht auf 80 Pfg. zu stehen kommt. 3. Bericht: In der oberbayerischen Bauernschaft werden kritische Stimmen laut gegen die neuen Bestimmungen zur Getreidekontingentierung. Die Klein- und Mittelbauern, die hauptsächlich Vieh- und Ackerwirtschaft betreiben, und deren Getreideanbau vielfach von untergeordneter Bedeutung ist, waren schon im Vorjahr unwillig über die zusätzlichen Ablieferungen an Brotgetreide. Auf Grund der neuen Bestimmungen unterliegen nun auch Gerste, Hafer und Gemenge dem Ablieferungszwang. Für jeden Bauern wird von der zuständigen Kreisbauernschaft auf Grund der vorher von jedem Betrieb eingeforderten Selbsteinschätzung ein Getreidekontingent festgesetzt, das genau die Mengen an Getreide angibt, die er im Laufe des Jahres abzuliefern hat. Die Bauern zerbrechen sich den Kopf, wie hoch sie die Selbsteinschätzung ansetzen können, ohne in Verdacht zu kommen, die Bestimmungen des Reichsnährstandes zu sabotieren. 4. Bericht: Die Ortsbauernführer erhielten eine Zuschrift, dass die Bayerische Futtermittelstelle von der Reichsstelle Futtermittel wie Oelkuchen, Kleie und Zuckerschnitzel freigestellt bekommt, die nur auf Anweisung des Kreisbauernführers an die Verbraucher abgegeben werden. Bezugsberechtigt seien nur solche Betriebe, die vor dem Einsetzen der Tauschaktion Brotgetreide über ihr Kontingent abgeliefert haben oder Betriebe, die im Verhältnis zu ihrer Gesamterzeugung in der Kontingents erfüllung vorbildlich waren. Die Auswahl dieser Bezugsberechtigten würde vom Ortsbauernführer vorgeschlagen und vom Kreisbauernführer entschieden. Bei der bekannten Freunderlwirtschaft im Reichsnährstand kann man sich ein Bild machen, wie diese Futtermittelaktion durchgeführt werden wird. Die Bauern klagen viel über die Bevorzugung der Parteigenossen auf dem Lande. Wer mit dem Orts- und Kreisbauernführer gut steht, geniesst alle möglichen Erleichterungen und Begünstigungen.. A-60Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Getreideernte ist zwar der Beschaffenheit nach gut, der Menge nach aber schlechter. ausgefallen als im vorigen Jahr. Die Wiesen sind infolge der Trockenheit ganz ausgedörrt. Schon jetzt kündigt sich deshalb ein ausserordentlicher Futtermittelmangel an, der durch das Verbot der Verfütterung von Brotgetreide noch verschärft werden wird. Die Behörden erlassen jetzt an die Landwirte Aufrufe zur frühzeitigen Bestellung der Wintersaat. Das scheitert aber an dem völlig ausgetrockneten Boden und Fachleute sagen voraus, dass auch die Wintersaat, also ein wichtiger Teil der nächst jährigen Ernte, von der Trockenheit dieses Sommers in Mitleidenschaft gezogen würde. Mangel an Futtermitteln ist übrigens nicht erst als Folge der schlechten Futterernte aufgetreten. Schon das ganze Jahr hindurch fehlte es an Futtermitteln, besonders für die Kleintier- und Geflügelzucht. Das von den landwirtschaftlichen Genossenschaften und den Händlern gelieferte Futter ist teuer. und so schlecht, dass es die Tiere einfach liegen lassen. Zahlreiche Geflügelfarmen und kleinere Züchtereien sind im Laufe der letzten Monate aufgegeben worden, weil die Tiere nicht mehr ausreichend ernährt werden können und weil andererseits z. B. das Eierablieferungssoll so hoch angesetzt ist, dass die Züchter dauernd Scherereien haben. 2.Bericht: Bis jetzt war es immer noch leicht, Vorräte zu verstecken und im Schleichhandel vorteilhaft zu verkaufen. Die Mehrzahl der Bauern hat jetzt erkannt, dass das jetzt schwieriger geworden ist. Die Leute haben zu schlechte Erfahrungen gemacht, als dass sie den Versprechungen Görings Glauben schenken könnten, der ihnen die Lieferung anderer Futtermittel als Ersatz für die Mehrablieferung in Aussicht gestellt hat. Im vertrauten Kreise unterhält man sich über die Mittel, auch die neuen Bestimmungen zu umgehen. Da die Leiter der Sammelstellen und die Kontrolleure vielfach Fremde sind, fühlen sich die Bauern nicht mehr so unter sich wie früher. Sie hoffen aber doch, unter Ausnutzung ihrer Solidarität den Machthabern ein Schnippchen schlagen zu können. Man hört heute oft den Ausspruch:" Wir würden viel darum geben, wenn wir wieder die früheren Zustände hätten." Tatsächlich ist die Mehrzahl der Bauern wesentlich ärmer geworden. Die Ablieferungspflicht hat ihnen einen schweren Schlag versetzt. 3. Bericht: Die Stimmung unter den Bauern, insbesondere unter den ganz kleinen, ist ausserordentlich schlecht. Die Kontrolle über das Dreschergebnis der Getreideernte ist unheimlich scharf, besonders in den Orten, wo der Bauernführer einen grösseren Hof hat. Die Grossbauern und die mittleren Betriebe werden lange nicht so scharf kontrolliert. Ueberall versuchen die Bauern, Mittel und Wege zu finden, sich mehr Getreide zu sichern, als ihnen die Verordnung belässt. A- 61Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die diesjährige Getreideern- te am Niederrhein hat nur etwas mehr als die Hälfte der vorjährigen erbracht. Einer der tüchtigsten Bauern aus dem Kreis Neuss- Grevenbroich erklärte, dass er nur 5 1/2 Doppelzentner Roggen pro Morgen geerntet habe, die meisten Bauern sogar nur 4 1/2 DZ. Im vorigen Jahre seien es 8 bis 10 DZ gewesen. Sie sollten aber 5 1/2 DZ an die Reichsgetreidestelle abliefern. Man solle ihnen das mal vormachen. Die Weizenernte sei noch schlechter ausgefallen. Den Bauern würde ohne Rücksicht auf seine Lage der Preis für das Korn diktiert. Er behalte nichts für sich und könne auch keinen Ausgleich durch Verfütterung herbeiführen. Aus einer anderen Gegend des Niederrheins wird berichtet, dass die Ernte um etwa 25% geringer sei als im vergangenen Jahr. Bei vorschriftsmässiger Ablieferung des Getreides würde kein Bauer ein Schwein mästen können. Die Bauern geben überall ihr Getreide nur zögernd heraus. Oft muss mit Gewalt vorgegangen werden. Besonders Gerste wird zur Verfütterung zurückbehalten. Obwohl die neue Ernte schon zum grossen Teil gedroschen ist, ist die Nachfrage nach Hafer gross. Jeder hält soviel Hafer zurück, wie er kann. Es wird sogenanntes Pferdemischfutter angeboten, d.h. ein Gemisch aus Hafer, Mais und anderen Futtergetreidearten, das nicht so gut wie das frühere ist und den Tieren auf die Dauer nicht bekommt. 2.Bericht: Die Frage, wie man bei dem starken Futtermittelmangel das Vieh durchhalten soll, ist zur Zeit die dringendste. Vor allem gibt es nicht genügend Futter für die Schweine. Ueberall werden Schweine geschlachtet, weil das Mastfutter fehlt. Das aber bedeutet, dass der Bauer auf seinen eigentlichen Verdienst verzichten muss. Denn gerade die Mastviehzucht bringt ihm im Westen das Geld, das er für Neuanschaffungen braucht. Nun soll das Getreide fast restlos abgeliefert werden. Der Bauer ist ratlos, denn seine ganzen Dispositionen werden über den Haufen geworfen. Jetzt soll er statt Roggen Kartoffeln, Oelsaaten, Mais, Zwischenfutter und Rübenschnitzel verwenden. Bis auf die Rübenschnitzel ist aber auch dieses Futter nicht immer vorhanden. Schon jetzt spricht man davon, niemand könne damit rechnen, für einen Zentner Brotgetreide auch sofort einen Zentner Futtermais oder ausländische Gerste zu bekommen. Die Zufuhr ausländischer Futtermittel sei eben erheblich von der Devisenlage abhängig. 3. Bericht: Auf der Marktordnungstagung der Kreisbauernschaften in Moers wurde die Getreidekontingentierung besprochen. Die Bauern sagten, sie könnten nicht mehr Getreide abliefern. Denn auf der einen Seite verlangt man von ihnen Schweine, auf der anderen Seite sollen sie ihr Getreide abgeben. Wenn das Getreide verlangt würde, so meinten sogar die Kreisbauernführer, dann müsse mindestens geeignetes Futter zur Verfügung gestellt werden. Es müsse aber gutes Futter sein. A- 62Das sogenannte Mischfutter sei von ausgesucht schlechtester Qualität gewesen. Die Landwirte mit Pferdehaltung beschwerten sich lebhaft über die Minderwertigkeit des Mischfutters. Dieses Mischfutter könne den Hafer nicht ersetzen. Wasserkante: Der Landesbauernführer von Schleswig- Holstein verlangt in einer Verordnung von den Zwergbauern, dass sie weniger Gemüse, dafür aber, wie die grösseren Bauern, mehr Brotgetreide anbauen. Insbesondere ist streng verboten, die Anbaufläche für Gemüse auszudehnen." Gemüse muss von jenen Ländern gekauft werden, mit denen Deutschland in Handelsverkehr steht, und es ist menschlichem Ermessen nach unmöglich, die Einfuhr von Gemüse aus dem Ausland abzudrosseln." Wer rosskulturen für Gemüse oder Arzne ipflanzen anlegen will, muss um Genehmigung nachsuchen. Auch eine Verschiebung des Anbaus ist genehmigungspflichtig. Wer z.B. 1934 1 Hektar Winterweisskohl und 1 Hektar Winterrotkohl angebaut hat, darf nicht ohne besondere Genehmigung stattdessen 2 Hektar Weisskohl anbauen. Die Kleinbauern flu hen, dass sie auf ihrem Boden nicht bauen können, was ihnen am meisten einträgt. 4) Bestrafung von Verstössen gegen Zwangswirtschaftsvorschriften Manches, was die nationalsozialistische Agrarpolitik unternimmt, könnte vernünftig erscheinen und guten Erfolg versprechen, wenn es zustande käme unter freier Mitwirkung der Landwirte, als Aufgabe genossenschaftlicher oder staatlicher Selbstverwaltung. Die nationalsozialistische Agrarpolitik aber ist ein bürokratisches Zwangssystem, ein Stück Wirtschaftsdiktatur, die zwar auf die Mittel der Werbung und Propaganda nicht verzichtet, im wesentlichen aber doch nur auf Befehl und Gehorsam aufgebaut ist. Ein solches System muss Widerstand hervorrufen und um ihn zu brechen, bedarf es einer umfassenden Strafgewalt. Der Reichsnährstand war denn auch von Anfang an mit einer solchen Strafgewalt ausgestattet. Je mehr die Zwangswirtschaft verschärft werden musste, umso schärfer wurden auch die Strafen. Heute reicht das Strafsystem der nationalsozialistischen Agrarpolitik von den Ordnungsstrafen der Marktordnungsverbände bis zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Darüber hinaus droht allen widerspenstigen Bauern das Konzentrationslager. A-63" Vor der Strafkammer in Hirschberg stand eine Erbhofbäuerin aus Lauterseiffen( Kreis Löwenberg) wegen Uebertretung der Milchmarktregelung. Das Amtsgericht hatte die Angeklagte, da sie offensichtlich die Anordnungen des Reichsnährstandes sabotiert hatte-obwohl sie 9 Kühe im Stall hatte, lieferte sie nur wenige Liter Milch ab- zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt. Gegen dieses Urteil legte die Angeklagte Berufung ein... Das Gericht kam aber nach eingehender Beweisaufnahme zu der Ueberzeugung, dass offensichtliche Sabotage vorliege, und erhöhte das Strafmass der Vorinstanz von 30 auf loo Mark Geldstrafe. Der Vorsitzende führte in der Begründung des Urteils aus, dass die Vorschriften der Milchablieferung zwingend seien und dass künftige Uebertretungen nicht mehr mit Geldstrafe, sondern mit Gefängnis geahndet werden müssten." " In Wethau bei Weissenfels wurde ein Landwirt wegen Sabotage am nationalsozialistischen Aufbauwerk in Schutzhaft genommen. Er habe die Anordnungen der Landes bauernschaft nicht befolgt, seine Pflicht als Landwirt stark vernachlässigt, insbesondere bei der Einbringung der Ernte die erforderliche Sorgfalt nicht beobachtet und viel Getreide auf dem Felde verderben lassen." " Wegen Sabotage des Vierjahresplans wurde Otto SchmeisserKirschkau dem Gerichtsgefängnis Schleiz zugeführt. Schmeisser hatte, wie die Kreisbauernschaft mitteilt, sein Gut, einen der schönsten Erbhöfe im Kreise Schleiz vollständig vernachlässigt." " Durch Beschluss des Amtsgerichts Leutkirch... wurde der 58jährigen, verwitweten Erbhofbäuerin Barbara Miller in Baniswald, Kreis Leutkirch, zur Bestreitung der Kosten für die Eintragung ihres Erbhofes beim Reichserbhof gericht das Milchgeld gepfändet. Seit dieser Zeit hat sie die Ablieferung der Milch von täglich ca. 40 Litern verweigert und sich geäussert, dass sie sie lieber in die Güllengrube giesse als abliefere. Die Miller hat sich ausserdem dadurch als Gegnerin des heutigen Staates gezeigt, dass sie bewusst die Erzeugungsschlacht sabotiert hat. Das 150 Morgen grosse landwirtschaftliche Anwesen wird von ihr miserabel bewirtschaftet. Sie selbst betätigt sich überhaupt nicht an den landwirtschaftlichen Arbeiten und brachte es ausserdem fertig, ihren Sohn, der zur Bewirtschaftung des Hofes in der Lage wäre, davon abzuhalten, so dass durch die von ihr veranlasste Misswirtschaft ein schwerer volkswirtschaftlicher Schaden verursacht wurde. Die Miller wurde in Schutzhaft genommen." " Die Ostpreussische Staatspolizei hat im Einvernehmen mit der Landesbauernschaft Ostpreussen drei Erbhofbauern im Kreise Heilsberg in Schutzhaft genommen. Es wird den drei Bauern vorgeworfen, dass sie trotz wiederholter Warnungen und A-64Strafandrohungen der Milchablieferungspflicht nicht nachgekommen seien. Sie hatten entweder die Milch an Schweine verfüttert oder zu Butter verarbeitet, die dann zu teurem Preis im Schleichhandel veräussert wurde." Als ein Beispiel für die Ordnungsstrafgewalt der nährständischen Wirtschaftsverbände bringen wir auf Seite A 65 die Originalkopie einer Strafverfügung des Kartoffelwirtschaftsverbandes Rheinland( ein Teil des Originals kann wegen Beschädigung bei der Uebermittlung nur in Abschrift wiedergegeben werden). Das Regime schreckt auch nicht davor zurück, die Bauern durch Lockspitzel zu Verstössen gegen die amtlichen Bestimmungen zu provozieren. Offenbar braucht man abschreckende Beispiele, weil in dem Masse, wie die Ablieferungspflicht ausgedehnt wird, die Verlockung, sie zu umgehen, sich verstärkt. Sachsen: Bei den Landwirten im Kreise X. wurden vor einiger Zeit grosse Razzien durchgeführt. Es besteht der Verdacht, dass heimlich Getreide als Hühnerfutter verkauft worden ist. Einige Tage vorher wurden in die einzelnen Geh öfte und Orte zur gleichen Zeit Lockspitzel eingesetzt, die bei den Bauern um Futter für ihre Hühner bettelten. Diese Lockspitzel verfügten über gute Kenntnisse der Hühnerzucht und versuchten dadurch Vertrauen zu erwecken. Liess sich ein Bauer erweichen, so ging der Spitzel mit dem Futter zum nächst en Bauern. Dort zeigte er das Futter vor und gab an, dass der und der ihm auch etwas abgelassen habe. Auf diese Weise liessen sich eine ganze Anzahl Bauern einfangen. Zwei Tage später kam die Razzia der SS- Polizei, durchsuchte die Gehöfte, in denen die Spitzel Erfolg gehabt hatten, nach versteckten Futtermitteln. Die Folge war ein Strafbefehl in Höhe von loo,- RM. Als Beweismittel diente der Aufkäufer, der sich als Lockspitzel der SS entpuppte. und zu diesem Zweck mit Fachwissen über Hühnerzucht ausgestattet worden war Wie raffiniert die Spitzel vorgingen, dafür nur ein Beispiel: Bei einem Bauern sprach einer der Lockspitzel vor und klagte, dass doch dieser Mist von Ersatzfutter das grösste Gift für die Hühner wäre, die schliesslich das Eierlegen ganz einstellen würden. Der Bauer antwortete:" Wie lange wird es dauern und wir müssen den Ersatz selber fressen." Auch da hatte er die Zustimmung des SS- Mannes. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Ablieferungspflicht und der geringe Verdienst verleiten immer wieder die Bauern in einem nie gekannten Umfang, sich durch Rahmentnahme oder Verwässerung der Milch s chadlos zu halten. In Dahn standen jetzt wieder 7 Bauern vor dem Schöffengericht, die von 30,-RM Geldstrafe bis zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Alle bestritten ihre Schuld und wurden auf Grund der Untersuchungs A-65Kartoffelwirtschaftsverband Rheinland Bonn, Roblenzerstraße 141 Doftonichrift forteffimirthaftsorbent Rheinions Bonn, Robienerfaße 37 Basb- flanten: Bank Ex Lombuurtschaft. Köln Dolach- fonts- Koln 711 87 Einschreiben. Seldhaftszeichen Be Antwort unbedingt angeband Jhce nedicit som Tag Jr Zeichen Betrift Um baben Sie in gegen die Anordnungen des Kartoffelwirtschaftsverbandes Rheinland verftogen. 1. tosil Gie den Erzenger- Schlußicbein nicht ipáteitens bei Übernahme der Eveisekartoffel übergaben: übernahmen; 2 weil Sie nicht im Beige eines ibrutiiden Herkunftsnacweties der Speisekartoffeln er. 3 wei Sie die feftgefegten Preise nicht eingebalten baben: $. Der Verftos wurde feftgeftellt durch: Der Verstoss wurde festgestellt durch: Auf Grund des§ 9.Abs.3 der Satzung der Kartoffelwirtschaftsverbände bezw. des 7.Abs. 3/16 und des§ 8 Abs.2 der Satzung der Hauptvereinigung der deutschen Kartoffelwirtschaft( Verkündungsblatt des Reichsnährstandes 1935, S. 252 u.254) nehme ich Sie in eine Ordnungsstrafe von RM Ich ersuche Sie, diesen Betrag bis zum auf mein Postscheckkonto 9.Ziffer 4. Köln Nr. 71187 unter Angabe des oben angeführten Geschäftszeichens einzuzahlen. Sollte der Betrag nicht fristgemäss eingehen, so erfolgt ohne weitere Anmahnung die kostenpflichtige Beitreibung durch das Finanzamt. Wegen der gegen Sie verhängten Ordnungsstrafe können Sie gemäss der Satzung der Kartoffelwirtschaftsverbände vom 9.5. 1935( RNVbl.1935.S 251) mit 11 der Verordnung über die Bildung von Schiedsgerichten für die landwirtschaftliche Marktregelung vom 26.2.35( RGB1.I.S.293) innerhalb eines Monats, vom Tage der Zustellung der angefochtenen Massnahme ab gerechnet, .das Schiedsgericht des Kartoffelwirtschaftsverbandes Rheinland, Bonn, Koblenzerstrasse 141. anrufen. Der Vorsitzende des Kartoffelwirtschaftsverbandes Rheinland 1.V. A-66ergebnisse der chemischen Kreisuntersuchungsanstalt in Speyer verurteilt. 2. Bericht: Der Ian desbauernführer hat erneut bekanntgegeben, dass er mehrere Bauern mit 100,-RM bestrafen musste, weil sie sich fortgesetzt und beharrlich weigern, sich der Milchpflichtleistungskontrolle zu unterwerfen. Vor dem Schöffengericht Landau wurde die Landwirtsfrau Elise Hochdörfer aus Nussdorf zu 5 Monaten Gefängnis und 900, RM Geldstrafe verurteilt, weil sie der Milch 69% Wasser zugesetzt hatte. 5) Das Erbhofwesen Das Erbhofgesetz hat eine völlige Umwälzung der landwirtschaftlichen Besitz-, Kredit- und Schuld verhältnisse herbeigeführt." Der Erbhof ist grundsätzlich unveräusserlich und unbelastbar." Das bedeutet, dass er weder im Erbgang aufgeteilt, noch mit Hypotheken belastet werden darf. Der Hof kann nur ungeteilt und nur einem Erben, dem Anerben vererbt werden. Der Anerbe ist in der Regel der älteste Sohn. Seine jüngeren Geschwister haben das Nachsehen. Sie können weder durch Eintragung von Hypotheken, die das Erbhofgesetz verbietet, abgefunden werden, noch durch Uebertragung von Grundstücken oder Gebäuden. Auch Bargeld steht dafür nur selten zur Verfügung, denn daran fehlt es dem Bauern häufig am meisten. Die ungleichartige Behandlung der Abkömmlunge der Bauern trägt Sorge und Streit in die bäuerliche Familie. Verhängnisvoller noch ist, dass das Verbot des Realkredits für Erbhöfe über den Bauern eine Kreditsperre verhängt, denn es beraubt seine Kreditgeber der wirksamsten Art der Kreditsicherung. Daher schrecken Banken und Lieferanten vielfach vor Kreditgeschäften mit Erbhofbauern zurück. Da der Kredit ohne dingliche Sicherheit meist nicht zu bekommen ist, ist es vielfach üblich geworden, dass der Bauer, weil er seinen Hof nicht verpfänden darf, seine Früchte verpfändet, oft noch bevor sie geerntet sind. Das steigert die Gefahr der Ueberschuldung, von der gerade das Erbhofgesetz den Bauern befreien sollte.( Das A- 67Gesetz lässt ausdrücklich die Verpfändung von Feldfrüchten für Düngemittellieferungen und Saatgutkredite zu. Neuerdings ist verfügt worden, dass die Pfändung aufgehoben werden kann, soweit der Erlös der Feldfrüchte zum Unterhalt der Familie und für die Wirtschaftsführung notwendig ist. Mit dieser Einschränkung der Pfändungsmöglichkeit wird die Kreditfähigkeit des Bauern umsomehr herabgesetzt, je kleiner sein Hof ist.) Kann ein Bauer seinen Schuldverpflichtungen nicht nachkommen oder erweist er sich sonst als unwürdig, Erbhofbauer zu sein, dann kann er, wie die amtliche Bezeichnung heisst," abgemeiert" werden. Das bedeutet, dass die Bewirtschaftung seines Hofes einem anderen übertragen wird und er jede Verfügungsgewalt darüber verliert. Die Abmeierung vollzieht sich oft unter Anwendung rücksichtsloser Härte, besonders dann, wenn die wirtschaftliche Begründung nur Vorwand ist, hinter der sich politische oder persönliche Motive verstecken. Dass das häufig der Fall erfolgt ist, zeigen die folgenden Berichte. Die Abmeierung auf Veranlassung des Ortsbauernführers usw., praktisch also entscheidet darüber die nationalsozialistische Bonzokratie. Um die Kreditversorgung der Erbhöfe zu erleichtern, ist neuerdings verordnet worden, dass an die Stelle der Abmeierung die Einsetzung eines Vertrauensmannes zur Ueberwachung oder eines Treuhänders zur Führung der Wirtschaft treten kann. Die Verordnung hat den Zweck, einen Wechsel des Eigentümers zu vermeiden dadurch, dass er nur zeitweilig seine Geschäftsführung unter Aufsicht stellen lassen oder einem anderen überlassen muss. Der Kreditgeber braucht dann weniger zu befürchten, dass der Erbhofbauer durch Verlust seines Eigentums zahlungsunfähig wird. Vielfach können landwirtschaftliche Betriebe nicht zu Erbhöfen gemacht werden, weil sie zu hoch verschuldet sind. In solchen Fällen setzt das Entschuldungsverfahren ein. Dieses Verfahren ist ein Zwangsvergleich auf Kosten der Gläubiger, die auf einen mehr oder minder grossen Teil ihrer Forderung verzichten müssen. Meistens sind die Betroffenen die jüngeren Geschwister des Erbhofbauern, die bei der Erbteilung durch Ein A-68tragung einer Hypothek auf den Bauernhof abgefunden worden sind. Dieses System der zwangsweisen Entschuldung, das auf die Rechte der Gläubiger keine Rücksicht nimmt, nützt zwar dem entschuldeten Bauern, schädigt aber die bäuerliche Kreditfähigkeit in ähnlicher Weise wie das Erbhofgesetz. Schlesien: Die Bauern erhofften vom Erbhofgesetz die Sicherung ihres Besitzes, merken aber jetzt, dass sie nicht mehr Herren auf ihrer Scholle sind. Der Bauer ist nicht mehr der wirkliche Eigentümer mit freiem Verfügungsrecht über sein Eigentum, er fühlt sich nur noch als Verwalter des Gutes, der vom Staate jederzeit aus tatsächlichen oder vorgeschobenen Gründen abgemeiert werden kann. " Abmeiern" droht bei nachlässiger Bewirtschaftung des Hofes, ungenügender Bestellung und unzureichendem Ertrag. Bei der Abmeierung wird die Wirtschaft dem Besitzer entzogen und von Staatswegen einem anderen Bauern-der natürlich Pg istübertragen. Dieser ist nunmehr Herr auf dem Hofe! Der frühere Eigentümer bekommt den sogenannten Auszug, muss jedoch mit am Tische des vom Staate ernannten Besitzers essen. Sind Kinder des Erbhofbauern vorhanden, so versucht man die Wirtschaft dem Anerben zu erhalten. Der Ortsbauernführer, Gemeinderat und Kreisbauernführer -alles Parteifunktionäre- fördern in gemeinsamer Arbeit die Begründung für das Abmeiern zutage und stellen einen entsprechenden Antrag beim zuständigen Anerbengericht. Dessen Beschluss über die erfolgte Abmeierung lautet:" Der Bauer.. ist nicht mehr würdig, deutscher Bauer zu sein. Zur Sicherstellung der Volksernährung und Wahrung des Volksvermögens wird ihm die Bauernfähigkeit abgesprochen." Zwei solche Fälle aus der letzten Zeit: 1.Fall: Die Wirtschaft ist 130 Morgen gross, in bester Weizen- und Rüben- Gegend. Dem Besitzer wurde durch Beschluss des Anerbengerichts das Eigentumsrecht an der Wirtschaft entzogen. Es soll jedoch einem minderjährigem Sohn erhalten bleiben. Auf Anordnung des Anerbengerichts wurde das gesamte tote und lebende Inventar freihändig verkauft und der Erlös angeblich zur Bezahlung von Schulden verwendet; die 130 Morgen Land wurden pachtweise an die Dorfbauern vergeben. Dem Abgemeierten wurde im Urteil aufgegeben, sein Wohnhaus zu räumen und das Auszugsgebäude zu beziehen. Als Treuhänder für den Hof bestellte das Anerbengericht einen Rechtsanwalt aus der Umgegend. Der Ertrag der Wirtschaft( Pacht usw.) dient zur Bezahlung der Anwälte, der Steuern und Zinsen, der Rest soll dem Sohne verbleiben. Nach der Meinung von Kennern der Verhältnisse wird der Sohn unter diesen Umständen nie in die Lage kommen, die Wirtschaft zu übernehmen, weil ihm auf diese Weise nichts verbleibt und er nie 15- 18.000 RM zur Beschaffung des er A-69forderlichen toten und lebenden Inventars aus eigener Kraft aufbringen kann. Die Dorfbewohner betrachten die zwischen dem Abgemeierten und dem Ortsbauernführer bestehende persönliche Feindschaft und dessen ablehnende Haltung gegenüber der NSDAP als den wahren Grund der Abmeierung. 2.Fall: 150 Morgen bester Weizen- und Rübenboden. M. ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er gilt in der Gemeinde als solider, nüchterner und zuverlässiger Mensch, ist arbeitsam und hat keine Schulden. Die Abmeierung wurde beantragt," weil er nicht das Höchstmass an Erträgen aus der Wirtschaft herausholt". Seine Freunde nehmen an, dass er abgemeiert wird, weil er den wiederholten Aufforderungen des Ortsbauernführers, der NSDAP beizutreten, nicht Folge geleistet hat. Der im Abmeierungsantrag vorgeschobene Grund," der Bauer nütze seinen Grund und Boden nicht genügend aus", ist nur ein Vorwand, der dadurch widerlegt wird, dass die Wirtschaft schuldenfrei ist.. Zu dieser Unsicherheit in der Besitzfrage tritt die nicht minder grosse Sorge um die Versorgung der Kinder. Ihre Verheiratung ist sehr erschwert. Die Eltern verfügen in den meisten Fällen nicht über Barmittel zur Beschaffung der Aussteuer und die hypothekarische Belastung der Wirtschaft zu diesem Zweck verbietet das Erbhofgesetz. Selbst wenn der Bauer genügend bare Mittel hätte, wäre ihm die käufliche Erwerbung eines Bauernhofes-und Erbhof ist neuerdings schon ein Besitz von 13 Morgen an- unmöglich, weil Erbhöfe unverkäuflich sind. Die Kinder werden so zur Abwanderung gezwungen und müssen in den Städten ihr Fortkommen suchen. Die Sorge um die Zukunft der Kinder lastet auf den Bauern viel schwerer als je zuvor. Nicht minder drückend empfinden die Erbhofbauern die Kredi tunwürdigkeit, in die sie das Erbhofgesetz gebracht hat. Kein Händler liefert dem Bauern Düngemittel, Kohle, Saatgut usw. auf Kredit, wenn dieser nicht durch Abtretung aus dem Ernteertrag, z. B. der Rübengelder, sichergestellt wird. So entäusserte Vermögensteile fallen beim Entschuldungsverfahren nicht dem Zwangsvergleich zum Opfer. Diese Abtretungen von Ernteerträgen stellen keine Einzelfälle dar. Kein Bauer erhält Düngemittel usw., ohne vorher die Rübengelder der Lieferfirma abgetreten zu haben. Diese " Dokumente" liegen stossweise in den Schränken der Händler. In einem mir bekannten Fall erfolgte die Abtretung der Rübengelder zu einer Zeit, als die Rüben noch nicht gepflanzt waren. Zwei Dokumente über solche Abtretungen liegen im Original vor. In dem einen bescheinigt der Bauer einer Firma die Abtretung seiner Rübenernte von 1937, das andere ist ein Schreiben an eine Zuckerfabrik, die von dieser Zession in Kenntnis gesetzt und angewiesen wird, die Zahlungen an die betreffende Firma zu leisten. A-70Die Banken verweigern jede Annahme eines Bauernwechsels, der das Giro eines Erbhofbauern trägt, mit der Begründung: " Sie können ja morgen in die Entschuldung gehen." Die Wechsel der Erbhofbauern werden von den Lieferfirmen nur in Depot genommen und am Verfalltage präsentiert. Sie können nicht diskontiert, also nicht in Zahlung gegeben werden. Die Furcht vor Verlusten bei einer eventuellen Entschuldung der Bauern ist zu gross. Eine Zwangsvollstreckung verbietet das Erbhofgesetz. Daher die Kreditunwürdigkeit der Erbhofbauern, die Furcht der Banken und anderer Kredit- Institute vor Geschäften mit Erbhofbauern, das Bestreben der Handelsfirmen, angelaufene Forderungen mittels Abtretung zu sichern. Daran ändert auch nichts das System des Entschuldungsverfahrens. Ist der Erbhofbauer gezwungen, das Entschuldungsverfahren zu beantragen, dann bleiben alle Forderungen des Staates an den Besitzer der Wirtschaft in voller Höhe bestehen. Die mit der Entschuldung verbundenen Verluste müssen vom gewerblichen Mittelstand, den Lieferanten und Hypothekengläubigern ( Mündeln, Rentnern und Sparern) getragen werden. Sachsen, 1.Bericht: In X. wurde einem waschechten Nazi praktisch gezeigt, was Volksgemeinschaft ist. Ein Erbhofbauer wurde dort abgemeiert, weil er nicht fähig sein soll, das Gut zu bewirtschaften. Es handelt sich um einen Bauern, der vor dem Umsturz in der ganzen Umgebung als Redner für die NSDAP geworben hatte. 2.Bericht: Die Entschuldung von Erbhöfen nimmt in der Regel folgenden Verlauf: Der Erbhofbauer beantragt die Eröffnung des Entschuldungsverfahrens. Die staatliche Entschuldungsstelle ist zur Uebernahme sämtlicher Hypotheken bereit, aber nur zu höchstens 50%. Der Erbhof wird mit dieser Reichshypothek belastet, und die bisherigen Hypothekenbesitzer, die meistens die Geschwister sind, büssen 50% ein. Es wird solange verhandelt, bis auf diese Weise der Erbhofbauer die Hälfte seiner Schulden losgeworden ist. Das ist die ganze Entschuldungsweisheit. Bayern: Besonders stark ist die Unzufriedenheit unter den Erbhofbauern und vor allem unter ihren Söhnen. Meist hat der Bauer eine grosse Familie, 4 bis 5 Söhne sind nicht selten. Was soll aber aus ihnen werden? Der älteste bekommt den Hof; einem von den anderen Söhnen gelingt es nur ganz selten, in einen anderen Hof einzuheiraten. Die Söhne sitzen herum, fast keiner bringt eine Frau heim und der Alte sträubt sich, den Hof an den ältesten Sohn abzutreten, denn dann ist der Krach mit den anderen Söhnen da. So kommt es, dass auch die ältesten Söhne mit 30 und mehr Jahren noch immer nicht den Hof übernehmen können, obwohl sie längst dazu fähig wären und es zumeist auch im Interesse des Hofes selber läge, wenn eine jüngere Kraft mit neueren Vorstellungen von der Landwirtschaft die Zügel in die Hand nehmen würde. Geht einer der Söhne ab, dann wird der Einheitswert des Erbhofes geschätzt, A-71und da er meist ausserordentlich niedrig angenommen wird, erhalten die zweiten, dritten und folgenden Söhne nur einen ganz geringfügigen Betrag, der sie nur noch neidischer auf ihren ältesten Bruder werden lässt. In einem Fall wurde z.B. ein Erbhof mit 30.000,- Mark geschätzt, obwohl zu dem Hof neben den Grundstücken, dem Viehbestand und dem grossen Ackerland auch noch ein Wald gehört, der allein schon loo ha umfasst. Südwestdeutschland: Ein Beispiel für die praktische Auswirkung des Erbhofgesetzes: Auf einem Erbhof ist der Bauer plötzlich gestorben. Die Witwe hatte bei der Verteilung nichts drein zu reden. Sie hat vier Töchter und einen Sohn. Der Erbhof fiel selbstverständlich an den Sohn. Aber natürlich haben auch die Mädchen von frühester Jugend an mitgeschafft. Sie aber sind bei der Erbteilung fast leer ausgegangen. 