Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrg. Nr. 11 November 1937 Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) 4. Jahrgang Nr. 11 November 1937 Inhaltsverzeichnis I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die aussenpolitischen Geschehnisse NS- Propaganda für die neue Bündnispolitik Stellungnahme zu Hitler " Grosse Deutsche Kunstausstellung" und" Entartete Kunst" A 1 II. Der Terror 1) Der Terror gegen die illegale Opposition a) Urteile gegen Sozialdemokraten b) Das Los der Gefangenen 2) Der allgemeine Terror Die Grenzkontrolle- Die Bespitzelung der Bevölkerung Das Denunziantentum von Vereinen Einzelberichte 3) Der Terror gegen die Juden Auflösung der Auswanderung- Verächtlichmachung schande Urteile 15 15 17 19 32 42 42 Verdrängung aus allen Berufen Erschwerung Rassen= Selbstmorde- Einzelberichte Sonderberichte aus Oberschlesien III. Beitrags- und Spendenwirtschaft 56 Beiträge und Gebühren für neuerrichtete Kontrollinstanzen COC Zeitschriften- Zwangsbezug " Adolf Hitlerspende" Das Sammelunwesen " Dankopfer der Nation" Führerbriefmarken " Hitler- Freiplatzspende" Zeppelin- Spenden Sammlungen für Jugendherbergen und HJ= Heime Reichsparteitagssammlung- Schul- und HJ= GD Sammlungen- Lokale Aktionen- Betriebssammlungen IV. -2Korruption und Misswirtschaft 1) Misswirtschaft und Verfehlungen 2) Unterschlagungen von Nationalsozialisten a) NS- Volkswohlfahrt und Winterhilfe b) Arbeitsfront und Kraft durch Freude c) Betriebe d) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen e) Verwaltung Te i 1 B: Uebersichten 81 84 91 91 93 94 95 I. Demokratische Wirtschaftspolitik in der Erholungsperiode. 1 1) Die Entwicklung zur Konjunkturpolitik 2) Wirtschaftspolitik in der Vorkrisenperiode 3) Wirtschaftspolitik in der Erholungsperiode a) Währungspolitik b) Die handelspolitische Seite der Währungspolitik c) Preispolitik d) Oeffentliche Arbeiten und Rüstungen e) Kreditpolitik f) Steuerpolitik II. Dichtung und Theater im Dritten Reich 1) Die Lyrik 2) Der Roman 3) Drama und Theater 4) Kunst und Freiheit === 235 500 10 11 13 15 19 19 22 2221 27 34 A-1Teil A ( Abgeschlossen am 15. Dezember 1937) I. Die allgemeine Situation in Deutschland Die aussenpolitischen Geschehnisse der letzten Monate finden in der Bevölkerung lebhaften Widerhall. Das Treffen MussoliniHitler( siehe Heft 9/1937, Seite A 1- 5) hat zwar trotz des gewaltigen Aufwandes an Propaganda nicht den gewünschten nachhaltigen Eindruck hinterlassen, die neueren Bemühungen um die Festigung der Achse, die Erweiterung des Antikomintern- Paktes durch den Hinzutritt Italiens, das erfolgreiche Vordringen der Japaner in China und der Besuch von Lord Halifax in Berlin haben aber die Gemüter bewegt. Unseren Berichten entnehmen wir: Rheinland- Westfalen; 1.Bericht: Mit gespannter Aufmerksamkeit haben politische Leute den Besuch von Lord Halifax bei Hitler verfolgt. Der Besuch Mussolinis, der äusserlich ungeheuer aufgemacht worden war, hat eigentlich keinen Eindruck hinterlassen und seinerzeit, als der Besuch stattfand, hat sich ausser den befohlenen Nazis niemand um die Sache gekümmert. Der Besuch von Halifax dagegen gibt Anlass zu Gesprächen und Ueberlegungen in interessierten Kreisen, besonders in den Nichtnazikreisen. Eine Meinung geht dahin, dass England im Ernst gar nicht an eine Verständigung mit Deutschland denkt, wenigstens an eine Möglichkeit der Verständigung nicht glaubt und dass deswegen anzunehmen sei, dass Halifax sich lediglich informieren wollte. Man hält die Engländer noch immer für grossartige Diplomaten. Alles sei, so sagen diese Leute, nur auf Zermürbung abgestellt. Es sei auch auffällig, dass die Italiener bei dieser ganzen Komödie so stille seien. Es werde eines Tages ein furchtbares Erwachen für Deutschland geben. In der Arbeiterschaft hat der Halifax- Besuch tiefe Enttäuschung verursacht. Bis jetzt hat man immer darauf gehofft, dass England schliesslich in der Lage sein werde, Hitler ein Paroli zu bieten, Jetzt kommt man zu der Meinung, dass England sich am liebsten mit Hitler verständigen möchte, auch wenn dabei die kleinen Länder zugrunde gerichtet würden. Es herrscht der Eindruck vor, dass die ganze Welt tatsächlich vor Hitler Angst hat, dass er sich alles erlauben kann und dass niemand ernsthaft bereit ist, ihm in den Arm zu fallen. A-22.Bericht: Im Allgemeinen ist festzustellen, dass die Lage weit ungünstiger ist, insofern, als weiter Knappheit an Eiern, an Fett, an Wurst, an gewissen Fleischsorten und an vielam anderen besteht. Trotz dieser weiter bestehenden und sich sogar verschärfenden Misere, trotz der sehr gedrückten Stimmung, kann aber doch von einer Verscher fung der inneren Lage in den letzten Wochen nicht gesprochen werden. Der von vielen erhoffte oder zumindest erwartete Krieg bleibt aus. Die Hoffnung, dass das System von aussenher einen Stoss erhalten könnte, schwindet. Und so macht sich bei den Gegnern des Hitlerismus tiefe Depression bemerkbar, die durch die Reise von Lord Halifax noch verschärft wurde. Nichts wirkt deprimierender auf die Gegner des Nazismus und nichts aufpulvernder als der Besuch von seriösen Politikern und Staatsmännern aus dem Ausland bei Hitler. Man glaubt in solchen Vorgängen erkennen zu können, dass sich nach und nach die entscheidenden Mächte mit dem Nazismus endgültig abzufinden bereit sind. Man glaubt auch, daraus erkennen zu können, dass in der Welt kein Kraut mehr gegen den Faschismus gewachsen ist. Leute, die nicht genügend geschult sind, werden apathisch, ergeben sich fatalistischen Stimmungen und zweifeln an der Richtigkeit ihrer eigenen Weltanschauung. Heute zeigt sich ausserordentlich klar, dass Macht und gewisse. Erfolge in der Aussenpolitik, wie sie nun einmal im Besuch von Halifax, wenn auch vielleicht für recht kurze Zeit gesehen werden, Auftrieb für das System bedeuten und Entmutigung für die Opposition. So steigt die Stimmung zwischen Hoffnung und Entmutigung au f und ab und umgekehrt. Und ebenso schwanken die kleinen Funktionäre der Nazis zwischen einer gewissen Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit und einem Wiederaufleben des Enthusiasmus. Es ist in beiden Lagern nicht alle Tage Sonntag. Thüringen: Die Brutalität, mit der Japan in China Krieg führt, findet in der Bevölkerung wenig Sympathie, obwohl die Zeitungen bemüht sind, den Eindruck zu erwecken, dass die japanische Armee unüberwindlich, ihr Vormarsch unaufhaltsam und sie als Bündnisfaktor von ungeheuerem Wert sei. Diese Ueberlegung wird vorangestellt, dabei aber vergessen, dass durch die Auslösung dieses Krieges der deutsche Export- Handel mit China ziemliche Einbussen erleidet. Dort, wo diese wirtschaftlichen Rückschläge eintreten, denkt man freilich viel nüchterner.Das zeigte sich in Ostthüringen im November bei den Aufführungen eines Filmes, der der Zusammenarbeit Deutschlands mit Japan gewidmet ist. Der Film lief zunächst in Gera. Die HJ und andere Gliederungen der Partei sorgten für die Propaganda. Man rechnete mit einem grossen Erfolg, es war angekündigt, dass der Film 14 Tage laufen werde. Am ersten Abend war das Kino auch voll, aber schon am nächsten Tag war der Besuch der Veranstaltung viel schwächer. Die Kinobesitzer kündigten am dritten Tag in der Geraer Zeitung an, dass sie sich entschlossen hätten, 25% der Einnahmen von diesem Filmbesuch der Winterhilfe zuzuführen. Trotzdem wurde der Besuch von Tag zu Tag A-3schwächer. Am. 6. Tag musste der Film vom Spielplan abgesetzt werden. Ebenso erfolglos war diese Propagandaaktion in Altenburg. Auch hier musste der Film vorzeitig nach einwöchiger Laufzeit abgesetzt werden. Diese Einstellung wird verständlich, wenn man weiss, dass gerade die Geraer Tuchfabriken unter der japanischen Konkurrenz zu leiden hatten und China bisher ein gutes Absatzgebiet bildete. Sachsen, 1.Bericht: Im China- Japan- konflikt sind die Sympathien der meisten Deutschen auf Seiten Chinas. Die grausame Kriegsführung Japans ruft allgemeines Entsetzen hervor. Aber vielfach wird diese Stimmung auch darauf zurückgeführt, dass sich die Nazipropaganda bis jetzt noch nicht für Japan erklärt hat. 2.Bericht: In Akademiker- Kreisen wird ganz ernstlich darüber diskutiert, dass sich für die Kolonisierung gros se Möglichkeiten für die Zukunft eröffnen. Das Abkommen BerlinRom- Tokio soll auch beinhalten- so wird vermutet- dass alle neu eroberten Gebiete gemeinsam wirtschaftlich ausgebeutet werden. Das gelte für Spanien wie für China, aber auch für Abessinien. Für Abessinien seien die Vorbereitungsarbeiten bereits abgeschlossen und einer grossen Anzahl von Aerzten, Zahnärzten, sonstigem Sanitätspersonal, Technikern aller Art usw. sei bald die Möglichkeit geboten, nach Abessinien zu gehen. Alle diese Leute würden nicht unter italienischem Einfluss stehen, man glaubt vielmehr, dass feste Abmachungen zwischen den Achsenpartnern bestehen und Deutschland als gleichberechtigter Faktor bestimmte Gebiete Abessiniens erschliessen und ausbeuten könne. Diese Art Kolonialtätigkeit verschafft Hitler viele Anhänger. Man hält es für eine wirklich kluge Politik, dass er ohne viel Opfer sich überall den entsprechenden wirtschaftlichen Einfluss zu schaffen weiss. So unpopulär der spanische Bürgerkrieg bis in die letzte Zeit bei der Bevölkerung gewesen ist, je mehr Franco an Einfluss gewinnt, desto grösser schätzt man Hitlers Talent, dass er es verstanden hat, wenig Soldaten zu opfern und dennoch für eine grosse Anzahl von Menschen neue Arbeits- und gute Existenzmöglichkeiten zu schaffen. Wenn die Kriegshandlungen in Spanien abnehmen, haben Anforderungen von neuen Arbeitskräften nach Spanien für die Zukunft sicher mehr Erfolg als bisher. Die Menschen gehen eben doch lieber nach Spanien als nach Afrika. Viele Leute glauben auch, dass sich in China ebenfalls eine Dreiteilung der Interessengebiete erreichen lasse und sich damit für das Regime ganz neue Konsolidierungsmöglichkeiten ergeben würden, die mithelfen könnten, innere Schwierigkeiten leichter zu überwinden. Ueber die Bemühungen der NS- Propaganda, die Bevölkerung für die neue Bündnispolitik zu interessieren, erhielten wir aus A-4Sachsen den folgenden Bericht. Er illustriert auch gleichzeitig die Methoden der Hetzkampagne gegen die Tschechoslowakei: War im Oktober der Mussolinibesuch die politische Sensation, so bestand sie im November in der Verkündung der Abmachung zwischen Deutschland, Italien und Japan, denen dann die bisher intensivste Kolonialpropaganda folgte. Der Besuch des englischen Staatsmannes Halifax bildete zunächst den Höhepunkt des Triumphes der neuen aussenpolitischen Offensive, die ihre innenpolitische Ergänzung in einer Versammlungswelle fand. Da weder die Spanien- noch die Italienpolitik die Unterstützung der Bevölkerung findet, ist die Versammlungskampagne darauf abgestellt, für die neue Bündnispolitik und die neue aussenpolitische Zielsetzung zu werben. Den Rahmen dazu gaben vor allen Dingen die Betriebsappelle ab, in denen für solche Vorträge geschulte Redner der DAF auftraten. Im November wurde diese Aktion noch unterstützt durch die Versammlungswelle, die wahrscheinlich über ganz Deutschland ging. Es wurde wieder alles aufgeboten, um einen guten Besuch der Versammlungen zu erzwingen. Die Versammlungen waren im Durchschnitt auch gut besucht, da es immerhin einigem Interesse begegnete, wie die neue Bündnispolitik dargestellt würde.Die Redner machten den Versuch, um Verständnis für die Japanpolitik in China zu werben. Bezeichnend ist, dass man jetzt nur noch in Block und Achse denkt und spricht. Die Zeiten, in denen man die Isolierung des Systems zu erklären versuchte, sind vorbei. Der faschistische Block soll als feststehende Tatsache in die Köpfe gehämmert werden. Die Redner jonglierten mit den entsprechenden militärischen Zahlen und Grössen, erklärten aber übereinstimmend, dass es noch lange nicht zum Kriege komme. Einer dieser Redner wurde nach einer Versammlung im kleineren Kreise gefragt, wie seine Redewendung, dass bis zu einem wirklichen Krieg noch lange Zeit sei, zu verstehen sei. Er erläuterte, dass Deutschland gegenwärtig alles in allem höchstens 4 Millionen ausgebildete Menschen im Kriegsfalle auf die Beine stellen könne. Das sei viel zu wenig, wenn die ersten Schläge mit der Wucht durchgeführt werden müssten, wie dies vorgesehen sei. Gerade darin liege aber die grosse Erfolgschance, da Deutschland wie kein Land neben ihm, im Standé sei, mit Hilfe seines ausgebauten Eisenbahnnetzes und den grossen Autobahnen mit Präzision und einer nirgends sonst erreichbaren Schnelligkeit seine Truppen über die Grenzen werfen könne. Das Ziel müsse sein, 8 Millionen ausgebildete Truppen in einigen Mobilmachungstagen dazu zur Verfügung zu haben. Und eine solche Armee brauche dann selbstverständlich auch doppelt soviel technische Ausrüstung, wie sie gegenwärtig vorhanden sei, wahrscheinlich noch um ein Bedeutendes mehr. Es sei aus diesen Gründen sinnlos, zu glauben, dass die gute Beschäftigung in der Rüstungsindustrie in absehbarer Zeit nachlassen werde. Viele Jahre hindurch sei mit voller Beschäftigung in der Rüstungsindustrie zu rechnen. Durch die A-5. dadurch bedingten guten Terdienstmögiichkeiten wir den auch alle anderen Industriezweige belebt. Im Grenzgebiet wurde im Gegensatz zu diesen Friedensbeteuerungen wieder scharf gemacht. In einer grösseren Erzgebirgsgemeinde vetterte ein Redner gegen die Tschechoslowakei. Der Präsident BeneS wurde in dieser Versammlung als Schwindler, Gauner, Bluthund usw. bezeichnet, der vielleicht in ein oder zwei Jahren froh sein werde, mittels Auslandspass noch nach Prag zu Besuch kommen zu können. Den Tschechen werde es auch nichts helfen, dass sich schon vor 20 Jahren die Legionäre, die die Spitzbubenbande Masaryks gewesen sei, in Bussland herumgetrieben hätten. Der Bolschewisierung in Mitteleuropa werde bald ein fester Damm entgegengestellt. Als Sensation wurde in den Versammlungen mitgeteilt, dass die Tschechoslowakei an jedem Feldweg Barrieren aus Beton und Eisenbahnschienen errichte. Die Zeitungen bringen jetzt ebenfalls Abbildungen von einzelnen Grenzsperren. Nicht nur die Bewöhner der Grenzorte besichtigten die Anlagen, es werden auch aus dem Grenzhinterland Fahrten an die Grenze organisiert, damit sich alle von den"schlechten Absichten der Tschechen" überzeugen können. So wurden Fahrten aus dem Chemnitzer, Flöhaer und Frankenberger Gebiet nach Jähstadt organisiert, damit die Grenzsperren beim Heegerhaus besichtigt werden können. Der Eindruck, den die auf diese Weise an die Grenze Gebrachten haben, ist sehr verschieden. Ein Teil ist der Auffassung, dass es ein Beweis dafür sei, von welcher Angst die Tschechen befallen sind. Ein anderer Teil, der mit noch mehr Interesse an die Grenze gekommen ist, sagt im vertrauten Kreise:"Die Tschechen scheinen die Situation, in der sie leben, ganz gut begriffen zu haben. Man sieht, sie wissen, dass sie eines schönen Tages überfallen werden sollen." Natürlich wird auch darüber diskutiert, weshalb die Deutsehen nicht dieselben Anlagen bauen, da es doch"viel wahrscheinlicher" sei, dass die Tschechen mit den Russen in Sachsen einfallen. Die Fahrten sind auf diese Weise nicht nutzlos, da sie Anschauungsunterricht zu den vielen Friedensbeteuerungen des Regimes bilden. Die Machtfülle Hitlers und der ebenso intensive wie demagogische Kult, der um ihn und von ihm getrieben wird, zwingt Anhänger und Gegner der NSDAP zur Stellungnahme. Trotzdem ist es heute-nach fast fünfjähriger Herrschaft- nicht möglich, eine auch nur einigermassen einheitliche Beurteilung Hitlers durch die Bevölkerung zu registrieren. Ablehnung oder Zustimmung dek- ken sich zudem durchaus nicht mit den Kreisen der Anhänger oder Verneiner des nationalsozialistischen Regimes,— gerade in den Reihen der"alten Kämpfer" finden sich nicht wenige der 1-6ablehnendsten Stimmen. Die nachfolgende Zusammenstellung von Berichten über die Stellungnahme zu Hitler zeigt sehr deutlich die zwiespältige Beurteilung, sie lässt trotzdem wohl den Schluss zu, dass jetzt auch Hitler-mehr als vor Jahren in die Kritik am Regime einbezogen wird. Bayern, 1.Bericht: Sehr viele der unteren Funktionäre der NSDAP sind überzeugt, dass Hitler der begnadete Führer ist, der die Neugestaltung vollenden wird. Seine politischen Erfolge sprechen für ihn, wer sonst könnte dieses gewaltige Vorhaben glücklich durchführen?, so fragen sich die durch geisttötenden Drill gefügig gemachten kleinen Führer und Parteisoldaten. Wie im Mittelalter die Landsknechte dem siegreichen, beutebringenden Führer unbedingte Gefolgschaft leisteten, so glauben sie an Adolf Hitler. Wenn sie auch hin und wieder wankend werden; wenn zum Kampfe geblasen wird, sind sie da, darüber soll man sich keiner Täuschung hingeben. Man sieht das am Verhalten der alten Kämpfer. Nicht alle aus der Kampfzeit haben es zu Ehren und Würden gebracht. Manch einer fühlt sich betrogen oder zumindest in irgend einer Weise geschädigt durch die Partei. Sie nörgeln und schimpfen am lautesten, weil sie sich das auch am ehesten leisten können. Sobald aber der Führer sie zu einem Treffen der alten Garde aufbietet, ziehen sie wieder ihr Braunhemd an und marschieren genau so begeistert mit wie ehedem. Nur ganz wenige haben sich von allem zurückgezogen und selbst diese werden in der Reihe marschieren, wenn es zum grossen Treffen kommt. 2.Bericht: Die vor Monaten noch übliche Redewendung, dass Hitler eben nicht alles wisse und darum nicht alles abstellen könne, hört man gar nicht mehr. Bei den entschiedensten Ablehnungen der Hitlerei wird niemals mehr eine Ausnahme für Hitler persönlich gemacht. Rheinland- Westfalen: Im Volke achtet man mehr und mehr auf das öffentliche Auftreten Hitlers. Nicht nur unterhält man sich über die Raserei, in die Hitler jedesmal bei seinen- Reden gerät; man verfolgt sein Verhalten in den WochenschauFilmen. So ist es dem Publikum nicht verborgen geblieben, dass er bei Veranstaltungen ständig von sechsfachen Reihen der SS umgeben war. Die Schlussfolgerung ist: Der" geliebte Fihrer wird wohl doch nicht so sehr geliebt, wie man es immer darzustellen versucht und Hitler muss mächtige Angst vor Attentaten haben. Verschiedene Photos aus den Zeitungen, die Hitler in der Bewachung durch die SS zeigen, wurden an das Schwarze Brett im Betrieb geklebt. 1-7Südwestdeutschland: Die Redensart, dass nur die untergeordneten Organe an den Zuständen Schuld wären, Hitler jedoch davon nichts wisse, ansonsten er es abstellen würde, ist immer weniger zu hören. Daraus kann man aber noch nicht schlussfolgern, dass diese Haltung für eine positive Sammlung der Kräfte auf eine Aenderung der Zustände ausreicht. Nordwestdeutschland, 1.Bericht: In privaten Kreisen und in Betrieben sind die SA- Leute nicht selten die deutlichsten Kritiker. Aus diesen Personenkreisen kommen schon Aeusserungen, allerdings noch vereinzelt, die von einem Verrat des Nationalsozialismus durch Hitler sprechen. Andere schimpfen auf Göring, der die Nationalsozialisten an die Militärreaktion verraten habe. 2.Bericht: In akademischen Kreisen( bei Referendaren, Assessoren, Regierungsräten, Richtern, Aerzten, Hochschullehrern und Oberlehrern usw.) sind zahlreiche Menschen bewusst gegen Hitler eingestellt. Nicht nur gegen die NSDAP, die ihnen mit ihrer anmassenden Ueberheblichkeit ganz und gar widerlich ist. In ihren gesellschaftlichen Klubs, bei ihren privaten Konversationen, machen sie bittere Witze über Hitler. Sie zeigen und erzählen von Verordnungen, die textlich nicht einwandfrei sind oder sich durch stilistischen Krampf inhaltlich geradezu widersprechen. Die Formulierungen in Hitlers Reden bilden amüsanten Stoff für die Unterhaltung im engeren akademischen Kreise. Berlin, 1.Bericht: In industriellen und Bank- Kreisen herrscht jetzt die Ansicht vor, dass Hitlers persönlicher Einfluss durch die Unentschlossenheit, die er in letzter Zeit an den Tag gelegt hat, stark zurückgegangen sei. Gleichzeitig ist man jedoch überzeugt, dass sich bei jedem Heftigerwerden der Kliquenkämpfe die Position Hitlers zwangsläufig auch wenn er dem Treiben dieser Kliquen zunächst untätig zusiehtverstärkt, da jede dieser Gruppen schliesslich für die Durchsetzung ihrer Ziele Hitler braucht. Die Entscheidung liegt also letzten Endes bei Hitler, für den diese Kliquenkämpfe -im Gegensatz zur landläufigen Auffassung- keine Gefahr, sondern im Gegenteil das Mittel bilden, die persönliche Position weiter zu stärken. 2. Bericht: Der Hitlernimbus schwindet immer mehr; in gewissen Kreisen erzählt man sich, dass man es mit einem grössenwahnsinnigen Kranken zu tun habe, der unberechenbar in all seinen Handlungen und Aeusserungen sei. In Volkskreisen anerkennt man, dass er sich in seinem persönlichen Leben sehr zurückhält und keinerlei" Passionen", wie die Göring, Goebbels und Ley, hat. Früher ist Hitler überaus häufig als überragende Persönlichkeit den Torheiten der kleinen Führer gegenübergestellt worden. Das geschieht jetzt kaum noch. A-8Wasserkante: Ich hätte in Hamburg gern mal einen richtigen Nationalsozialisten getroffen, um mich mit ihm zu unterhalten. Aber es ist mir nicht gelungen. Auch die Beamten denken gar nicht daran, den Staat gegen Meckerer in Schutz zu nehmen. Und die SA- Leute schimpfen am lautesten. Früher wurde Hitler von der Kritik ausgenommen. Das hat aufgehört. Ueber ihn wird genau so geschimpft wie über die anderen Nazibonzen. Vor allem hat niemand den Rummel verstanden, der bei Mussolinis Besuch inszeniert wurde. Wen immer man sprach, alle schütteln den Kopf." Da rasselt der deutsche Michel mal wieder so richtig rein." Die nationalen Bürgerlichen sagen:" Hat dieser Hitler denn kein Nationalgefühl? Hat er den Treubruch von 1914 vergessen?" Die Arbeiter in den Betrieben äfften die Berliner Brüller nach:" Wir wollen den Dutsche sehen!" und hielten sich den Bauch vor Lachen. Sachsen, 1.Bericht: Hitler wird allgemein als ein Phänomen angesehen, auch von den Arbeitern wird er noch oft geradezu mit einem Glorienschein umgeben. Noch immer sagt man: er will das beste, Schuld sind immer nur die anderen. Man muss beachten, dass die Nazis eine sehr geschickte Propaganda mit Hitler machen. Immer wieder gibt es Bilder, die ihn zeigen, wie er sich zu einem Kinde herabbeugt, wie er einer armen Frau die Hand drückt, wie er Arbeits- oder Kriegsopfer begrüsst. Das alles macht Eindruck. Der 30. Juni dagegen spielt bei den einfachen Menschen gar keine Rolle mehr. Damals hat man gesagt, der Führer tut ganz recht, wenn er nicht nur in den Reihen seiner Gegner, sondern auch in den Reihen der Partei aufräumt. In den Reihen der Nazis ist Hitler noch oft geradezu der Abgott. Ein fanatischer Pg, mit dem ich nach einer Rede Hitlers darüber sprach, dass ich diesen oder jenen Satz nicht verstanden hätte, antwortete mir:" Ja, sehen Sie, das verstehen wir nicht, Sie ebensowenig wie ich. Aber der Mann is ja so gross, der steht ja soweit über uns, Was dass wir kleinen Leute das einfach nicht verstehen." er alles auch sagt, man glaubt ihm und folgt ihm im blinden Vertrauen. 2. Bericht: Die allgemeine Stimmung im Zittauer Bezirk richtet sich immer mehr gegen Hitler. Wenn bisher immer gesagt wurde:" Hitler weiss nicht alles, was geschieht", so spricht man jetzt, dass er selbst erklärt habe, es geschehe nichts in seiner Partei, wovon er keine Kenntnis habe, so sei er auch für alle Uebergriffe und alle Taten der Behörden und NS- Organisationen verantwortlich zu machen. Man macht ihn jetzt für die falsche Wirtschaftspolitik, für den Lohnabbau, den schlechten Geschäftsgang und den mangelnden Export allein verantwortlich. Das zerstört langsam, aber sicher, den Nimbus um den Führer, dessen er sich auch in grossen Teilen der Arbeiterschaft, mehr als im Bürgertum, noch erfreut. 3. Bericht: Während früher für Hitler noch Partei genommen und die Schuld an den unerträglichen Zuständen mehr seinen A- 9Mitarbeitern zugeschoben wurde, trifft ihn heute gleichfalls die harte Kritik. Ganz offen sprechen Teile der Bevölkerung, dass Hitler nur den Reichen, aber nicht den Armen helfe. Was er früher versprochen habe, davon habe er rein gar nichts gehalten. 4. Bericht: Ein Chemnitzer Kaufmann erklärte, dass sich in seinem Bekanntenkreis die Einstellung der Bevölkerung zu Hitler als Mensch und Person nicht geändert habe. Ihm sei auch unter Arbeitern Kritik an Hitler persönlich noch nicht begegnet. 5.Bericht: Nachdem eine Zeit lang auch Hitler von der allgemeinen Misstimmung in Dresden nicht ausgenommen wurde, ist zur Zeit davon weniger zu bemerken. Natürlich ist, wie schon seit langer Zeit, die allgemeine Schimpferei und Abneigung gegen das System zu bemerken, aber Hitler wird wieder einmal ausgenommen. Es mag sein, dass die Art seiner Lebensführung, oder vielmehr das, was bekanntgemacht wird, die Ursache dafür ist. Ein junger Genosse aus Dresden sagt kurz und bündig: Hitler nimmt man noch immer von der Kritik aus. Die Schuld schiebt man den Unterführern und vor allem Göring zu. Mitteldeutschland, 1.Bericht: Der Hitlerkult ist noch sehr verbreitet, besitzt aber nichts Ursprüngliches mehr. Aeussern sich die Leute kritisch über die Zustände, so schieben sie die Schuld auf die" kleinen Adolfe" und sagen:" Ja, wenn das Hitler wüsste!" Man hat aber den Eindruck, als ob viele dieses Herausnehmen Hitlers aus ihrer Kritik nur zu dem Zwecke machen, um in bezug auf ihre übrigen Bemerkungen nicht Gefahr zu laufen. Man beobachtet, dass die Gespräche über Hitler und die anderen Würdenträger immer leicht einen Uz- Ton, einen satirischen Ton, statt eines spitzen Tones annehmen. 2. Bericht: Hitler wird immer mehr als ein Strohmann der Militärs betrachtet und man hört vielfach:" Ach, der hat ja nichts zu sagen. Das machen alles die Anderen". Ebenso ist es ein geflügeltes Wort:" Hitler will das ja nicht, aber er kann gegen Göring und Konsorten nichts machen". Viel Staub aufgewirbelt hat die Errichtung der Reichskanzlei in Berchtesgaden. Während die einen sagen, Hitler getraue sich überhaupt nicht mehr nach Berlin, weil er sich vor der Bevölkerung fürchtet, sind andere der Ansicht, dass die Anderen Hitler nicht mehr in Berlin haben wollen. Jedenfalls blüht der Klatsch auf das Ueppigste. Auch in den sogenannten besseren Kreisen macht man sich über Hitler, besonders über seine Reden, lustig. So sagte mir vor kurzem ein Lehrer, früher Demokrat: ob Hitler über Aussenpolitik, Wirtschaft oder Kunst spreche, es sei immer der gleiche Senf, den ér verzapfe. Selbst bei nüchternster Beurteilung muss man zugeben, dass die Ehrfurcht vor Hitler, die in erschreckendem Masse vorhan A- 10den war, stark im Schwinden begriffen ist, ja sogar fast völlig verschwunden ist. 3.Bericht: Ein Arbeiter aus X., der früher Mitglied der christlichen Gewerkschaften war, erklärte: Wenn Führer wie Göring, Hess etc. die Städte besuchten, so seien die Einzüge gestellt und die Masse des Volkes stehe dem Theater gleichgültig gegenüber. Etwas anderes sei es, wenn Hitler komme. Da wirke schon die allgemeine Neugier mit und die ganze Mystik, die den Mann umgebe. Namentlich viele Frauen seien dann wie verrückt. 4. Bericht: Ausländische Beobachter, die Gelegenheit hatten, in monatelangen Reisen mit vielen Deutschen vertraulich zu sprechen, äusserten sich, dass sie überzeugte Nazis kaum noch angetroffen hätten, ausser in der Jugend, die aber auch teilweise sehr kritisch, wenn nicht gegen das System, so do ch gegen manche seiner Erscheinungen eingestellt sei. Auffallend oft hätten sie jedoch Leute getroffen, die Hitlers geistigen Zustand mit dem Wilhelms II. zur Zeit der Novemberkrise im Jahre 1908 verglichen. Manche hätten ganz offen von" verrückt" gesprochen. Jedenfalls sei sein Ansehen stark angenagt. Ein Industrieller erklärte, die Popularität Hitlers lasse nach und die von Göring steige. Auf den Einwand des Berichterstat ters, dass das wohl nur für seine Freunde in den gehobenen Gesellschaftsschichten gelte, sagte der Mann, dass nach übereinstimmenden Berichten das Erscheinen Hitlers nirgends mehr sonderliche Begeisterung auslöse, wenn man von den kommandierten Schreiern absehe. Göring gelte in seinen Freundeskreisen als der kommende Mann, der aufräumen werde. Schlesien: Auch der" Führer" wird nicht mehr von der Kritik ausgenommen. Als die Uebersiedlung der Reichskanzlei nach dem Obersalzberg bekannt wurde, sind in verschiedenen Betrieben des Görlitzer Bezirks die hämischsten Bemerkungen gemacht worden. Worte:" Das hätte sich einmal früher ein Reichskanzler erlauben sollen", oder:" Mensch, haben wir Geld, jetzt haben wir sogar einen Sommer- und einen Winterreichskanzler, einen auf der Höhe und einen tief unten" oder:" Das Winterhilfswerk beginnt für die Reichskanzlei wegen Umzug schon am 1. Juli" usw. Das waren die Bemerkungen, die sich die Arbeiter im Bet iebe zuriefen. Auch der teure Bau" Deutsche Kunst" in München war die Ursache recht spöttischer und spitzer Bemerkungen in der Arbeiterschaft, noch mehr aber an den Stammtischen der Spiessbürger:" Ja, der grosse Adolf versteht etwas von der Kunst, der hat ja schon in seiner Jugend Rembrandtbilder für die Strassendirnen in Wien gemalt", so hörte einer meiner Vertrauensleute einen Spiesser in einem grossen Lokal in Görlitz zu seinem Nachbar sprechen. Am meisten widert und empört aber viele Menschen die pompöse Pracht, die das System bei jeder Gelegenheit zur Schau stellt. Mit der Ausrede, davon weiss der" Führer" nichts, kann jetzt keiner mehr A- 11kommen, da wird er ausgelacht oder aber es wird ihm gesagt, ob er denn allein noch glaube, dass davon Hitler nichts wisse. Die Kritik setzt jetzt bei allen Dingen, auch bei dem Verantwortlichsten der, Verantwortlichen ein, ja er wird am allerersten davon betroffen, so dass von einer" Hitlerpsychose" nicht mehr gesprochen werden kann. Die beiden folgenden Berichte schildern Beobachtungen auf der" Grossen Deutschen Kunstausstellung" und der Ausstellung " Entartete Kunst" in München. Die Nationalsozialisten haben den Massenbesuch zur Ausstellung der" Entarteten Kunst" organisiert und in der letzten Zeit Hunderttausenden von Menschen, die zum grössten Teil kaum je eine Kunstausstellung besucht haben, Bilder, Plastiken und Zeichnungen bekannter moderner Künstler als " En tartete Kunst" vorgeführt. Bayern: Wenn man sich die beiden Kunstausstellungen ansieht, so ist der erste Eindruck der Bauten der, dass das Regime wahrhaftig alles getan hat, um den von ihm gewünschten Erfolg zu erzielen. Man mag über diesen kostspieligen Prachtbau denken, wie man will, Eindruck macht er jedenfalls, besonders gegenüber den Ausstellungsräumlichkeiten im Hofgarten, in denen die" Entartete Kunst" untergebracht ist. Marktschreierische Reklame weist den Weg zu dieser Ausstellung, in der die" entarteten Bilder" in langgestreckten schmalen Zimmern aufgehängt sind. Die ganze Anordnung zielt darauf ab, dem Besucher das Abschreckende dieser Kunst zu beweisen. Die Bilder hängen ohne Rücksicht auf Beleuchtung und Wirkung. Zwischen den Bildern ist kaum mehr als eine Handbreit Zwischenraum. Schon auf diese Weise ist es kaum möglich, von einem Bild wirklich einen Eindruck zu erhalten. Man stelle sich beispielsweise mehrere Säle mit Bildern von Nolde, die ja ungeheuer farbig sind, in dieser Weise aufgehängt vor. Kein Wunder, wenn einem schon nach kurzer Zeit fast schlecht wird. Ganz vorn an der Treppe hängt eine tatsächlich scheussliche Plastik: Christus am Kreuz, von Professor Gies, die wohl in jeder Kitschausstellung ihren Platz finden würde. Jedes Bild ist mit einem farbigen Zettel versehen:" Bezahlt von den Steuergroschen des arbeitenden deutschen Volkes" und dazu der Preis, vielfach in Inflationszahlen, die nicht ihren Eindruck verfehlen. Zwischen den Bildern hängen Zitate der " Systemkritiker, die natürlich in äusserst geschickter Weise ausgesucht sind. Ganze Gruppen von Bildern sind in suggestiver Weise überschrieben, besonders häufig mit antisemitischen Sprüchen. Ueber eine Reihe von Werken jüdischer Maler steht z. B." Offenbarungen des jüdischen Geistes". Unter ihnen befinden sich Bilder von Chagall, darunter ein ganz herrlicher Rabbinerkopf. Was eigentlich daran zu verurteilen ist, wenn ein Jude sich Themen seiner Rasse entsprechend wählt, ist unerfindlich; jedoch gibt es unter den Besuchern wohl nur wenige, A- 12die so weit denken. Ueber einer Reihe von Negerbildnissen steht geschrieben:" Jüdisches Wesen macht sich Luft- Neger werden in Deutschland zum Rassenideal einer entarteten Kunst". Man hat sich auch nicht gescheut, Bilder von Karl Hofer ( Schweizer) und Chagall, Kokoschka, Kandinsky( Russen) anzuprangern. Natürlich rufen Zitate:" Wir ziehen es vor, unsauber zu existieren als sauber unterzugehen, unfähig, aber anständig zu sein, überlassen wir verbohrten Individualisten und alten Jungfern. Keine Angst um den guten Ruf" oder:" Mit etwas Humor und feiner Ausbildung der Speichelleckerei lässt sich auch Faschist enherrschaft ganz gut ertragen", nicht gerade Wohlwollen hervor. Aber es ist bezeichnend, dass man versucht, eine Kunstform von der moralischen Seite her zu diskreditieren, statt mit künstlerischen Wertmasstäben an sie heranzugehen. Andere Wände sind dafür in grosser Antiquaschrift mit Aussprüchen des Führers über Kunst bemalt. Die Aussteller versuchen, diese Kunst als etwas Krankhaftes hinzustellen und diejenigen, die sie zu fördern suchten, schlecht zu machen. Beispiel: Einige Corinthbilder sind ausgestellt, über denen étwa Folgendes steht: Von dem ausgezeichneten Maler Lois Corinth waren von den deutschen Museumsdirektoren nach dem Kriege besonders die Bilder gesucht, die nach seinem zweiten Schlaganfall entstanden waren und daher schon Zeichen von Auflösung an sich trugen. Der Erfolg bei dem Publikum ist, dass man den armen Maler bedauert und ganz allgemein die Museumsdirektoren als kulturbolschewistisch verseucht ansieht. Es gibt auch Photos von diesen Werken, im ganzen etwa 16 Stück. Mit Bedacht sind die schlechtesten Bilder ausgesucht. Aber, wie mir der Verkäufer sagte, werden sie viel gekauft. Zum Teil von Ausländern, vor allem aber wohl von den Spiessern, die bei ihrem Anblick so recht ihren eigenen Wert fühlen, wenn sie vor den einstmals" Grossen" ausspucken können. Der Besuch ist ungeheuer. Man merkt es den Leuten an, dass sie nicht aus eigener Initiative hergekommen sind. Alle Gliederungen der Partei, Schulen, DAF, KdF, haben zum Besuch dieser Ausstellung aufgerufen und von auswärts sind eigene Sonderfahrten nach München organisiert worden. Als ich in der Ausstellung war, stammte die Mehrzahl der Mitanwesenden aus dem kleineren Mittelstand, von denen man mit Sicherheit annehmen kann, dass sie nicht allzuviel Kunstausstellungen besuchen. Die Reaktion war dementsprechend naiv und ohne jegliche künstlerische Kritik. Die Bilder wurden abgelehnt, weil sie hässlich oder verrückt sind. Vor einem Selbstbildnis Schmidt- Rottluffs hörte ich einen jungen Ehemann zu seiner Frau sagen:" Und sowas malt sich selbst". Er hatte sich nämlich nicht als germanischer Götterjüngling dargestellt. Im übrigen war es aber ein künstlerisch wertvolles Bild, was man begreiflicherweise nicht von allen sagen kann. Die Mehrzahl der Besucher besteht aus Frauen. Vor den Malern der" primitiven Schule" sagte eine Frau zu ihrer Nach A- 13barin:" Des ka ja jeder hipatze!" 1P Die andere Schwäbin lächelte nur dazu, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Natürlich hört man die meisten Aeusserungen vor den geometrischen Bildern. Da hört man viele lachen:" Was soll des denn sei?"-" Horizontalvogelwesen"" Na ja, passt gut als Kaffeehausdekoration". Interessant für den Beobachter ist die Tatsache, dass die Leute vor diesen Bildern aus sich herausgehen, weil sie zu den anderen Bildern keine Stellung nehmen können. Manche versuchen, das Gesehene in naiver Weise zu werten. Vor einem Stilleben, dessen Objekt ganz gut zu erkennen ist: " Ja, das ist noch eines von den Besseren". Oder vor einem Bild, das perspektivisch ein Boot darstellt, sagt eine Frau:" Das is ja ganz nett!" Der Mann:" Na, ein Boot soll das sein!!", dann versöhnlicher:" Na ja, das geht ja noch". Vor einem Meeresbild sagt einer von der Wasserkante unter Lachen:" Der sollte erst mal an die See fahren, damit er weiss, wie das aussieht!" Ein ganz modern gemaltes Bild mit der Unterschrift " Saxophone" wird als Vexierbild angesehen. Was ein möglichst genaues Abbild der Wirklichkeit ist, wird anerkannt. Was darüber hinausgeht, wird kaum zu erkennen versucht, was hässlich ist, wird abgelehnt. Die Kunst soll nur Schönes zeigen. Es steht ja auch im Katalog zur grossen deutschen Kunstausstellung:" Problematisches und Unfertiges hat jetzt und nie im Haus der Deutschen Kunst Aussicht auf Annahme". Ueber die hohen Summen( Inflationszahlen), die von den Vergangenen für solche Bilder bezahlt wurden, regt man sich am meisten auf. Unter den Ausgestellten befinden sich tatsächlich so gut wie alle anerkannten Nachkriegsmaler: Nolde, Pechstein, Beckmann, Dix, Feininger, Klee, Schmidt- Rottluff, Rohlfs, Heckel, Karl Hofer, Kokoschka, Corinth, Chagall, Segall, Kirchner und viele andere. Das Kronprinzenpalais in Berlin muss ziemlich ausgeräumt worden sein. Interessanterweise fehlt Käthe Kollwitz, die aber auch in der grossen deutschen Kunstausstellung nicht vertreten ist. Uebrigens benutzt man die se Ausstellung auch zur Diffamierung der ehemaligen Zentrumspartei. Bei Nolde- Bildern, die religiöse Themen behandeln, wird darauf hingewiesen, dass diese Gotteslästerungen unter der Regierungsbeteiligung des Zentrums geschahen. Die vorhandenen Zeichnungen sind mit recht viel Text. versehen, der von den Besuchern mit gleichem Interesse gelesen wird, mit dem sie die Bilder betrachten. Von Lehmbruck und Archipenko sind nur Abbildungen vorhanden, keine Plastiken. Von Lehmbruck sollen welche ausgestellt gewesen sein, die jedoch angelauft wurden. Bei den Zeichnungen von George Grosz fehlt vorsichtigerweise jede Themenbezeichnung. Auf diese Weise wird der Eindruck erweckt, als ob er mit seinen Zeichnungen das deutsche Volk verhöhnt, während er Kriegsgewinnler und Etappengenerale meinte. Auf der Abbildung eines Kriegerdenkmals, auf dem zwei Soldaten stilisiert dargestellt sind, steht ein Hinweis auf die jüdische Abstammung des Künstlers. Ein Besucher erklärte prompt:" Typisch jüdische Köpfe". A-14Natürlich gibt es auch andere, verständigere Besucher, die ernsten Gesichtes schweigend durch die Räume gehen. Sicher ist Vieles in dieser Ausstellung, was künstlerisch nicht als wertvoll bezeichnet werden kann. Im Hause der Deutschen Kunst sind die Bilder ganz anders gehängt. Lichte, grosse Räume stehen dafür zur Verfügung. Vom Qualitätsstandpunkt aus gibt es viele brav gemalte, manche gut gemalten Bilder, die sich aber alle in den bisherigen Grenzen halten. Keiner versucht über das bisher Erreichte hinauszugehen. Impressionistischer Einfluss ist manchmal spürbar. Aengstlich ist jede Stellungnahme vermieden, die etwa nicht sanktioniert werden könnte. Die Themen sind unverfänglich, sehr beliebt sind Genrebilder aus dem Bauernleben, so wie sie einer malt, der kein Bauer ist; Landschaftsbilder, Porträts, Typendarstellungen, Schlachtenbilder, Darstellungen des Führers und verschiedener Gauleiter. Vor dem Bild, das die Reichstagsrede Hitlers darstellt, stehen immer die meisten Besucher. Man kann so schön erkennen, wer darauf dargestellt ist. Es gibt auch einige Bilder, die das Volk bei der Arbeit darstellen. Sie wirken aber beileiebe nicht aufrührerisch, im Gegenteil. Fast alles ist glatt und langweilig gemalt, führt zu keiner Weiterentwicklung der Malerei, kann den Betrachter nicht befriedigen, aber auch seinen Geschmack nicht verderben. Dagegen sind Plastiken ausgestellt, die man nur als schlimmstep Kitsch bezeichnen kann. Nackte Heldengestalten mit überdimensionierten Muskeln, hingebende Frauen, womöglich mit einem Lorbeerkranz im Haar oder in der Hand.( Die Frauen sind meist züchtig mit einem Hemd bekleidet) Die Auswahl des Publikums erfolgt hier durch das hohe Eintrittsgeld. Die Absicht ist unverkennbar: Bei der Masse des Volkes wird das Alte diskreditiert und die eigentliche Kunsterziehung steht an zweiter Stelle. Diese Absicht gelingt vollkommen, darüber soll man sich gar keiner Illusion hingeben. Schlesien: Ueber die" Deutsche und die" Entartete Kunst" wird berichtet: Der Bau der" DeutAusstellungen in München schen Kunst" wirkt bombastisch, aber erdrückend. Die Ausstellung selbst ist Kitsch. Die grössten Schmarren der neuentdeckten Nazikünstler sind ausgestellt, kein wahres Kunstwerk ist zu erblicken. Am kitschigsten ist Zieglers" Bergpredigt", ein Riesenbild von etwa 2- 2,50 mtr Höhe und Breite. Es stellt einen grossen Haufen Menschen dar, die wie entgeistert auf Hitler blicken, der mitten im Bild, wild gestikulierend, die Stirnlocke im Gesicht, beide Arme gegen den Himmel erhebt und darunter steht:" Zuerst war das Wort". Ein Schmarren sondergleichen, von dem sich die Besucher mit einem spöttischen Lächeln abwenden. Die" Entartete Kunst" ist in drei kleinen Räumen untergebracht. Dort hängen die kostbarsten Bilder, Rahmen an Rahmen, so dass kaum Zwischenraum ist. Alle Wände sind von oben bis unten eng behängt. Keine Belichtung, keine Bildanordnung. Zu jedem Bild die stereotype Bemerkung:" Für diesen Schund hat die Systemzeit Hunderttausende von Steuergroschen ausgegeben." 0 A-15II. Der Terror 1) Der Terror gegen die illegale Opposition Die Unterdrückung jeder politischen Opposition in Deutschland mit Henkersbeil und Peitsche, Zuchthaus und Konzentrationslager dient längst nicht mehr allein dem Zweck, die errungene Macht zu erhalten. Vielmehr versucht das Regime sich auch vorbeugend gegen alle Widerstandsregungen im Kriegsfalle zu schützen. Deshalb vernichtet es nicht nur erbarmungslos die überführten oder angeblich überführten Hochverräter, sondern lässt auch jene Männer für unbegrenzte Zeit in" Schutzhaft" nehmen, die zwar keinen Anlass zu Strafverfolgung gegeben haben, die aber aus der Vergangenheit als Antifaschisten bekannt sind und in der Zukunft als Führer der Opposition in Frage kommen könnten. Der" Neue Vorwärts"( Nr. 224, vom 26. 9. 