Nr. 290. T • Abonnements Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Bfg. fret ins Saus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntagss Nummer mit illustrierter Sonntagss Beilage, Die Neue Welt" 10 Pfg. Bost Abonnement: 3,30 Mart pro Quartal, Gingetragen in der Boft Bettungss Preisliste für 1900 unter Dr. 7971. Unter freuzband für Deutschland und Defterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Erscheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 17. Jahrg. Bte Insertions- Gebühe beträgt für die fechsgespaltene Rolonels getle oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins: und Bersammlungs- Anzeigen 20 fg. Kleine Anzeigen" jedes Wort 5 Pfg. ( nur das erste Wort fett). Inserate für bte nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Erpcdition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Kernsprecher: Amt 1, nr. 1508. Telegramm Adresse: Sortaldemokrat Berlin" Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I. Nr. 1508. Ein Umfall des Ober- Verwaltungsgerichts. 660-900 m. des WahlDonnerstag, den 13. Dezember 1900. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121. Interessant wurde die Sigung erst, als die Boerenfrage: durch Herrn Hasse ausführlich erörtert wurde. Sehr von seiner Wichtigkeit durchdrungen brachte er seine Angriffe gegen den Kanzler vor, mit deren Inhalt wir ausnahmsweise einverstanden sind, wenn auch die alldeutsche Begründung, in über unfren geringen Kolonialbesitz gejammert der wird, keineswegs zutreffend ist, nur darin hat Hasse recht, daß Deutschlands Ansehen in der Welt durch die Abweisung Krügers sicherlich nicht gestiegen ist. Nunmehr ist das Ober- Verwaltungsgericht um boten noch die Nachmittagszüge zur Abreise in die Heimat gefallen. Es hat durch die erst jezt den Parteien benutzen können. zugegangenen Erkenntnisse vom 22. Oftober 1900 Der erste Teil der Sigung war recht langweilig. Herr ast. Am 26. Mai 1899 entschied das Ober- Verwaltungsgericht in die Entrechtung der schleswig Holsteinischen Rickert wadelstrümpfelte in der Weltpolitik umher und gewährte dem Grafen Bülow wegen seiner allseitig verder Verwaltungsstreit- Sache der beiden städtischen Kollegien in Arbeiter als gefegmäßig hingestellt! Die Richter, welche dieses Erkenntnis gefällt haben, find: urteilten Abweisung Krügers seine großmütige Unterstützung. Eckernförde, daß die von einer Reihe schleswig- Holsteinischer Städte ( Eckernförde, Barmstedt, Elmshorn, Glückstadt, Heide, Kellinghusen, Senatspräsident, wirklicher Geheimer Ober Regierungsrat Nebenbei polemisierte er auch gegen die Agrarier, in geKiel, Krempe, Neumünster, Rageburg, Segeberg, Wandsbed, Wilſter) von Roon, und die Ober- Verwaltungsgerichtsräte Freytag, Reinice, wohnter naiver Weise; das Uebelste jedoch war, daß den Grafen Schwerin- Löwiß zu zur Verhinderung des Eindringens socialdemoftra- alded, Hönemann, Mundt und Hoffmann 11- mit Ausnahme er dadurch deren Dede das tischer Gemeidevertreter in die Stadtkollegien beschlossene des Rats Hoffmann II, dessen Stelle damals Freiherr von Frand einer längeren Rede veranlaßte, trieb. Dazwischen suchte Erhöhung des Wahlcensus nach dem 1. April 1892 gefegwidrig und einnahm dieselben Richter, welche das im entgegengesetzten ganze Haus in die Flucht trieb. deshalb rechts ungültig ist. Das Erkenntnis stützte seine Rechts- Sinne gefällte Erkenntnis vom 26. Mai 1899 abgefaßt hatten. In der Pole Glebocki den Erzbischof Stablewski wegen anficht auf§ 77, insbesondre auf den dritten Absatz des§ 77 des den Gründen heißt es im Gegensatz zu dem früheren feines Verhaltens bei der Wahl in Meferik- Bomst in Schutz Erkenntnis:§ 77 des Einkommensteuer Gesetzes gebe gebe in zu nehmen, und auch der Kriegsminister v. Go ßler fah Einkommensteuer- Gesetzes.§ 77 lautet: britten Absatz zu erheblichen Zweifeln Anlaß". sich gemüßigt, auf Bebels Fragen endlich zu antworten. In " Soweit nach den bestehenden Bestimmungen in Stadt- und seinem Landgemeinden das Bürgerrecht bezw. das Stimm- und Wahlrecht Bergeblich sucht man in dem Erkenntnis nach irgend einer stich üblicher Liebenswürdigkeit bedachte er den„ Vorwärts", von in Gemeinde- Angelegenheiten an die Bedingung eines jährlichen haltigen Begründung dafür, daß das frühere Erkenntnis falsch war. dem er behauptete, daß er Unrichtigkeiten verbreite. Thatsächlich Bor furzer Zeit, am 20. November, feierte das Ober- Verwaltungs- aber mußte er zugeben, daß die Artillerie- Prüfungskommission Klaffensteuerbetrags von 6 M. geknüpft ist, tritt bis zur anderweitigen Regelung des Wahlrechts an die Stelle des genannten gericht sein 25jähriges Jubiläum. Gar viel ist dabei davon gesprochen, daß sowohl das Gewehr des Norwegers mit der neuen autoSatzes der Steuersatz von 4 M. bezw. ein Einkommen von mehr als bislang zwar wiederholt aber vergeblich versucht matischen Ladeeinrichtung als auch die Krupp'sche Erfindung wurde, von andrer Stelle aus das Ober- Verwaltungs- zur Hemmung des Rücklaufs der Kanonen zur Prüfung In denjenigen Landesteilen, in welchen für die Gemeindever- gericht in realtionärem Sinne zu einer Aenderung eingefordert habe. Beide Dinge sind zwar noch nicht eintreter- Wahlen die Wähler nach Maßgabe der von ihnen zu entfeiner übrigens wahrlich an sich mehr als hingegangen; aber das bedeutet ja nichts, sie können jeden daß es im Wesen der modernen richtenden direkten Steuern in Abteilungen geteilt werden, tritt an reichend reaktionären Ansichten zu bestimmen. Tag kommen, und wie noch vor wenig Jahren der Kriegstechnik liegt, beständig zu neuen mörderischen Stelle eines 6 Mt. Einkommensteuer übersteigenden Steuerfages, an Wir erinnern daran, wie welchen durch Ortsstatut das Wahlrecht geknüpft wird, der Steuer- Ansturm des Ministers von der Rede abgewehrt wurde, Erfindungen anzuspornen, ist ja ganz zweifellos und under vom Ober- Verwaltungsgericht erwartete, es werde im Gegensatz bestritten. Vielleicht weiß Herr v. Goßler auch gar nicht, satz von 6 Mr. Wo solche Ortsstatute nach bestehenden Kommunal- Ordnungen zu seiner Praxis die gefezwidrige Auflösung von Versammlungen welche Aufträge in der Ehrhardtschen Waffenfabrik in Düsselzulässig sind, kann das Wahlrecht von einem niedrigeren Steuersatz billigen, die aufgelöst waren, weil der überwachende Beamte die dorf bereits eingegangen sind. beziehungsweise von einem Einkommen bis 900 Mt. abhängig gemacht polnische Sprache nicht verstand, die Versammelten trotzdem aber sich dieser Sprache bedienten, werden. Eine Erhöhung ist nicht zulässig." Durch viele Festschriften, die aus Anlaß des 20. November von Die feiner Beit von uns ausführlich wiedergegebenen Gründe des Erkenntnisses legen in überzeugender Weise dar, daß der dritte Beamten verfaßt waren, zog die Freude, trotz wiederholter BeeinAbsatz sich trotz der von Rednern im Landtage und Herrenhause ge- fluffungen von oben habe sich das Ober- Verwaltungsgericht noch machten Ausführungen nicht allein auf die Rheinprovinz beziehen niemals zu einer Aenderung einer zutreffenden Ansicht verleiten, tann, sich vielmehr insbesondere auch auf Schleswig- Holstein be- sondern nur das Gesetz gelten lassen. So erinnert der frühere zieht. Denn der flare Wortlaut des dritten Absages be- Ober- Verivaltungsgerichtsrat Lebens an die Kreuzberg- Prozesse: zeichnet, wie das Erkenntnis zutreffend hervorhebt, als sein Der Reichskanzler antwortete sofort auf Hasse, und er; Anwendungsgebiet nicht nur( wie Absatz 2) Landesteile mit zählte nunmehr, daß dem Präsidenten Krüger schon vorher abAbteilungswahlen, sondern nimmt auf die bestehenden Kommunalgewinkt worden sei; als er trotzdem seine Reise nach Deutschordnungen" allgemein Bezug. Dies entspreche auch der Tendenz land lenkte, sei die energische Abweisung geradezu notwendig des Gefezes, welches im allgemeinen nicht einschränkend als geworden. Das Interesse war mit dieser Erklärung des Provinzialgesetz aufgefaßt werden darf, vielmehr nach der Ueberschrift des Abschnitts IX die Regelung Reichskanzlers noch keineswegs erschöpft, es wurde vielmehr noch gesteigert, denn Genosse Bebel bekam nun das Wort und rechts für sein ganzes Gebiet zum Gegenstande hat.„ Die ließ sich natürlich die Gelegenheit nicht entgehen, sofort auf die eben Gefeßesworte", heißt es in dem damaligen Erlemntnis wörtlich, gehörten Ausführungen des Reichskanzlers zu erwidern. Er „ lassen also teine andre Deutung zu, als daß der that es mit der Lebhaftigkeit und Schärfe, die ihn auszeichnen. Absatz fich auf alle diejenigen Landesteile bezieht, wo nach be Die neuen Mitteilungen des Reichskanzlers über die Affaire stehenden Kommumalordnungen das Wahlrecht an einen 6 m. überKrüger konnten unfren Führer von dem am Dienstag einSteigenden Steuersaz ortsstatutarisch geknüpft werden kann, gu genommenen Standpunkt nicht abbringen. In der That ist diefen Landesteilen gehört die Provinz Schleswig Holstein, da ja die, wie nun festgestellt ist, zweimalige Aufforderung an nach der Städte Ordnung vom 14. April 1869§ 7 Nr. 4c einem ein statutarischer Steuersatz gestattet ist, welcher Krüger, nicht nach Berlin zu kommen, nur als ein Aft doppelter Unhöflichkeit anzusehen. Mit dem Grafen Bülow Einkommen von selbst 1500 Mart entspricht, also nach§ 17 verfuhr Bebel aber noch vergleichsweise milde. Einen ganz des Einkommensteuer Gesetzes sogar 16 Mark betragen würde. andren Ton schlug er an, als er zur Abrechnung mit dem! Wäre der Absatz 3 nur für das im Absatz 2 bezeichnete Gebiet gültig, so würde nicht abzusehen sein, weshalb die betreffende Vorschrift Grafen, Posadowsky überging. Diese Tonart mußte Der Sturm hat noch nicht aufgehört. Er wird von der Nordd. nach der letzten Rede des 12000 Mart- Manns angeschlagen nicht in den Absatz 2 aufgenommen und weshalb darin eine besondre Bestimmung über das Geltungsgebiet getroffen worden ist. Auch Allg. 3tg." und dergleichen Organen nach wie vor angefacht; gilt werden, denn alles Vorhergegangene, auch das Ver. des Reichskanzlers schien ihn von der Unhätte, wenn er lediglich für die Rheinprovinz Plaz greifen sollte, es doch, der Polizei gegen Gesez und gegen Verfassung durch halten nicht bon Kommunal Ordnungen, sondern mur von der oberverwaltungsgerichtliche Entscheide das Recht zu geben, aus jeg- würdigkeit seines Verhaltens nicht überzeugt zu haben. Städte Ordnung bom 15. Mat 1856 gesprochen werden lichem sogenannten allgemeinem Interesse heraus Verfügungen und Bebel trat noch einmal als leidenschaftlicher Antläger auf. können, da in dem Geltungsbereich der Gemeinde Ordnung Verordnungen in demselben Umfang zu erlassen, wie bas im