Nr. 260. Abonnements- Bedingungen: Abonnements-Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags Nummer mit illuftrierter Sonntagss Beilage ,, Die Neue Welt" 10 Pfg. BoftAbonnement: 3,30 Mart pro Quartal. Eingetragen in der Boft- BettungsPreisliste für 1900 unter Mr. 7971. Unter Kreuzband für Deutschland und Defterreich- Ungarn 2 Mart, für bas übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Erscheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 17. Jahrg. Die Insertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Kolonel. banzeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Versammlungs- Anzeigen 20 fg. Kleine Anzeigen" jebes Wort 5 Pfg. ( nur das erste Wort fett). Inserate für bie nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpcdition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Fefttagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. mid wernsprecher: Amt I, Mr. 1508. Telegramm Adresse: " Bocialdemokrat Berlin" Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508. Aus England. London, den 8. November. Nachdem schon vor einigen Tagen begünstigte Blätter mitgeteilt hatten, daß Lord Salisbury das Ministerium des Auswärtigen an Lord Lansdowne abtreten werde, wird heute dieser Stellenwechsel offiziell angekündigt. Lord Salisbury behält das Präsidium des Ministeriums und nimmt dazu das wenig mehr als nominelle Amt des Großsiegelbewahrers, die Leitung des Auswärtigen geht an den bisherigen Kriegsminister über, den ein Teil der Presse für alle Fehler in der Ausrüstung und Verteilung der Kräfte im südafrikanischen Kriege verantwortlich macht. Mittwoch, den 7. November 1900. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121. einen etwas fampflustigen Tory. Er war von 1895 bis 1898 Unter- Immerhin waren eine Anzahl in der Arbeiter- und Reformbewegung staatssekretär im Kriegsministerium, kennt also das Amt schon angesehener Leute auf der Konferenz und viele mit Mandaten einigermaßen, und da er noch ziemlich jung ist( 44 Jahre 1), erwartet wirklicher Organisationen. Ob darum die von der Konferenz beman von ihm eine starke Bereitwilligkeit, größere Reformen ins schlossene Organisation lebensfähig ist, das bleibt freilich vorerst werk zu setzen. Als ältester Sohn eines Peers, des Viscount eine offene Frage. Sie hat eine schwierige Aufgabe zu lösen, an Midleton, kann auch er jederzeit gewärtig sein, ins Haus der Lords der schon viel Enthusiasmus in England in die Brüche gegangen ist. wandern zu müssen. Es soll eine große nationale demokratische Liga sein, nach Art der Reform Liga der sechziger Jahre, deren Agitation so viel zur Erringung der Wahlreform von 1866 beigetragen hat, und ihr Programni besteht faktisch, wie das alte Chartistenprogramm, aus einem einzigen Punkt: Wahlreform. Und zwar in folgender Gestalt: 1. Berkürzung der Wohnqualifikation der Wähler auf drei Monate Inhaberschaft einer Wohnung und automatische, d. h. amtlich geführte Wählerlisten; 2. Abschaffung aller Pluralstimmen; 3. Staatliche Dedung der amtlichen Wahlfosten; 4. Einführung der Stichwahlen; 5. Abschaffung des erblichen Princips in den gesetzgebenden Körpern( b. h. der erblichen Beers). Die letzte der vollzogenen Ernennungen ist die des Mr. C. T. Ritchie zum Staatssekretär des Innern an Stelle des Sir Mathew White Ridley, der sich, wahrscheinlich mit der Ernennung zum Beer, zur Ruhe setzt. Dieser Wechsel wird in allen reformfreundlichen Kreisen lebhaft bewillkommt. Sowohl als Minister für die Lokalverwaltungen( 1886-1892) als auch als Wieviel davon richtig ist, mag auf sich beruhen bleiben. Es Gewerbe- und Handelsminister( 1895-1900) hat sich Mr. Ritchie als wäre wenigstens von jemand, der diesen Dingen fern steht, bloße tüchtiger, focialpolitisch vorgeschrittener Reformer erwiesen. In Affektion, über das Maß von Schuld, das den Einzelnen trifft, ent- ersterer Eigenschaft arbeitete er das Lokalverwaltungs- Gesetz scheiden zu wollen. Der verhängnisvolle Fehler im südafrikanischen von 1888 aus, das die Graffchaftsräte mit einem Handel ist kaum im britischen Kriegsministerium begangen worden. ziemlich demokratischen Wahlrecht und erheb= Aber daß Lord Lansdowne nicht aus dem Stoff ist, aus dem man lichen Vollmachten ins Leben rief, und als Gewerbegroße Reformer macht, hat sein zaghaftes Verhalten in der Frage minister hat er sein Bestes gethan, die seinem Amt zustehenden, allerder Fortentwickelung der Milizen gezeigt. Da ist er, nachdem er dings noch sehr ungenügenden Vollmachten zur Schlichtung bei Punkt 1 bis 3 unterscheiden sich beiläufig nur wenig von den erst die Notwendigkeit der Reform festgestellt hatte, hinterher ängst- Gewerbekonflikten unparteiisch zur Anwendung zu bringen. Das entsprechenden Bestimmungen der Wahlreform Bill, die der lich zurückgewichen. Er ist nicht der Mann, der Widerständen energisch letzte bekannter gewordene Beispiel ist sein Eingreifen in den Eisen- liberale Minister Asquith 1894 im Parlament einbrachte, damals begegnet. bahnarbeiterstreik in Süd- Wales, wo er alles aufbot, die Bahn- aber. und es muß hinzugefügt werden, zum Teil gerade im AnIndes man kann ein schlechter Karrenschieber und doch ein direktion zur Anerkennung des Eisenbahner- Ver- gesicht der großen Gleichgültigkeit der Arbeiterschaft nicht zur guter Kutscher sein. Die Eigenschaften, die den Marquis ungeeignet bands zu bewegen. Im Hinblick auf die durch den Bueckschen Annahme bringen konnte. machten, die notwendigen Reformen in der Heeresverwaltung durch Brief ans Licht gebrachten Thatsachen sei hinzugefügt, daß Mr. Die Liga will teine der bestehenden demokratischen und sociazuführen, mögen einer leidlichen Erledigung der Pflichten eines aus Ritchie ein Tory ist. listischen Organisationen ersetzen und in das Arbeitsgebiet keiner wärtigen Sekretärs nicht im Wege stehen. Sein tonziliantes Wesen solchen eingreifen, sondern nur bei passenden Gelegenheiten die zermag da eher ein Vorzug sein. England hat in neuerer Zeit gerade streuten Kräfte für den obengedachten Zweck zusammenfassen. Ihr genug Staatsmänner gehabt, die ihre Zunge nicht im Baum zu vorläufig gewählter und durch Kooptation zu ergänzender Ausschuß halten wußten. besteht aus: George Howe II( früherer Barlamentarischer Gewerkschaftssekretär), Hugh O'Donnell und John O'Connor, frühere parnellitische Parlamentsmitglieder, John Mac Culloch, früherer radikaler Abgeordneter für Glasgow, William Clarte, bekannter focialistischer Schriftsteller, Tom Mann, M. F. G. Temple, James Macdonald, Sekretär des Londoner Gewerkschaftsrat, und Mr. W. Thompson, Advokat und Redacteur von„ Reynolds Newspaper", der provisorisch das Schriftführeramt übernahm. Auf der Konferenz sprachen u. a. John Burns, Pete Curran, Frau G. Schack und W. Thorne. Die Unabhängige Arbeiterpartei war durch einige zwanzig, die Socialdemokratische Föderation, deren Ausschuß vom Besuch der Konferenz abgeraten hatte, durch über zehn Zweigvereine vertreten. Bei den Eisenbahnern ist Mr. Ritchie auch durch seinen Gesetzentwurf über den Zwang zur Einführung automatischer Wagenverkuppelungen, den er gegen den Widerstand der im Haus der Gemeinen so stark vertretenen Eisenbahndirektoren vertrat, in gutem Was einen Teil der konservativen Bresse, voran den, Standard", Ansehen. Man erwartet von ihm, daß die Weiterausbildung der in Erbitterung über diese Besetzung des auswärtigen Amts versetzt, ab rifgefeßgebung, die der wohlmeinende, aber schwache scheint vor allem der Umstand zu sein, daß es ein liberaler Unionist Sir Mathew White Ridley arg verfahren hat, unter seiner Leitung ist, der diesen wichtigen Posten erhält. So unbedeutend heute die ein tüchtiges Stick vorwärts gebracht werden wird. Desgleichen die politischen Differenzpunkte find, welche zwischen den liberalen Entwicklung des Fabrit- Inspektorats. Unionisten und den Konservativen bestehen, so bilden diese Fraktionen leber die Besetzung andrer Ministerposten ist noch nichts beimmerhin noch unterschiedene Körperschaften, deren Häupter Anspruch fannt, und die Kombinationen der Presse darüber sind ziemlich auf angemessene Zuweisung von Regierungsposten beanspruchen. Bei wertlos. den Konservativen sind die Familien, zu deren Tradition es gehört, Die Wahlen zu den neuen Londoner Bezirksgemeinden berücksichtigt zu werden, wenn eine konservative Regierung am Ruder find im ganzen unter nur mäßiger Teilnahme verlaufen. Während ist, besonders zahlreich. Thatsächlich waren nun im letzten Kabinett an der Parlamentswahl im Durchschnitt 75 Prozent der Wähler teildie liberalen Unionisten unverhältnismäßig start vertreten. Mr. nahmen, belief sich hier die Beteiligung im allgemeinen auf wenig Chamberlain ließ nicht mit sich spaßen, und auch die eigentlichen über 40 Prozent. Nur in einigen wenigen Bezirken waren bis gegen Whigs mußten berücksichtigt werden. 60 Prozent der Wähler auf die Beine zu bringen. Die Masse der Und nun bekommt gar ein Whig des auswärtige Amt! Lord Bevölkerung Londons hat es an der Dokumentierung eines Willens Lansdowne ist das Haupt einer der typischten Whig- Familien, der durchaus fehlen lassen, und von denen, die ihren Willen fundgaben, Fizmaurice Betty( Abkömmlinge des Vaters der politischen hat die Mehrheit für die Gemäßigt- Stonservativen gestimmt. In Dekonomie", William Petty), sein Bruder, Lord Edmund Fizmaurice, 21 von insgesamt 28 Gemeinden haben die Gemäßigten die Mehrgehört als Abgeordneter der liberal- radikalen Partei an und zählt heit, darunter verschiedene hochindustrielle Bezirke, wie Bermondsey, sogar dort zu den Vertretern der schärferen Tonart. Deptford, Greenwich, Woolwich, Stepney 2c. In einem Bezirk beBeiläufig ist es jetzt dreimal hintereinander passiert, daß der steht die Mehrheit aus Unabhängiger( Barteilofe), was aber meist jeweilige Kriegsminister einen Bruder in der Gegenpartei sitzen nur ein andrer Name für Gemäßigte ist, und in fechs Kreisen sind hatte. Lord Lansdownes unmittelbarer Vorgänger, Mr. Campbell- die Progressisten in der Mehrheit. Die gewählten Vertreter verlicht jetzt einen Sunnenbrief, den ein Seefoldat am 12. September Bannerman, Kriegsminister im liberalen Ministerium Gladstone- teilen sich nach den„ Daily News" wie folgt: " Gemäßigte. Progressisten Parteilos T Unabhängige Arbeitervertreter 4 . 