Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Rapports d'Allemagne du Parti Socialdémocrate Allemand Edition mensuelle 5. Jahrg. 1938 Nr. 11 Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1938 Nr. 11 5. Jahrgang Inhaltsverzeichnis Te i 1 A : Nachrichten und Berichte I. Die allgemeine Situation in Deutschland 1) Schon wieder Alltag 2) Deutschland und Polen a) Die Entwicklung in Danzig b) Die antipolnische Propaganda 3) Aus dem Sudetenland II. Der Terror gegen die Juden A 1 156958 10 13 Die neuesten Massnahmen zur Entrechtung der Juden Die Frage nach den Beweggründen 1) Vor dem Attentat in Paris 21 73 a) Der Juden terror im eroberten Sudetenland b) Der Dauerpogrom c) Die Austreibung der polnischen Juden 222 21 22 23 2) Nach dem Attentat in Paris 26 a) Der Vorwand 26 b) Tatsachenberichte c) Ablehnung im Volke 27 44 III. Aus der Wirtschaft 1) Die Rohstoffversorgung 51 52 a) Rohstoffbewirtschaftung und Rohstoffmangel 52 b) Die Altmaterialsammlung 2) Der technische Verfall der Reichsbahn 58 59 -23) Ernährung und Bekleidung a) Die Nahrungsmittelversorgung b) Die Ersatznahrung c) Die Bekleidung A 64 64 75 78 79 4) Die Preispolitik Die" Richtlinien für die Preisbildung bei öffentlichen Aufträgen"- Die Erhöhung der Erzeugerpreise für Vieh und Milch Neue Preise für Eier und Holz- Richtlinien zur Mieterhöhung 85 5) Die Steigerung der Spartätigkeit Schulsparen- Gefolgschaftssparen Die Einführung der Postsparkasse IV. Die Deutsche Arbeitsfront 90 1) Aus der Organisation der DAF 91 Die Zwangsorganisation- Die Finanzwirtschaft Verschwendung und organisa= torischer Leerlauf 2) Die Leistungen für die Arbeiter 98 Die Tätigkeit der DAF in den Betrieben Der Abbau der Sozialleistungen 3) Die Leistungen für das Regime 102 Der Reichsberufswettkampf- Der Leistungskampf der Betriebe- Die DAF bei den Befestigungsarbeiten im Westen 4) Die DAF im Urteil der Arbeiter 113 -3Tei 1 B: Uebersichten Die Entrechtung der deutschen Juden Geschichtliche Einleitung 946 B 1 Die Verdrängung aus den öffentlichen Amtern Die" Säuberung" der akademischen Berufe Kultur-" Erneuerung" Der Entzug der Staatsbürgerrechte Die Rassenschutzgesetzgebung Verdrängung aus Gewerbe und Handel Die wirtschaftliche Vernichtung Auswanderung? 10 12 16 18 21 24 Te i 1 A ( Abgeschlossen am 10. Dezember 1938) I. Die allgemeine Situation in Deutschland === 1) Schon wieder Alltag. Die Beobachtung der Reaktion des Volkes auf die aussenpolitischen Erfolge des Regimes lässt eine bemerkenswerte Entwicklung erkennen. Die Rückgliederung des Saargebiets und die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935 brachten dem Regime zwar nicht in der Arbeiterschaft, aber bei den Kleinbürgern und den Bauern grosse und nachhaltige propagandistische Erfolge. Die Annexion Oesterreichs und des Sudetenlandes hat -soviel kann schon heute festgestellt werden solche Wirkungen nicht gezeitigt. Wie nach dem Anschluss Oesterreichs stimmen auch jetzt wieder die Berichte aus dem Reich darin überein, dass der Alltag im Reich überraschend schnell wieder seinen Einzug gehalten hat. Der Mann auf der Strasse sagt sich: Hitler hat Oesterreich genommen und es ist nicht besser geworden, sondern wir haben noch für die" armen Oesterreicher" sammeln müssen. Jetzt hat er das Sudetenland genommen und wieder wird es nicht besser und wieder müssen wir für die" armen Sudeten" sammeln. Dass die grosse Masse aus dieser Perspektive die aussenpolitischen Erfolge der Diktatur beurteilt, zeigt, dass das Volk trotz aller Propaganda kein Verständnis für die imperialistische Politik des Regimes aufbringt. Die Gründe dafür sind in der wachsenden Entpolitisierung der Masse, in der zunehmenden Abstumpfung gegenüber der offiziellen Propaganda, aber auch in einer allgemeinen psychischen Ermüdung zu suchen, die infolge der jahrelangen Ueberbeanspruchung aller gesellschaftlichen Energien nicht ausbleiben kann. Ausserdem spielt natürlich eine Rolle, dass die breite Masse die wirkliche Tragweite der letzten aussenpolitischen Erfolge Hitlers nicht entfernt zu übersehen vermag. A-2Diese Feststellungen ändern allerdings nichts an der Tatsache, dass der Mann auf der Strasse sich gleichzeitig sagt: dem Hitler gelingt doch alles. Bayern: Man hätte annehmen sollen, dass der grosse Erfolg gegen die Tschechoslowakei innenpolitisch einen neuen Auftrieb für die Partei und das Ansehen des Regimes bringen würde. In einem Jahre das ganze Deutschtum in einem Reich zu einen und noch dazu ohne Krieg, das ist doch schliesslich eine Leistung, die die Anerkennung des Volkes zur Folge haben müsste. Es überrascht daher sehr, dass übereinstimmend alle Berichte aus dem Lande feststellen: die Eroberung des Sudetenlandes hat innenpolitisch noch weniger Wirkung gehabt als die Besetzung Oesterreichs. Man hat fast den Eindruck, als ob die Menschen die Grösse dieses aussenpolitischen Erfolges gar nicht abzuschätzen wüssten. Man war zwar erfreut, dass nun doch noch einmal der Krieg vermieden wurde, aber in dieser Freude erschöpfte sich bei vielen die ganze Anerkennung. Was hat man schon gewonnen durch die Sudeten? So fragt sich der Durchschnittsbürger. In der Presse las man dauernd, wie arm und ausgehungert das Sudetenland sei, wie verwüstet die Industrie usw. Ganz folgerichtig kamen auch gleich die grossen Sammlungen und Abzüge für die notleidenden Sudetendeutschen, die wie eine Bestätigung der Zeitungsmeldungen wirken mussten. Was bringen also die Sudeten? Neue Abgaben, neue Sammlungen, neue Opfer, neue Hitlerschreier! Wie man früher die Oesterreicher als die" Dummen" bezeichnete, so bezeichne te man jetzt die Sudetendeutschen als" die blöden Böhm". Ein Grund für die erstaunliche Wirkungslosigkeit dieses Hitlererfolges scheint auch die immer mehr zunehmende Entpolitisierung des Volkes zu sein. Was man auch in Deutschland schreiben und reden mag über die zunehmende Macht und Grösse des Reiches, der Mann aus dem Volke spürt davon nicht mehr, als dass er täglich mehr arbeiten muss, um sich am Leben zu erhalten. Was nützen ihm da schon die Sudeten. Ganz schön, dass das ohne Krieg abgegangen ist und dass jetzt alle Deutschen bei einander sind, aber längere Betrachtungen stellt auch der hitlerfreundliche Bürger nicht an. Vielleicht berauscht sich ein Teil der Jugend an den Grossmachtplänen Hitlers, aber nicht das Volk. In bürgerlichen Kreisen hält man nach wie vor einen Weltkrieg für unvermeidlich. Die Schwäche der Demokratien hat ihrer Politik jeder Achtung beraubt, besonders die französische Politik verachtet man. Schliesslich glaubt man aber doch, dass das Nachgeben der Westmächte darauf zurückzuführen ist, dass die" anderen" mit ihrer Rüstung noch nicht fertig sind. Es wird noch ein oder zwei Jahre dauern, dann wird England sagen, " nein" und dann ist der Krieg da. Chamberlain betrachtet man als den Mann, der Hitler ausschmieren will. Und dass man es ▾ in England mit der Rüstung doch länger aushält als in Deutschland, ist allen bekannt. Dazu kommt, dass die deutsche Presse täglich von der zunehmenden Rüstung in anderen Staaten spricht. Wenn auch gegenwärtig kein besonderer Mangel an Lebensmitteln A-3zu spüren ist, so fühlt doch jeder auf Schritt und Tritt, dass alles" gerade auslangt", dass es aber auf die Dauer so nicht gehen kann, besonders, dass man so keinen Krieg gewinnen kann. Man ist überzeugt: der Krieg kommt, wenn England gerüstet ist, und Deutschland wird ihn wahrscheinlich verlieren. Die Haltung des Volkes gegenüber Italien ist trotz aller amtlichen Propaganda nicht freundlicher geworden. Nicht wenig tragen dazu auch die Italienfahrer von" Kraft durch Freude" bei, die meist nur zu berichten wissen, dass das wirkliche Volk in Italien gar nicht freundlich zu den Deutschen sei und dass man bei den italienischen Arbeitern harte Worte gegen Mussolini hören kann. Rheinland- Westfalen: 1.Bericht: Alle Meldungen stimmen darin überein: Die Einverleibung des Sudetenlandes hat entweder nur eine sehr geringe innerpolitische Rückwirkung gehabt, oder die Wirkung ist von Anfang an völlig verpufft. Das Volk ist in seiner Gesamtheit fast nicht mehr daran interessiert. Ueberall sagt man: Was haben wir denn von dem Zuwachs an Land und an Menschen? Kann das alles unsere Lage verbessern? Das wird nicht der Fall sein, und deshalb haben wir, das Volk, nichts von alledem. Was man sich aber noch immer nicht erklären kann, ist das eine: Wie war das nur möglich? Was haben sich die französischen Staatsmänner dabei gedacht, als sie so leicht und schnell der Preisgabe des Sudetengebiets zustimmten? Da man keine plausible Erklärung dafür findet, so ist man geneigt zu glauben, dass die Meldung der Nazi blätter, wonach in Frankreich alles drunter und drüber geht, wahr sind, und dass deshalb Frankreich schwach und zur Preisgabe aller seiner Sicherungen gezwungen ist. Auf der anderen Seite wieder sind die denkenden Menschen jetzt erst recht Fatalisten insofern, als sie sich sagen, das muss einmal einen furchtbaren Kladderadatsch geben, es muss einmal der Punkt kommen, wo es einfach nichts anderes gibt als Krieg. Neulich sagte uns ein jüngerer, sehr kluger Genosse, ein Techniker, der still seinen Weg geht, eine gute Arbeit hat, bei der er auch gut verdient und womit er seine Familie durchaus anständig ernähren und kleiden kann:" Ja, gewiss, es geht uns nicht schlecht. Aber hat es denn einen Zweck, irgendwelche Dispositionen für die Zukunft zu treffen? Es hat ja wirklich alles keinen Zweck, man geht einen völlig ungewissen Weg oder besser: man geht eigentlich einen ganz sicheren Weg, nämlich den ins Verderben. Das Leben lohnt sich kaum noch." Das ist kein Einzelfall. Nicht etwa, dass die Menschen nun in Voraussicht der kommenden Katastrophe in Saus und Braus leben würden, im Gegenteil. Sie ernähren sich, sie kleiden sich, so gut es geht, aber sie wissen nicht recht, was sie sonst noch anfangen sollen. So geht es Unzähligen, und zwar bis weit in die Reihen der Nazifunktionäre hinein. 2. Bericht: Es ist inzwischen über die Sudetenfrage wieder sehr still geworden. Es spricht kaum noch jemand darüber.Hin A-4und wieder noch ein Nazi. Im übrigen sind die Nazis sehr misstrauisch, besonders seit sie gesehen haben, dass die Massnahmen gegen die Juden mehr gegen als für das System gewirkt haben. Ueberall sucht man nach versteckten Feinden und Gegnern. Die Haltung Englands und Frankreichs in der Sudetenfrage, die vielen Menschen unerklärlich scheint, ist ein Anlass zu schweren Sorgen bei manchen Nazis. Gerade weil diese Haltung so unerklärlich scheint, weil die Entwicklung so schnell gegangen ist, weil ausserhalb des höchsten Führerkreises niemand an die Möglichkeit der Abtretung des Sudetenlandes ohne Krieg geglaubt hat, darum fürchtet man jetzt in Kreisen der Nazis neues schweres Unheil. Man glaubt nicht, dass die Engländer und Franzosen allen Ernstes Hitler freie Hand lassen werden. Vielmehr fürchtet man, dass dem Dritten Reich heimlich Fallen gestellt werden. 3. Bericht: Die hundertprozentigen Nazis an den Stammtischen prahlen jetzt natürlich mit den Erfolgen, die eigentlich Chamberlain und Daladier in Anspruch nehmen könnten, wenn die Erhaltung des Friedens wirklich ein Dauererfolg wäre. Sie halten sich jetzt alle für die grossen Kerle, denen einfach niemand widerstehen kann. Man beweihräuchert sich gegenseitig und spricht von den Heldentaten, die man vollbracht hätte, wenn es losgegangen wäre. Sonst aber findet man nirgends Begeisterung. Im Gegenteil, es hat jeder etwas zu beklagen und alle meckern, dass es Gott erbarm. Berlin: Die allgemeine Stimmung hat in den letzten Monaten Wandlungen durchgemacht wie nie zuvor. Auf die drückende Kriegsangst folgte die Freude über die Vermeidung der Katastrophe und die Anerkennung für Hitler, dass er den Krieg verhindert habe. Dann kam auch die Hoffnung, dass es durch den Erwerb des sudetendeutschen Gebietes in Deutschland selbst besser werden würde. Hier wirkte die Propaganda, dass das sudetendeutsche Gebiet reich an Industrien und an Rohstoffen sei und dass Hitler auch dieses Gebiet sehr bald zu Wohlstand und höherer Arbeitsleistung bringen wird. Dann aber kamen die Ausschreitungen gegen die Juden und diese Erlebnisse haben die sudetendeutschen Fragen vollkommen überlagert. In den letzten Tagen sprach überhaupt kein Mensch mehr von diesen Dingen, wie man ganz allgemein feststellen kann, dass noch nie die Zeit so schnellebig gewesen ist wie jetzt. Danzig, 1.Bericht: In den Kreisen unserer Genossen ist die verzweifelte Stimmung, die anfänglich nach München herrschte, heute bereits weitgehend abgeklärt. Immer wieder wundert man sich, wie kurze Zeit die aussenpolitischen Erfolge Hitlers in der Stimmung anhalten. Da aber unsere Genossen mitten im Volke leben, sich nicht abkapseln, ja das gar nicht können, weil sie sich dadurch nur unnötig kennzeichnen würden, bedeutet diese Tatsache auch, dass auch das Volk selbst die Erfolge verhältnismässig schnell vergisst. Das ist in der Tat so. Man A-5hört in den Betrieben nur noch sehr wenig von der Tschechoslowakei und dem Sieg Hitlers sprechen. Das heisst nicht, dass die Aussenpolitik etwa nicht mehr im gleichen Masse das Interesse der Leute gefangen hält wie vor München. Man spricht im Gegenteil viel darüber, und es ist dabei interessant, dass trotz aller Friedensschalmeien von London, Paris und Berlin im Ernst niemand an die Möglichkeit einer wirklichen Verständigung zwischen den Westmächten und Hitler glaubt. Man meint jetzt, dass es über die Frage der Kolonien zu neuen Konflikten kommen werde, bisweilen auch noch, dass es zu einem deutschpolnischen Konflikt kommen werde. Man glaubt, dass Frankreich und vielleicht noch andere Staaten gemeinsam von Deutschland und England gezwungen werden würden, gewisse Kolonien en Deutschland herauszugeben, während England sich davon drücken werde. Wenn aber schliesslich die Reihe doch an England kommen werde, und Hitler würde sich nicht eher zufrieden geben dann werde ein Krieg wohl doch nicht mehr vermeidbar sein. England büsse schon zu viel im Fernen Osten ein, als dass es gutwillig nun auch noch seine näheren Besitzungen zugunsten Deutschlands preisgeben werde. 2.Bericht: Man ist nach wie vor der Meinung, dass ein Krieg auf die Dauer nicht zu verhindern sein wird. Man wünscht diesen Krieg keineswegs, weder in unseren Reihen noch im Volke überhaupt. Aber man scheut ihn auch nicht, weil man in seinem Gefolge doch an den Umsturz glaubt. Dieses Gefühl ist jedoch nicht mehr so stark wie vor der tschechoslowakischen Krise. Heute ist man bisweilen auch der Meinung, dass die schweren Opfer, die das Regime den Menschen auferlegt, diese doch einmal zur Verzweiflung treiben kann. Dabei stellt man sich nicht sofort die Revolution vor. Man glaubt nur, dass es zu Krisen in grossen Bevölkerungsschichten kommen könnte, die die Allmacht der Partei doch etwas erschüttern könnten. Eines folge dann dem anderen. Am Schluss stehe allerdings, wenn es nicht zu Auseinandersetzungen innerhalb des Systems selbst komme, doch wieder der Krieg, nur dass er dann für die Diktatur der letzte Ausweg wäre. 2) Deutschland und Polen Das Verhältnis Deutschlands zu Polen hat in der letzten Zeit durch den Streit um Karpathorussland und durch die polnischrussische Erklärung eine neue Beleuchtung erfahren. Die nachstehenden Berichte zeigen, dass die antipolnische Propaganda -wir haben darüber zuletzt in Heft 9/1938, Seite A 55 ff. berichtet sowohl in Deutschland als auch vor allem in Danzig fortgesetzt wird, dass sich dabei Deutschland aber immer noch eine gewisse Reserve auferlegt. Insbesondere die Entwicklung in 4-6Danzig wird beharrlich, aber mit vorsichtiger Hand gefördert. a) Die Entwicklung in Danzig 1. Bericht: In der ersten und zweiten Oktober- Woche, also kurz nach der Besetzung der sudetendeutschen Gebiete durch die deutschen Armeen, fand in Danzig, wie alljährlich um diese Zeit, die sogenannte Gauarbeitswoche der NSDAP, die Eröffnung der Winterveranstaltungen der NSDAP, statt. Sie wurde dazu benutzt, um in Danzig erneut eine Anschluss- Stimmung zu erzeugen. Auf fast allen Veranstaltungen sprach der Gauleiter der NSDAP, Forster. Den Höhepunkt der Anschluss- Propaganda stellten die Ausführungen dar, die Forster auf einer Kundgebung am Sonntag, den 9. Oktober im Danziger Staatstheater machte. Er erklärte dabei u.a.:" Wir sind ein deutscher Staat, mit deutschen Menschen, mit deutschen Gesetzen, mit deutscher Wirtschaft, mit deutscher Kultur, mit deutscher, vor allem nationalsozialistischer Lebensauffassung. Wir gehören auch zu keinem anderen Staat, der über uns bestimmen könnte, sondern wir haben selbst unser Schicksal in der Hand. Da wir freiwillig und mit Begeisterung unser Schicksal in die Hand des Führers legen, hat Adolf Hitler allein über uns zu bestimmen." Forster beendete seine Rede mit den Worten:" Wir können also jetzt mit noch grösserem Glauben als früher an die Arbeit gehen und mit Recht davon überzeugt sein, dass auch unsere Arbeit und unsere Treue genau so wie der Kampf der Oesterreicher und der Sudeten- Deutschen einmal ihren höchsten Lohn in der endgültigen Freiheit Danzigs finden werden". Am 12. Oktober wurde durch die Presse verkündet, dass die Danziger Arbeitsfront sich ab 1. Januar 1939" Deutsche ArbeitsAm 20. Oktober erfront, Gauwaltung Danzig" nennen werde. schien im Danziger Gesetzblatt eine Verordnung, durch die die Sicherheits- Dienstpflicht in der Freien Stadt Danzig eingeführt wurde. Nach dieser Verordnung können aile männlichen Danziger Staatsangehörigen im Alter von 18 bis 25 Jahren zur Dienstleistung im polizeilichen Sicherheitsdienst, alle männlichen Danziger im Alter von 25 bis 50 Jahren bei Aufruf durch den Senat zur Verstärkung des polizeilichen Sicherheitsdienstes herangezogen werden. Für die älteren Jahrgänge sind auch Uebungen vorgesehen. Bei dieser Verordnung handelt es sich darum, alle Danziger Staatsangehörigen, die es bisher noch verstanden haben, sich vor der Ableistung des Militärdienstes im deutschen Reichsheer zu drücken, zum Militärdienst in Danzig heranzuziehen. Diese Verordnung hat folgende Vorgeschichte: In den Wochen der tschechoslowakischen Krise hatte ein grosser Teil der Danziger uniformierten Polizeibeamten bereits einen Gestellungsbefehl in der Tasche. Die Polizeibeamten wussten genau, wo sie sich am Tage der deutschen Mobilmachung zu stellen hatten. Meistens hatten sie Befehl, sofort bei ostpreussischen Regimentern einzurücken. Ein anderer Teil der Polizeibeamten war dazu ausersehen, für den Eintritt der wehrfähigen männlichen Danzi A-7ger Bevölkerung in das deutsche Reichsheer zu sorgen. Diese Polizeibeamten hatten in der Stadt und auf dem Lande bestimmte Bezirke, in denen sie die Männer aufzusuchen und zu veranlassen hatten, sich auf dem zuständigen Polizeirevier zu melden. Dort sollten sie dann veranlasst werden," freiwillig" ihren Eintritt in das Reichsheer vorzunehmen. Von den Polizeibeamten nicht zu besuchen waren die Angehörigen der Wehrverbände, SA., SS. usw. Diese sollten durch ihre Kommandostelle mobilisiert werden. Die Mitglieder dieser Verbände hatten bereits die Anweisung, ihre Ausrüstung gepackt zu Hause vorbereitet zu haben. Bei den Kommandostellen der Wehrverbände bestand Anweisung, die Angehörigen dieser Verbände im Falle der deutschen Mobilmachung sofort an die danziger- polnische Grenze zu transportieren, wo sie die Grenzwachen verstärken sollten. Die SS. sollte zu dieser Grenzbewachung allerdings nicht herangezogen werden. Da die Polizeibeamten in der Mehrzahl mit anderen Aufgaben beschäftigt gewesen wären, sollte die SS. als Hilfspolizei benutzt werden. Auf den SS- Kommandostellen lagen bereits Armbinden mit der Aufschrift" Hilfspolizei" in genügender Zahl bereit. Die Erfahrungen, die man bei der Vorbereitung aller dieser Massnahmen gemacht hat, liessen jedoch befürchten, dass dabei vieles nicht ordnungsgemäss und vor allem zu langsam vonstatten gehen würde. Deshalb hat man sich zu der Sicherheitsdienstpflicht entschlossen, die eine schnellere Erfassung der Danziger Wehrfähigen garantieren soll. Ende Oktober sind bereits Einberufungen auf Grund des neuen Gesetzes erfolgt. Auch diejenigen, welche sich zum 1. Oktober " freiwillig" zum Militärdienst in der deutschen Wehrmacht gemeldet hatten, sind nicht mehr nach dem Reich befördert worden. Sie sollen vielmehr den Dienst auf Grund des neuen Gesetzes bei der Danziger Polizei ableisten. Freiwillige, die sich zu Spezialtrupps, wie Flieger, Tanktruppe und dergleichen gemeldet haben, werden weiter nach dem Reich zur Ableistung des Militärdienstes geschickt. Am 9. November fand die erste Vereidigung von Polizeiersatzmannschaften und Hilfspolizeikräften statt. Die Dienstzeit der Rekruten ist auf zwei Jahre festgesetzt worden. Ausser der Einführung der Polizeidienstpflicht waren die Nazis in letzter Zeit auch bemüht, die Bestände der SA in Danzig aufzufüllen.. Auf den Arbeitsstellen treten Nazifunktionäre an junge Leute heran und fordern sie auf, Mitglied bei der SA zu werden. Den. Leuten wird gesagt, dass das eine Gelegenheit sei, um noch den Anschluss an die grosse nationalsozialistische Bewegung zu erhalten. Die politische Vergangenheit des Einzelnen spiele keine Rolle. Der Erfolg dieser Werbung ist allerdings bisher sehr gering. In der Kundgebung am 9. Oktober im Danziger Staatstheater hat Gauleiter Forster u.a. auch erklärt, dass in Danzig jetzt wieder wie vor dem Kriege eine grosse Gewehrfabrik eingerichtet werde. Ferner werde bereits in der allernächsten Zeit ein grosser deutscher Kreuzer auf der Danziger Werft auf Kiel gelegt werden. Die Presse hat diese Ankündigung überhaupt nicht erwähnt, da nach der Danziger Verfassung die Herstellung von A-8Kriegsmaterial auf Danziger Gebiet verboten ist. Diese Bestimmung ist jedoch schon in ganz erheblichem Masse durchbrochen. Auf den Danziger Werften und in Danziger Betrieben wird seit langem für die deutsche Aufrüstung gearbeitet. Anfang Oktober wurden in den Danziger Haushaltungen von der Steuerverwaltung sogenannte Hausstands- Listen verteilt, in denen zum ersten Mal auch nach der Muttersprache der Steuerpflichtigen gefragt wurde. Man nimmt in unseren Kreisen an, dass es sich dabei um die Vorbereitung irgend einer Abstimmung handelt. Am 13. und 14. November war der österreichische Reichsstatthalter Seyss- Inquart in Danzig. Er hat nicht nur auf mehreren Versammlungen gesprochen und am sogenannten öffentlichen Eintopfessen teilgenommen, sondern auch in Begleitung des Danziger Gauleiters Danziger Grossbetriebe besucht und an die Arbeiter Ansprachen gehalten. Die Reden waren auf den Nenner gebracht, dass das Reich und Danzig eine Einheit sei, und dass der" Führer" allein über Danzig zu bestimmen habe. Den deutlichsten Ausdruck der Anschlusspropaganda stellt wohl die vom 23. bis 27. November durchgeführte sogenannte " Deutschkundliche Woche" dar. Im Mittelpunkt dieser repräsentiven Veranstaltung standen folgende Vorträge: 1) Aufbau der deutschen Wehrmacht, a) des Heeres( Redner Generalleutnant c) der Marine Fromm), b) der Luftwaffe( Generalmajor Loerzer) ( Vizeadmiral Guse). 2) Deutsche Wehrpolitik in Vergangenheit und Gegenwart( General der Flieger v. Cochenhausen), 3) Gliederung und Stärke fremder Heere( Oberstleutnant Bemary), 4. Wehrerziehung des deutschen Volkes( Professor Dr. v. Arnim), 5. Wehr und Grenze( Oberst Ritter von Xylander). Als letzter Redner sprach Gauleiter Forster über das Thema" Wehrmacht und Partei". Ein besonderer Zweig der Anschlusspropaganda in Danzig ergeht sich in Versuchen, die Lebensunfähigkeit Danzigs nachzuweisen. Man erklärt in der Presse und in Versammlungen immer wieder, der Sinn der Abtrennung Danzigs vom Reich war der, dass Danzig Polen als Hafen dienen sollte. Da Polen jedoch den Hafen Gdynia( Gdingen) gebaut habe und den Danziger Hafen vernachlässige, gehe Danzig wirtschaftlich immer mehr zugrunde und die Abtrennung habe ihren eigentlichen Sinn verloren. Anfang November veröffentlichte aber der Danziger Hafenausschuss, die gemischte Danzig- polnische Hafenverwaltung, seinen neuen Vierteljahresbericht, der auch einen Rückblick über die verflossenen gesamten neun Monate des Jahres 1938 enthielt. In diesem Rückblick wurde festgestellt, dass die Statistik des Schiffsverkehrs für die ersten neun Monate des Jahres 1938 und 1937 in Bremen eine Steigerung um 13,3%, in Rotterdam um 5,5%, in Hamburg um 5,3%, in Antwerpen um- 1,8%, Danzig dagegen eine Steigerung um 17% verzeichne. Obwohl doch die politischen Verhältnisse in Danzig sich kaum noch von denen im Reich unterscheiden, machen alle diese Erscheinungen dennoch auf die Bevölkerung einen starken Eindruck. Aber nur die ganz dummen Nazis glauben, dass es dann Danzig besser gehen werde, oder dass irgend ein Gebot der nationalen A- 9Gerechtigkeit damit erfüllt werde. Für die weitaus meisten Leute bringen all diese Gerüchte und Hinweise auf die angeblich bald bevorstehende Angliederung ans Reich nur Unruhe und Aufregung mit sich. Da die Grundhaltung der Bevölkerung überwiegend antinationalsozialistisch ist, wird also auch der Anschluss keineswegs begrüsst. Manchmal hat es den Anschein, als ob man es mit direkt nicht Beteiligten zu tun hätte, wenn man die Meinung der Leute hört. Sie sprechen von der Möglichkeit des Anschlusses meist nur in dem Sinne, als handle es sich dabei um einen nicht wünschenswerten oder auch wünschenswerten-je nach persönlicher Einstellung neuen Erfolg Hitlers. Die meisten erwarten von einem Anschluss vor allem eine Verstärkung des Terrors. Die Hitlergegner fürchten sich davor, die Nazis freuen sich darüber, weil sie hoffen, dann ihre Rachsucht gegen einzelne Gegner besser befriedigen zu können. Jedenfalls kann keine Rede davon sein, dass die Danziger Bevölkerung den Anschluss Danzigs ans Reich als eine grosse nationale Sache empfindet. Das Volk ist so zerrissen, dass es gar nicht mehr fähig ist, national zu denken oder zu empfinden. Die Nazis wollen nur immer mehr Erfolge ihrer Partei, die Nazigegner, die unter dem Terror zu leiden haben, sind von Hass gegen ihre Peiniger erfüllt. Die Empfindungen der breiten Massen der Bevölkerung sind in allen Schattierungen der genannten beiden Grundstimmungen feststellbar. Sehr bezeichnend ist aber auch, dass nur sehr wenige Danziger der Meinung sind, der Anschluss würde und könn te von Polen verhindert werden. Wohl sind die Gesichtspunkte, die Polen zum Widerstand veranlassen müssen, bekannt, trotzdem glaubt man nicht mehr an ernsthaften polnischen Widerstand. So verheerend sind die Wirkungen des Verhaltens der Westmächte in der tschechoslowakischen Krise gewesen. Man ist eben jetzt der Meinung, dass sich Hitler alles leisten könne und niemand wage, sich ihm zu widersetzen. 2. Bericht: Aus Anlass des zwanzigsten Jahrestages der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit hat die polnische Postverwaltung im Danziger Hafen 4 Briefmarken herausgegeben, die den Aufdruck" Port Gdańsk"( Hafen Danzig) tragen und Bilder aus der Danziger Geschichte zeigen. In allen nationalsoziali stischen Versammlungen in Danzig wird jetzt auf diese" Provokation gebührend hingewiesen". Auch die Danziger Nazi- Presse hat einen hetzerischen Artikel aus diesem Anlass veröffentlicht. In der Danziger Bevölkerung wird die Herausgabe dieser Marken als ein Zeichen dafür gewertet, dass die Nazis doch noch nicht ganz Herren im Hause sind, zum mindesten aber dafür, dass Polen sich an Danzig noch nicht desinteressiert zeigt. A- 10b) Die antipolnische Propaganda Oberschlesien: Im September und Oktober schien es, als ob Polen und die Angehörigen der polnischen Minderheit von den Nazis freundlicher behandelt würden. Man konnte von Angehörigen der SA und SS hören, dass die Polen die einzigen Ausländer wären, die für Deutschland Verständnis haben. Die polnischen Zeitungen wurden wieder pünktlich durch die Post zugestellt. Einige polnische Blätter wurden auch ausgelegt und viel gekauft. Aber schon Mitte Oktober änderte sich die Lage. Jetzt heisst es, man habe in Warschau nicht begriffen, dass das OlsaGebiet nur zu Polen gekommen sei, weil der Führer mit dem tschechischen Bolschewismus ein Ende gemacht habe. Zugleich setzte auch eine neue Aktion zur Vernichtung der polnischen Zeitungen ein, wieder erschienen Anschläge in verschiedenen Betrieben, in denen nochmals darauf aufmerksam gemacht wird, dass das Mitbringen von polnischen Zeitungen verboten sei und mit sofortiger Entlassung bestraft würde. Der Bund deutscher Osten führt im Industriebezirk, aber auch in den Landgegenden Versammlungen durch, in denen eine hemmungslose Hetze gegen Polen betrieben wird. Man sagt klar und deutlich, dass es für Polen keinen Raum im Dritten Reich gebe. In der Julienhütte bei Bobreck wurden einige Deutsche aus ( polnisch) Oberschlesien als Facharbeiter neu eingestellt. Durch irgendwelche Denunziationen wurde der Arbeitsfront bekannt, dass die Leute früher in Polen auch einer polnischen Gewerkschaft angehört haben und auch heute noch ihre Kinder in die polnische Schule schicken. Das war Grund genug, diese Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen zu entlassen, weil sie durch ihr Verhalten bewiesen hätten, dass sie național nicht zuverlässig seien. Es wird jetzt bei der Einstellung neuer Leute aus Polen streng darauf geachtet, dass man diese Deutschen auch zur Agitation gegen Polen einsetzen kann. Von den Delbrückschächten, Ludwigsglück bei Hindenburg, wird berichtet, dass der dortige Vertrauensrat seine Leute aus Polen aufgefordert hat, im Betrieb zu erzählen, wie schlecht es der deutschen Minderheit in Polen gehe. Man müsse es den" Polacken" in Deutschland beibringen, dass sie nichts Gutes zu erwarten haben, solange die unerlösten Brüder drüben einer solchen Unterdrückung durch die polnischen Behörden ausgesetzt seien. Eine neue Losung in den Versammlungen des Bundes deutscher Osten ist: der polnische Gottesdienst muss verschwinden. In den Landgebieten um Kreuzburg, Oppeln und Guttentag wurden in den letzten Wochen systematisch von Dorf zu Dorf Listen aller Polen aufgestellt. Bei den Deutschen werden Unterschriften gesammelt, dass der polnische Gottesdienst überflüssig sei, da jeder im Dorfe deutsch verstehe. Angehörige der polnischen Minderheit, die diese Listen nicht unterzeichnen wollen, werden bedroht; man stellt ihnen in Aussicht, dass sie eines Tages aus dem Dorf vertrieben werden würden. Alle Menschen, die Sonntags den polnischen Gottesdienst besuchen, werden photographiert und man droht ihnen, sie in der Kinowochenschau A- 11zu zeigen, damit die Verwandten und Bekannten sähen, dass sie es mit Staatsfeinden zu tun haben. Seit etwa 4 Wochen werden auch sämtliche Kinder polnischer Minderheitsangehöriger in die Hitler- Jugend hineingepresst, ohne dass die Beschwerden der Eltern beachtet wurden. Wer in Deutschland geboren ist, ist eben Deutscher und wem es nicht passe, der solle nach Polen gehen. Aus Kreisen des Bundes deutscher Osten erfahren wir, dass man sich dort das Ziel gesteckt hat, die polnischen Minderheitsangehörigen bis zum Jahre 1940 völlig zu entnationalisieren. Nach diesem Zeitpunkt dürfe es weder eine polnische Minderheitsschule, noch eine polnische Privatschule geben. Man erwartet in diesen Kreisen eine grosse Aktion gegen Polen. Die deutschen Aufgaben im Osten würden in den Vordergrund gestellt, die blutenden Grenzen gegen Polen aufgezeigt, Ostoberschlesien, der Korridor und Posen- Pommerellen wieder in den Aufgabenkreis einbezogen werden. Unter Berufung auf den " Führer" wird betont, dass der Freundschaftspakt mit Polen auf 10 Jahre beschränkt sei und niemand bei den Nationalsozialisten habe je auf ehemals deutsche Gebiete verzichtet, die in Versailles Deutschland mit Gewalt geraubt wurden. Danzig, 1.Bericht: Nach der Darstellung eines Danziger Nationalsozialisten fühlen sich die Nazis in Pommerellen etwas von Hitler verlassen. Sie hätten gewisse Erklärungen Hitlers zugunsten Polens allzu wörtlich genommen und fürchteten, in die Rolle der Südtiroler zu geraten. Besonders habe auch enttäuscht, dass die seit einem Jahr gross angekündigte nationalsozialistische Einheitspartei in Polen noch immer nicht gegründet worden sei. Die dortigen Nazis ständen doch nicht so unmittelbar unter dem Einfluss der Nazi- Propaganda, vor allem sähren sie immer wieder, dass Polen noch absolut Herr im Hause sei. Deshalb werde man sich ihrer jetzt von Danzig aus in stärkerem Masse propagandistisch widmen. Besonders eifrig werde jetzt der Literatur- Vertrieb in Pommerellen betrieben. Von Danzig gingen nicht nur in Polen erlaubte, sondern auch viele verbotene Schriften dorthin. Die Zentrale dieser Arbeit sei die Adolf Hitler- Schule in Jenkau, Kreis Danziger Höhe. 2. Bericht: Auffällig ist die Aktivität der Nazis in Tczew ( Dirschau). Kürzlich ist aus Marienburg ein Ausflug von ehemaligen Einwohnern Dirschaus nach Dirschau organisiert worden. An dem Ausflug nahmen auch Danziger teil, die angeblich irgend welche Beziehungen zu Dirschau besitzen. Die Zahl der Teilnehmer betrug insgesamt über 200. Die Dirschauer Deutschen waren aufgeboten worden, um die Marienburger vom Bahnhof abzuholen. Alle zogen dann nach dem Deutschen Vereinshaus. Aus Dirschau nehmen neuerdings auch Deutsche an den KdFFahrten, die von Danzig aus veranstaltet werden, teil. 3. Bericht: Am 8. November wurde von den in Danzig lebenden Ukrainern eine Erinnerungsfeier an die vor 20 Jahre erfolgte Ausrufung einer selbständigen West- Ukraine veranstaltet. Diese Veranstaltung fand im Hause der Deutschen Studentenschaft in A-12Danzig und von der Ukrainischen Nationalen Vereinigung in Danzig veranstaltet. Beide Organisationen sind praktisch vollkommen in der Hand der NSDAP. Die Führer dieser" Nationalen Vereinigung" sind erst vor einigen Monaten aus Berlin nach Danzig gekommen; das gilt insbesondere von dem wichtigsten Mann, dem sogenannten General Zielinski, der bereits früher in Danzig gelebt hat, aber 1933, als die deutsch- polnische Verständigungspolitik begann, Danzig hatte verlassen müssen. Damals wurden die ukrainischen Vereinigungen in Danzig verboten und ihre bekanntesten Mitglieder ausgewiesen, zum Teil sogar vom Reich an Polen ausgeliefert. Heute ist Danzig neben Wien wieder das wichtigste Zentrum der nationalistischen ukrainischen Bewegung. Bei der Gedächtnisfeier waren etwa 40 Ukrainer erschienen. Den übrigen, weitaus grössten Teil des Publikums bildeten Danziger, vor allem Studenten, davon viele in NS- Uniform. Als erster Redner sprach der Führer der ukrainischen Studenten in Deutschland, Kaczmar, der sich mehr in historischen Erörterungen erging. Es sprach dann noch ein Redner, dessen Namen nicht erwähnt wurde, und der insbesondere über die Lage der Ukrainer in Polen Angaben machte, bei denen Polen nicht sehr gut weg kam. Als nächster Redner sprach" Generaloberst" Zielinski. Er sprach ukrainisch, obwohl er auch sehr gut deutsch. spricht. Seine Rede endete mit einem Loblied auf Hitler, mit dem gemeinsam die Ukrainer sich ihren Staat in Kampf gegen den Bolschewismus erkämpfen würden.- Am Schluss der Feier wurde eine ukrainische Hymne, dann das Deutschland- und HorstWessel- Lied gesungen. 3.Bericht: Anfang November befanden sich Schüler von Ordensburgen der NSDAP auf einer Fahrt durch Ostpreussen. Sie kamen zum Schluss nach Marienwerder, wo sie vom Regierungspräsidenten von Keudell zu einem Tee geladen waren. Dabei hielt Keudell eine Rede, in der er u.a. sagte, dass er in jüngster Zeit zahlreiche wichtige Besprechungen in Berlin gehabt habe und den Ordensschülern mit Wissen der Reichsregierung sagen könne, dass die deutsche Reichsregierung, vor allem Hitler, auch weiterhin dafür kämpfe, die durch den letzten Krieg verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Dazu gehörten auch Danzig und der Korridor. Gdingen werde man vielleicht nebst einigen Dörfern Polen belassen. Ebenso die Kohlenmagistrale ( die bekanntlich von Kattowitz nach Gdingen führt), wenngleich die Form für solche Vereinbarungen auch noch nicht gefunden sei. Die Rede des Führers, in der er erklärt habe, er habe keine territorialen Forderungen mehr, sei so zu verstehen, dass man ausser den Revisionsforderungen in Bezug auf Versailles keine Forderungen mehr habe. Zwei Mosaikstaaten seien bereits erledigt. Es würden andere folgen. Polen sei übrigens aus vielen Nationalitäten zusammengesetzt, besitze also keine festgefügte nationale Einheit. Im übrigen ginge die Politik der deutschen Reichsregierung dahin, Frankreich und England zu trennen. Man werde es erreichen, dass der Entente ein Ende bereitet werde. Wenn in Russland ein vernünftiges Regime herrsche, so könnte man auch an eine Aufteilung Polens gehen. A-13Sollte es wirklich zu einer Abrüstung kommen, so würde man es immer so einzurichten verstehen, dass Deutschland trotz aller Abrüstung von allen Staaten am besten gerüstet bleibe. Es gebe augenblicklich zwei Auffassungen in Deutschland, die sich aber darin einig seien, dass die Grenzen von 1914 zum mindesten wieder hergestellt werden müssen. Nach der einen Auffassung müsste das in etwa einem Jahr durchgeführt sein. Die andere Auffassung habe zunächst eine Befriedung mit den westlichen Demokratien zum Ziel. Das würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, so dass man erst später zu einer Revision im Osten kommen würde. 3) Aus dem Sudetenland Wir haben bereits im Vormonat( Heft lo/ 1938, Seite A 14 ff) eine Reihe von Berichten über die Lage im sudetendeutschen Gebiet nach der Besetzung zusammengestellt. Ueber die neuere Entwicklung in diesem Gebiet, in dem inzwischen( am 4. Dezember)" Ergänzungswahlen zum Grossdeutschen Reichstag" durchgeführt worden sind und programmgemäss mit 98,90% Ja- Stimmen geendet haben, unterrichten die nachstehenden Berichte: 1.Bericht: Die in den Tagen der Besetzung hochgehende Stimmung ist heute schon wieder verebbt. Trotzdem muss man sagen, dass der Nationalsozialismus sich überall durchge setzt hat. Bald nach der Besetzung kamen Briefe von Angehörigen von Flüchtlingen, meist Genossen, die deutlich zeigten, dass der Nationalsozialismus auch bei ihnen überzeugend gewirkt hat. Es sind das Briefe, die ihrem Inhalt nach und auch nach Kenntnis des Schreibers unmöglich von der Gestapo diktiert sein können, um den Geflohenen zurückzulocken. Die Tatsache, dass die Nazis sofort mit ihrer Organisation einsetzten und alles auf die neuen Formen umstellten, hat grossen Eindruck gemacht. Dazu kam noch, dass während der militärischen Besetzung Verhaftungen nur in geringem Umfange vorgenommen wurden. Die Militärbehörden haben sich nach allgemeinem Urteil sehr korrekt verhalten und sind auch ohne Rücksicht gegen Uebergriffe der SdP- Ordner vorgegangen. Erst als die Gestapo die Polizeigewalt übernahm, begann sich das Bild zu ändern. Jetzt wurden Verhaftungen in wachsender Zahl durchgeführt, die alle nach einem System erfolgen. Man hatte inzwischen die vorgefundenen Akten gründlich studiert und sich die gefährlichen Staatsfeinde herausgesucht. In den letzten 14 Tagen ging man dazu über, die Untersuchungen noch gründlicher durchzuführen. Es werden jetzt auf Grund der Mitgliederlisten in einzelnen Orten alle ehemaligen Sozialdemokraten einvernommen. Verschiedentlich versuchte man auch, ehemalige Sozialdemokraten zu Spitzeldiensten in der Tschechoslowakei zu gewinnen. Denselben Versuch macht man auch bei Tschechen, denen man ganz besonders freundlich entgegenkommt. A-14Die Verhaftungen nehmen noch immer an Umfang zu. Es sind auch schon neuerdings Flüchtlinge aus dem Sudetengebiet in die Tschechoslowakei gekommen, obwohl sie damit rechnen müssen, dass sie wieder nach Deutschland zurückgeschickt werden. Die Arbeitslosigkeit ist noch nicht beseitigt, obgleich viele Arbeitslose bei den Strassenbauten im reichsdeutschen Gebiet Verwendung gefunden haben. Diese Zwangsarbeiter schreiben sehr betrübliche Briefe, die viel dazu beitragen, dass die Begeisterung bald verfliegt. Die anfänglich in erstaunli-in einem Fall wurden cher Höhe ausbezahlten Unterstützungen der Frau eines Verhafteten, die vier Kinder hat, neben Kleidergeschenken und der vollen Verpflegung aus der NSV- Küche pro Woche 20,- RM Unterstützung gegeben- sind inzwischen wieder abgebaut worden. Jetzt erhält eine Familie, deren Ernährer zu Strassenbauten in Deutschland verschickt ist und der bei der geringen Entlohnung kaum Geld nach Hause schicken kann pro Woche 5, RM. Die im Anfang sehr reichlich fliessenden Geschenke aus dem Reich sind ebenfalls inzwischen versiegt. Die Preise steigen indessen auf den" Normalstand" der Reichswährung, so wird z.B. aus Krumau berichtet, dass dort 1 kg Fleisch 18, statt früher 11 Kč kostet, Butter 30,- statt 21,-, während Brot von 4,60 auf 5,- Kč, Milch von 1,60 auf 1,80 Kč gestiegen ist. Bei den Bauern hat die Einführung der deutschen Zwangswirtschaft grosse Misstimmung ausgelöst. Bereits während der militärischen Besetzung wurden zahlreiche Rinder requiriert. Besonders die Getreide ablieferungspflicht schafft Aerger. Bei der Arbeiterschaft versucht man jetzt durch zahlreiche KdF- Reisen ins Reich Propaganda zu machen. Auf die böhmischen Glasarbeiter, die früher niemals aus ihrer Heimat fortgekommen waren, machen diese Reisen natürlich grossen Eindruck. 2.Bericht: Bei der Aufstellung des Wählerverzeichnisses für die Ergänzungswahlen zum Reichstag sind Personen, die erst nach 1918 in das Gebiet gekommen sind und zur tschechischen Nationalität gehören, aufgenommen worden. Ferner ist folgender Vorgang für die Aufstellung der Wählervezeichnisse beachtenswert: In einem Fall wohnen die Eltern seit über 30 Jahren im sudetendeutschen Gebiet und die Kinder besitzen die Heimatzuständigkeit in ihrer jetzigen Wohngemeinde. Trotzdem wurden die Kinder nicht in das Wählerverzeichnis aufgenommen, sondern nach dem Geburtsort des Vaters, der im tschechischen Gebiet liegt, verwiesen und ausserdem wurde ihnen nahegelegt, abzuwandern. Trotz der wiederholten Anweisungen in den Zeitungen, dass kein Arbeiter zu entlassen sei, gleichviel ob er Tscheche ist oder früher Marxist war, mehren sich die Fälle von Arbeiterentlassungen, vor allem bei Tschechen. In Leitmeritz erhielt ein Tscheche vom Bürgermeisteramt die Genehmigung, seine Möbel in das tschechische Gebiet zu transportieren. Als der Möbelwagen erschien, verhinderten Ordner der SdP di Uebersiedlung. Die Beschwerde beim Bürgermeister wurde mit folgenden Worten abgelehnt:" Wenn die Ordner A-15Ihnen die Uebersiedlung nicht gestatten, dann können wir nicht: machen." In Dux haben sich nach den Tagen, an denen die Exzesse gegen die Juden und Tschechen( 9. und 10. November) stattgefunden hatten, grössere Trupps junger Burschen gebildet, welche, mit Hacken bewaffnet, es sich zur Aufgabe machten, Grundstücke von Tschechen, Häuser und Gartenanlagen, zu beschädigen Rufe" Hinaus mit den Tschechen" waren an der Tagesordnung. Am nächsten Tage " Erst die Juden, dann die Tschechen" usw. bildeten sich dann solche Zerstörertrupps u. a. auch in Bilin, Janneg, Brux und Bruch. Aus Teplitz- Schönau sind dieser Tage einige Tschechen ins tschechische Gebiet geflüchtet. Es handelt sich um Leute, die nach der Besetzung durch die deutschen Behörden nach Leipzig zur landwirtschaftlichen Arbeit verschickt worden waren. Der damalige Transport war 500 Mann stark. Die Leute wurden bei der Rübenernte eingesetzt und bekamen als Barentlohnung nur 0,65 RM täglich. Am ersten Arbeitstag meldeten sich 40 Mann krank. Nach 8 Tagen waren bereits 70 Mann von der Arbeitsstelle ausgerissen und wieder ins sudetendeutsche Gebiet zurückgekehrt. Dort sperrte man ihnen die Unterstützung für 3 Monate. In Teplitz- Schönau finden in der letzten Zeit in den Betrieben sogenannte" Befreiungsfeiern" statt. Morgens versammelt sich die gesamte Belegschaft, der Vertrauensrat oder der Betriebsführer hält eine Ansprache, teilt dabei mit, was der Betrieb infolge der" Befreiung" jedem Arbeiter und Anges tellten als Geldspende zukommen lässt. Je nach dem Betrieb und der Höhe der Spende werden den Arbeitern davon 5- 20% für die Winterhilfe abgezogen. Die Arbeiter der Steingutfabrik Urbach, Turn- Teplitz, haben eine Lohnerhöhung von 15% erhalten. Andererseits sind aber die Lebensmittelpreise bereits um 40% gestiegen. Das Mehl, das durchwegs von der Bevölkerung früher mit 2,80 Kč. je Pfund bezahlt wurde, kostet jetzt 3,20 Kč. 3. Bericht: Im ganzen Graslitzer Bezirk haben die Verhaftungen, die nach dem Einmarsch der Reichswehr begannen, noch nicht aufgehört. In Schwaderbach wurden ganze Familien von Kommunisten, Mann, Frau und Kind, verhaftet und in reichsdeutsche Gefängnisse überführt. Alle anderen Kommunisten, Sozialdemokraten und als Henleingegner bekannten Personen wurden schon in den ersten Tagen nach der Besetzung buchstäblich zusammengetrieben und dann kolonnenweise an die Grenze geschafft, wo sie unter Aufsicht von SdP- Leuten die im Herbst von den Tschechen angelegten Grenzzäune wieder beseitigen mussten. Jeder mus te dazu eigenes Werkzeug, Hacke, Schaufel oder Spaten und Schubkarren mitbringen. Da der Zaun aus Eisenbahnschienen bestand, die auf Betonsockeln befestigt und durch starkes Drahtseil miteinander verbunden waren, haben sich die Henleiner ein Gaudium daraus gemacht, diese Betonklötze mit der Schiene durch Personen aus der Erde herausheben zu lassen, die für diese schwere Arbeit besonders ungeeignet waren. Dabei wurden die Leute von Passanten und Gaffern aus Schwaderbach A-l6- begelfert und verlacht. Reichsdeutsche dagegen mieden die Crenzstrasse an diesen Tagen. Im Graslltzer Bezirk herrscht schon seit Mitte Oktober Knappheit an den notwendigen Lebensmitteln, da in den ersten Tagen der Besetzung viele Reichsdeutsche alles aufgekauft haben, bis dann am 10. Oktober ein Verbot zur Abgabe von Waren an Leute aus dem Reiche erlassen wurde. Auch Kohlenmangel herrseht trotz der nahen Gruben im Falkenauer Revier. 