ab- Seine Worte fausten wie wuchtige Keulenschläge auf das Haupt vom 23. Juli 1845 bei Erlaß des Einkommensteuer Gesetzes ein foluten Königtum dem König zustand. Geht doch das Bemühen des Staatssekretärs nieder. Auch die milde Beurteilung des Census von nur 6 m. Klassensteuer bestand( Ergänzungsband zu einflußreicher Kreise dahin, durch Rechtsprechung des obersten Laeiszbriefs schenkte er seinem Gegner nicht. Mit Recht er hervor, die überlebenden daß Verwaltungs Gerichtshofs die absolute Herrschaft der Ver- hob VorstandsBrauchitsch Rheinproving Seite 16). innerhalb des tonstitutionell angeschminkten mitglieder der See- Berufsgenossenschaft von Herrn Laeisz Gegen dieses zutreffende Erkenntnis liefen die öffigiöfen Blätter, waltungsorgane sehr gering eingeschätzt worden sein müssen, da er ihnen das voran die„ Berl. Pol. Nachr.", Sturm. Sie führten feine fachlichen Staatswesens zu konstituieren. Das Erkenntnis ist vor dem Jubiläum ergangen, aber erst chnische Striptum überhaupt zur Unterschrift vorzulegen Gründe gegen die Nichtigkeit der Auffassung an, bebauerten" aber, daß das Ober- Verwaltungsgericht so wie geschehen erkannt fegt, brei Wochen nach demselben mitgeteilt. Das Erkenntnis wird gewagt hat. Der Staatssekretär fand auf den ersten Teil der Anklage, hatte. Der offiziöse Blätterwald rüffelte das Ober- Berwaltungsgericht von denen bejubelt werden, die es zur Schädigung der Arbeiterklasse Die 12 000 Mark- Affaire berührte und forderte eine andre Rechtsprechung, also eine Nechts beugung. Als und der Socialdemokratie erbaten und erhofften. Aber der Pfeil, Bebels keine Worte. Grund für die Unzufriedenheit mit dem Erkenntnis des Ober- Ver- der auf die Socialdemokratie abgesendet ist, wird auf den Schüßen er in seiner Erividerung nicht mit einem Sterbenswörtchen waltungsgerichts führten die Offiziöfen 2c. ungeniert die Gefahr an, zurückprallen. Gewiß ist die Entrechtung Tausender und die erste milde Beurteilung des Laeiszbriefs erklärte daß socialdemokratische Gemeindevertreter auf Grund des Gesetzes von Arbeitern durch die Gefegesauslegung als er nur aus dem Umstande, daß er über einen Toten nichts in schleswig Holsteinische Gemeinden eindringen. Die Preis- ein Tausenden von Arbeitern zugefügtes Unrecht aufs tiefste zu Schlechtes habe sagen wollen. Im Hause war man jetzt ziemlich erschöpft, aber gabe", lamentierten die vom Ministerium des Innern erleuchteten beflagen. Die dadurch herbeigeführte Schädigung des Allgemein Berliner Politischen Nachrichten", städtischer Gemeinde- wohls ist herbeigeführt durch die bürgerlichen Parteien, einschließlich Herr Sattler meldete sich noch zum Wort, um sich mit bertretungen der Provinz Schleswig Holstein der Freifinnigen, die in den meisten holsteinschen Gemeinden dominieren Herrn von Glebocki über den Erzbischof von Stablewski Sie ist noch eine Weile zu unterhalten. Erft hierauf wurde an die Socialdemokratie wäre bom staats- und die widerrechtliche Entrechtung beschlossen haben. erhaltenden Standpuntte ein schweres Uebel und iegt im Gegensatz zu früher von dem höchsten Verwaltungs- die Sigung vertagt. Mit einer persönlichen Bemerkung daher nicht zu rechtfertigen. Vielmehr würde gerichtshof Preußens bestätigt. Diese Thatsachen werden mehr als Eugen Richters, der etliche boshafte Wortpfeile gegen Herrn nötigenfalls unter Inanspruchnahme der Gesegden Tausenden der entrechteten Arbeiter die Augen darüber öffnen: Hasse abschnellte, erreichte die Redeschlacht ihr Ende. Donnerstag soll die Etatsberatung zu Ende geführt gebung für bec Es wird das Erkenntnis des höchsten preußischen Gerichtshofs die erforderlichen Schutz Gemeindevertretungen gegen socialdemokratische Entrechteten über bas, was ist. aufklären und neue Tausende zur werden. Der Präsident hat deshalb in weiser Voraussicht Ueberflutung zu forgen fein." Ein andres Mal Fahne der Socialdemokratie führen. So schlägt abermals eine Hoff- den Beginn der Sigung bereits auf 12 Uhr mittags anschrieb dasselbe Blatt: Der socialdemokratische nung, bie Socialdemokratie zu schwächen, in eine Stärkung der beraumt. Ansturm gegen die in einer Reihe von schleswig Holsteinschen Socialdemokratie um. Gemeinden seit 1892 eingeführten Ortsstatute mit festem Census dürfte dem Obec Berwaltungsgerichte die Gelegen heit zu einer Nachprüfung des vorerwähnten Er fenntntifes bieten." den " " 9 Dies Vorgehen der Offiziösen ermunterte mehrere Gemeinden, Das bekannte National Denkmal auf dem Kreuzberge bei Berlin lief Gefahr, von den angrenzenden baulustigen Grundbefizern dergestalt mit hohen Gebäuden umringt zu werden, daß es nach dieser Einschließung aus einiger Entfernung überhaupt nicht mehr sichtbar geblieben wäre. In weiten, selbst hoch hinauf ragenden Kreisen berührte das nahezu schmerzlich. Man versuchte es mun mit einer Polizeiverordnung, nach der in einem gewissen Nayon Gebäude fortan nur in solcher Höhe sollten errichtet werden dürfen, daß dadurch die Ansicht des Denkmals nicht beeinträchtigt werde. Daraufhin wurden dann mehrere Baukonsense versagt. Das Ober- Verwaltungsgericht hatte schon im Jahre 1880 einer hiergegen gerichteten Klage Folge gegeben, wesentlich davon ausgehend, daß im allgemeinen das Polizeiverordnungsrecht nur in den vorliegenden Falls nicht berührten Grenzen des§ 10, Tit. 17, Teil II A. L.-R. geübt werden dürfe. Es erhob sich ein neuer Sturm zu Gunsten des schönen, in der That weit hinaus Auge und Herz erfreuenden Denkmals. Allein am 14. Juni 1882 erkannte der Gerichtshof nochmals im Sinne der früheren Ent scheidung, d. t. auf Erteilung des wiederum versagten Konsenses. Und nochmals ein gewaltiger Sturm!" Politische Webericht. Berlin, den 12. Dezember. Der Reichstag Deutsches Reich. Wohnungsnot und Wahlentrechtung. Man schreibt uns vom 11. Dezember aus Kiel: Eine heute abend tagende, von unsrer Seite einberufene Volksversammlung hat einen derartigen Zuspruch so Niel, Neumünster und Glückstadt, troy des Erkenntnisses des hat heute bis in die späte Abendstunde die Situng schloß gefunden, wie er seit langen Jahren in Kiel nicht zu verzeichnen -die erste Lesung des Etats fort war. In drangvoll fürchterlicher Euge standen in den weiten Räumen Ober- Verwaltungsgerichts, diejenigen Einwohner, die unter 1200 m. erst um 7 Uhr Einkommen hatten, von neuem zu entrechten. Hiergegen wurde von gesetzt. Morgen wird er schon um 12 Uhr beginnen, weil des Englischen Gartens viele Tausende; die Bühne, die Fenstereinigen Gemeindemitgliedern Klage erhoben. Iman hofft, in turzer Zeit fertig zu werden, so daß die Reichs Inischen, jedes Pläschen war dicht besetzt mit Menschen und unzählige mußten, weil ganz unmöglich auch nur ein Stehplätzchen zu erringen, wieder umkehren. Die Wohnungsnot in Kiel und baS 24 Stunden zuvor bekannt gewordene Urteil des Ober- Verwaltungsgerichts in Sachen der kommunalen Wahlrechtsfrage in Schleswig-Holstein standen auf der Tagesordnung. ' Unglaubliche Zustände herrschen bezüglich der Wohnungs- Verhältnisse. Die riesenhafte Entwicklung der Werften hat einen solchen Zustrom von Arbeitskräften nach Kiel zur Folge gehabt, daß ein geradezu unglaublicher Mangel an kleineren Wohnungen vorliegt. Von Monat zu Monat mehren sich die Familien, die als obdachlos die Hilfe der Stadt in Anspruch nehmen müssen. Und alles sind es Familien, deren Ernährer in Arbeit stehen, die ihren MictzinS pünktlich stets bezahlten, die aber ihrer zahlreichen L�iuder wegen von den jetzt in kaum noch zu steigender Protzenhaftigkeit ihr Haupt erhebenden Hanswirten auf die Straße gesetzt wurden. Wie der Oberbürgermeister Fuß in der letzten Stadtkollegien- Sitzung mitteilte, sind jetzt nicht weniger denn(54V Personen, d. h. 2/3 Proz. der gesamten EjiNuohnerschaft Kiels, die nicht in der Lage sind, eine eigene Wohnung sich zu beschaffen. Und geradezu h a a r st r ä u b e n d sind die von der Stadt für diese Familien zur Verfügung gestellten Unterkunftsräume. Baracken, wegen Bäufälligkeit zum Abbruch angekaufte Häuser, städtische Turn- hallen usw. sind derartig vollgepropft voll von Menschen, daß stellen- weise 4—5 Kubikmeter Lufträum nur auf die einzelne Person ent- fallen. Schon mehrfach hat die schleswig-holsteinische„Volks-Zeitung" diese Verhältnisse kritisiert, vor etwa 14 Tagen hat in einem Flug- blatt die Partei der Stadtverwaltung das ganze Sündenregister in diese Frage vorgehalten, aber man ging dabei immer noch von der Annahme ans, daß die Verhältnisse für die Stadt sich überraschend entwickelt haben, daß es Iveniger böser Wille, als mangelndes Können sei, das diese skandalösen Verhältnisse in den städtischen Obdachlosenasylen gezeitigt habe. Und nun, und das ist'der Anlaß der heutigen Versanimlung gewesen, kommt in den städtischen Kollegien der Oberbürgermeister Fuß und hält bezüglich der Wohnungsnot gewisserniaßen eine Programmrede. Nur' daß das Programm des Kieler Oberbürger- Meisters eigentlich die völligste Prog'rammlosigkeit ist. Er erkart, daß die Stadt keinerlei Verpflichtung habe, für die Obdachlosen zu sorgen. Nur solchen Personen, die nicht im stände seien, sich selbst zu erhalten, den hilfsbedürftigen Ein- wohnern, habe die Stadt Obdach zu verschaffen. Hilfsbedürftige in diesem Sinne seien aber die Obdachlosen, um die es sich hier handele, nicht, sie könnten sich selbst ernähren. Solange sie die nötigen Mittel hätten, müßten sie selbst für eine Wohnung sorgen. Und wer dieses nicht vermöge, der möge sich anderstvo' eine Wohnung suchen. Deutschland sei groß genug und auf den: La» d e werde man den Zuzug von Arbeitskräften mit Freuden begrüßen. Und bei den meisten Stadtvätern fand der Oberbürgermeister nicht den geringsten Widerspruch. Im Gegenteil, gerade der Führer der Kieler Freisinnigen, Meyer, erklärte, daß er mit G e n u g t h u u n g die Ansicht des Bürgermeisters vernommen habe. Diese Vorkommnisse bildeten die Unterlage der heutigen Ver- sanimlung. Genosse Brecour erstattete das Referat. Nach seiner Rede füllte brausender Beifall den Saal und ein Wald von Händen streckte sich für eine geharnischte Protestresolution in die Höhe. Das Urteil des Ober-Verwaltilngsgerichts in Sachen der schleswig-holsteinschen Census- Angelegenheit wurde als- dann vom Genossen Adler beleuchtet.' Auch hier wurde eine Protestresolution angenommen, die die nunmehr vom Ober- Verwaltungsgericht entgegen seinem früheren Eutscheid sanktionierte Wahlentrechtung von 14 000 Kieler und 30 000 sonstigen schleswig- holsteinschen Bürgern aufs schärfste verurteilt.