Deutschland- Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Deutschland- Berichte 7. Jahrgang 1940 Nr. 4 INHALTSVERZEICHNIS TEIL A: NACHRICHTEN UND BERICHTE I. Die allgemeine Situation in Deutschland A 4-16 A 4-6 1) Die Einstellung zum Krieg 2) Die Rückwirkung der Niederlage Finnlands. 3) Bericht aus dem Etappengebiet 4) Die ausländischen Sendungen II. Aus der Wirtschaft 1) Die Rohstoffversorgung Wirkungen der Blockade: Produktionsstörungen selbst in der Kriegsindustrie Rigorose Treibstoff- Rationierung Die Metallsammlung. 2) Zur Lage der Exportindustrie 3) Die Verkehrsschwierigkeiten Der Zustand der deutschen Reichsbahn Die Fahrpläne können nicht eingehalten werden -Unglücksfälle werden verschwiegen Ueberlastung des Fahrpersonals. 4) Die Flucht in die Sachwerte 5) Lebensmittelversorgung und Rationierung Die Wirkungen des Mangels Schleichhandel und Hamsterei küchen. Die Errichtung von VolksA 7-8 A 9-12 A 12-16 A 16-42 A 16-23 A 23-28 A 28-33 Die A 33-34 A 34-42 TEIL B: UEBERSICHTEN III. Die Judenverfolgungen 1) Die Juden im Reich Aushungerung liche Ausplünderung. 2) Die Juden im ,, Protektorat" und in Wien A 43-54 A 44-47 Zwangsarbeit WirtschaftA 47-51 Die Juden in Prag A 51-54 Die AustreiDie Judengesetzgebung Die Juden in Wien. 3) Die Vernichtung des Judentums in Polen Die Deportation nach Lublin bung der Stettiner Juden. Das deutsche Leistungsproblem im Kriege 1) Erschwerungen und Erleichterungen 2) Schwierigkeiten der deutschen Kriegs produktion a) Der Rückgang der Gesamtproduktion b) Umstellungsprobleme c) Ungenügende Kapazitätserweiterung 3) Die Leistungskrise in kriegswichtigen Industrien 4) Der Arbeitseinsatz weniger leistungsfähiger Kräfte 5) Das Leistungsproblem in der Landwirtschaft 6) Die Bedeutung der polnischen Eroberungen B 1-16 B 1-3 B 3-6 B 3 B 3-5 B 5-6 B 6-9 B 9-11 B 12-15 B 15-16 Teil A.: Nachrichten und Berichte ( Abgeschlossen am 8. April 1940) I. DIE ALLGEMEINE SITUATION IN DEUTSCHLAND 1) Die Einstellung zum Krieg Verschiedene in der letzten Zeit eingegangene Berichte stimmen in der Feststellung überein, dass das deutsche Volk den wahren Ernst der Lage noch nicht begriffen hat. Die Vorstellung, dass Deutschland diesen Krieg gewinnen werde, erscheint weit verbreitet, und offenbar nur wenige machen sich Gedanken darüber, welche Opfer der Krieg noch fordern wird. Berlin: Es hat sich eine Stimmung entwickelt, die hinsichtlich des Kriegsausgangs ziemlich optimistisch ist. Bei den meisten Menschen kommt der Gedanke, Deutschland könnte diesen Krieg verlieren, gar nicht auf. Das Spiessertum, auf das Hitler so oft geschimpft hat, ist am wenigsten geneigt, darüber nachzudenken, ob der Krieg nicht auch anders, als mit einem Siege Deutschlands ausgehen könnte. Nur sehr wenige Menschen machen sich Sorgen über den Kriegsausgang. Viele möchten wohl den Sturz Hitlers, aber sie haben eine Höllenangst vor den Folgen einer Niederlage. Man will an diese Möglichkeit nicht glauben, weil man sich nicht mit den Folgen der Niederlage, besonders in wirtschaftlicher Beziehung, beschäftigen will. Lieber wollen viele Hitler behalten, als dem ins Auge sehen, was nach Man fürchtet das völlige einer Niederlage kommen könnte. Chaos, Raub, Mord und Todschlag, eben das, was sich der Spiesser unter Revolution vorstellt. Diese im Bürgertum weit verbreitete Stimmung schaltet automatisch alle anderen Gedanken als den an den Sieg aus. Um diese Einstellung zu ändern, muss noch ganz etwas anderes kommen, als die Schwierigkeiten der Lebensmittelversorgung. Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Ich mache fast täglich die Erfahrung, dass viele Leute, auch in meinem antihitlerschen Bekanntenkreis, sich noch immer über die Tragweite des Krieges nicht klar sind. Man sieht in diesem Kriege oft nur eine Zeitspanne, in der sich wohl jeder Entbehrungen auferlegen A 5 muss, ja vielleicht noch mehr Hunger leiden muss, aber man denkt verhältnismässig wenig über die weitere Entwicklung des Krieges nach. Es ist kein Zweifel, dass bis jetzt die Mehrzahl des Volkes vom Siege Deutschlands überzeugt ist. Diese Meinung hat sich infolge der bisherigen Siege Hitlers so sehr herausgebildet, dass man sich im Ernst nicht mit dem Gedanken vertraut machen will, es könnte nun auch einmal anders herumgehen. Die Propaganda sorgt im übrigen durch die bekannte Grossprecherei dafür, dass alles in einem möglichst günstigen Sinne für Deutschland dargestellt wird. Aber natürlich weiss die Propagandaleitung sehr gut, dass trotz dieser Siegessicherheit im Volke auch ein Gefühl vorhanden ist, das man Gedrücktheit nennen kann, innere Gedrücktheit. Ja, es gibt Leute, bei denen man den Eindruck gewinnt, sie hätten Angst vor diesem Siege. Es ist schwer, die wahre Meinung der Menschen zu erkennen, weil die Angst vor dem Zuchthaus und dem Konzentrationslager den meisten den Mund verschliesst. Und deshalb ist es auch schwer, diesen Zustand des Hoffens und Bangens in die richtigen Worte zu kleiden. Sollte einmal Ernst gemacht werden mit Angriffen gegen die Westfront oder auf die deutschen Industriezentren, so dürfte sich das Bild sehr rasch wandeln. 2. Bericht: Zur Zeit lebt die breite Masse noch reichlich ahnungslos, sie ist zum Teil sorgloser geworden, weil sie sich den Krieg schrecklicher vorgestellt hatte. Wenn aber erst die Flieger anstatt Flugzettel 500- Kilo- Bomben fallen lassen und neben der Alltagsmisere noch erhebliche Opfer an Gut und Blut gebracht werden müssen, dann wird es schon schwerer werden, die Begeisterung hochzuhalten, die jetzt sowieso nur bei der Jugend vorhanden ist. Und auch die Ordnung wird schwerer aufrecht zu erhalten sein, die jetzt anscheinend unerschütterlich ist. Heute sucht man die Stimmung durch Massenpropaganda immer wieder anzufachen. Das gelingt sogar immer für kurze Zeit. Aber von echter Begeisterung, die für einen Krieg mit den Westmächten notwendig wäre, ist in Wirklichkeits mit den Westmächten notwendig wäre, ist in Wirklichkeit und die Propaganda mit seiner Gottähnlichkeit ist gewiss nicht ohne Erfolg gewesen. Es sind aber im Grossen und Ganzen primitive Menschen, die sich nie die Mühe gemacht haben, einmal sorgfältig die gegenseitigen Kräfte abzuschätzen und die es auch gar nicht können. Die erste ernsthafte Schlappe, die Deutschland zugefügt würde, würde auch Hitler seinen Nimbus nehmen. Aus dem ,, Hosianna" würde sehr bald ein„, Kreuzigt ihn" werden. Aber natürlich arbeitet die Kriegspropaganda gegenwärtig noch mit allen Mitteln. Es werden die stärksten Register gezogen. Das stärkste Argument ist ohne Zweifel der Hinweis, England wolle Deutschland zerstückeln. Das nächste ist: Alle bishe A 6 rigen Pläne Englands sind gescheitert und im Westen wagen es Frankreich und England nicht, anzugreifen, weil sie da nicht durchkommen können. Die, Blockade aber werde wirkungslos bleiben, denn Russland und der Balkan, sowie Italien seien nicht bereit, England auch nur indirekt durch eine wohlwollende Neutralität zu helfen.. Diese Vorstellungen werden täglich, ja stündlich durch das Radio dem Volke suggeriert und es wäre eine Illusion, wenn man ihre Wirkung unterschätzen wollte. Bis jetzt ist es noch immer gelungen, das Volk bei einigermassen guter Laune zu erhalten. Jedoch gibt es viele Menschen, die sich durch den ausländischen Rundfunk objektiv zu unterrichten suchen. Hilversum, Paris PTT und London werden im Westen sehr viel gehört. Meine Frau und ich hören diese Sender regelmässig. Mithörer gibt es bei uns nicht, denn unsere Wohnung liegt so, dass nur eine planmässige Kontrolle uns erwischen könnte. So wie bei uns ist es bei Tausenden von Familien. Hin und wieder kommt es schon einmal vor, dass ein guter Freund mithört. Natürlich einer, den man wirklich ganz genau kennt. Saargebiet: Von einer defaitistischen Stimmung ist bisher nichts zu bemerken. Den meisten kommt gar nicht der Gedanke, dass ihr Gebiet einmal von Frankreich besetzt werden könnte. Sie halten einen deutschen Sieg für sicher und sind von der Festigkeit des Bündnisses sowohl mit Russland wie auch mit Italien fest überzeugt. Bei saarländischen Arbeitern, die jetzt in der Armee sind, kann man vielfach hören, dass die Nazis jetzt doch nach links geschwenkt seien. Wörtlich sagte einer: ,, Jetzt muss man zum Führer halten, eine Revolution wäre Verrat. Verliert Deutschland den Krieg, so werden wir uns der neuen Situation fügen müssen. Bestimmt wäre es aber der Keim zu einem neuen Kriege, wenn Deutschland wie Man erkennt beim Westfälischen Frieden zerstückelt würde." hier deutlich die Wirkung der Goebbelsschen Propaganda, die die Erinnerung an den Westfälischen Frieden wieder wachgerufen hat, an den vorher wohl kaum ein Mensch in Deutschland mehr gedacht hat. Die meisten Saarländer sind ausserdem überzeugt, dass an der Westfront kein ernsthafter Kampf mehr entstehen wird. Seit Mitte Januar wird Tag und Nacht alles, was irgendwie für Deutschland Wert hat, besonders Fabrikeinrichtungen, alles Metall und Holz, aus dem Grenzgebiet, soweit es in der Reichweite der französischen Geschütze liegt, weggeschafft. Die Tatsache, dass diese grosse Aktion, die nicht unbemerkt geblieben sein kann, in keiner Weise durch feindliche Einwirkungen gestört wird, wird als Beweis für die Ansicht angeführt, dass es eben überhaupt nicht mehr zum Kriege im Westgebiet kommen wird. A 7 2) Die Rückwirkung der Niederlage Finnlands Es liegt der Schluss nahe, dass die Zuversicht eines grossen Teils des deutschen Volkes über den Kriegsausgang vor allem durch den Ausgang des Krieges in Finnland hervorgerufen worden ist. Aber diese Schlussfolgerung findet in den vorliegenden Berichten keine Stütze. Während der ganzen Dauer des finnischen Krieges war es auffällig, dass sich nur sehr wenige Berichterstatter über die Einstellung des deutschen Volkes zu diesem Kriege äusserten. Daraus kann nur die Folgerung gezogen werden, dass die grosse Masse von diesem Kriege nur sehr wenig wusste und seine Bedeutung für die Auseinandersetzung Deutschlands mit den Westmächten überhaupt. nicht begriff. Diese Auffassung wird jetzt auch durch einen Berichterstatter bestätigt: Berlin: Ueber den finnisch- russischen Krieg wurde nur verhältnismässig wenig gesprochen. Auch jetzt, nachdem dieser Krieg beendet ist, interessieren sich nur wenige Menschen dafür. Man hat den Eindruck, dass Finnland weit ab liegt und dass diese Vorgänge im hohen Norden in ihrer Bedeutung vom deutschen Volke nicht richtig erfasst werden können. Zum Teil liegt es daran, dass die deutsche Propaganda sehr wenig Bezug auf diese Dinge nahm. Im wesentlichen sind nur die Kreise der politisch Denkenden d. h. also vor allem der Hitlergegner dem Kampf zwischen Russland und Finnland mit Anteilnahme und Verständnis gefolgt. Zu welchen Schlussfolgerungen man dabei kam, zeigt der nachstehende Bericht, der kurz vor der Eröffnung der Waffenstillstandsverhandlungen erstattet worden ist. Rheinland- Westfalen: Der russisch- finnische Konflikt wird bei uns mit grossem Interesse verfolgt. Die Sympathien sind zweifellos auf der Seite der Finnen, weil der heldenhafte Kampf eines Volkes um seine Freiheit jedem Achtung abringen muss. Es gelingt auch der nationalsozialistischen Propaganda gar nicht, den brutalen russischen Ueberfall zu motivieren. Ganz A 8 wie links versucht man schwach, das russische Vorgehen als eine notwendige Ausdehnung des boischewistischen Einflusses zu deuten. Bei den eingeschworenen Nazis ist die Verlegenheit deutlich zu erkennen, sie schweigen, weil Russland augenblicklich ihr Partner ist. In sogenannten nationalen Kreisen, die ohnehin schon rein gefühlsmässig das deutsch- russische Abkommen ablehnen, ist man auch stolz auf die Bewährung der man annimmt preussischen Schulung des finnischen Heeres. In den Kreisen, die in dem ganzen Verhalten Russlands einen Verrat an der Sache der Menschheit sehen, freut man sich über die russischen Misserfolge, einmal, weil sie die Russen selbst treffen, und zum anderen, weil auch die Nazis durch die militärische Entwertung ihres Bundesgenossen getroffen werden. Anfänglich hatte man russische Angriffserfolge gemeldet, um die es aber bald bedenklich still wurde. Die überaus schlechten Witterungsverhältnisse sollten dann das Stocken des russischen Vormarsches erklären. Jeder sagte sich aber, dass diese Verhältnisse ja auch auf die Finnen zuträfen. Etwas musste da nicht stimmen. Zur Bildung eines objektiven Urteils schaltete man in verstärktem Masse wieder fremde Sender ein und man freute sich, dass man richtig geraten hatte und die finnischen Erfolge bestätigt fand. Direkte Schadenfreude gegenüber den Nazis empfand man bei der Durchgabe von der Lieferung italienischer Flugzeuge. ,, Mein Freund, der Duce", sagte man ironisch. Der Nimbus der Roten Armee verschwindet immer mehr, sie gilt jetzt nicht mehr als die zaristische, nur noch, eben wegen der unerschöpflichen Menschenreserve, als die ,, russische Walze". Die spanischen Ereignisse hatten schon ihren Wert in Zweifel gestellt. Aber schliesslich sagte man sich, konnten hier zur Geltung kommen. Offiziere und Mannschaften nicht voll Jetzt aber, wo sich der Kampf an der eigenen Grenze abspielt, müssten Vaterlandsliebe und noch mehr die so gerühmte weltganz besonderen anschauliche Schulung die Rotarmisten zu Leistungen befähigen. Statt dessen diese Blamage, die unausbleiblich auch weltanschauliche Rückschläge zeitigt. Denn, wenn der Deutsche, weltanschaulich kaum an den Nationalsozialismus gebunden, zu Erfolgen gelangt, müsste das in viel stärkerem Masse bei den Rotarmisten der Fall sein. Zur Zeit ist man ehrlich darum besorgt, ob Finnland auf die Dauer bei seiner zahlenmässigen Schwäche der russischen Walze standhalten kann. Man hofft auf ein wirkungsvolles Eingreifen Englands und Frankreichs und vor allem auch darauf, dass nicht etwa Deutschland aktiv in den Kampf eingreifen wird. A 9 3) Bericht aus dem Etappengebiet Rheinland: Das Rheinland ist Etappengebiet, daher hat auch fast jeder Ort Einquartierung. In der Hauptsache gibt es Privatquartier. Schulen und sonstige Gebäude werden verhältnismässig wenig belegt. Die Quartiermacher haben Listen, die auf Grund der vielen Personenstands- und Wohnungsaufnahmen der letzten Zeit aufgestellt und ergänzt wurden. Zeigt man Entgegenkommen, so vollzieht sich alles in freundlicher Form. Sperrt man sich aber trotz der Möglichkeit, jemanden aufzunehmen, so wird mit mehr oder weniger Druck nachgeholfen. Vereinzelt hat man bei hartnäckiger Weigerung einfach die Räumung eines oder mehrerer Zimmer angeordnet und durch die Belegung mit mehreren Mannschaften dem Wohnungsinhaber einen Denkzettel verabreicht. Während sich trotzdem aber noch Inhaber grösserer Wohnungen oder gar Villenbesitzer mit Erfolg gegen die Einquartierung wehren, nimmt der kleine Mann, ohne sich lange zu sträuben, oft freiwillig jemanden auf. Er weiss, wie wohl es tut, nach langen Entbehrungen wieder ein Bett zu haben und seine Frau macht es dem Soldaten so bequem, wie sie wünscht, dass ihr Mann oder Sohn in der gleichen Lage es auch haben möchten. In den Kreisen der Arbeiter und kleinen Angestellten gehört nämlich der Soldat, sofern er nur ein klein wenig Anlehnungsbedürfnis zeigt und sich einfügt, zur Familie. Er ist dann ,, unser Soldat". So sehr nun der einzelne Soldat mit dieser Lösung zufrieden ist, so wenig behagt dieser Ausdruck der Volksgemeinschaft, wo er einmal ehrlich auftritt, den amtlichen Stellen; es ist für sie geradezu ein ernstes Problem. Sie glauben nämlich nicht, dass beim allabendlichen Beisammensein, wo sich Quartier wirt und Soldat gegenseitig ihr Herz ausschütten, die nationalsozialistische Weltanschauung gepflegt und der Widerstandswille gestärkt werden. Neben taktischen Erwägungen ist es gerade diese Ueberlegung, die zum häufigen Standortswechsel der Truppen innerhalb der Etappe führt. Oftmals sehen sich nämlich die Abteilungen nach mehrtägigem Hin und Her nur wenige Kilometer vom letzten Quartier entfernt wieder. Auch wir bekamen Einquartierung und es ging mit unserem Soldaten so zu: Er stellte sich mit schneidigem Hackenzusammenkloppen und ,, Heil Hitler" vor. Wir erwiderten mit,.Guten Tag" und herzlichem Willkommen. Das„ Heil Hitler" hatte sich uns gegenüber schon am zweiten Tag verloren und wurde nur noch kurze Zeit unseren Besuchern gegenüber angewendet, bis er auch da heraus hatte, dass man im häuslichen Kreise diesen Gruss nicht gebrauchte. Wir hatten unserem Soldaten das Erfühlen unserer weltanschaulichen Einstellung nicht schwer gemacht. Meist geht es hier wie überall zu, wenn Deutsche mit A 10 einander in Berühung kommen: zunächst vorsichtiges Abtasten unter Beschränkung auf private und geschäftliche Dinge. Dann, wenn man glaubt, anständiger Gesinnung zu begegnen, zaghaftes Ueberwechseln auf das politische Gebiet: ,, Der Führer hat Grosses geleistet und der Nationalsozialismus hat vieles erreicht, das muss man schon sagen" usw. Während man so die grosse Linie scheinbar oder wirklich anerkennt, gelangt man bald zu den kleinen Dingen des Lebens und gerät auf die vielen Nöte und Sorgen, die den einzelnen bedrücken und ihn so gefangen nehmen, dass für grosse Dinge wirklich kein Raum bleibt. Bald ist, mehr oder weniger verhüllt, die schönste Mekkerei im Gange. Genügend Stoff ist dazu ja vorhanden, wenn der Quartier wirt von den Ungerechtigkeiten erzählt, die einem auf Schritt und Tritt auf der Arbeitsstelle begegnen, und der Soldat von den Schikanen des Dienstes berichtet. Allgemein lässt sich die zermürbende Wirkung des Etappenlebens feststellen. Viele äussern sich dahin, dass das Frontleben gewiss kein erstrebenswerter Zustand sei, aber in der Notwendigkeit des Angriffs und der Verteidigung nicht des militärischen Sinnes entbehre. Stattdessen werde man in der Etappe von unzulänglichen Vorgesetzten mit den albernsten Dingen beschäftigt. Der jüngere Soldat nimmt den Rummel oft noch ernst, ihm winken Beförderung und spätere zivile Versorgung. Der Soldat reiferen Alters, der entweder zu den Jahresklassen gehört, die nicht aktiv gedient haben oder ehemaliviel. denkt für einen Soldaten zu ger Frontkämpfer war, Draussen würden die Situationen überlegungslose Ausführung aller Befehle erheischen, aber in der Etappe legt dieser Soldat an alle Anordnungen einen kritischen Masstab an. Es handelt sich doch meist um Menschen, die im Berufsleben gefestigt sind und eigene Familie haben, die nun genötigt sind, sich dem Kommando anderer zu unterwerfen, die diese Leistungen erst noch unter Beweis stellen müssen. Wer einen zivilen Beruf ausübt, betrachtet den militärischen nicht als vollwertig, weil man das ja nebenher kann. Das empfindet auch der Berufssoldat und wenn er so unklug ist, das auszusprechen, wird es ihm gerne bestätigt. Hinzu kommt noch das schlechte Beispiel des ehemaligen Frontsoldaten, der draussen wegen seiner Kaltblütigkeit von den Vorgesetzten ebenso geschätzt, wie er in der Etappe wegen seines souveränen Verhaltens verwünscht wird. Den Kerlen ist nämlich nicht beizukommen. Am liebsten würde man sie alle auswechseln, z. T. hat man es auch schon getan. Was die Stimmung in der Etappe besonders beeindruckt, ist der Umstand, dass sie diesmal nicht Feindesland, sondern eigenes Reichsgebiet ist. Und zwar zum Teil dichtbevölkerte Industriezentren. Da laufen sie nun alle herum, die Reklamierten, oft viel jünger als die Eingezogenen. Sie gehen scheinbar noch unbekümmert ihrer Arbeit, ihren Geschäften nach und erfreuen sich familiären Glücks. Das eigene Geschäft aber A 11 verkommt, weil für die Frau die Arbeitslast zu gross ist, weil Geschäftsführung namentlich die in der heutigen Zeit zu schwierig ist. Oder im Betrieb, in der Werkstatt rückt ein anderer auf, so dass die Anstrengung vieler Jahre illusorisch ist. Dann laufen da auch noch die vielen unabkömmlichen uniformierten Amtswalter der Partei und ihrer Gliederungen herum, alte und neue Kämpfer, deren Platz eigentlich da vorne sein müsste. Mancher Sammler hat sich schon von Soldaten die ironische Frage gefallen lassen, ob er diese Tätigkeit unter heroischer Opferung seiner persönlichen Wünsche bis zur Beendigung des Krieges fortzusetzen bereit ist. Jedoch die Partei greift immer rechtzeitig ein. So wurde eines Tages im Armeebefehl das Meckern über die in der Heimat befindlichen ,, alten Kämpfer" untersagt. Sie ständen dort, wo der Führer sie hingestellt habe und eines Tages würden auch sie zum Einsatz gelangen, zu dem