Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Überblick über das Heft Nr. 1/1938 I. Das Heft 1/1938 der" Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands enthält im Nachrichten te i 1 Material über die allgemeine Situation in Deutschland, über die Rohstofflage, den Stand der Lebensmittelversorgung und über das Winterhilfswerk 1937/38. In dem Kapitel über die allgemeine Situation werden die Berichte zusammengestellt, die bis zum Abschluss dieses Abschnittes( 17. Februar) über die Ereignisse vom 4. Februar eingelaufen sind. Nach diesen Berichten ist das deutsche Volk von den Ereignissen vollständig überrascht worden. In den ersten Tagen nach der Bekanntgabe der Veränderungen in der Staatsführung entstand eine Unzahl von Gerüchten. Diese Gerüchte hatten allerdings grösstenteils ihren Ursprung in Meldungen der ausländischen Presse, die trotz des allgemeinen Verbots dieser Zeitungen, ins Land drangen. Diese Aufregung legte sich aber bald wieder. Es blieb ein Gefühl der Unsicherheit und Unruhe und bei den meisten die Ueberzeugung, dass der Krieg nun umso schneller komme. Ein ausführlicher Bericht aus Berlin sucht die Ereignisse aus der innerpolitischen Situation und aus den Gegensätzen in der Reichsführung wegen der Politik gegenüber Oesterreich zu erklären und gibt eine detaillierte Darstellung des inneren 14). Ablaufs der Krise( Seite A 1 Neben dem Personenwechsel im Reichsaussen- und ReichskriegsMinisterium darf die schon vorher begonnene Umbildung des Reichswirtschaftsministeriums nicht übersehen werden. Eine Meldung aus Berlin schildert die brutale Art, in der Göring diese Dieser Ueberblick erscheint in deutscher und englischer Sprache II Umbildung eingeleitet hat. Die Berichte machen ausserdem darauf aufmerksam, dass der Eintritt des Hauptdienstleiters Schmeer von der Arbeitsfront in das Ministerium eine neue Politik in der Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsfront und der Organisation der gewerblichen Wirtschaft ankündigt( Seite A 14/15). Um die Reaktion der Massen auf die Ereignisse vom 4. Februar begreiflich zu machen, bringt das Heft eine Reihe von Stimmungsberichten aus den letzten Wochen vor der Krise, in denen vor allem die wachsende Entpolitisierung der Massen geschildert wird. Während die Berichte aus Deutschland selbst diese Entpolitisierung im allgemeinen als einen Prozess deuten, der das Regime weiter festigt und die Aussichten auf einen Umsturz weiter verringert, macht der Herausgeber darauf aufmerksam, dass ie politische Teilnahmslosigkeit des Volkes auch der Ausdruck er fortschreitenden Ermüdung der Massen sein könne. In diesem Falle wäre die Entpolitisierung für das Regime ungünstig, weil die Diktatur der unausgesetzten Hochspannung aller gesellschaftlichen Energien bedarf( Seite A 15- 15c). Die NSDAP sucht der Gefahr der wachsenden Erlahmung der gesell. schaftlichen Energien durch verstärkte Propaganda zu begegnen. Die Berichte bringen verschiedene Beispiele für den Charakter dieser Propaganda: Wandzeitungen der NSDAP aus Hamburg, Versammlungseinladungen aus Berlin usw.( Seite A 150- 15 0) Eine besondere Rolle spielt die Kolonialpropaganda. Sie ist nicht nur als Ablenkungspropaganda zu werten, sondern entspringt einem entscheidenden politischen Bedürfnis der Diktatur. Das Regime muss mit allen Mitteln verhüten, dass eine neue Arbeitslosigkeit entsteht. Das gelingt nur solange, wie die Masser weiter zu Opfern veranlasst werden können. Für die Rüstung waren die Massen bisher bereit, diese Opfer zu bringen. Wenn aber die Rüstung im grossen ganzen beendet ist, braucht das Regime ein neues Ziel, für das die Massen zu weiteren Opfern gebracht werden können. Hat erst Deutschland einmal eine Kolonie, dann kann der Ausbau dieser Kolonie ein solches Ziel abgeben, weil er zu einer nationalen Angelegenheit gemacht werden kann. III. IDie Berichte bringen Material über den Charakter der Kolonialpropaganda und ihre Wirkung auf die Massen( Seite A 15p- 158). II. Die deutsche Rohstofflage hat keine Veränderung erfahren. Das vorliegende Heft enthält erneut umfangreiches Material über den Mangel an Eisen und Nichteisenmetallen, nicht zuletzt auch bei 27), über die Knappheit an der Rüstungsindustrie( Seite A 16 34), an Holz und Papier Leder und Textilien( Seite A, 28 CO ( Seite A 34- 39) und an sonstigen Rohstoffen. III. Auch das Bild der deutschen Nahrungsmittelversorgung weist keine wesentlichen neuen Züge auf. Weniger bekannt als die starke Verbreitung der Maul- und Klauenseuche ist die Tatsache, dass in einigen Bezirken auch die Schweinepest herrscht.- Die Berichte geben einen Ueberblick über den Stand der Versorgungslage in den einzelnen Landesteilen und lassen erneut erkennen, dass sich die Bevölkerung nachgerade an die Mangelerscheinungen gewöhnt hat( Seite A 42- 51). IV. Das Winterhilfswerk 1937/38 ist noch mehr als seine Vorgänger zu einer Propagandaveranstaltung grössten Stils gemacht worden. ( Man muss beachten, dass das WHW nicht eine staatliche Einrichtung, sondern eine Aktion der NSDAP darstellt) Aber auch auf diesem Gebiet zeigt sich, dass die Wirkung der Propaganda nachlässt. Je mehr das WHW vom Regime als eine Grosstat der Volksgemeinschaft gefeiert wird, umso mehr ist das Volk nur durch konzentrierten und raffinierten Zwang zum Spenden zu bewegen. Allgemein verbreitet ist die Ueberzeugung, dass der grösste Teil der Sammelerträgnisse nicht den Notleidenden zugute kommt, dern für die Rüstung verwendet wird( Seite A 52- 55). sonDie Berichte stellen die Methoden dar, mit denen die Zwangsbeiträge hereingebracht und die Geldsammlungen durchgeführt werden. Sie bringen zahlreiche Beispiele dafür, wie insbesondere IV. die Arbeiter in den Betrieben gezwungen werden, sich die WHWBeiträge unmittelbar vom Lohn abziehen zu lassen und darüber hinaus noch Sonderspenden der verschiedensten Art zu leisten ( Seite A 56- 68). Die Leistungen des WHW sind in diesem Jahr, soweit sich das bisher übersehen lässt, geringer als im Vorjahre. Die Berichte bringen Material darüber, auf welche Weise der Kreis der Unterstützten eingeschränkt wird( Herabsetzung der Richtsätze für Bedürftige, Verschärfung der Bedürftigkeitsprüfung usw.)( Seite A 69- 80). Um einen Einblick in die innere Organisation des WHW zu geben. reproduzieren die Berichte eine Reihe von Formularen, die beim WHW für die Behandlung der Anträg der Bedürftigen und die Kontrolle der Spenden im Gebrauch sind. Bemerkenswert ist, dass auf dem für den inneren Betrieb bestimmten Formular auch die Parteizugehörigkeit und die Mitgliedsnummer des Bedürftigen vermerkt wird( Seite A 80 87). Feste Richtlinien über die Verteilung der Spenden gibt es beim WHW nicht. Die Leistungen schwanken von Bezirk zu Bezirk und von Monat zu Monat. Bei den Sachunterstützungen beschränkt man sich im allgemeinen darauf, in jedem Bezirk das zu verteiler was aus den Sammlungen aufkommt. Obgleich sich das WHW bemüht, mit seinen Leistungen möglichst viel Propaganda zu machen, ist die Wirkung auf die Bevölkerung gering. Schliesslich urteilt der einfache Mann doch nicht nach den veröffentlichten Riesenzahlen, sondern nach den Leistungen in den einzelnen Fällen, die ihm bekannt werden( Seite A 88- 93). V. Im Hinblick auf die Ereignisse vom 4. Februar bringen die " Deutschland- Berichte" in ihrem Uebersichten tei: einen Beitrag über" Armee und Partei".( Seite B 1- 20). Der Beitrag geht zunächst auf die traditionelle Stellung ein, die die deutsche Armee im Kaiserreich und in der Republik V. eingenommen hat. Es gehört zu den Traditionen dieser Stellung, dass die Armee es immer verstanden hat, ein Eigenleben im Staate zu führen, und stets bestrebt war, sich als Ganzes von den innerpolitischen Auseinandersetzungen fernzuhalten. Auch nach dem Umsturz von 1933 hat die Armee an dieser Tradition festgehalten; aber sie war doch zu einer Kette von Kompromissen mit der regierenden Partei gezwungen, deren letztes Glied vorläufig die Umbildung der Armeeführung und die Einsetzung des Geheimen Kabinettgrats am 4. Februar darstellt. ( Seite B 1- 9). Die Lösung, die Hitler am 4. Februar gefunden hat, ist nur eine vorläufige Lösung. Alle sachlichen Gegensätze zwischen Armee und Partei bleiben bestehen. Die Armee muss eine Aussenpolitik wollen, die sie vor erfüllbare und nicht vor unmögliche Aufgaben stellt. Sie kann nicht einer Aussenpolitik zustimmen, die Deutschland gleichzeitig in Gegensatz zu England und Russland bringt. Sie muss Italien als zweifelhaften und gefährlichen Bundesgenossen betrachten.( Seite B 9- 11). In der Innenpolitik muss sie fürchten, dass durch die wachsenden inneren Spannungen in Ernstfall die Landesverteidigung gefährdet wird. Sie muss bestrebt sein, ein Volksheer und kein Parteiheer zu sein. Das muss auch die Armee immer wieder veranlassen, sich gewissen wehrpolitischen Forderungen der Partei zu widersetzen, die vor allem die Heranziehung des Offiziersnachwuchses betreffen.( Seite B 11. 14). Auch auf dem Gebiet der Wehrwirtschaft sind die entscheidenden Probleme noch nicht gelöst. Im landwirtschaftlichen Sektor hat die von der Partei geführte Agrarpolitik nur Teilerfolge zu erzielen vermocht, dafür aber schon in der Periode der Kriegsvorbereitung Ernährungsschwierigkeiten erzeugt. Im industriellen Sektor hat die Autarkiepolitik schon jetzt einen grossen Teil aller Reserven aufgezehrt, die eigentlich die eiserne Ration der Volkswirtschaft für den Kriegsfall sein sollten. ( Seite B 14- 15). VI. Neben den wirtschaftlichen Reserven hat das Regime aber auch schon die moralischen Reserven Deutschlands angegriffen. Es kann der Armeeführung nicht gleichgültig bleiben, wenn sie feststellen muss, dass die jahrelange Ueberspannung der gesellschaftlichen Energien schon jetzt zu Ermüdungserscheinungen zu führen beginnt, dass die Hakenkreuzfahne, für die die Armee kämpfen und sterben soll, von einem grossen Teil des Volkes nicht als nationales Symbol, sondern als etwas Fremdes oder gar Feindliches empfunden wird. Hitler kann bei Kriegsausbruch nicht wie Wilhelm II. sagen: Ich kenne keine Parteien mehr; er kann nur sagen: Ich kenne nur eine Partei, die meine.( Seite B 15 18). So sind die Spannungen zwischen Armee und Partei nach wie vor ungelöst. Ohne Frage besteht eine starke Schicksalsverbundenheit zwischen Armee und Partei, und die Vorstellung, dass die Armee eines Tages Hitler davonjagen und ihre eigene Herrschaft ausrufen würde, ist nichts als ein Wunschtraum. Gleichwohl besteht zwischen beiden ein innerer Gegensatz, der immer wieder zu neuen Konflikten führen muss. Die Armee ist in der Lage eines Partners, der an den Gewinnen eines tollkühnen Spielers Anteil hat und doch ständig darauf bedacht sein muss, sich noch rechtzeitig von dieser gefährlichen Partnerschaft zurückzuziehen. So ist es wahrscheinlich, dass sich auch nach dem 4. Februar das Verhältnis von Armee und Partei als eine Kette von Konflikten und Kompromissen weiterentwickeln wird. Dies um so mehr, als die Armee heute zwar das interessanteste Unruhezentrum des Dritten Reiches ist, aber bei weitem nicht das einzige.( Seite B 18- 20). 5. Jahrg. Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1938 Inhaltsverzeichnis Nr. 1 Teil A: Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Zum 4. Februar 2) Die Umbildung des Reichswirtschaftsministeriums 3) Politische Teilnahmslosigkeit der Massen 4) Verstärkte Propaganda der NSDAP 5) Die Kolonialpropaganda II. Die Rohstofflage A 1 1 14 15 15c 150 16 1) Eisen, Nichteisenmetalle, Baustoffe 16 2) Leder und Textilien 28 3) Holz und Papier 34 39 4) Sonstige Rohstoffe III. Der Nahrungsmittelmangel Die Schweinepest und die Fleischversorgung Die Neuordnung der Fettzuteilung- Die Versor= gungslage in den einzelnen Landesteilen. 41 -2A 52 IV. Das Winterhilfswerk Der Propagandaaufwand- Die Rechenschaftslegung 1936/37- Das Misstrauen der Bevölkerung 1) Die Einnahmen des WHW a) Zwangsbeiträge und Geldsammlungen 8 b) Sachspenden c) Widerstand der Bevölkerung 2) Die Leistungen des WHW a) Weniger Unterstützungsfälle b) Das Kontrollsystem c) Die Verteilung der Spenden Teil B Uebersichten Armee und Partei I. Vorgeschichte 1) Die allgemeine Wehrpflicht 2) Das Offizierskorps vor Hitlers Machtergreifung II. Das Heer unter Hitler 1) Der Führer als Protektor 2) Gegensätze und ihre Ursachen a) Aussenpolitik b) Innenpolitik c) Wehrpolitik d) Wehrwirtschaft e) Das moralische Kriegspotential III. Ungelöste Spannungen 56 home 76 76 80 88 B 1 1 2 6 6 8 11 13 14 15 18 A- 1Te 1 1 A ( Abgeschlossen am 17. Februar 1938) I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Zum 4. Februar Die Berichte, die bis jetzt über die Ereignisse vom 4. Februar vorliegen, geben noch kein einheitliches Bild davon, wie diese Ereignisse auf die Bevölkerung gewirkt haben. Gemeinsam ist allen Berichten nur die Feststellung, dass das Volk durch die Ereignisse vollständig überrascht worden ist. Nach der Mehrzahl der Berichte hat aber diese Ueberraschung keine tiefe Wirkung hervorgerufen. Auch über die aussenpolitischen Zusammenhänge der Ereignisse besteht noch keine Klarheit. Nach dem Berliner Bericht, der vor der Zusammenkunft Hitler- Schuschnigg erstattet worden ist, war es das Problem Oesterreich, das den Konflikt ausgelöst hat, nach dem Bericht aus Bayern war es die Kolonialfrage. Die Mehrzahl der Berichterstatter bringt die Ueberzeugung zum Ausdruck, dass jetzt die Kriegsgefahr wieder grösser geworden sei und dass überhaupt eine Periode der Unruhe und Unsicherheit begonnen habe. Berlin, 1.Bericht: Unverkennbar bestand seit Monaten bei den' überzeugten Anhängern der Partei eine Beunruhigung. Ihnen und damit der Partei selbst, bekommt eine ruhige Entwicklung nicht Sie brauchen die fortdauernde Bewegung, die sogenannte" Dynamik". Die Spannungen werden fühlbarer, die Unzufriedenheit nimmt zu und erzeugt ihre Unruheherde in der Bewegung selber. Die früheren politischen Gegner verhalten sich zwar ruhig, aber ihr Ansehen wächst wieder, auch wenn sie nichts tun. Wer die Parteiführer offen verteidigt, wird gemieden. Wer es nicht tut, wird gefrozzelt. Im Winter mag es noch gehen, aber im Frühjahr muss wieder etwas geschehen. So, wie es das ganze Jahr 1937 hindurch ging, kann es nicht weitergehen, sonst kommen wir unter den Schlitten. Viele sind der Auffassung, in der Reichswehr entsteht die entscheidende Gegenwehr gegen die Partei. Sie bereitet der SS ein ähnliches Schicksal wie der SA im Jahr 1934, wenn Hitler nicht bald handelt und auch in A-2der Reichswehr Ordnung macht wie in der Wirtschaft. Schacht hat abtreten müssen und es geht auch ohne ihn. Göring ist eingesetzt worden und er bricht die Widerstände der Wirtschaftsbarone. Er soll mit seinem Stab auch in der Reichswehr Ordnung schaffen, ehe es zu spät ist. Zu einem Krieg kommt es sowieso. Jetzt ist noch Zeit dazu, auch das Instrument der militärischen Verteidigung so zu organisieren, wie die Polizei, wie die SS von Himmler organisiert worden ist. Sie ist verlässlich, was auch kommen meg. Dagegen rennt niemand an. Sie ist gefürchtet und geachtet. Jeder Kritiker weiss, wenn er sich zuweit vorwagt und in die Hände der Polizei gerät, ist er verloren. Ein solches Instrument muss auch aus dem Heer gemacht werden. Was die SS und Polizei im Innern ist, das muss das Heer nach aussen sein. Wer da nicht mittun will, muss fliegen. Göring soll mit harter Hand zugreifen. Und wenn er es nicht machen will oder kann, so soll es Himmler tun. Er kann es und er hat bei der Polizei geeignete Nachfolger, die ihn dort vertreten können. Mit dem ewigen Bremsen muss Schluss gemacht werden. Die Zeit, die damit verloren geht, nützen die Gegner aus. Spanien sollte ein warnendes Beispiel sein. Anstatt richtig hineinzufunken, wird immer wieder abgebremst. Das kostet viel mehr Verluste und schadet der Partei propagandistisch auch in anderen Ländern. Es darf nicht unnötige Zeit verloren werden; die Stunde, wo gehandelt werden muss, auch nach aussen, ist wieder da. Die Parteiführung muss wieder die Initiative an sich rei ssen und auch die Widerstände im Innern werden wieder verschwinden, wenn die starke Faust gezeigt wird. Diese Auffassungen waren in der letzten Zeit bei den Funktionären der NSDAP im Gau Berlin vorherrschend. Es wurde in den letzten Monaten gar kein Hehl daraus gemacht, dass Hitler gedrängt werden müsse, bis zum 5. Jahrestag der nationalen Erhebung eine Entscheidung in diesem Sinne zu fällen. Anfang Januar sickerte dann auch durch, dass Hitler mit massgebenden Generalen verhandele über das weitere Vorgehen nach aussen. Genannt wurden die Namen Fritsch, Ritter v. Leeb, v. Kressenstein, v. Pogrell, Beck und andere. Gegen Ende Januar wurde bekannt, dass trotz dreimaliger Konferenz mit der massgebenden Reichswehrgeneralität eine Einigung noch nicht erzielt worden sei. Der gesamten Aussenpolitik des Führers, wie sie vor allen Dingen vom Aussenpolitischen Amt der Partei unter Führung Rosenbergs betrieben werde, würden von einem Teil der Reichswehrgeneralität und den hinter ihnen stehenden Kreisen im Aussenministerium Widerstände entgegengesetzt. Mit dem Versuch, eine Annäherung an England zu betreiben; durchkreuze man alle Pläne, die mit Mussolini in Bezug auf Spanien und Oesterreich vereinbart worden seien. Zu gegensätzlichen Auffassungen sei es auch in der Bewertung der polnischen Entwicklung gekommen. Göring habe eine sehr schwankende Haltung dabe: eingenommen. Sein Verhältnis zu Hess sei ausserordentlich eng geworden und der Einfluss gerade dieses Führers, der sonst im. mer im Hintergrund stehe, sei in letzter Zeit ganz ausseror A-3dentlich gewachsen. Er sei der Intimus von Mussolini und der General v. Reichenau der Verbindungskurier zwischen den beiden Diktatoren. Blombergs Stellung sei, seit die Achsenpolitik durch den Mussolinibesuch aktiviert wurde, immer schwächer geworden.Er und die hinter ihm stehenden Kreise der Generalität sollen sich einmal im Zusammenhang mit der Niederlage der Italiener bei Guadalajara sehr missgünstig über die Qualität der italienischen Truppen ausgesprochen haben. Mussolini sei das hinterbracht worden und Blomberg sei seitdem in seinen Augen erledigt gewesen. Mitte Januar habe sich Blomberg nach der Niederlage der Italiener bei Teruel erneut von seinen Offizieren aus Spanien Bericht erstatten lassen. Die Vorträge mussten bei Göring wiederholt werden und Göring soll in der ganzen ersten Hälfte des Januar in Bezug auf die spanischen Dinge den Standpunkt der Armeeführung geteilt haben, sich von Italien nicht weiter in die spanische Katastrophe hineinziehen zu lassen. Entgegengesetzt sei die Auffassung von Hess, der bei der weiteren Entwicklung der Krise, gestützt durch den Einfluss von Mussolini, eine entscheidende Rolle gespielt und seinen militärischen Vertrauensmann v. Brauchitsch dann auch an die massgebende Stelle gebracht habe. Hess gelte auch bei Hitler als militärische Autorität und habe schon bisher in der gesamten Beförderungspolitik der Reichswehr die entscheidende Rolle gespielt. Hess ist Anhänger der Rosenberg'schen Konzeption, mit Frankreich zunächst einen Ausgleich anzustreben, um freie Hand nach dem Osten zu bekommen. Die gesamte Personalpolitik in der Reichswehr soll bisher nach den Gesichtspunkten getrieben worden sein, die vom Standpunkt der Partei verlässlichsten Leute in den Truppenkörpern des Ostens und Südostens unterzubringen. Die nunmehr erfolgten Ernennungen in der Spitze stellten in dieser Hinsicht einen gewissen Abschluss dar. Göring habe sich in der zweiten Hälfte des Monats von Blomberg abgewendet und der Auffassung von Hess angeschlossen. Damit wirkte alles in einer Richtung, jetzt den geplanten, unausbleiblichen Reinigungsprozess in der Armee einzuleiten. Hitler konnte nunmehr entscheiden und er entschied im Sinne Rosenbergs und im Sinne von" Mein Kampf". Ehe die Entscheidung fiel, hat aber Hitler als gewiegter Psychologe und Taktiker das ihm entgegengebrachte Vertrauen der Generale Fritsch usw. benützt, um alle Widerstände kennen zu lernen, denen die Partei bei ihren weiteren aussenpolitischen Schritten begegnen würde. Alle Einwände sind von ihm nicht nur ausführlich angehört worden, sondern alle die, die etwas einzuwenden hatten, sind sozusagen vom Parteiapparat selbst mit mobilisiert worden, um Hitler die Grösse der Gefahr klar zu machen, die droht, wenn nunmehr nicht entscheidend im Sinne der Zielsetzung der Partei gehandelt wird. Nun erfuhr Hitler nicht nur von dem Widerstand gegen ein weiteres Vorgehen an der Seite Mussolinis in Spanien, sondern auch von dem Widerstand gegen ein bewaffnetes Vorgehen in Oesterreich und gegen die Pläne im Osten. Die Generale brach701 A-4ten ihre Bedenken auch vor in Bezug auf die polnische Entwicklung. Sie beurteilten das militärische Potential Polens infolge der inneren Zersetzung im Volk noch geringer als das von Italien. Die deutschfreundliche Gruppe in Polen unter der Führung von Beck verliere immer mehr an Einfluss, während das militärische Gewicht von Russland wieder wachse. Ein bewaffneter Einmarsch in Oesterreich löse wahrscheinlich die Kriegslawine aus usw. Hitler hatte so. Gelegenheit, festzustellen, dass seiner Aussenpolitik von der altpreussischen Schule Schwierigkeiten gemacht wurden, die durch Paktieren und Verhandeln nicht zu überwinden waren, sondern nur durch energisches Handeln. Nichts ist in einer solchen Zeit leichter, als die gewünschten Gerüchte in die Bevölkerung der Reichshauptstadt zu lancieren und sie auf dem Umweg über diese in die Weltpresse zu bringen. Hat es der Partei apparat in seinen verschiedensten Gliederungen fertig gebracht, eine umfassende Spitzelarbeit leisten zu lassen, so sind auch längst die Methoden erfunden, wie die Auslands journalisten auf dem Wege über das" Volk" zu dessen" wirklicher Meinung" gelangen. Die" Spannungen", die man dann braucht, um die beabsichtigte Lösung zu rechtfertigen, werden eben geschaffen. Sie wurden auch diesmal künstlich geschaffen. Es ist zwar wahr und war jederzeit festzustellen, dass sich die bisherige Reichswehrführung bemühte, den Parteigeist, soweit es ging, bei der Ausbildung der Soldaten nicht in den Vordergrund treten zu lassen. Das geschah aber nicht im Gegensatz zu Hitler, sondern in seinem Einverständnis. Die Generalität der alten Reichswehrschule hat sicher mehr strategische Einwendungen gegen die Zielsetzungen der Partei erhoben, als dass die Gründe weltanschaulicher Natur gewesen wären. Es ist auch wahr, dass sich unter uns Antifaschisten einige befunden haben, die der Auffassung waren, Hitler wird eine Militärdiktatur selber fördern, um später die Parteikamarilla loswerden zu können. Die Generale hatten aber mit dieser Volksmeinung nichts zu tun. Die jetzigen Auseinandersetzungen im System haben sich deshalb auch ohne grosse Anteilnahme der Bevölkerung abgespielt. Sie fühlt zwar, dass die Luft wieder" dicke" geworden ist, aber es ist nicht ihre Sorge, sie zu reinigen. Das sollen die führenden Leute unter sich ausmachen, die Hauptsache ist, dass der Arbeits- und Wirtschaftsprozess keine einschneidenden, sofort fühlbaren Einschränkungen erleidet. Der tragische Tod des Rennfahrers Bernd Rosemeyer und der Prozess gegen den Pfarrer Niemöller beschäftigten die Berliner weit mehr, als die Rivalitätskämpfe zwischen Partei und Armee. Das Ausland wusste von diesen Kämpfen entschieden mehr als die beteiligten Reichswehrgenerale selber. Es scheint, dass es der Umgebung von Hitler auch diesmal gelungen ist, die beabsichtigte Lösung der Krise bis zum letzten Augenblick gehdmzuhalten. Als am 4. Februar abends die Rundfunkmeldungen kamen, wurden sie in den letzten Zügen der Stadtbahn, die in die Vorstädte A-5hinaus fahren und angefüllt waren mit Büro personal, Gastwirtsangestellten und Leuten, die von Vergnügungen kamen, debattiert oder besser gesagt, es wurde" getuschelt". Man höfte Sätze wie:" Aber woher kommt das auf einmal" oder" Was wird uns da der Morgen bringen?" Ein Hotelangestellter verplapperte sich mit den Worten:" Ach, darum hat die Gestapo Anweisung erteilt, die Gäste streng zu beobachten, die nach ausländischen Zeitungen fragen!" Am Samstag früh, als die Zeitungsmeldungen bekannt wurden, war die Reaktion mehr ein Erschrecken und eine allgemein markierte Gleichgültigkeit. Nur die bekannten Parteifunktionäre trugen offensichtlich Siegesfreude zur Schau. Am Sonntag änderte sich das Bild Berlins. Es waren viele Leute aus der Provinz nach Berlin gekommen. Sie spielten gewissermassen die Briefträger für Gerüchte. Sie berichteten, dass die Gefahr eines Reichswehrputsches bestanden habe, ohne dass die Berliner etwas davon gemerkt hatten. In einer Reihe von Garnisonen sollte es angeblich Meutereien geben. Urlaubssperre sei angeordnet worden, die SS habe Alarm gehabt usw. Die notwendigen Begründungen für solche Massnahmen waren von den" Eingeweihten" schnell beschafft." Jetzt erklärt sich, warum Goebbels solange geschwiegen hat" hiess es bei den Partei anhängern," da hat er sicher wieder ein Meisterstück von Schlagfertigkeit vollbracht". Ein Stadtgärtner hatte General Fritsch im Tiergarten in Zivil gesehen, dass hatte also die Bedeutung gehabt, dass er gehen musste usw. Göring wäre schon seit Tagen nur in Zivil von der Siedlung Schorfheide nach Berlin gefahren, um weniger erkannt zu werden. Als wahr stellte sich von den Gerüchten heraus, dass in den Tagen vom 1. bis 3. Februar früh etwa 4.000 SS- Leute aus Dachau, München und Ludwigsburg mit der Eisenbahn nach Berlin gekommen waren und in den Gebäuden des einstigen Olympischen Dorfes, in denen jetzt die Kriegsschule untergebracht ist, Quartier bezogen. Es wird aber behauptet, dass es sich hier nicht um eine Sondermassnahme gehandelt habe, sondern nur um die Neuzutei lung von Freiwilligen für das Regiment Göring. Von diesen viertausend Leuten würde nur ein Drittel für diesen Zweck gebraucht und dieses Drittel werde in einer zehn Tage dauernden Prüfung ermittelt. Diese Behauptung ist sicher unrichtig, da von solchen Prüfungen in Berlin bisher nichts zu bemerken war. Die Leute für das Regiment Göring, das eine aussergewöhnliche Stärke hat, die eher einer Division als einer Regimentsstärke entspricht, sind bisher immer in den Garnisonen ausgewählt worden und kamen im April und Oktober nach Berlin. Man muss vielmehr annehmen, dass es sich bei diesen 4.000 SS- Leuten um besonders zuverlässige Formationen handelte, die für alle Fälle zur Verfügung von Göring standen. Als unwahr hat sich das Gerücht erwiesen, dass in Stolp eine Meuterei der Reichswehr- Garnison ausgebrochen sei. Es ist zwar Urlaubssperre verhängt worden, aber nicht wegen einer Meuterei, sondern weil in der Reiterkaserne die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist. A-6Am Montag, den 7. Februar wurde in Berlin das Gerücht verbreitet, das dann mit Blitzes schnelle auch in die Provinz getragen wurde: auf Hitler sei ein Attentat geplant worden. Es kam unter den Eisenbahnern auf. Am Anhalter Bahnhof war Sonntag 19,30 Uhr für Hitler ein Sonderzug nach München vorbereitet, der kurz nach dem fahrplanmässigen Zug Berlin- Dresden über Riesa- Röderau geführt und dann über Leipzig nach HofRegensburg umgeleitet werden sollte. In letzter Minute wurde bekannt, dass Hitler nicht käme. Er fuhr mit dem Auto bis Leipzig und bestieg dort einen bereitgestellten Zug. Himmler hat ihn selbst dorthin begleitet und kehrte nachts nach Berlin zurück. Uebrigens ist bekannt, dass Hitler in der letzten Zeit weniger Flugzeuge benützt und dass seine Sonderzüge umgeleitet werden. Die Frage: Hat bei der Neuregelung die Partei oder die Armee gesiegt? wird natürlich verschieden beantwortet. Allgemein besteht die Auffassung, dass von einem beabsichtigten Putsch der Generalität keine Rede sein kann. Soweit bei den Generalen abweichende Meinungen über die nächsten aussenpolitischen Vorstösse bestanden, sind sie sicher Hitler freimütig vorgetragen worden. Ein Wille, solche Auffassungen auch gegen Hitler durchzusetzen, hat nirgends bestanden. Die Generale haben freiwillig ihren Abschied genommen. Sie ziehen es vor, genau wie Schacht auf. wirtschaftlichem Gebiet, das letzte Stück Weg der Kriegsvorbereitung ausserhalb der Verantwortung zu bleiben und sie auch nach aussen völlig der Parteiführung zu überlassen. Der Reinigungsprozess in der Armee erfolgt um deswillen so rasch, weil sich viele Offiziere der alten Seecktschen Schule mit den verabschiedeten Generalen solidarisieren und von selbst um ihren Abschied einkommen, um den massenweise vorhandenen Strebern und Karrieremachern die Bahn zu überlassen. Es gehen sicher mehr, als Hitler selber lieb sein mag. Von Verhaftungen von Militärs ist hier bisher nichts bekannt geworden. Dass diese alte Schule freiwillig geht, gerade darin liegt die Schwächung der Stellung Hitlers. Er verliert die Gleichgewichtsstellung, die bisher seine Bewegungsfreiheit auch gegenüber der Partei garantierte und muss nun selber wieder bemüht sein, aus anderen Reichswehrkreisen gewisse hemmende Faktoren einzubauen, um nicht von dem radikalen Parteiflügel unaufhaltsam vorwärts getrieben zu werden. Alle hemmenden Faktoren im Kampfe gegen den Osten sind jetzt aus dem Wege geräumt und auch einem stärkeren Arrangement in Spanien stehen nunmehr geringere Hindernisse im Weg. Wir vermögen nicht zu beurteilen, wie sich die neue Kräftegestaltung nach aussen auswirkt. Im Innern wird sich aber der Sieg der Partei als ein Pyrrhussieg erweisen. Das Vertrauen zur Parteiführung und zu Hitler selbst ist bei seinen Parteianhängern wieder gewachsen, im Volke selber aber sicher erheblich gesunken. An einen nahe bevorstehenden grossen Krieg glaubt man jetzt noch weniger als vorher, weil auch die alten monarchistischen A- 7Offiziere den Rücktritt dem weiteren Mitgehen vorziehen. Interventionsvorstösse werden aber für nicht nur wahrscheinlich, sondern sogar für sicher gehalten. Die Umgruppierung, darin stimmen alle ernsten Beurteiler der Situation überein, deren Urteil wir einholen konnten, kann nur den Sinn haben, dass die Zeit der Ruhe wieder vorbei und die der Ueberraschungen wieder eingesetzt hat. Es beginnt ein erneutes Suchen nach dem schwächsten Punkt des Widerstandes, ein Abtasten nach allen Richtungen. Das Zusammenspiel mit Mussolini ist gemischt und sie werden gegenseitig ihre Trümpfe gegenüber den anderen Mitspielern der Weltpartie einsetzen. Zur Zeit scheint Mussolini die Bank zu halten. Er hat angegeben, nun muss sich zeigen, wie Hitler zu spielen versteht. Um das Schicksal des deutschen Volkes aber kann leichtfertig gespielt werden. Es ist noch nirgends eine Kraft zu sehen, die den Spielern in den Arm zu fallen vermöchte, wenn der Einsatz zu hoch wird. Dass noch kleine Einsätze bei dieser Art politischen Spiels für Deutschland gewonnen werden können, ist angesichts der Nachgiebigkeit der grossen demokratischen Staaten nicht zu bestreiten. Der Partei mag jetzt der Sieg über die Offiziersklique der alten Schule für die Durchsetzung ihrer Aussenpolitik in ähnlicher Weise als Ausgangspunkt erscheinen, wie es seinerzeit in der Innenpolitik die Wahlen zum Lippeschen Landtag unter dem persönlichen Einsatz des Führers waren. Es gibt nun kein Entrinnen mehr auf dem Wege der Entscheidung. Die Völker beider Staaten sind ohne Einfluss auf die Entwicklung, die Eigengesetzlichkeit der faschistischen Dynamik ist die vorwärtstreibende Kraft, der sich die Diktatoren nicht zu entziehen vermögen. Das ist die Lehre des 4. Februar. 2.Bericht: Im grossen ganzen ist die Bevölkerung von den Ereignissen des 4. Februar völlig überrascht worden. Ich habe zufällig in einer ausländischen Zeitung gelesen, dass in der Wilhelmstrasse verstärkte Wachen aufmarschiert seien. Aber auch davon merkt die Bevölkerung nichts. Wer achtet schon darauf, wer kann das kontrollieren? Ausserdem gibt es doch immer wieder irgend welche Empfänge oder sonstige Geschichten, es können tausend Gründe sein, die dazu führen, dass die Wachen verstärkt werden, ohne dass man deshalb auf ein besonderes Ereignis schliessen kann. Die einzige Information, die ich vorher von den Dingen hatte, stammt aus dem Luftfahrtministerium. Dort sind am Mittwoch, den 2. Februar, mittags gegen 1 Uhr die Beamten zusammengerufen worden. Man hat ihnen erklärt, dass verschiedene Aenderungen im Gange seien, dass es deshalb doppelt notwendig für jeden sei, sich als Nationalsozialist zu fühlen und danach zu handeln. Für diejenigen, die noch nicht Mitglied der NSDAP wären, sei es" heiligste Pflicht", in die Partei zu gehen und für sie zu kämpfen. Bezeichnend war die Reaktion eines" alten Kämpfers" auf die Vorgänge. Er schimpfte auf Göring, der vor fünf Jahren noch A-8Hauptmann gewesen sei und jetzt schon Generalfeldmarschall wäre. Die zweite Reaktion vieler einfacher Leute ist: diese ganzen Umstellungen, die kosten doch schrecklich viel Geld und wer bezahlt das? Einige Leute freuen sich, dass die " Von- und Zu- Generale" ausgeschifft worden sind und dass die Partei jetzt durchgreift. Aber das bemerkenswerteste an allem ist, dass diese Dinge vor sich gegangen sind, ohne dass die geringste Kenntnis nur irgend einer Einzelheit in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Bayern: Am 6. Februar tagte in X. eine Amtswalterkonferenz der NSDAP. Auf dieser Tagung wurde zu den Ereignissen vom 4. Februar folgendermassen Stellung genommen: Hitler wollte am 5. Jahrestag der Machtergreifung an gland die dringliche Forderung richten, Deutschland seine Aolonien zurückzugeben. Dieses" Ultimatum" soll in der Armee auf Widerstand gestossen sein. Angesichst dieses Widerstandes hätten die der NSDAP ergebenen Offiziere unter Führung des Generals von Reichenau die Absetzung von Fritsch und aller Offiziere, die zum Kaiserhaus hielten, verlangt. Die Entfernung von Blomberg wurde auch deswegen gefordert, weil er innerlich zu wenig Energie besitze, sich gegen Fritsch durchzusetzen. Goebbels stehe auf der Seite der jungen Offiziere und habe sein Teil zur sofortigen Amtsenhebung Blombergs beigetragen. Weiter wurde den Sitzungsteilnehmern erklärt, dass die Zeitungsmeldungen über eine Annäherung zwischen England und Italien nicht richtig seien. Die Achse Berlin- Rom- Tokio arbeite Hand in Hand und die Massnahmen der einen Regierung wären vorher von den beiden anderen Regierungen gebilligt. Die NSDAP mit Hitler an der Spitze habe als stärksten Feind England. Um diesen Feind zur Strecke zu bringen, müssten auch alle alten Offiziere verschwinden, da ein grosser Teil bis zu den Hohenzollern Familienbindungen zu England hätten. Sachsen, 1.Bericht: Nach den letzten Ereignissen wird von den Nazis wieder das bekannte Wort von den drei" Bergen" kolportiert, das sie in der ersten Zeit ihrer Herrschaft ihren Anhängern immer wieder einredeten, um ihre Ungeduld zu besänftigen. Es lautet: Hitler hat auf seinem Weg drei Berge zu überwinden: Hugenberg als Beherrscher der reaktionären Presse, Düsterberg als den Repräsentanten des Stahlhelms, Blomberg als den Repräsentanten der Reichswehr. Und jetzt sagen die Leute:" Siehst Du, nun hat er sie alle drei weg. Jetzt werden noch die Hintermänner einer nach dem anderen beseitigt und dann geht Hitler wieder ein Stück weiter. Vor allem in seiner Aussenpolitik." Ueber die aussenpolitischen Ziele Hitlers verbreiten die Nazis vor allem durch Gespräche folgende Auffassungen: Nachdem nun auch die Reichswehr zu einem absolut sicheren Faktor in der Hand Hitlers geworden ist, wird er einen Stoss gegen Oesterreich und die A- 9Tschechoslowakei führen. Diese beiden Staaten müssen verschwinden. Oesterreich, weil es ein deutscher Staat ist und deshalb zu Deutschland gehört, die Tschechoslowakei, weil es ein Staat ist, der Deutschland feindlich gesinnt ist, vier Millionen Deutsche unterdrückt und den Bolschewismus beginstigt. Sind diese beiden Staaten einmal beseitigt und von Deutschland" verdaut", dann geht es an die anderen Ziele. Da ist zuerst die Kolonialfrage und in Verbindung damit die " Abrechnung" mit Frankreich. Die Sache mit der Tschechoslowakei und Oesterreich stellen die Nazis als die harmloseste Sache von der Welt hin. Beide Staaten sind ja klein und einmal über Nacht werden sie von Hitler" weggeputzt". Die Nazi stellen es auch so dar, als ob diese Gleichschaltung der Tschechoslowakei und Oesterreichs nicht zum Kriege führen würde. Sie sagen: Wenn es stimmt, dass die Tschechoslowakei keine sowjetrussischen Flugplätze hat und nicht bolschewisiert ist, dann brauchen wir überhaupt nichts zu fürchten. Wenn aber doch davon was vorhanden ist, dann ist die" Tschechei" schon längst erobert, ehe der Russe helfen könnte. Frankreich wird sich wegen der zwei kleinen Staaten nicht ins Unglück stürzen und im übrigen hat es mit sich selber genug zu tun. In den letzten Tagen kursierten alle möglichen Gerüchte. Da einige Reichswehrsoldaten, die auswärts in Garnison sind, zum angekündigten Termin nicht auf Urlaub kamen, bildete sich z. B. das Gerücht, dass in dieser Garnison Unruhen ausgebrochen seien. Nach der Regierungsumbildung wird auch von den Nazi die Ansicht vertreten, dass nun die SA und SS wieder stärker in den Vordergrund treten werde und vor allem die SA ihre alte Bedeutung wieder erhalte. 1934 hätte Hitler die SA vorübergehend in den Hintergrund gedrängt, weil er der Reichswehr nachgeben musste. Jetzt sei dieses Hindernis beseitigt und die SA würde wieder ihren alten Platz einnehmen. Hitler brauche sie, weil er ja noch den deutschen Sozialismus zu verwirklichen habe und dem Kapitel noch an den Kragen müsse. Das sei nach der Schwächung des reaktionären Flügels der Reichswehr das nächste innerpolitische Ziel Hitlers. Das sind die Argumente, die die Nazi in den Gesprächen mit den Leuten verbreiten, die weitererzählt und rom grössten Teil des Volkes auch geglaubt werden. 2. Bericht: Ueber die Vorgänge vom 4. Februar war in der Pro• vinz bis zum Erscheinen der Dankschreiben Hitlers in der Presse nichts bekannt. Dann aber wurden Vermutungen über Vermutungen getuschelt. Die Gemüter beruhigten sich aber sehr bald wieder. Der Schleier des Geheimnisses, der über alles gebreitet ist, ist für das Volk undurchdringlich. 3. Bericht: Der Bevölkerung kamen die Ereignisse vollständig überraschend. Die meisten können sich den Sinn und die Hintergründe der Veränderungen nicht erklären und es kursieren nun die tollsten Gerüchte. Im grossen ganzen kann man aber immer wieder zwei Meinungen hören. Die denkenden Menschen erblicken A-10in den Massnahmen einen weiteren Schritt der Kriegspolitik, während die anderen sich einred en lassen, dass es im Gegenteil eine Friedenssicherung sei. Allgemein kommen aber in den Gesprächen über diese Dinge immer wieder die Sehnsucht und der Wunsch der Menschen zum Ausdruck, nicht mehr vor fertige Tatsachen gestellt zu werden, deren Sinn und Zweck ihnen unklar ist. So drücken sie Sehnsucht nach der Demokratie aus, ohne dass es ihnen bewusst ist, dass sie damit eine demokratische Forderung stellen. 4. Bericht: Die Vorgänge haben überraschend gewirkt und grosse Spannung und Unruhe in allen Teilen der Bevölkerung hervorgerufen. Viel Volk war auf den Strassen und die wildesten Gerüchte schwirrten umhor. Man erzählte von einem Anschlag auf Hitler, von zahlreichen Verhaftungen, von einer neuen Revolution. Man sprach von Ausrufung der Militärdiktatur, der Absetzung von Hitler und Göring und davon, dass alle namhaften Nazi führer erschossen seien. Unter anderem wurde wieder erzählt, dass Hitler drei neue Divisionen nach Spanien schikken wollte und dass sich die Generale dagegen aufgelehnt hätten. Um diesen wilden Gerüchten Einhalt zu bieten, die auch Nazikreise im weitesten Umfange erfasst hattem, wurden in ganz Ostsachsen Appelle der SS- und SA- Formationen durchgeführt. Die SS und SA waren an den fraglichen Tagen stark auf den Strassen vertreten, um die aufgeregte Bevölkerung zu- beschwichtigen oder zu beobachten. Dieser starke Einsatz der SS und SA gab natürlich noch mehr Anlass zu den abenteuerlichsten Gerüchten. Die Grenze nach der Tschechoslowakei war am Samstag und Sonntag hermetisch abgeschlossen. Schlesien, 1.Bericht: Aus Görlitz wird berichtet, dass die Menschen die Strassen in einem Masse bevölkerten wie seit langem nicht. Es gingen die wildesten Gerüchte herum. Man wollte wissen, dass der Armeekommandant von Schlesien verhaftet sei, dass eine Militarre volte in Berlin und Ostpreussen ausgebrochen und Hitler und seine Paladine in den Händen der Militärs seien. Durch die eigenartige Berichterstattung des Reichsrundfunks wurden die Massen immer unruhiger und nervöser, jeder erwartete, je nach seiner inneren Ueberzeugung, den Sieg der einen oder anderen Mächte gruppe. Die Strassenansammlungen wurden dann von der eingesetzten SS und SA zerstreut, zum Teil mit brutaler Gewalt. Aus dem ganzen Verhalten der Massen konnte man schliessen, dass die meisten Menschen die Hoffnung hatten, dass das Gewaltregiment des Faschismus zu Ende gehe. Leider ist es anders gekommen, aber eins ist das Ergebnis des 4. Februar: die Massen sind in Unruhe, sie warten auf den Sturz Hitlers. 