Nr. 250. Abonnements- Bedingungen: = Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntagss Nummer mit luftrterter Sonntags Beilage, Die Neue Welt" 10 Pfg. Poft Abonnement: 3,30 Mart pro Quartal. Eingetragen in der Post Bettungs Preisliste für 1900 unter Dr. 7971. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für bas übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Erscheint täglich außer Montags. ON unded suls Vorwärts D Berliner Volksblatt. 17. Jahrg. Die Insertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Rolonel geile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewertschaftliche Bereinsund Bersammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Kleine Anzeigen" jedes Wort 5 Pfg. ( nur das erste Wort fett). Inferate für abbie nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in derGxpedition abgegeben werden. Die Erpcdition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnetKernsprecher: Amt I, nr. 1508. Telegramm Adresse: " Socialdemokrat Berlin Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508. Ein Geständnis. Die Räubergeschichte ist Wahrheit, der apokryphe Brief ist echt! Die Regierung hat sich entschlossen, noch vor der Eröffnung des Reichstags Rede zu stehen. Eine Extraausgabe der ministeriellen „ Berliner Korrespondenz" veröffentlichte am Donnerstagmittag das folgende: " In Nr. 245 der„ Leipziger Volkszeitung" vom 22. d. Mts. findet sich ein angeblich von dem Generalsekretär des„ Centralberbands Deutscher Industrieller" herrührendes Schreiben abgedruckt, an welches die Leipziger Volkszeitung" heftige Angriffe gegen das Reichsamt des Innern knüpft. Zur Klarstellung der Thatsachen wird folgendes bemerkt: Gegenüber den zum Teil sehr tendenziösen Entstellungen in der Oeffentlichkeit erschien es weiten Kreisen, insbesondere aus der Industrie, nach der Ende Juni 1899 im Reichstag vollzogenen ersten Lesung des Gesezentwurfs zum Schutz der Arbeitswilligen unbedingt notwendig, an der Hand des amt lichen parlamentarischen Materials des Reichstags die öffentliche Meinung möglichst umfangreich darüber aufzuklären, welche Thatsachen die Einbringung dieses Gesetzentwurfs veranlaßt hatten und welche Gründe von den Vertretern der Regierungen bei der Verteidigung des Gefeßentwurfs im Reichstag beigebracht worden sind. Zu diesem Zweck wurden Auszüge aus der der Begründung des Gesezentwurfs beigegebenen, das amtliche Material enthaltenden Dent schrift, sowie der stenographische Wortlaut von Neden, die bei der Verhandlung des Gesetz= im entwurfs im Reichstag von Regierungs- Vertretern gehalten worden waren, in zahlreichen Exemplaren provinziellen Blättern beigefügt. Auf Anregung und durch Vermittelung des Direktore im Reichsamt des Innern, Dr. v. Wödtke, hat der Generalfekretär eine Summe von 12 000 M. zur Verfügung gestellt; diese ist zur Deckung der Druckkosten verwendet worden, die durch die Wiedergabe des obenbezeichneten amtlichen Materials entstanden sind. Ueber die Berausgabung der Summe behufs Verbreitung des bezeichneten, in den Drucksachen des Reichstags bereits nieder gelegten amtlichen Materials befitt der ge nannte Beamte urkundliche Beläge." Die Schuld ist gestanden, wenn auch der Fall nicht völlig aufgeklärt ist. Der Brief Buecks ist vom August 1898 datiert, Herr b. Woebike datiert sein Bettelgesuch ein Jahr später. Der Sekretär des Centralverbands deutscher Industrieller giebt seinem Untvillen über die Schnorrerei lebhaften Ausdruck, Herr v. Woedtke spricht davon, daß die Industrie die Anregung zu dieser Agitation gegeben habe. Aber laffen wir einstiveilen diese kritischen Ausstellungen auf sich beruhen, setzen wir die Zuverlässigkeit dieser amtlichen Angaben voraus. Welcher Thatbestand ist, unter dieser Annahme, zugegeben? Freitag, den 26. Oftober 1900. Expedition: SW. 19, Bently- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121. und verlogenste Zeug der Denkschrift in feiner Auslese zusammen- b. Woedtke nicht längst aus Gesundheitsrücksichten seine Entlassung stellten, jene Sudeleien, mit denen seit dem Juli 1899 das Reich erbeten und erhalten hat. überschwemmt wurde. Am 16. Juli 1899 schrieb der Vorwärts" über diese gelben Sefte" das Folgende: Aber Herr v. Woedtke hat nicht als Privatmann gehandelt und nicht für Privatzwecke. Also hat er als Beauftragter des Reichsamts des Innern gehandelt. Der Vorwurf der Korruption trifft nicht Ronnte man annehmen, daß die Hersteller der Denkschrift in den Einzelnen, sondern das Ministerium selbst. Die Flugblätter gutem Glauben gehandelt haben und nur aus Ungeschid und und gelben Hefte find in Millionen von Exemplaren verbreitet kritischer Unfähigkeit all die wüsten Geschichten urteilslos zu worden. Das hat der verantwortliche Leiter des Auswärtigen Amts sammenstoppelten, so handeln nachdem die Haltlosigkeit gewußt, er hat auch über die Herkunft der Mittel Bescheid wissen des Materials nachgewiesen- die Verbreiter der gelben müssen. Herr v. Woedtke ist nur ein Untergebener des Grafen PosaSefte" wider besseres Wissen. Sie haben es nicht einmal bowsky dieser ist der Schuldige, jener ist nur der Beihilfe für nötig gehalten, die gröbsten Inwahrheiten herauszustreichen. Es wird sich zeigen, ob Graf Bosadowsky sein Amt so fest. M Von größtem Intereffe aber ist, wer eigentlich diese demorali- anzuflagen. fierende Agitation treibt. Es müssen sehr erhebliche Geldmittel zur Verfügung stehen. Wer bringt sie auf? Der Welfenfonds, umflammert, daß man sich im Reichstag noch bei ihm persönlich die Quelle aller Korruption in Zeitalter Bismards, existiert doch erkundigen kann, welche Summe er von dem Bund der Landwirte angeblich nicht mehr. Die private Wohlthätigkeit" ist für solche gewünscht und erlangt habe, um im Interesse des Volts füc Zwecke nicht zu haben. Wer steckt also dahinter? einen 10 Mart Zoll zu agitieren; daß man ihn fragen darf, Flugblätter und gelbe Hefte" erscheinen im Verlage der wieviel die Agitation für das Fleischsperr Gesetz gekostet habe; daß Schriftenvertriebs- Anstalt, G. m. b. H. SW., 13". Gesellschafter man überhaupt bei jedem fünftigen reaktionären Gesetz an ihn, den dieses Verlags find: großen Agitator für unparteilich gleiches Recht, sich mit der Erfundigung nach den Werbespesen zu wenden vermag. So ist Graf Posadowsky in der That für uns unentbehrlich als der Erfahrene in den Mysterien der Politit, der allein im stande ist, unsre Wißbegier vollständig zu befriedigen: was tosten die auf Privat: bestellung gearbeiteten Geseze? a) Christlicher Zeitschriften Verein zu Berlin, Alte Jakobsir. 129, b) Geheimer Ober- Regierungsrat Dr. Philipp Schwarzkopff, Genthinerstr. 15, c) Graf Dr. Scholto Douglas, Bendlerstr. 15, d) Prediger Ernst Rudolf Hülle, Eichhornstr. 9, e) Geschäftsführer der Gesellschaft ist: ille. Gesellschafter des zu a) aufgeführten christlichen Zeitschriften vereins find: zu 1. Geheimer Regierungsrat Philipp Schwarzkopff 3" Berlin, 2. Professor Adolf Lasson zu Friedenau, 3. Prediger Ernst Rudolf Hülle, 4. Prediger Hans Noune zu Berlin, 5. Staufmann Wilhelm Fahrenhorst in Schöneberg, 6. Rentier Friedrich Vetter in Friedenau. Aber die Angelegenheit greift über den Herrn Woedtke, über den Grafen Posadowsty, über das Reichsamt des Innern hinaus. Wer bürgt dafür, daß in den andren Ressorts nicht auch jenes innige Bar- Verhältnis zwischen der Regierung und den Interessenten des Kapitals bestünde. Die Gesamtpolitik des herrschenden Systems dient dem Nutzen der befigenden Klasse. Warum sollten da nicht überall auch sichtbare Leitungsdrähte von den Bureaus der Industriellen, den Schlössern der Feudalen und den Palästen der Banken in die Ministerien führen! 