Nr. 213. ZUwmuments- Kedwgiingen: «bonnementi-PretS pränumerando! vlerteljährl. 3L0 Mr.. monall. l.ioMr.. wöchentltch SS Pfg. frei WS Hau». Eiiuelne Numm'r 5 PIg. Sonntag«. Nummer mit illuNrlerier Sonntag«. Beilage„Tis Neu« Welf lo Pfg. Post» Pbonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung«, Preitliste für lv vi) unter fit. 7071. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn S Marl, für da» übrige Autland 3 Marl pro Monat, Erscheint tiiglich«nfter Ziionleg». 17. Jahrg. Vevlinev Volksbl�kk. Dt« Insertlons- Gebühr beträgt für die s-chZgefpaltene Kolonel« zeile ober deren Raum«0 Pfg., für politische und gewerlschastliche Verein«- und Versammlung«-Anzeigen 20 Psg. „Kleine Knleigeu" jede» Wart 3 Pig. (nur da« erste Wort sett). Inserate sür die nächste Nummer müssen bi» t Uhr nachmittag« in dsrErpedilion abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bi« s Uhr vormittag» geossnu. Fernsprecher:»ml l, Hr. 1508. Telegramm-Adresse: „Soriatdrinokral vrrlin" Centraiorgan der socialdemokratischen Vartei Deutschlands. Redaktion: sw, 19, Beuth-Strahe 2. Fernsprecher: Amt I. Nr. 1S08. Donnerstag, den 13. September 1900. Expedition: SW. 19, Beuch-Strafte 3. Fernsprecher: Amt l, Nr. LISI. Der Kriegsrat der Bauherrn. Dresden» den 11. September 1g. Dem Delegiertentag des JnnungSverbands deutscher Baugewerls Meister folgte heute die zweite Generalversammlung des ArbeitgeberbundS für das Baugewerbe. Aeuherlich tnig die heutige Versammlung ganz das Gepräge wie die gestrige man sah dieselben Gesichter und auch am BorstandStisch be merkte man zum Teil die Herren, die beim JnnungStag dort sahen. Der Geist der Eintönigkeit und der Langeweile, der am Mow tag vorherrschte, war jedoch verschwunden, um den Scharfmacher� bestrebungen Platz zu machen, die heute völlig unverhüllt und lebhaft zu Tage traten. Gestern war man bemüht/ die zünftlcrischcn Ideen in Gesetzespläne umzumünzen, heute hielten die Vertreter des Unter- nehmertums im Baugewerbe Kriegsrat über die zukünftige Taktik im rücksichtslose» Kampf gegen die Bauarbeiter. Eingeleitet wurden die Verhandlungen des ArbeitgeberbtmdS mit einem Bericht über die Entwicklung deS ArbeitgeberbundS den der Vorsitzende. Baumeister Feilsch aus Berlin erstattete Demnach besteht der Bund gegenwärtig auS 104 Vereinen gegen 66 im Vorjahr. Die im vorigen Jahr in Karlsruhe beschlossene Kriegs lasse ist verwirklicht worden! es sind bereits 18 800 M eingezahlt worden, darunter aus Berlin 6000 und Dresden LOOO M Durch Wanderredner sollten die Arbeitgeber im Baugewerbe von der Notwendigkeit deS Zusammenschlusses überzeugt iverden, Redner stünden auch zur Verfügung, eS fei aber bedauerlich, dafe sich so wenig Verlangen danach bemerkbar mache und große Städte, wie München, Hamburg u. a. eine ablehnende Haltung gegen den Bund einnehmen. Redner schildert hierauf den Stand der Unternehmerorganisation in den einzelnen Ländern uud meint, es sei wenig Anlaß da, mit de» erzielten Resultaten zufrieden zu sein. In einzelnen Landesteilen mache sich eine direkte Abneigung gegen den Bund bemerkbar: das gelte besonders von B a her n. Lokalverbände kämen zumeist erst dann zu stände, wenn ein größerer Streik ausgebrochen ist, das sei falsch. Wir befinden uns in» Krieg, dazu brauchen wir Soldaten; ein im Moment deS Gefechts geschaffenes Volksheer kann uns ivenig nützen: wir brauchen kämpf- geübte Truppen, sonst werden wir die ersten Schlachten immer ver- lieren. Darum niüsscn wir auch im Frieden rüsten, um im Kampfe, der unö aufgedrungen wird(?), gerüstet zu sei».(Beifall.) Ein weiterer schwerer Fehler ist. daß bei Streiks und AuS- sperrungen ausständige Arbeiter eines Bezirks von Arbeit- gebern andrer Städte aufgenomnien>v erden. Das kann und darf so nicht weiter gehen. Gemeinschaftliche Maßregeln gegen Streikende muß unsre Hauptaufgabe werden. Leider ist erst aus letzter Zeit zu melden, daß ausständige Arbeiter in großer Zahl in Arbeit genommen wurden.(Rufe: Nanten Neimen l Danzig!) Ein weit verbreiteter Irrtum ist es, die L i st e n(gemeint sind die schwarzen Listen) als einziges und sicher wirkendes Mittel gegen die Anstellung streikender Arbeiter zu betrachten. Die Er- fahrung hat längst gelehrt, daß dies nicht der Fall ist und der Nutzen in keinem Verhältnis zu den hohen Kosten steht. Es giebt ein andres Mittel, daß weit einfacher und iveniger kostspielig ist: Stellen Sie keine Arbeiter ohne ordnungsgemäßes Abgangözengniö et«!(Sehr richtigst Weisen Sie jeden Gesellen zurück, desien Papiere nicht ordnungsgemäß sind I Der Vorstand hat sich die Förderung der BundcSintercsscn in jeder Beziehung angelegen sein lassen. Eine gute Wirkung hatten besonders kurz gefaßte Artikel, die wir Redaktionen über Mittelteil und die durch die Presse Verbreitung fanden. Dadurch ist vielfach der Anstoß zur Gründung von Lokalverbänden gegeben worden. Es blciht jedoch noch viel zu wünschen übrig. Wie früher, so hat auch in diesem Jahre der Bund Angaben über Löhne eingefordert und die verschiedenen Lohn sätze zusammeugestellt. �— Im Mai d. I. gelangte durch den Bundesvorstand eine Eingabe an Behörden und städtische Körperschaften zur Aufnahme der Streikklausel in Bauverträge. Darin haben wir nachgewiesen, wie notwendig die Aufnahme der Klausel ist. lind ich kann hier nur besonders hervorheben: Die Streikklausel ist eine der wichtigsten Aufgabe» des Arbeitgeber- bunds, sie wird uns Frieden und Ruhe bringen. Lassen Sie mich zum Schluß nochmals darauf hinweisen, daß es notwendig ist im Frieden den Krieg vorzubereiten. In erster Linie gilt eS, Maßregeln zu treffen, die die Beschäftigung Streikender ver- hindern; d. h. wir müssen dem Feinde(gemeint sind die Arbeiter) das Wasser abgraben; dann aber müssen wir auch die Streikklausel zur Geltung bringen. Das sind unsre nächsten und wichtigsten Aufgaben, deren Durchführung wir sofort in Angriff nehmen müssen.(Lebhafter Beifall.) In der Debatte über den Bericht, der eine Fanfare in des Wort« wirklicher Bedeutung war. bemerkt Lachmann: Alle bisher gemachten Vorschläge werden die Ein- stellung st reitender Arbeiter nicht vollständig verhindern. Was nützen uns Listen und sonstige Anweisungen, wenn die Poliere, die Arbeiter einstellen, die Anordnungen nicht befolgen. Sehr viele Bauherren beschäftigen gegen ihren Willen Streikende. Hier kann nur gründlich Abhilfe herbeigeführt werden, wenn man die Lokalverbände verpflichtet, besondere Controleure anzustellen, die auf Grund der Listen und sonstigen Material« vorgehen und den Baunieistern Mit- teilung machen. Dann erst werden wir die anderweite Beschäftigung Streikender radikal verhindern können. Kurz-Berlin: Ich habe mir eine Liste sämtlicher bei mir beschäftigten Arbeiter aufgestellt, die sich mit Hilfe der Invaliden- karten sehr leicht anfertigen läßt. Wenn ich diese mit den Ver- zeichnisien Streikender vergleiche, ist es leicht festzustellen, ob unter meinen Leuten ein Streikender ist. Müller-Kassel: Der Abkehrschein ist die sicherste Kontrolle. Melzer- Dresden: Die Kontrolle darüber, ob sich unter den beschäftigten Leuten Streikende befinden, kann durch die I» validenkarten erfolgen. Ans dieser ist zu ersehen, woher der Arbeiter kommt; ist in der betreffenden Stadt ein Ausstand, so weiß ich. es ist ein Streikender. Nachdem noch mehrere Redner zur Sache gesprochen, bringt L a ch m a n n folgenden Antrag ein: „Die Lokalverbände werden verpflichtet, durch ständige Eon- troleure feststellen zu lassen,, ob Arbeiter au�s Streik- orten auf Bauten eingestellt worden sind." Einige Redner aus kleinen Städten sprechen dagegen und einer beantragt, statt„iverden verpflichtet"„wird empfohlen" zu setzen. Melzer-Dresden: Ich bin entschieden gegen die Schwächlichkeit, wie sie in der vorgeschlagenen Aenderung zum Ausdruck kommt. Wir müssen ganz entschieden vorgehen, wenn ivir etivaS erreichen wollen, und von den Socialdemokraten lernen. (Lebhafter Beifall.) Zimmermann und Korn, beide aus Stettin, schließen sich Melzer an. Töbler-Berlin: In Berlin ist diese Kontrolle bereits eingeführt und sie hat sich bewährt. Es sind z» diesem Zweck z>v e i b e- sondere B c a in t e a n g e st e l l t worden, die auch noch z u andren Zwecken benutzt werden. Es kommen Sachen vor unter den Arbeitern, die später noch einmal benutzt Iverden können. Es wird sich empfehlen, die hier vorgeschlagenen Coutrolenre in gleicher Weise zu beschäftigen. Älbrccht-Groitzsch beschwert sich darüber, daß im Frühjahr die Mehrzahl der Bauhandwerker aus den kleinen Städten nach den großen zieht. Darauf wird der Antrag L a ch m a n n einstimmig a n- genommen. Bericht über den Verlauf der diesjährigen ArbeitSeinstellnngen. Ueber diesen Punkt referierte R a ts b a um e ist er Simon- Breslau. Der Herr unterschied sich vorteilhaft von der übrigen Ge- sellschast. Er ist ein ebenso entschiedener Verfechter seiner Klassen- iuteressen wie Felisch und andre; es durchivehte aber seine Aus- führungen ein Zug von Liberalität, und der Gang zu brutalen Maß- regeln trat bei ihm iveniger als bei den übrigen Rednern hervor. Ueber die diesjährigen Streiks führte er zunächst aus, daß 202 Maurcrstreiks und 131 Ausstände der Zimmerer zu verzeichne» waren. Von ersieren waren für die Arbeiter IIS von Erfolg, 41 erfolg- los und die übrigen mit teilweisen Erfolgen begleitet. Von den Ztmmererstreiks verliefen 84 günstig für die Arbeiter, 24 ungünstig, die übrigen brachten den beteiligten Arbeitern teilweisen Erfolg. Die Zahl der Streiks wäre zurückgegangen und es seien auch nicht so erregte Kämpfe wie in früheren Jahren zu verzeichnen gewesen, dagegen war die Beobachtung zu machen, daß kleine Orte und daS flache Land stärker als früher beteiligt waren. Es haben sehr viele Aus- stände nur eine Dauer von 3—14 Tagen gehabt; dann hätten die Bauhcrren nachgeben müssen. Wenn man nicht stark genug zu cnt- schiedenem Widerstande sei, sollte man es gar nicht e r st zun: Streik kommen lassen. ES erwecke auch den Anschein, als wußten manche Bauherrn nicht recht zwischen berechtigten und unberechtigten Forderungen zu unter- scheiden und verfolgten daS Princip, jede Forde- rmtg abznlchnsn. Das sei falsch. Zu einem sieg- reichen Ausstände sei die Sympathie des Publikums nötig. Diese sei aber nicht zu erwarten, wenn berechtigte Forderungen der Arbeiter abgewiesen würden, da wir eine schlechte Baukonjunktiir zu erwarten haben, würde die Frage der Lohnhcrabsetzniig wieder aktuell. jWaii solle aber nur da mit Kürzungen vorgehen, wo die günstige Periode zu übermäßig hohen(?) Löhnen geführt habe. Sehr wichtig ist die Frage: mit wem sollen lv i r bei Streiks verhandeln? Das hängt ganz davon ab, wie die Organisation beschaffen ist; Ivenn, wie in Breslau, von 2S00 Maurern 2000 organisiert sind, hat es keinen Zweck z u sagen: ich erkenne die Organisation nicht an. Die- jenigcn, die unter solchen Verhältnissen init Vertretern der Lr ganisation nicht verhandeln ivollen, rufen ganz unbcrechtigtcrlvcise Differenzen wach. Eine große Anzahl Streiks sind entstanden, weil die Kollgen sich gewehrt haben, mit der Organisation zn verhandeln. Wir ivollen doch ehrlich sein! Wären wir Arbeiter, würden wir ebenfalls das Bedürfnis nach Organisation haben. Deshalb ist es falfch, sich auf den Standpunkt ztt stellen, mit Vertreter» der Organisation nicht zu unter- handeln. Ist es zu enipfehlen, Verträge auf längere Zeit mit den Arbeitern abzuschließen? Ich halte' dafür, mit verständigen Leuten die Löhne nur immer für ein Jahr abzuschließen. Be- rcchtigte Ansprüche soll man bewilligen. Wir dürfen uns nicht verschweigen, daß noch viel zu bessern ist. Wie sieht es auf vielen Bauten auf den Aborten und mit sonstigen Einrichtungen aus. Ist es nicht bedauerlich, daß die Be- Hörden erst durch Verordnungen viele Bauherren an ihre Pflicht erinnern mußten I? Ich bin auch der Meinung, daß man nach uud nach dazu kommen kann, die Arbeitszett zu verkürzen. Streiks sollte man möglichst venneidcn. Er mag ausgehen, wie er will, er schädigt auf alle Fälle auch die Bauherren. Wir in Breslau haben sehr gute Resultate durch Verhandlungen mit der Organi- ation, die von verständigen Leuten geleitet wird, erzielt.— Aufgabe des ArbeitgeberbundS ist eS ebenfalls, auf gleiche Lohn- und Arbeitsbedingungen hinzustreben; es muß der Gefahr vorgebeugt werden, daß durch rücksichtslose Lohn- Herabsetzungen eine Schleuder-Konkurrenz ein- geleitet wird. Redner bricht schließlich noch eine Lanze sür die Streikklausel und fordert zum Zusammenschluß im Arbeitgeber- bund auf.— Auf diese Weise rettet er noch einen schwachen Beifall, denn die Versammlung, die sich sonst sehr lebhaft geberdete, hatte bei dieser Rede vielsagendes Schlveigen beobachtet. An diesen Vortrag schloß sich eine nennenswerte Diskussion nicht. Streikklausel. Westphal« Steglitz, der Referent über diesen Punkt. machte sich seine Aufgabe leicht. Mit viel Lungenkraft aber wenig Argumenten erklärte er die Streikklausel für un- bedingt nötig. Diese sei eine Waffe gegen die Social- demolratie. Wenn die Fübrer wüßten, daß die Verträge Streikklauseln enthielten, tvürden sie es sich erst überlegen, ob sie zum Streik Hetzen sollten. Ohne die Streikklausel sei es sehr schwer, gegen unberechtigte Forderungen anzukämpfen. Entschiedenes Vor- gehen sei unbedingt nötig. In Berlin sei man durch einen Vertrag niit den vereinigten Mörtelwerken ja glücklich soweit gekommen, daß Baumeister, die nicht in, Bunde sind, keinen Mörtel mehr geliefert bekommen.(Stürmischer Bei- fall.) So entschieden müsse man allerorts operieren. Schließlich gelangt folgende vom Vorstand des Bunds ans- gearbeitete Resolution einstimniig zur Annahme: „Der deutsche Arbeitgeberbund sür das Baugewerbe steht anf dem Standpunkt, daß die obligatorische Einführung der Streik- klausei eine absolute Notivendigkeit ist. Der Vorstand wird ermächtigt, den Termin für die Einführung festzusetzen." Nunmehr erfolgt die Regeiung einiger geschäftlicher Angelegen- heiten, die uns nicht interessieren. Darauf wurde die General- Versammlung der Scharfmacher im Baugewerbe geschlossen. Die nackte rücksichtslose Interessenvertretung der Unternehmer, die sich gegen die aufstrebende Gewerkschaftsbewegung mit allen Mitteln wehren, die ihnen die wirtschaftliche Machtstellung und die politische Gunst der herrschenden Klaffen im Staat gewährt, konmtt hier zum Ausdruck. Keiue Anerkeummg einer nur mäßig angc- deuteten rechtlich gleichen Stellung der Arbeiter findet Gehör, nur wenn sich die Herrschaftsgelüste gegen die Arbeiterklasse in krasser Form austoben können, regt sich bei den Herren ein Gesiihl inniger Geungthunng. Wie das Unternehmertum über die Arbeiter denkt, dafür bieten die Verhandlungen einen lehrreichen Beitrag, die Arbeiter im Baugewerbe im besonderen wissen nunmehr, was ihnen droht, wenn sie nicht treu zur Fahne der Organisation halten. Das ist die Macht, die den Plänen der Unternehmer Maß und Ziel setzen kann._ China. „Eine besondere Stellung unter de» Mächten' nimmt Deutschland in der chinesischen Angelegenheit ein, so erklärt die „Münch. Allg. Ztg." in einer Korrespondenz aus Berlin„von ernst- informierter Seite" behufs Begründung der Ablehnung des russischen Vorschlags seitens der deutschen Regierung. Die„besondere Stellung" soll Deutschland der Ermordung seines Gc- sandten verdanken, die außerordentliche Sühne erfordere. Das Verhalten der deutschen Regierung bestätigt, daß die Auf- fassung einer besonderen Stellung allerdings bei ihr besteht und doch ist sie bis heute noch nicht in der Lage gewesen, der Oeffentlich« keit irgend welche Mitteilung über die Ursache der Ermordung des Herrn v. Ketteler und die Vorgänge bei dieser That zu gebe». Nach einer Schildenmg, die jetzt der„Ostasiatische Lloyd" verbreitet, ist Freiherr v. Ketteier überhaupt nicht durch planmäßige chinesische Vorbereitung umS Leben gekommen, sondern durch einen Zufall inmitten der Unruhen in den Straßen von Peking. Wäre diese Darstellung aber auch unrichtig, so darf das Mißgeschick, das die deutsche Gesandtschaft noch schlimmer betraf alö die Gesandtschaften andrer Staaten, nimmermehr dazu führen, daß wir in China die Politik einer„besonderen Stellung" fortsetzen, die in keiner Weise unsren Interessen entspricht, die dem deutsche» Namen besonderen Haß eintragen und den deutschen Handel auf lange Zeit schwer schädigen muß. Auch sonst dauert der Nachrichtenmangel fort. Die Spalten der Blätter iverden gefüllt mit allen möglichen Nachrichten, die sich gegenseitig aufheben oder keinerlei Gewähr der Glaub- Würdigkeit bieten. Allerdings kommt— soweit es sich um die An- bahnung der Friedensverhandlungen handelt— die Nachlässig- keit eines Teils der Mächte, besonders Englands, hinzu, lieber die Haltung der französischen Regierung ver- breitet die„Agcnce Havas" folgende ihr aus Petersburg zugehende Privatdepci'che und nur unter Vorbehalt: „Die französische Regierung hat der Erklärung NnßlnndS be« züglich deS Rückzugs von Peking nach Tientsin zugestimmt. Die französische uud die russische Regierung sind über diesen Punkt völlig in U e b e r e i u st i m m u n g. Die Gesandten Pichou und v. Giers, sowie die Generale Frey und Lenewitsch haben tele- graphisch die Weisung erhalten, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um sich von Peking nach Tientsin zn begeben, sobald dies die Umstände gestatte n." A in e r i k a zeigt weiter seine Bereitwilligkeit, FriedenSverhand- lungen zu stände zu bringen. AuS Washington meldet das „Reuterschc Bureau": „Die Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete das Edikt, durch welches Li-Hung-Tschang zur Führung der Friedens- Verhandlungen ermächtigt wird, und bemerkte, sie fühle sich nicht veranlaßt, sich in irgend einer Weise über ihre Meinung betreffend die Vollmacht Li-Hung-Tschangs zu äußern, hoffe aber, dieselbe werde sich als völlig ausreichend erweisen, nicht allein für die Zwecke der Unterhandlung. sondern auch insofern, daß sie ihn in den Stand setze, sofort Garantien dafür zu leisten, daß Leben und Eigentum der Amerikaner hinfort im ganzen chinesischen Reiche Achtung gc« nießen werden." Absolute Garantien für die völlige und dauernde Beruhigung der chinesischen Bevölkerung kann natürlich niemand, auch nicht Li-Hung-Tschaug bieten. Zur Erreichung dieses Ziels haben vor allem die in China fremden Mächte den Chinesen durch eine Politik der Friedfertigkeit mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Politik der Einschüchterung, der Beschiverung Chinas mit schlvcrer Kriegs« kontribution, die insbesondere in Deutschland befürwortet wird, kann nicht zu gutem Endo führen. Ueber das Vermittlnngswcrk liegen noch folgende Mit» teilnngen vor: Peking. 