Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands( Sopade) Rapports d'Allemagne du Parti Socialdémocrate Allemand Edition mensuelle 5. Jahrg. 1938 Nr. 6 Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 5. Jahrgang 1938 Inhaltsverzeichnis Te i 1 A: 1 1 1 Nr. 6 Nachrichten und Berichte A 1 1 1 3 4 14 19 21 28 I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Deutschland gegen die Tschechoslowakei a) Militärische Vorbereitungen b) Wirtschaftliche Massnahmen c) Die Propaganda gegen die ČSR d) Die deutschen Arbeiteranwerbungen in der ČSR e) Die sudetendeutschen Deserteure in Deutschland f) Nachträge 2) Deutsche Massnahmen gegen Polen Arbeiteranwerbungen unter den Deutschen Verschärftes Vorgehen gegen die in Polen polnische Minderheit in Oberschlesien Antipolnische Aktionen in Danzig 3) Allgemeine militärische Vorbereitungen II. Aussenhandel und Devisenwirtschaft Dokumente über das Exportförderungsverfahren Meldepflicht für die nichtgeförderte Ausfuhr- Ausland swerbung unter amtlichem Einfluss III. Die Rohstoffnot 1) Rohstoffmangel und Bürokratisierung 35 38 54 54 -22) Eisen und Nichteisenmetalle GOD Die Nachteile der Kontingentierung Nichteinhaltung der Lieferfristen Schleichhandel und Hamsterei- Berichte aus der Praxis- Die Folgen des Metall= mangels bei der Reichsbahn 3) Holz und Papier 4) Textilien und Leder 5) Die neuen Werkstoffe 6) Die Altmaterialsammlung IV. Der Nahrungsmittelmangel 1) Die allgemeine Ernährungslage 2) Berichte aus dem Reich 3) Das Ernährungshilfswerk A 56 73 77 85 88 91 91 94 100 V. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik 104 Förderung der Frühehe- Propagierung des Kinderreichtums- Vergünstigungen für die kinderreiche Familie- Die" asoziale Grossfamilie"-Rassische Auslese. T e i' 1 1 1 B: Uebersichten == Deutschland und Polen I. Der Drang nach dem Osten II. Die deutsch- polnische Minderheitenfrage III. Danzig, Korridor und Oberschlesien B 1 1 3 8 IV. Der deutsch- polnische Zehnjahresvertrag V. Die Ziele der polnischen Aussenpolitik 14 18 VI. Das Ostsee- Regime und die ukrainische Frage 21 VII. Deutsch- polnischer Zusammenstoss? 26 Te is 1 A A 1 ( Abgeschlossen am 30. Juli 1938) I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Deutschland gegen die Tschechoslowakei Im Anschluss an das im vorigen Monatsbericht( Heft 4/5 1938) veröffentlichte Material über die Massnahmen Deutschlands gegen die Tschechoslowakei entnehmen wir im folgenden den inzwischen neu eingegangenen Berichten: a) Militärische Vorbereitungen Der militärische Alarmzustand, in den Deutschland vor dem 21. Mai die an die Tschechoslowakei grenzenden Landesteile versetzt hat, ist nur zum Teil wieder aufgehoben worden. Aus den folgenden Berichten geht hervor, dass auch neuerdings militärische Vorbereitungen getroffen worden sind. Sachsen, 1.Bericht: Am Sonntag, den 10. Juli abends hat in der Gegend Rautenkranz- Morgenröthe im Vogtland ( westsächsisches Grenzgebiet) eine militärische Uebung stattgefunden. Im Klingenthaler Bezirk ist dagegen die militärische Besetzung. z.Z. schwach. Im Grenzgebiet östliches Erzgebirge machte sich Mitte Juni kurz nachdem die Tschechoslowakei ihr Militär von der Grenze zurückgezogen hatte, eine starke militärische Aktivität bemerkbar. Die militärische Besetzung hält bisher unverändert an. 2.Bericht: An der Grenze ist alles ruhig. Aber etwas weiter im Lande werden Truppen verschoben, die zum grössten Teil an die mährische Grenze kommen sollen. In einem Blockhaus, das unmittelbar an der Grenze liegt, wurden 180 Soldaten einquartiert. Angeblich sind die Soldaten zur Erholung in dieses Gebiet gekommen. A 2 3. Bericht: Seit dem 10. Juli 1938 ist die Jugendherberge in Johanngeorgenstadt von Jugendlichen geräumt und von SA- Offizieren besetzt worden. Ebenso sind Vorbereitungen zu einer militärischen Besetzung der Jugendherberge Sachsenberg bei Klingenthal getroffen worden. Schon am 19. Mai hatte man einmal solche Besetzungen vorgenommen. Durch Ostritz kommen fast täglich hunderte Soldaten aller Gattungen, darunter auch Artillerie, lagern für kurze Zeit auf dem Galgen- oder Hutberg und verschwinden dann im Walde, der zwischen Ostritz- Dittersbach- Bernstadt liegt. Offiziell heisst es, es handele sich um Geländeibungen. In dem Grenzort X. wurden alle invaliden Personen von Nazi amtswaltern aufgesucht und gefragt, ob sie im Falle laufen des Krieges, wenn der Ort geräumt werden müsste, könnten oder ob sie weggefahren werden missten. Es wurde hinzugefügt, dass es sich nur um eine Vorsichtsmassnahme für den Fall handele, dass die Tschechen Deutschland angriffen. Bayern, 1.Bericht: Am Sonntag, den 19. Juni fand in Hof eine Amtswaltertagung der NSDAP statt. Der Referent sprach in sehr anmassendem Ton. Deutschland sei mit seiner Aufrüstung fertig. Die eigentliche Aktion gegen die Tschechoslowakei stände erst noch bevor. Deutschland könne die Vorgänge vom 21. Mai nicht unbeantwortet lassen. In der nächsten Zeit würden vor allem grosse Truppenteile nach Oesterreich verlegt und alle Garnisonen in Schlesien verstärkt werden. Die Italiener ständen ebenfalls bereit. 2. Bericht: In der Oberpfalz werden in fast allen Bezirken die Eisenbahndämme verbreitert und neue Geleise gelegt. Weichen werden eingesetzt, Bahnwärterhäuser, Weichenstellgebäude usw. werden erweitert oder erneuert. Eingleisige Strecken werden in zweigleisige umgebaut. Durchgangsstationen, die bisher nur ein Gleis hatten, erhalten drei und mehr neue Gleise und werden auch ausgebaut. Gleichzeitig mit diesen militärischen Vorbereitungen wird an vielen Stellen eine ausserordentlich strenge Grenzbewachung aufrecht erhalten. Einige Beispiele: Sachsen, 1. Bericht: Im ganzen Grenzgebiet ist die Grenzbewachung ausserordentlich stark. SA- und SS-. Patrouillen, immer je ein SA- und SS- Mann zusammen, sowie Zollbeamte auf Fahr- und Motorrädern, gehen bzw. A 3 fahren Tag und Nacht an der Grenze hin und her. Innerhalb einer Stunde kann man bis zu 20 Mann auf Patrouille antreffen. 2. Bericht: Das ganze Grenzgebiet von Ebersdorf- Seidenberg bis Hermsdorf- Markersdorf- Reichenau, ist seit Wochen angeblich wegen Maul- und Klauenseuche- gesperrt. Die Bahn Seidenberg- Tschernhausen, entlang der Grenze Schönfeld- Königshain ist ausserordentlich stark bewacht. Vor dem Waldstreifen zwischen Schönfeld und Königshain ist eine Art Schützengraben ausgehoben, wie etwa bei einer Feldwachstellung. Bayern: Längs der Grenze zur Tschechoslowakei werden, wie schon früher aus anderen Bezirken gemeldet wurde, zweistöckige Zollhäuser gebaut. Auch hier beobachtet man, dass für einzelne Bauteile besondere Truppen eingesetzt werden. In der Nacht werden die Bauplätze durch Posten bewacht. b) Wirtschaftliche Massnahmen Es ist möglich, dass den deutschen militärischen Massnahmen nicht unmittelbare Angriffsabsichten, sondern die Taktik zugrunde liegt, die Tschechoslowakei auf diese Weise ständig zu beunruhigen, sie zu militärischen Gegenmassnahmen zu nötigen und ihr damit eine wirtschaftliche Belastung aufzuzwingen, der das kleine Land auf die Dauer nicht gewachsen ist. Dass Deutschland auch mit wirtschaftlichen Waffen gegen die Tschechoslowakei kämpft und zu welchen Mitteln dabei gegriffen wird, lässt folgender Fall erkennen. Die Prüfungs stelle Chemische Industrie, Berlin W 35, hat am 2. Juli 1938 den beteiligten Firmen nachstehendes Schreiben zugehen lassen: Betr. Ausfuhr von Steril- Katgut nach der Tschechoslowakei: Ausfuhrmindestpreise Mit sofortiger Wirkung treten die nachstehenden Bedingungen für die Ausfuhr von Sterilkatgut nach der Tschechoslowakei in Kraft: Auf die zur Zeit in Geltung befindlichen Listenpreise können abgestufte Rabatte gewährt werden. Die Rabatte A 4 gelten nicht bei Vertragsabschlüssen auf Abruf, sondern nur bei geschlossener Abnahme in einer Partie. Bei Abruf aufträgen dürfen nur die Rabattsätze gegeben werden, die den einzelnen abgerufenen Mengen entsprechen. Die Rabatte sind als Massnahme gegen den englischen und einheimischen Wettbewerb gedacht. Sie werden also vorwiegend bei en tschechischen Krankenanstalten zur Anwendung gebracht werden müssen, während sie bei sudetendeutschen Krankenanstalten nicht als Massnahmen gegen deutschen Wettbewerb angerendet werden sollen, sondern nur in den Fällen, in denen es durch tschechische oder englische Konkurrenz notwendig wird. Damit das Preisniveau im sudetendeutschen Gebiet möglichst auf dem jetzigen Stand erhalten bleibt, ist mir in allen Fällen, in denen ein Nachlass gewährt wurde, sofort nach Abschluss eine kurze Meldung zu machen, die das Krankenhaus, den gewährten Rabatt und eine Begründung für diese Massnahme enthalten muss. Prüfungsstelle chemische Industrie Der Reichsbeauftragte. In diesem Schreiben wird also deutschen Exportfirmen die Verpflichtung auferlegt, in der Preisgestaltung einen Unterschied zwischen sudetendeutschen und tschechischen. Abnehmern zu machen. Neben der englischen soll die tschechische Konkurrenz getroffen, die sudetendeutsche aber geschont werden. Die in diesem Schreiben erwähnten Rabattsätze( die den staatlichen Exportzuschüssen entsprechen) gehen bis zu 45% des Preises; sie liegen durchschnittlich. um 20% höher als die bis dahin gewährten Rabatte. c) Die Propaganda gegen die Tschechoslowakei Die deutsche Propaganda führt eine Hetzkampagne gegen die Tschechoslowakei durch, die sich in nichts von der Hetze gegen Russland unterscheidet. Dem Volk soll systematisch eingeredet werden, die Tschechoslowakei sei zum Angriff auf Deutschland bereit, hinter ihr stehe Sowjetrusslend, das die Tschechoslowakei zum Sprungbrett ausersehen hate, um eines Tages über Deutschland herzufallen. Im Land A5 selbst herrschten bolschewistische Zustände, die Sudetendeutschen würden aufs grausamste unterdrückt und litten bitterste Not. Auf Seite A 6/7 haben wir eine Reihe von Ueberschriften aus Provinzblättern wiedergegeben, die den Charakter dieser Propagandahetze erkennen lassen. In der Zeit vom 13. bis 24. Juni hat der" Bund Deutscher Osten", dem die Führung in dieser Propaganda zugefallen ist, im sächsischen Grenzgebiet Versammlungen abgehalten, in denen der Gauschulungsleiter der NSDAP Pg. Rössler, über das Thema:" Weltbrandstifter- Zentrale Prag!" sprach. In dem Bericht über die Versammlung am 13. Juni in Annaberg( Erzgebirge) heisst es im" Tagblatt- Annaberger Wochenblatt" vom 14. Juni: Daß der Kampf der Nationalitäten in der Tschechoslowakei um mehr geht, als nur um bloße Volkstumsrechte, daß viel mehr in diesem eigenartigen Gebilde von Staat Mostau die Weltrevolution in Mitteleuropa vorbereitet, wies Pg. Rößler an Hand zahlreicher treffender Beispiele überzeugend nach. Politisch und fulturell segelt die Tschechei vollkommen im Fahrwasser Mostaus, ja, ist in vieler Hinsicht noch bolichemiftischer als die Patentbolschewifen von Moskau selbst. Getarnt arbeitet die Komintern durch die KPD in den Gewerkschaften wie in den sogenannten besseren Schichten und hat hier wie dort im tschechischen Zentrum den besten Helfer. Das fulturelle Leben trägt deutlich den Stempel mostomitischer Zersegung und wenn wir das neue Gesetz betrachten, das der Perversität und dem Sadismus Tür und Tor öffnet, so packt uns ein Schaudern. Pg. Rößler wußte alle diese Tatsachen auf Grund dokumentarischen Materials zu beweisen. Er zeigte das wahre Gesicht Beneschs auf, der als Freimaurer des höch ften Grades zusammen mit dem Oberbolschewisten LitwinomFinkelstein der gefährlichsten Loge der Welt, dem großen Orient von Frankreich, angehört; er enthüllte die Methoden der Tscheka auf Geheiß der Moskauer GPU und die engen Bindungen des tschechischen Militärs an die Rote Armee der Weltrevolution. Wie ungeheuer schwer der Leidensweg der Sudetendeutschen in dieser Filiale des weltzerstörenden schemismus im Herzen Europas ist, ging aus all den Darlegungen überzeugend hervor. Und auch dem Lehten der Zuhörer wird in dieser Versammlung flar geworden sein, daß niemals eher in Europa der Frieden einziehen kann, bis nicht die tschechische Frage gelöst wird. Bol 1 A 6 Neue tschechische Herausforderungen Keine Einigung mit Henlein" - Es lebe das tschechische Wien Nach der Drohung Barcelonas, italienische flagge mitführten, erschien die Sotolnabordnung| Sprecher der ungarischen Oppositionspartei em Städte und Schiffe zu bombardieren, tonnte man aus Wien nur mit der tschechischen Flagge.. mit Sicherheit eine ähnliche herausfordernde Haltung auch von Prag voraussehen, ba ja in beiden Städten die Mostviter die Ihren aufziehen und Limi Ein Innenminister gegen seinen Ministerpräsidenten Prag 29. mi.( Sonderdienst des SMS) fing, wird jekt zu seinem Wort stehen müssen. Politik und Wirtschaft * Wie das Preſſeamt der Suchende Partei mitteilt, fand unter dem Borfih des tera hea mtes für Induftria und Wirtschafti Dokumente schlechten Willens „ Gute Ratschläge der tschechischen Breffe für die Regierung Bericht unseres Bertretera WG. Prag, 8. Juli. habe; er set auch gegen niemanden gerichtet" ge Es ist von ausländischen und sudetendeutschen wesen und nicht ein einziges Wort des Hasses Giannatture her tichechischen Marxistischer Gesinnungsterror Sudetendeuffche werben brotlos gemacht Neue Neue Willfür gegen Gudetendeutsche Prag hindert die gewählten deutschen Bürgermeister, ihr Amt anzutreten Brag, 7. Juli.( Drahtb.) Entgegen dem flaren Wortlaut des Gesezes hindert die Prager Regierung bie bei ben- Gemeinbe waplen im Mai and Juni but bie fabes tenbentschen Mehrheiten gewählten neuen Bürgermeister baran, ihr Amt Sie wurden nämlich im Jahre 1981 auf vier Jahre gewählt. Dadurch entsteht in allen diesen Gemeinden ein angefeglicher Sukand. Die alten Gemeindevertretungen, fub zur h rung der Geschäfte nicht mehr berechtigt. Die nengewählten, vom Bertranen bes Boltes ge= traaenen Gemeinbenertretungen haben ihr Zwischenfälle alle Ansammlungen im Nordoften ber Provinz. Im Zusammenhang mit diesen Barkommnts fen richtete der nationalflämische Abgeordnete Debader in ber Rammer eine Anfrage an bie Regierung, in ber Klage über das Berhalten ber Gendarmerie gegen die Bauern geführt wird. Depader ftellt darin u. a. feft, daß vor einigen Zagen 15 Bauern um 4 Uhr von Genbarmen aus. thren Häusern geholt, nach Mecheln gebracht und bort mikhan belt worden feien. Bier Bauern habe man in einer Zelle eingeschloffen und mit Nettpeitschen und Gummilnüppeln geschlagen. Einer von ihnen sei bewußtlos zu Boben gestürzt, Bei dem Bauernfrontführer fei eine 鏡 Handels- und Land der Not Es gibt wohl nur wenige Länder Europas, in denen die wirtschaftliche Lage so trostlos und so z ohne Hoffnung aussieht, wie heute im Sudetendtschland. Gerade in diesen Tagen fand in Eger die versammlung der Handels- und Gewerbekammer st Die Schilderung der Wirtschaftslage, die erhmerpräsident dort gab, ist kennzeichnend für e al meine Situation. ,, Die Lage der Textilindustrie verlechtert sich von Woche zu Woch So het in der Rede des Kamerp Präsidenta. In der Por tanindustrie, so wird weise gesagt, sind weitere Aeiterentlassungen vorgenomen worden. Die ubewegung zeigt eine weitere sehr starke Absch ächung. Geradezu katastrophal ist die Lage er westböhmischen Weltkurorte. Solche Feststungen lassen sich leicht um weitere vermehren. e sudetendeutsche Wirtschaft ist von banger wirtsaftlicher Sorge erfüllt. Wie ungemei schwierig die Lage ist, geht am dam chehen herauskommenden Callington A E Mf.( egtteil 70 mm breit) 39 pf. Familienanzeigen mm 10 t bie nicht ber Birtschaftsperbung dienen, mm 10 Rpl. Zabelenfas Sas mit 60 Brozent auffchlag.- Biffer- Gebühr 25 l.( Breidlike? Sei Bahlung bis eine Woche nach Erhalt ber Rechnung 1 Brojent tonkursfällen oder Zwangsvergleich wird der für Aufträge elima bes hinfällig. Boksed: Dresben 7851. Erfüllungsort: Meißen nd des Stadtrates zu Meißen behördlicherfeits waltungen von Coswig, Weinböhla, Niederan, tsbauptmannfbaften Meiken and Brokenbain .t 5 B 137. Jahrgang Flugzeugmutterschiffwechoslowakei Bon Generalleut a. D. von Mess. Wohl faum ist ein Staat in der Weltpreffe mit fobiel jenamen bedacht worden, wie bas merkwürge Gebilde um Prag. In England wurvas Bild vom„ ewig entzündeten Blindhon im europäischen Körper" erfunden. In Frankreich wurde der Ausdruck„ Harlekinstaat" geprägt. In Italien schrieb man von der ethnographischen Sinnwidrigkeit" der Tschechoslowa fei. Selbst in den USA., wo der Durchschnittsbürger anzunehmen pflegt, daß Prag an der Donau liegt, findet man, daß die Wilsonschöpfung ein gefährlicher Unruheherd" zu sein scheine, und in Ungarn wurde gesagt, daß der Staat ainanti... A 8 Bereits im vorigen Bericht( Heft 4/5, Seite A 6 ff.) haben wir die Methode dargestellt, nach der die nationalsozialistische Propaganda in den deutschen Grenzgebieten so eingerichtet wird, dass sie auch jenseits der Grenze in der Tschechoslowakei wirksam wird. Dass diese Methode fortgesetzt wird, dafür folgendes Beispiel aus Sachsen: Am 21. 6. wurde in Erbersbach( Lausitz) eine Sonnenwend feier veranstaltet, die eine sehr starke Beteiligung aufwies. Die Veranstaltung des grenznahen Ortes war so gelegt, dass sie von der tschechoslowakischen Grenze aus gut beobachtet werden konnte. Jedes Wort der Ansprache war dort zu verstehen. Die Ansprache war eine einzige Verherrlichung Grossdeutschlands; sie schloss mit dem Schwur, dem Führer unbedingte Gefolgschaft zu leisten. Die deutschen Amtsstellen sind z.T. bemüht, Reichsdeutsche durch die Behauptung, in der Tschechoslowakei gehe alles drunter und drüber, vom Ueberschreiten der Grenze abzuhalten. Schlesien: Hier wird allgemein gesagt, dass auf tschechischer Seite die ganze Grenze unterminiert sei, die Bauern ihr Feld nicht bestellten dürften und das alles drunter und drüber gehe. Der Eisenbahnbeamte, bei dem ich die Fahrkarte löste, sagte mir:" Sie sollten es sich überlegen, nach der Tschechoslowakei zu fahren! Wissen Sie denn nicht, was dort los ist, haben Sie denn noch die Möglichkeit, wieder zurückzukommen?" Erst als ich mich nicht abhalten liess, gab mir der Beamte kopfschüttelnd die Fahrkarte.( Bei der Rückkehr nach Deutschland war diese Frau sehr ängstlich, weil sie nicht wusste, was sie über ihre Beobachtungen in der Tschechoslowakei sagen sollte. Sie meinte:" Wenn ich sage, dass in der Tschechoslowakei alles ruhig ist und keinem etwas passiert, komme ich in Gefahr, verhaftet zu werden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Unwahrheit zu sagen." Sachsen, 1.Bericht: Neuerdings wird es den Grenzgängern ausserordentlich schwer gemacht, die Grenze im kleinen Grenzverkehr zu überschreiten. Unter anderen sperrte der Bürgermeister von X. die Ausstellung von Grenzausweisen auf vier Wochen und verlängerte die Wartefrist, in welcher ein solcher Ausweis ausgestellt wird, auf weitere drei Wochen. Auf dringliche Vorstellungen einiger Einwoh A 9 ner liess er wissen, dass diese Massnahme nur dem Schutze deutscher Staatsbürger gilt, da ja in der Tschechoslowakei so unruhige Zustände seien, und er nicht möchte, dass drüben deutsche Staatsbürger zu Schaden kämen. Die Einwohner sind über diese Beschränkungen sehr empört, weil sie jede Woche mit eigenen Augen sehen, dass an dieser Begründung kein wahres Wort ist. 2.Bericht: Die deutschen Grenzorgane haben in der letzten Zeit jeden, der die Grenze überschreiten wollte, darauf aufmerksam gemacht, dass die Tschechoslowakei mobilisiert habe und dass die Meldungen der deutschen Presse über die Zustände in der" Tschechei" von der Wirklichkeit noch bei weitem ibertroffen würden. Ein Teil der Reiselustigen liess sich dadurch auch vom Grenzübergang abhalten. Die Wirkung dieser Propaganda- auch das wurde schon im vorigen Monatsbericht( Heft 4/5, Seite A 16) betont- darf nicht unterschätzt werden. Die Ereignisse vom 21. Mai haben der Bevölkerung-soweit sie ihr bekannt geworden sindeinen schweren Schock versetzt. Aber schon vor einem Monat war zu erkennen, dass die Wirkung dieses Schocks, nicht von langer Dauer sein würde. Diese Beobachtung wird durch die neuen Berichte bestätigt. Sachsen, 1.Bericht: Die Hetze gegen die Tschechoslowakei hat zur Folge, dass ein sehr grosser Teil des deutschen Volkes-und je weiter von der Grenze weg, desto grösser wird dieser Teil- wirklich daran glaubt, dass die Tschechoslowakei schon halbbolschewistisch ist, dass dort alles drunter und drüber geht und dass vor allem die Deutschen grausam unterdrückt werden. Es gibt Leute, die der Meinung sind, dass die Deutschen die Mehrheit in der Tschechoslowakei bilden und nur von einer tschechischen Minderheit mit Militärgewalt unterdrückt werden. Diese und ähnliche Ansichten findet man bei einem grossen Teil der Indifferenten. Und die Indifferenten nehmen in allen Schichten des deutschen Volkes in erschreckendem Masse zu. Der politisch interessierte Teil der Arbeiterschaft erkennt die wichtige Rolle der Tschechoslowakei sehr gut. Ihnen ist es vor allem klar, dass Hitler durch die Tschechoslowakei seine erste aussenpolitische Niederlage erlitten hat. Deshalb hat sich auch die Tschechoslowakei in allen antifaschistischen Kreisen Deutschlands A 10 bedeutende Sympathien erworben. Die Tatsache, dass die demokratischen Mächte zum ersten Mal seit dem Umsturz energisch Widerstand geleistet haben, hat dem zwar kleinen, aber wichtigen Teil des Volkes, der demokratisch gesonnen, politisch interessiert und geistig selbständig geblieben ist, Mut und neue Kraft gegeben. 2. Bericht:( Aus bürgerlichen Kreisen) Das Militär ist von unserer Grenze zurückgenommen worden und liegt jetzt zwischen X. und Y. Das Kriegsmaterial ist aber angeblich im unmittelbaren Grenzgebiet geblieben. Auch nach Auffassung der Grenzbevölkerung sei das notwendig, wenn man sich wirkungsvoll gegen die zu erwartenden Angriffe der Tschechen zur Wehr setzen wolle. Denn sie und nur sie allein seien die Friedensstörer. Es könne doch nicht geleugnet werden, dass die Tschechen eher mit ihrem Militär an der Grenze gewesen seien, als die Deutschen. Das allein würde die Angriffsabsichten der Tschechen bestätigen, die mit den russischen Bombern Deutschland vernichten wollen. Vor dem tschechoslowakischen Militär und den russischen Bombern herrscht in weiten Kreisen der Bevölkerung grosse Angst. Allgemein wird der deutschen Propaganda über die Angriffsabsichten der Tschechoslowakei Glauben geschenkt, und zwar deshalb, weil Deutschland wegen seiner wirtschaftlichen Lage keinen Krieg jetzt führen könne. Selbst im Grenzgebiet, das doch schon aus Propagandagründen bis jetzt von der Knappheit an Lebensmitteln verschont blieb, tritt jetzt eine Verknappung dieser Waren ein. 3. Bericht: Die antitschechische Propaganda im Film; Funk und in der Presse verfehlt selbst bei ehemals tichtigen Genossen ihre Wirkung nicht. Besonders sind es die Kinder, denen das chauvinistische Gift Tag für Tag in der Schule eingespritzt wird. Fängt da ein Junge zu Hause eine Fliege. Als er sie hat meint er:" Schon wieder einen Tschechen gefangen und jetzt wird er totgemacht". So kommt es, dass die Kinder aus der Schule, und noch mehr aus der HJ, Ansichten und Meinungen mit nach Hause bringen, die dann nach und nach von den Eltern iibernommen werden. Ist der Vater damit nicht einverstanden, so ist es für ihn besser, zu schweigen, als den gefährlichen Versuch zu unternehmen, den Kindern die Wahrheit zu sagen. 4. Bericht: Wie sinnesverwirrend die reichsdeutsche Propaganda sich auswirkt, beweisen folgende Fälle: Eine Frau aus dem Grenzgebiet musste nach einem nahegelegenen böhmischen Ort, um dort einiges zu erledigen. Bevor sie in die Tschechoslowakei ging, erkundigte sie sich allen Ernstes danach, ob sie ins" Böhmische" gehen A 11 kann, ohne dass die Soldaten schiessen. Man hätte ihr gesagt, dass die Sudetendeutschen und die Reichsdeutschen von der tschechoslowakischen Soldateska misshandelt würden. Einem Mann in seiner sächsischen Grenzstadt stellt sich das sudetendeutsche Problem folgendermassen dar: " Es wird ein Sudetendeutscher Staat entstehen, denn der Anschluss an das Reich kann z.Zt. nicht vorgenommen werden. Die Tschechoslowakei hat aber nur für 20 Jahre das sudetendeutsche Gebiet in Verwaltung bekommen. Das ist in den Friedensverträgen niedergelegt. Nunmehr müssen die Tschechen das Gebiet frei geben und die Sudetendeutschen werden durch Volksabstimmung ihre Staatsform selbst bestimmen". 5. Bericht: Einem Handwerksmeister wurde an der Grenze dringend abgeraten, in die Tschechoslowakei zu fahren. Er holte sich aber auf dem tschechoslowakischen Zollamt Auskunft, ob er die Grenze überschreiten könne. Als er die Antwort bekam, dass dem nichts im Wege stände, liess er sich von der Grenzüberschreitung nicht mehr abhalten. Nach seiner Rückkehr äusserte er, dass er froh darüber sei, einige Tage in einer freieren und reineren Luft verbracht zu haben. Er habe vergeblich nach den vom deutschen Rundfunk gemeldeten Maschinengewehrlöchern gesucht, und er habe ebenso wenig etwas von einer Willkürherrschaft der tschechischen Soldaten über die Sudetendeutschen gespürt. Es könne nicht einmal von einer besonderer Verstärkung der Polizei gesprochen werden. Das sei für ihn der endgültige Beweis dafür, dass man den deutschen Zeitungen und dem deutschen Rundfunk nicht glauben könne. Nunmehr wisse er, dass die Tschechoslowakei nicht daran denke, Deutschland zu überfallen. Aehnliche Erfahrungen wurden auch von anderen reichsdeutschen Besuchern gemacht. Auch diese versuchten vergebens, eine Bestätigung der deutschen Greuelnachrichten über die Tschechoslowakei zu finden und drückten ihre Verwunderung darüber aus, dass sie im tschechoslowakischen Grenzgebiet Ruhe und Ordnung angetroffen hätten. Da also keine besonderen Schwierigkeiten vorhanden waren, beteiligten sich viele Reichsdeutsche am Kirmesfest in X. Dabei wurden sie auch Augenzeugen einer Kirmesrauferei. Zuerst nahmen sie an, dass es eine politische Auseinandersetzung wäre, als sie aber hörten, dass sich zwei prominente Henleinleute" wattierten", meinten einige:" Wird der Leipziger Sender das auch bringen und hinzufügen, dass die sudetendeutschen Volksgemeinschaftler in ihrer$ 1 grossen Not" noch so viel Geld haben, dass sie sich besaufen und im Suff sich die Schädel einschlagen können?" A 12 b. Bericht: Leute, die Gelegenheit haben, öfters über die Grenze zu gehen, beurteilen natürlich die politische Lage anders, als die, welche nur gelegentlich" ins Böhmische" kommen. Die ersteren sind fiberzeugt davon, dass der Krieg bald ausbricht, weil sich, wie die letzten Wochen gezeigt hätten, die Tschechoslowakei nicht ohne Krieg kassieren lassen wird, Hitler aber auf Grund der innerdeutschen Verhältnisse immer wieder aussenpolitische Erfolge haben muss. Ausserdem sei es für Deutschland unmöglich, die Rüstungsindustrie weniger zu beschäftigen, weil es sonst überhaupt fast keine Beschäftigung gebe und die Zahl der Erwerbslosen trotz Beibehaltung der zweijährigen Militärdienstzeit viel grösser würde als vor 1933. Leute, die gelegentlich über die Grenze kommen, und Anhänger des Regimes sind, sind der Ueberzeugung, dass der Führer weder einen Krieg mit der Tschechoslowakei, noch mit Frankreich und noch weniger mit England wolle. Die Tschechoslowakei würde eines Tages noch froh sein, wenn sie sich Deutschland freiwillig anschliessen könne. Nur die Juden und Emigranten hielten die tschechoslowakische Regierung von einer deutschfreundlichen Politik ab. Ein nationalsozialistischer Handwerksmeister meinte:" Unser Führer wird's schon noch fertig bringen und der Welt zeigen, dass er zum Ziele kommt und dass trotzdem kein Krieg ausbricht!" Von einem eingefleischten Nazi solche Ansichten zu hören, wundert niemand. Verwunderlich und bemerkenswert ist aber, wenn Leute, die bis Ende 1936 noch Gegner des Regimes waren, heute in das gleiche Horn blasen. So meinte z. B. ein Facharbeiter aus der Instrumentenindustrie, dass er heute an den ehrlichen Willen Hitlers glaube, der Welt den Frieden zu erhalten, indem er die deutsche Aufrüstung so, wie es getan worden wäre, gefördert hätte. Damit sei dem deutschen Arbeiter Arbeit und Brot gegeben worden und der Russe würde in Schach gehalten. Es sei unwahr, dass Hitler den Anfang vom Wettrüsten gemacht habe und dass die Einverleibung Oesterreichs ins Dritte Reich eine Zwangsmassnahme gewesen sei. Würden die Tschechen erkennen, dass sie erst durch die Deutschen ein angesehenes Land geworden wären, dann würden sie auch den Deutschen in der Tschecho slowakei geben, was ihnen gebühre, nämlich die Freiheit, und der Weltfriede wäre gesichert! Hört man das von Leuten, die man seit vielen Jahren kennt und deren Auffassungen noch in den Jahren 1935/1936 gerade das Gegenteil von dem waren, was sie heute vertreten, so muss man zu der Auffassung kommen, dass die Menschen schliesslich doch das glauben, was ihnen tagtäglich vorgesetzt wird. Sie können oder wollen überhaupt nicht mehr denken. Fast scheint es, als wenn Hitlers Wort in" Mein Kampf", dass A 13 die Lüge, oft genug behauptet, letzten Endes doch als wahr hingenommen wird, sich bestätigt. 7. Bericht: Noch. immer wagen sich nur wenig Reichsdeutsche in die Tschechoslowakei. Geht doch einmal einer über die Grenze, dann wundert er sich, dass er keine Schützengräben sieht und dass nicht aus jedem Fenster ein Gewehr oder Maschinengewehr schussbereit herausschaut. Nach Z. ist ein junger Zollbeamter gekommen, der sich wunderte, dass die Deutschen in der Tschechoslowakei deutsch sprechen. Er war der Meinung, dass die Deutschen tschechisch sprechen müssen. Gegen die Massenwirkung dieser Propaganda gibt es nur ein wirksames Gegenmittel: die Sendungen ausländischer Rundfunksender. Heute sind der Strassburger Sender, die deutschen Sender der Tschechoslowakei und der Moskauer Sender die wichtigsten Informationsquellen aller derer, die nicht ausländische Zeitungen lesen können und nicht über die Reichsgrenzen hinauskommen. Für die Aufklärung über die wahre Lage in der Tschechoslowakei kommt dem neu errichteten Sender Mělnik bei Prag besondere Bedeutung zu. Ueber seine Wirksamkeit bringen wir nachstehend zwei Berichte aus Sachsen: 1: Bericht: Eine wichtige Funktion zur Aufklärung und darüber hinaus für die Stärkung der demokratischen Idee in Deutschlands ist dem Mělniker Sender zugefallen. Er wird von den Arbeitern verhältnismässig viel gehört. Dieser Sender hat den Vorteil, dass er gut zu hören ist, täglich dreimal Nachrichten durchgibt und nicht gestört wird. Die Arbeiter sagen:" Wenn wir von der Arbeit heimkommen, sind wir derartig müde, dass wir kaum in der Lage sind, zu warten, bis der Sender Strassburg deutsche Nachrichten bringt oder die Moskauer Sendungen kommen, die ja immer stark gestört werden. Alle diese Mängel hat der Mělniker Sender nicht. 2. Bericht: Der Mělniker Sender wird bei uns viel gehört. Man wünscht noch mehr aufklärende Vorträge und eine entschiedenere Stellungnahme gegen die lügenhaften Meldungen der Goebbelschen Propaganda. A 14 d) Die deutschen Arbeiteranwerbungen in der ČSR Die reichsdeutschen Arbeiteranwerbungen im sudetendeutschen Gebiet halten an. Wir haben bereits im Vormonat auf die propagandistische Wirkung dieses Vorgehens hingewiesen( Heft 4/5, Seite A 1 ff.). Aus den nachstehenden Berichten geht hervor, dass nach wie vor nur Arbeiter angenommen werden, die Mitglieder der Henlein- Partei( SdP) sind. Der Mitgliedsausweis der SdP ist wichtiger als der tschechoslowakische Pass. Die Löhne, die den sudetendeutschen Arbeitern in Deutschland gezahlt werden, sind für sie nur dann günstig, wenn sie so nahe der Grenze beschäftigt sind, dass sie in der Tschechoslowakei wohnen können. Dann erhalten sie den grössten Teil ihres Lohnes in Devisen nach dem amtlichen Kurs ausgezahlt und können so einerseits von dem höheren Nominallohn in Deutschland, andererseits von dem niedrigeren Preisniveau in der Tschechoslowakei profitieren. Müssen aber die Sudetendeutschen in Deutschland von ihrer Familie getrennt wohnen, so bleibt ihnen selten genug, um ihre Familie in der Tschechoslowakei unterstützen zu können. Schliesslich lassen die Berichte erkennen, dass die sudetendeutschen Arbeiter sogar zu strategischen Bauten wie Strassen- und Eisenbahn- Erweiterungen herangezogen werden. Sachsen, 1.Bericht: Beim Strassenbau Schweinitzthal, Dittersbach über Heidersdorf nach Sayda, wo eine Ringstrasse Chemnitz, Olbernhau, Sayda, Freiberg gebaut wird, sind Arbeiter aus der Tschechoslowakei, z. B. aus Brandau und Katharinaberg, beschäftigt. Alle diese Arbeiter müssen Mitglieder der Sudetendeutschen Partei( SdP) sein. Das Mitgliedsbuch der SdP ist z.Z. in Deutschland wichtiger als der tschechoslowakische Pass. Zur Bestätigung, dass es sich um ein zuverlässiges Mitglied der SdP handelt und dass die Angehörigen des Arbeitsuchenden ebenfalls bei der SdP sind, muss die zuständige SdP- Ortsgruppe ein Beglaubigungsschreiben ausstellen, das vom Arbeit A 15 suchenden dem Arbeitsamt in Deutschland vorgelegt wird. 2. Bericht: Nach wie vor ist die Arbeitsvermittlung Sudetendeutscher nach Deutschland sehr umfangreich. Leute bis aus Brix und Laun wurden in den letzten Wochen in Olbernhauer Möbel- und Spielwarenfabriken vermittelt. Auch in Oberneuschöneberg und anderen deutschen Grenzorten wurden sudetendeutsche Arbeiter eingestellt. Die Tischler erhalten in der Stunde 63 Pfg. und die Möbellackierer 90 Pfg. Lohn. Da den Leuten die Verpflegung in Deutschland ungenügend ist, logieren sie in Brandau in der Tschechoslowakei, und zwar teilweise in Gasthäusern. Sie sagen selbst, dass sie dadurch gescheiter tun, weil sie erstens das Geld durch das Devisenamt bekommen und dadurch mehr von ihrem Lohn haben, zweitens mehr für ihre Angehörigen behalten und drittens die Kost viel besser ist. Damit hängt zusammen, dass die sudetendeutschen Arbeiter, die im Innern Deutschlands beschäftigt sind, bald wieder im Heimatsort landen, besonders, wenn es sich um Verheiratete handelt. Diese Leute verlassen ihre Arbeitsstelle bald," weil es in Deutschland zu teuer ist und nichts für die Familie übrig bleibt". Sie hätten für das Schlafen Anfang Juli wurde im Arbeitsamt Olbernhau eine Bekanntmachung ausgehängt, dass noch ca. 600 sudetendeutsche Arbeiter, Maurer, Zimmerleute, Maler und Lackierer nach Mitteldeutschland vermittelt werden können. Sudetendeutschen, die sich um die Arbeit bemühten und noch keinen tschechoslowakischen Pass hatten, wurde gesagt, dass sie sich ruhig für die Arbeit melden können, sie würden einstweilen vorgemerkt. Wer im deutschen Grenzgebiet Arbeit zugewiesen bekommt, benötigt nicht unbedingt sofort den tschechoslowakischen Pass, wenn er die SdP- Legitimation auf dem Arbeitsamt vorweisen kann. Diesen Leu ten wird empfohlen, einstweilen mit dem täglichen Grenzausweis die Grenze zu überschreiten, bis der Pass, eventuell mit Hilfe des deutschen Unternehmers, ausgestellt worden ist. Davon machen z.Zt. auch viele Arbeiter Gebrauch. 3. Bericht: Der Bedarf an sudetendeutschen Arbeitskräften ist jetzt ausserordentlich stark. Maurer, landwirtschaftliche Arbeitskräfte und Hilfsarbeiter werden in Mengen gesucht und eingestellt. Natürlich nur gute SdPLeute. Auch beim Strassenbau zwischen Ostritz und Bernstadt sind Sudetendeutsche eingestellt worden, obgleich es in Ostritz und Umgebung noch 200 Arbeitslose gibt. Die Einstellungen dürften auch einen politischen Charakter haben, da es sich bei diesem Strassenbau zweifellos um A 16 eine strategische Massnahme handelt. In Schlettau( Erzgebirge) sind auf der Bahnstrecke jetzt ebenfalls sudetendeutsche Arbeiter beschäftigt. Sie logieren in Eisenbahnwagen, weil sie nicht täglich nach Hause gehen können. Diese Arbeiter sind über die Verhältnisse im Dritten Reich enttäuscht. Obgleich sie in Eisenbahnwagen logieren, ist es ihnen unmöglich, ihre Familien hinreichend zu unterstützen. Die Arbeiter mussten sich auf ein halbes Jahr verpflichten und dirfen vor Ablauf dieser Zeit die Arbeit nicht niederlegen, wenn sie nicht den jeweilig zur Verrechnung stehenden Lohn verlieren wollen. Letzthin verunglückten einige dieser Arbeiter. Eine Lore kippte um und verletzte einige Arbeiter schwer. Allen auf der Bahn Beschäftigten wurde verboten, über diesen Unfall zu sprechen. 4.Bericht:( Aus Chemnitz) Auch hier sind jetzt in verschiedenen Fabriken, so u.a. in den Wanderer Werken, sudetendeutsche Arbeiter beschäftigt. Diese gebärden sich im allgemeinen nationalsozialistischer als die ortsansässigen Arbeiter. Sie klagen zwar über die hohen Preise, durch die ihr Verdienst, der höher wäre als der, den sie in der Tschechoslowakei erhalten wiirden, fast restlos draufginge und weswegen sie ihren Angehörigen in der Tschechoslowakei nicht viel schicken könnten, aber sie hoffen, dass der Anschluss der Tschechoslowakei an das Dritte Reich bald kommt und dass dann sich alles zum Guten wendet. In einer Weberei in Schöneck im Vogtland sind auf Anforderung des Arbeitsamtes am 9. und 11. Juli insgesamt 50 jüngere Arbeiter, angeblich zum Autostrassenbau, bereitgestellt worden. An ihre Stelle sucht die Firma Arbeitskräfte aus der Tschechoslowakei. Aus Rossbach sind bereits 20 Weber nach Schöneck abgegangen. Sie erhielten 5, RM Reisegeld. Bei diesen 20 Mann handelt es sich durchwegs um SdP- Leute. Da nicht die Sudetendeutschen zu den angeblichen Strassenbauten herangezogen werden, wie das sonst üblich ist, sondern hierzu Reichsdeutsche aus ihrer Arbeit gerissen werden, nimmt man an, dass es sich nicht um Strassenbau, sondern um Befestigungsbauten handelt. Bayern, 1.Bericht: In X. besteht sowohl in den Lederfabriken als auch in den Glasfabriken ein grosser Teil der Beschäftigten aus Sudetendeutschen. Diese Sudetendeutschen sind wegen ihrer Unterwürfigkeit bei ihren reichsdeutschen Arbeitskollegen nicht sehr beliebt. 