Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Deutschland- Berichte 7. Jahrgang 1940 Nr. 3 INHALTSVERZEICHNIS TEIL A: NACHRICHTEN UND BERICHTE I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 4-27 1. Das deutsche Volk und der Krieg A 4-13 A 13-16 2. Aus der Wehrmacht Die Einstellung des Offizierkorps- Die Jugend in der Wehrmacht. 3. Die nationalsozialistische Kriegs propaganda a) Die Propaganda gegen Frankreich b) Die Propaganda gegen England c) Die Propaganda gegen Polen e) Innenpolitische Propaganda e) Berichte aus dem Reich. Die Wirkung der Propaganda auf die einzelnen Bevölkerungsschichten. II. Aus der Wirtschaft 1. Die wirtschaftliche Kriegsorganisation a) Die Organisation der Landwirtschaft b) Die Organisation der Industrie 2. Das Kriegssparen Sparprämien. schenkgutscheine. Zwangssparkasse. Gefolgschaftssparen. SpargeDie Sozialversicherung als A 16-27 A 16-18 A 18-21 A 21-22 A 22-23 A 23-26 A 27-40 A 27-35 A 29-30 A 30-35 A 35-40 TEIL B: UEBERSICHTEN Die deutsche Ersatzstoffproduktion 1. Die Selbstversorgung mit Petroleum 2. Die Buna- Produktion 3. Die Produktion von Kunststoffen 4. Die Zellwolle produktion B 1-27 B 1-8 B 9-11 B 12-16 B 16-21 B 21-23 5. Die Erzeugung von Leichtmetallen 6. Der Kohle- und Strombedarf der Ersatzstoffproduktion 7. Schlussfolgerungen B 23-26 B 26-27 Teil A.: Nachrichten und Berichte ( Abgeschlossen am 7. März 1940) I. DIE ALLGEMEINE SITUATION IN DEUTSCHLAND 1. DAS DEUTSCHE VOLK UND DER KRIEG Die allgemeine Stimmung in Deutschland hat sich in der Berichtszeit nicht wesentlich geändert. Abgesehen davon, dass in einer Zeit, in der keine weithin sichtbaren neuen Ereignisse die Stimmung beeinflussen, auch kein auffallender Wandel dieser Stimmung zu erwarten ist, muss bei der Beobachtung der stimmungsmässigen Entwicklung in Deutschland noch folgendes beachtet werden: Der umfassende Terror zwingt die„ Volksgenossen", ihre wirkliche Stimmung zu verbergen, ihre tatsächliche Meinung zurückzuhalten und statt dessen Zustimmung und Zuversicht zu heucheln. Ja, er bringt offensichtlich immer mehr Menschen dazu, sich schon in ihrem Denken den Forderungen des Regimes anzupassen; sie wagen nicht mehr, sich vor sich selber Rechenschaft abzulegen. Diese äussere Schale der Loyalität, die sich so bildet, kann noch lange halten. Da keiner dem anderen traut und infolgedessen keiner vom anderen weiss, wie er wirklich denkt, kann sich unter dieser Schale ein langer Prozess der Aushöhlung und des Stimmungsverfalls abspielen, bis dann auf ohne dass dieser Prozess sichtbar wird einmal auch die äussere Schale der Loyalität zerbricht. Plötzlich werden dann die Menschen in Deutschland entdecken, dass sie ,, das" schon lange haben kommen sehen. Plötzlich werden dann auch viele Beobachter von aussen, ja selbst von innen erkennen, dass sie sich über die moralische und geistige Verfassung Deutschlands getäuscht haben. A 5 Solchen Täuschungen können auch unsere Berichterstatter nicht immer entgehen und deshalb kann nur durch das Zusammentragen möglichst vieler Berichte ein einigermassen zuverlässiges Bild entstehen. Die Vorbehalte, die sich daraus gegenüber dem einzelnen Bericht ergeben, gelten natürlich in besonderem Masse bei Berichten von Ausländern, auch wenn darin wie etwa in dem nachstehenden manches schärfer gesehen wird als von einem inländischen Berichterstatter. Süddeutschland( Bericht eines neutralen Geschäftsmannes von einer Geschäftsreise): Nach übereinstimmenden Angaben der Fabrikanten steht die...- Industrie vor dem Zusammenbruch. Die Feinmetalle, die sie für ihre Fabrikation braucht, sind kaum noch zu haben. Sie sind von den Militärbehörden requiriert und trotz aller Vorstellungen, dass die Produktion für den Export arbeite, nur in gänzlich unzureichenden Mengen zu bekommen. Dazu immer grösser werdender Mangel an Qualitätsarbeitern, die von der Rüstungsindustrie abgezogen werDer den, soweit sie nicht zum Militär einberufen werden. Inlandsbedarf ist infolge der Massnahmen gegen Erzeugung und Verkauf von ,, Luxusartikeln" ausserordentlich eingeschränkt, während die Produktion für den Export wegen des Devisenerwähnten ertrages gesteigert werden soll, was infolge der Schwierigkeiten praktisch immer grösseren Hemmungen begegnet. In diesem Dilemma wird dauernd zwischen den zuständigen Amtsstellen und den Fabrikanten hin und her verhandelt. In diesem Die Erbitterung der Fabrikanten ist sehr gross. Punkte nehmen sie auch kein Blatt vor den Mund, schon um die Lieferungsverzögerungen zu erklären, die hauptsächlich meine Reise veranlassten, und die jetzt infolge der Transportschwierigkeiten unerträglich geworden sind. ,, In wenigen Wochen können wir Schluss machen und dazu ist der Westwall sehr nahe. Mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen," erklärte mir ein Fabrikant. Grundsätzlichen Aeuserungen gegen das Dritte Reich und seine Führer bin ich aber in diesem Kreise nicht begegnet. Ich hielt es auch nicht für richtig, meine Geschäftsfreunde durch Fragen und Zweifel misstrauisch zu machen. Diese Leute, die teilweise selbst eingezogen sind, und deren Familien heute mit Wehrmacht und Partei vielseitig verknüpft sind, befinden sich trotz aller Beschwerden noch in einer nationalen Hochstimmung. Dabei hatte ich bei keinem die Ueberzeugung, dass sein Glaube an den deutschen Sieg wirklich echt ist. Jeder fürchtet A 6 aber das Nachher und will sich von jeder Mitverantwortlichkeit persönlich entlasten. Am 10. Februar Einladung zum Mittagessen in der Wohnung eines Fabrikanten. Obwohl nur zu einem ,, Imbiss" geladen, überraschend reich gedeckter Tisch. Als ich mein Erstaunen darüber aussprach, sagte mir die Hausfrau, dass sie natürlich noch alles bekämen; nur mit den Kohlen hätten sie einige Schwierigkeiten gehabt. Sie hätten eine Kuh angeschafft, und die Heimarbeiter, die für die Fabrik arbeiten, brächten ihnen regelmässig Geflügel und Eier. Das Tischgespräch drehte sich hauptsächlich um das Essen, wobei ich über die Ueberfülle an Lebensmitteln und über gewisse Speisespezialitäten in meiner Heimat berichten musste. Eine Tochter, 17jährige Gymnasiastin, Mitglied des Bundes deutscher Mädel, sprach sehr von oben herab über die schlaffe Haltung der Neutralen. Ich wunderte mich etwas über die herausfordernde Art, wie dieses Mädchen unter dem sichtlich bedrückten Schweigen der Eltern immer wieder ein Thema berühren konnte, das doch schliesslich zu peinlichen Auseinandersetzungen führen muss. Ich sprach sehr vorsichtig von den Verlusten der Handelsflotte meines Landes durch deutsche U- Boote und Minen, und war überrascht, dass man davon sehr wenig wusste: natürlich sei das alles die Schuld der Engländer. In X. hatte ich ein Gespräch mit dem Lagerverwalter einer grösseren Fabrik, einem Manne von über 50 Jahren. Ich fragte ihn, wann endlich meine bestellte Ware zur Absendung fertig sei. Da wir uns seit langem kannten, war seine Antwort ein Klagelied über die ,, heutigen Zustände". Er habe nicht einmal genug Verpackungsmaterial. Ich sah, dass eine grössere Sendung für Italien versandbereit war, was ich zum Anlass nahm, ein politisches Thema anzuschneiden. Ich fragte ihn, ob man sich in Deutschland nicht gewundert habe, dass sich Italien, mit dem doch ein Militärbündnis bestehe, nicht an der Seite Deutschlands am Kriege beteilige. Er antwortete, dass er das Bündnis mit Italien überhaupt nie ernst genommen habe. ,, Ich habe den Mai 1915 noch nicht vergessen". Da ich mit ihm in dem kleinen gläsernen Kontor ganz allein war, riskierte ich die Frage nach der Stimmung der Arbeiter und der Bevölkerung. Er antwortete ohne Zögern: die älteren Leute im Betriebe seien innerlich noch das, was sie waren. Aber sie sprächen nicht, denn das sei viel zu gefährlich. Es gäbe zu viel ,, Aufpasser", man traue einander nicht, jetzt im Kriege noch viel weniger als früher. Vor drei Wochen habe sich folgendes ereignet: ein 35jähriger Facharbeiter, Kassierer der Deutschen Arbeitsfront, habe regelmässig den Kollegen erzählt, was der Strassburger Sender berichte. Dabei habe er einen„, Gutenachtwunsch für A 7 den Führer" weitergegeben, der allerdings ,, sehr scharf" gewesen sei. Diese Sendung sei von einigen Leuten weitererzählt worden. Nun sässen zwei von ihnen in Haft. In Y. hatte ich eine lange Unterredung mit dem Inhaber eines industriellen Unternehmens der mehrere hundert Arbeiter beschäftigt. Der vertrauliche Charakter des Gesprächs, das auch im Familienkreise des Fabrikanten fortgesetzt wurde, beruhte auf der jahrzehntelangen privaten Verbindung mit diesem Mann. Ich fand meinen Freund, einen Mann von 54 Jahren, in seinem Büro in der Uniform eines Hauptmanns der Artillerie. Gleich bei unserer Begrüssung, die sich wie immer in sehr herzlichen Formen vollzog, sagte er mir, dass er als alter Reserveoffizier bereits im September 1939 einberufen worden sei. Man habe jedoch bald darauf seine Fabrik, die für eine Spezialwaffe der Armee arbeite, als kriegswichtig erklärt und ihn darum weiter mit der Führung seines Betriebes beauftragt. Da ich selbst in meinem Lande alter Offizier bin, so ergab sich der militärische oder besser: der militärpolitische Charakter unserer ersten Unterhaltungen ausserhalb des Geschäftlichen von selbst. dem Es war für mich keine Ueberraschung, dass mein Freund, einstmals Demokrat süddeutscher Observanz, offen von ,, entsetzlichen Unglück dieses Krieges" sprach. Aber so sehr er den Krieg im Grunde verabscheute, so wenig war er über Schuld und Anlass orientiert, so weit es sich um die Vorgänge im verJede kritische Halgangenen Sommer und Herbst handelte. vollkommen überlagert tung zum Nationalsozialismus wurde durch den Glauben, dass es allein England in der Hand gehabt hätte, den Konflikt zu vermeiden. In allem, was dieser Mann, der auch in der Uniform nicht im mindesten militärischen Schneid zur Schau trug, mir sagte, wurde mir die Wirkung einer unaufhörlich hämmernden Propaganda zur lebendigen Anschauung. Seine einstigen Englandreisen, seine menschlichen Beziehungen zu englischen Fabrikanten, die auch ihn wiederholt besucht hatten alles war verdrängt von der Ueberzeugung, dass alle Engländer im Vernichtungskampf gegen Deutschland einig seien. ,, Zu solch einer Bosheit und Dummheit, uns durch Flugblätter aus der Luft in unserem Patriotismus schwächen und uns von der Regierung mitten im Kriege abdrängen zu wollen, sind eben nur die Engländer fähig", sagte er mit Erbitterung. ,, Das ist doch die reine Aufforderung zur Fahnenflucht und ausserdem ein psychologischer Versager. Ein Volk, das sich auf die guten Ratschläge einer feindlichen Regierung hin seiner Führung bei Kriegsbeginn entledigen würde, hat ja Selbst die Gegner den Krieg schon von vornherein verloren. des Nationalsozialismus werden sich nicht dem Vorwurf ausliefern, Landesverräter zu sein. Ich sehe es doch in meiner Fa A 8 brik. Selbst die mir wohlbekannten oppositionellen Arbeiter und Angestellten, soweit sie nicht eingezogen werden, stehen heute bedingungslos in der gemeinsamen Front und ertragen widerspruchslos alle Entbehrungen. Ich widersprach ihm. Die wirkliche Gesinnung seiner Landsleute bleibe ihm doch verborgen. Es lese bestimmt täglich die harten Urteile gegen Menschen, die Aeuserungen gegen die Autoritäten des Dritten Reiches riskierten, und ihm als Offizier könne doch nicht verborgen bleiben, wie das Volk durch Gestapo und SS im Zaune gehalten werde. Schliesslich hätte ich gerade auf dieser Reise vieles gesehen, was die gute Stimmung des deutschen Volkes ernsthaft in Zweifel ziehe. Ueberall unfrohe und bedrückte Gesichter, die Jagd nach Lebensmitteln und in allem der Mangel. Vom Bahnhofe kommend hatte ich beobachtet, wie man eine Kohlenhandlung nahezu belagerte; vor der Tür stapften Frauen und kleine Kinder im Schnee, um sich die Füsse zu wärmen. Die vollkommene Lautlosigkeit dieser Szene hatte mich mehr beeindruckt als die normalen Aeusserungen des Unwillens. Ich sagte das meinem Gesprächspartner, worauf er mir antwortete: Das alles wird vielleicht noch viel schlimmer kommen. Aber die blosse materielle Not wird das Volk nicht niederzwingen. Das ist der Grundfehler, den das Ausland bei der Beurteilung Deutschlands immer macht." Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte ich meinem uniformierten Geschäftsfreund die Frage, wie er sich die Zukunft nach dem Kriege vorstelle für den Fall und man müsse doch damit rechnen dass Deutschland den Krieg nicht gewinne. Mein Gesprächspartner brauste auf: Deutschland werde und müsse gewinnen. Was solle sonst nachher werden? In diesen sieben Jahren sei manches geschehen, was ihm nicht gefallen habe, aber wenn das Geschaffene wieder zusammenstürze, dann gingen wir doch alle zu Grunde. Es erwies sich, dass ihn ganz und gar die Furcht vor dem Chaos beherrschte, und dass sein Pflichtbewusstsein und sein zur Schau getragener Glaube an den deutschen Sieg von dem Gedanken beherrscht wurde, nachher in einem Zusammenbruch ohne Beispiel die Existenz zu lieren und die gesellschaftliche Position preisgeben zu müssen. Er befindet sich damit in der gleichen tragischen Lage wie Millionen von Deutschen. Sie stehen zum Nationalsozialismus und gehen nun auch mit ihm in den Krieg, nicht etwa, weil sie die tragenden Parolen des Nationalsozialismus glaubensmässig zu den ihrigen gemacht haben, sondern weil sie darum bangen, hinter ihm und mit ihm im grossen Nichts zu versinken. verDieses Gespräch bestätigte eine Auffassung, die ich mir schon bei meiner vorletzten Reise nach Deutschland gebildet habe. In der überhitzten Terror- Atmosphäre des Krieges sind in den meisten Fällen Unterhaltungen mit Menschen, die oppositionell sind oder so tun, zur Erkundung der Stimmung weniger wichtig als A 9 Auseinandersetzungen mit demonstrativen Anhängern des Regimes. Indem sie bekennen, treu hinter dem Führer zu stehen und Deutschlands unverbrüchlichen Durchhaltewillen beteuern, machen sie den Eindruck eines verzweifelten Sichanklammerns an Werte, die sie nicht preisgeben wollen, um nicht den letzten seelischen und materiellen Halt zu verlieren. Man bejaht den Führer und seine politischen Massnahmen und gibt vor, an die Unschuld Deutschlands am Kriege zu glauben. Aber die nervöse Sensibilität dieser Gesinnungstreue beweist mir nur, wie stark ihre heimlichen Vorbehalte sind, die man macht, um sich jeder persönlichen Mitverantwortung entziehen zu können. Wie aber wollen der Oberste Befehlshaber und seine Generäle mit einem solch seelisch gebrochenen, undurchschaubaren und unberechenbaren Volk den Krieg gewinnen? Mehr als der Lebensmittelmangel, die ständigen Fliegeralarme und die streng durchgeführte Verdunkelung beschäftigt die Leute in diesem Landesteil die Sorge vor der Evakuierung. Das ist gegenwärtig das allgemeine Gesprächsthema im ganzen Lande, Bei den Evakuierungen im Nachbargebiet ist man ausserordentlich brutal vorgegangen. Es hat in zahllosen Fällen lange Wochen gedauert, bis nahe Angehörige überhaupt Nachricht voneinander hatten. Jetzt ist das besser organisiert. Anschläge an den Bürgermeistereien geben genau an, wie man sich zu verhalten hat, und wieviel jeder mitnehmen darf. Ueber Russland oder über Finnland habe ich nie Gespräche geführt. Den Leuten hier steht der Krieg im Westen nahezu vor der Türe. und alles andere tritt demgegenüber zurück. Auf Grund einer Verfügung des zuständigen Wehrkreiskommandos ist allen Soldaten, ob noch in der Garnison oder schon im Felde, unter Strafandrohung verboten worden, mit den Geistlichen ihrer Pfarrgemeinde mündlich oder schriftlich in Verbindung zu treten. In der Verfügung ist von der Gefahr die Rede, dass die seelsorgerischen Betreuer gerade in Kriegszeiten zur Schwächung des Wehrwillens der Soldaten missbraucht werden könnten. In der katholischen Bevölkerung hat diese Massregel grosse Unruhe hervorgerufen. Die Frage, ob ich irgendeine Art von passivem Widerstand in der Bevölkerung beobachtet hätte, muss ich mit Nein beantworten. Selbst wenn er vorhanden wäre, so wäre es mir doch auf einer so verhältnismässig kurzen Reise, auf der man doch nur die Oberfläche sieht, ganz unmöglich gewesen, etwas nach dieser Richtung hin aufzuspüren. Die Menschen tun scheinbar alle ihre Arbeit auf ihrem Posten und sind jetzt im Kriege, wo der Druck und die Angst um das private persönliche Schicksal noch viel stärker geworden sind, peinlich bemüht, selbst den Anschein zu vermeiden, als ob sie nicht ihre volle Pflicht erfüllten. A 10 Die übrigen Berichte aus den verschiedenen Landesteilen schildern die Stimmung widerspruchsvoller denn je. Während in den einen zum Ausdruck kommt, dass man mit einem baldigen Ende des Krieges rechnet, lassen die anderen die Angst vor der weiteren Entwicklung erkennen. Ein deutscher Soldat schreibt aus Polen an seine Frau: „Deinen nächsten Geburtstag werden wir wieder in Frieden in der Heimat verleben."(Der Geburtstag ist im Juli). In einem Brief aus Garmisch-Partenkirchen heisst es: „Ein Glück, dass im August noch die schönsten Sommertage sein werden. Um diese Zeit werden wir in Deutschland den Frieden feiern können. Das soll der schönste Tag unseres Lebens werden." Aus einem ländlichen Gebiet Westfalens wird berichtet: Wegen der Fahrtbeschränkungen auf der Reichsbahn besteht kaum noch eine Möglichkeit, ins benachbarte Industriegebiet zu fahren, so dass sich die Arbeiter nicht über die Verhältnisse im Nachbargebiet orientieren können. Die Leute in dieser Gegend sind fest davon überzeugt, dass England allnächtlich und alltäglich von deutschen Fliegern bombardiert wird, und die englischen Flieger darum gar nicht die Möglichkeit haben, aufzusteigen, um deutsches Gebiet anzugreifen. In anderen Gegenden des Ruhrgebiets herrscht die Ueberzeugung, dass es zu keinem grossen Krieg kommt, weil aus diesem rüstungswichtigen Gebiet bis jetzt nur sehr wenig Arbeiter zum Heeresdienst einberufen worden sind. In den letzten Wochen sind sogar Artilleristen und Pioniere der Landwehr wieder entlassen worden. Einer unserer Berichterstatter hat ein Gespräch mit einem(früher deutschnationalen) Geschäftsmann aus Westdeutschland aufgezeichnet. Dieser Aufzeichnung entnehmen wir: Auf die Frage, ob man denn an den Sieg Deutschlands glaube, kommt die Antwort, dass 90 Prozent von diesem Sieg überzeugt seien. Etwas anderes sei doch überhaupt nicht vorstellbar. Auf den Einwand, warum denn der Sieg Deutschlands so sicher sei, lautet die Antwort:„Unsere Waffen sind doch denen der anderen völlig überlegen. Und dann wird es schliesslich doch darauf ankommen, wer den Krieg am brutalsten führt. Wer weiss, die Gegenseite ist vielleicht nicht so brutal." Diese Meinung ist sehr weit verbreitet.