4. September. Prinz Tsching hatte eine Zu« sammenlunft mit SirRobertHart; das Ergebnis der« selben wird geheim gehalten, doch erwartet man in einigen Tagen Ausschlüsse. Prinz Tsching hat die gleichen Vollmachten wie Prinz Kuug im Jahre 1860, er überbrachte ein kaiserliches Dekret mit be» sonderen Anweisungen an Hart vom Kaiser. London, 11. September. Wie das„Reutersche Bureau" erfährt, werden in dem kaiserlichen chinesischen Edikt, durch welches die friedcnSunterhändler ernannt werden, Prinz T> ch i n g und i-Hung-Tschang, sonst aber lein andrer namhaft gemacht. Washington, 12. September. Der Text des von dem Ge- sandten Wll-Ting-Fniig dem Staatsdepartement überreichten kaiser- lichen Edikts, durch welches Li-Hnng-Tschaiig außerordentliche Voll- machten für völlige Beilegung der gegenwärtigen Unruhen in China verliehen werden, lautet folgendermaßen:„Li-Hnng-Tschang, bevoll- mächtigter Gesandter, wird hierdurch bekleidet mit voller diskretionärer Gewalt. Er fall auf alle Fragen gewissen- Haft eingehen, welche Aufmerksamkeit erfordern. Wir können von hier ans sein Handeln nicht kontrollieren." Die Situation in Petschili. Ticntsin, S. September. Gestern brach eine gemischte Streitmacht< Engländer, Russen, Italieners Japaner) nach Südwesten auf. Zweck der Expedition ist, das Land von den noch immer hmimstreiscndcn Boxern zu säubern.— Die Ä a i s e r i n- W i t w e soll mit dem Kaiser nach Auskunft des Prinzen Tsching in Kalgan sein.— Freifrau v. Ketteier ist unter Schutz eines von Kapitän Pohl geführten deutschen Matrosendetachemcnis am 7. dieses Monats, ans Peking abgereist und heute hier eingetroffen. Für die Weiterbeförderung der Freifrau v. Kcttcler, die sich zunächst nach Amerika begicbt, von wo sie im November iii Münster eintreffen will, sitid alle Vorkehrungen getroffen worden. Wien, 12. September. Nach einer Meldung aus Taku trafen die östreichischen Kriegsschiffe„Kaiserin Elisabeth" und„Asperu" dort ei» und landete» 14 Offiziere, 168 Mann und zwei Geschütze. Weitere östreichische Truppenlandungen werden nicht erfolgen. Nolikifche MebevNchk» Berlin, de» 12. September. Was geht vor? Schon vor. einigen Tagen wurde der »Köln. Ztg." aus Bremerhaven geschrieben: „Das Gerücht will nicht verstummen, daß schon am 4. Oktober ein zweiter Nachschrrb in einer Stärke von 15 000 Mann von hier abgeht, und man nennt als Transportschiffe bereits die Lloyddampfer„Stuttgart".„Bonn" und„Pfalz\ Zuverlässige Nachrichten hierüber lvaren bis heute abend an keiner der Stellen, die es wissen könnten, zu erlangen." Uns schien diese Meldung, obschon sie das für chinesische An- gelegciihcitcn offiziöse Organ in Köln verbreitet, unglaubwürdig. Bis zu solchen Unsinnigkeiten kann sich, so nehme» wir an, die Kricgsverwaltung nicht versteigen. Jetzt werden tv e i t e r e That- fachen bekannt, die ztvar jene Gerüchte nicht bestätigen, aber zur höchsten Aufmerksamkeit mahnen. Bei der Mobilmachung der bisher nach China entsandte» Truppen hatten auch einige Offiziere der Landtvehr ihre Dienste angeboten. Sie erhielten darauf den Bescheid, daß nicht beabsichtigt sei, inaktive Offiziere für die China- Expedition zu verwende». Neuerdings hat aber die Militär- verivaltung doch noch die etlvaige Indienststellung solcher Offiziere in Erwägung gezogen. Herren, die seiner Zeit auf ihre Meldung einen ablehnenden Bescheid erhielte», ist jetzt, ohne daß sie sich von neuem gemeldet hätte», von den B e z i r k sk o»l m a n d o S ein Schreiben zugegangen, worin sie gefragt werden, ob sie einem etwaigen Befehl zum Ein- tritt in das ostasiatische Expeditionscorps Folge leisten würden. In einem derartigen Schreiben heißt es: „Laut allerhöchstem Befehl sollen diejenigen Herren des inaktiven Offiziersstands, welche bereit und tropenfähig sind für den Dienst in Ostasicn, durch ein Verzeichnis znsammcngestellt werden, damit im Falls des Bedarfs die geeigneten Persönlichkeiten ohne Iveiteres dem Expeditions- c o r p s überwiesen werde» können." Während andre Mächte die Rückberufung ihrer Truppen bc- treiben, denkt man bei uns, trotz der übermäßigen bisherigen Rüstunge», an neue Tnippentransporte nach China. Will Deutsch- laiid allein sich in Peking festsetzen und China militärisch bedrohen? Es ist ein Vorgang sondergleichen, daß die Regierung bei all der Beunruhigung, die durch Gerüchte, wie wir oben ver- zeichnet, in der Bevölkerung erregt wird, kein Wort der Er- t l ä r.u ng über ihre Absichten gicbt. Man mißachtet gröblichst die verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung. Man verweigert dem Volk jegliche Auskunft.— Die Kohlenbarone, vor deren Jnteressenverlctzung sich das Staatsministerium mit so zärtlicher Besorgnis gehütet hat, merke» die beginnende Verschlechterung der Konjunktur und richten sich darauf ein. Wir haben bereits gestern auf die Betriebs- einschränkungen in großen Eisenwerken hingewiesen. Täglich melden jetzt die Blätter von weiteren Feierschichten, zu denen die Werke durch mangelnde Aufträge gezwungen sind. Einiger- maßen befriedigend beschäftigt sind heute nur noch jene Werke der Eisenindustrie, die an den ausländischen Markt liefern, doch müssen die Aufträge zu immer niedrigeren Preisen abgeschlossen werden, die mit den steigenden Preisen der Rohmaterialien in keinem Einklang stehen. Diese Lage der Dinge bleibt natürlich auch den Shndikatskapitalisten der Kohlen- Industrie nicht verborgen. Klug sehen sie deshalb, ivie sie durch ihre Börsenblätter verkünden lassen, von einer weiteren Steigerung der Preise für I n d u st r i e k o h l e ab. Den Ausfall an Profitsteigerung aber mögen sie nicht missen und wälzen sie deshalb den Kommunal- Verwaltungen und den kleinen Verbrauchern auf. Die Gas- und Hansbrandkohle soll eine Stetgerung von 25 biS 50 Pf. pro Tonne bis ans weiteres zu tragen bekommen. Was das Industriekapital nicht bezahlen will, daS soll also nun von den Unbemittelten erpreßt werden.— Die Arbeitszeit jngcndlicher Arbeiter. Für die jugendlichen Arbeiter(von 14 bis 16 Jahren) bringt die am 1. Oktober in Kraft tretende Novelle zur Gewerbe-Ordnung eine Verschlechterung. Diese Arbeiter dürfen bekanntlich nicht länger wie zehn Stunden täglich beschäftigt werden. Diese Arbeitszeit muß aber durch einstüudige Mittagspause, sowie durch je eine halbstündige Vor- und Nachmittagspause unterbrochen werden. Das tuar verschiedenen einflußreichen Unternehmern unbequem; Grund genug, es zu ändern. Es erhält deshalb der 8 136 der Gelverbe- Ordnung folgenden Znsatz: „Eine Vor- und Nachmittagspause braucht nicht gewährt zu werden, sofern die jugendlichen' Arbeiter täglich nicht länger als 8 Stunden beschäftigt werden und die Dauer ihrer durS eine Pause nicht unterbrochenen Arbeitszeit am Vor- und Nachmittag je 4 Stuziden nicht übersteigt." Nach dem bisherigen Gesetze konnte die ununterbrochene Be- schäftigung nur 21/2 bis vielleicht 3 Stunden dauern; jetzt darf sie 4 Stunden dauern. Obwohl es gerade für so junge Leute sehr nötig ist. daß die Arbeitszeit durch häufige Pausen unterbrochen wird, damit sich der an beständige Arbeit noch nicht gewöhnte Körper allmählich daran gewöhnen kann, hat man doch darauf keine Rücksicht ge- uommen. Der höheren Rücksicht auf die Interessen einiger Unter- nchmer mußte die Rücksicht auf die Entwicklung der Arbeiterjugend weichen.—_ SonntagSrnhe für das Kleingewerbe. Der§ 105b der Gewerbe-Ordnung regelt die Sonntagsruhe für Industrie-, Berg- und Bauarbeiter,'sowie für die Arbeiter des Handelsgewerbes. Soweit das Handelsgewerbe in Betracht kommt, wird weiter durch 8 11� vorgeschrieben, daß offne Verkaufsstellen an Sonntagen überhaupt geschloffen sei» müssen, soweit die Beschäftigung von Ar- beitern in ihnen verboten ist. Diese Vorschrift hat den Zweck, die mit Gehilfen arbeitenden Geschäftsleute vor der Konkurrenz der ohne Personal arbeitenden Händler zu schützen. Sie bietet aber weiter den großen Vorteil, daß sie eine Umgehung der für die Arbeiter erlassenen Schutz- Vorschriften, die sonst sehr leicht wäre, wenn die Läden geöffnet sein dürften, verhindert. Und schließlich ist es auch für die Ladeninhaber selbst von großem Wert, wenn ihnen auf diese Weise wenigstens etwas Ruhe und Erholung anfgezwungcn tvirdr Außer dem Handclsgewerbe besteht eine solche Vorschrift noch nicht. Ein neuer 8 41 b der Getverbe-Ordnung, der am 1. Obtober in Kraft tritt, schafft die Möglichkeit solcher Beschränkungen auch für einige andre Gelverbe. Der 8 e gestattet nämlich Ausnahmen von dem Verbot der Sonntagsbeschäftigung von Arbeitern für solche Gewerbe.„deren vollständige oder teilweise Ausübung an Sonn- und Festtagen zur Befriedigung täglicher oder an diesen Tagen bc- sonders hervortretender Bedürfnisse der Bevölkerung erforderlich ist". Diesen Begriff nimmt die neue Bestimmung ans und ordnet an, daß für solche Gewerbe der Betrieb über- Haupt ruhen soll, soweit Arbeiter nicht beschäftigt werden dürfe»; bisher konnten solche Gelverbe vom Inhaber und seinen Angehörigen ruhig lveiter betrieben werden. Wenn jetzt zlvci- Drittel der beteiligten Gelverbctreibendcu es beantragen, so kann die höhere Verwaltungsbehörde für eine Gemeinde oder einen größeren Bezirk die vollständige Schließung der erwähnten Ve- triebe in dem besprochenen Umfange anordnen. Das dabei zu beobachtende' Verfahren, wer und wieviel Gewerbetreibende als„beteiligt" anzusehen sind, lvird vom Bundesrat bestimmt. Zugleich wird durch Artikel 7 des Gesetzes vom 30. Juni 1000 bestimmt, daß in Zukunft der Bundesrat nähere Bestimmung trifft über die Voraussetzungen und Bedingungen der Zulassung von Aus- nahmen von dem Verbote der Sonntngsbeschäftignng von Arbeitern, so daß das Belieben der einzelnen Oiegicrungsbehörden, das bisher allein maßgebend war, etwas eingeschränkt wird. Der Kaiser und Graf Waldcrsec. Eine Korrespondenz be- richtet: „Von.den Gesprächen, die zwischen dem Monarchen und seinem FeldmnrschaN in Wilhclmshöhe geführt wurden, ist bisher nichts in die große Ocffcntlichkeit gedrungen. Bei einer dieser Privat- Unterhaltungen kam, wie. man uns mitteilt, die Rede u. a. auch auf die Sicherheit des Grafen, und der Kaiser sagte:„Mein lieber Graf! Ihr Leben wird von dem Vaterlande und mir' sehr hoch ge- schätzt. Zum B c lv e i s e dafür will ich Ihne» zur ständigen Begleitung z lv e i meiner Leib- gendarnien zur Verfügung stellen!" In der That befinden sich in der Veglcituiig des Feldnmrschalls die beidpn Wachtmeister Müller und Nauer, erstercr von der Kaiserin, letzterer von des Kaisers Leibgendanncrie. Der Monarch hat die beide» persön- lich aus dem Vetbande derLeibgcndarmen ausgefncht und ihnen mit- geteilt, daß sie für das Leben des Grafen Waldersee persönlich haftbar seien. In ihrer Instruktion befindet sich denn auch ein Passus, daß sie den Grafen Waldersee stets und ständig zu be- gleiten haben, es sei, wo es wolle, und zwar mit scharf geladenem Revolver. Sobald dem Feldmarschall nur die geringste Gefahl droht, haben sie die Waffe zu ziehen und gegebenen Falls sofort auf etlvaige Angreifer scharf zu schießen. Die beiden Wachtmeister erhalten demzufolge ihr Quartier in unmittelbarster Nähe dcS bejahrten Feldmarschalls, über dessen Befinden dem Kaiser.forllaufend Specialbericht er- stattet wird." Es ist nicht leicht zu erkennen. von wannen dein Ober- kommandierenden in Ostasien Gefahre» drohen können, gegen die der Revolver der Leibgendnnncn Schutz bringen soll. Gäbe es unter den gelben Söhnen des himmlischen Reichs attentatslnstige An- archisten, so dürften sie doch wissen, was sie dem Grafen Waldersce verdanken, vor dessen Nahen die Eiingkcit der Gegner Chiiias sich 'chnellstcns auflöste. China hat vielleicht vom Grafen Waldcrsec noch manch guten Dienst zu erwarten.— Gegen die Wohnnngönot. Der Vorstand des„Vereins R e i ch s- W o h wu n g.s g c s e tz" hat au die R e i ch s r e g i c r um g eine ausführlich' begründete� Eingabe zur Frage der Wohnuilgs- reform gerichtet. Darin wird Bezug-genomnicn auf den vom Reichstag angenommenen Antrag auf Einsetzung e in er K o m- Mission,'mit. der Aufgabe,' durch Untersuchung der bestehenden Wvhnungsvcrhältinsse und der auf dieselben. bezüglichen Gesetze und VerwaltungS-Bcstimmungcn festzustellen, ob und in welcher Weise ein Eingreifen des Reichs zur Beseitigung. der Wohnungsnot an- gezeigt ist. Im Anschluß hieran unterbreitet oie Eingabe der Rc- gierung folgendes Ersuchen: 1. Tie hohe RcichSregicrnng ivolle dem Gedanken einer Wohnungsreform großen Stils durch das Reich ernsthaft näher treten und dabei insbesondere die Vorschläge niisres Vereins einer eingehenden Prüfung unterziehen. 2. Die Hobe Reichsregieruug wolle zu dem ebenbezeichuetcu Zwecke die in dem Antrage Schräder gewünschte Kommission und mit der dort gestellten Aufgabe baldigst einsetzen, jedoch mit folgenden Maßgaben: s) Es möge Vorsorge dafür getroffen werden, daß durch die Kommissions- Verhandlungen nicht eine unzulässige Ver- zvgerung der Angelegenheit eintritt. 1>) Es möge durch die Znsamniensetznng und die Instruktionen der Kommission Bürgschaft dafür gegeben werden, daß einerseits die thatsächlich bestehenden Wohnnngsmißstände, Miderseits die umfasseyden Möglichkeiten,. ivelche das Reich besitzt, chier bessernd einzugreifen, ihrer Bedeutung entsprechend geprüft und gewürdigt werden. Zu diesem Zlvecke bitten !vir insbesondere anch Vertreter unseres und verivandter Vereine in die Kommissioü zu berufen.— Vom Pctitionsrccht der Beamten. In der„Schlesischen Volks-Ztg." lesen wir: „Eine Petition der Supernumerare des Abfcrtigungsdienstes bei der Eisenbahnverwaltung wurde vom Abgeordn'etenhause in der letzten Session mit großer Mehrheit der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. In der Sitzmig vom 13. Jum erwähnte Minister v. Thielen den Brief eines Abgeordneten an den Wort- führer einer Beamtengruppe; diesen Brief, in welchem die be- treffenden Beamten zum Ausharren ermutigt seien, habe der Adressat vervielfältigt und an seine Kollegen verschickt. Kurz nach der Verhandlung erschien im Bureau des Be- triebSsekrctärs Mainusch in Breslau ein Vor- gesetzter, forderte den Beamten auf, sein Pult aufzu- schließen, und nahm die darin enthaltene Korre- s p o n d e n z des Sekretärs Mainusch mit Abgeordneten und Kollegen an sich. Auf Grund der so beschlagnahmten Korre- spond'enz ist mm gegen Mainusch ein Verfahren auf D i e n st- e n t l a s s u n g eingeleitet worden. Mainusch ist der Adressat jenes voni Minister erwähnten Briefes eines Abgeordneten. Im Abgcordnetenhause wird diese Angelegenheit wohl noch besprochen werden." Eine solche Besprechung ist allerdings dringend nötig. Beamte haben dasselbe Recht, mit ihren Kollegen zu. korrespondieren,— auch wenn es'sich um Bestrebitngen zur Verbesserung der socialen Lage handelt— wie andre Staatsbürger. Ebenso haben sie das Recht, mit Abgeordneten in Verbindung zu treten. Dagegen hat niemand das Recht, ihnen ihre Privatkorrespondenz zu beschlagnahnien. Das sind Uebertreibungen der Discipliuargewalt der Vorgesetzten. die auf keinen Fall unbeanstandet bleiben dürfen. Handelt es sich auch im vorliegende» Falle keineswegs etwa um den Verkehr mit einem socialdemokratischen Abgeordneten, sondern scheinbar mit einem Centrnmsmann, so müssen wir doch um des Princips willen eine Nicht mißzuverstehende Rektifikation jenes„Vorgesetzten" von der Regierung verlangen. Es darf nicht zugegeben werden, daß die Beamten durch ihren Eintritt in den Staatsdienst rechtlos werden.— Die Rntisemite» haben ihren Magdeburger Parteitag geschlossen mit einer Ovation für Zimmermann.