2. Bericht: Die sudetendeutschen Arbeiter werden vom Regime aus agitatorischen Gründen auf bestimmten Gebie A 17 ten augenfällig bevorzugt. Kommt z. B. eine Arbeiterin aus der Tschechoslowakei in Deutschland in Arbeit und geht zum Zahnarzt, so bekommt sie nicht nur Zahnersatz und Plomben, sondern sogar auch Goldkronen und Brücken. Man weiss, dass diese Arbeiterin ja doch bald wieder zu Besuch in die Tschechoslowakei geht und ihre goldenen Zähne," die sie drüben umsonst bekommen hat", alle gerne sehen lässt. Verunglückt ein sudetendeutscher Arbeiter, so gibt es ein herzliches Beileidsschreiben an die Angehörigen in der Tschechoslowakei und die Mitteilung über die Höhe der Hinterbliebenen- Rente. So wird z.B. an die Hinterbliebenen eines Bauarbeiters in Y., der in Deutschland tädlich verunglückte, eine monatliche Rente von Kč 700,- gezahlt, obgleich der Verunglückte erst in diesem Jahr in Deutschland in Arbeit gekommen ist. Die SdP- Presse macht das dann entsprechend auf und die Sudetendeutschen glauben, dass es so im Dritten Reich allgemein aussieht. In einer bayerischen Stadt wurde Nazibonzen vorgeworfen, dass sie die Sudetendeutschen bei allem bevorzugen, bei Liebesgaben, Zahnbehandlung, Säuglingswäsche usw. usw., worauf ein Nazi bonze schmunzelnd erklärte:" Wenn wir sie nur einmal haben, dann ziehen wir sie uns schon." Das Gegenstück zu den deutschen Arbeiteranwerbungen unter den Sudetendeutschen bilden die Ausweisungen tschechischer Arbeiter aus Deutschland. Es handelt sich dabei keineswegs nur um Grenzgänger, sondern zum Teil werden Arbeiter betroffen, die zwar tschechoslowakische Staatsangehörige sind, aber seit Jahren ihren festen Wohnsitz in Deutschland haben. Wir entnehmen über diese Ausweisungen unseren Berichten: Sachsen: Bereits im Vormonat haben wir über die Entlassung der Frau eines sudetendeutschen Arbeiters und Henlein- Mannes berichtet, der am 20. Mai zu den Befestigungsarbeiten an der tschechoslowakischen Grenze herangezogen worden war und diese Arbeit nicht verweigert hatte. ( vgl. Heft 4/5 1938, Seite A 4). Ein anderer Fall ähnlicher Art hat sich in X. ereignet. Dort ist der Bruder eines sozialdemokratischen Gemeindevorstehers in der Tschechoslowakei beschäftigt. Dieser Mann wurde nac der Gemeindewahl zur deutschen Polizei befohlen und wer gen seiner Teilnahme an der sozialdemokratischen Wahlarbeit zur Rede gestellt. Als der Mann darüber nähere Auskunft verweigerte, brüllte ihn der Polizeibeamte an: A 18 " Halte die Fresse, Du rotes Schwein von drüben. Du glaubst wohl, Du kannst es genau so machen wie Dein Bruder, der drüben die Gemeinde verwirtschaftet? Es. wird Zeit, dass dem ein Ende gemacht wird!" Als der Mann noch etwas zu erwidern versuchte, schrie der Beamte:" Kerl, wenn Du nicht ruhig bist, erschiesse ich Dich! Der Mann verlor sofort seine Arbeitsstelle bei der Firma Y. Rheinland- Westfalen: Im Dortmunder Bezirk sind mehrere Tschechen, die bisher im Bergbau arbeiteten und fast alle seit 1918, zum Teil bereits seit der Vorkriegszeit, hier ansässig waren, ausgewiesen worden. In Mörs sind sieben tschechische Bergarbeiter aus gewiesen worden. Aber auch Reichsdeutsche, die in der Tschechoslowakei wohnen und in Deutschland arbeiten, vérlieren ihre Arbeitsstelle, wenn sie sich nicht dem Terror der SdP fügen. Auch dafür einige Beispiele aus Sachsen: In X.( Tschechoslowakei) wohnt seit vielen Jahren ein Reichsdeutscher, der bei der Firma A. in Y.( Deutschland) beschäftigt ist. Vor kurzem erschien bei der Firma ein Polizeibeamter und machte dem Manne Vorhaltungen, einer seiner Söhne habe am 20. Mai mit Gewehr Posten für die Tschechen gestanden, obgleich er als Reichsdeutscher das nicht hätte tun dürfen. Obgleich sich der Mann gegen diese Verleumdung seines Sohnes energisch zur Wehr setzte, wurde er entlassen. Dabei wurde ihm erklärt, er und seine Angehörigen sollten Mitglied der SdP oder des" Bundes der Deutschen" werden, dann könnten sie wieder in Deutschland arbeiten. In Z. wurde eine Reichsdeutsche entlassen, die in der Tschechoslowakei wohnt, weil ihr Mann sich einem Wahlprotest angeschlossen hatte, der von der Deutschen Sozial. demokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei ( DSAP) eingebracht worden war. Der Mann gehört der DSAP selbst nicht an, ist auch politisch indifferent und konnte sich schliesslich noch damit verteidigen, dass der Wahlprotest sich gegen die unzulässige Abstimmung von Tschechen richte und zuerst von einem Henlein- Mann erhoben worden war. Trotzdem verlor die Frau ihre Arbeits. stelle in Deutschland. Das Material für diese Anschuldigungen können übrigens die deutschen Behörden nur von Henlein- Leuten erhalten haben. A 19 e) Die sudetendeutschen Deserteure in Deutschland Die Behandlung der Sudetendeutschen, die im Mai der tschechoslowakischen Einberufung nicht Folge geleistet haben, sondern nach Deutschland geflichtet sind, ist sehr unterschiedlich. Während die Deserteure an einigen Stellen kurzerhand wieder über die Grenze zurückgeschickt worden sind, haben sie an anderen sehr zuvorkommende Aufnahme und vor allem Arbeit gefunden. Inzwischen haben aber auch die deutschen Unternehmer schon herausgefunden, dass sie diese Leute sehr gut als Lohndricker gebrauchen können. Sachsen, 1.Bericht: Die Leute, die vor der Einberufung im Mai desertierten und nach Klingenthal kamen, wurden dort entweder sofort wieder zurückgeschickt oder nach Zwickau befördert. In Zwickau wurden sie vor die Frage gestellt, entweder in ein ausländisches Heer( welches Heer, war nicht zu erfahren) einzutreten oder wieder in die Tschechoslowakei zurückzukehren. Wer beides ablehnte, wurde zur Arbeit im Steinbruch vermittelt. Da einige nur ihren guten Anzug mit hatten, suchten sie um Arbeitskleidung nach. Das wurde aber mit der Bemerkung abgelehnt " Ihr faulen Schweine, Ihr denkt wohl, Ihr könnt bei uns Urlaub machen! Wenn es Euch nicht passt, dann geht Mit dem guten Anzug hin, wo Ihr hergekommen seid!" musste die Arbeit angetreten werden. 2. Bericht: Henlein- Anhänger, die nicht eingerückt, sondern nach Olbernhau desertiert waren, sind dort nicht gerade freundlich empfangen worden. Man erwägt, wie und unter welchen Umständen die Leute wieder herübergebracht werden könnten, die von den Reichsdeutschen als feige bezeichnet werden. Auf das hiesige Gemeindeamt in X. kamen Mitte Juni zwei Sudetendeutsche aus Brüx, die zur Waffenübung einrücken sollten, aber desertierten. Sie meldeten sich auf dem Gemeindeamt als Deserteure und baten um Arbeit. Die zwei waren der Ueberzeugung, dass sie im Dritten Reich mit Freuden aufgenommen würden und dass man ihnen gleich Arbeit geben würde. Wie enttäuscht waren sie aber, als man sie zur Polizei schickte und ihnen dort erklärt wurde:" Was denkt Ihr Euch denn, glaubt Ihr denn, Ihr könnt alle desertieren, Ihr Feiglinge Ihr! Arbeit wollt Ihr haben, wie stellt Ihr Euch das vor, wir haben selbst A 20 genug Arbeitslose!" Die beiden Deserteure zogen tief enttäuscht ab. Am nächsten Tag sprachen sie nochmals vor. Schliesslich schickte man sie auf eine Baustelle der Autobahn. 3. Bericht: Durch Vermittlung des Arbeitsamtes in Oelsnitz i.V. haben 30 Rossbacher Arbeiter Anfang Juli Beschäftigung an der Reichsautobahn in Reichenbach i.V. erhalten. Sie sollen 54 Pfg. Stundenlohn bekommen. Bedingung ist, dass sie Mitglieder der SdP sind. Dem Wunsch der Vermittelten, bei der Talsperre in Pick bei Plauen beschäftigt zu werden, wurde mit der Begründung nicht entsprochen, dass dort nur die Wohlfahrtsempfänger aus dem Vogtland und die Deserteure aus der Tschechoslowakei arbeiten. Letzteren solle dadurch die Verbindung mit ihrer Heimat erleichtert werden. Die Deserteure arbeiten geschlossen in einer Abteilung und werden von den übrigen Arbeitern ziemlich isoliert. Sie stehen bei den deutschen Arbeitern auch nicht besonders hoch im Kurs. Der Direktor der Firma Uebel, Spinnerei in Adorf, der ein Sudetendeutscher ist, hat für 14 sudetendeutsche Deserteure für die Dauer von 8 Tagen Mittagsfreitische gespendet. Er soll auch dafür gesorgt haben, dass Rossbacher Deserteure bei den Firmen Uebel und Claviez in Adorf untergebracht wurden. Die sudetendeutschen Arbeiter bei der Firma Claviez geniessen bei der Arbeitszuteilung allerhand Vorteile und werden offensichtlich bevorzugt. Sie sind deshalb bei ihren reichsdeutschen Kollegen nicht gut angeschrieben. Bayern: Die Sudetendeutschen werden als Lohndrücker vorgeschickt. Jene verführten sudetendeutschen Arbeiter, die in der Tschechoslowakei ihren militärischen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind, fürchten jetzt die Strafe, wenn sie in die Tschechoslowakei zurückkehren und deshalb kann man diesen Arbeitern alles bieten. Kommt in einer Fabrik mit Akkordlohn ein neuer Artikel in Arbeit, so bekommen ihn zuerst die sudetendeutschen Arbeiter, sie bekommen dann einen entsprechend niedrigeren Lohn und den deutschen Arbeitern sagt man, dass sie das auch um den Lohn machen müssen. Der deutsche Arbeiter sieht auch nicht mehr die Raffiniertheit des Kapitalisten bzw. seiner Angestellten und schimpft über den " Böhm", der die Löhne herunterdrückt. Die ganze Tragik offenbart sich in folgender Bemerkung:" Bei uns auf der Glashütten sagen die Arbeiter, dass die ersten, die einmal erschlagen werden, wenn es anders wird, die Sauböhm sind". Wenn man weiss, dass diese" Sauböhm" die sudetendeutschen Arbeiter sind, die nicht mehr in die Tschecho A 21 slowakei zurück können, weil sie die Strafe wegen Nichterfüllung der Militärpflicht und vielleicht auch anderer " Liebedienereien", die sie dem Hitlersystem leisteten, fürchten, dann ist man erschüttert über die Tragik, die sich hier an der Arbeiterklasse vollzieht. f) Nachträge Nach Abschluss dieses Abschnittes sind uns noch die nachstehenden Berichte zuge gangen: Ueber die militärischen Vorbereitungen Deutschlands gegen die Tschechoslowakei wird gemeldet: Bayern: Nach der tschechischen Abwehraktion und der Stoppung der deutschen Angriffsvorbereitungen für die Wahltage, machte sich eine gewisse Beruhigung auf militärischem Gebiete bemerkbar. Doch konnte der aufmerksame Beobachter bald feststellen, dass das nur äusserlich der Fall war. Bald nach dem 21. Mai setzte eine zwar verdeckte, aber doch sehr umfangreiche Tätigkeit ein. Man hatte den Eindruck, dass man nun mit fieberhafter Eile darangeht, die schwachen Stellen im deutschen Angriffsplan auszugleichen und Deutschland für einen wirklichen Krieg vorzubereiten. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Vorbereitungen für den Ernstfall mit einer noch nie gekannten Energie und militärischen Gründlichkeit betrieben werden. Die Ende April von den schwäbischen Garnisonen an die Ostgrenze abgegangenen Spezialformationen sind nicht mehr in ihre Standorte zurückgekehrt. So befinden sich z.B. heute in der grossen Garnison Landsberg am Lech nur Schulungsmannschaften, die die Ausbildung der Ersatzreservisten durchzuführen haben. Die nach den ostmärkischen und sächsischen Häfen abgeflogenen schweren Bomber und Kampfflugzeuge sind nicht mehr zurückgekehrt. Von den bei der Besetzung Oesterreichs einberufenen technischen Kräften sind bis heute nur vereinzelte zurückgekommen. Die Uebungen der Flugabwehr haben einen noch nie gekannten Umfang angenommen. Münchner Schneidereien arbeiten in drei Schichten für Uniformen. Stifeltransporte grossen Umfangs sind ins Grenzgebiet abgegangen. Die Bayrischen Flugzeugwerke in Augsburg arbeiten in drei Schichten mit einem noch nie gekannten Tempo. Bei MAN werden Schiffsdieselmotoren für die Reichsmarine in solchem Umfang hergestellt, dass daraus auf eine starke Steigerung des Schiffbaues geschlossen werden kann. Im Flughafen Augsburg ist ein Tag- und Nachtbetrieb, der alles Bishe A 22 rige übersteigt. Die Ausbildung der für 8 Wochen eingezogenen Jahrgänge wird mit grosser Hast betrieben. Von Soldaten der technischen Abteilungen wurde berichtet, dass sie in einer fast unerträglichen Weise beansprucht werden. Ihr täglicher Dienst erreicht fast immer 15 Stunden, oft sogar 18 Stunden. Die Soldaten kommen völlig erschöpft in ihre Quartiere und fallen überanstrengt auf ihr Lager. Besonders die technischen Truppen, wie Nachrichtendienst und Flugabwehr, sind in voller Aktion. Die Manöverübungen brechen nicht ab. Aus allem ist zu erkennen, dass die Militärstellen mit äusserster Anstrengung arbeiten. Die Münchner Garnisonen sind fast alle in Oesterreich. Dafür sind in München viele Württemberger. Die Truppentransporte von und nach Oesterreich haben noch nicht aufgehört. Für die Vorbereitungen gegen die Tschechoslowakei sprechen auch die Massnahmen des SS- Kommandos. Trupps von Münchner SS- Leuten sind im Bayerischen Wald in Hitlerjugendheimen angeblich zur Erholung untergebracht worden. 2. Bericht: In der ersten Woche des Juli konnten wir feststellen, dass die Transporte von schwerer Artillerie in Richtung Simbach wieder begonnen haben. Wir sind der Ansicht, dass es sich hierbei nicht mehr um eine normale Truppenverschiebung im Vollzuge der österreichischen Eingliederung, sondern um eine starke Massierung militärischer Kräfte in Oesterreich handelt. Ausserdem konnten wir feststellen, dass in der Luftwaffe weiterhin grosse Verschiebungen vorgenommen werden. Anfang Juli sind bei den Bayerischen Flugzeugwerken erneut mindestens 300 der dort in Schuppen lagernden demontierten Flugzeuge zusammengestellt worden und von Augsburg abgeflogen. Die Einberufungen für den Flugdienst werden im grossen Umfange durchgeführt. Der grösste Teil der Münchner Flieger ist in Oesterreich stationiert. Wie gefährlich die Lage ist, kann man wohl auch daraus ersehen, dass Offiziere ab August keinen Urlaub mehr bekommen. In Nazikreisen verbreitet man vertraulich Gerüchte, die von einem Aufstand der Sudetendeutschen wissen wollen. Im allgemeinen ist man jetzt hier der Auffassung, dass Hitler nach Einbringung der Ernte einen blitzartigen Ueberfall machen werde. Sachsen: An der Strasse Jägersgrün- TannenbergstalBrundöbra- Sachsenberg fanden im Juli jede Woche mehrmals SA- und SS- Uebungen statt, zu welchen die ganze Einwohnerschaft aufgeboten wurde. Man baute in den Abendstunden, wenn die Arbeiter aus den Betrieben heimgekehrt sind, auf den Strassen sogenannte Behelfssperren. Die Aufsicht A 23 führen SA- Pioniere aus Plauen. Die Bauern müssen ihre Wagen, die Holzsägewerke gewisse Stämme hergeben. Ausserdem benötigt man dazu noch Kleinholz. Das wird aus der Nähe bei Arbeitern geholt, die es für den Winter aufgestapelt haben; am liebsten werden die gerodeten Stockwurzeln benützt. Die Arbeiter bekommen dann nach der Uebung ihr Holz zurück. Das heisst, es wird ihnen nicht etwa hingeschafft, sondern sie müssen es sich am nächsten Morgen, ehe sie wieder zur Arbeit gehen, selber zusammensuchen, da es verstreut umher liegt. Oft fehlt auch Holz. In diesen Fällen können die Arbeiter Antrag auf Ersatz stellen. Sie müssen zu diesem Zweck Gesuche in dreifacher Ausfertigung bei ihrer Wohnsitzgemeinde abgeben. Diese schickt die Gesuche an die Heeresverwaltung beim Divisionsstab in Chemnitz. Nach Wochen erst findet das Ansuchen Erledigung. Eine solche Uebung wickelt sich in folgender Form ab: Nachdem die Behelfssperren errichtet sind, kommen zwischen 22 und 24 Uhr sogenannte Stosstrupps der SA, geführt von motorisierter Gendarmerie aus Rodewisch, die die Sperren wieder wegräumen. Die Uebung hat offensichtlich nicht den Sinn, Sperren gegen einen etwaigen befürchteten Einmarsch tschechischen Militärs zu errichten, sondern umgekehrt den Zweck, die Erfahrungen des 21. Mai zu nützen und das Wegräumen von Behelfssperren zu üben. Die Einwohner werden übrigens nur zur Errichtung der Sperren herangezogen, dann müssen sie verschwinden, damit sie nicht erkennen können, welche SA- und SS- Leute die eigentliche Uebung durchführen. Trotzdem ist es ein offenes Geheimnis, dass es sich vornehmlich um Sudetendeutsche handelt, die auf diese Weise geschult werden. Ein Teil von ihnen befindet sich im sogenannten SA- Schulungslager in Falkenstein, wo auch ihre übrige Ausbildung erfolgt. Ein Teil, namentlich Deserteure, arbeiten auch bei Tage auf Strassenbauten und nehmen dann abends an den Uebungen teil. Nach Absolvierung der unmittelbaren Grenzübungen, sind sogenannte Ortsschutzübungen angesetzt. Sie spielen sich in der Weise ab, dass ganze Häuser" gestürmt" werden. Das wurde zwar auch bisher schon jährlich einmal geübt, aber nicht mit dieser Systematik in der Besetzung und Entsetzung der einzelnen Orte.- SS- Leute, die um Eintritt in die Wehrmacht angesucht hatten, wurden zur Zeit abgewiesen mit der Begründung, dass sie für den SS- Dienst dringender gebraucht würden. Schlesien: Militär ist an den Grenzen fast gar nicht zu sehen. Aber man weiss doch überall, dass alles für A 24 einen Krieg vorbereitet wird. Die täglichen Flugzeugibungen sind zur Gewohnheit geworden. Die Bevölkerung spirt durch die ständigen Luftschutzübungen, dass der Ernstfall nahe rückt. Die Ueberzeugung, dass es im Augenblick der Gefahr klappen würde, setzt sich allmählich durch. Auf diesem Gebiet herrscht eine stramme Disziplin und keiner wagt, dem Luftschutzwart Schwierigkeiten zu machen, ausser vielleicht Parteimitglieder. Dass umfangreiche militärische Vorbereitungen getroffen werden, zeigt sich auf Schritt und Tritt. So ist z. B. jetzt auch ein Verbot für das Zelten im Freien erlassen worden. Ueber die deutschen Arbeiteranwerbungen unter den Sudetendeutschen entnehmen wir den Berichten: Sachsen: In den letzten Wochen wurde im sudetendeutschen Gebiet das Gerücht verbreitet, spätestens am 15. Juli würde eine Grenzsperre für Grenzgänger eintreten. Die Verbreitung dieses Gerichts verfolgte den Zweck, alle diejenigen, die sich mit dem Gedanken trugen, ins reichsdeutsche Gebiet überzuwechseln, dazu zu veranlassen, es bis zu diesem Tage zu tun. Gleichzeitig begannen die Arbeitsvermittlungsstellen der SdP, die mit den reichsdeutschen Arbeitsvermittlern zusammenarbeiten, eine intensive Werbetätigkeit. Diese Werbung erfolgte nach beruflicher Gliederung für landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Hilfskräfte, Ziegeleiarbeiter, Bauberufe, Metallarbeiter usw. So entstanden in kurzer Zeit wieder wie vor 1932 ganze Gruppen von Grenzgängern, die Montag zur Arbeitsstelle fahren und Samstag zurückkehren. Es finden sich aber auch viele, die sich für Arbeiten weit im Innern Deutschlands verpflichten. So passierten 1.000 Ziegeleiarbeiter in der zweiten Junihälfte die Grenze. In Mitteldeutschland soll die Zahl der Sudetendeutschen, die dort untergebracht sind, jetzt schon mehr als 17.000 betragen. Mit Vorliebe wendet man sich an die vom Militär Entlassenen, die dem Jahrgang angehörten, der einberufen worden war. Dabei handelt es sich nicht etwa nur um Arbeitslose. Im Gegenteil, verhältnismässig gut bezahlte Berufe wie Chauffeure, Schlosser, Mechaniker usw. verlassen ihre Arbeitsstellen in der Tschechoslowakei, um noch rechtzeitig an die Fleischtöpfe des Dritten Reiches zu gelangen. In den letzten Wochen nimmt diese Bewegung immer grössere Formen an. Aus jedem Ort werden Trupps zusammengestellt. In Landgemeinden mit 700 bis looo Einwohnern sind schon 30 bis 50 Arbeitskräfte ins Dritte Reich gegangen. In Joachimsthal ist unter den Bergarbeitern der A 25 staatlichen Erzgruben eine Bewegung im Gange, ebenfalls Ein erst bei den Arbeit im Dritten Reich anzunehmen. jüngsten Gemeindewahlen gewählter SdP- Stadtrat ist bereits mit dem ersten Trupp abgereist. Deutsche Baubeamte kommen ins sudetendeutsche Gebiet und suchen sich ganze Kolonnen für Bauten und Steinbrüche zusammen. Wer sich von den militärpflichtigen Leuten ins Dritte Reich retten wolle, misse di es noch im Juli tun, wird von Mund zu Mund erzählt. Eine wahre Auswanderungswut hat die Arbeiterschaft ergriffen. Niemand fragt mehr danach, ob er etwa mit den tschechischen Gesetzen in Konflikt komme. Bayern: In den zur Tschechoslowakei gehörenden Gebieten des Böhmerwaldes hat seit Mitte Juli eine wahre Flucht der Arbeiter nach Deutschland eingesetzt. Viele, die jahrelang in irgend einer Arbeit waren und einen festen Posten hatten, verlassen diesen und gehen nach Deutschland, um dort an einem Strassenbau zu arbeiten. Da ihnen zwei Drittel ihres Lohnes in Tschechen- Kronen zum offiziellen Kurs ausgezahlt werden, stehen sie sich erheblich besser als bei den Löhnen in der Tschechoslowakei. In X.( Tschechoslowakei) befindet sich eine Gabelfabrik, die ca. 150 Mann beschäftigt. In den letzten zwei Wochen verliessen rund 50 Arbeiter den Betrieb. Der Unternehmer musste anstelle der Sudetendeutschen Tschechen anfordern. Die Betriebsleitung erklärte, dass, wenn diese Abwanderung der Arbeiter aus dem Betriebe noch weiter andauert, man an die Verlegung in das tschechische Gebiet schreiten müsse. Auf der Strasse Spitzberg- Eisenstrass( ČSR) waren bisher ca. 150 Arbeiter beschäftigt. Der Strassenbau gilt als Arbeitsbeschaffungsmassnahme. In den letzten Wochen sind fast alle deutschen Arbeiter davongelaufen, so dass der Betrieb vorerst stillgelegt werden musste. Aehnlich ist es bei dem Bau einer Finanzkaserne an der Strasse Grün- Eisenstrass. Da die grossen Optischen Werke zur Zeit stillstehen, so werden von der Arbeitsvermittlungsstelle die optischen Arbeiter dorthin dirigiert. Wenn diese Flucht weiter anhält und die Optischen Werke wieder ihren Betrieb aufnehmen, ist man in diesem Gebiet gezwungen, viele tschechische Arbeiter anzuwerben. Von dieser Massenflucht nach Deutschland sind jetzt vor allem die Bauern betroffen. Viele Knechte, ja sogar die Leute, die bei dem Bauern in einem Anbau das ganze Jahr über kostenlose Unterkunft und Milch und Brot haben und dafür bei Ernte- und sonstigen Arbeiten mithelfen müssen, gehen zur Arbeit nach Deutschland. Bei den Bauern entsteht eine katastrophale Situation, weil sie A26 die Arbeiter nicht bekommen können, die zur Einbringung der Ernte unbedingt nötig sind. Es wird doppelte Entlohnung versprochen, aber nur wenige Männer melden sich. Ueber die Wirkung der antitschechischen Propaganda auf das deutsche Volk heisst es in einem Bericht aus Schlesien: Den Ereignissen um die Tschechoslowakei steht man sehr unwissend gegenüber. Dass am 21. Mai die Situation überaus ernst war, dass der englische Gesandte in Berlin vorstellig wurde usw., hat man im Volke kaum Kenntnis genommen. Andererseits glaubt man viele der unwahren Behauptungen, die vom Deutschen Nachrichtenbüro ausgegeben werden. Man glaubt z. B., dass in der Tschechoslowakei chaotische Zustände herrschen und dass jeder, der als Reichsdeutscher dorthin kommt, verhaftet und eingesperrt wird. Kommt man auf eine Behörde und sagt man, dass man ins Sudetengebiet reisen wolle, so begegnet man erstaunten Gesichtern:" Was, Sie wollen jetzt in die Tschechei fahren? Sie wissen do ch, wie es dort aussieht? Na, das ist ja schliesslich Ihre Sache!" Allgemein glaubt man, dass es den Deutschen in der Tschechoslowakei schlecht geht. Als einen Beweis dafür sieht man die Bereitschaft der Prager Regierung an, durch Zugeständnisse die Lage der Deutschen in der Republik zu bessern. Diesen Eindruck verstärkt noch die Tatsache, dass immer mehr Sudetendeutsche in Deutschland Arbeit suchen und auch finden. Sie müssen zwar ein Drittel ihres Lohnes in Deutschland selbst verbrauchen, aber der Rest ist meist noch grösser als der reguläre Lohn in der Tschechoslowakei. Infolgedessen glauben die Arbeiter, die mit diesen Sudetendeutschen zusammenkommen und die nicht wissen, dass die Preise in der Tschechoslowakei viel niedriger sind als in Deutschland, es ihnen immer noch besser geht als den Arbeitern in der Tschechoslowakei, so dass sie eigentlich zufrieden sein müssen. Ueber die militärischen Kräfte der Tschechoslowakei bestehen Vorstellungen, die mit der Wirklichkeit nichts gemein haben. Sogar bis weit in die Kreise der bewussten Hitler- Gegner glaubt man nicht, dass die Tschechen starken militärischen Widerstand zu leisten in der Lage wären Ganz allgemein nimmt man an, dass die Mobilisierung in der Tschechoslowakei aus Aengstlichkeit und Nervosität erfolgt ist, die durch die Schwäche gegenüber Deutschland verursacht ist. Zwar ist man der Meinung, dass die Feuerwehr nicht mehr ausreicht, aber gegen die so vollkommen ausgerüstete deutsche Armee werden die Tschechen nicht lange Widerstand leisten können. A 27 Nur ganz langsam werden selbst den politisch Interessierten die Zusammenhänge deutlich. Aber auch diese Leute können sich keine klaren Vorstellungen darüber bilden, in welche bedrohliche Lage Deutschland bei einem heute ausbrechendem Kriege geraten muss. Man ist überrascht, wenn man sich im Ausland ein Bild der wahren Lage verschaffen kann und umso tiefer erschüttert, wenn man sieht, in welcher Unkenntnis über seine Lage das deutsche Volk dahin lebt. Dass z. B. England nicht auf Deutschlands Seite steht, ersieht man zwar aus der Pressekampagne, die zeitweise betrieben wird, aber daraus den Schluss zu ziehen, dass es im Ernstfall gegen Deutschland stehen könnte, kommt den wenigsten in den Sinn. A 28 2) Deutsche Massnahmen gegen Polen Im Vormonat( Heft 4/5 1938, Seite A 24 ff.) haben wir bereits Berichte darüber gebracht, die auf eine wachsende Agitation gegen Polen schliessen lassen. Offenbar entwikkelt sich vor allem in Oberschlesien eine antipolnische Propaganda, die zwar erst in den Anfängen steht, aber im Prinzip der antitschechischen Propaganda gleicht. So werden zum Beispiel auch unter den Deutschen in Polen Arbeiter für Deutschland geworben und sogar die dauernde Uebersiedlung ins Reich gefördert. Darüber geht uns aus Oberschlesien folgender Bericht zu: Die Abwanderung deutscher Arbeitsloser aus dem polnischen Grenzgebiet nach dem Reich hält weiter an, was mit dem grossen Mangel an Arbeitskräften in Deutschland begründet wird. Alle, die in Deutschland Arbeit annehmen, werden vom Deutschen Generalkonsulat darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich unter allen Umständen mit Wäsche, Bettfedern und Bettwäsche, Anzügen und Wollzeug wenigstens für drei Jahre versorgen möchten, da diese Waren jetzt in Deutschland knapp seien. Von den jungen Leuten, die von hiesigen Nazikreisen in Polen zur Arbeit nach Deutschland vermittelt worden sind, sind schon einige wieder nach Polen zurückgekehrt.. Es handelt sich vorwiegend um Landarbeiter, die über ungenügende Verpflegung, über die hohen Abzüge von dem an sich knappen Lohn und über die politische Bedrückung klagten. Sogar ein Militärdeserteur hat sich nach 3 bis 4- jährigem Aufenthalt in Deutschland den polnischen Behörden freiwillig gestellt, weil er die Zustände im neuen Deutschland nicht mehr ertragen konnte. Der deutschen Presse wird in der antipolnischen Propaganda noch grosse Zurückhaltung auferlegt. So brachte z.B. die" Leipziger Tageszeitung" vom 19. Juni 1938 zwar eine Notiz:" Boykott gegen deutsche Geschäfte, Hetze des polnischen Westverbandes in Pommerellen", aber am Schluss dieser Notiz hiess es wörtlich: A 29 " Der polnische Westverband, der hinter diesem Treiben steht, befindet sich zur Warschauer Regierung in Oppisition. Er steht der franzosenfreundlichen nationaldemokratischen Partei nahe". Im übrigen wird uns über verschärftes Vorgehen gegen die polnische Minderheit in Oberschlesien berichtet: In der Landgegend von Oppeln wird die polnische Minderheit, die erneut Anträge auf Errichtung von polnischen Privatschulen gestellt hat, in den Naziversammlungen offen den Juden und den Katholiken gleichgestellt wird und als staatsfeindlich bezeichnet. Auf die polni schen Zeitungen wird geradezu Jagd gemacht. Auf dem Land ist es wiederholt vorgekommen, dass Briefträger polnische Zeitungen. einfach den Beziehern nicht zustellen. Nur derjenige, der den Mut hat, die Post mit Beschwerden zu bombardieren, erhält schliesslich einige Nummern nachgeliefert. Nur in wenigen Dörfern erreichte die polnische Minderheit durch Intervention des polnischen Generalkonsulats in Oppeln, dass polnischer Gottesdienst abgehalten wird. Im Kreise Gross- Strehlitz weigern sich aber die deutschen Geistlichen unter dem Druck der Behörden nach wie vor, polnische Predigten zu halten. Im Industriegebiet geht die Jagd auf polnische Zeitungen weiter. In Gleiwitz, Klausberg und anderen Orten haben SA- Leute Leser polnischer Zeitungen aufgesucht, ihnen nahegelegt, die polnische Zeitung abzubestellen, denn das Lesen solcher Zeitungen könne im Dritten Reich nicht geduldet werden. Dabei verweisen die SA- Leute ausdrücklich auf die Unterdrückung der deutschen Presse jenseits der Grenze und auf die Unterdrückung der deutschen Minderheit in Polen. Auf zahlreichen Industriewerken sind erneut die Anschläge ausgehängt worden, wonach es verboten ist, im Betriebe polnisch zu sprechen und das Brot in polnischen Zeitungen eingepackt zur Arbeit mitzubringen. Im allgemeinen halten sich aber die Arbeiter nur wenig an dieses Verbot. Tatsache ist jedoch, dass die Zugehörigkeit zur polnischen Minderheit nachgeprüft wird, besonders bei früheren Angehörigen der Wehrmacht, die dann mit mehr oder weniger Zwang zum Austritt aus polnischen Minderheitsorganisationen veranlasst werden. In Ratibor wurde ein Arbeiter entlassen, weil er sich weigerte, den Vorsitz in einem polnischen Gesangverein aufzugeben. Die Zugehörigkeit zu einer polnischen Gewerkschaft wird nicht berücksichtigt, alle Angehörigen der polnischen Minderheit müssen der Arbeitsfront beitreten. A 30 Der" Bund Deutscher Osten" veranstaltet im Industriebezirk unter Mitwirkung der Arbeitsfront und anderer Naziorganisationen zahlreiche Versammlungen, in denen Propaganda für die Aenderung polnischer Familiennamen in deutsche gemacht wird. Die Amtsstellen des" Bundes Deutscher Osten" tun alles, um die Verdeutschung der Familiennamen zu erleichtern und zu beschleunigen. In solchen Vorträgen in Beuthen wurde die Umbenennung der polnisch klingenden Ortsnamen damit begründet, dass jenseits der Grenze schon vor Jahren deutsche Ortsnamen in polnische umgewandelt worden seien. Die Werkscharen der oberschlesischen Betriebe sind im Grenzschutz zusammengefasst. Jetzt haben sie fast restlos die Uniformen erhalten, die teils Schenkungen der Betriebe sind, teils auf Grund von Lohnvorschüssen beschafft worden sind. Jetzt werden zweimal in der Woche militärische Uebungen durchgeführt. In den letzten Wochen wurden auch die Grenzbefestigungen durch die Grenzschutzformationen besichtigt. Die Instruktionsvorträge im Grenzschutz bestehen neben der militärischen Belehrung fast nur aus einer hemmungslosen Hetze gegen die Tschechoslowakei und gegen Polen. Die Instruktionen werden von Angehörigen der Wehrmacht erteilt. In den letzten Tagen sind auch Scharfschiessübungen veranstaltet worden. Dem Grenzschutz wird nicht nur der Schutz der Grenze gegen die Tschechoslowakei und Polen zur Aufgabe gemacht, sondern auch der Schutz der Betriebe. Als in Gleiwitz einmal in einer Instruktionsstunde über Spionage gesprochen wurde, sprachen sich verschiedene Teilnehmer offen gegen die Bespitzelung von Arbeitskollegen aus. Wer sich an Kursen dieser Art beteiligt, erhält nicht nur die Schichten bezahlt, sondern auch besondere Zulagen. Trotzdem lässt bisher sowohl die Zahl der Bewerbungen als auch der Diensteifer bei dieser Organisation sehr zu wiinschen übrig. Ein besonders schwieriges Teilproblem der deutschpolnischen Beziehungen ist Danzig. Die Nationalsozialisten haben selbst in der letzten Zeit Anlass zu dem Gerücht gegeben, dass die Eingliederung Danzigs in das Reich nahe bevorstände. So wird z. B. aus Oberschlesien berichtet: In der Umgebung von Oppeln hat der Reichskolonialbund in den Landorten zahlreiche Versammlungen für die Rückgabe deutscher Kolonien veranstaltet. Bemerkenswert ist aber, dass die Redner dieser Versammlungen ausführt, das Problem sei nicht so einfach zu lösen, denn erst A 31 müsse Danzig deutsch werden, dann gäbe es auch noch eine oberschlesische Frage und schliesslich müsse auch der Konflikt mit der Tschechoslowakei bereinigt sein. Aus Danzig selbst sind uns folgende Berichte zugegangen: 1. Bericht: Am 20. Juni ist der Danziger Volkstag nach achtmonatiger Pause zu einer Sitzung zusammengetreten, in der zum ersten Mal alle 70 deutschen Abgeordneten im Braunhemd erschienen und der fünfte Jahrestag der nationalsozialistischen Herrschaft in Danzig gefeiert wurde. Im Zusammenhang mit dieser Sitzung liefen schon Monate vorher in Danzig zahlreiche Gerüchte um, die zum Teil von den Nazis selbst ausgestreut worden sind und sich um die Einverleibung Danzigs in das Reich drehten. Eins dieser Gerüchte ging z. B. dahin, dass Gauleiter Forster bereits auf seiner Reise im Mai, bei der er auch von dem polnischen Aussenminister Beck empfangen wurde, den Auftrag gehabt habe, im Namen Hitlers mit den polnischen Stellen über ein deutsch- polnisches Militärbündnis zu verhandeln. Ebenso wie auch dieses Gerücht von Nazis verbreitet wurde, so erklärte mir etwas später ein Nazi- Funktionär, am 20. Juni würde ein Besuch des deutschen Avisos" Grille" in Danzig erfolgen. An Bord würde sich der polnische Botschafter in Berlin, Lipski, befinden, der einen formalen Verzicht Polens auf das polnische Munitionsbecken Westerplatte an der Danziger Weichselmündung aussprechen solle, worauf dann die feierliche Inbesitznahme der Westerplatte durch die Danziger Behörden erfolgen würde. Andere Nazis erklärten rund heraus, dass am 20. Juni die formale Rückgliederung Danzigs ins Reich erfolgen solle. Diese Gerichte haben sich zwar als falsch erwiesen, dennoch müssen irgendwelche Pläne bestanden haben, denn sonst wäre es wohl nicht notwendig gewesen, in der Woche vom 19. bis 26. Juni einen solchen Rummel in Danzig zu veranstalten und so zu tun, als liege Danzig bereits innerhalb der reichsdeutschen Grenzen. Die Erklärung, dass alles, was da unter dem Mantel einer Kultur- Woche vonstatten ging, nur gemacht wurde, um einen Ersatz für den ursprünglich für diese Zeit geplanten deutschen Flottenbesuch zu schaffen, scheint mir zu harmlos zu sein. Dass ein solcher Flottenbesuch in der fraglichen Zeit tatsächlich stattfinden sollte, weiss ich aus Berichten der Danziger Lotsen, denen er bereits angekündigt worden war, damit sie sich darauf einrichten konnten. Ich habe aber auch von zuverlässiger Seite erfahren, dass Polen seiZustimmung zu diesem Besuch gerade in den Tagen der Feiern für die fünfjährige Naziherrschaft in Danzig versagt hat.( Bekanntlich muss nach den Verträgen, der A 32 Senat die polnische Einwilligung bei jedem Flottenbesuch, den er empfangen will, einholen) Es gibt noch mehr Geheimnisse. Am 5. Juni ist an die in Danzig weilenden Urlauber der Reichswehr eine Anweisung ergangen, nicht in Uniform zu gehen, sondern in Danzig Zivil zu tragen. Diese Anweisung ist auch befolgt worden. Offenbar hat man Anlass, Polen nicht misstrauisch zu machen. Es ist ja bekannt, dass der besondere Clou der Volkstagssitzung vom 20. Juni die Tatsache war, dass die Polen nur mit zwei Abgeordneten erschienen, obwohl ihnen nach dem Verzicht zahlreicher Oppositioneller und der Erschöpfung der oppositionellen Wahlvorschläge eigentlich drei Abgeordnete zugestanden hätten. Erreicht wurde dieses Resultat durch die nachträglich erfolgten unzulässigen Listenverbindungen. Es ist sehr bezeichnend, dass die Ausschaltung des einen polnischen Abgeordneten, der eigentlich zum 20: Juni hätte einberufen werden müssen, vorher in Danzig überhaupt nicht bekannt geworden ist. Selbst heute noch ist die Tatsache der nachträglichen Listenverbindung und ihr Zweck in Danzig weitgehend unbekannt. Die Listenverbindung ist auch, entgegen den bestehenden Vorschriften, nicht veröffentlicht worden. Vor der Sitzung wurde sogar von Nazis erzählt; es bestehe der Plan, eine Verfassungsänderung durchzuführen, durch die der Volkstag von 72 auf 32 Abgeordnete verkleinert werde. Auf diese Weise wolle man die Polen ganz aus dem Danziger Parlament ausschalten. Schliesslich gibt es noch Gerüchte im Zusammenhang mit den nächsten Wahlen, die im April des kommenden Jahres fällig sind. Danach soll der Plan bestehen, die Wahlen zu verschieben, weil die polnische Beteiligung die Kandidaten- Aufstellung stört. Tatsächlich würde durch die Teilnahme der Polen für eine gewisse öffentliche Kontrolle gesorgt, die den Nazis nur unerwünscht sein kann. Nachdem diese und andere Gerüchte monatelang von den Nazis kolportiert worden sind, ist Ende Juni an die Amtswalter der NSDAP ein Befehl herausgegeben worden, der sie anhält, von nun ab, d.h. bis auf weiteres, Gerüchte, nach denen Danzig bald zum Dritten Reich kommt, zu bekämpfen. Als Grund wurde angegeben, dass man solche Gerüchte im Augenblick nicht gebrauchen könne. Vermutlich will man jetzt Polen nicht verschnupfen, weil man freie Hand gegen die Tschechoslowakei haben will. 2. Bericht: In den Naziversammlungen wird in letzter Zeit wieder mächtig gegen Polen gehetzt. Das Hauptthema dieser Versammlungen ist die Behandlung der deutschen Minderheit in Polen, die nach den Angaben der Nazis sehr A 33 schlecht sein soll. Viel geschimpft wird auch auf die Polen in Danzig, deren Verhalten in den Nazi- Versammlungen als unverschämt bezeichnet wird. Besonders die Delegierten- Versammlung des pommerellischen Sängerverbandes, die während der Pfingstfeiertage in Danzig stattfand, hat es den Nazis angetan. Bei dieser Sängertagung ist in Danzig von den polnischen Sängern während der Tagung ein Lied gesungen worden, das in der Tat nicht sehr freundlich war, und dessen Text die Nazis in Uebersetzung verbreitet haben, um die nationalen Gefühle aufzupeitschen. 