785 . 460 106 11 Rosebery( 1892-95), hat einen Bruder, der ihm als konservativer Vertreter der Universität Glasgow im Parlament gegenüberfügt. Und dessen Vorgänger wiederum, der Honorable E. Stanhope, tonservativer Kriegsminister von 1887 bis 1892, ist der Bruder des Radikalen Ph. Stanhope, dem seine Opposition gegen den Trans- Wieviel Arbeiter als Progreffisten gewählt sind, läßt sich leider nicht vaal- Krieg diesmal sein Mandat in der Weberstadt Burnley gekostet hat, der aber zur Zeit der Amtierung seines Bruders Abgeordneter der Gegenpartei war. feststellen. Ihre Zahl ist aber nicht gering. Eines muß zur Beurteilung dieser Wahlen hinzugefügt werden. Die Trennung in Gemäßigte und Progressisten bedeutet keineswegs Wenn auch solche Verteilung der Rollen unter Brüdern" sich immer eine Trennung in Gegner und Anhänger einer socialpolitisch nicht oft gerade in dieser Weise wiederholt, so ist sie doch im eng- vorgeschrittenen Gemeindepolitik. Biele Gemäßigte haben zum lischen Parlament durchaus nicht selten. Sie illustriert eine sehr bedeutsame Beispiel hinsichtlich der Wohnungspolitik und der Politit der Gemeinden Seite des politischen Lebens in England: den Zauber, den gewiffe gegenüber den direkt oder indirekt von ihnen beschäftigten Arbeitern historische Namen oder Familienverbindungen auf die Wählerschaft durch das radikale Programm aufgestellt. Was die Parteien trennt, ausüben, und die Häufigkeit der Fälle, wo die parlamentarische Lauf- find oft ganz spezielle Fragen, wie z. B. die Frage der Steuerbahn ebenso Tradition gewisser Familien ist, wie anderwärts der höhere einschätzungen, die natürlich auch eine socialpolitische Bedeutung Staatsdienst oder die diplomatische Laufbahn. Zu den höchsten Posten haben, aber weniger solche der 8 wede als solche der Mittel im Staat gelangt man in England eben nur durch eins der beiden und Wege find, und dann spielte auch die Wirtschaftspolitik" in Häuser des Parlaments. Gestalt der Politik der Schantwirtschaften eine große und Neben Lord Lansdowne erhält ein andrer liberaler Unionist vielfach die entscheidende Rolle. Bei der starken Durchsetzung der einen hohen Poften. Lord Selborne, bisher Unterstaatssekretär progressistischen Partei mit Anhängern der gesetzlichen Schließung für die Kolonien, wird, an Stelle Sir Goschens, der sich ins Privat- und bis dahin hohen Besteuerung der Schaulwirtschaften find leben zurückzieht, Marineminister( Erster Lord der Admiralität"). die übergroße Masse der Schankwirte und ein großer Teil ihrer Gegen seine Ernennung werden wenig Einwände erhoben. Der Kundschaft entschiedene Gegner dieser Partei, jedes Bierlokal ein Sohn eines hervorragenden englischen Juristen, machte er, als sein progressistenfeindliches Wahllokal. " Hoffen wir, daß der Bund sein Teil dazu beiträgt, die Kräfte der socialistischen Demokratie in England zu stärkerer gemeinsamer Attion zusammenzubringen. Politische Nebersicht. Berlin, den 6. November. Die Kultur der Bajonette. Auch der national gesinnte" Hannoversche Kurier" veröffentin Peting geschrieben hat. Es heißt in ihm: ... An den Streifzügen, die das Bataillon von Beting aus macht, tann ich nun nicht teilnehmen. Das schadet auch weiter nichts, es ist doch weiter nichts wie Mord. Die Bogerbanden, welche sich noch in den Städten der Umgegend aufhalten, werden auseinander getrieben; wenn die Boyer Widerstand leisten, werden sie erschossen.... Dagegen wurden 300-400 männliche Chinesen zum Teil im Kampf erschossen, zum Teil später hingerichtet durch Erschießen. Auch die Boyer, welche noch in Beting aufgetrieben und als solche überführt werden, werden erschossen. Jeder von ihnen muß ein Loch graben, dann dahinter fnien, weil er nach vorn über- und so direkt in sein Grab fällt! -AGZVO Rache für die Greuelthaten, welche die Chinesen ausgeführt haben und ausgeführt haben sollen, ist und wird hier fürchterlich genommen. Jm Peiho fahen wir an den verschiedenen Stellen oft Leichen flußabwärts treiben. In den befestigten Städten wie Moutou, Tungfchai, Yangtfun und andren, sowie in sämtlichen passierten Dörfern sah ich überall Leichen; und wieviel Krante, Frauen, Kinder, Greise, die nicht haben flüchten tönnen, mögen wohl unter den brennenden Trümmern begraben Iiegen!? Wir haben Leute bei der Compagnie, die schon zehn Chinesen erschossen haben. Gestern wurde auch eine Stadt( Liangtschangtschung) südwestlich von hier eingenommen, unsre Compagnie Compagnie hielt bor einem Thor und die Chinesen wurden von der andren Seite durch dieses Thor in die Bajonette der Lente unsrer Compagnie gejagt. Es foll schauderhaft gewesen sein. Soeben ist der Korrespondent der Kreuz- Zeitung" hier, der sich von meinen Leuten die Sache erzählen läßt!..." Vater starb und die Peerswürde auf ihn überging, einen ver- Nicht stärker als in London war die Beteiligung an den zweifelten Versuch, sich der Versetzung ins Haus der Lords zu er- Gemeinde Erneuerungswahlen, die am gleichen Tag wehren und seinen Siz im Hause der Gemeinen er war Ab-( den 1. November) in den Provinzstädten stattfanden. Die geordneter für West- Edinburg weiterzuführen. Aber seine Proteste Parteiverhältnisse haben sich da nur wenig verschoben. Die Nettohalfen nichts, er mußte, wie Lord Rosebery, der auch lieber im gewinne find: Liberale 1, Parteilose 4, Arbeiterkandidaten 8. Die Haufe der Gemeinen säße, ohne Gnade in den goldenen Käfig". letteren entfallen auch Chester und Nottingham je einen, Daß er dort sigt, ist der schwerwiegendste der gegen feine Ernennung Croydon( südlich von London) zwei, und Hanley, eine Fabrik- Wer regiert? Am 11. Februar v. J. trat Herr Bueck, der vorgebrachten Gründe. Denn unzweifelhaft gehören die Vertreter stadt im Töpfereidistrikt von Staffordshire, vier Size. Gegen diese Geschäftsführer des Central- Scharfmacher- Verbands, vor der Essener Der Redacteur des Essener Parteialler wichtigen Regierungsämter ins Haus der Gemeinen. So lange Gewinne steht unter anderm der Verlust von mehreren Sitzen in Straftammer als Beuge auf. die veraltete Bestimmung fortdauert, wonach Beers, auch wenn sie Süd- West- Ham bei London, wo der bewährte Leiter der Gas 2c. Organs sollte Herrn Bued durch Aufnahme eines VersammlungsMinister find, das Haus der Gemeinen, d. h. die gewähte Kammer, Arbeiter- Gewerkschaft, Genoffe Will Thorne, seinen seit Jahren nicht betreten dürfen, erfordert es die Achtung vor dieser, so viel innegehabten Sig an einen Konservativen verlor. als möglich die Minister aus ihrer Mitte zu nehmen. In Punkto Die feiner Zeit von mir angekündigte demokratische Konadministrativer Fähigkeit gilt Lord Salborne für eine tüchtige Straft, vention hat am Sonnabend, den 27. Oftober, in London unter seine parlamentarischen Manieren sind unanstößig. fehr erheblicher Beteiligung getagt. Gegen 700 TeilDas Kriegsministerium geht an ein Mitglied des nehmer waren anwesend, Delegierte" nennt sie der Bericht, doch Hauses der Gemeinen, den Honorable" N. John Brodrick, über, wird die Delegierteneigenschaft vieler der Betreffenden bestritten. berichts, in welchem eine von dem betreffenden Referenten dem Herrn Bued in den Mund gelegte Aeußerung wiedergegeben war, beleidigt haben. Der Staatsanwalt hatte die Anklage erhoben und Herr Bued erschien als Zeuge. Während der Verhandlung spielte fich folgendes Frage- und Antwortspiel ab: Angell: haben Sie( Herr Bued) nicht von Anfang an gegen die durch die kaiserlichen Erlaffe angekündigte Socialpolitik in scharfer Weise Stellung genommen? Zeuge Bueck: Jawohl l. A n g e k l.: Bekämpfen Sie nicht in gleicher Weise die Organt sationen der Arbeiter?. Zeuge B u e ck— ausweichend—: Ich bin der Meinung daß den Arbeitern das Koalitionsrecht gewahrt bleiben>nub, ebenso gut wie den Arbeitgebern....... A„ g e k l.: Bekämpfen Sie noch heute die durch du kaiserltchen Erlasse geforderten socialpolitischen Maßnahmen? Z e u g e B n e ck: Ich stehe noch auf demselbenStand Punkt wie früher— weil ich diese Socialpolitik für schädlich halte. Das war im Jahre 1839 und bereits im Jahre 1835 unterhielt Herr Bueck mit der Regierung ein ihn sehr befriedigendes Verhältnis und 1893 bezahlte er die Agitation für ein Gesetz, welches durch die Regierung propagiert worden war.— Die loyalen Bitndler. Der Hildesheimer Trinkspruch des Herrn v. Miguel scheint die Herren vom Bunde der Landwirte doch einigermaßen besorgt gemacht zu haben. Die„Deutsche Tages- Zeitung" beteuert heute ihren Khaki-Eifer. Die Chinakosten müßten mit großer Mehrheit bewilligt werden— um die Ehre des deutschen Reichs gegenüber dem Ausland zu retten.„Die Kosten nachträglich zu verweigern, würde entiveder ein lächerlicher Demonstrationsstreich sein oder bösivillige Vaterlandslosigkeit bekunden." Das ivird ja ein wahres Wettkricchen der bürgerlichen Parteien werde», um für die Hunnenehre Deutschlands hundert und mehr Millionen zu bewilligen. Als Gegenleistung beanspruchen die Libe- ralen gute Handelsverträge und die Junker hohe Getreidezölle—, Welche Würdelosigkeit haben unsre öffentlichen Zustände erreicht!— Ueber die parlanicntarische Behandlung des Zolltarifs schreibt die„National-Zeitung": „Ein Artikel des Landtags-Abgeordneten Dr. Barth in der „Nation" über die demnächstige parlamentarische Behandlung des Zolltarif-Entwurfs veranlaßt konservative und Centrums-Blätter. von einer beabsichtigten Obstruktion zu sprechen und bereits die Mittel gegen eine solche in Erwägung zu ziehen. Wir haben aus dem Barthschen Artikel die Absicht einer Obstruktion nickt ent- nommen. Es wird darin ausgeführt, daß eine tendenziös be. schleunigte Verhandlung aussichtslos sein würde, da ein Zolltari viele Positionen habe, wie ein Strafgesetzbuch viele Para- graphen, und hinter jeder Position könne sich die Opposition aufs neue verschanzen. Damit ist doch weiter nichts gesägt, als daß man eine ernsthafte Dnrchberatung verlange. Wir würden die Obstruktion auch als Waffe gegen Zoll Vorschläge, die wir bekämpfen, unbedingt verwerfen, denn sie legt die Axt an die Wurzel der parlamentarischen Einrichtungen. Aber daß jeder einzelne Borschlag aufErhöhung einesZolls sachlich geprüft werden muß, ist unbestreitbar; keine Zollerhöhnng ist sclbstvdrständlich. Gewiß, jede einzelne Position wird gründlich geprüft werden — Zeit wird allerdings solche sachliche Prüfung im einzelnen be ansprnchen.