(Das heisst also, man rechnet damit, dass der Kriegsgegner anständiger ist. Das ist sehr bezeichnend und es zeigt, dass die Nazis immer dieselbe Taktik befolgen, nämlich den Gegner an Brutalität zu übertreffen suchen, in der Hoffnung, dass die anderen weniger brutal sind. So haben sie in Deutschland gesiegt, so wollen sie auch diesmal siegen in der Auseinandersetzung mit England und Frankreich.) Das Gespräch geht über zu der Frage, inwiefern die heutige Situation der von 1914 ähnelt. Damals, so meint der Mann, waren wir sehr reich. Heute sind wir schon zu Anfang arm. Aber damals hing es ja auch nur an einem seidenen Faden und, wenn die Amerikaner nicht gekommen wären, so hätte Deutschland den Krieg gewonnen. Die Alliierten haben das später zugestanden� So meinen die meisten Deutschen heute, diesmal werde der Sieg Deutschlands sicher sein. Schliesslich kommt das Gespräch auf Russland. Warum ist Hitler das Bündnis mit Stalin eingegangen?— Einfach, weil der Generalstab unter keinen Umständen einen Zweifrontenkrieg wollte.—„Und was sagen Sie zu dem Krieg in Finnland?"—„Ich und die meisten Deutschen wünschen Russland die Niederlage. Uebrigens ist das Versagen der Roten Armee nach allgemeinem Urteil rein militärisch eine Schande." „Und was soll nach dem Kriege werden?"—„Wir müssen im Westen Ruhe haben, damit wir im Osten Handel treiben können. England muss heraus aus dem Osten und Südosten. Russland hat Rohstoffe und Ackerland genug, so dass wir alles haben können, was wir brauchen. Wir selbst können nach Russland liefern, was wir an Fertigwaren absetzen wollen. Diese Entwicklung muss um so mehr angestrebt werden, als die Ausfuhrindustrie überzeugt ist, dass der Westen für die Ausfuhr vorläufig verloren ist. Natürlich ist es nur möglich, aus Russland zu importieren und nach Russland zu exportieren, wenn deutsche Organisationskunst es fertig bringt, dass Russland richtig erschlossen wird. Man habe lange gehofft, dass der Krieg im Westen doch noch aufgehalten werden könnte. Jetzt aber ist dieser Krieg wohl unvermeidlich. Es sei denn, dass vielleicht England und Frankreich doch noch nachgeben und dass wir uns vielleicht sogar mit den beiden über das russische Problem verständigen, d. h. Russland als Handelsobjekt benutzen. Aber natürlich besteht dafür kaum noch Hoffnung. Es ist vielleicht gut, so schloss der Gewährsmann seine Ansichten, dass man nicht in die Zukunft sehen kann. Es wäre sicher schrecklich. Im Gegensatz dazu stehen die folgenden Berichte: A 12 Schlesien: Die Leute beginen bereits darüber nachzudenken, wer einmal alle die Schiffe bezahlen wird, die Deutschland jetzt versenkt, obwohl sie neutralen Staaten gehören. Man fürchtet, dass es Deutschland sein wird, das bezahlen muss. Die Gauredner haben jetzt Anweisung bekommen, in jeder Rede auf diese Frage einzugehen und zu erklären: ,, England bezahlt alles." Sachsen: In dem Grenzgebiet Bautzen- Zittau wird bereits häufig die Frage diskutiert, was aus diesem Gebiet werden wird, wenn der Krieg mit einem Sieg der Westmächte endet. Im Gebiet wohnen bekanntlich die Lausitzer Sorben. Die Nazis haben die jetzige Diskussion selber ausgelöst, indem sie in der Zeitung daran erinnerten, dass die Tschechen schon 1918 dieses Gebiet der Tschechoslowakei einverleiben wollten. Interessant ist, dass man vielfach die Ansicht hören kann, es sei im Grunde genommen gleichgültig, ob das Gebiet bei Deutschland bleibt oder zur Tschechoslowakei geschlagen wird, denn ,, bolschewistisch werden wir so und so gemacht." Rheinland- Westfalen( Mittlere Industriestadt mit 40 000 Einwohnern): Die Arbeitslöhne sind in unserem Gebiet nicht schlecht; dafür ist der Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft aber auch grenzenlos. Die guten Verdienste scheinen auch die Ursache zu sein, dass trotz der Alltagsmisere die Stimmung im Volke noch nicht schlecht zu nennen ist. Lebensmittelrationierung hat man sich gewöhnt. verfehlt die Propaganda der NSDAP, der DAF und des Propagandaministeriums nicht ihre Wirkung. An die Ausserdem Aber auf die Dauer machen die täglichen Siegesmeldungen doch nicht satt. Die hiesige Arbeiterschaft zudem ist vom NaUnsere Stadt tionalsozialismus nie wirklich erfasst worden. hat eine rühmliche Vergangenheit und war schon dem alten Kaiserreich ein Pfahl im Fleische. Wir sind die vielen Opfer, Gefängnis- und Zuchthausstrafen gewissermassen gewohnt, und wir haben sie nicht vergessen. Fast jede Arbeiterfamilie hat ihren politischen Gefangenen oder Vorbestraften. Die unreife Jugend ist auch heute, wie 1914, begeistert; doch der Krieg ist trotzdem nicht volkstümlich. Die Anstrengungen zur Stimmungsmache sind unvergleichlich grösser als damals und doch ist das gleiche Ergebnis nicht zu erzielen. Es bleibt die Sorge über die Zukunft und man fragt sich, wieviel Opfer an Gut und Blut dieser Krieg kosten wird. Die Kommunisten sind in der Zwickmühle. Sie sind diesmal nicht von Hitler, sondern von Stalin und Molotow ausgerottet worden. Nach dem Ueberfall Russlands auf Finnland weichen A 13 sie einem Gespräch noch ängstlicher aus als nach dem Pakt Hitler- Stalin. In Z. ist die Situation ähnlich wie bei uns. In B. hat die Lebensmittelknappheit kurz nach Weihnachten zu öffentlichen Unzuträglichkeiten vor den Verkaufsstellen der Konsumvereine geführt. Hier sind auch neuerdings viele Verhaftungen erfolgt. Wo auch nur die geringste Nichtunterordnung bemerkt wird, Aber an da alarmiert man sofort den ganzen Machtapparat. Verhöre wird man gewöhnt. Das System schiesst mit Kanonen auf Spatzen. Eine Diktatur unterhöhlt sich selber durch sprunghaft sich steigernde Terror- und Strafmassnahmen. Alles ist vergänglich, auch Hitler. Wir haben Zeit, aber auch die Zuversicht, dass unsere Zeit kommen wird. Bayern: Obwohl in dieser Gegend die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung streng katholisch ist, ist eigentlich kaum noch etwas davon zu bemerken, dass die Massen wegen der ständigen Schikanen gegen die Kirche den Nazis feindlich gegenüberständen. Vor einem halben Jahr gab es vielleicht noch ab und zu Spuren einer katholischen Opposition gegen das Nazisystem. Jetzt ist zumindest äusserlich nichts mehr davon zu bemerken. Bringt man das Gespräch auf jene Zeiten, in denen noch die Bayrische Volkspartei regierte, so bekommt man meist noch die resignierte Antwort, dass so etwas wohl nie mehr wiederkommen wird. ,, Da müssten erst alle SS- und SALeute auswandern, denn die schiessen eher die ganze BevölDie Furcht vor dem kerung tot, als dass sie abtreten." Die blutigsten Terror beherrscht allenthalben die Gemüter. fast täglichen Bekanntmachungen über Hinrichtungen üben eine sehr abschreckende Wirkung aus. Das merkwürdige ist, dass es dabei gar keine Rolle spielt, dass die Hinrichtungen Die Wirkung meist wegen krimineller Verbrechen erfolgen. ist die eines politischen Terrors. Die Massen sehen darin nur den Beweis, dass eben jeder erschossen wird, der sich irgendwie muckt, und folgern daraus, dass man überhaupt nichts tun kann, solange nicht durch irgendein Wunder, auf das die meisten wohl in der Stille hoffen ,,, alles mal anders kommt". 3. AUS DER WEHRMACHT In dem bereits zitierten Bericht eines neutralen Geschäftsmannes über eine Reise durch Süddeutschland werden auch Auffassungen wiedergegeben, die einer der Gesprächspartner, ein Fabrikant und Reserveoffizier, über das Offizierskorps der Reichswehr gemacht hat. Der Berichterstatter berichtet darüber folgendermassen: -A 14 Ich hatte meinem Geschäftsfreund aus den Zeitungen meiner Heimat einige Ausschnitte mitgebracht. Dabei interessierte ihn besonders ein langer Artikel, in dem von den inneren Gegensätzen zwischen der hohen Generalität und der Naziführung die Rede war. Unter anderem wurde darin behauptet, dass prominente übrigens im angeblichen Bunde mit Göring Männer der Wehrmacht bis in die letzte Stunde den Führer vor dem Einmarsch in Polen gewarnt hätten und der Widerstand gegen die Nationalsozialistische Partei und ihre Paladine in Offizierskreisen ständig anwachse. Ich war auf die Meinungsäusserung meines Freundes, der über weitverzweigte gesellschaftliche Beziehungen verfügt und sowohl als Heereslieferant wie als aktives Mitglied des Offizierskorps wohl mancherlei darüber wissen musste, nicht wenig gespannt. Er nahm meine Herausforderung an, um mir kategorisch zu erklären: wir haben in unse,, Das ist alles barer Unsinn. Ich weiss rem Kasino oft darüber gesprochen, dass die Heeresleitung dem Führer sein langes Zögern verübelte und viel früher losschlagen wollte. Aber warum sollte man im Heere mit dem Dass wir eine Nationalsozialismus nicht einverstanden sein? starke Armee und im Volke wieder einen Wehrwillen haben, das ist doch sein Verdienst. Er hat den Generälen mehr bewilligt, als sie haben wollten, von der militärischen Jugenderziehung angefangen. Und dann so fügte er etwas zögernd hinzu ,, haben sie, wenn es im Gegensatz zu unserem festen Siegesglauben nicht gutgehen sollte, sicherlich viel weniger zu fürchten als die massgebenden Leute der Partei. Diese tragen vor dem Volke die Verantwortung und nicht die militärische Exekutive." ren. Das Ausland mache, so fügte er hinzu, schon immer den Fehler, die deutschen Generäle und überhaupt den deutschen Offizier für einen Faktor mit eigengesetzlichen politischen Willenskräften zu halten. Um die deutsche Wehrmacht von heute richtig zu beurteilen, muss man sich vor Augen halten, dass nur wir älteren Offiziere noch die alte Tradition repräsentieDie Technisierung und die Motorisierung der Armee hat die innere Verfassung des deutschen Offizierstums bis zu den Das sind hohen Kommandostellen von Grund auf verändert. heute zu einem grossen Teil Spezialisten mit einer besonderen Jeder hat Fertigkeit und einer entsprechenden Ausbildung. seine Aufgabe in seiner Spezialwaffe und denkt nur in ihrem Rahmen. Dahinter verschwinden die allgemeinen Probleme, und Sie irren sich vollkommen, wenn Sie etwa glauben, dass wir uns viel mit der Fähigkeit und der Aktion der politischen Führung beschäftigen. Die herrschenden Parolen sind ,, Schlagkraft" und„, Disziplin". Natürlich gibt es auch manche innere Spannungen. Sie sind vorhanden zwischen der älteren Offiziersgeneration, die den Krieg 1914-18 mitgemacht hat, und A 15 den jüngeren, oft sehr schnell beförderten Elementen. Es gibt auch Gegensätze zu den Ofifzieren, die ihre Karriere nicht einer spezifischen soldatischen Leistung, sondern ihrer Bewährung in der SA und SS verdanken. Aber bei allen Zusammenstössen und Debatten dies zu erfahren mag für Sie vielleicht schmerzlich sein ist niemals eine Meinung zu hören, die die Führung und ihre Entscheidungen in Frage zu stellen wagte. Ich wandte ein, dass ich darin nur den Ausdruck der. allgemeinen Furcht vor jeder aufrichtigen Meinungsäusserung erblicken könne, aber mein Gesprächspartner widersprach aufs heftigste. Die gesellschaftliche Stellung des Grossteils der deutschen Offiziere habe sich mit der Schaffung der gegenwärtigen Wehrmacht vollkommen gewandelt. Von den einstigen schwerindustriellen Beziehungen sei keine Rede mehr und kaum noch von den alten Traditionen aus der Kaiserzeit. Um die neuen Kaders überhaupt schaffen zu können, habe man das Gros der deutschen Offiziere überwiegend aus dem Mittelstande rekrutieren müssen. ,, Das deutsche Volk war bereits vor dem Kriege so durchmilitarisiert, dass es zwischen Beamten und Offizieren nur graduelle Unterschiede gab. Die Existenzfrage ist auch für den Offizier vorherrschend und beeinflusst sein Denken. Auch wenn er heute im Kampfe steht und sein Leben einsetzt, steht er unter dem Gesetz der Karriere im nationalsozialistischen Staat. Die nachstehenden Berichte sind insofern bermerkenswert, als sie erkennen lassen, dass es dem Regime vor allem darauf ankommt, die Jugend in die Wehrmacht einzureihen, weil auf ihre Kriegsbegeisterung eher zu rechnen ist als auf die der älteren Jahrgänge. Westfalen: Auffallend hoch waren in den letzten Wochen die Einberufungen von Jugendlichen im Alter von 17 bis 20 Jahren zum Heeresdienst. Die älteren Jahrgänge werden von den Es wird dies damit beEinberufungen fast völlig verschont. gründet, dass die Jugend an der inneren Front nicht gut verwendbar sei. In Wirklichkeit dürfte es umgekehrt liegen, dass man die älteren Jahrgänge, die schon den vorigen Krieg miterlebt haben, nicht gern an der Front haben möchte, wo sie leicht zersetzend wirken könnten. Bayern: In der Flugtechnischen Vorschule in Augsburg befinden sich zur Zeit fast nur junge Leute im Alter von 16 bis 17 Jahren. Nach einer Ausbildung von vier Monaten fliegen sie schon als Bordfunker, MG- Schützen und Hilfspiloten bei Nach einer AusFlügen über England und Frankreich mit. A 16 bildung von sechs Monaten werden sie bereits als fertige Piloten betrachtet. Es wird behauptet, dass der Grund für die Verwendung so junger Leute als Piloten nicht der Mangel an älteren Fliegern sei, sondern dass sich herausgestellt habe, dass die Jugend sich besser zum Fliegen eigne. Sie habe nicht so starke innere Hemmungen, die sich bei verlobten und verheirateten Fliegern doch sehr stark, zeigen. Man wollte zeitweilig auch verhindern, dass Diese Einschränkung die Flieger sich kriegstrauen lassen. musste aber schnell wieder aufgehoben werden. Auf die 16- bis 17jährigen Schüler der oberen Klassen der höheren Lehranstalten in Augsburg wird ein starker Druck Kein Junge ausgeübt, sich als Kriegsfreiwillige zu melden. wagt, sich diesem Druck zu entziehen. Zum grössten Teil sind sie wohl auch ehrlich begeistert. Die Jungen glauben fest daran, dass sie zu spät kommen, wenn sie noch ein Jahr warten. Allein in eine Ersatzabteilung der Luftnachrichtenkompanie in Augsburg treten am 1. März etwa 180 solcher 16- bis 17jährigen Schüler ein. و 3. DIE NATIONALSOZIALISTISCHE KRIEGSPROPAGANDA a) Die Propaganda gegen Frankreich Die nationalsozialistische Kriegspropaganda weist in den letzten Wochen insofern eine neue Note auf, als jetzt auch Frankreich mit der gleichen Schärfe angegriffen wird wie England. Der verstärkte Propaganda- Angriff auf Frankreich hat mit der Auseinandersetzung über das französische Gelbbuch eingesetzt. Die Zielscheibe dieser Polemik ist vor allem der frühere französische Aussenminister Bonnet. Einige Beispiele aus der deutschen Presse: Bonnet hatte den östlichen Raum als deutsche Interessensphäre bindend anerkannt." ( ,, Königsberger Allgemeine Zeitung", 17. Januar 1940); ,, Frankreichs Verrat an München ,, Frankreichs Verrat am Frieden"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 17. Januar 1940); ,, Frankreichs Friedensverrat"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 19. Januar 1940); ,, Frankreichs tragische Schwäche"( ,, Frankfurter Zeitung", 18. Januar 1940); „ Frankreich war gewarnt Bonnets Ausflüchte im Sommer 1939"( ,, Frankfurter Zeitung", 19. Januar 1940); A 17 ,, Georges Bonnets schwankender Weg"( ,, Frankfurter Zeitung", 20. Januar 1940); دو , Warum ,, Die Enthüllungen über Frankreichs Wortbruch" Frankreich in den Krieg ging Schon im April 1939 entschlossen/ Die Kriegstreiber: Campinchi und die Generale" ( ,, Hamburger Anzeiger", 22. Januar 1940); ,, Frankreichs Wortbruch"( ,, Breslauer Neueste Nachrichten", 24. Januar 1940); ,, Kriegshetzer Coulondre"( ,, Berliner Lokalanzeiger", 20. Januar 1940). Jetzt wird nicht nur England, sondern auch Frankreich die Absicht zugeschrieben, neue Kriegsschauplätze zu suchen: , Frankreichs Wünsche ,, Schafft uns ein Opfer, dem wir helfen können"( ,, Frankfurter Zeitung", 15. Januar 1940); ,, Friedensstörer im Orient lonialvölker mobilisieren" 21. Januar 1940); Weygand will Frankreichs Ko( ,, Deutsche Allgemeine Zeitung", ,, Cossak"-Ueberfall ,, Pariser Parole: Nach Skandinavien nur ein Auftakt"( ,, National- Zeitung", Essen, 21. Februar 1940). Noch taucht zwar das Schlagwort vom ,, Erbfeind" nicht wieder auf, aber in der Sache geht die Propaganda bereits in dieser Richtung: ,, 1 000 Jahre französischer Angriff gegen das Reich"( ,, Königsberger Allgemeine Zeitung", 16. Januar 1940); ,, Im Geiste Richelieus"( ,, Chemnitzer Tageblatt", 20. Januar 1940); ,, Das Testament Richelieus"( ,, Berliner Lokalanzeiger", 26. Januar 1940). Schliesslich bemüht sich die deutsche Propaganda nachzuweisen, dass Frankreich innerlich schwach sei: ,, Frankreichs leere Wiegen"( ,, Frankfurter Zeitung", 15. Januar 1940). Am gleichen Tage berichtete die„ Frankfurter Zeitung" über eine Rede des Reichsinnenministers Frick in Lemgo am 13. Januar, in der er gesagt hatte:„ Wir haben in Deutschland einen Geburtenüberschuss, der um 300 000 Geburten höher ist als die Zahl der Geburten Englands und Frankreichs zusammengenommen." Frankreich" ,, Verjudetes 27. Januar 1940); ( ,, Westfälische Landeszeitung" A 18 ,, Juden machen Frankreichs öffentliche Meinung"( ,, Deutsche Bodensee- Zeitung" vom 2. Februar 1940); ,, Marokkaner einig und bereit, aber für Marokko, nicht für Frankreich"( ,, Deutsche Allgemeine Zeitung", Februar 1940); ,, Flüchtlingselend in Frankreich"( ,, Breslauer Neueste Nachrichten", 18. Januar 1940); in Frankreich"( ,, Chemnitzer ,, Lebensmittelmangel in blatt", 6. Februar 1940). TageBei alledem fährt die Nazi- Propaganda fort, Frankreich als Vasallen Englands hinzustellen: ,, Frankreichs Englandhörigkeit und Kriegsschuld"( ,, Bremer Nachrichten", 19. Januar 1940); ,, Paris als Londoner Filiale 1 England den Profit, Frankreich die Lasten"( ,, Hamburger Fremdenblatt', 20. Januar 1940); ,, England Herr über Frankreich"(„ Hamburger Fremdenblatt", 9. Februar 1940); ,, Frankreichs Armee nur das Kanonenfutter für Englands Pläne"( ,, B. Z. am Mittag", 18. Februar 1940); Ein Artikel ,, Die Pläne der Andern" im„, Stuttgarter NSKurier" vom 4. Februar 1940 kommt zu folgendem Schluss: „ Jeder der beiden Komplizen England und Frankreich möchte dem anderen die Kriegslast aufbürden, um selbst möglichst mit heiler Haut davonzukommen." b) Die Propaganda gegen England Die deutsche Propaganda gegen England sucht vor allem den Eindruck zu erwecken, dass Englands Machtstellung, Wirtschaft und Sozialverfassung schon stark erschüttert seien. Wirtschaftlich sollen sich vor allem die Wirkungen der deutschen ,, Gegenblockade" immer mehr bemerkbar machen: ,, Gentlemans in Einheitskleidung Drastische Beschränkungen auf allen Gebieten"( ,, Schwarzwälder Bote", 10. Januar 1940); ,, Wolle wird knapp in England"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 10. Januar 1940); ,, Schlaglichter vom englischen„, Ueberfluss"( ,, Deutsche Allgemeine Zeitung", 19. Januar 1940); A 19 ,, Parkwild für die englische Küche( ,, Hamburger Fremdenblatt", 17. Januar 1940); ,, Englands Arbeitslosenheer Soldat nach Frankreich" Die Frage: Als Kuli oder als Frankreich"( ,, Deutsche Allgemeine Zeitung", 11. Januar 1940); Der strukturelle Nie,, Sterbende Industrien in England dergang eines Industrielandes"( ,, Kölnische Zeitung", 4. Februar 1940); ,, Rechenkunststücke Die Verhüllung der britischen Arbeitslosenziffern"( ,, Frankfurter Zeitung", 15. Februar 1940); ,, Ein schlechtes Geschäft Englands Wirtschaft nach fünf Monaten Krieg”(„ Frankfurter Zeitung", 2. Februar 1940). In sozialer Hinsicht wird England als die Vormacht der Plutokratien geschildert: ,, Englische Hungerlöhne"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 20. Januar 1940); ,, Das Kinderelend"( in England)( ,, Hamburger Fremdenblatt", 24. Januar 1940); ,, Die Verwahrlosung der englischen Jugend"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 8. Februar 1940); Ein ,, Englands wilde Ehen und die Kriegsunterstützung in allen Fugen krachendes Sozialsystem"( ,, Hamburger Anzeiger, 20/21. Januar 1940); ,, In Deutschland: Westwallarbeiter im Erholungsheim... In England: Heruntergekommene Jugend in der Tür ihrer unsagbar dürftigen Behausung..."