3. Bericht: Aus den polnischen Vereinigungen in Danzig ist nach der Annexion Oesterreichs eine Anzahl von Mitgliedern ausgetreten, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen wollten. Die Nazis haben sofort dafür gesorgt, dass diese" Polen" ihren Organisationen beitraten. Ich kenne einen Metallarbeiter, ein ziemlich übles Individuum, der polnischer Abstammung ist, etwa 1928 zu uns kam, bald wieder fortging, dann bei den Polen war und schliesslich jetzt bei den Nazis gelandet ist. Er ist inzwischen Amtswalter der Arbeitsfront geworden. Auch die Aktion zur Verdeutschung polnischer Namen wird fortgesetzt. Leute mit polnischen Namen, die Mitglieder irgend einer Nazi- Organisation sind, erhalten nach wie vor Vorladungen zum Gaubüro, wo sie Fragebogen ausfüllen und gleich den Antrag auf Namensänderung stellen müssen. Mit diesem Antrag geht man dann zu allen Verwandten des Betreffenden und diese werden ebenfalls veranlasst, den gleichen Antrag zu stellen. Dabei hat gut ein Viertel aller Danziger polnische Namen, wenn sie auch heute Deutsche sind. 4. Bericht: In letzter Zeit macht der Verband heimattreuer Ost- und Westpreussen wieder von sich reden. Er richtet sogenannte Patenschaften für Grenzdörfer ein. Das heisst, dass die Mitglieder irgend einer seiner Ortsgruppen sich agitatorisch und propagandistisch eines bestimmten Grenzdorfes besonders anzunehmen haben. So nahm jüngst eine Abordnung von бo Mitgliedern der Ortsgruppe Langfuhr/ Oliva dieses Verbandes-die Mitglieder sind meist Kleinbürger- an einem Kinderfest in Schwarzenfelde, Kreis Danziger Höhe, teil. Auf der Festwiese prangte der Wahlspruch:" Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Der Redner des Festes, der Schullehrer von Schwarzenfelde, v. Nierzalewski, betonte in seiner Rede, dass dieser Spruch auch für Danzig Geltung habe. Alle Einwohner des Ortes ermahnte er, jederzeit treu zum Deutschtum zu stehen, dass gerade hier umkämpft werde.. ( In jener Gegend lebt eine starke polnische Volksgruppe) A 34 Wer sich aus dem Deutschtum ausschliesse, habe auch kein Recht, die Segnungen eines deutschen Staates für sich in Anspruch zu nehmen. Die Gäste aus Langfuhr und Oliva hatten Geschenke mitgebracht, die an die Schwarzenfelder Kinder verteilt wurden. Ihr Obmann erklärte in einer Ansprache, dass es für ihn nur ein Westpreussen und kein Pommerellen gebe, und dass das auch in Zukunft wieder von allen gesagt werden könne, nicht nur von den heimattreuen Westpreussen. In der Danziger Adolf Hitler- Schule in Jenkau, Kreis Danziger Höhe, wird im diesjährigen Sommersemester ausser dem üblichen Lehrplan ganz besonders die" OstraumFrage" behandelt. Die Teilnehmer an den Kursen werden mit den Fragen der deutschen Propaganda in Polen, Litauen, Lettland und Estland vertraut gemacht. Unter den Teilnehmern befinden sich auch Leute, die aus diesen Ländern herbeigeholt worden sind. Im wesentlichen unterrichtet man über die Verbreitung des Deutschtums im Osten, über die historische Entwicklung, die Ordenszeit usw. ferner über Fragen der Propaganda unter den Deutschen in den genannten Staaten und über die deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu ihnen. Der Hauptreferent ist der Leiter der Schule, der Danziger Parteischulungsleiter Löbsack, ausser ihm unterrichten Lehrkräfte aus dem Reich. Löbsack macht übrigens auch selbst Reisen nach den Oststaaten. So hat er erst kurz vor Pfingsten in Reval vor dem dortigen Kreis der Reichsdeutschen gesprochen. Im Juni hat ferner eine Reise von etwa 300 Mitgliedern der Danziger Hitler- Jugend nach Riga stattgefunden. Eine zweite Fahrt ist für Juli nach Estland vorgesehen. Augenblicklich befinden sich Danziger HJ- Führer auf einer Polenreise. A 35 3) Allgemeine militärische Vorbereitungen In der Auslandspresse sind in der letzten Zeit Meldungen über umfassende militärische Vorbereitungen erschienen, die Deutschland nicht nur an der tschechoslowakischen, sondern auch an der Westgrenze trifft. Auch uns sind solche Meldungen zugegangen. Eine davon hat der " Neue Vorwärts" bereits in Nr. 259 vom 5. Juni 1938 veröffentlicht. Inzwischen liegen weitere Meldungen dieser Art vor. Sie betreffen in der Hauptsache drei Arten von Vorgängen: 1. vermehrte Einberufungen zur Wehrmacht, 2. Befestigungsarbeiten an der Westgrenze. und 3. sonstige militärische Verstärkungen. Ueber vermehrte Einberufungen zur Wehrmacht findet sich bereits ein Hinweis in dem auf Seite A 21 f. wiedergegebenen Bericht aus Bayern. Darüber hinaus wird uns berichtet: Rheinland: Eine neue Massnahme der Regierung gibt Anlass zu grösserer Befürchtung: Die Einberufung der Wehrpflichtigen aus den Jahrgängen 1895 bis 1901, die zwar nicht generell für alle Männer dieser Jahrgänge, aber doch in umfangreichem Masse im ganzen Rheinland erfolgt ist. Mit wenigen Ausnahmen sind übrigens von diesen Einberufungen ehemalige führende Marxisten ausgeschlossen worden. Man weiss noch nicht, ob es sich nur um Uebungen von kurzer Dauer oder um längere Einberufungen handelt. Berlin: Im letzten Halbjahr hatten die Einberufungen der Ersatzjahrgänge eine erhebliche Fluktuation in den Betrieben zur Folge. Eigenartigerweise gehen die Einberufungen so vor sich, dass bei den Landwehrjahrgängen der Infanterie und Artillerie bei den Aeltesten angefangen wurde, während bei der Ersatzreserve in umgekehrter Altersfolge vorgegangen wird. Bei der Landwehr ist man jetzt beim Jahrgang 1895, bei der Reserve beim Jahrgang 1907 angekommen. Schlesien: In Liebau, Landeshut und Umgebung wurden bereits die jungen Männer von 18 Jahren gemustert. Die A 36 Tauglichen müssen schon im Oktober einrücken. Nicht einzuricken brauchen diejenigen, die noch in einem Lehrverhältnis stehen. S'idwestdeutschland: Der Jahrgang 1913, der 1936 seine Zweimonats- Ausbildung erhalten hatte, ist jetzt zu einer sechswöchigen Reserveübung eingezogen worden. Auf die Bemerkung eines Teilnehmers zu seinem Unteroffizier, diese sechs Wochen würden ja auch vorübergehen, entgegnete dieser:" Wer weiss, wie lange diese sechs Wochen dauern werden". Auch Leute, die in diesem Jahr schon einmal eine Uebung gemacht haben, sind jetzt zum zweiten Mal eingezogen worden. Ueber Befestigungen an der Westgrenze liegen folgende Berichte vor: Rheinland, 1. Bericht: Die Bevölkerung im Aachener Kohlenbecken hat mit grosser Aufmerksamkeit die kriegerischen Vorbereitungen an der Gren ze beobachtet. In Merkstein I und II ist das vor kurzem errichtete Barackenlager von 500 Mann Arbeitsdienst bezogen worden. ( ursprünglich sollten angeblich nur 250 Mann kommen) Zwischen Niederbardenberg und Krotenrath werden eilig Betonunterstände( auf einer Strecke von etwa 18 km) errichtet. Ferner werden in dem langgestreckten Hügelgelände hinter Herzogenrath vom Arbeitsdienst Erd- und andere Arbeiten verrichtet; offenbar handelt es sich dabei auch um Festungsanlagen. Im ganzen Wurmtal befinden sich jetzt zwischen Herzogenrath und Uebach etwa 1.000 Mann Arbeitsdienst. Dazu sind auch Truppen hingekommen. Ursprünglich hiess es, dass die Truppen, die in den unruhigen Tagen um den 21. Mai herum an die Grenze transportiert worden sind, bald wieder abrücken sollten. Jetzt spricht man davon, dass sie ständig dableiben werden. 2. Bericht: Im Wurmgebiet werden die Schanzarbeiten in der Nähe der Grenze fortgesetzt. Auch die Strassen zur Grenze werden hergerichtet und alles deutet darauf hin, dass man den Transport grosser Truppenmassen an die Grenze in kürzester Frist mit allen Mitteln vorbereitet. Pfalz: In der Pfalz wimmelt es von Militär. Man sieht alle Waffengattungen, auch schwere Artillerie. Es gehen dauernd Verschiebungen vor sich. Die Artilleriegarnisonen an der Grenze sollen verstärkt werden. Die neuen Kasernen gehen ihrer Vollendung entgegen. Zwischen Erlenbrunn und Ketterichhof wird eine grosse Festung gebaut. A 37 Auch im Südwesten von Pirmasens, an der sogenannten Rez, neben der Strasse von Pirmasens nach Simten, wird ein grosses militärisches Bauwerk errichtet. Der Bau von Befestigungsanlagen erstreckt sich bis an die belgisch- holländische Grenze. Es wird mit einem grossen Aufgebot von Arbeitskräften unter militärischer Leitung gearbeitet. Es sieht aus, als ob an der ganzen Grenze entlang Drahtverhaue gezogen würden. Baden, 1.Bericht: Am Feldberg ist jetzt alles befestigt. Ganze Strecken sind für den Zutritt gesperrt. Ueberall liegt Militär und Wachtposten stehen Tag und Nacht bereit, damit das Gelände von Unbefugten nicht betreten wird. 2. Bericht: Mitte Juli beachteten wir in Offenburg einen Transport von Arbeitern, Leuten von 20 bis 45 Jahren, die in einem besonderen Wagen den Schwarzwald herunter kamen. Der Wagen wurde dann an den Schnellzug Basel- Frankfurt angehängt. Die Leute wurden von einigen Herren begleitet, die jedoch alle in Zivil waren. Auf Fragen Vorübergehender, wohin sie führen, gaben sie keine Antwort. Dem Dialekt nach waren es Württemberger. In der Bahnhofshalle in Karlsruhe war ebenfalls ein Transport in der gleichen Stärke anzutreffen. Auf eine Frage unsererseits:" Na, wohin?" kam die Antwort in Form einer sprechenden Handbewegung:" Schipp, schipp, Hurra!" Auch hier waren die Begleitmänner in Zivil bemüht, jeden Kontakt mit dem Publikum zu verhindern. Ueber sonstige militärische Verstärkungen entnehmen wir den Berichten: Baden: Ganz in der Stille ist bei einzelnen Regimentern die Dienstzeit um einen Monat verlängert worden. Die Leute, die im September ihre Dienstzeit beendet haben würden, kommen erst Ende Oktober zur Entlassung. Ob es bei allen Truppenteilen so ist, kann natrlich von hier aus nicht festgestellt werden. Pfalz: Gleich nach Beginn der Ferien sind in fast allen Orten an der saarpfälzischen Grenze die Schulhäuser mit Soldaten, Arbeitsdienst und Festungsarbeitern belegt worden. In sämtlichen Grenzorten ist die SA und SS verstärkt worden. Auch an den Zollstellen hat es wieder viele Ablösungen und Verstärkungen gegeben. Ebenso ist das Eisenbahnpersonal, das den Verkehr Saarbrucken- Sarreguemines und Saar- brücken- Forbach versieht, restlos abgelöst und durch anderes Personal ersetzt worden. A 38 II. Aussenhandel und Devisenwirtschaft. === Die steigenden Produktionskosten, die durch die Rohstoffknappheit verursachte Qualitäts verschlechterung und Verlängerung der Lieferfristen, sowie die verschlechterten Absatzverhältnisse haben die deutsche Ausfuhr am Weltmarkt in eine schwierige Lage gebracht. Es droht eine Lage, die die Versorgung mit kriegswirtschaftlich wichtigen Rohstoffen gefährdet. Um dieser Gefahr zu entgehen, bleiben dem Regime im wesentlichen nur zwei Wege: 1. weitere Einschränkung des Verbrauchs, 2. vermehrte Anstrengungen zur Steigerung des Exports. Damit kommt dem deutschen Exportförderungsverfahren erhöhte Bedeutung zu. Zur Aufhellung dieses Verfahrens, das vom Regime aus begreiflichen Gründen, streng geheim gehalten wird, bringen wir im folgenden einiges dokumentarische Material, das grösstenteils dem" Nachrichtendienst der deutschen Bekleidungsindustrie entnommen ist. Wie streng die Geheimhaltungspflicht genommen wird, geht aus dem nachstehend wiedergegebenen Original hervor: NACHRICHTENDIENST Der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 22 5.11.1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 73 Streng vertraulich! Betr.: Bertraulichkeit des Zusakausfuhrverfahrens Obwohl jede Notiz im„ Nachrichtendienst", die eine Bekanntmachung über das Zusatzausfuhrverfahren enthält, mit dem Zusatz, Streng vertraulich" gekennzeichnet ist, mußten wir leider wiederholt Verstöße gegen die geforderte Vertraulichkeit feststellen. Bemerkungen über„ Strips- Verfahren“,„ Vergütungen des Reiches",„ Ausfuhrförderungssäte" u. ä. in Auslandskorrespondenzen( 1) mancher Firmen find festgestellt. A 39 Wir machen deshalb mit allem Ernste nochmals darauf aufmerksam, daß die Vertraulichkeit des ZA- Verfahrens unter allen Umständen aufrechterhalten werden muß, und daß eine Erwähnung in Rorrespondenzen, insbesondere mit dem Auslande, strafbar ist. Zur Vermeidung unliebsamer Maßnahmen gegen Betriebsführer und Firmen bitten wir unsere Mitglieder daher, jeden für das Ausland bestimmten Brief einer genauen Durchsicht zu unterwerfen und auch bei Gesprächen mit ausländischen Geschäftsfreunden die Erwähnung des ZA- Verfahrens zu vermeiden. Eine erneute Aufklärung der mit der Abwicklung von Auslandsaufträgen beauftragten Angestellten wird sich ebenfalls dringend empfehlen. Betr.: Zelfa- Bergütungsverfahren Wir geben bekannt, daß durch den Beitritt der Spinnstoffwerke Glauchau A.-G. zum ZellaVergütungsverfahren die Erzeugnisse aus ,, Bellwolle Glauchau" für Ausfuhrgeschäfte, die ab 1. Oktober 1937 abgeschlossen werden, gleichfalls vergütungsberechtigt sind. Das Exportförderungsverfahren kommt praktisch einem staatlichen Aussenhandelsmonopol gleich. Die Aussenhandelsbehörden dringen in alle Einzelheiten der Ausfuhrgeschäfte ein, schreiben den Exporteuren die Bedingungen der Ausfuhr vor und sichern sich so die staatliche Lenkung des Exports, die einer geheimen Bevorzugung einiger Länder zum Nachteil anderer gleichkommt. Dieser Lenkung des gesamten Aussenhandels dient vor allem die seit einiger Zeit eingeführte Meldepflicht auch für die nicht geförderte Ausfuhr. Aus den auf den Seiten A 40-44 wiedergegebenen Originalkopien geht hervor, dass es sich bei dieser Meldepflicht nicht nur um eine devisenpolizeiliche Massnahme handelt. A 40 NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 16 5.8.1937 Terminsache! Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe Ausfuhrförderung und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Ordnungsziffer 13 Seite 64 Streng vertraulich! Betr.: Meldepflicht für nichtgeförderte Ausfuhrgeschäfte Es besteht Veranlassung, alle bei der Prüfungsstelle vorkommenden Firmen an die Meldepflicht der abgeschlossenen nichtgeförderten Ausfuhrgeschäfte( Nachrichtendienst, Lieferung 11 vom 14. 5. 37, Ordnungsziffer 13, Seite 48, Lieferung 13 vom 15. 6. 37, Ordnungsziffer 15, Seite 52, Lieferung 14 vom 5. 7. 37, Ordnungsziffer 15, Seite 61) zu erinnern unter gleichzeitigem Hinweis darauf, daß die Nichtbefolgung der Meldepflicht nach dem Devisengesek §§ 42 und 43 bestraft wird. Wir müssen weiter unsere Ausfuhrfirmen verpflichten, falls nichtgeförderte Ausfuhrgeschäfte in einem Monat nicht abgeschlossen worden sind, an unsere Prüfungsstelle bis zum 5. Tage des folgenden Kalendermonats Fehlanzeige zu erstatten. Ausführer, deren Ausfuhrwaren in den Bereich mehrerer Prüfungsstellen fallen und die auch die nichtgeförderten Ausfuhrgeschäfte üblicherweise verschiedenen Prüfungsstellen melden, haben die Fehlanzeige an jede dieser Prüfungsstellen zu richten. Wir bitten um genaue Beachtung dieser Vorschriften. Sonderdruck der Prüfungsftelle für den Bereich der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsinduſtrie. Terminsache! Streng vertraulich! Betr.: Meldepflicht für nichtgeförderte Ausfuhrgeschäfte. Noch immer wiederkehrende Unklarheiten und entbehrliche Rückfragen von Firmen veranlaffen uns, alle die obige Meldepflicht betreffenden Fragen im A 41 gegenwärtigen Stande nochmals zufammenzufallen. Wir erfuchen bei diefer Ges legenheit aber sämtliche betroffenen Firmen nachdrücklich, dafür Sorge zu tragen, daß die vorliegende Anordnung auch ihren Sachbearbeitern zur Kenntnis gelangt und nicht, wie vielfach feltgeltellt, im Chefbüro oder fonltwo unbeachtet verfchwindet. Wir erinnern auch hier wieder daran, daß die Nichtbefolgung der Meldepflicht nach dem Devilengefetz§§ 42 und 43 beftraft wird. 1. Meldepflichtig find fämtliche abgefchloffene Ausfuhrgeschäfte, für die eine Förderung nicht in Anspruch genommen wurde.( Vergleiche Nachrichtendienft, Lieferung 11 vom 14. 5. 1937, Ordnungsziffer 13, Seite 48). Zu melden find folche Gefchäfte entweder fortlaufend nach Abfchluß oder aber monatlich gelammelt bis späteftens am 5. Tage des folgenden Kalendermonats. Die Meldepflicht ift fomit nicht abhängig vom Verland oder Zahlungseingang, fondern nur vom Abschluß. Ausfuhrgefchäfte, die in den Bereich mehrerer Prüfungsftellen fallen, brauchen nur der wertmäßig hauptbeteiligten Prüfungsftelle gemeldet zu werden. Ausfuhrgefchäfte, die fich nachträglich zerfchlagen follten oder abgeändert werden, müllen unter Bezugnahme auf die frühere Meldung berichtigt werden. 2. Meldeform: Die Meldungen find nur auf den vorgefchriebenen roten Vordrucken zuläffig, die von der zuftändigen Prüfungsftelle anzufordern find. Auf einem Vordruck dürfen nicht Geschäfte in verfchiedene Beftimmungsländer ge= meldet werden, auch nicht Gefchäfte aus verfchiedenen Monaten. Die vor= gelehenen Spalten müffen ausnahmslos ausgefüllt werden. Die einzelnen auf einem Vordruck gemeldeten Gefchäfte follen nach den Warenabſchnitten 1-19 und innerhalb eines jeden Abſchnitts nach den Untergruppen des ftat. Warenverzeichnilles geordnet eingetragen sein. 3. Ausnahmen von der Meldepflicht: Die für einzelne Ausfuhrgefchäfte angeordnete Sonder- Meldepflicht bleibt beltehen. Es find dies zur Zeit: a) Gefchäfte nach Griechenland und Jugoflawien, die vor Ab= gabe eines Angebots meldepflichtig find, fofern es fich um öffent A 42 liche Aufträge mit einem Ausfuhrerlös von mehr als 5000 RM. handelt, b) Gefchäfte nach Iran mit einem Ausfuhrerlös von 20000 RM und mehr, die vor Abschluß mit einer Kalkulation zu melden find; c) Auslandsaufträge in Groß- Anlage- Gefchäften und öffentlichen Ausfchreibungen im Werte von mehr als 100000 RM, die innerhalb von 3 Tagen nach Eingang der Anfrage zu melden find( befondere Fragebogen). Sämtliche unter a – c) genannten Gefchäfte werden- abgefehen von der Sonder- Meldepflicht vor Abschluß- erft dann als nichtgeförderte Gefchäfte meldepflichtig, wenn fie zum Abschluß kommen und eine Förderung für fie nicht in Anspruch genommen wird. d) Ausfuhrgefchäfte nach Paläftina, die ohne befonderen Vordruck zu melden find. Diefe Meldungen, die auf roten Vordrucken nicht statthaft find, müllen enthalten: 1. Ausfuhrware; 2. Ausfuhrwert; 3. Art der Bezahlung: a) in Devisen oder freier Reichsmark; b) aus dem Sonderkonto I der Bank der Tempelgefellschaft bei den kontoführenden Banken A. E. Waffermann, Berlin, und M. M. Warburg, Hamburg; c) aus Orangenaski. Nicht mehr meldepflichtig find Klein- und Kleinftausfuhrgefchäfte bis zum Betrage von 10.- RM. 4. Erstattung von Fehlanzeigen: Unter die Meldepflicht fällt auch die Anordnung, monatlich bis zum 5. des folgenden Kalendermonats Fehlanzeige an die zuftändige Prüfungsftelle zu er= Itatten, lofern keine nichtgeförderten Ausfuhrgefchäfte abgefchloffen wurden. Auf die Einreichung von Fehlanzeigen verzichten wir künftig, wenn uns gegenüber die nachstehende ausdrückliche Erklärung abgegeben wird: ,, Verpflichtungserklärung!" Mir/ uns find die Anordnungen des Reichs- und Preußischen Wirtschaftsminifters vom 29. 4. 1937 über die Einführung einer Meldepflicht für ab= gefchloffene, nichtgeförderte und bisher den Prüfungsftellen nicht gemeldete A 43 Ausfuhrgefchäfte( veröffentlicht im Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger vom 3. 5. 1937) fowie die auf Zuwiderhandlungen gemäß § 42 Ablats 1 Ziffer 8 des Devifengeletes geletzten Strafen bekannt. Ich/ wir verpflichte( n) mich/ uns hiermit ausdrücklich, der Prüfungsftelle infolge Befreiung von der Pflicht zur Einreichung einer Fehlanzeige jedes abgefchloffene, nichtgeförderte Ausfuhrgefchäft monatlich bis spätestens zum 5. Tage des folgenden Kalendermonats zu melden. Ich/ wir habe( n) durch innerbetriebliche Maßnahmen fichergestellt, daß die angeordnete Meldepflicht für abgefchloffene, nichtgeförderte Ausfuhr= gefchäfte lückenlos durchgeführt wird. 5. Auf Rechnungsdurchschriften oder Auftragsbestätigungen zu den Meldungen nichtgeförderter Ausfuhrgefchäfte wird ab fofort- eben= falls zur Entlaftung der Ausführer- einftweilen verzichtet. Diele Erleich= terung bedingt aber, daß die Ausführer die Meldungen felbft höchft gewillenhaft und erfchöpfend ausfüllen. Zur Frage, wer im einzelnen meldepflichtig ift, wird auf den Nachrichtendienft Lieferung 14 vom 5. 7. 1937, Ordnungsziffer 13, Seite 60/61, verwiefen. NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 7/8 16. 5. 1938 Außenhandel und Devisenbeftimmungen Ordnungsziffer 12 Seite 13 Kielgenftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Betr.: Meldepflicht Streng vertraulich! Es besteht Veranlassung, die ausführenden Firmen wiederholt darauf aufmerksam zu machen, dar alle nicht geförderten Ausfuhrgeschäfte der Prüfungsstelle Bekleidung gemeldet werden muujen. In Abänderung der früheren Bestimmungen( vgl. Nachrichtendienst, Lieferung 11 vom 14. Mai 1937, Ordnungsziffer 13, Seite 48 und folgende Lieferungen) ist jetzt angeordnet werden, daß die Meldungen der ausführenden Mitgliedsfirmen, A 44 soweit sie unmittelbar der Prüfungsstelle Bekleidungsindustrie eingereicht werden, spätestens bis zum 2. des jeweiligen Folgemonats vorliegen müssen, soweit sie über die Vorprüfstellen der Pelzinduſtrie, der Kunstblumen- und Schmuckfedernindustrie oder der Knopf- und Bekleidungsverschlußindustrie gesandt werden, müssen sie jeweils bis zum 30. bzw. 31. eines Berichtsmonats den Vorprüfstellen zur Verfügung gestellt werden. Es ist nach wie vor zwecks exakter und termingerechter Bearbeitungsmöglichkeit dringend erwünscht, daß die Firmen ihre nichtgeförderten Ausfuhrgeschäfte sofort nach Abschluß weitermelden und nicht bis zum Monatsende ansammeln. Bei dieser Gelegenheit wird nochmals mit allem Nachdruck darauf verwiesen, daß eine Nichtbefolgung der Meldepflicht nach dem Devisengesetz§§ 42 und 43 strafbar iſt. Wir erwarten, daß in Zukunft die Anordnung von allen ausführenden Mitgliedern peinlichst beachtet wird. Die Meldepflicht für nichtgeförderte Lieferungsgeschäfte nach dem Lande Österreich entfällt mit sofortiger Wirkung. Besondere Beachtung verdient dabei die für Jugoslawien Griechenland und Iran und ferner für alle Gross- Anlagengeschäfte eingeführte Sondermeldepflicht. In diesen Fällen ist teils vor Abgabe des Angebots, teils vor Abteils sofort nach Eingang der schluss der Kalkulation 9 Anfrage Meldung zu erstatten. Ueber die Höhe des Exportzuschusses unterrichten die beiden nachstehenden Verlautbarungen. Aus Anlass der Annexion Oesterreichs sind nach Festsetzung der Relation, 1 RMark= 1,50 Schilling, alle Exportzuschüsse für Lieferungen nach Oesterreich bis zu 34% weggefallen. Bei höheren Zuschussätzen wird die Differenz weitergezahlt. NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Kielganftr. 4 Ausfuhrförderung Ordnungsziffer 13 Lieferung 6 30.3. 1938 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 18 Streng vertraulich! Betr.: Ausfuhr aus dem bisherigen Reichsgebiet nach Desterreich Die Neufestsetzung des österreichischen Schilling- Kurses auf der Grundlage von 1,50 Schilling hat die Grundlage für die Inanspruchnahme des ZAV. 1, RM. A 45 verändert. Die eingetretenen Veränderungen sollen an beiden nachstehenden Beispielen dargestellt werden: a) Bei Fakturierung in Reichsmart. Ein deutscher Ausführer hat vor der Neufestsetzung des Schilling- Kurses eine Ware, deren inländische Herstellungskosten 1000,- RM. betragen, zu 750,- RM. nach Österreich verkauft. Zur Überbrückung des Unterschiedes zwischen Kosten und rund 34% des Erlös ist ihm im ZAV. ein Verlustausgleich von 250,- RM. Ausfuhrwertes bewilligt worden. Der österreichische Abnehmer hat für den fakturierten Betrag von 750, RM. nach dem früheren Kursverhältnis( 1: 2) einen Betrag von österreichischen Schillingen 1500,- aufwenden müssen. Nach der Neufestsetzung des Kurses des österreichischen Schillings auf der Basis 1: 1,50 ist der österreichische Abnehmer in der Lage, mit dem gleichen Schillingsbetrag nunmehr den deutschen Inlandspreis von 1000,- RM. zu bezahlen, so daß die Förderung im ZAV. im vorstehenden Beispiel nicht mehr erforderlich ist. b) Bei Fakturierung in österreichischen Schillingen. Ein deutscher Ausführer hat seinem österreichischen Abnehmer dieselbe Ausfuhrware bisher mit 1500,- österreichischen Schillingen berechnet. Der deutsche Ausführer erhält hierfür auf Grund des jetzigen Wertverhältnisses zwischen Reichsmark und Schilling nach Ablieferung des Schillingbetrages an die Reichsbank oder eine Devisenbank 1000,- RM. Auch in diesem Falle kann der deutsche Ausführer somit seine Gestehungskosten ohne Inanspruchnahme des ZAV. decken. Aus den beiden vorstehenden Beispielen ergibt sich, daß die weitere Anwendung des ZAV. bei der Ausfuhr nach Österreich, gleichgültig ob die Fakturierung auf Reichsmark oder Schilling lautet, nicht mehr erforderlich ist. Bei der neuen Kursfestsetzung 1: 1,50 braucht demnach der österreichische Abnehmer bei dem Bezug der Waren aus dem bisherigen Reichsgebiet bei Streichung eines Verlust. ausgleichssatzes bis zu 34% feinen höheren Betrag aufzuwenden als bisher. Insoweit ersetzt das neue Kursverhältnis das bisherige Ausfuhrförderungsverfahren. Zur Verwirklichung einer möglichst reibungslosen Anpassung der Preise für neue Warenbezüge aus dem bisherigen Reichsgebiet an die veränderten Währungsverhältnisse ordne ich für eine Übergangszeit an: 1. Sämtliche Verlustausgleichssäße( Normal- und Höchstverlustausgleichssätze) bis zur Höhe von 34% werden gestrichen. 2. Soweit höhere Normal- und Höchstverlustausgleichssätze als 34% bestehen, fann noch ausnahmsweise der ausgewiesene Verlust, höchstens jedoch der Unterschied zwischen dem bisherigen Verlustausgleich und dem Satz von 34% als Verlustausgleich gewährt werden, z. B. bisheriger Verlustausgleichssatz 40%, neu zu gewährender Höchstverlustausgleichssatz 6%( 40%-34%). 3. Soweit eine Förderung gemäß Ziffer 2 Anwendung findet, ist Voraussetzung, daß die Auslieferung der Waren spätestens bis zum 1. Mai 1938 erfolgt sein muß. 4. Die Regelung tritt in Kraft für alle nach dem 21. März 1938 abgeschlossenen Geschäfte. A 46 Lieferung 18 5.9.1937 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Betr.: Zelta Vergütung Seite 67 Streng vertraulich! Einer Mitteilung der Zelka- Zellwolle- Ausgleichskasse G.m. b. H. gemäß beträgt die ZelkaVergütung für die ab 1. 9. 37 abgeschlossenen Ausfuhrgeschäfte 65 Rpf. je kg 3ellwolle für bisher geförderte Erzeugnisse aus Viscose- Markenzellwolle, deren Marktpreis bis zum 31. 8. 1937 RM. 1,60 je kg für glänzende Ware und RM. 1,80 je kg für matte Ware war. Für die übrigen Bellwollarten, also Spezial- Viscosetypen, Kupfer- Zellwolle, ViscosekupferZellwolle, Acetat- Zellwolle, ermäßigt sich ebenfalls für alle ab 1. 9. 1937 abgeschlossenen Ausfuhrgeschäfte die Zelka- Vergütung um denjenigen Betrag, um den eine Verbilligung des Marktpreises eintritt. Näheres für die letzteren Zellwollsorten wird noch bekanntgegeben. Die auf den Seiten A4649 wiedergegebenen Anordnungen der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie lassen erkennen, wieweit die staatliche Beeinflussung des Exportgeschäfts geht. Auch auf dem Wege über die Auslandswerbung versucht die Wirtschaftsgruppe Einfluss auf die Lenkung des Exportgeschäfts zu bekommen. Das Ausland wird von einer vom Staat beauftragten Zentral- Stelle aus und auf Grund von ihr gesammelter Informationen geleitet. NACHRICHTENDIENST der Deutschen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Kielganftr. 4 Außenhandel und Devisenbeftimmungen Ordnungsziffer 12 Lieferung 21 22. 10. 1937 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Betr. Weiterleitung von Exportaufträgen Selte 61 Wir machen unsere Mitgliedfirmen erneut darauf aufmerksam, daß etwaige Exportaufträge, die nicht in ihr Produktionsgebiet fallen, der Wirtschafts- oder Fachgruppe zugeleitet werden müssen, damit der Auftrag sachgemäß an geeignete Hersteller weitergegeben werden kann. Es ist peinlichst darauf zu achten, daß weder eine Exportanfrage noch ein Exportauftrag unsachgemäß behandelt wird und unerledigt bleibt. A 47 Betr.: Private Verrechnungsgeschäfte Die bisherigen Bestimmungen über private Verrechnungsgeschäfte sind neu zusammengefaßt und ergänzt worden. Ebenfalls wurden die Voraussetzungen für die Erteilung von Verrechnungsgenehmigungen neu festgesetzt. Private Verrechnungsgeschäfte, bei denen beiderseits Forderungen aus dem Warenverkehr verrechnet werden sollen, können grundsätzlich nur noch dann genehmigt werden, wenn eine eingehende Prüfung des Ausfuhrgeschäftes ergibt, daß der Abschluß gegen Devisen nicht möglich und eine Störung des betr. Auslandsmarktes nicht zu befürchten ist. Bei einer Anzahl von Ländern ist die Genehmigung für private Verrechnungsgeschäfte ausgeschlossen. Lieferung 18 5.9.1937 Herausgeget en von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsvert and der Deutfchen Bekleidungsindustrie Betr.: Handelsverkehr mit China Seite 54 Vertraulich! Die japanisch- chinesischen Zwischenfälle bleiben auf die deutsch- chinesischen Handelsbeziehungen ohne besondere Wirkungen. Immerhin empfiehlt es sich, auf Grund der Sachlage im fernen Osten Vorsicht walten zu lassen. Wenn von amtlicher Seite vorläufig eine Einwirkung auf die Gestaltung des chinesischen Geschäftes nicht vorgenommen wird, so bleibt es im Einzelfall damit der Verantwortung des Exporteurs überlassen, inwieweit er den Abschluß oder die Ausführung eines Geschäftes in China rechtfertigen zu können glaubt. Wegen der Unsicherheit der Lage möchten wir aber insbesondere kleineren und mittleren Firmen, die nicht über eigene Vertretungen oder Niederlassungen in China und damit über ausreichende Informationsmöglichkeiten verfügen, empfehlen, sich mit Überseehäusern oder dem Ostasiatischen Verein in Hamburg in Verbindung zu setzen. Wir empfehlen den Firmen darüber hinaus, sich vor allem zu vergewissern, ob Ablademöglichkeiten an dem Bestimmungsort der ausgeführten Ware bestehen; eingehende Informationen über die Sicherstellung des Zahlungseingangs sind ebenfalls dringend geboten. Lieferung 6 30. 3. 1938 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Betr.: Palästina Beziehungen Seite 16 Streng vertraulich! mit der Firma„, MIC" Palestine Machine Company, Snifa Es besteht Veranlassung, bei Geschäftsbeziehungen mit der Firma ,, MIC" Palestine Machine Company. Haifa, besondere Vorsicht walten zu lassen. Wir empfehlen dringend, im Geschäftsverkehr mit genannter Firma sich für den Eingang der A 48 Erlöse Sicherungen auszubedingen, z. B. Auslieferung der Dokumente gegen Rasse oder Stellung eines unwiderruflichen Bankakkreditivs. Betr.: Abwicklung von Ausfuhrgeschäften nach dem Nationalen Spanien über die Nowak Firmen, die Geschäfte mit dem Nationalen Spanien über die Rowak abzuwickeln beabsichtigen, wollen sich mit der Prüfungsstelle Bekleidungs- Induſtrie in Verbindung setzen. Lieferung 7/8 16. 5. 1938 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Seite 11 Betr.: Warenverkehr mit Österreich Um zum Schutze der österreichischen Wirtschaft einen ungeregelten Warenabfluß, besonders von Rohstoffen, in das übrige Reichsgebiet zu verhindern, ist eine Verordnung erlassen worden, nach der natürliche oder juristische Personen, die ihre Niederlassung im Deutschen Reich außerhalb Österreichs haben, nur mit Genehmigung der zuständigen Überwachungsstelle Waren aus Österreich erwerben oder die Waren aus Österreich in das Reichsgebiet bringen dürfen. Einer schriftlichen Genehmigung der Überwachungsstelle sind gleichzuachten die Genehmigung zur Bezahlung der Ware( Devisenbescheinigung), eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Überwachungsstelle, die Bestätigung einer Devisenstelle über das Vorliegen einer Verrechnungsgenehmigung, die zur Zahlung im Wege eines privaten Verrechnungsgeschäftes berechtigt, die Anmeldung einer Ware zur Devisenüberwachung durch den Inhaber einer Transitgenehmigung. Die Überwachungsstellen haben das Recht. Preise, Kosten und Gewinnaufschläge sowie Zahlungs- und Lieferungsbedingungen und andere Auflagen für den Weiterverkauf im Deutschen Reich außerhalb Österreichs festzusetzen. Zuwiderhandlungen sind unter Strafe gestellt. Betr.: Deutsche Schußrechte im Ausland Wir weisen wiederholt auf die Pflicht jedes deutschen Unternehmers hin, sich bei der Auswahl seiner ausländischen Patentsachwalter gewissenhaft davon zu überzeugen, daß die ihnen A 49 anvertrauten deutschen Interessen nicht in einer Weise verwaltet werden, die in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zum Schaden Deutschlands ausschlägt. Wir bitten daher, nicht nur bei neuen Beauftragungen die nötige Vorsicht walten zu lassen, sondern auch bereits bestehende Beziehungen gewissenhaft zu überprüfen. In allen Zweifelsfällen bitten wir, uns sofort zu benachrichtigen, damit wir zusammen mit den deutschen amtlichen Stellen eine Klärung herbeiführen können. Betr.: Vergebung von Lizenzen an Ausländer Obgleich die Übertragung von Patent- und Schutzrechten auf Ausländer und der Abschluß von Lizenzverträgen mit Ausländern keiner devisenrechtlichen Genehmigung bedarf, ist eine Prüfung, ob gegen die Übertragung dieser Rechte oder die Lizenzvergebung an Ausländer volkswirtschaftliche Bedenken bestehen, geboten. Wir ersuchen daher Mitgliedsfirmen, die für die Übertragung von Patent- und Schuhrechten auf Ausländer oder für die Vergebung von Lizenzen an Ausländer eine Genehmigung oder eine Unbedenklichkeitsbescheinigung beantragen, sich bei der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie darüber zu unterrichten, ob gegen den Abschluß des Vertrages volkswirtschaftliche Bedenken bestehen. Lieferung 7/8 16. 5. 1938 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Betr.: Auslandswerbung Seite 5 Die Ausdehnung und Aufnahme von Exportverbindungen gründet sich in erster Linie auf qualitativ hochwertige Erzeugnisse und einem angemessenen Preis. Es gibt viele Mitgliedsfirmen, die diese Exportvoraussetzungen erfüllen, deren Auslandsgeschäft aber noch keinen bedeutenden Umfang angenommen hat, weil die zum Erfolg unbedingt erforderliche Werbung nicht richtig aufgezogen oder die vorhandenen Mittel nicht vorteilhaft genug eingesetzt wurden. Das ,, wie" der Werbung ist aber ausschlaggebend, da jede wirksame Auslands= werbung die besonderen Verhältnisse des betreffenden Landes berücksichtigen muß und daher eine eingehende Kenntnis der Werbekraft der einzusetzenden Werbemittel erfordert. Es ist unerläßlich, sowohl den einzuschlagenden Weg der Anzeigevergebung als auch das einzelne Werbemittel in bezug auf seine wirtschaftliche und sonstige Eignung eingehend zu studieren. Dazu bieten wir unsere Hilfe an. Die systematische Zusammenarbeit der zuständigen amtlichen Stellen wie auch aller der Firmen, die ein eigenes Auslandsvertreternetz haben, hat im Laufe der Zeit ein sehr wert= volles Auskunftsmaterial zusammenkommen lassen, an Hand dessen wir in der Lage sind, jeweils die erforderlichen Auskünfte zu erteilen. In Anbetracht der Wichtigkeit der deutschen Wirtschaftswerbung bitten wir, von den Informationsmöglichkeiten, die von verschiedenen Seiten für die Vorbereitung der Werbung im Ausland bereit gehalten werden, Gebrauch zu machen. Falls es sich irgendwie mit den geschäftlichen Rücksichten vereinbaren läßt, ist es sehr erwünscht, bei der Auftragsvergebung für die Auslandswerbung deutsche Werbungsmittler heranzuziehen bzw. einzuschalten, um die für diese anfallende Vergütung als Devisen= erhalten. ersparnis dem Deutschen Reich zu A 50 Weiteren Einblick in die Praxis der Devisen- und Aussenhandelsüberwachung gewährt das auf Seite A 52-53 wiedergegebene Rundschreiben der Wirtschaftskammer Nordmark( In dem Rundschreiben heisst es bezeichnenderweise:" Von einer Veröffentlichung in der Presse oder den periodisch erscheinenden Zeitschriften ist abzusehen". Wie das Zustandekommen von Auslandsaufträgen durch Devi senkontrolle und Rohstoffmangel erschwert wird, zeigt die folgende typische Stelle aus dem Briefe einer deutschen Exportfirma: " Wir bestätigen Ihre Zuschrift vom... und glauben, dass eine persönliche Aussprache von Wichtigkeit ist. Solche könnte jedoch nur in... erfolgen, da mir leider ein Ausländer eine Suppe mit der Devisenstelle eingebrockt hat und mir deshalb die Ausreise vorläufig versagt wird. Die Sache ist nicht schlimm, aber bis zur Klärung bekomme ich eben meinen Pass nicht. Die Lieferungsverzögerung basiert darin, dass durch die Preisfestsetzung wir derart viel Konferenzen etc. hatten, dass wir überhaupt nicht mehr zur Arbeit kamen. Dann hat uns auch die Konkurrenz sonstige Schwierigkeiten bereitet, die ins Gebiet der Materialbeschaffung fallen". Wie die Konversionskasse für deutsche Auslandsschulden mit ausländischen Warengläubigern umgeht, zeigt der folgende an eine grosse holländische Exportfirma gerichtete Brief: Konversionskasse für deutsche Auslandsschulden Berlin SW.111, den No. Herrn Amsterdamm/ Holland. Betr. Konto Nr.... In unseren Büchern ist für Sie noch ein Betrag von RM.... vorgemerkt. Ueber diesen Betrag können Sie an sich nicht verfügen, da Sie die Vorbedingungen nicht etfullt haben, die für die Abwicklung zwischen der Deutschen und der Niederländischen Regierung festgelegt worden sind. Obwohl Sie ein friheres Angebot zwecks A 51 Auflösung dieses Betrages unbeantwortet gelassen haben, unterbreiten wir Ihnen erneut und letztmalig einen Vorschlag zu gleichem Zwecke, indem wir Ihnen für den Betrag, der Ihnen zu abkommensgemässer Abwicklung zur Verfügung gestanden hätte, nämlich für RM 3% ige Reichsmark- Schuldverschreibungen unserer Kasse " Neue Ausgabe" mit Zinsen ab 1938 anbieten. Wir erklären uns ferner bereit, diese Schuldverschreibungen zum Kurse von 20% ohne weitere Berechnung zu übernehmen. Durch Abwicklung dieses Betrages gemäss diesem Angebot sind alle Ansprüche aus den den Gutschriften zugrundeliegenden Ertragsansprüchen erloschen. Wünschen Sie von diesem Angebot keinen Gebrauch zu machen, erbitten wir eine entsprechende Benachrichtigung. Falls Sie Schuldverschreibungen zu beziehen wünschen, bitten wir uns beiliegenden Vordruck ausgefüllt und unterschrieben zurückzusenden. Sollten wir bis zum... eine Nachricht irgendwelcher Art von Ihnen nicht erhalten haben, nehmen wir an, dass Sie unser Angebot annehmen und mit dem Verkauf der Ihnen für Ihr Guthaben angebotenen Schuldverschreibungen zum Kurse von 20% einverstanden sind. Den Betrag, der sich aus diesem Verkauf ergibt, werden wir Ihnen in Gulden durch das Reichsbankdirektorium zahlen lassen. Hochachtungsvoll 1 Anlage KK. Vordr. Nr. 000 waren In dem früheren Angebot, von dem in diesem Schreiben die Rede ist und das unbeantwortet geblieben war, noch 30% Schuldsumme geboten worden. A 52 Wirtschaftskammer Nordmark Unterabteilung Gross-, Ein- und Ausfuhrhandel Fernspr.: 34 2141 Hamburg 11, den 15.November 1937, Adolphsbrücke lo, I. An die am Aussenhandel beteiligten Mitgliedsfirmen der Wirtschaftsgruppe Gross-, Ein- und Ausfuhrhandel im Wirtschaftskammerbezirk Nordmark. 1.) Betr.: Behandlung von Devisenvergehen in Hamburg. Die Unterabteilung Gross-, Ein- und Ausfuhrhandel erhält von der Industrie- und Handelskammer Hamburg nachstehendes Schreiben, das wir bitten, auf das sorgfältigste zu beachten: " Einige Festnahmen, die in der letzten Zeit in Hamburg in Strafverfahren wegen Verletzung von Devisenvorschriften erfolgten, haben innerhalb der Kaufmannschaft Anlass zur Erörterung von Zweifeln gegeben, ob die fraglichen Vorgänge so schwere Verstössé darstellten, dass die betreffenden Verhaftungen erforderlich waren. Auf Grund von Erklärungen bezw. Feststellungen der zuständigen staatlichen Stellen muss die Industrie- und Handelskammer den fraglichen Erörterungen gegenüber mitteilen, dass nach den Versicherungen der zuständigen Behörden die Verhaftungen in den betreffenden Fällen nur nach sorgfältigster Prüfung erfolgt sind und tatsächlich sehr schweren Verdacht zum Anlass hatten. Der Kammer wurde verishcert, dass in Devisenstraffällen der Grundsatz verfolgt wird, wenn Abweichungen von den Devisenbestimmungen im Verkehr mit dem Ausland oder in sonstigen Angelegenheiten lediglich Formalverstösse darstellen oder, in ihrer Auswirkung für die Devisenbewirtschaftung nur von geringfügiger Bedeutung sind, dass dann zu Festnahmen kein Anlass gesehen wird. Im übrigen sei zur Verhütung von Straffällen im Einvernehmen mit den zuständigen Devisenbehörden darauf hingewiesen, dass jeder Kaufmann in Devisen- Angelegenheiten peinlichste Sorgfalt zur Beachtung der Vorschriften anwenden muss. Vor allen Dingen ist es notwendig, im Ausland entstehende oder befindliche Forderungen oder vorhandene Guthaben sobald als möglich anzumelden und die Devisen der Reichsbank anzubieten. Dies gilt auch bei allen entstandenen oder noch entstehenden Spitzen aus Kompensationsgeschäften sowie aus Export- und Transitgeschäften. Gerade in der Abwicklung der Kompensationsgeschäfte müssen etwaige Differenzen umgehend aufgeklärt werden. Hierzu gehört auch, dass im Auslande entstandene Prämien, Ausgleichsbeträge usw. unverzüglich hereingebracht werden. Dies wird besonders auch in Betracht kommen, für bereits genehmigte zurückliegende Verrechnungsgeschäfte; die nunmehr abgewickelt werden und für die eine Abrechnung unter Rückgabe A 53 - 2 der Devisengenehmigung an die Devisenstelle einzureichen ist. In allen Fällen, in denen irgend ein Zweifel berechtigt erscheint, wie nach den Bestimmungen zu verfahren ist, muss ernstlich empfohlen werden, statt aufs Gratewohl zu handeln, die betreffende Unklarheit bei der Devisenstelle oder der Industrie- und Handelskammer zur Klärung zu bringen. Eine solche Klarstellung wird von den Devisenbehörden ( Devisenstelle und Reichsban khauptstelle) dringend angeraten. Der Kaufmannschaft soll, wie der Kammer erneut versichert wurde, in solchen Fällen jede nur denkbare Hilfe von den genannten Stellen erwiesen werden. Die Kammer bittet, den Ihnen angeschlossenen Firmen von dem Inhalt dieses Rundschreibens Kenntnis zu geben. Von einer Veröffentlichung in der Presse oder den periodisch erscheinenden Zeitschriften ist abzusehen". 2. Betr. Veterinärbestimmungen bei derEinfuhr von Knochen nach Deutschland In obiger Angelegenheit liegt bei der Unterabteilung ein Rundschreiben der Industrie- und Handelskammer, Hamburg, vor. Wir empfehlen den interessierten Firmen, im Büro der Unterab- teilung in das Rundschreiben Einsicht zu nehmen. 