黃 Unter den Namen find einzelne wohlbekannte: Da ist Herr Hülle, dessen Erzeugnisse sogar nach dem Zugeständnis des Grafen Posadowsty nicht immer mit der Wahrheit vereinbar sind. Ob Herr Hülle die spanische Wand repräsentiert, Die tonservativ- agrarische Presse, die gestern noch von Mystifihinter der die Geldgeber stehen, die nicht fationen, von abenteuerlichen Geschichten, von unreinlichen Publivor der Oeffentlichkeit entblößt au werden tationen, auf die man nicht zu antworten brauche, sprach, die also die wünschen, wiffen wir nicht. Graf Scholto Douglas ist im Bued- Briefe angedeuteten Thatsachen für eine Ungeheuerlichkeit ein schwerreicher Mann. Professor Lasson ist Dozeut an der hielt erklärt jetzt, nachdem das Bergehen amtlich eingestanden, Universität, ein alter Hegelianer, in dessen Vorlesungen viel die Sache sei ja gar nicht so schlimm. Die Stölnische Zeitung" gelacht wird. hatte es für selbstverständlich ausgeschloffen" erklärt, daß die Negierung sich von einer Interessentengruppe für die Vorbereitung irgend eines Gefeßentwurfs bezahlen läßt." Nun wird plöglich das selbstverständlich Ausgeschlossene" als etwas ganz harmloses hingestellt. Die Kreuz- Zeitung" findet jest gar nichts babei. Sie er läutert an fiftiven Beispielen, wie unschuldig solch ein Verfahren sei. Warum hätte Herr v. Thielen nicht von den Sammelvereinen Agitationsgelder beziehen sollen. Auch tönne man supponieren, es feien dem Reichs- Marineamt in seinem von so glücklichem Erfolg bes gleiteten Kampf um die Flotte" auch andre als die spärlichen Mittel des Dispositionsfonds zur Verfügung gestellt worden." Nachdem das Blatt so seine übrigens durchaus berechtigten-Bosheiten fupponiert" hat, schreibt es: Wir nehmen an, daß der Mehrzahl der Herren der Inhalt der Produkte nicht bekannt ist, für die sie Geld und Namen hergeben. Man hat sie dazu veranlaßt, sich an der Sache zu betelligent. Sie haben Geld bazu gegeben, eignes oder frembes, und fümmern sich im übrigen nicht darum, wozit es verwertet wird. Staum einem würde es angenehm sein, die Hülleschen Flugblätter und die gelben Hefte" mit eigner Person zu decken. Um so dringender wird die Frage: Wer steckt dahinter, materiell und geistig? Es riecht nach Welfenfonds!" Wir hatten dann noch in einer späteren Nummer ben Nachweis geführt, daß einer dieser nominellen Geldgeber kein Gelb haben tönne oder dürfe", nämlich der Herr Fahrenhorst, der ein bestrafter Bankrotteur ist, und wir hatten hinzugefügt: Wenn Wilhelm Fahrenhorst feine Schuld... mumehr als Gesellschafter eines Staatsrettungsgeschäfts in Gemeinschaft mit Predigern, Grafen, Professoren und Ober- Regierungsräten zu ent fühnen fucht, so haben wir nichts dagegen. Aber Geld fann er nicht für die heilige Sache beitragen. Wenigstens würde er es, wenn er es besäße, wohl zweckmäßiger für Bezahlung seiner Schulden als zum Schuße der Arbeitswilligen verwenden. Also: woher stammen die Agitationsmittel für die gelben Sefte?" Die Regierung hat in Wirklichkeit von einer privaten Inter effentenvereinigung Geld genommen, um für einen Gesetzentwurf zu agitieren, dessen Unparteilichkeit gleiche Verteilung von Licht und Schatten die Regierungsvertreter feierlich im Reichstag beteuerten. Dem Reichstag fuchten die Bosadowsky und Woedtte im Juni 1899 einzureden, daß die Zuchthausvorlage die Interessen ber Unternehmer und Arbeiter gleichermaßen wahrnehme. ATB aber dann der Reichstag auseinander ging, nachdem er in feiner großen Mehrheit ein vernichtenbes Urteil über die Dred geburt der Scharfmacherei gefprochen, da gaben die Herren die Heuchelei der Objektivität auf und sie wandten sich mit ihrem Geldanliegen an diejenigen Kreise, für die sie das Gesetz gemacht hatten. Diese Bettelei bei Bueck ist der unumstößliche Beweis, daß die verantwortlichen Urheber des Gesetzes, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, für sich selbst völlig davon überzeugt waren, daß sie nur als Handlanger der Großindustrie wirkten. Sie waren nicht nur die Commis des Unternehmertums, fie fühlten sich auch als Commis, und darum stellte das Reichsamt des Jumern" das etwas eigentümliche Verlangen" gerade an Herrn Bueck. Wenn die Vertreter der Regierung im Reichstag anders gesprochen haben, wenn fie überströmten von Wohlwollen für die Arbeiter, so haben sie So agitiert man im frommen, ehrlichen Deutschen Reich, und wiber befferes wissen diese Stomödie gespielt. Innerlich so bezahlt man die Agitation! Der Geruch ist atemberaubend. wußten fie ganz genau, daß sie nur die rohen Geschäftsinteressen Die Rätsel des Bued- Briefes find nicht bis zur durchsichtigen des wildesten kapitalistischen Klüngels vertreten. So endete das glor- Klarheit gelöst. Wir aber können uns vorläufig begnügen, die reiche Zeitalter ber tonservativen Socialreform damit, daß die Negie- Folgerungen aus dem zu ziehen, was bis jest eingestanden ist. rung bei den schlimmsten Feinden der Arbeiterschaft hausterte, um Wir kennen die Schuld, es handelt sich nun noch um die Schul12 000 M. aur Agitation für ein Arbeitervernichtungsgesetz zu erbigen. Heute hat die Regierung die Frage selbst beantwortet. Der Welfenfondsgeruch, den wir witterten, war teine Täuschung. Die Mittel stammten aus dem Reichsamt des Innern, das feinerseits seine Autorität und seinen Einfluß dazu benugt hat, um den Centralverband der Scharfmacher zur Hergabe etlicher tausend Mart zu pressen. betteln. Die Regierung der Socialreform, die Hand öffnend für Sätte sich, wie wir zu Gunsten des Reichsamts des Innern die wiberivillig gezahlten Trinkgelder einer fanatischen Relique von anzunehmen geneigt waren, wirklich irgend ein Beamter des Reichs Despoten des Kapitals das ist die Schlußapotheose der amts durch die 12 000 m. bestechen lassen, um auf Hintertreppen grandiosen Aera der socialen Fürsorge. Und dieses Gruppen- persönliche Einflüsse geltend zu machen, so wäre das zwar ein Beibild des jämmerlich lächerlichen Zusammenbruchs ist in trag zur Geschichte unsrer Regierungsmethoden, aber die leitenden einer photographischen Aufnahme festgehalten, gegen deren Treue Männer des Reichsamts wären in dem Augenblic entlastet gewesen, tein Ausreden und kein kein Ableugnen hilft. Als selbst der wo sie den Schuldigen preisgaben. Nach dem amtlichen Geständnis Reichstag sich zu einer Kriegserklärung gegen die Scharfmacherei aber liegt der Fall für die maßgebenden Personen verzweifelt. Der aufraffte, da flüchtete die Regierung der chriftlich- monarchischen Direktor des Reichs- Versicherungsamts, also derjenigen Behörde, die Arbeiterfürsorge zu dem edlen Herrn Bued und vergewaltigte den in erster Linie berufen ist, bie Interessen der Arbeiter zu wahren Widerstrebenden um 12 000 bare Mark damit diese Summe der Herr v. Woedtke selbst tritt auf den Plan und erklärt, er sei es ge Vorlage des Zuchthauses trop Bolt und Neeichstag zum Siege wesen, der von der Industrie Gelder erbettelt habe, um gegen die