6) Staatliche Leistungs- Förderung Die nationalsozialistische Agrarpolitik macht grosse Anstrengungen, um das Defizit der Nahrungsmittelversorgung durch Leistungssteigerung auszugleichen. So hat z.B. Göring in seiner Rede vor den deutschen Bauernführern die Bereitstellung von 40 Millionen RM von" Betriebsaufbaudarlehen" angekündigt, die " an solche schwache bäuerlichen und landwirtschaftlichen Betriebe, die auf dem normalen Kreditwege derartige Mittel nicht erlangen können", gegeben werden sollen. Die Darlehen sollen zum Ankauf lebenden und toten Inventars verwendet werden. Sie sind mittelfristig und dürfen nicht zur Beschaffung von Betriebsmitteln verwendet werden, für die kurzfristiger Kredit üblich ist, also für Düngemittel, Saatgut usw. Ausserdem hat Darré aus Mitteln des Reichshaushalts dem Rei chan ähr stand zur Förderung des landwirtschaftlichen Maschinenwesens" namhafte" Beträge zur Verfügung gestellt. Damit sollen den Landwirten Beihilfen zum Ankauf von Saatgutreinigungsanlagen, Dreschmaschinen, sonstigen arbeitsparenden Maschinen und Bodenverbesserungsgeräten gewährt werden. Selbst wenn eine sachliche Verteilung dieser Mittel gesichert wäre-wie sie von der Parteibürokratie des Reichsn ährstandes nicht erwartet werden kann- bliebe die Frage offen, ob gerade A-72die kleinen Landwirte von diesen Aktionen Nutzen hätten. Denn bei der Verteilung dieser und ähnlicher Mittel handelt es sich immer nur um Zuschüsse; den Hauptteil des Kapitals muss der Landwirt selbst aufbringen. Das ist dem kleinen Landwirt meist nicht möglich. Die nachstehende Bekanntmachung, die uns aus Schlesien zugegangen ist, zeigt, dass diese Schwierigkeiten tatsächlich bestehen und in welcher Weise man sie überwinden will. Achtung! Im Rahmen des Vierjahresplanes und der Erzeugungsschlacht werden zur Durchführung auch von Einzelmeliorationen Beihilfen aus dem Reichslandeskulturfonds bezw. Grünlandfonds an einzelne Bauern und Landwirte zur Verfügung gestellt. Diese Beihilfen sollen dazu dienen, daß Acker- und Grünland- Dränungen, größere Rodungen und Gdlandkultivierungen sowie landwirtschaftliche Folgeeinrichtungen besonders gefördert werden. Nähere Auskunft hierüber erteilt die Landesbauernschaft Schlesien. Da nun die Erfahrungen in Schlesien gezeigt haben, daß die Beihilfen allein in vielen Fällen nicht ausreichen, eine erfolgreiche Durchführung dieser vorgenannten Meliorationen zu gewährleisten, ist eine Restfinanzierung durch Aufnahme eines Darlehns notwendig. Es wird deshalb darauf hingewiesen, daß die 3 Schlesische Genossenschaft zur Förderung der Landeskultur e. 6. m. b. H., Breslau 10, Matthiasplah 1 ( eine Gründung der Landesbauernschaft Schiesien) mittelfristige Kredite mit sieben Jahre Laufzeit, rückzahlbar nach zwei Freijahren in fünf gleichen Jahresraten, vergibt. Der Zinssatz für dieſe Kredite beträgt mit Hilfe der zweiprozentigen Zinsverbilligung durch das Reich 3, einschließlich Verwaltungsgebühr. Auskunft darüber hier! A-73Im Sommer fand in München die vierte Reichsnährstandsschau statt. Sie war als Lehrschau aufgezogen und sollte die Bauern anleiten, die zur erfolgreichen Durchführung des Vierjahresplans erforderlichen Betriebsverbesserungen bei sich einzuführen. U. a. war ein vollständiger Musterbauernhof aufgebaut mit allem Zubehör. Neben die Mustereinrichtungen waren andere gestellt, die als abschreckende Beispiele wirken sollten. Einem Bericht entnehmen wir: Die vierte Reichsnährstandsschau in München sollte dazu beitragen, den bayerischen Bauern anzueifern, durch neue Arbeitsmethoden und erhöhten Einsatz von Maschinen eine Leistungssteigerung zu erzielen. Alle Ortsbauernführer waren verpflichtet, jeden Bauern, der nur irgendwie vom Hof abkommen konnte, nach München zu bringen. Dort sollte er sehen, wie ein guter Hof bewirtschaftet werden muss. Die grossartige Aufmachung und riesige Teilnahme seiner Standesgenossen aus allen Gauen des Reiches hat den Bauern gut gefallen. Mancher wird auch bei Besichtigung der Lehrschau den festen Vorsatz gefasst haben, die eine oder andere Neuerung einzuführen, wenn sie nicht allzuviel Geld kostet, aber der Vor satz allein genügt ja nicht. Nahezu die Hälfte aller la ndwirtschaftlichen Betriebe in Bayern sind Kleinwirtschaften unter 5 ha Grund be sitz, für die eine maschinelle Bearbeitung nicht in Frage kommt. Wenn die Leute sich Tag und Nacht schinden und sich das Geld für Kunstdünger vom Munde absparen, kann im günstigsten Fal le eine 10 bis 15% ige Ertragssteigerung erzielt werden, die immer noch nicht ausreicht, dass die Bauern ohne zusätzlichen Verdienst leben können. Meist haben die Kleinbauern auch nicht das Geld, um sich eine ergiebige Milchviehzucht zuzulegen. Mehl muss fast in allen Fällen zugekauft werden. Nur Kartoffeln sind ausreichend vorhanden, die auch den Hauptbestandteil der Nahrung des Bauern bilden. A- 74Nachtrag Nach Abschluss dieses Abschnittes ist uns nachstehender Bericht aus Bayern zugegangen: Während in der ersten Zeit nach Erlass des Reichserbhofgesetzes alle erbhoffähigen Bauern das Bestreben hatten, in die Erbhofrolle eingetragen zu werden, weil man sich eine Begünstigung davon versprach, hat sich inzwischen dieser Eifer sehr abgekühlt, denn die Bauern merkten, dass das Erbhofwesen keine Privilegi en verschaffen, sondern nur die Voraussetzungen für eine bessere Kontrolle ihrer Wirtschaften herstellte. Seitdem die Bauern das erkannt haben, hat der Widerstand gegen das Erbhofgesetz eingesetzt. So sollten in X. 20 Höfe, die erbhoffähig waren, in die Rolle eingetragen werden. Bevor es dazu kam, teilten die Bauern ihren Hof unter den Kindern auf, oder sie verkauften soviel Land, dass ihnen. die Erbhoffähigkeit nicht mehr zugesprochen werden konnte. Andere ma chen Schenkungen oder schlossen Scheinverträge ab. Die Massnahmen der Partei konnten diese Sabotage nur teilweise verhindern. Soweit die Scheinverkäufe nachweisbar waren, wurden sie anulliert. Schliesslich konnte doch nur noch 7 Höfen die Erbhofeigenschaft zuerkannt werden. Da die Erbhofbauern ihren Hof unge teilt einem Erben übertragen müssen, Verfügungen über das Erbho feigentum zugunsten der anderen Erben verboten sind, suchen die Bauern nach Auswegen. Aber das Gesetz wird sehr streng durchgeführt. Schon einé zu gute Ausbildung der anderen Erben kann als Verletzung des Gesetzes angesehen werden. Viele Väter geben ihren Kindern ein höheres Arbeitsentgelt, das aufgespart bei der Grossjährigkeit auszahlbar wird, oft erfolgen auch Schenkungen bei Lebenszeit oder der Abschluss von Versicherungen. Auf Antrag das erbenden Jungbauern kann das An erbengericht Umgehungen des Gesetzes unterbinden, der Bauer wird verwarnt, wenn nicht sofort auf Geldstrafe erkannt wird. Ent scheidend ist immer die Erhaltung eines starken und finanziell unabhängigen Hofes; Versorgungsansprüche sind nur in diesem Rahmen zu befriedigen. Daher werden zu hohe Versicherungen kassiert oder auf das für den Hof als tragbar erkannte Mass reduziert. Die Entlohnung der anderen Kinder darf die des Gesindes nicht übersteigen, Schenkungen sind dem Hof zurückzugeben. So oft sich auch die Ane rbengerichte mit diesen Fragen beschäftigen, so ist es do ch nicht zu verhindern, dass die Bauern immer wieder auf neue Formen kommen, um das Gesetz zu umgehen. Jeder Bauer und jeder Landwirt hat jetzt eine Hofkarte, die den Lageplan, die Flurnummer, die Flächengrösse und die Bonität des Bodens angibt. Auf Grund der Hofkarte wird der Anbauplan nach Angaben des Reichsnährstandes und seiner Unterorgane festgelegt. Der Ortsbauernführer hat die Einhaltung der Anbauvorschriften zu prüfen und kontrolliert Saatenstand und fachgemässe Bearbeitung der Grundstücke. Er ist gewöhnlich A-75selbst ein Erbhofbauer, der für seine Tätigkeit eine Aufwandsentschädigung erhält. Nicht jeder ist freiwillig Orts bauernführer geworden, aber selbst wenn es sich um Parteimitglieder handelt, ist die Durchführung der Verordnungen damit keineswegs gesichert. Auch der Bauernführer ist auf eine gewisse Kameradschaft angewiesen und vielfach mit anderen Bauern verwandt. Auf Grund seiner amtlichen Funktion erfährt er früher als andere von Kontrollen und sonstigen Regierungsmassnahmen. Er wird sich in acht nehmen, um nicht in ein Berufsehrengerichtsverfahren verwickelt zu werden; trotzdem sind seine Freunde in der Regel von Hof- und Stallkontrollen früh genug informiert, um Vorsichtsmassnahmen treffen zu können. Die Bauern wissen im eigenen Interesse zu schweigen, so dass es den Nazis selten gelingt, einem Ortsbauernführer Sabotage nachzuweisen. Die Anbauvorschriften sind einfach nicht durchzusetzen. Die Bauern kommen mit tausend Ausflüchten, warum sie dies und nicht das gebaut haben. Sie sind heute weniger idealistisch als je und richten sich in ihrem Anbau nur nach dem zu erzielenden Preis... Die Verfügungsgewalt des Bauern über seine Güter wird immer geringer, immer stärker wird die Produktion überwacht und von staatlichen Aufkaufstellen übernommen. Je einmal monatlich wird der Kuhstall kontrolliert, für jedes Milch gebende Tier sind dem Kontrolleur 50 Pfg. zu entrichten. In seiner Gegenwart ist zu melken. Da die Beamten in der Regel gelernte Schweizer sind, prüfen sie das Melkergebnis nach. Die Milch ist nach der Durchschnittsberechnung des Kontrolleurs an die Molkerei abzuliefern. Zur Eigenversorgung darf eine bestimmte Menge zurückbehalten werden. Wo keine dörfliche Verkaufsstelle be steht, kann Milch vom Hof auch an Eigenverbraucher abgegeben werden. Der amtliche Abnahmepreis richtet sich nach dem Fettgehalt der Milch. Ein Teil der Magermilch ist zurückzukaufen, auch die Butter erhält der Bauer von der Molkerei. Diese Ablieferungspflicht ist ziemlich drückend, daher versuchen die Bauern, sie zu umgehen. Durch den Ortsbauernführer oder ihre Vertrauen sleute erfahren sie, wann die Kontrolle ins Dorf kommt. Dann wird das Vieh schon in der Nacht um ein paar Liter Milch leichter gemacht. Die schwarzgemolkene Milch wandert in die Zentrifuge und die Bauernbutter findet bei der allgemeinen Knappheit, wenn nicht anders, so als Butterschmalz Absatz. Die Umgehungsmöglichkeiten werden aber auch hier schon auf Grund der Erfahrungen eingeschränkt. Wo die Kühe auffällig wenig Milch geben, erfolgt die Kontrolle häufiger. Immer wieder werden schwere Strafen verhängt, viele Bauern haben schon dafür den, Marsch nach Dachau angetreten. Schwierigkeiten bietet die Futtermittelversorgung der Milchkühe. Die grossen Besitzer sind in dieser Beziehung günstiger daran als die kleinen Bauern, sie haben gewöhnlich eigene Silos, und weil sie finanziell kräftiger sind, können sie aus den Brennereien die Treber und von den Zuckerfabriken die Melasse aufkaufen. A-76Von jedem auf dem Hof vorhandenen Huhn sind pro Jahr eine bestimmte Menge Eier, etwa 65 Stück, abzuliefern. An Eigenverbraucher darf der Bauer nach Gewicht liefern. Aber in der Regel wird auch heute noch stückweise verkauft. In Städten von mehr als 25.000 Einwohnern ist das Konservieren von Eiern verboten, was die Bauern nicht hindert, auch grössere Posten an die Münchner Käufer abzugeben. Die Körnerfütterung an Hühner ist verboten, trotzdem füttern die Bauern Getreide.Um die Bauern zu überführen, werden Gestapo- Agenten herumgeschickt, die ein Huhn von den Bauern kaufen und es dann in Gegenwart des Bauern schlachten. Hat es Körner im Kropf, so erhält der Bauer eine empfindliche Geldstrafe. Die Bauern wollen deshalb jetzt überhaupt kein lebendes Geflügel mehr verkaufen. Am meisten hat die Bauern die Getreidea blieferung aufgeregt. Um sich eine genaue Kontrolle des Druschergebnisses zu machen, mussten die Bauern einen Probedrusch machen.Meist fallen die Garben für den Probedrusch" aus Versehen" ein paar mal auf die Erde;.was kann der Bauer dagegen tun, dass dabei einige Körner verloren gehen und auf diese Weise das durchschnittliche Druschergebnis niedriger wird? In verschiedenen Bezirken weigerten sich die Bauern, den Probedrusch auf Ersuchen der Kontrolleure sogleich vorzunehmen, dazu hätten sie einfach keine Zeit und keine Drohung konnte sie bewegen, von diesem Standpunkt abzugehen. Wenn die Bauern nicht ihr Getreide in kleinen Mühlen schwarz mahlen können, finden sie andere Möglichkeiten, um das zurückgehaltene Getreide für die Viehfütterung geeignet zu machen. Ein Bauer sagte dem Gewährsmann: " Was wollen Sie, sollen wir uns an die Verordnungen halten und das Vieh zugrunde gehen lassen?" Durch die Fleischknappheit ist die aus dem Kriege bekannte Schwarzschla chtung wieder in Uebung gekommen. Aber die harten Strafen gegen Käufer und Verkäufer haben noch eine andere Erscheinung erzeugt: die Zahl der Notschlachtungen ist sehr angestiegen. Es kommt natürlich darauf an, wie der Bauer mit dem Landjäger steht. Steht er schlecht mit ihm, dann darf er zwar not schlachten, aber das Fleisch wird beschlagnahmt. Aber meist isst der Gendarm auch gern ein Stück Fleisch und was kann der Bauer schliesslich dafür, wenn das Vieh einen Haxen gebrochen hat. Denn bei regulären Schla chtungen ist die Genehmigung der Viehverteilungsstelle nötig und die Zahl der Hausschlachtungen ist beschränkt. Soweit die Bauern eigenen Wald besitzen, unterliegen sie den Vorschriften des Reichsforstmeisters. Jeder Schlag ist beim Forstmeister anzumelden und muss von ihm genehmigt werden. Nutzholz hat der Bauer der industriellen Verwertung zuzuführen und selbst das Knüppelholz über 7 cm Durchmesser bleibt diesem Zweck vorbehalten. Schlägt der Bauer in seinem Wald ohne Genehmigung, so wird er behandelt, als ob er das Holz gestohlen hätte, meistens sind für solche Vergehen erhebliche Geldstrafen zu erlegen, im Nichtbeitreibungsfalle bekommt er Haft. Wird Nutzholz für eigenen Bedarf gebraucht, A- 77so wird nur das allernotwendigste genehmigt. Da viel Boden für militärische Zwecke enteignet und der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen worden ist, hat man eine grosse Propaganda entfaltet, um die Bauern zu veranlassen, ihre Wiesen umzupflügen, damit die Produktion von Getreide erhöht werden kann. Als sich zu wenig Bauern dazu bereitfanden, hat man Prämien versprochen. Einige Habgierige verwandelten darauf ihre Wiesen in Aecker, aber Prämien haben sie nicht bekommen. Auf die Rechnung des Reichsnährstandes, dass die Wiesennutzung die unrentabelste Art der Bodennutzung sei, antworten die Bauern:" Wieviel Heu wir von unserer Wiese bekommen, wissen wir, wieviel Getreide sie bringt, wissen wir nicht, denn eins ist sicher, der Acker braucht mehr Dünger und Arbeit als die Wiese und wie sollen wir dann unser Vieh füttern?" Bei der Enteignung von Bauernland für Reichsautobahnen, Flughäfen, Kasernen und Exerzierplätze wird als Entschädigung der niedrigste Bodenpreis gezahlt unbeschadet darum, welche Bonität der enteignete Boden hatte. Die Enteigneten bekommen kein bares Geld, sondern Schuldanweisungen. Auch Erbhöfe unterliegen der Enteignung. Die Reichsautobahnen kosten dem Bauern nicht nur Land, sie behindern ihn auch in seiner Arbeit. Da die Bahn sein Grundstück vielfach zerteilt, er die Autobahn aber mit seinem Fuhrwerk nicht überschreiten darf, hat er weite Umwege zu machen. Er muss die Autobahn bis zur nächsten Unterführung umfahren und sein bisheriges Feldwegenetz ist vollkommen unbrauchbar geworden. Bauern und Landwirte, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind, können im Entschuldungsverfahren Hilfe erhalten. Der Kredit ist aber keineswegs billig. Zinsen und Amortisation werden amtlich festgesetzt und Zahlungstermine sind pünktlich einzuhalten, wenn der Hof nicht unter Zwangsaufsicht kommen soll. Wenn böswillige Nichteinhaltung der Termine nachgewiesen werden kann, kann von dem Berufsehrengericht die Abmeierung ausgesprochen werden. Um daher nicht sich und ihr Eigentum zu gefährden, sind die Bauern bestrebt, das Entschuldungsverfahren zu vermeiden, manche allein schon darum, weil sowohl der Antrag wie die Bewilligung der Entschuldung in der Presse veröffentlicht wird. A-78III. Der Kirchenkampf Der Kirchenstreit, über den wir zuletzt im April berichtet haben( Heft Nr.4/ 1937, Seite A 37 ff.), hat noch immer keine entscheidende Wendung genommen. Die weit verbreitete Annahme, dass das Regime nunmehr zum vollen Einsatz seiner Machtmittel übergehen werde, hat sich ebensowenig bewahrheitet wie die Erwartung, dass die Kirchen ihre zögernde Taktik aufgeben würden. Dass der Kampf in der bisherigen Weise fortgeführt wird und dass noch nicht abzusehen ist, wann und in welcher Form er beendet werden wird, ist eine Folge der Unentschlossenheit, die auf beiden Seiten vorherrscht. Im Lager der Kirchen ist diese Unentschlossenheit in der Unklarheit des eigenen Standpunktes begründet. Beide Kirchen bekämpfen das Regime nicht, weil es auf Lüge und Verrat, auf der Verneinung jeder gesellschaftlichen Moral und aller christlichen Grundsätze beruht, sondern weil es ihnen nicht genug Lebensraum lässt und ihre Einrichtungen mit Vernichtung bedroht. Die Protestantische Kirche lebt noch immer in den Traditionen der Staatskirche und wäre bereit, auch diesem Staat zu geben, was des Staates ist, wenn nur der Staat bereit wäre, Gott zu geben, was Gottes ist. Zudem sind viele ihrer Führer Nationalsozialisten und zahlreiche Verbindungen zur herrschenden Partei und zur Wehrmacht lassen ihr immer noch die Hoffnung auf ein erträgliches Kompromiss. Die katholische Kirche vertritt selbst eine Gesellschaftsauffassung, die manche Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus aufweist. Sie hat sich in Italien mit Mussolini verständigt, sie ist in Oesterreich die Trägerin des autoritären Regimes, sie hat erst vor kurzem die diplomatischen Beziehungen zu Franco aufgenommen. Sie hat sich in ihrem Kampf gegen den Bolschewismus derselben Terminologie bedient wie die Nationalsozialisten, ohne sich einzugestehen, dass der Nationalsozialismus der Kirche dasselbe Schicksal bereiten will wie der Bolschewismus, nur mit anderen Methoden. A- 79Auf der anderen Seite kann sich das Regime immer noch nicht zu entscheidenden Schlägen entschliessen. Eine vollständige Trennung von Kirche und Staat liegt nicht in seinem Interesse. Würde es die Kirchen sich selbst überlassen, so wäre ihr Zerfall in zahlreiche Sekten nicht aufzuhalten. Die Zahl dieser Sekten wäre umso grösser, als sich im Nationalsozialismus selbst verschiedene kirchliche Richtungen gegenüberstehen. Das Eigenleben dieser Sekten wäre aber nur noch schwerer zu kontrollieren als das der bisherigen Kirchen und zugleich wäre die Kontrolle umso notwendiger, weil das Regime in ständiger Angst leben würde, dass die verschiedenen Sekten den" Staatsfeinden" als Unterschlupf dienen könnten. Aus diesem Grunde verfolgt das Regime schon die bestehenden Sekten, allen vor an die" Zeugen Jehovahs", die früheren Ernsten Bibelforscher, mit unerbittlicher Schärfe. Umgekehrt wird das Regime aber wahrscheinlich selbst erkennen, dass auch der Weg des absoluten Zwanges zur Zeit nicht gangbar ist. Natürlich könnte das Regime die bestehenden Kirchen unterdrücken und an ihre Stelle eine" romfreie Nationalkirche" setzen. Aber das wäre eine nationalsozialistische Zwangsorganisation mehr und die Erfahrungen mit der Arbeitsfront sind nicht ermutigend. Gewiss sind die Massen heute überwiegend nicht mehr religiös, aber auch der Nationalsozialismus ist als Staatsreligion ohne Widerhall geblieben. Nur die heranwachsende Jugend hat in weiten Teilen eine gläubige Einstellung zur" nationalsozialistischen Idee", aber mit dieser Jugend allein kann man keine Nationalkirche ma chen. Schliesslich stehen auf dem Boden des Nationalsozialismus nicht nur verschiedene Kirchenparteien( Deutsche Christen, Deutsche Glaubensbewegung usw.) gegeneinander, sondern auch verschiedene kulturpolitische Richtungen( Rosenberg, Goebbels), so dass sich das nationalsozialistische" Ideen- und Gedankengut" unter der Einwirkung der Widersprüche und Gegensätze vollends verflüchtigt. Unter diesen Umständen muss es dem Regime ratsam erscheinen, sine bisherige Tektik im Kirchenkampf beizubehalten. Es führt einen entscheidenden Schlag, aber es schränkt das Betätigungs A-80feld der Kirchen immer weiter ein. Ein wichtiges Mittel dazu ist die finanzielle Einschnürung: Die Finanzkontrolle über die evangelische Kirche ist durch die Errichtung der Finanzabteilungen bei allen Landeskirchen verschärft worden. Der Abbau der Staatszuschüsse, vor allem in Bayern, schreitet fort. Die kirchlichen Sammlungen sind durch das Verbot von Kirchenkollekten für die evangelische Kirchenwahl weiteren Einschränkungen unterworfen worden. Neuerdings sind auch die werbenden Betriebe der Religionsgesellschaften der Aufbringungsumlage( einer Vermögenssteuer, die aus der Industriebelastung auf Grund des DawesAbkommens entstanden ist) unterworfen worden. Der Kampf der Kirchen gegen den Totalitätsanspruch des Regimes verdient, soweit er ein Kampf um die geistige Freiheit ist, die Sympathien aller freiheitliebenden Gegner des Regimes. Aber das Aufsehen, das dieser Kampf zu Zeiten in Deutschland und in der Welt erregt, darf nicht zu Illusionen über die innere Bedeutung dieser Auseinandersetzung und ihren möglichen Ausgang führen. 1) Aus der evangelischen Kirche Seit den am 15. Februar anberaumten Neuwahlen zur Generalsynode befindet sich die evangelische Kirche im Wahlkampf; aber noch immer ist der Wahltermin nicht bestimmt. Der Zweck dieser Verschleppungstaktik liegt auf der Hand: die lange Dauer des Wahlkampfes soll die Anhänger der Bekenntniskirche ermüden, die fortgesetzten Eingriffe der Gestapo in das innere Leben der Kirche sollen ihre Anhänger einschüchtern und mutlos machen. Durch eine Verordnung vom 30. Juni hat der Reichskirchenminister die Benutzung von Kirchen für Wahlversammlungen verboten und bis zur Festsetzung des Wahltermins allgemein die Abhaltung von Wahlveranstaltungen und die Verbreitung von Wahlflugblättern untersagt. Einen Tag darauf ist Pfarrer Niemöller, der Führer des entschiedenen Flügels der Bekenntnischristen verhaftet worden. Ein Verfahren gegen ihn vor dem Sondergericht Berlin A-81wegen Vergehens gegen das Heimtücke gesetz, Kan zelmis sbrauchs usw. läuft. Ein Prozess gegen den früheren Generalsuperintendenten Otto Dibelius wegen seines offenen Briefes an den Reichskirchenminister Kerrl( abgedruckt im Heft 3/1937, Seite A 142 ff.) endete mit dem Freispruch. Nach Meldungen der Auslandspresse sind zur Zeit 105 Pfarrer der Bekenntniskirche in Haft, 34 sind aus ihren Pfarrorten ausgewiesen und gegen 27 besteht ein Redeverbot, darunter auch gegen Dibelius. Die Massnahmen gegen die Kirchenzeitungen werden fortgesetzt. Die" Reformierte Kirchenzeitung", das Organ des Reformierten Bundes für Deutschland, ist auf unbestimmte Zeit verboten worden. Ueber die Kirchenkämpfe in den wichtigsten evangelischen Landesteilen wird uns berichtet: Sachsen, 1. Bericht: In evangelischen Pfarrerkreisen macht man sich keine übertriebenen Vorstellungen von den Möglichkeiten eines offenen Kampfes gegen das System. Man empfindet im allgemeinen die Haltung der Führer der Bekenntnischristen, Niemöller, Dibelius und anderer, vor allen Dingen des Bielefelder Kreises um Bodelschwingh viel glücklicher als die Haltung des Vatikans. Die Führer der Bekenntniskirche haben von vornherein erkannt, um was es geht und infolge ihrer kämpferischen Haltung haben sie heute eine viel gläubigere Anhängerschaft. Aber auch im katholischen Teil verspricht man sich von den Glaubenskämpfen manches Gute für die Zukunft. Die Scheidung des Weizens von der Spreu wird die wirklich Gläubigen zu einer starken Schicksalsgemeinschaft zusammenschweissen, die für beide Teile, für Klerus und Gläubige, nur von Nutzen sein kann. Die Solidarität zwischen der katholischen und protestantischen Führerschicht ist schnell im Wachsen und kann ein nicht zu unterschätzender Faktor werden, den alle zu beachten haben werden, die Zukunftsarbeit leisten wollen. Man erwartet aber auch ein Weltecho, das zeigen soll, dass die Solidarität der Christen denen der Juden nicht nachsteht. Bis zum Herbst rechnet man in katholischen Kreisen damit, dass alle Zuweisungen des Staates eingestellt und die bisherige Steuereinhebung abgeschafft wird. Auf Hitler selbst. werden in diesen Kreisen keine Hoffnungen mehr gesetzt. 2. Bericht: Der Kirchenkampf bietet kein einheitliches Bild. Es kommt einmal darauf an, welche Initiative die einzelnen Pfarrer entwickeln, aber auch darauf, welche Haltungidie örtlichen Parteistellen an den Tag legen. Für Unterschiede dieser Art sind die beiden Städte Döbeln und Mittweida kennzeichnend. In Döbeln herrscht derzeit völlige Ruhe. Die Pfarrer nehmen weder für noch gegen die Partei Stellung und lassen den Dingen ihren Lauf. Das ist übrigens, soweit sich das westsächsische A-82Gebiet beobachten lässt,' die Haltung der meisten Pfarrer. In Mittweida war es bis vor kurzem ebenfalls völlig ruhig. Waren doch in Mittweida vor dem Umsturz 2.400 Personen aus der Kirche ausgetreten, also ein verhältnismässig hoher Prozentsatz. 1934 waren in dieser Stadt die Deutschen Christen völlig oben auf. Dann schlief auch diese Bewegung ein. Mitte Juni wurde diese Entwicklung auf einmal unterbrochen. Die Lokalzeitung brachte die Mitteilung von der Verhaftung des bekannten Führers der Bekenntnis christen Niemöller. Dafür erhielt die Zeitung eine Rüge der Partei, die sie selber bringen musste. Als abends diese Nummer der Zeitung erschien, wirkte sie wie eine Kriegserklärung. Wie auf ein geheimes Zeichen versammelten sich ganz spontan Arbeiter und Bürgerliche bei der Kirche. Ohne dass eine Rede gehalten worden wäre, war es wie eine Demonstration, bei der sich alle Teilnehmer verstehen, ohne dass Worte zu wechseln notwendig wären. Als am nächsten Sonntag Gottesdienst war, musste die Kirche wegen Ueberfüllung schon um 8 Uhr geschlossen werden, während normalerweise der Gottesdienst erst um 3/4 9 Uhr beginnt. Der Pfarrer liess angesichts dieses Massenandrangs bekannt machen, dass er zwei Gottesdienste abhalten werde. Darauf liess der Bürgermeister als Polizeigewaltiger verkünden, dass er beim zweiten Gottesdienst nicht für Ruhe und Ordnung garantieren könne. Der erste Gottesdienst verlief völlig ungestört. Die Kirche war auch zum zweiten überfüllt. Doch inzw is chen war dafür Sorge getragen worden, dass die Ankündigungen des Stadtgewaltigen ihren Sinn erhielten. HJ und BdM hatten sich bereits um 9 Uhr gesammelt zu einem Ausmarsch nach Schweikershain. Es sollte ursprünglich s chon 9,30 Uhr abmarschiert werden. Inzwischen waren jedoch neue Weisungen eingegangen und der Abmarsch wurde verzögert bis 10,30 Uhr. Dann liess man den Zug, 500 bis 600 Burschen und Mädels, gröhlend an der Kirche vorüberziehen. Das waren die Kinder der Eltern, die in der Kirche sassen und andächtig der Predigt des Pfarrers lauschten. Die Abendgottesdienste, die das Pfarramt in der Woche vom 4. bis 10. Juli ansetzte, erhielten ebenfalls keinen Polizeischutz bewilligt. Die Kirche war voll und in der Nähe sorgte die SA- Kapelle für den nötigen Lärm. Nichts ist bezeichnender als der Tatbestand, dass in die ser Woche von der Kirchlichen Buchhandlung 215 neue Gesangbücher verkauft worden sind. Die Käufer sind meist Frauen und Männer aus dem Arbeiterstande. Jetzt sollen nur noch 1.500 Personen in Mittweida der Kirche nicht angehören. Das sind jetzt aber die, die vor 1933 die besten Christen sein wollten. Wegen dieser Kirchenaustritte von Nationalsozialisten kam es zu einem neuen Streit, weil der Pfarrer in der Predigt erklärt hatte, dass die Kirchenmitglieder das Recht haben, im Pfarramt die Liste der Ausgetretenen einzusehen. Man bestellte den Superintendenten zum Oberbürgermeister und machte ihm entsprechende Vorhaltungen. Er soll auf der Einsichtnahme bestanden haben, Verhaftungen sind bis jetzt noch ausgeblieben. A -83Diese Entwicklung der Verhältnisse in Mittweida zeigt, dass der Kirchenkampf, wenn nicht rücksichtslose Gewaltmittel angewendet werden, der Partei noch manche Sorge machen wird. Die Kirche ist hier auf einmal zum Sammelpunkt aller Gegner des Regimes geworden. Die Partei klagt besonders Bauern und Arbeiter an, dass sie sich in der Kirchenfrage hinter die Pfaffen stellen. Tatsächlich stehen aber auch die Geschäftsleute und Kleinhandwerker, namentlich auf dem Lande, zu den Pfarrern, die kämpfen. Das Entscheidende für viele ist nicht, dass die Pfarrer Diener der Kirche sind, sondern dass sie gegen das System kämpfen. Einem grossen Teil der Nazis, die sonst durch dünn und dick den Befehlen des Regimes Folge geleistet haben, werden durch diese Kämpfe wenigstens zeitweilig die Augen geöffnet und sie erhalten dadurch sinnfällige Beweise dafür, wie es um das Regime bestellt sein würde, wenn es einmal vier Wochen lang in Deutschland Presse-, Redeund Versammlungsfreiheit geben würde. 2. Bericht,( Dresden): Der Kirchenkampf nimmt auch hier schärfere Formen ån. Soweit er sich gegen die katholische Kirche richtet, gibt man dem Hitler- Regime recht, denn Sachsen ist vorwiegend evangelisch und die Evangelischen haben schon immer einen Hass auf die Katholiken gehabt. Aber am Kampf gegen die evangelische Kirche nehmen die Menschen lebhaften Anteil. Die Kirchen sind überfüllt und der Gottesdienst gleicht oft einer Parteiversammlung im Jahre 1932.Vor wenigen Wochen war die Trinitatùs- Kirche zum Brechen voll. Beifallklatschen, Pfuirufe und andere Zwischenrufe beherrschten den Gottesdienst. Der Pfarrer sagte in seiner Predigt u. a." 1933 ist der Teufel in das deutsche Volk gefahren. Wir werden ihn wieder austreiben." Die Menge raste und spendete begeistert Applaus. Nachdem wieder Ruhe eingetreten war, stand ein jüngerer Mann auf und rief laut nach der Kanzel zum Pfarrer:" Wenn Sie nicht gleich aufhören, werden Sie im Konzentrationslager weiter predigen können." Darauf gab es einen wahren Tumult in der Kirche:" Schmeisst ihn naus!" " Nieder mit der deutschen Kirche und dem Katholizismus!" usw. Mit solchen Rufen wurde der Kritiker zum Schweigen gebracht und der Pfarrer konnte weiter predigen. Nach Beendigung des Gottesdienstes wartete die Menge auf der Strasse, bis der Pfarrer aus der Sakristei kam, um ihm erneut begeisterte Ovationen zu bereiten. So geht es fast jeden Sonntag. Bis heute hat die Staatsgewalt noch nicht gewagt, einzugreifen. Die Evangelischen führen den Kampf mit einem bewundernswürdigen Fanatismus. Aber es werden doch schon Stimmen laut, die an einem Sieg zweifeln. Das Regime wird einen Pfarrer und einen kirchlichen Funktionär nach dem anderen entweder verhaften oder korrumpieren und so die Organisation atomisieren. Bis jetzt hat es noch keine harten Eingriffe und Strafen gegeben, kommt es erst einmal dazu, dann wird vielleicht die religiöse Masse genau so zurückweichen, wie die politische Masse zurückgewichen ist. Solche und ähnliche Stimmen hört man oft aus dem evangelischen Lager. Irgend eine Kampfgemein A-84schaft oder ein Kompromiss mit den Katholiken einzugehen, lehnen die Evangelischen ab. Dazu ist die Kluft zwischen beiden zu alt und zu tief. Die Evangelischen sagen: die katholischen Priester waren infolge des Zölibats schon immer sittlich nicht ganz einwandfrei. Aber dem Hitler- Regime geht es natürlich nicht darum, innerhalb des Katholizismus Sittlichkeit und Mor al herzustellen, denn da gäbe es in der HJ und dem BdM genügend Arbeit, sondern das Regime nimmt auch hier diese Verfehlungen nur als Mittel zum Zweck, um die eigene, die" Deutsche Kirche" aufzurichten. So kämpfen Katholische und Evangelische getrennt, aber beide zähe gegen die Totalitätsbestrebungen des Regimes. In diesem Kampf kann das Regime zwar vorübergehend Erfolge durch Gewalt erreichen, aber gewinnen kann und wird es diesen Kampf nicht, denn es ist ein Kampf, den Generationen auszufechten haben und solange be steht der Hitlerismus nicht. 3. Bericht: Der allgemeine Kirchenstreit hat natürlich auch das Chemnitzer Gebiet ergriffen. Die evangelisch- lutherische Landeskirche Sachsens hat einer Anzahl von Pfarrern, die sich zu den Deutschen Christen geschlagen haben, verboten, in den Kirchen zu predigen. Kürzlich haben 25 evangelisch- lutherische Geistliche der Amtshauptmannschaft Chemnitz einen leiden schaftlichen Aufruf veröffentlicht gegen die Deutschen Christen der sogenannten Thüringer Richtung. Die Chemnitzer Bevölkerung ist mit ihren Sympathien bei diesen opponierenden Geistlichen und unterstützt sie, woe sie nur kann. Ja, sie besucht sogar solche Gottesdienste und kirchlichen Veranstaltungen, in denen mit der Nazi- Richtung gerungen und gekämpft wird. Das ist für die Chemnitzer Verhältnisse ein gewaltiger Umschwung gegen früher. Die Chemnitzer Arbeiterschaft hat mit der orthodoxen Geistlichkeit schwere Kämpfe ausgefochten. Von 1919 bis 1932 gab es in Chemnitz besonders heftige Auseinandersetzungen mit der Kirche und den von ihr organisierten christlichen Elternvereinen, als die Arbeitereltern sich für die weltliche Schule einsetzten und die Bestrebungen der fortschrittlichen Lehrerschaft unterstützten. In diesem Kampf schloss die Kirche Bundesbrüderschaft mit der aufkommenden Hitlerbewegung, unterstützte sie in jeder Art und Weise und hatte offenbar gehofft, dass ein zur Macht gekommenes Nazi- Regime sie von der ideologischen, geistig- freiheitlichen Gegnerschaft einer kirchenfreien Schule und des Freidenkertums befreien würde. Nun haben sich dieselben Pfarrer, die Hitler mit zur Macht verholfen haben, gegen staatsdiktatorische Erdrosselungs bestrebungen zur Wehr zu setzen, die sie in der demokratischen Republik niemals zu befürchten hatten.Dass sich diese Pfarrer aber jetzt mit mannhafter Tapferkeit diesen Totalitätsbestrebungen des Dritten Reiches entgegenwerfen, hat ihnen manche Sympathien wieder zurückerworben. 4.Bericht: In dem Orte Wiesa bei Annaberg sprach kürzlich in einer politischen Versammlung Dr. Günther, Annaberg, über A-85den Vierjahresplan Nach dem Referat unternahm er mit drei Kumpenen eine Kneiptour und zechte in einer Kneipe nahe der Kirche bis tief in die Nacht. Kurz vor dem Ende der Sauferei war einer der drei Spiessgesellen verschwunden und nach seiner Fickkehr flüsterte er den übrigen Zechern etwas ins Ohr, wcreuf alle schnell aufbrachen. Am nächsten Tag fand man das Kirchentor total mit menschlichen Exkrementen beschmiert. Eine alte Frau hatte diese" Arbeit bei morgendlicher Dämmerang" becbachtet und machte von ihrer Beobachtung dem Pfarrer mitteilung. Der Pfarrer wollte sich auf dem Rathaus darüber be schweren, wurde aber entsprechend eingeschüchtert. Am dritten Tege nach dem Vorfall erliess der Bürgermeister eine Warnung des Inhaltes:" Höher geht die Gemeinheit nicht. wenn Bubenhande die Kirche beschmieren, was nur durch ihre Unreifheit verursacnt sein kann, schiebt man diese Tat verdienten Führern des Volkes in die Schuhe. Wir werden die Verbreiter solcher Gerüchte ausfindig machen und an Ort und Stelle abstrafen." Der Wirt und die Kellnerin gaben dazu die schriftliche Erklärung ab, dass die Gäste aus Anna berg nur 20 Minuten im Lokal gewesen wären, von einer Sauferei könne deshalb keine Rede sein. Dabei waren sie bereits vor Mitternacht im Lokal und sind erst nach 3 Uhr morgens weggegangen. Aus Anlass des Kirchenkampfes sind in Sachsen in den letzten Monaten zahlreiche Flugblätter verbreitet worden. Wir bringen auf den Seiten A 86 bis A 89 eine Auswahl solcher Flugblätter, die grösstenteils von der Bekenntniskirche ausgegeben worden sind. Mitteldeutschland, 1. Bericht: In der Stadt Merseburg wird der Kirchenkampf ausserordentlich hart geführt. Es gab seit Anfang des Jahres im Stadtkreis bereits 17 Verhaftungen von Pfarrern. Sie werden alle beschuldigt, bei ihren Werbebesuchen timmung gegen den Staat gemacht zu haben. Die Pfarrer hatten es sich zur Aufgabe gemacht, ehemalige Kommunisten, Sozialisten und Stahlhelmleute, die nicht mehr der Kirche angehörten, wieder der Kirche zuzuführen. Die Ergebnisse dieser Hausbesuche sollen sehr günstig gewesen sein. In der Frage des Schulunterrichts versuchten die Pfarrer diese neue Gefolgschaft mit für ihre Zielsetzung einzuspannen. Sie erlebten aber eine arge Enttäuschung. Die Arbeiter leisteten dem Druck der NSDAP nur geringen Widerstand. Als ihnen mit Verhaftung und mit Verlust des Arbeitsplatzes gedroht wurde, fielen sie cer Reihe nach um und meldeten ihre Kinder wieder vom Konfessionsunterricht ab. Die Kirche zog den Kürzeren dabei, zumál nunmehr auch manche Aeusserung der Pfarrer verraten wurde. In Meiningen wurde ein grosser Schauprozess gegen einen Geistlichen inszeniert. Zwei Schulmädchen waren die Hauptbe18stungszeugen. Er wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl ihn die Bevölkerung für unschuldig hält. Sie ist der Juhwnders- Oders! Die Thüringer Deutschen Christen( Nationalkirchliche Bewegung) haben sich ein neues Abgefchen gegeben, das ihre Abfichten und Pläne sehe offen kundmacht. Bisher war es das äbliche Christenkreuz mit einem Dornenkranz aus kleinen Hakenkreuzen. Jeht Nieht she Zeichen so aus: $ Wohlgemerkt, es ist nicht das rechtwinklige Hakenkreuz des Dritten Reiches. Es ist viel" mehr das Sonnenrad! Dieses Sonnenrad, gold auf blauem Grund, ist das Zeichen der chriftusfeindlichen und Kirchenfeindlichen Deutschen Glaubensbewegung". Dieses Sonnenrad prangt groß in Rot auf dem chriftengegnerischen Blatt„ Der Durchbruch!" Wie können die Thüringer Deutschen Christen dieses Zeichen der ausgesprochenen Chriftusgegner zu threm Zeichen erheben? Gehr einfach! Sie wollen doch in ihrer kommenden Nationalkirche alle Deutschen vereinen, Evangelische, Katholische, Freikirchler und dabei auch die Chriftusgegner nicht weglaffen! Diefen kommt man am meisten entgegen und übernimmt gleich ihr Zeichen! Sie werden in diefer merkwürdigen Kirche" das ent scheidende Wort zu fagen haben. Da aber Chriftus nicht ganz abgetan werden soll, ist in den starken Ballen des Sonnenrades ein schmales Chriftuskreuz ausgefpart! Also Chriftusgegner und Chriftusbekenner in einem Zeichen und in einer Kirche! Welche Unmöglichkeiten! Als ob es in ewigen Dingen folches Handeln und solche Kompromiffe gäbei Kann man 3a and Nein, Feuer und Waffer, Chrifti Jünger and Chrifti Sefade in einer Kirche vereinigen? Entweder Oder! Die Thüringer Deutschen Christen haben die Kirchenleitung und damit alle Macht in den Landeskirchen Thüringen, Mecklenburg, Bremen, Edbed, fie gränden im ganzen Reich ihre eigenen Gemeinden und Streben danach, die ganze Deutsche Evangelische Kirche in ihre Gewalt zu bringen. So ist das Zeichen der Christusgegner mitten in der Kirche aufgerichtet! Wir aber bekennen uns wie unfere Väter zu dem Kreuze unferes Herrn und Heilandes Jesu Chrifti, das der Welt zum Heile auf Golgatha errichtet wurde! Dies Kreuz krönt die Gipfel unserer Berge, es hütet den Schlummer unserer teuren Gefallenen, es mahnt vom Grabe Schlageters weit in die deutschen Lande, es erhebt sich groß in der Mitte des Denkmals von Tannenberg, auf unseren Friedhöfen verheißt es den Toten die Auferstehung und das ewige Leben. Dies Kreuz ist das Herz der Reformation Luthers. Dies Kreuz erhebt sich vor der Gemeinde im Gottesdienst, mit ihm werden wir gefegnet für Leben and Steeben! Das Kreuz der Kirche aber war, ift und wird fein lein das unferes Herrn Jesu Christil Kampfparole der Deutschen Glaubensbewegung im Winter 1936/37 ( abgedruckt in der Allg. Evang.