„Treue um Treue!" wurde ihm zugerufen,„altgermanische Treue immerdar h Heil Zimmermann! Heil der Rcformpartei!" Vorher war, wie wir berichtet haben, der mit den Konservativen und dem Bund der Landwirte liebäugelnde Licbcrinann hinausgcgrault. worden. Aber das schließt nicht ans. daß auch die Zurückgebliebenen.cS mit dem Bruder Bauer nicht verderben wollen. In einer beschlossenen Resolution heißt es: „Der Parteitag der Deutsch-socialcn Refonnpartei ist der Ansicht, daß unsre deutsche Landwirtschaft sehr wohl in� stände ist, unser Volk mit dem nötigen Brotgetreide und Fleisch zu versorgen, vorausgesetzt, daß endlich durch eine v e r n ü nf t i g e"w i r t- s ch a f t s p o l i t i s ch c Gesetzgebung für die Landwirtschaft ge- sunde Zustände geschaffen werden. Der Parteitag fordert deshalb von der Regierung, daß sie sich nicht weigert, den berechtigten Wünschen der Landwirts ch.a f t Folge zu geben und diese bei der Erneuerung der H a n d e l s v e r t r ä g e in ausreichender Weise zu berücksichtigen."— Bei den Landtagswahlcn in Gotha sind bis jetzt fünf Kreise der Socialdemolratie zugefallen. Nach dem Sieg in der Stadt Gotha selbst ist ein solcher jetzt auch im Kreise Ohrdruf zu verzeichnen. Zu bemerken ist, daß die Wahlen noch nicht beendigt sind und daß unsre Genossen Aussicht haben, mit einem Zuwachs an Mandaten aus der Wahlkampagne hervorzugehen.— Ans Sachseu-Wcimar wird uns geschrieben: Das Resultat der Eisen a'ch e r O b e r b ü r g e r m e i st e r- W a h l ist bezeichnend für die Stimmung, welche sich gegen das reaktionäre Regierungs- system richtet. Der durch seine öffentliche Stelluiignahine �gegen die V e r s a m m l u n g s v e r b o t e von den reaktionären Elementen in Eisenach als„Socialiftenfretziid" verdächtigte Bürgermeister Dr. v. Fcwson in Apolda wurde mit 1519 Stimmen zum Ober- bürgermeister gewählt, während es sein Gegenkandidat Herr Schlüter aus' Halberstadt nur auf 946 Stimmen brachte.— Jtalienerhatz in Elsah-Lothringeu. Die Ermordung des Königs von Italien— so schreibt mau uns aus dem Reichslande— hat bei uns das Signal zu einem, regelrechten Kesseltreiben gegen die zu vielen Zehutausenden im Lande beschäftigten italienischen Arbeiter gegeben. Besonders das lothringische Jndnstrierevier. wo die Söhne unsres verbündeten Landes in Berg- und Hüttenwerken, bei Eisenbahn- und Straßenbanten zc. in großen Massen beschäftigt sind, ist alltäglich der Schauplatz von Verhaftungen und AuS- Weisungen. Die Großindustriellen und Uiiternehmer, welche die billigen und meist auch sehr willigen Arbeitskräfte ins Land ge- zogen haben, sehen dieser Hetze mit sehr gemischten Gefühlen zu. wagen es aber nur in vereinzelten Fällen, sich dem polizeilichen Drück zu widersetzen. So wurden, wie die Blätter berichten, dieser Tage auf den Nombacher Hüttenwerken auf ein- mal 600' italienische Arbeiter entlassen, und auch die polizeilichen Ausweisungen von Italienern nehmen im ganzen Lande einen immer größeren Umfang an. Dabei haben die französische, belgische und luxemburgische Negiernng ihre Grenzen gegen den Zuzug dieser Ausländer gesperrt, sodaß unsre Behörden des öfteren in die größte Verlegenheit kommen, wie sie sich der armen gehetzten Leute entledigen sollen. Nehmen die Entlassungen und Answeisungen von Italienern in demselben Tempo ihren Fortgang, so wird der rcichsländischen Rcgicrnng nichts andres übrig bleiben, als, wie es schon im Vorjahre der Fall war, Sonderziige zu organisieren niid die Leute damit über die schweizer Grenze nach ihrer Heimat ab- zuschieben. Für die in letzter Stunde erfolgte Absage der Teil- nähme des Großherz'ogS von Baden an den Manövern in Lothringen dürfte wohl die Befürchtung ängstlicher Polizeiseelcn maßgebend ge- Wesen sein, bei der Anwesenheit so zahlreicher Italiener für die Sicherheit der Person des Fürsten nicht bürgen zu können. Triibe Zlussichtcn. Aus dem Ruhrrevier wird uns geschrieben: Ter wirtschaftliche Rückgang im Ruhrrcvier läßt sich nicht mehr verinscheii; selbst die glänzendsten Abschlüsse verschiedener Gruben- und Hüttenwerke können das Vertrauen und die Stabilität nicht wieder herstellen, wie sie vor dem Ausbruch der chinesischen Wirren bestanden. Eine allgemeine Mutlosigkeit macht sich bemerkbar, eine Unlust der" Gcldle'ute. sich in größere Nndustrie-Unteriiehmungcu cinzulassen. Unsre Großkapitalistcii haben eine feine Witterung, sie sind abgeschreckt durch die Verluste der letzten Monate uiid halten die Hand auf den Geldbeutel, so lange die trüben Wolken am poli- tischen Horizont nicht verschwinden. Der Arbeiter aber, der nichts hat als seine Arbeitskraft, kann dieselbe jetzt nicht eiwnal mehr voll ver- werten. � Das Hüttenwerk„Union", ivelchcs die Schicncnlicfernng ür die Schantung-Bahn übernommen, hat infolge der Eiiistellnng dieser Lieferung in verschiedenen Abteilungen, ebenso wie das Eisen- und Stahlwerk„H o e s ch" und die„Heinrichshütte" in Hattingen, drei bis viertägige Schichten pro Woche eingeführt. Die Arbeiter haben hier also sehr unangenehme Wirkungen der neuesten Chinapolitik zu beklagen.— Aus Elsaß-Lothringen wird uns geschrieben; Eine G e s ch ä f t s k r i s i s, wie wir sie seit langen Jahren nicht mehr erlebt haben, macht sich gegenwärtig in den Industrie- bezirken des Oberclsaß bemerkbar, deren Bevölkerung man anläßlich der Reichs tags-Ersatzwahl in Mülhausen goldene Zeiten in Äussicht gestellt hatte, falls der Großindustrielle, Flottenschwärmcr und Garn- schntzzöllner Schlnmberger den Sieg über seinen socialistischen Gegner davontragen sollte. Die Krisis trifft in erster Linie die W ö l I i n d u st r i'e, deren größte Etablissements seit Wochen schon sich zu uiufassenden Produktioiiseittschränkniigen veranlaßt gesehen hatten. Der große Wollkrach, der die französischen Braiichcncentren Ronbaix und Tonrcoing in so schwerer Weise heimgesucht hat. ging auch an unsrcr Wollindustrie nicht spurlos vorüber. In M ü l- hausen z. B. sind alle vorhandenen sechs Wollsabriken mehr oder weniger von demselben heimgesucht worden, und die Verluste, die diesem einzigen Platze hieraus erwuchsen, werden von.sachkundiger Seite auf mindestens 8— 10 Millionen Mark geschätzt. Aber auch die B a u in w o l l industrie hat unter der gegenwärtigen KrisiS schwer zu leiden. Die Arbeitseinschränkungen greifen immer ineh, imi sich, und bereits meldet man ans einer Reihe kleinerer Industrie- orte der Vogesen, daß dort einzelne Fabriken ihren Betrieb voll- ständig eingestellt und ihre sämtlichen Arbeiter entlassen haben. Am schlimmsten haben unter diesen traurigen Verhältnissen natürlich die Arbeiter zu leiden. Die großen Jndustriefirnien der Textilbranche selbst, meist Aktiengesellschaften, deren Aktien sich durchweg in den Händen reicher Leute befinden, können' die vorübergehenden Zinsvcrluste unschwer verschmerzen und sich leicht über die schlimmsten Zeiten hinweghelfen. Der proletarische Lohnarbeiter aber, der von der Hand in den Mund lebt, und bei dem von einigermaßen ueimeiiswei'ten Sparrücklagc» selbst in den günstigsten Geschäftszeiten bei den schlechten Lohmicr- Hältnissen kaum die Rede sein konnte, ihn trifft die wirtschaftliche Depression mit ihrer ganzen Wucht und zwingt ihn und seine An- gehörigen zu einer weiteren Herabdrückung der ohnehin kümmerlichen Lebenshaltung. Die üblen Folgen hiervon bekommt dann in erster Linie der kleine und mittlere Geschäftsmann, der Bäcker. Schlächter, Krämer, Gastwirt sc. zu spüren, und man braucht sich nicht zu wundern, wenn, wie bürgerliche Blätter berichten, die Konkurse in jenen Geschäftskreisen sich bei uns von Tag zu Tag mehren und die Zurückziehung der Spareinlagen bei der städtischen Sparkasse zu Mülhansen in den letzten Tagen einen geradezu panikartigen Charakter anzunehmen drohte. Nun steht der Winter vor der Thür und die bald unerschwing« lichen Kohleupreise in Verbindung mit der fortwährenden Preis- steigernng der notwendigsten Lebensmittel trüben dem Arbeiter noch mehr den trostlosen Ausblick in die nächste Zukunft. Es ist unter solchen Umständen leicht begreiflich, daß bei nnsrer Arbeiterschaft von einer Begeiftening für den Welt machtssport der Reichs- regierung keine Rede sein kann. Man tvürds eS weit lieber sehen, wenn unsre maßgebenden Kreise das hohe Maß von Aufmerk- (amfeit und tiiajencffcm Aufwand, das sie dem abenteuerlichen s„Die Anarchiftenhetz'e der italienischen Polizei hat es zu stände ge-> Parteigenossen, an roten ASzeichen erkenntlich, zum Empfange bereit stehen. Die Genossen sind gebeten, möglichst die Zuge zum Central- bahnhof zu benutzen, da nur an diesem Genossen zum Empfang stehen.— Zu den Verhandlungen des Parteitags haben die gewerk- schaftlich oder politisch organisierten Arbeiter gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuchs freien Eintritt. Für alle andern Besucher betrügt der Eintrittspreis Sl) Pf. Berichtigung. Aus Dortmund erhalten wir folgende Zu- schrift: In der Nr. 209 vom 8. September Ihres geschützten Blattes (Beilage, 1. Seite, 2. Spalte, Absatz 7) steht zu lesen, das', der Dr. Liitgennu noch heute nicht von den Parteigenossen des Wahl- kreiscs Dortmund- Hörde formell aus der Partei ausgeschlossen sei. Das ist ein Irrtum. In der Parteiversanunluug in Dortmund vom 24. Oktober 1899 ivurde folgende Nesolution angenommeil: „Die heutige Parteiversammluug erklärt, das; sie nach dem vcr- öffeutlichte» Beschlüsse des Parteitags in Hannover den Dr. Lütgettau als Parteigenossen nicht mehr anerkennen kann." Schauspiel in Ostasien zuwenden, dem eignen Volk im eignen Land «»gedeihen lassen würden, dessen eine nichts weniger als lichtvolle Zukunft harrt. : Mißstände im Recht. Fliegender Gerichtsstand. I r r e n>v e s e n. In B a m b e r g tagt der 23. deutsche I u r i st e n t a g. In der (Abteilung für Prozcg- und Kompetcnzrecht, die Neichsgerichtsrat S t c u g l c i n- Leipzig und Oberrcichsauwalt Dr. O l s h a u s e n- Leipzig zu Vorsitzenden wählte, war der erste Beratlmgspuukt: „Wie ist im Strafprozeß der Gerichts st and der (begangenen That bezüglich der Vergehen der Presse zu regeln?" Gutachten haben abgegeben 'Kammergcrichtsrat Dr. Kronecker- Berlin und Professor Dr. Franz von L i ß t- Berlin. Der Berichterstatter Ober- laudcsgerichts-Prüsidcut Geh. Obcr-Justizrat H a m m- Köln vertritt den Standpunkt, daß das Reichsgerichtsnrtcil vom 17. Juli 1892 vollständig berechtigt war. Bei einer Verbreitung einer periodischen Druckschrift werde die That nicht bloß begangen am Erschcinuugs- ort. sondern vom Ursprung an auf dem ganzen Weg bis zu r Vollendung der Verbreitung. Zu einer andern Ent- scheidnng werde man nur auf dem Wege der Aenderung der Gesetzgebung kommen können. Es muß zugegeben werden, daß der Begriff der begangenen That in Verbindung mit der Aufgabe der Presse überallhin verbreitet zu werden, zu einer Vielseitigkeit des G e r i ch t s st a n d s führt, tzln sich ist daS nicht durchschlagend. Auch beim Lottcriekollcktcur besteht diese Vielseitigkeit des Gerichtsstands und niemand werde diesem sein Geschüft erleichtern luolleii. Es ist auch nicht durchschlagend, daß der Staatsauwalt sich ■ den ihm paffenden Gerichtsstand aussuchen kanu, wo er sich den größeren Erfolg verspricht. Er glaube nicht, daß daS überhaupt ■ vorgekommen sei. Aber abgesehen von der Vielheit des Gerichts- fftands sind für die Presse Mißstände entstanden, weil die Beurteilung eine schwierigere wurde. Bei der Tbätigkcit der Presse, die dazu dient, Ucbelstandc zur Sprache zu bringen, ist die Gefahr sehr groß, verfolgt zu werden. Wir haben es nicht nur mit einer Gefahr für die Presse zu thuu, sondern auch mit einer G�e fahr für das R e ch t-§ b e w u ß t s e i», und es ist nicht nur eine Frage der Ruhe des Verfassers, sondern auch der Sicherheit des Rechtöbewußtseins, daß nur ein G e r i ch t s st a» d besteht Auch für die Staatsanwälte würde dadurch eine Erleichtening der Arbeit entstehen, da sie die Durchsicht der Druckschriften dem Staats- anwalt am Erscheinungsort überlassen könnten. Wenn aber nur ein Gerichtsstand bestehe, so könne es nur das Centrum der Ver- b r e i t u n g. der E r s ch e i n u n g s- u n d A ri s g a b e o r t sein Berücksichtigen muß mau auch, daß der Artikel in der Regel ans dem Milien des Erscheinungsorts hervorgeht und daß er. vpn Aus ( nahmen abgesehen, meistens zunächst für die llmgebung des Er- schcinungsorts der periodischen Druckschrift berechnet ist. Eine Ausnahme muß jedoch bezüglich der im Aus lande erscheinenden Druckichristen gemacht werde». Eine weitere Ausnahme erscheint für Privatklagcn angebracht, damit dem Gekränkten nicht die Kosten beim Wahrheitsbeweis zu sehr vergrößert werden. In» andren Falle würden Privatinteressen verletzt werden und bei dem Beleidigten würde das Gefühl der Bitterkeit entstehen. Ohne diese Ausnahme würde die Gesetzes� äudcrung bald unpopulär werden und als ein unberechtigtes Privileg der Presse erscheinen. Zum Schluß empfiehlt der Referent folgenden Autrag zur Annahme: 1. Begründet der Inhalt einer im Jnlande crschicueiien Druckschrift den Thatbcstand einer strafbaren Handlung so ist für deren Verfolgung im Wege der öffentlichen Strafklagc dasjenige Gericht ausschließlich zuständig, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist. 2) Das gilt sticht, sofern es sich um eine weitere selbständige Verbreitung der Druckschrift handelt Ober- Rcichsauwalt Dr. O l s h a u s e u- Lcizig: lieber die jetzigen Mißstände ist alles einig. Da er damals als Mitrichtcr unter dem Vorsitz des verstorbenen Präsidenten Loewe an dem Urteil mitgewirkt habe, so müsse er erklären, daß das Reichsgericht nur konsequent vorgegangen sei. Aber sie alle stimmten ivohl darin übcrein, daß es so nicht bleiben könne. Er stinime dem Referenten zu, daß als Ort der begangenen That der Ort des Erscheinens des Preßerzeugnisses anzusehen sei Im Gegensatz zu», Referenten und den beiden Gutachtern wolle er die AnSuahmestellung der Presse nicht blos auf den Inhalt der Druck- schrift beschränkt sehen, sondern auf alle Preßdelikte ausgedehnt haben. Er fürchte aber, daß es nicht gelingen werde, ein Privileg so weitgehender Art zu schaffen. Der Bundesrat werde einem so ans- gedehnten Privileg schwerlich znstinimei«, deshalb empfehle es sich neben dem Erscheinungsort auch den Wohnort des Thätcrs gelten zu lassei«. Auch alle folgei«dei« Redner sprachen sich gegen den heutigen Zustand ans. Die Anträge des Berichterstatters wurden gegen ztvei Stimmen augenomine» Der folgende Punkt, mit welchen« sich dieselbe Abteilung befaßte, betraf die Frage: „Bedarf es gesetzlicher Vorschriften darüber, unter ivelcher Voraussetzung ein Geisteskranker vor der Eutuiündiguiig in eine Anstalt gebrächt und ein entmündigter Geisteskranker dort gegen seinen Willen festgehalten»verde» darf?" Das Gutachten hat Prof. Dr. Bern Hoest- Rostock abgegeben. Der Berichterstatter, Geh. Ober-Jnstizrat Vierhans- Berlin, hält ciuc»«virksame«, Schutz gegen im berechtig te Unter- b ring u n g in I r r e n a n st ä l t e n für geboten. Die Frage, ob der Schutz auf dem Wege der R e i ch s g e f e tz g e b u u g ge- troffen werden solle, müsse v e r n e i n t«verden. Er' empfiehlt f'ol- gende Leitsätze zur Annahme: 1. Die Frage nach der Entmündignng Ivcgen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche, und die Frage nach der Unterbringung oder Fcsthaltung eines Geisteskranken in einer Irrenanstalt sind verschiedener Natur und von einander zu trennen. Die erste Frage fällt in das Gebiet der gerichtlichen Thäligkeit, die zweite in das Gebiet der Mcdizinalvcrivaltung. Eine Bcfassnng der Gerichte mit der zsveiten Frage würde weder deren Aufgabe entsprechen, noch sachgemäß sein. Ii' Bei der schwer «viegcndcn Bedeutung, welche die Unterbringung oder Fcsthaltung in ciiicr Irrenanstalt' für den Betroffenen hat, cn'ipfichlt es sich(ab- gesehen von einer strengen Beaussichtigung der Anstalt ei«) 1. be züglich aller bis dahin' geltenden Maßnahmen den vollen Ver ivaltnugsrechtsschutz zu gewähre»; 2. Fürsorge zu treffen, daß ein strafrechtliches Einschreite» gegen Mißbränche auf Grund des 8 239 St.-G.-B. thunlichst erleichtert wird. III. Die zu II cm- pfohleuen Maßregeln hängen auf's engste mit den Einrichtungen der Verlvaltnng, insbesondere der Mcdizinalverwaltung und mit dem Rechtsschntze auf dem Gebiet der Verwaltung znsanimen. Eine reichsacsetzliche Regelung ist daher, selbst wenn sie„ach Art. 4 Nr. 15 der Reichsverfassung � zulässig sein sollte, nicht empfehlens wert. Inwiefern in den Einzelstaaten zur Durchsührnngt der in Nr. II bezeichneten Ziele der Erlaß neuer Vorschriften erforderlich «nid ob hierzu der Weg der Gesetzgebung oder der Verivaltungs ordming zu betreten' ist, bestimmt sich»ach dem Rechtssland in dein einzelnen Bundesstaat. Oberlandesgerichts- Präsident Hamin- Köln ist nicht damit einverstanden, daß der Juristentag sich positiv für den Verivaltungs- Rechtsschutz ausspreche, er möchte diese Frage lieber offen lassen.' Im Einverständnis mit dem Referenten ivcrden die Leitsätze mit einige«, Streichungen und Abänderungen einstimmig angenommen. Die Schlußsätze von Absatz I. und Iii. werden gestrichen, in Ab- satz II. 1 wird an Stelle der Worte:„den vollen Verivaltungs- Rechtsschutz"„ausreichender Rechtsschutz" gesetzt.