verhülfe. Arbeiterbestrebungen eine Agitation au entfesseln. Herr b. Woebtte Und welche Art Agitation hat die Negierung für diefe von den hat damit seine Fähigkeit bewiesen, im Centralverband der Industriellen Interessenten ergatterten nach dem eignen Geständnis der An- als Soldschreiber angestellt zu werden. Als Beamter ist er nur noch ein Mann, den man nach den geklagten vollflhrt? Bezahlt find nach Herrn v. Woedtle mit den Trinkgeldern der Industrie jene Flugblätter mit den Buchthaus- Quittungen für die 12 000 Mart fragt. Es ist merkwürdig, daß in reden der Regierungsvertreter und jene gelben Hefte", die das düimmste einem so reinlichen Staatswesen, wie es das deutsche sein soll, Herr Uns fam es nur darauf an, darauf hinzuweisen, daß der Vorgang im Reichsamt des Junern, wie er sich nunmehr darstellt, wirklich nicht zu einem folchen Sturme sittlicher Entrüstung Anlaß giebt, noch weniger aber zu dem Rufe: Fort mit dem Grafen Posadowsty! Das ist, Ma che"; echt liberale„ Mache", weiter nichts und, so dünkt uns, nicht einmal fluge Mache. Wir sind überzeugt: der blinde Eifer wird auch diesmal sein Biel nicht erreichen, sondern sich selbst nur schaden!" Mit der Beurteilung der liberalen Mache hat ja das fonfer vative Blatt freilich so unrecht nicht. Damit wird aber die Sache nicht entschuldigt, daß man an die Heuchelei liberaler Entrüstung erimmert. Für die ganze tonservative und agrarische Bresse wird aber die ganze Angelegenheit ausschließlich zu einer Rettungsaktion für den bedrängten Grafen Posadowsty. Die ,, Poft" meint in diesem Sinn, der Brief fei jetzt veröffentlicht worden, um den Grafen Posadowsky zu stürzen: " Es ist ja tein Geheimnis, daß gewisse Streife der von dem Grafen Posadowsky verfolgten Handelspolitik äußerst⚫ feindlich gegenüberstehen und daß sich in diesen Kreisen wohl die irrtümliche Meinung festgesezt hat, man werde die ganze Schutzzollpolitik vereiteln, wenn man ihren Leiter zum Rücktritt nötige. Wir glauben jedoch, daß diefe Meinung sich als eine durchaus irrtümliche erweisen wird; denn Graf v. Bülow dürfte grade jezt, wo er selbst die schwere Birde des Reichskanzler tums übernommen hat, ant wenigsten geneigt sein, auf die weitere Thätigkeit einer so bewährten Kraft, wie die des Grafen Posadowsky, zu verzichten." Die Deutsche Tageszeitung" muß gar im Jnteresse des Bunds der Landwirte die Entdeckung machen, schuldig sei eigentlich mur Herr Bued; denn ihn vermutet das Blatt als den Urheber der Jutrigue": " Die Frage, ob Herr Dr. v. Woedtke flug und pflichtmäßig gehandelt habe, wollen wir nicht erörtern. Wir können sein Verfahren grundfäßlich nicht billigen. Wer aber den Herrn kennt, der wird uns zustimmen, wenn wir sagen, daß er gewiß ber Ueberzeugung gewesen ist, pflichtgemäß gehandelt zu haben. Das Vorgehen des Herrn Bued erscheint uns jedoch keinesfalls einwandfrei. Wenn er die Ansprüche, die durch Herrn v. Woedtke thm nahe gebracht wurdent, für eigentümlich und bedenklich hielt, dann mußte er sie zurückweisen. Sielt er sie aber für unbedent lich und fachlich gerechtfertigt, bain war es notwendig, bolle Diskretion zu üben. Daß der Sturz des Staatssekretärs der Zweck der Veröffentlichung war, haben wir gestern als unsre feste Ueberzeugung bereits ausgesprochen.. Nicht wir haben ein Interesse, den Staatssekretär zu halten, sondern dieses Interesse hat jeder, der die Handelsvertragsfrage bald und glücklich lösen will, bor allen Dingen der Reichskanzler selbst. Wenn wir die Angelegenheit eingehender behandelt haben, so geschah es, weil es von allgemeinem Intereffe ist, in die Schlupfivintet der Intrigue zu spähen. Daß eine schlimme Jntrigue hier arbeitet und wühlt, ist zweifellos. Die täppische Art aber, mit der sie arbeitet, und die unlauteren Mittel, deren sie sich bedient, werden dafür sorgen, daß sie nicht zum Ziele gelangt." Geradezu entzückt ist plötzlich das Blatt Krupps, die„Verl. Reuesten Nachrichten" von dem Verfahren der Posadowsly Woedtke: .Unbefangene Beurteiler werden zugeben müssen, daß die vom Reichsamt des Innern beabsichtigte Aufklärung des Publikums über eine im Reichstage zur Verhandlung stehende Vorlage ein durchaus einfacher und nichts weniger als unerlaubter Akt war. Ob es richtig war, die an sich so geringfügige Kostendeckung von der Industrie einzuziehen anstatt sie auf Reichsmittel zu übernehmen, darf dagegen um so mehr dahingestellt bleiben, als der Schutz der Arbeitswilligen doch weit mehr im �nterefsc der Arbeiter als der Arbeitgeber liegt und daher ein ,m eminentesten Sinne öffentliches Interesse darstellt, für welches die Aufwendung aus Reichsmitteln durchaus gerechtfertigt gewesen wäre. Auch mußte gerade in dieser Frage selbst der Anschein vermieden werden, als ob es sich um ein im Interesse der Arbeitgeber zu erlassendes Gesetz handle." Die„Berliner Neuesten Nachrichten" haben Galgenhumor. Bueck wollte das Geld nicht geben, weil das Gesetz ja den Interessen der -- Arbeiter diente. Wie ungeschickt aber auch vom Reichsamt des Innern, daß es sich nicht lieber an die eigentlichen Jnter- essenten, an die G e w e r k s ch a f t e n mit der Bitte um 12(XX) M. wandte! Die„Konservative Korrspondenz" verurteilt nicht das Ver fahren des Herrn v. Woedtke, sondern— die Enthüllung des Skandals: „Die Vorbereitung der Handelsverträge liegt in der Hand hauptsächlich des Herrn Grafen von Posadowsly; ihn zu entlassen wurde freihändlenscherseits bereits dem neuen Reichskanzler gleich nach dessen Amtsübernahme zugemutet. Diese Zumutung ist zurückgewiesen: nun soll die Jntrigue wirken, zu deren Einfädelung man sich der in solchen Fällen niemals versagenden Socialdemo- kratie bedient hat." Der konservative„ReichSbote" weint gleichsfalls über die schlimme Jntrigue. aber er schreibt doch schon, bevor er die amt- liche Auslassung gekannt: „Es ist za wahr, wenn die Sache so liegt, daß Graf Posa- dowskh die Schuld trifft, Geld für eine Agitation von den . Elementen gefordert zu haben, denen das Gesetz, für welches agitiert werden sollte, in erster Linie zugute kommen würde, so wäre seines Bleibens nicht länger in seinem Amte." Nachdem der„Reichsbote" dann die„Berk. Korrespondenz" ge- lesen, bekennt er: „Hiermit wird also zugestanden, daß die Regierung von interesfierte» Privatleuten Geld für Agitattonszwecke tn der Preffe genommen hat. Das hätte man nicht thun dürfe» und es erscheint uns leider unvermeidlich, daß die Beamten, die es gethan und eö haben geschehen, lasten, nicht in ihrer Stcllniig bleiben können. Sie haben nicht bloß ihr Vertrauen erschüttert, sondern haben den Demokraten Wasser auf ihre Mühle der Unzufriedenheitsagitation geliefert. Daß das sehr zu beklagen ist und daß es mit aller Entschiedenheit gerügt werden muß, versteht sich von selbst," Dle„National-Zeitung� konstasiert die Mitverantwortlichkeit des Grafen Posadowsly, da i» der Erklärung nicht gesagt werde, daß Herr v. Wödtke eigenmächtig gehandelt habe. Die„Freisinnige Zeitung" führt a. a. aus: „Schwierig wird es für den Staatssekretär Grafen von Posa dowskh werden, die durch die heutige Veröffentlichung der„Berl. Korrespondenz" anitlich erhärtete Thatsache, daß die öffentliche Meinung zu Gunsten der Zuchthausvorlage amtlich auf Kosten in- dustrieller Interessenten für 12tXX) Mark beeinflußt worden ist, in Einklang zu