4.. Bericht: In Chodau erhielten die Arbeitslosen am 15. Oktober zum ersten Mal Unterstützung(7,50 RMk. pro Woche und 2,80 RMk. für Frau und Kind). Am 17. Oktober hatten sie sich mit Schaufel und Besen beim Rathaus einzufinden. Die 100 Mann, die der Anweisung nachkamen, mussten dann die Strassen kehren. Am Abend wurden die Leute aufgefordert, bei einem Zuschlag auf die Unterstützung von ßtSO RMk. sich zu Strassenreparatu- ren zu melden. Da die Leute, die noch ihre Rechnung in Kronen machten und dann noch die Reichsmark mit 10 Kd. bewerteten, meldeten sich zu dieser Arbeit etwa 60 Mann. Am 7. November arbeiteten die Leute wieder und am Abend marschierten die Arbeitskolonnen auftragsgemäss nach dem Rathaus.[Die Reichswehr war einige Tage vorher abgerückt). Vor dem Rathaus standen einige Polizeiwagen. Aus dem Rathaus kamen Beamte mit Zetteln und verlasen einige Namen. Die Leute mussten ins Rathaus und wurden für verhaftet erklärt. Das Verhalten der deutschen Behörden lasst darauf schliessen, dass zunächst alles getan wurde, um die Leute in Sicherheit zu wiegen und eine Anzahl Geflüchteter wieder zur Rückkehr zu veranlassen. Nachdem dieses Vorgehen auch zum Teil Erfolg hatte, konnten dann die Verhaftungen durch die Gestapo im ganzen Gebiet umso wirkungsvoller durchgeführt werden. Mitte Oktober wurde in Chodau plötzlich das Fleisch knapp. Das lag wohl in der Hauptsache daran., dass der Konsumverein Chodau seinen Viehbedarf früher immer direkt vom Prager Viehmarkt bezogen hatte. Aber auch die Bauern der Umgebung hielten das Sohlachtvieh zurück, weil sie warten wollten, bis sich die Preise den reichsdeutschen angepasst haben. Infolgedessen stiegen die Fleischpreise ausserordentlich. Kostete vorher das Kilo Rindfleisch 10,- bis 14 Kd. und das Schweinefleisch 12,- bis lo,- Kö, so musste schon Mitte Oktober für Rindfleisch 50,- bis 35,- K6. bezahlt werden. Schweinefleisch gab es überhaupt nicht. Auf Betreiben der Fleischer griffen die Behörden ein und zwangen die Bauern unter Androhung von Geld- und Haftstrafen, das Schlachtvieh abzuliefern. Die Begeisterung der Bauern kann man sich denken. Am 1. November wurde eine Bekanntmachung erlassen, die darauf hinwiess, dass alle rückständigen Steuern bis zum 13. 11. auf den Steuerbehörden zu verrechnen seien. Die Bekanntmachung betonte dann ausführlich, dass der alte Schlendrian, dem Staat die Steuern vorzuenthalten, aufhören müsse und dass anderenfalls das deutsche Reich schon Mittel und Wege kenne, um Säumige zu zwingen. Diese Nachzahlung der Steuerrückstände trifft in der Hauptsache SdP-Anhänger. Denn es gehörte ja mit A-17zu der jahrelangen Flüsterpropaganda, dem Staat gegenüber Steuersabotage zu betreiben, da nach dem Anschluss diese Steuern den Henlein- Anhängern sowieso geschenkt würden. Verschiedenen Geschäftsleuten und Landwirten mit grossen Steuerrückständen wurden schon am 5.November Zahlungsbefehle unter Androhung von Zwangsbeitreibung zugestellt. 5.Bericht: In X. wurde der frühere Gemeindevorsteher während der Septemberexzesse im Erzgebirge von den Henleinleuten so zusammengeschlagen, dass er bewusstlos ins Krankenhaus transportiert werden musste. Anfang November wurde er, obgleich er noch nicht ganz wiederhergestellt ist, von der Gestapo verhaftet und ins reichsdeutsche Gebiet transportiert. Auch in Y. hat man Anfang November den letzten Gemeindevorsteher verhaftet und nach Sachsen gebracht. In Z. wurde der wieder zurückgekehrte Sozialdemokrat A. Anfang November verhaftet. A. machte in der Gefangenschaft einen Selbstmordversuch und musste ins Krankenhaus überführt werden. A-L8 II. Der Terror gegen die Juden Der Temichtungsfeldzug gegen die deutschen Juden ist allen Anzeichen nach in sein letztes Stadium eingetreten. Indem wir in diesen Berichten die neuen gesetzgeberischen und polizeilichen Massnahmen. gegen die Juden wenigstens in grossen Umrissen- aufführen, setzen wir eine Chronik fort, die mit den Anfängen der nationalsozialistischen Diktatur begonnen und seither ständig ergänzt worden ist. Wenn man heute fragt, welche Rechte den deutschen Juden noch geblieben sind, so kann die Antwort nur lauten: keine. Nicht das Recht auf Wohnung,-deutsehe Gerlohte haben mehrfach entschieden, dass die Hausgemeinschaft mit jüdischen Mietern den arischen Hausbewohnern nicht zugemutet werden könne- nicht das Recht auf Nahrung,-in zahlreichen Orten ist der Lebensmittelverkauf an Juden verboten- nicht das Recht auf Arbeit,-die Juden sind nach und nach aus allen Berufen entfernt worden- nicht das Recht auf kärglichsten Besitz, auf körperliche Integrität, auf Verteidigung gegen gesetzlose Angriffe, nicht einmal das Recht darauf, das Land mit einem ordnungsgemässen Pass und eigenen Reisemitteln zu verlassen. Da wir im Teil B dieses Berichtes(Seite B 1- 25) einen Ueber blick über die Entwicklung der deutschen Judengesetzgebung seit 1933 und über die gegenwärtige Rechtslage geben, können wir uns im folgenden mit einer chronologischen Darstellung jener Ereignisse begnügen, die das Schicksal der deutschen Juden in den letzten Wochen so unheilvoll beeinflusst haben. Seit dem Absohluss der Uebersicht im Teil B sind noch folgende allgemeine Massnahmen gegen die Juden bekanntgeworden: Auf Grund der Verordnung des Beauftragten für den Vierjahresplan vom 24. November 1938 hat der Reiohswirtschaftsminister Anfang Dezember folgendes bestimmt: 1.) Ab 1. Januar 1939 darf kein Jude mehr Einzelhändler sein. Die Geschäfte sind in der Regel nicht zu veräussern, sondern aufzulösen. 2.) Alle nicht aufgelösten Geschäfte sind zu veräussern. - A-193.) Land- und forstwirtschaftlicher und städtischer Grundbesitz ist zu veräussern. Im Falle der nicht rechtzeitigen Veräusserung vor allem, wenn der Besitzer sich im Ausland befindet wird ein Treuhänder eingesetzt, der den Betrieb an Stelle des Juden vorläufig weiterführen, abwickeln oder veräussern kann und der überhaupt ermächtigt ist, alle gerichtlichen und aussergerichtlichen Geschäfte und Rechtshandlungen so vorzunehmen, als wenn er im Besitz einer gesetzlichen Vollmacht wäre. 4.) Wertpapiere, Kuxe, Aktien, Pfandbriefe, Anleihen sind zu deponieren, Gold, Silber und Juwelen dürfen nicht freihändig, sie müssen dem Staat verkauft werden, ebenso Kunstgegenstände. Bei Veräusserung seiner Vermögensanteile an Private können dem Juden Schuldverschreibungen des Reiches in Zahlung gegeben werden, bei Veräusserung an das Reich erhält er Rentenpapiere. Nach der Durchführungsverordnung des Reichsfinanzministeriums ist der erste Teilbetrag der" Kontribution" von 1 Milliarde am 15. Dezember fällig. Er muss in bar bezahlt werden. Da diese Bestimmung die Juden zum raschen Verkauf von Wertsachen und Kunstgegenständen zwingt, hat die Industrie- und Handelskammer Berlin auf Anordnung des Reichswirtschaftsministeriums eine Ankaufsstelle eingerichtet, die Wertgegenstände aus jüdischem Besitz nach Abschätzung durch Sachverständige ankauft; und zwar sollen an dieser Stelle die von den Juden erpressten Werte aus dem ganzen Reichsgebiet zusammenfliessen. Die jüdischen Inhaber demolierter Läden müssen alle entstandenen Schäden vor Uebergabe des Geschäftes an einen Arier aus eigenen Mitteln wieder gutmachen, während die von den Versicherungsgesellschaften zu leistenden Entgelte dem Reiche zufliessen. Das Reichsstudentenwerk hat am 26. November alle vor dem Umsturz an Juden gewährten Studiendarlehen-Stipendien- gekündigt und verlangt die Rückzahlung binnen zwei Wochen. Unmittelbar nach dem Pariser Attentat wurden in Deutschland sämtliche jüdischen Zeitungen auf unbestimmte Zeit verboten. Später erlaubte man das Erscheinen eines Ersatzblattes für die " Jüdische Rundschau". Die Zeitung darf nur einmal wöchentlich im Umfang von einer Seite erscheinen und lediglich offizielle A-20Mitteilungen der jüdischen Gemeinden und Organisationen sowie Reichsgesetze publizieren. Durch eine Rechtsverordnung des Danziger Senats wurden mit Wirkung vom 23. November für das Gebiet der Freien Stadt Danzig die Nürnberger Gesetze eingeführt. Auch die Danziger Staatsangehörigen polnischer Nationalität sind diesen Gesetzen unterworfen. Die schwer lösbare Frage nach den Beweggründen, die das Regime bei seinem Vorgehen gegen die Juden leiten, haben wir bereits in Heft 7/1938( Seite A 66) erörtert. Wir haben bereits damals darauf aufmerksam gemacht, dass sich ein Beweggrund denken lässt, der wenig beachtet wird, allerdings allein auch zur Erklärung nicht ausreicht: den Kampf gegen die Juden als Bestandteil der deutschen Kriegsvorbereitungen. In einer Zeit, in der wir auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland eine erneute Steigerung der Kriegsvorbereitungen feststellen müssen, ist es wahrscheinlich, dass auch die" Lösung der Judenfrage" immer mehr unter diesem Gesichtspunkt gesucht wird. Es liegt nahe, dass die Machthaber, nach München auch durch aussenpolitische Rücksichten nicht mehr gehemmt, folgende Ueberlegung anstellen: Die 600 bis 700.000 Juden, die noch heute in" Grossdeutschland" leben, sind im Kriegsfalle ein bedenklicher Unruheherd. Umso bedenklicher, als sich während der tschechoslowakischen Krise gezeigt hat, wie problematisch die Volksstimmung ohnehin im Kriegsfall von Anfang an sein würde. Deshalb müssten die Juden im Kriege auf alle Fälle von der übrigen Bevölkerung isoliert werden. Es ist aber einfacher und zweckmässiger, wenn die Isolierung schon vorher durchgeführt wird, soweit es nicht möglich ist, die Juden einfach aus dem Lande zu jagen oder umzubringen. Um zu zeigen, dass die Pogrome nach dem 9. November eine folge. richtige Steigerung des schon vorher geführten Kampfes gegen die Juden sind, stellen wir nachstehend noch eine Reihe von Berichter über den Terror gegen die Juden in den letzten Monaten zusammen. Wir gliedern also das Berichtsmaterial in die Ereignisse vor dem Attentat in Paris und in das Vorgehen nach dem Attentat. 1) Vor dem Attentat in Paris a) Der Juden terror im eroberten Sudetenland A-21Während die Wiener Juden vom deutschen Einmarsch überrascht wurden, ehe an eine Flucht zu denken war, hatten die Juden im su detendeutschen Gebiet-wenigstens theoretisch- die Möglichkeit, unter Zurücklassung ihres Eigentums zu flüchten. Viele zogen allerdings den Selbstmord einem ungewissen Schicksal vor. Aber auch die rechtzeitig Geflüchteten sahen sich in ihrer Hoffnung auf Sicherung der nackten Existenz betrogen. Sie wurden in zahlreichen Fällen von den tschechischen Behörden aufgefordert, binnen 24 Stunden in ihre deutsche" Heimat" zurückzukehren. Aufgegriffene Flüchtlinge beförderte man zwangsweise ins Grenzgebiet zurück. Die Deutschen ihrerseits trieben Scharen von jüdischen Einwohnern aus dem besetzten Gebiet in das" Niemandsland", eine schmale Zone zwischen deutschem und tschechischem Gebiet. Dort irrten die Unglücklichen ohne Obdach und Nahrung wochenlang auf den Feldern umher, unter ihnen Greise, schwangere Frauen und Kin der, bis es ihnen gelang, wenigstens vorübergehend Einlass in die Tschecho- Slowakei zu finden. Die gleichen Szenen spielten sich im Niemandsland an der tschechisch- österreichischen Grenze nahe Brünn ab. Die ins Ausland geflüchteten sudetendeutschen Juden versuchten in manchen Fällen, wenigstens einen kleinen Teil ihres im besetz. ten Gebiet zurückgebliebenen Besitzes herauszuholen. Einer unserer Mitarbeiter berichtet über den Erfolg dieser Bemühungen: Sudetenland: Die Enteignung der geflüchteten Juden geht so vor sich, dass zur Eintreibung von Geldforderungen, die von Privaten gegen die Geflüchteten geltend gemacht werden, durch das Amtsgericht sofort ein Kurator ernannt wird, der für den Geflüchteten handelt und die Liquidation seines Besitzes vornimmt. Meist werden die kommissarischen Leiter der Geschäftsunternehmungen als Kuratoren eingesetzt. Zuschriften der Besitzer aus dem Ausland werden, wenn überhaupt, mit der Erklärung beantwortet, dass sie zur Regelung ihrer Besitzverhältnisse selbst an Ort und Stelle erscheinen müssten. ▲-22Die im Sudetengebiet verbliebenen Juden erleiden das Los ihrer reichsdeutschen Schicksalsgefährten. In den Pogromschilderungen auf den folgenden Seiten veröffentlichen wir auch einige Bericht aus dem sudetendeutschen Gebiet. b) Der Dauerpogrom Das Regime hat versucht, im Ausland den Eindruck zu erwecken, als seien die seit dem 10. November to benden Pogrome die Folgeerscheinungen des Grynspan- Mordes. In Wahrheit wurde seither nur das Tempo beschleunigt und jede Rücksicht auf das Ausland fallen gelassen. Es würde zuviel Raum kosten, die seit unserem letzten Bericht über den antijüdischen Terror( Heft 7/1938, Seite A 58 ff.) erfolgten lokalen Verordnungen und Terrorakte aufzuzählen. Wir erinnern nur daran, dass z. B. die Vernichtung der Synagogen, die bei den jüngsten Ereignissen eine so grosse Rolle gespielt hat, bereits im Sommer mit dem Abbruch der grossen Nürnberger Synagoge begann. Seither wurde die Synagoge in Kaiserslautern durch zwei Sprengungen dem Erdboden gleichgemacht, die Synagogen in Rodalben, Kusel, Albersweiler wurden von den Stadtverwaltungen" erworben" und" nützlicheren Zwecken zugeführt" Die Synagoge in Dortmund wurde abgerissen, die in Hamburg zwangsweise geschlossen. Um den Zustand des Dauerpogroms zu kennzeichnen, greifen wir im übrigen aus den vorliegenden Berichten zwei heraus: Schlesien: Von den kürzlich verhafteten Juden wurden mit Ausnahme einiger älterer Leute, die man wieder entlassen hatte, alle nach dem Konzentrationslager Buchenwald in Thüringen verbracht. Zwei Familien erhielten die Mitteilung, dass ihre Männer im Lager an Lungenentzündung gestorben seien. Allgemein bestebt die Ueberzeugung, dass sie erschossen wurden. Ganz besonders schlimm ergeht es den Familien der Verhafteten. Die Frauen, die kein Einkommen mehr haben, weil sie das Geschäft schliessen mussten, gehen zum Arbeitsamt. Dort wird ihnen Arbeit zugewiesen. Dabei sucht man gerade solche Arbeiten für die Jüdinnen aus, die sie schwer leisten können. Eine Frau 2.B., die vorher ein Textilgeschäft hatte, arbeitet heute als Putzfrau in einer Fabrik. Die Emigration der Juden, auch aus dem alten Reichsgebiet, hat stark zugenommen. In Breslau sind Juden geflohen, die alles, was sie hatten, zurückgelassen haben. Ihre Wohnungen und Geschäfte wurden versiegelt. A-23Berlin: Es ist schon am 30. Juni in der Grossen Frankfurter Strasse und in der Münzstrasse zu Plünderungen gekommen. In der Grossen Frankfurter Strasse wurden an diesem Tage in mehreren Schuhgeschäften und in einem Goldwarengeschäft, das sich in dem Hause Ecke Koppenstrasse, Grosse Frankfurter Strasse befindet, die Schaufenster eingeschlagen. Ebenso in der Münzstr. in dem Uhren- und Goldwarengeschäft Brandmann, das dann am 9. November erneut heimgesucht wurde. In vielen Fällen ist es zu Plünderungen gekommen. So hat sich z.B. in einem Betrieb eine Angestellte gerühmt, dass ihr habe, und dass sie Vater 6 Paar Schuhe mit nach Hause gebracht auch ein Paar abbekommen habe. Darauf hat eine andere ihr entgegnet:" Im Kriege wurden Plünderer im Feindesland erschossen". Es ist aber weder der einen noch der anderen Angestellten etwas passiert. Auch sonst hat man in den letzten Monaten schon Juden polizeilich schikaniert, wo man konnte. Wenn etwa ein Jude bei gelbem Licht über die Strasse ging, musste er gewärtigen, verhaftet zu werden, ein oder drei Tage auf dem Polizeirevier zuzubringen und hinterher noch eine Geldstrafe zu zahlen. Auf dem Polizeirevier gibt es besondere Judenschalter und für Juder sogar besondere Federhalter. Bei Post und Telefon ist eine solche Einrichtung noch nicht getroffen worden. c) Die Austreibung der polnischen Juden Am Abend des 27. Oktober wurden in allen Teilen Deutschlands etwa 18.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und gewaltsam über die polnische Grenze getrieben. Wir erhalten dari ber folgende Berichte: 1.Bericht: Im oberschlesischen Industriebezirk sind gegen 3.boo polnische Juden( einschliesslich ihrer Familienangehörigen) ausgewiesen worden. Am schlimmsten war es in der Gegend von Beuthen, wo man etwa 2.000 Juden über die Grenze trieb. In der Nähe des Beuthener Stadtwaldes, nahe dem polnischen Orte Rojca- Radzionkau, wollten zunächst die polnischen Grenzer die Juden nicht herüberlassen. SA- und SS- Leute aus den Beuthener und Gleiwitzer Stürmen benutzten die Verzögerung, um die polnischen Staatsbürger nochmals einer gründlichen Revision nach Geld und Wertsachen zu unterziehen. Man beraubte sie aller Schmucksachen, nahm ihnen jeden Betrag fort, der höher als 10 Mark war und liess alles in den eigenen Taschen verschwinden, ohne die geringste Bestätigung über die " Beschlagnahme" zu geben. In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober wurden dann die polnischen Bürger wieder an die Grenze geschafft. SA und Polizei schossen in die Luft, um die Flüchtlinge in Angst zu versetzen und sie so über die Grenze zu treiben. Dabei kam es zu zahlreichen Unglücksfällen, Nervenzusammenbrüchen, Bein- und Knochenbrüchen. A-24Bei Biskupitz- Ruda hat man 400 polnische Juden, als sich Polen weigerte, sie in Empfang zu nehmen, einfach auf ein Brachfeld getrieben und sie dort drei Tage lang ohne jede Verpflegung gelassen, bis schliesslich durch Eingreifen der polnischen Behörden die Ausweisung beigelegt wurde. Man liess diese Juden dann zwar nach Hindenburg herein, sie durften aber mit niemanden Fühlung nehmen. Auf dem Brachfeld kam es zu herzzerreissenden Szenen zwischen Kindern und Eltern. Niemand kümmerte sich um die Kranken. Bergleute, die diese Szenen beobachtet hatten, versuchten wiederholt, an die Juden heranzukommen. Sie wurden durch SA und Polizei daran gehindert. Man drohte ihnen auch, sie würden bald zu diesem polnischen Judenauswurf gehören, wenn sie sich weiter dafür interessierten. Am Sonntag wurde der Weg durch Polizei zu diesem Feld ganz abgesperrt. Die Bevölkerung lehnte dieses Treiben entschieden ab. Selten war die Kritik gegen das System so offen, wie in diesem Fall. 2. Bericht: Eine Frau erzählt: Ich wohnte in Dresden. Seit dem Jahre 1916 hatte ich in Deutschland Aufenthaltsgenehmigung und bin niemals mehr in Polen gewesen. Am 27. Oktober, abends um 1/2 10 Uhr, erschien in meiner Wohnung ein Beamter der Schutzpolizei und erklärte, er müsse mich verhaften und zum Polizeipräsidium bringen. Ich war sehr erschrocken, aber ich habe natürlich nicht daran gedacht, dass ich überhaupt nicht mehr nach Hause kommen würde. Der Beamte sagte mir, dass ich meine beiden Kinder mitbringen müsse. Mein Mann war bereits aus Deutschland ausgereist, ich hatte die Absicht, ihm bald zu folgen. Als wir im Polizeipräsidium ankamen, wurden wir in einen grossen Saal gebracht, in dem sich bereits Hunderte von polnischen Juden, die in Dresden wohnten, befanden. Niemand wusste, was das Ganze zu bedeuten hatte. Um etwa 2 Uhr nachts erschien in dem von Polizeibeamten bewachten Saal ein höherer Beamter und las uns eine allgemeine Ausweisungsverfügung vor. Er erklärte anschliessend, die Abschiebung werde sofort vonstatten gehen und niemand dürfe mehr nach Hause. Wohnungs- und Ladenschlüssel sollten der Polizei übergeben werden. Tatsächlich wurde niemand mehr aus dem Gebäude gelassen. Manche waren bereits am Vormittag verhaftet worden. Ich weiss von zwei Kindern die aus der Schule heraus von der Polizei verhaftet und nach. dem Polizeipräsidium gebracht wurden. Bei den Verhafteten befanden sich auch ganz alte Leute und eben erst geborene Kinder. Nach dem Verlesen des Ausweisungsbefehl es mussten wir alle durch eine Tür gehen, wo die Aufenthaltsbewilligung in unseren Pässen mit" ungültig" überstempelt, zum Teil auch nur einfach mit Rotstift durchstrichen wurde. Dann erhielten wir die Pässe zurück. Früh um 7 Uhr wurden wir alle zum Dresdner Hauptbahnhof gebracht, wo sich bereits Gruppen von polnischen Juden aus Chemnitz, Plauen und Leipzig befanden. Unter starker Polizeideckung wurden wir in einen Zug verladen. Die Synagogengemeinde von Dresden, die davon gehört hatte, hatte noch rasch an den Bahnhof Lebensmittel, warme Decken und A- 25ähnliches geschafft, die an uns verteilt werden durften. Der Zug wurde von uniformierten Polizeibeamten begleitet, die sich allgemein ganz anständig verhielten. Fast alle wurden wir nach mitgebrachtem Geld durchsucht. Es wurde uns alles gegen Quittung fortgenommen, bis auf 10 RMK., die man dem Besitzer gewöhnlich liess. Ich weiss allerdings von Fällen, in denen die Leute nicht einmal die 10 RMK. behalten durften. Im Zuge wurde ein Kind geboren. Ich weiss nicht, was aus Mutter und Kind geworden ist, als der Zug sein Ziel erreicht hatte. Die Frau musste jedenfalls die Reise fortsetzen und mitreisende Frauen bemühten sich um sie. Mitten in der Nacht hielt der Zug auf einem toten Gleis. Wir waren noch ein Stück von der polnischen Grenze in Oberschlesien entfernt und mussten auf freiem Feld-es herrschte grosse Finsternis- aussteigen. Hier wurde die Polizei abgelöst. SS nahm uns in ihren" Schutz". Die SS war in zwei Reihen an beiden Seiten des Zuges postiert. Es dürften ungefähr 200 Mann gewesen sein. Alle hatten Karabiner mit aufgepflanztem Bajonett. Wir mussten uns nun in Reihen zu vieren aufstellen. Dann hielt ein SS- Mann eine Rede an uns, in der er uns als dreckige, gemeine Juden beschimpfte und uns erklärte, wir müssten jetzt einen Marsch antreten. Wer den geringsten Versuch mache, zu flüchten oder zurückzubleiben, würde erschossen werden. Wir marschierten los. Man stelle sich vor: Greise, Frauen mit Kindern auf dem Arm, kleine Kinder an der Hand usw. Unter uns befanden sich auch zwei Blinde, alte Männer von über 70 Jahren. Es war ganz klar, dass viele nicht mitkommen konnten, obwohl das Tempo.nicht allzu scharf war. Manche hatten Koffer mit, die sie einfach stehen lassen mussten, weil sie sie nicht schleppen konnten. Die SS- Leute erlaubten keine Verzögerung. Sie begannen, auf einige Männer einzuschlagen und andere wüst zu beschimpfen. Es war entsetzlich. Der Marsch dauerte fast 3 Stunden. Etwa um 3 Uhr nachts erreichten wir die grüne Grenze. Vorher mussten wir halt machen. Es wurde uns jetzt verboten, zu sprechen oder irgend einen Laut von uns zu geben. Die SS- Leu te wiesen auf ein Licht, das wir in einiger Entfernung sahen und erklärten, das sei der polnische Grenzposten. Dort müssten wir ganz still und ohne Geräusch hin. Sollte jemand versuchen, zu bleiben oder zurückzukommen, so würde er erschossen werden. Die SS zog sich dann von der Spitze des Zuges langsam zurück, ihre Mannschaften blieben hinten und trieben uns an. Es setzte Kolbenschläge oder Prügel mit der Faust, weil wir angeblich nicht marschieren wollten. Tatsächlich zögerten manche, was verständlich ist, wenn man das Unheimliche dieser Situation bedenkt. Es war durchaus zu befürchten, dass der polnische Posten schoss. Wir erfuhren später, dass es sich um eine Stelle der Grenze handelte, die zum Uebertritt nicht zugelassen ist.Tatsächlich wollte der Posten, der uns erst spät bemerkte, uns nicht durchlassen. Er tat es schliesslich doch, so dass wir nach Polen gelangten. 3. Bericht: Ich bin in Chemnitz verhaftet worden. Auch bei uns wurden Männer, Frauen und Kinder von Hause fortgeholt.Uebe A-26die Polizei können wir im allgemeinen nicht klagen. Man erzähl te uns im Polizeipräsidium, wir würden nur auf ein paar Tage nach Polen geschickt, dann könnten wir zurück kommen, um unsere Angelegenheiten zu ordnen. Das war natürlich eine Lüge. In unserem Transport befanden sich ein 82- jähriger Mann und mehrere Krüppel. Alle mussten mit an die Grenze marschieren. Die ganz Schwachen wurden von den Stärkeren abwechselnd getragen. Wir kamen etwa eine Stunde nach den Dresdnern an die grüne Grenze und hatten Schwierigkeiten, weil der Posten in Polen nun aufmerksam geworden war und solche Massen nicht an verbotener Stelle hereinlassen wollte. Die Beamten erklärten, soweit ich verstand, wir müssten bis zum Morgen warten und dann an einer anderen Stelle die Grenze überschreiten. Die SS auf der deutschen Seite merkte nun, dass es Schwierigkeiten gab und feuerte einige Salven ab. Wir warfen uns auf die Erde, um nicht getroffen zu werden. Man schoss weiter, anscheinend aber nur in die Luft. Gleichzeitig flammte der ganze Wald an der deutschen Grenze hellerleuchtet auf. Die SS hatte Leuchtkugeln abgeschossen, so dass sie das gesamte Gelände übersehen konnte An ein Zurück war also nicht zu denken. Man hätte sicherlich auf uns geschossen. Die polnischen Posten begriffen jetzt unse re Lage und liessen uns passieren. 4. Bericht: In Berlin sind in der Hauptsache Männer verhaftet worden. Aber es befanden sich in dem Transport auch schwanger Frauen. Uns wurde auf dem Polizeipräsidium in Berlin erklärt, dass wir abgeschoben würden. Wir sollten uns Verpflegung für 2 Tage und höchstens 10 RMK mitnehmen. Polizeibeamte haben uns nach Geld untersucht. Sie haben manchen Leuten nicht einmal 10 RMk. gelassen und das Geld durchweg ohne Quittung abgenommen. Im Zug mussten alle Fenster geschlossen und die Abteilungstüren geöffnet sein. In den Gängen standen Beamte der Polizei mit aufgepflanztem Bajonett. An der Grenze wurden für die Alten und Krüppel Autos zur Verfügung gestellt. Die anderen mussten in der Nacht-es war etwa 11,30 Uhr zwei bis drei Kilometer weit marschieren. Die Behandlung war sehr roh. Wir wurden beschimpft und auch geschlagen. Wir haben die Grenze am 28. Oktober bei Neu- Bentschen überschritten. Unter den in Berlin ausgewiesenen Juden waren nicht nur polnische Staatsbürger, sondern auch Staatenlose, die von den polnischen Grenzwachen aber zunächst hereingelassen wurden. 2) Nach dem Attentat in Paris a) Der Vorwand Am Montag, den 7. November. verübte der siebzehnjährige polnische Jude Herschel Feivel Grynszpan im Gebäude der deutschen Botschaft in Paris ein Attentat auf den dritten Botschaftssekretär A-27Herrn vom Rath und verletzte ihn schwer. Vom Rath ist an den Fol gen der erlittenen Schussverletzungen gestorben. Nach dem Motiv der Tat befragt, erklärte Grynszpan:" Ich wollte meine Brüder, die aus Deutschland gejagten polnischen Juden, rächen". Grynszpa Vater, der seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland lebte, war aus seinem Wohnort Hannover mit den übrigen dort lebenden polnischen Juden in der Nacht verhaftet und an die Grenze getrieben worden. Unmittelbar nach dem Tode vom Raths begannen in Deutschland die grauenvollsten Pogrome, die das nationalsozialistische Regime bisher inszeniert hat. b) Tatsachenberichte Von dem, was sich in diesen Tagen ereignete, können unsere Berichte nur einen kleinen Ausschnitt wiedergeben. Die Machthaber haben mit eiserner Stirn behauptet, dass die Brandstiftungen, Plünderungen und Misshandlungen die spontane Rache des Volkes für das Attentat in Paris gewesen sei. Demgegenüber steht fest, dass die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden schon vor Monaten durch die Einführung einer besonderen Anmeldepflicht für jüdisches Vermögen vorbereitet worden ist. Das Attentat in Paris war nur der bequeme Vorwand, eine " Busse" von 1 Milliarde RMk. von den Juden zu erheben, für die man sonst andere Vorwände gefunden hätte. Es steht aber auch weiter fest, dass die Pogromaktionen von SA, SS, NSKK und HJ durchgeführt worden sind, und dass das Volk davon am Morgen des. 10. November genau so überrascht worden ist wie das Ausland. Dass dann der Pöbel hier und da die Gelegenheit benutzte, um zu plündern, hat mit" spontanem Volkszorn" nichts zu tun. Ueber weitere Vorbereitungen von langer Hand ist einem unserer Berichte folgendes zu entnehmen: Berlin: Die ganze Aktion war schon 3-4 Wochen vorher behördlich vorbereitet worden. Sämtliche Juden waren dem Alphabet nach an bestimmten Tagen zum Polizeirevi er bestellt worden mit der Aufforderung, etwa in ihrem Besitz befindliche Waffen mitzubringer. In diesen Tagen standen auf den Polizeirevieren A-28Juden in langer Reihe, um alle Hieb-, Stich-, Schlag- und Schusswaffen abzuliefern. Die Waffen mussten abgegeben werden ohne Rücksicht darauf, ob die Besitzer Waffenscheine hatten. Diese Aktion hat man offenbar durchgeführt, um jeden Widerstand gegen die Zerstörungen und Plünderungen von vornherein unmöglich zu machen. Erst nach dem Pogrom kam dann die Verordnung von Himmler, die alle Juden zur Waffenablieferung aufforderte und der dann auch bald die Feststellung folgte, dass Waffen in grosser Zahl beschlagnahmt worden seien. Eine weitere Vorbereitung erfolgte in der Form, dass sämtliche jüdische Läden schon vor Monaten besonders gekennzeichnet worden sind, während man sich vorher mit einer indirekten Kennzeichnung dadurch begnügt hatte, dass alle arischen Geschäfte das Plakat der Arbeitsfront führen mussten. Jetzt musste jedes zweite Schaufenster eines jüdischen Geschäfts in Augenhöhe die vollen Vornamen des Inhabers in Oelfarbe und 20 cm grossen Buchstaben tragen. In einzelnen Bezirken, in denen man besonders scharf vorging, wie z. B. in der Schönhauser Allee, musste den Vornamen auch der jüdische Vorname Israel oder Sara hinzugefügt werden. In den Pogromtagen wurden in Deutschland etwa 60.000 Juden verhaftet und 520 Synagogen ganz oder teilweise zerstört. Unser Mitarbeiter berichten: Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: In der Nacht vom 10. auf den 11. November begannen in Düsseldorf planmässige Aktionen gegen die Juden. SA und SS hatten schon bereitgestanden, und die Feuerwehr war auch bereits vorher unterrichtet. Ganz plan. mässig und" schlagartig" setzten die Aktionen ein. Die jüdischen Geschäfte wurden nicht nur von aussen, sondern auch innen zerstört. In den Wohnungen hauste man noch fürchterlicher. Dorthin kam zuerst die Gestapo. Sie benahm sich verhältnismässig" anständig". D.h., die Beamten erklärten, sie kämen auf Anweisung und müssten Haussuchung, halten nach verbotener Literatur suchen usw. Dabei wurde nichts demoliert. Jedoch führte man viele Juden ab. Besonders Juden polnischer Staatsangehörigkeit oder polnischer Herkunft. Während der Durchsuchung, die die Gestapo machte, beschäftig te sich die SA draussen mit dem Demolieren von Scheiben und Türen. Dann erschien die SS, die ihr Werk im Innern der Wohnungen verichtete. Fast immer wurden sämtliche Möbel zertrümmert, Bücher und Wertgegenstände in den Wohnungen herumgestreut, die jüdischen Bewohner wurden bedroht und geschlagen. Es haben sich wahre Schreckensszenen abgespielt. Nur hin und wieder gab es mal einen anständigen SS- Mann, der deutlich erkennen liess, dass er nur seine Pflicht erfüllte, weil er den Befehl erhalten hatte, in die Wohnungen einzudringen. So ist uns bekannt, dass zwei Studenten in SS- Uniform je eine Vase zertrümmerten und dann ihrem Vorgesetzten meldeten: " Befehl aus geführt!" Viele Juden wurden schrecklich misshandelt, manche wurden A-29erschlagen. Viele Düsseldorfer, überhaupt viele rheinischen Juden wurden nach Dachau gebracht. In manchen Fällen flüchteten die Juden vor der Aktion. Das war nur möglich, weil die Bevölkerung, ja selbst die Polizei und einige Nazis die Juden warnten und ihnen halfen. Noch heute beherbergt in X. ein Arier in seiner Privatwohnung 11 Juden, die sich nicht auf die Strasse trauen, weil sie nachträgliche Misshandlungen fürchten. 2. Bericht: Am 10. und 11. November haben die Nazis in Köln furchtbar gehaust. Sie sind wie auf Kommando in die Häuser der reichen und armen Juden eingedrungen, haben die Schaufenster der Geschäfte zertrümmert und in den Wohnungen ebenfalls alles kurz und klein geschlagen. Besonders trostlos sah es rund um den Dom und Neumarkt aus. Dort hatten noch immer jüdische Geschäftsleute ihre Kramläden, obwohl man schon in den vergangenen Jahren manchen Laden ausgeräubert und zerstört hatte. Jetzt hat man nichts und niemand mehr geschont. Scharenweise wurden. die Juden verhaftet und viele sind nach Dachau transportiert worden. In den Wohnungen bleib nichts ganz. Während die Gestapo meist verhältnismässig" anständig" war, hat die SA fürchterlich gehaust. In der Nacht vom 10. zum 11. November wurden in Hamborn alle Juden, die man erwischen konnte, aus ihren Betten geholt. Wer sich nicht schnell genug anziehen konnte, musste über die Nachtkleidung den Mantel ziehen und so mit zur Polizeistation gehen. 150 Juden aus Hamborn wurden in dieser Nacht ins Polizeigefängnis nach Duisburg gebracht. Von dort aus kamen Viele ins Konzentrationslager Dachau. In Duisburg selbst wurden die Juden in Massen verhaftet, nachdem ihre Geschäfte und Wohnungen demoliert und ausgeraubt worden waren. 350 polnische Juden wurden in Viehwagen verladen und in Richtung nach der polnischen Grenze abtransportiert. 3.Bericht: Die in der Stadt Geilenkirchen im Wurmgebiet liegende Synagoge wurde eingeäschert. In Alsdorf wurde der jüdische Friedhof vollständig verwüstet. Die meisten Wohnungen und die wenigen jüdischen Geschäfte, die es im Wurmgebiet noch gab, wurden demoliert und ausgeraubt. Auf dem Friedhof in Alsdorf( dem allgemeinen Friedhof) liegen 282 bei einem Grubenunglück ums Leben gekommene Bergarbeiter begraben, darunter auch ein jüdischer Bergarbeiter. Der Grabstein auf diesem Grabe wurde zertrümmert und das Grab dem Erdboden gleichgemacht. Bei den Unterhaltungen mit SA- Leuten kam heraus, dass alles planmässig organisiert war. Der Befehl, gegen die Juden vorzugehen, kam von der Kreisleitung. In einigen Orten weigerten sich die SA- Leute, die Juden ihres Ortes aus zuplündern. Sie wurden in andere Orte abkommandiert, wo sie nicht bekannt waren. In vielen Orten bekam auch die HJ den Befehl, gegen die Juden vorzugehen. Im Wurmgebiet befanden sich noch immer einige holländische Juden. Ihre Geschäfte wurden nicht geschont. Daraufhin sind diese Holländer in ihr Heimatland zurückgekehrt. A-30Südwestdeutschland, 1.Bericht( Baden): In Mannheim und im ganzen badischen Unterland wurde die Verfolgung der Juden mit unmenschlicher Brutalität durchgeführt. In der Stadt Mannheim drang der Pöbel unter der Führung von SA- und SS- Leuten in die Wohnungen der jüdischen Familien ein, misshandelte die Familienangehörigen, wobei auch Frauen, Kinder und Greise nicht ver schont blieben. Nach solchen Besuchen blieb von der Wohnungseinrichtung nicht viel übrig, häufig kam es auch zu Plünderungen, besonders auf Schmuckstücke, Uhren und sonstige leicht zu verbergende Wertgegenstände hatten es die Eindringlinge abgesehen. Da diese Ueberfälle auf jüdische Wohnungen an Hand von sorgfältig vorbereiteten Listen durchgeführt wurden, blieb in der ganzen Stadt nicht eine einzige Wohnung, nicht eine einzige Familie verschont. Diese sorgfältige Vorbereitung wirft auch ein eigenartiges Licht auf den angeblich" spontanen" Charakter der ganzen Aktion. Auch in den kleineren Städten und in den Dörfern des ganzen Gebiets waren die Juden den gleichen Verfolgungen und Misshandlungen ausgesetzt. Viele jüdische Familien, die in den kleineren Orten auf dem Lande lebten, flüchteten sich zu Verwandten und Bekannten nach Mannheim, da sie glaubten, sich hier vor dem Terror retten zu können. So lebten in der Stadt in zahlreichen jüdischen Wohnungen oft 20 und 30 Menschen zusammen, die nicht wagten, vor die Haustür zu gehen. Als die Nazis von diesen Zufluchtsstätten erfuhren, wurden die Gas- und Elketrizitätswerke gezwungen, die Gas- und Elektrizitätszufuhr abzustellen. Die von diesen Massnahmen betroffenen Juden mussten sich in diesen Tagen ihre Nahrung auf Spiritus- und Petroleumkochern zubereiten. Auch die Zahl der Verhaftungen unter den Juden war in Mannheim ausserordentlich hoch. Die meisten Verhafteten wurden nach Dachau verbracht, aber nach verhältnismässig kurzer Zeit wieder freigelassen, allerdings unter der Bedingung, dass sie einen Revers unterschrieben, in dem sie sich verpflichteten, innerhalb von vier Wochen das Reichsgebiet zu verlassen. Es wurde ihnen angedroht, dass sie erneut nach Dachau gebracht würden, wenn sie dieser Verpflichtung in der vorgeschriebenen Zeit nicht nachgekommen wären. Obwohl in den Zeitungen wenig über die Einzelheiten dieser Aktionen berichtet wurde, sickerte die Wahrheit allmählich durch und die Bevölkerung erfuhr, dass sich viele Juden das Leben genommen hatten, insbesondere ehemalige Aerzte und Rechts anwälte. Die Bevölkerung selbst, sowohl Arbeiter als auch bürgerliche Kreise, nahm die Nachrichten von dem Terror gegen die Juden mit Missbilligung und mit Abscheu auf. 2. Bericht( Frankfurt): Wie es hier aussieht, das ist einfach fürchterlich. Alle Synagogen sind völlig zerstört. Sie bieten ein grässliches Bild der Verwüstung. Am Freitagabend brannte die grosse Synagoge in der Friedberger Anlage, ein wunderschöner, noch ziemlich neuer Bau, immer noch. Die Feuerwehr steht dabei, ohne auch nur den Versuch zu machen, das Feuer zu löschen. Auch die grosse Westend synagoge, sowie alle A-31anderen älteren Synagogen wurden ein Raub der Flammen. In allen jüdischen Geschäften sind die Fenster und Schaufensterscheiben eingeschlagen und im Innern alles kurz und klein geschlagen. Bei Ehrenfeld auf der Zeil, einem grossen Geschenkartikel- Geschäft, sieht es traurig aus. Die teuren Radio- und Photo- Apparate liegen zerstört in den zertrümmerter Schaufenstern. Was alles gestohlen wurde, lässt sich gar nicht ermessen und ist auch gar nicht mehr feststellbar. Bei Voltz- Eberle, einem grossen Weingeschäft mit vielen Filialen, hat man überall die Fenster und Läden zerstört und den Wein auf die Gasse geschüttet. Die bisher jüdischen Geschäfte, die in diesen Tagen in arischen Besitz übergingen, haben Zettel angebracht:" Jetzt in arischem Besitz". Bei der Reta, einem Seiden- und StoffEtagengeschäft, ist angeschrieben, dass der Betrieb in arischen Besitz übergeht und der Uebergang bereits bei der Handelskammer angemeldet ist. Vor vielen Geschäften stehen jetzt auch Polizei posten. Sie erschienen aber erst, als das Werk der Zerstörung vollendet war. Man sieht daraus am besten, dass es ein vorbereitetes Unternehmen war. 3. Bericht( Saarpfalz): Die Zerstörung der Synagogen vollzog sich in zwei Etappen. Zuerst kam die Brandstiftung. Das war nachts und konnte nur von wenigen Menschen beobachtet werden. Vom 11. bis 13. erfolgten dann die Sprengungen unter sachkundiger Leitung. Die Brände hatten nur die Inneneinrichtungen und zum Teil die Dachstühle zerstört. Durch die Sprengungen wurden dann auch die Mauern niedergelegt. Die Sprengkommandos übernahmen zugleich auch die Zerstörung der Landsynagogen, die noch verschont waren, weil sich in den Dörfern offenbar niemand fand, der den erteilten Befehlen sofort nachgekommen wäre. Die Sprengungen erfolgten am hellen Tage. Sie verursachten teilweise Beschädigungen von Nachbarhäusern, die nun auf Kosten der Juden wiederhergestellt werden. Am Sonntag, den 20. waren nirgends mehr zerbrochene Scheiben zu sehen. Alles musste rasch repariert werden. Von den Juden, die infolge der erlittenen Misshandlungen gestorben sind oder die Selbstmord verübt haben, schreiben die Zeitungen kein Wort. Auch Einzelheiten über das Zerstörungswerk sind in keiner Zeitung zu finden. Traurig ist das Los der wenigen Juden, die jetzt noch in den Städten leben. Sie können am Tag nicht mehr auf die Strasse gehen. Sobald sich einer blicken lässt, laufen ihm Scharen von Kindern nach, spucken nach ihm werfen mit Dreck und Steinen oder bringen ihn durch das" Einhakeln" der Beine mit gebogenen Stocken zu Fall. Der auf diese Weise verfolgte Jude darf kein Wort sagen, sonst gilt das als Bedrohung der Kinder. Die Eltern haben nicht den Mut, die Kinder zurückzuhalten, weil sie Schwierigkeiten befürchten. 4. Bericht: Ein besonders trauriger Anblick war die Beteiligung von Kindern an den Plünderungen. Soweit man überhaupt bei der ganzen Aktion von Erregung oder Begeisterung sprechen kann, war sie nur bei Jugendlichen und Kindern vorhanden.Sie A-32haben ja keinerlei Leben serfahrung und betrachten die Juden wirklich als Verbrecher und Bösewichter, wie es jetzt allgemein gelehrt wird. Die Jugend hat es also als wichtige und notwendige Handlung betrachtet, sich an den Zerstörungen des jüdischen Eigentums zu beteiligen. Und weil ihnen gesagt worden war, dass dies alles gestohlen oder zu Unrecht erworben war, fanden sie nichts verwerfliches dabei, sich auch einige Brocken mitzunehmen, um den Eltern eine Freude zu machen. 