Ur. 293. Kbmmrmtnts- Kedinzungeu: VlbonnemenlS-PritZ pränumerando: Sierteljährl. 3�0 SKt, monatl- 1,10 SUt., wöchentlich 28 Pfg. frei in! HauS. Simelne Numm-r ö Pfg. Sonntags- Nummer mir illuNilerier Sonntags- Betlage„Tie Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Singetragen in der Post- Zettung», Preisliste für IS 00 unter»r.?»?!. Unter«reuzban» für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige«uSland s Marl pro Monat. Srschewt tigliq aufjer»onlag«. Devlinev Volksbl�kt. 17. Jahrg. fit Instriions-MtSllyt betragt für die fechSgefpaltene ilolontt» zeile oder deren Raum so Pfg., für polittsch« und gewerlfchaftliche BereinS- und Versammlung»- Anzeigen 20 Psg. „Klrine Anzeigen" jede! Wort S Psg. (nur da» erste Wort fett). Inserate sür die nächste Nummer müsse» btt t Uhr nachmittags in derExpedttton abgegeben werde». Die Expedition ist an Wochen- tagen bt» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bt» 3 Uhr vormittags geöffnet. Zernsprechrr,«mt>, Nr. 1508- Telegramm-Adresse: »Sorialdrmoftral»erlitt" Centrawrgan der socialdemokratisthen Partei Deutschlands. Kedakkivn: L�. 19, Deukh-Skratze 2. Fernfprechtr: Amt I, Nr. 1508. Sonntag, den 16. Dezember 1900. Expedition: SW. 19, Veutlk- Strafe 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5181. Der Korruptionsprozetz. Alle Tartüffs haben seit Wochen die günstige Gelegenheit wacker benutzt, ihre moralische Entrüstung über die durch den Schlamm- Vulkan des Sternberg-Prozesses aufgeworfene sociale Fäulnis auszu> toben. Fast schien eS, als wolle man es für eine funkelneue Eni deckung ausgeben. daß Berlin sich m Ausschweifungen selbst des perversesten Charakters getrost mit London, Paris und New gork messen kann, daß das Gold ein Talisman ist der selbst einem anrüchigen Individuum die Achtung der sogenannten besten Gesellschaft sichert, daß der be rückende Glanz deS gelben Kupplers zum Meineid und allen Schurkereien verleitet und gleich einem Irrwisch selbst Beamte, preußische Polizeibeamte, vom Pfade der Tugend in den Morast des Amtsverbrechens lockt. Alles das hat der Prozeß Sternberg von neuem bewiesen; aber bedurfte eS denn wirklich erst dieses neuen Beweises? Die abgeschlossene Welt der blanken Knöpfe, der blauen Uni- formen und der Kriminalakten erfüllt den Civilisten leicht mit scheuer Ehrfurcht. Alles menschliche Gefühl, alle menschliche Schwäche scheint ihnen hier erstorben vor dem allbeherrschenden kate gorischen Imperativ eisernster, unbeugsamster Pflichterfüllung. Wer freilich weiß, daß Kleider, seien es auch Uniform oder Talar, da? Wesen des Menschen absolut unberührt lassen, der konnte sich ebensowenig über die Enthüllungen deS Tausch-Prozesses wundern, wie ersetzt über die deS Sternberg- Prozesses staunen kann. Wenn im Ausland die Korruption bis in die höchsten Gesellschaftskreise und Beamtenkategorien hineinreicht, wie beim französischen Panama, dem Drehfushandel, dem italienischen Panamino, dem Prozeß Casale, oder dem Transvaalkrieg, dessen Ausbruch man mit den Finanzoperationen Chamberlains in engsten Zusammenhang bringt, so findet man darin gar nichts Unglaubliches; nur ivemi im eignen Lande einmal etwas Achn- liches ans Tageslicht gezogen wird, so kann und will man das nicht begreifen. So wenig wir aber auch Ursache haben, gleich den Tartuffs parisäisch die Augen zu verdrehen, so wenig kann es unsre Aufgabe sein, die interessanten Ergebnisse des Monsterprozesses zu ignorieren. Gerade weil wir in der Affaire nichts Unerhörtes und Singuläres sondern etwas Symptomatisches sehen, gilt es die wichtigsten Momente festzuhalten. Der Angeklagte Sternberg, auS dem die für die bekannte Ordnung und Sitte kämpfenden Blätter jetzt ein infernalisches Scheusal gemacht haben, ist zwar keineswegs ein Gentleman, aber bei Licht besehen doch auch mir ein Typ, kein Charakterkopf. Wüstlinge wie er, die, aus Uebersättigung normaler Erregungen nicht mehr fähig, mit Kindern ihren perversen Gelüsten stöhnen, muß es in Berlin eine ganze Menge geben, denn dem großen An gebot der jugendlichen Berwahrlosten muß doch die Nachfrage ent sprechen. Wie groß das Angebot ist, beweist die Aussage der Margarete Miller-Fischer, daß auf ihre Modell-Annoncen hin sich 30— SV Mädchen angeboten hätten. Und Sternberg hat denn auch der Verdacht, ein so eigenartiger Kinderfreund zu sein, in seinen gesellschaftlichen Beziehungen wenig geschadet. Nicht einmal der Polizeidirektor v. Meerscheidt-Hüllessem fühlte sich durch diese unangenehmen Geschichten veranlaßt, den Verkehr mit dem Millionär zu meiden. Herr Sternberg war ja immens reich, hatte stets»eine offene Hand für seine