( Eine Bilder- Gegenüberstellung in der ,, Westfälischen Landeszeitung", 11. Februar 1940); ,, Beispiel plutokratischer Praxis Churchill lässt Angehörige gefangener U- Bootmänner hungern."( ,, Westfälische Landeszeitung", 17. Februar 1940); ,, Der Krieg der Plutokraten Baldwins Kriegsgewinne" ( ,, Hamburger Fremdenblatt", 9. Februar 1940); „ Englands diskrete Luftschutzkanonen Amüsier- Rummel der Oberklasse"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 17. Januar 1940); ,, Englands Krieg ist Judas Krieg",( ,, Breslauer Neueste Nachrichten", 7. Februar 1940). Militärisch füge die deutsche Kriegführung zur See England ungeheueren Schaden zu: ,, Katastrophale Folgen des Seekriegs Der Schwund des englischen Schiffraums”(„, Breslauer Neueste Nachrichten", 14. Januar 1940); ,, Ein Notgeständnis Winston Churchills. 1 Er musste nun A 20 doch zugeben, dass Deutschland die Nordsee beherrscht" ( ,, Westdeutscher Beobachter", 16. Februar 1940); ,, Begrenzter Schiffsraum Englands Abhängigkeit in Aussenhandel und Schiffahrt"( ,, Frankfurter Zeitung", 15. Februar 1940); ,, England hat keine Siegeschancen Der britische Militärschriftsteller Lidell Hart über die hoffnungslose Kriegslage der Westmächte An allen Fronten unterlegen"( ,, Stuttgarter NSKurier", 10. Februar 1940). Politisch aber sei die Stellung Englands vor allem durch die Schwierigkeiten innerhalb des Empire geschwächt: ,, Der indische Unruheherd wächst"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 18. Januar 1940); ,, Neue Taktik der IRA Kampfziel: Die Heimkehr Nordirlands"( ,, Deutsche Allgemeine Zeitung", 24. Januar 1940); ,, Empörung und Trauer in Irland Hochspannung in Dublin Ganz Irland erregt"( ,, Hamburger Fremdenblatt", 8. Februar 1940); دو , Buren gegen Empire"( ,, Bremer Nachrichten", 3. Februar 1940); England fehlt es an ,, Der Hund vor dem Futternapf... Menschen für Uebersee"( ,, National- Zeitung", Essen, 21. Februar 1940). Die englische Kriegführung habe sich schon immer durch grösste Brutalität ausgezeichnet. In diesem Sinne wurde vor allem der Altmark"-Zwischenfall ausgeschlachtet: 99 ,, Der Kapitän der ,, Altmark" berichtet über derischen Piratenstreich der Briten und plünderten den mörSie schossen, raubten Uebelste britische Verbrechermethoden" ( ,, Westdeutscher Beobachter", 19. Februar 1940); , Churchill lässt deutsche Seeleute morden tischer Meuchelmord وو Noch ein briBritanniens Beruf ist Mord"( ,, Lud1 Meuchelmord wigsluster Tageblatt", 19. Februar 1940); ,, Die Piraten raubten und plünderten auch in Reinkultur"( ,, Mindener Tageblatt", 20. Februar 1940); ,, England proklamiert den Piratenkrieg- Wie eine Rattenjagd"( ,, Berliner Lokal- Anzeiger", 21. Februar 1940); ,, Das Verbrechen an der ,, Watussi tungsboote"( ,, National- Zeitung", Essen, 21. Februar 1940); ,, England mordete über 30 000 Buren Brandbomben auf Ret26 000 Frauen und Kinder zu Tode gemartert"( ,, Westdeutscher Beobachter”, 11. Februar 1940). A 21 Unter der Ueberschrift ,, Kriegsschuldiger Nr. 1" brachte der ,, Westdeutsche Beobachter" am 14. Februar 1940 und an den folgenden Tagen Auszüge aus Reden Churchills. Diese Zusammenstellung wurde folgendermassen eingeleitet: ,, Winston Churchill, 66 Jahre alt, dick und zynisch, jeweils in den kriegsverantwortlichen Kabinetten von 1914 und 1939 englischer Marineminister, Deutschenhasser seit jeher aus Beruf und Neigung, W. C. ist der Hauptschuldige am jetzigen Kriege...". In Hannover wurde Anfang Februar eine Ausstellung ,, Kriegshetzer England" eröffnet. In der früher angesehenen bürgerlichen ,, Kölnischen Zeitung" vom 13. Februar 1940 findet sich folgende Notiz: ENGLISCH Ein Lord reiste mit seinem Diener per Eisenbahn von London nach Dover. Der Zug entgleiste, der Lord wurde in einen Graben geschleudert, der am Wege hinlief. Der Diener aber geriet unter den Zug und wurde getötet. ,, Zugführer, wo ist mein Diener John?" ,, Ach, Mylord, der ist zerstückelt!" ,, Allright! Bringen Sie mir das Stück, wo meine Schlüssel drin sind!" c) Die Propaganda gegen Polen Das deutsche Auswärtige Amt hat eine amtliche Veröffentlichung mit dem Titel:„ Die polnischen Greueltaten an den Volksdeutschen in Polen" herausgegeben. Eine erste Ausgabe erschien Ende 1939, eine zweite am 10. Februar, eine dritte am 14. Februar 1940. Ueber die beiden letzten berichteten die deutschen Zeitungen unter folgenden Ueberschriften: ,, Die entsetzlichste Volkstumskatastrophe, die Europa je erlebte 58 000 Volksdeutsche von Polen ermordet grauenhafte Ergebnisse der amtlichen deutschen Untersuchungen Massengräber klagen England an Verschleppt, ermordet, A 22 verscharrt"( ,, Westdeutscher Beobachter", 11. Februar 1940); ,, Der grösste Massenmord der Neuzeit"( ,, Kölnische Zeitung", 13. Februar 1940); ,, Das Totenfeld der Volksdeutschen Bisher über 58 000 Opfer des polnischen Mordterrors ermittelt"( ,, Breslauer Neueste Nachrichten", 11. Februar 1940); ,, 20 Jahre polnische Ausrottungspolitik Vertrieben, entrechtet, gemordet"( ,, Westdeutscher Beobachter", 15. Februar 1940); ,, Die polnische Ausrottungspolitik"( ,, Frankfurter Zeitung", 15. Februar 1940); ,, Im Polenheer als Soldat ermordet Greueltaten an volksdeutschen Soldaten"( ,, Münchener Neueste Nachrichten", 22. Februar 1940). Ueber den Feldzug in Polen ist ein ,, dokumentarisches Filmwerk" verfasst worden, das auf Aufnahmen der ,, Propaganda- Kompagnie"( vgl. Heft 2/1940, Seite A 23) beruht. Die Greuelpropaganda wird auch weiterhin durch Aufbau- Propaganda ergänzt: Aufbau von Verwaltung und Wirtschaft"( ,, Kölnische Zeitung", 4. Februar 1940); ,, Die Leistungen im Generalgouvernement ,, Grosszügiger Verkehrsaufbau im Osten Hauptbahnen wieder in Betrieb Ausbau der Wasserstrassen"( ,, Westdeutscher Beobachter", 16. Februar 1940); ,, Ordnung der Landwirtschaft im Generalgouvernement" ( ,, Hamburger Fremdenblatt", 6. Februar 1940); ,, Verkehrsaufbau im Osten"( ,, Westfälische Landeszeitung", 16. Februar 1940). d) Innenpolitische Propaganda Einen wachsenden Raum nimmt die innenpolitische Propaganda ein. Sie ist vorwiegend darauf gerichtet, Stimmung zu machen, zur Disziplin zu ermahnen und über Schwierigkeiten in der Versorgung hinwegzutrösten. Im Anzeigenteil der deutschen Zeitungen erscheint eine Reihe von Propaganda- Zeichnungen, die die Familie„ Pfundig" auf ihrem Weg durch die Sorgen und Nöte der Kriegszeit begleitet. So z. B. ,, Vater Pfundig wird im Dunkeln ,, helle"! mit 10 Fussgänger- Regeln für das Verhalten während der Verdun A 23 kelung; oder„, Pfundigs ,, verkohlen" sich selbst!" mit der Mahnung, sich angesichts des Mangels an Transportmitteln seine Kohlen selbst vom Kohlenhändler zu holen. Auf Seite geben wir einen dieser Propagandastreifen im Original wieder, der dem ,, Hamburger Anzeiger" vom 20/21. Februar 1940 entnommen und der für die amtliche Stimmungsmache charakteristisch ist. Der Begleittext dazu lautet: Erholung Entspannung Erbauung bedeuten den Inhalt unseres Feierabends. Auch in der Kriegszeit! Daher soll man ruhig weiter ins Theater ins Kino, ins Konzert oder ins Variété gehen. Und gerade zum ,, ernsten Leben" gehört die Kunst auch die ,, heitere" als Ausgleich für das innere Gleichgewicht unseres Lebens und Strebens für die Volksgemeinschaft! In derselben Richtung liegt die Tätigkeit der NS- Gemeinschaft ,, Kraft durch Freude", die ihre Aktivität seit Kriegsausbruch noch gesteigert hat. So ist jetzt ein KdF- Zelttheater geschaffen worden, das als Wandertheater dienen soll und Platz für 900 Zuschauer bietet. Es ist geplant, mindestens jedem Gau der deutschen Arbeitsfront ein solches Zelttheater zur Verfügung zu stellen. Als während der grossen Kälte die Versorgung der Bevölkerung selbst mit den wichtigsten Massengütern ins Stocken geriet, gingen durch die gesamte deutsche Presse phantasievolle Schilderungen der Schwierigkeiten, die die Kälte in anderen Ländern verursacht habe( z. B. ,, Katastrophale Kohlennot in Paris und Brüssel" im„ Westdeutschen Beobachter" vom 16. Februar 1940;„ ,, Europa unter der Knute des grimmigen Winters" im„ ,, Hamburger Fremdenblatt" vom 22. Januar 1940 usw.). e) Berichte aus dem Reich Ueber die Methoden der nationalsozialistischen Kriegspropaganda und ihre Wirkung auf die einzelnen Bevölkerungsschichten liegen folgende Berichte vor: Bayern: Auf dem flachen Lande hat die Hasspropaganda gegen England keinen rechten Erfolg. Diese politischen Fragen liegen der Landbevölkerung viel zu fern, als dass sie deswegen in Erregung geraten würde. Unter der Arbeiterschaft ist dagegen eine gewisse Wirkung der Hetze gegen die ,, Plutokratien" nicht zu verkennen. Es spielt auch eine Rolle, dass der Pakt mit Stalin der indirekten kommunistischen Propaganda, die es ja immer noch gegeben hat, jeden Boden entzogen hat. Es ist A 25 politisch vollkommen still geworden. Illegales Propagandamaterial ist nicht mehr zu finden. Früher gab es bei der Arbeiterschaft Hoffnungen, dass es doch in den entscheidenden Grossbetrieben eine unterirdische Kommune gäbe, die sichtbar werden würde, wenn das System einmal aus irgendwelchen Gründen ins Wanken geraten würde. Es wurde dabei meist auf 1917 verwiesen, wo ja auch plötzlich revolutionäre Vertrauensleute auftauchten, von deren Vorhandensein man vorher auch nichts gewusst hatte. Derartige Hoffnungen sind aber heute gänzlich verschwunden. Immer wieder heisst es, dass nur eine Niederlage Hitlers eine Aenderung bringen könne. An irgendwelche revolutionäre Bewegungen vorher ist in Deutschland nicht zu denken. Berlin, 1. Bericht: Die Arbeiterschaft begrüsst es durchaus, dass die ,, besseren Leute" praktisch aufhören, welche zu sein. Jetzt im im Kriege haben sie nicht nur ihre gleichen Rationen, sondern sie sind in der Produktion der Volkswirtschaft ebenfalls nur eine Nummer, wie die Proleten selber. Auf diese Weise befriedigt man heute in Deutschland seine ,, antikapitalistische Sehnsucht." Die Nazis haben es fertiggebracht, beim Arbeiter eine Vorstellung vom ,, Sozialismus" zu entfalten, die praktisch gleichbedeutend ist mit der Formel: Allen Nichts. Damit zerschlägt der Nazismus gleichzeitig auch alle Hoffnungen auf irgendeine bessere Welt, die schliesslich und endlich ja doch immer wieder sozialistisch sein müsste. Der Arbeiter sieht nicht, dass der ,, Sozialismus" des Dritten Reichs keine andere Gleichheit gewährleistet als die Aussicht, gemeinsam verhungern und verelenden zu müssen. Darin liegt auch der Kern dafür, weshalb trotz aller Not- und Uebelstände die grosse Masse des deutschen Volkes dennoch schliesslich immer wieder hinter den Nazis steht. Soweit verbreitet auch die Opposition in allen Schichten der Bevölkerung sein mag, sie trägt keinen grundsätzlichen Charakter. Sie richtet sich nicht gegen das System dieses„ Sozialismus", sondern nur dagegen, dass bei diesem System für den einzelnen nicht mehr herausspringt. Es fehlt aber auch jede Vorstellung von einer anderen Gesellschaftsordnung, die besser für das Volk sein könnte, und deshalb die weit verbreitete Ueberzeugung, dass nach dem Sturz des Naziregimes nur das Chaos, der Zerfall, die Atomisierung jeder Ordnung folgen könnte. Es fehlt nicht nur der Mut zu jedem Experiment, sondern es fehlt zunächst einmal der Glaube, dass es überhaupt etwas besseres gibt. Unter der Wirkung der nazistischen Propaganda ist alles zerhämmert worden. Deshalb ergibt sich für alle, die ein neues, ein besseres Deutschland wünschen, eine Aufgabe, ohne Rücksicht darauf, welche augenblicklichen Interessen sie bewegen: Gebt dem A 26 deutschen Volk eine Vorstellung einer besseren Welt, zeigt konkret auf, wie es besser zu machen ist, beweist klar, dass man Deutschland ein besseres Dasein schaffen und damit Europa zu einer allgemeinen Gesundung führen kann, 2. Bericht: Die Versuche, den unvergessenen Gruss„ Gott strafe England!" wieder aufleben zu lassen, sind erfolglos geblieben. Meine 14jährige Tochter musste ihn mit ihren Klassenkameradinnen wiederholt in der Schule üben. Die Wirkung war bescheiden. Eine Freundin meiner Tochter sagte: ,, Warum soll Gott England strafen? Wir Deutschen strafen England." Der Appell an Gott ist nicht mehr aktuell, es sei denn, dass der Führer und seine Lobredner ihn hin und wieder notwendig haben, um die ,, Vorsehung" zu zitieren. In Berlin hat die Erregung über das Münchner Attentat nur wenige Tage gedauert. Die propagandistische Auswertung der Schuldfrage hat vollkommen versagt. Nichts hat den Effekt mehr abgeschwächt als die Tatsache, dass Himmler und Göring ausgerechnet an diesem Ehrenabend der ,, alten Kämpfer" nicht zugegen waren. Mein Gemüselieferant sagte listig lächelnd zu mir: , Wenn die Engländer eine Bombe in den Bürgerbräukeller reischmuggeln können, dann muss man ja Angst um die Reichskanzlei haben." 99 Die nationalsozialistische Propaganda bemüht sich ausdauernd und mit Erfolg um Ablenkung durch Amüsement. Alle Vergnügungsstätten haben amtlich geförderten Hochbetrieb, trotz der scharfen Verdunkelung. Gerade sie treibt vielmehr die Menschen in die Lokale, wo man, mit Schicksalsgefährten dicht aneinandergedrängt, den Alltag leichter überwindet, Rheinland- Westfalen: In der Propaganda wird im Ruhrgebiet von allen Rednern besonders hervorgehoben, dass das Grosskapital in Deutschland bereitwilligst grosse Opfer bringe und dass die grossen Industriellenfamilien Krupp, Klöckner, Schaffgotsch und Donnersmark bereits Söhne auf dem Felde der Ehre verloren hätten. Dagegen drückten sich bei den Feinden die Plutokraten vor Opfern und schickten nur die Arbeiter an die Front. Ueber die Ausbürgerung des Industriellen Thyssen schreiben dagegen die Zeitungen des Ruhrgebiets keine Zeile. Nach Ansicht unserer Freunde ist es noch nicht sicher, ob Thyssen nicht mit einer heimlichen Mission betraut ist, um sozusagen die Auffangstellung vorzubereiten, falls es mit Hitler schief geht. Seit dem 1. Januar 1940 dürfen Unfälle auf den Schachtanlagen nicht mehr bekanntgegeben werden. Ebenso werden Fälle von Rachitis, die bei den Kindern erschreckend zugenommen haben, geheimgehalten. Die Kinder werden jedoch als ,, erholungsbedürftig" aufs Land gebracht. A 27 II. AUS DER WIRTSCHAFT 1) Die wirtschaftliche Kriegsorganisation Lange vor Kriegsausbruch ist die deutsche Wirtschaft auf Immer mehr wirtden Kriegszustand vorbereitet worden. schaftliche Funktionen wurden den privaten Unternehmern entzogen und von der Staatsbürokratie übernommen, bis schliesslich einige Monate vor Kriegsausbruch die Wirtschaft regelrecht dem militärischen Kommando unterstellt wurde. Bis dahin hatte die Zuweisung von Rohstoffkontingenten für kriegswichtige Zwecke genügt, um den privaten Sektor der Wirtschaft zugunsten der militärischen und wirtschaftDieses System lichen Kriegsvorbereitung zurückzudrängen. war aber dem fieberhaftem Tempo der Kriegsrüstung nicht gewachsen, und zwar um so weniger, je mehr sich die Menschen- und Materialreserven zu erschöpfen drohten. Nicht nur die Erzeugung für den privaten Verbrauch musste immer mehr den öffentlichen Aufträgen weichen, auch die bestellenden Aemter selbst suchten einander den Rang abzulaufen. Sie überboten einander mit der Erteilung von Aufträgen an die Fabriken und der Stellung kurzfristiger Liefertermine, auch auf die Gefahr, dadurch das ihnen zugeteilte MaterialAuf diese Weise führte das kontingent zu überschreiten. System, die Rohstoffe an die kriegswichtigen Auftraggeber auf Grund ihres bisherigen Verbrauchs zu verteilen, zur Vergeudung anstatt zur Ersparung von Menschen und Material. Deshalb mussten diese Aufträge nach der Rangordnung ihrer Dringlichkeit gesiebt werden. Die Aufteilung der Rohstoffe unter die bevorzugten Auftraggeber wurde durch die Entscheidung von Fall zu Fall, die generelle Regelung durch die Einzelanordnung ergänzt, teilweise sogar ersetzt. Im Dezember 1938 wurde der Reichswirtschaftsminister Funk von Göring als dem Generalbevollmächtigten der Wirtschaft ermächtigt, alle Massnahmen zu treffen, die zur Leistungssteigerung der deutschen