— Ausland. Die Anarchistenhcste in Italien führt zu einer liederlichen und gesetzwidrigen Gerichts- Praxis, ivie sie in geordneten Staaten nicht möglich sein sollte. lieber einen krasse» Fall von ungerechter Verurteilung wird uns folgendes geschrieben: bracht, daß ein harmloser, in Italien«veilender norwegischer Künstler, der des Italienischen nicht mächtig ist, als„Anarchist" ver- u r t e i l t i st. Es ist der M a l e r E n« a n u e l B i g e l a n d, der Mitte August plötzlich in Florenz verhaftet wurde, unter dein Verdacht Anarchist zu sein, ins Gefängnis geworfen, ohne daß 14 Tage lang darüber etwas als eine Notiz ohne Namensnennung in den Zeitungen, in die Oeffentlichkeit drang. Der Künstler hatte sich Studien halber ein Jahr i» Paris aufgehalten und reiste nun zum selben Ztvcck nach Italien, wo' er bei der Ankunft in Florenz vcr- haftet Ivilrde, obwohl er einen Paß bei sich hatte. Da er einen Revolver bei sich trug, hielt man die Sache für erwiesen. Sein Gesuch, ihm einen Dolmetscher zu verschaffen, da er kein Wort italienisch könne, wurde abgelehnt. Er ivurde sogleich vor ein Gericht gestellt, das den sich nicht verteidigen Könnenden zu 23 Tagen Gefängnis und 300 Kr. Gerichtskosten verurteilte, ein Urteil, daS innerhalb 3 Tagen appelliert werden«niißte, wovon natürlich Herr Vigeland nichts«mißte und nichts verstand. Erst nach dieser Verurteilung durfte er an seinen Bruder, den Bildhauer Vigeland in Christiania und einen Freund, den Schriftsteller Jvar Gaetcr, schreiben. Sic ivandten sich sogleich an den Chef des Auswärtige«« Amts, Dr. Sigurd Ibsen, der durch den Konsul in Genua Ermittelungen anstellen ließ. Das Konsulat erhielt auf tclegrnphische Anfrage von Florenz keine Antivort, und als dann Graf Mörner hinreiste, erfuhr er endlich, daß der Künstler verhaftet sei,„weil sein Signalement den« eines gefährlichen, jungen Anarchisten entspräche, der den Fürsten von Montenegro töten»volle." DaS Großartigste ist. daß der Herr Maler Vigeland, obwohl er nicht der„gcsürchtcte Anarchist" ist, nicht freigelassen «ver de n kann, weil die Appellationsfrist verlaufen ist, so daß ein „Gnadengesuch" a» den König gerichtet werden ninßte, das tele- graphisch natürlich bewilligt ivurde. So ist Maler Vigeland nach zehntägiger A n a rch i st e n h a f t wieder frei, aber vcrnrteilft obivohl die italienische Regierung ihn« eine„Ehrenerklärung ze." zugesichert hat. Aber iveni«. Herr Vigeland kein bekannter Künstler, sondern ein Arbeiter gewesen wäre, dann hätte er seine Haftzeit absitzen müssen.— Spanien. Die Aiiarchistenerfiudung wird auch in Spanien eifrig bc- trieben. Ans Madrid wird gemeldet: Ein ans den Vereinigte» Staaten kommender Schweizer, der in Sautandcr gelandet ist, ivurde in San Sebastian verhaftet. Man fand in seinem Koffer und zwar unter den« Futter desselben wichtige Papiere. Es soll sich hier un« eine» aiiarchistischeii Plan gegen eines der e u r o- p ä i s ch c n S t a a t s o b e r h ä n p t e r handeln. Wenn wirklich so viel Mordpläne existierten, wie sie jetzt unans- gesetzt„entdeckt" werden, dann müßte man glauben, daß es in gewissen Ländern zu den beliebtesten Bcschäftignngei« der Bevölkc- rnng geworden wäre, anarchistische Komplotte gegen„europäische Staatsoberhäupter" zu schmieden.— Rumänien. Der Konflikt zwischen Rumänien und Bnlgaric», über den wir mehrfach kurz berichteten, hätte, wenn ein Telegramm des „Verl. Tagebl." den Thatsachcn entspricht, schon z,i wirklichen kriegerischen Zusammcnstößcn geführt. Danach sollen an der bnlgnrisch-rnmänischcn Grenze die Streitigkeiten in den letzten Tagen sehr häufig gewesen sein.„Am Sonntag wurden von Silistria auf das rmnänische Kriegsschiff„Sireknl drei Kanonenschüsse abgegeben. Der Konimaudant Boerescn antwortete gleicheriveise und fuhr rasch weiter. Gleichfalls am Sonntag griffen die Bulgaren das rmnänische Grenzwachthaus bei Arab-Tabia in der Dobrntscha an. Die rumänische Regierung ist zur Verhinderung der Aufregung bemüht, die Alarmnachrichten zu verheimlichen. Der Kriegsminister General Lahovary hat sich nach der Dobrntscha begeben und aus Sulina vier Kriegsschiffe donauauswärts beordert. Trotzdem hofft man auf eine friedliche Beilegung des Konflikts. Die offiziöse„Ageuce Ronmaine" meldet aus Bukarest: An« Dienstag wurden von, Kriegsministerium ausgehende Kiuidgcbnngcn angeschlagen, durch«vclchc die Bürger an ihre Pflichten in« Falle einer cveiitncllen M o b i l i s i e r u>« g des Heers erinnert«nid die Maßnahmen bezüglich der vcrschicdenci« militärischen Re� quisitioiicn festgestellt werden. Das alte Reglement«oar iin Lau des Jahrs abgeändert worden, jedoch erfolgte eine gesetzliche Kundmachung bisher noch nicht; diese ist nun heute veranlaßt worden. Es wird der Bekanntmachung zwar hinzugefügt, daß es sich lediglich um die gesetzliche Bekanntgabe des Reglements ohne Nebe«» absichtcn handle. Daß.man diese Kundmachung aber gerade gegen- wärtig für nötig hält, ist doch beachtenswert. GeweikKMivfUirszcS. Berlin und ttnigcgriid. Zur Lohnbewegung der Buchbinder. Der polizeiliche Unternehmerschntz bei der gegenlvärtigeil.Aus- sperrnng geht sogar soweit, daß er sich auch auf solche Firmen erstreckt, die ihn grundsätzlich ablehnen. Herr Buchbindereibesitzer Wübben erklärte, daß, da seine Leute die Werkstiibe ruhig verlassen hätten und er«vährend der Dauer des Streiks keine andren ein- stellen würde, eine polizeiliche Bewachung vollständig zwecklos sei. Die Polizei.mußte das«vohl viel besser, wissen:. sie bedachte auch diese Werkstiibe mit Schntzlenten. Es gicbt aber auch Arbeitgeber, die die Polizei so thatkräftig unterstützen, als wollten sie selbst den Befähigungsnachweis für den SchntzmaimS- dienst erbringen. Herr Metschke ließ eine Arbeiterin ans dem Rcstanraut heraus verhaften. Als sie vor seinem Hanse vorbeiging, erinnerte er sich daran, daß sie einige Wochen vor der Aussperrung eine in solchen Fällen ja nie ernst zu nehmende Drohung ans- gesprochen haben sollte. Das mußte natürlich jetzt gerächt werden. Herr M. verfolgte gemeinschaftlich mit emem Schutz»!»»» daS Mädchen, bis sie es in« Restaurant erwischten. Gestern, Mittwochmorgen, wurde eine Arbeiterin ans dem Nestanrnnt von Borchardt, Handelsstätte Bclle-Alliance, heraus verhaftet, weil sie eine andre angesprochen haben sollte. Es soll also den Ausgesperrten jede Möglichkeit geraubt werden, mit ihren arbeitenden Kollegen auch nur ein Wort zu wechseln. Die Unternehmer versuche» jetzt auch durch alle möglichen ans- wärtigen Zeitungen sich Personal für ihre Werkstnben zu verschaffe««: uns liegt eine Annonce aus den« Stettiner„General-Anzeiger" wie ans andren derartigen Blättern vor. Es wird den Ilnternehmern aber auch dadurch nicht gelingen, ihre leichtfertig hcransgeworfcnen Arbeiter zu ersetzen. Die Lohnkominission der Buchbinder. Afrika. Ans Südafrika kommen heute einander sehr widersprechende Meldinigeii. Aus Lanrcnoo Marques an der Delagoabai wird von« Mittwoch telcgraphisch berichtet, daß Präsident Krüger dort ein- getroffen sei, also portugiesisches Gebiet betreten habe. Ob es sich um eine wirkliche Flucht des Präsidcntcn au neutrales Gebiet handelt, darüber kann«na«« nach den vorliegenden Nachrichten noch keine Klarheit gewinnen. Von« Prä- fidenten Steiji« ivird berichtet, er beabsichtige, in den Oranje- freistaat zurückzukehren. Ilnd ans Paris kommt gar die Nachricht, General B o t h a habe sich den Engländern ergeben. Man wird nähere Nachrichten über die«virkliche Entwicklung der Dinge in Afrika abivartcn»lüssei«. Vorläufig wollen«vir auch die folgende Londoner Meldung verzeichnen:„Daily Mail" meldet ans Lanrenxo-Marqncs. Die Generale Votha und Dewet hätte«, sich vereinigt und«„an erwarte in den nächsten Tagen ein größeres Gefecht an dem Caledon- Flusse. Nach diesen« Gefecht würden sich die Boeren wieder trennen. Lord Roberts««eldet aus Pretoria vom 11. Septeinbcr: Mcthuen hat die Boeren bei Malopo völlig anseinandergetriebeii und 30 zu Gefangenen gemacht, solvie Munition erbeutet. Bnllerist gestern in Klipgat eingetroffc««, etwa auf den« halben Wege zwischen Mauchberg nnd Spitzkop, und treibt die Boeren vor sich her. Bezüglich der Pläne Englands auf die Südafrikanische Eis e» b a h n veröffentlicht das Amsterdamer„Handclsblad" eine Unterredung mit dein Gesandten von Transvaal L e h ds. Lehds sagt hierin,' daß die Bestimmungen der Konzcssion von der Eisen- bahugesellschaft genau ausgeführt worden seien. Der Artikel 12 der Koiizessioiismkui'ide besage, daß im Kriegsfall die Regierung über die Eisenbahn verfügen und alle ihr notwendig erscheinende«, Maßregeln ergreifen könne._ NÄrkei-Metchlvichten« Internationaler Kongreß in Paris. Den zu dein«nter- nationalen Kongreß in Paris reisenden deutschen Delegierten zur Kenntnis, daß Sonnabend, den 22., und Sonntag, den 23. er., Mit- glieder des Empfangskomitees des„Deutschen Leseklubs" auf dein Nord- und Ostbahnhof in Paris anwefend sind. Die Mitglieder des Komitees tragen eine rote Blume im Knopfloch und die Affiche„Lese- klub" an« Hut. Wohnungen für die Delegierten«n dem Stadtviertel, in den« das Kongreßlokal sich befindet, stehen in ausreichender Zahl preiswert zur Verfügung. Die Delegierten werden ersucht, als Erkennuilgszeichen eine Zeitung sichtbar in der äußeren Brusttasche zu tragen, wenn möglich den„Vorivärts". Zum Parteitag. Den Delegierten Isowie allen den Parteitag in Mainz besuchenden Genossen zur Kenntnis, daß von Sonnabend, den 13. September morgens ab an dem Ccntrakbahnhof Mainz Der Streik der Militäreffekten-Sattler dauert nnveräikdert fort; die Zahl der Streikenden ist durch Abreisen und anderweitiges Jnarbcittretei« ans 310 zurückgegangen. Da die Fabrikanten auf alle Weise versuchen, Arbeiter aus der Provinz herbeizuholen, bitten wir die Partei-»nd Gewerkschaftspresfe, auf unfern Streik auf- merksam zu machei«, damit Zuzug unterbleibt. Die Lohnkommission. Achtung, Schildermaler! Bei der Firma Borgmai», in R a t i n g e n drohen Differenzen anszubrechen, da die Arbeitszeit »im eine Stunde verlängert«verde«« soll. Die Firma versucht min in Berlin Ersatzkräfte anzuwerben: es wird deshalb gebeten, den' Zuzngtscriiznhaltcn. Achtung, Leder- und Galanteric-Arbciter? Die bei der Firma Kirchner u. Schwedhelm beschäftigten Kollegen nnd Kolleginnen erhielten nach mchrmnligen Verhandlungen für sämtliche Lohn- und Accordarbcitcn durchschnittlich 3 Proz. Zulage bewilligt, außerdem die Lohnarbeiter und Arbeiterinnen einen Aufschlag von 33Vz Proz. pro Stunde für Arbeiten nach Feierabend. Bei Accordarbcite» werden 13 resp. 10 Pf. pro Stunde vergütigt. Des weiteren machen wir die Kollegen und Kolleginnen ans die am 20. September im GewerkschaftShanse stattfindende Versammliing aufmerksam, auf deren TagcSordiinng u. a. die Wahl einer Lohnkominission steht. Der Vertrauensmann. Achtung, Grundierer Berlins! Bei der Firma E. Probst, Köpeiiickerstr. 37, sind einige Kollegen ivcgen Zugehörigkeit zur Or- gaiiisation gemaßregelt und wird dringend ersucht, Zuzug bis auf iveitcrcS fernzuhalten. Der Bevollmächtigte der Filiale Berlin. Deutsches Reich. Zur Anösperrnng der Hamburger Werftarbeiter. Auf den Werften find in diesen Tagen 28 Zimmerer ciitlasscii, weil wegen des Streiks die Arbeit stockt. Auf der Werft von Bkohm n. Boß haben 23 fremde Metallarbeiter die Arbeit eingestellt. Die Leute, welche ans Sachsen durch Agenten hierher gelockt, waren, verlangten ihre Papiere zurück, die ihnen verweigert wurden. Sie sind hierauf beim Gewcrbegcricht um Herausgabe der Papiere vorstellig ge- worden. Außerdem verlangtei« sie die Vergütung der Reifekoftcn von ihrer Heimat nach hier zurückerstattet. Aber auch dieses ivurde veriveigert. Man sagte den Leuten, ivenn sie vier Wochen auf der Werft gearbeitet hätten, würden die Rcisc« kosten vergütet werden. Nach Aussage der Leute ist ihnen ver- sprochen worden, sie würden das Reisegeld in Hainburg sofort zurück erhalten. In diesen Tagen werden noch mehr Arbeitsivillige bei Blohm u. Voß ausscheiden, weil die Kost in der dortigen Kaffcchalle sehr schlecht sein soll und die Betten alles zu wünschen übrig lassen. Auch ein friedliches Beisammensein vermissen dort die Streikbrecher. Es vergeht kein Abend, ohne daß es Prügeleien absetzt. Am Sonntägabcnd wurde die Prügele« so arg, daß sechs Schntzlente den Frieden ivicdcr herstellen iimßtcn. Einige blutige Köpfe hat es gegeben, verhaftet wurde aber keines der lieben Kinder. Als am Dienstag zwei Arbeitswillige dort aufaugen wollten, wurden sie gefragt, ob sie Logis hätten. Als sie dieses verneinten, schickte man sie wieder fort, sie sollten sich erst Logis suchen. Man scheint weiteren Zuzug von Arbeitswilligen im Freihafengebiet fernhalten zu wollen. Wie die„Berk. Neueste Nachr." mitteilen, hat der VerHand der Eisenindustrie vorgestern auf den ihm gemachten Vorschlag eines Einignngsversnchs folgende Antwort erteilt: Än'die Ortsverwältung Hamburg des Deutschen Metallarbeiter- Verbands. Ihr Schreiben' vom 6. d. M. haben wir erhalten. Da Sie geeignete Vorschläge zur Beilegung der Differenzen zwischen den Werften nnd den früher dort besehäftigten Arbeitern von«ms wünschen, so machen wir Ihnen den Vorschlag, daß Sie eine Vcr- änimlung der streikenden Arbeiter berufen und Beschluß darüber offen, ob der Streik sortgesetzt oder aiifgegcben werden oll. Wird der Streik Ihrerseits anfgehoben, so ist darauf zu achten, daß aksdami auf allen Wersten«md in allen Ge- werken die Arbeit ivicdcr aufgenommen wird, damit auch wir den Streik für aufgehoben erklären können. Dieses scheint uns die 'chnellste Erledigung zu sein. Der ferner in der Resolutioi, ans- gedrückte Wunsch. eine Versammlung mit den Arbeitgebern z« haben, scheint uns in den« vorliegenden Fall kail»« zum gewünschten Ziele zu führen. Der Verband der Elsenindustrie ist, wie die'zahlreichen Versammlungen-der letzten Jahre beweisen, tets bereit gewesen, mit den Arbeiter- Vertretungen, sobald diese mir einigermaßen kegitimiert waren, zu beraten und nach Lage der Sache zu verhandeln. Unsre Ansichten über Verkürzung dee Arbeitszeit, Minimallöhne«md Abschaffimg der Accordarbeit sind Ihnen aber hinlänglich bekannt, so daß ein Stoff für Verhaiidlnnaen nicht vorliegt. Sollten Sie aber trotzdem eine mündliche Aussprache wünschen, die ja vielleicht zur Klarstellung der Verhältnisse beitragen kann, so sind wir bereit, mit Vertretern der streikenden Arbeiter zusammenzukommen. Unternehmerterroriömnö. Vor acht Tagen brachten sogar bürgerliche Zeitungen eine Kundgebung des„Bergischen Unternehmer- Verbands", die die Aussperrung der Arbeiter des Schlebuscher Be- triebs der Elberfelder Firma Schlieper u. Engländer an- kündigte. Die Arbeiter hatten die Kündigung eingereicht, weil einige Kollegen gemasiregelt wurden. Selbst in der bürgerlichen Presse wurde das Verhalten des Unternehmerverbands einer mehr oder minder scharfen Kritik unterzogen. Das hat nun aber den Unternehmer- verband nicht abgehalten, die angekündigte Aussperrung aus sämtlichen Betrieben der Verbandsmitglieder zur Thatsache werden zu lassen. Am Dienstag, 11. er., ivurde nämlich an sämtliche Verbandsmitglieder folgendes Schreiben gerichtet: „Mit Bezug auf unsre Anzeige Nr. 16 vom 26. v. M., betreffend den bei der Firma Schlieper u. Engländer in Elberfeld bezüglich ihres Schlebuscher Betriebs ausgebrochenen Ausstand teilen wir Ihnen ergcbenst mit, daß der Vorstand nach geführter Sachuntersuchung be- schlössen hat, obiger Firma den Schutz des Verbands endgültig zu gewähren. Demgemäß sind Sie auf Grund des§ 29 der Satzung verpflichtet, bis zum Empfang einer schriftlichen Mitteilung des Vorstands über die Beendigung des Ausstands und drei Monate darüber hinaus ohne Genehmigung des Vorstands keine Arbeiter obiger Firma einzustellen. ' Bezüglich der ausständigen Arbeiter, welche auf der beiliegenden Liste verzeichnet sind, darf dieses unter keinen Umständen geschehe»: bezüglich der übrigen, nicht ausständigen Arbeiter— deren Auf- führung in der Liste namentlich im Hinblick auf Großbetriebe nicht thunlich erscheint— kann dies nur ausnahmsweise und nach vorher eingeholter Genehmigung der Firma stattfinden. Wir bitten Sie, bei Einstellung neuer Arbeiter mit aller Sorg sali zu verfahren und nur solche aufzunehmen, die sich durch einen Entlassungsschein über ihre letzten Arbeitsstellen genügend aus- weisen können. Hochachtend Der Vorsitzende: Der Geschäftsführer: Dr. C. Duisburg. Rechtsnnwalt K r ü l l. Die diesem Schreiben beigefügte Liste umfaßt 219 Arbeiter. darunter 107 weibliche. Also 3 Monate über die Dauer des AnsstandS hinaus sollen die Arbeiter aus allen Betrieben des bergischen Unternehmertums aus- gesperrt, dem Hunger überliefert werden. Das ist die Taktik, die christliche Unternehmer gegen christliche Arbeiter einschlagen. Und da hat man noch den Mut, den Arbeitern anzuempfehlen. Hand in Hand mit dem Unternehmertum die Besserung der Lage der Arbeiter anzustreben. Bei einer solchen Taktik des Unternehmertums, die an Brutalität gewiß nicht ttbertroffen werden kann, wird es doch noch dahin komnien, daß auch die rheinischen Textilarbeiter einschen werden, wo ihr Platz ist im Kampf für ihre Existenz. Der Streik der Installateure in Magdeburg wird vielfach durch Zuzug aus andern Orten schwer geichädigt. Es erscheint deshalb dringend notwendig, daß die Metallarbeiter auf diesen Aus- stand mehr achtgeben. Die Steinsctzcr-Jnnnng in Leipzig scheint nun doch ihren hochmütigen, streng ablehnenden Standpunkt gegen die Arbeiter auf- zugeben. Wie uns ein Privattelegramm meldet, ist