Freunde" und besaß eine„charmante Frau", die Tochter eines Obersten. Diese verwandtschaftlichen Be« Ziehungen des Börseaners und Lebemanns zu einem hohen Militär warfen über seine jüdische Abstammung, den sstupellosen Charakter seiner Finanzoperationen und seine sexuellen Eigentümlichkeiten einen diskreten Schleier. Warum sollte der Polizeidirektor nicht bei dem Manne verkehren, nicht Hypotheken und gelegentliche kleine Geschenke von ihm nehmen, da er doch im Hause desselben Personen der.ersten Kreise" begegnete. Freilich, wenn derartige Dinge einmal an das Licht der Ocffent- lichkeit gezerrt werden, so erweist sich die vorgesetzte Behörde selbst gegen Verstöße wider den Takt ungemein empfindlich. Daß Herr v. Hüllesiem seine finanziellen Beziehungen zu dem inzwischen An- geklagten erst sehr spät löste, daß er nicht, um selbst den Schein der Voreingenommenheit zu vermeiden, als Beamter seine Finger völlig von der Sternberg-Sache ließ, daß er einem Uutcrbeamten, der das Hauptbelastungsmaterial gegen seinen, des Polizeidirettors ehe- maligen Freund zusammengetragen hatte, das weitere Recherchieren verbot, alles das mußte seine vorgesetzte Behörde veranlassen, ihn von seinem Amte zu suspendieren. Daß der Polizeidirektor darauf- hin von einem Nervenchoc befallen wurde, ist nur zu erklärlich, besser wäre es steilich für ihn gewesen, wenn seine Nerven schon früher reagiert hätten. Das am schwersten betroffene Opfer des Prozesses ist jedoch der KriminalkommissariuS Thiel. Die aus flotten Lieutenantsjahren in die Bcamtenkarriere mithinllbergenommenen Schulden schleppen dem Beamten gleich einem eisernen Gewicht nach. So eifrig er ist— sein Diensteifer trägt ihm in kurzer Zeit KXXZ M. an Extragratifikationen ein— die Schulden nehmen nicht ab und drücken imnriMmehr. Da kommt ihm der Gedanke, daß er doch eigentlich ein Narr sei, wenn er nicht von dem von der Sternberg- Clique ausgestreuten Goldregen etwas in seiner Mütze ausfange: er. der Kommissar, der ehemalige Offizier und Beamte in Offiziers- rang, geht zu dem Organisator der Sternbergschen Bestechungs- Compagnie und bietet seine Dienste an. Und zugleich versucht er, einen ihm untergebenen Beamten zu dem gleichen Amtsverbrechen zu verleiten. Als dieser Beamte, der aus persönlichen Gründen einen tiefen Groll gegen Sternberg hegt, der Versuchung widersteht und vor Gericht das Verbrechen Thiels aufdeckt, da fügt er mit gelassener Konsequenz dem AmtSvcrbrcchen noch das der falschen Zeugenaussage hinzu. Erst nach seiner Wer Haftung, als daS Belastungsmaterial gegen ihn bergehoch anschwillt, bricht er zusammen und sucht durch ein. reumütiges Geständnis und den larmoyanten Appell an das Mitgefühl seine Lage zu ver- bessern. Sicher ist einem Sternberg und Luppa gegenüber der Kommissarius Thiel noch eine sympathische Figur, allein das über schwängliche Mitleid der bürgerlichen Presse mit diesem Opfer des Sternbergschen Golds ist doch nicht so ganz am Platz. Wer weiß, ob Thiel, wenn er nicht einen schlechten Ausgang hätte befürchten müssen, nicht den verleumdeten Ehrenmann gespielt und Stierstädter geopfert hätte. Der nach London entflohene Bergwerksdirektor Luppa, auch ein Mann von hoher gesellschaftlicher Position, steht ebenbürtig neben seinem Busenfreund Sternberg. Aus purer, edelster Freund- schaft für die verfolgte Unschuld Sternberg organisiert er eine ganze Bestechnngscmpagne, die unzählige arme Teufel inS Unglück stürzt. Seine Kreatur Thiel, die, als sie sieht, daß die Sache schief geht. fliehen will, läßt er erbarmungslos zappeln, um die eigne werte Person zur rechten Zeit noch schleunigst in Sicherheit zu bringen. Ein Gentleman, der an Noblesse der Gesinnung seinen Freund Steruberg, der seine Opfer mit Bettelgroschen abspeist, womöglich noch übertrifft. Als Musterbeamter wird von allen Vorgesetzten der Kriminal- schutzmann Stier st ädter beschrieben. Der Staatsanwalt Romen bezeichnet ihn als den pflichttreuesten Beamten, den er je kennen gelernt. Aber selbst dieser so gerühmte Musterbeamte vermochte zwar den Lockungen des Sternbergschen GoldeS, nicht aber den feilen Reizen der Prostituierten zu widerstehen, mit denen er amtlich zu thun hatte. Ueber die Handlungsweise einiger der Verteidiger ein ab- schließendes Urteil zu fällen, ist jetzt noch zu früh. Erwähnt sei je- doch, daß Thiel sich zu der eidlichen Aussage bereit erklärt hat, daß Luppa ihn dem Justizrat Dr. S e l l o unter voller Titulatur als„unfern Freund" vorgestellt habe und daß sich Sello über seine Rolle in der Affaire keinem Zweifel habe hingeben können. Sello hat die Bekundungen Thiels selbst für so belastend