bringen mit seiner namens der verbündeten Regierungen am 20. November 1899 im Reichstag abgegebenen Erklärung: ... daraufhin legten wir, zum Teil gedrängt durch die öffentliche Meinung, diese Vorlage vor." Es liegt jetzt klar zu Tage, von wem„die öffentliche Meinung" zu Gunsten der Zuchlhausvorlage gedrängt und— und bezahlt worden ist. Wie will die Regierung dem Argwohn begegnen, daß ähnliche Borgänge, wie bei der Zuchthausvorlage im Reichsamt des Innern, bei andren Gesetzentwürfen an andren Stellen der Reichs oder Staatsverwaltung etwa schon des öfteren sich ereignet haben? Es giebt ja so viele politische Aktionen im Reich wie im Einzelstaat. an welchen potente Kapitalisten finanziell interessiert sind. Daß diese unter Umständen fich's Geld kosten, lassen, zu eignen Gunsten die öffentliche Meinung zu beeinflussen, haben die Verhandlungen des Reichstags über den vorigjährigen Flottenrummel erwiesen. Inwieweit bei dieser Gelegenheit die Panzer- und Geschütz lieferanten geschoben hatten oder geschoben waren. daS ließ sich damals freilich nicht völlig aufklären. Jedenfalls sind aber vielfach größere Beträge als die„Bagatelle" von 12 000 M. in Frage ge- kommen für den Zweck, derOeffentlichkeit die den Marinelieferanten so bekömmliche Ueberzeugung einzuflößen, daß unsre Zukunft auf dem Wasser liege. Mag sein, daß die Reichsregierung die Kosten dieses Verfahrens auf den Reichssäckel übernommen hat. Wenn aber überhaupt für die Durchführung gesetzgeberischer Maßnahmen die nächstbeteiligten Kreise an die zuständige Reichsamtsstelle Subsidien zu zahlen hätten, dann wäre es doch vielleicht angezeigt, für solche Präzipualquoten einen nach dem Verhältnis von Leistung und Gegenleistung ab gestuften Tarif zu fixieren. Was den Centralindustriellen bei einer Zuchthausvorlage recht ist, daS muß doch den Marine- Jndustrtellen bei einer Flottenvorlage, das muß auch dem Bund der Landwirte beim Kampf um einen autonomen Zolltarif billig sein." Da die Erklärung von den„urkundlichen Belegen" sprach, die Herr v. Woedtke aufweifen könne, ft nimmt die„Freisinnige Zeitung" an, daß er des Einverständnisses seines Chefs sicher zu sein glaubt. llebrigens sollte die„Woche" mit den Bildern der Posadowsly und Woedtke auch die„Belege" in photographischer Wiedergabe veröffent- stätigt, daß das Abkommen eine bedeutsamere Annäherung Deutsch lands an England in sich schließe, als sie je bestanden. Die Ansprache feiert das deutsch-englische Bündnis fast in derselben Begeisterung die aus Chamberlain nach dem letzten Besuch Wilhelms II. in England sprach. Die englisch- deutsche Annäherung hätte vom deutschen Volke mit wirklicher Freude begrüßt werden können, wenn sie unter andern Umständen und zu andern Zwecken zu stände gekommen wäre, als es nun der Fall ist. Da der Kaiser den„freundschaftlichen Weit kämpf, ohne Schärfe" betont, den Deutschland mit England führen soll, kann doch nicht vergeffen werden, daß das gewaltig Marineprogramm von der Regierung des Kaisers vor kaum Jahresfrist mit der schweren und wachsenden Gefahr, die von England drohe, begründet worden ist. Vielleicht ist der Kaiser geneigt, angesichts der jetzt so erheblich veränderten Lage auf die Durchführung der Kriegsflotte ersten Rangs Verzicht zu leisten? So lange dies nicht geschieht, kann das deutsche Volk zu einer Freude am englisch-deutschen Abkommen nicht gelangen. Es ist nicht gewiß, daß der Wettkamp ernstlich nur ein freundschaftlicher ohne Schärfe sein wird. Aber noch mehr. Der Kaiser zeigt, daß das Abkommen, wenn auch die übrigen Staaten ihm beitreten, ein besonderes Ver� HSItniS zwischen England und Deutschland in den chinesischen Problemen begründet. EineNeigung auf die englische Seite bedeutet da aber eine Abwendung von Rußland. So billigenSwert an sich die Politik der offenen Thür in China ist, so müssen aber, angesichts des unheilvollen deutschen Eindrängens zwischen die englische und die russische Jntereffensphäre in Ostasien, alle Vorteile, die eine Air Näherung Deutschlands an England bringen könnte, sich in ihr Gegenteil verwandeln. Die Gefahr, die wir bei der Besetzung von Kiauffchou voraussahen, erfüllt sich mehr und mehr: Deutschland gerät zwischen die beiden gewaltigen Mühlsteine, die in Lstasien gegen einander mahlen, zwischen die großen Rivalen Rußland und England. Deutschland verfällt dieser Gefahr ohne Aussicht auf Gewinn, der das Risiko irgendwie aufwiegen könnte. Den ganzen Vorteil des Abkommens hat England, deffen Presse mit Recht triumphiert, daß die deutsche Politik ihm einen widerstandsfähigen Puffer gegen den russischen Ansturm gewährt. lichen.~ Nolttifche MebevlkM. Berlin, den 25. Oktober. DaS deutsch-englische China-Abkommen Wurde vom Kaiser in seiner gestrigen Rede zu Barmen besonders gefeiert. Der Kaiser sagte: „Daß es stets mein erstes Ziel und meine größte Arbeit stt, für mein Volk und seine arbeitenden Teile den Frieden nach Möglichkeit zu erhalten, davon habe ich vor wenigen Tagen erst, glaube ich, wieder einen Beweis abgelegt: daS Ueberein- kommen mit dem mächtig st en germanischen Staate außer unsrem Volk wird, so hoffe ich. in die weite Zukunft hinaus ein gemeinsames Streben auf dem offenen Weltmarkt für unfre beiden Völker gewährleisten i n freundschaftlichem Wettkampf, ohne Schärfe. Alles aber, was wir fühlen, denken und thun, vereinigen wir in dem Wunsche, daß Gottes Segen auf der Arbeit der Bürger Ihrer Stadt auch in der Folge ruhen und sie blühen und ge- deihen möge." ' Die andren Staaten, auch Rußland, haben sich alsbald nach Bekanntgabe des deutsch-englischen Abkommens bereit erklärt, sich dem Grundsatz der offenen Thür in China anzuschließen. So schien — und die weltpolitische Presse sprach sich allgemein in diesem Ginne aus— das Abkommen keine polittsche Neuerung, sondern lediglich die Befestigung eines alten Grundsatzes zu bedeuten. Ahatsächlich ist das Abkommen keineswegs ohne besondere Bedeutung und der Kaiser selbst betont seine Gewichtigkeit. Der Kaiser be- Die Kanalvorlage soll doch kommen. Die„Norddeutsche All- gemeine Zeitung" widerspricht dem gestern ausgesprengten Gerücht und sagt: „Es ist vielmehr als sicher anzunehmen, daß die Vor arbeiten für die erweiterte Kanalvorlage bis zur Ein berufung des Landtags beendigt sein werden, und daß die Beratung dieses Gesetzentwurfs mit zu den Auf gaben der näch st en Tagung gehören wird." Sollte die Kanalvorlage wirklich erscheinen, so wird Miguel für sie zu streiten wissen bis— zu ihrer Vernichtung.— Der Vertrauensmann Süddeutschlands. Prinzregent Luitpold sandte an den Fürsten zu Hohenlohe- Schillingsfür st unterm 19. d. M. aus Hintersee das nach- stehende Handschreiben, das auffälligerweise erst jetzt veröffentlicht wird: „Mein lieber Fürst! Einer Mitteilung Seiner Majestät des deutschen Kaisers habe ich entnommen, daß Sie wegen Ihrer ge- schwächten Gesundheit den Rücktritt von Ihren Aemtern erbeten und erhalten haben. Diese Nachricht erfüllt mich vom allgemeinen wie vom besonderen bayrischen Standpunkt aus mit großem Bedauern. Sie haben mit ruhiger Sicherheit die Geschäfte des Reichs geleitet und zugleich die Zugehörigkeit zudem engeren Vaterlande niemals verleugnet. Immer durfte ich die Ueberzeugung haben, daß Sie auch den bayrischen Interessen und Anliegen ein wohlmeinendes Verständnis und thunlichste Rücksichtnahme jederzeit entgegenbringen. Dafür spreche ich Ihnen bei Ihrem Scheiden aus dem aktiven Dienste meinen warmen Dank aus. Mögen Sie sich des wohlverdienten Ruhestands noch lange erfreuen I" Ob dasselbe süddeutsche Vertrauen den Kanzler B ü l o w be- gleitet?