2. Bericht( Breslau): Die Vorgänge vom 4. Februar wurden von der Bevölkerung mit Ueberraschung und Achselzucken aufgenommen. Niemand wusste, was vorgeht. Alle Parteistellen waren sehr nervös. Am Oberpräsidium herrschte den ganzen Tag Hochbetrieb, um 7 Uhr abends mussten vier Verkehrspolizisten die A-11Zufahrt in die Albrechtsstrasse, in der sich das Präsidium befindet, regeln. Sonst ist dort überhaupt kein Verkehrspolizist. Die Strasse war versperrt mit Autos. Wir haben 126 Wegen gezählt, darunter zwei Berliner, einen aus München, zwei Wagen der Wehrmacht und drei Polizeiwagen. Die Sitzung im Oberpräsidium dauerte bis nach Mitternacht. Allgemeine Auffassung ist: jetzt geht es schneller zum Kriege. Man spricht auch überall davon, dass nun bald die Besetzung der Tschechoslowakei folge. Besonders nervös war in den entscheidenden Tagen die SA. Man fürchtete, es könne ein neuer 30. Juni kommen. Jetzt wartet alles, was die Reichstagssitzung bringen wird. Südwestdeutschland: 1.Bericht: Die Vorgänge am 4. Februar haben hier in der Bevölkerung eine ganz verschiedene Beurteilung erfahren. Die Leute sind durch diese Vorgänge noch ängstlicher geworden und bei denen, mit denen zu reden möglich ist, sind die Auffassungen sehr geteilt. Die einen sagen, den Generalen und sonstigen höheren Offizieren ist ganz recht geschehen, denn die haben es seit Jahren in der Hand gehabt, dem braunen Spuk ein Ende zu bereiten. Aber sie haben nichts getan, weil sie selber ja genug hatten. An die, die unter den heutigen Zuständen leiden, dachten sie mit ihren vollen Mägen nicht. Die Herren haben jetzt bekommen, was sie verdient haben. Andere meinen, wenn jetzt in naher Zukunft ein Krieg käme, womit man jetzt mehr als bisher rechnen müsste, so seien keine wirklich erfahrenen Heerführer vorhanden und der Krieg müsse dann trotz aller Aufrüstung verloren gehen. Auch würden die anderen Länder wohl die Furcht vor Deutschland verloren haben, nachdem sie ein solches Gegeneinander in den führenden Militärkreisen gesehen haben. Bei allen, auch bei jenen, die früher im bürgerlichen Lager gestanden sind, ist die Spannung jetzt noch grösser geworden, als sie ohnedies schon war, und die meisten sind der Auffassung, dass, wenn nicht in diesem, so doch im nächsten Jahr der Krieg kommen werde. 2. Bericht: In den letzten Januartagen lag eine fühlbare Spannung über dem Volke. Man wartete mit grossem Interesse auf den 30. Januar, den fünften Jahrestag der Machtergreifung durch Hitler. Als dann an diesem Tage nichts geschah, war man allgemein erstaunt. Die meisten Nachrichten kamen und kommen • noch immer durch den Berufs- und Reiseverkehr aus dem Ausland. Viele Gerüchte entstehen also nicht in Deutschland selbst, sondern verdanken ihren Ursprung den Meldungen der Auslandspresse. Ich brachte vor dem 4. Februar aus einer Auslandszeitung einem Kreise zuverlässiger bürgerlicher Leute, die früher Demokraten und Liberale waren, die Mitteilung, dass Blomberg zurücktreten werde. Im Ausland war dies schon allgemeines Gespräch. Mir wurde jedoch ins Wort gefallen mit der Bemerkung, das wäre wieder mal nichts als eine Lügenmeldung der Auslandspresse. Umso grösser war dann die Ueberraschung A-12am 5. Februar. In den Städten herrschte eine Stimmung wie am 2. August 1914." Jetzt gibt es bald wieder Krieg" oder" Jetzt geht es bald los", das waren die gefühlsmässigen Aeusserungen der Volksmassen. In einem Kreise von früheren Demokraten und Wirtschaftsparteilern sagte man mir:" Die spätere Geschichte wird lehren, dass wir von einem Wahnsinnigen regiert werden. Wie einst Nero, der glaubte, der grösste Dichter und Sänger seiner Zeit zu sein, bildet sich Hitler ein, der grösste Staatsmann der Gegenwart zu sein". So sieht es allgemein in bürgerlichen Kreisen aus. Die schärfere und tiefere Beurteilung der politischen Lage in diesen Kreisen sticht allmählich angenehm ab von den früheren seichten Schwätzereien. Leider war nach zwei Tagen die ganze Aufregung wieder vorüber und die Vorgänge wurden als etwas ganz selbstverständliches hingenommen. Unter früheren Sozialdemokraten gab es nur eine Meinung: " Es gibt wieder Krieg". Und dahinter steht die Hoffnung, dass der Krieg verloren gehen möge, um das Pack loszuwerden. Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Vorerst ist es schwer für uns, sich ein einigermassen objektives Bild von den Ereignissen zu machen. Ich sprach heute mit einem grossen Geschäftsmann, der früher zum Zentrum gehörte und zufällig kam ein SSMann dazu, den wir beide kennen. Der SS- Mann machte grosse Sprüche. Er wollte z. B. wissen, dass die Nazi die letzten Reste der" Reaktion" hinausgefegt hätten, die vor lauter Angst nicht scharf genug gegen das Ausland aufzutreten verstünden. Deutschland könne heute energisch auftreten, seine Kolonien zurückfordern und es werde sie über kurz oder lang auch erhalten. Niemand könne sich ihm in den Weg stellen, wenn er nicht überrannt werden wollte. Deutschland habe für den Kriegsfall ungeheuere Vorräte aufgestapelt. Es könne es diesmal länger aushalten als 1914/18. Der Geschäftsmann blieb dem SS- Mann die Antwort nicht schuldig. Er meinte, Deutschland habe nicht einmal.ug Devisen für die notwendigsten Nahrungsmittel. Das, was sich heute in Berlin abgespielt habe, sei auch nicht von ohnehin gekommen. Mit Schachts Rücktritt habe es angefangen, die Vorgänge in der Armee seien nur die Fortsetzung. Alles seien Auswirkungen des Vabanquespiels, das seit Jahren gespielt würde. Ich war von dieser offenen Sprache überrascht. Der SS- Mann aber war sprachlos. Als er gegangen war, legte der Geschäftsmann erst richtig los. Hitler habe seine Marneschlacht bereits hinter sich. Es seien nichts als grössenwahnsinnige, unfähige Verbrecher, die unser Volk regierten. In der Wirtschaft raufe man sich die Haare über soviel Unvernunft. Als ich dem Mann sagte, dass er sich in Gegenwart des SS- Mannes vielleicht doch ein bisschen zu sehr habe gehen lassen, meinte er:" Ach was, der kennt mich und ich kenne ihn auch. Und übrigens scheinen Sie nicht zu wissen, wie es in den Reihen der Pgs. selbst aussieht. Was kann schon noch passieren. Die Sache geht sowieso nicht mehr lange weiter." A-132.Bericht: Seit einiger Zeit war eine erhebliche Unruhe in der SA und in der SS zu beobachten. Die Nazi haben Angst voreinander, besonders SS und SA beobachten sich sehr misstrauisch. Die hiesige Bevölkerung wurde von den Ereignissen des 4. Februar völlig überrascht. Manche sind wie vor den Kopf geschlagen. Die Menschen hören gespannt das Radio und selbstverständlich in erster Linie die ausländischen Sender, trotz aller Verbote ab. Es kursieren die tollsten Gerüchte, die noch besonders genährt werden, weil eine erhebliche Verstärkung der Grenzbewachung erfolgt ist und weil beim Grenzübertritt nach Belgien und nach Holland eine äusserst strenge Kontrolle durchgeführt wird. Wir sind hier der Meinung, dass nun verschiedene Leute von rechts in die Illegalität gedrängt werden. Denn wir glauben nicht daran, dass sich die Clique um Fritsch mit den Dingen abfinden wird. Die ehemaligen Stahlhelmer haben schon wieder grosse Hoffnungen. 3. Bericht: Die Ereignisse des 4. Februar haben hier eine ziemliche Aufregung verursacht. Fieberhaft ist die SA an der Arbeit, um in den Arbeitervierteln zu verhüten, dass ausländische Sender abgehört werden. Das nützt aber nichts. Meine Meinung und die vieler anderer ist: Die Gross industrie hat Blomberg durch die Armee abhalftern lassen. Der Grossindustrie steht das Wasser an der Kehle. Aber auch die neue Entwicklung wird den Ruin nicht aufhalten. Als Schacht abrückte, war die Sache-kapitalistisch gesehen- verloren. Es mag kommen, was da will, wir bekommen langsam aber sicher Fahrwasser. Wir dürfen jetzt nicht drängeln, weder drinnen noch draussen. Die Arbeiterschaft muss sowieso noch früh genug wieder ran, um das Letzte zu retten. Diesmal aber dürfen die Verbrecher nicht zu früh aus der Verantwortung entlassen werden. Ich will damit nicht sagen, dass sich die Dinge genau so wie 1918 abspielen könnten; es gibt keine Parallelen. Aber es gibt auch kein Halten mehr. An Krieg glaube ich nicht. Bei der Lage kann man keinen Krieg machen. Es wird der völlige Zusammenbruch kommen. Darauf sind alle Leute, die noch denken können, sowieso gefasst. Im Volke ist überhaupt niemand für Krieg. Keiner aus dem Volke will ihn, weil jeder die Katastrophe voraussieht. Wenn das Ausland wüsste, wie schwach sich das Volk als Ganzes in Wirklichkeit fühlt. Keine Spur von jener Kraftmeierei, die Hitler und seine Bande mimen. Von besonderen Ereignissen bei den hiesigen Truppentei len haben wir nichts gemerkt. Am Sonntag durfte jedoch kein Soldat die Kaserne verlassen. 4. Bericht: Die Ereignisse werden hier mit grosser Spannung verfolgt. Die Stimmung unter den Arbeitern ist sehr zuversichtlich geworden. Im Grossen und Ganzen aber wird man ein unheimliches Gefühl nicht los. Die Stahlhelmer hatten bei uns schon oft von den Möglichkeiten eines Militäraufstandes gesprochen. Ich traf heute jemand vom ehemaligen Stahlhelm A-14und fragte ihn, ob das nun der Aufstand des Militärs gewesen sei. Er meinte, die Sache sei ja noch nicht vorüber. Scheinbar hätten die Massnahmen eine Machterweiterung für Hitler gebracht. Aber so etwas könnte auch tödlich wirken. Die militarisierte NS- Bewegung sei auf die Dauer nicht erträglich und er sei überzeugt, es sei noch nicht das letzte Wort gesprochen worden. Ein Schuss könne genügen, um alles ins Rollen zu bringen. Das Schlimmste stehe uns wohl sowieso noch bevor. Wohin man auch hört, überall sorgenvolle Fragen, was nun werden solle. Ob der Krieg jetzt schneller komme, ob die Generale endgültig kapitulierten, wie lange dieses Hangen und Bangen noch weitergehen solle. Eine Spannung jedenfalls.wie niemals seit der Machtergreifung. Die Meldungen der Auslandspresse, dass die Gestapo schon längere Zeit vorher das Offizierskorps überwacht habe, finden ihre Bestätigung durch den nachstehenden Bericht, der Mitte Januar eingegangen ist. Südwestdeutschland: Ein Hotelangestellter berichtet, dass kürzlich eine Gruppe Reichswehroffiziere in einem Hotel in X. einquartiert wurden und sich dort einige Zeit aufhielten. In aller Stille hatte sich zugleich ein Gestapoma eingemietet, der von Zeit zu Zeit die Zimmer und Kleider der Offiziere in ihrer Abwesenheit untersuchte. 2) Die Umbildung des Reichswirtschaftsministeriums Die Reorganisation des Wirtschaftsministeriums lässt keinen Zweifel darüber, dass Göring sich dieses Amt, das unter Schacht noch eine gewisse Selbständigkeit besass, vollständig gefügig gemacht hat. Nach allgemeiner Ueberzeugung ist der neue Wirtschaftsminister Funk nicht mehr als ein Strohmann. Der eigentlich leitende Kopf des Ministeriums ist der neue Staatssekretär Brinkmann, der früher Mitglied des Reichsbankdirektoriums und einer der nächsten Mitarbeiter Schachts war. Bei der Besetzung der übrigen massgebenden Posten fällt neben der Uebertragung der wichtigsten Aemter an Offiziere aus dem bisherigen Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe( Vierjahresplanamt vor allem die Ernennung von Staatsrat Schmeer zum Leiter der Hauptabteilung III( Wirtschaftsorganisation und Gewerbepolizei) auf. Schmeer kommt aus der Arbeitsfront und war dort zu A-15letzt Leiter der Zentralstelle für den Vierjahresplan. Solange Schacht das Wirtschaftsministerium leitete, hat er alle Uebergriffe der Arbeitsfront auf die Organisation der gewerblichen Wirtschaft zurückgewiesen. Wenn Göring jetzt Schmeer mit diesem Arbeitsgebiet betraut, zeigt er, dass er auch in diesem Punkte einen anderen Kurs steuern will als sein Vorgänger. Ueber die Rede, die Göring nach dem Rücktritt Schachts vor den Beamten des Reichswirtschaftsministeriums gehalten hat, ist uns folgender Bericht zugegangen: Berlin: Die Rede, die Göring vor den Beamten und Angestellten des Reichswirtschaftsministeriums gehalten hat, lautete in Wirklichkeit ganz anders als sie in der Presse wiedergegeben wurde. Göring schimpfte in seiner bekannten Art brutal darauflos. Er wisse sehr wohl, was für eine Wirtschaft in diesem Ministerium herrsche und dass dieses Amt noch ein Hort der Reaktion sei. Er habe vom Führer den Auftrag erhalten, ein wirkliches nationalsozialistisches Wirtschaftsministerium daraus zu machen und er werde beweisen, dass das in kürzester Frist möglich sei. Es sei selbstverständlich, dass er seine bewährten Mitarbeiter in das Ministerium aufnehme und es werde sich ja zeigen, wer von den alten Beamten des Ministeriums ihnen Platz zu machen habe. 3) Politische Teilnahmslosigkeit der Massen Wenn man die Reaktion der Bevölkerung auf die Ereignisse vom 4. Februar verstehen will, muss man sich vergegenwärtigen, welche Verwüstungen der Nationalsozialismus in den letzten fünf Jahren in dem politischen Bewusstsein des deutschen Volkes angerichtet hat. Die Ueberspannung und Verlogenheit der politischen Propaganda, die Unterdrückung jeder freien Meinungsbildung, der Bruch so vieler Versprechungen und die Ueberbürdung mit Lasten und Entbehrungen haben zu einer wachsenden Entpolitisierung der Massen geführt. Diesen Vorgang der Entpolitisierung behandeln die nachstehenden Berichte, die vor dem 4. Februar eingegangen sind. Diese Berichte erblicken in der Entpolitisierung der Massen eine Entwicklung, die für das Regime günstig ist. Man kann dieser Erscheinung aber auch eine andere Deutung geben. Die wachsende Abmofung des Volkes braucht nicht nur ein Ausdruck der schwin A-158denden Hoffnung auf eine baldige Aenderung der Verhältnisse zu sein, man kann darin auch eine Folge der wachsenden Enttäuschung über die Leistungen des Regimes erblicken. Die Enttäuschung eines Volkes über eine Regierungsform setzt sich ja nicht unmittelbar in die Entschlossenheit zum Umsturz um, sondern sie macht sich zunächst als eine fortschreitende Ermüdung der Massen, als zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Vorgängen bemerkbar. Die Tendenz, dass die Massen " nichts mehr von Politik wissen wollen", ist für ein Regime, dass von den Massen unablässig Höchstleistungen der Arbeitskraft, der Umstellungsfähigkeit, der Entbehrung verlangt, kein Vorteil, sondern ein bedenkliches Anzeichen für ein Erlahmen der gesellschaftlichen Energien und für die nachlassende Wirkung der Propaganda. Bayern: Die Entpolitisierung der breiten Massen nimmt immer mehr zu. Es ist nicht allein die Angst, die Unwissenheit über politische Vorgänge, vor Spitzeln, die dafür sorgt, dass die politischen Gespräche immer seltener werden. Politische Erörterungen findet man nur in bestimmten Zirkeln und in wesentlichen in Zirkeln von Intellektuellen. Unzufrieden sind eigentlich alle. Aber schon der Versuch, festzustellen, wom nun von all diesen Unzufriedenen die Schuld an dem Zustand zugeschrieben wird, zeigt, dass die Meinungen weit auseinander gehen. Es sind wenige, und es scheint, dass es trotz der Zunahme der allgemeinen Schimpferei noch immer weniger werden, die die wirklichen Ursachen erkennen. Da schimpft man zunächst über die Bonzen. Man sieht, wie sie sich bereichern, man weiss, dass ihre Verschwendung auf Kosten des Volkes geht und man erzählt sich die wüstesten Dinge über sie. Aber auch dabei gibt es schon wieder Unterschiede. Da sind echte Bonzen, grosse und kleine, aber daneben gibt es auch" anständige und ehrliche Führer, die es gut meinen und die Idealisten sind. Und wer etwas denkt, der sagt sich, dass ja doch das ganze Geld nicht von den Bonzen verbraucht werden kann, das meiste braucht der Staat doch für die Rüstung. Die Rüstung aber ist doch nötig, wenn die anderen doch auch alle gerüstet sind. Daran ist doch der Hitler und die Bonzen nicht schuld. Das muss sein, wenn sich Deutschland behaupten will. Hat man denn nicht gesehen, wohin Deutschland kommt, wenn es nicht gerüstet ist? So stehen dann Argumente gegen Argumente, mit denen sich noch ein paar politische Hitzköpfe streiten, die aber von den Massen sicher nicht mehr weiter erörtert werden. Ein sehr guter Gradmesser für das Schwinden der politischen Urteilsfähigkeit sind die Diskussion in den Münchner Bier i A-15bschwemmen. Während noch in den ersten drei Jahren des Faschismus die Gespräche rege um politische Probleme, besonders um Fragen der Weltpolitik gingen, redet man heute mehr über lokale Geschehnisse und gewöhnlichen Stadtklatsch. Dabei spielt z. B. das Benehmen des Pg. Christian Weber, des meistkritisierten aller Münchner Parteibonzen eine grosse Rolle. Aber gerade an diesem Beispiel kann man erkennen, wie die Kritik des Volkes abläuft und dass sie keinesfalls politische Formen annimmt. Die ganze Stadt redet über Weber. Man erzählt sich die schauerlichsten Dinge von ihm, aber -und das ist interessant- man fragt sich:" Wie lang wird ders noch treiben? Wann wird ihn dieses Luderleben vom Stangl reissen? Dass die Partei eines Tages gegen ihn einschreitet, das bezweifelt niemand. Also es ist nicht so, als ob Weber im Bewusstsein des Volkes mit Hitler identisch sei. Man traut Hitler zu, dass er eines Tages kommt und Weber und die anderen Bonzen abknallt, wie er einst Röhm abgeknallt hat. Das wäre eine Tat, die Hitler neuerdings die Sympathien breiter Schichten eintragen würde. Zwar wundert man sich heute schon, dass die Parteistellen so lange zuschauen und man verfolgt interessiert den latenten Kampf zwischen dem Polizeipräsidenten Eberstein, der als anständiger Mann bezeichnet wird, und dem Säufer Weber. Siegt Eberstein, würden die Zweifler am Nationalsozialismus wieder etwas sicherer, hält sich Weber, wächst der Zweifel. Und darüber werden nun Betrachtungen angestellt. Das Volk hat sich hier ein gesundes Urteil bewahrt, aber es urteilt heute nicht über den National sozialismus als ein System der Korruption und der Barbarei, es urteilt über Eberstein und Weber. Neben dieser Entpolitisierung geht noch ein anderer Prozess einher. Es ist nicht zu verkennen, dass dem Regime zur Beeinflussung der allgemeinen Stimmung sichtbare politische Erfolge mangeln, wie es z. B. die Saarabstimmung und die Rheinlandbesetzung waren. Die kritische Welle, die heute zu beobachten ist, hat von allen bisherigen die längste Dauer. Längst wäre wieder ein" Sieg" für die Propaganda nötig. Man hat keinen und man empfindet diesen Mangel bei den Nationalsozialisten genau. Damit hat das Regime aber noch keineswegs die Mittel verloren, sich zu behaupten. Es ist heute schon deutlich erkennbar, dass es dem Regime gelungen ist, den schwindenden Glauben durch den Respekt vor der Polizeimacht zu ersetzen. Dieser Respekt gilt nicht nur der Waffengewalt, er gilt auch den noch immer weiter gesteigerten Organisationsleistungen. Dafür war besonders der Besuch Mussolinis ein deutlicher Beweis. Unter der Münchner Bevölkerung bestanden für Mussolini keine Sympathien. Was die Menschen auf die Strassen getrieben hat, war neben dem Zwang in erster Linie die Neugierde. Aber es ist interessant, wie die Leute dann einfach von der Wucht der Veranstaltungen erschlagen werden. Da ist z.B. ein Hausbesitzer. Er ist ein Gegner Mussolinis, ein grosser Meckerer über Steuern und Abgaben, ein gegen die Nazi, einschliesslich Hitler, sehr kritisch eingestellter Mensch. Seine Meinung ist:" Die Finanzwirtschaft der Nazi, in die keiner hineinschauen kann, muss einmal zusammenbrechen und dann A-15cdie grosse Ernüchterung. Lang kann das nicht so fortgehen." Als die Vorbereitungen in den Strassen für den Mussoliniempfang begannen und man die riesenhaften Ausmasse der Dekoration erkennen konnte, war dieser Mann ein eifriger Nörgler: " Wer muss das alles wieder bezahlen? Wir, das arme Volk".Als Mussolini kam, ging selbstverständlich auch er auf die Strasse," um ein bissl zu schauen". Aber noch während er schimpft und in die Stadt pilgert, vollzieht sich in seinem Innern sichtlich eine Wandlung: er fängt an zu staunen. Er staunt über die mächtige Wirkung der Dekorationen" und wie riesig schnell das alles fertig geworden ist, und den ganzen Hauptbahnhof haben sie ausgeräumt, und die riesigen Fahnenmasten, und wie man das nur so schnell herbringt. Und diese Farben und diese Girlanden und diese SS, woher die nur gerade so schnell gekommen ist!" usw. Er ist erschlagen von diesem Schwung und dieser Aufmachung. Da kommts aus ihm heraus:" Da wird der Mussolini schaun, zu so was wär'n hat die Italiener doch nicht imstand. Da zeigt ers ihnen einmal, der Hitler. Und wissen's, Herr Nachbar, glaub'n Sie vielleicht, dass der Hitler nicht weiss, warum er das macht? Der weiss genau, was er vom Italiener zu halten hat, der will ihm bloss mal zeigen, dass wir Deutschen auch eine Macht sind.- Mächtig die Wirkung der Dekorationen, einfach grossartig." So geht die Rede weiter. Und dann der Augenblick, wo Mussolini da ist. Der Mann sieht ihn einen Augenblick im Auto vorüberfliegen, das hat ihm genügt, um zu urteilen:" Anders schaut er aus, unser Hitler. Nicht so eingebildet und frech wie Mussolini. Der ist mir unsympathisch, aber in der grossen Politik muss man halt viel machen, was einem nicht sympathisch ist. Wenn er uns nur nicht ausschmiert, der Schlawiner." Und dann ging das Bewundern und das Staunen über die imponierende Aufmachung und Organisation von neuem los. aber Viele solche Beispiele, könnten angeführt werden. Dieselben Erscheinungen haben sich bei vielen anderen Propagandaktionen des Regimes gezeigt, so auch beim Tag der Deutschen Kunst zu München. Einer unserer Berichterstatter hat diese Stimmung in folgendem treffenden Satz ausgedrückt:" Des Volk schimpft, steht und staunt!" Der Schwung, mit dem die Nazis immer wieder an ihre Sache herangehen, imponiert den Menschen. Und wenn man sich auch schon an vieles gewöhnt hat und vieles nicht mehr zieht, so kann die Kunst des Propagandaministeriums, immer wieder etwas Neues und Grösseres zu erfinden, stets Erfolge buchen. Sachsen, 1.Bericht: In den letzten Monaten ist bei uns über die politische Situation kein offenes Wort mehr gesprochen worden. Weder über den spanischen Bürgerkrieg, noch über den Krieg Japan- China ist etwas zu hören. Niemals war seit dem Umsturz die Anteilnahme an den politischen Tagesgeschehnissen so gering wie jetzt. Uns scheint, dass die Indifferenz, die grosse Schichten der Bevölkerung erfasst hat, zur zweiten stützenden Säule des Systems geworden ist. Denn diese indifferenten Schichten wollen nur leben und nichts von dem wissen, 100 A-15dwas um sie geschieht. Und das ist den Nazi gerade recht.Lediglich die laufenden Sammlungen für das WHW und der zeitweilig auftretende Mangel an verschiedenen Lebensmitteln gibt diesen Schichten noch Anlass zu leisen Meckereien. Selbst von Arbeitern, die wegen Rohstoffmangel feiern müssen, ist nur höchst selten ein kritisches Wort zu hören. Andererseits kann man aber auch nicht von einer Begeisterung der Bevölkerung für den Nationalsozialismus, sprechen. Nur die Schuljugend und der grösste Teil jener Jugendlichen, die den Militärdienst noch nicht hinter sich haben, sind unbedingt hitlerbegeistert. 2. Bericht: Man kann sich im Ausland keine Vorstellung davon machen, wie unpolitisch die Bevölkerung geworden ist. Selbst Leute, die früher politisch interessiert waren, lesen heute so gut wie nicht mehr den politischen Teil der Tageszeitung und nur noch selten werden die Ausland snachrichten in deutscher Sprache abgehört. Die horrenden Lohnabzüge und die fortgesetzten Sammlungen geben nur noch selten Anlass zur Kritik. Selbst an den Mangel verschiedener Lebensmittel oder ihre offensichtlichen Qualitätsverschlechterung hat man sich gewöhnt. Nicht allein der Terror ist die Ursache dieser politischen Desinteressiertheit der breiten Masse, sondern auch die Tatsache, dass der Faschismus einigen Millionen Arbeitslosen irgendwelche Beschäftigung gab, sei es im Arbeits- oder Militärdienst oder in regulärer Arbeit, bei welcher Entlohnung auch immer. 3. Bericht: Die allgemeine Stimmung der Bevölkerung im hiesigen Bezirk ist so wechselvoll, wie der Verlauf der Kurve in der Lebensmittelversorgung. Man muss zu der Ueberzeugung kommen, dass die wirtschaftlichen und politischen Probleme für die breite Masse eine Frage des Magens geworden sind. Im übrigen ist die Masse der Bevölkerung von einem geradezu erschreckenden Fatalismus beherrscht. Ist die Lebensmittelversorgung in Ordnung, sind auch die Menschen still und zufrieden. Mangelt es an Nahrungsmitteln, so geht das Geschimpfe los. Das Schimpfen besteht aber in allgemeinen, flachen und planlosen Redensarten, so dass es jede Propaganda leicht hat, die Argumente aus dem Negativen ins Positive zu verwandeln. Selten findet man einen Menschen, der versucht, in die wirtschaftlichen und politischen Probleme tiefer einzudringen. Infolge dieser Entpolitisierung sieht die Masse die politischen Realitäten und Möglichkeiten nicht mehr. Sie lässt sich vollkommen von der Propaganda treiben. Es ist aber auch kein Wille zur klaren und nüchternen Beurteilung sichtbar. Deshalb ist auch die illegale Propaganda der Opposition, soweit sie an die breite.Masse herankommt, erfolglos. Denn diese Propaganda der Opposition stellt Anforderungen an das Denken und denken will die Masse nicht mehr. A-150Südwestdeutschland: Unser Dasein ist heute von nichts anderem erfüllt als von der Sorge um Arbeit und um das bisschen schlechte Brot. Die allermeisten beschränken sich darauf, über die Zustände zu schimpfen, aber es reicht nicht bis zur Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen diesen Zuständen und der Wirtschaftspolitik des Regimes. Die wenigen, die sich eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wünschen, hemmt das Gefühl, dass sie sich in einer hoffnungslosen Minderheit befinden. Die grosse Mehrzahl der anderen, die noch nie viel gedacht hat, ist leider viel zu dumm, um sich etwas Zukünftiges vorstellen zu können und nach anderen Verhältnissen zu streben. Man muss sich tatsächlich manchmal an den Kopf greifen, wenn man bei Bekannten, auf die man rechnete, auf Redensarten stösst wie:" Wenn der Bolschewismus in Spanien vollends niedergeschlagen ist, wird es besser werden". Oder wenn man feststellt, dass solche Leute an alle Greuelgeschichten glauben, die im Rundfunk über die Roten in Spanien erzählt werden. Oder wenn die Behauptung geglaubt wird, dass Russland, Frankreich und andere Länder nur auf die Gelegenheit warten, um Deutschland zu überfallen. Schliesslich ist es aber auch kein Wunder, dass viele der systematischen Beeinflussung durch alle möglichen Propagandamittel unterliegen. 4) Verstärkte Propaganda der NSDAP Einen indirekten Beweis für die wachsenden Ermüdungserscheinungen im Volke liefert die verstärkte Propaganda, die die NSDAP in den letzten Monaten entfaltet hat. Da aussenpolitische Erfolge seit längerer Zeit ausgeblieben waren, blieb kein anderes Mittel übrig, als die Massenstimmung durch einen Propagandafeldzug wieder einmal" hochzureissen". Der Inhalt dieser Propaganda ist immer wieder derselbe: die Juden, die Bolschewisten, die Leistungen des Regimes. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass die Wirkung der Propaganda nachlässt. Hamburg: Im Jahre 1935 wurden an einer Anzahl belebter Strassen und Plätze sogenannte" Stürmerkästen" aufgestellt, die aber seit der Olympiade 1936 nicht mehr für den Stürmer benutzt wurden. Eine Zeitlang wurde dort das" Schwarze Korps" u.a. angeklebt. Seit einigen Monaten ist die Anzahl dieser Anschlagtafeln vermehrt worden. Man benutzt sie jetzt für eine Wand zeitung der NSDAP, die sogenannte" Parole der Woche. Jede Woche wird an diese Planken eine neue Parole geklebt, aber obgleich sie an den belebtesten Strassen Hamburgs stehen, sieht man sehr selten einen Lesenden davor. Das Auffallende an den drei Parolen dieses Jahres ist das A- 15fabsolut Defensive, das ganz besonders in der Neujahrsparole zum Ausdruck kommt. Wenn ein angeblich so sicher im Sattel sitzendes System wegen der paar Meckerer soviel Aufhebens machen muss, ist wohl anzunehmen, dass die leitenden Männer wissen, dass die Unzufriedenheit bis tief in ihre Kreise hineingedrungen ist Die erste Wochenparole 1938 lautet wie folgt: " Mit dem Führer in das Kampfjahr 1938. Ein entscheidendes Jahr deutscher Geschichte liegt hinter uns, ein Jahr harter Arbeit. Es war unser Stolz, jeder nach seinem Können und seiner Kraft mitzuarbeiten am Aufbau des nationalen Deutschlands. Nach 5 Jahren Deutschland wieder frei und stark und erfüllt vom Geist des Nationalsozialismus. Die besten Waffen sind in den Händen unserer Friedensarmee. Der Geist unserer Truppe garantiert den Frieden, damit ein ganzes Volk Werke des Aufbaues und des Sozialismus schaffen kann. Von der Kraft und Arbeit sprechen die Strassen Adolf Hitlers, die dem Fortschritt und dem Verkehr dienen. Nationalsozialistische Kultur und die Grösse nationalsozialistischen Denkens künden die gewaltigen Bauten in München, Berlin und Nürnberg. Denkmäler unseres Sozialismus sind ungezählte Siedlungen in Stadt und Land. Kein Volk dieser Erde kann auftreten und erklären, es habe mehr Werke des Friedens und des Aufbaues, der Kultur und des Sozialismus geschaffen als Deutschland im scheidenden Jahre unseres Adolf Hitler.. Während in der Welt der Bolschewismus allenthalten sein Haupt erhebt und in Spanien grausam und bestialisch wütet, blühendes Land in eine Stätte des Grauens verwandelt, während Unruhen die Länder erschüttern, geht das Deutsche Volk den Weg der Arbeit als eherner Block der Volksgemeinschaft. Wie arm sind dagegen doch die Vertreter einer vergangenen Zeit. Die Nörgler und Kritiker, die in der Zeit deutschen Aufstiegs weiter nichts sehen als butterarme Tage oder ein paar Tage ohne Schweinefleisch. Sie wissen nichts vom Opfergang und Opfermut der nationalen Bewegung. Sie nehmen es als selbstverständlich hin, dass ohne ihre Sorge und ohne ihr Zutun Deutschland durch Adolf Hitler ein Heer erhielt, um den Frieden zu erhalten und die Heimat zu schützen. Ihre Seeligkeit hängt ab von einer Butterstulle, einem Stück Schweinefleisch oder einem frischen Ei. Jedem Einzelnen aber von uns sind die Aufgaben seiner Arbeit gestellt und klar umrissen. Mag die Zukunft uns gute oder böse Tage, Glück oder Unglück bringen, wir nehmen beides, wie es kommt. Wir meistern das Glück und meistern das Unglück. Im Geiste der Jahre der Kampfzeit beginnt ein neues Jahr der Arbeit und des Kampfes und es bleibt, wie damals. Der Führer ist uns Vorbild und Deutschland unser Schicksal." A-158Die Parole der zweiten Januarwoche hatte folgenden Wortlaut: "... und den Kommunisten ein Wohlgefallen" Die von den Kommunisten so jubelnd begrüsste Stellungnahme des Papstes zu der Politik der ausgestreckten Hend ist jetzt dem französischen Volke offiziell zur Kenntnis gebracht. Was bereits in einem Kommentar der Dominikaner Zeitschrift" Ordre" ausgesprochen war, bestätigt der Erzbischof von Paris Verdier in einer Weihnachtsbotschaft des Papstes. Er versicherte dem Volke, dass die Kirche in sehr machtvollar Weise an dem Wohle Aller mitwirken könne. Er erklärt die Bereitschaft, den Kommunisten die Hand zu reichen und sie aufzuklären. Während eine Welt sich mehr und mehr in einer gewaltigen Abwehrfront gegen den Kommunismus und seine zersetzenden Elemente zusammenschliesst, während die zivilisierte Welt entsetzt und empört das sadistische Morden der GPU und ihrer Henker verfolgt, erklärt im Auftrag des Papstes der Kardinal Erzbischof von Paris, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit diesem System des Grauens. Er kann nicht diese Erklärung in Unkenntnis der von Lenin gegebenen Parole" Bolschewismus sei Morden, Brennen und Zerstören, wenn es der Revolution diene", abgegeben haben. Er kann nicht in Unkenntnis darüber sein, dass das Ergebnis dieser Leninschen Auslassung die Zerstörung der Hälfte von 120.000 orthodoxen Kirchen bedeutet, während die andere Hälfte in Klubs, Kinos usw. ja sogar in öffentliche Bedürfnisanstalten umgewandelt worden sind. Er kann nicht in Unkenntnis sein, dass von 614 katholischen Kirchen und 581 Kapellen nur noch 11 geöffnet sind und dass von diesen Kirchen gerade zur gleichen Zeit von der bols chewistischen Regierung eine Steuererhöhung von 120% verkündet wurde. Er kann nicht in Unkenntnis sein, dass von etwa 50.000 Priestern und 60.000 Pfarrgeistlichen bis Mitte 1936 42.800 bolschewistisch liquidiert worden sind. Er weiss, dass in den 11 noch geöffneten katholischen Kirchen bzw. Kapellen, von den 8 katholischen Bischöfen und den 8lo katholischen Geistlichen nur noch die wenigen nicht gemordeten oder in Zwangslager deportierten Priester wirken. Wir wissen, dass der politische Katholizismus der Welt die aussenpolitische Zusammenarbeit mit Moskau sucht, und wissen gleichzeitig, dass der Kommunismus in seiner Einstellung zum Christentum gleich bleiben und immer unehrlich sein wird. Wir werden daher unbeirrt durch die Erklärungen eines Kardinal Erzbischofes von Paris oder vielleicht gerade darum unseren Kampf gegen den Bolschewismus konsequent wei ter fort. führen. Wir nehmen aber die Erklärung des Kardinal Erzbischofs von Paris, Verdier, zum Gegenstand einer Frage an die Welt: Handelt hier ein Künder päpstlichen Willens richtig?" A-15hUntenstehend die dritte Wochenparole( Originalgrösse etwa 80 x 120 cm): 00 Die 3 Jolimone Barole der Mode PARTEIAMTLICHE WANDZEITUNG DER NSDAP. 13. bis 19 Januar 1938 5 Jabee nichts hinzugeleent? Der Jüdische Wet und erfrecht fit in der cia n Deutschland suchen und zu verdize nimmt dazu die Ereignisse in Bukarest P Die Maßte fäll 1 denn über alle Handlanger in Dienst gegedar Deutforland hinaus, nie he aus dem Lage rifierenden Kooliken. Freimaurer und Cliquen auftauchen- wic Kardinal.nd lein, La Guardia, Baier Mucke mann u. a. m. tritt jetzt der Judische Weltbund" mit feiner anrüchigen Führerschaft. mit Gamuel intermeyer, Rabbi Wise 1. a in Erscheinung. Iler Chronicic crnehmen wir, daß man, ausgstechnit in Gent cine Tagung einberuft, die Folge 2 die Einzelheiten des jüdischen Börsenkrieges gegen die antisemitischen Siaaten festlegen soll. Man prahlt dabei mit der Behauptung, daß jüdische Finanzleute bereits einen Kampffonds in Höhe einer halben Milliarde zusammengetragen hatder zum Angriff auf die Wirtschaftskraft anti semitischer Staaten eingesetzt werden soll. Wir freuen uns der Offenheit des Gegners, mit der er zugibt, wie sehr ihn die nationale Besinnung eines Balkanlandes erschüttert. Wir betonen dabei, daß es in folgendem nicht um Rumänien geht, denn wir sind überzeugt, daß dieses Land sich selbst zurechtfinden wird. Soweit aber Meeben angegebenen Auslaffungen des Jüdischen Weltbundes" Deutschland betreffen, wollen wir ebenso offen antworten, wie man uns droht. Wenn der Fuhrer im Laufe des verflossenen Jahres Gelegenheit nahm, zu erklären, daß der Vierjahresplan Deutschland nur davor bewahren solle, nicht von jedem Dritten nach Belieben expreßt werden zu können, und dazu die Versicherung gab, daß wir mit dem Vierjahresplan Deutschland und die. Granolagen feiner nationalen Wirtschaft sicherstellen wollen, In mag Herr Samuel 2ntermeyer gewiß sein, daß gerade er puir seiner Clique uns zu keinem Zugcitändnis irgendwelcher Art bewegen kann. Wenn der Führer in der gleichen Rede in Würzburg betonte, daß keine Macht der Welt oder gar die Reden fremder Staats: mönner uns auch nur eines Zentimeter vom Willen, den Vierjahresplan durchzuführen, abbringen könnten, fo fön nen es die Machenschaften des Jüdischen Weltbundes" um so weniger. Bom Bolt aus aber sei diesen Dunkelmännern, die geneigt sind, wieder einmal die politische Atmosphäre der Welt zu trüben, eindeutig, und zwar oom in sich geeinten ganzen deutschen Volk aus gesagt: „ Dohungen, wie mit den Angriffen von seiten der Börsen auf die Wirtschaftskraft des deutschen Volkes, tönnen uns nicht schrecken!" Gegen die balbe Milliarde steht bas Des trauen zum Sührer, steht das Vertrauen untereinander als seostes Kapital des Doltes. Das ist nicht aufzuwiegen vom Gold der Welt und stärker als alle Mittel, die gesen uns eingelegt werden könnten A-151Berlin: Um die Stimmung etwas zu heben, hat die NSDAP in den letzten Wochen einen grossen Propagandafeldzug durchgeführt. Die Parteiorganisation von Berlin ist bekanntlich in fünf politische Kreise eingeteilt. In einem dieser Kreise haben im letzten Monat 320 Versammlungen stattgefunden. Durch Handzettel und Plakate wurde für diese Versammlungen Propaganda gemacht. Das Thema in allen Versammlungen lautete: " Welt judentum und Bolschewismus sind unser Unglück". Wir reproduzieren nachstehend einen Anschlag und auf Seite A 15k einen Handzettel dazu. NSDAP., Kreis IV Ortsgruppe Taunus Berlin- Friedenau, den 1. Dezember 1937 Friedrich- Wilhelm- Platz 4 Einladung zur öffentlichen Versammlung am Donnerstag, dem 9. Dezember 1937, um 2030 Uhr, in der Aula der Schule, Friedenau, Offenbacher Str. 5a Gauredner Parteigenosse Bruckhoff spricht über Weltjudentum u. Bolschewismus Es spielt der Musikzug des Kreises IV. Eintritt RM. 0,20 Erwerbslose RM. 0,10 Heil Hitler! Der Ortsgruppenleiter i. A.: gez. Weidekamm Propagandaleiter Nebenher geht eine intensive propagandistische Bearbeitung der Bevölkerung durch schriftliches Material. Eine besondere Werbung ist in letzter Zeit für den sogenannten" Reichsschulungsbrief" der NSDAP, eine monatlich erscheinende politische Bildungszeitschrift der Partei, entfaltet worden. In dem beiliegenden Werbeschreiben, das allen Haushaltungen zugestellt worden ist,( siehe Originalkopie auf Seite A 15m) wird angekündigt, dass vom 1. Januar ab der Reichsschulungsbrief nur noch durch die Blockleiter der Partei ausgeliefert wird. Das ist natürlich ein besonderes Druckmittel, weil auf diese Weise jeder Blockleiter ständig kontrollieren kann, welche der ihm unterstellten Parteimitglieder die Zeitschrift beziehen und welche nicht. -*- 15kBolschewisten und Juden wollen Aufruhr in der Welt! 乐 Der Feind, den wir in Deutschland niederschlugen, hezt im Ausland gegen uns. Mit seinen bekannten Methoden, wie Terror, Mord und Massenverhetzung, versucht er die Welt in Aufruhr zu versetzen und in einen neuen Krieg zu treiben. Das Deutschland Adolf Hitlers aber geht unbeirrbar seinen Weg, den Weg des Friedens, des Aufbaues und der Ordnung. Volksgenosse, auch Du mußt an dem Kampfe Deines Boltes um seine Friedenshaltung teilnehmen und mußt wissen, um was es geht. Wir rufen Dich deshalb zur Massenkundgebung am Montag, dem 6. Dezember 1937, in der Neuen Philharmonie, Köpenicker Str. 96 Einlag 19.30 Uhr. Beginn 20.30 Uhr NGDAP., Gau Berlin Kreis 5 Besucht auch die große Antibolschewiftische Ausstellung der NSDAP. Bolschewismus ohne Maste" im Reigstagsgebäude. Karten find zu ermäßigten Vorverkaufspreisen bei dem zuständigen Blockleiter. der NSDAP. zu haben. A- 75Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Gauleitung Berlin Berliner! Die stärkste weltanschauliche Waffe eines jeden Nationalsozialisten ist der Reichsschulungsbrief. Er unterrichtet die Partei- und Dolksgenossen über das Wesen und die Ziele der nationalsozialistischen Bewegung und über die deutsche Geschichte. Seine wissenschaftliche Gründlichkeit zeichnet ihn besonders aus. Seine allgemeine Derständlichkeit sichert ihm seine Verbreitung. Seine jetzige Auflage von über 2 Millionen beweist seine Bedeutung. Es ist daher mein Wunsch, daß jeder Berliner Haushalt in erster Linie Leser und Bezieher dieses Schulungsbriefes wird. Aus organisatorischen Gründen wird der Schulungsbrief ab 1. Januar 1938 nur noch durch die Blockleiter der Partei ausgeliefert. The Blockleiter wird Sie in den nächsten Tagen wegen der Belieferung mit dem Schulungsbrief besuchen. Berlin, im November 1937. Mörliter Stello. Gauleiter A- 150Rheinland- Westfalen: Stärkung der Nation lautet das Thema von vielen hunderten von Versammlungen, die im Januar abgehalten werden. Von Oktober bis Dezember vergangenen Jahres hatte man grosse Propagandaaktionen durchgeführt. Am 15. Dezember trat dann der sogenannte" Weihnachtsfrieden" ein und nun ist man seit Mitte Januar wieder landauf, landab damit beschäftigt, den" Massen klarzulegen, welche Kräfte heute am Werke sind, die nationalsozialistische Weltanschauung zu zerstören. 