3.) Betr. Schriftverkehr mit ausländischen Behörden. Ein Sonderfall gibt uns Veranlassung, darauf hinzuweisen, dass ein unmittelbarer Schriftverkehr von Firmen mit ausländischen Behörden grundsätzlich nicht zulässig ist. Dies gilt insbesondere in Bolchen Fällen, in denen Hoheitsbefugnisse eines ausländischen Staates berührt werden, wie beispielsweise bei Zoll- oder Kontingentsanträgen. Derartige Wünsche sowie Anfragen allgemeiner Natur sind über die zuständigen Wirtschaftsgliederungen an die deutschen Behörden, in der Regel an das Reichswirtschaftsministerium zu richten. 7 Auch in umgekehrten Fällen, in denen ausländische Behörden Anfragen an deutsche Firmen richten, ist die Einschaltung der deutschen amtlichen Stellen notwendig, sofern deren Belange berührt werden, oder es sich um Fragen von allgemeiner Bedeutung handelt. Dagegen ist ein direkter Schriftverkehr mit ausländischen Behörden selbstverständlich dann zulässig, wenn lediglich kaufmännische Fragen zu behandeln sind, wie beispielsweise bei Lieferungen an ausländische Staaten. Heil Hitler! Unterabteilung Gross-, Ein- und Ausfuhrhandel Die Geschäftsführung. 4 III. Die Rohstoffaot I) Rohstoffmangel und BCtrokratisierung Das Hitler-Regime ist der Schwierigkeiten der Rohstoffbeschaffung bisher keineswegs Herr geworden. Aus unseren Serichten geht hervor, dass weder die amtliche Rohstoffbewirtschaftung noch die Verwendung von Ersatzstoffen eine wesentliche Erleichterung haben herbeiführen können; vor allem nicht in den beiden Rohstoffen, deren Mangel dem Regime die grössten Schwierigkeiten bereitet: Eisen und Holz. Die amtliche Rationierung der Rohstoffe erfordert einen riesenhaften bürokratischen Apparat, dessen Umfang und dessen Funktionen in dem Masse zunehmen müssen, wie die private Verfügungsgewalt der Unternehmer vom amtlichen Kommando verdrängt wird. Glaubt man der amtlichen Propaganda, dann wird dieser gewaltige zwangswirtschaftliche Apparat, und durch ihn die Wirtschaft von einem einheitlichen Staatswillen gelenkt. Die Wirklichkeit sieht aber, wie die folgenden Berichte zeigen, anders aus. Die Kompetenzen der Aemter überschneiden sich, sie hemmen einander gegenseitig und bilden neben der Rohstoffnot ein zusätzliches Hemmnis für den Ablauf von Produktion und Verteilung. Bayern: Wie stark die Bürokratisierung der Wirtschaft fortschreitet und welche Hemmungen sie mit sich bringt, soll durch-einige Beispiele gezeigt werden. Ein lebenswichtiger Betrieb hat kein Gel mehr. Die Betriebsleitung wendet sich an die zuständige Orossfirma Dort wird erklärt, dass sie im Augenblick selbst kein Gel zur Verfügung habe. Um die Weiterbelieferung zu ermöglichen, müsse sie erst auf eine Ministerialanweisung warten. Die abgewiesene Firma wendet sich sofort von sich aus an die Gel A.G. Rhenania- Ossag in X. Dort wird die Firma ebenso abgewiesen, und man rät ihr, sich gleich direkt an die zuständige Verteilungsstelle zu wen den. Nach entsprechender Intervention lehnt die Verteilungsstelle ebenfalls ab und erklärt, sie brauche ihren A 55 gegenwärtigen Vorrat voll für das Militär, aber sie empfehle, sich direkt mit der Heeresstelle in Verbindung zu setzen. Die Firma tut das. Bei der Heeresstelle wird ihr aber erklärt, dass man nicht zuständig sei, die Firma solle sich an die Zeugmeisterei wenden. Die Zeugmeisterei ihrerseits erklärt sich wiederum ausserstande, die Forderung zu erfüllen, und verweist die Antragstellerin an das Heeresversorgungsamt. Das Heeresversorgungsamt endlich erklärt, dass die Wünsche der Firma wohl berechtigt seien, dass es aber notwendig sei, nunmehr einen entsprechend ausgefillten Fragebogen auf dem Wege über die Firma Rhenania- Ossag einzureichen. Einem Flaschenbier- Grossvertrieb, der 20 Lastwagen laufen hat, wurden die Autos zur Mobilmachung beschlagnahmt. Der Besitzer geht daher zum Heeresamt und bittet um die Bereitstellung kleinerer Wagen, damit er wenigstens den dringlichsten Bedarf befriedigen könne. Es handelt sich um Wagen, die das Militär angeblich nicht benötigt. Das Heeresamt verweigert das Begehren nicht, schickt aber den Besitzer in ein grosses Fuhrwerksunternehmen. Dort erklärt man, dass keine Wagen vorhanden seien, und verweist an die vom Militär dafür eingerichtete Stelle. Der Mann wendet sich nun dorthin und erhält eine Anweisung, wonach er das Formular an die zuerst aufgesuchte Stelle einzureichen und Bescheid abzuwarten habe. Ein Rüstungsbetrieb stellt Flugzeugmotore und Geschützteile her. Im Betrieb werden gewisse Arten von Kupferlegierungen für Motorröhren verarbeitet. Früher wurden immer ein und dieselben Röhren von einer bestimmten Firma geliefert. Infolge der Qualitätsverschlechterung mussten neue Masse in Gebrauch genommen werden, die von der alten Firma aber nicht in der geeigneten Form geliefert werden konnten. Die Firma übergab neu gearbeitete Muster, die jedoch nach der Probe nicht verwendungsfähig waren. Schliesslich wandte sich die Firma an die Devisenbewirtschaftungsstelle, um die alten Materialien beschaffen zu können. Die Devisenbewirtschaftungsstelle schickte den Antragsteller weiter an das Rohstoffversorgungsamt zur Bewilligung des benötigten Kontingents. Das Rohstoffversorgungsamt verweist den Antrags taler an das Heeresauftragsamt, und das Heeresauftragsamt schliesslich lässt sich einen Fragebogen ausfüllen, der nun in umgekehrter Richtung noch einmal den ganzen Instanzenweg zu durchlaufen hat. Charakteristisch ist die Ausstellung der Fragebogen. Es existieren nämlich-was den meisten Firmen völlig unbekannt ist zweierlei Formulare: solche mit und sol A 56 che ohne Kennziffer. Die Besitzer der Bogen mit Kennziffer erhalten das angeforderte Material, die anderen nur entsprechend den vorhandenen Reserven. Für jeden Fall aber, unabhängig ob Bedürfnisse erfillt werden können oder nicht, gilt das Prinzip: alle werden von einem Amt zum anderen herumgejagt. Dazu kommt in bestimmten Aemtern noch die schlechte Schulung der in aller Eile angelernten Beamten. Rheinland- Westfalen: In Industriekreisen herrscht gegenwärtig eine gewisse Bestürzung. Die Eingriffe in ihre Privatsphäre haben einen Umfang angenommen, der gefährlich zu werden droht. Die Rohstoffnot hat bizarre Verhältnisse geschaffen. Ein grosser Stab von Angestellten ist ausschliesslich damit beschäftigt, die Formalitäten für den Rohstoffbezug zu erledigen. Trotzdem es sich grosse Betriebe leisten können, eine gute Organisation zu unterhalten und auch ständig mit den massgebenden Aemtern in persönlicher Verbindung zu stehen, gibt es doch immer wieder empfindliche Stockungen. Manchmal ist es geradezu humorvoll, wie sich die Betriebe z. B. auf eine Sendung Zinn werfen, deren Eintreffen bekannt geworden ist. Wer nicht zum Zuge kommt, muss seinen Erfindergeist spielen lassen. Es handelt sich um hunderte von Dingen, die immer wieder Störungen verursachen. Gegenüber Beschwerden heisst es dann einfach: helft Euch wie Ihr könnt. Aber diese Selbsthilfe kostet Geld, viel Geld und schliesst grosse Gefahren in sich. Gerade dieser Behelfszwang ist die Ursache zahlreicher Unfälle. Maschinenteile laufen sich leichter aus und es entstehen Unfälle durch Brand, Schleudern und Bruch. In den Bergwerken gibt es mannigfache Ursachen zu vermehrten Unfällen. Damit aber nichts in die Oeffentlichkeit dringen soll, werden die Unfälle in folgender Weise verschleiert: Die Büros haben Anweisung, sogenannte leichte Unfälle überhaupt nicht in die Statistik aufzunehmen und diese Anweisung weitherzig zu handhaben. Dann werden alle UnfälRuhepausen, oder able ausgeschaltet, die angeblich bei seits vom Arbeitsplatz erfolgen. Durch diesen Trick werden dann die Vergleichszahlen mit früheren Jahren günstig gestaltet. 2.) Eisen und Nichteisenmetalle In der Essener" National- Zeitung", dem Organ Goerings, wurde in einem Bericht über den Eisenmarkt von Anfang März ausgeführt, dass zwar im Januar die Rohstehlerzeugung die Rekordhöhe von 1,8 Millionen Tonnen erreicht habe, aber von einer Entspannung auf dem inländischen Eisenmarkt A 57 nichts zu spüren sei und mit der Aufhebung der Kontingentierung nicht gerechnet werden könne. Die Deckung des sogenannten nichtkontingentierten Bedarfs könne nur in ganz bescheidenen Ausmassen erfolgen. Nicht nur die Erzeugung von Eisen und Stahl, auch die Versorgung mit Eisen im ganzen war in dieser Zeit auf eine Rekordhöhe gebracht worden. Nach Wirtschaft und Statistik"( 1938, 2. Mai- Heft No. lo) war im 1. Vierteljahr 1938 die Einfuhr von Erzeugnissen aus Eisen und Stahl um mehr als 50% höher, die Ausfuhr um 23% niedriger als im 1. Vierteljahr 1937. Im Februar war um 36% mehr Eisenerz gefördert und um 15% mehr eingeführt worden als im Jahre vorher. Im gleichen Zeitraum hatte die Einfuhr von Schrott um 130% zugenommen. Wenn gleichwohl der Mangel an Eisen fortbestand, so kann er nur durch den übermässigen Bedarf für die militärische und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung verursacht worden sein. Dieser Bedarf ist mit Hilfe des Systems der Kontingente auf Kosten der übrigen Eisenverarbeiter befriedigt worden. Diese Benachteiligung ist so stark, dass die nicht begünstigten Verbraucher in vielen Fällen gezwungen sind, die amtlichen Vorschriften zu umgehen, wenn sie sich die Mengen Eisen verschaffen wollen, die sie brauchen, um ihren Betrieb in Gang zu halten. In dem Masse, wie diese Umgehungen überhand nehmen, wird das Funktionieren des Kontingents. systems in Frage gestellt. Daher haben die neueren amtlich befohlenden Einschränkungen des Eisenverbrauchs zugleich den Zweck, Umgehungen der amtlichen Bedarfsdeckung zu verhindern und dadurch die Befriedigung des Bedarfs der Kontingentträger, also der Wehrmacht usw. besser als bisher zu sichern. Dieses Kontingentsystem ist in Heft 10/1937( Seite A 21 ff.) geschildert worden. Seine Einführung setzt eine genaue Kontrolle voraus, die verhindert, dass das kontin A 58 gentierte Eisen nicht für Zwecke verbraucht wird, für die es nicht bestimmt ist. So streng diese Kontrolle ist, so sind doch immer wieder Umgehungen vorgekommen. In letzter Zeit haben diese Umgehungen vor allem im Baugewerbe grossen Umfang angenommen. Die Knappheit der Vorräte und die Kompliziertheit des Bewilligungs- und Kontrollverfahrens verzögern und erschweren die Ausführung von Bauaufträgen. Daher werden bei der Vergebung von Aufträgen die Handwerker bevorzugt, die bereits über Eisen verfügen und bereit sind, mit dem Bauen zu beginnen, bevor das Eisen dafür amtlich bewilligt worden ist. Wer Eisen hat, ist seinem Konkurrenten im Wettbewerb um Aufträge überlegen. Auch die sogenannten Kontingentsträger vergaben ihre Aufträge mit Vorliebe an Handwerker, die sich nicht nach den amtlichen Vorschriften richteten, sondern es auf sich nahmen, dafür Eisen zu verwenden, das für andere Zwecke bestimmt war. Sie entnahmen dieses Eisen dem auf sie entfallenden Teil des Gesamtkontingents für das Handwerk, anstatt den vorschriftsmässigen Weg zur Beschaffung des Eisens zu gehen. Diese Umgehung der amtlichen Bestimmungen hatte zur Folge, dass für die Kontingentträger mehr Eisen verbraucht wurde, als ihnen zugewiesen war, und dass das für andere Zwecke bestimmte Zusatzkontingent des Handwerks um diese Mengen verkürzt wurde. Die kleinen und mittleren Handwerker, für die das Zusatzkontingent vornehmlich bestimmt war, kamen dabei zu kurz und konnten sich nur dadurch helfen, dass sie auch ihrerseits die amtlichen Vorschriften zu umgehen suchten. So wurde der amtlich vorgeschriebene Eisenverbrauch weit überschritten und der Eisenmangel verschärft. Um diese Umgehung zu verhindern, ist nunmehr das Zusatzkontingent des Handwerks gestrichen worden. Die Handwerker müssen also nun selbst zusehen, wie sie Eisen A 59 für ihren freien Bedarf auftreiben. Baueisen darf laut Verfügung vom 8. März 1938 in Zukunft nur dann bestellt und verbaut werden, wenn dafür eine Bewilligung vorliegt. Das gilt auch rückwirkend für Bauten, die bereits in Arbeit sind. Die Anordnung wird im Rundschreiben des Reichsbeauftragten für Eisen und Stahl vom 12. April 1938( W 91/38) wie folgt begründet: " Die Kontingentsvorschriften werden gerade auf dem Gebiet des Bauwesens nicht immer mit der notwendigen Strenge eingehalten. Das führte zu einem erheblichen Druck auf die mittleren und kleineren Baubetriebe, die sich aus Furcht vor Auftragsentzug dann verleiten liessen, die Kontingentsvorschriften zu verletzen oder zu umgehen. Diesen Misständen soll die vorliegende Anordnung ein Ende bereiten." Auch die auf Seite A 60 im Original wiedergegebenen beiden Anweisungen an die Mitglieder des Reichsverbandes der Deutschen Bekleidungsindustrie sollen verhindern, dass Eisen für andere als die amtlich vorgeschriebenen Zwecke verwendet wird. In einem Rundschreiben vom 8: März 1938( 405/8 n) stellt der Reichsbeauftragte für Eisen und Stahl fest, dass die von Handwerksbetrieben erteilten Bestellungen von gusseisernen Abflussrohren mit dem tatsächlichen Bedarf nicht in Einklang stehen und geeignet sind, die notwendige Belieferung der übrigen Kontingentsträger mit Abflussrohren zu gefährden. Daher dürfen ab Mai 1938 keine Bestellungen auf Abflussrohre und AbflussFormstücke mehr aufgegeben werden. In einem Rundschreiben des Reichsbeauftragten für Eisen und Stahl( of/ wm/ 8/ 38) vom 26. Februar 1938. wird darauf hingewiesen, dass Kontrollnummern aus dem Kontingent Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf keinesfalls zum Bezuge von Baueisen verwendet werden dürfen. Die Umgehungen erklären sich daraus, dass das Eisen selbst für den kontingentierten Bedarf nicht ausreicht, also erst recht nicht für den übrigen. Das beweist das Rundschreiben Nr. 8/1938 der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie vom 8. Februar 1938, in dem A 60 NACHRICHTENDIENST Der Deutfchen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 3 5.2.1938 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsinduftrie Betr.: Eisen und Stahl für Exportbedarf Rohstoffe Ordnungsziffer 4 Seite 3 Sehr wichtig! Die Überwachungsstelle für Eisen und Stahl hat in einer Reihe von Fällen die Feststellung machen müssen, daß Firmen, denen für Exportaufträge eine Ausfuhrbedarfsbescheinigung für Eisen und Stahl ausgestellt worden war, das daraufhin erhaltene Material zur Durchführung von Inlandsaufträgen verwandten, weil der Exportauftrag später annulliert wurde. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß dieses exportschädigende Verhalten den Anordnungen der Überwachungsstelle für Eisen und Stahl zuwiderläuft und strafbar ist. Um in Zukunft eine derartige Handlungsweise von vornherein auszuschließen, geben wir hiermit unseren Mitgliedsfirmen folgendes auf: 1) Sofort nach Tätigung des Exportgeschäftes ist der Fachuntergruppe, die für jede Firma ein besonderes Ronto ,, Exportbedarf für Eisen und Stahl" führt, der tatsächliche Nachweis für den Export durch Vorlage der Export- Valuta- Erklärung, Spediteurbescheinigung oder des Frachtbriefes zu führen. Spätester Sermin für diesen Nachweis sind 3 Monate gerechnet vom Tage der Ausstellung der Bescheinigung. 2) Falls ein Ausfuhrauftrag, für den eine Exportbescheiniauna ausaeftellt wurde, nachträglich annulliert wird, ist die Bescheinigung unverzüglich zurückzusenden.es it dabei ausdrücklich zu versichern, daß auf die Bescheinigung kein Material entnommenwurde. Wir weisen unmißverständlich darauf hin, daß für alle Expo bescheinigungen für Eisen und Stahl diese Auflagen ohne jede Ausnahme Gültigkeit haben und bitten unsere Mitgliedsfirmen zur Vermeidung von Strafmaßnahmen um peinlichste Beachtung. Betr.: Bescheinigung für Eisen und Stahl für Ausfuhrzwecke Der Reichsbeauftragte für Eisen und Stahl weist ausdrücklich darauf hin, daß Firmen, die bei den Wirtschaftsorganisationen Anträge auf Erteilung einer Bedarfsbescheinigung für Eisen und Stahl für Ausfuhrzwecke stellen, wahrheitsgemäße Angaben über die erforderlichen Mengen machen müssen. Wir machen unsere Mitgliedsfirmen hierdurch nochmals darauf aufmerksam, daß unwahre Angaben und Täuschungsversuche, die mit der Bescheinigung für Eisen und Stahl für Ausfuhrzwecke in Verbindung stehen, sowohl von seiten des Reichsbeauftragten für Eisen und Stahl als auch von seiten der Staatsanwaltschaft auf das allerschwerste geahndet werden. A 61 es heisst: " An die Mitglieder der W. Gr. Zuckerindustrie. Betr. Kontrollnummer fir Maschinen und Maschinenteile. Trotz unserer fortgesetzten Bemühungen ist es nicht gelungen, ein für den Gesamtbedarf aller Fabriken ausreichendes Eisenkontingent für die Neu- und Ersatzbeschaffung von Maschinen und Apparaten zu erhalten. Wir sind also nicht in der Lage, den Mitgliedsfirmen Kontrollnummern für alle Anforderungen zu geben, die sich dieserhalb an uns richten. Unser Reparaturkontingent wird lediglich zur Befriedigung der grössten Notstände bei der Beschaffung von Reparatureisen aller Art und Maschinen teilen gegeben... Der Generalbevollmächtigte für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung hat uns allerdings eine einmalige Zulage von einigen tausend Tonnen Eisen zu dem bereits früher zugeteilten Reparaturkontingent für die Monate März, April, Mai mit der Massgabe bewilligt, dass dafür, beginnend mit dem Monat August dieses Jahres; das uns bislang gegebene Reparaturkontingent um 1/3 gekürzt wird.." Die Lieferfristen können auch für Exportaufträge und für den Kontingents bedarf, also für die am meisten bevorzugten Verbraucher, nicht innegehalten, die Liefertermine müssen immer weiter hinausgeschoben werden. So heisst es in der bereits zitierten Anweisung des Reichsbeauftragten fir Eisen und Stahl( of/ wm/ 8/ 38) vom 26. Februar 1938, die den Vermerk trägt:" Nicht für die Presse!" 12. Anweisung zur Auftragsregelung für Eisen und Stehl. I. Auslieferung von Aufträgen für die mittelbare Ausfuhr. Die mit Ausfuhrkennzeichnungen versehenen Aufträge auf Lieferung von Walzwerks- und Giessereierzeugnissen, die den Werken und Verkaufsverbänden zur Lieferung bis einschliesslich Dezember 1937 erteilt waren, sind bis spätestens 31. März 1938 auszuliefern. Falls aus betriebstechnischen Gründen die Ausführung der Aufträge bis zum 31. März 1938 nicht möglich ist, haben die Werke und Verkaufsverbände der Eisen schaffenden Industrie und der Giesserei- Industrie Ausnahmeanträge über die zuständige Wirtschaftsgruppe bei der Ueberwachungsstelle einzureichen. II. Auslieferung von Kontrollnummer- Aufträgen: 1. Die zur Lieferung für die Kontingentsmonate August bis einschliesslich Dezember 1937 mit Kontrollnumern ver A 62 buchten Aufträge auf Lieferung von Walzwerks- und Giessereierzeugnissen( ausgenommen Edelstahl, Schmiedestücke und Stahlformguss), deren Erfüllung bisher nicht möglich war, sind bis zum 31. März 1938 ohne formale Erneuerung auszuliefern. Falls aus betriebstechnischen Gründen die Ausführung der Aufträge bis zum 31. 3. nicht möglich ist, haben die Werke und Verkaufsverbände der Eisen schaffenden Industrie und der Giesserei- Industrie Ausnahmeanträge über die zuständige Wirtschaftsgruppe bei der Ueberwachungsstelle einzureichen. 2. Die zur Lieferung für die Monate Februar und März 1938 mit Kontrollnummern verbuchten Aufträge, die in diesen Monaten nicht erfüllt werden können, sind jeweils innerhalb der nächsten 2 Monate ohne formale Erneuerung aus zuliefern. Bemerkenswert ist, dass Eisen mit Liefertermin Dezember im März noch nicht geliefert war und man mit noch späterer Lieferung rechnete. Zu dem Schleichhandel mit Eisen kommt die Hamsterei von Eisen. Im Rundschreiben 95/38 des Reichsbeauftragten für Eisen und Stahl vom 12. April 1938 wird bekanntgegeben, dass ein Maschinenfabrikant sich strafbar macht, wenn er sich weigert, Maschinen zu liefern, die er auf Lager hat. Jede Möglichkeit, den Eisenvorrat durch Einsparung von Eisen zu strecken, wird ausgeschöpft. An die Mitglieder der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie wurde von ihrem Leiter das folgende Rundschreiben versandt: Rundschreiben Nr. 5/1938 Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie Berlin W 62, den 3.Febr.1938 Kleiststr. 32 II An die Mitglieder der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie Ueber die Reichsgruppe Industrie ist uns von der Reichspressekammer der Wunsch bermittelt worden, unsere Mitglieder auf folgendes hinzuweisen: Die gewerbliche Wirtschaft pflegt im allgemeinen alle alten Klischees, die einmal gebraucht worden sind, jahrelang aufzuheben, ohne dass eine Wiederverwendung stattfindet, während bei der Verknappung von Zink und Kupfer diese alten Klischees und Autotypien wertvolle Rohstoffe A �3 darstellen. Wenn auch in unserer Industrie die Verwendung von Klischees und deren Aufbewahrung verhältnismässig wenig vorkommen dürfte, so möchten wir doch auf den Wunsch der Reichspressekammer unsere Mitglieder bitten, gegebenenfalls solche alten Klischees, deren Wiederverwendung nicht zu erwarten ist, dem Altstoffhandel beschleunigt zuzuführen. Mit deutschem Gruss Heil Hitler! gez.: i.V. Aumüller Der Leiter der W.-Gruppe Zuokerindustrie. Wie unzulänglich der Ersatz des bisher handelsüblichen Materials durch die sogenannten"deutschen Werkstoffe" oft ist, zeigt z.B. das auf Seite A im Original wiedergegebene Merkblatt des Holzschrauben-Verbandes. Danach sind bei der Verwendung von Aluminiumschrauben anstelle von Messing- und Eisenschrauben soviele Vorsichtsmessregeln zu beachten, dass eine erhebliche Erschwerung des Arbeitsprozesses unvermeidlich ist. Im übrigen verweisen wir auf die nachstehenden Berichte: Norddeutschland. 1. Bericht:(Aus einer Marinewerft) Die Verwendung von Ersatzstoffen verursacht immer wieder Schwierigkeiten. Zweifellos ist die elektrische Vor- oxydierung der Aluminiumteile gegen die natürliche Zersetzung bei der Berührung mit Seewasser von sehr guter Wirksamkeit. Das kann jedoch nicht verhindern, dass jene Teile, die erst nach der Voroxydierung bearbeitet werden müssen, an den Bearbeitungsstellen der Zersetzung besonders ausgesetzt sind. So erwiesen sich neuerdings auf einem Neubau die Gehäuse für Elektromotoren vollkommen zersetzt. Es ist bisher nicht möglich, eine Voroxydierung an der fertigen Arbeit vorzunehmen. Zum Schutz gegen diese natürliche Zersetzung muss vor allem die Farbe dienen. Man hat zum Teil dafür noch alte, bewährte Quali täten, auch gute Patentlacke, die zwar Ersatz sind, aber in der Brauchbarkeit früheren Mitteln nicht nachstehen. Für die Rüstungszwecke werden alle guten Qualitäten ergattert. Darum muss die Privatindustrie mit Schund arbei ten. B.Bericht: In meinem Schrebergarten muss ich den Draht zäun erneuern. Es handelt sihh um ungefähr 4.0 m Meschen- draht 1,25 � hoch. Ich rief eine Reihe von Drahtzaunfir- men an, um zu erfahren, was der Meter kostet. Die erste Merkblati Verlangt diese Pür A 64 Holzschrauben aus Leichtmetall 1. Werkstoff. Unsere Werke verwenden seit Jahren für die Herstellung von Holzschrauben aus Leichtmetall eine Aluminium- Legierung nach Din 1713 A I. Gattung Al- Cu- Mg Ungefähre Zusammensetzung Macken Zustand 0% Zugfestigkeit kg/ min 2 Bruchdehnung % beim Handel 1 3,5-5,5 Cu 0,2-2 Mg 0,2-1,5 Si ausgehärtet 34-52 24-8 Brinellhärte H 2 kg/ mm. 90 140 0,1 1,5 Mn Rest Al AB Diese Marken vecbürgen beste Qualität Die von unseren Werken verarbeiteten Leichtmetall- Drähte( Legierung Al- Cu- Mg) haben eine Zugfestigkeit von ca. 40-50 kg/ mm². II. Ansprüche an die Qualität der Leichtmetall- Holzschrauben. Wegen der hohen Beanspruchung des Materials beim Einschrauben ist bei Leichtmetall- Holzschrauben besonders darauf zu achten, daß die Oberflächen der Gewindegänge glatt sind III. Verarbeitung von Leichtmetall- Holzschrauben. 1. Es ist unerläßlich, gut vorzubohren. 2. Es empfiehlt sich, die Leichtmetall- Holzschraube vor dem Eindrehen einzufetten Fett ist besser als Ol. 3. Die Leichtmetall Holzschraube darf nicht eingeschlagen, sondern muß eingeschraubt werden. 4. Zu kleine Schraubenzieher sind zu vermeiden, da diese beim Anziehen ungünstige Stoßkräfte auf den Kopf verursachen. IV. Verwendung von Leichtmetall- Holzschrauben. Leichtmetall- Holzschrauben können ohne Bedenken überall da verwandt werden, wo sie keinen Feuchtigkeitseinflüssen ausgesetzt sind. In diesem Fall ist auch die Verwendung von Leichtmetall- Holzschrauben zusammen mit Eisen oder Schwermetall unbedenklich. Werden die Leichtmetall- Holzschrauben Feuchtigkeitseinflüssen ausgesetzt, so muß die Oberfläche einer besondern Behandlung unterzogen werden, soweit nicht die Verwendung besonderer Aluminium- Legierungen sich als notwendig erweist. HOLZSCHRAUBEN- VERBAND GESELLSCHAFT MIT BESCHRANKTER HAFTUNG DUSSELDORF A 65 Firma sagte mir:" Gibts nicht mehr, Draht ist nicht mehr zu bekommen." Die zweite Firma:" Wir haben nur noch einen kleinen Rest Draht, aber der ist 1,50 m hoch. Der Meter kostet 2,- RM. Es kann sein, dass wir in ca. 14 Tagen etwas Draht in Höhe von 1 m bekommen können, aber sicher ist es nicht. Man muss heute nehmen, was man kriegen kann." Die dritte Firma wollte 2,50 RM für 1 m Draht, Höhe 1,25 m, haben. Der Betriebsinhaber meinte, er wäre Millionär, wenn er alle Aufträge ausführen könne. Er hat so viele Bestellungen wie noch niemals, aber seit Monaten keine Ware mehr herein bekommen. Ich versuchte es nun spasseshalber und aus Wissbegier mit einer Holzfirma. Der Inhaber antwortete mit grosser Vorsicht, man könne bei der heutigen Lage auf dem Holzmarkt sehr schwer Preise im Voraus machen, und auch inbezug auf die Lieferung könne keine Zusage gemacht werden. Genau genommen, könne man überhaupt irgend etwas Verbindliches nicht vereinbaren. Südwestdeutschland, 1.Bericht: Eine ausländische Firma fragte bei einer bekannten pfälzischen Schuhmaschinenfabrik an, ob eine besondere Spezialmaschine so rasch wie möglich geliefert werden könne. Die Firma, deren Hauptproduktion immer für den Export eingerichtet war, musste dem Besteller mitteilen, dass eine Lieferfrist von mindestens 9 Monaten in Frage komme. Auf die Frage, ob der massgebende Kupferbestandteil noch in einwandfreiem Material geliefert werden könne, erfolgte die Aufklärung, dass dies infolge Verwendung von Altmaterial für den Export noch in alter Qualität möglich sei.- Die Materialschwierigkeiten haben den Export in konkurrenzlosen Spezialmaschinen gefährdet. 2. Bericht: Ich gab mich in einem Spezialgeschäft für Motorräder als Käufer aus, um die Kaufbedingungen für ein Motorrad zu erfahren. Der Mann sagte mir, ich müsse mit einer Lieferzeit von 4 bis 5 Monaten rechnen. Er habe im November 1937 Motorräder bestellt und von den Wanderer- Werken, Chemnitz, die Mitteilung erhalten, dass sie vor April/ Mai nicht liefern könnten. Ebenso ist es mit den Waschmaschinen. Jemand wollte eine Waschmaschine einer bestimmten Sorte bestellen. Der Vertreter der betreffenden Firma gab ihm jedoch den Rat, ein anderes System zu nehmen, das er noch auf Lager habe Der Käufer beharrte auf seinem System, worauf ihm der Händler sagte, dass er vor Ablauf von 3 1/2 Monaten kaum werde liefern können. 3. Bericht: Mehr noch als bisher werden die Baulustigen von den Architekten ermahnt, für Keller statt Eisenbeton A 66 Holzbalken zu verwenden. Dies tue genau die gleichen Dienste. Nur für einen Raum im Keller, den Luftschutz raum, sollen Eisenschienen genommen werden. Ein Geschäftsmann, der in der Hauptverkehrsstrasse von X. einen Bauplatz gekauft hat, erhielt die Bauerlaubnis nicht, weil der Bedarf an Eisen für die Schaufensteranlagen usw. zu hoch sei. 4. Bericht: Hier wurden die ersten Versuche mit der Verwendung von österreichischem Erz gemacht, auf das der Betrieb nicht eingerichtet ist. Das Material ist so stark schwefelhaltig, dass ein Teil Soda zugesetzt werden muss. Die leitenden Personen machen sehr besorgte Gesichter, und es wird allgemein die Meinung vertreten, dass sich das Werk gegen weitere Zuweisungen wehren wird, weil sonst eine kostspielige Umstellung unvermeidlich sei. Bayern, 1.Bericht: Der Rohstoffmangel macht sich in den letzten Monaten wieder stärker bemerkbar. Im Metallgewerbe hat die Verknappung noch zugenommen. Die Zuteilung für Heeresaufträge ist uneinheitlich. Betriebe, die seit Monaten bevorzugt behandelt wurden, bekommen jetzt nur einen Teil des benötigten Materials. Bei den MANWerken Augsburg wurde in den letzten Wochen die Produktion von Flakgeschützen wegen Rohstoffmangels reduziert. Die BMW- Werke mussten wochenlang mit der Fertigstellung von Serienmotoren warten, weil bestimmte Bestandteile fehlten. 2. Bericht: Ein Schlossermeister erklärte: Wir müssen jetzt jeden Nagel eintragen, den wir verkaufen. Nächstens werden wir gezwungen werden, einzutragen, wie der Käufer heisst, damit wir keinen Schwindel machen, irgend einen Kunden eintragen und dann die Ware zurückbehalten. Dabei sind wir doch froh, wenn wir das Gelumpe verkaufen können, zumal alles soviel teurer geworden ist. Er führte als Beispiel an, dass ein Zink- Eimer, der früher 25 Pfg. gekostet hat, jetzt 80 Pfg. kostet. Die Schrottlager der Rüstungsbetriebe in Ingolstadt bestehen jetzt aus Sachen, die man früher überhaupt nicht beachtet hat: Heringsbüchsen und anderes Material wird jetzt gesammelt und verwendet. Blaustifte sind nicht zu erhalten. Manche Bauten müssen deshalb wochenlang stilliegen. 3. Bericht: Für die kleinen Handwerksmeister ist es nach wie vor ausserordentlich schwer, Material heranzukriegen. Nicht einmal die kleinen Schusterstifte sind zu haben. Wir laufen schon seit 6 Wochen nach 5 oder 10 Stück herum, die wir für den Haushalt brauchen, aber bis Jetzt haben wir sie noch nicht bekommen. Richtiges Stahlgeschirr ist nicht mehr zu haben, alles A 67 1st Ersatz. Auch Weissblech- und Zinkblech- Geschirr ist nicht mehr aufzutreiben. Ein Handwerker in unserem Ort, der von einem bestimmten Geschirr jeweils zwei Dutzend bestellte, hat mit der letzten Lieferung anstelle von 24 Stück nur 3 Stick erhalten. Statt des Blech- und Emaillegeschirrs werden " berall Aluminiumwaren verwendet, sogar Schrauben aus Aluminium sind schon im Handel. Lichtleitungen dürfen nur aus Aluminiumdraht gelegt werden. Fachleute haben uns erzählt, dass Aluminiumdraht, wenn es gut geht, zwei Jahre hält. Nicht mehr zu haben sind auch die Backformen aus Schwarzblech. Es gibt jetzt als Ersatz ein schwarzlakkiertes Metall, das viel leichter ist als die früheren Formen. 4.Bericht: An alle Ingenieure und Meister der grossen Maschinenfabrik MAN, Augsburg, wurde von der Betriebsleitung ein Rundschreiben gerichtet, in dem es u.a. hiees, dass es infolge der politischen Wirren in Ostasier. nicht mehr möglich sei, den fir die deutsche Industrie notwendigen Wolfram- Stahl in notwendigen Mengen zu beschaffen. Dabei wurde auch auf die besonderen Schwierigkeiten hingewiesen, die nötigen Devisen für den Ankauf der ausländischen Stahlarten zu erlangen. Die Wolframstahl verarbeitende Industrie mache alle Versuche, als entsprechenden Ersatz wolframarmen Werkzeugstahl herzustellen. Die Versuche hätten aber bis heute noch keir befriedigendes Ergebnis gezeitigt. Das Rundschreiben schliesst mit der Aufforderung, in jeder Weise zu sparen und alle Abfälle zu sammeln. Mitteldeutschland: Die Metallindustrie von Eisenach hat wegen Rohstoffmangels teilweise zur Kurzarbeit bergehen müssen. Anfang Juni begannen Entlassungen. Zu 513 alten Arbeitslosen, sogenannten nicht mehr Einsatzfähigen, kamen bis 7. Juni 1165 neue Arbeitslose. Das sind ca. 1/ 1o der am Platz in der Metallindustrie Tätigen. Die Bauhandwerker klagen über die Umständlichkeiten bei der Beschaffung von Eisen und Stahl zu Bauzwecken. Die neuen diesbezüglichen Bestimmungen zwingen dazu, in jedem Einzelfall den Bedarf anzumelden und zu begründen. Die prifende Stelle hat zu entscheiden, ob nicht doch ein Ersatzprodukt Verwendung finden kann. Das ganze Verfahren hinterlässt den Eindruck bei Bauwerbern und Bauhandwerkern, dass die immer weitergehenden Einschränkungen auf dem Baumarkt es immer schwerer machen, die Sicherheit eines Baues zu verantworten. Auf allen Gebieten machen sich die Mängel des Materials A 68 bemerken. Früher gab es beim Einkauf eines neuen Radioapparates für die neuen Glühbirnen ein Jahr Garantie. Sie ist gegenwärtig auf ein halbes Jahr herabgesetzt. Aber selbst diese Brenndauer wird in vielen Fällen nicht erreicht, zum Schaden der Radiohändler, zum Aerger der Radiohörer. Sachsen, 1. Bericht:( Aus der Instrumentenindustrie) Noch vor kurzem wurde allgemein berichtet, dass infolge des Fehlens oder der zu knappen Zuteilung von Zink und Messing viele Auslandsaufträge nicht ausgeführt werden konnten. Jetzt ist in der Verteilung der Rohstoffe eine gewisse Besserung eingetreten. Unter zu geringer Rohstoffzuteilung leidet noch immer die Firma X. Sie kann immer noch nicht alle Auslandsaufträge erledigen, besonders die nicht, bei denen ausdrücklich vereinbart ist, dass die Harmonikaplatten aus Messing sein sollen. Von den im Betrieb beschäftigten Plattenmachern hat z.Z. nur einer Arbeit und auch dieser muss des öfteren stundenweise auf Messing warten. Für alle Betriebe gilt, dass Messingplatten nur für Auslandsaufträge verwendet werden dürfen. Um die Beachtung dieser Anordnung zu sichern, finden ständig behördliche Kontrollen statt. 2.Bericht: Bei den Metallbetrieben Clemens Müller und Gebr. Sack in Dresden wurden infolge Rohstoffmangels Kurzarbeit eingeführt. In den Horch- Werken( Auto- Union), Zwickau, sind grosse Lieferungen von Kraftwagen und Autobussen nach Russland ausgeführt worden. Bei der Abnahme der Wagen wurde beanstandet, dass zu den Lattensitzen dermassen minderwertiges Material verwendet worden war, dass in einigen Fällen die Latten durchbrachen, wenn sich ein schwerer Mann darauf setzte. Schlesien, 1.Bericht: In unserer Metallwarenfabrik werden hergestellt: Gasmaskenbehälter, Kochgeschirre, Feldflaschen, Trinkbecher usw. Der Betrieb leidet stark unter Rohstoffmangel und ist dadurch zu einem regelrechten Taubenschlag geworden. Im Februar 1937 wurden die damals beschäftigten 80 Mann entlassen, im April wieder eingestellt, im Juli wieder entlassen, im Oktober wieder eingestellt und Weihnachten entlassen und schliesslich im Januar 1938 wieder eingestellt. 2. Bericht: Die oberschlesischen Werke laufen bei den Berliner Rohstoffverteilungsstellen Sturm. Einzelne Direktoren sind fast ausschliesslich mit den Bemühungen um rechtzeitige Belieferung beschäftigt. Zu diesem Zweck halten sich Betriebsdirektoren ständig in Berlin auf, A 69 damit ihre Betriebe bei der Zuteilung nicht übergangen werden. Materialmangel hat in den Drahtwerken Hindenburg dazu geführt, dass sogar Militärlieferungen nicht zum festgesetzten Zeitpunkt ausgeführt werden konnten. Das Werk liess eine Militärkommission kommen, um nachzuweisen, dass es an Material fehlt. 3. Bericht: In der Betriebsversammlung eines Steinbruchs wurde die Belegschaft vom Betriebsführer inständig gebeten, sie möge mit Handwerks zeugen und besonders mit den Hunten in der allervorsichtigsten Weise umgehen. Es sei kein Gramm Eisen zu haben; die bisherigen Lieferfirmen antworteten, dass sie kein Material mehr hätten, oder sie reagierten auf die Bestellungen überhaupt nicht. Andere Firmen gäben nur ablehnende Bescheide. Persönliche Bemühungen hätten auch bei Behörden nur negative Ergebnisse. 