— Deutsches Weich. FreisinnS-Lohn. Herr Reinhard Schmidt, der frei- sinnige Abgeordnete und Vicepräsident des Reichstags, der— so wird berichtet— um den glänzenden Empfang des Kaisers in Elberfeld nebst dem dortigen Oberbürgermeister die größten Verdien st e hat, ist mit dem Kronenorden zweiter Klasse belohnt worden. Das Civilkabinett des Kaisers verkennt doch offenbar die Seelen- kämpfe, die Herr Reinhard Schmidt durchdulden mußte, bis er seinen Freisinn bis zur eifrigsten Mitwirkung am monarchistischen Kultus zu läutern vermochte. Andernfalls mußte eS den freisinnigen Mannesmut bei Kaiserempfängen weniger kärglich als durch den Kronenorden zweiter Güte lohnen.— Kaiferreife. Ueber die Vorkehrungen, die zur Sicherheit des Kaiserpaars bei dem Besuche des Wupperthals getroffen waren, entnehmen wir der„Rhein.-Westf. Ztg." folgendes: „Der kaiserliche Wagen, mit vier prächttgen Rappen& la Daurnon bespannt, fuhr in scharfer, fast galoppschneller Gang- ort durch die festgeschmückten Straßen und nur wenige Augen- blicke war das Äaiserpaar den huldigenden Massen sichtbar.... Die schmalen engen Straßen Elberfelds sind alle durch Ver- schlüge hermetisch abgeschlossen. Diese unsres Wissens völlig neue Sicherheitsmaßregel für die Person des Kaisers soll angeordnet sein, um den Zudrang des Publikums aus den engen Seitengaffen zu verhindern. Die Verschlüge sind wie ein Zaun fest gebaut, so daß der Kaiser auf der ganzen Strecke gleichsam durch eine geschlofsene Bahn fährt."— Die Aufhebung des Jesnitengesetzcs fordert das C e n t r u m mit erneuter Dringlichkeit als Gegengeschenk für die Bewilligung der Chinaforderungen. Fürst Hohenlohe soll die Absicht gehabt haben, das Jesuitengesetz zu beseitigen, und im Begriff gewesen ein, die Zustimmung der Bundesstaaten einzuholen, als ihn LucanuS ereilte. Die„Germania" fordert nun den neuen Reichskanzler auf, diese Erbschaft Hohenlohes zu übernehmen; er würde die deutschen Katholiken schwer verletzen, wenn„er der von seinem Vor- gänger in Fluß gebrachten und der Lösung nahegeführten Frage plötzlich Einhalt gebieten wollte". Allerdings ist es dem Centrum wünschenswert, für die Billigung der regierungsseitig verübten Verfassungsverletzungen und für die Bewilligung der bedeutenden Summen des ChinazugS durch die endliche Ertrotzung des Jesuiteneinmarschs mildernde Umstände bei seinen Wählern zu gewinnen. Dennoch würde eS dem Centrum keineswegs sehr gut bekommen, wenn Graf Bülow wirk- lich daS Ausnahmegesetz endlich beseittgt, denn damit ginge der chwarzen Partei der letzte Nimbus der Oppositionspartei verloren und sie wäre bald nur noch Regierungspartei sans phrase. Je mehr Macht das Centrum nach oben gewinnt, um so gefährlicher bröckelt es in der Tiefe.— Der fromme Hödel. Unter dem Titel„Ein halbes Jahr- hundert in» Dienste von Kirche und Schule" veröffentlicht der Wirk- liche Geheime Ober-Regierungsrat Dr. Karl Schneider feine Lebens- erinnerungen, die manches Interessante bieten. Schneider, ein Mit- arbeiter Falcks und ein Gegner der kirchlichen Orthodoxie, erinnert u. a. an den Attentäter Hödel. Er betont die religiöse Gesinnung Hödels: „Auch daS ruchlose Attentat des unseligen Hödel wagte man für Angriffe gegen die Unterrichtsverwaltung auszubeuten. Es wäre viel leichft» gewesen, am Beispiele diese? ftivolen Menschen nachzuweisen, n.it welchen Gefahren die Uebersättigung der Kinder mit religiösem Memorierstoff verbunden ist. Hödel hatte seinen Schulunterricht erst in einer Armenschule zu Leipzig und dann in einer Zwangs-Erziehungsanstalt zu Zeitz genossen; dort war in dem Lehrplan der Schule das Maß des religiösen Memorier st offs noch reichlicher bemessen, als die Regulative vorschrieben. Er hatte auch wirklich ein reiches Wissen und prahlte damit. Als der Minister das erfuhr, ersuchte er mich, den Mann im Gefängnis zu besuchen und zu prüfen. DaS Ergebnis war überraschend, sowohl was den Besitz, als was das Ver- ständnis des Stoffs anlangte. Als er mir das Adventslied:„Wie foll ich dich empfangen" aufsagte, forderte ich ihn auf, den Vers zu sprechen, der ihn beunruhigen müßte. Lächelnd erwiderte er: „Sie meinen:„Er kommt einst zum Gerichte""; dann berief er sich darauf, daß Christus selb st ver- langt habe, man solle seine Feinde um- bringen, und citierte dafür aus dem Gleichnisse von den anvertrauten Pfunden, Lukas 19, 12—27, den Vers: „Doch jene, meine Feinde, die nichr wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und er- würget sie vor mir!" Und für diesen Hödel, den frommen Schwärmer für das Evangelium, der in seiner Tollheit blinde Schüsse abfeuerte, hat man dann die gottlose Socialdemolratie verantwortlich gemacht und 12 Jahre lang durch ein ruchloses Gesetz geknebelt. Man wußte oben ivohl, was für ein religiöser Mensch der Hödel war. dennoch hat man den Verrückten geköpft und die religionsfeindlichen Socialdemokraten der Schuld an dem Streich eines Religiös-Wahnsinnigen angeklagt.— Socialdemokrattsche Nachwahl- Erfolge. Die„Nattonal- Zeitung" äußerte neulich ihre Unzufriedenheit mit den Erfolgen der Socialdemokratte bei den Nachwahlen; wir haben dem liberalen Blatt nämlich nicht genug erreicht I Es ist für uns erfreulich, daß wir die bürgerlichen Parteien so gut erzogen haben, daß sie große Ansprüche an unS stellen, daß sie von uns erwarten, daß ivir stürmisch vorwärts dringen, riesengroße Fortschritte machen. Wir werden bemüht sein, diesen großen An- Forderungen nach Kräften zu genügen. Tha'tsächlich aber waren die Betrachtungen der„Nattonal-Ztg." alsch und die„Hamburger Nachrichten" schreiben, wenn auch in charfmacherischer Tendenz, in der Würdigung der Thatsachen durch- aus zutreffend in einem„Wahlstudien" betitelten Artikel: „Bei den im Frühjahr vorgenommenen Wahlen wollte man be- sonders zwei in die Augen springende Merlmale wahrgenommen haben: einen starken Rückgang der socialdemokratischen Stimmen, welcher der infolge der„Mauserung" angeblich eingetretenen Zer- 'etzung der Partei, und einen großen Auffchivung der National- liberalen, welcher der neueren Politik ihrer Vertretung im Reichs- tag zuzuschreiben sein sollte. Nach derselben Schablone ivird jetzt auch die soeben in dem Wahlkreise Hofgeismar- Rinteln vorgenommene Wahl beurteilt. Wir haben seiner Zeit dar- gelegt, daß die so viel bejubelte„furchtbare Niederlage" der Social- zem'olratie in Mülhausen als solche aus dem einfachen Grunde über- Haupt nicht angesehen werden konnte, weil das bis dahin von dem Elsässer Bueb ausgeübte Mandat in Wirklichkeit gar kein social- demokratisches, sondern ein protestlerisches Mandat war. Im übrigen ivurde der Rückgang der socialdemokratischen Wählerziffern nur in Wahlkreisen beobachtet, in denen ein Sieg der Social- demokratie überhaupt nicht in Frage kam. In solchen Wahl- kreisen pflegt die Socialdemolratie ernsthafte Anstrengungen nur bei den allgemeinen Wahlen zu machen, und zwar in erster Linie ans dem Grunde, um in der Wahlstatistik mit einer möglichst hohen Gesamtziffer paradieren