1937) veröffentlichte einen Vortrag des Chefs der deutschen Polizei( und Reichsführer SS) Heinrich Himmler, in dem für den Kriegsfall eine weitere Steigerung des Massent errors angekündigt wird. Neben den Fronten zu Wasser, zu Lande und in der Luft werde es einen vierten Kriegsschauplatz:" Innerdeutschland!" geben. Für diesen Kriegsschauplatz benötige er neben der Polizei" eine Eingreif truppe, die ich für Aktionen im grossen gebrauchen kann. Das sind die Totenkopfverbände... die Totenkopfverbände werden in jeden Regierungsbezirk Deutschlands kommen". Diese Totenkopfverbände sind eine, aus den Bewachung smannschaften der Konzentrationslager hervorgegangene, in vierjähriger Dienstzeit geschulte Sonderformation der SS. Im Kriegsfalle sollen, wie Himmler in der gleichen Rede erklärte, rund 30 Totenkopfsturmbanne mit 25.000 Mann auf dem" Kriegsschauplatz Innerdeutschland eingesetzt" werden. Für den Kriegsbeginn kündete Himmler umfangreiche Massenverhaftungen in ganz Deutschland an. In unserem letzten Bericht über den politischen Terror( Heft 5/1937, Seite A 81- 127) stellten wir fest, dass die Zahl der A-16Todesurteile und Hinrichtungen seit dem Beginn des Jahres 1937 in erschreckendem Masse gewachsen sei. Inzwischen ist die Entwicklung in der gleichen Richtung und in immer rascherem Tempo weitergegangen: Am 22. Mai wurde der 43- jährige Kommunist Wilhelm Firl aus Dresden vom Volksgerichtshof Berlin zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die am 8. Juni zum Tode verurteilten Kommunisten Adolf Rembte und Robert Stamm wurden am 4. November hingerichtet. Die im sogenannten" Richardstrassen- Prozess" verurteilt en Kommunisten Schulz, Zimmermann und Schröter sind im Juli hingerichtet worden. Am 12. Juni verurteilte der in Stuttgart tagende Volksgerichtshof die Arbeiterin Liesel Herrmann und die Arbeiter Steidle, Göritz und Lowatsch zum Tode. Zu diesen Todesurteilen gegen politische Gegner kommt die wesentlich grössere Zahl von Todesurteilen, die in Landesverrats- Prozessen gefällt wurden.. Da alle Verhandlungen solcher Art hinter verschlossenen Türen geführt werden, ist nicht festzustellen, wie oft auch hier die formale Anklage nur als Vorwand für politische Rache dient. Wir stellen der Berichterstattung über den Terror zwei Berichte aus Berlin über die Hinrichtungen voran: 1.Bericht: Gewöhnlich werden in Berlin die vollzogenen Hinrichtungen" als abschreckendes Beispiel" an den Anschlagsäulen auf blutroten Plakaten bekanntgegeben. Als Mitte Juli die Verurteilten aus dem sogenannten" Richardstrassen- Prozess' hingerichtet wurden, waren zwar im Villenviertel Grunewald Anschläge zu sehen, in den proletarischen Wohnvierteln Siemensstadt und Neukölln jedoch nicht. Unter den dortigen SAMännern, die teilweise erst 1932 und 1933 von der KPD zur SA übergegangen sind und sehr häufig aus einem Milieu stammen, das dem im Richardstrassen- Prozess behandelten gleicht, haben diese Hinrichtungen eine gewisse Unruhe hervorgerufen. Im Zusammenhang damit wurden in einigen SA- Stürmen eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen; so im Häuserviertel Seestrasse Amrunerstrasse und in der Eberswalderstrasse beim Nord- Güterbahnhof. Auch in einigen Betrieben machten alte Nazis nach den Hinrichtungen missbilligende Bemerkungen:" Das war nicht nötig, das schafft der Kommune nur Auftrieb" usw. Die" alten Kämpfer" behaupten, dass Himmler die Hinrichtungen bei Hitler durchgesetzt habe. -172. Bericht: Ich habe mit einem Scharfrichter gesprochen. Er erzählte, dass er und seine Kollegen jetzt vom Staat eine feste Anstellung erhalten haben. Es fänden täglich Exekutionen statt, man arbeite deshalb seit kurzer Zeit nicht mehr mit dem Hand-, sondern mit dem Fallbeil. An einem einzigen Tage in der dritten Juniwoche wurden allein in Köln vier Hinrichtungen vollzogen. Die meisten Todesurteile, so erzählte er mir, würden wegen Spionage gefällt, und zwar nach einem sehr kurzen, oberflächlichen Verfahren. Die Oeffentlichkeit werde von den weitaus meisten Fällen gar nicht unterrichtet. Gegen die Urteile des Volksgerichtes gibt es zwar keine Berufung, aber es steht in Hitlers Macht, die Verurteilten zu begnadigen. Nach den Angaben des Scharfrichters macht er von diesem Recht ganz selten Gebrauch, obgleich sich unter den Deliquenten häufig Leute befinden, die ehemals höhere militärische Stellen bekleideten und gute Fürsprecher haben. Besonders auffallend sei die hohe Zahl der verurteilten Flugzeugkonstrukteure und Techniker.- Der Scharfrichter lehnte es brüsk ab, sich über die Hinrichtung sogenannter Staatsfeinde und Hochverräter zu äussern. Er sagte nur, politische Todesurteile und ihre Vollstreckung würden fast immer bekanntgegeben. a) Urteile gegen Sozialdemokraten Auch in dieser Berichtsperiode sind wieder eine Anzahl Sozialdemokraten zu teilweise ausserordentlich hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Wir erhielten darüber folgende Berichte: Württemberg: In Stuttgart fand Mitte August ein Prozess gegen 22 Sozialdemokraten aus Württemberg statt. Sie wurden eines Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat, der Verbreitung illegalen staatsfeindlichen Materials und der Unterlassung der Anzeige des hochverräterischen Vorhabens eines Anderen beschuldigt. Es wurden verurteilt: Braun, Erhardt, Feuerbach, 6 Jahre Zuchthaus PY 4 19 Zuchthaus Gaiser, PE 2 1/2 Jahre Gefängnis Bofinger, S 2 1/4 Jahre Gefängnis Völker; 12 2 Jahre Gefängnis Linse, Gentner, Leonberg, Frau Braun Rössle, Stuttgart, Spiess, Feuerbach, Salm, Stuttgart, Stuttgart, 2 Jahre Gefängnis 1 Jahr 7 Mon. 1 Jahr 6 Mon. 1 Jahr 6 Mon. Gefängnis Gefängnis Gefängnis 1 Jahr 1 Mon. 1 Jahr Gefängnis Gefängnis Die übrigen 11 Angeklagten wurden teils zu geringeren Gefängnisstrafen verurteilt, teils freigesprochen. 7718 A-18Berlin: Mitte August verhandelte der Volksgerichtshof Berlin in einem Hochverratsprozess gegen den Vorsitzenden des früheren Deutschen Metallarbeiterverbandes Alwin Brandes und gegen sieben Bezirksleiter und Geschäftsführer des DMV. Der Prozess endete mit der Freisprechung von Alwin Brandes, Otte, Magdeburg, Grimm, Merseburg und Lebbin, Bitterfeld, obwohl der Oberstaatsanwalt schwere Zuchthausstrafen beantragte, z. B. gegen Brandes 5 Jahre. Richard Teichgräber, Dresden, wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt; drei weitere Angeklagte erhielten 2 Jahre 6 Monate, 2 Jahre 9 Monate und 3 Jahre 5 Monate Zuchthaus. Wasserkante: Der I. Senat des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Kiel verhandelte unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrat Dr. Lang-Beisitzer: Oberlandesgerichtsrat Clausen und Dr. Kollhoff, Amtsgerichtsräte Dr. Bülter und Dr. Reusch vom 23. bis 26. September 1937 gegen sechs frühere Sozialdemokraten. Den Angeklagten, vier Frauen und zwei Männern, wurde zur Last gelegt, sich durch Weiterführung einer verbotenen Partei durch gemeinsames Abhören ausländischer Sender und Weiterverbreitung von Nachrichten des versuchten Hochverrats schuldig gemacht zu haben. Die Zusammenkünfte seien als" Handarbeitsclub" getarnt gewesen. Einige Angeklagte hätten auch illegales Material der Sozialdemokratischen Partei gelesen und weiterverbreitet. Zwei Frauen wurden freigesprochen. Frau Damm erhielt 2 Jahre, Frau Nels 1/2 Jahr Gefängnis, Paul Liebmann 1 1/2 Jahre, Paul Trost 9 Monate Gefängnis. Vor den gleichen Richtern, diesmal im II. Senat, fand von 5. bis zum 8. Oktober eine weitere Verhandlung gegen sieben frühere Mitglieder der Arbeiterjugend und der SPD statt. Auch ihnen wurde die Weiterführung einer verbotenen bzw. die Errichtung einer neuen Partei zur Last gelegt. Die Anklage lautet auch hier auf" versuchten Hochverrat". Folgende Urteile wurden gefällt: 4 1/2 Jahre Zuchthaus Hans Schröder Senegal Zyan Emil Bandholz Ludwig Stahl 4 4 3 8 Monate 99 會 Zuchthaus Zuchthaus Zuchthaus Gefängnis Kurt Salau 8 Monate Gefängnis Richard Mahrt wurde wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. Es fiel unserem Gewährsmann auf, dass auf der aushängenden Sachliste am Morgen, als der Prozess begann, die Namen der aber kurze Richter zwar zunächst verzeichnet waren, dass sie Zeit darauf mit einem undurchsichtigen Streifen überklebt worden waren. Ausser den hier genannten wurden in allen Teilen des Reiches eine Anzahl politischer Prozesse durchgeführt, von denen die Oeffentlichkeit keine Kenntnis erhielt und über deren Verlauf A- 19und Ergebnis oft die nächsten Angehörigen der Verurteilten keine volle Klarheit erlangen konnten. b) Das Los der Gefangenen Die deutsche Regierung hat versucht, die im Ausland erscheinenden Berichte über die Morde und Quälereien in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches als" Greuelmärchen" abzutun. Das ist nicht gelungen. Deshalb soll die Wahrheit auf andere Weise zum Schweigen gebracht werden. Man droht offen damit, sich für die in der Auslandspresse erscheinenden Enthüllungen an den Gefangenen zu rächen. Die Zeitungen der Emigration, vor allem der" Neue Vorwärts" und die der Leitung des Konzentrationslagers Dachau bekannten Einzelpersonen im Ausland haben gleichlautende Erklärungen von jüdischen Häftlingen in Dachau und ihren Verwandten und Freunden im In- und Ausland erhalten. In diesen Erklärungen heisst es: "... haben erneut Greuellügen über die Konzentrationslager verbreitet. Diese unverschämten Lügen werden von den Emigranten Juden verbreitet. Die Juden in Dachau stehen wieder in Verdacht, Lügennachrichten hierzu aus dem Lager geschmuggelt zu haben. Bis zur Feststellung der Täter werden wir Juden in Isolationshaft genommen. Wir teilen Euch mit, dass wir für die Dauer der Isolation streng abgeschlossen sind, alle Bequemlichkeiten verlieren und Post weder senden noch empfangen dürfen. Es liegt an Euch, die Emigranten- Juden in Prag zu beeinflussen, solche blödsinnigen Lügen über die Konzentrationslager künftig zu unterlassen, da die Juden in Dachau als Rassegenossen hierfür verantwortlich gemacht werden." Wir lassen einen Bericht aus Dachau folgen, der von einem entlassenen Schutzhäftling stammt. Darin wird geschildert, dass die jüdischen Häftlinge bereits vom 16. bis 30. März 1937 in Isolationshaft gehalten wurden. Auch damals wurde den Betroffenen ausdrücklich erklärt, es handle sich um" eine Vergeltungsmassnahme für die Artikel, die in ausländischen Zeitungen gegen die Konzentrationslager erschienen seien." Ich wurde am 14. August 1936 in Berlin verhaftet, war bis zum 25. August 1936 im Columbiahaus, bis zum 3. Februar 1937 A-20im Konzentrationslager Lichtenburg und wurde am 4. Februar 1937 mit anderen Gefangenen nach Dachau überführt. Wir wurden hier von dem Standartenführer Bardanowski empfangen, der Lagerführer ist. Er sagte uns nach der Ankunft, dass in Dachau " ein anderer Wind wehe" als in Lichtenburg. Das bekamen wir auch sofort zu spüren. Wir wurden beim Umkleiden von den SSLeuten geschlagen und getreten. Mir wurde von Blockführer Schöttel ein Strick zum Aufhängen angeboten. Die Abfertigung dauerte von vormittags 9 Uhr bis abends 6 Uhr. Wir hatten eine 18- stündige Eisenbahnfahrt hinter uns. Während der nächtlichen Reise hatte niemand geschlafen, und nun mussten wir den ganzen Tag stehen und bekamen nichts zu essen. Am Tor zum Gefangenenlager bekam ein jeder von uns vom Pförtner einen brutalen Tritt. Wir wurden dann vom Blockältesten 6 in Empfang genommen. Hier erfuhren wir, dass die Juden aus allen Konzentrationslagern Deutschlands in Dachau gesammelt und noch weitere Transporte erwartet würden. Am 11. Februar kamen jüdische Schutzhaftgefangene aus Sachsenburg, am 13. Februar aus Sachsenhausen. Unter diesen befand sich auch der mir bekannte sozialdemokratische Reichs- und Landtagsabgeordnete Ernst Heilmann. Aus Sachsenhausen brachte man einen 16- jährigen Jungen. Er war seinen Eltern in Hamburg ausgerissen, wurde in Holland aufgegriffen und nach Deutschland abgeschoben. Er ist nun schon über 11 Monate als Gefangener im Konzentrationslager. Schon in den ersten Tagen wurden wir in Dachau viel geschlagen. Wenn die SS- Posten sich gelegentlich zurückhalten, dann prügeln die" Kappos"( Korporalschaftsführer), das sind vom Standartenführer eingesetzte Antreiber, die die einzelnen Arbeitskommandos führen. Der grösste Teil dieser" Kappos" sind willfährige Kreaturen der SS, die aus den Reihen der Gefangenen sorgfältig ausgewählt werden. Aber auch die Blockältesten und Stubenältesten verhängen selbständig Strafen. Wir wurden oft durch Barackenarrest und Rauchverbot unserer zwei Stunden Freizeit beraubt. Die jüdischen Schutzhäftliinge arbeiten in gemeinsamen Kommandos. Sie bekamen immer die schwerste Arbeit, mussten vollbeladene Schubkarren durch losen Kies fahren, Loren beladen oder leere Loren im Laufschritt ziehen. Bei der Arbeit wurden sie oft geschlagen, wenn sich der Abstand zwischen den einzelnen Loren vergrösserte. Der sogenannte Moor- Express, ein Autoanhänger, der von 20 Mann gezogen wurde, hatte einmal eine Reifenpanne. Vom Standartenführer wurde behauptet, dass ein Sabotageakt vorläge. Dafür mussten sämtliche jüdischen Gefangenen sechs Sonntage Strafarbeit leisten. Auch für Sonderarbeiten ausserhalb der Arbeitszeit wurden hauptsächlich Juden herangezogen. Die jüdischen Gefangenen wurden ständig mit Schimpfworten, wie" Saujude"," Dreckjude"," Stinkjude" überhäuft. Die" arischen" Schutzhaftgefangenen bekamen während der Arbeitszeit zum Frühstück ein Stück Brot ausgehändigt, die jüdischen Gefangenen nicht. Um diese Sonderbehandlung recht sichtbar zu machen, liess man die Juden jedoch -21beim Brotempfang immer mit antreten. Wenn bei grosser Hitze für das Arbeits- Kommando Wasser zum Trinken geholt wurde, kam es vor, dass die Juden nicht trinken durften. Die Verpflegung der Schutzhaftgefangenen in Dachau war so knapp bemessen, dass die Gefangenen, die von ihren Angehöri gen kein Geld geschickt bekamen, ständig Hunger leiden mussten. Am 16. März 1937 wurde uns vom Standartenführer mitgeteilt, dass von nun an alle Juden in Sonderhaft gehalten würden. Dies sei eine Vergeltungsmassnahme für die Artikel, die in ausländischen Zeitungen gegen die Konzentrationslager erschienen seien. Die Isolierung der jüdischen Gefangenen dauerte bis zum 30. März 1937. Die Fenster der" Judenbaracke" wurden zugenagelt und von aussen angestrichen, die Türen verschlossen. Die Gefangenen mussten den ganzen Tag auf den Pritschen liegen. Eine Stunde vormittags und eine Stunde nachmittags wurden sie herausgelassen und machten unter Aufsicht des Blockführers Sport. Während der ganzen Zeit durften die jüdischen Gefangenen nicht schreiben und keine Post oder Geldsendungen empfangen. Sie hatten auch keine Erlaubnis zum Kantineneinkauf und durften nicht rauchen. Am 23. März wurden alle Gefangenen auf dem Appellplatz versammelt. Wir mussten uns zu einem Viereck formieren. Der SSOberführer Loritz sagte, dass die Vergehen gegen die Lagerordnung immer häufiger würden. Er werde uns einmal als Abschreckung vorführen, was den Widerspenstigen geschehe. Drei Gefangene wurden mit 25 Schlägen bestraft. Sie wurden über einen Bock geschnallt und bekamen eine Decke über den Kopf, damit man das Schreien nicht zu laut hörte. Geschlagen wurde mit einem etwa 1 1/2 Meter langen Ochsenziemer, der zu diesem Zweck einen Tag vorher ins Wasser gelegt worden war. Drei Blockführer wechselten sich beim Schlagen ab. Weiter wurden etwa 12 Gefangene zu einer bzw. zwei Stunden" Pfahlhängen" verurteilt. Die Gefangenen wurden mit den Armen nach rückwärts an den Handgelenken so aufgehängt, dass die Fusspitzen den Boden gerade noch berührten. Den Anblick der mit Menschen behängten Bäume vergesse ich mein Leben lang nicht. Wir durften jede Woche einmal unseren Angehörigen abwechselnd einen Brief und eine Karte schreiben. Wir mussten auch Briefe abschicken, bei denen uns der Text wörtlich vorgeschrieben war. Diese Briefe hatten etwa folgenden Inhalt:" Ich teile Euch hierdurch mit, dass uns die ausländischen Greuelmärchen sehr schaden. Jedesmal, wenn derartige Meldungen in der Presse erscheinen, werden wir in Sonderhaft genommen und verlieren jede Vergünstigung. Die Hetzer im Ausland sollten endlich ihre unwahren Greuelmeldungen einstellen." Wir waren vollkommen der Willkür der SS ausgeliefert. Wenn einem Posten die Nase eines Gefangenen nicht gefiel, liess ar ihn" Sport" machen oder brachte ihn zur Meldung. Bei der ersten Meldung gibt es meistens Strafarbeit, das heisst Sonntagsarbeit. Wer mehrere Meldungen hat, bekommt Bunker und 25 Schläge. Die sogenannte" Schlageter- Feiern" fanden beinahe A- 22jede Woche statt. Ein Gefangen er wusch sich, wie vorgeschrieben, mit entblösstem Oberkörper. Er hatte gerade sein Hemd wieder angezogen, als ein Blockführer erschien. Dieser behauptete, der Gefangene hätte sein Hemd nicht herunter gehabt und brachte ihn zur Meldung. Der Gefangene bekam 5 Sonntage Strafarbeit. In den Monaten Februar, März und April 1937 kamen eine Reihe Selbstmorde und" Erschiessungen auf der Flucht" vor. Der Jude Edgar Löwenstein wurde ständig schikaniert und geschlagen, weil er der von ihm geforderten Arbeit körperlich nicht gewachsen war. Im Februar wurde er in den Weiher geworfen. Er ging darauf in die Baracke und erhängte sich in der Toilette. Der Jude Löwenberg wurde bei der Arbeit furchtbar geschlagen, er beging in der Nacht Selbstmord. Im März wurden zwei Gefangene" auf der Flucht erschossen". Der Jude Löwy wurde erschossen, weil er zu nahe an einen Posten herankam. Es ist nämlich Vorschrift, dass man beim Sprechen mit einem Posten 6 Meter Abstand halten muss. Löwy wurde aufgefordert, den Abstand zu vergrössern. In seiner Angst ging er näher an den Posten heran. Der Posten fühlte sich angeblich bedroht und schoss ihn nieder. Ein Häftling wurde von einem Posten, der sich ausserhalb des Lagers hinter dem Stacheldraht befand, herangerufen. Er forderte den Gefangenen solange auf, näher zu kommen, bis er die neutrale Zone betrat, dann wurde er niedergeschossen. Die neutrale Zone ist ein Grasband, das sich rund um das Gefangenenlager zieht. Wer diesen Grasstreifen betritt, wird erschossen. Im März wurde ein neuer Gefangener eingeliefert. Als er einen Tag im Lager war, musste er im Laufschritt einen Schubkarren fahren. Dabei bekam er einen Herzschlag und war sofort tot. Im Juni wurde ein Jude nach Dachau gebracht, der unter dem Verdacht der Rassenschande stand. Er war so krank, dass er nicht gehen konnte. Wir mussten ihn bei seiner Ankunft mit dem Schubkarren in das Lager fahren. Täglich wurde er von uns zum Mittag- und Abend- Appell nach dem Appellplatz gefahren. Trotzdem wurde er vom Arzt nicht krank geschrieben. Nach 8 Tagen starb er.. Ich weiss, dass noch eine Reihe anderer Selbstmorde und" Erschiessungen auf der Flucht" vorgekommen sind. In diesen Fällen sind mir jedoch die Einzelheiten nicht bekannt. Ziemlich häufig fanden Lagerbesichtigungen statt. Den Besuchern wurden nur die jüdischen Gefangenen und die" Berufsverbrecher" vorgeführt. Besonders vorgestellt wurde der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Ernst Heilmann, den. man als den" ungekrönten König von Preussen" bezeichnete. An den Besuchstagen bekamen wir meistens besseres Essen. Zu meiner Zeit waren etwa 2.500 Gefangene im Konzentrationslager Dachau. In den Sommermonaten 1937 wurden die Arbeiten zur Vergrösserung des Gefangenenlagers begonnen und nach und nach alle alten Baracken abgerissen. Es sollen 36 neue Baracken aufgestellt werden. Die hygienischen Einrichtungen in den alten Baracken waren sehr schlecht, z.B. hatten 90 Gefangene nur 2 Wasserhähne zum Waschen und Geschirrspülen. A-23Die Schutzhäftlinge und Strefgefangenen leiden nicht nur unter der menschenunwürdigen Behandlung und der vielfach völlig unzureichenden( und durch die allgemeine Leben smittelknappheit in Deutschland noch verschlechterten) Ernährung, sondern auch unter der durch die Ueberfüllung der Strafanstalten und Konzentrationslager verursachten Raumnot. Die Ueberfüllung der Konzen trationslager ist eine Folge der neuen Massenverhaftungen, die Himmler in seiner( auf Seite A 15) erwähnten Rede offen zugegeben hat. Er erklärte wörtlich: " Ich bin nun mit dem Einverständnis des Führers allmählich dazu übergegangen, einen grösseren Teil der Funktionäre wieder festzunehmen... Wir werden die Zahl..so weit steigern, dass wir wirklich garantieren können, dass das Aufmachen einer neuen illegalen Organisation schon aus Mangel an Funktionären und Führern nicht möglich ist... ..Zu diesen Konzentrationslagern darf ich gleich sagen, ich glaube nicht, dass sie weniger werden, sondern ich bin der Ansicht, dass sie für bestimmte Fälle mehr werden müssen. ... Der Stand der Schutzhäftlinge ist rund 8.000. Warum wir soviel haben müssen, warum wir noch mehr haben müssen, darf ich Ihnen erklären..." T Zur Unterbringung der neuen Häftlinge werden überall Erweiterungs- und Neubauten vorgenommen, die von den Gefangenen selbst ausgeführt werden müssen. Bei Gotha in Thüringen wird ein neues Konzentrationslager für achttausend Gefangene errichtet, das den Namen Buchenwald erhalten hat. Beim Aufbau dieses Lagers sind 300 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Lichtenburg beschäftigt. Im Oktober 1937 erliess Reichsjustizminister Gürtner eine Verfügung, nach der Strafgefangene mehr als bisher zur Aussenarbeit herangezogen werden sollen. Begründet wurde diese Massnahme mit dem zunehmenden Facharbeitermangel. Die Verfügung betonte jedoch ausdrücklich, dass die Erlaubnis zur Aussenarbeit eine Vergünstigung darstelle, die besonders minderwertigen Häftlingen, etwa Sittlichkeitsverbrechern und politischen Gefangenen generell nicht bewilligt werden könne. Bei den letzteren sollen Ausnahmen nur statthaft sein, wenn es sich um" Mitläufer" handelt," von denen eine weitere staatsfeindliche Betä A- 20 tigung nicht zu erwarten ist." Die nachfolgenden Berichte aus verschiedenen Strafanstalten und Konzentrationslagern schildern die Bedingungen, unter denen die politischen Gefangenen leben müssen. Bayern: In ganz Bayern sind die Strafanstalten überfüllt, und es erfolgen immer neue Verhaftungen. Im Weidener Landgerichtsgefängnis werden Zellen, die für zwei Gefangene bestimmt sind, mit sechs Mann belegt. Im Nürnberger Zellengefängnis müssen viele Häftlinge auf den Gängen liegen. Mitteldeutschland, 1.Bericht: Im Konzentrationslager Lichtenburg( bei Pretin, Kreis Torgau) befanden sich im Juli dieses Jahres etwa 450 politische Gefangene, meist aus Oberschlesien stammend. Unser Gewährsmann, ein entlassener Lichtenburger Häftling, der sich sehr zurückhaltend äussert, berichtete uns, dass die Politischen sich als gute Kameraden. bewährt hätten. Es erfolgen immer neue Verhaftungen und Einlieferungen ins Konzentrationslager. Dadurch erfahren die Gefangenen manches, was draussen vorgeht. Im übrigen dürfen nationalsozialistische Zeitungen gelesen werden( In Heft 5/ 1937 brachten wir auf den Seiten A llo- 114 einen ausführlichen Bericht über Lichtenburg). 2. Bericht: Ich war zuerst in Essen, dann in Hamm, später im Zentralgefängnis in Werl bei Dortmund und zuletzt im Gerichtsgefängnis Erfurt. In Werl habe ich 15 Monate zugebracht. Ich wurde eine Zeit lang als Essenträger verwendet und hatte so Gelegenheit, mit vielen Gefangenen zusammenzukommen und manches zu beobachten. In Werl waren zu meiner Zeit ca. 1000 Personen inhaftiert. Während die Kost im Anfang meiner Haft einigermassen ausreichend war, ist sie nach und nach immer unzureichender und gehaltloser geworden. Der Tagesverlauf war: früh 6 Uhr Wecken, 1/2 7 Uhr Kaffeeausgabe, 7 Uhr Arbeits beginn, von 8- 1/2 9 Uhr Freistunde. Im Hofe mussten wir auf Kommando im Gleichschritt marschieren. Nach der Freistunde ging es wieder an die Arbeit. Die Gefangenen stellten Bastdecken für Hand- und Ziertaschen her, nähten Gefängnis- Uniformen, klebten Tüten usw. Die Arbeiten wurden in grösseren Sälen hergestellt, es bestand strenges Redeverbot. Als Entschädigung wurden pro Tag, 4, 6, 9 und 12 Pfennige gutgeschrieben. Bei guter Führung konnte ein Teil zur Verbesserung der Kost oder als Porto verwendet werden. Nach der Mittagspause von 12 bis 13 Uhr wurde wieder bis abends 18 Uhr gearbeitet. Nach dem Abendbrot ging es um 19,30 Uhr in die Schlafräume. Ich lag in einem Raume, der für vier Personen berechnet, aber mit 12 Mann belegt war. Zu den vier vorhandenen Bettstellen wurden noch 8 Strohmatratzen auf den Fussboden gelegt. Die älteren Aufsichtsbeamten behandelten uns erträglich, die jüngeren waren sehr brutal. Im Januar wurde ich wegen Ueberfüllung des Gefängnisses mit 40 anderen Gefangenen nach dem Gerichtsgefängnis 1-25; Erfurt versetzt. Etwa 80 Mann brachte man aus dem gleichen Grunde nach Heiligenstadt. Wir wussten im Voraus, dass Erfurt als" Musteranstalt" gilt, d.h., dass dort geschlagen wird. Bei der Einlieferung wurden wir von dem Hauptwachtmeister Wooge einzeln aufgerufen und mussten uns mit den Händen auf dem Rücken in Abständen aufstellen. Unter uns war ein 80% iger Kriegsbeschädigter, Wilhelm Bristaf aus Wattenscheid, der infolge seiner Verletzung nicht gerade stehen konnte, aber nicht mehr in ärztlicher Behandlung war. Weil er einer Anordnung dieses Hauptwachtmeisters Wooge widersprochen hatte, wurde er weggeführt und fürchterlich geschlagen. ca. In Erfurt war das Essen besonders schlecht. Unter den Gefangenen ging das Gerücht um, dass( bei einer Belegschaft von 350 Gefangenen) die Anstaltsleitung jährlich eine grössere Summe von den Verpfleggeldern" erspare". Es gab früh ein Stück Brot und" Kaffee", Mittags einen Liter Suppe mit Erbsen, Bohnen oder Linsen und etwa 2 Kartoffeln darin und Abends wieder Suppe. Die Suppen wurden von uns Einlauf suppen genannt und konnten, da sie fast nur aus Wasser bestanden, getrunken werden. Nur die Krankenkost war etwas besser. Aber es war nicht einfach, sich krank zu melden. Wer Fieber hatte, konnte noch vom Glück reden, wenn er nur aus dem Arztzimmer herausflog. Mancher bekam noch dazu eine Arreststrafe. Ein Gefangener namens Otto Bauer hatte sich krank gemeldet und war vom Anstaltsarzt Dr. Ruckert herausgeworfen worden. Am anderen Morgen konnte Bauer nicht aufstehen, wurde aber aus dem Bett gezerrt und zur Arbeit geschickt. Da sich B. nicht auf den Beinen halten konnte, kam er ins Krankenhaus und starb am nächsten Tag. Ein anderer Untersuchungsgefangener, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist, war wegen Beleidigung Görings, den er als Morphinisten bezeichnet hatte, inhaftiert und bekam Mandelentzündung, verbunden mit Kopfschmerz und Erbrechen. Er musste arbeiten. Als er nach drei Tagen vor Schmerzen nicht mehr essen und kaum schlucken konnte, wurde er ins Krankenhaus geschafft und operiert. Nach einigen Tagen ist er unter grossen Schmerzen gestorben. Ein Apotheker, Kurt Seidel aus Leipzig, der angeblich Verbindung mit Juden im Ausland gehabt hatte und deshalb im Gefängnis war, erkrankte ebenfalls und ist nach einigen Tagen gestorben. Während ich im Erfurter Gefängnis..war, sass auch ein SAInspektor Held etwa vier Monate in Untersuchungshaft. Er war Mitwisser einer Unterschlagungssache, in die der Polizeipräsident und Standartenführer Dr. Weber mit verwickelt war. Er wurde eines Tages in eine Einzelzelle verlegt und ist dort nach einiger Zeit tot aufgefunden worden. Held wusste zuviel. Die Behandlung der Gefangenen war in allgemeinen sehr brutal. Der Hauptwachtmeister Wooge, der gleichzeitig Sturmführer ist, zeichnet sich durch Rohheit besonders aus. Geringfügiger Anlässe wegen wurden die Häftlinge Walter Schäfer aus Erfurt, Wilhelm Weber und Mai so goschlagen, dass wir ihre Schreie im Freihof hören konnten. Am 28. Februar 1937 wurde ich vom Gerichts gefängnis nach 4-26dem Polizeigefängnis gebracht. Hier sass ein Kriegsbeschädigter Karl Lidke aus Mühlhausen/ Thür., der wegen Vorbereitung zum Hochverrat eingeliefert worden war. Der Staatsanwalt hatte bereits das Verfahren gegen ihn eingestellt, aber die Gestapo verhaftete ihn wieder und machte ihn durch Schläge so mürbe, dass er aussagte, er habe Gelder kassiert und an die Angehörigen verhafteter Genossen verteilt. Die Beamten, die bei den Misshandlungen am brutalsten verfuhren, sind Inspektor Hesse und Günther, beide von der Gestapo in Erfurt. Sachsen, 1. Bericht: Bine Genossin, die eine mehrjährige Zuchthausstrafe in einer sächsischen Anstalt verbüsst hat, berichtet: In den ersten 4 Monaten meiner Strafzeit war ich mit einer Leidensgefährtin in einer Zelle untergebracht. Nach dieser Zeit kam ich in einen Gemeinschaftsraum, in dem 70 Gefangene wohnten, schliefen und assen. Politische und kriminelle Gefangene wurden nicht getrennt. Ich habe z. B. zwischen zwei Mörderinnen schlafen müssen. Etwa die Hälfte meiner Mithäftlinge waren politischer Vergehen wegen verurteilt worden. Die kriminellen Gefangenen werden bevorzugt behandelt. So, war z.B. unsere Stubenälteste eine Kriminelle. Sie bespitzelte uns und meldete jeden kleinen Verstoss gegen die Vorschriften der Oberauf seherin. Die Aufsichtspersonen im Frauenzuchthaus werden jetzt" Frau Oberwachtmeister" und" Frau Hauptwachtmeister" genannt. Die alten Aufsichtsbeamtinnen behandeln die politischen Gefangenen etwas rücksichtsvoller, während die neueingestellten nationalsozialistischen Wärterinnen die Politischen schärfer beobachten als die Kriminellen. Trotzdem wurden in meiner Gemeinschaft so gut wie keine Hausstrafen gegen die politischen Gefangenen verhängt. Die Politischen halten gute Kameradschaft, während die Kriminellen sehr streitsüchtig sind und ihre Angelegenheiten so austragen, dass die Aufseherinnen einschreiten müssen. Als Hausstrafen werden verhängt: Essenentzug an 2 Tagen in der Woche und Arrest. Die Gefangenen können sich im Monat bis zu 1,- RMK zusätzliche Lebensmittel kaufen. Ist eine Gefangene in der Gemeinschaft, die dafür kein Geld hat, so legen ihr die anderen stillschweigend und unauffällig etwas in den Schrank. Davon darf das Aufsichtspersonal allerdings nichts merken. Wenn einer Politischen vom Aufsichtspersonal das Leben besonders schwer gemacht wird, versuchen die Kameradinnen ihr Erleichterungen zu verschaffen. Kommt aber die Aufseherin dahinter, dann wird die Gefangene in eine andere Abteilung versetzt. Die politischen Gefangenen ertragen mit sehr viel Geduld die ihnen auferlegte Strafe. Sie stehen zu ihrer alten Ueberzeugung und keine von ihnen, die ich kannte, machte einen gebrochenen Eindruck. Der Glaube an den Sozialismus hält sie alle aufrecht. Selbst jene, die einige Jahre Zuchthaus zu verbüssen haben, erhalten sich geistig frisch. Von der Erlaubnis, in der Oberstufe eine Zeitung lesen zu dürfen, machen die Politischen regen Gebrauch; sie tauschen die Zeitungen und Nachrichten untereinander aus. A-27Die Gefangenen werden mit Wäschen ähen, Maschinennähen und Knüpfarbeiten beschäftigt. In zwei Jahren habe ich 25,- RMK verdient. Sonntage durften wir 1/2 bis 1 Stunde gemein schaftlich singen, eigene Handarbeiten anfertigen, Schreibübungen machen und lesen. Bücherlesen war auch wochentags erlaubt, wenn keine Arbeit vorhanden war. Das Essen war sehr dürftig, vor allem fettlos. Der Speisezettel der Woche sah gut aus, aber wenn das Essen auf den Tisch kam, sah man nichts von Fett und Fleisch. Brot konnte man sich nehmen, soviel man brauchte. Verdorbenes und ungeniessbares Essen hat es selten gegeben. Im allgemeinen war die Kost geniessbar und wurde sauber hergerichtet. Auch die Wohn- und Arbeitsräume wurden sauber gehalten, nur wenzen gab es. 2. Bericht: Ein kürzlich aus dem Zuchthaus X. entlassener politischer Gefangener, der drei Jahre dort verbracht hat, berichtet: In einer Abteilung, die 96 Mann umfasst, waren 70 politische Häftlinge, in der Mehrzahl Kommunisten und Sozialdemokraten untergebracht. Die Behandlung der politischen Gefangenen unterschied sich nicht von der Behandlung der Kriminellen. Der Strafvollzug ist in drei Stufen gestaffelt. Selten gelingt es einem Politischen, die dritte Stufe zu erreichen. Nur wer in der zweiten Stufe, in der Zeitungslesen erlaubt ist, durch Jahre eine Nazi- Zeitung liest und durch sein sonstiges Verhalten einen Gesinnungswechsel glaubhaft macht, hat Aussicht, nach der Strafverbüssung freizukommen. Alle anderen werden vom Zuchthaus aus ins Konzentrationslager gebracht. Während in der ersten Zeit die Verpflegung erträglich war, wurde sie später von Jahr zu Jahr schlechter. Reines Fett gab es zuletzt überhaupt nicht mehr. Das Fett, das wir bekamen, schien mit Fischtran gemischt worden zu sein. Fünf Mal in der Woche gab es Marmelade. Fleisch war eine Seltenheit. Einmal monatlich konnte für 1,- RMK eingekauft werden. 3. Bericht: Nach meiner Verurteilung am... wurde ich in das Gefängnis Bautzen eingeliefert. Ich kam in die politische Abteilung des Gefängnisses. Die wegen politischer Delikte Verurteilten sind in Bautzen grösstenteils in besonderen Abteilungen zusammengefasst und kommen in Einzelzellen. Mit kriminellen Gefangenen kommen sie so gut wie nicht zusammen. Die vom Gericht als" gemeingefährlich" bezeichneten politischen Gefangenen werden wiederum gesondert von den Uebrigen gehalten. Sie werden schärfer als die anderen Gefangenen beobachtet und müssen sich sehr in acht nehmen, wenn ihre Haft nicht zu einer unerträglichen Qual werden soll. An der Tür ihrer Zelle steht folgende Aufschrift: " Gemeingefährlich E Sachen rauslegen!" Abends 6 Uhr müssen sie ihre gesamten Sachen vor die Zelle 1-28legen. Zum Teil tragen sie während des täglichen Spazierganges und auch nachts Handschellen. Eine gegenseitige Verständigung ist ihnen selbst während des täglichen Spazierganges im Gefängnishof unmöglich, weil zwischen den einzelnen Gefangenen mindestens 10 m Abstand sein muss und die Aufseher scharf darauf achten, dass der Abstand gewahrt wird. Für die Politischen sind z.Zt. drei Stock des Gefängnisses mit Einzelzellen vorgesehen. Jeder Stock hat 120 Zellen, deren Insassen eine Abteilung bilden. Die Gefangenen werden in eine Unter-, Mittel- und Oberstufe eingeteilt. In die Unterstufe kommen alle Neuen. Die krimi nellen Gefangenen bleiben in der Regel ein Drittel ihrer Strafzeit in dieser Stufe. Bei guter Führung können sie eher in die Mittelstufe aufrücken. Bei den Politischen hängt es vollkommen vom Gutdünken des zuständigen Beamten ab, wenn sie in die Mittelstufe eingereiht werden. Es wird immer ein Grund gefunden, um das Aufrücken hinauszuschieben oder uberhaupt unmöglich zu machen. In die Oberstufe kommen Politische fast nie. Die Gefangenen in der Unterstufe erhalten ausschliesslich die Gefängniskost und dürfen sich nur Wasch- und Schreibutensilien kaufen. In der Mittelstufe ist es den Gefangenen erlaubt, zusätzliche Nahrungsmittel zu erwerben. Voriges Jahr konnten sie sich im Zeitraum von 14 Tagen 1/4 kg gute Butter kaufen. In den letzten Monaten gab es aber nur noch 1/8 kg. Viel kann bei den hohen Preisen, die gezahlt werden müssen, und die zum Teil über den Detailpreisen liegen und bei der festumrissenen Summe von höchstens 1,80 RMK in 14 Tagen natürlich nicht gekauft werden. Die Gefängniskleidung ist aus grauem Drillich. Die Politisehen werden dadurch kenntlich gemacht, dass sie am rechten Oberarm ihrer Jacke einen grünen Strich haben. Der Spaziergang dauert täglich eine Stunde. Spaziergangsentzug tritt nur bei Verbüssung von Bunkerstrafen ein. Wer Bunker bekommt, erhält nur alle 3 Tage 1/2 Stunde Spaziergang bewilligt. Bunker gibt es bei den geringsten Verstössen, z. B. für Sprechen während des Spazierganges erstmalig 3 Tage und im Wiederholungsfall 8 Tage. 12 Tage Bunker wurden einmal verhängt, weil ein Gefangener einen ihm zugesteckten Kassiber verschluckte, um ihn nicht abliefern zu müssen. 28 Tage Bunker erhielt ein Gefangener, weil er seine Frau, die ihn besuchte, zum Abschied küsste. In diesen 28 Tagen nahm der Gefangene 22 Pfund ab und er musste nach Verbüssung der Strafe sofort in ärztliche Behandlung genommen werden. Nach 3 Tagen wurde er wieder gesund geschrieben und verpflichtet, sein tägliches Arbeitsquantum in der Zelle zu leisten. Die Bunker befinden sich im Keller des Gefängnisses. Es sind halbdunkle, ungeheizte Räume, in denen sich nur eine Holzpritsche befindet, weiter nichts. Während der Bunkerstrafe gibt es nur jeden dritten Tag warmes Essen, sonst trockenes Brot und Wasser und nur früh eine Schale warmen Kaffee. Jede Gefangenenabteilung, 120 Mann, hat 6 Bunker, die meist besetzt sind. Wer während der Bunkerstrafe einen Nervenzusam A-29menbruch erleidet, kommt in die Tobsuchtszelle. Im allgemeinen ist die Behandlung der Gefangenen nicht gut. Die unteren Beamten, besonders die neueingestellten, schikanieren die Gefangenen und schlagen sie in der Zeile. Die Prügelstrafe ist das" Erziehungsmittel", mit dem die Politischen für das Dritte Reich gewonnen werden sollen. Geprügelt wird mit Rohrstöcken und Ochsenziemern, die im Raum der Aufseher aufbewahrt werden. Die Prügelstrafe kann auch offiziell verhängt werden. Die Oberwachtmeister zeigen den Gefangenen wegen irgend eines kleinen Verstosses gegen die Hausordnung beim Oberamtmann an. Dieser verordnet die Strafe, und der Gefangene wird in eine der Prügelzellen im Keller geführt. Dort erhält er die verordnete Anzahl von Schlägen mit dem Rohrstock oder Ochsenziemer. Die Schreie der im Keller Geschlagenen sind oft in den Zellen zu hören. Nach der Prügelstrafe erfolgt fast regelmässig die Versetzung des Gefangenen in eine andere Abteilung. Besonders bei den Jugendlichen wird die Prügelstrafe angewendet. Beim Prügeln und auch durch andere Brutalitäten zeichnet sich der Oberwachtmeister Gärtner aus. Die Verpflegung im Gefängnis ist unzureichend. Während meiner Haft wurde sie von Monat zu Monat schlechter. Das Mittagessen ist fettlos und nicht selten höchst unsauber zubereitet. Im Essen wurden oft Haare und Mäusedreck gefunden. Im Brot wurde einmal ein lo cm langes Lumpenstück entdeckt. Die Qualität des Brotes verringerte sich in den letzten Monaten. Im Juli war es fast aus blanker Kleie und Maismehl, es war klebrig, von ganz dunkler Farbe und erzeugte oft Magenbeschwerden. In den letzten Monaten gab es sehr selten Fett, und das verabreichte Fett schmeckte nach Fischtran. Das Abendessen erhalten die Gefangenen bereits mit dem Nachmittagskaffee. Es ist unzureichend. Fast alle politischen Gefangenen werden in ihrer Zelle beschäftigt und kommen nicht in die Arbeitssäle. Sie müssen Peitschenschnüre drehen oder Lumpen zupfen, Kokosmatten, Abstreicher, Kohlensäcke flechten oder Tüten kleben. In den Tischler-, Schlosser- und Schmiedewerkstätten, die sich im Keller befinden, sowie zu Aussenarbeiten werden fast nur Kriminelle verwendet. Gearbeitet wird im Sommer von früh 6 Uhr bis abends 6 Uhr und im Winter von früh 3/4 7 Uhr bis nachmittags 3/4 5 Uhr. Das Arbeitspensum ist genau vorgeschrieben und die Mindestgrenze muss unbedingt erreicht werden, sonst bekommt der Gefangene eine mindere Arbeit zugewiesen. Wegen Nichterreichung des Arbeitspensums gibt es mitunter auch Schläge. E- Häftlinge erhalten pro Tag nicht mehr als 6 Pfg., die anderen Gefangenen können einige Pfennige mehr verdienen. Nach der Arbeitszeit kann sich der Häftling mit Lesen und Schreiben beschäftigen. Abends 6 Uhr wird in allen Zellen, mit Ausnahme der Oberstufe, das Licht weggenommen. Die Gefangenen können in der Unterstufe alle 4 Wochen, in der Mittelstufe alle 2 Wochen und in der Oberstufe alle 10 4-31Tage an ihre Angehörigen schreiben, wenn kein Schreibverbot ausgesprochen worden ist. In den gleichen Zeit abständen können auch Besuche empfangen werden. Die Gespräche während des Besuches werden unter Aufsicht von zwei Beamten geführt. Erfreulich ist, dass trotz des harten Strafvollzug die persönliche Haltung der Politischen gut ist. Unter ihnen gibt es kein" Verzinken"( Denunzieren), wie unter den Kriminellen. Lieber gehen sie in den Bunker, als dass sie einen Genossen verraten. Schlesien: Ein Häftling, der bis vor kurzem in Untersuchungsgefängnis Breslau gefangen gehalten wurde, berichtet: Das Untersuchungsgefängnis Breslau, im Volksmund" die Graupe" genannt, ist für politische Gefangene eine Hölle. Der Direktor Grossekettler, ein ehemaliger unfähiger Staatsanwalt, hat mit seinem Stabe von SS- und SA- Hilfswachtmeistern ein richtiges Blutregiment eingeführt. Zur Zeit befinden sich in der Anstalt 770 männliche und 180 weibliche Gefangene; etwa 400 davon wurden aus politischen Gründen verhaftet. Der Direktor beschimpft die Gefangenen, die ihm vorgeführt werden, in den gemeinsten Ausdrücken:" Strolch, Schuft, Landesverräter, Judenschwein, Marxistensau". Die Wachmannschaften befleissigen sich desselben Tones. Aber sie tun mehr: sie schlagen bei jeder Gelegenheit rücksichtslos mit dem Gummiknüppel drein. Die Hilfswachtmeister Winkler und Winzek benützen sogar ihr Seitengewehr als Prügelinstrument. Der Hilfswachtmeister Reiner tritt die Gefangenen mit seinen schweren SA- Stiefeln in den Leib und Rücken. Die Zellen sind mit Ungeziefer verseucht. Man kann die Wanzen von den Wänden streifen und ganze Hände voll in die Kübel werfen. Das Essen ist schlecht. Drei- bis viermal in der Woche gibt es Graupen in Wasser gekocht, sonst Mehl- und Haferflockens uppen. Als Abendbrot wird meistens trockenes Brot und sogenannter Kaffee verabreicht, Sonntags bisweilen ein kleiner Harzerkäse oder für zwei Mann ein Hering. Die Speisen sind immer verschmutzt. Einmal schwamm ein halbes Zahngebiss im Essenkübel. Als einige Häftlinge sich weigerten, ihre Rationen in Empfang zu nehmen, wurden sie dem Direktor gemeldet. Der beschimpfte sie, nannte sie" Meuterer" und liess sie fünf Tage in Arrest sperren. Versucht ein Häftling, eine Beschwerde einzureichen, so wird sie gewöhnlich vor den Augen der Gefangenen von einem Hilfswachtmeister zerrissen. Schlüpft ein Beschwerdeschreiben durch, geschieht zwar nichts, um die Misstände zu beseitigen, aber der Direktor lässt einige Gefangene in Arrest werfen. Für Besichtigungen werden besonders hergerichtete Zellen bereitgehalten. Man kocht auch besseres Essen und schärft den Häftlingen vorher ein, was sie auf etwa an sie gerichtete Fragen zu antworten haben. Vor einiger eit sind in der Küche grosse Diebstähle vorgekommen, an denen die Hauptwachtmeister Thiele und Grunert A-31beteiligt waren. Obgleich alle Wachtmeister und Gefangenen Bescheid wussten, hat der Direktor den Skandal unterdrückt. Grunert hat nämlich alle Werkstätten der Anstalt unter sich, und dort werden ständig grössere Arbeiten für den Direktor angefertigt, für die keine Zahlung erfolgt. In der Anstalt herrscht Rauchverbot. Es gibt aber Wachtmeister, die Tabak einschmuggeln und sich für ein minderwertiges Päckchen 5 Mark zahlen lassen. Geld, das die Verwandten der Häftlinge an die Hauptwachtmeister schicken, wird zum Teil unterschlagen. Die Gefangenen bekommen davon nur einen Bruchteil oder gar nichts zu sehen. Obgleich auch das aufgedeckt wurde, sind bis jetzt noch alle Beamten im Dienst. Viele politische Gefangene werden nach Verbüs sung ihrer Strafe in ein Konzentrationslager geschafft und dort nach Willkür auf unbestimmte Zeit festgehalten. Aber auch die freigelassenen" Politischen" werden bespitzelt, man droht mit neuer Verhaftung und erschwert ihnen das berufliche Fortkommen. Seit einiger Zeit macht die Arbeitsfront-wie die beiden folgenden Berichte zeigen- gegen viele politisch Vorbestrafte ein sogenanntes Ehrenverfahren anhängig, das zum Ausschluss aus der DAF und damit praktisch zum Ausschluss aus dem Berufsleben führt. Württemberg: Die Mitgliedschaft in der Deutschen Arbeitsfront wird von den meisten Arbeitern als Last empfunden; wer aber austritt oder ausgeschlossen wird, hat beruflich grosse Nachteile zu erwarten. Eine Anzahl sogenannter Staatsfeinde, d.h. oppositionelle Arbeiter, waren nach langer Haft endlich abgeurteilt worden. Da mehrere von ihnen bereits durch die Udtersuchungshaft ihre Strafe abgebüsst hatten, wurden sie entlassen. Fast alle fanden auch gleich darauf wieder Arbeit. Die Freude darüber wurde aber getrübt durch die Mitteilung der Arbeitsfront, dass gegen sie ein Verfahren vor dem Ehrengericht der DAF eingeleitet sei. Wenn festgestellt werde, dass sie wegen Hochverratsdelikten verurteilt wurden, werde gegen sie der Ausschluss aus der DAF verfügt. Was das bedeute, würden sie ja wissen. Jetzt tritt der groteske Fall ein, dass Leute, die wider Willen dieser Nazi- Organisation angehören, um ihre Mitgliedschaft einen Kampf führen müssen, wenn sie nicht ihr Brot verlieren und dem Verhungern ausgeliefert werden wollen. Bayern: In August wurden aus einer Getriebefabrik etwa 10 Arbeiter entlassen, die alle 1933 in Dachau waren. Bei der Entlassung erklärte man ihnen, dass sie wegen ihrer politischen Vergangenheit nicht in den neuangegliederten Rüstungsbetrieb übernommen werden können. A- 322) Der allgemeine Terror In der Berichtszeit ist die Grenzkontrolle derart verschärft worden, dass die Grenzbevölkerung das Gefühl hat, in einer Art Kriegszustand zu leben. Besonderes Aufsehen erregt der Bau von " Zollhäusern", die rund um Deutschland-hart an der Grenzlinie und in grosser Zahl- errichtet werden. Neben den allgemeinen Grenzbestimmungen werden gegen" politisch Unzuverlässige" noch besondere Verschärfungen angewendet. Das Dresdner Polizeipräsidium hat über viele" Verdächtige" eine Grenzsperre verhängt, ja ihnen ausdrücklich verboten, auch nur Ausflüge in die Nähe der Grenze zu unternehmen. Die Grenzstellen nehmen eine zweite Aussiebung vor. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Aus Bobental wurde gemeldet, es gäbe in der dortigen Gegend keine Grenzgänger mehr, alle. hätten in Deutschland Arbeit finden können. In Wirklichkeit wurde diesen Leuten die Grenzkarte zwangsweise entzogen, so dass sie ihre lohnende Arbeit im Elsass aufgeben mussten und jetzt gezwungen sind, sich unter schimpflichen Bedingungen ins rechtsrheinische Gebiet verfrachten zu lassen. Ganz scharf ist auch die Kontrolle beim Uebergang von Kehl nach Strasbourg. Jeder wird auf Herz und Nieren geprüft und wenn jemand keinen stichhaltigen Grund angeben kann, warum er hinüber will, macht er sich schon verdächtig. Tatsächlich ist seit etwa einem Jahr der Ausflugsverkehr nach Strasbourg. vollständig stillgelegt. Es gibt viele Kehler Einwohner, die schon seit zwei Jahren nicht mehr in Strasbourg waren, nur um sich nicht verdächtig zu machen. 2. Bericht: Zur Zeit werden längs der Schweizer Grenze neue Kasernen im kleineren Stil errichtet. Es heisst zwar offiziell, das seien Neubauten für die Zollbeamten. Der Innenbau ist aber ganz kasernenartig und sichtlich für die Aufnahme von Truppen bestimmt. Gebaut wird zur Zeit von Konstanz bis nach Lörrach, so in den Orten Oehningen, Grenze Ramsen, Büsingen bei Schaffhausen, Tengen gegen Waldshut zu, Stühlingen usw. Bayern: Längs der Grenze werden in kurzen Abständen grössere Zollamter gebaut. Von den dort beschäftigten Arbeitern werden die Häuser als Kasernen bezeichnet. Alle Räume sind sehr gross. Sachsen 1.Bericht: Im Grenzgebiet werden an allen besonders guten Positionen Zollhäuser gebaut. Sie haben Keller, Erdund Obergeschoss. Keller und Erdgeschoss müssen freigehalten werden wahrscheinlich für militärische Zwecke nur das Ober A-33geschoss wird bezogen. In jedes Haus kommen zwei Beamtenfamilien. Bemerkenswert ist, dass beim Bau das Material nie gefehlt hat, wie das beim Bau von Privathäusern oft der Fall ist. Die Kellerräume sind sehr gross und geräumig, auch mit Zement ist nicht gespart worden. Die Keller besitzen eine Betondecke von 14 om stärke und haben eiserne Träger, während in Privathäusern nur Holzträger verwendet werden dürfen. Folgende Häuser sind im Bau: In Erlbach- Euba brunn 8, in Zwota 6, in Untersachsenberg 6, in Obersachsenberg 7, in Klingenthal- Amtsberg 2 Doppelhäuser und in Mühlberg- Winselberg 4 Doppelhäuser. Allein in Klingenthaler Bezirk sollen insgesamt 96 solche Häuser gebaut werden. Bezeichnend ist, dass fast alle nahe der Grenze an erhöhten Stellen stehen. 2.Bericht: Zur Bewachung der Grenze werden auch Leute aus der Wehrmacht verwendet. Aus I. wird gemeldet, dass dort insgesamt 60 Mann den Grenzdienst ausüben, darunter 18 von der Wehrmacht. Diese Leute sind meist Chargierte und bleiben nur vorübergehend im Gebiet. Sie sollen nach einem halben Jahr ausgewechselt werden. Die Ausrüstung ist bei ihnen die gleiche wie bei den übrigen Grenzbeamten, nur haben sie teilweise am Schulterriemen einen kleinen Film- Apparat befestigt. Es werden aber auch Forstbeamte, ja selbst Eisenbahnangestellte und Lehrer jetzt beim Grenzdienst beschäftigt. Ein Lehrer erzählte uns, dass er und seine Kollegen jede Woche mindestens einen Nachtdienst haben und dafür am anderen Tage vom Schuldienst befreit sind. 3.Bericht: Während Mussolini in Deutschland war, hatte man die Grenzstrassen im östlichen Erzgebirge sehr dicht besetzt. Auf der Strecke X. bis Z., das sind ca. 12 bis 14 km, haben 90 Beamte der Polizei und Finanzwache Dienst versehen. In Abständen von 10 Minuten patrouillierten Polizisten, manche versahen Streifendienst mit Rad oder Motorrad. Ausserdem waren Polizeistreifen eingesetzt, die die Strecke mit Autos abfuhren. Die Kontrolle erstreckte sich bis nach 12 km von der Grenze entfernt liegenden Orten. Auffällig war, dass eine Menge Zivilpersonen, wahrscheinlich Gestapo beamte, ebenfalls die Grenzstrassen abgegangen sind. Vom 21. 9. an wurde jedes Auto, das die Grenzstrasse passierte, kontrolliert. In dem Gebiet hat es weder während des Krieges, noch im März 1933 soviele Grenzbeamte gegeben wie in den Tagen des Mussolini- Besuches. 4. Bericht: Für den" kleinen Grenzverkehr" gibt es eine neue Bestimmung: Wer einen Grenzausweis für zwei Tage haben will, muss durch einen von der zuständigen Polizeibehörde gestemptelten und mit Lichtbild versehenen Ausweis seine politische Zuverlässigkeit nachweisen. Ohne dieses Papier stellen die Grenzstellen keine Ausweise mehr aus. Schlesien: Im Grenzgebiet, beginnend an der sächsischschlesischen Grenze bis nach Waldenburg, sind zur Zeit 64 ab A- 34Zollhäuser-Beamtenwohnhäuser mit 2 bis 3 Wohnungen- im Bau, einige sind bereits fertiggestellt. Ein neues Zollhaus steht. unmittelbar bei der Spindler baude auf dem Riesengebirgskamm. Ein zweites zwischen Wiesenbaude und Hampelbaude an der Wegkreuzung. Bei den Barberhäusern bei Giersdorf wurden zwei Zollhäuser nebeneinander errichtet, ebenso bei den Forstbauden. Von Liebau bis Schomberg sind gleichfalls eine grössere Anzahl derartiger Neubauten begonnen worden. Die Errichtung eines solchen Zollhauses kostet doppelt soviel wie die eines Wohnhauses in gleicher Grösse, weil besonders starke Mauern und Kellergewölbe eingebaut werden. Ausser den jetzt im Bau befindlichen Häusern sind an den verschiedensten Grenzpunkten noch weitere Bauten gleicher Art geplant, die nach und nach erstellt werden sollen. Die Bespitzelung der Bevölkerung-auch der politisch unbelasteen Kreise- nimmt zu, weil sich das Regime mit wachsender Misstimmung immer weniger auf freiwillige Denunziation stützen ann. Hinzu kommt, dass die in den ersten Jahren der Diktatur ngewandten Spitzel tricks nicht mehr brauchbar sind. Sie werden on den misstrauisch Gewordenen durchschaut und mit oft grossem eschick abgewehrt. Sachsen, 1.Bericht: Zu zwei Arbeitern, die in einem Restaurant in X. sassen, gesellte sich ein Herr, bestellte ein Glas Bier und begann sofort über die schlechten Verhältnisse zu schimpfen. Er riss die Regierung derart herunter, dass den Arbeitern angst und bange wurde. Da die Arbeiter auf nichts eingingen, verliess der lärmende Gast das Lokal. Es stellte sich heraus, dass dieser Schimpfer und Gimpelfänger Gestapobeamter ist. 2. Bericht: Die. Ueberwachung der von Deutschland ins Ausland gehenden Post hat im Bezirk der Oberpostdirektion Chemnitz insofern eine Neuerung erfahren, als diese Briefschaften jetzt sämtlich durch die Zentralstelle laufen, die beim Postamt Chemnitz IV errichtet wurde. Diese Zentralisierung soll erfolgt sein, weil die kleinen Postämter nicht genügend Wachsamkeit bewiesen haben. Geöffnet wird nur noch in Stichproben. Jeder geöffnete Brief kommt aber unter die Quarzlampe. Angeblich ist der Briefmarkenversand stark gestiegen. Einige Leute versuchen, auf diese Weise Vermögenswerte ins Ausland zu bringen." Greuelmärchen" werden, wie ein prüfender Beamter versicherte, kaum noch gefunden. Berlin, 1.Bericht: Das Bedienungspersonal in den Gaststätten wird vielfach dazu gezwungen, der Gestapo Hilfsdienste zu leisten. In Lokalen, wo viel getrunken wird und den Gästen häufig der Mund übergeht, verstreicht fast keine Woche ohne A-35einige Verhaftungen. Diese Angeberei der Kellner und Kellnerinnen beginnt allmählich in Berlin bekannt zu werden, so dass die Berliner anfangen, den Besuch gewisser Gaststätten, z. B. des" Haus Vaterland" zu meiden. Das Personal gibt offen zu, dass es für seine Angebertätigkeit Belohnungen erhält. Die Taxe ist pro Fall 2,- RMk. Da die Löhne sehr niedrig gehalten werden, sind sie auf diesen Zuschuss geradezu angewiesen. Dabei sind sich die Leute bewusst, dass sie eine sehr traurige Rolle spielen. Aber selbst wenn sie auf die 2,- RMK verzichten wollten, kämen sie von der Angeberei nicht los, da sie stets damit rechnen müssen, dass die Krakeeler Lockspitzel sind und dass sie selbst hereinfallen, wenn sie die Vorgänge verschweigen. Zwei arbeitslose Kellner erzählten, dass sie gezwungen worden seien, im festen Auftrag der Polizei zu arbeiten. Sie erhielten für jeden Spitzeltag 5,- RMK Spesen. 2.Bericht: Unter den Beschäftigten des Anhalter Bahnhofs ist Anfang Juli eine neue gründliche Säuberung durchgeführt worden. Das Fahrpersonal der Auslands züge, besonders der Züge nach dem Balkan, ist gerügt worden, weil schon seit Monaten kein illegales Material abgeliefert worden ist, obgleich es angeblich im Ausland in die Züge gelegt worden sei. Die Personenwagen werden ohnehin bereits seit Ende Mai nur noch unter Aufsicht eines besonderen Beamten gereinigt. Die sehr schlecht bezahlten Wagenreiniger fanden nichts. Wenn jetzt einmal etwas gefunden wird, so sind die Wagenwäscher mehr denn je davon überzeugt, dass das betreffende" illegale Material" erst in Dresden oder Berlin eingeschmuggelt wurde, damit die gründliche Suche wenigstens hin und wieder Erfolg hat. Für die Ablieferung von illegalem Material werden 50 Pfennige gezahlt. 1936 zahlte der Bahnschutz für solche Funde im ganzen 123,- RMK aus. Diese niedrige Summe lässt auf eine sehr geringe Beteiligung der Belegschaft schliessen. Der Betrag verringert sich aber noch dadurch, dass auch die Belohnungen für gefundene Devisen mit eingerechnet sind. Schlesien: Im Bergbaugebiet Niederschlesien gehen jetzt auffallend viele Händler von Haus zu Haus, denen es darauf ankommt, mit Arbeitern oder Arbeiterfrauen über Politik zu sprechen. Sie geben dabei selbst das Stichwort für kritische Bemerkungen über das Regime. Die Händler kommen als Vertreter von Nähmaschinen-, Radio-, Wäsche- und anderen Fabriken. Durch einige Verhaftungen im Bezirk sind die Arbeiter zu der Vermutung gekommen, dass diese Händler Gestapoagenten sind. Mitteldeutschland, 1.Bericht: Folgender Fall wurde mir berichtet: Ein Deutscher kommt in eine ausländische Wirtschaft im deutsch- sprachigen Grenzgebiet. Er setzt sich an einen Tisch zu einigen Leuten, die ihm völlig unbekannt sind. Der eine zieht ein Stück Brot mit Speck heraus. Der Deutsche sagt staunend:" Das ist aber eine Seltenheit! So schönes Brot und auch noch Speck. So etwas gibt es bei uns in Deutschland A-36nicht mehr"-" Aber", sagt der Andere," Ihr lebt doch in einem grossen, stolzen Reich".-" Was nützt uns ein grosses Reich, wenn wir nichts zu sagen haben! Kommen Sie einmal vier Wochen zu uns, aber nicht als Gast, sondern wie einer, der unter uns lebt. Dann werden Sie erfahren, wie" gut" es uns geht." Der Deutsche fährt nach Hause, in eine Stadt, die ungefähr 400 km von dem Ort der Unterhaltung entfernt liegt. Die Begegnung in der Wirtschaft hatte er bereits vergessen, als er eines Tages einen Geschäftsfreund besuchte, der eine Rolle in der Partei spielt. Der fragte ihn beim Abschied:" Sagen Sie, Herr X., waren Sie nicht in Y.?"-" Ja, vor einigen Wochen"." Wie war denn das im Gasthaus mit dem Brot und dem Speck?" Der gute Mann stand sprachlos und verständnislos da. Der andere beruhigte ihn:" Diesmal haben wir die Angelegenheit nicht weiter verfolgt, seien Sie aber künftig vorsichtiger." 2. Bericht: Ein Angestellter aus der Stadt X., der zur Pariser Weltausstellung fahren wollte, hatte sich auf ein Inserat bei einem Pariser Quartiergeber angemeldet. Er wurde dort auch aufgenommen und bei der Ankunft sofort von einem anderen Deutschen begrüsst, der behauptete, beim Bau des Pavillons tätig gewesen zu sein. Dieser andere Deutsche stellte sich als Führer zur Verfügung und hatte es sehr eilig, zu erfahren, wo der Angestellte beschäftigt sei, was für französische Bekannten er habe usw. Da der Angestellte perfekt französisch spricht, brauchte er den Führer nicht und konnte sich der aufdringlichen Begleitung entziehen. Umso erstaunter war er, als er nach seiner Rückkehr aus Paris den Besuch eines Gestapobeamten erhielt, der sich nach seinem Umgang mit Emigranten erkundi+ Er sei beobachtet worden, als er die" Pariser Tageszeitung gelesen habe. Der Mann, der in einem kriegswichigen Betrieb angestellt war, erhielt nach der Pariser Reise die Kündigung. Norddeutschland, 1.Bericht: Die Nazis versuchen immer aufs neue, Widerstandsnester aufzudecken. Aber sie haben innerhalb der Bevölkerung nicht genügend Menschen zur Verfügung, die sich zu Verrätern hergeben. So müssen sie auf Leute zurückgreifen, denen ohnehin mit Misstrauen begegnet wird.- So gibt es hier eine ganze Anzahl alter Arbeitsinvaliden, die 40 bis 50 Jahre lang organisiert waren und sich mit ihren Alterskameraden fast täglich zu gemeinsamen Spaziergängen treffen. Dabei diskutieren sie und unterrichten einander über viele Vorgänge in den Fabriken. In einen solchen Kreis schlich sich ein von früher unrühmlich bekannter gleichaltriger Kerl, von dem man wusste, dass er gelegentlich bezahlte Spitzeldienste für die Gestapo leistet. Als er auf der Strasse-zu einer sehr belebten Zeit nach Feierabend- wieder einmal in provokatorischer Weise auf die heutigen Zustände schimpfte, erklärte ein alter Mann, zum Publikum gewendet, sehr laut:" Der hier, A- 37Ihr kennt ihn ja alle, war zeitlebens ein Gelber und Streikbrecher. Wenn wir monatelang auf der Strasse lagen und mit unseren Familien hungerten, dann hat er Streikarbeit gemacht und ist uns in den Rücken gefallen. Wir haben aber trotzdem unsere Kinder zu anständigen Menschen erziehen können. Jetzt will der uns aushorchen und schimpft auf die Nazis. Seht Euch alle vor diesem Burschen vor, er ist immer ein Strolch gewesen." Der Spitzel verduftete schleunigst und alles rief: " Bravo". 2. Bericht: Die Blockwarte in Hamburg haben erneut die Personalien der von ihnen" betreuten" Hausbewohner aufgenommen. Dabei wurde auch wieder gefragt, welche Zeitung der Einzelne halte, und auf viele Leser der sogenannten bürgerlichen Presse wurde ein Druck ausgeübt, das nationalsozialistische Parteiblatt zu abonnieren. 3. Bericht: In der ostfriesischen Lokalpresse und in Versammlungen wird gegenwärtig eine rege" Aufklärungspropaganda" betrieben. Man warnt davor, Holländern Auskünfte über die deutschen Zustände zu geben. Ob Buttermangel herrsche, wie sich Fabrikate aus deutscher Stapelfaser im Tragen bewährten, ob die deutschen Fabriken voll beschäftigt seien, gehe die Holländer gar nichts an. In letzter Zeit sei es mehrfach vorgekommen, dass Deutsche von holländischen Bekannten brieflich die Aufforderung erhalten hätten, sich mit ihnen im holländischen Grenzgebiet zu treffen, um über Arbeitsmöglichkeiten zu verhandeln. Wer solchen Einladungen folge, werde über deutsche Verhältnisse ausgefragt. Auch wenn nicht über militärische Dinge gesprochen werde, mache sich der deutsche Gesprächspartner leicht des Hoch- und Landesverrats schuldig und habe dann Strafen bis zum Höchstmass" zu gewärtigen. Obgleich in der deutschen Presse gelegentlich gegen das Denunzian tentum Stellung genommen wird, begünstigen die Behörden und Gerichte doch jede Art der Angeberei. Geringfügige Zänkereien in Familie und Hausgemeinschaft führen oft zu schweren Anschuldigungen politischer Natur. Als im Herbst ein Gericht es ablehnte, einen solchen Hausstreit zur Grundlage einer Verurteilung zu machen, entschied das Reichsgericht, dass eine strafbare Handlung auch dann vorliege, wenn vertrauliche oder beleidigende Aeusserungen politischer Art gegenüber den Führern von Staat und Partei im engsten Familienkreise, z. B. zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Ehegatten mit der Vereinbarung strengster Geheimhaltung fallen. A-38Im August 1937 wurde vor den Berliner Polizeibehörden ein Antrag auf Ausstellung eines Führerscheines abgewiesen, weil der Antragsteller wegen Verstoss gegen das Heimtückegesetz bestraft worden war. Das Oberste Verwaltungsgericht entschied gegen den Antragsteller und betonte ausdrücklich, " dass sich für die Polizeibehörde die grundsätzliche Befugnis ergebe, auch aus einmaligen Vorfällen solche Schlüsse zu ziehen, da sie für die öffentliche Sicherheit und Ordnung vorbeugend zu sorgen habe... In dem Kampf um die Selbstbehauptung, den das deutsche Volk heute zu führen habe, gebe es auch nicht mehr wie früher einen politischen Lebensbereich. Die Allgemeinheit habe vielmehr einen Anspruch darauf, auch in ihrer politischen Willensbildung gegen eine Beeinflussung durch Feinde der Volksgemeinschaft geschützt zu werden." Im Juni strengte die Frau eines ehemaligen SPD- Funktionärs Scheidungsklage an. Da ihr Mann nach Verbüssung einer 2 1/ 2jährigen Gefängnisstrafe für unbestimmte Zeit in ein Konzentrationslager geschafft worde. war, könne ihr die Aufrechterhaltung der Ehe nicht länger zugemutet werden. Das Gericht wies die Klage ab. Das Reichsgericht verwies den Fall an die Vorinstanz zurück und verlangte von der Vorinstanz, dass es die Frage prife, ob bei dem Ehemann nicht" sein Verharren in seiner dem neuen Staat feindlichen Einstellung" zu der Unterbringung in dem Konzentrationslager geführt habe. Erkennbares Verharren in einer staatsfeindlichen Einstellung stelle einen selbständigen Ehescheidungsgrund dar. J In Heft 7/1937( Seite A 47 ff.) berichteten wir über die Auflösung und Gleichschaltung von Vereinen. In der Zwischenze it sind u.a. folgende private Vereinigungen neu aufgelöst worden: Der" Reichsverband der Kriegsteilnehmer- Akademiker e.V., die" Deutsche Stenografenschaft", 27" freimaurerlogenähnliche Organisationen", eine grosse Zahl theosophischer Gesellschaften, in Sachsen allein 11, der" Reichsbrieftaubenzüchter- Verein RBZV", Landesgruppe Sachsen. Die Mitgliedschaft im Rotary- Club wurde den Angehörigen der NSDAP verboten. Das Verbot wurde mit gewissen Statutenbestim A-39. mungen begründet. Insbesondere stünden die Rotarier dem Antisemitismus fern, wenn auch die jüdischen Mitglieder in Deutschland ausgeschieden seien. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten über den allgemeinen Terror: Rheinland- Westfalen: Seit einiger Zeit ist wieder eine planmässige Kampagne gegen die" Staatsfeinde" im Gange.Zwar weiss niemand konkret, wer eigentlich alles" Staatsfeind" ist, aber alle Amtspersonen der NSDAP und ihrer Gliederungen reden davon in Versammlungen, Konferenzen und" Schulungsabenden". Es ist eben nicht mehr zu übersehen, dass die allgemeine Unzufriedenheit ständig wächst. Das System wittert überall Feinde, nicht zuletzt in den eigenen Reihen. Deshalb der Aufwand gegen die" Staatsfeinde", deshalb die ständige Hetze, deshalb neuerdings im ganzen Westen die völlig planlosen Verhaftungen. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Der Terror ist immer noch sehr stark. Wer das nicht täglich miterlebt, kann sich gar keinen Begriff davon machen. Ein Wirt in der Pfalz wurde von einigen Nazi burschen angepöbelt, er verkaufe sein Essen zu teuer. Darauf erwiderte er, er selbst müsse ja am besten wissen, mit welchem Preis er seine Unkosten decken könne. Sofort fielen die Burschen über ihn her und misshandelten ihn. Eine Beschwerde beim Gauleiter hatte noch schlimmere Folgen für ihn. Er musste sofort mit Sack und Pack die Wirtschaft räumen. Unter den Angreifern befanden sich höhere SA- Funktionäre, und gegen die darf sich niemand wehren. 2. Bericht: Der Konstanzer Bäckermeister Maier wurde vom Sondergericht Mannheim zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in seiner Backstube gesagt hatte:" Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er gleich in Nürnberg spricht!" Maier ist von seinem Lehrjungen, der der HJ angehört, verraten worden, allerdings erst, als er den Jungen hinauswerfen wollte, weil er faul war. Maier ist alter Nazi und SS- Mann. Seit einiger Zeit war er aber schon sehr verbittert gegen das Regime. 3. Bericht: Eines Tages wurde ich auf die NSDAP- Leitung bestellt. Der betreffende Bonze-es gibt dort eine ganze Mengebegann mich anzuschnauzen:" Herr X., Sie sind da zum Vorstand des... Vereins gewählt worden. Ich muss Ihnen sagen, dass die Partei damit absolut nicht einverstanden ist." Ich fragte nach dem Grund. Da zog er einen Akt aus dem Schrank, blätterte darin, ohne ihn mir zu zeigen und sagte:" Wir wissen genau, dass Sie kein Nationalsozialist sind. Sie haben seit 1933 keine einzige Versammlung der Partei oder ihrer Gliederungen besucht. Ein solcher Mann kann im NS- Staat keine Funktion A-40übernehmen." Ich fragte ihn, ob er der Meinung sei, dass alle fleissigen Besucher der NS- Versammlungen richtige und überzeugte Nazis seien, worauf er etwas verlegen wurde und meinte, das könne man leider nicht annehmen. Ich stellte mich auf den Standpunkt, dass ich von den Mitgliedern des Vereins zum Vorstand bestimmt worden sei und diese Funktion auch ausüben werde. Er gab sich anscheinend damit zufrieden und entliess mich. Sachsen, 1.Bericht: Eine Frau aus Z., die schon öfters kein Schweinefleisch und Schweinefett erhalten hallte, sagte zu dem Ladeninhaber:" Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Warum wird denn nicht die Fleischkarte eingeführt, da bekäme jeder wenigstens sein Quantum und nicht der eine alles und der andere nichts." Die Frau wurde noch am gleichen Tage verhaftet und nach dem Polizeipräsidium gebracht. Ihr Mann, ein Fabrikarbeiter, ging zum Polizeipräsidium, um sich zu erkundigen, was mit seiner Frau geschehen sei. Er erhielt vom zuständigen Beamten zur Antwort, dass seine Frau entlassen würde, wenn die Fleischkarten zur Einführung kämen. Der Mann musste seine drei schulpflichtigen Kinder nun tagsüber Nachbarsleuten zur Betreuung übergeben. Als ich ihn 7 Wochen nach der Verhaftung seiner Frau traf, war die Freilassung noch nicht erfolgt. In Voigtsdorf bei Freiberg wurde ein 50- jähriger Landwirt, der sich wegwerfend über das italienische Volk geäussert hatte, vom Gendarmen abgeholt und in Freiberg verhört, allerdings nach 4 Tagen Untersuchungshaft mit einer Verwarnung wieder in seine Heimat entlassen. Arbeiter werden in solchen Fällen nicht so glimpflich behandelt. Ein Rechtsanwalt aus der Stadt L., früher eifriger Nationalsozialist, sass vor einigen Monaten mit Bekannten im Restaurant zusammen. Als einer der Anwesenden erzählte, dass er in diesem Jahre nach Bückeberg fahre, um dort den Führer zu sehen, meinte der Rechtsanwalt:" Um Hitler und seine Holzköpfe zu sehen, fahre ich nicht dahin. Von der Sorte gibt es ja hier schon genügend zu sehen." Am nächsten Tag wurde er verhaftet und befindet sich nun seit nahezu einem halben Jahr im Konzentrationslager. 2.Bericht: In Klingenthal werden nach und nach alle Mieter, die als frühere Sozialdemokraten, Demokraten und Gewerkschafter bekannt sind, aus den städtischen Wohnungen herausgesetzt und in primitiven Baracken untergebracht. Dafür ziehen in die leergewordenen Räume parteifromme Nationalsozialisten ein. Dies brutale Vorgehen gegen allgemein geachtete Einwohner hat in der Bevölkerung grosse Erregung hervorgerufen. 3. Bericht: Bei einer Firma in X. ist eine Frau beschäftigt, deren Mann sich im Gefängnis das Leben genommen hat. Als früherer Sozialdemokrat wurde er schon 1933 zum ersten Mal verhaftet und später immer aufs neue wegen angeblicher ille A-41galer Arbeit verfolgt. Im Sommer 1937 wurde er misshandelt und hat seinem Leben durch Erhängen in der Zelle ein Ende gemacht. In der Firma, bei der die Frau beschäftigt ist, ist es schon seit vielen Jahren üblich, dass bei Todesfällen in der Belegschaft gesammelt wird. Auch nach dem Selbstmord des Sozialisten sammelte die Belegschaft für die Arbeitskollegin. Das Geld wurde ihr durch den Betriebsvertrauensmann überreicht. Die Folge davon war, dass der Amtswalter seines Postens enthoben wurde, weil er diese Sammlung zugelassen und sich sogar an ihr beteiligt hatte. Der Chef der Firma ist ein Mensch mit sozialem Empfinden. Nach dem Selbstmord des Mannes sorgte er dafür, dass die Frau immer Arbeit zugewiesen bekam, bei der sie etwas mehr verdiente. Als der Betrieb zur Kurzarbeit übergehen musste, bekam die Frau eine Maschine mit nachhause und war auf diese Weise voll beschäftigt. Auch das wurde den Behörden denunziert und die Frau wurde wegen Schwarzarbeit und Hinterziehung der Einkommensteuer zu 68,- RMK Strafe verurteilt. Unter der Belegschaft wird auch erzählt, gegen den Chef sei ein Verfahren anhängig gemacht worden. Schlesien, 1.Bericht: In einer Gastwirtschaft in Schackenau ( Oberschlesien) fand eines der üblichen Ortsvergnügen mit Tanz statt, an dem auch zwei Brüder namens Ordon teilnahmen. Der jüngere Bruder trank sich einen Rausch an, schlug Lärm und wurde aus dem Saal gewiesen. Er kam aber zurück und versuchte zu tanzen. Diesem Vorfall sah der Sturmbannführer Kokott aus Schackenau zu. Ohne ein Wort der Warnung zog er seine Pistole und erschoss den Ordon. Der Bruder des Ermordeten und einige Gäste drangen auf den Revolverschützen ein. Der schoss weiter um sich und verwundete noch einen Gast. Jetzt erst erschien die Polizei. Zu Kokott gesellten sich sofort einige SA- Leute, die offen erklärten, er habe richtig gehandelt, denn man besitze Ehrendolche und Pistolen, um" Ordnung zu schaffen". Daraufhin wurde der ältere Ordon verhaftet, weil er sich gegen den Mörder seines Brudes gewandt hatte. Kokott-ein früherer Kommunist, der 1933 zu den Nazis überlief- ging straffrei aus. 2.Bericht: Aus den Stadtrandsiedlungen um Breslau werden politisch unzuverlässige Mieter zwangsweise entfernt. Auch. ein Siedler, der noch vor wenigen Wochen bei einer Kontrolle als Mustersiedler bezeichnet worden war, erhielt die Aufforderung, sein Anwesen zu räumen. Nach ihm kamen andere Familien aus der gleichen Siedlung an die Reihe. Diese Familien haben nie geflaggt und sich an Veranstaltungen der Nazis nicht beteiligt. Es wurde ihnen verboten, aus Haus, Stallungen oder Garten irgend etwas zu entfernen. Auch die Tiere müssen bei der Räumung im Anwesen belassen werden. Die Siedler haben im Laufe der Jahre auf eigene Kosten viele Verbesserungen an den primitiven Häuschen vorgenommen, aber nichts wird ihnen ersetzt, selbst bewegliche Objekte müssen dableiben. A-42Wasserkante: Das Hanseatische Sondergericht hat den Arbeiter Karl Sprenger aus Harsefeld bei Stade wegen gemeinsamen Abhörens des Moskauer Senders zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Daneben erhielt er 5 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Das Urteil hat in der Bevölkerung starke Empörung hervorgerufen. Zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis verurteilte das Sondergericht Kiel einen jungen Händler, der sich ohne Berechtigung das Parteiabzeichen angesteckt hatte, um auf diese Weise bei Beamten und Angestellten seine Geschäfte zu machen. Der Angeklagte Rosmoisl verteidigte sich mit dem Hinweis, die Kunden hätten immer erklärt, sie würden von Pg.Händlern derart gepresst, dass sie von denen kaufen müssten. Deshalb sei er auf den Einfall gekommen, sich die Abzeichen der Partei anzustecken. 3) Der Terror gegen die Juden Dass auf dem diesjährigen Nürnberger Parteitag keine neuen Gesetze gegen die Juden verkündet wurden, hat im Ausland vielfach die irrige Auffassung geweckt, die Judenhetze sei im Dritten Reich etwas in den Hintergrund getreten, man habe" andere Sorgen". In Wahrheit hat gerade das Anwachsen dieser anderen Sorgen, haben wirtschaftlicher Niedergang und Misstimmung das Regime veranlasst, die Bedrückung des jüdischen Bevölkerungsteils weiter zu verschärfen. Es bedarf dazu kaum noch neuer Gesetze; die bestehenden Verordnungen und Erlasse, die vorliegenden prinzipiellen Entscheidungen höchster Instanzen reichen aus, um alle im Augenblick geplanten antisemitischen Massnahmen zu begründen. Auch nur den nötigsten Lebensunterhalt zu verdienen, wird für die Mehrzahl der Juden immer schwerer, die Verdrängung aus allen Berufen nimmt ihren Fortgang. Wie der Reichsbeamtenführer Neef auf dem Deutschen Beamtentag am 18. 10. 37. in München bekanntgab, wurden seit 1933 in Deutschland 1984 jüdische Beamte entlassen. Die jüdischen Rechtsanwälte, soweit sie noch im Amt sind, haben nur ganz vereinzelte, geringfügige Fälle zu bearbeiten. Jüdische Aerzte werden zwar dort, wo Aerztemangel herrscht, mit einiger Schonung behandelt; in Gegenden, deren ärztliche Versorgung im Moment gesichert scheint, bekommen sie aber die ganze Schwere des Boykotts zu spüren.-Im November A-43melte der Reichsapothekerführer Albert Schmierer, dass der Apothekerstand nunmehr" judenfrei" ist. Mehr als 400 jüdische Apotheken seien in arischen Besitz überführt worden". Seit August müssen sich die jüdischen Buchverleger und Buchhändler auf den Vertrieb jüdischer Literatur an einen ausschliesslich jüdischen Abnehmerkreis beschränken. Als jüdische Literatur gelten Bücher und Schriften aller Sprachen, deren Verfasser oder Herausgeber oder Mitarbeiter Juden sind. Uebersetzungen gehören nur dann zur jüdischen Literatur, wenn die Verfasser der Originalwerke Juden sind. Leihbüchereien dürfen von Juden überhaupt nicht mehr unterhalten werden, auch nicht in Verbindung mit einem jüdischen Buchvertrieb. Unternehmen des jüdischen Buchhandels müssen auf ihrer Firmenbezeichnung, die in Augenhöhe anzubringen ist, den Vermerk" jüdisch" anbringen; Ladengeschäfte haben hinzuzufügen:" Verkauf erfolgt nur an Juden gegen Ausweis". Der Reichspropagandaminister hat allen jüdischen Geschäften den Verkauf des sogenannten" Volksempfängers", eines besonders billigen Radiogerätes, sowie seiner Bestandteile verboten. Neben diesen Reichsmassnahmen werden in jedem Landesteil, oft auch in einzelnen Orten, noch besondere antijüdische Vorschriften erlassen. So hat z.B. in der Pfalz der Weinbauwirtschaftsverband im Sommer 1937 sämtlichen jüdischen Weinkommissionär en erstmalig die vorgeschriebene Genehmigung zu abgeschlossenen Käufen verweigert. Damit ist der jüdische Weinhandel in der Pfalz lahmgelegt. In verschiedenen deutschen Bezirken entzieht man jüdischen Handelsvertretern und Hausierern den Gewerbeschein so dass sie brotlos werden. Das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg hat im Sommer dieses Jahres entschieden, dass ein arischer Teilhaber einer offenen Handelsgesellschaft berechtigt ist, seinen jüdischen Teilhaber auszuschliessen und unter sofortiger Auflösung der Gesellschaft die Unternehmung mit Aktiven und Passiven zu übernehmen, wenn das Interesse des Geschäftes gefährdet sei. In welcher Weise die Parteistellen versuchen, auch jede stille Be A-44teiligung jüdischer Kaufleute an arischen Unternehmen aufzudecken und unmöglich zu machen, zeigt folgender Fragebogen, der an viele Firmen im Reiche gesandt wird: Die Deutsche Arbeitsfront, Berlin Zentralbüro, Berlin SW 11, Europahaus. Saarlandstr. bt. Firmenregister, Reichsbezugsquellenarchiv. 14. 1o. 1937. Im Reichsbezugsquellenarchiv sind Anfragen über Ihr Unternehmen eingegangen. Da ich entsprechende Unterlagen nicht in meinem Besitz habe, bitte ich Sie, den beiliegenden Fragebogen sorgfältig ausgefüllt umgehend zurückzusenden. Fragebogen( die Angaben werden vertraulich behandelt) 1.) Name und Anschrift der Firma... 2. Zweck des Unternehmens 3.) Form des Unternehmens 009 Off. Handelsges., A. G., GmbH usw. a) wo im Handelsregister eingetragen und Nr. b) wann gegründet.. 4.) Inhaber und Teilhaber( stille Teilhaber und Kommanditisten Name Stellung i.d. Fa. Staatsangeh., arisch, jüdisch, bezw. Grad der nichtar. Abstammung: Mitglied welcher Organis. Geschäftsführer, Mitglied des Vorstandes( Rassezugehörigkeit) Weitere Zeichnungsberechtigte..( Rassezugehörigkeit) 567 6. 7.) Sind Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrats noch an anderen Unternehmen beteiligt? Wenn ja, in welchen und in welcher Form. 8. 89 9. Mitglieder des Aufsichts- bezw. Verwaltungsrats( Rassezugehörig) Wieviel Gefolgschaftsmitglieder? Wieviel Nichtarier? a) wieviel Vertreter, in welchem Verhältnis? Wieviel Nichtar.? b) Anzahl und Rasse der Auslandsvertreter? 10.) Wie hoch und in wessen Händen ist das Kapital? 11.) Welchem Trust, Konzern oder welcher Dachges.gehört das Untern. 12.) Ist an dem Untern. ausländ. Kap. beteiligt? an? Form und Umfang:( Lizenzen und dergl. sind zu berücksichtigen. 13.) Art und Zeitpunkt der Gleichschaltung, Veränderungen in personeller und kapitalsmässiger Hinsicht seit dem 30.1.33. ( Beizufügen sind Abschriften unn abgeschlossenen Verträgen) 14.) Name und Rasse der ausgeschiedenen Personen( in welchem Umfange bestehen noch deren Interessen an dem Unternehmen) 15.) Name und Rasse der neu eingetretenen Personen: 16.) Besteht die Absicht, noch irgendwelche Veränderungen vorzunehmen? Wenn ja, welche? 17.) Bemerkungen, Referenzen: Obige Angaben sind nach bestem Wissen gemacht. Etwaige Veränderungen werden dem Reichsbezugsquellen- Archiv unverzüglich bekanntgegeben. den..... 1937 Unterschrift A-45Neben dem direkten Angriff auf die jüdischen Erwerbsunternehmer spielt auch die Anprangerung, Verfolgung und Bestrafung jener Arier eine Rolle, die mit Juden geschäftlich oder auch nur privat- verkehren. Der" Stürmer" veröffentlicht z.B. regelnässig die Namen arischer Anwälte, die jüdische Klienten vertreten, vertreten arischer Klienten, die sich von jüdischen Anwälten lassen, arischer Patienten jüdischer Aerzte, arischer Landwirte, die mit jüdischen Viehhändlern Geschäfte machen, arischer Kunden, die in jüdischen Geschäften kaufen, ja, die Namen solcher Arier, die auf der Strasse jüdische Bekannte grüssen. Jedesmal wird die volle Adresse der Angeprangerten genannt. Der badische Verwaltungsgerichtshof hat im Oktober 1937 die Amtsenthebung eines Bürgermeisters ausgesprochen, weil dieser Mann im April 1936 eine Kuh an einen jüdischen Viehhändler verkauft Alle städtischen Angestellten in München erhielten ein Schreiben, worin sie aufgefordert wurden, jüdische Aerzte und Zahnärzte auch dann zu meiden, wenn sie noch als Kassenärzte zugelassen seien. Dem Schreiben lag eine Liste aller Münchner jüdischen Aerzte und Zahnärzte bei. In der saarpfälzischen Presse wurde im September mehrfach darauf hingewiesen, dass gegen. Beamte, deren Frauen immer noch in jüdischen Geschäften kaufen oder jüdische Aerzte konsultieren, dienststrafrechtlich vorgegangen werden könne. hat. 400 Wir haben bereits in Heft 7/1937( Seite A 14 f) darauf hingewiesen, dass den Juden, denen man im Land jede Lebensmöglichkeit nimmt, die Auswanderung nach Kräften erschwert wird. Es macht grosse Schwierigkeiten, auch nur einen geringen Bruchteil des Vermögens legal über die Grenze zu bekommen. Aber auch blosse Orientierungsreisen ins Ausland werden oft durch Pass-, Devisenund Grenzschikanen fast unmöglich gemacht. Beim Passieren der Aachener Grenze z. B. werden seit einiger Zeit die länger als sechs Monate geltenden" Judenpässe" genau notiert. Nach der Rückkehr der Passinhaber ins Reichsgebiet erfolgt dann eine Herabsetzung der Passgeltungsdauer auf sechs Monate. Die Ausstellung von neuen Pässen dauert oft drei bis vier Monate, in vielen A-46Fällen wird sie völlig verweigert. Der Erfolg derartiger Massnehmen ist, dass viele Auswanderungen ganz unvorbereitet unternommen werden. Erkennen die Emigranten nach einiger Zeit, dass sie im Ausland das Existenzminimum nicht erreichen können und kehren sie zurück, so werden sie in den meisten Fällen verhaftet und in ein Konzentrationslager überführt. In Dachau gibt es eine grosse Gruppe jüdischer Häftlinge, die als" Emigranten". gekennzeichnet sind und deren einzige Schuld in der Rückwanderung besteht. Neben den hier geschilderten Massnahmen, die vor allem der wirtschaftlichen Schädigung und der persönlichen Schikane dienen, werden ständig neue Schritte getan, um die Juden verächtlich zu machen. Der" Stürmer" veröffentlicht allwöchentlich eine Liste von neu angebrachten" Stürmerkästen". Die Karrikaturen dieses Blattes, an Unflätigkeit kaum mehr zu überbieten, werden in vielen Schulen als" Anschauungsmaterial" im Unterricht verwendet. Andere nationalsozialistische Zeitungen-s0 das SS- Organ" Das Schwarze Korps"- eifern dem Vorbild nach. Im November ist in München eine Ausstellung" Der ewige Jude" eröffnet worden, die unter dem Protektorat von Goebbels steht. Auf der Eröffnungskundgebung sprach Julius Streicher. Die Ausstellung, die sich über zwanzig Säle ausdehnt, enthält Propagandamaterial, Lichtbilder, Akten, Urkunden usw. über Rasse und Herkunft der Juden, über ihre Religion und Rechtsaufassung und dient, wie offiziell bekanntgegeben wurde, dem Zweck," das schädliche Wirken des Judentums in der ganzen Welt zu veranschaulichen". Zu der Abteilung" Moralische Verkommenheit der Juden" werden nur Erwachsene zugelassen. Um eine grosse Besucherzahl zu erreichen, werden aus allen Teilen des Reiches Gemeinschaftsfahrten zur Besichtigung der Ausstellung unternommen. Der diesjährige Winterfeldzug der NSDAP steht unter dem Motto: " Bolschewisten und Juden wollen den Aufruhr". Tausende von Versammlungen im ganzen Reich sind angekündigt. Die Staatspolizei in Berlin hat im Judendezernat grosse Stürmer- Bilder aufgehängt mit der Unterschrift" Für unsere lie A-47ben Gäste".- Im Berliner Westen sind gelbe Parkbänke für die Juden aufgestellt worden. Die Benützung der anderen Bänke ist den Juden nicht gestattet. In Dessau ist zum ersten Male in Amtsgericht ein besonderes Zimmer für jüdische Anwälte eingerichtet worden.( Es gibt dort nur noch einen jüdischen Anwalt, der schwer kriegsbeschädigt ist) Viele Badeverwaltungen verlangten in diesem Sommer von jüdischen Gästen bei der Anmeldung die Einsendung von Photographien, um" provozierend aussehende" Juden fernzuhalten. G Bei den Rassenschande- Urteilen werden jetzt in den weitaus meisten Fällen Zuchthausstrafen verhängt. Wir fassen in der folgenden Uebersicht die uns seit August 1937 bekanntgewordenen Urteile zusammen. Die Liste ist unvollständig, weil über zahlreiche Prozesse dieser Art nur in der lokalen Presse berichtet wird. Rassenschande- Urteile August bis November 1937 Name des Wohnort: Verurteilen: Deutschländer, Max, Dicker, Hamburg, Hamburg, Dreyfuss, Moritz, Eichholtz, Fritz, Finkenstein, Alfred, Berlin, Hamburg, Breslau, Heimann, Paul, Glatz, Hertz, Kurt, Katz, Rudolf, Barntrup, Leipzig, Darmstadt, Kirms, Oskar, Landauer, H. Rudolf, Samter, Steinberg, Edgar, Strauss, Arthur, Weiss, Sally, Bremen, Hindenburg, Plauen, Nürnberg, Kitzingen, Weissmann, Julius, München, Wohlfahrt, Dr. Theod., Hamburg Urteil: 4 Jahre Zuchthaus 2 Jahre Zuchthaus 2 Jahre Zuchthaus 5 Jahre Zuchthaus 2 Jahre Zubhthaus 6 Jahre Zuchthaus 3 Jahre Zup hthaus 1 Jahr, 3 Monate Gefängn. 