4. Bericht: Den Eisenhändlern wurde mitgeteilt, dass Kohlenkästen aus Gusseisen nicht mehr verkauft werden dürfen. Etwaige Bestände mussten sofort der Fachschaft mitgeteilt werden, die darüber verfügt. In den Städten werden überall die gusseisernen Gaskandelaber entfernt und durch andere ersetzt. Die Nachforschung nach altem Eisen wird in den Betrieben, besonders den Schachtanlagen, mit grösster Energie fortgesetzt. Bereits seit Jahren eingefallene Strecken werden aufgemacht und nach Eisenschienen und altem Eisen durchsucht. Die Gruben müssen eine gewisse Menge Altmáterial zur Verfügung stellen, wenn sie neues Eisenmaterial geliefert erhalten wollen. Rheinland- Westfalen: Grosse Schwierigkeiten macht die Beschaffung von" Ausgangsmaterialien", ganz besonders für kleine Unternehmer und Handwerker. So ist weder Kupfer noch Messing für Handwerker zu haben. Und Roheisen, z. B. Bandeisen und anderes Material, ist nur nach unsäglichen Schwierigkeiten zu bekommen. In Heft Nr. 1/1938( Seite A 16 und 17) wurde berichtet ber die Folgen der Eisenknappheit bei der Reichsbahn.Die Unterhaltung und Erneuerung des Eisenbahnmaterials wird vernachlässigt. Die Folge ist Mangel an Güterwagen. Es wird, wie die folgenden beiden Flugblätter zeigen, eine intensive amtliche Propaganda dafür gemacht, mit Laderaum sparsam umzugehen. A 70 Volksgenosse, hilf der Deutschen Reichsbahn den Güterwagenumlauf beschleunigen! Wenn du der Reichsbahn hilfst, hilfst du dir selbst! Der Vierjahresplan stellt an den Güterwagenpark der Deutschen Reichsbahn immer höhere Anforderungen. Schon jetzt ist der Güterwagenpark so stark beansprucht, daß nicht immer alle Magenbestellungen rechtzeitig ausgeführt werden können. Unter Aufwendung hoher Rosten tut die Reichsbahn bereits alles, um den Wagenumlauf so zu be= schleunigen, daß der vorhandene Laderaum so oft und so schnell als möglich eingesetzt werden kann. Hierbei kannst auch du, Volksgenosse, wertvollste Hilfe leisten, wenn du bei der Benutzung der Güterwagen folgendes beachtest: 1 2 3 4 5 Belade und entlade die Güterwagen rechtzeitig. Benutze die Güterwagen niemals als Lagerschuppen. Jeder nicht rechtzeitig beladene oder entladene Wagen fehlt an anderer Stelle. Bestelle deinen Wagenbedarf rechtzeitig. Bestelle nicht mehr Wagen, als du brauchst. Gib bei der Bestellung klar und genau an, was du verladen willst. Die Reichsbahn bedient ihre Ladestraßen und die Anschlußgleise mehr als bisher. passe dich dem an, vermehre deine An- und Abfuhrleistungen und verstärke deine Gefolgschaft, damit du die gestellten Wagen rechtzeitig be- oder entladen kannst. Regele den 3ulauf deiner Güter so, daß du niemals mehr Gut zu gleicher 3eit zu entladen hast, als du abfahren kannst. Sorge dafür, daß für dein Anschlußgleis nicht mehr Wagen eingehen, als es aufnehmen kann. Mache Das Geld, das du hierfür aufwendest, ist gut deine Anlagen leistungsfähig. angelegt. Beim Bau von Anschlußgleisen kommt dir die Reichsbahn entgegen. Nimm auch die Stellung von Ersagwagen in Kauf, selbst wenn dir dadurch kleine Unbequemlichkeiten entstehen. Rechne nicht mehr mit der Erstattung von Wagenstandgeld; du kannst kein Entgegenkommen verlangen, wenn du nicht selbst dazu beiträgst, den Wagenumlauf zu beschleunigen. Hilf auch du zum Gelingen des Dierjahresplans und denke nicht nur an deinen kleinen Dorteil. Gemeinnutz geht vor Eigennütz! Deutsche Reichsbahn:: Reichsbahndirektion Osten A 71 Wagendienstliches Merkblatt für den Herbstverkehr 1937 Der Dierjahresplan erfordert Schnellsten Umlauf der Güterwagen Die Deutsche Reichsbahn tut alles, was in ihren Kräften steht. Aber auch jeder Verkehrtreibende muß dazu beitragen! Bestelle die benötigten Wagen rechtzeitig! Nimm mit Erfahwagen vorlieb! Bermeide Überbestellungen! Belade und entlade so rasch als möglich! Vermehre Deine Fuhrleistungen! Regle den Zulauf Deiner Güter! Rechne nicht mit Erstattung von Wagenstandgeld, denn der von Dir länger beanspruchte Laderaum fehlt andernorts! Hilf mit zum Gelingen des Vierjahresplans! Dent' ans Ganze und nicht an Deinen fleinen Vorteil! Gemeinnuh geht vor Eigennuh! Deutsche Reichsbahn Bitte aufbewahren! Reichsbahndirektion München A 72 Ueber die Vernachlässigung notwendiger Reparaturen bei der Reichsbahn und ihre Wirkungen liegen folgende Berichte vor: Sachsen, 1.Bericht: Die Verkehrsunsicherheit nimmt namentlich in den dichtbesetzten Industriegebieten zu. Es sind in erster Linie schadhafte Waggons, die immer wieder Gefahren herauf beschwören und Unfälle veranlassen. Besonders zahlreich sind sie bei den Kohlenwaggons. Sie werden nach fachmännischem Urteil zu oft und zu lange benützt. Ausserdem werden zu lange Kohlenzüge zusammengestellt. Kommen diese dann auf die Hauptfahrstrecken, so werden die Schäden schnell offenbar. Die Wagenschmierer klagen darüber, dass sie schlechtes Fett verwenden müssen. Es hat nur ein Drittel des früheren Fettgehalts. Das Nachschmieren der Wagen erfolgt aber noch in derselben Zeit. Die kleinen Unfälle kommen der Oeffentlichkeit in der Regel nicht zur Kenntnis. Dafür einige Beispiele: m 4. Januar 1938 gab es zwischen den Stationen Glauhau- Sankt Egidien einen Güterzugs unfall, wobei 6 Waggons zertrümmert und 3 Personen verletzt wurden. Am 7. anuar gab es zwischen den Stationen Oberlichtenau und ttendorf bei Mittweida einen Waggonbruch, wodurch der terzug entgleiste und ein ganzes Stick der Strecke zerstorte. Erst in letzter Minute konnte verhindert werden, Am 11. dass der Berliner Mittagsschnellzug hinein fuhr. Januar wurde beim Rangieren auf dem Bahnhof Pockau- Lengefeld durch den Achsenbruch eines mit Kohlen beladenen Naggons die Gleisanlage so zerstört. dass andere Züge o Stunden nicht durchfahren konnten. Am gleichen Tage stürzten im Bahnhof Zschopau drei Waggons um und versperrten zwei Stunden die Gleise. Am 12. Januar stiessen im Bahnhof Altenburg zwei Lokomotiven zusammen, wobei 3 Personen getötet und 5 verletzt worden sind. Die Zeitung berichtete von einem leichten Unfall mit einem VerLetzten. Am 15. Januar geriet im Bahnhof Borna bei Leipzig ein Oelwagen in Brand und verursachte eine dreistindige Verkehrsstockung. Am 17. Januar mussten im Hilbersdorfer Rangierbahnhof 8 Waggons stehen bleiben, weil sie schadhaft geworden waren. Drei hatten Stickgut, die ande-ren Kohle geladen. Wegen Schadhaftigkeit der Achse mussten vier Tage später auf dem gleichen Bahnhof wieder 5 Am 27. Januar waren es 6 Waggons ausgeschieden werden. Der Bahnhof Waggons, die herausgenommen werden mussten. Oederan musste am gleichen Tage 2 Oelwaggons herausnehmen, weil sie unbrauchbare Lager aufwiesen. Solche Dinge kamen in normalen Zeiten auch vor, aber vielleicht im ganzen Monat einmal, während gegenwärtig fast täglicn A 73 Wagen ausgeschieden werden müssen. Am 28. Januar stiessen im Bahnhof Flöha bei der Ausfahrt des Annaberger Zuges zwei Personenzüge zusammen. Nur auf Nebengeleisen konnte der Verkehr aufrechterhalten werden. Verletzt wurden 8 Personen. Die Presse schwieg sich darüber aus. Das ist die Monatsbilanz eines einzigen Dienstbezirks, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern nur Stichproben bieten kann. 2.Bericht: Vor 10 Jahren wurden die letzten Erneuerungsarbeiten an den hiesigen städtischen Strassenbahnen ausgeführt. Die Strassenbahnschienen sind stark abgenutzt und seit langem ausbesserungsfähig. Seit Jahren wird davon gesprochen, dass nun endlich die Schienen erneuert werden sollen. Wegen Mangel an Rohstoffen unterblieben aber bis zur Stunde die Ausführung der Beschlüsse der nationalsozialistischen Stadtvertretung. Berlin: In einem Berliner Reichsbahnbetriebswerk hat der Anfall beschädigter Wagen mit zunehmender Zeit sich ungeheuer vergrössert. Die Gliterwagen leisten nur noch die Hälfte der früheren Kilometergeschwindigkeit. Besonders die Achslager sind dauernd reparaturbedürftig. Die Achslager waren früher aus einer Antimon- Zinn- Legierung hergestellt, jetzt wird eine neue Ersatzlegierung benützt, die sehr leicht spröde wird und Achsköpfe reisst. Jeder aus irgend einem Grund in das Wagenwerk kommende Wagen wird automatisch auf die Achsläger untersucht, weil es da dauernd Störungen gibt. So vergrössert sich der Leerlauf der Wagen und es tritt Verknappung an Güterwagen ein. 3.) Holz und Papier Der Mangel an Holz, über den wiederholt berichtet wurde, ist durch den massenhaften Verbrauch für die Erzeugung von Ersatzstoffen verschärft worden. Reichsforstmeister Göring hat sich selbst die Ermächtigung erteilt, den Raubbau am deutschen Walde ins Werk zu setzen( siehe Heft 5/1937, Seite A 61). Im November vorigen Jahres hatte er den Holzeinschlag auf 150 Prozent des normalen Einschlags festgesetzt( siehe Heft 12/1937, Seite A 77 ff.). Im März dieses Jahres ist eine neue." Verordnung zur Verstär A 74 kung des Holze in schlags" ergangen, nach der der Holze inschlag in Waldungen jeder Besitzart allgemein oder für jeden einzelnen Wald oder Betrieb nach einzelnen Holzarten und= sorten im ganzen festgesetzt werden kann. Der Reichsforstmeister hat sich also ermächtigt, notfalls Jber 150% des Holzeinschlags hinauszugehen. Zugleich soll durch die neue Regelung verhütet werden, dass besonders die kleinen Waldbauern sich von der Erfüllung der amtlichen Verordnungen drücken. Dass sie das in reichlichem Masse getan haben, zeigt die folgende Bekanntmachung der Landesbauernschaft Saarpfalz, in der die Bauern daran erinnert werden, was sie alles nicht dürfen und wofür sie bestraft werden können. " Verschiedene Fälle, dass bäuerliche Waldbesitzer aus Unkenntnis gegen die Bestimmungen auf dem Gebiet der forstlichen Marktordnung verstossen haben, geben Veranlassung, auf die hauptsächlichen Bestimmungen hinzuweisen. Der Kleinwaldbesitzer ist verpflichtet, seine aufforstungsbedürftigen Hochwaldbestände zu durchforsten. Die 4. Verordnung zur Verstärkung des Holzeinschlags vom 26. 6. 1937 bestimmt, dass auch der Kleinwaldbesitz zum angeordneten verstärkten Holzeinschlag verpflichtet ist. Es ist verboten, zu Nutzholz geeignete Hölzer als Brennholz aufzuarbeiten und zu verwerten.( V.0. zur Förderung der Nutzholzgewinnung 30.7.37). Es ist verboten, stehende Waldbestände in Bausch und Bogen zu verkaufen. Nach der V.0. zur Beschränkung des Verkaufs von Bestandsholz vom 23.12.36. darf auch bei noch stehenden Waldbeständen der Verkauf nur sortimentsweise erfolgen. Es ist verboten, Nadelnutzholz an Holzkäufer zu veräussern, die nicht im Besitze von Einkaufsheften oder Einkaufskarten sind. Die verkaufte Menge ist vom Waldbesitzer auf den Einkaufsheften oder= karten ordnungsgemäss einzuschreiben. Ausnahmen sind nur ortsansässigen Kleinverbrauchern mit Jahresverbrauch bis 15 Festmeter Nadelnutzholz zulässig.( Anordnung der Marktvereinigung betr. Regelung des Absatzes von Nadelrundholz vom 28.9. 37.) Vergehen gegen diese Verordnungen werden mit sehr hohen Strafen, Gefängnis und Geldstrafen in unbegrenzter Höhe bestraft. A 75 Um sich vor Strafe zu bewahren, ist es dringend ratsam, dass der Kleinwaldbesitzer sich vor Abschluss von Holzverkäufen durch den zuständigen Bezirksförster des Reichsnährstandes beraten lässt. Die Beratung geschieht kostenlos. Damit Bestrafungen vermieden werden, holt der bäuerliche Waldbesitzer vor dem Holzeinschlag und Verkauf Rat ein bei dem Bezirksförster des Reichsnährstandes". Der Holzmangel verleitet dazu, die amtlichen Preisverrdnungen zu umgehen. Wie das gemacht wird, zeigt eine #arnung des Reichskommissars für die Preisbildung an die Sägewerke, die immer mehr dazu übergingen, den Holzhandel auszuschalten und den gewerblichen Verbraucher unmittelbar zu beliefern. Dieses Verfahren würde nur in der Hoffaung auf besondere Preisvorteile angewandt und führe zu Schwierigkeiten in der Versorgung des kleineren und mittle ren Tischler- und Bauhandwerks. Solche eigennützigen Verschiebungen des Absatzgebietes und der Abnehmerkreise wirden als Vorstösse gegen die Nadelschnittholzverordnung angesehen und entsprechend bestraft. Laut Verordnung vom 2. März 1938 müssen alle Betriebe die Gerbrinde erzeugen, die voraussichtlich im Jahre 1938 anfallenden Mengen, alle Verbraucher von Gerbrinde den voraussichtlichen Bedarf für 1938 anmelden. Die Kontrollstelle für Natronpapier und Papiersäcke teilt in einem Rundschreiben vom Mai 1938 der Zuckerindustrie mit, dass sie erst Ende Mai aus technischen Gründen mit der Freigabe von Papiersäcken für die Zucker industrie beginnen könne. Obwohl für die Verwendung solcher Papiersäcke bestimmte Vorschriften erlassen wurden, 2.B. eine Verordnung, nach der solche Säcke nur für die Verpackung geschroteter Futtermittel verwendet werden dürfen, ist man nicht in der Lage, selbst nur noch für begrenzte Verwendungszwecke das Material pünktlich für den Bedarf bereitzustellen. Ueber den Holzmangel liegen folgende Berichte vor: Südwestdeutschland, 1.Bericht: Sämtliche Versteigerungen von Brennholz sind im Bezirk der Forstverwaltung Radolfzell verboten. Statt dessen wird das Brennholz verteilt. Das geht folgendermassen vor sich: Wie A 76 bei der Versteigerung werden in einer Wirtschaft die Art und das Quantum des Holzes und gleichzeitig auch der Anschlagpreis bekannt gemacht. Das Holz bekam, wer zuerst" Anschlag" rief. Natürlich fing beim zweiten Quantum bereits der Krach an. Mehrere riefen zugleich " Anschlag" und dann gab es Streit darüber, wem das Holz zukomme. Die Verteilung musste unterbrochen werden und in den Zeitungen wurde bekanntgegeben, dass auf schriftliche Meldung des im letzten Jahr von der Stadt Radolfzell oder der württembergischen Forstverwaltung bezogenen Quantums ein entsprechendes Quantum zugeteilt würde. 2.Bericht: Fühlbarer noch als in der eisenverarbeitenden Industrie ist die Rohstoffknappheit in der Holzindustrie. Die Betriebe haben genaue Anweisungen erhalten, welche Mengen Holz sie für bestimmte Zwecke verwenden und wo sie Einsparungen machen müssen. Bei den Neubauten fehlt nicht selten das Holz für die Türen, vor allem für Türfüllungen. Die Anbringung holzgetäfelter Wände ist untersagt worden. 3. Bericht: Die kleinen Holzbündel zum Anfeuern fehlen seit Wochen. Früher kostete ein solches Bündel 10 Pfg., jetzt 17- Pfg. Aber in keinem Laden gibt es aber mehr solche Bündel. Schlesien, 1.Bericht: Die Holzfirmen im Industriegebiet haben die strenge Anweisung erhalten, keine Lieferung mehr auszuführen, wenn eine Grube ihren Holzbedarf nicht rechtzeitig angemeldet oder das zugewiesene Quantum nicht rechtzeitig abberufen hat. Solche Rückstände dürfen dann nicht anderweitig verwendet, sondern müssen bereits am 2. jeden Monats der Holzverteilungsstelle telegraphisch zur Verfügung gestellt werden. Seit Januar kommen auch die Zuweisungen, besonders in Grubenrundholz, nicht mehr regelmässig ein. Von einigen Grubenanlagen ist bekannt, dass sie bei der Holzverteilungsstelle sehr energische Vorstellungen erheben mussten, um eine ausreichende Belieferung mit Grubenrundholz zu erzwingen. Es wurde mit der Einstellung von Flözen gedroht, die man dann der Vierjahresplanstelle berichten müsse. Die Holzkaufleute haben den Eindruck, dass man mit der Belieferung grosse Schwierigkeiten hat. Fast alle 14 Tage werden Bestandsaufnahmen angefordert, es wird sofort moniert, wenn Lieferungen und Lagervorräte nicht bereinstimmen. Die grossen Sägewerke nehmen Bestellungen überhaupt nicht an, sondern verlangen, dass man sich Zuweisungen direkt von der Holzverteilungsstelle besorge oder den Auftrag von dort überweisen lasse. A 77 Friher waren Holzabfälle bis zu 80 cm Länge von der Bestandsaufnahme frei und wurden als Brennholz abgegeben. Jetzt sind sie nicht mehr für den Händler frei verfiigbar, sondern müssen gleichfalls gemeldet werden. Es muss in jedem Falle gemeldet werden, an wen die Lieferung dieses Holzes erfolgt ist. Einzelverkauf vom Holzplatz ist nicht mehr gestattet. 2. Bericht: Seit Bestehen der Bergwerke in Oberschlesien ist es Brauch, dass die Bergleute nach der Schicht Holzabfälle nach Hause mitnehmen. Bis Anfang Oktober vorigen Jahres ist dagegen auch von den Verwaltungen nicht eingeschritten worden. Dann wurde auf allen Schachtanlagen das Mitnehmen von Holz unter Strafe gestellt. Dieses Verbot wurde so gut wie nicht beachtet. Nunmehr hat die Kastellengogrube bei Hindenburg als erste ein neues Verbot erlassen, das folgende Strafmassnahmen vorsieht: Beim ersten Anhalten mit Holzabfällen Verweis, beim zweiten Geldstrafe, beim dritten Male fristlose Entlassung. 4.) Textilien und Leder In den Zellwollefabriken wird mit Hochdruck gearbeitet. Trotzdem sind, wie die folgenden Berichte zeigen, Textilien für den täglichen Bedarf knapp. Auch hier ist die Regel, dass die Lieferfristen überschritten werden. Allgemein sind nach wie vor die Klagen über die schlechte Qualität der Waren. Ein Dokument der Zeit ist in dieser Hinsicht die nachstehende Verlaut barung des Nachrichtendienstes der Deutschen Bekleidungsindustrie: NACHRICHTENDIENST Der Deutichen Bekleidungsindustrie Berlin W 62 Lieferung 21 22. 10. 1937 Kielganftr. 4 Herausgegeben von der Wirtschaftsgruppe und dem Reichsverband der Deutfchen Bekleidungsindustrie Rohstoffe Ordnungsziffer 4 Seite 37 Verantwortung beim Wareneinkauf Die Bekleidungsindustrie hat in Bezug auf die Volksversorgung wichtigste Aufgaben zu erfüllen. Diese feststellung ist keineswegs neu, sie beinhaltet aber Verpflichtungen, die auch in A 78 vorübergehenden Mangelperioden als Leitsatz jeder Erzeugung vorangestellt werden müssen. Wir haben Veranlassung, vernehmlich daran zu erinnern. Die deutsche Bekleidungsindustrie hat auch heute noch bei einer gewissen Auswahl ihrer Lie. feranten keinen Anlaß, schlechtes Stoffmaterial hereinzunehmen; das Warenbild hat sich durch unsere neuen textilen Rohstoffe weit über das früher gewohnte Maß hinaus bereichert. Trotzdem mußte in Einzelfällen die Feststellung gemacht werden, daß fehlerhaftes Ma. terial verarbeitet wurde. Bei Bachprüfungen stellte sich heraus, daß mancher Vorlieferant seine Verantwortung, die auch er dem Verbraucher gegenüber trägt, auf die leichte Schulter genommen hatte. Gesteigerte Bachfrage veranlaßte ihn, die erforderliche Sorgfalt bei der Verarbeitung des einwandfreien Rohmaterials außer acht zu lassen oder bei der Mischung fahrlässig vorzugehen in der Erwartung, daß unsere Mitglieder aus warentechnischer Unkenntnis oder aus Mangel an sorgfältiger Warenprüfung keine Beanstandung erheben würden. Hier setzt unsere verantwortungsreiche Verpflichtung ein, sowohl dem Konsumenten wie auch dem eigenen Betrieb gegenüber. Eine Verpflichtung, die erwächst aus unserer Verantwortlichkeit für deutsches Kleiderschaffen und aus unserer Verantwortlichkeit für Wert arbeit. Sie findet ihren Ausdruck in einer gewissenhaften Prüfung jeder Ware vor Abschluß des Kaufvertrages bzw. der Verarbeitung. Oberflächlich oder fehlerhaft verarbeiteter Stoff bringt dem Abnehmer, damit der Allgemeinheit, und dem Hersteller den gleichen Schaden. Künstlich forcierter oder 3. T. auch provozierter Warenhunger, Angstmanöver der Vertreter und sonstige taktische Verkaufspläne dürfen unsere Mitglieder keinesfalls in schändliche Versuchung führen, preisliche oder qualitative Konzessionen zu machen. Eine solche Manipulation rächt sich bitter, nicht nur durch Schädigung des Ansehens unserer Mitgliedsfirmen, sondern auch durch finanzielle Verluste, die sich eines Tages mit aller Be. stimmtheit in Form von Mängelrügen oder Reklamationen einstellen werden. Eine Ware geringwertiger Qualität ist nicht schon verkauft, wenn sie nur zum Hause heraus ist, sondern erst, wenn sie den Beifall des Abnehmers und das Lob des Publikums gefunden hat. Unsere wirtschaftliche Aufgabe besteht ja bekanntlich nicht nur darin, zu nehmen, was die Vorlieferanten anbieten und schlechtes Material unbefehen für vorliegende Aufträge zu verwenden, sondern in erster Linie darin, das deutsche Volk anständig, sauber und ehrlich mit der notwendigen Kleidung und mit der geschmacklichen Kleidausrüstung zu versorgen. Die einwandfreie, korrekte, höchstmögliche und preiswürdige Leistung im Schaufenster unserer Abnehmer ist das beste Gütezeichen für die deutsche Bekleidungsindustrie. In seinem Schutz und seiner Pflege liegt die künftige Eigenentwicklung jedes einzelnen Unternehmens der Bekleidungsindustrie. A 79 Aus ihr geht hervor, dass die Lieferanten die Preisvorschriften durch Lieferung minderwertiger Waren umgehen, und dass die Verarbeiter es vorziehen, schlechte Ware als gar keine zu bekommen und besonders ermahnt werden müssen, dass sie auf ihr Recht nicht verzichten, schlechte Beschaffenheit der Ware zu beanstanden. Mit welchen Methoden der Baumwollvorrat zu strecken versucht wird, zeigt das folgende Rundschreiben des Leiters der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie: Rundschreiben Nr. 12/1938 Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie Berlin W 62, den 5. März 1938 Kleiststr. 32 II Betr. Deckung des Bedarfs an Baumwollfilterstoffen in der Kampagne 1938/1939. Nachdem einwandfrei festgestellt ist, dass die Haltbarkeit der in der letzten Kampagne den Zuckerfabriken gelieferten reinen Baumwollfiltertiicher wie auch der zellwollgemischten Filtertücher nur in wenigen Fällen den Ansprüchen entsprochen hat, die die Zuckerfabriken an derartige Tücher stellen müssen, ist nunmehr mit der Ueberwachungsstelle für Baumwollgarne und Gewebe in Berlin vereinbart worden, dass die mit der Herstellung von Baumwollfiltertüchern betrauten Webereien mit der besonderen Angabe, dass es sich um Herstellung von Filtertchern für Zuckerfabriken handelt, bei der Ueberwachungsstelle die Bewilligung von Baumwollgespinsten in der von ihnen vor der Bewirtschaftung verwendeten guten Qualität beantragen sollen. Den Garnen können bei der Verspinnung unbedenklich 20% Zellwolle zugemischt werden. Eine höhere Beimischung ist unerwünscht, solange die hierüber in nächster Kampagne von unserm Institut in Verbindung mit der Wirtschaftsgruppe Textilindustrie erneut durchzuführenden Versuche eine einwandfreie Klärung über die höchstzulässige Menge der Beimischung noch nicht gebracht haben. Da nach den bisherigen Versuchen angenommen werden muss, dass für die Brauchbarkeit der zellwollgemischten Filtertücher die Qualität der jeweils verwendeten Zellwolle eine ausschlaggebende Rolle spielt, wird die Wirtschaftsgruppe Textilindustrie den Webereien und Spinnereien demnächst noch besondere Anweisungen über die zur Herstellung der Garne zu verwendende Zellwollenqualität geben. A 80 Die Zuckerfabriken fordern wir hiermit auf, ihre Bestellungen an Baumwollfilterstoffen nunmehr umgehend bei ihren Lieferanten aufzugeben und ihnen mitzuteilen, dass die Webereien Einkaufs bewilligungen( Vorbescheide) von der Ueberwachungsstelle für Baumwollgarne und Gewebe für die 1. Hälfte der bei ihnen vorliegenden Gesamtbestellung schon jetzt und für die 2. Hälfte ab Anfang Mai erbitten können. Die uns bisher bekannten Filterstoffhändler und die als Lieferanten von Baumwollfilterstoffen in Frage kommenden Webereien erhalten dieses Rundschreiben mit gleicher Post und der Aufforderung, uns von den bei ihnen einlaufenden Bestellungen und ihren an die Ueberwachungsstelle gerichteten Anträge auf besonderen Formblättern Kenntnis zu geben. Betr. Deckung des Bedarfs an Baumwollsäcken zur Verpackung von Verbrauchszucker in der Kampagne 1938/1939. Im Gegensatz zu den Baumwollfilterstoffen gehören die zur Verpackung von Zucker benötigten Gewebe nicht zu dem sogenannten wirtschaftswichtigen Bedarf, fir den nach der kürzlich erlassenen Anordnung der Ueberwachungsstelle für Baumwollgarne und Gewebe der den Webereien zustehende normale Verarbeitungssatz um 50% überschritten werden darf. Anträge auf gleiche bevorzugte Behandlung sind ergebnislos geblieben. Die Anträge für Baumwollsackgewebe müssen bei den Webereien untergebracht werden, die sie im Rahmen des jeweils vorhandenen Baumwollkontingents herzustellen in der Lage sind. Mit deutschem Gruss Heil Hitler! gez.: Aumiller Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie. In Heft 5/1937( Seite A 57) war berichtet worden, dass eine Erhebung über die Bestände von Spinnstoffabfällen und Reisswolle angeordnet und darauf Bestimmungen erlassen worden sind, die ihre Verarbeitung einschränken. Inzwischen sind durch Anordnung vom 24. März 1938 ausser den wollenen und baumwollenen auch die Abfälle zellwollener Spinnstoffe in diese amtliche Bewirtschaftung einbezogen worden. Auch diese beginnen also, rar zu werden. Den Einzelhandelsgeschäften ist der Ankauf und Tausch von Lumpen untersagt worden. Erlaubt ist nur, neue Flick A 81 reste, die bei gewerblichen Unternehmungen abfallen, zum Verkauf für Ausbesserungszwecke anzukaufen. Diese Verordnung lässt darauf schliessen, dass vielfach und nicht nur zur Ausbesserung, sondern auch zur Anfertigung von Kleidungsstücken( vor allem wohl für Kinder) Lumpen aus alten Stoffen den neuen Ersatzstoffen vorgezogen werden. Uns liegen folgende Berichte vor: Südwestdeutschland, 1.Bericht: In der Konstanzer Textilfabrik G.m.b.H. fehlt es wochenlang an Garn. Von der Weberei Schiesser in Radolfzell hört man dasselbe. Ebenso ist es in den Spinnereien in Wiesentahl und Lörrach. Die Verknappung der Waren wird von Monat zu Monat schlimmer. Die Hausfrauen erzählen einander, welcher Geschäftsmann noch" alte" Waren hat. Daraus ziehen die Geschäftsleute Nutzen. Wenn ein Kunde kommt, der z. B. einen Arbeitsan zug braucht, wird ihm vom Kaufmann ins Ohr geflüstert, dass er noch ein oder zwei alte Anzüge habe, die sehr preiswert sind, und einer von diesen " alten" Anzügen wird dann bestimmt gekauft, auch dann, wenn er nicht ganz passen sollte. Ebenso ist es bei Schuhwaren. Eine Kleinhändlerin in Schuhwaren sagte mir, sie wisse gar nicht, wie es komme, dass sie in den letzten Wochen einen bedeutend höheren Umsatz gehabt habe. Es kämen jetzt Leute zu ihr, die sie früher nie gesehen hätte. Die Leute hatten angenommen, dass in diesem Geschäft nicht viel verkauft würde und daher noch alte Ware am Lager sein müsse. 2.Bericht: Ganz schlimm sieht es mit der Lieferung von Stoffen aus. Ein Schneidermeister hatte für Ostern etwa dreissig Anzüge in Auftrag. Er hat auch nach Ostern noch nicht für zehn Anzüge Stoff erhalten können. Einer der Kunden fragte bei der Rechtsberatungsstelle in X. an, ob er den für Ostern bestellten Anzug auch nach Ostern und so verspätet abnehmen müsse, oder ob der Auftrag als hinfällig betrachtet werden könne. Es wurde ihm mitgeteilt, dass die Nichtlieferung des Stoffes auf" höhere Gewalt" zurückzuführen sei. Der Schneider sei also nicht schuld und kann vom Kunden verlangen, dass der Kunde den Anzug auch später abnimmt. 3. Bericht: Neulich wollte ich einen Arbeitsanzug kaufen. Der Geschäftsmann, der mich kannte, erklärte mir ganz offen, er habe keine, denn den Dreck, der ihm offeriert werde, beziehe er nicht, ich solle in ein anderes Geschäft gehen und sehen, ob da nicht noch alte Ware zu haben wäre. A 82 Die Arbeitskleider der Gipser und Maler sind heute alle aus dünnen Nesselstoff, der den ganzen Staub durchlässt und keinen Schutz mehr darstellt. Dabei kosten diese Lumpen mehr als früher die gute Ware. 4. Bericht: Die Hohlleisten fabrikation für die Schuhindustrie hatte bisher einen guten Export, weil die deutschen Erzeugnisse den ausländischen qualitativ überlegen waren. Das hat sich jetzt geändert. Die Firmen, die diese Hohlleisten produzieren, bekamen in letzter Zeit zahlreiche Reklamationen mit der Androhung, dass die Bestellungen annulliert würden, wenn nicht wieder in der alten Qualität geliefert wird. Der bisherige Vorzug bestand darin, dass ein steifer, sehr zweckents prechender Karton verwendet wurde und auch die Passform sehr gut war. Jetzt wird die Ware mit einem weichen, schlechten Karton geliefert, der selbst nicht die Form halten kann und deshalb auch nicht mehr dazu geeignet ist, den Schuhen das gewünschte, formerhaltende Aussehen zu geben. 5. Bericht: Die amtlichen Anordnungen zur Rohstoffersparung werden vielfach nicht befolgt. Kürzlich hatte die Ueberwachungsstelle für Bastfasern untersagt, die Faser Qualität Nr. 365 für Zuckersäcke zu verwenden. Am nächsten Tag bekamen die Zuckerfabriken ein Angebot einer Firma, die gerade diese Qualität als besonders geeignet anbot. Sachsen, 1.Bericht: In Neugersdorf arbeiten die Textilbetriebe, die Baumwolle und Zellwolle verarbeiten, wöchentlich 45 Stunden. Die Betriebe haben grosse Auslands aufträge. Bis Oktober 1937 arbeiteten sie nur 32 Stunden in der Woche. Dasselbe trifft auf Betriebe der gleichen Branche im benachbarten Ebersbach zu. Kurzarbeit wird nur in den Textilbetrieben durchgeführt, die Seide und Kunstseide verarbeiten, dort arbeiten die Betriebe nur 23 Tage in der Woche. Wegen Rohstoffmangel arbeiten auch die Betriebe, die Lüsterstoffe herstellen, nur 2 bis 3 Tage in der Woche. 2. Bericht: Seit einiger Zeit arbeitet bei uns die Lederhandschuharbeiter wegen Rohstoffmangel wieder kurz. Jedesmal, wenn Rohstoffe eingehen, werden die Arbeiter in den Betrieb zurückgeholt. Die Dauer der Beschäftigung und die Arbeitszeit sind infolgedessen seit Wochen ganz unregelmässig. 3. Bericht: Eine Frau bestellte bei einer bayerischen Textilfirma Hemden und Handtücher. Die Hemden kosteten A 83 bei dieser Firma 1,95 RM je Stück, während sie im Geschäft auf- 3,50 RM kamen. Die Handtücher kosteten 44 Pfg. je Stück. Die erste Lieferung enthielt Hemden von guter Qualität, die zweite Lieferung aber minderwertige Ersatzstoffe. Für diese Ersatzware musste der gleiche Preis wie für die reine Ware gezahlt werden. Von den Handtüchern waren 3 Stück von alter und drei Stück von neuer Qualität. Die Handtücher aus Ersatzstoff waren durchsichtig, dinn und nicht zu gebrauchen. Die Ware musste aber abgenommen werden, denn die Verweigerung der Lieferung hätte als Kritik an den Ersatzstoffen angesehen und für den Kritiker gefährlich werden können. 4. Bericht: Früher war jeder Dresdner Arbeiter darauf bedacht, in Kleidern zur Arbeit zu gehen, mit denen er sich neben jedem anderen sehen lassen konnte. Heute dass ist man schon zufrieden, wenn man feststellen kann, der Nachbar mit der Kleidung genau so weit herunter ist. Geflickte Röcke sah man früher nicht; wenn schon Hosen am Gesäss repariert waren, wurde Wert darauf gelegt, dass der Flicken in Farbe und Stoff der Hose ähnlich. war. Heute fragt niemand mehr danach. Jeder ist froh, alte schon abgelegte Kleidungsstücke zu Arbeitszwecken wieder hervorholen zu können, um nur ja nicht den neuen Kunststoffplunder benutzen zu müssen. Aeusserlich machen sich die neuen Erzeugnisse gut, nur dürfen sie nicht nass werden. Die neuen Stoffe können ohne Unterkleidung nicht getragen werden. Kürzlich hatte ein Bekannter sich ein paar Hosen für den Arbeitsweg gekauft. Am Abend waren die Oberschenkel von den harten Nähten wundgescheuert, obwohl die Hose 22,- RM gekostet hatte, also um 10 RM teurer war als früher eine Hose aus gutem Stoff. Die Preise der neuen Erzeugnisse tragen am meisten dazu bei, dass die Bevölkerung so mit der Kleidung herunterkommt. Für einen Anzug von der Stange bezahlte man früher 30 bis 45 RM, heute 70 bis 80 RM. Beim Schneider bekommt man einen Massanzug nicht unter 150 RM. Aber auch die Berufskleidung ist gegen früher sehr verteuert. Eine Arbeitsbluse, die früher 2,50 bis 3, RM kostete, kostet heute 5,50 RM, ein ganzer Anzug früher 6,- bis 7, RM, heute 12,- RM. Es sind zwar in den Geschäften noch immer alte Bestände vorhanden. Da aber die Preise für die alten guten Sachen nicht höher sein dürfen als früher, werden diese Bestände weiter zurückgehalten in der Hoffnung, schliesslich damit doch noch einmal bessere Geschäfte machen zu können. Bin Arbeiter, der in einem Betriebe sehr viel Wasserarbeit verrichtet, kaufte sich eine Arbeitshose, die im Laufe der Arbeit während des ersten Tages bis über die A 84 Knie sehr nass wurde. Er liess sie im Mannschaftsraum bis zum nächsten Morgen trocknen. Am nächsten Tag traute er seinen Augen nicht, denn aus der langen Hose von gestern war eine" Breecheshose" geworden, die beim Anziehen auseinanderplatzte. Die Wäschebestände in den Haushaltungen nehmen ab, weil Neuanschaffungen nicht möglich sind. Nur die besser entlohnten, qualifizierten Arbeiter sind noch in der Lage, Neuanschaffungen zu machen. Schlesien, 1.Beright: Seit einigen Monaten ist im Industriegebiet eine Wäscheknappheit eingetreten, wie sie bisher nicht zu verzeichnen war. Leinwand jeglicher Art ist nicht mehr zu erhalten. Das löst besonders unter den Arbeiterfrauen scharfe Kritik am Regime aus, weil man hier von altersher gewöhnt ist, die Wäsche selbst herzustellen. 2.Bericht: Die arischen Konfektionsgeschäfte in Breslau stehen ständig unter dem Druck des Warenmangels. Sie können das Personal nicht voll beschäftigen. Deswegen ist man zu Kurzarbeit bergegangen. Die meisten Angestellten in der Konfektionsbranche arbeiten nur sechs Stunden am Tage. Wenn ihr Einkommen infolge der Kurzarbeit so tief sinkt, dass es weniger beträgt, als die ihnen zustehende Arbeitslosenunterstützung, zahlt das Arbeitsamt den Differenzbetrag. Provinz Brandenburg: Wäsche, besonders Leib- und Bettwäsche, ist nicht zu haben. Die Händler erhalten jetzt nur noch ein Fünftel des Quantums von 1937 geliefert. Auf der Frühjahrsmesse in Frankfurt a.Oder war ein Stand mit Wäsche. Der Stand wurde fast gestürmt, die Leute schlugen sich buchstäblich um das bisschen Wäsche, das der Händler feilbot und das im Nu ausverkauft war. Ein schlechter Anzug von der Stange kostet heute mindestens 55 bis 60 RM. Das ist aber das schlechteste Zeug, das man sich denken kann. Es läuft im Regen ein und hält das Bügeln nicht aus. Ein Bekannter kaufte sich Stoff und liess sich einen Pyjama machen. Nach dem ersten Waschen war dieser so eingegangen, dass er einen halben Meter zu klein geworden war. Norddeutschland: In unserem Betrieb, einer Weberei und Spinnerei mit bisher 1.200 Beschäftigten, mussten in den letzten Monaten 200 Mann wegen Rohstoffmangel entlassen werden. Die ganze Weberei arbeitete schon längere Zeit nur 36 Stunden in der Woche. Jetzt ist die Arbeitszeit auf 32 Stunden herabgesetzt worden. Die Spinnerei arbeitet noch 48 Stunden. Das Material ist sehr schlecht, so A 85 dass bei den meisten Arbeiten auf die Akkordlöhne Vergütungen gezahlt werden müssen. Infolge des dauernden Reissens der Ersatzgarne auf dem Stuhl kann kein Arbeiter das vorgeschriebene Quantum leisten. 5. Die neuen Werkstoffe Ueber die Verwendung von Ersatzstoffen wird berichtet: Südwestdeutschland, 1.Bericht: Um bei der Schuhfabrikation in noch grösserem Umfang Spaltleder, aber auch leichte Sorten und minderwertige Partien des Fells verwenden zu können, wurde jetzt ein Werkstoff erfunden, der zur Stärkung dieses Leders dienen soll. Das mit diesem Stoff getränkte Leder lässt sich angeblich genau so verarbeiten wie normales Leder, auch schärfen, buggen und, ohne rissig zu werden, einzwicken. Auch für Futterleder wurde jetzt ein Ersatzstoff gefunden, so dass dieses minderwertige, bisher nur für das Innere der Schuhe verwendete Leder jetzt nach entsprechender Einnarbung und Bearbeitung mit dem Verstärkungsstoff auch als Oberleder verwendet werden kann. Ebenso wurde jetzt für leichte Brandsohlen ein geeigneter Ersatzstoff gefunden. Er eignet sich hauptsächlich für leicht durchgenähte und geklebte Damenartikel. 2. Bericht: Auf der am 12. Juni in Neustadt abgehaltenen Tagung des saarpfälzischen Sattler- und PolstererHandwerks wurde den Meistern die Umschulung auf die Verarbeitung der neuen deutschen Werkstoffe besonders ans Herz gelegt. Es wurde darauf hingewiesen, dass jetzt sämtliche örtliche Innungen daran gehen müssen, ihre Mitglieder praktisch und theoretisch mit der Umschulung vertraut zu machen. Als neue Werkstoffe kommen hauptsächlich in Frage: Holzfaserstoffe, Spaltleder, Ersatzstoffe für Kapok, wofür wieder Seegras und künstliches Zeug aus aufgerupften Lumpen oder Fasern verwendet werden, schlechtes Garn und eisensparende Federeinrichtungen. 3. Bericht: In den Fachzeitungen der Schuh- und Lederbranche kann man jetzt grosse Abhandlungen lesen über die neuentstehende Industrie im Gebiet Osthannover, die das Fischleder für alle Verarbeitungszwecke herstellen soll. Es wird darauf hingewiesen, dass dieses Leder in mancher Hinsicht noch das Leder der Warmblüter übertrifft und nur ebensoviel kostet; später soll es sogar no ch billiger werden. Da es eine hohe Reissfestigkeit hat, soll es in erster Linie zur Herstellung von Treib A 86 riemen, Stiefelkappen und Brandsohlen benutzt werden. Die Verwendungsmöglichkeiten werden als unbegrenzt bezeichnet. Auch Handschuhe, Handtaschen und Luxusschuhe sollen damit hergestellt werden können. Es soll geliefert werden in schuppiger Originallieferung, wobei es sich von Schlangenleder kaum unterscheidet, und in jeder beliebigen Färbung. Ja man hofft, mit diesem Leder einen glänzenden Exportartikel zu gewinnen. Um zu beweisen, dass sich der Aufbau einer besonderen Industrie lohnt, wird darauf hingewiesen, dass allein im Wesermünder Fischhafen jährlich 5 Millionen Kilogramm Fischhäute anfallen und in Cuxhaven und Hamburg zusammen auch 5 Millionen Kilo, zusammen also 10 Millionen Kilogramm. Bayern, 1.Bericht: Seit 1935 versuchte der Besitzer unserer Apparate- Fabrik, die Arbeitszeit in seinem Betriebe zu verkürzen, da es ihm unmöglich war, die allernotwendigsten Rohstoffe( Kupfer, Zink, Messing usw.) zu erhalten. Es wurde ihm bis jetzt immer untersagt. Er versuchte darauf, einzelne Betriebsabteilungen stillzulegen, aber auch dies wurde ihm verboten. Die behördlichen Wirtschaftsstellen empfahlen ihm, Ersatzstoffe zu verwenden. Im Juli 1937, nachdem alle Versuche mit den zugewiesenen Ersatzstoffen fehlgeschlagen waren und der Fabrikant vergeblich versucht hatte, sich zur Einfuhr ausländischer Rohstoffe die notwendigen Devisen zu beschaffen, beantragte er die allgemeine Betriebsstillegung. Seine Angaben über die Grinde der Stillegung wurden als ungenügend erklärt und er wurde erneut auf die Verwendung von Ersatzstoffen verwiesen. Nachdem sich auch diese Versuche als unbrauchbar erwiesen hatten, erhielt er endlich nach fast drei Jahren Rohstoffe zugewiesen mit der Anordnung, dass der Betrieb weiter in Gang gehalten werden muss, und dass die natürlichen Rohstoffe nur für Auslandsaufträge verwendet werden dürfen. Weitere Zuteilungen erfolgen erst nach Verbrauch von 50% der zugewiesenen natürlichen Rohstoffe, über deren Verwendung genauestens Buch geführt werden muss. Die Arbeitszeit darf 32 Stunden in der Woche nicht überschreiten. 2. Bericht: Eine chemische Fabrik, die Glanzweiss, Alaun, Schwefelkiessäure und Tonerde produziert, verwendet Hochdruckpressen, deren Walzen mit einem Stoffbelag bezogen sein müssen. Seit längerer Zeit macht man Versuche mit deutschen Ersatzstoffen. Im Jahre 1937 wurde eine Kunstwollmischung verwendet, die als gegen Säure sehr widerstandsfähig hingestellt wurde. Schon nach wenigen Stunden hing aber der Stoff in Fetzen von A 87 der Walze. Ende 1937 wurde ein Nesselgemisch ausprobiert. Der Betriebsführer warnte davor, mit Feuer in die Nähe des Stoffes zu kommen; die Reste des Stoffes müssten in kleinen Stücken bei offener Flamme vernichtet werden, keinesfalls im Ofen oder in der Kesselfeuerung, denn der Stoff sei explosiv. Die Arbeiter verhielten sich dementsprechend und verbrannten die Abfälle im Schmiedefeuer. Der Stoff hat den Vorzug, dass er widerstandsfähig ist, denn er ist nun schon 5 Monate auf der Walze und ist noch wenig abgenutzt. Es ist eine Garantie für 6 Monate gegeben worden und man rechnet damit, dass das Erzeugnis mindestens 2 bis 3 Monate über die Garantiezeit hinaus verwendet werden kann. Der frühere Wollbezug war ein Jahr lang verwendbar und erheblich billiger. Früher kostete ein Walzenbezug 8,- bis 9,- RM, die Kuns twollmischung kostet 16,- RM und der Nesselbezug 26,50 RM. Seit einiger Zeit werden Lampenfassungen nur noch aus Steingut hergestellt. Für die chemische Industrie haben diese Steingutfassungen den Vorteil, dass die mit Säure geschwängerte Luft der Werkräume nicht mehr so zerstörend auf die Fassungen einwirkt. Während die Metallfassungen in einer bestimmten Zeit ausgewechselt werden mussten, weil sonst Kurzschlüsse vorgekommen wären, versprechen die Steingutfassungen eine längere Lebensdauer. Auch die bis her aus Kupfer hergestellten Pumpenkolben sind durch ein Kunsterzeugnis ersetzt worden. Es besteht aus einem sehr widerstandsfähigem Hartglas und hat gegenüber dem Kupferkolben den Vorteil, dass die Seitenflächen wenig abgenutzt werden und sich dadurch das periodische Nachschleifen der Flächen er brigt. Der Nachteil dieses Erzeugnisses ist aber, dass es leicht platzt und dadurch verwendungsunfähig wird. Ausserdem ist es viel teurer als das frühere Erzeugnis. Ein Kupferkolben kostete 3,- RM und hatte mindestens eine zweijährige Lebensdauer, das Hartglaserzeugnis kostet 25,-RM und es kommt oft vor, dass die Kolben wöchentlich zweimal ausgewechselt werden müssen. Kürzlich mussten an einem Tage sogar in eine Hochdruckpumpe zwei Stück dieses Erzeugnisses eingebaut werden, ohne dass der Arbeiter dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Abgesehen vom Preis wird eine Steigerung der Betriebskosten dadurch verursacht, dass während des Wechselns der Kolben ganze Arbeitsabteilungen aussetzen müssen. Sachsen 1.Bericht: Eine hiesige Pappenfabrik verwendet neuerdings grössere Mengen Alaun. Es wird zur Herstellung eines Ersatzstoffes für Sperrholz, einer sogenannten Lederpappe gebraucht. Die Lederpappe soll in A 88 der Hauptsache in der Autoindustrie bei der Herstellung von Karosserien Verwendung finden. Es wird erwartet, dass durch die Lederpappe im Karosseriebau das Sperrholz vollkommen überflüssig wird. Bemerkenswert ist, dass die Lederpappe mit schärferen Sägen getrennt werden muss als das Sperrholz. Eine 24- stündige Wasserprobe soll keine Einwirkung auf die Qualität der Pappe hinterlassen haben. 2. Bericht: In unserer Weberei werden Damenstoffe hergestellt. Seit vielen Monaten wird Zellwolle verwendet, die sich aber schlecht verarbeiten lässt. Besonders die Spuler müssen sich sehr dazu halten, wenn sie etwas verdienen wollen. Um einige der Schwierigkeiten bei der Verarbeitung der Zellwolle zu beseitigen, mindestens aber einzuschränken, verwenden jetzt die Spuler zur Verarbeitung von Stranggarn nicht mehr die bei reiner Ware sich gut bewährenden Winden, sondern längere Spulen, sogenannte Kobse. Dadurch ist zum Teil das dauernde Verfitzen des Garnes aus Zellwolle, das bei Verwendung von Winden stark die Arbeit erschwerte, ausgeschaltet worden. Bei den Kolben läuft das Garn regelmässiger ab und reisst weniger. 