sie alle bereit seien, wie es das Beispiel der Leibstandarte und der Totenkopfverbände bewiesen habe. Nun bedauert man all die vielen, die trotz freiwilliger Meldung absolut nicht genommen werden. Das Problem der Etappe ist recht schwierig und man versucht der üblen Auswirkung auf alle Art und Weise zu steuern. Am wichtigsten ist das Essen. Es ist objektiv betrachtet ausreichend. An Brot gibt es soviel, dass für die Quartiergeber reichlich abfällt, so mancher Bäcker über verminderten Brotabsatz klagt. Trotzdem haben im Anfange die Soldaten viel gekauft, einmal, weil man den Hunger auf besondere Dinge stillen wollte und zum anderen, weil man durch den Einkauf begehrter Artikel seinen Quartierleuten einen Gefallen erwies. Dem wurde durch ein Verbot entgegengewirkt, weil diese Käufe in Städten mit grosser Einquartierung die Ernährungslage der Bevölkerung gefährden. Neben dem Bemühen, die Stimmung durch ausreichendes Essen zu heben, versucht man auch geistige Anregungen zu bieten. Es werden Besichtigungen von Tiergärten, von Werken der Schwer- und Verarbeitungsindustrie, Zechen- und Hafenbesichtigungen vorgenommen. Zu bunten Abenden und Vorträgen gibt es Freikarten. Das wird alles gut und schön empfunden, aber nur von wenigen mit wirklichem Nutzen wahrgenommen. Lieber geht man schon ins Kino. Am ausgiebigsten wird aber dem Wirtschaftsbesuch gehuldigt. Es wird nicht nur getrunken, es wird gesoffen. Wenn es angeht, fängt es morgens oder mittags schon an, und damit es abends nicht zu früh aufzuhören braucht, besorgt man sich vorsorglich einen Urlaubsschein. In der Etappe liegen Truppen, die aus Polen kommend, Ausspannung finden sollen und solche die noch nicht zum Einsatz gekommen sind, aber baldige Verwendung an der Westfront erwarten. Leuten von der Westfront bin ich nur vereinzelt begegnet, wenn es sich um auf Urlaub befindliche Arbeits A 12 kameraden handelte. Da war denn natürlich ein Anknüpfungspunkt eher gegeben. Es waren jüngere Kameraden, die aber die Nase schon dick voll hatten. Der Aufenthalt im Bunker mache sich in der Wochenschau auch schöner als in der Wirklichkeit, zumal wenn tagelang darauf herumgeballert würde. Ein 24-Jähriger schrieb mir aus dem Vorfeld: „Hoffentlich waren das die letzten Weihnachten draussen. Weihnachten kann doch nur zu Hause gefeiert werden, dafür gibt es keinen Ersatz. Es ist zum Tollwerden. Und dann noch gegen England?" So wie ich den Kameraden kenne, drückt sich hier die Frage nach dem Warum des Krieges aus. Man gewinnt den Eindruck, als ob die verhältnismässige Stille an der Front ein Moment der grössten Beunruhigung und stärkster psychologischer Belastung ist. Weil noch eine ungeheuere Steigerung bis zum Grässlichsten und Furchtbarsten möglich ist, steht alles in dumpfer Erwartung. Ein Freund und ich hatten über diese Dinge mit einem aus dem Vorfeld gesprochen. Wir waren uns darüber einig, dass der Engländer und Franzose wegen ihres längeren Atems gar keine Ursache hätten, gegen den Westwall anzurennen. Wenn nun eine Vergewaltigung der Neutralen nicht möglich oder angängig sei, was dann? Da sagte mein Freund:„Dann werden die keine Bedenken haben, Euch und später auch uns gegen die Maginotlinie zu treiben, mag es auch Millionen Leben kosten, wenn sie nur als Helden in die Geschichte eingehen!" Der aus dem Vorfeld stimmte zu, es schauderte ihn und er schloss für einen Moment die Augen. Wir schwiegen, bis wir durch das Hinzukommen eines zweifelhaften Patrons gestört wurden und es ratsam war, das Thema zu verlassen. 4) Die ausländischen Sendungen Ueber das Abhören der ausländischen Sendungen in deutscher Sprache haben wir zuletzt in Heft 2/1940 Seite A 27 ff. berichtet. Seitdem hat sich die Situation nicht verändert. Trotz der drakonischen Bestrafungen gelingt es dem Regime nicht, das Abhören zu unterbinden. Unterbunden werden kann allein die Erörterung der abgehörten Nachrichten in der Oeffentlichkeit. In den letzten Wochen sind weitere Verurteilungen wegen Abhörens ausländischer Sender und Weiterverbreitung des Gehörten bekannt geworden. 16 Personen sind zu 391/2 Jahren Zuchthaus und 13 von ihnen ausserdem A 13 zu 51 Jahren Ehryerlust verurteilt worden. Die höchste verhängte Strafe beträgt 5 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Alle Urteile sind von Sondergerichten ergangen. Die Urteile werden zum Zwecke der Abschreckung in den Zeitungen veröffentlicht. Einer dieser Veröffentlichungen hat das Deutsche. Nachrichten- Büro( DNB) folgende Einleitung vorangestellt: ,, Die deutschen Sondergerichte mussten sich wieder mit Volksschädlingen befassen, die noch nicht begreifen wollen, dass das Abhören ausländischer Rundfunksender im jetzigen Lebenskampf unseres Volkes nicht ein„ Kavaliersvergehen", sondern ein Verbrechen ist, das als moralische Selbstverstümmelung die gleiche harte Strafe verdient, wie sie für den Soldaten selbstverständlich ist, der sich durch körperliche Selbstverstümmelung untauglich zum Krieg macht." Eine weitere Massnahme zur Verhinderung des Abhörens ausländischer Sendungen ist die Beschränkung der Neuherstellung von Radioapparaten auf den Deutschen Klein- Empfänger( DKE). Alle verfügbaren Materialien sollen in erster Linie der Herstellung dieser Kleinempfänger dienen. Aus diesem Grunde findet in diesem Jahr auch keine Rundfunkausstellung statt. Ueber das Abhören der ausländischen Sendungen und ihre Beurteilung durch die Hörer entnehmen wir unseren Berichten: Berlin, 1. Bericht: Die ausländischen Sender, besonders die englischen, werden mehr und mehr gehört. Nur spricht kaum noch jemand darüber. Das ist auch gar nicht mehr nötig. Ich kann aber mit absoluter Ueberzeugung sagen, dass die Sender von sehr vielen Menschen gehört werden. Nur darf man sich nicht über die Wirkung täuschen. Die meisten Menschen in bilDeutschland und das ist wohl in der ganzen Welt so den sich eine Meinung, eine wirkliche Meinung erst im Gespräch oder nach einem Gespräch mit anderen. Das will heissen, sie sind an sich nicht ganz urteilsfähig, wenn sie nicht ihre eigene Meinung von anderen bestätigt bekommen haben. Mindestens sind sie unsicher. Für Deutschland kommt hinzu, dass es wirklich sehr schwer ist, sich genau zu unterrichten; A 14 die meisten können es ja überhaupt nicht, und dass die deutsche amtliche Propaganda ungeheuer wirkungsvoll auch auf diejenigen ist, die sich ihr am liebsten entziehen möchten. Darum wird die ausländische Radiopropaganda vorläufig nur die Wirkung haben, die Deutschen unsicher zu machen. Wenigstens einen Teil von ihnen. Erst wenn grosse kriegerische Ereignisse oder gar kriegerische Entscheidungen fallen, wird, die Wirkung des Radios grösser werden. Es gibt natürlich überall Aufpasser, die nur auf eine Gelegenheit zur Denunziation lauern, und ich bin sogar der Meinung, dass jeder Dritte schon der Bespitzelung verdächtigt werden kann. Trotzdem wird man es, je länger umso weniger, verhindern können, dass weiter gehört wird. Die französischen Sender werden verhältnismässig wenig wenigstens in Berlin gehört. Die Sendungen sind auch nicht so gut wie die englischen. Mehrere französische Sprecher sprechen zu schnell und zu undeutlich, einer verschluckt oft die Worte. Das stört und hindert sehr beim Abhören. England ist gut, sowohl technisch wie inhaltlich. Natürlich gibt es auch da andere Meinungen. Im allgemeinen aber ist man zufrieden. 2. Bericht: Das Interesse an den Auslandsmeldungen überwiegt nach wie vor das an den deutschen Zeitungen oder Radiomeldungen. Es hat sich eine Kunst herausgebildet, unbeobachtet und ungefährdet zu hören, wobei in vielen Familien sogar Frau und Kinder nichts wissen dürfen. Manche Leute haben sogar ihre ständigen Dienstboten abgeschafft und behelfen sich mit Monatsfrauen, weil bei dem Dienstmädchen immer die Gefahr besteht, dass es bei einer Kritik oder einem Zerwürfnis der Familie schaden kann. Manche liessen sich nach den gemachten Erfahrungen sogar direkt als Spitzel benutzen. Für meine Familie steht ein schöner, moderner Radioapparat im Wohnzimmer. Während er dort mit voller Klangstärke die Militärmärsche oder die Frontberichte wiedergibt, begebe ich mich in ein anderes Zimmer, wo in...' der Apparat für die Auslandsmeldungen montiert ist, die per Kopfhörer, bei verschlossener Tür, abgehört werden. Die Putzfrau hat in dieses Zimmer keinen Zutritt. Manche Familien haben noch kompliziertere Systeme ausgebaut. Not macht erfinderisch und Verbote reizen zur Uebertretung. Die ausländischen Sendungen werden nach wie vor abgehört. Genauere Feststellungen darüber sind natürlich nicht möglich. Diejenigen, die Hitler 1933 nicht gewählt haben, werden vermutlich auch heute noch ausländische Sendungen abhören. Aber sie hüten sich, ein Wort darüber verlauten zu lassen. Jeder sorgt auch dafür, dass die Kinder vorher ins Bett kommen, ehe man den Radioapparat anstellt. A 15 Süddeutschland: Manchmal sind es gerade vollkommen unpolitische Leute, die ausländische Rundfunksendungen abhören, während die politisch bekannteren es kaum noch wagen. Wieweit ausländische Sendungen abgehört werden, ist allerdings mit einiger Genauigkeit kaum festzustellen, da Jedermann sich bemünt, nichts zu äussern, was auch nur den Verdacht aufkommen lassen könnte, dass seine Aeusserungen von den ausländischen Sendungen inspiriert sein könnten. Irgendwelche Diskussionen über die Auslandssendungen gibt es nicht. Das Misstrauen geht im allgemeinen soweit, dass entweder nur der Mann oder die Frau, jeder für sich, die Sendungen hört. oder, wenn sie schon gemeinsam hören, zumindestens darauf achten, dass die grösseren Kinder nichts davon merken Es ist auch vorgekommen, dass grössere Kinder dagegen protestierten, zeitig ins Bett geschickt zu werden, da sie genau wüssten, dass die Eltern nur Rundfunk abhören wollten. Im Südwestdeutschland, n.> 1. Bericht( Aus einem Reisebericht): Verlaufe der Unterhaltung mit meinem Geschäftsfreund stellte sich zu meiner Ueberraschung heraus, dass dieser regelmässig ausländische Rundfunksendungen abhörte und über Einzelheiten der gegnerischen Argumente und über die Kriegslage ausgezeichnet informiert war, nur war eben die Gesinnungsentscheidung für die„ gerechte Sache Deutschlands" in ihm viel stärker als jeder von aussen her kommende Appell an Nachdenken und Vernunft. Als ich ihn in halb scherzendem Tone auf die hohen Strafen hinwies, die für das Abhören ausländischer Sendungen verhängt würden, gab er mir die charakteristische Antwort: ,, Das ist auch richtig so. Nur innerlich ganz gefestigte Menschen sind imstande, die Beweisführung der anderen anzuhören, ohne davon beeinflusst zu werden. Wohin würden wir kommen, wenn schwache Elemente die Nachrichten und die Propaganda unserer Feinde weitertragen könnten?" 2. Bericht: Im Neckargebiet werden die ausländischen Sendungen ziemlich viel abgehört. Strassburg und Beromünster können auch mit Volksempfängern gehört werden. Besonders beliebt ist der österreichische Sprecher im französischen Rundfunk, weil er in urwüchsiger Form spricht und dabei auch eine stark kirchliche Tendenz einhält. Besonders der an den Sonntagen sprechende Pfarrer wird gern gehört. Rheinland- Westfalen: Fremde Sender werden noch wie vorher gehört, natürlich unter immer grösserer Vorsicht. Wer dünne Wände im Hause hat und nicht gerade einen Kopfhörer besitzt, darf es allerdings nicht wagen. Zur Sicherheit schliesst man noch die Wohnung ab. Es könnte ein Nachbar oder plötzlicher Besuch oder gar eine Kontrolle kommen. Eine andere Möglichkeit aufzufallen wurde eifrig in fachlich geschulten A 16 Kreisen erörtert: ob es den Nazis nicht durch Anwendung technischer Mittel gelingen könnte, das Abhören fremder Sender festzustellen. Vor der Gefahr, sich selbst zu verraten, kann man sich ja selbst schützen. So weiss nur der erprobte Freund vom anderen,„was gestern Abend" durchgegeben wurde. Wem nun das Vertrauen vieler gilt, der weiss es dann auch von vielen. Und die anderen verraten sich dem Kenner durch bruchstückweises Ausplaudern oder durch ein wissendes Lächeln, wenn man geschickt im Gespräch gewisse Themen streift. Bei grossen deutschen Siegesmeldungen ist das Bedürfnis nach dem Abhören fremder Sender besonders gross; man ruht nicht eher als bis man sie alle durch hat. Ein Beweis dafür, wie kritisch man den deutschen Meldungen begegnet. Aus allem, was man hört, bemüht man sich dann, das Wahrscheinliche herauszufinden. Den ersten Platz nehmen die englischen Nachrichten ein. Man gesteht den Engländern die Führung im Kampf zu. Auch hält man ihre Sendungen für einigermassen objektiv. Wer ständiges Anlügen gewohnt ist, dem imponiert es eben, wenn jemand auch seine Misserfolge und Verluste zugibt. Schlesien: Die Hausbesitzer werden jetzt dafür verantwortlich gemacht, dass die Mieter keine ausländischen Sendungen im Radio hören. Danzig: Die Zahl der Hörer der ausländischen Rundfunkstationen hat seit Kriegsausbruch sicherlich nachgelassen. Der Grund dafür ist die Furcht vor dem Entdecktwerden, die auf manchem Menschen, der früher regelmässig London oder Paris hörte, furchtbar lastet. Es hören jetzt in der Hauptsache wohl die ohnehin entschlossen oppositionell Eingestellten, um Informationen zu erlangen. Ich bin aber überzeugt, dass das im Laufe der Zeit sehr bald anders wird. Die Furcht wird schwinden und grösser als die Furcht wird die Ungewissheit über das Schicksal Deutschlands werden. Deshalb wird man. sobald die Wogen der Ereignisse höher gehen, auch wieder allgemein die englischen und französischen Sender hören.. II. AUS DER WIRTSCHAFT 1) Die Rohstoffversorgung Das Fehlen von Rohstoffen stört, wie die folgenden Berichte aus dem Reich erweisen, die industrielle Produktion, erzwingt Betriebseinschränkungen, zuweilen sogar die Ausführung kriegswichtiger Vorhaben. A 17 Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Die hiesige Feinindustrie ist überbeschäftigt. Sie produziert, wie auch im vorigen Kriege, hauptsächlich Militäreffekten und Zünder. Der Prozentsatz der in der Industrie beschäftigten Frauen ist so hoch wie 1918. Trotz der Ueberbeschäftigung werden auch Feierschichten eingelegt. Z. B. haben die hiesigen Metallwerke vor einiger Zeit wiederholt einzelne Betriebszweige feiern lassen müssen, weil Messing fehlte. Dasselbe gilt von benachbarten Orten, die zur Kleineisenindustrie zählen und ebenfalls für das Heer arbeiten. 2. Bericht: Der Materialmangel macht sich im Bergbau des Wurmgebiets immer mehr bemerkbar. Im Januar und Februar mussten Vorrichtungsarbeiten auf den Annaschächten wegen Eisenmangels unterbleiben. Die Arbeiter, die an diesen Vorrichtungsarbeiten beschäftigt waren, wurden in die Schüttelstösse geschickt. 3. Bericht: Holzschuhe und Holzsohlen sind wieder im Gebrauch, besonders bei Kindern. Es gibt bezugscheinfreie Damenschuhe für das Frühjahr. Daran ist kein Stück Leder. Der Schuh besteht fast ganz aus Ersatzstoffen, feinem Flechtwerk das Paar und einer imprägnierten Sohle aus Papiermaché, kostet 4,50 Mark. Sie sehen gut aus; für Wasserfestigkeit garantiert der Verkäufer mit dem ironischen Hinweis: Gummischuhe überziehen. Auf die Frage, ob er Gummischuhe verkaufen könne, antwortet er: Ich nicht, vielleicht können Sie die woanders kriegen. Sandalen mit Holzsohle werden bald grosse Mode werden, sobald es wärmer wird. Es gibt welche für das Land ,, ohne" und für die Stadt ,, mit" Schalldämpfer. Die Holzsohle hat ein Gelenk und der Absatz eine Scheibe Kunstleder. Dem Volke aber wird dabei immer eingehämmert, dass alles in Hülle und Fülle vorhanden sei, und dass es sich nur um Sparmassnahmen und um Vorsorgemassnahmen handele. Glauben tut das niemand, wenn man es auch nicht öffentlich sagt. 4. Bericht: In Hagen in Westfalen hatte eine Wäscherei ihren Betrieb eingestellt und an die Kunden eine Mitteilung geschickt, dass die jetzt zur Verfügung stehenden Seifen so viele chemische Zusätze enthalten, dass sie die Wäsche zerstören. Die Firma könne daher das Risiko nicht mehr übernehmen. Die Firma wurde gezwungen, in einer neuen Mitteilung diese Ansicht zu widerrufen. Darüber machen nun natürlich alle Hausfrauen ihre Witze und die Wirkung der ersten Mitteilung der Firma ist durch den erzwungenen Widerruf nur verstärkt worden. Südwestdeutschland: In Tübingen und Umgebung gibt es eine Reihe von Fabriken, in denen ärztliche Instrumente her A 18 gestellt werden. Bis zum Kriegsausbruch und auch noch in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn war die Konjunktur für diese Betriebe gut. Seit Mitte Januar wirkt sich der Mangel an Rohstoffen immer schärfer aus. Im Oktober mussten alle Lagerbestände geräumt werden, da Material für die vielen Hilfslazarette gebraucht wurde. Neue Rohmaterialien waren für Nowaren sie aber vember angekündigt worden. Im Februar immer noch nicht eingetroffen. Vor allem Fabriken in Siegen und Arnsberg sind zur Zeit durch diesen Rohmaterialmangel betroffen. Bayern, 1. Bericht: In unserer Gegend waren verschiedene Fabrikbauten für Rüstungszwecke angekündigt worden, mussten aber wieder abgesagt werden. So sollte in Erding ein Zweigwerk von Dornier errichtet werden, in Haunstetten ein Werk für die Luftfahrtgerätefabrik Uher- Berlin, in Kaufbeuren, wo Teile der dortigen Weberei für Henschel- Kassel arbeiten sollten, und in Göggingen, wo die Zwirnerei für die Dornierwerke arbeiten sollte. Alle diese Vorhaben sind wieder abgesagt worden. 2. Bericht: In den Augsburger Spinnereibetrieben ist seit Mitte Januar Kurzarbeit eingeführt. Man erwartet zwar grössere Zellwolleaufträge für die Balkanländer, bis jetzt sind sie aber noch nicht eingetroffen. Auch die Kleiderfabriken weisen seit Januar einen Beschäftigungsrückgang auf. Es fehlt an Stoffen für die Uniformfabrikation. 3. Bericht: Seit Mitte Februar müssen die Wohnungsinhaber die Stoffe, mit denen sie die Fenster verdunkeln, wieder abliefern, da sie für Wehrmachtsquartiere und Hilfslazarette gebraucht werden. Statt dessen erhalten sie kostenlos dunkles Papier. Derartige Massnahmen rufen doch eine gewisse Beunruhigung über die Versorgungslage Deutschlands hervor. Man fragt sich, wo denn die so oft gepriesenen Vorräte sind, wenn jetzt schon solche Reserven herangezogen werden müssen. Auch die Kontrolleure, die selbstverständlich in ihren Aeusserungen sehr vorsichtig sind, lassen manchmal durchblicken, dass sie sich ihre Gedanken machen. Sie erklären aber, dass es sich sicherlich nur um eine vorübergehende Knappheit handle, weil die Gegend besonders stark mit Truppen belegt ist. Mitteldeutschland, 1. Bericht: In Erfurt wurde ein Zweigwerk der Telefunkengesellschaft errichtet, das 800 weibliche und 300 männliche Arbeiter beschäftigen sollte. Es konnte aber bisher nicht voll in Betrieb gesetzt werden, teils weil es an Rohstoffen fehlt, teils weil die erwarteten Balkan- und Russenaufträge noch nicht eingetroffen sind. In Erfurt gab es am A 19 1. Februar wieder 1.436 weibliche und 712 männliche Arbeitslose. Die Ziffer ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die zum Göring- Konzern gehörenden Flugzeugreparaturwerke in letzter Zeit 1.100 Leute neu eingestellt haben. 2. Bericht: In den Reparaturwerkstätten der Reichsbahn in Gotha war der Mangel an Ersatzteilen im Februar derart gross, dass Güterwagen, die im übrigen wieder vollkommen betriebsfertig waren, nicht ausgefahren werden konnten, weil Luftdruckbremsen oder Räder für die Wagen fehlten. In Neudietendorf wurden extra 160 Arbeiter eingestellt, die nur fehlende Ersatzteile für die Reichsbahnwerkstätten herzustellen haben. Berlin, 1. Bericht: Die Erzeugung von Büromaschinen ist wegen Rohstoffmangels seit Jahresbeginn auf ein Viertel gedrosselt, was für einen Teil der Betriebe praktisch Stillegung bedeutet. Diese Produktionsdrosselung kommt den Betrieben völlig überraschend, weil noch im Dezember mit Exportmöglickkeiten geprahlt worden war. 2. Bericht: Unter den Fabriken der Metallbranche, die früher im wesentlichen für den Export gearbeitet haben und nun in der Hauptsache auf Heeresaufträge für ihre Drehereien und Fräsereien angewiesen sind, ist eine heftige Konkurrenz um die Zuweisung von Rohmaterial entstanden. Die Rohstoffe reichen offenbar nicht aus, um alle Fabriken genügend zu versorgen, so dass erwartet wird, dass ein Teil der Fabriken stillgelegt wird. Der Betrieb, der schlecht mit Rohstoffen versorgt ist und deswegen eventuell erreichbare Heeresaufträge zurückweisen muss, ist natürlich eher von der Stillegung bedroht, als ein Betrieb, dem es gelungen ist, sich rechtzeitig mit genügend Aufträgen und Rohstoffzuteilungen zu sichern. Schlesien, 1. Bericht: Die Schweidnitzer Papiergeschäfte mussten bis zum 1. März eine Bestandsaufnahme machen und alle Papierwaren abliefern, die sogenannte unverkäufliche Ladenhüter sind. Warenmengen bis zum Wert von 10 Mark werden nicht bezahlt. Darüber hinaus wird mit Steuergutscheinen bezahlt. Die Preisberechnung richtet sich nach den Angaben bei der vorjährigen Steuereinschätzung. Ein Geschäftsmann, der daraufhin sagte, dass er dann lieber die Sachen als Zugabe verschenke, wurde öffentlich gerügt. Wenn er die Bestände schon verschenken wolle, müsse er sie der NSV geben. 