von der Innung letzt das Gelverbegericht als Einigungsamt angerufen. Die Ber- Handlungen finden' am Freitag statt. Ein Verzweiflungsakt. In Aachen bei der Firma Herz u. Haymaiin sind die Weber in den Ausstand getreten. Grund hierzu ist eine Lohnreduzierung von 22 und mehr Prozent. Nur die Verziveiflung kann die Ausständigen zu dem Schritt getrieben haben. Denn hier ist eine Niederlage der Arbeiter nur zu gewiß. Man bedenke, weit über 2000 Arbeitslose in der Textilbranche in Aachen und die noch in Arbeit Stehenden werden nicht voll beschäftigt. Der christliche Textilarbeiter-Verband unterstützt die Ausständigen. Zum Streik in den Mainzer Lederwcrken. Die unter falschen Vorspiegelungen von der Firma hierher gelockten Arbeiter mußten, nachdem gütliches Zureden fruchtlos blieb, wieder frei- gegeben werden, nachdem die Arbeiter die 8,60 M. für Fahrgeld an die Firma zurückerstattet hatten. Die Arbeiter haben nun bei dem Gewerbegericht Klage gegen die Firma erhoben. Ein zweiter Transport der Arbeiter ist nach einer Filiale der Fabrik geschafft, wo es bisher nicht gelang, mit den Leuten zusammen zu kommen. Sicher ist, daß dem Herrn Kommerzienrat Michel die Aktion voll- ständig mißlungen ist und selbst Mittel fehlschlugen, die nur ein Fabrikant benutzen kann, der im Gefühl seiner Stellung glaubt, für ihn bedeuten die Gesetze kein Hindernis, wenn er von seinen Macht- Mitteln je nach Gutdünken Gebrauch macht. Ausland. In Marseille befinden sich ctiva 1200 Bäcker im Ausstand. Die Militärbäckerei versucht, die Stadt mit Backware zu versorgen. Von der jüdischen Arbeiterbewegung in Westruffland und lljoleit. In Warschau haben die während der Beerdigung eines Mitglieds der ehemaligen Partei„das Proletariat" Verhafteten im Gefängnis eine Hungerrevolte veranstaltet. Die inhaftierten Ar- beiter haben sich geweigert, auf Befehl der GefängniSdircktion Waster aus dem Dienstgebäude nach ihren Zellen zu tragen. Jufolge dessen blieben sie ohne Wasser und nun weigerten sie sich, überhaupt jedwede Nahrung zu sich zu nehmen. Dieser„Hungerstreik" endigte nach einer dreitägigen Dauer mit einem Siege der gefangenen Nröelier. In Lodz find 600 jüdische Weber, dieselben, die vor ein paar Monaten streikten, in einen neuen Streik getreten. Sie fordern Erhöhung der Löhne und Herabsetzung der Arbeitszeit. Jn'Schaulen(Gouveniement Kowno) haben eme ganze Reihe von Streiks stattgefunden. Die jüdischen Schuh- macher haben den zehnstündigen Arbeitstag gefordert und errungen Die Schlosser haben durch einen Streik den Arbeitstag um eine halbe Stunde verkürzt. Der Streik der jüdischen und christ- liche Maurer hat zu einer Herabsetzung des Arbeitstags auf 11l/z Stunden geführt? es ist das auch em großer Erfolg, da vor- dem ihre tägliche Arbeitszeit 12-16 Stlinden dauerte. Die Orgam- sation der Maurer in Schaulen ist noch schwach. Sobald sie etwas mehr erstarken wird beabsichtigen die Maurer m einen Kanipf um den zehn- ltündiqen Arbeitstag zu trete». Es hat auch ein Streik auf derCigaretten- hülsen-Fabrik von Atlas stattgefunden, der m,t dem Siege der Arbeiterinnen endete. v-., 2it S m o r g o n sGouvernement Wilna) hat unter Beteiligung von ein paar hundert Arbeitern eine Demonstration aus Anlaß der Beerdigung eines Genossen stattgefunden. An dem Grabe wurde eine Rede gehalten. Da Smorgon ein kleines Stadtchen ist. ist diese Demonstration kein unbedeutendes Ereignis. � � � Der Streik der jüdischen und christlichen Gerber dauert noch fort. Zur Zeit erstreckt er sich auf die folgenden Ortschaften: Krhiiti, Smorgon, Ruschany und Sabladowo. � Ju Wilna erschien dieser Tage die in einer gehe,men Dnickerei hergestellte Nummer 2 des lokalen jocialdemokratischen Blatts:»Der Klasseiikamps"._ Sociales. Die Entwicklung der Industrie in Iapau. Japan, dieser aufstrebende Staat, ist eifrig bemüht, kräftige Industrie im Lande zu schaffen. Das ist ihm während der letzten zehn Jahre in hohem Maße gelungen und der Export japanischer Jndustrie-Erzeugnisse hat eine beträchtliche Steigerung erfahren. In den ersten neun Monaten des Jahres 1399 hat die Einfuhr 123 622 631 Den(1 Den— 2,09 M.i betragen, gegen 219 712 122 Uen in demselben Zeitraum des Vorjahrs. Bei der japanischen Ausfuhr war das Verhältnis 121 029 309 Den im Januar— September 1899 gegen 12 627 601 Den im Januar— September 1898. Infolge des Aufschwungs der Baumivoll-Jndustrie ist iiament lich die Einfuhr von Rohbaumwolle stark gestiegen und zwar von nicht ganz 38Vs Millionen Den für 1893 auf über 47Vs Millionen Den für 1899. Dementsprechend ist die Einfuhr von Baum wollwaren erheblich zurückgegangen und zwar von ca. Wi Millionen Den auf ca. 2>/s Millionen Den, während sich gleichzeitig die Ausfuhr von Baumwollgeweben von 1,8 Millionen Den auf 2,6 Millionen Den und diejenige von Baumwollgarn von 14,6 Millionen auf 20,9 Millionen Den gehoben hat. In Rohwolle stieg die Einfuhr von 1,1 auf 3 Millionen Den, in Wollwaren sank sie von 9,3 auf 2.3 Millionen Den. Infolge der günstigen japanischen Reisernte ist die Reiseinfuhr von 47,2 auf 1,9 Millionen Den zurückgegangen. Weiterhin sind gefallen die Einfuhr von Eisen und Stahl von 6,8 auf 4.6 Millionen Den, die von Lokomotiven und Maschinen von 10 Millionen auf 6,2 Millionen Den und die Zuckereinfuhr von 18,1 auf 11,6 Millionen Den. Unter den Ausfuhrartikeln Japans weisen außer Baumwollgarn noch er- hebliche Mehrbeträge auf: Kupfer von 4,97 auf 8,68 Millionen Den, Reis von 2,3 auf 8,2 Millionen Den, Rohseide von 26.1 auf 43,2 Millionen und seidene Gewebe von 7,94 auf 10,97 Millionen Den. GesundheitSgefahren in Linolenmfabriken. Eine recht eingehende Beachlung der Gewerbe-Aufsichtsbeamten verdienen die Linoleumfabriken. In den Korkmahlwerken derselben belästigt nicht allein der Korkstaub die Arbeiter oft empfindlich, sondern es kommen auch zuweilen hier Staubexplosionen vor, indem durch Funkenbildung beim Reiben die Mahlsteine gegen einander eine plötzliche Entzündung des feinen Korkstaubs erfolgt, wodurch dabei beschäftigte Arbeiter schon mehrfach schwer verbrannt wurden, ja 1892 im Bezirk Potsdam ein Arbeiter an den Folgen einer solchen Verbrennung starb. Aber größer als die Unfallgefahr und die Feuersgefahr ist die gesundheitliche Schädigung der Arbeiter in den Linoleumfabriken, und auf diese möchten wir besonders aufmerksam machen. Das hier verwendete Leinöl wird zum Zweck der Entharzung mit Bleiglätte bis circa 220 Grad erhitzt und dann behufs Oxydaiion einem warmen Luftstrom ausgesetzt, indem man es an großen, senkrecht alisgespannten Tüchern herablaufen läßt. durch die ein ivanner' Lnftstrom streicht. Bei dieser Oxydation entwickeln sich große Mengen höchst unangenehmer und stark riechender und beizender Dämpfe von Akroleüi und Fettsäuren, wie Ameisensäure, Essigsäure, Propion- säure und andre, wodurch die Augenbindehaut und die Schleimhäute der AtmungSorgane in gefährlicher Weise gereizt werden. Auch die Arbeiter, die an diese Beschäftigung gewöhnt sind, werden mit der Zeit durch den Aufenthalt m solchen Räumen empfindlich an ihrer Gesundheit geschädigt und namentlich von chronischen Er- krankungen ihrer AtmungSorgane betroffen. Hier ist nicht nur die maschinelle Aufbringung deS gekochten Leinöls auf die ausgespannten Tücher, sondern jedesmalige gründliche Durchlüftung der Räume vor Betreten derselben erforderlich. Aus dev Fruuenbeweguug. Der Frauen- und Mädchen- BildungSvcrein zu Rixdorf hatte ani 4. September eine Versammlung anberaumt, in der Herr Dr. Bernstein einen Vortrag über Gesundheitspflege hielt. Dem interessanten Vortrag folgten die zahlreich erschienenen Zuhörerinncn mit gespannterAufinerksamkeit und es entspann sich eine rege Diskttssion. Der Vorstand wurde beauftragt, ein Flugblatt auszuarbeiten. Veepumml ungen. Eine ansterordentlich zahlreich besuchte öffentliche Ver- sammlnng, vom Gewerkschaftskartell einberufen. tagte am Dienstagabend in Kellers Festsälen. DaS Referat über das Thema:„Darf die deutsche Gcivcrkschaftsbeivegung unpolitisch oder neutral sein?" hatte der Parteigenosse Theodor Metz» er übernommen. Der Redner führte ungefähr auS: Wie bei Beginn der Arbeiterbewegung die Frage sich erhoben habe, ob die Be- wegilng national oder international sein solle, so werde jetzt die Frage ventiliert, ob neutral oder parteipolitisch. DaS, ivas auf gewerkschaftlichem Boden crningeii wird, könne nur fest- gehalten werden, wenn die Gewerkschaften ihre Mitglieder dahin erziehen, das Errungene legislatorisch festzulegen. Da aber keine bürgerliche Partei den Arbeitern jirgcnd welche neinienswerten Zu- gestandiiisse macht, so bleibe eben nur übrig, die Gewerkschafter zugleich zu Socialisten zu erziehen. Gewiß solle man in den Gewerkschaften in erster Linie allgemeine Arbeiterpolitik betreiben, aber da die Arbeiter nur von Socialdemokraten in ihren Be- strebungen unterstützt würden, müsse logischeriveise die gewcrkschaft- liche Politik zugleich eine socialistische sein. Man solle auch nicht glauben, daß die ionfessionell organisierten Arbeiter zu den Gewerkschaften hinübergezogen werden können, wenn sich die letzteren für neutral erklärten. Selbstverständlich würde es falsch sein, wenn in die Gewerkschaften nur Socialdemokraten eintreten könnten; der Beitritt müsse allen Arbeitern gestattet sein ohne Rücksicht auf das religiöse oder poli- tische Bekenntnis. Redner führt im Lauf seines Vortrag? welter ans, daß durch die Aufhebung des§ 8 des Vercinsgesetzes(Verbot des Jnuerbindung- tretens) die Frage der„Neutralität" der Gewerkschaften in den Vorder- grund gerückt worden sei. Der Fall jener gesetzlichen Bestimmung, die hemmend der Gc- wcrkschaftsbcwegung in, Wege gestanden, sei das Ergebnis der politischen Thätigkeit und jenes Prozesses, der gegen Auer und Genossen geführt worden sei. Unsre ganze socialpolitische Gesetzgebung sei nur durch die politische Bewegung, durch die socialdemokratische Arbeiterklasse erzwungen worden, aber nicht durch Neutralität, die heute den Gc- Werkschäften enipfohlen werde. In diesen m ü s s e geprüft werden, welche Partei die Interessen des Proletariats gegenüber der herrschenden Klasse ver- trete und das Urteil könne nur lauten: die Socialdemo- k r a t i e. tLebhafter Beifall.) Er bitte um die Annahme der Re- solution. Resolution:„Die Gewerkschaftsversammlung erklärt nach An- hörung des Referenten wie folgt: 1. Daß der gewerkschaftliche Kampf der Arbeiter nur dann mit dem nötigen Nachdruck und der nötigen Einheit geführt werden kann, wenn er'als Klassenkampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbentnng anerkannt und geführt wird. 2. Daß dieser notwendige und unvermeidliche Klaffenkampf nur unter engem und bewußtem Anschluß an die Grundsätze und Forde- rungen der socialdemokratischen Partei Teutschlands mit Aussicht auf dauernden Erfolg geführt werden kann. Infolge dessen ist eine Trcnniiiig der gewerkschaftlichen Organisation von der bewußten socialistischcn Bewegung unmöglich, soll nicht der Kampf nm die Besserung der Lage der Arbeiter aussichtslos gemacht werden. Die Versammlung betrachtet daher alle Bestrebungen, die den Zusammen- hang der gewerkschaftlichen Bewegung mit der Socialdemokratie verneinen, als arbeiterfeindliche' und ist deshalb der Ansicht, daß die socialistische Agitation in de» gewerkschaftlichen Orgaui- sationen mit Nachdruck betrieben werden muß, damit die Arbeiter klar begreifen, daß die gegensocialistischeu Arbeiterfreunde nur auf Erhaltung, wenn auch auf Erträglichmachmig der heutigen Z,'stände hinarbeiten, niemals aber die Befreiung des Proletariats ai>s der Lohnknechtschaft bezwecken, die nur daS Ziel des SocialiSmus ist. Daraus ergiebt sich, daß gewerkschaftliche Organisationen, die sich den Zielen des Socialismus„neutral" gegenüberstellen, ihre Haupt- Pflicht versäumen, den schlauen Angriffen der Gegner daS Feld vorbereiten und eine Gefahr für die socialistische Arbeiter- bewegung bedeuten. Die Versammlung erwartet daher von dem Parteitag der deutschen Socialdemokratie, daß derselbe bestimmte Stellung nimmt zu den Neutralitätsbestrebungen in der Gewerkschafts« bewegung." In der hierauf folgenden Diskussion spricht zunächst Kater: Er wolle nur hervorheben, Ivie so es komme, daß auf einmal nach Aufhebung des Z 8 des Vercinsgesetzes die Gewerkschafts-Verbäudler, die nur socialdemokratisch sein wollten, einen großen Fischzug ver- aiistalteten. Im socialistischen Monatsheft vom Juli habe Legien erklärt, � daß auf dem Gewerkschaftskongreß in Halberstadt 1893 eine Auseinandersetzung mit den Lokalorganisierten hätte kommen müssen, schon deshalb, weil diese Organisationen aus- g e s p r o ch en socialdemokratisch sein wollten. Auf den Leim der Sombart und Genossen, durch eine gewisse Form der Gcwerkschafts- organisation alle Arbeiter unter einen Hut zu bringen, seien Legien, Elm und noch größere gegangen. Legien komme ganz in das Hirsch- Dunckersche Fahrwasser mit seinem Bestreben, das llnterstütznngswesen noch weiter auszubauen. Das Hauptaugenmerk werde damit auf die U n t e r st ü tz u n g gerichtet. Die„Neutralität" der Gewerkschaften sei ein Experiment zu dem Zweck, jene Arbeiterschichten, die heute den Schwanz andrer politischen Parteien bildeten, heranzuziehe». Wie viel müsse da von unsren Principien geopfert werden? Er stehe nicht auf dem Standpunkt, daß jeder Organisierte Socialdemokrar sein müsse, aber es sei unsre Aufgabe, jeden zu einem thätigen Genossen zu erziehen. Andre Tendenzen seien arbeiterfeindlich. Reuter vermißt die Erläuterung der Taktik der neutralen Gewerkschaften seitens des Referenten, erklärt, daß die Gewerkschaften politisch sein müßten. Die centralisierten Gewerkschaften hätten bloß den Zweck, die Kassen zu füllen. Keßler bemerkt, daß im staatlichen wie im wirtschaftlichen Verbände zwei Parteien einander gegenüber ständen: die eine wolle die heutigen Zustände konservieren, die andre Ivolle sie abschaffen. Die besitzende Klasse erblicke im allgemeineii Stimmrecht eine Gefahr deshalb, weil die Arbeiterklasse socialdemokratisch wähle. Es sei daher ihr Bestreben, zwischen Führern und Arbeitern einen Keil zu treiben, indem sie durch Jnaugnricrung der Versicherungsgesetz- gebung usw. den Arbeitern zeigen ivolle, daß die Bourgeoisie bereit sei, den„Verführten" zu helfen. Aber mit 33Vz Pfennig Rente sei nicht viel zu machen. Es müsse den Arbeitern klar gemacht werd.n, daß nur durch Ver- wirklichung der Endziele des Socialismus ihre Befreiung aus den heutigen Fesseln ermöglicht werden könne. Diese Belehrung sei in den Gewerkschaften am besten möglich. Neutrale Gewerkschaften seien nur für Leute a la Sombart. Der Aufsatz von David in den jüngsten Nmnmern der„Socialist. Monatshefte", i» welchem die Anschauung vertreten wurde, daß durch Weglassung der Politik in den Gewerkschaftcii sich eine weitgehende Organisation schaffen lasse, sei ein Trugbild. Eine solch weit- gehende Organisation bedeute die Unterdrückung der Freiheit des Einzelnen. Sei eine solche Einheit socialdemokratisch? Jeder müsse sich organisieren können wie er ivolle; aber nur auf dem Boden des Klassenkampfs. Die Gewerkschaften sollten nicht nur Vorschulen, sondern wirkliche socialistische Organisationen sein, Centralisation in großem Maßstabe sei ein Hirngespinnst. Was der katholischen Kirche nicht gelang trotz aller Macht und Intelligenz, gelingt manchen Gewerkschaftlern erst recht nicht. Eine Trennung von der Socialdemokratie dürfe unter keinen Umständen stattfinden. Mermuth macht Bebel für die jetzige Kritik an den Gewerk- schaftcn verantlvortlich und erklärt sich für die Resolution. Stritt verweist darauf, daß im selben Saale in einer großen Bierbohkott-Vcrsammlunq vor sechs Jahren die Aufforderung an alle Arbeiter ergangen sei. sich auch politisch zu organisieren und eine diesbezügliche Resolution angenommen worden sei. Nach dem heutigen Ncutralitätsduscl könne man eine solche Resolution gar nicht mehr einbringen. K l e i n l e i n führt aus: In Anbetracht dieser Tagesordnung müsse man sagen:„Arbeiterklasse Deutschlands, ivie tief bist Du gesunken!" Den politischen Führern sei der Boden zn heiß und die Verantlvorwng für kommende Ereignisse zu groß; deshalb suchten sie in ein andres Fahrwasser zu segeln. Meyer polemisiert gegen' Kater, nach dessen Meinung er als Anarchist in keine Gelverlschaft eintreten könne. Nach einer komplizierten und erregten GeschäftSordnnngS-Debatte wird die Diskussion fortgesetzt. Moricke spricht gegen die„Neutralität" und für die Resolution. Auf Beschluß der Versauunluug erhalten»nr»och Gegner der Resolution das Wort. Als solcher spricht Dempwolf gegen die Resolution, erklärt den Parlamcntarismiis für abgelviüsäinftct und empfiehlt die revolutionäre Taktik". Sein Abschweifen von der Sache machte die wiederholte Intervention des Vorsitzenden nötig. Fenchel als letzter Redner spricht sich unter wachsender Unruhe der Versammlung, die sich allmählich zu lichten beginnt, für die Neutralisierung der Gewerkschaften aus. Nach einem kurzen Schlußwort des Genoffcn Metzner, der Bebel gegen verschiedene Unterstellungen an der Hand seiner Broschüre in Schutz niuiuft und die verschiedenen Eimvürfe der anarchistischen Redner entkräftet, erfolgte die Annahme der Resolution mit allen gegen sechs Stimmen. Vrszfe LtÄchrichtctt«nd Depeschen. Frankfurt a. M., 12. September. kB. H.) Die„Frankf. Ztg." meldet aus Rew-Dork: Das Ttaudrecht ist in Galvcston prokla- micrt und die Miliz einberufen worden. In der Stadt wird stark patrouilliert. Mehrere Reger wurden bereits erschossen. Der Schaden wird jetzt auf 42 Millionen geschätzt. Aerzte und Proviant sind von hier abgegangen. Der Sturm hat gestern Chicago erreicht. Er hat alle Drähte zerstört und total abgeschnitten. Die Kauflente von Galveston befürchten einen vollständigen allgemeinen Baukrott, da man glaubt, daß die Versicherungsgesellschaften ihren Verpflichtirngen nicht nachkommen werden. Die'Banken weigern sich. Geld zu geben, da sie den Seehandel von Galvcston als für imincr niinicrt ansehen. Frankfurt a. M., 12. September.