5.Bericht: In Zweibrücken spielten sich am Donnerstag traurige Szenen ab. Nachdem die Synagoge angezündet worden war, begaben sich die hierzu abkommandierten SA- Leute in die Wohnungen der Juden und richteten dort grosse Zerstörungen an. Die Möbel und Wäschestücke wurden auf die Strasse geworfen und angezündet. Unterdessen waren auf dem Land sämtliche Juden festgenommen und in die Stadt getrieben worden. Darunter befand sich ein Mann, der vom ersten bis zum letzten Tag den Weltkrieg mitgemacht und einen schweren Herzfehler davongetragen hatte. In Homburg gab es noch ein einziges jüdisches Geschäft, das von einer alleinstehenden Frau geführt wurde, die sich nicht entschliessen konnte, ihren Besitz aufzugeben und die auch von mitleidigen Menschen unterstützt wurde. Auch sie fiel nun der Rache der Hitlerhelden zum Opfer. Der Laden wurde demoliert, die Waren zerstört und zum Teil gestohlen. Die übrigen Juden wurden in ihren Wohnungen heimgesucht, ihre Möbel wurden zerstört, die Wohnungsinhaber zum Teil verprügelt und in Schutzhaft genommen. Das Gros der Bevölkerung verabscheute sichtlich diese Barbarei, aber man konnte auch Beweise für die Wirkung der Nazierziehung sehen, denn es gab Leute, die sich offenbar an diesem traurigen Schauspiel erfreuten und lustig grinsten. In Saarlautern holte man achts die Juden aus den Betten und trieb sie durch die Stadt. Das Hauptgaudi bestand darin, dass man sie in dem Zustand, wie sie aus dem Bett kamen, bárfuss herumjagte. Das Sadismus ging sogar soweit, dass sich Frauen und Mädchen vor diesen Lausbuben vollständig entkleiden mussten Ein bekannter jüdischer Einwohner der Stadt erlitt einen Herzschlag und war sofort tot. Mit Ausnahme der abkommandierten SABurschen verhielten sich die Leute passiv. Soweit überhaupt eine Erregung der Bevölkerung festzustellen war, galt sie nicht den Juden, sondern den SA- Leuten. Zu dieser nächtlichen Stunde waren zunächst nur die Eingeweihten auf der Strasse. Später kamen einige Neugierige, durch den Lärm Aufgeschreckte hinzu, die sich aber ganz passiv und still benahmen. In Pirmasens wurde die Synagoge niedergebrannt. SA- Leute gingen ganz offen vor. Von einer erregten Bevölkerung war nichts zu sehen, sie stellte sich erst nachträglich ein und verabscheute in der Mehrzahl die Tat. 6.Bericht: In X. vollzog sich die Zerstörung der Synagoge folgendermassen: Die Nachbarn wurden in der Nacht durch einen ungeheueren Knall geweckt und durch das Klirren von Glasscherben. Als sie hinaussahen oder auf die Strasse liefen, sahen sie die Flammen aus der Synagoge schlagen. Vier Mann sprangen A-33heraus mit versengten Kleidern und Haaren. Es waren zwei Handwerker, der Feuerwehrkommandant und der Kreisleiter. Sie wollten in dieser katholischen Stadt offenbar ohne jedes Aufsehen ihren Befehl ausführen. Dabei waren sie nicht vorsichtig genug, so dass man heute im ganzen Ort flüstert:" Wisst Ihr, wer die Synagoge angesteckt hat? Das waren die vier mit den versengten Haaren und Fingerspitzen". Offenbar hatten sie reichlich Benzin auf die brennbaren Teile gegossen, aber keine Fenster geöffnet. Als sie nun das Zündholz ansteckten, gab es durch die Gasentwicklung eine Explosion. Die Kerle haben noch grosses Glück gehabt, denn sie hätten sehr leicht verbrennen oder ersticken können. Glücklicherweise bot das Innere der Synagoge nicht viel Brennbares, so dass die Gewalt des Feuers bald na chliess. Einem der Handwerker, die an der Brandstiftung beteiligt waren, wurde der Abriss der Mauerreste übertragen. Mit einiger Verspätung und zunächst sehr zaghaft, wurden dann auch noch die wenigen jüdischen Geschäfte zerstört und zum Teil ausgeplündert. Sämtliche männliche Juden wurden mit unbekanntem Ziel abgeführt. Auch die Synagogen und Betsäle auf dem Lande wurden zerstört. So z. B. in Niederkirchen bei Kaiserslautern und in Ingenheim bei Landau, wo sich alte, aber repräsentive Synagogen befanden. Die Frauen und Kinder irrten zum Teil noch nach 8 Tagen umher und niemand konnte ihnen sagen, wo sich die verhaf teten Männer befinden. Das Mitleid der Bevölkerung ist auf ihrer Seite, aber niemand darf ihnen helfen und wenn doch geholfen wird, muss es versteckt geschehen. Auch viele Nazis schämen sich. Die Zerstörungen auf dem Land wurden von städtischen Kommandos durchgeführt, ebenso die Verhaftungen. Ein Teil der Verhafteten wurde truppweise an die französische Grenze geführt und hinübergejagt. Die Franzosen, schickten aber wieder alle zurück. Ein Trupp von 46 Juden aus Pirmasens wurde bei Stürzelbrunn über die Grenze gejagt. Sie wurden von den Franzosen verpflegt, die übel zugerichteten Verletzten wurden verbunden und dann wurden alle wieder bei Liderschied auf deutsches Gebiet geführt. Dort wurden sie empfangen mit dem Befehl: " Still gestanden, wer einen Fluchtversuch macht, wird erschossen!" Unter diesem Trupp befand sich der Rabbiner und ein bekannter Arzt. Viele Leute, die sich früher sträubten, an die Berichte über Gewalttaten bei der Gestapo und in den Konzentrationslagern zu glauben, sind jetzt durch diesen Massenanschauungsunterricht bekehrt. Bayern: Aus allen Berichten ist eindeutig zu erkennen, dass die Aktionen gegen die Juden gut organisiert und vorbereitet waren. So wurden z. B. in X. aus einem SS- Sturm 27 Mann ausgesucht und für abends 9 Uhr ins Dienstlokal berufen. Dort wurde ihnen mitgeteilt, sie hätten sich um halb 12 Uhr nachts in Zivil am..Platz einzufinden. Es gebe" heute noch etwas zu tun". Um halb 12 Uhr ging der Trupp ab. Man nannte ihnen 6 jüdische Geschäfte, die in die ser lucht zu demolieren seien. Der Trupp verrichtete seine Arbeit ganz nach Weisung, doch war bei den letzten beiden Geschäften die Aktionskraft schon sehr geschwunden. Im letzten Geschäft wurden nur mehr die Fenster einge A- 34schlagen. Die geraubten Gegenstände wurden den SS- Leuten sofort abgenommen. Es hiess, sie würden der NSV übergeben. Die Ortsgruppe der NSDAP in B. erhielt einen Tag vor den Judenpogromen Anweisung, für den präzisen Verlauf der antijudischen Kundgebungen zu sorgen. Der Befehlshaber der SA habe die detaillierten Aufträge erhalten. Seinen Anordnungen sei Folge zu leisten. Der Ortsgruppe wurde der Auftrag gegeben, anti semitische Flugblätter und Plakate herzustellen und sofort zur Verteilung zu bringen. In verschiedenen Fällen ist es vorgekommen, dass auch arische Geschäfte demoliert und geplündert wurden. In zwei Fällen erschienen sofort, nachdem die Beschwerde bei der Polizei erhoben worden war, Beamte der Partei und gaben den Geschäftsinhabern die Zusicherung, dass ihnen jeder Schaden ersetzt. würde. Sie könnten auf Kosten der Partei ihre Geschäfte neu malen lassen und die zerstörten Waren nachbestellen. In den kleineren Landorten wurde hauptsächlich die Hitlerjugend für die Zerstörungsaktion herangezogen. Wo keine Juden ansässig waren, zog man in benachbarte Orte oder demonstrierte vor Pfarrhäusern. In Z. hat man ein regelrechtes Haberfeldtreiben vor dem Pfarrhause abgehalten. Man organisierte Sprechchöre bei denen z.B. gerufen wurde:" Wo ist der Herr Pfarrer?- Der -" Die Juden und die Jesuiten sind liegt auf seiner Köchin!" unser Unglück!" Berlin: Am Donnerstag Morgen, den 10. November, setzte die allgemeine Verhaftungswelle gegen alle männlichen Juden ein. Es müssen in Berlin tausende verhaftet worden sein, allerdings ist es auch vielen gelungen, sich dadurch der Verhaftung zu entziehen, dass sie sich bei Bekannten oder Verwandten verbargen. Die Verhaftungen sind, soweit ich es übersehen kann, durchwegs durch Kriminalbeamte erfolgt. Gelegentlich konnte man beobachten, dass die Kriminalbeamten die Flucht der Gesuchten indirekt begünstigten, indem sie etwa der Frau des Mannes, den sie nicht antrafen, sagten:" Wir kommen heute Nachmittag 5 Uhr wieder, hoffentlich ist Ihr Mann dann da." In anderen Fällen machte die Kriminalpolizei den ganzen Tag über Versuche, den Gesuchten zu fassen. Nach Eintritt der Dunkelheit zeigte sich in diesen Tagen ein typisches Bild: häufig sah man verängstigte Juden mit ihren Köfferchen die Telefonzellen umschleichen, um einen günstigen Augenblick abzupassen, in dem sie sich über den Stand der Dinge zu Hause erkundigen konnten. Dass die Verhaftungen nach irgend einem System vorgenommen worden wären, war nicht zu erkennen. Man holte die Leute, wo man sie kriegen konnte, von der Strasse, aus den Geschäften, aus den Wohnungen, ob reich oder arm. Ohne Ausnahme wurden alle Inhaber zerstörter Geschäfte verhaftet, weil man sie wegen der Ablieferung der Versicherungssummen in der Hand haben wollte. Die Synagogen sind in Berlin im Laufe des Donnerstag Vormittag in Brand gesteckt worden. Dabei ist infolge eines Missverständnisses auch die Synagoge in Templin angezündet worden, obgleich sie schon vor 6 Wochen verkauft worden war und dort ein Gewerbebetrieb eröffnet werden sollte. Ebenso ist es übrigens A-35vorgekommen, dass arische Geschäfte mit zertrümmert worden sind. Zur Erklärung wurde dann hier und da angegeben, die Inhaber seien" weisse Juden" gewesen. Daraus geht hervor, dass offenbar die Aktion noch etwas über die von oben gesteckten Grenzen hinausgetrieben worden ist. Als ich am Donnerstag Vormittag Unter den Linden am Hotel Bristol vorbeikam, war man gerade im Begriff, die Juwelenund Goldwarengeschäfte von Markgraf und Posner zu zerstören. Ein riesiger Glaslüster, der von der Decke hing, wurde zertrümmert, die Sachen wurden auf die Strasse geworfen und man konnte beobachten, wie Leute sehr eilig zu den in der Nähe haltenden Taxis liefen und abfuhren, während andere mit dem. Auto angefahren kamen, ausstiegen und nach kurzer Zeit wieder davon fuhren. Aus dem Verhalten der Leute war zu schliessen, dass sie etwas mitgenommen hatten. Die Aktion wurde unter Mitwirkung des NSKK durchgeführt, das mit dem Wagen von Laden zu Laden fuhr. Ausser SS- und SA- Leuten waren in Berlin auch HJ- Mitglieder beteiligt. So kenne ich z. B. einen Fall, in dem ein Lehrling, der im 3. Lehrjahr steht und Mitglied der HJ ist, an dem fraglichen Donnerstag nicht im Betrieb erschien und hinterher auf die Frage, wo er gesteckt habe, antwortete:" Na, Sie wissen doch, wir waren doch alarmiert", und der auf die weitere Frage, ob er denn auch mit geholfen habe, Schaufenster einzuschlagen, die bezeichnende Antwort gab:" Na klar und ob!" Sämtliche jüdischen Kinder mussten aus den Gemeindeschulen herausgenommen werden. Nur Mischlinge, die nicht der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören, können in den Schulen bleiben. Dabei ist bis jetzt noch nicht zu sagen, was mit den Kindern werden soll, denn es gibt gar nicht genügend jüdische Schulen in Berlin. Auch aus Kindergärten wurden jüdische Kinder, selbst wenn sie noch ganz klein waren, entfernt. Bei der Auswanderung macht man den Juden die grössten Schwierigkeiten. Auf Grund einer Anordnung der Devisenstelle müssen alle Einrichtungsgegenstände und Kleidungsstücke, die nach 1933 angeschafft worden sind, besonders" verzollt" werden, d. h. es ist vor der Auswanderung der ein- bis fünffache Betrag des Wertes in bar abzuführen. Der Wert der Gegenstände wird durch einen besonderen Taxator ermittelt, dem es überlassen ist, welche Gegenstände er erfassen will. Ein Jude, der auswandern wollte, und dessen Bibliothek von einem solchen Taxator. geprüft wurde, wurde darauf aufmerksam gemacht, dass politische Bücher nicht mit ins Ausland genommen werden dürfen. Auf die Frage, was unter politischen Büchern zu verstehen sei, erhielt er die Antwort, dass darunter sämtliche Schriften der NSDAP und der angeschlossenen Verbände fallen, sogar Tageszeitungen und Zeitschriften, da sonst zu befürchten wäre, dass im Ausland damit Greuelpropaganda getrieben werden könnte. Nach denselben Weisungen handelte dann später der Zollbeamte beim Einpacken des Umzugsgutes. Auch beim Ueberschreiten der Grenze werden die Juden noch einmal einer überaus rigorosen Kontrolle unterzogen. Alle werden nackt ausgezogen, und auch das Gepäck wird bis ins einzelne durchstöbert. A-36- Sudetenland. I.Bericht: In Karlsbad wurden die Judenaktionen mit Fanfarensignalen der HJ eingeleitet. Dann trieb man die Juden, Männer und Frauen, vor dem Schützeahaua zusammen und lieas sie stundenlang stehen. Dabei gebärdeten sieh die Hitlerjungen wie Besessene. Sie spuckten die Juden an und machten die unflätigsten Bemerkungen. Die Männer wurden dann aus Karlsbad abtransportiert. Viele kamen nach Dachau und Weiden, wo jetzt auch ein Konzentrationslager errichtet wurde. In Mies befindet sich ein Durchgangslager. Die meisten politischen Gefangenen wurden aus Dachau weggebracht, um den Juden Platz zu machen. Die jüdischen Frauen wurden von den Männern getren� und in Sohubtransporten an die tschechische Grenze gebracht. Dort wurden sie ausgeladen und von Grenzbeamten über die Grenz! gejagt. Die Frauen durften nichts mitnehmen als die Kleider, die sie am Leibe hatten. Sie konnten nicht mehr in ihre Wohnungen zurück. Es- gab schreckliche Szenen. Ein Polizeioffizier erklärte, dass er sich schäme, ein deutscher Beamter zu sein. Er sagte wörtlich zu einer Frau:"Wie lange wird diese Schande noch dauern!" In einem nordböhmisohen Orte zwang man die Juden, ihren Tempel selbst anzuzünden. 2. Bericht; Bei den am 8. bis 10.- November verübten Exzessen gegen die Juden sind in Dux auch tschechische Geschäfte in Mitleidenschaft gezogen worden. Als Begründung dafür führt man an, dass die Tschechen mit den Juden zusammen gegen das Dritte Reich arbeiteten. In Leitmeri tz war ein Jude vor mehreren Monaten gezwungen, seinen Wintermantel auf das LeHhaus zu schaffen. Der Sohätzungs wert betrug 120 K8, so dass er bo K5. darauf geliehen bekam. Heute schickte er einen Bekannten mit dem Leihschein und dem Geldbetrag aufs Leihhaus, um den Wintermantel einzulösen. Die 60 K6. inclusive der Zinsen wurden vom Leihamt in Empfang genommen, der Mantel aber mit der Bemerkung behalten, dass dieser dem WHW zugeführt werde. In Teplitz wurden am 10. November, nachmittags die Juden massenweise aus ihren Wohnungen und Geschäften herausgeholt. Von der Strassenbahn und den Autobussen wurden sie herunterge- zerrt. Privatautos mit Juden wurden angehalten, damit ein Ordner einsteigen und mit ihm zur nächsten Polizeiwache fahren konnte.- Die Synagoge in Teplitz-Schönau ist geschlossen worden. Sachsen;* In der Farbenfabrik Hess in Pirna/Elbe wurden nicht nur die Fensterscheiben zerschlagen, sondern die Trupps haben auch teilweise die Fabriksanlagen zerstört. Den Arbeitern haben dabei die Tränen in den Augen gestanden, da sie nichts unternehmen konnten, um der Zerstörungswut Einhalt zu tun. Oberschlesien. I.Bericht: Die antijüdischen Ausschreitungen in Obersohlesien sind auf Befehl der Breslauer SS-Leitung erfolgt. Die SS- und SA-Mannschaften waren im Besitz von Listen; die Aktion im engeren Industriebezirk lag in den Händen des Hindenburge;r Kreisleiters Jonas. A- 37In Hindenburg wurde die Aktion unter Ausschaltung der SA von der SS durchgeführt. Die SA gilt nicht als zuverlässig. Sie hat beim Abtransport polnischer Juden über die deutsche Grenze zuviel gestohlen. Das Signal zum Pogrom ist am 8. Novem ber gegen 11 Uhr abends gegeben worden, zugleich erhielt die Polizei den Befehl, sich nicht einzumischen, sondern lediglich das" neugierige Publikum" fernzuhalten. Gegen 4 Uhr morgens hörten Einwohner in der Nähe der Synagoge eine heftige Detonation und kurz darauf stand die Synagoge in Flammen. SS- Trupps rückten an, auch Polizei und Feuerwehr waren bald am Platze. Die Feuerwehr beschränkte sich von vornherein auf den Schutz der umliegenden Gebäude. Kurz nachdem die Flammen bereits sichtbar waren, es mag am 9. November gegen 5 Uhr morgens gewesen sein, erschien der Kreisleiter Jonas, der der Polizei den Auftrag gab, niemanden zur Brandstelle zuzulassen. Die Polizei vertrieb daraufhin alle Zuschauer, die sich vor der Brandstelle angesammelt hatten, verhaftete auch einige Passanten, die kritische Bemerkungen gemacht hatten. In der Zwischenzeit wurden dann auch Geschäfte und Privatwohnungen von Juden zerstört. Gegen. 8 Uhr morgens sind auf der Brandstelle der Synagoge Gefängnisinsassen mit den Gefangenenaufsehern erschienen, Magistratsfuhrwerke standen gleichfalls zur Verfügung. Es wurde sofort mit den Aufräumungsarbeiten begonnen. Die noch stehenden Mauern der Synagoge wurden von der Hitlerjugend in Gegenwart eines SS- Führers aus Hindenburg mittels Handgranaten und Dynamit umgelegt. Gegen 10 Uhr wurde auf die Brandstelle ein grösserer Transport von Mädchen und Jungens jüdischer Herkunft gebracht, die das Metall aus Schutt und Mauerwerk aussortieren, die Stücke säubern und in ein bereitstehendes Polizeiauto laden mussten. Noch während die Hindenburger Synagoge brannte, zogen Trupps von je 4 bis 6 SS- Leuten in jüdische Geschäfte, zunächst in die Glashütte und das grosse Porzellangeschäft von Eisner, das kurz und klein geschlagen wurde. Der Wert der dort zertrümmerten Waren wird auf 150.000 RMK geschätzt. Gewöhnlich begaben sich 2 SS- Leute mit einem Polizisten in die Privatwohnung der Kaufleute, forderten die Schlüssel vom Geschäft, und wenn das Geschäft bereits" fertig" war, kam die Privatwohnung dran. Uebereinstimmend wird berichtet, dass gewöhnlich nicht ein einziger Gegenstand ganz geblieben ist: Teppiche und Kleider, Betten und sämtliche Wäsche sind zerrissen und zerschnitten, kurz alles ist vernichtet worden. Und so ging es Strasse um Strasse. Es mögen gegen 40 Einzeltrupps der SS bei dieser Aktion beschäftigt gewesen sein. Nur ein einziges Konfektionshaus, das von Himmelfärb verfiel nicht dem Vandalismus, da der Inhaber bei der Herausgabe der Schlüssel erklärt hatte, er überweise sein ganzes Geschäft der Winterhilfe. Noch im Verlauf der Mittagsstunden erschien auch Bin Kraftwagen eines grossen Hüttenunternehmens und brachte die Konfektion im Werte von etwa 85.000 RMk. aus dem Geschäft in die Sammelstelle der Winterhilfe. In der Dorotheenstrasse in Hindenburg erschienen bei einer 83- jährigen jüdischen Witwe einige SS- Männer, nahmen ihr die letzte Habe von 10 RMk. und schlugen dann ihre Wohnung, Zimmer und Küche, kurz und klein. A- 38Bei einer Kaufmannsfrau in der Kronprinzenstrasse erschienen nach der Verhaftung des Mannes ein Zivilist und ein SA- Mann und forderten von ihr im Auftrage der Partei 300 RMK. Als die Frau erklärte, sie besitze keinerlei Mittel, musste sie sich Geld im Hause borgen und ihre Kleinigkeiten hergeben, so dass etwa loo RMk. beisammen waren, die dann" beschlagnahmt" wurden, natürlich ohne Quittung. Die Wohnung war schon vorher demoliert worden. " Meine Mutter hätte auch einen Pelz haben können", erzählte ein Kind in der Volksschule in Hindenburg,"" aber die Mutter hat gestohlene Sachen nicht gewollt". Andere Nazi- Kinder geben offen zu, was der Vater alles mitgebracht hat, als die jüdischen Geschäfte geplündert wurden. In der NSDAP weiss man natürlich Bescheid, ohne gegen die Täter einzuschreiten. Einem SA- Führer in Hindenburg, einem Bäckermeister, der sich gerühmt hatte, die Juden zur Brandstelle befördert zu haben, erklärte seine Schwägerin, er habe sich die Taschen gefüllt und für ihn hätte sich die Aktion gelohnt. Er lächelte und stritt nicht ab. Dem Hindenburger Rabbiner, Dr. Katz, der zunächst zur Brandstelle geführt wurde, damit er dem jüdischen Feuerwerk zuschauen könne, wurde von der SS- Mannschaft der Bart abgeschnitten. Dann wurde er nach Hause getrieben, nachdem seine Wohnung vorher gründlich geplündert worden war. Dr. Katz begab sich aber zu den verhafteten Freunden in der jüdischen Schule. Er ist ein bereits 66- jähriger Herr, der nicht abgeführt werden sollte. Er weigerte sich beim Abtransport, seine Gemeindemitglieder zu verlassen und wurde mit ins Konzentrationslager über führt, mit ihm sein etwa 30- jähriger Sohn, der Arzt Dr. Katz. Nach Mitteilungen aus jüdischen Kreisen wird der Sachschaden, der in Hindenburg in Geschäften und Privatwohnungen angerichtet wurde, auf etwa 1 1/2 Millionen Mark geschätzt. Im Verlauf der Ausschreitungen sind ohne Ausnahme alle Personen männlichen Geschlechts zwischen 20 und 60 Jahren verhaftet, zunächst in der jüdischen Schule untergebracht und am 10. November dann vom polnischen Bahnhof, der sich auf Hindenburger Terrain befindet, in einen Extrazug verfrachtet und wie es heisst, zunächst nach Oppeln und dann nach Dachau gebracht worden. Der erste Transport umfasste etwa 150 Personen. Bei den Verhaftungen sind auch Misshandlungen vorgekommen. 2.Bericht: Der Brand der Beuthener Synagoge dauerte drei Tage lang. Die Feuerwehr schützte nur die umliegenden Gebäude. Im Verlauf des Donnerstags und Freitags wurden Trupps von Juden, 10 bis 20 Personen, an die Brandstelle geführt und mussten stundenlang dem Brand ihres Gotteshauses zusehen. Diese Synagoge, die Eigentum polnischer Staatsbürger ist, hatte bei einer früheren Gelegenheit nach dem Eingreifen des Oppelner Generalkonsulats wieder hergestellt werden müssen. Diesmal nahm man keine Rücksicht auf fremdes Eigentum. Im Verlauf des Freitags wurden dann die restlichen Mauern durch SA und Hitlerjugend umgelegt. Beim Abtransport der Trümmer mussten auch Juden helfen. 1-39Am 14. November erhielt die jüdische Gemeinde vom Magistrat einen Zahlungsbefehl über 15.000 RMK. für die Aufräumungserbeiten bei der Synagoge und den geplünderten Geschäften. Mit den Geschäften und Privatwohnungen der Juden verfuhr man in ähnlicher Weise wie in anderen Städten. Angehörige der SA oder ihre Frauen haben Wertsachen, Pelze und Schmuck aus den Jüdischen Läden der Bahnhofstrasse in Waschkörben fortgetrager Die Polizei hat den Plünderungen und dem Wegschaffen der Wertsachen tatenlos zugesehen. Der sogenannte Mob, auf den man der Raub und die Plünderungen jetzt abzuschieben versucht, war, soweit Beuthen und Umgebung in Frage kommt, nicht vorhanden. Bei einer Kaufmannsfamilie in Beuthen in der Gleiwitzerstrasse erschienen zunächst zwei SS- Leute, forderten das Bargeld und" beschlagnahmten" 3.000 RMK. Man versprach, die Wohnung zu schonen. Nach kurzer Zeit erschien jedoch ein zweiter Trupp, der die Vierzimmereinrichtung vollständig demolierte. Der Kaufmann wurde ins Konzentrationslager geschafft. In Beuthen liessen sich SA- Leute in Einzelfällen Geld geben und haben die betreffende Wohnung vor Vernichtung geschützt. Sowohl bei den Verhaftungen, als auch bei dem Zerstörungswerk in den Wohnungen sind Personen geprügelt worden, wobei die Kinder gezwungen wurden zuzusehen. In Einzelfällen soll die Polizei das Schlagen der Verhafteten verhindert haben, umso schlimmer verfuhren dann die Nazibanden mit den Angehörigen. Unter den verhafteten Personen, etwa 300, befinden sich namhafte Persönlichkeiten, die sich während der Abstimmungszeit in Oberschlesien grosse Verdienste um das Deutschtum erworben haben, so der bekannte Rechtsanwalt Fränkel, der wieder holt das Reich beim Oberschlesischen Schiedsgericht gegen Pole. vertreten hat. An drei Familien von verhafteten Juden sind im Verlaufe der letzten November- Woche die Urnen ihrer Angehörigen überstellt worden, ohne jede Benachrichtigung, auf welche Weise der Tod erfolgt ist. Insgesamt waren in Beuthen vom 10. bis 13. November 12 Morde zu verzeichnen, darunter der Fall dreier Juden, die in der Synagoge an SA- Koppeln erhängt wurden. hat man vor der Brandlegung an der 3. Bericht: In Gleiwitz Synagoge des Nachts zunächst fürsorglich das Kupferdach entfernt, dann das Gebälk mit Benzin begossen und in den frühen Morgenstunden des Donnerstags den Brand gelegt. SS, SA und Hitler- Jugend waren zur Stelle. Polizei aber befand sich nur in den entfernteren Strassen, um das Publikum fernzuhalten. In Gleiwitz wurde die Feuerwehr noch vor der Brandlegung eingesetzt, da sich die Synagoge zwischen verschiedenen Gebäuden befindet, die leicht vom Brand erfasst werden konnten, so dass Vorbeugungsmassnahmen getroffen werden mussten. Der Brand dauerte zwei Tage. Die Verhafteten, etwa 356 Personen, wurden am Sonnabend in Kraftwagen der Polizei und der SS nach Oppeln abtransportiert, un ins Konzentrationslager geschafft zu werden. Binige wohlhabende Familien in Gleiwitz sind von Plünderungen verschont geblieben, weil sie Geld an die NSDAP gaben. A- 40sie mussten sich nur verpflichten, in den nächsten Tagen aus Gleiwitz zu verschwinden. Die Vermittlung hat ein Nazipolizei. offizier übernommen, der zu diesen wohlhabenden jüdischen Kreisen Beziehungen hatte. Man spricht von 50.000 RMK., die auf diese Weise in den Besitz des SA- Sturms Gleiwitz bzw. in die Hände der Führung kamen. Während der antijüdischen Aktion waren vier Todesopfer zu verzeichnen, darunter der Baumeister Ritter, dessen Urne der Frau zugestellt wurde. Die Frau musste dafür noch einen grösse ren Betrag entrichten. In Peiskretscham bei Gleiwitz weigerte sich ein schwerkriegsverletzter Jude, der sein Unternehmen seit 25 Jahren führt, die Schlüssel seines Unternehmens an die SA aus zuhändigen. Er sei Kriegsverletzter und habe ausserdem zwei Brüder im Felde verloren. Diese Entschuldigung galt nichts, man bemächtigte sich der Schlüssel mit Gewalt und vernichtete alle Maschinen und Werkzeuge in der Werkstatt und nachträglich auch noch die Wohnung. In Tost bei Gleiwitz wurde eine jüdische Hausbesitzerin gezwungen, einem Nazi ihr Haus für 3.800 RMk. zu verkaufen. Es ist etwa 10.000 RMK. wert. Die Frau hat Tost verlassen. Sie war die letzte jüdische Einwohnerin. Der Mann ist vorher ins Konzentrationslager abgeführt worden. In Oppeln hat sich an den antijüdischen Aktionen besonders die Polizei sehr aktiv beteiligt. Sie hat in Gemeinschaft mit der SS und SA die Geschäfte erbrochen und geplündert. In Ratibor, Gross- Strehlitz, Kreuzburg und Guttentag verlie die Aktion genau so wie in Hindenburg und Beuthen. Bereits am Mittwoch Abend waren SS, SA und Hitler- Jugend unterrichtet, was sich die folgende Nacht abspielen werde und dann setzten am Donnerstag, Freitag und Sonnabend die Zerstörungen ein, die, wie man bei den Nazis sagt, planmässig durchgeführt wurden. 1200 Danzig, 1.Bericht: Die Pogrome setzten in Danzig nach dem Bekanntwerden des Todes des Botschaftssekretära vom Rath ein. Sie waren ohne jeden Zweifel ganz genau und bis in alle Einzel heiten organisiert. Am 10. November gingen in den späten Abend stunden sogenannte Malkolonnen in Danzig und Zoppot, ferner in den Danziger Vororten durch die Strassen. Sie waren mit Farbtöpfen und Pinseln ausgerüstet und malten auf die Bürgersteige-selbstverständlich auch an Fensterscheiben jüdischer Geschäfte- propagandistische Parolen u.a.:" Denkt an den Mord an Ernst vom Rath"" Denkt an Wilhelm Gustloff"-" Fort mit den jüdischen Mördern"" Juden raus"-" Nieder mit den Juden" usw. In der gleichen Nacht wurden nicht nur die Fensterscheiben sämtlicher jüdischer Geschäfte zertrümmert, sondern mit Aexten und Beilen sogar die Fens terrahmen zerschlagen. Ich sah beispielsweise, wie in dieser Nacht das Radiogeschäft von Lipetz völlig demoliert wurde. Es war etwa abends 10 Uhr, also die Strassen noch belebt. Die Schupo in der Milchkannengasse stand in etwa 10 Meter Entfernung. Die Waren, die sich in den Fenster befanden, Radio- Apparate, Radioartikel, elektrische Apparate usw. wurden ausgeräumt und meist mit Beilen zerbeekt, zum Teil aber auch in Säcke gesteckt und mitgenommen. Dann A- 41zertrümmerte man mit Aexten die Ladentür und die Ausstellungsgegenstände, die unmittelbar hinter der Tür standen. Eine ähnliche Arbeit wurde in der ganzen Stadt geleistet. Die Banditen hatten meist" Räuberzivil" an, zum Teil trugen sie jedoch auch Uniformen der SA oder der HJ. Die gleichen Kolonnen überfielen am selben Abend jüdisch aussehende Passanten in den Strassen. Da nur wenige Juden zu solch später Abend stunde noch auszugehen wagten, mussten auch Leute daran glauben, die gar keine Juden sind, sondern nur jüdisch aussehen. Ich habe gesehen, wie auf dem Holzmarkt ein Mann, der offenbar Jude war, mit Gummiknüppeln niedergeschlagen wurde. Er blutete stark am Hinterkopf und aus Nase und Mund. Die Banditen, die sämtlich in SA- Uniform gekleidet waren -es waren 5 Mann- liessen ihn dann auf der Strasse liege. Nach wenigen Minuten, in denen einige Passanten sich um den Verletz ten kümmerten, erschien ein Ueberfallwagen und holte das Opfer ab. In dem Wagen befanden sich bereits drei ähnlich zugerichtete Strassenpassanten. Das Publikum, das sich des niedergeschlagenen Juden angenommen hatte, wagte nicht, ihn vor Eintreffen des Polizeiwagens fortzutragen. Die Leute schwiegen meist, als sie vor dem Opfer standen. Unter den in der Nacht vom lo. zum 11. November in Danzig überfallenden Juden befanden sich zahlreiche polnische Staatsbürger. Auch unter den demolierten Geschäften gehören viele polnischen Staatsbürgern. Am 11. und 12. und 13. November ereigneten sich dann die tollsten antisemitischen Ausschreitungen, die es in Danzig Geschäfte wurden demobisher gegeben hat. Sämtliche jüdische liert. Bereits am 11. November machte die Stadt deshalb an vielen Stellen einen geradezu trostlosen Eindruck. Bezeichnend ist, dass auch die meisten Waren zertrümmert, zerrissen, verschmutzt oder auch gestohlen wurden. An vielen Stellen der Stadt, besonders aber in Zoppot, drangen Gruppen von 5 bis 6 Mann auch in die jüdischen Wohnungen ein. Dort zertrümmerte man das Mobiliar, stahl Schmuck und Wertgegenstände und misshandelte die Wohnungsinhaber. 2.Bericht: Ueber die Dämme in Danzig( Altstadt) sah ich am 11. November nachmittags fünf Nazis in Räuberzivil und mit Bei len in der Hand gehen. Ihnen folgte, laut johlend eine Horde von etwa 20 Kindern. Zehn Schritt hinter dem Nazi- Gesindel gingen zwei Schupo- Beamte her. Die Nazis gingen in die kleinen jüdischen Läden, die es hier gibt, und die fast ausschliesslich polnischen Juden gehören, und zertrümmerten die gesamte Inneneinrichtung die Schaufenster und Türen waren bereits in der Nacht vorher zerschlagen worden. Manchmal ging der Trupp auch in Privathäuser, wo Juden wohnten. Die Polizeibeamten hielten sich stets dicht hinter den Nazis und taten nichts weiter als Umstehende, die neugierig oder wütend dem Treiben der Nazis zusahen, auseinanderzutreiben. Dabei griffen sie wiederholt nach dem Gummiknüppel und prügelten auf die Umstehe -das sah den ein, auf Männer, Frauen und Kinder. Die Beamten man- schlugen in blinder Wut, vielleicht schämten sie sich. Als die Nazis gerade wieder ein Geschäft demolierten, die A-42Schupos standen in einiger Entfernung- rief von der anderen Strassenseite eine dort stehende Frau:" Herr Wachtmeister, wann werden Sie den Skandal verhindern, der sich vor Ihren Augen abspielt? Man muss sich ja schämen!" Die Schupo beamten schritten gegen die Frau nicht ein, sie forderten sie lediglich auf, weiter zu gehen. Die Frau blieb aber stehen, und es geschah ihr nichts. An den schlimmen Tagen wurden auch alle Juden aus den Danziger Strassenbahnen geworfen. An einzelnen Haltestellen kamen SS- Leute in die Strassenbahnen und forderten Juden auf, auszusteigen. Wenn sich tatsächlich ein Jude in einer Strassenbahn befand, wurde er meist von den Nazis verprügelt. Ebenso erging es Juden, die- seit langem schon eine sehr seltene Erscheinungein Kino betreten wollten. Die Folge von all diesen Dingen ist, dass sehr viele Juden es überhaupt nicht mehr wagen, die Strasse zu betreten. Sie bleiben zu Hause und lassen sich von christlichen Bekannten Lebensmittel aus den Geschäften einholen. Am 13. November wurde eine Reihe von Haussuchungsaktionen durchgeführt, nach den Angaben des" Vorposten"-der Danziger Nazizeitung- in etwa 120 jüdischen Wohnungen und sogenannten Quartieren, wo meist polnische arme Juden wohnen. Bei den Haussuchungen haben sich ebenfalls die tollsten Dinge abgespielt. Zahlreiche Juden, meist polnische Staatsbürger, wurden verhaftet. Sie befinden sich in der Mehrzahl noch in Haft. Polizeibeamte erzählen andeutungsweise von ungeheuerlichen Misshandlungen der Inhaftierten durch die Beamten der politischen Polizei. Ein uniformierter Polizeibeamter sagte. mir, dass man sich schämen müsse, Polizeibeamter zu sein. Es handle sich. um Misshandlungen," wie sie sonst nur bei Verhaftungen politischer Gegner üblich gewesen seien". Am 13. November wurde in Danzig- Stadtgebiet um etwa 8 Uhr abends ein über 60 Jahre alter Jude von Nationalsozialisten aus der Wohnung gezerrt, bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen und dann auf das Strassenbahngleis an einer recht dunklen Stelle geworfen. Dort hat ihn ein Schutzpolizist aufgefunden und zum Arzt gebracht. Nach den wüsten antijüdischen Ausschreitungen in Danzig hat sich eine Reihe von Juden polnischer Staats zugehörigkeit, die in Mitleidenschaft gezogen worden waren, beim Generalkommissar der Republik Polen in Danzig beschwert. Am 15. November vormittags erschien daraufhin die politische Polizei vor dem Gebäude des polnischen Generalkommissariats in Danzig und veranstaltete mit Unterstützung der Schutzpolizei eine Razzia auf alle Juden, die sich dem Gebäude des Generalkommissariats näherten. Es wurden bei dieser Gelegenheit nicht weniger als 200 polni sche Juden verhaftet. Sie befinden sich zum grössten Teil noch im Danziger Polizeipräsidium in Haft. Ihre Verhaftung wurde von der Polizei damit begründet, dass die Juden versucht hätten, zu demonstrieren. Allgemein ist aufgefallen, dass die grossen antisemitischen Auschreitungen erst einen Tag nach den Pogromen im Reich vor sich gingen. A- 433. Bericht: Am 11. November abends wurde in Zoppot die Synagoge in Brand gesteckt. Etwa 6'SA- Leute drangen in das Gebäude ein und legten von innen den- Brand. Vorher wurden goldene und silberene Gerätschaften aus der Synagoge herausgeschleppt. Gebetbücher flogen in weitem Bogen heraus. Die Synagoge brannt aber nicht ab. Die Feuerwehr erschien, war anscheinend nicht gut informiert und begann mit Löscharbeiten. Der Brand, der noch keine grossen- Formen angenommen hatte, wurde sehr bald ge löscht. Nur der Dachstuhl war ausgebrannt. Am nächsten Tag, etwa un die gleiche Zeit, erschienen wieder Leute, meist in Räuberzivil, und steckten die Synagoge erneut in Brand. Auch diesmal erschien die Feuerwehr. Sie bekämpfte den Brand jedoch nicht, sondern beschränkte sich darauf, die umliegenden Gebäude vor dem Feuer zu bewahren. An diesem Tage brannte die Synagoge bis auf die Fundamente nieder. In Zoppot wurden in der Nacht vom 12. zum 13. November eine grosse Anzahl von jüdischen Familien, meist polnischer Staatsangehörigkeit, in ihren Wohnungen eingenagelt. SA-, SS- und HJ- Leute gingen mit grossen Nägeln und mit Hämmern ausgerüstet spät abends, zum Teil auch noch am frühen Morgen, durch die Strassen und vernagelten die Wohnungstüren der Juden mit Latten oder nagel ten Tür und Türrahmen zusammen. Dann stellten sie zum Teil Wachen vor die Häuser. Die meisten Juden blieben nicht nur die Nacht, sondern auch noch den nächsten Tag in ihre Wohnungen eingenagelt, weil sie nicht wagten, sich zu befreien. Die Zahl der von Nazis in den Tagen nach dem 9. November über fallenen Juden ist in Zoppot besonders gross. Man überfiel und verprügelte die Juden in ihren eigenen Wohnungen ebenso wie auf offener Strasse. Wenn misshandelte Juden christliche Aerzte herbeiriefen, so wurden diese durch Naziposten am Betreten der Jüdischen Wohnungen gehindert. In Danzig- Langfuhr drangen am 10. November in den Nachmittags stunden 6 Leute, davon 4 in SA- bzw. in HJ- Uniform in die Synagoge ein. Alle sechs waren mit Aexten, Beilen und anderen Werkzeugen versehen. Sie liessen die Türen offen stehen. Vor der Synagoge war ein Beamter der Schutzpolizei postiert. Die 6 Mann begannen mit Ausräumungsarbeiten. Sie brachten Gewänder heraus, warfen Gebetbücher auf die Strasse und hieben mit den Aexten auf das Gestühl ein. Sehr bald fanden sich Zuschauer ein, darunter vor allem Kinder, viele in HJ- Uniformen, die mit den Gebetbüchern Fussball spielten, sie zerrissen oder sie an sich nahmen. Aus der Menge der umstehenden Menschen wurde auf die Jungen geschimpft. Bald folgten auch kritische Bemerkungen gegen das gesamte Treiben. Darauf forderte der Schupo- Beamte, dem die ganze Sache offenbar peinlich war, die Leute auf, fortzugehen. Zu den 6 Nazi banditen, die sich in und zum Teil vor der Synagoge beschäftigten, sagte der Schupo vernehmlich:" Und Ihr macht etwas schneller, damit Ihr fertig werdet!" schloss er die Tür zur Synagoge und liess die drinnen weiter wüten. Kurze Zeit darauf traf ein weiterer, diesmal erheblich grösserer Trupp Nazis ein und stürmte johlend in die Synagoge.. Jetzt hörte man, dass es innen lebhafter wurde. Nach etwa 10 Minuten kamen die Leute aus der Synagoge heraus. Einige trugen gefüllte grosse Säcke auf dem Rücken. Andere hielten in der Darauf A-44Hand Leuchter, Pokale und Silbergerät. Auf einem grossen Handwagen wurde die Orgel abgekerrt. Auf der Orgel spielte man, etwas von der Synagoge entfernt, auf dem Markt in Langfuhr, das Deutschland- und das Horst Wessel- Lied. Als die Nazis mit allem fertig waren und sich in Richtung des Marktes fortbewegten, erschienen vier Schupo- Beamte, die sehr energisch die umstehenden Leute und Kinder aufforderten, weiterzugehen. Angezündert wurde die Synagoge in Langfuhr nicht. Bei dem Juden Prinz in Danzig- Oliva, einem alten Krüppel, zertrümmerte man in der Wohnung sämtliches Geschirr, Mobiliar, Glas usw. und warf alles auf den Hof. Sämtliche Fenster, Fensterrahmen, Fensterbretter wurden mit Beilen zerschlagen. Es blieb nur das leere Gemäuer übrig. Die Betten wurden zerschnitten und die Federn auf den Hof geschüttet. Im Hof hingen Wäscheleinen mit Wäsche zum Trocknen. Sämtliche Wäsche wurde zerschniten und zerfetzt, selbst die Pfähle, an denen die Wäscheleinen befestigt werden, wurden aus dem Erdboden herausgerissen und zerhackt. Die Täter trugen keine Uniform. Man hat sie aber als Mitglieder der HJ in Oliva erkannt. c) Ablehnung im Volke Alle Berichte stimmen dahin überein, dass die Ausschreitungen von der grossen Mehrheit des deutschen Volkes scharf verurteilt werden. In den ersten Pogromtagen sind im ganzen Reich viele hundert Arier verhaftet worden, die ihren Unwillen laut geäusser haben. Oft wird die Frage gestellt:" Wer kommt nach den Juden an die Reihe?" Man muss sich allerdings wie gross die allgemeine Empörung auch sein mag- darüber klar werden, dass die Brutalitäten der Pogromhorden die Einschüchterung gesteigert und in der Bevölkerung die Vorstellung gefestigt haben, jeder Widerstand gegen die uneingeschränkte nationalsozialistische Gewalt sei zwecklos. Wir entnehmen unseren Berichten: Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Die brutalen Massnahmen gege die Juden haben grosse Entrüstung in der Bevölkerung ausgelöst Man äusserte sich recht offen und viele Arier wurden deswegen verhaftet. Als bekannt wurde, dass man eine jüdische Frau aus dem Wochenbett weggeholt hatte, äusserte sogar ein Polizei. beamter, dass sei zuviel." Wohin soll denn Deutschland mit diesen Methoden steuern?" Er wurde daraufhin selbst verhaftet. Auch manche Nazis wurden abgeführt, weil sie die antijüdischen Massnahmen kritisiert hatten. A-452. Bericht: Die Massnahmen gegen die Juden haben in Köln kein freudiges Echo gefunden. Selbst führende Nazis haben ihre Unzufriedenheit offen zum Ausdruck gebracht, wahrscheinlich weil sie an der Stimmung des Volkes einfach nicht vorübergehen konnten. Wie sehr man in Köln über die Haltung des Volkes enttäuscht war, das zeigt die Tatsache, dass am 16. November Streicher nach Köln geholt wurde, der in der Messehalle die Kölner über die Judenfrage" aufklären" sollte. Obgleich man tagelang grosse Reklame gemacht hatte, wies die Messehalle sehr grosse Lücken auf. Wer wird nach den Juden das nächste Opfer bringen müssen? So fragt man sich hier. Werden es die Katholiken sein? Oder wird man eine besondere allgemeine Vermögensabgabe durchführen Mit diesen beiden Möglichkeiten rechnet man vor allem in Wirtschaftskreisen. 3. Bericht: Im ganzen Wurmgebiet herrscht grosse Empörung über diesen Vandalismus. Das kam u.a. deutlich zum Ausdruck, als die SA in der Dunkelheit ein Geschäft zertrümmerte und dabei im Schutze der Dunkelheit aus einem gegenüberliegenden Obstgarten mit Steinen beworfen wurde. Ein SA- Mann wurde am Unterkiefer erheblich verletzt. Obwohl die Polizei sofort eine grosse Suchaktion einleitete, konnte der Täter nicht ermittelt werden. Die Recherchen werden fortgesetzt. Da jedoch die Empörung allgemein ist, wird man dén oder die Täter kaum finden. Durch die allgemeine Ablehnung der Juden pogrome hat die durch aussenpolitischen Erfolge Hitlers mutlos gewordene" arische" Opposition wieder etwas Hoffnung bekommen. Südwestdeutschland: Mit einem Nazi spricht man über die Sache nicht. Aber in der Bevölkerung werden die Vorfälle allgemein verurteilt. Die Einwohner haben sich nicht an der Schande beteiligt. Eine Volkserregung wegen des toten Botschaftsrats gab es hier nicht. Bayern: Alle unsere Informationen besagen, dass die breiten Bevölkerungsschichten an diesem Treiben der Nazis keinen Anteil hatten. Als die Bürger in der Frühe aufstanden, hatten die Nazis schon ihr Werk vollbracht. Man ging dann selbstverständlich aus, um sich die Heldentaten anzusehen, aber von einer Volksbewegung konnte nicht die Rede sein. Im Gegenteil, es gibt viele Beispiele dafür, dass die Bevölkerung gegen diese Methode Stellung nahm. Das konnte man besonders bei den Verhaftungsaktionen feststellen, die tags darauf überall durchgeführt wurden In einem Fall z. B. kam die Frau des Blockwarts zu einem in ihre, Haus wohnenden Juden gelaufen und sagte ihm:" Nehmen Sie schnell Ihre Familie und kommen Sie zu mir herunter, jetzt kommen sie zu uns ins Haus. Nehmen Sie Ihre wertvollen Sachen mit, die kann ich schon unterbringen". Der Jude war darüber sehr verwundert und wollte zuerst nicht mitkommen. Die Frau nahm aber einfach die Kinder und führte sie weg, dann fing sie an, Kleider zusammenzutragen, und die Judenfamilie, die völlig kopflos war, liess sich von ihr dirigieren. Die Nazis kamen dann auch und haben alles zusammengeschlagen. Die Judenfamilie blieb einen ganzen Tag und eine Nacht bei dem Blockwart und A-46ging dann wieder in ihre Wohnung. Später wurde der jüdische Familienvater auf der Strasse verhaftet. Viele Leute nehmen sich der jüdischen Frauen und Kinder an und haben sie bei sich aufgenommen. Frauen gehen für die Jüdinnen einkaufen, weil man diesen keine Lebensmittel mehr verkaufen darf. Es ist auch festzustellen, dass die Heftigkeit der Aktionen örtlich ganz verschieden war. Besonders in kleineren Orten kam es oft ganz auf den Ortsgruppenleiter oder den SS- Führer an. Es gab Orte, wo zunächst überhaupt nichts geschehen ist und die Juden erst Tage nachher verhaftet wurden. Eine im Ausland zu wenig beachtete Tatsache ist, dass im Gefolge der Judenpogrome eine grossangelegte Hetzjagd gegen die " Staatsfeinde" begonnen hat. Den vertrauenswürdigen Parteigenos. sen der NSDAP wurde Anweisung gegeben, sich ohne Parteiabzeichen unter das Volk zu mischen und jeden sofort zur nächsten Polizeiwache zu bringen bzw. der diensthabenden SS abzuliefern, der sich auch nur in der geringsten Weise gegen die Judenaktion abfällig äusserte. Das führte dazu, dass die Verhaftungen von der Strasse weg ein Ausmass erreichten, wie man das noch nie erlebt hat. Es wurden Leute aus der Strassenbahn heraus verhaftet, nur weil sie sich angeblich mit Juden unterhielten. Ganz schlimm war es in Nürnberg. Man hat Leute aus dem Personenzug heraus verhaftet und nach Dachau eingeliefert. Die meisten Verhafteten wurden nach Feststellung ihrer Personalien wieder entlassen, aber im Volke bewirkte diese Aktion doch eine grosse Einschüchterung. Viele glaubten schon, dass man gar nicht mehr in der Lage sein, die Meckerer zu fassen, weil es zu viele seien; jetzt aber sah man, dass die Nazis auch vor der äussersten Brutalität nicht zurückschrecken, um die oppositionellen Stimmungen zu bekämpfen. Es zeigte sich auch gleich, dass die Schimpferei abnahm. Man getraute sich nicht mehr, so offen zu sprechen. Allen wurde klar: die Nazis haben die Macht zu allem. Berlin: Seit die Naziherrschaft wütet, hat es, streng genommen, erst zwei einheitliche und massivere Willenskundge bungen des deutschen Volkes gegen das Schreckensregime gegeben: die erste in den kritischen Septembertagen, als die Kriegsfurcht alle Verfolgungsängste niederriss und der klare und bewusste Gegensatz zwischen Volk und Führung sichtbar wurde; die zweite in den Tagen der anti jüdischen Barbarei. Goebbels hat das deutsche Volk zur Verteidigung und Beschönigung der staatlich kommandierten Schandtaten als in seinem Wesen antisemitisch hingestellt. Wer in diesen furchtbaren Tagerdie Berliner Bevölkerung beobachten konnte, der weiss, dass sie mit dieser braunen Kulturschande nichts gemein hat. Der Protest der Berliner Bevölkerung gegen die Beraubungen und Brandstiftungen, gegen die Missetaten an jüdischen Männern, Frauen und Kindern jeden Alters war deutlich. Er reichte vom verächtlichen Blick und der angewiderten Gebärde bis zum offenen Wort des Ekels und drastischer Beschimpfung. In der Weinmeister Strasse waren es ein Schupohauptwachtmeister und ein Reichswehr unteroffizier, die zwei ältere jüdische Frauen mit A- 47ihren sechs oder sieben Kindern vor dem Partei- Mob beschützten und sie schliesslich in Sicherheit brachten. In der Grossen Hamburger Strasse, wo sich ein Altersheim der jüdischen Gemeinde befindet, waren es Angehörige des Pflege- und Aerztepersonals des nahegelegenen Hedwig- Krankenhauses, die verhinderten, dass die obdachlos gemachten jüdischen Alten auch noch durch HJ- Halbwüchsige bestohlen wurden. In den Betrieben und Büros, in den Werkstätten und hinter den Verkaufstischen, in den Wohnbezirken der Berliner Arbeiter, Angestellten und unteren Beamtenschaft hörte man die Aeusserungen des Abscheus über den" tierischen Wahnsinn". Wie einheitlich solche Bekundungen in den Betrieben sind, ersieht man daraus, dass die Nazis kein Wort der Verteidigung wagen. Viele empörte und opponierende Arier wurden auf der Strasse unter dem Druck des rasenden Mobs von nicht sehr willigen Polizisten festgenommen. Doch die Proletarier Berlins haben es nicht nur bei platonischen Bekundungen belassen: selbst die besonders gefährdeten politisch Abgestempelten und Vorbestraften haben jüdischen Freunden von einst jede nur mögliche Hilfe geleistet. 