für sich gehalten, daß er die Verteidigung niedergelegt hat. Inzwischen hat Dr. Sello allerdings nochnials mit dem ganzen, ihm auch als Verteidiger stets eignen sittlichen Pathos erklärt, daß nicht der geringste Makel an seiner Ehre hafte. Das„Kleine Journal" hat denn auch den Herrn Verteidiger seiner wärmsten Sympathie und seines unerschütterlichen Vertrauens versichert und betont, daß man einein Mann, der 1870 als Offizier mitgekämpft und das Eiserne Kreuz erworben habe, die ihm vorgeivorfenen ehrenrührigen Dinge unmöglich zutrauen könne. Das ist freilich wieder die gekünstelte kindliche Naivetät, die Epauletten, Orden und dergleichen feierlichen und glänzenden Dingen die Wunderwirkungen besonders kräftiger Amulette zutraut. Auch Thiel trug ja die Epauletten. Und um diese Hauptpersonen des Prozesses gruppierte sich eine unabsehbare Schar von Episodendarstellern und Statisten, von denen jeder einzelne für den Sittenschilderer interessant wäre. Da war der ungemein gerissene Leiter des euphemistisch so genannten Detektivinstituts„Jus", der sich, wie ein Schutzmann bezeugt, schon Leute aus dem Zuchthause geholt zu haben rühmt und der nament- lich in Ehcscheidnngs-Sachen, die seine Specialität bilden, die auS- gezeichnetsten Dienste zu leisten verstand. Da waren Kupplerinnen, die unter der Deckadresse der ärztlich geprüften Massense ihrem auberen Handwerk oblagen, und Dirnen, die sich schon als Zwölf- jährige der Prostitution ergeben hatten und sich als Fünfzehnjährige bereits den Luxus eines Zuhälters gestatten konnten. Und eS sind doch zweifellos zum größten Teil staatSerhaltende Elemente, die dieser Halbwelt von Dirnen, Kupplerinnen und sonstigen Para- siten die Existenzmöglichkeit gewähren. Sagte doch ein Zeuge auS, daß die Margarete Fischer gar nicht so viele Kunden besessen habe, daß sie allerdings einmal sogar ein Offizier in voller Uniform be- ücht habe. Herr Stöcker und andre ahnungslose Gemüter werden natürlich wieder den wachsenden Unglauben und den Mammonismus für den Schlamm des modernen Sündenbabels verantwortlich machen. Geiviß, der Kapitalismus, der alles in Waren verwandelt, stellt auch zahlungs- 'ähigeu Wüstlingen ein reich assortiertes Lager von Lustobjekten zur Ver- 'ügung. Und die Uebersättigung erzeugt Perversität. Im übrigen aber steht es im allgeineinen uni die Sittlichkeit der Großstädte auch nicht sonderlich schlechter als vor etlichen Menschcnaltern— man lese beispielsweise Berliner Sittenschilderungen auS der Zeit Friedrichs II. — und namentlich auch nicht schlechter als auf dem Lande. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, wie jedes Dorf und jedes Landstädtchen seine cdronigus scandaleuse hat, die freilich meist nur den Gegenstand vertraulicher Spietzergespräche und nicht den von Gerichtsverhand- lungen bildet. Und wenn auch jene Pastorsgattin, die vor wenigen Tagen in Magdeburg ebenfalls in einer Unzucht- und Meineidsaffaire verurteilt wurde, für ihre Kreise nicht so typisch ist, wie Sternberg für die Kreise der Berliner Lebewclt, so beweist doch der Umstand, daß sie mit der erwachsenen männlichen Bevölkerung ihres ganzen Dorfes in Polyandrie lebte, wie es mit der sexuellen Sittlichkeit auf dem Lande aussieht. So viele Enthüllungen auch der Prozeß Sternberg brachte, er lüftete doch nur ein Zipfelchen von einer Unterwelt von Korruption und Verlogenheit. Es handelt sich dabei aber nicht um„Auswüchse" des kapitalistischen Systems, sondern um eine konstitutionelle Er- krankung, die im System selbst liegt und nur mit diesem beseitigt werden kann. Nicht der Mammonismus, sondern der Kapitalismus, der Vater des Mammonismus. ist der Urerzeuger der Korruption.— Nolikische Mebevychk. Berlin, den 15. Dezember. Freisinn. DaS reaktionäre Wesen des Berliner Freisinns wurde aus An- laß des socialdemokratischen Antrags betreffend daS kommunale Wahlrecht im Stadtverordneten-Kolleginm gründlichst enthüllt. Jetzt unternimmt es die„Freisinnige Zeitung" Eugen Richters, die Blamage ihrer Parteifreunde durch einen Verteidigungs- versuch zu vermehren. Zunächst will sie den socialdemokratischen Antrag als„nur ein taktisches Manöver" herabsetzen; vielleicht schwört alsbald die„Frei- sinnige Zeitung" beispielsweise ihre Bekämpfung aller indirekten Steuern und Zölle ab, sintemalen eine Aussicht schneller Verwirk- lichung dieser Forderung nicht vorhanden ist, mithin«nur ein tak- tisches Manöver" vorliegt. Weiter erläutert die„Freisinnige Zeitung" die Stellung ihrer Partei zum Gemeinde-Wahlrecht in also höchst erbaulicher Be- trachtung: «Die Gemeinde hat vorwiegend wirtschaftliche Zwecke für die Allgemeinheit zu verfolgen. Wer nicht mitthatet, soll auch nicht mitraten, wer kein erlei Steuern zahlt, kann auch nicht beanspruchen, ein Wahlrecht auszuüben. Mit Recht hat man für das Reich daS all- gemeine Wahlrecht bezeichnet als das Korrelat zur allgemeinen Wehrpflicht. Auch beruht die Steuerverfassung de? Reichs wesentlich auf der Belastung der allgemeinen undnotwendigenLebenSmittel." Wir sind der„Frreis. Ztg." für dies Bekenntnis, das sie kaum je so offen abgelegt hat, äußerst donkbar. Das Wahlrecht ist also dem Freisinn nicht eine grundsätzliche Forderung der Gerechtigkeit. sondern beruht letzten Grundes auf der Steuerzahlung.