Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Deutschland- Berichte 6. Jahrgang 1939 Nr. 9 INHALTSVERZEICHNIS TEIL A: NACHRICHTEN UND BERICHTE 1) Nach dem Münchener Attentat I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 3-25 A AA 36 6-16 A 8-10 A 10-11 2) Die Wirkung der Propaganda a) Die Einstellung zum Krieg b) England als Hauptfeind c) Der Pakt mit Russland d) Das Vorgehen gegen Polen e) Die Wirkung der ausländischen Gegenpropaganda 3) Allgemeine Stimmungsberichte A 11-12 A 12-13 A 13-16 A 16-22 4) Die Haltung des Militärs und der Industrie A 22-25 II. Aus der Wirtschaft 1) Die Rationierung Berichte über die psychologischen Wirkungen. 2) Ueberbeanspruchung und technischer Verfall der Reichsbahn TEIL B: UEBERSICHTEN A 26-39 A 26-36 A 36-39 Deutschlands wirtschaftliche Gewinne in Polen.. B 40-64 1) Die Gebietserweiterung 2) Der Bevölkerungszuwachs 3) Der Gewinn an Arbeitskräften 4) Der landwirtschaftliche Gewinn 5) Die Gewinne an Rohstoffen 6) Die Vermehrung der industriellen Produktionskapazität 7) Der Stand des Verkehrswesens B 41-43 B 43-46 B 46-49 B 49-53 B 53-57 B 57-61 B 61-64 Teil A.: Nachrichten und Berichte ( Abgeschlossen am 2. Dezember 1939) I. DIE ALLGEMEINE SITUATION IN DEUTSCHLAND 1) Nach dem Münchner Attentat Die allgemeine Stimmung in Deutschland wurde in den letzten Wochen naturgemäss von dem Attentat im Münchener Bürgerbräukeller beherrscht. Es ist nicht Aufgabe dieser Berichte, sich an dem Rätselraten darüber zu beteiligen, ob dieses Attentat von der Gestapo inszeniert oder von Gegnern Hitlers in seiner eigenen Partei versucht worden ist. Wir müssen uns darauf beschränken, die Stimmungen wiederzugeben, die das Attentat im Volke ausgelöst hat. Es sind darüber folgende Berichte eingegangen: Berlin: 1. Bericht: Das Attentat war eine grössere Ueberraschung als der Russenpakt. Die Aufregung war geradezu ungeheuer. Die wildesten Gerüchte kursierten. Hitler sei selbst getötet worden, es sei gar nicht wahr, dass er bereits wieder in Berlin sei. Hess sei auch tot. Göring sei verschont geblieben, weil er nicht in München gewesen sei. Er habe sicher vorher gewusst, dass etwas losgehen sollte. Das Attentat sei von der Göringclique angestiftet worden. Es sei von den Militärs gemacht worden und viele andere Dinge mehr. Es gab fast keinen Menschen, der nicht irgendwie von der Sache aufs Tiefste aufgewühlt worden wäre. Wesentlich haben dazu die ausländischen Sender beigetragen, die vor allem in diesen Tagen sehr viel gehört wurden, insbesondere die englischen Sender. Schliesslich setzte sich aber auch in diesem Falle die amtliche Propaganda wieder durch. Einige Tage nach dem Attentat war die Meinung ziemlich weit verbreitet, dass das Attentat tatsächlich von den Engländern gemacht worden sei. Die amtliche deutsche Propaganda hatte dabei umso leichteres Spiel, als sonst niemand imstande war, eine auch nur annähernd plausible Erklärung für das Attentat zu finden. Ich machte dann eine Reise nach dem Ruhrgebiet. In dem ausserordentlich stark besetzten Zug wurde, soweit überhaupt, eigentlich nur von diesem Attentat gesprochen. Es muss ganz objektiv gesagt werden, dass es keinen Menschen gab, der auch nur einen gewissen A 4 Zweifel daran hatte, dass es die Engländer gewesen seien. Ich unterhielt mich mit zwei Herren, davon einer ein uniformierter Nazi. Der Nazi war geradezu fanatisch aufgeregt und er prophezeite England, dass es jetzt erfahren werde, was deutsche Flugzeuge fertigbringen könnten. Jetzt solle man einmal sehen, was der deutsche Soldat könne. Ich selber kann mir kein Bild machen. Ich habe selbst auch keine Erklärung für das Attentat. Nur soviel kann ich sagen: Es wird nicht lange dauern und diese Sache wird ihre Folgen zeitigen. Wer es auch gewesen sein kann, das deutsche Volk fragt sich: welche Kräfte stehen hinter diesem Attentat und welche Kräfte haben es fertiggebracht, Himmlers Gestapo zu täuschen bzw. ihr zu verheimlichen, dass die Sache losgehen würde? Ich kann mich ferner nicht zu der Auffassung bekennen, dass das Attentat so etwas wie ein zweiter Reichstagsbrand gewesen sein könnte. Immerhin möchte ich noch auf einen Gesichtspunkt aufmerksam machen: Hitler wurde schon oft zu einer Entscheidung gezwungen durch irgendwelche Gewaltakte. Ob nicht das unter Umständen eine Erklärung auch für dieses Attentat bieten könnte? Das deutsche Volk ist mehr denn jemals im Ungewissen über die Zukunft. Es ist gegen den Krieg. Es wünscht, dass er im Westen nicht in voller Stärke entbrennen möge. Es ist aber absolut hilflos und hat keinen Einfluss auf die Entwicklung. Erst wenn ganz grosse Ereignisse in diesem Krieg eintreten, wird das Volk sich rühren. Vorläufig wartet es in dumpfer Ergebenheit ab. 2. Bericht: Als die Kunde vom Münchener Attentat kam, war es für den kleinen Mann nicht ganz einfach, sich zurechtzufinden. Es hagelte ein Regen von Gerüchten, Mutmassungen, Verdächtigungen auf ihn herab, an die er bisher nicht im entferntesten gedacht hatte. Secret Service, Staatsfeinde, ja, gab es denn so etwas überhaupt noch im Dritten Reich? Und wenn der Engländer hier Bomben wirft, wie kommt er durch die Ketten sind der übermächtigen deutschen politischen Polizei? Was Staatsfeinde im geeinten Reich? Die deutsche Propaganda hat den kleinen Mann mit ihren schweren Geschützen schnell der Notwendigkeit der Beantwortung all dieser komplizierten Fragen enthoben. Dass sie sich so schnell durchsetzen konnte, lag vor allem an einem Umstand. Die Vorstellung von dem Boot, in dem alle sitzen, ist zu verbreitet und die Glaubwürdigkeit in die schon einmal erteilten Versprechen der Kriegsgegner ist zu nachhaltig erschüttert, als dass der besagte ,, kleine Mann" ein Verlangen danach haben könnte, die Bombe hätte ihre Wirkung tun sollen. Andererseits sagt man sich: Ein solcher Anschlag kann doch nie alle ,, Führer" auf einmal treffen und schon deshalb ist er sinnlos. Er hätte im günstigsten Falle als Folge le A 5 diglich eine innere Verwirrung und der Nutzniesser wäre der Feind, der Krieg wäre verloren und das Elend wäre noch viel grösser als nach Versailles; alle Anstrengungen seit 1933 wären nutzlos gewesen. So kann man nur mit Staunen feststellen, ganz gleich wer die Bombe warf, den Erfolg ernten die Nazis. Die Hinweise der englischen Sender auf einen zweiten ,, Reichstagsbrand" sind nicht durchgedrungen. Es hat sowieso nur informatorisches Interesse, wer der Täter ist. Die politische Konsequenz des Bombenwurfes ist nach unseren allgemeinen Beobachtungen eine Stärkung der Entschlossenheit und wir erkennen dadurch einmal mehr, dass es nur eine Möglichkeit gibt, diese Sachlage zu ändern: die überzeugende militärische Niederlage des Reiches. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Das Attentat in München hat die Bevölkerung sehr aufgewühlt. Niemand ist noch davon überzeugt, dass die Engländer die Urheber sind. Nur ist man sich nicht klar, ob die Sache von den Nazis selber angezettelt wurde, oder ob es ein ,, echtes" Attentat ist. Diese Unklarheit und Unsicherheit gibt zu den wildesten Gerüchten Anlass. Mehr und mehr nimmt die Meinung zu, dass tatsächlich ein Attentat auf Hitler geplant war und dass es nur einem Zufall zu verdanken ist, wenn er mit dem Leben davon kam. Natürlich glauben tatsächlich viele an die ,, Vorsehung", die Hitler das Leben gerettet habe. Aber trotzdem werden alle von einem Gefühl beherrscht: Es ist was im Werden, das Kriegsabenteuer wird zu neuen Ueberraschungen auf innerpolitischem Gebiet führen. Die Unruhe, die durch das Attentat ausgelöst wurde, ist verstärkt durch verschiedene Verhaftungen in allen Orten und unter allen ehemals führenden politischen Kreisen. Man spricht sogar davon, dass verschiedene SA- Leute verhaftet seien. Schliesslich hat man erneut Rundfunkgeräte beschlagnahmt und oft werden die Besitzer solcher Geräte verhaftet. Dann wirft man ihnen meist vor, sie hätten ausländische Nachrichten im Gemeinschaftsempfang abgehört und weiterverbreitet. 2: Bericht: In der Bevölkerung, die in X, zurückgeblieben ist, hat das Attentat in München den stärksten Eindruck gemacht. Nur kann sich kaum jemand ein klares Bild von der Sache machen. Je länger das Geraune geht, umso weniger Licht kommt für das Volk in diese Angelegenheit. Nur wenige glauben wirklich an die Ergebnisse der amtlichen Untersuchung. Manche sagen sogar: ,, Zwanzig Minuten zu spät". Aber natürlich nur im allervertrautesten Kreise. Man sucht das Volk von den eigentlichen Ursachen des Anschlags dadurch abzulenken, dass man die ,, Kriegshetzerclique" in Frankreich und England dafür verantwortlich macht. England habe immer mit dem Meuchelmord gearbeitet. Der Buren A 6 general de la Rey, der französische Arbeitervertreter Jean Jaurès, König Feissal von Irak, Alexander von Jugoslawien, der irakische Generalstabschef Bekr Sedky, Calinescu, der irische Patriot Casement und wer weiss wer, seien alle von englischen Vernichtung Agenten ermordet worden. England habe die Deutschlands zu seinem Ziele gemacht und da es wisse, dass es das nicht erreichen könne, solange Hitler lebe, so habe es jetzt seine Agenten beauftragt, ihn durch ein Attentat zu beseitigen. Diese propagandistische Ausschlachtung des Attentats macht leider einen gewissen Eindruck auf die grosse Masse. Jedoch fragen sich viele bereits, wie es möglich sein konnte, dass englische Agenten bis in den Bürgerbräukeller vordringen konnten, ohne dass sie von der Gestapo gefasst wurden. Dann müsse die Gestapo doch wohl nicht so stark sein. So geht das Rätselraten im Volke um und schafft mehr und mehr eine Atmosphäre, bei der man jede Stunde auf neue Ueberraschungen gefasst ist. 3. Bericht:( Aus einem Bergbaubetrieb). Das Münchener Attentat hat ungeheuere Aufregung verursacht. In den ersten Tagen gab es eine wahre Sturmflut von Gerüchten und es wurde heftig debattiert. Viele wollten in dem Attentat den Anfang von Hitlers Ende sehen und alle wurden schon recht frech und offen. Da erfolgten, zwei Tage nach dem Anschlag, viele Verhaftungen, zunächst von Juden, dann von politischen Gegnern des Systems. Sofort wurde es wieder stiller und die Leute wurden ängstlich. 2) Die Wirkung der Propaganda Die Reaktion der Bevölkerung auf das Münchener Attentat, die aus den vorstehenden Berichten hervorgeht, lässt sich nur verstehen, wenn man die Wirkungen der umfassenden amtlichen Propaganda illusionslos in Rechnung stellt. Diese Propagandawirkung hat bis jetzt durch den Krieg keine Abschwächung, sondern eher eine Steigerung erfahren. Der unpolitische Mensch, vor allem der unpolitische disziplingewohnte Deutsche sagt sich: Jetzt ist Krieg, jetzt müssen wir unserer Regierung mehr glauben als den Feinden. Deshalb haben auch die ausländischen Sendungen in deutscher Sprache und die von englischen Fliegern abgeworfenen Flugblätter bisher keine grössere Wirkung zu erzielen vermocht. A 7 Wie stark die Wirkungen der amtlichen Propaganda heute noch sind, lassen vor allem die beiden nachstehenden Berichte aus Berlin erkennen: 1. Bericht: Das Eingehen der Bevölkerung auf die Anordnungen und Wünsche der heutigen Machthaber wurde wieder einmal anlässlich der Sammlungen für die Flüchtlinge bewiesen. Obwohl bereits die scharfe Textilrationierung durchgeführt war, musste man beobachten, dass die Kleidersammlung zum Teil ausgesprochen umfangreiche Mengen an Kleidung, Wäsche, ja sogar an Schuhwerk erbrachte. Wir haben diese Beobachtungen in zwei verschiedenen Stadtgebieten, und zwar in Arbeitervierteln gemacht! Aehnliche Erfahrungen konnte man am ersten Opfersonntag des Kriegs- Winterhilfswerkes, dem 15. Oktober machen. In den Betrieben kann sich niemand dem Druck der DAF, ein Abzeichen zu kaufen, entziehen. Anders aber könnte es auf der Strasse sein. Tatsächlich jedoch war an diesem Tage in der Stadt ein Heidenbetrieb. Dieser Betrieb kam vor allem durch die in diesem Jahr in geradezu unwahrscheinlichem Umfange dargebotenen Attraktionen zustande. Die Schau polnischer Kriegsbeute Unter den Linden, die Abgabe von Autogrammen durch Schauspieler, die öffentlichen Gastspiele der Variétébühnen auf den Strassen usw., alles jeweils gegen Kauf eines Abzeichens zu besichtigen, fanden einen immensen Zulauf. Wenn man dies immer wieder beobachtet und damit manche kritische Stimme z. B. über die durch die Kriegssteuer verursachte Lohnkürzung vergleicht, dann ist es durchaus nicht einfach, etwas Allgemeingültiges über die Stimmung zu sagen. Wir haben viele Meinungen zu erforschen versucht, aber fast immer sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass zwar ein ewiges Schwanken zwischen Zustimmung und Kritik zu beobachten ist, dass aber schliesslich doch immer wieder die Zustimmung die Oberhand behält. Die Leute erliegen immer wieder, der amtlichen Propaganda, weil sie keine Vorstellung von dem haben, was nach dem jetzigen Regime kommen könnte. Sie lassen sich sichtlich treiben und der Verkehr in den Tanzlokalen und Vergnügungsstätten zeigt, dass das Volk längst wieder zu seinen Amüsements zurückgekehrt ist. Die Leute sehen, dass die Verbindungsbahn zwischen den Berliner Fernbahnhöfen termingemäss in Betrieb genommen worden ist. Sie sehen, dass das erste grosse Bauwerk am neuen Runden Platz, das Haus des Fremdenverkehrs, trotz allem seiner Vollendung entgegengeht. Und daraus leiten sie die Folgerung ab, dass es auch auf den anderen Gebieten vorwärtsgeht. Den kritischen Stimmen, die gewiss nicht fehlen, mangelt es noch immer an politischer Kraft. 2. Bericht:( Aus einem Brief) Du schreibst mir von Deiner A 8 Einstellung und Ueberzeugung. Vergleiche dies nicht mit dem, was jetzt hier ist. Wenn Menschen systematisch jahrelang für einen Weg gedrillt werden, können sie ihn auswendig und gehen ihn und lassen dann alle anderen Wege, die ihnen einmal verständlich und geläufig waren. So ist es mit unseren Menschen. Wenn Du getarnt einmal unter ihnen weilen könntest, Du würdest staunen über ihre Denkweise. Jetzt hat es scheinbar den X. gefasst. Er denkt, wie jeder Durchschnitt jetzt denkt. Seine Umgebung im Büro bearbeitet ihn und er lässt sich bearbeiten... Sechs Dies ist schrecklich, aber unabänderlich. Jahre Diktatur waren von Erfolg in jeder Beziehung und ich kann Dir nur sagen, der Deutsche kann im Grunde genommen nur so. Du siehst von dort die Dinge von der hohen Warte, wie sie nicht mehr sind. Gestern und heute war der erste Winterhilfssonntag. Früher hätte jemand kommen sollen und fordern, dass Du oder jeder andere sich an einer Strassensammlung beteiligen sollte, es wäre abgelehnt worden. Heute reissen sie sich darum, ob es nun der Polizeipräsident oder ein bedeutender Künstler ist. Die Tatsache ist auf jeden Fall da, dass jeder, ob nun gefordert oder nicht, auf die Strasse oder sonstwohin geht, wohin Du ihn haben willst. An dieser Tatsache lässt sich nichts abstreiten. Und in der augenblicklichen Situation heisst es allgemein: Der Engländer hat den Krieg begonnen, der Engländer führt den Krieg weiter, der Engländer hat keinen Grund, Krieg zu führen. Aber den Krieg weiter und aus Irrsin und Kapitalsucht führt er darunter haben nun Mütter und Kinder in der ganzen Welt zu leiden und zu hungern. Die Allmacht der Propaganda ist noch ungebrochen. Sie bestimmt mehr denn je die Einstellung des Volkes zum Kriege, zu den Gegnern, zu den Bundesgenossen. a) Die Einstellung zum Krieg Die Nazi- Propaganda hämmert dem Volke ein, dass Deutschland unüberwindlich sei und die schnelle Niederwerfung Polens scheint ihr recht zu geben. Sie stand in den letzten Wochen vor der schwierigen Aufgabe, dem Volke klar zu machen, dass der Krieg gegen England und Frankreich bitterer Ernst ist, aber auch das scheint ihr ohne Schädigung des Ansehens der Machthaber gelungen zu sein. A 9 Rheinland: In den ersten Wochen nach der Ueberwindung Polens war man in weiten Kreisen des Volkes überzeugt, dass der Krieg bald zu Ende sein würde. Es sei, so meinten viele, in Polen bewiesen worden, dass die deutsche Armee ungeheuer stark sei. Man zweifelte nicht daran, dass Frankreich sich mit der Entscheidung im Osten abfinden und England schliesslich überzeugen würde, dass eine weitere Fortsetzung des Krieges Opfer für eine Sache erfordern würde, die bereits entschieden ist. Hitler hatte und hat sogar noch heute ungeheueres Ansehen im Volke. Das deutsche Volk hat sich, mehr als oft angenommen wird, daran gewöhnt, dass Hitler es schon machen werde. Er hatte bis jetzt immer Recht behalten und die anderen waren immer zurückgewichen. Polen war in einer Schnelligkeit überwunden worden, dass Frankreich und England doch sehen müssten, hier gebe es einfach keine Aussicht auf Widerstand. Da im allgemeinen das Volk auch den Krieg nicht will, klammerte es sich an die Hoffnung, die anderen würden doch nachgeben. Nun geht der Krieg weiter. Die Unsicherheit in der Beurteilung der Lage wächst. Der Durchschnittsmensch erkennt immer langsamer als die kleine Schicht denkender Menschen, wie die Entwicklung gehen könnte. Die grosse Masse denkt meist so, wie die amtliche Propaganda es bestimmt, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Das gilt besonders jetzt, wo viele sich in einem schweren inneren Konflikt befinden, nachdem alle Hoffnungen, der Krieg würde mit der Ueberwindung Polens zu Ende sein, schwinden. Die Lösung aus diesem inneren Konflikt, aus den Zweifeln ist: Wir haben einen Schuldigen! Dieser Schuldige ist England und besonders sein Propagandaminister Churchill. Noch wollen viele daran glauben, dass England kein Recht hat, sich um Dinge im Osten Europas zu kümmern. England ginge Polen gar nichts an. Danzig und der Korridor seien Fragen gewesen, die nur Deutschland