2. Bericht: Im Kohlenrevier Neurode musste seit einigen weil verschiedene Wochen Kurzarbeit eingeführt werden, Schächte neu abgesteift werden müssen. Das ist eine Folge der völligen Vernachlässigung in den letzten Jahren. In die Lehranlagen der Schächte werden jetzt bereits 15- jährige aufge A 20 nommen ,,, weil man der Jugend frühzeitig die Achtung vor dem Bergmannsberuf einprägen will". Sachsen: Die Gerbereibetriebe in Warnsdorf und Neugersdorf hatten Mitte Januar Arbeitsstockungen, weil die aus RussHäuten nicht eingetroffen land erwarteten Sendungen von sind. Diese Lieferungen waren schon für Mitte Dezember angekündigt. Jetzt wurde mitgeteilt, dass sie erst im März eintreffen würden. Ebenso fehlen die Lieferungen aus Finnland, von wo in den letzten beiden Jahren monatlich drei Lieferungen eingetroffen waren. Auch aus der Freiberger Lederindustrie wird das Fehlen von Häuten bekannt. Die Firma Stecher A.G., die mit den Lausitzer Werken eng zusammenarbeitet und etwa 2.700 Mann beschäftigt, musste seit dem 18. Januar wegen Mangels an Häuten 1.900 Mann vorläufig entlassen. Hamburg: Der Mangel an Asbest scheint schon sehr gross zu sein. Eine Hamburger Fabrik, die Asbest- und Gummiwaren erzeugt und vor dem Kriege mit einer Belegschaft von 720 Mann arbeitete, muss ihr Personal am 1. März auf 180 reduzieren. Diese Massnahme ist vorläufig auf vier Wochen angeordnet und wird ausdrücklich mit Rohstoffmangel begründet. Die gefährlichste Lücke der deutschen Kriegsrüstung ist das Fehlen von Treibstoffen. Nur amtlich zugelassene Kraftwagen, die mit einem roten Winkel versehen sind, dürfen benutzt werden, und auch ihnen sind nur die dringlichsten Fahrten erlaubt.( Siehe Heft 1/1940, Seite A 55.) Reparaturen an Reifen dürfen nur gegen Vorweisung einer Reifenkarte ausgeführt werden. Neue Reifen bekommt nur die Wehrmacht. Wer sonst einen Reifen braucht, muss einen Antrag stellen, und bekommt, selbst wenn er bewilligt ist, nur einen gebrauchten Reifen. Ueber solche gebrauchten Reifen verfügen die amtlichen Verteilungsstellen, seitdem jeder Autobesitzer verpflichtet ist, unbenutzte Reifen, abgesehen von Reservereifen, abzuliefern. Dadurch wird das Autofahren noch weiter eingeschränkt und nicht nur Kautschuk und Buna, sondern indirekt auch Treibstoff erspart. Für die strenge Durchführung der amtlichen Vorschriften zur Kraftstoffersparnis sind die beiden folgenden Berichte kennzeichnend: Schlesien: Den Besitzern von Zugmotoren, sogenannten Bulldoggen wird seit Anfang Februar Oel nur noch für kriegswichtige Fahrten zugeteilt. Den Landwirten werden polnische Gefangene als Ersatz für die Zugmaschinen angeboten. Provinz Brandenburg: Die Kontrolle der Autofahrer ist ausaus Guben, der fahrbeserordentlich scharf. Ein Fleischer A 21 rechtigt war und einen roten Winkel für sein Auto bekommen hatte, brachte seine Frau, die bei erkrankten Verwandten gewesen war und den Nachtzug versäumt hatte, mit dem Auto nach Hause. Es handelte sich um eine Strecke von 12 km. Er wurde angezeigt. Es wurde öffentlich bekannt gemacht, dass er am 24. Dezember Mittag von 12 bis 13 Uhr dafür öffentlich gestraft würde. Seine Strafe bestand darin, dass er zum Gelächter der Jugend und der Neugierigen zusammen mit seiner Frau einen Mistkarren durch die Stadt fahren musste. Ein anderer Fall, wo ein Arzt aus Gefälligkeit einen Bekannten nur eine ganz kurze Strecke gefahren hatte, wurde in der Weise bestraft, dass der Arzt und sein Bekannter, ein Radiohändler, am 16. und 17. Dezember zum Sammeltag einen kleinen Tafelwagen, wie ihn Obsthändler verwenden, mit Pimpfen beladen, herumfahren mussten. Unser Berichterstatter schreibt dazu: Man soll sich keine Illusionen darüber machen, dass es möglich wäre, eine Jugend, der derartige Vergnügungen geboten werden, vom Hitlerregime abspenstig machen zu können. Die kritischen Leute in Guben weisen darauf hin, dass man zwar mit den kleinen Sündern scharf ins Gericht geht, aber niemand das Autofahren der Nazibonzen kontrolliert. Allein in der kleinen Stadt Guben gibt es 38,, Bonzenautos". die in Die bisherigen Sammlungen von Altmaterial, Deutschland schon seit Jahren planmässig betrieben worden sind, werden in diesen Wochen durch eine allgemeine Metallsammlung ergänzt. Göring hat am 14. März zu einer„ Metallspende des deutschen Volkes als Geburtstagsgeschenk für den Führer" aufgerufen. In einer umfangreichen Sammelaktion sollen..der Reichsverteidigung alle entbehrlichen Gegenstände an Kupfer, Bronze, Messing, Zinn, Blei und Nickel in nationalsozialistischer Opferbereitschaft zur Verfügung" gestellt werden. Das heisst also, dass es sich bei dieser Aktion nicht um eine Sammlung von Altmaterialien handelt, sondern von Gebrauchsgegenständen, die entweder entbehrlich sind oder durch Gegenstände aus anderen Materialien ersetzt werden können. So werden z. B. Haushaltsgegenstände, Türschilder, Geländer, Ess- und Trinkgeräte usw. aus Metall erfasst. Die Sammlung wird auch in den Betrieben und bei den Behörden durchgeführt. Sie ist natürlich ,, freiwillig". In einem Interview sagte Göring darüber: ,, Im übrigen wird die Partei darüber wachen, dass keinerlei Druck von allzu Eifrigen ausgeübt wird. Wer spendet, erhält eine Dankesurkunde, die ich persönlich unterzeichnet habe. A 22 Die Inhaber der Urkunde werden nach dem Kriege bei dem Wiedererwerb der abgelieferten Gegenstände bevorzugt behandelt." Am 29. März wurde jedoch durch den deutschen Rundfunk folgende amtliche Bekanntmachung verbreitet: Der Ministerrat für die Reichsverteidigung hat zum Schutze der Metallsammlung des deutschen Volkes folgende Verordnung mit Gesetzeskraft erlassen: ,, Die Metallsammlung ist ein Opfer des deutschen Volkes für das Durchhalten in dem ihm aufgezwungenen Lebenskampfe. Wer sich an gesammelten oder vom Verfügungsberechtigten zur Verfügung gestellten Metallen bereichert, oder solche Metalle der Sammlung entzieht, wird als Volksverräter mit dem Tode bestraft. Diese Verordnung gilt auch für die eingegliederten Ostgebiete." Die Verordnung trägt die Unterschriften von Generalfeldmarschall Göring und dem Chef der Reichskanzlei Reichsminister Dr. Lammers. Gleichzeitig wurde die Frist zur Ablieferung der Metalle, die am 6. April ablaufen sollte, bis zum 20. April verlängert. Dieser Verordnung ist Anfang März bereits eine andere vorangegangen, wonach die Vernichtung, Beiseiteschaffung und Zurückhaltung von Rohstoffen und Erzeugnissen, die zum lebenswichtigen Bedarf gehören, mit Gefängnis, Zuchthaus, in besonders schweren Fällen mit dem Tode bestraft wird. Mit Bezug auf diese Verordnung hat der Reichsverkehrsminister einen Erlass ausgegeben, wonach jeder Strafverfolgung zu gewärtigen hat, der die Lebensdauer von Fahrzeugen durch Ueberlastung oder sonstige unsachgemässe Behandlung verkürzt. Ueber diese Sammelaktion wird uns berichtet: Rheinland- Westfalen: Gegenwärtig wird, infolge der Anordnung Goerings, Jagd auf alle Metallgegenstände gemacht. Die Sammelstellen kennen jeden Topf. In regelmässigen Abständen erfolgen Aufrufe zur freiwilligen Abgabe. Wer nicht freiwillig gibt, dem wird die nationale Gesinnung abgesprochen. Und wenn dann die HJ, die SA und oft auch die SS kommen, so gibt jeder alles, was er kann, nur um nicht aufzufallen. Freiwillig aber gibt niemand etwas her, auch derjenige nicht, der sich bei jeder Gelegenheit etwas auf seine nationale Gesinnung zugute tut. Hamburg: In allen Hamburger Büros, Lagerhäusern, Werkstätten und Fabriken findet zurzeit eine neue Kontrolle zur A 23 Feststellung überflüssiger Metallteile und Metallwaren statt. Alles, was nicht dringend gebraucht wird, muss abgeliefert werden. Ganz besonders haben es die Kontrolleure jetzt auf Stahlschränke abgesehen. ,, Sie sind ganz überflüssig und nehmen nur Platz weg", heisst es. Schlesien: Ab 3. März wird in sämtlichen Haushaltungen eine Sammlung alter Werkzeuge durchgeführt. Die Kinder bekamen eine Woche vorher in der Schule einen Zettel, auf dem aufgeführt ist, welche Werkzeuge der Vater nicht braucht oder welche abgegeben werden sollen, falls sie der Vater doppelt besitzt. neu organisiert. Auch die Altmaterialsammlung wird Mehr als bisher sollen die ehrenamtlichen Kräfte der Partei und vor allem die Schuljugend herangezogen werden. In den Schulen werden Schulvorsammelstellen, in jedem Hause eine Hausvorsammelstelle eingerichtet, die regelmässig von beHändlern entleert werden. rufsmässigen, konzessionierten Die Brauereien müssen zum Abtransport des Altmaterials ihre Fahrzeuge gegen Erstattung der Benzinkosten und Fahrerlöhne zur Verfügung stellen. 2) Zur Lage der Exportindustrie Die deutsche Exportindustrie macht seit Ausbruch des Krieges eine schwere Krise durch. Ein Teil der Unternehmungen muss auf Kriegsproduktion umgestellt werden, ein anderer bemüht sich verzweifelt, neue Ausfuhrmöglichkeiten nach Ländern zu erschliessen, zu denen der Zugang noch nicht durch die Blockade versperrt ist. Im Vordergrund dieser Bemühungen stehen naturgemäss die Versuche, den Warenaustausch mit Südosteuropa und der Sowjetunion zu intensivieren. Ueber die Lage der deutschen Exportindustrie vermitteln die nachstehenden Berichte einige Aufschlüsse: Bayern, 1. Bericht: Das Schuckertwerk in Nürnberg, das jetzt zum Siemenskonzern gehört, hatte bis zum Kriegsbeginn grössere Aufträge für die baltischen Staaten ausgeführt. Seit dem September ist jedoch in der Ausfuhr nach dem Baltikum ein völliger Stillstand eingetreten. Dagegen entwickelt sich die Ausfuhr nach Brasilien und Mexiko günstig. Die Lieferungen gehen über Italien. Die meisten der grossen, sehr stark auf den Export eingestellten Betriebe Nürnbergs klagen sehr über den Rückgang der Ausfuhr. Die Bleistiftfabrik Faber- Castell A. G. hat jetzt einige hohe Beamte, die früher einflussreiche Verbindungen in A 24 Uebersee hatten, aber schon seit langem pensioniert sind, auf Reisen nach Südamerika und den Vereinigten Staaten geschickt, um verlorengegangene Geschäftsverbindungen wieder anzuknüpfen. Dabei bedient man sich sogar schon wieder einiger jüdischer Exportagenten. Aehnliche Anstrengungen werden von dem Kartell der Spiegelglasfabriken gemacht, das am 1. Februar wegen der fehlenden Exportaufträge in den im alten Reichsgebiet gelegenen Betrieben die Dreitage- Woche einführen musste.. In den im Sudetengebiet gelegenen Betrieben wird noch fünf Tage gearbeitet, weil dort die Löhne niedriger sind. Das Spiegelglaskartell hofft vor allem auf italienische Hilfe beim Wiederaufbau des Exports. 1 Die Nürnberger optischen Werke Engelhardt sollen jetzt noch einige neue Aufträge aus den Vereinigten Staaten erhalten haben. Die Lieferungen sollen über Russland erfolgen. Die Lumophonwerke in Nürnberg haben die Produktion von Flammenwerfern aufgenommen. Es sollen angeblich grosse Lieferungen nach Russland gehen. Auch die Bayerische Metallwarenfabrik hat solche Aufträge erhalten. Ausserdem soll sie Scheinwerfer für Russland liefern. Die Russen nehmen die Waren im Werk selbst ab. Die Betriebsdirektion sieht das mit grossem Misstrauen, da sie befürchtet, dass die Russen bei der Gelegenheit die Betriebe reichlich genau studieren. Die Ardiewerke in Nürnberg arbeiten mit voller Kapazität von denen 600 für an der Produktion von Einmann- Tanks, Ungarn und 820 für Bulgarien bestimmt sein sollen. Angeblich handelt es sich um ein Modell der böhmischen Tatrawerke. 2. Bericht: Nürnberg hatte vor einiger Zeit den Besuch eines japanischen Grossindustriellen, der mit grosser Feierlichkeit empfangen wurde, da man sich von seinem Besuch die Eröffnung neuer Exportmöglichkeiten nach Japan versprach. Bisher hat der Besuch aber keine praktischen Ergebnisse gehabt. Das Hauptinteresse des Japaners galt der Kaffee- Ersatz- Industrie, die in drei Schichten arbeitet. Er gab seiner Bewunderung für das deutsche Volk Ausdruck, das sich so gut mit den Ersatzprodukten abfindet. Ausser für Kaffee- Ersatz hat noch für die Spiegelglaswerke insich der Industrielle nur teressiert, worüber die Nürnberger Spielglasfabrikanten aber wenig beglückt sind, da Japan ihnen auf den Weltmärkten grosse Konkurrenz macht und die Besichtigung keinesfalls den Zweck gehabt haben kann, japanische Aufträge an die deutschen Fabriken vorzubereiten. Mitteldeutschland, 1. Bericht: Alle grösseren Thüringer Firmen sind gezwungen worden, auf der Leipziger Messe auszustellen, weil es sich um eine wichtige wirtschaftliche Demonstration handele, mit der dem Ausland ein Beweis der unver A 25 minderten Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft geliefert werden müsse. 2. Bericht: In den Siebel- Flugzeugwerken in Halle sind seit Mitte Januar Aufträge für Russland zu erledigen. Es handelt sich um Uebungsmaschinen. Auffallend ist, dass bereits 108 Russen als Arbeiter und Ingenieure in dem Werk eintrafen, die vielleicht dort ausgebildet werden sollen. Vor dem Eintreffen der Russen sind 17 Arbeiter des Werkes in das Volkswagenwerk in Fallersleben versetzt worden, die früher in Russland gearbeitet haben und von dort ausgewiesen worden sind. Eine Abteilung des Werks ist schon seit drei Monaten mit dem Bau von Flakgeschützteilen und Scheinwerfern beschäftigt, weil für Flugzeuge die Materialien fehlen. Nun heisst es, dass man die Russenaufträge als das dringendste betrachte, weil nach baldiger und solider Lieferung auch die Russenlieferungen an Oel und hochwertigen Erzen eintreffen würden. 3. Bericht: Im Volkswagenwerk werden gegenwärtig Einmanntanks gebaut, die an Ungarn und Bulgarien verkauft werden. Das Werk arbeitet in drei Schichten mit einer Belegschaft von 2.700 Mann. 4. Bericht: Im Leuna- Werk wird ein grosser Arbeiter- Abtransport nach Hohensalza ins ehemals polnische Gebiet vorbereitet. Es heisst, dass 6.000 Arbeiter Leuna verlassen und in chemischen Fabriken im ehemals polnischen Gebiet arbeiten sollen. Das Leunawerk arbeitet mit Hochbetrieb, ohne dass eine Steigerung der Ammoniakproduktion erreicht würde, die nur bei technischer Verbesserung der Maschinen erfolgen könnte, da hier seit jeher die Maschine die Arbeiter zu höchsten Leistungen gezwungen hat. Die Stimmung unter den Arbeitern des Werks ist ganz fatalistisch, sie sagen: es geht so lange, wie es eben geht. Sachsen, 1. Bericht: Die Dresdner Hutfabriken haben fast ihren ganzen Export verloren, der grösstenteils nach SüdNicht nur die südameriamerika und nach dem Balkan ging. kanischen, sondern auch die Balkanaufträge, die bis Mai 1940 liefen, sind annulliert worden. Die Klemens Müller- Werke, Bau von Urania- Schreibmaschinen und Veritas- Nähmaschinen, sind jetzt auf den Bau von Flugzeugapparaten umgestellt, da sie ihren ganzen Export verloren haben. Im Dezember gab es noch einen kleinen Exportumsatz von etwa 12 000 RM für Lieferungen nach Ungarn, sonst nichts mehr. A 26 Aus demselben Grunde wurden die Industriewerke Kelle und Hillebrandt in Niedersedlitz auf Granatendreherei umgestellt. Der Export dieses Werks war im November vollkommen erloschen. Die MIAG, Mühlenbau- und Industrie A. G., Braunschweig, erwartet grosse Aufträge aus Russland. Kurz nach Weihnachten trafen aber die Unterhändler aus Moskau ohne Aufträge wieder ein. Die Folge ist, dass jetzt im Werke Zschachwitz bei Dresden Arbeiterentlassungen erfolgen. Die Kochapparatefabrik Barthel hatte grössere Russenaufträge, die aber nachträglich wieder annulliert worden sind, weil die russische Handelsvertretung die Abnahme der Apparate mit der Begründung ablehnte, dass zuviel Ersatzstoffe verarbeitet worden seien. 2. Bericht: Die Wanderer- Werke in Chemnitz, die die bekannten Continental- Schreibmaschinen erzeugen, waren in ihrer Produktion immer sehr stark auf den Export eingestellt. Ein wichtiges Absatzgebiet war für sie Südamerika. Der Verkauf dorthin hat aber vollkommen aufgehört. Die Geschäftsführung des Werks hatte sich zunächst Hoffnungen gemacht, dass ein Teil des Südamerika- Exports über Italien aufrechterhalten werden könnte. Das hat sich aber nicht als durchführbar erwiesen. Die Abteilung ist daher vollkommen umgestellt worden und produziert jetzt Teile für die Zeiss- Werke in Jena. Damit kann aber nur noch die halbe Belegschaft beschäftigt werden. Die grosse Strumpfindustrie des Chemnitzer Bezirks und ebenso die Handschuhindustrie, die im Gebiet zwischen Chemnitz und Leipzig konzentriert ist, waren Anfang Februar fast beschäftigungslos. Einige Werke haben sich auf den Bau von Andere wollten die Anfertigung von Zeltplanen umgestellt. Papiergarn übernehmen; es fehlt aber vorläufig noch an Interessenten für Papiergarn. Eine Absatzbelebung der sächsischen Strumpfindustrie durch gesteigerten Export nach Südosteuropa ist nicht zu erwarten, da die sächsischen Strumpffabrikanten häufig selber Filialen in den Südostländern errichtet haben und ausserdem Länder wie Jugoslawien und Rumänien eine eigene Ausserdem hat Strumpfindustrie ins Leben gerufen haben. sich schon seit Jahren Bata auf diesen Märkten sehr stark durchgesetzt. Die Nazis hatten Anfang Januar offenbar noch Hoffnungen auf eine Belebung des Exports gesetzt. Fabrikanten, die zum Heeresdienst einberufen waren, sollten für einige Wochen beurlaubt werden, damit sie die Beschickung der Leipziger Frühjahrsmesse vorbereiten könnten. Diese Urlaube sind aber wieder abgesagt worden, weil keine Erfolgaussichten für die Leipziger Messe bestehen. Die Posamentierindustrie in der Gegend von Annaberg- Buch A 27 holz im Erzgebirge ist vollkommen stillgelegt. Einige Kleinbetriebe sollen demnächst Aufträge für die Fallschirmfabriken bekommen. 3. Bericht: In Herrnhut und Oppach, zwei bekannten Textilorten in der Lausitz, liegen seit Mitte Januar alle Fabriken still. Da auch der Bau an der Autobahn eingestellt ist, gibt es zahlDie Arbeitslosigkeit soll bereits reiche Arbeitslose im Ort. wieder den Umfang von 1931/32 angenommen haben. Manche Arbeiter werden auf die Güter geschickt, wo sie Kartoffeln In Oppach sollte ein Zweigaus den Mieten klauben müssen. werk von Junkers- Dessau errichtet werden und in Grosshennersdorf ein Zweigwerk der Aluminiumwerke Bitterfeld. Pläne sind aber wieder aufgegeben worden. Beide Schlesien: In Schweidnitz wird eine Filiale der Waffenwerke Borsigwalde bei Berlin errichtet, in der ab April 1.800 Leute beschäftigt werden sollen. Es wird behauptet, dass in dem Werk ein tschechisches MG- Modell erzeugt werden soll. Die Lieferungen sollen nach Russland gehen. Hamburg: Die Lage des Hamburger Exporthandels sieht trostlos aus. Der deutsche Aussenhandel soll, wie in Hamburger Exportkreisen behauptet wird, im Januar um weitere 18 Prozent zurückgegangen sein. Das wäre gegenüber dem Januar 1939 ein Rückgang um 68 Prozent. Die Exporte, die Deutschland noch über Italien und den Balkan aufrecht erhält, nützen der Hamburger Wirtschaft nichts. Lediglich ein Teil der Ausfuhren über Skandinavien werden noch durch den Hamburger Handel erledigt. Ein Teil der Hamburger Exporthäuser wollte seinen Betrieb völlig schliessen, hat aber die Genehmigung dafür nicht erhalten, weil man die Fassade eines Hamburger Exporthandels aufrecht erhalten will. Die Firmen dürfen ihr Personal fast gänzlich entlassen, müssen aber pro forma ihre Firma bestehen lassen. Einige Hoffnungen hatte man in Hamburg darauf gesetzt, mit Hilfe Spaniens, das als Zwischenempfänger fungieren sollte, einen gewissen Ueberseehandel aufrecht erhalten zu können. Die Hoffnungen scheinen aber enttäuscht worden zu sein. Die Nordsee ist zu unsicher, als dass ein nennenswerter deutscher Verkehr dort möglich wäre. Es sind allerdings auffallend viel junge Spanier in Hamburg beschäftigt, meist als Angestellte oder als Matrosen. Bei der Lahmlegung des Hamburger Exporthandels spielt aber nicht nur die Blockade der Westmächte eine Rolle. Es gibt auch einige Fälle, in denen die deutschen Wehrwirtschaftsstellen für den Export bestimmte Maschinen, die bereits im Hamburger Verladeschuppen standen, beschlagnahmten A 28 und ihre Ausfuhr verboten. Das war z. B. kürzlich bei einer Ladung von Kesselspeisepumpen der Fall. Pommern: In Stettiner Hafen herrscht ein sehr lebhafter Betrieb, der auf die Belebung des Handels mit Russland zurückzuführen ist. Es gingen im Februar deutscherseits durchschnittlich 6 Schiffe pro Woche, meist mit Werkzeugmaschinen, Elektroartikeln, Glühlampen, Radiozubehör etc. beladen, nach Russland ab. Es wurden auch Dieselmotoren von den MAN- Werken in Nürnberg verfrachtet. Aus Russland ist bisher ausser etwas Weizen nur Holz gekommen. Der Verkehr geht über die Häfen Libau und Memel. 