(W. T. B.) Die„Franks. §eitnng" meldet aus Shanghai vom gestrigen Tage. In Nord- chantimg haben sich die Voxcr mit der Gesellschaft „Großes Messer" vereinigt. Es geht das Gerücht, reguläre chinesische Truppen hätten im Norde» von Kiang-su den Boxern ein Treffen geliefert und seien geschlagen worden. Trier, 12. September.(W. T. B.) Zu der hier tagenden Versammlung des„Trutschcn Vereins fiir öffeut- liche Gesundheitspflege" hat das KultuSniinisterium den Geheimen Ober- Medizinalrat Dr. Pistor- Berlin entsandt. Der Regierungspräsident begrüßte heute die Anwesenden. Die Versammlung empfahl eine Reihe von Maßregeln gegen die Pcstgefahr, wie peinlichste Sauberkeit. Desinfektion, schleunigste Vernichtung von Abfällen, Vertilgung der Ratten und Mäuse als Verbreiter der Seuche und Anzeigepflicht in Erkrankungsfällen. Die Versammlung beschloß ferner, den Reichskanzler um Einfübning der ärztlichen obligatorische» Leichenschau durch Gesetz zu ersuchen. Brün», 12. September.(B. H.) Infolge furchtbaren Gewitters brach im Wallfahrtsort Hosinn eine Panik aus. Vier Kinder wurden erdrückt und zahlreiche verwundet. Konstantinopel, 12. September.u gründen sei, vorausgesetzt, daß sie ohne Unterstützung der Central- äffe bestehen könne. Eine Ausnahme wurde nur für Basilicata und Sardinien gcniacht, wo die Zeitung direkt von der Parteileitung gc- gründet werden wird. Bei der Frage der Propaganda beschließt die Versammlung. daß die Lokalkomitecs für die Verbreitung der Flugblätter zu sorgen haben, die eventuell in Dialekten verfaßt und zu ganz billigen Preisen, soweit nötig umsonst, verteilt werden sollen. Genosse Ferri cmpfiehll die Gründung einer socialdemokratischcn Bibliothek, deren Ueber- schüsse in die Centralkasse fließen. Die Vormittagssitzniig wird geschloffen mit der Genehmigung einer vom Genossen Bertelli vorgeschlagenen Tagesordnung, pach welcher_.alle socialdemokratische» Zeitungen nur von solchen Druckereien gedruckt werden dürfen, die den üblichen Tarif an- genommen haben. •» Die Nachmittagssttznng beginnt wieder mit einem DiSeiplinar fall. Genosse Ferrari schlägt ein TndelSvotum gegen Genossen Borciam vor, der auch bei Gelegenheit der Ermordung des Königs Humbert gegen die DiSeiplin der Partei verstoßen habe. Genosse Borciani ist nänilich Bürgermeister von Reggio in Emilien und soll bei Eröffnung der Sitzung eine Rede gehalten haben, die weder den Freunden noch den Feinden gefiel. Die Versammlung beschließt aber, nach einem Vorschlag von Turati, die Angelegenheit an die Lokalleitung von Reggio zu überweisen. Hierauf ergreift' Genosse Bonomi das Wort, um seinen Bericht über die Frage der.Vetcilignng der Partei an den K o m m u n a l- u i, d L o k a I v e r Iv a l t ii ii g e i,* zu erstatten. Die Frage— sagt der Referent— ist eine doppelte: Sollen ivir danach trachten, als Mehrheit in einen Gemeinderat einzutreten? Und wenn es uns gelungen ist die Mehrheit zu erlangen, sollen wir dann weiter kämpfen für die Eroberung der Gemeinde? Nicht wenige Genossen sind gegen eine solche Taktik, weil die Gemeinden noch nicht jene Unabhängigkeit besäßen, die zur Durch führung der socialdemokratischcn Kommn'nalpolitil notwendig ist. Re ferent behauptet dagegen, daß die Eroberung der Gemeinden für die Partei schon jetzt eine Notwendigkeit sei. Wenn dann die Socialdemokraten den Bcmeiiiderat erobert hätten, dann müßten sie ihre kommunal- socialislische Thätigkeit entwickeln, indem sie alle öffentlichen Dienste lWasserleitung, Straßenbahn usw.) an die Gemeinde überwiesen, die Gcmeindezölle abschafften, für die Gemeinde-Autonomie kämpften, das Referendum einführten ic. Ueber alle diese � Fragen entspinnt sich eine Debatte, die an Lebhaftigkeit und Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Vor- fitzender Costa macht aber die Versammlung darauf aufmerksam, daß die Zahl der angemeldeten Redner eine allzngroße sei; daher wird die Fortsetzung der Debatte auf Dienstag um 7 Uhr verschoben. Berliner Partei-Angelegenheitett. Spandau. Morgen. Freitagabend S'/i Uhr, findet im Weheschen Lokale Hierselbst. Pichclsdorferstr. 39, eine öffentliche Kommunal- Wähler- Bersammlung statt, in welcher die socialdemolratischen Stadtverordneten über ihre bisherige Thätigkeit im Stadtparlament. unter besonderer Berücksichtigung der Stadtverordnetenbeschlüsse aus letzter Zeit, Bericht erstatten werden. Mit Rücksicht hierauf und auf die am Sonnabend beginnende Ersatzwahl wird ein recht zahlreicher Besuch bestimmt erwartet. i Grünau. Der Rauchklub„Starker Tabak" feiert am Sonn- abend, den 15. September, sein Stiftungssest im Lokal des Herrn Lindenhayn. Da der Klub seine Billeis hauptsächlich in Arbeiter- kreisen absetzt, so machen wir die Genossen darauf aufmerksam, daß das Lokal für uns gesperrt ist. Die Lokalkommission. Britz. Freitag Versammlung. Vortrag des Genossen Wach. Gäste haben Zutritt. LoltÄles» Die Versicherungsnustalt Berlin im Jahre 1890. Tie Nciitengeschäfte. Nach dem soeben erschienenen Geschäfts- berichte der Landes-Versichcrungsanstalt Berlin für das Jahr>893 gingen im Berichtsjahre 334 Anträge aus Gewährung von Alters- renicn und 2697 Ansprüche auf Gewährung von Invalidenrenten ein. Bewilligt wurde» 235 Altersrenten und 1897 Invalidenrenten. Am Schlusie des Jahrs waren 2623 Altcrsrentncr und 5554 Invaliden- rcutner vorhanden. ES waren vorhanden am Schlüsse des JahrS; Altersrentner Jnvalidenrentner 1891..... 1295— 1892..... 1620 179 1893..... 1901 569 1894..... 2247 1198 1895..... 2417 1917 1896..... 2529 2394 1897..... 2644 3285 1898..... 2646 4466 Die Gesamtausgabe für Renten zu Lasten der Austall Berlin betrugen im Jahre: Altersrente Invalidenrente 1891.. �. 13t 007 M.- 1802.... 1.74 856 10 333 M. 1893.... 207037 ,. 45941„ 1894.... 240 975„ 102 220„ 1895.,.. 259 839„ 165 308„ 1896.... 276,792„ 2l3 980„ 1897.... 290 366„ 289 551„ 1808.... 295507„ 392 821„ 1899.... 301 397„ 518 220„ In diesen Summen befinden sich auch die Anteile der Anstalt Verlin an Renten, die von andren LandeSversichernngsaiistalten gezahlt wurden und z. B. im Jahre 1899 bei den Altersrenten 18 841 M.»nd bei den Invalidenrenten 43 637 M. betrugen. Als Ursachen der Invalidität wurden festgestellt die Lungen» s ch w i n d s u ch t in SS, US Proz. der Fälle vci Männern und in 14,S9Proz. der Falle bei Frauen. Andre Lnngenerkrankungen hatten bei Mämierii einen Anteil von 12,37 Proz. undstwi Frauen einen solchen von 9,08 Proz. Ans Entkrästniig, Blutarmut und Altersschwäche ciit- fallen 7,19 Proz. männliche nnd 13,62 Proz. weibliche Fälle; Gelenk- rhenmntiSmlis und Gicht 7,06 Proz. innmiliche, 11,67 Proz. weibliche; Krankheiten des Herzens nnd der großen Blutgefäße 7,4t Proz. iiiännliche und 7,62 Proz. weibliche Fälle. Alle sonstigen Krankheiten hatten geringeren Anteil an den Ursachen der Invalidität. Anträge ans Uebcrnahme der Krankcnfiirsorge wurden im Berichtsjahre 2312 erledigt und davon 1126 abgelehnt. Die Anträge gingen von 1352 Männern und 460 Frauen aiis. Von den Mäiiiieni waren 1078 und von den Frauen 331 lungnischwiiidsüchtig. Vorgemerkt waren noch viel nichr Lirngentuberkulöse, deren Anträge jedoch im Jahre 1899 nicht mehr erledigt werden konnten. Die Kosten dcS Heilverfahrens sind von 250 000 M. im Jahre 1898 ans 300 000 M. im Jahre 1899 gestiegen und für 1900 sind 770 000 M. dafür ausgeworfen. Für 1900 ist, wie schon mitgeteilt, geplant, die Syphilis in den Kreis der zu bekämpfenden Krankheiten einzubeziehen, zu welchem Zweck bereits ein Grundstück in einem Vorort Berlins angekauft ist. Wirklich in Krankciifürsorge genommen wurden im Berichtsjahre im ganzen 468 Lungenschivindsüchtige und 465 wegen andrer Krank- heilen. Davon wurden dem Sanatorium Gütcrgotz 449 überwiesen, 79 wurden in die Heilanstalt Loslau, 146 nach Grnbowsce, 165 nach Görbersdor s, 33 nach Andrcasberg und die übrigen nach andren Anstalten geschickt. � Ueber die Heilerfolge ist zu erwähnen, daß im Jahre 1899 aus G ü t e r g o tz 459 Personen entlassen wurden, von denen 407 als erwerbsfähig im Sinne des Gesetzes zu betrachten waren und unter ihnen 220 als geheilt. Lnngenschwindsüchtige wurden 434 männliche ans den verschiedenen Anstalten entlassen, davon 12 als geheilt und 363 als gebessert; weibliche wurden entlassen 157, davon'als geheilt keine und als gebessert 133._ Die in städtischer Waiscnkostpssege«ntergebrachtc» Säug- linge werden in Berlin seit dem 1. Dezember 1898 durch Aerzte und Waise»Helferinnen gesundheitlich beauf- s i ch t i g t. Ueber die Erfahrungen, die bisher gemacht worden sind, hat jetzt der Magistrat den Stadtverordneten eine Vorlage zu- gehen lassen. � Das Urteil der Aerzte über die Pflegestellen ist im allgemeinen günstig. Nur drei Stelle» mußten als un- genügend aufgegeben werden, dagegen wird in vielen Fällen die große Sorgfalt und die wahrhast mütterliche Aufopserniig gerühmt, mit der sich die Pflegemütter ihrer Kostkindcr annehmen. Die gesundheitliche Beanfsichtigmig wird von allen SänglingSärzten für sehr wertvoll gehalten. Sie dient zur Belehrung derjenigen Pflegemütter, denen es nicht an gutein Willen fehlt, die aber mit den Anforderungen einer rationell-hygienischen Kindererziehung noch nicht genügend vertraut sind, und zum Ansporn derjenigen, die ohne Kontrolle leicht in der Pflege ihrer Schntzbefohlenen erlahmen würden. Die Vorlage bezeichnet daher die neue Einrichtung als einen Fortschritt in der W a i s e n f ü r sso r g e. � Der Fortschritt kann jedoch thatsäckilich nur einem Teil der Waisensänglinge zu gute komnien. Die Einrichtung war geschaffen worden in der Erwartung, dadurch die u n t e.r den Waisen- säuglingen herrschende Sterblichkeit zu per« r i n g e r n._ Nach der Vorlage ist das bis zu einem gewissen Grade erreicht worden— beispielsweise haben infolge der Beaufsichtigung die Erkrankungen und Sterbefälle an Brech durchsall unter diesen Kindern abgenommen— aber im Jahre 1899/1900 starben von 251 beaufsichtigten Kindern doch immer noch 37. Die Vorlage erklärt das daraus, daß dieKinder oft aus den traurig st en Verhältnissen heraus der aisen pflege überwiesen wurden.„Mit angeborener Lebensschwäche behaftet oder in atrophischem Zustande(d. h. im Zustande der Abzehrung) befindlich, werden diese Kinder in der Regel bald— oft schon nach wenigen Tagen— in den Pflegestellen von ihrem unvenneidlichen Geschick ereilt." Diese Mitteilungen werfen, nebenbei bemerkt, wieder einmal ein grelles Licht ans die sociale Lage derjenigen Bevölkerungsschichien, aus denen die der Berliner Waisenpflege anheimfallende» Kinder zu kommen pflegen. Auf der Tagesordnung für die Siizung der Stadt- verordnete, i-Versammlnng am Donnerstag, den 13. September dieses Jahrs, nachmittags 5 Uhr, stehen u.a. folgende Gegenstände: Vorlagen, betreffend: die Erfahrungen bei der Beaufsichtigung der Waise n hauS-Säuglinge durch Aerzte und Helferinnen, die Annahme des der städtischen Blindenanstalt von der Frau Stadt- scrichlsrath Diettrich Ictztwillig ausgesetzten Vermächtnisses, die Eni- cheidung des königl. Oberverwaltungsgerichts bezüglich der Traaung der Kosten des Transports gemeingefährlicher hilfsbedürftiger Geisteskranker nach den Irrenanstalten, die Errichtung der 'echstcn städtischen Volks-Badeanstalt im Stadtteil Wcdding. den Jahresabschluß der Hauptkasse der städtischen Werke für die Kassenverwaltnng nnd den Gesamt- Jahresabschluß dieser Kasse für daS Etatsjahr 1899. Herr Dr. Leipziger. Im„Kl. Journal" findet sich abermals folgende liebliche Blume aus Byzanz:...,.„...... „Andere Nationen beneiden uns. day wir einen schaffensfrohen, denlenden Monarchen haben, der den großen Fragen der Zeit mit seltenem Verständnis folgt und ihnen auch oft ooraneut. Wir wollen uns das Bild dieseS Mannes nicht durch parteiliche schiese Beleuchtung trüben tassen, wir wollen nicht, daß eine �rattion seinen frohen Thätigkeilsdrang lähme. Dazu hat niemand cin Recht, und am w c n i g st e n ein R e i ch s t a g. dem alle großen Bedürfnisje des Staatslebens abgerungen werden>»mie». und der unter seinen 400 Häuptern auch nicht einen einzige» Mail» sein eigen nenni, der den weiten staattmännischen Blick und die aus- gleichende Vieljeitigkelt unsres Hcrrjchers auch nur annähernd ersetzen lönnie."_„ Herr Dr. Leipziger mag anMen. was er will, einen Orden kriegi er doch nicht.' Setne Verivandtschaft sowohl wie seme Ber- gangenheit, ja auch setne Gegenwart sind dem ein siir allemal im Wege. Die Unfähigkeit der Großen Berliner. Eine längere V e r k e h r s st ö r n n g machte sich gestern vormittag m der Leipziger Straße und deren Nebenstraßen empfindlich bemerkbar. Wieder rührte die Störung von der elekinschen Straßenbahn her. Von 7 bis gegen 9 Uhr konnten Privatsnhriverke und Fußgänger wegen der stecken gebliebenen Accunmlaiorivagcn nur mit der größten Muhe von der einen zur andern Seite der Sirahe gelangen. Asich am Dienswgnbend zwischen 8 und 9 Uhr war für einen großen Teil der Stadt der Verkehr auf der Straßenbahn gesperrt. Die Gesellichast will eben dem Berliner Publikum mit aller Gcivalt ihre Unsahigleit vor Augen siihren. Der diesjährige Okioberumziig wird. wie ans den Kreisen der Möbellraiisporteilre miigeieili wird, eiiien großen Umfang an- iichmc». Ganz besonders zahlreich sind die Umzüge von Mietern kleiner Wohnungen, was jedenfalls bedingt ist durch bedeutende Mictssteigerliiigen, die überall vorgenommen Ivurden. In manchen Slraßeiizüge» wird nicht ein einziges Hans von den Uinzügen verschont bleiben. Bei Mittel- und großen Wohnungen werden verhälinis- mäßig wenig Quartierwechsel stattfinden. Bom 20. d. M. ab sind die MöbeliraiiSporleure durch Vorbesiellinigen schon derartig in Anspruch genommen, daß zur Bewältigung des Verkehrs fast die ge« samten Möbelwagen Berlins in Benutzung genommen werden müssen. Im Okiober wird Berlin auch einci, starken Zuzug finde»'. da fast sämtliche nach außerhalb gehenden Möbellvagen durch Rü?� irausporte in Anspruch genommen sind. Zur Kohlciniot schreibt man unS: In den Gasanstalten Berlins ist die Einrichtung getroffen worden, den Konsninenten 1 Hektoliter Cooks zu verabfolgen, wodurch sie dem Zwischenhändler und seiner Preiserhöhung eiiigeheii. Für diejenigen, die in der Lage sind, sich diese Wvhlthät zu verschaffen, ist es gewiß angenehm. Aber was fangen die Armen an, nnd derer sind nicht wenig, die nur für 5. 10 oder 20 Pf. kanfen köiiuen? Gerade diese Leute sind gezwungen, da die Gasanstalte» so kleine Posten nicht abgeben, sich an die Händler zu wenden und deren Prcisaiifschlag zu tragen. Diese Lücke sollte unter allen Umständen beseitigt werden. Wege» eincS schwere» SitilichkeitSvcrbrechenS ist der Maurer Carl Borch ans Berlin von der hiesigen Kriminalpolizei i» Haft genommen worden. Borch war auf einem Ausflüge nach Barnth gekommen, Überfiel dort ans freiem Felde eine wehrlose, ältere Frau nnd vergewaltigte sie. Es gelang ihm zwar,»ach seiner Uiithat zu entsliehen, doch konnte seine Persönlichkeit alsbald er- nüttelt werden, worauf hier seine Verhaftung erfolgte. Ein Licbcödrama. Gestern vormittag gegen 11V« Uhr ver« suchte der in der Artillcriestraße 14 ivohnhafte Sänger Anton Edler seine Braut Pnuline Rudel durch drei Revolverschüsse zu töten und erschoß sich dann selb st. Die Rudel ist nicht lebensgefähr» lich verletzt. Wir erfahren über den Vorgang folgendes: Edler ist am 24. Angnst 1359 zu Anotrian-Lana in Steiermark geboren. Er wohnte schon seit Jahren in Berlin und trat in Singspielhallen auf. DaS Mädchen, das ebenfalls ans Steiermark stammt, war in Berlin zunächst Kassiererin nnd dann Kellnerin. Beide wohnten längere Zeit in der Zicgclstr. 30. Da Edler keine Miete bezahlte, so mußte er hier am Freitag voriger Woche seine Wohnung räumen und zog nun nach der Artilleriestr. 