2 1/2 Jahre Gefängnis 1 Jahr, 6 Mon. Zuchthaus 2 Jahre Zuchthaus, 2 Jahre, 2 Mon. Zuchthaus 5 Jahre Zuchthaus 4 Jahre, 3 Mon.Zuchthaus 1 Jahr Gefängnis 10 Jahre Zuchthaus Zu einer dieser Verurteilungen erhalten wir einen Bericht aus Oberschlesien: In Hindenburg wurde der Händler Samter, ein früherer Sozialdemokrat, wegen Rassenschande zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Dieses Urteil ist auf eine Provokation der Gestapo zurückzuführen. Samter hat mit einer Christin A-48verkehrt. Als die Nürnberger Gesetze aufkamen, hat er das Mädel reichlich entschädigt und die Beziehung aufgegeben. Da schickte ihm die Gestapo eines Abends eine Frau in die Wohnung, die vorgab, ein Redio von ihm kaufen zu wollen. Die Kaufverhandlung mit der Frau war noch nicht zu Ende, als Polizei erschien und Sumter verhaftete. Vor Gericht erklärte die Frau als Zeuge, dass sie jede Aussage verweigere. Das Gericht nahm daraufhin als erwiesen an, dass Samter Rassenschanda getrieben und die Frau die Aussage im eigenen Interesse verweigert habe. Neben den Rassenschande- Urteilen erfolgen häufig Verurteilungen wegen" versuchter Rassenschande", wegen" Beleidigung einer deutschen Frau" oder wegen Meineids in Rassensehandeprozessen: Wegen" versuchter Rassenschande" verurteilte die Grosse Strafkammer beim Landgericht Ravensburg den Juden Jakob Harburger zu 7 Monaten Gefängnis. Fin 22 Jahre alter jüdischer Angeklagter wurde in Magdeburg zu vier Wochen Gefängnis verurteilt, weil er ein" arisches" Mädchen aufgefordert hatte, mit ihm ins Kino zu gehen. Eine solche Zumutung, entschied das Gericht, sei eine schwere Beleidigung. In Dresden wurde der jüdische Angeklagte Bigelmann mit 3 Monaten Gefängnis bestraft, weil er " in einem Filmtheater eine deutsche Frau durch unsittliche Berührungen belästigt hatte." Die Jüdin Elsa Dodeles aus Leip800 zig wurde zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Sie hatte, um den arischen Angeklagten vor einer Verurteilung zu bewahren, in einem Rassenschandeverfahren wahrheitswidrig beschworen, dass sie mit dem Angeklagten keine engeren Beziehungen gehabt hätte. Der jüdische Arzt Dr. Berliner, der Inhaber des bei Breslau gelegenen Luftkurort- Sanatoriums Obernigk, der im September wegen angeblicher Begünstigung von Rassenschande verhaftet wurde, hat im Gefängnis Selbstmord verübt. Der jüdische Arzt Dr. Schwabe in Frankfurt am Main, dem gerichtliche Verfolgung wegen Rassenschande drohte, beging Selbstmord, indem er sich aus dem Fenster seiner Wohnung stürzte. Der frühere Knappschaftsarzt Dr. Wohlgemuth, Hindenburg, der nach der Aufhebung der Genfer Konvention seiner jüdischen Abstammung wegen aus dem Lazarett entlassen wurde, vergiftete sich Anfang Oktober mit Veronal. es 2 A-49Den bei uns eingegangenen Berichten über den Terror gegen die Juden entnehmen wir: Bayern, 1.Bericht: In München leben zur Zeit noch 7.500 Juden, die alle Auslandssperre haben. In Sonderfällen werden befristete Ausreisebewilligungen erteilt, aber dabei werden solche Schwierigkeiten gemacht, dass die Sperre fast lückenlos gilt. Die Existenzmöglichkeiten der Juden werden systematisch zerstört. Selbst die jüdischen Altwarenhändler werden durch die mit Hilfe der Partei organisierten Sammelaktion automatisch ausgeschaltet. Den jüdischen Stadtgeschäften versucht man auf alle mögliche Art die Kundschaft abzutreiben. Unter den Intelligenzberufen sind hier in München die Aerzte sehr schwer betroffen. Mit Ausnahme von einigen Spezialisten haben alle hart zu kämpfen. Meist verdienen sie nicht mehr so viel, um ihren Lebensbedarf bestreiten zu können. Die jenigen, die ihre ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, sind gewöhnlich nicht krankenversichert oder gehen, obgleich sie versichert sind, auf ihre eigenen Kosten zu dem langjährig vertrauten jüdischen Arzt, dem sie in Teilbeträgen das Honorar abstatten. Die Judenschilder in den oberbayerischen Orten sind, seit man sie im vorigen Jahre wegräumte, nicht mehr erneuert worden. Um die Fremden- Orte judenrein zu halten, hat man zu anderen Methoden gegriffen, die nicht jedem Ausländer sofort ins Auge fallen. In Tegernsee bekommt jeder jüdische Feriengast einige Stunden nach seiner Anmeldung vom Gemeindeamt einen Brief zugestellt, worin in kurzen Worten verlangt wird, dass er innerhalb 24 Stunden Tegernsee zu verlassen habe. In allen Badeorten wird genau darauf geachtet, dass der Paragraph der Badeordnung, nach welchem Juden der Zutritt zu den Badeanstalten verboten ist, nicht übertreten wird. In einem bayerischen Badeort hat sich folgendes ereignet: Eine jüdische Angestellte aus X. verbrachte auch heuer, wie seit vielen Jahren, ihren Urlaub bei einem Bauern in der Nähe von Dort lernte sie eine englische Familie kennen, der sie sich anschloss. An einem heissen Tage machte die Familie einen Badeausflug nach .. und lud die Jüdin dazu ein. Diese erklärte den Engländern, dass sie nicht nach... und noch weniger in das Bad gehen könne. Der Mann wollte das nicht glauben und wendete alle Ueberredungskunst auf, um das Mädchen zum Mitgehen zu bewegen. Nachdem er ihr versichert hatte, dass er alle Verantwortung übernehme, ging das Mädchen mit. Sie war noch keine Stunde im Bad, als sie vom Bademeister aufgefordert wurde, das Bad zu verlassen. Der Engländer mischte sich sofort ein und nahm für das Mädchen Partei. Der Bademeister verwies auf seine Vorschriften. Das Fräulein sei von Badegästen erkannt worden und er müsse darauf bestehen, dass sie gehe. Er müsse sonst Anzeige erstatten. Es gab einen dramatischen Auftritt mit dem Engländer. Alle Badegäste sammelten sich um die Gruppe, nahmen aber in keiner Weise Partei. Das Mädchen verschwand, aber der Engländer wollte sich nicht zufrieden geben und ging zur Kur A-50verwaltung, wo man die Angaben des Bademeisters bestätigte. Daraufhin reiste er mit seiner Familie sofort nach Oesterreich ab. In der oberbayerischen Stadt X. wurde ein kleiner jüdischer Junge von einem 13- jährigen Hitlerjungen mit der Peitsche geschlagen, wobei ihm das linke Auge verletzt wurde. Der Vater des Kindes beschwerte sich in der Schule. Vom Lehrer wurde ihm nahegelegt, von einer polizeilichen Anzeige Abstand zu nehmen, da es sonst der Junge in der Schule nicht mehr aushalten könne. In einem Münchner Bierkeller sassen 3 Arbeitsmänner in Uniform, zu denen sich ein Chargierter der SS gesellte. Die Arbeitsmänner hatten einige harte Eier zu ihrer Brotzeit mitgebracht, die sie auf den Tisch legten. Da kam vom Nebentisch ein kleines schwarzes Mädchen und langte nach den Eiern. Die Arbeitsmänner na hmen die Eier weg. Der SS- Mann sagte ganz laut:" Der Fratz is so schwarz; wenn ich genau wüsst, dass des ein Juden bankert ist, batzert ich ihm eine."- In der Trambahn nach Freimann bei München: Man fährt gerade am jüdischen Friedhof vorbei. Von drei Frauen, die sich über eine nebensächliche Sache unterhalten, schaut die eine auf und sagt zu den anderen:" Das ist der jüdische Friedhof, da gehören endlich alle hinaus, dann hätten wir Ruhe in Deutschland." Einige Juden, von denen keiner jüdisch aussieht, gehen zu einem Fussballspiel. Vor dem Eingang zum Sportplatz werden sie von Abzeichenverkäufern umringt und aufgefordert, ein Zeichen zu kaufen. Einer erklärt für alle:" Wir sind Juden, uns dürfen Sie kein Abzeichen verkaufen." Darauf der Sammler: " Dann ist es gut, dann bekommen Sie auch keins. Euer stinkiges Geld wollen wir nicht." Als die Sportgäste etwas entfernt waren, rief ihnen ein SA- Mann nach:" Schämen tät ich mich, wenn ich mich als Jud ausgeben tät und keiner wär, bloss damit ich kein Zeichn kaufn brauch!" Obwohl die Juden keine" wehrwürdigen" Staatsbürger sind, hat man in der letzten Zeit verschiedene jüdische Aerzte zu militärischen Ausbildungskursen einberufen. Eine Tatsache ist uns bekannt geworden, die mehr als all die hier erzählten Beispiele die traurige Lage der Juden in Deutschland kennzeichnet: Seit 1934 sind in das staatliche Irrenhaus Egelfing über 70 jüdische Frauen aus München eingeliefert worden. 2. Bericht: Für Familien, in denen nur ein Elternteil jüdischer Abstammung ist und deren Kinder als" Mischlinge" registriert werden, gelten zwar grosse Teile der Nürnberger Gesetze nicht, aber man lässt die Kinder bei jeder Gelegenheit fühlen, dass sie keine vollwertigen Volksgenossen sind. Vor allem das Leben in der Schule wird ihnen zur Hölle. Mischlinge besuchen zumeist die" arischen" Lehranstalten. Da dort der Hass gegen die Juden geschürt wird, sind sie dem Spott der anderen Kinder ausgesetzt. Im Unterricht wird oft in der gemeinsten Weise auf die Juden geschimpft. Für die A-51Mischlinge wird dieser Unterricht zu einer seelischen Qual und die Eltern wissen oft nicht, wie sie ihren Kindern helfen können. Durch die Fragen, die ihnen die Kinder stellen, geraten sie in Gewissenskonflikte. Belügen möchten sie ihre Kinder nicht und die Wahrheit ist gefährlich. Sie kann zu Verfolgungen führen. Die Mischlinge sind übrigens von bestimmten Veranstaltungen der Schule ausgeschlossen. Sie müssen zwar am Turnunterricht mit teilnehmen, doch allen öffentlichen Sportfesten haben sie fernzubleiben. Auch nach der Schulzeit ist ihnen keine Möglichkeit geboten, bei Sportfesten, sei es als Turner, Fussballspieler, Eisläufer usw. aufzutreten, im Gegensatz zu den Volljuden, die sich im Rahmen ihrer eigenen Vereine auch öffentlich betätigen können. Allerdings werden die Vorschriften nicht überall befolgt. Es gibt auch heute noch Vereine, in denen sich Mischlinge sehr aktiv betätigen. Dann weiss jedoch gewöhnlich niemand, dass es sich um einen Mischling handelt, oder der Verein, der durch die guten Leistungen des Mischlings gefördert wird, will nichts davon wissen. Das geht in der Regel solange, bis ein 100% iger Nazi den Fall entdeckt und seine Organisation zum Einschreiten veranlasst. So stehen die Halbjuden zwischen zwei Lagern. Von jüdischen Vereinen dürfen sie nicht aufgenommen werden und eine offizielle Teilnahme an rein arischen Vereinigungen ist ihnen verschlossen. Auch sonst befinden sich die Mischlinge in einer besonders heiklen Lage, denn die Gesetze und Bestimmungen sind ungenau und werden nicht von allen amtlichen Stellen gleichmässig ausgelegt. Während Mischlingen im allgemeinen das Hissen der Hakenkreuzfahne nicht erlaubt ist, müssen sie Plakate, die ihnen von Nazi- Organisationen zugestellt werden, im Fenster bzw. Schaufenster aushängen. Wasserkante: Die Judenhetze wird in Hamburg nicht geringer. Sie hat im Gegenteil in letzter Zeit neue Verschärfungen erfahren. Wieder kann man beobachten, dass vor den Häusern jüdischer Aerzte Nazis stehen, die sich gern in ein Gespräch mit den Patienten einlassen und sie dabei auf das" Gefährliche" solcher Besuche aufmerksam machen." Ihr eigenes Schicksal muss Ihnen doch wichtiger sein als das eines Juden.." sagte einer dieser Biedermänner zu einem Arbeiter, der im Begriff stand, seinen alten jüdischen Arzt zu konsultieren. Auch vor jüdischen Geschäften stehen wieder Posten. Desgleichen ist die Jagd auf " rassenschänderische" Juden noch immer im Gange. Der Antisemitismus hat im Bürgertum viele Gegner." Die Nazis veranstalten den ganzen antisemitischen Rummel nur, um von den weissen Juden abzulenken." Auch der Kern der organisierten Arbeiterschaft will mit der Judenhetze nichts zu tun haben. Aber in der breiten Masse der indifferenten Arbeiter hat das ständige antisemitische Trommelfeuer seine Wirkung getan. Auch Leute, die früher gar nicht wussten, was ein Jude ist, schieben heute alles Unheil auf die Juden. Und die primitiven Nazis gar kennen schon keinen anderen Gesprächsstoff mehr. 52Sachsen: Kennzeichend für die Lage der Juden im Dritten Reich ist der Ausspruch eines Juden:" Wir wollen uns ja allen Gesetzen und Anordnungen fügen, man soll uns aber endlich einmal in Ruhe lassen und nicht immer schikanieren und als gehetztes Wild durchs Leben jagen." Die jüdischen Kinder müssen jetzt alle in jüdische Schulen gehen. In allen Sommerbädern ist hier für Juden das Baden verboten. Die Juden hatten beabsichtigt, ein eigenes Bad zu erwerben. Man verlangte aber dafür einen so hohen Preis, dass das unmöglich war. Aus diesem Grunde ist es den Juden hier nicht möglich, im Sommer ein Bad im Freien zu nehmen. Da Juden in vielen Gaststätten nicht erwünscht sind, haben sie sich in Leipzig am Dittrichring eine eigene Gaststätte geschaffen. Im Kaufhaus Knop, früher Kaufhaus Brühl, wurden sämtliche jüdischen Angestellten entlassen und durch" vollarische" Angestellte ersetzt. Auch viele andere Geschäfte kündigten den jüdischen Verkäufern und Verkäuferinnen. In den meisten Fällen verlangt der Vertrauensrat die Entlassung, da es angeb lich den arischen Angestellten nicht zugemutet werden könne, mit Juden zusammen zu arbeiten. Oft zahlten die Chefs den Angestellten bei fristloser Entlassung 3 Monate Gehalt aus. Ein gekündigter Angestellter sagte dem Chef, dass er ja wie ein Verbrecher auf die Strasse gesetzt werde. Wenn es ihm nicht einmal erlaubt sei, die 3 Monate abzuarbeiten, wolle er die Abfindungssumme nicht annehmen. Er brauche kein Gnadenbrot. Der Chef versicherte ihm, dass er ihn nur ungern entlasse, aber dazu gezwungen sei, wenn er nicht boykottiert werden wolle. Schlesien: In Bad Kudowa, das in diesem Jahre stark von jüdischen Kurgästen besucht war, nimmt die Judenhetze immer schärfere Formen an. Die jüdischen Pensionen und Hotels wurden nachts mit Aufschriften wie" Juden heraus" beschmiert. Die Juden dürfen nur in bestimmten Pensionen und in einem Hotel, dem" Fürstenhof" wohnen, alle anderen Pensionen und Hotels sind ihnen verboten. Man will auf alle Fälle erreichen, dass im nächsten Jahr die Juden aus Kudowa fernbleiben. Den Besitzer des... wollte man zwingen, den Juden seine ärztliche Hilfe zu versagen und die Juden zu entfernen. Er erklärte aber, dass er Arzt sei und sich verpflichtet fühle, allen kranken Menschen nach Möglichkeit zu helfen. Für ihn als Arzt gebe es weder Rassen- noch Klassenunterschiede, er lasse sich auf keinen Fall verbieten, Juden zu behandeln. Die abgesandten Herren zogen nach dieser geharnischten Erklärung ab und wollten sich höheren Orts beschweren. Bisher ist aber nichts unternommen worden. Rheinland- Westfalen: Die Judenhetze geht weiter. In Remscheid hat die Ehefrau eines Nationalsozialisten bei einem Juden Einkäufe für den täglichen Haushalt gemacht. Sie hatte den Kaufpreis nicht voll entrichtet. Der jüdische Geschäfts A- 53mann verklagte den Ehemann auf Zahlung des Restes. Der Mann verweigerte die Zahlung der Restschuld, da es ihm als Nationelsozialisten nicht zugemutet werden könne, für häusliche inkäufe seiner Ehefrau in einem jüdischen Geschäft einzustehen. Dus Amtsgericht in Remscheid wies die Klage des Juden ab. Zur Begründung wurde gesagt, dass sich die Erkenntnis allgemein durchgesetzt habe, dass deutsche Volksgenossen nicht beim Juden kaufen dürften. Die Bindung eines deutschen Ehemannes an einen solchen Vertrag müsse deshalb regelmässig als unzumutbar angesehen werden. Hier sind alle Leute überzeugt, dass dieses Beispiel Schule machen und dass sich jetzt noch mehr" deutschblütige" Ehefrauen bei Juden Waren pumpen werden, die ihre Ehemänner nicht zu bezahlen brauchen. Württemberg: Die jüdischen Viehhändler werden in jeder Weise schikaniert. Ich kenne einen solchen Mann, der seit Jahrzehnten ortsansässig ist, bei den Bauern der Umgegend einen guten Ruf geniesst und noch immer Geschäfte macht. Er bekommt jedes Vierteljahr den Besuch eines Land jägers, der ihm bekanntgibt, er müsse seinen Stall sofort neu tünchen lassen. Auf den tadellosen Zustand des Stalles wird dabei gar nicht geachtet. Die nachfolgenden Berichte aus Oberschlesien schildern die nach Ablauf der" Genfer Konvention" erfolgten Pogrome und die gegenwärtige Situation( siehe auch Heft 7/1937, Seite A 30-31): 1. Bericht: Das besitzende Juden tum hat sich auf den Ablauf der Genfer Konvention vorbereitet. Zahlreiche Geschäfte wurden aufgelöst oder an Arier verkauft. Aber es blieben dennoch viele Juden zurück, vorwiegend kleinere Geschäftsleute, an denen sich die Nazis austoben konnten. Der" Stürmer" gab zum Ablauf der Genfer Konvention eine Sondernummer heraus, die in vielen Betrieben und bei allen Behörden verbreitet wurde und wüste Verleumdungen gegen die oberschlesischen Juden enthielt. Die Schutzpolizei in Gleiwitz, Beuthen und Hindenburg war angewiesen," Judenlisten" anzufertigen, die den Nazi- Organisationen ausgehändigt wurden. Am 28. und 29. Juli brachen in ganz Oberschlesien Pogrome aus. In Beuthen wurden die Ausschreitungen im SA- Heim vorbereitet. Man wählte durchwegs Burschen von 12 bis 15 Jahren aus, die von der dortigen Frauenschaft in Uniform angeführt wurden. Sie schlugen die Scheiben und Türen der Synagoge ein, beschmierten die Wände, überrannten den Synagogendiener, verprügelten ihn und vernichteten viele Gegenstände. Die Polizei sah dem Treiben zu, ohne einzugreifen. Als die Tat vollzogen war, sperrte man aber das Gebiet in weiter Umgebung ab, niemand durfte in die Nähe. Inzwischen ist die Synagoge in polnischen Besitz übergegangen und nach einer Intervention des polnischen Generalkonsuls in Oppeln auf Staatsunkosten repariert worden. Nach dem Sturm auf die Synagoge rottete sich die HJ auf den Beuthener King A-54zusammen und stürmte ein Obstgeschäft, das einem Juden gehört, warf die Waren auf die Strasse, plünderte und vertrieb den Inhaber, der sich an die Schutzpolizei gewendet hatte, aber von ihr abgewiesen worden war. Ein anderer Teil der Hitlerjugend sammelte die Beute von der Strasse und verschwand damit, ohne dass die Schutzpolizei auch nur einen Versuch unternahm, einzuschreiten. Erst, als die Hitlerjugend sich entfernte und die Bevölkerung sich vor dem Geschäft ansammelte und ihrer Empörung deutlich Ausdruck verlieh, erschien ein Polizeikommando und vertrieb die Zuschauer. Man erklärte, dass der Jude provoziert habe und nach Polen geflohen sei.- Vor den jüdischen Geschäften wurde das Publikum teils photographiert, teils am Einkauf gehindert. Käufer, die dennoch in die Geschäfte eintraten, wurden von der Polizei gestellt. In das Eisengeschäft Leipziger, Beuthen, drang die Hitlerjugend ein und entwendete dort Solinger Stahlwaren und Silberbestecks. Im Pelzgeschäft Steinhauer, Beuthen, wurde geplündert. Die Aktionen gegen andere jüdische Geschäfte dauerten noch einige Tage, ohne dass die Polizei eingriff, vielfach wurden die Plünderer von SA- Leuten begleitet. In Klausberg bei Hindenburg legte man dem Holzhändler Schirokauer und dem Gastwirt Brauer schon vor dem 15. Juli nahe, den Ort zu verlassen." Es werde sonst etwas geschehen". Tatsächlich wurden eines Nachts die Unternehmen dieser beiden Leute überfallen. Der Sachschaden an ausgeschlagenen Fensterscheiben wird auf mehrere hundert Mark geschätzt. Die Wände wurden mit Teer- Inschriften beschmiert:" Juden heraus!" Der" alte Kämpfer" Negel in Klausberg hat auf der Hauptstrasse ein Haus, in dem sich zwei jüdische Geschäfte befinden. Er wurde aufgefordert, die Leute hinauszuwerfen. Da er sich weigerte, erschienen am 1. August Hitler- Jungen und versuchten, die Geschäfte mit antisemitischen Plakaten zu versehen. Negel verprügelte die Lausbuben. Es kam SA und Polizei; Negel wurde verhaftet und soll vor ein Parteigericht gestellt werden.- An einem Klausberger Markttag Anfang August wurden sämtliche jüdischen Marktstände umgeworfen. Die Juden wurden verprügelt und vertrieben. Halbuniformierte Hitlerjungen erschienen vor dem Mehlgeschäft Schneemann in Klausberg und klebten Transparente an:" Ein Volk, das die Juden zu Herren macht, geht zugrunde!"" Wer bei einem Juden kauft, ist ein Lump!" " Kauft nicht bei Juden, denn wer bei Juden kauft, ist kein Deutscher!" Wie später durch die Indiskretion von SALeuten bekannt wurde, hat die Konkurrenz des Schneemann Plakate und Kleister an die Hitler- Jugend geliefert. In Hindenburg begann die Aktion gegen aie Juden damit, dass SA in den Geschäften arischer Kaufleute erschien und das Aushängen von Plakaten forderte mit der Aufschrift:" Juden unerwünscht!" Nur in den seltensten Fällen wurde dies abgelehnt.In dem jüdischen Gasthaus Eisner, Hindenburg, in dem Postbeamte, Eisenbahner und Magistratsangestellte verkehrten, erschienen SA und Polizei und nahmen die Personalien der Anwesenden auf. Es wurde ihnen die Entlassung aus dem Dienst angedroht. A- 55Als im jüdischen Farbengeschäft Kuttner, Hindenburg, ein Malerlehrling Einkäufe besorgte, warf man ihm das Fahrrad um und verschüttete die Farben. Die Polizei stellte seine Personalien fest und nahm ein Protokoll darüber auf, wer ihn zum Juden geschickt habe.- Die Aktionen in Hindenburg werden von den SA- Führer und Vertrauensrat der Redenhütte, Hartwieger, geleitet. Der Arbeitsamtsangestellte Baganz, der vom Magistrat wegen Unterschlagungen entlassen worden ist, fuhr Hitlerjungen mit dem Auto in Hindenburg herum. Vor jüdischen Geschäften liess er sie im Massen chor rufen:" Juden müssen heraus!" Die Polizei sah den Dingen zu, ohne einzugreifen. Unter Begleitung von SA- Leuten gingen Hitlerjungen herum, rissen die Türen jüdischer Geschäfte auf und schrien: " Juden müssen heraus!" Als die Inhaberin des Konfektionsgeschäftes Himmelfärb sich gegen die Jungens wendete, wurde sie von ihnen und einigen SA- Leuten misshandelt. Die Grün- und Park- Anlagen dürfen von Juden nicht betreten werden. Am 29. Juli wurden in den Abendstunden die Jüdinnen Kohn und Goldmann auf der Kampfbahnallee misshandelt und zum Verlassen der Allee gezwungen. Bei verschiedenen SA- Leuten und in den Betrieben fanden diese Aktionen keine Billigung. Die Anführer sind als zweifelhafte Ehrenmänner bekannt. Zu den Aktionen in Tost und Gleiwitz wurden SA- Leute aus Klausberg und Hindenburg abkommandiert, weil die dortige SA nicht mitmachen wollte. In der Bevölkerung sagt man:" Hitler muss schon am Ende sein; was macht er, wenn die Judenhetze nicht mehr zieht?" 2.Bericht: Seit Ablauf der Genfer Konvention wurde in Oberschlesien 52 jüdischen Notaren die Notariate entzogen. In der gleichen Zeit sind 25 jüdische Gastwirtschaften" wegen Schmutz und Unsauberkeit im Betrieb" geschlossen worden. Bemerkenswert ist, dass man den Besitzern zunächst Nazis als Käufer schickte und als sie nicht bereit waren, den ihnen gebotenen, lächerlich geringen Kaufpreis anzunehmen, wurde darauf der Betrieb polizeilich geschlossen. Der Polizeipräsident von Gleiwitz erliess ein Rundschreiben an die jüdischen Geschäftsinhaber, dass er es künftig ablehnen müsse, den Juden Schutz zu gewähren, sie müssten sich beeilen, ihre Unternehmungen zu liquidieren. Jüdische Geschäfte, Restaurants und Gastwirtschaften seien der Polizei als Herde der Meckerei bekannt.- Auf Aufforderung der Arbeitsfront entliess die Brauerei Schultheiss- Patzenhofer in Hindenburg alle jüdischen Angestellten, Arbeiter und Filialleiter. Die jüdischen Angestellten verlangten bei der Arbeitsfront, deren Mitglieder sie sind, Rechtsschutz. Sie erhielten die Antwort, dass man für Juden nichts tun könne. Aus zahlreichen Ortschaften wird berichtet, dass jetzt die Gestapo na chforsche, ob von jüdischen Geschäftsleuten während der Dauer der Genfer Konvention nicht Rassenschande getrieben worden sei.- Gegen einige Personen, die Oberschlesien bereits A-56verlassen haben und sich im Auslande befinden, wurden Steckbriefe erlassen, obgleich man ihnen vorher Pässe ausgestellt hatte, da gegen sie nichts vorlag. Einige in den X- Werken beschäftigte Arbeiter liessen sich von einem jüdischen Arzt behandeln, der als Kriegsteilnehmer bei der Krankenkasse zugelassen ist. Der Vertrauensrat verbot ihnen das. Als sie sein Verbot nicht beachteten, verkündete der Vertrauensrat durch einen Aushang: die Arbeiter... seien für ein halbes Jahr" aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen", weil sie mit Juden verkehrt hätten. In der Belegschaft wurde viel über diesen Fall diskutiert. Die" aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossenen" Arbeiter sind weiter an ihren bisherigen Arbeitsstellen tätig. Oft kann man jetzt hören:" Willst Du von den Nazis fort, dann geh zu einem jüdischen Arzt und man schliesst Dich endlich aus der Volksgemeinschaft aus!" Es ist für die Stimmung bezeichnend, dass die Ausgeschlossenen immer wieder mit Augenzwinkern gefragt werden, wie es ihnen ausserhalb der Volksgemeinschaft ergeht. A- 57III. Beitrags- und Spendenwirtschaft. Die Erhebung von Beiträgen, Gebühren und Spenden ist in ihrer heutigen Form zumeist nichts anderes als eine verkappte Sonderbesteuerung. Während die vom Naziregime neu eingeführten Gebühren und Beiträge den Staats- und Parteistellen direkt zufliessen, dienen die Spenden dazu, den Staat von zahlreichen sozialpolitischen Aufgaben zu entlasten und so beträchtliche Summen für Aufrüstungszwecke freizumachen. Die Belastung der Wirtschaft und der Bevölkerung durch die Beiträge zu den Zwangsorganisationen( Reichsnährstand, Organisation der gewerblichen Wirtschaft, NS- Organisationen usw.) und durch die Erhebung von Gebühren für neuerrichtete Kontrollinstanzen haben wir zuletzt im Heft 8/1936( Seite B 23- 29) dargestellt. Seither sind einzelne Gebühren der verschiedenen Ueberwachungsstellen" mit Rücksicht auf die steigenden Unkosten" weiter erhöht worden. Bei der Ueberwachungsstelle für Edelmetalle beträgt jetzt z. B. die Bearbeitungsgebühr für eingereichte Anträge 1,- RM( früher 0,50 RM), die Gebühr für Verlängerungen und Abänderungen erteilter Bescheinigungen 1 Promille, statt früher ein Zehntel von 3 Promille, die Gebühr für die Ausstellung einer Genehmigung zum Erwerb von Alt- und Bruchgold zu gewerblichen oder beruflichen Zwecken 3( 2) RM und die Mindestgebühr 1 RMK( 0,50). Die Gebührenseuche macht weder vor den ärmsten Schichten der Bevölkerung halt, noch lässt sie finanziell unerhebliche Möglichkeiten der Besteuerung aus. So sind in verschiedenen Gebie ten des Reiches" Pilz- und Beerenscheine" eingeführt worden, die alle, auch gelegentliche Sammler für 50 Pfennige erwerben müssen. In Sachsen, wo diese Regelung seit 1935 besteht, wurden am 3. April 1937 80.000 RM an die NS- Volkswohlfahrt überwiesen, die für Pilz- und Beerenscheine vereinnahmt worden waren. Weitere Gebühren werden von den Holzlesern und Bucheckernsammlern erhoben. Der Bucheckernschein, der auf Weisung des Reichsforstmeisters Göring für das ganze Reich vorgeschrieben ist, A-58kostet 1, RM und wird auch für Minderbemittelte nicht verbilligt. Seit 1936 gilt, gleichfalls im ganzen Reiche, eine Marktordnung für den Christbaumhandel, die u.a. eine SchlussscheinVorschrift enthält, nach der für jeden Baum 2 Pfennige zu entrichten sind. In Sachsen wurde der Erlös aus dieser Gebühr, der im Winter 1936/37 10.000 RMK betrug, gleichfalls der NSV zugeführt. Für Minderbemittelte stellen auch die Gebühren für den Abstammungs-( Arier) Nachweis eine fühlbare Belastung dar. Selbst Wehrpflichtige und Angehörige des Reichsarbeitsdienstes haben ( 1t. Verordnung des Reichs- und Preussischen Ministers des Inneren vom 10. Oktober 1935) keinen Anspruch auf Gebührenfreiheit. Bei" annähernd richtiger Angabe der Daten" zahlt der Antragsteller, sofern die Urkunde einem amtlichen oder parteiamtlichen Zweck dient, 60 Rpf. Aber die Daten sind häufig schwer festzustellen, und seit einiger Zeit müssen die Pfarrämter eine Suchgebühr von 75 Rpf. je halbe Stunde erheben. Für eigene Einsichtnahme in, die Kirchenbücher muss für die erste Stunde 1 RM, für jede weitere Stunde 50 Rpf, im ganzen nicht mehr als 2 RMK für einen halben Tag( vier Stunden) und 4 RMk für einen ganzen Tag( acht Stunden) erhoben werden. Ueber verschiedene Abgaben und Gebühren äussern sich einige Berichterstatter wie folgt: Bayern, 1.Bericht: Seit 1935 zahlen alle der Innung angeschlossenen Schneider die sogenannte Exportbeihilfe, die zwei Prozent des Umsatzes ausmacht. Der Innungsbeitrag für Schneidereien, die mehrere Angestellte beschäftigen, beträgt über den Grundbeitrag hinaus für jeden Angestellten 1,50 RMK im Monat. Die Innungsversammlungen sind immer gut besucht, weil bei Nichterscheinen eine Busse von 5,- RMK eingehoben wird. Eine Lehrlingsprüfung im Schneidergewerbe kommt auf 40, RMK zu stehen. Hat das Lehrmädchen ausgelernt, so muss sie vorerst den Antrag stellen, zur Prüfung zugelassen zu werden. Dieser Antrag kostet sie 8,- RMK Gebühren. Neuerdings wird eine Abnutzungsgebühr für den Prüfungssaal von 50 Rpf. für 10 Tage erhoben. Für den Materialverbrauch muss ein Pauschalbetrag von 10 RMK bezahlt werden, der reine Materialwert ist kam höher als 1,- RMk. Früher haben die Meisterinnen das Material gestellt, nunmehr muss es von der Innung angefordert werden. Die Mädels schneidern nicht mehr Kleider oder Schürzen, sie müssen vielmehr bei den Prüfungen Uniformtaschen aufnähen. Das Freisprechungszeugnis kostet sie wiederum 5,-RMK. A-59Bei der grossen Feier, bei der das Zeugnis übergeben wird, muss das Mädchen in BaM- Kleidung, zumindest in brauner Bluse erscheinen, die sie sich als Schneiderin nicht selber anfertigen darf, sondern bei einer für den Uniformverkauf konzessionierten Stelle erwerben muss. Die Bluse kostet 8,- bis 10, RMK, so dass die Gesamtkosten auf etwa 40,- RMK kommen. Das kann natürlich kaum ein Mädel bezahlen. Meist haben die Eltern das Geld auch nicht, dann muss der Meister diese Auslagen bevorschussen. 2. Bericht: Alle Beamten und Lehrer haben im Juli für zwei Gasmasken 35,- RMK zeichnen müssen, die sie in Teilraten bezahlen durften. Eine Gasmaske war für den Zahler bestimmt, die zweite als sogenannte Patengasmaske angeblich für einen Erwerbslosen. Bei den Betroffenen hat diese Abgabe grosse Empörung ausgelöst. Sie konnten sich aber nicht weigern, da die Beträge gleich vom Gehalt abgezogen wurden. Berlin: Die Uniformen der verschiedenen Organisationen werden durch die Gebühren der Reichszeugmeisterei verteuert. Es bestehen zwar feste Preise, aber die Gebühren sind einkalkuliert. So ruht auf jedem DAF- Anzug eine Gebühr von 3,- RMK. Im Durchschnitt macht die Gebühr mindestens 5% des Wertes aus, in vielen Fällen sogar mehr. Für die DAF- Anzüge wird eine einheitliche Gebühr erhoben, sie werden aber in vier Qualitäts- und Preisklassen geliefert. Die vierte Qualität kostet en gros 35,- RMK, im Detailhandel 49,- RMK. Die Gebühr wird bei verschiedenen Stellen eingezogen. Der Grossist zahlt 50 Pfg., der Detaillist 50 Pfg. usw. Wie gross die Einnahme der Reichszeugmeisterei ist, lässt sich ungefähr ahnen, wenn man bedenkt, dass beispielsweise die Hitlerjugend mit ca. einer Million Mitgliedern eine Million Ausrüstungen zum Preise von durchschnittlich 10,- RMK gekauft hat. Dazu kommen SA, SS, Arbeitsfront usw. Sachsen, 1. Bericht: Die Regierung verlangt jetzt die Errichtung von Milchhöfen. Für diese Bauten sollen die Bauern die Mittel schaffen. Es wird ihnen von der sechsten Kuh aufwärts für jede Kuh 10,- RMK Zuschuss abgefordert. Dagegen wehren sich die Bauern, sie wollen die Abgabe nicht tragen. Alle schimpfen tüchtig und wollen ihre Kühe bis auf fünf wegschlachten, damit sie nichts zu zahlen brauchen. Hierbei spielt auch die niedrige Bezahlung der Milch eine entscheidende Rolle. In den geplanten Milchhöfen sollen später nur 11 Pfg. für den Liter Milch bezahlt werden. Man will die Bauern aber zwingen, alle Milch dort abzuliefern. 2.Bericht: Im Sommer wurden Zettel für das Sammeln von Schwarzbeeren und Pilzen ausgegeben. Ein solcher Zettel rostete 50 Pfg. und als Stichtag war der 10. Juli 1937 festgesetzt. Als nun einige Leute aus G. bereits am 9. Juli beim Beerenpflücken angetroffen wurden, nahm man ihnen die Zettel ab und entzog ihnen so die Erlaubnis, in diesem Jahre Beeren A-60zu pflücken, da neue Zettel nicht ausgestellt wurden. Schlesien: Alle Kleingärtner Deutschlands müssen für einen besonderen Fonds 1,- RMK zahlen. Dadurch kommen erhebliche Beträge zusammen, da es z. B. allein in Schlesien etwa 40.000 Kleingärtner gibt. Mit dem Geld sollen angeblich Neueinrichtungen geschaffen werden. Die Leute schimpfen, weil man sie dauernd schröpft, aber sie müssen zahlen, ob sie wollen oder nicht. Die Mitgliedsbeiträge zu den NS- Organisationen werden mit rücksichtsloser Schärfe eingetrieben. Ein Ausweichen gibt es kaum, da in vielen Fällen die Mitgliedschaft Zwang ist, und ( wie z. B. bei der DAF, der grössten Zwangsorganisation) die Beiträge den Arbeitnehmern vom Lohn oder Gehalt abgezogen werden. Besonderem Druck sind die unteren Staatsangestellten ausgesetzt, die dazu gepresst werden, immer neue Mitgliedschaften zu erwerben. Auf der nächsten Seite reproduzieren wir ein Schreiben der Fliegerortsgruppe Hindenburg( Oberschlesien), das zum Eintritt in den Fliegerklub oder in die Fliegerhilfe Hindenburg auffordert. Oertliche Organisationen solcher Art bestürmen die Bevölkerung in allen Teilen Deutschlands mit ihrer Werbung. Unseren Berichten entnehmen wir: Bayern, 1.Bericht: Die Beiträge für die Deutsche Arbeitsfront werden jetzt wohl überall vom Lohn abgezogen wie die Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge. In einer Glasfabrik in Nordbayern hatten es die Arbeiter abgelehnt, den Beitrag für die DAF zu bezahlen," weil im Betriebe gar nichts für die Arbeiter geschehe". Jetzt werden die Beiträge durch die Firma kassiert, nur zieht diese 20 Pfg. mehr vom Lohn ab. Kein Arbeiter wagt Aufschluss zu verlangen, warum diese Erhöhung erfolgte. 2. Bericht: Die Lehrer klagen über den Terror, mit dem man sie in die Vereine presst. So mussten sie jetzt alle dem Verein der Auslandsdeutschen( VdA) und dem Bund der Sudetendeutschen beitreten. Dabei kommt es nur darauf an, dass sie ihre Beiträge bezahlen, sonst will man nichts von ihnen. Viele Lehrer wurden auch schon aufgefordert,' in den Reichs- Kolonialbund einzutreten. Wasserkante: Das Rote Kreuz, das einen Mitgliedsbeitrag von 0,50 RMK monatlich erhebt, zwingt seine Mitglieder jetzt, eine Lebensversicherung einzugehen. Wer sich weigert, wird A-61Das deutsche Volk muß ein Dolk von fliegern werden! Gleichzeitig mit der Heimbeschaffungsaktion für die Hindenburger Fliegerjugend wende ich mich an Sie mit der Bitte, die großen Aufgaben, welche die Fliegerortsgruppe Hindenburg um die vormilitärische Ausbildung der Hindenburger Fliegerjugend zu leisten hat, ferner dadurch zu unterstüßen, daß Sie sich entweder als Mitglied des Fliegerklubs der Fliegerortsgruppe Hindenburg mit einem monatlichen Beitrag von 1.- RM.( auch nach Belieben mehr) oder als Mitglied der Fliegerhilfe der Fliegerortsg.appe Hindenburg( mit einem beliebigen Beitrag unter 1.- RM.) in unsere Reihen stellen. Die Ortsgruppe Hindenburg hat in den nahezu 4 Jahren ihres Bestehens Großes geleistet und zählt zu den besten Ortsgruppen im Reiche, was ihr durch Anerkennungsschreiben der Luftsport- Landesgruppe 6 und des Herrn Reichsluftsportführers wiederholt zum Ausdruck kam. Der Gradmesser ihrer Leistungen liegt in dem stolzen Ergeb nis, daß die 30 durch die Fliegerortsgruppe und auf deren Kosten zu Flugzeugführern ausgebildeten Söhne unserer Stadt als angesehene Piloten der Luftwaffe in all ihren Geschwadern fliegen und daß 6 von diesen die Wehrmachtsveranstaltungen am Parteitag der Ehre 1936 und am Bückeberg am Steuer unserer modernsten Kampf- und Jagdmaschinen mitgeflogen sind. Die in den H.J.- Luftsport- Gefolgschaften heranwachsende junge Generation aber ist von dem gleichen fanatischen Willen zur Fliegerei beseelt und wird ihren älteren Kameraden würdige Nachfolger stellen. Helfen auch Sie durch einen geringen monatlichen Beitrag mit, den jungen Fliegern Hindenburgs eine gründliche vormilitärische Ausbildung zuteil werden zu lassen, denn die Materialbeschaffung für den Bau von Gleitund Segelflugzeugen, die Durchführung der Gleit- und Segelfliegerschulung, die Anschaffung von Lehrmitteln und Versuchsgeräten erfordert viel Geld. Senden Sie bitte eine der beiden beigefügten Beitrittserklärungen für den Fliegerklub oder für die Fliegerhilfe ausgefüllt an die Fliegerortsgruppe zurück und felen Sie des Dankes der fliegerischen Jugend Hindenburgs versichert. C denburg V ber Fuftfoort- Zande Landesgruppe Der Führer der fliegerortsgruppe findenburg Luguheides Segelflug Kapitän A-62aus dem RK ausgeschlossen, sofern er nicht in einem besonderen Antrag schwerwiegende Gründe geltend machen kann. Nur wer am 1. April 1937 über 50 Jahre alt war, ist vom Beitragszwang befreit. Bei einem Sterbegeld von 300 RMK je Person gilt die folgende Prämientabelle: Gruppe D 18 40 Jahre RMK 1,80 E 41 45 1? 2,-11 F 46 50 99 11 2,50 99 ?? 11 3,-19 54 Pf १ ९ 3,45 ?? I 57 19 11 4,05 99 J 60 99 4,50 Die Versicherung muss rückwirkend ab 1. März 1937 abgeschlossen werden. Nordwestdeutschland: Eine mir bekannte Frau hat einen an leidenden Sohn, der von der Familie fast völlig erhalten werden muss. Er ist wegen dieser Krankheit sterilisiert worden. Da er häufig Anfälle erleidet, konnte er noch in keiner Stellung bleiben. Um einen Gelegenheitsverdienst zu haben, ( Unterstützung erhält er seit Ende 1933 nicht mehr) verkaufte er von Tür zu Tür Bänder, Knöpfe, Nadeln usw. Die vielen Anfälle hinderten den jungen Mann auch hier an einer regelmässigen Arbeit. Immer wieder musste er zwei oder drei Tage im Bett bleiben. Für die hochbetagte Mutter, die sich ohne Unterstützung von dem knappen Verdienst zweier jüngerer Töchter erhalten muss, ist der Junge eine schwere Last. Nun erhielt der Kranke eine Zuschrift von der" Wirtschaftsgruppe Ambulantes Gewerbe". Er wurde mit" Heil Hitler" aufgefordert, für diese Nazi berufsorganisation innerhalb 14 Tagen die Aufnahmegebühr in die Organisation und für drei zurückliegende Jahre, insgesamt den Betrag von etwa 60,- RMK zu zahlen. Wenn er diese Beitragspflicht in der festgesetzten Frist nicht erfülle, werde gegen ihn gerichtlich vorgegangen werden und er müsse die Gerichtskosten usw. zahlen. Alle Versuche der Familie, den zuständigen Stellen die Ungerechtigkeit dieser Forderung klarzumachen, waren vergebens. Schlesien: Auf den Gleiwitzer Gruben sind die Beiträge zur Knappschaft erhöht worden. Die Arbeiterschaft beschwerte sich beim Vertrauensrat und forderte eine Belegschaftsversammlung. Diese Forderung wurde mit der Begründung abgelehnt, die Arbeitsfront habe schon entschieden. Nun setzte untertage die heftigste Kritik an den Nazis und der Arbeitsfront ein, so dass der Vertrauensrat schliesslich in den Schacht kam, um die Kritiker zu warnen. Aber da erhielt er die Antwort: " Wer hat Dich denn bestimmt? Wir wollen wieder wählen, wir brauchen keine eingesetzten Bonzen!" Während am Vorort der Streit mit dem Vertrauensrat im Gange war, schrie einer: " Haut doch das Aas nieder!", worauf der Vertrauensrat die Flucht ergriff. Der Vorfall hatte für die Teilnehmer keine weiteren Folgen. A-63Sachsen, 1. Bericht: Die Herren von der Arbeitsfront haben ausgeknobelt, dass sie bei monatlichen Beitragsleistungen um eine Woche zu kurz kommen. Infolgedessen ist z.B. in der Klasse 9( Wochenlohn bis RMK 40,--) der Monatsbeitrag von RMK 2,20 auf RMK 2,80 erhöht worden. Jeder schimpft darüber, weil ja keine Gegenleistung in Aussicht steht, aber geza hit wird. 2.Bericht: Die Sportvereine müssen ausserordentlich hohe Beiträge zahlen. So muss ein Verein in X. mit 25 Vollmitgliedern und 12 Jugendlichen an Reichsbund- und Fachamtsbeiträgen jetzt insgesamt 105,- RMK im Jahre nach Berlin abführen. Dazu kommen noch die Bezugsgelder für die Zeitungen wie" Reichssportblatt"," Dietwart"" Gauverordnungsblatt" usw. in Gesamthöhe von jährlich fast 40,- RMK, zusammen also fast 150,-RMK. Dieser Verein nimmt aber nur rund 120,- RMk Mitgliederbeiträge im Jahre ein. Vor Hitler wurden bei gleicher Beitragshöhe an den Arbeitersportverband jährlich 37,- RMK Bundesbeitrag und Bezugsgeld für Zeitungen gezahlt. Dazu kamen 15, RMK Kreis- und Bezirksbeitrag, so dass die Gesamthöhe der abzuführenden Organisationsbeiträge 52,-- RMK betrug und über 70,- RMK für die Vereinskasse verblieben. Jetzt ergibt sich stattdessen ein Minus. Die grösseren Vereine leiden nicht minder unter dieser unmässigen Besteuerung. Im Gau Sachsen ist eine grosse Anzahl von Sportvereinen durch den Gauführer gesperrt worden, weil die Beiträge an den" Deutschen Reichsbund für Leibesübungen" ( DRL) nicht abgeführt worden sind. Allein im Zwickauer Kreis und im Unterkreis Aue- Schwarzenberg sind 25 Vereine dieser Massnahme zum Opfer gefallen. Die Aufhebung der Sperre erfolgt nur, wenn die Beiträge nach Berlin bezahlt werden. Der Zwang, offizielle Zeitschriften und Zeitungen zu beziehen, trifft nicht nur Vereine und Körperschaften, sondern auch Einzelpersonen. Obgleich bereits mehrfach Verbote gegen die" Zwangswerbung erlassen wurden, bedienen sich nationalsozialistische Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, vor allem die DAF- Zeitschrift: " Das Arbeitertum" weiter ungestraft dieses Mittels. Selbst Theaterleitungen benützen gefügige Partei- Instanzen, um durch Einschüchterung einen Abonnentens tamm zu gewinnen. In Passau z. B. wurden die Beamten durch den" Kreisamtsleiter des Amtes für Beamte" gezwungen, für die Saison 1936/37 243 Abonnementskarten zum Preise von 6,- RMK je Stück zu übernehmen. Unseren Berichten entnehmen wir: A-64Sachsen, 1.Bericht: In der Firma X. in... sind 50 Personen beschäftigt. Davon bezogen lange Zeit nur 6 Mann die Zeitung " Arbeitertum". Auf eine Anregung der DAF hin ging der Betriebsobmann mit dem Betriebsführer zu jedem Arbeiter werben. Natürlich konnte sich kein Arbeiter ausschliessen, um nicht als staatsfeindlich angesehen zu werden. Heute hält die gesamte Belegschaft die Zeitung und eine Tafel am Gebäude weist darauf hin:" 100- prozentig in der DAF, 100% Leser des" Arbeitertums". 2. Bericht: In einer Maschinenfabrik waren vielleicht 20% der Belegschaft Abnehmer der Gewerkschaftszeitung der DAF " Das Arbeitertum". Die DAF forderte, dass alle Gefolgsleute die Zeitung beziehen sollten. Es erschien ein Anschlag am schwarzen Brett; das Bezugsgeld werde von nun an jedem vom Lohn abgezogen, ebenso die Beiträge für die Kameradschaftskasse. Während sonst solche Sachen ziemlich ruhig hingenommen wurden, war diesmal ein wahrer Tumult vor dem Brett. Die grössten Schimpfer waren die früheren NSBO- Leute, die sich zudem noch die höhnischen Bemerkungen unserer Leute gefallen lassen mussten. Schlesien, 1.Bericht: Im Gaswerk Hindenburg wurde die Oberschlesien- Sondernummer des" Stürmer" gratis verteilt. Wie gross war die Ueberraschung der Arbeiter, als die Quittierung über den Empfang des" Stürmer" als Abonnentenbestellung angesehen wurde. Die Betriebsleitung wollte die Abbestellungen nicht annehmen, man solle sich mit dem Verlag selbst in Verbindung setzen. Der Abonnementbetrag wurde einfach vom Lohn a begzogen. Aus diesem Betriebe wird weiter berichtet, dass man der Belegschaft bei allen Festen und Veranstaltungen die Plaketten in den Lohnbeutel legt und die Festbeiträge abzieht, ohne die Arbeiter zu befragen. Wer darüber bei der Betriebsleitung Beschwerde führt, wird mit Entlassung bedroht. 