2. Bericht: Die neuen Massnahmen gegen Juden sind auf die allgemeine Ablehnung der Bevölkerung gestossen. Gewiss gibt es Einzelfälle, besonders bei Frauen, in denen auch Zustimmung geäussert wird. Aber ihnen stehen zahllose andere Fälle gegenüber, in denen Arier sich sehr missbilligend über die Ausschreitungen geäussert haben und in denen man den Juden trotz der damit verbundenen Gefahr Hilfe geleistet hat. So haben eine Reihe von Ariern Juden in den kritischen Tagen bei sich aufgenommen und erhielten darauf vom Hauswirt die drohende Mitteilung, dass sie sich strafbar machten und dass eine Hausgemeinschaft mit Juden nicht geduldet werden könnte, so dass sie die Kündigung zu gewärtigen hätten. Andere haben Kriminalbeamte, die sich nach dem Verbleib eines Juden erkundigten, direkt irregeführt. Als ich im Autobus Unter den Linden an noch nicht zertrümmerten jüdischen Geschäftsräumen vorbeikam, fragte eine Frau, die offenbar fanatische Nationalsozialistin war:" Sind denn Sie erhielt auf noch nicht alle Geschäfte erfasst worden?" diese Frage in dem Autobus, der grösstenteils mit Leuten gefüllt war, die zur Arbeit fuhren, keine Antwort und die eisige Stimmung, die im ganzen Wagen herrschte, liess keinen Zweifel darüber, was die Leute wirklich dachten. Am Donnerstag Nachmittag konnte man in der Potsdamer Strasse, in der besonders viel jüdische Geschäfte zertrümmert waren, erbittertes Schimpfen gegen diese Ausschreitungen hören, ohne dass es zu Verhaftungen gekommen ist. Bei einer anderen Gelegen. heit hörte ich einen Transportarbeiter sagen:" Mensch, mir kann doch keener erzählen, det det det Volk, jemacht haben soll.Ick habe doch die janze Nacht jeschlafen und meine Kollegen haben ooch jeschlafen und wir jehören doch ooch zu't Volk." Am Kurfürstendamm haben sich die Strassenmädchen Pelze genommen, die aus den gestürmten Geschäften auf die Strasse geworfen worden waren. Jemand, der das sah, hielt ihnen die besondere Gemeinheit ihrer Handlungsweise vor und fügte hinzu:" Die waren doch früher Eure besten Kunden!" Die Mädchen schlugen darauf A-48Krach, es erschien Polizei und der Mann wurde mitgenommen. In einem Betrieb wurde eine Frau auf Betreiben des Betriebswalters verhaftet, weil sie abfällige Bemerkungen über die Ausschreitungen gegen die Juden gemacht hatte. Nach drei Tagen wusste man noch nicht, wo die Frau geblieben war. Allgemein muss man nach wie vor feststellen, dass das deutsche Volk nicht vom Antisemitismus wirklich erfasst ist. Wenn die antisemitische Propaganda so gewirkt hätte, wie sie wirken sollte, dann wäre ja diese Aktion überhaupt nicht nötig gewese! Wenn man es in 5 1/2 Jahren nicht fertigbringen konnte, das Volk davon abzuhalten, in jüdischen Geschäften zu kaufen, wenn vielmehr immer wieder festzustellen war, dass Nicht juden ostentativ in jüdischen Geschäften kauften, so kennzeichnet das am besten die Wirkungslosigkeit dieser Propaganda. Natürlich ist insofern eine Beeinflussung eingetreten, als die immer wiederholte Behauptung, dass die Juden im Ausland hetzen und dafür die Juden in Inland leiden müssen, zum Teil, geglaubt wird. Bemerkenswert ist übrigens, dass, wie nach jeder früheren Welle von Ausschreitungen so auch diesmal wieder, das Gerede auftaucht, Hitler habe das nicht gewollt." Hitler will zwar, dass die Juden aus Deutschland verschwinden, aber er will doch nicht, dass sie totgeschlagen und so behandelt werden" usw. usw." Man muss feststellen, dass diese Redensarten nach wie vor Bindruck machen. Schlesien, 1.Bericht: Die Ablehnung der Ausschreitungen geger die Juden im oberschlesischen Industriebezirk nimmt in allen Kreisen immer schärfere Formen an. In den Betrieben werden die Dinge lebhaft diskutiert, wobei übereinstimmend die Ueberzeugung laut wird, dass die Ausschreitungen auf direkten Befehl von Berlin aus erfolgt sind. Niemand zweifelt mehr daran, dass die Massnahmen längst vor dem Attentat des Grynszpan gegen vom Rath vorbereitet waren, und dass dies nur ein Anlass war, die geplanten Ausschreitungen früher zu beginnen. Es fiel auf, dass die Polizei bereits in den Morgenstunden des 10. November Verhaftungsbefehle hatte, dass die Adressen der zu Verhaftenden genau bekannt waren und dass sofort nach der Verhaftung in den Wohnungen und Geschäften die Plünderungen vorgenommen wurden, wobei die ganz genaue Aufteilung der SS- und SA- Trupps vorher bestimmt sein musste. Es gibt nur wenige Menschen, die die Ausschreitungen zu entschuldigen versuchen. Im allgemeinen wird die Aktion gegen die Juden entschieden verurteilt. Christliche Familien, die mit Juden in einem Haus wohnen, haben sich oft für die Juden eingesetzt, besonders in Beuthen und Gleiwitz. SA- Leute in den Betrieben, die der Aktion fernstanden, erklärten ihren Arbeitskollegen, dass so mancher der Nazis in den letzten Tagen" reich geworden" ist, aber man distanziere sich von diesen Elementen. Oft hört man:" Heut sind es die Juden, wer wird es morgen sein?" 曾 A-492. Bericht: Es wird immer klarer, dass die Bevölkerung diese Exzesse ablehnt. Man sagt es untereinander auch ziemlich offen heraus, dass das System trotz aller angeblichen Erfolge Ablenkungsmanöver braucht. Ein sehr nachhaltiges Echo haben die anti jüdischen Exzesse bei den Katholiken gefunden. Man ist sich klar darüber, dass die Nazis eines Tages, wenn die Zeit reif sein wird, irgend einen Vorfall benutzen werden, um die gleichen Aktionen wie jetzt gegen die Juden auch gegen die Katholiken durchzuführen. 3. Bericht: Das Publikum in Hindenburg sparte nicht mit ablehnenden Bemerkungen. Besonders viele Frauen sprachen gegen Hitler und die Nazis die verschiedensten Verwünschungen aus. Wie uns zuverlässig berichtet wird, sind bei der Hindenburger Polizei im Verlauf des 9. und 10. November 114 Vorführungen von Personen erfolgt, denen zur Last gelegt wurde, dass sie sich abfällig über das Vorgehen der SS geäussert hätten. In den meisten Fällen wurden nur die Namen festgestellt und es erfolgte sofortige Entlassung, nur selten wurde ein Protokoll aufgenommen, und zwar nur dann, wenn ein SA- oder SS- Mann die VorAuf den Arbeitsstellen wurden die Vorgänge führung vollzog. selbst von Nazis abgelehnt. 4. Bericht: Im Verlauf der antijüdischen Aktionen sind zahlreiche Verhaftungen von Zivilpersonen erfolgt, die sich über die Vorkommnisse abfällig geäussert haben. Auch aus den Betrieben in Gleiwitz sind Verhaftungen erfolgt, die in die Hunderte gehen. Meist sind die Verhafteten nach Verwahrung bei der Polizei wieder entlassen worden, nur in einigen wenigen Fällen dauert die Haft noch an. In Gleiwitz kam es besonders unter der Landbevölkerung aus der Umgebung zu erregten Aeusserungen, als sie am Sonnabend in die Stadt kam und die Zerstörungen in den jüdischen Geschäften wahrnahm. Während das Verhalten des Publikums in Beuthen gegenüber den Ereignissen am Donnerstag und Freitag zurückhaltend war, setzte am Sonnabend und Sonntag eine ziemlich heftige Kritik gegen die Nazis ein, die bis auf den heutigen Tag andauert. Die Nazis werden beschuldigt, dass die zu den äussersten Mitteln greifen, " um von den Erfolgen des Führers abzulenken". Die Not, so kann man in den Betrieben hören, wird nicht durch Gebietsräubereien gelindert und was heute gegen die Juden unternommen wird, kann die Lage nur verschlimmern. Sowohl auf der Strasse, als auch in den Betrieben, sind Verhaftungen wegen derartiger Kritik vorgenommen worden, deren Zahl, wie uns aus Polizeikreisen berichtet wird, in die Hunderte geht. Der christliche Bankdirektor Groeger, Beuthen, früher bei der Dresdner Bank in Kattowitz, der sich in einem Lokal gegen die Exzesse aussprach, wurde durch einen Kellner denunziert und unmittelbar darauf verhaftet. Wie berichtet wird, hat er die Verurteilung dieser Vorgänge auch auf der Polizei aufrechterhalten, so dass er in ein Konzentrationslager gebracht wurde. In einem der oberschlesischen Gefängnisse und bei der Gestapo ist er jedenfalls nicht zu ermitteln. A-50Als sich die Mitbesitzerin eines der grössten" arischen" Konfektionshäuser in Oppeln mit einer Jüdin auf der Strasse sehen liess, erschien SA und fragte sie, ob sie sich denn nicht schäme, mit Juden zu verkehren. Als die Frau erwiderte, Juden seien doch auch Menschen, erklärte einer der SA- Leute: " Sie wissen wohl nicht, was Ihnen dafür bevorsteht?"- Bisher ist der Frau noch nichts geschehen. Danzig, 1.Bericht: Ich glaube, man hat sehr selten so einhellig das Missfallen, ja die Empörung weitester Kreise der Danziger Bevölkerung über die Gewalttaten der Nazis feststellen können, wie diesmal. Eine Nachbarin von uns kam am 12. November nachmittags aus der Stadt nach Hause. Politisch war das Ehepaar niemals festgelegt. Heute sind sie natürlich gleichgeschaltet. Die Frau ging gar nicht erst nach Hause, sondern zuerst in die Wohnung zweier Nachbarn, wo sie ihre Erlebnisse erzählte. Das, was sie heute gesehen habe, ginge denn doch zu weit. Was solle aus den Jungens werden, die eine solche Erziehung durchmachten, wie die in der Hitler- Jugend. Das seien doch alles Verbrecher und Räuber. In solcher Gesellschaft bewegten sich also ihre beiden Söhne. Ein Wunder, dass man nicht auch den BdM aufgeboten hätte, um die jüdischen Geschäfte zu plündern usw. Sie werde zu Forster gehen und ihm sagen, dass er die Jugend zu Verbrechern erziehe. Die Nachbarinnen gaben der Frau durchaus recht, nur rieten sie ihr ab, zu Forster zu gehen. Da würde sie wohl kaum lebendig wieder herauskommen. Diese Begebenheit ist ganz bestimmt kein Einzelfall. Wo man auch mit Leuten zusammenkam, hörte man Aeusserungen lebhafter Empörung oder wenigstens Andeutungen einer Kritik. Ein" alter Kämpfer" sagte bei uns im Betrieb, er könne sich nicht denken, dass all das im Sinne der Partei liege. Der Mann ist seit 1930 Nazi. Er fühlte sich verpflichtet, so zu sprechen, weil er merkte, dass er eine geschlossene Front gegen sich hatte. 2. Bericht: Die Leute, die sich den Ueberfall auf die Synagoge in Danzig- Langfuhr angesehen haben, verhielten sich im allgemeinen ruhig. Immerhin hörte ich deutlich eine Reihe von kritischen und wuterfüllten Bemerkungen:" Dass man solchen Skandal noch erleben muss!"" Solche Gemeinheit!"" Diese Räuberbande" und ähnliches. Anfangs wurde sogar der Schupo zugerufen, ob man denn nichts sehe, ob man keine Augen habe usw. Niemand aber wagte freilich, irgend etwas zu unternehmen. Dazu sind die Leute viel zu sehr eingeschüchtert. Als die" Aufräumungsarbeiten" ziemlich beendet waren, hörte ich, wie ein vor mir stehender etwa 11- jähriger Junge zu seinem gleichaltrigen Kameraden kopfschüttelnd sagte:" Du, dass die das aber alles machen dürfen.." III. Aus der Wirtschaft A 51 Die Errichtung der Grenzbefestigungen und die Mobilisierung haben der deutschen Wirtschaft in den letzten Monaten neue grosse zusätzliche Belastungen auferlegt. Auch die neuerworbenen Gebiete beanspruchen fürs erste die Wirtschaftskraft des Reiches mehr als sie ihm neue Reserven en Gold, Devisen, Rohstoffen, Produktionsanlagen, Arbeitskräften, Wasserkräften usw. zuführen. Dazu kommen die neuen Aufgaben, die sich aus der Realisierung des Münchener Siegfriedens ergeben: die Eingliederung Südosteuropas in die deutsche Wehrwirtschaft und die Aufrechterhaltung des deutschen Rüstungsvorsprungs auch gegenüber gesteigerten Rüstungen der Westmächte. Diese gewaltigen Belastungen der jüngsten Vergangenheit und der nächsten Zukunft zwingen der deutschen Wirtschaft das Gesetz der Leistungssteigerung um jeden Preis auf. Neben der Ausschöpfung aller Kapital- und Arbeitsreserven wird deshalb der Grundsatz:" Mehr arbeiten und weniger verbrauchen" auch in Zukunft das Leitmotiv der deutschen Wirtschaftspolitik bleiben. Bevor die Früchte der Neugestaltung Südosteuropas reifen, ist daher an eine fühlbare Erleichterung der Rohstoffversorgung vorläufig ebensowenig zu denken, wie an eine Besserung der Ernährungslage, und gleichzeitig muss der Raubbau am Grund und Boden und am industriellen Sachkapital ebenso fortgesetzt werden, wie der Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft. Die nachstehenden Berichte werfen Streiflichter auf die derzeitige wirtschaftliche Lage Deutschlands. Auch sie lassen wiederum erkennen, wie wenig Deutschland während der tschechoslowakischen Krise tatsächlich auf einen allgemeinen Krieg vorbereitet war. A 52 1) Die Rohstoffversorgung a) Rohstoffbewirtschaftung und Rohstoffmangel Der Rohstoffmangel erstreckt sich nach wie vor in erster Linie auf Eisen, Holz und Baustoffe. Bei diesen Gütern war nicht nur keine Lockerung der bestehenden Rationierung möglich, sondern eine Reihe weiterer Verwendungsbeschränkungen erforderlich. In der" Braunen Wirtschaftspost" vom 29. 10. 1938 hat der Leiter der Abteilung Eisen im Reichswirtschaftsministerium dargelegt, dass die Kontingentierung der Walz- und Gusseisenprodukte und die aufrecht erhalten werden staatliche Lenkung des Eisenverbrauchs müsse, denn es sei auf dem Gebiet der Eisen- und Stahlwirtschaft ein Absinken des Bedarfs bis auf weiteres nicht zu erwarten. Zwar würde die Rohstoffproduktion von 1938 die des bisherigen Rekordjahres 1929 von 23 Millionen Tonnen noch um 1 Million Tonnen überschreiten. Sie würde aber trotzdem nicht zur Deckung des Bedarfs ausreichen, und zwar nicht so sehr deshalb, weil die verfügbaren Hochöfen und Stahlwerke die Erzeugung nicht steigern könnten, sondern weil die heimische Erzförderung erst ein Viertel des heimischen Bedarfs decke, andererseits grosse Anforderungen von Eisen und Stahl für die Ostmark gestellt würden und auch das sudetendeutsche Gebiet zwar grosse Vorteile in der Versorgung mit Energie und Kohle bringe, aber für Eisen ein Zuschussgebiet sei. Neue Verwendungsbeschränkungen für Eisen, Stahl und Eisenbeton wurden mit der Anordnung der Ueberwachungsstelle für Eisen und Stahl vom 22. 11. 1938 verfügt. Bereits im vorigen Jahre( siehe Heft 10/1937, Seite A 25) war die Verwendung von Eisen, Stahl und Eisenbeton für Abflussrohre beschränkt worden. Diese Beschränkung ist nunmehr erweitert. Für Abflussleitungen bei Entwässerungsanlagen sollen in stärkerem Masse als bisher statt Eisen usw. Steinzeug- und Prozellanrohre verwendet werden. Für eine Reihe von Fällen ist der Einbau von Abflussrohren aus Eisen, Stahl und Eisenbeton für die Ableitung von ReDie Anordgenwasser, die Verwendung von Gusseisen verboten. nung erstreckt sich auch auf Oesterreich, die Ausdehnung auf das sudetendeutsche Gebiet bleibt vorbehalten. A53 Im vorigen Jahre hatte Reichsforstmeister Göring( siehe Heft 12/1937, Seite A 77 ff.) zum ersten Mal für sämtliche Waldungen den Einschlag von Holz auf 150% des Normalsatzes festgesetzt. Inzwischen ist die verfügbare Menge Holz durch Lieferungen aus dem waldreichen Oesterreich versucht worden. Nach Mitteilung des" Deutschen Handelsdienstes"( vom 6. 9. 1938) hatte der Einschlag 1927 rund 42 Millionen, 1938 einschliesslich Oesterreich 59 Millionen Festmeter betragen. Noch stärker als die Menge des verfügbaren Holzes ist aber der Holzbedarf gewachsen, nicht nur wie vordem in erster Linie für die Erzeugung von Zellwolle, sondern mehr noch für die unmittelbar militärischen Zwecke, Grenzbefestigungen usw. Die Folge ist, dass noch mehr als bisher die Verteilung des Holzes in Staatshand zentralisiert und der Verbrauch von Holz amtlich eingeschränkt wird. Nach der Zeitschrift" Der Vierjahresplan" vom November 1938 ist von Göring die Marktvereinigung der deutschen Forst- und' Holzwirtschaft mit der planmässigen Lenkung des gesamten Holzanfalls betraut und ermächtigt worden, alle Massnahmen zur Ueberwachung und Regelung des Verkehrs mit Holz zu treffen. In ihrer Hand liegt die Kontrolle der gesamten Holzeinkäufe. Sie kann marktregelnde Massnahmen treffen, die notwendig sind für die bevorzugte Befriedigung des" staatspolitisch vordringlichen Holzbedarfs" und die Belieferung der übrigen Verbrauchergruppen regeln. Bisher ist von der Marktvereinigung angeordnet worden, dass jeder Kauf und Verkauf von Roh- und Schnittholz im Inland von ihr genehmigt sein muss, ebenso der Andere Kauf von Nadelrundholz und Zellstoffholz im Ausland. Käufe ausländischen Holzés müssen der Marktvereinigung gemeldet werden. Einschneidende Verbrauchs beschränkungen sind bereits erfolgt. Vor allem wird zur Einschränkung des Verbrauchs von Bauholz eine Rangordnung nach der Dringlichkeit und ein Kontingentierungssystem, ähnlich dem eingeführt, das für Baueisen schon seit langem besteht. Für Schnittholz werden von den zuständigen Behörden Einkaufsscheine ausgegeben. Ueberall da, wo im Bauwesen auf die Verwendung von Holz verzichtet werden kann, muss ohne Holz gebaut werden. Als Grubenholz waren bisher fast ausschliesslich Kiefern verwendet worden. Nunmehr haben eine Reihe von Bergbaubehörden für bestimmte Gebiete zugelassen, dass mehr Laubholz anstelle von Kiefern verwendet wird. Auch die Zellstoff- und Papierindustrie wird in Zukunft mehr Laubholz( Buchenfaserholz) verarbeiten, damit Kiefernholz für die Gruben frei wird. Schliesslich wird eine ernste Mahnung an die Holzkäufer gerichtet, für schnelle Abfuhr des Holzes zu sorgen, damit nicht wertvolles Nadel- und Laubholz durch längeres Lagern im Walde Schaden erleide. Auch für die sudetendeutschen Gebiete ist angeordnet worden, dass sie sich sofort auf einen Holzeinsohlag von 150% einzurichten und vor allem die dringend bend A.54 .tigten Sorten aufzuarbeiten haben. Es wird aber ausdrücklich bemerkt, diese 150% seien keine Höchstgrenze, man erwarte vielmehr einen noch höheren Einschlag. Eine sehr intensive Propaganda hält die Bevölkerung an, Holz nicht mehr im Haushalt zu verwenden, sondern statt des bisher üblichen Bündelholzes die neuen Feueranzünder zu verwenden, die von Kohlenhandlungen vertrieben werden, und die bisher auf Holzfeuerung eingerichteten Oefen auf Kohlenfeuerung umbauen zu lassen. In der Essener" National- Zeitung" vom 15. 11. 1938 heisst es: " Jeder prüfe darum recht bald seine Heizanlagen und überlege es sich, welche Forderungen er aus dem Zwang, Brennholz zu sparen, ziehen muss. Er kommt sicher nicht um den Schluss herum, seine Oefen in Ordnung zu bringen, da er sich mit der Tatsache abfinden muss, dass es in Zukunft weniger Holz zu Brennzwecken geben wird." Gleichzeitig wird mit Bildpropaganda in der Art der nachstehend wiedergegebenen Reproduktion aus der Essener" NationalZeitung" für die Holzersparnis im Haushalt geworben: Wer heute noch Holz verheizt, schneidet fich ins eigene Fleisch, denn 85% Verluft 15% wahrend ca 85% Kohleöfen lausnutzen, Holzofen nutzen den Brennitoff nur rzu co. 15% aus und Kohle eine weit größere Heizkraft hat als Holz. Er schädigt auch die deutiche Volks wirtschaft, denn Holz ist kein Brenn ( toff, fondern ein wichtiger Rohstoff für viele Induftrien, Um Holz zu sparen, muss auch der Papierverbrauch weiter ein wiedergegebenen geschränkt werden. Wie aus der auf Seite A Originalreproduktion hervorgeht, sind die Zigarettenfabriken vor einiger Zeit angewiesen worden, die bisher ablicher Beilage von Bildern in den Zigarettenpackungen einzustellen. A55 In Erledigung der Anfrage bezüglich des Wegfalls der Bilder teilen wir mit, daß aus wirtschaftlichen Gründen im gesamten Deutschen Reich seit dem 1. Juli sind nur d.J. die Bildbeilage in den 2 und 3 1/3 Pfg.- Zigaretten untersagt ist. Ausgenommen hiervon einige kleinere Fabriken, zu denen wir nicht gehören. Mit beştem Dank für das an unserer Beilage bekundete Interesse begrüßen wir Sie Heil Hitler Aviatik Zigarette ppa G. m. b. H. I/ V Die Befestigungsarbeiten haben soviel Baumaterial verbraucht und der Baustoffindustrie soviel Arbeitskräfte entzogen, dass auch der Mangel an Baustoffen verschärft worden ist. So hat nach der" Frankfurter Zeitung"( 6.9.1938) der häufige Wechsel und die Abwanderung von Arbeitskräften zu einem nicht unerheblichen Produktionsausfall bei den Ziegeleien der Provinz Brandenburg geführt, der sich erst im nächsten Frühjahr auswirken wird. Es sei noch nicht abzusehen, wie bei gesteigerten Bautempo der Ziegelbedarf im nächsten Jahr befriedigt werden könne. Aus den folgenden Berichten aus dem Reich geht hervor, dass vielfach Zement zum Bauen fehlt, weil er bei den Befestigungsarbeiten in ungeheueren Mengen verbraucht wird. Sachsen: Auf den Bauten wird jetzt stark über Mangel an Zement geklagt. Die meisten Bauunternehmungen verfügen nur über soviel Zement, dass die einzelnen Bauten notdürftig weiter fortgeführt werden können. Selbst der Kasernenneubau in Zittau kann wegen Zementmangels nicht mehr im früheren Eiltempo fortgeführt werden. Es gibt im hiesigen Gebiete eine ganze Anzahl von Unternehmern, die z.Zt. überhaupt keinen Zement erhalten. Schlesien: Die Bauunternehmungen erhalten für private Bauten keinen Zement. So musste z. B. die Firma X. in Y. die Umbauten bei der Firma Z. einstellen und die Arbeiter entlassen. Die Entlassenen wurden sofort vom Arbeitsamt zu Bahnbauten überwiesen., A 56 Mitteldeutschland: Infolge des grossen Bedarfs an Zement bei den Befestigungsarbeiten im Rheinland ist eine Stockung bei den innerdeutschen Baufirmen eingetreten. Während man früher eine Zementmischung von 1: 3 herstellte, begnügt man sich heute vielfach mit einer Mischung von 1: 8. Die folgenden Berichte zeigen, dass der Rohstoffmangel fortbesteht. Es scheint aber, dass sich der Apparat der amtlichen Rohstoffbewirtschaftung mehr und mehr einspielt und dass die Unternehmer sich daran gewöhnen, verlängerte Lieferfristen, durch Materialmangel verursachte Stockungen der Produktion in ihre Dispositionen einzukalkulieren, dass man sich mit den Mangelerscheinungen langsam ebenso abfindet, wie sich die Konsumenten an die Mangelerscheinungen auf dem Lebensmittelmarkt gewöhnt haben. Bayern: Es fehlt vor allem an Eisen. Obgleich unser Betrieb bevorzugt beliefert wird, weil er Rüstungsaufträge hat, fehlen immer wieder gerade die gebräuchlichsten Sorten. Oft müssen wir uns Winkeleisen passend schneiden. Dadurch geht eine Menge Material verloren; ein typisches Beispiel dafür, wie Rohstoffmangel auf der anderen Seite zu Rohstoffverschwendung führt. Dasselbe tritt ein, wenn man Maschinen, anstatt die einzelnen Teile zu erneuern, solange laufen lässt, bis sie reif zum Verschrotten sind. Sachsen: Die Handwerksmeister der Metallbranche leiden schwer unter Materialmangel. Der Meister eine Bauklempnerei, die in der Zeit vor Hitler mindestens 3 bis 4 Waggons Zink verarbeitete, forderte letzthin für einen Monat ganze 29 Tafeln Zink an. Und auch dabei ist es noch fraglich, ob er alle 29 Tafeln zugeteilt bekommt. Gewöhnlich werden die angeforderten Mengen noch gekürzt. Klempner erhalten nur auf ihre Kennummer hin eine bestimmte Mange Zinn, Zink- oder Weissblech monatlich. Das Quantum wurde festgesetzt auf Grund des vorjährigen Umsatzes. Wenn ein Klempner mehr oder anderes Ble ch braucht, muss er versuchen, es auf dem freien Markt aufzutreiben. Früher wurde in der Klempnerei Lötzinn in einer Legierung von 40% Zinn und 60% Blei verarbeitet. Das ermöglichte eine gute und dauerhafte Lötnaht. Heute ist die Legierung 15 zu 85%. Die Lötna ht wird dadurch verschmiert und hält nicht. Um Lötzinn leichter fliessbar zu machen, werden andere leicht schmelzbare Metalle zugesetzt, die aber keine Festigkeit haben. Wasserleitungsrohre aus reinem Blei gibt es nicht mehr. Die Rohre sind hart und schwer biegsam. Abflussrohre aus Hartblei sind mit anderen Metallen legiert und lassen sich weder löten noch aufweiten. Kupfer wird überhaupt nicht zugeteilt. Nur in ganz ausserordentlichen Fällen, und wenn der Antrag von einer Sachverständigenkommission begutachtet worden ist, kann ein geringes Quentum Kupferblech geliefert werden. Bei grossen Staatsbauten wur A 57 den früher Kupfer und Zink in besonders guter Qualität verwendot. Heute verwendet man bei solchen Bauten verzinkte und verbleite Bleche. Diese haben eine geringe Lebensdauer, weil sie leicht rosten und nicht wetterfest sind. Guter Faserleim ist nicht mehr zu bekommen, dafür wird Knochenleim geliefert, den man aber Monate vorher bestellen muss. Dann wird ein Teil brauchbarer und ein Teil minderwertiger Leim geliefert. Oberschlesien: In einer Reihe von Betrieben mussten Arbeiten eingestellt werden, weil bestellte Materialien nicht rechtzeitig geliefert wurden. So klagt man besonders in Kleinbetrieben darüber, dass trotz wiederholter Bestellungen die Lieferungen ausbleiben oder die Lieferung von Metallen an die Rückgabe von Abfällen gebunden ist. Ein bekanntes Sägewerk im Industriebezirk musste einen Gatter mehrere Wochen stillegen, weil die Ersatzteile nicht zugestellt werden konnten. Erst als die Betriebsleitung darauf aufmerksam machte, dass man Arbeiter entlassen müsse, sind die Ersatzteile durch Eingreifen der NSDAP beschafft worden, aber auch nur dadurch, dass ein anderes Sägewerk, das nicht voll beschäftigt war, veranlasst wurde, die betreffenden Teile auszuleihen. Selbst grosse Werke werden nicht davon verschont, ihren Bedarf an Eisen- und Metallteilen ausführlich zu begründen. Ja, es werden sogar Erhebungen von den Zuteilungsstellen angestellt, um nachzuforschen, ob die Lieferung wirklich erforderlich ist. Kupfer und Kupferdraht sind überhaupt nicht zu erhalten, man preist die verschiedensten Ersatzmetalle an, die aber meist als unbrauchbar zurückgewiesen werden. Es kommt sehr oft vor, dass bei Ersatzteilen für Maschinen bereits bei der Lieferung Fehler festgestellt werden, aber man schickt nichts zurück, sondern bestellt sofort diese Ersatzteile nochmals. Die Beschwerden der Fachleitungen bei den Verteilungsstellen wegen mangelhafter Belieferung mit Motoren und Elektroartikeln weil sie häufen sich. Die oberschlesischen Grubenverwaltungen haben bereits Schritte bei Berliner Amtsstellen unternommen, sich bei der Zuteilung bestimmter Metalle übergangen fühlen. Berlin: Selbst bei kleinen, täglichen Gebrauchsgegenständen, wie Rasiermessern und Zahnbürsten ist der Rohstoffmangel spürbar. Die" Rotbart"-Rasierklingen haben noch den alten Preis. Früher konnte man sich jedoch mit einer Klinge 4- bis 5- mal rasieren, jetzt höchstens zweimal. Dabei darf man die Klinge nicht straff in den Apparat spannen, sonst zerbricht sie sofort. Einen Rasierstein konnte man früher jahrelang verwenden, heute ist eine Neuanschaffung sinnlos. Dem Stein fehlt es offenbar an Bindemitteln, er zerfällt wie Puder. Bei Zahnbürsten, einerlei ob sie 0,25 oder 1,- RMK. kosten, fallen.die Borsten vom ersten Tag an aus usw. Besonders schlimm ist der Mangel an Rohstoffen für die Bauhandwerker, weil sie keine anständige Reparatur mehr ausführen können. b) Die Altmaterialsammlung COD A 58 Ueber die bisherigen Erfolge der Altmaterialsammlung zur Streckung der Rohstoffvorräte( siehe Heft 1/1937, Seite A 72 ff, Heft 3/1937, Seite A 111 ff., Heft 7/1937, Seite A 78 ff., Heft 10/1937, Seite A 26 ff. und Heft 6/1938, Seite A 88 fr.) hat der Reichskommissar für Altmaterialverwertung, Wilhelm Ziegler, in November- Heft der Zeitschrift" Vierjahresplan" berichtet. Nach seinen Angaben betrug der Wert des Altmaterials, über das im Jahre 1937 verfügt werden konnte, 550 Millionen Mark, das sind rund 12% des gesamten deutschen Rohstoffverbrauchs. Besonderer Wert wird auf die Sammlung alten Eisens gelegt. Der Reichskommissar kündigt an, dass die Wegräumung eiserner Gartenzäune noch mehr als bisher betrieben werden soll. Auch beim privaten Haus- und Grundbesitz werde eine planmässige Entfernung der Eisenzäune eingeleitet und damit zugleich eine moderne Gestaltung der Strassenfluchten erreicht. In Stadt und Land sei noch eine ganze Reihe unerschlossener Schrottreserven vorhanden. Die vom Reichskommissar angekündigte Schrottsammelaktion ist, wie die folgenden Berichte zeigen, schon seit einiger Zeit im Gange. Saarpfalz: Ab Montag, den 17. Oktober 1938, wird in Deutschland die" eiserne Woche" durchgeführt. Die SA hat den Auftrag, alle Eisengegenstände einzusammeln. Die eisernen Kreuze auf den Friedhöfen, eiserne Umzäunungen etc. werden abmontiert und auf Lastwagen verladen. Sachsen: Die Hausbesitzer müssen die eisernen Gartenzäune entfernen und sie zum Alteisenpreis verkaufen. Nicht einmal Holz für Zäune ist da, so dass oft die Vorgärten der Häuser aufgegeben werden müssen oder nur mit niedrigen Sockeln eingefasst werden können. Mitteldeutschland: Auf den Friedhöfen werden von den alten Gräbern die Eisenkreuze abgenommen. Befinden sich auf neueren Gräbern Eisenkreuze, dann setzt man sich mit den Angehörigen des Verstorbenen in Verbindung und fordert sie auf, das Eisenkreuz zu spenden. Auf dem hiesigen Friedhof liegen grosse Haufen solcher Eisenkreuze zum Abtransport bereit. Auf Anordnung des Generalinspektors für das deutsche Strassenwesen wird alles Eisen abgebaut, das zur Strasse gehört und durch andere Werkstoffe, hauptsächlich Holz oder Stein, ersetzt A59 werden kann, vornehmlich eiserne Seitengeländer, Masten, Pfosten für Schilder und Verkehrszeichen. Bevor grössere Brückengeländer oder andere Anlagen aus Eisen abmontiert werden, die ein Muerwerk oder seine Umgebung wesentlich beeinflussen, ist der Generalinspektor zu befragen. 2) Der technische Verfall der Reichsbahn Die noch immer gesteigerte militärische und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung verbraucht mehr Rohstoffe als trotz der intensiv betriebenen Erzeugung synthetischer Betriebsstoffe und Erschliessung heimischer Rohstoffquellen verfügbar sind. Aber mehr noch als das Fehlen von Material verursacht der Mangel an Menschen Störungen des Wirtschaftslebens auf verschiedenen Gebieten. Die Erneuerungs- und Reparaturarbeiten werden vielfach zugunsten der neuen Ersatzindustrien und der Bewaffnung vernachlässigt und auf spätere Zeiten verschoben, selbst auf die Gefahr, dass die Einsatzfähigkeit der maschinellen Hilfsmittel im Ernstfall darunter leidet. Das macht sich besonders bei der Reichsbahn geltend. Der Mangel an Eisen und Holz, vor allem auch der an Arbeitskräften, hemmt die Erneuerung des rollenden Materials, während die Beanspruchung der Transportmittel durch die Erfordernisse des Vierjahresplans steigt und ihren Verschleiss beschleunigt. Die Auslandserze können zumeist auf dem Wasserwege den Hütten zugeführt werden. Die neuen heimischen Erze müssen auf dem Landweg befördert werden. Die förmlich aus dem Boden gestampften Fabriken zur Erzeugung synthetischer Betriebsstoffe erfordern zusätzliche Kohlen transporte, die grossen Laderaum beanspruchen. Die grössten Anforderungen an die Reichsbahn stellten die Menschen- und Material transporte für die" Probemobilmachung vor München und für die Westbefestigungen. Nach Angaben, die Staatssekretär Kleinmann auf der Reichstagung der Fachschaft der Reichsbahnbeamten Anfang November machte, sind seit Mitte Juli 430.000 Eisenbahnwaggons zu den Grenzbefestigungen gefahren worden. Wiederholt ist eine Tagesleistung von 8.000 Waggons Kies, Eisen und Zement erreicht worden. A co In ihrem September- Bericht klagt die Reichsbahn über den Wagenmengel, der so gross sei, dass vielfach die zur Prüfung der Wagen nötige Zeit fehle. Die neubestellten Wagen gingen nur langsam ein und böten keinen Ausgleich für die steigende Anforderung von Frachtraum. Bei einem Gesamtbestand von 575.000 Güterwagen fehlen der Reichsbahn nach ihren eigenen Angaben 80.000 Wagen. Ueber die Wirkungen des Materialmangels auf die Reichsbahn, über die mangelhafte Erneuerung ihres Wagenparks, die Vernachlässigung der Reparaturen war bereits in Heft 1/1938( Seite A 16 und 17) und in Heft 6/1938( Seite A 69- 73) berichtet worden. Dort war von den Bemühungen der Reichsbahn die Rede, Laderaum dadurch zu sparen, dass die Verlader aufgefordert wurden, durch beschleunigtes Ein- und Ausladen zum schnelleren Umlauf der Güterwagen und damit zur Entlastung des Güterverkehrs beizutragen. Inzwischen hat sich der Mangel an Frachtraum auf den Lastautoverkehr und die Binnenschiffahrt ausgedehnt. Vor kurzem hat die Reichswirtschaftskammer einen Aufruf erlassen, in dem sie darauf hinweist, dass die Reichsbahn der ungewöhnlich grossen Inanspruchnahme des Wagenparks durch Beschaffung neuer Waggons, Einrichtung von Durchgangsgüterzügen mit hoher Geschwindigkeit u.a. nachzukommen versuche, dass aber eine Entlastung von Schiene und Strang selbst bei Nachlassen der öffentlichen Aufträge kaum zu erwarten sei und dass deshalb die Verfrachter für Beschleunigung des Wagen umlaufs sorgen müssten. Ganz besonders wird gebrandmarkt, dass Firmen, um sich davor zu schützen, dass ihre Lieferungen vom Mangel an Frachtraum behindert werden, mehr Güterwagen anforderten, als unbedingt gebraucht wurden. Es müsse heute mehr denn je erwartet werden, dass die Verkehrstreibenden alles vermeiden, was den ohnehin grossen Wagenbedarf noch erhöht, denn jede gewonnene Stunde sei im Wagenumlauf kostbar, und auf jeden einzelnen Wagen komme es an. Aehnliches gelte auch für den Kraftwagenverkehr, und die Binnenschiffahrt. Diese Ermahnungen scheinen aber nicht viel gefruchtet zu haben, denn die Reichsbahn hat sich inzwischen genötigt gesehen, einschneidende Massnahmen durchzuführen. So wurden die Annahme von Wagenbestellungen und die Reservierung von Wagen zeitweise ge sperrt und für Be- und Entladung von längerer Dauer Sondergebühren erhoben. A61 Die Reichsbahndirektion Berlin hat das tarifmässige Tagenstandgeld ab 10. November auf das Dreifache erhöht.. Für den Verkehr mit der Ostmark ist ab 26. November die Zuteilung von Waggons kontingentiert. Bevorzugt befördert werden geschlossene Güterzüge mit Kohle, Getreide, Düngemittel usw. vom übrigen Reich nach der Ostmark. Jeder andere Versand muss jedesmal von der zuständigen Reichsbahndirektion genehmigt werden. In welcher Verfassung sich zur Zeit das rollende Material der Reichsbahn befindet, geht aus dem folgenden Bericht hervor, den wir einem Berichterstatter verdanken, der Gelegenheit hat, die Verhältnisse in verschiedenen Landesteilen zu übersehen: Die Verhältnisse bei der Deutschen Reichsbahn haben sich in vielen Dingen den Verhältnissen in den Kriegsjahren 1917/18 genähert, zum Teil sind sie noch schlimmer. Anfang dieses Jahres hat die Reichsbahnverwaltung in der amtlichen Zeitschrift," Die Reichsbahn", einen offiziellen Bericht über die technische Situation der Deutschen Reichsbahn gegeben. Diese Zeitschrift wurde daraufhin sofort beschlagnahmt, so dass nur ganz wenige Exemplare verbreitet worden sind. Für den technischen Zerfall der Reichsbahn liegen für jeden Eingeweihten die Gründe auf der Hand. Dabei sind zwei Momente entscheidend, einmal die vom Standpunkt der Eisenbahn, verkehrmässig gesehen, völlig irrsinnige Förderung des Strassenbaues und der Automobilproduktion, auf der anderen Seite der ungeheuere Rohstoffmangel, der seit langer Zeit die ordnungsmässige Ergänzung des Wagenmaterials verhindert und besonders auch bei den notwendigen Reparaturen bemerkbar wird. Hinzutritt, was sehr oft übersehen wird, die Ueberlastung der Bahn durch Gratis beförderung zu Parteitagen und anderen mobilmachungsähnlichen Veranstaltungen. Bei der Beförderung dieser oft viele hunderttausende Menschen umfassende Transporte wird die Eisenbahn wochen- oder monatelang eines grossen Teils ihres Waggon- und Lokomotivmaterials beraubt, ohne dass das einen wirtschaftlichen Nutzen bringt. Hinzu kommt die Unterbezahlung der Bahn transporte im Rahmen der" Kraft durch Freude" Fahrten, die nicht nur keinen wirtschaftlichen Gewinn bringen, sondern sehr viel Material verschleissen. Uebereinstimmend wird berichtet, dass das Lokomotiv- und Wagenmaterial bereits bei dem Zustand vom Winter 1917/18 angelangt ist. Seit ungefähr 8 Monaten ist der Kupfermangel so gross geworden, dass es nicht mehr möglich ist, untauglich gewordene Feuerbuxen durch neue Kupferbuxen zu ersetzen. Statt dessen benutzt man wieder wie 1918 eiserne, deren Nachteile bekannt sind. Durch unregelmässige Verdunstung des Wassers und anderer Störungen werden die noch aus dem Kriege bekannten Verspätungen verursacht, die auch jetzt seit Monaten mehr und A.62 mehr im deutschen Bahnverkehr üblich werden. Im Laufe eines Jahres wird bei weitem mehr als die Hälfte aller Lokomotiven mit eisernen Feuerbuxen fahren. Auf fast allen deutschen Stationen kann man täglich folgendes Bild beobachten: Während die Wagen halten, kommt der Wagenmeister und kontrolliert den Zug. An viele Wagen sieht man ihn einen roten Zettel ankleben, mit dem die schadhaften Bremsklötze bezeichnet werden. Nach kaum 24 Stunden sind die roten Zettel wieder von den Wagen entfernt und die Wagen werden erneut. in Betrieb genommen. Die Bremsklötze sind nicht etwa inzwischen ersetzt worden, der Aufsichtsbeamte der Betriebswerkstätten hat vielmehr die Wagen, trotz der vom Wagenmeister durch den roten Zettel bescheinigten Betriebsuntauglichkeit, wieder in Verkehr setzen müssen, weil die Werkstätten, trotz der Beschlagnahme der Eisengitter auf den Friedhöfen, nicht über das nötige Eisen verfügen, um die Bremsklötze zu ersetzen. Der absolute Mangel an Waggons führt dazu, dass die vorhandenen Wagen überbelastet werden, oft über die vorgeschriebene Höchstbelastung hinaus und dass dadurch ihre Lebensdauer abgekürzt wird. Sie werden früher als sonst reparaturbedürftig, aber gerade weil die Wagen für den Verkehr gebraucht werden, können sie nicht rechtzeitig in Reparatur kommen. Aber selbst wenn das möglich sein würde, wäre die Reparatur durch den Rohstoffmangel sehr erschwert. Die Produktion neuer Waggons ist fast völlig eingestellt. Der Waggonmangel wird daher immer fühlbarer. Es ist z.B. schon seit langem nicht mehr möglich, die für Kohlenverladung angeforderten Waggons regelmässig zur Verfügung zu stellen. Die Folge sind stör ende Unterbrechungen der Produktion wegen Kohlenmangels. Ungenügende Produktion neuer Waggons, durch Ueberlastung verkürzte Lebensdauer der vorhandenen Waggons, mangelnde Möglichkeit, das rollende Material zu reparieren und zu kontrollieren, haben, neben anderen ungünstigen Wirkungen des Menschen- und Rohstoffmangels, zur Folge, dass, nach Informationen aus den verschiedensten Teilen des Reiches, der technische Apparat der Reichsbahn sich in einem Zustand befindet, der seinen Wert für den Kriegsfall sehr in Frage, stellt. Zwar wird sich ein grosser Teil der Massen transporte auf den neuen Autostrassen abspielen, es steht aber fest, dass während eines Krieges 80%, wahrscheinlich aber noch mehr, der notwendigen Transporte durch. die Reichsbahn werden erfolgen müssen. A63 Dass es auch um den Oberbau nicht besser bestellt ist, lässt der nachstehende Bericht erkennen: Um trotz des Mangels an Arbeitskräften und Material den Glei soberbau in gutem Zustande zu erhalten, ist man in einzelnen Dienstbereichen dazu übergegangen, nicht mehr kleine Reparaturarbeiten am Oberbau auszuführen, sondern systematisch die Strecken durchzuarbeiten. Dieses Verfahren hat sich bewährt, weil dadurch keine unnütze Stückarbeit geleistet wird. Freilich darf mit der systematischen Durcharbeitung des Oberbaues in der Regel kein höherer Aufwand an Arbeitskräften und Material verbunden sein als nach der bisherigen Methode. Man glaubt aber, auf diese Weise zweckmässiger das Material verwenden und Arbeitskräfte sparen zu können. Gespart werden muss mit dem Material, vor allem mit Eisen und Holz, auf alle nur erdenkliche Art. Werden nach der alten Arbeitsmethode z.B. stückweise neue Schienenteile eingesetzt, so sind sie viel schneller verbraucht, als wenn nach der neuen Methode längere Strecken entweder völlig neue Schienenstränge oder gleichmässig abgenützte, aber noch verwendungsfähige bekommen. Das gilt auch für Bolzen, Laschen, Schwellen usw. Es wird auf diese Weise ein Stück Oberbau geschaffen, das bei gleicher Lebensdauer weniger Arbeitsleistung durch Reparaturen erfordert. Die Zeit, in der leichtfertig Schwellen ausgewechselt, Schrauben und anderes Kleineisen schnell durch neues Material ersetzt wurden, weil die Wiederherstellung zu brauchbarer Verwendung zu viel Zeit in Anspruch nahm, ist vorbei. Was sich an Oberbauschrauben, Muttern und so weiter aufarbeiten lässt, muss aufgearbeitet werden. Schienen, deren Stösse abgefahren sind, werden nach Abschneiden der schadhaften Stösse sofort wieder verwendet, aber nicht zwischen neuen Schienen, sondern, um grössere Haltbarkeit zu erzielen, neben gleichmässig verbrauchten. Die Schienenköpfe werden einem besonderen Härteverfahren unterzogen, um ihre Güte zu erhöhen. Weiter wird versucht, durch besondere Schmiervorrichtungen eine automatische Schienenschmierung zu erreichen, um dadurch die Lebensdauer der Schienen zu erhöhen. Schwellen, die durch Holzdiebel wieder verwendungsfähig gemacht werden können, werden nicht ausgewechselt. Es werden zum Teil Hölzer zu Schwellen angeliefert, die in normaler Zeit nur als Brennholz verwendet wurden, z. B. Buchenholz mit rotem Kern, das rasch fault. Die Reichsbahnverwaltung hat angeordnet, dass nur Holz abgenommen werden dürfe mit einem roten Kern von höchstens 1/6 des Querschnittes. Der Holzmangel zwingt aber dazu, entgegen der Anordnung Buchenholz mit weit grösserem roten Kern abzunehmen. Nun sind Versuche im Gange, durch ein Wechseltränkverfahren auch dieses Holz verwendungsfähig zu machen. Alle diese Versuche erfordern natürlich zusätzliche Aufwendungen, die dazu beitragen, die Rentabilität der Reichsbahn zu beeinträchtigen. Die Erhaltung des Oberbaus wird ausserdem noch durch den häufigen Arbeiterwechsel und die Verwendung von ungeeigneten Arbeitskräften verteuert. A64 3) Ernährung und Bekleidung In einem Aufsatz über die Finanzierung des deutschen Wirtschaftsausbaues"( in der Zeitschrift" Die Giesserei" Nr. 23) kommt der Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium Brinkmann zu folgendem Schluss: Für jeden einzelnen Deutschen ergeben sich aus der gegenwärtigen Lage zwei Aufgaben: die eine sei, von sich aus mitzuwirken, dass die Produktionskraft immer weiter gesteigert werde. So weit aber die deutsche Produktionskraft noch nicht alle Wünsche erfüllen könne, sei ferner wichtig, Disziplin zu wahren. Vom Einzelnen müsse verlangt werden, seine Wünsche zurückzustellen. Das ist nur eine Umschreibung der von uns bereits wiederholt gebrauchten Formel: Mehr arbeiten und weniger verbrauchen. Das weniger Verbrauchen wird vor allem auf drei Wegen erzielt: 1. Senkung des Reallohnes( verhüllte Preissteigerung bei gleichzeitiger verhüllter Lohnsenkung), 2. Verknappung der Konsumgüter durch Beschränkung der Einfuhr, 3. Verschlechterung der Ernährung und Bekleidung durch Qualitätsverminderung der Waren, Verwendung von Ersatzstoffen usw. Die Anwendung dieser Methoden wird auch jetzt noch konsequent fortgesetzt, obgleich erkennbar ist, dass auf einigen Gebieten die akute Mangellage überwunden ist und bereits zur Anlage von Kriegsvorräten geschritten werden kann. a) Die Nahrungsmittelversorgung In diesem Jahre war die Getreideversorgung nach den amtlichen Angaben durch eine ungewöhnlich gute Ernte begünstigt. Trotzdem, ist die amtliche Bewirtschaftung des Getreides keineswegs gelokkert worden. Die staatliche Zwangswirtschaft und ihre Rationalisierung des Verbrauchs haben eben nicht nur den Zweck, die Ernährung zu verbessern, sondern vor allem, den machtpolitischen Zielen des Regines zu dienen. Sie sind, wie die staatliche Wirtschaftspolitik überhaupt, ein Instrument der Kriegsvorbereitung. Es wurden in diesem Jahr im Deutschen Reich( ohne Oesterreich) A65 um 1 Million Tonnen mehr Getreide geerntet als im Rekordernte15% mehr als 1937. Bei den jahr 1933 und fast 4 Millionen Landwirten, in den Mühlen und Lagerhäusern waren am Ende des Getreide jahres, also im Oktober, die Vorräte allein von Brotgetreide um 3,6 Millionen Tonnen, das sind mehr als ein Viertel, grösser als im Vorjahr. Die" Frankfurter Zeitung" meldete am 23. Oktober, dass die wegen der Hackfruchternte und der damit zusammenhängenden Einstellung des Drusches verlangsamte Marktbelieferung aus Südwestdeutschland den Mühlen durchaus willkommen" sei, weil sie kaum in der Lage seien, noch Weizen aufzunehmen. Der Mangel an Brotgetreide, der in den Jahren vorher bestanden hatte, hat sich danach in einen Getreideüberschuss verwandelt. Der Vorrat von 5- 7 Millionen Tonnen würde nach der Zeitschrift" Der Vierjahresplan" vom November genügen, um die Brotversorgung des deutschen Volkes in den kommenden Jahren zu sichern, auch wenn die nächsten Ernten ungünstiger ausfallen sollten. Es wird aber zugleich in diesem Organ Görings angekündigt, dass weder die Ablieferungspflicht für Getreide noch das Verbot, Brotgetreide zu verfüttern, aufgehoben werden. Zwar sind die Verordnungen, die die Mühlen zwingen, Mais, Kartoffeln und andere Substanzen dem Mehl beizumischen, zum Teil aufgehoben worden, so z. B. die Beimischung von 3% Kartoffelmehl zum Roggenmehl.Die hellere Roggenmehltype 815, die im vorigen Jahr( Heft 12/1937, Seite A 88) abgeschafft worden war, ist wieder zugelassen. Es wird aber ausdrücklich betont, dass das nicht im Widerspruch zur grundsätzlichen Linie der Getreidepolitik stehe. Die Einführung des helleren Roggenmehls solle nur die volkswirtschaftlich erwünschte Abwanderung des Verbrauchs vom Weizengebäck zum Roggengebäck fördern. Weizen müsse nämlich eingeführt werden. Es handelt sich also darum, die Einfuhr soweit wie möglich überflüssig zu machen und durch Mehrverbrauch von Roggen die deutsche Getreide autarkie zu vervollständigen. Als Grundziel dieser Vorratspolitik wird die langjährige Sicherung der Brotversorgung angegeben. Sie gebiete, bis auf weiteres die Ausweitung des Brotund Mehlverbrauchs über den bisherigen Umfang hinaus zu vermei̟den. Abb Um die Lagerung der Getreidevorräte in dem wehrwirtschaftlich erwünschten Ausmass zu ermöglichen, ist bereits im August die Reichsstelle für Getreide bewirtschaftung ermächtigt worden, alle verfügbaren Räume, auch Turnhallen, Tanzsäle usw. zur Getreidelagerung zu beschlagnahmen. Insgesamt wurden daraufhin für 1,8 Millionen Tonnen Notlagerräume beschlagnahmt. Um den Mangel an Lagerraum zu mildern, wurden den Mühlen, Getreidehändlern usw. Verpflichtungen zur Einlagerung von Getreide und Mehl auferlegt. Den Bauern wird das geerntete Getreide bevorschusst, damit sie instand gesetzt werden, möglichst viel Brotgetreide, anstatt es abzuliefern, in Scheunen einzulagern. Alle diese Massnahmen hatten nur vorläufigen Charakter. Am 1. November hat Göring den Leiter der Geschäftsgruppe Ernährung, Staatssekretär Backe, beauftragt, das Programm für den Bau von Getreidelagerraum unter Einschaltung der Reichsstelle für Wirtschaftsausbau als besonders vordringliche Arbeit in den nächsten Monaten durchzuführen. Dieser Plan sieht den Bau von Lagerraum für mehr als 2 Millionen Tonnen Getreide vor. Der Bau soll privat finanziert, aber durch Reichszuschüsse in Höhe von 25 bis 30% der Baukosten gefördert werden. Die Rentabilität wird durch mehrjährige Verträge gesichert, mit denen das Reich die Benutzung des Lagerraums garantiert. Soweit die Privatinitiative nicht ausreicht, wird der Staat selbst als Bauherr auftreten. Das kühle und feuchte Wetter hat der Obsternte sehr geschadet. Nach amtlicher Angabe war z.B. der Durchschnittsertrag je Baum bei Pflaumen und Zwetschgen im Vorjahre 13,6, in diesem Jahre nur 5,1 kg. Aehnlich schlecht war die Ernte an Birnen und Aepfeln. Sauerkirschen wurden um rund zwei Drittel, Süsskirschen um mehr als vier Fünftel weniger geerntet als im Vorjahr. Darunter hätte der Obstverbrauch nicht zu leiden brauchen, wenn entsprechende Mengen eingeführt würden. Aus den folgenden Berichten geht aber hervor, dass gerade Obst sehr gefehlt hat. In der Tagespresse wurde die Bevölkerung aufgefordert, durch Sammeln von Beerenobst in den Wäldern die Obstversorgung zu verbessern. Auch Mangel an Fleisch ist erneut zu verzeichnen. Obwohl das sogenannte Ernährungshilfswerk, d.h. die systematische Mästung A 67 von Schweinen mit Küchenabfällen weiter sehr intensiv betrieben worden ist, war der Gesamtbestand an Schweinen un etwa 8% kleiner als im Vorjahr. Schweinefleisch war deshalb besonders knapp. Daher wird mit Hilfe einer umfangreichen Propaganda der Verbrauch auf andere Fleischsorten, vor allem auf Rindfleisch, abgelenkt. Ein Aufruf dieser Tendenz des Gauamtes Saarpfalz der Reichsnährstandes, worin aufgefordert wird, von dem vorübergehend knapp vorhandenen Schweinefleisch abzusehen und die anderen reichlich anfallenden Fleischsorten zu bevorzugen, wird von einem Berichterstatter wie folgt kommentiert: Hierzu ist zu bemerken, dass von einem reichlichen Vorhandensein der erwähnten Fleischsorten gar keine Rede sein kann, obwohl viele Arbeiter und kleine Geschäftsleute ihren Fleischkonsum infolge des geringen Einkommens sehr einschränken müssen. Hammel- und Schaf- Fleisch ist in der Saarpfalz teurer als die anderen Fleischsorten und wird schon deshalb nicht als Ersatz herangezogen. Der in letzter Zeit aufgetretene starke Fleischmangel war zum Teil auf den grossen Bedarf der Truppen und Festungsarbeiter zurückzuführen, für die die Zuführung nicht immer klappte, so dass die örtlichen Vorräte aufgekauft werden mussten. Zur Entlastung des Fleischverbrauchs wird der Fischkonsum seit langem mit allen erdenklichen Mitteln gefördert. Wie vor Jahren eine Konservierungsaktion für Fleisch unter dem Schlagwort" Fleisch im eigenen Saft" durchgeführt wurde, wird jetzt eine ähnliche Aktion" Seefisch in eigenem Saft" eingeleitet. Ermahnungen und Ratschläge an die deutsche Hausfrau im Interesse der" Verbrauchslenkung" sind nach wie vor an der Tagesordnung. So empfiehlt z.B. der" Rezeptdienst", der vom Reichsausschuss für Volkswirtschaftliche Aufklärung herausgegeben wird, die reichliche Verwendung von Kartoffelmehl(" das deutsche Puddingmehl") und anderen Kartoffelerzeugnissen. Mitte Oktober wandte sich der Reichsnährstand an die Hausfrauen mit der Aufforderung, in den Herbst- und Wintermonaten den Eierverbrauch einzuschränken. In dieser Aufforderung hiess es in aller Offenheit:" Wenn bei der Eierversorgung für einige Wochen gewisse Einschränkungen notwendig sind, dann ist diese Notwendigkeit von den zuständigen Stellen bewusst herbeigeführt, um jegliche Störung der Wirt A 68 schaftsverhältnisse in Deutschland zu vermeiden". Der nachstehende Bericht aus dem Rheinland unterstreicht erneut, dass diese Propaganda zur Verbrauch slenkung keineswegs ohne Wirkung bleibt. Auch die Propaganda für die Verwertung der Küchenabfälle geht weiter. Ein Beispiel: Sachsen: Vor einiger Zeit war hier mehrere Tage der Göringzug stationiert. Der Zug stellt eine Schau aller mit dem Vierjahresplan in Verbindung stehenden Umstellungen der deutschen Wirtschaft dar. Gezeigt wurden vor allem die neuen Rohstoffe, damit sich jeder von deren Güte und Brauchbarkeit überzeugen konnte. Eine besondere Abteilung zeigt die Verwertung der Küchenabfälle. Die Ausstellung war täglich bis abends 1/2 9 Uhr geöffnet. Der Zuspruch war nicht gross gewesen, so dass sich die Parteileitung und die DAF gezwungen. sahen, Exkursionen zu veranstalten. Besondere Schwierigkeiten ergeben sich neuerdings bei der Milch- und Buttererzeugung. Der jahreszeitlich bedingte Rückgang der Buttererzeugung wird in diesem Jahre durch die Maulund Klauenseuche und den Mangel an Melkern noch verschärft.Andererseits hat sich der Butterbedarf nach amtlichen Angaben durch die Lieferung von Butter in das Sudetenland und in die Gebiete des Baues der Westbefestigungen erhöht. Infolgedessen war es nötig, die in der Sahneherstellung liegenden, allerdings nur geringen Reserven, für die Buttergewinnung in den Wintermonaten auszunutzen. Auf Grund einer Verordnung des Reichsernährungsministers von Ende Oktober wird deshalb die Sahneherstellung. in der Zeit vom 15. September bis zu, 14. Mai nur in Ausnahmefällen zugelassen.