zu können. Demgemäß entsprach der hier in Rede stehende Rückgang einer bei Nachwahlen regelmäßig wieder- kehrenden Beobachtung. Die einzige unter den Nachwahlen des Frühjahrs, bei der es der Socialdemolratie darauf ankam, diejenige in Waldenburg, ist von ihr trotz größter Anstrengungen ihrer Gegner siegreich durchgefochten worden. In Hofgeismar- Rinteln ist nun wieder ein bedeutender Rückgang der socialdemokra- tischen Stimmen zu konstatieren. Bei den allgemeinen Wahlen von 1898 beliefen sie sich auf 2762. jetzt nur auf 1532. Aber bevor man daraus Schlüsse zieht, sollte man sich einmal die Zahlen von 1893 ansehen. Bei den damaligen allgemeinen Wahlen fielen in Hofgeismar- Rinteln auf den socialdemokratischen Kandidaten 2728 Stimmen, in der, weil der doppeltgewählte Antisemit nicht annahm, alsbald notwendig ge- wordenen Rachwahl aber nur 1492 Stimmen. Dieser Rückgang hat die Socialdeniokratie nicht verhindert, sich 1898 auf die Höhe der allgemeinen Wahlen von 1893 wieder emporzuschwingen. Warum öllte nun gerade die diesmalige Nachwahl auf einen„Niedergang" der Socialdemolratie deuten? Wir haben wahrlich lein Interesse daran, die Stärke der Socialdemolratie zu überschätzen, wohl aber daran, einer Unterschätzung entgegen zu treten, die planmäßig be- trieben wird, um die Unterlassung einer ernsthaften Bekämpfung der Umsturzpartei desto besser rechtfertigen zu können." Die letzte Bemerkung zeigt die Absicht der Wahlstudien; diese Tendenz aber hindert nicht, daß die Beurteilung der thatsächlichen Verhältnisse richtig ist.— Excellenz Krupp. Der Hauptinteressent der Weltpolitik, Herr Krupp, ist, nach einem Besuch des Kaisers, zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Excellenz ernannt worden. Nun wird wohl Herr Krupp die 5 e n m a r k t s in unsrem 30(XX) Einwohner zählenden Ort macht sich immer mehr fühlbar. In einer der letzten Sitzungen. der Gemeindevertretung wurde diese Frage eingehend erörtert und die Grunderwerbs-Konnnission beauftragt, sich sehr zeitig nach einem für die Errichtung einer Markthalle passenden Grundstück umzusehen. Bis jetzt hat diese Kommission ein passendes Grundstück noch nicht gefunden, da aller Grund und Boden auch hier, wie leider in vielen Kommunen, der Privat spekulation überantwortet ist. Der Kulturstaat Preußen. Ueber den Lehrermangel im Regierungsbezirk Potsdam giebt eine Bekanntmachung im„Amt lichen Schulblatt" Nachricht; darnach haben bis zum l9. Oktober in diesem Bezirk 65 Lehrerstellen wegen Mangels an Schulamts kandidaten nicht besetzt iverden können. Gerichts-Zeikung. In Könitz begann gester» vor dem Schwurgericht derMeineids- Prozeß gegen Maßlos und Genossen. Maßlos will bekanntlich in der Nacht nach der Ermordung Winters in dem Keller des Schlächtermeisters Lcvy, Angehörige der Familie Lewy sowie mehrere andre jüdische Männer bei' einer sehr verdächtigen Hantierung beobachtet haben, er will im Keller Wimmern und verdächtiges Ge- räusch gehört, und alsdann bemerkt haben, wie mehrere Männer ein schweres Paket an die Stelle am Mönchsee trugen, an welcher später Teile vom Körper Winters gefunden wurden. Diese An gaben hat Maßlos vor dem Untersuchungsrichter beschworen. Die Anklagebehörde nimmt an, daß Maßlos gelogen habe. Angeklagt des wissentlichen Meineids sind, wie bereits mit- geteilt: 1. der 25jährige Gasanstalts-Arbeiter Bernhard Maßlos, 2. desspn Schwiegermutter, Frau Rotz, 3. Frau Maßlos, 4. Frau Auguste Berg. geb. Rotz. Tochter der ziveiten Angeklagten. Diese 4 Personen, insbesondere der erste Angeklagte, wollen am Abend des 11. März d. I. in dem Keller des Fleischermeisters Lewy die Vorgänge beobachtet haben, die, wenn sie sich bewahrheiten, keinen Zweifel lassen ivürden, daß in dem Lewyschen Keller der Gymnasiast Winter geschlachtet worden sei. Als Zeuge ist u. a. der Bater des ermordeten Winter erschienen, ebenfalls Herr Bruhn, der Redactenr der„Staatsb. Ztg." in Berlin. Aus dem Verhör des Angeklagten Maßlos heben wir hervor: Auf Befragen des Präsidenten erklärt der Angeklagte Maßlos: Am Abend des 11. März habe ich 3� oder 4 Glas Bier und einige Schnäpse getrunken, war aber ganz nüchtern. Dann ging ich in ein andres Wirtshaus, wo ich noch ein Glas Bier und einen Rum trank und bis 10 Uhr Karten spielte. Von dort ging ich durch die Rähm- stratze nach Hause. Unterwegs wollte ich eine Prise nehmen. Dabei fiel der Deckel meiner Schnupftabaksdose zur Erde. Als ich mich bückte, um den Deckel z» suchen, sah ich einen Lichtschimmer aus dem Lewyschen Keller dringen und hörte im Keller sprechen. Das fiel mir auf.— Präs.: Aber das ist doch nichts Auffälliges? — Angekl. Maßlos: Ich hörte Stimmengewirr und Geheul. — Präs.: Angeklagter, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich bei Ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter viel- fach tvidersprochen haben. Ich ermahne Sie, heute die volle Wahrheit zu sagen. Sie haben z. B. bei Ihrer Vernehmung vor dem Land- lichter Zimmermann gesagt: Ich habe keinen Lichtschimmer gesehen; meine frühere Bekundung, daß ich durch eine Ritze des verhängten Kellers gesehen hätte, ist falsch. Heute sagen Sie hier nun wieder: Ich habe einen Lichtschimmer gesehen. Was ist nun richtig?— Angekl. Maßlos: Der Untersuchungsrichter hat mich angeschrien und gesagt: Ihre erste Aussage ist falsch. Darauf habe ich ge> antwortet: Ja, das ist falsch, aber ich habe den Lichtschimmer gesehen. Auf weiteres Befragen des Präsidenten bemerkt der Angeklagte Maßlos: Ich habe mich auf den Erdboden gelegt und den Ruf: „Hrrrr" gehört; es klang so, als ob jemand gewürgt würde, ein gurgelnder Laut. Das Gegurgel habe ich dreimal gehört.— Präsident: Davon haben Sie doch bisher noch gar nichts ge- sagt?— Maßlos: Es ist aber wahr. Der Präsident macht im weiteren den Angeklagten auf eine ganze Reihe von Widersprüchen aufmerksam, die er sich in seinen Aussagen vor dem Untersuchungsrichter hat zu Schulden kommen lassen. Er hat an jenem Märzabend von abends 10 Uhr bis nachts 3 Uhr vor Lewhs Keller auf der Lauer gelegen; seine eigentliche Absicht war, ein Stück Fleisch zu stehlen. Auf die Frage des Präsidenten, ob er vor dem Untersuchungsrichter einen Meineid geleistet habe, beteuert Maßlos mit lauter Stimme, daß seine Aussagen auf Wahrheit beruhten. Maßlos ist viel von Berliner Antisemiten über die Angelegenheit interviewt worden; besonders erstreckte sich die Befragung auf den angeblichen Transport der Leiche des Winter. Präsident: Was haben die Herren denn mit Ihnen ge sprachen?— Maßlos: Die Herren haben mich gefragt und ich habe gesagt, daß ich bei Lewy„Gewimmer" und„Gedabbre" ge hört hätte. Daraus wurde ich im Hotel Kühn in ein Zimmer, 1 Treppe hoch geführt, habe aber nichts vorgesetzt bekommen.— Präsident: Kannten Sie die Herren?— Maßlos: Sie waren aus Berlin. Ich erzählte ihnen alles.— Präsident: Er zählten Sie jedem, also auch Unbekannten, alles? Das war doch Sache der Behörden?— Maßlos: Die Herren fragten mich, ob ich gestohlen hätte.— Präsident: Wie kommen die Herren denn dazu?— Maßlos: DaS weiß ich nicht.— Präsident: Haben die Herren Ihnen gesagt, Sie könnten nicht bestraft werden und auch Ihre Arbeit nicht verlieren?— Maßlos: Der Herr Gasanstalts-Direktor A s ch k e sagte, ich würde nicht aus meiner Arbeit kommen.— Präsident: Hat Sie ein fremder Herr zur Polizei geführt?