19 Schlesien: Mit den Pflichtappellen der SA und SS geht jetzt Hand in Hand eine grosse öffentliche Versammlungsaktion. Parteimitglieder, Frauenschaft und SA müssen zu diesen Versammlungen unter Androhung des Ausschlusses erscheinen. In der Zeit vom 15. November bis zum 10. Dezember hat man unter dem Thema:" Der Wille zur Einheit ist die Stärke unseres Volkes" in fast allen Ortschaften öffentliche Versammlungen einberufen, wobei jeweils ein Referent von ausserhalb sprach. Im allgemeinen waren die Versammlungen nur sehr dürftig besucht. In manchen Betrieben sind hinterher Nachforschungen angestellt worden, warum der Besuch der Versammlung mangelhaft war. Es war für manche unserer Genossen, die aus Neugier in die Versammlungen gingen, erstaunlich, mit welcher Offenheit die Redner die schlechten Verhältnisse zugaben und Entschuldigungen dafür anführten, warum es nicht besser sei.Es werde aber alles nachgeholt, wenn wir erst Kolonien haben. Jeder müsse wissen: scheitert die Aktion der Nazis an der Ablehnung der Volksgenossen, dann kommt der Bolschewismus. Die Lage in Sowjetrussland wird als katastrophal hingestellt und England, Frankreich und die Tschechoslowakei werden als die Helfer des Bolschewismus bezeichnet. Die Zuhörer verhalten sich gegenüber diesen Reden ziemlich lau, sie erscheinen ja nur, weil sie gezwungen werden. Auch das Weihnachtsfest versuchte das Regime dazu zu benutzen, der allgemeinen Missstimmung entgegenzuwirken. Ein Trommelfeuer der Propaganda ging auf die Arbeiter nieder. Durch Presse und Flugzettel wurde der Weihnachtsfrieden proklamiert. In allen Variationen tönte es von Frieden, Volksgemeinschaft, Zusammengehörigkeit von Betriebsführung und Gefolgschaft, Verbundenheit von Arbeiter und Staat usw. In den Betrieben wurden Weihnachtsfeiern veranstaltet. Das WHW führte eine besondere Aktion unter der Devise" Ein Volk hilft sich selbst" durch. Neben den Parteistellen hat auch der" Bund deutscher Osten" und der Reichskolonialbund mit einer regen Aktion eingesetzt, um die Stimmung zu heben. Man kann feststellen, dass zwischen den Parteistellen und diesen Organisationen eine gewisse Arbeitsteilung vorgenommen wird. In den Orten, in denen durch Vorkommnisse, wie Unterschlagungen oder Differenzen innerhalb der Naziführung, die Stimmung besonders schlecht ist, wird der" Bund deutscher Osten" eingesetzt. Bei seinen Vorträgen muss die Hitlerjugend und der Bund deutscher Mädel die Zu A- 15/ 0hörerschaft stellen. Durch die Kinder wird dann auch auf die Eltern ein Druck ausgeübt, an den Kundgebungen teilzunehmen. In den Versammlungen beschäftigt man sich vorwiegend mit den Minderheitenfragen. Polen wird wegen der Unterdrükkung des Deutschtums scharf angegriffen und der Freundschaftspakt wird als eine blosse Notlösung des Führers bezeichnet. Die von Polen durch den Versailler Vertrag geraubten Gebiete werden vom neuen Deutschland zurückgeholt werden. Die Zuhörer sollen jetzt schon in diesem Sinne bei ihren Verwandten und Bekannten jenseits der Grenze werben. Man verweist dann auch auf Danzig, das wieder deutsch werde, weil die ganze Bevölkerung dort die Rückkehr zum Dritten Reich fordere. Die Welt werde sich damit abfinden müssen. Sachsen: Die letzte Versammlungswelle im Landkreis Leipzig war verhältnismässig schlecht besucht. Das Thema lautete: " Ein Volk bricht Ketten". Die Redner waren meistens Pgs aus der alten Kampfzeit. In Colditz, das Sitz einer Kreisleitung ist, waren in der Versammlung 130 Besucher anwesend, während im Frühjahr in den Versammlungen in der Regel immer gegen 500 Personen anwesend waren. Die Zusammensetzung der Versammlungsbesucher hat sich ebenfalls gewandelt. Früher waren die Besucher in der Mehrzahl aus dem Mittelstand sowie Handwerker und Landwirte. Jetzt fehlen diese Kreise zum grossen Teil, dafür gibt es neue Gesichter aus Arbeiterkreisen. Sie stammen aus der Ton- Industrie, die jetzt erst einen Aufschwung erlebt, während in den Jahren 1930 bis 1936 Kurzarbeit an der Tagesordnung war. 5) Die Kolonialpropaganda Wir haben bereits im Vormonat darüber berichtet, dass die Propaganda für die Kolonien in der letzten Zeit erheblich zugenommen hat( Vgl. auch Nr. 12/1937, Seite A 1 4). Wenn auch diese Propaganda offensichtlich noch nicht auf vollen Touren läuft, so ist sie doch nicht allein als Ablenkungspropaganda zu werten. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, dass Deutschlands Streben nach Kolonien einem dringenden politischen Bedürfnis des Regimes entspringt. Deutschland will Kolonien, weniger, um aus ihnen etwas herauszuholen, als um in sie etwas hineinstecken zu können. Mit der Wiedererringung der Wehrhoheit ist Deutschland nach nationalsozialistischer Auffassung wieder eine Grossmacht geworden, die Erwerbung von Kolonien soll der Ausdruck für seinen Aufstieg zur Weltmacht werden.Hat A-15pDeutschland erst einmal eine Kolonie, dann muss ganz nach italienischem Muster- das deutsche Weltreich aufgebaut und innerlich stark gemacht werden. Das ist ein Ziel, für das man die nationalen Energien erneut hochpeitschen zu können hofft, für das man dem Volke neue Opfer glaubt auferlegen zu können. Von der weiteren Opferwilligkeit der Bevölkerung hängt aber in grossem Umfange die Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Wirtschaft ab. Die Opfer, die die Bevölkerung bringt, indem sie für mehr Geld sich schlechter ernährt, sich schlechter kleidet und schlechter wohnt, sind die wichtigste Finanzierungsquelle der deutschen Rüstung. Es kommt aber der Zeitpunkt, wo aus technischen und psychologischen Gründen an die Stelle der Rüstung ein anderes Ziel gesetzt werden muss, für das die Bevölkerung zu weiteren Opfern zu bewegen ist. Das kann, so wie das deutsche Volk nun einmal geartet ist, nur ein nationales Ziel sein. Der Wohnungsbau ist es, nicht. Millionen opfern nicht, damit Hunderttausende besser wohnen. Nicht einmal die Industrialisierung Ostpreussens wäre es, denn das würde die deutsche " Weltgeltung" nicht erhöhen. Kolonien aber sind es, weil sie den Nationalismus, dieses bewährteste Propaganda instrument des Dritten Reiches, auf neue Ziele lenken könne. Deshalb glauben wir, dass das Streben Hitlers nach Kolonien ernst gemeint ist und mehr noch als der europäische Expansionsdrang der vielberufenen" Dynamik" des Dritten Reiches entspringt. Ueber das Anwachsen der Kolonialpropaganda entnehmen wir den in den letzten Wochen eingegangenen Berichten: Bayern: Die Kolonialpropaganda macht sich auch auf dem Lande breit. In den Dörfern findet man Plakate mit der Aufforderung:" Deutscher Bauer auch Dich geht's an, tritt ein in den Reichs- Kolonialbund!" Diese Aufforderung wird, ergänzt durch eine Weltkarte, auf der die früheren deutschen Kolonien besonders hervorgehoben sind. Die meiste Propaganda wird in den Schulen gemacht. Plakate mahnen die Jugend:" Jugend besinn Dich, for dere Kolonien!" usw. In Lehrplan aller Klassen wird viel über den Raub der Kolonien gesprochen. In besonderem Propagandamaterial wird der Nachweis zu erbringen versucht, wie die ehemaligen deutschen Kolonien unter deutscher Verwaltung aufblühten, während sie heute wirtschaftlich darni ierliegen. A-15quVersammlungen hat man dagegen in unserem kleinen Landstädtchen über die Kolonialfrage noch nicht veranstaltet. Man hat überhaupt das Gefühl, dass die Kolonialfrage noch nicht ganz reif für eine umfassende Propaganda ist. Selbstverständlich wird tagtäglich aller Rohstoffmangel mit dem Verlust der Kolonien in Verbindung gebracht. Die Geschäftsleute sind dieser Propaganda auch schon vollständig erlegen. Von ihnen kann man häufig hören, wenn sie einem schlechte Waren verkaufen müssen:" Ja, wenn wir Kolonien hätten, brauchten wir Ihnen diesen Mist nicht zu verkaufen!" Damit beten die Kleinkaufleute nur das nach, was sie in ihren Versammlungen seit Monaten eingetrichtert bekommen. Für viele ist es vielleicht auch nur eine bequeme Ausrede gegenüber den Kunden. Anders ist es bei den Arbeitern. Die sagen meist:" Heute wollen sie dies und wenn sie das haben, werden sie wieder etwas anderes wollen. Was haben wir davon, die Betrogenen sind ja doch immer wieder wir." Dem Arbeiter ist schon zu viel versprochen und zu wenig gehalten worden, so dass er auf die Kolonialpropaganda nicht so hereinfällt wie die Mittelständler. Sachsen, 1.Bericht: In der letzten Zeit ist eine Verstärkung der Kolonial propaganda zu beobachten. Im Gegensatz zum Vorjahr wird sie nicht öffentlich in Versammlungen betrieben, aber dafür mehr im Stillen forciert. Die Blockwarte der Partei scheinen den Auftrag zu haben, mit der Bevölkerung unter allen Umständen eine Diskussion über die Verteilung der Kolonien herbeizuführen. Ab und zu werden auch Flugblät ter und kleine Broschüren verteilt. In der mündlichen Propaganda durch die Blockwarte und die einzelnen Funktionäre der Parteigliederungen kommen die grotesken Dinge heraus. Diese Leute scheinen ihre Instruktionen in besonderen Kursen zu erhalten und verdrehen dann die tatsächlichen Verhältnisse bis ins Extrem. Auffällig ist an dieser mündlichen Propaganda, dass immer eine scharfe Stellungnahme gegen das" weltbeherrschende England" eingenommen wird, das uns die Kolonien verweigern würde, um uns zugrunde zu richten. Im Grossen und Ganzen verhält sich die Bevölkerung ziemlich passiv dieser Propaganda gegenüber. Man hört sich das Gerede an und geht wieder seiner Wege. 2. Bericht: Die Ortsgruppen der NSDAP lassen seit Monaten in den Chemnitzer Stadtbezirken Filme laufen, die der Propaganda für die ehemaligen deutschen Kolonien dienen. Die Abende sind mit Vorträgen über die Kolonialfrage verbunden, sie sind nur mässig besucht. 3. Bericht: Für die Forderung nach Kolonien hat Hitler wohl den grössten Teil des Volkes hinter sich. Obwohl viele überzeugt sind, dass es dann auch nicht viel besser sein wird, sagen doch die meisten: wenn kleine Staaten, wie Holland oder Portugal oder Belgien Kolonien haben, warum soll sie nicht A-15rauch Deutschland haben. Es geht sogar das Gerücht, dass bald eine Volksabstimmung sein wird, bei der die Frage gestellt wird, ob das deutsche Volk mit der Forderung nach Kolonien einverstanden ist. Natürlich werden dann wieder fast alle Volksgenossen mit Ja stimmen und auch eine Flüsterpropaganda gegen eine solche Parole hätte sehr wenig Aussicht auf Erfolg. 4. Bericht: Ich glaube, dass Hitler auch in der Kolonialfrage sein Ziel erreichen wird. Hitler gelangen ja bis jetzt alle Streiche, ganz gleich, ob es sich um die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Besetzung der Rheinlandzone, die Zerreissung des Versailler Vertrages, die" Nichteinmischung" in Spanien handelte. Das Verhalten der Welt gegenüber diesen immer wieder neuen Provokationen hat nicht nur das Dritte Reich zu einer starken Militärmacht werden lassen, sondern hat auch das deutsche Volk, mindestens die Teile, die noch annahmen, dass wenigstens das Ausland sich nicht alles von Hitler gefallen lasse, sehr enttäuscht und entmutigt. Wir Marxisten habe ja über die Kolonialfrage unsere besondere Ansicht. Da aber heute in Europa noch eine kapitalistische Gesellschaftsordnung herrscht, so ist auch die Hintenansetzung Deutschlands in der Kolonialfrage ein Unrecht. Wir als Marxisten können zwar nicht wünschen, dass Hitler in den Besitz von Kolonien kommt, da dies seine Macht nur noch verstärken hilft, ich glaube aber, er wird sie doch erhalten. Unrecht lässt sich auch unter den kapitalistischen Staaten nicht auf die Dauer aufrechterhalten. Hitler hat eben das Glück, zu der Zeit an der Macht zu sein, wo sich dieses Unrecht nicht mehr länger halten kann. Die republikanischen Staatsmänner haben sich jahrzehntelang um die Auflockerung der Bestimmungen des Versailler Vertrages bemüht, ohne die Erfolge zu haben, die Hitler damit erreicht hat, dass er mit der Faust auf den Tisch geschlagen hat. Und gerade dies ist das Traurige an der Sache, dass dadurch der Glaube an eine friedliche Lösung der heute brennenden Probleme immer weiter schwinden muss. Schlesien: Der Reichskolonialbund tritt sehr aktiv für die Rückgabe der Kolonien an Deutschland ein. Hier wird der Besuch von Lord Halifax so hingestellt, als wenn England bereits an Hitler weitgehende Zugeständnisse gemacht habe. Deutschland müsse nicht nur seine früheren Kolonien zurückerhalten, sondern weitere Konzessionen in Spanien und Afrika bekommen; soviel wie ihm kraft der 100 Millionen Deutschen auf der Welt zukommt. Diese Vorträge bleiben auf die Zuhörer nicht ohne Eindruck, besonders deshalb nicht, weil man sich auf das Unrecht beruft, welches der Versailler Vertrag über Deutschland gebracht hat. Es setzt auch immer Beifall ein, wenn die früheren Staatsmänner angegriffen werden, weil sie diesen Vertrag unterzeichnet haben und in den Völkerbund eingetreten sind. Das neue Deutschland wolle lieber untergehen, als auf einen Volksgenossen im Ausland oder auf frühere deutsche Gebiete oder Kolonien verzichten. A- 158Der Reichskolonialbund erzielt reine Erfolge umeomehr, als nach solchen Vorträgen die evangelischen Geistlichen und die Lehrer es übernehmen müssen, die Ortsbewohner aufzusuchen und unter ihnen Mitglieder zu werben. So mancher, der auf anderen Gebieten die Nazis ablehnt, wird Mitglied im" Bund Deutscher Osten" oder im Reichskolonialbund. Man sagt, Deutschland wurde betrogen, warum sollen nicht auch wir die Wiedergutmachung fordern? Wasserkante: Der Reichskolonialbund entfaltet eine wachsende Aktivität. Beiliegend einige Werbeschriften( auszugsweise reproduziert auf den Seiten A 15t, 15u und 15v). Deutsche Männer und Frauen! Taufende von Dolksgenossen ringen heute in den Kolonien unter fremder Herrschaft um die Erhaltung ihrer deutschen Art. Der Reichskolonialbund kämpft für die Verbreitung des kolonialen Gedankens im ganzen deutschen Volk errichtet und unterstützt deutsche Schulen und Schülerheime in den Kolonien stiftet Freistellen für Kinder unbemittelter Eltern in diesen Schulen und Schülerheimen hilft mit bei der Erziehung und Berufsausbildung der kolonialdeutschen Kinder in der Heimat sendet Bücher, Zeitschriften und Weihnachtsgaben an die deutschen Farmer und Pflanzer vermittelt' Stellen für deutsche Mädchen und frauen nach den Kolonien und gibt Reisebeihilfen. Und Jhr? Schafft mit an diefen kolonialen Aufgaben! Seht Eure Unterschrift auf die Anmeldung zum Reichskolonialbund Bundesführer: Reichsstatthalter General Ritter von Epp Bundesgeschäftsstelle: Berlin W 35, Am Karlsbad 10( Afrikahaus) A- 75 Wir kämpfen gegen den Bolschewismus in den Kolonien Mit geschickten Phrasen und verführerischen Re= densarten wird das bolschewistische Gift in die entferntesten Gebiete Afrikas getragen und der Versuch unternommen, die Masse der halbzivilisierten Völker gegen Europa aufzuhetzen, Europas Rohstoff- und Reservequellen zu verschütten und die Bernichtung Europas beschleunigt herbeizuführen. Der Kolonialbolschewismus wird damit zu einer riesigen Gefahr für alle Völker Europas und für die gutgläubigen farbigen Bölker selbst, für deren Schutz Europa die moralische Verantwortung trägt. Deutschland hat in seinen Grenzen den Bolschewismus vernichtet und ist damit zum Retter Europas vor der roten Flut geworden. Der gemeinsame Abwehrkampf aller Völker Europas gegen den Kolonialbolschewismus er= fordert es, daß Deutschland wieder in die Reihe der Kolonialmächte eingeschaltet wird. „ Wir wissen: Hätte in Deutschland der Bolschewismus gefiegt, die organisierte Kulturvernichtung unter Sichel und Hammer reichte heute vom Stiller: Ozean bis zum Atlantik und Mittelmeer." Rudolf Heß. 15 Wir wollen Arbeit und Brot ,, Wir fordern Land und Boden( Kolonien) zur Ernährung unseres Voltes und zur Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses." Diese Forderung ist im Punkt 3 des Programme der NSDAP niedergelegt. Deutschland, als eines der größten Industrievölker der Welt mit seinen hochentwickelten Lebensbedürfnissen, ist allein aus wirtschaftlichen Gründen mehr wie jede andere Nation auf den Besitz von Kolonien angewiesen. Deutschland braucht seine Kolonien als Rohstoffgebiete, zur Selbstversorgung seiner Wirtschaft, als Absatzgebiete für die Erzeugnisse seiner Industrie und als Arbeitsfeld für den Arbeiter der Stirn und der Faust. Eigene Kolonien sind der Schlüssel zum Wohlstand der Völker. Sie fördern Landwirtschaft und Industrie, verringern durch Einsparung von Devisen die Abhängigkeit vom Ausland und bedeuten Arbeit und Brot für Hunderttausende. ,, Es gibt Dinge, die wir als Bolt ohne Raum einfach aus eigenem Bestand nicht haben, genügend Nahrung und genügend Kleidung. Es ist mit einem Schlage offenbar: Wir sind ein Volt ohne Raum!" Dr. Ley. A-16II. Die Rohstofflage Nach deutschen amtlichen Darstellungen hat sich der Rohstoffmangel in der letzten Zeit gemildert. Nach unseren Berichten ist das Gegenteil der Fall. Obgleich wir erst im letzten Heft ( Nr. 12/1937, Seite A 57) einen umfangreichen Abschnitt über die deutsche Rohstoffnot gebracht haben, liegen bereits soviel neue Berichte darüber vor, dass wir eine weitere Material zusammenstellung folgen lassen. 1) Eisen, Nichteisenmetalle, Baustoffe Nach dem" Deutschen Volkswirt"( Nr. 15 vom 7. 1. 1938) haben " in der Frage der Eisenversorgung Deutschlands die letzten Monate insofern eine wesentliche Erleichterung gebracht, als alle Kontingente in vollem Umfang befriedigt werden können". Die folgenden Berichte aus dem Reich zeigen, dass diese Behauptung nicht zutrifft und dass selbst die Aufrüstung unter dem Eisenmangel zu leiden hat. Zu den mit der Zuteilung von Eisenkontingenten Bevorzugten gehört auch die Reichsbahn, aber aus den Berichten aus dem Reich geht hervor, dass auch bei der Reichsbahn äusserste Eisenknappheit herrscht, die bereits die regelmässige Abwicklung des Verkehrs beeinflusst. Die" Frankfurter Zeitung"( 4.1.1938, Nr. 4-5) stellt fest, dass Verspätungen um oft mehr als eine Stunde während der Hauptreisezeit im Sommer" zu einem ernsten Problem des Reichsbahnbetriebes geworden sind", und dass" mindestens einzelne Zugläufe, bei denen sich auch noch im Winterverkehr eine Art Regelverspätung herausgebildet hat, verlangsamt werden" müssten. Auch die Zahl der Unfälle sei gestiegen, und in letzter Zeit seien" einzelne Fälle von Maschinenschäden auf der Strecke" vorgekommen. In dem Bericht der Reichsbahn über das GeschäftsJahr 1937 wird ebenfalls zugegeben, dass Unterhaltung und Erneuerung in erster Linie von der Rohstoffrage, Lieferschwierigkeiten und dem Arbeitermangel beeinflusst worden seien. A-17Der übermässige Material verschleiss bei der Reichsbahn kommt auch daher, dass sie als Experimentierfeld zur Erprobung neuer Werkstoffe oder sonstiger Rohstoffersparnisse benutzt wird. Als Kraftstoff verwendet sie synthetisches Benzin und aus Braunkohle hergestelltes Dieselöl, als Beleuchtungsstoff bei Signalen an Stelle des Petroleums Propan. Statt Nickelstahl wird Chrommolybdän- Stahl verwendet. Das früher ganz in Kupfer hergestellte Röhrenwerk wird jetzt aus Stahl gemacht. Die Bleimäntel der Kabel sind reduziert, der Ziangehalt bei Bronzen ist von lo auf 5 Prozent, die Lagerauskleidung bei Lokomotiven von 10 auf 1 bis 2 Millimeter herabgesetzt, der Zinngehalt des Lötmetalls von 80 auf 33 Prozent ermässigt worden. Bei so knapper Zumessung der Eisenration ist es nur selbstverständlich, dass in der ganzen Wirtschaft ein Kampf um Eisen geführt wird, der die eisensparende Wirkung des Kontingentssystem stark beeinträchtigt. Die einen weigern sich, mehr Eisen zu liefern, als sie unbedingt müssen, die anderen versuchen, mehr Eisen zu bekommen, als sie unbedingt brauchen. Die folgenden beiden Dokumente zeigen anschaulich, in welchen Formen sich dieser Kampf abspielt. Da man versucht, die amtlichen Kontingentvorschriften durch missverständliche Auslegung zu umgehen, ist die Folge, dass diese" Missverständnisse" immer wieder durch neue Verordnungen aufgeklärt werden müssen( siehe Seite A 18 bis A 20). Trotz des Kontingentsystems sind noch besondere Verbrauchseinschränkungen notwendig. Am 1. Januar ist eine Verordnung in Kraft getreten, die die Verwendung von Stahl und Eisen beim Bau von Garagen, Telephonkabinen, Zeitungskiosken, Fensterläden, für eine Anzahl landwirtschaftlicher Geräte und Baulichkeiten, für Grabsteine, Kandelaber, Gepäcknetze in den Wagen usw. verbietet. Die Neuerrichtung und Erweiterung von Unternehmungen zur Herstellung von Armbanduhren und Armbanduhrenteilen ist an die Genehmigung des Reichswirtschaftsministers gebunden worden. Die bereits bestehende Genehmigungspflicht für Schreibmaschinenfabriken ist bis zum 31. Dezember 1938 verlängert worden. Dosenschlüssel für Konservendosen sollen nicht mehr jeder Dose beigelegt werden, weil eine erhebliche Menge Eisendraht für Millionen solcher Konservenschlüssel vergeudet" wird. Auf Betreiben der Hauptvereinigung der Deutschen Brauwirtschaft werden die Eisenbänder der Bierfässer durch Sperrholz ersetzt und an den Eichungsplatten Kunstharzpress- Stoffe zur A-18Fachgruppe Maschinen der Wirtschaftsgruppe Groß-, Ein- und Ausfuhrhandel Berlin 62, den 13. Dezember 1937. Lutherstraße 47 Fernsprecher: 25 21 73 Rundschreiben! An die Herren Mitglieder! 1. Betr.: 10. Anweisung zur Auftragsregelung für Eisen und Stahl. In der Anlage überreichen wir ein gedrucktes Exemplar der 10. Anweisung zur Auftragsregelung für Eisen und Stahl vom 4. Dezember 1937 unter Hinweis auf diejenigen Bestim= mungen, die für den Handel ebenfalls Bedeutung haben. Die Bestimmung unter Bof. II Abs. 1 gilt nur für diejenigen Mitglieder, die direkte Aufträge auf Lieferung von Walzwerks- und Gießereierzeugnissen bei Walzwerken und Gießereien entsprechend den einzelnen Bestimmungen dieses Absatzes bestellt haben.. 2. Betr.: Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf des Handwerks. Wir machen besonders auf die Bestimmung unter III 3. der 10. Anweisung aufmerksam, wonach auch das Handwerk nunmehr ein Kontingent für Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf erhalten hat. Fertige Maschinen, Werkzeuge, Geräte, Apparate usw. usw. gelten nach einem ausdrücklichen Schreiben des Herrn Generalbevollmächtigten für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung als Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf. Damit ist also das Kontingent des Handwerks auch auf Fertigerzeugnisse aus Eisen und Stahl, wie Maschinen, Werkzeuge usw. usw. ausgedehnt worden. Das ebenerwähnte Schreiben des Herrn Generalbevollmächtigten für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung ist vielfach falsch ausgelegt worden, indem Kunden unserer Mitglieder angenommen haben, daß fertige Maschinen usw. nicht als Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf gelten. Dieser Irrtum ist lediglich darauf zurückzuführen, daß der Herr Generalbevollmächtigte in seinem Schreiben auf die 6. Anweisung Ziffer 2 a Bezug genommen hat. Wenn man diese Bestimmung jedoch liest, so wird ohne weiteres klar, daß fertige Maschinen usw. zum Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf gelten und daß infolgedessen auch von den neuen Kontingentsträgern gemäß Pos. I 2. der 9. Anweisung zur Auftragsregelung für Eisen und Stahl Kontrollnummern für Fertigwaren aus den Kontingenten für Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf zu geben sind. 3. Befr.: 9. Anweisung zur Auftragsregelung Eisen und Stahl. Diese Anweisung wird von den Lieferanten unserer Mitglieder nach den uns zugegangenen Mitteilungen vielfach mißverstanden. Wir bemerken zur Erläuterung dieser Anweisung folgendes: a) Es widerspricht sowohl der 9. Anweisung wie allen übrigen Anweisungen zur Auftragsregelung für Eisen und Stahl, wenn Fabrikanten jetzt behaupten, daß sie Maschinen ohne Kontrollnummern nicht mehr liefern dürften und sich strafbar machten, wenn sie dies trotzdem täten. b) In Wirklichkeit bestimmt die Pos. Il der 9. Anweisung lediglich, daß ,, nach dem 31. Oktober 1937 erteilte Bestellungen zur Lieferung ab 1. Januar 1938, die zur Deckung des Bedarfs anderer Kontingentsträger bestimmt sind, mit den von diesen Kontingentsträgern erteilten Kontrollnummern versehen werden müssen“. Diese Bestimmung gilt also nicht für bereits früher erteilte Aufträge unserer Mitglieder. In dieser Hinsicht wird auch eine Bemerkung in einem Rundschreiben der Fachgruppe Werkzeugmaschinenbau vielfach von den Maschinenfabrikanten mißverstanden. Diese Bemerkung besagt, daß nach der 6. Anweisung für zurückliegende Aufträge ,, der Bedarfsträger" A-19Kontrollnummern zu erteilen sind, falls die Verarbeitung des entsprechenden Materials zur Herstellung der bestellten Maschinen erst nach dem 1. Mai 1937 erfolgen konnte. Diese Bestimmung gilt also nur für Bedarfsträger, d. h. für behördliche und private konfingentsträger, wie diese zur Zeit der 6. Anweisung bestanden. c) über das restliche MuKB- Kontingent zur Ausführung von Bestellungen für den nichtkontingentierten Bedarf( vgl. Pos. II der 9. Anweisung) berichtet das bereits erwähnte Rundschreiben der Fachgruppe Werkzeugmaschinenbau wie folgt: ,, Ein Austausch von MukB- Kontingenfmengen unter den Mitgliedfirmen der Wirtschaftswie schon erwähnt- nicht gruppe Maschinenbau ist nicht zulässig, da diese Mengen als Bestell- Kontingente" gelten, sondern als Liefer- Kontingente zur Herstellung der eigenen Erzeugnisse für den nichtkontingentierten Bedarf zugeteilt wurden. Es muß hervorgehoben und entsprechend berücksichtigt werden, daß der Bedarf an Werkzeugmaschinen der Mitgliedfirmen der Wirtschaftsgruppe Maschinenbau wie auch unserer Fachgruppe als nichtfontingentierter Bedarf zu werten ist und für die Deckung des Materials das MukB- Lieferkontingent der liefernden Firma in Anspruch genommen werden muß. Handelt es sich aber um einen Bedarf an Werkzeugmaschinen für Abteilungen der Mitgliedfirmen, in denen Vorhaben eines Bedarfsträgers( z. B. Wehrmacht) ausgeführt werden, oder für Maschinenbestellungen, die in auf Forderung eines Bedarfsträgers errichteten Erweiterungs- und Neubauten aufgestellt werden, so ist der Materialbedarf für diese Werkzeugmaschinen von dem betreffenden Bedarfsträger fontingentmäßig zu decken. Wir sind beauftragt, darauf hinzuweisen, daß Mitgliedfirmen mit eigener Gießerei, die auf ihren Eigenbedarf entfallenden Materialmengen von ihren monatlichen Bestell- und MuKB- Lieferkontingenten entsprechend abzusehen haben. Wird bei einer Prüfung der Kontingent- Buchhaltung ein Versäumnis festgestellt, so wird eine nachhaltige Bestrafung die Folge sein." d) Unter der Rubrik„ Handel" enthält das Rundschreiben der Fachgruppe Werkzeugmaschinenbau folgende Mitteilungen: ,, Wird einer Mitgliedfirma, die ausschließlich mit dem Handel arbeitet, z. B. fünftig nur 25% ihrer bisherigen Mai- Quote als MuKB- Lieferkontingent zugeteilt, so ist eine Belieferung des Handels für nichtkontingentierten Bedarf nur in gleichem Verhältnis möglich. Die Lieferung weiterer Werkzeugmaschinen an den Handel für Inlandsbedarf hängt von der Beibringung von Bestell- Kontingenten der Bedarfsträger ab. Sondervorschriften für Lieferungen an den lagerhaltenden Handel für den Inlandsbedarf bestehen noch nicht. Aufträge des Handels für direkten Export oder für Lagermaschinen, die für Export bestimmt sind, können ohne Beschränkung angenommen werden." Zu dem zweiten Absatz obiger Mitteilung bemerken wir, daß unter den ,, Bedarfsträgern" in diesem Sinne nunmehr auch die neuen Kontingentsträger der 9. Anweisung zu verstehen find. Wir verweisen aber ausdrücklich auf Abs. 3 der Pos. I 2. der 9. Anweisung, wonach ,, bereits erteilte Aufträge für den unter das neue Kontingent ,, Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf" fallenden Bedarf nachträglich mit Kontrollnummern versehen werden dürfen." Die Maschinenfabrikanten können also die Lieferung von Maschinen in solchen Fällen nicht von der ausschließlichen Bedingung abhängig machen, daß Kontrollnummern für bereits vor Erlaß der 9. Anweisung erteilte Aufträge beigebracht werden. Wir empfehlen aber unseren Mitgliedern dringend, auch in solchen Fällen alle Anstrengungen zu machen, um Kontrollnummern von den entsprechenden neuen und alten Kontingentsträgern zu erhalten und diese kontrollnummern der Industrie zur Verfügung zu stellen, damit die Industrie in der Lage ist, um so mehr Erzeugnisse herzustellen und den Bedarf um so weitgehender zu decken. e) Betr. Lieferzeitverlängerungen fagt das Rundschreiben der Fachgruppe Werkzeugmaschinenbau vom 16. November 1937 folgendes: ,, Die durch die Kontingentierungs- Maßnahmen bedingte Lieferzeit- Berlängerung berechtigt den Käufer nicht, seinen Auftrag zurückzuziehen unter der Voraussetzung, daß die Lieferzeit- Verlängerung von unseren Mitgliedfirmen nicht willkürlich oder über Gebühr ungerechtfertigt vorgenommen wird." Fachgruppe Maschinen der Wirtschaftsgruppe Groß-, Ein- und Ausfuhrhandel A-20Rundschreiben! Berlin W 62 Lutherstraße 47 Fernsprecher: 25 21 73 15.12.1937. Bant: Deutsche Bank und Disconto. Gesellschaft Dep.- Rasse 3 Berlin B62, Kleiststraße 22 Boftfched: Berlin Nr. 3469 An unsere Mitglieder! Betr. Eisen- und Stahlbewirtschaftung/ bevorzugte Auslieferung laufender Handelsaufträge ausserhalb unseres Sonderkontingents AH IV und aller sonstigen Kontingente. Wir machen nochmals im Anschluss an ein von der Reichsgruppe Handel an die Wirtschaftsgruppen der Eisen verarbeitenden Industrie ergangenes Sonder- Rundschreiben besonders aufmerksam, dass 1.) der Herr Generalbevollmächtigte für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung ausdrücklich festgelegt hat, dass von dem Sonderkontingent AH der gesamte bei den Werken bereits vorliegende Auftragsbestand des Handels aus dem laufenden Geschäft gänzlich unberührt bleibt. 2 2.) dass diese bereits vorliegenden Aufträge des Handels auf Grund einer besonderen Anweisung des Herrn Generalbevollmächtigten für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung, die sämtlichen Lieferanten unserer Iitglieder sowie den Vor- und Unterlieferanten zugegangen ist, in Höhe eines Dreimonatsdurchschnitts- Bedarfs der Referenzperiode ohne Kontrollnummer vordringlich von der Industrie ausge führt werden sollen. " Vordringlich" in diesem Sinne bedeutet, worauf Sie notwendigenfalls Ihre Lieferanten aufmerksam machen können: bevorzugt unmittelbar nach Exportaufträgen und vor allen anderen Aufträgen von Kontingentsträgern. Aus diesen Ausführungen ergibt sich absolut eindeutig, dass einerseits kein Industriebetrieb berechtigt ist. Aufträge des Handels nur noch innerhalb des Sonderkontingents AH anzunehmen. Ebenso geht eindeu tig daraus hervor, dass kein Industriebetrieb berechtigt ist, für die bereits vorliegenden Aufträge des Handels nachträglich Zuteilungsscheine bzw. Anweisungsscheine aus dem Handelskontingent AH zu verlangen. Fabrikanten, die gegen diese klaren und eindeutigen Bestimmungen verstossen, können und müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Reichsgruppe Handel wird jeden Fabrikanten, von dem berichtet wird, dass er diese Bestimmungen missachtet, dem Herrn Generalbevollmächtigten für die Eisen- und Stahlburirtschaftung zur Bestrafung melden. Die Wirtschaftsgruppen der Eisen verarbeitenden Industrie sind hierauf durch Rundschreiben aufutiksam gemacht worden. Desgleichen sind die Wirtschaftsgruppen der Eisen verarbeitenden Industrie und deren Mitglieder durch Rundschreiben darauf aufmerksam gemacht worden, dass Fabrikanten dem Sonderkontingent zwecks Auffüllung der Händlerläger gegenüber sich nicht darauf berufen können, ihre Bezugsrechte seien erschöpft, folglich könnten sie keine Rohmaterialien mehr bekommen. Diese Fabrikanten übersehen anscheinend, dass der Herr Generalbevollmächtigte für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung die schnelle Auslieferung auch derjenigen Handelsaufträge, die aus dem Sonderkontingent AH gegeben werden, ausdrücklich gewünscht und infolgedessen auch die Vor- und Unterlieferanten der Eisen verarbeitenden Industrie angewiesen hat, die zu obigen Zwecken notwendigen Materialmengen ebenfalls bevorzugt an die Lieferanten unserer Mitglieder auszuhändigen. Heil Hitler! Fachgruppe" Maschinen" der Wirtschaftsgruppe Gross-, Einund Ausfuhrhandel gez. Dr. Brewe. A-21Sehr geehrter Geschäftsfreund! Da unsere Stahlwerke lange Lieferfristen beanspruchen, bitten wir Sie höflichst, auch uns eine Lieferfrist von wenigstens 2 Monaten zuzugestehen.( U.v.) Die eingehenden Orders werden der Reihe nach und dem Grade der Dringlichkeit und der Fabrikations- Möglichkeit entsprechend von uns erledigt. Es ist daher notwendig, auf weite Sicht hin zu disponieren. 2 Entsprechen Sie bitte diesem zeitbedingten Wunsche, der wahrlich nicht schwer zu erfüllen ist. Wir unsererseits werden alles tun, um Sie jeweils so schnell wie möglich mit WeckFedern zu versorgen. Mit Deutschem Gruß! GEBR. WECK, Solingen- Foche. Weck Bruchbandfedern Verstärkung der Fasswände verarbeitet. Bei der Einheitsbierflasche soll anstelle von Weissblech Schwarzblech oder Kunstharzpresstoff für den Kronenkorken verwendet werden. Ueber die Zulassung neuer Baustoffe und Bauarten wird vom 1. Januar ab vom Reichsarbeitsminister, nicht mehr wie bisher, von der Landespolizei entschieden. Der Eisenmangel hat zur Folge, dass die Lieferfristen immer weiter ausgedehnt werden müssen. Die nebenstehen de Originalkopie eines Rundschreibens einer Solinger Firma ist dafür charakteristisch. Die folgenden Berichte aus dem Reich vermitteln ein anschauliches Bild von den Wirkungen der Metallnot. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Materialbeschaffung in unserem Betrieb( Rüstungswerke der Metallindustrie) macht weiterhin Schwierigkeiten. Es ist angeordnet worden, dass die Verwertung des Ausschusses nach viel strengeren Normen geprüft werden muss als bisher. Auch das letzte Stück soll nach Möglichkeit verwendet werden. Die Qualität des Stahls hat sich gegen normale Zeiten um gut 75% verschlechtert. Anstelle A-22des früheren Edelstahls kommt jetzt eine Legierung mit 7% Chromsilberstahl zur Verwendung. Dieser Stahl bereitet beim Schmieden die grössten Schwierigkeiten. Da das zur Verfügung stehende Material schon für das Februarprogramm aufgebraucht worden ist, rechnet man für März mit noch grösseren Schwierigkeiten. Die Arbeit mit dem schlechten Material wird natürlich nach und nach zur Gewohnheit. Wenn es dann vorkommt, dass einmal durch irgendeinen Umstand wieder Qualitätsmaterial zur Verarbeitung kommt, wie das kürzlich geschah, als ein ausländischer Kunde das Material für seinen Auftrag selbst lieferte, dann stehen die Arbeiter, denen über die Aenderung nichts gesagt wurde, hilflos da, und nicht selten entsteht auch dadurch wieder Bruch. 2. Bericht:( Aus einem anderen grossen Rüstungsbetrieb) Das Material, das wir gegenwärtig verarbeiten müssen, ist derart, dass man glauben könnte, der Grauguss z.B. bestehe aus lauter Formsand anstatt aus Eisen. Das erschwert natürlich die Arbeit sehr. Beginnt man nach einigen Feiertagen wieder zu arbeiten, dann setzt sich der Staub sofort in die Augen und in die Schleimhäute der Atemwege, Katarrh und Augenentzündungen treten auf, bis sich die Organe wieder an die Schweinerei gewöhnt haben. Gegenwärtig werden immer wieder neue Versuche gemacht, an die Stelle des alten bewährten, aber seltenen Materials für bestimmte Teile neue Stoffe zu verarbeiten. So wird z. B. Grauguss durch Silumin, eine Aluminiumlegierung, ersetzt. Der Arbeitsgang ist viel teurer, weil das Metall sehr lange und oft geglüht werden muss. Ausserdem hat das Material die Eigenschaft, dass es sich infolge des Verarbeitungsprozesses sehr stark verzieht. Wenn bestimmte Werkstücke nicht noch in der Maschine kontrolliert werden, dann gibt es bei den Bohrlöchern, die sonst auf 1/200 mm stimmen sollen, Differenzen bis zu einem halben Millimeter. Die Kollegen, die an solchem Murks mitwirken müssen, haben keinen grossen Glauben an die Solidität der deutschen Rüstung. Bayern, 1.Bericht: Den ganzen Herbst hindurch bis in den Winter hatte die gute Beschäftigung der hiesigen grossen Baufirma angehalten. Nunmehr macht sich aber der Mangel von Baumaterial sehr störend bemerkbar. Für einen grossen Wohnungsneubau konnten für 300 Fensterläden die Verschlüsse nicht beschafft werden. Die betreffende Firma war vollständig ausverkauft. Es ist nicht abzusehen, wann neue Verschlüsse geliefert werden können. Man war daher gezwungen, die Läden vorerst mit Schnüren anzubringen. Für einen anderen Neubau konnte kein Rundeisen für die Eisenbetondecke aufgetrieben werden. Auch alle Versuche, T- Schienen für Gewölbe zu bekommen, waren erfolglos. So blieb dem Bauherrn nichts anderes übrig, als Holzträger zu verwenden. 2. Bericht: Der Mangel an Eisen und Stahl führt zu grotesken Erscheinungen. Eine Firma wollte einen Reissverschluss kaufen A 723und musste wochenlang warten, bis sie ihn geliefert erhielt. Ein Facharbeiter wollte sich eine Schublehre kaufen. Die thüringischen Mauser- Werke waren nicht in der Lage, auch nur ein Stück zu liefern. Schliesslich gelang es dem Mann nach einem viertel Jahr, dieses Präzisionsinstrument noch in einer kleinen Quetsche aufzutreiben. In dem Einheitspreisgeschäft in X. gab es früher massenweise gutes schwarzes Eisengeschirr. Das ist jetzt alles verkauft. Neue Ware kommt nicht mehr herein. Stattdessen wird nur noch Aluminiumgeschirr geliefert. Neuerdings fehlt es sehr an Nägeln. Mancher Bau musste wegen Mangel an Nägeln eingestellt werden. Um ein Türschloss mit Beschlag zu erhalten, brauchte man vier Wochen. Bei dem Kasernenbau in X., bei dem, wie bei anderen Bauten, für die Lichtleitungen Aluminiumdraht statt, wie früher, Kupferdraht verwendet wird, musste verkürzt gearbeitet werden, weil nicht genug Aluminiumdraht zu beschaffen war. Das Elektrizitätswerk V. erhält nur soviel neues Kupfer zugeteilt, wie es altes abliefert. 3. Bericht: Eine hiesige grosse Baufirma ist gut beschäftigt, und zwar hauptsächlich mit dem Abbruch von Häusern, weil dadurch Altmaterial gewonnen wird, das für Neubauten verwendet werden kann. Alte verrostete Eisenschienen werden abgeklopft und gestrichen und, selbst wenn sie schon etwas schadhaft sind, als neue verkauft. Der Betrieb der Lampenfabrik in H. ist auf einen Ersatzglühdraht angewiesen, da die alten Wolframglühdrähte nicht mehr geliefert werden. Bisher brannte eine Lampe durchschnittlich 1.000 Stunden, jetzt ist sie oft schon nach 4 Wochen, ja sogar nach 14 Tagen kaputt. Dabei ist der Preis ebenso hoch wie früher. Die Schraubgewinde, die früher aus Messingblech waren, werden jetzt aus einem anderen Metall hergestellt. Ueberall begegnet man den Ersatzstoffen. So kann man z. B. keinen Rasierapparat aus Metall mehr bekommen. Die Schuhcreme wird nur mehr in Glasdosen mit Blechverschluss geliefert. Die Sidolflaschen sind aus Glas oder einem Presstoff. Gummischuhe sind nicht zu haben. In ganz München kann man keine Fussballblase auftreiben. Die Schuhproduktion leidet sichtlich unter der schlechten Qualität des Leders. Mitteldeutschland, 1.Bericht: Eine Firma wollte ihre Kartothek umstellen und musste deshalb ihre reuerfesten Kartothekschränke umbauen lessen. Bei der näheren Besichtigung durch einen Vertreter einer Spezialfabrik stellte sich heraus, dass die künftige Kartothek so schwer sein wird, dass die Wände der Buchhaltungsschränke verstärkt werden mussten. Für die Verstärkung war 4 mm starkes Eisen erforderlich. Die erste Frage des Ingenieurs an die Vertreter der Firma war:" Haben Sie ein Eisenkontingent?- Ich kann Ihnen aus unserem Bestand nicht zusätzlich dieses 4 mm- Eisenblech abgeben." Dabei handelte es sich um eine ganz geringfügige Menge Eisen, im ganzen etwa um eine Platte von 1 x 1,50 m. Schliesslich fand man A- 24einen Ausweg: man ging in die Kellerräume der Firma und suchte sich dort aus überflüssigen Eisenteilen die notwendige Eisenmenge zusammen. 2. Bericht: Maschinenfabriken, die Maschinen für die Metallverarbeitung liefern, verlangen Lieferfristen bis zu einem Jahr. Auffällig ist der anhaltende Materialmangel in der Rüstungsindustrie. Man kann es sich z. B. kaum erklären, dass für einen Artikel, der infolge seiner zentralen Funktion im Schiffskörper so wichtig ist wie die Getriebewelle gewisser Spezialschiffe, und der andererseits für alle Bauten zusammen einen Materialbedarf von höchstens 15 Tonnen Edelstahl darstellt, nicht das gerade für diesen Zweck geeignete Material zu beschaffen sein sollte. Das ist aber tatsächlich der Fall. Es scheint allerdings nicht nur durch Materialmangel verschuldet zu sein, sondern zum Teil auch durch das schlechte Funktionieren des amtlichen Verteilungsapparates. Sachsen, 1.Bericht: In den Leipziger Büssing- Werken werden neben den bekannten Büssing- Motoren auch Panzerwagen und Spezialmotoren dafür gebaut. Trotzdem herrscht auch in diesem Betrieb Materialmangel. Oft muss nach einem bestimmten Stück Eisen lange im Schrotthaufen gesucht werden. Durch den Materialmangel sind grosse Teile der Belegschaft in der Arbeit behindert, sie sind zwar im Betrieb, aber ohne Beschäftigung. Die A.T.G.