( Diese neue Anordnung ist nicht mit der bereits früher ergangenen Einschränkung der Schlagsahneerzeugung zu verwechseln). Rheinland: Wer durch eine deutsche Stadt geht und die üppigen Schaufensterauslagen sieht, muss den Eindruck bekommen, dass alles im Ueberfluss vorhanden ist. Aber weder diese Schaufensterauslagen, noch die Bluffrede Görings auf dem letzten Parteitag vom deutschen Lebensmittelüberfluss, aber auch nicht manche. Berichte in der Auslandspresse, geben ein richtiges Bild der wahren Situation. Die Schwierigkeiten in der Ernährung und die Verteuerung der Lebensmittel werden meiner Beobachtung nach von der breiten Masse des deutschen Volkes nicht allzu tragisch genommen. Ich habe niemals eine besondere Erregung oder Empörung über diese Dinge bemerkt. Im grossen Masstab schon gar nicht;. A 69 allenfalls bei urteilsfähigen Menschen, die persönlich von den Mängeln bei weitem weniger betroffen waren als die breite Masse. Butter ist bekanntlich nur gegen Karte zu haben, loo bis 125 Gramm pro Kopf und Woche. Eine ganze Reihe von Frauen bestätigte mir, dass sie sich bis jetzt immer noch soviel Butter wie sie brauchen" unter der Hand besorgen", und zwar ohne Aufpreis. Eine der Frauen sagte mir, sie könne in ihrem Geschäft mehr Butter bekommen als sie Geld habe, das käme daher, weil viele ärmere Leute die auf sie entfallende Butter nicht abholen, sondern wie schon früher Margarine essen. Ein Lebensmittelhändler hat seinen guten Kunden bisher jedes gewünschte Quantum Butter zuteilen können. Ich selbst habe seit 1933 noch kein Gramm Margarine gegessen, weil ich über das mir zustehende Quantum hinaus meist" hinten herum" Butter zum Originalpreis besorgt bekomme. Allerdings hat mir eine Arbeiterfrau, die bisher noch nie die ihr zustehende Butter in Anspruch genommen hat, erzählt, dass, als sie einmal ausnahmsweise wegen Krankheit ihre Butter verlangte, ihr die Verkäuferin diese verweigert habe mit der Begründung, sie habe nie Butter gekauft, jetzt könne mitten im Jahre keine Neuanmeldung auf Butter mehr entgegengenommen werden. Personen und Familien, die im Laufe des Jahres umziehen, können häufig im neuen Wohnviertel anfangs sehr schlecht ein Geschäft finden, das ihre Anmeldung auf Butterbezug entgegennimmt. Die Butterration ist den einzelnen Geschäften kontingentiert und wird, wenn neue Bezieher hinzukommen, nicht vergrössert. Die Qualität der Butter hat sich insofern verschlechtert, als sie offensichtlich nicht so stark" ausgebuttert" wird als früher, also mehr Wasser enthält, leichter ranzig und weich wird. Ich selbst kaufe seit der vorhitlerischen Zeit in einem Geschäft mit einem Kontingent holländischer Butter. Die Qualität dieser holländischen Butter hat sich seit 1933 nicht verändert. Das Margarinegeschäft liegt total darnieder. Margarinevertreter, die früher Tausende im Monat verdienten, mussten in eine andere Branche hinüberwechseln. Es gibt nur noch die der ärmeren Bevölkerung zugeteilte reichsverbilligte Haushaltsmargarine und die freiverkäufliche Margarine zu 1,- bis 1,10 RMK pro Pfund. Diese ist in Qualität und Geschmack nicht mit der früheren zu vergleichen und wird unter Zuhilfenahme von allerlei Zusatz- und Streckmitteln hergestellt. Der Umsatz ist auf ein Minimum zurückgegangen.Margarine- Reklame, die in den Anzeigenteilen des vorhitlerischen Deutschlands einen so grossen Raum einnahm-man erinnere sich der Propaganda für" Schwan im Blauband" oder" Rama butterfein"- wird in Deutschland längst nicht mehr gemacht. Die Herstellerfirmen brauchen sich um die Unterbringung ihrer stark eingeschränkten, kontingentierten Produktion nicht mehr zu sorgen. In den letzten Monaten war Käse sehr knapp, zum ersten Mal in den ganzen Jahren. Die Lieferungen derMolkereien setzten während einiger Monate aus. Tageweise fehlte sogar im Kleinver A70 hier und da Käse. Jedoch war er dann in irgendeinem Nachbargeschäft, wenn auch nicht in jeder gewünschten Sorte, aufzutreiben. Was auffällt, ist, dass bei uns bis in die letzte Zeit hinein, noch immer Schlagsahne an Konditoreien geliefert wurde. Die Kundenportionen sind allerdings etwas kleiner geworden, viele Konditoreien geben nur Schlagsahne zu Obstkuchen ab. Am späten Nachmittag ist häufig die Schlagsahne ausgegangen. Auch an Kaffee hat es seit 1933 ebensowenig gemangelt wie an Tabak. Der Kaffee ist nicht teurer geworden. Empfindlich ist die Orangeneinfuhr eingeschränkt. Der Preis ist gegenfrüher verdoppelt; um das etwas zu vertuschen, werden die Orangen nicht mehr stückweise, sondern pfundweise verkauft. Infolge dieser Verteuerung hat man praktisch die breite Masse vom Genuss der Orangen ausgeschaltet. Im ersten Jahre der Orangenverteuerung, die grossen Unmut hervorrief, berichtete die Presse nach Abschluss der Orangenzeit, dass verschiedene Grosshändler, die durch übermässige Zwischengewinne an der Verteuerung dieser beliebten Frucht schuld seien, zur Rechenschaft gezogen wurden. In den beiden letzten Jahren ist man auf den Dreh gekommen, dem spanischen Krieg die Schuld an der Verteuerung dieser Volksfrucht zu geben. Aepfel kosten das zwei- bis dreifache wie vor Hitler. Mindere Sorten von 40 Pfg. pro Pfund an, ausländisches Obst gibt es fast gar nicht. Arbeiterkinder kennen Obst nur noch vom Ansehen aus den Schaufenstern. Auch Gemüse ist sehr verteuert. Weil kein holländisches Gemüse mehr eingeführt wird, fehlt es besonders im Frühjahr an Gemüse. Frühgemüse kommt sehr spät auf den Markt und ist um 100% teurer als früher. Sogar zur Hochsaison sind die billigen Gemüsesorten, weil das ausländische Gemüse fehlt, um mindestens 50% teurer als vor Hitler. Unter hundert Hausfrauen ist aber kaum eine, die gerade bei diesem Volksnahrungsmittel einen Vergleich zwischen den Preisen von einst und heute zieht. Kartoffeln sind nicht teurer geworden. Bekanntlich sind alljährlich im Frühjahr für die Dauer von 4-5 Monaten die Zwiebeln knapp. Geschäftstüchtige Händler bieten dann getrocknete Zwiebeln an, die in Messerspitzenquanten zu Phantasiepreisen abgesetzt werden. Wenn dann Anfang Juni die ersten Zwiebeln auf dem Markt erscheinen, so erleben wir Menschenschlangen, wie zu der Kriegszeit. Diese Lebensmittelpolonaisen gibt es aber nur bei dieser einen Ware und nur einmal im Jahr. Speck, Schmalz, Wurst und Fleisch sind in den Läden mehr vorhanden, als die Bevölkerung kaufen kann. Die Auslagen der Metzgereien sind verlockend und überfüllt. Auch z.Zt. der grossen Fleischverknappung vor drei Jahren war zwar ab und zu die eine oder andere Fleischsorte ausgegangen; niemals aber war es so, dass man überhaupt kein Fleisch hätte bekommen können. Mehl wird stärker ausgemahlen und ist um einige Grade dunkler als früher. Das Brot ist dunkler, vor der neuen Ernte auch schon mal knatschig, jedoch nicht in einer absolut unerträglichen Art. Eier sind knapp und um 50% teurer als früher. A71 Jedoch ist es hier ähnlich wie mit der Butter." Unter der Hand" bekommen die meisten Hausfrauen ihr gewohntes Quantum. Die Städter sind besser dran, als die Bevölkerung auf dem Land. So habe ich im letzten Sommer in verschiedenen Dörfern festfestellt, dass Leute, die keine Hühner hielten, an einem für ländliche Gegenden geradezu grotesken Eiermangel litten; diese Leute waren froh, wenn sie beim Dorfkrämer hie und da ein chinesisches Kistenei erwischen konnten. Man kann heute sämtliche Städte Deutschlands durchwandern, man wird die Auslagen der Geschäfte vergeblich nach einem Ei absuchen. Die Händler halten Eier sorgsam versteckt vor jedem zudringlichen Blick und verteilen sie nach Gunst an ihre Kunden. Die Speisekarten der Restaurants sind umfangreich wie in alten Zeiten. Von Lebensmittelverknappung ist hier nichts zu spüren. Nur Eierspeisen sind zuweilen knapp. Die Preise sind durchschnittlich um 33% gestiegen. Je teurer diese Lokale sind, desto besser florieren sie. Bier und andere Getränke sind im Verhältnis zu den Arbeitslöhnen weit überteuert. Im Ruhrgebiet z. B. kostet in Arbeiterwirtschaften das Bier durchschnittlich 80 Pfg. pro Liter im Ausschank. Für 1 Liter Bier arbeitet der Autobahnarbeiter also 1 1/2 Stunden! Praktisch kommt der deutsche Arbeiter auch, besonders wenn er Familie hat, kaum zu seinem wohlverdienten Glas Bier, es sei denn, er spare es sich an anderen lebensnotwendigen Dingen ab. Die Frage, die hier am meisten interessiert, ist: Wie lebt nun eigentlich der deutsche Arbeiter? Die Nahrung des deutschen Arbeiters besteht in der Hauptsache aus Kartoffeln und den billigen Massengemüsen. Man kann voraussetzen, dass die Arbeiterfrauen dieses Essen erträglich fetten; dies ist die wichtigste Grundbedingung einer ausreichenden Ernährung. Ein bis zwei Mal in der Woche gibt es Fleisch. Der Brotaufstrich des Arbeiters besteht aus Margarine und billigem Wurstbelag. Die Ernährungsweise des deutschen Arbeiters ist also erdenklich primitiv. Trotzdem kann man von einer Unterernährung des deutschen Arbeiters kaum sprechen. Ich glaube, dass die vorbezeichnete Ernährungsweise zur Erhaltung der Körperkräfte und der Gesundheit gerade ausreicht. Der deutsche Arbeiter macht äusserlich keinen schlechter ernährten Eindruck als der Arbeiter anderer europäischer Länder. Auch zu guten Zeiten hat der deutsche Arbeiter primitiv gegessen. Der deutsche Arbeiter legte dafür mehr in der Ausstattung seiner Wohnung und für Bekleidung an, was ihm allerdings bei den heutigen Löhnen nicht entfernt im früheren Umfange möglich ist. Heute arbeitet der deutsche Arbeiter wirklich fast nur für eine denkbar primitive Ernährung und für die einfachste Bekleidung. Südwestdeutschland: Hier sind seit Wochen die Eier ausserordentlich knapp. Vor und während des Nürnberger Parteitages gab. es überhaupt keine und jetzt erhält man mit Ach und Krach nur zwei Stück auf einmal. Das Brot ist noch immer sehr schlecht. Es wurde sehr begrüsst, als die Bäcker nicht mehr selbst mischen durften. Das war ein grosser Betrug. Aber sie halten sich jetzt dadurch schadlos, dass immer 50 bis loo Gramm am Gewicht fehlen. 472 Bayern: Die heurige Kornernte ist als aussergewöhnlich gut anzusprechen. Es wird von manchen Bauern behauptet, dass sie so gut gewesen ist wie 1933. Die Hackfruchternte ist weniger ( it ausgefallen. Von einer Futtermittelknappheit ist nichts zu spüren. Es gibt Mais, Kleie und Fussmehle. Die Obsternte ist nur strichweise zufriedenstellend. Die Anlieferungen sind unzureichend, die Preise um 40 bis 60% höher als im Vorjahr. Auffallend ist die geringe Anlieferung von italienischem Obst. In den Markthallen stellen sich die Händler schon um 3 Uhr früh an, um Pfirsiche oder Marillen zu bekommen. Es spielen sich Tumultszenen ab, aber die Gestapo schreitet nicht ein, weil sie täglich massenweise Verhaftungen vornehmen müsste. Trotz des geringen Angebots von ausländischem Obst sind die Preise für Inlandsobst meist höher als für ausländisches. Auf dem Fleischmarkt sind die periodischen Verknappungen nicht verschwunden. Trotz des durch die Maul- und Klauenseuche bedingten Grossanfalls von Schlachtvieh ist auf den Schlachtmärkten keine Erleichterung eingetreten. Der gesamte Schweineanfall wird für die Konservenherstellung verwendet. Die Fettzuteilung ist uneinheitlich. Wochen hindurch gibt es genügend Butter und Margarine, dann fehlt auf einmal wieder beides. In München ist durch die Anlieferung einiger Grossmolkereien Salzburgs und Tirols die Butterknappheit derzeit behoben. Viel dazu beigetragen hat der weitaus geringere Besuch der oberbayerischen Fremdenorte, die im Vorjahr die Bezirksüberschüsse aufgezehrt haben. In diesem Sommer ging der Hauptstrom in die Alpenländer. Der Bierausstoss der Brauereien war in den letzten Wochen ausserordentlich gross. Einige Brauereien haben ihre Lagervorräte vollständig abverkauft. Seit einigen Wochen gibt es auch wieder Zwiebeln, was von den Hausfrauen freudig vermerkt wird. Die Preise in den Gaststätten sind merklich gestiegen. Für ein halbwegs anständiges Mittagsessen, bestehend aus drei Gängen, muss man heute 1,40 bis 1,80 RM anlegen. Die Qualität vieler Münchner Wirtshausspezialitäten ist auffallend verschlechtert. Sachsen, 1.Bericht: Fleischmangel gibt es seit längerer Zeit hier nicht. Nur Butter ist schwer zu haben. Allgemein wird aber die Auffassung vertreten, dass durch die seit Monaten in Sachsen wütende Maul- und Klauenssuche im nächsten Jahr der Fleischmangel stark fühlbar sein wird, weil durch die Seuche viel Vieh abgeschlachtet werden musste und die neue Aufzucht von Vieh z.Zt. sehr gering ist. 2.Bericht: Während auf dem flachen Lande Butter, Eier, Fleisch usw. ausreichend vorhanden sind, fehlen diese Produkte in den Städten. Umgekehrt steht es mit Obst. A75 3.Bericht: In dieser Woche waren nach hier keine Schweine gekommen, so dass es wieder einmal kein Schweinefleisch zu kaufen gab. Das Brot ist noch immer nur eine klebrige Masse, auch das Mehl ist sehr dunkel und grob. Daraus die hausgemachten Nudeln herzustellen, die hier ein beliebtes Volksnahrungsmittel sind, ist unmöglich. Kartoffeln gibt es wieder. Obst ist fast gar nicht zu bekommen und wenn, dann ist es sehr teuer. Z.B. kosten gewöhnliche Birnen, für die man früher 40 Pfg. Auf dem Markt15 Pfg. pro Pfund zahlte, heute 35 hallenplatz spielen sich Szenen ab, wie man sie im Kriege gesehen hat. Schon lange vor Beginn des Marktes stehen vor den Ständen der Grosshändler die Kleinhändler in Schlangen von über loo Personen, Polizei aufgebote regeln den Verkehr und mahnen die Einkäufer, Ruhe zu bewahren, damit die Polizei nicht einzuschreiten brauche. Man hört nur ein einziges Geschimpfe, aber zu grösseren Auseinandersetzungen ist es bisher noch nicht gekommen. 4. Bericht: Eier sind gegenwärtig eine grosse Seltenheit, die. Butter wird nach wie vor in knappen Rationen zugeteilt. Die Preise für Obst sind sehr hoch. Pflaumen kosteten 0,48 RMK. pro Pfund, Aepfel o, 65 RM, Wein 0,50 RM. Ende August wurden die Geschäfte bereits nachmittags 4 Uhr bis 5 Uhr geschlossen, weil keine Waren mehr in den Läden waren. Das Brot ist nach wie vor schlecht. 90 Schlesien: Die Lebenshaltung in Schlesien ist niedriger als in anderen Gauen des Reiches. Qualitätsarbeiterlöhne sind um 20 30 Pfg. pro Stunde niedriger als in Berlin. Die Lebensmittelpreise sind aber durchschnittlich um 10% höher. Ein Menu, das in Berlin 90 Pfg. bis 1, lo RM, in Frankfurt/ Main 90 Pfg. kostet, bekommt man in Breslau nicht unter 1,60 RMK. Die Fettzuteilung ist auch knapper wie in anderen Gauen des Reiches. Mit Ausnahme der Tage des Deutschen Turn- und Sportfestes, an denen überall Butter zu haben war, ist im freien Handel nur selten Fett aufzutreiben. Obst und Gemüse sind sehr teuer, und es wird täglich in der Markthalle darum gerauft. Die Anlieferung von ausländischem Gemüse und Obst ist sehr gering. Inländisches Obst stellt sich teurer als ausländisches. Berlin, 1.Bericht: Am 1. Oktober atmete das deutsche Volk auf in dem Gedanken, dass der Frieden" gesichert sei; am 5. Oktober hingen die Butter-, Milch- und Kolonialwarenhandlungen die Bekanntgabe aus, dass auf Butterkarte Margarine ausgegeben werde zum Preise von 1, lo RM pro Pfund. Bei ihrem Schlächter aber erfuhren die Hausfrauen, dass auf die Fettkarte pro Person entweder 1/4 Pfund Schweineschmalz( 1,65 RM pro Pfund) oder die gleiche Menge Rückenfett( zwischen 1,60 bis 1,80 RM das Pfund) abgegeben werden. Eier waren während der" Probemobilmachung" nirgends zu sehen und zu bekommen. Als" Steuerung der Ernährung" wurden zum Mangelausgleich Fische aller Art mit vielen Anpreisungen und Zubereitungsratschlägen offiziell empfohlen, aber zu sehr hohen Preisen. Grüne Heringe das Pfund 25 bis 35 Pfg., Fettheringe das Stück 15 bis 35 Pfg., Schellfisch das Pfund 75 bis 90 Pfg., Jau 1,20 bis 1,50 RM. A74 KabelMehl und Mehlprodukte sind örtlich knapp, durchweg aber von schlechter Beschaffenheit. 2. Bericht: Die Qualität des Brotes ist nach wie vor schlecht. Selbst sogenanntes Vollkornbrot, eine bessere Sorte, muss 2 Tage liegen, wenn Verdauungsstörungen vermieden werden sollen. Dieses Brot kostet pro kg 60 Pfg., eine schlechtere Qualität muss noch länger liegen, um überhaupt geniessbar zu sein, und kostet 40 Pfg. Beim Einkauf von Reis darf man nicht enttäuscht sein, wenn man von Geschäft zu Geschäft gehen muss und immer die Antwort erhält:" Noch nicht eingetroffen". Die verbilligte Margarine wird nur von Leuten gekauft, die sie kaufen müssen, um überhaupt einen butterähnlichen Brotaufstrich zu bekommen. Sie schmeckt ranzig und nach Fischspeck. Es gibt seit Wochen nur eine Sorte gute Butter, die 3,20 RMK pro kg kostet und sehr gesalzen ist. Der Speck ist nur schwach angeräuchert und hat so gut wie keine Festigkeit. Schneidet man ihn, so glaubt man, Sülze zu schneiden. Dabei muss man froh sein, überhaupt welchen zu bekommen, denn man bekommt ihn nur achtelpfundweise. Beim Einkauf von Fleisch kann man nie im Voraus bestimmen, welche Sorte Fleisch man kaufen will, sondern man ist auf die zufällig vorrätige Sorte angewiesen. Die Wurstauswahl ist nicht sehr gross, und die Wurst ist sehr gesalzen, so dass andere Gewürzarten überhaupt nicht mehr zu schmecken sind. Für den Privathaushalt sind Gewürze schwer zu bekommen, ausländische fast gar nicht. Für Pfeffer gibt es jetzt einen Ersatz. Oel ist auch sehr teuer, Leinöl kostet pro kg 2,- RM, Sonnenblumenöl 2,20 RM., Olivenöl kalt gepresst 3,40 RM und warm gepresst 2,60 RM. Gebackene Pflaumen sind selten. Das kg kostet 1,- bis 1,40 RM. 3. Bericht: Auf dem Gebiete der Ernährung sind dieses Jahr weniger Schwierigkeiten zu bemerken. Es gibt wohl Mängel, so z.B. Anfang Juli im Berliner Westen ungenügendes Angebot von Frischgemüse, der aber nach einigen Tagen wieder behoben war. Man erfuhr von den Grosshändlern, dass sie verpflichtet sind, die Mängel sofort der Polizei in den Markthallen zu melden, die das Notwendige veranlasst. Ein Polizeibeamter sagte, solche kleine Stockungen gingen jetzt gleich wie ein Lauffeur durch die ganze Stadt und dann ins Ausland, obwohl es ein ganz normaler Vorgang wäre. In den Fällen, wo wirklicher Mangel besteht, wird versucht, andere Waren den Hausfrauen zur Verwendung zu empfehlen. Diese Verbrauchslenkung gelingt in grossem Masse. 4. Bericht: Die Ernährungslage hat sich neuerlich bedeutend verschlechtert. Obst kann man nicht bekommen. Milch und Eier sind sehr knapp geworden. Schweine-- und Kalbfleisch ist fast ganz vom Markt verschwunden, zu haben ist nur Rind- und Hammelfleisch. Die Hausfrauen versuchen zu hamstern, was sie nur können. A75 Ostpreussen: Während der Messe herrschte in Königsberg Buttermangel. Man bekam selbst als Fremder nur 1/8 Pfund auf einmal zu kaufen. Dass man nicht einmal während der Messe für genügend Butter zu. sorgen vermochte, zeigt, wie stark der Buttermangel tatsächlich sein muss, und das in der Hauptstadt des Agrarbezirks Ostpreussen. Wasserkante: Zahl und Art der vorübergehend knappen oder gänzlich fehlenden Lebensmittel wechseln. Auf die Bevölkerung macht diese Verknappung oder gar das Fehlen der Lebensmittel kaum noch Eindruck. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass diese oder jene Lebensmittel eine zeitlang fehlen und dann plötzlich wieder auf dem Markt erscheinen. Einmal fehlen Eier gänzlich, einmal sind sie knapp. Nach einiger Zeit erscheinen sie wieder auf dem Markt. Dasselbe gilt für Fleisch. In den letzten Wochen war überall Gefrierfleisch vorhanden. Rheinland- Westfalen: Im Augenblick macht sich in Westfalen wiederum ein starker Butter- und Eiermangel bemerkbar. Was die Butter betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass entgegen den ursprünglichen Plänen nur bis zum 1. Oktober Schlagsahne bereitet werden durfte. Nun haben aber die Bäcker- und Konditorenorganisationen sich mit einer besonders grossen Gabe zum Winterhilfswerk das Recht erkauft, Schlagsahne bis zum 1. Dezember bereiten zu dürfen. Das wirkt sich wiederum in der Knappheit an Butter aus. b) Die Ersatznahrung Die Lebensmittelknappheit hat-teils unter Förderung, teils unter Duldung der Regierung- eine Ersatz- Industrie ins Leben gerufen, deren Erzeugnisse und deren Aufschwung lebhaft an die Zustände während des letzten Krieges erinnert. Bereits Ende Juli 1937 war, um den Buttervorrat zu strecken und mehr Milch zur Verbutterung freizumachen, von der Hauptvereinigung der deutschen Milchwirtschaft den Molkereien und Milchhändlern anbefohlen worden, die Verbraucher neben der Vollmilch mit Magermilch zu versorgen, die im Haushalt so weit wie möglich die Vollmilch ersetzen sollte. Man rechnete damit, dass mit dem Vertrieb der Magermilch der Absatz und Verbrauch von Vollmilch zurückgehen werde, dass aber auch" einiger Druck" nötig sein würde, um die Molkereien und Milchverteiler zu dieser Umstellung zu veranlassen. Seit dieser Zeit wird daran gearbeitet, die Magermilch in Gestalt von Trockenmilch herzustellen und sie in kleinsten Mengen( 10 Pfg.- Tüten) zu vertreiben. Auch auf diese Weise soll der Absatz der Magermilch und die Verdrängung der A76 Vollmilch aus dem Konsum gefördert werden. Vor kurzem ging eine Meldung durch die deutsche Presse, dass ein neues Milcheiweissprodukt erfunden worden sei, das angeblich die Kocheigenschaften von Hühnereiweiss besitze und an dessen Stelle verbacken werden könne. Dass auch andere noch viel weniger seriöse Verfahren florieren, zeigt der nachstehende Bericht: Rheinland- Westfalen:" Nährmittel"-Fabriken haben im Zeichen der Nahrungsmittel- verknappung z.Zt. in Deutschland eine Hochkonjunktur. Sie schiessen wie Pilze aus dem Boden und werfen über Nacht grosse Ueberschüsse ab. Wer entsinnt sich nicht aus der Kriegszeit der Eierpulver, der Bratensossenwürfel mit garantierten Fettaugen, der Kraftbouillon- Würfel?- Sie sind alle wieder da. Es gibt wieder Eierpulver," enthaltend den Nährwert von drei Eiern", für nur 10 Pfg. Nährwert garantiert vom Reichsamt für Ernährung. Schon empfiehlt im Vertrauen auf die amtliche Garantie eine Hausfrau der anderen den Eierersatz, das" Ei" pro Stück nur zu 3 1/3 Pfg. Zur Herstellung von Bouillon- Würfeln braucht man FleischbrühExtrakt. Da er eingeführt werden muss, steht er nur in beschränktem Umfange zur Verfügung, ist kontingentiert und die tausende Hersteller von Bouillon- Würfeln in Deutschland müssen phantastisch grosse Anstrengungen machen, auch nur kleinste Mengen zugeteilt zu bekommen. Sie kaufen einander die Kontingente zu Wucherpreisen ab usw. Schon hat man für den Fleischextrakt einen Ersatz, gewissermassen also einen Ersatz- Ersatz, gefunden: Vitamin- Hefe. Das Reichsamt für Ernährung empfiehlt zur Bouillonherstellung " in weitestem Masse" die Verwendung von Vitamin- Hefe und weist in einem Rundschreiben darauf hin, dass nach angestellten Versuchen Vitaminhefe die gleichen Nährmittel enthalte wie Fleischbrühextrakt. Das Reichsamt für Ernährung empfiehlt besonders für Krankenanstalten, Schulen, Militärkuchen usw. den Gebrauch von Bouillonwürfeln, die mit Vitaminhefe hergestellt sind. In den Tageszeitungen findet man häufig in die Augen fallende Chiffre- Anzeigen, dass" Rezepte für die Herstellung von Kraftbrühe gegen hohe Bezahlung" gesucht werden. Die Neugründung von Unternehmen zur Herstellung von Bouillonwürfeln hat einen geradezu unfassbaren Umfang angenommen. In einer einzigen Stadt z.B., in Düsseldorf, sind in den letzten drei Jahren allein ungefähr 60 Unternehmen gegründet worden, die" Nährmittel" herstellen, insbesondere" Kraftbrüh- Extrakt". Die Firma " Zamek", aus ganz kleinen Anfängen entstanden, beschäftigt heute etwa 600 Leute," Rhein- Nova"," Roullig"," Fortin- Werke", " Dr. Lange"," Seiler", um nur einige Namen anzuführen, gehören zu den bekanntesten. Wenn die Firmen" Zamek" oder" Rhein- Nova" mit ihren hundert neuen, einheitlich aufgemachten Lieferwagen Reklamefahrten durch die Städte machen, sind das wahrlich imponierende Demonstrationen gut florierender Unternehmen. Dr. Lange, ein Zahnarzt, ist der eigentliche" Vater" der " Nährmittel"-Fabrikation in Düsseldorf. Seine Gemahlin stand in den Anfängen des Geschäfts höchstpersönlich am Küchenherd A77 und rührte die" Kraftbrühe" ein:" Garantiert für 3 Teller hervorragender Hühner- Bouillon". Heute ist Dr. Lange Millionär und fährt mit einem klotzigen Wagen spazieren. Die Firma" Rhein- Nova" ist die Gründung einer jungen Rechtsanwaltsgattin, die von Geschäftsführung nicht die geringste Ahnung hat. Das Geschäft schlug von Anfang an derart ein, dass die junge Lebefrau buchstäblich im Geld ersoff. Es ging alles drunter und drüber. Die Angestellten griffen aus dem Vollen. Die Kassenführung dieses Unternehmens, dessen Umsatz binnen kurzem in die Hunderttausende ging, behielt sich die Frau Rechtsanwalt vor, ohne das geringste von Buchführung zu verstehen. Sie machte es etwa in der Art, wie eine Hausfrau ihre Küchenausgaben notiert. Fünfstellige Beträge verschwanden, ohne dass es bemerkt wurde und ohne dass sich feststellen liess, ob sie bereits in den Vorzimmern der Angestellten oder bei der Frau Rechtsanwalt selbst verschwunden waren. Dem Finanzamt gefiel diese Art der Buchführung weniger, es liess photographische Aufnahmen des Kassenbuches machen, das in der Art einer Schülerkladde geführt war. Aber alles das konnte die" gesunde Lage" des Unternehmens nicht erschüttern. Die Firma floriert weiter ganz gross. Allenthalben fällt einem im Strassenbild die imponierende Reihe ihrer schönen Reklamewagen auf. Ebenso interessant ist der Werdegang des Inhabers der Firma Poullig. Sein im Streit mit ihm liegender Mitinhaber gibt vor Gericht an, Poullig sei von Beruf Schlosser, vor vier Jahren habe er noch arbeitslos in einer elenden Mansarde gehaust. Damals habe er wegen 10. RMK den Offenbarungseid geleistet.Heute besitze er ein mehr als gutgehendes Unternehmen, habe ca. 20 Firmenwagen, für sich privat einen grossen Mercedes- Benz, eine grosse Luxus- Yacht auf dem Rhein und eine grosse Villa. Seiler ist gleichfalls ein in allen möglichen Branchen verkrachter Geschäftsmann, der endlich durch die Fabrikation von " Nährmitteln" das grosse Los gezogen hat. Er hat ohne Kapital, sozusagen aus dem Nichts, angefangen und beschäftigt heute schon 20 Personen. Die Gerichte sind vollauf mit Prozessen beschäftigt, die diese" Nährmittel"-Parvenus gegeneinander anstrengen. Es gibt Strafanzeigen wegen Rezeptediebstahls, Nachahmung von Fabrikaten, unlauteren Wettbewerbs u.ä., Strafprozesse wegen Betrugs, Nahrungsmittelfälschung usw. Wenn nun eine so grosse Zahl von" Nährmittel"-Unternehmen florieren kann, müssen sie im Haushalt, in Krankenhäusern, Militärküchen, Restaurants usw. in grossem Umfange verwendet werden und es muss ein starkes Bedürfnis nach einem Ersatz für das fehlende Fleisch bestehen. Woraus wird diese" Kraftbrühe" hergestellt? Die Hauptbestandteile sind minderwertiger Rindertalg und vor allem Salz. Dazu( früher Fleischbrüh- Extrakt) heute Vitamin- Hefe, also braune Farbe und Gewürz. A78 c) Die Bekleidung Auch die Bekleidung ist teurer und schlechter geworden, aber auch das hat-wie der folgende Bericht erkennen lässt ebensowenig wie die ähnlichen Zustände auf dem Gebiete der Ernährung bisher eine politisch bedeutsame Unzufriedenheit hervorgerufen. Rheinland- Westfalen: Vor ein paar Jahren noch waren die grossen Konfektionsgeschäfte z. B." C.& A." in der Lage," von der Stange" einen garantiert reinwollenen Anzug für 35 RM zu liefern. Der Arbeiter konnte mit einem solchen Anzug jahrelang Staat machen. Heute bezahlt man für einen ähnlich aussehenden -wohlgemerkt: aussehenden- Abzug etwa 50 RM. Längst schon ist das Schild" Reine Wolle" verschwunden und nach kurzer Zeit sehen Anzüge in dieser Preislage wie Säcke aus. Ein Arbeiter zeigte mir seinen Anzug zu 50 RM, den er jetzt ein Jahr lang und nur an Sonntagen trägt. Er brach an den Stosstellen bereits auseinander, an den Aermeln, am Kragen, an der Kante des Revers." Meinen alten Anzug", sagte er," trug ich 4 Jahre als Sonntagsanzug, und da sah er noch besser aus als der jetzige nach einem Jahr". Herrenwintermäntel mit dem Schild" Reine Wolle", in der Qualität wie sie die grosse Masse der Arbeiter und Angestellten kauft, standen vor fünf Jahren in den Schaufenstern der Firma " C.& A." zum Preise von 35 bis 75 RM. Heute sieht man" gutaussehende" Mäntel, zwar nicht für 35 aber für 45 bis 75 RM in allen Schaufenstern. Der Arbeiter muss entweder diese billigsten, nur dem Aussehen nach guten Mäntel kaufen oder 120 bis 200 RM anlegen. Mäntel in dieser Preislage waren vor Hitler in den Schaufenstern der grossen Konfektionsfirmen nicht zu sehen, heute sind diese Preise allgemein üblich. Mittlere Qualitäten gibt es überhaupt nicht mehr. Einer meiner Bekannten kaufte zu Beginn des vorigen Winters einen Mantel zu 130 RM. Im Frühjahr war dieses Kleidungsstück bereits in einem Zustand, wie ein Mantel früherer Qualität erst nach 3 bis 4 Jahren. Ein anderer Bekannter kaufte letzten Sommer eine Strickbadehose zu 6,50. Dafür konnte man früher eine sehr gute, reinwollene Badehose haben. Nach dem ersten Gebrauch hatte diese Hose an den verschiedensten Stellen, besonders an den Nähten, fingergrosse Risse. Er glaubte, es sei Mottenfrass. Bei der Reklamation erklärte der Geschäftsführer, für Vistra- Wolle könne eine Garantie nicht übernommen werden. Er wolle die Hose aber der Herstellerfirma zurückschicken. Eine Arbeiterfrau zeigte mir eine Haushaltschürze, die sie erst wenige Monate zuvor gekauft hatte. Die Schürze war an den verschiedensten Stellen schadhaft und nicht mehr durch Reparatur zu retten. Die Frau fügte hinzu:" Früher trug ich jahrelang eine Schürze, die bei weitem nicht so teuer war wie diese". In Frauen- und Modestoffen ist ein Preisvergleich zwischen einst und jetzt schwer möglich. Es werden andere Muster, A79 andere Qualitäten hergestellt. Als sicher kann angenommen werden, dass die Preise um etwa 50% gestiegen sind, wozu noch die indirekte Verteuerung durch die beträchtliche Verschlechterung der Qualität kommt. Erschreckend ist die Unterwäsche, die an Sommertagen in den grossen Freibädern bei der Arbeiterschaft zum Vorschein kommt. Man sieht die fadenscheinigsten und vielfach geflicktesten, wenn auch sauberen Lumpen, weil diese Menschen, besonders wenn sie Familie haben, für Kleider und Wäsche nichts erübrigen können. Grosse Firmen wie Tack und Speyer brachten früher einen volkstümlichen und guten Herrenschuh in der Preislage von 7,50, 8,50 RM. heraus. Heute kostet ein Schuh der gleichen Qualität 11,50 bis 12,50 RMk. Ein Schuh der früheren 12,50 RM.Preislage kostet in gleicher Qualität heute 18,- bis 20,-RMk. Eine allgemeine und tiefgehende Unzufriedenheit über die Verteuerung und Verschlechterung der Bekleidung ist nicht festzustellen. Man nimmt das nicht so schwer und denkt nicht über die Ursachen nach. Nicht ein einziges Mal habe ich einem Gespräch beigewohnt, in dem davon die Rede war, dass die Wirtschaftspolitik der Regierung und die Aufrüstung an der Knappheit der lebenswichtigsten Rohstoffe schuld seien. 4) Die Preispolitik Wir haben an dieser Stelle von Anfang an( zuletzt in Heft 2/1938, Seite A 75 ff.) die Tätigkeit des Preiskommissars unter dem Gesichtspunkt beobachtet, dass das Wesen der staatlichen Preisüberwachung nicht so sehr in der Durchsetzung des Preisstopps, sondern in der Entwicklung eines Systems von Ausnahmesollte nur bewilligungen lag. Die Verkündung des Preisstopps die Ausgangsbasis dieses Systems bilden, in dessen Entwicklung zwangsläufig die Ausnahme bewilligung zur Regel werden und dem daher der Uebergang von der Preisüberwachung zur Preisfestsetzung innewohnen musste. Diese Entwicklung lag zudem im Wesen der deutschen Finanz- und Wirtschaftspolitik begründet. Die deutsche Finanzpolitik beruht auf Kreditschöpfung mit möglichster Vermeidung inflationistischer Wirkungen. Der Vermeidung dieser Wirkungen dient neben der Verhinderung der Kapitalflucht und der Flucht in die Sachwerte vor allem die Verhinderung von Lohnerhöhungen und Preissteigerungen. Es liegt auf der Hand, dass das Festhalten der Löhne und Preise umso schwieriger werden musste, je mehr die Waren und die Arbeitskräfte knapp wurden. Die Preispolitik konnte doch ihre Aufgabe A80 nur erfüllen, wenn sie mehr und mehr individualisierte und von der Ueberwachung der einmal entstandenen Preise zur Beeinflussung der Preisbildung überging. In derselben Richtung wirkte schliesslich der Zwang zur Produktionssteigerung um jeden Preis. Je mehr die Kosten dieser Produktionssteigerung wachsen, umso mehr muss sich die staatliche Preispolitik der Kontrolle der einzelnen Kostenfaktoren zuwenden. Die Politik des Preiskommissars war von Anfang an bestrebt, die im Preisgefüge vorhandenen. Reserven zu benutzen, um Preissteigerungen auszugleichen. Eine dieser Reserven war die Handelsspanne, die kräftig verkürzt wurde. Eine zweite Reserve bot sich bei bestimmten Erzeugnissen, vor allem Markenartikeln; sie wurde zu Preissenkungen von Amtswegen ausgenutzt. Seit diese Reserven nahezu erschöpft sind, bleibt ein Spielraum im wesentlichen nur noch in der Produktionssphäre selbst. Ihnen wendet sich neuerdings die Preispolitik zu. Wie früher die Handelsspannen, werden jetzt die Unkosten- und Verdienstspannen der Fabrikation reguliert. Der verstärkte Eingriff in die Produktionssphäre dient zugleich der Förderung der Rationalisierung. Wie alle Berufszweige auf die letzten Reserven an Arbeitskräften durchgekämmt werden, so sollen auch alle noch irgend vorhandenen Möglichkeiten zur Rationalisierung ausgenutzt werden. Der Preispolitik fällt die Aufgabe zu, dabei mit Anreiz und Zwang nachzuhelfen. Am deutlichsten kommen diese neuen Tendenzen der Preispolitik zum Ausdruck in den" Richtlinien für die Preisbildung bei öffentlichen Aufträgen und den" Leitsätzen für die Preisermittlung auf Grund der Selbstkosten bei Leistungen für öffentliche Auftraggeber", die der Reichskommissar für die Preisbildung Ende November veröffentlicht hat. Bisher bestand als allgemeines Preisregulativ der Preisstopp und die Ermächtigung des Preiskommissars, Abweichungen vom Preisstopp nach oben oder unten auf Grund individueller Kalkulationen zu verfügen, die nach einem allgemeinen amtlichen Schema aufgestellt werden mussten. Der " richtige" Preis, soweit er vom Preisstopp abwich, wurde also zwischen dem Preiskommissar, der dekretierte, und den Unternehmern, die ihre Kalkulationen vorlegten, ausgehandelt. So hatte A81 die amtliche Preisfestsetzung es den Unternehmern erspart, exakt zu kalkulieren und ihre Selbstkosten aufs äusserste zu begrenzen. Sie hatte die Konkurrenz ausser Kraft gesetzt und damit auch den davon ausgehenden Zwang zur Kostensenkung durch Rationalisierung. Diesen fehlenden Antrieb sollen die neuen Richtlinien ersetzen. Sie sind demnach eine Art Konkurrenzersatz, ein staatlich dirigierter Konkurrenzkampf. Als Selbstkosten gilt jetzt nicht mehr, was der Unternehmer dafür ausgegeben hat, noch was er selbst dafür ansieht. Es darf in Zukunft bei der Bewerbung um Staatsaufträge, soweit nicht für amtlich anerkannter Marktpreis bedie zu liefernde Ware ein steht, nur das als Selbstkosten in die Kalkulation eingesetzt und von der auftraggebenden Behörde als solche anerkannt werden, was in den neuen Richtlinien als Selbstkosten bezeichnet wird. Diese Richtlinien gehen derart ins Einzelne, dass bei amtlicher Kontrolle der vorgelegten Kalkulationen kaum eine Umgehung möglich auch sehr schwere Strafen vorgesehen ist, für die im übrigen sind. Es ist z.B. verboten, höhere Löhne als die Tariflöhne ohne ausdrückliche Zustimmung des Preiskommissars in die Kalkulation einzusetzen. Der Zins für Fremdkapital darf nicht als Unkosten figurieren, ebensowenig Verbandsbeiträge, Spenden, freiwillige Sozialleistungen. Damit wird ein Zwang zur Sparsamkeit auch bei diesen Ausgaben dekretiert. Als Vermögen gilt nur, was unmittelbar im Betrieb arbeitet, und nur von diesem Teil des Kapitals darf der zulässige Gewinn berechnet werden. Dazu gehören also nicht die Teile des Vermögens, die ausserhalo des Betriebes zinsbar angelegt sind, auch nicht stillgelegte Anlagen. Die Unternehmer sollen auf diese Weise gezwungen werden, ihr Kapital soweit wie möglich in den Betrieb zu stecken, Kredite nur dann aufzunehmen und nur dann zu verzinsen, wenn sie zur Steigerung der Produktion verwendet werden. Als richtiger Preis gilt aber nicht der vom einzelnen Unternehmer auf Grund dieser Richtlinien für die von ihm angebotene Leistung errechnete Preis, sondern ein einheitlicher Preis -gleicher Preis für gleiche Leistung-, der" mittlere Selbstko A82 stendurchschnitt", der aus den einzelnen Kalkulationen errechnet wird. Damit soll eine Prämie für den Betrieb gewährt werden, dessen Selbstkosten unter dem Durchschnitt liegen. So wird der Unternehmer, der ein Höchstmass von Produktivität mit einem Mindestmass von Kosten erzielt, mit Uebergewinn belohnt und für die anderen ein Anreiz und zugleich ein Zwang geschaffen, entweder besser zu wirtschaften oder als selbständiger Unternehmer zu verschwinden. Die Kalkulationsvorschriften gelten zwar nur für öffentliche Aufträge. Damit sind aber nicht nur die Aufträge der Wehrmacht, des Arbeitsdienstes, der Reichsbahn und Reichspost, der Reichsautobahn, des Reichsnährstandes und der Gemeinden gemeint, sondern auch die der Partei und ihrer Gliederungen und Verbände. Das ist der weitaus überwiegende Teil des Gesamt umsatzes, so dass von dieser wichtigen Neuerung das gesamte Preisniveau und die gesamte Preisbildung beeinflusst wird. Ueberdies erreicht das Regime damit eine Einsicht in die Wirtschaftlichkeit jedes Betriebes, denn es gibt wohl kaum ein gewerbliches Unternehmen, das nicht an der Lieferung für öffentliche Aufträge beteiligt ist. Die Kalkulationen nach amtlicher Vorschrift können als Unterlage für eine amtliche Produktionskontrolle und Produktionsanleitung dienen, wie sie in der Landwirtschaft bereits besteht( siehe Heft 8/1937, Seite A 46). Hier ist der Ansatzpunkt zu einem staatlichen Investitionszwang und einer staatlichen Lenkung der privaten Investitionen, die geeignet sind, allen Schwierigkeiten zum Trotz die Produktionssteigerung zu erzwingen, die das Regime zur Erreichung seiner Machtziele braucht. Der Produktionssteigerung dient auch die Aufbesserung der Erzeugerpreise von Vieh und Milch. Der amtliche Zwang zur Rationalisierung hat die Kosten der bäuerlichen Veredelungswirtschaft erhöht, aber die amtlichen Festpreise haben verhindert, dass der Erlös, den der Bauer für seine Produkte erzielte, mit den 1937 wurden die wachsenden Kosten gleichen Schritt hielt. Preise für Kartoffeln und Roggen erhöht, die vornehmlich auf den grossen Gütern im Osten erzeugt werden. Die Bauern sind bei dieser Preiserhöhung leer ausgegangen. Die Gelderträge, die die A8% Bauern in der Viehwirtschaft erzielen, sind in einem Masse zurickgegangen, dass die" Frankfurter Zeitung"( vom 8.10.1938) von einer ernsthaften Bedrohung des Produktionserfolges bei der Landwirtschaft spricht. Schon im Wirtschaftsjahr 1936/37 waren nach Angabe des Staatssekretärs Backe die Betriebsausgaben der Landwirte um 335, die Erlöse um nur 163 Millionen Mark gestiegen. Dazu kommen in diesem Jahre die Verheerungen, die die Maulund Klauenseuche unter den Viehbeständen angerichtet hat, und der Rückgang der Milchproduktion( siehe diesen Bericht, Seite A68,75). Die Zeitschrift." Vierjahresplan" vom November 1938 behauptet, dass dieser Rückgang nicht nur durch die Maul- und Klauenseuche verursacht sei, sondern auch durch den Mangel an Melkpersonal, der zu einer allgemeinen und so erheblichen Erhöhung der Löhne geführt habe, dass die Produktionskosten der Milcherzeugung .durch die bis dahin gezahlten Werkmilchpreise nicht mehr gedeckt wurden. Dieser Rückgang der Produktion in der Viehwirtschaft wird als ein bedenkliches Anzeichen dafür angesehen, dass die Gefahr eines weiteren Rückganges besteht, wenn die Erlöse weiter sinken. Um dieser Gefahr zu begegnen, hat der Reichsernährungsminister die Erhöhung der Erzeugerpreise für Schlachtvieh angeordnet, und den Milcherzeugern die Erhöhung der an die Molkereien abgelieferten Milch um etwa 2 Pfg. je Liter zugestanden. Die Verbesserung der Ertragsverhältnisse in der Viehwirtschaft durch diese Preiserhöhungen ist nicht Selbstzweck, sondern soll zugleich der Produktionssteigerung dienen. Die Bauern sollen den Mehrerlös zum Kauf von Futtermitteln benutzen. Durch intensivere Mästung sollen höhere Schlachtgewichte erzielt und dadurch soll ausgeglichen werden, was am Viehbestand fehlt. Die Zeitschrift" Vierjahresplan" nennt diese Preiserhöhung mit Recht " eine Aktion zur Bevorschussung des Vierjahresplans". Es ist der Kleinhandel und das Kleingewerbe, die gezwungen werden, diesen Vorschuss für landwirtschaftliche Investitionen zu finanzieren. Denn trotz der Erhöhung der Einkaufspreise bleiben die Fleischpreise für die Verbraucher unverändert. Die Kleinhandelsspanne für Milch ist vom Preiskommissar bei Abgabe im Laden A84 auf 4, bei Lieferung ins Haus auf 6 Pfg. je Liter begrenzt wordea. Soweit niedrigere Spannen bestanden, dürfen sie nicht erhöht werden. In der gleichen Richtung liegt die Neufestsetzung der Verbraucherhöchstpreise für Eier durch Verordnung vom 6. 