— Ueber die Begiiadigungen von Schutzlcnteu schreibt im Zusammenhange mit dem Prozeß Sternberg der konservative „R e i ch s b o t e": „Vor allem sollte aufs strengste anf die sittliche Integrität und Festigkeit der Beamten gehalten und in der Aussicht die größte Sorgfalt gehandhabt werden. Deshalb haben wir die vielen Be- gnädig u ngen von Polizeibeamten, die sich Ungehörig keiten dem Publikum gegenüber hatten zu Schulden kommen lassen bedauert; denn wenn der Beamte erst die Ueberzeugung gewinnt. daß ihm nichts geschieht, dann ist er in Gefahr, sich gehen zu lasten und die Selbstzucht besfeite zu setzen." Die Regierung ist in diesem Falle übrigens sehr eifrig, durch scharfklingende Erklärungen der öffentlichen Meinung über diese Polizeiskandale genug zu thun. Die„Norddeutsche Allgem Zeitung kündigte heute— noch vor der Veniehniung des Polizei direklors— an, daß„insbesondere auch die B e z i e h n n g e n des Polizeidirektors v. Meerschcidt-Hüllessein zu dem Bankier Sternberg, wie seine finanzielle Lage überhaupt, ein- gehend geprüft und je nach dem Ergebnis die etwa notwendigen Maßnahmen ungesäumt ergriffen werden." Der Schein soll gewahrt bleiben!— Der fliegende Gerichtsstand der Presse dürfte nach einer Blättermeldung im Reichstage bald nach dessen Wiederziisammentritt einer Erörterung unterzogen werden. Schon vor zwei Jahren hatte die freisinnige Volkspartei einen Antrag anf Aufhebung des„fliegen« den Gerichtsstands" gestellt. Der ist aber gar nicht zur Erörterung gelangt. Inzwischen hat sich auch der deutsche Juristentag mit der Frage beschäftigt und gegen nur zwei Stimmen die Aufnahme des folgenden Passus in das Strafgesetzbuch empfohlen: „1. Begründet der Inhalt einer im Inland erscheinenden Dnick- schrift den Thatbestand einer strafbaren Handlung, so ist für deren Verfolgung im Wege der öffentlichen Strafklage dasjenige Gericht ausschließlich zuständig, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist. 2. Das gilt nicht, sofern es sich um eine weitere selbständige Verbreitung der Druch'christ handelt." Es ist charakteristisch für unsre gegenwärtige Rechtspflege, daß sich jetzt der gesetzgebende Reichstag gegen die gesetzeS- auslegende Thätigkeit unsrer Juristenwelt durch einen neuen Gesetzgebungsakt verwahren muß. Denn der fliegende Gerichtsstand für die Presse ist keineswegs durch die gegenwärtige Gesetzgebung begründet. Nach unsrer Strafprozeß-Ordnung kann eine strafbare Handlung entweder verfolgt werden am T h a t orte oder aber am Wohn orte des ThäterS. Das Reichsgericht hat nun für die Presse angenommen, daß die That nicht' mit dem Drucke des Blatts vollendet sei, sondern daß die Vollendung erst vor sich geht, wenn ein Blatt in die Hände der Leser kommt. Hat nun ein Blatt Leser nicht nur am Erscheinungs orte, sondern etwa als Berliner Blatt auch in Königsberg anf der einen, in Straßburg auf der andren Seite, so kann es nach dieser Auffassung auch in Königsberg oder Straßburg i. E. verfolgt werden. Die Auffassung des Reichsgerichts ist vielfach und scharf zurück gewiesen worden, einmal wegen der rechtlichen Konsequenzen, dann aber namentlich auch wegen der praktisch sich ergebenden Unzuträg lichkeiten. Auch gegen den„Vorwärts" schwebt zur Zeit ein Ver fahren wegen Beleidigung des Güstrower Staatsanwalts und des Schwurgerichts daselbst, das den Genossen Holst wegen Meineids vermckeilte. Auf Grund des„fliegenden Gerichts st ands" für die Presse soll die Sache in Güstrow zum RuStrag gebracht werden. Zu gleicher Zeit schwebt wegen Beleidigung eines Zeugen in diesem Prozeß, des Polizei-Offizianteu S ck ü t t, ein Verfahren gegen uns, das in Berlin anhängig gemacht ist. Und was der Sache die Krone aufsetzt, ist. daß die„Mecklenburgische VolkSzeituNtl", die in R o st o ck erscheint, lvegen derselben beiden Vergehen, die bei ihr zusammengezogen sind, nach Güstrow citiert ist. Das heißt, in dem Fall Schütt ist einmal der fliegende Gerichtsstand herangezogen lgegen die„Mecklenburgische Volksztg."), ein andernial(gegen den„Vorwärts") hat man am Erscheinungsorte geklagt. Gegen den„Vorwärts" find aber auf diese Weise zwei Sachen, die unziveifelhaft zusammen verhandelt werden müßten, auseinander gerissen. Der Mörder Prinz Urenberg soll, dem„Schwab. Merkur' zufolge, kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt, vom Kaiser jedoch zu Ivjährigem Zuchthans und zur Entfernung aus dem Heer b e- g n a d i g t worden sein, weiter sei die Zuchthausstrafe durch«inen weiteren kaiserlichen Gnadenakt in Gefängnisstrafe ver« wandelt lvorden. Beliebt man denn keine authentische Aufklärung über den Fall zu geben?— Freisinnige Selbftbcspiegelnug. Die„Voss. Ztg." ver- öffentlicht folgende von freisinniger Seite ihr übersendete Zuschrift: „Nachdem der gothaische Freisinn vor Jahren die Majorität im Landtage hatte, niuß er sich in der nengelvählten Landesvertretung neben 3 Socialdemokraten mit 2 Sitzen begnügen. Der Grund dieses Emporlommens der socialdemokratischen Partei ist darin zu suchen, daß unsre Freisinnigen sich weniger von politischen als von gesellschaftlichen E r w ä g u n g e n leiten lassen. Durch ge- I-llschastliche Rücksichten wurden sie zum Paktieren mit den reaktionären Parteien bestimmt.... Auf dem Lande ist der Freisinn bereits so haltlos, daß freisinnige Wahlmänner von vorn- herein für die konservativ-agrarischen Kandidaten eintreten. Das Verhalten derFreisinnigen im Landtag war ebenfalls derartig, daß sie an ihrer Volkstümlichkeit einbüßen mußten. Sie stimmten gegen das gleiche, geheime und direkte Wahlrecht, gegen die H a senfra ß ents ch äd i g un g. gegen die Aufhebung des Chausseegelds, gegen die Gehaltserhöhung der kleinenBeamten, während sie f ü r die Erhöhung der Bezüge höherer Beamten eintraten, kurz, sie ließen sich von den Socialdemokraten bei jeder Gelegenheit den Wind ans den Segeln nehmen." Die Tante Voß hofft, daß sich auch die Segel deS Freisinns trotz der Socialdemokrati« ivieder blähen würden, wenn der Freisinn wieder ernsthaft demokratische Forderungen vertreten werde. Ja, wennl—_ Tie Börsenverlnste. Man schreibt uns: An der Börse hat sich jetzt, nach der wilden Flucht der Papier- besitzer in den verfloffcnen Monaten, eine gewiffe Beruhigung ein- gestellt und die allzeit hoffmingsfrohe Börseiipresse, die die Geschäfte der Großbanken wahrnimmt, beeilt sich, dies als daS Zeichen der endgültigen Rückkehr deS kapitalistische» Vertrauens in den Bestand des Wirtschaftslebens und damit auch der Besserung der Wirtschaft- lichen Lage zu betrachten. Aber die Zeit der hohen Kurse ist un- widerbringlich dahin, wie für die Werke die Zeit der guten Beschäftigung. Die augenblickliche festere Stimmung der Börse ist lediglich der Thatsache zuzuschreiben, daß bei den Kurs- stürzen der letzten Monate die kleinen Leute ihr Geld verloren haben und ihre Papiere veräußerten, die sich nun in den Effekten- bureans der Großbanken befinde». Die aber sehen, vermöge ihres Riesenkapitals, welches ja auch in den industriellen Uniernehmnngen steckt, der Entwicklung mit größerer Ruhe zu; haben sie doch alle Ursache, ein weiteres Weichen der Kurse zu verhindern. Auch die wohl anfangs Oktober von den Großbanken getroffene Vereinbarung, vom 15. Oktober ab jeden Verkehr eines Zeithandels mit Firmen ein- zustellen, die sich nicht in das Börsenregister haben eintragen lassen— eine Abmachung, die übrigens jetzt aufgehoben worden ist— hat mit dazu beigetragen, die schwachen Kräfte zur gewaltsamen Liquidation zu bringen. Nun beherrschen«die Großen" die Situation, und während bisher grau in grau gemalt wurde, wird jetzt plötzlich die Parole ausgegeben: es steht ja alles besser als Ihr denkt. Unter dieser zuversichtlicheren Stimmung, die von den Großbanken künstlich gemacht ist, sind die Kurse der Eisenwerke etwas in die Höhe gegangen, seltsamerweise aber die Kurse der Kohlenwerke wieder gefallen, obwohl die Zechen den Winter über nichts zu besorgen brauchen. Wie lange es freilich den Großbonken gelingen wird, die zuversichtliche Stimmung der Börse zu erhalten, muß abgewartet werden. Jedenfalls ist man noch weit entfernt von den Profiten, die noch im Januar dieses Jahrs gemacht worden sind. Ein Blick auf die Ultimozahlen zeigt dies. Es notierten u. a. im Ultimovcrkehr:_ Reicks-Anleihe...... Ocstreich. Kredit..... Deutsche Bank...... Dortmund-Gronau Eisenbahn Lübeck-Bücheii Eisenbahn.. Prinz Heinrich...... Hamburger Pakctfohrt... Norddeutscher Lloyd.... ultimo Jan. j März August Sptbr. Oktbr. 88,75' 86.30! 86,70 234,25 234,25 206,25 208,75 206 I 187,75 183,75 183,75 161 161,60 153 141,50 113,50 117 110,75 127,25 127,50: 120, 123 126,75 107 85,40 88 203,75 205,75 182,60 189 156 135,25 107 118 106 147,50 134,25 107,50 124 111,75 Im Kassaverkehr notierten alsdann: Bochumer.... Dortmunder Union Laurahütte... Gelsenlirchen.. Harpener.... Hibernia.... Konsolidation.. Dannenbaum.. ultimo Jan. i! März August Sptbr, Oktbr. 