- Leipzig( Allgemeine Transport Gesellschaft), einer der grössten Leipziger Rüstungsbetriebe, die Flugzeugbestandteile herstellt, leidet infolge Materialmangel unter Betriebsstockungen. Entlassungen sind bis jetzt zwar noch nicht vorgenommen worden, aber die Firma hat 120 Mann, hauptsächlich Spezialarbeiter, wie Monteure usw. bis auf weiteres beurlaubt und zahlt ihnen 80% des bezogenen Lohnes als Entschädigung. Ein anderer Teil der Belegschaft wird mit Ausbesserungsarbeiten und dergleichen beschäftigt. Bei der Auto- Union, Abteilung Wanderer- Werke, Chemnitz, wird seit Anfang Dezember in einigen Abteilungen wegen Rohstoffmangel nur noch 4 Tage in Doppelschicht gearbeitet. Von einer regelmässigen Arbeitszeit kann in diesen Abteilungen nicht mehr gesprochen werden. Bei der Firma I. in Y., die hauptsächlich Erzeugnisse aus Blech herstellt und 150 Mann beschäftigt, werden seit geraumer Zeit Handgranaten und andere für die Aufrüstung notwendige Gegenstände angefertigt. Das Material für die zur Aufrüstung notwendigen Gegenstände bekommt die Firma sehr prompt geliefert. Für ihre anderen Aufträge hat sie oft so wenig, dass sie nicht in der Lage ist, sie in der gewünschten Frist auszuführen. Zum Teil müssen sogar Bestellungen auf bestimmte Erzeugnisse abgelehnt werden. In der Klingenthaler Ziehharmonika- Industrie wird jetzt wegen Mangel an Material und Aufträgen nur noch 3 bis 4 Tage in der Woche gearbeitet. Die Qualität der Musikinstrumente A-251st, weil Ersatzstoffe verwendet werden, bedeutend schlechter geworden. 2. Bericht: Diesmal war nur eine so geringe Menge Spielwaren auf den Weihnachtsmarkt gekommen, dass allgemein Mangel an Waren empfunden wurde. Nachbestellungen wurden nicht mehr angenommen oder nicht ausgeführt, so dass einige Läden an den letzten Tagen vor Weihnachten vollständig geräumt waren. Die Händler hatten nur zwei Drittel des Umsatzes vom Vorjahre als Höchstquantum geliefert bekommen. Es gibt nur noch eine Sorte Tischbesen und Schaufeln in zwei Ausführungen, die eine vernickelt, die andere verchromt. Diese Schaufelgarnitur kostet 2,40 RM, früher war dieselbe Qualität zu 1,50 RM zu haben. Zuglampenlitze darf nicht mehr verkauft werden, die elektrischen Lampen sollen fest angebracht werden. Schlesien, 1.Bericht: In der" Wumag", Waggon und Maschinenfabrik in Görlitz, Abteilung Maschinenbau, herrscht derartiger Materialmangel, dass der grösste Teil der Facharbeiter, weil er nicht entlassen werden darf, Hofarbeiten verrichten muss. In der Altstadt in Görlitz sind in der zweiten Dezemberwoche Kommissionen in Begleitung von SS- Leuten in die Haushaltungen gekommen, um nach vorhandenem Kupfer, Messing und Blei zu fahnden. Alles vorhandene Metall musste abgeliefert werden oder wurde zwecks Ablieferung notiert. 2. Bericht: Die Fachschaft Edelmetallverarbeitung für den Oberschlesischen Industriebereich teilte ihren Mitgliedern durch Rundschreiben mit, dass Edelmetalle nur dann nachgeliefert werden, wenn durch Belege nachgewiesen wird, wie das bereitgestellte Metall verwendet worden ist. Auf der Karstenzentrums- Grube musste eine Förderabteilung für einige Wochen aussetzen, weil nicht sofort für einen verbrannten Motor Ersatz beschafft werden konnte. Auf dieser Grube sind auch alte, bereits lange eingestellte Strecken wieder aufgemacht worden, nur weil sie nach alten Schienen und Eisenbogen abgesucht werden sollten. Arbeiter und Steiger sind der Ansicht, dass das Altmaterial, das hier noch gefunden wird, nicht einen Teil des dafür aufgewendeten Lohnes wert ist. Auf den Eisenmangel ist es zurückzuführen, dass jetzt in Gleiwitz die alten eisernen Funktürme abgebaut werden, obgleich es früher hiess, dass man sie als Reserve stehen lassen wolle, Auf fast allen Nebenstrecken der Eisenbahnen des oberschlesischen Industriebezirks werden Eisenschwellen durch Holzschwellen ersetzt. Anstelle von Blechkanistern für Motoroel werden jetzt Kannen aus Presstoff hergestellt. Die Musikalien- Industrie muss wegen Mangel an Rohstoffen die Besteller von Qualitätsinstrumenten oft ein Jahr lang auf Lieferung warten lassen. Bei W. werden Auslandsbestellungen, an denen oftmals kaum etwas verdient wird, den Inlandsverkäufen vorgezogen, nur um der Devisen willen. Bei den anderen Firmen dieser Branche ist es ähnlich. A-26In der Auto- Industrie herrscht vor allem bei den Zubehörteilen grosser Mangel. Autoschlüssel, Bolzen usw. sind kaum zu haben. Auf dem Markt sind grosse teure Wagen, dagegen fehlen die Klein- Wagen. Händler, die früher monatlich bis zu 20 Wagen geliefert bekamen, erhalten heute 3 bis 4 Stück. Der kleine Opel ist überhaupt nicht zu haben. In zunehmendem Masse werden gebrauchte Wagen gekauft. Sie werden auseinandergenommen und die Stücke einzeln verkauft, well so höhere Preise zu erzielen sind. Ein gebrauchter Wagen, den man früher für 350,- RM kaufen konnte, ist heute nicht unter 800,- bis 1000,- RM zu haben. Die Radio- Industrie leidet schwer unter Materialmangel. Antennendraht und Klingeldraht ist kaum zu haben. In den Hultschinskiwerken wurden wiederholt wegen Materialmangel Feierstunden für ganze Betriebsabteilungen eingelegt. Die Hultschinskiwerke sind ein Munitionsbetrieb mit sehr grossen Bestellungen. Einer ihrer Direktoren sitzt ständig in Berlin und ist ausschliesslich damit beschäftigt, die Aemter zu bearbeiten, damit das Werk nur einigermassen mit Rohstoffen und Material beliefert wird. Wenn die Firma sich das nicht leisten könnte, hätte sie schon den Betrieb einschränken und Arbeiter entlassen müssen. Ein grosses Kokswerk in Westfalen hat vom Bruderwerk in Oberschlesien Facharbeiter, Spezialisten eingefordert, die auch zur Verfügung gestellt wurden. Als bereits der Reisetermin festgesetzt war, kam ein Telegramm des Kokswerkes an die Facharbeiter selbst, dass die Reise unterbleiben müsse, da bestelltes Material nicht geliefert worden sei. Einige Baufirmen in Hindenburg und Gleiwitz erklären ihren Auftraggebern, dass sie Bauten und Reparaturen nur dann übernehmen können, wenn der Auftraggeber selbst für Lieferung von Holz und Eisen Sorge trägt. Ihr Kontingent reiche nicht aus, um auch nur einen Teil der Reparaturaufträge ausführen zu können. Man sagt in diesen Kreisen, dass schon in den nächsten Wochen mit einer Kontingentierung der Holzbelieferungen für alle Holzarten zu rechnen ist. Heute schon sind besondere Genehmigungen und Zuteilungen durch die Fachschaften erforderlich. Das Lastauto der Transportfirma Russin, Hindenburg, hatte auf einem Transport nach Kosel einen Motordefekt. Der Wagen musste zunächst nach Kosel durch Pferde abgeschleppt werden. Nun steht der Wagen seit vier Wochen in Kosel, die Dieselmotorenfirma in Deutz erklärte, dass sie jetzt wegen des allgemeinen Materialmangels keine Aufträge übernehmen könne.Der Firma Russin wurde der Rat erteilt, dass sie sich den Ersatz bei anderen Firmen aus dem Altwarenbestand beschaffen selle Berlin, 1.Bericht: Eine grosse Metallfabrik hat in einzelnen Abteilungen einen beträchtlichen Teil Arbeiter entlassen. Den Arbeitern ist in die Abgangsbescheinigungen geschrieben worden:" Die Entlassung erfolgte wegen Rohstoffmangel". A-27Einem Teil der Rüstungsfabriken ist die Auflage gemacht worden, Auslandsaufträge abzulehnen. Alle arbeiten mit Hochdruck und haben dennoch lange Lieferfristen, weil immer wieder das Material für einzelne Teile fehlt. Die Abteilung Grossmaschinenbau der AEG ist noch auf lange Zeit mit Kupfer eingedeckt. Wo anders fehlt es, aber bisher ist noch kein Austausch erfolgt. Es ist jedoch bekannt, dass das Heeresamt ab und zu darauf drückt, dass Rohstoffe, die irgendwo lagern, verteilt werden. Die Berliner Strassenbahnmaste hatten eine eiserne Verkleidung. Sie wurde heruntergerissen und dafür Betonsockel angebracht. Auch Strassenbahnschienen von toten Geleisen werden herausgerissen. Rheinland- Westfalen: Das Schrotthamstern soll in Westdeutschland verhindert werden durch eine neue Schrotteinkaufsvereinigung mit dem Sitz in Düsseldorf. Ganz Westdeutschland und das Saargebiet sollen von dieser Gesellschaft betreut werden. Das gesamte Aufkommen für den Westen wird von dieser Schrottzentrale verteilt werden. Es ist eine Hauptaufgabe dieser G.m.b. H., zu verhindern, dass Schrott hintenherum gehandelt wird, wie es immer mehr geschieht, seitdem das Material knapp ist. Wasserkante: In der Kieler Rüstungsindustrie macht sich der Materialmangel immer stärker bemerkbar. Auffallend ist, dass z. B. Eisen schwieriger zu beschaffen ist als manchmal Messing. Das kommt daher, dass die grösseren Betriebe Bestände an halbedlen Metallen, deren Verbrauch geringer ist als der von Eisen, auf Lager hatten, aber sich nicht mit Eisen für die verschiedensten Zwecke für Jahre im Voraus eingedeckt hatten. Der Bau der grossen Kriegsschiffe auf den Werften geht nur langsam vorwärts. Trotzdem dürfen Arbeiterentlassungen nicht vorgenommen werden. Das Material wird nicht nur seltener, sondern auch immer schlechter. Dafür einige Beispiele: In einem Betrieb sollte eine Anzahl grösserer Broncsgehäuse ausgedreht werden. Schon beim ersten stellte sich heraus, dass das Material porös war. Bei mehreren anderen Stücken wurde dasselbe festgestellt, so dass das ganze Material ausgeschieden werden musste. Das Gleiche war der Fall mit massivem Stahl, aus dem Muttern gedreht werden sollten. In einem anderen Betrieb sollte eine neue Dreherei eingerichtet werden zur Herstellung von Gegenständen, die für die Aufrüstung sehr wichtig sind. Trotz der Dringlichkeit war es jedoch nicht möglich, das für diesen Bau notwendige Eisen freizubekommen. Diese Firma kaufte, um mit dem Bau weiterzukommen, von der Eisenbahn in I. einen alten Schuppen mit Eisenkonstruktion auf Abbruch. A- 282) Leder und Textilien Wir haben schon wiederholt über die Knappheit an Leder berichtet. Unter anderem haben wir in Heft Nr. 10/1937, Seite A 53 ein Rundschreiben der Fachgruppe Lederwaren- und Koffer- Industrie, Bezirk Hessen, an ihre Mitglieder wiedergegeben, in dem bewegliche Klage über die Schwierigkeiten in der Rohstoffbeschaffung geführt wurde. Aus Berichten, die im gleichen Heft enthalten sind, geht hervor, dass Produktionsstörungen, verursacht durch Ledermangel, keine Seltenheit sind und dass die Qualität der Erzeugnisse durch Verwendung minderwertigen Materials verschlechtert wird. In der" Frankfurter Zeitung"( 30.1.38 Nr. 53-54) wird dagegen behauptet, dass es" eine Lederknappheit, von der die Allgemeinheit betroffen würde, nicht gibt", wenn auch" sich die Lieferfristen hinauszögen, nicht immer alle Sorten vorhanden und häufig nicht grosse Partien ein und derselben Qualität zu haben sind". Dass" das Leder nicht ausging", wird als ein Wunder bezeichnet. Aber von diesem" Wunder" bleibt schon nicht mehr viel übrig, wenn man erfährt, dass der Verbrauch an Schuhen seit 1936 sich nicht mehr erhöht hat," weil der Kaufkraftzuwachs durch die Preissteigerungen für Schuhe aufgefangen wurde, dass der Anteil des Exports an der Produktion der Lederindustrie von 35% im Jahre 1931 auf 10% im Jahre 1937 zurückgegangen ist und schliesslich, dass," wo es angeht, an Leder gespart" wird durch Verwendung von Austauschstoffen für Lederfutter, Kappen, Zwischensohlen und Brandsohlen. Der Mangel an Textilstoffen wirkt sich neuerdings vor allem in einer Knappheit an Arbeitskleidung aus. Im" Deutschen Volkswirt"( Nr. 15, vom 7. 1. 1938) wird festgestellt, dass bei der amtlichen Bewirtschaftung der Baumwolle sich insofern" gewisse Uebergangsschwierigkeiten" gezeigt haben, als gerade" der Bedarf der arbeitenden Massen" dabei zu kurz kommt. Das kommt daher, dass die Spinnereien die ihnen zugeteilte Baumwolle vor allem zu feineren Garnen verarbeitet haben, an denen mehr verdient wird und dass zu wenig grobe Garne hergestellt worden sind. Diesem Mangel suchte man durch eine im letzten Sommer eingeleitete" Garnaktion" zu begegnen. A-29Jetzt wurden zwar von den Spinnereien Grobgarne hergestellt, aber die Weber verkauften die daraus angefertigten Stoffe selbstverständlich in erster Linie dorthin, wo sie preislich am besten abschnitten". Die Folge war, dass gerade Berufskleidungsfabrikanten nicht genügend Material zur Verfügung stand. Das wird in den folgenden Berichten bestätigt. Es wird mehrfach berichtet, dass die Lieferung von Arbeitskleidung, die bisher der Belegschaft vom Betrieb gestellt worden war, wegen Mangel an Material eingestellt worden ist. Nunmehr ist eine Sonderaktion anbefohlen worden, die dem Mangel an Arbeitskleidung abhelfen soll. Den Herstellern von Berufskleidung wird ein Sonderkontingent von groben Baumwollgeweben zugewiesen, allerdings nur in Höhe von 50% ihres tatsächlichen Verbrauchs vom Jahre 1936. Damit diese Stoffe nicht für andere, gewinnbringendere Zwecke verwendet werden, werden z. B. für weibliche Berufskleidung nur ein- oder zweifarbig bedruckte Stoffe, aber nicht vielfarbige geliefert, die sich etwa für Dirndlkleider, Strandkleider, Schlafanzüge usw. eignen würden. Die Aktion erstreckt sich nur auf das erste Quartal 1938. Es wird aber schon jetzt darauf hingewiesen, dass die Auslieferung der Arbeitskleidung sich vielleicht etwas länger hinziehen könne, da die Textilindustrie durch Aufträge für die öffentliche Hand für Exportzwecke und im Rahmen der Grobgarnaktion vordringlich beschäftigt sei. Die Erzeugung von Zellwolle wird mit Hochdruck betrieben. Das Tempo, mit dem die Produktionskapazität der Zellwolle- Industrie gesteigert wird, lässt darauf schliessen, dass die Zellwolle in wachsendem Umfang die Naturfaser ersetzen muss. In einem am 20. Januar gehaltenen Rundfunkvortrag teilte Präsident Kehrl vom Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe( jetzt Ministerialdirigent im Reichswirtschaftsministerium) mit, dass im Jahre 1934 etwa 8 Millionen Kilo Zellwolle erzeugt und ein grosser Teil davon exportiert worden sei. Die heutige Leistungsfähigkeit der Zellwolle- Industrie betrage 150 Millionen Kilo im Jahr, was etwa einem Drittel des früheren Bedarfs an Wolle und Baumwolle und einem Einfuhrdevisenbetrag von 250 Millionén RM entspreche. Der Zweck dieses Vortrages war offensichtlich die sich häufenden Klagen über die Verschlechterung der Kleiderstoffe zu beschwichtigen und die Verantwortung dafür von der amtlichen Autarkiewirtschaft auf die Verarbeiter des neuen Werkstoffes abzuwälzen. So polemisierte er gegen die" neue Mär", dass Zellwolle das Kochen nicht vertrage und sich in heissem Wasser auflöse. Das sei, sagte er, vollkommener Unsinn. Er musste allerdings zugeben, dass kürzlich A-30durch den Reichsausschuss für volkswirtschaftliche Aufklärung aschvorschriften herausgegeben worden seien, diese sollten aber nur Misshandlungen der Wäsche durch stundenlanges Kochen verhindern." Wenn trotzdem angeblich bei Wäsche hier oder da Zettel beiliegen, dass eine Garantie für die Waschbarkeit überhaupt nicht übernommen werden kann"( siehe Heft 12/1937, Seite A 84 und 85), so sei das nur ein Beweis dafür, dass der Fabrikant sich jeder Verantwortung entziehen wolle, die er normalerweise für sein Erzeugnis zu übernehmen hat. Ein solcher Zettel gehöre daher in die Hände der Polizei. Die einheitliche Waschanleitung, die Herr Kehrl meint und die vom Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe ausgegeben worden ist, ist schon vor längerer Zeit durch den Nachrichtendienst der Deutschen Bekleidungsindustrie verbreitet worden. Wir geben sie nachstehend im Original wieder. Diese Anleitung spricht für sich selbst: NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 16 5.8.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Verschiedenes Ordnungsziffer 20 Seite 25 Betr.: Waschanleitungen Wir geben Ihnen nachstehend die vom Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe herausgegebene einheitliche Waschanleitung bekannt. Wir bitten darum, dafür Sorge zu tragen, daß durch Aufklärung und Erziehung Ihrer Kundschaft die Einführung dieser einheitlichen Waschanleitung allgemein durchgeführt wird. Abweichungen von dieser Waschanleitung sollen in Zukunft nur insoweit gestattet sein, als sie durch die Art der jeweiligen Textilien oder Waschmittel bedingt werden. Waschgrundsätze 1. Trenne weiße und farbige Wäsche beim Einweichen und Waschen! 2. Stärkewäsche besonders gut einweichen! 3. Weiches Wasser verwenden! 4. Regenwasser ist weich; anderes Wasser ist zu enthärten. 5. Alle Einweich-, Enthärtungs-, Waschmittel und Seifen genau nach Gebrauchsanweisung verwenden. Diese Mittel müssen restlos aufgelöst und verrührt werden. Das Einweichwasser möglichst gut aus der Wäsche entfernen. 6. Milde Waschlaugen schonen die Wäsche. 7. Stark verschmutzte Stellen der Wäschestücke mit Seife leicht einreiben. 8. Übermäßiges Reiben, Bürsten, Wringen schaden jeder Wäsche. A-31NACHRICHTENDIENST Der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 16 5. 8. 1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Verschiedenes Ordnungsziffer 20 Seite 24 1. So wäscht man Weißwäsche und Grobwäsche Waschen: Einweichen: Am besten über Nacht, niemals heiß! Gut geweicht ist halb gewaschen! Zu starkes Rochen, Reiben, Bürsten, Wringen schaden der Wäsche. Längeres Rochen als 15 Minuten ist nußlos und überflüssig. Ressel nicht zu voll packen. Reichlich Lauge verwenden. Spülen: Gründlich spülen warm, lauwarm, talt bis Wasser klar bleibt. 2. So wäscht man Buntwäsche Einweichen: Kurz und niemals heiß. Waschen: Zu starkes Reiben, Bürsten, Wringen schaden der Wäsche. Spülen: Nicht kochen, sondern in heißer Waschlauge gut durchwaschen. Je mehr Lauge um so besser; die Wäsche soll schwimmen. Bunte Wäsche sofort gründlich spülen warm, lauwarm, talt Wasser flarbleibt. Bunte Wäsche niemals in nassem Zustand aufeinander liegen lassen, sondern sofort trocknen. 3. So wäscht man Feinwäsche Waschen: Spülen: bis Niemals kochen, auch nicht heiß waschen. In höchstens handwarmer Waschlauge vorsichtig durch wiederholtes Eintauchen und Ausdrücken waschen. Nicht reiben, bürsten, wringen oder zerren. Sofort nach dem Waschen mehrmals lauwarm spülen, bis Wasser klarbleibt. Nach dem Spülen sofort trocknen. Webwaren oder Strümpfe können aufgehängt werden, sonst am besten auf Unterlagen ausbreiten oder durch Ein- und Ausrollen in Tücher trocknen. Wirk- und Strickwaren ziehe man in die alte Form. Wenn Bügeln erforderlich, dann in leicht feuchtem Zustand mit mäßig warmen Eisen von links unter leichtem Druck. Die neuerrichteten Zellwollefabriken werden planmässig über das ganze Reich verteilt. Neue Werke sind entstanden in Hirschberg in Schlesien, Plauen und Glauchau, Kehlheim und Schwarza. Im Dezember erfolgte die Gründung der Rheinischen Zellwoll- A.G. in Siegburg. Im Herbst ist in Stuttgart die Schwäbische Zellstoff- und Zellwolle A.G., Sitz Dettingen bei Ehingen mit einem Kapital von 3 Millionen gegründet worden, das später auf 6 Millionen erhöht werden soll. Weitere 8 Millionen werden von den Grossbanken kreditiert, wofür das Reich die Ausfallbürgschaft übernimmt. Die Erzeugungskapazität soll auf 30.000 Tonnen jährlich gebracht werden. Die Rohstoffe kommen aus den württembergischen Staatsforsten. Das neu gegründete Unternehmen wird ein Verfahren der I.G. Farbenindustrie verwenden, das es ermöglicht, statt des immer knapper werdenden Fichtenholzes Buchenholz zu verarbeiten. Der Holzmangel zwingt dazu, auch andere Stoffe zur Zellstoffgewinnung heranzuziehen. Schon vor längerer Zeit wurde von der Presse mitgeteilt, dass es gelungen sei, Zellulose aus Stroh zu gewinnen und Mischgarne mit 50% Strohwolle herzustellen, und dass Versuche gemacht würden, aus den neuen Strohstoffen Zeitungs -32papier zu erzeugen. Eine Eiweissfaser wird aus Fischeiweiss gewonnen, die " Fischwolle" und aus einer Synthese von 80% Zellulose und 20% Fischeiweiss die" Fischzellwolle". Der Preis dieser Faser soll niedriger sein als der Wollpreis. Die Zeitschrift" Schuhmarkt"( Frankfurt) teilte Mitte Januar mit, dass es gelungen sei, aus rotem Muskelfleisch, das aus den Tierkad avern der deutschen Abdeckereien gewonnen wird, eine Faser zu erzeugen, die in Verbindung mit rein deutschen synthetischen Bindemitteln zu Kunstleder verarbeitet werden könne. Eine Offenbacher Lederfabrik versucht( Neue Vogtländische Zeitung, Plauen, vom 9. 12. 1937, Nr. 287) aus Fischhäuten ein vollwertiges Leder herzustellen. Die Kunstleder- und Wachstuchindustrie wird angewiesen, sich in Höhe eines Drittels auf die Verarbeitung von Zellwolle einzustellen, um sie weitgehend von der Einfuhr ausländischer Rohstoffe unabhängig zu machen. Die Fachzeitschrift" Verpackung" gibt den Einzelhändlern praktische Ratschläge für Ersparnis bei der Verschnürung von Paketen. Es sollen überflüssige Knoten, unnötige Kreuzungen und lange Abfallreste vermieden werden. Durch die folgenden Berichte werden die im vorigen Heft ( Nr. 12/1937, Seite A 82 ff) enthaltenen Berichte über den Mangel an Textilien und Leder ergänzt. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Schuhwarenindustrie in Tuttlingen, Württemberg, ist, soweit sie Heeresaufträge auszuführen hat, gut beschäftigt. Dagegen werden in den Abteilungen, die feinere Schuhwaren herstellen, seit Weihnachten Feierschichten eingelegt. Es wird teilweise nur drei Tage in der Woche gearbeitet. 2. Bericht: Unser Betrieb, eine grössere Textilwarenfabrik, hat viele Auslandsaufträge, für die nur Baumwolle verwendet wird, die auch ausreichend zur Verfügung steht. Auch Gasmaskenstoffe und Farbbänder werden aus reiner Baumwolle hergestellt. Dagegen wird der für den normalen Inlandsverbrauch bestimmten Ware Zellwolle in verschiedenen Prozentsätzen beigemischt. Stoffe mit Beimischung bis 33% werden wie normale Baumwolle behandelt und auch ohne Hinweis auf die Beimischung verkauft. 3. Bericht: Die bekannte Lederfabrik Cornelius Heyl in Worms gibt bekannt, dass sie einen Ersatzstoff herausgebracht hat, der sich speziell zur Herstellung von Brand sohlen für die Schuhfabrikation eignet. Das Produkt wird gewonnen durch Verarbeitung der Lederfasern des Lederabfalls. Leider wird nicht das Bindemittel angegeben. Aber dieser Ersatzstoff soll" fast" dieselben Eigenschaften aufweisen wie das natürliche Brandsohlenleder, die spezifische Schwere, Gleitfähigkeit, Luft A-33durchlässigkeit und sogar die Wasserdurchlässigkeit soll nicht ungünstiger sein. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass damit erstmalig der Gummi bei der Herstellung eines Ersatzfabrikats ausgeschaltet sei. Fachleute hegen starke Zweifel, ob ein solches Ersatzprodukt die wichtige Funktion der Brandsohle erfüllen kann. Ein weiterer Einwand ist die Frage des Abfalls, der heute schon sehr rar geworden ist, weil er ja für alle möglichen Experimente bereits verwendet wird. Es ist allerdings verständlich, dass an solchen Lösungen gearbeitet wird, denn man verwendet heute bereits gespaltene Häute, bei denen die Fleischseitenhälfte künstliche Narben bekommt, zu Oberleder für schweres und Militärschuhwerk. Bayern: Auf dem Lande ist noch aus alten Vorräten meist gute Textilware in der früheren Beschaffenheit vorhanden. Deshalb wird auf dem Lande auch nicht so viel gehamstert wie in der Stadt, wo man vor allem stark Wäsche hamstert, weil sie nicht so der Mode unterworfen ist. Zellstoffgewebe werden jetzt ausreichend angeboten. Strickwolle ist sehr knapp. Eine Firma, die regelmässig BleyleWaren bezogen hat, bekommt jetzt nur noch 60% ihres Vorjahresbezugs, aber auch im Vorjahre waren ihr die Lieferungen schon gekürzt worden. Die neue Zellwolle hat als Strickwolle grosse Nachteile. Ein Pullover aus Zellwolle ist z.B. ganz hart und steif. Eine Zeit lang herrschte Leder- Mangel für Schuhsohlen usw. Er ist jetzt wieder behoben. Sachsen, 1.Bericht: In dem Industriestädten Z., X. und W. dominieren Webereien, Spinnereien und Färbereien. Zur Zeit wird in den meisten Betrieben dieser Branchen nur 24 bis 36 Stunden pro Woche gearbeitet. Es wird zum überwiegenden Teile Zellwolle verarbeitet. In den angefertigten Stoffen befinden sich 70, 50 und 30% Zellwolle, der Rest ist reine Wolle. Einige Webereien ve arbeiten nur reine Wolle. Diese haben entweder Militärtuch- oder Export aufträge. Im Gegensatz zu den anderen Betrieben sind sie meist voll beschäftigt. Die Ersatzstoffe sind aller Propaganda zum Trotz schlecht. Arbeitskleidung darf man nicht mehr beim Waschen kochen, sie darf nur bis höchstens 70 Grad erhitzt werden, sonst geht sie so stark ein, dass man sie wegwerfen kann. Für die Stoffe der Frauenkleidung gilt das gleiche. Gruben- und Arbeitsschuhe halten nicht mehr halb so lange wie früher, weil das gute Leder für Militär schuhe verwendet wird. Auch die Schuster klagen, dass sie kein richtiges Leder bekommen, und die Kundschaft schimpft gleichfalls, weil die Sohlen nicht halten. Schlesien: Die Textilfirma Mechorius, Berlin, für die in Oberschlesien einige Vertreter, teils in fester Anstellung, teils gegen Provision tätig waren, hat mit dem 1. Dezember die Beziehungen zu ihnen gelöst mit der Begründung, dass in A-34folge Rohstoffmangel Lieferungen nicht ausgeführt werden können. Die Firma Maggi hat bisher ihren Arbeitern Arbeitskleidung gestellt. Seit einigen Wochen wird die Kleidung nicht mehr geliefert. Eine Reihe grosser Eisenwerke, Hul tschinski- Werke in Gleiwitz, Julienhütte in Bobrek bei Beuthen und Oberkoks in Hindenburg, die ihren Arbeitern Arbeitskleidung gestellt hatten, hat diese Lieferung wegen Rohstoffmangel eingestellt. Die Redenhütte in Hindenburg hatte solche Kleidung zu 5,- RM pro Stück verkauft. Bei einer Neubestellung ist jetzt der Preis auf 7,- RM heraufgesetzt worden, und die Verwaltung gibt bekannt, dass man nicht sicher sagen könne, wann Neulieferungen erfolgen, weil die Lieferfirma lange Frist beanspruche und keine Garantie dafür geben könne, ob die Lieferung der Werkskleidung überhaupt möglich sein wird. Die Herstellung dieses Artikels leide unter Rohstoffmangel. Im Oktober wurden die Konfektionsgeschäfte sozusagen" schlagartig" mit Zellstoffkleidern beliefert. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind alle Winterartikel Ersatzstoffe. Wolle ist nicht immer zu haben, Nachbestellungen kaum in gleicher Qualität und Farbe. Berlin: Eine Krankenschwester, die sonst sehr schweigsam ist und nie erzählt, was im Krankenhaus vorgeht, holte sich eines Tages eine Hautinfektion. Bei dieser Gelegenheit lief ihr doch die Galle über und sie sagte:" Ich weiss wohl, wie ich mir das geholt habe. Eine solche Schweinerei ist noch nie dagewesen. Wir müssen jetzt im Krankenhaus Bettwäsche verwenden, die nicht gekocht, sondern nur gebrüht werden darf. Davon wird das Zeug nicht keimfrei, zumal ja nicht die einzelnen Stücke behandelt werden, sondern die Wäsche übereinander liegt. Bis das Wasser zur zweiten Schicht durchdringt, ist es lauwarm. Jetzt können wir uns vor Infektionsfällen nicht mehr retten. Wie soll das erst im Kriege werden." 3) Holz und Papier In der Zeitschrift" Vierjahresplan" vom Januar 1938 wird festgestellt, dass die normale jährliche, Erzeugung von Nutzholz 27 Millionen Festmeter, der gesamte jährliche Nutzholzverbrauch 45,5 Millionen Festmeter betrage. Es sei aber zu erwarten, dass der Holzverbrauch in Zukunft weiter steigt, vor allem mit Rücksicht auf die neuen auf Holz als Rohstoff begründeten Industrien, z. B. Gewinnung von Zucker und Pressplatten aus Holz, und auf den Mehrbedarf der Zellstoff- und Faserstoffindustrie. Es sei damit zu rechnen, dass der Nutzholzbedarf bis Ende 1940 noch um minde1 A-35stens 3 Millionen Festmeter anwachse, das ergäbe bei einer normalen Jahreserzeugung von 27 Millionen einen jährlichen Zusatzbedarf von 22 Millionen Festmetern. Dieses riesige Defizit ist eine hinreichende Erklärung dafür, dass auf keinem anderen Rohstoffgebiet so zahlreiche und auch bis ins kleinste gehende Verbrauchseinschränkungen und Verbrauchsverbote angeordnet worden sind wie bei Holz und Papier. Zur Deckung des Nutzholzdefizits soll beitragen die Einsparung von Brennholz, die Mehrverwendung von Obst- und Alleebäumen und von industriellen Holzabfällen usw. Neue Werke, in denen Holz als Rohstoff verarbeitet werden soll, dürfen in Zukunft nur dort errichtet werden, wo eine Belieferung mit den benötigten Rohholzmengen zu wirtschaftlich tragbaren Preisen gesichert ist. Das Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe stellt fest, ob die wirtschaftliche Notwendigkeit bei einer Neugründung gegeben ist; der Reichsforstmeister prüft, ob der Standort des neuen Werkes mit Rücksicht auf die Möglichkeiten der Holzbelieferung richtig gewählt ist. Nur wenn beide Prüfungen positiv ausgefallen sind, darf das neue Werk gebaut werden und auch dann nur nach den vom Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe ausgearbeiteten Plänen. Das Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe hat Richtlinien zur Einsparung von Bau- und Schnittholz bei den Industrieund Siedlungsbauten herausgegeben. Jeder Ausschreibung von Bauholz muss eine vom Architekten aufgestellte Holzliste beigefügt werden, die der Baupolizei vorgelegen hat. In den Orten Purd und Boxberg im Bergischen Land wurde nach Meldung des" Zeitungsdienst des Reichsnährstands" die erste rheinische Waldbaugemeinschaft gegründet. Weitere Gründungen sollen folgen. In den Waldbaugemeinschaften sollen sich die Bauern zusammenfinden, um ihre im Gemenge liegenden Waldgrundstücke, die bisher nur als Brennholz- oder Schälwald benutzt worden sind, gemeinsam zu bewirtschaften. Die Bewirtschaftung soll unter Leitung von 41 Kreisforstabtel lungsleitern und 678 Ortsfachwarten für Waldbau erfolgen. Auf diese Weise soll auch der Bauernwald in erhöhtem Masse zur Erzeugung des Rohstoffes Holz beitragen. Brennholzauktionen sind verboten worden. Die Brennholzpreise dürfen den Stand von 1936 nicht überschreiten. Jeder Kaufabschluss von Papierholz für Kisten-, Holzwolleund Fassfabriken muss von der Marktvereinigung der deutschen Forst- und Holzwirtschaft genehmigt werden. Zum Einkauf von Papierholz ist nur berechtigt, wem von der Marktvereinigung ein Einkaufsheft zugestellt worden ist, in dem die Genehmigung für Kaufabschlüsse jeweils vermerkt wird. Der Reichsverkehrsminister hat angeordnet, dass zum Zwecke der Papierersparnis die Frachtbriefe verkleinert werden. Um auch bei den Speisekarten an Papier zu sparen, dürfen diese nur noch in 4 Formaten verwendet werden. 1 A-3636 Die Propaganda für die sparsame Verwendung von Verpackungsmaterial( siehe auch Heft 7/1937, Seite A 72) wird eifrig fortgesetzt. Als Beispiele dafür bringen wir im folgenden zwei Originalkopien: Der Versand von frühgebäck durch die Mitglieder unserer Jnnung kann in Zukunft nicht mehr in Papiertaten erfolgen, da wir im Zeichen des Dierjahresplanes belfen wollen und müssen, deutsche Robßtoffe zu erfparen. Wir erbitten für diese Maßnahme die verständnisvolle Unterstügung der deutschen Hausfrau. Durch ständige Bereitstellung von eigenen Beuteln wird diese Hilfe am besten gewährleistet. Auch bei den täglichen Einkäufen bitten wir, nach Möglichkeit Beutel, Taschen oder Aörbchen zu benugen. Die Båder Jnnung Det auf überflüffige Derpackung verzichtet, erfpart wertvolle Rohstoffe! Bestell- Nr. 456/3 Wirtschaftsgruppe Einzelhandel A-37Im übrigen wird uns aus dem Reich über die Wirkungen des Papier- und Holzmangels berichtet: Südwestdeutschland, 1.Bericht: Holz wird immer knapper, besonders Kiefernholz, das der Grundstoff für die Erzeugung von Zellwolle ist. Auch andere gute Holzarten fehlen. Uebrigens muss neuerdings jeder Holzkäufer beim Einkauf eine eidesstattliche Erklärung über die Verwendung des Holzes abgeben. 2.Bericht: In der letzten Zeit wurde gegen zahllose Holzhändler mit drakonischen Geldstrafen vorgegangen wegen angeblichen Verstosses gegen die Höchstpreisbestimmungen. Die Geldstrafen gingen im einzelnen Fall in die Zehntausende.Die Lagerbestände an verarbeitungsfähigem Holz, vor allem für die Möbelindustrie, aber auch beim Bauholz, schrumpfen immer mehr und die Käufer stossen auf ein immer knapper werdendes Angebot, während der Bedarf infolge der gleichfalls aufgebrauchten Lager der Verarbeiter sich immer mehr bei den Holzhändlern zusammendrängt. Bayern, 1.Bericht: Die Firma Sport- Berger, Rotschwaige bei Dachau gibt in jedem Jahre eine Preisliste heraus, in der Neuheiten auf skisportlichem Gebiete erläutert werden. Noch vor einigen Jahren wurde darin für den Anfänger ein Skier aus Eschenholz, für geübte Sportfahrer Skier aus Hikoryholz empfohlen. In ihrer letzten Preisliste empfiehlt die Firma nur noch Skier aus Eschenholz, weil Hikoryholz aus dem Ausland eingeführt werden muss. Wer Skier mit Stahlkanten bestellen will, wird in der Preisliste darauf hingewiesen, dass er mit längerer Lieferfrist zu rechnen habe. 2.Bericht: Es wird sehr darauf geachtet, dass kein hochwertiges Holz als Brennmaterial verwendet wird. In der Umgebung Ivon Nürnberg haben ältere Leute, die auf Grund eines Holzlesescheines in den staatlichen Wäldern Holz sammeln durften, abgeschlagene Aeste bis zu einer bestimmten Stärke und ausserdem auch noch dürre Bäume schlagen dürfen, wenn der Förster seine Erlaubnis dazu gab. Seit dem Herbst 1937 dürfen die Förster diese Genehmigung, dürre Bäume schlagen zu lassen, nicht mehr erteilen. Sachsen, 1.Bericht: In den Geschäften sind jetzt Plakate ausgehängt, die zur Einsparung von Papier ermahnen. U. a. mit folgenden Texten:" Uebertriebene Verpackung ist Verschwendung von Rohstoffen!"-" Wir bitten die Kunden, die Waren einfach verpackt anzunehmen!"- Bei der Weihnachtsverpackung ist sehr gespart worden. Bett- und Tischwäsche ist ausnahmslos ohne Karton verkauft worden. 2. Bericht: In den Gebirgsdörfern beschafften sich die Arbeiter bisher ihr Holz in der Weise, dass sie die Stöcke selbst rodeten. Dieses Jahr wurden die Stöcke nicht zur Selbst A-38rodung freigegeben, sondern durch die Waldarbeiter gerodet und an die Zellwollefabriken verkauft. Die Folge ist, dass in den Familien in diesem Winter das Heizmaterial fehlt, denn um das Holz durch Kohle zu ersetzen, fehlt das Geld. Man vertröstet die Leute mit den Versprechen, dass im März der Windbruch zur Selbstaus rod ung freigegeben würde. Bis dahin können die Leute frieren. Private Waldbesitzer sträuben sich gegen die Abholzung in ihren Wäldern. Es wurde verboten, Kleinholz als Brennholz zu verkaufen. Die Händler kümmern sich aber wenig um das Verbot und verkaufen weiter wie bisher. Allerdings gibt es kein Buchenholz, weil es zur Holzverzuckerung gebraucht wird und zur Herstellung von Hartplatten als Metallersatz. Als Ersatz für Brennholz werden Moorbriketts aus Ostpreussen propagiert. Schlesien: Die schlesischen Furnierwerke in Breslau, die in Stuttgart einen Schwesterbetrieb und in Kunzendorf an der Oder ihr Lager haben, rechnen in kürzester Zeit mit der Einschränkung ihres Gesamtbetriebes auf die Hälfte des jetzigen Standes. Alle holzverarbeitenden Betriebe leiden stark unter Materialmangel. Die Papiernot steigt weiter; Druckereien haben Papier, das sie im Januar 37 bestellt hatten, erst im Dezember geliefert bekommen. Im Rahmen des Vierjahresplanes wird versucht, eine Einschränkung aller Reklame, besonders aber für Markenartikel durchzuführen. Zugleich sollen auch die Geschäftsbesuche durch Reisende auf ein Minimum eingeschränkt werden. Ein Vertreter der Fachgruppe Handel erklärte, dass die nationalsozialistische Vorratswirtschaft Reklame und Reisende fast ganz überflüssig mache. Grossen Markenartikel- Firmen hat man die Reisetätigkeit untersagt. Papier, Pappe usw. für Reklameschriften und Plakate werden ihnen nicht mehr zugewiesen. Die Folge sind Einschränkungen und Entlassungen von Angestellten.( Auf die Erzeugung selbst hat das keinen Einfluss, da die Betriebe ohnehin wegen Rohstoffmangel seit langem nicht in der Lage sind, die einlaufenden Bestellungen zu erledigen). Bei der Firma R. wurden etwa 40 Reisende und ihre Chauffeure entlassen. Die Wagen wurden grösstenteils verkauft, die besten aufgebockt und die Gummireifen verkauft, für die jetzt hohe Preise gezahlt werden. Die Firma beschäftigt heute nur noch etwa 6 Reisende und einige wenige Chauffeure. Sie besuchen nicht die Kundschaft, sondern fahren von Ort zu Ort, von Eisenhandlung zu Eisenhandlung um alles, was sie an Nägeln auftreiben können, auch kleinste Mengen, aufzukaufen, die zur Herstellung der Versandkisten benötigt werden. Die Einschränkung der Reklame hat die Selbstkosten der Hersteller von Markenartikeln stark gesenkt. Die Firma konnte daher die amtlich befohlene Preisherabsetzung für ihre Produkte leicht ertragen. GO GA Rheinland- Westfalen: Kein Holz mehr als Brennmaterial! Das ist die Parole im ganzen Westen. In der Eifel, wo gerade jetzt die grossen Holzverkäufe beginnen und wo sich die Bevölkerung in dieser Jahreszeit immer für den nächsten Winter einzudecken pflegt, wird streng darauf gesehen, dass kein Stückchen Nutzholz für Brennzwecke Verwendung findet. Auch nicht Kleinholz, das noch für die Herstellung von Werkstoffen verwendet werden könnte. Die Bevölkerung ist aufs strengste angewiesen worden, Briketts zu brennen. Deutschland könne sich nicht mehr leisten, den wertvollen Rohstoff Holz zu verbrennen. In allen Gemeinden des Westens ist bekannt gemacht worden, dass nicht ein einziger Baum ohne Genehmigung der Behörde gefällt werden darf. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass niemand, auch nicht der Besitzer eines Waldes, ohne Genehmigung Holz fällen darf. In jedem Falle ist die Genehmigung des Regierungspräsidenten einzuholen. Die Anträge sind beim Bürgermeister zu stellen. Berlin: Die Schokoladenfabrik Sarrotti wollte eine Betriebszeitung herausgeben. Die Arbeitsfront war damit einverstanden und befürwortete den Plan. Die entscheidende Instanz hat jedoch die Herausgabe im Interesse der Papierersparnis abgelehnt, so dass die Firma auf die Herausgabe der Zeitung verzichten musste. 4) Sonstige Rohstoffe Bayern: Ich wollte kürzlich eine gute Fahrradbereifung kaufen. Der Fahrrad händler erklärte mir:" Ja, mein guter Mann, es gibt nur noch eine einzige Sorte von Mänteln, über die allerdings noch keine Erfahrungen vorliegen." Diese Mäntel sind allerdings bedeutend billiger als die früheren sogenannten Gebirgsmäntel, die 7,- RM pro Stück kosteten, während man für die jetzigen Mäntel ca. 3,- bis 4,- RM bezahlt. Es gibt weder rote noch weissgraue Mäntel mehr, sondern nur noch die schwarzen Decken, genau so wie bei den Autoreifen. Das wird damit erklärt, dass nicht mehr wie früher reiner Kautschuk, sondern eine Mischung von regeneriertem Gummi und Rohgummi verwendet wird. Aus dem gleichen Grunde ist es auch nicht mehr möglich, für braune Schuhe braune Gummi absätze zu erhalten. Von den Fahrradmänteln gibt es natürlich noch verschiedene Formen für schmale und breitere Felgen etc., aber alle nur noch in der einen Qualität. Auch besteht immer noch das Verbot, die Räder zu vernickeln oder zu verchromen. Ich kenne einen Bürstenfabrikanten, der für seinen Betrieb einen normalen Bedarf von 35 Ballen Kokosfasern für eine bestimmte Zeit hat. Er muss jetzt einen Antrag an die zuständigen Ueberwachungsstellen richten und erhält dann nach einiger Zeit die Mitteilung, dass er von einem ihm ganz unbekannten Händler, mit dem er früher niemals in Geschäftsverbindung gestanden hat, einen Ballen Kokosfasern erhalten kann. Er erhält diesen fremden Lieferanten einfach zugewiesen, obwohl er doch seit Jahren und Jahrzehnten mit bestimmten Lieferanten in A-40Geschäftsverbindung steht und deren Liefergewohnheiten und die Qualität ihrer Erzeugnisse kennt. Er kann daran nichts ändern, sondern muss zufrieden sein, wenn er von dem neuen Lieferanten diesen einen Ballen bekommt. Der Rohstoffmangel hat die im Krieg angewandte Harzgewinnung wiederaufleben lassen. In den riesigen Kieferwäldern rings um Nürnberg( im sogenannten Reichswald) sind seit 1937 unter Zuhilfenahme des Arbeitsdienstes ausserordentlich grosse Gebiete für die Herzgewinnung reserviert worden. An den Bäumen werden die bekannten keilförmigen Einschnitte gemacht, ausserdem wird eine Befestigungsvorrichtung angebracht, an der ein Tongefäss hängt, das mit einem Teer- Pappdeckel gegen das Eindringen von Regen und anderer Feuchtigkeit geschützt ist. Die Waldarbeiter kratzen die Töpfe von Zeit zu Zeit aus, sammeln das gewonnene Harz ein und hängen die Töpfe dann wieder in die Befestigung. In diesen Waldgebieten darf nicht vom Wege abgewichen werden. Die auf diese Weise für die Harzgewinnung herangezogenen Gebiete sind wesentlich grösser als die während des Krieges. Berlin: Autoreifen bekommt man neuerdings nur zu kaufen, wenn die alten abgeliefert worden sind und sich als wirklich gebrauchsunfähig erwiesen haben. Das ist praktisch undurchführbar. Man kann nicht erst" auf Latschen fahren" und dann den Wagen stehen lassen, bis man neue Reifen bekommt. Die Fuhrunternehmen gehen dazu über, Anhänger zu kaufen, die Reifen abzumontieren und die Wagen zu verschrotten. Ein Vertreter aus der Tabakbranche ist der Ansicht, die Versorgung mit Zigarettentabak werde in Deutschland immer sichergestellt sein, weil dem Staat sonst eine grosse Zoll- und Steuereinnahmequelle verloren gehe. Ausserdem handelt es sich meist um mazedonische Tabake, die im Clearing- Verkehr geliefert werden. Trostlos sehe es aber mit dem Zigarrentabak aus, der von Uebersee kommt. Deutschland habe beispielsweise mit den Holländern ein Abkommen getroffen, dass für eine bestimmte Quantität Tabak von deutschen Werften Tankdampfer an Holland geliefert werden. Natürlich zu gedrücktem Preis. Der Preisausfall, den die Werften haben, muss von allen Tabakfabriken und Tabakhändlern im Umlageverfahren aufgebracht werden. Bei einem mittleren Geschäft macht diese Umlage im Monat 3,- RM aus. Die Zahlungen erfolgen schon seit Monaten. A-41III. Der Nahrungsmittelmangel 日 日 註 註 Auch über die Lage der Nahrungsmittelversorgung haben wir rst im Vormonet( Heft 12/1937, Seite A 87- A 98) Bericht ertattet. Zur Ergänzung dieses Berichts lassen wir die inzwischen eu eingegangenen Meldungen folgen. Bauzener 1. Belblatt Gonnabend, de Amtliche Bekanntmachungen Der Ausbruch der Schweinepeft unter dem Comeinebestand von Oslar Sohlfeld in Eulowit R. 21 b ift amtlich feftaeftellt worden. Auf Grund von§ 272 der Bundesratsvorforiften aum Viehleuchengefes werden für die vers feuote Gemeinde Gulowit folgende Sperrmannahmen angeordnet: 1. An der Grenze des gefverrten Ortes ober der gesperrten Ortsteile find Tafeln mit der deutlichen und haltbaren Aufschrift Gesperrt wegen Soweinereft" leicht fichthar anzubringen. 