- luth. Kirchenzeitung 1937 17r. 5): „ Die christliche Lehre muß im kommenden Winter in allen ihren Grundfesten erschüttert werden. Darum alles, was irgendwie kann, hinein in den Kampf! Wir sind für kleinste Mitarbeit dankbar, damit die Pestbeule im Volfe ausgerottet werden kann. Die Kampfziele find härter, schärfer und tiefer geworden. Die chriftliche Religion muß bekämpft werden, weil sie rein jüdischen und orientalischen Ursprungs ist. Dieser Jesus ist der Feind aller Deutschen, der Feind von Blut und Raffe. Heilig allein ist deutscher Glaube, heilig die Geburt, nicht die Taufe, heilig allein die Ehe, nicht der Priesterfegen. Wir treiben nicht Miffion an Fremdraffigen, wir treiben Miffioneabwehr in chriftlichen Kirchen. Wir fordern: 1. Die Streichung der Staatszuschüiffe an die Kirchen. 2. Die Einrichtung der rein deutschen Gemeinschaftsschulen. 3. Schließung der theologischen Fakultäten. 4. Schließung von Kirchen und Klöstern chriftlicher Konfeffion. 5. Schließung der Friedhöfe vor jedem Pfarrer. 6. Die Wehrmacht muß vor jedem konfeffionellen Einfluß geschützt werden." Und die nationalkirchliche Bewegung der Thüringer Deutschen Christen? 1. Geheimrat Gerstenhauer, Vorsitzender des Thür. Landeskirchentages: ( Deutschbundblätter, Osternummer 1936, S. 21/22)... Ich bin nur deshalb auf einige Einzel. fragen eingegangen, um zu zeigen, daß deutsche Christen und Deutschgläubige garnicht so weit voneinander entfernt find. Haben sie schon 80% gemeinsam, warum sollte nicht auch in den letzten 20% eine Einigung möglich fein? Jedenfalls follte man auf eine Einigung. hinwieten...., wie es in Thüringen geschieht." 2. Kirchenrat Leutheuser, Leiter des Volksdienstes beim Landeskirchenrat: ( Die deutsche Chriftüsgemeinde, S. 20)... Wer dieses Gesetz vernommen( she Deutschen sollt ein Volt werden), der würde lieber alle Frömmigkeit seiner Kindertage, Protestantismus und Katholizismus, ja Jesus selbst deangeben, tönnte er damit die Zäune und Mauern zwischen. den deutschen Herzen niederbrechen und mit seinem deutschen Bruder und mit seiner deutschen Schwester den einen Himmel finden." 3. Kirchenrat Lehmann, Mitglied des Thür. Landeskirchenrates: ( Der Todeskampf der Chriftentümer 1937, 6.1, 5) Ob das Christentum überhaupt noch unter dem Namen„ Christentum" wiep gelebt werden können, das wird davon abhängen, ob es gelingt ,.... es zu lösen, von dem, was sich heute Christentum nennt.... Das wieder geborene Leben der Nation muß vor Verseuchung durch Leichengift bewahrt bleiben." „ Das sind gedruckte Außerungen führender Thür. Deutscher Chriften. Die Deutschen Christen sind der Riß in der Mauer, durch den die Chefftusfeindschaft wie die Sturmwellen des antichristlichen Heeres eindringen wollen in die Kirche, damit das Chriftuszeugnis in Deutschland verftummel"( Schieder). Wer hat den Kampf um die Erhaltung des Evangeliums in unserem Volk am entschiedensten geführt? Die Bekennende Kirche! Bekenne Dich zu ihr und ihrem Kampf! Jefus Christus, gestern und heute und derfelbe auch in Ewigkeit! Herausgeber und verantwortlich: Landesbruderrat Sachsen, Dresden- 1, Johann- Georgen- Allee 31 Heinrich Stöhr. K. A-86 A-87Dies mußt Du von der 1. Was ist die Rieche? Kirche wiffen! 1. Was ist die Kirche? 2. Was ist in der Kirche geschehen? 3. Was geht Dich das an und was hast Du zu tun? Die Kirche ist Gottes Stiftung und soll Gottes Wort verkündigen. Sie lehrt Gottes Willen erkennen und spricht von Gottes vergebender Güte. Was bedeutet das für Dein Leben? Meinst Du, es sei gleichgültig, ob die heiligen jo Gebote den Menschen vor Augen stehen oder nicht: Wo das nicht mehr der Fall ist, wer hat da noch Ehrfurcht vor Gott und Achtung vor den Menschen: Werden dann noch die Jungen die Alten ehren: Wird man Leben und Besitz des ächsten achten? Wird Wahrheit die Regel und Lüge die Ausnahme sein? Möchtest Du unter Menschen leben, die tun und lassen, was sie wollen, weil sie nicht mehr glauben, daß es einen Gott gibt, der in das Verborgene ficht: Hernach aber, wenn sie in Sünde und Elend stecken, wissen sie sich nicht mehr zu helfen und die Welt läßt sie allein. Christus dagegen spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich mill euch erquicken. Die Kirche ist dazu da, daß sie dies verkündigt. 2. Was ist in der Kirche geschehen? Es gibt in der evangelischen Kirche schon seit vier Jahren einen Kirchenkampf. Wie ist er entstanden: Weder die politische noch die kirchliche Führung haben ihn gewollt. Aber es gab in der Kirche einige Pfarrer, denen ging es um die Macht. Als sie zum Ziel kamen, wurden alle leitenden ämter der Kirche mit Deutschen Christen" besetzt. Es begann ein Regiment der Gewalt. Die christliche Lehre wurde in Irrlehre aufgelöst. Dagegen erhoben sich deutsche evangelische Pfarrer und deutsche evangelische Männer und Frauen. So entstand die ,, Bekennende Kirche". Die trat in Kirchenversammlungen oder Synoden an die öffentlichkeit. In ihnen wurde die Irrlehre verworfen, die Gesetzlosigkeit und Willkür des deutschchristlichen Regiments ans Licht gezogen. Dafür wurden die Männer der Bekennenden Kirche von den Deutschen Christen als Staatsfeinde ver. leumdet. Aber darf die Kirche sich nicht mehr gegen die Irrlehre wehren: Soll in ihr nicht das Recht, sondern die Willkür herrschen: Ende 1935 setzte der Staat ein Reichskirchenministerium ein. Es erhielt den Auftrag, die Rechtsgrundlage der Kirche wieder herzustellen, die von den Deutschen Christen zerstört war. Dieses Reichskirchenministerium bildete zuerst einen Reichskirchenausschuß, danach mehrere Landeskirchenausschüsse. Aber schließlich scheiterte das ganze Befriedungswerk. Der Vorsitzende des Reichskirchenausschusses D. Soellner, trat von seinem Amt zurück. Daraufhin hat der Führer und Reichskanzler die Wahl einer Generalsynode angeordnet. 3. Was geht Dich das an und was baft Du zu tun? Zuerst: Werde Dir darüber klar, wie Du überhaupt zur Kirche stehst. Ist sie Dir gleich. gültig ärgert Dich etwas an ihr: Was ist es, das Dich ärgert: Sprich Dich mit einem verständigen Christen darüber aus, aber laß Dich nicht verbittern. 2. Was weißt Du eigentlich von der Kirche Kannst Du etwas beurteilen, von dem Du nichts Rechtes weißt: Glaube nicht alles, was man Dir sagt, sondern erkundige Dich am rechten Ort. Wo man Dir frei und offen antwortet, da ist der rechte Ort. 3. Glaube nicht, daß Menschen über das Schicksal der Kirche entscheiden. Dein Schick: jal hängt vom Schicksal der Kirche ab. In Gottes ewiger Wahrheit, die in ihr ver fündigt wird, liegt Dein Heil, darum fomme und höre die Wahrheit! Du wirst bald merken, wo Chrifti Stimme zu Dir redet. Herausgeber: Landesbruderrat Sachsen, Dresden A 1, Johann- Georgen- Allee 31, J., Poftichedtente Dresden 29 587. Drud: Dresdner Akzidenz- Druckerei, Dresden X 1, Polierstraße A-88t In diesem Zeichen fiegt die Kirche Der Führer und Reichskanzler hat burch seinen Erlaß vom 16. Februar die Wahl einer Generalfynode angeordnet, die der evangelischen Kirche eine neue Verfassung und Ordnung geben soll. Es ist sein klar ausgesprochener Wille, daß diese Wahl ,, in voller Freiheit nach eigener Bestimmung des Kirchenvolkes" stattfindet. Evangelische Glaubensgenossen, Ihr müßt wissen, worum es geht. Wem follen Eure Kirchen gehören? Dem lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart bat, oder den ver änderlichen Bildern, die sich die Menschen von Gott machen? Was soll in Euren Kirchen verkündigt werden? Die ewige Wahrheit des Wortes Gottes oder die vieldeutigen Reden derer, die dieses Wort verfälschen? Wer foll in Eurer Kirche die Führung haben? Die, welche Euch in Liebe und Wahrheit dienen, oder die, welche mit Gewalt und Lift in der Kirche herrschen wollen. Was follen Eure Kinder im Religionsunterricht hören? Gottes heiligen Willen und die Botschaft von Jesus Chriftus oder Legenden und Märchen? Du mußit es jetzt wissen. Entscheide Dich! Entscheide Dich flar! Die Stunde ist da: Jetzt darfst auch Du bekennen! Laß Dich nicht irre machen! Man wird Dir sagen, es gehe um die Entscheidung: Judenkirche oder Christus. firche der Deutschen. In Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes: Ob Jesus. Chriftus allein Herr der Kirche, Lehrer der Gewissen, Erlöser von Tod und Sünde ist. Före nicht auf die, die vom Alten Testament sagen, es sei ein Judenbuch. Sie tennen es nicht, und wenn sie es kennen, so fürchten sie sich vor seiner Wahrheit. Höre nicht auf die, die den Apostel Paulus einen verlogenen Rabbiner nennen. Sie werben eines Tages auch Jesus Christus selbst antaften. Hüte Dich vor den Schwarmgeistern! Sie wolle luger acti a's the 2dors, a nicht die Mühe gegeken, cs 1 veritehen. Man wird Dir fagen: ,, Ein Wolt, ein Fübrer, eine Kirche: Wenn aber da. Jdeal ciner Deuid dirtlichen Mu enaltirdi.it wurde hätten wir dann noch eine Kirche? Wir evangelichen Chbaben in eme langen Geschichte bewiesen, wie sehr wir unser Bolt are awer Vaterland lieben Wir werden es auch in Zukunft beweisen. Dazu brauchen wr feine derionalfire. Christus in die Einheit der Kirche. Wer Chriftus dient, der un uch seinen Volk. Hüte Dich vor den Schwarmycistern. Sie nehmen große Jerte in den Mund, aber was sie im Sinn haben, ist ihre eigene Macht. Man wird Dir fagen: Wir wollen ein Christentum ohne Dogmen. Wir haffen das Gezant ter Theologen. Was ist aber ein dogmenfreies Christentum anderes als Grundíaslongkeit, zie ihnen erlaubt, heute so und niergen so zu reben. Eine Kirche, die ket. Grundfase hat, gleicht dem Haus, das cuf Sand gebaut war.., Da nun ein Plasregen fiet und kam ein Gewässer und webten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall." Menschen, die keine Grundfäße haben, find ,, wie das Schilf, das der Wind hin und her bewegt." Hüte Dich vor den Schwarmgeistern! Sie sagen: Weg mit den Dogmen! Aber was wollen sie Sie wollen Euch fangen in den Schlingen ihrer eigenen Lehre. Weißt Du, was Dir droht? fier abirennen! Dir droht ein verfälschtes Christentum, das die Botschaft von Jesus Chriftus mit Politik vermengt. Dir drohr eine Vergewaltigung Deines Gewissens, die sdmeid lerisch anfängt und mit Gewalt endet. Dir droht eine Kirche, in der Chrifti Srimme zum Schweigen verurteilt ist und in der die verfolgt werden, die sich zu ihm bekennen. Willst Du das nicht, so entscheide Dich. Entscheide Dich klar! Die Stunde ist da: Jetzt darfst auch Du bekennen! Anmeldung zur Aufnahme in die Bekennende evang.- luth. Kirche in Sachsen Name: Geburtstag und Ort: Wohnort: in Kirchgemeinde und Pfarrbezirk. Ich verpflichte mid 31 eirem menai'ichen Beitrag: hen 19 ich tete der Befennenden er. Tuth Sachfen, elle mich der Veitung ihres Bruderrated. Ich will and ftüben. Tenn ich balte die veilice Schrift nadi de Borname: Siand nd Beruf. the Plan Mr. 1b de T., ches woangeliicher de bender eam de er luth. Kirche nach benen i en fordet Auslegung der Betenatniffe Fer Guanaefidh' ntbertiner Kirche für die einzige und ancntasbare rundlage der Kirche und ihre Berfundima andesbruderrat der efennenben blutb. Sire Zacbiene, Dresben WI Wattenbaudi... Trid Treshnern A-89Internationale Judenkirche? Was fagt man unserer deutschen evangelisch- lutherischen Kirche nach! Kaum hält man es für möglich, daß solcher Widersinn, der die Unglaubhaftigkeit auf der Stirn trägt, von ernsthaften Leuten nachgesprochen oder geglaubt wird. Gewiß wird man späterhin auch einmal über folche Seltsamteiten lächeln. Aber heute fagt man es: Ausgerechnet die deutsche evangelisch- lutherische Kirche internationale Judenkirche! - eine Die Kirche also, an deren Anfang Luther mit seiner Derdeutschung des Evangeliums teht, die Kirche, die mit ihrer Botschaft bis zum heutigen Tage ungezählten Deutschen in der Heimat und im Auslandsdeutschtum Herz und Mut zum legten Einfah für ihr Dolk gestählt hat, die Kirche, die uns im Glauben an das Evangelium in die Liebe und Derantwortung gegenüber dem Dolk hineinstellt, diese Kirche eine internationale Judenkirche? Wie fann man sich solchen Unsinn fagen laffen und ihn vielleicht gar noch glauben! Und nun lommen die fadenfcheinigen Gründe: Jesus und Paulus waren Aber boch Juden? Und die Kirche hält doch am Alten Testament, diesem Judenbuch, fest? und es ist doch auch erwiesen, daß die Kirche durch ihre Mission international ist? Solche Meinungen find von feiner Sachkenntnis getrübt. Auf sie ist zu antworten. 1. Die Kirche glaubt nicht deswegen an Jesus, weil er Jude war, sonder.. weil er der Heiland der Welt, auch der Heiland unseres Volkes ist. Als Heiland hat sie ihn immer verkündigt und wird sich darin nicht be. irren faffen. Es ist Berleumdung, ihr etwas anderes zu unterstellen. 2. Die Kirche verkündigt nicht den Juden Paulus, sondern läßt sich aus feinen Briefen im Neuen Testament den Heiland der Welt bezeugen. Es iff auch bemerkenswert, daß gerade Paulus sich um seiner Heilandsbot schaft willen den Daß seines Boltes wie faum ein anderer zugezogen hat. 3. Die Kirche hält nie und nimmer deshalb am Alten Testament fest, well es ein„ Judenbuch" ist. Das Alte Testament ist überhaupt nicht Juden tum. Luther hat sehr deutlich das nachchriftliche Judentum als Abfall vom Alten Testament bezeichnet. Die Kirche hält vielmehr deshalb am Alten Teftament fest, weil sie aus ihm Gottes Stimme vernimmt, die zu Christus, dem Heiland der Welt, weist. 4. Die Kirche mit ihrer Botschaft ist ebensowenig international" wie die Sonne am Himmel. Die Sonne scheint auf alle Bölfer. Dasselbe fut auch das Evangelium. Es ist allen Böllern gegeben und soll allen Böl fern gepredigt werden. Darum Schluß mit folchen unsinnigen Verdächtigungen! Sie zerstören Kirche und Volksgemeinschaft. Die Kirche ist nicht internationale Judenkirche, sondern Chriſtusbotschaft für alle und damit auch für unser deutsches Dolk. Herausgegeben vom Rirchlichen Bolfemifflondamt, Leipzig C 1. Otto- Schill- Straße 2 Drud: Welzel Buch- und Werbebrud, Dresben A 47 A-90einung, dass Kinder als Belastungszeugen nicht ausreichen, um solche schwere Strafen zu verhängen. Die Widerstandsregungen gegen diese Art von Prozessen gehen durch alle Volkskreise. Seit dem Prozess ist die Kirche voller noch als früher.Jetzt steht beim Kirchengang vor dem Tor ein Polizeidoppelposten sozusagen als Kontrolle, die die Leute abschrecken soll. Es werden in der Regel SS- Leute dazu genommen, die der Kirche nicht mehr angehören. Der Bürgermeister erliess eine Warnung, dass er strenge Strafen verhängen werde, wenn diese Kundgebungen nicht bald eingestellt werden. Er drohte besonders mit dem Entzug des Arbeitsplatzes. Da die Strafe das Allheilmittel darstellt, wird es auch beim Kirchenkampf entsprechend als Druckmittel angewandt. 2.Bericht: Besonders scharf werden die Offiziersfamilien überwacht, ob sie Beziehungen zu Kirchenkreisen pflegen. Die Beobachtung erstreckt sich auf beide Konfessionen, beide sind scheinbar gleich gefährlich. Dabei ist das Misstrauen ganz unberechtigt. Die Offiziere, gleichgültig welcher Konfession, wollen Karriere machen, weiter nichts. Ihnen sind ihre Existenzfragen viel wichtiger als dass sie sich leichtfertig mit oppositionellen Kreisen in Verbindung bringen liessen. Da ihnen bekannt ist, dass sie unter Kontrolle stehen, sind sie doppelt vorsichtig, um das nächste Karriereziel nicht zu gefährden. Die Frauen der Offiziere wissen, um was es geht, also vermeiden auch sie den Schein. Der Kirchenkampf scheint dem System soviel Sorgen zu bereiten, dass es die Beobachtung auch auf Gebiete erstreckt, in denen sich bisher keinerlei oppositionelle Regungen von der kirchlichen Seite her ergeben haben. Man scheint von der Annahme auszugehen, dass auch dort, wo nach aussen Ruhe herrscht, unter der Decke doch Widerstandskräfte am Werke sind. In der Woche zwischen dem 3. und 9. August wurden in Erfurt und einigen Nachbarorten den Pfarrern der lutherischen evangelischen Kirche die Pässe abgenommen, obgleich im Bezirk bisher keinerlei auffällige Kirchenkämpfe stattgefunden haben. Die Anweisungen sind direkt aus Berlin von den Zentralstellen gekommen. Während der Sommermonate werden im thüringischen Landgebiet die Bibelstunden unregelmässig abgehalten. Daran hat in den vergangenen Jahren niemand etwas Verdächtiges gefunden. Als jetzt in X. die Kirche bekannt machte, dass nunmehr die Bibelstunden wieder regelmässig abgehalten werden, witterte man darin Opposition. Die Besucher der ersten regelmässigen Bibelstunden wurden bespitzelt und bei einigen wurden Haussuchungen vorgenommen. Ein Ergebnis hatten sie nicht. Eine Pfarrerfamilie aus Y. hatte während der Ferien gesellschaftlichen Verkehr mit einer Familie, die mit der Familie eines bekannten Führers der Bekenntniskirche verwandt ist. Dieser Verkehr war bespitzelt worden. Als die Pfarrerfamilie aus Y. 3 Tage zurück war, bemerkte sie, dass ihre Post überwacht wurde. Eine Woche später fand die Familie im Briefkasten eine hektographierte Abhandlung zum Kirchenkonflikt.Unter A-91schrieben war sie mit" Reichsführung der Kirchenopposition." Die Abhandlung enthielt die Aufforderung, durch direkte Zuschrift an Minister Kerrl einen schriftlichen Protest zugunsten des Pastors Niemöller einzubringen. Wenn diese Proteste in grosser Zahl eingebracht würden, könnten sie ihre Wirkung, nicht verfehlen. Das Blatt war nicht durch die Post zugestellt, sondern durch Boten eingeworfen worden. Dass es sich hier um eine grobe Lockspitzelei handelte, liegt auf der Hand. Der Pfarrer lieferte das Blatt sofort bei der Gestapo ab. Sie nahm es an, ohne besondere Erörterungen anzustellen. Im Ort Weberstedt war kürzlich Glockenweihe. Der Umzug sollte nach Wünschen der SA und SS ausgestaltet werden. Als sich die Kirchenverwaltung den Wünschen nicht gefügig zeigte, gab es Differenzen, in deren Verlauf SA und SS die Beteiligung an der Kundgebung absagten. Sie waren zweifellos der Meinung, dass dadurch die Kundgebung keinen parteioffiziellen Charakter haben werde und die Bevölkerung deshalb von ihr fernbleiben würde. Das war ein Trugschluss. Es kam zu einer grossen Kundgebung, weil sich nunmehr auch aus den Nachbarorten die Bevölkerung in grossem Masse an dem Umzug beteiligte. Die Verkehrspolizei versuchte den Umzug mit allerlei Schikanen zu behindern. Der im Mittelpunkt der Kundgebung stehende Pfarrer Kallensee, Langensalza, wurde am nächsten Tag in Haft genommen. Ihm wird zum Vorwurf gemacht, in diesen Orten die Protestbewegung entfesselt zu haben. In Weberstedt traten infolge dieser Ereignisse allein innerhalb zwei Wochen 45 SA- und SS- Leute aus der Kirche aus. Im Juli tagte in Sondershausen die Luther- Akademie. Es waren meist ältere Pfarrer anwesend. Da man nicht gut Gestapo zur Ueberwachung hinschicken konnte, waren 12 junge nazitreue Pfarrer zur Beobachtung entsandt worden. Auf diesem Umweg hoffte die Gestapo zur gewünschten Berichterstattung zu gelangen. Berlin, 1.Bericht: Niemöllers Verhaftung wurde in Berlin zunächst durch das DNB bekanntgegeben. Die meisten Provinzzeitungen durften aber die Meldung nicht bringen. Offenbar hat man die Mitteilung in Berlin schnell als einen Fehler erkannt, da die Aktion in den westlichen Stadtteilen Berlins grosse Aufregung verursachte. Allerdings nicht in den Arbeitervierteln. Die Berliner Arbeiter stehen auch heute noch dem Kirchenkampf sehr gleichgültig gegenüber. Die Besucher der Garnisonkirche werden seit der Verhaftung Niemöllers durch SS überwacht. Die Offiziersbesuche haben seitdem sehr nachgelassen. Das besagt zwar nichts über die innere Einstellung der Offiziere, wohl aber ist es kennzeichnend für die geringe Bereitschaft der Offiziere, dem Druck des Regimes Widerstand entgegenzusetzen. In den Bezirken Dahlem, Buchholz, Hohenschönhausen, Steglitz und Marienfelde sind die Kirchenbesuche seit der Verschärfung des Kirchenkampfes ausserordentlich angestiegen. Das Regime hat sich zu schärfster Beobachtung und zu einer Reihe von Ver 4-92haftungen, darunter eine ganze Anzahl von pensionierten Lehrern und pensionierten Offizieren, gezwungen gesehen. Allgemeine Beachtung findet, dass auch die Frau des Reichsfinanzministers v. Krosigk mit ihren Kindern unter den regelmässigen Kirchenbesuchern zu finden ist. Seit Beginn der Ferien hat der Kirchenbesuch etwas nachgelassen, was sich ohne weiteres aus den Urlaubsreisen erklären lässt. Ueber das Befinden Niemöllers im Moabiter Gefängnis konnte man in Dahlem täglich den neuesten Bericht hören und jeder fragte auch den anderen, wie es dem Pfarrer gehe. Heimlich werden auch noch Karten von Niemöller verkauft, auf denen er als U- BootsKommandant abgebildet ist. Die Karten stammen noch aus der Zeit von 1933, als die Nazis stark auf Niemöller rechneten und ihn als See- Helden feierten. Noch 1934 wurde sein Name bei Werbungen in Vorträgen für die SA- Marine genannt; auch er selber hat damals noch Vorträge bei der SA gehalten. 2.Bericht: Im Stadtteil Neukölln ist bisher wenig vom Kampf der Kirche sichtbar geworden. Seit dem" Rummel mit den Kirchenwahlen zeigen sich aber auch hier die Spannungen deutlicher und der Kirchenbesuch nimmt demonstrative Formen an. In der Lutherkirche wurden sogar Kontrollen darüber durchgeführt, ob die Kirchenbesucher auch der Kirche angehören. In diesem ausgesprochen proletarischen Viertel erklären jetzt viele: aus Protest gegen die Nazis sind wir aus der Kirche ausgetreten, als die Pfarrer sich 1932 für die Nazis einsetzten, jetzt gehen wir aus Protest gegen die Nazis wieder rein. Die Hetze gegen die katholischen Geistlichen mit den Sittlichkeitsprozessen löst bei den Protestanten doch Ressentiments gegen die Katholiken aus. Man weiss zwar, dass die Nazis übertreiben und was mit der ganzen Hetze bezweckt wird, hält aber doch sehr vieles für wahr." So etwas hat es doch immer gegeben!" Im ganzen glaubt man doch, dass vieles recht faul ist in der Kirche. Hinzu kommt, dass die Arbeiter das Verhalten der katholischen Kirche in Oesterreich, Spanien und Italien als ausgesprochen arbeiterfeindlich ansehen und daher jetzt nicht viel Sympathie für sie aufbringen können. Die Nazis wissen das sehr genau und werten es aus. Schlesien, 1. Bericht: Die Haltung der Kirche wird im Ausland im allgemeinen etwas überschätzt. Man darf aus der heutigen Stellung der Kirche nicht ableiten, dass die Kirche ein Bündnisfaktor für die Arbeiterschaft sei. Die augenblickliche Opposition der Kirche entspringt ja nicht einer grundsätzlichen Gegnerschaft zum System, sondern richtet sich nur gegen die Totalitätsansprüche der Nazis, und zwar auch wiederum nur gegen jene, die den Interessen der Kirche zuwiderlaufen. Einerlei, welche Formen der Kirchenkampf in der nächsten Zeit noch annehmen wird, schliesslich wird er immer mehr verflachen, bis von der Opposition bestenfalls ein Gemecker übrig bleibt. Dies muss der Verlauf jeder Opposition sein, die nicht tieferen Ursachen entspringt. A-93Innerhalb der Bekenntniskirche verspricht man sich von den Kirchenwahlen sehr wenig. Man rechnet damit, dass die Wahl unter grossem Terror stattfinden wird. Die Verhaftung Niemöllers hat sich mit Windeseile herumgesprochen und grosse Erbitterung ausgelöst. Gleichzeitig zeigt sie jedoch auch die Einflusslosigkeit der Bekenntniskirche. Noch grösseren Abscheu erregte die Verhaftung der Frau Asmussens. A. gehörte zur Dahlemer Richtung, er ist in der vergangenen Woche geflohen, die Frau wurde verhaftet, um den Aufenthaltsort ihres Mannes herauszubekommen, Geisselv erhaftung. Die Schrift von Dibelius über den Kirchenkampf hat bis hinein in die nationalsozialistischen Reihen ihre Wirkung nicht verfehlt. In Schlesien ist das beiliegende Flugblatt verbreitet worden. Es gibt einen Ueberblick über die Argumentation der " Deutschen Christen" und es zeigt auch deutlich, wie die Bekenntniskirche in die Verteidigung gedrängt ist( Siehe Seite A 94 und A 95). 2. Bericht: Den Mitteilungen der Vereinigung evangelischer Buchhändler, E.V., Nr. 69, Mai 1937, entnehmen wir: " Der Vorsteher ergänzte den gedruckten Jahresbericht über die Darlegung einzelner Schwierigkeiten, die sich durch die Entkonfessionalisierung zeigen... Erschwert worden sind uns die angehenden Angelegenheiten durch folgende Tatsachen: 1. Das seinerzeit ausgesprochene Verbot, christliches Schrifttum auf dem Wege des Wandergewerbes zu verbreiten, ist bestehen geblieben. 2. Im Zusammenhang mit dieser Massnahme steht die Nichterteilung des Ausweises zum Vertrieb von Schriften an die bisherigen sogenannten christlichen Wiederverkäufer seitens der Gruppe Buchhandel in der Reichsschrifttumskammer, obwohl die Meldungen im Oktober 1935 an die Kammer ergangen und deren Eingang seinerzeit auch bestätigt worden ist. Berücksichtigt worden ist seitdem nur ein geringer Teil der Angemeldeten. Deshalb sind viele kleine Stellen im Ungewissen. 3. An einer Stelle ist einer Buchhandlung des Vereins für Innere Mission von dem zuständigen buchhändlerischen Gauobmann aufgegeben worden, dass sie sich in ihrer Tätigkeit ausschliesslich auf das christliche Schrifttum zu beschränken habe und dass sie bei Gemeinschaftslieferungen und städtischen Lieferungen, soweit es sich nicht um christliches Schrifttum handelt, nicht mit zu berücksichtigen sei. 4. Die Untersagung buchhändlerischer Freizeiten für das evangelische Schrifttumsgebiet seitens des Bundes hat sich dahin ausgewirkt, dass ab 1936 eine zusätzliche Schulung in der evangelischen zu der allgemeinen Literatur unterbleiben musste. 5. Die Anordnungen des Herrn Präsidenten der Reichspressekammer vom 17. Februar 1936 über die Gestaltung der evangelisch- konfessionellen Presse bestimmt, dass die Schriftleiter A- 94Die Nationalkirche ein Traum! Die Deutschen Chriften( nationalkirchliche Bewegung) fagen so: Wir haben ein einiges Deutschland, laßt uns nun auch die eine deutsche Kirche bauen, die Nationalkirche, die alle Deutschen umfaßt: Evangelische, Katholiken, Freikirchen, Setten und auch die Chriftusgegner! Dann haben alle Spaltungen ein Ende, dann ist Deutschland ganz geeinigt! Klingt das nicht bestechend? Bei Luthers Tode waren 10 aller Deutschen evangelisch. Durch die Gegenreformation wurde, unseres Volkes wieder katholisch, dazu find Freikirchen und Setten gekommen, die freilich zahlenmäßig nicht viel Anhänger haben. Ist dieser Zustand schön? Gewiß nicht! Wir möchten auch wie die Norweger, Schweden oder Finnen mit 95% des Voltes Reformationsfest feiern! Wie wollen die Deutschen Christen ihr Ziel erreichen? Sie verfünden einen neuen Glauben und gründen eine neue Kirche, die Nationalkirche. In ihr wollen sie alle Deutschen vereinigen, Evangelische, Ratholiten, auch die Christusgegner. Denn nur wenn sie alle zusammen sind, ist ihr Ziel: ein Bolk eine Kirche erreicht. Wie soll das möglich sein? Jeder muß das aufgeben, was ihn vom andern trennt, oder-wenn er es denn behalten will, denn nur als seine Privatmeinung innerhalb seiner vier Wände. Bekenntnis und Verkündigung dieser„ Nationalfirche" darf nur das sein, wozu alle Deutschen Ja sagen können, also nur das ganz Allgemeine, das ganz Unverbindliche, Unklare: eine Christusidee, Jesus als heldisches Vorbild, aber nicht Jesus als unser Herr, nicht mehr Luthers unbedingte Beugung unter das Bibelwort denn da tönnten ja sehr viele nicht mittun: man muß es also weglassen! Darum stellen die Deuschen Christen in ihren Gottesfeiern" Dichterwort, also doch Menschenwort, unvermittelt neben Gotteswort und entwerten dadurch die Bibel. Sie singen ihre neuen Kampflieder" in der Kirche, die gar feinen echten evangelischen Inhalt und Ton mehr haben, und schieben so den gewaltigen evangelischen Choral beiseite. Es geschieht, was schon vor zwei Jahren einer der Führer der Deutschen Christen, Leutbeuser, schrieb: um der völlischen Einheit willen wird alles, ja schließlich Jesus selbst drangegeben.. Grück für Stüc gibt man die christliche Wahrheit preis: Die Bibel! Staltpfarrer Schneider in 9ouland Gottes", Seite 12:„ Der Heiland steht in ben deutschen Märchen tiefer, leuchtender und reiner da als in den jüdischen Büchern... Der frühere deutschchriftliche Bischof Oberheid, den die nationalDie hl. Taufe! Stadtpfarrer Schneider Stuttgart in Echorndorf am 6. 12. 36: „ Wir sollen( nämlich durch die hl. Taufe!) hineingetaucht werden in die Gemeinschaft des Volkes, hineingetaucht in die Weltanschauung des Führers." Das h!. Abendmah!! Derselbe bei gleicher Gelegenheit:„ Man müsse das Abendmahl dem Volte wieder verständlich machen aus seinem heutigen Erleben heraus(!). Der Wein sei das Zeichen des ewig in uns pulsenden Blutes, das Brot die Frucht deutschen Bodens. Aus Blut und Boden baue sich die Volksgemeinschaft, die im Abendmahl geweiht würde." Stadtpfarrer Schneider- Stuttgart in Deutsches Christentum" G. 176 f.: 3n den nächsten Monaten soll an bestimmten SonnDie Kirche! Leutheuser in ,, Der Heiland in der Geschichte der Deutschen", S.14: An Stelle des Leibes der Kirche fritt der Leib der Deutschen, der im Staat sein Symbol findet." Das Kreuz! Die Deutschen Chriften haben zum Symbol der von ihnen erstrebten Nationaltirche das Sonnenrad der Chriftusgegner, der Deutschen Glaubensbewegung, übernommen, lebiglich mit einem bünnen driftlichen Kreuz in ber Mitte, wie jebes Titelblatt ber " firchliche Bewegung jetzt als Pfarrer mit besonderem Auftrag" nach Thüringen sich geholt hat:„ Wir werden das Alte Testament entfernen, wir werden auch... viele, viele Stellen vom Neuen Testament vor den Richterstuhl fordern.. Der einstige Reichsbischof Müller fagt am 17.3. 37 in SannoverLinden, es sei unsinnig, ein nichtgetauftes Kind ein Heidenkind zu nennen, denn sogar nach der Meinung des Apostels Paulus sei die Taufe nicht notwendig zum Christentum." tagen in jeder Familie ein Eintopfgericht gefocht werden, schlicht um schlicht, durch alle Städte hindurch... Wäre ein solch heiliges Mahl nicht viel wunderbarer als das, was wir durch Schuld einer Fehlentwicklung der christlichen Kirche heute als hinterweltliches Mirakel haben?" " Opfertod, Blut und all so'n Kram... ift gar nicht nötig", fagt der frühere Reichsbischof der Deutschen evangelischen Kirche, Müller.( Junge Kirche 1936, S. 736). Der nationalfirchliche Bischof Saffe- Thüringen erklärte jüngst: Jn 50 Jahren- ach, ich hoffe es selber noch erleben zu können! wird niemand mehr von Kirche reben, sondern man wird nur noch von chriftlicher Saltung sprechen." wöchentlich erscheinenden Zeitschrift Die Nationalfirche er bas mit jenem Symbol geschmückte Abzeichen, bas bie Deutschen Chriften an jedermann verkaufen, beweift. Benben! A-95D. theol. Engeite, der früher Vikar des entmächtigten Reichebischofs war, sagte in Jagfifeld am 1.2. 