2.Bericht: In einem handwerklichen Betriebe mit etwa 150 Beschäftigten wurde ein Anschlag angebracht, dass jeder, der das Blatt der DAF" Aufbau" beziehen wolle, sich melden möge. Es bestellte niemand. Daraufhin erschien ein neuer Anschlag, die Zeitung sei für die ganze Belegschaft bestellt worden. Der Bezugspreis von 20 Pfg. werde vom Lohn abgezogen. Wer etwas dagegen habe, solle sich melden. Niemand wagte es. Das Sammelunwesen hat sich in der Berichtszeit weiter ausgebreitet. Ueber die Spendenhilfe der NS- Volkswohlfahrt haben wir bereits in Heft 9/1937( Seite A 87- 126) berichtet, die Berichterstattung über die Winterhilfe erfolgt in einem der nächsten Hefte. Die nachfolgenden Zusammenstellungen umfassen andere, neben der NS- Volkswohlfahrt bestehende Beitrags- und Spen A-65denkassen. Die Zahl dieser" Spenden"," Stiftungen" und" Opfer" ist so gross, dass eine lückenlose Aufzählung nicht möglich ist, zumal die Kenntnis von vielen lokalen Aktionen dieser Art nicht über die Veranstaltungsorte hinausdringt. Bei fast jeder Sammlung werden die in diesen Blättern mehrfach gekennzeichneten Methoden der Einschüchterung und des Zwanges angewandt. Es ist bezeichnend für die Situation, dass alljährlich im Herbst verkündet wird, während des" Winterhilfswerks" würden alle anderen Sammlungen eingestellt werden und dass der Reichsinnenminister in jedem Frühjahr eine" Sammelruhe" für die Zeit vom 1. April bis zum 30. September verordnet. In Wahrheit tritt keine Pause im Sammelbetrieb ein, weder im Winter, noch im Sommer. Die beiden folgenden Berichte aus Sachsen beleuchten die terroristischen Methoden in Gemeinde und Betrieb, wie sie bei Sammlungen so oder ähnlich im ganzen Reiche geübt werden: 1.Bericht: In unserer Gemeinde ist beobachtet worden, dass auf der polizeilichen Personalkarte solcher Personen, die bei Sammlungen nichts gespendet haben, ein roter Streifen mit dem Vermerk aufgeklebt wird:" Nicht geopfert". Will ein so Gekennzeichneter von der Winterhilfe oder sonst von einer anderen Nazi- Einrichtung eine Unterstützung in Anspruch nehmen, so kann er bestimmt damit rechnen, dass er nichts erhält. Aber trotz dieser Massnahmen gibt es auch hier noch genügend Leute, die sich nicht einschüchtern lassen. 2. Bericht: Bei" freiwilligen Spenden" wird in unserem Betrieb( etwa 800 Arbeiter) folgendermassen verfahren: Am Schwarzen Brett wird bekanntgegeben, dass die Belegschaft sich an der Sammlung mit einem Stundenlohn be teilige. Wer nicht freiwillig geben wolle, möge sich im Lohnbüro melden. Das haben auch letzthin einige Arbeiter getan, und nach kurzer Zeit erschien ein neuer Anschlag, alle Arbeiter, die sich im Lohnbüro gemeldet hätten, sollten sich zu einer bestimmten Zeit beim Chef einfinden. Der Chef erklärte ihnen, dass sie doch in Arbeit ständen und für Sammlungen schon etwas opfern könnten. Wenn sie sich aber weigerten, so könne er sie nicht länger im Betrieb beschäftigen. Er müsse solche Leute einstellen, die bereit seien, das Ihre für die Nation zu tun. Durch diesen Druck werden auch solche Arbeiter zum" freiwilligen Opfern" gezwungen, die gegen das Regime sind und es deshalb nicht mit Geld unterstützen möchten. Die Unternehmer können sich durch Beteiligung an der" Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" von allen Sammlungen A-66mit Ausnahme der Winterhilfe loskaufen. Diese Institution besteht im fünften Jahr. Wir reproduzieren auf den folgenden Seiten einen Aufruf des Kuratoriums mit dem Sammelverbot. Im Juli 1937 haben die verschiedenen Kreisamtsleitungen der NSV allen Ortsgruppenamtsleitern einen Abdruck des Sammelverbotes zugehen lassen mit der Bitte," die Amtswalter entsprechend zu belehren" und dafür Sorge zu tragen, dass das Sammelverbot" unbedingt eingehalten wird". Die Bevölkerung hat indessen keine Möglichkeit, sich nach einem einmaligen Aderlass den Belästigungen der Sammler zu entziehen. Eine besonders grosse Rolle spielt das" Dankopfer der Nation", das alljährlich( erstmalig 1936) als" Geburtstagsgeschenk des Volkes an den Führer" eingehoben wird und der Schaffung sogenannter Dankopfer- Siedlungen für nationalsozialistische alte Kämpfer, Kriegsverletzte und Kinderreiche dienen soll. Die Einzeichnungslisten liegen jeweils vom 10. April bis zum 1.Mai in allen SA- Sturmlokalen des Reiches aus. Ganze Betriebe, Schulen, Vereine werden geschlossen zur Einzeichnung geführt, die Propagandamärsche der SA und die zu den Sturmlokalen marschierenden Gefolgschaften beherrschen tagelang das Strassenbild all dies in der Zeit der sogenannten sommerlichen" Sammelruhe". Folgende Berichte gingen uns zu: Bayern: Für das sogenannte" Dankopfer der Nation", eine von der SA organisierte Grossbettelei, wurde heuer besonders nachdrücklich geworben. Aus dem Erlös dieser Sammlung werden für verdiente SA- Männer Siedlungshäuser gebaut. Diese Zweckbestimmung versucht man in der öffentlichen Werbung nicht voranzustellen, um die Gebefreudigkeit der Bevölkerung, die ohnehin nicht sehr gross ist, nicht noch mehr zu mindern. In allen Aufrufen wurde von den" schwerarbeitenden Kameraden in Schächten und Hochöfen" gesprochen, denen man ein Heim bauen wolle. Ganz bewusst sollte damit der Eindruck erweckt werden, diese Sammlung komme der Gesamtarbeiterschaft zugute. Jede der vier Münchner Standarten hatte eigene Einzeichnungslisten errichtet. Insgesamt waren es 115 Lokale, in denen die Einzeichnungslisten auflagen. Vor den Lokalen lümmelten SA- Leute herum, die den Passanten zu verstehen geben, dass es Pflicht sei, einmal im Jahr in besonderer Weise dem Führer zu danken, und zwar durch eine möglichst grosse Spende für das Dankopfer. Die Blockwarte der Partei wurden angewiesen, allen in ihrem Rayon befindlichen Mietparteien mitzuteilen, welche nächstge A-67Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft Berlin W 35, Tirpigufer 58 1. Juni 1937 Aufruf zur Beteiligung im fünften Spendenjahr I. Der deutschen Wirtschaft sind im Laufe des vergangenen Jahres neue und große Aufgaben gestellt worden. Die deutsche Wirtschaft ist sich bewußt, daß gewaltige Dpfer zur Erreichung des gefegten Zieles zu bringen sind, die sie angesichts der Bedeutung desselben gern auf sich nimmt. Neben diesen Aufgaben haben die deutschen Betriebe sich im abgelaufenen Spendenjahr wieder in vollem Umfang an der AdolfHitler- Spende der deutschen Wirtschaft beteiligt. Ich danke den deutschen Betrieben dafür, daß sie es der Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft ermöglicht haben, die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Das Kuratorium der Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft hat, dem Wunsch des Führers entsprechend, beschlossen, ein weiteres Jahr zum nationalen Aufbauwerk beizutragen. Die Adolf- HitlerSpende der deutschen Wirtschaft und damit die an ihr beteiligten deutschen Betriebe werden es auch im neuen Spendenjahr als ihre Ehrenpflicht betrachten, dem Führer die Durchführung seiner Aufgabe zu erleichtern. Ich bin daher sicher, daß die deutschen Betriebe auch weiterhin ausnahmslos zu dieser Spende beitragen werden. II. Der Stellvertreter des Führers, Herr Reichsminister Rudolf Heß, hat im Auftrag des Führers bas bereits in den vergangenen vier Spendenjahren herausgegebene ,, Sammelverbot zugunsten der AdolfHitler- Spende der deutschen Wirtschaft" mit folgendem Wortlaut neu erlassen: Der Stellvertreter des Führers Die Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" wird ab 1. Juni 1937 auf ein Jahr weitergeführt. Ich verbiete hiermit ausdrücklich allen Angehörigen und Dienststellen der Partei, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände bas Sammeln von Geld- und Sachspenden bei den Unternehmen, die sich als an der ,, Abolf- Hitler- Spende ber deutschen Wirtschaft" beteiligt ausweisen. Über die Adolf- Hitler- Spende ber deutschen Wirtschaft" verfügt der Führer. Das Ergebnis der ,, Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" darf daher keinesfalls durch andere Gammlungen und Werbungen geschmälert werden. Die Durchführungsbestimmungen bleses Gammelverbotes erläßt mein Stabsleiter. München, den 1. Juni 1987. gez. Rudolf Heß. A-68Der Stellvertreter des Führere Stabsleise: Durchführungsbestimmungen zum Sammelverbot zugunsten der Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" des Stellvertreters des Führers vom 1. Juni 1937. 1. Ausweis. Die an der Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" beteiligten Unternehmen weisen sich durch die unten abgebildete Bescheinigung aus. Die Bescheinigung ist in grünem Druck gehalten. Adolf Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft Bescheinigung G. 000000 Firma ift an ocr ,, adolf Hitler.Spende der deutschen Wirtschaft" beteiligt Berlin, im Juni 1937 Huratorium Adolf Hitler Spende Oculichen Partichail Sammlungen bei dem Inhaber dieser Bescheinigung find allen Angehörigen und Stellen der Partei, ihrer Gliederungen und angefchloffenen Verbände verboten. Der Vorsitzende des Kuratoriums Der Stellvertreter des führers E, Bregn. Deutfche Arbe 22 Der S IDQ Außer der Bescheinigung über die Beteiligung an der Spende weisen sich die Unternehmen durch nebenstehend abgebildete plakette aus. Die Plakette ist auf grünem Grund gedruckt. Diese Plakette macht die an der„ AbolfHitler- Spende der deutschen Wirtschaft" betetligten Unternehmen und Geschäfte schon von außen fenntlich. Die Bescheinigungen und Plaketten des Spendenjahres 1936/37( roter Druck) verlieren am 15. August 1937 ihre Gültigkeit. Spätestens bis zu diesem Zeitpunkt müssen die roten Plafetten von den Schaufenstern, Bürotüren usw. entfernt sein. Alle Sammler und Werber haben sofort das Sammeln zu unterlassen, wenn ihnen von 6 號 000000The alle Ungehrigen and Stellen be paid, the Olleberungen und angefloffenen Beebinke, he has Bakionalfestatie egerforps en el Whatbank, Helmbun uzulicher regeling, gids perifree und ble fm unterffetten Organifeftones vom 1. Juni 1987 bis 31, Dal 1938. Bare Winterhillwert, die Reicha Totterleranbie Relbstofferlen für Mebelloeferaffung fallen dicht unter disten Kammelverbot der betreffenden Firma die Bescheinigung vorgelegt wird oder wenn die Platette aushängt. 2. Dem ,, Sammelverbot zugunsten der Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" unterfallen: a) alle Stellen der Partei A-69b) die Gliederungen der Partei: SA, GS, NSKK, HI( einschl. Jungvolt, BDM und Jungmädel), NS Deutscher Dozentenbund, NS- Deutscher Studentenbund, NS- Frauenschaft e) die angeschlossenen Verbände: NS- Deutscher Ärztebund Bund NG- Deutscher Juristen NS- Lehrerbund NS- Kriegsopferversorgung Reichsbund Deutscher Beamten NG- Bund Deutscher Techniker Deutsche Arbeitsfront( einschl. NS- Gemeinschaft Kraft durch Freude") NS- Volkswohlfahrt. Auf Grund eigener Vereinbarung unterfallen: d) Das Nationalsozialistische Fliegertorps e) Reichsluftschutzbund f) Der Reichssportführer und die ihm unterstellten Organisationen g) Reichsbund Deutscher Seegeltung. Das Winterhilfswerk sowie die Reichswinterhilfelotterien und die Reichslotterien für Arbeitsbeschaffung fallen nicht unter das ,, Sammelverbot zugunsten der Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft". 3. Das Verbot erfaßt Geld- und Sachspenden und geldwerte Leistungen, gleich in welcher Form fie erhoben werden( Werbung von Patenschaften, fördernden Mitgliedern u. ä., Vertrieb von Gegenständen, insbesondere Büchern, Broschüren, Zeitschriften, Ralendern usw.). 4. Nicht unter das„ Sammelverbot zugunsten der Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" fallen alle Beiträge und Leistungen, bie sich für Mitglieder der NSDAP und Angehörige ihrer Gliederungen aus Anordnungen des Reichsschahmeisters ergeben. 5. Das ,, Sammelverbot zugunsten der Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" tennt teine Ausnahmen. Auf das Verbot können sich die an der Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" beteiligten Unternehmen auch dann berufen, wenn den unter 2a)-g) genannten Stellen und Organisationen auf Grund des Sammlungsgefeges vom 5. November 1934 bzw. der Gammlungsordnung der NSDAP vom 4. Juli 1935 vom Reichs- und Preußischen Minister des Innern oder vom Reichsschahmeister der NSDAP eine Sammlungsgenehmigung erteilt worden ist. 6. Alle Einzelabmachungen der unter 2 genannten Stellen und Organisationen mit den für eine Beteiligung an der„ Adolf- Hitler- Spende der beutschen Wirtschaft" in Betracht kommenden Unternehmen und Gliederungen der gewerblichen Wirtschaft find ungültig. Neue Abmachungen, die die Unternehmen von der Beteiligung an der Spende abhalten könnten, find verboten, desgleichen Abmachungen mit den Gliederungen der gewerblichen Wirtschaft, die die letteren in der Mitarbeit an der ,, Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft" behindern könnten oder in Widerspruch zu en für diese Spende geltenden Bestimmungen stehen. Diese Bestimmungen gelten auch für Sammlungen, Maßnahmen und Eingriffe, die nicht von ben unter 2 genannten Stellen, wohl aber in deren Auftrag oder für ihre Zwede vorgenommen A- 70werden. Ebenso find Eingriffe oder Maßnahmen hinsichtlich der Durchführung der Spende, für die allein bas Kuratorium der Abolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft, Berlin W35, Tirpigufer 58, zuständig ist, untersagt. München, den 1. Juni 1987. gez. M. Bormann. Dieses Verbot ist allen in Betracht kommenden Stellen auf dem Dienstweg bekanntgemacht worden. Ich bitte die deutschen Betriebe, fich in allen Zweifelsfragen unmittelbar an die Geschäftsführung des Kuratoriums der Adolf- Hitler- Spende der deutschen Wirtschaft, Berlin W 35, Tirpigufer 58, zu wenden. Ich erwarte, daß auch die deutschen Betriebe dazu beitragen, daß die getroffenen Bestimmungen eingehalten werden. Der Vorsitzende des Kuratoriums: ( Dr. Krupp von Bohlen und Halbach.) legene Einzahlungsstelle für sie zuständig sei. Württemberg: Aus einem Metallbetrieb wird berichtet, dass der Unternehmer zu Hitlers Geburtstag jedem Arbeiter einen Mindestbeitrag von 1,- RM vom Lohn abzog, zugunsten des " Dankopfers der Nation". Pfalz: Mit allen möglichen Tricks wurde das" Dankopfer der Nation" eingetrieben. Ganze Betriebe wurden vor die Einzeichnungsstellen geführt, um dort geschlossen das Dankopfer abzugeben. Als einmal der Anfang gemacht war und in den Zeitungen die eifrigen Betriebe hervorgehoben wurden, wollte kein Unternehmer in einen schlechten Ruf kommen. Man sah tagelang das Theater der marschierenden Betriebe. Die Züge durften sich nach der Einzeichnung unter entsprechenden Handverrenkungen, Gelöbnissen und" begeisterten" Liedern wieder auflösen. Dasselbe Theater wurde mit den Schulkindern vollführt, die mit Fähnchen und Gesang vor die Sammellokale geführt wurden. In der Zeitung standen dann rührselige Geschichten, wie ein ABC- Schütze in der Schule das Hitlerbild erblickte und sich nicht enthalten konnte, dem Lehrer vertrauensvoll zuzurufen, das sie zuhause auch ein solches Bild hätten. Der Lehrer erzählte, der Führer habe Geburtstag und alle riefen sofort: " Wir wollen ihm etwas schenken". Sie boten Schokolade usw. an. Der Lehrer aber sagte:" Wir werden sammeln; bringe jeder etwas aus seiner Sparbüchse, dann schicken wir es dem Führer und er kann sich kaufen, was ihm gefällt." So wurden die A-71Kinder angehalten, den Eltern wieder einmal Geld herauszulokken, das in geschlossenem Aufzug dem Dankopfer der Nation dargebracht wurde. Sachsen, 1.Bericht: Zu Hitlers Geburtstag wurden am Abend die Belegschaften aller grösseren Betriebe in X. mit Musik nach dem Marktplatz begleitet, wo sich jeder einzelne Arbeiter in die aufgelegten Listen des" Dankopfers der Nation" eintragen musste. Die Kleinbetriebe brauchten sich dem nicht anzuschliessen und hatten schon bei Tage die Möglichkeit, im Betriebe zu zeichnen. Haus- und Strassensammlungen fanden an diesem Tage nicht statt. Es lagen aber bei jedem SA- Sturm 4 Wochen lang die Listen zur weiteren Eintragung auf. Zur gleichen Zeit wurde im Bezirk eine Haus- und Strassensammlung für die Errichtung von Jugendherbergen veranstaltet. Bei alledem bestand aber ein Sammelverbot, das von der Regierung offiziell bis heute noch nicht aufgehoben ist. 2. Bericht: Auch in Z. wurden zu Hitlers Geburtstag Sammelstellen für das" Dankopfer der Nation" eröffnet. Im Rathaus und in leerstehenden Läden lagen die Listen aus, in die sich die Spender mit mindestens 50 Pfg. einzutragen hatten. Der grösste Teil der Betriebe ist geschlossen zu diesen Sammelstellen geführt worden. Auch die Geschäftsleute konnten sich von der Zeichnung eines entsprechenden Betrages nicht ausschliessen. Durch Plakate und Zeitungen wurde ein besonderer Druck auf die Bevölkerung ausgeübt." Kein guter Deutscher", so hiess es da," dürfe sich von dieser Sammlung ausschliessen". In diesem Jahre wurden zu Hitlers Geburtstag ausserdem noch die" Führer- Briefmarken" herausgegeben. Ein Blatt mit vier 6- RPfg.- Marken kostet 1,- RMk. Der Ueberschuss sollte einem Fonds zur Erfüllung kultureller Aufgaben" zugeführt werden. Bei allen öffentlichen Veranstaltungen, auf Bahnhöfen und in Gaststätten wurden im April/ Mai" fliegende Markenverkäufer" eingesetzt. Die Firmen wurden aufgefordert, ihren Gefolgsleuten, am Geburtstag Adolf Hitlers und am 1. Mai grössere Markenblocks zu schenken. Seit 15. Juni wird die Marke auch einzeln für 25 RPfg. vertrieben. Die" Hitler- Freiplatzspende" kommt gleichfalls den Mitgliedern der nationalsozialistischen Formationen zugute. Die örtlichen NSV- Dienststellen erbitten für sie in den Bädern und Kurorten freie Unterkunfts- und Verpflegstellen. Für die einzelnen Bäder sind Mindestzahlen festgesetzt. Um der NSDAP auch hier ein Monopol zu schaffen, wurde den deutschen Heilbädern, Kurorten A-72und Seebädern verboten, ausserhalb der Hitler- Freiplatz- Spende, Freiplätze, Freikuren, Freikurkarten oder freie Kurmittel für Vereine, Wohlfahrtsorganisationen usw. oder als Tombolageschenke, Gewinne für Preisausschreiben oder sonstige Ausspielungen zu stiften. 450.000 Mitglieder der SA, der SS, des NSKK und der HJ erhielten auf diese Weise 1936 einen kostenlosen Erholungsurlaub. Nach dem Unglück des Luftschiffes" Hindenburg" im Mai dieses Jahres wurden im ganzen Reich" freiwillige Spenden" für den Neubau eines Zeppelin eingetrieben. Darüber gingen uns folgende Berichte zu: Bayern: Nach der Vernichtung des Luftschiffes" Hindenburg" wurde den Arbeitern überall beim nächsten Lohntag ein entsprechender Betrag abgezogen. Sogar einem Lehrling nahm man 30 Pfg. ab, so dass er in dieser Woche keine zwei Mark ausbezahlt bekam. Rheinland: Es wurde für den L.Z. 130 gebettelt. Jeder Amtswalter sammelte, die Lehrer in den Schulen, alle die sich Liebkind machen wollten, sammelten. Die Arbeiter in den Betrieben wurden aufgefordert, eine Ueberstunde für den L.Z. 130 zu leisten. Pfalz: Kaum war das" Dankopfer der Nation" vorüber, ging die Sammelei schon wieder los für den Zeppelin. Schon am Tage nach dem Unglück wurde in Schulen, Fabriken, bei Ausflügen usw. gesammelt, um die Erbauung eines neuen Luftschiffes zu ermöglichen. Es wurde allgemein über diesen Schwindel geschimpft, aber in der Zeitung war täglich zu lesen, mit welcher Begeisterung die Leute spendeten. Sachsen: Die Sammlungen für den Zeppelin erfolgten in den Betrieben meist so, dass der Vertrauensrat beschloss, wieviel jeder Arbeiter, jede Arbeiterin zu geben hatte. Die festgelegten Beträge wurden vom Lohn abgezogen. Ausserdem gingen Sammler mit Listen von Haus zu Haus. Berlin: In der Firma Osram bestimmte der Vertrauensrat gemeinsam mit der Direktion in einer Erklärung, dass alle Arbeiter zum Bau eines neuen Zeppelins eine Ueberstunde beizutragen hätten. Wie die Geschäftsleitung mitteilte, würden dadurch insgesamt 15.000 RMK zusammenkommen. Nordwestdeutschland: Nach dem Brand des Luftschiffes" Hindenburg" wurden den Arbeitern der Opelwerke einfach 3,- RMK von ihrem Lohn abgezogen. Bei 20.000 Arbeitern kam eine nette Summe zusammen. A-73Nachdem wochenlang getrommelt worden war, erfolgte plötzlich ein Sammelverbot. Am 4. Juni übergab das Reichsfinanzministerium der Presse die folgende Erklärung: " Dem Reichsfinanzminister ist bekannt geworden, dass in den Dienstgebäuden für den Neubau eines Zeppelin- Luftschif fes gesammelt worden ist oder Sammlungen beabsichtigt werden. Der Minister erklärt in einem Erlass, er erkenne die hierin zum Ausdruck kommende Anteilnahme an dem schweren Verlust, der die deutsche Luftfahrt betroffen habe, durchaus an. Die Reichsregierung habe aber keinen Aufruf zur Veranstaltung derartiger Sammlungen erlassen, da das Luftschiff" Hindenburg" voll versichert gewesen sei. Der Minister ersucht daher in Uebereinstimmung mit dem Reichsminister des Innern, Sammlungen in den Dienstgebäuden der Reichsfinanzverwaltung nicht zuzulassen und bereits begonnene Sammlungen sofort einzustellen. Gezahlte Beträge sollen ihrem Zweck zugeführt werden." Wo der namhafte Betrag geblieben ist, der für den Ersatz des voll versicherten Luftschiffs gesammelt wurde, hat die Oeffentlichkeit nie erfahren. Der Reichsparteitag wurde auch in diesem Jahre wieder zum Anless genommen, um eine lebhafte Sammeltätigkeit zu entfalten. Westdeutschland, 1.Bericht: Aus verschiedenen Orten kommt die gleichlautende Mitteilung, dass jedem Mitglied der Partei zwei Abzeichen für den Reichsparteitag zum Verkauf ausgehändigt wurden. Jeder musste die beiden Abzeichen sofort bezahlen. Nicht verkaufte Abzeichen wurden nicht zurückgenommen. 2. Bericht: Die Leute waren wütend, weil man ihnen einhämmerte, ein guter Nationalsozialist kaufe sich ein Reichsparteitagsabzeichen. Die Plakette kostet eine Mark. Wasserkante: Alle Parteimitglieder mussten für die Durchführung des Parteitages eine Umlage von 1,- RMK bezahlen. Sachsen: Zur Finanzierung des Reichsparteitages in Nürnberg mussten die Mitglieder der NSDAP für den Monat des Reichsparteitages den doppelten Beitrag zahlen. Die Sammlungsergebnisse waren in diesem Jahre in der Regel weit geringer als im vorigen Jahr, nicht nur in den Betrieben, sondern auch bei den Haussammlungen. Ein Kassierer, der die Beiträge von Parteimi tgliedern der NSDAP abholte, erklärte uns:" Wer die ganze Kolonne einmal richtig schimpfen hören will, der braucht nur für den Parteitag sammeln zu gehen. Sie schimpfen natürlich vor allem, weil sie nicht selber mitfahren können und für andere bezahlen sollen". Er hatte sicher recht. Umso weniger konnten natürlich die Nicht- Parteimitglieder einsehen, wofür sie spenden mussten." Es ist ja doch weiter nichts als eine 4-14Paradeschau. Neues kommt dabei nicht mehr heraus, war die oft geäusserte Ansicht. Seit Anfang 1937 wird im ganzen Reich ausserordentlich lebhaft für die Errichtung von Jugendherbergen und HJ- Heimen geworben. Am 17. und 18. April fand für diesen Zweck eine Hausund Strassensammlung statt. Die Handelskammer Berlin und die Aufruf Die Jufammenfaffung der gesamten deutschen Jugend in der HJ. hat das Jugendherbergswerk im besonderen Maße vor gewaltige Aufgaben gestellt, die es aus eigenet kraft nicht zu bewältigen vermag. Das bestehende Netz an Herbergen genügt in keiner Weise den Anforderungen, die die wandernde Jugend fiel In einem sgesprochenen Notzustand befindet sich der Landesverband BerlinBrandenburg, dem die Sorge für die Berliner Jugend aufgetragen ist. Berlin act über 35 000 Jugendliche, die künftig in der Hitlerjugend vereinigt werden. für fie fieit aber im Bereid des Dorortverkehrs von Berlin nur für jeden 270 ten Jugendlichen ein Beft zur Verfügung. Das ist ein Zustand, der im Intereffe cince gelunden Erziehung unserer Jugend nicht mehr geduldet werden darf. Es besteht die Gesche, daß der Wille der Jugend, ihre Freizeit finnnoli zu verbringen, wieder celahmt und sie ihr Wochenende ouf Hinterhöfen der Großstadt verbringt. Das aber bedeutet schwerste feelische und karperliche Gefährdung der kommenden Generation. Der Bau neuer Jugendherbergen ist notwendig! Der Landesverband BerlinBrandenburg wendet sich nun an die Kreise der Industrie und des Handels mit der Bitte um fe. Angesichts der großen Verantwortung, die das Jugendherbergswerk Berlin- Brandenburg trägt, wird von mir diese Bitte wärmstens unterstützt. Die Spenden find einzuzahlen auf Sonderkonto bei der Berliner Stadtbank„ Berliner Jugendherberge Nr. 999". Der Präsident der Industrie- und Hendelskammer zu Berlin und Leiter der Wietschaftskammer für den Wirtschaftsbezirk Brandenburg Beinbart Wirtschaftskammer Brandenburg übersandten den ihnen angeschlossenen Firmen den nebenstehenden Aufruf. In welcher Weise sonst Gelder beschafft werden, zeigen die beiden folgenden Beispiele: Oebisfelde ( Prov.Sachsen) hatte während der Manövertage im September Einquartierung. Die Einwohner wurden" gebeten", zugunsten eines Hitler- Jugend- Heim. auf die ihnen zustehenden Quartiergelder zu verzichten. Es konnte, wie. in der Presse mitgeteilt wurde," ein namhafter Betrag" überwiesen werden. Vor einiger Zeit wurden bei Tabak A-75versteigerungen in der Pfalz höhere als die bis dahin üblichen Preise erzielt. Daraufhin behielten die Tabakhändler unter Berufung auf die Preisstoppverordnung zunächst 20% des Kaufpreises inne. Es kam zu einer Auseinandersetzung, die zugunsten der Tabakbauern entschieden wurde. Aber sie bekamen ihr Geld nur zu einem Teil ausgezahlt. 22.000 RMK wurden auf Beschluss der nationalsozialistischen Fachschaftsleiter des Tabakbaus für die Errichtung eines HJ- Heimes in Herxheim zurückbehalten, ohne dass die rechtlichen Eigentümer des Geldes auch nur gefragt worden wären. In den Schulen wird gleichfalls sehr lebhaft gesammelt, teils für die HJ, teils für andere Zwecke. Ueber Schul- und HJ- Sammlungen erhalten wir die folgenden Berichte: Bayern: In der Schule sind jetzt mannigfache Beiträge und Abgaben zu zahlen. Jeden Monat wird ein Lehrmittelbeitrag von 15 Pfg. kassiert und ausserdem noch für jede Filmvorführung ein Filmbeitrag von 5 Pfg. Das macht zusammen monatlich durchschnittlich 35 Pfg. Weiter müssen an das Jungvolk monatlich 30 Pfg. Beitrag entrichtet werden; dazu aber noch zahlreiche Extrabeiträge aus besonderen Anlässen. Für den VdA sind Monatsbeiträge von 10 bis 50 Pfg. vorgeschrieben. Die Staffelung richtet sich nach den Einkommensverhältnissen der Eltern. Da die meisten Lehrer den Ehrgeiz ha ben, grosse Summen abzuführen, wird auf möglichst hohe Beiträge und hohe Sammelergebnisse grosses Gewicht gelegt. Ausserdem sind für die Schülerzeitschrift" Hilf mit" monatlich 30 Pfg. und für die Schüler speisung 5 Pfg. zu zahlen.( Es gibt eine Suppe und sehr schwarzes Brot, das von der Winterhilfe gespendet wird). Für die Heimbeschaffungsaktion der Hitler- Jugend werden nicht nur Geldspenden gesammelt, sondern die Eltern werden auch aufgefordert, ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. So ist z. B. in Bensberg das HJ- Heim durch die" freiwillige" Mitarbeit der Eltern errichtet worden. Württemberg: In den Volksschulen müssen nunmehr alle Kinder ohne Ausnahme jede Woche 1 Pfg. mitbringen zum Ausbau der Jugendherbergen. Diese Sammlung heisst Hans- Schemm- Spende. Wasserkante: Geklagt wird über die verschiedenen" kleinen" Beiträge, welche die Kinder bei jeder Gelegenheit entrichten müssen. Selbstverständlich liegt es hier in manchen Fällen bei den Eltern, ob sie zahlen wollen. Meistens geben sie jedoch die" wenigen" Pfennige, damit es die Kinder in der Schule nicht schwer haben. Wieviel diese Pfennige ausmachen, zeigt eine Aufstellung dieser Ausgaben in den Hamburger Schulen, A-76die wie folgt aussieht: 1) Der" Lernmittelbeitrag" o, 20 RMK vierteljährlich pro Kind. Dieser Beitrag soll dazu dienen, im Laufe der Zeit alle Schulen mit Schmalfilmgeräten auszurüsten. 2)" Nationaler Film" monatlich o, 15 RMK pro Kind. Dafür wird in jeder Schule monatlich ein Göbbelsfilm vorgeführt. Dazu ein Beifilm mit natur- oder heimatkundlichem Charakter. In den Göbbelsfilmen werden natürlich die Taten der Regierung und der Bewegung gezeigt. Sie sind aber nicht sehr beliebt. 3)" Jugendherbergspfennig" monatlich 0,02 RMK pro Kind. Soll zur Finanzierung der Jugendherbergen der Hitlerjugend. dienen. Allein Hamburg hat 150.000 Schulkinder. 4)" Kameradschaftsopfer des V.D.A."( Verein der Auslandsdeutschen) monatlich o, 15 RMk. Der Betrag gliedert sich wie folgt: 0,05 RMK für ein Abzeichen, das monatlich wechselnd die Wappen sogenannter deutscher Städte im Ausland darstellt, 0,05 RMK für eine Schülerzeitung" Jung Roland" und 0,05 RMK für eine Reisekasse der Mitglieder des V.D.A. 5)" Schülerzeitungen des NS- Lehrerbundes"" Hilf mit" und " Deutsche Jugendburg" je 10 Pfg. monatlich. Die erste für die Ober-, die andere für die Unterstufe. 6)" Schulvereinsbeiträge", an den einzelnen Schulen verschieden hoch. 30 bis 50 Pfg. monatlich. In diesen Schulvereinen hat die Elternschaft nur noch beratende Stimme. Vereinsführer ist der Schulleiter, der allein den Bedürfnissen der Schule gemäss nach seinem eigenen Ermessen über das Vermögen der Schule entscheidet. 7) Jeden Monat ist ein Schulausflug vorgeschrieben, der den Eltern Fahrtkosten in sehr verschiedener Höhe auferlegt, die aber durchschnittlich monatlich 30 Pfg. betragen. Dazu kommen die Sonderveranstaltungen der Schule und der Schulbehörde, die pflichtmässig veranstaltet und besucht werden müssen, und neben den Veranstaltungs- meist auch Fahrtkosten verursachen. Zu dieser Art Veranstaltungen gehört auch die Maifeier, zu der die Kinder Karten kaufen müssen. Ausserdem muss jede Schule jährlich mindestens drei Schulfeste abhalten: Ein Sportfest, ein Sommerfest im Freien und mindestens ein Fest im Schulhause. Eintrittsgeld in der Regel 0,20-0,30 RMK je Familienmitglied und Fahrgeld. Zu diesen Ausgaben kommen dann noch Sammlungen für Sonderzwecke. In solchen Fällen erhalten die Kinder Sammellisten. Auf diese Weise wird regelmässig mehrmals im Jahre für den V.D.A., für die Hitlerjugend und für Wohlfahrtsbriefmarken gesammelt. Dazu kommen dann noch die Winterhilfs- Luftschutzund sonstigen Sammlungen. Schwierig ist die Situation der Eltern. Manche können beim besten Willen nichts geben, weil sie in Not sind. Andere wollen aus prinzipiellen Gründen durch diese Beiträge das System nicht unterstützen. Dann sitzen die Kinder zu Hause und weinen und betteln. Wenn sie mit leeren Händen kommen, werden sie in der Schule verhöhnt und angeprangert. A-77Sachsen: Hier wurde allen Kindern ans Herz gelegt, jede Woche 10 Pfg. als Milchgroschen für die armen Schüler mitzubringen, darüberhinaus jeden Monat 5 Pfg. für den Ausbau und die Erhaltung der Jugendherbergen. Ausserdem werden regelmässig die verschiedensten anderen Beiträge und Spenden kassiert. Neben den im ganzen Reiche geforderten Spenden und Sonderleistungen werden in den einzelnen Ländern und Ortschaften noch lokale Aktionen durchgeführt. So wurde z.B. im September in Thüringen zu Ehren Sauckels, der seit 10 Jahren thüringischer Gauleiter ist, eine" Fritz Sauckel- Stiftung Leistung der Schaffenden" gegründet. Zugunsten dieser Stiftung leisten mehr als 2.000 thüringische Betriebe monatlich eine Ueberstunde. Mit dem Geld sollen angeblich Erholungsheime errichtet werden. Die Braunschweiger Stadtverwaltung zieht allen Gefolgschaftsmitgliedern monatlich einen Betrag von 1 bis 10 RPfg. vom Lohn ab, damit mehrere Angestellte 1940 zur Olympiade fahren können. Aus Südhannover- Braunschweig wurden 22 niedersächsische Künstler zum Besuch der beiden Kunstausstellungen nach München geschickt. Der dreitägige kostenlose Aufenthalt wurde aus Spenden vor allem der Behördenangestellten und Beamten bezahlt. Im übrigen erhalten wir nachfolgende Berichte: Sachsen: In Chemnitz werden den Siedlern möglichst viel Gartenprodukte unentgeltlich abgenommen. Es wurde schon in früheren Jahren gesammelt, einen solchen Umfang wie dieses Jahr haben die Sammlungen aber noch nicht erreicht. Um den nötigen Nachdruck aus zuüben, werden die Sachen meist von der SA abgeholt. In den Randsiedlungen, wo besonders viel arme Leute wohnen, waren die Sammlungen am ärgsten. Regelmässig jede Woche erschienen die SA- Leute, um unentgeltlich Produkte zu fordern. Im Ortsteil Ruttloff wurde den Siedlern einfach aufgetragen, für das Schulfest 5 Zentner Gartenwaren zu liefern. Da nicht soviel aufgebracht werden konnte, hatte jeder Siedler 1,- RMK zu zahlen, und von dem Geld wurden die fehlenden Mengen eingekauft. Nordwestdeutschland: Die Schrebergärtner, die im" Reichsbund deutscher Kleingärtner" zwangsweise zusammengeschlossen sind, haben in den Tagen der Ernte eine Sammlung über sich ergehen lassen müssen. Ein Teil ihrer Ernte wu..de von der NSV abgeholt. Die Sammlung ist natürlich" freiwillig". Den Kleingärtnern wurde bekanntgemacht, an welchem Tage und zu welcher Tageszeit sie ihre Abgaben an die Beauftragten der A- 78NSV zu leisten haben. Ausserdem wurde auf einer ins Haus gebrachten Karte in Fettdruck mitgeteilt:" Es wird erwartet, dass sich kein Kleingärtner der Stadtgruppe dieser nationalsozialistischen Pflicht entzieht." Die Freiwilligkeit wird noch durch die Mitteilung unterstrichen, welche Mengen je nach Parzellengrösse als Spende erwartet werden und dass eine Empfangsbescheinigung anhand der Parzellengrössen- Liste ausgegeben wird, die aufzubewahren und bei späterer Kontrolle vorzulegen ist. Schlesien: Aus Liegnitz wird gemeldet, dass unter den Arzten grosser Unwille herrscht, weil sie gezwungen werden, sämtliche Untersuchungen für SS, SA und Hitler- Jugend kostenlos vorzunehmen. Nun ist der Andrang so stark, dass die Aerzte ihre Privatkundschaft nicht besuchen können, da sie keine freie Zeit mehr haben. Eine Eingabe an die zuständige Behörde, diesem Misstand abzuhelfen, verlief resultatlos. Sie wurde einfach nicht beantwortet. Die Art, in der Partei und Behörden für alle möglichen Aufgaben sammeln, deren Erfüllung eigentlich ihre eigene Sache wäre, wirkt ansteckend. In den Betrieben ist es Mode geworden, mit den gleichen erpresserischen Mitteln für interne Angelegenheiten bei den Belegschaften zu betteln oder Lohnabzüge vorzunehmen. Wasserkante: Bei den Deutschen Werken in Kiel ist eine sogenannte" Stunde für die Anderen" eingeführt, d.h. jeder Angehörige der Werke muss einmal im Monat eine Stunde umsonst arbeiten. Der Ertrag dieser Stunde wird angeblich für die Errichtung und Erhaltung von Ferienheimen verwendet. Durch Anschlag wird jedesmal bekanntgemacht, an welchem Tage die Ueberarbeit-nach Feierabend- geleistet werden soll. Bei Beginn der Stunde werden auf den Verwaltungsgebäuden, auf den hohen Kränen und Hellingen die Nazifahne und die Fahne der Deutschen Werke gehisst. Nach Beendigung werden die Fahnen eingeholt. Wer an diesem Tage zur gewöhnlichen Feierabendzeit nach Hause geht, bekommt am Ende der Woche anstatt 48 nur 47 Stunden bezahlt. Diese" Stunde der Anderen" ist angeblich auf Beschluss der Belegschaft eingeführt worden. Allerdings hat die Belegschaft erst durch Anschlag von dem Beschluss erfahren. Sachsen: Die Tochter des Mitinhabers der Firma X. in St. ( Metallbetrieb). heiratete vor einiger Zeit. Um dieser wohlhabenden Braut ein Heiratsgeschenk machen zu können, gab der Vertrauensrat Sammellisten in Umlauf mit der Bekanntgabe, dass als Mindestbetrag 1,- RMK zu zeichnen sei. Dieser Anordnung wurde jedoch nicht voll entsprochen. Von der ca. 400 Personen zählenden Belegschaft wurden insgesamt 200,- RMK gezeichnet. A-79Für dieses Geld wurde die Figur eines Windhundes gekauft und der Tochter überreicht. Als der Belegschaft dieses Geschenk bekannt wurde, erregte die Verschwendung der sauer verdienten Arbeitergroschen allgemeine Misstimmung. Als einige Zeit später ein Arbeiter starb, der eine Frau mit 6 Kindern hinterliess, gab man auch Sammellisten in Umlauf und setzte als Mindestbeitrag 20 Pfg. fest. Daraufhin gingen einige Arbeiter zum Vertrauensrat und wünschten eine Erhöhung des Mindestbeitrags. Sie erhielten zur Antwort: es stünde jedem frei, mehr zu geben. Schlesien: Die" Görlitzer Maschinenbau- Werke" in Görlitz beschäftigen ca. 1.000 Personen. Für besondere Zwecke benötigte das Werk auch seinen" Thingplatz". Damit aber die Firma nicht etwa die Kosten der Erstellung selbst zu tragen brauchte, wurde angeordnet, dass jeder Arbeiter ein Jahr lang pro Woche zwei Ueberstunden zu leisten habe. Der Lohn werde zur Errichtung des Platzes verwendet. Wenn auch ein Teil der Arbeiter diese Mehrarbeit nur mit Murren verrichtete, so hat das Werk nun doch seinen Thingplatz. Aus den nachfolgenden Berichten spricht besonders die wachsende Verärgerung über das Sammelunwesen: Pfalz Die Verbitterung über die Schikanen des Systems steigt auf dem Lande ständig. Die Gendarmen sind gehalten, bei jeder Kleinigkeit Protokolle anzufertigen, die sofort zu bezahlen sind. Wenn z. B. jemand einen Lumpen am Fenster ausschlenkert und der Gendarm sieht es, dann kostet es eine Mark. Ebenso ist es bei allen möglichen kleinen Verstössen, die früher gar niemand beachtet hat. Ueberall sieht man nur die Gier, Geld zu bekommen. Es gibt Handwerker und kleine Betriebe, die mit Personal arbeiten und sich vergrössern könnten. Sie tun es aber nicht aus zwei Gründen: Erstens können sie einmal eingestellte Beschäftigte in schlechten Zeiten nicht mehr loswerden und zweitens fliesst ja doch der ganze Gewinn ans Finanzamt ab, so dass es viele Selbständige nicht für nötig halten, sich besonders anzustrengen, damit das Finanzamt einheimsen kann. Das geflügelte Wort unter Bauern, Handwerkern und Geschäftsleuten lautet heute:" Man schafft nur noch für das Finanzamt". Die letzte Sondersammlung Bürckels für die Unwettergeschädigten hat grossen Unwillen hervorgerufen. Die Leute sagen: " Das ist doch der grösste Schwindel. Zuerst heisst es, im Sommer wird nicht gesammelt, aber in Wirklichkeit gibt es jede Woche eine andere Schikane. Man gibt und gibt und wenn dann wirklich einmal etwas passiert, wird das Unglück nicht aus den Beträgen der vorausgegangenen Sammlungen gelindert, nein, es muss wieder aufs neue gesammelt werden." Das Vertrauen zu den Verwaltungsstellen ist sehr gering. Man sagt, einige Nazis bekommen etwas, aber die Mehrzahl geht leer aus. A-80Berlin, 1.Bericht: Bei einer im Amtsgericht Berlin- Wedding durchgeführten Sondersammlung für die NSV wurden insgesamt von 98 Personen RMK 24,- aufgebracht. Bei einer entsprechenden Sammlung in der Hauptverwaltung der Krankenkassen in der Oranienburgerstrasse wurden von rund 200 Angestellten insgesamt 25,- RMK gespendet. Um ein annehmbares Resultat melden zu können, liess der Krankenkasseno berbonze, ein" alter Kämpfer", aus der Geschäftskasse 50,- RMK hinzufügen. 2. Bericht: Ich fragte meinen Zigarettenhändler, ob es stimme, dass niemand unter dem Naziregime so sehr leide, wie die kleinen Händler. Er bejahte es und erklärte:" Bei einem monatlichen Reinverdienst von rund hundert Mark habe ich seit dem Machtantritt der Nazis jährlich hundert Mark mehr Abgaben als früher. Dieses Monatseinkommen, das die Nazis mir jährlich wegnehmen, ist gerade die Butter auf dem Brot". " Sind die Beiträge zum Einzelhändlerverband und die sonstigen" freiwilligen" Spenden und Beiträge sehr hoch?" " An Beiträgen und Spenden zahle ich jährlich-niedrig gerechnet vierzig Mark. Der Einzelhändlerverband ist eine Zwangsorganisation und von den" freiwilligen" Spenden und Beiträgen kann sich ein Kleinhändler auch nicht drücken. Einmal wollte man mir deswegen meinen Wagen schon zusammenschlagen. Ich wurde aber gewarnt und habe schnell bezahlt und ein Fähnchen gekauft und rausgesteckt." Sachsen: Gegen die Sammelwut gibt es keine Rettung. Sie ist ein Bestandteil des Dritten Reiches. Sammlungen finden Monat um Monat statt, wenn auch die Ergebnisse immer geringer werden. Den geringsten Erfolg haben SA- und HJ- Sammlungen. Die Sammlungen für den Parteitag sind aber auch eine Enttäuschung gewesen. So wurden in einer Werksabteilung von annähernd 200 Personen bei der ersten Sammlung Mitte Juli ganze 23,- RMK für sofort und weitere 35,- RMK für den Monatsabschluss gezeichnet. Das ist immerhin genug, aber bedeutend weniger als im letzten Jahr. A-81IV. Korruption und Misswirtschaft Es liegt im Wesen des nationalsozialistischen Regimes, dass es Korruption und Misswirtschaft nicht beseitigen kann, ohne sich selbst aufzugeben. Wir haben die Gründe dafür mehrfach dargelegt( zuletzt in Heft 4/1937, Seite A 61 lol). Es liegt im Wesen der Korruption, dass sie, einmal eingewurzelt, sehr rasch wächst und sich auf alle Zweige des öffentlichen Lebens ausdehnt. Das Regime beschränkt sich darauf, beginnende Skandale nach Möglichkeit zum Schweigen zu bringen und fortgeschrittene Fälle durch rasche Versetzung der Schuldigen zu vertuschen. Im übrigen verlässt es sich auf die Gewöhnung. Und es ist in der Tat festzustellen, dass die zahllosen Schmutzaffairen nationalsozialistischer Würdenträger im Volke heute viel gleichgültiger hingenommen werden, als in der Zeit nach der Machtergreifung, in der die Erinnerung an die Sauberkeit der republikanischen Verwaltung noch lebendiger war. Die zwei folgenden Berichte aus Sachsen beschäftigen sich mit dieser wachsenden Gleichgültigkeit: 1. Bericht: Fast keine Woche vergeht, ohne dass man von Korruptionsfällen und sittlichen Verfehlungen in Nazikreisen hört. Aengstlich ist das Regime bemüht, solche Fälle solange wie möglich zu vertuschen und nicht vor ein ordentliches Gericht kommen zu lassen. Oft begnügt man sich mit einer Versetzung oder Verwarnung des Schuldigen, vor allem, wenn höhere Funktionäre in die Sache verwickelt sind. Gelangt aber einer der Fälle zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, so ist es erstaunlich, mit welcher Gleichgültigkeit alles hinge nommen wird. An dieser Gleichgültigkeit erst erkennt man, wie stark die Moral zerrüttet ist. Mit der Protektionswirtschaft und Korruption haben sich grosse Kreise der Bevölkerung abgef unden. So wie man über neue Unterschlagungsfälle die Achseln zuckt, geht man über bekanntgewordene Sittlichkeitsdelikte mit einem Kopfschütteln hinweg." Wo kein Kläger, ist kein Richter", so lautet die übliche Antwort, wenn jemand auf die Zustände in Partei und Amtsstuben hinweist. Vor allem die jungen Leute, die der Schule noch nicht lange entwachsen sind, haben zumeist gar keinen Sinn für die Entrüstung der Aelteren. Nur verhältnismässig wenige Menschen beschäftigen sich noch mit den Dingen und verfolgen sie mit gespannter Aufmerksamkeit, immer in Sorge, wohin das führen soll. A-822. Bericht: Die örtlichen und Provinz- Führer ziehen in immer grössere Villen. Bei den kleinen Funktionären ist die Korruption auch sehr gross, aber niemand regt sich mehr darüber auf. Im Gegenteil, sie erwecken Mitleid, weil es sich um arme Teufel handelt, die alles ehrenamtlich tun sollen und die bei geringem Einkommen manchmal hohe Summen verwalten." Die Partei soll die Leute bezahlen. Oben sind ja auch dicke Gehälter", kann man sehr oft von Parteimitgliedern hören. Vielfach werden sündige Amtswalter und andere kleinere Ortsgrössen in entfernte Provinzen verschickt, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Bei der zunehmenden Demoralisierung des nationalsozialistischen Funktionärstabes spielt der Alkoholismus eine beträchtliche Rolle. Die Nationalsozialisten haben zwar angeordnet, dass bei Verkehrsunfällen, die durch Trunkenheit verschuldet sind, Name und Adresse des Fahrers veröffentlicht werden muss. Da es sich aber häufig um ortsbekannte Parteigrössen handelt, geraten die Polizeibehörden in grosse Schwierigkeiten. Man berichtet uns: Rheinland- Westfalen: Der Bürgermeister von Lünen in Westfalen unternahm mit einem SA- Sturmführer und zwei Frauen eine der üblichen Liebesreisen im Dienstauto. In völliger Trunkenheit fuhren sie mit dem Wagen an einen Baum. Eine der Frauen wurde dabei getötet. Die eingreifende Polizei wurde von dem Bürgermeister mit der Bemerkung:" Ich bin hier Polizeil" zurückgeschickt. Er erklärte, dass es sich" um einen politischen Anschlag auf den Wagen des Bürgermeisters" handele, und er versprach einem Arbeiter eine Belohnung, wenn er erklären wolle, dass auf die Strasse Steine gelegt worden seien. Der Arbeiter hat am ersten Tag diese Aussage gemacht, am anderen Tage aber widerrufen:" Ich möchte keinen Meineid deshalb leisten." In der Zeitung aber las man, dass auf den Wagen des Bürgermeisters ein Anschlag verübt worden sei. Südwestdeutschland: Der Obersturmbannführer Steuer aus Konstanz, seit kurzer Zeit Bürgermeister von Reichenau, ist am 24. Juli früh um viereinhalb Uhr mit seinem Freund Dr. Nicker und zwei Begleiterinnen aus der Odeon- Bar vor dem Bahnhof auf einen Baum gefahren und hat ihn glatt abgehauen. Steuer wurde leicht verletzt, Dr. Nicker erlitt einen Armbruch, ein Mädchen zog sich eine Gehirnerschütterung und starke Kopfverletzungen zu. Natürlich sprach die ganze Stadt von der Sache. Der demolierte Wagen gehörte, der Partei. Im Polizeibericht wurde der Bestimmung zuwider kein Name gemeldet. Erst als sich in der Bevölkerung ein Entrüstungssturm erhob, wurde dem Steuer der Führerschein entzogen. A-83Am 28. Oktober 37 erschien im SS- Organ" Das Schwarze Korps" folgende Notiz: Auf Anordnung des Reichsführers 44: Der Reichsführer 44 hat einen 4- Sturm: bannführer und einen-Obersturm= führer, die im angetrunkenen Zustand ihre Dienstwagen gesteuert und dadurch Unfälle herbeigeführt haben, degradiert und öffentlich aus der ausgestoßen. Die beiden wurden verhaftet und dem Gericht übergeben. Auch hier wird kein Name genannt. Ueber Luxus und Korruption in den führenden Kreisen berichteten wir in unserer letzten Uebersicht über dieses Gebiet( Heft 4/1937, Seite A 64- 66) ausführlich. Inzwischen ist Hitlers Residenz auf dem Obersalzberg vervollkommnet worden: Auf dem Obersalzberg, in der Nähe von Hitlers Wohnhaus Wachenfeld wird ein Mustergut errichtet. Nachdem alle Bauernhöfe. die in diesem Bereich lagen, aufgekauft und abgerissen worden sind, ist nun mit den Vorarbeiten begonnen worden. Für den Bau sind zwei Jahre vorgesehen. Das Mustergut steht unter persönlicher Leitung von Adolf Hitler. Eine riesige Menge Baumaterial ist angeschafft worden. Die Einrichtung des Gutes soll alles übertreffen, was auf diesem Gebiet bisher geschaffen wurde. Aus den Münchner Parkanlagen wurden Hunderte von Bäumen samt den Wurzelstöcken ausgegraben und auf grossen Lastautos nach dem Obersalzberg geschafft. Sie sind in einem Hain eingesetzt worden, zu dessen Anpflanzung die verschiedenartigsten Bäume aus ganz Deutschland zusammengeholt werden. Der Vertrieb des Buches" Mein Kampf" ist weiter ausgebaut worden. Am 1. Mai 1936 hatte der Reichsinnenminister allen Standesämtern nahegelegt, Hitlers" Mein Kampf" jedem neu getrauten Paar als Ehrengeschenk zu überreichen. Der Verlag fertigte zu diesem Zweck eine besonders teuere Ausgabe an. Innerhalb des ersten Jahres sind vierzehn deutsche Grosstädte, über 20 Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern und insgesamt annähernd 12.000 Gemeinden der Aufforderung des Innenministers gefolgt. Da" Mein Kampf" ausserdem bei Schulentlassungen, Gesellenprüfungen und Wettkämpfen aller Art als Prämie verliehen wird, A-84finden sich in mancher Familie bereits mehrere Exemplare. 