3) Die Verkehrschwierigkeiten Der Zustand der deutschen Reichsbahn Die Erneuerung und Ausbesserung des Materials der Reichsbahn war zugunsten der Kriegsvorbereitung stark vernachlässigt worden. Die Ueberbeanspruchung in den Monaten fieberhafter Kriegsvorbereitung kurz vor Kriegsausbruch und erst recht im Kriege selbst haben den Verschleiss des rollenden Materials und des Oberbaues beschleunigt und grosse Störungen in der Beförderung von Gütern und Menschen und in der Versorgung der Bevölkerung verursacht. Dass das Bahnpersonal übermässig in Anspruch genommen wurde, weil es mit unzureichendem Material ein Uebermass von Transportleistung bewältigen sollte, verursachte eine ungewöhnliche Zahl schwerer Eisenbahnunfälle. Die bekannte Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der deutschen Reichsbahn war einer völligen Desorganisation gewichen; sie wird durch die folgende Bekanntmachung im„ Solinger Tageblatt" vom 19. Februar illustriert( siehe auch Heft 9/1939, Seite A 36-39): Achtung, Aushänge beachten! Alle Züge verkehren nicht jeden Tag Aus Anlass eines doppelten Ausfalles von Zügen am gestrigen Sonntag sei ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass nicht alle Züge regelmässig jeden Tag verkehren. Vielmehr handelt es sich bei den augenblicklich eingesetzten Zügen um solche, die zeitweise ausfallen können. Gestern beispielsweise fielen die Züge 14.05 Uhr nach Remscheid und Der Ausfall war zwar be20.46 Uhr nach Düsseldorf aus. kanntgegeben, doch sicherlich von vielen Fahrgästen nicht beachtet worden, so dass es gestern viele lange Gesichter am Hauptbahnhof gab. Vor dem Antritt einer Reise kann nicht A 29 oft genug geraten werden, sich genau zu erkundigen. Bei Reisen, die nicht unbedingt dringend geschäftlich unternommen werden müssen, tut man sogar gut, sie völlig zu unterlassen. Heute ist der private Reiseverkehr in Deutschland weitgehend eingeschränkt. Die meisten Fahrpreisermässigungen sind seit 15. Januar beseitigt. Zu Ostern fielen nicht nur die zusätzlichen Züge zur Beförderung von Osterausflüglern und die verbilligten Rückfahrkarten für die Festtage, sondern auch ein Teil der fahrplanmässigen Züge aus. Die Reichsbahn selbst hatte für die Ostertage sämtliche Dienstreisen untersagt und ihren Beamten und Arbeitern den Urlaub gesperrt. Auf diese Weise sollte Platz für die Urlauber der Wehrmacht freigemacht werden. In den ganzen letzten Jahren hat das Regime die Reichsbahn zugunsten der Autobahnen vernachlässigt und erst zu spät hat man die Gefahr erkannt, die sich aus dem gegenwärtigen Zustand der Reichsbahn für die deutsche Kriegswirtschaft und für die militärischen Operationen ergeben muss. Eine Reorganisation der Reichsbahn ist eingeleitet. Neben einem im Vorjahr in Angriff genommenen Ersatzbauprogramm, dessen Vollendung durch die Ueberlastung der Maschinenbauanstalten und Waggonfabriken in Frage gestellt ist, sind auch personelle Veränderungen in der Leitung des Verkehrswesens vorgenommen worden. Der bisherige Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium Königs und der Ministerialdirektor Brandenburg sind abgesetzt worden, während der Generalmajor von Schell zum Unter Staatssekretär und Abteilungsleiter im Reichsverkehrsministerium ernannt wurde. Schell war seit 1938 Generalbevollmächtiger für das Kraftfahrwesen und hat die radikale Typisierung und Normung der Autofabrikation durchgeführt. Die folgenden Berichte werfen Streiflichter auf den Zustand der Reichsbahn: Rheinland-Westfalen: Von Zeit zu Zeit gibt es„Transportsperren", das bedeutet, dass andere als Kriegsgüter nicht befördert werden dürfen. Wenn dann die Flüsse zugefroren sind und der Transport zu Wasser unmöglich ist, liegt das Material, das dringend gebraucht wird, fest, weil es von der Eisenbahn nicht befördert werden darf. Aber auch wenn die Flüsse eisfrei sind, kommt es vor, dass auch der Wasserweg nicht benutzt werden kann. So warte ich z. B. seit Juni vorigen Jahres auf ein wichtiges Material, das irgendwo in einem Hafen liegt, und das nicht abtransportiert werden kann, weil andere Transporte vorgehen. Inzwischen wartet auch A 30 die Kundschaft auf das Fertigprodukt, oder besser, manche warten nicht weiter, sondern beziehen es aus dem Ausland, wenn es sich um Waren handelt, die dort nicht selten sind. Man hat, anstatt den Unterbau der Eisenbahn zu erneuern, Autostrassen gebaut. Infolge der Konkurrenz der Autobusse und Lastautos ist die Einnahme der Eisenbahn weiter zurückgegangen und die finanziellen Schwierigkeiten sind noch grösser geworden. So hat die Erneuerung und Ausbesserung des Wagenmaterials vernachlässigt werden müssen. Und die Autostrassen nützen auch nicht viel, weil der Betriebsstoff fehlt. Ueberdies ist das deutche Eisenbahnnetz durch die Einverleibung Oesterreichs belastet worden. Oesterreich war arm und hatte zu schlechtes und zu wenig Eisenbahnmaterial. Polen ist auch zu einer Belastung geworden. Alles, was von Polen kommt und nach dort geht, muss mit grösstenteils deutschem Wagenmaterial transportiert werden. Der beginnende direkte Verkehr zwischen Deutschland und Russland bedeutet eine weitere Belastung, denn alles muss wegen der anderen Spurweite umgeladen werden. Südwestdeutschland: Für den Monat Januar waren grosse KdF- Urlaubsfahrten in den Schwarzwald angekündigt worden. Die Teilnehmer hatten bereits Spargelder für diese Fahrten bei der KdF eingezahlt. Die Urlaubsfahrten sind plötzlich wieder abgesagt worden, nur die Spargelder wurden nicht zurückbezahlt. Sie wurden für Fastnachtsveranstaltungen einbehalten. Mitteldeutschland. 1. Bericht: Die Reichsbahn macht grosse Anstrengungen, um den Neubau von Eisenbahnwaggons zu beschleunigen. Fabriken, die sich früher nicht mit dem Waggonbau beschäftigt haben, stellen sich jetzt darauf um. Die Lindner A. G., Ammendorf, die früher Autokarosserien baute und dafür auch jetzt dringende Aufträge, meist Heeresaufträge, hat, darf sie jetzt nicht ausführen, da sie zunächst dringende Aufträge an Eisenbahnwagen erledigen muss. Zum Teil handelt es sich dabei nur um Reparaturen, besonders von offenen Güterwagen. Auch das Industriewerk Kühn in Halle ist für die nächsten zwei Monate vollständig mit Reparaturaufträgen für die Reichsbahn beschäftigt. 2. Bericht: Der Personenverkehr im Bezirk- Halle- Merseburg ist aufs äusserste eingeschränkt. Es ist nur der Nahverkehr für Dienstzwecke aufrechterhalten worden. Die Passagiere müssen an der Bahnsperre neben der Fahrkarte noch den Betriebsausweis vorzeigen. Jede Bahnbenutzung ohne berufliche Begründung ist untersagt. Auch der Wochenend- Auflugsverkehr ist vollkommen stillgelegt. Für die Städte Halle und Leipzig macht sich das sehr stark fühlbar. A 31 Sachsen, 1. Bericht: In den Werkstätten der Reichsbahn in Chemnitz ist fast nur noch weibliches Personal beschäftigt, da die Männer fast alle einberufen sind. Die Folge ist, dass die Dauer der Reparaturarbeiten sich durchschnittlich um ca. 14 Tage verlängert hat. 2. Bericht: Der Wintersportbetrieb im Obererzgebirge ist völlig erledigt. Oberwiesenthal und das Keilberggebiet, das zur Tschechoslowakei gehörte, haben nicht einmal mehr den Besuch von Einheimischen, weil es keine Transportmöglichkeiten mehr gibt. Nur das Sporthotel in Oberwiesenthal hat Massenbesuch. Die meisten übrigen Gaststätten sind geschlossen. Kurz vor Weihnachten war noch verkündet worden, dass im Januar ca. 15.000 Berliner Fabrikarbeiter auf Urlaub kommen würden. Sie sind aber nicht eingetroffen. Schlesien: Am 28. Januar gab es bei Schweidnitz ein schweres Eisenbahnunglück. Zwei Güterzüge sind zusammengefahren, wobei es 14 Schwerverletzte gegeben hat. 43 Waggons wurden zertrümmert. Ueber den Unfall durfte die Presse nicht berichten. von Berlin: Bei der Reichsbahndirektion Berlin haben am 1. Januar über 200 Lokomotivführer um ihre Pensionierung nachgesucht. Als Begründung haben sie Erschöpfung angegeben, obwohl es zum Teil Leute im Alter von erst 52 bis 55 Jahren sind. Am 1. Februar war noch keinem der Antragsteller die Pensionierung genehmigt worden. Sie sollen jetzt erst alle Amtsärzten untersucht werden und müssen bis dahin auf jeden Fall den strengen Dienst weitermachen. Die Lokomotivführer erklären offen, dass sie keine Lust haben, sich für die fast täglichen Unfälle verantwortlich machen zu lassen, und ihre Familien ins Unglück zu stürzen. Der folgende nachträglich eingegangene Bericht über das grosse Genthiner Eisenbahnunglück ist auch heute noch von Interesse ¹): Mitteldeutschland: Zu dem grossen Eisenbahnunglück vom 22. Dezember wurden uns einige Einzelheiten bekannt, die die ausserordentliche Ueberanstrengung des Eisenbahnpersonals beleuchten. Der Lokomotivführer, der den Unglückszug geführt hat, ebenso der Heizer, stammen aus Magdeburg. Der Lokomotivführer hatte an den beiden Tagen, die dem Unglückstage vorausgingen, also am 20. und 21. Dezember von 3 Uhr früh bis 1) Der Bericht ist im Vorabdruck im„ ,, Daily Telegraph” vom 5. März 1940 erschienen. A 32 21 Uhr abends Fahrdienst gehabt. Dann hatte er von 21 Uhr abends bis 3 Uhr morgens Ruhe. Er hatte also nach 18-stündi- ger Arbeitszeit nur 6 Stunden Ruhe. Am 22. Dezember 3 Uhr früh trat er wieder seinen Fahrdienst an, der bis 14 Uhr dauerte. Er hatte dann bis 17 Uhr Ruhe. Um 17 Uhr musste er wieder nach Berlin fahren, wo er Nachtruhe im Lokomotivführerbett gehabt hätte. Bekanntlich hat der Lokomotivführer das Haltesignal der Blockstelle Belicke bei Genthin überfahren, was bei der Dunkelheit und dem Erschöpfungszustand, in dem sich der Fahrer befunden haben muss, sehr möglich ist. Die Ueberbeanspruchung des Lokomotivführerpersonals ist darauf zurückzuführen, dass in jenen Tagen sehr viele Neueinberufungen zum Militärdienst aus Berlin erfolgt waren und grosse Pferde- und Munitionstransporte aus den Lagern Altengrabow, Gardelegen und Zossen durchgeführt wurden. Infolgedessen mussten die Lokomotivführer von Magdeburg viel längere Strecken als sonst fahren. In normalen Zeiten fahren sie z. B. von Magdeburg bis Hannover und werden dann abgelöst. Jetzt mussten sie durchfahren bis Köln oder auch bis Frankfurt-Saarbrücken. Verschärft wird der Mangel an Lokomotivführern durch den Bedarf, der jetzt für die Aufrechterhaltung des Eisenbahnverkehrs in Polen besteht. Es sind sehr viel Lokomotivführer nach Polen geholt worden. Die Reichsbahn hat schon sehr viel Hilfspersonal eingestellt, das natürlich nicht dieselbe Sicherheit gewährleistet wie eingearbeitete Kräfte. Durch die zahlreichen Sonderzüge und überhaupt die Unregelmässigkeiten im Fahrplan wird das Fahren noch weiter erschwert. Wird ein normaler Fahrplan eingehalten, dann weiss jeder Lokomotivführer und jeder Heizer, wann und wo er entgegenkommenden Zügen begegnen muss. An und für sich wäre es durchaus möglich, dem Lokomotivführer auch rechtzeitig die Sonderzüge zu melden, die eingelegt werden. Das geschieht aber nicht, weil man befürchtet, dadurch der feindlichen Spionage Hinweise über die Truppen- und Materialtransporte zu geben. Die Verschlechterung des rollenden Materials hat dazu geführt, dass auch die gewöhnlichen Sicherheitskontrollen, die früher vor Abgang jedes Zuges vorgenommen wurden, jetzt unterlassen werden. Wollte man nämlich bei diesen Kontrollen den früheren Masstab anlegen, so würde sich ergeben, dass ein Grossteii der Züge nicht abfahren dürfte. Zu viele Wagen weisen Schäden an den Rädern, den Achsen und den Lägern auf. Die Eisenbahnbeamten sagen offen, dass es ihnen lieber ist, wenn sie nicht zu kontrollieren brauchen, da sie sonst mit der Verantwortung für Schäden, die während der Fahrt auftreten, belastet würden. Trotz dieser grossen Mänsel im deutschen Eisenbahnwesen verlangt die Reichsbahndirektion, dass die Fahrzeiten eingehalten werden. Wenn ein Zug, ohne dass höhere Gewalt vor- A 33 liegt, sich verspätet, so wird jetzt das Fahrpersonal bestraft. Nach oben ist dagegen das Fahrtempo auf freier Strecke nicht mehr gebremst. Das Hauptstreben der Reichsbahndirektion ist, die Strecken immer so schnell wie möglich wieder für Transporte freizubekommen. Am besten haben es jetzt die Fahrer auf den Nebenbahnen, auf denen nur eingleisig gefahren wird. Die Fahrer auf den Grossstrecken, wie zum Beispiel zwischen Berlin und Magdeburg, oder Magdeburg- Lehrte- Hannover- Kiel schweben buchstäblich in ständiger Todesgefähr. 4) Die Flucht in die Sachwerte im inflationserfahrenen Die Flucht in die Sachwerte Deutschland als Abwehrmittel gegen die Geldentwertung wohl bekannt ist für das Regime eine Gefahr ersten Ranges. Kommt es zu einer Wiederkehr dieser Bewegung in grösserem Ausmasse, so muss die Versorgung der Bevölkerung aufs ernsteste gefährdet werden. Deshalb wird jedes Verhalten mit schweren Strafen bedroht, das auf eine solche Flucht in die Sachwerte hinausläuft, sie hervorruft oder begünstigt. Nach§ 1 der Kriegswirtschaftsverordnung wird mit Gefängnis, Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft,« wer Rohstoffe oder Erzeugnisse, die zum lebenswichtigen Bedarf der Bevölkerung gehören, vernichtet, beiseiteschafft oder zurückhält und dadurch böswillig die Deckung dieses Bedarfs gefährdet". Im amtlichen Organ des Reichsjustizministers ,, Deutsche Justiz" wird dieser Paragraph von Staatsanwalt Dr. Nüse dahin erläutert, dass als lebenswichtig auch kostbare Gebrauchsgegenstände, z. B. Möbel, Seidenstoffe und Musikinstrumente gelten können. Vernichtung, Beiseiteschaffung, Zurückhaltung liege schon dann vor, wenn jemand eine der genannten Sachen ihrer Bestimmung entzieht, auch dann, wenn die Sache dem Täter selbst gehört. Normalerweise soll Zuchthaus verhängt werden, in besonders leichten Fällen Gefängnis, in besonders schweren der Tod. Bisher ist es dem Regime gelungen, die Flucht in die Sachwerte als Massenerscheinung zu unterbinden. Aber das Misstrauen in die Stabilität der Währung bleibt rege und Versuche, sich vor der gefürchteten Geldentwertung zu sichern, sind immer wieder zu beobachten. Wir haben zuletzt darüber in Heft 1/1940, Seite A 68 ff. berichtet. Jetzt liegen neue Berichte vor. Hamburg: Die Flucht aus dem Bargeld in die Ware ist deutlich zu beobachten. Möbel- und Antiquitätenhändler machen A 34 grosse von Antiquitätenhändlern Geschäfte. Nach Angaben sind die Preise für Antiquitäten und alte Möbel seit 1938 um rund 100 Prozent gestiegen. Dabei werden alle Käufe im Gegensatz zu früher bar bezahlt, woraus man schliessen kann, dass schon seit langem Bargeld gehortet worden sein muss. Sachsen: Im Bautzner Gebiet nimmt die Flucht in die Sachwerte bereits einen sehr auffallenden Umfang an. Für kleine Siedlerhäuser werden Summen geboten, die bald das doppelte des bisherigen Versicherungswertes darstellen. Dabei ist das Angebot ziemlich gross, weil viele der bisherigen Besitzer, die in der Hut- und Textilindustrie beschäftigt waren, in neuerversetzt worden richtete Rüstungswerke in Ostdeutschland sind. Berlin: Es herrscht ein grosses Misstrauen gegen die deutschen Finanzen, vor allem gegen die Mark. In der Gegend des Kurfürstendammes blüht der Schleichhandel mit Brillanten. Die zugelassenen Diamantenhändler kaufen auf, was sie nur kaufen können. Jeden Käufer, an den sie Diamanten abgeben, müssen sie aber der Partei melden. Er wird dann mit einer Sonderabgabe für das Kriegswinterhilfswerk belastet. Ebenso werden Perserteppiche aufgekauft, vorwiegend übrigens von Nazifrauen. Rheinland- Westfalen: Geld hat heute ein jeder genug. Wer es nicht vertrinkt oder auf eine sonstige angenehme Weise verjuxt, der hat Gelegenheit, es auf hunderterlei andere Art zu verspenden oder zu sparen. Das Dritte Reich hat einen grossen Magen. Es wird die Zeit kommen, wo alle Bürger wieder Millionäre sind. Die breite Masse ahnt so was, und dann werden vielleicht auch dem Dümmsten die Augen aufgehen über den Sozialismus der braunen Bonzen. 5) Lebensmittelversorgung und Rationierung Die Versorgung der Bevölkerung in den Wintermonaten war schlechter als zu erwarten war. Die Wirkung der Blokkade wurde durch innere Schwierigkeiten verschärft. Infolge des schlechten Zustandes der Reichsbahn und der anhaltenden Kälte fehlte es nicht nur an dem, was nicht eingeführt werden konnte, sondern auch an manchem, was Deutschland selbst reichlich hervorbringt. Aber aus den folgenden Berichten geht erneut hervor, dass die politische Wirkung dieser Versorgungsschwierigkeiten nur gering ist. Unter der unablässigen Einwirkung der amtlichen Propaganda ist das Volk noch immer geneigt, nicht die Diktatur für seine A 35 Entbehrungen verantwortlich zu machen, sondern die Ursachen da zu suchen, wo sie die Propaganda gesucht haben will: bei der englischen Blockade, bei der ungünstigen Witterung, bei den Erfordernissen der Kriegsführung usw. Dazu kommt, dass das Regime schon seit Jahren die Rationierung des Mangels betreibt, und Uebung darin hat, die knappen Waren so zu verteilen, dass schwer eine allgemeine Unzufriedenheit entstehen kann. Ueber die Wirkungen des Mangels und der Rationierung wird berichtet: Rheinland- Westfalen: 1, Bericht: In Westfalen, besonders im Ruhrgebiet kann man deutlich die von den Nazis schon früher mit Erfolg angewandte Methode beobachten, möglichst niemals gleichzeitig in grösseren zusammenhängenden Gebieten dieselben Mangelerscheinungen auftreten zu lassen. Es wird dauernd zwischen den Städten und Bezirken mit den Zugaben und Verknappungen ausgewechselt. Es kommt sehr häufig vor, dass es in einer Stadt zwei Wochen lang kein Ei gibt, während in einer 10 Kilometer entfernten Stadt Eier in ausreichendem Masse zu haben sind. Da fehlen dann vielleicht wieder Butter oder Fleischwaren, die in anderen Städten wieder genügend vorhanden sind. In der Gegend von Lüdinghausen, wo jetzt sächsische Arbeiter aus der Textilindustrie bei den Bauten der Luftwaffe beschäftigt sind, gibt es bis jetzt kaum Nahrungsnot. Die Gegend hat viel Landwirtschaft, so dass sie sich mit wichtigen Nahrungsmiteln selbst versorgen kann. Die sächsischen Arbeiter schreiben natürlich entsprechend zufrieden nach Hause. دو 2. Bericht: Im Tageskampf schlagen unsere Frauen täglich zwei Schlachten: die erste mit ihren Lebensmittelkarten und die zweite mit dem Kochtopf, um aus den rationierten Lebensmitteln und deren Ersatz etwas Essbares und Sättigendes herauszubringen. Was in Hülle und Fülle an Nahrungsmitteln vorhanden ist, ist weniger nährwertig, was scharf rationiert ist, ist oft, vergriffen" oder erst ,, in nächster Woche wieder vorrätig". Spezialfleisch wie Roastbeef, Filet oder Zunge findet man weniger öffentlich feilgeboten. Sie gehen den Weg allen guten Fleisches: durch die Hintertür. Mit der Organisierung Leiterinnen der NS- Frauenschaft der Einkäufe haben die Schiffbruch erlitten. Die Hausfrauen sind schwerer zu reglementieren. Wie überall führt die Ueberorganisation und Bürokratisierung auf die Dauer zu negativen Ergebnissen und zur Opposition. An der Magenfrage sind schon grössere Strategen als Hitler gescheitert. Man muss nur der Entwicklung Zeit lassen.. A 36 3. Bericht: Gegenwärtig wird die Ruhr besser mit Lebensmitteln versorgt. In den Geschäften, die Lebensmittel auf Karten abgeben, ist genügend vorhanden. Vor allem ist jetzt in den Metzgereien genügend Wurst zu haben. Milch und Eier sind jedoch rar. Obst und Südfrüchte, ausser kontingentierten getrockneten Früchten fehlen ganz. Das Brot ist nicht wie früher, aber es ist geniessbar. Allerdings ist es für viele Menschen schwer verdaulich. Es darf vor allen Dingen nicht alt werden. Es schimmelt leicht und dann durch und durch. An die Zubereitung der Speisen aus den unzähligen Nährmitteln, die früher unbekannt waren, können sich die Frauen nur schwer gewöhnen. Mais, Bohnen, Kartoffeln werden zu Mehl und Pulver Man erteilt verarbeitet und zu Suppengerichten bestimmt. Kochkurse und gibt sonstige Anleitungen unentgeltlich. Die Gerichte schmecken auch bei sorgfältiger Zubereitung nicht schlecht. Dörrgemüse in guter Qualität ist immer zu haben. Fisch fehlt; wenn es ihn mal gibt, dann ist er sehr teuer und im Handumdrehen ausverkauft. Unter der Hand gibt es nichts zu kaufen. Im allgemeinen also geht es. Aber die Stimmung ist gedrückt. 