1937:„ Ich habe auf alles verzichtet, radikal auf alles: auf jede Theologie, auf jedes Be fenntnis, auf jede Kirche und Schule, auch auf die Bibel, und habe mich in gewaltigem Glauben vor Gott geftellt, er möge alles neu machen." Kurzum, alles, was überhaupt die Kirche eben Kirche sein läßt! Der nationalti bliche Borsitzende des Thür. Landeskirchentages, Ge: stenhauer, in den Deutschbundblättern" 1936:„ Ich bin nur deshalb auf einige Einzelfragen eingegangen, um zu zeigen, daß Deutsche Christen und Deutschgläubige garnicht so sehr voneinander entfernt find. Haben sie schon 80%, gemeinsam, warum sollte nicht auch in den legten 20% eine Einigung möglich sein? Jeben falls follte man auf eine Einigung hinwirken,... wie es in Thüringen geschieht." Vor solchem Ausspruch wie dem legten mag man Achtung haben. Wir sind weit entfernt, Volksgenossen, die 10 denken, die Achtung abzusprechen. Nur: Hände weg von der evangelischen Kirche! Da haben sie nichts zu suchen. Sie mögen außerhalb der evangelischen Kirche ihrer Saltung entsprechend leben und sich verbinden mit Menschen gleicher Haltung die evangelische Kirche aber denen lassen, die in der evangelischen Kirche ihres evangelischen Glaubens leben wollen wie ihre Väter. Welches ist aber der Erfolg so weitgehenden Entgegenkommens der Deutschen Christen? Solcher Selbstaufgabe, die sie der Kirche zumuten? Werden die Katholiken etwa in eine solche ,, Kirche" eintreten? Sie werden sich hüten! Alle treuen evangelischen Christen werden sich abwenden von solcher Entleerung, solchem Verrat am Heiligsten! Und die Christusgegner? Sie werden sagen: Sabt ihr schon unser Zeichen, das Sonnenrad, übernommen, dann laßt das kleine Kreuz, das ihr da noch hineingefügt habt, nur auch noch weg! So geht es auf gar keinen Fall! Im Gegenteil, die Zersplitterung auf religiösem Boden wird auf solche Weise nur noch größer. Die Erfahrungen mit der antichristlichen Deutschen Glaubensbewegung, die in eine große Zahl von Gruppen und Grüppchen auseinanderfällt, sollte zu denken geben! Auch die Deutschen Christen sind durchaus nicht etwa eine geschlossene Bewegung, sondern in mehrere Richtungen und Gruppen zerfallen, von denen einige in einem Bund für Deutsches Christentum" sich erst jüngst organisatorisch zusammengefunden haben. Wir sind also nicht näher, sondern ferner denn je dem Wunschziel einer Deutschen Nationalkirche. " Ja, aber unsere nationale Einheit, die errungen ist und die so dringend der Erhaltung und der Festigung bedarf: wird sie nicht in Frage gestellt durch die mangelnde Einheit im Glauben? Nein! Sonst müßten wir alle Soffnung auf sie aufgeben. Denn immer werden in unserem Volt Menschen mit verschiedenem Glauben sein, wird es Menschen geben, die an Christus glauben, und solche, die nicht an ihn glauben. Unsere völkische Zusammengehörigkeit hebt das nicht auf, das hindert nicht unsere völkische Einigung. Italien hat die Einigkeit im( katholischen) Glauben stets gehabt und hat seine nationale Einigung troßdem nicht früher erleben dürfen als Deutschland. England mit seiner seit alters vorbildlichen nationalen Geschlossenheit ist von je religiös ungemein mannigfach gegliedert. Nordamerika, das fonfessionell so start gespalten ist, hat seine nationale Einigung schon ganz früh erfahren. Die mangelnde Einigung im Glauben ist kein Hindernis der Einheit im politischen Leben eines Volkes. Wer anders sagt, beleidigt freventlich das deutsche Volk, das im Weltkrieg ein unübersehbares Zeugnis dafür geliefert hat, daß Christen aller Konfessionen treu zusammenstehen, wenn es gilt fürs Vaterland zu kämpfen, zu darben, zu opfern und zu sterben. So wird es bleiben auch in alle Zukunft: auf die Christen wird man sich verlassen können in der Stunde der Gefahr. Im Bolk find wir geeint burch Geburt und Geschichte, durch Blut und Boden; in der Kirche fönnen wir nur geeint sein mit denen, die mit uns im Glauben an Chriftus, unseren Herrn und Helland, einig sind. Darum werden wir nicht laffen von unserm evangelischen Glauben, 17 um dafür etwa die flache, blutleere, unbiblische, unevangelische Konstruktion der Nationalkirche" einzutauschen. Luther fagt: Weltlich wollen wir mit ihnen eins sein, das ist leiblichen, zeitlichen Frieden halten. Aber geistlich wollen wir sie meiden, daneben von ihnen leiden, als von Feinden, ihre Verfolgung und 3ertrennung. fe ferne und so lange Gott es leidet, und für sie bitten, sie auch ermahnen, daß sie ablassen; aber in ihr Lästern willigen, schweigen und billigen, wollen und können wir nicht tun." Wir kämpfen gegen den Wahn einer„ Nationalkirche"! Wir bleiben evangelisch! Bergard Bauer, Gotha, Ciraße der SR 29 Rainrich Stähr, Kanal A-96bzw. Schriftwalter der evangelisch- konfessionellen Presse eine Vermischung ihrer Aufgaben mit denen der politischen Tagespresse zu vermeiden haben, indem sie sich bei der Auswahl und Gestaltung der Stoffe ausschliesslich von religiösen bzw. religiös- ethischen und religiös- kulturellen Gesichtspunkten leiten lassen. Die praktische Durchführung dieser Verordnung ergibt die Unmöglichkeit, das allgemeine Buch künftig in dem Besprechungsteil einer kirchlichen Zeitschrift auf zunehmen. Buchauswahl und Besprechungsform für eine kirchliche Zeitschrift sind damit zu einer Frage für den Schriftleiter geworden. Wenn auf Grund der allgemeinen und absoluten Politik in der Theorie grundsätzlich an diesen Erschwerungen festgehalten werden soll, so muss die Praxis dennoch auf eine möglichst baldige Milderung hoffen, da sonst ein immerhin beachtlicher Teil der Buchwirtschaft in Gestalt des kirchlichen Schrifttums zum Erliegen kommt. Ueberhaupt muss über diese Dinge des kirchlichen Buchhandels grundsätzlich höheren Orts gesprochen werden. Eine solche Aussprache herbeizuführen ist das Gebot der Stunde. Jedenfalls liegen die Dinge so, dass an ihnen sorgfältig gearbeitet wird, dass jedoch jede Aussprache über sie im Rahmen einer Versammlung zu nichts führen würde." Wasserkante: Unter den zahlreichen in Schleswig- Holstein von der Bekenntniskirche verbreiteten Flugblättern verdient das nachfolgende:" Christliche Kirche oder" Nationalkirche"?" ( Siehe Seite A 97/ A loo) Beachtung. Es gibt einen Ueberblick über die Gruppierung auf der Gegenseite und zeigt, mit welchen Argumenten sich die Bekenntniskirche zur Wehr setzt. Ein weiteres Flugblatt:" Brauchen wir heute Christus?" ist insofern interessant, als darin die Bekenntniskirche sich auf die Haltung der Nationalen in Spanien und der Faschisten in Italien gegenüber der Kirche beruft und sich von Marxismus ausdrücklich distanziert.( vgl. die Originalkopie auf Seite A lol und A lo2). Nordwestdeutschland: Im Berichtsgebiet ist die Tätigkeit der Bekenntniskirche, aber auch der Kampf der Deutschen Christen erneut aufgeflammt. In Aurich sprach in der Landwirtschaftlichen Halle vor einigen Tausend Menschen der" Reichsbischof Müller. In den Kirchen haben die Deutschen Christen wenig oder keinen Anhang. Bei Predigten der Bekenntnispfarrer sind dagegen die Kirchen stets überfüllt. Pastor Immer hat nach einer Rede flüchten müssen, weil er verhaftet werden sollte. Einzelne Vorfälle aus den Kirchenkämpfen verbreiteten sich mit Windeseile über das ganze Land. So weiss man z. B. auch in der Nordwestecke des Reiches, dass der Bischof im Dom zu Eichstädt seine Hörer warnte, den Zeitungen zu glauten. Wenn über die bevorstehenden Kirchenwahlen gesprochen wird, hört man jetzt schon, dass die Deutschen Christen, gleich gültig wie gewählt wird, doch 99% der Stimmen bekommen würden. A-97Christliche Kirche oder„ Nationalkirche"? Wer iff's? Es ziehen neue Propheten durchs Bolk. Sie haben den Rampf in der Evangelifchen Kirche hervorgebracht, von dem seit vier Jahren die Welt spricht. Sie wollen die angekündigte Rirchenwahl benutzen, um die Kirche zu erobern. Drei Gruppen treten verbündet auf. Wir führen sie hier an und setzen in Klammern die Namen der wichtigsten Führer und Redner hinzu: 1. Bund für Deutsche Kirche", gegr. 1921( Andersen, Gerhard Meyer). 2. Kirchenbewegung Deutsche Chriften( nationalkirchliche Bewegung Thüringens)", auch abgekürzt genannt: Thüringer Deutsche Chriften". entstanden vor 1933( Leffler, Leutheuser). 3. ,, Bund für deutsches Christentum", gegr. 1936, eine Dachorganisation, der u. a. auch die oben Genannten angehören( offenfelder, Weidemann, Ludwig Müller, Engelke, Stüwer). Dieser Bund tritt auch auf als ,, Rommende Rirche". Die lebendigfte Bewegung ift die an zweiter Stelle genannte nationalkirchliche Bewegung aus Thüringen. Deshalb haben wir alle drei unter der Ueberschrift„ Nationalkirche" zufammengefaßt. Die nationalkirchliche Bewegung ist nicht bloß kämpfende Bewegung, Jondern hat seit 1933 die Kirchenregimenter einiger deuffcher Länder ( Thüringen, Mecklenburg, Lübeck, Bremen, Anhalt) in der Hand; auch in anderen Landeskirchen hat sie einflußreiche Stellungen besett. Was will sie? Sie will eine Nationalkirche fürs deutsche Bolk:„ Ein Volk, Ein Gott, Eine Kirche." Sie will eine deutsche Kirche jenseits aller Ronfeffionen", Jie will also nicht die Evangelische Kirche. In diefer Nationalkirche sollen alle Deutschen, gleichgültig, ob evangelisch, katholisch oder kirchenlos, eine ge meinfame feelische Heimstatt finden. Also eine Kirche von Saulhaber bis Ludendorff! Wie ist das möglich? Für möglich halten kann solche Kirche nur der, der den Boden der Bibet und der Reformation perlaffen hat. Nur auf dem Boden des Liberalismus konnten Jolche Bewegungen entstehen. Tatsächlich werden sie denn auch in der Hauptfache von den Bertretern eines unkirchlich gewordenen liberalen Protestantismus vorgetragen. Welchen Way schlagen fie dabei eh? A-98Sie geben vom Inhalt der Kirche das preis, wovon sie meinen, daß es dem Zeitgeist anstößig sei: also die Predigt von Sünde und Gnade, das Alte Teftament, den Apostel Paulus usw. Mit Jolcher Preisgabe des Anstößigen" hoffen sie die Bolksgenossen zu gewinnen, die mit dem Kirchenglauben zerfallen find. Ob das gelingen wird? Hier find alle Zweifel erlaubt: denn wer seine Ware so billig verschleudert, der verrät dem andern nur, daß er selber keine hohe Meinung von dem Wert seiner Ware hat. Auch nach der andern Seite hin wird von dem Gut der Evangelischen Kirche das preisgegeben, was dem Ratholiken anstößig sein könnte: also die alleinige Geltung der Bibel und die evangelische Gnadenlehre. Luthers reformatorische Erkenntnis wird verkauft, um ihrer etliche zu gewinnen. Ob das auf die Katholiken Eindruck machen wird? Wieder sind hier alle Zweifel erlaubt, denn für die Ratholiken sind derartige Angebote nur neue Beweise für die innere Auflösung des Proteftantismus. Aber von der bloßen Preisgabe der Substanz kann auf die Dauer keine Bewegung leben. So muß denn auch die Nationalkirche bemüht sein, eine neue Grundlage zu finden, nachdem sie das Zutrauen zu der biblischen Grundlage der Kirche verloren hat. Wo ist die neue Grundlage, auf der die Nationalkirche die Deutschen aus allen Ronfeffionen zu sammeln hofft? Das soll die Kraft des Deutschen Wesens sein; deutsche Art, deutscher Glaube, deutsche Frömmigkeit sollen wie ein neuer Pfingstgeist alle Deutschen religiös cinen und befeuern. Aber was ist der deutsche Glaube? Wir wissen es nicht. Auch die vielen Religionsftiftungen dieser Jahre von Hauer bis Ludendorff haben uns das bisher noch nicht gesagt. Wohl aber wissen wir, was die neue Grundlage nicht ist, nämlich keine biblisch- chriftliche Grundlage mehr! Darüber darf man sich auch nicht täuschen lassen durch das schöne Wort vom, Ewigen Christus". Der„ ewige Chriftus" ist nicht der Chriftus des Evangeliums, sondern ein Bild, in dem der heutige Mensch seine eigenen 3deale geftaltet; ein Wesen, das nur von dem Blut lebt, das wir selbst ihm geben; nur ein Spiegelbild deutscher Gottsehnsucht. Der Abrutsch. Ob man will oder nicht:„ Nationalkirche jenseits aller Ronfesfionen" führt zwangsläufig zum Abrutsch vom Boden des Christentums überhaupt. Wenn der deutsch- chriftliche Pfarrer Dr. Schairer es fertig bringt, den Gott der Bibel„ ein aus dem jüdischen Urschleim entstandenes Gottungetüm satanischer Art" zu nennen, fo hat das mit Christentum nichts mehr zu tun, und die Anerkennung, die Ludendorff ihm zollt, ist wohlverdient. Leutheuser will selbst Jefus drangeben, wenn er nur mit seinem deutschen Bruder und mit seiner deutschen Schwefter den einen Himmel finden könne. Der Thüringer Landesbischof(!) Saffe erklärt: es sei möglich, daß in fünfzig Jahren der Name JesuChrifti nicht mehr genannt werde; es komme darauf auch nicht so sehr an wie auf das andre, daß die chriftliche Haltung bestehen bleibe. Der frühere Landesbischof Coch erklärt: Sicher werden wir uns mit ehrlichen Leuten der Deutschen Glaubensbewegung eher treffen als mit den Verfechtern der alten, bereits am Horizont verschwindenden Ronfeffionsgebilde. Solche Aussprüche lassen sich beliebig vermehren. Ueberall dasselbe Bild: Die Front, die von diesen Deutschen Chriften" bekämpft wird, ift die Evangelische Kirche. Die Front, die von ihnen nicht bekämpft, sondern umworben wird, ist der von Christus und von der Kirche gelöfte Deutschglaube. So erfüllt sich an ihnen Jesu Wort:„ Wer nicht für mich ift, der ift wider mich." A- 99Klarheit! Soll diese Schwärmerei, die im Abrutsch vom Chriftenglauben begriffen ist, in der Kirche maßgebend werden? Die Katholiken bedanken Jich. Die Deutschgläubigen zeigen die kalte Schulter. Und so bleibt ihr als Betätigungsfeld leider nur unsere evangelische Kirche übrig. Aber wir evangelischen Christen bedanken uns ebenso wie die Ratholiken und die Kirchenlofen. Wir denken nicht daran, die Kraft des biblifchen Chriftentums einer Bindeftrich- Religion, die von der Zeitkonjunktur lebt, zu opfern. Wir wollen keinen Rückschritt hinter Luther zurück tun. Wir müßten uns ja vor Luther schämen! Wir müßten ja vor den evangelischen Glaubenszeugen erröten, die ihre Treue mit Blut besiegelt haben! Wir würden unfer Bolk um die Wahrheit Gottes betrügen, die uns im Evangelium geSchenkt ist! Das können wir nicht. Das wollen wir nicht. Das dürfen wir nicht. i Es ist uns nicht unbekannt, daß in diesen völkisch- religiösen Bewegungen Menschen verschiedener Art und Herkunft stehen, und daß manche dabei sind, die den HErrn Jesus lieb haben. Aber warum Jagt ihr, liebe Brüder, kein Nein zu der zerstörenden Schwarmgeisterei in euren Reihen? Gerade euch, die ihr's ehrlich meint, find wir Klarheit schuldig. Wir müssen's euch deutlich sagen: 3m Rahmen der Evangelischen Kirche ist eine neue Religionsbildung, die um ein anderes Zentrum kreift als um den Chriftus der Bibel, nicht möglich. Wenn ihr das„, Wunder der Bolkwerdung" zum Stiftungswunder der Kirche machen wollt, so müßt ihr euch darüber klar fein, daß ihr ein zweites Pfingstwunder neben das Pfingstwunder des Heiligen Geiftes ftellt. Ein zweites Pfingsten bedeutet aber den Anfang einer anderen Kirche, deren Triebkraft nicht mehr die chriftliche Botschaft, sondern das politische Erlebnis ift. Darum kann es keine Einheit der Kirche mehr geben, wo zwei verschiedene Wunder, zwei verschiedene Offenbarungen geglaubt werden sollen, ebensowenig wie ein Rreis zwei Mittelpunkte haben kann. Niemand kann zwei Herren dienen. Niemand kann auf zwei Schiffen zugleich fahren, mit dem einen Fuß auf dem einen, mit dem andern auf dem andern Schiff. Er wird in der Mitte durchgerissen. Oder er muß sich entscheiden, mit welchem er fahren will. Chriftus und Ludendorff können nicht zugleich Steuerlente fein! Politische Religion?! Die deutsch- chriftliche- nationalkirchliche Bewegung ist der Versuch, das Christentum politisch aufzuschmücken, oder die politische Religion chriftlich aufzuputzen. Das bringt schweres Unheill Wenn das politische Erlebnis zur Religion emporgesteigert wird, so ist die Folge, daß der, der die Vermischung von Politik und Religion ablehnt, auch politisch verdächtigt wird. Dann ist die Folge, daß auch politische Mittel im Dienst der Religion eingesetzt werden. Politische Mittel sind der Befehl und, im Falle des Widerstandes, die Gewalt. Es ist von den Bertretern der politischen Religion Gewalt geübt worden! Die Kirchenregimente nationalkirchlich- deutsch- chriftlicher Art, wie in Lübeck, halten sich nur durch Gewaltanwendung, und das Volk verläuft sich aus den Kirchen.. 3mmer ist es in der Geschichte so gewesen: Schwärmerei artet in Gewalt aus. Die Leute, die am lautesten jammern über„ Pharifäertum" und„ Geiftesknechtschaft" in der Kirche und hochtrabende Sprüche über die Gewiffensfreiheit machen, schlagen rücksichtslos die Einsprüche des chriftlichen Gewiffens nieder, wo sie sie Macht haben. Weil sie nicht auf Gottes Wort allein vertrauen, glauben sie an die Gewalt. So zieht Herr D. Engelke durchs Land und verkündet die Brachialgewalt" als Schlüffel zur Lösung der Kirchenfrage. A- 100Hier werden keine Befürchtungen ausgesprochen, sondern bittere Erfahrungen! Wir wissen, wie die Herrschaft einer politifierten Religion in der Kirche aussieht! Darum lehnen wir lie ab in jeder Form, trete sie auch in noch so frommer, chriftlicher Einkleidung auf! Wo die Kirche in den Dienst der Politik gezwungen wird, da zieht die evangelische Glaubens- und Gewissensfreiheit aus! Wo Politik und Religion sich mischen, da zieht die Wahrheit aus, denn dann gilt nicht mehr Gottes Wort, sondern der Menschen Wort. Wo in der Kirche einem andern Herrn als Gott allein gedient wird, da zieht die Gerechtigkeit aus, weil die Ehre nicht mehr dem gegeben wird, der allein recht richtet. Eine Kirche, die allein an Gott gebunden bleibt, die schlecht und recht Kirche und sonst nichts sein will, dient dem inneren Frieden des Bolks. Nichts zerreißt die Volksgemeinschaft schlimmer als eine politisierte Religion oder Kirche. Da nehmen Kirche und Staat Schaden, und das Bolk bezahlt die Rechnung. Unser Führer Adolf Hitler geht sogar so weit, daß er sagt( ,, Mein Rampf" S. 631): 3ch stehe nicht an zu erklären, daß ich in den Männern, die heute die völkische Bewegung in die Krise religiöser Streitigkeiten hineinziehen, schlimmere Feinde meines Volkes fehe als im nächstbesten international eingestellten Rommunisten." Es ist für beide, für Volk und Staat auf der einen Seite. für die Kirche auf der andern Seite, das Beste, wenn die Kirche treu bleibt auf ihrem biblischen Fundament, treu ihrem unveränderlichen Auftrag, das Evangelium zu predigen! Darum fagen wir: Christliche Kirche: Ja! Politische Kirche: Nein! Berantwortlich: Kirchl. Wahldienst, Paftor Knuth, Kiel, Jägersberg 11. Druck: Miffiousbuchhandlung Breflum. A- lolBrauchen wir heute Chriftus? 1. Rein Volk kann leben ohne Chriftus! Warum nicht? 3hm ift gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden! ( Matth. 28, 18.) Danach handelt man im nationalen Spanien: Bericht aus Sevilla: Am 15. September 1936 wurde dort in einem feierlichen Akt wieder das Kruzifix in den Schu len der Stadt angebracht. Während das Kreuz aufgehängt wurde, Jalutierten die anwesenden Offiziere. General Queipe del Llano nahm Jelbft das Wort zu einer kurzen Ansprache und erklärte diefen Augenblick für einen der bedentJamften Jeit Beginn der nationalen Erhebung in Spanien. Er Jei der Ueberzeugung, daß die Religion für jeden guten Patrioten das erfte fei. Warum hängt man in Spanien das Kreuz wieder auf gerade in den Schulen? Man weiß davon: 3hm, dem Gekreuzigten, ist gegeben alle Gewalt im Simmel and auf Erdent Man weiß davon: Menschen, die in der Ehrfurcht ju 3hm erzogen wurden, find auch ihrem Baterlande treul Danach handelt man im fafchiftifchen Stallen: 3m Roloffeum zu Rom ragt hoch das Kreuz. Gum zehnjährigen Bestehen des Faschismus wurde eine Briefmarke eine 30- CentesimiMarke herausgebracht. Sie jeigt kein typisch katholisches Zeichen, sondern eine offene Wbel mit der Jufchrift: Evangelium! Dabinter ein fchlichtes Kreuz und darunter die Mahnung: Oredere! Glaubt! Der italienische Unterrichtsminifter fagt in einem Erlaß: ,, Das Neue Teftament ift der sichere Weg, der das Baterland zur erhabenen und wahrhaften Größe führt. Ju allen Schulen foll das Neue Teftament gelejen und erklärt werden. Die Lehrer werden dafür sorgen, daß die schönsten Stellen daraus von den Kindern auswendig gelernt werden. Das Buch darf unter den Büchern keines Schülers fehlen. Denn durch Jahrhunderte hindurch ist es immer neu. Es ist das größte und notwendigfte aiier Bücher, well es göttlich ift. Die nationale Regierung wünscht durch dieses Buch die Kinder wiederzugewinnen und durch sie die Seele des italienischen Bolkes." Wodurch will die italienische Regierung die Jugend und damit das Bolk gewinnen? Durch das Neue Tetament! Das Neue Teftament aber ift Jefus Chriftus. Dies ist das Neue Teftament in meinem Blut zur Bergebung der Sünden." Warum handelt wohl die nationale Regierung 3taliens jo? Man weiß davon: Dem HErrn Chriftus ift gegeben alle Gewalt im Simmel und auf Erden! Man weiß: Eine Jugend, die in der Ehrfurcht vor 3hm erzogen ist, ift auch nationalen Aufgaben gewachsen. lands. Danach gestaltete jich bisher die Geschichte' DeutschEs weiß jeder, wie viele große Deutsche Chriften waren. Aber auch die Geschichte des Reiches selbst wurde dadurch entscheidend bestimmt. Bald nach den Befreiungskriegen bildete sich um den Philofophen und Chriftusgegner Feuerbach, der alle Religion nur für menschliche Erfindung bielt, ein Kreis von„ Greien". Zu ihnen gefellte fich der Jude Karl Marx. 3ur felben Zeit entstand auch die„, chriftlichdeutsche Tischgesellschaft", die zur Bibel und Luthers Schriften griff. An diefen Kreis schloß Otto von Bismarck Jich an. Der Weg der Chriftusfeindschaft führt über Karl Marx nach Moskau! Der Weg Bismarcks aber, des ,, jtrammigläubigen" war der Segen deffen, dem gegeben ist alle Gewalt im Chriften, führt zu uie geahnter Größe Deutschlands. Das Himmel und auf Erden. Denn Bismarck hat es nicht einmal, sondern oft gefagt, und er wußte sich darin mit feinem kaiserlichen Herrn, mit Moltke und Roon Bismarck at 1889 nach längerer Abwefenveit in Schönhaufen. Wie auch fonft, machte er dem Paftor feinen Besuch. 3m Studierzimmer hing ein großes Bild von Bismarck, das bekannte mit dem Schlapphut. Der Sürft befab es, Ichilttelte dann mit dem Kopf und fagte:„ Das foll ich sein? Das bin ich nicht." Dann drehte er fich um, zeigte auf das Bild vom finkenden Petrus und Jagte:„ Das bin ich!" Der finkende Petrus wird gerettet von der starken Hand des Heilandes. An 3hm allein fand auch Bismarck feinen Halt in den Wogen der Zeit. Warum fand Bismarck gerade an Chriftus feinen Halt, er, der Staatsmann? Weil Chriftus gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Rein Volksentfcheid kann Chriftus den Thron ftrei tig machen. Ein Bolksentscheid kann aber beftimmen, ob unser liebes deutsches Baterland mit oder ohne Chri ftus leben will. Laßt uns wiffen, was wir tun! einig:„ Nehmen Sie mir den Chriftenglauben, und Sie Rein Volk kann leben ohne Chriftus! nehmen mir mein Vaterland." 2. Reine Kirche kann leben ohne Christus! Eine Kirche, die von Ihm abfällt, ist keine Kirche mehr, und kirchliche Gruppen, die von 3hm sich wenden, gehören nicht mehr zur Kirche. Denni Chriftus allein gründet und erhält Seine Kirche. Daß aber in der Kirche Jelber Gruppen entStehen würden gegen 3hn, hat Er selber vorbergesagt: ,, Seht euch vor vor den falfchen Prokommen, inwendig aber find fie reihende Wölfe"( Matth. 7, 15). Wir aber bekennen uns zu dem Chriftus, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, zu Jefus Chriftus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, Gottes eingeborenen Sohn, unserm HErrn, welcher ist um unferer Sünden willen dabingegeben und um unferer Gerechtigkeit willen auferweckt( Röm. 4, 25), der kommen wird, ju richten die Lebendigen und die Toten! pheten, die in Schafskleidern zu euch Ihn kann keine Kirchenwahl abjetzen, wohl aber kann man Ihn bekennen oder verleugnen. Sie reden vom ewigen Chriftus", fie fagen: Unsere Religion ift Chriftus, unsere Politik ift Deutschland. Sie meinen aber nicht den HErrn, dem gegeben ift alle Gewalt, Jondern einen von ihnen erdachten und zurechtgeftutten Chriftus, der nicht mehr Macht hat, als sie selber, der stirbt, wenn sie sterben! ' Was tuft du? Du verleugneft Chriftum, wenn du ohne Widirspruch das Alte Testament angreifen läßt. Denn vom Alten Teftament fagt Chriftus ,, Suchet in der Schrift, denn ihr meinet. ihr habet das ewige Leben darin, und fie ift's, die von mir jenget!" Johs. 5, 39; A- 102Die Juden lind jum Flurb der Weit geworden, nicht, weil sie das Alte Testament bielten, sondern weil sie es nicht hielten. Das Alte Teftament ist kein Judenbuch, sondern die Rede Gottes junächst an die Juden, dann aber an alle Bölker. Rann man in Deutschland heute vom Alten Testament gar nicht mehr anders als von Biebtreiber- und Subältergeschichten reden? Man sollte sich scheuen auch vor der deutschen Geschichte. Goetbe kennt man wohl nicht mehr? 3m 4. Buch von ,, Wabrbeit und Dichtung" führt er aus: Wenn meine stets gefchäftige Einbildungskraft mich zu verwirren drobte, so flüchtete ich gern nach jenen morgenländischen Gegenden, ich verfenkte mich in die ersten Bücher Mose und fand mich dort unter den ausgebreiteten HirtenStämmen jugleich in der größten Einsamkeit und in der größten Gesellschaft." Und da wollen wirklich ,, kirchliche" Gruppen diesen Rampf gegen das Alte Testament unterstützen? Sie jeigen damit, daß sie Cbriftum verleugnen. Im Alten Teftament stünden schmutzige GeJchichten? Ja, aber keine Slinde ift da, gezeigt, die nicht auch heute noch geschieht. Nicht Juden ftellt das Alte Testament bar, sondern den Menschen dich und micht Das Alte Teftament ist uns jar Warnung geschrieben! Wo wird denn an einer einzigen Stelle auch nur die geringste Sünde verherrlicht? Wohl aber sagt Gott und das hat auch uns Deutschen, besonders zur Raffenfrage, befonders im Blick auf das 6. Gebot einiges zu bedeuten-: Ich, der Herr dein Gott, bin ein eifriger Gott, der über die, so mich baffen, die Sünde der Väter beimsucht an den Rindern bis ins dritte und vierte Glied, aber denen, jo mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl in taufend Glied. Wer das Alte Testament nicht als Gottes Wort ehrt, verachtet Chriftum! Denn das Alte Teftament enthält die Botfchaft von Karfreitag in berrlicher Klarheit. ,, Jürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen!"( Jef. 53.) Aber die nationalkirchlichen Gruppen lehnen eben .auch die Stellvertretung Chrifti ab. Und Gottes Gericht wird gezeigt. Jakob muß Keine 20 Jabre fremdes Brot effen, König David: muß seinen Ehebruch bitter büffen. 3. Kein Mensch Wir jedoch jagen mit Hindenburg: ,, Jch bleibe dabei, daß Jesus Chriffus mein Heiland ist und daß ich mich seiner Gnade getröften kann." Kirche kann leben ohne Chriftus! kann leben ohne Chriftus! Weder im Himmel noch auf Erden! Denn durch 3bn ift alles gefchaffen, was im Himmel und auf Erden ist.... Und es besteht alles in 3hm. ( Rol. 2.) Ein tüchtiger Bauer, Jeines 3eichens Anhänger von Mathilde Ludendorff, der Chriftus verwarf und Blut und Boden als seine Gottheiten verehrte, zog sich beim Drefchen seiner reichen Ernte eine kleine Verwundung am Singer zu. Ein Rörnlein Erde drang dabei in die Wunde. Es fübrte in wenigen Tagen den Tod des in der Bollkraft Jeiner Sabre tebenden Mannes berbei. Blut und Boden sind uns beilig, aber nicht als Gottheiten, sondern als Gaben des dreieinigen Gottes. Wer sie aber vergöttert, dem gereichen sie zum Untergang! Denn Gott läßt sich nicht ungestraft Jeine Ebre nehmen! An einer Fabrik unseres Landes steht über dem Eingangstor: Obn' Gottes Gunft all' Eun umJouft! Berstehen wir diese einfache Wahrheit Jchon gar nicht mehr? An Gottes Segen ist alles gelegent Diefe Weisheit unferer Väter gilt uns wohl nicht mehr. Meinen wir wirklich voranukommen, wenn wir nicht einmal mehr das erste Gebot kennen und halten, wenn wir doch dauernd andere Götter neben Ihm habent"? Wohlgemerkt: wir Jollen Blut und Boden auch nicht neben dem dreieinigen Gott verehren, sondern Thu ganz allein! Hieran hängen Segen oder Fluch für deinen Beruf und dein Leben! Denn: So fpricht der HErr:„ Wenn du der Stimme des HErrn deines Gottes, gehorchen wirft: Gelegnet wirft du sein in der Stadt, gefegnet auf dem Acker. Gefeguet wird Jein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Landes und die Frucht deines Biehs, die Früchte deiner Rinder und die Früchte deiner Schafe. Gefeguet wird fein dein Rorb und dein Backtrog. Geseguet wirst du sein, wenn du eingebft, gefegnet, wenn du ausgehftl Wirft du aber nicht gehorchen der Stimme des Herrn deines Gottes: Berflucht wirst du sein in der Stadt, verflucht auf dem Acker. Berflucht wird fein dein Korb und dein Backtrog. Berflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Landes, die Frucht deiner Rinder und die Frucht deiner Schafe. Berflucht wirst dufein, wenn du eingebft, verflucht, wenn du ausgehst! 5. Moje 28. Ueber Segen und Fluch aber verfügt kein Mensch dieser Erde, sondern allein der Herr, dem gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Kein Mensch kann leben ohne Christus weder auf Erden noch im Himmel! Und wenn du noch Jo böbnit, wie andere oor dir, den Himmel wolleft du den Spaßen und Pfaffen überlaffeneinmal mußt du auch sterben! Und dann? Ein junger Leutnant, das ER. I auf der Bruft, erprobt in vielen Schlachten, war hierin auth recht, leichter Meinung. Eines Tages lag er während einer Gefechtspause zufammen mit einem Rameraden im Graje. Es war ein schöner Frühlingstag. Ueber ihnen kreiften ein paar franzöfifche Flieger, die Bomben warfen. Das ftörte fie aber nicht. Der Leutnant war dabei, Jeinem Rameraden einen Witz zu erzählen, einen richtigen faulen Wit. Die Flieger Jtörten ihn darin nicht. Am Ende seiner Erzählung aber wunderte er sich, daß Jein Freund nicht lachte. Er fuhr hoch, rüttelte ihn, der Splitter einer Fliegerbombe hatte ibn am Ropf getroffen und lautlos getötet. Der Leutnant mit dem ER. I Jprang aufer batte fchon Taufende sterben sehen, aber hier, während er ihm einen Wit erzählt, so einen richtigen..., geht der andere-- ja, wohin dennil Und auf einmal packt den Leutnant die Gewißheit: Der steht vor Goff! Wenn ich nun da gelegen hättel Noch einmal bäumt lich in ihm alles auf: Ja, ich kann gerade stehen vor Gottl Als er aber fein Pferd befteigt, um von neuem an den Tod zu reiten, da faltet er die Hände über dem Sattelknopf: HErr Gott, laß mich nicht fallen, bis ich Bergebung der Sünden gefunden habel Er hat sie gefunden in Chriftus. Denn Gott bat 3hn, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in 3hm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt!( 2. Ror. 5.) Rein Bolk kann leben ohne Chriftus! Reine Kirche kann leben ohne Christus! Und Du? Rein Mensch kann leben ohne Chriftus! Verantwortlich: Palbes De. Durfer, Nathan( black: sbubbandhug akkum A-103Auch in den evangelischen Gebieten Ostfrieslands sind die Hirtenbriefe der Bischöfe und die Enzyklika des Papstes verbreitet worden. Südwestdeutschland, 1.Bericht( Württemberg): Der württembergische Kultusminister hat sämtlichen evangelischen und katholischen Geistlichen, die das auf Grund einer Verordnung des Reichserziehungsministeriums geforderte Treu eg löbnis auf den" Führer" nicht abgelegt haben oder nur unter Vorbehalt ablegen wollten, 1. die Befugnis zur Erteilung des Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen des Landes entzogen und" geeignete staatliche Lehrer mit der Versehung dieses Unterrichts betraut". 2. für die betreffenden Geistlichen die staatlichen Zuschüsse zu den Pfarrergehältern gesperrt, da, wie es in der amtlichen Mitteilung heisst, die Steuermit tel des nationalsozialistischen Staates nicht dazu da sind, die Gehälter von Geistlichen zu bezahlen, die ein vorbehaltloses Treuegelöbnis auf den Führer ablehnen. In Ravensburg wurde der evangelischen Gemeinde die Errichtung eines Kindergartens verweigert. 