Wirtschaft erforderlich schienen. Diese Ermächtigung gab dem Reichswirtschaftsminister unbeschränkte Befugnisse. Er benutzte sie, um kriegswichtige Zweige der Industrie, die durch Menschen- und Materialmangel in Schwierigkeiten geraten waren, unter militärisches Kommando zu stellen. Zuerst wurde der Oberst von Hanneken zum Reichsbeautragten für Eisen und Stahl ernannt. Karl Lange, schon in der Republik Geschäftsführer des Vereins A 28 deutscher Maschinenbau-Anstalten, wurde Bevollmächtigter für die Maschinenindustrie, Dr. Todt, der Schöpfer der Reichsautobahnen und der Grenzbefestigungen, wurde Generalbevollmächtigter für das Bauwesen. Ferner wurde ein Sonderbeauftragter für die Spinnstoffwirtschaft und ein Reichskommissar für die Elektrizitätswirtschaft ernannt. Oberst von Schell sollte als Generalbevollmächtigter für das Kraftfahrwesen eine strenge Rationalisierung der gesamten Autoindustrie durchführen. Die Organisation der deutschen Wirtschaftsarmee war also schon vor Kriegsausbruch ziemlich weit gediehen und brauchte im Kriege nur noch vervollkommnet zu werden. Die Organisation der deutschen Kriegswirtschaft ist eine Mischung von konzentrierter Befehlsgewalt, von äusserster Zentralisation der Leitung und räumlicher Dezentralisation. Diese Verbindung von Zentralisation und Dezentralisation nach dem Muster der Armeeorganisation soll die Wirtschaft im Hinblick auf die Anforderungen der Kriegsführung und des Wirtschaftskrieges schlagfertig und anpassungsfähig machen. Bereits am 27. August 1939, also noch vor dem Ueberfall auf Polen, wurde die Verordnung über die Wirtschaftsverwaltung(Reichsgesetzblatt I., Seite 1495) und die erste Durchführungsverordnung dazu(Reichsgesetzblatt I., Seite 1519) und zugleich die Verordnung über die öffentliche Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Erzeugnisse erlassen. Die damit geschaffene kriegswirtschaftliche Organisation ist in zwei Abteilungen gegliedert, die eine für die Erzeugnisse der Landwirtschaft, die andere vornehmlich für industrielle Erzeugnisse. Die Organisation der ersten Abteilung umfasst die Landes- und Provinzialernährungsämter, die der anderen die Bezirkswirtschaftsämter und Wirtschaftsämter. Die Landes- und Provinzialernährungsämter und Bezirkswirtschaftsämter sind den Reichsstatthaltern und Oberpräsidenten, also den leitenden Behörden der Länder und Provinzen, die Wirtschaftsämter den Landräten und Oberbürgermeistern zugeordnet. Die Statthalter und Oberpräsidenten haben ,, innerhalb ihrer Wehrkreise die einheitliche Ausrichtung und Lenkung aller wirtschaftlichen Massnahmen sicherzustellen". Sie sind also gewissermassen die Wehrkreiskommandeure der Wirtschaftsarmee. A 29 a) Die Organisation der Landwirtschaft Für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse und ihre Verarbeitung bestand schon seit Beginn der Naziherrschaft eine straffe Organisation, der Reichsnährstand. Er umschliesst alle landwirtschaftlichen Betriebe, alle Industrien, die Erzeugnisse der Landwirtschaft verarbeiten, sowie den gesamten Handel mit landwirtschaftlichen Produkten in rohem wie in verarbeitetem Zustand. Der Reichsnährstand regelt unter Leitung des Reichsbauernführers Darré, der zugleich Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ist, die Einfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse, kontrolliert ihre Verteilung und nimmt diese zum grossen Teil selbst vor, er überwacht die Erzeugung in allen ihren Stufen. Der Reichsnährstand stellt zentral einen Bewirtschaftungs- und Verteilungsplan auf. Er ist in Hauptabteilungen gegliedert, die unter anderem die Märkte der einzelnen Erzeugnisse zu regeln haben. Sie fungieren insbesondere als Abnahme- und Verteilungsstellen der Erzeugnisse, für die Ablieferungspflicht besteht. Im Kriege besorgen sie die Verpflegung des Heeres. Mit Ueberwachung und Bildung von Vorräten bestimmter Erzeugnisse sind sogenannte Geschäftsabteilungen betraut. Das Hitlerregime ist also mit einer fast vollkommenen kriegswirtschaftlichen Organisation der Ernährung in den Krieg eingetreten. Um sie den Erfordernissen des Krieges anzupassen und sie noch widerstandsfähiger gegen die Blockade zu machen, bedurfte es nur noch der regionalen Organisation der Ernährungsämter, die die letzten Verbraucher und die diese letzten Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte in Zwangswirtschaft einbeziehen. Zu diesem Zwecke sind die Ernährungsämter in zwei Abteilungen gegliedert. Die Abteilung A regelt die Erzeugung, die Abteilung B die Verteilung. Die Abteilung B besorgt die Rationierung der Lebensmittel, die Ausgabe von Lebensmittelkarten, die Festsetzung der Rationen usw. Die Abteilung A wird von den Landesbauernführern und Kreisbauernführern geleitet, die ausführende Organe des Reichsbauernführers sind. Ihre Aufgabe ist, die Landwirtschaft blockadefest zu machen. Die Grundlage dieser Umstellung bilden die Hofkarten, die schon lange vor dem Kriege eingeführt worden sind( vgl. Heft 8/1937, Seite A 74 ff.). Ueber jeden landwirtschaftlichen Betrieb wird eine Hofkarte geführt, auf der Lageplan, Flächengrösse, Beschaffenheit des Bodens, Anbau und Erträge verzeichnet sind. Die A 30 Landwirte werden regelmässig von sogenannten Hofberatern aufgesucht, die auf Grund der Hofkarten die Erträge kontrollieren, über richtige Verwendung der den Bauern zugeteilten Dünge- und Futtermittel wachen, ihnen Anbauvorschriften erteilen und prüfen, ob sie ausgeführt werden. Diese Hofberatung besteht seit fast 3 Jahren. Sie arbeitet vorwiegend mit Mitteln der Propaganda, denn das Regime weiss sehr wohl, dass es mit blossem Zwang eine passive Resistenz der Bauern nicht brechen könnte. b) Die Organisation der Industrie Die Bezirkswirtschaftsämter und Wirtschaftsämter, die mit den Ernährungsämtern zusammenarbeiten, haben die Verbrauchsregelung für alles, was knapp ist, durchzuführen, für Kohle, Kraftstoffe und Heizöl, Kautschukbereifung, Spinnstoffwaren, Schuhwaren, Seife usw., sie müssen die Stromund Gasversorgung sichern, Altmaterial erfassen und verwalten usw. Die Reichskommissare bei den Industrie- und Handelskammern, die den Statthaltern und Oberpräsidenten unterstehen, sollen die Versorgung der Betriebe mit Arbeitskräften, Transportmitteln, Produktionsmitteln und elektrischer Energie sichern sowie die Vorratshaltung überwachen. Ausser den Bezirkswirtschaftsämtern und den Reichskommissaren sind den Oberpräsidenten und Statthaltern als beratende Körperschaften, die ihre Massnahmen vorzubereiten haben, die sogenannten ,, Führungsstäbe der Wirtschaft" beigegeben. Sie treten an die Stelle der sogenannten Selbstverwaltungsorganisationen der gewerblichen Wirtschaft, der Wirtschaftsgruppen und ihrer Unterabteilungen, die von jeher in Wirklichkeit Zwangsorganisationen mit bloss begutachtender Funktion waren. Damit sind aber die Instanzen, die in die Lenkung der Kriegswirtschaft hereinzureden haben, noch nicht erschöpft. Schon vor dem Kriege waren für alle Industriezweige Reichsstellen, hauptsächlich zur Rohstoffverteilung, geschaffen worden. In der Durchführungsverordnung vom 27. August hat der Reichswirtschaftsminister diese Reichsstellen, den Sonderbeauftragten für die Spinnstoffwirtschaft und den Reichskommissar für die Elektrizitätswirtschaft beauftragt ,,, den Bezirkswirtschaftsämtern Weisungen zu erteilen". Die deutsche Kriegswirtschaft hat also eine sehr komplizierte Organisation, deren Befugnisse im einzelnen noch sehr unzureichend verteilt sind. Bezeichnenderweise hat der A 31 Reichswirtschaftsminister in einem Runderlass vom 23. Oktober 1939( Ministerialblatt des Reichswirtschaftsministeriums, Seite 560) den neugeschaffenen Amtsstellen nahelegen müssen ,,, ihre Zuständigkeiten untereinander abzugrenzen". Diese kriegswirtschaftliche Organisation hat nicht verhindern können, dass die Schwierigkeiten der Vorkriegszeit auch jetzt wieder auftreten, und dass auch jetzt wieder die Anhäufung der Staatsaufträge ihre Ausführung gefährdet. Nach den ,, Münchener Neuesten Nachrichten" vom 21. November wurden ,, Dringlichkeitsbescheinigungen für Ausführung und Auslieferung von Aufträgen in einem Umfange verlangt und von den Auftraggebern teilweise auch erteilt, der eine geregelte Ausführung behindert". Deshalb ist zwischen dem Generalbevollmächtigten der Wirtschaft und dem Generalkommando der Wehrmacht vereinbart worden, Dringlichkeitsbescheinigungen nur noch für wenige Fälle zuzulassen. Sie dürfen nur noch von den Wehrmachtsinspektionen und anderen wehrwirtschaftlichen Stellen ausgestellt werden. Vier Wochen später wurde der Reichswirtschaftsminister mit einer Generalvollmacht versehen, derzufolge er ,, die zur Versorgung aller dringenden Vorhaben der öffentlichen Bedarfsträger notwendigen Massnahmen treffen und einen Bevollmächtigten für die Maschinenproduktion ernennen kann". Der Bevollmächtigte ist inzwischen ernannt worden. Ein anderes grosses Hemmnis der Kriegsführung ist der Kohlenmangel. Schon im vorigen Kriege wurde ein Kohlenkommissar eingesetzt, um des Missverhältnisses zwischen sinkender Förderung und steigendem Verbrauch Herr zu werden. Dieses Amt blieb ebenso bestehen wie der Reichskohlenrat, der nach dem Kriege aus Vertretern des Kohlensyndikats, der Verbraucher und der Arbeiter und Angestellten des Bergbaus zusammengesetzt war. Seit 1933 bestanden diese beiden Körperschaften allerdings nur noch dem Namen nach, weil ihre Funktionen längst von der Nazibürokratie übernommen worden waren. Nunmehr sind Reichskohlenkommissar und Reichskohlenrat auch formell beseitigt und durch ein neues Amt, die Reichsstelle für Kohle, ersetzt. Zu ihrem Leiter ist der Parteigenosse Walther bestellt worden, der schon bisher bevollmächtigt war, für Leistungssteigerung im Bergbau zu sorgen. Nach der„ Rheinisch- Westfälischen Zeitung"( Nr. 643) ist die entscheidende Frage der Kohlenversorgung die Lösung der Transportschwierigkeiten. Dieser Frage wird der Leiter der neuen Reichsstelle vor allem seine Tätigkeit zuwenden müssen. A 32 Um die Rohstoffverteiiung den Wirkungen der Blockade und den sonstigen Kriegsnotwendigkeiten anzupassen, muss das bisherige System der Zuteilung von Rohstoffen an die Industrie immer weiter abgebaut werden. Bisher wurden den Kontingenten im allgemeinen die früher verbrauchten Mengen zugrunde gelegt und davon bestimmte Abstriche gemacht. Jetzt kommt es darauf an, die knappen Rohstoffe der unbedingt kriegswichtigen Erzeugung vorzubehalten. Zu diesem Zweck werden von den Reichsstellen für die einzelnen Sparten der ihnen unterstellten Industriezweige besondere Beauftragte eingesetzt. Diese Einrichtung besteht in der Ziegelindustrie schon seit einiger Zeit. Das System wird nun auch in der Textilindustrie und in verwandten Industriezweigen eingeführt. So hat z. B. die Reichsstelle für Papier- und Verpackungswesen mit ihrer Anordnung vom 8. Januar 1940 besondere Verteilungsstellen für die Verteilung von Zellstoff, Holzstoff, Papier und Pappe errichtet und für jede von ihnen zwei Beauftragte ernannt. Die Reichsstelle setzt in kurzen Zeitabständen nach den Vorschlägen der Verteilungsstellen die Mengen fest, die erzeugt werden dürfen. Ausserdem haben die Beauftragten vorzuschreiben, was vordringlich angefertigt werden muss und welche Aufträge als minderwichtig zurückgestellt werden müssen. Von der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen sind sieben Verteilungsstellen errichtet und ausserdem fünf Beauftragte für Spezialpapiere eingesetzt worden. Für die Ostmark und das Sudetengebiet sind besondere Beauftragte bestellt worden. Die Umstellung der industriellen Produktion auf die Kriegsproduktion muss erfolgen unter Beschränkung des Rohstoffverbrauchs für die Erzeugung von Konsumgütern und bringt die Gefahr mit sich, dass Arbeitskräfte und Produktionsmittel brachgelegt werden, Ueberbeschäftigung in den eigentlichen Rüstungsbetrieben, Unterbeschäftigung oder gar Beschäftigungslosigkeit in den Betrieben entsteht, die für den zivilen Bedarf arbeiten. Diese Umstellungsschwierigkeiten sind in Deutschland Besonders gross, weil die deutsche Wirtschaft einen grossen Teil ihres Exports eingebüsst hat. Um wirtschaftliche Umstellungsschwierigkeiten dieser Art nach Möglichkeit zu überwinden, ist man bemüht, durch Aufteilung der Aufträge innerhalb ganzer Industriezweige auch die nicht speziell auf Kriegsproduktion eingerichteten Betriebe zu Kriegslieferungen heranzuziehen. A 33 Für diese Aufteilung und Unterteilung von Aufträgen sind in einzelnen Branchen Lieferungsgemeinschaften geschaffen worden( ,, Frankfurter Zeitung” Nr. 45/46 vom 26. 1. 1940). Für den Krieg volbeschäftigte Unternehmungen übertragen ihre aus dem Frieden stammenden Aufträge anderen Firmen als Unterlieferanten. Es bilden sich lockere Arbeitsgemeinschaften und Dachgesellschaften für die Verteilung von Aufträgen und ihre Ueberwachung. In anderen Fällen werden ganze Betriebe anderen Firmen überlassen, die dort auf eigene Rechnung ihre Aufträge ausführen. Das sind Formen der Selbsthilfe, die aber nicht ganz freiwillig ist. Um sie durchzusetzen, bedient man sich einer besonderen Einrichtung, der Werkerhaltungs- Beihilfe. Diese Beihilfe soll denjenigen Unternehmungen zugute kommen, die infolge der Umstellung auf die Kriegswirtschaft zur Stillegung gezwungen wurden. Sie soll aber nicht vom Staat geleistet, sondern von den weiterarbeitenden Betrieben aufgebracht werden, ,, um den Stillegungen einen wirksamen Riegel vorzuschieben" ( Staatssekretär Dr. Landfried vom Reichswirtschaftsministerium im ,, Völkischen Bebochter" Nr. 329 vom 25.11.1939). Auf diese Weise wird für die beteiligten Unternehmer ein Anreiz geschaffen, lieber auf einen Teil ihrer Aufträge zugunsten anderer Unternehmer, die sonst schliessen müssten, zu verzichten, als ihnen Entschädigungen zu zahlen. Eine neue Form wirtschaftlicher Zusammenschlüsse ist unter der Bezeichnung ,, Gemeinschaftswerke" ins Leben gerufen worden. Mit der Verordnung über Gemeinschaftswerke in der gewerblichen Wirtschaft" vom 4. 9. 1939 ist der Reichswirtschaftsminister ermächtigt worden, die Gründung solcher ,, GeEs handelt sich dabei aber meinschaftswerke" anzuordnen. nicht um Werke, die für gemeinschaftliche Rechnung errichtet sind, sondern um Zwangsorganisationen, die gebildet werden sollen, um„, für Erfordernisse der Kriegswirtschaft ein bewegliches, rasch wirksames Instrument zu haben”(„ Frankfurter Zeitung", Nr. 55 vom 11. 1. 1940). Die Aufgaben der Gemeinschaftswerke sind in der VerordDie Vollmacht, die sie dem nung nur ungenau umschrieben. Reichswritschaftsminister zum Eingriff in die Geschäftsführung der Unternehmungen gibt, geht aber sehr weit. Nach§ 2 der Verordnung kann einzelnen Mitgliedern eines Gemeinschaftswerkes eine Betätigung vorübergehend oder für die Dauer untersagt und die Aufbringung und Gewährung von Entschädigungen zum Zwecke eines billigen Ausgleichs dem. Gemeinschaftswerk übertragen werden. Die Rechte und Pflichten der Mitglieder werden vom Reichswirtschaftsminister ohne Mitwirkung der Beteiligten festgesetzt. Gegen seine Massnahmen gibt Anders als beim Zwangskartell können es keine Rechtsmittel. im Gemeinschaftswerk Unternehmer nicht nur derselben, son A 34 dern auch verschiedener Branchen zusammengeschlossen werden. Bisher sind zwei solcher Gemeinschaftswerke gebildet wor-. den, das Gemeinschaftswerk Packpapier in Berlin und das Gemeinschaftswerk Wiener Modeerzeugnisse. Das Gemeinschaftswerk für Packpapier arbeitet zusammen mit den Zwangskartellen der Branche. Es kann die bisherige Verteilung der Aufträge an die Mitglieder des Zwangskartells ändern, die einen verkürzen, die Kontingente der anderen entsprechend erhöhen. Es können auch die Syndikate und einzelne Unternehmer der Branche angewiesen werden, bestimmte Abnehmer zu beliefern und Mengen bis zu 10 Prozent ihrer Erzeugung dem Gemeinschaftswerk zur Verfügung zu stellen. Das Gemeinschaftswerk Packpapier hat also die Funktion einer Verteilungsstelle zur Anpassung dieser an Rohstoffmangel leidenden Industrie an die Erfordernisse der Kriegswirtschaft. Das Gemeinschaftswerk Wiener Modeerzeugnisse erfasst 25 Wiener Modehäuser, die zusammengeschlossen worden sind, um für den Export gemeinsam Kollektionen zusammenzustellen, gemeinsam für den Absatz im Ausland zu werben und die Rohstoffe dafür zu beschaffen. In beiden Fällen wird das Gemeinschaftswerk von einem Geschäftsführer und einem Beirat geleitet, der den Geschäftsführer anstellt und entlässt, auf dessen Zusammensetzung die Mitglieder aber keinen Einfluss haben. Der Beirat wird vom Reichsernannt, bei dem Gemeinschaftswerk wirtschaftsminister Packpapier bedürfen auch Anstellung und Entlassung des GeFür Zuwiderhandlungen schäftsführers seiner Zustimmung. gegen die Massnahmen der Gemeinschaftswerke können Strafen festgesetzt werden. Es liegt in der Automatik dieser Art Kriegswirtschaft, dass die freie Mitarbeit mehr und mehr ausgeschaltet und durch starre Befehlsgewalt ersetzt werden muss. Deshalb hat sich Göring bereits im Dezember entschliessen müssen, die Leitung der Kriegswirtschaft ganz in die Hand zu nehmen. Unter seiner Führung sind nunmehr alle in die Kriegswirtschaft eingeschalteten obersten Reichsbehörden in einem Generalrat zusammengefasst worden, dem die Staatssekretäre des Beauftragten des Vierjahresplanes, des Reichswirtschaftsministers, des Reichsernährungsministers, des Reichsarbeitsministers, des Reichsinnenministers und des Reichsforstamtes, ferner der Reichskommissar für die Preisbildung, der Chef des Wehrwirtschaftsamtes im Oberkommando der Wehrmacht und ein Beauftragter des Stellvertreters des Führers der NSDAP angehören. Mit seiner Vertretung als Vorsitzen A 35 der des Generalrats hat Göring seinen Staatssekretär Körner betraut. Der Generalrat hat die Aufgabe, die Arbeit der einzelnen Ressorts aufeinander abzustimmen und die jeweils erforderlichen kriegswirtschaftlichen Massnahmen zu veranlassen. Er stellt eine Art Generalstab der Wirtschaftsarmee dar. Die Vollmachten des Reichswirtschaftsministers Funk, der ohnehin nur eine Kreatur Görings war, sind damit erneut eingeschränkt worden. Als seine Aufgabe wird„Wirtschaftspolitik und Kriegsfinanzierung im engeren Sinne" bezeichnet. Daraus kann man schliessen, dass Görings Vollmacht auch die Kriegsfinanzierung im weiteren Sinne in sich schliesst, also die totale Umstellung der Wirtschaft auf den Krieg. 