etwas angingen. Die Engländer hätten kein Recht, sich einzumischen. Nach und nach schwindet die Hoffnung, dass es im Westen trotz allem nicht zu schweren Kämpfen kommen werde. Die Zweifel wachsen. Das wissen die Nazis ganz genau. Deshalb reden und schreiben sie täglich, diesen Krieg werde Deutschland gewinnen. England und Frankreich hätten das Angebot des Führers abgelehnt, nun würden sie sehen, was sie davon hätten. Bis jetzt hätten ja noch keine Kämpfe im Westen stattgefunden. Wenn aber die Westmächte erst einmal die Ueberlegenheit der deutschen Waffen kennenlernen würden, dann würden ihre Völker wohl anders denken. Diese Ueberlegenheit der deutschen Waffen ist überhaupt eine wichtige Angelegenheit für das gesamte Volk. Im allgemeinen ist man sehr stolz auf die deutschen Waffen, beson A 10 ders auf die deutsche Artillerie und die Luftwaffe. Wunderdinge werden über die Ueberlegenheit der deutschen Waffen erzählt, und damit hat der Durchschnittsbürger wieder etwas, woran er sich klammern kann. Berlin: Die grosse Masse hält Deutschlands politische Situation durchaus für günstig. Dass Italien nicht in den Krieg ging, dass die früher in Aussischt genommenen deutsch- russischen ,, Konsultationen" bisher keine greifbaren Ergebnisse gegehabt haben, wird dahin gedeutet, dass es ja im allgemeinen Interesse liege, eine Ausbreitung des Krieges zu verhindern. Im übrigen ist die deutsche Politik für den kleinen Mann eben erfolgreich, Punkt. Die Aussichten der deutschen Wirtschaft sieht er gerade mit Rücksicht auf die wohlwollende Neutralität Italiens und Russlands als gesichert an, seine Vorstellung entspricht dem, was durch die Presse und den Rundfunk publiziert wurde. Danach kann das Reich also in der gegenwärtigen Lage mit 23 Ländern Handel treiben, die früher 43,7% der deutschen Einfuhr stellten und 55,8% des deutschen Exports aufnahmen. Es fehlen dann an Rohstoffen nur Gummi, Kaffee, Kakao und Jute. Kaffee und Kakao sind nicht lebenswichtig und für Gummi und Jute müssen eben synthetische Produkte geschaffen werden. Danach bleibt der deutschen Wirtschaft nur die Aufgabe, die Transportmöglichkeiten zu organisieren und die Gegenwerte zu produzieren. Und damit ergibt sich für den Mann auf der Strasse auch die Antwort auf die englische Blockade. Man fragt sich, wie lange wird dieser Krieg nun eigentlich gehen, der doch fast gar kein Krieg ist, denn wir merken nur eine Verschärfung der Einsparungen auf allen Lebensgebieten, die uns im Prinzip doch schon seit langem bekannt sind. b) England als Hauptfeind Die Aufgabe, dem Volke den Krieg gegen die Westmächte plausibel zu machen, mit dem die Machthaber selbst nicht gerechnet hatten, löst die Propaganda dadurch, dass sie England die Schuld für den Ausbruch und die Fortsetzung des Krieges zuschiebt. Auch hier bewährt sich die Methode, dieselbe Behauptung immer und immer von neuem zu wiederholen. Grosse Teile des deutschen Volkes glauben heute tatsächlich daran, dass England an allem Schuld sei. Berlin: Die Argumente der Nazi- Propaganda gegen England sind allgemein aufgenommen worden und Gross- Britannien A 11 ist heute wirklich der Kriegsgegner geworden. Von Frankreich glaubt man, dass es nur mit wenig Ueberzeugung ins Feld gegangen sei. Die Verluste der englischen Flotte werden, so meint man, die Vereinigten Staaten und andere Mächte davon abhalten, sich mit den Demokratien zu verbünden. Dagegen hält man es durchhaus für möglich, dass Deutschland, wenn seine Erfolge anhalten, neue Bundesgenossen finden werde. es Sachsen: Ein Angestellter, der den Nazis innerlich nahestand, in den letzten Jahren aber schwankte, und sich sicht, Wer hätte lich von den Nazis entfernte, schreibt folgendes: ,, es jemals geglaubt, dass die Grenzen von 1914 in so kurzer Zeit zugunsten des Reichs wiederhergestellt sein würden. Es gab doch soviele Deutsche, die den Tag der Heimkehr ins Grossdeutsche Reich ersehnten. Aber waren auch viele, die von den Tschechen und Polen abgeschlachtet wurden. Die Zeitungen und das Radio haben es kaum so bringen können, wie es in Wirklichkeit gewesen ist. Einfach grausam haben die Tschechen und Polen gehaust. England ist einzig und allein schuld, dass es so kommen konnte, dafür erfolgt nun jetzt die grosse Abrechnung. England wird dieses Mal das Hören und Sehen vergehen." c) Der Pakt mit Russland Was eine skrupellose und erdrückende Propaganda leisten kann, zeigt sich vor allem im Falle Russland. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, tut auch in dieser Frage die systematische Bearbeitung der öffentlichen Meinung ihre Wirkung. Westdeutschland, 1. Bericht: Die Umstellung gegenüber Russland wollte man in der ersten Zeit einfach nicht glauben; als sie sich dann doch bewahrheitete, wirkte sie zunächst wie eine Bombe und jetzt machen sich viele Sorgen, wohin die Sache führen könnte, Nur wenige glauben an eine wirkliche Allianz mit Russland. Am allerwenigsten die Nazis selbst. Sie meinen allerdings, wenn Russland Deutschland einmal gefährlich werden könnte, so werde man schon Mittel finden, um diese Gefahr abzuwenden. Hauptsache sei jetzt, dass Russland 1933 mit dem Rohstoffe liefere. Der Kleinbürger, der vor Schreckgespenst des Bolschewismus gewonnen worden war, ist sehr verschreckt. Er weiss nicht, was er von der neuen Freundschaft mit Russland denken soll und er klammert sich an Hitler, der schon wissen werde, was er mache. Ernsthafte bürgerliche Leute allerdings lächeln oft, wenn man mit ihnen über die russische Sache spricht. Sie glauben an keine Hilfe, oder nur an eine geringe. A 12 Am Verrücktesten steht es bei den ehemaligen Kommunisten selbst. Sogenannte Sympathisierende sind fertig mit dem Kommunismus. Die ehemaligen Funktionäre der KPD jedoch sind nach Ueberwindung der ersten Ueberraschung nach wie vor von der Weisheit und Grösse Stalins überzeugt. Sie glauben, dass nun der Bolschewismus erst recht in Deutschland zur Macht kommen werde. Sie glauben einfach an die unüberwindliche Kraft des Bolschewismus, dem Deutschland sich nicht mehr entziehen könne. Im allgemeinen ist durch die neue Entwicklung ein sehr grosser geistiger Wirrwarr entstanden. Die meisten Menschen sind in politischen Dingen völlig indifferent. Eines aber hat mehr oder weniger alle erfasst: eine grosse Angst vor der Zukunft. 2. Bericht: Die russische Ueberraschung ist im Abflauen. Viele hatten gemeint, Russland werde vielleicht Deutschland habe Stalin auch militärisch helfen. Andere sagten, Hitler hereingelegt. Es sei ein ganz grosser Erfolg gewesen, dass Hitler Stalin den Engländern rechtzeitig weggeschnappt habe. Jetzt beginnt man sich Rechenschaft darüber abzulegen, was aus der Geschichte unter Umständen werden könnte. Und es gibt bereits Leute, die meinen, der Russenpakt könnte sich vielleicht anders auswirken, als man bisher geglaubt habe. Berlin: Die letzten Illusionen mancher Hitlergegner, Russland könne evtl. doch noch mit doppelten Karten gespielt haben, sind inzwischen erloschen. Die bisherigen Ergebnisse dieser neuen Zusammenarbeit Deutschlands mit Russland haben sehr überzeugend gewirkt. Die ersten grossen Angebote deutscher Firmen an Russland sind hinausgegangen, die ersten Druckaufträge auf russische Prospekte laufen, die ersten Eingänge an russischem Schlachtvieh sind auf dem Berliner Schlachthof eingetroffen. Das alles trägt dazu bei, das Verhältnis zur Sowjetunion realpolitischer zu betrachten. Das deutsch- russische Abkommen erscheint hier als nichts anderes als das Ergebnis einer Verhandlungskonkurrenz mit den Westmächten, aus der Deutschland als Sieger hervorgegangen ist. d) Das Vorgehen gegen Polen Man fragt sich im Ausland, wie kann das deutsche Volk, das angeblich den Krieg nicht will, das beispiellose Wüten des deutschen Terrors in Polen schweigend mit ansehen? Auch hierfür muss in erster Linie die deutsche Propaganda verantwortlich gemacht werden. Die beiden nachste A 13 henden Berichte lassen erkennen, wie sich die Vorgänge in Polen nach dieser Propaganda dem deutschen Volk darstellen müssen. Rheinland: In den Versammlungen und Betriebsappellen lebt die Nazipropaganda noch immer von den ,, Greueltaten in Polen". Immer wieder wird den Massen erzählt, dass die Polen Bestien seien, die die deutschen Zivilisten in Polen zu Tausenden ermordet und die deutschen Soldaten hinterrücks beim Einmarsch erschossen hätten. Mit besonderem Nachdruck wird auch dem Volke erzählt, dass die Engländer Giftgas an Polen geliefert hätten und dass die deutsche Bevölkerung ebenfalls mit diesem Gas angegriffen werden solle. Aber die deutsche Luftwaffe werde es den Engländern schon geben. Natürlich werden auch die Märchen von den ausgestochenen Augen der Bevölkerung nicht vorenthalten. Die Bevölkerung glaubt leider zum grossen Teil alle diese Dinge. Aber es wird nun nicht etwa der Abwehrwille allgemein gestärkt. Vielmehr steigt die Furcht vor den kommenden Ereignissen. Aber es gibt auch viele Leute, die auf die Engländer schimpfen, die an allem schuld seien. Berlin: Polen ist nun erledigt. Die Berichte der deutschen Soldaten haben um ein Vielfaches das übersteigert, was die deutsche Presse und der Rundfunk über die Vorgänge in Polen berichtet hatten. Deshalb jetzt allgemeines Verständnis für das rigorose Vorgehen der deutschen Amtsstellen in Polen. Im übrigen gewinnt man den Eindruck, dass der Wiederaufbau in Polen vonstatten geht. Die Zugverbindungen von hier nach den wichtigsten Teilen Polens sind längst in Gang, fast täglich kommen Berichte über die Ausdehnung des wiederhergestellten Verkehrsnetzes. Und wie bei den Eisenbahnen, so geht es ähnlich mit allen anderen Dingen. e) Die Wirkung der auslaendischen Gegenpropaganda Zweifellos bleibt das, was durch die Propaganda der Westmächte geschieht, um das deutsche Volk über die tatsächliche Lage aufzuklären, nicht ohne Erfolg. Die ausländischen Rundfunknachrichten werden abgehört und die von den englischen Fliegern abgeworfenen Flugblätter werden gelesen. Ein indirektes Zeugnis für die Wirksamkeit dieser Propaganda ist ein Leitartikel in der„ Essener Nationalzeitung" vom 6. November, in dem es unter der Ueberschrift ,, Der Feind spricht" heisst: A 14 ,, Einer dieser Wege, die verlogene feindliche Rundfunkpropaganda, ist durch die harte klare Energie der Reichsregierung praktisch unmöglich geworden. Wie der Soldat bedingungslos dem Befehl des Vorgesetzten folgt, weiss auch das nationalsozialistische, soldatische deutsche Volk, dass es erst recht im Kriege den Befehlen seiner Führung bedingungslos zu gehorchen hat. Und wie ein deutscher Soldat niemals einen Befehl verweigern wird, so wird auch unser Volk, dessen Söhne diese Soldaten sind, sich nach dem Verbot der Abhörung des feindlichen Lügenrundfunks richten. So bleibt dem Angriffswillen der feindlichen. Lügenpropaganda eigentlich nur der eine Weg, durch Flugblätter falsche Nachrichten auszustreuen. Mögen auch die meisten dieser motorisierten Lügenagenten von unserer hervorragenden Luftwaffe abgeschossen werden, so kann es natürlich doch hier und da einzelnen Feindflugzeugen gelingen, ihre papierene Last aus höchster Höhe über deutschem Hoheitsgebiet abzuladen. Das, so meint England, müsste aber schon genügen. Denn man rechnet dort mit einer menschlichen Eigenschaft, die nun einmal fraglos besteht, dem deutschen Mitteilungsbedürfnis. Da hat irgendein an und für sich absolut gutwilliger Deutscher ein solches Flugblatt gefunden. Er hat es nicht bei der Polizei abgeliefert, sondern es sich als Kriegsandenken aufgehoben. Nun zeigt er es einem Freunde, der es liest und das Gelesene gelegentlich wieder einem Dritten weitererzählt. Das allzumenschliche Sensationsbedürfnis, der Drang nach persönlicher Geltung kommen als neue Bundesgenossen Englands hinzu, und nun entsteht das, was man in London gewollt hat: das Gerücht!... Fahrlässige Gerüchteverbreiter sind darum Hoch- und Landesverräter. Ein zum Siege entschlossenes Volk muss mit aller Rücksichtslosigkeit gegen sie vorgehen. Aber man darf die Wirkung dieser Gegenpropaganda nicht überschätzen. Ein Berichterstatter äussert sich betont skeptisch. Berlin: Wir haben vor einiger Zeit berichtet, dass die Bevölkerung, je mehr die politische Spannung wuchs, umso mehr die ausländischen Sender abhörte, um sich zuverlässige Informationen zu verschaffen. Dass dies in grossem Umfange geschah, konnte man auch deutlich den Gesprächen der Leute über die politische Lage entnehmen. Mit dem Ausbruch des Krieges und dem Erlass der Verordnung gegen das Abhören ausländischer Sender ist aber hierin ein grundsätzlicher Wandel eingetreten. Jetzt lassen die politischen Gespräche erkennen, dass man das Abhören dieser Sender zum grossen Teil A 15 wieder eingestellt hat. Denn jetzt vollzieht sich die Meinungsbildung bei fast allen Menschen ausschliesslich auf Grund der deutschen Nachrichten. Wenn die Zahl der Hörer fremder Sender beträchlich zurückging, dann liegt dies aber auch nicht zuletzt an der falschen Taktik dieser Sender selbst. Es ist Unsinn, wenn am ausländischen Rundfunk erklärt wird, die deutschen Ministerien hätten die Veröffentlichung von Todesanzeigen der Gefallenen und den Angehörigen das Tragen von Trauder Völkische täglich selbst wenn erkleidung verboten, Beobachter" entsprechende Anzeigen bringt und im Strassenbild Kriegerwitwen in schwarzem Kleid aufzutauchen beginnen. Die Bevölkerung hat deshalb auch die von den Nazis erwünschte ,, Einsicht" für die Rundfunkverordnung gezeigt. Hier spricht allerdings wohl auch der Eindruck mit, den man allgemein von der Entschlossenheit der Machthaber hat, die Gesetze mit brutaler Rücksichtslosigkeit anzuwenden. وو die Norddeutschland: Die ausländischen Radiosendungen werden verschiedenen Mitteilungen nach doch in grossem Umfange abgehört. Die Leute sind dabei äusserst vorsichtig. Allerdings sind sie auch sehr kritisch und es muss daher, soweit es irgend möglich ist, vermieden werden, falsche Mitteilungen über Angriffe auf deutsche Städte usw. zu bringen, da Hörer ja sehr oft selbst imstande sind, diese Mitteilungen zu kontrollieren und bei Falschmeldungen natürlich den Glauben an die Zuverlässigkeit der Meldungen verlieren. Man eben immer wieder daran denken, dass die psychologische Einstellung in Deutschland eine ganz merkwürdige ist. muss es Ueber die englischen Fliegerangriffe waren die Leute ziemlich betroffen. Nach der ungeheueren Reklame, die man in Deutschland mit der Luftwaffe gemacht hatte, hielt man für ausgeschlossen, dass englische Flieger nach Deutschland kommen könnten. Die Flugblätter, die sie abwarfen, wurden in Neumünster, Oldesloe, Segeberg, Itzehoe, Schleswig. und Flensburg gefunden. Die Einwohner waren natürlich am Morgen sehr überrascht, als sie die Flugblätter auf den Strassen liegen sahen, und man sagte sich, dass die Flieger ja ebenso gut anstatt Fluglätter hätten Bomben abwerfen können. Es wurde dann auch sofort die Anordnung erlassen, dass diese Flugblätter nur von Polizei, SS und SA in Uniform und Kindern unter 10 Jahren aufgesammelt werden durften. Alle Flugblätter mussten sofort abgeliefert werden. man ausländische Stationen Nordwestdeutschland: Will hören, dann tut man das meist im abgeschlossensten Winkel der Wohnung. Die österreichischen Sendungen aus Paris werden häufig abfällig kritisiert. Man vermutet die HeimwehrOesterreicher dahinter und monarchistische Wünsche und das A 16 spricht wenig an. Dagegen findet es viel Beifall, wenn man Hitler gegen Hitler sprechen lässt. Die englische Radiopropaganda wird allgemein günstig beurteilt. 