2. Bericht( Baden): In St. Georgen im Schwarzwald, einer überwiegend protestantischen Kleinstadt mit 5.000 Einwohnern, gehört der evangelische Stadtpfarrer X. den Deutschen Christen an, seine zwei Vikare jedoch der Bekenntnis kirche. Die Mehrheit der Gläubigen zählt ebenfalls zur Bekenntniskirche. Der Stadtpfarrer hat jetzt schon drei Monate die Kanzel nicht mehr betreten, da die Kirche leer bleibt, wenn die Leute vorher wissen, dass er den Gottesdienst abhält. Es ist sogar vorgekommen, dass ein Teil der Kirchenbesucher die Kirche verlassen hat, wenn der Stadtpfarrer auf die Kanzel stieg. In einer Flugschrift" Kirche vor der Entscheidung!, herausgegeben vom Volksmissionarischen Amt der Vereinigten Evangelisch- protestantischen Landeskirche Badens" setzt sich die Kirche mit den Angriffen der" Deutschen Christen" auseinander. Wir geben im folgenden zwei Stellen aus dieser Flugschrift wieder, die für die Einstellung der Kirche charakteristisch sind. Auf Seite 5 heisst es: Die Kirche sei verjubet? Bor 400 Jahren fämpfte fchon Luther gegen bas antichriftliche Judentum. Dasselbe tat in ben Jahren des zweiten Reichs ber weithin bekannte und geliebte Beeliner Pfarrer und Hofprediger Adolf Stoeder. Im Sinn der Artergefeggebung sind nur 0,3% der evangelischen Pfarrerschaft nicht sehnat s gibt feinen akademisch gebildeten Stand in Deutflash, ber fo wenig Juben zählte als der evangelifoje fareftand, =-104Seite 13 wird gesagt: Um was geht es bei den Kirchenwahlen nijt? Es geht nicht um eine politische Ents helbung. Die politische Frage ist für uns entschieben mit Römer 13, 1: ,, Jebermann fei unterten der Obrigkeit, die Gewalt über thn hat. Denn es ist feine Obrigkeit, ohne von Gott", und mit 1. Tim. 2, 1 und 2: ,, So ermahne ich mun, daß man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit." Die evangelische Kirche ist sich ihrer Verbundenheit und Verpflichtung zum Führer und Bolt stets bewußt.. Rheinland- Westfalen: Die evangelische Kirche ist bei uns Privileg. Württ. Bibelanſtalt, Stuttgart BIBLIA Nimm und lies! Winke fürs Bibellesen von Prälat D. Groß, Stuttgart. ,, Nimm und lies!" sprach einst eine Stimme zu Augustin, dem nachmaligen Kirchenvater, als er, innerlich noch schwankend zwischen Heidentum und Christentum, zu Mailand in einem Garten auf und ab ging. Und er fand in einem Gartenhäuschen eine Bibel, nahm und las und ward aus einem unglücklichen, innerlich friedelosen Menschen ein fröhliches Kind Gottes. Nun mach's auch so, mein lieber Mitchrist! Doch du fragst mich: Was soll ich denn lesen? Das Buch ist groß, und ich bin nicht sonderlich bewandert in der Bibel. Ei, nimm einmal das Evangelium Matthäi vor, die erste Schrift des neuen Testaments, die uns die Geschichte von Jesus erzählt, und mach dich mit ihm bekannt, denn er ist die Hauptperson besonders aktiv. Sie wirbt eifrig um die Jugend. Neben hektographierten Werbebriefen werden auch Traktätchen wie das nebenstehende verbreitet. Die evangelischen Pfarrer besuchen auch die Familien, sie gründen Jugendorganisationen, wo bisher keine waren und aktivieren sie dort, wo es schon welche gab. Bei ihren Besuchen scheuen sich die evangelischen Pfarrer auch nicht, zu Dissidenten zu gehen. A-1052) Aus der katholischen Kirche Der Kampf gegen die katholische Kirche ist in der Berichtszeit vom Regime vorwiegend mit der Waffe der Justiz geführt worden. Im Vordergrund stand die lange Reihe der Sittlichkeitsprozesse, mit teuflischer Regie inszeniert und nicht nur pflichtgemäss von der Presse, sondern vom Reichspropagandaminister selbst in einer Riesenkundgebung in der Berliner Deutschlandhalle ausgeschlachtet. Daneben gab es noch ein paar Ausläufer der Devisenprozesse, sowie zahllose Verurteilungen von katholischen Geistlichen wegen Kanzelmissbrauchs, Vergehen gegen das Heimtückegesetz usw. Dieser Justizterror hat aber nur propagandistische Bedeutung: er soll den Boden für weitere Massnahmen gegen die katholische Kirche vorbereiten. Diese Massnahmen sind bereits eingeleitet. In Dortmund und Fulda sind die Krankenhäuser der" Barmherzigen Brüder" dem Orden entzogen und in städtische Verwaltung genommen worden. Das St.Vinzenz- Krankenhaus in Duisburg wurde polizeilich geschlossen. Der Schule des Missionsklosters in St. Wendel in der Saarpfalz wurde die staatliche Anerkennung entzogen. Der katholische Jungmännerverband der Erzdiözese Paderborn wurde aufgelöst. In Bayern sind von 1.600 klösterlichen Lehrkräften bis jetzt 670 durch weltliche ersetzt worden. Ueber 200, im Verlag der Essener Kirchenblätter G.m.b.H.. erscheinende katholische Kirchenzeitungen sind verboten worden. Der Gaupresseamtsleiter des NSDAP- Gaues Saar- Pfalz hat den Zeitungen die Veröffentlichung der katholischen Gottesdienstordnungen untersagt. Der badische Gauleiter der NSDAP hat alle Beamten mit Entlassung be droht, die den Kampf der Partei gegen die Kirche nicht unterstützen. Eine katholische Prozession in Speyer wurde unterbunden, während der Gauleiter Bürckel zur glei chen Zeit eine politische Massenkundgebung der NSDAP veranstaltete. Ueber die Lage der katholischen Kirche in den einzelnen Landesteilen wird uns berichtet: A-106Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In Aachen findet alle sieben Jahre die sogenannte Heiligtumsfahrt statt. Viele Zehntausende von Pilgern kommen nach Aachen, um gewisse Reliquien zu sehen. Die kirchlichen Organisationen hatten bei der Stadt angefragt, ob sie wie früher bereit sei, Verkehrserleichterungen und andere Vergünstigungen zu gewähren.Die Stadt und die Verkehrsgesellschaft lehnten das aber ab. Ich erinnere mich noch sehr gut.der Heiligtumsfahrt des Jahres 1930. Welch grosser Unterschied gegen damals. Die Wirtschaft stand in Hochkonjunktur, in einer echten Konjunktur, der Arbeiter verdiente recht gut und der Geschäftswelt ging es im Gegensatz zu heute auch nicht schlecht. Trotzdem war das öffentliche Interesse an der Zeremonie damals weit geringer als heute. Und das, obwohl damals die Pilger keine grosse Opfer für Fahrgeld usw. bringen mussten wie heute. Damals hatte die Stadt Aachen reichlich Flaggenschmuck angelegt, denn diese Stadt ist katholisch wie kaum eine andere im Reiche. Heute haben nur kirchliche Gebäude geflaggt. Durch die sogenannte Flaggenverordnung ist es verboten, andere als Hakenkreuzfahnen zu flaggen. Sogar Schwarz- weiss- rot darf nicht gezeigt werden. Nur die kirchlichen Gebäude dürfen Kirchenfahnen heraushängen. Die Bevölkerung hängte demonstrativ keine Fahnen heraus.( Nur in einem Ort bei Aachen, in Cornelimünster, hatte man es anders gemacht, dort gab es kein Haus ohne Hakenkreuzflagge) In Aachen hatte man nicht geflaggt, und dass das nicht am mangelnden Interesse lag, bewies die ungeheuere Beteiligung des Volkes bei den einzelnen Pfarrprozessionen zum Dom, sowie bei den öffentlichen Huldigungen für die aus diesem Anlass in Aachen weilenden auswärtigen Bischöfe. Alles ging mit, auch unzählige Sozialdemokraten und Kommunisten. Denn da bot sich eine Gelegenheit, gegen das verhasste System zu demonstrieren. Das System hatte zum Teil selbst dafür gesorgt, dass es zu einer Demonstration gegen die Nazis kommen musste. Z. B. hatte man im " Stürmer"-Kasten am" Kind Jesu" und an anderen Stellen bedruckte Zettel ausgehängt mit dem Text:" Roms alte Männer" als Schlagzeile und dann waren die Bischöfe von Speyer, Trier, Chicago, Warschau, Prag, Linz in bekannter Weise heruntergeputzt. Die Folge davon waren ungeheuere Ovationen für die anwesenden Bischöfe. Das Volk sieht die vielen Klosterprozesse und Beschuldigungen gegen die deutschen Bischöfe als mindestens übertrieben an. Es benutzt die Gelegenheit, den beschuldigten Bischöfen bei ihrer Anwesenheit in Aachen in eindrucksvoller Weise zu huldigen. Beim Bischof von Speyer fing es an und es steigerte sich, als der" Retter der Saar", der Bischof Bornewasser eintraf, zu einer bewussten und richtiggehenden Demonstration. Aber auch den später kommenden Kirchenfürsten wurden noch grosse Ovationen gebracht, so den Bischöfen von Münster, von Meissen, Würzburg und Hildesheim. Die Huldigungen für den " meineidigen" Bischof von Trier habe ich miterlebt. Es war am 21. Juli, als er abends 8 Uhr in der Adalbertkirche pre A-107digte. Der Bischof Bornewasser schilderte die Lage der Kirche ganz offen und wurde häufig von Beifall unterbrochen. Er zitierte italienische Zeitungen, die sich mit der Religionsfreiheit beschäftigten und sagte wörtlich:" Gebt uns nur eine Zeitung frei, in der wir die Wahrheit schreiben können." Ferner:" Ich hatte Gelegenheit, mit einem grossen, modernen Staatsmann zu sprechen. Dieser sagte bezüglich der Unterdrückung der katholischen Kirche in anderen Ländern: eine kluge Staatsführung wüsste, dass diese Unterdrückung von staatswegen die Fundamente des Staates selbst untergrabe. Denn eine jahrtausende alte Kulturbewegung wie die katholische Kirche sei einfach nicht zu unterdrücken, ohne eine gleichzeitige gewaltige Schädigung des Staates." Wisst Ihr, wer dieser moderne Staatsmann gewesen ist?" so fuhr er fort:" Es war Mussolini!" Ausserhalb der Kirche standen viele Tausende, sie belagerten schon um 7 Uhr die Kirche, um wenigstens die Auffahrt des Bischofs sehen zu können. Als der Bischof erschien, konnte die Menge nur mit Mühe durch die Polizei zurückgehalten werden. Die Luft erzitterte von Heil- und Hochrufen. Der Bischof war bald in der Kirche verschwunden, aber die Menschen draussen wichen nicht. Die Polizei hatte viel Arbeit, um die Durchfahrten der umliegenden Strassen freizuhalten. Die Massen standen Kopf an Kopf auf dem Stift, der Auffahrt und auf sämtlichen Treppenaufgängen. In der unteren Adalbertstrasse waren die Bürgersteige schwarz von Menschen. Diese füllten auch Kopf an Kopf die Buckstrasse, die untere Richardstrasse( neuerdings Martin- Lutherstrasse), den Kaiserplatz mit sämtlichen Verkehrsinseln, die untere Wilhelmstr. bis zum Adalbertsteinweg und sogar die Heinrichsallee am Kaiser- Friedrich- Denkmal war von den Massen besetzt. Das Denkmal selbst wurde von jungen Leuten als Aussichtsturm benutzt. Alles wartete geduldig, bis in der Kirche Andacht und Predigt beendet waren, um dann dem abfahrenden Bischof noch einmal zu huldigen. Als gegen 9 Uhr die Andacht zu Ende war, warteten die Massen vergeblich auf den Bischof, weil dieser auf dem neben der Kirche liegenden Stift eingekehrt war. Die Massen liessen aber keine Ruhe, der Bischof solle sich am Fenster zeigen. Man sang kirchliche Bekenntnis- und Marienlieder und improvisierte Sprechchöre:" Wir wollen unseren Bischof sehen!" Um das Volk zu beruhigen und damit es sich zerstreute, zeigte sich der Bischof schliesslich und sprach von dem hochgelegenen Hause der Pfarrei nach zwei Seiten, dankend und abschiednehmend. Die Begeisterung nahm kein Ende mehr, es war, wie schon Fritz Reuter sagte," zum Katholischwerden". Die Menge hielt noch lange aus, bis nach 10 1/2 Uhr die Polizei gezwungen war, dem Bischof einen Weg zu bahnen, damit er im Auto abfahren konnte. Tags darauf, am Donnerstag, den 22. Juli, sprach der Bischof von Münster, Graf Galen, um 8 Uhr abends in St. Jakob. Die Polizei hatte diesmal umfangreiche Absperrmassnahmen ge A-108troffen, die verhindern sollten, dass sich die Vorgänge vor der Adalbert- Kirche wiederholten. Hinter der Sperre stand das Volk in riesigen Massen auf den Bürgersteigen. Diesmal traten neben den Schupobeamten zu Fuss auch Berittene in Aktion. Wenn nun auch viele infolge dieser Massnahmen und in der Annahme, dass sie ja da doch nichts zu sehen bekommen würden, wieder umkehrten, so war die Menge doch so stark, dass in den einzelnen Stadtteilen getrennte Demonstrationen stattfinden konnten. In der Jakobstrasse wurde die Absperrkette durchbrochen, jedoch wurde die Menge sofort von Fuss- Polizei und von Berittenen zurückgedrängt. Besonders eindrucksvoll war die Demonstration am Lavenstein. Als ich auf Umwegen dort ankam, war gerade das Ueberfallkommando dagewesen. Die Absperrkette an der Gerlachstrasse war von der Menge gesprengt worden, jedoch war das Volk wieder auf die angrenzenden Bürgersteige zurückgedrängt worden. Die Berittenen blieben ständig in Bewegung, um wenigstens die Strassen einigermassen freizuhalten. Auf dem Platz am Lavenstein fielen besonders die katholischen Jünglinge auf, die ununterbrochen Kirchenlieder sangen und für die Menge den Ton angaben. An der Ecke des Platzes gegenüber der Gerlachstrasse wurde laut im Sprechchor gebetet. Auf der gegenüberliegenden Ecke standen die katholischen Jungfrauen geschlossen beisammen und sangen. Viele Lieder wurden mit erhobener Schwurhand gesungen. Als einziges weltliches Lied wurde:" Mit uns zieht die neue Zeit" gesungen. Als Refrain sang man:" Christus ist die neue Zeit". Ein junger Bursche kletterte auf eine Laterne und rief: " Unserem lieben Bischof ein dreifach donnerndes Sieg Heil!" und die Masse stimmte begeistert ein. Als die Kirchenglocken zum Zeichen, dass die Andacht zu Ende war, einsetzten, durchbrach die Menge zum zweiten Male die Polizeikette. Man liess sich nicht mehr zurückdrängen und Sprechchöre verlangten den Bischof zu sehen. Infolge des immer wieder laut werdenden Verlangens nach dem Bischof, schickte dieser aus dem Pastorat einen Kaplan, der sagte, der Bischof sei verhindert, selbst zu erscheinen, er grüsse und danke der katholischen Bevölkerung Aachens für ihre Treue und bitte sie dringend, jetzt ruhig nachhause zu gehen. Viele gingen, aber viele blieben da. Auf dem Jakobikirchplatz vor der Kirche demonstrierten nach Schluss der Andacht die Kirchenbesucher trotz der Aufforderung der Polizei, weiterzugehen. Es bildeten sich Sprechchöre, die riefen:" Wir wollen unsere katholische Schule wieder haben". Dagegen ging die Polizei recht brutal vor, der Polizeimeister Aretz war der brutalste. Viele Verhaftungen erfolgten. Tags darauf predigte der Bischof von Meissen abends 8 Uhr in der Peterskirche. Die polizeilichen Massnahmen schienen überflüssig. Als der Bischof ankam, waren keine hundert Menschen da, nicht einmal die Kirche war gefüllt. Als wir gegen 9 Uhr wiederkamen, hatten sich die Bürgersteige mässig gefüllt. Von Anfang an hatten wir viele Schupos und ausserordentlich viel Kriminalbeamte und Gestapo beamte festgestellt. Das Volk stand A-109ruhig auf den Bürgersteigen, ohne zu singen wie an den vorigen Tagen. Es war eine Stimmung, als ob man etwas besonderes erwarte. Die Andacht war zu Ende, der Bischof ging im Ornat, begleitet von Geistlichen und Chorknaben, in einem kleinen Aufzug durch die spalierbildende Menge zum Pastorat, mit Heilrufen begrüsst. Dies war der Anlass für bestellte Provokateure, um in unenständigster Art und Weise die Volksmassen zu beleidigen. Rufe, wie" Heil Rosenberg"-" Unserm Führer, Adolf Hitler, ein dreifaches Sieg Heil!"-" Nieder mit den Sittlichkeitsverbrechern!"" An die Laterne mit den Bischöfen" u.a. ertönten. Die Menge der Katholiken, verstärkt durch die Kirchen besucher, beantwortete die Provokationen mit Gesängen wie:" Grosser Gott wir loben Dich..."" Fest soll mein Taufbund.."" Wir sind im wahren Christentum..". Darauf gingen die Rowdies gegen die Sänger tätlich vor, in richtigen Stosstruppe rannten sie die Frauen und Mädchen über den Haufen. Baldier, bald da erschienen diese Trupps," Heil" schreiend, ruhige Katholiken, Frauen und besonders Mädchen überrennend und schwer beleidigend. Die Polizei sah ruhig zu; man hatte das Gefühl, dass sie nicht eingreifen durfte.Setzte sich aber ein Angefallener zur Wehr, so war sie sofort zur Stelle. So war z. B. ein Mann geschlagen worden und als er sich nur mit Worten verteidigte, griff die Polizei ein, um ihn zu verhaften. Aber es muss sich entweder um einen Ausländer oder um eine besonders hochstehende Persönlichkeit gehandelt haben. Der Herr sagte zu einem Polizeioffizier nur ein Wort, griff in die Tasche und zeigte ein Papier. Der Polizeioffizier bekam einen roten Kopf, flüsterte einem anderen Polizeioffizier etwas zu und der betreffende Herr wurde nicht mehr belästigt. Man beauftragte sogar zwei Schupobeamte, den Herrn zu schützen. Anders bei gewöhnlichen deutschen Staatsangehörigen. Eine Frau, die sich gegen die anstürmenden Rowdies mit einem Schirm verteidigte, wurde abgeführt. Ein Rowdy, gut angezogen, wurde abgedrängt und provozierte mitten in der Menge weiter, darauf bauend, dass ihm als Nazi ja nicht: passieren könne. Ich war in der Nähe und hörte sein" Heil Rosenberg". Da nahte ein Polizei trupp mit einem Offizier. Der Offizier konnte sicher noch besser als ich hören, was der Nazi- Bursche rief. Er fragte ihn:" Was gibt's da?" und erhielt prompt als Antwort:" Der da hat" Heil Moskau" gerufen!" Dabei zeigte der Nazi auf einen zufällig in der Nähe stehenden jungen Mann. Der junge Mann wurde trotz Protestes abgeführt. GLO In der Nähe der Polizei legten sich die Rowdies nicht den geringsten Zwang auf. Sie versuchten sogar, in die Kirche einzudringen, wurden aber von ihren Führern zurückgerufen. Waren sie in der Menge auseinandergekommen, so verständigten sie sich durch Signalpfeifen. Alles war planmässig angelegt. Polizei und SA- Leute( denn das waren die Rowdies in Zivil) arbeiteten Hand in Hand. Ein Polizeioffizier stimmte mit in ein" Sieg Heil" auf Rosenberg ein. Das Volk aber liess sich nicht zu Dummheiten verleiten. A- 110Endlich wurden die Rowdies doch vom. Polizeipräsidenten aufgefordert, das Terrain zu räumen. Unter wüsten Beschimpfungen auf die Katholiken wurden die Lümmel schliesslich von Polizei und Kriminalbeamten abgedrängt. Als jetzt ein vom Bischof geschickter Kaplan aus dem Pastorat im Namen des Bischofs sich an die Menge wandte, war alles mäuschenstill. Der Kaplan dankte der katholischen Bevölkerung für die Beweise der Liebe und Treue und forderte die Menge auf, nunmehr nachhause zu gehen. Darauf gingen viele nachhause. Es verharrten aber auch viele noch auf dem Platz. Da erschienen die Rowdies noch einmal und setzten das Spiel von vorhin noch eine Weile fort. Der Abschluss der Heiligtumsfahrt, die grosse Prozession am 25. Juli, bei der nur Männer mitgehen durften, war überwältigend. Die Zug in Sechserreihen dauerte über eine Stunde, aber nicht im Schneckentempo. Bemerkenswert ist noch, dass der Oberbürgermeister ablehnte, bei der Eröffnung und Schliessung der Heiligtumsfahrt mitzuwirken, wie es seit altersher gewesen war. Dagegen wirkte der Standortälteste, Oberst Müller, mit. 2. Bericht: Die Rede von Goebbels über die Sittlichkeitsprozesse und das Verbot, bei kirchlichen Veranstaltungen Kirchenfahnen und-Wimpel herauszuhängen, hat ausserordentlich aufrüttelnd auf die Katholiken gewirkt. Die Prozessionen sind in diesem Jahre zu wahren Demonstrationen geworden. Ueberall kommt dabei die Gegnerschaft gegen das Regime zum Ausdruck. In manchen Orten sind zwei Sonntage hintereinander Prozessionen abgehalten worden. Infolge des Flaggenverbots waren die Strassen in überreichem Masse mit Tannengrün und Blumen geschmückt. In verschiedenen Orten des Wurmgebietes haben die Katholiken als Ersatz für die verbotenen Kirchenfahnen die Bordsteine in den Kirchenfarben angestrichen. In X. waren vom Paterkloster links und rechts von dem Eingang zur Kirche Fahnenstangen mit Wimpeln in den Kirchenfarben aufgestellt. Die SA unter Führung eines politischen Leiters der Partei rückte darauf an, nahm die Wimpel herunter und legte sie neben die Fahnenmasten. Daraufhin gab der Prior an einige Pater die Anweisung, die Fahnen wieder aufzuhängen. Die SA nahm sie wieder ab. Vorn wurden die Wimpel heruntergeholt und hinten wurden sie wieder aufgehängt. Das ging fünf Mal so, bis die SA die Lust verlor und die Fahnen hängen liess. 3. Bericht: In Essen- West hatte die Gestapo angekündigt, dass sie jeden verhaften würde, der das Sendschreiben des Papstes austragen würde. Als sich deshalb die Zeitungsboten weigerten, die Kirchenzeitung mit der Enzyklika zu verteilen, wurde die Zeitung von der Jungfrauen- Kongregation verteilt. Darauf sollten die Mädels verhaftet werden, aber sie flüchteten in die Kirche und als man sie hier ausheben wollte, erklärte der Pfarrer, er nehme alle Schuld auf sich, man solle die Mädels A-111in Ruhe lassen. Infolge des energischen Verhaltens des Pfarrers passierte weder diesem noch den Mädchen etwas. Inzwischen ist die Druckerei geschlossen worden. Ebenfalls geschlossen wurde übrigens die" Haverius- Druckert in Aachen, weil dort die Kirchenzeitung mit der Encyklika gedruckt wurde. Dasselbe Schicksal ereilte die" HaveriusDruckerei" in Trier. Die 45 Beschäftigten wurden entlassen. Die katholischen Schwestern werden immer mehr ausgemerzt. Kein städtisches oder Kreisinstitut darf noch katholische Schwestern einstellen und fast überall werden katholische durch" NS- Schwestern" ersetzt. 4. Bericht: Weite Kreise des katholischen Klerus halten die Kirche für verloren. Sie rechnen damit, dass der Kirche das Recht zur Erhebung der Kirchensteuer entzogen wird, und fürchten dann, dass die Einnahmebeschaffung durch freiwillige Sammlungen und Spenden sehr schwierig sein wird. Einmal ist die Bereitwilligkeit zu freiwilligen Spenden wegen der allgemeinen Sammelei sehr gering geworden und ausserdem hat es ja der Staat in der Hand, durch Massnahmen der Partei und der sonstigen Verbände die offiziell genehmigten Sammlungen praktisch zum grössten Teil undurchführbar zu machen. Ein Teil der Geistlichen sieht diese Entwicklung nicht ohne Genugtuung kommen. Sie hoffen, dass die Wiederkehr der apostolischen Armut eine Vertiefung des Glaubens mit sich bringen werde. Den Redaktionen ist vom Propagandaministerium die Anweisung zugegangen, die Kirchenprozesse mit aller Schärfe auszuschlachten, da es sich dabei um eine Vorbereitung zur Trennung von Kirche und Staat handele. Die Krankenkassen dürfen den konfessionellen Krankenanstalten keine Kranken mehr zuweisen; selbst wenn ein Verunglückter, weil Eile geboten ist, zunächst in ein konfessionelles Krankenhaus überführt werden musste, wird er, sobald sein Zustand es erlaubt, einer anderen Krankenanstalt zugeführt. 5. Bericht: Die Arbeiter einer Spinnerei in X. haben einen halbstündigen Proteststreik durchgeführt, weil am Fabriktor ein Anschlag wegen der Sittlichkeitsprozesse gegen die katholische Geistlichkeit angeschlagen war und der Betriebsobmann sich weigerte, ihn zu entfernen. Ein Arbeiter wurde wegen Aufwiegelung verhaftet. Den übrigen wurde unter Androhung strenger Bestrafung verboten, etwas über diesen Vorfall zu erzählen. Bayern, 1.Bericht: Die Schar der aufrechten Christen ist klein und nur wenige sind bereit, für ihren Glauben einzustehen. Die grosse Masse der Lippen christen nimmt eine zwiespältige Haltung ein. Die einen sind für eine teilweise Verminderung der kirchlichen Machtfülle, vor allem sind sie gegen den Ordensklerus, die anderen verteidigen die Mission der Klöster. Solange sie unter sich mit Worten für die Kirch A-112eintreten können, tun sie es begeistert, aber zu mehr reicht es nicht. Die jüngere Generation ist mit wenigen Ausnahmen der Kirche entfremdet und billigt innerlich die Politik der Partei, wenn sie sich auch öffentlich teilnahmslos zeigt. Wo sich bei Aktionen jüngere Leute beteiligen, ist nicht die tiefe Gläubigkeit das Motiv ihres Handelns, sondern die persönliche Opposition gegen die Nazidiktatur lässt sie für eine Sache Partei ergreifen, für die sie unter anderen Umständen nicht zu kämpfen gewillt wären. Die offizielle Haltung hoher Kirchenkreise dem Nationalsozialismus gegenüber wurde von der katholischen Jugend nie begriffen und nie gebilligt. Die Haltung, die der niedere Klerus einnimmt, ist nicht einheitlich. Es gibt auf dem Lande alte Dorfpfarrer, deren aufrechte Bauernnatur sich gegen die jetzige Taktik des Kampfès auflehnt. Mancher von ihnen möchte am liebsten die Sturmglocken läuten und mit der Waffe gegen den Feind zu Felde ziehen. Den Hauptteil des Abwehrkampfes leisten aber doch die jungen Kooperatoren, die unermüdlich tätig sind, um die Gläubigenschar zusammenzuhalten. Vor einiger Zeit wurde von den Münchner Katholiken in der Michelskirche eine Grosskund gebung abgehalten, in der Jesuitenpater Rupprecht Meier auf die Goebbels- Rede zu den Sittlichkeitsprozessen Antwort gab. Die Kirche war zum Bersten voll. Seit Tagen war die Rede des bekannten Missions predigers angekündigt und überall ging das Gerücht:" Der Mission ar wird dem Goebbels antworten." Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Der Prediger hat in einer einstündigen Rede, die oft durch Beifallsäusserungen unterbrochen wurde, Goebbels eine Antwort gegeben, die in München sobald nicht vergessen sein wird. In wortgewaltiger Sprache geisselte er die Politik der Partei, die in ihrem demagogischen Kampfe gegen die Kirche nur ein Ziel verfolge, die Priesterschaft zu verleumden, um damit die christliche Religion zu treffen. Wenn unter vielen tausenden von Priestern und Ordensleuten einige sich Verfehlungen zuschulden kommen liessen, werde durch die Goebbelspresse die ganze Geistlichkeit in den Kot gezerrt.( Pfuirufe). Pater Meier sagte dann wörtlich:" Die deutsche Presse ist die grösste Lügnerin der Welt. Ich sage es noch einmal und bin mir aller Folgen bewusst." Nach diesem Satz ging ein Beifallssturm durch die Kirche, der alle mitriss. Viele schrien:" Nieder mit den Christenverfolgern, Goebbels ist der Antichrist." und verschiedene andere Losungen, die in dem allgemeinen Gerufe untergingen. Als Pater Meier die Kanzel verliess und in die Sakristei ging, brachten die Zuhörer Hochrufe auf ihn aus. Mit Ausnahme einer Faulha berrede war es das erste Mal, dass die Gläubigen ihr Einverständnis mit ihrem Prediger in solcher Form Ausdruck verliehen haben. Am anderen Tage war die mutige Tat des allseits beliebten Kanzelpredigers in der ganzen Stadt bekannt. Ueberall wurde darüber debattiert und aus allen Gesprächen, die Nichtnazis miteinander führten, war das stille Einverständnis und die A- 113Achtung herauszuhören, die von der Münchner Bevölkerung dem tapferen Priester entgegenge bracht wurde. Allgemein wurde die Frage aufgeworfen:" Was wird ihm nun geschehen? Haben sie ihn schon verhaftet?" Die Nazi verhielten sich trotz ihrer stillen Wut auffallend ruhig, weil sie deutlich sahen, dass die Sympathien der Bevölkerung den Priester galten. Am nächsten Samstag war die Michelskirche schon lange vor Beginn der Predigt überfüllt. Die meisten waren gekommen, um den Jesuitenpater zu hören. Nun musste sich ja herausstellen, ob er noch auf freiem Fuss war. Allzu schnell sollte Klarheit geschaffen werden. Statt des bekannten Paters bestieg ein junger Geistlicher die Kanzel und verkündete den aufhorchenden Gläubigen, dass Pater Rupprecht Meier soeben in der Sakristei von der Geheimen Staatspolizei in Haft genommen worden sei. Der Geistliche forderte dann die Menge auf, für ihn zu beten und die Gläubigen kamen dieser Aufforderung mit einer seltenen Andacht nach. Seit der Verhaftung des Paters wird in allen Kirchen vor und nach jeder Predigt über sein Schicksal Bericht erstattet und für ihn gebetet. Pater Meier hatte im Krieg als Feldkurat einen Fuss verloren und trägt Prothese, In der Weimarer Zeit war er ein gefürchteter Debattenredner bei allen Freidenkerversammlungen. Bei der Verhaftung weigerte sich Pater Meier, im Predigerornat mitzugehen. Die Beamten gestatteten ihm, dass er sich in seiner Wohnung umziehe. Nach kurzer Zeit erschien Pater Meier in der Uniform der Feldgeistlichen mit sämtlichen Orden an der Brust. Inzwischen hat die Verhandlung gegen ihn stattgefunden. Seine schwache Verteidigung vor Gericht hat die Münchner Katholiken schwer enttäuscht. Viele schreiben seine Haltung der obrigkeitlichen Anweisung zu, alles zu vermeiden, was die Sache weitertreiben könnte. 2. Bericht: Die Geistlichkeit, an ihrer Spitze Kardinal Faulhaber, redet eine eindeutige Sprache. Die Kirchen sind überfüllt, und zwar nicht nur bei Predigten des Kardinals. Fast nach jeder Predigt Faulhabers kommt es zu Ovationen für den Kardinal. Dann singt die Menge Kirchen lieder und zieht zum erzbischöflichen Palais. Auf die Angriffe des Gauleiters Wagner, die er anlässlich des Kreistages in Fürstenfeldbruck gegen die Kirche richtete, antwortete Kardinal Faulhaber in der Michelskirche. Wagner hatte auf dem Kreistag angekündigt, dass er die freiwilligen Zuwendungen des Staates, die immerhin 14 Millionen Mark im Jahre betragen, schrittweise abbauen werde. Er gab der Kirche den guten Rat, die hohen Gehälter zu kürzen, wenn sie mit den verminderten Einnahmen nicht auskommen sollte. Die Antwort Faulhabers wurde von der Bevölkerung mit grosser Spannung erwartet. Die Kirche musste wegen Ueberfüllung polizeilich gesperrt werden. Faulhaber erklärte, dass diese sogenannten freiwilligen Zahlungen des bayerischen Staates an die A-114Kirche nur jährliche Abschlagszahlungen bedeuten und als Abfindung zu betrachten sind für die während der Säkularisation enteigneten Kirchengüter. Faulhaber bemerkte auch, dass Wagner in seiner Rede vergessen habe, die Ministergehälter den Gehältern der Bischöfe gegenüberzustellen. Eine Person, vermutlich ein Gestapo beamter, schrieb die Rede Faulhabers mit. Beim Verlassen der Kirche wurde ihm das Ge hetbuch entrissen und zerfetzt. Anlässlich einer Rede des Bischofs Dr. Kumpfmüller von Augsburg im Dom, bei der er gegen die Kirchenverfolgung sprach, zogen dauernd Spielzüge der HJ mit Trommeln und Pfeifen um den Dom herum. Nach der Predigt kam es zwischen den Katholiken und der HJ zu Schlägereien. Das Ueberfallkommando nahm 20 bis 30 Katholiken fest, die aber auf dem Wege zum Polizeipräsidium wieder freigelassen wurden. Seit dem 1. April erhebt der Staat keine Kirchensteuern mehr auf die gewerblichen Steuern. Früher wurden auf alle landesrechtlichen Gewerbesteuern 10% Kirchensteuern eingehoben. Um diesen Ausfall wettzumachen, hat die Kirche ihren ganzen Grundbesitz einer Revision unterzogen. Schlechte Verwalter wurden abgebaut und Neuerungen in der Produktion durchgeführt. Eine sparsame Ausgabenpolitik soll diese Massnahmen wirksam ergänzen. In Bayern wurde ein Kampffonds angelegt, der es der katholischen Kirche ermöglichen soll, bei vollständigem Versiegen aller Einkünfte zwei Jahre durchzuhalten. Heftige Erregung hat auch die antirömische Propaganda Ludendorffs ausgelöst, der seit seiner Versöhnungskomödie mit Hitler volle Narrenfreiheit für die Werbung für seine Deutsche Gotterkenntnis" erhalten hat und sie zu massiven Angriffen gegen die katholische Kirche benutzt. Anlässlich der Reichsnährstandsschau hatte Ludendorff an seinem Laden am Stachus ein Plakat ausgehängt, das wilde Schmähungen gegen die Kirche und den Papbt enthielt. Vor dem Lokal sammelte sich eine Gruppe oberbayerischer Bauern an, die teils die Köpfe schüttelten, teils ihren Unwillen über das Plakat lauten Ausdruck gaben. Plötzlich stellte sich ein älterer, gut gekleideter Herr vor das Schaufenster und rief in höchster Erregung:" Das ist doch der allergrösste Skandal, der mir bis jetzt begegnet ist. Aber das geht nicht mehr so weiter. Das lassen wir uns nicht mehr gefallen. Das Plakat muss weg und wenn ich nach Dachau komme!" Sprachs, ging in den Laden, machte einen riesigen Krach und erreichte, dass das Plakat sofort verschwand. 3. Bericht: Die Stimmung in der katholischen Bevölkerung kann man jetzt ohne Uebertreibung als hoffnungslos bezeichnen. Der durch den Schulkampf angefachte Kampfgeist ist einer allgemeinen Gleichgültigkeit gewichen, die in der passiven Haltung der hohen Kirchenstellen ihre Ursache hat. Die Katholiken sind schwer enttäuscht von ihren geistlichen Führern, die vor Monaten Anstalten machten, den Kulturkampf weiterzu A-115treiben, und heute zusammenklappen, wenn irgend ein Gauleiter mit Enthüllungen droht. Heute hört man es immer öfter:" Die kirchlichen Würdenträger scheinen doch kein so reines Gewissen zu haben, weil sie immer kneifen wo man glaubt, dass sie im guten Recht sind." Die Politik der römischen Kurie wird von der Bevölkerung nicht verstanden. Dem katholischen Bauer in Oberbayern will es nicht in den Kopf hinein, dass man gegen den antireligiösen Feldzug der Nazis nichts unternehmen kann. Der niedere Klerus ist unsicher, welche Haltung er einnehmen soll. So ein kleiner Dorfpfarrer, der eng mit seiner Gemeinde verbunden ist, kann es genau so wenig wie seine Gläubigen verstehen, dass man sich alles gefallen lässt. Allein das Bewusstsein, die Kirche hat vieles zu verbergen, macht diese treuesten Diener des Glaubens unsicher und mutlos. Die bürokratischen Methoden der erzbischöflichen Finanzkammer tragen nicht dazu bei, den an sich geschwächten Kampfmut der niederen Geistlichkeit zu stärken. Vor einigen Wochen haben verschiedene Pfarreien des Erzbistums Freising bei der Finanzkammer des Bistums Protest erhoben gegen die ungerechte Verwaltung der Kircheneinnahmen, die einer langsamen Aushungerung der Pfarreien gleichkomme. Alle kirchlichen Einnahmen wie Stolagebühren, Begräbnisgelder usw. müssen mit der Finanzkammer abgerechnet werden. Die Gelder werden in vollem Umfange an die Kammer abgeführt, die verpflichtet ist, die Auslagen der Pfarreien zu decken. Die erzbischöfliche Verwaltung hat zwar die Gelder einkassiert, wollte aber von der Auslagenvergütung nichts wissen. Erst als die Pfarreien mit der öffentlichen Klage drohten, wurden die Rückstände aus bezahlt. Es ist auch bekannt geworden, dass mehrere Angestellte des Ordinariats sich heimlich nach Privatstellungen umgesehen haben, damit sie gesichert sind, wenn das Schlimmste eintreten sollte. Man kann es verstehen, dass die Bevölkerung entmutigt ist, wenn eingeweihte Kreise sich so verhalten. 4. Bericht: Die Teilnahme an der diesjährigen Fronleichnamsprozession war ausserordentlich stark. Die Prozession war eine direkte Demonstration. Während früher hauptsächlich die Frauen in der Prozession gingen, hat man diesmal mehr Männer gesehen als jemals zuvor. Aber überall hat die Jugend gefehlt. Die Hitler- Jugend hat die Jugend dadurch gehindert, an der Prozession teilzunehmen, dass sie mit den Kindern Ausflüge veranstaltete, bei denen die Beteiligung Pflicht war. Früher war es so, dass jede Klasse geschlossen mit ihrem Lehrer an der Spitze an der Prozession teilnahm. Die Kinder gingen in geschlossenen Zügen vor den Alten, die Mädchen mit Kränzen im Haar, die Buben mit Kränzen am Arm, die Kommunikanten mit ihren Kerzen in der Hand. Wenn man bedenkt, dass der Fronleichnamstag der höchste kirchliche Feiertag im ganzen Jahr ist, kann man erst ermessen, welch ungeheuere Kränkung für die katholische Bevölkerung darin liegt, dass die HitlerJugend durch ihre Veranstaltungen die Kinder von der Teilnahme an der Prozession abgehalten hat. Schon vor 2 und 3 Jahren hat die HJ das versucht, damals haben sich aber die Eltern noch dagegen auf gelehnt. Diesmal haben sie es nicht mehr gewag+. A-116Der Kirchenkampf hat in unserer Kleinstadt dazu geführt, dass die Kirche jeden Sonntag gestopft voll ist. An die Sittlichkeitsprozesse glaubt man nicht recht, ebensowenig wie man damals an die Devisenprozesse geglaubt hat. Man glaubt, dass die Dinge ausserordentlich aufgebauscht sind und stellt fest, dass es sich immer um Fälle aus entfernt liegenden Landesteilen handelt. Zeitungen liest man in der kleinen Stadt und auf dem Lande nur noch sehr wenig und wenn man sie liest, glaubt man nicht an das, was sie bringen. Dazu haben die Zeitungen schon zuviel gelogen. Die Pfarrer haben bei uns noch immer eine beherrschende Stellung. Von Kirchenaustritten ist nichts zu merken. In Nürnberg dagegen sollen massenhaft Kirchenaustritte vorgekommen sein. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Fronleichnamsprozession war dieses Jahr in Konstanz viel stärker als im letzten Jahr. Vor allen Dingen nahmen viel Männer daran teil. Besonders fielen auch die vielen Jungmänner auf. Neu war, dass bei der Prozession diesmal nicht gebetet wurde. Das Beten auf der Strasse war nämlich verboten worden und nur Kirchenlieder durften gesungen werden. In Singen a/ H. wurde der Musikgesellschaft verboten, bei der Fronleichnamsprozession mi tzuwirken. Da es am Fronleichnamstage regnete, sollte die Prozession, wie es auch früher üblich war, am darauffolgenden Sonntag abgehalten werden. Am Tage vorher wurde sie aber durch das Bezirksamt in Konstanz verboten. Anscheinend auf Eingreifen des erzbischöflichen Ordinariats Freiburg musste dann die Regierung doch nachgeben so dass die Prozession am folgenden Sonntag doch noch stattfinden konnte. Es wurde aber die Bedingung gestellt, dass die Reichsstrasse nicht berührt oder überschritten werde, angebHich aus verkehrspolizeilichen Gründen. Die Prozession musste also seit Menschengedenken das erste Mal einen anderen Weg einschlagen. In katholischen Kreisen war natürlich die Empörung über diese Behandlung gross und man hörte allgemein die Meinung, dass man durch diese Schikanen nur das katholische Volk daran hindern wolle, Goebbels für seine Rede über die Sittlichkeitsprozesse die richtige Antwort zu geben. Die Beteiligung, besonders der Männer, war deshalb auch in diesem Jahre viel grösser als in den früheren. 2. Bericht: Am 15.August sollte in Speyer eine Prozession stattfinden. Angesichts der allgemeinen Stimmung unter der katholischen Bevölkerung war mit einer sehr starken Teilnahme zu rechnen. Dem NSDAP- Gauleiter Bürckel war es sofort klar, dass der vorauszusehende starke Erfolg der kirchlichen Kundgebung zugleich ein schwerer Stoss für seine Stellung und für das Prestige des Nationalsozialismus wäre. Zweifellos hat er schwere Stunden durchgemacht, um das beste Mittel als Gegen schlag zu finden. Ein Verbot erschien ihm wohl mit Rücksicht auf das Ausland zu riskant. So kam er auf die Idee, die Katholische Aktion einfach durch eine Belagerung Speyers un A- 117möglich zu machen. Man zog eine Bannmeile um den Dom, verstopfte alle Strassen der Stadt und verhinderte so einfach die geplante Prozession, auf die unter solchen Umständen natürlich verzichtet wurde. Aber die aufgeregte Rede Bürckels hat nur noch die Lage verschärft. Sie enthält interessante Eingeständnisse über den grossen Ernst, mit dem die Machthaber die vorhandene Opposition beurteilen. Am Tage nach der Kundgebung erliess Bürckel einen Aufruf an die Parteimitglieder der NSDAP, in dem es heisst: " Wenn an irgend einem Ort des Gaues seitens eines Geistlichen versteckt oder offen auf der Kanzel oder sonstwo Angriffe gegen Partei und Staat gemacht werden, so ist das sofort zu berichten. In all diesen Fällen wird den Betreffenden das Recht zur Erteilung des Religionsunterrichts entzogen. Des weiteren wird jedes Vergehen der bischöflichen Behörde mitgeteilt. Falls diese den Betreffenden nicht entsprechend massregelt, werden für unsere Parteigenossen in dem betreffenden Ort oder Kreis die letzten Konsequenzen angeordnet." Schlesien, 1.Bericht: Seit dem Erlöschen der Genfer Konvention haben die Nazis auch in Oberschlesien einen heftigen Kampf gegen die katholische Kirche aufgenommen. Er kommt in der Beseitigung des polnischen Gottesdienstes, der Heiligenbilder aus den Schulen und in den Angriffen auf die Geistlichkeiten bei verschiedenen Naziveranstaltungen zum Ausdruck. Jetzt wurde von den katholischen Jungmännern und den katholischen Gesellenvereinen eine Gegenaktion durchgeführt, die in der Wallfahrtskundgebung nach St. Annaberg gipfelte. In den letzten Wochen waren verschiedentlich kleine Prozessionen aus der nächsten Umgebung von den Nazis auseinandergejagt und die Teilnehmer auch geschlagen worden. Da eine Wallfahrt nur dann eine Bedeutung hat, wenn sie Massenzuspruch hat, bereitete man sie durch Propaganda von Mund zu Mund gut vor und schon in der ersten Woche konnte man mit 80.000 Teilnehmern rechnen. Die Nazis versuchten diese Wallfahrt auf jede Art zu sabotieren. Eisenbahnzüge wurden von kleineren Ortschaften einfach nicht zur Verfügung gestellt, so dass manche Kat holiken stundenlang zu Fuss gehen mussten. Aber niemand liess sich abschrecken. Die Teilnahme war überwältigend, man schätzte sie auf 150 bis.170.000 Männer und Frauen. Auch der Kardinal Fürstbischof Bertram war zugegen. Die SS und SA umstellte den ganzen Berg, war aber bei dieser Massenbeteiligung einfach machtlos. Es wurden Flugblätter kommunistischen Inhalts verteilt, gegen die die Geistlichkeit sofort Stellung nahm. In den Predigten wurde offen gesagt, dass man recht wohl wisse, woher die Flugblätter stammen. Man solle sie ungelesen zur Polizei tragen, wo ja der Inhalt sehr gut bekannt sei, oder dem nächsten SA- Mann in Gegenwart eines Zeugen abgeben. Tatsächlich kann es sich bei dieser Flugblatt- Aktion am St. Annaberg nur um Spitzelarbeit der Gestapo oder der SA handeln. A-118Allerdings ist es richtig, dass an der Wallfahrt zahlreiche Kumpels, Kommunisten, Sozialisten, Bibelforscher und sogar Juden teilgenommen haben. Man wollte diese Kundgebung mit den Katholiken gegen Hitler als eine Massendemonstration auswerten und das ist auch gelungen. Die Rückfahrt und der Abtransport der Massen gestaltete sich sehr schwierig, es war deutlich zu merken, dass die Eisenbahn sabotierte. Zahlreiche Teilnehmer mussten den Rückweg zu Fuss antreten. Kaum hatten sie die Landstrasse erreicht, so erschien SA und zwang sie, die Kirchenfahnen einzurollen, den Umzug aufzulösen und höchstens zu zweit am Rande der Strasse zu gehen. Die Prozessionen waren untersagt. Noch weit grössere Ueberraschungen erwarteten die Teilnehmer bei der Rückkehr in der Heimat. Schon am Bahnhof wurden sie auf dem Gehvon SA und Polizei aufgefordert, nur einzeln steig zu gehen. Auch zur kirchlichen Andacht durften die Teilnehmer nur einzeln erscheinen, und wo den Forderungen der SA nicht sofort nachgekommen wurde, gab es Schlägereien. Die Geistlichen wurden als Staatsfeinde beschimpft. Die ganze Operation der Nazis gegen die Wallfahrtsteilnehmer war jedenfalls systematisch organisiert und setzte in fast allen Ortschaften durch SA und Polizei gleichzeitig ein. Man wollte den Eindruck verwischen, den diese Massenkundgebung gegen Hitler hervorgerufen hatte. In den Betrieben aber sprach man von einem gelungenen Parteitag gegen Hitler. Auf einzelnen Zechen wurden von den Vertrauensleuten Rundfragen veranstaltet, wer alles in St. Annaberg war. Auch solche Kumpels bekannten sich zur Teilnahme, die gar nicht daran teilgenommen hatten. Die Preussag, der in Oberschlesien sechs Grubenanlagen gehören, versuchte die Teilnahme ihrer Belegschaften an der Wallfahrt dadurch zu verhindern, dass sie ein Bergfest mit Freibier und Wurstmarken veranstaltete, auf dem alle Nazi grössen und alle Behörden vertreten waren. 2. Bericht: Der katholische Kaplan Madeja aus Mathesdorf bei Gleiwitz, der sich nach der Annaberg- Wallfahrt gegen die Spitzelei in der Kirche wandte und erklärte, dass am Annaberg nicht Kommunisten, aber andere sehr wohl bekannte Stellen die antifaschistischen Flugschriften vertrieben haben, wurde nach Oppeln zur Gestapo beordert. Als er dort seine Behauptung aufrechterhielt, wurde ihm mit dem Konzentrationslager gedroht. Schliesslich wurde er aber doch wieder freigelassen. In Malapane bei Oppeln wurden bei den Parochianern durch Listen Geld zum Ausbau der St. Floriankirche gesammelt. Eines Tages beschlagnahmte die SA die Listen und das Geld. Darauf berief der Pfarrer eine Versammlung der Parochie ein, zu der auch ein Pg erschien, um gegen die Sammlung Stellung zu nehmen. Man gab ihm aber nicht das Wort und schliesslich wurde er sogar von den Katholiken hinaus geprügelt. Später erklärte der Pfarrer von der Kanzel, dass gewissenlose Elemente Gelder und Listen der Parochie gestohlen hätten. A- 1193. Bericht: Die polnische katholische Jugend, die der Polizei längst ein Dorn im Auge ist, führte am 8. August eine Wellfahrt nach dem Annaberg durch, an die sich eine Tagung nschliessen sollte. Schon auf der Eisenbahnstation Leschnitz versuchte SA und Polizei, die Ankommenden zu zerstreuen. Der bischöfliche Vertreter aus Kat towitz, der dort die Festandacht hielt, wurde von der Polizei zur Rede gestellt, seine Predigt sei staatsfeindlich gewesen. Die hiesigen Polen würden es nicht wagen, so zu sprechen, daher habe man sich einen Hetzer aus Polen verschrieben. Das werde aber jetzt aufhören, es gebe keine Genfer Konvention mehr. Kaum war die Jugend nach der Andacht in einem Heim zusammengekommen, als auch schon die Polizei erschien und alle Anwesenden, die nicht Reichs bürger waren, aufforderte, das Lokal zu verlassen. Gegen den Versuch der Polizei, diese" unangemeldete Versammlung" aufzulösen, beriefen sich die Leiter auf den polnischen Konsul, der zu dieser Tagung kommen wolle. Nach einiger Zeit erschien aber die Polizei abermals und löste die Versammlung trotzdem auf. Als die Teilnehmer Annaberg verliessen, wurden sie von inzwischen herbeigeholten SALeute als polnische Schweine beschimpft. 4. Bericht: Die Aufnahme der Goebbelsrede ge gen dir Kir che ist geteilt. Es fehlt nicht an Stimmen innerhalb der Arbeiterschaft, die sagen, es schade den Schwarzen nichts, dass sie eine solche Lektion erhalten haben, denn in der Republik haben sie jeden Fortschritt sabotiert und Brüning und Kaas haben ja Hitler die Steigbügel gehalten. Allerdings glaubt niemand, dass der Sittenverfall in der katholischen Kirche den von den Nazis behaupteten Umfang angenommen hat, und man wertet eben diese Rede als einen Teil Propaganda, die das System benötigt, um sich am Ruder zu halten. Auch Nationalsozialisten lehnen die Angriffe gegen die katholische Kirche ab. So hat in X. ein SA- Mann nach der Goebbelsrede seine zwei Kinder aus der Hitler- Jugend abgemeldet und erklärt, dass er unter diesen Umständen nicht mehr Mitglied der Partei sein könne, denn die katholische Kirche stehe ihm höher als die Partei. In vielen Kirchen wurden nach der Rede besondere Gottesdienste abgehalten, die sich eines ausserordentlichen Zuspruchs erfreuten. Thema der meisten Predigten war die Goebbelsrede. Einige Geistliche auf dem Lande wagten es angesichts des Nazidrucks allerdings nicht, den angesagten Gottesdienst abzuhalten. In einer der Kirchen in Hindenburg erklärte der Geistliche, man möge nicht alles glauben, was heute über die Kirche in den Zeitungen stehe. Das Wichtigste werde verschwiegen. In Klausberg bei Hindenburg wurden in der Kirche Flugblätter nach der Predigt gegen Goebbels verteilt. Schon nach wenigen Minuten war die Kirche umstellt und die Flugblätter wurden den Kirchenbesuchern abgenommen, wobei die SA gegen Frauen besonders rigoros vorging. Dem Geistlichen wurde gedroht, dass er ins Konzentrationslager komme. A- 120Aus ganz Oberschlesien wird berichtet, dass die diesjährigen Fronleichnamsfeiern sich eines unerwartet grossen Besuches erfreuten, vor allem von Männern, während früher Kinder und Frauen den Ausschlag gaben. Es wurden ausschliesslich Kirchenfahnen getragen und in den Ortschaften und Städten waren nur Kirchenfahnen ausgehängt. In Beuthen O.S. wurden die Teilnehmer in der Nähe des Boulevards von der Hitlerjugend beschimpft, als aber die Teilnehmer der Prozession darüber in Erregung gerieten, wurde die HJ von der Polizei beiseite geschoben. Schon vor der Prozession wurden die Aussteller von Altären darauf aufmerksam gemacht, dass sofort nach dem Vorüber ziehen der Prozession die Altäre abgebaut und die Kirchenfahnen zu entfernen sind. SA und Schutzpolizei sorgten in Gleiwitz, Oppeln, Beuthen und Gross- Strelitz dafür, dass In Gleiwitz und diese Anordnung strikt eingehalten wurde. Oppeln fiel auf, dass die Ehrenkompagnien der Reichswehr dieses Jahr in der Prozession nicht vertreten waren. Im Zusammenhang mit diesen Fronleichnamsfeiern fanden zahlreiche Naziversammlungen statt, in denen gegen diese Veranstaltungen protestiert wurde. Die Prozession sei nichts als eine polnische Demonstration, denn die deutschen Pfaffen würden so etwas gar nicht mehr wagen. 5. Bericht: In einer rheinischen Zeitung wurden gegen einen Oppelner Prälaten Vorwürfe erhoben, dass er sich sittlich vergangen habe. Ein Bekannter machte den Prälaten auf diese Angriffe aufmerksam. Der Prälat begab sich mit dem Blatt zur Staatsanwaltschaft und forderte auf Grund dieser Anklagen, dass man ihn vor Gericht stelle. Der Staatsanwalt verwies ihn an die Polizei, da nur diese das Verfahren in Gang bringen könne. Von der Polizei wurde er zur Gestapo geschickt, wo er bereits telefonisch gemeldet war. Dort liess man ihn nicht einmal zu Worte kommen, es sei ganz gleichgültig, welcher Pfaffe die dort angeführten Sittlichkeitsvergehen begangen hätte; er habe zu verschwinden und zu schweigen. Der Prälat sprach über diese Dinge auch in seiner nächsten Predigt. Folgen hat sein mutiges Verhalten bisher nicht gehabt. 3) Der Kampf um die Jugend Das Regime hat die Sittlichkeitsprozesse benutzt, um gegen die konfessionellen Lehranstalten vorzugehen. In Bayern sind in zehn verschiedenen Orten klösterliche Schulen und Erziehungsheime geschlossen worden. Eine katholische Mittelschule in rreren( Kreis Lingen) wurde vom Regierungspräsidenten geschlossen, ebenso das bischöfliche Knabenseminar in Heiligenstadt ( Eichsfeld). A- 121Der Kampf gegen die Bekenntnisschule geht weiter. In Oberbayern hat die" Elternbefragung ergeben, dass 97,5% für die Gemeinschaftsschule sind. In Württemberg sind die letzten Bekenntnisklassen aufgehoben worden. Der württembergische Kultusminister hat ausserdem neue Richtlinien für den Religionsunterricht in der Gemeinschaftsschule erlassen, nach denen gewisse Teile des Alten Testaments im Unterricht nicht zu behandeln sind. In verschiedenen Landesteilen-so im Rheinland und in Sachsen- mussten die Lehrer in den Schulen eine Anordnung verlesen, nach der Schulkinder nicht mehr während des Unterrichts als Messdiener usw. tätig sein dürfen. Auf Grund einer neuen Verfügung des Reichsjugendführers dürfen Angehörige der Hitler- Jugend an kirchlichen Veranstaltungen wie Wallfahrten, Konfirmandenunterricht usw., die in die Zeit des HJ- Dienstes fallen, nur noch teilnehmen, wenn ihnen der HJ- Führer Urlaub dazu erteilt hat. Die katholischen Jugendverbände sind von weiteren Auflösungsverfügungen betroffen worden. ( Die Katholische Jungschar und die Katholische Sturmschar für den Regierungsbezirk Osnabrück, die Vereinigung katholischer höherer Schulen" Neudeutschland" für ganz Württemberg) Konfessionelle Jugendlager und Freizeiten dürfen nur noch von den Landeskirchen veranstaltet werden und müssen sich ausschliesslich in religiösem Rahmen halten. Unseren Berichten entnehmen wir: Bayern, 1.Bericht: Die Auseinandersetzung zwischen Nationalsozialismus und Kirche nimmt besonders auf dem Gebiet der Erziehung sehr heftige Formen an. Ein Einzelfall beleuchtet die Art, in der jetzt die Entkonfessionalisierung der Schule erzwungen wird. Von den Nazis wurde ein Flugblatt verbreitet, in der die" Abstimmung" über die deutsche Schule als eine Entscheidung für oder gegen den Führer" bezeichnet wurde. Die Drohung, die in dieser Formulierung lag, wurde natürlich von allen Eltern sofort begriffen. Am Tag, nach dem dieses Flugblatt verbreitet wurde, ging der katholische Geistliche von Haus zu Haus und erklärte den Eltern, dass es sich bei der sogenannten Abstimmung wirklich um eine Entscheidung handle: Die Eltern hätten zu wählen zwischen Gott und dem Führer. Er hatte damit den Kern der Auseinandersetzung auf die allereinfachste Formel gebracht. Daraufhin wurden durch die Lehrer in der Schule Erhebungen veranstaltet, bei wem der Pfarrer war und was er gesagt habe. Die Kinder wurden in der Schule A- 122ganz offen gegen die Kirche aufgehetzt. Es ist jetzt überhaupt so, dass man als Vater nur noch einen geringen Einfluss auf die Kinder ausüben kann, wenn man sich nicht die grössten Schwierigkeiten zuziehen will. Relativ am leichtesten haben es bei uns jetzt Leute, die früher keiner politischen Partei angehört haben und sich jetzt ganz auf den Standpunkt der religiösen Abwehr unbilliger Zumutungen zurückziehen können. Diese Schioht Menschen ist heute der Hauptträger des katholischen Widerstandes, soweit er von Laien ausgeht. 2.Bericht: Aus München wird berichtet: In der Jugend, sowohl in der HJ, wie in der Schule, macht man starke Propaganda gegen die Kirche. Die Sittlichkeitsvergehen von Geistlichen werden dort besprochen und es wird vor den Schwarzröcken gewarnt. In einer Schulklasse hat der Lehrer seinen Kindern erklärt, dass die Ordensbrüder anormale Menschen seien und man sich vor ihnen hüten müsse, weil sie hinter ihrer scheinheiligen Maske die Laster zu verbergen wissen. Die meisten Ordensgeistlichen gingen nur deshalb ins Kloster, weil sie dort ihren Lüsten leben können. Früher ha be man das nicht gewusst, weil sich niemand darum gekümmert habe. Aber jetzt, seit die Nationalsozialisten die Macht hätten, habe man entdeckt, dass die Klöster lauter Lasterhöhlen sind, die ausgehoben werden müssen. Viele Eltern, die von ihren Kindern mit Entsetzen solche Schilderungen hören, wissen sich keinen Rat. Die Elternbeiräte sind gegen diese Propaganda in den Schulen ma chtlos. Niemand getraut sich, dagegen aufzutreten. Es kommt immer mehr dazu, dass die Kinder in jedem Geistlichen einen Menschen sehen, der geheime Laster hat. Ein Vorfall dafür ist bezeichnend: Als die Schüler des Klerikalseminars in ihren langen Kutten von einem Spaziergang im Englischen Garten heimkehrend in die Veterinärstrasse einbogen, begegneten sie dort einer Gruppe Hitler- Jugend. in Uniform. Diese begannen sich sofort über die Schwarzröcke lustig zu machen. Da schrie einer das Wort:" Onanistenklub" und alles brach in ein helles Gelächter aus. Das Schimpfwort wurde noch öfter gerufen. Einer rief den Klerikern nach: " Hoch 175" Diese zogen ernst ihres Weges weiter, als ob man sie nicht beachtet hätte. Ein älterer, gut gekleideter Herr trat auf die HJ- Jungens zu und wies sie zurecht. Darauf zerstreuten sie sich. 3. Bericht: Dass die Hetze der Nazis gegen die katholische Kirche aus Anlass der Sittlichkeitsprozesse nicht ohne Wirkungen geblieben ist, zeigt besonders das Verhalten der Kinder in der Schule gegenüber den Geistlichen. Die von der Nazi- Propaganda erfassten Kinder treten den Geistlichen viel bestimmter und ablehnender gegenüber, als sie es früher jemals gewagt hätten. Sie wissen, dass sie vom Regime darin unterstützt werden und es ist ganz klar, dass so etwas auf Kinder einen sehr starken Einfluss ausübt. Der Ortsgruppen1 A- 123leiter der NSDAP schilderte kürzlich auf einem der üblichen Sprechabende. ein Gespräch zwischen zwei Mädchen, das er belauscht hatte: Das eine Mädchen fragte:" Wo hast Du denn Dein Bibelbuch( Spruchbuch)?" Das andere antwortete:" Oh, das habe ich schon längst verbrannt!"" Ach, dann verbrenne ich meins auch gleich!"- Der Vorsitzende des Sprechabends erzählte dieses kleine Erlebnis als Beweis dafür, dass der " gesunde Sinn der Jugend" schon das Richtige treffe. 4. Bericht: Der Kampf um die Jugend war wie vorauszusehen mit dem Abstimmungsergebnis bei den Münchner Schuleinschreibungen nicht beendet. In der Stadt und noch viel mehr auf dem Lande wurde von der Geistlichkeit ein zäher Abwehrkampf eingeleitet, der starke Wirkungen auf die Elternschaft-die sich damals in München fast vollständig für die Gemeinschaftsschule entschied- ausübte. In manchen Gemeinden wurden von der katholischen Laienschaft geheime Abstimmungen durchgeführt, die die Geistlichen aneiferten, in ihrem Kampf fortzufahren. Die Sittlichkeitsprozesse und deren Wirkung auf die Jugend, die von Parteistellen ermutigt, eine feindselige Haltung gegen die Geistlichen einnahm, gaben der Elternschaft zu denken. Die wiederholten Beteuerungen der Parteivertreter, dass der Glaube und die religiöse Erziehung in den Schulen durch die Gemeinschaftsschule nicht gefährdet werde, wurden durch die antikirchliche Propaganda der Partei entkräftet. Sonntägliche Morgenfeiern, die nach dem Vorbild der FreidenkerVeranstaltungen zur Kirchenzeit abgehalten wurden, gaben der katholischen Bevölkerung Anlass, das Verhalten der Nazis mit der russischen Gottlosenbewegung zu vergleichen. Wie tief dieser Kampf die Gemüter bewegte, geht schon daraus hervor, dass sich die Partei genötigt sah, in allen Schulorten des Traditionsgaues, ausserhalb Münchens, Elternbefragungen durchzuführen. Am lo. und 11. Juni wurden diese sogenannten Aufklärungsversammlungen durchgeführt, in denen man der Elternschaft eine Erklärung für die Gemeinschaftsschule abpresste. Einige Tage vor den Versammlungen wurde von der HJ an alle Eltern ein Aufruf des Gauleiters Wagners verteilt, worin die Politik der Partei gegenüber der Kirche gerechtfertigt und an die Eltern appelliert wurde, die Gemeinschaft des Friedens in den Schulen zu bauen. Die Blockwarte und Zellenleiter der Partei hatten Auftrag erhalten, die Elternschaft in ihrem Interesse dringendst zu ermahnen, diese Versammlungen zu besuchen. Die Abstimmungslisten würden genau überprüft und es würde festgestellt werden, wer sich gegen den Willen der Partei von dieser Entscheidung ferngehalten hat. Die Katholiken waren auch nicht müssig. Vom erzbischöflichen Ordinariat in München wurde es allen Eltern zur Pflicht gemacht, nicht an den Versammlungen teilzunehmen. Die Elternschaft gab dem Druck nach und ging zu diesen kommandierten Versammlungen wie zu einer befohlenen Wahl.Hätte nicht schon das Ergebnis der Schuleinschreibungen in München vorgelegen, so würde sich vielleicht ein grösserer Widerstand -124emerkbar gemacht haben, aber unter diesen Umständen gab es für ale grosse Masse keine Wahl. Der entscheidende Teil der Erklärung, die die Versammelten abgeben mussten, lautete: " Ich stehe in diesen entscheidungsreichen Tagen zum Führer, denn ich weiss, dass es in dieser Zeit, in der der Gemeinschaftsgeist Gemeingut aller wird, für die Erziehung der deutschen Schuljugend nur eine Parole gibt: Ein Führer, ein Volk, eine Schule. Daher erkläre ich mich für die deutsche Volksschule, die Schule der deutschen Volksgemeinschaft." Unter den obwaltenden Umständen war es kein Wunder, dass sich 96% für die Gemeinschaftsschule entschieden haben. Schlesien: Im Kampf gegen die Bekenntnisschule zeigt sich immer mehr, dass die Eltern schliesslich dem ständigen Druck der Nazis nachgeben und die Abschaffung der Bekenntnisschule durch ihre Unterschrift gutheissen. Die Geistlichkeit führt hier zwar einen sehr durchdachten Kampf, findet aber bei den Gläubigen nicht die erforderliche Unterstützung. Oft sind ja die Arbeiter mit der Haltung der Nazis in dieser Frage einig. Nur in Schomberg setzten es Geistlichkeit und Arbeiter durch, dass sowohl Kreuze als auch Heiligenbilder in die Schule zurückgebracht wurden und der dortige Bürgermeister abtreten musste. Gegen den Ortspfarrer werden jetzt Gerüchte über sittliche Verfehlungen verbreitet, weil er der Hauptträger des Widerstandes gegen die Nazis ist. Von der evangelischen Bekenntniskirche wurde in Schlesien nachstehender offener Brief( siehe Seite A 125 und 126) über die Schulfrage verbreitet. Sachsen: Die Gemeinde X. hat einen jungen Pfarrer, der seit Monaten einen erbitterten Kampf mit dem Hitler- Jugend- Führer wegen der Erziehung der Jugend führte. Er ist bei einem grossen Teil der Bevölkerung infolge seines mannhaften Auftretens sehr beliebt und geht wie ein Heiliger durch die Gemeinde. Vor einiger Zeit kam es nun zu einem Kompromiss zwischen Pfarrer und Jugendführer: Die Kinder machen Dienst in der HJ, sie dürfen aber auch mit dem Pfarrer spazieren gehen, wobei auch häufig Mütter mitgehen. Ein solcher Spaziergang fand auch eines Sonnabends statt. Unterwegs wurde ein kirchliches Lied gesungen, an einer geeigneten Stelle wurde Halt gemacht und der Pfarrer sammelte Kinder und Eltern um sich und sprach zu ihnen. Mit einem Blick auf das Tal erklärte er in dieser Betrachtung:" Wir könnten da unten so schön in Frieden leben, wenn nicht die Zwietracht in die Gemeinde gesät worden wäre. Musste es sein, dass auch heute wieder gegen die Teilnahme am Spaziergang gearbeitet wurde?" Noch am gleichen Abend ging wie ein Lauffeuer das Gerücht herum, dass der Pfarrer von der Parteileitung aufgefordert worden sei, sich wegen dieser Aeusserung zu rechtfertigen. Der Jugend- Fuhrer hatte unter den Kindern Spitzel angestellt, die ihm nach dem Spaziergang sofort berichtet hatten. Am A-125nächsten Sonntag war eine wahre Wallfahrt zur Kirche, Es wurden 1.430 Besucher gezählt. Dabei hat der Ort nur 2.700 Einwohner. Die Predigt des Pfarrers ging von der Abendandacht des Vortages aus und war eine einzige Aufforderung, am Glauben festzuhalten und zum Beweis dessen regelmässige Spaziergänge zum Kirchlein zu zu unternehmen. Als nun diese Demonstrationen, denn als solche wirkten sie, in der Woche darauf allabendlich durchgeführt wurden, erliess der Bürgermeister eine scharfe Warnung vor der starken Inanspruchnahme des Weges zur Kirche und der Landstrasse. Seine Pflicht sei, Verkehrsunfälle zu verhindern und deshalb müsse er dafür sorgen, dass die häufigen abendlichen Wanderungen auf diesen Wegen unterbleiben. Trotz dieser Bekanntmachung hat der Pfarrer natürlich seinen Zweck erreicht und demonstriert, hinter wem die Einwohnerschaft steht. B- 1Te i 1 B ( Abgeschlossen am 4.September 1937) Aussenpolitische Uebersicht Als wir Anfang Mai 1937 einen Ueberblick über die internationale Lage gegeben haben, haben wir darauf verwiesen, wie der abessinische Krieg und die Rheinlandbesetzung weiterwirken. Wir haben dargestellt, dass an die Stelle der kollektiven Zusammenarbeit auf der demokratischen Grundlage des Völkerbundes immer stärker die reine Diktatur der Grossmächte tritt. Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten vier Monate zeigen, wie weit dieser Prozess vorgeschritten ist. An die Stelle einer durch die Verfassung und das Recht des Völkerbundes gesicherten Stabilität ist mit der Veränderung der Machtverteilung in Europa eine Bewegung getreten, die äusserste Unsicherheit mit sich bringt. Alles, was noch vor zwei Jahren unerschütterlich zu sein schien, ist unsicher geworden. Europa ist an den Gedanken der Revision durch Gewalt gewöhnt worden. Alle Erörterungen über die Anwendbarkeit des Revisionsartikels des Völkerbundes, des Artikels 19, sind heute hinfällig; denn vor das Recht ist die Macht getreten. Nicht die demoktatische Idee bestimmt den Gang der Politik der demokratischen Westmächte, sondern die nationalen Existenzinteressen, oder das was defür gehalten wird. In England ist es die Sicherung der Verbindungen des Weltreichs, des Weges durch Mittelmeer und Rotes Meer, und des Weges an der Westküste Afrikas entlang, die Notwendigkeit, die Glieder des Empire im gleichen politischen Schritt und auf der gleichen politischen Linie zu halten, die Rücksicht auf die Erhaltung der wirtschaftlichen Stellung Englands und die Vermeidung einer Erschütterung, die zu Störungen der wirtschaftlichen Stabilität führen müssten. In Frankreich ist es die Sorge vor dem Druck eines übermächtig B-2werdenden Deutschlands und die Sorge um die Erhaltung seines Kolonial- Reiches-denn Frankreichs Stellung und Macht von heute gründet sich auf die enge Verbindung mit seinen afrikanischen Besitzungen. Die Sicherung der Verbindungen mit Nordafrika ist deshalb für Frankreich eine Frage erster Ordnung. Diese echten oder vermeintlichen Interessen können mit verschiedenen Methoden und auf verschiedenen Wegen gewahrt werden. In Frankreich und in England werden sie jedenfalls mit Methoden vertreten, die mit dem Geiste des Völkerbundpaktes nicht mehr vereinbar sind. Besonders in England ist sichtbar, wie die konservative Regierung gleichzeitig mit dem Uebergang zur reinen Machtpolitik die Ideologie des Volkes immer mehr von der Idee der kollektiven Sicherheit ab und zur Gleichgewichtspolitik alten Stiles hinwendet. Die Regierung Chamberlain, die die Regierung Baldwin abgelöst hat, geht auf diesem Wege weit hemmungsloser vor als ihre Vorgängerin. Auch in Frankreich, dessen Aussenpolitik nach wie vor unter englischer Führung steht, hat sich eine innerpolitische Wandlung vollzogen. Das zweite Volksfrontkabinett ist seinem Wesen nach etwas anderes als das erste, es bedeutet jedenfalls ein Zurückschwingen des politischen Pendels nach rechts hin und damit die Möglichkeit für die Regierung, noch stärker als zuvor eine nicht ideologisch gebundene Aussenpolitik zu treiben. Am stärksten in Fluss sind die Dinge in Russland, wo die Willkür des Systems die Linien der Aussenpolitik völlig unsicher macht. Von besonderer Wichtigkeit für uns ist bei dieser Wandlung zur reinen Machtpolitik das eine: die demokratischen Westmächte nehmen an, dass der deutsche Nationalismus eine bestimmende Kraft auf absehbare geschichtliche Zeit sein werde, und sie richten ihre Politik danach ein. Dasselbe gilt gegenüber dem italienischen Faschismus. So ist das System der Grossmächte in unruhiger Bewegung, ebenso sind die Prinzipien der Politik in den einzelnen Ländern unbestimmbar geworden. Weltpolitische, wirtschaftspolitische, ideologische und innenpolitische Antriebe der Aussenpolitik B- 3gehen überall durcheinander, und die Wahrscheinlichkeit der künftigen Entwicklung ist durchaus unberechenbar geworden. Eine solche Zeit der Unsicherheit und der Unklarheiten ist voller Gefahren, und sie enthält gefährliche Chancen für jede angriffslüsterne Macht. Es hat denn auch im Verlaufe der letzten vier Monate äusserst gefährliche Krisenhöhepunkte gegeben. Und diese Krisen haben keine wirklichen Lösungen gefunden, so dass sie verhängnisvoll weiterwirkten. Die Folge davon ist, dass heute ein Zustand völliger Anarchie eingetreten ist. Die europäische Politik wie die Weltpolitik ist ein Chaos. I. Der Zusammenbruch der Nichtinterventionspolitik 1) Der englische Optimismus Am 12. Mai wurde in London Georg VII. zum König gekrönt. Die Staatsmänner aller Länder wohnten der Feierlichkeit bei. England demonstrierte die Macht des Empire, des britischen Weltreichs. Die Gliedstaaten des Reiches, die Dominien, berieten mit dem Mutterland auf der Empirekonferenz über die Weltlage und die Politik des Empire. Alsbald nach der Königskrönung trat die Regierung Baldwin zurück und die Regierung Chamberlain trat an ihre Stelle. Es war eine Zeit des Optimismus und der Selbsttäuschungen. In offiziellen und offiziösen Verlautbarungen wurde Optimismus gepredigt und die Propaganda trug ihn über alle Länder. Die englische Politik wollte den Diktaturen den Frieden abkaufen. Sie rechnete damit, dass England mit dem Anwachsen der englischen Rüstungen in einigen Jahren so stark sein würde, dass es jeden Gewaltversuch der Diktatoren verhindern könnte. Sie zählte darauf, dass die Kriegsdrohung der Diktaturen immer nur Bluff sein würde, und sie kalkulierte, dass durch die natürliche Entwicklung der Dinge der Friede von selbst erhalten bleiben würde. Sie verfolgte eine Politik der langen Linie, die das" Werden" des Friedens unterstützen sollte. Sie rechnete B auf die immer stärker werdenden Nöte, die durch die Autarkiepolitik in den Diktaturstaaten hervorgerufen wurden. Diese Politik unterscheidet sich grundsätzlich von der Politik der Diktaturländer. Der Angriff der Diktaturen richtet sich gegen eine Reihe von Punkten in Europa und am Mittelmeer. Er soll eine Reihe von neuen Machtpositionen schaffen, deren Gesamtheit schliesslich die Machtlage entscheidend verändern soll. Bisher waren in Europa immer noch gegen eine Reihe derartiger Angriffsversuche spezifische Gegenaktionen erfolgt mit dem Ziele, die Veränderung der Machtlage zugunsten der Diktaturen zu verhindern. Je stärker aber die europäische Politik unter englische Führung gerät, umso geringer wird der spezifische Widerstand gegen den systematischen Aufbau einer Kriegsausgangsstellung durch die Angreifer. Den Engländern liegt mehr daran, den Frieden überhaupt zu erhalten-fast um jeden Preis, sagte Eden im Unterhaus- als die Angreifer an der Erreichung ihrer Teilziele zu hindern. Das bedeutet, dass eine Reihe von bedrohten Ländern, die beim Funktionieren des Völkerbundes und in ihren besonderen gegen die Angreifer gerichteten Bündnissen Subjekte der europäischen Politik waren, zu reinen Objekten einer englischen egoistischen Grossmachtpolitik werden. So betrachtet die englische Politik auch den Fall Spanien als eine störende Nebenfrage voller Kriegsgefahren, die deshalb so oder so bereinigt werden müsse, ohne Rücksicht auf ideologische Bindungen, auf das internationale Recht und die Freiheit des spanischen Volkes. Der Optimismus der englischen Politik stützte sich vor allem darauf, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Politik der völligen Uninteressiertheit an den europäischen Fragen verliessen. Die englische und die amerikanische Politik näherten sich einander. Das amerikanische Neutralitätsgesetz für den Kriegsfall war eine offenkundige Begünstigung Englands als der Macht, die mit ihrer Handels- und Kriegsflotte das Meer beherrscht. Es gestattet einer kriegsführenden Macht den Bezug von Waren und Waffen, wenn Barzahlung erfolgt und wenn der B-5Transport auf eigenen Handelsschiffen der kriegsführenden Macht erfolgt. Der ungeheuere Vorsprung, den England damit vor Deutschland und Italien haben würde, ist ohne weiteres klar. Gefördert wurde der Optimismus weiter durch die Festigung des englischen Einflusses in China. In die chinesische Währung wurde Ordnung gebracht, und die Engländ er haf ften, die innere Widerstandskraft China s so zu entwickeln, dass die japanische Expansion auf dem Kontinent und die damit verbundene Bedrohung englischer Interessen ein Ende finden würde. In Spanien herrschte militärisches Gleichgewicht, die Offensive gegen Bilbao steckte fest, Italien hatte sich unter diplomatischem Druck bereit erklärt, über die Zurückziehung seiner Truppen aus Spanien im Nichtinterventionsausschuss zu verhandeln. Wirtschaftliche Verhandlungen waren eingeleitet worden. Es schwebte die Mission des belgischen Ministerpräsidenten van Zeeland, der im Auftrag der englischen und französischen Regierung mit Präsident Roosevelt Besprechungen über die Wiederbelebung der Weltwirtschaft führen sollte. Sein Vertrauensmann hatte in Berlin sondiert, Schacht fuhr nach Brüssel und Paris. Die Dinge schienen sich in der Richtung der englischen politischen Konzeption zu entwickeln. Am 24. Mai trat der Völkerbundsrat in Genf zusammen. Die spanische Regierung hatte ein Weissbuch vorgelegt, das unwiderlegbare Beweise für den Bruch des Nichtinterventionsabkommens durch Italien und Deutschland enthielt, und vor allem die Anwesenheit von grossen Kontingenten italienischer Truppen in Spanien feststellte. Unter dem Eindruck dieses Beweismaterials nahm der Völkerbundsrat eine Entschliessung an, die von der No twendigkeit der Zurückziehung aller fremden Streitkräfte aus Spanien sprach. Sie stellte fest, dass die Verpflichtung zur Nichtintervention nicht eingehalten worden sei und sie verdammte die Greueltaten der deutschen Flieger in Guernica. Der Beschluss, der am 29. Mai gefasst wurde, bedeutete eine Legitimation für den Londoner Nichteinmischungsausschuss, die Zurückziehung der fremden Truppen aus Spanien auszuhandeln. B-6Am gleichen Tage aber erfolgte der Zwischenfall mit dem deutschen Panzerschiff" Deutschland", dessen Folgen sofort zeigten, dass der Optimismus auf trügerische Voraussetzungen aufgebaut war. 2) Die Sprengung der Kontrolle Im Laufe des Mai hatten Beratungen der Achse Berlin- Rom über die Weiterbehandlung der spanischen Frage stattgefunden. Göring und Neurath waren in Rom gewesen. Die Beratungen gingen um die Frage, wie die deutsche und die italienische Intervention verteilt werden sollten. Bei den Beratungen der deutschen Regierung gab es zwei Gruppen. Die eine, die aus Blomberg, Neurath und Schacht, bestand, widerstrebte einer Verstärkung der Intervention, die andere, zu der Göring und Admiral Raeder gehörten, drängte auf verstärktes, rücksichtsloses Eingreifen. Die Gruppe Göring- Raeder setzte sich durch. So wurde die Angriffsarmee Francos vor Bilbao in verstärktem Masse mit italienischen Truppen und mit deutscher Artillerie und deutschen Flugzeugen ausgestattet. Diese Offensive sollte die diplomatische Zurückdrängung der Interventionsmächte ausgleichen, auf ihren Erfolg sollte die Achse Rom- Berlin neue diplomatische Vorstösse für Franco aufbauen. Die Aktivität der italienischen und deutschen Kriegsschiffe vor der Küste des republikanischen Spaniens und in der Nähe der Balearen nahm auffällig zu. Die Schiffe der beiden Mächte missbrauchten ihre Kontrollfunktion zur Begünstigung der Rebellen. Aus dieser Aktivität der deutschen und italienischen Schiffe entstanden Zwischenfälle. Am 24. Mai griffen Flugzeuge der spanischen Regierung den Rebellenstützpunkt Palma auf der Insel Mallorca an. Durch Bombensplitter wurde ein italienisches Schiff getroffen und mehrere italienische Offiziere getötet. Da ein englisches Schiff während des Bombardements im Hafen gelegen hatte, ersuchte die englische die spanische Regierung, dass in Rebellenhäfen Sicherheits zonen für fremde Schiffe bezeichnet würden. Noch am gleichen Tage gab die spanische Regierung diese Zonen bekannt, die englische Re B- 7gierung erklärte sich mit sehr höflichem Dank für zufriedengestellt. T Die Achse beschloss, diesen Zwischenfall zu benutzen. Die italienische Regierung unternahm nichts, vielmehr wurde Deutschland als Provokateur vorgeschickt. Am 29. Mai morgens telegraphierte der Chef der deutschen Mittelmeerflotte, Kontreadmiral von Fischel der Regierung von Valencia, dass deutsche Schiffe in der Kontrollzone von Regierungsflugzeugen überflogen worden seien. Die deutschen Schiffe seien angewiesen, hinfort sich nähernde Flugzeuge zu beschiessen. Die spanische Regierung antwortete, dass die Kontrollzone geachtet würde, dass aber für Schiffe, die ohne Berechtigung in Rebellenhäfen lägen, keine Garantie gegeben werden könne. Am selben Tage lag das Panzerschiff" Deutschland" auf der Reede von Ibiza, einem befestigten Stützpunkt der Rebellen. Die" Deutschland" war kein Kontrollschiff, sie hatte in Ibiza, das zur französischen Kontrollzone gehört, nichts zu suchen. Am Nachmittag des 29. Mai unternahmen zwei Regierungsflugzeuge in Verbindung mit mehreren Torpedo booten einen kombinierten Angriff auf Ibiza. Als die Flugzeuge die Reede überflogen, eröffnete die" Deutschland" das Feuer. Diese Tatsache, die zunächst heftig bestritten wurde, ist von Grossadmiral von Raeder in seiner Trauerrede für die Toten der" Deutschland" später selbst zugegeben worden. Die Flugzeuge warfen darauf Bomben ab, die" Deutschland" wurde Auf die Nachricht von dem Zwischenfall hin schwer getroffen. wurde Hitler nach Berlin geholt. In langen Beratungen rangen die gemässigte und die aktivistische Gruppe um den Einfluss als Kompromiss zwischen beiden auf ihn. Das Ergebnis war Gruppen- der Entschluss, die Hafenstadt Almeria, zu beschiessen. Am 31. Mai morgens feuerten ein Panzerschiff und vier Zerstörer 200 Granaten auf die Stadt Almeria, sie richteten schreckliche Verwüstungen an und töteten viele Einwohner. Zugleich wurden weitere deutsche Schiffe nach dem Mittelmeer beordert. 