11. 1938. Die neuen Eierpreise sind nach Jahreszeiten abgestuft. Es gibt einen Frühjahrs- und Sommerpreis, einen Winterpreis und zwei Uebergangspreise. Der niedrigste ist der Frühjahrs- und Sommerpreis, am höchsten ist der Winterpreis. Die Uebergangspreise sind gleich dem bisherigen Preis, Der Frühjahrs- und Sommerpreis ist um 2 Pfg. je Ei niedriger, der Winterpreis um 2 Pfg. höher. Dadurch sollen die Verbraucher veranlasst werden, zur Legezeit mehr, im Winter weniger Eier zu konsumieren. Ausserdem soll aber auch den Erzeugern die Möglichkeit gegeben werden, die mit erhöhten Unkosten verbundene Eierproduktion im Winter zu steigern, die heimische Versorgung zu verbessern und damit Devisen für die Eierein fuhr zu ersparen. Ein Mittel der Produktionssteigerung sind auch die vom Preiskommissar erlassenen Richtlinien zur Mieterhöhung bei baulichen .Veränderungen. In diesem Falle sind es die Mieter, auf deren Kosten die Produktionssteigerung und indirekt damit auch die dazu erforderlichen Investitionen finanziert werden. Es wird in den Richtlinien genau festgelegt, um welchen Prozentsatz die Mieten bei bestimmten Neuanlagen gesteigert werden dürfen: z.B. bei Treppenhausbeleuchtung um 12 RMK je Brennstelle jährlich, bei Neueinrichtung einer Waschküche um 8% der Baukosten und um 15% der übrigen Einrichtungskosten, bei Anlage von Zentralheizung und Warmwasserversorgung um 10% der aufgewandten Kosten, usw. Es wird ausdrücklich verfügt, dass die Mieterhöhung nur bei Neueinrichtungen in Betracht kommt, nicht bei Ersatz alter Einrichtungen. Der Streckung des Holzvorrats und der Lenkung des jährlichen Holzanfalls dient die Neugestaltung der Holzpreise. Die Preise sind so festgesetzt, dass sie in den Holzüberschussgebieten wesentlich niedriger sind als in den Verbrauchsgebieten. In Südund Mitteldeutschland sind Preissenkungen, in Nord- und West A85 deutschland Preissteigerungen eingetreten. Die Rundholzpreise sind etwas erhöht, die Schnittholzpreise teilweise gesenkt, also die Erträge der Frostwirtschaft auf Kosten der Sägewerke verbessert worden. Je mehr die staatliche Preisregulierung ausgebaut wird, umso mehr Anstrengungen müssen auch gemacht werden, um alle Preisumgehungen zu verhindern. Schon im September hatte Himmler zur schnellen und wirksamen Preiskontrolle die Einrichtung besonders geschulter motorisierter Spezialtrupps angeordnet, zu denen auch die Kräfte der motorisierten Gendarmeriebereitschaften herangezogen werden sollen. Diese Spezialpolizei soll besonders in kleinen Städten und auf dem Lande nach dem Rechten sehen. Vor allem sollen die Preisverzeichnisse und die Preisschilder geprüft werden, weil die diesbezüglichen Anordnungen besonders in kleinen Orten oft nicht beachtet werden und häufig Preisverzeichnisse und Preisschilder dort, wo sie vorhanden sind, nicht den Vorschriften entsprechen. 5) Die Steigerung der Spartätigkeit Es gehört zum System der deutschen Rüstungsfinanzierung, dass die neu geschaffenen Kredit- und Zahlungsmittel in möglichst grossem Umfange wieder in die Reichskassen zurückfliessen. Dem dienen die ungemein hohen Steuern, die unablässigen" freiwilligen" Spenden und Beiträge und die Reichsanleihen. Vor allem die Abschöpfung der flüssigen Mittel durch die Reichsanleihen hat in den letzten Monaten erheblich zugenommen. Von den insgesamt 15 Milliarden Reichsanleihen, die seit.1935 begeben worden sind, entfallen allein 8 Milliarden auf das laufende Jahr und 3 Milliar den auf das letzte Viertel dieses Jahres. Nur ein Teil dieser Anleihen wird wirklich öffentlich zur Zeichnung aufgelegt. Ein wachsender Teil davon muss schon vorher von den Banken, Sparkassen und Versicherungsanstalten fest übernommen werden. Nach dem" Deutschen Volkswirt" hatten diese Vorzeichnungen betragen: bei der dritten Anleihe 1937 14%, bef der ersten Anleihe 1938 etwas mehr als ein Viertel, bei der A86 zweiten ein Drittel, bei der Anleihe vom Oktober fast zwei Drittel des Anleihe betrages. In diesem System kommt der Erfassung der Spargelder besondere Bedeutung zu. Jede Mark, die in die Sparkasse wandert, wird dem privaten Verbrauch entzogen und der Rüstungsfinanzierung zugeführt. Jede Mark, die diesen Weg geht, dient der privaten Verbrauchseinschränkung und der staatlichen Verbrauchsausdehnung. ( Die Sparer heben, selbstverständlich auch von Zeit zu Zeit Spargelder ab, aber erfahrungsgemäss machen diese Anhebungen nur einen kleinen Teil des Einlagenzuwachses aus) Das Regime hat. also ein doppeltes Interesse daran, das Sparen auf jede erdenkliche Weise zu fördern. Diese Bemühungen sind in der letzten Zeit sehr gesteigert worden. Dem Deutschen wird heute nicht nur bei jeder Gelegenheit die Sammelbüchse, sondern auch die Sparbüchse entgegengehalten. Das beginnt bei den Kindern. So wurden 1937 in den Schulen Sparbeträge von 10 bis 15 Millionen aufgebracht. Daran waren 37.000 Schulen, das sind zwei Drittel aller Schulen, beteiligt. Von 9 Millionen Schülern waren 3,3 Millionen Schülersparer. Die Werksparkassen, die bei vielen Grossbetrieben bestanden, wurden zum Teil aufgelöst, weil das Reich selbst über diese Mittel verfügen will. An ihre Stelle tritt das Gefolgschaftssparen, dessen Ertrag direkt den Sparkassen zufliesst. Bis Ende 1937 wurden in 2.000 Betrieben etwa 20 Millionen Mark gesammelt. Neu eingerichtet ist das Wehrmachtsparen und das H.J.- Sparen. 150.000 H.J.Angehörige brachten 370.000 RMK zusammen, also je Kopf 2,45 RM. Den Heimsparbüchsen wurden 1937 Spareinlagen in Höhe von 26 1/2 Millionen Mark entnommen. In diesem Jahre werden die Anstrengungen zur Mobilisierung von Spargeldern vervielfacht. Im Oktober wurde ein Deutscher Spartag veranstaltet. Es sind nach den amtlichen Angaben an diesem Tage um 33% mehr eingezahlt worden als an dem Spartag von 1936, und um 72% mehr neue Sparkassenbücher ausgestellt worden als am Spartage von 1937. Im Reichsdurchschnitt entfällt auf jeden zweiten Deutschen ein Sparkassenbuch. A87 Der gesteigerten Erfassung der Spargelder dient auch die Einführung der Postsparkasse im alten Reichsgebiet. Die neuen Postsparkassenordnung tritt am 2. Januar 1939 in Kraft. Die nach dem österreichischem Muster organisierte Postsparkasse soll es den Sparern, besonders auf dem Lande, erleichtern, Spareinlagen zu machen und Spargelder abzuheben. Jede Postanstalt, Postnebenstelle, Postagentur ist Annahmestelle der Postsparkasse, deren Zentralverwaltung sich in Wien befinden wird. Es werden ungefähr 50.000 Poststellen eingerichtet und etwa 30.000 Landpostzusteller eingestellt, die Spargelder entgegennehmen und Auszahlungen vornehmen können auch in Orten, in denen es keine Posteinrichtung gibt. Der Land bewohner braucht also nicht mehr bis zur nächsten Sparkasse zu gehen, um sein Erspartes dort abzuliefern, es wird vom Landpostzusteller abgeholt. Das Einzahlen ist äusserst bequem und so organisiert, dass auch die kleinsten Beträge herangezogen werden können. Es werden Postsparkarten eingeführt, in die Briefmarken eingeklebt werden, bis eine Summe von 3 RMK. zusammengekommen ist. Die vollgeklebte Postsparkarte wird auf das Postsparkonto eingezahlt. Auf den Poststellen werden aber auch Einzahlungen von 1 RMk. an angenommen. Da man mit Kleinsparern rechnet, ist die Rückzahlung leichter als bei den Sparkassen. 100 RMK. täglich und insgesamt 1.000 RMK. monatlich können ohne Kündigung abgehoben werden. Erst Summen von mehr als 1.000 RMK. müssen drei Monate vorher gekündigt werden. Die neue Einrichtung soll den Sparkassen und Banken keine Konkurrenz machen, sondern zusätzliche Mittel kleinster Grösse heranziehen, die bisher nicht gespart worden sind. Um die Sparkassen auf alle Fälle vor der Konkurrenz einigermassen zu schützen, soll die Verzinsung der Postspargel der stets um 1/ 4% niedriger sein als der Einlage zins der Sparkassen., Da der Zinssatz der Sparkassen zur Zeit 3% beträgt, ist also der Zinssatz der Postsparkasse auf 2 3/ 4% festgesetzt worden. Dass die Postsparkasse als ein Instrument der Rüstungsfinanzierung gedacht ist, geht eindeutig aus einem Aufsatz über die Postsparkasse von Postrat Dr. Propach vom Reichspostministerium A88 hervor, der in der Zeitschrift" Die Bank"( 31. Jahrgang, Heft 48 vom 30. 11. 1938) erschienen ist. In diesem Aufsatz heisst es: Da nach der Eingliederung Oesterreichs und der sudetendeutschen Gebiete in den grossdeutschen Wirtschaftsraum die finanziellen Aufgaben des zweiten Vierjahresplans zugenommen haben und die vom Reich benötigten Mittel überwiegend durch Reichsanleihe aufgebracht werden, ergibt sich mit Notwendigkeit die Anlage der Postsparkasseneinlagen in verzinslichen Schatzanweisungen und Schuldverschreibungen des Reiches. Daneben sind eine geringfügige Barreserve sowie eine Liquiditätsreserve in Form eines Wechselbestandes-namentlich Reichswechsel und Solawechsel der Golddiskontbank- vorgesehen. Der Umstand, dass das durch den Post sparkassendienst erfasste zusätzliche Kapital ausschliesslich dem Reich zur Verfügung gestellt wird, kennzeichnet am besten die Tatsache, dass es sich bei der Einführung des Postsparkassendienstes nicht um eine blosse Ausdehnung des deutschen Kreditapparates, sondern um einen Vorgang von erheblicher politischer Bedeutung handelt". Weitere Einzelheiten über die Mittel und Methoden, mit denen das Sparen gefördert wird, sind dem nachstehenden Bericht zu entnehmen: Rheinland: Die Kölner Stadtaparkasse stellt seit kurzem in den Arbeitsstätten, in den Betrieben der Privatindustrie, in Büros und Verwaltungen, Sparautomaten auf. Diese Sparautomaten werden an solchen Stellen aufgestellt, wo sie von den Gefolgschaftsmitgliedern am leichtesten zu benutzen sind, z. B. in Kantinen, Umkleideräumen, an Werkseingängen usw. Das Sparen geht so vor sich, dass man zunächst eine Sparkarte aus dem Apparat nimmt und diese auf seinen Namen ausfüllt. Für jedes Markstück, das man in den Apparat wirft, gibt dieser eine Sparmarke über einen Markbetrag heraus, die man in die Sparkarte klebt. Die vollgeklebte Sparkarte ist bei der Sparkasse vorzuzeigen. Dort wird dem Inhaber der Sparkarte ein Sparkassenbuch ausgehändigt, in das der Betrag, der auf die Sparkarte geklebten Marken eingetragen wird. Man will, wie die Sparkasse ankündigt, mit der Aufstellung dieser Sparautomaten in den Betrieben die Sparfreudigkeit des deutschen Volkes fördern. Weitere Kreise des deutschen Volkes würden von der Lust des Sparens erfasst, wenn ihnen, wie hier, das Sparen erleichtert wird. Besonders der kleine Mann würde gern sparen. Beträge aber in Höhe von etwa einer Mark auf die Sparkasse zu tragen, reize nicht, und es fehle den meisten Menschen die Energie, einzelne Markstücke solange zurückzulegen, bis ein grösserer Betrag zusammenkommt. Dieses Hindernis werde durch die jetzt im Betrieb aufgestellten Sparautomaten behoben. Ausserdem würde ein weiterer Anreiz zum Sparen dadurch entstehen, dass der vielen Menschen lästige häufige Weg zur Sparkasse jetzt fortfällt. Die Propaganda für diese neuen Sparautomaten ist grosszügig und geschickt aufgezogen. Tageszeitungen bringen grosse, be derte Feuilletons. In den Abbildungen der Presse werden 2.B. Mädchen, offensichtlich Arbeiterinnen der Stollwerkfabrik, ihre Sparkarte in der Hand, glückstrahlend vor dem Automaten gezeigt. In Betrieben mit überwiegend weiblichen Arbeitnehmern, wendet man sich besonders an diese, um sie zum Sparen für die spätere Aussteuer anzuregen. 4.89 Im Dienst dieser Propaganda für das Sparen steht auch der Propagandafeldzug gegen den Kauf auf Kredit und Abzahlung für den Berkauf. Die Aufklärungsbroschüre Bernhard Köhlers gegen den Abzahlungs- und Kreditkauf muss in Millionen Exemplaren verbreitet worden sein. Jeder Bürger unserer Stadt fand sie vor kurzem in seinem Briefkasten. In ihrem Aufruf zur Benutzung der Sparautomaten schreibt die Kölner Sparkasse, durch den Anreiz zum Sparen solle der weitverbreiteten Unsitte des Kaufes auf Kredit und Abzahlung entgegengetreten werden. Der Mensch solle erst kaufen, wenn er das Geld zum Kaufen hat. Das erleichtere die Haushaltsführung und vermehre den Wohlstand des einzelnen. Das" Schwarze Korps" hat mehrfach die in den grösseren Städten vertretene, sehr beliebte Firma" Kundenkredit" angegriffen. Einzelne grosse Warenhäuser stellen ihre Propaganda auf diese raffiniert ausgeklügelte Barkaufsidee des Reichswirtschaftsministeriums ein, so die grösste deutsche KonfektionsWarenhaus- Gesellschaft" C.& A.". Diese Firma hat kürzlich ein Preisausschreiben veranstaltet für das knappste Schlagwort zur Empfehlung des Barkaufs. Diese Firma, die heute als die grösste Inseratenauftraggeberin der deutschen Presse bezeichnet werden kann, stellt an die Spitze ihrer Reklame stets die Barkaufs- Idee. Um einen erhöhten Anreiz zum Sparen zu schaffen, ist auch vor kurzem die Summe der monatlichen Rückzahlungen von 300 auf loo0 RMK. erhöht worden. Neuerdings hat der Reichskommissar für das Kreditwesen angeordnet, dass bei aussergewöhnlichen Notständen ( Ueberschwemmungen, Missernten, Viehsterben, Brandschäden) Spareinlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist bis zu 3.000 RMk. vor Fälligkeit zurückgezahlt werden können, ohne dass Vorschusszinsen berechnet werden. Andererseits wird der bargeldlose Zahlungsverkehr mit allen Mitteln gefördert. Bereits mehrere Jahre werden die Beamtengehälter nicht in bar ausgezahlt, sondern auf Sparkassen- oder Bankkonto überwiesen. Andererseits vermeiden auch die Sparkassen Barauszahlungen, wo sie können. So wird z.B. aus der Saarpfalz berichtet, dass Baulustige grundsätzlich kein Geld ausgezahlt erhalten. Die Bank oder Sparkasse überweist vielmehr das Geld direkt en den Bauunternehmer. IV. Die Deutsche Arbeitsfront A 90 Die modernen Diktaturen stützen sich nicht allein auf Terbor und Propaganda, sondern bedienen sich vor allem auch des Mittels der Organisation, um ihre Stellung zu festigen. Das Dritte Reich hat sich nicht damit begnügt, alle selbständigen Organisationen zu zerschlagen und jeden freiwilligen Zusammenschluss unmöglich zu machen, sondern es hat sich auch von Anfang an darum bemüht, anstelle der aufgelösten Verbände und Vereine nationalsozialistische Organisationen ins Leben zu rufen, die die Aufgabe haben, die Massen zu" erfassen", zu" betreuen" und" einzugliedern". Das Herrschaftssystem der modernen Diktatur beruht einerseits auf der Atomisierung und Vermassung des Volkes, andererseits auf der umfassenden Organisierung der Bevölkerung in staatlichen Zwangsorganisationen. Zu solchen Zwangsorganisationen gehört z. B. der Reichsnährstand, der Reichsluftschutzbund, aber auch die NS- Volkswohlfahrt und vor allem die Arbeitsfront. Das Problem der" Menschenführung" war für den Nationalsozialismus bei der Arbeiterschaft besonders schwer zu lösen. Die Arbeiterschaft war der entschiedenste Gegner der Diktatur und verfügte zugleich über die beste politische Schulung und über die geschlossens te berufliche und politische Organisation. Deshalb haben die Nazis von Beginn ihrer Machtergreifung an die grössten Anstrengungen gemacht, die Arbeiter für sich zu gewinnen und jeden selbständigen organisatorischen Zusammenhalt unter ihnen zu unterbinden. Diese Aufgabe fiel der Arbeitsfront zu, die am Tage nach der Besetzung der Gewerkschaftshäuser am 1. Mai 1933 gegründet wurde. In den mehr als fünf Jahren ihres Bestehens hat sich die Deutsche Arbeitsfront( DAF) zu der grössten deutschen Organisation mit den vielfältigsten Funktionen entwickelt. Der Schatzmeister der Arbeitsfront, Brinkmann, hat die Gesamtzahl ihrer A91 Mitglieder auf 25 Millionen angegeben. Mitglieder der DAF sind nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Unternehmer, ferner die Kleinhändler und Kleingewerbetro benden. Die DAF ist die eigentliche Organisation der" Volksgemeinschaft". Ihre Funktionen sind unübersehbar. Die bedeutsam ste Rolle spielt ihre Unterabteilung" Kraft durch Freude"( KdF), deren Leistungen auch den Mitgliedern des Reichsnährstandes, des Deutschen Beamtenbundes und der anderen nationalsozialistischen Zwangsorganisationen zugutekommen.( Ueber KdF haben wir zuletzt in Heft 2/1938 berichtet). Daneben ist aber die DAF auch Träger Der DAF gehört der beachtlicher wirtschaftlicher Funktionen: " Versicherungsring der deutschen Arbeit", die mehrere Lebensund Sachversicherungsgesellschaften umfasst. Die DAF errichtet die Volkswagenfabrik in Fallersleben und ist massgebend am Wohnungs- und Siedlungsbau beteiligt. Bei den Befestigungsarbeiten ist ihr die Aufgabe der Unterbringung und Verpflegung der Arbeiter gestellt. Besondere wirtschaftspolitische Aufgaben erwachsen ihr aus der Zusammenarbeit mit der( staatlichen) Organisation der gewerblichen Wirtschaft. Auch auf diesem Gebiet ist ihr die Aufgabe der" Menschenführung" im Sinne der Diktatur zugefallen. Da die Wirtschaftspolitik der Diktatur dem Gesetz der Leistungssteigerung um jeden Preis unterworfen ist, ergeben sich daraus für die DAF die entsprechenden Aufgaben: Reichsberufswettkampf, Leistungskampf der Betriebe, Berufsschulung und -Umschulung usw. sind Veranstaltungen der DAF. Die Riesenorganisation der DAF weist die typischen Mängel der nationalsozialistischen Massenorganisationen auf: undurchsichtige Finanzgebarung, organisatorischer Leerlauf, neben vielfach geglückter Spekulation auf die kleinbürgerlichen Instinkte der Arbeitermassen, auch viele psychologische Missgriffe. 1) Aus der Organisation der DAF Die Organisation der DAF( über die wir in Heft 7/1936, Seite 35 ff. ausführlich berichtet haben) ist eine Zwangsorganisation. A 92 Es besteht zwar keine gesetzliche Verpflichtung zum Eintritt in die Arbeitsfront, wer sich aber weigert, der DAF beizutreten, stellt sich damit ausserhalb der Betriebsgemeinschaft" und wird entlassen. Diese Praxis entspricht auch der ständigen Rechtsprechung der Arbeitsgerichte. Wir entnehmen hierzu unseren Berichten: Rheinland- Westfalen, 1.Bericht: Auf verschiedenen Gruben des Wurmgebietes wurden Bergleute entlassen, weil sie sich weigerten, Mitglied der DAF zu werden. Auf ihren Einspruch folgte eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht, vor dem sich die Bergleute darauf beriefen, dass immer wieder in den Bekanntmachungen und Versammlungen der DAF betont würde, die Mitgliedschaft in der DAF sei freiwillig. Der Vorsitzende des Arbeitsgerichts erwiderte, dies sei auch tatsächlich der Fall. Jedoch hätten die Betriebsführer die Entlassung wegen Verstosses gegen die Betriebsgemeinschaft ausgesprochen. Dieser Verstoss liege tatsächlich vor und deshalb bestehe die Entlassung zu recht. 2.Bericht: Die DAF hat vor einiger Zeit folgendes Schreiben an Arbeiter geschickt, die es gewagt haben, aus der DAF auszutreten: * Die Deutsche Arbeitsfront. Verwaltungsstelle... W. Vgn.! Betr. Ihre Mitgliedschaft zur DAF. Vor einiger Zeit haben Sie Ihren Austritt aus der DAF erklärt. Nach einer Verfügung des Ehren- und Disziplinargerichts der DAF können Mitglieder, die ihren Austritt erklären bzw. die durch das Ehrengericht ausgeschlossen werden, nie mehr Mitglieder der DAF werden. Infolge der Tragweite dieser Verfügung und der sich für die betreffenden Vgn. ergebenden Folgen sehen wir uns veranlasst, darauf hinzuweisen. Ueberprüfen Sie daher Ihren seinerzeitigen Entschluss nochmals reiflich und senden Sie uns den beiliegenden Frage bogen ausgefüllt innerhalb 8 Tagen wieder zurück. Wir weisen bei dieser Gelegenheit darauf hin, dass in Zukunft nur noch solche Volksgenossen Beschäftigung finden werden, die der Gemeinschaft aller Schaffenden innerhalb der DAF angehören. Auch werden unsere Mitglieder angewiesen, nur solche Gewerbetreibende bzw. Handwerker zu berücksichtigen, die Mitglieder der DAF sind. Sollten Sie wider Erwarten Ihre Austrittserklärung aufrechterhalten, müssen Sie sich die daraus ergebenden Folgen selbst zuschreiben, da Sie nicht erwarten können, dass die Volksgemeinschaft Ihnen Arbeit und Brot sichert, während Sie sich selbstbewusst von der Volksgemeinschaft ausschliessen. In diesem Falle werden wir die Unterlegen dem Ehren- und Disziplinargericht weiterleiten. Heil Hitler! ( Unterschrift) Verwaltungsstellenleiter Vgn..... Kontroll- Nr..... A 93 1) Wollen Sie die alte Mitgliedschaft aufrecht erhalten und die entstandenen Rückstände nachzahlen? 2) Haben Sie sich inzwischen wieder neu aufnehmen lassen? Wann? Bei welcher Ortsverwaltung bzw. Betriebsgemeinschaft? 3) Wollen Sie Ihre Mitgliedschaft ab... d.Jhrs. wieder aufleben lassen und ab diesem Zeitpunkt die Beiträge en trichten? 4) Halten Sie die seinerzeit ausgesprochene Austrittserklärung aufrecht und aus welchem Grunde?" Sachsen: In allen Betrieben des Berichtsbezirks werden die Beiträge zur DAF vom Lohn abgezogen. Die Hauskassierung wurde überall eingestellt, weil die Arbeiter mit den Beiträgen ständig im Rückstand blieben. Die Nazis haben eingesehen, dass die Arbeiter auf diese Weise, ohne dass sie aus der DAF ausgetreten wären, ihre Abneigung gegen die DAF durch Beitragsrückstand demonstrieren konnten. Wer nicht Mitglied der DAF sein will, muss das beim Vertrauensrat melden. Das bedeutet aber, dass er aus der Betriebsgemeinschaft ausgeschlossen und entlassen wird. Er bekäme nirgends mehr im Gebiet Arbeit. Da das jeder weiss, verhält sich auch jeder danach. Berlin: Bis zum vorigen Jahr war es noch möglich, sich um die Mitgliedschaft in der DAF zu drücken. Das gibt es, wenigstens bei uns, nicht mehr, zumal wir für den Heeresbedarf arbeiten. Von der Betriebsleitung wurde mitgeteilt, dass es unmöglich sei, noch Arbeiter auf Montage zu schicken, die nicht in der DAF seien. Also meldeten sich alle an. Aber man soll diese Mitgliedschaften nicht überschätzen. Sie sind erzwungen, und selbst die Funktionäre der DAF sind selten Stützen des Regimes.. Oberschlesien: Auf den Gruben des Beuthener Bezirks haben die Vertrauensräte zahlreiche Arbeiter auf ihr Büro kommen lassen, um ihnen dort Vorhaltungen zu machen, dass sie bisher nicht der Arbeitsfront angegliedert sind. Die meisten Arbeiter erklärten, der Beitritt zur DAF sei freiwillig. Das liess man aber nicht gelten, sondern bestand auf dem Beitritt und versuchte sogar, ihn um Monate zurückzuverlegen. Die Proteste der Arbeiter wurden mit der Drohung sofortiger Entlassung beantwortet. Nun gehören verschiedene Arbeiter den polnischen Minderheitsgewerkschaften an. Auch damit gibt sich die Arbeitsfront nicht zufrieden. Man könne ja bei den Polen bleiben, aber man müsse auch in der Arbeitsfront Mitglied se in, wenn man Arbeit haben wolle. Leute, die die Unterschrift unter den Aufnahmeschein verweigern-es kommt auch das noch vor erhalten die Mitteilung, der Beitrag werde ihnen vom 15. Juni an abgezogen. Wenn sie ihn zurück haben wollen, sollten sie sich die Entlassungspapiere holen. A94 Den Arbeitern, die ihre Beiträge bisher direkt bei der Arbeitsfront bezahlt haben, wurde mitgeteilt, dass ihnen die Beiträge nunmehr vom Lohn abgezogen würden. In den kleinen Privatbetrieben in Gleiwitz, Beuthen und den umliegenden Landorten ist eine allgemeine Kontrolle durch Funktionäre der Arbeitsfront durchgeführt worden, ob das Personal in der Arbeitsfront ist. Wo ein Teil nicht Mitglied war, wurden die Unternehmer mit Strafen bedroht. Auch diese Unternehmer wurden von der Arbeitsfront angewiesen, die Beiträge direkt vom Lohn abzuziehen. Wie bei allen anderen nationalsozialistischen Organisationen und bei allen öffentlichen Körperschaften in Deutschland erfolgt auch bei der Arbeitsfront keine öffentliche Rechnungslegung. Nur gelegentlich und in unregelmässigen Zeitabständen haben Ley oder der Schatzmeister der DAF Brinkmann Zahlen über Einnahmen und Ausgaben der DAF genannt, die sich jeder Nachprüfung entziehen.( Ley in einer Rede Anfang März 1935-vgl. " Deutschland- Berichte" Heft 7/ 1936- ferner auf den Nürnberger Parteitagen am 14. 9. 1936 und am 13. 9. 1937; Brinkmann in einem Artikel im" Ruhrarbeiter" im Januar 1937; schliesslich ist eine Art Rechen schaftsbericht anlässlich der Annexion Oesterreichs erstattet worden). Zudem stehen diese Angaben untereinander im Widerspruch. Schon über die Mitgliederzahlen ist keine Klarheit zu bekommen. Ley hat im September 1937 20,4 Millionen Mitglieder angegeben, während Brinkmann mit 25 Millionen rechnet. Da seitdem die Zahl der Beschäftigten weiter gestiegen und auch die letzten Lücken in der vollständigen Erfassung aller Arbeitnehmer geschlossen worden sind, ist heute auch die Brinkmannsche Zahl eher zu niedrig als zu hoch. Noch weniger Klarheit besteht über die Einnahmen der DAF. Nach Brinkmann betrug der durchschnittliche Beitrag je Mitglied im Oktober 1936 monatlich 1,73 RM. Das ergäbe bei 25 Millionen Mitgliedern eine jährliche Beitragseinnahme von 519 Millionen Mark. Tatsächlich dürften aber die heutigen Beitragseinnahmen noch wesentlich darüber hinausgehen. Aus der Beitragsstaffel, die wir auf Seite A-6- reproduzieren, ist zu entnehmen, dass -nicht zuletzt dank der rücksichtslosen Eintreibung der hohen " freiwilligen" Beiträge der Unternehmer und der beträchtlichen �5 SlrBeMSopfer 15.- 20.- 25.� 30.- 35.- 40.- 45.- 50.- -.55 -.85 -.40 1.20 5.- deiträge der Landwirte- der jetzige Durchschnittsbeitrag den v. Brinkmann genannten erheblich(ibersteigt. Hinzukommt, dass die hohe Einnahmen aus gewerblichen Unternehmen(Bank der deutschen Arbeit, Ver Sicherungsring der deutschen Arbeit usw.) und aus Grundbesitz hat.(Nach Lay hat das gesamte Reinvermögen der DAF am l�- 9* 1937 nahezu eine halbe Milliarde betragen). GegenRber Gesamteinnahmen, die danach auf mindestens 600 Millionen RMk zu schätzen sind, hat Ley auf dem Nürnberger Par teitag 1937 nur folgende Angaben über Einnahmen und Ausgaben gemacht: A96 Mill. RMK. Mill. RMK. 384,-Mitgliederbeiträge Ausgaben: Renten 84,-sonstige soziale Betreuung 25,70 Kraft durch Freude 13,-Berufserziehung 20,-Volksgesundheit 6,-Bauten 50,-Werkscharen, Gemeinschaftsschulung 25,-Verwaltungskosten 83.33 Mill.RM. 307,03 Nicht verrechneter Betrag 76,97 Mill.RM. 384,-==== 384,-Ein Betrag von über 200 Millionen RMK ist also einfach ausser Ansatz geblieben. Damit ist natürlich die ganze Rechnungslegung praktisch wertlos. Der Posten" Verwaltungskosten" ist von uns den Angaben von Ley hinzugefügt worden. Wir haben auf Grund der Mitteilungen von Brinkmann im" Ruhrarbeiter" errechnet, dass sich der Anteil der Verwaltungskosten wie folgt entwickelt hat: 1934 1935 1936 36% 23,7%" 21,7%" 1 der Gesamtausgaben it 11 Neuere Angaben sind nicht bekannt geworden. Selbst bei dieser Berechnung( 21,7% von 384 Millionen RMK) verschlingen die Verwaltungskosten annähernd ebensoviel, wie die DAF für Unterstützungen aufwendet.( Vor dem Umsturz haben die im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund zusammengeschlossenen Freien Gewerkschaften im Jahresdurchschnitt 18 RMk pro Mitglied an Unterstützung aufgewendet -ohne Streikunterstützung-, während die DAF nur 3,- bis 4,- RM dafür ansetzt). Die Verschwendung und der organisatorische Leerlauf, die in dieser Riesenorganisation herrschen, kommen auch in unseren Berichten zum Ausdruck: A 97 Sachsen, 1. Bericht: Früher gab es in unserem Bezirk bei den freien Gewerkschaften nur ehrenamtliche Beitragskassierer. Heute, wo vielen Arbeitern die Beiträge vom Lohn abgezogen werden, sind zwei besoldete Kassierer von der DAF angestellt. 2.Bericht: Während hier früher von den freien Gewerkschaften nur ehrenamtliche Funktionäre verwendet wurden, ist bei der DAF heute ein Beamter mit einem angeblichen Gehalt von 300 RM beschäftigt. Dabei geht dieser Beamte vor 10 oder 1/2 11 Uhr nie ins Büro und kümmert sich um Arbeiterinteressen fast überhaupt nicht. 3. Bericht: Der Umbau des DAF Gebäudes in Zwickau hat lebhafte Kritik herausgefordert. Die DAF hat das Grosshotel Kästner Kästner, das gegenüber dem Bahnhof liegt, aufgekauft und so umgebaut, dass fast ein völlig neuer Bau entstanden ist, der einen Kostenaufwand von 800.000 bis 1.000.000 RMK. verursacht haben dürfte. Bayern: Die DAF wird immer mehr zu einer Nur- KdF- Organisation. Die natürliche Funktion der DAF, die Arbeiterschaft in sozialen und rechtlichen Fragen zu betreuen, tritt immer weiter zurück. In den Betrieben nimmt man die DAF nicht mehr ernst. Die Unternehmer wenden sich um Auskünfte nicht an die DAF, sondern an die Handelskammern und Fachgruppen. Die Angestellten der DAF zeigen eine krasse Ungewissheit. Wenn man sich z. B. über eine Tarifordnung orientieren will, oder wenn man eine rechtliche Beratung braucht, kann man bei der DAF die widersprechendsten Antworten erhalten. Immer mehr besoldete Amtswalter müssen für die KdF- Arbeiten verwendet werden. KdF unterhält bereits einen riesigen bürokratischen Apparat. Bisher war es möglich, bei dieser Arbeit viele freiwillige ehrenamtliche Kräfte zu verwenden. Es gab viele Nazis, die diese Arbeit aus reinem Idealismus machten. Aber solche Menschen werden täglich seltener. Die Klage, die die DAF darüber führt, spricht eine deutliche Sprache. Je weniger Hilfskräfte man hat, umso mehr Angestellte muss man für diese Arbeit bezahlen. Das fällt wieder auf die DAF zurück. Diese sucht nun nach Methoden, ihre Arbeitslast auf die Betriebe abzuwälzen. Die DAF ist z.B. nicht mehr in der Lage, ihre Einkassierung bzw. die Eintragung der einkassierten Beiträge in ihren Aemtern durchführen zu lassen. Bisher kamen in die Betriebe die Einkassierer, übernahmen die von der Betriebsführung den Arbeitern abgezogenen Beitragssummen und verbuchten sie dann in einer Zentralkartothek. Jetzt versucht man eine Heranziehung der Betriebsbüros, indem man die Kassierer mit den Karten der Zentral kartothek in die Betriebsbüros schickt, damit dort auch noch die Eintragungen in diese Kartei vorgenommen werden. Dadurch entsteht eine neue Arbeitsbelastung für die Betriebe. Rheinland- Westfalen: Das früher grösste Hotel der Stadt Dortmund ist im Sommer 1937 für die DAF eingerichtet worden. Es enthält jetzt die luxuriösesten Büros. Alles ist mit den A98 elegantesten Möbeln ausgestattet, mit Teppichen belegt usw. Mitteldeutschland: In den Büros der Arbeitsfront sitzen heute zwar fünfmal soviel Angestellte als früher in den freien Gewerkschaften, aber sie können noch immer mit den recht komplizierten Fragen in den verschiedenen Berufsgruppen nicht fertig werden. Es klingt unwahrscheinlich und doch ist es Tatsache, dass auch jetzt noch Arbeitsfront bon zen abends in die Wohnung früherer Gewerkschaftsfunktionäre kommen, um sich beraten zu lassen, was in dem oder jenem Falle zu tun sei. Auf diese Weise werden von den DAF- Bonzen manchmal geradezu" marxistische" Massnahmen durchgeführt. Die Arbeiter, die natürlich ahnen, woher das kommt, pflegen dann zu sagen: " Gustav oder Karl hat wiedermal regiert". So kann manches für einzelne Kollegen getan werden. Nicht selten schicken auch die Unternehmer und Direktoren selbst den Obmann oder Arbeitsfrontbonzen zu den ehemaligen Gewerkschaftsfunktionären, damit der Wirrwarr durch vernünftige Ratschläge gemildert wird. In der Arbeitsfront arbeitet nun mindestens schon die sechste Bonzengarnitur. Entweder haben sie die Beiträge verjubelt oder sie waren so dumm, dass sie wieder weggeschickt werden mussten, oder sie haben sich mit den Behörden- und Partei- Instanzen schnell gründlich verkracht, weil sie den " deutschen Sozialismus" ernst nahmen. 2) Die Leistungen für die Arbeiter Die DAF ist keine Gewerkschaft, sie hat nicht die Interessen der Arbeiter gegen die Unternehmer, sondern die Interessen des Staates gegen Arbeiter und Unternehmer zu vertreten. So wenig sich die Interessen des nationalsozialistischen Staates in allen Fällen mit den Interessen der Unternehmer decken, so wenig stellt sich die DAF immer auf die Seite der Unternehmer. Es geschieht also nicht nur aus psychologischen Rücksichten, sondern im wohlverstandenen Interesse der verabsolutierten Staatsmacht, wenn die DAF hier und da auch einen Unternehmer zur Ordnung ruft und den Forderungen der Arbeiter zum Erfolg verhilft. Der Nationalsozialismus hat nicht nur die Stellung des Unternehmers gegenüber den Arbeitern ausserordentlich gestärkt, sondern auch die Stellung des Staates gegenüber den Unternehmern. Der " Betriebsführer" ist Herr über die Arbeiter, aber der Staat ist auch Herr über die Unternehmer. A 99. Das ist die Theorie. In der Praxis gestaltet sich die Funktion der DAF insofern anders, als den vielfachen Einflussmöglichkeiten des grossen Unternehmertums die Unfähigkeit und Bestechlichkeit vor allem der unteren Amtswalter entgegenkommt. Können sich daher Grossunternehmer oft die Nichteinmischung in ihre Betriebe erkaufen, so müssen sich die kleinen manches gefallen lassen. Ueber die Tätigkeit der DAF in den Betrieben wird uns berichtet: Sachsen: Die Kontrolleure der DAF besuchen die Kleinbetriebe bis zu etwa 30 Arbeitern jeden Monat. Sie erkundigen sich, ob der Unternehmer seinen Verpflichtungen gegenüber den Arbeitern nachkommt, ob die tariflichen Stundenlöhne gezahlt werden, ob auch bei Akkordarbeit der garantierte Stundenlohn erreicht wird usw., aber auch danach, ob bei Akkordarbeit nicht allzugrosse Ueberverdienste erreicht werden. Ueberschreitet der Ueberverdienst innerhalb 14 Tagen den Betrag von 6 bis 7 RM, so wird der Akkordverdienst beanstandet. Von grösseren Betrieben, die loo oder mehr Arbeiter beschäftigen, ist bekannt, dass diese im Jahre nur 2 bis 3 mal kontrolliert werden. Mitteldeutschland: In einer kleineren Tischlerei kamen kurz hintereinander zwei Unglücksfälle vor. Zuerst verunglückte ein dort seit vielen Jahren beschäftigter Arbeiter. Der Mann, dem zwei Finger abgerissen wurden, meldete sich nicht krank, erst als sich Blutvergiftung einstellte, blieb er der Arbeit fern. Der für ihn eingestellte Arbeiter verunglückte einige Tage darauf ebenfalls. Da die Unfälle auf das Antreibersystem des Meisters und in erster Linie auf die im Arbeitsraum herrschende Unordnung zurückzuführen waren, wandte sich ein Arbeiter telephonisch an die DAF und ersuchte um Entsendung eines Berichterstatters mit Photoapparat, damit die Unfallstelle im Bilde festgehalten würde. Der Vertreter der DAF erschien, erkundigte sich nach dem Namen des Anrufers. Dieser meldete sich auch und trug die Beschwerden der Arbeiter vor. Er schilderte das Antreibersystem, das die Arbeiter daran hindere, Ordnung in der Werkstatt zu hal ten, er verwies auf die täglichen Ueberstunden, die ohne jeden Zuschlag geleistet werden müssten usw. Der DAF- Vertreter, der zur Entgegennahme der Beschwerden den Betriebsführer aus dem Raume gewiesen und sich ganz wild gebärdet hatte, versprach eine radikale Wandlung der Verhältnisse. Nach der Beschwerde der Arbeiter zog er sich zurück und verhandelte mit dem Arbeitgeber. Als er nach Stunden wieder bei den Arbeitern erschien, war er wie umgewandelt. Er fragte den Beschwerdeführer, ob er Mitglied der DAF sei. Als dieser verneinte, sprach der DAF- Vertreter von Frechheit, die noch A 100 immer in den Leuten stecke und verlangte darüber Auskunft, warum der Beschwerdeführer noch immer nicht Mitglied der DAF sei. Dessen Ausrede, dass er mit dem geringen Lohn noch seine alten Eltern zu unterstützen habe und für den DAF- Beitrag wenig übrig bleibe, wurde nicht anerkannt. Der DAF- Vertreter meinte noch, dass er sich durch die Verhandlung mit dem Betriebsführer davon überzeugt habe, dass dieser alles im Interesse des Staatsaufbaues tue. Neuerungen in hygienischer Hinsicht könnten wegen der schlechten finanziellen Lage des Betriebes nicht vorgenommen werden. Auf Ordnung in der Werkstatt hätten die Arbeiter zu sehen und für die zurückliegenden Ueberstunden im letzten Jahr würden insgesamt 25 RM ausgeworfen werden. Als die Arbeiter zu verstehen gaben, dass sie mit dem Verhandlungsergebnis nicht zufrieden seien, unterrichtete der DAF- Vertreter sie über ihre Pflichten unter dem Vierjahresplan und drohte, das jedweder Hetzer gegen das Verhandlungsergebnis an einen Ort gebracht würde, wo er über seine Pflichten gegen Volk und Staat nachdenken könnte. Der Photoapparat, der schon aufgebaut war, wurde wieder eingepackt und der DAF- Vertreter verschwand aus dem Betriebe, ohne sich weiter um die Einwände der Arbeit zu kümmern. Berlin: In einer Lokomotivenfabrik, die heute nur noch 400 Leute beschäftigt, mussten sich die Arbeiter bisher in Zinkeimern waschen. Mehrmalige Vorstellungen beim Betriebsführer auf Abstellung dieses Misstandes fruchteten nichts. Nachdem daraufhin die Belegschaft bei der DAF Beschwerde geführt hatte, erschien ein Amtswalter, um mit dem Unternehmer zu verhandeln. Aber auch nach diesen Verhandlungen änderte sich nichts. Im Betrieb ging das Gerücht um, dass es dem Betriebsführer gelungen sei, mit ein paar Zigarren und einer Flasche Wein den Amtswalter davon zu überzeugen, dass eine Aenderung der Wascheinrichtung nicht notwendig ist. Als dann in der Folgezeit viele Arbeiter versuchten, aus dem Betrieb fortzukommen, wurde auch die Kreisleitung der DAF aufmerksam. Sie setzte sich nunmehr etwas energischer für die Errichtung einer Waschanlage ein, die dann schliesslich auch gebaut wurde. Die Beiträge zur Arbeitsfront sind im Durchschnitt kaum niedriger als die früheren Gewerkschaftsbeiträge. Aber abgesehen davon, dass die Gewerkschaften eine ganz andere arbeitspolitische Funktion erfüllten, Arbeitskämpfe durchführten und Streikunterstützungen zahlten, waren auch ihre Sozialleistungen sehr viel höher als die der Arbeitsfront. Auf diese Invaliden-, Erwerbslosen-, Kranken- und Sterbeunterstützungen hatten zudem die Arbeiter einen Rechtsanspruch gegen ihre Gewerkschaft, während die Arbeitsfront solche Unterstützungen nur nach langwieriger Bedirftigkeitsprüfung bewilligt. 4101 Bayern: Welche Schlamperei bei der Arbeitsfront herrscht, zeigt folgender Fall: Wenn ein Mitglied der DAF krank wird, und von der Arbeitsfront Krankenunterstützung beziehen will, muss es gleichzeitig mit der Beantragung des Krankenscheins Meldung an die Arbeitsfront erstatten. Diese Meldung ist in einem mir bekannten Fall zwar gemacht worden, aber von dem zuständigen DAF- Büro nicht weitergereicht worden, so dass kein Krankengeld ausgezahlt wurde. Als sich der betreffende Arbeiter auf dem Büro der DAF darüber beschwerte, antwortete ihm der Amtswalter:" Sie werden schon wieder mal krank werden, dann rechnen wir Ihre Krankmeldung von diesem Mal gleich mit Wie das ein und dann bekommen Sie den Betrag nachgezahlt". gemacht werden soll, ist natürlich rätselhaft. Jedenfalls hat der Mann diesmal kein Krankengeld. bekommen. Sachsen, 1.Bericht: Ein Metallarbeiter, der in einem Jare die Altersgrenze der Invalidenunterstützung erreicht, hatte bisher seine DAF- Beiträge in einer höheren Klasse gezahlt als seinem Lohn entsprochen hätte. Die Geschäftsstelle der DAF stellte sich aber auf den Standpunkt, er sei nicht voll leistungsfähig und erreiche nicht den Verdienst, der für die Zahlung dieser Klasse vorgeschrieben sei. Auch eine freiwillige Weiterzahlung in dieser Klasse komme daher nicht in Betracht. Der Mann erhält also die Invaliden- bzw. Altersrente der unteren Klasse, obwohl er stets den Beitrag der höheren bezahlt hat und auch weiterzahlen wollte. Er bekommt auf diese Weise 8,- RMK monatlich weniger. Allgemein wird berichtet, dass die DAF grundsätzlich niemanden erlaubt, in einer höheren Beitragsklasse zu zahlen, als seinem Verdienst entspricht. Auf diese Art werden die Leistungen ausserordentlich vermindert, da vor allem die alten Gewerkschaftler bisher fast alle die Beiträge der höheren Klasse geleistet hatten. 2. Bericht: Die DAF zahlt hier im Falle der Arbeitslosigkeit Unterstützungen an die Mitglieder aus, und zwar je nach der Zahl der geklebten Beiträge bis zu 16 Wochen. Natürlich ist diese Unterstützung mit der, die früher von den freien Gewerkschaften gewährt wurde, nicht zu vergleichen. Ein Arbeiter, der seit 1923 im Deutschen Textilarbeiterverband organisiert war, und bis 1933 wöchentlich einen Beitrag von über 1, RMk leistete, heute in der DAF aber nur monatlich 1,80 RM zahlt, bekam 16 Wochen lang eine Unterstützung von wöchentlich 2,10 RM, das sind insgesamt 35,70 RM. Soviel hatte dieser Mann beim Deutschen Textilarbeiterverband bereits nach einer zweijährigen Mitgliedschaft erhalten. Da aber auch diese Unterstützung erst nach einer Bedürftigkeitsprüfung gezahlt wird, darf man sich nicht wundern, wenn die Beiträge zur DAF in den seltensten Fällen in der richtigen Lohnstufe gezahlt werden. Eine besondere Aktion führt zur Zeit die Danziger Arbeitsfront durch, die übrigens seit einigen Wochen der DAF voll eingeglie A. 102 dert ist. Ueber diese Danziger Brotverbilligungsaktion wird uns berichtet: Eine grosse Rolle in der Nazi- Agitation in Danzig spielt seit etwa Mitte Oktober die sogenannte Aktion zur Verbilligung des Brotpreises für minderbemittelte Volksgenossen. Der Brotpreis soll ermässigt werden für alle Einzelpersonen, die einen eigenen Haushalt führen und bis zu 100 Gulden monatlich verdienen. Für Verheiratete ohne Kinder beträgt die Einkommensgrenze 150 Gulden, sie erhöht sich für jedes Kind, das zum Haushalt gehört und noch nicht 16 Jahre alt ist, um je 20 Gulden. Die Karten, die zum Bezug des verbilligten Brotes berechtigen, werden aber nicht durch die Polizei oder das Wohlfahrtsamt ausgegeben, sondern jeder Volksgenosse, dessen Einkommen sich in dem angegebenen Rahmen bewegt, muss die Ausstellung einer Bezugskarte bei den Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront beantragen. Eine Ausnahme besteht nur für Staatsund Gemeindearbeiter, die den Antrag bei ihren Vorgesetzten zu stellen haben. Die Karten gelten einen Monat. Nach Ablauf dieses Monats müssen die Minderbemittelten bei den Dienststellen der Arbeitsfront ihren Antrag erneuern. Die Differenz des Brotpreises zahlt angeblich die Arbeitsfront. Auf diese Weise zwingt man die Arbeiter, bei der Arbeitsfront betteln zu gehen. Angesichts der Notlage, in der sich die Danziger Arbeiterschaft befindet, ist anzunehmen, dass viele Arbeiter in den sauren Apfel beissen und diese Brotkarten beantragen. Die Misstimmung über das Bettelsystem ist in der Arbeiterschaft aber sehr gross. Gleichzeitig wurde Ende Oktober allen staatlichen Angestellten der doppelte Beitrag für die Arbeitsfront abgezogen, nämlich einmal für den vergangenen und einmal für den kommenden Monat, weil von jetzt ab im Voraus kassiert werde. Man nimmt an, dass auf diese Weise die Ausgaben für die Brotverbilligungsaktion gedeckt werden sollen. 