3) Allgemeine Stimmungsberichte Das Bild, das die vorstehenden Berichte von der allgemeinen Stimmung in Deutschland entrollen, wird anschaulich ergänzt durch die nachstehenden Berichte, die sich nicht in einen besonderen Zusammenhang einreihen lassen. Der folgende Reisebericht einer neutralen Ausländerin ist bereits im ,, Neuen Vorwärts" vom 26. November 1939 abgedruckt worden. ch habe meine alte Heimat nicht mehr wiedererkannt, weder die Städte, die mir einmal vertraut waren, noch die Menschen, die mir nahestanden. Das war nicht mehr Deutschland für mich, sondern ein fremdes und fast geheimnisvolles Land, mit einer Physiognomie, die verzerrt war von Unrast, Unsicherheit und Angst, ohne dass ich imstande wäre, eine genaue Definition dieser Erscheinungen zu geben. Von der alten österreichisch- schlesischen Grenze bis nach Breslau hatte ich eine vielstündige Verspätung. Es war in den Tagen, als sehr viele Truppen von Osten nach Westen mit Geschützen und Fouragen geworfen wurden. Auf jeder kleinen Station mussten wir lange warten, um Militärzüge passieren zu lassen. Von fröhlicher Soldatenstimmung habe ich nirgendwo etwas zu sehen oder zu hören bekommen. In ziemsich auf den lich verwahrlosten Uniformen drängte man Bahnsteigen und versuchte an den Buffets etwas zu kaufen. Alles hatte anscheinend Hunger und Durst. Aber noch tiefer als die Soldaten beeindruckten mich meine Mitreisenden. Zwei Bäuerinnen mit Kopftüchern, ein junger Mann, der sich in Breslau zu stellen hatte und eine städtisch gekleidete Frau in tiefer Trauer mit einem Kinde waren in meinem Abteil. Ich versuchte das stundenlange Schweigen meiner Mitreisenden durch einige gegen Polen gerichtete Bemerkungen zu brechen. Nur die beiden Bäuerinnen stimmten mit einem apathischen Kopfnicken zu. Als ich dem Kinde ein paar mitgebrachte Bonbons schenkte, sagte die Mutter: ,, So etwas gibt es bei uns nicht mehr." Man hatte offensichtlich Furcht davor, mir, der aus dem Auslande kommenden Reisenden, auch nur ein einziges Wort zu sagen, das die wahren Empfindungen verraten könnte. A 17 Und dies war die entscheidende und die eindrucksvollste Beobachtung, die ich dann später in schlesischen und sächsischen Städten, kleinen und grossen, gemacht habe. Selbst meine Verwandten verschlossen sich bei aller Wiedersehensfreude lange vor mir, wobei allerdings nicht immer zu erkennen war, ob bei dieser Zurückhaltung die Furcht vor möglichen Unannehmlichkeiten oder eine in jahrelanger Schweigsamkeit gezüchtete geistig- seelische Stumpfheit vorherrschte. Dies gilt vor allem für gedemütigte und gequälte Juden. Ein entfernter Verwandter von mir, Arzt in einer kleinen schlesischen Stadt, war ins Konzentrationslager Buchenwald gekommen und wurde dort derart misshandelt, dass er wenistarb. Immer wieder ge Wochen nach seiner Entlassung versuchte ich, Einzelheiten zu erfahren, aber ich erreichte nicht mehr als eine Schilderung der äusseren Umstände seines Todes. Nicht nur die Angst, dass man womöglich zuviel zu meinem sagen könnte, lähmte die Zungen. Ich bemerkte Erstaunen, dass neben diesem Bangesein das Trommelfeuer der Propaganda gegen das Ausland, das an allem und nun auch am Kriege schuld sei, das Weltbild vieler stark beherrschte. Manche lehnten sogar ab, mich überhaupt anzuhören; schon dies erschien ihnen gefährlich. AtrapDas Leben in den Strassen von Breslau, Leipzig und Dresden erschien mir sehr verändert. Der Autoverkehr ist sichtbar eingeschränkt; er wird beherrscht von den Wagen der Offiziere und der höheren Chargen der SS und der SA, die anscheinend ungeheuer beschäftigt sind. Die Passanten sind wie von einer geheimen Hetze gejagt, abgesehen von der Jugend, die sich wenig Sorgen macht. Besieht man die Auslagen der Geschäfte, so scheint noch alles ,, da" zu sein. Aber die bunten Schachteln, die in den Schaufenstern der Kolonialwarengeschäfte, der Konfitürenläden, der Zigarrengeschäfte usw. verlockend ausliegen, sind grösstenteils nur pen. Die hübschen Kleider, Anzüge und Schuhe, die man mit Preisangaben von stattlicher Höhe sieht, gibt es meist nur gegen Bezugschein. Frei kaufen kann man eigentlich nur noch ausgesprochene Luxusartikel, geschliffenes Glas, kunstgewerbliche Bijouterien, Bilder und Figuren aller Art. Aber alles, was aus Leder hergestellt ist, gehört bereits zu den Raritäten. Hauptgesprächsthema ist, wie ich es selbst in sogenannten gebildeten Familien mit vermeintlichen ,, höheren" Interessen ein Problem voller Martyrien, beobachtet habe, das Essen besonders für die ältere Frau, die sich immer auf der Jagd nach Lebensmitteln befindet. Das gilt auch für die durch Karten rationierten Waren, die allzuhäufig beim Kleinhändler ,, ausverkauft" sind. Auf mich, die ich aus einem Lande mit Nahrungsmittelüberfluss kam, haben die„ praktischen Winke für die deutsche A 18 Hausfrau", die die Ortssender jeden Morgen empfahlen, einen besonders starken Eindruck gemacht. An einem Montag wurde von der Sprecherin als sättigendes, wenn auch gänzlich fettloses Hauptgericht für den Mittagstisch eine Braunbiersuppe angeraten, ein Gemisch von Bier, einem viertel Liter Milch, einer Prise Zucker und einer Prise Salz. Dabei wurde es vom Feuer empfohlen, das Gericht möglichst so, wie kommt, zu essen ,,, weil bei Abkühlung die Milch leicht gerinnt". Am gleichen Tage sollte der Abendtisch bestellt wer den mit Kartoffeln, Aepfel- Meerrettichaufstrich und Möhrenquark. Kurz darauf wurden Waschmittel zum Seifenersatz anfür feinere Wollsachen, gepriesen: Kartoffelschalenwasser Schlemmkreide zum Waschen von Fenstern und Türen, ein Aufguss von Efeublättern für jede Wäscheart. Der Clou aller Waschmittel aber waren Aufgüsse von geriebenen Kastanien, wobei besonders empfohlen wurde, die Schale mitzureiben. Diese Rezepte lassen erkennen, wie es um Deutschland zu Beginn des dritten Kriegsmonats steht, und ich habe mich gewundert, dass die nationalsozialistische Propaganda derardie Engelsgeduld tige Ansagen durchgehen lässt. Man muss oder besser die Abstumpfung der deutschen Frauen bewunmit erbittertem Ernst dern, die sich solche Wundermittel anpreisen lassen. Ich habe wiederholt versucht, offene Meinungsäusserungen herauszufordern, und die Frage der Schuld an diesen Zuständen zur Diskussion zu stellen. Zuletzt bleibt immer wieder die Stimmung des ohnmächtigen Treibenlassens übrig: ,, Was können wir tun? Es ist eben heute so, und jeder muss sich helfen, wie er kann." Dieses Sichtreibenlassen, verbunden mit der Hoffnung, dass ,, die andern" etwas tun, damit sich die Zustände bald ändern das ist das charakteristische Merkmal der vorherrschenden Stimmung. Dabei muss man die Einschränkung machen, dass man selbst bei alten Freunden nie das Gefühl hat, dass sie vollkommen offen und wahrhaftig reden. Ist es nur die Angst, sich mit dem Bekenntnis seiner wahren Meinung missliebig zu machen, Misstrauen mir gegenüber als ,, Ausländer", oder sind diesen Menschen gewisse Bedingungen menschlichen Daseins in diesen nahezu sieben Jahren unter Hitler nicht mehr bewusst oder verloren gegangen: ich bin nicht imstande, etwas Eindeutiges. dazu zu sagen. Ich fand, dass Personen, die einmal politisch orgaam öffentlichen Geschehen teilnisiert waren, und aktiv nahmen, alle Phrasen der Propaganda nachplapperten. Ich fand aber auch, und dies besonders bei Frauen, die früher ohne politisches Interesse waren, ein sehr waches Misstrauen bis zur leidenschaftlichen inneren Auflehnung, so verhalten die Worte auch gewählt wurden. An einem Sonnabend abend wohnte ich in einer schlesi A 19 schen Stadt einer familiären Zusammenkunft bei. Ich wusste Sender abhören genau, dass man gemeinsam ausländische wollte; da es sich um ein alleinstehendes Haus handelte, war keine nachbarliche Gefahr zu befürchten. Aber selbst hier in diesem vertrauten Kreise, wo jeder jeden kannte, holte man sich erst deutsche Stationen, um dann nach und nach die Schweiz, dann England und Frankreich in deutscher Sprache einzuschalten. Nur ältere Leute waren beisammen. Hin und wieder musste einer in den Flur herunter gehen, um die Lautstärke nachzuprüfen. Für mich aber war von grösstem psychologischen Interesse, dass man sich die ausländischen Sendungen ohne eigene Meinungsäusserung und ohne die Spur einer Diskussion anhörte. Man nahm diese Meldungen still in sich auf und behielt die Informationen bei sich wie einen verborgenen Schatz. Welch ein weiter Weg vom blossen Anhören von Polemiken und Nachrichten, die das Lügengewebe der Göbbelsschen Propaganda beiweiskräftig zerreissen, bis zur Bildung eines oppositionellen Willens selbst in einstmals demokratisch orientierten Kreisen! Diese sieben Jahre haben viele Menschen seelisch bis zur Unkenntlichkeit verwandelt und moralisch verdorben. Dafür einige Beispiele. Ein Jugendfreund, jetzt Vertreter Jahren einer grossen Maschinenfabrik, hatte in den ersten unter dem Hitlerregime mit bemerkenswerter Courage aus seiner Gegnerschaft gegen die Nationalsozialisten kein Hehl gemacht und mehrfach offene Konflikte mit braunen Würdenträgern riskiert, was er sich bei seiner einflussreichen sozialen Stellung und als unverfälschter Arier leisten konnte. Bei den Pogromen im November vorigen Jahres gewährte er vierzehn Tage hindurch einer jüdischen Familie Schutz und Obdach in seiner Wohnung. Er erzählte nach dem Ueberfall eine Anzahl auf Prag meinen Angehörigen, dass Tschechenkronen, die er im Besitz gehabt habe, verbrannt habe, um sie nicht abliefern zu müssen. Da wurde er vom zuständigen Arisierungskommissar zu Rate gezogen, und es gelang ihm, einigen nahen Verwandten jüdische Betriebe zu eiSeit dieser Zeit ist nem Spottgelde in die Hände zu spielen. er von der Mann wie verwandelt. Er betont demonstrativ treueste nationalsozialistische Gefolgschaft und grüsst seine alten jüScham, schlechtes Gewissen dischen Freunde nicht mehr. oder was sonst? Noch deprimierender war mein Besuch bei einem Oberstudienrat eines staatlichen Gymnasiums, mit dessen Frau, einer einstigen Klassenkameradin, ich noch im Briefverkehr stand. Der Mann, ehemaliger Damaschkeanhänger und Demokrat, hatte sich sofort erfolgreich gleichgeschaltet. Der älteste Sohn der beiden stand als Flieger- Unteroffizier im Westen. Seine Mutter war begreiflicherweise in tiefer Sorge, sonst aber, von A 20 einem abgrundtiefen Hass gegen England abgesehen ,,, das den Krieg angezettelt hat", ohne tieferes politisches Interesse. Im Zimmer ihres zweiten Sohnes, der bei der Hitler- Jugend einen zum Sammeln von führenden Posten innehat,( ,, Heut ist er Eicheln und Kastanien abkommandiert", sagte die Mutter) hingen an der Wand die Banseschen Rassetafeln, und unter dem Führerbild las ich diesen schön ausgemalten Spruch: ,, Europa soll in Flammen stehn Bei der Germanen Untergang..." Als ich mich gegenüber meiner Freundin über diesen Vers einigermassen entsetzt zeigte, antwortete sie:„ Aber das ist doch ein Lied aus dem Lesebuch. Wenn sie uns vernichten wollen, dann sollen sie alle mit uns kaputt gehn." Dies kam sanftmütiges Mädchen, aus dem Munde einer Frau, die ein eine vorbildliche Mutter und im Weltkriege Rotekreuzschwester war! Das einzig wirklich aufrichtende Gespräch hatte ich mit einem alten Dienstmann, dem ich am Bahnhof mein Gepäck anvertraute. Auf dem Wege zum Bahnhof zeigte er sich der ,, Ausländerin" gegenüber so aufgeschlossen, dass ich eine offene Unterhaltung mit ihm wagen konnte. Ihn beherrschte nur ein Gedanke: der Krieg. ,, Den haben wir nicht gewollt, den will keiner. Wir wollen endlich unsere Ruhe haben, immer das Geschrei und die Aufregung. Es wird noch schlimm werden. Darüber machen wir uns nichts vor. Aber dann muss es anders werden bei uns in Deutschland." Ich fragte nicht weiter, um den Alten nicht in Verlegenheit zu bringen. darin ist sich Dieses Verlangen nach dem Anderswerden wohl die übergrosse Mehrheit des deutschen Volkes einig, wenn man über das dumpfe Sichtreiben lassen schon hinaus ist, und darin drückt sich gegenwärtig in vielfältiger Deckung und ohne einheitliche Grundstimmung die Opposition gegen den Nationalsozialismus aus. Nicht nur, dass man ihn verantwortlich macht für das, was gekommen ist: man wartet auf wartet auf Erlösung und Befreiung, die Nutzniesser Aber SO sehr ich des Regimes natürlich ausgenommen. empfand, dass sich dieses Deutschland in einem immer unerträglicher werdenden politischen und gesellschaftlichen Spannungsverhältnis befindet, so wenig vermag ich zu glauben, dass der innere Druck, die wachsende Versklavung und der leibliche Hunger allein genügen, um das Losungswort aus dem Reich der Wünsche in das der befreienden Tat aus eigener Kraft zu tragen. Es bedarf einer viel tieferen Aufrüttelung, eines für den Letzten einprägsamen Schicksalsgangs, eine mitreissenden Entlarvung der Lüge und der Hohlheit dieses Regimes, und ich fürchte, dass erst die militärische Niederetwas A 21 lage auf den Schlachtfeldern diesen unheimlichen und bedrückenden Wartezustand beendigen wird. Rheinland, 1. Bericht: Die Stimmung im Volke ist gedrückt, man möchte sagen, unsicher, unbestimmt, noch nicht ausgereift. Spricht man vom Kriege, so steht allen der Ernst auf den Gesichtern geschrieben. Begeisterung ist nirgends zu finden. Die Aussichten des Krieges werden verschieden beurteilt. Zu den deutschen Waffen hat man im allgemeinen sehr viel Vertrauen. Diese Demonstration der riesigen Kriegsmaschine, die der Westen jetzt in ihrer ganzen Grösse sehen Aber man kann, verfehlt ihre Wirkung auf das Volk nicht. denkt auch an die ungeheueren Opfer, die der Krieg, wenn er erst in vollem Gang ist, kosten muss. Und davor haben alle Angst. So schwankt das Volk in seiner Meinung und wird so eine leichte Beute der Propaganda gegen England. schimpft auf die bösen Engländer, die an allem Schuld haben, und die sich überall einmischen. Aber hier und da schimpft man auch auf die Nazibonzen, die es zuweit getrieben haben und die glauben, die ganze Welt müsse nach ihrer Pfeife tanzen. Es Wenn geschimpft wird, so scheidet Hitler dabei aus. Niemand denkt daran, niemand spricht es wenigstens aus, dass er an der ganzen Entwicklung die Schuld trägt. Hitler steht ausserhalb der Diskussion. Bevor das Volk ihn kritisiert, wird es erst sehr schlimm kommen müssen. Unter der Geschäftswelt ist eine starke Misstimmung wegen ganze geder Reglementierung und Bürokratisierung. Das schäftliche Leben steht unter Druck und es gibt viel Aerger und Verdruss. Aber nur bei ganz seltenen Gelegenheiten, wenn wem er es zu tun hat, der kleine Mann genau weiss, mit Sonst überwiegt kommt die Misstimmung zum Durchbruch. die Angst vor Schwierigkeiten mit der Polizei und vor dem Konzentrationslager. Bei den Arbeitern ist es immer dasselbe: Es wird heftig gestritten, immer mit der notwendigen Reserve und Vorsicht natürlich. Bei uns ist die Schimpferei sogar sehr stark: ,, Nichts zu fressen, keine Rechte, lange Arbeitszeit, keine Ueberstundenbezahlung, Kadavergehorsam. Das ist das Dritte Reich und das Ergebnis der Nazipolitik!" Zufriedene Leute gibt es in Deutschland jetzt, ausser den Nazibonzen, nicht mehr. Die Zeiten, wo man hoffte, es würde endlich einmal ruhig werden, sind vorbei. Der allgemeine Glaube, dass der Nazismus die Rettung für Deutschland bedeutet, ist dahin. Das weiss man in Berlin sehr genau. Die Anzahl der Versammlungen und Appelle hat sich in den letzten Wochen verdoppelt. Ueberall versucht man, das Volk bei guter Laune zu erhalten. A 22 2. Bericht: Die Stimmung unter der fast ausschliesslich katholischen Bevölkerung ist sehr gedrückt, ja geradezu ängstlich. Keine Begeisterung für den Krieg oder für ,, Berlin". Am meisten wird von Luftangriffen gesprochen. Der Terror der SS ist kaum zum Aushalten. Besonderes Augenmerk hat man auf die Pfarrer, auf die Klosterschulen und auf katholische Lehrer. Die Kirche weist seit langem einen erhöhten Zulauf auf und tatsächlich sind die Katholiken das Sammelbecken der von Pfarrern Unzufriedenheit. Gerüchte über Verhaftungen wollen nicht aufhören. Besonders in den ländlichen Gemeinden herrscht dauernd ein Zustand der Beunruhigung. Ueberall die Gerüchte. Sie gehen landauf, landab und sie einen verzweifelten hören nicht auf. Die Behörden führen Kampf dagegen. Alle Amtsstellen sind angewiesen, sofort gegen jeden Gerüchtemacher vorzugehen. Die Gerüchtemacherei sei ein gern angewendetes Mittel der Zermürbung und des Nervenkrieges. Grundsätzlich solle jeder nur das glauben, was er gesehen habe, oder was ihm durch amtliche Verlautbarungen bekannt geworden sei. Die Bevölkerung aber tut das genaue Gegenteil. Sie glaubt allen Gerüchten, jedoch nicht den amtlichen Verlautbarungen. Die Kneipen sind still, wie überhaupt das ganze öffentliche Leben. Nur die Nazis führen das grosse Wort. Die Last der auf den GeUngewissheit, die Mutlosigkeit prägen sich nazistisch sichtern der Menschen aus. Man hasst alles, was ist, allein schon aus religiösen Gründen. Die Pfarrer sind trotz allem Terror recht mutig. Im Volke werden die, die von der Gestapo verfolgt werden, als Märtyrer verehrt. 4) Die Haltung des Militærs und der Industrie Ein neutraler Geschäftsmann, der in engen geschäftlichen Beziehungen zu Deutschland stand und sechs Wochen nach Ausbruch des Krieges Gelegenheit zu einer Reise durch Deutschland hatte, bei der er mit vielen alten Geschäftsfreunden sprechen konnte, fasst seine Eindrücke über die Einstellung führender Kreise in Deutschland zum Kriege folgendermassen zusammen: Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass die massgebenden Industriellenkreise und die führenden Militärs gegen den durch Hitlers Einmarsch in Polen entfesselten Krieg, vor allem aber gegen den deutsch- russischen Pakt wären. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass gerade der deutsch- polnische Pakt stets unpopulär gewesen und die Auseinandersetzung mit Polen stets Dass e's gelunals unvermeidlich angesehen worden ist. A 23 mit gen ist, sie durchzuführen, ohne dabei einen Konflikt Russland heraufzubeschwören, wird Hitler als grosse politische Leistung angerechnet. Anders ist es schon mit der Einstellung zu der weiteren Behandlung der polnischen Frage. Grosse Annektionen auf Kosten ehemals polnischen Gebietes sind in ihrem Wert in Deutschland sehr umstritten. Man wollte Oberschlesien zurückhaben und man wollte den Korridor beseitigen. Sich mit einer neuen grossen polnischen Minderheit zu belasten, daran haben höchstens die ostelbischen Kreise Interesse. In den Kreisen der Industriellen würde man eine Lösung vorziehen, die Kernpolen mehr oder minder die Selbständigkeit zurückgibt, aber die wirtschaftliche Erschliessung Polens der deuteine ähnliche schen Wirtschaft als Monopol überlässt, also Regelung, wie man sie grundsätzlich für die südosteuropäischen Staaten im Auge hat. Dass es wegen der polnischen Frage zu einem Krieg mit den Westmächten gekommen ist, wird Hitler nicht so selir als könnte. Fehler vorgeworfen, wie man allgemein erwarten Zwar waren in der deutschen Industrie immer starke Kräfte lebendig, die sowohl zu einer deutsch- französischen Verständigung, wie schliesslich auch zu einer Verständigung mit England kommen wollten. Diese Kräfte sind auch heute noch vorhanden und sogar einflussreicher als früher. Die einseitig gegen England gerichtete Propaganda des Regimes hat zum Teil darin ihre Ursache. Die Auseinandersetzung mit England wurde seit langem als unvermeidlich hingenommen. Deshalb haben früher führende gutes Verhältnis Militärkreise immer darauf gedrungen, ein den deutschzu Russland herzustellen. Nachdem Hitler nun russischen Pakt abgeschlossen hat, sehen diese Kreise in dem Krieg gegen England nur eine unvermeidliche Etappe der weiteren Entwicklung, die früher oder später doch hätte kommen müssen. Soweit in diesem Zusammenhang eine Kritik an der Politik Hitlers laut wird, geht sie eher in der Richtung, dass er die deutsch- russische Verständigung zu spät eingeleitet habe. Es muss allerdings beachtet werden, dass es niemals eine einheitliche Auffassung der deutschen Militärs gegeben hat und auch heute nicht gibt. Die Gruppe frondierender Generäle, die am 4. Februar 1938 kaltgestellt worden ist, forderte damals gerade die Verständigung mit Russland. Sie hat ihre Opposition auch jetzt nicht aufgegeben. Hitler hat es verstanden, die jüngere Offiziersgeneration durch ausserordentlich schnelle Beförderung fest an sein Regime zu binden. Die kaltgestellten Generäle, die gewissermassen den alten Schleicherkreis repräsentieren, sehen immer geringere Chancen, sich wieder durchzusetzen und können darum auch nicht mehr A 24 des deutauf eine grössere Gefolgschaft im Offizierskorps schen Heeres rechnen. Man darf im Ausland nicht in den Fehler verfallen, die Sympathien einzelner Offiziersgruppen für für diese alten Generäle aus der Reichswehr ein Zeichen einer ernsthaften Krise in der Armee anzusehen. Diese Offiziersgruppen sind zu klein und zu isoliert, um Bedeutung zu haben, solange das Regime im ganzen fest steht. Ihnen gegenüber stehen nicht nur die schnell avancierten jüngeren Generäle in der Armee, wie Reichenau usw. und die Generäle, die Göring für seinen Wirtschaftsstab herangezogen hat, sondern auch die Luftwaffe und die Flotte. Die Flotte ist durchaus mit einem Krieg gegen England einverstanden und wiegt sich i grossen Hoffnungen. Was die Industrie anbetrifft, so kann man feststellen, dass gerade die Kreise, die zu Anfang dem Hitler- Regime ablehnend gegenüberstanden, jetzt eine positive Einstellung dazu haben. Man verspricht sich von dem Geschäft mit Russland auf etwas längere Sicht doch sehr viel, hatte man doch dem Hitler- Regime gerade zum Vorwurf gemacht, dass es dieses in früheren Jahren so gut eingeleitete Geschäft zerstört hat. Ebenso rechnet man immer noch damit, dass die im letzten Jahr seit dem Rumänien- Vertrag so stark aktivierte Südostpolitik erfolgreich fortgesetzt werden kann. Ernsthafte Bedenken hat, soweit ich feststellen konnte, lediglich der Zusammenbruch der auf die Türkei gesetzten Hoffnungen hervorgerufen. Man glaubt aber, dass vielleicht doch noch durch deutsche Konzessionen eine Verständigung mit der Türkei erzielt werden kann. Man setzt in diesem Punkt vor allem auch Hoffnungen auf Italien, von dem man annimmt, dass es im Frühjahr aussenpolitisch stärker aktiv werden wird, und zwar im Sinne der alten Achsenpolitik. Es ist nach Ansicht dieser Kreise ein Irrtum zu glauben, dass die Achse liquidiert wäre. An einer Erweiterung des Konfliktes hat augenblicklich auch Deutschland kein Interesse und drängt darum keineswegs darauf, dass Italien in den Krieg eingreifen soll. Es ist jetzt viel nützlicher als Lieferant von unentbehrlichen Rohstoffen. Im Frühjahr werde aber Italien seine Forderungen präsentieren und schon dadurch eine neue Situation schaffen, in der sich erst entKrieg scheiden werde, ob es dann tatsächlich zum grossen oder doch noch zu einer Verständigung mit Deutschland und Italien kommen werde. Auf einem ganz anderen Feld liegt die Kritik, die von den Wirtschaftskreisen gegen das Hitler- Regime wegen der Methoden der Wirtschaftsführung erhoben wird. Diese Kritik, die sich auf Bürokratismus, unrationelle Verwaltungsmethoden, kostspielige parasitäre Parteibürokratie etc. bezieht, war schon vor Ausbruch des Krieges sehr gross und ist auch A 25 heute nicht geringer geworden. Es ist aber keine Kritik, die grundsätzlich gegen das Regime oder gar gegen seine Aussenpolitik gerichtet wäre, sondern nur gegen sogenannte Auswüchse des Regimes, die man im Laufe der Zeit zu beseitigen hofft. Uebrigens geht diese Kritik gerade von den Kreisen aus, die im Anfang Hitler am stärksten unterstützt und eigentlich erst in den Sattel gehoben haben. Von diesen Kreisen, die im Grunde genommen durch das Hitler- Regime lediglich eine Subventionierung und eine Reprivatisierung der damals unter Staatsgewalt geratenen Wirtschaft erreichen wollten, wird immer häufiger der Vorwurf des„, braunen Bolschewismus" erhoben. Aber auch diese Kreise sind bereits zu ohnmächtig, um dem Regime irgendwie gefährlich werden zu können. Für andere und mächtige Industriellenkreise, wie vor allem Krupp, die IG und die Elektro- Industrie, sind zu grosse Vorteile mit dem Regime und seiner Wehrwirtschafspolitik verbunden, als dass sie eine ernsthafte Fronde gegen das Regime bilden könnten, nur weil die Eingriffe der staatlichen Wirtschaftsbürokratie oft als sehr unangenehm und störend empfunden werden. Man sieht vor allem keinen Weg und das war ja von Anfang an die Stärke des Regimes diese unangenehmen Seiten der Naziherrschaft zu eliminieren, ohne die angenehmen Seiten gleichzeitig zu verlieren. Natürlich geben sich die Wirtschaftskreise keinen Illusionen über die tatsächliche wirtschaftliche Schwäche Deutschlands hin. Sie glauben aber doch, dass es möglich ist, mit Hilfe Russlands und Südosteuropas bei grösster Einschränkung des Konsums kriegswichtige Zufuhren in einem Masse mit aufrechterhalten, dass es für die Auseinandersetzung dem Westen, solange sie tatsächlich auf die Westfront lokalisiert bleibt, ausreicht. Zugegeben wird dabei allerdings ohne weiteres, dass niemand in Deutschland eine genaue Vorstellung davon hat, wie sich der tatsächliche Verbrauch an Kriegsmaterial entwickeln wird, wenn der Krieg auf beiden Seiten mit vollem Einsatz aller Kräfte geführt wird. Alle Berechnungen, die darüber vorliegen, werden mehr oder weniger als statistische Spielereien betrachtet, die vor allem den einen Fehler haben, dass nicht bekannt ist, mit welchem Materialeinsatz der Gegner aufwarten wird. Man tröstet sich mit vagen Hoffnungen darauf, dass es, wie im letztem Krieg, auch diesmal gelingen wird, der jeweils auftretenden Schwierigkeiten doch immer wieder durch irgendwelche Ersatzmethoden und Einschränkungen an anderer Stelle Herr zu werden. A 26 II. AUS DER WIRTSCHAFT 1) Die Rationierung Während im vorigen Kriege die Rationierung der Lebensmittel und Bedarfsgegenstände erst etwa zwei Jahre nach Kriegsausbruch durchgeführt wurde, hat diesmal die Rationierung sofort in voller Schärfe eingesetzt. Welche Massnahmen auf diesem Gebiet im einzelnen getroffen worden sind, muss einer späteren zusammenfassenden Darstellung vorbehalten bleiben. Hier interessieren zunächst die psychologischen Wirkungen. Soweit aus den bisher vorliegenden Berichten allgemeine Schlüsse gezogen werden können, ist folgendes festzustellen: 1) Es scheint, dass die Nazis die Rationierungsmassnahmen mit grossem psychologischen Geschick ins Werk gesetzt haben. Sie haben zweifellos aus den Erfahrungen des letzten Krieges gelernt, dass mehr noch als der Mangel selbst die Ungerechtigkeit in der Verteilung die Gemüter erregt. Sie versuchen darüber hinaus, der Rationierung einen sozialen Anstrich zu geben. Bessergestellte Kreise werden gelegentlich absichtlich benachteiligt, während die Arbeiter durch beträchtliche Zusatzrationen für Schwerund Schwerstarbeiter begünstigt werden. 2) Zunächst hat die sofortige Einführung der Karten und Bezugsscheine einen starken Schock ausgelöst. Aber diese Schockwirkung legte sich bald, als sich herausstellte, dass die allgemein gehegte Angst vor einer schnellen Verknappung sich als unbegründet erwies. Einmal ist die Bevölkerung schon seit langem an die Mangelerscheinungen gewöhnt. Vor allem aber vergleicht sie, wie ein Berichterstatter hervorhebt, den bestehenden Zustand nicht mit der Friedenswirtschaft, sondern mit den Verhältnissen in den letzten Jahren des Weltkrieges. A 27 3) Wie im vorigen Kriege gibt es auch diesmal wieder beträchtliche Unterschiede in der Versorgung der einzelnen Bezirke. Es scheint, dass diese Unterschiede zum Teil bewusst herbeigeführt sind und dass offensichtlich eine Bevorzugung der grossen Städte und industriellen Zentren gegenüber dem flachen Lande stattfindet. So entsteht der Eindruck, dass nach den den ersten drei Kriegsmonaten auch auf diesem Gebiet eine psychologische Entspannung zugunsten des Regimes eingetreten ist. Naturgemäss kann diese Feststellung nur für den Augenblick gelten. Entbrennt der Krieg in voller Schärfe, so kann sich die Versorgungslage objektiv und psychologisch sehr bald ändern. Aber auch wenn der gegenwärtige Zustand lange Zeit anhält, können erhöhte Schwierigkeiten und eine entsprechende psychologische Reaktion nicht ausbleiben. Mit diesem Vorbehalten seien die nachstehenden Berichte wiedergegeben: Südwestdeutschland, 1. Bericht: Im allgemeinen ist die Stimmung nicht rosig, besonders seit Sonntag, den 26. August, als ganz plötzlich jede Familie die Ausweiskarte für den Bezug von Lebensmitteln durch freiwillige Helfer, Beamte und Lehrer ins Haus gebracht bekam. Auch die Bezugsscheine für Textil- und Schuhwaren haben viel Aufsehen verursacht. Ihre Bewilligung wird ganz unterschiedlich behandelt, je nach der Einstellung der Beamten. Ich kenne Fälle, in denen die Bezugsscheine für die gewünschten zwei oder drei Hemden, Unterhosen oder Socken auch Arbeitern oder Arbeiterinnen ohne weiteres bewilligt wurden, während andere nichts bekamen oder nur einen Teil des Gewünschten. Aber mit dem Bezugsschein ist es noch nicht getan. Kommt man damit in einen Laden, dann ist es völlig unsicher, ob die Ware vorhanden ist. So kommt es vor, dass jemand zwar Bezugsscheine für zwei Hemden und zwei Unterhosen hat, aber nur die Unterhosen bekommt, weil Hemden nirgends aufzutreiben sind. Ab 1. Oktober gibt es die Einheitsmargarine, die die bisherigen Sorten Spitzen-, Mittel und Konsummargarine ersetzen soll. Die Hausfrauen, die bisher die billige Konsummargarine bezogen haben, sagen: es bekommen jetzt alle die gleiche Margarine, aber wir müssen dafür anstatt 63 Pfennige, wie bisher, 98 Pfennige bezahlen. Die neue Margarine führt den schönen Namen Tafel A 28 margarine. In der Erfindung schöner Namen sind die Nazis Meister. So heisst in den amtlichen Bekanntgaben die Magermilch, auf die wir jetzt allein angewiesen sind, entrahmte Frischmilch. Bis zum 25. September war der Bezug der Eier frei. Es gab dafür keine Lebensmittelkarten. Es scheint aber, dass die Hühner streiken, denn seit Kriegsbeginn gibt es überhaupt keine Eier mehr, auch nicht bei uns in Süddeutschland. Versuche zu hamstern, sind zwecklos, erstens weil bei den Bauern seit Jahren alles bis zum Aeussersten erfasst ist und zweitens weil die Bauern durch die überaus scharfe Bestrafung abgeschreckt werden. Bekanntlich ist das Autofahren nur erlaubt, wenn der Nachweis erbracht wird, dass die Fahrten staatspolitisch wichtig sind. Das trifft selbstverständlich stets für die Dienstfahrten von Parteibonzen zu oder für Fahrten in ihrem Interesse. Ein Baumeister, der ein prominentes Parteimitglied ist und den Neubau eines Ortsbauernführers in der Nachbarschaft übernommen hatte, hat Benzinkarten, die anderen Bauunternehmern verweigert wurden, für vorläufig vier Wochen erhalten. Das hat bei den übrigen Handwerkern böses Blut gemacht. 2. Bericht: Dem Besitzer einer grösseren Speisewirtschaft in M., der einen Bezugsschein für 250 Kilo Fleisch für Oktober erhalten hatte, erklärte der Metzgermeister, der ihm bisher geliefert hatte, er könne ihm höchstens 100 Kilo liefern. Als der Gastwirt jammerte, antwortete ihm der Metzger, er solle froh sein, dass er noch zwei Zentner bekäme, im November gäbe es nicht einmal die Hälfte davon. In den Wirtschaften wird jetzt streng darauf geachtet, dass jeder Gast seine Fleisch- und Brotmarke abgibt. Dadurch wird natürlich der Umsatz sehr beeinträchtigt, denn die Leute ziehen es vor, zu Hause zu essen, wo ihnen dann bei den ohnehin äusserst knappen Rationen jeder Abschnitt fehlt, der in der Gastwirtschaft abgegeben wurde. Obwohl die Obsternte nicht gerade schlecht ist, sind die Preise für Tafelobst stark gestiegen und heute schon für Arbeiter unerschwinglich. uns viel Sachsen, 1. Bericht: Da es bei Metallindustrie gibt, hat fast jede Familie mindestens einen Schwer- oder einen Schwerstarbeiter. Die Leute leiden deshalb relativ wenig unter der Knappheit der Rationen. Es wird trotzdem viel gehamstert. Seit einigen Tagen sind Bahnkontrollen eingeführt. Sie amtieren von Sonnabendmittag bis Sonntag nachts, weil die Leute am Wochenende zu Hunderten aufs Land strömen. Jeder bemüht sich, einen Bauern zu finden, der etwas abgibt. Viele Leute haben auch Verwandte in den Landorten des Erzgebirges. A 29 Die Säuglingssterblichkeit ist stark gestiegen; man führt das auf die knappen Milchrationen zurück. 2. Bericht: Während der dunklen Nächte werden auf den Feldern vielfach Kartoffeln und Kraut gestohlen. Die Leute verschaffen sich auf diese Weise Futter für ihre Kaninchen, deren Zucht ursprünglich amtlich gefördert worden war. Es ist plötzlich eine Stockung in der Versorgung mit frischen Fischen eingetreten. Nach dem Vogtland kommen jetzt die Fischsendungen aus Cuxhaven oder Bremerhaven, die früher fast täglich ankamen, nur alle acht bis zehn Tage. Es herrscht grosser Mangel an Frischgemüse; er wird auf das Fehlen von Arbeitskräften zurückgeführt. 3. Bericht: Die Einführung der Lebensmittelrationierung hat heftiges Misstrauen gegen die Nazis zur Folge. Die Leute wundern sich, dass nach den Abmachungen mit Russland noch soviel Einschränkungen notwendig sind. Trotzdem kann aber keine Rede davon sein, dass das Prestige Hitlers dadurch gelitten hätte. Berlin, 1. Bericht: In der ersten Zeit nach Ausbruch des Krieges gab es zahlreiche Stockungen in der Versorgung, die eine gewisse Unruhe mit sich brachten. Sie waren aber wohl in der Hauptsache durch Transportschwierigkeiten und nicht durch absoluten Mangel verursacht. Inzwischen sind diese Schwierigkeiten durch die Schaffung von sogenannten Fahrbereitschaften für den Nahverkehr verhältnismässig schnell behoben worden. Bereits am 6. September wurde z. B. für das Gebiet Berlins eine Zentralleitung für die acht Fahrbereitschaften in den Bezirken und eine Sonderfahrbereitschaft für die Viehund Fleischtransporte eingesetzt. Der Wettlauf zu den Läden der Schlächter flaute alsbald ab. Ferner erging eine Bestimmung, dass Lebensmittelgeschäfte zur Versorgung der spät von der Arbeitsstelle kommenden Käufer bis 20 Uhr offen gehalten werden dürften. Sie brauchte bisher jedoch kaum angewendet zu werden. Wir haben in einem proletarischen Stadtviertel bemerkt, dass von 25 kleinen Lebensmittelgeschäften nur zwei bis 20 Uhr geöffnet waren. Auf Grund dieser allgemeinen Erfahrungen ist eine gewisse Beruhigung der Käuferschichten eingetreten. Der stimmungsmässige Ausdruck dieser Tatsache ist nicht zu verkennen. Beachtlich für die Versorgungslage ist vor allem auch die unerwartet grosse Kohlenanfuhr nach Berlin. Die Lager sind zum Teil sogar vergrössert worden. Da unter dem Eindruck der vorjährigen vorübergehenden Kohlenverknappung viele Verbraucher sich während der Sommermonate in grösserem Umfange als bisher üblich ihren Winterbedarf an Kohle zu billigen Sommerpreisen einlagerten, darf man wohl bei der strengen Ra A 30 tionierung der Brennstoffe( die zu liefernden Mengen stehen allerdings noch nicht fest) mit einer ausreichenden Versorgung während der Wintermonate rechnen. Die bereits eingetretenen Erleichterungen in der Rationierung des Schuhwerks und der Spinnstoffe lassen die Lage ebenfalls erträglicher erscheinen. Wir beobachten, dass die Zuteilung von Bezugsscheinen für Spinnstoffe und alle anderen Artikel grosszügig gehandhabt wird und auch die Auswahl der Waren den Wünschen der Verbraucher entsprechend möglich ist. Für Einzelkonsumenten und Grossverbraucher bestehen nicht nur getrennte Antragsstellen, sondern es werden auch bei der Zuteilung sehr unterschiedliche Massstäbe angelegt. Betriebe werden mit ihren Anträgen sehr häufig abschlägig beschieden. So sind Anträge von Unternehmern auf Decken, Kissen usw. für die Luftschutzwachen in den Betrieben glatt abgelehnt worden; eine Zuteilung für Seife erfolgt nur für Arbeitskräfte, die tatsächlich sehr schmutzige Arbeit verrichten, die Seifenzuteilung für kaufmännische Kräfte ist überhaupt eingestellt worden. Der Einzelkonsument dagegen erhält seine in Grenzen gehaltenen Anträge bewilligt. Aber die Praxis der Zuteilung bemüht sich, der Sache einen sozialen Anstrich zu geben( was das Regime selbst dann als sozialistisch bezeichnet). Bei einer Bezugsscheinstelle des Berliner Westens erschien z. B. eine Frau mit einer Liste von Kleidungsstücken usw., die sie beantragen wollte. Modische Kleidung und reichlich vorhandene Schmuckstücke deuteten darauf hin, dass der Bedarf der Dame nicht allzu dringlich sein konnte. Die Frau trug einen modernen wei sen Flauschmantel und wollte u. a. auch einen Mantel beantragen. Ihre sämtlichen Anträge wurden mit der Begründung abgelehnt, dass auf Grund ihres Aeusseren eine Dringlichkeit der Anschaffung nicht vermutet werden könne. Wenn sie ihre Behauptung aufrechterhalte, müsse vor der Zuteilung eine Prüfung ihres Haushalts erfolgen. Die Frau zog ihre sämtlichen Anträge zurück. Es lässt sich begreifen, dass die kleinen Leute, die diesem Vorgang beiwohnten, die Entscheidung beifällig aufnahmen. Gerüchtweise verlautet übrigens, dass künftig in Zweifelsfällen vor der Zuteilung von Bezugsscheinen das Urteil der NSHausfunktionäre eingeholt werden würde. Einen anderen bezeichnenden Zwischenfall konnten wir an einem Konfitürenstand eines Berliner Warenhauses beobachten. Dort bemängelte eine Frau die Beschaffenheit einer ihr verkauften Tafel Schokolade, die einen grauen Beschlag aufwies, wie es im Sommer häufig vorkommt. In die lebhaften Auseinandersetzungen mit den Verkäufern mischten sich andere Kunden ein, die zum Schluss die polizeiliche Feststellung der Käuferin veranlassten. Ein ähnliches Verhalten der Bevölkerung ist häufiger zu beobachten. Zusammenfassend muss also zum Punkt Rationierung gesagt A 31 werden, dass die Bevölkerung zwar in Erinnerung an die Erfahrungen des Weltkrieges zunächst schockiert war, dass sie sich jedoch überzeugen liess, dass eine seit langem sorgfältig vorbereitete Organisation sich ausspiele. Die Bevölkerung glaubt, dass Vorräte vorhanden sein müssen, die Rationierung also nur aus Vorsorge vorgenommen werde, und passt sich den gegebenen Verhältnissen schnell an. Diese Gesamtstimmung schliesst nicht aus, dass sich das Bestreben bemerkbar macht, Verdienste und Ersparnisse in gewissem Umfang in dauerhaften Waren anzulegen. Man kauft z. B. Nähmaschinen, Rundfunkapparate usw., wird jedoch in der Regel nur nach langen Fristen beliefert. Es scheint aber, dass die Käufer solcher Artikel nicht so sehr aus Sorge vor einer Geldentwertung handeln. Man rechnet vielmehr mit einem weiteren Rückgang der Konsumgüterproduktion und will sich deshalb vorher eindecken. Aber man verbindet damit keine politischen Perspektiven. 