2) Das Kriegssparen Das Bestreben der Kriegsfinanzierung muss vor allem darauf gerichtet sein, den privaten Verbrauch so weit wie möglich einzuschränken, um den staatlichen Verbrauch entsprechend erweitern zu können. Es kommt darauf an, den Anteil des Staates am gesamten Volkseinkommen möglichst zu erhöhen, den Anteil der privaten Einkommensbezieher möglichst herabzusetzen. Dafür stehen direkte und indirekte Mittel zur Verfügung. Ein direktes Mittel ist die Erweiterung der wirtschaftlichen Tätigkeit des Staates, wie sie sich z. B. beim Aufbau der Reichswerke Hermann Göring und des Volkswagenwerkes zeigt. Ein anderes direktes Mittel ist die Senkung der Löhne und Gehälter wie sie z. B. zu Kriegsbeginn durch den allgemeinen Abbau der Ueberstundenzuschläge in Deutschland vorgenommen worden ist.(Vgl. dazu Heft 2/1940, Teil B, Seite 12 ff.). Die indirekten Mittel laufen darauf hinaus, den privaten Einkommensbeziehern einen möglichst grossen Teil ihrer Einkommen abzunehmen und sie auf den Staat zu übertragen. Das kann offen geschehen durch Steuern oder Anleihen oder verschleiert durch Inflation. Fast alle diese Wege sind von Deutschland im vorigen Krieg beschritten worden, aber viele von ihnen können A 36 in diesem Krieg nicht wieder beschritten werden. Steuererhöhungen stossen an eine psychologische Grenze. Schon in der Vorkriegszeit hatte die deutsche Steuerbelastung eine früher unvorstellbare Höhe erreicht. Trotzdem ist sie nach Kriegsausbruch weiter erhöht worden.( Nach Angaben von Ministerialrat Lange vom Reichswirtschaftsministerium rechnet man im laufenden Steuerjahr allein bei den Reichssteuern mit einem Ertrag von 24 Milliarden RMk.) Die Steuerbelastung weiter zu erhöhen, erscheint umso schwieriger, als das Steuersystem schon seit langem durch ein ganzes System besonderer öffentlicher Abgaben ergänzt wird, die früher grösstenteils unbekannt waren: den Beiträgen( z. B. zur Arbeitslosenversicherung, zur Arbeitsfront, zum Reichsnährstand, zur NS- Volkswohlfahrt, zum Reichsluftschutzbund usw.) und den Spenden( z. B. zur Winterhilfe). Kriegsanleihen aber sind in Deutschland schwer aufzulegen, weil das Schicksal der früheren noch in allzu guter Erinnerung ist, und eine Wiederholung der Inflation ist eins der wenigen Dinge, die sich die Diktatur nicht leisten darf. Das Regime ist deshalb auf der Suche nach neuen Methoden der Ueberführung privater Einkommensteile auf den Staat. Eine solche neue Methode glaubt man im Kriegssparen gefunden zu haben. Sparen lässt dem kleinen Mann die Illusion, dass es noch ,, sein Geld" ist, das er auf der Sparkasse liegen hat, und gibt doch dem Staat die Möglichkeit, dieses selbe Geld auf diskretere Form als durch Kriegsanleihen der Kriegsfinanzierung nutzbar zu machen. Was man sich unter Kriegssparen vorzustellen hat, darüber hat der Reichswirtschaftsminister Funk in einer Rede, die er am 2. Januar in Salzburg hielt, nur Andeutungen gemacht, die aber später von Dr. Heintze, dem Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes ergänzt wurden. Funk sagte: A 37 „Die Einkommensteile, die zur Bestreitung der Lebenshaltungskosten nicht benötigt werden, gehören auf das Bankoder Sparkonto, wo sie jederzeit bei Bedarf wieder abgehoben werden können... Wir sind gerade dabei, eine besondere Art des Kriegssparens zu entwickeln." Er fügte hinzu, der Kriegssparer solle nicht enttäuscht, sondern belohnt werden. Er scheint allerdings kein allzu grosses Vertrauen zum Werbeerfolg der neuen Sparmethoden zu haben, denn er drohte, man werde es nicht dulden, dass schlechte Beispiele Schule machen, und man werde es durch geeignete Steuermassnahmen notfalls zu erzwingen wissen, dass freie Einkommensteile dahin gelangen, wo sie im Interesse des Volksganzen nutzbringend verwendet werden. Der Rede Dr. Neintzes konnte man entnehmen, dass man es hauptsächlich auf die Sparpfennige der kleinen Leute abgesehen hat, die bisher nicht sparen konnten oder nur so wenig, dass sich der Weg zur Sparkasse nicht lohnt. Die Masse soll es bringen. Schon in der Periode der Kriegsvorbereitung hat man in Deutschland versucht, das Kleinsparen auf jede nur mögliche Weise auszubauen.(Wir haben darüber in Heft 5/1939, Seite A 92 ff. berichtet). So wurde z.B. im Januar 1939 die Grossdeutsche Postsparkasse in Wien gegründet mit der Aufgabe, gerade die kleinen und kleinsten Beiträge an sich zu ziehen und vor allem der Landbevölkerung das Sparen zu erleichtern, für die der Weg zur städtischen Sparkasse zu weit ist. Hierher gehört auch das(übrigens zinslose) Reisesparen bei „Kraft durch Freude" und das Sparsystem für den Volkskraftwagen. Auch die von Heintze besonders erwähnten neuen Sparzweige Schulsparen, Hitler-Jugend-Sparen, Verteilung von Heimsparbüchsen, Geschenkgutscheinen und auch das Gefolg- schaftssparen sind schon in der Vorkriegszeit erprobt worden. Das Gefolgschaftssparen bildet nach Heintze eine ungewöhnlich ergiebige Reserve. Es sei in Zusammenarbeit mit öffentlichen Sparkassen bereits in etwa 2.000 Betrieben eingeführt und habe ansehnliche Erfolge gebracht. Um das Sparen weiter zu fördern, sollen den Sparern besondere Vorteile geboten werden. So sollen z. R. für langfristiges Sparen steuerliche Begünstigungen gewährt werden. Zu den Sparförderungsplänen, die nach Dr. Heintze zur Zeit erwogen werden, gehören auch die Sparprämien, die allerdings von den Sparern selbst aufgebracht werden sollen. Der A 38 Prämiensparer soll, etwa für die Dauer eines Jahres, auf seine Zinsen verzichten. Aus den nichtgezahlten Zinsen soll ein Prämienfonds gebildet und aus diesem eine grosse Anzahl kleiner Gewinne ausgelost werden. Es soll also beim Sparen ein ähnlisches System angewendet werden; wie es bereits die Republik mit der Sparprämienanleihe sonderlichen Erfolg angewendet hatte. ohne Die Förderung der Sparfreudigkeit durch gesetzliche Massnahmen ist bereits im Gange. Das zeigt z.B. die Verordnung zur Vereinheitlichung des Rechts der Vertragsversicherung ( Reichsgesetzblatt 1939, Teil I, Seite 2.443). Darnach können die Versicherungsnehmer in allen Versicherungszweigen Abschlagzahlungen verlangen. Damit das in der Lebensversicherung ersparte Kapital nicht, wie es häufig der Fall ist, durch Zwangsvollstreckung verloren geht, sollen Familienangehörige in den Lebensversicherungsvertrag eintreten und so das ersparte Kapital ihrer Familie erhalten können. Die folgenden Berichte zeigen, dass die Werbung für das Gefolgschaftssparen lebhaft gesteigert wird. Als Werber wird die DAF eingesetzt, und sie versteht es, wie aus den Berichten hervorgeht, ihre Werbung mit Nachdruck zu betreiben. Mitteldeutschland: Einem Mädchen, dass in X. bei der... Abteilung der IG- Farben arbeitet, und einen Wochenverdienst von 29 Mark brutto und 24 Mark netto hat, hat der DAF- Funktionär genau vorgerechnet, dass sie davon sehr gut 5 Mark wöchentich sparen kann. Sie ist im Ledigenheim untergebracht, wo sie 11 Mark für Kost und Logis zu zahlen hat. Sie hat also noch 13 Mark zur Verfügung, wovon sie durchaus, meint man bei der DAF., 5 Mark wöchentlich auf Sparkonto legen könnte. Die DAF weist im übrigen darauf hin, dass das ,, Geldhamstern" sowohl strafbar als auch unnütz sei. Zwar habe Hitler versprochen, dass es keine zweite Inflation geben würde, aber gerade um sie zu verhindern, dürfe das Geld nicht im Strumpf aufbewahrt werden, sondern gehöre auf die Sparkasse, wo es wieder produktiven Zwecken zugeführt würde. Die Sparbücher sollen auch, teilt die DAF mit, die bisherigen Sparmarken für die KdF- Urlaubsreisen ersetzen. Berlin: In den Berliner Betrieben ist schon alles darauf vorbereitet, um das Betriebssparen in Gang zu setzen. Eine Entscheindung ist aber noch nicht gefallen. Es heisst, dass die Reichsfinazverwaltung für die Einführung von Spargutscheinen sei, während die DAF Sparkonten einführen will. Nach den Plänen der Arbeitsfront müssten sich die Arbeiter schon eine Woche vor der Lohnauszahlung entscheiden, welchen Betrag sie auf Sparkonto geben wollen, damit die Unternehmer A 39 entsprechend weniger Bafgeld für die Lohnauszahlung anzufordern brauchen. Interessant ist, dass auch Erwägungen darüber angestellt worden sind, ob die Sparkonten auf Rentenmark lauten sollen, weil im Volke die Vorstellung besteht, dass die Rentenmark später einmal einen höheren Wert haben wird als die gewöhnliche Mark. Die DAF führt als Hauptgrund für die Einführung von Sparkonten an, dass nur so die Kaufkraft herabgedrückt werden könnte, was zur Zeit die wichtigste Aufgabe sei. Bei der Ausgabe von Gutscheinen wäre das nur zu erreichen, wenn ihre Verwertung für längere Zeit ausgeschlossen würde. Das hätte aber zur Folge, dass sie von den Massen gleich mit grösstem Misstrauen aufgenommen würden. Bayern: In Augsburg ist die Betriebssparaktion bereits voll im Gange. Besonders bei den Messerschmidtwerken und bei allen Arbeitern in den verschiedenen Augsburger Kasernen. Bei Messerschmidt wird sogar doppelt gespart, indem noch alle 10 Tage je 5 Mark auf das Konto Werksiedlung eingezahlt werden müssen. Nach und nach sollen alle Messerschmidt- Arbeiter in den Werksiedlungen der Firma Wohnung erhalten. Man will dadurch vor allem erreichen, dass die langen Anfahrzeiten zur Arbeitsstätte vermieden werden. Diese Wohnbauten der Messerschmidt- Werke sind augenblicklich die einzigen in Gang befindlichen Bauten in Augsburg. Zur Zeit werden etwa 8 Wohnungen je Monat fertig. Die Wohnbau- Sparmarke muss aber auch noch von jenen weitergeklebt werden, die schon eine Wohnung haben. Neben dieses Bausparen tritt nun die neue Sparaktion. 15 Prozent des Nettolohnes gelten als Mindestsatz, den man sparen muss. Das bedeutet praktisch 9-12 Mark pro Woche, da die Arbeiter bei einer Arbeitszeit von 64 Stunden, die jetzt durchschnittlich herrscht, mit mindestens 60 Mark in der Woche heimgehen. Vor Weihnachten wurden Spargeschenkgutscheine ausgegeben. So enthalten z. B. die ,, Breslauer Neuesten Nachrichten" vom 19. Dezember 1939 folgendes Inserat der Städtischen Sparkasse zu Breslau: Unser Spargeschenkgutschein das zeitgemässe Weihnachtsgeschenk. Er vermittelt in vornehmer Form Bargeschenke an Angehörige, Freunde und Mitarbeiter. Er enthebt jeglicher Mühe um die Auswahl von Sachgeschenken. Ausstellung von Spargeschenkgutscheinen von 3 RMk bis zu jeder gewünschter Höhe sofort auch in unseren 22 Sparstellen. einer grossen Solche Spargeschenkgutscheine sind von Anzahl von Firmen als Weihnachtsgratifikation gegeben worden. Diese Form der Weihnachtsgratifikation nähert sich be A 40 reits sehr stark dem Sparzwang. Das ,, Schwarze Korps", das Organ der SS, hat bereits durchblicken lassen, dass künftig regelmässig ein Teil des Lohnes in Spargutscheinen ausgezahlt werden soll. Nach den ungünstigen Erfahrungen, die man mit dem offenen Lohnabbau zu Kriegsbeginn gemacht hat, hat man es bisher nicht gewagt, durch Einführung des Sparzwangs in den Betrieben einen verschleierten Lohnabbau durchzuführen. Stattdessen ist man auf einen anderen Ausweg verfallen: Ausbau der Sozialversicherung. Die Beiträge zur Sozialversicherung stellen in Deutschland schon seit langem eine Form des Zwangssparens dar. In der Periode der Kriegsvorbereitung diente dieses Zwangssparen in weitestem Umfange der Rüstungsfinanzierung, denn die Sozialversicherungsanstalten wurden gezwungen, ihre Beitragseingänge in Staatspapieren anzulegen. Dieses System soll nunmehr offenbar auf erweiterter Grundlage betrieben werden. In einem Schreiben Hitlers, das die deutsche Presse in grosser Aufmachung abgedruckt hat, hat der„ Führer" dem Leiter der Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley den Auftrag erteilt ,,, die Grundlagen und Bedingungen der Durchführung einer umfassenden und grosszügigen Altersversorgung des deutschen Volkes in Zusammenarbeit mit den hierzu berufenen Stellen der Partei und des Staats zu prüfen, zu klären und die sich daraus ergebenden Vorschläge unverzüglich auszuarbeiten". In diesem Schreiben fehlt jede Andeutung über die Art der Ausführung, und die Zeitungen enthalten sich fast jeden Kommentars. Aber der finanzpolitische Zweck dieses Projektes ist klar: Entweder wird das bestehende Sozialversicherungsystem ausgebaut oder ein neues geschaffen und mit dieser Begründung werden entweder die bereits bestehenden Beiträge wesentlich erhöht oder neue eingeführt. Das gestattet, den öffentlichen Kassen neue grosse Einnahmen zuzuführen, während die neuen Lasten erst in der Zukunft aufzubringen sind. Auch dieses Manöver ist schon einmal durchgeführt worden: Im Dezember 1938 wurde die deutsche Alters- und Invalidenversicherung auf die selbständigen Handwerker ausgedehnt( vgl. Heft 5/1939, Seite A 94). Diese Erweiterung der Altersversicherung verfolgt nur den Zweck, eine neue Einnahmequelle für die Rüstungsfinanzierung zu erschliessen. TeM B: Uebers:chten (Abgeschlossen am 29. Februar 1940.) DIE DEUTSCHE ERSATZSTOFFPRODUKTION Als Hitler im September 1936 auf dem„Parteitag der Ehre" den zweiten Vierjahresplan verkündete, formulierte er das gesteckte Ziel folgendermassen: „Ich stelle dies nun heute als das neue Vierjahresprogramm auf: In vier Jahren muss Deutschland in allen jenen Stoffen vom Ausland gänzlich unabhängig sein, die irgendwie durch die deutsche Fähigkeit, durch unsere Chemie und Maschinen� Industrie, sowie durch unseren Bergbau selbst beschafft werden können." Man muss annehmen, dass diese programmatische Erklärung absichtlich so allgemein und ungenau gehalten worden ist. Das russische System der Planziffern hat sich nicht bewährt, denn Produktionsprogramme von so unübersehbarer Vielfältigkeit lassen sich nicht von vornherein zahlen- mässig bis in die Einzelheiten bestimmen. Die deutsche Methode hat demgegenüber den Vorteil, Raum für die elastische Anpassung an die jeweiligen Erfahrungen zu lassen, die sich im Laufe der Durchführung des Programmes ergeben mussten. Es sind zwar Richtzahlen für einzelne Produktionszweige wie etwa für die Zellwolle oder die Treibstoffe angegeben worden, sie gehen aber nicht über das hinaus, was auch sonst Grosskonzerne oder Kartelle als Produktionsprogramme aufzustellen pflegen. Wie die Aufstellung von Planziffern ist auch die Angabe von Erfolgszahlen zum grössten Teil unterblieben. Da zudem der Krieg ausgebrochen ist, bevor der zweite Vierjahresplan voll durchgeführt werden konnte, lässt sich heute schwer feststellen, inwieweit das Ziel der deutschen Ersatzproduktion, Deutschland blockadefest zu machen, tatsächlich erreicht worden ist. Immerhin reichen die zur Verfügung stehenden Quellen aus, einen ungefähren Ueberblick über die Leistungen der deutschen Ersatzstoffproduktion und ihre Bedeutung für die Versorgung Deutschlands mit kriegswichtigen Rohstoffen zu geben. B 2 Die Ersatzstoffproduktion auf Grund des zweiten Vierjahresplanes umfasst im wesentlichen die Erzeugung von synthetischem Oel, synthetischem Gummi und Zellwolle, sowie die Produktion von Kunstharzen und Leichtmetallen. Hierzu kommt als besonders wichtiger Bestandteil des Vierjahresplanes noch die Gewinnung von Eisen aus deutschen Eisenerzen, die aber einer besonderen Behandlung vorbehalten bleiben muss. 1) Die Selbstversorgung mit Petroleum Genaue statistische Daten über den Umfang der deutschen Treibstoffproduktion werden nicht veröffentlicht. Die letzte, vor Kriegsausbruch erschienene Darstellung des Standes der deutschen Treibstoffversorgung wurde in der Beilage ,, Technik und Betrieb" der ,, Frankfurter Zeitung" vom 30. Juni 1939 veröffentlicht. Nach Angaben des„ Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung" Dr. Krauch an dieser Stelle ist die deutsche Mineraloelerzeugung in der Zeit von 1934 bis 1938 insgesamt von 1,15 Millionen Tonnen auf 2,72 Millionen Tonnen gestiegen. Aus diesen Angaben geht nicht hervor, wie sich diese Erzeugung zusammensetzt. Es ist aber bekannt, dass im Jahre 1938 erzeugt wurden: In Deutschland erbohrtes Petroleum Sprit Benzol · 552 000 Tonnen 200 000 Tonnen rund 450 000 Tonnen zusammen: 1 202 000 Tonnen Die übrigen 1,5 Millionen Tonnen sind mit Hilfe der verschiedenen Verfahren der Kohleverflüssigung gewonnen worden. Mitte 1939 waren nach der ,, Frankfurter Zeitung" für die Gewinnung von Mineraloel aus Kohle folgende Werke in Deutschland tätig oder im Bau: I. Werke für Hochdruckhydrierung a) von Steinkohle: ୮ Hydrierwerk Scholven AG.. Gelsenberg Benzin AG Im Besitz des Preussischen Staates und der Hybernia AG, IGVerfahren Im Besitz des Stahlvereins, IGVerfahren Ruhrölgesellschaft B 3 Im Besitz der Matthias- StinnesMühlheimer Bergwerk, Verfahren: Kohlenextraktion nach Pott und Brosche mit Tetralin, Extrakthydrierung nach. IG b) von Braunkohle: Leunawerk Rheinische Union, Braunkohlenkraftstoff AG, Köln IG- Farbenindustrie Gemeinschaftsgründung der rheinischen Braunkohlenindustrie, IG- Verfahren Pflichtgemeinschaft der Braunkohlenindustrie, IG- Verfahren dto. dto. c) von Braunkohlenschwelteer: Brabag Böhlen Brabag Magdeburg. Brabag Zeitz d) von Erdölrückständen: Norddeutsche Hydrierwerke AG- Stettin Wintershall, AG, Geiseltalbezirk 1 Gemeinschaftsgründung mehrerer Firmen, darunter der IGFarben- Industrie, IG- Verfahren Unter Mitgebrauch von Teer nach IG- Verfahren II. Werke für Kohlen- Synthese a) auf Steinkohlengrundlage: Ruhrbenzin AG, Holten Zeche Rheinpreussen Krupp Treibstoffwerk GmbH, Essen Hoesch Benzin GmbH, Dortmund Klöckner Wintershall, Gewerkschaft Viktor nach Fischer- Tropsch dto. nach Fischer- Tropsch, mit eigener Schwelung nach KruppLurgi nach Fischer- Tropsch dto. Chemische Werke Essener Steinkohlen AG dto. Schaffgotsch Benzin, GmbH, Beuthen dto. B 4 b) auf Braunkohlengrundlage: Brabag Schwarzheide Wintershall, AG, Geiselthalbezirk nach Fischer- Tropsch Verwendung von Briketts unter nach Fischer- Tropsch III. Schwelwerke für Teer- und Koksgewinnung, die als Halbstoffe für mehrere Hydrierwerke unter I dienen a) auf Steinkohlengrundlage: Kruppzeche Amalie Krupp- Treibstoffwerk GmbH Saargruben AG Schlesag- Beuthen Giesches Erben, Beuthen Gaswerk Berlin Verfahren Krupp- Lurgi dto. dto. nach Lurgi- Spülgas • nach Koller- Spülgas b) auf Braunkohlengrundlage: Riebeck- Montanwerke Halle.. Werschen- Weissenfelser Braunkohle AG, Halle Schwelwerke Gölzau Schwelkraftwerk Wölfersheim in Hessen Riebeck- Montanwerke Deuben nach ,, Brennstofftechnik Essen" Rolle- Oefen dto. nach K.V.G.