- denn in der Steuerzahlung und offenbar allein in ihr zeigt sich die Mitwirkung des Staatsbürgers am Gemeinwohl. Aus diesem Grundsatz des Freisinns ergeben sich in notwendiger Folgerung Schlüsse, die zwar die„Freis. Ztg." heut noch nicht zieht, zu denen sie sich aber ebenso durchringen wird, wie sie nun bereits zur Entrelbtung der Aermften in der Kommune gelangt ist. Wenn der Anspruch auf Wahlrecht an Steuerleistung gebunden werden soll, so ist die Forderung unausweislich, daß höhere Steu erlei st ung zu höherem Wahlrecht berechtigt; die .Freisinnige Zeitung" muß den Schluß ziehen: Je mehr einer mit- thatct, um so mehr soll er mitraten. Die„Freisinnige Zeitung" hat sich auf alle Elendigkeiten des elendesten aller Wahlsysteme festgelegt. Es gicbt kein noch so schändliches Wahlunrecht, das nicht nach freisinnigem Grundsatz Wahlrecht wäre. Noch mehr, die„Freisinnige Zeitung" offenbart sich mit ihren obigen Betrachtungen als Feindin auch des Reichtags wähl» rechts. Sie rechtfertigt das allgemeine NeichstagSwahlrecht durch den 'Hinweis auf die andersgearteten Steuerverhältnisse im Reiche, auf die Thatsache. daß alle Neichsangehörigen für das Reich infolge der Belastung der notwendigen Lebensmittel Steuern entrichten. Der Freisinn erklärt aber, Gegner dieser indirekten Reichssteuern und Reichszölle zu sein. Gesetzt also, diese Steuern und Zölle wären nach Freisinnswunsch beseitigt, so entfällt der eigentliche Hauptgrund des allgemeinen Reichswahlrechts, so muß eine Revision auch dieses Wahlrechts eintreten nach der freisinnigen Losung: Wer die meisten Steuern zahlt, muß das höchste Recht ausüben. Indem der Freisinn den Grundsatz des gleichen und allgemeinen Wahlrechts für die Gemeinde verleugnet, bricht das ganze liberale Programm auseinander.—_ DaS Niveau deS Reichstags. In einer Besprechung der Diätenfrage, in der der konservative.Reichsbote" sich für die Gewährung von Diäten an die Rcichstags-Abgeordneten ausspricht, entschlüpfte dem Blatt das folgende merkwürdige Geständnis: „Es würde sich dann auch für alle Parteien die Zahl der Kandidaten bei den Wahlen erweitern und sie könnten somit schon wählerischer sein, während sie jetzt meist ftoh sind, wenn sich überhaupt noch irgend ein reicher Mann oder ein Herr aus Berlin bergiebt. Es würde dadurch sicherlich daS geistige Niveau deS Reichstags steigen, welches unter der Dtäteulofigkeit i« allgemeinen gesunken ist» während eö sich bei den Social- demotraten, die aus ihrer reichen Parteikaffe Diäten zahlen, sich stetig gehoben hat". Wir glauben, daß auch die Gewährung von Diäten das Niveau der bürgerlichen Parteien nicht zu heben vermag. Die Sache ist es, die adelt und erhöht. Zugleich mit den Diäten verlangt der „Reichsbote" eine Heraufrückung des Wahlaltcrs auf 30 Jahre und die Einführung der Wahlpflicht. Bei dieser Gelegenheit erzählt das Blatt noch eine, unsre gegenwärtige politische Situation gut kenn- zeichnende Anekdote. Ein freisinniger Abgeordneter habe neulich am Schluß einer Rede des Reichskanzlers gesagt:„Wenn der uns noch Diäten giebt, dann kann er uns alle in die Tasche stecken." Ach, Graf Bü'low braucht sich wirklich nicht mehr zu bemühen; sie stecken ja alle schon in seiner Tasche.— Wer ist der Don Quixote? Diese Frage wirst dgs„Deutsche Adelsblatt" auf, indem es gegen die Biilow-Reden zur Transvaal« frage scharf polemisiert. Das feudale Blatt schreibt: „Wir müssen gestehen, daß wir in dem Richtempfängen deS Präsidenten Krüger nicht einen Akt von derjenigen Unabhängigkeit erblicken können, die der Stellung und der Würde des deutichen Volks entspricht. Wir können aber auch, obgleich>vir weit davon entfernt sind, Feindseligkeiten gegen England zu verlangen, mit dem Herrn Reichskanzler durchaus nicht Lbereinftiminen, daß wir durch den Empfang Krügers England gegenüber„den Don Qnixote spielen" würden. Wir glauben vielmehr, daß ein sehr ernster Augenblick eingetreten ist. in welchem das deutsche Volk die Wahrnehmung macht, daß durch eine falsche Politik der Diplomatie nicht nur die Autorität des Monarchen gefährdet wird, sondern uusre Stellung im NnSlande eine zum Spott herausfordernde zu werden droht. Wo also die aröftere Gefahr der Do» Ouixoterie liegt, kann keiner Frage unterliegen". Das Adelsblatt empfindet ei» Grause» davor, doh die Regierungspolitil immer niehr Wasser auf die Mühlen der Social- deniolratie treibt und fühlt sich von einer wahren Weltuntergangs- stimmung gepackt.