2. Bericht: Die Leute haben sich inzwischen weitgehend mit der Rationierung abgefunden. Das Verfahren hat sich eingespielt und dadaurch ist die Zuversicht erneut gestärkt worden. Es fehlt nicht an gelegentlichen Schwierigkeiten z. B. bei der Verteilung des Geflügels, der Fische und Räucherwaren. Anscheinend aber verfügen die Nazis über eine gute Einfühlungsfähigkeit und schnelles Anpassungsvermögen an neue Erfordernisse. Durch neue verbindliche Kundeneintragungen wurde die Verteilung in der klarsten Form geregelt. Durch Zuwendungen an die Kleingärtner sind gewisse Möglichkeiten einer kleinen Eigenproduktion an Eiern und Geflügeln entwickelt worden. Am. 14. Oktober wurde verkündet, dass in sämtlichen Stadtbezirken gemäss den Erfordernissen der Interessenten sofort Kleingartenstellen erschlossen und zinslose Darlehen bis zu 300 RMK an die Kleingärtner, in bestimmten Fällen sogar über diese Summe hinaus, bis zur Hälfte der entstehenden Unkosten gewährt werden. Sicherlich schaffen solche Massnahmen nicht über Nacht eine Entlastung des Lebensmittelmarktes, vermutlich auch nicht einmal in Zukunft. Nicht zu verkennen aber ist die psychologische Wirkung auf die Bevölkerung, die durch solche Massnahmen bewirkt und erreicht wird. Die Amtsstellen geben sich grosse Mühe, um jene Gerechtigkeit und Gleichheit der Versorgung durchzuführen, auf die hier anscheinend alles ankommt, vielleicht mehr als auf die ausreichende Versorgung selbst. Die Leute fordern nicht bestimmte Mengen, sondern eine gleichmässige Verteilung an alle, wie überhaupt ein gleichmässiges Eingehen auf die allgemeinen Erfordernisse. Wo das Regime mit seinen Anweisungen nicht durchkommt, A 32 wird drakonisch gestraft und auch auf diese Weise wird das Vertrauen immer wieder belebt. Als Beispiel sei die Versorgung der Speiselokale angeführt. Die Restaurateure hatten den Versuch gemacht, sich über das Versorgungsschema hinwegzusetzen. Jetzt hat sich die Fachgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe der Sache bemächtigt und wacht mit peinlicher Sorgfalt darüber, dass der Gast z. B. die Fleischportionen, die er zu beanspruchen hat, mit korrektem Gewicht erhält. Natürlich versuchten die Gastwirte irgendwie, etwas dabei herauszuschinden. Dies führte zu Eingriffen und zu Ordnungsstrafen. Kleine, aber deswegen von der Bevölkerung nicht minder beachtete Hinweise erschienen in der Presse, dass die GaststättenInhaber da und dort mit Geldstrafen von 100, 500 und auch 1.000 RMk. bedacht worden sind. Da aber der Erfolg anscheinend noch nicht entsprechend war, kam der entscheidende Schlag, der unverkennbar eine nachhaltige Wirkung auslöste. Der Hotelbesitzer Elschner( Hotelbetrieb Excelsior am Anhalter Bahnhof, einer der grössten Berlins) wurde vom Reichskommissar für die Preisbildung in eine Ordnungsstrafe von 300.000 RMk genommen, weil er mit seinem Betrieb ,, erheblich gegen Preis- und Kriegswirtschaftsverordnungen" verstiess. Gegen zwei weitere damit verwickelte Personen wurde auf Geldstrafe von je 15.000 RMk erkannt. Die grössten Beschränkungen werden dem Verbraucher durch die Verteilung von Fetten auferlegt. Sie wird durch Bewirtschaftung von Brotaufstrichmitteln ergänzt, nach der nur noch Mehrfrucht- und gemischte Marmeladen, Apfelnachpressgelee, Apfelkraut und Rübenkraut hergestellt werden dürfen. Die Verwendung von Streckungsmitteln und Ersatzstoffen wie Süsstoff usw. ist ausdrücklich verboten. Als Verpackung ist anstelle der herkömmlich benutzten Blecheimer ein geeignetes Holzgefäss zugelassen. 3. Bericht: Es darf nicht vergessen werden, dass die Leute die Verhältnisse unter einem schiefen Gesichtswinkel betrachten und deshalb auch zu den eigenartigsten Ergebnissen kommen. Für den Vergleich mit dem jetzigen Leben der Einschränkungen zieht man nämlich nicht eine normale Wirtschaft mit dafür ist man ja allen ihren Freiheiten heran, sondern schliesslich im Krieg man nimmt als Vergleichsbasis die Jahre 1917 und 1918 mit all ihrem Elend und deren Hoffnungslosigkeit. Wenn aber die Leute davon ausgehen, dann ist es kein Wunder, wenn sie jetzt ,, alles nicht so schlimm" finden und jede kleine Verbesserung mit einem grossen Autatmen begrüssen. 1 So haben z. B. die Aenderungen in der Fettversorgung psychologisch recht günstig gewirkt. Dabei ist die Gesamtmenge an Fett unverändert geblieben. Aber es wird mit Genugtuung vermerkt, dass jetzt die Butterration auf Kosten der Margarinemen A 33 gen vergrössert worden ist. Die Bevölkerung erinnert sich nämlich aus dem Weltkriege daran, dass es damals fast ausschliesslich Margarine gab. Oder, wenn nach langer Unterbrechung in der Versorgung mit Schokoladen und Süsswaren jetzt begrenzte Mengen davon zugeteilt werden, dann wird auch das als Verbesserung empfunden. Die Stimmung ist also entschieden günstiger, als man vermuten sollte. Z. B. von vor einer Es fehlt allerdings auch nicht an anderen Symptomen für die Anwendung der ,, Erfahrungen" aus dem Weltkriege. Das gilt Mein der Angst Geldentwertung. Buchhändler erzählte mir neulich, dass dieser Tage ein Mann bei ihm erschienen sei, der sonst nie bei ihm gekauft habe und ihm den Auftrag gegeben habe, ihm für 200 Mark eine klein Bibliothek zusammenzustellen. Befragt nach seinen Interessen, erklärte dieser komische Kunde, er habe zu Büchern keine Beziehungen gehabt, er wolle jedoch sein Geld nicht auf der Sparkasse liegen lassen. Mein Buchhändler erwähnte weiter, dass er noch aus früheren Zeiten einen grossen Teil Lederbände auf Lager hatte, die er jetzt räumen konnte, weil es auch Leute gibt, die, ohne nach dem Inhalt zu fragen, eben ,, Lederbände" kaufen. In der Versorgung mit Textilien sind die Dinge jetzt etwas undurchsichtig. Es wird von völliger Sperre, von begrenzter Zuteilung, aber auch von einer Erleichterung der Bewilligungen gesprochen. Hartnäckig erhält sich vor allem das Gerücht, wonach die Textilzuteilung in Kürze einer Neuregelung unterworfen werden soll. Danach soll für die Zeitdauer eines Jahres ein Hundert- Punkte- Anrecht für den Kauf von Textilien jedem zugebilligt werden und es seinem Ermessen überlassen bleiben, ob er sich für 60 Punkte einen Anzug oder Mantel oder 10 mal für je 6 Punkte ein Paar Strümpfe kaufen will. Es ist nicht feststellbar, woher dies Gerücht kommt, das aber glaubwürdig ist. ¹) Tatsache ist, dass eine solche Regelung in weitesten Kreisen begrüsst werden würde. Die bisherige Praxis mit den Anträgen und späteren Bewilligungen scheint nämlich wegen der psychologischen Unzulänglichkeit der in den Bezugsschein- und Verteilungsstellen beschäftigten Personen zur Kritik Anlass gegeben zu haben. Vor allem für diese Personen war wohl der Göring sche Aufruf gedacht. Diesen Schwierigkeiten würde die neue Regelung aus dem Wege gehen. Sie wäre vor allen Dingen nach den Auffassungen der Leute gerecht und Gerechtigkeit in der Versorgung ist immer wieder die energische Forderung aller Konsumenten! 4. Bericht: Mit den Lebensmittelzusatzkarten für Schwer1) Inzwischen ist eine solche Regelung tatsächlich durchgeführt worden. A 34 arbeiter wird ein schwunghafter Handel getrieben. Man ist grossen Unterschleifen von Lebensmittelkarten auf der Spur, die im Arbeitsamt in der Mulackstrasse vorgekommen sind. 13 Beamte sollen flüchtig sein. Im Bekleidungsamt in der Lehrter Strasse sind allein im Laufe des September 17 Einbruchsdiebstähle verübt worden, ohne dass bisher auch nur ein einziger Einbrecher gefasst werden konnte. Dabei macht das Amt durchaus nicht den Eindruck, als seien dort grosse Vorräte aufgestapelt, denn ganze Säle sind dort vollkommen leer. Norddeutschland: Die Versorgung mit Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen scheint sehr unterschiedlich zu sein. Während ich z. B. aus Berlin erfahre, dass Brennmaterial zwar knapp aber regelmässig ausgeteilt wird, höre ich aus Kleinstädten und auch aus Kiel, dass die Versorgung mit Brennmaterial sehr schlecht ist. Besonders in den kleinen Orten herrscht absoluter Mangel auf diesem Gebiete. Auch die Behandlung von Lebensmittelsendungen scheint sehr verschieden zu sein. An einigen Orten wird z. B. bei Uebersendung von Butter die erhaltene Sendung bei der Fettverteilung in Anrechnung gebracht. In Hamburg haben wir wiederum erlebt, dass man die Butter ohne weiteres aushändigt, allerdings unter Entrichtung eines sehr beträchtlichen Zolles. Ein Fabrikant, der 14 Tage Deutschland in den verschiedensten Gegenden bereist hat, berichtete mir dagegen, dass seine Geschäftsfreunde ihm dringend davon abgeraten haben, Butter zu senden, da in den meisten Fällen gleich nach Empfang des Paketes die SA erschienen sei und um Uebergabe der Butter an die Minderbemittelten ,, gebeten" habe. Wie dieses Bitten aussieht, das weiss ja jeder. Fische und Geflügel sind im freien Handel zu haben und vor diesen Geschäften sieht man die Leute in langen Ketten anstehen. Deutlich erkennbar ist das Bestreben der Regierung, die Bevölkerung in dem Glauben zu halten, dass zwar nichts im Ueberfluss vorhanden ist, dass aber das Vorhandene gerecht verteilt wird. einer Kleinstadt): Wir Woche zwei Brote, ein Nordwestdeutschland( Bericht aus bekommen für zwei Personen pro Pfund Fleisch, ein Pfund Aufschnitt, jeder ein Ei, ein halbes Pfund Margarine, ein viertel Pfund Speck oder Fett. Bekomme ich ein viertel Liter Oel, dann muss ich ein viertel Pfund Margarine verfallen lassen. Ausserdem bekommen wir noch dreiviertel Pfund Kornkaffee. Tee, Kakao, Graupen, Erbsen, Bohnen und Seife gibt es überhaupt nicht. Ich habe deshalb seit vier Wochen nicht waschen können. Kohlen bekommen wir einen A 35 Zentner pro Woche. Wenn das so weiter geht, sind wir in wenigen Wochen ausgehungert. Rheinland- Westfalen: 1. Bericht: Unter den Bergarbeitern und Metallarbeitern des Ruhrgebietes gibt es jetzt sehr hohe Krankenziffern. Die Lebensmittelzulagen für Schwerarbeiter sind zwar verhältnismässig hoch, aber sie kommen vielfach nicht zur Verteilung. Das macht natürlich viel böses Blut. 2. Bericht: Vom 1. bis 7. Oktober war in keinem Verkaufsladen Speck oder sonstiges Fett zu erhalten. Erst am 7. Oktober nachmittags wurde auf Karten je 100 gr. Speck und 25 gr. Margarine an die Zivilbevölkerung verabfolgt. Die erste Oktober- Woche war die schlimmste seit Kriegsbeginn. In dieser Woche musste die Bevölkerung wirklich Hunger leiden, zumal in dieser Woche auch verschiedene andere Lebensmittel fehlten. Die schlechte Ernährungslage für die Zivilbevölkerung war auf d'e starke Belegung mit Militär zurückzuführen. Das Militär wird gut ernährt und die Soldaten drücken ihre Zufriedenheit darüber aus. Uebrigens waren selbst Milch und Eier in dieser Woche für die Zivilbevölkerung nicht zu erhalten. Sogar Kinder und Kranke litten Mangel. 3. Bericht: Die Lebensmittellage ist hier schlechter als im Ruhrgebiet, obwohl X. grosses landwirtschaftliches Hinterland hat. Fleisch, Eier, Fette wandern restlos ins Industriegebiet. Brot, Kartoffeln und Marmelade sind bei uns zur Hauptnahrung geworden. Auf dem Lande gibt es, wenn man Beziehungen hat, ab und zu Fleisch aus Schwarzschlachtungen. 4. Bericht: Die Ernährung für die Bergleute ist etwas aufgebessert. Trotzdem gibt es viele Klagen, besonders bei den Familien, die nicht sehr gross sind. In den grossen Familien kann man noch immer ausgleichen, in den Geschäften sind sehr oft die Waren auf Karten nicht zu haben, von den Waren, die frei sind, schon gar nicht zu reden. Alle Leute fragen sich, wohin das führen soll. Rheinland( Bergbaubetrieb): Die Versorgung mit Lebensmitteln ist schlecht. Die festgesetzte Fleischration ist, trotz der Erhöhung der Rate für Schwerst- und Schwerarbeiter, ungenügend. Denn beim Fleisch rechnen die Knochen mit zum Gewicht. Beschwerden werden nicht entgegengenommen. Auch die Zuteilung der sonstigen Lebensmittelrationen ist ungenügend, oft bekommt man auf die Karten die zugeteilte Menge überhaupt nicht. Eier gibt es fast nicht, Brot und Margarine sind schlecht. Die Preise steigen trotz der amtlichen Warnungen und Verordnungen unaufhörlich. Das Hamstern in rein landwirtschaftlichen Gegenden und der Verkauf hintenherum stehen in bester Blüte, A 36 Schlangestehen vor den Geschäften gibt es allerdings nicht mehr, da es bestraft wird. Ruhrgebiet( Schachtanlage): Die Arbeitsleistung an sich wäre zu ertragen, wenn nicht die Lebensmittellage sich ständig verschlechtert hätte. Schwerstarbeiter bekommen zwar auf Karten 1.200 gr. Fleisch, d. h. das sollen sie bekommen, aber oft ist das Fleisch nicht da. Fett und Butter fehlen noch häufiger. Von Eiern überhaupt nicht zu reden. Jetzt musste jeder Haushalt einen Bestellschein bei einem Kleinverteiler abgeben. Künftig soll es Eier nur immer bei demselben Kleinverteiler geben. Sowohl Käufer wie Kleinverteiler sind daran gebunden. Oft verfällt gerade der Eierabschnitt, weil keine Eier zu haben sind. Dann sollen sie angeblich später geliefert werden; aber da kann man lange warten. Die Behörden reden sich dann mit Transportschwierigkeiten heraus. Das Volk beginnt jetzt wirklich zu hungern, soweit es sich nicht ein bischen hintenherum eindecken kann. Die Angst vor der Zukunft steigt deshalb und gelegentlich kommt auch bereits die Unzufriedenheit zum Ausdruck. Aber es überwiegt noch immer die Angst. 2) Ueberbeanspruchung und technischer Verfall der Reichsbahn Zugunsten der Kriegsvorbereitung und der neuen Ersatzindustrien sind vielfach die Erneuerungs- und Ausbesserungsarbeiten am vorhandenen technischen Apparat vernachlässigt worden. Das gilt ganz besonders für die Reichsbahn. Ihre Transportmittel wurden in zunehmendem Masse für die Beförderung von Gütern und Menschen beansprucht, die für die machtpolitischen Ziele des Regimes eingesetzt wurden. Zugleich wurde der Verschleiss des rollenden Materials und des Oberbaues beschleunigt, weil die für seine ordnungsmässige Instandhaltung notwendigen Rohstoffe, Eisen und Holz, für noch kriegswichtigere Zwecke gebraucht wurden. In ihrem Bericht vom September vorigen Jahres stellte die Leitung der Reichsbahn fest, dass die neubestellten Waggons nur langsam eingingen und keinen Ausgleich für die steigenden Anforderungen an den Frachtraum böten. Es fehlten damals, nach den eigenen Angaben der Reichsbahn, 80.000 Güterwagen( vgl. ,, Deutschland- Berichte", Heft 11/1938, Seite A 37 A 59 ff.). Die Kohlenversorgung erlitt Stockungen, weil Waggons zum Abtransport der Kohle fehlten. Ueberbean- spruchung und Verschleiss des Materials hatten zur Folge, dass grosse Zugverspätungen keine Seltenheit mehr waren. Kurz vor Kriegsausbruch, am 16. August 1939 verbreitete die amtliche Presseagentur„Dienst aus Deutschland", die der Information des Auslandes dient, eine Mitteilung, in der der Mangel an Lokomotiven und Waggons zugegeben, aber zugleich bagatellisiert wurde. Es heisst darin u. a.: „Nachdem noch vor wenigen Jahren der Lokomotiv- und Waggonbestand der deutschen Eisenbahnen den vorhandenen Bedarf wesentlich übertraf, hat sich in den letzten beiden Jahren ein empfindlicher Mangel herausgebildet, dem rechtzeitig und in vollem Umfang abzuhelfen wegen der anderweitigen vordringlichen Produktionsaufgaben keine Möglichkeit bestand. Seit einigen Monaten führen daher die deutschen Waggon- und Lokomotivfabriken ein umfangreiches Waggonbauprogramm durch. Bis dahin wird, wie die Eisenbahndirektionen in den Bergbau- und Industriegebieten mitteilen, durch eine Beschleunigung der Zustellung, der Beladung und Entladung der vorübergehende Mangel überbrückt." Bei den gewaltig gesteigerten Anforderungen, die die Beförderung von Truppen und Material zur Front an die Leistungsfähigkeit der Beichsbahn stellt, müssen diese Mängel, die schon in der Periode der Kriegsvorbereitung sich sehr störend bemerkbar gemacht hatten, die militärische Leistungsfähigkeit Deutschlands stark beeinträchtigen. Ueber die Zustände bei der Beichsbahn unmittelbar vor Kriegsausbruch ist der folgende Bericht eingegangen: Berlin: Ueber die Verhältnisse bei der Deutschen Reichsbahn konnten wir von einer Stelle, die guten Einblick hat, einige interessante Details erfahren. Am trostlosesten soll es in den Gebieten der Bahndirektionen im Gebiet des Westwalls aussehen. Dort sind monatlich schon seit beinahe einem Jahr 1.200 bis 1.500 Waggons durch Ueberbeanspruchung im Fahrverkehr unbrauchbar geworden. Es wurden viele Unglücksfälle dadurch verursacht, dass die Waggons zu lange benutzt worden sind. Die meisten Unglücksfälle