— Der alldcrschlingcttde MarinismuS. Der„Franks. Zeitung" wird auS Kiel geschrieben: Man kann hier seit einiger Zeit einen wahren Weit- kämpf um den E r Iv e r b des U f e r g e l ä n d e s an der Kieler Föhrde beobachten. Ans der Gaardener Seite hat die Kruppsche Germaniawerft ein bedeutendes Areal inne, das unmittelbar am Hafen liegt. Alsdann kommt die kaiserliche Werft, die ihre Anlagen jetzt bis zur Swentinemündung erweitern will, so daß die Ortschaften Ellerbeck und Wellingdorf vollständig vom Wasser ab- geschnitten werden. Hierzu kommt noch der Umstand, daß durch die Liegeplätze der Kriegsschiffe an den Werften der Hafen bedeutend verengert und der Verkehr fürHandelsschiffe nicht unbedeutend erschwert wird. Auf der Kieler Seite liegen die Verhältnisse ganz ähnlich. Der Marinefiskus dürfte jedenfalls das dem löniglichen Schloß zunächst liegende Areal von der Secburg bis zur Marine- Akademie früher oder später an sich bringen, wenn er nicht bor- ziehen sollte, diese Plätze dem Großkapital zu überlassen, während Geheimrat Krupp bedeutende Landankäufe zwischen der Marine-Akademie und Bellevue gemacht hat. Man will sogar be- haupten, daß schon jetzt die'ganze Ufer st recke ihm ge- höre. Diese Sachlage hat die Stadtkollegicn veranlaßt, in ihrer vorgestrigen Sitzung den Beschluß zu fässen, mit den Marine- behördcn zlveckS Sicherung der Anlage eines Handelshafens in der Wik in Unterhandlung zu treten. Leider ist noch immer nicht die Frage entschieden, wem der Kieler Hafen, auf den sowohl die' Stadt wie auch der preußische Staat und das Reich Anspruch machen, eigentlich gehört, aber die Marine sollte, selbst wenn ihr das Besitzrecht zugesprochen würde, Ivas hier für unwahrscheinlich gehalten wird, nicht das ganze Hafengebiet ausschließlich für ihre Zlvecke in An- spruch nehmen, da hierdurch leicht der Verkehr durch den Kaiser- Wilhelm-Kanal, der augenblicklich in, Wachsen begriffen ist, leicht zurückgedrängt werden kann. Insbesondere würde der blühende Leichterverkehr zwischen Hamburg und Kiel sowie den andern Ostseehäfen erschwert werden. Jedenfalls wird die Stadt Kiel alles thun, was geeignet ist, diese drohende Gefahr nach Möglichkeit zu beseitigen. Wie die Fischer von Ellerbeck und Wellingdorf durch die Marine- Neuanlaqe» ihres Erwerbs beraubt werden, so werden auch die Handelsschiffe durch die Panzerkähne einfach mir nichts dir nichts von ihren Anlegeplätzen verdrängt. Der Marinefiskus annektiert den jetzigen, ins Innerste der Stadt hineinreichenden Handelshafen, für den die Stadt mehrere Kilometer weit draußen in der seichten Wiker Bucht einen Ersatz schaffen muß, was Millionen kosten wird. Der Militarismus zu Land wie zu Waffer kennt keine Rücksichten.— Der Leiter dcS berüchtigten Scharfmacherverbands» alias „Centralverbands deutscher Industrieller", hat am Mittwoch seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Ob ihm ein Orden verliehen oder wenigstens von seinen„Handlangern" im Reichsamt des Innern offizielle Huldigungen bereitet worden sind, ist bis jetzt nicht bekannt geworden. Herr H. A. Bueck nahm, nachdem er dreizehn Jahre lang ein eignes Gut im Kreise Gumbinnen belvirtschaftet halte, 1866 das Amt des Generalsekretärs des landwirtschaftlichen Centralvercins in Litthauen und Masuren an, das er bis zum Jahre 1873 bekleidete. Drei Jahre lang fungierte Herr Bueck dann als Geschäftsführer des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Jnter- essen von Rheinland und Westfalen. 1876 wurde er dann, als auf Anregung v. Kardorffs der Centralverband deutscher Industrieller zum' Zlveck der Förderung der Schutzzollpolitik gegründet wurde, Mitbegründer desselben, um endlich 1887 die Stelle des Generalsekretärs� dieses Verbands zu übernehmen. Das Berliner Krupporgan spendetHerrn Bueck das verdiente Lob, daß die„unleugbaren Erfolge" des Central- Verbands,„dessen hervorragende und berechtigte Stellung im deutschen Wirtschaftsleben" zum nicht geringen Teil mit Buecks Werk sei. Diese Verdienste haben ja die socialdemokratischen Redner bei der 12 000 Mark- Debatte kürzlich Revue passieren lassen. Herr Bueck hat als besoldeter Agitator des Scharfmacher- Verbands wacker daran mitgewirkt, die S o c i a I r e f o r m ins Stocken zn bringen und den Großindustriellen das möglichst unge- schmälerte Privileg der gesetzlich ungemilderten Ausbeutung des Proletariats zu sichern. Den größten Liebesdienst erwies die Regierung dem Scharfmacherverband durch das Einbringen der Zuchthausvorlage und die verfassungswidrige Verbreitung„amtlicher Druckschriften" für die erbettelten 12 000 M. nach Ablehnung der Vorlage durch die Reichstagsmajorität. Die Zuchthbusvorlage war freilich nur das letzte Glied einer Kette gemeinsamer Konspirationen, die bis in das Jahr 1890 zurück zu verfolgen sind. Und wie die Vorsitzenden des Centrnlverbands wußten, wie innig der Seelenbund zwischen ihnen und den Herren des Reichs- amts des Innern war, wie sie i», April 1899 bei einem Diner des Centralverbands in begeisterten Toasten die als Gäste unter ihnen weilenden Regierungsvertreter als ihre„hohen Gönner" mit dem„offenen Öhr" für die Ausbentcrschmerzen der Industriellen leben ließen, so wußte auch der Generalsekretär diesen Einfluß richtig einzuschätzen. Renommierte er doch damit, daß es dem Einfluß des von ihm vertretenen Schnrfmacherverbands zu verdanken sei, daß in dem Ausbau der socialpoliti- schen Gesetzgebung Halt gemacht worden sei. Wußte er doch, daß er gewisse Unterstaatssekretäre, die dem Scharfmacher- verband ein weniger offenes Ohr schenkten, gleichsam zur Warnung wie Schulbuben a b r ü f f e l n durfte. Und der Staat wußte auch die— wie die„Berliner Neuesten Nachrichten" so schön sagen—„patriotische, nützliche Thätigkcit" nach Verdienst zn belohnen: im Jahre 1893 wurde Herrn Bueck der KroNenorden II. Klasse verliehen.— Freisinnige Manneöscclen. Unter dieser Stichmarke bringt die„Volks-Zeityng" ein ihr ans Breslau von, wie das Blatt betont, absolut glaubwürdiger Seite zugegangenes Telegramm folgenden Inhalts: Bei den heutigen Stadtverordneten- Stich wählen, bei denen das freisinnig-socialistische Kompromiß gegen das konservativ-klerikale Bündnis geschlossen war, wurden vier reaktionäre und ein freisinniger Stadtverordneter gewählt. Die beiden Socialisten unterlagen. Die Freisinnigen stimmten entgegen der Parteiparole meist für d i e K o n s e r v a t i v en gegen die Socialisten. Dieser schmähliche Wortbruch, der übrigens den Freisinn in keineswegs, neuer Beleuchtung zeigt, beweist, daß freisinnigen Zusicherungen gegenüber jederzeit unbegrenztes Mißtrauen am Platz ist.— Die Kanoncnliefcrungen der Düsseldorfer Firma an Eng- land, über die, wir dieser Tage berichteten, werden von der„Köln. Zeitung" und selbstverständlich auch dem Berliner Krupp,-Organ aufs wärmste verteidigt. Letzteres Blatt schreibt: „Ein generelles Ausfuhrverbot nach England und Transvaal würde allenfalls als der neutralen Stellung Deutschlands entsprechend zu rechtfertigen gewesen sein, aber in der Presse wurde ein solches nicht verlangt. Man begnügte sich damit, die Firma Krupp zu bewerfen, die darauf öffentlich zu antivorten freilich unter ihrer Würde hielt. Jetzt wird, obeuein in einem recht kritischen Moment, die umfangreiche Lieferung jener D ü s s e l d o r f e r A k t i e n g e s e l l- s ch a f t nach England bekannt, wie schon vordem die Lieferung von Baracken usw. Aber obwohl der Krieg in Südafrika noch keineswegs beendet ist, obwohl die Regierung soeben bitter getadelt worden, weil Präsident Krüger nicht nach Berlin kommen durfte, hat keül Blatt außer dem„Vorwärts" jene Lieferung verurteilt oder auch nur beanstandet. Wir... halten es aber doch für angezeigt, die seltsame bisse- rentielle Behandlung festzustellen, die dem größten v a t erl änd is ch e n � Unterne h m e n, das der Stolz D e n t s ch l a n d s s e i n s o l l t e, nn Gegensatz zu andren seitens der deutschen Presse zu teil wird." Wir bemerken dcnigegenüber nur, daß in der heutigen Reichs- tags- Sitzung der S t'a at s s e k r e t ä r F r h r. v. Richthofe u erklärt hat, daß die Regierung derartige Lieferungen für einen Neutralitätsbruch halte und deshalb auch bei der D ü s s e l- dorfer Firma ebenso wie bei Krupp entsprechende Vor- stellungen erhoben habe. Beide Firmen haben das bereits ver- g e s s e n, die Düsseldorfer Firma fabriziert munter drauf los, ohne sich im geringsten um Neutralität, Volksstimmung und die Vorstellungen der Regierung zu kümmern! Wie lange noch?— Das neue Gewehr. Herr v. Goßler erklärte im Reichstag, daß die Nachricht des„Vorwärts" von der bevorstehenden Neu- bewaffnung des.HecrS mit einem von einem Skaudinavicr erfundenen Gewehr vollständig, aus der Luft gegriffen sei. Die Heeresverwaltung könne umsoweniger an eine Ausrüstung mit dieser Waffe denken, als sie bis jetzt trotz deS geäußerten Wunsches nicht e i n mal i n den Besitz einer solchen Waffe gekonimen sei. Demgegenüber behauptet die„Nationalliberalc Korrespondenz". die„Post" und andre Blätter, daß mit dem Gewehr allerdings Versuche gemacht seien, daß aber gleichwohl die Absicht einer Einführung dieses Gewehrs noch nirgends aufgetaucht sei. Die„Rat. Korr." weiß sogar von den Ergeb- nissen der Versuche zu verraten, daß das neue Gewehr große Vorzüge habe, dagegen nur eine zweifclhaste Kriegs- brauchbarkeit besitze. Wer hat nun recht? Da die„Skat. Korr." von„gut unterrichteter Seite" ihre Mitteilung erhalten haben will, und auch der Gewährsmann des„Vorwärts"' seine Zuverlässigkeit schon anderweitig bewiesen hat, können wir nur annehmen, daß wieder einmal der Herr Kriegsminister ebenso schlecht orientiert gewesen ist, wie bei den Chinagreucln.— Der Ersatzmann StummS. Der Gründer der Laurahntte er- läßt in der„Post" folgende humorvolle Erklärung: In verschiedenen Blättern hat eine Notiz gestanden, daß ich den Vorsitz in der Bndgetkommission wegen Differenzen mit dem Reichstags-Präsidenten Herrn Grafen v. Ballcstrcm niedergelegt hätte. Diese Annahme ist eine durchaus irrtümliche. Ich habe mich aus der Budgetkommission lediglich deshalb zurück- gezogen. iv e i l ich beabsichtige, in, Plenum thätiger zu fein als bisher, und n a m e n t- lich, mn auf die Angriffe der Socialdemokratie auf n, e i n e n e r l r a n k t e n F r e u n d F r h r n. v. S t u m m mit größerer Frische entgegnen zu können. Nach einer mehrstündigen Leitung der Verhandlungen der Budget- kommission ist man doch abgespannter, als dies für die Plenar- verhandlmigen deS Reichstags wünschenswert ist. Wilh. v. Kardorff-Wabnitz. Der König von Saarabien kann nunmehr in aller Ruhe seine Genesung abwarten, da Herr v. Kardorff die Absicht ankündigt, den Reichstag noch einmal so intensiv anzuöden.