— Der deutsche Kaiser hat der K ö ni g i n von Portugal das Verdienst- Ehrenzeichen für Rettung aus Gefahr verliehen, iveil diese Dame vor einiger Zeit mit anerkennenswertem Mut in ihrer Hauptstadt einen ihrer Unterthanen aus dem Wasser errettete.— Konkurrenz gegen Krupp. Im Reichstag wurde bei der Be- ratung deS grosjen Flottenprogramms über daS Monopol der Krupp und Stumm in den Lieferungen für die Herstellung der Panzerschiffe lebhafte Klag« geführt. Damals erklärte Herr T i r p i tz, keine Möglichkeit billigeren Bezugs der Schiffseiseuteile zu sehen. Jetzt wird mitgeteilt, daß das Reichs-Marineamt eine Denkschrift vor« bereite, in der die Ergebnisse einer Informationsreise, die die Schiffsban-Kommission des Marineamts durch O b e r s ch l e s i e n unternahm, dargestellt werde». ES wurde, wie oberschlcstsche Blätter mitteilen, festgestellt,„dah diese Industrie nicht minder gutes Material, teilweise sogar billiger, für die Flotte zu liefern in der Lage ist, als die großen Werke in Rheinlaud-Westfalen. Auch zur eventuellen Einrichtung der Panzer- Plattenfabrikation haben sich oberschlcsische Industrielle bereit erklärt. Die Denkschrift dürfte bereits erkennen lassen, inwieweit das lange vernachlässigte Oberschlesien bei der Vergebung der Marinelieferuugen Berücksichtigung zu erfahren oder zu gewärtige» hat". Das Berltuer Kruppblatt äußert sich recht ungehalten über die Ankündigung der oberschlesischen Konkurrenz. Der deutsche Steuer- zahler aber hat aus vermehrter LieferungSniöglichkeit vermehrte Marinewünschc zu befürchten.— Krupps Nrtillcrie Vorlage. Kriegsminister Goßler hat auf die Anfrage Bebels betreffend die neuen Geschütze»ach bekanntem Muster geautloortct. Er hat sich mit einer Nebensache beschäftigt i»ib den Kardinalpunkt gar nicht berührt. Wie wir schon hervor- gehoben habe», handelt eS sich um eine ganz neue Geschütz- konstruktion; von sekundärer Bedeutung dabei ist, ob die neuen Geschütze anstatt mit der früheren Seilbremse mit der Federrücklauf- Hemmung und dem festen Sporn versehen werden sollen. Dieses ist eine Frage für sich. Die Hauptfrage ist jedoch die. ob die Regierung schon mit der Firma Krnvp betreffs der neue» Geschütze— Wiegcn-Lafelte— verhandelt hat. Dieser Frage ist Herr Goßler ausgewichen. Ucbrigens steht die Erklärung des Kriegsministers mit der Behauptung' der „Dresdener Neuesten Nachrichten", nach welcher Krupp jede Renenmg zurrst der preußischen Regierung vorlegt, in Widerspruch, denn bereits seit einem halben Jahr werden mit dem neuen Geschütz und der neuen Rücklanfhcmmung in Rußland Versuche angestellt I Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Krupp sein neues Mordinstrument zunächst bei einem fremden Staat unter- zubringen sucht, in der Erwartung, daß sich dann Deutschland ge- zwungen ficht, die neue Kanone ebenfalls anzuschaffen. Der Kruppsche National-PatriotiSmns leidet natürlich unter solchen Acquisttionen nicht.— Di« TyPbuSepidemt« I« rheinische» Regimentern ist immer noch nicht erloschen. AlS neuuzehnteS Opfer erlag ihr dieser Tage in Koblenz der Artillerist Heinrich Möller von der 8. Eompagnie de» Futzartillerie-RegimcntS Nr. Ü. Neue Erkrankungen find in der letzten Zeit nicht mehr vorgekommen. Die noch im Koblenzer Militär- lazarett liegenden TyphuSkrauken befinden sich sämtlich auf dem Wege der Genesung.— A»S Sachse»- Meininaen. Die socialdemokratische Fraktion des Meininger Landtags(6 Mitglieder) veröffentlicht eine Evflänmg, in der sie sich energisch gegen den Byzantinismus wendet, in welchem das Bürgertum im Lande anläßlich der hundertsten Wiederkehr des Gehiirtstags deS 1882 verstorbenen und 1860 von Preußen zur Ab- dankung gezwungenen Herzogs Bernhard Erich Freund(17. Dezember) schwelgt. Behufs Errichtung eines Denkmals ist eine Sammlung im Gange, die bis jetzt bereits 80 000 M. ergeben haben soll; zu diesem Deukmalsfouds habe» auch die Städte aus allgemeinen Mitteln in teilweise geheimen Sitzungen Gelder bewilligt. Da- gegen wendet sich die Fraktion, indem sie auf das Elend hinweist. in welchem große Schichten der Bevölkerung jahraus jahrein leben und indem sie erklärt, daß nach Einführung' des Zehu-Klassenwahl- rechts