- Geissen dto. nach Lurgi- Spülgas Riebeck- Montanwerke Nachterstedt dto. Sächsische Werke AG, Böhlen dto. Sächsische Werke, Hirschfelde dto. Sächsische Werke, Espenheim dto. Braunschweigische Kohlenbergwerke, Helmstedt dto. Niederlausitzer Kohlenwerke, Deutzen dto. DEA- Gruppe, Deutsche Petroleum AG, Mineralwerk Regis dto. Leipziger Braunkohlenwerke nach Borsig- Geissen. Hiernach sind 19 Werke bereits im Betrieb oder im Aufbau, die sich unmittelbar mit der Gewinnung von Erdoel aus Kohle, und ebensoviel Betriebe, die sich mit den Vorarbeiten dafür befassen. Es sind aber einige noch im Versuchsstadium befindliche Verfahren und Betriebe in dieser Aufstellung noch nicht erfasst. Ebenso wird die grösste, im Bau befindliche Hydrieranlage nicht erwähnt, deren Errichtung im Mai 1939 im sudetendeutschen Gebiet bei Brüx in Angriff B 5 genommen worden ist. Sie soll nach dem IG- Verfahren arbeiten. Ein weiteres Hydrierwerk plant die IG- Farben in Oesterreich. Nach den ursprünglichen Absichten sollte im Jahre 1940 etwa die Hälfte des deutschen Friedens- Oelbedarfs durch Synthese oder Hydrierung gewonnen werden. Im Jahre 1938 betrug die deutsche Oeleinfuhr 4,9 Millionen Tonnen, die Tonnen. Wenn deutsche Eigenerzeugung 2,7 Millionen man annimmt, dass die gesamte Einfuhr und die gesamte Eigenerzeugung verbraucht und nicht ein Teil auf Lager genommen worden ist, ergibt sich für 1938 ein Gesamtverbrauch von Mineraloel von 7,6 Millionen Tonnen. Seitdem ist der Bedarf weiter gestiegen. Ueber den Umfang dieser Steigerung stellt die ,, Frankfurter Zeitung" folgende Ueberlegungen an: ,, Angenommen, an Landfahrzeugen aller Sorten wachsen jährlich dem Bestande für normale Zwecke 400 000 Stück zu, wie es 1937 und 1938 geschah, und angenommen, jedes Fahrzeug verbrauche täglich im Durchschnitt nur 3 1/2 Liter Treibstoff, so liegt darin allein ein Oelmehrbedarf von 500 000 Tonnen im Jahr. Nun wächst aber daneben der Oelbedarf der Wasser- und Luftfahrzeuge, der stationären Motoren und der schmiermittelbedürftigen Maschinen und dazu sind die eingegliederten Ostgebiete als Motorisierungsneulinge hinzugetreten, von der stärkeren Gebrauchsintensität ganz zu schweigen. Allein in der Handelsbinnenflotte lief 1938 eine Tonnage von über 3000 Booten mit Motoren von schon über 292 000 PS neben 2300 Schleppern usw. mit Dampfantrieb von über 548 000 PS, unter den Kauffahrteischiffen, die die deutschen Werften 1938 bauten, waren schon 370 000 BRT mit Oel getrieben und An Bauernschleppern benur noch 108 000 BRT mit Dampf. sass das Land 1933: 21 500, 1938: 55 000, für 1939 allein redet man von mutmasslich 50 000 Stück Zugang.” Ein jährlicher Mehrbedarf von 500 000 Tonnen ist also als die unterste Grenze der Zuwachsrate anzusehen. Geht man davon aus, so ergibt sich für 1940 ein Friedensbedarf von Es ist zwar möglich, mindestens 8,6 Millionen Tonnen. dass die Ausgangszahlen von 1938 zu hoch gegriffen sind, weil Deutschland wahrscheinlich schon im Jahre 1938 begonnen hat, Kriegsreserven anzulegen. Aber sehr gross können diese Reserven nicht gewesen sein, denn es machte sich schon bei den Truppenaufmärschen des Jahres 1938 gegen Oesterreich und die Tschechoslowakei und bei dem Einmarsch nach Böhmen und Mähren im Frühjahr 1939 Ben B 6 zinmangel in Deutschland bemerkbar. Jedenfalls ist eine Zahl von 8,6 Millionen Tonnen Friedens-Oelbedarf für 1940 unter keinen Umständen zu hoch gegriffen. 2) Wenn also im Jahre 1940 die Hälfte des deutschen Frie- dens-Oelbedarfs durch synthetische Produkte gedeckt werden soll, müsste bis dahin die synthetische Erzeugung von 1,5 Millionen Tonnen auf etwa 4', 3 Millionen Tonnen gesteigert werden, sich also fast verdreifachen. Dieses Ziel scheint erreichbar, wenn die in Angriff genommenen Neubauten oder Erweiterungsbauten von Hydrierungsanlagen im Jahre 1940, also am Ende des Vierjahresplans, tatsächlich in Betrieb genommen werden können, was sich aber erst im Jahre 11141 voll auswirken könnte. Rechnet man noch die 1,2 Millionen Tonnen hinzu, die bereits 1938 aus eigenen Erdölquellen gewonnen und an Brennspiritus und Benzol erzeugt wurden, so kommt man auf eine gesamte Eigenerzeugung von rund 5,5 Millionen Tonnen. Um den voraussichtlichen Friedensbedarf des Jahres 1940 von 8,6 Millionen Tonnen zu decken, müssten also immer noch 3,1 Millionen Tonnen eingeführt werden.*) Wie sich der Kriegsbedarf im Jahre 1940 entwickeln *) Für Anfang 1938 sind die Oelvorräte Deutschlands auf 1,5 Mill. Tonnen geschätzt worden, für Mitte 1939 auf 2 Mili. Tonnen, vgl. -Serrüyn!/, L'AlIemagne et les matieres premieres, Revue des Deux Mondes, 15. 12. 1939. 2) PoMony(„Neues Tagebuch" 1939/Nr. 52) schätzt den derzeitigen deutschen Erdölverbrauch auf 8— 10 Mill. Tonnen pro Jahr, gibt aber keine Unterlagen für diese Schätzung an. Der Berliner Korrespondent der f, Neuen Zürcher Zeitung"(2. Januar 1940) schätzt die deutsche Eigenerzeugung an Treibstoffen für 1939 auf 3 Mili. Tonnen, also um 300 000 Tonnen höher als im Jahre 1938. Der Londoner Korrespondent der Zeitung macht folgende Angaben:„1937 wurde die direkte deutsche Produktion von Oel aus Kohle auf 950 000 Tonnen geschätzt, 1938 soll sie sich nach zuverlässigen amerikanischen Schätzungen auf 1,2 Mill. Tonnen belaufen haben und für 1939 hört man Schätzungen von 1,75 bis 1,90 Mill. Tonnen. Für 1940 soll eine weitere Steigerung auf 2,50 und für 1940 eine solche auf 3,4 bis Mill. Tonnen geplant sein."(„N. Z. Z.", 21.2.1940). *) Ueber die Schwierigkeiten, den deutschen Import, der nur noch aus Rumänien und Russland erfolgen kann, wieder auf diese Höhe zu bringen, vgl. Sabatier und Friedwald, c L'AHemagne man- quera-t-elle de Petrole? Revue de Paris, 15. 2. 1940� B 7 wird, entzieht sich jeder Berechnung, denn dieser Bedarf hängt von der Ausdehnung der Fronten und der Intensität der Kriegsführung ab. Zweifellos ruft auch schon die jetzige Art der Kriegführung einen erheblichen Mehrbedarf an Mineralöl hervor. Ihm steht aber eine erhebliche Einschränkung des zivilen Bedarfs gegenüber, die durch die rücksichtslose Drosselung des privaten Kraftverkehrs in Deutschland erzielt wird. Der Verbrauch des privaten Kraftverkehrs ist auf 15 Prozent des Vorkriegsbedarfs herabgedrückt worden. Wie hoch dieser Mehr- und Minderbedarf ist, entzieht sich der Nachprüfung. Für den Omnibus- und Lastwagenverkehr und die Binnenschiffahrt wird jetzt die Verwendung von Treibgasen, vor allem Butan- und Propangas, die bei der Kohlehydrierung zwangsläufig in wachsenden Mengen entfallen, propagiert. Einem Bericht aus Deutschland ist zu entnehmen, dass Taxichauffeure die Erlaubnis zur weiteren Ausübung ihres Berufs jetzt nur noch erhalten, wenn sie ihre Wagen auf Gasantrieb umstellen. Die dazu notwendigen Umbauten am Wagen kosten aber 200 Mark. 5) 5) Aus Nürnberg wird berichtet: Fast alle Fabriken und Speditionsfirmen, die die Erlaubnis haben, weiter ihre Lastwagen zu benutzen, erhielten Anfang Februar die bündige Aufforderung, ihre Wagen innerhalb von zwei Wochen auf den Betrieb durch Treibgas umzustellen. Zur Vornahme der Umstellungsarbeiten sind die Werkstätten der Mineral A. G. in der Rosenaustrasse ausgebaut worden. Firmen, die dieser Aufforderung nicht fristgemäss nachkommen, wird der rote Winkel, das heisst, das Recht zur Benutzung der Autos entzogen. Den Von führenden Stellen der Wehrwirtschaft wird diese Massnahme damit begründet, dass Deutschland nicht mit dem Ausbruch eines grossen Krieges gerechnet habe, der einen weit höheren Treibstoffbedarf mit sich bringe, als man ursprünglich vorgesehen habe. Ausserdem habe der polnische Feldzug bedeutend mehr Benzin und Oel verschlungen, als vorher berechnet worden sei. Die Umstellungen auf Treibgas bedeuteten aber nicht, dass Deutschland bereits an einem akuten Benzinmangel leide, nur müssten die Vorräte für die kommenden militärischen Aufgaben reserviert und möglichst noch ergänzt werden. Für den Heeresbedarf können die mit Treibgas gefahrenen Wagen nur beschränkt benutzt werden. Es darf keinerlei Munition oder Sprengstoff mit solchen Wagen gefahren werden, weil die Explosionsgefahr zu gross ist. Anfangs wurde das nicht beachtet, was zu einer Reihe von Unfällen geführt hat. B 8 Die erDurch derartige Massnahmen mögen gewisse Erleichterungen. für den privaten Kraftwagenverkehr erzielt werden. reichbare Einsparung an Treiböl spielt jedoch angesichts des gewaltigen Bedarfs einer intensiveren Kriegsführung keine wesentliche Rolle. Wichtig für die Kriegsversorgung ist auch die Frage, ob die Qualität des synthetischen Benzins der des natürlichen gleichkommt. Von deutscher Seite wird übereinstimmend versichert, dass nach den deutschen Verfahren alle Arten von Treibstoffen, einschliesslich der hochwertigen Flugbenzine gewonnen werden können. Jedoch wird diese Behauptung von ausländischen Sachverständigen bestritten. Im synthetisch gewonnenen Benzin sind nämlich Verbindungen, die für Flugbenzin verwendbar sind, in weit geringerem Masse vorhanden als im Rohpetroleum. Die Abtrennung und Reinigung dieser kleinen Teile stösst auf derart erhebliche technische Schwierigkeiten, dass es als praktisch unmöglich angesehen wird, Flugbenzin auf diese Weise in nennenswerten Mengen zu erzeugen.°) 7) ) Unstreitig ergeben sich Schwierigkeiten beim Schmieröl. Die besten Eigenschaften für die Schmierung von Flugzeugmotoren werden von Schmierölen erreicht, deren chemische Konstitution durch einen ringförmigen Bau gekennzeichnet ist. Nur diese haben gleichbleibende Eigenschaften bei verschiedenen Temperaturen usw. Kohlenwasserstoffe ringförmigen Baus sind im Naturöl ausreichend vorhanden, synthetisch aber nur theoretisch herstellbar, eine praktische Erzeugung in grösseren Mengen ist für absehbare Zeit unmöglich. Die hergestellten synthetischen Schmieröle sind chemisch Kohlenwasserstoffe mit kettenartigem Bau. Dieser kettenartige Bau bewirkt, dass sich bei Kohlenwasserstoffen entsprechender Konstitution Siede- und Gefrierpunkt gleichmässig ändern. Sie schmieren also entweder infolge des niedrigen Gefrierpunkts verhältnismässig gut, haben dann aber einen zu niedrigen Siedepunkt, und schmieren infolgedessen bei höheren Temperaturen schlecht, oder umgekehrt. Das führt zu schnellerem Verschleiss der Motoren, insbesondere der empfindlichen und aufs äusserste beanspruchten Flugmotoren. 7) Dem Mangel an Flugbenzin und Schmierölen kann bei intensiverer Kriegsführung entscheidende Bedeutung sogar dann zukommen, wenn man die Vorräte und die Importmöglichkeiten Deutschlands günstiger einschätzen wollte, als es hier geschehen ist. Vgl. Sabatier und Friedwald, a. a. O. S. 639. B 9 2) Die Buna-Produktion Das Ziel des Vierjahresplans ist, die gesamte deutsche Automobil-, Flugzeug-, Motorrad- und Fahrradbereifung mit dem von der IG-Farben herausgebrachten synthetischen Kautschuk, der unter dem Namen Buna bekannt ist, zu versorgen. Da die Ersetzung des Naturkautschuks in den anderen Bereichen des Kautschukbedarfs, vor allem in der Elektro- und Kabelindustrie, ohnehin leichter ist als in der Bereifungsindustrie und offenbar auch schon grösstenteils erfolgt ist, würde die Ersetzung des Naturkautschuks in der Bereifungsindustrie bedeuten, dass Deutschland praktisch von der Kautschukeinfuhr unabhängig würde. Der Mangel an Kautschuk bildete während des vergangenen Krieges eine der empfindlichsten Lücken der deutschen Versorgung. Besonders von der Marineleitung wurde für den Akkumulatorenbedarf der U-Boote die schnelle Herstellung eines Kautschukersatzes verlangt. Man brachte damals einen Methylkautschuk hervor, der aber in jeder Hinsicht unzulänglich war. Seitdem hat die IG-Farben ihre Experimente zur Gewinnung eines vollwärtigen Kautschukersatzes fast ununterbrochen fortgeführt, so dass sie im Jahre 1936 den Anforderungen der Vierjahresplanbehörden bereits durch ein ausgereiftes Produkt genügen konnte. Auch die anderen Länder haben-in den letzten Jahren synthetischen Kautschuk erzeugt, besonders auch Russland, das nach einem Bericht der„Neuen Zürcher Zeitung" 70 Prozent seines Kautschukbedarfs durch synthetischen Kautschuk deckt. Ueber die Höhe der deutschen Buna-Produktion, die seit dem Frühjahr 1939 im Grossmasstabe aufgenommen worden ist, liegen keine Angaben vor. Im Sommer 1937 wurde gelegentlich eine Jahresproduktionsziffer von 15.600 Tonnen genannt. Die gesamte damalige Produktion konzentrierte sich auf die Grossversuchsanlage der IG-Farben in Schkopau bei Halle. Für diese Versuche war eine besondere Gesellschaft, die Bunawerke GmbH, Schkopau-Merseburg, mit einem Kapital von 30 Millionen Mark gegründet worden, das im Februar 1939 auf 50 Millionen Mark erhöht wurde. Auf einem Lehrgang der„Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP" Ende Januar 1939 teilte Generalmajor von Hanneken mit, dass die mit Bunareifen gemachten Fahrversuche so günstig ausgelaufen seien, dass im Jahre B 10 1939 die gesamte Reifenversorgung der Personenwagen von Naturkautschuk auf Buna umgestellt werden sollte. Nach einer amerikanischen Aufstellung über den Weltverbrauch an Kautschuk( vgl.„ Deutscher Volkswirt", 3. Februar 1939) betrug der Gesamtbedarf der deutschen Bereifungsindustrie im Jahre 1937 61.000 Tonnen. Da im Jahre 1937 genau ein Drittel des gesamten Reifenbedarfs auf die Bereifung von Personen- und Lieferwagen entfiel, wären dafür also 20.300 Tonnen verbraucht worden. Die Produktion an solchen Wagen dürfte im Jahre 1939 etwa 15 Prozent über der des Jahres 1937 liegen, so dass sich ein Bunabedarf von rund 23.000 Tonnen für diesen Sektor errechnet. Dazu kommt die Bunaverwendung für Spezialzwecke in der Elektro- und Kabelindustrie, in der Marine, für Gummischläuche usw. Die Kabelindustrie hat etwa 10 Prozent der Gesamteinfuhr an Kautschuk 8), d. h. etwa 10 000 Tonnen verbraucht, die zum grössten Teil durch Buna ersetzt werden dürften. Insgesamt wären also für die Bereifung der Personenwagen und für die Kabelindustrie für 1939 etwa 35.000 Tonnen bereitzustellen. Die deutsche Buna- Produktion stützt sich bisher auf das eine, inzwischen erheblich ausgebaute Werk in Schkopau. Neue Anlagen für die Bunafabrikation sind im Bau. Eine Fabrik entsteht bei Hüls in Westfalen, die andere im annektierten sudetendeutschen Gebiet in Anlehnung an die dort im Bau befindlichen Kohlehydrierwerke. Diese Anlagen werden mindestens die gleiche Kapazität wie das Schkopauer Werk haben. ⁹) Gegen die synthetischen Kautschukarten wird von den 8) 1937 123 000 Tonnen, 1938 113 000 Tonnen. 9) Aus dem Bezirk Halle- Merseburg wird uns hierzu berichtet: Die Belegschaft des Bunawerks Schkopau bei Halle ist jetzt auf 18 000 gestiegen. Es heisst, dass dieses Werk bereits alle bei der Wehrmacht durch Abnutzung ausfallender Reifen durch Bunareifen ersetzen könne. In einem gewissen Widerspruch dazu steht aber die Tatsache, dass die Wehrmacht auch alle Privatbereifungen, die nicht gebraucht werden, beschlagnahmt hat. Mit diesen beschlagnahmten Reifen wird anscheinend ein grosser Teil der Ersatzbereifung durchgeführt. Nur die neu für die Wehrmacht gebauten Autos werden mit Bunareifen ausgerüstet, aber das ist nur ein kleiner Teil des gesamten Reifenbedarfs der Wehrmacht. Ein weiteres Bunawerk ist in der Nähe von Stettin errichtet worden offenbar in Zusammenhang mit den dortigen B 11 Fachleuten eingewendet, dass es zwar Spezialgebiete gibt, auf denen sie Buna ebenso wie die von den Russen oder den Amerikanern herausgebrachten synthetischen Kautschukarten sogar dem Naturkautschuk überlegen ist, vor allem dort, wo grosse Anforderungen an Beständigkeit gegen Hitze, Sonne, Feuer, Oele, Benzin, Fette, Säuren, Gase etc. gestellt werden, dass aber andererseits die Widerstandsfähigkeit gegen mechanische Abnützung, die gerade bei der Bereifung wichtig ist, und die Elastizität geringer sind als beim Naturkautschuk. Das Hauptargument gegen die Erzeugung von synthetischem Kautschuk sind aber die hohen Erzeugungskosten. Der Herstellungspreis für Buna ist heute immer noch auf Preises für Naturdas Zweieinhalb- bis Dreifache des kautschuk zu schätzen. Das Kostenargument spielt jedoch bei der Vierjahresplanproduktion grundsätzlich keine Rolle. Es kann also von uns ausser acht gelassen werden. Aber auch die technischen Einwendungen sind alle derart, dass sie nicht die Verwendbarkeit von Buna für die Zwecke, für die bisher Naturkautschuk verwendet wurde, überhaupt in Frage stellen, sondern nur seine Gleichwertigkeit bestreiten. Für die Gesichtspunkte des Vierjahresplans ist aber entscheidend, dass Buna den technischen Anforderungen soweit genügt, dass die Verdrängung des Naturkautschuks durch den synthetischen keine Betriebsstörungen und keine Betriebsunsicherheit in der kautschukverbrauchenden Wirtschaft, also vor allem im Kraftverkehrswesen, hervorruft. Das scheint beim heutigen Stand der Kautschuksynthese bereits erreicht zu sein. Wenn die Widerstandsfähigkeit oder die Lebensdauer der Bunareifen noch geringer wäre als die der Naturkautschukreifen, so würde das nicht bedeuten, dass man mit diesen Reifen nicht fahren kann, sondern nur, dass man sie häufiger erneuern muss. Der Bedarf an Buna wäre dann etwas grösser als der Bedarf an Naturkautschuk, und das wäre kein entscheidendes Hindernis für die Verwendung von Buna. Allerdings muss man noch in Rechnung stellen, dass künstlicher Kautschuk nicht regenerierfähig ist. Hvdrierwerken. Mit der Produktion, die schon im November 1939 aufgenommen werden sollte, konnte aber bis heute nicht begonnen werden, weil wichtige Maschinen, die von den MiagWerken in Braunschweig geliefert werden sollten, nicht rechtzeitig fertig geworden sind. B 12 3) Die Produktion von Kunststoffen Buna ist nur der hervorragendste Vertreter einer end- iosen Reihe chemischer Produkte, die unter Sammelbegriffen wie Kunststoffe, Presstoffe, Kunstharze oder plastische Massen zusammengefasst werden. Die älteren Kunststoffe entstanden durch Kondensation, das heisst, die Aneinanderla- gerung der Moleküle erfolgt durch Entzug von Wasser. Die neue Entwicklung, die in der Kautschuksynthese einen ersten Höhepunkt erreicht hat, ist durch ein neues Verfahren bestimmt, die Polymerisation. Kleinere Moleküle werden zu grösseren zusammengelagert, ohne dass sich dabei wie bei der Kondensation ihre chemische Zusammensetzung ändert. Die ungeheure Bedeutung dieser neuen Technik liegt darin, dass es nun im Prinzip möglich ist, mit der Natur wirklich in Wettbewerb zu treten, und nicht nur Materialien herzu- stelten, die den natürlichen gleichwertig sind, sondern ihnen darüber hinaus Spezialeigenschaften zu geben, die die natürlichen Materialien nicht haben, also überhaupt gänzlich neue Werkstoffe zu schaffen, Materialien, die es in der Natur nicht gibt. Das besondere Interesse der Vierjahresplanbehörden gehört diesen synthetischen Kunststoffen darum, weil sie fast alle vollständig aus Rohstoffen gewonnen werden können, die im Inland ausreichend vorhanden sind. Das gilt vor allem von den neueren polymerisierten Stoffen, die von Kohle, Karbid, Stickstoff und eventuell Schwefel ausgehen. Die Mehrzahl der heute hergestellten Kunststoffe stellen allerdings noch eine Zwischenstufe dar. Man bedient sich noch natürlicher organischer Zwischenprodukte, wie Zellstoff und Kasein. Das Ziel ist, die Verwendung von der Natur gelieferter Halbprodukte überflüssig zu machen und die komplizierten Verbindungen ganz aus den einfachen Grundstoffen der organischen Chemie aufzubauen. Diese Entwicklung steht jedoch erst in den Anfängen. Die ausserordentlich grosse Zahl der heute sowohl in Deutschland, wie international hergestellten Kunststoffe erklärt sich gerade daraus, dass die Entwicklung dieses Gebiets der Chemie noch in keiner Weise abgeschlossen ist, so dass Produkte geringster und höchster Qualität nebeneinanderstehen. Ein 1938 in Deutschland erschienenes„Jahrbuch der Industrie der plastischen Massen" zählt etwa 1500 verschiedene inländische und ausländische Kunststoffe auf. Im B 13 ,, Kunststoffwegweiser, der von der ,, Fachgruppe Chemie der Kunststoffe" im Jahre 1937 für die Chemieausstellung in Frankfurt am Main herausgegeben wurde, sind über 250 verschiedene inländische Kunststoffe mit den allerverschiedensten Anwendungsmöglichkeiten aufgeführt. Eine Statistik über die Kunststoffproduktion gibt es nicht. Nach Angaben der Zeitschrift ,, Die chemische Industrie" belief sich die Welterzeugung an Kunststoffen( ohne Buna, Kunstseide, Zellwolle u.