3) Die Leistungen für das Regime So dürftig die Leistungen der DAF für die Arbeiter sind, so offensichtlich überall Leerlauf und Misstände herrschen, so darf doch die Bedeutung dieser Massenorganisation für das Regime nicht unterschätzt werden. In den ersten Jahren nach dem Umsturz waren der Arbeitsfront nur allgemeine massenpsychologische Aufgaben gestellt. Sie sollte die Arbeiter zur" Volksgemeinschaft" erziehen und ihnen die" marxistische Einstellung" austreiben. In dem Masse aber, in dem das Regime im ganzen sich auf machtpolitische Aufgaben konzentrierte, fielen auch der Arbeitsfront konkrete Funktionen im Rahmen der totalen Kriegsvorbereitung zu. A107 Tes die DAF in den ersten Jahren an" Schulung und Berufserziehung" unternahm, waren im wesentlichen ideologische Bemühungen um das Vertrauen des deutschen Arbeiters. Je mehr aber Rüstung und Vierjahresplan alle Kräfte der Nation in Anspruch nahmen, umso mehr bekamen auch diese Bemühungen praktische Bedeutung. Heute steht die DAF in erster Linie im Dienste der Anstrengungen, die das Regime unternehmen muss, um neue Arbeitskräfte zu gewinnen und die Arbeitsleistung auf allen Gebieten zu steigern. Neben Umschulungsaufgaben wurde ihr vor allem die Durchführung zweier wichtiger Aktionen zur Leistungssteigerung übertragen: des Reichsberufswettkampfes und des Leistungskampdes der Betriebe. Der Reichsberufswettkampf hat mit der allgemeinen Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Kriegsvorbereitung seine Bedeutung gewechselt. Zunächst war er offenbar lediglich als pädagogische Massnahme gedacht. Die Jugend sollte durch Ehrgeiz angestachelt und gleichzeitig dazu gezwungen werden, sich die nötigen " weltanschaulichen Kenntnisse" anzueignen. Auf die Beantwortung sogenannter weltanschaulicher Fragen wurde in den Prüfungen von Anfang an grosses Gewicht gelegt. Die Angehörigen der HitlerJugend hatten schon deshalb-ganz abgesehen von ihrer sonstigen Bevorzugung- die grössten Gewinnchancen. 1937 waren 48% der Reichssieger des Berufswettkampfes aktive Führer der HitlerJugend. In diesem Jahre stand dagegen der Reichsberufswettkampf ausschliesslich im Dienste der Leistungssteigerung. Zum Berufswettkampf 1938, der Ende April abgeschlossen wurde, waren erstmalig auch Erwachsene aller Altersklassen zugelassen. Der" Völkische Beobachter" vom 19.3. 1938 schrieb dazu: " Die Deutsche Arbeitsfront hat sich gemeinsam mit der Hitlerjugend im Reichsberufswettkampf, seit diesem Jahr im Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen, die Einrichtung geschaffen. Jahr um Jahr den Leistungsstand der deutschen Arbeiterschaft zu ermitteln, vorhandene Schäden in der Ausbildung zu erkennen und vor allem aber einen Wandel in der Arbeitsgesinnung herbei zuführen. Einen Wandel vor allem in der deutschen Jugend dahingehend, dass Arbeit nicht mehr betrachtet wird allein als Mittel zum Geldverdienen, sondern beste Leistung der Berufsarbeit als höchste politische Pflicht des deutschen Menschen gilt." A 104 Die Erfordernisse der wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung verlangen, dass die geeigneten Kräfte so rasch wie möglich-notfalls auch durch völlige Umschulung in die Wirtschaftszweige hinübergeleitet werden, in denen es bereits jetzt an Arbeitskräften fehlt und im Kriegsfall noch mehr fehlen würde. Andererseits soll das Höchstmass der Leistungsmöglichkeit erkannt werden, um die Leistungen des Alltags an diesem Prüfungs- Höchs tmass messen zu können. Zwei von unseren Berichten deuten darauf hin, dass die Arbeiterschaft diesen Bestrebungen misstrauisch begegnet und davon eine Steigerung der ohnehin herrschenden Antreiberei befürchtet: Sachsen: Die Einstellung der Arbeiter zum Reichsberufswettkampf ist vielfach sehr kritisch. Sie sagen, die Herren wollen dabei nur feststellen, was wir leisten können. Wir würden uns ins eigene Fleisch schneiden, wenn wir uns völlig auspumpten. Man würde dann in Zukunft bei geringerer Leistung sagen, dass wir nicht willig seien. Ausserdem könnten die Löhne dementsprechend festgesetzt werden, so dass wir in Zukunft noch weniger verdienen. Sogar eifrige Nazis in den Betrieben sind von dem Reichsberufswettkampf nicht gerade begeistert. Berlin: Bei Mosse haben sich in Abteilungen von бo Leuten nur 2 bis 3 Leute zum Berufswettkampf gemeldet. Auch Nationalsozialisten selbst stehen dieser Einrichtung kritisch gegenüber, da sie mit Recht sagen, dass diese Sache ja nur ein Geschenk für den Unternehmer bedeutet. Er kann nachher seinen Leuten sagen:" Ihr habt während des Berufswettkampfes dieses oder jenes geleistet, jetzt müsst Ihr das auch in der normalen Arbeitszeit schaffen". Am Reichsberufswettkampf 1938 nahmen 2.702.933 Bewerber teil, gegen 1.800.000 Jugendliche im letzten Jahr. Es finden zunächst Ortswettkämpfe statt, dann Gauwettkämpfe; die endgültigen Entscheidungen fallen im April jeden Jahres beim Reichswettkampf in Hamburg. In diesem Jahr waren aus den Ausscheidungskämpfen 6.500 Gausieger hervorgegangen, die in sieben Sonderzügen nach Hamburg transportiert wurden. Der Leiter der Wettkampfgruppe Eisen und Metall erliess zum die jährigen Reichsberufswettkampf einen Aufruf und Merksätze, die wir auf den Seiten A 16 und 17 reproduzieren und aus denen A405 Der Berufswettkampf alle Schaffenden ist der Garant der Leistungsbereitschaft des deutschen Menschen. Arbeitskameraden! Der Reichsberufswettkampf der deutschen Jugend, der bereits viermal mit immer größerem Erfolge durchgeführt worden ist, wird Anfang 1938 zum 5. Male durchgeführt werden. Eine besondere Bedeutung kommt diesem Reichsberufswettkampf dadurch zu, daß ihm angegliedert sein wird der Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen und somit nicht nur der deutschen Jugend die Möglichkeit gegeben wird, ihren Leistungswillen und ihr Können unter Beweis zu stellen, sondern allen unseren deutschen schaffenden Volksgenossen ohne Rücksicht auf ihren Beruf und ihr Alter. 1937 traten zum 4. Reichsberufswettkampf der deutschen Jugend aus den Eisen- und Metall- Berufen insgesamt 310 150 Jungen und 20,000 Mädel an, eine Zahl, die bestimmt im Jahre 1938 noch übertroffen werden wird, da unsere Jugend den Sinn und den Wert dieses Kampfes ertannt hat. Die nationalsozialistische Weltanschauung ruht auf der freiwilligen Einsatzbereitschaft aller deutschen Volksgenossen. Wir wissen, daß die Leistung des einzelnen Volksgenossen wichtig ist für die Erhaltung des ganzen Volkes. Wir wissen, daß nur durch den Fleiß und das Können und die Einsatzbereitschaft unserer Arbeitskameraden es möglich gewesen ist, die ungeheuren Erfolge der letzten 4 Jahre zu erringen. Dieser Berufswettfampf aller schaffenden Deutschen soll nun dem einzelnen die Möglichkeit geben, sein Rönnen über den Rahmen seiner Kleineren oder größeren Betriebsgemeinschaft hinaus unter gleichen Bedingungen mit den Kameraden anderer Betriebsgemeinschaften unter Beweis zu stellen. Er soll dem einzelnen Teilnehmer selbst zeigen, wie groß sein Können im Verhältnis zu dem anderer ist. Der Welt aber soll dieser Reichsberufswettkampf zeigen, daß der Wille zur Leistung in jedem einzelnen schaffenden Deutschen vorhanden ist und daß Deutschland und das deutsche Volk aus diesem Willen des einzelnen Volksgenossen heraus ein gesundes und starkes Volk für heute und in aller Zukunft sein wird. In diesem Sinne fordere ich alle in den Eisen- und Metallberufen tätigen Rameraden auf, an diesem Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen teilzunehmen. Der Leiter der Wettkampfgruppe Eisen und Metall Jajosch Атоб Merksätze für den Wettkampf Grundsätzliches: Alle schaffenden Deutschen können sich am Berufswettkampf beteiligen. Eine Altersbegrenzung ist nicht festgelegt. Voraussetzung für die Zulassung zum Berufswettkampf aller Schaffenden ist die arische Abstammung. Die Teilnahme ist tostenfrei. Aufgabenstellung: Die Aufgaben gliedern sich 1. In eine praktische berufliche Arbeit, für die bis zu vier Stunden zur Verfügung stehen. Die praktischen Arbeiten sind so gehalten, daß sie unter. Berücksichtigung der Materialersparnis und ohne große Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Maschinen durchgeführt werden fönnen. Die praktische Arbeit soll entweder im Betrieb oder unter betriebsähnlichen Umständen geleistet werden. 2. In theoretische Arbeiten auf den Gebieten: Berufskunde, Fachrechnen, Auffah. Darüber hinaus erfaßt der Wettkampf aller Schaffenden als totaler Wettkampf das Gebiet der Weltanschauung. Für die theoretischen und weltanschaulichen Arbeiten sind ebenfalls bis zu vier Stunden vorgesehen. Der Wettkämpfer erhält die Aufgaben gedruckt vorgelegt. Ale Aufgaben sind reichseinheitlich unter möglichster Berücksichtigung landsmannschaftlicher Unterschiede aufgestellt. Sie sind der Praxis der täglichen Arbeiten entnommen. Für die weiblichen Teilnehmer aller Wettkampfgruppen werden außerdem hauswirtschaftliche Aufgaben gestellt. Leistungsklassen: Die Leistungsklassen sind folgendermaßen gegliedert: Leistungsklasse I Leistungsklasse II Leistungsklasse III Leistungsklasse IV Leistungsklasse V I. Für Angehörige gelernter Berufe. Teilnehmerkreis: Jugendliche im 1. Lehrjahr. Teilnehmerkreis: Jugendliche im 2. Lehrjahr. Teilnehmerkreis: Jugendliche im 3. Lehrjahr. Teilnehmerkreis: Jugendliche im 4. Lehrjahr. Leistungsklasse VI Teilnehmerkreis: Facharbeiter und Gesellen, die fünf Berufsjahre nach der vollendeten Lehre erfüllt haben. Arbeitsdienst und Wehrdienst zählen als Berufsjahre. Teilnehmerkreis: Facharbeiter und Gesellen vom 6. Berufsjahr an aufwärts. II. Für Angelernte und Ungelernte. Leistungsklasse VII Teilnehmerkrets: Jugendliche mit einem an- und ungelernt Mindestalter von 15 Jahren und mindestens 14jähriger Arbeitspraxis. Leistungsklasse VIII Teilnehmerkreis: Jugendliche an- und ungelernt mit einem Mindestalter von 16 Jahren und mindestens einjähriger Arbeitspraxis. Leistungsklasse IX Teilnehmerkreis: Angelernte Facharbeiter über 18 Jahre. Leistungsklasse X Teilnehmerkreis: Ungelernte Arbeiter über 18 Jahre. Siegerermittlung: Für alle teilnehmenden Gruppen werden die Sieger ermittelt. Beteiligungsurkunde: Jeder Wettlampfteilnehmer erhält eine Beteiligungsurkunde. Tag des Wettkampfes: Wettkampftag, play und raum werden rechtzeitig durch Zeitung, Anschlag, sowie durch die Formationen bekanntgegeben. Der Wettkampftag ist arbeits- bzw. schulfrei. Mitzubringen find: Federhalter, Feder, Kopierstift, Radiergummi, Lineal; für weibliche Tellnehmer zufäßlich Schere, Schürze und Klebestoff. A 107 weitere Einzelheiten über die Organisation des Wettkampfes zu entnehmen sind. Für das Handwerk gab es ausserdem einen" Berufswettkampf der selbständigen Meister" und einen" Gesellenkampf des Handwerks". Es nahmen jedoch an den Berufswettkämpfen auch Apotheker, Drogisten, Dentisten, Krankenpfleger, Technische Assistentinnen, Schwestern, Sprechstundenhilfen und Masseure teil. Um die" Volksverbundenheit" des nationalsozialistischen Akademikers darzutun, liess man auch studentische Gruppen konkurrieren. Die Reichsstudentenführung hatte sieben" Rahmen themen" gestellt: " Priestertum und völkisches Schicksal in der frühen deutschen Vergangenheit"," Glaubenskämpfe und Volkswerdung in der Neuzeit"," Glaubenskämpfe und Geistesfreiheit in der nachreformatorischen Zeit"," Wie ist das deutsche Volk geworden, wie sind die Völker geworden?"," Der Reichsgedanke bei den Habsburgern und Hohenzollern"," Judentum und deutsche Volkswerdung in der Neuzeit" und" Die Geschichte der studentischen Bewegung". Hier handelte es sich also weniger um einen Leistungs- als um einen Gesinnungswettkampf. Während bisher der Reichsberufswettkampf jeweils zu Anfang des Jahres begann, ist der Wettkampf für 1939 schon Anfang November eröffnet worden. Im übrigen entnehmen wir unseren Berichten: Südwestdeutschland, 1.Bericht: In unserem Betrieb wurde zur Einleitung des Reichsberufswettkampfes ein Betriebsappell abgehalten. Betriebsführer und Betriebsobmann hielten schwungvolle Ansprachen, die aber offenbar keine grosse Wirkung bei der Belegschaft hatten, denn von den mehr als 3.000 Mann meldeten sich ganze 10 Mann zur Teilnahme. Das war natürlich für unseren Betrieb, der gern Musterbetrieb werden möchte, nicht tragbar. Deshalb wurden aus allen Abteilungen einfach einige Leute abkommandiert. In unserer Abteilung hatte sich niemand gemeldet. Zwei Leute wurden zur Teilnahme bestimmt, beide ungelernte Arbeiter. Der eine ist von Beruf Konditor. Er fragte den Meister, was er denn da machen müsse. Wenn er eine Torte backen sollte, ginge das noch zur Not. Aber ein Werkstück als Metallarbeiter werde ihm wohl kaum gelingen. Der andere " Ernannte" ist der jüngste Mann der Abteilung. Er gab dem Meister zur Antwort, offenbar habe man gerade den Dümmsten herausgesucht. Man sieht, wie tief der Gedanke des RBWK bei uns " Fuss gefasst" hat. A 108 2.Bericht: Der RBWK wurde bei uns damit eingeleitet, dass der Betriebsobmann im Betrieb herum rannte und für die Teilnahme Propaganda machte. Er behauptete, es hätten sich schon sehr viele gemeldet. In Wirklichkeit hatte sich noch niemand gemeldet. Auch diese Aktion brachte recht bescheidenen Erfolg, so dass sich endlich der Betriebsführer persönlich bemühte und jeden Arbeiter kategorisch aufforderte, sich zu beteiligen. Der Erfolg dieser energischen, von leisen Drohungen begleiteten Werbung war dann die 90- prozentige" freiwillige" Teilnahme des Betriebs. Grundsätzlich möchte ich aber zu der Sache noch eins bemerken: In Wahrheit hat ja dieser Berufswettkampf mit einer wirklichen Berufsschulung recht wenig zu tun. Schon bei der Anmeldung wurde z.3. gesagt: Es kommt ja gar nicht auf die Fachleistung an. Wichtiger ist die weltanschauliche Schulung der Teilnehmer. Da liegt aber auch die Gefahr. Es handelt sich ganz einfach um einen Versuch, die bisher widerstrebenden Arbeiter, vor allem jetzt die älteren, an ihrem Berufsehrgeiz zu packen und ihnen zugleich auf der Hintertreppe die Gesinnung anzuhängen, der sie beim Haupteingang ausgewichen sind. Wir sollten dieser Sache nicht gleichgültig gegenüberstehen. Mindestens müssten wir die Methoden kennen lernen. Das kann man nur, wenn man selbst einmal teilnimmt. Dass einen dann die Nazis unter dem grossen Haufen mehr oder weniger" freiwilliger Teilnehmer mitzählen, muss in Kauf genommen werden. 3. Bericht: Der RBWK ist in diesem Jahr trotz höherer Teilnehmerzahl nicht im Ansehen der Arbeiter gestiegen. Bei uns mussten z. B. Facharbeiter der Metallindustrie als Arbeitsprobe ein rohes Holzkistchen anfertigen. Viele intelligente Arbeiter hatten sich zur Teilnahme gemeldet, weil sie glaubten, sich mit ihren Fachkenntnissen durchsetzen und dann besser im Beruf vorwärts kommen zu können. Sie mussten aber die Erfahrung machen, dass es beim RBWK gar nicht auf Berufskenntnisse ankommt. Sie sind nämlich durchgefallen, weil sie weltanschaulich" ungenügend" waren, d.h. weil sie auf die z.T. reichlich blöden Fragen der Nazis, die zur Prüfung der Gesinnungstüchtigkeit dienen, keine richtige Antwort zu geben wussten. Bayern, 1.Bericht: Der Reichsberufswettkampf aller Schaffenden wurde bei uns damit eröffnet, dass die Firma einen Betriebsappell einberief. Es wurde erklärt, der Reichsberufswettkampf solle dazu dienen, den unbekannten Soldaten der Arbeit aus der Masse herauszuziehen. Die Mitarbeiter sollten keine Angst haben; die Leistungen würden nicht zur Grundlage für das künftige Verhalten der Geschäftsleitung gegenüber den Angestellten betrachtet. Die bis 35 Jahre alten Angestellten sollten alle mitmachen; bei den über 35- jährigen sei es sehr erwünscht, wenn sie sich möglichst voll beteiligten. Von den etwa 200 Angestellten haben sich 6 Mann gemeldet, darunter die Lehrlinge. Nicht einmal der Vertrauensrat hat sich geschlossen zur Teilnahme bereit erklärt. Die Sache ist daraufhin ganz eingeschlafen. A109 2. Bericht: Im vorigen Reichsberufswettkampf der Lehrlinge hiess ein Aufsatzthema:" Beschreibe Deine Freizeitgestaltung". Ein Mädel hat geantwortet:" Ich kann mir nicht vorstellen, wie man von einem berufstätigen Mädel, das von der DAF und dem BdM veranstaltete Kurse besucht, noch eine Ausgestaltung der Freizeit verlangen kann. Ich habe überhaupt keine freie Stunde mehr". Sie hat darauf eine 5 erhalten. Bei dem letzten Berufswettkampf wurden die Lehrlinge, die mit in die Gauentscheidung kamen, von der Firma X. beschenkt. Die Lehrlinge konnten sich ein Buch auswählen und es war bezeichnend, dass die meisten" Mein Kampf" gewählt haben, obwohl kein Druck in dieser Richtung auf sie ausgeübt wurde. Der Gau- Sieger hat Aussicht, eine KdF- Reise zu erhalten. Es ist nicht zu leugnen, dass inbezug auf die Lehrlingsausbildung wesentlich mehr als früher getan wird. Die Lehrlinge kommen in alle Abteilungen und lernen alles kennen. Die Firma Schuckert hat zum Reichs berufswettkampf der Lehrlinge auf Veranlassung der HJ die Lehrwerkstätten zur Verfügung stellen müssen. Die 400 Lehrlinge des Betriebes, die sonst in den Räumen arbeiten, mussten von der Firma für diese 8 Tage freigestellt und bezahlt werden. Da die meisten von ihnen auch von der Firma verpflegt werden, musste die Firma während dieser acht Tage auch die Verpflegung für sie tragen. Ist der Reichsberufswettkampf ein Wettkampf der einzelnen Arbeiter, so ist der Leistungskampf der Betriebe ein Wettkampf der Unternehmungen. Auch bei diesem Leistungskampf, über den 52) berichwir zuletzt im Vormonat( Heft 10/1938, Seite A 48 tet haben, stand ursprünglich das Bestreben nach" weltanschaulicher Schulung" und politischer Beeinflussung der Arbeiterschaft im Vordergrund. So heisst es z.B. in den" Durchführungsbestimmungen und Richtlinien", die die Leitung des Wettkampfes herausgegeben hat: " Aus der Erkenntnis der grundsätzlichen Ungestaltung, die die deutsche Wirtschaft erfahren hat.... muss sich auf der richtigen charakterlichen und gesinnungsmässigen Grundlage eine positive Einstellung zur nationalsozialistischen Bewegung ergeben: Diese wird sich äussern: In einer Förderung der Ziele der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände, in der Aufklärung und Schulung über Weltanschauung, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Festzustellen ist daher: Nimmt der Betriebsführer selbst an Gemeinschaftsschulungen teil? Erleichtert er den Betriebsangehörigen die Teilnahme an der Schulung durch Vergütung des Lohnausfalls, Vergütung von A 110 Fahrkosten und ähnliche Massnahmen? Der Betrieb, der ausgezeichnet werden will und werden soll, muss durch eine ständige enge Fühlungnahme mit der nationalsozialistischen Bewegung unter Beweis stellen, dass er die Ziele des Führers und seiner Bewegung zu seinen eigenen gemacht hat... TY Hier wird also der Versuch gemacht, die bisher nicht geglückte politische Durchdringung der Betriebe auf den Umweg über den Unternehmer zu vollziehen. Neuerdings tritt allerdings, worauf wir bereits im Vormonat hingewiesen haben, immer mehr die Forderung der wirtschaftlichen Leistungssteigerung in den Vordergrund. Unseren Berichten entnehmen wir: Bayern: Der Betrieb( eine grosse Maschinenfabrik in München, mit über 1.000 Mann Belegschaft) beteiligt sich am Leistungskampf. Das Verhältnis zwischen Betriebsleitung und DAF ist sehr gut. Da das Unternehmen ein Rüstungsbetrieb ist, besteht auch keinerlei Materialmangel. Die Massnahmen für den Leistungskampf zeigen, wie sich das nationalsozialistische Regime bemüht, nach aussen hin Glanz und Ordnung vorzutäuschen. Wer das im Betrieb noch nicht begriffen hatte, der bekam den besten Anschauungsunterricht, als der Stellvertreter des Gauleiters, Nippold, erwartet wurde. Er sollte prüfen, ob der Betrieb für den Leistungswettkampf geeignet sei. Schon 8 Tage vorher begannen die Vorbereitungen für den Besuch. Zuerst wurde allen Arbeitern erklärt, warum dem Besuche Nippolds solche Bedeutung zukomme. Jeder müsse sich so benehmen, als ob es sein Betrieb wäre. Alles müsse in peinlichster Ordnung sein, denn es gehe um die Ehre des Betriebes und damit der ganzen Gefolgschaft. Mit einer Trillerpfeife wurde dann in den einzelnen Hallen das Zeichen gegeben, dass die Belegschaft in Heilrufe auszubrechen habe. Das wurde eine Woche lang täglich geübt, bis der Besuch kam. Einige Tage vor dem grossen Ereignis_ wurden Palmen und Blumen aller Arten aus der Gärtnerei angefahren und im Betrieb an günstigen Stellen aufgestellt. Dann suchte man besonders geeignete und geschickte Vorarbeiter aus, die an bestimmte Arbeitsplätze gestellt wurden und sich dort einüben mussten. Am Tage des Besuches war alles auf Hochglanz hergerichtet. Die Arbeiter wurden angehalten, frische Wäsche anzuziehen. Die Besichtigung des Betriebes erfolgte programmgemäss. Nippold unterhielt sich mit verschiedenen Arbeitern, bei seinem die ihm vorgestellt wurden. In jeder Halle wurden Eintritt sofort die eingeübten Heilrufe laut. Nippold hielt eine grosse Rede, in der er unter anderem sagte, dass er mit gemischten Gefühlen hierher gegangen sei. Er wisse genau, dass in der Arbeiterschaft noch manche Zurickhaltung geübt werde. Das sei auch zu verstehen. Seine Ueberzeugung sei es, dass im Laufe der Zeit diese Zurückhaltung A 111 verschwinden werde, denn man wolle die Arbeiter durch Taten überzeugen. Wenn heute die Löhne nicht erhöht werden könnten, so heisse das nicht, dass dies immer so bleiben werde. Es komme jetzt darauf an, dass Deutschland gross und mächtig werde, danr. erde es auch reich werden. Die Arbeiter sollten hinüberschauen nach Frankreich, wo der Marxismus herrsche. Dort bekämen die Leute zwar immer höhere Löhne, aber der Reallohn werde von Tag zu Tag niedriger. Die Opfer, die heute die deutsche Arbeiterschaft bringe, würde grosse Früchte tragen. Das müsse jeder begreifen. Jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst gehe er, Nippold, unter das Volk, um mit ihm verbunden zu bleiben. Die Nationalsozialisten und ihre Führer seien sich der Nöte und Schmerzen des Volkes bewusst, das solle jeder Arbeiter erkennen. Er sprach dann noch seine Anerkennung über die musterhafte Ordnung im Betrieb aus und zollte der Betriebsleitung ein Lob. Nach ihm sprach ein Vertreter der Arbeitsfront, der ebenfalls die Betriebsleitung lobte. Bei den Arbeitern hat dieser Besuch die verschiedensten Diskussionen ausgelöst. Allen war klar, dass das Ganze ein grosser Schwindel ist und dass auch Nippold nicht so dumm ist, um das nicht zu wissen. Selbst die Nationalsozialisten konnten sich nicht verteidigen. Es war zu offenkundig, dass die Betriebsleitung sich bei der Arbeitsfront dick eingebaut hat, und es wurden die verschiedenartigsten Bemerkungen über die Bestechlichkeit der DAF- Bonzen gemacht. Die Arbeiter fühlen sich bei alledem als Schacherobjekte und spüren ständig ihre Einflusslosigkeit. Dass die Arbeitsfront, wenn sie die Betriebsleitung derart unterstützt, nicht zugleich ernsthaft die Interessen der Gefolgschaft vertreten kann, empfindet jeder. Am Tage nach der Besichtigung wurden die Blumen sofort wieder abgeräumt und der Alltag trat wieder in seine Rechte. Sachsen, 1.Bericht: Der Leistungskampf der Betriebe hat in X. sehr lebhaftes Interesse gefunden. Das liegt wohl in der Hauptsache daran, dass Musterbetriebe hier noch nicht existieren und die Branche erst seit Jahresfrist einen Aufschwung. genommen hat. So wurde zwar im Herbst vorigen Jahres der Leistungskampf eingeleitet und den Belegschaften der Zweck dieses Kampfes erklärt. Die Betriebsführer setzten aber damals auch den Arbeitern auseinander, dass an sie nicht allzugrosse Anforderungen gestellt werden könnten, da die langjährige Krise die Kleinbetriebe des Ortes schwer geschädigt habe. Was aber an hygienischen Verbesserungen notwendig sei, werde in Angriff genommen. Von weitergehenden sozialen Forderungen könne aber nicht gesprochen werden, da erst eine finanzielle Erholung der Betriebe notwendig wäre. In der Glashütte Y. hat man sich jetzt an die Errichtung eines Speiseraumes gemacht. Zur" Schönheit der Arbeit" könne, so wurde von den Betriebsführern gesagt, die Arbeiterschaft selbst dadurch mit beitragen, dass sie Blumen und dergleichen selbst besorge, um das Leben in den Betrieben so angenehm wie möglich zu gestalten. Dass im Zuge des Leistungskampfes das Arbeitstempo gesteigert werden soll, hat man zwar noch nicht gesagt, aber dafür sorgt schon das jetzige Akkordsystem. A 112 2. Bericht: Der durch die DAF seit dem Herbst 1937 eingeführte Leistungskampf der Betriebe findet bei den Arbeitgebern und Arbeitnehmern geteilte Aufnahme. Während Betriebe, die mit Staatsaufträgen beschäftigt sind, von selbst alles mögliche tun, um den Anordnungen der DAF- Walter gerecht zu werden, wird in anderen Betrieben, die nur Privataufträge haben, nur das Notwendigste durchgeführt, um so den Belästigungen der DAF zu entgehen. Im Grossen und Ganzen ist es ein Konkurrenzkampf der Betriebe, bei dem viele kleinere Betriebe wahrscheinlich bald nicht mehr mitkommen werden. Eine besondere Aufgabe ist der DAF bei den Befestigungsarbeiten im Westen zugefallen. Hier galt es, innerhalb kürzester Frist die Unterbringung und Verpflegung von rund 400.000 Arbeitern aus allen Landesteilen zu organisieren. Ueber die Aufgaben, die dabei zu lösen waren, entnehmen wir einem Bericht der " Pirmasenser Zeitung" vom 3. November 1938: " Als dem wichtigsten Loch im Westen wurde selbstverständlich der Bezirk Pirmasens zum Brennpunkt des Geschehens. Auf einem verhältnismässig engbegrenzten Raum wurden weit mehr als 30.000 Arbeitskräfte eingesetzt. Hier fand man keine grossen und ausreichenden Unterkunfts- und Verpflegsräume vor, wie vielleicht sonstwo und vor allen Dingen musste die ganze Küchenorganisation buchstäblich aus dem Boden gestampft werden. Aber es wurde geschafft! Die kleinen anfänglichen Schönhei tsfehler, die manchem Nörgler als so furchtbar gross und wichtig vorkamen, wurden restlos überwunden... Der Messplatz ist heute geradezu zum Sinnbild des Verpflegungszentrums geworden. Hier wird Tag für Tag und Nacht für Nacht für 12.000 Menschen das Essen zubereitet und ihnen an die Bau- und Wohnstellen zugeleitet... Täglich werden auf dem Messplatz 95 Zentner Fleisch verbraucht. Der Wochenbedarf setzt sich ungefähr zusammen aus 44 Stück Grossvieh, 71 Schweinen und 34 Hammeln. Durchschnittlich werden pro Tag 220 Zentner Kartoffeln verbraucht. In diese Zahlen ist nicht. eingerechnet, was die anderen zwei Kochstellen in Pirmasens, im Horeb und Hans Schemm- Schulhaus, verbrauchen. Es sind allein für den Transport des Essens vom Messplatz zu den Verpflegungsstellen täglich 68 Lastkraftwagen nötig... Wie zwei gigantische Tanks muten die zwei Grossküchen des Gaues Württemberg- Hohenzollern an, die 6.000 Liter fassen und täglich lo.000 Liter Essen kochen. Daneben aber sind noch Bratherde und Gulaschkanonen in Verwendung.. Als der DAF die Betreuung der Arbeitskräfte des Westprogramms übertragen bekam, konnte keiner ahnen, welch eine Fülle von Arbeit und Mühe dies ergeben würde. Es gab keine Organisation, die uns das Benötigte zuführte, sondern vom Löffel bis zur Kochstelle, vom Strohsack bis zur Bettstelle und Wolldecke, musste alles aus eigener Kraft organisiert werden... 4) Die DAF im Urteil der Arbeiter Es ist der Arbeitsfront nicht gelungen, die Arbeiter für das Regime zu gewinnen. Die Arbeiter machen zwar die Veranstaltungen mit, aber nur gezwungen und ohne innere Anteilnahme. Eine Ausnahme machen nur die Veranstaltungen von" Kraft durch Freude", sie werden" mitgenommen", weil sie manche Vorteile bieten.( Wir haben darüber in Heft 2/1938, Seite A 30 ff. berichtet). Besonders unbeliebt sind die Versammlungen der DAF, in denen meist " Referate" von sehr niedrigem Niveau gehalten werden. Auch die zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften der DAF erfreuen sich keiner Beliebtheit.( Die DAF hat die früheren Verbandszeitungen der Gewerkschaften in" Schulungsblätter" umgewandelt. Es gibt entsprechend den Berufsgruppen über 80 Blätter dieser Art, die den Mitgliedern kostenlos geliefert werden. Ausserdem gibt die DAF eine illustrierte Zeitschrift," Das Arbeitertum", in einer Auflage von 3,6 Millionen heraus und für Handwerk und Handel eine ähnliche Zeitschrift," Der Aufbau" Wir lassen einige typische Berichte über die Haltung der Arbeiter zur Arbeitsfront folgen: Württemberg: Ich war letzthin wieder einmal in einer Versammlung der Deutschen Arbeitsfront. Alle Betriebe mussten geschlossen zum Versammlungsraum marschieren. Der Versammlungsleiter brachte zu Beginn seine Freude über den" guten freiwilligen Besuch" zum Ausdruck und betonte, dass früher nie ein so starkes Interesse bestanden habe. Ob alle Teilnehmer den Hohn, der in dieser Bemerkung lag, verstanden und so wie ich empfunden haben, weiss ich nicht. Der Referent verzapfte einen solchen Quatsch, dass 90% der Besucher nachher die Ueberzeugung äusserten, dass früher ein solcher Redner sofort allein dagestanden wäre, bestimmt aber nie mehr hätte sprechen dürfen. Alle Leute hatten das Gefühl, sie würden als ABC- Schützen betrachtet, die nicht lesen und schreiben können. Lauter Plattheiten wurden da breitspurig vorgetragen und der ganze Sinn der Rede war, dass der Arbeiter, wenn das Vaterland es will, auch sein letztes, sein Leben einzusetzen habe. Leider kann auf solche Schwafeleien heute nicht gleich die richtige Antwort gegeben werden. war vor einiger Zeit eine VerSachsen, 1.Bericht: In... sammlung der DAF. Es waren etwa ein Dutzend Kleinbetriebe zusammengefasst, davon loo Mann aus der Metallbranche. Erschienen waren insgesamt rund 300 Personen. Alles nahm möglichst 4114 weit vom Redner entfernt Platz. Am Anfang der Versammlung musste jeder Gefolgschaftsführer die Stärke seines Betriebes und die Zahl der Erschienenen melden. Nach den dabei angegebenen Belegschaftszahlen hätten mindestens 1,000 Personen die Versammlung besuchen müssen. Der Versammlungsleiter forderte die Anwesenden auf, sich nach vorn zu setzen. Als das nichts nützte, wiederholte er seine Aufforderung noch zweimal. Aber nur die Frauen kamen dieser Aufforderung nach, während die Männer hinten sitzen blieben. Der Redner kam in seinem Referat auf die eigenartige Sitzordnung zu sprechen und sagte, er wisse schon, warum sich die meisten so weit nach hinten gesetzt hätten:" Damit sie am Schluss der Versammlung gleich am Ausgang sind". Die Versammlung dauerte etwa eine halbe Stunde. Sie wurde mit dem Gesang des Horst- Wessel- Lied beendet, das aber nur von den Frauen gesungen wurde, während die Männer so schnell wie nur möglich den Saal verliessen. 2.Bericht: Alle Arbeitsfrontversammlungen werden jetzt nur noch in Betrieben durchgeführt. Das ist nötig geworden, weil die Versammlungen im Laufe der Jahre immer schlechter besucht wurden. Jetzt müssen alle Arbeiter an den Versammlungen teilnehmen, auch wenn ihnen nichts daran liegt. Auch die politischen Schulungsabende der DAF sind im allgemeinen schlecht besucht, während ihre technischen Vorträge und Kurse einen besseren Besuch aufweisen. Mitteldeutschland: Die meisten Arbeiter betrachten die DAF als überflüssigen Verein, zumal Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der gleichen Organisation sein müssen und an eine Wahrung der Arbeiterinteressen nicht zu denken ist. Die Beiträge sind eben eine Art Steuern, mit denen man sich abfinden muss. Wenn schon einer versucht, sich mit einer Beschwerde an die DAF zu wenden, so kann er des Misserfolges von vornherein sicher sein." Macht das im Betrieb aus und einigt Euch!", ist gewöhnlich der Bescheid. Die Wochenzeitschrift der Arbeitsfront" Das Arbeitertum" wird ziemlich viel gekauft. Man kann sich dem Druck nicht entziehen, und als Staatsfeind zu gelten ist kein Vergnügen. Das Blatt, das 10 Pfennige kostet, wird aber nicht gelesen. Man sieht sich vielleicht die Bilder an, die geschickt photographiert sind, und benutzt dann die Seiten als Einpackpapier. Schlesien, 1.Bericht: Aus den Siemens- Schuckert- Werken in Ratibor wird berichtet, dass dort zu wiederholten Malen Gefolgschaftsversammlungen abgesagt werden mussten, weil trotz eifrigen Werbens niemand zu den Versammlungen erschienen war. Dieses Werk war früher der Sitz der Syndikalisten, die hier ihren Hauptstützpunkt für Oberschlesien hatten. Den Nazis ist es bisher nicht gelungen, dort Fuss zu fassen. 2. Bericht: In einer Amtswaltersitzung in Görlitz hielt der Kreisleiter Irmar ein Referat über die Pflichten gegenüber der Arbeitsfront. Die Beitragsleistung an die DAF war nämlich A 115 immer schlechter geworden. Die Mitglieder hatten grosse Rückstände und waren nach Ansicht der Kreisleiter" böswillig". Der Kreisleiter wies auch darauf hin, dass die Zeitungen der Arbeitsfront wenig, ja fast gar nicht gelesen würden. Als Beispiel führte er an, dass in der" WUMAG", Abteilung Maschinenbau, bei einer Belegschaft von 1.200 Mann das" Arbeitertum" nur von ganzen 18 Mann abonniert sei. Ein Zeichen dafür, wie wenig sich die Mitglieder um ihre Gewerkschaft und um ihre Pflichten der Arbeitsfront gegenüber kümmerten. Er bezeichnete das als einen Skandal. Zu den" Rechten" der Mitglieder übergehend, erklärte der Kreisleiter, dass zur Zeit die Pflichten grösser seien als die Rechte. Dies sei darauf zurückzuführen, dass die Führer der ehemaligen roten Gewerkschaften im Mai 1933, als sie sich keinen Rat mehr wussten und vor leeren Kassen standen, einfach ins Ausland flüchteten und die letzten Groschen mitnahmen. Erst dem festen Zugriff des Dr. Ley sei es zu verdanken, dass heute eine Organisation bestehe, die als grösste und mustergültigste der Welt Bewundernswertes leiste. Der Klassenunterschied sei mit einem Schlage damit beseitigt worden. Die roten Gewerkschaften seien nur eine Versorgungsanstalt für Untermenschen und Judenknechten gewesen. Wenn auch heute dieser Abschaum der Menschheit noch im Ausland sitze und gegen den neuen Staat wühle, so käme doch Zeit und Rat, diese Lumpen zur Verantwortung zu ziehen. Dem Führer werde es zweifellos mit Hilfe der Auslandsorganisationen der NSDAP gelingen, die letzten Reste dieser Marxisten auszurotten. Der Kreisleiter nannte die früheren Gewerkschafts- und Partei angestellten nur" Schweine, Kaschemmen brüder, Verbrecher und Judenknechte". Ganz besonders legte er den Amtswaltern ans Herz, jede Möglichkeit auszunutzen, um der überhandnehmenden illegalen Tätigkeit auf die Spur zu kommen. Es seien bereits neue Gesetze ausgearbeitet, die noch schärfer seien als die bisherigen. Es müsse gelingen, endlich den letzten Rest der noch vorhandenen Marxisten beiderlei Färbung aus zumerzen. Keiner dürfe es mehr wagen, gegen Führer und Staat zu wühlen. Die Geduld sei jetzt zu Ende und es gäbe kein Pardon mehr. Diese Rede wurde von den Amtswaltern mit sichtlichem Missmut aufgenommen, nur traute sich niemand, gegen diese Verleumdungen und Unwahrheiten aufzutreten. Teil B B 1 • ( Abgeschlossen am 2. Dezember 1938) Die Entrechtung der deutschen Juden. Geschichtliche Einleitung Juden waren in Deutschland schon in der Römerzeit ansässig. In Köln lassen sie sich urkundlich schon im Jahre 321 n.Chr., in Mainz im 9. Jahrhundert, in Worms, Magdeburg, Merseburg und Regensburg im 10., in Trier und Speyer seit dem 11. Jahrhundert nachweisen. Nachdem die französische Nationalversammlung auf Antrag Mirabeaus am 28. September 1791 die Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen hatte, wurde sie ihnen in den Rheinlanden, in Baden und Hessen i. J. 1808, in Preussen durch ein Edikt vom 11. März 1812 zuteil. Im Norddeutschen Bund wurden die Juden durch Gesetz vom 3. Juli 1869 für gleichberechtigt erklärt. Dieses Gesetz wurde i.J. 1871 Reichsgesetz. Allerdings stand die Rechtsgleichheit der Juden in der Vorkriegszeit z.T. auf dem Papier. In die Beamtenschaft und ins Heer wurden fast in allen deutschen Ländern nur getaufte Juden aufgenommen. Indes putzten in der Regierungszeit Wilhelms II., in der die alte preussische Sparsamkeit durch Prunkliebe verdrängt wurde, viele hochadelige Offiziere ihre abgenutzten Wappenschilder mit dem Golde ihrer jüdischen Gattinnen auf. Die letzten Zurücksetzungen der Juden im öffentlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Leben fielen erst in der Weimarer Republik. Antisemitische Strömungen hat es in Deutschland schon vor dem Weltkrieg gegeben. Am bekanntesten waren die von dem Berliner Hofprediger Stöcker gegründete christlich- soziale Partei, sodann die allgemeine deutsche antisemitische Vereinigung, die im Jahre 1890 in Hessen fünf Reichstagswahlsitze und als deutsche Reformpartei bei den Wahlen von 1893 in Sachsen und Hessen sogar 11 Reichstagssitze gewann; schliesslich die deutschsoziale antisemi B 2 tische Partei, die in ihrem Bo chumer Programm verlangte, dass die Juden unter Fremdenrecht gestellt wurden. Der Rassengedanke wurde gegen die deutschen Juden zum erstenmal von dem antisemitischen Berliner Rektor Ahlwardt, der 1892 und 1893 auch in den Reichstag gewählt wurde, ins Feld geführt. Die Bedeutungslosigkeit dieser antisemitischen Gruppen geht aber daraus hervor, dass sich im Reichstag von 1911 unter 397 Abgeordneten nur noch 3 Antisemiten befanden. In der Nachkriegszeit erlangte der Antisemitismus in Deutschland politische Bedeutung erst durch die nationalsozialistische Partei. Hitler war in die Schule des österreichischen Radauantisemitismus des Alldeutschen Schönerer und des christlichsozialen Wiener Bürgermeisters Lueger gegangen. Ihm gelang die Giftmischerei aus Nationalismus, Antisemitismus und Antibolschewismus, die in dem von Krieg, Revolution, Inflation und Weltwirtschaftskrise erschütterten deutschen Volke furchtbare Wirkung tat. Bolschewismus bezeichnet Hitler als Streben des jüdischen Volkes( 1) nach der Weltherrschaft(" Mein Kampf", 13. Auflage, Seite 751). Das berüchtigte" Protokoll der Weisen von Zion" ist für ihn unumstössliche Wahrheit( a.a.0. S. 337). Der ganze Marxismus erscheint ihm als jüdische Erfindung. Die Gleichsetzung von Bolschewismus und Judentum diente ihm dazu, die Empörung des deutschen Bürgertums über die Ausschreitungen der Diktatur des Proletariats in Russland und über die kommunistischen Aufstände in Deutschland auf das Juden tum zu übertragen. Ebenso machte er für den Verlust des Weltkriegs und den angeblichen Dolchstoss von 1918 die Juden als die angeblichen Führer des Marxismus und Verführer des deutschen Arbeiters verantwortlich. In seiner Rassenlehre, die er als den Schlüsselpunkt der Weltgeschichte bezeichnete, stellte er den lichten Idealgestalten der blonden nordischen Rasse die angeblich körperlich missgestalteten, blutsaugerischen, materialistisch eingestellten und nur mit den teuflischen Kräften der Zerstörung begabten" jüdischen Schmarotzer" gegenüber. Daneben wurde der Sexualneid kräftig gepflegt:" Der schwarzhaarige Juden junge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose deutsche B 3 Mädchen, das er mit seinem Blute schändete und damit seinem, des Mädchen Volke, raubt"( a.a.0. S. 357)." Planmässig schänden diese schwarzen Völkerparasiten unsere unerfahrenen jungen blonden Mädchen und zerstören dadurch etwas, was auf dieser Welt nicht mehr ersetzt werden kann"( a.a.0. S. 630). Mit ungeschminkten Schilderungen der angeblichen jüdischen Sexualgi er hat Hitler in den ersten Jahren seiner öffentlichen Tätigkeit die Versammlungssäle gefüllt. Nur Streicher hat ihn später mit seinem " Stürmer" übertroffen. Das nationalsozialistische Programm nahm gegen die Juden die Forderungen der Antisemiten aus den neunziger Jahren auf: Aberkennung der Staatsbürgerschaft und Stellung unter Fremdenrecht, Verdrängung aus allen öffentlichen Aemtern, Ausweisung aus dem Reich, wenn es nicht möglich ist, die gesamte Bevölkerung zu ernähren", insbesondere Ausweisung der seit 2. August 1914 eingewanderten Ostjuden, Entfernung jüdischer Schriftleiter und Mitarbeiter von deutschen Zeitungen, Bekämpfung des jüdisch- materialistischen Geistes". Dieses Programm der" Ausscheidung der Juden aus dem deutschen Volkskörper" wurde von den Nationalsozialisten nach der Machtergreifung sofort in Angriff genommen. Es ist gegenwärtig beinahe völlig durchgeführt. Die Juden sind aus den Rechten, die schon im alten Rom des 5. Jahrhunderts v.Chr. sogar den mit ihnen zusammenlebenden Fremden eingeräumt wurden, nämlich der Gestattung der Ehegemeinschaft mit den anderen Staatsbürgern( conubium) und der Gleichstellung in vermögensrechtlicher Hinsicht mit ihnen( commercium) verdrängt. Die Massnahmen Hitlers gegen die deutschen Juden sind in drei Zei tabschnitten getroffen worden. Im Frühjahr 1933 wurden die Juden mit unwesentlichen Ausnahmen aus den öffentlichen Aemtern und freien Berufen entfernt. Im Herbst 1935 wurden ihnen die politischen Rechte entzogen und Ehe und Geschlechtsverkehr mit " Ariern" verboten. Im Sommer und Herbst 1938 wurde das Werk von 1933 vollendet und sodann das Judentum auch aus dem Wirtschaftsleben ausgeschaltet. Damit ist nach nationalsozialistischen Verlautbarungen(" Schwarzes Korps" vom 23. November 1938) die physische Vernichtung der deutschen Juden eingeleitet. Die Verdrängung aus den öffentlichen Aemtern B 4 Durch das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 hatte die Reichsregierung Hitler die Möglichkeit erlangt, unter Ausschaltung der Parlaments sogenannte Regierungsgesetze zu erlassen, die auch der Unterschrift des Reichspräsidenten nicht bedurften und, was das Wichtigste war, von den Grundsätzen der Weimarer Verfassung abweichen konnten. Auf diese Weise war es möglich, auch die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz zu beseitigen und ein Ausnahmegesetz nach dem anderen gegen die Juden zu erlassen. Der Anfang wurde mit dem fälschlich sogenannten" Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 gemacht. Es bestimmt in seinem§ 3, dass Beamte nichtarischer Abstammung, soweit sie mindestens eine zehnjährige Dienstzeit aufzuweisen hatten, in den Ruhestand zu versetzen, alle übrigen zu entlassen seien. Auch nichtarische Ehrenbeamte mussten abgesetzt werden. Das Gesetz galt für alle unmittelbaren und mittelbaren Beamten des Reichs, der Länder, der Gemeinden und Gemeindeverbände, der Körperschaften des öffentlichen Rechts, sowie der diesen gleichgestellten Einrichtungen, Stiftungen und Unternehmungen, für die Bediensteten der Träger der Sozialversicherung und für Beamte im einstweiligen Ruhestand, auch für Notare und Hochschullehrer. Mit Durchführungsverordnung vom 4. Mai 1933 wurden die gleichen Bestimmungen für die auf privatrechtlichen Dienstvertrag angestellten Personen im öffentlichen Dienst erlassen. Reichsbank und Reichseisenbahnge sellschaft wurden ermächtigt, entsprechende Anordnungen zu treffen. Nach der Durchführungsverordnung vom 11. April 1933 hatte als nichtarisch zu gelten, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Grosseltern abstammte. Es genügte, wenn ein Elternteil oder ein Grosselternteil nichtarisch war. Das letztere war besonders dann anzunehmen, wenn ein Elternteil oder ein Grosselternteil der jüdischen Religion angehörten. In Zweifelsfällen war ein Gutachten des beim Reichsministerium des Innern. bestellten Sachverständigen für Rasseforschung einzuholen. Als. Abstammung im Sinne des§ 3 des Gesetzes galt nach der 3. Durch B 5 führungsverordnung vom 6. Mai 1933 auch aussereheliche Abstammung, nicht dagegen eine Annahme an Kindesstatt. Das Gesetz vom 7. April 1933 sah drei Ausnahmen von der allgemeinen Beseitigung Jüdischer Beamter vor. Nicht abgesetzt wurden jüdische Beamte, die 1.) am 1. August 1914 bereits planmässige Beamten gewesen und seitdem ununterbrochen Beamte geblieben waren oder die am 1. August 1914 wenigstens sämtliche Voraussetzungen für die Erlangung der ersten planmässigen Anstellung erfüllt und sich während ihrer Tätigkeit als Beamte in hervorragenden Masse bewährt hatten, oder 2.) im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gekämpft hatten, oder deren Väter und Söhne im Weltkriege gefallen waren, oder 3.) für die als Auslandsvertreter des Deutschen Reiches vorerst keine Ersatzmänner arischer Abstammung zur Verfügung standen. Das Gesetz bezog sich auch nicht auf jüdische Lehrer, die an öffentlichen jüdischen Schulen angestellt waren oder an anderen öffentlichen Schulen auf Grund gesetzlicher Bestimmungen jüdischen Religionsunterricht erteilten. Dagegen mussten nach einem Gesetz zur Aenderung beamtenrechtlicher Vorschriften vom 30. Juli 1933 auch alle Beamten arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingingen, entlassen werden. Wer nichtarisen oder mi einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet war, durfte nach dem gleichen Gesetz nicht mehr als Beamter berufen werden. Alle Beamten, die nicht bereits am 1. August 1914 Beamte waren, hatten ihre arische Abstammung, Beamte, die heiraten wollten, auch die arische Abstammung des künftigen Ehegatten nachzuweisen. Die in den Gesetzen von 1933 zugunsten jüdischer Frontkämpfer usw. gemachten Ausnahmen fielen schon zweieinhalb Jahre später weg. Nach der Ersten V.0. zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 konnten Juden kein öffentliches Amt mehr bekleiden. Alle noch im Dienst befindlichen jüdischen Beamten wurden mit Wirkung zum 31. Dezember 1935 in den Ruhestand versetzt. Judischen Frontkämpfern wurden dabei bis zur Erreichung der Alters B6 grenze die vollen zuletzt bezogenen ruhegehaltsfähigen Dienstbezüge als Ruhegehalt gewährt, wobei jedoch künftig der Aufstieg in Dienstaltersstufen unterblieb. Nach Erreich der Altersgrenze sollte das Ruhegehalt nach den letzten ruhegehaltsfähigen Dienstbezügen neu berechnet werden. Als Jude im Sinne dieser Verordnung galt, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Grosseltern abstammte, ferner, wer zwar von nur zwei jüdischen Grosseltern abstammte, aber beim Erlass des Reichsbürgergesetzes vom 15. September 1935 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte oder mit einem Juden verheiratet war. Als Beante galten auch die Honorarprofessoren, die nichtbeamteten ausserordentlichen Professoren und die Privatdozenten an wissenschaftlichen Hochschulen, die Angehörigen der Wehrmacht, die leitenden Aerzte an öffentlichen Krankenanstalten und an freien gemeinnützigen Anstalten, die Vertrauensärzte und neben den Beamten auch alle zur Erfüllung obrigkeitlicher oder hoheitlicher Aufgaben bestellten Personen. Reichsbank und Reichseisenbahn hatten wieder entsprechende Bestimmungen zu erlassen. Nur jüdische Krankenhäuser wurden von dieser Regelung nicht berührt. Mit den beiden ersten Durchführungsverordnungen zum Reichsbürgergesetz war die völlige Verdrängung der Juden aus allen öffentlichen Aemtern abgeschlossen. Die" Säuberung" der akademischen Berufe. In der Begründung zum Gesetz gegen die Ueberfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 hob die Reichsregierung hervor, dass der Anteil von Personen nichtarischer Abstammung an den höheren Berufen in Deutschland weitaus grösser sei, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspreche, während die Zahl der Juden, die vom Ertrag der Arbeit ihrer Hände lebten, unverhältnismässig klein sei. Durch den wirtschaftlichen und geistigen Einfluss, den die Fremdstämmigen dadurch im deutschen Leben hätten, werde die einheitliche Gesinnung und die geschlossene nationale Kraft des deutschen Volkes geschwächt. Ein Volk von Selbstachtung könne seine höhere Tätigkeit in so weitem Masse nicht durch Fremdstämmige wahrnehmen lassen. Die Zulassung B 7 eines im Verhältnis zu grossen Anteils Fremdstämmiger an den höhen Berufen wirde als Anerkennung der geistigen Ueberlegenheit anderer Rassen gedeutet werden können, die mit Entschiedenheit abzulehnen sei. Bei der Knappheit des deutschen Lebensraums für gehobene Berufsarbeit hätten die eigenen Volksgenossen ein natürliches Anrecht auf Vorrang und Bevorzugung. Diese Begründung ist sehr aufschlussreich. Sie erklärt, wie der Feudalismus des Mittelalters, gegenüber dem Rechte der Leistung ein Vorrecht der Geburt. Sie wendet sich an Neid- und Minderwertigkeitsgefühle und deutet naiv den wichtigsten der Gründe für die Entfernung der Juden aus dem deutschen Kultur- und Geistesleben an: Die Absicht, durch Verdrängung der bisherigen Inhaber einträgliche Posten für die nationalsozialistische akademische Jugend freizumachen. An die Reihe kamen tatsächlich die akademischen Berufe zuerst. Hier wie überall ging die gewaltsame Austreibung aus den Gerichtshöfen usw. der gesetzlichen Regelung voraus. Das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933 sah im§ 1 die Möglichkeit für die Landes justizverwaltung vor, die Zulassung von Rechtsanwälten nichtarischer Abstammung bis zum 30. September 1933 zurückzunehmen. Ebenso konnte künftig die Zulassung lediglich wegen nichtarischer Abstammung versagt werden. Das Gesetz betr. die Zulassung zur Patentanwaltschaft vom 28. 