gab es auf der Strecke Koblenz-Trier. Die Hauptverwaltung der Reichsbahn soll sich A 38 Anfang 1938 das Ziel gesteilt haben, 120.000 neue Güterwagen — bei einem Gesamtbestand von 573.000— zu beschaffen. Bis Anfang 1939 konnten aber nur etwas über 47.000 Wagen beschafft werden und das auch nur, weil die Besetzung des Sudetengebiets auch einiges neues Waggonmaterial eingebracht hat. Bei Personenwagen betrug das Bauprogramm 17.000 Waggons. Erreicht wurden 12.000. Die Werke Knorr-Bremse, die Material für die Reparatur von Waggons zu liefern haben, sind mit ihren Lieferungen bis zu 11 Wochen im Rückstand. Die Reparaturen werden zwar in den Eisenbahnwerkstätten durchgeführt, aber diese Werkstätten sind auf die Lieferung von Ersatzteilen von Knorr- Bremse angewiesen. Ein Teil der Aufträge wurde auch an Bor- sig und an die Loewe-AG vergeben, der Ausfall konnte aber nicht wettgemacht werden. Die Leistungsfähigkeit der Reichsbahn für Truppentransporte wird auf 500.000 Mann pro Tag für sogenannte Quertransporte eingeschätzt. Als Formationen aufgeteilt können aber nur 22 Divisionen befördert werden, weil die sonstige Leistungsfähigkeit durch die Materialbeförderungen beansprucht ist. Das erfordet aber auch schon ausserordentliche Anstrengungen. Im Durchschnitt kann die Reichsbahn nur den Transport von 15 kriegsmässigen Divisionen in ihre Fahrpläne einschalten. Das erklärt, warum Deutschland mit seiner Mobilisierung schon sehr früh begonnen hat. Die rein kriegsmässigen Transporte haben schon am 14. Juli eingesetzt. An der Westgrenze sind im Raum zwischen den Bahnlinien Emden-Münster-Dort- mund-Bonn-Koblenz-KaisersIautern-Stuttgart-Rottweil seit dem 1. August alle Materialtransporte durchgeführt worden, die für eine kriegsmässige Besetzung der Westgrenze erforderlich sind. Danach waren in erster Linie nur noch Mannschaften und Pferde an die Westgrenze zu bringen. Ausserordentlich gross ist die Beanspruchung der Bahn auch im Südosten. Alle Linien nach Italien waren durch Transporte von Kohle, Koks, Kartoffeln, rumänischem Oel und deutschen Maschinenteilen ausserordentlich überbeansprucht, so dass die vorgeschriebenen Truppentransporte nach der Slowakei, Kärnten, Tirol, Steiermark und ins Protektorat nur mit Mühe bewältigt werden konnten. Zeitweilig konnte die Bahn angeblich nur ein Fünftel der Aufträge erledigen, weshalb ein erheblicher Teil der Truppen mit Kraftfahrzeugen und Pferdefuhrwerken transportiert werden musste, was wiederum die Einbringung der Ernte ungünstig beeinflusst hat. Ueber die Störungen, die durch Ueberbeanspruchung der Reichsbahn verursacht werden, wird folgendes berichtet: A 39 Mitteldeutschland, 1. Bericht: Anfang Juli gab es in Magdeburg 4 Tage lang kein Frischfleisch, angeblich weil die Bahn die Fleischtransporte nicht durchführen konnte, da sie durch einen Probealarm der Wehrmacht überbeansprucht war. Es konnte auch kein Vieh per Auto herangeschafft werden, da auch die Strassen durch die Wehrmachtstransporte verstopft waren. 2. Bericht: Der Mangel an rollendem Eisenbahnmaterial ist so gross, dass für die Zuckerrübenernte der Magdeburger Börde nicht genug Waggons bereitsgestellt werden konnten. Auch die Kartoffeltransporte stocken sehr. EisenbahnSudetengebiet: Es scheint grosser Mangel an baumaterial zu herrschen. Aus den grossen Lägern der Reichsbahn in Eger und auch in Weiden in Nordbayern wurden die Schienenlager und sonstigen Reserven schnell ausgeräumt, so dass im Egerer Gebiet keine grösseren Reparaturen vorgenommen werden konnten. Aus dem„ Protektorat" ist Eisenbahnbaumaterial über Bayern nach Oesterreich geschafft worden. Die Ueberlastung der Reichsbahn führt zur Ueberbeanspruchung anderer Transportmittel. In dieser Hinsicht ist folgender Bericht aus dem Rheinland über die Rheinschiffahrt interessant: Infolge Requirierung für Heereszwecke fehlen kleine Boote, die als Pontons für Kriegszwecke requiriert wurden. Ausserdem herrscht grosser Mangel an kleinen schnellen Motorschiffen. Da eine starke Abwanderung einzelner Massengüter von infolge der Eisenbahn zur Wasserstrasse stattgefunden hat macht sich der Belastung der Eisenbahn durch das Heer der Mangel an Schiffsraum auf den Wasserwegen sehr bemerkbar. Schiffsneubauten werden ausgeführt, aber nicht in dem Masse wie früher. Es fehlt sowohl an Material wie an Arbeitskräften. Die Werften können unter diesen Umständen den Anforderungen nicht nachkommen. Die grossen Schiffsgesellschaften haben reichlich Ersatzteile für Binnenschiffe, aber die kleinen Schiffsunternehmer klagen, dass sie keine Ersatzteile bekommen können, und dass infolgedessen ihr Schiffsraum eines Tages völlig unbrauchbar sein wird. Reparaturen, die früher einige Stunden dauerten, können jetzt erst in Tagen ausgeführt werden. Oel und Benzol ist natürlich kontingentiert. Die grossen dieser Hinsicht geSchiffsgesellschaften bekommen auch in nug, weil sie für das Heer fahren, die Einzelunternehmer aber haben sehr viel Schwierigkeiten. Teil B: Uebersichten ( Abgeschlossen am 15. November 1939) DEUTSCHLANDS WIRTSCHAFTLICHE GEWINNE IN POLEN Die Beantwortung der Frage, welchen wirtschaftlichen Gewinn Deutschland aus der Eroberung halb Polens ziehen kann, stösst auf erhebliche Schwierigkeiten. Die polnische Statistik ist unvollkommen. Es fehlt vor allem an einer allgemeinen Produktionsstatistik. Die letzten vollständigen Zahlen, die zu erlangen sind, beziehen sich auf das Jahr 1936. Auch in der Statistik kommt zum Ausdruck, dass es dem jungen polnischen Staat in den zwanzig Jahren seines Bestehens nur sehr unzureichend gelungen ist, die verschiedenen Bestandteile, aus denen das neue Polen gebildet worden war, verwaltungsmässig zu einer Einheit zu verschmelzen. Jede exakte statistische Ermittlung wird ferner durch die neue Grenzziehung zwischen Deutschland und Russland unmöglich gemacht, deren Verlauf noch nicht genau bekannt ist und die mehrfach die polnischen Verwaltungsbezirke zerschneidet. Weiter hat der Krieg eine Reihe von neuen wirtschaftlichen Faktoren geschaffen, deren Grösse sich nicht nur jeder Berechnung, sondern auch jeder Schätzung entziehen. Die Polen haben auf ihrem Rückzug wirtschaftliche Anlagen, wie z. B. Bergwerke, unbrauchbar gemacht. Die deutsche Luftwaffe hat die polnischen Verkehrswege systematisch zerstört. Die Zahl und das Schicksal der Flüchtlinge, die den Schrecken des Krieges zu entkommen hofften, ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist, in welchem Umfange Teile der polnischen Armee in russische, rumänische und litauische Gefangenschaft geraten sind und was aus diesen Gefangenen geworden ist. Andererseits haben die Umsiedlungen eine Bevölkerungsbewegung eingeleitet, die noch nicht abgeschlossen ist. Schliesslich ist ein psychologisches Element nicht ausser Acht zu lassen: Die passive Resistenz der Bevölkerung eines eroberten Landes kann die Produktivität dieses Landes sehr erheblich vermindern, ohne dass über das Ausmass dieser Verminderung genaueres ausgesagt werden kann. Unter diesen Umständen sind weder vollständige, noch in allen Punkten zuverlässige statistische Ergebnisse zu erlan B 41 gen. Man muss sich vielmehr mit Annäherungswerten begnügen, um einen ungefähren Ueberblick über die wirtschaftlichen Gewinne Deutschlands in Polen zu erlangen. 1) Die Gebietserweiterung Die polnische Republik war mit einem Flächeninhalt von 389 500 qkm und mit 35 325 000 Einwohnern( 1939) an Fläche und Bevölkerung der sechste Staat Europas. Nach den durch Fortschreibung gewonnenen neuesten Bevölkerungszahlen kamen 90,7 Einwohner auf einen qkm. Polen war also dichter bevölkert als etwa Frankreich( 75,8). Das Staatsgebiet zerfiel administrativ in 17 Bezirke( Wojewodschaften), die mit Ausnahme von Pommerellen( Pomorze), Schlesien( Slask, d. i. Oberschlesien und Oesterreichisch- Schlesien), Polesien und Wolynien durch die Namen ihrer Hauptorte bezeichnet sind; die Stadt Warschau bildete einen eigenen Bezirk.( Vgl. die Karte I auf S. 42). Die polnische Statistik ordnet diese 17 Bezirke in 4 Hauptgruppen, die man, obwohl sie der verwaltungsmässigen Zusammenfassung entbehren, als Provinzen bezeichnen kann, da sie historisch, ökonomisch, geographisch und sozial weitgehend geschlossene Einheiten bilden: die zentralen, die westlichen, die südlichen und die östlichen Wojewodschaften. Der Westen( Posen, Pommerellen und Schlesien) umfasste den nach dem Wiener Kongress an Preussen zurückgelangten preussischen Anteil an den Teilungen Polens von 1772, 1793 und 1795, den auf Grund der Abstimmung von 1922 an Polen gelangten Anteil an dem preussischen Oberschlesien und den polnischen Anteil an dem ehemaligen österreichischen Schlesien einschliesslich des im Oktober 1938 okkupierten Gebietes von Teschen( das in Polen Olsa- Schlesien, häufig auch Karwin- Ostrauer Gebiet genannt wird). Die Südprovinz bestand aus dem früheren österreichischen Galizien( ohne die Bukowina, aber einschliesslich des 1846 annektierten Krakau). Das Zentrum wurde aus dem ehemaligen Königreich Polen gebildet, das durch den Wiener Kongress geschaffen worden war und dessen König der russische Zar war( Kongresspolen). Die östlichen Wojewodschaften schliesslich umfassten jene weiten östlichen Gebiete des alten Polen, die auf Grund der Friedensverträge und des polnischrussischen Krieges 1920 an Polen zurückgelangten, sowie das im Jahre 1921 besetzte Wilna- Gebiet. Die neue Aufteilung Polens auf Grund der deutsch- russischen Vereinbarung vom 25. September 1939 hat eine Grenzlinie zwischen Deutschland und Russland geschaffen, die etwa der sogenannten Curzon- Linie folgt. Diese neue Grenze beginnt im B 42 Süden in den Karpathen in der Nähe des Ortes Lupkow, an einem Punkt, der 35 km westiich der slowakisch-ungarischen (karpathorussischen) Grenze liegt, so dass die URSS nicht nur eine Grenze mit Ungarn, sondern auch mit der Slowakei erhält. Sie verläuft von dort fast genau nach Norden, bis sie auf den von Osten kommenden und sich hier nach Norden wendenden San stösst, folgt diesem an Przemysl vorbei bis etwas nörd- iich von Jarosiaw, veriässt dort— immer noch im Gebiet der Wojewodschaft Lemberg— den San in nordöstlicher Richtung, indem sie einen schmaien Streifen dieses Bezirks iängs der Grenze des Bezirkes Lubiin Deutschiand überlässt, und gelangt über die Orte Liubatchew und Rawa-Ruska bei Krystynopol an den Bug. Sie folgt dann dem Bug, der Ostgrenze Kongresspolens, B 43 bis zu dem Ort Nur, der schon in der Wojewodschaft Bialystok liegt, geht von dort gradlinig in nordöstlicher Richtung, bis sie bei Ostrolenka auf den Narew trifft, folgt dann diesem bis zur Mündung des Flüsschens Pissa, etwas westlich von Lomza und dann diesem Flüsschen bis zur ostpreussischen Grenze. Deutschland fällt ausserdem das Gebiet von Suwalki nördlich der Linie zu, die von der Südspitze Litauens aus- und an Augustowo vorbeigeht. In dem so begrenzten deutschen Anteil an Polen fällt: 1) der gesamte Westen, 2) Kongresspolen( die Zentralprovinz ohne die Wojewodschaft Bialystok), 3) von der Wojewodschaft Bialystok der Distrikt Suwalki und Teile der Distrikte Augustowo, Lomza, Ostrolenka und Ostrow( etwa 5 000 qkm mit 230 000 Einwohnern), 4) die Wojewodschaft Krakau und von der Wojewodschaft Lemberg die Distrikte: Kolbuszowa, Rzeszow, Tarnowbrzeg, Nisko, Brzozow, Krosno, Lancut, Przeworsk und kleinere Teile von 6 oder 8 weiteren Distrikten( zusammen etwa 10 000 qkm mit 1 Million Einwohner). Demnach ergibt sich für den deutschen Teil folgende Aufstellung: Westen, einschliesslich Teschen ca. 48 000 qkm, 4 716 600 Einwohner ca. 110 000 qkm, 11 960 000 Einwohner Zentrum Westgalizien insgesamt: ca. 27 400 qkm, 3 300 000 Einwohner ca. 185 400 qkm, 19 976 600 Einwohner 2) Der Bevoelkerungszuwachs Der Anteil Deutschlands an der polnischen Beute beträgt also 47,6% der Gesamtfläche und knapp 60% der Gesamtbevölkerung des bisherigen Polens. Im Durchschnitt entfallen im deutschen Anteil 107 Einwohner auf einen qkm, und zwar im Westen 98, im Zentrum 109 und im Süden 120. Der deutsche Anteil an Polen ist also dichter bevölkert als der Osten Deutschlands( Ostpreussen 63,1, Brandenburg 70,3, Pommern 59,1 und Schlesien 128,4 Einwohner auf einen qkm). Diese Bevölkerung lebt grösstenteils auf dem Lande. 1931 gab es in ganz Polen nur 71 Städte mit mehr als 20 000 Einwohner, in denen 20,4% der Gesamtbevölkerung lebten. Von diesen 71 Städten hat Deutschland 53 erhalten. Die städtische Bevölkerung ist zum erheblichen Teil jüdisch. In ganz Polen waren 27,3% der städtischen Bevölkerung jüdisch, dagegen nur 3,2% der ländlichen. In den grossen Städten war der Anteil der Juden noch weit höher( Warschau 30,1, Lodz 35,5%), in manchen Mittelstädten erreichen die Juden eine starke B 44 Mehrheit. Die Zahl der Juden im deutschen Anteil beträgt rund 2 Millionen, davon nur 20 000 im Westen. Obgleich der polnische Staat Beträchtliches für die Hebung der Volksbildung geleistet hatte und obgleich der Bildungsstand im deutschen Anteil erheblich höher ist als im russischen, ist der Prozentsatz der Analphabeten noch immer ziemlich hoch. Nach der Volkszählung von 1931 betrug er: im Zentrum( ohne Bialystok) davon bei den Männern 29,8% 21,2% im Westen( ohne Teschen) 3,7% davon bei den Männern 3,1% in Westgalizien( ohne die an Russland gefallene Hälfte der Wojewodschaft Lemberg). 21,0% davon bei den Männern in der Wojewodschaft Krakau 15,1% In den Städten sind die Zahlen durchweg günstiger, doch ist das vor allem darauf zurückzuführen, dass es unter den Juden keine Analphabeten gibt. Diese Bevölkerung lebte in dürftigen Verhältnissen. Das polnische Nationaleinkommen wurde im Jahre 1921 auf 28,3, im Jahre 1933 auf nur 15,5 Milliarden Zloty( d. h. rund 1 090 bzw. 600 Millionen Pfund Sterling) geschätzt. Der Absturz beträgt selbst nach Berücksichtigung des stark abgeschwächten Preisniveaus noch 18%. Den stärksten Abstrich hat das Einkommen der Bauern erfahren, das von 10,3 auf 5,1 Milliarden Zloty gefallen ist. Besonders bedeutsam war die starke Verminderung der Kaufkraft der bäuerlichen Bevölkerung: ihr Einkommen, soweit es nicht in Eigenverbrauch bestand, fiel von 2,3 im Jahre 1921, auf 0,8 Milliarden Zloty im Jahre 1933. Seither hat sich die Lage allerdings erheblich verbessert, sowohl durch Verbesserung des Absatzes und der Preise der Agrarprodukte, wie vor allem durch Verbilligung der Bedarfsartikel. Eine sehr aufschlussreiche Berechnung( ,, Annuaire", Seite 219) zeigt, welche Menge an Roggen, Schweinefleisch und Milch der Bauer für die Anschaffung der gleichen Artikel seines unmittelbaren Bedarfs in den verschiedenen Jahren anwenden musste; die Schwankungen sind ausserordentlich stark und es lässt sich erkennen, dass den Kleinbauern selbst in den günstigsten Jahren nichts für die Verbesserung ihrer Lebenshaltung geblieben sein kann. In sehr starkem Masse ist auch das Einkommen der Arbeiterschaft gefallen( von 4,2 Milliarden 1921 auf 2,3 Milliarden Zl. 1933). Der durchschnittliche Wochenlohn eines gewerblichen Arbeiters betrug 1936 27,36 Zloty(= 21 sh.). Etwa 60% der Arbeiter verdienten weniger als diesen Durchschnitt, 39% weni B 45 ger ats 15.4 sh. 10,9% weniger als 7.8 sh. Die Sätze differieren sehr erheblich in den einzelnen Wojewodschaften. Die Löhne waren naturgemäss am höchsten in Warschau und in Schlesien, sie lagen in Lodz und Krakau knapp über dem Durchschnitt und werden immer geringer, je grösser die Entfernung von den gewerblichen Zentren ist. In manchen östlichen Bezirken(z. B. Stanislau, Nowogrodek) betrug der durchschnittliche Stundenlohn eines erwachsenen männlichen Arbeiters nicht mehr als 3 1/4 pence. Er war in Wolynien, Polesien, Tarnopol, Dublin kaum höher und betrug selbst in Posen und Pommerellen und in den bereits teilweise industriellen Bezirken von Lemberg und Kielce nur 5 pence. Ein Landarbeiter, der nicht beköstigt wird, erhielt im Durchschnitt im Jahre 1933 einen Tagelohn von 1,7 ZI. im Frühling, 2,5 ZI. im Sommer, 1,6 ZI. im Herbst (15 1/2 d., 23 d., 14 1/4 d.). Dabei ist zu bedenken, dass die LehenshaiTHnfyskosfen in Polen nicht wesentlich niedriger waren als im westlichen Europa. Selbstverständlich waren einige landwirtschaftliehe Produkte(insbesondere Milch, Eier, Kartoffeln, Roggenbrot) billiger und zum Teil wesentlich billiger als in anderen Ländern, jedoch keineswegs alle, vor allem nicht erstklassige Produkte. Andererseits waren sonstige Bedarfsartikel(Kleider, Schuhe, Hausgeräte) teurer. Deshalb reichte-das Durchschnittseinkommen nur zu einer sehr bescheidenen Lebensführung. So konnte beispielsweise ein städtischer Volksschullehrer(„Annuaire", Seite 246), selbst wenn er durch Verdienst von Familienangehörigen oder aus anderen Gründen um ein Drittel mehr verausgaben konnte, als sein Gehalt betrug, und er nur 30% seines Budgets für Ernährung verbrauchte, nur 12,7% für Miete und 8,8% für seine Fortbildung und für sonstige geistige Bedürfnisse aufwenden. Selbst die bestbezahlte Arbeitergruppe(mit einem Jahreseinkommen von über 3 800 ZI. für die vierköpfige Durchschnitts- familie) musste die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel, und konnte nur 5,6 bzw. 7,2% für Wohnung und für geistige Bedürfnisse aufwenden. Der Konsum war ausserordentlich niedrig. So sind 1936 pro Kopf der Bevölkerung nur 10,2 kg Zucker, 0,19 kg Kaffee und 0,05 kg Tee verbraucht worden(in Deutschland auch 1936 noch 22,5, 2,31 und 0,07 kg). Aber auch bei in Polen reichlich vorhandenen Lebensmitteln stand es nicht besser. An Fleisch wurden 1936 20,2 kg pro Kopf verbraucht (Deutschland 43,6 kg), an Roggen 159 kg, an Weizen 48 kg, an Kartoffeln hingegen 768 kg(522,4 kg), an Salz 8,4 kg. B 46 Sehr ungünstig sind die Wohnungsverhältnisse. Auf dem Lande besteht mehr als die Hälfte der Häuser aus nur einem Raum, und selbst in den Städten beträgt ihr Anteil noch 36,5%. Im Landesdurchschnitt, der im Westen erheblich unterschritten, im Osten erheblich überschritten wird, kommen 3,1 Personen auf einen Wohnraum und auch in den Städten noch 2 Personen( im Westen 1,6, im Zentrum 2,3). Besonders schlecht steht es in den grossen Städten: In Warschau kommen 2,1, in Lodz 2,5 Personen auf einen Wohnraum und 4 bzw. 3,8 Personen auf eine Einzimmerwohnung.