— Maßlos: Ich wurde von der Polizei vernommen.— Präsident: Wes� halb machten Sie nun bei Ihrer polizeilichen Ver� nehmung eine andre Aussage, als bei Ihrer eidlichen Vernehmung?— Maßlos: Da bin ich mißverstanden worden.— Hieran schließt sich die Verlesung der Aussage, die Maßlos vor dem Untersuchungsrichter Zimmermann gemacht hat. Er hat dort ausgesagt. Der zweite der drei Männer schien der„Pincenez-Lewy" zu sein. Nachdem das Wimmern aufgehört habe, sei ein Geräusch entstanden, als ob gescheuert worden sei.— r ä s i d e n t: Angeklagter, davon haben Sie uns heute nichts ge- sagt.— Der Angeklagte schweigt.— Präsident: Sie haben uns heute vormittag gesagt, daß der zweite Mann Lewy nicht gewesen sei.— Maßlos: Genau weiß ich das nicht. Während der weiteren Verlesung der früheren Vernehmungen sagt Maßlos, ein Herr Bruhn habe ihn im Hotel Kühn aus- führlich vernommen. B r n h n habe ihn aufgefordert, die volle Wahrheit zu sagen. Er müsse alles sagen, was er wisse, auch wenn er es anders beschworen habe. Selbst wenn er wegen Meineids bestraft würde, könne er die ausgesetzte Be lohnung verdienen, wenn er alles sage. Seine Schwiegermutter habe ihm erzählt, daß unter Lewys Wasche Taschentücher gewesen seien, die feiner als die Lewy sche Wäsche waren. Hierauf wird zur Venichmnng der Angeklagten Frau Roß geschritten. Dieselbe sagt aus: Frau Lewy hat mich beauftragt. ihr ein Dienstmädchen zii besorgen. Ich kam des Sonnabends abends zu Lewy und da hörte ich winseln, so, als ob ein Kranker Schmerzen habe.— Präsident: Sie waren doch mit Lewys bekannt. Haben Sie denn da nicht gefragt, ob jemand krank sei? Frau Roß: Nein, ich wollte nicht störe», da Frau Lewy einen Brief schrieb. Als ich fortging, habe ich mir gesagt, daß ich noch niemals solches Gcwinscl bei Lewy gehört hatte.— Präsident: Weshalb haben Sic denn Ihre Bekannten, die Lewys, nicht nach der Ursache gefragt?— Frau Roß: Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht.— Präsident: Soeben haben Sie uns aber hier an dieser Stelle gesagt, daß Sie sich große Gedanken deswegen gemacht hätten. Als Sie weggingen. haben Sic es doch sogar sofort Frau Hirsch erzählt?— Angeklagte: Ja.— Präsident: Weshalb habe» Sie also nicht Lewys gefragt?— Frau Rotz: Ich wollte nicht fragen.— Frau Roß sagt weiter aus: Zwischen der Lewy schen Wäsche sei ihr ein feines Taschentuch aufgefallen. Ihre Tochter habe gesagt. das Taschentuch sei mir„E. W." gezeichnet. Sie habe das aber nicht weiter beachtet, bis der Kopf gefunden worden sei. Auf weiteres Befragen bemerkt die Angeklagte: Von dem „Winseln" habe sie auch ihrer Tochter Mitteilung gemacht. Frau Roß sagt weiter aus, sie sei Dienstag nach Ostern bei Lewy ge> wesen. Frau Lewy war ganz aufgeregt und sagte, ein so schreck� liehet Mord sei noch nicht vorgekommen. Das Kopfabschlagen sei für den Mörder eine viel zu geringe Strafe. Dem müßte jedes Glied gebrochen werden. Sie sagte:„Meine Söhne können nicht essen, nicht schlafen, nicht wachen." Als ich wieder bei Lewy war, sagte ich zu Frau Lewy:„Sie bekommen keine Aufwärterin, da bei Ihnen der Mord geschehen ist. Frau Lewy sagte:„Der ganze Winter ist nicht so viel wert, daß so viel Aushebens von ihm gemacht wird. Den Mörder bekommt man doch im Leben nicht heraus, dazu ist die jüdische Ge meinde zu reich." Acht Tage später ging ich wieder zu Lewy. Frau L e iv y habe sie sehr freundlich empfangen und ihr einen Stuhl angeboten.— Präs.: Es ist doch sehr auffallend, daß Frau Lewy Sie, nachdem Sie Frau Lewy auf das gröblichste beleidigt haben, acht Tage später freundlich empfangen hat?— Frau Roß: Wenn ich ein Wort lüge, dann soll mir sofort der Kopf abgeschlagen werden. Als sie einige Tage später wieder bei Lewy gewesen sei. habe der alle L e ni y vor ihr geweint und sie gebeten, nichts vom Morde zu sprechen. Sie habe damals wieder Wäsche geholt. � r ä s i d e n t:' Es ist doch auffallend, daß, obwohl Sie Frau Lewy beleidigt, diese Sie immer wieder holen ließ?— Frau Rotz: Es verkehrte niemand mit Lewy. Hierauf wurden die Frauen Maßlos und Berg vernommen und die Verhandlung alsdann auf Freitagvormittag vertagt. Wie ein Sohn des himmlischen Reich» von einer Vertreterin deS.Ewig-Weiblichen" hochgenommen wurde, zeigte eine Anklage wegen Erpressung, die die Frau Johanna Jacob geb. Wolff gestern vor die vierte Straskamnier hiesigen Landgerichts I führte. Der frühere Attache der hiesigen chinesischen Gesandtschast, Herr T s ch e n g, der jetzt seit Ausbruch der Wirren in China nach seiner Heimat zurückgekehrt ist und in Shanghai lebt, trat im Jahre 1890 mit der Angeklagten in intime Beziehungen, denen ein Kind ent- Prossen ist. Das Portemonnaie des bezopften Liebhabers wurde während der Dauer dieser Bekanntschaft leerer und leerer, denn die Angeklagte verstand es meisterlich, dem Chinesen die Goldfüchse aus der Tasche zu locken und ihm zu beweisen, daß es überaus teuer ist, wenn sich ein schlitzäugiger Mongole in ein«deutsches Mädchenherz" einschleichen will. Im Jahre 1894 mußte Herr Tscheng nach China zurück und kehrte erst nach vier Jahren wieder hierher. Die Angeklagte hat inzwischen ein höchst abenteuerliches Leben geführt. Sie will sich im Jahre 1898 in England mit einem Kaufmann Jacob verheiratet haben, kann aber Näheres darüber nicht angeben und ist dann in Frank- reich, Holland zc. gewesen. Die Thaffache, daß Herr Tscheng aus China wieder da sei, blieb der Angeklagten nicht verborgen, die- elbe rüstete sich, nachdem sie die frohe Botschaft vernommen, sofort zu einem Freibeuter-Feldzug gegen den Attache, wobei nach der Be- hauptung der Angeklagten der Ehemann derselben die Triebfeder ge- wesen sein soll. Herr Tscheng erhielt fortgesetzt Briefe der An- geklagten und diese ging systematisch mit allerlei Drohungen vor, um immer neue Summen aus ihm herauszupresien. Sie hatte dem Chinesen vorgeredet, daß sie auf seine Anstiftung sich eines gewiffen Verbrechens schuldig gemacht habe und daran'den Schwindel ge- knüpft, daß sie in Untersuchungshaft genommen worden fei. In Deutschland koste jeder Tag. den sie außerhalb der Untersuchungs- Haft zubringe» müsse, 1000 M. Anfang dieses Jahrs folgte ein Brief aus Rotterdam, in welchem sie mit„Veröffentlichungen in den Zeitungen" drohte, die ihm seine Carriere gründlichst verderben würden. Herr Tscheng hatte eine offene Hand und schließlich auch Furcht vor der' Angeklagten und zog unter Seufzen immer von neuem seine Börse. Von Zeit zu Zeit erschien die Angeklagte auch in Berlin und wußte in resolutester Weise persönlich nachzuhelfen, wo ihre geschriebene Bitte nicht auszureichen schien. So pflanzte sie sich eines Tags dem Hause der chinesischen Gesandtschaft gegenüber auf und wartete Herrn Tscheng ab, der aufs höchste entsetzt war, als sie ihm plötzlich den Weg vertrat. Sie ver- langte Geld von ihm und ließ nicht locker, als bis er ihr alles Geld, das er bei sich führte, gegeben hatte. Schließlich ist Hert: Tscheng in großes Ungemach gekommen: der chinesische Gesandte erfuhr' von den Liebesabenteuern seines Attache und mit dessen diplomatischer Laufbahn war es vorbei. Wie Herr Tscheng einem Vertrauensmann zugestanden, hat er den Verkehr mit der Angeklagten mit etwa 20000 M. zu bezahlen gehabt. Ihr jetziger Ehemann ist übrigens ins Ausland geflüchtet. Er war zu Hannover wegen Betrugs verurteilt worden. Die Angeklagte ist darauf nach Hannover gefahren und hat von der dortigen Staatsanwaltschaft einen Urlaub aus der Strafhaft für ihren Mann zu erwirken verstanden; dieser hat den Urlaub schleunigst dazu benutzt, um sich im Ausland in Sicher- heit zu bringen.