ä.) 1929 auf 80-85.000 Tonnen, 1935 auf 200220.000 Tonen. Für 1937 beliefen sich die Schätzungen auf 250.000 Tonnen. Die Hauptproduzenten sind die USA und Deutschland. Die deutsche ,, Fachgruppe Chemie der Kunststoffe" hat für die Hauptanwendungsgebiete Sondergruppen gebildet. Kunststoffe an Stelle von Kautschuk und Guttapercha sind das Arbeitsgebiet einer dieser Sondergruppen. Neben den verschiedenen Bunasorten gibt es noch eine ganze Reihe gummiähnlicher Kunststoffe, die speziell in der Elektroindustrie eine vielseitige Verwendung finden, zum Beispiel auch bei Kabeln, wo sie neben Guttapercha und Gummi auch Blei ersetzen. Weitere Sondergruppen befassen sich mit Kunststoffen an Stelle von Metallen und natürlichen Schnitzstoffen, von Leder 10), von Kork, von Asbest usw. International haben sich die Kunststoffe bei allen Elektrogeräten, wie Telephon, Staubsauger, Radioapparaten usw. eingebürgert. Sehr schnell erweitert sich ihr Anwendungsgebiet im Maschinenbau. Maschinenlager, Walzenlager und Zahnräder können heute aus Kunststoffen hergestellt werden. Die IGFarben kündigte 1938 an, dass sie mit der praktischen Auswertung eines Verfahrens zur Herstellung von Drucklettern im Spritzguss aus einem rein synthetischen Produkt begonnen habe, das wie Buna aus Kohle und Kalk gewonnen werde. Der neue Kunststoff soll geeignet sein, die bisherigen Lettern, die aus Legierungen von Blei, Zink und Antimon bestehen, zu 10) Der Ersetzung von Leder in der Schuhherstellung wird seit Kriegsbeginn besonderes Augenmerk gewidmet. Anordnung 45 der Reichsstelle für Lederwirtschaft vom 8. Dezember 1939 verbietet die Verwendung von Leder für die Vorderkappen der Schuhe. Die Hinterkappen dürfen nur noch bei bestimmten Sportschuhen usw. aus Leder sein. Ebenso wird die Ersetzung des Leders durch Kunststoffe,-meist aus Lederabfällen und synthetischen Bindemitteln gewonnen- für alle anderèn Teile des Schuhes angestrebt. Daneben wird jetzt die bisher in Deutschland nicht übliche Verarbeitung von Schweinsleder aufgebaut. B 14 verdrängen. Wegen des geringen Gewichts der Kunststofflettern würden auch die Setzmaschinen wesentlich leichter und kleiner werden können, wodurch weitere Metallersparnisse zu erzielen wären. Eine Fabrik in Hirschberg stellt Schilder aus Pressstoff her, die allmählich die zahlreichen Metallschilder vor allem auch im Verkehrswesen ersetzen sollen. Dieselbe Fabrik kündigte im Herbst 1939 an, dass sie auch Buchstaben aus derselben Masse herzustellen beginne. Das Leipziger Messeamt gab im Frühjahr 1939 bekannt, dass jetzt Ski aus Kunstharz hergestellt werden können, die sich durch grosse Festigkeit und Elastizität auszeichnen und den Vorteil bieten sollen, dass Schnee unter keinen Umständen haften bleibt, so dass neben dem Holz auch noch das Wachs für die Pflege der Ski eingespart wird. Eine grosse Kampagne ist in Deutschland im Gange, um Tuben aus Zinn durch Gefässe aus Kunststoff zu ersetzen. Verzinkte Kannen für Motoröl werden seit 1939 auf Anordnung des Oberkommandos in der deutschen Armee durch Zellulosekannen ersetzt. Der deutsche Volkswagen soll ganz aus deutschen Rohstoffen hergestellt werden. Dabei werden neben den deutschen Leichtmetallen und den mit einer besonderen Kunstseide verdenen die arbeiteten Bunareifen auch die Kunststoffe, aus Karosserie gepresst werden soll, eine grosse Rolle spielen. Versuche, den geeigneten Kunststoff für die Karosserie zu finden, werden seit langem von den Dynamit Nobelwerken durchgeführt. Man ist offenbar noch nicht ganz zum Ziel gekommen. Dass dieses Ziel aber keine Utopie darstellt, geht schon daraus hervor, dass Ford angekündigt hat, er wolle einen neuen Traktor auf den Markt bringen, dessen Material aus den Abfällen der Sojabohne und aus Weizenspreu anfällt. Er behauptet, dass der neue Kunststoff gegen ErschütterunIn Amerika sind auch gen widerstandsfähiger sei als Stahl. schon Versuche im Gange, ganze Flugzeuge aus platischen Massen herzustellen. Zweifellos hat die Industrie der plastischen Massen noch eine grosse Zukunft. Für die Beurteilung der deutschen Situation bei Kriegsausbruch ist allerdings entscheidend, dass die weitgesteckten Ziele noch lange nicht erreicht sind. Noch Kunsstoffen bauen, noch kann man Flugzeuge nicht aus braucht man auch Blei und Antimon für Drucklettern. Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass auf diesem Gebiet die deutsche Autarkie schon in naher Zukunft erreicht werden könnte. Grosse Anstrengungen macht die deutsche Kunststoffchemie, um das portugiesische Korkmonopol zu durchbrechen. B 15 Eine Sondergruppe der ,, Fachgruppe der Chemie der Kunststoffe" widmet sich der Frage der Ersetzung von Kork und Asbest. Bisher sind keine grossen Erfolge erzielt. Immer noch gibt es keinen dem Kork gleichwertigen Flaschenverschluss. Es gibt zwar eine Reihe von Kunststoffen, die den Kork dort vertreten können, wo er zur Wärmeisolierung dient, dagegen nicht dort, wo er zur Kälteisolierung verwandt wird. Asbest wird Ebenso unersetzlich wie Kork ist Asbest. hauptsächlich als Isolierungsmaterial gegen hohe Temperaturen und als säurefester Baustoff für Apparate verwendet. Bis zu einer Hitze von 550 Grad Celsius kann Glaswolle oder ein Gewebe von Glaswolle und Asbest an die Stelle von reinem Asbest treten.") Die Isolierfähigkeit von Asbest reicht aber Für so hohe bis zu Temperaturen von 1450 Grad Celsius. Temperaturen ist Asbest noch unentbehrlich. In der umfangreichen Kunsthornproduktion bildet das Kasein den Grundstoff. Noch grössere Mengen Kasein werden in der Papier- und Kartonproduktion und bei der Sperrholzfabrikation gebraucht, wo es als Leim verwendet wird. Ebenso dient Kasein als Bindemittel bei Lederdeckfarben, bei Appreturen, wasserfesten Anstrichfarben und in der Klebstoffindustrie. Neuerdings kommt die Verwendung als Rohstoff für Lanitalwolle hinzu. Kasein wird grösstenteils nach Deutschland importiert, die Eigenproduktion hat sich in den letzten beiden Jahren allerdings schnell vergrössert. Nach einer Uebersicht der ,, Dresdner Bank" betrug die deutsche Kaseinproduktion im Jahre 1938 Die 10 000 Tonnen gegen nur 4600 Tonnen im Jahre vorher. deutsche Kaseineinfuhr stieg von 15 620 Tonnen im Jahre 1937 auf 18 150 im Jahre 1938. Deutschland ist also dem Ziel der Selbstversorgung auf diesem Gebiet nur wenig nähergekommen. Eine übermässige Steigerung der Kaseinproduktion dürfte auch kaum ohne Gefährdung der deutschen Futtermittelveraus Magermilch gewonnen sorgung möglich sein, da Kasein wird. Magermilch kann aber in Deutschand weder für die als Futtermittel in grösseren menschliche Ernährung noch an Kasein aus Mengen entbehrt werden. Um den Bedarf 11) Da die Glaswolle auch für Luftschutzgeräte, als Filter für Gasmasken und für Uniformen für Flammenwerfer verwendet wird, also besonders kriegswichtig ist, ist sie durch Anordnung V 32 der Reichsstelle für Waren verschiedener Art vom 28. Dezember 1939 in die öffentliche Bewirtschaftung einbezogen worden. B 16 deutscher Magermilch zu decken, würden immerhin gegen 10 Prozent der Magermilchproduktion gebraucht werden. Auch auf diesem Gebiet ist daher die deutsche Versorgungslage nicht günstig. Wenn auch angenommen werden darf, dass es allmählich gelingen wird, den Kaseinbedarf durch die weitere Entwicklung der vollsynthetischen Kunststoffproduktion herabzudrücken, so sind dafür ɖoch längere Zeiträume erforderlich, als es der deutschen Zielsetzung entspricht. 4) Die Zellwolle produktion Die nahezu vollständige Abhängigkeit Deutschlands vom Auslande in der Versorgung mit Textilstoffen war von Anfang an eine der Hauptsorgen der deutschen Wehrwirtschaft. Die Auslandsabhängigkeit betrug bei der Aufstellung des sogenannten deutschen Faserstoffplanes im Jahre 1934 bei Baumwolle 100 Prozent, bei Wolle 95 Prozent, bei Jute 100 Prozent, bei sonstigen Bastfasern 100 Prozent, bei Hanf 99,5 Prozent, bei Flachs 86 Prozent. Nur über Kunstseide verfügte man in ausreichendem Masse. Ausserdem gab es noch eine Jahresproduktion von 2000 Tonnen Zellwolle, da sowohl die IG- Farben, als auch der Kunstseidenkonzern Vereinigte Glanzstoffwerke schon seit über einem Jahrzehnt in Versuchsbetrieben Zellwolle erzeugten. Der Faserstoffplan, der im Jahre 1934 von einem besonderen ,, Stab des Führers" ausgearbeitet wurde, sah neben der Ausdehnung des Hanf- und Flachsanbaues und der Vermehrung des Schafbestandes, vor allem die schnelle Entwicklung der Zellwolleproduktion vor. Der Vermehrung der natürlichen Fasern pflanzlicher oder tierischer Herkunft waren von vornherein enge Grenzen gesetzt, da Deutschland auch in der Ernährungswirtschaft nach möglichst weitgehender Autarkie strebt, und darum keine grossen Ackerflächen für Textilnutzpflanzen oder gar für erweiterte Schafzucht zur Verfügung stellen kann. Da die Zellwolleproduktion auf demselben Rohstoff aufbaut und ähnliche Verfahren anwendet, wie die Kunstseidenindustrie, lag nach dem Welterfolg der Kunstseide der Gedanke von vornherein nahe, auch die Wolle und Baumwolle durch ein synthetisches Produkt zu ersetzen. Die der Zellwolle gegenüber den natürlichen Fasern anhaftenden Mängel, insbesondere die grosse Empfindlichkeit gegen Nässe, hatten es bis dahin verhindert, dass der Zellwolleproduktion eine grössere praktische Bedeutung zukam, obwohl bereits B 17 alle grossen Chemieländer versuchsweise Zellwolle erzeugten. Die Bedenken, die daher von der chemischen und von der Textilindustrie gegen den Plan eines überstürzten Ausbaus der Zellwolleproduktion vorgebracht wurden, dass nämlich die Erfahrungen sowohl in der Herstellung wie in der Verarbeitung noch keineswegs ausreichten, um ein halbwegs den praktischen Ansprüchen genügendes Produkt auf den Markt zu bringen, wurden von dem damaligen ,, Wirtschaftsbeauftragten des Führers" Keppler mit der Begründung abgetan, dass gerade durch die Erzeugung und Verarbeitung von Zellwolle in grossem Masstabe die nötigen Erfahrungen gesammelt würden. Ausserdem sei auch die Kostenfrage nur durch eine Grossproduktion zu lösen. Durch Festsetzung von ausreichenden Preisen und staatliche Festlegung von bestimmten Verarbeitungsquoten für Zellwolle bei der Herstellung von Geweben aller Art wurde den Zellwolleproduzenten von vornherein der Absatz ihrer Produkte zu ausreichenden Preisen gesichert. Daraufhin stieg die deutsche Zellwolleproduktion bereits im Jahre 1934 auf etwas über 7000 Tonnen, die vollständig von den Betrieben der IG- Farben und der Vereinigten Glanzstoffwerke geliefert wurden. Zur gleichen Zeit wurde bereits der Plan des Neubaus grosser Zellwollefabriken ausgearbeitet, der in den folgenden Jahren zur raschen Entstehung sogenannter regionaler Zellwollegesellschaften in Sachsen, Schlesien, Bayern, Thüringen, Rheinland, Brandenburg, Süddeutschland usw. führte. Im Jahre 1935 schnellte die Zellwolleproduktion auf 17 000 Tonnen empor, 1936, im Jahre der Verkündung des Vierjahresplans, betrug sie bereits 43 000 Tonnen. Als Göring sein Amt als Beauftragter für den Vierjahresplan übernahm, brauchte er nur fortzuführen, was in den zwei Jahren vorher eingeleitet worden war. Ein grosser Stab von Chemikern arbeitete bereits an der Verbesserung der Faser. Die deutsche Zellwolleproduktion erreichte im Jahre 1938 rund 155 000 Tonnen. Die erste im Vierjahresplan festgesetzte Planziffer war 200 000 Tonnen. Sie ist bereits im Jahre 1939 überschritten worden, so dass das Ziel, das am Ende des Vierjahresplans erreicht sein soll, inzwischen auf 300 000 Tonnen erhöht worden ist. Im einzelnen verteilt sich die deutsche Zellwolleproduktion zur Zeit auf folgende Unternehmungen, deren Werke planmässig über ganz Deutschland verteilt sind: B 18 Nach dem VISKOSE- VERFAHREN arbeiten: Die Vereinigten Glanzstofffabriken AG Wuppertal, Werk Oberbruch. Tageserzeugung etwa 10 Tonnen. Die Spinnfaser A.G. Kassel( Konzern Vereinigte Glanzstoff). Tageserzeugung etwa 110 Tonnen. Die Werke der IG- Farben in Wolfen, Premnitz und Oppau. Tageskapazität insgesamt etwa 120 Tonnen. Die Glanzstoff- Courtaulds G.m.b.H. Köln. Tageserzeugung 20 Tonnen. Die Sächsische Zellwolle A.G., Plauen. Tageserzeugung 40 Tonnen. Die Schlesische Zellwolle A.G. Hirschberg. Tageserzeugung 55 Tonnen. Die Süddeutsche Zellwolle A.G. Kalheim. Tageserzeugung 55 Tonnen. Die Thüringische Zellwolle A.G. Schwarza. Tageserzeugung 50 Tonnen. Die Rheinische Zellwolle A.G. Siegburg Tageserzeugung 35 Tonnen. Die Kurmärkische Zellwolle und Zellulose A.G. Wittenberge.( Nimmt erst im Jahre 1939 ihre Produktion auf, Kapazität steht noch nicht fest.) Die Spinnstoffwerke Glauchau A.G. Tageserzeugung 10 Tonnen. Die Spinnstoffabrik Zehlendorf A.G. Tageserzeugung 12 Tonnen. Die Zellwolle Lenzing A.G. ( Noch im Bau.) Nach dem KUPFEROXYD- AMMONIAK- VERFAHREN arbeitet lediglich das Werk Dormagen der IG- Farben, wo täglich 20 Tonnen Kupferzellwolle hergestellt werden. Nach dem AZETATVERFAHREN stellt das Werk BerlinLichtenberg der IG- Farben täglich etwa 3 Tonnen Zellwolle her; ausserdem die Deutsche Azetatkunstseiden A.G. ,, Rhodiaseta" Freiburg, täglich etwa 5 Tonnen, schliesslich die Firma Dr. Alexander Wacker, Gesellschaft für elektrochemische Industrie, München, etwa 3 Tonnen täglich. Die Angaben über die Erzeugungskapazität der einzelnen Werke wurden einem Sonderheft der„ Frankfurter Zeitung" vom 24. Februar 1939 entnommen. Wie schnell die Ziffern durch die Entwicklung überholt werden, zeigt eine Mitteilung der Süddeutschen Zellwolle A.G. vom 18. August 1939, in dem die Tagesleistung der Fabrik auf 65 Tonnen angegeben wird, gegen 55 Tonnen in unserer Aufstellung. Die Produktion dieses Wer B 19 kes, die im Jahre 1936 aufgenommen wurde, entwickelte sich folgendermaseen: 1936: 800 Tonnen, 1937 rund 10.500 Tonnen, 1938 rund 17.000 Tonnen und von Januar bis Ende Juli 1939 rund 12.000 Tonnen. Ein entscheidender Grund für den schnellen Ausbau der deutschen Zellwolleproduktion war neben dem Bedarf an Textilfasern die Sicherung des deutschen Bedarfs an hochwertiger Zellulose für Schiesspulver. Die erste deutsche Zellwollefabrik war von der IG- Farben in Premnitz an der Havel errichtet worden, wo die IG während des vergangenen Krieges Zellulose für Sprengstoffe hergestellt hatte. Diese selbe Zellulose verwendete sie nach Beendigung des Krieges für ihre ersten Zellwolleexperimente. Man kann auch umgekehrt die jetzt für Zellwolle verwandte Zellulose wieder zur Produktion von Sprengstoffen verwenden. Diese rüstungswichtige Bedeutung der Zelluloseproduktion war in erster Linie massgebend dafür, dass die Zellwollewerke systematisch über das ganze Reich verteilt worden sind. Fast überall sind in Verbindung mit den Zellwollewerken Zellulosefabriken errichtet worden. Bei der Steigerung der Zellulose produktion ergab sich aber das Problem, dass bei dem schnellen Anwachsen des Zellulosebedarfs eine neue Auslandsabhängigkeit Deutschlands entstand, nämlich in Bezug auf Holz. Bis dahin wurde Zellstoff Die deutim wesentlichen nur aus Fichtenholz gewonnen. schen Fichtenholzbestände reichen aber bei weitem nicht aus, um auch nur den Zellstoffbedarf für die Papier- und Kunstseidenindustrie zu decken, geschweige denn für einen Ausbau der Zellwolleproduktion nach den Plänen Görings. In früheren Jahren verbrauchte Deutschland etwa 7 Millionen Festmeter Papierholz, von denen etwa zwei Drittel aus dem Ausland kamen, vor allem aus Ost- und Nordeuropa. Bis 1937 war der deutsche Holzverbrauch für die Zellstoffgewinnung auf 10 