3 Diese wilde, grausame und rechtlose Tat rief in der ganzen Welt Empörung hervor. Spanien sandte eine Protestnote an den B- 8Völkerbund und an England für den Nichtinterventionsausschuss. Der englische Aussenminister sprach dem deutschen Geschäfts-. träger die Hoffnung aus, dass Deutschland die Situation nicht noch weiter erschweren möge; ähnlich äusserte sich der amerikanische Staatssekretär Hull. Die deutsche und die italienische Regierung erklärten jedoch, dass sie sich aus der Seekontrolle der Nichtintervention zurückzögen. England und Frankreich standen vor der Frage, die Nichtinterventionspolitik aufzugeben oder in Verhandlungen einzutreten. Sie begannen am 4. Juni zu verhandeln. Die Diktaturmächte hatten mit Hilfe einer brutalen provokatorischen Gewalttat das Gesetz des Handelns wieder an sich gerissen und die Gefahr abgewendet, dass die Nichtinterventions politik wirklich gegen sie spielen könnte. Die Verhandlungen wurden im Viererpaktstil zwischen den vier Kontrollmächten geführt, unter Ausschluss der anderen Nichtinterventionsländer, vor allem unter Ausschluss Sowjetrusslands. Die russische Regierung verlangte Prüfung des Falles im Nichtinterventionsausschuss, aber die vier Kontrollmächte einigten sich am 12. Juni auf ein Abkommen über die Sicherheit der Kontroll flotten. Der Kernpunkt des Abkommens war, dass bei neuen Zwischenfällen keine Macht das Recht zu selbständigen Repressalien haben sollte, sondern dass eine Konsultation zwischen den Kontrollmächten stattfinden müsse. Auf Grund dieses Abkommens nahmen am 16. Juni Deutschland und Italien die Arbeit im Nichtinterventionsausschuss wieder auf. 3) Die deutsche Kriegsprovokation Die englische Regierung glaubte mit diesem Abkommen ein neues Almeria verhindern zu können. Sie glaubte, Deutschland und Italien wieder fest an die Nichtinterventionspolitik geschmiedet und nun den Weg frei zu haben für die Wiederaufnahme ihrer allgemeinen Friedens- und Besänftigungspolitik. Zu diesem Zwecke lud sie am 15. Juni den deutschen Reichsaussenminister nach London ein, um den Gesamtkomplex der schwebenden Fragen mit ihm zu besprechen: Spanien, den neuen Locarno pakt, den Wiedereintritt B- 9in den Völkerbund, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und das europäische Friedensproblem überhaupt. In allen diesen Fragen bestanden sehr erhebliche Differenzen. Während die Engländer auf den allgemeinen Frieden zielten, wollten die Deutschen mit Hilfe eines neuen Westpaktes die kollektive Sicherheit und den Völkerbund zerstören, sie forderten Kolonien und Kredite und in der Sache- freie Hand im Osten. Auf der anderen Seite wollte man als deutsche Gegenleistung den Verzicht auf die Autarkie, auf die Gewaltpolitik, also eine Revision des Systems. Man war bereit, dem deutschen Prestigebedürfnis entgegenzukommen, aber nicht den Machtansprüchen. Die Achse jedoch sah das Abkommen vom 12. Juni ganz anders. Sie erblickte darin eine Bestätigung ihrer Erpressungs- und Provokationspolitik und die Möglichkeit, diese Politik weiter vorwärts zutreiben. Sie dachte weder daran, sich das Gesetz des Handelns aus der Hand nehmen zu lassen, noch daran, sich hindern zu lassen. In Berlin fürchtete man, dass dem deutschen Reichsaussenminister mündlich eine Neuauflage des berühmten englischen Fragebogens vorgelegt werden würde, dass er veranlasst werden sollte, eindeutige Erklärungen über Oesterreich, die Tschechoslowakei, den Balkan und vor allem über Spanien abzugeben. Man entschloss sich, den englischen Versuchen aus dem Wege zu gehen und die Offensive fortzuführen. Eine Reihe von Ereignissen schien den Diktaturen zu Hilfe zu kommen. Vom 9. bis 11. Juni hatte in Moskau der Prozess gegen den Marschall Tuchatschevsky und eine Reihe führender Militärs stattgefunden. Der russische Generalstab war von Stalin ausgelöscht worden, und die ganze Welt wusste, dass in diesem Augenblick die russische Militärmacht absolut lahmgelegt war. Ueberall regten sich Zweifel an der aussenpolitischen Aktionsfähigkeit Sowjetrusslands, und der Kurswert seiner Bündnisse sank erheblich. In Frankreich geriet die Regierung Blum in eine Krise, der sie erliegen sollte. Sohon der aussenpolitische Kurs der Regierung Blum hatte gezeigt, dass die wahre politische Kraft der Volksfront nicht ihren Wahlstimmen und nicht den Klassenkampf B-10aktionen der Arbeiter und Angestellten entsprach, und dasselbe Missverhältnis zeigte sich nun in den finanzpolitischen Fra-; gen. Der Versuch, den Widerstand der Kapitalbesitzer mit gesetzgeberischen Massnahmen zu überwinden, hatte zu einer Kapitalflucht grössten Stils geführt. Die Durchführbarkeit des Volksfrontprogramms im Ganzen war zweifelhaft geworden. Die französische Wirtschaft wies bedenkliche Rückgänge auf. Als die Regierung Blum Vollmachten verlangte, verweigerte sie der Senat. Am 20. Juni trat die Regierung Blum zurück. Das dritte war, dass italienische Truppen und deutsche Artillerie und Flugzeuge Bilbao sturmreif gemacht hatten. Am 19. Juni fiel Bilbao. Am Tage zuvor hatte General Franco offiziell von England gefordert, dass er als kriegsführende Macht anerkannt werde. Diese Forderung ist in der Folge zur Mindestforderung der Achse an die Westmächte geworden. Man scheint im Dritten Reich geglaubt zu haben, dass auf einen Sturz der Volksfront regierung in Frankreich ein revolutionäres Chaos folgen würde- ganz im Stile jener Lügen, die Goebbels Propaganda im Januar 1937 während der Marokkokrise verbreitet hatte. Eine neue Aktion wurde in Gang gesetzt abermals mit der Methode der Provokation. Es war der Fall des Kreuzers" Leipzig". Das Werden dieses Falles lässt sich genau verfolgen. Am 13. Juni am Tage nach dem Viermächteabkommen über die Kontrolle hatte das Deutsche Nachrichtenbüro mitgeteilt, der Rundfunk von Bilbao habe unmittelbar bevorstehende U- Boot- Angriffe auf deutsche und italienische Schiffe gemeldet. Am 15. Juni dementierte das Deutsche Nachrichtenbüro energisch Gerüchte, dass ein Torpedoangriff auf den Kreuzer" Leipzig" erfolgt sei. Am 18. Juni aber genau an dem Tage, an dem Franco von England seine Anerkennung als kriegführende Macht forderte-, wurde vom Deutschen Nachrichtenbüro amtlich mitgeteilt, am 15. und 18. Juni seien Torpedoangriffe auf den Kreuzer" Leipzig" erfolgt, und Botschafter Ribbentrop sei beauftragt, in London die Ingangsetzung des Abkommens vom 12. Juni gegen das republikanische Spanien zu verlangen. Hitler kehrte im Flugzeug vom B- 11Rheinland nach Berlin zurück. Am 19. Juni erfolgte der diplomatische Schritt Ribbentrops in London, binnen weniger Stunden stand Europa am Rande des Krieges. In Berlin berieten Hitler, Göring, Neurath, Raeder. Sie forderten eine Flottendemonstration vor Valencia, sie forderten als Repressalie, dass alle U- Boote der spanischen Regierung in einem nordafrikanischen Hafen interniert würden. Die Regierungen Englands und Frankreichs glaubten von den angeblichen Angriffen auf den Kreuzer" Leipzig" kein Wort, umsomehr als Deutschland jede Untersuchung ablehnte; sie wiesen am 21. Juni die deutschen Forderungen zurück. Deutschland wiederum sagte den Besuch des Aussenministers Neurath in London ab. Die Sowjetregierung bezeichnete in einer Protestnote an den Nichtinterventionsausschuss den Pakt vom 12. Juni als Bruch aller Regeln des Nichtinterventionsausschusses und lehnte jede Verantwortung für die Folgen ab. Im Nicht interventionsausschuss stellte der Vorsitzende Lord Plymouth fest, dass die Transporte nach Spanien weitergingen, er forderte die Zurückziehung der fremden Truppen und sprach die tiefste Enttäuschung der englischen Regierung über den unbefriedigenden Stand der Dinge aus. Inzwischen sandte Deutschland Kriegsschiff um Kriegsschiff nach dem Mittelmeer, eine deutsch- italienische Blockade der Küste des republikanischen Spaniens schien bevorzustehen. Am 22. Juni erklärte Aussenminister Eden im Unterhaus, dass die Lage als ernst angesehen werden müsse. In der Nacht vom 22. Juni zum 23. Juni einigten sich die französische und die englische Regierung, in Berlin gemeinsam gegen die deutschen Absichten vorzugehen. Am 23. Juni erschienen der französische und der englische Botschafter beim Reichsaussenminister. Frankreich erklärte, dass es ein weiteres deutsches Vordringen in Spanien als Anschlag gegen die Sicherheit der französischen Republik auslegen würde. England erklärte, dass ein eigenmächtiges bewaffnetes Vorgehen Deutschlands gegen Spanien von England" als ein unfreundlicher Akt gegen Grossbritannien selbst" angesehen werden würde. Angesichts dieser offenen Kriegsdrohungen wich Hitler zurück. Der Reichsaussenminister erklärte, dass B- 12Deutschland nicht die Absicht habe, weitere Gegenschritte zu unternehmen. Hitler versprach, die deutsche Flotte aus dem Mittelmeer zurückzuziehen. Er trat mit Italien aus der Kontrolle aus, aber nicht aus dem Nichtinterventionsausschuss. Der Austritt aus dem Nichtinterventionsabkommen hätte von Hitler nicht zu Aktionen gegen die spanische Regierung benutzt werden können, da die englische und französische Drohnote ihm ganz eindeutig eine Grenze für sein Vorgehen in Spanien vorgeschrieben hatten. Dennoch zeitigten Bluff und Provokationen einen Erfolg: die Engländer, zufrieden, das Schlimmste verhindert zu haben, spielten nun der" Achse" mit der Politik der Versöhnung wieder in die Hände. Die ferneren Beratungen im Nichtinterventionsausschuss zeigten die Westmächte schwach, die Diktaturen provokatorisch. Am 25. Juni sprachen Ministerpräsident Chamberlain und Aussenminister Eden im englischen Unterhaus über die Lage. Sie schlugen überaus versöhnliche Töne gegenüber Hitler an, dessen Zurückhaltung sie lobten. Chamberlain beschwor die öffentliche Meinung, Hitler nicht zu reizen: damit nicht ein unbedachtes Wort die Lawine auslöse. Am 26. Juni verliess die deutsche Flotte das Mittelmeer. Der Versuch der Engländer, wieder zu ihrer Linie der Besänftigung der Diktatoren überzugehen, führte sofort zu neuen Provokationen. Am 26. Juni schrieb Mussolini im" Popolo d'Italia": Italien sei im Weltanschauungskampf in Spanien nicht neutral. Es habe gekämpft, und deshalb werde auch der Sieg der seine sein. Hitler, der den Austritt aus der Kontrolle in London mit einer von ihm selbst redigierten provokatorischen No te mitgeteilt hatte, sprach am 27. Juni in Würzburg: Deutschland werde sich nicht mehr von Redensarten in Parlamenten oder von Staatsmännern einnebeln lassen. Gleichzeitig begann in der deutschen und italienischen Presse ein massloser Hetzfeldzug gegen Frankreich, der von der Behauptung ausging, dass eine Abteilung französischer Fremdenlegionäre m ch Spanien transportiert worden sei. Die französische Regierung setzte sich mit Protestnoten B-13in Berlin und Rom, und mit offiziösen Havasnoten zur Wehr, in denen die Verlogenheit der gleichgeschalteten Presse und des deutschen Propagandaministeriums gegeisselt wurden. In dieser Situation, in der die Achse wieder vom Versuch offener Aktion auf das Gebiet der diplomatischen Offensive gedrängt war, griff der fernöstliche Bundesgenosse der Diktaturen ein. Am 30. Juni richtete Japan an Russland ein Ultimatum, das den Rückzug der russischen Truppen von den Amurinseln forderte. Russland nahm das Ultimatum an, seine Truppen wurden zurückgezogen. Am 7. Juli griff Japan China an, um ihm die Nord provinzen zu entreissen. Dieser neue Krieg wirkte ebenso. wie der spanische auf die englische Politik zurück. Er berührte die englischen Interessen auf das stärkste, und verstärkte deshalb die Tendenz der Engländer, die Dinge in Europa und im Mittelmeer auf dem Wege der Versöhnung der Diktaturen zu bereinigen. 4) Ausweglose Situation Am 2. Juli trat in London der Nichtinterventions ausschuss wieder zusammen. Nun nannten Deutschland und Italien ihren Preis für die Fortsetzung der Nichtinterventionspolitik: Anerkennung Francos als kriegführende Macht, keine französischenglische Seekontrolle, aber Sperre und internationale Kontrolle der französischen Landgrenze. Es folgten Verhandlungen auf diplomatischen Wege, England liess in Berlin mitteilen, dass es bereit sei, Franco als kriegführende Macht anzuerkennen, wenn die fremden Truppen zurückgezogen würden. Am 9. Juli trat der Nichtinterventionsausschuss abermals zusammen. Frankreich erklärte, falls die Kontrolle an der portugisischen Grenze nicht wiederhergestellt werde, werde die Kontrolle an der französischen Grenze aufgehoben werden; Russland erklärte, es liege ein flagranter Angriff auf einen Mitgliedsstaat des Völkerbundes vor. Am Schluss der Sitzung wurde England beauftragt, einen Kompromissplan auszuarbeiten. Am 13. Juli hob Frankreich die internationale Kontrolle an der Pyrenaengrenze auf, am 14.7. B-14wurde der englische Kompromissvorschlag mitgeteilt. Der Kern des Vorschlags war: das Komitee sollte einstimmig einen Be-; schluss zur Zurückziehung der fremden Truppen und Hilfskräfte fassen, eine Kommission sollte zu beiden Parteien gesandt werden, um die Durchführung zu kontrollieren, alle Regierungen sollten sich zur Mitarbeit verpflichten. An dem Zeitpunkt, an dem der Nicht interventionsausschuss entscheiden würde, dass der Rückzug der Fremden sich in zufriedenstellender Weise vollziehe, sollte Franco als kriegführende Macht anerkannt werden. Während diese Verhandlungen liefen, berieten Hitler und Mussolini über die Entsendung neuer grosser Truppenkontingente. Da erfolgte am 6. Juli die spanische Regierungsoffensive vor Madrid, die bis Brunete vordrang. Hitler riet Mussolini, den englischen Plan abzuwarten. Am 16.. Juli wurde dieser Plan d'em Nichtinterventionsausschuss vorgelegt. Deutschland und Italien brauchten Zeitgewinn, sie erklärten sich prinzipiell bereit, den Plan zu diskutieren. Aber am 19. Juli begann Francos Gegenoffensive, die Brunete zurückeroberte, und am 20. Juli sprengten Deutschland und Italien im Nichtinterventions ausschuss den englischen Plan in die Luft. Der italienische Vertreter Grandi erklärte, dass seine Regierung nicht geneigt sei, die britische Tagesordnung anzunehmen, und den Rückzug der fremden Truppen vor der Zuerkennung der Kriegführenden- Rechte an Franco zu diskutieren. Die Achse benutzte die englischen Verlegenheiten durch den Krieg in China, um von der Frage der Zurückziehung der fremden Truppen überhaupt herunterzukommen. Was vom 20. Juli bis zum 6. August im Nichtinterventionsausschuss noch vor sich ging und auf diplomatischem Wege versucht wurde, waren hoffnungslose Versuche der Westmächte, die Nichtinterventionspolitik zu retten und Versuche der Achse, die Verantwortung für die Sprengung des englischen Plans von sich ab und Sowjetrussland aufzuerlegen. Am 6. August wurde bei völlig sichtsloser Lage der Nichtintervention sausschuss auf unbestimmte Zeit vertagt. aus B-15Die spanische Regierung beschloss angesichts dieser Lage, auf der kommenden Völkerbundstagung, die Mitte September stattfindet, die Intervention Deutschlands und Italiens wieder vor den Völkerbundsrat zu bringen. Die englische Politik bereitete sich auf das Ende der Nichtintervention vor. So wie sie im Juni durch die Einladung an den deutschen Reichsaussenminister zu einer Verständigung mit Hitler zu gelangen suchte, so versuchte sie es nun am anderen Pol der Achse. Sie versuchte die Westpaktverhandlungen wieder in Gang zu bringen, sie bereitete direkte englisch- italienische Besprechungen vor, die in Rom stattfinden und sich über das Gesamtgebiet der Mittelmeerfragen und der afrikanischen Fragen erstrecken sollten. Sie suchte Mussolini von Hitler zu trennen, indem sie die Anerkennung der Eroberung Abessiniens und Kreditsie steuerte hilfe für Italien am Horizont erscheinen liess mit einem Wort gesagt in den verhängnisvollen Kurs der Lavalpolitik zurück. Am 6. August-an dem gleichen Tage, an dem der Zusammenbruch der Nicht- Interventionspolitik feststand- hatte der italienische Botschafter Grandi eine Unterredung mit dem Chef des aussenpolitischen Amtes in London, Sir Robert Vansittard. In dieser Unterredung wurden Pläne über künftige englisch- italienische Besprechungen aufgestellt, die im Laufe des September in Rom beginnen sollten. Die Zwischenzeit sollte zur diplomatischen Vorbereitung dieser Besprechungen benutzt werden. Am gleichen Tage aber begann eine italienische Aktivität im Mittelmeer, die den Nichtinterventionsmächten zeigte, dass Italien von sich aus Franco die Rechte einer kriegführenden Macht zuschrieb. An diesem Tage wurde der englische Dampfer " British Corporal" vor Algier von Franco- Flugzeugen angegriffen und beschossen. Es begann eine Serie von Angriffen von Flugzeugen und Unterseebooten auf Handelsschiffe aller Nationen im Mittelmeer. Die Angriffe wurden mit der grössten Grausamkeit geführt. Die Teilnahme italienischer Kriegsschiffe an diesem Handelskrieg ist einwandfrei festgestellt worden. Die Methode B- 16ist die des sogenannten" rücksichtslosen U- Boot- Krieges", der während des Weltkrieges zum Eintritt Amerikas in den Krieg gegen Deutschland geführt hat. Angegriffen wurden nicht nur Schiffe, die verdächtig waren, Waffen, Waren und Lebensmittel nach dem republikanischem Spanien zu bringen, sondern auch Schiffe, die im normalen Handelsverkehr nach anderen Ländern bestimmt waren. Offensichtlich haben die italienischen Kriegsschiffe und die" geheimnisvollen" Piraten- U- Boote, die mit übermalten Kennzeichen und einer in Zivil gekleideten Besatzung fahren, Anweisung, alle sowjetrussischen Handelsschiffe im Mittelmeer abzufangen. Italien macht.den Engländern klar, in wie weitgehendem Masse es den Handelsverkehr im Mittelmeer stören kann. Die Hauptbasis dieser Blockade des Handelswegs durch das Mittelmeer ist die Linie zwischen Sizilien und Tunis, auf der die neuerdings als Flugzeug- und U- Boot- Basis ausgebau-te Insel Pantelleria liegt. Eine zweite Basis ist auf den italienischen Inseln im südöstlichen agäischem Meer, dem Dodekanes. Der rücksichtslose U- Boot- Krieg ist durch die Dardanellen bis ins Marmarameer getragen worden. Italien demonstriert, welche Machtpositionen es sich im Mittelmeer geschaffen hat. Es benutzt die Verlegenheiten, in die der japanisch- chinesische Krieg die Engländer stürzt, es schafft Tatsachen noch vor dem Beginn der englisch- italienischen Verhandlungen. Gegenüber diesem rücksichtslosen Krieg gegen die Handelsschiffahrt im Mittelmeer, dem seit dem 6. August bisher etwa 20 Schiffe zum Opfer gefallen sind, haben die englische, die französische und die türkische Regierung ihren Kriegsschiffen strikte Befehle gegeben, jedes Schiff, das eines ihrer Handelsschiffe gesetzwidrig angreift, zu beschiessen, zu verfolgen und zu zerstören. Dieser Handelskrieg wird also als Piraterie betrachtet. Die Gesetzlosigkeit der gegenwärtigen Lage und die Direktionslosigkeit der Politik der Westmächte kommt darin zum Ausruck, dass man gegen die Piratenschiffe vorgehen will aber nicht gegen die Regierungen, die sie offenkundig aussenden.Dabei hat Italien die Maske der Nicht- Intervention völlig abgeworGOO B- 17fen. In seinen Reden bei den italienischen Manövern auf Sizilien hat Mussolini offen die italienische Intervention in Spanien gefeiert und dem Prinzip der Intervention gehuldigt. Nach dem Fall von Santander am 25. August hat Mussolini an Franco wie an die italienischen Generale in Spanien Telegramme gerichtet, die offen die Tatsache feststellen, dass Italien in Spanien Krieg gegen die republikanische spanische Regierung führt. In England hatte man noch in der Rede, die Mussolini am 20. August in Palermo gehalten hatte, und in der er über eine " konkrete Politik des Friedens" gesprochen hatte, eine Möglichkeit erblickt, die Politik der Gewinnung Italiens fortzusetzen. Indessen wuchs die Unruhe der öffentlichen Meinung in England über den Handelskrieg im Mittelmeer immer mehr. Die französische Regierung wurde in London vorstellig wegen der Telegramme Mussolinis nach dem Fall von Santander. Am 31. August griff ein " unbekanntes" U- Boot den englischen Zerstörer Havock vor der spanischen Küste an. Nun entschloss sich die englische Regierung, Verstärkungen nach dem Mittelmeer zu schicken. Es befinden sich gegenwärtig 86 englische Kriegsschiffe im Mittelmeer. Gleichzeitig tauchte ein Plan auf, eine Konferenz der Mittelmeermächte über die Piraterie einzuberufen. Die spanische Regierung hatte am 21. August an den Völkerbund eine Note gerichtet, in der sie Italien der Piraterie beschuldigt. Die bevorstehende Völkerbund stagung muss sich also mit dem Handelskrieg im Mittelmeer befassen. Der Plan einer Mittelmeerkonferenz bedeutet abermals einen Versuch, den Völkerbund beiseite zu schieben. Das Zustandekommen dieser Konferenz zwingt zu der Feststellung, dass die europäische Politik heute wieder mit den Methoden geführt wird, die vor 1914 angewendet wurden. Die Achse Berlin- Rom aber befestigt sich. So wie seinerzeit der Angriff Italiens auf Abessinien die Machtstellung des Dritten Reiches gestärkt hat, so stärkt jetzt der Angriff Japans auf China die Macht des deutsch- italienischen Bündnisses. Bei dem Besuch Mussolinis in Berlin, den Hitler zu einer macht poli B -18tischen Demonstration gestalten wird, werden die Diktatoren prüfen, wie stark sie sind. II. Die Politik Sowjetrusslands. Je stärker die Gleichgewichtspolitik der Grossmächte sich durchsetzt, umsomehr verlieren die auf der Idee der kollektiven Sicherheit gegründeten Pakte und Verträge an politischem Kurswert. Es ist für manchen französischen Kritiker der Aussenpolitik seines Landes eine sorgenvolle Frage geworden, wieviel das europäische Bündnissystem Frankreichs im Ernstfalle noch wert sein wird, und ob nicht für die französisch- englische Entente, bei der England die Führung hat, ein zu hoher Preis gezahlt worden ist. Die wichtigste Frage ist: wieviel ist der Vertrag Frankreichs mit Sowjetrussland vom 2. Mai 1935 heute noch wert? Welche Bedeutung legt ihm die französische Politik bei, und welche die russische? Die Politik Sowjetrusslands ist heute keineswegs so klar wie zu jener Zeit, wo Frankreich, Sowje trussland und die Tschechoslowakei ganz eindeutig eine Garantie der Stabilität in Europa darstellten und ihre gemeinsame Macht achtunggebietend sich gegenüber allen Angriffsplänen Hitler- Deutschlands aufrichtete. Es sprechen viele Anzeichen dafür, dass der aussenpolitische Kurs Sowjetrusslands gewandelt werden soll. Nach dem Machtantritt Hitlers hat die Sowjet politik zunächst die Linie des Rapallovertrages und des ihn ergänzenden Berliner Vertrages mit Deutschland weiter verfolgt. Dieser Vertrag war zu einem echten Bündnis zwischen der Reichswehr und Sowjetrussland geworden. Noch unter Hitler wurde der Berliner Vertrag erneuert. Der Angriff auf dieses Vertragsverhältnis ging vom Dritten Reich aus. Als Rosenberg und Hugenberg ihre Annexionspläne für die Ukraine in London offiziell vertraten, als es sichtbar wurde, dass Hitler die aussenpolitischen Konzeptionen aus seinem Buch" Mein Kampf" ernst nahm, wandte sich die Sowjetpolitik von Deutschland ab. Sowjetrussland trat in den Völke. bund ein und der russische Aussenminister Litwinow wurde bald B.-19der schärfste und konsequenteste Verfechter der Idee der Unteilbarkeit des Friedens und der kollektiven Sicherheit, die auf Regionalpakte gegründet werden sollte. Als sich Deutschschlosland systematisch weigerte, einem Ostpakt beizutreten, sen Frankreich und Sowjetrussland den Beistandspakt vom 2. Mai 1935, der durch einen tschechoslowakisch- russischen Beistandspakt ergänzt wurde. Wir haben in früheren Uebersichten wiederholt auf die Bedeutung dieser Pakte für die Stabilität in Südosteuropa hingewiesen. Dieser Kurs der sowjetrussischen Aussenpolitik zwischen 1934 und 1937 hat eine Rückwirkung auf so in Frankdie Politik der Parteien der Komintern ausgeübt reich, wo die Kommunisten fortan für die Notwendigkeiten der Landesverteidigung einzutreten hatten, und in der Folge die Volksfrontparole vertraten. Er hat ausserdem Hoffnungen erweckt, dass auch die innere Politik Sowjetrusslands sich allmählich demokratisieren werde. So ist die neue Sowjetverfassung-totalitär wie sie in Wahrheit ist- vielfach als ein Schritt auf diesem Wege angesehen worden. Es hatte auf dem Höhepunkt dieser Politik den Anschein, als ob sich eine nach europäisch- demokratischen Prinzipien geführte Aussenpolitik auf der Grundlage des Völkerbundpaktes durchsetzen werde. Solange der Völkerbund eine Tribüne war, von der aus gegen die faschistischen Angreifer gekämpft wurde, hat der russische Aussenminister eine bedeutsame Rolle auf dieser Tribüne gespielt. Diese Politik Sowje trusslands hat heftige Gegenwirkungen hervorgerufen. Hitler gab die antibol schewistische Kreuzzugsparole gegen Sowjetrussland aus. Die Besetzung und Befestigung des Rheinlandes war ein militärisch- strategischer Gegenschlag gegen die russisch- französisch- tschechoslowakischen Beistandspakte, ebenso die Abkommen zwischen Deutschland und Japan. Es wurde zur Haupttendenz der Politik des Dritten Reiches, Sowjetrussland wieder aus Europa hinauszudrängen. Die Verhandlungen über einen Luftpakt im Westen, und seit der Zerreissung des Locarnopaktes über einen neuen Westpakt haben sich immer darum gedreht, dass Deutschland Frankreich und Russland isolieren B-20wollte, um freie Hand im Osten zu erhalten. Unermüdlich hat die deutsche Politik versucht, England. für einen solchen Plan zu gewinnen. Nach der Niederlage der Westmächte in der Frage der Völkerbundssanktionen gegen Italien begann die Konstellation, deren Rückgrat das französisch- sowjetrussische Bündnis gewesen war, allmählich zu verfallen. Sowjetrussland, dessen Vertreter Litwinow im Völkerbund einer der konsequentesten Verfechter der kollektiven Sicherheit war, hatte sich übrigens an der Sanktionspolitik wenig aktiv beteiligt. Es hatte in der Sanktionszeit seine Petroleumausfuhr nach Italien sehr erheblich verstärkt, so wie es auch durch grosse Manganlieferungen die Aufrüstung des Dritten Reiches erleichtert hat. DO Die Entwicklung hat gezeigt, dass zu den aussenpolitischen Konzeptionen der Völkerbundsstaaten während der Blütezeit der Idee des unteilbaren Friedens und der kollektiven Sicherheit überall eine Alternative der aussenpolitischen Orientierung vorhanden war so in England und in Frankreich. Die Alternative in England war jene Politik des grundsatzlosen Empirismus, die nach dem Zusammenbruch der Sanktionen unter Führung von Neville Chamberlain durchgesetzt worden und auf die englische Aufrüstung gegründet worden ist. Die englische Regierung hat diese Politik immer noch im Einklang mit der Völkerbundsideologie zu halten versucht; dennoch bedeutet sie eine entschiedene Wandlung. In Frankreich war die Alternative die Entente mit England und die Unterordnung unter die neue englische Politik. Dem Buchstaben nach hat Frankreich heute zugleich die Entente mit England, das Bündnis mit Sowjetrussland sowie seine Bündnisse in Zentraleuropa, aber diese Bündnisse summieren sich nicht einfach! Es ist naheliegend, dass auch die russische Politik eine Alternative hat, und dass die Sowjetregierung nicht um der demokratischen Idee willen sich in die völlige Isolierung zurückziehen will, wenn die Politik der Westmächte und die demokratische Ideologie des Völkerbundpaktes auseinanderfallen. Es ist seit der Konsolidierung der Sowjetmacht ein aussenpolitisches Prinzip für sie gewesen, sich nicht isolieren B -21zu lassen, und dieses Prinzip ist von ihr immer höher gestellt worden als die Rücksicht auf die kommunistische Ideologie. Die Kluft zwischen der Aussenpolitik der Sowjetunion und der Ideologie, mit der die Parteien der Komintern auf die Massen zu wirken suchen, ist immer verne belt worden durch pseudomarxistische Scheintheorien, die zwar der inneren Wahrheit und Logik entbehrten, aber dennoch immer von den von Moskau aus beherrschten Parteien der Komintern gläubig hingenommen worden sind. So war es, als vor Rapallo die kommunistische Partei in Deutschland einen Propagandafeldzug mit der Parole" Bündnis mit Sowjetrussland" beginnen musste und die erstaunten kommunistischen Mitglieder sich völlig verwirrt fragten, wie man denn einerseits für den Sturz der Weimarer Republik und gegen die Reichswehr wirken, und andererseits sich mit der Weimarer Republik und der Reichswehr verbünden könne. Die russische Politik von heute findet ihre Alternative in ihrer eigenen Vergangenheit, sie besteht im Bündnis mit Deutschland. Historisch gesehen gibt es viele Fälle, die Deutschland mit Russland verknüpfen, wirtschaftlich- national gesehen ergänzen Deutschland und Russland einander: hier eine technischwissenschaftliche hochentwickelte Veredelungsindustrie mit einer hochwertigen industriellen