1) Misswirtschaft und Verfehlungen Bayern: Pg. Christian Weber, Präsident des Münchner Rennsportvereins( siehe Heft 8/1937, Seite A 8) war vor der nationalen Erhebung Hausknecht im" Blauen Ochsen". Heute besitzt er 10 Rennpferde. Er kontrolliert die Münchner Tankstellen, von denen ihm die grössten gehören und alle öffentlichen und fremden Autobusse, die nach München kommen, sind ihm abgabepflichtig, da der ganze Münchner Fern- Autobusverkehr sich in seinem Privatbesitz befindet. Als Fliegerhorst Erding gebaut wurde( 1935/36), war er von seinen Pgs.früh genug unterrichtet und konnte daher den ganzen Boden relativ billig aufkaufen. Der Staat übernahm ihn zu einem erheblich höheren Preis, als er den Bauern bewilligt hätte. Dasselbe Manöver machte er in diesem Jahr in Riem bei München, wo der grösste Flughafen Europas entstehen soll. Auch die dort liegenden Erbhöfe, die besten Getreideboden haben, wurden mit Schuldanweisungen abgelöst. Weber soll allein an diesem Geschäft 1/2 Million Mark verdient haben. Er wurde von einigen kleinen Parteileuten, die über seine Schiebergeschäfte aufgebracht waren, so verprügelt, dass er einige Wochen in einem Krankenhaus ausruhen musste. Der Referent der Deutschen Arbeitsfront für Bauwesen und Immobilienhandel Boller in München hat seine Funktion zu Erpressungen missbraucht. Ein Immobilienhändler hatte für eine Kaufvermittlung laut Vertrag 400 Mark zu bekommen, die der Grundeigentümer nicht bezahlen wollte. Der Makler klagte. Das Gericht gab der Klage statt. Der Grundeigentümer zahlte noch immer nicht, sondern ging zu Boller und bot ihm 100 Mark, wenn er den Makler von seiner Forderung abbringe. Boller liess den Makler zu sich kommen und verlangte von ihm, dass er von der Forderung abstehe, sonst bringe er ihn nach Dachau. Der Makler liess sich nicht einschüchtern. Er wandte sich an den Hausverwalter Färber, der Boller einen Riesenkrach machte. Boller rannte sofort zur Polizei und verlangte die Verhaftung Färbers, der ihn als Amtsperson beleidigt habe. Färber, der in der Standesorganisation grosses Ansehen geniesst, forderte die sofortige Ueberprüfung des Falles. Die Polizei konnte nicht umhin, eine Untersuchung einzuleiten, bei der sich herausstellte, dass Boller in 26 Fällen solche Erpressungen vorgenommen hat, die ihm tausende Mark einbrachten. Boller ist weder verhaftet worden, noch hat man ihn als Referenten der Arbeitsfront abgesetzt. Die Immobilienhändler haben beschlossen, solange zu keiner DAF- Versammlung zu gehen, bis Boller endgültig verschwindet. In Zwiesel hat sich der" alte kämpfer" und WHW- Beauftragte, Steuerinspektor von Vogelstein, der verheiratet ist und selbst Kinder hat, an mehreren 11- bis 14- jährigen Mädchen vergangen. A-85Er ist von Zwiesel versetzt worden. Von einer Strafverfolgung ist bis jetzt nichts bekannt geworden. Bei der Haussuchung fand man ganze Stösse von Nacktaufnahmen, die er von den Mädchen gemacht hatte. Im Zwieseler Ostmarkhaus hat sich ein Jungbannführer des Jungvolkes an Buben vergriffen, die ihm unterstellt waren. Er ist abgesetzt worden. In Cham hat sich ein Fähnleinführer des Jungvolkes unsittliche Handlungen mit Jungvolk- Jungen zuschulden kommen lassen. Er wurde verhaftet. Die Grosse Strafkammer in Nürnberg verurteilte den SA- Gruppenführer Stegmann wegen Anstiftung zur Nötigung und zum schweren Hausfriedensbruch zu 10 Monaten Gefängnis. Südwestdeutschland: Der Nazi- Vorsitzende der Kriegsbeschädigten- Organisation in Konstanz, Bauunternehmer Serpeloni, ist abgehalftert worden. Der Mann hat in Haidemoss, einer Sumpf gegend bei Wollmatingen, die vom Arbeitsdienst entwässert wurde, 13 kleine Hundehütten für Kriegsbeschädigte als Eigenheime gebaut. Sie waren erstens liederlich in der Ausführung und dann hat er den Leuten noch über die abgemachte Erstellungssumme hinaus Geld abgenommen, so dass ein grosser Skandal entstanden ist. Der Zollinspektor Borchers beim Hauptzollamt in Konstanz, Leiter des Kreisamtes für Beamte, bekannt durch sein scharfes Vorgehen bei der" Reinigung" im Jahre 1933, ist wegen Verleitung zum Meineid in Haft genommen worden. Borchers hat mit einer Putzfrau in der Kreisleitung eine Beziehung unterhalten und die Frau unter Drohungen gezwungen, in seinem Ehescheidungsprozess alles abzuleugnen. Der 32 Jahre alte Schutzmann Ludwig Kämmerer, der als " alter Kämpfer" 1933 in Pirmasens angestellt wurde, wurde zu 4 Jahren Zuchthaus und Sicherungsverwahrung verurteilt, weil er sich an zahlreichen minderjährigen Knaben vergangen hat. Kämmerer war sehr eifrig in der Verfolgung der Marxisten. Der Oberbürgermeister Dürfeld von Saarbrücken musste aus dem Amt ausscheiden, weil er das Geld der Stadt leichtsinnig verpulvert hat. Millionenbeträge wurden sinnlos vergeudet. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In Eilendorf bei Aachen, einem Ort mit 5.000 Einwohnern, von denen noch heute 30% erwerbss sind, amtiert der Bürgermeister Zimmermann. Er ist 1932 Mitglied der NSDAP geworden, hat aber, um als" alter Kämpfer zu gelten, die Beiträge bis zum Jahre 1926 nachgezahlt. Die ältesten Pgs. in Eilendorf sind die Brüder Junker, die wirklich seit 1926 in der NSDAP sind. Sie besitzen Einfluss, einer von ihnen ist Mitglied des Gemeinderates. Der Birgermeister hat nie vermocht, sich beliebt zu machen. Er versuchte deshalb, sich durch ein" Opfer" für das WHW einen A-86- Hamen zu machen. Er trat an das Gemeinderatsmitglied Junker heran und schlug vor, man solle ihm sein Gehalt auf RM 1000,- erhöhen, dann könne er der NSV und der Winterhilfe monatlich RM koc,— abgeben. Da er bis dahin ein Gehalt von RMk 600,-- gehabt hatte, so hoffte er neben der Ehre als"Spender" noch einen erheblichen Gewinn herauszuschlagen. Junker war anderer Meinung und liess von einem Zollbeamten Flugblätter herstellen, auf denen der Bürgermeister angegriffen wurde. Das Flugblatt wurde nur teilweise verbreitet. Der Zollbeamte wurde für einige Zeit verhaftet.- Es gab aber noch ein gerichtliches Nachspiel. Die Gehaltssache hatte sich herumgesprochen. Der Bürgermeister Zimmermann verklagte also die"Gerüchteverbreiter". Aber die Brüder Junker traten als Zeugen gegen ihn auf. Der Richter fragte Zimmermann, wie er überhaupt dazu gekommen sei, ein derartiges Ansinnen an Junker zu stellen. Der Bürgermeister erklärte, dass er seine Familie in eine Lebensversicherung eingekauft habe, dass er seine Eltern unterstützen müsse usw. Der Richter erklärte in grosser Erregung, sogar der schlecht bezahlte Bergmann sei nach dem Gesetz verpflichtet, seine Eltern zu unterstützen und ausserdem sei das moralische Pflicht und kein besonderes Verdienst. Die Sache wurde schliesslich vertagt, weil hier Parteigenossen gegen Parteigenossen standen. Das Gericht musste Besohluss fassen, ob es unter solchen Umständen überhaupt zuständig sei. Seither hat niemand mehr von der Sache gehört. Zimmermann. ist noch im Amt. Z.Bericht: Gegen den ehemaligen Amtsbürgermeister des Selfkantamtes, Erich Narath aus Wehr und gegen den ehemaligen Kreissyndikus des Landkreises Geilenkirchen-Heinsberg, Dr. Rothkranz, wurde ein Prozess durchgeführt. Narath, der"alter Kämpfer" war, hatte überall Schulden. Er vernichtete Pfändungsbefehle und Rückfrageschreiben und wirtschaftete überhaupt in seinem Amt wie ein Wilder. Dr. Rothkranz war genau so schlimm, auch er war bis über die Ohren verschuldet. Beide kauften sich ein Auto; die Versicherungskosten bezahlten sie aus der Amtskasse. Die Ratenzahlungen von monatlich 100,-RMk für den Wagen sollte das Amt vom Gehalt einbehalten. Dafür wurde der Wagen der Gemeinde verpfändet. Im Gerichtssaal sagte der Vorsitzende u.a. zum Angeklagten:"Sie verstehen ja gar nichts von den Dingen. Und dabei waren Sie Amtsbürgermeister eines Amtes mit 7 Gemeinden. Sie haben noch heute keine Ahnung von den wirtschaftlichen Zusammenhängen. Das geht eben nicht ohne Vorbildung." Nordwestdeutschland: Der mecklenburgische Gauamtsleiter von "Kraft durch Freude" hatte die Forderung des Wohlfahrtsamtes, Unterhalt für seine alte Mutter zu zahlen, abgelehnt. Das Wohlfahrtsamt klagte. Im Prozess begründete der Gauamtsleiter seine Ablehnung damit, dass seine Eltern Marxisten seien. Er führte zum Beweis herabsetzende Bemerkungen seiner Mutter über den Führer an. Der Richter fragte ihn, ob er wisse, dass er damit seine Mutter 6 Monate ins Gefängnis bringen könne. Der A- 87Gauamtsleiter bejahte die Frage des Richters. Er wurde zur Zahlung der Beiträge verurteilt. Den Eltern ist kein Prozess gemacht worden. Wasserkante: Bei der" Reinigung" der Hamburger Allgemeinen Ortskrankenkasse im Jahre 1933 wurden dort ungefähr 200 Leute neu eingestellt, nachdem die entsprechend kleinere Anzahl unserer Genossen oder sonst Anrüchiger hinausgeworfen worden war. Manche von diesen" alten Kämpfern", darunter viele Musiker und sonstige" Krankenkassen- Angestellte", sind auch heute noch in der AOKK beschäftigt. Einem grossen Teil von ihnen wurde die Arbeit dort jedoch bald zu lästig und dafür kamen neue und zahlreichere" alte Kämpfer" an ihre Stelle. In den ersten beiden Jahren nach der Machtergreifung haben die neuen Angestellten bei der Hamburger AOKK so" vorbildlich" gearbeitet, dass man sich in den Geschäftsjahren 1935 und 1936 darauf spezialisieren musste, die in den ersten beiden Jahren entstandenen unzähligen Buchungsfehler richtigzustellen. Das ist trotz aller Bemühungen und obgleich man dazu wiederum besonderes Hilfs personal einstellen musste, unmöglich gewesen. Die Direktion der AOKK hat sich am Schlusse des Geschäftsjahres 1936 gezwungen gesehen, einen Strich durch die Jahre 1933/34 zu ziehen. Für diese beiden Jahre kann die AOKK keinen Abschluss vorweisen. Thüringen: In Greiz/ Thür. war der Nationalsozialist Noe Lehrer, und wurde nach dem Umsturz Kreisleiter und Schulrat. Bereits vor zwei Jahren hat er sich an einem Schulmädchen unsittlich vergangen. Obwohl alles versucht wurde, den Fall zu vertuschen-man hat den Eltern sogar Geld gegeben, um sie von einer Strafanzeige abzuhalten- wurde die Sache bekannt und dem Stellvertreter des Führers unterbreitet. Auf dessen Anweisung wurde eine Untersuchung durchgeführt. Das Ergebnis war ein Prozess gegen den Anzeige erstatter wegen Verleumdung. In der ersten Instanz wurde der Angeklagte zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Dagegen legte er Berufung ein. In Greiz fand sich kein Rechtsanwalt, der die Verteidigung des Angeklagten zu übernehmen bereit war. Alle hatten Angst vor dem Kreisleiter. Schliesslich übernahm ein Rechtsanwalt aus Reichenbach die Sache. Dieser setzte durch, dass das Mädchen und deren Eltern als Zeugen vernommen wurden. Der Prozess endete mit einem Freispruch des Angeklagten. Dadurch war die Schuld des Kreisleiters bewiesen. Es geschah ihm jedoch nichts. rst jetzt ereilte ihn das Schicksal. Er wurde abgesetzt, allerdings ohne Angabe von Gründen. Einige Wochen vor seiner Absetzung hat Noe in Jena ein Kind tödlich überfahren. Das hat das Mass vielleicht endlich vollgemacht. Sachsen, 1.Bericht: Vor einiger Zeit hat sich Direktor Schumann vom Dresdner Verkehrsverein erschossen, weil er in die Bestechungsaffaire des Architekten Linke verwickelt war. Linke, 29 Jahre alt und" alter Kämpfer", hat die letzten beiden A-88das Ausstellungen in Dresden(" Der rote Hahn" und die" Gartenbauausstellung") geleitet und von den Lieferanten und Gewerbetreibenden der Ausstellungen über 120.000 RMK Bestechungsgelder angenommen. Er wurde angeklagt und zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Der" alte Kämpfer" hatte sich von den Bestechungsgeldern ein schönes Grundstück gekauft und ein Haus, allen Luxus und Komfort enthält, gebaut. Er gab zu, die Bestechungsgelder genommen zu haben, aber nur, um sich damit ein modernes Haus zu bauen und einzurichten, damit die Interessenten sehen," was für ein schönes Heim man für 70 bis 80.000 RMK bekommen kann". Ausserdem sei dieses Haus ja auch die beste Reklame für ihn. Ausser dem Direktor des Dresdner Verkehrsvereins soll noch der Dresdner Oberbürgermeister Zörner mit in diese Sache verwickelt sein. Es ist stadtbekannt, dass Linke ein sehr intimer Freund und Zechkumpan des Zörner war. 2. Bericht: Die Stadt Chemnitz hat seit 2 Jahren keinen Oberbürgermeister, dafür aber einige Bewerber, die sich gegenseitig daran hindern, den Posten zu ergattern. Als Stellvertreter fungierte bis Ende September der Bürgermeister Schmidt, der vorher dritter Bürgermeister war. Seit Ende September ist dieser Mann verschwunden. Schmidt hatte bis zur Machtergreifung nicht die geringste Berührung mit der Kommunalverwaltung, war nur wenige Monate ein gänzlich unbedeutender Stadtverordneter gewesen. Bei der Machtergreifung wurde er sofort dritter Bürgermeister, nachdem der hochbefähigte sozialdemokratische Bürgermeister Schenker entlassen worden war. Schmidt wäre Oberbürgermeister geworden, wenn er nicht gar zu toll gewirtschaftet hätte; er führte ein wüstes Säuferleben, war meist in Dresden oder Berlin statt in Chemnitz und hat, da das hohe Bürgermeistereinkommen bald zu knapp wurde, geschickt getarnte Seitengriffe in das öffentliche Vermögen getan. Die Bevölkerung hat das Treiben von Anfang an mit grossem Unbehagen beobachtet. Viele Einwohner kannten ihn, das er früher Reisevertreter und den Kleingewerbetreibenden als skrupelloser Betrüger und Halsabschneider bekannt war. Jetzt ist man schweren Verfehlungen Schmidts auf die Spur gekommen, über die allerdings strengstes Stillschweigen gewahrt wird. In Chemnitz ist ein lokaler Führer der Nazis nach dem anderen als Verbrecher entlervt worden. Man erinnert sich jetzt des Stadtrates Kronburg und des Kreisleiters Mutz, zwei Hauptsäulen des Nazi- Umsturzes in Chemnitz, die beide als Grosadiebe still verschwinden mussten. Aber auch die noch im Amt befindlichen Grössen tun alles, um das Ansehen der Partei vollends zu untergraben. Der Kreisleiter Papstdorf ist für seine Funktion vollständig unfähig. Früher hatte er als kleiner Beamter ein geringes Einkommen. Jetzt hat er sich in Chemnitz- Borna eine Villa mit 8 Zimmern auf das luxuriöseste eingerichtet. Seit kurzem ist er auch im Besitz eines grossen Wanderer- Luxuswagens. In Chemnitz A-89Borna befindet sich eine Kinderreichen- Siedlung, in der viele Arme wohnen. Wenn Papstdorf mit seinem Wagen kommt, hört man das geflügelte Wort:" Dort fährt die Winterhilfe!" Papstdorf ist ein übler Kerl und ein Säufer. Es ist stadtbekannt, dass der Wirt des" Schützenhauses" Riemer in Chemnitz- Altendorf, keine Steuern für seinen grossen Betrieb bezahlt. Die Steuerschulden gehen in die Tausende von Mark. Er kann sich das leisten, weil der Kreisleiter Papstdorf fast alle 14 Tage bis 3 Wochen ein ansehnliches Saufgelage, das meist in eine wüste Orgie ausartet, bei ihm feiert. Prominente Nazi- Grössen konsumieren dort Unmengen von Wein und Sekt. Papstdorf sorgt dafür, dass der Wirt seine fälligen Steuern immer wieder gestundet bekommt. Eines Tages platzte der ganze Skandal und Papstdorf wurde zum Rapport nach Berlin befohlen. Da aber in diese Affaire fast alle höheren Nazi- Funktionäre von Chemnitz verwickelt sind, hat man von Absetzungen abgesehen. Der Wirt des" Schützenhauses" sollte nun seine Steuerschulden bezahlen. Das tat er nicht. Es kam zur Zwangsvollstreckung. An der gesamten Einrichtung des Lokals klebte der Kuckuck. Als der Versteigerungstermin nahte, sprach der Wirt beim Kreisleiter vor und drohte mit Enthüllungen. Der Kreisleiter drohte dem Wirt dafür mit dem Konzentrationslager. Das brachte ihm einige Ohrfeigen von dem Wirt ein und-- der Versteigerungstermin wurde abgesetzt. Der Wirt brüstet sich nun, dass er sich um seine Steuerschulden nicht zu kümmern brauche, denn er habe die Bonzen fest in der Hand. Der SS- Brigadeführer Popp, Chemnitz, wurde zum Kreishauptmann ernannt. Damit ist ein lange geführter Kliquenstreit zu seinen Gunsten entschieden. Sein Wohnungsumbau kostete nicht weniger als 23.000,- RMK. Der SA- Mann und NSKK- Fahrer Wetzel, Chemnitz, beging Selbstmord. Er hatte sich an 5 Schulmädchen vergangen. Die Eltern der Kinder erhielten strenge Anweisungen, zu schweigen. Vor seinem Tode schrieb aber Wetzel selbst ein Geständnis nieder. 3. Bericht: Vor der Grossen Strafkammer des Landgerichts Zwickau wurde der in Bernsbach/ Erzgeb. bedienstete PolizeiOberwachtmeister und" alte Kämpfer" Bruno Stemmler wegen begangener und versuchter Unzucht an Tieren, wegen Verletzung seiner Diens tvorschriften, wegen gesetzwidriger Amtsanmassung und ähnlichen Verfehlungen zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Stemmler gehörte der NSDAP seit 1923 an. Von Beruf war er schon Kohlenhändler, Flaschenbierhändler, Sägemühlenbesitzer, Vertreter und Reisender, kurzum alles, nur kein richtiger Arbeiter. 1933 wurde er Polizeiwachtmeister und verbrachte von da an seine Zeit mit Zechereien und wüsten Orgien. Der Bauernführer von Röderau hat mit einem Kameraden vor einiger Zeit ein Mädchen vergewaltigt. Er wurde abgesetzt und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. A-90Die kinderreichen Familien erhalten alljährlich vom Staat einen ausserordentlichen Geldbetrag als Geschenk. Welche Korruption bei der Verteilung herrscht, zeigt folgender Fall aus der Stadt 0: Der Steuerbeamte X., der 14 Kinder hat, von denen 4 über 18 Jahre alt sind, hat aus dieser ausserordentlichen Zuwendung 600,- RMK Bargeld erhalten. Das ist genau noch einmal soviel als ihm nach den Bestimmungen zusteht. Er ist aber Steuerbeamter und" alter Kämpfer" und als solcher den verschiedenen hohen Funktionären der Nazis bei der Steuerberechnung" behilflich". Dafür wird er bevorzugt. Schlesien: Der Dezernent für das Krankenhauswesen bei der Stadtverwaltung Breslau ist Mitinhaber der Kolonialwarenfirma Schönfelder. Er führte Besichtigungen der Krankenhäuser in Breslau durch und gab der Krankenhausleitung den Auftrag, die Einkäufe für das Krankenhaus bei der Firma Schönfelder vorzunehmen, da Preise und Qualitäten bei allen einschlägigen Geschäften die gleichen seien. Beim Oberlandesgericht in Breslau wurde der" alte Kämpfer" Hugo Stenzel, 28 Jahre alt, als Beamter eingestellt. Stenzel ist wegen Diebstahl, Einbruch, Hehlerei und Körperverletzung vorbestraft. Wegen Vergehens gegen 175 ist der Nazihäuptling Steiger Punder aus Hindenburg seines Amtes enthoben worden. Die Nazis erklärten zunächst, dass er auf einer höheren Posten berufen worden sei. Nun stellt es sich heraus, dass Punder verhaftet ist. Der Bürgermeister Pauer von Ziegenhals, 27 Jahre alt, Akademiker aus Berlin, ist seines Amtes enthoben und verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, grosse Summen verwirtschaftet zu haben. Die Verschuldung der Stadt Ziegenhals durch den selbstherrlichen Bürgermeister war in der kurzen Zeit soweit vorgeschritten, dass die Stadt alle stadteigenen Wohnhäuser verkaufen musste. In Görlitz hat man am 15. Oktober den bisherigen Nazi- Oberbürgermeister Jensen wegen andauernder Trunkenheit in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Jensen," alter Kämpfer", Inhaber des goldenen Parteiabzeichens, im Jahre 1932 in den Reichstag gewählt, war in der Republik Telegraphensekretär. Er war einer der eifrigsten Nazis im Görlitzer Bezirk und ist dafür im Jahre 1933 zum Oberbürgermeister befördert worden. Wiederholt wurde der Oberbürgermeister sinnlos betrunken von Polizeistreifen auf der Strasse gefunden und nach Hause transportiert. Seine Dienstzeit absolvierte er oft in einem in der Nähe des Rathauses befindlichen, sehr anrüchigen Bierlokal" Vater Grün". In der geheimen Ratssitzung am 15. Oktober hat der Kreisleiter Jemar eine vernichtende Anklagerede gegen Jensen gehalten und ihn als einen notorischen Trunkenbold bezeichnet, der eine Schande für die Stadt sei. Um die städtischen Angelegenheiten habe er sich nicht gekümmert, A-91so dass alles versaut und verlottert sei. Eigentlich müsse man ihn ohne jeden Pfennig Pension entlassen und aus der Partei als Schädling ausschliessen. Man ging aber nicht soweit, sondern entsetzte ihn sofort seines Amtes und bewilligte ihm ein Ruhegehalt, das etwa 70% des Gehalts als Oberbürgermeister ausmacht. Auf dem Görlitzer Güterbahnhof erfolgten Diebstähle, besonders im Gepäckraum, wo man ganze Gepäckstücke stahl und grosse Koffer erbrach und ihres Inhaltes beraubte. Es wurde festgestellt, dass diese Diebstähle von der Bahnpolizei, die zum grössten Teil aus SS- Leuten besteht, ausgeführt wurden. Man hat nun plötzlich vier SS- Bahnpolizeibeamte entlassen und allen Arbeitern und Beamten strengstens verboten, darüber zu berichten. Diese Diebstahlsaffaire zieht aber noch weitere Fleischermeister Garbe, Kreise. Die Görlitzer Geschäftsleute Krölstrasse, Gemüsehändler Hoffmann, Uferstrasse, Zigarrenhändler Simoni, Bautzenerstrasse und Gastwirt Jakisch, Nikolaigraben, sehr bekannte Nazis, haben Hehlerdienste geleistet. 2) Unterschlagungen von Nationalsozialisten a) NS- Volkswohlfahrt und Winterhilfe Südwestdeutschland: Im Ries hat der" alte Kämpfer" Niklas beim Winterhilfswerk etwa 2.000 RMK unterschlagen. Der Kreisleiter hat 2.000 RMK" verloren", die er sehr wahrscheinlich für die Bezahlung seiner Schulden gebraucht hat. Der erstere erhielt für seine Unterschlagung 1 Jahr 1 Monat Gefängnis, der Kreisleiter bekam vier Wochen Krankheitsurlaub und ist jetzt wieder im Dienst. Rheinland- Westfalen: Beim WHW in Eschweiler sind grosse Unterschlagungen entdeckt worden. Die Sache kam heraus, als ein Mann, der einen neuen Anzug an das WHW gegeben hatte, einem Angestellten des WHW mit diesem Anzug auf der Strasse begegnete. Es gab eine Auseinandersetzung. Und später bekamen alle Helfer, die über die Sache redeten, eine Mitteilung vom WHW, dass sie für die Mitarbeit nicht mehr nötig seien. Dadurch aber wurde die Angelegenheit noch schlimmer, denn inzwischen stellte sich heraus, dass nicht nur Anzüge, sondern auch viele andere Waren verschwunden waren. Nun sitzen bereits 18 Personen in Untersuchungs- bzw. in Schutzhaft. Die Amtswalter der NSV, Franz Schulze, Oberhausen- Sterkrade, und Lange, Oberhausen, sind verhaftet worden. Sie haben sich der Nötigung hilfesuchender Frauen und der Unterschlagung schuldig gemacht. Schulze unterschlug 800 RMK und Lange ca. 200 RMK aus der NSV- Kasse. A-92Berlin: Am 1. Oktober hat die Firma Karstadt 16. Beamte entlassen, weil sie in einen Bestechungsfall der NSV verwikkelt sind. Sie haben der NSV gute Waren als" unbrauchbar" oder" fehlerhaft" überlassen, die von der NSV dann weiterverkauft worden sind. Die Beamten haben von diesen verkauften Sachen Provision erhalten. sahen Mitteldeutschland: Für das WHW des Kreises Oschersleben waren die städtischen Beamten Neumann und Treide Beauftragte und Leiter. In ihrem Beruf bezogen die Beiden kein besonders hohes Gehalt, aber sie führten trotzdem ein Leben in Saus und Braus, in dem Alkohol und Frauen eine grosse Rolle spielten. 1935 kauften beide schöne grosse Grundstücke und bauten sich darauf Villen. Obgleich die ganze Bevölkerung vermutete, dass hier mit dem Gelde des WHW unsauber manipuliert würde, die verantwortlichen Stellen nichts. Der Arbeitslose Kujas war in der Kanzlei des WHW als Hilfskraft beschäftigt. Er kam durch Einsichtnahme in die Bücher, Belege und Listen darauf, dass Neumann und Treide mit den eingegangenen Geldern und Sachspenden nicht richtig umgingen und machte dem Kreisleiter der NSDAP und Bürgermeister von Oschersleben, Panicke, Mitteilung. Er wurde prompt wegen angeblicher Beleidigung der städtischen Beamten und Leiter des WHW auf ein halbes Jahr in das Konzentrationslager Dachau geschickt. Die Beobachtungen Kujas und seine plötzliche Verschickung in das KZ sprachen sich jedoch bald herum, so dass die verantwortlichen Partei- und Behördenstellen eingreifen mussten. Eine Revision ergab einen baren Fehlbetrag in Höhe von 85.000 RMK. Der Wert der verschobenen Lebensmittel, Kleidungsstücke usw. konnte überhaupt nicht festgestellt werden. Die Verfehlungen reichten bis 1935 zurück. Neumann wurde verhaftet. Treide floh und nahm sich in Magdeburg das Leben. Neumann wurde vor Gericht gestellt; und da das Gericht die Unterschlagung eines Barbetrages von 85.000 RMK und von nicht kontrollierbaren Sachspenden feststellte, zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. NSDAP- Kreisleiter und Bürgermeister Panicke wurde seiner Aemter enthoben und wegen Begünstigung angeklagt, aber" wegen Mangel an Beweisen" freigesprochen. Der Freispruch wurde damit begründet, dass er zur Zeit der Anzeige Kujas nicht wissen konnte, dass Neumann und Treide tatsächlich Unterschlagungen begangen hatten. Deshalb sei die Verschickung Kujas in das KZ mit Recht geschehen, denn die Aufgabe des Bürgermeisters und Kreisleiters der NSDAP sei es, die Beamten und Funktionäre vor Beleidigungen und Anschuldigungen zu schützen. Panicke wurde als" Stellvertreter" wieder in seine Aemter eingesetzt. Ueber diese Tatbestände berichtete der Vertreter der" Magdeburger Zeitung", Pätzold. Er kam in seinem Bericht zu der Schlussfolgerung, dass der Freispruch Panickes von der Bevölkerung nicht verstanden werde und die Wiedereinsetzung in die Aemter-wenn auch nur als Stellvertreter sei erst recht A-93kurios. Dieser Artikel wurde von der Presseprüfungsstelle Magdeburg zurückgehalten und durfte nicht veröffentlicht werden. Pätzold wurde die Pressekarte und das Recht, als Journalist zu wirken, entzogen. Einer Vorladung auf die Gestapo entzog er sich durch die Flucht, da er vorher insgeheim informiert worden war, dass er ins Konzentrationslager überführt werde. b) Arbeitsfront und Kraft durch Freude Württemberg: Vor der Stuttgarter Grossen Strafkammer wurde der DAF- Amtswalter Wilhelm Specht zu 1 Jahr, 2 Monaten Gefängnis, 200 RMK Geldstrafe und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt, weil er als Schalterkassierer der DAF falsche Eintragungen in Bücher und Kontoblätter gemacht, Quittungen vernichtet und die entsprechenden Beträge aus Beitragsmarken, angeblich rund 1.400 RMK, für sich verbraucht hatte. Wasserkante: Hans Brockmann, bis 1933 in der Stadtgärtnerei in X., wurde im März 1933 entlassen und im Juni 1933 bei der Strassenreinigung wieder eingestellt, weil er sich gleichgeschaltet hatte. Er wurde bald nach seiner Wiedereinstellung KdF- und Betriebsvertrauensrat. Nun hat er 600 RMK eingesammelte KdF- Gelder unterschlagen. Zu den höchsten Persönlichkeiten der Nazibewegung in Schleswig- Holstein gehörte seit vielen Jahren Pg. Brix. Er war Gaugeschäftsführer und rechte Hand des Gauleiters und heutigen Oberpräsidenten Lohse. Ein kleiner Wichtigtuer, der besonders gegen die" Korruption" in der Weimarer Republik und für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums kämpfte. Seine Glanzleistung war der Antrag im Provinziallandtag, die Dienstautos der Provinz abzuschaffen. Nach der Machtergreifung wurde er Oberbürgermeister von Altona. Das ging nicht lange gut. Sehr bald wurden selbst in der SA Gerüchte über seinen ausschweifenden Lebenswandel verbreitet, so dass der Polizeipräsident von Altona, Hinkel, mehrere Male öffentlich vor der Verbreitung solcher Gerüchte warnte und Brix selbst durch eine öffentliche Bekanntmachung drohte, die Gerüchtemacher zur Verantwortung zu ziehen. Es half jedoch nichts. Eines Tages war Brix sang- und klanglos aus Altona verschwunden und tauchte in Kiel els Gauwalter der Arbeitsfront auf. Nun hat ihn auch hier das Schicksal ereilt. Am 26. 8. wurde unter dem Titel" Personalveränderungen im Gau SchleswigHolstein" mitgeteilt, dass Pg Brix aus den Diensten der Partei scheide. Am nächsten Tag ging es wie ein Lauffeuer durch alle Betriebe:" Hast Du schon gehört, Brix ist gegangen worden!" In der Kasse fehlen, wie bis jetzt festgestellt wurde, 22.000 RMk. A-92Sachsen: Wieder ist eine der Parteigrössen in Klingenthal, der Krankenkassenbeamte Georg Reichelt, das älteste Mitglied der NS BO, gestrauchelt. Er hat Gelder der DAF unterschlagen Eines Tages wurde Reichelt plötzlich nicht mehr in die Krankenkasse eingelassen und auch in das Büro der DAF durfte er nur in Begleitung gehen. Die Sache kam dadurch ans Tageslicht, dass Reichelt bei einem Mitglied der DAF acht bezahlte Beiträge einfach durch einen Stempel" bezahlt" im Mitgliedsbuch vermerken wollte, anstatt Beitragsmarken zu kleben. Schlesien: Grosses Aufsehen, weit über die Nazikreise hinaus, erregte die Verhaftung des Amtswalters der Arbeitsfront, Abteilung Gastwirtsgewerbe, Juraschek, Hindenburg, dem die Unterschlagung grösserer Beträge nachgesagt wird. Die Untersuchung ist noch im Gange, doch ist inzwischen Juraschek auf Betreiben der Partei in Freiheit gesetzt worden. c) Betriebe Norddeutschland: Der Arbeiter Steffens, ein Nazi aus den Köster- Werken in Neumünster- Gadeland, ist verhaftet und bereits verurteilt worden. Er genoss als" alter Kämpfer" das Vertrauen der Direktion und des Vertrauensrates. Man übertrug ihm die Verwaltung der Betriebsgemeinschaftskasse, die für bedürftige Arbeiter des Werkes eingerichtet worden ist und zu der alle Kollegen beisteuern. Steffens stellte falsche Anträge, zahlte sich die Summen selber aus und lebte. einen ganz guten Tag. Trotz der schweren Straftaten wurde er nur zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Berlin: Der SS- Standartenführer Herder, bis vor kurzem bei Heinrich Frank Söhne, Berlin W 57 beschäftigt, hat Unterschlagungen und Veruntreuungen begangen. H. ist bereits wegen finanzieller Un sauberkeiten 1936 aus der SS und Partei ausgeschlossen worden. Er trug die Uniform jedoch weiter und war seines Ranges wegen im Betrieb entsprechend begünstigt. Er ist jetzt verhaftet worden, kurz vorher hat er noch bei der Firma RMK 1.000,- als Vorschuss entnommen. Bis zum letzten Moment ist er im Betrieb und in der Zelle der politischen Macher geblieben. Jetzt sitzt er in der Heilstätte Wittenau. Schlesien: Der Vertrauensrat Botzik von der Ludwigsglücksgrube bei Bonreck beging Selbstmord, indem er sich in den nahen Hüttenteich stürzte. Die späteren Untersuchungen ergaben, dass in der Betriebssterbekasse 5.000 RMK fehlten; in der Arbeitsfrontkasse sollen es weitere 3.000 RMK sein. Botzik hat früher schon einmal Parteigelder unterschlagen, da er aber zu viel wusste, wurde er trotzdem Vertrauensrat. A- 95d) Sonstige gleichgeschaltete Organisationen Pfalz: In Weidental wurden der 64 Jahre alte Fr. Neumüller und sein Schwiegersohn verhaftet, weil sie das Geld des hiesigen Sparvereins unterschlagen haben. Es handelt sich um eine" alte Kämpfer"-Familie. Der Schwiegersohn tat sich in Weidental besonders hervor, wo er als Waldarbeiter beschäftigt und der Schildknappe des fanatischen Naziförsters war. Hessen: Grosses Aufsehen haben die Vorgänge bei der" Häuteund Fettverwertungsgesellschaft" erregt, die in einem mehrere Wochen dauernden Prozess vor der Grossen Strafkammer Frankfurt/ Main enthüllt wurden. Angeklagt waren sieben Nationalsozialisten aus dem Metzgerberufe und aus dem Versicherungsfach, die als Geschäftsführer, Buchhalter, Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder dem ohnehin notleidenden Institut durch verbrecherische Manipulationen einen Schaden von rund 38.000 RMK zugefügt haben. Im August 1935 ging die gewerbliche Vereinigung der Handwerkerinnung der Fleischer, deren Geschäftsführer der Hauptange klagte, Metzgermeister Hans Lindner, bis dahin gewesen war, in die neu begründete nationalsozialistische" Häute- und Fettverwertungsgesellschaft" über. Und nun begann die übliche" Erneuerung" zunächst mit einer Verdoppelung der Gehälter. Dann folgten: falsche Buchungen, Steuerhinterziehung, Auszahlung völlig unbegründeter" Sondervergütungen", Ankauf nobler Privatautos für die leitenden Herren, Unterschlagungen, Urkundenfälschungen usw. Dass in der gleichen Zeit, in der dieser Bereicherungsfeldzug sich abspielte, acht Angestellte und Arbeiter wegen schlechten Geschäftsganges entlassen wurden, störte keinen der sieben Erneuerer. Der gleiche Hans Lindner, der all die Gangsterstücke einfädelte, hat im August 1935-damals noch in seiner Eigenschaft als Obermeister der Fleischerinnung- bei einer Lehrlingsfreisprechung die grossen Worte herausgeschmettert: " Schädlinge können und wollen wir nicht dulden!" Norddeutschland: In Detmold hat der grosse Betrug, den die " Deutsche Eigenheimbaugesellschaft m. b.H." an vielen kleinen Sparern verübt hat, seine Sühne gefunden. Diese Baugesellschaft war eine Gründung des Dritten Reiches, ihre Geschäftsführer Sievert und Klasberg waren" alte Kämpfer". Der Gauleiter und andere" feine Leute" waren bei ihnen zu Gaste und sie verstanden es sehr gut, ihre Freundschaft mit ihnen auszuwerten. Wer bei ihnen beschäftigt werden wollte, musste ein guter Pg. sein. Jetzt sind die acht Hauptbetrüger auf einige Jahre ins Zuchthaus geschickt worden. Der Kleingärtnerverband in Lüneburg musste sich. einen waschechten Nazi zum Geschäftsführer nehmen und seinen alten, langjährigen Leiter entlassen. Der neue Mann, namens Schultz, hat die ihm anvertrauten Verbandsgelder unterschlagen und die A- 96Unterschlagungen geschickt zu verbergen gewusst. Jetzt ist der Betrug aufgedeckt und Schultz verhaftet worden. Sachsen: Der SA- Mann Bernhard Glässel in Markneukirchen, ein" alter Kämpfer", wurde, nachdem der" marxistische" Gesamtvorstand des Mietervereins abgesetzt war, zum kommissurischen Vorsitzenden ernannt. Diese Macht nützte er weidlich aus, setzte seinen 70- jährigen Schwiegervater als Vereinskassierer ein, übernahm aber als kommissarischer Vorsitzender auch das Amt seines Schwiegervaters und erledigte alle Kassengeschäfte. Seit dieser Zeit führte er ein recht bewegliches und sehr angenehme s Leben. Auf Kosten des Vereins wurden viele Vergnügungstouren unternommen. Dabei vergass er aber meist das Bezahlen, so dass die Mahnungen nicht abrissen. Er verpfändete die Schreibmaschine des Vereins und fälschte einen Scheck. Bei einer unverhofften Kassenrevision stellte sich heraus, dass fast das gesamte Vermögen des Vereins von Glässel unterschlagen wurde.Die Vereinsleitung setzte Gl. sofort ab, reichte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ein und wollte in der Generalversammlung einen Untersuchungsausschuss einsetzen. Das scheiterte am Protest eines" alten Kämpfers" der erklärte, ein derartiger Ausschuss dürfe nur aus Mitgliedern der Partei bestehen. In der Bevölkerung herrscht die Auffassung, dass heute, wenn mit offenen Karten gespielt würde, kaum ein Nazi- Funktionär zu finden wäre, dessen Geschäftsführung einer gesetzlichen Nachprüfung standhalten könnte. Schlesien: In Gross- Rosen bei Jauer in Schlesien ist der Ortsbauernführer Jeschke in Haft genommen worden, weil er 9.000,- RMK unterschlagen hat, die er in Saufgelagen mit Weibern durchgebracht haben soll. Jeschke ist" alter Kämpfer" und als Marxistenfresser im Bezirk Jauer bekannt geworden. e) Verwaltung Rheinland- Westfalen: Der Nazibürgermeister von Sinzig wurde wegen Unterschlagung zu 15 Monaten Zuchthaus, zu einer Geldstrafe und zu 5 Jahr Ehrverlust verurteilt. Dabei wurde als milder der Umstand angeführt, dass er schwere Krankheitsfälle in seiner Familie gehabt habe. Die Summe der Unterschlagung kann man nicht erfahren. 1935 stellte die Stadt Eschweiler als Vollziehungsbeamten einen" alten Kämpfer" ein. Er führte verschiedene einkassierte Beträge nicht ab. Der Schaden für die Stadtkasse betrug angeblich 320,- RMk. Der Mann hatte allerdings auch Urkundenund Frotokollfälschungen begangen. Er bekam eine Strafe von 1 Jahr und 3 Monaten Gefängnis. Als Entlastung hatte man gelten lassen, dass es sich um einen Mann handele, der weniger intelligent zu sein scheine, der für sein Verhalten deshalb nicht voll verantwortlich gemacht werden könne, weil A-97. er für das ihm von der Stadt übertragene Ant nicht geeignet gewesen wäre. Südwestdeutschland: Zur Belohnung für seine Verdienste als " alter Kämpfer" wurde der langjährige Arbeitslose E. Georg zum Gemeindesekretär von Schifferstadt ernannt, wo er das Wohlfahrtsamt zu betreuen hatte. Er vergriff sich an den ihm anvertrauten Geldern und veruntreute 421 RMK. In Wildberg ist der 28- jährige Paul Renz, der in seiner Eigenschaft als Verwalter des Arbeitsdienstlagers Unterschlagungen beging, zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt worden. In Beuren, Amt Stockach wurde 1933 ein" alter Kämpfer" als Gemeinderechner eingesetzt. Er war zwar als unzuverlässig bekannt, aber die Stelle bekam er. Mitte Juli dieses Jahres hat er sich nun erhängt und die Nachprüfung der Gemeindekasse ergab, dass einige tausend Mark fehlen. Stillschweigend wurde der Mann beerdigt und an seine Stelle kam sein guter Freund und Zechkumpan. Bereits nach vier Wochen wurde festgestellt, dass der Fehlbetrag in der Gemeindekasse noch höher geworden ist. Der neue Gemeinderechner ist verhaftet worden, bevor er sich hängen konnte. Der Gemeindesekretär Karl Schmidt in Rodalben wurde wegen Unterschlagung von mindestens 202,84 RMK zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte die Kasse der Wiegegebühren zu verwalten. Schmidt war früher Schutzmann und wurde wegen seiner raschen Anpassungsfähigkeit an den Nazismus befördert. Der nationalsozialistische Gemeinde sekretär Erwin Treiling in Landau wurde wegen Amtsunterschlagung zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Er nahm gemeindliche Mieten ein und steckte sie in die eigene Tasche, ferner einen Betrag von 161, RMK für Schlachtsteuer. Der Forstwart Walter Hussong in Höheinöd hat Gelder aus Holzverkäufen und Frevelgelder in Höhe von 375,- RMK unterschlagen. Er erhielt 4 Monate Gefängnis. Er war eifriger SAMann. Der Vorstand des Bahnhofes in Landstuhl, Karl Foll, wurde wegen Veruntreuung amtlicher Gelder verhaftet und nach Zweibrücken überführt. Brandenburg: Der Gemeindevorsteher von Zee sen 1.d.Mark, v. Thiele, hat umfangreiche Summèn, deren genaue Höhe erst durch die Untersuchung festgestellt werden muss, aus der Gemeindekasse unterschlagen. Er ist fristlos von seinem Amt enthoben und von seiner Funktion im NSKK für 1/2 Jahr dispensiert worden. Thiele hat in Zusammenarbeit mit einem Gemeinde- Sekretär, der ebenfalls der Veruntreuungen wegen von seinem Posten entfernt wurde, mit dem aus der öffentlichen Kasse entnommenen Gelde Privatanschaffungen gemacht. U. a.hat er sich ein Auto gekauft. Wie weit im ganzen Distrikt die A-98die Korruption schon um sich gegriffen hat, ist daraus ersichtlich, dass Thiele, trotz seiner Verfehlungen, die zur Amtsenthebung in Parteigliederung und Gemeinde führten, jetzt vom Landrat zum Amtsvorsteher der benachbarten Gemeinde Gross- Köris eingesetzt wurde. Thiele und sein Gemeindesekretär in der alten Stellung, sind gleich dem Landrat alte " verdiente Pgs.". Es wird von der Gemeinde Gross- Köris mit Erbitterung festgestellt, dass ein Defraudant jetzt als Amtsvorsteher fungiert und damit auch die örtliche Polizeigewalt ausübt. Norddeutschland: Der 1933 eingesetzte Kreissparkassenrendant Peemöller in Hagenow besass Auto und Villa und führte auf Kosten der Sparkasse ein luxuriöses Leben. Die Schwindeleien kamen heraus, Peemöller stellte sich und wurde zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus verurteilt. Sachsen, 1.Bericht: Das Schwurgericht in Zwickau verurteilte den bei allen Arbeitern verhassten SA- Führer Herbert Thiele, 27 Jahre alt, Angestellter der Allgemeinen Ortskrankenkasse Grünhain, Mitglied der NSDAP seit 1928 zu 4 1/2 Jahren Zuchthaus. Thiele war wegen versuchten Mordes( an seiner Frau und 2 Kindern), Unterschlagung, Urkundenfälschung, Diebstahl und Untreue angeklagt. Er hatte als Angestellter der Allgemeinen Ortskrankenkasse Grünhain in der Zeit vom Juni 1933, dem Datum seiner Einstellung( er war vorher nie in einem Beamtenverhältnis gewesen) bis zum April 1937 über 13.000 RMK öffentliche Gelder unterschlagen und über 3.000 RMK seinem Berufskollegen aus der Kasse gestohlen. Eine Revision( nach 4 Jahren) brachte die Vergehen zutage. Im Volke war man schon lange der Auffassung gewesen, dass etwas nicht stimme. Von seinem Gehalt konnte Thiele doch unmöglich die Ausfahrten und Trinkgelage bestreiten, an denen auch Herren von den hohen Behörden teilnahmen, einige Polizeibeamte, der Ortsgruppenleiter Ficker und andere. 