171 175.75 83,70 85,50 283,60 201,40 191,25 195,75 228 190,40 186,75 183,75 272 283,40 186 140,70 139,25 94,90 266 218 217,50 236,20 177 176,60 176,10 231,80 253,25 138,60 134,90 192,10 391 403 344 344 322,50 139,50 163,50 104.25 86,80 84 I I i Diese Zusammenstellung zeigt die kolossalen Verluste der letzten Monate, denen gegenüber die kleine Ultimo-Aufbesserung nichts besagen will, zumal ihr auch neue erhebliche Verschlechterungen wichtiger Jndnstriepapiere gegenüber stehen. Das verschwundene Vertrauen der Spekulation wird sich nicht wieder herstellen lassen, ebenso wie für die Industrie die Zeit der goldenen Ernte dahin ist, die im März ihren Höhepunkt erreicht hatte. Klassisches zum Nassischen Unterricht. Vor kurzem hat sich ein G y ni n a s i a l v e r e i u in Frankfurt a. M. gebildet, der ein Gegengewicht gegen den R e a l s ch u I m ä n n e r v e r e in bilden soll. Von welchem Geiste die Herren dieses Gymnasialvereins belebt sind, konnte man deutlich in ihrer Sitzung vom 1. November merken, Unter lautem Beifall der Versammlung wurde ausgeführt, daß auch da? Gymnasium, speciell das Studium der lateinischen Schriften, der Jugend ein Verständnis für unsre heutigen socialen Verhältnisse beizubringen vermag. Wie man sich das denkt, dafür einige Beispiele: Aristoteles lehrt den Schülern die alte Wahrheit, daß, so lange die Webeschifflein nicht von selber laufen, eS Sklaven und Reiche geben müffe. Hier hat der Lehrer die Sklaven mit den modernen Arbeitern gleichzusetzen und den Schüler darauf hinzu- weisen, wie unerfüllbar die Wünsche der Arbeiter nach socialer Gleichheit seien, wie verwerflich daher die Handlungsweise der social- demokratischen Agitatoren sei. Die Gracchen strebten, wie in Lateinlektüre gelesen wird, eine ökonomische Entlastung des Volk» an. Wie trefflich läßt sich hierbei auf die neuere socialpolitische Thätigkeit Preußeii-Deutsch- landS aufmerksam machen, so daß die Gracchen geradezu als Vorläufer unsrer modernen socialvolitischen Regierung erscheinen. Cäsar verdankt seine Erfolge nur seinem starken Heere. Deutlich tritt hier zu Tage, ein wie eminent wichtiger Faktor in «dem Staatswesen da« Heer sei, und wie richtig es ist, da» Heer auf jede Weise zu stärken und zu vergrößern. Bei Livius liest der Schüler, wie unbedingt notwendig die Wcltpolitik und eine starke Flotte ist; die stegreichen römischen Truppen hatten �war die seegewaltigen Karthager aus Sizilien ver- trieben, aber Sicherheit und Frieden konnten erst gewährleistet werden, als man dem Feind auch zur See ebenbürtig gegenüber- treten konnte. Und so lassen die Beispiele, welche unsre Zeit in Parallele mit dem Altertum setzen, sich zahllos häufen. Diese und ähnliche Vergleiche sind nicht etwa ein schlechter Scherz, sondern mit völligem Ernst wurden sie unter dem lauten Beifall der Versammlung vorgetragen. Die Herren Gymnasiallehrer merkten gar nicht, wie sehr sie sich selbst verhöhnten, wenn sie hier- bei vom Verständnis der socialen Verhältniffe faselten, wo es sich um weiter nichts als krassesten Byzantinismus handelt. Uebrigcns ist zur Bethätigung desselben sicherlich nicht das Lesen lateinischer Schriftsteller notwendig; im Geschichtsunterricht läßt sich das alles auch sehr schön machen. Dereinst suchte der Freiheitsgeist des aufstrebenden Bürgertums in der klassischen Bildung Förderung und Stählung. Freiheit, Schönheit, Wahrheit, Gerechtigkeit— diese edlen Erscheinungen der Menschenivürde suchte man in der Antike als Schule für eine sklavische Gegenwart. Die alten Republiken spielte man gegen die modernen Monarchien aus, an Tacitus lernte man die Verachtung des Byzantinismus, an Sokrates den Bekenntnismut der Wahr- hafligkeit. Das traurige Geschlecht der heutigen Gymnasiallehrer miß- braucht die humane Bildung, wie man den Religionsunterricht prostituiert: alles tvird so lange gefälscht und gerenkt, bis es für die feilen jämmerlichenWerke der modisch-höfischen„Nationalerziehung" branchbar scheint.— Militärjustiz. Zwei Jahre Gefängnis erhielt vom Kriegsgericht in Landau sPfalz) ein Soldat, der seine Geliebte zu töten versucht hatte; das Mädchen war nur leicht verletzt lvorden,— Mit zehn Tagen Mittelarrest kam— vor demselben Ge- richt— ein Unteroffizier davon, der einen Untergebenen gemißhandelt hatte.— Das Würzburger Kriegsgericht verurteilte einen Soldaten wegen unerlaubter Entfernung zu fünf Monaten Gefängnis. Ter Mann hatte sich freiwillig gestellt.— Ungedruckte Briefe von Friedrich Engels. Im„Mouvement Socia liste" veröffentlicht Eduard Bernstein eine Anzahl Briefe von Friedrich Engels, die in den Jahren 1881 bis 1883 geschrieben worden und die bisher noch nicht veröffentlicht worden sind. Sie sind geschrieben anläßlich deS in jener Zeit zwischen den einzelnen französischen Fraktionen schwebenden Parteizwistcs. Die Situation hatte einige Aehnlichkeit mit den gegenwärtig in Frankreich obwaltenden Partei- Verhältnissen. Die damaligen Aenßerungen Engels bekommen so eine gemisse Aktualität und manches dort Gesagte ist— vielleicht mit einigen Einschränkungen— auf die jetzigen Streitpunkte, welche die französischeu Genossen entzweien, anwendbar. Einige Stellen aus den Engelsschen Briefen sind interessant genug auch für unsre deutschen Genossen. In einem der Briefe(vom 20. Oktober 1382) heißt eS: .... Es scheint, als ob jede Arbeiterpartei eines großen Lands erst einen inneren Kampf überstehen müßte, ehe sie sich voll entwickeln kann. Die deutsche Partei ist das, was sie ist. in dem Kampfe der Lassalleaner und der Eisenacher geworden, in dem es übrigens ohne Beleidigungen und Drohungen nicht abging. Die Einigung wurde nicht eher möglich, als bis die A. B. u. Comp, sich völlig erschöpft hatten. In Frankreich müssen sich die C. D. u. Comp, ebenfalls erst verbrauchen, ehe die Wiedervereinigung möglich ist. Unter diesen Umständen wäre es Verrücktheit, die Einigung predigen zu wollen. Mit Moralpredigen vermag man nichts gegen die Kinderkrankheiten, die unter den gegenwärtigen Umständen ihren Lauf nehmen müssen.... Nichtsdestoweniger haben die Leute deS Kongresses von R o a n n e forlgesetzte und scharfe Kritik sehr nötig. Die revolutionäre Phrase und der stürmische Drang, etwas zu voll- bringen, reißt sie nur zu häufig mit fort.. Aus einem andren Brief(vom 23. November 1882) sei folgende Stelle wiedergegeben: ...„Die Schwäche deS zweiten Artikels(eS handelt sich um eine deutsche Publikation) das ist die kindische Idee der zu- künftigen Revolution, welche beginnen werde mit der Thatsache, daß unter der Losung: Hie Welf, hie Waiblingen! die ganze Welt in zwei Lager geteilt sei: wir auf der einen Seite, und auf der andren die„eine einzige reaktionäre Masse" Das heißt ungefähr: die Revolution habe erst im fünften Akt anzufangen, anstatt im ersten, wo alle OpposttionS- parieien ein Ganzes bilden gegen die Regierung und deren Anhänger, wodurch sie gerade siegreich bleiben. Erst danach scheiden sich die einzelnen siegreichen Parteien mehr und mehr, bis schließlich durch diesen Prozeß die Masse des Volks in unsre Reihen gedrängt wird, und erst dann ist der vielberufene letzte Kampf des R.(Autor des kritisierten Artikels) möglich... In einem Briefe vom 31. August 1383 wird von Engels aus- einandergesetzt, welche Rolle die Staatsform(Monarchie, absolute oder konstitiitionelle, oder Republik) in den einzelnen Phasen deS Klaffen- tampfS spiele; dort kommen u. a. folgende Sätze vor: ...„Also, da die günstigen Umstände und eine alte revo- lutionäre Geschichte die Franzosen unterstützt haben, den Bonapar- tismus zu zertrümmern und die bürgerliche Republik zu errichten, so haben diese uns, den Deutschen, gegenüber, die wir noch in einem Mischmasch von Halbfeudalismus und Bonapartismus stecken, den Vorteil voraus, daß sie schon im Besitz der Form sich befinden, in welcher der Kampf bis zum letzten Ende zu verfolgen ist und die wir andern erst noch zu erstreben haben. Sie haben vor uns also einen großen Schritt voraus. Eine Wiederanfrichtung der Monarchie in Frankreich würde konseqnenterweise einen neuen Kampf erfordern für die bürgerliche Republik. Erhaltung der Republik da- gegen bedeutet eine fortwährende Verschärfung des direkten, un- verschleierten Klassenkampfs zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie bis zur Krisis." Anstand. Schweiz. Zürich, 5. November.(Eig. Ber.) In der gestrigen Volks« a b st i m m u n g hat die radikale Herrschaft gesiegt und ist der Fort- schritt unterlegen. Auf die P r o p o r t i o n a I w a h l d e S Nationalrats fielen 166 056 Ja und 242 448 Nein, auf die Volkswahl des Bundesrats 141 851 Ja und 266 637 Nein. Herrschsucht, Strebertum, politische Charakterlosigkeit, Renegatentum im Bunde mit der großen Masse der gewerbsmäßigen Neinsager und der politischen Unreife weiter Volkskreise haben gesiegt. Eine au- nehmende Mehrheit für beide Jnitiativbegchrcn lieferten die Kantone Uri, Schwyz. Appenzell. Obwalden. Nidwalden, Glarus, Zug. Freiburg und Wallis, für den Proporz allein die Kantone Genf und Lnzcrn, also zusammen 11 Kantone von den 25 für den Proporz und 9 kür die Volkswahl deS Bundesrats. Eine Reihe industrieller Gemeindensowiedcr KreiS III der Stadt Zürich, Aiitzeisiehl, haben innerhalb der ver- werfenden Kantone angenommen. Was nun? ist jetzt die Frage und die Antwort lautet: Obstruktion, konsequente Obstruktion gegen alles, was von dem radikalen Klüngel ausgeht, wobei die Neinlager von gestern zu einem großen Teil die Verbündeten sein werden. Die Radikalen sollen noch manchmal unangenehm an ihren siegreichen 4. Nov. erinnert werden.— In Basel wurde auch daS kantonale Proporz» gesetz verworfen und zwar mit 4725 gegen 3846 Stimmen.— Im Winterthurer Wahlkreise wurde der politische und socialpolitische Reaktionär, der millionenreiche Fabrikant Snlzer-Ziegler, mit 9241 gegen 5284 Stimmen, die auf unfern Genossen Werner fielen, in den Nationalrat gewählt. Ein Sieg des Geldsacks sowie der Dumm- heit und des Knechtsinns der Arbeiter I— Frankreich. Die Demokratisiernng der Armee fördert der Kriegsminister Andrö angelegentlichst dadurch, daß er zahlreiche höhere und niedere Offiziere avancieren läßt, die keine reguläre Ausbildung in den Militärschulen erhalten, sondern von der Pike auf gedient haben. So sind von den aus dem UnteroffizierSstcmde hervorgegangenen Offizieren 2 unter 11 zu Obersten. 1 unter 18 zum Oberftlieutenant, 6 unter 37 zu Bataillons- und Schwadronschefs, 7 unter 35 zu Hauptleuten befördert worden. Unter den zu höheren Stellungen Beförderten befinden sich also 15 Proz. solcher, die aus dem Volke hervorgegangen sind, während nach der bisherigen Praxis diese Elemente nur mit 2 Proz. am Avancement beteiligt waren. FreYcuwt hatte früher einmal Aehnliches versucht. er war jedoch, wie die„Kölnische Zeitung" bemerkt,„an dem bartuäckigen Widerstand der Beförderungskommissionen ge- scheiterr. deren Cliquen- und Kastengeist sich mächtiger erwies, als der Kriegsminister". Gegenwärtig ist durch einen Erlatz des Präsideute» der Republik dem Kriegsminister das entscheidende Wort bei der Beförderung gesichert. Diese Demokratisierung der Armee ist nicht nur eine Maßnahme gegen das Umsichgreifen reaktionärer und royalistischer Gesinnungen und Komplotte im Offiziercorps, sondern auch ein Mittel zur Hebung der militärischen Tüchtigkeit, da weder die Blaublütiakejt, noch der Drill in den Kadettenanstalten zuverlässige Gradmesser der mili- tärischen Begabung abgeben.