14 zu dem Fuhrherm Michaelis. Der Mann ivar in der letzten Zeit ohne Beschäftigung nnd lebte leichtsinnig. In der Heimat hatte er seine Frau und zwei Kinder zurückgelassen. Noch vor kurzer Zeit sandten ihm Angehörige eine Uiltcrstützung von 100 Mark. Er verjubelte sie in einer Nacht. Dieser Leichtsinn und das Schuldenmachen gefielen dem Mädchen nicht, zumal seitdem sie erfahren hatte, daß Edler verheiratet und Fainilienvatcr war. Wiederholt war es schon zu Ztvift gekommen. Einmal drohte der Mann seiner Geliebten mit dem Revolver in dem Cafö, in dem sie beschäftigt war, und veranlaßte dadurch, daß sie ihre Stellung verlor. Nachdem sie dann noch auf dein Potsdamer Bahnhof beschäftigt gewesen war, wurde sie Kellnerin. Nun hatte sie jedoch vor Edler gar keine Ruhe. Jeden Abend besuchte er sie in der Wirtschaft, in der sie bediente, und stets benahm er sich so, daß sie ihre Stellung bald wieder aufgeben mußte. Endlich beschloß sie, sich von ihm zn trennen und am nächsten Freitag nach Wien überzusiedeln. Sie wollte Edler diesen Plan verheimlichen, zu ihrem Unglück erfuhr er ihn aber dennoch. Als sie ihn nun gestern vormittags in seiner Wohnung besuchte, prügelte er sie durch, daß sie jämmerlich schrie, schoß ihr dann eine Revolverkugel vom Halse aus in den Kopf und eine zweite in den rechten Arm und tötete hierauf sich selbst durch einen Schuß in den Mmid. Die Ver« wnndete wurde, nur mit dem Hemd bekleidet, besinnungslos mit einer Droschke nach der Klinik gebracht, die Leiche des MannS nach der OrtLbcsichtiguiig durch eine Gerichtskommission um 1 Uhr nach dem Schauhause abgeholt. I» voller Uniform wurde gestern vormittag cin Posinnier- beamter, anscheinend Briefträger, an der Miihlendanimschlcuse als Leiche angeschwemmt nnd gelandet. Nach einem Briefe, dessen NamenSunterschrist nicht leserlich war. haben ihn Schulden in den Tod getrieben. Eine spätere Nachricht besagt: Der Selbstmörder ist ein 24 Jahre alter Friedrich Schäfer, der bei seinem Schivager in der Koniinan- dantenstraße 55 wohnte und seit Anfang Juni d. I. als Hiifsbote auf dem Postamt in der Dresdenerstraße beschäftigt war. Wieder hat der Bergsport ein Opfer gefordert. Wie man nnS mitteilt, ist am letzten Sonntag der Amtsrichter Dr. Oskar Ramien im Algän abgestürzt. Der so jäh Verstorbene weilte auf Ferieimrlaub mit seiner Familie in ObcrSdorf(Bayern). Auf einem Ausflug begriffen, hatte er von Nappeiisechntte ans sich verirrt. Die Leiche ist bereits aufgefunden. Dr. Rainieir gehörte zum Amts- gericht I in Berlin. Ein Herr Max Salouio», Franseckistr. 12/13, ersucht lins, bekannt zu geben, dag er mit dein am Sonnabeild ivegcn Miß- haiidlinig einer Arbeiterin verurteilten Unteriiehmer Max Salonion nicht identisch ist. Durch eine» Sturz aus dem Feuster hat sich gestern nach- mittag kurz nach 1 Uhr der Kaufmami Samuel Last, der Inhaber der Cigaretten-Compagnie Oriental in der Oranienburaerstr. 91. das Leben genommen. Der schon bejahrte Mann machte in der letzten Zeit den Eindruck eines gemütskranken Menschen nnd erschien den Nachbarn oft wie geistesabwesend. Gestern nachmittag stürzte er sich Set einem Besuch mtf dem Gnindstiick Atiguststr. 69 auS dem bterieit 1 und Stock auf den Hof hinab und starb bald'darauf an den Folgen der"' Verletzungen. Den Tod im Wasser suchte und fand Dienstagabend ein linbekannteS Mädchen, das sich an der Nationalgalerie in die Spree stürzte. Beim Laternenpntzen lebensgefährlich der«,«glückt ist gestern. Mittlvochnachntittag. um 4'/s Uhr der Putzer Karl Wiitich aus der Großbeerenstraße. Der ziemlich starke Manu stand an der Laterne gegenüber dem Hause Mohreustr. 27 in der Nähe der Char lottenstraße auf der vierten Sprosse seiiter Leiter, bekam wahr scheinlich einen Schivindelaufall und fiel rücklings auf den Bürger steig hinab, mit dem Hinterkopf zuerst aufschlagend. Er zog"sich einen äußerst schweren Schädelbruch zu und blieb bewußtlos in einer Blutlache liegen. Droschkenkutscher vom benachbarten Halte platz brachten ihn nach der Unfallstation in der Kronenstraße: von dort mußte man ihn mit einem Pöppschen Rettungswagen nach der Charits überführen. Eine Laternenscheibe, die' der Verunglückte beim Sturz in der Hand hatte, blieb merkwürdigerweise ganz. Feucrbcricht. Mittwochmittag geriet Graunstr. 28, Ecke Gleim straße, die Dachkonstruktion in Brand, der zu mehrfacher Alarmiernng Anlaß gab, so daß 5 Löschzüge, darunter 3 Dampfspritzen anriickteii und die Gefahr schnell beseitigten. Dienstagabend wurden mehrere Züge nach Alte Jakobstr. 87 gerufen, Ivo es sich jedoch lediglich um einen Schornsteinbraud handelte. Später waren Ratiborstr. 16 und Bernanerstr. 42 kleine Wohnungsbrände abzulöschen. In der Eckert straße ging auf freiem Felde ein Posten Stroh in Flammen au Oranienburaerstr. 91 brannte außerdem eine Holztrcppe und Schliemannstr. 40 Gerümpel. 5(m vergangcncli Sonntag unternahmen die Teilnehmer am Elektricirätskursus der 7. st ä d t i s ch e n Fortbildungsschule Gräfestr. 85/88. eine Fahrt nach Zehdenick zur Besichtigung der dortigen Watt-Aeeumulatoren-Werke. Von der Eisenbahn-Direktion war eine Fahrpreisermäßigung von 50 Proz. bewilligt worden, und die Verwaltung der Watt-Werke bot alles auf, um den Aufenthalt lehrreich und angenehm zu machen. Unter Führung der Betriebs leiter besichtigten die Besucher die einzelnen Werkstätten� in denen Aeeumulatoreit hergestellt, formiert und geladen wurden. Be- sonderes Interesse erregten die von den Werken fabrizierten trockenen Aeeumulatoren. Auch im Bau befindliche Dynamos und Elektromotore wurden gezeigt. Darauf nahm man die Kraftstation in Augenschein, wo das Wasser der Havel bei 3 Meter Gefälle zwei Ueberdruckturbiuen in Bewegung setzt, die wiederum je einen acht poligen Dreileiter-Dhnamo' von 340 Amp. bei 220 Volt Klemmen fpannung antreiben. Am interessantesten aber war die Vesichtigung der den Werken gehörenden Werft. Hier lverden nämlich Boote für Passagier-, Last- und Schleppzwecke erbaut und mit Aeeumulatoren betrieb versehen. Die Besucher konnten mit ansehen, wie die letzte Hand an ein elektrisches Boot gelegt wurde, das am nächsten Tage die Ausreise via Stettin nach Kopenhagen antreten sollte. Den Schluß des Ausflugs bildete eine gemeinsame Fahrt auf der Havel in einem elektrischeit Boot. Tic siamesischen Schauspieler bleiben nur noch kurze ZeiLhier im Zoologischen Garten, isie werden sich auf Einladung des Zaren von hier nach Petersburg begeben. Der Cirkns Busch eröffnet bestimmt an Sonnabend, 15. Sep- tember, abends, seine Berliner Herbstspielzeit mit einem auserlesenen Programm. Das Carl Wcist-Theater in der Frankfurterstraße müht sich tapfer Iveiter in der von ihm freilvillig übernommenen �Rolle eines dramatischen Lokalanzeigers. Nachdem Boerenkrieg und Chinaglorie absolviert waren, kam gestern Paris an die Reihe.„ M ü I l e r und Schulze auf" der Pariser Weltausstellung" heißt die Ausstattuugsposse, die dadurch reüssieren soll, daß o'ein Lokalpatriotismus von Berlin v mit derber Hand in die Backen ge- kniffen wird. Müller und Schulze sind nämlich zwei Helden des Central-Viehmarkts und da von diesem nützlichen Institut, wie es heißt, auch noch andre Berühmtheiten treu eoupiert auf der Bühne erscheinen, so hofft man, daß das Stück vorab Zuspruch findet wie warme Knobländer. Was Müller und Schulze in Paris suchen, kann man leicht erraten. Der Blumensäle müde, wollen sie sich am Seinestrand in den Strudel stürzen; von solchen Dingen darf aber Mutter nichts wissen und daher wird den braven Gattinnen eine Finte vorgemacht. Selbsb verständlich gehen die Schlächtermadams auch nach Paris, über raschen dort ihre Ehemänner auf verbotenen Pfaden, und der Schluß ist Krach und endliche Aussöhnung. Neue Dekorationen gaben zu Anfang die Börsenhalle unsres Viehhofs und am Schluß den Wasser- Palast der Pariser Ausstellung mit der im Ostend- Theater üblichen überraschenden Naturtreue Ivieder. Ein in seiner Art flottes Spiel that das übrige für den Erfolg des neuen Stücks. SluS dcu Nachbavovten.- Wozu die Spandancr Polizei da ist. Wenn ein Arbeiter ln die M i l i t ä r w e r k st ä t t e n eintreten tvill, wird ihm ein polizeiliches F ü h ru n g s a tt e st abverlangt. Früher bezog sich der Inhalt eines solchen Attestes darauf, ob sein Inhaber etwa mit dem Strafgesetzbuch in Berührung gekommen oder ob er unbescholten war. Anders in Spandan. Dort hat man diesen Schriftstücken u. a folgenden Inhalt gegeben:, 1.„Dem Schneider N. N. wird hierdurch bescheinigt, daß der- selbe seit dem...... bis jetzt hier als selbständiger Schneider gearbeitet hat und der socialde mokratis che n Partei angehört!"-- gez. Lindau, Polizei-Inspektor. 2.„Dem Arbeiter(Schuhmacher) N. N. wird, behufs Arbeits- nähme in einer königlichen Fabrik, auf Grund anitlicher Er- Mittelungen hierdurch bescheinigt er. S. i st Mitglied des socialdem ok ratischen Arbeitervereins!" gez. Koeltze, Oberbürgermeister. Ein hübsches Stück behördlicher Arbeiterfürsorge, das dem Staatsbürger, der sich ehrlich ernähren will, den Eintritt in die von ihm ausersehelie Arbeitsstätte unmöglich macht. Selbstverständlich Wird durch eine derartige polizeiliche Thätigkeit nichts erreicht als Verbitterung. Denn für so thöricht>vird man auch kaum die Militär- toerwaltung" halten, daß sie glaubt, durch solche Mittel die große Zahl der' in ihren Betrieben beschäftigten soeialdemokratischen Arbeiter vermindern zu könne». Mögen Einzelne immerhin getroffen werden'; im ganzen wirken derartige Maßnahmen nur agitatorisch für uns. Städtische Grundstückskäufe in Spandau. Aus Spandau wird uns geschrieben: Ueber die letzte Stadtverordneten-Sitzung, in welcher iviederum ein ohne die Einwilligung der Stadtverordneten vom Magistrat und einerDeputation abgeschlossener Grundstückskauf auf der Tagesordnung stand, berichteten wir bereits. Dieser„neuesteGruud- stiickskauf" mußte natürlich die größte Aufmerksamkeit der Spandauer Steuerzahler erregen. Ganz harmlos forderte der Magistrat in der setzten Stadtverordneten- Sitzung in einer Vorlage»die B e- willig nng von 30 000 Mark aus dem Stamm- vermöge-» für den Ankauf der Baustelle Schür- straße 10." Der Referent Stadtv. Zschalig verschwieg in seinem Referat in der Stadtverordneten-Sitzung anfänglich, daß dieser Ankauf bereits erfolgt ist und daß den Stadtverordneten nur. noch übrig blieb. Ja und Amen zu sagen. Auf Befragen gab Herr Z. jedoch diese Thatsache ausdrücklich zu. Von den bürgerlichen Stadtverordneten Müller, Magers. Neupert und von unseren Genossen Nieger, Schulz und Ducksch wurde dieses Vorgehen der Deputation sehr scharf kritisiert und auf den unglücklichen Plan mit der neuen Straße hingewiesen. Die Freunde der Vorlage versuchten schließlich nur damit der Vorlage zur Annahme zu verhelfen, daß sie anführten, der.Anstand" gebiete es, die Deputationsmitglieder besonders Herrn K., der noch ein fei, mit dem Grundstück nicht sitzen zu lassen. Der Oberbürgermeister machte, nachdem dem Magistrat und der Deputation derart hart zugesetzt ivar, das eigentlich selbst- verständliche Zugeständnis, daß er in Zukunft nie mehr der artigen Grnndstückskäufen, zu welchen nicht vorher ordnungs mäßig die Zustimmung der Stadtverordneten- Versammlung eingeholt werde, seine Zustimmung erteilen werde, und wenn, so fügte der Oberbürgermeister elegisch hinzu, der Stadt hieraus Hunderttausende von Mark Schaden er- wachsen sollten.„Einige Herren w ü r d e n sich darüber nur freuen, wenn den DeputationSinitgliedern, im Falle der Ankauf der Höfischen Baustelle nicht genehmigt werden sollte, eine Regreßklage an den Hals gehängt werden würde,»ud noch mehr Freude würden diese Herren empfinden, wenn Herr Kleinfeld mit dem Grund- stück sitzen bliebe." Stadtv. R i e g e r(Soc.) protestiert heftig gegen diese Beleidigung von Mitgliedern der Versammlung durch den Ober- bürgermoister, Ivelcher durch diese Acußeriing denjenigen Stadt verordneten, ivclche er im Auge habe, eine gemeine Gesinnung unter- schiebe. Würde man, so fügte Genosse Rieger hinzu, eine gleich niedrige Gesinnung dem Herrn Oberbürgermeister unterschieben, dann bekäme man es sicher mit dem Staatsanwalt zu thun. Genosse Rieger- führte weiter aus, daß die Herren, welche die Vorlage aus Mitgefühl mit den betreffenden Deputationsmitgliedern ver- teidigen, ihr gutes Herz erst jetzt entdeckt zu haben scheinen, denn bei früheren Gelegenheiten, wo es sich darum handelte, die Löhne der Arbeiter um einige Pfennige ziw erhöheit, da war von diesem guten Herzen nichts zu spüren.' Jetzt aber wolle man mit vollen Händen Geld bewilligen. Nebrigens suche man es so darzustellen. als ob die Durchleguug der neuen Straße überhaupt nur 30 000 M. Kosten verursachen würde; das ist abör falsch/ denn es müsse eveut. unbedingt auch noch die Sternbergsche' Villa angekauft werden, und diese allein würde etlva 200 000 M. kosten. Der Redner beantragte namentliche Abstimmung; mit 21 gegen 13 Stimmen wurde der Magistratsantrag abgelehnt. Die socialdemokratische Fraktion stimmte geschlossen dagegen.— Der Magistrat hat sich mit diesem Votum jedoch, wie schon so oft vorher, nicht zufrieden gegeben, sondern präsentiert seine Vorlagen der heuligen Stadtverordneteu-Sitzung zum- zw eitenmnle! Ob sich jetzt die genügende Anzahl Jasager finden wird?— Die am 15., 17. und 18. September stattfindende Ersatzwahl eines Stadt v e r o r d u e t e n f ii r die III. Abtei In n g• giebt den Wählern wieder einmal Gelegenheit,' den Herren„Jasagern" recht deutlich ihre Meinung auszudrückeit, indem sie'deNi Kandidaten uusrer Partei, tvelche allein rücksichtslos und konsehueitt- und ohne jede privaten Hintergedanken auch auf kommunalem Gebiet ivirkt, dem Rcstaurnteiir Rudolf Radke, zu einem glänzenden Siege verhelfen-! Aus Lichtenberg tvird uns geschrieben: Die Gemeinde Hohen- Schönhausen ivird nun ebenfalls Gasbeleuchtung erhalten. Nachdem der Gutsbezirk Hohen-Schönhnusen mit unsrer Gemeinde einen Vertrag abgeschlossen hat, dem zufolge Lichtenberg auf dreißig Jahre die alleinige Gaslieferung vorbehalten bleibt, steht auf der zu heute einberufenen Gemeindevcrtreter- Sitzung ein eben solcher Vertrag mit der Genieiude Hohen-Schönhausen auf der Tagesordnung. der die. Einführung der Gasbeleuchtung bis spätestens zum I.Januar 1901 vorsieht. Zu derselben Sitzung haben die soeialdemokratischen Gemeindevertreter einen Antrag eingebracht, ivouach die Mitglieder der Gemeindevertretung verpflichtet sind, sich iveder an G e m e i n d e- Arbeiten noch an Lieferungen für die Gemeinde zu be- teiligen. Ebenso tvenig sollen nach diesem Antrag die Gemeinde- Vertreter sich an Unternehmnngeii beteiligen dürfen, die in eine»! Vertrags- oder Lieferungsverhältnis zur Gemeinde stehen. Bei dem bekannten Rechtlichkeitssinn unsrer bürgerlichen Gemeindevertrcter ist an eine Annahme dieses Antrags gar nicht zu zweifeln. Gegen de» chemaligeu Stadtsckrctär Kuhlow von Char- l o t t e u b u r g ivurde seiner Zeit bekauntlich aus Anlaß des Prozesses Gehlsen das Discipliuarverfahren eingeleitet. Kuhlow, welcher auch Schriftführer der Stadtverordneten-Versä'iinUlkmg ivar, nahm erst Urlaub. Später wurde er von der Leitung deS Ceutral- bureauS entbunden und zum Vorsteher des Verwaltnngsbureaus der tädlischen Gasanstalten ernannt. Stadtsyudikus Schulze wurde von wr Discipliuarbehörde mit der Untersuchung betraut. Die Unter- 'uchung ist schon seit einiger Zeit abgeschlossen. Das C-rgebnis chcint kein besonders günstiges für Kuhloiv zu sein, denn seit heute (Mittwoch) hat er die Leitung des Verwaltungsbureaus niedergelegt, da er von der vorgesetzten Behörde vom Amt suspendiert worden ist. Die Mitteilung über einen neuen in der Villa Jsenbart bei Wamifee verübten Einbruchsdiebstahl beruht, wie dem„Teltolver Kreisblati" geschrieben wird, auf Erfindung. Herr Jsenbart ist längst ans seiner Villa weggezogen und hat Iveder ein Fahrrad, noch bares Geld zurückgelassen. Wahrscheinlich hat der Berichterstatter einen Ein- bruch, der kürzlich in Neubabelsberg vorgekommen ist, nach Wannsee verlegt._ Govilszks �Zeitung. Ein bcdancrnswertcr Querulant ist der Schnitter Her- manu F e ii s k e aus dem Detmoldischen, der gestern wegen wissentlich falscher Anschuldigung vor der ersten Ferteii-Straftainmer des Landgerichts I stand. Der Angeklagte hat einen Sohn, der in der 'wangserziehuugs-Anstalt Marwitz bei Velten untergebracht ist..Diese inftalt untersteht der Seelsorge des Predigers Schütz e. Der An- geklagte wollte seinen Sohn gern bald eingesegnet haben, um ihn dann aus der Anstalt herauszubekommen. Er schrieb deshalb dem Prediger- Schütze einen Brief, worin er ihm.den Vorwurf machte, daß dieser 'einen Sohn, der bereits im Jahre 1836 geboren sei, ividerrechtlich vom Koiifirmationsuiiterricht zurückhalte. Der Prediger erwiderte dem Angeklagten, daß dessen Sohn seines Wissens erst im Jahre 1837 geboren sei. Darauf sandte der Angeklagte einen Taufschein ein, in welchem allerdings das Geburtsjahr des Sohns als 1386 angegeben war. Es ivar aber leicht zu sehen. daß eine Fälschung vorlag, aus der Zahl 7 war eine 6 gemacht worden. Prediger Schütze ließ sich einen andren Taufschein aus dem Geburtsorte des Knaben kommen, auch dieser lautete auf das Jahr 1887. Nun wurde dem LaudeSdirektor. als erstem Vorgesetzten der Zwangs- Erziehungsaustalt, von dem Vor- kommuis Mitteilung gemacht, ivobei Prediger Schütze die Vermutung aussprach, daß der Vater FenSke den Taufschein gefälscht habe. Auf Antrag des Landesdireklors Ivurde gegen Feuske Anllage wegen Urkundenfälschung erhoben. Das Landgericht II hatte keinen Zweifel an der Thorheit des Angeklagten, der zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt wurde. Darauf richtete Feuske in seiner Beschränktheit im April ds. Js. an den Oberstaatsanwalt des Kammcrgerichts� eine Anzeige, worin er um Bestrafung des Pfarrers Schütze wegen wissent- lich falscher Anschuldigimg bat, auf dessen Bezichtigung hin sei er zu Unrecht verurteilt worden. Der Spieß wurde umgedreht. Der An- geklagte zeigte sich auch im Termin als ein zerfahrener, unklarer Mensch, über dessen Zurechunngsfähigkeit man in Zweifel kommen konnte. Der Staatsanwalt wollte den Augeklagten mit 6 Monaten Gesängnis bestraft wissen, der Gerichtshof beließ eS bei 3 Monaten e f an g n i S. Kehrichtwagc« sollen nach einer Polizeiverordnung der Rc- 1 gerung zu Potsdam vom 17. März 1893 mit einem dichtschließenden Deckel verschlossen sein. Gegen diese Bestimmung sollte sich der Berliner Groß- Abfuhrunternehmer Fettkenhauer vergangen habe». Er hatte nach seinem Abladeplatz im Gemeindebezirk Treptow Müll in einem Wagen befördern lassen, der nur mit einem Plautnch ver- 'ehe» war. Das Schöffengericht verurteilte ihn zu einer Geld- träfe, das Landgericht als Berufungsinstanz sprach ihn jedoch frei. indem es davon ausging, daß ein über das Müll gebreiteter Plan dieselben Dienste thue, wie ein Deckel. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein und hatte damit Erfolg. Der Strafsenat des Kammergerichts hob die Vorentscheidung auf und verlvies die Sache an das Landgericht zurück. Der Präsident führte begründend aus, die Annahme des Vorderrichters, daß ein Plan zur Erfüllung der fraglichen Borschrift genüge; sei nicht zutreffend. junges Mitglied l EineS recht grobe» Vertraueilöbrnchs hat sich der Werk- r-a— msistcr Richard Hahn schuldig gemacht, der sich gestern vor der ersten Ferienstrafkammer des Landgerichts I. zu verantworten hatte. Am 20. Februar d. I. hat sich hier ein Bauverein des Baumeister- Verbands Berlin und Umgegend gebildet. Zu dessen Kassierer wurde der Angeklagte bestellt, der die Mitgliederbeiträge in Empfang zu nehmen hatte. Schon als nach ivenigen Monaten der Revisor eine Kontrolle vornahm, konnte er einen Fehlbetrag von 816 M. fest- stellen. Ter Angeklagte gab zu, diese Summe unterschlagen zu haben und machte zu seiner Entschuldigung geltend, daß er sich in einer Notlage befunden habe. Der Staatsanwalt beantragte drei Monate Gefängnis, der Gerichtshof hielt aber diese Strafe nicht für ausreichend und verurteilte den Angeklagten zu sechs Monaten Gefängnis. Als ein sittlich vollkommen lierabgckoi», neuer Mensch stand gestern der schon betagte Drechsler Wilhelm Hahn vor der Ferien- Strafkammer des Landgerichts I. Er ist schon wiederholt wegen Sittlichkeitsverbrechen bestraft worden und wurde gestern wiederum überführt, in sechs Fällen sich an einem zehnjährigen kleinen Mädchen sittlich vergangen zu haben. Er wurde diesmal zu vier Jahren Zuchthans und Ehrverlust auf gleiche Dauer verurteilt. VevsÄmmlungon. Reichstag, Rcichövcrfassiiiig und Chinapolitik der Neichs- regiermig, lautete das Thema eines Vortrags, den Genosse R i ch. Fischer am Dienstag in einer Bersaminlmig des Wahlvereins für den zweiten Berliner Reichstags-Wahlkreis hielt. Der Redner legte dar, daß die Chinapolitik sowie überhaupt die Weltpolitik ihre Ursache habe in dem Bestreben des Kapitalismus, immer neue Absatzgebiete zu schaffen. Die kapitalistische Welt träume von einem großen Kolonialreich. Neben diesen wirtschaftlichen Ursachen treiben auch polnische zur Weltpolitik, nämlich das Bestreben, durch Abenteuer im Auslande hie Aufmerksantkeit von der Misere im Jnlande abzulenken, und der Wunsch, die seit Jahren ungeheuer vermehrten Machtmittel des Militarismus einmal praktisch auf ihre Leistungsfähigkeit zu er- proben.— Wenn die Kapitalisten ein Interesse an der Weltpolitik haben, so seien doch die Arbeiter aller Länder einig in der Ver- urteiluug derselben, ebenso wie wir Soeialdeinokraten_ als Gegner" jeder Ansbentimg und jeder Gewaltpolitik einig seien in der Verurteilung der Chinapoliiik. Wir wissen, daß es nur leere Phrasen sind, wenn gesagt wird, die christliche Kultur solle nach China getragen werden. Was man den Engländern zum Vorwurf gemacht" hat: daß sie den südafrikanischen Feldzug nur"im kapitalistischen Interesse begonnen �habeir, das treffe auch für die deutsche Chinapolitik zu.-— Der Redner besprach nun die Entwicklung der Wirren in China und zeigte unter Hinweis auf die bekanuten Tbatsachen, daß trotz aller offiziösen Deuteleien ein Krieg gegen China geführt werde, ohne daß man sich veranlaßt" gefühlt habe, wie es die Neichsperfassnng vorschreibt, die Zustimmung des Bundesrats einzuholen und den Reichstag um Be- willigung der zur Kriegführung erforderlichen Gelder anzugehen. Niemand werde etwas dagegen einzuwenden haben, daß Deutschland für die Ermordung des Gesandten Sühne fordert, aber ein Rache- feldzug, wie der jetzige von vornherein angekündigt worden sei, entspreche weder dem Empfinden des Volks, noch dxr politischen Klugheit. Und was für entsetzliche Folgeerscheinungen habe dieser Krieg mit sich gebracht. Es seien ja Soldatenbriefe � veröffentlicht worden, deren Schreiber sich rühmen, Greise, Weiber' und Kinder niedergestochen und-geschossen zu haben. Eine entsetzliche Verrohung des Gemüts werde durch solche Thatsachen bekundet. Wehrlose Weiber und Kinder töten, das sei kein. Krieg, sondern Mord, und die daran Schuldigen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Augesichis der durch die Vorgänge in China geschaffenen Situation müssen wir dse Einberufung des Reichstags fordern. Aber bis jetzt sei noch keine Rede davon. Große Hoffnung dürfe man aller- dings auf die Haltung des Reichstags in dieser Angelegenheit nicht setzen. Von den Freisinnigen könne man nicht viel erwarten. Habe doch Eugen Richter, als beim Ausbruch der Wirren das Verlangen nach Einberufung des Reichstags laut wurde, in seiner Zeitung geschrieben, er wisse nicht. über was die Regierung dem Reichstag Auskunft erteilen solle. Auf die Haltung des CentrumS lasse der Verlauf des soeben beendeten Katholikentags in Bonn schließen. Da sei von allem Mögliche» gesprochen worden, aber kein Wort von der Chinapolilik und der Stellung des Centrums zu derselben. Außerdem lähme seine Haltung bei der Flottenvorlage jeden Wider- tand gegen die Weltpolitik, ebenso die Stellung zu den Missionen, über deren Rolle bei dem chinesischen Aufstand Redner des näheren iich ausließ. Die Konservativen seien zwar im Herzen nicht gerade für die Weltpolitik, aber sie seien einerseits zu sehr von höfischer, lakaienhafter Gesiunung beseelt, als daß sie in diesem Punkt der Regierung Opposition machen würden, und andrerseits auch klug genug zu wissen, daß sie ja auch nicht die Kosten für weltpolitische Abenteuer tragen, während sie ftirg ihr patriotisches Verhalten von der Regierung die entsprechenden Vorteile zugebilligt erhalten. Wenn aber auch vom Reichstag nicht viel zu hoffen sei, dürfe uns daS aber nicht hindern, die Einberufung desselben zu verlangen, nnsre Stellung- gegenüber den chinesischen Wirren und der Welt- Politik unverändert beizubehalten und für nnsre Auffassuiig, die in weiten Volkskreisen geteilt werde, zu agitieren, bis das ganze Volk auf unsrer Seite steht. Mit lebhaftem Beifall nahm die gut besuchte Versammlung den zweistündigen Vortrag auf. Eine Diskussion über denselben eut- tand nicht. Adlerschof. Im Verband der Buchbinder sprach am 2. Sep- tember das Mitglied Brückner über den Gewaltakt der deutschen Buchbindereibesitzer. Dem beifällig aufgenommenen Vortrag folgte die Erledigung einiger VerbandSangelegenheiten. Unter anderm wurde beschlosien. daß die„Buchbiuder-Zeitung" durch die am Orte bestehende Parteispedition den Mitgliedern zugestellt werden soll. Verband deutscher Barbiere, Friseure und Perrückemnacher. Zweigverein Berlin. Donnerstag, den 13. d. M, abends IG/, Uhr, bei Schiller, Roseuthalerstr. b?: Versammlung. Vevmis/« Jahre» 54—55, b) Käser 57—00, c) fletschige 52—53, d) gcring eutwickeile 49—51, e) Sailen 48— 50. Verlauf uiib Tendenz. Vom Riiiderausirieb blieben ungesähr 300 Stück uiiverkanst. Der Kälbcrhandel gestaltete sicki langsam; schwere Ware viel am Markt, aber sehr vernachlässigt und hinterläßt Ueberstand. Bei den Schafen fanden nngesähr 400 Stück Absatz. Der Schwcinenlarkt verlies ruhig, kernige Marc gesucht, leichte vernachlässigt; es wird voraus- sichtlich geräumt._ »Vetter-Prognose für Tonnerstag, de» 1Z. September 1000. Ein wenig wärmer, teils heiter, teils wolkig bei mäßigen westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. B e r k i li e r W c t I c r b n r e a». »Vitt etnngSiiber- ficht vom 12. Setztemker 1000. morgens« Uhr. Stationen «L 3J— Switlemde Hamburg Berli» Frankf./M. 'München Wien Z e 769 NW 772 NW 770120 772. NNO 771 W 767, NW Wetter 3wolkenl 2hlb.bcd Ilbedeckt Ihlb.bcd. 3 tvolkig llRegen H c 5 ro— •1 s 760 Still 777, N 775 2ÜSW 773NNO Wetter hlS.bcd. bedeckt llheiter 2livolkeill SS l» £ a 12 12 12 Briefkasten der Kedaklwn. Die jnrisiische Sprcchstnnde findet Montag. Dicitstag. Donnerstag»ud Freitag von 7—0 Uhr abends statt. H. 145. Wurm, Masculinnm. H.'S. In einer öffentliche» Parteiversauiuiliing. H. H.. Ehar-lottcnbiirg. Das 1. und 3. Bataillon steht in Goldap, das zweite in Darlehmen. R. H. 43. Zur Zahlung der 750 M. sind Sie dem Dritten gegenüber nritverpflichtct, weil Sie Erbe geworden sind. Sie könnten sich nur wegen Rückzahlung an Ihre Schwester halten.- F. G. 100. Stach der am I. Oftober 1900 in Kraft tretenden, von uns wiederholt wörtlich«ntgeteilten Krankenversicherungsiiovelle kann der Binidesrät die Kränkelwersichernngs- Pflicht auf Hausindustrielle erstrecken. Den Inhalt der Novefle finden Sie im 1. Nachtrag zum„Arbetterrecht" S. 109, 110.—n Rückgabe Ihres Eigciitninö verlangen, da Sie mit Ihrer Stelliuig«mv erstanden waren,. muß uian aiulehmen, daß Sie nicht Mitinhaber, fonoern Wcrkführer sind. Ihre Klindigniigssrist beträgt 6 Wochen zum Ersten des'Quartals.- Junger Genoffe. 1 bis 4: Nein.- Kiautschoii.'Ihr beantworteter Bries ist Licht aufbewahrt. Sie müßten Ihre Anfrage ander Miederbolung des volle» Sachverhalts wiederholen oder in der- jnriftischeu Sprechstunde vorsprechen.- N. R. Schleier-macherstraste. Jsi leider erfolglos. — Freicnwaldcrstrasie. Neu nnh r-L a d eirs chlüß. Wie>oir wieder- holt an dieser und an andern Stellen iinsrer Zeitung mitgeteilt haben, tritt vom 1. Oktober ab die Bestinimnng in Kraft, daß offene Verlansssteflen (gleichviel, ob die Geschäfte mit oder ohne Gehilsen arbeiten) von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens geschlossen sein müffen. Den Wortlaut der ge- setzlichen Bestimniungen finden Sie ans Seite 105, 106 des ersten Nachtrags zum. Arbeitcrrecht.- W. T. Die Frau ist erbberechtigt.- S. L. 03. Der Widerspruch hat Aussicht ans Erfolg, weil es sich um em nicht öffentliches Vergnügen, eine Landpartie, mit Musik und Tanz,- Handelt, zu deren Ver- anslaltnng polizeiliche Anmeldimg oder Gcnehinigung auch in Preußen noch nicht ersorderlich ist. Der Betreffende soll henntragen, da er völlig lchuldlos ist, nicht nur die Kosten, sondern auch die ihm erwachsenen Auslagen d.er Staatskasse aufzuerlegen.— K. K. Sie bejindeu sich Für de» Inhalt der Inserate tibernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Vcraiitniortiing. Thentev. Donnerstag, den 13. Sept. Opernhaus. Die Entführung ans dem Sercil.— Vergißmeimiicht. Anfang 7l/z Uhr. Schauspielhaus. Jaust. Anfang 7>/2 Uhr. Neues Oper»- Theater(Kroll). Die Fledcniians. Anfang 7l/zUhr Deutsches. Wenn wir Toten er- wachen. Altfang 7>/z Uhr. Berliner. Ueber uiisre Kraft. Au fang 7>/a Uhr. Lcssiug. La Gioconda. Ansang TJ/a Uhr. Residenz. Die Dame von Maxim Ansang 7>/z Uhr. Neues. De» weibe Hirsch. Ansang 7V, Uhr. Westeu. Der Troubadour. Anfang 7V- Uhr. Schiller. Faust.(1. Teil.) Ansang 8 Uhr. Sentral. Die Geisha. Anfang 7-/z Uhr. Thalia. Der Liebesfchlüffel. Anfang 7-/, Uhr. 8"il Pelikan. Ansang Carl Weift. Müller nnd Schulze auf der Pariser WeltausstcNuna Ansang 8 Uhr. Bellc-Alliance. Ei» toller Einfall. Ansang?>/, Uhr. Meirvpol. SpecialitäteiivorsteNung. Der Mandarin von Tsing-ling- tiiig. Ansang 7i/, Uhr. Apollo. Speclalitäten-Vorstelliiiig. VeiniS auf Erden. Anfang 7-/, Uhr. Palast. Spccinlitntcn- Vorstellung. .Puffschiintchen. Ans. 7'/, Uhr. Rcichshallc». Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage- Panoptikum. Specials- tätcu-VorsteNnng. Urania. Juvalidensir. 57/03. Täglich abends von 5—10 Uhr: Sterinvartc. Taiibcnstr. 48/40. Abends 8 Uhr (im Theater, aal): Eine Wanderung durch die Pariser Welt- aussielliuig._■ CarlWelss-Iheater Gr. Franksnrterstr. 133. Novität! Täglich: Novität! Müller und Schulze auf der Pariser Weltausstellung. Große AusslattiiiigSVoffe mir Gesang '»» Bildern von Karl Weib u. I. Dill. Musik von A. Sllicher. Ansang 8 Ubr. �Sonuivg»ach»,. 4 Uhr, kleine Preise: Die Anua Life._ Urania Tanbenatrasso 48/40. Im Theater abends 8 Uhr: Eine Wandcrnng durch die Pariser Weltansstellnng. Invalidcnatr. 57/03. Tägl. Sternwarte. _ NaclimlUags 5-10 Uhr._ SeGessions-BQhne. Eröffnungs-Vorslellong 15. September 1900. Komödie der Liebe. Von Hemik Ibsen. Voiverkauf an der Tageskasse. ™ CASTANS PANOPTICUM Neu! Graf Waldersee in der Tropen-Uniform. Kampf eines deutschen Seesoldaten mit Boxern bei Tientaiii! Die sensationellen lebenden Photographien! RnstilHche Nationale Streichkapelle. (Walluer-Thealeri. Doiiiiirstag, abends 8 Uhr: l-'aa-it. Tragödie van Wolfgaiig Goethe. 1. Teil, zlveiter Abend. Freitag, abends 8 Uhr: I-'aast, 1. Teil, erster Abend. Sonnabend, abepds 8 Uhr: i'au!-jt. I. Teil, zweiter Abend. Sonntag, nachmittags 3 U h r: ve» Heei-R» und«ler l-lcbc Wellen. »0 n»tag, abends 5 Uhr: IHe OrlenrclKe. 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Raunynstr. 37; bei Herr»» Graamann, 118/1 Grosse Versammlung alier in der MetliWrilnbenbrililche beschilft. Arbeiter u. Arbeiterimml. Tages-Ordi» nng: 1. Die Frauenarbeit in der Grovindustrie� Reserentin Frau Martha T»eb. 2. Diskussion. 3. Bericht der Agitationskommission und Neuwahl derselben. 4. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse und die Machinationen der Meister»md Bettiebsleiter bei der Firma Willing u. B i o l e t. S. Abrechnung vom Sommerfest. 6. Berbandsangelegenheiten. _______ Die Ortsverwaltnng, Centralverbanil der im Handels-, Transport- und Verkelirsperlie besclit. Hilfsarbeiter Deutscbl. Terwaltnngsstclle Berlin. Bureau«. Arbeitsnachweis: Gelverkschaftshans, Engel-Ufer 15, II. Telephon: Amt 7, 3348. Hans und Geschäftsdiener und Packer! DonuerStag, den 13. September, abends VeÖ Uhrr CtrosseVensammlnngs in Cohns Fcftsäle», Benthstrahe IS— 2V. Tages-Ordnung: 1. Die Umwälzungen im Handelsgcwerbe. Referent Kollege Oswald Schnman». 68/4 2. Die Verhandlungen mit der Firma A. Jandorf u. Co. Bericht- erstatter Kollege Angust Werner. 3. Diskussion. 4. Gewerkschaftliches. Ilm regen Besuch bittet_ Die Sektlonsleltnng. Maler und verwandte Beruisgenossen. Vereinigung deutscher Maler. Donnerstag, den 13. September, abends 8 Uhr, im gr. Saale des GetverkschaftShauses, Engel-Ufer 15, 1. Stock: (KroHe Verfettnmlung für Berlin. Charlottenburg nnb Rudorf. Tages-Ordnung: 1. Tie Sletgerung der Unfallgefahr in nnsrem Berufe und in wie weit wirken die niedrigen Löhne hierauf ein. 2. Tie ausgearbeiteirn Forderungen KV Pfennig pro Stunde Minimallohn usw. Kollegen, es ist Ehrenpflicht jedes Einzelnen, in dieser Versammlung zur Stelle zu sein. Der Saal muh um 8 Uhr gefüllt sein. 12ö/6 SW" Die Bcrsammlung wird pünktlich eröffnet! TS Das Agitationskomitee für Berlin und die Provinz Brandenburg. Hiermit machen wir Euch auf die heute abend 8 Uhr bei Nninann, Brunnenstraße 188, stattfindende Versammlung noch besonders auftnerksam. 174/13_ Die Gcsellenansschtlsse. Krankeiikassen-Beauite. Krankenkassen- Vorstände. Freitag, den 14. September, abends 8 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 30: Oessentl. Nerlonttttlung kt Kaffenvorstände mib Rassenbeamten. Tagesordnung: Stellungnahine zu dem von der Zehnerkommisston aus- gearbeiteten Dicnstvertrage. L86ob Alle Beteiligten werden dringend gebeien, vollzählig zu erscheinen. Die üilelmer-Koinmlsslon. I. A.: Julius Cohn. Heinrich Donath. Central-Krankenkasse der Tabakarbeiter Deutschlands. Berlin I. Den Mitgliedern die traurige Nach- richt, dast unser langjähriges Mitglied, der Kollege Karl nach längerem Krankenlager am 11. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonn- abend, den Ib., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Markus- Kirchhofs in Wilhelmsberg aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 188/1 Der Vorstand. Ehrenerklärung. Ich erkläre den Mitfahrer Laul luärvlg, Am Ostbahn- Hof 18, für einen braven, ehrlichen Menschen und bedauere die im Um- laus befindlichen Klatschereien. s2868b Borth» Böhm, Am Ostbahnhof 18. Dauoftgen-ReistliUe (auch Kolporteure) 33/20 verdienen nirgends smikl Berlin lt., Monbijou-Platz 10. Freie Volksbühne mlhfoilllim* Sonntagnachinitt. 2»/. Uhr, im liessing- . BUICUUliy• Theater: Die Macht der Finsternis. SMP Die 3. Serie derVorstellungen beginnt am 23. Sept. im Carl Welss-Theater mit Björnstjeme Bjömsons: Heber nnsre Kraft.(I. Teil).— Filr die Mitglieder der I Abteilung muss der Oktober-Beitrag bis zu diesem Sonntag entrichtet sein. » Mitglieder znr 7. Abteilung kUnnen sich In allen Zahlstellen melden.» D'e neuen Mitgliedskarten liegen in den Zahlstellen KP*®' zum Abholen bereit. 230/18 Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. IZiehnng bestimmt von» 20.— 36. Okt. 1000. 1 3. 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