— Die Einberufung des preußischen Landtags wird zum 15. Januar angekündigt. Der 15. Januar, ein Dienstag, sei auch diesmal wie seit 25 Jahren gewählt worden, da anfangs der siebziger Jahre vom Centrum und' den Konservativen Klage darüber geführt worden sei, daß durch die Eröffnung des Landtags an einem Montag die Mitglieder des Hauses durch die Reise zu einer Sonntagsentheiligung gezwungen seien. Eine Boxer-Ehrung. Unter den Berliner Lokalnachrichten liest man: „Schillfeier. An, 6. Januar 1901 kehrt zum 125. Male der Tag wieder, an welchem der k ü h n.g H u s a r e n f ü h r e r Ferdinand von Schill geboren würde. Ein Komitee ist in Berlin zusammengetreten, um das Andenken dieses Helden zu feiern. Mit der Feier, die am Sonnabend, 5. Januar, im Neuen Königliche» Opernhaus(Kroll) stattfindet, soll eine Schill- Ausstellung' verbunden werden. Es ergeht an alle diejenigen, welche in der Lage sind, das Unternehmen durch Teilnahme an der Feier oder durch Üeberweisung bezw. leihweise Hergabe von Schil l- Reliquien oder Andenken an Schills Offiziere und Mannschaften für die Ausstellung zu unterstützen, die Bitte, sich den obigen Bestrebungen anzuschließen. Lieutenant d. L. Lücke, Berlin, Greifswalderstr. 13, erteilt sehr gern nähere Auskunft.— Wie wir hören, haben bereits eine Reihe hoher Persönlichkeiten und Schillfrcunde ihre Bx- teiligung zugesagt." Schill inscenicrte im April 1809 ans eigne Faust, ohne Wissen Friedrich Wilhelms III. eine Erhebung gegen Napoleon. Sein König' Friedrich Wilhelm III. verurteiite die„unglaubliche That" und forderte Schill vor ein Kriegsgericht. 1889 erhielt dann freilich das 1. schlesische Husarenregiment zu Ehren Schills den Beinamen„Ferdinand v. Schill".— Auch ein Beitrag zum Tolerauz-Autrag. Der in Shanghai erscheinende„Ostas. Lloyd" meldet aus Hankau vom 26. Oktober: Gestern nachmittag wurde an der deutschen Niederlassung der Matrose Dreier ans Ufer geschwemmt, einer von zwei un- glücklichen Leuten S. M. S.„Schwalbe", die in der stürmischen Nacht vom 20. d. M. im Dangtse ertrunken waren. Die Beerdi- gung auf dem allgemeinen Friedhof in der deutschen Nieder- Inssung fand heute vormittag statt in Anwesenheit des dentschen Konsuls, einer Abteilung vom englischen Kriegsschiff„Daphne" (die„Schlvalbe" hat Hankau inzwischen bereits" verlassen müssen) und der hiesigen deutschen Freiwilligencompagnie. Am Sarge sprach der e n g l i s ch e G e i st l i ch e Therm a n, der diesen Akt ch r i st l i ch e r N ä ch st e n l i e b e in f r e u n d l i ch e r Weise auszu- üben übernommen hatte, dann gab die eiiglischeMatrosen-Abtcilnng drei Salven über das Grab ihres dentschen Kameraden ab, und die kurze Feier fand ihren Abschluß. Sehr bedauert ist es in der hiesigen deutschen Kolonie, daß der deutsche Pater G ö t t e von der römisch-katholischen Mission, der darum gebeten wurde, es abgelehnt hat, die Grabrede zu halten, weil der Entschlafene Protestant gewesen wäre. Die Sache ist hier vielfach besprochen worden: man meint, in Kriegszeiten könne doch auch der Soldat nicht fragen, ob ein bedrohter Geistlicher Katholik oder P r o t e st a n t sei. Solche Vertreter der christlichen Nächstenliebe maßen sich nun an, den asiatischen„Heiden" eine höhere Sittlichkeit beizubringen!— Ausland. Rußland. Polcnbersolgungeu. W a r s ch a n, 12. Dezember. Eine Ver- ordnung des Ministers des Innern ermächtigt den Gcneralgouvcrneur, in, Verwaltungswege Festmigsstrafei, bis zur Höhe von 6 Monaten zu verfügen in Fällen, wo an Privatschulen polnischer Unterricht erteilt wird. Infolge dieser Verordnung herrscht unter der Bc- völkerung große Erregung, da dieselbe als Vorbote weiterer noch strengerer Maßregeln gegen die polnische Bevölkerung bc- trachtet wird.— Afrika. De Wet Sieger oder Besiegter? Eine Depesche von Lord Kitchener aus Pretoria vom 12. Dezember meldet: General' Knox bedrängt De Wet fso r t w äh r e n d auf seinem Marsche. Der Feind bewegt sich in der Richtung nach Reddersburg, wo eine englische Kolonne bereit steht, um Knox Beihilfe zu leisten. Londoner Gerüchte behaupten dagegen, daß De Wet General Knox eine vollständige Niederlage beigebracht habe, daß die Regierung die betreffenden Meldungen �jedoch bis znm Schluß der Parlamentstagung zurückhalten werde. NLtvkei- Machvichken. Der Landcsvorstand der württcmbergischrn Social- dcinokratie erläßt zu den Landtags-Stichwahlen, die in den nächsten Tage» vorgenommen werden, einen Aufruf, in dem cS bezüglich des Verhaltens zn andren Parteien heißt: „Der bedeutende politische Einsiuß, über den ivir verfügen, darf im Interesse des Volks und unsrer Partei im Kampfe zwischen den reaktionären'Parteien und der bürgerlichen Demokratie nicht brach liegen bleiben. Die socialdemokratischen Stimmen dürfen bei Stich- Wahlen zwischen der Volkspartei und den rechts von dieser stehenden Parteien die reaktionären Elemente und ihre Macht im Landtage nicht durch Wahlenthaltung stärken. Sic müssen behufs Schwächung der Reaktion zu Gunsten der Volkspartei in die Wagschale geworfen iverden. So groß und unüberbrückbar auch der principielle Gegensatz ist, der die Socialdemokratie von der Volkspartei trennt, so vertritt die letztere doch auch eine Reihe von freiheitlichen und Reform- forderungcn, welche in der Richtung unsrer eignen Forderungen liegen. In allen Wahlkreisen, wo es gilt, die Wahl eines Re- aktionärs zu verhindern, müssen deshalb die Genossen bei aller Betonung unsrer grundsätzlichen Auffassung für den Volkspartciler ftimnien. Gegenüber allen andren Parteien empfehlen wir den Genossen Wahlenthaltung." Gemeindcwahlen. In den nachstehenden sächsischen Gemeinden wurden focialdemokratische Gemcindevertreter gewählt: Coswitz 1, Kötitz 1. Bühlau 1. Klotzsches, W eitzig 1, PulSnig 1. Gittersee 2, Cossebaude 2, Reuendorf bei Pirna 1. Niederste st er witzl, Zschieschen bei Großenhain 1. In G e I e n a u und A I t m i t t w e i d a wurden sämtliche aufgestellten socialdemokratischen Kandidaten gewählt. In O f f e n b u r g(Baden) wurde bei der Halberneuerung des Gcmciiidekollegiums der Genosse Mansch wiedergewählt, jedoch nur von den Demokraten und Nationalliberalen; unter den Wählern waren nur 2 Socialdcniokratcn. Polizeiliches» Gerichtliches«Nu. — Drei Preßprozeffe gegen das„Volksblatt für Halle" standen am Dienstag vor der dortigen Strafkammer zur Ver- Handlung. Im ersten Falle wurde der Redacteur Genosse Swienty beschuldigt, durch Veröffentlichung eines Gerichtsberichts unzüchtige Schriften verbreitet zu haben. Am 1. Juli wurde Genosse Thiele wegen desselben Vergehens zu 50 M. Geldstrafe verurteilt, weil er Briefe ver- fänglichen Inhalts im„Volksblatt" abgedruckt haben sollte. Es hieß da, daß ein hiesiger Rentner in höchst zweideutiger Weise Damenbekannt- schaft gesucht hatte. In dem Gerichtsbericht waren einige daraus bezügliche Stellen wiedergegeben, weshalb nun Genosse' Swienty heute ebenfalls zu 50 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Zwei Sachen gegen den Genossen Thiele wurden mit Rücksicht ans seine Immunität als Abgeordneter vertagt. — Eine unzulässige KoufiSkatio» nahm der Bürgermeister des Landstädtchens Liebenau N.-M. am Sonntag vor. Vier Genossen von Schwicbus verbreiteten Schriften in dem Städtchen, zwei davon wurden nach dem Polizeiburcnu sisticrt und nach dreiviertelstündigcm Verhör wieder entlassen. Ihr Schriftenmaterial, bestehend aus Mai- Zeitungen, Liebknechts Broschüre:„Kein Kompromiß. kein Wahl- bündnis", Kalender„Märkischer Landbote" und Broschüren:„Die Wahren Freunde und Feinde der Landarbeiter" wurden beschlagnahmt. Keine dieser Druckschriften verstößt gegen ß 23 des Preßgesetzes, die Unzulässigkeit der Konfiskation ist also klar. Der Bürgermeister braucht aber nicht besorgt zu sein, ihm Wird nichts geschehen. In einem analogen Falle mußten ja uusre Sommerfelder Genossen im Vorjahr sogar noch das Porto für Rücksendung widerrechtlich kon- fiscicrter Schriften zahlen. Ge,vevkfchAfklikszes. Berlin und Umgegend. Achtuug, Vcrgolder! Wegen Differeitzcn bei der Firma Aug. W e r l m e i st e r ist der Zuzug nach dort bis auf weiteres fernzuhalten. Der Vor st and. Die Maurer von Halle a. S. streiken bereits die siebente Boche; auch die Butzer, Rabizpuzer usw. find in den Streit mit einbegriffen. Diese lettere Thatsache verschweigen vielfach die Unternehmer und suchen so Arbeitskräfte nach dem Streikort zu loden. Ausland. Bociales. " Die amtliche Statistit faßt unter dem Begriffe Vermögensdelikte" allerdings noch eine ganze Anzahl andrer Strafthaten zu fammen, wozu außer Urkundenfälschung jeder Art, Lotterievergehen, Sachbeschädigung, Brandstiftung 2c. auch verschiedene Verlegungen andrer Reichsgefeze gehören. In diesem weiteren Sinne sind folgende Bestrafungen zu verzeichnen: 1894 1895 1896 1897 1898 1899 186 016 185 243 179 136 183 797 190 955 188 265 Die Bewegung dieser Zahlen ist nicht wesentlich anders wie die der vorher genannten. Wegen Mord und Totschlag wurden bestraft in der Reihe der genannten Jahre: 275; 283; 270; 275; 269; 250 Personen. " Barbier Sandmann 1 StaatsDeutsches Reich. geblieben. Er beantrage ferner, gegen die Angeklagte Wender, sie habe es bejaht. Zur Schivester: Sage doch die Wahrheit! In Auch eine gewerkschaftliche Organisation. Kürzlich wurde die er gestern habe festnehmen lassen, einen lebhaftem Hin und Her zwischen den beiden Schwestern erklärt Zeugin in Stade in Hannover ein Maurerverein gegründet, den man den Haftbefehl zu erlassen. Frau Miller: Sternberg habe sie nicht veranlaßt, die MalerAnnoncen aber zu veröffentlichen, ihres Verein der„ Blauen" nennt. Der Verein hat folgende Parole auf Erachtens habe Es sei gelungen, einen Brief der Margarete Fischer bei der er das feine Fahne geschrieben: Wahrung aller gewerkschaftlichen Rechte Beugin Pfeffer zu beschlagnahmen, durch den die Angeklagte Senit Bestehen Annoncen solcher annehmen müssen, und Verbesserung der Lohnverhältnisse auf gütlichem Wege. Wender noch mehr belastet wird und es liege Sollusionsgefahr Mädchen ihn als Maler ansprachen. Es sei also ein gewisses stiller habe doch nicht dagegen protestiert, daß die Abschaffung aller befoldeten Agitatoren usw., da dieselben nur vor. Die Angeklagte Wender erklärt, daß sie, nichts verbrochen schweigendes Uebereinkommen. Da Sternberg ihr gefagt habe, er Terrorismus und Ausbeutung verursachen, dafür lediglich Ehren hat und nicht im entferntesten daran denke, irgend welche habe Freude an jugendlichen Körpern und da sie glaubte, daß er beamte; Aufhebung der Agitation auf der Baustelle. Berdunkelungsschritte zu thun. Sie habe mit der Frieda Woyda auch zeichne, so habe sie als Wunsch Sternbergs aufgefaßt, was fowie Herstellung eines guten Einvernehmens zwischen Arbeitgeber nie etwas gemacht. Vori.: Durch den beschlagnahmten Brief auch zeichne, so habe sie als Wunsch Sternbergs aufgefaßt, was Vors. Durch den beschlagnahmten Brief vielleicht gar nicht sein Wunsch war und worin sie ihn vielleicht und Arbeitnehmer. haben sich die gegen Sie vorliegenden Verdachtsgründe erheblich misverstanden habe. Die Zeugin Miller wird vom Vorsitzend en verstärkt. Ich könnte Ihnen nur raten, daß Sie durch ein reu- und den Beisigern noch nach vielen Punkten befragt und ihr das mütiges Geständnis Ihre Lage verbessern.