4. Bericht: Im Januar und Februar bestand ein ausserordentlicher Mangel an Kohlen. Erst in der Februarwoche konnten wieder an jede Familie 25 kg Kohlen abgegeben werden. Dieser Mangel ist nun behoben. Dafür gibt es jetzt allgemein Kartoffelmangel; denn abgesehen von den Transportschwierigkeiten, sind im Osten des Reiches viele Kartoffeln erfroren und darunter muss jetzt der Westen mitleiden. Wer etwas haben will, muss ständig auf der Lauer sein, und so werden durch den ständigen Mangel die Nerven, besonders die der Hausfrauen, arg mitgenommen. Südwestdeutschland: In X. und Y. kann man nicht einmal Margarine auf Karten genug bekommen. Gute Butter wird immer erst ab Freitag verkauft. In den Landmetzgereien ist auch Wurst knapp. In den Gegenden, die von Weinbauern bewohnt sind, die alle Kleinvieh halten, und ebenso auf dem flachen Lande ist die Zuteilung schlechter. Aber dort kann man schon mal von den Leuten ein Huhn oder ein Kaninchen gegen einen guten Preis haben. Viele Leute ertragen die Zeit ohne Murren, andere wieder nicht. Wasserkante: Das Misstrauen in die deutsche Versorgungslage wächst. Das zeigt sich deutlich in der Verwendung der Kleiderkarte. In den ersten Wochen des Jahres sind schon fast alle Punkte der Kleiderkarte angemeldet worden, so dass die Firmen ihre Lagerbestände beinahe vollständig geräumt haben. Sie haben dafür die einkassierten Kleiderkarten an die zentra A 37 len Sammelstellen gegeben und warten auf neue Zuweisungen. Wann und in welchem Umfange sie erfolgen, weiss niemand. Es macht sich aber auch niemand grosse Hoffnungen, dass es bald wieder neue Ware geben wird. Um die Unzufriedenheit abzulenken, wird nun gegen einzelne Sünder gehetzt, die sich neue Kleidungsstücke gekauft haben, obwohl sie noch genügend gute alte Sachen haben. Wenn Frauen, die einen Pelzmantel besitzen, sich jetzt ausserdem noch einen Stoifmantel gekauft haben, schlagen die Nazis Lärm. Die Frauen müssen eine Geldbusse zahlen und der Pelzmantel wird beschlagnahmt. Die stark zur Kritik neigenden Hamburger fragen sich, wer nun eigentlich die beschlagnahmten Pelzmäntel bekommt. Ostpreussen: Die Sonderabgaben an Lebensmitteln werden Bezirken durchgeführt. abwechselnd in den verschiedenen Durch eine solche Methode wird verhindert, dass sich eine einheitliche kritische Stimmung im Volk breit macht. Einige Bezirke, in denen gerade Sonderaktionen im Gange sind, werden immer bei etwas besserer Stimmung gehalten als andere, da jede Sonder- Lebensmittelaktion die Hoffnung aufkommen lässt, ,, dass es von nun an wieder besser wird". Die Propaganda weist immer wieder darauf hin, dass die Vorräte vollkommen ausreichend seien und dass nur rationiert werde, damit nicht durch unsinnigen Verbrauch oder Hamsterei sonst vermeidbare Mangelerscheinungen auftreten. Es ist alles so eingeteilt, dass vorläufig noch von Zeit zu Zeit bald hier, bald dort, etwas mehr gegeben werden kann, zum Beispiel auch bei den Kleiderzuteilungen, was besonders wichtig ist. Die amtliche Propaganda hämmert der Bevölkerung unaufhörlich ein, dass die Blockade nicht wirkt und die Rationierung nicht durch Mangel erzwungen ist, sondern nur künftigem Mangel vorbeugen soll. Wäre das so, dann müsste die Einschränkung des Verbrauchs zur Anhäufung von Vorräten führen, und es wäre dann nicht zu verstehen, wie es kommt, dass Uebertretungen der amtlichen Rationierungsvorschriften sich trotz grausamster Bestrafung häufen und dass von Tag zu Tag neue Einschränkungen angeordnet werden müssen, um der Gefahr einer weiteren Verschlechterung der Versorgung zu begegnen. Schleichhandel und Hamsterei greifen immer weiter um sich. Die Diebstähle häufen sich. Zum Teil sind sie die Quelle, aus der der Schleichhandel gespeist wird. Darüber liegen folgende Berichte vor: Rheinland- Westfalen, 1. Bericht: Trotz der Strafandrohungen, trotz der Bestrafungen und trotz der Appelle an die Vater A 38 landsliebe wird gehamstert wie im letzten Krieg. Diejenigen, die es bezahlen können, haben z. B. Butter und Eier in ausreichendem Masse. Auch Stoffe und Schuhe kann man hintenherum genügend bekommen. Es ist einfach ausgeschlossen, dass das Hamstern und die Ueberbezahlung verhindert werden können. Wenn schon einmal jemand gefasst und zu schwerer Strafe verurteilt wird, so ist das eben ein Einzelfall, der weder den richtigen trifft, noch in einem Masse abschreckend wirkt, dass der Schleichhandel auch nur im Entferntesten unterbunden werden könnte. 2. Bericht: Die starke Verdunkelung der Bahnhöfe und Bahnsteige veranlasst gewisse Elemente, die Koffer der Reisenden zu stehlen. Auf dem Hauptbahnhof in Köln sind diese Diebstähle besonders häufig. Der Bahnhofsvorstand sah sich veranlasst, die Reisenden ausdrücklich in einem Anschlag auf diese Gefahr aufmerksam zu machen. Ferner sind in Köln mehrere Gepäckträger wegen Verdachts der Unterschlagung von Gepäck verhaftet worden. Die Bahnpolizei fahndet mit besonderer Ausdauer nach den Gepäckdieben. Ohne Zweifel ist der Kleidermangel der Anlass dieser Diebstähle. Bei der herrschenden Knappheit an Kleidern ist es für die Diebe leicht, ihre ,, Ware" loszuwerden. Ostpreussen: In Königsberg standen im Februar 73 AngeGericht. Es handelt klagte wegen Eisenbahndiebstählen vor sich durchweg um Diebstähle von Lebensmitteln. Bayern: Ein reiches Feld für Korruption scheinen die Hausschlachtungen abzugeben. Auf Grund einer neuen Verordnung dürfen Hausschlachtungen jetzt nur noch vom Bürgermeister genehmigt werden, der direkt dem Parteikreisleiter verantwortlich ist und jede Woche Bericht geben muss. Der Kreisleiter hat ein Sonderkommandó des NSKK aufgestellt, das nur mit der Nachprüfung der Hausschlachtungen beauftragt ist. Wasserkante: In der Rostocker Gegend befinden sich viele Berliner Mädchen, die dort ihr Landjahr abdienen. Sie benutzen diese Zeit dazu, sich nach Möglichkeit etwas mit Agrarprodukten einzudecken. Seit dem 1. Februar sind die Landfrauen verpflichtet, den Mädchen vor ihrem Urlaubsantritt einen Revers vorzulegen, in dem auf die strafrechtlichen Folgen einer Hamsterei ausdrücklich hingewiesen wird. Die Mädchen dürfen erst nach der Unterschrift eines solchen Reverses ihren Urlaub antreten. Ausserdem sind die Bauernfrauen verpflichtet, das Gepäck und die Kleidung der Mädchen zu durchsuchen. Sämtliche Kartoffelmieten in dieser Gegend stehen Tag und Nacht unter Bewachung, weil die Diebstähle sich gehäuft hatten. Ueberall sind Warnungsschilder angebracht, dass Diebstähle aus Kartoffelmieten mit dem Tode bestraft werden. A 39 Ganz besonders werden die Melker überwacht. In den Kneipen lässt man Spitzel an sie herantreten, die um Verkäufe ,, unter der Hand" bitten. Es sind bereits mehrere Melker, die auf solche Spitzel hereingefallen sind, verhaftet worden. Im allgemeinen sind die Hamsterfahrten von der Stadt aufs Land fast unmöglich geworden, so scharf sind die Kontrollen auf der Bahn und auf den Strassen. Viele Nebenwege sind überhaupt gesperrt und es sind Schilder angebracht mit der Warnung: ,, Es wird scharf geschossen". In Wien ist eine Schleichhändlerorganisation von der Kriminalpolizei ausgehoben worden. Es wurde mit Schweinefleisch( das Pfund zu 7,50 Mark), mit Damenstrümpfen( das Paar zu 9,50 Mark) und mit Seidenstoffen Schleichhandel getrieben. Ebenfalls wurde ein Kaffeekettenhandel entdeckt. Von Verkäufer zu Verkäufer stieg das Pfund Kaffee von 12 auf 17, weiter auf 24 und schliesslich auf 32 Mark. Der letzte Verkäufer lieferte an einen Eierhändler und an einen Fetthändler, von denen er auf dem Tauschwege Eier und Butter zu Schleichhandelspreisen erwarb. Es gibt aber nicht nur einen Schleichhandel für Nahrungsmittel und Bekleidungsgegenstände, sondern auch für Lebensmittelkarten. Eine Verordnung verbietet es, diese Karten anderen zu überlassen. Vielen erlaubt also ihr niedriges Einkommen nicht, die amtlichen Rationen auszunützen. Dass das so ist, wird sogar im ,, Schwarzen Korps", der Wochenschrift der SS, zugegeben. Dort wird der Brief einer Arbeiterfrau abgedruckt, worin es heisst: ,, Bei den Nährmittel-, Brot und Fleischkarten bleiben mir noch ziemliche Mengen über..., für die mir... das Geld fehlt." Für den schwunghaften Handel mit Karten ist der folgende Bericht aus Südwestdeutschland kennzeichnend: Südwestdeutschland: Hier kursierten Anfang Februar Gerüchte, dass die englischen und französischen Flieger in grossen Mengen Bezugskarten für Lebensmittel abgeworfen hätten, die genau denen in der Gegend von Karlsruhe- Darmstadt- Heidelberg- Heilbronn benutzten Karten nachgedruckt waren. Das Gerücht hat eine grosse Panik bei den Nazis erzeugt, weil auf solche Weise natürlich die ganze Lebensmittelrationierung durcheinandergebracht werden könnte. Es ist möglich, dass die Gerüchte von Beamten der Ernährungsämter selber in Umlauf gesetzt werden, da dort schon ziemlich viel Korruption eingerissen sein soll und in der Bevölkerung bereits eine gewisse A 40 Unsicherheit herrscht, wieviel falsche Karten im Umlauf sein mögen. Wenn es Flieger sind, die die falschen Karten bringen, kann man nicht die Beamten des Ernährungsamtes dafür bestrafen. Es kommt auch immer häufiger vor, dass die Ziffern auf den Karten wegradiert und geändert werden, so dass bereits mehrdass solche Aenderungen fach angekündigt werden musste, schwere Urkundenfälschungen darstellen und mit mindestens zwei Jahren Gefängnis bestraft werden. Die grösste Gefahr für Deutschlands Ernährung ist die ,, Fettlücke". Im März musste die Butterration empfindlich gekürzt werden. Nach Uebersichten des ,, Solinger Tageblatts" wurden auf die Reichsfettkarte an eine vierköpfige Familie, bestehend aus zwei Normalverbrauchern( Mann und Frau), einem Kind und einem Kleinkind, folgende Buttermengen abgegeben: in Gramm 19.- 25. Febr. 26. Febr.- 3. März 725 625 4.- 10. März 25.- 31. März 575 700 Vorübergehend musste also die Butterration einer solchen Familie um 20% gekürzt werden. In seiner Rundfunkansprache an die Bauern vom 15. Februar 1940 hat Göring zugegeben, dass die Fettlücke immer noch so gross sei, dass sie die Ernährung geradezu in Frage stellen könne. Die Milchwirtschaft sei neben der Schweinezucht die des hauptsächliche deutsche Fettquelle. Es seien aber wegen Mangels an Futtermitteln Milchkühe abgeschlachtet worden. Um die Milchwirtschaft zu heben, hat Göring den Preisstop durchbrochen und den Milchpreis um 2 Pfennige je Liter, den Butterpreis um 20 Pfennig je Pfund erhöht. Die Bauern werden ermahnt, von der erzeugten Vollmilch weniger selbst zu verbrauchen und zugleich wird ihnen angekündigt, dass die Preises nicht gelingt, erhöhung rückgängig gemacht wird, wenn durch Mehrerzeugung und Minderverbrauch 2 Milliarden Liter Vollmilch jährlich mehr der Fetterzeugung zuzuführen. Den ¡ minderbemittelten Schichten, die den erhöhten Butterpreis nicht erschwingen können, wird freigestellt, für einen Teil ihrer Butterration Margarine zu kaufen. Umgekehrt können Leute, die es sich leisten können, statt Margarine Butter beziehen. Bei alledem ist zu berücksichtigen, dass die Bauern bisher schon von den Ernährungsbeamten scharf daraufhin kontrolliert wurden, ob sie alle Milch abliefern und die von den Nazis vorgeschriebenen Methoden zur Produktionssteigerung anwenden. A 41 Bei den Eiern ist das bisherige System der amtlichen Festpreise durch eine Kombination von Mindest- und Höchstpreisen ersetzt worden, das ebenfalls auf eine Erhöhung der Erzeugerpreise hinausläuft. Die Höchstpreise werden von Fall zu Fall von der Reichsnährstandbehörde bewilligt und gelten als Prämie für besondere Legeleistung. Leute, die Geflügel halten, ,, haben keinen Anspruch auf Belieferung mit Eiern, auch dann, wenn sie augenblicklich den Bedarf aus eigener Erzeugung nicht decken können"( Bekanntmachung des Ernährungsamts Breslau- Stadt ,,, Breslauer Neueste Nachrichten" vom 23. 1). Der Kreisbauernführer des Rhein- Wupper- Kreises hat zu Ostern die Hühnerhalter seines Bezirkes verpflichtet, je Huhn 2 Eier an eine bestimmte Sammelstelle abzuliefern, ,, damit jeder Volksgenosse zu Ostern ein paar Ostereier erhält". Die weitere Abgabe von Hühnerfutter wurde von der Vorlegung des Ablieferungsscheins abhängig gemacht. دو Die Westfälische Zeitung" vom 15. März veröffentlicht eine amtliche Warnung, wonach im Dortmunder Krankenhause einige Personen liegen, die am Genuss von Sämereien erkrankt sind. Es sei in der letzten Zeit öfter vorgekommen, dass für Saatzwecke bestimmte Sämereien, die mit einer bestimmten Flüssigkeit gebeizt sind, um sie gegen Bakterien immun zu machen, als menschliche Nahrung verwendet worden sind. Anfang Februar wurde sogar eine Musterung aller Hunde zum Zwecke der Futterversorgung durchgeführt( Anordnung der Polizeipräsidenten von Breslau vom 4. Februar, von Hamburg vom 5. Februar usw.). In Heft 1/1940, Seite war über die Werkküchen als ,,, ein vom Regime protegiertes Mittel einer verschärften Kriegsrationierung" berichtet worden. Diese Bestrebungen beschränken sich aber keineswegs auf Gemeinschaftsküchen in Betrieben, sondern es ist auch die Errichtung allgemeiner Volksküchen in Vorbereitung. Für die NS- Volkswohlfahrt in Berlin wird z. B. eine ,, Grosskochanlage" gebaut, die 30.000 Essportionen gleichzeitig fertigstellen kann. Aus anderen Landesteilen wird uns hierzu berichtet: Ostpreussen: In den ostpreussischen Städten steht die Einführung der allgemeinen Volksküchen unmittelbar bevor. Die Einrichtungsarbeiten sind in vollem Gange. In Königsberg wird eine Küche hergerichtet, die täglich 1.200 Portionen abgeben kann. Die Werften und Fabriken richten ausserdem noch Feldküchen ein. Bisher ist aber noch kein Termin zur Einführung der Volksküchen genannt worden. Man erwartet übrigens, dass diese Aktion nicht gleichzeitig in ganz Deutschland durchgeführt wird, sondern nacheinander in den einzelnen Bezirken. A 42 Pommern: In Stettin ist die Verpflegung durch Stadtküchen bereits fast vollständig durchgeführt. Am 1. Februar wurde fast nur noch in einem Drittel der Haushaltungen der Stadt gekocht. Alle anderen holten sich ihr Essen aus den Massenküchen. Die schnelle Einführung der Volksküchen ist vor allem wegen der Kohlennot erfolgt. Berlin: Die grosse Kälte dieses Jahres hat natürlich den Mangel an Kohlen doppelt empfinden lassen. Dazu kamen im Januar und Anfang Februar immer grössere Lücken in der Versorgung mit Kartoffeln und Gemüse, so dass die Berliner keinen angenehmen Winter hinter sich haben. Im ganzen gewinnt man aber nicht den Eindruck, dass die Massen für diese Entbehrungen den Nazis die Schuld geben. Man schiebt alles auf die aussergewöhnliche Witterung, wodurch auch das Versagen der Reichsbahn zu erklären sei, und tröstet sich damit ,,, dass es ja doch dem Frühling zugeht". Immerhin hat sich herausgestellt, dass Berlin über keinerlei Vorräte an Kohlen und den wichtigen Massenlebensmitteln verfügt, und dass auch in den Haushaltungen keine nennenswerten privaten Vorräte, mehr vorhanden sein können. Die Zufuhren für Berlin kamen immer aus der weiteren Umgebung in einem Umkreis von etwa 150 Kilometer und wurden grösstenteils mit der Bahn und per Auto herangeschafft. Sobald diese Transporte stockten, musste Berlin sich einschränken und vielfach bereits die Mahlzeiten verringern. Die Nazis haben angekündigt, dass die seit einiger Zeit propagierten Volksküchen sofort in Funktion treten könnten. Solche Ankündigungen liessen jede Kritik sofort verstummen, weil jeder Berliner gerne bereit ist, manches zu opfern, wenn er dafür von den Volksküchen verschont bleibt. Viele Arbeiter sagen, dass sie lieber alles mögliche ertragen, nur das nicht, dass man nicht einmal mehr seine Mahlzeiten in Ruhe zu Hause essen kann. A 43 III. DIE JUDENVERFOLGUNGEN Ueber die Lage der unter nationalsozialistischer Herrschaft lebenden Juden haben wir zuletzt in unserem Heft 7/1939( Seite A 80-119), das heisst in unserer letzten Vorkriegsnummer, Bericht erstattet. War schon damals die Lage der Juden verzweifelt genug, so ist seither noch weit Schlimmeres geschehen. Die Judenverfolgung ist seit dem Polenfeldzug in ihr letztes, grauenvollstes Stadium getreten. Da das deutsche Volk in seiner Mehrheit den antisemitischen Exzessen heute weniger Sympathie entgegenbringt denn je, bemühen sich die Nationalsozialisten um die Aufputschung des Judenhasses, indem sie den Juden die Schuld am Kriege zuschieben. Vor allem hat Julius Streicher nach einer kurzen Periode der Schweigsamkeit seine blutrünstige Hetze wieder aufgenommen. Der massenweise verbreitete ,, Stürmer" variiert seit Kriegsbeginn in roten Balkenüberschriften, die sich auf jeder Seite wiederholen, und in den dazugehörigen seitenlangen, abscheulich illustrierten Texten unermüdlich das Thema, dass die Juden am Kriege schuld seien. Angebliche Soldatenbriefe aus Polen, die der ,, Stürmer" erhalten haben will, berichteten im September und Oktober von jüdischen Greueltaten gegen die einmarschierenden deutschen Truppen, von vergifteten Brunnen und jüdischen ,, Meuchelmorden" aller Art. Der Rundfunk unterstützte die Arbeit Julius Streichers durch fortgesetzte Judenhetze und Hitler selbst hat in seiner Reichstagsrede am 6. Oktober 1939 von den ,, jüdischen Kapitalisten und Journalisten" gesprochen, die am Kriege schuld seien und die im Kriege besser verdienen könnten als im Frieden. Gegenwärtig ist die deutsche Presse vor allem bemüht, den demokratischen Staatsmännern des Westens eine jüdische Blutbeimischung oder zumindest jüdische Versippung nachzuweisen. Soweit wir die Wirkung dieser Propaganda überblicken können, macht dieses Kriegsschuldmanöver auf das deutsche Volk wenig Eindruck, und die Judenverfolgungen werden nach wie vor abgelehnt. Anders steht es freilich mit den unter nationalsozialistischer Führung aufgewachsenen Jugendlichen, die der antisemitischen Propaganda grösstenteils verfallen sind und auch, wo immer sich Gelegenheit bietet, in hellen Haufen an den Ausschreitungen gegen die Juden teilnehmen. A 44 1) Die Juden im Reich Der Hauptakt des grauenvollen Dramas spielt sich auf polnischem Boden ab. Im Reich selbst, aus dem die direkten Nachrichten über das jüdische Schicksal nur spärlich fliessen, sind die Hauptwaffen gegen die noch nicht verschickten Juden offenbar Hunger und Kälte. Die Juden werden bei der Zuteilung von Lebensmitteln Kohlen und allen anderen rationierten Artikeln grundsätzlich stark benachteiligt. Darüber liegen die beiden nachstehenden Berichte vor: Berlin: 1. Bericht: Das Schicksal der jüdischen Familien es handelt sich in der Hauptsache nur noch um Greise und Kinder ist sehr hart. Die Juden werden bei der Nahrungsmittelzuteilung nur spärlich bedacht. Fleisch bekommen sie selten und in sehr geringen Mengen, Fisch, Geflügel, Milch und Butter gar nicht. Aber auch die Beschaffung der einfachsten Kost wie Hülsenfrüchte und Kartoffeln macht ihnen Schwierigkeiten, weil sie an besondere Einkaufszeiten gebunden sind. Sie werden erst kurz vor Geschäftsschluss in die Läden eingelassen, wenn alles Nahrhafte und Gute weggekauft und nur noch der Abfall vorhanden ist. Die Lebensmittelkarten der Juden sind mit einem ,, J" gezeichnet. Sonderrationen, die gelegentlich verteilt werden, entgehen ihnen ganz. Juden hat man Wer in der kältesten Zeit überhaupt noch ein paar Kohlen im Hause hatte, war nicht sicher, ob er sie behalten durfte. Bei die Heizvorräte einfach„, beschlagvielen nahmt". Dass Juden keine Kleiderkarte bekommen, wisst Ihr wohl schon. Zum Ausbessern ihrer alten Sachen erhalten sie vierteljährlich ein Röllchen Nähgarn. ,, Jüdische" Schuhe dürfen nicht besohlt, Wäschestücke nicht ersetzt werden. Vor allem die alten Leute haben unter der grimmigen Kälte bitter gefast litten. Zum Glück finden sich doch sehr häufig mutige arische Freunde, die diese Undarf man sagen todesmutige glücklichen nicht im Stich lassen und ihnen heimlich dies oder jenes zustecken. 