Arbeiterschaft, dort gewaltige Rohstoffvorkommen ohne das industrielle Potential Deutschlands, das alle Fünf jahrespläne in Russland nicht haben schaffen können. Seit der Besetzung und Befestigung des Rheinlandes durch das Dritte Reich ist in der internationalen Presse immer wieder behauptet worden, dass die sowjetrussische Diktatur Stalins eine Wiederannäherung an Deutschland, also an das Dritte Reich ins Auge fasse. Diese Behauptungen sind in den verschiedensten Formen aufgetaucht. Man wollte bald von Stalinschen Plänen wissen, die Sowjetdiktatur zu einer rein nationalistischen russischen Diktatur umzugestalten, bald von Plänen in der Roten Armee, eine russisch national- betonte Militärdiktatur zu errichten. Auf solche Behauptungen gründeten rechtsstehende und militärische Kreise in Frankreich die Hoffnung, dass eine rus B-22sische Militärdiktatur zu einer Festigung des französisch- russischen Bündnisses führen würden, während andere Beobachter daraus den Schluss zogen, dass eine so veränderte russische Diktatur auch nach der anderen Seite hin an Bündnisfestigkeit gewinnen würde. All diese Behauptungen erhielten eine gewisse Stütze durch die inneren Vorgänge in Sowjetrussland. Mit dem Eintritt Sowjetrusslands in den Völkerbund traf zeitlich zusammen eine Lockerung des Terrors in Sowjetrussland, die einen allmählichen Abbau der bürgerkriegsähnlichen Zustände anzukündigen schien. Einige Veränderungen in den Institutionen, so die Veränderung in der Zuständigkeit der GPU, schienen darauf hinzudeuten. Diese Ansätze zu einem neuen Kurs erleichterten den sozialistischen und demokratischen Parteien ideologisch die Eingliederung Sowjetrusslands in eine aussenpolitische Konzeption der antifaschistischen Blockbildung auf der Grundlage demokratischer Ideen, sie wurden als Symptome dafür genommen, dass Sowjetrussland zwar nicht ein demokratischer Staat, wohl aber ein Staat sei, der nach der Demokratie hin entwickelt werde. Dieser neue innere Kurs ist in Russland schon zu einem Zeitpunkt verlassen worden, an dem man ihn allgemein noch wirksam glaubte. Welche Motive ausser dem rein persönlichen Machtmotiv den Diktator Stalin und seine engste Gruppe dazu veranlasst haben, entzieht sich noch der analytischen Untersuchung. Man kann nur mit grosser Wahrscheinlichkeit vermuten, dass sich Stalin und seine Leute schon damals über die Schäden der überspannten Industrialisierung und Agrarkollektivisierung klar wurden, dass sie das Entstehen schwerer Krisen befürchteten und dass sie vorausschauend einer politischen Rückwirkung der Krisen durch schärfsten Terror vorbeugen wollten. Es begann dann die Serie der grossen öffentlichen Prozesse gegen alte Bolschewisten und höchste Staatsfunktionäre und der nichtöffentlichen Prozesse, bei denen politische und wirtschaftliche Funktionäre scharenweise abgeurteilt und erschossen wurden. Forscht man nach dem Sinn dieser Prozesse, so sieht man eine klare Tendenz, alle führenden Männer zu beseitigen, die zu Häuptern einer künftigen 3-23Opposition werden könnten, weiter eine Tendenz, die Schuld an kommenden wirtschaftlichen Katastrophen auf diese Opfer des Terrors abzuwälzen, und drittens eine Tendenz, mit Hilfe dieser Prozesse eine nationalistische Kriegsstimmung zu schaffen gegen jene Mächte, von denen Sowjetrussland angegriffen zu werden befürchtet. Die Reihe der Prozesse und Erschiessungen hat ernüchternd auf die Hoffnungen gewirkt, die die europäische Demokratie auf die Sowjetpolitik gesetzt hatte, sie hat der demokratischen Konzeption eines Blockes der Demokratien gegen die faschistischen Mächte, sie hat damit der Konzeption einer auf das Recht und die Idee des Völkerbundes sich gründenden europäischen Politik die innere ideologische Kraft genommen, sie hat den Durchbruch der englischen Macht- und Gleichgewichtspolitik begünstigt. Im ganzen ist deshalb heute nicht nur real, sondern auch ideologisch die Konstellation in Europa völlig verändert. In diesen Prozessen ist systematisch gegen die hervorragendsten Angeklagten-von Sokolnikow, Pjatakow und Radek bis zu Tuchatschevski- der Vorwurf erhoben worden, dass sie mit der Hitlerregierung und der deutschen Heeresleitung konspiriert hätten. Der Prozess gegen Tuchatschevski und die Häupter des Generalstabs ist vollständig auf diese Anklage aufgebaut worden. Ueber die innere Berechtigung dieser Anklagen sind in der internationalen Presse eine Reihe von Hypothesen aufgestellt worden, aus denen man eines als sicher annehmen kann: dass die Verbindung, die bis 1934 auf Grund des Bündnisses zwischen Roter Armee und dem deutschen Generalstab amtlich bestand, auch seither nicht völlig abgerissen ist- gab es ja doch auch offizielle Militärattachés auf beiden Seiten. Nun sind aber in der letzten Zeit Symptome aufgetaucht, die die Vermutung zulassen, dass Stalin die deutsche Alternative der russischen Politik auszuspielen wünscht angesichts der Politik der Westmächte, die sich immer weiter von dem von Russland gewünschten Sicherheitssystem entfernt. Die Komintern hat offenkundig ihren Kurs geändert, sie lässt die Macht- und Spaltungstendenzen der B -24kommunistischen Parteien wieder stärker hervortreten. Eine innere Krise der Komintern mit einem Wechsel des führenden Personals ist im Gange. Als ein weiteres Symptom für die Neuorientierung der Sowjetpolitik sind die Ansprachen gewertet worden, die beim Empfang des neuen Sowjetbotschafters durch Hitler in Berchtesgaden gewechselt worden sind. Noch klarer werden die Dinge durch die Stellungnahme der Presse der deutschen kommunistischen Partei, die das Thema:" Wir und Hitlerdeutschland" behandelt, und zwar vollständig im Stile und zum Teil mit denselben Gedankengängen, die 1920 für den Propagandafeldzug mit der Parole:" Bündnis mit Sowjetrussland" in Deutschland angewandt worden sind. Das alles erscheint wie eine Anwendung der spezifischen Methode Stalins, der bei einer Aenderung seiner Politik zunächst alle jene erledigt, die für den neueinzuschlagenden Kurs gewirkt haben. So war es, als er Trotzki erledigte, um dessen Industrialisierungspläne durchzuführen. Jetzt so scheint es hat er Tuchatschevsky erschiessen lassen, um dessen Politik zu verwirklichen. Alle Zweifel, die in der letzten Zeit den Wert der Bündnisse beeinträchtigt haben, an denen Sowjetrussland beteiligt ist, erhalten durch diese Unsicherheit über den Kurs der Sowjetpolitik neue Nahrung. Die Massenhinrichtungen und die Enthauptung des Generalstabs haben Zweifel der militärischen Fachleute an der militärischen Aktionsfähigkeit Sowjetrusslands hervorgerufen. Die Tatsache, dass die Sowjetpolitik zur Zeit nicht eindeutig definiert ist, lässt Befürchtungen aufkommen, ob Sowjetrussland bei einem plötzlichen Kriegsausbruch den Prinzipien der kollektiven Sicherheit treu sein werde, die es bisher vertreten hat. Eines kann man als sicher annehmen: dass Stalin angesichts der inneren Zustände des Sowjetsystems Russland um jeden Preis von einem Krieg fernhalten will. Wir lassen hier unerörtert, wieweit die Politik der Westmächte an dieser zweideutigen Haltung der Stalinschen Politik Schuld trägt. Gewiss ist aber, dass die Provokateure und Angreifer in Europa und im Fernen Osten sich die Unsicherheit zunutze machen. Es besteht ein ur B-25sächlicher Zusammenhang zwischen dem Zerfall der Stabilität des europäischen Systems und dem Angriff Japans auf China. III. Der Ueberfall Japans auf China Am 30. Juni forderte Japan ultimativ von Sowjetrussland, dass sich die russischen Truppen von einigen Inseln im Amurfluss, dem Grenzfluss zwischen Sowjetrussland und Mandschukuo, zurückziehen sollten. Nach einigen Scharmützeln der Grenztruppen nahm Sowjetrussland am 3. Juli das japanische Ultimatum an, die russischen Truppen zogen sich zurück. Es war eine Probe, ob Sowje trussland zu kämpfen geneigt sei oder nicht. Am 7. Juli begann die japanische Armee einen neuen Angriff auf chinesischem Gebiet. Nach einer durchsichtigen japanischen Provokation kam es zu heftigen Kämpfen zwischen japanischen und chineischen Truppenteilen. Japan sandte Truppen in grosser Anzahl, die Regierung von Nanking, die chinesische Zentralregierung, ordnete eine Teilmobilmachung an und setzte ihre Truppen gegen Norden in Bewegung. Die Japaner eroberten Peking und Tientsin, sie griffen die Hafenstadt Schanghai an immer unter dem lächerlichen Vorwand der Notwehr und Beteuerungen, dass es ihnen leid tue. Der Krieg ohne Kriegserklärung ist in vollem Gange. Das Ziel kann nicht zweifelhaft sein: Japan will die fünf Provinzen Nord chinas endgültig der chineischen Zentralregierung entreissen und sie in der einen oder anderen Form seinem Vasallenstaa Mand schukuo angliedern. Die Entwicklung, die vor bald sechs Jahren mit der Eroberung der Mandschurei begann, scheint jetzt ihre Fortsetzung finden zu wollen. Träger dieser Entwicklung ist das Heer, das in Japan zu einem Staat im Staate geworden ist; es ist die Armee, die Mandschukuo besetzt hält. Sie hat ihre eigene Kolonisierungs-, Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik entwickelt, Was Schleicher in den letzten Jahren der Weimarer Republik aus der Reichswehr zu machen suchte, eine staatspolitische Macht eigener Art, die von der Militärpolitik aus allmählich auf alle anderen Gebiete des B-26Staates übergriff, das ist in Japan in höchstem Masse verwirklicht und die Politik des Landes ist durch die Kompromisse bestimmt, die die Militärs jeweils der Regierung auferlegen. Wenn bisher die Etablierung einer offenen Militärdiktatur vermieden und die Formen einer parlamentarisch- konstitutionellen Regierung erhalten worden sind, so erklärt sich das vornehmlich aus zwei Gründen. Die Annexionspolitik und die Wehrwirtschaft haben auch Japan in eine schwere soziale, wirtschaftliche und finanzielle Krise gestürzt, die einen Teil der Armee zögern lässt, die ganze Macht und damit die ganze Verantwortung zu übernehmen und es ihr geratener scheinen lässt, eine zivile Regierung zu dulden, der sie ihren Willen aufnötigt. Sodann besteht ein aussenpolitischer Gegensatz zwischen Armee und Marine. Das Ziel der Armee ist auf Ausdehnung auf dem Festland gerichtet, auf Unterwerfung Nordchinas, auf die Einverleibung der inneren Mongolei, deren Beherrsehung zugleich eine aussichtsreiche strategische Ausgangsposition gegen Russland gewährte. Das Ziel der Marine ist nach Süden gerichtet, nach der Inselwelt des Still en Ozeans. Bis vor kurzem schien es, als würde es der nach den Wahlen neugebildeten Regierung gelingen, die Politik der Armee in gewissen Schranken zu halten. Das wachsende Defizit, die zunehmende Pasivität der Handelsbilanz, ständiger Goldabfluss, beginnender Rohstoffmangel, Preissteigerung und wachsende soziale Gärung mochten sie hindern, neuen kostspieligen Annexionsplänen und kriegerischen Abenteuern ihre Zustimmung zu geben. In dieser Situation hat die japanische Okkupationsarmee den Knoten durchhauen und den Krieg mit China begonnen. Nordchina ist ein in rascher Entwicklung begriffenes Land. Aber in offiziellen Nachrichten des Aussenpolitischen Rates der chinesischen Regierung wurde vor kurzem gesagt, dass Nordchina zu einer japanischen Kolonie geworden sei. Unterstützt vom japanischen Heer ist das japanische Unternehmertum seit 1931 in die nord chinesischen Provinzen eingedrungen. Ein grosser Teil der lebenswichtigen Wirtschaftszweige und Transport B-27wege sind bereits in Japans Hand. Es hat verstanden, der chinesischen Regierung allmählich die Monopole, die sie über Eisenbahnen, Schiffahrtslinien, Kohlenbergwerke, Salzfelder und Elektrizitätswerke besass, zu entreissen. Obwohl Ausländern der Besitz von Bergwerken untersagt ist, sind drei der grössten Kohlenbergwerke vollständig und zwei weitere teilweise im Besitz der Japaner, ebenso die Elektrizitätsgesellschaft von Tientsin. Die Pekinger Schiffahrtsgesellschaft, die wichtigste chinesische Schiffahrtsgesellschaft im Norden, steht unter japanischer Regie. Die Japaner beherrschen bereits wichtige Eisenbahnlinien und planen den systematischen Ausbau des Eisenbahnnetzes, um die Ausfuhr der Nordprovinzen unter ihre eigene Kontrolle zu bekommen. Da die Salzproduktion Japans gering ist und grosse Mengen Salz für die Aufrüstung zur Herstellung von Sprengstoffen und Giftgasen benötigt werden, so liessen sie im Oktober des Vorjahres die grossen Salzfelder von Tschanglu in der Provinz Hopei von ihren Truppen besetzen. Nach langen Verhandlungen mit den lokalen chinesischen Behörden wurden die Salzfelder schliesslich wieder freigegeben, aber nur unter der Bedingung, dass den Japanern grosse Mengen Salz zur Hälfte des üblichen Preises geliefert werden. Vor allem aber machen sich die Japaner zu Herren der in rascher Entwicklung begriffenen chinesischen Textilindustrie. Von den 5.4 Millionen Baumwollspindeln Gesamt chinas befinden sich 21 Prozent und von den 51.000 Webstühlen 24 Prozent in Nord china, vor allem in den Zentren Tsingtau, Tientsin und Tsinanfu. Von den 620.000 Spindeln in Tsingtau, nach Schanghai dem grössten Textilzentrum Chinas, befinden sich 562.000, von den 9.161 Webstühlen 8.790 in japanischer Hand; in Tientsin besitzen sie 70 Prozent der Kapazität der Baumwollspinnereien. Nur in Tsinanfu haben die Chinesen ihren Besitzstand bis jetzt einigermassen halten können. Es sind aber grosse Ausdehnungen geplant oder bereits im Bau, in Tsingtau für 215.000 japanische Spindeln und 4.640 Webstühle, in Tientsin für 455.000 Spindeln und 3.7bo Stühle. Nun hatte die japanische Regierung unter dem B- 28Druck der Währungs- und Devisenschwierigkeiten vor kurzem ein Verbot der Kapitalausfuhr aus Japan erlassen. Nichts ist charakteristischer für die japanischen Machtverhältnisse, als dass die Kwantung- Armee die japanische Regierung zwingen konnte, die notwendigen Gelder für die industrielle Expansion in Nord china trotzdem bereitzustellen! Denn Japan, das Ende 1935 erst über 500.000 Spindeln in ganz China besass, soll nach dem Wirtschaftsplan der japanischen Okkupationsarmee in Tsingtau und Tientsin über je eine Million Spindeln verfügen und damit über die beherrschende Stellung in der nord chinesischen Textilindustrie. Gegen die wirtschaftliche Durchdringung, in der sie mit Recht die Vorstufe zur endgültigen militärischen Okkupation sah ,. suchte sich die chinesische Zentralregierung zur Wehr zu setzen. Die Schwierigkeit war, dass die Japaner den unmittelbaren Einfluss der chinesischen Regierung in Nord china bereits weitgehend ausgeschaltet hatten. Unter dem militärischen Druck der japanischen Armee wurde ein" politischer Rat" gebildet, der ganz unter japanischen Einfluss stand und mit dem allein die japanische Armeeführung über die Angelegenheiten Nord chinas " verhandeln" wollte. Es ist ein Zeichen der wachsenden Stärke der chinesischen Regierung, dass vor kurzem dieser Politische Rat, dessen Chef der chinesische aber bisher ganz von Japan abhängige General Sung Tsche- yuan war, ein Dekret erlassen hat, wonach alle Chinesen, die Landbesitz an Japaner verkaufen, mit Massnahmen gegen dem Tode bestraft werden sollen. Es sind dies die japanische Wirtschaftsexpansion, die die japanische Besatzungsarmee bewogen haben, ihre von der Regierung bisher gehemmten Pläne durchzuführen, den Krieg zu beginnen, damit die Regierung vor die vollendete Tatsache zu stellen und sie zur Gefolgschaft zu zwingen. Der Krieg scheint jedoch langwieriger und kostspieliger, zu werden, als die japanische Armee angenommen hatte. Um Schanghai, die grösste Hafenstadt Chinas, wird seit Wochen eine erbitterte Schlacht geführt, bei der alle Schrecken des modernen Luft B-29krieges entfesselt worden sind. Alle Versuche der europäischen Mächte, auf Japan einzuwirken, sind von der japanischen Regierung entschieden abgewiesen worden. A Dieser Angriff auf Schanghai und die Absicht der Japaner, eine Blockade der chinesischen Küste durchzuführen, ist vor allem auch ein Angriff auf englische Interessen. In systematischer Arbeit hat England an der Wiederaufrichtung Chinas, und der Reorganisation seiner Verwaltung und Finanzen gearbeitet. Mit Hilfe englischer Anleihen und unter englischer Führung ist die chinesische Währung stabilisiert worden. Die englische Politik hat in der Wiederherstellung geordneter Zustände in diesem von 400 Millionen Menschen bewohnten Lande eine Zukunftshoffnung des englischen Handels, eine grosse Reserve der Weltkonjunktur gesehen. Die Voraussetzung war, die Zurückdrängung des japanischen Einflusses und die Sicherung des Friedens. Der japanische Angriff trifft deshalb die wichtigsten Punkte der englischen Politik. Es geht dabei nicht nur um die Werte, die England in Schanghai und anderen chinesischen Städten investiert hat, nicht nur um die zeitweilige Störung des Handels, sondern um die Störung grosser Zukunftserwartungen. Die japanische Kriegspartei ist sich wohl bewusst, dass sie diesen Schlag nur dann führen durfte, wenn England in Europa gebunden war. Hitler und Mussolini haben die Situation herbeigeführt, die die japanischen Militaristen brauchten. л Ein schwerer englisch- japanischer Konflikt ist aus der Tatsache entstanden, dass der englische Botschafter auf der Fahrt zwischen Nanking und Schanghai von zwei japanischen Flugzeugen angefallen und durch Maschinengewehrfeuer schwer verletzt worden ist. Auf die Forderungen, die England aus diesem Anlass gestellt hat, hat Japan bisher nicht befriedigend geantwortet. Die englische Regierung hat in der Note, die sie aus diesem Anlass an Japan gerichtet hat, stärkste Töne gegen die Verletzung des Völkerrechts, die Kriegsführung ohne Krieg, die Greuel des Luftkrieges gegen die Zivilbevölkerung, angeschlagen. Aber Tatsache ist eben, dass diese Erscheinungen nicht nur B-30im Fernen Osten, sondern auch in Europa an der Tagesordnung sind. Der bevorstehenden Völkerbunds tagung wird neben den spanischen Anklagen gegen die Angreifer auch eine chinesische Anklage vorliegen. Der Völkerbund kann diesmal eine Gesamtschau über seine durch Schwäche verschuldeten Niederlagen abhalten. IV.Der Wiedereintritt der Vereinigten Staaten in die Weltpolitik Der neue Gewaltakt Japans wirkt auf das stärkste auf die europäische Politik zurück. Er wirkt verstärkend auf die Tendenz der englischen Politik, Hitler und Mussolini zu besänftigen, damit England die Hände freibekomme für seine weltpolitischen Interessen. Beim Ausbruch des Konfliktes haben sofort Verhandlungen zwischen den interessierten Mächten eingesetzt, so vor allem Verhandlungen zwischen der englischen Regierung und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika. Die englische Regierung hat die Verhandlungen abgesagt, die mit Japan auf japanischen Wunsch über die Festigung des englischjapanischen Verhältnisses geführt werden sollten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat durch Staatssekretär Hull am 15. Juli eine Erklärung abgeben lassen. Diese Erklärung enthält nicht nur eine unzweideutige Warnung an Japan, sondern darüber hinaus eine Prinzipienerklärung der amerikanischen Politik von weittragender Bedeutung. Diese Erklärung enthält folgende Stelle: " Es bestehen zweifellos eine Anzahl von Regionen voller Spannungen und Gefahren, die auf den ersten Blick nur jene Länder betreffen, die nahe Nachbarn sind, aber schliesslich unvermeidlich eine Angelegenheit der ganzen Welt darstellen. Jede Situation, bei der ein bewaffneter Konflikt im Gange ist oder droht, ist eine Situation, durch die die Rechte und Interessen aller Staaten ernsthaft gefährdet sind oder gefährdet werden können. Es kann keine ernsthaften Feindseligkeiten irgendwo in der Welt geben, die nicht in dieser oder jener Weise die Rechte, Interessen und Verpflichtungen der Vereinigten Staaten berühren." Sie enthält weiter die folgenden Prinzipien: Verzicht auf Gewaltanwendung und Einmischung in innere Angelegenheiten ande B-31rer Staaten, Innehaltung von Verträgen, Wiederbelebung und Festigung des internationalen Rechts, Abbau der Handelsschranken, Ablehnung von Bündnissen. Mit dieser Erklärung verlassen die Vereinigten Staaten offiziell die Politik des Fernbleibens von den europäischen Problemen, sie schalten sich wieder in die Weltpolitik ein. Die deutsche Regierung fühlt sich durch diese Kundgebung an Wilsons 14 Punkte erinnert. In der Tat geht diese Kundgebung-die demonstrativ in 14 Punkten formuliert ist von den gleichen demokratischen Prinzipien aus, sie ist völlig im Einklang mit dem Geist des Völkerbund paktes. Sie ist eine Verurteilung der deutschen Vertragsbrüche, der deutschen und italienischen Interventionen in Spanien, der auf Gewalt gerichteten Politik der Diktaturen wie des Wirtschaftsnationalismus, der der Kriegsvorbereitung dient. Sie enthält die Ankündigung, dass die Vereinigten Staaten rüsten, wenn die Diktaturmächte rüsten. Diese Erklärung hat Deklarationen bisher von 28 Staaten über die darin niedergelegten Prinzipien und Vorschläge hervorgerufen. Dieser diplomatische Vorgang kann als ein Versuch zur Wiederbelebung des Kellogpaktes angesehen werden. Er schafft gewissermassen eine Reservestellung für den Völkerbund, die durch die Beteiligung der Vereinigten Staaten von besonderer Bedeutung ist. Während sich in Europa auch die Politik der demokratischen Mächte vom Geiste des Völkerbundpaktes abwendet, erfolgt von Amerika aus ein wichtiger Versuch, ihm Geltung zu verschaffen. Dieser prinzipiellen Warnung an die Gewaltpolitiker ist eine deutliche praktische Demonstration gefolgt, die sich gegen das Dritte Reich richtet. Das Dritte Reich ist durch sein eigenes Verschulden in einen handelspolitischen Konflikt mit Brasilien geraten. Infolge dieses Konfliktes hat sich Brasilien handelspolitisch den Vereinigten Staaten stark angenähert, es wird den deutsch- brasilianischen Handelsvertrag kündigen. Die Diplomatie des Dritten Reiches hat bei der Entwicklung des Konfliktes die brasilianische Regierung mit groben und plumpen B-32Drohungen einzuschüchtern versucht und hat das Gegenteil erreicht. Die brasilianische Regierung kennt die nationalsozialistischen Umtriebe in Brasilien sehr genau. Sie ist über die Zusammenarbeit der deutschen Propaganda mit den brasilianischen Faschisten ebenso gut unterrichtet wie über die phantastischen nationalsozialistischen Pläne, die aus Brasilien eine Art Rohstoffkolonie des Dritten Reiches machen möchten. Sie hat deshalb den Schutz der Vereinigten Staaten angerufen und erhalten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat Brasilien sechs Torpedo bootzerstörer nahezu kostenlos zur Verfügung gestellt, sie hat sich ferner bereit erklärt, anderen südamerikanischen Staaten eine ähnliche Flottenverstärkung zu gewähren. Diese Geste bedeutet, dass die Flotte der Vereinigten Staaten jedem Angriff auf Südamerika entgegentreten wird. Sie ist eine massive Drohung gegen das Dritte Reich wie gegen Japan, falls diese imperialistischen Staaten Pläne gegen Südamerika verfolgen sollten. Die Rückkehr der Vereinigten Staaten aus der Isolierung zum Prinzip der Universalität ihrer weltpolitischen Interessen richtet sich eindeutig gegen die Diktaturmächte. V. Unsicherheit in Südosteuropa Am 27. Juli entwickelte der englische Aussenminister Eden vor dem aussenpolitischen Ausschuss der englischen konservativen Partei die Grundlinien seiner Politik. Er gestand, dass keine nahe Lösung des spanischen Problems sichtbar sei, aber so setzte er hinzu, die Aktivität Deutschlands und Italiens in Spanien habe wenigstens ihre Aktivität in anderen Teilen Europas verlangsamt. Mit dieser Feststellung hat er erkennen lassen, dass die Aggression der Achse Rom- Berlin umfassend ist, dass zu befürchten ist, dass sie sofort an anderer Stelle Europas ein Feuer anzuzünden droht, wenn an einer Stelle gelöscht wird, und dass die englische Regierung die Lage in ganz Europa als denkbar unsicher ansieht. In der Tat hat die offene Aktivität der Achse in Südosteuropa etwas nachgelassen. Damit ist keineswegs gesagt, dass B-33Deutschland und Italien die Staaten Südosteuropas ihrer eigenen autonomen Entwicklung überlassen wollen. Die tschechoslowakische Republik hat einen deutlichen Hinweis erhalten, dass ein solcher Glaube irrig wäre. Als am 18. Juni das Dritte Reich mit der Lüge über den Kreuzer" Leipzig" eine echte Kriegsgefahr herauf beschwor, wandte sich die Kriegshetze der deutschen gleichgeschalteten Presse nicht nur gegen Frankreich, sondern auch gegen die Tschechoslowakei. Eine gröbliche Propagandalüge über die polizeiliche Behandlung eines deutschen Spions in Prag gab die Grundlage zu wilden Drohungen gegen die tschechoslowakische Republik ab. Die Achse denkt nicht daran, sich in Südosteuropa zu desinteressieren. Ihre stille Arbeit geht ununterbrochen weiter und die Saat der Zersetzung der politischen Stabilität in diesem Teil Europas spriesst von selbst. Die Auflockerung der Beziehungen zwischen Frankreich und seinen Bundesgenossen in Ost- und Südosteuropa, die Schwächung der Verbindung mit dem demokratischen Westen hat die Kräfte der eingeborenen Reaktion in den Länden Südosteuropas begünstigt. Auf diese Kräfte wirkt der deutsche und der italienische Einfluss, sie sind die Werkzeuge der imperialistischen Pläne Deutschlands und Italiens. Auf diese Kräfte sind die Erfolge der Achse bei der Auflösung des Sicherheitssystems in Südosteuropa zurückzuführen. Das gilt für Bulgarien, das im Grunde genommen schon ein deutscher Vasallenstaat ist, es gilt ebenso für Jugoslavien. Am 7. Juni hat der deutsche Reichsaussenminister Jugoslavien besucht, am 8. Juni Bulgarien. Dem Besuche in Jugoslawien sind Verhandlungen vorausgegangen, die dem Dritten Reich ein Ausbeutungsmonopol eines erheblichen Teiles der jugoslawischen Erzvorkommen gegeben haben. Der deutsche Reichsaussenminister gab bei diesem Besuche eine Erklärung über die Gemeinsamkeit der politischen Gesichtspunkte zwischen Berlin und Belgrad und über die Nützlichkeit der friedlichen Zusammenarbeit beider Länder ab. Ein Telegrammwechsel zwischen Hitler und dem jugoslawischen Ministerpräsidenten Stojadinowitsch unterstrich diese Erklärungen. Das Organ von Stojadinowitsch," Vreme", B-34feierte das Zusammentreffen zwischen Neurath und Stojadinowitsch mit folgenden Sätzen: " Wir begrüssen die deutsch- jugoslawische Zusammenarbeit mit dem grössten Enthusiasmus. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern treten jetzt in eine neue Phase sein, dank Herrn Neurath, dem Eroberer des Friedens. Die Welt, die zum ersten Male die Abzeichen des wiedererstandenen Deutschlands in den Strassen von Belgrad gesehen hat, hat begriffen, dass ein grosses Ereignis vor sich gegangen ist. Das Dritte Reich hat sich bei uns an der ersten Stelle gefühlt- wie es bis zur Gegenwart niemals zuvor der Fall gewesen ist." Diese Kundgebungen beweisen, wie recht die demokratische Opposition in Jugoslawien mit der Anklage hat, dass Stojadinowitsch das Land aus der Freundschaft mit Frankreich herauslösen und an die Seite Hitlerdeutschlands führen wolle. Dieser Kurs der aussenpolitischen Neuorientierung ist verbunden mit einer Verschärfung der politischen und polizeilichen Unterdrückung der Opposition, die nach den brutalen Methoden des Dritten Reiches erfolgt. Dieses reaktionäre Regime steht indessen auf einer schmalen und schwankenden Basis, es vermag weder die Opposition totzuschlagen, noch Kroaten und Serben zu versöhnen, und der heftige Konflikt, in den die Regierung Stojadinowitsch mit der orthodoxen Kirche über das Konkordat mit der katholischen Kirche geraten ist, lässt erkennen, wie kritisch die innere Lage Jugoslawiens ist. Soviel aber ist gewiss: der Wert der Kleinen Entente als eines Sicherheitssystems in Südosteuropa ist von Jugoslawien her beträchtlich vermindert worden. Eine andere Einbruchstelle in das südosteuropäische Sicherheitssystem ist Rumänien. In diesem Lande versucht König Carol eine von den bisherigen Sicherheitssystemen unabhängige Politik nach dem Muster Polens durchzusetzen. Rumänien hat ein Bündnis mit Polen, das beide gegen einen Angriff Sowjetrusslands schützen soll. Dies Bündnis geht von dem Faktum aus, dass Rumänien von Sowjetrussland bisher keine spezielle Garantie der bessarabischen Grenze erhalten hat. Rumänien ist aber gleichzeitig verbündet mit der Tschechoslowakei, die wiederum mit Sowjetrussland verbündet ist. Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei sind Verbündete Frankreichs, und Frankreich ist der Verbün B-35dete Sowjetrusslands. Polen und die Tschechoslowakei leben in einem gespannten Verhältnis. Polen fürchtet eine Isolierung gegenüber Sowjet russland, wenn Rumänien in engere Beziehungen zu Sowjetrussland tritt, Frankreich hat ein Interesse an dem Zustandekommen solcher enger Beziehungen. Im Frühjahr sind zwischen Polen und Rumänien Verhandlungen geführt worden, die der französischen Politik verdächtig und zweideutig erschienen. Die Folge davon war ein diplomatischer Schritt Frankreichs in Warschau und Bukarest. Im Sommer ging König Carol auf eine grosse Reise nach London und Paris, um den Boden für seine Pläne zu sondieren. Er hatte die Absicht, im September das liberale Kabinett Tatarescu zu entlassen und dann den Kurs Rumäniens neu zu bestimmen. Seine Verhandlungen in Paris haben ihm gezeigt, dass er sich zwischen zwei Stühle setzen würde, wenn er Frankreich brüskiert. Die rumänischen Gemeindewahlen vom 25. Juli haben bewiesen, dass die nationale Bauernpartei die stärkste Partei im Lande ist, stärker als die gegenwärtig regierende liberale Partei, und die nationale Bauernpartei ist entschieden profranzösisch. Unter diesen Umständen hat sich König Carol nach seiner Reise entschlossen, die Regierung Tatarescu zunächst bis zum November noch im Amt zu lassen und weiter zu lavieren. Die rumänische Politik ist heute ebenfalls nicht klar zu definieren. Diese wachsende Unsicherheit in Südosteuropa muss gewaltig verstärkt werden durch die Unklarheit darüber, welchen aussenpolitischen Kurs Stalin in der Zukunft einzuschlagen gedenkt, und wie sich das englisch- italienische Verhältnis in der nächsten Zukunft gestalten wird. Zur Zeit ist der Südosten Europas etwas in die zweite Linie gerückt. Sein Schicksal hängt vollständig von der Politik der Grossmächte ab. VI. Unsicherheit und Ungewissheit Zwischen England, Frankreich und den Vereinigten Staaten ist eine Annäherung eingetreten. Hier scheint ein Block der Stabilität herauszuwachsen, der sich selbst unbedingt gegen alle An B-36griffe schützen wird. Aber wird dieser Block auch andere schützen? Das Problem Spanien und das Problem China machen diese; Frage brennend. Welche Gegenwirkungen sind zu erwarten, wenn eine der Diktaturmächte, oder beide zugleich, gestützt auf die Erfahrungen im Falle Abessinien, im Falle Spanien und im Falle China, zu gewaltsamen Veränderungen in Europa schreitet? Bis zum März 1936 gab es gegen solche Versuche ein Gegengewicht in Gestalt des französisch- sowjetrussischen Sicherheitssystems mit seinen Beziehungen zur Kleinen Entente und zur Balkan entente. Dieses feste Garantiesystem ist heute mehr oder weniger aufgelöst ebenso ist der Völkerbund keine wirkliche Garantie der Sicherheit mehr. Der Weg, den die englische Politik jetzt beschreitet, erscheint gegenüber dem Prinzip der kollektiven Sicherheit elastischer, aber er ist in allem ein Rückfall. Er stellt nicht ein allgemeines Prinzip, sondern das egoistische Interesse Englands und des britischen Weltreiches in den Vordergrund. Die englische Politik hat, als sie diesen Weg betrat, eine Wolke des Optimismus um sich verbreitet. Dieser Optimismus war gänzlich unberechtigt, er ist in wenigen Monaten völlig zerstört worden. Der blutige Krieg in Spanien geht unabsehbar weiter. Im Mittelmeer herrscht völlige Anarchie. Im Südosten Europas werden die Elemente der Stabilität und der Demokratie täglich schwächer. In China demonstriert Japan, wie die reine Machtpolitik alle geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze des Völkerrechts und der Humanität zu Boden tritt und dieser Ausbruch der japanischen Machtpolitik bedroht die englische Wirtschaft mit Milliardenverlusten. Unsicherheit und höchste Ungewissheit über die nächsten Entwicklungen kennzeichnen gegenwärtig die Weltlage. DIE DEUTSCHLAND- BERICHTE, die der Vorstand der seit 1934 Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Prag, monatlich im Umfange von 140 bis 180 Seiten herausgibt, haben die Aufgabe, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesel! schaftlichen Gebieten zu verfolgen. Sie beruhen auf der Arbeit einer organisierten politischen Berichterstattung, deren Beobachtungsfeld sich insbesondere auf folgende Gebiete erstreckt: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen Die Lage in den Betrieben Die Wirtschaftslage Arbeitsmarkt Preisentwicklung Lebensmittelversorgung Rohstoffversorgung Geld und Kredit Handel und Gewerbe Landwirtschaft Sozialpolitik Lohnpolitik Steuerpolitik Korrupticn und Miẞwirtschaft Terror Jugend Hitler- Jugend Schule Hochschulen Kirchenfragen Kulturpolitik NS- Organisationen NSDAP, SA, SS Arbeitsfront, KdF Arbeitsdienst Verwaltung In allen Landesteilen und Gesellschaftsschichten arbeiten Berichterstatter als Glieder der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland an dieser Aufgabe mit. Auf der großen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen. Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Die Berichterstatter kommen nach Möglichkeit selbst zu Wort, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu geben. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmäßig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter größeren Gesichtspunkten zusammenfassend dargestellt wird. Als Manuskript hergestellt Sopade, Prag- X., Palackého třída 24.