6.) Die Altmaterialsammlung Die mit grossem Propagandaufwand in Szene gesetzt Sammlung von Altmaterial zur Streckung der Rohstoffvorräte ( siehe Heft 1/1937, Seite A 72 ff., Heft 3/1937, Seite A 111 ff., Heft 7/1937, Seite A 78 ff. und Heft 10/1937, Seite A 26 ff.) ist in der Zwischenzeit straffer organisiert worden. Eine vom Reichskommissar fiir Altmaterialverwertung und dem Reichswirtschaftsminister angeordnete NeuSie berträgt regelung ist am 1. April in Kraft getreten. die Sammelei in der Hauptsache dem Rohproduktenhandel. Alle nichtjüdischen Rohproduktenhändler sind zur Pflichtsammlung herangezogen und Pflichtsammelbezirken zugeteilt worden. Während der ersten zehn Tage eines jeden Monats dürfen die Rohproduktensammler nur in den ihnen zugewiesenen Pflichtsammelbezirken tatig sein, damit sie gezwungen sind, sich der ihnen amtlich zugewiesenen Aufgabe mit höchster Intensitat zu widmen. Die Einhaltung dieser Ve A 89 ct#ird von Polizei und NSDAP laufend kontrolliert. Die Robproduktenhändler sind mit einheitlichen Armbinden sersehen, die die Aufschrift" Altmaterial- Pflicht sammlung ler NSDAP" tragen. Sie müssen alles Material mitnehmen, ganz gleich, ob sie dafir etwas zahlen können oder nicht. Auf Verfügung Görings ist der Luftschutzwart jedes Wohnhauses zugleich Hauswart für die Sammlung der Altmaterialien. Als solcher ist er dafür verantwortlich, dass die Sammlung innerhalb seines Bereiches vorschriftsgemäss erfolgt. In den" Richtlinien für die Arbeit der Luftschutzhauswarte zur Altmaterialerfassung im Rahmen des Vierjahresplans" ist angeordnet, dass in jedem Hause eine Sammelstelle eingerichtet sein muss, die aus mehreren Behältern besteht. In ihnen werden Altstoffe und Abfallstoffe getrennt gesammelt. In den Richtlinien ist genau vorgeschrieben, was gesammelt und was nicht gesammelt wird, was in die Haussammelstellen gehört und welche Gegenstände der Sammeltätigkeit anderer Stellen obliegen. Hierzu einige Berichte: Südwestdeutschland: In den Grossbetrieben werden jetzt berall Körbe aufgestellt, in die das Einwickelpapier geworfen werden muss. Es darf auch nicht das geringste Stückchen Papier mehr verbrannt werden. Jeden Freitag sammelt dann die Werkschar dieses Papier und bringt es dem Althändler. Der Erlös kommt in die Kasse der Werkschar. Sachsen: Die Produktenhändler sind kürzlich angewiesen worden, auch die geringsten Mengen von Altmaterial zu sammeln. Bisher legten diese Händler wenig Wert auf kleinere Mengen, so dass in vielen Fällen Altmaterial liegen blieb. Den Händlern wurde zu verstehen gegeben, dass sie die Anweisung streng beachten müssen, wenn sie Wert darauf legen, ihre Geschäftserlaubnis zu behalten. Schlesien: Von den Luftschutz- Blockwarten wird in den Uebungsstunden gefordert, dass sie in jedem Haus eine unter ihrer Aufsicht stehende Sammelstelle für Altmateriel einzurichten haben, wo Altpapier, Lumpen, Altei sen, Korken, Gummi, Altleder und sonstige Abfälle gesammelt werden messen. In den Versammlungen des Reichs- luftschutzbundes wird besonders auf diese Sammlungen aufmerksam gemacht. Die Blockwarte werden verantwortlich gemacht, wenn die Sammlungen in ihrem Bereich kein gutes Ergebnis haben. Rheinland-Westf a len: In allen Kölner Betrieben wird in neuerer Zeit ganz besonders auf die sorgfältige Behandlung der gebrauchten Putzlappen gelegt. Es erfolgt strenge Bestrafung, wenn gebrauchte Putzwolle oder ein gebrauchter Putzlappen nicht ordnungsgemäss abgeliefert wird. Dieses Material wird durch ein besonderes Verfahren vom Oel befreit. Das Gel wird gesammelt und die Putzlappen und Putzwolle werden wieder benutzt. A 91 IV. Der Nahrungsmittelmangel 1.) Die allgemeine Ernährungslage In den letzten Monaten( wir haben zuletzt in Heft 1/1938, Seite A 41 ff.über die Ernährungslage berichtet) ist in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln keine wesentliche Aenderung eingetreten. Nach wie vor fehlen Fette und vor allem Eier, nach wie vor ist das Brot dunkel und schwer verdaulich. Neu ist, dass Zwiebeln völlig vom Markt verschwunden sind, weil die dafür erforderlichen Einfuhrdevisen für kriegswichtigere Zwecke ge-. braucht werden. Die strengen Preisvorschriften, die für Jebertretungen schwere Strafen vorsehen, können, wie aus den Berichten hervorgeht, den Schleichhandel nicht verhindern. Man gewinnt aus den Berichten sogar den Eindruck, dass dieser Weg, sich auf illegale Weise Nahrungsmittel zu beschaffen, die man sonst nicht bekommen kann, häufiger begangen wird als bisher. Der Schlei chhandel ist zu einer ständigen, offenbar vom Regime halb und halb geduldeten Einrichtung geworden. Es erscheint dem Regime erwünscht, dass ein Teil der Bevölkerung soviel bekommt, wie er bezahlen kann, als dass alle gleich unzufrieden sind. In den Berichten wird auch diesmal wieder festgestellt, dass die Bevölkerung sich an die ihr auf gezwungenen Entbehrungen gewöhnt. Das Meckern ist keineswegs verstummt, aber da es an den Tatsachen nichts ändert, ist man genötigt, sich den nun einmal vorhandenen Mangelerscheinungen anzupassen. Offenbar hat aber auch der amtliche Apparat, der die Aufgabe hat, den Verbrauch von Lebensmitteln zu rationieren, sich eingespielt. Man kann das daraus schliessen, dass die amtlichen Verbote und Beschränkungen der Verwendung bestimmter Lebensmittel an Zahl und Bedeutung A 92 abnehmen. In der Berichtszeit ist nur( 6.3.1938) das Verbot in Kraft getreten, Starkbier( Bockbier, Porter) für den Inlandsverbrauch herzustellen. Dagegen ist ungefähr gleichzeitig das Verbot, frisches Brot zu verkaufen, für die Tage aufgehoben worden, denen zwei gesetzliche Feiertage oder ein gesetzlicher Feiertag und ein Sonntag unmittelbar vorangehen. Auch die amtliche Propaganda, die eine zweckmässige Verbrauchslenkung bewirken soll, verfehlt ihre Wirkung nicht. Im" Zeitungsdienst des Reichsnährstands" vom 3. März 1938 hat der Reichsabteilungsleiter des Reichsnährstandes, Dr. Rosenbrock, die Richtlinien dieser Propaganda für die nächste Zukunft skizziert. Er ist dabei davon ausgegangen, dass die Einschränkung des Fettverbrauchs und die Eierknappheit bestehen bleiben würden. Das fehlende Fett lasse sich durch kohlehydrathaltige Nahrungsmittel ( Gemüse) ersetzen, fehlende Eiweissmengen durch Käse und Quark. Die Rekordernte in Kartoffeln gestatte die Verwendung dieses Nahrungsmittels auch als Abendkost in Gestalt von Sago und Kartoffelmehl. Der Fleischgenuss müsse auf die jeweils vorhandenen Sorten abgestellt werden, ohne den Verbrauch zu vermehren: weniger Schweinefleisch, mehr Rind-, Kalb- und Hammelfleisch. Der reichliche Verbrauch von Weizenbrot und Weizenmehrbrot muss zugunsten des Roggenbrots eingeschränkt werden. Besonders intensiv wird für den Verbrauch von Käse geworben. Die Hauptvereinigung der deutschen Milchwirtschaft veranstaltete zusammen mit dem Lebensmitteleinzelhandel vom 2. bis zum 14. Mai eine" umfassende Käsewerbung", vornehmlich in grösseren Städten. Der Einzelhandel war zur Schaufensterwerbung aufgefordert worden. In einem Artikel" Tips für die Hausfrau", der in zahlrei chen Blättern publiziert war, wird den Hausfrauen A 93 empfohlen, Marmelade nicht nur als Brotaufstrich, sondern auch für die Hauptmahlzeiten zu verwenden. Anweisungen, wie das zu machen sei, könne die Hausfrau dem von der Landesbauernschaft herausgegebenen Speisezettel entnehmen. In einem Artikel" Der Fettopf- praktisch und sparsam" wird gezeigt, dass der Fettverzehr in Deutschland" überhöht" sei. Der Durchschnittsverbrauch je Kopf betrage im Reich 90, in Sachsen sogar 123 Gramm täglich, während von den Aerzten 65 Gramm als gesundheitlich zweckdienlich bezeichnet wirden. Ueberdies würde von der Bevölkerung Butter und Margarine bevorzugt, andere Fette wie Schweineschmalz, Wurstfett und Talg unberechtigterweise als minderwertig angesehen. Daher dürfe in keinem Haushalt der Fetttopf fehlen, in dem zu gleichen Teilen Schweineschmalz, Rindstalg und Butter oder Margarine zusammengeschmolzen werden können. In den Zeitungen wird immer wieder ermahnt, Schweinefleisch durch andere Fleischsorten zu ersetzen. Es werden in der Presse regelmässig Rezepte veröffentlicht, die die empfohlenen Fleischsorten schmackhafter machen sollen. In einem weitverbreiteten Artikel" Hammelfleisch muss jetzt bevorzugt werden", wird behauptet, dass der häufige Genuss von Hammelfleisch von Aerzten wegen seines Magnesiumgehaltes als vorbeugendes und heilendes Mittel bei Krebskrankheiten erkannt worden sei. Ein bevorzugtes Objekt dieser Massenpropaganda ist der Fisch. Er soll Fleisch ersetzen und so Futtermittel ersparen helfen. Man will den Fisch mit allen Mitteln zum Volksnahrungsmittel machen. Die Wirkung dieser Propaganda und die Möglichkeiten der Steigerung des Fischkonsums sind aber bei weitem überschätzt worden. Dr. Böllert, der Vorsitzende der Hauptvereinigung der deutschen Fischwirtschaft, die eine Abteilung des Reichsnährstandes ist, hat A 94 im" Zeitungsdienst des Reichs nährstandes"( 5.3.38) festgestellt, dass unter dem Vierjahresplan der Verbrauch von Fischen je Kopf bis 1940 auf 20 kg gesteigert werden soll. Dazu hätte der auf die Person entfallende Verbrauch um jährlich 2 kg steigen müssen, er sei aber 1937 nur um 1/2 kg gestiegen. 1937 habe die deutsche Seefischerzeugung von 6 auf 6,8 Millionen Doppelzentner zugenommen, aber schon diese nicht allzu grosse Mehrerzeugung habe nicht abgesetzt werden können, so dass 460.000 Doppelzentner den Fischmehlfabriken zugeführt werden mussten, um zu Futtermitteln verarbeitet zu werden. Auch von Salzheringen, die nicht erst zum Volksnahrungsmittel befördert zu werden brauchten, sind grosse unverkäufliche Bestände vorhanden( siehe Heft 12/1937, Seite A 92-93). Die Verbraucher sind in der Presse( z. B." Neue Vogtländische Zeitung", Plauen, vom 11. 3. 38) aufgefordert worden," in der nächsten Woche in verstärktem Umfange Salzheringe zu verzehren"." Wenn jeder Deutsche in den nächsten lo Wochen nur einen Salzhering in der Woche mehr isst, wird das volkswirtschaftlich erwünschte Ziel erreicht werden". Da man aber zu der Wirksamkeit dieser Propaganda selbst kein grosses Zutrauen hat, ist die Produktion von Salzheringen kontingentiert worden. Es sollen der Salzung nur soviel Heringe zugeleitet werden, wie der Markt aufnehmen kann. Darüber hinaus ist im März eine Fischmarktordnung erlassen worden, die den Reichsnährstand ermächtigt, Preise, Produktion und Verteilung der Fische zu regeln. Neue Betriebe dürfen nur errichtet, bestehende nur erweitert werden, wenn der Reichsnährstand es genehmigt. 2.) Berichte aus dem Reich Die folgenden Berichte illustrieren den Stand der Ernährungsfrage: A 95 Südwestdeutschland, 1. Bericht:( Baden) Der Handel mit Eiern wird in den Amtsbezirken sehr streng überwacht. Im Amtsbezirk Engen( Baden) wurde den Bauern der direkte Verkauf an die Verbraucher streng verboten. Es wird aber immer wieder versucht, Eier zu hamstern, doch ist die Ueberwachung durch die Gendarmerie sehr streng. Die Versorgung mit Butter hat sich in ganz Baden gegenüber dem Vormonat wieder sehr verschlechtert. Dies wird aber wohl mit der Maul- und Klauenseuche zusammenhängen. Während in Mittelbaden die Seuche zurückging, bedroht sie jetzt vor allem Oberbaden und Wirttemberg. Im letzten Herbst, als die Seuche in ganz Württemberg und in Baden stark wütete, mussten grosse Mengen von Vieh geschlachtet werden. Das Fleisch wurde in den Konserven- und Wurstfabriken zu Büchsenfleisch( Corned beef und Gulasch) verarbeitet. Dieses Büchsenfleisch soll nun unter allen Umständen abgesetzt werden. Die Verteiler oder Vertreter der Firmen erhalten jede Woche ein oder mehrere Rundschreiben mit der strikten Anweisung, sich für den Vertrieb des Fleisches einzusetzen. Eine Firma, die über zweitausend Verteiler im ganzen Reiche hat, hat diese Verpflichtet, je nach der Grösse ihrer Kundschaft wöchentlich 5 bis 8 Büchsen abzusetzen. Niemand aber will das Büchsenfleisch kaufen, da es den Leuten zu teuer ist; kosten doch 350 Gramm 1,25 Rm.Die gleiche Firma stellt seit Jahren eine Sülze in Büchsen her, die immer sehr begehrt war. Seit etwa drei Monaten haben die Kunden die Beobachtung gemacht, dass in dieser Sulze Fischfleisch enthalten ist und daher ist der Umsatz darin stark zurückgegangen. 2. Bericht:( Pfalz) Das 3- Pfund- Brot ist um einen Pfennig billiger geworden. Es ist jedoch so schlecht, dass es bei 51 Pfg. viel teurer ist als früher. Der Obermeister der Bäckerinnung hat seine Last, Bäcker und Publikum immer wieder zum Verständnis für neue Verschlechterungen des Brotes zu erziehen. Es sei die Aufgabe jedes Bäckermeisters, den Kunden klar zu machen, dass der Verbrauch von Weizenmehl zur Brotherstellung soweit wie nur irgend möglich eingeschränkt werden muss. 3.Bericht:( Württemberg) Der Mangel an Lebensmitteln ist auch nach der Gleichschaltung Oesterreichs nicht gemildert worden. Zwar sind auffällige Behwierigkeiten in der Ernährungslage nicht aufgetreten. Aber in der Bevölkerung herrscht allgemein die Auffassung, dass es nicht so bleiben wird wie jetzt, und dass man deshalb nach Möglichkeit Vorsorge für alle Fälle treffen muss. A 96 Da das auf dem normalen Wege nicht möglich ist, muss man sich Vorräte unter Umgehung der staatlichen Marktordnungsvorschriften verschaffen. Das beginnt bei den Bauern, geht über die Händler bis zu den Verbrauchern. Neben dem offiziellen Handel hat sich ein regelrechter Schwarzhandel gebildet, vor allem bei Eiern und Fleisch. So ist kürzlich gegen eine Reihe von Händlern und Landwirten im Hohenzollernschen eine Aktion durchgeführt worden, bei der festgestellt wurde, dass die Betreffenden nicht nur sehr grosse Mengen Eier schwarz in den Handel gebracht, sondern sich auch unrechtmässig erlangter Stempel zur Vertuschung ihrer strafbaren Handlungen bedient hatten. Bei diesem Anlass wurde erneut eine scharfe Warnung an alle Händler und Geflügelhalter erlassen, jede Umgehung der Sammelstellen zu unterlassen. Aehnlich liegen die Dinge bei der Fleischversorgung. 4. Bericht: Ganz schlimm steht es im ganzen Lande neuerdings mit der Butterversorgung ,, selbst in den Kurorten. Auch die sonstige Fettversorgung hat sich wieder verschlechtert. Die Margarine wird ebenfalls immer knapper. Eier sind sehr selten. Für die Hausfrauen werden Kurse abgehalten, in denen ihnen Rezepte vorgeführt werden, wie man aus Quark Schlagsahne machen kann usw. In den Kolonialwaren- Läden gibt es jetzt. Käsnudeln zu kaufen, die anstatt mit Eiern mit Quark hergestellt werden, um Eier zu sparen. Eine grosse Lieferfirma für Einzelverkäufer hat ein Rezept herausgegeben, wie man einen guten billigen Brotaufstrich macht: 250 Gramm Quark vermischt man mit einer halben Dose Heringsfilet, Zwiebeln, Senf, Salz und Pfeffer und drückt das ganze durch ein Sieb, und der gute Brotaufstrich ist fertig. Bayern: Die Beschaffenheit des Brotes ist ganz verschieden, je nachdem wie die Bäcker das Mehl geliefert bekommen. Zeitweise ist es so schlecht, dass es mit dem schlechtesten Kriegsbrot verglichen werden kann. Auch das Militär hat darunter zu leiden. Bei dem Einmarsch nach Oesterreich hat bei den Soldaten die Tatsache grossen Unwillen hervorgerufen, dass die Kommissbrote, die sie in München in Empfang genommen haben, in Innsbruck schon sauer waren. Zuerst hatten die Soldaten die Vorstellung, dass die Oesterreicher schon am Verhungern seien. Bald aber mussten sie feststellen, dass das Brot viel besser war als in Deutschland. Viele von ihnen haben auch Brotlaibe nach Hause geschickt. Seit 8 Wochen ist in München keine Zwiebel mehr zu haben. Ein Grossgeschäft, das sonst 2 Sack im Tage verbraucht hat, bekommt heute 10 Kilo in der Woche und auch das nicht immer. A 97 Sachsen, 1. Bericht: An Frischgemüse ist Ueberfluss, aber an Zwiebeln grosser Mangel. Sie sind nirgends mehr aufzutreiben. Die Zeitungen geben den Juden die Schuld. Durch internationale Juden sei der Zwiebelpreis in Aegypten auf etwa das Doppelte hochgetrieben worden. Es sei daher richtig, keine ägyptischen Zwiebeln mehr zu kaufen, da die Devisen zur Einfuhr der wichtigsten Rohstoffe benötigt werden. Wir könnten es uns nicht leisten dafür einen Artikel zu kaufen, der bei uns hauptsächlich als Speisenwürze genossen wird. Es sei folglich damit zu rechnen, dass bis zum Beginn der deutschen Ernte keine Zwiebeln mehr im Handel zu haben sein werden. Der deutsche Gartenbau sei aufgefordert worden, durch erhöhte Bereitstellung von zwiebelähnlichen Gewächsen, wie Schnittlauch, Lauch zwiebeln und Porree, über die Zwiebelknappheit der nächsten Wochen hinwegzuhelfen. Als weiterer Behelf könne der in verhältnismässig reichem Masse vorhandene Knoblauch dem Verbrauch zugeführt werden. 2.Bericht: In letzter Zeit macht sich hier ein Mangel an Speisegewürzen sehr bemerkbar. Gewürze, die aus dem Ausland bezogen werden müssen, fehlen fast vollständig. Gewürzkörner und Paprika sind überhaupt nicht zu bekommen. Dazu kommt nun noch, dass seit dem März auch Zwiebeln kaum noch zu haben sind. Für das Festgebäck waren Rosinen und Mandeln nur in geringen Mengen zu erhalten. Butter ist ebenfalls knapp und teuer. Da aber viele Arbeiter nicht in der Lage sind, die teuere Butter zu kaufen, steht die Butterschieberei in voller Blüte. 3. Bericht: In den Zeiten bester Konjunktur wurden auf dem Dresdner Schlachthof wöchentlich 6.500 Schweine zur Belieferung Gross- Dresdens geschlachtet; in den Monaten der grössten Fleischnot nur 2.200 bis 2.500 Stück. Die Einfuhr von Schweinen aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn hat zur Folge, dass seit März die Fleischbelieferung in Dresden wieder etwas besser geworden ist, jetzt werden wieder 3.000 Schweine geschlachtet. Davon stehen aber nur 3/5 zur Verfügung, denn 2/5 gehen an die Fleischverwertungsfabriken, um das Fleisch im eigenen Saft zu konservieren. Zuweilen geben die Fleischer an den Tagen; an denen der Vienverkauf stattfindet, ihrer Erregung über die Verknappung der Ware offen Ausdruck. Die Bevölkerung wird aufgefordert, mehr Rindfleisch und weniger Schweinefleisch zu essen.- In Pirna bei Dresden liegen die Fleischerläden voll Fleisch. Die Bevölkerung kann sich aber die teuren Fleischwaren nicht kaufen und konsumiert das billige Freibankfleisch. Die Preise für Eier haben sich in der letzten Zeit A 98 erhöht. Mitte Juni wurden für ein Ei 13 Pfg. gezahlt, im Schleichhandel sogar bis zu 18 Pfg. pro Stück. 4. Bericht: In X. kamen Ende Mai mehrere Autobusse mit KdF- Fahrern aus Chemnitz an. Sie wurden im Gasthaus Y. verpflegt. Der Gastwirt, der oft KdF- Fahrer hat, hatte auch diesmal wieder sein Küchenmädchen in die Tschechoslowakei geschickt, um von dort Mehl, Butter; Speck und vor allem Gewürze holen zu lassen. Bei der Rückkehr wurde das Mädchen von deutschen Finanzbeamten kontrolliert. Die geschmuggelten Waren wurden beschlagnahmt und der Gastwirt auf das Zollamt vorgeladen. Er sollte für jedes Kilo Speck 8,- RM und für jedes Kilo Mehl 6, RM Strafe bezahlen. Der Mann schlug Krach und sagte den Beamten in der höchsten Erregung, dass der Staat, wenn er KdF- Fahrer zur Verpflegung schicke, auch für Lebensmittel sorgen solle. Die KdF- Fahrer ässen den Grenzbewohnern nur die ohnehin knappen Lebensmittel weg. Alles Protestieren half diesem aber nichts. Der Gastwirt bekam die beschlagnahmte Ware nicht wieder zurück und musste auch die Strafe bezahlen. 5.Bericht: Im Lausitzer Grenzgebiet wird jetzt viel darüber geklagt, dass der Schleichhandel stark zunimmt. Wer halbwegs über Geld verfügt und es sich leisten kann, versucht, auf Umwegen zu Butter und Fett zu kommen. Dafür muss allerdings viel mehr als sonst gezahlt werden. Die Qualität des Mehles ist im allgemeinen etwas besser geworden. Zwar sieht es immer noch grau und nicht weiss aus, aber es lässt sich besser verbacken. Zwiebeln sind im ganzen Grenzgebiet schon seit Wochen nicht mehr zu haben. Im Gebiet von V. war in den letzten Wochen die Versorgung der Bevölkerung mit Fett und Butter etwas besser. Jetzt gibt es aber so gut wie keine Margarine und kein Fett. Butter gibt es nur wenige Gramm pro Kopf und Woche. Jedoch auch das ist nicht in allen Grenzorten gleich. Im Durchschnitt bekommt eine Person in der Woche etwa 90 Gramm Butter. Berlin: Man bemüht sich, eine gleichmässigere Verteilung der Fette zu ermöglichen. Nach der Einführung der neuen Bezugsausweise am 1. Januar 1938 ist die Verteilung der Fette einheitlicher geworden. Es kommt nicht mehr so häufig vor, dass die Fettzuteilung zweier Stadtgebiete stark verschieden ist. Selbst die Reichswehr hat eine Kürzung der Fettration in Kauf nehmen müssen. Die Leibstandarte Adolf Hitlers bekommt nur noch pro Tag loo Gramm, früher bekam sie 125 Gramm. Die Bevölkerung bekommt pro Woche 200 Gramm. Die Versorgung mit tierischen Fetten ist in letzter Zeit etwas besser gewor �4 99 den. Schweinefett ist zwar immer noch knapp, kommt aber regelmässiger als bisher auf den Markt. In letzter Zeit ist auch stellenweise Pflanzenfett(Palmin, Kokosfett usw.) wieder zu haben. Die Eier scheinen in grossem Umfange Schleichhandelsobjekt zu sein. Wasserkante:(Aus einem Brief)"... Die Lebensmittel sind eigentlich hier alle vorhanden, nur schwankt es immer. Drei Wochen keine Eier, dann kein Schweinefleisch dann kein Fett. Alles immer abwechselnd. Man gewöhnt sich langsam daran, und merkt es schon kaum mehr. Butter und Fett gibt es auf Karten. Wir bekommen da unseren Anteil, aber damit kämen wir nicht aus, wenn wir nicht noch andere Verbindungen hätten..." (Aus einem anderen Brief):"...Ein Bekannter brachte uns etwas Butter aus dem Ausland mit. Nein, unglaublich der Unterschied. Man ist sprachlos. Unsere besteht scheinbar dann nur aus Tran und Talg. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So langsam, aber sicher scheint man sich an alles gewöhnen zu können. Wir haben ja die besten Erfahrungen im Kriege gemacht.." Nordwestdeutschland: Am auffallendsten tritt die Knappheit bei uns in Erscheinung bei Butter, Schweinefleisch und Mehl. Die Butterrationen schwanken zwischen 75 Gramm und 125 Gramm pro Woche; ausserdem gibt es pro Person im Monat 100 Gramm anderes Fett. Schweinefleisch ist nur an den Schlachttagen zu haben'. Die Schlechter klagen darüber, dass es ihnen infolge der scharfen Kontrolle auf dem Lande nicht mehr möglich ist, neben der ihnen zugeteilten Ration hin und wieder ein Schwein direkt vom Bauern zu kaufen, was vor einem Jahre noch manchmal möglich gewesen sei, als die Bauern infolge des Futtermangels gern Schweine abstiessen. Ein Schlächter, der früher sechs Schweine zugeteilt bekam, erhält jetzt nur ein Schwein, wenn er Glück hat, anderthalb. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass er mit einem halben Schwein vom Schlachthof abziehen musste. Die Frauen, die selbst viel zu backen pflegen, klagen über den Mangel an Weizenmehl, das absolut nicht zu haben ist. Eier waren monatelang nicht zu haben; jetzt ist dieser Mangel augenblicklich behoben, allerdings nicht durch eine Steigerung der Eigenerzeugung, sondern durch erhöhte Einfuhr. Rheinland-Westfalen: Das Brot ist in drei Tagen schimmelig, immer nass-klitschig und ungeniessbar. Es verursacht Magen- und Darmbeschwerden. Die Marmelade ist heute wieder als Ersatz für Fett ein Massennahrungs- A 100 mittel. In kurzer Zeit setzt sie Schimmel an, und es muss immer wieder eine Schicht vor der Benutzung weggeworfen werden. Der Grund liegt in der Verwendung von Ersatzstoffen für Zucker und in der Verwendung von halbverrottetem Obst. Die Wurst steigt im Preise und wird in der Qualität dauernd schlechter. Die Metzger geben zu, dass die Ware um rund 20% verschlechtert werden musste, weil man gezwungen ist, mit Kartoffelmehl zu arbeiten.- Butter und Fett sind in den grossen Industriestädten entsprechend der Zuteilung zu bekommen, auch Eier sind im freien Handel ausreichend vorhanden. Dagegen herrscht in den kleinen Gemeinden eine ausserordentliche Knappheit an diesen Waren. Die Grosstädte des Ruhrgebiets werden vordringlich versorgt. 3) Das Ernährungshilfswerk Bereits in Heft 1/1937( Seite A 40 ff.) und in Heft 10/1937( Seite A 73 ff.) ist ber die Organisation zur Sammlung und Verwertung von Küchenabfällen berichtet worden, die als" Ernährungshilfswerk" bezeichnet wird. Die Gemeinden müssen Schweinemastanstalten errichten, in denen die Abfälle verwertet werden. Die Propaganda für die Sammlung aller Abfälle wird in unvermindertem Umfang fortgesetzt. Auf Seite A 102 bringen wir als Beispiel die Originalkopie eines Flugblattes.. In Heft 10/1937 ist ausgeführt worden, dass es dem Regime mehr um die propagandistische Wirkung als um den realen Wert dieses Kampfes gegen den Verderb zu tun ist. Die folgenden beiden Berichte zeigen in der Tat, dass die Kosten dieses Hilfswerks zuweilen in einem erheblichen Missverhältnis zum Ertrag stehen. Berlin: Der Aufbau des Ernährungshilfswerks( EHW) wurde auf Grund der vorbereitenden Versuche der Ortsgruppe Arkona des Kreises V der NSDAP in Berlin, die günstige Resultate gezeitigt hatten, in letzter Zeit energisch betrieben. Bis jetzt sind insgesamt 11 von den 20 Berliner Verwaltungsbezirken, und zwar Wilmersdorf, Schmargendorf, Friedenau, Schöneberg, Prenzlauer Berg, Steglitz, Tiergarten, Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln von der planmässigen A 101 Sammlung aller zur Fütterung von Schweinen geeigneten, in den Haushalten anfallenden Abfallprodukten erfasst. Die restlichen Berliner 9 Bezirke sollen nach Erstellung der erforderlichen Anlagen ebenfalls der Abfallsammlung angegliedert werden. Die Erfassung der Abfälle erfolgt in der Weise, dass die Hausfrauen durch alle dem heutigen Staat zur Verfügung stehende Werbemittel wie Rundfunk, Presse, Flug- und Propagandaschriften( z. B. das bekannte Schwein aus Pappe aufgefordert werden, ihre Küchenabfälle den auf jedem Hof aufgestellten Sammelk beln zuzuführen. Die Aufstellung dieser Kübel hat nach einer im Mai ergangenen Polizei verordnung durch die Hauswirte zu erfolgen; nur die vorgeschriebenen und bei der NSV käuflichen Kbel sind zugelassen. Diese Kübel werden von der Müllabfuhr täglich geleert. Die M lltransportfuhrwerke sind dafür mit einem besonderen Behälter versehen. Der Transport erfolgt zu Lasten der Stadtverwaltung bis zum Millsammelplatz, von wo die Abfälle mit besonderen Transportwagen den Schweinemästereien zugeführt werden. Für diese Transporte muss die Stadtverwaltung die erforderlichen Fuhrwerke stellen. Als Mästereien sind alte vorhandene Stallungen verwendet worden. Ausserdem sind bisher fünf grosse Mästereien neu errichtet worden, mit einem Kostenaufwand von RM 675.000,--. Eine Grossmästerei wurde umgebaut. Die Mästereien des EHW im Gebiet Berlins haben bis Ende Mai insgesamt 4.000 Schweine, im Gewicht von durchschnittlich 3 Zentner, dem Markt zugeführt. Zur Fütterung stehen insgesamt gegenwärtig 23.000 Schweine in den Stallungen des EHW. Diese Zahl soll bei Erfassung der restlichen 9 Berliner Stadtbezirke auf 30.000 erhöht werden. Die Mästereien befassen sich lediglich mit der Mast der Tiere und nicht mit Zucht. Das Ernährungshilfswerk ist also ein ziemlich kostspieliges Unternehmen zur Vermehrung des Viehauftriebs. Das Ergebnis ist vorläufig noch verhältnismässig dürftig. Der tägliche Schweine auftrieb auf dem Berliner Fleischgrossmarkt beträgt im Durchschnitt soviel, wie das EHW bisher dem Markt im Verlauf seiner gesamten Tätigkeit zugeführt hat. Bei dieser Rechnung dürfen die Unkosten für die Beschaffung zusätzlicher Futtermittel nicht vergessen werden. Die Küchenabfälle reichen allein zur Mast nicht aus. Wir erfahren, dass die Reichsleitung der NSDAP sich selbst zum Ankauf von 25.000 to Zuckerschnitzeln entschlossen hat. Diese 25.000 to sollen den Jahresbedarf für die EHW- Mästereien darstellen. Das sind sehr erhebliche zusätzliche Unkosten. Weiter seien erwähnt die für den Umbau der Mülltransportwagen und Neuanschaffungen erforderlichen RM 500.000 und die Löhne fr die im EHW hauptamtlich Tätigen und schliesslich A 102 Es geht um die Jolanthen aber nicht nur um diese sechs, sondern um 8000 Patenschweine die 1937 vom Ernährungshilfswerk mit Küchenabfällen und Speiseresten großgezogen wurden. Es müssen und können noch viel mehr Schweine zur Sicherstellung des Fleischbedarfes gemästet werden. „ Es geht" so lauter der kurze Leitfas für den Vierjahresplan, von dem das EHW. ein wichtiger Teilabschnitt ist. Hausfrauen, eure sorgfältigste Aufbewahrung und restlose Hergabe aller Abfälle ist allein entscheidend, merkt euch: Küchenabfälle gehören in den Behälter des EHW. Die Schweine fressen: Abfälle von Kartoffeln, Gemüse, Salat und Obst( roh und gekocht), Fleisch: und Fischabfälle, Knochen, Eingeweide, Eierschalen, Kaffee: Tab, Speisereste, Brot und Back: warenreste aller Art. ... aber nicht: Chemikalien, Pußmittel, Gewürze, Zitronen, Apfelsinen: und Bana: nenschalen, Asche, Tabak, Federn, Scherben, Lumpen, Metallteile, Papier usw. NEDAP. Amt für Volkswohlfahrt, Gau Hamburg, Propaganda Abteilung, Hamburg 36, Büschstraße 4 A 113 die Kosten für die Kübel, die allerdings die Hausbesitzer bezahlen müssen. Die bisher gekauften 34.000 Jungschweine werden auch beachtliche Summen erfordert haben. Alles in allem: eine teure Schweinerei! Mitteldeutschland: Die kommunale Schweine zucht hat wenig erfreuliche Ergebnisse. Der Prozentsatz der verendeten Ferkel und der vorzeitig abgeschlachteten, ist ausserordentlich hoch. Die Bauern behaupten, in dem Sammelfutter sei doch allerlei Dreck enthalten, den die Tiere nicht vertragen. Wenn man auch nicht an Sabotage glaube, würde doch unabsichtlich alles mögliche hineingemanscht. A 104 V. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik " Es ist eine der wichtigsten Aufgaben des nationalsozialistischen Staates, den Gedanken der Frühehe und den Gedanken der kinderreichen Familien zu fördern",- so Staatssekretär Fritz Reinhardt vom Reichsfinanzministerium auf der letzten Tagung des Reichsbundes der Kinderreichen im Juni 1937 in Frankfurt a. M. In erster Linie ist es die Kriegswirtschaft des nationalsozialistischen Staates, die einen Mehrverbrauch an menschlicher Arbeitskraft mit sich bringt und ihre Organisationen zwingt, der Nachwuchsfrage erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Die Regierung versucht, die" Kinderfreudigkeit" des Volkes durch propagandistische Massnahmen, durch die Gewährung von vielerlei Vergünstigungen für Kinderreiche und durch fühlbare Benachteiligung der Junggesellen zu heben. Um die Frühehe zu fördern, gewährt man in Deutschland seit dem 1. August 1933 sogenannte Ehestandsdarlehen, das sind unverzinsliche Darlehen bis zu 1.000 RM, die in monatlichen Raten getilgt werden sollen. Die Auszahlung erfolgt in Gutscheinen, für die Kleidung, Wäsche und Hausrat erworben werden können. Bis zum 1. Oktober 1937 galt als Voraussetzung für die Gewährung des Darlehens u.a., dass die Ehefrau sich verpflichtete, ihr Arbeitsverhältnis aufzugeben und kein neues mehr einzugehen. Auf diese Weise sollte damals der Arbeitsmarkt von weiblichen Arbeitskräften entlastet werden. Seit sich die Lage des Arbeitsmarktes grundlegend gewandelt hat und jetzt auch erhöhte Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften besteht, hat man diese Bedingung fallen gelassen und den bereits verheirateten Darlehensempfängerinnen gestattet," für die Dauer des zweiten Vier A 105 jahresplans" wieder Arbeit anzunehmen.- Die monatliche Tilgungsrate für das Darlehen beträgt 1%, wenn die Frau in Arbeit steht, 3% des erhaltenen Darlehens. Für jedes lebend geborene Kind erfolgt eine Ermässigung des Rickzahlungsbetrages um 25%, so dass auf die Tilgung des Darlehens ganz verzichtet wird, sobald aus der Ehe vier Kinder hervorgegangen sind. Nach der Geburt eines jeden Kindes kann ausserdem die Tilgung für 12 Monate ausgesetzt werden. Eine Sonderregelung ist zugunsten der Versorgung des ländlichen Arbeitsmarktes mit Arbeitskräften getroffen worden. Ein Erlass vom 29. März 1938 bestimmt, dass die Tilgungsbeträge auf die Dauer von fiinf Jahren gestundet und nach Ablauf dieser Frist erlassen werden sollen, wenn der Ehemann nach Abschluss seiner Schulbildung ununterbrochen in der Land- oder Forstwirtschaft oder als ländlicher Handwerker tätig war. Von August 1933 bis März 1938 sind nach Angaben der deutschen Presse 900.000 Ehestandsdarlehen im Gesamtbetrag von rund 600 Millionen RM gewährt worden. Das Sondervermögen, aus dem die Ehestandsdarlehen gewährt werden, ist durch die erhöhte Einkommensteuer der Ledigen aufgebracht worden. Es ist so gross, dass es für die Zwecke der Ehestandsdarlehen nicht voll in Anspruch genommen zu werden braucht, zumal seit einiger Zeit der Rückfluss stärker geworden ist. Deshalb werden nunmehr aus diesem Sondervermögen auch grössere Summen zur Gewährung von Kinderbeihilfen verausgabt. Zwei Berichterstatter aus Sachsen äussern sich über die Ehestandsdarlehen: 1. Bericht: Voraussetzung für die Gewährung eines Ehestandsdarlehens ist die Beibringung eines ErbgesundheitsZeugnisses und der Nachweis, dass der Antragsteller ein gesichertes Einkommen hat. Personen, bei denen die Gefahr A 106 besteht, dass sie nicht in der Lage sein werden, dass Darlehen zurückzuzahlen, werden nicht berücksichtigt. Arbeitslose brauchen erst gar keinen Antrag zu stellen, er wird auf jeden Fall abgelehnt. Ein gewöhnlicher Arbeiter erhält im Durchschnitt 400 bis 500 RM als Darlehen, falls die anderen Voraussetzungen gegeben sind. wie Beamte und AngeFinanziell gut dastehende Personen, stellte, erhalten in der Regel den Höchstsatz von 1.000 RM. Bleibt die Ehe kinderlos, so muss das Darlehen wieder zurückgezahlt werden. Gestrichen wird es erst, wenn aus der Ehe mindestens 4 Kinder hervorgegangen sind. Die jungen Ehepaare, die nicht gewillt sind, nach dem Grundsatz:" Seid fruchtbar und mehret Euch" zu leben, und die es ablehnen, Kanonenfutter und Ausbeutungsobjekte in die Welt zu setzen, verhalten sich von vornherein richtiger, wenn sie auf das Darlehen verzichten. Sonst belasten sie sich mit der so viel gepriesenen Einrichtung des Ehestandsdarlehens auf viele Jahre. 2. Bericht: Einen Anlass für viele abfällige Unterhaltungen über die gegenwärtigen Zustände bilden die Ehestandsdarlehen. Wer ein solches Darlehen beantragt, muss sich einer höchst peinlichen Untersuchung, verbunden mit Röntgenaufnahmen, unterziehen. Zu dieser Untersuchung muss der Darlehensanwärter drei Photographien von sich mitbringen, von vorn, von hinten, von der Seite. Die Bevölkerung vermag nicht einzusehen, was diese dreifachen Nacktaufnahmen noch mit dem Ehestandsdarlehen zu tun haben. Man nimmt an, dass die Nazis Material sammeln für ihre rasse theoretischen Untersuchungen. Ein weiterer Bericht schildert die Wirkung der Ehepropaganda, mit deren Hilfe versucht wird, die Frühehe zu einer moralischen Forderung zu machen: Schlesien: Unter den weiblichen Handelsangestellten wird eine lebhafte Propaganda für die Ehe durchgeführt. Die Verkäuferinnen werden auf das Büro der DAF geladen und dort wird ihnen gesagt, die seien es dem Führer und ihrem Vaterland schuldig, so rasch als möglich zu heiraten. Jedes Mädel, das im Geschäft lernt, solle noch zwei Jahre arbeiten, dann aber heiraten. Auf den Einwand der Mädels, dass sie doch erst nach der Lehrzeit genug verdienen, um sich die Heiratsausstattung kaufen zu können, wurde ihnen erwidert, das mache doch nichts aus, denn jede bekäme ja die Ehestandsbeihilfe. Die Mädels lachen natürlich über diese ganze Aktion und raten den Lehrmädchen, sie möchten sich rechtzeitig einen Verehrer A 107 anschaffen, sonst bekämen sie noch den Mann auf Bezugsschein. Eine besonders lebhafte Ehepropaganda wird in der Beamtemschaft getrieben. Die" 30. Aenderung des Besoldungsgesetzes" vom August 1937 bestimmt, dass die Bezüge der ausserplanmässigen Beamten erheblich verbessert werden, sobald sie eine Ehe eingehen. Die Verfügung trat rückwirkend mit dem 1. April 1937 in Kraft. Für die preussischen Junglehrer gelten die gleichen Bestimmungen. Berlin: Obgleich noch keine gesetzliche Handhabe besteht, wird ledigen Beamten nahe gelegt, zu heiraten, da sie sonst keine Aussicht auf Beförderung hätten. Sachsen: Die" Erziehung" der Beamten zum Heiraten und zur Aufzucht von möglichst vielen Kindern macht Fortschritte und nimmt manchmal groteske Formen an. Manche Stadtverwaltungen, so z. B. die von Erfurt, haben es sich zur Aufgabe gestellt, ihre ledigen Beamten, gleich welchen Alters, zu verheiraten. So werden bestimmte Chefs zu regelrechten Heiratsvermittlern oder besser: Heirats- Erpressern. Schlecht angeschriebenen Beamten hilft nichts weiter, als der Sprung in die Ehe. Und so kommt es auch zu den entsprechenden Kopfspringen. Wie bei den Kriegstrauungen laufen die Paare zusammen, ohne sich richtig kennen gelernt zu haben. Gemessen an dem propagandistischen und finanziellen Aufwand ist der Erfolg nicht gross. Im Jahre 1936( für 1937 liegen noch keine Zahlen vor) ging die Zahl der Eheschliessungen in Deutschland gegenüber 1935 von 651.000 auf 611.000 zurück. Im Konjunkturjahr 1929 wurden-ohne staatliche Unterstützung und ohne Fhepropaganda- 598.000 Ehen geschlossen. Die Propagierung des Kinderreichtums bedient sich zum Teil absonderlicher Mittel. Grosse Gruppen kinderreicher. Familien machen z. B." Ausflüge mit Mütterehrung". Sie fahren auf geschmückten Wagen über die Dörfer. Kinderumzüge und Ansprachen sollen den Gedanken der" Grossfamilie" verbreiten helfen. Die Kinderlosen und Kinderarmen werden von A 108 den Rednern in einer Weise beschimpft, als handele es sich um die Bekämpfung eines schweren Lasters. Wir lassen einige Berichte folgen: Rheinland- Westfalen: Die Kinderreichen werden nach wie vor begünstigt. In allen grösseren Orten gibt es heute Ortsgruppen des" Reichsbundes der Kinderreichen e.v."( R.d.K.), in denen alle Angelegenheiten der Kinderreichen besprochen werden. Natürlich werden die Leute wegen ihres Kinderreichtums besonders belobigt und sie werden sehr wichtig genommen, ganz wie es in die" nationalsozialistische Weltanschauung" hineinpasst. Neuerdings macht man sogar sogenannte" Aufrüttelungsaktionen" mit bevölkerungspolitischen Aufklärungsvorträgen. Diese Kundgebungen werden meist schlecht besucht; die Bevölkerung kümmert sich nicht darum. Sachsen, 1.Bericht: Zu Goebbels Geburtstag wurde ein Film gedreht, der Scenen aus Goebbels Familienleben zeigte und deutlich für den Kinderreichtum warb. Titel: " Papis Geburtstag". U. a. sah man, wie Magda ihre Kinder am Vorabend des grossen Tages zu Bett brachte. Die Mädchen führten im Nachthemd und mit Kränzen im Haar eine Art Ballett auf, bei dem sie sich als kleine Trampelohen erwiesen. Die Zuschauer machten sich Gedanken darüber, warum die Kinder alle, bis auf das Jüngste, mit Strümpfen ins Bett marschierten. Sollte sich Vaters Klumpfuss vielleicht doch vererbt haben? Als der Tanz vorbei war, beteten die Kinder für" Papi" und die Leute sagten:" Er hat es sehr nötig, dass jemand für ihn betet" Der Film wurde als grobe Geschmacklosigkeit empfunden und stiess auf allgemeine Ablehnung, auch in den Vorstellungen, die vornehmlich von Partei funktionären besucht waren. Man zog den Film schnell wieder zurück. 