- Angell. Wender: unwahrscheinliche ihrer Angaben vorgehalten. Sie erklärt wiederHätte ich etwas gemacht, so hätte ich es schon in der vorigen Verholt, daß sie nichts davon ivisie, daß mit der Frieda Woyda irgend Handlung gesagt. Ich habe niemals mit Frieda Woyda etwas ge- etwas in ihrer Wohnung vorgekommen jei. Zeugin Clara macht und dabei kann ich nur bleiben. Vorf.: Waren Sie zu Fischer. ruft ihrer Schwester etwas erregt zu: Du hast gegen oder haben Sie gesehen, daß Sternberg unfittliche Hundlungen mir zugegeben, daß Sternberg Dich veranlaßt hat, ihn als Den Spinenfabrikanten von Calais fommt jetzt der Bürger- mit der Woyda vorgenommen hat? Angell: Niemals. Der Maler, aus Frankfurt a. D. auszugeben. Staatsanwalt meister von Le Puy, der Hauptstadt der Ober- Loire, zu Hilfe. Er Gerichtshof beschließt die Angeklagte in Haft zu nehmen. Braut: Dann liegt doch aljo eine schimpfliche Heuchelei richtet an sie die Aufforderung, ihre Fabriken doch dahin zu verlegen. Es wird dann wieder die Zeugin Frau Miller( Margarete bor. Auf der einen Seite hat Sternberg gesagt, er fei Könnte doch daselbst eine Verschmelzung der Industrie der Maschinen- Fischer) vernommen. der Maler aus Frankfurt a. D. und auf der andren Seite Spigen mit der bereits bestehenden der Handspitzen erfolgen; beide Das Geständnis der Margarete Fischer. Branchen seien doch Schwestern". Der Maire weist ausdrücklich ist Frau Suchard nach Frankfurt a. D. gegangen, um nach dem Der Präsident teilt ihr mit, daß ihre Lage jezt folgende sei: Maler aus Frankfurt a. D. zu recherchieren. Die Zeugin Miller darauf hin, daß auch an Arbeitskräften, die nur der Beschäftigung Es sei ihr freies Geleit gewährt worden und sie könne sicher sein, erklärt auf weiteren Vorhalt: Es wäre ja abscheulich von ihr, wollte harren, fein Mangel ist. Der Herr Bürgermeister hat wohl vergeiſen, daß, wenn Hand- und Maschinenweberei Schwestern" find, daß sie innerhalb eines Monats, vom Schluß der Verhandlung ab sie den Angeklagten Sternberg in seiner jezigen Lage noch mehr beso doch höchstens Stiefschwestern; die mechanische Weberei ruiniert gerechnet, nicht verhaftet werden würde. Wenn sie aber in Deutsch- lasten, als der Wahrheit entspricht. Das fönne sie nicht. Sie glaubte. ihre rückständige Schwester. Er hat aber auch ferner nicht bedacht, land bleiben wolle, so sei es doch besser, wenn sie ein offenes Ge- Sternberg so verstanden zu haben, daß er solche Annoncen nicht undaß die Arbeiter Brüder sind, die sich so leicht nicht in den Rüden ständnis ablegen würde. Er richte deshalb die Frage an fie, ob fie gern fähe. Der Zeuge an ihren bisherigen Aussagen etwas zu ändern habe. fallen. 3eugin: Nein, ich muß bei mieinen früheren Aussagen bleiben. Bräf. Frau Zeugin, ich habe hier einen Brief, der von Ihnen her- muß der Zengin Frau Miller ins Gesicht sagen, daß er wiederholt rührt, ich wollte, bevor ich den Brief verlese, Ihnen Gelegenheit berg es betreten hatte. Die Wender sei bald darauf mit einem Schulgesehen habe, wenn Auta Wender das Haus verließ, nachdem Stern Zur Kriminalftatistik. Nach den foeben erschienenen bor- geben, durch ein offenes Geständnis Ihr 192 mädchen, einmal auch mit zweien, zurückgekehrt. 3eugin: Jch Täufigen Mitteilungen zur Kriminalstatistik des Jahrs 1899 wurden Gewiffen zu erleichtern. nahm aber an, daß Sternberg die Mädchen nur zum Modellstehen in dem genannten Jahre im ganzen 455 595 Personen wegen Ver- Es hat dies im Laufe dieser Verhandlung schon so mancher gethan. benutzen wollte. Ich habe die Kinder auch nur gefragt, ob sie sich brechen und Vergehen gegen das Reichs Strafgesetzbuch Als die Zeugin noch zögert, wird sie vom Staatsanwalt Braut dazu hergeben wollten. Präs.: Warum fragten Sie denn die verurteilt. Die Vergleichung mit früheren Jahren ergiebt folgende in nicht minder eindringlicher Weise zur Wahrheit ermahnt. Der Kinder nach dem Alter?- Zeugin: Ich war der Meinung, daß Zahlen: Staatsanwalt macht sie darauf aufmerksam, daß sie eine Verhaftung es strafbar sei, Kinder unter 14 Jahren zum Modellstehen zu ber1894 1895$ 1896 1897 1898 1899 nicht zu befürchten habe, selbst wenn sie alles zugäbe, was sie wenden. Präs: Und Sie wollen geglaubt haben, daß Stern427 657 433 697 434 359 439 536 454 512 455 595 gethan habe. Es sei ihr schon angedeutet worden, daß Kuppelei berg die Mädchen zeichnete, obgleich Sie wußten, daß er gar kein Die Zunahme in den 6 Jahren beträgt nur reichlich 51/2 Proz. nicht so schwer bestraft werde. Einem offenen und ehr- Maler war? Sind Sie aus Amerifa gekommen, in uns so etwas und bleibt hinter der zu erwartenden Bevölkerungszunahme nicht lichen Geständnis gegenüber werde auch die Strafe milde glauben zu machen?- 3eugin: Ich war der Meinung, daß er unerheblich zurüd. ausfallen. Bräsident: Ich frage Sie nun zum legten an jugendschönen Formen Vergnügen fände und die Mädchen zeichnete. Die eigentlichen Vermögensdelikte: Diebstahl, mal, wollen Sie die Wahrheit sagen oder nicht?- 8eugin:- Präs. Haben Sie einmal eine solche Zeichnung gesehen? Unterschlagung, Raub und räuberische Erpressung, Erpressung, Be- Ja, ich will.- Präsident: Dann frage ich Sie, wer war der 3eugin: Nein, ich behaupte aber außerdem, daß Schul günstigung, Hehlerei und Betrug zeigen folgendes Bild: eigentliche" Mann, der in Ihrer Wohnung in der Alexandrinen- mädchen nie dabei waren. Präs.: Befanden sich in Ihrer 1894 1895 1896 1897 1898 1899 straße verkehrte? 8eugin: Es war Sternberg. Präsident: Wohnung unzüchtige Bilder?- 3eugin: Nein. Präs.: Aber 146 240 144 368 140 487 144 683 150 778 146 571 Hat Sternberg mit der Frieda Wohda unsittliche Handlungen vor Frau Zeugin, es baben verschiedene Zeugen diese Thatsache bekundet, Es war also nur im Jahre 1898 eine nennenswerte Steigerung genommen? 3eugin: Ich selbst weiß davon nichts, es ist mir wenn Sie in folchen Kleinigkeiten die unwahrheit sagen, wer soll der Vermögensdelikte zu verzeichnen; die ganze Jahresreihe dagegen aber erzählt worden. Präsident: Von wem? Zeugin: Einige Bilder habe 3eugin: Ihnen dann noch etwas glauben? zeigt eine relative und für drei Jahre sogar eine absolute Abnahme ich fann es wirklich nicht mehr sagen. Präsident: Aber ich ja einmal gehabt, sie lagen in einer Schublade.- Präs.; Von dieser Strafthaten gegen 1894. Zeugin, einzelne Thatsachen zugeben und andre gravierendere in wem erhielten Sie das Abrede stellen, das ist kein offenes Geständnis. Sagen Sie doch die Kabeltelegramm, volle Wahrheit. Beugin: Ich kann doch nicht anders aus- worin Ihnen die Aussage Ihrer Schwester mitgeteilt wurde? fagen, es ist die Wahrheit. Präsident: Hat die Wender 8eugin: Den Absender kenne ich nicht. Die Depesche wurde mir Ihnen etwas mitgeteilt von dem, was Sternberg mit von Friß Friedmann gezeigt, aber der Name des Absenders nicht. Frieda Woyda vorgenommen haben soll? Beugin: Nein. Zeugin Fräulein Clara Fischer: Meine Aussage in der ersten Bräs: Nun, dann kann ich Ihnen nicht helfen. Wollen Sie Ihr Verhandlung ist meiner Schwester ganz entstellt wiedergegeben worden, Geständnis" wirklich in dieser Form abgeben?- 3eugin: Ich wahrscheinlich in der Absicht, fie gegen mich aufzureizen.- Staats bleibe dabei, daß es die Wahrheit ist. Präs. Hier dieser Brief amvalt Braut: Zengin Frau Miller, als Friedmann damals von ist von Ihrer Hand?- 3eugin: Ja. Präs.: Er ist bei dem Ihnen die Aussage verlangte und Sie dafür 20 000 M. forderten, Fräulein Pfeffer mit Beschlag belegt worden, man hat ihn ihr mit hatten Sie damals schon Kenntnis von dem Telegramm? Gewalt abnehmen müssen, da sie ihn freiwillig nicht hergeben 3eugin: Ja, es war an demselben Tage angekommen. wollte. An dem Briefe fehlt ein Stüd, welches Wesentliches ent- anwalt Braut: Dann sollte wohl durch das Telegramm Ihre Körperverlegung(§§ 223-227 R- Str.- G.- V.) weist in halten haben muß. Der Brief enthält Mitteilungen, die Aussage beeinflußt werden? Zeugin: Ich weiß es nicht. ziemlich stetigem Wachstum gegen 1894 eine Vermehrung um etiva Staatsanwalt Braut: Können Sie sich jetzt vielleicht entsinment, 171/2 Broz. auf, nämlich von 103 791 auf 122 029, so daß hier auch von einer relativen Vermehrung gesprochen werden kann. Zeugin: Geschrieben habe ich es, das Mitgeteilte ist aber wer Absender der Depesche war, die in Cherbourg an Sie eintraf? Zeugin: Nein, ich kann es nicht sagen. Staatsanwalt Es ist eine beliebte Specialität derer um Oertel, Kropatsched 2c., nicht wahr.- Präs: Ich kann doch nicht annehmen, daß Sie unBraut: Weiß Ihr Mann etwas davon?- Zeugin: die Zunahme der Roheitsdelikte in Zusammenhang mit der Arbeiter wahre Thatsachen in dem Briefe andeuten, etwa um Geld von fann fein. Staatsanivalt beantragt und 3eugin: Ich habe die Mitteilungen bewegung zu bringen. Demgegenüber sei darauf aufmerksam Sternberg zu erlangen. gemacht, daß wir schon wiederholt nachgewiesen haben, wie dieser nur auf Grund von Zeitungsberichten und dem Inhalt von Briefen. der Gerichtshof beschließt, den Ehemann Miller als Zeugen zu vers die ich von Bekannten erhalten habe. Vors. Ich kann Ihnen nehmen. Die Zengin Frl. Clara Fischer: erklärt auf Befragen, daß zufammenhang eher in umgekehrter Weiſe beſteht: Die Roheits- immer nur wieder vorhalten, daß Sie durch ein reumütiges Ge- fie nicht wisie, was auf dem abgerissenen Teil des Briefs gestanden delikte find am geringsten in den Bezirken, wo die Arbeiterbewegungständnis ihr Gewissen erleichtern und sich eine mildere Strafe habe. Kriminalkommissar v. Treschow tritt vor und bekundet, daß start ist. Leider ist unsre offizielle Statistik sehr langsam und gesichern fönnten. 