die heutigen Gemeindevertretungen nicht die Allgemeinheit repräsentierende Vertretungskörperschaften, sondern lediglich Vcr- tretungcn deS Kapitals seien. Es heißt da unter anderm in der Erklärung: „Statt des Baus eherner und steinerner Standbilder, riesiger Schlachtschiffe und kulturveruichteuder und meuschenmordende� Gewehre und Kanonen, erheischen die Verhältnisse energische sociale Reformen, welche der weiteren Berelendung' der Massen endlich Einhalt geoieten; diese Forderungen werden noch begründet durch die Ergebnisse der amtlichen Statistik, die von Elend, Siechtum und frühem Tod in den untersten Volksschichten de» Lands Furchtbare« erzählt. Der„preußische Kur«", der sein Ideal in der Militarisierung oller Verhälmiss« ficht, und durch den auch Herzog Bernhard Erich Freund zur Ab- dankung veranlaßt wurde, läßt allerdings nur Brosamen übrig für wirkliche Kulturaufgaben.' Das Volk hat keine Dankesschuld gegenüber toten oder lebenden Re- gierenden, im Gegenteil wird es nicht ablassen von der fort- gesetzten Betonung seiner bisher unerfüllten Forderungen von Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz und Schutz der wirtschaftlich Schwachen. Und nur iu der Erfüllung dieser vom rein menschlich«» Standpunkte ans selbstverständlichen Dinge kann das Volk die Garantien für das Wohlergehen der Gesamtheit erblicken, aus welchem allein die gedeihliche Entwicklung eines Staats und seiner Beivohner, Zufriedenheit und Liebe aller zur heimischen Scholle beruht. AuS Heffen, 14. Dezember.(Eig. Ber.) Ein» Regierungs- Verordnung, wonach der Unterricht in den Fortbildiingsschuleu in die Zeit von 6—7 Uhr, statt wie seither von 7—0 Uhr, verlegt wurde, hat ewigen„bauernfreundlichen" Abgeordnet«» Anlaß zu einer Interpellation gegeben. Dieselbe kam gestern und heute zur Verhandlung. Die Regierung bcharrte auf ihrem Erlaß und hob mit Recht hervor, daß der gortbildungsuuterricht nur da»« wirkliche Erfolge erzielen könne, wenn die jungen Leute noch nicht durch allzu lange Arbeit übermüdet seien. Dem gegenüber sangen einige länd- liche Abgeordnete das Klagelied vom' landwirtschaftliche» Arbeiter- inangel und oerlangten Beseitigung der Verordnung auch im Interesse der jugendlichen Arbeiter, die sonst Einbuße am Verdienst erlitten. Abg. Ulrich gab den Herren die verdiente Abfertigung, in- dem er darauf hinwies, daß ein guter FortbildungSunterricht sowohl im Interesse der Arbeiter als auch in dem der lleinen Bauern liege, da ohne eine bessere Allgemeinbildung auch keine bessere Fach- bildung möglich sei.— Mouftee-Svnlyepprozefi. München. 14. Dezbr.(Mg. Ber.) Ein großartiger Wucherprozeß ist in München in Vorbereitung. Eine Anzahl jüdischer und christlicher Ehrenmänner haben geld- bedürftige Kavaliere. Offiziere. Studenten. Künstler«»d Geschäftsleute in der schamlosesten Weise ausgeplündert. In der bayrischen Presse werde» die Name» dreier solcher Vampyre genannt. Wie wir jedoch orstimmt misse», stehen htuttr viefeu drei Bieder- fffäuiiet» elfte ganze Anzahl zum Teil sehr geachteter Geschäftsleute. Diese Räuverbaude arbeitet mit 60—120 Prozent. So ist ihnen ein bekanntet htestger Künstler. der vor drei Jahren 24 000 M. erhielt und feine Schuld bisher nicht einlösen konnte, aegemoärtia 60 000 M. schuldig. Die Herren Wucherer und ihre Opfer sehen dem Prozeß und den damit verbundenen Enthüllungen mit Angst und Schrecken entgegen.— Marinemängel. AuS Kiel wird uns berichtet: Die„Allgemeine Marinekorrespondenz" versendet zur Zeit einen Artikel, der sich in seinen Schlußbemerkungen gegen den„Vorwärts", beziehungsweise gegen dessen Kieler Korre- spondenten wendet. Der Inhalt deS Artikels bildet einen Bericht über die Reise der im Sommer dieses Jahres nach China gesandten Torpedo- boote. AuS dem Verlauf der Reife wird gefolgert, daß die der- zeitige Meinung, die>vir äußerten, daß die Entsendung der Schiffe „etivas gewagt" sei, gänzlich unhaltbar sei, und der Verlauf der Reise ergebe, mit welchem Mißtrauen die Meldungen der social- demolratijchen„Marine- Sachverständigen aufgenommen werden müssen." Daß die Reise der Schiffe gut verlaufen, wird uns und jeden Vorurteilslosen sin Interesse der' Schiffsbesatzung freuen, ändert aber an nnsrem damaligen Urteil auch nickt das geringste. Im Gegenteil finden wir e» bestätigt, wenn in dem fraglichen Artikel als' rühmensivert mitgeteilt wird, daß„die LuckS nicht dauernd brauchten geschlossen gehalten zu werden, was im Interesse der Ventilation sehr wünschenswert war," daß, nach dem erst in Aden Pause gemacht worden war, in Kolombo nach 10 tägiger See- reise mit Rücksicht ans die erforderlichen