2.Bericht: Da der Bevölkerungszuwachs den derzeitigen Machthabern nicht genügt, man aber die Arbeiter nicht zwingen kann, sich mehr Kinder anzuschaffen, setzt man den Druck bei den Beamten an. In einer Versammlung aller Beamten des Bezirkes wurde auch über die vielen kinderlosen Beamtene hen geschimpft. Die Beamten, so sagte der Redner, könnten es mit ihrer Treuepflicht gegen den neuen Staat nicht vereinbaren, weiterhin die Nachwuchs-. frage zu vernachlässigen. In Zukunft würde jeder Beamte als Saboteur betrachtet werden, der gar keine oder zu wenig Kinder habe. 3.Bericht: Die Bevölkerungspolitik wird in der letzten Zeit stark ausgebaut. Lehrmittelfreit und Schulbeihilfen A 109 für Kinderreiche sind in Vorbereitung. Im Frithjahr haben bei uns alle Beamten und Staatsangestellten unter 30 Jahren, die kinderlos verheiratet sind, einen Brief bekommen, in dem sie vor die Wahl gestellt wurden, entweder sich ein Kind anzuschaffen oder aus dem Dienst auszuscheiden. Ein Grund für die Bevölkerungspolitik der Nazis ist auch, dass der Altersaufbau der Bevölkerung gegenwärtig fir die Rentenversicherungen sehr ungünstig ist. Die schmale Schicht der Jungen muss in einigen Jahren eine übermässig breite Schicht von Alten erhalten. Wirkungsvoller als die Propaganda in Versammlungen, Zeitschriften, Zeitungen, Kinos usw. sind die zahlreichen sonstigen Vergünstigungen, die den kinderreichen Familien gewährt und in der Tagespresse lebhaft angepriesen werden. Seit dem Sommer 1936 werden laufende Kinderbeihilfen gezahlt, die bereits mehrfach aufgebessert wurden. Bis Ende 1937 galt als Voraussetzung für die Gewährung der Beihilfe, dass der Arbeitslohn des Vaters im vorangegangenen Kalenderhalbjahr 1.200 RM nicht überschritten hatte. Für selbständige Gewerbetreibende, Handwerker, Bauern und Angehörige freier Berufe betrug die Verdienstgrenze 2.100 RM jährlich. Gewährt wurden monatlich 10,- RM für jedes 5. und weitere Kind. Vom 1. April 1938 ab ist die Beihilfe für Lohn- und Gehaltsempfänger wesentlich erhöht worden. Das Einkommen der Eltern darf jetzt jährlich 7.200,- RM( statt 2.400 RM) betragen. Die Beihilfe beträgt nunmehr schon für das 3. und 4. Kind 10,- RM im Monat, während für das 5. und jedes weitere Kind unter 16 Jahren monatlich 20,- RM gezahlt werden. Es wurde bekanntgegeben, dass die Mittel für diese Aktion aus den Einnahmen der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung stammen, und zwar wurden 270 Millionen Mark jährlich dafür bereitgestellt. Damit wird ein neuer Beweis erbracht, dass die deutsche Arbeitslosenversicherung ihres Versicherungs charakters A 110 völlig entkleidet ist und die Beiträge der Versicherten nur mehr eine Sondersteuer darstellen, über die willkürlich und ohne Mitbestimmungsrecht der Zahler verfügt wird. Die Nichtsozialversicherten sind von den neuen Vergünstigungen für Kinderreiche teilweise ausgeschlossen. Sie erhalten weiter wie bisher lo RM monatlich für jedes 5. und weitere Kind. Nur ist auch hier die Einkommensgrenze erhöht worden, und zwar auf 8.000,- RM im Jahr. Die Schlechterstellung dieser Kinderreichengruppe ist damit begründet worden, dass hier kein erworbener Anspruch auf die Unterstützung der Reichsanstalt bestehe. Die Erhöhung der Beihilfen und vor allem die starke Heraufsetzung der Gehaltsgrenze soll offenbar dazu beitragen, den Nachwuchsmangel in den akademischen und technischen Berufen, der den Erfolg der deutschen Wirtschaftspläne ernstlich gefährdet, zu beheben. Man will die Mittelstandsfamilien in den Stand setzen, ihren Söhnen ein kostspieligeres Studium zu ermöglichen, anstatt sie wie bisherdort unterzubringen, wo eine frithe finanzielle Unabhängigkeit vom Elternhaus zu erwarten ist, z. B. bei der Reichswehr. Noch deutlicher wird diese Absicht, wenn man in Betracht zieht, dass aus dem Beihilfe- Fonds auch Freistellen in mittleren oder höheren Schulen, in den sogenannten nationalspolitischen Erziehungsanstalten, sowie in Fachund Hochschulen gewährt werden. Die Kinderbei hilfen dienen also u.a. der" Lenkung des Arbeitseinsatzes", einem lebenswichtigen Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft, und insofern ist die Reichsanstalt an den kinderreichen Familien in der Tat interessiert. 1937 sind für laufende Kinderbeihilfen 250 Millionen Mark ausgegeben worden. Für 1938 stehen 520 Millionen Mark zur Verfügung, die auf 2 Millionen Kinder verteilt werden sollen. A 111 Neben der laufenden Beihilfe können einmalige Beihilfen gewährt werden, deren Auszahlung in Form von Bedarfsdekkungsscheinen zum Erwerb von Hausrat und Wäsche erfolgt. Der Höchstbetrag ist je Kind 100,- RM, je Familie 1.000, RM. Seit 1935 sind die kinderreichen Familien auch steuerlich bevorzugt. Bei der Einkommensteuer wird der Familienstand stärker als früher berücksichtigt, bei der Bürgersteuer und Vermögenssteuer wurde diese Berücksichtigung neu eingeführt. Auch bei der Wehrsteuer sind Erleichterungen für Kinderreiche geschaffen worden. Weitere Vergünstigungen sind: Bevorzugung bei der Arbeitsbeschaffung. Besondere Berücksichtigung in der Krankenversicherung. Erleichterte Gewährung von Siedlungszuschüssen. Ausstellung von" Ehrenkarten für kinderreiche Mütter", die zu einer bevorzugten Abfertigung bei allen Behörden und Dienststellen berechtigen. Ehrenpatenschaften, die von den führenden Leuten bernommen werden und mit kleineren Geldgeschenken verbunden sind. Fahrtvergünstigungen bei der Reichsbahn( Dazu reproduzieren wir auf Seite A lo9 ein Merkblatt der Reichsbahn). Schulgeldermässigungen. Bevorzugung bei der Winterhilfe und bei den Hilfsaktionen der NSV. Dariber hinaus legt jede Gemeinde Wert darauf, als besonders" nachwuchsfreundlich" zu gelten. Wir greifen nur einige Beispiele heraus: Die Stadt Dessau hat allen kinderreichen Familien in stadteigenen Häusern die Dezembermiete 1937 erlassen. Es handelte sich um 145 Familien mit 783 Kindern. Die Stadt Moringen( Kreis Northeim) bernimmt für jedes 4. und weitere erbgesunde Kind die Ehrenpa tenschaft und gewährt: die Säuglingsausstattung, die Schulausrüstung bei der Einschulung, HJ- oder BdM- Ausrüstung bei der Schulentlassung. Die Stadt Bernburg gibt vom 4. Kind an als Patengabe 30, RM, unabhängig von der sozialen Stellung der Eltern. A 112 1. Welche Familien erhalten die Ermäßigung? Familien mit wenigstens vier leiblichen Kindern, die das 21. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Auch wird die Ermäßigung neben den Eltern nur diesen Kindern, nicht etwa noch vorhandenen älteren Kindern gewährt. 2. Werden auch Kinder berücksichtigt, die nicht Kinder beider Elternteile sind? Ja, auch Kinder eines Elternteils aus einer früheren Ehe sowie uneheliche Kinder werden mitgezählt, dagegen nicht Adoptivund Pflegekinder. 3. Werden auch Kinder einbezogen, die nicht bei ihren Eltern wohnen? Nur dann, wenn sie vorübergehend, z. B. zur weiteren Ausbildung vom Elternhaus abwesend sind, aber von den Eltern noch vollständig unterhalten werden. 4. Wie wird verfahren, wenn die Kinder verwaist sind? Leben die Kinder nach dem Tode der Eltern oder eines Elternteils gemeinsam im Haushalt von Großeltern oder Pflegeeltern, so treten diese an Stelle der Eltern. 5. Werden verheiratete Kinder mitgerechnet? Nein, verheiratete Kinder bleiben außer Betracht. 6. Ist es zur Erlangung der Ermäßigung erforderlich, daß alle berechtigten Familienangehörigen gemeinsam reisen? Nein. 7. Wieviel Familienangehörige müssen zusammen reisen? Mindestens zwei zur Inanspruchnahme der Ermäßigung berechtigte Angehörige der Familie, und zwar Eltern( oder ein Elternteil) mit Kindern oder Eltern allein oder Kinder allein. Die in einem Antrag( vgl. Ziff. 16) angeführten Personen müssen ggf. auch bei der Rückfahrt gemeinsam reisen. 8. Wie errechnet sich der ermäßigte Fahrpreis? a) Die erste älteste Person, z. B. der Vater, zahlt den vollen Fahrpreis; b) jede weitere Person über 10 Jahre, z. B. die Mutter oder ein Kind über 10 Jahre, zahlt den halben Fahrpreis; c) 2 Kinder vom vollendeten 4, bis zum vollendeten 10. Jahre zahlen zusammen den halben Fahrpreis; bei einer ungeraden Zahl von Kindern in diesem Alter wird das dritte, fünfte usw. Kind frei befördert; d) reist ein einzelnes Kind vom vollendeten 4. bis zum vollendeten 10. Jahre mit Personen über 10 Jahre, so wird es frei befördert; e) reisen nur Kinder von 4 bis 10 Jahren, so zahlt das erste Kind den halben Preis; von den übrigen Kindern zahlen zwei zusammen den halben Preis, ein einzelnes Kind ist frei. 9. Auf welche Fahrkarten wird die Ermäßigung gewährt? Auf Fahrkarten zum gewöhnlichen Fahrpreis, Sonntagsrückfahrkarten, Urlaubskarten( auch Ostpreußenrückfahrkarten) und Feriensonderzugkarten. 10. Für welche Wagenklassen wird die Ermäßigung gewährt? Für die 3., 2. und 1. Klasse, jedoch müssen alle Teilnehmer dieselbe Wagenklasse benutzen. A 113 Die Sparkasse von Hannover hat den kinderreichen Hypothekenschuldnern den Hypotheken- Zinsfuss von 4 1/2 auf 4% ermässigt. Der Erfolg dieser vielfältigen Bemühungen ist bescheiden. Zweifellos ist die Zahl der Eheschliessungen und der Geburten nach 1933 beträchtlich gestiegen. Aber die Ursache dieser Steigerung ist in erster Linie in der Ueberwindung der Arbeitslosigkeit zu suchen. In der Zeit der Krise hatte sich eine grosse Zahl von jungen Leuten aufgestaut, die zwar bereit, aber wirtschaftlich nicht in der Lage waren, eine Ehe einzugehen. Diesen Umstand konnte sich die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik zunutze machen, und daher in den ersten Jahren nach 1933 beträchtliche Erfolge aufweisen. Seit aber die Krisenwirkungen auf diesem Gebiet überwunden sind, lassen auch die Erfolge der bevölkerungspolitischen Massnahmen nach. Die amtliche Statistik bietet folgendes Bild:( Für 1929 und 1933 alle Zahlen ohne Saargebiet; ausserdem sämtliche Zahlen ohne Oesterreich.) Zahl der Eheschliessungen 1929 1933 1934 1935 1936 1937 589.618 631.152 740.165 651.435 609.631 618.971 Die Geburtenziffern haben nach 1933 zunächst sprunghaft, dann erheblich langsamer zugenommen. 1937 sind sie wieder auf den Stand unter 1935 zurückgegangen. Auf 1.000 Einwohner entfielen Lebend geborene: 1929 1933. 1934, 1935, 1936 1932 18,8 17,9 14,7 18,0 18,9 19,0 Die Zahl der Erstgeborenen hat sich folgendermassen entwickelt: A 114 1933 302.000 1934 444.275 1935 428.209 1936 462.949 1937 451.209 Am 27. Februar 1938 stellte der Direktor im Statistischen Reichsamt Burgdörfer, Berlin, in einem Vortrag vor den NS- Dozenten fest, dass noch 11%" an der zur blossen Bestandserhaltung erforderlichen Gebärleistung fehlen". Da die Berichte, die uns vorliegen, z.T. erstattet worden sind, ehe die Wirkung der erhöhten Beihilfen in vollem Umfang sichtbar.war, geben sie ein etwas unzulängliches Bild. Wir greifen deshalb nur einige wenige Aeusserungen heraus und werden in einiger Zeit auf diese Frage zurückkommen. Bayern: Die Arbeiter der Z.' schen Fabrik wurden bei der Betriebsleitung vorstellig und erklärten, Arbeiter mit wenig Kindern bekämen in diesem Werk die besten Arbeitsplätze. Nach den Worten von Goebbels solle das doch anders sein. Der Ingenieur sagte:" Bestellen Sie Goebbels, dass wir in unserem Betrieb machen, was wir wollen". Eine Beschwerde an den Bund der Kinderreichen blieb erfolglos. Der Vertreter des Bundes erklärte, die Bestimmungen seien so, dass für den Unternehmer immer genug Hintertüren offen bleiben. Sachsen: Die Vergünstigungen für die Kinderreichen werden in unserer Stadt im allgemeinen nicht schlecht beurteilt, wenn es auch Viele gibt, die offen aussprechen, dass sie lieber mehr Steuern zahlen, anstatt sich vier und mehr Kinder anzuschaffen. Die Kinderreichen werden in der Arbeitsvermittlung bevorzugt behandelt, haben geringe Steuerabzüge und erhalten vom WHW mehr als die Anderen. In den Staats- und auch in den hiesigen Gemeindebetrieben erhalten ausserdem die Arbeiter pro Kind 4 Pfg. in der Stunde mehr. Von einer einseitigen und bevorzugten Behandlung von Parteimitgliedern kann hierbei nicht gesprochen werden. Die Vergünstigung wird allen gewährt. Schlesien, 1.Bericht: In einem Gasthaus unterhielten sich einige Arbeiter über die Vergünstigungen für Kinderreiche. Zuzugeben sei, dass für die Kinderreichen seit A 115 1933 einige Verbesserungen geschaffen worden sind. Der Kinderreiche werde heute mehr unterstützt als früher. Bei den niedrigen Löhnen sei er jedoch trotz dieser Vergiinstigungen nicht besser daran als früher bei höherem Lohn. Die Vergünstigungen seien nur ein Teilersatz für die Lasten, die dem deutschen Arbeiter aufgebürdet werden. Wer sich weniger Kinder anschaffe, stehe sich noch immer besser als die Kinderreichen. 2. Bericht: Im Land bezirk X. sind an die Kinderreichen wieder Unterstützungen gezahlt worden. Letzthin hat ein Bekannter unseres Berichterstatters einmalig 600,- RM bekommen. Der Mann hat vier Kinder. Diese Unterstützung wurde an keinerlei politische Voraussetzung geknüpft. Es ist unvermeidlich, dass die aufgezählten Vergünstigungen auch solche Menschen zur Gründung einer kinderreichen Familie anregen, die weder fähig noch gewillt sind, die Kinder ordentlich aufzuziehen. Das Gespenst der" asozialen Grossfamilie" taucht immer häufiger in den bevölkerungspolitischen Betrachtungen nationalsozialistischer Rassetheoretiker auf. Wir zitieren einen Artikel von Dr. Wolfgang Knorr, Leiter des Rassepolitischen Amtes Sachsen, aus" Der Oeffentliche Gesundheitsdienst" vom 20. 11. 1937: " Die Gründung der aoszialen Gross familie geschieht durchweg in einem Alter des Mannes zwischen 20 und 25 Jahren, nachdem bereits ein oder mehrere uneheliche Kinder vorhanden sind. In diesem Falle pflegt der Herr Papa dann zu erklären, die Fürsorgesätze lägen günstiger, wenn man nunmehr eine offizielle Familie grinde, worauf dieses dann geschieht und die weitere Kinderproduktion legalisiert ist. Die für uns wichtigste Frage ist nun die, welche im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses aufgeführten Krankheiten uns die Möglichkeit des Eingreifens geben. Die beiden Gruppen der Psychosen haben eine Fortpflanzungsziffer, die nicht ber der Durchschnittszahl des deutschen Volkes liegt. Wir treffen innerhalb der asozialen Grossfamilien auf weniger Schizophrene als im Durchschnitt der Bevölkerung, die manisch Depressiven innerhalb der asozialen Grossfamilien entsprechen etwa zahlenmässig ihrem sonstigen Vorkommen. Die körperliche Missbildungen, erbliche Blindheit und Taubheit spielen ebenso wie Epilepsie innerhalb der asozialen Grossfamilie eine ganz geringe Rolle. Selbst der Nach A 116 weis des chronischen Alkoholismus kann innerhalb der asozialen Grossfamilie relativ selten geführt werden. Die Gemeinschaftsunfähigen gelten nach rein medizinischer Auffassung als erbgesund, werden in ihrer Fortpflanzung in keiner Weise behindert und überschwemmen das Volk in Zukunft mit ihrer unbrauchbaren Nachkommenschaft. Bei der Trennung der Familien mit hoher Kinderzahl in erbtaugliche, also wirklich kinderreiche Familien und asoziale Grossfamilien ist mit rein medizinischen Gesichtspunkten nicht auszukommen. Ein grosser Teil des asozialen Untermenschentums ernährt sich einfach durch Kinderproduktion. Wer sich einmal genau mit der Mentalität dieser Leute beschäftigt hat, merkt, wie allein schon die jährlich zu erwartende Geburtshilfe der Krankenkasse im" Etat" eingerechnet wird. Dadurch, dass diese Leute sich von vornherein darauf einstellen, dass die Gesamtheit ihnen die Hauptlast für die Kinder abnimmt, sie andererseits aber durch ihre grosse Kinderzahl eine Summe von Vergünstigungen erhalten, werden diese Leute systematisch zum Kinderkriegen angehalten". Die nachstehenden zwei Berichte aus Sachsen machen ebenfalls auf diese unerwünschten Folgen der übersteigerten Bevölkerungspolitik aufmerksam: 1.Bericht: Die bevölkerungspolitischen Massnahmen haben auch noch andere Folgen. Es wird dadurch eine Art Lumpenproletariat erzogen. Die Männer setzen bedenkenlos Kinder in die Welt. Sie erhalten ja dafür erhebliche Zuwendungen vom Staat und brauchen nicht so eifrig nach Arbeit zu rennen. Die Mütter sind die Leid tragenden und klagen am meisten. 2.Bericht: Eine regelrechte Massenaufzucht weissen die SA- Siedlungen auf. Die Männer machen sich keinerlei Sorgen, was aus den Kindern werden soll. Die Kindesmutter ist bei Beginn der Menschenzucht 18 bis 20 Jahre alt und ihr ist wahrlich kein beneidenswertes Los beschieden. Die Nationalsozialisten suchen sich gegen diese Wirkung ihrer Bevölkerungspolitik zu schützen, indem sie" rassische Auslese" treiben, und glauben- über die rein mediziischen Feststellungen hinaus- der geistigen Beurteilung ladurch Genige zu tun, dass sie auf den Fragebogen u.a. A 117 die Schulzensuren der Kinder aufzählen lassen. In Wahrheit spielen natürlich bei der Auswahl der" hochwertigen" Familien politische Gesichtspunkte eine grosse Rolle. Es gibt z. B. eine grosse Anzahl kinderreicher SA- Leute, zur Kindererziehung nicht qualifiziert sind und doch ihrer nationalsozialistischen Gesinnung wegen gefördert werden missen. die Als ein Auslese- Institut fungiert in erster Linie der " Reichsbund der Kinderreichen e.V."( R.d.K.), der sehr strenge Aufnahmebedingungen hat. Von der Mitgliedschaft in diesem Bund hängt die Gewährung eines grossen Teils der oben aufgezählten Vergünstigungen ab. Der R.d.K., der 1933 ca. 40.000 Mitglieder hatte, umfasst heute etwa 300.000 Familien. 80.000 wurden seit 1933 ausgeschlossen, weil sie die" Bedingungen der Blutauslesegemeinschaft" nicht erfüllten; nämlich: Erbgesundheit der Sippe, Kinderreichtum, der " im Sinne der Volksfamilie wirklich wertvoll für die Nation ist", geordnete Verhältnisse. Bevorzugten Mitgliedern des" Reichsbundes der Kinderreichen" wird das" Ehrenbuch der Kinderreichen" verliehen, mit dem vielerlei Vorteile verbunden sind. Der Antragbogen verlangt u.a. die Beantwortung folgender Fragen: War der Vater Frontkämpfer?- Ist er Mitglied der NSDAP?- Wo und wie hat er sich politisch betätigt? Dem Antrag sind beizufügen die letzten Schulzeugnisse der Kinder in amtlich beglaubigter Abschrift, eine Ahnentafel, ein polizeiliches und politisches Führungszeugnis usw. Bei der" erbgesundheitlichen Auslese", über deren zweifel. haften Wert u. a. der oben zitierte Artikel des rassepolitischen Amtsleiters Auskunft gibt, werden strenge und zum Teil unsinnige Masstäbe angelegt. Das beginnt bei der Eheschliessung, die unabhängig von der etwaigen Beantragung eines Ehedarlehens-. vom medizinischen Standpunkt aus scharf kontrolliert wird. A 118 Berlin: Der Erbgesundheitsfimmel artet immer mehr aus. Ein mir bekannter junger Mann wollte sich verheiraten. Er und das Mädchen wurden bei der Untersuchung als kerngesund bezeichnet. Das Gesundheitsamt fand jedoch heraus, dass eine seiner Schwestern tuberkulos gewesen war. Das gab für ihn eine Unmenge von Laufereien, Scherereien, Untersuchungen und Rückfragen. Zwar ist die Ehe am Ende genehmigt worden, aber der Spass hat ihn mindestens 50 RM gekostet. Sachsen: Hier in H. ist es schon einige Male vorgekommen, dass junge Leute, die kurz vor ihrer Trauung standen, benachrichtigt wurden, dass sie sich erst noch einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen hätten.Bei einigen hat es genügt, sich vom Bezirksarzt im benachbarten X. untersuchen zu lassen, andere wieder mussten nach der Stadt Y. fahren. In einem Falle musste die Hochzeit verschoben werden. Obgleich der junge Mann in X. und Y. als gesund erklärt worden war, musste er sich erneut untersuchen lassen, diesmal in Z. Da man weiss, dass viele andere heiraten können, ohne ärztliche Untersuchungen durchmachen zu müssen, steht es für uns alle fest, dass sich diese Massregel nur gegen Leute richtet, die politisch verdächtig sind. Bei der Untersuchung werden-wohl für" wissenschaftliche", d. h. rassekundige Zwecke auch drei Photoaufnahmen gemacht, und zwar von vorn und von beiden Seiten. Auch die Frauen entgehen dem nicht. Eigentümlich ist es, dass man die jungen Leute erst alle Ausgaben machen lässt, die zur Gründung eines Heims gehören, und erst drei Tage vor der Trauung solche Untersuchungen anberaumt. Diese Untersuchungen muss übrigens der Ehekandidat selbst bezahlen. In einem Fall betrugen die Kosten für die Aerzte 26,- RM. Entsprechend streng-und ungerecht- sind die Bedingungen bei der Ausle se der" erbgesunden" kinderreichen Familien: Sachsen: Für die Begünstigung kinderreichen Familien gelten sehr strenge Regeln. Ist in einer kinderreichen Familie z. B. ein Kind, das in eine Erziehungsanstalt gegeben werden muss, wird oft der gesamte Nachwuchs als nicht erbges und bezeichnet und alle Zuwendungen werden eingestellt. So ist es kürzlich einer Familie gegangen, in der 11 Kinder aufwachsen. Dass bei einer solchen Kinderschar die Erziehung und Fürsorge durch die Eltern nicht so gründlich und individuell sein kann, wie ge A 119 w" nscht wird, liegt klar zu Tage. Ein lo- jähriger Bub war nun ein ziemlich ungeratenes Kind und musste durch die Jugendfürsorge in eine Erziehungsanstalt gebracht werden. Ein 7- jähriges Mädel kam in ein Bettnässerheim. Der Vater dieser Familie, der nicht viel verdiente, bekam zuvor für sechs Kinder je 10 RM im Monat, ausserdem noch Zuwendungen an Kleidungsstücken, Lebensmitteln usw. Ueberdies wurden im Laufe des Jahres noch ein oder zweimal grössere Geschenke an Bargeld gegeben. Dadurch, dass nun zwei Kinder in Anstalten untergebracht werden mussten, wurde der gesamte Nachwuchs für nicht erbgesund erklärt und alle Zuwendungen wurden eingestellt. Die vielköpfige Familie befindet sich nun bei dem geringen Verdienst des Vaters in Not und Elend. Durch dieses Ausleseverfahren bildet sich neben dem Kreis der Auserwählten und mit reichlichen Geldmitteln Verwöhnten eine grosse Schar Ausgestossener, die rasch ins Elend absinken. Die als eheuntauglich an der Heirat verhinderten Paare pflegen in ausserehelicher Verbindung zu leben. Das bringt ein Anwachsen der unehelichen Geburten mit sich. Auf diese" unerwünschten" Kinder legt aber der deutsche Staat keinen Wert. Viele Gemeinden haben in den letzten Jahren die Pflegegeldsätze gekürzt, ja des öfteren die Zahlung ganz eingestellt. Rechtlich ist eine Besserstellung des unehelichen Kindes trotz mehrfacher Ankündigung noch nicht erfolgt. Die missliche Lage der unehelichen Mütter und Kinder führt zu vermehrter Abtreibung. Rheinland- Westfalen: Es vergeht in unserer kleinen Stadt keine Woche, in der nicht ein Mädbhen oder eine Frau wegen Abtreibung verhaftet wird. Trotz der harten Strafen. Im Krankenhaus liegen immer einige Dutzend Mädbhen und Frauen wegen der Folgen von Abtreibungen. Die Behandlung im Krankenhaus ist so brutal, dass sie ein gesitteter Mensch nicht begreifen kann. Die Patientin kann sich in den furchtbarsten Schmerzen winden, ehe sie nicht gesagt hat, wie sie die Abtreibung vornahm, wer ihr dabei half usw., bekommt sie weder von der Schwester noch von dem Arzt Hilfe. Es gibt einige Fälle, in denen die Patientinnen lieber gestorben sind, als die Umstände bei der Abtreibung zu verraten. Man A 120 hat sie kaltherzig sterben lassen. Die meisten sagen natürlich, wie der Hergang war- und dann geht es wieder mit Verhaftungen los. Die Folgen davon sind Selbstmorde von Angehörigen, die eine Verhaftung befürchten. Eine andere Folge der bevölkerungspolitischen Massnahmen im Dritten Reich ist die Jagd nach Alimentenzahlern. Da stellt sich dann oft heraus, dass der Vater ein verheirateter fremder Arbeiter ist, der zuhause selbst Frau und fünf Kinder hat. Die Alimente sind meistens sehr gering, weil die soziale Lage des Vaters schlecht ist und die Eltern der jungen Mutter haben dann die " Freude" eines zusätzlichen Kindes. Wie oft können wir heute hören, dass es" damals", als wir die Jugend- Erziehung und-Pflege in Händen hatten, trotz aller Freiheit doch eine ganz andere Jugend, voller Frische und voller Anständigkeit gegeben habe. Die Zahl der Menschen, die erkennen, dass die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik allein auf den Zweck der Volksvermehrung und nicht auf den Menschen gerichtet ist, nimmt zu. Sachsen: Wie aus Dresden berichtet wird, herrscht auf dem Heiratsmarkt Baisse. Die Ehestandsdarlehen sind keine Lockmittel mehr. Ein Möbelhändler der 1936 81 Ausstattungen gegen die üblichen Gutscheine liefern konnte, lieferte 1937 nur 33. Er fragte bei seinen Kollegen nach und sie berichteten von einem ähnlichen Rickgang. Auch die Geburtenzahl geht wieder zurück. In einem Dresdner Distrikt meldeten von 320 im Jahre 1934 getrauten Paaren im ersten Jahr der Ehe 180 die Geburt eines Kinder. Die übrigen 140 Reare waren auch im zweiten Unter den" Kinderund dritten Jahr der Ehe kinderlos. freudigen" befindet sich ein hoher Prozentsatz von Angestellten und Beamten. Sie stehen häufig unter Druck. Die Vorgesetzten versuchen ihnen beizubringen, dass durch die Kinderaufzucht nicht nur eine staatliche Pflicht erfüllt wird, sondern auch grössere Beförderungschancen gegeben sind. Es gibt auch bereits in zunehmendem Masse Anklagen gegen dieses System. Nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern auch in den bürgerlichen Familien sieht man die Sinnlosigkeit der Kinderfabrikation ein. In den ersten Jahren des Hitler- Regimes bemühten sich wirklich eine grosse. Anzahl von Familien aus Mittelstand und Arbeiterschaft, den Goebbelschen Anweisungen Folge zu leisten. Dafür A 121 ist der Kinder zuwachs in Siedlungen, die von früheren " Linken" bewohnt werden, ein sinnfälliger Beweis. Die Entfremung der Kinder von den Eltern, die durch die Erziehungsmethoden in Schule und HJ erzwungen wird, belehrt aber viele darüber, welchen Zielen die starke Kinderaufzucht dienen soll. Wenn auch nicht bestritten werden kann, dass für die kinderreichen Familien, namentlich für die Arbeiterfamilien, viele Erleichterungen und Begünstigungen geschaffen worden sind, so wird die Kehrseite solchen Familienlebens immer mehr sichtbar. Trotz aller Zuschüsse und Erleichterungen bedeutet jedes hinzukommende Kind eine Verschlechterung des Lebensstandards der Familie. B- 1Te i 1 B ( Abgeschlossen am 26. Juli 1938) Deutschland und Polen =: I. Der Drang nach dem Osten Im aussenpolitischen Schrifttum des Nationalsozialismus sind in den letzten Monaten wieder Fragen des europäischen Ostens merklich in den Vordergrund gerückt. Ihrer Intensität und ihrem Umfang nach rangiert diese publizistische Beschäftigung mit den Ländern des Ostens zur Zeit hinter den Südostfragen mit Einschluss der Kampagne gegen die Tschechoslowakei, an zweiter Stelle, und eine solche Rangordnung in der Publizistik entspricht auch durchaus dem aussenpolitischen Programm der führenden Schichten des Dritten Reiches. Ihrem Charakter nach ist die neue deutsche Ostpropaganda das getreue Spiegelbild des gleichen Feldzuges im Südosten, sie zeigt im allgemeinen aber noch nicht die gleiche Aggressivität wie dort und ist vor allem noch nicht mit den gleichen politischen Aktionen verbunden, die im Südosten heute die deutsche Aussenpolitik kennzeichnen. Im ganzen gesehen, haben wir es bei der Ostpropaganda noch mit einer vorbereitenden Aktion zu tun, die das Gelände auflockern und manchmal erst sondieren soll. Es hiesse aber Eulen nach Athen tragen, wollte man erst zu beweisen versuchen, dass der neudeutsche Imperialismus den Vorstoss auch nach dem Osten tatsächlich vorbereitet. Das Wort vom deutschen" Drang nach dem Osten" und von der " Sehnsucht nach den ukrainischen Getreidefeldern und den Rohstofflagern im Uralgebirge" ist nicht nur ein Begriff, der mittlerweile jedem politisch interessierten Europäer B- 2wieder absolut geläufig geworden ist, es kennzeichnet auch eine politische Bewegung, deren Gefahren für das europäische Gleichgewicht und für den Frieden sich bereits oft genug am Horizont abgezeichnet haben. Der Zeitpunkt, in dem dieser" Drang" zur Offensive werden soll, lässt sich zwar heute nicht bestimmen, seine Wahl durch die politischen Faktoren des Dritten Reiches hängt in erster Linie von dem Ablauf der von ihnen heraufbeschworenen mitteleuropäischen Krise ab, deren Ausgang auch die Erfolgs chancen dieses zweiten Unternehmens in hohem Masse bestimmen wird. Der Weg des nationalsozialistischen Imperialismus nach der Ukraine und nach dem Ural ist zunächst aber ebenso durch andere Staaten verbaut wie der Weg nach Konstantinopel. Bildet hier die Tschechoslowakei eine geographische und politische Barriere, so kann der" Drang nach dem Osten' von den der Sowjet- Union vorgelagerten Staaten, in allererster Linie von Polen, gesperrt werden. Oder soll man annehmen, dass Hitler es im Osten von vornherein mit Vasallenstaaten zu tun haben wird, wenn er sich diesem Unternehmen zuwendet? Die Haltung Polens zu Hitler- Deutschland ist in den letzten 5 Jahren sehr oft diskutiert worden und hat bisher grössere Rätsel aufgegeben als die aller brigen europäischen Staaten mit Ausnahme Italiens. Polen aber hat eine Schlüsselstellung inne. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Haltung Polens in hohem Masse entscheidend sein wird auch für die Orientierung der baltischen Staaten und Rumäniens, gewiss auch von Einfluss auf die Haltung Finnlands und auf die Neutralitätspolitik Schwedens. Das Verhältnis Deutschlands zu Polen berührt alle diese Staaten in hervorragender Weise, es ist mit entscheidend für ihr eigenes Schicksal, für die Regelung des Ostsee- Regimes, für die Gestaltung der Machtverhältnis B- 3se am Schwarzen Meer, für die Entwicklung des fiir alle diese Staaten sehr ernst zu wertenden deutsch- russischen Gegensatzes und für die Frage eines eventuellen Funktion nierens des tschechoslowakisch- russischen Beistandspaktes. II. Die deutsch- polnische Minderheitenfrage Betrachtet man die derzeitigen deutsch- polnischen Beziehungen, so muss man von dem bekannten deutsch- polnischen Zehnjahresvertrag vom 26. Januar 1934 ausgehen. Man findet ferner einen geregelten zwischenstaatlichen Wirtschaftsverkehr, auffallende Gemeinsamkeiten in der Haltung gegenüber der Tschechoslowakei, aber auch jene immer wiederkehrenden Kontroversen in der Danziger Frage, gewisse Gegensätzlichkeiten in der Memelfrage, und vor allem ein Wiederaufleben der Polemik in der Frage der Behandlung der beiderseitigen Minderheiten, mit der eine erhöhte Aktivität dieser Minderheiten selbst einhergeht. Seit etwa Mitte März dieses Jahres hat die deutsche nationalsozialistische Presse im Reich und in Polen eine neuerliche heftige Kampagne gegen die Behandlung der deutschen Minderheit in Polen geführt. Die von der Regierung unabhängige polnische Presse hat ihrerseits seit langem ähnliche Beschwerden über die Behandlung der polnischen Minderheit in Deutschland geltend gemacht, und in jüngster Zeit beteiligt sich an diesen Klagen selbst die polnische Regierungspresse. Es ist bezeichnend, dass diese Polemiken, die sehr heftig sind, erst verhältnismässig kurze Zeit nach dem Abschluss der deutsch- polnischen Minderheitenvereinbarung vom 5. November 1937 eingesetzt haben, jener Vereinbarung, die bei ihrem Zustandekommen von beiden Seiten, namentlich aber in der reichsdeutschen Presse, als eine dauernde und befriedigende Regelung gefeiert worden war. Diese Minderheitenvereinbarung nahm ausdrücklich Bezug auf den deutsch- polni B- 4schen Zehnjahresvertrag von 1934 und sollte-liest man die Verlautbarungen ihrer Initiatoren- die Krönung dieses politischen Vertragswerks sein. Am 6. Juni d. Jhrs. hat jedoch der Polenbund, die anerkannte Vertretung der in Deutschland lebenden polnischen Volksgruppe, dem deutschen Reichsinnenminister eine offizielle Beschwerdeschrift berreicht, in der darüber Klage geführt wird, dass die Vereinbarungen vom 5. November 1937 von den deutschen Behörden nicht eingehalten worden seien. Anlässlich der Zuspitzung des deutsch- tschechoslowakischen Konfliktes hat die Welt die Aufgabe kennengelernt, die der Nationalsozialismus der in der Tschechoslowakei lebenden deutschen Minderheit zudiktiert hat, nämlich seinen imperialistischen Tendenzen zum Erfolg zu verhelfen. Ganz abgesehen von der Frage, ob die deutschen Beschwerden in der Tschechoslowakei Berechtigung haben oder nicht, ist es niemand verborgen geblieben, dass diese Beschwerden nur Vorwände für aggressive politische Zielsetzungen sind. Eine ähnliche Rolle haben die deutschen Minderheiten in Ungarn, Jugoslawien und Rumänien, in Belgien, Dänemark und Elsass- Lothringen, in Memel und im Baltikum zu spielen. Es kümmert die deutsche Aussenpolitik nicht, dass ihre Beschwerden gerade in der Tschechoslowakei am wenigsten berechtigt sind. Sie kann andererseits sehr leicht die brutale Unterdrückung der südtiroler Deutschen in Italien verschmerzen, wenn ihre imperialistischen Absichten das als geboten erscheinen lassen. Nicht weniger hat sie sich jahrelang mit der Lage der Deutschen in Polen abgefunden, die zum mindesten weit schwieriger ist als die der Sudetendeutschen. Wenn die von der Regierung dirigierte deutsche Presse heute besonders heftige Angriffe gegen des Minderheitenregime in Polen führt, so werden die Gründe defir zum mindesten nicht allein in der Lage und in den B- 5Wünschen der in Polen lebenden Deutschen, sondem mit grösster Wahrscheinlichkeit vor allem in einem Wiederaufleben der alten aussenpolitischen Zielsetzungen Deutschlands im Osten zu suchen sein. Nichtsdestoweniger soll hier noch kurz von der Lage der Deutschen in Polen gesprochen werden. Die deutsche Minderheit in Polen zählt, nach den Angaben der offiziellen polnischen Statistik, etwa 3/4 Millionen Seelen bei einer Gesamtbevölkerung Polens von 33 Millionen: nach deutschen Angaben gibt es in Polen eine Million Deutsche. Nirgends bilden die Deutschen ein leicht abzugrenzendes Siedlungsgebiet, in dem sie die Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Sie wohnen in ihrer grossen Masse in Oberschlesien, also in der früheren preussischen Provinz Schlesien und im früheren österreichischen Kronland gleichen Namens, in Pommerellen und Grosspolen, also auf dem Gebiet der früheren preussischen Provinzen Westpreussen und Posen, ferner in der kongresspolnischen Industriestadt Lodź und vereinzelt als Bauern im ganzen Lande verstreut, hauptsächlich in der Umgebung Warschaus, in Wolhynien und in Kleinpolen, dem früheren österreichischen Kronland Galizien. Ihrer sozialen Schichtung nach gehören die Deutschen in Oberschlesien und Lodź in der Mehrheit der Arbeiterschaft, in allen übrigen Teilen Polens dem Bürger, Kleinbürgertum und der Bauernschaft an. Sie sind in Oberschlesien zum grossen Teil römisch- katholisch, in den" brigen Teilen des Landes fast ausschliesslich evengelischer Konfession. Die Klagen der Deutschen in Polen betreffen im wesentlichen folgende Punkte: Man klagt über eine zu geringe Anzahl und" ber unbegründete behördliche Schliessungen deutscher Schulen, ebenso ber unzureichende Lehrkräfte, ferner dar ber, dass auf deutsche Eltern ein Zwang ausgeübt B- 6werde, ihre Kinder in polnische Schulen zu schicken. Man klagt über ungerechtfertigte Entlassungen deutscher Arbeiter in polnischen Betrieben und macht daffir die polnischen Behörden verantwortlich. Nach deutschen Angaben sind im Jahre 1937 trotz verhältnissmässig guter Beschäftigung der Industrie 80% aller in Oberschlesien lebenden deutschen Arbeiter und Angestellten erwerbslos gewesen, seitdem habe sich die Lage noch verschlechtert. Man beschwert sich über Boykottaktionen polnischer vom Staat unterstützter Verbände gegen die deutschen Gewerbetreibenden namentlich in Pommerellen. Man erklärt, dass die polnische Agrarreform vorwiegend dazu diene, namentlich in Polen den deutschen Grundbesitz zu verringern und führt zum Beweis an, dass im Jahre 1938 beispielsweise in Westpolen 22.000 Hektar deutscher Grundbesitz gegenüber 13.000 Hektar polnischen Grundbesitzes zur Enteignung kommen solle. ( Dabei vergisst man-um nur diesen Fall anzuführen- gern, darauf hinzuweisen, dass der deutsche Grossgrundbesitz in diesem Gebiet unverhältnismässig stark ist.) Schliesslich beschwert man sich über die Anwendung des polnischen Grenzzonengesetzes, die dazu dienen solle, die wirtschaftliche Basis der Deutschen in den Grenzgebieten zu vernichten. Zahlreiche Beschwerden werden ferner über eine Polonisierung der evangelischen Kirche in Polen und über Behinderungen des deutschen Organisationslebens durch die polnischen Behörden vorgetragen. Wie in den übrigen Ländern Europas ist die deutsche Minderheit in Polen in ihrer übergrossen Mehrheit seit 1933 gleichgeschaltet worden. Erfolgreichen Widerstand gegen diese Gleichschaltung haben nur Teile der deutschen Arbeiterschaft in Lodź und in Oberschlesien geleistet, die der deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Polens unter Führung des Textilarbeiterführers Zerbe treu geblieben B- 7sind, und ausserdem katholische Kreise des deutschen katholischen Volksbundes in Oberschlesien unter Führung von Professor Pant. Die gleichgeschalteten Deutschen sind bis jetzt in sich uneinig. Sie sind in ihrer Mehrheit in der" Deutschen Vereinigung" zusammengeschlossen, die unter Führung des gleichgeschalteten Senators Hasbach steht, in ihrer Minderheit in der" Jungdeutschen Partei", die von dem nationalsozialistischen Senator Wiesner geführt wird. Die Deutsche Vereinigung führt ihr organisatorisches Leben im wesentlichen in Nordpolen, die Jungdeutsche Partei in Schlesien. Senator Hasbach hat am 5.Mai d.Jhrs. dem polnischen Ministerpräsidenten General Slawoj- Skladkowski die Mitteilung von dem Plan des Rats der Deutschen in Polen( Deutsche Vereinigung) gemacht, fir das gesamte Staatsgebiet eine einheitliche Organisation, selbstverständlich nationalsozialistischen Charakters, zu schaffen. Ob dieser Plan gelingt, hängt in erster Linie von der Frage ab, ob die beiden Naziführer sich einigen. Das letzte Wort hierber wird freilich im Reich gesprochen werden, von wo aus man den einen oder anderen der beiden Führer im Falle seiner Widerspenstigkeit durch Verweigerung der laufenden finanziellen Zuschüsse auf die Knie zwingen dürfte. Eine Reise, die der Gauleiter der NSDAP in Danzig, Forster, im Mai d. Jhrs. durch Polen machte, diente offensichtlich der Klärung der Frage der Vereinheitlichung der beiden Nazigruppen in Polen. Ein Ergebnis seiner Bemühungen ist bisher nicht bekannt geworden. Die Naziorganisationen in Polen geniessen verhältnismässig grosse politische Freiheiten. Die Agitation für den Nationalsozialismus unter der deutschen Bevölkerung geht durch die verschiedensten Kanäle," legal" durch die deutsche Presse in Polen, die bis auf ein sozialdemokra B- 8tisches und zwei katholische Blätter völlig gleichgeschaltet ist, und sich kaum von der reichsdeutschen Nazipresse unterscheidet, ferner durch Versammlungen und sogenannte Volksfeste und nicht zuletzt durch wirtschaftlichen Druck, der durch die deutschen Arbeitgeber, durch Kreditkassen fir Gewerbetreibende und durch die Landwirtschaftlichen Genossenschaften leicht ausgeübt werden kann. Es gibt auch eine starke illegale nationalsozialistische Propaganda und Organisationstätigkeit, die für den Norden von Danzig aus, für den Süden von Deutsch- Oberschlesien geleitet wird. Sie dient der Zellenbildung von HJ, SA und SS, der Anschlusspropaganda und ähnlichen Dingen, die von der Tschechoslowakei her bekannt sind. Die polnischen Gerichte haben sich mit dieser illegalen Tätigkeit der Nazis in Polen oft beschäftigen müssen und bisweilen auch vertnismässig strenge Urteile gefällt. Sie haben aber die durch die illegale Propaganda systematisch erzeugte Unruhe und Irredenta- Stimmung im Deutschtum Polens erfolgreich nicht bekämpfen können. Diese Stimmung ist im Gegenteil im Wachsen und wird durch die angekündigte Vereinigung der beiden Nazigruppen, die auf eine neue Offensive des Nationalsozialismus in Polen hindeutet, besonders gefördert. Es muss darauf hingewiesen werden, dass ebenso stark wie die Propaganda auf die Deutschen in Polen die Binnenkonjunktur des Reichs wirkt. Der Zuzug deutscher Oberschlesier nach dem Reich ist ausserordentlich gross. III. Danzig, Korridor und Oberschlesien Wie gesagt, hat auch in Polen die deutsche gleichgeschaltete Minderheit die Rolle eines Vortrupps für den neudeutschen, Imperialismus zu spielen. Sie hat insbesondere ihre Tätigkeit so einzurichten, dass deren Wirkungen auf des polnische politische Leben ein Barometer darstellen, 3-9an dem man ablesen kann, auf welche Widerstände die deutschen Absichten stossen. Deutschland will daran ablesen, wie weit es gehen kann, ohne das deutsch- polnische Verhält nis unerträglich zu machen, was man solange nicht wünscht, wie das Engagement Deutschlands in Mitteleuropa und im S'idosten die wichtigsten Kräfte des Dritten Reiches absorbiert. Es gibt zwischen Deutschland und Polen jedoch viel stärkere Gegensätze als den Streit um die gegenseitige Behandlung der Minderheiten, und zwar unmittelbare Gegensätze zwischen den beiden Staaten selbst und Gegensätze in der europäischen Politik überhaupt. Unter den unmittelbaren Gegensätzen zwischen den beiden Staaten nehmen-ausser der Minderheitenfrage- die Danzigar Frage, das Korridorproblem und Oberschlesien die vordersten Plätze ein. Es handelt sich hier um Probleme, die durch die Grenzziehung von Versailles entstanden sind. Durch den Friedensvertrag wurde Westpreussen ausser der Umgegend der Städte Elbing, Marienburg, Marienwerder und Schneidemühl, ferner der ostpreussische Kreis Soldau, die Provinz Posen und der östliche Teil Oberschlesiens mit Kattowitz vom Reich abgetrennt und Polen zugeschlagen. Der Distrikt von Danzig wurde vom Reich abgetrennt und zur Freien Stadt erklärt, mit der Aufgabe, Polen als Hafen zu dienen. Damals war der nördliche Teil Westpreussens, heute Pommerellens, und der Distrikt von Bromberg in Posen, ferner Kattowitz und Bielitz( früher Oesterreichisch- Schlesien) in weit stärkerem Masse von Deutschen bewohnt als heute. Danzig hat eine fast ausschliesslich deutsche Bevölkerung bis zum heutigen Tage behalten. Anders steht es um die ibrigen Gebiete, aus denen nach Friedensschluss durch Option grosse Massen der deutschen Bevölkerung nach dem Reich abwanderten, und die starken polnischen Zuzug erhielten, so dass heute in allen diesen Gebieten eine verhältnis mässig starke polnische Mehrheit zu finden ist. Die unsichere Position Polens in der dem Schutz des Völkerbundes unterstellten Freien Stadt Danzig hat Polen frühzeitig veranlasst, an der ihm zugefallenen Ostseek'!