3eugin: Ich kann nichts andres fagen, es ist die Frau Miller gestern auf dem Sorridor an ihn herangetreten sei stattet folche Nachweisungen immer erst sehr spät. Für 1899 sowohl unmöglich, ich sage wirklich die Wahrheit, so weit ich sie weiß. und gefragt habe, ob sie sich auf die Gewährung des freien Geleits wie für 1898 liegen erst summarische Zahlen fürs ganze Reich vor und auf die Tabellen für die einzelnen Verwaltungsbezirke werden orf.: Hat Ihnen Auta Wender in Amerika nicht gesagt, daß und verlassen könne, sie würde in dem Falle noch manches sagen wir twohl noch eine Weile warten müssen. was sie mit Frieda Woyda vorgehabt hat? Es gehören hierzu Zeugin: Nein, nie- fönnen. mals. Angell. Wender beteuert nochmals, daß sie weder in Angeklagter Sternberg erklärt nomals, daß er nichts davon übrigens noch Gewalt und Drobung gegen Beamte(§§ 113, 114, 117 bis 119), weshalb 1894 16 297 und 1899 17 150 Personen Gegenwart von Fräulein Fischer noch sonst etwas mit der Woyda gewußt habe, daß er als Maler aus Frankfurt a. D. ausgegeben bestraft wurden, und Nötigung und Bedrohung(§§ 240, 241); gemacht habe. Bori. Haben Sie das Mädchen Teichert werde. Auf Beschluß des Gerichts wird in Ihrer Wohnung gesehen? 10 306 im Jahre 1894 und 12 379 im Jahre 1899 bestraft. 3eugin: Nein. Bors.: Na, Richard Miller, aus Ihnen die Wahrheit der 24 Jahre, alte Ehemann der Zeugin, als Zeuge vernommen. Gr Unzucht mit Gewalt, Notzicht(§§ 176 bis 178) zeigt die ich muß es hiernach aufgeben, herauszubringen. Bahlen: 4093; 4156; 4477; 4177; 4505 und 4594. Darunter ſind andres sagen, als was ich gesagt habe. Vorf.: Haben Sie nicht Margarete Fischer verheiratet habe. Er wisse aus der ganzen Stern Beugin: Herr Präsident, ich kann nichts erklärt, daß er sich am 23. November in New York rite mit der die Mehrzahl der Verbrechen gegen§ 1763, unzüchtige Handfungen an Personen unter 14 Jahren. Sie werden erst die Frieda Woyda nur angenommen, um fie Sternberg zu- berg- Affaire nur das, was in den Zeitungen stand. Seine Ehefrau zuführen? feit 1897 besonders nachgewiesen und ergaben 1897: 3085; 1898: 3eugin: Onein, ich hatte schon längst die Absicht habe gesagt, manches, was in den Zeitungen stehe, set unwahr. Er 3478; 1899: 3569. Wo diese Verbrechen besonders gedeihen, zeigt der Ber Beugin nunmehr den bei Frl. Pfeffer vorgefundenen Brief vor, Aufklärung darüber haben wollte, was falsch und wahr fei. Er gehabt, ein kleines Mädchen anzunehmen. Der Vorsitzende hält habe sie dann veranlaßt, nach Berlin, zu gehen, weil er selbst gern Brozeß Sternberg nur allzu deutlich. legt das Original Telegramm Bestrafungen wegen Suppelei(§§ 180, 181) erfolgten: 2656; in welchem es u. a. heißt: Mir ist Dasselbe ist aus 2886; 2816; 2671;: 2765; 2622. Geld für eine falsche Anssage Queenstown datiert und lautet:" Habt alles fertig, fomme Wegen Majestätsbeleidigung erfolgten Bestrafungen: hier angeboten". Präs: Was soll das heißen? Sie haben hier ou Bord in Southampton abrufen, habe alles und jedes bei mir und Ihr könnt 622; 598; 561; 428; 466; 416. Darunter Beleidigung des behauptet, daß Ihnen gesagt sei, Sie sollten nur die Wahrheit dann immer noch thun, Kaisers im Jahre 1897: 403; 1898: 445; 1899: 375( darunter sagen. Eugen." Der Zeuge versichert, daß er nicht Zeugin: Man wollte mir Geld dafür geben, wenn ich Ihr wollt. acht jugendliche Personen). Cafagen würde, daß ich von Frl. Pfeffer und meiner Schwester wisse, was das Telegramm bedeuten solle; jedenfalls sei int Kriminal Zu diesen Bestrafungen auf Grund des Strafgesetzbuchs kommen Clara beeinflußt worden sei, ungünstiges über Stern- Southampton zu ihnen niemand an Bord gekommen. noch Bestrafungen wegen Verbrechen und Vergehen gegen andre berg auszusagen. Vorf: Wer wollte Ihnen denn Geld fommiffar v. Tresdow glaubt, die Sache vielleicht aufklären zu Reichsgesege: dafür geben? Zeugin: Ich glaube, Herr Ebstein. fönnen. Das Millersche Ehepaar sei mit dem Kaiser Wilhelm der 1899 In dem Briefe steht weiter etwas von dem" Mädchen, mit dem Große" vou New York abgefahren, Eugen Friedmann sei etwas 23 295 22 543. etwas vorgegangen sein soll, der Angeklagte Sternberg habe das später mit der Oceanic" abgefahren. Dieser Dampfer fahre schneller Gewerblicher Kinderschuh. Im Regierungsbezirk Frank- Bimmer gemietet, er persönlich habe die Modelle geschafft, es wird und da bei„ Kaiser Wilhelm der Große" eine Verlegung an der furt a. D. haben furz aufeinanderfolgend die Polizeiverwaltungen von der Schuld" der Auta Wender gesprochen und damit gedroht, Maschine vorgekommen war, fo sei der Occanic" früher in daß eventuell dem Staatsantvalt ant Der Hand fleiner Southampton angekommen, und Eugen Friedmann wäre wohl in folgender sechs Städte Verordnungen gegen die gewerbliche Kinderarbeit erlaffen: Frankfurt a. D., Fürstenwalde an der Episoden aus Sternbergs Liebesleben" reicher Stoff unterbreitet der Lage gewesen, dort an Bord zu kommen. Er sei aber thatsächwerden würde usw. usw. Ferner wird die Adressation auflich nicht gekommen. Spree. Kottbus, Guben, Sorau und Schwiebus. Am weitesten geht die vom Bortvärts" schon mitgeteilte Stottbuser gefordert, Briefe nicht unter der Adresse„ Fischer" zu senden, denn Berordnung, welche die Arbeit von Kindern unter 10 Jahren völlig lebe noch unter dem Namen Luppa oder vielmehr Luba. Der Vorsitzende beantragt nunmehr folgendes: Ihm sei der Der Gedanke gekommen, ob nicht vielleicht Frau, Miller deshalb mit verbietet. Die andren Städte haben meist das Alter von 9 Jahren Inhalt des Briefs wird in seinen Einzelheiten der Zeugin vom Vor- der Wahrheit zurückhalte, weil sie nicht wünsche, daß ihr Ehemann als Schutgrenze festgesezt, ältere Kinder dürfen meist von früh 6 1hr bis abends 7 Uhr beschäftigt werden. Am schwächlichsten ist die fizenden sehr ernstlich vorgehalten, auf die belastende Fassung einiger von den Vorgängen erfahre. Der Ehemann wird deshalb ersucht, den Frankfurter Verordnung, die schon Kinder vom vollendeten 8. Lebens- Säße hingewiesen und die Zengin immer wieder ersucht, doch die Saal zu verlassen und Frau Miller wird nochmals vorgerufen und Wahrheit zu sagen. Die Zeugin Miller bleibt dabei, daß sie nichts andres unter Hinweis auf das freie Geleit darauf hingewiesen, daß sie ohne jahre der Ausbeutung preisgiebt. fagen fönne, als wie sie gesagt habe. Sie bitte doch, Fräulein Gefahr vor einer Verhaftung über alles aussagen könne, was sie Pfeffer zu befragen, ob sie nicht das abgerissene Stück des Briefes wiffe. Die Zeugin wünscht zunächst durch sorgsame Erfundigung noch befize, denn daraus würde sich ergeben, daß der Inhalt des zu erfahren, vie weit das freie Geleit gehe Briefes nicht wahr sei. Der Brief sei thatsächlich nicht wahr, er fei und ob fie auch wirklich nichts zu befürchten habe. nur zu dem Zwed geschrieben, um Geld von Sternberg zu Frau Miller erklärt sich zur Aussage bereit. Der Vorsitzende hält be tommen. Sie habe nicht Geld erpressen, sondern nur Sternberg ihr hierauf alle Einzelheiten vor, die nach Frieda Woydas Aussage ans Herz legen wollen, ihr zu helfen. Der Vorsitzende hält in der ersten Verhandlung mit dem Kinde unter Beihilfe der Ander Zeugin wiederholt das unwahrscheinliche ihrer Ausiage vor, fie geklagten Wender in ihrer Wohnung paffiert sein soll. 3eugin: erklärt aber, sie könne nicht anders aussagen. Der Vorsigende ruft Das ist alles gelogen, fein Wort ist davon wahr! Borf.: Sie sodann Frieda oyda vor und fragt sie, ob sie angesichts dieses können doch nur sagen, daß Ihnen davon nichts bekannt ist. Briefes ihre Aussage vielleicht ändern wolle? Frieda oyda: 3eugin: Dann will ich mich so ausdrücken.. Nein, ich habe jetzt die Wahrheit gesagt. Der Vorsitzende Rechtsanwalt Fuchs I überreicht den schriftlichen Anitrag: Da ruft numehr die Zeugin Clara Fischer vor, um sie mit ihrer Untersuchungsaften ganz oder teilweise durch Verlesung von Schwester zu konfrontieren.let Original- Protokollen oder Abschriften einem Mitgliede des Gerichtshofs zur Kenntnis gekommen sind, wird beantragt, dieses Material auch der Verteidigung zugänglich zu machen." Der Gerichtshof behält sich den Beschluß hierüber vor. Kommiffar Thiel belastet Herrn Sello. 1894 1895 1896 1897 18 453 20 514 22 640 24 049 1898 Volkszählungs- Ergebnisse. Die Stadt Hamburg hatte nach der vorläufigen Zusammenstellung am 1. Dezember d. J. 704 669 Einwohner und damit eine Zunahme gegen 1895 um 79 117. Dazu kommen noch 62 716 Einwohner auf das hamburgische Landgebiet, so daß der hamburgische Staat 767 385 Ginwohner zählt. Altona hat 160 885 Gintvohner. Württemberg befigt jegt 12 Ortschaften mit über 10 000 Einwohnern gegen 11 im Jahre 1895; darunter ist Stutt gart mit 176 318, 18 000 mehr wie 1895. Breslau zählte 422 415 gegen 373 163 im Jahre 1895. Görlig 80842, gegen 1895 eine Zunahme um 10 667. Prozeß Sternberg. 38. Berhandlungstag. Sternberg fchwer belasten. -Nochmals die Modellaunoncen.. Sie Es . Der vor. Das freie Geleit. was Beide Schwestern treten sich ziemlich scharf gegenüber. Die Nach Eröffnung der Sigung teilt Landgerichtsdirektor Müller Beugin Clara Fischer bekundet, ihre Schwefter habe ihr gesagt, fie mit, daß von Frl. Platho ein ärztliches Attest eingegangen ist, wo wolle die Wahrheit fagen. Die Zeugin jest bezüglich des Briefs nach sie bettlägerig frant ist. hinzu, daß sie nicht einsehen könne, zu welchem 3wved ihre Schwefter Nach einer kurzen Pause betritt Kommissar Thiel abermals Staatsanwalt Braut: Die Verteidigung habe einen in dem Briefe. Unwahrheiten geschrieben hätte. Vorf.: Frau den Saal. Vori.: Sie haben mir mitgeteilt, daß Sie Ihre anonymen Brief überreicht, nach welchem ein Erpressungs- Miller, wollen Sie nicht doch noch Ihre Aussage ändern? Zeugin gestrige Aussage noch ergänzen wollen. Zeuge Thiel: Der versuch gegen den Angeklagten Sternberg vorliege. Seine Clara Fisher: Ich habe meine Schwester gefragt, ob Sternberg Herr Untersuchungsrichter hat mir vorgehalten, daß ich meine AusVersuche, den Schreiber des Briefs zu ermitteln, feien ohne Erfolg ihr den Auftrag gegeben habe, die Maler- Annoncen zu erlassen und fage bezüglich des Juftigrats Dr. Sello anders vor und nach der i" .Konfrontation mit demselben und gestern gestaltet und sie ein- geschränkt habe. Es handelte sich im wesentlichen darum, ob ich ihm mit Namensnennung gesagt habe, daß ich bei der Collis war und ,m Sternberg-Prozeß thätig sei. Ich will deshalb bekunden, daß ich mit Herrn Luppa zusammen beim Justizrat Dr. Sello war.— LZ o r s.: Wann ist das gewesen und wie ist es gekommen?