— Afrika. Schwere Sorgen bereiten die anneksierten Boerenstaaten den Engländern. Lord K i t ch e n e r selbst, der nach der Abreise des erfolggekrönten Lord Roberts und des oft geschlagenen General Bnller die Nachlese am Siegeslorbeer halten soll, hat nach London gemeldet, daß der Krieg noch keineswegs beendet sei und daß leider noch sehr viel Arbeit vorliege. Lord Kitchener, dem nunmehr die Verantwortung für die ferneren Ereignisse aufgebürdet ist, hat nur klug gehandelt, wenn er die Situation der Wirklichkeit entsprechend geschildert hat, selbst wenn Lord Roberts, der schon vor mehreren' Monaten den völligen Zusammenbruch des Boerenwiderstands meldete, davon ebenso unangenehm berührt sein sollte, wie der englische Imperialismus. Auch die heutigen Nachrichten wissen nur von dem Wieder- aufflammen des Widerstands zu berichten. So meldet daS„Reutersche Bureau" auS Maseru vom 31. Oktober, daß die Zahl der an der Basutogrenze stehenden Boeren wachse, daß ein Kommando von 1400 Mann dicht bei L a d y b r a n d stehe und Stadt und Distrikt F i ck s b n r g sich in den Händen der Boeren befinde. Die von den Engländern in Ficksburg versteckt zurückgelassene Munition ist den Boeren gleichfalls in die Hände gefallen. Gleich- zeitige Meldungen, daß die Boeren Häuser geplündert und mehrere Personen erschossen hätten, sind jedenfalls mit Vorsicht aufzunehmen. Nach einem aus C r a d o ck vom 4. November datierten Reuter- Telegramm steht auch ein Boerenkommando bei Petersville südlich vom Oranjeflutz. Eine englische Patrouille wurde erschossen. „Agence Havas" meldet unterm 0. November aus Dschibuti: DaS Kriegsschiff„Gelderland" ist mit dem Präsidenten Krüger an Bord gestern hier eingetroffen und wird hier 3 Tage verweilen. In Port Said soll die Gelderlaud" die erforderlichen Anweisungen übet ihre Landung in Europa erhalten. Krüger, dessen Gesund- heitszustand sehr gut ist, äußerte, als er von den jüngsten Boerensiegen hörte, lebhafte Freude. Dr. Heymanns erklärt. Krüger kommt nur auf Urlaub nach Europa. Der Fall Casale. Ein Sieg der Socialisten in Neapel. AuS Neapel wird uns geschrieben: Als die italienische Regierung im vorigen Jahre ernsthaste Anstalten zu treffen schien, um die Maffia und die C a m o r r a in Sicilien und Neapel zu bekämpfen, stellten die neapolitanischen Socialisten dem Ministerpräfideuten Pelloux— welchen man Compagno sGenossenj Pelloux nannte, da er durch seine ungeschickte reaktionäre Bekämpfung des Socialismus demselben mehr Nutzen als Schaden brachte— ihre Thätigkeit, ihre Kampflust und das ihnen zu Gebote stehende umfangreiche Material zur Ver- fügung, falls er die Sache wirklich zu Ende zu führen gedenke. Dieses kühne Anerbieten, das ebenso gut als Ironie aufgefaßt Iverden konnte, blieb, wie zu erwarten war, ohne Autwort. So setzten denn die Socialisten ihre Bestrebungen gegen die Camorra allem fort. Die neapolitanischen Socialisten sind junge Leute von Intelligenz und Thatkraft. Wie es sich aus den vielbesprochenen Mißständen in Neapel notwendigerweise ergiebt, nimmt ihre mutige Aktion besonders den Charakter eines Kampfs für die Moralität in ber öffentlichen Verwaltung an. Als die Sache Palizzolo in Sicilien— von welcher auch der „Vorwärts" seiner Zeit berichtet hat, einen wahren Eutrüstuugs- stürm hervorrief, erschien im socialistischen Organ Neapels,„La Propaganda" ein sensationeller Artikel, der behauptete, der Skandal Palizzolo stände nicht einzig da, er habe vielmehr ein Gegenstück im Fall Casale in Neapel. Wer war Casale? Alberto Agnello Casale hatte einmal geäußert: A Napoli comando iol(In Neapel befehle ichl) Und da« war keine leere Prahlerei. ES war eine Macht von mysteriösem Ursprung, die aber thatsächlich bestand. Casale. Abgeordneter und Stadtverordneter in Neapel, beherrschte den politischen Wahlkörper und noch mehr das administrative Leben dieser größten Stadt Italiens. Alles mußte durch feine Hände gehen. Ein hinreichender Grund für diese Macht lag weder in besondren geistigen Fähigkeiten, noch in pekuniären Mitteln und dergleichen, sondern einzig und allein in einem außer- ordentlich entwickelten Talent zur Jntrigue. Die Art dieser Jntrigue aufzudecken, stellte sich die„Propaganda" zur Aufgabe. Dazu bedurfte es nicht etwa langwieriger Recherchen, sondern nur vielen Wagemuts. Denn, sprachen wir vorhin von einem mysteriösen Ur- sprung seiner Macht, so war dieselbe nur„offiziell" ein Geheimnis. In Rom, in den politischen Kreisen und im Parlament, wo er sich als Crispianer auszeichnete(nicht etlva durch Redenhalten, sondern durck> Duelle, ja auch durch Faustschläge), sowie in Neapel waren seine Manipulationen hinlänglich bekannt. Doch fühlte er sich völlig sicher inmitten derer, die ihn gebraucht hatten oder seine Macht fürchteten. Da kam die socialistische„Propaganda" und wagte den ent- scheidenden Schlag. Sie fragte: Wovon lebst Du? Und antwortete: Casale besitzt kein Privatvermögen; er lebt von Bestechungen. Ein Prozeß lvar die Folge dieser Anschuldigung und gegen alle Voraussicht endigte derselbe mit einem glänzenden Siege der neapolitanischen socialistischen Partei und der Moralität. Das System Casales ivurde vollständig aufgedeckt. Jeder Zeuge fügte ein neues interessantes Detail hinzu. Daraus ergab sich, daß nicht einmal die Portierstelle im Rathause neu besetzt wurde, ohne daß man hie7für an Casale eine Taxe entrichtete. Die Größe der- selben variierte natürlich je nach der Wichtigkeit des von ihm ver« langten Dienstes. Wollte man einen Rat(I), wie man sich vom Militärdien st befreien könnte, so betrug die Summe für diesen 50 Lire. Da sein Einfluß sich sogar auf die Gefängnis- Verwaltung erstreckte, verlangte er den gleichen Betrag für die Ueber- Weisung eines Gefangenen aus einem Gefängnis ins andre! Solche Kleinigkeiten wurden nicht direkt an ihn— bei der Annahme solcher Lappalien beniühte er sich nicht persönlich—. sondern an seinen Sekretär ausgezahlt. Der Hauptmarkt der städtischen»emter war da» Caf« Diodato. Fast die ganze neapolitanische Stadtpolizei hat dort ihre Stellen gekauft(bis 5000 Lire zahlte man für den Posten eines Polizei- Offiziers, und 500 bis 1000 Lire ftir den eines Schutzmanns!) und blieb so von Casale abhängig. Auch die Bezahlung in Naturalien(Wein und Liqueure) wurde nicht verschmäht. Er selbst beschästigte sich hauptsächlich mit dem Abschluß größerer Kontrakte zwischen Lieferanten oder Gesellschaften und den Magistrat oder der Regierung. So hat man im Lauf des Prozesses erzählt, daß z. B. eine Schiffahrts-Gesellschaft, welche sich in großer Verlegenheit befand, durch seine Vermittelung— natürlich nicht umsonst— Subsidiengelder von der Regierung erhielt; daß die Straßenbahn-Gesellschaft drei Personen, darunter Casale, 60000 Lire zahlte, um einen Bertrag mit der Stadt zu stände zu bringen, und daß die elektrische Gesellschaft für Straßenbeleuchtung zu gleichem Zwecke 400 000 Lire erlegte. Von Zeit zu Zeit leistete er sich den Luxus einer gratts und der Gerechtigkett entsprechenden erteilten Gunst; dies vermehrte seine Popularität und seine Machtstellung. Der unerbittlichste Zeuge, der für daS Resultat deS Prozesses ausschlaggebend war, war der junge Socialist und Oekonom Arturo Labriola, der daS Vorgehen CasaleS kennen lernte, als er sich wegen der sogenannten politischen Wirren 18S8 im Gefängnis befand. Hier ließ ber Staatsanwalt die Beweisaufnahme schließen mit der Begründung, daß die Unehrenhastigkeit Casales zur Evidenz erwiesen sei, trotz der verständlichen Zaghaftigkeit einiger als Zeugen citierten hochgestellten Persönlichkeiten und der ver- blüffenden Aussage eine? Staatsanwalts, welcher Casale für den Ehrlichsten der Ehrlichen erklärte l Die„Propaganda" wurde freigesprochen. Casale hat sich, vom öffentlichen Leben zurück- gezogen. Man kann sagen, daß der Feldzug der„Propaganda" nicht dem Einzelnen, sondern dem ganzen System galt. Die Macht CasaleS sowie die andrer Leute vom selben Schlag konnte sich nicht bilden ohne die, zum mindesten passive, Kom- plizität der Autoritäten wie eines großen Teils der „öffentlichen Meinung", welche dieses Borgehen ganz in der Ordnung fanden. Um diese verderbliche Gewalt zu bekämpfen, bedurfte eS einer neuen Kraft, der Verbreitung einer höheren Moral in den großen Massen: auf dem Weg zu diesem Ziele, daß sich die socialistische „Propaganda" gesteckt hat, bedeutet dieser Sieg eine wichtige Etappe. Infolge dieses Ausgangs des Prozesses haben Bürgermeister und Stadtrat ihre Aemter niedergelegt. Zum königlichen Kommissar der Stadt wurde der Präsident des Staatsrats Saredo ernannt. VÄvkei Partei-Organisation. Die Parteigenossen in Zivickau haben einen neuen socialdemokratischen Verein gegründet und diesem olle Geschäfte der socialdemokratischen Partei des Kreises übertragen. Das System der Vertrauensmänner wurde aufgehoben. Vvlikriltcste». Gerichtliches»Nu. Vom Reichsgericht aufgehoben wurde das Urteil des Land- gerichts Dessau, durch das der verantwortliche Redacteur deS Dessauer Parteiblatts, Genosse Günther zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt morden war. Genosse Günlber sollte sieben Vorstandsmitglieder deS auhaltischcn 51riegerverbandS dadurch beleidigt haben, daß er fie beschuldigte, zu Gesetzesübertretungen aufgefordert zu haben. Der Vorstand hatte nämlich seine ivkitglieder aufgefordert, gegen die Socialdemokratie zu kämpfcu. Da sich Kriegervereine nach ihren Satzungen nicht mit Politik beschäftigen dürfen, so bezeichnete Günther dies als Gesetzesübertretung. Das Reichsgericht hatte Bedenken dagegen, daß jemand unter allen Umstünden in der Achtung andrer herabgesetzt werde durch den Vorwurf einer Gesetzesübertretung. ES könne z. B. jemand ein Hnndesteuer-Regulativ übertreten und niemand werde ihn darum der bisherigen Ächtung nicht mehr würdig hallen. Deshalb erfolgte die Aufhebung des Urteils. Meineidsprozetz Maszlof in Könitz. Am Dienstag, dem zehnten Tag. der Verhandlung, bekundet als erster Zeuge Pfarrer Bönig: Eines Tages kanien die Kriminal- beamte» Kriminalinspektor Braun und Kriminalkomiffarius Wehn aus Verlin zu mir und baten niich, ich solle Maßlos vernehmen, da sie den Eindruck hätten, daß er ihnen nicht die Wahrheit gesagt habe. Ich ließ mir Maßlos kommen und forderte ihn auf, die volle Wahrheit zu sagen. Maßlos sagte: bei der erste» Vernehniung habe er nicht ganz die Wahrheit gesagt; das wolle er aber jetzt thu». Ich forderte Maßlos daraufhin auf, jetzt die volle Wahrheit zu sagen, wenn er auch wegen der ersten unrichtigen Aussage verhaftet iverden solle. Maßlos erzählte dann:„Am 11. März fiel nur abends, als ich durch die Danzigerstratze ging, der Deckel meiner Schnupftabaksdose zur Erde. Als ich mich bückte, um den Deckel aufzuheben, sah ich un L e w y scheu Keller eine» Lichtschimmer. Da ich neugierig war, aber von hier aus nicht gut sehen konnte, bin ich nach der Mauer- straße gegangen. Dort hörte ich Stininiengeivirr. Plötzlich kamen zwei Männer aus dem Keller und sahen sich um. Sie gingen wieder in den Keller zurück. Nach einiger Zeit wurde die Hofthür geöffnet. Dann traten drei Männer heraus. Sie trugen einen schweren, sackartigen Gegenstand und gingen nach dem Mönchsee. Ich lief dann nach dem Speicher, um mich zu verbergen."