2. Bericht: Der" alte Kämpfer" Mü... in einer vogtländischen Stadt, der seine Stellung als Rechnungsführer des Elektrizitätswerkes der Nummer seines Parteibuches zu verdanken hat, stahl aus der ihm anvertrauten Kasse durch längere Zeit hindurch beträchtliche Summen. Bei der Aufdeckung des Skandals fehlten über 3.000 RMk. Da der Mann aber politisch eine Rolle spielt, begannen die einzelnen Partei- Instanzen mit der Vertuschung des Diebstahls. Dem Elektrizitätswerk wurde eine Entschädigung angeboten. Es fand trotzdem ein Prozess vor dem Amtsgericht statt. Mü.. wurde aber" aus Mangel an Beweisen" freigesprochen. Die Nazis hatten sich ihre" Sauberkeit" etwas kosten lassen! Die Bevölkerung hat sich mit dem Verlauf solcher Fälle bereits abgefunden. Womit sie sich aber nicht abfinden will, das ist, dass Mü.. bereits für einen besseren Posten vorgesehen ist. B- 1Teil B ( Abgeschlossen am 13. Dezember 193 I. Demokratische Wirtschaftspolitik in der Erholungsperiode. === Es mag auf den ersten Blick gewagt erscheinen, von der Wirtschaftspolitik der demokratischen Länder gleichsam als einer Einheit zu sprechen. Starke gemeinsame Züge weisen unzweifelhaft die Diktaturländer auf. Die Aufpeitschung bestimmter Wirtschaftszweige durch fieberhafte Rüstungen und durch die Autarkisierung der Wirtschaft, entsprechende Verarmung der übrigen Wirtschaft und Sinken des Lebensstandards, vollständige Militarisierung der Produktion, der Kreditwirtschaft und der Arbeit, das sind die wesentlichen Charakterzüge, die in der Wirtschaft der Diktaturländer auftreten. Den demokratischen Ländern scheint auf den ersten Blick eine solche Einheitlichkeit zu fehlen. Die" New Deal"-Politik Roosevelts scheint radikal verschieden zu sein von der" New Deal" Politik der französischen Volksfront regierung einerseits, von der Wirtschaftspolitik der konservativen Regierungen Englands, Hollands und.der Schweiz andererseits. Die Wirtschaftsprobleme Frankreichs, das mit Kapitalflucht und unausgeglichener Zahlungs. bilanz ringt, scheinen sehr verschieden von denen Amerikas zu sein, dem bis in die letzten Monate das ganze neugeschürfte Gold der Welt zugeströmt ist. Sicher können Unterschiede in der wirtschaftlichen Struktur und im wirtschaftlichen Schicksal der verschiedenen demokratischen Länder nicht geleugnet werden. Trotzdem und trotz der Verschiedenheit der politischen Machtgruppierungen lassen sich gemeinsame Grundzüge in der Wirtschaftspolitik aufdecken, die sie von der Vorkrisen politik einerseits, von der Depressionspolitik andererseits ziemlich scharf abheben. B- 21) Die Entwicklung zur Konjunkturpolitik Die Vorkrisenpolitik lässt sich schwer auf einen anderen gemeinsamen Nenner bringen als auf den negativen, dass sie icht konjunkturpolitisch orientiert war. Es begann zwar schon ie theoretische Einsicht zu wachsen, dass in einer entwickelten hochkapitalistischen Wirtschaft die Konjunkturpolitik" das Rückgrat der ganzen Wirtschaftspolitik zu bilden habe. Die nationalökonomische Theorie begann auch schon die Bedeutung der Geld- und Kreditsphäre für den Konjunkturzyklus herauszuarbeiten und die Ansatzpunkte für die Konjunkturpolitik in dieser Sphäre aufzudecken. Der praktische Effekt dieser Erkenntnisse war aber minimal. Im grossen und ganzen war die Wirtschaftspolitik der zwanziger Jahre von der Illusion beherrscht, dass der wirtschaftliche Aufschwung nicht die ansteigende Phase eines Konjunkturzyklus sei, sondern ein dauernder Wachstumsprozess, eine dauernde " Prosperity". Danach war die Wirtschaftspolitik orientiert und deshalb mussten die wenigen und unsystematischen Versuche zur Bremsung des Booms, die stellenweise unternommen wurden, scheitern. Der Schock der Wirtschaftskrise und der ungeheuere politische Druck, der von ihr ausging, verschaffte endlich der theoretischen Einsicht in die zentrale Stellung des Konjunkturphänomens Eingang in die Praxis der Wirtschaftspolitik. Die Krisenpolitik war notwendigerweise Konjunkturpolitik. Aber als man sich in den einzelnen Ländern zum Handeln entschloss, war die Störung des Wirtschaftsprozesses schon so tief gegangen, dass die normalen Methoden der Konjunkturpolitik nicht mehr ausreichten. In den meisten Ländern musste die Regierung-fast überall eine radikal neue Regierung nach dem Sturz einer vorhergehenden, die dem Jnglück gegenüber versagt hatte- zu ausserordentlichen Notmassnahmen ihre Zuflucht nehmen, wie Subventionen, an besonders notleidende Wirtschaftszweige, Zwangsmassnahmen zur Regulierung ler landwirtschaftlichen, und zum Teil auch der industriellen Produktion. B- 3Unterschied von der Krisenpolitik kann die Konjunkturpolitik der gegenwärtigen Periode mit normalen Methoden auskommen, hat aber andererseits mit einem schweren Störungsfaktor zu rechnen, der das ganze Gebäude der Konjunkturpolitik früher oder später umzuwerfen droht, nämlich mit den Rüstungen. Es wird davon im einzelnen noch die Rede sein. Die" klassische" Methode der Konjunkturpolitik in einer kapitalistischen Wirtschaft ist die staatliche Lenkung der Geld-, Kredit- und Finanzsphäre und die Einordnung der öffentlichen Arbeiten in ein konjunkturpolitisches Schema. Dadurch, dass sich die Wirtschaftspolitik im wesentlichen auf diese Wirtschaftssphären beschränkt, unterscheidet sich der demokratischkapitalistische Staat grundsätzlich einerseits vom-demokratisch oder diktatorisch organisierten- sozialistischen Staat, in dem auch die Produktionssphäre staatlich gelenkt wird, und andererseits vom diktatorisch- kapitalistischen Staate, in dem die Wirtschaft völlig militarisiert und nationalistisch- militaristischen Zwecken unterworfen ist. 2) Wirtschaftspolitik in der Vorkrisenperiode Einige Beispiele aus der Währungs- und Finanzpolitik mögen illustrieren, wie tiefgehend die Unterschiede in der Wirtschaftspolitik der Vor- und Nachkrisenperiode sind. Die Währungspolitik der Nachkriegszeit begann in allen Ländern mit einer Inflationswelle, die nirgendwo vom Staat planmässig dirigiert war, sondern den Charakter eines Elementarereignisses trug. Sie wurde in allen Ländern von einer Stabilisierung der Währung abgelöst, die nach einer ziemlich willkürlichen, zum Teil ziemlich unglücklichen Fixierung des Stabilisierungskurses- die Währung starr an den Goldstandard band, ohne irgend einen Elastizitätsfaktor einzuschalten. Ebensowenig wurde ein ernsthafter Versuch zu einer internationalen Regulierung der Geldwert. bewegungen gemacht, die innerhalb eines starren international en Goldwährungssystems das einzig wirksame Werkzeug einer konjunkturpolitisch orientierten Währungspolitik darstellen würde. 2e Gebiet der kreditpolitik fehlte es nicht an konjunkolitischen Eingriffen einzelner Regierungen. Aber sie waren spotisch, isoliert und entbehrten der Stütze eines Gesamtkonzepts. Die bekanntesten Beispiele dafür sind die der Reichsbankpolitik Schachts und die des amerikanischen Federal Reserve. Systems. Sowohl Schacht wie die amerikanischen Federal Reserve- Banken machten auf dem Gipfel der Konjunktur einen Versuch, die Börsenhausse einzudämmen eine Politik, die im Rahmen einer entsprechenden Gesamtwirtschaftspolitik sinnvoll sein kann, aber, wenn isoliert unternommen, unter Umständen mehr Schaden als Nutzen zu stiften geeignet ist. Das stellte sich auch in beiden Fällen sehr rasch heraus. Schacht fügte noch den Kampf gegen die Auslandsanleihen der Kommunen hinzu, während er dem Anwachsen der viel gefährlicheren Lawine der kurzfristigen Auslandskredite an die Privatwirtschaft un tätig zusah. So versagten auf dem Gebiet der Kreditpolitik die unsystematischen und isolierten Ansätze zu einer Konjunkturpolitik völlig. Noch weniger war die Finanzpolitik von einem konjunkturpolitischen Gesamtkonzept beherrscht. Soweit die Regierungen nicht überhaupt die Herrschaft über die Finanzpolitik verloren, wie es in der Inflationsperiode der Fall war, wurde die Finanzpolitik im wesentlichen von rein" fiskalischen" oder von interessenpolitischen Gesichtspunkten beherrscht. Es gehörte zu den fiskalischen Dogmen der Vorkrisenperiode, dass Budgetüberschüsse entweder zur Senkung der Schuldenlast des Staates verwendet oder durch Steuersenkungen beseitigt werden müssen. Deshalb benutzte man in Amerika die Prosperitätsperiode mit ihren automatisch steigenden Steuereingängen dazu, einen Teil der Bundesanleihen, die während des Krieges aufgenommen worden waren, zurückzuzahlen, mit dem Effekt, dass die Sparer und Kapitalisten, dank der ihnen aus den Anleihetilgungen zufliessenden Mittel, wesentlich mehr Kapital für private Investitionen zur Verfügung stellen konnten, als es ihnen bei einer rationellen Finanzpolitik möglich gewesen wäre. Dadurch B-5wurde die Gefahr der zyklischen Ueberinvestitionen sehr verschärft. In Deutschland hatte die Inflation das Geschäft der" Tilgung" der Staatsschulden besorgt. Deshalb verwendete man dort Budgetüberschüsse zu Steuersenkungen, während es konjunkturpolitisch richtig gewesen wäre, die Geldmittel, die dem Reich aus Budgetüberschüssen zuflossen," einzufrieren", um Ueberinvestitionen einzudämmen und bei rückläufiger Konjunktur Mittel für Arbeitsbeschaffung bzw. Arbeitslosenunterstützung freizubekommen. Es soll nochmals betont und wird noch im einzelnen gezeigt werden, dass selbstverständlich auch die Wirtschaftspolitik der Nachkrisenperiode keineswegs frei von Abweichungen vom konjunkturpolitischen Schema ist, vor allem infolge der Störungen, die von den Rüstungen ausgehen. Aber die Angst vor einer Wiederholung der Katastrophe der letzten Wirtschaftskrise ist heute so stark und so allgemein verbreitet, dass im allgemeinen fiskalische und interessenpolitische Störungen des konjunkturpolitischen Schemas viel leichter zurückgedrängt werden können als in der Vorkrisenperiode. Im folgenden soll anhand einer kurzen Darstellung der wichtigsten Züge der Währungs-, Finanz- und Kreditpolitik das konjunkturpolitische Schema und seine Anwendung gezeigt werden. 3) Wirtschaftspolitik in der Erholungsperiode a) Währungspolitik Die Währungspolitik der Gegenwart unterscheidet sich dadurch von der der Vorkrisenperiode, dass das System der starren Goldwährung in allen Ländern zugunsten eines elastischen Währungssystems aufgegeben wurde. Die Elastizität besteht nicht etwa darin, dass man die Währungskurse dauernd schwanken lässt, sondern darin, dass man Perioden schwankender Währungskurse mit Perioden stabiler Kurse einander folgen lässt. Freilich ist die Elastizität der Währungskurse nicht immer freiwillig gewählt, wie ja Geschichte nie unter selbstgewählten B-6Bedingungen abläuft. Soweit es aber überhaupt erlaubt ist, freiwillige und unfreiwillige Aktionen voneinander zu unterscheiden, kann gesagt werden, dass die Währungen Englands, der britischen Dominions und der skandinavischen Länder, insbesondere Schwedens, klassische Beispiele einer freiwilligen Elastizität der Währungskurse darstellen, während in Frankreich die Elastizität der Währungskurse viel weniger freiwillig ist. Nachdem England im Herbst 1931 als Ausweg aus der damaligen internationalen Kreditkrise die Bindung des Pfund Sterling an das Gold aufgegeben hatte und die Dominions sowie die skandinavischen Länder gefolgt waren, wurde in dieser ganzen Ländergruppe kein gesetzlicher Währungskurs mehr festgelegt. Und tatsächlich liessen auch alle Länder dieser Gruppe dreieinhalb Jahre lang ihre Währungskurse schwanken, nicht bloss gegenüber dem Gold, sondern auch allerdings in engeren Grenzen- untereinander: der" Pfund- Block" war nie durch die gleiche Stabilität der Währungskurse untereinander gekennzeichnet wie der Gold- Block. Es ist zwar richtig, dass seit fast zwei Jahren alle Währungen des Pfund- Blocks nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber dem Gold stabil geblieben sind, aber diese de factoStabilität beruht auf keiner gesetzlichen Bindung und auf keiner währungspolitischen Doktrin, sondern ist nur Ausdruck der Tatsache, dass in diesem Zeitraum kein konjunkturpolitischer Grund zur Aenderung der Währungskurse vorlag. Dass aber die Bereitschaft zur Aenderung der Währungskurse nicht aufgegeben wurde, ja dass sogar eine innerliche Bereitschaft auch zur Erhöhung des Geläwerts besteht, für den Fall, dass dies konjunkturpolitisch zweckmässig ist, dafür ist vor allem die Haltung der schwedischen Regierung im Frühjahr 1937 kennzeichnend. Als im Frühjahr 1937 eine Welle von Preiserhöhungen über alle Länder mit freier Wirtschaft ging, gab die schwedische Regierung eine Erklärung ab, dass sie beabsichtigt, den Kronenkurs heraufzusetzen, um die Preiswelle in Schweden zu brechen. Nun ist im sozialdemokratisch regierten Schweden das Bestreben nach rationeller Konjunkturpolitik besonders gross und die politischen B-7Widerstände dagegen schwächer als in anderen Ländern; dazu komm dass dort der Einfluss der theoretischen Nationalökonomie besonders stark ist. Aber auch in Amerika war zur gleichen Zeit eine Strömung zugunsten einer Wiederheraufsetzung des Geldwerts erkennbar. Die bald darauf einsetzende Reaktion auf den internationalen Warenmärkten hat freilich alle diese Pläne überflüssig gemacht. Eine andere Ländergruppe setzte entweder unmittelbar nach einer einmaligen Geldentwertung einen neuen, innerhalb verhältnismässig enger Grenzen stabilen Währungskurs fest( Frankreich, Tschechoslowakei, Belgien) oder fixierte eine untere Grenze für schwankender Währungsschwankungen am Abschluss einer Periode Kurse( Vereinigte Staaten). Aber es stellte sich heraus, dass diese gesetzliche Kursstabilität lange nicht mehr die gleiche Starrheit besass wie in der Vorkrisenperiode. In der Tschechoslowakei wurde ohne erhebliche polit che Widerstände der Währungskurs ein zweites Mal gesenkt und wieder gesetzlich stabilisiert, als sich herausstellte, dass die erste Kurssenkung ungenügend war und dem Druck, der vom Zusammenbruch des Goldblocks ausging, nicht gewachsen gewesen wäre. Nur in Frankreich war die Regierung eine Zeit lang wirklich nicht Herr der Lage und entschloss sich-im Frühjahr 1937- nur unter dem Druck der Kapitalflucht und des Zusammenschmelzens ihrer Währungsreserven, den Währungskurs schwanken zu lassen, nachdem er ein halbes Jahr vorher gesetzlich stabilisiert worden war. Aber die Tatsache, dass die Regierung diesen Entschluss sehr schnell fasste, ohne, wie vor dem Zusammenbruch des Goldblocks, einen jahrelangen Kampf mit deflationistischen Mitteln um die Stabilität der Währung zu führen, beweist die völlige Umkehr in den währungspolitischen Prinzipien, die sich in den letzten Jahren allgemein durchgesetzt hat. Man könnte freilich damit argumentieren, dass die Macht des französischen Rentnertums und damit die politische Widerstandskraft gegen Währungsänderungen gebrochen ist. Aber diese Tatsache ist nur ein Anwendungsfall der allgemeinen, oben gemachten Feststellung, dass durch B- 8den ungeheueren Druck der Wirtschaftskrise alle jene politischen Machtfaktoren geschwächt wurden, die sich früher der Konjunkturpolitik entgegengestemmt haben. b) Die handelspolitische Seite der Währungspolitik Die Politik der elastischen Währungskurse ist nicht auf die demokratischen Länder beschränkt. Trotzdem unterscheidet sich die Währungspolitik der demokratischen Länder in einem entscheidenden Punkt von der der Diktaturländer. In den Diktaturländern wird die Politik der" multiplen Währung" getrieben. Es gibt nicht einen, sondern verschiedene Mark- und Lirakurse, abgestuft nach der Art der Transaktionen, und jede einzelne dieser Transaktionen steht unter der schärfsten Regierungskontrolle. Dieses Kontrollsystem ist so ausgebaut, dass man es gar nicht mehr als Devisenregulierung bezeichnen kann; es ist vielmehr ein vollständiges Monopol des Devisenverkehrs, Aussenhandels und Kreditverkehrs mit dem Ausland. Die demokratischen Länder haben demgegenüber trotz aller Stürme der Wirtschaftskrise am System des freien Devisenverkehrs im Prinzip festgehalten. Es gibt einzelne Länder in dieser Gruppe, die eine gewisse, im allgemeinen lose Devisenkontrolle ausüben, wie die Tschechoslowakei und Dänemark( wo eine weitere Lockerung der Kontrolle unterwegs ist). Alle anderen Länder dieser Gruppe haben das ungehinderte Ein- und Ausströmen von Waren und Kapital nie unterbunden, obwohl sie dafür bisweilen schwere Opfer zu bringen hatten. Man denke an Frankreich, das mehr als eineinhalb Jahre unter dem Druck kontinuierlicher Kapitalflucht stand, es aber trotzdem unterlassen hat, sie durch irgendwelche Devisenregulierungen zu bekämpfen. Auf der anderen Seite steht Amerika, dem der unaufhörliche Goldzustrom, der bis in die letzten Monate anhielt, nicht geringe Verlegenheiten bereitet hat, ohne dass irgend welche Massnahmen zu seiner Eindämmung ergriffen wurden. Die einzige Gegenmassnahme bestand in einer kompensatorischen Binnenwirtschaftspolitik, nämlich in der Heraufsetzung der B- 9Zwangsdepositen der Mitgliederbanken beim Federal Reserve- System und in der" Sterilisierung" des einströmenden Goldes durch den Ankauf und die Brachlegung des Goldes durch die Bundesregierung. Damit, dass die demokratischen Länder die Währungspolitik der elastischen Währungskurse mit der der freien Devisenwirtschaft kombinieren, kommt zum Ausdruck, dass die Regulierung der Tährungskurse in dieser Ländergruppe nur ein Instrument zur Steuerung ihrer Binnenwirtschaft ist, aber nicht grundsätzlich ein Instrument zur Drosselung des Wirtschaftsverkehrs mit dem Ausland, zur Autarkisierung der Wirtschaft. Freilich haben Veränderungen der Währungskurse neben ihrer binnenwirtschaftlichen immer auch handelspolitische Auswirkungen. Die Devalvationsmassnahmen in der eigentlichen Krisenperiode sollten teilweise dazu dienen, nicht bloss in der Binnenwirtschaft notwendig gewordene Wertkorrekturen durchzuführen, sondern auch die Relationen der heimischen zu den ausländischen Preisen zu verbessern. Aber zwischen Bestrebungen dieser Art und der autarkistischen Politik der Absperrung des Inlands von den ausländischen Bezugsquellen besteht praktisch wie grundsätzlich ein tiefgehender Unterschied. Der Hauptzweck der elastischen Währungspolitik, wie sie gegenwärtig betrieben wird, ist, genügenden Spielraum für eine elastische Kredit-, Preis- und Investitionspolitik zu schaffen. Das klassische Beispiel dafür ist die Devalvation der amerikanischen Währung im Jahre 1933. Die Abwertung des Dollar wurde nicht vorgenommen, um die handelspolitische Situation Amerikas gegenüber der vorhergehenden Periode zu verbessern; sie sollte vielmehr nur dazu dienen, Spielraum für eine inflationistische Wirtschaftspolitik zu schaffen. Die Krise sollte dadurch überwunden werden, dass die Regierung in Form von öffentlichen Arbeiten Geld in die Wirtschaft pumpt, die Konsumkaufkraft sollte zum Teil auf diesem Wege, zum Teil durch Lohnerhöhungen( vorgeschrie. ben in den NRA- Codes) gesteigert werden, und eine Steigerung des Preisniveaus musste nicht bloss das automatische Resultat B-10dieser Musnahmen sein, sondern wurde direkt in den NRA- Codes ermuntert. Aber wenn man die inländischen Preise steigen liess, so brauchte man als Kompensation eine Senkung des Dollarkurses, damit die Relation zwischen inländischen und Weltmarktpreisen, nicht verschlechtert werde. In anderen Ländern war die Abstufung zwischen den einzelnen Motiven der Geldentwertung verschieden. So war bei der Abwertung der Währungen in den Goldblockländern das Hauptmotiv die Wiederherstellung der durch die Abwertung in den anderen Länderr verschlechterten Relation zwischen In- und Auslandspreisen und nicht die Kompensation einer beabsichtigten inflationistischen Politik. Man darf aber nicht übersehen, dass vor allem in Frankreich die deflationistische Politik schon vor der Abwertung aufgegeben wurde, dass der Abwertung die Lohn- und Sozialpolitik der Volksfront vorausgegangen war. Es war eben wie in Amerika der Wahlsieg Roosevelts im Jahre 1933 der sozialistische Wahlsieg in Frankreich ein Protest gegen die Deflationspolitik der vorangegangenen Regierungen, und in beiden Ländern war die logische Konsequenz des Wahlsiegs eine inflationistische Politik in deren Mittelpunkt Lohnerhöhungen standen und zu deren Schutz rationellerweise die Währung abgewertet wurde. c) Preispolitik So wie es sich von selbst versteht, dass eine elastische Währungspolitik nur dann rationell betrieben werden kann, wenn sie die Freiheit auch zu einer inflationistischen Politik offen lässt, so versteht es sich gleichfalls von selbst, dass inflationistische Politik nur dann rationell sein kann, wenn sie controlliert ist. Daraus folgt zweierlei: erstens dass eine Kontrolle der Inflation nach der quantitativen Richtung geübt werlen muss, d.h. die Regierung muss das Ausmass der Steigerung des reditvolumens und der Preise selbst bestimmen und die Kontrolle jarüber fest in der Hand behalten; zweitens muss die Regierung auch zu einer qualitativen Preispolitik entschlossen. d.h. darauf bedacht sein, gesamtwirtschaftlich günstige Verschiebungen B- 11der Preisrelationen zu erzwingen. Dazu gehört vor allem in der Erholungsperiode eine Wirtschaftspolitik, die verhindert, dass die Rohstoffpreise" davonrennen". Aus diesem Grunde wurde in den zwei letzten Jahren in den meisten Ländern( Frankreich, Belgien, Schweiz, Holland) die Devalvation mit Massnahmen verbunden, die eine zu starke Steigerung der Rohstoff- und zum Teil der Lebensmittelpreise verhindern sollten. Es geschah dies vor allem in der Form, dass gewisse Einfuhrzölle herabgesetzt und Einfuhrkontingente erhöht wurden, sei es, um bei wichtigen Rohstoffen und Lebensmitteln, bei denen die Einfuhr eine grosse Rolle spielt, die durch die Geldentwertung verursachte Teuerung nicht in voller Höhe in Erscheinung treten zu lassen, sei es um einen Druck auf die heimischen Produzenten auszuüben. Dazu kamen in manchen Fällen direkte Verbote an heimische Produzenten und Händler, die Preise über eine bestimmte Grenze hinaus zu erhöhen. Die Währungspolitik schafft, wie schon erwähnt, nur den Rahmen, innerhalb dessen der Staat Konjunkturpolitik betreibt. Die wichtigste konjunkturpolitische Aufgabe besteht darin, im Krisentief Antriebskräfte für die Wirtschaft zu schaffen, die ihr helfen, die Lähmung zu überwinden, und im Konjunkturanstieg Bremsen anzusetzen, die eine Ueberentwicklung bestimmter Wirtschaftszweige, vor allem der Produktionsgüterindustrien verhindern oder zumindest die Wucht der der Hochkonjunktur folgenden Depression abschwächen sollen. d) Oeffentliche Arbeiten und Rüstungen Als ein wichtiges Mittel zur Erreichung dieses Zieles hat sich die Konzentration der öffentlichen Arbeiten auf die Depressionsperiode herausgestellt. Tatsächlich gingen im Krisentief in allen Ländern die Regierungen, entweder freiwillig oder unter dem Druck der öffentlichen Meinung, dazu über, die öffentlichen Arbeiten auszudehnen. England bildete nur eine scheinbare Ausnahme. Die englische Regierung hat nie offiziell ein Arbeitsbeschaffungsprogramm B- 12aufgestellt oder durchgeführt. In Wirklichkeit aber stand das Ausmass, in dem die englische Regierung während der Depression dem Arbeitsmarkt zu Hilfe kam, nicht hinter dem der meisten anderen Länder zurück. Es geschah dies nur in verschleierter Form. Statt der Regierung war es der Elektrizitäts board, der ein grosszügiges Elektrifizierungsprogramm durchführte, als dessen Resultat die Erzeugung von elektrischem Strom in England ver. doppelt wurde. Andererseits wurde durch staatliche und kommunale Subventionen der Wohnungsbau weitgehend gefördert. Es ist zuzugeben, dass in diesem Punkt kein prinzipieller Unterschied zwischen den demokratischen und diktatorischen Ländern besteht. Der Unterschied liegt nur 1) in den Finanzierungsmethoden, von denen in anderem Zusammenhang noch zu sprechen sein wird, und 2) im Charakter der" öffentlichen Arbeiten". In den diktatorischen Ländern war die" Arbeitsbeschaffung" von Anfang an im wesentlichen nur eine Maske für die Aufrüstung, während in den demokratischen Ländern wirklich so lange gesellschaftlich wertvolle Arbeiten durchgeführt wurden, bis die Aufrüstung in den Diktaturländern einen solchen Grad erreicht hatte, dass auch die demokratischen Länder zu verstärkten Rüstungen gezwungen wurden, die die echten Arbeitsbeschaffungsmassnahmen teilweise konjunkturpolitisch überflüssig machten. Nur die Vereinigten Staaten, die fern vom Schuss liegen, konnten es sich ersparen, die Wendung von den zivilen öffentlichen Arbeiten zu verstärkten Rüstungen mitzumachen. Es kam freilich der Augenblick, wo der Zwang zu Rüstungen sich als störendes Element in der Konjunkturpolitik bemerkbar zu machen begann. Rüstungen sind so lange konjunkturpolitisch" einwandfrei", als sie mit den sonstigen Arbeitsbeschaffungsmassnahmen zusammen das Volumen nicht überschreiten, das den öffentlichen Arbeiten allein jeweils auf Grund der Konjunkturlage gesteckt sein sollte. Jeder darüber hinausgehende Rüstungsaufwand bringt die Gefahr einer Ueberspannung der Konjunktur mit sich. Die konjunkturpolitische Funktion der" Arbeitsbeschaffung" ist grundsätzlich auf die Depressionsperiode beschränkt. Ihr Volumen B-13sollte sich dementsprechend mit dem Fortschreiten der wirtchaftlichen Erholung verengern, nicht erweitern. Ersetzt man chte Arbeitsbeschaffungsmassnahmen durch Rüstungen und führt sie in der Erholungsperiode weiter, so taucht das Dilemma auf: Entweder muss ein Volk der ewige Sklave der Rüstungen werden, rie es die Völker in den faschistischen Ländern tatsächlich geworden sind. Dann wird dauernd der Lebensstandard des Volkes Gief gesenkt, um in der Produktionssphäre dauernd Platz für Rüstungen zu lassen. Oder Rüstungen treten vorübergehend neben len Konsum der übrigen Güter. Dann treten sie als ein BoomClement auf, mit der Gefahr eines schweren wirtschaftlichen Rückschlages im Augenblick, wo das Volumen der Rüstungen wieler verringert wird. e) Kreditpolitik Das Schema der konjunkturpolitisch orientierten Kreditpolitik ist während der Depression eine" Politik des flüssigen Geld aarktes" mit aktiver Unterstützung der Notenbanken; es gehört zu diesem Schema, dass die Regierung die Flüssigkeit ausnutzt, am auf dem Kapitalmarkt die zusätzlichen öffentlichen Arbeiten zu finanzieren. Im Konjunkturanstieg hingegen verlangt das Schena eine gewisse Versteifung des Geldmarktes, aber eine Entlastung des Kapitalmarktes von der Beanspruchung durch, die Regierung. In den Diktaturländern ist dieses Schema von Anfang an zusammengebrochen. Es stellte sich das merkwürdige Phänomen heraus, dass die Diktaturregierungen viel weniger" Kredit" in ihrer eigenen Bevölkerung geniessen als die demokratischen Länder, obwohl die Diktaturregierungen den ganzen Meinungsapparat in der Hand haben und hemmungslos für die Propaganda von Anleihen einsetzen können, ohne mit irgendwelcher öffentlichen Kritik an ihrer Finanzpolitik rechnen zu müssen. Aus diesem Grunde, und sicher auch deshalb, weil Verschleierung und Täuschung des eigenen Volkes zu den tragenden Prinzibien der Diktatursysteme gehören, haben sowohl Deutschland wie B.-14Italien Schleichwege betreten, um Arbeitsbeschaffung bzw. Rüstungen zu finanzieren. Die Naziregierung entwickelte das System der Arbeitsbeschaffungswechsel und die italienische Regierung zwang die Sparinstitute des Landes, die die Hauptträger der Geldkapitalbildung sind, ihr sämtliche verfügbaren Kapitalien als Kredit zur Verfügung zu stellen. Und selbst als beide Länder dazu übergingen, wenigstens einen Teil der Rüstungs- und Kriegsausgaben durch Anleihen zu decken, musste Italien im Jahre 1935 die phantastische Verzinsung von 15 Prozent anbieten-nicht öffentlich natürlich, sondern auf dem verschleierten und den Laien undurchsichtigen Wege einer Anleihekonversion mit hohen Prämien für Neuzeichnungen- und im Jahre 1936 sogar eine Zwangsanleihe auflegen, während in Deutschland ein grosser Teil der Anleihen des Naziregimes faktisch den Charakter von Zwangsanleihen trägt. Das Resultat dieser Kreditpolitik war die völlige Umkehr dessen, was der Sinn einer konjunkturpolitisch orientierten Kreditpolitik sein sollte. Die Wirtschaft der faschistischen Länder wurde nicht durch die Kombination einer Politik des flüssigen Geldmarktes und der Arbeitsbeschaffung angeregt, sich mit Hilfe des Kapitalmarktes auszudehnen, sondern es wurde ihr der Zugang zum Kapitalmarkt völlig versperrt. Es konnten sich daher nur diejenigen Wirtschaftszweige ausdehnen, denen die Regierung Mittel zuführte, um die Rüstungen auszudehnen, oder die künstlich zu Autarkiezwecken aufgepäppelt wurden, während alle anderen Wirtschaftszweige verkümmern. Das ist die kreditpolitische Seite der oben erwähnten Erscheinung, dass in den faschistischen Ländern der Lebensstandard des Volkes dauernd tief gesenkt werden muss, um Platz für Rüstungen zu schaffen. In den demokratischen Ländern hingegen waren während der Depression tatsächlich genügend flüssige Mittel auf dem Kapitalmarkt verfügbar, die keine Verwendung in privaten Investitionen finden und daher vom Staat für Arbeitsbeschaffungs-( und später Rüstungs-) zwecke aufgesogen werden konnten. Es bestand und besteht eben in diesen Ländern ein funktionierender Kapitalmarkt, B- 15ind nicht einmal die schwere Kapitalflucht in Frankreich war imstande, auf dem französischen Kapitalmarkt tiefgehende Störungen anzurichten und ihn aktionsunfähig für die Aufnahme öffentlicher Arbeiten zu machen. Richtig ist freilich, dass auch in den demokratischen Ländern das konjunkturpolitische Kreditschema in der Periode des Konjunkturanstieges durch die Rüstungen gestört wurde. Der Staat zog sich in dieser Periode nicht vom Kapitalmarkt zurück und beraubte sich daher der Freiheit, dem Kapitalmarkt Bremsen anzulegen, wann immer es geraten wäre. Die Ausnahme bildet wieder Amerika, nicht nur weil es vom Rüstungsdruck befreit ist, sondern auch weil es jahrelang vom zweifelhaften" Segen des Goldes", das aus Europa flüchtete, überschüttet wurde. Wenn Amerika nach dem alten klassischen Schema das einströmende Gold zur Ausweitung des Kreditvolumens des Landes benutzt hätte, so wäre es in einen wilden Boom hineingetaumelt, der rasch mit einem Zusammenbruch geendet hätte. Um eine Ueberexpansion des Kreditvolumens zu vermeiden, beschritt die amerikanische Regierung zwei Wege. Erstens" sterilisierte" sie das einströmende Gold in der Form, dass sie selbst es aufkaufte und dafür dem Markte Geld-in der Form kurzfristiger Kredite- entzog. Zweitens erhöhte der Federal Reserve Board dreimal die Mindestdepositen der Mitgliedsbanken bei den Federal Reserve- Banken und band auf diese Weise über 5 Milliarden Dollar Bankdepositen. 100 f) Steuerpolitik Aehnlich wie in der Kreditpolitik lässt sich auch in der Steuerpolitik feststellen, dass grundsätzlich das konjunkturpolitische Schema allgemeine Anerkennung gefunden hat, dass seine Anwendung aber seit dem Einsetzen der Rüstungswelle mehr oder weniger gestört ist. In der Depressionsperiode ist das Problem der Steuerpolitik das des Konflikts zwischen sinkenden Steuereingängen und erhöh B-16ten Anforderungen für Arbeitslosenunterstützung und Arbeitsbeschaffung. Dieses Problem kann rationell nicht anders als durch eine in vernünftigen Schranken gehaltene Defizitpolitik gelöst werden. In der Periode der aufsteigenden Konjunktur hingegen ist konjunkturpolitisch eine Ueberschusspolitik geboten. Das heisst, die automatische Erhöhung der Steuereingänge sollte grundsätzlich nicht zu Steuersenkungen benutzt werden, aber in der Regel auch nicht zur Tilgung von Schulden, sondern die Ueberschüsse sollten nach Möglichkeit akkumuliert und" eingefroren" werden, als Regierungsguthaben bei den Notenbanken etwa, und mit der Bedingung, dass sie nicht zur Grundlage von zusätzlichen Notenbankkrediten an die Wirtschaft gemacht werden. Das ist das Schema. Aber es kann, wie gesagt, nur eingehalten werden, soweit nicht der Störungsfaktor der Rüstungen dazwischentritt. Es ist daher wieder nur Amerika, in dem sich die ungestörte Anwendung des Schemas nachweisen lässt. Nun ist formell Amerika aus der Periode der Budget defizite noch nicht herausgetreten, insofern also formal ebenfalls noch nicht schemagetreu. Es lässt sich aber nachweisen, dass, gemessen an europäischen Budgetgrundsätzen, Amerika bereits tatsächlich Budgetüberschüsse besitzt; im Budget sind nämlich grosse Ausgabeposten für produktive Kapitalanlagen, wie Dammbauten, enthalten, die normalerweise auf dem Anleiheweg finanziert werden sollen. Andererseits hat Amerika die hohen Steuern, die es während und knapp nach der Depressionsperiode einführte, bis jetzt noch nicht ermässigt, betreibt also eine ausgesprochene Ueberschusspolitik. Und es folgt auch darin dem konjunkturpolitischen Schema, dass es nicht beginnt, die Staatsschuld zu tilgen, sondern Ueberschüsse zu sterilisieren, nämlich in der Form der Sterilisierung des Goldzustroms aus dem Ausland. Formell wird zwar, wie schon erwähnt, die Sterilisierung mit kurzfristigen Krediten durchgeführt, faktisch aber steht der Aufnahme von Krediten die Hereinnahme von Bundesanleihen in die Sozialversicherungsfonds gegenüber, die aus Zwangsbeiträgen, also aus Steuern gespeist werden. B-17In allen anderen Ländern aber ist das konjunkturpolitische Budgetschema der Aufschwungsperiode durch die Rüstungen gestört. Es sind zwar in allen Ländern die Steuereingänge stark angestiegen und in den meisten Ländern die Staatsausgaben, von den Rüstungsausgaben abgesehen, infolge der Verringerung der Aufwendungen für Arbeitslosenunterstützung und Arbeitsbeschaffung gesunken. Dennoch war eine Reihe von Ländern, wie England, Frankreich, Holland und die Tschechoslowakei genötigt, tief einschneidende Steuererhöhungen durchzuführen oder vorzubereiten. Steuererhöhungen für Rüstungszwecke in einer aufsteigenden Konjunktur widersprechen dem konjunkturpolitischen Schema genau so wie die grossen Staatsanleihen oder kurzfristigen Staatskredite, die in den letzten Monaten in England, Frankreich der Tschechoslowakei und der Schweiz aufgenommen wurden. Ob ausserordentliche Rüstungen durch Steuern oder Anleihen finanziert werden, ihr volkswirtschaftlicher Effekt bleibt der gleiche: die Kapitalgüterindustrien werden aufgepumpt für einen zeitweiligen Bedarf; eine Disproportionalität zwischen den einzelnen Industriesphären droht sich zu entwickeln, die gerade die konjunkturpolitisch orientierte Wirtschaftspolitik zu verhindern sucht. Trotzdem lässt sich die Lage in den demokratischen Ländern mit der Situation in den faschistischen Ländern in keiner Weise vergleichen. In den faschistischen Ländern konnte die Wirtschaftskrise nur durch eine Rüstungs- und Autarkiekonjunktur überwunden werden, die mit einer chronischen Verarmung des Volkes erkauft war. In den demokratischen Ländern hat eine echte Wirtschaftserholung stattgefunden, erkennbar an einer Steigerung nicht nur des realen Volkseinkommens, sondern auch der individuellen realen Arbeitseinkommen. Die Rüstungen waren hier nicht die Quelle des Konjunkturaufschwungs, sondern bilden im Gegenteil eine konjunkturpolitische Gefahrenquelle. Es konnte also in der Tat gezeigt werden, dass sich in allen demokratischen Ländern, unabhängig von den politischen Machtkonstellationen, gewisse gemeinsame Grundzüge der Wirtschaftspolitik nachweisen lassen, die auf das Bestreben zurückzuführen B -18sind, cen Konjunkturschwankungen entgegenzuarbeiten. Es musste allerdings festgestellt werden, dass vom Augenblick der Ueberwindung der Depression an die Rüstungen zu einem konjunkturpolitischen Störungsfaktor wurden. Aber auch unabhängig von dieser Störungsquelle lässt sich feststellen, dass man heute in den kapitalistischen Ländern viel freier von Illusionen über die Möglichkeit der Ausschaltung von Konjunkturschwankungen in einer kapitalistischen Wirtschaft ist, als man es in der Vorkrisenperiode war. Damals, als die Konjunkturpolitik mehr eine Forderung der ökonomischen Theorie als eine Realität war, war die Meinung wirklich weit verbreitet, man könnte mittels Konjunkturpolitik die Konjunktur " stabilisieren". Heute, wo allgemein Konjunkturpolitik getrieben wird, erkennt men deutlicher ihre Grenzen und Schranken innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaft und befreit sich von den Illusionen, die man früher über sie genährt hatte. Gelänge es, den Konjunkturwellen die relativ milde Form zu geben, die sie-unter viel günstigeren Bedingungen des Gesamtsystemsin den zwei letzten Jahrzehnten vor dem Kriege besessen haben, so wäre die Konjunkturpolitik schon als ein grosser Fortschritt auf dem Wege der Beherrschung der Wirtschaft durch den Menschen zu bezeichnen. B-19II. Dichtung und Theater in Dritten Reich Kein Regime hat je soviel kulturelle Erneuerung verheissen wie das der braunen Barbarei. Nimmt man diese Verheissungen zum Masstab für das bisher auf kulturellem Gebiet Geleistete, so kann man heute schon von einem ethischen und ästhetischen Bankerott sprechen. Schon in der Frühzeit ihrer Demagogenperiode versprachen die Nazis eine nie dagewesene, völkische Kulturerneuerung. Wie die sonstigen Verheissungen der Nazis, so steigerten sich ihre Kulturphrasen, je näher sie dem Endspurt von 1932/33 kamen. Hitler bezeichnete sich als grossen Erneuerer aller Künste:" So wie ich an die Macht komme, ersteht in Deutschland hellenische Schön heit." In Versammlung und Presse wurden Zukunftsbilder verkündet: Hitler berührt Germania mit dem Zauberstab und weg ist die Hopps- Operette, der Schlager verröchelt, gross erhebt sich das Volkslied, edelstes klassisches Theater grosser Meister erblüht, edelster Wettbewerb auf allen Gebieten, ein ganzes Volk von neuer Kunst emporgewirbelt in deutschgläubiger Freude oder Erschütterung, Volk und Kunst geeint in neuer Volksgemeinschaft es wird eine Lust zu leben. 00 Was wurde von diesem völkischen veldruck seit dem 5. März 1933 verwirklicht? Betrachten wir die bisherigen Resultate es ist eine traurige Strecke. 1) Die Lyrik. Blut und Boden, jenes Schlagwort, das der nationalsozialistische" Sturm und Drang" auf künstlerischem Gebiete gebar, ist rasch Fächerlich geworden. Aus deutschnordischem Blut und deutschem Boden sollen sich der" neue deutsche Mensch", die neue Kunst und Kultur erheben. Aber wie Hitlers neue Baukunst nichts ist, als epigonische Uebersteigerung des klassizistischen Stils, so ist die neudeutsche Dichtung im formalen epigonisch durch und durch, scheinbar neu höchstens durch Inhalte, die aus der B-20nati cozialistinen Phraseologie stammen. Zuerst kam im Strom: dieser Lyrik die Fal.nendichtung und Führervergötzung: " Ihm jubeln wir das Leben zu, Soldaten, Kameraden, erhalt uns, ewiger Herrgott Du, den Führer und die Fahnen." ( Aus dem Gedicht:" Dies ist der Tag der Bruderschaft") So singt Herbert Böhme, ein Preisgekrönter." Heil Dir im Siegerkranz" war auf keinen Fall schlechter und banaler. Eine in der Nazi presse gefeierte ostpreussische Dichterin, Annemarie Köppen, die in einem Sippen- Roman so nebenbei den meuchlerischen Fememord verherrlicht, singt den Führer in einem Gedichtband an: " Wo immer Deutsche schaffen, da klingt auch Dein Name dazu. Gott rief eines Volkes Seele, und diese Seele bist Du." ( Aus dem Gedichtsband:" Wir trugen die Fahne") Auch eine Preisgekrönte. Dieser lyrisch- byzantinische Dilettantismus und Fahnenrausch nahm bald derart überhand, dass sich selbst die Nazipresse dagegen wenden musste, weil der schwulstige Rummel die braunen Symbole zu rasch verbrauchte. Daneben gedieh die Schipper- und Werkmannsreimerei. Der Spaten des Arbeitsdienstes wurde so angesungen, dass man in der Nazipresse von einer" neuen Spatendichtung" lesen konnte. Nichts von elledem ragt über den Durchschnitt. Greifen wir einen bekannten Staatspreisträger heraus: Sturmbannführer Richard Euringer. Aus seinen Lyrikband zitierte zur Begründung des Staatspreises die " Deutsche Allgemeine Zeitung" drei Gedichte. Also wohl die drei besten. Setzen wir einen Vers her: " Sonnensegen, Sonnensaat: Was der Herr geschaffen hat, Lasst Euch nicht verdriessen! Blanker Wille, schlanker Leib, Scholle, Blüte, Blut und Weib! Seht, ihr sollt geniessen! Schlaff und stumpf gibt kein Gedeihn, Sinnenselig lasst uns sein, Sonnensaat auf Erden: Durch geliebtes Fleisch und Bein Sinn und Seele werden!" Welch ein banales Gereime! Preisgekrönt! Ein anderer Preisträger, Standartenführer Heinrich Annacker, dichtert drauflos: " Treue fragt nicht nach Gewinn Treue währt vom Anbeginn 11 Bis zum bittern letzten End, Willig, dass sie sich verschwend." ( Aus Annackers Gedichtsband" Treue") Man könnte diese Proben impotenter Standartenführerlyrik billig vermehren. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um Proben aus den Büchern von Leuten, die von der deutschen Presse als dichterische Neutöner gelobt und zitiert werden müssen. Nur ab und zu regte sich vorsichtiger Widerspruch, so in der" Frankfurter Zeitung" und in Paul Fechters Wochenschrift" Deutsche Zukunft". Böries von Münchhausen, der schon um 1930 ins braune Lager überging, wandte sich in dieser" Deutschen Zukunft" im Februar 1936 gegen die Rekord ziffern der neudeutschen Dichterkrönungen; er bezifferte diese Krönungen auf siebzig, aber" gerade die besten Namen fehlen...". Er nennt neben anderen fehlenden Ina Seidel, Ernst Wiechert, Hans Carossa. Aber die ermangelten wohl des braunen Brustmasses. Im März 1937 kommt Münchhausen( als brauner Barde ein charakteristischer Kronzeuge) wieder auf das Ergebnis der Lyrik zu sprechen und stellt fest, wie gering die Ausbeute war; von vierzig( 40), die in Echtermeyers lyrische Anthologie neu aufgenommen wurden, habe er(" selbst Lyriker und seit langem Helfer und Förderer neuer Talente", wie die" Deutsche Zukunft" dazu schrieb) bisher nicht einmal den Namen gehört. Es gab eine Diskussion, in der man sich schliesslich dahin einigte," dass unsere heutige deutsche Lyrik gesungen und marschiert sein will, um ins Blut und ins Gedächtnis zu gehen..." Also Marschlyrik, wie sie dem Soldatenstiefel des Dritten Reiches entspricht. Die Mehrzahl der Zuschriften an die" Deutsche Zukunft" forderte jedoch mehr, forderte echte Lyrik, die im Tiefsten anrührt und im Stillen erlebt wird. Das aber setzt nicht nur formales Können, sondern Innerlichkeit, Nachdenklichkeit, Feinheit des seelischen Empfindens, setzt menschliche Werte voraus, die vom braunen Marschstiefel in den Kot getreten wurden. Es gehört zur Tendenz der braunen Phraseologie, dass sie im Laufe der Zeit alles für die nationalsozialistische" Weltanschauung" reklamiert, was den Menschen kulturell wertvoll erscheint. Und so kam aus dem Nazilager sehr bald die Antwort:" Innerlichkeit, Nachdenklichkeit, das haben wir auch, haben wir auch!" In der Hitler- Jugend Zeitung konnte man im Oktober 1937 lesen: " Wie aber sollen wir denen auf den Plüschsofas und hinter den Türritzen klarmachen, dass wir Goethe lieben, dass wir nicht nur singen, sondern auch still und nachdenklich sein können?" Rauhe Kämpfer mit Lyrik. Sie können alles, sie haben alles, die braune Weltanschauung besteht aus einem Gemisch von Widersprüchen und erborgten Bestandteilen gegnerischer Ideale. In Wirklichkeit ist auf den braunen Scherbenhaufen nicht ein einziges feineres menschliches Gedicht erwachsen. Was sie von diesem Genre für sich reklamieren, kommt von Dichtern, die in der liberalistischen Zeit wurden und wurzeln. Ob Agnes Miegel oder sie alle schufen Carossa, ob Wiechert, Lersch oder Bröger ihr Bestes vor dem Dritten Reich und ihr Schaffen verläuft jenseits von Barbarismus und Führerdespotie. Ganz zu schweigen von der saftigen, strotzenden, neue Formen schaffenden Lyrik der Stürmer und Dränger wilhelminischer Zeit, der Liliencron, Dehmel, Arno Holz, Erich Mühsam etc.." Die Dichter und Sänger des heutigen Deutschlands fehlen noch", gestand Hitler auf der Nürnberger Kulturtagung 1937. Selbst ihm blieb nichts übrig als dieses Geständnis, nachdem auch Göbbels sich schon mehrfach hinter die Formel vom" warten auf die. Zukunft" zurückziehen musste. 2) Der Roman Von allen Formen der Dichtkunst ist für den Autor im Dritten Reich die Lyrik am ungefährlichsten, denn sie kann sich in völlig unpolitischen Gefilden tummeln, kann zarteste, unangreifbare Stimmungen ausdrücken und am Weltanschaulichen vorbeisehen. Auch die Novelle kommt ohne" Weltbild" aus. Anders der Roman. Die Milieuzeichnung, die Charakterentwicklung, die Auseinandersetzung B-23mit der Umwelt, unterscheiden ihn von der Erzählung, machen seine Merkmale aus. Infolgedessen gibt es in Deutschland don Gesellschaftsroman, den grossen bunten Querschnitt mitten durch die Gesellschaft, seit 1933 nicht mehr. Denn er müsste ja die ganze Hitlerwelt überqueren und in den Kreis seiner Betrachtungen rücken. Jede realistische Schilderung dieses Deutschlands von heute bliebe in den Fängen der Zensur hängen, von anderen für den Autor verhängnisvollen Konsequenzen nicht zu reden. Darum beschränkt sich der deutsche Roman von heute lediglich auf politisch ungefährliche Teilausschnitte aus der Welt der Bauern, der engeren Heimat, des Krieges, der Arbeit, der Erotik. Oder er wird ins Ausland, in die Vergangenheit, ins Historische verlegt. Der deutsche Gesellschaftsroman ist tot. Was an romanartigen Büchern erscheint, dreht sich um vorgeschriebene oder überkommene Postulate: eine imaginäre Volksgemeinschaft, Pflichttreue, Kameradschaft, Heroismus, Mutter- und Kinderfreudigkeit, Blutund Boden und" Rassebewusstsein". Die Folge dieser Stoffeinen gung eine wachsende innere verarmung und Monotonie dieser Gattung. Der Blubo- Roman, der nirgends die Höhe jener Heimatkunst erreicht, wie sie etwa eine Klara Viebig in ihren Eifelgeschichten aufwies, hängt den Lesern ebenso zum Halse heraus, wie der nationalsozialistische, antibols chewistische Tendenzroman. Und ausländische Romane liest der Leser schon lieber, wenn sie von ausländischer Feder stammen. An den neudeutschen, historischen Romanen spürt er überall die politische Gebundenheit, die Scheuklappen. Wo" Volksgemeinschaft" gemacht wird, geschieht es nach lächerlich veraltetem Schema. Für dieses Genre führen wir am besten die Novelle eines prominenten preisgekrönten Nazi schriftstellers an: Heinz Steguweit. Die Erzählung ist in seinem jüngst erschienenen Novellenband" Das Buch der Schelme" zu lesen und wird in der Rezension der" Münchner Neuesten Nachrichten" also belobigt: "... die für Steguweits Zeitverbundenheit besonders bezeichnende" Sonate unter Kerzen" mag für diese Art als Beispiel engeführt sein: Beethovens" Frühlingssonate", die ein vergrämter junger Arbeiter mit einer gütigen Fabrikantengattin spielen darf( das heisst: gemeinsamer Kulturbesitz) führt hier als Brücke über menschliche und soziale Verschiedenheiten hinweg zu fruchtbarer Volksgemeinschaft." 13.5it und ihren Nachahmern ging das Fabrikantente tareren mit dem gefüllten Körbchen zur kranken Proletarierin. Oder der Unternehmerspross heiratete die arme, aber sittsame arbeiterin. Selbst die bürgerliche Provinzpresse nahm solche Beiträge zur" sozialen Frage" nicht ernst. Heute gilt solcher Kitsch in Deutschland als Erweiterung des literarischen Stoffkreises und" staatspolitisch wertvoll"... Ab und zu, das einzelne Beispiel aus Opportunität meidend, sagt das oder jenes Blatt generell und schonend, was der heutigen deutschen Literatur fehlt. So zitierte die" Deutsche Allgemeine Zeitung" vom 21. 10. 36. verzweifelte Aufschreie zweier brauner Wochenschriften, die besagten, " dass an guter neuer Literatur bis jetzt herzlich wenig geschaffen worden ist und dass man mit Freude zu den grossen Prosaisten des vorigen Jahrhunderts zurückkehre, die den Vorzug hätten, aufrichtig und wirklich dichterisch zu sein. Zusammengenommen wenden sich also alle diese Artikel gegen eine Konjunkturhas cherei, die, teilweise wohlmeinend aus Dummheit, teilweise übelwollend mit Raffinement, kräftige Tendenzen unser Zeit für Herrn Ballhorn zurechtmachen." Mehr ins Detail ging die Zeitschrift" Die neue Linie", die in ihrem Märzheft 1937 iber die Resultate ihres Preisausschreibens für Erzählungen berichtete. Die Ergebnisse waren kläglich und die Redaktion benützte die seltene Gelegenheit, um sich einige Nöte von der Seele zu schreiben, unter denen die gleichgeschalteten Feuilleton- Redakteure leiden. Den Einsendern wurde vor allem Erlebnisschwäche, mangelnde Formkraft und mangelnde Sprachzucht vorgeworfen. Gerade die Prüfung" einer grossen Anzahl von begabten Arbeiten junger Autoren" beweise klar die " fortschreitende Einschränkung der Erlebnisbreite und des sprachlichen Formwillens..." Es fehle der dichterische Trieb zum Universellen, Gemeingültigen: " Es ist fast so, als habe aus wachsenden Misstrauen gegen. das Geistige jener Irrtum zunehmend um sich gegriffen, der das Einfache mit Simplizität gleichsetzt. Das klassische Einfache jedoch ist, wie jeder weiss, die letzte Stufe einer Entwicklung, die sich mit ungeheuerem Kraftaufwand durch das Komplizierte, Verwickelte hindurchgerungen hat... Ver der Allgemeinheit im gestalteten Wort durch Wortgestalten etwas ver B-25künden will, muss alle Lebensformen dieser Allgemeinheit durchlebt haben. Das ist für den Schriftsteller nicht damit zu erreichen, dass aus Misstrauen gegen das Problematische eine Flucht in die Primitivität beginnt." Bei dieser Flucht ins Ungefährlich- Simple gehe jeder höhere Schwung flöten, aller Gestaltungswille erschöpfe sich in Althergebrachtem, und wo" auf hohem Sockel das an sich erstrebenswerte Monument einer heroischen Ethik ersteht, ist sie abgetrennt von allen Gesetzen wahrhaften Lebens..." Ebenfalls einem Notruf glich eine Zuschrift, die der Lektor eines Berliner Verlages an die" DAZ" richtete( abgedruckt am 13.4.37). Auch er spricht ganz allgemein, sieht von Namensnennungen ab, um nicht anzuecken, ist" überrascht durch die Uniformität der Erfindung" in der neudeutschen Belletristik und bestätigt alles in allem den Tod des deutschen Gesellschaftsromans: " Es ist bekannt, dass Grosstadtromane, Erzählungen, die sich eines Milieus aus der Industrie, oder dem Handel bedienen, im Augenblick wenig erscheinen. Dagegen erfreut sich das Leben auf dem Lande, das bäuerliche Dasein grösster Beliebtheit. Die Problematik des Industrie- und Grosstadtromans scheint der Kurzgeschichte vorbehalten zu sein." Die jungen Autoren flüchten aufs Land, wo sie nicht daheim sind: "... sie leben in der Stadt, ihr Verhältnis zum Landleben ist ein platonisches, und sie alle nähren sich von den Wunschgebilde, das sie in ihren Romanen zum Ausdruck bringen. Ihren eigenen, doch so hoch gespannten Lebensformen, der dramatischen Problematik des Grosstädters, des Industriemenschen vermögen sie alle kein Interesse, kein Erlebnis, das der Dichtung würdig wäre, abzugewinnen... Es erscheint manchmal, als sei die Fähigkeit zu unmittelbarem Erlebnis den jungen Dichtern verlorengegangen. Ein Beweis für die Konstruiertheit vieler ländlichen Geschichten liegt in der mangelnden Sachlichkeit, in der Romantik dieser Darstellungen." Der" Mangel an Verständnis für die Realität führt heute oft zu einer erschreckenden Verwilderung in der formalen Durchgestaltung der Romane" und sehr oft zu einer" betrübenden Vernachlässigung der sprachlichen Mittel". Das Wort ist entwertet: " Offenbar hängt dies mit der mangelnden Sachlichkeit, mit zu wenig Liebe für das Stoffliche in der Dichtung zusammen, B- 26~ ... e Worte werden wahllos, ohne Rücksicht auf ihre Schwere v: vendet, wenn sie nur eine oberflächlich- dekorative Wirkung e eugen. Schon für die nebensächlichsten Vorgänge bedienen sich manche Autoren hochtönender Phrasen. Gewisse Begriffe au: der militärischen Berufssprache sind seit einiger Zeit in iie Umgangssprache eingedrungen. Leider werden sie nicht i er Bedeutung entsprechend angewandt, sondern sie müssen schon zur Schilderung kleinster Vorgänge dienen." Dürfte dieser Le tor deutsch reden, so müsste er bekennen, dass solche Verluderung der Sprache ebenso wie die Vorherrschaft der Phrase bei der Jungen durchaus den verquollenen Phrasenorgien entspricht, die in Presse, Rundfunk und Führerreden auf die Oeffentlichkeit losgelassen werden. Um von seiner Meckerei wieder loszukommen, betont der Lektor gegen den Schluss hin: " Ihre starke Seite weisen unsere neuesten Manuskripte in Landschaftsschilderungen auf, in allem Stimmungsmässigen und Lyrischen. Die Schilderung der Landschaft blieb lange Zeit vor allem ein Gebiet der Lyrik. Heute ist diese Lyrik in die Prosa eingedrungen, und man sollte einmal darüber nachdenken, wie weit dies mit einer Vernachlässigung der formalen Durchgestaltung eines Kunstwerkes im Zusammenhang steht." Auch die Erklärung für diese Erscheinung muss der Kritike schuldig bleiben: die Prosa flüchtet in lyrische Stimmungen, weil eine wirklich realistische Zustandsschilderung mit den verschiedenen Zensurstellen in Konflikt kommt. Diese Zeugnisse gleichgeschalteter Schriftsteller, die" mittendrin" stehen, beleuchten den Tiefstand und die Not neudeutscher Belletristik kompetenter und schlagender, als es der freie Kritiker vermöchte, der die Dinge mehr von aussen her sieht. Der deutsche Roman war gewiss nie so universell, umfassend, grossformig und gesellschaftskritisch wie etwa der französische oder englische, aber die Bücher der Thomas Mann, Heinrich Mann, Feuchtwanger, Josef Roth, Döblin, Gläser etc. bedeuten grosse dichterische Spiegelung der Zeit und deutscher Wirklichkeit. Im heutigen Deutschland wäre selbst eine mittlere Erscheinung von der Art einer Klara Viebig unmöglich, denn realistische Zustandsschilderung ist verboten. Das Deutschland von heute lebt höchstens in den Büchern der Emigration. Zugegeben, es erscheint auch heute noch ab und zu wertvolle B -27Literatur im Reiche des Hakenkreuzes: ausländische Uebersetzungen oder Bücher von ehedem, in denen der Autor noch sagen durfte, wie er die Welt sieht. Diese Bücher be vorzugt ein beträchtlicher Teil der deutschen Loserschaft ebenso wie neuere Erinnerungsbücher, die von vergangenen Zeiten berichten. Deutsche Blätter konstatierten 1937 mehrfach, dass diese Erinnerungsliteratur bisher die höchsten Auflagen erreichte, so das 1936 erschienene Buch" Wälder und Menschen", in denen der oppositionelle Ernst Wiechert von seiner Jugend erzählt. Kurz, der anspruchsvolle Leser greift in Deutschland mit Vorliebe zu Werken, durch die noch der Atem der Freiheit, der Wahrheit und die freiere Luft eines liberalen Zeitalters streicht. Jüngstvergangenes wird zur Lockung, zur Sehnsucht, zum romantischen Stoff. 3) Drama und Theater • Wie im Roman, wie im Film( über den in Heft 6/1937, Seite B 23 29 berichtet wurde), so zeigt sich die Abkehr von der deutschen Wirklichkeit auch im Drama, im Theater des Dritten Reiches. Rein äusserlich, organisatorisch, erscheint es manchem, als hätte das deutsche Theater einen Gesundungs- und Regenerationsprozess durchgemacht. Seit Lessing geht durch die deutsche Thea tergeschichte die Sehnsucht, der Ruf nach dem deutschen Nationaltheater.. In der Zeit des Absolutismus und der partikularistischen Zerrissenheit wurde es vom liberalen Sturm und Drang gefordert zur Ueberwindung des ständisch- höfischen Theaters und als Ausdruck eines geeinigten Deutschlands, eines Deutschlands mit staatsbürgerlicher Freiheit. Göbbels hat eine alte Parole er erklärt, der Nationalsozialismus auf braun gewendet, wenn werde das neue Volks- und Nationaltheater schaffen. Was dem braunen System dabei vorschwebt, ist( wie im Film) ein bildhaftes Instrument der Massenbeeinflussung und Massenbeherrschung. Alle staatlichen Massnahmen laufen auf diesen Zweck hinaus. Das freie Theater wurde zerschlagen, finanziell ruiniert und unter Kuratel gestellt. Es gibt heute in Deutschland nur noch wenige B-28Be, die ohne staatliche Zuschüsse auskommen. Alle sind sie auf Hilfe oder Wohlwollen dieses Systems angewiesen und müssen schor darum auf jedes Stirnrunzein des totalen Staates achten. Alle an der Bühne Beschäftigten wurden zwangsweise in der " Fachschaft Bühne" zusammengefasst und der Fuchtel der Reichskulturkammer unterstellt. Das ist es, was man im Dritten Reich " fortschreitende Sozialisierung des Theaters" nennt. Sozialisierung nennt sich auch das Wirken der neuen Besucherorganisationen: der NS- Kulturgemeinde und der Organisation" Kraft durch Freude", die ihre Mitglieder in bestimmte Vorstellungen mit mehr oder weniger Zwang dirigieren." Die Theater sind voller denn je", muss die hitlerdeutsche Presse der Welt immer wieder versichern. Wenn das wahr wäre, was würde es beweisen? Die Karten müssen von den Theatern an diese Besucherorganisationen zu so niedrigen Preisen abgegeben werden, dass auf solcher Basis keine Bühne aus eigenen Kräften existieren könnte. In der Demokratie gab es 305 Gemeinden der" Freien Volksbühne" und eine ähnlich grosse Zahl Gemeinden des mehr rechts gerichteten" Volksbühnen bundes". Das Ziel der beiden freien TheaterGemeinden war, dem Volke gute Theaterkunst zu vermitteln und damit das dramatische Schaffen anzuregen. Die Preise waren so berechnet, dass die Theater damit aus eigenen Kräften bestehen konnten. Der Theaterbesuch war freiwillig. Es braucht wohl nicht erklärt zu werden, wie ungleich kunsterzieherischer diese grossen freien Organisationen wirkten. Manches Werk konnte nur dank der Volksbühnenhilfe aufgeführt und im Rampenlicht ausprobiert werden. Die" Freie Volksbühne" schuf das schönste, grosse Theater Berlins und dies diente nur der grossen Kunst. Nach dem 5. März 1933 okkupierten die Nazis diesen Kunsttempel, um dem Volke darin Operetten vorzuführen. Das Niveau des Gebotenen wurde entsprechend herabgedrückt. Dafür protzt" Kraft durch Freude" mit den billigen Theaterplätzen, die sie den Mitgliedern gewährt. Aber die Unterbilanz zahlt ja doch der" totale Staat", also derselbe Steuerzahler, dem die NSK oder KdF den" billigen Kunstgeauss" sozusagen als Geschenk des braunen Systems serviert. B.- 29die e Steuerzahler auf diese nd wie sieht die Kunst ans Teise finanziert? Sie ist gezeichnet von diesem Zwangsstaat, der ich zu ihren Mäzen aufgeworfen hat. Auf der Theatertagung der Hitler- Jugend im April 1937 hat der Schriftsteller Friedrich Batge( 1936 mit dem Staatspreis für Drama ausgezeichnet) das Drama als männlichste, heroischste Form der Dichtkunst gefeiert, also sozusagen als Haupt- und Staatsgefilde brauner Dichtung. Hier ist Handlung, Kampf," Dynamik". Hier muss sich der die Held heroisch dem Schicksal stellen. Eine" Kunstgattung, vom Kampf und Kämpfergnaden lebt; solches Kunsterleben allein vermittelt ein neues Epos", schwärmte Bethge. Wenn es also eine eigene revolutionäre Ideologie des Nationalsozialismus gäbe, im Drama hätte sie sich offenbaren müssen, hier wäre ihr" artgemässer Boden" gewesen. So hatte man es" oben" erwartet, von den Stücke schreibern geradezu gefordert. Heute, nach 18- jähriger nationalsozialistischer Bewegung und bald fünfjähriger Diktatur gesteht auch Göbbels, dass es das neue nationalsozialistische Drama nicht gibt, dass man warten, warten und schon zufrieden sein müsse, wenn vorläufig in der Dichtung etwas von der" seelischen Haltung" des Nationalsozialismus sichtbar würde. Die obersten braunen Verantwortlichen wären schon froh, wenn auf dem Boden des Dritten Reiches auch nur irgend ein Stück von Bedeutung gewachsen wäre, das den Weg ins Ausland gefunden hätte. Aber dem Ausland erscheint die neuere deutsche Dramatik völlig uninteressant. Die Entwicklung verlief ähnlich wie in der deutschen Filmproduktion: erst Fahnenrausch, dann Flucht ins Historische und zwischendurch Flucht in fremde Zonen. Die" DAZ" konstatierte im März 1937 in einem Ueberblick mit dem bezeichnenden Titel: " Iustspiele beherrschen den Spielplan": " Im Gegensatz zum Volksstück bevorzugte das Schauspiel( und Drama) fast ausnahmslos historische Stoffe. Es ist festzustellen, dass hierbei ein hoher Prozentsatz aller Autoren mehr oder minder auf konjunkturähnliche Erfolgsmöglichkeiten hinarbeitete." Alte, oft abgewandelte Historien um Stoffe wie Heinrich der Löwe, Widukind und Karl der Grosse wurden mehrfach auf braun B-30gewendet, Renaissancemenschen neu entdeckt und auch jüngere geschichtliche Figuren, wie Stein, York, Sohill wiederholt benutzt. Der klassische Dramendrang des teutonischen Studienrats feierte Orgien." Das heroische Element wird neuerdings oft ins Abenteuerliche verlagert", schreibt die" DAZ"." Die Gestalt des Störtebecker wurde binnen Jahresfrist allein neunmal dramatisiert, fast gleich oft die des Jürgen Wullenweber...". Nur in die deutsche Gegenwart getraute sich kaum ein Autor. Nach jeder Spielzeit konstatierte die gleichgeschal tete Presse die Bedeutungslosigkeit der dramatischen Produktion. Die" Münchner Neuesten Nachrichten" stellten nach Ablauf der Spielzeit 1936/37 fest:" Die Berliner Spielzeit, die reich war an ausgezeichneten Vorstellungen, aber arm an Aufführungen junger und neuer Werke, geht mit einem heiteren Abschluss zu Ende.." Der Abschluss war ein Lustspiel von Shakespeare, was noch ein glücklicher Fall ist. Sehr viele Theater behelfen sich mit alten Schmarren, die schon in der Weimarer Republik abgespielt waren. Die Münchner Zeitschrift" Das innere Reich" schrieb im Sommer 1937:" In der Tat, das Ergebnis der dramatischen Ernte ist in diesem Jahre besonders gering. Ich sah oder las kein Stück, und es gingen mir tausende von Manuskripten durch die Hände- das ich mit Leidenschaft völlig bejahen oder wenigsten mit Eifer hassen könnte " Und das Coburger Landestheater liess einen öffentlichen Not schrei los, den ein Teil der Presse nachdruckte: " Es darf nicht sein, dass eine einmalige Wiederholung der " Walküre" mit einer der besten deutschen Sängerinnen als Gast vor einem leeren Hause stattgefunden hat und eine Aufführung des" Thomas Paine"( von Staatsrat Johst!) eine Tageseinnahme von 5( fünf!) Mark bringt." Nicht ein Stück der von der Nazipresse künstlich aufgepumpten Hofbarden fand Widerhall im Theaterpublikum. Nicht ein Autor zeigte sich in nahezu fünf Jahren, der sich an literarischer Bedeutung neben den Namen der verfemten" liberalistischen Zeit", neben Georg Kaiser, Brecht, Bruckner, Barlach oder Zuckmayer hätte sehen lassen können. Von einem Vergleich mit Garnituren wie Ibsen, Strindberg, Shaw, Wedekind, dem jüngeren Gerhart B-31Hauptmann, Werfel ganz abgesehen. Was also ragt nun eigentlich aus der flachen Dramatik dieses Deutschlands heraus? Literarisch von einigen Wert ist höchstens Bethges" Marach der Veteranen*( behandelt die schliesslich abgebrochene Rebellion amerikanischer Frontkämpfer, wurde aber aus Opportunitätsgründen ins alte Russland verlegt). Dramatische Qualitäten weisen unter den ausgesprochenen Naziautoren höchstens Eberhard Möller und Siegmund Graff auf. Möllers Erstling" Douomont", ein Heimkehrerstück, wurde stark in den Vordergrund geschoben; es stammt aber aus der verruchten liberalistischen Zeit und dankt seinen Weg der damaligen" Freien Volksbühne". Jetzt hat sich Möller zum bühnenwirksamen Tendenzschreiber des Dritten Reiches entwickelt und das stark antisemitische Stück" Rothschild siegt bei Waterloo" auftragsgemäss geliefert. Ebenso" Das Frankenburger Würfelspiel", ein sogenanntes Thingspiel, in der Zeit der Gegenreformation handelnd und nur für Freilichtbühnen aufführbar. Alle drei Stücke spielen in entfernter Vergangenheit: es ist die Flucht ins Historische, weil die deutsche Gegenwart von Fussangeln wimmelt und nur in historischem Gewand dies oder jenes kritische Wort gewagt werden kann. Graff ist Beamter des Propagandaministeriums( wie so manche andere seiner Kollegen), er schrieb ein zugkräftiges Bauerndrama und entwickelt sich immer mehr zum Routinier des reisserischen farblosen Unterhaltungsstückes. Anfang 1937 erschien sein Stück" Die Primanerin", arische Nachahmung einer Komödie des ungarischen Juden Bekeffy, der offenbar im stillen Einverständnis der deutschen Ueberwachungsstellen gut abgefunden wurde, denn das Plagiat fand keinerlei Nachspiel. nen wären noch Ernst Bacmeister( der älteren Generation zugehörig) mit zwei historischen Dramen und der westdeutsche Kurt. Langenbeck, der sich aber ebenfalls aus ältester Historie nicht herauswagte. Zu nenWirkliche Serienerfolge waren nur einigen schwankartigen Gebilden beschieden. So Hitlers Lieblingsstück" Krach um Jolanthe" von Klaus Hinrichs( ein derber Schwank um ein Schwein), Max EX B-32Böttchers" Krach im Hinterhaus", Joohen Huths" Die vier Gesellen"( ein neckisches Lustspiel mit Volksgemeinschaftsgetue) und Hinrichs" Petermann fährt nach Amerika", nämlich mit" Kraft durch Freude". Ein harmloses Lustspiel mit allen deutschen Dialekten und am Ende harmloser Sieg dessen, was man jetzt Volksgemeinschaftsgeist nennt. Die herkömmlichen Rekrutenschwänke wurden verboten, dafür tauchte eine andere Soldatenblödelei auf: der Frontschwank." Der Etappen has" von Karl Buntjes schoss den Vogel ab. Eine Verniedlichung des Weltkrieges durch Etappenpass, offiziell protegiert. Clou der Sache: eine Katze wird gestohlen und als Hase gegessen. Rosenow's Kater Lampe schlecht plagiiert und militarisiert. Bald folgte im Münchner Volkstheater " Der Frontgockel" mit demselben Erfolg. Die Presse musste mit" lachen", Kritik ist verboten.. Wirkliche Charakter- Komödien mit Publikumserfolg musste man vom Ausland beziehen: Devals" Towarisch"( dessen antibolschewistische Tendenz nach Devala eigner Erklärung erst der deutscne Uebersetzer hinzugefügt hat) und Birabeaus" Mein Sohn, der Herr Minister", eine französische Komödie vom Parlamentarismus, in der deutschen Aufführung tendenzios vergröbert. Völlig tot ist, wie der Gesellschaftsroman, so auch das Gesellschaftsstück. Die Korrespondenz der Bühnenverleger klagt: " Verlangt werden in steigendem Masse Gesellschaftsstücke. Sie sind nicht annähernd ausreichend vorhanden..." Man behilft sich gelegentlich mit Wilde und Shaw. Zahlreich blühen die Unterhaltungsstücke und Schwänke, die den Schauplatz der Handlung ins Ausland verlegen, weil sich hier Witz oder Satire ungehinderter und ungefährlicher austoben kann. So kaninchenhaft tritt diese Gattung auf, dass sich die Presse mehrfach beklagte. Was der " Völkische Beobachter" kürzlich den Filmautoren zurief:" Entdeckt einmal Deutschland, Ihr Herren vom Film", das gilt für die gesamte dramatische Produktion in Deutschland. Man stiehlt Orte und Namen des Auslands, um dem Publikum Lebensbuntheit mit Kritik zu bieten, die es im Dritten Reich nicht geben darf. Eine neue Art Ausländerei, welche die Vorstellung des deutschen B-33Volkes von der Welt völlig verzerren hilft, macht sich breit. Von der Operette braucht nicht geredet zu werden. Man behilft sich viel mit den alten Singspielen, weil die neuen zu sehr langweilen. Denn sie haben nicht einmal das bisschen Witz und Paprika, das die verfallende Operette in der Demokratie immerhin noch ab und zu aufbrachte. Es genügt, dazu die schon genannte Korrespondenz der deutschen Verleger vom Frühjahr 1937 zu zitieren: dort wenden sich einige Verleger gegen das neue Schema," nach dem viele Operetten gezimmert werden", einer Mischung von Weissem Rössl und braunem Parteibuch: "... der erste Akt spielt im Maschinensaal, der zweite bringt Weisses Rössl- Stimmung oder vielleicht Ski- Lauf, und der dritte mündet in Werkgemeinschaft, verbunden mit Hochzeit. Dieses Schema, das in der Operette um jeden Preis Gesinnungstüchtigkeit zur Schau stellen möchte, beruht auf einem Missverständnis." Was jedoch soll der Librettist eigentlich zusammenbrauen, wenn auch von dieser Gattung Unterhaltungsware ein Schein" aufbauender Gesinnung" verlangt wird? Etwas äusserlich Starkes auf dramatischem Gebiet gelang mit einigen Freilichtaufführungen. Hier gab es die Möglichkeiten grosser Massenaufzüge, wie sie das Dritte Reich liebt, um zu bluffen und demokratischen Sinn vorzutäuschen. So wurde in Heidelberg" Götz von Berlichingen" mit Heinrich George aufgeführt, " Fiesco" auf dem Römerberg in Frankfurt/ M. Pomphafte Anlehnung an die Antike, wirkungsvoll zurechtgemachte Massenszenen, Benebelung der Zuschauersinne durch kolossale Aufmachung, riesenhafter Kulissenzauber, Regie des Dritten Reiches. Der Text geht dabei verloren, der Dichter wird erschlagen. Nur die Massenaufzüge kommen wirkungsvoll heraus, die feineren Szenen werden entstellt, vernichtet, und sehr bald geht das Geschrei der SchauFür diesen Versuch, klassisches spieler auf die Nerven. griechisches Theater zur Verherrlichung des Machtstaates neu zu beleben, fehlen die Stücke, der Genius und vor allem das Publikum, das sich heute nicht mehr mit historischen Massenkrawall begnügt, sondern Gegenwart und Zeit- Theater sehen will. Die Verödung der" Thing- Theater", auf denen sich auch" neue a -34Volkskunst" entwickeln sollte, spricht eine beredte Sprache. Dieses Theater fordert nebenbei auch den Sprechchor. Er ist heute sogar für die Hitler- Jugend verboten, weil in ihm alte revolutionäre Traditionen leben und der Meckergeist hier einen Schlupfwinkel gefunden hatte. Zusammenfassend darf gesagt werden: Die deutsche Bühne verarmt unaufhaltsam. Trotz der Blutverluste durch den Arierparagraphen gibt es in Deutschland noch einige starke Schauspieler und tüchtige Regisseure, aber an Nachwuchs ist nicht viel zu entdecken. Die ernsthafte Kritik fehlt, und was an neuen Gesichtern auf den Brettern erscheint, steht meist unter Protektion eines braunen Bonzen. Die kühnen Experimente von ehedem sind unmöglich geworden. Hin und wieder kommen starke Klassikeraufführungen heraus, aber immer sind es Anlehnungen an frühere, sogar an expressionistische Vorbilder. Und immer leiden sie an Verfälschung, an Streichungen unbequemer kritischer Stellen. Man sieht weder Volks- noch National theater und nirgends Gestaltung nationalsozialistischer" Weltanschauung", sondern ein im Querschnitt höchst mittelmässiges Gemisch, eine gleichgeschaltete Oednis, viel Dilettantismus und Uniformität. Der Neudeutsche erlebt Theater weniger als Kunstphänomen und mehr als Propaganda- Institut. Die wirklichen Theatermenschen sehnen sich nach jener lebendigen freien, bunten Dramatik von ehedem, die die wirkliche deutsche Gesellschaft in allen ihren Schichten erfasste und auf die Bretter stellte. 4) Kunst und Freiheit. Trotz aller Richtlinien und Parolen, die das Propagandaministerium auch für die" Kunstbetrachtung" herausgibt, geht es in diesem Punkte reichlich durcheinander. Gelegentlich, zwischen den Zeilen oder in Saisonberichten, lässt die Presse einiges von der Schwachbrüstigkeit der neudeutschen Dichtkunst resigniert sichtbar werden, an den hohen Festtagen aber wird alles wieder umgeschminkt und von Festrednern umgefärbt. Da wird das Ausbleiben der neuen grossen Gestaltungen mit mangelnder Distanz erklärt, da dröhnt ein Göbbels: Das neue Erleben sei B- 35noch zu frisch, um schon grosse künstlerische Gestalt gewinnen zu können; die jüngere Generation jedoch werde in kommender Zeit usw. usw. Auch das ist Blendung und Täuschung." Nationalsozialistische Kunst" kann nie erstehen, weil der Hitlerbewegung der fruchtbare schöpferische Boden einer eigenen Weltanschauung fehlt. Eigenes geistiges Destillat des braunen Lagers ist lediglich sein Rassemythos, aber der sieht auch danach aus; er mutet im Europa des 20. Jahrhunderts so lächerlich, vieldeutig und dilettantisch, dass sich darauf, kein eigenes geistiges Leben gründen kann. Und gäbe es so etwas wie ein braunes Weltbild, so fehlte dem geistigen Leben im heutigen Deutschland der belebende Atem freier kritischer Kunstbetrachtung und jenes Mass von Gedankenfreiheit, ohne die sich kein Gebild gestalten kann. Das Elend der deutschen Literatur wird entsetzlich klar, wenn man einen Blick auf das Zensurnetz wirft. Selbst unter dem Absolutismus vormärzlicher Potentaten herrschten für den Künstler klarere Verhältnisse; er wusste, an wen er sich zu halten hatte. In Hitlerdeutschland steht er einem Zensur- Dschungel gegenüber. Da gibt es ein halbes Dutzend Instanzen, die über Leben und Tod von Kunst, Dichtung und Literatur zu entscheiden haben. Da gibt es: den Reichsdramaturgen der Reichstheaterkammer, die dem Propagandaministerium untersteht. Der Reichsdramaturg überwacht die Produktion der Autoren und Komponisten," in Verbindung mit einem grossen Lektorenstab..."( Handbuch der Reichskulturkammer); die Reichsschrifttumskammer( Propagandaministerium); prüft Bücher, empfiehlt oder verbietet sie; die Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums, Rosenbergs Domäne, mit der Reichsschrifttumskammer zusammenarbeitend, Gutachten verfertigend, die den Verlegern zugestellt und in der Monatsschrift" Bücherkunde" veröffentlicht werden; die" Partéiamt che Prüfungskommission zum Schutze des NSSchrifttums". Die Zensurstelle der NSDAP arbeitet neuerdings in einem" Arbeitskreis" mit dem Propagandaministerium zusammen; der Börsenverein deutscher Buchhändler, dessen Präsident ebenfalls als Gutachter fungiert und dessen Zeitschrift " Buch und Volk" über Wohl und Wehe eines Buches mitentscheidet; B-36die Gruppe der Gralswächter und Denunzianten, allen voran das SS- Wochenblatt" Das Schwarze Korps". Wen die Gutachter verschont haben, dessen Schwächen und Achillesferse spüren die Gralswächter auf; durch sie kam schon manches Werk( das alle anderen Instanzen glücklich passiert hatte, zum Schluss doch noch unter die Räder). Es ist selbstverständlich, dass dieser vielfältige( und kostspielige) Zensurbetrieb wie ein Alpdruck auf dem geistigen Leben lastet." Es gibt noch Kritik in Deutschland" behauptet Göbbels," aber sie ist in die Hände von Berufenen gelegt." Nämlich in die Hände der vom Staate Berufenen. Der Staat sein eigener Kritiker; der Staat, in freien Ländern ein Objekt der Kunst, und scharfer Kritik unterworfen, wird hier zum Mäzen, Tyrannen und Büttel der Kunst. Er verbietet Lessings" Nathan", weil die Hauptgestalt ein edler Jude ist. Oder" Don Carlos", weil Posas. Wort:" Geben Sie Gedankenfreiheit", zu Massendemonstrationen führt. Das Stirnrunzeln des Staates genügt, um die Theaterle iter zu nötigen, aus klassischen Dramen die wichtigsten Stellen zu streichen und die grössten Deutschen zu verschandeln. Die vielbändige Gesamtausgabe von Goethes Gesprächen( herausgegeben vom Freiherrn von Biedermann) musste eingestampft werden, weil die Worte des grossen Olympiers zu oft der braunen Phraseologie widersprechen. Im September 1937 sah sich der Präsident der Reichsschrifttum skammer genötigt, ein Rundschreiben loszulassen, in dem es hiess: "..dass manche Herausgeber von Schulbüchern, Sammelwerken Anthologien, Liederhefteu und ähnlichen Werken mit den grossen Kunstwerken unseres Volkes ohne die nötige Ehrfurcht umgehen. Die Namen der Dichter werden falsch oder verstümmelt wiedergegeben. Strophen werden ausgelassen, ohne dass dies durch eine ausdrückliche Bemerkung angegeben wird, ja, sogar Veränderungen des Wortlautes werden vorgenommen und damit deutsches Kulturgut verfälscht oder verstümmelt..." Zum Schlusse wird vor" rechtlich verbotenen Eingriffen in das Wesentliche eines Kulturgutes" gewarnt und mit Strafe gedroht. Aber welcher Herausgeber soll im Dritten Reich heute wissen, Wer soll sich zurechtfinden unter einem was noch erlaubt ist? System, in dem es von Dekreten, Fälschungen, Fallen und Selbstschüssen nur so wimmelt?! R- 37Kein Wunder, dass selbst enemalige literarische Fahnenträger und Sympathisierende der Nazibewegung sich vom braunen Dekretinismus und Dilettantismus distanzieren, abseits stellen oder abseits gestellt werden. Die Brüder Jünger, Ernst von Salomon, Carossa, Kolbenheyer, Ernst Wiechert-um nur einige der bekannteren zu nennen- gehören heute zur konservativen Opposition. Etliche völkische Barden fielen in Ungnade, weil sie dieser oder jener mächtigen Klique nicht gefielen. Der braune " Umbruch" frisst seine eigenen Kinder, Kamarilla steht gegen Kamarilla, keiner dieser heutigen Romantiker und Mystiker des neudeutschen Nationalismus weiss, ob er morgen noch als" linientreu" gilt, und Marquis Posas Forderung geistert heute getarnt zwischen den Zeilen der deutschen Feuilletons. Denn ohne Gedankenfreiheit muss auch die Kunst, vor allem die Dichtkunst, verdorren. Der Mutterboden künstlerischer Gesichte liegt im Unterbewusstsein. Visionen entspringen der Phantasie. Das Bewusstsein, von Fesseln eingeengt zu sein, lähmt das Unterbewusste, hemmt die Phantasie, wirkt verwirrend auf das künstlerische Temperament. Jeder schöpferische Künstler weiss das, fühlt das und hat darum das tiefinnere Bedürfnis, diese Fesseln zu sprengen. Wo die Phantasie frei ist, kann selbst ein Sperling sich von Adlersflügeln getragen fühlen. Deshalb gibt es keinen Frieden zwischen Künstler und Zensor, Kunst und Tyrannei. Darum auch gehören zu den stärksten ewigen Kunstwerken jene, die aus dem Kampfe gegen Unterdrückung und Knebelung entstanden. Wo immer Kunst und Dichtung aufblühten, geschah es in staatsbürgerlicher Freiheit oder im Kampfe für diese Freiheit. Darüber kann dem totalen Staat auf die Dauer auch die Vernebelung des Freiheitsbegriffes nicht hinweg helfen.Mag er für die Dummen an die Stelle der staatsbürgerlichen Freiheit den Kautschukbegriff der" nationalen Freiheit" schmuggeln Kunst und Dichtung können damit nicht leben. Dieser Zwangsstaat muss sich in punkto Freiheit der Kunst selbst von den Despotion des Vormärz beschämen lassen. Ein Schiller könnte heute einen Posa von 1937 nicht reden lassen, dem Schiller von heute würde 3-* im heutigen Deutschland ein Herzog Karl August ebenso fehlen, wie die relativ freie Initiative rheinischer Theaterdirektoren. Ein Glassbrenner, dessen verblümte Satiren im Vormärz immerhin gedruckt erscheinen konnten, verschwände heute hinter Kerkermauern. Nur Narren oder Schwindler können fabeln, dies sei der Boden für eine" neue Blüte deutscher Kunst und Literatur". °° Denn Dichtung muss schon verdorren, wenn sie gezwungen ist, Unrecht und Tyrannei stillschweigend zu dulden, wenn sie nicht einmal sprechen darf, wo sie schreien möchte. Hier gilt Schillers Wort, wonach" des Menschen nichts so unwürdig ist als Gewalt; wer sie feigerweise erleidet, wirft seine Menschheit weg Für den wirklichen Künstler ist nun einmal nicht ein Abstraktum, wie der Staat, das Mass aller Dinge, sondern der das ist Mensch. Die Kreatur mit all ihren Freuden und Leiden sein Material, sein Stoff. Darf er aus ihm keine Wahrheit gestalten, muss er das Leid der Kreatur totschweigen, so verderben Seele und Phantasie des Künstlers. Für ihn geht es bei Werten wie Freiheit und Wahrheit um eine Frage von" lebensgefährlichen Ernst", wie Thomas Mann in seinem Aufruf an die Dichter sagt:" Ich bin überzeugt, dass der Dichter, der heute in Dingen menschlicher Gesinnung versagt und die Sache des Geistes an die Interessen verrät, ein geistig verlorener Mann ist. Er muss verkümmern...". 7 In der Geschichte hat der Kampf zwischen Geist und Tyrannei, Freiheit und Despotismus noch immer mit dem Bankerott der Tyrannei geendet. Der totale Staat wird keine Ausnahme machen, mag er sein Gesicht auch noch so raffiniert tarnen. Schon heute ist in Deutschland auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft das Totalitätsprinzip erschüttert. Es wird viel über die Frage " Volkskunst oder Persönlichkeitskunst" durcheinander geredet und geschrieben, die beamteten Kunstwächter schwadronieren recht oft wirr aneinander vorbei, und kein Zensor kann jene Belletristik unterbinden, die in historischer oder exotischer Gewandung der Menschheit grosse Gegenstände feiert und für Freiheit, Recht und Menschlichkeit wirbt. Als unangreifbares klassisches Beispiel für diese Art Opposition kann Ernst Wiecherts neue Legende: B- 39" Der weisse Büffel, oder von der grossen Gerechtigkeit" gelten. Der Held dieser indischen Legende ist ein indischer Michael Kohlhaas: der Mann Vasudewa fordert Recht für einen Bauern, dem des Königs Krieger einen Büffel getötet haben. Vaseduwa weigert sich, ein Standbild des Königs zu grüssen, da er dies für Götzendienst hält.( Wer denkt da nicht an das Treiben der braunen Prätorianer und an den Heil Hitler- Rummel?) Vasudeva wird eingekerkert, soll auf sein Recht verzichten, belehrt den König in nächtlichem Gespräch über die Grenzen aller Macht, über den Sinn von Recht und Gerechtigkeit. Vasudewas Mutter stirbt auf dem Scheiterhaufen für den Glauben des Sohnes, Vasudewa und die Gerechtigkeit siegen, der König muss die Grenzen aller irdischen Macht und Gewalt anerkennen. Diese symbolische Geschichte verstehen die nach Freiheit drängenden Volksteile Deutschlands richtig zu würdigen und agitatorisch zu verwenden. Als Wiechert am 18.11.37. in Köln aus obigem Werk vorlas, beherrschte den Saal beklommene Spannung und die" Kölnische Zeitung" feierte den Dichter in ihrem Bericht( 21.11.) als einen" der Zeit seines Lebens sich gebeugt hat unter ein Gesetz, das ihm gebiete, Gott mehr zu gehorchen, denn dem Menschen" und der" nichts anderes zu geben versuchte, als die ihm mögliche Antwort auf jene Frage, die ständig uns alle bewegen wird: Wie sollen wir leben?" Ein kleiner, aber typischer Ausschnitt aus dem verschleierten und vernebelten geistigen Ringen im Dritten Reich. 4170 Der totale Staat kann Künstler und Literaten korrumpieren, aber für die Besseren unter ihnen wird es umso unerträglicher werden, je tiefer die deutsche Kunst sinkt und je mehr Illusionen zerstieben. Der Geist und die Musen werden nach urewigem Gesetz um ihre Freiheit kämpfen müssen, denn es geht für sie um Leben und Tod. Welche Formen und welches Tempo dieser Kampf im Laufe der Zeit annehmen wird, das hängt von Entwicklungen ab, die sich heute noch nicht vorausbestimmen lassen. DIE DEUTSCHLAND- BERICHTE, die der Vorstand der seit 1934 Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Prag, monatlich im Umfange von 140 bis 180 Seiten herausgibt, haben die Aufgabe, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftlichen Gebieten zu verfolgen. Sie beruhen auf der Arbeit einer organisierten politischen Berichterstattung, deren Beobachtungsfeld sich insbesondere auf folgende Gebiete erstreckt: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen Die Lage in den Betrieben Die Wirtschaftslage Arbeitsmarkt Preisentwicklung Lebensmittelversorgung Rohstoffversorgung Geld und Kredit Handel und Gewerbe Landwirtschaft Sozialpolitik Lohnpolitik Steuerpolitik Korruption und Mißwirtschaft Terror Jugend Hitler- Jugend Schule Hochschulen Kirchenfragen Kulturpolitik NS- Organisationen NSDAP, SA, SS Arbeitsfront, KdF Arbeitsdienst Verwaltung In allen Landesteilen und Gesellschaftsschichten arbeiten Berichterstatter als Glieder der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland an dieser Aufgabe mit. Auf der großen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Die Berichterstatter kommen nach Möglichkeit selbst zu Wort, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu geben. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmäßig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter größeren Gesichtspunkten zusammenfassend dargestellt wird. Als Manuskript hergestellt Sopade, Prag- X., Palackého třída 24.