ReinigungSarbeitei, und«ni der Mannschaft die wünschenswert« Erholung zu geben, 6 Tage Aufenthalt genommen wurde, daß dem Verhalten der Mannschaften, besonders des Mnschinenpersoiials„hohe Anerkenn, mg" gezollt wird imd daß der Chef der Nordsee-Station den Offizieren und Mannschaften seine„volle Anerkennung" ausgesprochen habe. Da» alles zeigt doch, daß die Reise in der That etwas gewagt war. Aber davon wollen ivir ganz absehen und nur einmal fest- stellen, in wel�m Zustande die Torpedoboote ihre Reise ausführten. Gänzlich wurden die Schiffe ihres Charakters als Kriegsschiffe entkleidet, che sie die Heimat verließen. Di« Torpedogeschütz«— ihre eigentliche Waffe— die Revolverkanonen wurden vom Deck des Schiffs genommen, fein säuberlich in Kisten verpackt und an Bord eines Transporrdampfecs nach China geschickt. Den 3 Torpedoboote» wurde als schützende Heime ein großer TranSportdampfer—„Gera" — beigegeben, um in Fällen dringender Gefahr zu Hilfe eile» zu können. Die Torpedoboote wurden mit Scgeltuchdoch versehen, um die Sollnenglut der Tropen nach Möglickkcit abzuhalten. Um in den Räumen die Temperatur nach Möglichkeit zu ermäßigen, wurden die Decks mit einer Berieselungsanlage versehen, die fort- während durch Wasser Kühlung spenden sollte. Dem gleichen Zweck dienten in jedem Raum besönder« angebrachte elektrisch betriebene Ventilatoren, die für erhöhte Luftzufuhr sorgen sollte». Und nachdem so»ach Möglichkeit vorgesorgt war. traten die Schiffe ihre Reise an. Weswegen ist denn dieses alles geschehen? Doch nur, weil den veraiitivorUichc» Stellen die Ausreise der Schiffe in der That als „etwas gewagt" erschien. Und wenn man immer wieder, nun schon zu wiederholten Malen, trotzdem gegen diese unsre Bemerkung polemisiert, so scheint cS, als ob untre Kritik an benifcnet Stelle als ganz besonders unbequem empfunden wird. Das ist eine An- crkenniing. die wir mit Gcuugthnung quittieren.— Warnung. Aus T s i» g t a u schreibt ei» dorthin gegangener Arbeiter an semen Freund in Kiel vom 27. Oftober d. I.: „Um meinem Bersprecken uackzukonimen, sende ich Dir einige Zeilen über mein Befinden in diesem verfluchten Nest von Tsinglau. Wir sind am lö. Oktober hier ailgekommen, da« war«ine Reise zum Gotterbannen, verhungert wären wir beinah. Den Speise- zettel von unsrcr erhaltenen Kost an Bord der„Elsa" lege ich Dir hiermit vor. DeS Morgen? gestampfte Kattoffeln mit schivarzem Kaffee(ob eS Kaffee war, ivisien wir nicht) und Hartbrod. DeS Mittag« Suppe, Kartoffeln und Salzfleisch, ivelckeS kaum genießbar. De« Abend« gestampfte Kartoffel»(Lappskausch) mit Kaffee oder Thee(eine schöne Nummer) und Hartbrod, oder mal Pellkartoffeln mit schlechtem Hering. Nun lieber Freund, Iva« sagst Du jju dieser famosten Kost. Wir haben genügend gegen dieses Fressen protestiert, aber unser Herr Transportführcr(Meister von WilhclmShafcn) sagte im Roten Meere, wo wir die größte Hitze hatten, wir müßten von unseren Knochen zehren und nichts genießen als Wasser. Thee und Schwarzbrod und dieses nennt die Welt freihe Verpflegimg nach Tsingtau I DaS Leben kann man satt kriege» dabei....' Nun kommt etwas über die schönen Verdienste hier, die uns in Kiel vorgemalt»»irden, mit denen sieht es aber verflucht flau aus, lvcuil man hier 8 M. pro Tag hat, ist es gerade so, als wenn man in Kiel 3 M. pro Tag verdient, wir haben»»S schon alle zum Teufel gelvnnscht, um nur auS Tsingtau ivegzukommc i, aber leider ist eS nun zu spät, wir werden G o t t' d a n k e n, wenn das Jahr r u ni i st. Schließlich bittet der einst Ehinabegeisterte flehentlich, dah der Freund ihm eine» Brief oder nur eine Anfichtspostkarto sende, damit er wenigstens etwas aus der leider verlassenen Heimat hört.— Austand. Oestreich-Ungar». Polizei- Attacke gegen demonstriere, ide Arbeiter. Aus Krakau meldet die Wiener„Freie Presse": Nach Verkündigung der Wahl DaszynSki« zogen die Wähler in großer Zahl vor da« Redaktion« lokal des>' o c i a l i st i s ch e n BlattS„Naprzod", und der Arbeiterverein sang bort d a S„Lied der Arbeit". Dragouer-Patrouillen kanic» mit gezogenen Säbeln herangesprengt und trieben die Menge mit flachen Säbelhieben auseinander. Die Dragoner ritten mit ihren Pferden auch auf die Trottoirs unter das un- beteiligte Publikum. Auch die Polizei schritt mit blanken Säbeln ei». Die Geschäftsleute schlössen, als der Tunilllt begann, alsbckfh ihre Läden. Noch spät am Abend ritte» Dragoner-Patrouillcn durch die Stadt.— Frankreich. Zlsür Ucbersce- und Untcrfce- Torpedoboote hat die französische Kammer 118 Millionen Frank bewilligt. Dafür sollen in den nächsten sechs Jahren, d. h. bis spätestens zum t. Januar 1S07. 