— Präs.: War Maßlos damals schon vereidigt?— Zeuge: Das kann ich nicht sagen. Ich nahm es aber an, weil er sagte, er habe bei seiner ersten Vernehniung nicht die volle Wahrheit gesagt und ich bemerkte:„Wenn Sie auch verhaftet werden, so niüssen Sie jetzt doch die volle Wahrheit sagen."— Präs.: Die erste eidliche Ver- »ehmung hat am 2. Mai stattgefunden.— Zeuge: Maßlos ist später bei mir gewesen.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Vogel: Hat Maßlos ausdrücklich den Namen L e w y genannt?— Zeuge: Jawohl.— Verteidiger: Sie hatten aber den Eindruck, daß Maßlos die Wahrheit sagte?— Zeuge: In meiner lang- jährigen Amtszeit als katholischer G e i st l i ch e r ist eS mir nicht vorgekommen, daß mir jemand die Unwahrheit gesagt hätte. Es ist ja niemand gezwungen, zu mir zu kommen. Wenn er nicht die Wahrheit sagen will, kann der Mann zu Kaufe bleiben.— Oberstaatsanwalt Dr. L a u tz: Frei- willig ist Maßlos doch nicht zu Ihnen gekommen. Sie haben ihn aufgefordert.— Zeuge: Auf Wunsch der Herren Kriminali nspektor Braun und Kriminalkom- missariuS Wehn ging ich zu ihm. Da ich ihn nicht antraf, ließ ich ihn z u m i r kommen.— Erster Staatsanwalt Seite- g a st: Hat M a ß l o f Ihnen vorher bei der Beichte etwas gesagt 1 — Zeuge: Ueber die Beichte verweigere ich jede Auskunft.— Schlächter Eisenstedt. Schwester Felicita, Maria Kern: Eisenstedt war in der Nacht vom 11. zum 12. März nicht im Krankenhause, sondern beurlaubt.— Bertetdiger Rechtsanwalt ZielenSky: Der Glaser- meister LewinSky und Eisenstedt drangen in Sie, zu be- schcinigen, daß Eisenstedt in der Nacht vom 11. zum 12. März im Kränkenhause gewesen und nicht auf Urlaub gewesen sei?— Zeugin: Jawohl. Zeugin Schwester Felicita, Maria Kern(fortfahrend): L e w i n s k y sagte, ich solle bedenken, daß ich schwören würde müsien. Ich bemerkte:„Wenn ich schwören muß, kann ich doch nur die Wahrheit sagen." Im übrigen sagte ich L e w i n s k i, er hätte nichts im Krankenhause zu thun.— Er st er Staatsanwalt: Zeugin, es ist Ihnen doch bekannt, daß Eisenstedt ein großes jnteresse an der Bescheinigung hatte, da er als Mörder beschuldigt worden war?— Zeugin: Das war wir nicht bekannt. Zeuge Dr. von Lucowicz, Arzt im Krankenhause, hält es für un- möglich, daß Msenstedt den Winter ermordet habe. Eisenstedt' hatte an der rechten Hand ein großes Geschwür und war vollständig verbunden.— Verteidiger Rechtsanwalt Zielewski: Herr Doktor, halten Sie es für möglich.' daß er ein Tier schlachten konnte?— Zeuge Dr. von Lucowics: Nein.— Zeugin Schwester Floriberta: Eisen-. stedt ist vom 10—11. März und vom 13.— 14. März, aber nicht! in der Nacht vom 11. zum 12. März im Krankenhause gewesen.— Zeuge Pächter Mille: Ich bin am 12. März in das Krankenhaus! „BartolomäuS- Stift" gekommen. Ich erinnere mich genau,! daß Eisenstedt dort auch in der Nacht vom 12. zum 13. März! gewesen ist.— Zeuge Fleischergeselle Schasnokulskr.: Ich bin seit' 1898 Geselle bei Eisenstedt in Schlochau. Der Meister hatte sich etwas an der Hand zugezogen und ging nach fünf Tagenj ins Krankenhaus. Am Tage nach dem Morde war Eisensted Li in Schlochau. Er kam nachmittags ins Schlachthau 8 wo ich gerade einen Bullen schlachtete. Eis enste d t war in der! Nacht vom Montag zum Dienstag in Schlochau.— Präs.: Irrem Sie sich nicht? WaLs vielleicht vom Sonntag zum Montag?� — Zeuge: Nein, in der Nacht vom Montag zu Dienstag war er; in Schlochau.— Präs.: Hat Ihnen jemand gesagt, waS Sie; aussagen sollen?— Zeuge: Nein.— Präs.: Andre Zeugen! haben bestimmt bekundet, daß Eisenstedt in der Nacht vom! Montag zum Dienstag im Krankenhause war.—. Zeuge:! Ich weiß bestimmt, daß Eisenstedt Montagabend und Dienstag früh in Schlochau gewesen ist. Ich habe bestimmt Montagabend! mit ihm Abendbrot gegessen.— Prüf.: Er kann doch Montag noch! nach Könitz gefahren sein.— Zeuge: DaS kann ich nicht sagen.—! Präs.: Haben Sie ihn Dienstag früh noch gesehen?— Zeuge:' Darauf erinnere ich mich nicht genau.— Präsident: Sie! haben daS aber vorhin doch gesagt?— Zeuge: Genau weiß ich. das nicht mehr.— Ein Geschworener: Wußten Sie am Man- 1 tag schon von dem Morde?— Zeuge: Nein. Ich hatte nur ae-� hört, daß Winter verschwunden sei.— Dienstmädchen OssowSkrc Eisenstedt war am Montag, den 12. März, näcfimtttagS in Schlochau und blieb über Nacht dort. Ich weiß genau, oaß er DicnStng früh nach Könitz gefahren ist.— Präs.: War das vielleicht vom Sonntag zum � Montag?— Zeugin: Nein, ich weiß ganz genau, daß eS vom, Montag zum Dienstag war. Ich muhte Eisenstedt ausziehen, helfen, da er eine schlimme verbundene Hand hatte. Am andren! Morgen mußte ich das Bett machen.— Präs.: Die Krankenhaus-! schwestern sagen: Eisenstedt sei vom Montag zum Dienstag im! Krankenhause gewesen?— Zeugin: Ich weiß; genau, daß! der Geselle am Montag einen Bullen geholt und ge-; schlachtet hatte. Da kam gerade Herr Eisenstedt. — Präsident: Sie wollen also genau wissen, daß. E i s e n st e d t Montag gekommen und Dienstag früh wieder! nach Könitz gefahren ist?— Zeugin: Jawohl.— Ein G e-! schworener: Wußten Sie schon damals vom Morde?— i Zeugin: Frau Eisenstedt hatte die Nachricht aus Könitz mit-! gebracht.— G e s ch w or en e r: Wann war das?— Zeugin:; Das weiß ich nicht mehr genau.— Verteidiger Rechtsanwalt! Zielewski: Ist Ihnen gesagt worden, was Sie aus-! jagen sollen?— Zeugin: Nein. Herr Eisenstedt hat; mir bloß gesagt, ich solle die Wahrheit, sagen.—> Krankenhaus-Schwestern und der Pächter M i.lk e erklären nochmals, auf wiederholtes Befragen: sie wüßten genau, daß Eisenstedt' in der Nacht vom 12. zum 13. März im Krankenhause gewesen sei.! — Das Dienstmädchen O s s o>v s k i bekundet auf eindringliche« Be-> frage»: sie wisse ganz genau, daß an dem Tage, an welchem der Bulle gescklachtet wurde, Eisenstedt nachmittags nach! Schlochau gekommen fei.— Präs.: Ist er vielleicht deS Abends; nach Könitz gefahren?— Zeugin: Nein. Ich weiß ganz genau,. daß er des NachtS in Schlochau geblieben und am andren! Morgen nach Könitz gefahren ist.— Der Präsident Landgerichts-! Direktor S ch w e d e w i tz stellt ans dem Krankenhausbuche fest, daß! Eisenstedt in der Nacht vom 12. zum 13. März im Krankenhause' war. und aus E i s e n st e d t s Büchern konstattert er. daß am! Montag, den 12. März, ein Bulle geschlachtet worden ist.— P r ä s.:s Ich niuß berichtigen, daß das Krankenhausbuch keine Auskunft; darüber giebt, ob Eisenstedt in der Nacht vom 12. März im Krankenhause war.— Zeugin Frau Fleischer Eisenstedt«! Schlochau: Mein Mann kam am 5. Februar ins Krankenhaus. Zum erstenmal kam mein Mann dann am 12. März nach Schlochau.! Wettere Widersprüche. Zeuge Glaser Lewinsky: Ich weiß genau, daß Eisenstedt am 12. März»ach Schlochau gefahren ist. Ich bin mitgefahren.! Ich war mit Frau E i s e n st e d t am Sonnwg, den 11. März, abends im Krankenhause und habe noch vor der Pforte des Krankenhauses mit Lehrer P i n z k y und Frau gesprochen. Ich war mit Frau E i s e n st e d t dem E i s e n st e d t beim Auskleiden behilflich.— Die Zeugen Lehrer P i n z k y und Frau, die hierauf vernommen werden, behaupten entschieden, daß bei der Unterredung vor der Krankenhauspforte LewinSky allein gewesen sei, ohne Frau Eisenstedt. Sie wüßten aber nicht genau, ob das am Sonntage ge- wesen sei. Lewinsky bleibt bei seiner Behauptung, daß auch Frau Eisenstedt bei der Unterredung zugegen gewesen sei. Fleischer Eisenstedt: Ich habe keine Veranlassung, meine Aussage zu verweigern.! Ich weiß ganz genau, daß ich in der Nacht vom 11. zum 12. März im Krankenhaus geivesen bin und daß ich am 12. März nach Schlochau gefahren bin. Dort habe ich übernachtet und bin Dienstag früh nach Könitz gefahren. Ich weiß mich auf! jede Stunde und Minute zu erinnern.— Präs.: Die! Schwester Floriberta hat gesagt: sie sei in der Nacht vom 11. zum 12. März in daS Zimmer gegangen, daS dort leer gewesen wäre. Wenn ein Kranker darin gelegen hätte, würde sie nicht hineingegangen sein.— Eisenstedt: Es ist niemand nachts im Zimmer gewesen.— Zeuge Dr. v. Lucowicz: Ich habe Eisen- stedt am Sonntag, den 11. März, zwei Tage Urlaub ge- geben.— E i s e n st e d t: Das muß ein Irrtum sein. Ich bekam am 12. März nur auf einen Tag Urlaub und 5 Tage später, des Sonntags, auf 2 Tage Urlaub.— Zeuge Dr. v. Lucowicz bleibt bei seiner Aussage.— Zeuge Kreisbaumeister D u r a n t: Am 12. März, des Nachmittags 4 Uhr, bin ich mit Eisenstedt zu- sammen vom Schlochauer Bahnhof in die Stadt im Hotelomnibus gefahren.— Präs.: Weshalb wissen Sie genau, daß das am 12. März war?— Z e u g e: Weil mir an diesem Tage ein Sohn, geboren wurde. Zeuge Telegraphist Brennekamp überreicht dem Gerichtshof das Journal, wonach am 6. März der V-Zug den gemischten Zug in Nittel überholte.— Zeuge: Ob dies nochmals im März vorkam, weiß ich nicht.— Präs.: Sie wissen genau, daß Sie vor den» Morde mit 5 Juden im Hotelomnibus gefahren sind?— Zeuge: Ja.