1933 ermöglichte die Löschung nichtarischer Patentanwälte in der beim Reichspatentamt geführten Liste und die Versagung der Eintragung von nichtarischen Antragstellern. Die V.O. über die Zulassung von Aerzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen vom 22. April 1933 erklärte die Tätigkeit von Kassenärzten nichtarischer Abstammung für beendet und die Neuzulassung solcher Aerzte bei den Krankenkassen für unstatthaft. In Zweifelsfällen über arische Abstammung waren Gutachten des Vorstandes des Verbandes der Aerzte Deutschlands einzuholen. Eine V.0. vom 2. Juni 1933 erklärte die Tätigkeit von Zahnärzten und Zahntechnikern nichtarischer Abstammung auf Kosten von Krankenkassen für beendet und schloss solche Personen auch künftig von dieser B 8 Tätigkeit aus. Ein preussisches Gesetz vom 12. Juni 1933 ordnete. die Streichung von nichtarischen Verwaltungsräten aus der beim Oberverwaltungsgericht geführten Liste an. Durch ein Reichsgesetz vom 6. Mai 1933 wurde Nichtariern auch die Tätigkeit als Steuerberater untersagt. Die Bestallung als Tierarzt wurde Nichtariern oder mit Personen nichtarischer Abstammung verheirateten Ariern durch§ 3 der Reichstierärzteordnung vom 3. April 1936 versagt. Nach einer V.0. vom 26. März 1936 wurden Juden auch als Pächter von Apotheken nicht mehr zugelassen. Oeffentliche Apotheken, deren Inhaber Juden waren, mussten verpachtet werden. Durch V.0. vom 11. 1. 1936 wurde Juden die Erlaubnis zur" Hilfeleistung in Steuersachen" versagt. Gemäss V.0. vom 7. Juli 1936 sind Juden von der Zulassung zur Fachprüfung der Wirtschaftsprüfer ausgeschlossen. Ebenso wird Juden laut v.0. vom 29. Juni 1936 die erforderliche Erlaubnis zur geschäftsmässigen Hilfeleistung in Devisensachen nicht mehr erteilt. Die Erbhofverfahrensordnung vom 21. 12. 1936 schloss Juden auch von der Ernennung zu Vorsitzenden eines Anerbengerichts, zu Vorsitzenden oder richterlichen Mitgliedern eines Erbhofgerichts oder zu beamteten Mitgliedern des Reichserbhofsgerichts aus. Der Zugang von Nichtariern zum Hochschulstudium wurde durch das Gesetz gegen die Ueberfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 eingeschränkt. Die Zahl der Nichtarier unter der Gesamtheit der Besucher jeder Schule und jeder Fakultät durfte künftig den Anteil der Nichtarier an der reichsdeutschen Bevölkerung nicht mehr übersteigen. Bei der durch das Gesetz vorgeschriebenen Herabsetzung der Besucherzahl in jenen Schularten und Fakultäten, die in einem besonders starken Missverhältnis zum Bedarf der Berufe stand, musste ebenfalls ein angemessenes Verhältnis zwischen der Gesamtheit der Besucher und der Zahl der Nichtarier hergestellt werden. Das Gesetz fand auf öffentliche und private Schulen gleichmässige Anwendung. Die Anteilszahl der Nichtarier für Neuaufnahmen wurde auf 1,5%, die Verhältniszahl für die Herabsetzung der Zahl von Schülern und Studenten suf 5% in Höchstfall festgesetzt. Die Regelung ent B 9 sprach ungefähr jener, die im zaristischen Russland für jüdische Hochschulstudenten bestand. Auf Reichsdeutsche nichtarischer Abstammung, deren Väter im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gekämpft hatten, sowie auf Abkömmlinge aus Ehen, die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes geschlossen waren, fanden sie keine Anwendung, wenn nur ein Elternteil oder zwei Grosselternteile arischer Abstammung waren. Die bei den akademischen freien Berufen zugelassenen Ausnahmen für Frontkämpfer usw. fielen im Herbst 1938 fort. Durch die fünfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 27. 9. 1938 wurde Juden der Beruf des Rechtsanwalts überhaupt verschlossen. Im alten Reichsgebiet mussten die Zulassungen sämtlicher noch vorhandener jüdischer Rechtsanwälte bis 30. November 1938 zurückgenommen werden. Im Lande Oesterreich wurde die Frist bis zum 31. Dezember 1938 erstreckt. Nur in Wien kann für jüdische Frontkämpfer, deren Familien mindestens seit 50 Jahren in Oesterreich anässig sind, vorläufig von der Löschung in der Rechtsanwaltsliste abgesehen werden. Juden werden in die in Oesterreich geführte Liste der Rechtsanwaltsanwärter und Verteidiger nicht mehr eingetragen, eingetragene Juden sind bis zum 31. Dezember 1938 zu streichen. Zur rechtlichen Vertretung und Beratung ausschliesslich von Juden, Jüdischen Gewerbebetrieben und Unternehmungen lässt die Justizverwaltung, soweit ein Bedürfnis besteht, widerruflich sogenannte jüdische Konsulenten zu. Diesen wird ein bestimmter Ort für ihre berufliche Niederlassung zugewiesen. Sie haben nach den Sätzen der Rechtsanwaltsordnung von ihren Auftraggebern im eigenen Namen, jedoch auf Rechnung einer vom Reichsjustizministerium zu bestimmenden Ausgleichsstelle, Gebühren zu erheben. Davon erhalten sie einen Anteil, aus dem Rest kann jüdischen Rechtsanwälten, soweit die Frontkämpfer sind, bei Bedürftigkeit und Würdigkeit( 11) ein jederzeit widerruflicher Unterhaltszuschuss gewährt werden. Nach Massgabe der eingehenden Beträge können unter den gleichen Voraussetzungen auch anderen Juden, soweit sie seit 1. August 1914 in der Rechtsanwaltsliste eingetragen waren, Unterhaltszuschüsse dieser Art bewilligt werden. B 10 Bine ähnliche Regelung wurde durch die vierte Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. Juli 1938 mit v.0. vom 6. Oktober 1938 für die noch verbliebenen jüdischen Aerzte getroffen. Die Bestallungen( Approbationen) jüdischer Aerzte erloschen darnach ausnahmslos am 30. September 1938. Zur ausschliesslichen Behandlung von Juden konnte jedoch jüdischen Aerzten auf Vorschlag der Aerztekammer allenfalls die Ausübung des ärztlichen Berufs unter Auflagen und widerruflich neu gestattet werden. Neuapprobationen von Juden dagegen sind nicht mehr zulässig. Bedürftigen und würdigen jüdischen Aerzten kann, wenn sie Frontkämpfer waren, von der Reichsärztekammer ein jederzeit widerruflicher Unterhaltszuschuss gewährt werden. Mit der Approbation erlosch auch die Eintragung jüdischer Aerzte im Arztregister der Krankenkassen und ihre Zulassung bei solchen. Juden, denen die Ausübung des ärztlichen Berufs ausschliesslich zur Behandlung von Juden neu gestattet ist, können an der kassenärztlichen Versorgung jüdischer Versicherter und deren jüdischer Familienangehörigen mit jederzeit widerruflicher Genehmigung der kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands beteiligt werden. Mit V.O. vom 28. September 1938 wurde Juden auch die allgemeine berufsmässige Ausübung der Krankenpflege verboten. Ebenso wird nichtarischen oder nichtarisch verheirateten Leitern von Krankenpflegeschulen die erforderliche staatliche Anerkennung versagt. Juden dürfen die Krankenpflege nur mehr an Juden oder in jüdischen Anstalten berufsmässig ausüben. Die Ausbildung jüdischer Krankenschwestern und jüdischer Krankenpfleger darf nur an jüdischen Krankenpflegeschulen erfolgen. In diesen dürfen nichtjüdische Personen nicht ausgebildet werden. Kultur-" erneuerung". Ihre wütendsten Angriffe hatten die Nationalsozialisten vor der Machtergreifung gegen die angeblich zersetzende Tätigkeit der Juden im deutschen Kulturleben gerichtet. Indes ging auf diesem Gebiet die" Säuberung", dem Wesen des Propagandaministers Dr. Goebbels entsprechend, in der Hauptsache nicht auf Grund klarer gesetzlicher Vorschriften, sondern hinterhältig vor sich. Die B 11 Handhabe zur Ausschaltung der Juden aus dem Kulturleben bot das Gesetz über die Reichskulturkammer vom 22. September 1933, das die Uebermittlung jeder Schöpfung oder Leistung der Kunst an die Oeffentlichkeit, und jeder anderen geistigen Schöpfung oder Leistung an die Oeffentlichkeit durch Druck, Film oder Funk, also jede künstlerische oder geistige Tätigkeit von der Zugehörigkeit zu einer Berufsorganisation abhängig macht. Die Aufnahme in die einschlägige Berufsorganisation kann aber abgelehnt und ein Mitglied kann ausgeschlossen werden, wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, dass die in Frage kommende Person die für die Ausübung ihrer Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit oder Eignung nicht besitzt. Nach einer Weisung des Propagandaministers Dr. Goebbels vom 7. Februar 1934 an die Fachkammern sind Juden grundsätzlich für ungeeignet zu befinden. Aus der Reichsschrifttum skammer wurden die letzten Juden im Laufe des Jahres 1935 ausgeschlossen. Das Theatergesetz vom 15. Mai 1934 führte für die künstlerischen Leiter der Theater, wie Bühnenleiter, Intendanten, Theaterdirektoren, erste Kapellmeister und Oberspielleiter das Erfordernis der Bestätigung durch den Reichspropagandaminister ein. Bei Theater und Film wurden schon seit 1933 durch den Bühnennachweis nur mehr Kräfte" arischer" Abstammung vermittelt, nichtarische wurden überall entlassen. Spielverbo te wurden auch gegen die nichtarisch verheirateten Künstler erlassen. In die Filmkammer wurde ebenfalls kein Nichtarier mehr als Mitglied aufgenommen. Filme, bei denen nicht alle bei der Herstellung beschäftigten Personen Mitglieder der Filmkammer, also Arier waren, durften nicht mehr aufgeführt werden. Auch im Musikleben wurden alle nichtarischen Künstler und Komponisten geächtet. Den letzten nichtarischen Mitgliedern der Reichsmusikkammer wurden am 31. März 1935 die Ausweise entzogen; die weitere Berufsausübung auf jedem zur Zuständigkeit der Reichskulturkammer gehörendem Gebiete wurde ihnen untersagt. Selbst getauften Voll- und Halbjuden wurde im September 1935 der Organistendienst in christlichen Kirchen verboten. B 12 Das Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933, das für alle Zeitungen und politische Zeitschriften gilt, machte die erforderliche behördliche Zulassung zum Schriftleiter von arischer Abstammung, bei Verheirateten auch von rein arischer Ehe abhängig. Befreiung von diesem Erfordernis wurde nur in Aussicht gestellt bei Personen, die im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder seine Verbündeten gekämpft hatten oder deren Väter und Söhne im Weltkrieg gefallen waren, ferner für Personen, die den Schriftleiter beruf an einer jüdischen Zeitung ausüben wollten und endlich in" besonderen Fällen", aber nur für bestimmte Zwecke, besonders für die Tätigkeit als Handelsredakteur. Verleger, Aktionäre der grossen Zeitungskonzerne und deren Verwaltungsratsmitglieder mussten nach einer Verordnung zur Sicherung der Unabhängigkeit der Presse vom 24. 4. 1935 ihre arische Abkunft und die ihrer Frauen bis zum 1. 1. 1800 zurück beweisen. Der Entzug der Staatsbürgerrechte. Die Forderung des nationalsozialistischen Programms, alle seit dem 2. August 1914 in Deutschland eingewanderten Juden wieder auszuweisen, liess sich im Jahre 1933 aus aussenpolitischen Gründen noch nicht sofort verwirklichen. Die Nationalsozialisten waren daher gezwungen, schrittweise vorzugehen. Durch Gesetz vom 14. Juli 1933 wurden zunächst die in der Zeit zwischen 9. November 1918 und 30. Januar 1933 vollzogenen und jetzt" unerwünschten" Einbürgerungen rückgängig gemacht. Als unerwünscht wurde im Gesetz besonders die Einbürgerung von Ostjuden bezeichnet. Die Behörden machten sich nun daran, die sämtlichen Einbürgerungen von Juden aus Oesterreich, Polen, der Tschechoslowakei, Litauen usw., nachzuprüfen. Von 1919 bis 1933 waren in Deutschland rund 10.300 Ostjuden eingebürgert worden. Bis 1. Juli 1935 waren davon wieder 4.000 ausgebürgert. Die Ausgebürgerten wurden zumeist als Staatenlose, besonders seit Beginn des Jahres 1938, abgeschoben oder ins Konzentrationslager gesperrt. Das Reichsbürgergesetz vom 15. September 1935 brachte sodann die antisemitische Hauptforderung des nationalsozialistischen B 13 Programms der Erfüllung näher: Es nahm sämtlichen deutschen Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Durch das Gesetz wurden zwei Klassen von Staatsangehörigen geschaffen: Reichsbürger mit vollen politischen Rechten und gewöhnliche Staatsangehörige ohne solche Rechte. Reichsbürger kann nach dem Gesetz vom 15. September 1935 nur sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist. Der Reichsbürger ist der alleinige Träger der vollen politischen Rechte. Bis zum Erless weiterer Vorschriften über den Reichsbürgerbrief gelten vorläufig als Reichsbürger jene Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes, die beim Inkrafttreten des Reichsbürgergesetzes, d.1. am 30. September 1935, das Reichstagswahlrecht besassen. Juden können nach diesem Gesetz nicht Reichs bürger sein. Ein Stimmrecht in politischen Angelegenheiten steht ihnen nicht zu. Oeffentliche Aemter können sie nicht bekleiden. Als Jude gilt, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Grosseltern abstammt, ferner wer zwar nur von zwei jüdischen Grosseltern abstammt, aber beim Erlass des Gesetzes der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte oder mit einem Juden verheiratet war. Stimmabgabe durch Juden wird nach dem Gesetz über das Reichstagswahlrecht vom 7. März 1936 mit Gefängnis bestraft. Das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben wurde Juden durch 8 4 des Rassenschutzgesetzes vom 15. September 1935 bei Meidung von Gefängnisstrafe verboten. Vom Wehrdienst, der nach deutscher Auffassung Ehrensache ist, wurden die Juden bereits durch das Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 ausgeschlossen. Arische Abstammung ist darin als Voraussetzung für den aktiven Wehrdienst bezeichnet. In der Fassung des geänderten Wehrgesetzes vom 26. Juni 1936 lautet die Bestimmung, dass ein Jude nicht aktiven Wehrdienst leisten kann. Jüdische Mischlinge können nicht Vorgesetzte in der Wehrmacht werden. Personen, deren beide Eltern jüdischen Blutes sind, ferner Personen, die drei jüdische Grosselternteile haben, werden, soweit sie wehrfähig sind, ausnahmslos der Ersatzreserve II überwiesen. Die Dienstleistung von Juden im Kriege bleibt besonderer Regelung vorbehalten. Das bereits im§ 15 des Wehrgesetzes vom 21. Mai B 14 1935 für Angehörige arischer Abstammung der Wehrmacht und des Beurlaubtenstandes ausgesprochene Eheverbot mit Personen nichtarischer Abstammung wurde durch das Rassenschutzgesetz vom 15. September 1935 überflüssig. Jeder Dienstpflichtige ist von der Polizeimeldestelle über den Begriff des Juden zu unterrichten. Er hat eine Erklärung abzugeben, dass er über den Begriff des Juden aufgeklärt sei und ihm keine Umstände bekannt seien, dass er Jude sei. Etwa erforderliche Ermittelungen über die Abstammung werden von Amts wegen vorgenommen. Nach 7 des Reichsarbeitsdienstgesetzes vom 26. 6. 1935 in der Fassung des Gesetzes vom 19. März 1937 werden Juden auch nicht zum Reichsarbeitsdienst zugelassen. Jüdische Mischlinge können auch nicht Vorgesetzte im Reichsarbeitsdienst werden. Die erste Durchführungsverordnung zum Luftschutzgesetz vom 4. Mai 1937 sieht für Juden vor, dass sie auf dem Gebiet des Werkluftschutzes, des Selbstschutzes und des erweiterten Selbstschutzes zur Luftschutzdienstpflicht herangezogen werden können, wenn es zum Schutze ihrer Person oder ihres Eigentums notwendig ist. Darüber hinaus ist ihre Heranziehung nur auf Grund besonderer Bestimmungen zulässig, die der Reichsminister der Luftfahrt und der Oberbefehlshaber der Luftwaffe im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Innern erlässt. Juden, die der alten oder der neuen Wehrmacht, der österreichisch- ungarischen Wehrmacht oder dem österreichischen Bundesheer angehört und das Recht zum Tragen einer Uniform erhalten hatten, wurde dieses Recht mit Erlass des Führers und Reichskanzlers vom 16. November 1938 entzogen. Die Stempelung der Juden zum Fremdvolk und ihre völlige staatsbürgerliche Entrechtung wurde im Laufe des Jahres 1938 weitergetrieben. Nach einer V.0. vom 17. August 1938 dürfen Juden nur solche Vornamen beigelegt werden, die in den vom Reichsminister des Innern herausgegebenen Richtlinien über die Führung von Vornamen aufgeführt sind. Soweit Juden bereits andere Vornamen führen, müssen sie vom 1. Januar 1939 ab zusätzlich einen weiteren Vornamen und zwar" Israel" bzw." Sara" annehmen. Soweit es im B 15 Geschäftsverkehr üblich ist, den Namen anzugeben, müssen Juden stets auch wenigstens einen ihrer Vornamen führen. Sind sie zur Annahme eines zusätzlichen Vornamens verpflichtet, so ist auch dieser Name zu führen. Vorsätzliche Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften werden mit Gefängnis bis zu 6 Monaten, fahrlässige mit Gefängnis bis zu 1 Monat bestraft. Nach einer Bekanntmachung über den Kennkartenzwang vom 23. Juli 1938 haben Juden deutscher Staatsangehörigkeit unter Hinweis auf ihre Eigenschaft als Juden bis zum 31. Dezember 1938 bei der zuständigen Polizeibehörde die Ausstellung einer Kennkarte zu beantragen. Für Juden, die nach Inkrafttreten dieser Bekanntmachung geboren werden, ist der Antrag innerhalb 3 Monaten nach der Geburt(!) zu stellen. Juden über 15 Jahre haben sich, sobald sie eine Kennkarte erhalten haben, auf amtliches Erfordernis jederzeit über ihre Kennkarte auszuweisen. Bei Anträgen, die sie an amtliche oder parteiamtliche Dienststellen richten, haben sie unaufgefordert auf ihre Eigenschaft als Jude hinzuweisen, soweit ihre Kennkarte und deren Kenn- Nummer anzugeben oder, falls die Anträge mündlich gestellt werden, unaufgefordert ihre Kennkarte vorzulegen. Das Gleiche gilt für jede Art von Anfragen und Eingaben, die Juden an amtliche oder pe rteiamtliche Dienststellen richten, sowie bei der polizeilichen Meldung. Wird ein Jude durch eine dritte Person vertreten, so hat der Vertreter unaufgefordert auf die Eigenschaft des Vertretenen als Juden hinzuweisen, sowie Kennwort und Kenn- Nummer der Kennkarte anzugeben. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bis zu einem Jahr und mit Geldstrafe bestraft. Durch V.0. vom 5. Oktober 1938 wurden dann alle Reisepässe von Juden, die sich im Reichsgebiet aufhielten, für ungültig erklärt. Die Passinhaber mussten ihre Pässe den Behörden innerhalb von zwei Wochen zurückgeben. Die mit Geltung für das Ausland ausgestellten Reisepässe werden wieder gültig, wenn sie von der Passbehörde mit einem vom Reichsminister des Innern bestimmten Merkmal versehen sind, das den Inhaber, als Juden kennzeichnet. Zuwiderhandlungen werden mit Haft oder Geldstrafe belegt. Die Rassenschutzgesetzgebung. B 16 Nach Hitlers Auffassung" hat der völkische Staat die Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Daseins zu setzen", insbesonders " für ihre Reinhaltung zu sorgen"." Rassenschande", aus der angeblich nur" Missgeburten zwischen Mensch und Affe" hervorgehen, sollte im nationalsozialistischen Staat unmöglich gemacht werden. Die Reinhaltung der Rasse wurde nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten als Sonderaufgabe zunächst dem Bauernstand anvertraut. Nach dem Erbhofgesetz vom 26. September 1933 ist" bauernfähig" nur, wer deutschen oder stammesgleichen Blutes ist, d.h. wer bis 1. 1. 1800 zurück keinen jüdischen oder farbigen Vorfahren hat. Deutsche jüdischer Abstammung können also keine Bauern sein. Dem Zweck der Reinhaltung der Rasse diente sodann das Gesetz vom 23. November 1933, nach dem die erforderliche gerichtliche Bestätigung der Annahme an Kindesstatt besonders bei" rassischer Verschiedenheit der Beteiligten" verweigert werden muss. Die Anschauung Hitlers und Streichers, dass jede Geschlechtsverbindung zwischen Angehörigen der" arischen" Rasse und Juden " Rassenschande" sei und zu einer" bastardisierten" Nachkommenschaft fühle, setzte sich bereits im Laufe des Jahres 1934 bei den Gerichten durch. Jüdische Mischehen wurden, auch wenn sie vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten eingegangen waren, für ungültig erklärt, weil der arische Teil eine solche Ehe " in verständiger Würdigung des Wesens der Ehe nicht geschlossen hätte, wenn er schon bei ihrer Eingehung die ihm von der nationalen Revolution vermittelten Kenntnisse über die Rassenfrage gehabt hätte"( Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 2. März 1934, in der Juristischen Wochenschrift 1934, Nr. 22, Seite 1371). Seit Beginn des Jahres 1934 weigerten sich dann auf höhere Weisung auch die Standesbeamten, Ehen zwischen Juden und Ariern zu vollziehen. Beschwerden gegen diese damals noch völlig ungesetzliche Praxis wurden von den Gerichten zurückgewiesen, weil B 17 ie nationalsozialistische Weltanschauung mit der Machtübernahme durch Hitler die Grundlage des deutschen Rechtes geworden sei. Unter Berufung auf die nationalsozialistischen Grundsätze wurden von den Gerichten auch Kinder aus geschiedenen Ehen gegen den damaligen Wortlaut des§ 1635 des Bürgerlichen Gesetzbuches dem schuldigen" arischen" Teil und nicht dem unschuldigen" nichtarischen" zugesprochen. Lehrverträge" arischer" Mündel mit jüdischen Lehrherren nicht genehmigt, jüdische Testamentsvollstrecker entgegen dem Willen des Erblassers nicht ernannt oder abberufen usf. An zahlreichen Orten Deutschlands wurden Juden und" arische" Mädchen wegen" Rassenschande" mit Plakaten um den Hals durch die Strassen geführt und hernach in Konzentrationslager gesteckt, lange bevor der Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden gesetzlich verboten war. Viele Lichtbilder im" Stürmer" aus den Jahren 1934 und 1935 geben Aufschluss darüber. Auf dem Nürnberger Parteitag" der Freiheit" wurde dann durch das" Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935 die Eheschliessung und der Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes bei Zuchthausstrafe verboten. Staatsangehörige jüdische Mischlinge mit zwei volljüdischen Grosseltern bedurften nach der Ausführungsverordnung vom 14. November 1935 zur Eheschliessung mit Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes oder mit staatsangehörigen jüdischen Mischlingen mit nur einem volljüdischen Elternteil der Genehmigung des Reichsministers des Innern und des Stellvertreters des Führers. Alle Verlobten hatten nunmehr vor dem Standesamt durch Ehetauglichkeitszeugnis nachzuweisen, dass im Hinblick auf die Rasseschutzbestimmungen kein Hindernis gegen die beabsichtigte Ehe vorhanden sei. Aus Gründen des Rassenschutzes wurde Juden durch das Gesetz vom 15. September 1935 auch verbo ten, in ihrem Haushalt weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwand ten Blutes unter 45 Jahren zu beschäftigen. Die Ausführungsverordnung vom 14. 11. 1935 milderte das Verbot dahin, dass Hausgehilfinnen, die beim Erlass des Gesetzes in einem jüdischen Haushalt beschäftigt waren B 18 und bis zum 31. Dezember 1935 das 35. Lebensjahr vollendeten, in ihrem bisherigen Arbeitsverhältnis bleiben durften. Zwecks Feststellung der Rasse eines Kindes haben sich nach 9 des Gesetzes vom 18. April 1938 in Familienrechtsstreitigkeiten die Parteien und Zeugen erb- und rassekundlichen Untersuchungen zu unterwerfen. Gegen Widerstrebende kann unmittelbarer Zwang angewendet werden. Nach§ 12 dieses Gesetzes können Annahmen an Kindesstatt bei rassischer Verschiedenheit der Beteiligten auf Antrag der höheren Verwaltungsbehörde wieder aufgehoben werden. Verdrängung aus Gewerbe und Handel. Die Entfernung der Juden aus der Wirtschaft begann bereits im März und April 1933. Zahlreiche jüdische Geschäfte und Unternehmungen gingen damals durch mehr oder minder sanften Druck aus jüdischen Händen in die von" Ariern" über. Die Juden wurden damals schon aus den Vorständen und Aufsichtsräten der Aktiengesellschaften, aus wirtschaftlichen Organisationen, wie dem vorläufigen Reichswirtschaftsrat, dem Reichskohlenrat, dem Reichskalirat, dem Vollzugsrat der genossenschaftlichen Zentralbank, dem Verwaltungsrat der Bank für deutsche Industrieobligationen, den Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer verdrängt. Juden wurden auch von der" Arbeitsfront" ausgeschlossen und damit. bei Verlust ihres bisherigen Arbeitsverhältnisses praktisch in die Unmöglichkeit versetzt, ein neues zu finden. Jüdische Geschäfte wurden als solche gekennzeichnet und boykottiert, der Einkauf in solchen einem immer grösseren Teil der Bevölkerung durch Terror unmöglich gemacht. Zahllose jüdische Angestellte und Arbeiter wurden entlassen. Die noch gewalttätigeren" Arisierungsmethoden", die man dann im Frühjahr 1938 im eroberten Oesterreich anwandte, sind noch in frischer Erinnerung. Die gesetzliche Verdrängung der Juden aus bestimmten Gewerbebetrieben setzte in der Hauptsache im Jahre 1938 ein. Durch Gesetz vom 5. Februar 1938 wurde Juden die Erlaubnis zur gewerbsmässigen Versteigerung fremder Sachen untersagt. Das Waffengesetz B 19 vom 18. März 1938 verbot die Erteilung der Erlaubnis an Juden zur gewerbsmässigen Herstellung, Bearbeitung oder Instandsetzung von Schusswaffen oder Munition; auch die für die kaufmännische oder technische Leitung eines solchen Betriebes in Aussicht genommenen Personen dürfen nicht Juden sein. Durch eine Anordnung vom 26. April 1938 wurde die Neueröffung eines jüdischen Gewerbebetriebes oder der Zweigniederlassung eines solchen, ferner die Veräusserung oder Verpachtung eines gewerblichen land- oder forstwirtschaftlichen Betriebes, sowie die Bestellung eines Niessbrauchs an einem solchen Betrieb, wenn an dem Rechtsgeschäft auch nur ein Jude als Vertragsschliessender beteiligt ist, ferner die Verpflichtung zur Vornahme eines solchen Rechtsgeschäfts genehmigungspflichtig gemacht. Durch Missbrauch von Formen und Gestaltungsmöglichkeiten des bürgerlichen Rechts darf die Genehmigungspflicht nicht umgangen werden. Vorsätzliche oder fahrlässige Uebernahme, Behalten, Ueberlassen oder Belassen eines gewerblichen usw. Betriebs ohne die erforderliche Genehmigung oder die Neueröffnung eines jüdischen Gewerbes oder der Zweigniederlassung eines solchen wurde mit Gefängnis oder Geldstrafe, in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bis zu 10 Jahren bedroht. Der Begriff des" jüdischen Gewerbebetriebs" ist in der Dritten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. Juni 1938 erläutert. Darnach gilt ein Gewerbebetrieb als jüdisch, wenn der Inhaber Jude ist. Offene Handelsgesellschaften oder Kommanditgesellschaften gelten als jüdisch, wenn ein oder mehrere persönlich haftende Gesellschafter Juden sind. Gewerbebetriebe einer juristischen Person( G.m.b.H., A.G.) gelten als jüdisch, wenn eine oder mehrere von den zur gesetzlichen Vertretung berufenen Personen oder eines oder mehrere von den Mitgliedern des Aufsichtsrates Juden sind oder wenn Juden nach Kapital oder Stimmrecht entscheidend beteiligt sind, d.h. wenn mehr als 1/4 des Geschäftskapitals Juden gehört oder wenn die Stimmen der Juden die Hälfte der Gesamtstimmenzahl erreichen. Ein Gewerbebetrieb gilt schliesslich auch dann als jüdisch," wenn er tatsächlich unter dem beherrschenden Einfluss von Juden steht". Ein deutscher Staatsan B 20 angehöriger, der aus eigennützigen Beweggründen dabei mitwirkt, " den jüdischen Charakter eines Gewerbebetriebes zur Verführung der Bevölkerung oder der Behörden bewusst zu verschleiern", wird nach der V.0. gegen die Unterstützung der Tarnung judischer Gewerbebetriebe vom 22. April 1938 mit Zuchthaus, in weniger schweren Fällen mit Gefängnis, jedoch nicht unter 1 Jahr, und mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer für einen Juden ein Rechtsgeschäft schliesst und dabei unter Irreführung des anderen Teils die Tatsache, dass er für einen Juden tätig ist, verschweigt. Durch Gesetz zur Aenderung der Gewerbeordnung vom 6. Juli 1938 wurde Juden und jüdischen Unternehmungen mit eigener Rechtspersönlichkeit der Betrieb folgender Gewerbe untersagt: des Bewachungsgewerbes, der gewerbsmässigen Auskunftserteilung über Vermögensverhältnisse oder persönliche Angelegenheiten, des Handels mit Grundstücken, der Geschäfte gewerbsmässiger Vermittlungsagenten für Immobilienverträge und Darlehen, des Gewerbes der Haus- und Grundstücksverwalter, der gewerbsmässigen Heiratsvermittlung mit Ausnahme der Vermittlung von Ehen zwischen Juden oder zwischen Juden und Mischlingen ersten Grades, und des Fremdenführergewerbes. Die Fortsetzung solcher Gewerbebetriebe durch Juden kann polizeilich verhindert werden. Juden, die zur Zeit des Inkrafttretens dieses Gesetzes Grundstückshandel betrieben haben, ist dies bis 31. Dezember 1938 erlaubt, den übrigen jüdischen Gewerbetreibenden wurde der Betrieb der vorgenannten Gewerbe nur noch auf die Dauer von 1- 3 Monaten gestattet. Nach dem gleichen Gesetz ist Juden grundsätzlich der Wandergewerbeschein zu versagen, ferner kann ihnen die Legitimationskarte für Handelsreisende versagt und entzogen werden, es kann ihnen das Feilhalten von selbstgewonnenen oder rohen Erzeugnissen der Land- und Frostwirtschaft, des Garten- und Obstbaus, der Geflügel- und Bienenzucht, sowie der selbstgewonnenen Erzeugnisse der Jagd und Fischerei, ferner das Feilbieten von selbstverfertigten Waren als Gegenständen des Wochenmarktverkehrs oder das Anbieten von gewerblichen Leistungen innerhalb 15 km des Wohnortes, ferner das gewerbsmässige Ausrufen, Verkaufen, Ver B 21 teilen, Anheften und Anschlagen von Druckschriften oder anderen Schriften oder Bildwerken auf öffentlichen Strassen, Wegen und Plätzen untersagt werden. Jüdische Wandergewerbescheine verloren ihre Gültigkeit mit dem 30. September 1938, alle Wandergewerbescheine, Legitimationskarten und Stadthausierscheine im Besitz von Juden mussten sofort an die Gewerbepolizeibehörden abgeliefert werden. Entschädigungen für persönliche oder wirtschaftliche Nachteile aus diesen Massnahmen werden nach ausdrücklicher Vorschrift des Gesetzes nicht gewährt. Die wirtschaftliche Vernichtung. Der Vorbereitung der wirtschaftlichen Vernichtung der deutschen Juden diente die V.0. über die Anmeldung des Vermögens der Juden vom 26. April 1938. Darnach musste jeder deutsche Jude sein gesamtes in- und ausländisches Vermögen-Juden fremder Staatsangehörigkeit nur ihr inländisches Vermögen- ohne Rücksicht auf etwaige Steuerfreiheit anmelden und bewerten. Die Anmelde- und Bewertungspflicht traf auch den nichtjüdischen Ehegatten eines Juden. Lediglich Gegenstände des persönlichen Gebrauchs und Hausrat, soweit er nicht Luxusgegenstände enthielt, wurde nicht zum Vermögen gerechnet. Die Anmeldepflicht entfiel, wenn der Gesamtwert des anmeldepflichtigen Vermögens ohne Berücksichtigung der Verbindlichkeiten 5.000 Reichsmark nicht überstieg. Verletzung der Anmeldepflicht wurde in besonders schweren Fällen vorsätzlicher Zuwiderhandlung mit Zuch thausstrafe bis zu 10 Jahren bedroht. Aus dem Leitartikel Erich Schröters in Nr. 540 der" Berliner Börsenzeitung" vom 18. November 1938 ergibt sich, dass diese " Inventarisierungsverordnung" vom 26. April 1938 bereits" die kommende Heranziehung des jüdischen Besitzes bedeutete". Die Schüsse Grünspans auf einen Mitarbeiter des deutschen Botschafters in Paria haben nach Schröter nur" den vorzeitigen Start von Massnahmen ausgelöst". Diese Massnahmen bestanden zunächst darin, dass am 8., 9. und 10. November 1938 von organisierten Banden die jüdischen Bethäuser in ganz Deutschland angezündet und fachmännisch in die B 22 Luft gesprengt, die jüdischen Läden und Wohnungen verwüstet, die Jüdischen Säuglings- und Altersheime geschlossen und zahllose Juden von 15 bis 70 Jahren in die Konzentrationslager gesperrt wurden. Wie immer wurden die Gewalttaten durch die Gesetzgebung nachträglich" legalisiert". Nach der V.0." zur Wiederherstellung des Strassenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben" vom 12. November 1938 mussten alle Schäden, welche" durch die Empörung des Volkes über die Hetze des internationalen Judentums gegen das nationalsozialistische Deutschland" in der Zeit vom 8. bis 10. November 1938 an jüdischen Gewerbebetrieben und Wohnungen entstanden waren, von den jüdischen Inhabern oder jüdischen Gewerbetreibenden auf ihre Kosten sofort beseitigt werden. Ausserdem wurden die aus diesen Vorfällen entstandenen Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit zugunsten des Reiches beschlagnahmt. Damit nicht genug, wurde durch eine weitere V.0. vom 12. November 1938 den Juden deutscher Staatsangehörigkeit eine" Sühneleistung" für den Mord in Paris in Höhe von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt. Nach zuverlässigen Schätzungen bedeutet diese" Kontribution" annähernd die Enteignung der Hälfte des jüdischen Vermögens in Deutschland. Um den deutschen Juden jede Möglichkeit zu nehmen, auch in Zukunft jemals wieder hochzukommen, wurde am 12. November 1938 die" Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" erlassen. Nach ihr ist Juden vom 1. Januar 1939 ab der Betrieb von Einzelverkaufsstellen, Versandgeschäften oder Bestellkontoren, sowie der selbständige Betrieb eines Handwerks untersagt. Ferner ist ihnen mit Wirkung vom gleichen Tag verboten, auf Märkten aller Art, Messen oder Ausstellungen Waren oder Gewerbeleistungen anzubieten, dafür zu werben oder Bestellungen darauf anzunehmen. Jüdische Gewerbebetriebe, die entgegen diesem Verbot weitergeführt werden, sind polizeilich zu schliessen. Vom 1. Januar 1939 an kann ferner kein Jude mehr Betriebsführer im Sinne des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. 1. 1934 sein. Juden, die in einem wirtschaftlichen Unternehmen als leitende Angestellte tätig sind, kann mit einer Frist von 6 Wochen gekündigt werden. Mit Ablauf der Kündigungsfrist B 23 erlöschen alle Ansprüche des Dienstverpflichteten aus dem gekündigten Vertrag, insbesonders auch Ansprüche auf Versorgungsbezüge und Abfindungen. Kein Jude kann endlich mehr Mitglied einer Genossenschaft sein, Juden scheiden aus allen Genossenschaften ohne besondere Kündigung zum 31. Dezember 1938 aus. Die jüdischen Einzelhandelsgeschäfte sollen zu zwei Dritteln überhaupt verschwinden, der Rest soll" arisiert" werden. Die etwa der Plünderung und Zerstörung am 8. bis 10. November 1938 entgangenen Warenvorräte werden verkauft. Die Ueberleitung erfolgt unter Einschaltung von Partei, Wirtschaftsgruppen und Polizei. Durch eine V.0. vom 27. November 1938 werden die deutschen Juden auch von der öffentlichen Fürsorge ausgeschlossen und an die freie jüdische Wohlfahrtspflege verwiesen. Um verzweifelten Juden die Möglichkeit einer Einzelaktion gegen ihre Bedrücker zu nehmen, wurde am 11. November 1938 eine Verordnung gegen den Waffenbesitz der Juden verkündet. Sie untersagt Juden den Erwerb, den Besitz und das Führen von Schusswaffen und Munition sowie von Hieb- und Stichwaffen. Die Juden haben die in ihrem Besitz befindlichen Waffen und Munitionsvorräte, die dem Reich ohne Entschädigung verfallen sind, unverzüglich an die Ortspolizeibehörden abzuliefern. Zuwiderhandlungen werden bestraft, in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren. Auf diese Weise will man die Juden ohne eigene Gefahr ihrem Schicksal überliefern. Dieses Schicksal besteht nach der in der Judenpolitik führend gewordenen Zeitung der SS" Schwarzes Korps" vom 23. November 1938 darin, die Juden völlig verarmen und in die Kriminalität absinken zu lassen, um sie dann mit Feuer und Schwert auszurotten". Die Rettung der Juden vor diesem Schicksal soll nur dadurch möglich sein, dass das Ausland ihren Abtransport und ihre Neuansiedlung übernimmt. B 24 Auswanderung? In dieser Zusammenstellung der Entrechtungsmassnahmen gegen die deutschen Juden sind nur die reichsgesetzlichen Vorschriften berücksichtigt. Es fehlen die zahlreichen örtlichen Aufenthaltsund Niederlassungsverbote, die Strassen-, Park- und Badeverbote, die Hotel-, Gaststätten-, Theater- und Kinoverbote, die Bibliotheken- und Museensperre, die Kurorteverbote, die Lebensmittelabgabeverbote, die Wohnungsverbote, die Aechtungen jedes freundschaftlichen Verkehrs, sogar des Kartenspiels mit Juden. Es fehlen die gewaltsamen Judenaustreibungen, die Einsperrungen von tausenden unschuldiger Juden in Konzentrationslager, wo sie einer besonders niederträchtigen Behandlung ausgesetzt und zu Hunderten ermordet worden sind. Den Juden aber, die sich aus dieser Hölle retten wollten, war die Auswanderung schon bisher ungeheuer erschwert. Zunächst mussten jüdische Auswanderer 25% ihres Vermögens, und zwar nach den längst unterschrittenen Werten des Jahres 1931 gerechnet, an das Reich als Fluchtsteuer abgeben. Für den Rest konnte die Reichsbank eine Transfergenehmigung erteilen, d.h. der Rest des jüdischen Vermögens durfte auf dem Wege über die Auswanderersperrmark ins Ausland gebracht werden, sofern sich ein Käufer dafür fand. Bei der Entwertung der Auswanderersperrmark konnten aber Juden günstigstenfalls noch 15 bis 20% ihres nach dem Verkauf ihrer Sachen übriggebliebenen Vermögens ins Ausland retten. Heute wird auch dieser letzte Ausweg durch die Enteignung eines grossen Teils der jüdischen Vermögen in Deutschland unmöglich gemacht. Die Juden sollen nach dem Willen der Nationalsozialisten nackt und bloss an die deutschen Grenzen gestellt und der " christlichen Barmherzigkeit" oder" kindlichen Humanitätsduselei" der übrigen Völker, wie sich das" Schwarze Korps" ausdrückt, überlassen werden. Allem Anschein nach sind die demokratischen Staaten bereit, in christlicher Geduld auch diese Heimsuchung über sich ergehen zu lassen. Die Behinderung der deutschen Machtheber an ihren barbarischen Judenverfolgungen würde den Staatsmännern der demokratischen Staaten als völkerrechtlich verbotene B 25 Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Dritten Reiches erscheinen. Sie haben vergessen, dass Hugo Grotius, der Vater des Völkerrechts, im II. Buch Kapitel XXV, VIII seines" Kriegsund Friedensrechts" eine Intervention gegen fremde Herrscher billigt," die ihr eigenes Volk misshandeln", und dass die Vereinigten Staaten von Amerika noch im Jahre 1898 ihre Intervention in Cuba mit den" allgemeinen Interessen der Menschheit und der Kultur" begründeten. Sie werden sich also nicht wundern dürfen, wenn die Herren des Dritten Reichs nach einem siegreichen Krieg gegenüber den besiegten Völkern die gleichen Entrechtungsmethoden gebrauchen, die sie heute den wehrlosen deutschen Juden gegenüber zur Anwendung bringen. Die Deutschland-Berichte, die der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Paris, seit 1934 monatlich herausgibt, haben die Aufgabe, die Entwicklung in Deutschland auf allen wichtigen gesellschaftlichen Gebieten zu verfolgen. Sie beruhen auf der Arbeit einer organisierten politischen Berichterstattung, de.ren Beobachtungsfeld sich insbesondere auf folgende Gebiete erstreckt: Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungskreisen. Die Lage in den Betrieben. Die Wirtschaftslage: Arbeitsmarkt; Preisentwicklung; Lebensmittelversorgung; Rohstoffversorgung; Geld und Kredit. Handel und Gewerbe. Landwirtschaft. Sozialpolitik.' Lohnpolitik.: Steuerpolitik. Korruption und Misswirtschaft. Terror. fugend: Hitler-fugend; Schule; Hochschulen. Kirchenfragen. Kulturpolitik. NS-Organisationen: NSDAP, SA, SS. Arbeitsdienst. Verwaltung. In allen Landesteilen und Gesellschaftsschtchten arbeiten Berichterstatter als Glieder der illegalen sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland an dieser Aufgabe mit. Auf der grossen Zahl von Einzelmeldungen, die sie übermitteln, beruht die Zuverlässigkeit und Objektivität der Gesamtberichterstattung, ihre Sicherung gegen Zufälligkeiten und subjektive Verzerrungen. Die Berichterstatter kommen nach Möglichkeit selbst zu Wort, um einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung und den Geschehnissen in Deutschland zu geben. Den Nachrichten und Berichten im Teil A sind regelmässig im Teil B kritische Uebersichten angegliedert, in denen die Entwicklung auf den einzelnen Beobachtungsgebieten unter grösseren Gesichtspunkten zusammenfassend" dargestellt wird. Als Manuskript hergestellt SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI DEUTSCHLANDS (Sopade), 30, rue des Ecoles, Paris(51 Le Gerant: Georges GIRARD. IMPRIMERIE SPECIALE 30, rue des Ecoles, Paris(51