Millionen Festmeter gestiegen, obwohl die Papierfabriken und Papierverbraucher schwerwiegenden Beschränkungen unterworfen wurden. Um den Schwierigkeiten und Gefahren einer Stockung der Holzzufuhr zu entgehen, wurden Versuche gemacht, Zellstoff aus Buche und Kiefer und schliesslich auch aus Stroh zu gewinnen, Rohstoffe, die in genügendem Masse in Deutschland vorhanden sind. Diese Versuche sind nicht ohne Erfolg geblieben. B 20 In den letzten beiden Jahren sind die meisten deutschen Kunstseide- und Zellwollefabriken zum grossen Teil auf Buchenzellulose umgestellt worden. Die drei grossen Zellstoffkonzerne Deutschlands, Aschaffenburg, Feldmühle und Waldhof, liefern textile Zellulose fast ausschliesslich auf Buchenholzbasis. Der Waldhofkonzern hat ausserdem bei Freienwalde a. d. Oder eine Zellstoffabrik gebaut die Kiefernholz verarbeitet. Auch die Schlesische Zellwolle A. G. in Hirschberg baut direkt bei ihrem Zellwollewerk eine Zellstoffabrik, in der Kiefernholz verarbeitet werden soll. Die ,, Kurmärkische Zellwolle und Zellulose A. G." bei Wittenberge errichtet als erste ein Zellwollwerk auf Strohbasis. Da die deutsche Strohernte insgesamt 30 bis 40 Millionen Tonnen beträgt, soll schon 1 Prozent dieser Ernte genügen, um 120 000 bis 150 000 Tonnen Zellstoff zu erzeugen. Ebenso soll jetzt Zellstoff aus Kartoffelkraut gewonnen werden. Bereits im Herbst 1939 wurde das Kartoffelkraut zu diesem Zweck auf den Feldern gesammelt, gepresst und in die Versuchsfabrik geschafft. Technisch sind diese Fragen lösbar, nur ergeben sich bei jeder Umstellung auf einen neuen Zellstoff wieder ausserordentlich grosse Verarbeitungsschwierigkeiten. Immerhin tragen solche Umstellungsschwierigkeiten nur Uebergangscharakter. Sie werden sich überwinden lassen, sobald sich einige Verfahren so bewährt haben, dass sie als ständige Grundlage für den weiteren Ausbau der Zellulose- und Zellwolleproduktion dienen können. Jedenfalls ist bedeutsam, dass die Zellwolleproduktion so gesteigert werden konnte, dass notfalls auf einen Teil der Baumwolleeinfuhr, die sich 1937 auf rund 350 000 Tonnen belief, verzichtet werden kann. Man wird auch annehmen können, dass trotz der ausserordentlichen Produktionssteigerung in den letzten Jahren die Erzeugung bei dringendem Bedarf noch weiter erhöht werden kann. Da auch schon Methoden gefunden sind, um andere pfllanzliche Textilfasern durch synthetische Produkte zu ersetzen, z. B. Jute durch eine vollsynthetische Zelljute, kann schlimmstenfalls Deutschland damit rechnen, auch ohne grosse Einfuhren von pflanzlichen Textilfasern längere Zeit auszukommen. Die grosse Lücke in der deutschen Textilversorgung bleibt aber nach wie vor die Versorgung mit Wolle. Zellwolle kann Baumwolle, aber nicht tierische Wolle, ersetzen, die kein Zellulose-, sondern ein Eiweissprodukt ist. Die bisherigen Erfahrungen mit der italienischen Erfindung der Lanitalwolle aus Kasein scheinen nicht ermutigend zu sein, so dass B 21 Deutschlands Lanitalwolle nur in einem grossen Versuchsbetrieb erzeugt wird. Eine Vergrösserung der Produktion an Lanitalwolle würde vor allem einen Ausbau der Kaseinproduktion voraussetzen, der angesichts der ohnehin knappen Magermilchversorgung schwer durchführbar erscheint. 5) Die Erzeugung von Leichtmetallen Eine besondere Rolle spielen im Vierjahresplan die Leichtmetalle, mit deren Hilfe Deutschland seine Auslandsabhängigkeit in Bezug auf die sogenannten Buntmetalle, vor allem Kupfer, und zum Teil auch seine Abhängigkeit von ausländischen Eisenerzen zu verringern hofft. Produktion und Verbrauch an Leichtmetallen, vor allem an Aluminium, in den letzten Jahren aber auch an Magnesium, sind in Deutschland in einem wahrhaften Rekordtempo gewachsen. Der Aluminiumverbrauch stieg in den letzten Jahren in der ganzen Welt erheblich, aber nirgends so schnell wie in Deutschland. Nach einer Zusammenstellung der Metallgesellschaft in Frankfurt am Main ist in der Zeit von 1929-1937 der Weltverbrauch an anderen Nichteisenmetallen nur um wenige Prozent gestiegen, während sich der Weltverbrauch an Aluminium fast verdoppelt hat. Im Jahre 1929 entfiel fast die Hälfte des Aluminiumverbrauchs der Welt auf die Vereinigten Staaten von Amerika( 130 000 Tonnen). Grossbritannien verbrauchte damals 30 000 Tonnen und Deutschland 39 000 Tonnen. dagegen betrug der amerikanische Verbrauch 154 000 Tonnen, der deutsche 132 000 Tonnen. Die amerikanische Produktion an Aluminium betrug 132 800, die deutsche 127 500 Tonnen. 1938 ist nach einer Statistik der Dresdner Bank die amerikanische Erzeugung auf 80 000 Tonnen gefallen, während die deutsche Erzeugung sowohl durch Erweiterung der bestehenden Produktionsanlagen als auch infolge Hinzutritts neuer Werke mit dem Anschluss Oesterreichs auf 180 000 Tonnen stieg, und damit weit an die Spitze der Weltproduktion trat. Aber selbst diese gewaltige Produktion reichte für den deutschen Verbrauch noch nicht aus. Es mussten noch etwa 26 000 Tonnen Aluminium importiert werden. 1937 Nicht allein das. Deutschland hat inzwischen die Produktion eines weiteren Leichtmetalls aufgenommen, nämlich des Magnesiums, das noch um ein Drittel leichter als Aluminium ist und vor allem restlos aus einheimischen Rohstoffen gewonnen wird. Das Ausgangsmaterial für Magnesium B 22 sind vor allem Nebenprodukte der Kali- Industrie. Bei der Aluminiumerzeugung ist Deutschland immerhin noch auf die Einfuhr von Bauxit angewiesen, die früher vorwiegend aus Frankreich kam, in den letzten Jahren aber ausschliesslich aus den südosteuropäischen Ländern, vor allem Ungarn und Jugoslavien erfolgt. Die Devisenbelastung für das Bauxit einschliesslich Frachten für eine Tonne Aluminium beträgt noch keine 10 Prozent des Werts. Ueber die Produktion von Magnesium sind noch keine Statistiken veröffentlicht worden. Immerhin wurden gelegentlich einer Fachtagung in Frankfurt im Januar 1938 einige Schätzungen bekannt, nach denen sich die deutsche Magnesiumproduktion 1935 auf 18 000 Tonnen und 1937 bereits auf 25 000 Tonen belief. Demnach hatte die Magnesiumproduktion, dem Gewicht nach, die Grössenordnung der deutschen Dem UmAluminiumproduktion des Jahres 1929 erreicht. fang nach ist sie, da Magnesium leichter ist, sogar grösser. Ein Die Leichtmetall- Legierungen, das sind vorläufig noch in erster Linie die Aluminiumlegierungen, nehmen vor allem in der Flugzeugproduktion eine dominierende Stellung ein. mehrmotoriges deutsches Kampfflugzeug zum Beispiel enthält rund 3 Tonnen Duraluminium. Aber auch im übrigen Verkehrswesen setzt sich das Aluminium wegen der erzielbaren Gewichtsersparnis, also Ersparnis an toter Last, mehr und mehr durch. Auf diesem Gebiet ist Amerika am weitesten fortgeschritten. Versuche einer amerikanischen Strassenbahngesellschaft haben ergeben, dass das Wagengewicht bei Verwendung von Aluminium um 30 Prozent herabgemindert werden konnte, wodurch an Motorenstärke 12 Prozent und an Stromkosten etwa 22 Prozent eingespart werden konnten. Eine bedeutende Rolle spielt Aluminium auch schon in der Elektrotechnik, vor allem in Deutschland. Obwohl die Leitfähigkeit von Kupfer um 50 Prozent höher ist als die von Aluminium, so dass für Aluminiumleitungen ein entsprechend grösserer Querschnitt gewählt werden muss, ergibt sich bei Aluminiumleitungen immer noch eine Gewichtsersparnis von mehr als der Hälfte gegenüber den Kupferleitungen. Allerdings gewährleisten Aluminiumleitungen eine weit geringere Betriebssicherheit und Betriebsdauer. Man rechnet bei Lichtleitungen aus Aluminiumdraht in Deutschland nur mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von zwei Jahren. Die Verwendung von Aluminium in den Elektromotoren auf Seeschiffen stösst auf die Schwierigkeit, dass das Aluminium bei Berührung mit Seewasser oxydiert. Dem wird durch elektrische Voroxydierung vorgebeugt, wobei jedoch die Teile, die erst nach der elek B 23 trischen Voroxydierung bearbeitet werden können, weiter der Zersetzung ausgesetzt bleiben. Obwohl das reine Aluminium ausserordentlich weich ist, kann man heute schon Legierungen des Metalls durch das elektrolytische Eloxierungsverfahren mit einer Oberfläche versehen, die härter als Stahl ist. Dadurch gewinnt das Aluminium auch eine gewisse Bedeutung als Panzerungsmittel von geringem Gewicht. Seit Kriegsbeginn macht sich in Deutschland auch ein Mangel an Aluminium bemerkbar, der weniger auf Stockungen in der Bauxitzufuhr als darauf zurückzuführen ist, dass die Erzeugungskapazität der Aluminiumwerke nicht so schnell erweitert werden kann, wie der Bedarf der Rüstungsindustrie wächst. Durch Anordnung 47 der Reichsstelle für Metalle wurde daher Anfang Dezember 1939 die Verwendung von Aluminium und seinen Legierungen genehmigungspflichtig gemacht. Bisher wurden Genehmigungen im wesentlichen nur für den Maschinen-, Fahrzeug- und Apparatebau, die werkstofferzeugende Technik, einige Gebiete der ElektrotechAus dem nik, des Schiffsbaus und des Bauwesens erteilt. Haushalt und überhaupt aus dem engeren privaten Bereich wird das Aluminium wohl bis Kriegsende verschwinden. Es wird dafür die Rückkehr zu Emaillegeschirr, die Verwendung von Kunststoffen und von Zink empfohlen, das jetzt als ,, Hauptpfeiler der deutschen Metallwirtschaft" bezeichnet wird. Seitdem die polnischen Zinkhütten im deutschen Machtbereich liegen, verfügt Deutschland über eine jährliche Zinkerzeugung von über 300 000 Tonnen.( Nach Angaben der Metallgesellschaft Frankfurt a. M. betrug im Jahre 1938 die polnische Zinkhüttenerzeugung 110 000 Tonnen, die reichsdeutsche 194 400 Tonnen). 6) Der Kohle- und Strombedarf der Ersatzstoffproduktion Ein sehr schwieriges Problem für den Ausbau der deutschen Ersatzstoffproduktion bildet der ausserordentlich grosse Bedarf an Kohle, die teils in der Form elektrischer Energie, teils als unmittelbarer Rohstoff gebraucht wird. Ueber das Ausmass dieses Kohlenbedarfs sind nur allgemeine Schätzungen möglich, da einigermassen genaue Berechnungen nur in Einzelfällen durchführbar sind, darunter allerdings auch für die Kohlehydrierung, auf die der Haupt B 24 teil des unmittelbaren Kohleverbrauchs entfällt. Bei den verschiedenen Verfahren der Gewinnung von Oel aus Kohle wird im groben Durchschnitt 1 Tonne Benzin aus 4 1/2 Tonnen Steinkohle oder 22 Tonnen Braunkohle gewonnen. Im Jahre 1938 sind nach Schätzungen, die die ,, Frankfurter Zeitung" in der oben erwähnten Beilage ohne Nennung ihrer Quelle wiedergibt, 6 Millionen Tonnen Steinkohle und über 25 Millionen Tonnen Braunkohle zur Oelgewinnung verbraucht worden. Dieser Verbrauch ist höher als er nach den Angaben über den Kohlenbedarf pro Tonne Benzin bei einer OelproDie Diffeduktion von 1,5 Millionen Tonnen sein dürfte. renz drückt entweder den Kohleverbrauch für die Erzeugung der zur Kohlehydrierung nötigen elektrischen Energie aus, oder es ist im Jahre 1938 schon mehr synthetisches Oel erzeugt worden als auf Grund der Mitteilungen Dr. Krauchs zu vermuten ist.( Diese Möglichkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen, da die amtlichen deutschen Stellen ein Interesse daran haben mögen, den tatsächlichen Treibstoffverbrauch des Jahres 1938 mit seinen verschiedenen heimlichen Mobilisierungen zu verschleiern.) Rechnet man den gesamten Kohlebedarf auf Steinkohle um, so muss sich, wenn das Ziel einer synthetischen Erzeugung von 4,3 Millionen Tonnen Oel erreicht werden soll, ein unmittelbarer Kohlebedarf von rund 20 Millionen Tonnen ergeben. Der Mehrbedarf gegenüber 1938 an Kohle allein für die Steigerung der synthetischen Oelproduktion beläuft sich also auf mindestens 13 Millionen Tonnen Steinkohle. Soweit die Kohle nicht direkt als Rohstoff in die Produktion eingeht, erfasst man im grossen und ganzen den Hauptanteil des Kohlenbedarfs der Ersatzstoffproduktion, wenn man vom Strombedarf der Chemieindustrie ausgeht. Der Stromverbrauch der deutschen Chemie- Industrie betrug im Jahre 1937 11 Milliarden KWh bei einem deutschen Gesamtverbrauch an Strom von knapp 50 Milliarden KWh. Die deutsche Chemie verbrauchte also über 22 Prozent der deutschen elektrischen Energie. Die amerikanische Chemieindustrie, deren Produktion bedeutend grösser ist als die der deutschen, beanspruchte 1936 noch keine 10 Prozent des amerikanischen Gesamtverbrauchs, nämlich 13 Milliarden KWh bei einem Gesamtverbrauch von 140 Milliarden KWh. Der starke Stromverbrauch der deutschen chemischen Industrie ist, wie die Zeitschrift ., Die chemische Industrie", Nr. 17/1939, hervorhebt, vor allem darin begründet, dass in der deutschen chemischen Industrie die Produktion an sogenannten Neustoffen vorwiegt, die be B 25 sonders grosse Ener)giemengen pro Produktionseinheit verbraucht. Die Stromaufwendungen betragen je Tonne z. B. für Aluminium bis zu 25 000 KWh, Magnesium 20 000, Buna 40 000, Stickstoff 11 000, Edelstahle zwischen 4000 und 25 000, Kalziumkarbid 3000, Siliziumkarbid 10 000 KWh. In Deutschland schätzte man daher vor Kriegsausbruch, dass der Strombedarf der deutschen Chemie bis zum Ende der Vierjahresplanperiode, also bis Ende 1940, um etwa 7 Milliarden KWh auf 18 Milliarden steigen würde. Das ergäbe einen Mehrbedarf an Kohle von 3,5 bis 4 Millionen Tonnen, da bei dem heutigen Stand der Technik etwas über ein halbes Kilogramm Kohle pro KWh verbraucht wird. 1925 wurde noch 1 kg Kohle pro KWh verbraucht. Der Mehrbedarf an Kohle für den grösseren Stromverbrauch und die zusätzliche Kohlehydrierung beläuft sich also allein schon auf mindestens 16 1/2 bis 17 Millionen Tonnen. Dazu kommt der nicht unerhebliche Verbrauch von Kohle als Rohstoff für die verschiedenen anderen synthetischen Produkte, die auf Kohle basieren, wie z. B. Buna. Schliesslich sind auch die durch den Ausbau all dieser Produktionen notwendigen Transporte als Kohleverbraucher einzusetzen, so dass die Mindestschätzung von 17 Millionen Tonnen Mehrbedarf in Wirklichkeit erheblich übertroffen werden dürfte. Im Jahre 1938 hat Deutschland eine Gesamterzeugung von 186,4 Millionen Tonnen Steinkohle gehabt, wozu noch eine Erzeugung von 195,0 Mill. Tonnen Braunkohle kam. Ein Mehrbedarf von mindestens 17 Millionen Tonnen Steinkohle für die Ersatzstoffproduktion würde also rund 9,2 Prozent der deutschen Steinkohlenerzeugung oder 7,6 Prozent der Stein- und Braunkohlenerzeugung(unter Umrechnung von Braunkohle auf Steinkohle nach dem Verhältnis von 5 zu 1) ausmachen. Das erscheint nicht sehr viel. Wenn man aber an die ausser- gewöhnlichen Schwierigkeiten denkt, die Deutschland schon seit Jahren hat, um auch nur den Stand seiner Kohlenerzeugung zu halten, wird die Steigerung dieser Erzeugung selbst um 8 Prozent ein ernstes Problem. Dieses Problem erscheint um so schwerer lösbar, als die synthetische Produktion ja nicht allein eine Mehrproduktion an Kohle erfordert, sondern ein weiterer Mehrbedarf z. B. durch die vermehrte Verarbeitung minderwertiger deutscher Eisenerze entsteht. Schliesslich müssen auch die Transportschwierigkeiten berücksichtigt werden, die schon in den ersten Kriegsmonaten mannigfache Versorgungsstockungen verursacht haben. B 26 Andererseits hat Deutschland auch noch einige Ausweichmöglichkeiten. Die eine ergibt sich aus der Einschränkung des zivilen Bedarfs, vor allem des Bedarfs an Hausbrandkohle. Die andere folgt aus der Eroberung Polens. Die Verfügung über die polnische Kohlenförderung und über die polnischen Arbeitskräfte sind die wichtigsten wirtschaftlichen Gewinne, die Deutschland aus der Okkupation Polens ziehen kann 12) und diese Gewinne kommen in erster Linie der Ersatzstoffproduktion zugute. Die österreichischen Wasserkräfte, durch deren Ausbau eine Erhöhung der deutschen Elektrizitätsversorgung um 25 Milliarden KWh erwartet wird, können bei unseren Berechnungen ausser acht gelassen werden, da dieser Ausbau, obgleich bereits begonnen, mehrere Jahre in Anspruch nimmt und die Versorgungslage der Gegenwart und nächsten Zukunft nicht beeinflussen kann. 7) Schlussfolgerungen Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die bisherigen Anstrengungen Deutschlands, seine Auslandsabhängigkeit zu vermindern, nicht ohne Ergebnis geblieben sind. Mangelerscheinungen sind allerdings überall fühlbar, zum Teil, weil die Materialien effektiv fehlen, zum anderen Teil, weil an Transportmöglichkeiten fehlt. es an Arbeitskräften oder Die verschiedenen Ersatzstoffe sind zum grossen Teil den Das gilt entsprechenden Naturstoffen nicht gleichwertig. sogar von dem synthetischen Benzin, von dem bisher bestenfalls nur sehr kleine Mengen in einer solchen Qualität erzeugt werden, dass es auch als Flugbenzin verwandt werden kann. Die Versorgungslücken sind aber nicht derart gross und die Minderwertigkeit der Ersatzstoffe ist nicht derart entscheidend, dass man daraus eine baldige Lahmlegung der deutschen Wirtschaft folgern könnte vorausgesetzt, dass der Friedensverbrauch an wichtigen Rohstoffen nicht wesentlich überschritten wird und die Abschnürung von Auslandszufuhren nicht vollkommen ist. Ohne Frage hat Deustchland vor Ausbruch des Krieges Rohstoffreserven angelegt, die die Uebergangsschwierigkeiten bis zur Vollendung der ,, Vierjahresplanbetriebe" vermindern. Wirklich unentbehrlich sind Einfuhren von etwa 3-4 Millionen Tonnen Petroleum die wohl die grössten Schwierig12) Vgl. hierzu Deutschland- Berichte, Heft 9/1939, Teil B. B 27 keiten bereiten dürften von Holz, von Wolle, von Eisenerzen, Buntmetallen und einer Reihe besonderer MateriaDabei handelt es sich lien, wie Kork, Asbest, Kasein usw. aber um Rohstoffe, die in der Hauptsache aus den Deutschland noch offenstehenden Gebieten in Nord-, Ost-, Südostund Südeuropa zu beschaffen sind. Ganz anders stellt sich das Problem, wenn die Kriegführung aktivere Formen annimmt und damit der Bedarf an Treibstoffen, Eisen, Metallen, Sprengstoffen usw. ausserordentlich anschwillt, während gleichzeitig durch feindliche Einwirkungen auf das Hinterland Störungen in der Produktion auftreten. In diesem Falle müssten sich Deutschlands Wirtschaftsschwierigkeiten sehr schnell dem Katastrophenpunkt nähern. ( Vorliegende Arbeit stützt sich auf einige Kapitel eines in Vorbereitung befindlichen Buches von Helmut Wickel: Das deutsche Chemie- Imperium).