— Der Zeuge Telegraphist Brennekamp blättert noch einmal im Zugjou'rual und bemerkt: Nach dem Journal hat nur noch am 1. März eine Zugüberholuug stattgefunden. An diesem Tage bin ich aber nicht in die Stadt gefahren, weil ich da Nachtdienst gehabt habe. Alls dem Zugjournal wird weiter festgestellt, daß derarttge Zug- Überholungen noch am 9. und 24. Februar stattgefunden habe».— Zeuge Bauunternehmer S t u g a I s k i(Tuche!): Am Dienstag, den 13. März, kam ich abends von Allenstein nach Tuchel, als meine Frau erzählte, daß Winter in Könitz abgeschlachtet worden sei. Zwei Tage darauf sagte mir der Bierverlcger Kasimir:„Den Mord in Könitz scheinen die Inden gemacht zu haben." Am folgenden Tage begegnete mir der Kantor H a l l e r. Dieser hatte etwas Auffälliges. Er trug hellgelbes Papier unterm Arme. Ich hatte sofort Verdacht, Haller könnte am Morde beteiligt sei».— Präs.: Weshalb?— Zeuge: Haller kam vom Bahnhofe. Einige Tage später traf ich Hall er wieder. Er kam ebenfalls in der 3iichtung vom Bahnhofe und hatte einen Bretterkasten unter dem Arme. Hierauf wird der Kantor Haller aus Tuchel als Zeuge vernommen. Präs.: Wie gegen mehrere andre jüdische Kultusbeamte herrscht auch gegen Sie der Verdacht. Sie könnten am Morde Winters beteiligt sein. Wenn Sie straf- rechtliche Verfolgung befürchten, haben Sie das Recht, Ihre Antwort zu verweigern.— Zeuge Kantor Hallet: Ich bin jetzt Kantor in Culmsee. Am 25. Februar bin ich in Könitz gewesen, um Verwandte zu besuchen.— Präs:: Frau Bettin will Sie amlt. März in den Zug nach > Könitz steigen gesehen haben?— H a l l e r: Das ist unmöglich Alm 11. März,'mittags zwischen 1 und 2 Uhr, bin ich nach Lißkau gefahren und von da zwischen 6 und 7 Uhr zurückgekommen.— Präsident: Was thaten Sie in Lißkau?— Zeuge: Ich wollte ein Dienstmädchen mieten.— Angeklagte Roß: Kantor Haller war am 11. März bei mir, wegen eines Dienstmädchens.— Kantor Hall er: Das ist unwahr. Am 25. Februar war ich bei der Roß. � Präsident: Haben Sie am 26. Fe bruar bei der Fran Roß ein Dienstmädchen gemietet?— Kantor Haller: Ich hatte Neujahr eine Tochter der Roß sechs Wochen als Dienstmädchen. Ich wollte Sie fragen, ob ich dieselbe wiederbekommen könnte.— Präs.: Frau Roß. war das vielleicht der 25. Februar, als der Kantor Haller bei Ihnen war?— Frau Roß: Nein, der 11. März.— Zeugin Frau Bettin: Ich habe genau gesehen, daß Haller am 11. März mittag? in den Zug nach Könitz stieg.— Präs.: Können Sie sich nicht irren?— H aller behauptet und beruft sich auf mehrere Zeugen, daß er mit Fuhrwerk am 11. März nach Lißkau gefahren sei.— Zeugin: Ich irre mich nicht. Präs.: Wann haben Sie Hall er am 11. März in den Konitzer Zug steigen sehen?— Zeugin: Vormittags oder mittags. Zeuge Fleischer Geisenberg: JchhabeHaller am 11. März nach Lißkau gefahren. Ith weiß aber nicht mehr, ob wir am Vor mittags oder am Nachmittage weggefahren sind. Abends gegen 7 Uhr sind wir zurückgekommen.— Präs.: Ist an diesem Tage m Tuchel ein Begräbnis gewesen? � Zeuge: Jawohl.— P r ä s.: Als Sie wegfuhren, war da schon das Begräbnis?— Zeuge: Jawohl.— Präs.: Wodurch wissen Sie das? Zeuge: Es ständen schon Leute mit Kränzen auf der Straße.— Spediteur H o h e n st e i n- Tuchel: Ich weiß nur, daß mein Sohn mich gebeten hat, am 11. März mit H a l l e r nach Lißkau fahren zu dürfen. Ich habe ihm die Er laubnis gegeben.— Der Sohn des Vorzeugen, der 13jährige Adolph Hohen st ein, bekundet: Als ich am 11. März aus der Schule kam, habeich meinen Vater gebeten, mit Geisenberg und Kantor H a l l e r nach Lißkau fahren zu dürfen. Mittags nach dem Essen sind wir fortgefahren und abends 7 Uhr zurückgekommen Alsdann werden nochmals Zeugen darüber vernommen, wann die L i n d e n st r a u ß schen Eheleute am 11. März aus Konarszhn nach Könitz gefahren seien. Zeuge Gendarm Neubert: Ich habe von 2V4 bis 2Va Uhr des Nachmittags Feierabend geboten. Zu dieser Zeit mußten also die Handelsleute einpacken.' Die Linden- strauß' find meinem Befehl nicht stets sofort nachgekommen.— Präs.: Wie lange dauert das Einpacken?— Linden st rautz Eine halbe Stunde.— Andre Zeugen bekunden, daß sie Lindenstrautz noch nach der Vesperandacht in Konarszhn gesehen hätten. Gendarm Neubert und andre Zeugen find der An ficht, daß die Vesperandacht zwischen 2 und 3 Uhr stattfände. Da die Ansichten hierüber auseinandergehen, beantragt Verteidiger Rechtsanwalts Hunrath, den Pfarrer und den Organisten aus Konarszhn zu laden.— Zeugin Frau Hohl: Ich habe' die Linden straußschen Eheleute am 11. März gegen 6�/z Uhr abends aus Konarszhn kommen sehen.— Präs..' Können Sie die Zeil genau angeben?— Zeugin: Nein. Ich habe nicht auf die Uhr ge sehen.— Zeuge Berichterstatter Zimmer wird auf Antrag des Ersten Staatsanwalts nochmals vernommen und bekundet: Ich habe meine Notizen nachgesehen und darin gefunden, daß am 11. März der Schlosser Berg auf dem L e w y s ch e n Grundstück Kohlen gestohlen haben will. Er, Berg, habe mehrere Juden, darunter den Kantor H e y m a n n, das L e w h s ch e Grundstück betreten sehen und auch winseln gehört und alsdann drei Leute mit einem schweren sackartigen Gegenstaude nach dem Mönchsee gegen sehen.— Erster Staats- a n'w alt: Von wem haben ste'das gehört?— Zeuge: Das weiß ich nicht. Ich habe das im Restaurant gehört und an die„StaatSbürger-Zeittmg" geschrieben.— Erster Staatsanwalt: Also Sie haben die Nachricht der„Staatsbürger- Zeitung* geschrieben?— Zeuge Zimmer: Ich nehme es wenigstens an.— Erster Staatsanwalt Settegast: Es kommt wesentlich darauf an, ob die Nachricht vom Kohlendiebstahl älter ist, als die vom Fleischdiebstahl.— Berichterstatter W i e n e ck e: Maßlos hat vom Fleischdiebstahl zum erstenmal am 2S. Mai bei Kühn erzählt.— Verleger der„Staatsbürger- Zeitung", Wilhelm Bruhn: Soweit mir bekannt ist, hat die Nachricht vom Kohlendiebstahl am 3. Mai in der„Staatsbürger- Zeitung" gestanden.— Kriminalkommissarins Wehn überreicht die Nummer der„Staatsbürger-Zeitung" vom 3. Mai, in der der Artikel gestanden hat. Hierauf wird die Verhandlung auf Mittwochvormittag S Uhr vertagt._ GenreMsrhAftliches. Berlin und Umgegend. Achtung, Müller und Miihlenarbcitcr? Wir geben den Kollegen bekannt, daß der bisher bestandene„Verein der Müller Berlins und Umgegend" sich aufgelöst hat. Die Kollegen haben sich der neugegründeten Zahlstelle des„Verbands deutscher Mühlen arbeiter" angeschlossen. Die wenigen noch fehlenden alten Mitglieder des Vereins' ersuchen wir. dies schleunigst zu bewerkstelligen.' Die- selben haben ein Eintrittsgeld nicht zu zahlen, sofern' sie ihren Verpflichtungen dem Verein gegenüber bis zu seiner Schließung nachkommen: dafür gelten sie als vollberechtigte Mitglieder seit dem Tage ihres Eintritts in den Verein. Die vorhandenen Gelder verbleiben der Zahlstelle Berlin. Als Verkehrslokal und Herberge wurde das Gewerkschaftshaus bestimmt, durch den Vorsteher desselben, Genossen Busse, wird den zureisenden Arbeitslosen ihre Reise- Unterstützung von 1.50 M. aus- gezahlt. Wir erwarten von den Kollegen, daß sie in Zukunft nur das Gewerkschaftshaus in Anspruch nehmen werden. Der Arbeits- Nachweis wird gleichfalls durch den Genossen Busse versehen, und bitten wir sämtliche Kollegen, in ihrem eignen Interesse von jeder frei werdenden Stelle dem Genofien Busse, Engel«Ufer16, sofort Mitteilung zu machen. Kollegen, Mitarbeiter, die Mühlenarbeiterbewegung hat eine ganze Reihe von Jahren geschlafen. Es war nicht möglich. Leben hineinzubringen. Neuerdings haben wir ganz bedeutende Fort- schritte gemacht. Laßt es Euch nun auch angelegen sein, für den Verband immer neue Mitkämpfer zu werben. Kein Müller und Mühlenarbeiter von Berlin und in der näheren Umgegend darf in unsrer neuen Zahlstelle fehlen. Kollegen I Die traurigen Verhältnisse in unsrem Beruf müssen endlich aufhören. Nicht länger wollen wir unthätig zusehen, wie für einen Stundenlohn von 25 Pf. in den Mühlen angefangen und unter Umständen jahrelang gearbeitet wird. Das muß anders werden. Für die Lokalverwaltung: E. Ostwald, Voltastr. 18. »Lohnerhöhungen, welche nach dem 1. Juli d. I. erfolgt find, dabei l als Zuschlag in Anrechnung gebracht werden. Die Arbeitszeit ist eine effektiv neunstündige. Bei Ueber stunden werden für bis zu 2 Stunden 25 Proz., für jede weitere Stunde sowie für Sonntagsarbeit 60 Proz. Zuschlag gewährt. Bei mehr als einer Ueberstunde soll eine viertelstündige Pause platz greifen. Unentschuldigte Versäumnis seitens der Gehilfen berechtigt den Arbeitgeber zum Verlangen des Einholens der versäumten Zeit durch Ueberarbeit zum gewöhnlichen Lohnsatze. Die Bezahlung der gesetzlichen Feiertage wird bewilligt. Wenn ein Arbeiter in den Wochen, in welche Feiertage fallen, sich Versäumnisse zu Schulden kommen läßt, so ist der Prinzipal be rechtigt. ihm die Feiertage nicht zu bezahlen. Gegenüber denjenigen Arbeitgebern, welche nicht bewilligt haben, sind alle gesetzlichen Maßnahmen zu treffen, um den Tarif einzuführen. Diese Vereinbarungen treten mit nächster Woche in Kraft. Die Dresdener Vereins- Parkettfabrik versucht in andren Städten Arbeitswillige anzuwerben. Es sei nochmals darauf auf merksam gemacht, daß die Arbeiter dieser Fabrik wegen bedeutender Abzüge im Ausstand sich befinden und deshalb der Zuzug fern zuhalten ist. Nachspiel von der GewerbegerichtS- Wahl in Kalk. Das Schöffengericht zu Köln verurteilte fünf Mitglieder des christlichen Wahlkomitees wegen Beleidigung der von den freien Gewerkschaften bei der letzten Gewerbegerichts-Wahl aufgestellten Kandidaten zu je fünfzig Mark Geldstrafe oder zehn Tage Gefängnis. Zuifrrgcwinne. Die Zuckerfabrik Klein-Wanzleben, die eine eigne große Oekonomie auf eignem und auf Pachtland betreibt, hatte im Geschäftsjahr 1899/1900 eine» Geschäftsertrag von rund 2 958 000 M. Davon wurden auf Gehalt und Lohn sowie Be köstigung von Arbeitern in Fabrik und Oekonomie im ganzen 387 200 M. verwendet, das sind 13 Proz. des Gesamtwerts der Jahresproduktion. Es mögen in einigen andren Konten, wie z. B. dem 25 640 M. betragenden Reparaturconto, noch ein kleiner Teil Arbeitslöhne stecken, auf keinen Fall steigt aber der Anteil, den die Arbeit an dem Geschäftsertrage hat, über 15 Proz. Dagegen der Anteil des Kapitals: Auf Nettogewinn werden 535 293 M. verrechnet; dazu kommen 86 739 M. Zinsen, 169 233 M. Ackerpacht, 103712 M. für Meliorationen und 24 062 M. für Assekuranzen, zusammen mit den überschießenden Pfennigen 919 047 M. Der arbeitslose Anteil des Kapitals an dem Produktionswett bettägt also 31 Proz. gegen höchstens 15 Proz. des Anteils der Arbeit, und zwar, so weit die rein physische Arbeit in Frage kommt, einer Arbeit, bei der die Arbeiter bis aufs Blut ausgemergelt werden. Hier stellt sich also die kapitalistische Teilerei so dar, daß das Kapital vom Produktionsgewinn mehr als das doppelte dessen für sich nimmt, was es den Arbeitern zukommen läßt. Zukunftsmusik für deutsche Arbeiter. Der Minister der öffentlichen Arbeiter in der australischen Kolonie NeusüdwaleS sagt in einem Bericht: „Aber die Handlung meines Ministeriums, worauf ich am stolzesten bin, ist diejenige, welche es zu Werke gebracht hat, die Löhne allgemein zu steigern.