2. Bericht: Frau X. berichtet Fürchterliches aus der Hölle Berlin. Die Juden wissen wirklich nicht mehr, was sie tun dürfen, und was nicht. Lebensmittel gibt es für Juden erst nach 12 Uhr, überall sind Schilder, dass Juden vor 12 Uhr das Betreten der Läden verboten ist. Man verhaftet Juden, die nach 8 Uhr abends auf der Strasse sind. Dem... hat man seine Kohlenvorräte einfach weggenommen. Dort ist es überhaupt grausig. Wussten Sie, dass die Nazis am 9. November wieder Verhaftungen vorgenommen haben, besonders in Breslau, zur ,, Erinnerung" an den vorjährigen Pogrom? A 45 Die Juden, die sich sozusagen auf freiem Fuss befinden, werden kaum besser behandelt als Sträflinge. Auch darüber geben zwei Berichte nähere Einzelheiten: Süddeutschiand: Die schneeschaufelnden„Judenkolonnen" haben hier nicht dazu beigetragen, die Stimmung zu heben. Diese ausgemergelten Gestalten könnten einen Hund jammern. Jüdische Zwangsarbeiter im Alter zwischen 16 und 60 Jahren werden jetzt überhaupt zu den schwersten Arbeiten herangezogen, zum Strassenbau, zur Entladung von Eisenbahnzügen usw. Es sind viele Intellektuelle darunter, Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller usw. Man erzählt, dass manche bei der Arbeit zusammenbrechen. Ich habe das nicht selbst gesehen, aber wie sollte es anders sein? Die Leute sind noch schlechter ernährt als der Durchschnittsdeutsche, sie reissen ihre Kleider herunter und bekommen keine neuen geliefert, auch keine Arbeitssachen. Die Entlohnung ist ganz unterschiedlich geregelt. Bei uns bekommen die Judenkolonnen wohl ein völlig unzureichendes Kantinenessen, aber keinen Barlohn. Anderwärts sollen ein paar Groschen bezahlt, aber gar keine Lebensmittel verabreicht werden. Die deutschen Behörden bemühen sich, die jüdische Auswanderung trotz des Krieges zu unterstützen, gelegentlich zu erzwingen. Aber wohin sollen die Juden auswandern? Erst nimmt man ihnen das letzte Geld ab, und wenn dann kein anderes Land die mittellosen und zermürbten Menschen aufnehmen will, behauptet man noch, die Juden betrieben ihre Abreise nicht energisch genug, es gefalle ihnen viel zu gut in Deutschland. Das hat wirklich unlängst— wenigstens dem Sinne nach— in unserer Zeitung gestanden. Am meisten fürchten sich die Juden vor der Verschickung ins„Judenreservat" nach Dublin. Mancher hat schon aus Furcht vor diesem Schicksal Selbstmord begangen. Südwestdeutschland: In.... hat sich folgender Vorfall abgespielt. Hier war ein höherer arischer Beamter seit dreissig Jahren mit einer Jüdin verheiratet. Ihr fehlten die äusseren Merkmale ihrer Rasse so vollkommen, dass auch nach dem Tode ihres Mannes ihre Abkunft völlig verborgen blieb. Die beiden Kinder aus dieser Ehe wagten es unter Hitler, ihre halbjüdische Abstammung zu verbergen. Die Tochter war bis zuletzt städtische Bibliothekarin, während der Sohn einen gut dotierten Posten als Ingenieur bekleidete. Mutter, Tochter und Sohn haben buchstäblich keine ruhige Stunde mehr gehabt, und zitterten vor der Entdeckung, da sie sich im Sinne der nationalsozialistischen Gesetzgebung fortlaufend strafbar machten. Zu Beginn des Krieges wurde der Sohn eingezogen und ist in Polen gefallen. Bei der Feststellung der Rentenverpflichtungen für seine Frau kam alles heraus: Mutter und Schwester haben sich Ende Januar durch Gas vergiftet. A 46 Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden geht weiter, das heisst sie geht ihrem Ende entgegen, denn schon jetzt sind nur noch winzige Reste des jüdischen Vermögens vorhanden. Den jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen wird das Arbeiten ausserordentlich erschwert. Soweit die den jüdischen Gemeinden gehörenden Häuser noch nicht beschlagnahmt sind, gehen sie nach und nach in den Besitz des Staates und der Städte über. So wurde z. B., wie die ,, Leipziger Neuesten Nachrichten" Mitte Januar meldeten, das israelitische Krankenhaus in Leipzig von der Stadt übernommen und in ein städtisches Hospital verwandelt. Die jüdischen Kranken mussten abtransportiert werden. Die jüdischen Schulgebäude in Berlin sind bereits im Oktober beschlagnahmt worden, man hat Evakuierte aus dem Rheinland darin untergebracht. Auch aus ihren privaten Wohnungen werden die Juden entfernt, ohne dass sie eine Möglichkeit sähen, anderwärts Quartier zu finden. Hamburg: Eine jüdische, alteingesessene Familie, Mann 66, Frau 64 Jahre alt, vermögend gewesen, besitzt seit 14 Jahren eine grosse Wohnung. Der Hauswirt kündigte ihnen am 1. März 1940 zum 31. März 1940, entgegen den Kontraktbestimmungen ohne Begründung. Sie können keine neue Wohnung bekommen. In der Familie wohnt seit vielen Jahren ein 77- jähriger Verwandter. Ihn trifft also das gleiche Schicksal. Sachsen: Einer jüdischen Familie ist die Wohnung zum 1. April 1940 durch den Hauswirt ohne Angabe von Gründen gekündigt worden. Eine neue Wohnung ist nicht zu erhalten. Der Mann ist kein Jude, nur die Frau ist Jüdin. Er, ein Ausländer, bekam zur Weimarer Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft. Das Dritte Reich hat ihn vor einigen Monaten ausgebürgert. Die Frau ist 40, der Mann 45 Jahre alt. Wenn einige wenige Juden bisher dem Aergsten entgehen konnten, so danken sie das dem Umstand, dass der deutsche Antisemitismus eben nicht echt, sondern von der Partei künstlich aufgezogen ist. Ein kleines Beispiel dafür gibt der folgende Bericht: Mitteldeutschland: In einer grossen Maschinenfabrik in X. arbeiteten seit langem einige jüdische Ingenieure, die ihre Stellung behalten konnten, weil sie infolge ihrer Spezialkenntnisse im Einvernehmen mit der deutschen Arbeitsfront als Angestellte anerkannt worden waren. Bei den Pogromen vom November 1938 blieben auch ihre Wohnungen vom„ ,, Ausbruch A 47 des Volkszornes" verschont. Aber schliesslich legte sich die Partei ins Mittel und verlangte, dass man eine„Lösung" finden müsse. Der Betriebsführer fand sie auf folgende Weise: er erklärte, dass man den arischen Ingenieuren nicht mehr länger zumuten könne, mit den jüdischen Kollegen zusammenzuarbeiten— und mietete für diese besondere Büroräume, wo sie ungestört weiter für den Betrieb tätig sind. 2) Die Juden im"Protektorat" und in Wien Die Rechtslage der Juden im„Protektorat" ist in den letzten Monaten durch eine Anzahl von Verordnungen des „Reichsprotektors" Schritt für Schritt verschlechtert worden. Am 21. Juni 1939 erliess der„Reichsprotektor" aus eigener Machtvollkommenheit eine Verordnung über die„Regelung der Judenfrage". Im§ 1 dieser Verordnung wurde bestimmt, dass Juden, sowie„jüdische Betriebe und Unternehmungen" nur mit besonderer schriftlicher Genehmigung des„Reichsprotektors"— welcher jedoch dieses Recht sogleich an die„Oberlandräte" weitergab— über ihren unbeweglichen Besitz, darunter auch Wirtschaftsbetriebe, sowie über Wertpapiere aller Art verfügen dürfen. Laut§ 3 mussten Juden und jüdische Betriebe allen land- und forstwirtschaftlichen Grundbesitz bis 31. Juli 1939 anmelden. Diese Anmeldepflicht galt auch für Pachtverhältnisse.§ 4 verbot den Juden den Erwerb und die Pachtung von Grundbesitz, von Wirtschaftsbetrieben, sowie von Wertpapieren aller Art.§ 5 legte die Verpflichtung auf, bis 31. Juli 1939 allen Besitz an Gold, Silber, Platin, Perlen und Edelsteinen anzumelden, ebenso auch wertvolle Kunstgegenstände aller Art. Die Ver- äusserung eines solchen Besitzes wurde gleichzeitig verboten. § 9 gab dem„Reichsprotektor" das Recht, in ganz oder teilweise von Juden geleitete oder mit jüdischem Kapital ausgestattete Betriebe Zwangsverwalter einzusetzen, gleichzeitig wurden die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen des „autonomen Protektorats" ausser Kraft gesetzt. Für alle Geschäfte, die seit dem 17. März 1939 abgeschlossen worden waren, wurde die rückwirkende Gültigkeit dieser Verordnung festgelegt. Zuwiderhandlungen gegen die Verordnung oder auch der Versuch dazu unterliegen Freiheits- und Geldstrafen, eventuell auch der Vermögenskonfiskation nach deutschem„Recht". Zur Aburteilung sind die deutschen Gerichte zuständig. Durch Verordnung vom 26. Januar 1940 wird den Juden überhaupt die Führung irgendeines Unternehmens verboten. ARe Dienstverträge mit jüdischen Angestellten können mit A 48 längstens sechswöchiger Kündigungsfrist gelöst werden, ebenso alle Mietverträge. Der Privatbesitz an Werten aller Art wird nunmehr beschlagnahmt, nachdem man den Juden durch die Verordnung vom 21. Juni Gelegenheit gegeben habe, ihn rechtzeitig zu verkaufen obwohl die Verordnung des gerade Gegenteil besagt. Am 10. März folgte schliesslich eine Verordnung des Reichsprotektorats, die den israelitischen Kultusgemeinden im Protektorat die Aufgabe zuweist ,,, die Juden auf dem Gebiet der Auswanderung zu betreuen". Zu diesem Zweck sollen die Kultusgemeinden Umlagen erheben, und zwar auf Grund einer Beitragsordnung ,,, die der Genehmigung des Reichsprotektorats bedarf", also wohl in Wahrheit von ihm diktiert werden wird. Wie eine Auswanderung während des Krieges überhaupt zu ermöglichen ist, das herauszufinden, bleibt den Juden überlassen. Ueber die Situation der Prager Juden ist uns vor einiger Zeit der Bericht eines Reisenden zugegangen, der die ersten Kriegsmonate in Prag erlebt hat. Dieser Bericht ist auch heute noch aufschlussreich, obgleich in der letzten Zeit auch in der Tschechoslowakei die Lage der Juden schwieriger geworden ist. Weder die Nürnberger Gesetze, noch irgendwelche anderen Judengesetze des Reiches wurden bisher offiziell im Protektorat eingeführt. Praktisch allerdings werden die gleichen Sachen angeordnet, nur mit weit geringerem Erfolg, da die Mitwirkung des Publikums vollkommen fehlt. Einer der Grundsätze ist: ,, Juden sollen auswandern". Dass man solange Zeit gar keine Ausreisebewilligung bekommen hat, lag daran, dass erst ein Reglement ausgearbeitet werden musste, auf welche Art und Weise man am meisten Geld auf„ legale” Art von den Auswanderern bekommen kann. Nun gibt es also ein ausgearbeitetes Schema. Die Kultusgemeinde wurde zur legislativen jüdischen Behörde ernannt. Dort bekommt man eine Mappe mit etwa 30 verschiedenen Formularen, die man sorgfältig ausfüllen muss. kein Blatt darf gekrümmt sein, kein Wort mit der Hand geschrieben werden etc. Da die Mappe eine schöne braune Farbe hat, wird sie auch häufig ,, Mein Kampf" genannt. Dann gehen die verschiedenen Formulare an die hierzu bestimmten Aemter. Beim Finanzministerium muss man für jedes Stück Umzugsgut, das man mitnehmen will, bezahlen, und nachdem möglichst viele Aemter grosse Summen vorgeschrieben haben, wird man zum zweiten Male in das Auswanderungsamt gerufen, um dort die Dokumente und die Ausreisebewilligung abzuholen. Hat A 49 man Steuerschulden, so kommt man überhaupt nicht hinaus. Besonders schwierig ist in vielen Fällen die Beschaffung der Kranwirtschaftlichen Unbedenklichkeit. Aerzte, Chemiker, kenschwestern etc. werden überhaupt nicht hinausgelassen. Es gibt eine Uniform der Reichswehr mit dem Erkennungsstreifen ,, jüdischer Arzt". Im letzten Moment wird in vielen Fällen noch bei der Gestapo eine meist sehr hohe Umlage vorgeschrieben, die sich in keiner Weise nach einer Berechnung des Vermögens richtet, sondern willkürlich festgesetzt wird. Das ist der Ersatz für die noch nicht gesetzlich festgesetzte Reichsfluchtsteuer. Keine Verordnung für die Juden wird amtlich verlautbart oder in der Presse veröffentlicht. Alles wird durch die Kultusgemeinde gemacht, wobei diese nicht sagen darf, woher die Anordnungen kommen, auch dürfen die Weisungen nicht durch Telefon oder Post weitergegeben werden, sondern nur von Mann zu Mann. Am Versöhnungstage, dem grössten jüdischen Feiertage, musste binnen 24 Stunden eine Kartothek sämtlicher Juden mit genauen Angaben über Vermögen, Alter etc. fertiggestellt und alle im jüdischen Besitz befindlichen Radioapparate abgeliefert werden. Das hiess, dass nicht nur die gesamte Kultusgemeinde, sondern alle jüdischen Organisationen, Waisenhäuser etc. und ein grosser Teil der privaten jüdischen Bevölkerung an diesem Feiertag von früh bis in die Nacht von Haus zu Haus laufen musste, um die Anordnung durchzuführen. Ueber die abgelieferten Apparate bekam man nicht einmal eine Bestätigung. Eines Tages wurde ein Ausgehverbot für alle Juden nach 8 Uhr abends erlassen. Das wurde aber nicht weiter eingehalten und auch die jüdischen Kaffeehäuser schlossen nicht um 8 Uhr und in Prag ist kein Fall von einer Anhaltung oder Bestrafung wegen Uebertretung des Verbotes bekannt. In der Provinz allerdings soll es viel schlimmer sein und es sollen sich verschiedene Zwischenfälle ergeben haben( Pilsen). Mitte August kam das Verbot der gemeinsamen Restaurants, Kaffeehäuser und aller öffentlichen Institutionen. Mit Kaffeehäusern sah es anfangs so aus, dass die meisten grossen Wenzelsplatz- Kaffeehäuser sich zu jüdischen Unternehmungen erklärten und es in den ersten Tagen für die deutschen Arier keine Möglichkeit gab, in ein Kaffeehaus zu gehen. Die Tschechen boykottierten die arischen Unternehmungen und gingen ostentativ in die jüdischen. Das wurde dann behördlich geändert und jetzt haben die meisten Kaffeehäuser jüdische Abteilungen und täglich werden neue eröffnet, da das ein besonders gutes Geschäft ist. Razzien in jüdischen Kaffeehäusern gab es in Prag bisher noch nicht. Der Besuch der Kinos ist Juden vollkommen untersagt. Oeffentliche Bäder und Bibliotheken dürfen sie nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunden betreten. A 50 Wenn eine Wohnung einem Deutschen gefällt, werden die jüdischen Mieter auf die Stunde gekündigt. Jüdische Geschäfte müssen bezeichnet sein, aber das Publikum kauft ostentativ in jüdischen Geschäften. Nur die jüdischen Lebensmittelgeschäfte bekommen viel weniger Lebensmittel zugeteilt als die arischen und so ist es selbstverständlich bei allen Waren, die selten werden. So sollen die jüdischen Geschäftsleute zum Bankrott getrieben werden. Aber auch mit den tschechischen Geschäften ist es nicht anders, daher z. B. das Textilgesetz. Kurz in jeder Hinsicht, jüdischer Boykott von oben, ohne die geringste Mitwirkung des tschechischen Publikums, welches gelernt hat, in der jüdischen Bevölkerung Leidensgefährten zu sehen. Alle hier angeführten Tatsachen beziehen sich hauptsächlich auf Wahrnehmungen, die ich in Prag gemacht habe. Tatsache ist, dass in der Provinz alles viel schlimmer und krasser ist. Eine Zeit lang wurde geplant, sämtliche Juden aus der Provinz nach Prag und Brünn zu übersiedeln, um sie hier ,, auswanderungsreif" zu machen. Die Zwangsübersiedlungen hatten auch tatsächlich bereits begonnen, wurden aber eines Tages plötzlich gestoppt, wahrscheinlich als der Plan der Zwangsübersiedlung nach Polen auftauchte. Wirtschaftlich dürfte der Unterschied zwischen Prag und dem übrigen Teile des Protektorats nicht sehr gross sein. Ein Schlaglicht auf die verzweifelte Lage der Juden in Wien wirft folgender Ausschnitt aus dem ,, Wesdeutschen Beobachter" vom 3.12.1939: ,, Nach dem Bericht der Vermögensverkehrsstelle über die Entjudung in der Ostmark wurden von 25.898 jüdischen Betrieben 21.143 stillgelegt und nur 4.755 durch arische Kaufleute weitergeführt. Insgesamt lagen der Verkaufsstelle 48.000 Anmeldungen eines jüdischen Vermögens von jeweils über 5.000 Reichsmark vor..." Inzwischen ist die Austreibung der Juden aus Wien sehr weit fortgeschritten. Die meisten haben die Stadt völlig ausgeplündert verlassen müssen, viele sind nach Lublin transportiert worden. Die Zurückgebliebenen sind womöglich noch schlechter mit Lebensmitteln und lebensnotwendigen Waren versorgt als die reichsdeutschen Juden. Die Wiener Zeitungen vom 5. Januar 1940 brachten die folgende amtliche Mitteilung:" ,, Gauleiter Bürckel hat angeordnet, dass in Kleinhandelsbetrieben aller Art in Wien Waren an Juden nur innerhalb bestimmter Stunden abgegeben werden dürfen. Diese Stunden, an A 51 welchen Juden ihre Einkäufe tätigen dürfen, sind bis auf weiteres folgende: A. In Lebensmittelgeschäften( Lebensmittelhandel und Kleinverschleiss der Lebensmittelerzeugungsgewerbe wie Bäcker, Fleischhauer, Selcher und dergleichen): von 11 bis 13 Uhr, im 2. Bezirk( Leopoldstadt) und im 20. Bezirk( Brigittenau) überdies von 16 bis 17 Uhr. Für den Lebensmittelhandel wurde ferner ein Verbot erlassen, Waren an Juden zuzustellen. B. In sonstigen Einzelhandelsgeschäften: a) in allen Wiener Gemeindebezirken mit Ausnahme der Bezirke 2, 9 und 20: von 14 bis 16 Uhr, b) im 2. Bezirk( Leopoldstadt), im 9. Bezirk ( Alsergrund) und im 20. Bezirk( Brigittenau): von 11 bis 16 Uhr. C. In Handwerksbetrieben: a) in allen Wiener Gemeindebezirken mit Ausnahme der Bezirke 2, 9 und 20: von 17 bis 18 Uhr; b) im 2. Bezirk( Leopoldstadt), im 9. Bezirk( Alsergrund) und im 20. Bezirk( Brigittenau) von 16 bis 18 Uhr. Ausserhalb der genannten Tagesstunden dürfen im gesamten Wiener Kleinhandel Waren an Juden nicht abgegeben werden. Gewerbetreibende, die dieser Regelung zuwiderhandeln, werden nach den Bestimmungen der Gewerbeordnung bestraft." Auch in Wien und in der österreichischen Provinz werden die, Juden zu harter Zwangsarbeit gepresst. So erhalten wir z. B. folgende Nachricht aus Salzburg: Juden können ihre Pelzmäntel abgeben und gegen Arbeitskleider eintauschen. Man hat sie seit dem 21. Dezember jeden Tag für die städtische Reinigung herangezogen. 3) Die Vernichtung des Judentums in Polen. Alle Nöte der reichsdeutschen, österreichischen und im Protektorat lebenden Juden verblassen vor dem, was in Polen geschehen ist und noch geschieht. Sobald die Deutschen in Polen Fuss gefasst hatten, haben sie zuächst das Eigentum jedes einzelnen Juden beschlagnahmt, die Synagogen teils geschlossen, teils zerstört, die Führer jüdischer Organisationen verhaftet und verschleppt, die Geschäfte und Waren der Juden konfisziert, die jüdischen Schulen geschlossen und zahllose Juden erschossen oder in unmenschlicher Weise zu Tode gequält. Die Juden sind all ihrer Habseligkeit beraubt worden, man hat ihnen selbst die warmen Kleider fortgenommen und sie zu schwerer Arbeit bei Regen, Schnee und Kälte gezwungen. Kinder unter 12 und Männer über 65 Jahre mussten in den A 52 von deutschen Luftangriffen zerstörten Städten den Schutt wegräumen, schwere Zwangsarbeit auf dem Lande und im Strassenbau verrichten. Aus vielen Städten wurden die Juden ganz vertrieben. Man drang in der Nacht in ihre Häuser und liess ihnen nur dreissig Minuten Zeit, um ihre Habseligkeiten zusammenzuraffen. In Warschau, wo unter der jüdischen Bevölkerung seit Monaten eine schwere Hungersnot herrscht, wüten furchtbare Epidemien, vor allem Typhus. Die Nazis haben aus allen Warschauer Krankenhäusern die jüdischen Patienten hinausgeworfen und im jüdischen Hospital, dessen Raum nicht ausreicht, zusammengepfercht. Medikamente dürfen an Juden nicht geliefert werden, so dass die Aerzte sich kaum einen Rat wissen. Die Massnahmen der deutschen Eroberer beschränken sich darauf, die deutschen Soldaten vor Ansteckung zu schützen. Im November sind in Warschau mehr als 800 Juden an Typhus gestorben. Im Januar lagen im Warschauer jüdischen Krankenhaus 1.200 Typhuskranke. Die Seuche hat auf die Judenviertel anderer polnischer Städte übergegriffen. In fast allen grösseren Orten sind Ghettos errichtet worden, die meist mit Stacheldraht eingezäunt sind. Obgleich die Juden körperlich geschwächt und vom Hunger gezeichnet sind, hat man in Polen den Arbeitszwang verhängt. In der offiziösen„ ,, Krakauer Zeitung" vom 13. Januar 1940 wurde bekanntgegeben, dass ,, sämtliche Juden Polens im Alter von 14 bis 60 Jahren ohne Ausnahme zu zwei Jahren Zwangsarbeit mobilisiert werden". Dies sei- schreibt die Zeitung weiter eine vom obersten Chef der deutschen Polizei in Polen, Krüger, über alle Juden in Polen verhängte ,, Strafe". ,, Falls das erzieherische Ziel der im Prinzip für zwei Jahre beschlossenen Zwangsarbeits- Massregel nicht erreicht werden sollte, kann die Dauer der Zwangsarbeit über zwei Jahre hinaus erhöht werden." von Die grösste Ungeheuerlichkeit aber ist die Verfrachtung Tausenden und Abertausenden von Juden aus dem Reich, aus dem Protektorat, aus Wien und aus dem westlichen Polen nach dem ,, jüdischen Reservat" in und um Lublin. Aus Lublin, das durch die Bombardements fast völlig zerstört ist, wurde die polnische Bevölkerung abtransportiert, um für die jüdischen Deportierten Platz zu schaffen. Der westliche Teil Polens soll von Juden ganz geräumt werden. Hier beziehen die Balten, die ,, heim ins Reich" geholt worden sind, die verlassenen Heime der jüdischen Deportierten. Dafür werden etwa 10.000 junge Juden aus Polen zur A 53 Zwangsarbeit nach Ostpreussen geschafft. Indes wüten überall schwere Seuchen, und die Himmlerbeamten, denen ihr eigenes Vernichtungswerk über den Kopf wächst, jagen Hunderte von Juden aus dem vom Reich okkupierten Gebiet nach Sowjetrussland, nur um die Ueberzahl los zu werden. Die Transporte nach Lublin haben im Oktober 1939 mit der Verschickung von Wiener Juden begonnen. Wenig später hat die Gestapo in Prag 200 und in Mährisch- Ostrau 1.200 jüdische Familien festgenommen und nach Lublin abgeschoben. Nicht die nötigsten Geldmittel und Kleider durften mitWestdirekt annektierten genommen werden. Aus dem polen sind grosse Judentransporte ins ,, Reservat" abgegangen. Im Februar hat die Austreibung aller Stettiner Juden das Entsetzen der Umwelt erregt. 