- ste den Hafen Gdingen zu bauen, der heute einen der modernsten und grössten Häfen der Welt darstellt. Seine Umschlagziffern haben die Danzigs, Königsbergs, Stettins, Stockholms, Rigas und Kopenhagens HberflUgelt. Die seewärtige Ausfuhr_ und Einfuhr Polens geht heute bereits zu- mindestena 65% Hber Mingen und nur noch zu 35% Iber Danzig, wo Polen vertraglich festgelegte Hafenrechte und Teilnahme an der Hafenverwaltung geniesst. Trotz der dadurch herabgeminderten wirtschaftlichen Bedeutung Danzigs fiir Polen hat Polen jedoch niemals auf die Ausübung seiner Rechte in Danzig verzichtet, nicht nur weil es bei dem heutigen Stand des Hafens von Odingen Danzig wirtschaftlieh schwer entbehren könnte, sondern auch weil auf Dan- ziger Gebiet die Weichselmfindung liegt, Danzig in deutschen Händen. eine ständige militärische Bedrohung Gdingens darstellen wHrde und die nationalen Gefühle des polnischen Volkes aus historischen und politischen Gründen so stark an den polnischen Interessen in Danzig engagiert sind, dass eine Inbesitznahme Danzigs durch das Deutsche Reich -nicht mit Unrecht- als der strategische Verlust ganz Pommerellens gewertet wurde. Tatsächlich aber ist Danzig dem polnischen Einfluss seit 1933 immer mehr entrückt. Der Völkerbund als Garant der Danziger Verfassung hat nicht verhindert, dass die starke Danziger Sozialdemokratische Partei, das Zentrum und die Deutschnationale Partei(diese Oppositionsparteien erhielten noch bei den 1935 unter nationalsozialistischer Herrschaft durchgeführten Terror- wahlen 41% aller abgegebenen Stimmen) vernichtet und eine nationalsozialistische Diktatur nach reichsdeutschem Mu- B- 11ster gebildet worden ist. Dadurch ist auch Polen in Danzig derjenigen deutschen Kraft beraubt worden, die fir eine ehrliche wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem polnischen Hinterland eintraten. Polen selbst, das sich in Danzig heute nur noch auf seine vertraglichen Rechte und auf die schwache polnische Minderheit( 3% der Gesamtbevölkerung) stützen kann, hat diese Entwicklung nicht zu hindern gewagt, um die in dem Zehnjahresvertrag mit dem Reich hergestellte Verständigung nicht zu gefährden. Heute wird Danzig wie eine Provinz des Dritten Reiches verwaltet, seine Birger leisten Waffendienst in der deutschen Armee, die deutsche Reichsautobahnen führen über Danziger Gebiet, die Danziger Verwaltung wird grossenteils von Deutschland finanziert, die deutsche Kriegsindustrie beschäftigt die industriellen Unternehmungen in Danzig, und das Gebiet der Freien Stadt gehört-im Ernstfalle innerhalb weniger Stunden zu den strategischen Positionen des deutschen General- und Marinestabes. Der Danziger Bevölkerung wird von den Danziger Naziagitatoren von Monat zu Monat neu der Anschluss an das Reich prophezeit. Der polnische Korridor ist auch vor der Naziherrschaft im Reich von grossen Teilen des deutschen Volkes als die " offene Wunde" an den deutschen Ostgrenzen empfunden worden, weil er Ostpreussen vom Reich getrennt het. Die Bevölkerung in diesem Gebiete ist heute in ihrer überwiegenden Mehrheit polnisch und bewohnt einen der wirtschaftlich blhendsten Teile ganz Polens. Sie ist infolge der jahrzehntelangen Unterdr ckung durch die preussischen Behörden der am ausgeprägtesten antideutsch gesinnte Teil des polnischen Volks. Die wirtschaftliche Einheit Pommerel. lens, der" Korridor"-- Wojewodschaften, mit den übrigen Teilen des polnischen Staates ist vollständig hergestellt. Dazu ist das" Heiligtum" der polnischen Nation, der neu B- 12gebaute Hafen von Gdingen, die wirtschaftlich und militärisch am weitesten vorgeschobene Position Polens, im Korridor gelegen. Für den Ausbau des Hafens von Gdingen -Gdingen hat eine Bevölkerungsziffer von 120.000 Seelen gegenüber 300 im Jahre 1920- hat das gesamte polnische Volk seine ganze wirtschaftliche Kraft, seinen ganzen nationalen Enthusiasmus eingesetzt. In dem Zehnjahresvertrag mit Polen hat Hitler die deutsch- polnischen Grenzen anerkannt. Damit schien auch das Korridorproblem aus der internationalen Diskussion verschwinden zu sollen. Wer die Methoden der nationalsozialistischen Aussenpolitik kahnte, hat jedoch schon bei Abschluss dieses Vertrages nicht an die Aufrichtigkeit des deutschen Partners geglaubt. Dass er sich nicht geirrt hat, hat Hitler jüngst selbst bestätigt, als er bei seinem Einzug in Oesterreich gegenüber dem Korrespondenten des " Daily Mail", Ward Price, eine Erklärung abgab, in der es unter anderem hiess: " Ich bin Realist. Schauen Sie sich meine Beziehungen zu Polen an. Ich bin voll bereit zuzugestehen, dass Polen-ein Land von 33 Millionen Einwohnern- einen Ausgang zur See benötigt. Es ist bitter fir uns, dass dieser Zugang zur See auf Kosten eines Korridors durch deutsches Gebiet ermöglicht werden muss". Wie ernst diese Aeusserung in Polen gewertet worden ist, beweist die Tatsache, dass die amtliche Polnische Telegrafenagentur zwar dieses Hitler- Interview wiedergab, aber dabei den Satz von dem" Korridor durch deutsches Gebiet" unterdrückte.- Dabei haben auch die amtlichen deutschen Statistiken aus dem Jahre 1910 für die bei Kriegsschluss an Polen abgetretenen Gebiete des Korridors eine unzweifelhaft polnische Mehrheit ausgewiesen. Nach dieser Statistik umfasste die Bevölkerung in den später an Polen abgetreteDen Gebieten Westpreussens 528.000 Polen und 385.000 Deutsche, in den an Polen abgetretenen Gebieten Posens B- 131.273.000 Polen und 682.000 Deutsche. Ueber das Korridorproblem ist in der internationalen politischen, ökonomischen und völkerrechtlichen Literatur seit 1920 eine ungeheuere Fille von Veröffentlichungen, Untersuchungen und Streitschriften erschienen. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wollte man auf die dabei behandelte Problematik der Korridorfrage näher eingehen. Es sei nur darauf hingewiesen, dass es ausserordentlich schwer fällt, sich unter den heutigen Verhältnissen eine Lösung dieser Frage vorzustellen, die beide. Völker, Deutschland und Polen, befriedigen könnte. Es würde in diesem Zusammenhang auch zu weit führen, das durch die Entstehung des Korridors akut gewordene Problem Ostpreussen zu untersuchen. Oberschlesien, das nach der Volksabstimmung von 1920, die im ganzen eine Mehrheit für das Verbleiben dieses Gebietes beim Reich gebracht hatte, in Deutsch- und PolnischOberschlesien geteilt wurde, genoss bis zum Jahre 1937 eine autonome Verwaltung mit besonderen Sicherheitskautelen, die im Friedensvertrag von Versailles als" oberschlesische Konvention" festgelegt waren, und über die der Hohe Kommissar Colander zu wachen hatte. Im Jahre 1937 ist diese Konvention abgelaufen. Aber bereits früher hatte in Polnisch- Oberschlesien eine starke Polonisierung des gesamten öffentlichen Lebens Platz gegriffen, insbesondere seit der Macht übernahme durch die Nationalsozialisten im Reich. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Gebiet polnisch ist, ist die Nationalitätenfrage hier stets problematisch gewesen. Das oberschlesische Heimatgef" hl war bei gewissen Teilen der Bevölkerung bisweilen stärker ausgeprägt als das Zugehörigkeitsgefühl zur polnischen oder zur deutschen Nation. Die Agitation des deutschen Nationalsozialismus ist in Oberschlesien am aktivsten, ihre Er B- 14folge sind deshalb besonders gross, weil die zahlreichen deutschen Arbeitslosen leicht geneigt sind, den Versprechungen der Naziagitatoren Glauben zu schenken. Es ist auch bezeichnend, dass gerade hier die radikalere der beiden nationalsozialistischen Gruppen in Polen, die Jungdeutsche Partei, Fuss gefasst hat. IV. Der deutsch- polnische Zehnjahresvertrag Die Agitation der Nationalsozialisten hat sich vor Hitlers Machtergreifung stets mit besonderem Eifer der Danzig-, Korridor- und Oberschlesien- Frage angenommen und ein aggressives Vorgehen Deutschlands gegen Polen gefordert, um diese Fragen zugunsten Deutschlands zu" lösen". Der Gedanke eines Revanche- Krieges gegen Polen sollte durch diese Agitation und durch eine systematische Verächtlichmachung des polnischen Volkes und Staates im Deutschen Reich und in Danzig popularisiert werden. Als im Jahre 1933 die Nationalsozialisten im Reich zur Macht gelangten, herrschte deshalb in Polen stärkste Beunruhigung. In Polen entstand auch zuerst der Entschluss, Mittel zu suchen, die einen Bruch der Verträge durch das Hitlerregime rechtzeitig unmöglich machen könnten. Zum Zeichen der Bereitschaft Polens zur äussersten Gegenwehr verfügte Marschall Pilsudski in der Nacht, die den deutschen Reichstagswahlen vom 5. März 1933 folgte, die Verdoppelung der militärischen Besatzung, die auf der Halbinsel Westerplatte an der Mündung der Toten Weichsel in Danzig zum Schutze des dortigen polnischen Munitionshafens stationiert ist. Die polnische Regierung hat sich in jenen Tagen-das gilt auch heute als allgemein bekannt auch an den französischen Bundesgenossen gewandt, um die Frage eines präventiven Unternehmens gegen die Machtergreifung Hitlers gemeinsam zu prüfen. Es ist auch bekannt, dass Frankreich dieses Ersuchen Polens rundweg ab B- 15gelehnt hat. Kurze Zeit darauf begannen die Verhandlungen, zunächst zwischen dem nationalsozialistischen Senat in Danzig, dann zwischen Deutschland und Polen, die am 26. Januar 1934 zum Abschluss des deutsch- polnischen Zehnjahresvertrages führten, der die Lage in Osteuropa, wenigstens vorläufig, grundsätzlich änderte und den ersten entscheidenden Erfolg der nationalsozialistischen Aussenpolitik darstellte, die durch diesen Vertrag den Ring ihrer möglichen Gegner gesprengt hatte. Der deutsch- polnische Zehnjahresvertrag bedeutete auch für die Republik Polen und ihre Aussenpolitik einen einschneidenden Wandel. Handelte es sich doch bei ihm um eine bis dahin nie zustande gekommene formale Anerkennung der in Versailles gezogenen deutsch- polnischen Grenzen durch Deutschland, jener Grenzen, die in der internationalen Politik oft genug als eins der problematischsten Ergebnisse von Versailles betrachtet worden waren. Als der wichtigste Schutz der polnischen Westgrenzen gegen etwaige deutsche Angriffe wurde in Polen vor dem Zustandekommen des deutschpolnischen Zehnjahrespaktes im allgemeinen der polnischfranzösische Beistandspakt vom Februar 1921 angesehen. Bei Abschluss des Rheinpaktes von Locarno im Jahre 1925 kam bekanntlich auch ein deutsch- polnischer Schiedsvertrag zustande. England und Italien lehnten jedoch die Uebernahme von Garantien für diesen Vertrag ab. Aus diesem Grunde wurde nach seinem Zustandekommen der französisch- polnische Beistandspakt durch eine Erklärung der beiden Partner erneuert. Frankreich und Polen übernahmen die gegenseitige Verpflichtung, im Falle eines unprovozierten Angriffes auf einen der beiden Staaten( Artikel 15 und 16 des Völkerbund spaktes) diesem militärische Hilfe zu leisten. Die Zusammenarbeit der beiden Generalstäbe war bereits 1921 vereinbart worden. B- 16Dieses französisch- polnische Bündnis ist bis zum heutigen Tage aufrecht erhalten worden. In dem Masse aber, in dem sich nach Abschluss des Zehn jahresvertrages das Verhältnis zwischen dem deutschen Reich und Polen erträglich gestaltete, kühlte sich die französisch- polnische Freundschaft ab. Das kam besonders auffällig in der Pressepolitik des polnischen Aussenministeriums zum Ausdruck. Die gesamte von der Regierung abhängige Presse in Polen hat seitdem grösstes Verständnis für die aussenpolitische Orientierung des deutschen Nationalsozialismus gezeigt, und noch jüngst hat sie den gewaltsamen Anschluss Oesterreichs ohne weiteres gutgeheissen. In der internationalen Politik hat man sogar oft den Eindruck einer deutsch- polnischen Zusammenarbeit gehabt, besonders was die ablehnende Haltung Polens gegenüber den Ostpaktplänen des französischen Aussenministers Barthou im Jahre 1934 betraf. Seitdem hat die polnische Aussenpolitik, die seit 1932 von Oberst Beck geleitet wird, alle Pläne zur Herstellung eines Paktgebäudes der kollektiven Sicherheit nicht nur abgelehnt, sondern, wie es manchmal schien, geradezu torpediert und dadurch der deutschen Aussenpolitik indirekt grosse Dienste geleistet. Man denke an das erbitterte Ringen um Rumänien und die Gegnerschaft Polens gegen den Plan eines rumänisch- sowjet- russischen Freundschaftspaktes. Polen ist weiter ein Freund des als revisionslustig geltenden Ungarn, und es hat wiederholt versucht, eine engere Zusammenarbeit mit Italien herbeizuführen. Nicht zuletzt führt die Haltung Polens im deutsch- tschechoslowakischen Konflikt-sein Proteste gegen eine angeblich kommunistische Minierarbeit in Polen, die von Prag aus geleitet werde, die Forderung nach Herstellung der Autonomie für die polnische Minderheit in der Tschechoslowakei- immer wieder zu der Auffassung, dass ein weitgehendes Einverständnis zwischen dem B- 17Dritten Reich und der polnischen Aussenpolitik bestehen misse. Man ist in der internationalen Diskussion noch weiter gegangen. Man hat die Passivität, mit der Polen die völlige Gleichschaltung der Freien Stadt Danzig geschehen liess, damit zu erklären versucht, dass bereits geheime Abmachungen zwischen Deutschland und Polen bestünden. Auch das Vorgehen Polens gegen Litauen im März d.Jhrs. wurde als ein Beweis dafür angesehen, dass Polen im Einverständnis mit Deutschland sich in Memel eine Kompensation für Danzig, in ganz Litauen möglicherweise eine Kompensation für den Korridor verschaffen wolle. Es ist nach alledem kein Wunder, dass die Aussenpolitik des Obersten Beck innerhalb und ausserhalb Polens schärfsten Angriffen ausgesetzt gewesen ist. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, dass sie in Polen selbst über eine ziffernmässig äusserst geringe Anzahl von Anhängern verfügt. Die gesamte Linke, vor allem die Polnische Sozialistische Partei und die Volkspartei( Bauernpartei Witos), das katholische Zentrum( Haller, Korfanty), ebenso wie fast die gesamte Rechte, die alte Nationaldemokratie, sind Gegner einer Annäherung an Deutschland. Lediglich die Regierungsgruppe, d.h. eine recht dünne Schicht, und sie sicherlich nicht einmal vollzählig, ferner die eine oder die andere national- radikale Gruppe, die aber kaum politische Bedeutung hat, sind entweder Verteidiger der Aussenpolitik des Oberst Beck oder fordern gar, wie einige Nationalradikale, direkt ein System der deutsch- polnischen Freundschaft, allerdings mehr aus antisemitischer Solidarität, als aus aussenpolitischer Ueberlegung. Was das Ausland betrifft, so haben vor allem die französische Oeffentlichkeit und die Sowjet- Union die Entwicklung der polnischen Aussenpolitik seit 1933 mit scharfem Misstrauen betrachtet. B- 18In polnischen Regierungskreisen leugnet man eine Abkühlung der polnisch- französischen Freundschaft. Man hat wiederholt auf das Fortbestehen des Bündnisses mit Frankreich hingewiesen. Richtig ist auch, dass Frankreich noch 1937, also nach dem Scheitern der fra zösischen Paktpläne, abermals eine bedeutende Anleihe zugunsten der polnischen Aufrüstung und Rüstungsindustrie gewährt hat. In der französischen Kammer wurde diese Anleihe einmütig, mit Zustimmung auch der Sozialisten und Kommunisten, beschlossen. Andererseits wird in Polen darauf hingewiesen, dass es in Locarno beiseite gestellt wurde, obwohl Frankreich das hätte verhindern können, dass Frankreich auf der Abrüstungskonferenz in Genf seine Vorschläge ohne Konsultation_Polens eingereicht hat, vor allem aber, dass es ohne Rücksichtnahme auf die Lebensinteressen Polens im Juni 1933 den Viermächtepakt mit Grossbritannien, Italien und Deutschland abschloss. Polen habe sich daraufhin durch den Zehnjahresvertrag mit Deutschland selbständig Sicherheit verschaffen müssen. Ohne Zweifel haben alle diese Vorgänge starke Auswirkungen auf die polnische Aussenpolitik gehabt. V. Die Ziele der polnischen Aussenpolitik Ein massgebendes polnisches Regierungsblatt hat kürzlich geschrieben, dass die polnische Aussenpolitik von der fundamentalen Tatsache auszugehen habe, dass Polen zwischen den beiden Grossmächten Deutschland und der Sowjet- Union eingekeilt sei. Alles übrige sei nur eine Abwandlung des dadurch entstehenden Problems. Vor 1933 nun hat die polnische Aussenpolitik die grösste Gefahr für den Bestand ihres Staates in der Freundschaft zwischen Deutschland und der Sowjet- Union gesehen, seit 1933 fürchum seinen Bestand wegen des deutsch- sowjetrussitet es B- 19schen Gegensatzes. Bei der Machtergreifung Hitlers schien die Gefahr, dass Russland sich an die Seite Deutschlands stellen könnte, nicht gegeben, deshalb wollte es eine feste Haltung gegen Deutschland, mit Russland als neutralem Beobachter im Rücken. Ausserdem hatte Polen Ende 1932, beunruhigt durch die Geschehnisse im Deutschen Reich, noch rasch einen Nichtangriffspakt mit der Sowjet- Union abgeschlossen, er war das erste Werk des neuen Aussenministers Beck. Als sich dann der Plan eines interventionistischen Schutzes gegen eventuelle Angriffe Hitler- Deutschlands 1933 zerschlug, ergriff Polen die Gelegenheit, Hitler aus seiner Isolierung zu verhilfen, um in dem Zehnjahrespakt die vorläufige Garantie seiner Westgrenzen zu erreichen. Durch die Nichtangriffspakte mit seinen mächtigen Nachbarn schien es zunächst gesichert. Dabei blieb das Bündnis mit Frankreich für den Fall einer Gefahr vom Westen her bestehen, das seit 1920 datierende Bündnis mit Rumänien behielt ebenfalls seine alte Funktion des Schutzes der Ostgrenzen. Deutschlands imperialistische Tendenzen wurden -vielleicht nicht zuletzt durch die erreichte zehnjährige Ruhe gefördert, die es sich selbst im Osten verschafft hatte nach Südosten abgelenkt, sehr bald wurden Oesterreich und die Tschechoslowakei für das Dritte Reich die Hauptangriffspunkte. Eine neue Situation bedeutete aber der Eintritt der Sowjet- Union in den Völkerbund und der Abschluss des französisch- russischen und des tschechoslowakisch- russischen Beistandspaktes im Mai 1935. Sie schienen einen deutsch- russischen Zusammenstoss in gefährliche Nähe zu rücken. Durch sie und die weiteren Barthou'schen Paktpläne entstand das Problem, wie ein Funktionieren dieser Pakte, d.h. wie ein Eingreifen Russlands in Europa ermöglicht werden sollte. Nur ein Durchzug russischer Truppen durch Polen und Rumänien konnte dieses Problem lösen, B- 20und gerade das sah die Aussenpolitik des Oberst Beck als eine Gefährdung der Existenz des eigenen Staates an. Sie tat also alles, um eine solche Lösung nicht nur für Polen, sondern auch für Rumänien unmöglich zu machen. Erklärlicherweise wuchs damit der Gegensatz zur Tschechoslowakei. Und aus ihm glaubte man wohl weiteren Nutzen ziehen zu können. Denn eine noch bessere Garantie der polnischen Westgrenzen als der Zehnjahrespakt mit Deutschland schien eine möglichst intensive und langdauernde Fes' selung der Interessen des neudeutschen Imperialismus im Südosten, in der Tschechoslowakei, zu sein, weil sie-so glaubte und glaubt man in Polen- ein gleichzeitiges Vorgehen des Dritten Reiches nach Osten verhindert. Nur unter diesen Gesichtspunkten kann die polnische Politik gegenüber der Tschechoslowakei wirklich verstanden werden. Inzwischen hofft man, eigene konstruktive Pläne durchfithren zu können. Der wichtigste unter diesen Plänen ist die Herstellung einer neutralen Linie zwischen Deutschland und der Sowjet- Union, oder besser gesagt, die Zusammenarbeit von Staaten, die auf dieser Linie liegen und keine festen Bindungen gegenüber den beiden Nachbargrossmächten eingegangen sind und eingehen wollen. Die Linie führt von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, sie umfasst zunächst Polen und Rumänien, das sich den Gedankengängen Becks immer enger angeschlossen hat. Sie führt weiter die Ostsee entlang und umfasst Estland, Lettland und-nach der Herstellung normaler Beziehungen zu Litauen- auch diesen Staat. Der jüngste Besuch des Oberst Beck in Schweden hat gezeigt, dass es auch mit diesem neutralen Land jenseits der Ostsee viele gemeinsame Interessen gibt, die sich aus der geographischen Lage ergeben, und die unter dem Schlagwort" gegen jede Blockbildung" gekennzeichnet werden. Das Gleiche gilt auch für Finnland. Im Siden findet die Linie �-�7- ihre Fortsetzung in der Türkei, die sich in letzter Zeit merklich von der Sowjet-Union losgelöst, und sich vor der drohenden Einbeziehung in die deutsche Interessensphäre in die Arme Englands gerettet hat. Man kann annehmen, dass die jüngste Fühlungnahme des rumänischen Königs mit dem türkischen Staatschef in Polen mit grossen Sympathien begleitet worden ist. Ob Polens Ziel letzten Endes wirklich die Neutralität ist, können wir hier nicht näher untersuchen, es genügt, die Tendenzen festzustellen und darauf hinzuweisen, dass man es hier mit einem ausserordentlich wichtigen Faktor der europäischen Politik zu tun hat, der einmal entscheidende Bedeutung gewinnen könnte. Es muss angenommen werden, dass sich die Pläne Polens zudem auf eine gewisse Anteilnahme der britischen Regierung stützen, deren Interesse an der Verhinderung eines Eingreifens der Sowjet-Union in Europa bekannt ist. VI. Das Ostsee-Regime und die ukrainische Frage Für unsere Betrachtung aber ist es wichtig festzustellen, inwieweit die polnischen Pläne im Dritten Reich auf Förderung oder Ablehnung stossen. Deutschland hat ohne Zweifel ein Interesse dam, einen wirksamen russischen Widerstand gegen seine imperialistischen Unternehmungen zu verhindern. Insofern also stimmt es mit gewissen polnischen Gedankengängen überein. Deutschland hat aber kein Interesse daran, eine Mächtekonstellation zu fördern, die ihm selbst in seinem"Drang nach dem Osten" Halt gebieten könnte. Das wird sich, wenn sein weiteres Vordringen in Südosten gelingt, an dem Beispiel Rumäniens zeigen. Es. hat sich bereits bei dem polnisch-litauischen Konflikt erwiesen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass das Dritte Reich das Vorgehen Polens gegenüber Litauen gefördert hätte. In dem B- 22Augenblick, in dem Polen die Wiederherstellung normaler staatlicher Beziehungen mit Litauen erreicht hatte, streckte Deutschland vielmehr selbst die Hand nach dem litauischen Memelgebiet aus. Seit dem polnisch- litauischen Konflikt datieren die neuerlichen nationalsozialistischen Vorstösse in Memel, und die deutsche Presse hat erst jingst die heftigsten Polemiken gegen etwaige Wünsche Polens geführt, seine Stellung in Litauen und Memel zu befestigen. Deutschland war an dem polnisch- litauischen Gegensatz interessiert, weil er das volle Einvernehmen zwischen Polen und der Balten- Entente( Lettland, Estland Litauen) unmöglich machte, und weil es Litauen im geeigneten Moment gegen Polen ausspielen konnte. Deutschland sieht die nunmehr hergestellte Zusammenarbeit Polens und der Balten- Entente einerseits und Schweden- Finnlands andererseits nicht gern, weil es dadurch seine Herrschaft über die Ostsee, die ihm bisher nur die Sowjet- Union mit ungenügenden Mitteln streitig machen konnte, auch von dritter Seite gefährdet sieht. Polen und den übrigen genannten Staaten muss aber gerade daran gelegen sein, diese deutsche Vorherrschaft in der Ostsee zu verhindern, weil sie ihre eigene Unabhängigkeit bedroht. Mit welchen Unlustgefühlen die Aussenpolitik des Dritten Reiches die Bemühungen um die Festigung der baltischen Zusammenarbeit verfolgt, geht auch daraus hervor, dass die nationalsozialistische Presse jetzt plötzlich die Durchführbarkeit der Neutralitätspolitik der Baltischen Staaten mit dem Hinweis auf angebliche sowjet- russische Störungsversuche anzweifelt, obwohl sie bis vor kurzem diese Politik gefördert hatte. Es ist beStimmen unmittelbar nach zeichnend, dass solche deutsche dem Besuch des polnischen Aussenministers Beck in Schweden laut wurden, bei dem die in Stockholm akkreditierten Diplo B- 23maten aller Baltischen Staaten-mit Ausnahme Deutschlands und der Sowjet- Union- demonstrativ hervortraten. Zusammenfassend muss man zu der Feststellung kommen, dass Polens Einflussnahme in der Ostsee und wahrscheinlich auch am Schwarzen Meer notwendig zu einem Gegensatz zum neudeutschen Imperialismus führen muss. Ist nicht aber eine Unterordnung der polnischen Aussenpolitik unter die deutschen imperialistischen Zielsetzungen denkbar? Viele Beobachter der europäischen Entwicklung haben in den letzten 5 Jahren tatsächlich diesen Eindruck gehabt. Wir können solchen Gedankengängen nicht folgen, es sei denn, man setzte voraus, dass die polnische Aussenpolitik sich nicht nur mit einer Zweitrangigkeit, einem Vasallentum, abfindet, sondern dass sie selbst zur Aufgabe der Lebensinteressen und staatlichen Grundlagen Polens bereit ist. Dagegen spricht aber nicht nur das Bestehen einer starken Opposition, die jede Anlehnung an Deutschland bekämpfte, sondern auch die Tatsache, dass Polen sichtbar die stärksten Anstrengungen macht, um seine Selbständigkeit unter allen Umständen zu sichern. Man denke nur an den energischen polnischen Widerstand gegen alle Viermächtepakt- Pläne oder irgendein" Konzert der Grossmächte" in Europa ohne die Teilnahme Polens. Vor allem ist es aber die Zielsetzung der deutschen Ostpolitik selbst, die jede Unterordnung der polnischen Aussenpolitik unter deutsche Interessen um den Preis der Selbstaufgabe verbietet. Der Drang nach dem Osten zielt nicht nur gegen den Korridor, dessen Verlust allein schon Polens politische, wirtschaftliche und militärische Stellung erschüttern würde, der Drang nach dem Osten zielt auch nach der Ukraine, nach dem Schwarzen Meer, nach dem Ural, nach den wichtigsten Getreidekammern und Rohstofflagern Europas. Und der Weg dorthin geht mitten durch Polen. Droht eine B- 24neue Teilung des nach jahrhundertelangen Kämpfen neuentstandenen polnischen Staates? Wie hat der aussenpolitische Berater Adolf Hitlers, Reichsleiter Rosenberg, die deutsche Ostpolitik geschildert? In seinem Buch" Der Zukunftsweg der deutschen Aussenpolitik" empfiehlt er dem deutschen Volke, den Spuren Heinrichs des Löwen, des Grossen Kurfürsten und Friedrich des Grossen zu folgen. Eine gemeinsame Grenze zwischen Deutschunverzichtbares Ziel der deutland und der Ukraine sei schen Aussenpolitik, das Verschwinden des polnischen Staates selbstverständlich. Durch die Erfordernisse der Politik der deutsch- polnischen Verständigung von 1934 sind diese Gedankengänge der nationalsozialistischen Aussenpolitik öffentlich in den Hintergrund gedrängt worden. Aber, wir haben den Charakter des' deutsch- polnischen Zehnjahresvertrages hier schon gekennzeichnet, es handelte sich bei seinem Abschluss für beide Staaten um nichts anderes als um die Gewinnung von Zeit zur Verfolgung anderer Pläne. Der neudeutsche Imperialismus benutzt die Periode der Ueberbrückung des deutschpolnischen Gegensatzes zur Durchführung seiner Pläne im Südosten. Polen hat währenddem seine eigenen oben geschilderten Pläne zu verwirklichen versucht. Aber während Hitlers Macht und Kriegspotential in der Zwischenzeit ungeheuer gewachsen sind, hat Polen doch nur bescheidene Fortschritte machen können. Es hat mit Litauen Frieden geschaffen, die Zusammenarbeit mit den baltischen Staaten und mit Rumänien gefördert, es macht zur Zeit gewaltige Anstrengungen in der Errichtung des neuen zentralen Industriereviers bei Sandomir, wo es die Rüstungsindustrie, weitab von sllen Grenzen, konzentrieren will. Auf der Verlustliste es seinen Einfluss um den Preis steht immerhin Danzig, wo der Ruhe in anderen Gegenden geopfert hat. B- 25In der deutschen politischen Literatur findet man nun heute, neben der Behandlung der Lage der deutschen Minderheit in Polen, auch wieder häufiger Abhandlungen über die Ukraine. In den erwähnten Programmsätzen Rosenbersg war von der deutschen Zusammenarbeit mit Kiew die Rede. Kiew liegt zwar in der Sowjet- Ukraine, aber die Ukraine bildet nicht nur einen Teil des Gebietes der Sowjet- Union, auf dem fast 35 Millionen Ukrainer leben, sondern auch einen Teil Sidpolens, auf dem 4,4 Millionen( nach der amtlichen polnischen Statistik, nach ukrainischen Angaben 6,3 Millionen) Ukrainer siedeln. Die Ukrainer stellen die grösste nationale Minderheit in Polen dar. Seit 1920 haben -aus imperialistischen Ueberlegungen heraus- gewisse deutsche Kreise die Selbständigkeitsbestrebungen der Ukrainer gefördert, um sich in der Ukraine einen Bundesgenossen zu schaffen, auf dessen grosse wirtschaftliche Bedeutung für die deutsche Ernährungslage in einem Krieg nicht erst hingewiesen zu werden braucht, und dessen Existenz eine ausserordentliche Schmälerung sowohl der Macht Polens als auch der der Sowjet- Union darstellen würde. Nach Abschluss des deutsch- polnischen Zehnjahresvertrages traten auch diese Pläne etwas in den Hintergrund. In der Nazipresse war fast nur noch von den" Leiden der Ukrainer in der Sowjet- Union" die Rede. Sieht man aber die jüngsten Nummern der reichsdeutschen politischen Zeitschriften durch, so findet man bereits wieder auffallend viele Abhandlungen auch über die Lage der Ukrainer in Polen. In der Tat bildet die polnische Ukraine für Polen seit jeher ein Gefahrenzentrum. Die polnisch- ukrainischen Gegensätze waren - entsprechend der internationalen Politik von 1934 bis 1938 offiziell überbrückt. Sie leben heute wieder auf, wovon die Autonomieforderungen, die die grösste ukrainische Partei in Polen, die Ukrainischen Nationaldemokraten B- 26jüngst erhoben haben, Zeugnis ablegen. Kein anderer Staat aber kann an ihrer Verwirklichung Interesse haben als Deutschland. VII. Deutsch- polnischer Zusammenstoss? Die Gegensätze zwischen Deutschland und Polen sind also zahlreich und bedeutend. Ueberblicken wir die Zielsetzungen der deutschen Ostpolitik, von der" Befreiung" der deutschen Minderheit vom polnischen Joch, über die Beseitigung der" offenen Wunde" an der deutschen Ostgrenze, des Korridors, die Rivalität in der Frage des Ostseeregimes, den Drang nach dem rumänischen Erdöl bis zur" Befreiung" der Ukraine, so laufen sie darauf hinaus, Polen noch einmal zu teilen und den polnischen Reststaat zu einem Vasallen des deutschen Imperialismus zu machen. Die deutschen Ziele gegenüber Polen sind nicht wesentlich zu fördern wie etwa bei einigen südosteuropäischen Staaten durch eine wirtschaftliche Durchdringung Polens mit deutschen Einflüssen. Unter den ost- und südosteuropäischen Staaten ist Polen von der wirtschaftlichen Verflechtung mit Deutschland am weitesten entfernt. Vor der Besetzung Oesterreichs betrug der deutsche Anteil am polnischen Aussenhandel im Import aus Deutschland 14%, im Export nach Deutschland ebenfalls 14%( gegen 26 bzw. 23% in Ungarn, 31 und 21% in Rumänien, 33 und 21% in Jugoslawien, 55 und 42% in Bulgarien, 26 und 27% in Griechenland, 42 und 36% in der Türkei und ebenfalls 14 und 14% in der Tschechoslowakei. Nach dem Anschluss Oesterreichs betrugen die gleichen Ziffern für Polen 19 und 19%, für Ungarn 43 und 44%, fir Rumänien 40 und 27%, für Jugoslawien 44 und 34%, fir Bulgarien 58 und 47%, für Griechenland 29 und 29%, für die Türkei 43 und 39% und für die Tschechoslowakei 18 und 19%). Der Wert des deutschen Exports nach Polen und 3-27des polnischen Exports nach Deutschland betrug im Jahre 1937 etwa je 230 Millionen Zloty. Seit 1932 ist der Wirtschaftsverkehr zwischen den beiden Staaten erheblich zurickgegangen. Es besteht keine Aussicht, dass er sich in der kommenden Zeit steigern wird, eher ist nach den Handelsvertragsverhandlungen, die sich durch die Einbeziehung Oesterreichs in das deutsche Wirtschaftsgebiet als notwendig ergaben, im Wirtschaftsverkehr Polens mit den beiden jetzt vereinten Ländern insgesamt ein Rückgang zu erwarten. Polen dürfte seinen Kohlenexport nach Oesterreich und seinen Holzexport nach Deutschland zum grossen Teil verlieren und muss wegen der ohnehin passiven Zahlungsbilanz gleichzeitig auch den deutschen Import drosseln. Was die polnischen Rohstoffe betrifft, so ist Deutschland im wesentlichen an dem polnischen Zink- und Oelvorkommen interessiert, ferner an dem Roggen, den Schweinen, den Was die wirtschaftliche ZuEiern und der Butter Polens. sammenarbeit Polens mit anderen Staaten betrifft, so ist der englische Anteil am polnischen Aussenhandel etwa gleich gross wie der deutsche. Ausserordentliche Fortschritte sind in jüngster Zeit in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Schweden, Belgien, Holland, der Schweiz und Frankreich erreicht worden. Zu einer Verwirklichung imperialistischer Pläne gegenfiber Polen kann die nationalsozialistische Aussenpolitik also nur mit anderen als mit wirtschaftlichen Mitteln gelangen. Aber noch dürfte es soweit nicht sein. Immerhin haben die Sensationsmeldungen englischer Blätter in den Tagen um den 22. Mai d. Jhrs. erneut die Aufmerksamkeit der Welt auf das deutsch- polnische Verhältnis gelenkt, als sie behaupteten, die polnische Regierung habe Deutschland zu verstehen gegeben, dass sie bei einem militärischen Eingreifen Frankreichs in einen aus dem deutsch B- 28tschechoslowakischen Konflikt sich ergebenden Krieg sich an das Bindnis mit Frankreich gebunden fühlen würde. Das polnische Aussenministerium hat diese Meldung sofort dementiert, und wir glauben auch, dass sie in der behaupteten Form nicht den Tatsachen entsprach. Immerhin scheint es doch richtig zu sein, dass sich die Reichsregierung der polnischen Neutralität in jenen Tagen nicht sicher gewesen ist. Und diese in ernsthaften polnischen und ausserpolnischen Kreisen verbreitete Meinung ist allein schon bemerkenswert. Dabei ist es selbstverständlich, dass Polen in einen solchen Krieg nicht etwa eingreifen würde, um die Existenz des tschechoslowakischen Staates sichern zu helfen, an der es nur sehr geringes Interesse hat. Die polnische Aussenpolitik glaubt vielmehr ein entscheidendes Interesse daran zu haben, in einen deutsch- tschechoslowakischen Krieg nicht zugunsten der Tschechoslowakei eingreifen zu müssen. Ein Eingreifen Polens ist-nach dem heutigen Stand der Dinge- nur in einem europäischen Krieg zu erwarten. Es hätte dann ausgesprochen präventiven Charakter, wenn man auch annehmen kann, dass in weiteren politischen Kreisen Polens auch darüber hinausgehende Kriegsziele bestehen. Aber Polen wiinscht eine solche Anteilnahme an europäischen Auseinandersetzungen zur Zeit keineswegs. Man will in Polen zunächst lediglich, dass Hitlers Energien sich nicht gegen Osten wenden, denn jedes Jahr länger Frieden betrachtet man als einen Gewinn für die Flottmachung seines staatlichen und militärischen Apparates und als einen Vorteil für die Durchführung der eigenen konstruktiven aussenpolitischen Pläne. Wird Polen ein solcher Zeitgewinn beschieden sein? Die Deutschland- Berichte, die der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Paris, seit 1934 monatlich. herausgibt, haben die Aufgabe, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftlichen Gebieten zu verfolgen. Sie beruhen auf der Arbeit einer organisierten politischen Berichterstattung, deren Beobachtungsfeld sich insbesondere auf folgende Gebiete erstreckt: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen. Die Lage in den Betrieben. Die Wirtschaftslage: Arbeitsmarkt; Preisentwicklung; Lebensmittelversorgung; Rohstoffversorgung; Geld und Kredit. Handel und Gewerbe. Landwirtschaft. Korruption und Misswirtschaft. Terror. Jugend: Hitler- Jugend; Schule; Hochschulen. Kirchenfragen. Kulturpolitik. Sozialpolitik. Lohnpolitik. Steuerpolitik. NS- Organisationen: NSDAP, SA, SS. Arbeitsdienst. Verwaltung. In allen Landesteilen und Gesellschaftsschichten arbeiten Berichterstatter als Glieder der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland an dieser Aufgabe mit. Auf der grossen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Die Berichterstatter kommen nach Möglichkeit selbst zu Wort, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu geben. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmässig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter grösseren Gesichtspunkten zusammenfassend dargestellt wird. Als Manuskript hergestellt SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI DEUTSCHLANDS ( Sopade), 30, rue des Ecoles, Paris( 5º) : Le Gérant Georges GIRARD. IMPRIMERIE SPECIALE 30, rue des Ecoles, Paris( 5°)