2. Die Ausfuhr von Schweinen au Buchts oder Ausaweden. also insbesondere die Ausfuhr pon Berteln, ift verboten. Aus dem Sverrgebiet bürfen Schweine nur aur fofortigen Schlachtung un mur mit ortspolizeilicher Genehmigung entfernt werden. Die Ortsvoliaetbehörde des Sperrgebietes bat bie Bolizeibehörde des Schlachtortes son dem bevorstehenden Eintreffen der Tiere rechtseitig zu benachrichtigen. 3. Die Einfuhr von Schweinen darf nur. mit ortspolizeilicher Genehmigung erfolgen. 4. Durd das Sperrgebiet dffrfen Schweine nicht getrieben und nur unter der Bedingung durchgefabren werden, daß die Transporte darin nicht anbalten. Don 5. Der gemeinschaftliche Welbenana Soweinen aus den Beständen verschiedener Befiber und die gemeinschaftliche Benubung von Schwemmen wird verboten. Bauben, 28. 10. 1937. Der Amtshauptmann. Es ist bekannt, dass die Maul- und Klauenseuche die deutsche Ernährungslage ungünstig beeinflusst. Weniger bekannt ist, dass gleichzeitig in einigen Bezirken die Schweinepest grassiert. Wir verweisen dafür auf die nachfolgenden Berichte, bringen aber als besonderen Beleg nebenstehend die Originalkopie einer Amtlichen Bekanntmachung der Amtshauptmannschaft Bautzen.( Amtliche Bekanntmachungen dieser Art haben sich gerade in diesem Bezirk in den letzten Monaten gehäuft.) Die Bauern bringen den Ausbruch der Schweinepest vor allem mit der Fütterung der Schweine durch die Küchenabfälle in Zusammenhang, die durch das" Ernährungshilfswerk" mit A-42Der Ausbruch der Schweinepeft ist unter den folgenden Schweinebeständen amtlich festgestellt worden: 1. Ernst Rannich in Meldwis. Ortsteil Wuischte 17, 2. Ernit Schulae in Meichwis. Ortsteil Wuifale 37. 8. Alwin Nohte in Rechern. Ortst. Wurfden 9, 4. Frit Wenger in Grödib 1, 5. Dito labre in Kleinbauben. Ortsteil Pretfis 1, 6. Gustav Mörbe in Kleinbauben. Ortsteil Breitis 34. 7. Johann Binfau in Rleinbauben. Ortsteil Preitis 3. 8. Edgar Dentichel in Burt, Ortsteil Dehna 1. 9. Auguft Raber in Barf. Ortsteil Oehna 17. Die in der Bekanntmachung vom 1. 6. M. angeordneten Sperrmaßnahmen werden auf den Ortsteil Wuischte der Gemeinde Melchwib. den Ortsteil Wurfchen der Gemeinde Nechern, die Gemeinde Grödit( obne Ortsteile) und den Ortsteil Debna der Gemeinde Burt ausgedehnt. Baußen. 28. 10. 1987. Der Amtshauptmann. grossem organisatorischen und propagandistischem Aufwand durchgeführt wird. Die massenhaften Abschlachtungen infolge der Maul- und Klauenseuche und der Schweinepest wären an sich geeignet, die Fleischversorgung vorübergehend zu verbessern ( das Fleisch erkrankter Tiere kann sterilisiert werden), um allerdings in der Folgezeit den Mangel nur umsomehr zu verschärfen. Wenn trotzdem die Mehrzahl der nachfolgenden Berichte ein Anhalten der Fleischknappheit feststellt, so kann das nur damit erklärt werden, dass auch diesmal das Mehrangebot an Schlachtvieh zu Fleischkonserven, vor allem für die Wehrmacht und den Arbeitsdienst, verarbeitet wird. Da die Fleischknappheit anhält, sind die Schwarzschlachtungen trotz der hohen Strafen, die dagegen angedroht werden, gestiegen. Da bei diesen Schwarzschlachtungen auch die Schlachtsteuer hinterzogen wird, hat der Reichsminister des Innern in einem Erlass angeordnet, dass die Schwarzschlachtungen, deren Zahl in letzter Zeit gestiegen sei, schärfer bekämpft und die betreffenden Dienststellen mehr als bisher dafür eingesetzt werden sollen. Dass jede Möglichkeit, den Fleisch vorrat zu strecken, ausgenutzt wird, zeigt eine Verordnung Görings, nach der zur Bereitung von Hackfleisch u.a. auch das Fleisch anderer warmblutiger Schlachttiere, also auch Pferdefleisch, verwendet werden darf. A-43Das Verbot der Verfütterung von Getreide( siehe Heft 12/1937, Seite A 87) zwingt die Bauern, die Hühnerzucht immer mehr einzu schränken. Daher häufen sich in den Berichten aus dem Reich die Klagen darüber, dass Eier fast vollständig aus den Läden verschwunden sind, obwohl seit März 1937 der Eigenverkauf der Erzeuger stark beschränkt und die Pflicht zur Ablieferung der Eier an die Amtsstellen ausgedehnt ist. Der Eierverbrauch der Bevölkerung ist von 138 Stück je Kopf und Jahr 1932, also in der Zeit der höchsten Arbeitslosigkeit, auf 118 Stück im Jahr 1936 gesunken. 1929 entfielen auf den Kopf noch 141 Stück. 1936 wurden 88 1/2 Millionen Hühner gezählt. Nach der Zählung vom Dezember 1937 hatte der Hühnerbestand nur noch 85 1/2 Millionen betragen. Im vergangenen Jahr war die Einfuhr von Eiern beträcht lich vermehrt worden. Die importierten Eier kamen hauptsächlich in die Zentral läger der amtlichen Reichsstelle für Eier, konnten also zur Bildung von Vorräten verwendet werden. Trotzdem sind, wie die" Frankfurter Zeitung"( vom 6.2.1938, Nr. 66/67) berichtet," die Kühlhausbestände bis auf geringe Mengen aufgebraucht". Die Inlandserzeugung muss also" doch stärker abgefallen sein". In Heft 12/1937( Seite A 89 und 90) haben wir über die Verkürzung der Fettration und die Neuordnung der Fettverteilung berichtet. Als Ergänzung dazu bringen wir auf den Seiten A 44 und A 45 die Originalkopien des" Merkblattes über Fettbezug ab Januar 1938" aus Berlin. Die folgenden Berichte aus dem Reich ergeben zwar, dass der Mangel an Nahrungsmitteln nicht nachlässt, sie zeigen aber auch, dass die Unzufriedenheit darüber kaum zunimmt und nur selten alarmierend wirkt. Das Regime versteht es, die Bevölkerung dadurch in Spannung zu erhalten, dass besonders knappe Nahrungsnittel an den einzelnen Orten zu verschiedenen Zeiten vom Markt verschwinden und auf den Markt gelangen, so dass die Versorgungslage ständig wechselt. Das schliesst nicht aus, dass hie und da lebhafter Unwille aufsteigt, zumal dann, wenn sich der Unterschied zwischen einst und jetzt besonders deutlich fühlbar macht, wie es etwa vor den Weihnachtsfeiertagen der Fall war. A-44Dieses Mertblatt ist vom Haushaltsvorstand zurückzubehalten und aufzubewahren! Reichshauptstadt Berlin Merkblatt über Fettbezug ab Januar 1938 Fettversorgung im Bierjahresplan. ( 1) Deutschlands Fettversorgung ist noch zu einem erheblichen Teile vom Auslandsbezuge abhängig. Benn auch durch Maßnahmen der Erzeugungsschlacht und des Bierjahresplanes( Erschließung verschiedener Fettquellen im Inlande und auf dem Weltmeere Walfang) mit einer steigenden Fettgewinnung gerechnet werden kann, ist bei dem beschränkten deutschen Raum doch nur eine schrittweise Besserung möglich. Es gilt also auch weiterhin, jeden unnötigen Fettverbrauch zu vermeiden und im allgemeinen den übermäßigen Fettverbrauch auf etwa den Borkriegsverbrauch zurückzuführen. Im Jahre 1938 wird der Absatz der Fette vom Erzeuger bis zur Verkaufsstelle durch Maßnahmen des Reichsnährstandes und der dabei in Frage kommenden Wirtschaftsgruppen mehr ausgeglichen werden. Bezug von Konsummargarine. ( 2) Die von der Reichsregierung seit 4 Jahren durchgeführte Fettverbilligung für die ärmeren Boltsgenossen wird daher 1938 unverändert fortgeführt werden; desgleichen wird die seit 1937 eingeführte ausschließliche Abgabe von Konsummargarine gegen Berbilligungsscheine, besondere Margarinebezugsscheine und Zusatzscheine nach hierfür erlassenen Richtlinien an einen bestimmten Kreis minderbemittelter oder besonders zu betreuender Volksgenossen weiterhin erfolgen. Bezug der übrigen Fette. Kundenliften. ( 3) Auch im Jahre 1938 werden Butter durch die hierfür in Frage kommenden Verkaufsstellen( Einzelhandel, Filialgeschäfte, Bersandgeschäfte, Konsumgenossenschaften, Milchgeschäfte, Hausierhandel und Wochenmarkt) sowie Speck, Schmalz, Talg und Rohfett durch die Megger usw. nur an Hand von Kundenlisten abgegeben werden. ( 4) Auch die Inhaber von Fettverbilligungsscheinen, Margarinebezugsscheinen und Zusatzscheinen haben sich zur Eintragung in die Kundenlisten anzumelden, sofern sie die auf Kundenliste abzugebenden Fette beziehen wollen. Die Anzahl der Inhaber von Fettverbilligungsscheinen und Margarinebezugs- und Zusatzscheinen muß auf dem Haushaltsnachweis A vermerkt und zur Kundenliste angegeben werden. Spätere Anderungen hierin sind den Verkaufsstellen jeweils mitzuteilen. Haushaltsnachweise. ( 5) Da es sich herausgestellt hat, daß die Eintragungen in die Kundenlisten vielfach nicht mehr dem tatsächlichen Personenstand entsprechen, wird zur Kontrolle der Kundenlisten der Haushaltsnachweis 1938 eingeführt, der im Gegensatz zu dem bisherigen Haushaltsnachweis aufgeteilt ist in einen Haushaltsnachweis A für Butter und B Schmalz, Sped, Talg und Rohfett. " ( 6) Der Haushaltsvorstand hat für alle zu seinem Haushalt gehörenden und in seinem Haushalt in dauernde volle Verpflegung aufgenommenen Personen( Verpflegungsgemeinschaft) einen Antrag nach beiliegendem Muster zu stellen. Die Formblätter werden durch die Blockwalter der NSV. verteilt und wieder eingezogen. Wohnen mehrere Familien in einer Wohnung, so hat jede Familie, die einen eigenen Haushalt führt, einen besonderen Antrag zu stellen. Das gleiche gilt für Personen, deren dauernder Berbleib in der Verpflegungsgemeinschaft nicht feststeht( s. 3iff. 7). Der Antrags steller hat nicht nur den Antragsvordrud auszufüllen, sondern auch in den anhängenden Vordrucken für die Haushaltsnachweise A und B die Bezeichnung des Haushaltes einzutragen. ( 7) Soweit beabsichtigt ist, Fette für einen Haushalt von mehreren Geschäften zu beziehen( z. B. Butterbezug teils durch Postpaket, teils durch Ankauf am Ort), besteht die Möglichkeit, statt eines Haushaltsnachweises mehrere Teilhaushaltsnachweise zu beantragen. Entsprechend fönnen für einzelne Bersonen, insbesondere solche, die voraussichtlich nur vorübergehend der Verpflegungsgemeinschaft des Haushalts angehören 3. B. Besuch, Koftgänger, Lehrlinge, Hausangestellte, Untermieter oder die im Laufe des Jahres aus der Verpflegungsgemeinschaft ausscheiden( z. B. wegen Eintritts in den Militärdienst, den Arbeitsdienst, das Landjahr usw.), eigene Haushaltsnachweise beantragt werden. Von dieser Möglichkeit ist in allen Fällen Gebrauch zu machen, in denen mit einer Ünderung A-45im Laufe des Jahres zu rechnen ist, um die sonst erforderlich werdende Neuausstellung des Haushaltsnachweises für den Gesamthaushalt nach vorheriger Löschung in den betreffenden Kundenlisten zu vermeiden. Personen, die regelmäßig in mehreren Haushaltungen Teilbeköstigung erhalten, beantragen einen eigenen Haushaltsnachweis in dem Bezirf, in dem sie polizeilich gemeldet find. Sie dürfen infolgedessen in den Haushaltsnachweisen der Haushaltungen, in denen sie Teilverpflegung erhalten, nicht aufgeführt werden. ( 8) Der Haushaltsnachweis A für Butter ist bei den Verkaufsstellen abzugeben, bei denen Butter bezogen wird, der Haushaltsnachweis B für Schmalz, Speck, Lalg und Rohfett bei den Metzgereien oder Verkaufsstellen, bei denen diese Fette auf Kundenliste bezogen werden. Im Gegensatz zu dem bisherigen Verfahren behalten die Berkaufsstellen, die Mezgereien usw. die Haushaltsnachweise und geben als Empfangsbescheinigung für jeden abgegebenen Haushaltsnachweis 1938 einen Kundenausweis oder bestätigen, soweit feine Änderungen des Personenstandes eingetreten sind, auf den bereits ausgegebenen Kundenausweis den Empfang des Haushaltsnachweises 1938. Der Kundenausweis muß enthalten: Name und Anschrift des Haushaltsvorstandes, Personenzahl des Haushalts, Nummer der Kundenliste, Bezeichnung der Verkaufsstelle( Stempel) und Empfangsbescheinigung über den abgegebenen Haushaltsnachweis 1938. Die Fettverkaufsstellen sind gehalten, ab Januar 1938 in den Kundenlister nur soviel Personen zu führen, als auf den bei ihnen abgegebenen Haushaltsnachweisen vermerkt sind, und die Abgabe von Fett entsprechend zu regeln. Die Haushaltsnachweise 1937 verlieren mit der Ausstellung der neuen Haushaltsnachweise ihre Gültigkeit. Es liegt daher im Interesse jedes einzelnen Beziehers, die Haushaltsnachweise A und B rechtzeitig zu beantragen- f. 3iff.( 6) und bei den Bezugsstellen abzugeben, um dadurch seinen ungestörten Fettbezug sicherzustellen. Selbstversorger. ( 9) Selbstversorger, d. h. Haushaltungen, die mehr als 80 v. 5. ihres Fettverbrauchs vom Oftober 1936 aus eigener Wirtschaft oder anderen Quellen, als bei Verkaufsstellen, die eine Kundenliste führen, beziehen, erhalten teine Haushaltsnachweise und werden in die Kundenlisten nicht eingetragen. Teilfelbstversorger. ( 10) Teilselbstversorger, d. h. Haushaltungen, die weniger als 80 v. 5., aber mehr als 20 v. H. ihres Fettverbrauchs vom Oktober 1936 aus eigener Wirtschaft oder aus anderen Quellen als bei Berkaufsstellen, die eine Kundenliste führen, beziehen, erhalten Haushaltsnachweise mit dem Vermerk " Leilselbstversorger". ( 11) Selbstversorger und Teilselbstversorger müssen sich in ihrem Fettverbrauch derselben Beschränkung unterwerfen wie die anderen Bolfsgenossen. Anderungen im Haushalt. ( 12) Beim Ausscheiden der in den Haushaltsnachweisen aufgeführten Personen aus dem Haushalt und bei Anderungen in der Selbstversorgung sind unter Vorlegung geeigneter Nachweise neue Haushaltsnachweise zu beantragen. Beim Zugang einzelner Personen ist für diese die Ausstellung von besonderen eigenen Haushaltsnachweisen( s. 3iff. 7) zu beantragen. Ein neuer Haushaltsnachweis wird im übrigen nur ausgestellt, wenn der alte vorgelegt wird, aus dem hervorgehen muß, daß Löschung in den Kundenliften erfolgt ist, oder wenn nachgewiesen wird, daß für die in Zugang gekommenen Bersonen bisher ein Haushaltsnachweis nicht ausgestellt war( z. B. bei Entlassung aus dem Militärdienst, Arbeitsdienst usw.). Ist ein Haushaltsnachweis verlorengegangen, so wird ein neuer Nachweis nur ausgestellt, wenn durch Vorlage einer Bescheinigung der Lieferanten dargetan wird, daß der Haushalt in den Kundenlisten gestrichen ist. Anderungen und Berichtigungen auf den Haushaltsnachweisen dürfen nur von den zuständigen ftädtischen Wohlfahrts- und Jugendämtern vorgenommen werden. A-46Es wäre eine Uebertreibung, zu behaupten, dass das deutsche Volk hungere. Das Volk kann sich noch sattessen, aber der Mangel an wichtigen Nahrungsmitteln und vor allem die zunehmende Verschlechterung ihrer Qualität bewirken, dass der Ernährungsstandard stetig sinkt. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die Preise klettern langsam aber ständig in die Höhe. Die Bäckermeisterinnung für den Amtsbezirk Konstanz hat beschlossen, möglichst einheitliches Brot herzustellen. Ein Bäckermeister in W., der noch schönes Halbweissbrot erzeugt hatte, wurde angewiesen, dieses nun als Weissbrot zu verkaufen. Das bedeutet, dass die Käufer von einem Tag auf den anderen für den 3 Pfundlaib anstatt 56 nun 66 Pfg. bezahlen müssen. In einer Innungsversammlung wurde eine Verordnung angekündigt, wonach nur noch ein Einheitsbrot hergestellt werden darf. In der letzten Zeit wird auch sehr stark kontrolliert, dass kein frisches Roggenbrot verkauft wird. Mehl wird zur Zeit sehr stark gehamstert. Die Mühlen geben nur noch 10 Pfund auf einmal ab. Ebenso ist es jetzt sehr schwer, in den Mühlen Schweinefutter( Schrot) zu erhalten.Ich war selbst zugegen, als ein Mann, der einen Zentner Schrot in der Mühle holen wollte, nur 25 Pfund erhielt. Die Malzkaffee- Fabriken dürfen zur Zeit keinen Weizen rösten, auch Gerste darf nicht mehr geröstet werden. Ein Kaufmann, der bei seiner Lieferfirma Malzkaffee bestellte, erhiel einen Sack gerösteten Hafer zugestellt. 2. Bericht: Am empfindlichsten war gerade vor den Feiertagen der Mangel an allen Zutaten zum Backwerk. Wer unsere Hausfrauen kennt, der weiss, dass sie tiefunglücklich sind, wenn sie nicht ihre Weihnachts-" Guetsle" in ausreichender Menge backen können. Heuer aber fehlte es an allem. Das Mehl war so schwarz, dass man kaum Schwarzbrot davon machen konnte. Rosinen, Mandeln und sonstige Kolonialprodukte fehlten überhaupt. Wer nicht das Glück hatte, etwas Fett aufsparen zu können, der musste mit der lächerlichen Wochenration auskommen. Dazu verlockte dieses Fett seiner Qualität nach schon nicht zum Backe Butter und Eier waren sehr gesucht. Ueberhaupt kann man ohne Uebertreibung behaupten, dass beinahe alle Bedarfsartikel ständig an Qualität einbüssen. Beson ders auffällig war das in der letzten Zeit bei der Seife, die viel zu viel Soda und offenbar immer weniger Fett enthält.Bei den Lebensmitteln sind insbesondere die Teigwaren und der Wei. zengriess viel schlechter geworden. Besonders knapp war das Schweinefleisch, Rindfleisch dagegen gab es in ausreichender Menge, wobei auch gewisse Panikverkäufe angesichts der Maulund Klauenseuche eine Rolle gespielt haben dürften. Die Kehrseite dieser guten Versorgung werden wir ja bald zu spüren bekommen. A-47Bayern, 1.Bericht: Mangel zeigt sich zur Zeit besonders bei Butter, Mehl, Rosinen, Sultaninen, Nüssen usw. In Nürnberg war in den letzten 14 Tagen vor Weihnachten nirgends Butter zu bekommen, was grosse Unzufriedenheit hervorgerufen hat.In Augsburg konnte man Butter in beschränkten Mengen bekommen, in München ist die Butter in der letzten Weihnachtswoche vollständig ausgegangen. Es zeigt sich überhaupt, dass die Butterversorgung in den einzelnen Gebieten sehr verschieden ist. In Traunstein z. B. konnte man Butter in grösseren Mengen kaufen. Die für die Weihnachtsbäckereien notwendigen Gewürze und besonders Nüsse und Oel waren überall gleich schwer zu bekommen. In München konnte man Orangen und Mandarinen in keiner einzigen Auslage sehen. Auch das Obst, das in dieser Zeit aus dem Ausland einzutreffen pflegt, fehlte völlig. Orangeat und Zitronat waren nirgends zu bekommen, selbst an Zimmets tangen war Mangel. 2. Bericht: In Nürnberg war in den letzten Wochen Schweinefett wieder sehr reichlich zu haben. Dagegen war Butter sehr knapp. Das reichliche Angebot an Schweinefett dürfte hauptsächlich eine Folge der Maul- und Klauenseuche sein. Auch sonst ist Fleisch und Wurst wieder genügend zu haben. Anders dagegen scheint die Situation im Rheinland zu sein. Dorthin werden aus Bayern auch heute noch häufig Fleischsendungen geschickt, weil sich die Rheinländer darüber beklagen, dass ihr Schweinefleisch einen Fischgeschmack habe. Man führt das darauf zurück, dass die Schweine viel mit Fischmehl gefüttert werden. Aehnliche Erfahrungen hat man übrigens in den Nürnberger Arbeitervierteln mit dem Schweinefleisch gemacht. Bei uns in der Kleinstadt gibt es jetzt jugoslawisches Schweinefett. Dem deutschen Mehl sind Mais und Kleberweizen beigemischt. Es ist jetzt so schlecht geworden, dass man kaum damit backen kann. Nudeln kann man damit überhaupt nicht machen. Allerdings bekommen die Händler auch noch tschechisches Mehl, das sie dann an ihre gute Kundschaft weitergeben. Der Griess ist ganz rauh und grob und kann für kleine Kinder nicht mehr verwendet werden. Die mit dem 1. Januar angeordnete Neuregelung des Fettbezugs ist bei uns noch nicht durchgeführt. Ueberhaupt ist diese Regelung bei uns auf dem Land und in den kleinen Städten bisher nicht so streng gehandhabt worden, weil sich das in diesen Bezirken einfach nicht machen lässt. Die Bauern und auch die Kolonialwarengeschäfte verkaufen doch immer noch hintenherum, allerdings zu Ueberpreisen. So kostet z.B. Butter, die man beim Bauern für 1,- bis 1,10 RM kaufen kann, im Kolonialwarengeschäft 1,25 RM. Zurzeit sind auch auf dem Land Eier sehr knapp. Frische Eier kosten 11 Pfg. das Stück; noch grösser ist natürlich die Knappheit in den Grossstädten. Vor Weihnachten waren bei uns Haselnüsse, Mandeln usw. nicht zu haben. Die Leute wurden vertröstet, und es wurde ihnen angekündigt, dass rechtzeitig vor Weihnachten noch Lieferungen eintreffen würden. Das ist aber dann nicht eingetreten. Sehr A-48knapp sind auch Orangen und alle ausländischen Gewürze. Im ganzen ist festzustellen, dass sich die Leute an den Mangel gewöhnen. Manche merken ihn überhaupt schon. gar nicht mehr. Sachsen, 1.Bericht: In einer Reihe von Orten des Vogtlandes ist ein fühlbarer Mangel an Schweinen festzustellen. Hausschlachtungen, wie sie in früheren Jahren oft stattfanden, sind jetzt ausgeschlossen. Die Fleischer bekommen jetzt nur etwa die Hälfte der früheren Anzahl Schweine zugewiesen.Die Nachfrage nach Schweinefleisch und Speck kann bei weitem nicht befriedigt werden. In X. wurden die Gastwirte angehalten, weniger Schlachtfeste zu veranstalten, da man in dén Ankündigungen über Hausschlachtungen einen Anreiz zu grösserem Fleischverbrauch sieht. 2. Bericht: Margarine ist hier ohne Bezugsscheine nicht zu haben. Bezugsscheine bekommen wiederum nur die Minderbemittelten. Butter ist auch nicht immer zu haben. Der Mangel an bestimmten Lebensmitteln ist allgemein. Auch hier waren die Zutaten zum Stollenbacken sehr schwer zu bekommen. Die Geschäftsleute nutzen natürlich diese Knappheit zur Preistreiberei aus. Wer genügend Geld hatte, konnte hintenherum gegen gutes Geld die Mengen bekommen, die er haben wollte. Es ist zur üblichen Redensart geworden, dass, wer genug Geld hat, auch die angeblich knappen Waren in genügender Menge erhält. Der Arbeiter kann sich diesen teuren Spass nicht leisten und muss auf so manches verzichten, was sich die bessergestellten" Volksgenossen" mit leichter Mühe verschaffen können. In einigen Bäckereien hing vor Weihnachten ein Plakat mit folgendem Text aus:" Hausfrauen! Schützt Eure Stollen vor dem Verderb. Durch das Zusatzmehl halten sich die Stollen höchstens auf eine Dauer von drei Wochen." 3. Bericht: Kurz vor Weihnachten ist hier im Bezirk die Schweinepest ausgebrochen. Man gibt der Ernährung des Viehes mit den auf amtlichen Befehl gesammelten Abfällen die Schuld. Da wird alles mögliche hineingeworfen, auch ungeeignete und sogar schädliche Bestandteile. Durch diese Abfallsammlung wird auch Ungeziefer in Massen gezüchtet. Heute gibt es Ratten, wo man früher nie welche bemerkt hat. Das kommt daher, dass die Abfälle längere Zeit im Hofe oder vor dem Hause stehen. Aber auch die neue Angewohnheit, alle Dinge, welche irgendwie verwendet werden könnten, vor das Haus zu werfen und etliche Tage bis zur Abholung liegen zu lassen, züchtet das Ungeziefer.. 4. Bericht: Lebensmittelmangel in der Weise, dass die Leute nicht mehr genug zu essen haben, besteht bei uns nicht. Schlecht sind das Brot und das Mehl, wie man überhaupt, ohne zu übertreiben, sagen kann, dass die Qualität aller Lebensmittel schlechter geworden ist. Ständig knapp ist die billige Margarine, Eier, Butter und abwechselnd verschiedene Fleisch A-49sorten. Die Margarinefabrikanten machen mit dem Margarinemangel ein gutes finanzielles Geschäft. Wenn in einer Stadt schon recht viel gemurrt wird, gibt es wieder mal ein grösseres Quantum Margarine. So hat man jetzt auf den sächsischen Steinkohlengruben den Kumpeln pro Familie vier Pfund verbilligte Margarine gegeben. Dort ist die Verärgerung besonders gross, und die Nazis haben das am besten bei den Sammlungen für das WHW zu spüren bekommen. 5. Bericht: Die Grenze wird sehr scharf bewacht, um das Paschen( Schmuggeln) von Waren aus der Tschechoslowakei nach Deutschland zu verhindern. Obwohl eine ganze Anzahl Verhaftungen wegen Pascherei erfolgt sind und die verschärfte Grenzbewachung es fast unmöglich macht, die gepaschten Waren an Ort und Stelle zu bringen, wurde in einem Umfang geschmuggelt, wie schon seit Jahren nicht mehr. Nazis und Nichtnazis beteiligten sich daran und versuchten, einander beim Umgehen der Grenzkontrolle behilflich zu sein. Schlesien: In einer Mehl- und Getreidehandlung einer grossen oberschlesischen Stadt erzählten Frauen, dass sie sich bereits an den Tierschutzverein gewendet haben, um Kornfutter zu bekommen, denn sie könnten ihre Tauben und Hühner nicht mehr halten, weil es kein Futter gibt. Darauf erklärte der Händler, dass er ihnen leider auch nicht helfen könne. Wer jetzt noch solches Futter verwende, mache sich der Sabotage schuldig. Er sei verpflichtet, solche Fälle der Polizei zu melden, wolle aber schweigen, weil es ja keinen Zweck habe. Zu den Klagen über das schlechte Mehl und das" fliessende Brot" gesellen sich wachsende Klagen über Mangel an Fett und Schweinefleisch. In Hindenburg ist der Mangel so offensichtlich, dass an Verteilungstagen die Polizei vor den Fleischerläden Wachdienst ausübt, um Ausschreitungen zu verhüten. Auch in Beuthen hat der Fleisch- und Fettmangel noch nicht erlebte Formen angenommen. Die Fleischer laden jede Schuld auf die Zuteilungsstellen ab und erklären, dass die Rationen auf 50% der Mengen vom Oktober herabgesetzt worden seien. In den Städten ist die Zuteilung von Fett noch einigermassen erträglich, aber auf dem Lande gibt es oft nur zweimal im Monat auf Marken Fett und Speck. Die Fleischer führen noch" freie Ware", deren Preise für die Arbeiterschaft unerschwinglich sind. Fleischer, die Parteigenossen sind, werden bei der Zuteilung bevorzugt behandelt. In neuester Zeit ist auch hie und da Milchmangel zu verzeichnen. Eier sind kaum zu haben. Die Firma Maggi hat zur Zeit Schwierigkeiten mit der Fettbeschaffung. Die Firma bezieht grosse Mengen tierischer Fette aus Argentinien. Seit einiger Zeit ist die Devisenzuteilung derart knapp, dass mit einer starken Einschränkung des gesamten Betriebe gerechnet wird. Zur Zeit hilft sich die Firma noch damit, dass sie im Kompensationswege Fette hereinbringt. Sie kauft Kohlen in grossen Mengen auf, die sie nach Argentinien liefert und gegen Fett eintauscht. A-50Berlin, 1.Bericht: Das Brot ist jetzt ganz schlecht.Brote, die man früh einpackt, sind spätestens bis zum Mittag zerfallen. Das Zeug lässt sich auch nicht schneiden, es zerbröckelt einem unter der Hand." Wat heesst BVG?" fragt der Berliner. " Berliner Verkehrsgesellschaft? Denkste!- Brot von gestern is det." Die Butter lässt sich nicht streichen. Man kann sie noch so warm legen, sie bleibt hart, als wären 10 Grad Kälte, so dass man sie nur in dünnen Scheiben aufs Brot legen kann. Die Wurst ist verhältnismässig gut. Die Schlächter gehen immer mehr dazu über, gutes Fleisch, anstatt es zu den amtlichen Höchstpreisen zu verkaufen, zu Wurst zu verarbeiten. Dabei stehen sie sich besser. In Berlin ist die Butterverteilung nicht einheitlich. In den ausgesprochen proletarischen Vierteln gibt es mehr pro Kopf, weil man den Arbeitern beweisen will, dass" etwas für sie geschieht." Aber oft kann die Butter gar nicht verkauft werden, denn die Leute haben kein Geld, um sie zu kaufen und verlangen stattdessen Margarine oder andere billige Streichfette. In den besseren Vierteln wieder gibt es weniger Butter, aber die wirklich Besitzenden verschaffen sich von auswärts soviel sie haben wollen. Am schlechtesten sind also die kleinen Leute dran, die zufällig in den besseren Vierteln wohnen. Eier gibt es wochenlang gar nicht, dann sind sie plötzlich in grossen Mengen da, aber sie sind weder gut noch frisch. Hier hapert es also mit der Zwangswirtschaft. Die Magenerkrankungen nehmen in auffallender Weise zu. In unserem Betrieb fehlt fortgesetzt jemand und entschuldigt sich mit Magenbeschwerden. Sie sind aber wahrscheinlich weniger die Wirkung der Lebensmittelverschlechterung als die einer" Ersatzmittel- Psychose. 2.Bericht: Wie überall ist auch hier der Fett- und Buttermangel stark spürbar. Die Zuteilung für die einzelnen Stadtteile erfolgt nach Qualität und Quantität in bestimmter Reihenfolge abwechselnd. So kommt es, dass ein Stadtteil gut versorgt ist, ein anderer sehr schlecht. Es wird dann gewechselt, und in dem bisher schlecht versorgten Teil der Stadt bekommt man genügend Butter und in guter Qualität und die Stimmung der Hausfrauen hebt sich wieder. Berlin ist aufgeschnitten wie eine Torte; in einem Stadtteil gibt es Margarine, im Volksmund" Schmierseife", im anderen gibt es deutsche Markenbutter, " Flecktyphus" genannt, im dritten gibt es erstklassige dänische Butter. Nach zwei Wochen verschiebt sich die ganze Zuteilung, und die Torte wird anders aufgeschnitten. Rheinland Westfalen: Schweinefleisch ist wieder ausserordentlich knapp. Es gibt im freien Handel fast nichts. Die Metzger verarbeiten das wenige Fleisch, das sie bekommen, zu Wurst, weil sie an der Wurst mehr verdienen. Nun geht man mit strengen Betriebskontrollen gegen die Fleischer vor. Man will ein" angemessenes Verhältnis" herstellen zwischen Fleischmengan, die auf den Markt kommen und denen, die zu Wurst verarbeitet werden. So wird an der zu kurzen Decke hin- und hergezogen. Mehr Fleisch und Fett bekommt dadurch niemand. A-51Die Schlachtessen und das Verkaufen von Metzelsuppe in Restaurants sind untersagt worden. Es wird ausdrücklich gesagt, dass der Fleischverbrauch eingeschränkt werden soll, und dass deswegen jede besondere Anregung zum Fleischverbrauch untersagt werden muss. Das Schweinefleisch soll über den Ladentisch gehen und nicht von Gastwirten, die gleichzeitig Metzger sind, in den Wirtschaften verkauft werden. Ein Milchfachmann erklärte mir folgendes: Angeblich sichert der technisch besser gerüstete Molkereibetrieb eine reichere Auswertung der Voll- und Magermilch. Dass die Vollmilch besser ausgewertet wird als beim Bauern, das ist gewiss richtig. Dass aber darüber hinaus auch noch die Magermilch besser ausgewertet werden kann, das ist Unsinn. Denn wenn die Vollmilch besser ausgewertet werden kann, dann kann nicht die Magermilch noch besser ausgewertet werden, sondern dann muss eben die Magermilch noch magerer sein und die Qualität der Vollmilch wie der Magermilch und der Butter schlechter werden. Das ist auch tatsächlich der Fall. Der Butter wird bereits bis zu 25% Pflanzen- oder Walfett beigemischt, so dass sie auch schon fast Margarine ist. Diese Nahrungsmittel fälschung wird heute allerdings nicht bestraft, sondern derjenige, der am besten Nahrungsmittel fälschen kann, amtlich gelobt. So wird das Vertrauen zum Lebensmittelhandel langsam aber sicher untergraben. Denn am Ende macht das Publikum den Handel für alles verantwortlich. Ueberall werden neue Spezialgeschäfte für Fischverkauf gegründet. Besonders in den Kleinstädten und sogar auf dem Lande soll der Fischverbrauch kräftig gefördert werden. Eine ganz intensive Werbung für Fische hat eingesetzt. Der Fischförderungsdienst gibt Darlehen zur Gründung von Fischgeschäften. Es werden Kochkurse veranstaltet und die NSV bearbeitet die Hausfrauen. Wasserkante: Die Versorgung mit Lebensmitteln ist in Hamburg sehr verschieden. Eine Zeitlang waren Eier überhaupt nicht aufzutreiben. Dann gab es plötzlich Kühlhauseier, von denen jedoch nur eine bestimmte Anzahl an den einzelnen abgegeben werden durften. Die Qualität der Butter ist denkbar schlecht. Es hat den Anschein, als ob die Butter zum Strecken mit Talg oder irgend einem anderen Fett vermengt wird. Margarine ist in guter Qualität überhaupt nicht zu haben. Soweit vorhanden, ist sie selbst zum Braten fast unbrauchbar. A- 52IV Das Winterhilfswerk === Der Propagandaaufwand, mit dem das Winterhilfswerk in Szene gesetzt wird, steigert sich von Jahr zu Jahr. Es zeigt sich aber, dass die Wirkung dieser Propaganda ihre Grenzen hat. Eine Zeit lang geht alles gut, die Propaganda tut ihre Wirkung, das grosse Werk der Volksgemeinschaft" erscheint als lobenswerte Leistung des Regimes. Allmählich aber wird das Volk des ewigen Sammelns und Spendens überdrüssig und schliesslich tritt an die Stelle der Anerkennung Unwille und Ablehnung. Der Propagandaapparat versucht durch verdoppelte Anstrengung dem Stimmungsverfall entgegenzuwirken, aber er erregt damit keine Aufmerksamkeit mehr, sondern nur vermehrten Aerger. " Die Winterhilfsspende ist heute praktisch zu einer Zwangsabgabe geworden, der sich niemand entziehen kann. Wohl ist es möglich, kleinere Sonderleistungen abzulehnen und das geschieht in wachsendem Masse- aber die Hauptbeiträge werden teils von Lohn und Gehalt abgezogen, teils unter Drohungen in den Häusern einkassiert. Die Sammler bekommen immer häufiger die Frage zu hören, warum diese Zwangs spenden nicht längst durch eine reguläre Steuer ersetzt worden sind. Adolf Hitler hat bei der Eröffnung des fünften Winterhilfswerkes in der Deutschlandhalle Berlin am 5. Oktober 1937 eine Antwort gegeben: " Wenn der Einwand erhoben wird:" Warum lassen sie nicht durch eine besondere Steuer diese notwendigen Summen einbringen?" dann möchte ich Ihnen erklären, weshalb wir diesen Weg nicht gegangen sind. Gewiss würde er viel einfacher und für unzählige Menschen viel weniger beschwerlich sein, allein er würde gerade das vermissen lassen, was wir durch das Winterhilfswerk mit erreichen wollen, die Erziehung zur deutschen Volksgemeinschaft!" Der wahre Grund ist: mit einer neuen Steuer kann man keine Propaganda machen, mit ihrer Eintreibung kann man nicht die Parteiorganisationen betreuen. Eine Steuer kann man aber auch nicht so unsozial gestalten, wie die Belastung durch die Sammlungen verteilt ist. A- 53Die Rechenschaftslegung des WHW, von jeher nur summerisch und ohne jede Möglichkeit der Nachprüfung gehandhabt, wird von Jahr zu Jahr dürftiger. Dr. Goebbels hat in seiner Eröffnungsrede zum WHW 1937/38, die der Ansprache Hitlers folgte, bekanntgegeben, die Arbeit des WHW werde sich" mit dem Fortschreiten der wirtschaftlichen Gesundung allmählich auch etwas verlagern". Diese Verlagerung geht in der Weise vor sich, dass grosse Summen aus dem WHW nicht für die Winterhilfe, sondern für die ständige Wohlfahrtsarbeit, vor allem der NSV, verwendet werden. Als wir( in Heft 5/1937, Seite A 128 ff) über das Winterhilfswerk 1936/37 berichteten, lag der sogenannte Rechenschaftsbericht noch nicht vor. Er wurde erst im Oktober 1937-ein halbes Jahr nach dem Abschluss- erteilt und enthüllte die Tatsache, dass mehr als 25% der im Winter 1936/37 gesammelten Gelder für" Sonderaufwendungen" ausgegeben wurden. Die offiziellen Angaben lauteten: An Spenden wurden verteilt 321.842.981,66 RM die Sonderaufwendungen betrugen: Hilfswerk" Mutter und Kind"( NSV) Reichsmütterdienst Deutsches Rotes Kreuz 54.597.469,88 RM 5.000.000,00 RM 5.000.000,00 RM Verbände und Organisationen der Wohlfahrtspflege 11.500.000,00 RM Tuberkulosehilfswerk( NSV) insgesamt für Aufwendungen 3.000.000,00 RM 79.097.469,88 RM Unkosten 7.382.688,50 RM Leistung 408.323.140,04 RM Barvortrag f.d. WHW 37/38. 14.450.591,27 RM Gesamtverwendung der eingegangenen Gelder also 422.775,731,31 RM Selbst wenn man diese Ziffern mit grösser Reserve aufnimmt, erscheinen sie aufschlussreich. Die NSV nämlich, die reichlich fünfmal soviel erhalten hat wie alle anderen Verbände-Caritas, Innere Mission usw.- zusammengenommen, veranstaltet im Sommer eigene Sammlungen, während die konfessionellen Organisationen dem generellen Sammelverbot unterworfen sind. Die NSV kassiert darüber hinaus Beiträge von rund 6 1/2 Millionen Mitgliedern, A- 54die während der Dauer des Winterhilfswerks nicht ermässigt werden, und erhält den Löwenanteil jener Gelder, die von Staat und Gemeinden für die freiwillige Wohlfahrtspflege ausgesetzt sind. Da die NSV genau wie die Winterhilfe ein reines Parteiunternehmen ist, fliessen die" Sonderaufwendungen des WHW aus einer Parteikasse in die andere. Auch der Personenkreis der hauptamtlich tätigen" Helfer", das heisst der bezahlten Angestellten, ist für WHW und NSV annähernd der gleiche. Die Gehälter, die das WHW bei seiner Abrechnung in die" Unkosten" einbezieht, ohne eine getrennte Summe zu nennen, werden also zu einem grossen Teil von der NSV bezahlt. Das Durcheinander von NSV-, WHW-, Staats- und Parteigeldern ist derart, dass die" Rechenschaftsberichte" bestenfalls einen Propagandawert haben. Dass die Bevölkerung sich über die Zustände im klaren ist und allen Angaben der WHW mit grösstem Misstrauen begegnet, beweisen die folgenden Berichte: Rheinland- Westfalen: Alle Leute fragen, wo das gesammelte Geld bleibt. Es wird neuerdings sehr viel darüber geredet, dass die verschiedenen Organisationen ihre Gelder ohne Kontrolle verwirtschaften. Südwestdeutschland: In Baden glaubt kein Mensch mehr an die Summen, die als Sammelergebnis des WHW bekanntgegeben werden. Die Leute sagen ganz ungeschminkt, dass ja jede Kontrolle und Abrechnung fehle. Vor zwei Jahren noch wurden jeweils nach den verschiedenen Sammlungen die besonders guten Resultate aus einzelnen Dörfern in den Zeitungen bekanntgegeben. Schon letztes Jahr hörte das auf. Die Resultate wurden nur noch für Bezirke und Kreise veröffentlicht. Dieses Jahr fällt auch das weg, und nur noch das Gesamtresultat der Länder ist in der Presse verzeichnet. Das macht die Leute misstrauisch und man nimmt allgemein an, dass erfundene Summen angegeben werden, um damit im Ausland Eindruck zu machen. Bei den" Brotsammlungen" soll jetzt kein Brot mehr gespendet werden, sondern Geld für die Anschaffung von Brot. Nun hört man überall die Ansicht, dass es anscheinend nicht darauf ankomme, den Bedürftigen Brot zu beschaffen, sondern darauf, dass die WHW- Bonzen möglichst viel Geld in die Hand bekommen. Berlin: Skandalös sind die Abrechnungsmethoden des WHW. Aber es regt sich eigentlich kein Mensch mehr darüber auf. Man nimmt es als unabänderliche Tatsache hin, dass das WHW eben kein Hilfswerk für die Bedürftigen ist, sondern dass die Gelder für die Rüstung verbraucht werden. Alle Leute sind da園 A- 550 von überzeugt und niemand gibt sich mehr Mühe, seine Auffassung zu verheimlichen. Das WHW tut auch nichts, um diese Ueberzeugung zu erschüttern. Seine Leistungen werden von Jahr zu Jahr schlechter. Sachsen: Es braucht wohl kaum mehr besonders betont zu werden, dass im allgemeinen das WHW mehr als kritisch beurteilt wird. In diesem Jahre erregt es besonderes Misstrauen, dass bis jetzt fast keine Geldunterstützungen ausgezahlt wurden, sondern nur Sachspenden zur Verteilung kamen. Von den gesammelten Geldern werden die Sachspenden offenbar nicht gekauft, denn man erfährt nirgends, dass Aufträge vom WHW vergeben würden. Man ist vielmehr der Auffassung, dass die verteilten Sachen nur den gespendeten Naturalien entstammen. Jeder ist überzeugt, dass der grösste Teil der Gelder in die Rüstungsindustrie wandert. Auch weiss man, dass vieles in den Händen der Bonzen" kleben" bleibt. Ausserdem ist die Betreuung durch das WHW recht unterschiedlich. Wer sich gut anzubiedern versteht, bekommt mehr als derjenige, der nicht zu betteln versteht. Den Propagandawert, den das WHW in den ersten zwei Jahren für das Regime hatte, hat es längst nicht mehr, die Leute haben sich daran gewöhnt und glauben nichts mehr. Schlesien: Während der Arbeitspause in einem kleinen Betrieb stellte eine Frau an einen SS- Mann, der ebenfalls im Betrieb beschäftigt ist, die Frage:" Sag mal, warum müssen wir noch mehr opfern als im vorigen Jahr? Wenn es keine Arbeitslosen mehr gibt, warum baut ihr nicht die Stempelstellen ab und spart die hohen Gehälter der Beamten? Und was geschieht nun eigentlich mit dem vielen Geld, das von der Winterhilfe gesammelt wird?" Der SS- Mann war für den Augenblick verblüfft, dann meinte er aber:" Es ist traurig, dass es immer noch Deutsche gibt, die fragen, was mit dem Geld der Winterhilfe geschieht. Du musst doch wissen, dass nicht nur in Deutschland Deutsche wohnen, sondern auch in anderen Ländern und gleich jenseits der Grenze. Dort muss doch auch geholfen werden und die Propaganda dort kostet doch auch Geld." Einer rief ihm zu: " Die Sudetendeutschen spenden selber für die Winterhilfe; das wird doch immer wieder im Radio bekannt gemacht." Der SSMann liess diesen Einwurf unbeantwortet und ging an seine Arbeit. Im folgenden geben wir einen Ueberblick über den bisherigen Verlauf des Winterhilfswerkes 1937/38. Abschliessendes kann natürlich erst zu einem späteren Zeitpunkt gesagt werden. A- 561) Die Einnahmen des WHW a) Zwangsbeiträge und Geldsammlungen Von allen Festbesoldeten erhebt das WHW eine Abgabe, die regelmässig bei der Lohn- oder Gehaltszahlung einbehalten wird und sich von anderen Steuern nur dadurch unterscheidet, dass sie nicht in die Staats-, sondern in die Parteikasse fliesst. Der vorgeschriebene Satz beträgt 10 v.H. der Lohnsteuer. In manchen Betrieben werden die Belegschaften aber zu" freiwilligen" Mehrleistungen veranlasst. Die monatliche Mindestzahlung ist 25 Pfg. Sie wird auch von solchen Lohn- und Gehaltsempfängern gefordert, die wegen ihres geringen Einkommens nicht zur Lohnsteuer herangezogen werden. Von Gewerbetreibenden und Angehörigen freier Berufe wird erwartet, dass sie monatlich 1 v.H. des für 1936 veranlagten Einkommensteuerbetrages an das WHW entrichten. Diese Abgabe wird gewöhnlich in den Häusern oder Büros kassiert. Als Quittung und Kontrollmarke dient die Türplakette, die für den Preis von 50 Prg. abgegeben wird, allmonatlich ein anderes Bild trägt und an den Türen aller WHW- Steuerzahler anzubringen ist. Ursprünglich sollte diese Plakette den Inhaber von den Haussammlungen befreien. Aber dieser Zweck ist im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten und es wagt für gewöhnlich niemand, sich unter Berufung auf die Türplakette von Spenden auszuschliessen. Während der WHW- Steuerabzug 1936 häufig erst im November vorgenommen wurde, galt diesmal der Oktober als erster WHW- Monat. Im Dezember wurden alle Säumigen durch die Presse aufgefordert, " den Oktoberabzug baldigst noch nachträglich vornehmen zu lassen". Es ist mehrfach vorgekommen, dass Gehaltsempfänger, die den 10% igen Abzug von der Lohnsteuer nicht gelten lassen wollten, entlassen wurden. Das Reichsarbeitsgericht hat eine solche Entlassung mit Urteil vom 27. Oktober 1937( 132/37) für berechtigt erklärt. A- 60Aus den folgenden Berichten geht hervor, dass der Lohnabzug in den Betrieben rücksichtslos durchgeführt wird: Norddeutschland: In den meisten Betrieben wurde der Belegschaft einfach bekanntgegeben, dass ab 1. Oktober ein Betrag für das WHW von den Löhnen und Gehältern abgezogen werde. Es wagte für gewöhnlich niemand, Einspruch zu erheben. In einem grossen Metallbetrieb erschien am Schwarzen Brett nachstehende Werksbekanntmachung: Zum Aushang! den 15. Oktober 1937 Werksbekanntmachung Nr. 7 Winterhilfswerk des deutschen Volkes 1937/38 Wiederum steht der Winter vor der Tür. Das Winterhilfswerk des deutschen Volkes 1937/38, das am 5. Oktober durch den Führer eröffnet wurde, nimmt erneut den Kampf auf gegen Hunger und Kälte. Die Betriebsführung erwartet im Einvernehmen mit den Vertrauensräten, daß sich alle Arbeitskameraden in die Front des großen sozialen Gemeinschaftswerkes einreihen, und daß jedes einzelne in der Betriebsgemeinschaft der Deutschen Werke stehende Gefolgschaftsmitglied die Beiträge zur Verfügung stellt, die zur Erlangung der WHW.