1.300 Personen wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar um 4 Uhr morgens durch SS- Leute geweckt und in eisiger Kälte zu Fuss nach dem Güterbahnhof getrieben. Nach einer Stunde wurden Güter- und Viehwagen für sie bereitgestellt. Jede Famliie durfte einen Handkoffer mitnehmen, aber kein Bargeld. Greise, Kranke, Frauen und Kinder wurden ausnahmslos auf die furchtbare Reise geschickt. Aus einem neutralen Land erhalten wir von einem Flüchtling, der seine Angehörigen im Reich zurücklassen musste, folgenden Brief: Sie werden ja über das Schicksal der Stettiner Juden gelesen haben. Unter den von den deutschen Gangstern nach Lublin verfrachteten Leuten befindet sich leider auch ein mir befreundetes Ehepaar, Leute von 48 und 54 Jahren, die völlig hilflos dort sitzen. Gerade gestern erhielt ich wieder eine Karte, wo sie schreiben, dass sie weder Geld, noch Lebensmittel, noch Kleidung haben. Sie haben für den Fall, dass ich ihnen Lebensmittel sende, nicht einmal das Geld, um den Zoll zu bezahlen. Die Nazis haben die unerhörte Gemeinheit, diese Menschen als ausgewanderte Flüchtlinge zu bezeichnen, die nun Devisenausländer und Staatenlose sind, sodass sie noch nicht einmal von ihrem Geld etwas gesandt bekommen können. Ferner berichtet man uns aus Danzig: Die Nazis brüsten sich damit, dass es in Westpreussen und Posen, ausser in Danzig, überhaupt keine Juden mehr gibt. Einige Danziger Juden haben die Nazis in den Städten Westpreussens und Posens, wohin sie nach den Danziger Judenverfolgungen gezogen waren, angetroffen. Sie sind sehr bald nach Lublin ins Arbeitslager gebracht worden, darunter zwei bekannte Danziger Rechtsanwälte. Einen halbjüdischen Danziger Arzt, den früheren Chefarzt des Danziger Städtischen Kranken A 54 hauses, hat man in der Kaschubei angetroffen. Er wurde nach Danzig gebracht und musste dort wochenlang die Strassen des Hafenvorortes Neufahrwasser fegen. Ihm wurde dabei ein Schild um den Hals gehängt mit der Aufschrift:„Ich bin der Polenknecht und Jude..."(folgt der Name). Zum Schluss ein Zitat aus eineni Bericht des„Völkischen Beobachters" vom 21. März 1940 über Lublin, das in seinem Zynismus kaum zu übertreffen ist: „Was für Lublin gilt, gilt für alle anderen Ghettos: die Juden haben auch in diesem Krieg aus der allgemeinen Not wieder riesige Gewinne gezogen, die jetzt—- da sie die gerissensten Hehler der Welt sind— nur äusserst schwer ans Tageslicht gebracht und der Gesamtbevölkerung zugeführt werden können. Eine vollständige Auskämmung der Schlupfwinkel ist schon wegen der Seuchengefahr unmöglich. Die deutsche Verwaltung beschränkt sich deshalb einstweilen darauf, das Judentum wenigstens zum altmählichen Verbrauch seiner ergaunerten Vorräte zu zwingen, indem man sie zu unentgeltlicher Arbeit heranzieht, vor allem zur Schneeräumung und zum Strassen- bau... Nirgends ist mir die absolute jüdische Würdelosigkeit so zum Bewusstsein gekommen wie jetzt im ehemaligen Polen... Gerade in dieser Notzeit offenbart sich in den östlichen Ghettos der unüberwindbare Raffgeist dieser Rasse." Teil B: Uebersichten ( Abgeschlossen am 2. April 1940) DAS DEUTSCHE LEISTUNGSPROBLEM IM KRIEGE 1) Erschwerungen und Erleichterungen Das Dritte Reich ist in den Krieg mit einer ausserordentlichen Ueberbelastung seines gesamten Produktionsapparates und einer übermässigen Anspannung der menschlichen Arbeitskraft eingetreten. Das Leistungsproblem hatte sich in wachsender Dringlichkeit gestellt: auf der einen Seite ein ständiger Zwang zur Produktionssteigerung, auf der anderen Seite voll ausgenützte Kapazitäten, unzulängliche Ersatzinvestitionen, Ausschöpfung aller Reserven an Arbeitskräften. Als natürliche Folgen des fortgesetzten Raubbaus an Menschen und Maschinen wurden bereits im letzten Jahr vor Ein Kriegsausbruch Ermüdungserscheinungen sichtbar. Nachlassen der Arbeitsleistung war unvermeidlich geworden.³) Es besteht kein Zweifel, dass der Krieg neue zusätzliche Schwierigkeiten für die Lösung des Widerspruchs zwischen Produktionsbedarf und Leistungsfähigkeit bereitet. Indes verlangt eine nüchterne Betrachtungsweise, dass auch jene Faktoren, die die Leistungskrise mildern, gebührend berücksichtigt werden. Wie der Krieg überhaupt wirtschaftspolitisch selbst dort, wo bereits neue Situationen geschaffen hat so hat er vorher ,, kriegsähnliche Zustände" bestanden auch die alten Voraussetzungen und Formen der Leistungskrise zum Teil erledigt. J 1. Vor Kriegsausbruch ergab sich das Leistungsproblem für die deutsche Wirtschaft vor allem daraus, dass die Grenzen der Produktionsausdehnung erreicht waren, während der Zwang zur allgemeinen Produktionssteigerung verstärkt anhielt. Seit Kriegsausbruch ist dagegen dieser Zwang vorwiegend auf die Mehrproduktion von Kriegsgütern beschränkt. Andererseits hat der Krieg eine wesentliche Einschränkung ¹) Wir verweisen auf die Untersuchung über das deutsche Leistungsproblem in Nr. 6/1939( Teil B) der„ Deutschland- Berichte", an die sich die vorliegende Arbeit anschliesst. B 2 der Verbrauchsgüter- Erzeugung ermöglicht und dadurch die Zuspitzung der Leistungskrise gemildert und hinausgeschoben. Auch vor dem Kriege wäre das Leistungsproblem durch eine Drosselung der Produktion zu lösen gewesen, aber damåls hätte ein scharfer Produktionsrückgang das ganze Gebäude der nationalsozialistischen Staatskonjunktur erschüttert. Jetzt, unter den Bedingungen des ,, totalen" Krieges, kann das Volumen der gesamten Produktion sinken, wenn es nur gelingt, die eigentliche Kriegsproduktion weiter zu steigern. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass durch das Absinken der Nicht- Rüstungsproduktion mehr Arbeitskräfte freigesetzt, als durch militärische Einziehungen dem Produktionsprozess entzogen werden. Bei dem bisherigen Stande der Kriegführung kann man von dieser Voraussetzung ausgehen. 2. Setzten vor dem Kriege Ueberstundenarbeit und Unterernährung das physische Leistungsvermögen des deutschen Arbeiters immer mehr herab, eine Entwicklung, der das Regime mit psychischen Anreizmitteln, wie Leistungsprämien, beizukommen versuchte, so schafft die Kriegsatmosphäre ,, das Zusammenreissen der Nation" wenigstens in der ersten Zeit psychologisch günstigere Voraussetzungen für das Aufhalten des Leistungsrückgangs. Die rationierte Kriegsernährung und die Durchbrechung der letzten Schranken des Arbeitsschutzes) müssen allerdings auf die Dauer zur Folge haben, dass sich der Erschöpfungsprozess fortsetzt. Vor Kriegsausbruch war der Rückgang der Arbeitsleistung je Arbeiter der entscheidende Punkt des deutschen Leistungsproblems, das im Vorjahre das ganze Vierjahresplan- Gebäude bedrohte. Seit Ausbruch des Krieges stellt sich das Problem etwas anders. Jetzt ist die Hauptsache, dass die Rüstungsproduktion im weitesten Sinne steigt, und man kann es wenigstens vorübergehend in Kauf nehmen, wenn diese Steigerung mit einem so starken Absinken der Nichtrüstungsproduktion erkauft werden muss, dass die Gesamtproduktion der deutschen Wirtschaft zurückgeht. Allerdings nur solange, bis der Punkt erreicht ist, wo das Nachlassen der Arbeitsleistung nicht mehr allein zu einem Sinken der Gesamtproduktion, sondern auch der Kriegsproduktion führt. Wann dieser Punkt erreicht werden wird, hängt nicht nur von den technischen Bedingungen, von der Art der Kriegführung, und dem Grad der physischen Erschöpfung der Arbeiter ab, sondern vor allem auch davon, ob zu dem unver3) Vgl. hierüber Heft 2/1940, Teil B. B 3 meidlichen, jedoch ungewollten Nachlassen der Arbeitsleistung auch die absichtliche Leistungsverminderung kommt, der Kampf der Arbeiter gegen das Kriegsregime in der Form, dass sie bewusst langsamer arbeiten. 2) Schwierigkeiten der deutschen Kriegsproduktion a) Der Rückgang der Gesamtproduktion. Seit Kriegsausbruch wird in Deutschland keine Produktionstatistik mehr veröffentlicht. Damit ist es unmöglich geworden, den Umfang und die Grössenordnung der deutschen Wirtschaftstätigkeit auch nur schätzungsweise zu erfassen. Aber der Rückgang der deutschen Gesamtproduktion in Deutschland seit Kriegsausbruch steht ausser Frage. Wir wissen nur sehr wenig über den Umfang des Produktionsrückganges. Der Krieg begann mit einer Beschlagnahme aller privaten Rohstoffvorräte und einer verschärften Bewirtschaftung von Roh- und Treibstoffen. Der Krieg begann ferner mit einer fast völligen Einstellung der privaten Bautätigkeit. Auch die Schaffung einer Werkerhaltungsbeihilfe für stillgelegte Unternehmen³) und die vielen Verkaufsangebote stillgelegter Betriebe und Betriebsteile im Inseratenteil der deutschen Zeitungen legen Zeugnis davon ab, dass der Umfang des Produktionsrückganges erheblich ist. Für den dritten KriegsmoNovember 1939 teilte Staatssekretär Syrup mit, dass in 4.949 Betrieben Kurzarbeit eingeführt worden sei ( ,, Reichsarbeitsblatt" Nr. 1/1940). Produktionsrückgang bedeutet zweifellos Entlastung des Produktionsapparates und Freiwerden von Produktionskraft für andere, also für kriegswichtige Produktion. Aber er bedeutet stets gleichzeitig zum Teil Verkümmerung und Zerstörung von Produktivkraft. Ein Werk, das stillgelegt wird, droht zu verkommen. Die Einführung der Werkerhaltungsbeihilfe beweist, dass diese Gefahr vom Regime erkannt wird. Aber das Gegenmittel ist nur ein bescheidener Notbehelf. nat b) Umstellungsprobleme Trotz aller Vorbereitungen der kriegswirtschaftlichen 3) Vgl. hierüber ,, Deutschland- Berichte", Nr. 3/1940, Seite A 33. B 4 „Planung" stösst die UmsteHung der nichtkriegswichtigen Betriebe auf Kriegsproduktion auf grosse Schwierigkeiten. Bezeichnend ist, dass das Regime hier sehr viel Leerlauf zufassen muss, obwohl die Ausnützung unbeschäftigter Produktionsstätten für die Mehrproduktion an Kriegsgütern die dringendste Aufgabe des Tages ist. Wäre dieser Umstellungs- prozess organisatorisch zu bewältigen, so würden die Nazis gerade auf diesem wichtigen Gebiet nicht„das freie Spiel der Kräfte" zulassen. So aber tauchen in der deutschen Presse seit Kriegsausbruch zunehmend Anzeigen folgender Art auf:*) „Eine Rohrleitungsfirma sucht Arbeit für ihre Montagegruppe",—„Arbeitshungrige Maschinen rufen nach Aufträgen",—„Aufträge für Pressen und Drehbänke gesucht",— „Unteraufträge in Stahlguss gesucht",—„Leistungsfähige Blechwarenfabrik im Siegerland sucht Aufträge, auch Unteraufträge",—„Lüdenscheider Fabrik für Aluminium und Gussartikel sucht Aufträge bzw. Unterlieferungen",—„Karosseriefabrik Drauz, suchen laufend Aufträge für unser modernes Press- und Stanzwerk" usw. Vor Kriegsausbruch hatte kaum ein deutscher Betrieb Platz für die Hereinnahme von neuen Aufträgen oder aber das Arbeitsamt hätte dem betreffenden Betrieb die Arbeitskräfte abgezogen. Sehr deutlich ist auch z. B. der Jammerbrief eines Fabrikbesitzers, den die„Frankfurter Zeitung" (vom 8. Februar 1940) abdruckt: „Als Betriebsführer einer Fabrik der ledererzeugenden Industrie, sehe ich mich zur Umstellung unseres Betriebes auf Grund der derzeitigen Verhältnisse gezwungen, um meiner Gefolgschaft von ca. 150 langjährigen und bewährten Mitarbeitern Arbeit und Brot zu verschaffen. In dieser Lage, und um eine Betriebsschliessung zu verhindern, habe ich mich inzwischen an mehrere amtliche und private Stellen gewandt und um Uebertragung von Aufträgen gebeten, ohne jedoch bis jetzt zu dem gewünschten Erfolg zu kommen. Die Betriebsanlagen sind modern, die Fabrikations- und Lagerräume sowie sonstige technische Einrichtungen und die Kraftanlage etc. in jeder Weise für andere Fabrikationszwecke geeignet, und dennoch muss ich befürchten, dass eine Weiterarbeit sich nicht ermöglichen lässt." *) Uebrigens erscheinen in letzter Zeit auch häufig Verkaufsangebote von Patenten und nicht etwa von solchen der Lebens- mittelherstellung, sondern vorwiegend der Metallverarbeitung. B 5 Der Ruf nach Schaffung einer Ausgleichstelle verhallt aber, obwohl das Regime doch sonst, wo es etwas zu ,, bewirtschaften" gibt, mit der Einsetzung von Reichskommissaren schnell bei der Hand ist. Die c) Ungenügende Kapazitätserweiterung von Möglichkeiten, die sich durch Umstellung Nicht- Rüstungsbetrieben auf Kriegsproduktion ergeben, können also nur teilweise ausgenutzt werden. Noch wichtiger aber ist die Frage, ob es möglich ist, die Kapazitäten der schon bisher kriegswichtigen Betriebe in nennenswertem Masse auszuweiten. Denn gerade bei diesen Betrieben war die Ausschöpfung der Leistungsreserven bereits vor dem Kriege am weitesten vorgeschritten. Tatsächlich lässt sich aber erkennen, dass in vielen Fällen kriegswichtige Unternehmungen, die 1939 notgedrungen zu Neuinvestitionen geschritten waren, diese seit Kriegsausbruch wieder haben einstellen müssen. zuSo teilte z. B. der Generaldirektor Tgahrt von den HoeschWerken, die eine grosse Rolle in der kriegswichtigen Montanindustrie spielen, mit,„, dass wegen der Kriegserfordernisse eine Reihe von Bauvorhaben im Vorjahre war noch von einem dreijährigen Bauprogramm berichtet worden rückgestellt werden musste."( Vgl. ,, Bilanzen" im ,, Deutschen Volkswirt" vom 19.1.40) Dabei ging die Zechenförderung des Hoesch- Konzerns im letzten Jahre auch absolut zurück, dass besonders im Hinblick auf die Wichtigkeit der Kohle für die gesamte Kriegsproduktion ein technischer Ausbau unumgänglich notwendig wäre. SO umfassender Es ist bezeichnend, dass viele Betriebe der Kriegsproduktion( andere als kriegswichtige Betriebe bauen ja überhaupt nicht aus, sondern legen eher still) ihre Erzeugungsfähigkeit dadurch auszudehnen versuchen, dass sie alte Maschinen und Werkzeuge aus den stillgelegten oder verkürzt arbeitenden Fabriken aufkaufen. Dies geschieht, weil Betriebserweiterungen mit neuen Maschinen in der Mehrzahl der Fälle undurchführbar sind. Ein Teil der deutschen Grossbetriebe, und zwar der wichtigste, bedingt sich jetzt Methoden, wie sie etwa im Balkan üblich sind, wo man in früheren Jahren alte Maschinen aus Deutschland einzuführen pflegte: be,, Die Möglichkeiten der Betriebserweiterung sind schränkt", schreibt die„ Frankfurter Zeitung"( vom 26.1.40), B 6 „schon die Dringlichkeit der Lieferungen verbietet, zu ver- grössern und auszubauen. Zusätzliche Maschinen sind nur mit langen Lieferfristen erreichbar. Gebrauchte Maschinen wurden denn auch zeitweilig so stark gefragt, dass trotz des Stops die Preise überboten wurden und der Preiskommissar regelnd eingreifen musste; zudem reichte das Angebot nicht aus." Unter diesen Umständen ist jedes Unternehmen bestrebt, aus seinen Maschinen soviel wie irgend möglich herauszuholen. Die Gefahren einer solchen Abnutzung bis zum äus- sersten liegen auf der Hand. Nicht umsonst werden die deutschen Betriebsführer in der deutschen Fachpresse immer wieder dringend ermahnt, für die Erhaltung der Produktionsmittel zu sorgen. So schreibt z. B. der„Deutsche Volkswirt" vom 9. 2. 1940: „Irgendwelche Einschränkungen der bisher üblichen Erhaltungsarbeit sind nur dort vertretbar, wo kriegswichtige Gründe es unmöglich machen, Material und Arbeiter für diesen Zweck zu beschaffen." Es wird sogar die Ernennung eines Reichsbeauftragten angekündigt, der für die Erhaltung der Maschinen und für Massnahmen gegen Substanzverlust zu sorgen haben werde. Welchem deutschen Betriebsleiter oder Ingenieur oder selbst Facharbeiter hätte man früher die Pflege der Betriebsanlagen besonders ans Herz legen müssen! 3) Die Leistungskrise in kriegswichtigen Industrien Wie sich unter solchen Verhältnissen die Steigerung der Kriegsproduktion entwickeln dürfte, kann man sich vorstellen. Alle Angaben über die Produktionsentwicklung werden von der deutschen Presse sorgfältig vermieden. Aber eine genaue Prüfung der Geschäftsberichte der deutschen Aktiengesellschaften lässt gewisse Rückschlüsse zu, obgleich auch in diesen Berichten sehr viel verschleiert ist. Besondere Beachtung verdienen dabei Mitteilungen der beiden bedeutendsten deutschen Kriegsproduktionsstätten, die zusammen rund eine halbe Million Arbeiter und Angestellte beschäftigen, des Siemenskonzerns und der Vereinigten Stahlwerke. Der Afemens-Kon�ern konnte seine Belegschaft von nicht ganz 80.000 im Jahre 1933 auf rund 220.000 bei Kriegsaus- B 7 bruch steigern. Angesichts des allgemeinen Arbeitermangels war das nur wegen der überragenden Bedeutung der SiemensWerke für die Kriegsrüstung möglich. Dabei kann man annehmen, dass wohl kaum ein anderes deutsches Unternehmen in diesen Jahren eine so weitgehende technische Rationalisierung und Ausdehnung seiner Anlagen vorgenommen hat wie dieses. Trotzdem hat C. F. von Siemens in der letzten Hauptversammlung der Aktionäre( nach dem Bericht der ,, Frankfurter Zeitung" vom 21. März 1940) über die Anforderungen, die der Krieg an den Konzern gestellt hat, die Feststellung treffen müssen: ,, Menschen und Werkstätten reichen kaum aus, um den Ansturm nach elektrotechnischem Material zu erfüllen." Und in anderem Zusammenhang fügte er hinzu, dass ,, bei Kriegsbeginn die öffentlichen Anforderungen über die Kapazität der Gesellschaft hinaus wuchsen". Der Geschäftsbericht der Vereinigten Stahlwerke( ,, Deutscher Volkswirt" vom 21. März 1940) spricht für die letzte Zeit vor Kriegsausbruch von ,, weiterhin äusserst starker Beanspruchung der Anlagen, Ausschöpfung aller Leistungsreserven und dementsprechend erhöhtem Verschleiss". ,, Die Ausführung der auf die weiter gestiegenen Anforderungen abgestellten Bauarbeiten hat sich durch die Beengung in der Materialversorgung und die Belastung der Lieferfirmen verlangsamt." Weiter heisst es: ,, Auf der Eisenseite, wo man schon früher neue Höchstziffern erzielt hatte, mussten auch die Maschinen das letzte hergeben, um eine nochmalige, wenn auch verlangsamte Steigerung der Erzeugung zu erreichen, während es auf der Kohlenseite der Mangel an gelernten Bergarbeitern war, der der Betriebsleitung die Grenze setzte." In dem besonderen Geschäftsbericht der dem Stahlverein angeschlossenen Deutschen Edelstahlwerke wird betont,„ dass die Grenze der Leistungsfähigkeit der Werke erreicht ist". ( ,, Frankfurter Zeitung" vom 23. März 1940.) Bezeichnend sind auch Ausführungen des Generaldirektors Zangen, des Leiters der Wirtschaftsgruppe„ Industrie", aus denen die ,, Frankfurter Zeitung"( vom 28. Februar 1940) folvon ihr gendes wiedergibt:„ Die Eisenindustrie werde die verlangten Leistungen vollbringen, obwohl sie wie kaum eine andere Industrie in ein Netz von Bewirtschaftungsmassnahmen verstrickt sei. Aber es bleibe kein anderer Weg, um die vordringlichen Lieferungen für die Wehrmacht unter allen Umständen zu sichern. Was für die Angestellten gelte, treffe nicht minder für die Arbeiter zu, deren Zahl in den letzten Monaten verringert worden sei, während auf der anderen Seite die Anforderungen gestiegen seien. Vielfach sei eine Ausdehnung der Arbeitszeit die Folge gewesen. Trotzdem stehe das Leistungsniveau der Eisenindustrie nach wie vor auf einem hohen Stand." B 8 Geht man von den Verhältnissen aus, die in der letzten Zeit vor dem Kriege gerade in den kriegswichtigen Industriezweigen, und vor allem im Steinkohlenbergbau herrschten, SO kann man annehmen, dass die durchschnittliche Leistung je Arbeitsstunde und vielleicht auch das gesamte Leistungsniveau weiter gesunken sein muss. Die Bedeutung der Steinkohlenförderung für die deutsche Kriegsproduktion ist überragend. Sie ist insbesondere die Basis der synthetischen Benzinherstellung und fast der gesamten Ersatzstoffproduktion.5) Gerade bei der Steinkohlenerzeugung war bereits lange vor dem Krieg die Kluft zwischen Produktionsbedarf und Leistungsvermögen gross und in dauerndem Wachsen. Trotz aller Gegenmassnahmen des Regimes ging die Arbeitsleistung im Ruhrbergbau zurück. Offenbar hat sich diese Entwicklung auch nach Kriegsausbruch fortgesetzt. Soweit die letzten Geschäftsberichte verfolgt werden konnten, lassen sie durchwegs ein weiteres Nachlassen der Leistung vermuten. Dies sei an dem Beispiel des Geschäftsberichtes von Rheinstahl, wo die Steinkohleninteressen des IG- Farbentrusts zusammengefasst sind, erläutert.