( In Warschau entfallen 42,7%, in Lodz 63% der Gesamtzahl der Wohnungen auf Einzimmerwohnungen.) In Warschau leben 59,7, in Lodz 68,7% der Bevölkerung zu mehr als zu zweit, 25,9 bzw. 30,9% zu mehr als zu viert, 7,8 bzw. 9,2% zu mehr als zu sechs in einem Wohnraum. Deutschland erwirbt mithin in Polen eine Bevölkerung, deren bescheidene Lebensverhältnisse. die Eingliederung in die deutsche Mangelwirtschaft erleichtern. Andererseits setzt der bereits bestehende Zustand einer weiteren Herabdrückung des Lebensstandards enge Grenzen. 3) Der Gewinn an Arbeitskraeften Den wichtigsten wirtschaftlichen Gewinn, den Deutschland in Polen gemacht hat, ist der Gewinn an Arbeitskräften. Schon in der Zeit der Kriegsvorbereitung war der Mangel an Arbeitskräften das entscheidende Hemmnis für die weitere Ausdehnung der deutschen Produktion und schon in dieser Zeit konnte dieses Problem nur mit Hilfe des Neuzugangs an Arbeitskräften gelöst werden, den Deutschland durch die Annexion Oesterreichs und der Tschechoslowakei erhielt. Im Kriege hat der Mangel an Arbeitskräften für Deutschland noch grössere Bedeutung erlangt. Dem Entzug von Arbeitskräften durch die Mobilisierung steht das Bedürfnis nach weiterer Steigerung der Produktion gegenüber. Vor allem ist die weitere Erhöhung der Ersatzstoffproduktion nur durch vermehrten Einsatz von Arbeitskräften durchführbar. In dieser Lage muss der Gewinn an Arbeitskräften, den Deutschland aus den 20 Millionen Polen ziehen kann, sehr hoch veranschlagt werden. Der Gewinn an Arbeitskräften ist umso bedeutsamer, als er in erster Linie zwei Wirtschaftszweigen zugutekommen wird, in denen ein besonders empfindlicher Arbeitermangel herrscht: der Landwirtschaft und dem Bergbau. Beide Wirt B 47 schaftszweige haben in früheren Jahren zahlreiche polnische Arbeitskräfte aufgenommen und auch jetzt wird der niedrige Lebensstandard und die Bedürfnislosigkeit der polnischen Bevölkerung die Deportierung polnischer Arbeitskräfte nach Deutschland erleichtern. Der grösste Teil der polnischen Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig. 1931 entfielen von einer Gesamtbevölkerung von 31,9 Millionen auf die Landwirtschaft...... auf Industrie und Gewerbe auf den Handel auf den Verkehr 60,6% 19,4% 19,3 Millionen = 6,3 Millionen 1,9 Millionen 1,2 Millionen 6,1% 3,6% Die Zahlen für den deutschen Anteil lassen sich nicht genau ermitteln, vor allem weil die neue deutsch- russische Grenze mitten durch die Wojewodschaft Lemberg läuft. Es steht aber fest, dass im deutschen Anteil der Prozentsatz der landwirtschaftlichen Bevölkerung vor allem im Westen wesentlich niedriger, der in Industrie und Handel wesentlich höher ist. So betrug 1931 der Anteil der Bevölkerung: in Industrie und in der Landwirtschaft Gewerbe im Westen( einschl. Teschen) im Zentrum( ohne Bialystok) in der Wojewodschaft Krakau 36,2% 32,8% 53,3% 25,5% 59,5% 18,6% Die polnische Industriearbeiterschaft arbeitet zu über 80% in dem jetzt Deutschland zugefallenen Gebiet. Insbesondere erhält Deutschland einen Zuwachs von über 100.000 Bergarbeitern, die vor allem in den Revieren von Oberschlesien, Teschen und Kielce ansässig sind. In diesem Berufszweig ist auch eine erhebliche Reserve an Arbeitslosen vorhanden. 1929 betrug die Gesamtzahl der Bergarbeiter noch 151.000, 1936 ohne das Teschener Gebiet nur noch 94.000; für 1939 wurde eine Zahl von 109.000 berichtet( offenbar einschliesslich Teschen). Im übrigen verteilte sich die polnische Industriearbeiterschaft im Jahre 1936 auf die wichtigsten Industriezweige folgendermassen: Verteilung der Industriearbeiterschaft 1936 B 48 Deutscher Teil ¹) insgesamt Davon: Bergbau. davon Kohle Eisenhütten Steine und Erden Metallindustrie Chemische Industrie Textilindustrie Nahrungsmittelind. Polen 795.000 686.000 117.000 104.000 91.000 91.000 57.700 57.700 50.000 41.000 65.800 63.000 35.000 32.000 140.000 123.000 51.500 41.000 Beachtung verdient, dass der Anteil der Frauenarbeit in der polnischen Industrie nicht unerheblich höher war als in der deutschen. Er betrug 1936 27,2% gegen 24,7% in Deutschland. In den einzelnen Industriezweigen ergaben sich folgende Anteile: Polen Deutschland Elektrotechnische Industrie 38,8% 37 % Chemische Industrie 30,0% 20,0% Papierindustrie 36,7% 15,7% Nahrungs- und Genussmittelindustrie 39,3% 41,1% Textilindustrie.. 53,3% 55,7% Bekleidungsgewerbe 63,4% 68,6% Es ist möglich, dass der höhere Anteil und die andere Verteilung der Frauenarbeit in Polen den Einsatz der Frauen als Arbeitsreserve für Deutschland erleichtert. Einerseits schränkt zwar die umfangreiche Verwendung weiblicher Arbeitskräfte die Mehrbeschäftigung von Frauen ein, andererseits verbessert sie aber die psychologischen Voraussetzungen dafür. Zweifellos hatte Polen einen beträchtlichen Ueberschuss an Arbeitskräften. Ende 1937 wurden 470.000 Stellensuchende registriert. Ende 1938 gab es angeblich nur noch 100.000 Arbeitslose, jedoch sind dabei die ländlichen Arbeitslosen, die ein Vielfaches dieser Zahl ausmachen, nicht berücksichtigt. Auf einen Ueberschuss an Arbeitskräften deuten auch zwei Umstände hin, die für Polen charakteristisch sind: die hohe Geburtenrate und die starke Auswanderung. Der jährliche Bevölkerungszuwachs wurde zuletzt auf 400.000 Köpfe berechnet und die Eingliederung der grossen Zahl neuer ¹) Einschliesslich Teschener Gebiet( mit den Zahlen von 1938), aber ohne die deutschen Anteile an den Wojewodschaften Lemberg und Bialystok. B 49 Arbeitsuchender stellte Jahr für Jahr die polnische Wirtschaft vor kaum lösbare Aufgaben. Dementsprechend war denn auch die Auswanderung beträchtlich. In den 10 Jahren von 1928-1937 hatte Polen einen Wanderungsverlust von 383.173 Menschen, davon im Jahre 1937 allein 61.673. Dieser Bevölkerungs- und Auswanderungsüberschuss wird in Zukunft die deutschen Zwangsarbeitslager füllen. 4) Der landwirtschaftliche Gewinn Stand und Bedeutung der polnischen Landwirtschaft ist in den einzelnen Bezirken sehr verschieden.( Vgl. die Karte II auf S. 50). Die beiden wichtigsten landwirtschaftlichen Gebiete, Posen und Ostgalizien, befanden sich an den äussersten Grenzen des Staates; das eine ist jetzt an Deutschland, das andere an Russland gefallen. Die Erträge der Landwirtschaft in Kongresspolen reichen auch nicht entfernt zur Ernährung seiner starken Bevölkerung aus. Im ganzen ist der Anteil des Ackerlandes weit höher als etwa in Deutschland, der Anteil der Wälder dagegen nicht unbeträchtlich niedriger. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche Polens beträgt 25.589.000 ha nach einer Angabe aus dem Jahre 1934 67,5% der Gesamtfläche, davon entfallen auf Ackerland 18.557.000 ha 49,0% der Gesamtfläche bzw. 72,6% der Nutzfläche. 22,0% der GesamtDie Forsten bedecken 8.322.000 ha fläche( in Frankreich 19,2%, in Deutschland 27,5%, unter Einschluss von Oesterreich, des Sudetengebietes und des ,, Protektorats" sogar 29%). Von der landwirtschaftlich genutzten Fläche entfallen schätzungsweise 13.046.000 ha., d. h. etwas mehr als die Hälfte auf das von Deutschland besetzte Gebiet. Davon dürften etwa 10,7 Millionen ha Ackerland sein, d. h. fast 50% der gesamten Ackerfläche des Reichs einschliesslich Oesterreich. Von den Forsten entfallen etwa 3.435.000 ha oder 41% auf den deutschen Teil, d. h. etwa 18,7% der Waldfläche des alten Reichsgebietes. Nimmt man die Bevölkerung des deutschen Anteils mit 20 Millionen Menschen an, so ergibt sich, dass in diesem Teil Polens auf 100 Einwohner 53,5 ha Ackerland, 11,75 ha Weiden und 17,5 Wald kommen. Für Deutschland lautet das Verhältnis: 29,4 ha Ackerland, 14,0 ha Weiden und 21,0 ha Wald; für Frankreich: 50,45 ha Ackerland, 27,45 ha Weiden und 25,2 ha Wald. Jedoch ist der ,, Nahrungsraum" angesichts der Besitzverhältnisse, der Bewirtschaftsungsmethoden und der B 50 Jtdw&m �i.ovAyz r"-' '(/A�&AJ? relativen Uebervöikerung des flachen Landes weitaus geringer, ais er nach diesen Zahlen erscheint. Angaben über die Zahlen der landwirtschaftlichen Betriebe sind nicht vorhanden. Auch neuere Zahlen über die Betriebsverhältnisse liegen nicht vor. Im Jahre 1921 entfiel etwa 1/4 der landwirtschaftlich genutzten Fläche auf kleinbäuerliche Betriebe(unter 5 ha), etwa 3/8 auf Mittelbetriebe(5-20 ha), weit über 1/4(27,2%) auf Grossbetriebe über 100 ha. Der Anteil des Grossgrundbesitzes ist inzwischen durch die Bo- B 51 denreform-vermindert worden, der bis 1936 rund 2.422.000 ha unterworfen worden sind. Der Hauptteil der Jandwirtscha/'Htchen Produ/cfton entfällt auf Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben. Für das von Deutschland besetzte Gebiet ergeben sich etwa folgende Zahlen: 9 Die Zahlen für Krakau schiiessen den geschätzten deutschen Anteil an der Wojewodschaft Lemberg mit ein. B 52 Auf die wichtigsten Getreidearten, sowie auf Kartoffeln und Zuckerrüben entfallen also rund 75% der gesamten Ackerfläche. Die erzielten Erträge bedeuten im Vergleich zu der bisherigen deutschen Produktion( einschliesslich Oesterreich und der gesamten Tschechoslowakei) einen Zuwachs bei Roggen von 47%, bei Weizen von 17%, bei Gerste von 18%, bei Hafer von 22%, bei Kartoffeln von 36%, bei Zuckerrüben von 13%. Die Hektarerträge sind auch in den westlichen Wojewodschaften beträchtlich niedriger als die deutschen. Theoretisch ergibt sich hier also die Möglichkeit einer erheblichen Ertragssteigerung durch Verbesserung der Anbaumethoden, Vermehrung der künstlichen Düngung usw. Es bleibt jedoch fraglich, ob damit unter den gegenwärtigen Umständen schon in kurzer Zeit nennenswerte Erfolge erzielt werden können. Der Export Polens an Agrarprodukten schwankte stark mit den Ernteergebnissen. Er betrug: 1929 1932 1935 1936 1937 in tausend Tonnen Roggen 200 219 414 277 74 Gerste 244 146 285 377 192 Hafer 38 3 90 98 27 Weizenmehl 3 14 66 103 24 Kartoffeln... 77 61 28 49 47 Zucker 298 185 107 62 52 1936 entfiel von dem gesamten Agrarexport Polens etwa ein Sechstel auf die Ausfuhr nach Deutschland, Oesterreich und der Tschechoslowakei. Von den Viehbeständen Polens entfielen im Jahre 1936 auf den jetzt an Deutschland gefallenen Teil etwa 1.887.000 Pferde, d.h. 5.574.000 Rinder, d.h. 3.736.000 Kühe, d.h. 51,7% des deutschen Bestandes ¹) 24,4% < >>> >>>> 4.001.000 Schweine, d.h. 697.000 Schafe, d.h. 36,1% 15,0% 8,9%>>> >>> >>> >>> >>> << » >>> Da der Fleischverbrauch in Polen niedrig ist( nur 20,2 kg jährlich auf den Kopf gegenüber 50-53 kg in Deutschland), war die Ausfuhr relativ gross. An Schweinen wurden 1936 197.000 Stück ausgeführt. Das war allerdings nur ein Bruchteil der früheren Ausfuhr: 1928 1.279.000 und 1929 960.000 ¹) Einschliesslich Oesterreich. B 53 Stück. An Schinken wurden 11.000 t, an Bacon 19.000 t (gegen 54.000 t 1932), an tierischen Fetten 19.000 t, ausgeführt. Weitaus den grössten Teil hiervon nahm England auf. Auch die Ausfuhr nach Deutschland war nicht unbeträchtlich, vor allem an lebenden Schweinen(Deutschland, Oesterreich und die Tschechoslowakei nahmen 1936 fast die gesamte Ausfuhr ab) und Gänsen, aber auch an Butter und Eiern. Weniger wichtig sind die Gewinne Deutschlands auf dem Gebiete der ForsfmfrfscAa/f. Polen stand dem durchschnittlichen Holzeinschlag nach in Europa erst hinter der Tschechoslowakei an siebenter Stelle. Die Ausfuhr an Holz(vor allem Rundhölzer und Bohlen, Eisenbahnschwellen, Papierholz und Schnittbolz) machte 1935 etwa 13% des gesamten polnischen Exports aus und stellte einen Wert von 163 Millionen Zloty dar. Deutsehland, Oesterreich und die Tschechoslowakei nahmen zusammen rund ein Fünftel dieser Ausfuhr auf. Deutschland hat zwar nur 41% des polnischen Waldes erhalten, aber zweifeloss kann es durch rücksichtslosen Raubbau daraus einen weitaus grösseren Holzüberschuss für seine eigene Wirtschaft erzielen als bisher von Polen insgesamt ausgeführt worden ist. 5) Die Gewinne an Rohstoffen Die Gewinne an industriellen Rohstoffen(vgl. hierzu die Karte HI auf S. 54), die Deutschland in Polen macht, betreffen in der Hauptsache die Kohle. Allerdings ist gerade dieser Gewinn für die deutsche Kriegswirtschaft von unschätzbarer Bedeutung. Kohle ist der Grundstoff für die meisten synthetischen Produkte. Kohle wird in besonders grossem Umfange für die Verhüttung eisenarmer Erze gebraucht. Kohle ist als Kraftquelle für den ungeheuer gesteigerten Bedarf an elektrischer Energie, vor allem für die Aluminiumproduktion, von gröss- ter Wichtigkeit. Kohle ist ein wichtiges Ausfuhrgut, auf das Deutschland umso mehr angewiesen ist, je weniger es seine lebensnotwendige Einfuhr mit Devisen bezahlen kann. Die weitere Ausdehnung der deutschen Produktion fand schon in der Vorkriegsperiode ihre Grenze an den Schwierigkeiten erhöhter Kohlenförderung und diese Schwierigkeiten mussten sich durch den Krieg automatisch verschärfen, umso mehr, als die Förderung des Saargebietes unter der Drohung der französischen Geschütze nicht voll aufrechtzuerhalten war. B 54 PerpHfp/'lM ! iNAHRUNCSMiTTEL (DTEXULWAREM Eg�HCLT. �METALL /-LEQEHMAREN ACHEMSCHE PROOUKTE [/NO-ARN �0 KOHLE tHS0STE[NSALZ O KUPFER(�PHOSPHAT �Z!MK EiSEN � ERDÖL Y SCHWEFEL E3 SUMPF O KAU QBLEt Wenn auch nicht bekannt ist, in welchem Umfange die Bergwerke von den Polen vor ihrem Rückzug zerstört worden sind, so wird man doch davon ausgehen müssen, dass Deutschland fürs erste vor den Gefahren einer Kohlenkrise durch die polnische Kohle geschützt ist. Polen verfügt über ausgedehnte Kohlenlager, die(unter Annahme einer Abbautiefe bis zu 1.000 m) vom polnischen geologischen Institut im Jahre 1932 auf 61 Milliarden t Stein- B 55 kohle und 5 Milliarden t Braunkohle geschätzt wurden. Die Abbaustellen liegen sämtlich im deutschen Anteil, die wichtigste in Oberschlesien, die beiden anderen in Dombrowa und Krakau. Steinkohlenlager finden sich zwar auch in der Gegend von Kielce und nahe bei Lublin. Zu ihrer Erschliessung ist aber, da die bisher abgebauten Vorkommen völlig ausreichten, noch nichts getan worden. Auch die grossen Braunkohlenlager( in Posen und Tarnopol) werden kaum ausgebeutet. Dieser Bestand an Kohle hat noch einen grossen Zuwachs durch den Erwerb des Teschener Gebiets erfahren( KarwinOstrauer Revier). Seine Lager werden auf 4 Milliarden t geschätzt( ,, Neue Zürcher Zeitung" vom 20.4.38), von denen bisher 250 Millionen t abgebaut wurden. Die Bedeutung dieses Zuwachses liegt weniger in seiner Menge als vielmehr in seiner Qualität. Die Teschener Kohle ist mit einem Kaloriengehalt von 6.800 bis 8.000, im Gegensatz zu der oberschlesischen, ausgesprochen hochwertig und zur Verkokung besonders geeignet. Die Produktion an Kohle in den drei Kohlengebieten Oberschlesien, Krakau und Dombrowa betrug 1913 fast 41 Millionen t. Sie erfuhr nach dem Kriege zunächst einen starken Rückgang, erreichte aber 1928 fast wieder den Vorkriegsstand. Dabei überschritten Krakau und Dombrowa diesen Stand nicht unerheblich, während Oberschlesien noch weit dahinter zurückblieb. In den folgenden Jahren ging die Förderung in allen Bezirken erheblich zurück. Für 1936 ergab sich im Vergleich mit den früher erreichten höchsten Förderzahlen folgendes Bild: bisheriger Hoechststand 1936 in tausend Tonnen Oberschlesien 32.182( 1913) 22.091 Dombrowa 7.635( 1928) 5.664 Krakau 2.533( 1928) 1.992 Teschen( Produktions- Kapazität) 9.000 Insgesamt: 29.747 Seit 1937 hatte sich die Förderung wieder erholt. Sie betrug 1938 38.086.000 Tonnen. Davon entfielen 7,5 Millionen t auf Karwin- Ostrau und 300.000 t auf Oderberg. 1939 scheint die Produktion bis zum Kriegsausbruch weiter gestiegen zu sein. Die Gesamtförderung beträgt etwa 20% der Förderung im alten Reichsgebiet. B 56 Der Inlandsabsatz(ohne das Olsa-Gebiet) belief sich 1938 auf rund 23 Millionen t. Die Ausfuhr war bedeutend, sie betrug im Vergleich mit Deutschland: Polen war nach Grossbritannien und Deutschland der wichtigste europäische Kohlenexporteur. Die Ko/csgewinnung in Polnisch-Oberschlesien erreichte im Jahre 1937 ihren bisherigen Höchststand mit 2.126.000 t, was etwa der Produktion des Saargebiets entspricht. Die Koksgewinnung in Olsa-Schlesien beträgt rund 1 Million t. Die Brikettproduktion in Olsa-Schlesien betrug 1937 100.000 t, im übrigen Polen 209.000 t(1929 355.000 t). Die Teergewinnung erreichte 1937 130.000 t, also nur 6% der deutschen Produktion. Für Olsa-Schlesien werden 50.000 t Teer, 15.000 t Benzol und 13.000 t Schwefel-Amonium angegeben. Gegenüber dem Gewinn an Kohle treten alle übrigen Gewinne an Rohstoffen weit zurück. Es ist bekannt, dass der grösste Teil der Erdoiaorkommen unter russische Herrschaft gekommen ist. Weniger bekannt ist, dass diese Vorkommen heute ais fast erschöpft gelten müssen, auf jeden Fall nur mit ausserordentlich hohen Kosten abgebaut werden können. Schon vor 12 Jahren mussten die Bohrlöcher in eine Tiefe von 1.700 Metern getrieben werden. Der scharfe Rückgang der Produktion von 2,1 Millionen Tonnen 1909(5% der Weltproduktion) auf 1,1 Millionen t 1913(2% der Weltproduktion), 740.000 t 1929 (1/2% der Weltproduktion) und schliesslich 507.000 t im Jahre 1938 erscheint daher unaufhaltsam. Die Vorkommen liegen sämtlich im östlichen Galizien, Drohobycz, Stanislau und Jaslo, von denen das letztgenannte zum deutschen Okkupationsgebiet gehört. Jaslo hat zwar absolut und relativ an Bedeutung gewonnen, lieferte jedoch auch 1936 erst 108.000 t (etwa 1/5 der polnischen, und etwa 1/4 der deutschen Gesamtproduktion). Trotz zahlreicher Forschungsbohrungen-für 1939 waren 20.000 Bohrmeter geplant- sind neue Quellen nicht entdeckt worden. Eine wachsende Bedeutung hatte für Polen die Gewinnung von AWur�a.s bekommen. 