- Plakette festgesetzt sind. Der Vereinfachung halber werden daher vom 1. Oktober ab die entsprechenden Beträge von den Lohn- und Gehaltsbezügen aller Arbeitskameraden einbehalten und an das WHW. abgeführt werden. Alle Gefolgschaftsmitglieder, welche glauben, sich mit einer solchen Spende an dem WHW. nicht einverstanden erklären zu können, werden ersucht, dieses ihrer Lohn- und Gehaltszahlungsstelle sofort mitzuteilen. Nur durch Zusammenstehen aller Mitglieder einer Gemeinschaft können große Gemeinschaftsaufgaben erfüllt werden. Der Betriebsführer Berlin: In diesem Winter sind die Beiträge für die Winterhilfe erstmalig rigoros abgezogen worden. Widerstand gab es da- gegen nicht, denn Verweigerung der Zahlung wurde als Entlassungsgrund betrachtet. Noch im Jahre 1936 wurde bei uns z. B. nur die WHW- Liste im Betrieb herumgereicht. Einige zeichneten sich ein, die Mehrzahl lehnte ab. Als die Zaghaften dann sahen, dass man auch ablehnen konnte, liessen sie sich rasch die Liste nochmals geben und strichen ihren Namen und ihre Zahlung wieder durch, so dass die Sammlung bei uns keinerlei Erfolg hatte. Trotzdem geschah nichts, wir sind im vorigen A- 58Jahre so durchgekommen. In diesem Jahr war es anders. Am Schwarzen Brett erschien ein Anschlag von der NSV, dass der Betrag vom Lohn abgezogen werde, und dabei blieb es. Keiner hat gewagt, sich zu sträuben, obwohl natürlich jeder gemurrt hat. Sachsen: Den Arbeitern, Angestellten und Beamten ist durch eine Betriebsbekanntmachung mitgeteilt worden, dass ihnen wieder ein Betrag in Höhe von 10% der Lohnsteuer abgezogen werde. Wer etwas dagegen habe, solle seinen Einspruch im Lohnbüro geltend machen. Diesem Sammelterror kann sich natürlich niemand entziehen. Den infolge ihres geringen Verdienstes von der Lohnsteuer Befreiten wurde in den vergangenen Jahren nahegelegt, wenigstens 25 Pfg. freiwillig abzuführen. In diesem Jahr wird auch ihnen dieser Betrag gleich vom Lohn einbehalten. In einem mittleren Betrieb in Z. erfolgte der Abzug für das Winterhilfswerk bereits am 15. September, während das WHW offiziell doch erst am 1. Oktober beginnt. Schon zum Abschluss des vorigen WHW musste am 15. April nochmals gespendet werden. Auf diese Weise wurde also die Sammelperiode um einen ganzen Monat verlängert. Die Belegschaft konnte dagegen nichts tun, weil die Beträge vom Lohn abgezogen wurden. In den Textilbetrieben in X. wurde bei den Betriebsappellen verkündet, dass die Spende" freiwillig" sei; doch wenn einer sich weigern sollte zu zahlen, so würde man den anderen Belegschaftsmitgliedern solange den doppelten Satz abziehen, bis sie den Nichtzahlenden klar gemacht hätten, wie man sich der Volksgemeinschaft gegenüber zu benehmen habe. Natürlich hat niemand versucht, die Zahlung zu verweigern. Schlesien: Jedes Unternehmen muss 10% des Lohnsteuersatzes für sich und die bei ihm Beschäftigten zwangsweise an das Winterhilfswerk abführen. Wer städtische oder staatliche Lieferungen hat, muss eine grössere Summe" freiwillig" abführen, sonst bekommt er keine Aufträge mehr. Ein mir bekannter Kohlenhändler, der Lieferungen für die DAF hat, musste 1.000 RM spenden, sonst hätte man ihm die Aufträge entzogen. Häufig zwingt man die Arbeiter, neben den Abzügen weitere Sonderspenden zu leisten. Bayern, 1.Bericht: Den Arbeitern wird nicht nur die Winterhilfe vom Lohn abgezogen, sondern auch bei der Lohnauszahlung wird noch einmal gesammelt. Deshalb hat man es z. B. in unserer Fabrik untersagt, dass die Familienväter ihre Kinder zur Lohnabholung schicken. 2. Bericht: In den Betrieben beginnen die Sonntagssammlungen jetzt schon am Samstag vormittag bei der Lohnauszahlung. So erreicht man, dass die Zeichen auch von denen gekauft werden müssen, die sich am Sonntag nicht auf die Strasse begeben. A- 59Sachsen, 1. Bericht: In den meisten Dresdner Betrieben lagen in der Lohntüte jeweils die neuesten Abzeichen des WHW, z. B. Büchelchen mit Führerbildern. Die 20 Pfg. dafür wurden gleich abgezogen. 2. Bericht: In den Bezirken Y. und Z. mussten Anfang Dezember 1937 die Arbeiter in den Betrieben eine Ueberstunde leisten, die ihnen nicht bezahlt wurde. Das war" das Weihnachtsgeschenk der Betriebe an das WHW" und so entstanden die" hochherzigen" Schenkungen der Betriebsführer. Zieht man in Betracht, dass die Stundenlöhne in den Betrieben zwischen 40 und 57 Pfg. liegen, also im Durchschnitt 50 Pfg. betragen, so kann man ermessen, welche Beträge den Arbeitern auf diesem Wege durch Terrormassnahmen des WHW und der Betriebsleitungen" weggesteuert" werden. Der Ruhm des Schenkens fällt allerdings nicht ihnen, sondern den Unternehmern zu. 3. Bericht: In einem grösseren Bekleidungsbetrieb der Oberlausitz war einem Teil der Belegschaft die tariflich zugesicherte Urlaubsentschädigung verweigert worden. Die Arbeitsfront erwirkte eine Nachzahlung von einigen hundert Mark, zwang aber die an der Summe beteiligten Werksangehörigen, von dem Betrag, der ihnen rechtsmässig zustand, 25 v.H. an die Winterhilfe abzuführen. Norddeutschland: Die WHW- Abzeichen wurden regelmässig in den Betrieben verkauft, obgleich es sich nach den offiziellen Bekanntmachungen um" Strassensammlungen" handelt. Welcher Druck dabei auf die Belegschaft ausgeübt wird, geht aus der auf Seite A 60 wiedergegebenen Werksbekanntmachung eines grossen Metallbetriebes hervor. Berlin: Alle Betriebsinhaber in Berlin, auch die kleinsten Firmeninhaber, erhielten zu Beginn des WHW Formulare und soviele Winterhilfsabzeichen zugesandt, wie Personen im Betrieb beschäftigt sind. Viele der Firmeninhaber sandten die Formulare und Abzeichen wieder zurück, da die Gefolgschaften sich weigerten, die Abzeichen zu kaufen und zu tragen. Einen Monat später erhielten dieselben Betriebsinhaber dieselbe Anzahl der Abzeichen mit dem Bemerken zugesandt, dass jeder Beschäftigte verpflichtet sei, ein Winterhilfsabzeichen zu kaufen. Rheinland- Westfalen: In der... fabrik in München- Gladbach hat man bei der WHW- Sammlung gemeinsten Terror angewendet. Die Arbeiterinnen mussten rottenweise antreten. Sie wurden in den Speiseraum geführt und hier mussten sie zahlen. Jede hatte ein Büchelchen für 20 Pfg. zu kaufen. Das gleiche wird auch aus anderen Werken gemeldet. Die Geldsammlungen haben in diesen Winter gegenüber den Vorjahren an Zahl und Gründlichkeit zugenommen. Auch sie gewinnen Zum Aushang! A- 60 Werksbekanntmachung but 13. Oktober 1937 Betriebssammlung für das Winterhilfswerk 1937/38 Der große Erfolg, den die Deutsche Arbeitsfront bei ihren bisherigen Sammlungen für das Winterhilfswerk zu verzeichnen hatte, ist auch diesmal der Grund, die erste Straßen- und Betriebssammlung des Winterhilfswerkes 1937/38 der Deutschen Arbeitsfront zu übertragen. Durch die freiwillige Mitarbeit aller Betriebs- und Büroleiter usw. muß es gelingen, die unserer Ortsgruppe zum Verkauf aufgetragenen 11000 Buchabzeichen umzusehen. Wir hoffen, daß sämtliche Betriebs-, Büroleiter und DAF- Walter durch persönliche aktive Beteiligung an der Sammlung das Winterhilfswerk tatkräftig unterstützen. Es gereicht unserem Werke zur Ehre, wenn alle Abzeichen restlos abgesezt werden. Die Sammelbüchsen und Abzeichen gelangen bereits am Freitag, dem 15. Oktober d. Js., durch die Vertrauensmänner an die Sammler zur Verteilung. Die Rückgabe der Büchsen an die Vertrauensmänner hat nach erfolgter Sammlung bis Sonnabend, dem 16. Oktober 1937, mittags 12 Uhr, zu geschehen. Allen Helfern sprechen wir schon heute den Dank der Betriebsführung aus und erwarten, daß die Sammlung in erster Linie in der Frühstückspause stattfindet. Die Betriebsobmänner Der Betriebsführer immer mehr den Charakter der Zwangseintreibung. Sechs Reichsstrassensammlungen sind für das fünfte WHW vorgesehen, von denen beim Abschluss dieses Berichts bereits vier durchgeführt worden sind: 16./17. Oktober: 1. Reichsstrassensammlung( Sammler: Männer der DAF) 6./7. November: 2. Reichsstrassensammlung( Sammler: SA, SS, NSKK) 4. Dezember: Tag der nationalen Solidarität 17./18./19.Dezember: 3. Reichsstrassensammlung( Sammler: HJ, BAM.) 5./6. Februar: 5./6. März: 26./27. März: A- 614. Reichsstrassensammlung( Sammler: SA, SS, NSKK) 5. Reichsstrassensammlung( Männer der DAF) 6. Reichsstrassensammlung( Sammler: SA, SS, NSKK) Der Januar 1938 ist den Gaustrassensammlungen vorbehalten. An jedem zweiten Sonntag im Monat ist" Eintopfsonntag", also ein Tag der Haussammlungen. Am 30. Dezember 1937 setzte der Verkauf von Losen aus der Winterhilfslotterie ein, die nun bis zum Ziehungstag der Prämien( am 30. März 1938) als Dauerbettedurch die" grauen lei organisiert ist. Der Vertrieb der Lose Glücksmänner" ist auf öffentlichen Strassen und Plätzen, in Gast- und Vergnügungsstätten, bei Versammlungen usw. zugelassen- also überall da, wo grössere Menschenmengen zu finden sind. Da die Gewinne auf den Losen bekanntgegeben sind und kleine Summen sofort ausgezahlt werden, trägt diese Sammlung den Charakter des Glücksspiels und übt gerade auf die ärmeren Schichten eine gefährliche Lockung aus. Auch die sogenannte Neujahrsbitte, eine alljährlich wiederkehrende Sonderspende, wird durch Gewinnausstattung unterstützt. Auf den Listen der Neujahrsbitte konnte neben dem Spendenbetrag eine Schätzung des Gauergebnisses eingetragen werden. Wer mit seiner Schätzung dem Ergebnis. nahe kam, hatte Aussicht, einen der von verschiedenen Firmen" gestifteten" Preise zu gewinnen: Staubsauger, Gaskocher, Möbel, Wäsche, Photoapparate, Führerbilder usw. Die Namen der Preisträger wurden durch Rundfunk und Presse bekanntgegeben. Neben diesen im ganzen Reich oder in den einzelnen Gauen durchgeführten Aktionen werden allerorten zahlreiche Sondermassnahmen verfügt und vielerlei lokale Sammlungen veranstaltet. Wir nennen nur die" Wunschkonzerte" der einzelnen Sender und Konzertkapellen, die Wohltätigkeitsveranstaltungen aller Art-Vorführungen, Sportfeste, Ausstellungen, Gabenlotterien usw.- und die in vielen Orten errichteten übermannshohen Sammelbüchsen, die mit allerlei figürlichen Darstellungen, zum Teil auch mit Lichtreklame ausgerüstet sind. A- 62 In diesem Winter spielte der" Tag der Wehrmacht" eine besondere Rolle, der von den einzelnen Truppenteilen mit verschiedenem Datum, aber unter einheitlicher Parole veranstaltet wurde. Mit der Sammelaktion für das WHW verbindet sich hier die Propaganda für den" Wehrgedanken". Wir veröffentlichen dazu folgenden Bericht: Sachsen: Stärker als in den Vorjahren tritt diesmal die WHW- Aktion der Wehrmacht in Erscheinung. Auch in Z. sammelte die Wehrmacht am 9. Januar für das WHW. Wer Lust hatte, konnte im Kæernenhof einen markierten Angriff und eine Nahkampfübung beobachten. Die Zuschauer wurden in Sammeltransporten zur Kaserne gefahren. Im Kasernenhof war ein regelrechter Schützengraben ausgeworfen worden. Ausserdem war Scharfschiessen mit Militärgewehren, an dem sich die Zivilisten beteiligen konnten. Mittagessen war zum Preise von 50 Pfg. auf dem Kasernenhof zu haben. Das Schauspiel musste natürlich gut bezahlt werden. Wenn auch kein fester Mindestsatz vorgeschrieben war, so erwartete man doch, dass mehr als bei ähnlichen WHW- Aktionen gegeben würde. Soldaten und andere Heeresangehörige sammelten an dem Tage in allen Strassen der Stadt. So und ähnlich wurden die Veranstaltungen überall aufgezogen. Mancherorts wurde dem Publikum noch mehr Gelegenheit zu allerlei soldatischen Uebungen gegeben: Maschinengewehr- Schiessen, Gebrauch der Gasmaske mit Vergasung, Handgranatenwerfen usw. Die Eisenbahnen, Omnibusse und Strassenbahnen erheben überall Zuschläge zugunsten der Winterhilfe. Die Reichspost gab neun Sonderbriefmarken im Werte von 3 bis 40 Pfg. heraus, auf deren Nennwert ein Zuschlag erhoben wurde, so dass z. B. die 3- PfennigMarke 5 Pfg. kostete, die 6- Pfg.-Marke 10 Pfg., die 40- Pfg.- Marke 75 Pfg. In den Grossstädten veranstaltete die Reichspost " Tage der Briefmarke", an denen Sonderpostämter errichtet und Sonderstempel verwendet wurden. 1 Bei den Strassensammlungen wurden ú.a. folgende Abzeichen verkauft: fünf verschiedene Bildheftchen in der Form kleiner Taschenkalender mit je 28 Phot graphien Adolf Hitlers, zwölf verschiedene Leichtmetallplaketten, mit Halbedelsteinen besetzt, Holzfiguren, Webeabzeichen in Wappenform, Porzellanfiguren, Blumen aus Kunstharzstoff. Bei allen Abzeichen handelt es sich um Serien; man spekuliert damit auf diejenigen, die alle Abzeichen -63des WHW sammeln. In den Aufrufen wird betont, dass alle Abzeichen aus heimischen Rohstoffen hergestellt seien und dass ihre Anfertigung verschiedenen Industrien Hilfe bringe. Die Praxis hat allerdings oft anders ausgesehen. So wird uns z. B. berichtet: Sachsen: Als erstes Abzeichen für den Strassen- und Hausverkauf wurden kleine Büchlein vertrieben, die Bilder des Führers enthalten. Durch die Herstellung dieser Abzeichen sollte dem darniederliegenden graphischen Gewerbe in Leipzig geholfen werden. Mit dem Druck der Büchlein würde die Firma Brandstetter beauftragt. Das Heften und Fertigmachen erfolgte in mehreren Grossbuchbindereien. Die Mittel- und Kleinbetriebe gingen leer aus. Als Sammelergebnis werden alljährlich steigende Zahlen genannt. Um das zu verstehen, muss man einiges über die angewandten Sammelmethoden wissen. Der" Tag der Nationalen Solidarität", an dem im ganzen Reich prominente Persönlichkeiten der Politik, des Wirtschaftslebens und der Kunst auf den Strassen sammelten, erbrachte lt. amtlicher Bekanntmachung 35,2 v.H. mehr als im Vorjahr- 7.655.476,49 RM gegen 5.662.279,19 RM. Wir erhalten dazu folgende Berichte: Bayern: Die Sammelaktion am Tag der Solidarität hat in diesem Jahr noch höhere Beträge ergeben als im Vorjahre. Wie dass ist das zu erklären, wenn die Meldungen richtig sind, die Gebefreudigkeit in diesem Jahr sehr nachgelassen hat? Wir sind dieser Sache nachgegangen und haben dabei eine ganz interessante Feststellung gemacht: In den Grossbetrieben Augsburgs werden die Spenden für die Winterhilfe vom Lohn abgezogen. In den Zeitungen wurden bisher diese Beträge immer veröffentlicht. In diesem Jahre war plötzlich nichts mehr zu lesen. Wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen, sind die von den Betrieben abgeführten Beträge gesammelt und erst am Tage der Solidarität" an die Zentralen abgeliefert worden. Dadurch kam an diesem Tag eine viel höhere Summe zusammen. Im Volke aber merkt man diesen Betrug nicht. Sachsen: Dass die Spendensumme am" Tag der Solidarität" im Ganzen so gross war, hat einen besonderen Grund. An diesem Tage haben die Betriebe ihre eigenen Spenden dem Semmelwerk zugeführt. Die nachstehenden Berichte aus verschiedenen Landesteilen schildern die Werbung und den Sammelterror, der sich wiederum in den Betrieben besonders bemerkbar macht. A- 64Rheinland- Westfalen: Am Niederrhein ist man beim Eintopfsonntag vom Quittungssystem zum Listensystem übergegangen. Jeder soll jetzt sehen, was die vor ihm Eingetragenen gegeben haben. Alle Leute schimpfen über die Raffiniertheit, mit der vorgegangen wird. Bei einem Mann z. B., der mit Frau und zwei Kindern nur ein Monatseinkommen hat, das gerade zum Leben reicht, wollte man sammeln. Der Mann verwies darauf, dass er bei diesem Einkommen nicht zahlen könne. Er wurde furchtbar abgekanzelt. Als er später Unterstützung beim WHW beantragte, wurde ihm bedeutet, dass er mit seinem Einkommen den Richtsatz von 104,- RM überschritten habe und deshalb nicht berücksichtigt werden könne. Im Vorjahre hatte er noch Kohlen, Kartoffeln und Kleidungsstücke für die Kinder bekommen. Das Publikum liebt die Eintopfsonntage nicht. Deshalb hat man in diesem Jahre eine Art Werbeessen für den Eintopfsonntag veranstaltet. D. h. in verschiedenen Orten rückte die SS mit der Gulaschkanone an und verabfolgte Essen gegen Bezahlung. Es kamen meist nur ein paar junge Leute, die sich ein Gaudi aus der Sache machten. In den Fabriken war es dasselbe. Im ganzen Gau Köln- Aachen beteiligten sich nach den eigenen Angaben der NSV nur 6.000 Arbeiter an dem sogenannten gemeinsamen Eintopfessen in den Fabriken. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Die bisherigen" Grosskundgebungen", die sich mit dem Thema beschäftigten:" Ein Volk hilft sich selbst!" waren voll besucht, weil alle Formationen antreten mussten. Für die sonstigen Vereine, wie die der Gastwirte, Kleinhändler usw., hat man folgendes Rezept: Ist eine Kundgebung angesagt, so erscheint der Vereinsdiener des betreffenden Vereins und bringt jedem Mitglied eine auf den Namen lautende Einladung. Diese Einladung muss beim Eingang abgegeben werden, und nachträglich wird von den Vorständen geprüft, wer nicht erschienen ist. Auch die Handwerker werden von den Innungsvor ständen mit einer solchen persönlichen Einladung in die Kundgebungen gepresst. Der Verkauf der Abzeichen für das WHW wird wie folgt durchgeführt. Jeder Helfer der schon im Voraus hierzu bestimmten Formationen und Vereine erhält fünf bis zehn Abzeichen. Zurückgenommen wird keines. Sie müssen einfach verkauft werden oder der Helfer muss sie aus seiner Tasche bezahlen. In vielen Schulen ist eine Neuerung eingeführt worden. Wie in den vorhergehenden Jahren erhält jeder Schüler zwei Abzeichen zum Verkauf. Im Hausflur der Schule ist nun eine grosse Tafel angebracht worden, die in drei Rubriken eingeteilt ist. Ueber der ersten Rubrik steht:" Folgende Schüler haben alle Abzeichen verkauft". Dann folgen die Namen. Ueber der zweiten Rubrik steht:" Folgende Schüler haben nur ein Abzeichen verkauft". Ueber der dritten Rubrik:" Folgende Schüler haben die Abzeichen zurückgebracht". Durch diese Anprangerung werden natürlich die Schüler gezwungen, die Abzeichen zu verkaufen. Wenn das nicht gelingt, müssen die Eltern zahlen, um ihren Kindern allerlei Unannehmlichkeiten und Quälereien zu ersparen. A- 65 2. Bericht: Wie bei den WHW- Sammlungen geschwindelt wird, zeigt das folgende Beispiel aus einer Industriestadt in Oberbaden: Am 17., 18. und 19. Dezember sammelten HJ und BdM. Dabei wurden Märchenfiguren für den Weihnachtsbaum verkauft. Am Montag darauf gaben die Zeitungen bekannt, dass schon am Sonntagmittag alle Figuren verkauft gewesen seien und dass sich viele geärgert hätten, keine mehr zu bekommen. Am Donnerstag morgen, als die Kinder in die Schule kamen, erhielt jedes Kind drei solche Figuren. Die Kinder wurden damit weggeschickt und bekamen bis 10 Uhr schulfrei, um die Dinger zu verkaufen. Um 10 Uhr sollte abgerechnet werden. Es wurde den Kindern noch gesagt, wer nicht alles verkaufe, solle nach Hause gehen und die Figuren den Eltern bringen. Die ganze Stadt wimmelte zwei Stunden lang von Schulkindern, die alle Passanten anbettelten. Bayern: In diesem Jahre wird bei den WHW- Sammlungen auch auf dem Lande ein viel stärkerer Druck ausgeübt. Die Einkassierung der Spenden von Haus zu Haus in den Landgemeinden wird so wie die Steuereintreibung vorgenommen. Wenn der Bauer nicht bezahlen kann, muss er Naturalien-Eier oder Mehl- bei der Sammelstelle abliefern. Im allgemeinen kann man beobachten, dass die Arbeiter mehr für die Winterhilfe geben als die anderen Bevölkerungskreise. Aber sie tun es nur, weil sie müssen. In den Listen der Winterhilfssammlungen gibt es Spalten für besondere Bemerkungen. Dort werden auch unfreundliche Antworten oder Schimpfereien verzeichnet, die der Sammler bei seiner Tätigkeit zu hören bekommt. Sachsen, 1.Bericht: In diesem Jahre wird es nur Wenigen glükken, sich den Anzapfungen des WHW zu entziehen. Auf irgend einem Wege werden alle zur Finanzierung herangezogen. In einem mir bekannten Betrieb sind Mädchen unter 18 Jahren, die bis Eu 28 Pfg. pro Stunde verdienen, bei der Betriebssammlung vom Geben befreit, aber in den Wohnungen müssen sie spenden. Die staatlichen und Gemeindearbeiter, die früher für die WHW- Plakette 50 Pfg. zahlten, müssen in diesem Jahre 1,- RM abführen. Wer aber glaubt, dass er mit diesem Betrag seinen Teil geopfert hat, irrt sich. Er wird noch mehrmals zur Zahlung aufgefordert. Zusammenfassend sieht die grosse Schnorrerei des WHW so aus: 1, RM wird für die Plakette im Betrieb abgezogen, dann gibt es im Betrieb eine Listensammlung, in einem Betriebsappell spricht ein Amtswalter über die Bedeutung des WHW und anschliessend folgt die Büchsensammlung. Auf der Strasse und in den Wohnungen werden die WHW- Führerbilder zum Kauf angeboten und damit ja nicht zu wenig gegeben wird, kommt der Blockwart noch mit der Haus- Sammelliste. Da er immer den Kartothekbogen mitbringt, auf dem genau verzeichnet wird, was und wieviel der Einzelne gibt, ist es fast unmöglich, sich auszuschliessen. Als einige Leute all das im Amt zur Sprache brachten und sich weigerten, so oft zu zahlen, wurden sie von einem Amtswalter im Betriebs A- 66appell heruntergemacht. Es spreche nicht gerade für den guten Volksgemeinschaftsgeist, wenn ausgerechnet Staatsbeamte sich von dem Opfer für das WHW drücken wollen. Im nächsten Appell konnte der Amtswalter bereits verkünden, dass auch die letzten Volksgenossen für das WHW gezeichnet hätten. Die öffentliche Rüge hätte also genützt. Und wie es in diesem einen Fall war, so ist es überall. 2.Bericht: In vielen Orten des Bezirkes erhalten an einigen Tagen im Monat die Kinder schulfrei, um für das WHW sammeln zu können. Wie nichts anders zu erwarten ist, sind viele Eltern darüber erbost, denn früher wurde geze tert, wenn einmal aus besonderen Anlässen schulfrei war. Heute aber werden selbst Kinder zur Unterstützung des behördlichen Bettelunwesens herangezogen. Schlesien, 1.Bericht: Am Sonnabend vor Weihnachten wurden alle Hitlerjungen und BdM- Mädchen von der Schule dispensiert und mussten, in verschiedene Maskenkcstüme gekleidet, bei der Strassensammlung mitwirken. Als Engel, Landsknechte, Könige, Polizisten, Hexen, alte Mütterchen usw. kostümiert, zogen sie in Gruppen herum. Am Freitag Abend war ein grosser Umzug in der Stadt und am darauffolgenden Tag wurde fleissig die Klapperbüchse geschwungen. Auch am Sonntag wurde gesammelt. Die Bevölkerung lachte und ärgerte sich zugleich über diesen Mummenschanz. 2. Bericht: Bei der grossen Sammelaktion in Gleiwitz und Hindenburg am 4. Dezember zeigte sich die Bevölkerung sehr zugeknöpft. Am nächsten Tag liess die örtliche Parteileitung in der Presse mitteilen, man habe sehr wohl festgestellt, dass sich die Passanten blind und stumm gegenüber den Forderungen des Führers verhalten hätten. Bei der nächsten Sammlung werde man schärfer zugreifen. Die Zeitungen fügten hinzu, die Bevölkerung habe die neue Zeit noch immer nicht begriffen und entziehe sich geschickt den Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit. Es seien auch gewisse Gerüchte über Unregelmässigkeiten beim WHW in Umlauf. Man werde gegen die Meckerer sehr energische Schritte unternehmen. Die grossen Firmen mussten bisher ihre Beiträge zur Winterhilfe zur Hälfte in Naturalien und zur Hälfte in Geld abführen. Jetzt erhielten sie die Aufforderung, den Gegenwert der Naturalien ebenfalls in bar zu zahlen. Berlin, 1.Bericht: Ich sass mit einigen Freunden in einem kleinen Berliner Kaffeehaus. Wir wurden von zwei SA- Leuten angesprochen, die uns ihre Sammelbüchse entgegenstreckten. Die beiden, ein Sturm- und ein Truppführer, haben sich etwa 15 Minuten an unserem Tisch aufgehalten, weil wir in äusserst höflicher aber bestimmter Form versicherten, schon unsere Spende gegeben zu haben. Zwei von uns hatten auch auf dem abgelegten Mantel die Plakette. Das wurde von den beiden SALeuten nicht geglaubt, sie liessen sich die Mäntel zeigen. A- 67Damit waren sie aber noch nicht zufrieden. Sie wiesen mit vielsagenden Lächeln darauf hin, dass derjenige, der im Café sässe, auch immer noch einen weiteren Sechser für die Not im deutschen Volke übrig haben müsste. Uns blieb am Ende nichts weiter übrig, als ihnen ein kleines Geldstück in die Büchse zu werfen. Die Beiden haben zur Kassierung der freiwilligen Spende für die im Café vorhandenen 19 Tische mit je 5 Stühlen, die aber noch nicht einmal alle besetzt waren, anderthalb Stunden benötigt. Die Sammler selbst erzählen einem, dass die Leute nur noch etwas geben, wenn sie hart bedrängt werden und sich gar nicht mehr anders zu helfen wissen. Mitte November verschickte das Berliner WHW die auf Seite A 60 reproduzierte Spendenmahnung: 2. Bericht: Amtliche Stellen forderten Firmen, die von ihnen Erklärung! Ich nehme hiermit die von mir über den Kreisobmann der DAF. Pg. Zimmermann gemachten unwahren Anschuldigungen mit Bedauern zurück. An den von mir erhobenen Anschuldigungen ist kein Wort wahr! Als Buße zahle ich an das Winterhilfswerk den Betrag von RM. 40.Michael Kubitz Töpferstraße 40 Wirtschaftsvogt des Domstiftes Bautzen, am 10. November 1957. abhängig sind, am" Tage der Nationalen Solidarität" dazu auf, WHWSpenden in die Amtsräume zu bringen. Die Gelder wurden von den zuständigen Referenten als von ihnen " gesammelte" Spenden abgeliefert. Um zu zeigen, in welcher Weise Geld" Spenden" noch einkassiert werden können, geben wir das nebenstehende Inserat, das in den Bautzner Zeitungen ( Sachsen) erschienen ist, im Original wieder. A- 68Winter- Hilfswerk des Deutsche Volkts GAU BERLIN KREIS TEMPELHOF BERLIN- TEMPELHOF, SCHÖNBURGSTR. 22 FERNSPRECHER: 75 73 64 75 73 65 KONTEN: DER GAUBEAUFTRAGTE FÜR DAS WINTERHILFSWERK DES DEUTSCHEN VOLKES: POSTSCHECK- KONTO BERLIN 730 00 BANK DER DEUTSCHEN ARBEIT, BERLIN, KONTO NR. 6698 Der Kreisbeauftragte Abteilung: WHW. Eintopf Aktenzeichen: W/ Gr. Bei Beantwortung unbedingt anzugeben. DRESDNER BANK, BERLIN W 56, KONTO NR. 9400 DEN 12. November 1937 Volksgenossen! Gebt am Eintopfsonntag keine Almosen, Das ist der Wunsch des Führers. sondern o p fert Bedenkt: J eder Groschen hilft! Jeder Volksgenosse überprüfe daher gewissenhaft, ob er tatsächlich gibt, was in seinen Kräften steht, oder ob e ihm nicht doch möglich ist, seine Eintopfspende zu erhöhen! In der Größe der sozialen Bereitschaft liegt die Kraft des deutschen Volkes. Denken Sie hieran, wenn an den nächsten Eintopfsonntagen der Mitarbeiter der NSV. Ihre Eintopfspende erbittet und vor allen Dingen: Handeln Sie des Winterhilfsweek danach! Deulichen Sau Berlin Areis Tempelhof Kreisbeauftragte Heil Weber Hitler! Kreisbeauftragter Der A 69b) Sachspenden Die Naturalsammlungen, über die wir bereits in unserer Mai- Ausgabe( Heft 5/1937, Seite A 142 145 berichteten, sind in diesem Winter in derselben Form wieder aufgenommen worden: monatlich eine Pfundspende, vor Weihnachten die Kleidersammlung der Wehrmacht und die Liebesgabensammlung der Hitlerjugend. Wie schon auf Seite A of erwähnt, haben zahlreiche Firmen diesmal für die" Neujahrsbitte" Preise stiften müssen, die an die Gewinner des Wettbewerbs verteilt wurden. Von den grossen Firmen wurden recht wertvolle Geschenke gestiftet. Auch bei anderen Anlässen werden von Kaufleuten, Handwerkern, Fabrikinhabern usw. Sachspenden verlangt, z. B. für Gabenlotterien, Massenspeisungen, lokale Wohltätigkeitsveranstaltungen usw. Bei den Pfund sammlungen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass nur wertvollere Lebensmittel gespendet werden sollen. Veranstelle einzelt, so in Dortmund, ist man dazu übergegangen, der Naturalspende den" Spendenzusage- Schein" einzuführen. Die Hausfrauen müssen den Namen ihres Lebensmittelhändlers und den Betrag, den sie spenden wollen, auf einem vorgedruckten Formular angeben. Der Blockwalter holt die Zusage ab, und das WHW verteilt die Spendenscheine, bei deren Vorweisung der Lebensmittelhändler jede gewünschte Ware aushändigt, deren Preis dem Spendenbetrag entspricht. Das bedeutet zwar für das WHW eine fühlbare Arbeitsentlastung, für die Hausfrauen aber eine Erschwerung. Sie können nicht mehr aus Vorräten spenden, die sie vielleicht gerade in genügender Menge besitzen, sondern müssen ihrem Lebensmittelhändler eine bare Summe zahlen. Die Sachspende ist also in eine Geldspende umgewandelt worden. Auf diese Weise sind die Spenden zugleich leichter zu kontrollieren. Für das weihnachtliche" Liebesgabenpaket" gab das WHW einen gedruckten Wunschzettel aus, der zur Füllung 14 Dinge empfahl, darunter: Pullover, Strümpfe, Handschuhe, Hausschuhe, Schokolade, In welcher Weise sonst für Fischkonserven, Kaffee, Wurst usw. die Naturalsammlungen geworben wird, zeigen die auf den nächsten zwei Seiten reproduzierten Werbeschreiben aus Berlin und Kiel: Winterhilfswerk des deutschen Volkes Gauführung Berlin Abe Liebe Berliner Auch in diesem Jahr wollen wir alle Betreuten des Winterhilfswerkes mit einem Lebensmittelpaket erfreuen. Wir wenden uns heute an Euch alle mit der Bitte, uns Lebensmittel- Pfunde zum zurechtmachen der Weihnachtspakete reichlich zur Verfügung zu stellen. Die Blockwalter Eures Wohnbezirkes holen die Spenden ab. Dann noch eine Bitte: Wenn Ihr für Eure Kinder Spielzeug einkauft und in der Vorfreude erlebt, wie Eure Kinder sich an den Geschenken erfreuen werden, so denkt doch daran, auch ein Spielzeug für ein Kind, das von uns betreut wird, mitzukaufen. Ich bin überzeugt, daß mein Appell an die bekannte Gebefreudigkeit der Berliner großen Erfolg haben wird. Ihr alle werdet dadurch Weihnachtsfreude und frohe Feiertage erleben. klinem. Gaubeauftragter A- 71Winter Hilfsm/ des Dutchm Dolkts An alle Volksgenossen in Kiel! Kiel, den 11. Oktober 1937 Am 5. Oktober 1937 ift durch den Führer das Winterhilfswerk 1937-38 mit einem Appell an alle Volksgenossen, ihre Pflicht zu tun, eröffnet worden. Groß ist auch noch in unserer Stadt die Zahl derjenigen, die von uns Linderung in ihrer Not erhoffen. Wir führen daher am 23. und 24. Oktober 1937 eine Lebensmittelpfundfammlung durch. Wir bitten Sie, Ihre Spende an haltbaren Lebensmitteln, wie Mehl, Zucker, Grieß, Haferflocken, Speck usw. der anliegenden Tüte anzuvertrauen und zur Abholung bereit= zuhalten. Die Spenden werden am 23. und 24. Oktober 1937 durch Amtswalter, Helfer und Helferinnen des WHW. abgeholt, wobei die Spender in die Liste Ihre Gaben mit Unterschrift eintragen. Wir danken namens der von uns zu Betreuenden im voraus für Ihre freundliche Hilfe. Heil Hitler! Winterhilfswerk 1937-38 Kreisführung Riel gez.: Jensen, Kreisbeauftragter 210172 A- 72 Die Methoden sind im übrigen beim Einsammeln der Sachspenden die gleichen wie bei den Geldsammlungen. Es genügt deshalb, wenn wir aus unserem Material einige Beispiele dafür herausgreifen: Südwestdeutschland: Die Sammlung der Pfundpakete ist in Mannheim neu organisiert worden. Es werden jetzt dreimal soviel Frauen mit dem Einsammeln beschäftigt. Je zwei Frauen bearbeiten zusammen einen Bezirk, der ganz klein ist und in dem sie möglichst viele Leute kennen. Wird in einer Familie nichts gegeben, dann muss die Liste, die die Sammelfrauen mit sich führen, doch unterzeichnet werden und die Leute müssen eine Erklärung niederschreiben, warum sie nichts gespendet haben. Nur durch solche Zwangsmittel ist es möglich, die Summen zusammenzubringen, die in den Zeitungen genannt werden. Wie wir einwandfrei feststellen konnten, werden diese Methoden in allen anderen Städten Badens ebenfalls durchgeführt. Sachsen, 1.Bericht: Die Bauern in der Umgebung von X. sollten monatlich 2 bis 3 Zentner Kartoffeln abliefern. Einige weigerten sich und gaben ihrem Unwillen auch öffentlich und gegenüber den Nazi amtswaltern Ausdruck. Sie wurden zur NSV bestellt und als dies auch nichts nützte, wurden ca. 30 Bauern einige Tage festgehalten. Ihr Hinweis, dass es doch in Deutschland viel besser geworden sei usw. nützte ihnen nichts, sie mussten sich zur kostenlosen Lieferung von Kartoffeln an das WHW bereiterklären. 2.Bericht: Die Blockwarte, die für das WHW alle Haus- und Pfund sammlungen vornehmen, lassen niemanden durchschlüpfen. Haben sie einen Hausbewohner am Sonntag nicht angetroffen, kommen sie am Montag wieder. Ist auch an diesem Tag ihr Weg vergeblich, setzen sie an den darauffolgenden Tagen ihre Besuche so lange fort, bis sie Erfolg haben. Auch die Personen, die sich durch den Erwerb einer Türplakette losgekauft haben, werden von den Haussam mlungen nicht verschont, und nur wenige haben den Mut, mit dem Hinweis auf die Türplakette weitere Spenden abzulehnen. Der folgende Bericht beschäftigt sich mit der Korruption in den Reihen der" kleinen" WHW- Helfer: Sachsen: Zwischen Unentgeltlichkeit und" Ehrenamtlichkeit" wird bei der Helfertätigkeit ein Unterschied gemacht. Die Arbeitslosen, die zu den Sammlungen mit hinzugezogen werden, arbeiten" unentgeltlich". Sie können so gut wie nichts entwenden, da sie alles genau in die Listen eintragen müssen. Manchmal erhalten sie von den Spendern eine persönliche Zuwendung. Das geschieht aber selten. Anders ist es bei den " ehrenamtlichen" Helfern in den Sammel- und Verteilungsstellen. A- 73Hier besteht die Möglichkeit, Vorteile zu erlangen, nachdem die allgemeine statistische Erhebung abgeschlossen ist. Die ehrenamtlichen Helfer werden, soweit sie selbst Empfänger von Unterstützungen sind, zusätzlich bedacht. So tragen aber auch dafür Sorge, dass ihnen die besten Sachen gegeben werden. Und da mitunter fast neue Bekleidungsstücke gespendet werden, interessieren sich auch jene Ehrenamtlichen dafür, die nicht zu den Unterstützungsberechtigten gehören. Es ist also immer ein Anreiz vorhanden, sich bei der ganzen" Wohlfahrtstätigkeit" ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen. Diese Unrechtmässigkeiten sind schwer nachprüfbar. Die wenigen bei der Verteilung tätigen Personen dürften in der Regel schweigen, weil einer vom anderen zuviel weiss. Und wenn sie sich nicht auf diese Weise schadlos halten könnten, wären" Ehrenamtliche" kaum zu haben. Die bezahlten Kräfte wissen das und drücken beide Augen zu. Sie selbst wissen sich auch zu helfen. So mancher hauptamtlich Tätige hat die gesammelten Gegenstände und Waren zum Verkaufsobjekt gemacht. Allerdings muss zugegeben werden, dass die Bemühungen, eine grössere Kontrolle zu schaffen und allzu korrupte Personen zu entfernen, zugenommen haben. Besonders wird die Sauberkeit" in den Vordergrund gerückt, wenn die neue Wintersaison beginnt. Später reisst die alte Wirtschaft wieder ein.. c) Widerstand der Bevölkerung Trotz des Terrors äussert die Bevölkerung ihren Unmut über die Bettelei immer lebhafter; wer Gelegenheit hat, drückt sich vom Spenden; hier und da kommt es auch zu offener Ablehnung. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Ein Blockwalter aus Köln erzählte, dass die Sammlungen für das WHW sehr schwierig seien. Ueberall höre man Klagen. Was die Frauen den Smmlern sagten, das ginge auf keine Kuhhaut. Selbst in den Betrieben, wo jeder Einzelne unter genauer Kontrolle stünde, sei es heute schwer, Geld zu bekommen. Die Arbeiter empfänden es als Erpressung, dass sie von den Betriebsführern immer wieder zum über die schweSpenden aufgefordert werden. Die Leute klagen re Zeit und fragen die Sammler zum Teil ehrlich, zum Teil höhnisch, ob es denn noch nicht bald besser werde. In einem Betrieb in G. gab es Opposition. 20 Frauen gingen geschlossen vor und meldeten sich für das WHW ab, sie wollten die 10% der Lohnsteuer nicht mehr zahlen. Sie wurden zurückgeschickt mit dem Bemerken, dass sie sich einzeln abmelden sollten. Man hat ihnen dann grosse Vorwürfe gemacht und viele sind natürlich wieder weich geworden. Alle aber haben geschimpft und besonders darauf hingewiesen, dass es doch keine Not und keine Erwerbslosen mehr gäbe, dass man infolgedessen nicht verstände, warum überhaupt noch gesammelt würde. Die noch arbeitslos und in Not wären, die wollten wohl überhaupt nicht arbeiten. Ihnen selbst ginge es auch nicht gut und deshalb A- 74wollten sie sich beim WHW anmelden zum Unterstützungsempfang. Das haben denn auch verschiedene getan, bekommen haben sie nichts. Besonderen Wert legt man nach wie vor auf die sogenannten Pfundsammlungen. Diese bringen offenbar noch das Meiste ein, weil auch die Aermsten herangezogen werden. Und wieder müssen die daran glauben, die schon in den Betrieben gehörig geschröpft wurden. Oefter ist von den Amtsstellen gerügt worden, dass sich in den Pfund tüten schlechte oder zu billige Waren befänden. So wird übereinstimmend aus verschiedenen Gegenden des Westens mitgeteilt, dass man jetzt recht viel Salz spende. um Die ersten Eintopfsonntage sind nach übereinstimmenden Mitteilungen nicht so gut verlaufen wie erwartet worden war. Man hat krampfhaft versucht, die Sache ordentlich in Schwung zu bringen. In fast allen Orten wurden Eröffnungsveranstaltungen abgehalten. Es fanden Gemeinschaftsessen in Gasthöfen und Fabriken statt. Die Wehrmacht und die NSV boten alles auf, die Angelegenheit populär zu machen. Amtspersonen hielten Reden, die Unternehmer mussten mit den Arbeitern zusammen aus der Gulaschkanone kosten. Man spielte Volksgemeinschaft. Die Stimmung wurde jedoch nicht im Geringsten gehoben. Die Sammelergebnisse sollen schlecht gewesen sein. Mir wurde mitgeteilt, dass die Sammler besonders in den Arbeitervierteln und Siedlungen bitter über unfreundliche Behandlung zu klagen hatten. Oft wurden nur 5 und 10 Pfg. gegeben, selbst von Frauen, die durch die NSV in Erholung geschickt worden waren. 2. Bericht: Zwei Fabrikanten aus M.- Gladbach treffen sich in einem Restaurant. Beide sind Pgs., der eine sogar" alter Kämpfer". Der" alte Kämpfer" erklärt, dass er sowas wie bei der letzten Strassensammlung noch nicht erlebt habe. Es sei, als ob die Leute sich verschworen hätten, nichts mehr zu geben. Er habe den ganzen Tag gestanden, niemanden ausgelassen, alle angesprochen und trotzdem habe er in den fünf Stunden ganze 20 Pfg. bekommen. Er habe sich geschämt, das abzuliefern. Schliesslich habe er sich 5,- RM wechseln lassen und das Geld in seine Sammelbüchse getan. Es sei bei den Leuten einfach nichts zu machen, so gehe das bestimmt nicht mehr lange. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Am Samstag, den 20.November war Kleidersammlung. Am gleichen Abend hörte ich, wie einige Helfer sich ganz ungezwungen darüber unterhielten. Sie meinten, dass heute offenbar alles verreist gewesen sei. Die Hälfte der Wohnungstüren sei nicht geöffnet worden. Das Ergebnis sei recht dürftig. Die Sammlung war vorher in der Zeitung bekanntgegeben worden und man hatte die Leute besonders aufgefordert, am Samstagnachmittag zu Hause zu sein. Die Bevölkerung wurde auch ermahnt, keine Lumpen abzugeben. Wie die Klagen der Helfer beweisen, haben sich viele Leute auf diesen Aufruf hin schleunigst gedrückt. A-752. Bericht: Bei den Strassensammlungen in Konstanz drücken sich viel mehr Leute als früher vom Kauf eines Abzeichens. Konstanz ist dicht mit Kreuzlingen zusammengebaut und so vermischt sich schweizer und deutsche Bevölkerung. Die Nazis können nicht richtig eingreifen, weil sie immer wieder auf Schweizer stossen und diese nicht vom Markt in Konstanz verdrängen wollen. Darum kann man hier leichter ohne Abzeichen herumlaufen als anderwärts. In den Wirtschaften, wo die Sammler herumgehen, holen sie sich viele Abweisungen. Die meisten erklärten:" Ich habe schon". Ab und zu lehnt auch einer schroff ab, ohne eine Begründung zu geben. Ich traf viele Leute, die ohne Abzeichen an den überall herumstehenden, in der Mehrzahl uniformierten Verkäufern vorbeiliefen. In jedem Laden in Konstanz, auch im kleinsten, steht jetzt eine Sammelbüchse für das WHW. Ich habe an ein paar Stellen gefragt und auch die Büchse geschüttelt, jedesmal war nur ein Geldstück darin, vom Ladeninhaber selbst hineingelegt. Bayern: Die Sammelaktionen, die für das WHW in diesem Jahr durchgeführt werden, zeigen eine schwächere Anteilnahme des Volkes, obwohl der moralische Druck und der Zwang in diesem Jahre noch gesteigert worden sind. Man sucht das durch alle möglichen Tricks zu verbergen, kann aber nicht verhindern, dass im Volke die Wahrheit durchsickert. Bei der letzten Sammlungsaktion sind in Augsburg 64 kg Falschgeld in den Büchsen gewesen. In München wurden in 500 Sammelbüchsen 24 kg Falschgeld gezählt. Hosenknöpfe, Blechstücke, alte Papiergeldscheine etc. fand man in grosser Anzahl. Sachsen: In diesem Jahre hat die Sammelei auf den Strassen weniger eingebracht, obgleich ein starker Druck ausgeübt wurde. Immer mehr Leute, die schon in den Häusern und den Betrieben geschröpft worden sind, weigern sich, etwas zu geben. Auch in einzelnen Betrieben lassen die Ergebnisse nach. In Plauen ist der Ertrag der WHW- Sammlungen so zurückgegangen, dass vor Weihnachten die Geschäftsleute besondere Schreiben erhielten mit der Aufforderung," freudiger" zu geben. Plauen müsse als" Stadt des Gauleiters" seinen Stolz dareinsetzen, in sozialer Hinsicht an der Spitze zu stehen. Da auch die Versammlungen geringen Besuch aufwiesen, wurden sie mit Hilfsaktionen verbunden. Es wurden in den Versammlungen Scheine auf verbilligte Kohlen, Kartoffeln usw. verteilt. Das hat die Zugkraft wieder erhöht, und die Betriebe marschieren oft geschlossen an. Schlesien: Die Zeitungen behaupten, das diesjährige Winterhilfswerk habe bisher bessere Sammelergebnisse gezeitigt als seine Vorgänger. Ein Amtswalter aus Görlitz berichtete jedoch Ende November in einer Sitzung der Amtswalter der NSV, dass die bisherigen Ergebnisse geradezu erbärmlich seien. An Hand einer Statistik wies der Vertreter der NSV nach, dass das Sammelergebnis im Görlitzer Bezirk für Oktober und November A-761937 um 45% niedriger sei als das für die gleichen Monate 1936. In Breslau betrage die fehlende Summe 40%, in Frankfurt 42%, in Berlin 35%, in Magdeburg 25% und in Dresden 38%. Der Vertreter der NSV ging mit den Amtswaltern scharf ins Gericht und bezichtigte sie der Lauheit und Trägheit. Den Amtswaltern wurde die Verpflichtung auferlegt, in Zukunft bei allen Haus- und Betriebssammlungen diejenigen zu melden, die eine Spende verweigern. Der Redner betonte besonders, dass bereits neue Massnahmen zur Bekämpfung der Sabotage und der " zweifellos vorhandenen illegalen Gruppen" bevorstehen. In Zukunft würde rücksichtslos vorgegangen. Den Teilnehmern der Sitzung wurde strengste Schweigepflicht auferlegt. Berlin: Eine alte Frau hatte folgendes Erlebnis in der Markthalle: sie sah sich an einem Stand die Waren an. Vor ihr wurde noch eine andere Frau bedient. Zu der traten zwei Uniformierte mit der WHW- Sammelbüchse." Ach, Sie haben gerade so schön die Geldtasche in der Hand. Da geben Sie wohl gleich eine kleine Spende." Die Frau antwortete sehr gereizt, sie dächte gar nicht daran. Das Volk müsse genug bluten für die Herren da oben usw. Die Uniformierten brüllten:" Unerhört! Unverschämtheit!" Und zur Verkäuferin gewendet:" Haben Sie gehört, was die Frau hier gesagt hat?"- Die Verkäuferin: " Nee, ick habe det nich jehört". Zu meiner Bekannten:" Haben Sie das gehört?" Antwort:" Nein, ich bin eine alte Frau und höre schwer." Die Beiden zogen ab und die dref Frauen begannen gemeinsam zu meckern. Der Vorfall ist typisch. Es wird den Nazis immer schwerer, Zeugen aufzutreiben, wenn" staatsfeindliche Aeusserungen" gefallen sind. Wasserkante: Bei allgemeinen Strassensammlungen versucht die Bevölkerung, sich der Anzapfung zu entziehen. In Hamburg z. B. hat unser Gewährsmann an einem Tag, an dem als Abzeichen ein Führerbüchlein vertrieben wurde, die ihm begegnenden Passanten beobachtet und gezählt. Er ging um 1/2 10 Uhr von Esplanade zum Hauptbahnhof. Ihm begegneten 27 Personen. Von diesen trugen 5 das Abzeichen. 22 hatten keines. Auf einer weiteren Strecke begegneten ihm 20 Personen, von denen 2 das Abzeichen trugen, 18 nicht. Er wartete an der Strassenbahnhaltestelle beim Hauptbahnhof ungefähr 10 Minuten. Es gingen vorbei insgesamt 51 Personen. Davon hatten 11 das Abzeichen angesteckt, 40 hatten keines. Gegen 11 1/2 Uhr fuhr er mit der Ringbahn zum Hafen. In seinem Abteil hatten 4 das Abzeichen, 23 hatten keines. 2) Die Leistungen des WHW a) Weniger Unterstützungsfälle In diesem Winter macht sich stärker als in den anderen Jahren as Bestreben geltend, den Kreis der vom WHW Unterstützten nach A- 77Möglichkeit einzuschränken. Rheinland- Westfalen: Das WHW gewährt grundsätzlich nur solchen Antragstellern eine Unterstützung, deren Einkommen bestimmte Richtsätze nicht übersteigt. Die Höchstgrenzen wurden in den letzten Jahren wie folgt festgesetzt: Winter: 1934/35 1935/36 u.1936/ 37 Alleinstehende Ehepaar ohne Kind 1937/38 39,- bis 44, 58, 68, RM 60, 42 80, 63, 11 mit 1 Kind 95, 78. 11 11 2 Kindern 105, 92 72, 84, 19 87, 104, 11 11 曾 115.107, 98, PT $ 1 125," 122, 112, " 123," 142, 11 钱 135 137, 126, 161, 145, 152, 139," 179, 155, 166, 11 11 " 10 8 VP 9 165, 181,-175, 185, 193,-211,-87 231, 152,-" 197, 166,-* 216, 176, 193,-" 253, Es könnte so scheinen, als ob in gewissen Stufen eine Verbesserung eingetreten sei. Das ist Bluff, in Wirklichkeit ist die Verschlechterung allgemein. Während die Sätze bis zum Jahre 1936/37 unter Abzug der Miete angerechnet wurden, wird jetzt das volle Monatseinkommen zugrunde gelegt. Dadurch scheiden schätzungsweise 50% aller bisher Unterstützten aus dem WHW aus. Südwestdeutschland: Die Prüfung der Bedürftigkeit ist dieses Jahr überaus streng. Viele von denjenigen, die im letzten Winter noch unterstützt wurden, sind in diesem Jahre abgewiesen worden, obgleich sich ihre Einkommensverhältnisse nicht geändert haben. Viele erhalten auch kein verbilligtes Fett mehr, weil die Richtsätze abgebaut worden sind. Mitteldeutschland: Die Zahl der WHW- Empfänger wird ständig heruntergesetzt. Eine alleinstehende Frau, die einen Säugling zu versorgen hat und 7,50 RM Wochenhilfe bezieht, erhielt vom WHW 2 Zentner Kartoffeln, 1 Zentner Briketts, 1- kg- Büche Rindfleisch, 1/2 kg Zucker, 1/2 kg Mehl und 1/2 kg Bohnen. Diese Zuwendung war aber nur einmalig. Die Frau fand nach einigen Wochen Arbeit, die schlecht bezahlt wurde. Daraufhin eröffnete ihr der NSV- Amtswalter, dass sie nichts mehr von der Winterhilfe erhalten könne, da sie wieder ihrer Arbeit nachgehe. Sie wiess ihm nach, dass sie nicht viel mehr verdiene als sie Wochenhilfe erhalten habe. Er erwiderte ihr, er sehe das alles ein, bedauere aber, an dem Entscheid nichts ändern zu können, de vom Hauptamt in A,.jetzt ein Revisor dagewesen sei, der über 65 Personen, darunter auch sie von der Liste der Betreuten gestrichen habe.- Dem Berichterstatter ist ein weiterer Fall bekannt, in dem einer älteren Frau, die eine Monatsrente von 34, RM bezieht, die Unterstützung der Winterhilfe vorenthalten wird. A- 1Anfang November wurden in der Stadt X. gegan 80 Personen aus der Winterhilfe ausgeschlossen. Auf Befragen wurde ihnen mitgeteilt, bei der letzten Anwesenheit des Gaurevisors sei festgestellt worden, dass in ihren Familien das Einkommen weit über dem Wohlfahrtssatz läge, Die Stimmung ist deshalb, und auch wegen der übrigen Verschlechterungen, die vorgenommen wurden, sehr schlecht. Sachsen Alle Antragsteller müssen den Verdienst der Eltern, Grosseltern und Geschwister angeben, auch wenn die Verwandten nicht im gleichen Haushalt leben. Die Bewilligung hängt aber weitgehend von dem Prüfer ab, der sich bei den Hausbewohnern nach den Verhältnissen des Antragstellers erkundigt. Später kommt noch ein Nachprüfer. Der geht auch erst zu den Hausleuten, ehe er den Antragsteller aufsucht. Eine Frau aus meinem Bekanntenkreis erhält eine Witwenrente von 53, RM monatlich. Davon gehen aber 2,50 RM für freiwillige Beiträge bei der Krankenkasse und RM 1,- für einen Begräbnisverein ab. Ihr Antrag auf Winterhilfe wurde abgelehnt. Schlesien: Bei der Verteilung der Winterhilfe wird es jedem klar, dass die Spenden nicht allein den Hilfsbedürftigen zugute kommen. Barunterstützung wird in den meisten Fällen abgelehnt. In einem Fall ist bekannt, dass einem pensionierten Beamten, der lo9 Mark Monatsrente bezieht und dem ein drittes Kind geboren wurde, der Unterstützungsantrag abgelehnt wurde mit dem Bemerken: die Rente sei hoch genug, um allen Anforderungen zu genügen. In Hindenburg und Beuthen wurden in den ersten Monaten mehrere Antragsteller abgewiesen, weil angeblich noch nichts zum Verteilen vorhanden war. In anderen Fällen erfolgte die Abweisung mit der Begründung, es sei durch Ermittlungen bekanntgeworden, dass sich der Antragsteller noch nicht als Nationalsozialist erwiesen habe. Nur in den Fällen, wo die Antragsteller, sich direkt an die Partei oder eine Naziorganisation wenden und diese den Antrag an das Winterhilfswerk weiterleitet, erfolgt eine Zuweisung. Aber auch hier bleiben die Gaben weit hinter den Anforderungen zurück. In X. wurde einem Antragsteller gesagt, dass man alle Anträge abweisen werde, denn es gäbe keine Arbeitslosigkeit mehr, jeder verdiene und müsse zusehen, wie er damit auskomme. Als ein Antragsteller erklärte, er habe sich bisher immer und bei jeder Gelegenheit um Arbeit bemüht, habe aber noch keine erhalten, wurde ihm gesagt, dass er dann ins Konzentrationslager gehöre. Wasserkante: Alle Leute fragen sich, wieviel von den erbettelten Geldern wirklich für Bedürftige ausgegeben wird und wieviel davon der Aufrüstung diene. Wie berechtigt dieses Misstrauen ist, beweisen die Rundschreiben, die uns zufällig in die Hände gelangten. Am 20. September 1937 teilte man im ersten Rundschreiben mit, dass die Höchstgrenze des Einkommens dieselbe bleiben solle wie im letzten Jahr.( Siehe Originalkopie Seite A 79) A- 79Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1937/38. Der Kreisbeauftragte. Kreisführung den 20 September 1957. III Wohlfahrt.. RUNDSCHREIBEN Nr.2/ 37 An alle Ortsgruppenamtsleiter, Blook- u. Zellenwalter! Im Anschluss an unser Rundschreiben Nr. 1/37 vom 17.d.Mts. lassen wir Ihnen nachstehend die Richtsätze, wie sie zunächst für unser Kreisgebiet für das kommende Winterhilfswerk Anwendung finden sollen, nochmals zur Kenntnis zugehen: I für Alleinstehende: fur Alleinstehende ohne Kind: b.) f. f. 設 d.) 3. mit 1 Kind; mit 2 Kindern: 3 98 12345 销 錄 I. f. 魁 23 $$ 铃 93 8. II, für Ehepaare: a. für Ehepaare ohne Kind: b.) f. 0.) f. d.) f. e.) f. 1.) f. 6.) f. mit 1 Kind: mit 2 Kindern: # 3 ?? ** $ 9% 99 STT 語 84 84 00 a 68 RM. 60, monatl. RM. 80, RM 92, RM. 104, 97 RM. 120, RM. 135, 98 RM. 150, " RM. 80,-monatl. RM 92, 104, SP RM 120, 9 RM. 135, 21 32410 RM. 150, 锦 RM. 165, 97 Für 2 Erwachsene, die einen gemeinsamen Haushalt führen, gelten die gleichen Richtsätze wie für ein Ehepaar. Für jeden weiteren Erwachsenen( über 18 Jahre) ist ein Zuschlag von RM 20,-hinzuzurechnen. Bei der Bemessung der Hilfsbedürftigkeit von Kriegsapfern ist die Rente nicht in Ansatz zu bringen. Bei Kriegerwitwen ist der Höchstsatz FM, 85, Bei den vorgenannten Beträgen handelt es sich um das NettoEinkommen des Hilfsbedürftigen, wobei bemerkt werden muss, daß die Miete von dem Brutta- Einkommen bis zum Höchstbetrag von RM. 25monatlich in Abzug zu bringen ist. Für die Feststellung der FÜ- Empfänger ist mit den einzelnen Kreisämtern vereinbart, daß uns namentliche Listen hergereicht werden, die alle zwei Monate zur Vervollständigung bezw. Berichtigung erneut vorzulegen sind. Beim Eintreffen der vorgenannten Listen werden wir möglichst ertsgruppenweise diese in Abschrift den Ortsgruppen zustellen. Die vom dem Reichsbeauftragten herausgegebenen Richtlinien für die Betreuung sowie die Einhaltung unserer Richtsätze machen wir dem Ortsgruppenantsleiter zur besonderen Pflicht.. Heil Hitler! Kreisbeauftragtor. A- 80Am 27. September wurden in einem Ergänzungsschreiben Einzelanweisungen gegeben, darunter die, dass Konfirmanden nicht zu unterstützen seien.( Siehe Originalkopie auf den Seiten A 81 und 8a). Am 29. September erschien plötzlich ein neues Rundschreiben, durch das der Inhalt der beiden vorhergehenden umgeworfen wurde.( Siehe Seite A 83). In diesem Rundschreiben werden die Richtsätze heruntergesetzt. Dabei hat man nicht, wie früher üblich, abgerundete Summen genannt, sondern jeden Pfennig berechnet. Die Berechnung kann nur so zustande gekommen sein, dass man ihr bestimmte Sätze aus der Invaliden- und Altersversicherung zugrunde legte. Durch die neuen Richtlinien werden in diesem Winter eine grosse Anzahl bisher Unterstützter aus der Betreuung ausgeschieden. Dabei steigen die Preise fortwährend. b) Das Kontrollsystem Sachsen: Die Verteilung der Waren erfolgt aufgrund von Erhebungsbogen, die der Antragsteller in der vorgeschriebenen Form auszufüllen und zunächst dem zuständigen Blockwart der NSDAP zur Prüfung der Angaben und des Grades der Bedürftigkeit vorzulegen hat. Seine Ansicht entscheidet; ein Einspruch ist so gut wie nutzlos. Schon das zeigt, auf welcher Grundlage die Verteilung aufgebaut ist. Der Blockwart wird zur amtlichen Person, von der alles abhängt. Zwar sind allgemeine Richtlinien für das ganze Reichsgebiet aufgestellt, sie werden aber nicht veröffentlicht und sind meistens, den Blockwarten selbst nicht genau bekannt. Norddeutschland: Wir fügen eine Reihe von Formularen bei, die bei der Unterstützung durch die Winterhilfe ausgefüllt werden müssen. Zunächst hat der Bedürftige ein Antragsformular auszufüllen( Siehe Originalkopie Seite A 84 und 85). Da das WHW eine Einrichtung der Partei ist, geht der Antrag an die NSDAP, und zwar zur Prüfung an die Ortsgruppen- Amtsleitung. Diese hat jedoch nicht das Recht, selbständig zu entscheiden, sondern gibt den Antrag an die Kreisamtsleitung weiter. Hier wird nun, weit vom Schuss entfernt, über jeden einzelnen Antrag das abschliessende Urteil gefällt. Wird ein Antrag genehmigt, 80 geht er an die Ortsgruppen- Amtsleitung zurück. Hier wird dann eine Kartothekkarte angelegt( siehe Seite A 86). Darauf muss der Empfänger jedesmal quittieren. Die Angaben werden auf eine weitere Karte übertragen, welche wir auf Seite A 87 reproduzieren, die nur für interne Orientierung bestimmt ist und auf der die Parteinummer der Hilfsbedürftigen vermerkt wird. Die Genehmigung des Antrages bedeutet jedoch nur, dass der Antragsteller an der allgemeinen Betreuung teilhaben soll. Wenn eines der Familienmitglieder irgend einen besonderen Bedarf hat( Schuhe, Kleider usw.) muss immer ein besonderer Antrag eingereicht werden, der die schon mehrfach gemachten Angaben A- 81Winterhilfewerk des Jeutschen Volkes 1937/38 Der Kreisbeauftragte. Kreisführung Abtlg. III Wohlfahrtspflege. den 27. September 1937. BUNDSCHREIBEN Nr. 2/37. An alle rtsgruppenbeauftragten, Zellen- u. Blockwalteri Bezugnehmend auf die beiden vorhergehenden Rundschreiben geben wir Ihnen nachstehend die Richtlinien für die Betreuung einzelner Gruppen von Hilfsbedürftigen bekannt. Diese sind während des kommenden Winterhilfswerks strengstens zu beachten: a) Notstandsarbeiter: Die bei den staatlichen Notstandsarbeiter( Reichsautobahn usw.) beschäftigten Arbeiter, die in Arbeitslagern untergebracht sind, werden im Rahmen der verfügbaren Mittel besonders mit Bekleidungsstücken unterstützt. Die Betreuung erfolgt durch den für das Arbeitslager zuständigen Ortsbeauftragten für das WHW. b) Familienangehörige der Soldaten und Arbeitsmänner: Die in einer besonderen Notlage befindlichen Familienangehörigen von Soldaten, die ihre aktive Dienstpflicht ableisten, und von Arbeitsmännern, die ihrer Arbeitsdienstpflicht genügen, gehören während der Dauer der Dienstzeit zum Kreis der Hilfsbedürftigen und werden im Rahmen der allgemeinen Richtlinien betreut. 6.) Familienangehörige der Seefahrer: Die Betreuung von Familienangehörigen von Seefahrern, die in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen leben, erfolgt in Zusammenarbeit mit den Abschnittsleitungen, Unterabschnittsleitungen und Stützpunkten des Amtes für Seefahrt der Auslandsorganisation der NSDAP. Die Dienststellen des Amtes für Seefahrt benennen den zuständigen Ortsbeauftrag ten für das WHW. die für eine besondere Betreuung in Frage kommenden Familien von Seefahrern. d.) Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene: Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene werden im Rahmen der allgemeinen Richtlinien betreut. Beziehen sie eine Zusatzrente, so ist die Hilfsbedürftigkeit ohne bedcndere Prüfung als gegeben anzusehen. In diesem Falle ist nur die Zusatzrente, nicht aber die Rente selbst bei der Bemessung der Hilfsbedürftigkeit in Ansatz zu bringen, da diese für besonders bedingte Aufwendungen benötigt wird. 6.) Kleinrentner: Bei der Betreuung der Kleinrentner ist zu berücksichtigen, daß es sich im wesentlichen um besonders hilfsbedürftige, alte Leute handelt, die von sich allein nicht zur Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage beitragen können und auf die Unterstützung des Staates und des Winterhilfswerkes angewiesen sind. Sie sind daher neben den üblichen Zuwendungen aus dem Winterhilfswerk besonders mit Bekleidung und Lie besgabenpaketen zu unterstützen und bei Veranstaltungen unterhaltender Art bevorzugt zu berücksichtigen. Soweit sie infolge ihres Alters und ihrer. Gebrechlichkeit nicht 传 A- 82- 2 nicht in der Lage sind, ihre Spenden bei den Verteilungsstallen selbst abzuholen, sind ihnen diese ins Haus zu bringen. f) Landhe fer Bedürftige Landhelfer werden durch den für die Arbeitsstelle zuständigen Ortsbeauftragten für das WHW. betreut. 8.) Studierende: Bedürftige Studierende werden in Zusammenarbeit mit dem ortszuständigen Studentenwerk betreut. Als Unterstützung kommen besonders Nahrungsmittel, Freitische und Brennstoffe in Frage. h.) Wanderer: Hilfsbedürftige Wanderer mit einwandfreien Ausweispapieren ( Wanderbuch, Arbeitsbuch, Invalidenkarte usw.) sind in Gebieten, in denen sich keine Einrichtungen der Wandererfürsorge befinden, durch das WHW. zu betreuen. Alle Zuwendungen werden von der ausgebenden WHW.- Dienststelle im Wanderbuch vermerkt. 1. Ausländer: Hilfsbedürftige Ausländer werden ohne Rücksicht auf Rasse und Nationalität betreut, wenn sie sich durch ihre Haltung und Einstellung gegenüber dem Deutschen Reiche einer Unterstützung würdig erweisen, Es ist verboten, sich wegen Betreuung dioser Ausländer an bohördliche oder private Stellen des Auslandes mit der Bitte um Beihilfe zu wenden. k.) Saisonarbeiter: Bestimmte Gruppen von Saisonarbeitorn haben einen über den Durchschnitt liegenden Arbeitsverdienst. Sie sind in der Lage und demnach verpflichtet, für die Zeit ihrer vorübergehendon Arbeitslosigkeit, mit der sie reähnen müsson, Rüoklagen zu machen. Daher ist die Notwendigkeit einer Betreuung sonarbeitern besonders eingehend zu prüfen, 1.) Konfirmanden und Kommunikanten: von SaiDie Beschaffung von Bekleidungsstücken und anderen Bedarfsgegenständen für Konfirmanden und Kommunikanten aus WHW, Mitteln hat zu unterbleiben. Sie ist Aufgabe der Kirchen und Fürsorgeverbände. m. Juden und Jüdische Mischlinge: 1. Die Betreuung hilfsbedürftiger Juden erfolgt unter Aufsicht des Reichsbeauftragten für das WHW. nach besonderen, von ihm genehmigten Richtlinien durch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und die ihr angeschlossenen ellen. 2. Hilfsbedürftige Familien aus Mischehen zwischen Deutschblütigen and Juden werden unterstützt: vom W wenn der Haushaltungsvorstand daatschblütig ist, 7n der jüdischen Winterhilfe, wenn der Haushaltungsvorstand jüdisch ist, 3. Hilfsbedürftige jüdische Mischlinge werden durch das WHW. unterstütz 4. Die Entscheidung, ob eine Person deutschblütig, Jude oder Jüdischer Mischling ist, erfolgt auf Grund des Reichsbürgergesetzes vom 15. September 1935 und seiner ersten Durchführungsverordnung vom 14.November 1935. Konfessionelie Gesichtspunkte finden dabei keine Berücksichtigung. Wir verweisen besonders auf die Punkte d und e. 3 Heil Hitler! Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1937/38 Der Kreisbeauftragte Kreisführung Abtlg. III Wohlfahrt. RUNDSCHREIBEN Nr. 4/32 29. September 1937 An alle Ortsgruppenbeauftragten, Zellen- und Blockwalter! Betr.: WHW. Richtsätze 1937/38. Auf Grund der ergangenen Anordnungen zur Durchführungen des Winterhilfswerkes haben wegen der verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den Gaugebieten die Gaubeauftragten die Richtsätze für die Zulassung zur Betreuung örtlich festzusetzen: Als Unterlage für die Ermittlung der Richtsätze ist uns vom Reichsbeauftragten der durchschnittliche Monatsverdienst des Arbeiters in unserem Kreisgebiet mit 123,13 RM bekanntgegeben. Dieser Betrag, der auch den zeitlichen und gebietlichen Veränderungen der Lebensbedingungen Rechnung trägt, wurde aus der Invalidenversicherung 1936 errechnet. Die Richtsätze, die vom Gaubeauftragten für unser Kreisgebiet festgelegt sind, geben wir nachstehend bekannt: Alleinstehende Ehepaar ohne Kind mit 1 Kind. 11 11 11 2 Kindern 11 11 11 11 11 11 " 11 ۲۴ 21 11 11 11 15 11 10 34567800 91 PP ff 69 PF 9 89 99 .RM • 55,40 73,88 86,19 १ ९ 98,50 " 110,82 " 125,59 " 142,83 " 162,52 " 184,70 " 209,32 " 236,41 " 265,96 Die Ihnen bereits mit Rundschreiben Nr. 2 vom 20. d.Mts. mitgeteilten im Vorjahre gültigen Richtsätze treten hiermit ausser Kraft und sind keinesfalls anzuwenden. Auch kann, wie es bisher üblich war, in Zukunft ein Höchstbetrag von 25 RM für die monatliche Miete in Abzug gebracht werden. Dagegen glauben wir, es verantworten zu können, dass die Summe für Zimmervermietung nicht in Anrechnung zu bringen ist. Bei gewerbsmässiger Abvermietung von Zimmern ist der Mietbetrag in voller Höhe in Ansatz zu bringen. Wir betonen nochmals ausdrücklich, dass die vorstehend aufgeführten Richtsätze als unbedingt feststehend zu beachten sind und keinesfalls umgangen werden dürfen. Bereits in der Ortsgruppe vorliegende Anträge, die schon nach unseren früheren Richtsätzen bearbeitet worden sind, sind nach den vorgenannten Richtsätzen umzuändern. Heil Hitler! Kreisbeauftragter Ortsgruppe: Antrag auf Gewährung einer Unterstützung durch die NSDAP. Amt für Volkswohlfahrt, Kretsamtsleitung Wolu- Akten- Zeichen Kru AluRenten= " 1. Name und Vorname des Haushaltungsvorstandes: ( Bel Einzelpersonen Name des Antragstellers) -Straße Nr. Gebäudeteil: 2. Name, Alter und Einkommen aller Personen im Haushalt( einschl. der Kinder und des Haushaltungsvorstandes): Name Vorname Geburts= datum Höhe des Arbeitslos fett Beruf Art des Einfom It. Stempelfarte meng¹) monatl. Eintommens 2) Höhe des Gesamteinkommens monatlich: RM 3. Arbeitgeber der Familienmitglieder: ³) 4. Höhe der Monatsmiete nach Abzug der gewährten Hauszinssteuer. Höhe der zusätzlichen Mietbeihilfe). Einkünfte aus Abvermietung von Zimmern ³) 5. Gesamteinkommen nach Abzug der Miete. 6. Borschlag über die Art der Unterstützung: a) b) c) d) b) e d) RM RM R.M. RM Bleibt selbst aufzubringen RM R.M Stellungnahme der Ortsgruppenamtsleitung: Datum Unterschrift des Prüfers Stempel der Ortsgruppe Gutachten des Prüfers siche Rückseite! Nr. Unterschrift Wird von der Ortogruppenamtsleitung ausgefüllt. 1) Genaue Angaben, ob Wohlfahrtsunterstützung= Wolu, Arbeitslosenunterstügung Alu, Krifenunterstützung= Kru, Afü= Arbeitsverdienst, sonstiger Arbeitsverdienst, Renten, bei Kindern 3uschuß vom Jugendamt, Kranfengeld, bet Großeltern Renten oder Rentenunterstützung( wird häufig verschwiegen). 2) Wöchentliches Einkommen fft zu multiplizieren mit 4,3; 14tägiges Einkommen mit 2,15.3) Hier muß der Arbeitgeber der 3. 31. in Arbeit stehenden Familienmitglieder und der letzte Arbeitgeber der in den letzten 3 Monaten zur Entlassung gekommenen Familienmitglieder eingetragen werden.- 4) Eventl. Mietbeihilfe vom vorigen Monat angeben. 5) Nach Abzug von/ Werbungsfesten und der tatsächlichen Unkosten für Wäsche, Frühstück, Licht. A- 857. Gutachten des Prüfers nach Hausbesuch: ( Umstände angeben, die die wirtschaftliche Lage erleichtern ober erschweren, z. B. längere Aushilfen, Afü- Arbeit, eigene Hilfsmöglichkeiten der Famille, unterhaltspflichtige Angehörige usw.- oder Krankheiten, die besondere Aufwendungen erfordera( Krantenschein einsehen), Schwangerschaft, besonders schlechte heizbarkeit der Wohnung, laufende Abzahlungen usw. Besonderer Vermerk über den Zustand des Haushalts, der Rückschlüsse auf die Wirtschaftlichkeit oder Unwitschaftlichkeit der Familie zuläßt, ist wichtig!) Zu jedem beantragten Gegenstand ist die Stellungnahme des Prüfers erforderlich. 8. Gutachten der Ortsgruppenamtsleitung( soweit Erläuterung zu Punkt 6 erforderlich): 9. Gutachten der Kreisamtsleitung: A- 86Zahl b. unterft. Berl Konsion 6 1. Nr.. Drt:. ... Konfession. Raum für Eintragungen über bie Art der Ju WHW 1936-37 Hilfsbedürftigen- Arteikarte ein, Bekleidu Zuname: Vorname Wohno rüft Straße Geburtst Beruf:.. yeprüft Ortsgruppe: Zelle:.. Kreis. loa..... Jahr: Staatsangehörigkeit: Tebi veriratet- verwtfwef- gelchteren Zahl der zum Haushalt gehörenden Personen Zahl der unterstützungsberechtigten Personen.. männlich weiblich Insgesamt unter 3 Jahr Don 3 bis unter 6 Jahren davon Kinder Don 6 bis unter 14 Jahren von 14 bis unter 18 Jahren Rinder unter 18 Jahren zusammen. Monatliches Gesamteinkommen aller zum Haushalt gehörenden Personen It. geprüften Unterstügungsantrages Gesundheitszustand des Hilfsbedürftigen und der Angehörigen: Besonderer Notstand: Entscheid: Bemerkungen: Nachentscheid: ct ( Nichtzutreffendes streichen) Nach der Nachprüfung RM RM Datum KarKohlen toffeln Fische Spendenempfangsbescheinigung Sonstige Nahrungsmittel 3tr. 3tr. kg Art und Menge Belleidung Art und Menge Gutscheine RM Verschiedenes Art und Menge Quittung A-88noch einmal in aller Ausführlichkeit enthält. c) Verteilung der Spenden Es fällt besonders auf, dass feste Richtlinien für die Verteilung fehlen. Kartoffeln und Briketts gelten war überall als eine Art Grundunterstützung, aber die Mengen sind in den einzelnen Bezirken verschieden. Geldzuwendungen werden nur ausnahmsweise bewilligt. Die Abgabe von Lebensmitteln erfolgt ohne ein erkennbares System. In manchen Bezirken ist sie reichlich und gut, in anderen gibt es minderwertige und billige Waren in geringen Mengen. Zwar lässt es sich bei einer individuellen Betreuung nicht vermeiden, dass Sachspenden verschieden ausfallen, nur richtet man sich bei gut geleiteten Hilfsaktionen nach der Bedürftigkeit der Empfänger und nicht nach dem Wohnbezirk. In diesem Sinne ist das WHW ausserordentlich schlecht geleitet. Natürlich ist der Grund für das Durcheinander nicht nur in der Unfähigkeit der Leiter zu suchen. Vielmehr besteht offensichtlich die Neigung, aus Sparsamkeitsgründen die Naturalien so zu verteilen, wie sie bezirksweise eingehen aus Pfund sammlungen usw-, Transporte auch über kurze Strecken zu vermeiden und vor allem keine Lebensmittel einzukaufen. In der Bevölkerung ist man allgemein überzeugt, dass die ungeheueren Geldsummen, die das WHW kassiert, nur zu einem kaum nennenswerten Bruchteil für die Unterstützung der Hilfsbedürftigen verwandt werden. Wenn doch einmal grössere Mengen von Lebensmitteln erworben werden, so geschieht es zum Zwecke der" Verbrauchslenkung", die in diesem Winter überhaupt eine grosse Rolle spielt. Z.B. wurde ein bisher unbekanntes Nahrungsmittel: Krabbenwurst in 340.000 Halbkilodosen ausgegeben. Auch Fische verteilt man in beträchtlichen Mengen. Die Hamburger Schulkinder der drei untersten Schulklassen erhalten täglich Lebertran, der ihnen vom Lehrer persönlich eingegeben wird. Kinderreiche Familien werden bei der Spendenzuteilung stärker bevorzugt, als es der Kopfzahl entspricht. Am" Jahrestag der Revolution"-30. Januar- wurden, wie bereits im vorigen Jahre, 4-89Sonderzuwendungen in Wert von etwa 17 Millionen Reichsmark an die Kinderreichen verteilt. Besonderen Wert legt man wie beim Sammeln so auch beim Spende auf die Propagandawirkung. Astronomische Ziffern werden genannt. Goebbels versicherte z. B. bei der Eröffnung des 5. Winterhilfswerkes, es seien 1936/37 28 Millionen Doppelzentner Kartoffeln, Kohlen, Koks und Torf verteilt worden. In Säcken zu je 50 kg nebeneinandergestellt, ergäbe das viermal die Strecke New York, die ein Flugzeug bei 300 Stundenkilometer RechenGeschwindigkeit in 80 Flugstunden abfliegen könne. kunststücke dieser Art sind bei den Propagandisten der WHW ausserordentlich beliebt. Die Wirkung auf die Bevölkerung ist. allerdings gering. Dort wird nach der Leistung im Einzelfalle geurteilt. Wie das Urteil ausfällt, geht aus den folgenden Berichten hervor: Berlin 20 Südwestdeutschland: In Mannheim wurden ausgegeben für eine Familie mit drei Köpfen: Mitte Oktober 2 Pfund Büchsenfleisch, 5 Pfund sonstige Lebensmittel wie Griess, Reis, Mehl usw., 1 Zentner Kohle und dazu ein Kartoffelschein für drei Zentner. Zweite Ausgabe, Ende Oktober, zwei Zentner Brennholz. Dritte Ausgabe, erste Novemberwoche, 1 Zentner Briketts. Was bis jetzt ausgegeben worden ist, geht nicht über das vom vorigen Jahr hinaus. Im übrigen lässt sich erst gegen Ende der Ausgaben feststellen, in welchem Rahmen die Unterstützung dieses Jahres durchgeführt wurde. Bayern, 1.Bericht: Die Winterhilfe hat dieses Jahr sehr wenig verteilt. Es gab nur Fisch, Käse, Mehl und Zucker( auch den sehr selten), durchwegs Sachen, die direkt durch die Pfund sammlungen eingegangen waren. Während man im Jahre 1936 zu Weihnachten viel Kleidung und Wäsche verteilt hatte, hat diesmal kein Mensch ein Kleidungsstück erhalten. Es gab nur eine Kinderbescherung, bei der die Kinder eine Tassa Kakao und Brezeln bekamen. Auch seither sind Kleidungsstücke und Schuhwerk noch nicht verteilt worden. Einer Frau mit acht Kindern, deren Mann lange erwerbslos war, wurde die Winterhilfe mit der Begründung verweigert, dass sie laufend Kinderbeihilfen erhalte. Im vorigen Jahr geb es regelmässige Schülerspeisungen aus der Winterhilfe. Sie sind diesmal ausgefallen. Stattdessen gibt es alle Tage ein Stück Brot, und zwar abwechselnd trocken, mit Marmelade oder mit Margarine. 2. Bericht: Vom Innenministerium ist an alle Wohlfahrtsämter die Anweisung ergangen, Spenden, die Unterstützungsempfänger in Deutschland von ihren Freunden oder Verwandten aus dem Aus A-90land erhalten, nicht mehr von der Unterstützung abzuziehen, weil sonst die Gebefreudigkeit der Ausländer beeinträchtigt werde. Der Grund für diese Anweisung ist aber nicht das soziale Mitgefühl mit den Unterstützten, sondern das Verlangen nach Devisen. Die auf diese Weise ins Reich strömenden Devisen werden auf 1.000.000 RM geschätzt. Sachsen, 1.Bericht: Wer in die" allgemeine Unterstützung" durch die WH aufgenommen wird, erhält je Monat 1 Zentner Kohlen für zwei Köpfe. Eine Familie mit zwei Kindern bekommt demnach monatlich 2 Zentner; ausserdem je Monat und Kopf 1 Zentner Kartoffeln. Familien mit mehr als zwei Köpfen erhalten ausserdem noch einen zusätzlichen Zentner Kartoffeln. Mehl, Gemüse, Zucker und Kaffee gehören ebenfalls zur Normalzuteilung; alles andere ist zusätzlich und die Zuteilung ist vom Wohlwollen der NSV- Funktionäre abhängig. Viel Effekthascherei wurde mit der Weihnachtswohltätigkeit betrieben. Einzelne Organisationen bringen es immer wieder fertig, die Menschen richtig anzupacken. Dafür ein Beispiel aus dem Kohlengebiet Borna- Meuselwitz. Es wurde dort eine besondere Weihnachtsaktion für die Bergarbeiter durchgeführt. Man holte die Kinder solcher Bergarbeiter zusammen, die frühe ausgesprochene Gegner der Nazis waren und sich auch bisher ablehnend verhalten haben und beschenkte sie. Neben Wäsche und Esswaren gab es je Kind 2,- RM. Dabei wurde den Eltern und Kindern mitgeteilt, dass diese Spende von der SA aufgebracht worden sei, die im einstigen politischen Gegner den unterstützungswürdigen Freund von heute sehe. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die durchgeführte Aktion Anklang gefun den hat. Dabei 2.Bericht: Am Sonnabend vor Weihnachten fand in H. eine Weihnachtsfeier für Arbeitslose und Hilfsbedürftige statt. Der Saal war geschmückt, Musik bereitgestellt und alles war da, was zu einer solchen Feier gehört. Gegen 500 Personen waren erschienen. Es gab Kaffee und Kuchen, am Abend Hasenbraten und sonst noch einige Kleinigkeiten. Die Beschenkten waren sehr erfreut darüber." Früher gab es sowas nicht!". wurde festgestellt, dass die Kosten der Feier nicht vom WHW getragen wurden, sondern dass für die Feier bei den Geschäftsleuten besonders geschnorrt worden war. Wenn auch ein Teil der Leute sagte:" Wir bezahlen die Wohltätigkeit selbst", so macht diese Art der Betreuung auf den grösseren Teil starken Eindruck. Im Bezirk haben mehrere ähnliche Feiern stattgefunden. 3.Bericht: Ueber die Winterhilfe_wird wegen der ungerechten Verteilungsmethoden viel geklagt. Wer sich bei den Nazibonzen gut anschmusen kann, wer etwas über die" Staatsfeinde" mitzuteilen weiss, wird besser betreut als derjenige, der es wirklich notwendig hätte, aber kein Lump ist. Ein Berginvalide mit Frau, der im Monat 57,- RM Rente bekommt, bekam zu Weih A-91nachten von der Winterhilfe 2 Pfund Büchsenfleisch, 1 1/2 kg Mehl und 1 kg Zucker. Diese Spende erhielt so ziemlich jeder, der weniger als 60,- RM Rente bekommt. Betreut werden aber nur die Hilfsbedürftigen, die nachweislich keine" Staatsfeinde" sind. Auf diese Weise haben es die Nazi bonzen in der Hand, die armen Leute zu schikanieren. Ganz allgemein besteht im Volke die Ueberzeugung, dass der grösste Teil der für das WHW gesammelten Gelder für Rüstungszwecke verwendet wird. Ein Mann, der längere Zeit arbeitslos gewesen war und bei seiner Arbeit im Freien darunter litt, dass er nur völlig zerschlissene Schuhe hatte, beantragte beim WHW ein Paar Schuhe. Der Antrag wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dass er ja Arbeit habe. Daraufhin versuchte er, von der NSV für den Kauf fester Arbeitsschuhe ein Darlehen zu bekommen. Er wies darauf hin, dass er vom WHW nichts erhalten habe. Aber auch von der NSV wurde ihm ein abschlägiger Bescheid zuteil. Bei einer der letzten Pfund sammlungen hatten sich verschiedene Einwohner aus X. verabredet, weisses Mehl zu spenden, da einige Tage vorher in einem Aufruf gebeten worden war, nicht nur schwarzes Mehl zu geben. Bei der Verteilung an die Erwerbslosen konnte festgestellt werden, dass weisses Mehl nicht verteilt wurde. Man vermutet, dass das weisse Mehl für das Militär zurückbehalten worden ist. 4. Bericht: Angesichts der allgemeinen Geschäftigkeit fragt man sich, ob das System auch den gewünschten Erfolg erzielt, das heisst, ob es sich mit Hilfe der Wohltätigkeit beliebter macht. Der objektive Beobachter muss das verneinen. Zufriedenheit wird nicht erzielt. Im Gegenteil, jeder fühlt sich als der Aermste und glaubt, Anspruch auf Hilfe zu haben. In einer sächsischen Mittelstedt, die etwa 20.000 Einwohner hat, beantragten über 3.000 Haushalte beim WHW Unterstützung. Die Empfangsberechtigten haben langsam herausbekommen, wie man es machen muss, um möglichst gut beteiligt zu werden. Gebraucht wird alles. Aber unter den gesammelten Sachen finden sich oft minderwertige Dinge, die man früher nicht verschenkt, aber auch nicht genommen hätte. 5.Bericht: In Ostritz werden die WHW- Spenden neuerdings nach einem seltsamen Schlüssel erteilt. Unter den Einheimischen erregt es starken Unwillen, dass in diesem Jahre sudetendeutsche Teile der Bevölkerung besonders berücksichtigt werden. Gutgestellte sudetendeutsche Familien tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit erhalten ausserordentlich hohe und qualitativ gute Zuwendungen, auch wenn alle Familienmitglieder seit langem lohnende Arbeit haben, während einheimische Arbeitslose entweder gar keine oder nur mangelhafte Unterstützung bekommen. In X. war am 15. Dezember eine Freikinoveranstaltung für Personen, die von der Winterhilfe betreut wurden. Die Teilnehmer waren in der Mehrzahl alte Männer und Frauen. Gezeigt wurde ein Film mit Lucie Englisch. Natürlich wurde auch eine grosssprecherische Rede gehalten. A-92Insgesamt hat das WHW bis Mitte Januar an alleinstehende Personen verausgabt: 3 Pfund Mehl und 1 Pfund Zucker. Einige Versammlungsteilnehmer unterhielten sich nach der Veranstaltung:" Die machen mit ihrem bisschen Zeug eine grosse Reklame. Hauptsache ist die Geldbettelei; wir möchten nur wissen, wo das viele erpresste Geld hinkommt." Schlesien: Bei der Bauernschaft herrscht Missmut darüber, dass Grossbauern mit 20 Stück Rindvieh im Stall, wenn sie mehr als 4 Kinder haben, von der NSV unterstützt werden. Nach einem neuen Erlass müssen Bauern von einer bestimmten Grösse des Grundbesitzes an Winterhilfe zeichnen. Die Spenden für die Winterhilfe auf dem Lande sind meist nicht unbeträchtlich. Eine Frau legte dem Spendenpaket ein Brieflein bei, worin sie ersuchte, dass der Empfänger mitteilen möchte, wie ihm die Rauchwurst bekommen sei. Die Frau erhielt nach einiger Zeit von einem Unteroffizier der Garnison X. einen Brief, worin er sich als der Empfänger des Liebesgabenpaketes bedankte. In mehreren Fällen wurde festgestellt, dass das Winterhilfswerk zur Ernährung des Militärs einen wesentlichen Beitrag liefert. Allgemein ist man der Ansicht, dass, wenn die abgegebenen Spenden nur an Bedürftige verteilt würden, diese ein glänzendes Leben führen könnten. Berlin, 1.Bericht: Ueber das Winterhilfswerk wird im allgemeinen sehr objektiv geurteilt. Man bewertet die Leistungen je nach der Güte und ist allgemein der Ansicht, dass sie, gemessen an den gesammelten Summen, gering sind. In Berlin ist die Verteilung ganz willkürlich. In manchen Stadtteilen waren z. B. die Weihnachtspakete wirklich gut, enthielten Kleidungsstücke und wertvollere Lebensmittel, in anderen enthielten sie eine Büchse Milch, ein wenig Mehl oder Griess, vielleicht noch einen Pfefferkuchen oder ähnliche Nichtigkeiten und sonst gar nichts. 2. Bericht: Eine meiner Bekannten, eine alleinstehende Frau holte Anfang Dezember ihre WHW- Spende ab. Sie bekam 1/2 Pfund Margarine und wartete nun auf das, was noch kommen würde. Sie wurde angefahren, worauf sie denn noch warte, das sei alles und sie musste tatsächlich mit dem halben Pfund Margarine abschieben. Gleich wertvoll waren die Spenden in den anderen drei Monaten. Zu Weihnachten haben die Leute ein kleines Paket bekommen. Das beiliegende Hitlerbild mit der Unterschrift: " Ich werde Euch nicht vergessen!", hat durchaus nicht dazu beigetragen, die Stimmung zu erhöhen, denn des Weihnachtspaket war mehr als dürftig: 1 Büchse Milch, etwas Zucker und einiges weniges andere war alles, was es gab. Nordwestdeutschland: Ein Arbeitsloser wurde vom Arbeitser feste Stiefel brauchte. amt X. zu Arbeiten vermittelt, wo Er weigerte sich, diese Arbeit anzunehmen, da er keine festen Stiefel hatte. Daraufhin wurden ihm von der Winterhilfe A-93ein Paar Stiefel verabfolgt mit dem Bemerken, dass er sie aber bezahlen müsse. Seine Frau zahlte erst die Hälfte an. Nach einigen Wochen brachte sie den Rest und verlangte eine gestempelte Quittung. Diese wurde ihr verweigert. Sie bestand jedoch darauf. Man fragte sie, wozu sie diese Quittung benötige, worauf sie erklärte, sie wolle sie nach Berlin einsenden und anfragen, wie es zuginge, dass man in X. Sacher vom Winterhilfswerk bezahlen müsse. Darauf entstand eine recht lebhafte Auseinandersetzung, in der die Frau den Leuter vom WHW offen ins Gesicht sagte, sie seien Betrüger und es wundere sie, von wessen Geld die beim WHW beschäftigten Leute ihre Häuser bauen liessen. Die Frau erhielt ihr Geld zurück und wurde gebeten, nichts weiter zu unternehmen. B- 1Teil B ( Abgeschlossen am 15. Februar 1938) Armee und Partei I. Vorgeschichte 1. Die allgemeine Wehrpflicht Die allgemeine Wehrpflicht entstand in Preussen- Deutschland Sie war also, als sie während der Kriege gegen Napoleon I. durch den Spruch von Versailles abgeschafft wurde, über hundert Jahre alt und im Volke stark verwurzelt. Die Kritik, die die Sozialdemokratie auch in Kaiserreich an ihr übte, war keine prinzipielle Kritik. Sie richtete sich gegen die kastenmässige Absperrung des Offizierskorps, den Drill, die Soldatenmisshandlungen, die zu hohen Ausgaben. Aber indem sie die Ersetzung des stehenden Heeres durch eine Miliz verlangte, bekannte auch sie sich zu dem Grundsatz, dass jeder Bürger im Fall der Not verpflichtet sei, mit der Waffe in der Hand für sein Vaterland einzutreten. Nie wäre es möglich gewesen, zur Söldnerarmee überzuher dem Volk aufgegehen, wenn dieses System nicht von aussen zwungen worden wäre. Die Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht -sei es auch mit kürzerer Dienstzeit- musste erwartet werden, sobald sich der äussere Zwang löste. Deutschland befand sich auch vor Hitler schon auf dem Wege zur allgemeinen Wehrpflicht. Die Reichswehr wurde zur Kaderarmee, die dem zu bildenden Volksheer in Kriegsfall die Instruktoren, Offiziere und Unteroffiziere zu liefern hatte. In Sportund Wehrverbänden wurde die männliche Jugend von Organen der Reichswehr für den Dienst im Volksheer geschult. Grundsätzlich war die Reichswehr bereit, mit allen Wehrverbänden-SA, Stahl B-2helm, Reichsbanner- zusammenzuarbeiten, doch ergaben sich recht und links politische Schwierigkeiten. Die namentlich von Schlei cher gepflegte Konzeption, die Wehrverbände als Ersatz für das verbotene Heer der allgemeinen Wehrpflicht zu behandeln, hörte erst am 30. Juni 1934 auf, eine Rolle zu spielen. Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht wurde zweifellos von grossen Volksmassen Hitler als ein Verdienst angerechnet. Ihnen erschien die Wehrpflicht umsomehr als ein begehrenswertes Gut, als die Sieger, abgesehen von England, sie für sich selber behielten und nur für Deutschland abschafften. 2. Das Offizierskorps vor Hitlers Machtergreifung Das Offizierskorps rekrutierte sich von altersher aus dem grundbesitzenden Adel und, soweit dieser nicht ausreichte, aus den ihm sozial am nächsten stehenden Schichten der hohen Bürokratie und des Grossbürgertums. Für Söhne vornehmer Familien galt als der am meisten standesgemässe Beruf der militärische. Der Offiziersstand war als der erste im Staate anerkannt und genoss jede nur denkbar gesellschaftliche Bevorzugung. Diese gesellschaftliche Stellung des Offizierskorps erlitt in der Zei der Republik, in der die Zivilberufe mehr in den Vordergrund traten, eine starke Einbusse und wurde erst in der Hitlerzeit wieder hergestellt. Einen Beweis dafür bietet das manchmal gerade zu lächerlich wirkende Bestreben, erst der SA-, dann aber auch besonders der SS- Führer, sich in Uniform und Auftreten den Anschein" echter" Offiziere zu geben. Ein so traditionsgebundener Stand, wie das preussisch- deutsche Offizierskorps, war natürlich auch durch und durch konservativ, allerdings nicht in parteipolitischem Sinne. Ueber die Parteipolitik, sei es auch die konservative, fühlte sich der aktive Offizier absolut erhaben. Selbstverständlich war er Monarchist. B- 3Der Monarch war oberster Kriegsherr und stand über den Parteien. Ueber den Parteien standen aber auch seine vornehmsten Diener, die Offiziere. Darum hatte die Armee der Kaiserzeit auch keine Neigung, als eine innere Ordnungstruppe zu erscheinen, die etwa bei Strassen unruhen einzugreifen hätte. Das war die Aufgabe der Polizei, auf die man mit etwas geringschätzigem Wohlwollen herabsah. Die Armee sollte sich für ihre militärischen Aufgaben freihalten und sich nicht in innere Fehden verwickeln lassen. Es lag ganz im Sinne dieser Auffassung, wenn Wilhelm II. bei Ausbruch des Weltkriegs erklärte:" Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Der Deutsche ist weniger Staatsbürger als etwa der Franzose oder der Engländer, dafür aber mehr Berufsmensch. Auch das politische Treiben sieht er aus dem Gesichtspunkte seines Berufs. Gilt das schon für Kaufleute, Rechtsanwälte, Aerzte usw., so gilt es in noch höherem Masse für die Offiziere. Das Militär hat nur eine Aufgabe, im Kriege zu siegen. Politische und wirtusw. werden schaftliche Vorgänge, Parteien, Interessenverbänd vorwiegend, wenn nicht ausschliesslich, danach beurteilt, ob sie dem Militär die Erfüllung seiner Aufgabe erleichtern oder erschweren. Im Herbst 1918 stellten sich die meisten Generale zu den Ereignissen durchaus realistisch. Ihre romantischen Vorstellungen von der Monarchie hinderten sie nicht, sich-sei es in welcher Absicht immer- der Republik zur Verfügung zu stellen. Damit erleichterten sie die Uebergangszeit und sicherten sich selbst einen starken Einfluss. An die Stelle Wilhelms II. trat als Oberster Befehlshaber der Reichspräsident Ebert, ein ehemaliger Sattler, und der Kriegsminister Noske, ein ehemaliger Holzarbeiter. Unterhalb des Ministers jedoch kapselte sich die militärische Leitung gegen zivile Einflüsse vollständig ab. Der Versuch, durch zivile Staatssekretäre tiefer in den militärischen Apparat einzudringen, misslang. Als Hindenburg Reichspräsident, Groener Reichswehrminister wurde, war, wie dies auch in Zeiten der Monarchie der Fall war, der zivile Einfluss bis zur obersten Spitze hin B- 4auf vollständig ausgeschaltet. Auf diese Weise führte die Reichswehr innerhalb der Republik ihr Eigenleben. Das Offizierskorps war nicht nur von links angefochten, sondern auch von rechts. Die verabschiedeten Offiziere betrachteten die aktiven Reichswehroffiziere als Ueberläufer. Zu einer geschlossenen Auflehnung des gesamten Offizierskorp. kam es in der Zeit der Republik nicht, Konflikte einzelner Pers nen oder Personengruppen mit der Reichsregierung gestalteten s immer auch zu Konflikten innerhalb der Reichswehr selbst. So bej der Erhebung des Generals von Lüttwitz, dem sogenannten KappPutsch, bei der Meuterei der Baltikumer, beim Uebergang des Ge nerals von Lossow zur bayrischen Frondeur- Regierung Kahr und beim Putsch des Majors Buchruckers in Küstrin. Während der Inflationskrise im Jahre 1923 ernannte Ebert den General von Seeckt zum Inhaber der vollziehenden Gewalt. Seeckt hätte sich damals mit Leichtigkeit zum militärischen Diktatur Deutschlands machen können, er legte aber, nachdem sich die Verhältnisse einigermassen beruhigt hatten, das Amt in Eberts Hände zurück. Sein Verhalten entsprach zweifellos der Mentalität des Grossteils der Generale. Diese wünschten keine offene Militärdiktatur. Selbst Ludendorff und Lüttwitz übernahmen beim Kapp- Putsc nicht die Diktatur persönlich, sondern schoben Kapp als Zivilperson vor. Das Verhältnis der Reichswehr zur NSDAP wechselte unter der Republik nach Ort und Zeit von heimlicher Förderung bis zur of fenen Gegnerschaft. Keime der nationalsozialistischen Bewegung bildeten sich schon in den verschiedenen Freikorps und Selbstschutzverbänden der ersten Uebergangszeit. Hitler selbst kam vom Militär zur Partei. Als 30- jähriger Gefreiter wurde er zu einem Kursus für staatsbürgerliches Denken kommandiert, in dem Gottfried Feder einen Vortrag über die Brechung der Zinsknechtschaft hielt. Später gehörten der Oberst von Epp und der Haupt mann Röhm zu seinen Förderern. Nach dem Bierkellerputsch von B- 51923 wurde die NSDAP von Seeckt für das ganze Reichsgebiet verboten. In den folgenden Jahren schien die Partei völlig zusammengebrochen, sie entbehrte daher auch für das Militär jeden Interesses. Erst nach dem überraschenden Aufstieg der Nationalsozialisten von 12 Reichstagsmandaten im Jahre 1928 auf lo7 im Jahre 1930 wurde für die Armee die Frage ihres Verhältnisses zur Partei wieder aktuell. Die Entscheidung war zunächst unter Führung Groeners negativ. Die Ulmer Reichswehrleutnants Scheringer, Ludin und Wendt wurden wegen Hochverrats vor das Reichsgericht gestellt, weil sie unter ihren Kameraden für Hitler geworben hatten. Die drei Angeklagten waren allerdings nicht die einzigen in den mittleren und unteren Rängen des Offizierskorps, die mit der NSDAP sympathisierten. Hitler selbst erschient in diesem Prozess als Zeuge und schwor alle Putschabsichten ab: Er sei lange genug Soldat gewesen, um zu wissen, dass man nicht mit illegalen Organisationen gegen eine Heeresmacht kämpfen kön ne. Mit dieser Erklärung hat Hitler seiner neuen Reichswehrpoli tik, die auf die Gewinnung der Generale gerichtet war, den Boden geebnet. Doch kam es im Frühjahr 1932 zu einem neuen schwe ren Zwischenfall. In einer Rede zu Lauenburg, nahe der polnischen Grenze, liess sich Hitler zu der Erklärung hinreissen, dass es nicht die Aufgabe seiner Anhänger sei, den gegenwärtigen Staat nach aussen zu verteidigen. Während er selbst diese Aeusserung zu leugnen versuchte, wurde in einem Teil seiner Presse unverhüllt für die Kriegsdienstverweigerung Stimmung gemacht. Im Zusammenhang mit dieser Agitation stand eine Anweisung an die SA, sich im Kriegsfall von der polnischen Grenze zurückzuziehen und sich nicht etwa der Reichswehr, sondern dem Führer zur Verfügung zu stellen. Folge davon war das Verbot der SA am 14. April 1932. Darüber kam es zum Streit zwischen den Generalen, besonders zwischen Groener und Schleicher. Schleicher, der erst selber das Verbot lebhaft befürwortet hatte, hatte sich wie er bald daraui einigen Sozialdemokraten erzählte- in schlaflosen Nächten zu der B- 6Auffassung durchgerungen, dass das Verbot ein Fehler gewesen se Er erklärte, von der Loyalität Röhms, der ihn stets über alle Vorgänge in der SA zuverlässig unterrichtet habe, vollkommen überzeugt zu sein. Es kan zum Sturz Groeners und bald darauf auch Brünings, und das SA- Verbot wurde von Papen wieder aufgehoben. 101 Schleichers Ernennung zum Reichskanzler wurde im Reichswehrministerium keineswegs mit Freude begrüsst. Jetzt war einer aus dem Hause der Verantwortliche für die gesamte deutsche Politik geworden das widersprach den bisher festgehaltenen Grundsätzen. Die Bedenken der Generale waren nur zu gerechtfertigt. Nur wenn Schleicher unbedingt gehalten wurde und wenn es ihm schliesslich gelang, auch das Volk für sich zu gewinnen, konnte seine Kanzlerschaft für die Armee ein Vorteil sein. Als sein Sturz und die Ernennung Hitlers drohte, entstand unter den Generalen eine sehr grosse Unruhe. Der Gedanke, dass der Reichskanzlergeneral von einem Mann abgelöst werden könnte, den sie nicht anders als den Anstreicher oder den böhmischen Gefreiten nannten, erregte ihr Entsetzen. Gerüchte sprachen von einem geplanten Reichswehrmarsch aus Potsdam nach Berlin, um auf Hindenburg einen Druck auszuüben. Tatsache ist, dass der Chef der Heeresleitung von Hammerstein bei Hindenburg gegen die Ernennung Hitlers zu intervenieren versucht hatte, aber brüsk abgewiesen worden war. Damit endet die Vorgeschichte des Verhältnisses zwischen der Armee und der jetzt regierenden Partei. II. Das Heer unter Hitler 1. Der Führer als Protektor Vom 30. Januar 1933 bis zum 1. August 1934 war Hitler de jure noch nicht Staatsoberhaupt, sondern nur Reichskanzler unter dem Reichspräsidenten Hindenburg. Diesem und nicht ihm schuldete die Armee Gehorsam. Um seinen Willen in der Armee durchzusetzen, musste sich Hitler des Reichspräsidenten als seines Instruments bedienen. Die Rolle, die der greise, geistig offenbar immer mehr 口 S 8 r д B₁ B- 7verfallende Reichspräsident als Mittler zwischen seinem letzten Kanzler und der Armee gespielt hat, liegt einstweilen noch im Dunkel. Immerhin musste Hitler befürchten, dass sich eines Tages auch die Generalität gegen ihn des Generalfeldmarschalls als ihres Werkzeugs bedienen könnte. Auf keinen Fall war er in seinem Vorgehen der Reichswehr gegenüber ungehemmt, und die Reichs wehr hatte auch wenig Grund, mit seinem Verhalten in militärischen Angelegenheiten unzufrieden zu sein. Hitler legte es sehr geschickt darauf an, seine Verbundenheit mit Hindenburg in das hellste Licht zu setzen. Dies und Veranstaltungen wie der" Tag von Potsdam", kurz nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, wo der Ruhm der alten kaiserlichen Armee in allen Tönen gefeiert wurde, waren sehr geeignet, die Stimmung im Offizierskorps für ihn zu verbessern. Die Ernennung Blombergs zum Kriegsminister geschah durch Hindenburg. Schon seit Eberts Zeiten gehörten die Ernennung des Wehrministers und des Aussenministers sowie der unmittelbare Verkehr mit ihnen zu den Prärogativen des Reichspräsidenten. Zum Unterschied von Reichenau, der Chef des Ministeramtes im Reichs wehrministerium wurde, war Blomberg kein abgestempelter Nationalsozialist, er gehörte aber zu den Generalen, die den Nazi nicht unbedingt ablehnend gegenüberstanden, sondern bereit waren, im Interesse der Armee mit ihnen zusammenzuarbeiten. Da Hitler sich den Generalen gegenüber immer sehr unsicher fühlte, muss sein Einfluss bedeutend gewesen sein. Darum setzte sich auch die Armee gegen die Ansprüche der SA erfolgreich durch, doch geschah dies unter Begleitumständen, für die nicht die Armee, sondern die Parteiführung die Verantwortung trägt. Die Juni- Schlächterei von 1934 koste te nicht nur Gegnern der Generalität das Leben, sondern auch zwei ihrer Kameraden, Schleiche: und Bredow, sowie zahlreichen anderen Persönlichkeiten, die ihr gesinnungsmässig und gesellschaftlich nahestanden. Sie hinterliessen im Offizierskorps eine Unruhe, die zur Verstärkung der Krise von Anfang Februar 1938 wesentlich beitrug. Dass die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in mi B- 8litärischen Kreisen mit lebhafter Genugtuung aufgenommen wurde, steht ausser jedem Zweifel. Allerdings gab es dabei-und noch mehr bei der Besetzung der entmilitarisierten Zone- erhebliche Sorgen, ob das in Umbildung befindliche Heer einer etwaigen Intervention der Entente schon gewachsen wäre. Da die Intervention ausblieb, war der Erfolg zweifelsfrei auf Hitlers Seite und wurde ihm gutgeschrieben. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hatte aber auch noch andere Wirkungen, für die dankbar zu sein, die Offiziere allen Anlass hatten. Als Führer eines Volksheeres, einer gewaltigen Millionenarmee, rückten sie wieder in die Stellung auf, die sie als Vorgesetzte einer Söldnertruppe verloren hatten. Für die alten Reichswehroffiziere ergaben sich ungeahnte Möglichkeiten einer raschen Beförderung. Der rapide steigende Bedarf an militärischen Führern hatte aber auch zur Folge, dass sehr viele Offiziere der alten kaiserlichen Armee, die abgebaut worden waren, oder freiwillig abgedankt hatten, wieder eingestellt wurden. Ueber ihre Zahl sind niemals Angaben gemacht wor den, doch muss sie in die Zehntausende gehen. Dazu kommen noch die jungen Offiziere, die in Eile ausgebildet und eingestellt werden. Die alten Reichswehroffiziere revanchieren sich nun an den Reaktivierten, die einst auf sie als Ueberläufer herabgesehen hatten. Sie, die im Dienst geblieben waren, waren gegnüber den Reaktivierten, die seit Jahren und Jahrzehnten die militärische Entwicklung nicht mehr aktiv miterlebt hatten, gewaltig im Vorteil. Oft ist berichtet worden, dass sich die Reaktivierten beim Avancement zurückgesetzt fühlen und stark erbittert sind. Diese Erbitterung richtet sich jedoch nur gegen die politische Führung. die bevorzugten Kameraden, nicht gegen Es gibt auch heute noch viele Offiziere, die Hitler dafür dankbar sind, dass er der Armee und ihrem Offizierskorps' zu neuem Glanze verholfen hat. 2. Gegensätze und ihre Ursachen G Nach dem Tode Hindenburgs wurde Hitler Staatsoberhaupt. Der B- 9Führer der NSDAP wurde oberster Kriegsherr. Das war ein völlig neuer Zustand. Auch Ebert war, als er Reichspräsident wurde, Vorsitzender einer Partei, aber in dem Augenblick, in dem er sein Amt übernahm, legte er seine Parteifunktionen nieder. Ausse dem war die Sozialdemokratie keine totalitäre Partei. Der Sozialdemokrat Ebert ernannte als konstitutionelles Staatsoberhaupt Regierungen, in denen Deutschnationale und keine Sozialdemokraten sassen, der deutschnationale Hindenburg ernannte 1928 eine Regierung mit einem sozialdemokratischen Reichskanzler und ohne Deutschnationale. Der Fall, dass der Führer einer totalitären Partei oberster Befehlshaber der Wehrmacht wurde, war ein vollständiges Novum. Hitler vereinigt durch Personalunion zwei Körper, von denen jeder seinen eigenen Gesetzen folgt und die darum notwendigerweise manchmal hart aneinanderstossen müssen: die Armee und die Partei. Die Armee hat ihrer Tradition wie ihrer inneren Logik folgend, noch immer das Bestreben, sich von parte ipolitischen Einflüssen freizuhalten. Dem entgegen steht das Bestreben der Partei, sich die Armee als oberstes und letztes Machtmittel unter allen Umständen zu sichern. Die Armee will sich nicht unterwerfen aus militärischen Erwägungen. Die Partei muss ihre Unterwerfung verlangen aus Gründen der Machtpolitik nach innen. Die Armee will weder Subjekt noch Objekt der Parteipolitik sein, sie kann sich aber auch nicht politisch völlig desinteressieren, weil der Erfolg ihrer eigenen Arbeit wesentlich von der Politik abhängt. Daraus ergibt sich eine ganze Summe von Gegensätzen. a) Aussenpolitik. Die Armee muss naturgemäss eine Aussenpolitik wollen, die sie vor erfüllbare und nicht vor unmögliche Aufgaben stellt. Es gibt zwei aussenpolitische Schlagworte, die sich im Denken der Offiziere festgesetzt haben. Das eine stellt die kategorische Forderung auf:" Heraus aus dem nassen Dreieck!" Das andere beklagt das Zerreissen des" russischen Drahts", den Bismarck vorsichtig gelegt hatte, als den katastrophalsten Fehler der B- 10wilhelminischen Aussen politik. Diesen beiden Schlagworten liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Deutschland stets in einer gefährlichen Lage befindet, solange es zwischen die nassen Grenzen Englands und die trockenen Grenzen Russlands eingeklemmt bleibt. Diese Erkenntnis ist durch den Weltkrieg bestätigt worden, und ein zweiter Weltkrieg könnte die Bestätigung nur wiederholen. Darum hatte die Politik von Rapallo nirgends so entschiedene Anhänger wie in der Reichs wehr. Zwischen ihr und der russischen Roten Armee entwickelten sich, besonders von Seeckt gefördert, enge Beziehungen. Sie wur den beiden Teilen zum Vorteil, denn die russischen Offiziere auf der genossen bei den deutschen eine vortreffliche Schule anderen Seite konnten mit sowjetrussischer Hilfe manche drücken den Bestimmungen des Friedens von Versailles umgangen werden. Neue Modelle von Kampfflugzeugen und Tanks wurden in Russland ausprobiert. Für den Ernstfall stand die Weite des russischen Weltreichs mit seinen ungeheueren Naturschätzen als Rückendekkung und Reserve zur Verfügung. Polen, der Bundesgenosse Frankreichs, konnte durch die russische Drohung zum Stillhalten gezwungen werden. Heute brauchen die deutschen Offiziere zur Ausprobierung von Flugzeugen, Tanks und Giftgasen nicht mehr nach Russland zu reisen, deswegen aber hat Russland nicht aufgehört, für Deutschland ein unentbehrlicher Bundesgenosse zu sein-wenigstens für den Fall, dass Deutschland in einem Kriege mit der vereinigten Gegnerschaft Frankreichs und Englands zu rechnen hat. Es ist bekannt, dass der verstorbene General von Seeckt im Zerschneiden des Drahtes nach Russland und in der nazistischen Antikominternpolitik einen schweren Fehler gesehen hat, und es ist anzunehmen, dass zahlreiche aktive Offiziere diese Auffassung teilen. Italien kann vom militärischen Standpunkt aus als Ersatz für Russland nicht betrachtet werden, da ihm selbst die Einschliessung im Mittelmeer droht. Ausserdem steht die italienische Armee, im Gegensatz zur sowjetrussischen, bei den deutschen Mili B- 11tärs im Ruf der Unsolidität. Träger dieser Auffassung war insbesondere Hindenburg, der sich oft über die italienische Armee in geringschätzenden Ausdrücken äusserte. Sein Urteil wird auch heute noch von vielen Offizieren für richtig gehalten. Die Spanienpolitik, die Deutschland im Gefolge Italiens getrieben hat und treibt, war nur geeignet, die Abneigung gegen die deutsch- italienische Kooperation zu vermehren. Es musste Missbehagen erregen, dass das Leben von Offizieren und Mannschaften für eine Sache eingesetzt wurde, die nirgends in Deutschland Popularität besitzt. Die nach Spanien verschiffter Soldaten dürfen nicht einmal ihren Angehörigen verraten, wo sie sich befinden. Fallen sie, so muss ihr Tod in öffentlicher Anzeigen als Folge eines" Unfalls" dargestellt werden. Die Toten werden dadurch um die Ehre gebracht, die ihnen nach militä rischer Auffassung gebührt. Nach alledem ist durchaus glaubhaft, dass in der Tat vor der 4. Februar innerhalb der Generalität eine kritische Stimmung gegen die Aussenpolitik der Regierung geherrscht hat und dass sie auch dem" Führer" zur Kenntnis gebracht wurde. Nun ist durch die Einrichtung des Geheimen Kabinettsrats den Spitzen der Armee stärker als bisher Gelegenheit gegeben, bei der Führung der deutschen Aussenpolitik militärische Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. Auf der anderen Seite gilt der neue Aussenminister v. Ribbentrop als ein radikaler Vertreter gerade derjenigen Anschauungen, die bei der militärischen Führung die meisten Bedenken erregt haben. b) Innenpolitik Die innenpolitischen Gegensätze, die trotz allem offizielle Gerede von Volksgemeinschaft- das deutsche Volk zerreissen, können bei der betonten Zurückhaltung von allem" Parteipolitischen" im Offizierskorps kaum einen starken Widerhall finden. Immerhin kann es von ihnen auch nicht ganz unberührt bleiben. B- 12Die Offiziere stehen in familiärer und gesellschaftlicher Verbindung zu Personen, die in der Landwirtschaft oder in der Industrie tätig sind und nehmen mehr oder weniger auch teil an ihren Sorgen und ihrer Kritik. Sie stehen kirchlichen Kreisen nahe, und manche von ihnen sympathisieren mit der katholischen oder der protestantischen Opposition. Niemöller, als ehemaliger U- Boot- Offizier und Mann mit Zivilcourage, geniesst eine starke Beliebtheit. Der Streichersche Radau- Antisemitismus wird abgelehnt. Der Offizierskorps huldigt einem gemässigteren, sich in zivilisierteren Formen äussernden Antisemitismus. Es hat niemals von einigen Reserveoffizieren während des Krieges abgesehen- Juden aufgenommen, aber angesehene Generale der kaiser lichen Armee waren mit Jüdinnen verheiratet, und die Suche nach jüdischen Grossmüttern war schon mit Rücksicht auf die zahlrei chen Fälle solcher Art in der Aristokratie- unbekannt. Entscheidend aber bleibt für die Stellung der Armee zur Inner politik der Kriegsfall. Die Armee muss im Hinblick auf diesen Fall wünschen, nicht bloss bei einer Partei beliebt, sondern im ganzen Volke verwurzelt zu sein. Sie kann auch nicht wünschen, dass die innerpolitische Spannung einen Grad erreicht, der die Landesverteidigung gefährdet und ihr inneres Gefüge zu sprengen droht. In der Zeit vor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wurde immer wieder berichtet, dass die Reichswehr mit Vorliebe Sozialdemokraten einstelle. In einigen Fällen, in denen die Bewerber offen erklärten, dass sie früher Mitglieder der Sozialistischen Arbeiter Jugend gewesen seien, wurde ihnen geantwortet: " Gerade solche Leute suchen wir!" Aus solchen Aeusserungen spricht keineswegs irgend welche Vorliebe für die Sozialdemokratie, wohl aber die Absicht, die Armee nicht nur aus Nazis zu bilden, sondern mit ihrer eisernen Klammer alle Schichten und Parteien zu umfassen. Die Armee soll kein Parteiheer, sondern ein Volksheer sein und nicht politisch, sondern unpolitisch. B- 13c) Wehrpolitik Aus dem Gesagten ergibt sich, dass den Trägern der alten Tradition verschiedenes unerwünscht sein muss, was die regierende Partei wünscht und betreibt. Unerwünscht muss ihnen sein die Entsendung von Instruktoren der Partei, die die Offiziere und Mannschaften zu strammen Nazis erziehen sollen. Unerwünscht muss ihnen auch sein jeder parteimässige Einfluss auf die Erziehung und Auslese des Nachwuchses. Zur Zeit herrscht ein unge heuerer Andrang der männlichen Jugend zur Offizierslaufbahn, während in anderen Berufen, besonders bei Technikern und Lehrer ein besorgniserregender Nachwuchsmangel eingetreten ist. Dieser Andrang erklärt sich aus der gehobenen Stellung des Offizierskorps und der Aussicht auf raschen Aufstieg. Die Armee muss wol len, dass aus der Masse der Bewerber die für den Beruf Geeigneten ausgewählt werden und nicht die Protektionskinder der nazistischen Parteigrössen. Die Vorliebe der Partei und ihrer Nebenformationen für alles Militärische ist gewiss geeignet, die Offiziere sympathisch zu berühren. Doch gibt es auch hier Gegensätze. Die Armee, die am 30. Juni 1934 mit Hilfe Hitlers ihre Suprematie gegenüber der SA durchgesetzt hat, will diese auch gegenüber der SS unbedingt wahren, sie will in ihrer Disziplinargewalt und ihrem Gerichtswesen autonom sein. In der militärischen Erziehung, wie sie in der Partei betrieben wird, beklagt sie eine Bevorzugung des reir Körperlichen vor dem Geistigen, eine Neigung zum alten System des geistlosen Drills, der zur Erziehung moderner Soldaten nicht mehr ausreicht. Unentschieden sind noch die Fragen der Heranbildung des Offiziersnachwuchses. Noch immer tritt der junge Mann, der das in nazistischem Geist geleitete Gymnasium verlässt, um in eine militärische Schule einzutreten, in eine andere Sphäre ein. Will die Partei einen nationalsozialistischen Offiziersnachwuchs, so muss sie die Militärschulen unter ihren Einfluss bringen oder auch den Zöglingen der Hitlerschulen und Ordensburgen den Weg B- 14zur Offizierslaufbahn öffnen. Auch hier ergibt sich die Möglich keit neuer Konflikte. d) Wehrwirtschaft Dass die deutsche Wehrwirtschaft seit dem Machtantritt Hitlers völlig auf die Vorbereitung zum Kriege umgestellt wurde, ist in diesen Blättern schon oft dargelegt und mit Tatsachen belegt worden. Das Regime hat dabei hauptsächlich zwei Absichten verfolgt: einmal den Vorsprung der anderen Militärmächte durch ein gesteigertes Rüstungstempo wettzumachen, ja zu überholen, dann aber auch, Deutschland in der Versorgung mit Rohstoffen und Lebensmitteln soweit als möglich vom Ausland unabhängig zu machen. Hier dürfte im Ziel zwischen Armee und Partei volle Uebereinstimmung bestehen. Bei der Ausführung ergeben sich aber zahlreiche neue Probleme und gewaltige Schwierigkeiten, die geeignet sind, auch im Offizierskorps beunruhigend zu wirken. Die nationalsozialistische Argrarpolitik, vorbelastet mit romantischen Vorstellungen von der Erneuerung des deutschen Vol kes aus" Blut und Boden", hat die wehrwirtschaftlichen Erwartungen nicht zu erfüllen vermocht. Die Erzeugungsschlacht ist über Teilerfolge nicht hinausgekommen, denen Rückschläge auf anderen Gebieten gegenüberstehen. Die Ernährungsschwierigkeiten die schon in der Periode der Kriegsvorbereitung auftreten, zeigen allzu deutlich, dass die nationalsozialistische Agrarpolitil bis jetzt keinen Weg zu zeigen vermocht hat, wie das deutsche Ernährungsproblem im nächsten Krieg gelöst werden kann. Die chronische Unterernährung war im Weltkrieg die Hauptursache für den moralischen Zusammenbruch, der nach militärischer Auffassung in erster Linie die Niederlage verschuldet hat. Da im näch sten Kriege das" Hinterland" in noch ganz anderem Masse in den Dienst der Kriegsführung gestellt werden muss als im vergangenen, bekommt auch das Ernährungsproblem erhöhte Bedeutung. Aehnlich kritisch muss die Stellung des Militärs zur Rohstoff autarkie sein. Die Ersatzstoffproduktion unter dem Vierjahres B- 15plan mag noch so grosse Einzelerfolge in technischer Hinsicht erzielen, sie hat zugleich ein nahezu unlösbares ökonomisches Problem aufgeworfen: den Mangel an Arbeitskräften. Wenn dieser Mangel schon in der Periode der Kriegsvorbereitung auftritt, so ist vollends nicht zu sehen, wie die Frage der Beschaffung ausreichender Arbeitskräfte im Kriege selbst für Deutschland gelös werden könnte. Man kann in grossem Stil Rationalisierung auf Vorrat treiben, man kann im nächsten Krieg in noch weit grösserem Masse Frauen an die Arbeitsplätze der Männer stellen als im letzten. Das alles reicht nicht entfernt aus, im Ernstfalle den ungeheueren Vorsprung der mutmasslichen Gegner Deutschlands auszugleichen, die entweder selbst über riesige Reserven an Arbeits kräften verfügen oder sich die Dienste der Arbeitskräfte anderer Länder kaufen können, indem sie ihre Erzeugnisse kaufen. Je weniger eine Lösung der entscheidenden Autarkieprobleme im Kriegsfall sichtbar ist, umso mehr muss den Militärs die Tatsache zu denken geben, dass schon die bisherige Autarkiepolitik dem Volke und der Wirtschaft Opfer auferlegt hat, die zwar bisher mit mehr oder weniger Murren getragen worden sind, aber die Widerstandskraft der deutschen Wirtschaft schon jetzt geschwächt haben. Weit davon entfernt, eine militärisch dringend nötige Vorratsbildung zu ermöglichen, hat diese Politik schon jetzt einen grossen Teil aller Reserven aufgezehrt, die eigentlich die eiserne Ration der Volkswirtschaft für den Kriegsfall sein sollten. Auch diese Problematik kann in der nächsten Zeit nicht leichter, sie muss schwerer werden. Je mehr die Autarkiepolitik forciert wird, umso mehr muss der Reservenverzehr fortschreiten. e) Das moralische Kriegspotential. Das Dritte Reich hat nicht nur wirtschaftliche Reserven in grossem Stil aufgezehrt, es beginnt auch moralische Reserven auf. zuzehren. Damit wird eine Frage berührt, die für jeden verantwor lichen Armeeführer von allergrösster Bedeutung ist: Wie wird es bei Ausbruch des Krieges mit dem moralischen Kriegspotential des deutschen Volkes bestellt sein? B- 16Es steht ausserhalb jeder Frage, dass das moralische Kriegspotential bei Ausbruch des Weltkrieges ausserordentlich hoch war. Damals gelang es, so gut wie das ganze Volk in der sogenannten Auguststimmung mit fortzureissen, auch die Opposition. Gerade für diese hatte die Parole des Kampfes gegen den Zarismus eine zündende Kraft. In den freiheitlich gesinnten Kreisen der Arbeiterschaft galt der Zarismus als der blutige Unterdrükker der Freiheit und des Fortschritts. Wilhelm Liebknecht hatte einst die Frage aufgeworfen, ob Europa republikanisch werden solle oder kosakisch, und Bebel hatte erklärt, im Kampfe gegen Russland sei auch er bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen und das Land zu verteidigen. Es ist keine Kunst, diejenigen Volksschichten, die jede Krieg: parole willig annehmen, mit fortzureissen. Von ihnen hängt auch nicht die Stärke des moralischen Kriegspotentials ab, sondern von jenen anderen Schichten, die von Hause aus unwillig und miss trauisch sind. Sie zu erfassen, gelang im Jahre 1914 mit der Parole des Kampfes gegen den Zarismus. Die Frage lässt sich nicht umgehen, ob bei denselben Volkskreisen die Parole des Kampfes gegen den Bolschewismus die gleiche zündende Wirkung haben wird. Jeder Kenner der wirklichen Volksstimmung wird diese Frage verneinen. Auf der anderen Seite wird es an zündenden Parolen gegen Deutschland nicht fehlen. In Frankreich, England und anderen Ländern werden nicht nur jene Massen willig marschieren, die ohnehin jeder nationalen Parole leicht zugänglich sind, sondern auch jene andern, auf die der Ruf" gegen den Faschismus!" eine faszinierende Wirkung ausübt. Das heisst, dass bei den Gegnern Deutschlands zwei mächtige Strömungen sich zu einem reissenden Strom vereinigen werden, die patriotische und die demokratischsozialistische. In Deutschland aber werden diese beiden Strömungen gegeneinander gerichtet sein und die Tendenz haben, einander zu paralysieren. Dazu kommt, dass das deutsche Volk schon im Frieden mit Parolen überfüttert und gegen Propaganda abgestumpft wird. Es ist B-17schwer, sich vorzustellen, wie das auf diesem Felde schon längst Gebotene und Abgenützte bei Ausbruch des Krieges noch überboten werden könnte. Umgekehrt verfügen die Gegner noch über grosse ungenützte Reserven. Ein grosser planmässiger Propagandafeldzug gegen die Regierungsmethoden der Diktatur würde seine Wirkung nicht verfehlen. Er würde nicht nur in Frankreich und anderen Ländern den letzten Sozialisten und Kommunisten gegen Deutschland mobilisieren, sondern auch nach Deutschland herein starke Wirkungen ausüben. Weite Kreise des deutschen Vol kes würden diesmal der sogenannten" Feindpropaganda" viel zugänglicher sein, als sie es im letzten Kriege gewesen sind. Die Nationalsozialisten sind sich dieser Gefahr bewusst. Das beweist der schon mehrfach erwähnte Vortrag, den der Chef der Gestapo Himmler vor Jahresfrist in einem Kreis von Offizieren gehalten hat und den der" Neue Vorwärts"( Nr. 224 vom 26. 9. 1937) veröffentlichen konnte. In diesem Vortrag hat Himmler die Theorie vom vierten Kriegsschauplatz Innerdeutschland aufgestellt und zur Bekämpfung des inneren Feindes die Schaffung neuer Konzentrationslager empfohlen. Es mag sich bei dieser Gelegenheit mancher der zuhörenden Offiziere im Stillen gefragt haben, ob dies wirklich der unfehlbare Weg zum Siege sei. Die bekannte Vorliebe der Offiziere für die Farben Schwarzweiss- rot entspringt nicht nur sentimentalen Stimmungen, sondern auch praktischen Erwägungen. Immerhin hat die Erfahrung ge zeigt, dass unter diesen Fahnen, den Fahnen der Monarchie, das deutsche Volk vier schwere Jahre hindurch zusammenzuhalten war. Es wäre nur allzuverständlich, wenn man sich in militärischen Kreisen fragen würde, ob der Hakenkreuzfahne des Dritten Reiches eine gleich starke bindende Kraft innewohnen würde. Ist doch diese Fahne allen Volkskreisen, von den Deutschnationalen angefangen bis zu den Kommunisten, aufgezwungen worden; jedem Nichtnationalsozialisten ist sie etwas Fremdes oder gar Feindliches. Man kann sich schwer vorstellen, dass gläubige Katholiken, bekenntnistreue Protestanten, Demokraten, Sozialisten oder Kommunisten innerlich bereit sein könnten, unter diesen Fahnen, B-18die für sie die Feldzeichen einer verhassten feindlichen Macht sind, zu bluten und zu sterben. Die Partei mag wohl imstande sein, ihre alten Anhänger im Kriege mit sich mitzureissen, schwerlich aber wird es ihr gelingen, den Abgrund zu überbrücken, der sie von den übrigen Volksschichten trennt. Hitler kann nicht sagen: Ich kenne keine Parteien mehr, er kann nur sagen: Ich kenne nur eine Partei, die meine. III. Ungelöste Spannungen Wenn das Verhältnis zwischen Armee und regierender Partei in Deutschland der Welt immer wieder neue Rätsel aufgibt, so kommt das daher, dass es selbst innerlich widerspruchsvoll ist. Die Armee ist Hitler und seiner Partei verbunden durch das, was diese für die Armee getan haben. Eine Macht, die Hitler ablösen könnte und die der Armee gleiche Vorteile bieten würde wie das gegenwärtige Regime, ist nicht sichtbar. Am wenigsten besteht die Aussicht, dass sie von der Armee errichtet werden wird. Die Armee müsste in sich selbst erst eine Revolution vollziehen, wenn sie ihre alte Tradition verlassen und sich auf den innerpolitischen Kampfplatz begeben wollte. Sie will wohl auf die massgebende politische Macht den stärksten Einfluss zur Förderung ihrer speziellen Aufgaben ausüben, doch hat sie keine Neigung, die politische Macht in die eigene Hand zu nehmen. Der Ge. danke einer Militärdiktatur ist ihr fremd. Die Vorstellung, die Reichswehr würde eines Tages Hitler davonjagen und ihre eigene Herrschaft ausrufen, ist nichts als der Wunschtraum von Leuten, die sich ein anderes Ende der Hitlerherrschaft nicht vorstellen können. Mit der Wirklichkeit hat sie nichts zu tun. Ist so auf der einen Seite die starke Schicksalsverbundenheit von Armee und Partei eine offenkundige Tatsache, so ist doch auf der anderen Seite nicht weniger richtig, dass zwischen beiden ein unlösbarer Gegensatz besteht, der immer wieder zu neuen B- 19Konflikten führen muss. Die Partei muss, wenn sie nicht sich selber aufgeben will, die Fiktion aufrechterhalten, dass das ganze deutsche Volk-von dem Bodensatz des" Untermenschentums" abgesehen- geschlossen hinter ihr steht und das alles, was sie tut im Interesse des deutschen Volkes wohlgetan ist. Sie muss sich an diese Fiktion umso fester anklammern, je mehr ihre Masse grundlage im Volke zusammenschmilzt und je mehr in ihren eigenen Reihen die selbstbewusste Sicherheit schwindet. Die Armee kann sich aber in ihren Entschlüssen nicht nach Fiktionen richten, sondern nur nach Tatsachen. Die Armee wird also immer wieder sich fragen müssen, ob das Selbstbewusstsein, das die Pertei zur Schau trägt, noch berechtigt ist, und sie wird immer wieder dem Parteiführer, der ihr oberster Befehlshaber ist, in mehr oder weniger kategorischer Form ihre Sorgen und Bedenken vortra gen müssen. Sie wird bestrebt sein, aus ihrem Verhältnis zur Partei Vorteil zu ziehen und immer besorgt sein, sich nicht mit ihr zu identifizieren. Sie ist etwa in der Lage eines Partners, der an den Gewinnen eines tollkühnen Spielers Anteil hat und doch darauf bedacht sein muss, sich noch rechtzeitig von dieser gefährlichen Partnerschaft zurückzuziehen. Will die Partei die Armee ganz für sich gewinnen und zu einem unbedingt zuverlässigen Instrument ihrer Herrschaft ungestalten. so hat sie noch sehr viel zu tun. Sie muss zu diesem Zweck die Erziehung des Offiziersnachwuches ganz in die eigene Hand bekom men. Sie muss den ganzen Apparat mit ihren Vertrauensmännern durchsetzen, alle unzuverlässigen Elemente, das heisst fast alle älteren Offiziere, entfernen und junge Parteigänger in die höchsten Kommandostellen aufrücken lassen. Mit anderen Worten, sie muss die traditionsgebundene Armee, wie sie heute besteht, von innen heraus zerstören und eine nationalsozialistische Revolutionsarmee an ihre Stelle setzen. Das aber wäre dann ein Kampf auf Leben und Tod, wie er nur von den extremsten Elementen der Partei gewollt wird. Die grössere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass dieser Kampf vermieden werden wird, und dass sich das gegenseitige Verhältnis als eine Kette von Kompromissen und Konflikten weiter entwickeln wird. Eine Endlösung ist weder nach der einen Seite noch nach der anderen hin sichtbar. Man gewinnt aber für die Beurteilung der Vorgänge in der Armee erst dann den richtigen Standpunkt, wenn man sie nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit allen anderen Ent. wicklungen und Verwicklungen, die sich auf dem Boden des Dritten Reichs vollziehen und anbahnen. Die Armee ist heute das interessanteste Unruhezentrum des Dritten Reiches, aber bei weitem nicht das einzige. Unter den Unternehmern wächst die Sorge, dass sich der ganze Autarkieplan als die grösste Fehlspekulation der Wirtschaftsgeschichte erweisen und zu einer Vermögensvernichtung grössten Ausmasses führen wird. Die Landwirte werden durch den wachsenden Druck der staatlichen Kontrollorgane in einen Zustand steigender Erbitterung versetzt. Die Handwerker und kleinen Geschäftsleute klagen über nichtgehaltene Versprechungen und unerträgliche Belastung durch Steuern und unfreiwillige Spenden. In der Arbeiterschaft schliesslich muss die zunehmende Rationalisierung, das gesteigerte Hetztempo des Produktionsprozesses bei sinkenden Reallöhnen die schon vorhandenen Spannungen weiter vermehren. In einer Demokratie würden sich diese Stimmungen des Unbehagens in legaler Weise irgendwie summieren und in der Presse, im Versammlungsleben und schliesslich in den Wahlergebnissen und in der Regierungsbildung ihren Niederschlag finden. In der Diktatur fehlt den Unzufriedenen jede Möglichkeit, sich miteinander in Verbindung zu setzen. Einer weiss vom anderen nichts. Die Verhinderung jeder exakten Berichterstattung über die Vorgänge in der Armee und der strenge Ausschluss der Oeffentlichkeit im Niemöller- Prozess bieten aus allerneuester Zeit Beispiele dafür, wie das System jeden Teil der Opposition in eine besondere Dunkelkammer sperrt und ihn dort einer gesonderten Behandlung unterzieht. Infolgedessen tritt an die Stelle der Nachricht das Gerücht, an die Stelle der offenen Gegnerschaft die schleichende Zersetzung. Schreitet dieser Prozess weiter fort- und es ist nicht zu sehen, wie das System ihn aufhalten könnte- so muss der Tag kommen, der der Industriearbeiterschaft die Möglichkeit viederbringt, ein politischer Machtfaktor zu werden. seit 1934 DIE DEUTSCHLAND- BERICHTE. die der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Prag, monatlich im Umfange von 140 bis 180 Seiten herausgibt, haben die Aufgabe, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftlichen Gebieten zu verfolgen. Sie beruhen auf der Arbeit einer organisierten politischen Berichterstattung, deren Beobachtungsfeld sich insbesondere auf folgende Gebiete erstreckt: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen Die Lage in den Betrieben Die Wirtschaftslage Arbeitsmarkt Preisentwicklung Lebensmittelversorgung Rohstoffversorgung Geld und Kredit Handel und Gewerbe Landwirtschaft Sozialpolitik Lohnpolitik Steuerpolitik Korruption und Mißwirtschaft Terror Jugend Hitler- Jugend Schule Hochschulen Kirchenfragen Kulturpolitik NS- Organisationen NSDAP, SA, SS Arbeitsfront, KdF Arbeitsdienst Verwaltung In allen Landesteilen und Gesellschaftsschichten arbeiten Berichterstatter als Glieder der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland an dieser Aufgabe mit. Auf der großen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Die Berichterstatter kommen nach Möglichkeit selbst zu Wort, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu geben. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmäßig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter größeren Gesichtspunkten zusammenfassend dargestellt wird. Als Manuskript hergestellt Sopade, Prag- X., Palackého třída 24.