( Vgl. ,, Bilanzen" im„ Deutschen Volkswirt" vom 8. Dezember 1939.) hier ein Rückgang der Im Geschäftsjahr 1938/39 war Steinkohlenförderung um 4,44% zu verzeichnen ,,, weil Flözstörungen den Abbau beeinträchtigten, Erscheinungen, die sich bei zunehmender Teufe noch gesteigert haben. Hinzu kamen: Abwanderung und starke Fluktuation der Arbeitskräfte, Zunahme des Krankfeierns und der Unfälle." Als Folge der Goeringschen Verordnung über die Verlängerung der Schichtzeit und die Einführung einer Art Stachanowprämie im deutschen Bergbau am 2. März 1939 wurde, wie weiter aus dem Rheinstahl- Bericht hervorgeht, von April bis August 1939 ein Produktionsplus von 4,7% erreicht. Dabei betrug jedoch die Verlängerung der reinen Schichtzeit im Durchschnitt 11,6%. Eine Erhöhung der Lohnsumme in dieser gleichen Zeit um rund 19% lässt erkennen, dass auch die Belegschaft etwas gestiegen sein muss. Dieser Bericht zeigt also deutlich, dass die Goeringsche Leistungsverordnung vom Frühjahr 1939 sich als Misserfolg erwies. Die Arbeitsleistung je Arbeitsstunde ist sogar schärfer zurückgegangen als jemals. Nur durch starke Arbeitszeitausdehnung und gewisse Mehreinstellungen liess sich die Ge5) Vgl. hierzu den Beitrag ,, Die deutsche Ersatzstoffproduktion" in Heft 3/1940, Seite B 23 ff. B9 samtförderung von 1938 erreichen, die aber auch schon niedriger war als die von 1937 und 1936. Der Krieg muss die Arbeitsleistung im Bergbau weiter gesenkt haben. Die Abwanderung und Fluktuation von Arbeitskräften ist durch die Mobilisierung, den fortgesetzten Bedarf an Westwallarbeitern und dadurch, dass Göring mehr als je nach deutschen Erzen suchen lässt, zweifellos grösser geworden. Dass das Krankfeiern und die Unfälle abgenommen hätten, kann man erst recht nicht annehmen. Hetztempo und weitere Ausdehnung der Arbeitszeit wirken stets unfallerhöhend. Hinzu kommt der Mangel an gutem Grubenholz und dessen Ersatz durch Hölzer, die plötzlich brechen, ohne dass vorher Anzeichen für ihre Ueberlastung sichtbar wflrden. Was die erhöhte Unfallgefahr allgemein anlangt, so wird Unfallstatistik selbstverständlich seit Kriegsausbruch keine mehr veröffentlicht. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, wenn im letzten Geschäftsbericht des Siemens- Konzerns gesagt wird ,,, dass eine Einreihung einzelner Arbeitsgebiete in eine höhere Gefahrenklasse der Unfallversicherung vorgenommen worden ist".( ,, Deutscher Volkswirt" vom 8. März 1940.) Die Wiederabschaffung der Zuschläge und Leistungsprämien, die am 2. März 1939 mit viel Reklame zur Hebung der Leistung eingeführt worden waren, lässt darauf schliessen, dass die Arbeitsleistung im deutschen Bergbau weiter zurückgeht. Schon bei der Einführung der Leistungsprämien hatte Ley in einer Bergarbeiterversammlung in Essen die Wiederabschaffung angedroht, falls sich die mit ihr verbundenen Erwartungen der Leistungssteigerung nicht einstellen sollten. Dennoch wird die deutsche Kohlenförderung im Gesamtergebnis nicht sinken, sondern steigen, denn diese Steigerung ist für die deutsche Kriegswirtschaft unumgänglich notwendig. Aber die Steigerung wird mit Mitteln erzielt werden müssen, die eine Verschärfung der deutschen Leistungskrise hervorrufen müssen. 4) Der Arbeitseinzatz weniger leistungsfähiger Kräfte Die Steigerung der Kohlenförderung wird nur dadurch zu erreichen sein, dass noch mehr Arbeitskräfte, und zwar mit dem Bergbau weniger vertraute Arbeiter und Bergarbeiterinvaliden, in die Gruben gepresst werden. Die deutsche Fach B 10 zeitschrift ,, Glückauf"( vom 6. Januar 1940) gibt über eine der Methoden des neuen ,, Arbeitseinsatzes" im Bergbau Auskunft: ,, Die Verkürzung der Ausbildungszeit von 4 auf 3 Jahre muss zwangsläufig eine eine Beschleunigung der praktischen bergmännischen Ausbildung nach sich ziehen, da durch die erwähnte Einschränkung von dem wichtigsten Ausbildungsabschnitt im Untertagebetrieb ein ganzes Jahr verloren geht... Infolge Nachwuchsmangel wird seit einigen Wochen der Rest des dritten Ausbildungsjahrgangs in die Grube verlegt. Dabei kommt es vor, dass Bergjungleute, die noch nie eine Grube gesehen haben, die Anfahrt verweigern." Dies in Hitler- Deutschland; ja unter der Hitlerschen Kriegs- Diktatur, wo Jung und Alt unter Kriegs- Arbeitszwang steht! Dabei ist noch zu beachten, dass früher nicht nur die Ausbildungszeit ein Jahr länger dauerte, sondern der ausgelernte Jungbergmann dann in den meisten Fällen auch noch nicht in die Grube geschickt wurde, vielmehr in der Regel erst nach weiteren drei Jahren, also nach insgesamt 7 Jahren Ausbildung. Jetzt wird er statt mit 21 Jahren schon im Alter von kaum 17 Jahren zur mörderischen Untertagearbeit gezwungen. Eine gewisse Reserve an Arbeitskräften liegt noch in der Erweiterung der Frauenarbeit. Diese Reserve kann im Kriege mit noch grösserer Rücksichtslosigkeit ausgeschöpft werden. Naturgemäss nimmt die Frauenarbeit jetzt vor allem in der Metallindustrie zu. Bezeichnend dafür, mit welchen Arbeiten jetzt Frauen beschäftigt werden, ist folgender Bericht über die Ausbildung von Schweisserinnen in der Zeitschrift ,, Autogene Metallbearbeitung"( November 1939, Seite 327): ,, Frauen arbeiten in der Ausführung von autogenen Schweissungen an dünnen Blechen gut und schnell und schon nach kurzer Zeit werden von ihnen neben ausreichenden Gütewerten die üblichen Schweissungen erzielt. Voraussetzung ist bei den Ausbildungsgängen, dass sich die von Frauen ausauf dünne zuführenden Schweissarbeiten in der Regel nur Bleche beschränken. Ausserdem ist besonders im Anfang auf die Einstellung der Frau zu diesen Arbeiten weitgehend Rücksicht zu nehmen. Ein Brennerrückschlag in der ersten Ausbildungsstunde soll schon Frauen für immer vom Schweissplatz vertrieben haben." B 11 Im allgemeinen bietet jedoch der Arbeitseinsatz der Frauen nicht so viele Möglichkeiten, wie manchmal angenommen wird. Die Reserven an bisher unbeschäftigten arbeitsfähigen Frauen sind nicht mehr gross. Die Erhebung auf Grund der Arbeitsbücher vom 25. 6. 1938 liess erkennen, dass z. B. in den wichtigen Altersstufen von 18 bis 24 Jahren bereits früher wesentlich mehr Frauen beschäftigt waren als Männer.") Inzwischen ist noch das weibliche Pflichtjahr eingeführt worden. Das entscheidende Problem des Arbeitseinsatzes ist aber nicht so sehr der quantitative Mangel an Arbeitskräften, für den durch die Freisetzung von Arbeitskräften in der nichtkriegswichtigen Produktion, durch die verstärkte Einführung der FrauenarbeiP) und durch die Beschäftigung polnischer Gefangener und Zwangsarbeiter ein gewisser Ausgleich geschaffen werden kann. Dringend ist vor allem der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, und am stärksten ist der Mangel an Technikern und Ingenieuren. So ergab eine Untersuchung in der Eisen- und Stahlindustrie, die gerade bei Kriegsausbruch fertiggestellt wurde, einen starken Rückgang an Werksleitern: „Auffallend ist das Zurückbleiben der personellen Besetzung des Maschinenbetriebs. Wir kommen zu einer notwendigen Studierendenzahl an Eisenhüttenleuten von mindestens etwa 500, der bei Ausbruch des Krieges eine tatsächliche Zahl von 300 gegenüberstand"(Stahl und Eisen", Heft 46/1939). ") Vergl. Statistische Beilage zum„Reichsarbeitsblatt" Nr. 8/1939. 1 Die Verwendung von Frauen als Strassenbahnschaffnerin- nen ist jetzt in fast allen Städten durchgeführt. Ein vom Sozialamt der DAF im Frühjahr 1939 erstattetes Gutachten sprach sich zwar entschieden gegen die Verwendung von Frauen als Schaffnerinnen aus, nicht zuletzt auch deshalb, weil diese Art von Tätigkeit gar nicht so leicht sei, wie meist angenommen werde. An dem Beispiel der Schaffnerinnen kann man übrigens die Schwierigkeiten des Arbeitseinsatzes der Frauen erkennen: Gleich bei Kriegsausbruch wurden in vielen Städten die Frauen aufgerufen, sich als Schaffnerinnen zu melden. Dann, in den Monaten November und Dezember, wurden vielerorts die Frauen wieder entlassen. Später versuchte man es mit Studentenhelfern(so in Halle und Leipzig). Jetzt, im März, erfolgen wieder verstärkte Einstellungen von Frauen bei den Strassenbahnen. B 12 5) Das Leistungsproblem in der Landwirtschaft Eine besondere Rolle spielen für das Leistungsproblem der deutschen Kriegswirtschaft die Schwierigkeiten des Arbeitseinsatzes, der Materialbeschaffung und des Transports in der Landwirtschaft. Tatsächlich konnte seit 1933 die deutsche landwirtschaftliche Produktion gesteigert werden. Die Absperrung vom Ausland, die Garantierung des Absatzes, die Erhöhung der Preise, vorteilhafte Saatgutbeschaffung und ausgiebige Kreditgewährung für Düngemittel trugen wesentlich dazu bei, dass die Hektarerträge anwuchsen und die Anbaufläche erweitert wurde. Im Jahre 1939 wurde allerdings unter sehr eine landwirtschaftgünstigen Witterungsverhältnissen liche Produktion erzielt, wie sie Deutschland vorher nie erreicht hatte. Mehr noch als für die industrielle Produktion gilt aber für die Landwirtschaft, dass bereits vor Kriegsausbruch die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht war. Trotz der günstigen Ernteergebnisse erfuhr der Wirtschaftsertrag der Landwirtschaft im Jahre 1938 zum ersten Male einen Rückgang. Ein im Jahre 1938 als Manuskript erschienener Bericht der Bank für deutsche Industrieobligationen musste zugestehen, dass sich ein ,, recht ungünstiges Bild über die Lage des deutschen Bauernstandes" ergab. Die grösste Schwierigkeit, mit der die deutsche Landwirtschaft zu kämpfen hat, den Mangel an Arbeitskräften, haben die Nationalsozialisten selbst hervorgehoben. In dem erwähnten Bericht wird festgestellt: ,, Die Bauern, die mit unverheirateten Arbeitskräften gewirtschaftet haben, sind infolge der Landflucht und des Militärdienstes besonders hart getroffen." In der Tat haben schon in der Periode der Kriegsvorbereitung die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Rüstungskonjunktur, aber auch die nationalsozialistische Agrarpolitik selbst zusammengewirkt, um einen immer grösseren Mangel an Arbeitskräften auf dem Lande hervorzurufen. War doch die nationalsozialistische Agrarpolitik vor allem auf Intensivierung der Landwirtschaft gerichtet, was zwangsläufig zu einem Mehrbedarf an Arbeitskräften führen musste. Die Schwierigkeiten, dem industriellen und landwirtschaftlichen Bedarf an Arbeitskräften gleicherweise gerecht zu werden, wurden zu Beginn des Krieges im„ Reichsarbeitsblatt"( vom 5. September 1939) folgendermassen geschildert: B 13 ,, Die Schlussfolgerungen sind sehr düster: Entweder wird die Landflucht aufgehalten dann wird der Mangel an industriellen Arbeitskräften verstärkt und unsere Industrieproduktion gebremst, ja der gegenwärtige Bestand überhaupt in Frage gestellt. Oder die Landflucht wird nicht aufgehalten ist eine Minderung unserer Nährwerternten zu erwarten." dann So war die Lage bei Kriegsausbruch. Alle Versuche, die Landflucht aufzuhalten, scheiterten. Auch die Erhöhung der Landarbeiter- Einkommen( sie sind stellenweise tatsächlich erheblich gestiegen) war kein wirksames Mittel, die Abwanderung in die stark beschäftigte Industrie aufzuhalten. Arbeitskräften Man versprach den Bauern Maschinen, die den Ausfall an leistungsfähigen sollten. kompensieren 1938/39 aber wurden weniger Maschinen und Haushaltsgeräte an die Landwirtschaft geliefert als in den Vorjahren, weil die Maschinenindustrie kaum die Rüstungsaufträge bewältigen und nicht einmal den Bedarf für die industriellen Ersatzinvestitionen decken konnte: ,, Die Finanzierungsgesellschaften für Landmaschinen berichten für das letzte Geschäftsjahr über verminderte Umsätze", schreibt die ,, Frankfurter Zeitung" vom 22. Februar 1940. Mit dem dem Ausbruch des Krieges ist die Lösung dieser Probleme noch schwieriger geworden. In der ,, Frankfurter Zeitung" vom 24. Februar 1940 heisst es darüber: ,, Die Versorgung mit Landmaschinen wird natürlich im Augenblick beschränkter als ehedem sein. Die Aufgaben werden aber mit der angestrebten Intensivierung eher noch wachsen. Entscheidend für den Erfolg ist daher mehr denn je der Menscheneinsatz, der bereits vor dem Kriege zum Hauptproblem für die Landwirtschaft geworden war. Viele Bauern und Landarbeiter sind zu den Fahnen gerufen. Die Arbeitslast der zurückgebliebenen Bauern, Bäuerinnen und Landarbeiter ist damit vervielfältigt worden." Was die Bereitstellung von Düngemitteln betrifft, so wird zwar in der landwirtschaftlichen Presse unablässig versichert, dass die anfänglichen Transportschwierigkeiten überwunden wären, aber in Wirklichkeit ist die Düngemittelversorgung ein industrielles Leistungsproblem und eine Frage der Einfuhr aus dem Auslande. So heisst es in einem Artikel von Prof. Krauch, dem Generalbevollmächtigten Görings für Sonderfragen der Chemie, dass die Versorgung mit Phosphorsäure ein schwacher Punkt in der B 14 Düngemittelversorgung geworden ist. ,, Ihr Verbrauch ist auf 50 Prozent der Vorjahresmenge kontingentiert"( ,, Landpost" 15. 2. 40). Andererseits wird im ,, Bau- Kurier"( 2. Märzheft 1940) dargelegt, dass auch die Versorgung des Bodens mit Düngekalk diesmal zurückgehen werde, weil die Erzeugung der Kalkwerke nur allmählich gesteigert werden könne, dagegen der Bedarf an Kalk, vor allem in der chemischen Industrie und in der Eisenund Stahlindustrie stärker gestiegen sei als die Kalkproduktion. Da die Munitions- und Giftgasfabrikation einen sehr grossen Bedarf an Stickstoff und Kali( K2O) hat, erscheint die Behauptung, die Versorgung mit diesen wichtigsten Düngemitteln sei gesichert, als sehr fragwürdig. Die von Göring im Februar in seiner Rundfunkansprache an das deutsche Landvolk angekündigte und inzwischen. durchgeführte Erhöhung der Milch- und Butterpreise stellt eine Art Leistungsprämie für die Landwirtschaft dar, ähnlich den Lohnprämien, die im Vorjahr im Bergbau gewährt worden sind. Wie damals beim Bergbau ist auch diesmal bei der Landwirtschaft die Wiederaufhebung der Prämie angekündigt worden für den Fall, dass die Leistungssteigerung ausbleibt. Aber in der Landwirtschaft kann auf diese Weise bestenfalls eine erhöhte Ablieferung, nicht aber eine erhöhte Leistung erreicht werden. Der letzten Viehzählung ist zu entnehmen, dass die Zahl der ein- bis zweijährigen Kalbinnen um 10 Prozent abgenommen hat. Das bedeutet, so wird auch in den ,, Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik" vom November 1939 zugegeben ,,, dass binnen kurzem die Zahl der Kühe und damit die Produktion von-Milch in demselben Masse abnehmen wird". Natürlich wird das Regime das Nachlassen der landwirtschaftlichen Leistung durch neue Verbote gegen die Landflucht, durch verstärkte Verschickung junger Mädchen aufs Land und besonders durch den Einsatz von polnischen GeWie diese Massnahmen fangenen aufzuhalten versuchen. aber zu bewerten sind, hat in dem erwähnten Heft der nationalsozialistischen ,, Jahrbücher für Nationalökonomie" Michael Hänisch dargelegt: ,, Man gibt sich hinsichtlich des Verbots, Landarbeiter in Fabriken aufzunehmen, arger Täuschung hin. Dieses Verbot hat, wie ich aus eigener Erfahrung als Landwirt weiss, die Wirkung, dass Arbeitslust und Arbeitsleistung der Landarbeiter zurückgehen... Mit Zwangsarbeitern ist heute niemandem gedient! Was den freiwilligen Arbeitsdienst betrifft, so schätze B 15 ich ihn aus pädagogischen Gründen hoch ein, den Bauern wird aber durch ihn nicht sehr viel geholfen, weil die Arbeitskräfte sehr ungeschult sind und nur kurz bleiben..." 6) Die Bedeutung der polnischen Eroberungen Die Eroberung halb Polens hat für die Lösung des industriellen Leistungsproblems weniger Bedeutung als vordem die Einverleibung der industriell höher entwickelten Tschechoslowakei.³) Dabei hat auch die Eroberung der Tschechoslowakei die weitere Zuspitzung der Leistungskrise in der deutschen Wirtschaft nicht verhindern können. Der polnische Bergbau ist mit seiner höchsten Jahresförderung von 38 Millionen Tonnen der einzige Faktor von wesentlicher industrieller Bedeutung. Vor Kriegsausbruch wurde vom Vierjahresplanamt( nicht für den Kriegsfall) ein Bedarf an Steinkohle in Höhe von 240 Millionen Tonnen jährlich berechnet, wenn es zur Eigenversorgung mit Buna und zur Inbetriebnahme aller in Bau befindlichen Hydrierwerke kommen soll. Unter Hinzunahme der polnischen Gruben würde eine solche Jahresförderung zu erzielen sein, wenn die Arbeitsleistung nicht nachlässt. Dass die Förderung im polnischen Bergbau unter deutscher Herrschaft gesteigert werden könnte, wie Göring grossspurig ankündigte, ist wenig wahrscheinlich. Die Schichtförderung je Bergarbeiter ist in Polen fast stets die höchste der Welt gewesen. Polen stellt die leistungsfähigsten Bergarbeiter, insbesondere auch die besten Hauer des Ruhrgebiets. Dass diese polnischen Bergarbeiter jetzt, weil sie als Gefangene arbeiten, mehr leisten sollten als schon bisher, ist kaum anzunehmen. Dass eine technische Rationalisierung der eroberten Gruben vorgenommen werden könnte, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Eher ist damit zu rechnen, dass nun auch die polnischen Gruben unter den gleichen Leistungsschwierigkeiten zu leiden haben werden wie die des Ruhrreviers. Was die polnische Eisenindustrie anlangt, so macht die „ Frankfurter Zeitung" vom 23. Februar 1940 über ihre Leistungsfähigkeit folgende Angaben: 8) Dieser Abschnitt kommt zu etwas anderen Schlussfolgerungen über die Bedeutung der wirtschaftlichen Gewinne Deutschlands in Polen als der Beitrag, den wir in Heft 9/1939( Teil B) veröffentlicht haben, belegt aber diese abweichende Auffassung mit beachtlichen Gesichtspunkten. B 16 ,, Die oberschlesischen Werke weisen fast durchweg in ihren Einrichtungen nicht den modernen Stand auf wie z. B. die Werke des Westens. In Oberschlesien wird heute mit höheren Unkosten produziert als in anderen Revieren Deutschlands. Die Leistungsfähigkeit ist geringer. Die Werke bedürfen der Modernisierung, der Investitionen. Die Produktionskosten im Dombrowaer Gebiet sind noch erheblich höher als in Oberschlesien und werden nur erträglich durch die billigen Löhne. Es würde für eine mit allzu hohen Risiken belastete Investition von Kapital gehalten, wollte man künftig eine Modernisierung zur Weiterführung der bisherigen Produktion durchführen." Tatsächlich handelt es sich bei der Modernisierung der polnischen Eisenwerke nicht nur um die ,, hohen Kapitalrisiken", sondern mehr noch darum, dass die Errichtung der neuen Anlagen an der Ueberbeanspruchung der deutschen Maschinenindustrie scheitern muss. Polen selbst hat keine ins Gewicht fallende Maschinenindustrie. Bleibt noch die Frage des Gewinns an Arbeitskräften. Zweifellos sind die Reserven an polnischen Landarbeitern sehr gross. Sie können als Ausgleich für die Landflucht eine grosse Rolle spielen. Aber nicht ohne Grund hat sich das Regime bisher auf den Einsatz von nur einer Million polnischer obwohl Landarbeiter und Kriegsgefangener beschränkt, schon früher etwa 300.000 bis 400.000 polnische Landarbeiter in Deutschland tätig waren. ,, Auf lange Sicht könne das Landarbeiterproblem auf diesem Wege ebenso wenig gelöst werden wie überhaupt durch den Einsatz ausländischer Landarbeiter. Nach wie vor und auch während des Krieges würden die Arbeitsämter deshalb zusammen mit dem Reichsnährstand bemüht sein müssen, den landwirtschaftlichen Betrieben einen Stamm von Landarbeitern zu erhalten und der Landarbeit ausreichenden Nachwuchs an jungen Kräften deutschen Blutes zu sichern."( Wiedergabe eines Artikels von Syrup in der„ Frankfurter Zeitung" vom 17. 2. 1940). Die blosse Berechnung der Reserven an Arbeitskräften, die durch die Okkupierung polnischer Gebiete gewonnen worden sind, sagt noch nichts darüber, inwieweit sich das Dritte Reich dieser Reserven tatsächlich bedienen kann. Es darf nicht übersehen werden, welche Gefahren dem nationalsozialistischen Regime drohen, wenn schon jetzt auf jeden zehnten deutschen männlichen Arbeiter ein polnischer Kriegsgefangener entfällt, und vor allem in der Landwirtschaft schon jetzt beinahe jeder zweite männliche Arbeiter ein polnischer Gefangener ist.