— Der Gerichtshof hielt die Erpressung für erwiesen und verurteilte die Angeklagte zu einem Jahre Gefängnis. Milde Richter. Zwei Forstakademiker, die Herren Gustav v. P l a t e n und Jasper v. O e r tz e n standen dieser Tage vor dem Schöffengericht zu Eberswalde, um sich wegen ver- schiedener Ausschreitungen zu verantworten, die sie in der Nacht zum 28. Februar dieses Jahrs begangen hatten. Ein Nachtwächter ver- wies die beiden zur Ruhe, als sie in der erwähnten Nacht auf der Straße einen heillosen Lärm verübt hatten, worauf sie, nach dem „General-Anzeiger für Eberswalde" den Beamten umsprangen wie Indianer auf dem Kriegspfade und ihn mit rohen Schimpfworten beleidigten. Als ein andrer Nachtwächter seinem Kollegen zur Hilfe kommen wollte, erhielt er von v. Oertzen einen Säbelhieb auf die Schulter; beim Transport nach der Wache leisteten die beiden Studenten ebenfalls Widerstand. Der Gerichtshof sah die Sache außerordentlich milde an und verurteilte den v. Platen nur zu 20 M., den v. Oertzen hingegen zu 100 M. Geldstrafe. Arbeiter, die im Lohnkampf einem Streikbrecher oder Uuter- nehmer ein paar harte Worte zuriefen, sind bekanntlich zu monatelanger Gefängnisstrafe verurteilt worden I Eingegangene Druckschriften. Von der„Gleichheit", Zeitschrist sür die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Dietz' Verlag) ist uns soeben die Nr. 22 des 10. Jahrgangs zu- gegangen. Aus den, Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: An die Genossinnen!— Die Kohlennot.— Frauenarbeit in Hessen, insbesondere die Arbeit verheirateter Frauen. Von H. Fürth.— Schutz der Wöchnerinnen bei Fehlgeburten. Von». V.- Der Lohnkampf im Buchbindergewerbe. Von G Sch.— Feuilleton: Dem Kampfe entgegen. Ostara. Gedichte von Klara Müller.- Die Knechtin. Gedicht von I. H. Maikay.- Notizenteil von Lily Braun und Klara Zetkin: Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens.— Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen— Frauenbewegung. Briefkasten der Redaktion. Tie juristisch« Sprechstunde siudet Montag. Dienstag. Tonnerstag»nd Freitag von 7— S Uhr abend» statt. E. I.«nd andre.(Aus eine von mehreren Seiten an uns er- ganzen« Anfrage über die Bedeutung des Worts„Khaki"): Khaki ist ein indisches Wort und bedeutet Straßenstaub«der auch Strahenkot. Die Wurzel des Worts wird dieselbe sein, der das bei uns für den Kot von Menschen und Tieren gebrauchte Wort entstammt. Wenigstens haben Italiener und Römer für diesen appetitlichen Gegenstand Worte mit der selben Sprachwurzel. Etwas rötlich. Nein. C. St. 100. Das Kuratorium der Simon und Ella Böhm-Stistung steht unier Leitung des Stadtrats Dr. Mamroth, Rathaus, Zimmer 50 W. F. Wir kennen das Statut der Krankentasie Nicht. Sie sollten sich beim Vorstand oder bei der Generalversammlung beschweren. 000. 1 Ja. 2. Ja, es muh die Zeit aber eine angemessene sein und ist im Streitfall durch das Gericht zu entscheide», welche Zeit angemeflen ist. 3 Wie oft ein gekündigter Arbeiter während der Kündigungszeit sich nach einer andren Stellung umthun kann, sagt das Gesetz nicht. Es ist ihm eine angemessene Zeit zu gewähren. Besteht Streit darüber, welche Zeit angemessen ist, so ist dieser Streit vom Gericht zGewerbegertcht eventuell Amtsgericht) zu entscheiden.— O. E. Leider sind Sie zum vollen Ersatz des Schadens verpflichtet.— Wette 50. Wenn das Kind nach dem 31 Dezember 1890 geboren ist, hat es gegen feinen außerehelichen Erzeuger auch dann Anspruch auf Aliinentation, wenn seine Mutter bereits rüher von andren außerehelichen. folgenreichen Verlehr hatte. M. W. 25. Soweit ersichtlich steht Ihnen kem Recht zu. Die wesent- lichsten gesetzlichen Vorschriilen über die Psandlechanstalten sind folgende: Für Preußen ist das Pfandlcihgewerbe durch das Gesetz vom 17. März 1881 geregelt. Die wesentlichsten Bestimmungen dieses Gesetzes sind folgende: Der Pfandleiber darf sich an Zinsen nicht mehr ausbedingen oder zahlen lasse», als 2 Pf. für jeden Monat und jede Mark von Darlehns- betragen bis zu 30 M.. und 1 Pf. sür jeden Monat und jede den Betrag von 30 M. übersteigende Mark. Es darf jedoch der Pfandleiher aus- bedingen, daß Zinsen mindestens sür 2 Monate gezahlt werden niüffen. Die Fälligkeit des von einem Psandleiher gegebenen Darlehns tritt nicht vor Ablauf von 6 Monaleu seit dessen Hingabe«in. Der Psandleiher muß in sein Psandbuch eintragen: Datum des Darlehns- geschäfts, Vor- und Zuname des Verpfänders. Betrag des Dar- lehns und der Zinsen. Bezeichnung des Pfands, Zeit der Fälligkeit des Darlehns. Eine Abschrift dieser Eintragungen muß der dem Darlehns- nehmer zu ubergebende Pfandschein enthalten; falls Pfandbuch und Pfandschein nicht übereinsnuiuien, gilt der dem Verpfänder günstigere, dem Psandleiher nachteiligere Inhalt. Der Verpiänder ist berechtigt, das Pfand jederzeit bis zum Abschlüsse des Verkaufs- i u z u l ö s e n. Der Psandleiher ist berechtigt, das Pfand zum Zwecke der Befriedigung wegen seiner Forde- rung an Kapital und Zinsen nach eingetretener Fälligkeit in öffentlicher Auktion ohne vorausgegangene Klage verkaufen zu lassen. Nach er- folgtem Verkauf des Pfands hat der Psandleiher den sür den Verpfändet nach Abzug der Psandschuld und der Verfteigerungskoften etwa verbliebenen Ueberschuß des Erlöses an den Verpfänder zu zahlen oder für denselben innerhalb längstens 14 Tagen bei der Ortsarmenkafse zu hinterlegen. Bis zum Ablauf von drei Wochen nach der Fälligkeit des Darlehns erfolgt die Einlösung des Pfands nur gegen Rückgabe des Pfandscheins. Sind seit der Fälligkeit des Darlehns drei Wochen verflossen, io kann der Verpfänder das bis dahin nicht eingelöste Pfand auch ohne Vorlegung des Pfandscheins einlösen.— Das Gesetz findet aus den Pfandleih- Gewerbebetrieb durch den Staat keine Anwendung; indessen sind die für die staatlichen Pfandleihhäuser erlassenen Reglements im allgemeinen mit vorstehenden Bestimmungeu übereinstimmend. H. P. Ein„Egoist" ist ein selbstsüchtiger Mensch, ein Mensch, der in allem nur an sein eignes Ich(lateinisch ego) denkt; ein„Streber" ist auch Egoist, aber einer, der außerdem, um in leinem Amte oder sonstwie vor- wärts zu kommen, vor keinem Mittel zurückschreckt; ein Vorwärtsstrebender, dem jedes Mittel zur Erreichung seines Strebens recht ist. Witten,», gvttderflcht uom 25. Oktober>000. iiiorge»»«»hr. Stationen Ewinemde. Hamburg Berlin Frankf.M. München Wien LS t E 2| Z-- 762 760 --~ 8? S SW 7631® 28 764 SSW 765 SW 767! Still Stationen ? i I- a 2 s— Haparanda Petersburg (Sott Aberdeeu Paris 5 3 8 f 757 ZW ZöSiNW 75 1W Wetter tfS c � i" Zill wolkig 4ivolkig Lhlb.bed 11 7 «vetter-Prognose für Freitag, den 2«. Oktober I»00. Zunächst etwas wärmer, vorwiegend trübe und regnerisch bei zieinlich frischen südwestlichen Winden; später anfllarend und etwas kühler. Berliner W-tierdureau. Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wettker in Groß-Lichterfelde. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Mar Bading in Berlin.