— Zeuge: Herr Luppa hatte mich veranlaßt, ihn an einem Sonntag 'Anfang März an der Herkulesbrücke zu erwarten, da er mit mir in lder Sternberg-Sache zu Dr. Sello gehen wolle. Wir gingen in die lPrivatwohnuug des Justizrats Dr. Sello. Wasen diesen zunächst ;Micht zu Hause und trafen ihn später in der Wohnung an. Luppa stellte mich vor als„Kriminalkommissar Thiel', sagte, daß ich der iF r e u n d sei, der die Mitteilungen brächte, und der große Un bekannte aus der Callis-Sache. Justizrat Dr. Sello holte lofort das Strafgesetzbuch herbei und zeigte sowohl mir als auch Herrn iLuppa die für Bestechung ausgesetzten Strafen. Air dem Tage wurde nichts weiter verhandelt; Dr. Sello sagte, es würden noch weitere Konferenzen in seinem Bureau notwendig werden. Mir war die Sache außerordentlich peinlich, daß der Justizrat sich gleich auf den RcchtSstandpunkt stellte. Luppa hatte mich mit der Eguipage des Herrn Sternberg erwartet und wir waren zusammen zu Dr. Sello gefahren. Derselbe sagte bei der Unterredung zu mir: Wenn Sie aber Herr v. Tresckow in der Sternbergschen Equipage neben Herrn Luppa sieht, dann wird er wohl Bescheid wissen. Ich ging dann auch zu Fuß zur Pferdebahn. Dr. Sello sagte ferner, um die Sache nicht mtffällig zu machen, ollte ich ihm irgend eine Rechtsangelegenheit übertragen, damit ich unauffällig im Bureau erscheinen könnte, und da war mir der Gedanke gekommen, ihm die ganz aussichtslose Erschaftssache meiner Frau zu übertragen.— Vors.: Ist dann in der Erbschaftssache irgend etwas gemacht worden?— Zeuge: Ich kam noch zwei bis dreimal ins Bureau des Dr. Sello, bei einem dieser Besuche hielt er mir wieder die Paragraphen des Strafgesetzbuchs vor. Er fragte mich auch, ob ich wissen wollte, wer der Kapitän Wilson sei. und da nannte er den Namen Kühn. Er wollte mir auch die Adresse sagen, ich wollte sie aber nicht wissen. Im Bureau des Dr. Sello hat mir Herr Münchhausen auch noch gesagt, wir dürfen uns nicht kennen, er garantiere, daß die Collis mich nicht wieder erkenne. Ich bin nach dem ersten Prozeß noch einmal beim Justizrat Dr. Sello gewesen und dieser sagte mir:„Sie können von Glück sagen, daß die Collis Sie nicht erkannt hat. Herr Sternberg wird Ihnen ewig dankbar sein.— Vors.: Ist Ihnen denn dabei irgend etwas an- geboten worden?— Zeuge: Nein. Herr Dr. Sello hat sich in dieser Beziehung vollständig? passiv verhalten.— Vorsitzender: Wie viel haben Sie im ganzen von Luppa erhalten?— Zeuge: 7—8000 M. Ueber Geldsachen ist im Bureau des Dr. Sello nicht gesprochen worden. Ich habe auch nie von Dr. Sello einen Auftrag in der Sache erhalten, sondern Luppa hat alles gemacht. Rechtsanwalt F u ch s I: Er wiederhole nunmehr den Antrag, daß, nachdem nun zum zweitenmal ein Mann, der sich selbst eines schweren Amtsverbrechens schuldig bekannt habe, Gelegenheit er- halten hat, sich zu äußern, nun auch der andre Teil, Herr Justizrat Dr. Sello, als Zeuge vernommen werde. Das sei eine einfache Forderung der Gerechtigkeit. Der Vorsitzende befragt den Angeklagten Sternberg, ob er den Justizrat Dr. Sello von der Pflicht d er Ämtsverschwiegen- heit entbinde; derselbe will es im Interesse Luppas nicht thun, Justizrat S e l I o erklärt aber, daher sich in diesem Fall nicht an die Amtsverschwiegenheit gebunden er- achtet. Das Gericht beschließt, den Justizrat Sello als Zeuge»» zu vernehmen. Juflizrat Sello entledigt sich seines Amtskleides und tritt vor den Zeugentisch. Er giebt an, daß er Erich heiße. 48 Jahre alt und evangelischer Religion sei. Er äußert sich wie folgt: Ich hatte ohnehin die Absicht, die Erklärung abzugeben, daß die gestrigen Aeußerungen des Kriminalkommissars Thiel, abgesehen von einigen Punkten, deren Unrichtigkeil ich seiner begreiflichen Er- regung zuschreibe, im wesentlichen der Wahrheit entsprechen Zü der heutigen völlig abweichenden Bekundung bemerke ich: El ist nicht richtig, daß von meiner Seite angeregt worden ist oder daß ich eine Kenntnis davon hatte, daß die Erbschaftsangelegenheit, die durch ein Schreiben des Herrn Thiel eingeleitet worden ist, nur zum Schein betrieben werden sollte. Ich erinnere mich jetzt, daß Herr Thiel einmal flüchtig in meiner Wohnung war. Es mag sein, daß er dort mit Luppa zusammengetroffen ist, jedenfalls haben sie sich nicht zusammen melden lassen. Daß ich bei dieser Gelegenheit die Straf- Paragraphen zu Rate gezogen habe, ist nicht richtig und muß ein Irrtum des Herrn Thiel sein. Ich habe damals gar keine sachlichen Er- örterungen mit Herrn Thiel gepflogen, da ich dies in meiner Woh- ttung nicht für angemessen halte. Ich sagte ihm, er solle nach meinem Bureau kommen, wenn er in der Erbschaftssache etwas mitzuteilen habe. Es ist nicht richtig, daß ich etwas von der Equipage des Herrn Stern berg gesprochen habe, ich habe nicht gewußt, ob der Zeuge zu Fuß, zu Wagen, zu Pferde oder per Straßenbahn gekommen ist, der Zeuge muß sich darin entschieden irren. Es ist nicht richtig, daß ich bei irgend einer Gelegenheit irgendwie auf die Dankbarkeit des Angeklagten Sternberg direkt oder indirekt hingewiesen habe. Ich kann nur annehmen, daß sich der Zeuge irrt oder daß ich von ihm mit andren Personen ver- wechselt werde. Es ist nicht richtig— das Gegenteil würde ja auch eine kolossale Frivolität oder Dummheit von mir sein—, daß ich dem Zeugen den Namen des Kapitän Wilson genannt oder dessen Adresse angeboten habe. Ich erkläre jetzt noch, daß ich den Kapitän Wilson nicht kenne, seine Person und seine Adresse nicht weiß. Es ist mir dunkel so, daß jemand einmal eine Vermutung über die Person des Kapitän Wilson ausgesprochen hat, aber der Name Kühne ist nicht zu meinen Ohren gekommen. Wenn ich mich recht entsinne, war ein„ö" in dem Namen. WaS Luppa betrifft, so habe ich häufige Zusammenkünfte mit ihm gehabt, er hat fich immer höchst korrekt benommen. Seit dem 5. Jnni habe ich von Herrn Thiel weder etwas gesehen noch gehört, ich habe sogar auch an den Detektivdirektor Schulze geschrieben, er möge alle Mitteilungen, die ihm zugingen, an einen der Mitverteidiger fdjtcfcit. Präs.: Herr Thiel, was haben Sie hierauf zu erllären? Es muß Ihnen doch bewußt sein, welch' eine schwere Tragweite Ihre Bekundung haben kann?— Zeuge Thiel: Schon der Unter- suchungsrichter hat mich darauf hingewiesen, daß ich wahrscheinlich zn einem gegen Justizrat Sello anhängig zu machenden DiSciplinarverfahren vereidet werden würde. Ich habe mich ernstlich geprüft und kann kein Wort von meiner heutigen Aussage zurücknehmen. Justizrat Sello: Dann muß ich aber doch darauf hinweisen. daß der Zeuge nach seiner gestrigen Vernehmung auch gesagt hat: So ist es l Zeuge Thiel: Ich muß noch hinzufügen, daß Justizrat Sello mir bei dem ersten Besuche nicht nur den betreffenden Paragraphen aus dem Strafgesetz- Buch, sondern auch einen bezüglichen Paragraphen aus Olshausens Kommentar vorgehalten hat.— Justizrat Sello: Ich war damals der Meinung, daß es sich nur um ein Disciplinarvergehen und nicht um eine strafbare That handle, welche nach dem Strafgesetzbuch geahndet wird. Ich nahm dies deshalb an, weil Thiel mir sagte, er habe nur nebenbei Dienste eines Privatdetektivs aeleistet. Hierzu verwies ich ihn auf den 8 322 im Olshausen. Ich bleibe aber ntit aller Bestimmtheit dabei, daß dies nicht in meiner Wohnung, sondern in meinem Bureau geschehen ist.— Zeuge Thiel bleibt bei seiner letzten Aussage.— Auf Befragen des Präsidenten giebt der Zeuge Thiel zu, daß möglicher- weise die Erbschaftssache auch von Luppa und nicht vom Justizrat Sello angeregt worden sei, aber die Einzelheiten habe er mit dem Justizrat Sello besprochen.— Rechtsanwalt Fuchs I fragt den Zeugen Thiel, warum er bei seiner gestrigen Vernehmung nicht alle diese Angaben gemacht habe.— Der Zeuge erwidert, daß er den Justizrat Sello so lang« wie möglich habe schonen wollen. Präs.: Haben Sie sich ernstlich geprüft bei der großen Tragweite Ihrer Aussage? Ich bitte und ermahne Sie. wollen Sie alles aufrecht halten und für alles einstehen?— Zeuge Thiel: Ich habe mich ernstlich geprüft— ich bleibe dabei.— Justizrat Dr. Sello: Herr Thiel ist aus die außerordentliche Wichtigkeit seiner Aussage hingewiesen worden. Ich meinerseits kann vor meinem Gewissen und in der Hoffnung, es beeiden zu können, sagen: So wie ich es gesagt habe, ist es gewesen. Rechtsanwalt Fuchs beantragt die soforttge Vereidigung deS Justizrat Dr. Sello. Der Vorsitzende erklärt, daß er die Beweis- aufnähme erst fördern und die Vereidigung noch verschieben wolle, es seien ja noch mehrere andre Zeugen auch noch zu ver- eidigen. Justizrat Dr. S e l l o: Ich werde mich also nach Hause be« geben, werde meine Wohnung nicht verlassen und bin auf telephonischen Anruf jederzeit zu haben. In diesem ernsten Moment möchte ich noch hervorheben: Ich gehe nicht so weit, dem Zeugen Thiel vorzuwerfen, daß er auS Bosheit einem Manne, der sich seiner Interessen angenommen hat. etwas Falsche? nachzusagen. glaube aber, daß er in der begreiflichen Erregung, in der er sich befindet, verschiedene Personen in seinen Gedanken zusammenschiebt. Für mich ist die volle subjektive Bürgschaft dafür die Thatsache. daß er behauptet, ich hätte ihm den Kapitän Wilson nennen wollen. Das ist absolut unmöglich, ich habe den Namen nicht gewußt, weiß auch jetzt nicht, wie er mit seinem bürger lichen Namen'heißt und wo er wohnt. Für mich ist er eben solches Rätsel wie für jeden andern. Rechtsanwalt Fuchs beantragt nochmals die Vereidigung deS Justizrats Dr. Sello.— Staatsanwalt Braut beantragt, die Vereidigung auszusetzen, gerade mit Rücksicht darauf, daß Zeuge Thiel in der Erregung sich befindet und verschiedentlich Erklärungen abgegeben hat. die von einander abweichen.— Der Gerichtshof be- schließt aus denselben Gründen die Vereidigung vorläufig aus- zusetzen. Der Gerichtshof wünsche die Sache möglichst völlig auf- zuklären. Ein Grund zum Niederlegen der Verteidigung sei nicht erkennbar. Der Angeklagte Sternberg bittet den Justizrat Dr. Sello, seinen Platz nicht zu verlassen.' derselbe entfernt sich aber aus dem Saal. Nach diesem Zwischenfall werden noch einige Zeugen geringerer Bedeutung darüber vernommen, daß die E h l e r t vielfach die Un- Wahrheit gesagt habe. Ein junger Mann Namens Müller bekundet, daß er vor mehr als zwei Jahren mit der Ehlert, die er für eine Straßendirue ge- halten, unzüchtig verkehrt habe. Der Vater der Ehlert sei dabei auf der Bildfläche erschienen und habe ihm unter Drohungen nnt einer Strafanzeige darauf hingewiesen, daß seine Tochter noch nicht vier- zehn Jahre alt sei. Der Zeuge hat sich dadurch so einschüchtern lassen, daß er dem Vater Ehlert im Ganzen 675 M. gezahlt hat. sHier ist einzuschalten, daß gestern der Zeuge Ehlert auf Grund dieser Affaire wegen Erpressung in Untersuchungshaft genommen worden ist.) Hierauf wird die weitere Verhandlung auf Donnerstag g>/s Uhr vertagt._ Vevsammlungen. Die Schneider und Schneiderinnen, insbesondere die Heim- arbeiter»md Zwischenmeister, protestierten am Dienstag in einer gutbesuchten öffentlichen Versammlung gegen:„Die b e- absichtigte Vergewaltigung durch die hiesige Z w a n g s i n n u n g Nach dem Referat Ritters gab es in Berlin 1897 etwa 500 Jünungsmcister. Seit Gründung der Zwangs- innung sucht man nun, trotzdem es im Statut nicht vorgesehen ist, die Heimarbeiter und Zwischenmeister zu den Kosten der Innung heran- zuziehen, und dadurch ist die Mitgliederzahl auf 7140 gestiegen, worunter höchstens ISOO wirklich selbständige Meister sein können; Die Summe, die auf diese Weise der Zwangsinnnng zufließt, be- läuft sich auf 8—10 000 M. jährlich. Die Beiträge sind, wo sie nicht gutwillig gezahlt wurden, durch den Gerichtsvollzieher eingefordert worden. Der Redner weist auf die Inkonsequenz hin, die darin liegt, daß nicht allein die Unternehmer und die Großkonfektionäre, sondern auch die Gesellen, die für sie arbeiten, als JnnungSmeister gelten sollen. Nun fordert das Polizeipräsidium die Hausgewerbe- treibenden des Schneidergewerbs auf. sich in der Zeit vom 10.