1932 wurden rund 437 Millionen cbm gewonnen, 1937 rund 531 Millionen cbm. Das Vorkommen von Drohobycz/Stryj wurde als gross genug geschätzt, um die gesamte polnische Industrie auf Jahre hinaus mit Treib- Polen Deutschland 1936 1937 1938 8.362.000 t 11.003.000 t 11.680.000 t 29.493.000 t 39.659.000 t 30.769.000 t B 57 stoff zu versorgen. Aber auch dieser Rohstoff spielt im deutschen Anteil keine Rolle, obgleich Naturgas nicht nur bei Jaslo, sondern auch bei Tarnow austritt. Die Förderung an Eisenerz betrug 1913 493.000 t, 1928 699.000 t, 1936 468.000 t, 1937 780.000 t und war 1938 angeblich auf 872.000 t gestiegen. Der zusätzliche Anteil des OlsaGebietes ist unerheblich, derjenige der neu in Betrieb genommenen Erzgruben( bei Radom und Kielce) bisher ebenfalls. Der Eiseninhalt des Erzes ist im allgemeinen ebenso niedrig wie der des in Deutschland geförderten( selten über 30%). Die Förderung in Eiseninhalt gerechnet betrug z. B. 1937 nur 247.000 t. ( Zum Vergleich sei angeführt, dass Deutschland und Oesterreich 1937 insgesamt 11,7 Millionen t Eisenerz mit einem Eiseninhalt von 3,4 Millionen t gefördert haben.) Die Produktion reichte nicht entfernt aus, um die Eisen- und Stahlwerke zu speisen. Noch 1937 mussten 550.000 t Schrott eingeführt werden. Im Krakauer und Dombrowaer Bezirk, also im deutschen Die Zinkförderung, die 1913 Teil, liegen Zinkvorkommen. 502.000 t betragen und Polen zu einem der grössten Zinkproduzenten der Welt gemacht hatte, belief sich 1928 nur auf 321.000 t und sank 1930-als nur noch ein Bergwerk im Betrieb war- sogar auf 143.000 t. 1937 wurden aber bereits wieder 191.000 t mit einem Zinkinhalt von 63.400 t gewonnen und 1938 soll die Förderung etwa 45% des Satzes von 1918 erreicht haben. ¹) Die Förderung galt bisher als unrentabel und zwar wegen des grossen Anteils an Zinkblende, das als Nebenprodukt bei der Verarbeitung Schwefelsäure liefert, für die der Absatzt fehlte. Diese Hemmung des Abbaus besteht jedenfalls in Zukunft für die Deutschen nicht.( Dem Zinkinhalt nach machte die polnische Förderung 1937 etwa 37% der deutschen aus.) Die umfangreichen Kali- und Phosphatlager sind fast ausschliesslich an Russland gefallen. 6) Die Vermehrung der industriellen Produktionskapazitaet Ein vollständiger Ueberblick über den industriellen Produktionsapparat Polens ist schwer zu gewinnen, weil die Statistik unvollständig ist. Für 1935/36 lässt sich folgende Uebersicht zusammenstellen, in der jedoch die Eisen- und ¹) Wir finden im ,, Südost- Economist", Budapest Nr. 15/1939, die Behauptung, dass die Zinkerzförderung 1938 500.000 t., das hiesse den Vorkriegsstand und 20% der jetzigen Weltproduktion, erreicht habe. Die Quelle dieser Behauptung ist unerfindlich. B 58 Stahlwerke und ein Teil der Bauindustrie fehlen.(Auf die in der Tabelle erscheinenden Industriezweige und Betriebe dürften etwa 70% der gesamten polnischen Industriearbeiterschaft entfallen.) Für die polnische Industrie charakteristisch ist die hohe Zahl von Klein- und Kleinstbetrieben. 1935/36 bestanden neben rund 23.000 Betrieben mit mindestens 5 Beschäftigten (den Firmeninhaber und mitarbeitende Familienangehörige eingerechnet) rund 172.000 Kleinstbetriebe. Die Industrie ist zum weitaus grössten Teil Deutschland zugefallen. Sein wichtigster Zuwachs an industrieller Produktionskapazität besteht neben den Kohlenbergwerken in den Eisen- und SialiiwerEen. Die eisenschaffende Industrie ist im allgemeinen durchaus modern und in wenigen grossen Betrieben konzentriert. In Oberschlesien liegen 9 Werke mit 17 Hochöfen, 30 Martinöfen, 6 Elektroofen und 2 Rohrwerken, in Olsa-Schlesien 2 Werke mit 5 Hoch-, 17 Martin-, 1 Elektro-Ofen und 1 Rohrwerk, im Dombrowaer Gebiet 8 Werke mit 4 Hoch- und 15 Martin-Oefen und einem Rohrwerk, in dem neu aufgebauten zentralen In- *) Mit mindestens 5 Beschäftigten, einschliesslich Firmeninhaber und dessen Familienangehörige. -) Arbeiter und Angestellte in sämtlichen Betrieben des fraglichen Industriezweiges(einschliesslich Kleinstbetriebe). ") Ohne Eisen- und Stahlwerke. 9 Ohne Schuhfabriken, aber einschliesslich der Herstellung von Gummischuhen, Gummisohlen, etc. 9 Unvollständig. B 59 dustrierevier von Kielce und Sandomir 3 Werke mit 3 Hoch- und 8 Martin-Oefcn. Die folgende Uebersicht lässt den starken Produktionsaufschwung der letzten Jahre erkennen. Es wurden erzeugt: Die„Frankfurter Zeitung"(vom 25.8.39) schätzt den Anteil der Hauptgebiete an der Erzeugung von Roheisen und Rohstahl wie folgt: Ober- Otsa- Dom-, Rohstahl____ 500 600 160 50 Roheisen____ 900 750 470 70 Die verarbeitende Metallindustrie tritt demgegenüber an Bedeutung vollständig zurück. Polen besass keine eigene Autoindustrie. Von den 16 vorhandenen Zink- und Bleihütten(15 davon in Oberschlesien) arbeiteten bisher nur fünf. Die ZinkproduA:- t:on betrug 1938 108.000 t, gegenüber einem Höchststand von 169.000 im Jahre 1929. Da der Inlandsverbrauch trotz erheblicher Steigerung(um 2/3) nur etwa 30% der Erzeugung beanspruchte, war Zink ein wichtigeres Ausfuhrgut als Eisen. Die Ausfuhr an Zink und Zinkprodukten betrug 1936 65.000 t. Sie hat sich seither kaum gehoben. Dem Werte nach nahmen Deutschland, Oesterreich und die Tschechoslowakei zwei Drittel dieses Exportes auf; die Ausfuhr erreichte jedoch nicht den Wert des aus Deutschland eingeführten Zinkerzes. Nicht unbedeutend ist die chemiscAe /ndustrie, insbesondere soweit es sich um die Gewinnung von Nebenprodukten in den Hüttenwerken handelt. So wurden z. B. im Jahre 1936 gewonnen(in 1.000 t): H Allein das Werk Trzyniec erzeugte 1937 480.000 t Roheisen, 550.000 t Stahl, ca 500.000 t Walzwaren. Dennoch erscheint die Schätzung übertrieben. Im Teschener Gebiet wurden— nach der gleichen Quelle— im Januar 1939 knapp 35.000 t Roheisen, knapp 50 000 t Rohstahl, knapp 22.000 t Walzeisen und 2.000 t Röhren produziert. �) Das neue Werk in Stalowa-Wola ist nicht berücksichtigt. B 60 Schwefelsäure 139 Natrium- Sulfat, kristalSalzäure 14,8 lisiert 2,8 Soda, wasserfrei 106,1 Natrium- Sulfat, wasserSoda, kristallisiert 9,2 frei 14,5 Aetznatron 20,9 Aluminium- Sulf.( Alaun) 6,2 Kohlensäure 2,2 Acetylen 0,3 Zum Vergleich sei angeführt, dass Deutschland im gleichen Jahre 1.765.000 t Schwefelsäure und 214.000 t Natrium- Sulfat ( wasserfrei) erzeugte. Die Erzeugung von elektrischem Strom und der Stromverbrauch hielten sich in engen Grenzen. 1937 wurden 3,4 Milliarden kwh erzeugt,( in Deutschland 49 Milliarden). Von dem Konsum entfiel fast die Hälfte auf Schlesien. Im Teschener Gebiet werden weitere rund 100 Millionen kwh produziert. Die Ausnutzung der Wasserkräfte hat kaum begonnen( etwa 2 1/2% der vorhandenen Kraftquellen). In der Verbrauchsgüterindustrie, an der Deutschland weit weniger interessiert ist, weil es bereits durch die Annexion der Tschechoslowakei einen bedeutenden Zuwachs auf diesem Gebiet erfahren hatte, spielt die Hauptrolle die Textilindustrie. Sie ist neben dem Bergbau die weitaus grösste polnische Industrie, in der mindestens 1/6 des gesamten Aktienkapitals investiert ist und die unter allen Industrien die grösste Arbeiterzahl beschäftigt.( 1927: 170.566, Kleinbetriebe ungerechnet, 1936 noch: 140.300, also mehr 30% der Arbeiterzahl der gesamten verarbeitenden dustrie). als Inwaren 1930 verfügte 1936 Die Zahl der Baumwollspindeln belief sich 1936 auf 1,7 Millionen. Mechanische Baumwollwebstühle 41.000, 1936 36.313 vorhanden.( Deutschland über 10,3 Millionen Baumwollspindeln und 217.000 mechanische Baumwollwebstühle.) Der Gesamtverbrauch an Baumwolle betrug 1936 287.000, 1937 266.000 Ballen( davon 182.00 amerikanische, 33.000 ägyptische). aber Der Hauptsitz der Textilindustrie ist nach wie vor Lodz, wo fast die gesamte Baumwolle verarbeitende Industrie konzentriert ist( 95% der Spindeln, 93% der Webstühle), auch ein grosser Teil der Wollverarbeitung( ca. 75%) seinen Sitz hat. Der Rest der Wollverarbeitung entfällt auf Bialystok und Bielitz( Bielsko- Biala südwestlich von Krakau). Die Leinen- Industrie hat ihr Hauptzentrum in Warschau( etwa die Hälfte der Produktion), ihre Rohstoffbasis aber im Erheblich ist neuerlich der Anteil von Kielce, vor allem für Kunstseide und Zellwolle. Osten. Die Produktionsmethoden in der Baumwollindustrie sind rückständig. Die Spinnereien sollen noch im Jahre 1935 Maschinen verwendet haben, die zu 80% aus der Zeit vor 1914 B 61 stammten. Noch 1938 soll in einem Drittel der Betriebe ohne mechanische Hilfsmittel gearbeitet worden sein. Für den deutschen Anteil ist die Rohstoffbasis noch schwächer als für ganz Polen, da die Erzeugung von Flachs und Wolle überwiegend im Osten liegt. fig. Der Export war gering und in den letzten Jahren rückläuder Bedeutung Die polnischen Holzindustrie ist für Deutschland dadurch sehr herabgemindert, dass die grossen Sägewerke fast sämtlich in dem Gebiet liegen, das an Russland gefallen ist. hinter In der Nahrungsmittelindustrie spielen die Zucker- und und die Fabrikation von Spirituserzeugung, die Müllerei Fleisch- und Gemüsekonserven die Hauptrolle. Mit einer Zukkererzeugung von 563.000 t im Jahre 1937/8 stand Polen in Europa Deutschland( 2.378.000 t einschliesslich Oesterreich), Russland( 2.300.000 t), Frankreich( 950.000 t) und der Tschechoslowakei( 755.000 t) an fünfter Stelle. 90% der Zuckerproduktion entfallen auf das Zentrum und den Westen. Die Ausfuhr war allerdings in den letzten Jahren stark zurückgegangen( 1929: 298.000 t, 1937 nur noch 52.000 t). Sie ging in der Hauptsache nach England und Skandinavien. Die Konservenindustrie gehörte zu den wenigen Industric zweigen, die trotz der Krise fortschritten. Sie stellte 1929 nur 16.400 t, 1935 aber 38.1000 t im Werte von 39 Millionen Zloty her. Die Ausfuhr an ( fast anderthalb Millionen Pfund) Fleischkonserven wurde fast völlig von England und den USA aufgenommen. 7) Der Stand des Verkehrswesens Der Nutzen, den Deutschland aus seiner Eroberung ziehen kann, hängt in grossem Umfang von den Möglichkeiten des Transportes ab. Die Kohlengruben und die Eisen- und Stahlwerke liegen zwar so nahe an der bisherigen deutschen Grenze, dass die Transportverhältnisse in Polen für die Belieferung Deutschlands kaum eine Rolle spielen. Die schlesische Kohle aber, und wohl auch ein Teil der Eisen- und Stahlproduktion, kommen für Deutschland vornehmlich als zusätzliches devisenbringendes Ausfuhrgut in Betracht. Für den Transport dieser Güter nach den Häfen Danzig und Gdynia, über die bisher der weitaus grösste Teil der Ausfuhr gerade der Massengüter geleitet wurde, hat Polen durch den Bau einer mehrgleisigen direkten Bahnverbindung( der sogenannten Kohlenmagistrale) ausreichend Sorge getragen. Anders liegt es jedoch bei den Verbindungen, die für einen Export nach Russland oder nach dem Balkan in Betracht kommen. Be B 62 sonders dringlich tritt das Problem bei dem Bezug von Lebensmitteln hervor. Die bisherigen Ausfuhrmengen würden zur Verbesserung der deutschen Ernährungslage nicht viel bedeuten. Aber selbst wenn die Nazis es erreichten, den innerpolnischen Konsum noch weiter herabzudrücken und auf Kosten der Bevölkerung grössere Teile des land- und viehwirtschaftlichen Ertrages nach Deutschland zu dirigieren, so würden sie dabei auf grosse Transportschwierigkeiten stossen. Aber das polnische Transportproblem hat für Deutschland noch eine andere Seite. Deutschlands Verkehrsapparat ist überlastet und insbesondere die Reichsbahn bedürfte dringend der Erneuerung des rollenden Materials. Kann Deutschland darauf rechnen, diesen Ersatz aus dem polnischen Verkehrswesen zu gewinnen? Das polnische Eisenbahnnetz weist sowohl in der Betriebslänge wie in der Ausrüstung mit rollendem Material und in der Betriebsleistung keine ungünstigen Zahlen auf. Um die Zahlen der polnischen Bahnen richtig würdigen zu können, erscheint es zweckmässig, sie nicht nur mit denen Deutschlands, sondern auch mit denen Italiens zu vergleichen. Italien hat bei wesentlich kleinerer Fläche( 310.000 qkm gegen 389.000 qkm für Polen), aber erheblich grösserer Bevölkerungszahl( 43 Millionen gegen 35 Millionen) etwa ein gleich grosses Eisenbahnnetz( rund 17.000 km gegen rund 18.000 km in Polen). Im einzelnen bietet der Vergleich der drei Eisenbahnen folgendes Bild( Geschäftsjahr 1936, bzw. für Italien 1936/37): Streckenlänge und Ausrüstung Betriebslaenge Lokomotiven Personenwagen Güter wagen Deutschland 54.491 km 20.710 64.009 578.325 Italien Polen 16.899 km 5.865 6.970 126.968 17.961 km 5.300 12.100 159.200 Verkehrsergebnisse Befoerderte Personen Güter( t) Personenkilometer Tonnenkilometer in Millionen Deutschland 1.610,5 452,4 43.490 70.713 Italien 136,1 51,7¹) 9.806 11.155 ¹) Polen 172,7 57,9 5.941 17.905 1) ohne Vieh. Б 63 Der Lokomotivbestand Polens war Zwar kleiner als der Italiens, aber der Bestand an Personen- und Güterwagen erheblich grösser. An Personenkilometern leistete die polnische Eisenbahn beträchtlich weniger als die italienische, an Tonnenkilometern aber beträchtlich mehr. Aber diese vergleichsweise günstigen Zahlen müssen einige Einschränkungen erfahren. Zwar hat Deutschland in seinem Anteil rund zwei Drittel des Betriebsnetzes erhalten( davon allein 5.340 km im Westen), aber dieses Betriebsnetz ist nicht einheitlich. Der Aufbau der polnischen Bahnen war im wesentlichen während der Zeit der Teilung erfolgt und daher weitgehend auf die wirtschaftlichen und militärischen Bedürfnisse der Beteiligten, Deutschland, Russland und Oesterreich- Ungarn, zugeschnitten. Es scheint, dass Polen für die Verbindung dieser verschiedenen Teilnetze untereinander bei weitem nicht genug getan hat. Seit 1919 sind nur 1.678 km Strecken neu gebaut worden und davon entfällt fast die Hälfte auf die Kohlenmagistrale. Auch die Verkehrsleistungen erscheinen nicht so günstig, wenn man berücksichtigt, dass 42% des Laderaumes für Kohlentransporte benötigt worden sind( davon wiederum 70% für die Ausfuhr). Der Wert der polnischen Eisenbahn darf aber vom Standpunkt der deutschen Ausnutzung sowohl für die Bewältigung erhöhter Transportleistungen, wie für die Auffüllung der Bestände der deutschen Reichsbahn vor allem deshalb nicht überschätzt werden, weil die Eisenbahn in Polen praktisch das einzige Fernverkehrsmittel von Bedeutung war. 1938 gab es in ganz Polen nur rund 26.000 Automobile und 6.800 Lastkraftwagen. Der Fernautoverkehr war sehr gering.( 1936 legten 1.238 Fernautobusse knapp 40.000 km zurück). Diese Zahlen werden vergleichsweise in Europa nur von Bulgarien und Albanien unterschritten. Die ungewöhnlich grosse Rückständigkeit auf dem Gebiete der Motorisierung ist z. T. auf die schlechte Beschaffenheit der Strassen zurückzuführen. Ende 1936 waren 59.438 km ,, befestigter Strassen" vorhanden. Davon waren seit 1924 neu gebaut 11.542 km.( Demgegenüber gab es in Deutschland am 31. März 1937 insgesamt 212.700 km Reichsstrassen und Landstrassen I. und II. Ordnung.) Von dem Gesamtstrassennetz waren 14.565 km Staatsstrassen, die allein für den modernen Ueberlandverkehr in Frage kommen dürften. Luftschiffahrt und Binnenschiffahrt waren sehr wenig entwickelt. Auch die Handelsflotte war naturgemäss nur sehr klein( 1937 wurden 77 Schiffe mit 96.000 Bruttoregistertonnen gezählt). Dennoch waren die beiden Häfen Gdynia und Danzig für Polen von ausschlaggebender Bedeutung, da der überwie Б 64 gende Teil der Güter in der Ein- wie in der Ausfuhr, vor allem aber die für die Ausfuhr wichtigsten Massengüter( Kohle und Holz) den Seeweg nahmen. Für das Jahr 1936 ergibt sich z. B. folgendes Bild: Warenverkehr in 1.000 t %-Anteil Ausfuhr Gdynia 6.259 48,2 Danzig 4.423 34,1 Landweg 2.282 27,7 insgesamt 12.964 Einfuhr Gdynia Danzig Landweg insgesamt 1.161 38,0 526 19,0 1.379 43,0 3.066 Der Bau des Hafens von Gdynia wurde 1920 projektiert und seit 1924 systematisch gefördert. Noch 1928/29 war der Umschlag Gdynias gegenüber dem Danziger Hafen geringfügig. Seinen Vorsprung hat Gdynia erst nach 1933 gewonnen. Seither ist es zum grössten Ostseehafen und( nach Rotterdam, Hamburg und Antwerpen) zum viertgrössten Hafen des Kontinents geworden. Die Hafeneinrichtungen sind vorbildlich. Auch die Danziger Einrichtungen sind insbesondere seit dem Emporkommen dieses( kaum über 15 km Luftlinie entfernmodernisiert ten) Konkurrenzhafens stark vergrössert und worden. An der Verwaltung des Danziger Hafens waren Polen und Danzig gleichmässig beteiligt und auch Danzig hat minvon der Steigerung des polnischen Aussenhandels destens mengenmässig Nutzen gezogen, wenn auch in sehr viel geringerem Ausmasse als Gdynia. Diese kräftige Entwicklung hat mit der Eroberung Polens ihr jähes Ende gefunden. Deutschland hat für zwei weitere grosse Ostseehäfen im Kriege keine Verwendung. Sein Bestreben, den Handel mit den Ostseestaaten einschliesslich Russland soweit wie möglich auszubauen, kann für Gdynia und Danzig niemals einen hinreichenden Ersatz für den Ausfall des Verkehrs mit England und Uebersee bieten. ( Quellen: Petit Annuaire Statistique de la Pologne, 1937. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1938 Wirtschaft und Statistik, Jahrgang 1939. Die Wirtschaft des Auslandes 1900-1927, herausgeHenri Grappin, geben vom Statistischen Reichsamt. Histoire de la Pologne, Paris 1922.)