— Zum erstenmal in der Geschichte Australiens sind die Trabes Unions- Löhne als Basis für alle von der Regierung zu zahlenden Löhne obligatorisch von der Regierung gemacht worden.— Anstatt fünf Schilling pro Tag' von 8 Arbeitsstunden für Land- arbeiter und 6 Schilling' pro Tag von 8 Arbeitsstunden für Arbeiter in den großen Seestädten, besteht jetzt die Regierung auf Löhnen von 6 resp. 7 Schilling pro Tag. Und die Regierung bezahlt nicht nur selbst diese höheren Löhne, sondern verlangt und stipuliert die Zahlung derselben von allen, welche Arbeiten für die Regierung übernehmen, ganz gleich welcher Art. Und so kann mein Ministerium sich stolz rühmen, das erste in Austtalien ge- Wesen zu sein, welches staatlich darauf besteht, daß das Leben der Arbeiter und der davon abhängigen Frauen und Kinder „komfortabel" und menschenwürdig durch dem Wert der Arbeit entsprechende Löhne gemacht werde." Wann wird sich Deutschland solcher vernünftiger Minister er- 'reuen?— Veitfantmlungrtt. Zchlenborf. Die am Sonntag, den 4. November, im Hellen- brandschen Lokale Hierselbst abgehaltene Mitglieder-Bersammlung des Socialdemokratischen Vereins hörte zunächst einen interessanten Vortrag des Genossen G ö h r e über„Kinderarbeit". Es folgte als- dann die Ausgabe der Wohnungs-Fragebogcn, durch welche eine genaue Klarlegung der Wohnungsverhällnisse speciell der arbeitenden Bevölkerung am hiesigen Ort herbeigeführt werden soll. Dem Kassen- berickit, welchen Genosse Richter erstattete, ist zu entnehmen, daß die Einnahmen 113 M., die Ausgaben 57,65 M. betragen, so daß ein Bestand von 55,35 M. verbleibt; im allgemeinen sei eine sehr erfreuliche Entwickeluug des Vereins zu konstatieren, der zur Zeit 78 Mitglieder zählt. Als Delegierte zur Kreiskonferenz wurden Emil Krause und Franz Heinrich gewählt. hierin gleichzeitig China auf. die Verwaltung dieser Provinz unter dem Schutze Rußlands wieder zu übernehmen; dies würde, so ver- sichert der Admiral ihm weiter, beiden Ländern zum Vorteil gereichen. — Der Vorteil dürfte bei diesem„Schutz" verhältnismäßig mehr auf feiten Rußlands sein. Letzte Meldungen. London, 6. November.(W. T. B.) Ein Telegramm dcS Generals Campbella besagt: Ich bin in Wang-kia-kou(südlich von dem Sumpfgebiet deS Pastiug-fu mit Tientsin verbindenden Fluß- laufs) eingetroffen. Alles' ist wohl. Ich habe hier im Damen Dokumente beschlagnahmt, welche überzeugend dar- thun, daß die Bewohner der Stadt Weun-ngan-Iesien(südwestlich von Wang-kia-kou) den Boxern in jener Weise Beistand geleistet haben. Ich habe es für nötig gehalten, einen möglichst nachhaltigen Eindruck bei den Chinesen zu hinterlassen. Demgemäß habe ich die nordöstlichen und nordwestlichen Bastionen zerstört, ebenso die nördliche Grcnzmauer der Stadt. Heute früh habe ich das stark befestigte Boxerdorf Liu-ho-tschwang(nördlich von Wang- kia- kou) niedergebrannt, in dem sich große Massen von Waffen und Munition befanden. Die Boxer hatten diese Stellung aufgegeben vor unserer Ankunft, ihre Waffen vergraben und sich' in der Umgegend zerstreut. Die eingeborenen Christen sagen, daß die Zerstörung dieser Boxerveste im ganzen Distrikt einen guten Eindruck machen und dazu beitragen werde, ihr Leben und Eigentum zu schützen. China. Deutsches Reich. Die Buchbinder i» Bremen haben durch Verhandlung mit den Prinzipalen folgendes vereinbart: Der Mimmallohn für geübte Arbeiter wird auf 20 M., für Ausgelernte im ersten Jahre nach der Lehrzeit auf 18 M. pro Woche festgesetzt. Die Löhne für Arbeiterinnen werden wie folgt normiert: im ersten Vierteljahr 7 M.. bei Beschäftigung über ein Bierteljahr bis zu einem Jahr 8 M., über ein Jahr 10 M., über drei Jahre 12 M. pro Woche. Die Lohnerhöhung von 5 Proz. für diejenigen,� welche den Minimallohn bereits erreicht haben, wird bewilligt, jedoch sollen Zum deutsch-englischen Abkommen hat Rußland eine Antwort erteilt, die jetzt im„Russischen Invaliden" wörtlich zum Abdruck gelangt und in der es u. a. heißt: Der erste Punkt des genannten Einvernehmens, welcher bestimmt, daß die sich an den Flüssen und Meeresküsten Chinas befindenden Häfen überall, wo die zwei genannten Regierungen Einfluß ausüben, frei und offen für den Handel bleiben, kann von Rußland sympathisch angenommen werden, indem die Bestimmung nicht irgendwie den durch die gegenwärtigen Verttäge gegebenen strctus guo ändert. Der zweite Punkt entspricht umsomehr den Ab- sichten Rußlands, als bei dem Entstehen der gegenwärttgen Ver- Wickelungen Rußland zuerst die Aufrechterhaltung der Integrität des himmlischen ReicbS als G r u n d p r i n c i p seiner Politik in China proklamiert hat. Was den dritten Punkt betrifft, welcher die Möglichkeit einer Verletzung dieses Grundprincips voraussieht. so kann die russische Regierung, indem sie sich auf ihr Cirkular vom 25. August beruft, nur ihre Erkärung erneuern, daß eine derartige Verletzung Rußland zwingen würde, die von ihm eingenommene Haltung je nach den Umständen zu verändern. Beschwerden über die Deutschen. Lassans Bureau" meldet aus Peking, daß ein britischer Offizier sich amtlich besckiwert habe über die rücksichtslosen Exekutionen seitens der Deutschen, und er erwähnte Fälle von Erschießung unschuldiger Chinesen. Li und Tsching empfingen von Beamten und Grundbesitzern zwischen Paotingfu und Peking Einsprüche gegen � das Gebabren der fremden Truppen. Sie sagen, die Dörfer seien geplündert und nieder- gebrannt, die Einwohner getötet, die Umgegend t e r rorisiert worden. Die Proteste würden den fremden Gesandten mit der Bitte um Abstellung der Uebelstände übermittelt werden. Unter rusfischem„Schutz". London,«. November. Den„Times" wird aus Peking über Taku vom 5. November gemeldet: Admiral A I e x e j e w richtete an Li Hung Tschang eine Mitteilung, in welcher er ihn über die Ab- sichten Chinas bezüglich der Mandschurei beftagt. Er fordert Eröffnung der französischen Kammer. Paris, 6. November. Die Kammer wurde heute eröffnet. Auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Waldeck-Rousseau beschloß die Kammer, sofott in die Erörterung der Interpellation V a z e i l l e über die allgemeine Politik der Regierung einzutreten. Vazeille(radikal) ersucht die Regierung, mitzuteilen, welche Reformen sie vorzunehmen beabsichtige. Viviani erklätt, die Socialistcn hätten in stürmischen Zeiten die Regierung unter st ützt, aber die Lage habe sich geändert: die Socialisten dürften nicht in Unthätig- keit verharren. Der Redner fordert die Regierung auf, ein Gesetz gegen die Kongregationen einzubringen; die Socialisten würden das Kabinet unterstützen, solange es die Reaktion zu be- kämpfen habe, sie behielten sich aber v o l l e A k t i o n s- freiheit vor.(Beifall auf der äußersten Linken.) Ministerpräsident Waldeck-Rousseau besteigt die Tribüne und erklätt, die Regierung sei der Anficht, daß man zuerst das Budget in Verbindung mit der Vorlage über die Getränkesteuer beraten müsse; dann müsse man den Gesetzentwurf betreffend die Vereine zur Beratung bringen, weil die erste Aufgabe der republi- kanischen Partei sein müsse, der Gefahr vorzubeugen, welche das öffentliche Wohl und die geistige Einheitlichkeit des Landes bedrohe.(Beifall auf der Linken.) Endlich müsse man die Vorlage über die Altersversicherung der Arbeiter beraten. Die Regierung habe aber deshalb die übrigen von ihr eingebrachten Gesetzentwürfe über das Probejahr an Schulan st alten, über die Reform derKriegs« gerichte und über die Einkommensteuer nicht fallen lassen und werde später um die Beratung derselben ersuchen. Die Regierung sei zu der Erkenntnis gelangt, daß das Gesetz vom Jahre 1892 über daS fakultative Schieds- gericht nicht den erwarteten Erfolg gehabt habe; sie werde daher d e m n ä ch st auch einen Gesetzentwurf einbttngen, welcher gestatte, in die Arbeitsverträge auch eine Bestimmung über obli- gatorische Schiedsgerichte aufzunehmen. Waldeck-Rousseau richtet an die Kammer die Frage, ob sie über alle diese Reformen mit ihm übereinstimme.(Lebhafter Beifall.) Ribot entgegnet, die Sprache Waldeck-RousseauS gleiche der- jenigen Millerands nicht, der in Lens den obligatottschen Ausstand gepredigt habe. Handelsminister Millerand erwidert, er sei für eine Regelung, wonach den Arbeitern Gelegenheit zu geben sei. sich in einer allgemeinen Abstimmung über Ausstandsfrage» auszusprechen, und er werde einen dahingehenden Gesetzenttvurf vorlegen.(Beifall links.) Die Fottsetzung der Beratung wird hierauf auf Donnerstag vettagt. Uetzke Ltechvithkett und VepeMru. Stadtverordneten-Ersatzwahl. In der am Dienstag stattgefundencn Stadtverordneten-Ersatz- wähl im ersten Wahlkreis 3. Abteilung(Stadtbezirke 1—10), den der vor kurzem verstorbene Stadtverordnete Jordan vertreten hatte, er- hielten bei 5175 eingeschriebenen Wählern und 1606 abgegebenen Stimmen Bezirksvorsteher Gicse(lib.) 899, Lehrer Damaschke«Mieter- Partei) 369, Wendland(kons.-ant.) 201 und Waldeck- Manasse 137 Stimmen. Mithin ist der Bezirksvorsteher Giese flib.) gewählt. Olmütz, 6. November.(B. H.) Bei den hiesigen Wahlmänner. wählen wurden ttotz heftigster czechischer Agitation sämtliche 32 deutsche Wahlmänner gewählt. Strastburg i. E., 6. November.(Privattclegramm de«„Vor- wärts".) Bei den heutigen Landesausschuß- Wahlen ivurde der vom Puttkamer-Prozeß bekannte.AbbS, Redacteur Wetterls im Kreis Rappoltsweiler gewählt. Pari», 6. November.