— 20. Dezember dazu zu äußern, ob sie Mitglieder der Zwangsinnung sein wollen oder nicht. Indem der Referent des weiteren ausführt, in welcher Weise die Innungen durch die Gesetzgebung großgezogen worden sind, weist er darauf hin, wie nutzlos diese Bestrebungen besonders für die Heiniarbeiter sind. Trotz Aufforderung des Vorsitzenden meldete sich kein Vertreter der Innung zum Wort. T ä t e r o lv spricht im Sinne des Referenten und kritisiert besonders das Verhalten der Innung bei der Lohn- bewegung. Von Frau Reimann wird im Interesse der Orts- Kran'kcnkaffe zum Protest gegen das Bestreben der Zwangsinnung aufgefordert. Ein diesbezügliches Cirkular wird jedem zur Verfügung gestellt. Vergebens wird der Redacteur der „Dcutfchen Mode", von dem man annimmt, daß er anwesend sei, aufgefordert» sich wegen seiner Haltung in der Angelegenheit zu rechtfertigen.— Nach längerer Diskussion, in der sich unter anderm auch der' Vertreter des Gescllcnausschusses gegen das Verhalten der Innung äußert, gelangt folgende Resolution einstimmig zur An- nähme':„Die, insbesondere von Heimarbeiten» und Zwischen- meisten» besuchte öffentliche Schneider- Versammlung erhebt gegen daS Bestreben der hiesigen Zwangsinnung, HauS- gewerbetreibende zur Mitgliedschaft heranzuziehen, Protest. Die Versammelten erklären, daß sie. obwohl nicht auf einer Betriebs- werlstätte, sondern als Heimarbeiter beschäftigt, trotzdem nur als Arbeiter im Sinne der Gewerbeordnung betrachtet werden können, da sie ebenso wie die Werkstattarbeiter in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse ihren Arbeitgebern gegenüber stehen und in logischer Konsequenz mit den Bestrebungen der Innung nichts gemein haben".— DaS Bureau der Versammlung wird beaufträgt, vorstehende Resolution dem königl. Polizeipräsidium z»ir gcfl. Kenntnisnahme zu überweisen. Zun» Schluß fordert der Vor« sitzende nochmals dazu auf, daß jeder Einzelne mündlich oder schriftlich(durch daS vom Bureau ausgegebene Zirkular) bis spätestens den 20. d. M. im Gewerbc-Kommiffariat, Krausenstr. 29, gegen das Bestreben der Innung protestiert. Die Steinarbeiter hielten am Sonntag eine öffentliche Ver- sammlung im Englischen Garten ab. Gen. M i s ch k e referierte über„Sociale Gesetzgebung" unter Bezugnahme auf die Kämpfe der Arbeiterorganisationen. Die Anwesenden folgten den AuS- fllhrungen deS Referenten mit regem Jntereffe und be- kündeten durch lebhaften Beifall ihre Zustimmung. Eine ent- fpreckiende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme. Die Mitglieder de« GeselleuausschusieS erstatteten noch einen kurzen Bericht über die gemeinschaftlichen Verhandlungen mit dem Innung«« vorstand betreffend die Mißstände auf einigen Arbeitsplätzen. Mitschke besprach noch zum Schluß die Submissionsarbeiten, welche leider auf Kosten der Arbeiterschaft so billig; wie nur möglich ausgeführt werden. Charlotte,»bürg. In der am 7. d. M. abgehaltenen Sitzung der Charlottenburger Gewerkschaftskommission wurde der in der letzten Sitzung unerledigt gebliebene Punkt deS neu ausgearbeiteten Regulativs angenommen. Eine Generalabstimmung über daS gesamte Regulativ ergab einstimmige Annahme. K o p p i tz. S P ö r e r und Menge wurden als Kandidaten zu den demnächst stattfindenden Wahlen zum Schiedsgericht für Arbeiterversicherung nominiert. Unter Gewerkschaftlichem verwies der Vertreter der Barbiere Schubert auf den Neunuhr-GeschäftSschluß und ersucht um Unterstützung seitens der Gewerkschaften. Die Vertreterin der Plätterinnen macht auf die hierorts bestehende Beschwerdesteve für Arbeiterinnen aufmerksam. Dieselbe befindet sich bei Frau Wilt, OSnabrückerstr. 27. ES fehlten Textilarbeiter und Zimmerer. WaidmannSlust. Am Sonntag den 2. d. M. hielt der hiesige Wahlverein seine Mitgliederversammluni) ab. K o tz k e hielt einen l'Mtündigen Vortrag über den internationalen Socialistenkongreß in Paris. Der interessante Vortrag fand reichen Beifall. China. Die Antwort des Kaisers von China an Li-Hung-Tschang und die andren Gouverneure. die den Kaiser in einer Eingabe um Rückkehr deS Hofs nach Peking gebeten hatten, lautet' nach dem„Ostas. Lloyd": „Wir haben gefunden, daß eine Ausrottung derBoxer- bewegung ebenso schwierig wie eine Pacifizierung der Insurgenten ist. Wir sind unter dem Donner der Kanonen aus unsrer Hauptstadt geflohen und hatte» schwere Mühsalen auf der Reise zu überstehen, von denen Ihr General« gouverneure und Gouverneure nicht die geringste Vor- stellung habt. Wenn wir nicht die richtigen Ratgeber erwählten. so war das unsre Schuld, wie wir das früher öffentlich erklärt haben. Unsre schlechten Ratgeber werden nichtsdestoweniger schwere Strafen erleiden. Ursprünglich ersehnten auch wir immer raschen Frieden. Durch eine baldige Rückkehr nach Peking würden die Gemüter sich beruhigen und die Regierung sich ebenfalls festigen. Wir haben nicht das geringste Verlangen, noch weiter nach Westen zu gehen und Peking auszugeben. Indessen haben unsre Bevollmächtigten in Peking noch keine Friedensverhandlungen anknüpfen können; die fremden Soldaten halten Peking in be- stimmten Bezirken besetzt; Beamte und Volk können dort nicht nach Belieben verkehren. Wie sollten wir uns dazu verstehen können, von heute auf morgen plötzlich nach Peking zurückzukehren? Wem» es daS Ausland wirklich mit China gut meint, so wird es uns nicht die Herrschaft rauben wollen und uns nichts Unmögliches zumuten. Sobald die Ver« Handlungen eröffnet sind, werden wir einen Tag für die Rückkehr festsetzen. Vorläufig werden wir in Hfian-sü unsre Residenz nehmen." Der Hof kommt also nicht nach Peking. Wenn die Friedenöverhandlnnge»» ernsthaft begonnen werden, läßt sich noch gar nicht absehen. Nach einer Depesche auS Shanghai haben die Gesandten in Peking die Vollmachten Li- Hnng- Tschangs und des Prinzen Tsching ge- prüft und die des crstercn' für ungenügend erklärt, da sie nicht mit dem Specialsiegcl des Kaisers versehen ist. Es wurden dieselben Vollmachten' verlangt, wie sie die Vertreter Chinas seiner Zeit bei den Friedensverhandlungen mit Japan besaßen. Das bedeutet natürlich wieder eine Verschleppung der Ver- Handlungen. Die Mächte richten sich dafür in Pctschili um so be- haglicher ein. Nach einer Meldung der„Morning Post" besteht daS in Peking eingesetzte internationale Komitee unter dem Vorsitz des Generals Freiherrn von Gayl aus Major von Brixen(Deutschland), Kapitän Dodds lAnierika), Kapitän Fcrigo(Italien), Oberst Schiba(Japan) und Kapitän Selwyn(England).' Die Franzosen verweigerten be- kanntlich ihre Beteiligung, die Russen wurden ausgefchlossen, da sie keine Polizei mehr in Peking ausüben. Eine FenerSbrunst in Peking. Innerhalb der„verbotenen" kaiserlichen Stadt, etwa 1000 Schritt von dem Quartier des Grafen Waldersee, entstand abends eine Feuersbrunst. Die Wohnung des Rittmeisters Rusche, Eskadrons- Chefs im deutschen Reiter-Regiment, sowie die Quartiere der Schwadronsoffiziere und das ais Kasino benutzte Gebäude wurden ein Raub der Flammen. Tentsche Verluste. Die offiziellen Protokolle über die dritte und vierte Sitzung der Budgetkommission des Reichstags sind ausgegeben worden. In der ersten Anlage zum Protokoll der dritten Sitzung ist eine Rekapitulation der Toten und Vermißten des deutschen Expeditions- corps in China enthalten. Bei der Ueberfahrt des ErpeditionS« corps von» 27. Juli bis 2ö. September 1900 starben 4 Mann, ver- mißt wurde 1 Mann, bei der Ueberfahrt der Verstärkung von, 31. August bis 31� Oktober 1900 starben 2 Mann(beide durch Unfall). In Ostasien sind bis zum 1. November 1900 verstorben 3(darunter 1 Offizier), nach einem Telegramm des Corpskommandos vom 4. November starb bis zu diesem Termin noch ein Offizier, ein weiteres Telegramm des Corpskommandos kündet am selben Tage den Verlust von 27 Toten, 1 Vermißten. Bis zum 11. November werden vom Corpskommando 10 Mann tot, 1 vermißt, bis zum 21. No- vember weitere 15 Mann tot gemeldet. Am 29. November tele- graphiert Graf Waldersee den' Tod eines Offiziers. Insgesamt starben in der Zeit vom 27. Juli bis 29. November 3 Offiziere, 60 Mann, als vermißt galten 3 Mann. Uetzko Nachvichkett und Depeschen. Kiel, 12. Dezember.(W. T. V.) Die mit dem Dampfer „Köln" ans China zurückgekehrten Offiziere und Mannschaften trafen um ö'/e Uhr hier ein. Admiral Köster hielt eine Ansprache, in welcher er der Tapferkeit der Heimgekehrten Anerkennung zollte und ein Hurra auf den Kaiser ausbrachte. Nachdem Ober« bürgernieister Fuß die Heimkehrenden im Namen der Stadt he« grüfit hatte, ließ sich die Prinzessin Heinrich mehrere Verwundete vorstellen und erkundigte sich nach ihrem Befinden und ihren Ver« Hältnissen. Sodann marschierte der Zug durch die reich beflaggten und glänzend illuminierten Straßen nach der Kaserne, von der Menge begleitet. Die Verwundeten und Kranken folgten in mit Blumen ge>chmückten Wagen, denen sich die Krieger- und Militärvereine an« schloffen, die zum Empfange erschienen waren. Wilhelmshaven, 12. Dezember.(W.T.B.) Bei dem heutigen Festkoinmers, welchen die Stadt Wilhelmshaven zu Ehren der Chiuakämpfcr veranstaltete, ivurden 660 Mann bewirtet. Das ganze Offiziercorps sowie die städtischen Behörden waren erschienen. Admiral Thomsen verlas eine Depesche des Mariuekabinetts, n» welcher mitgeteilt wird, daß auf Befehl des Kaisers die Flaggen am Sonntag von sämtlichen gesunden Mannschaften nach Berlin ge» bracht werden sollen, wo auf dem Lehrter Bahnhos feierlicher Empfang stattfindet. AuS dem englischen Unterhau». London, 12. Dezeniber.