161 Torpedoboote und 44 Unterseeboote gebaut werden, was die Gesamtzahl der am 1. Januar 1007 vorhandenen ftanzöstschen Torpedoboote auf 300. die der Unterseeboote auf V6 bringt. Da Frankreich eine so große Zahl von Unterseebooten zu bauen beabsichtigt, wird auch Deutschland. daS ja jetzt in Maruiebauten die Führung übernommen hat, nicht mehr allzulange mit dem Bau von stlbmarinen Torpedobooten mif sich warten lassen.— Englaud. Politik und Geschäft. Nackdem die Opposition mit dem GeschäftSpoltttler Ehambcilatn vor einigen Tagen ihre— leider nur viel zu wenig ernjthafte— Abrechnung gehalten hatte, hat am Freitag der Neue Unter st aatssekretär im Indischen Amt, der EarlofHardrike dem Parlament ähnlicher Ge- kchäftspraktiken wegen Rede und Autwott stehen müssen. Lord Har- vrike hat allerdings seine Ankläger nicht mit dem Kadi dedroht, sonder» das Versprechen adgedm müssen, daß er Sude de» Jahr« feine aktive Beteiligung an der Fondsmaklerfirma, deren Mitglied er»ock ist, aufgeben und biS dahin fein» volle AmtSthätigkeii nicht ausüben werde. Lord S a l i S b u r y hatte gegen die weitere Beteiligung des Unterstaatssekretärs a» der Maklersirnin� nichts riuzuwcuden gehabt, «in Beweis, daß die politischen Ehrbegriffe jenseits des Kanals durch die merkantile Entwicklung der»Kramcruativlt" sich nicht gerade verfeinert haben. Da freilich Mtfte Junker etnrn Reichskanzler, der nicht als Großgrundbesitzer an dem«ronmicher ein direttes materielles Jmrresse hat, ebenfalls nicht für voll ansehen, so haben sie zu allerletzt Ursache, über die englische Korruption den Stab zu brechen, besteht doch im Grunde zwischen der Beteiligung an Minen- aktien und dem Jilteressiertscin an Getreidezöllen und Branntwein- Liebesgaben nicht der geringste Wesensunterschied. Und wenn betont wird, daß die meisten englischen Minister schon wegen ihres hohen Gehalts von 100 000— 200 000 M. eigentlich während ihrer Amts- waltuug auf geschäftliche Ncbeneilinahmen verzichten können, so ist andrerseits auch daran zu erinnern, daß auch der vielfache Millionär Hohenlohe gegen feine derzeitige unverhältuismüßige Gehallserhöhung nichts einzuwenden hatte.—' Rtistland. Zu einer stürmischen Thcaterdemoustration kam eS am 6. Dezember im Petersburger„Kleinen" Theater anläßlich der 1. Bor- stellung der.Contrebaiid'iere"(ursprünglich hieß da« Stück:„Die Söhne Israels"). Das Slück. in welchem daS jüdische Volt als Mörder, Betrüger usw. dargestellt wird, rief schon lange vorher die Eiitrüstimg des größten Teils der russischen Presse hervor. Sobald die Borstellimg angefangen hatte, begann ein lautes Zischen und Lärmen. DieHauptdemonstranteii waren dieStlidenteuschaft.dieZischiustrumellte. Tronlpcten und sogar eine Trommel mitgebracht hatten; aber auch da? Parkett, das hauptsächlich von der liiterarisch-schriftstellerlscheu Welt besetzt war. nahm an der Demonstration teil. Da die Direktion dem Stück kein Ende mache» wollte, so flogen bald Aepfel. faule Eier und alte Gummischuhe auf die Sceue. Es kam zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Stüde ntellschaft und der Polizei, die fich besonder» brutal gegen die Frauen benahm. Viele Damen sielen in Ohnmacht und wurden beivußtlos herausgetragen. 4 Studenten wurden sofort in die Festung ab- geführt. 136 Herreu und 116 Damen wurden sistiett und sollen zur Verantwottung gezogen werden. Ein großfürstlicher Ukaö. Vor einigen Tagen hat Groß- fürst Wladimir einen Ukas erlassen, der die sogenannten„frei- willigen" Arbeiten der Soldaten außerhalb des Dienste« ver- bietet. Der Utas wird in der ganze» russischen Presse lorn- mentiert, besonders da er ei» sonderbares Licht auf die riissischen Arbeitsverhältnisse wirst. Nicht darum werden die„freiwilligen" Militärarbeiteir verboten, weil man zu der Ansicht gekommen wäre, daß die Soldaten nicht dazu da sein sollen, um den berufsmäßigen Arbeitern als Konkurrenten entgegeilzntreten. Der Grund war ei» andrer. Die Verhältnisse, in denen diese Militärarbelter arbeiteten, waren so jämmerliche, die Soldaten mußten sich so anstrengen, um etwa? zu verdienen, daß unter ihnen zahlreiche Erkrankungen und sogar Todesfälle eintraten. Deshalb hat man eingegriffen. Zum Beispiel berichtet ein militärärztlicher Inspektor über die Soldaten, die im Livläudischen Gouvernement bei der Eisenbahn arbeiteten:„Die Wohnungen, in denen die Soldaten wohnten, waren ungesunde, das Fleisch und Brot, das sie bekamen, waren zum Essen untauglich, die Anstrengungen der Soldaten, die als Accordarbeiler thätig waren, waren sehr groß und die Folge war, daß 16 Vs Prozent dieser Soldaten am TyphiiS erkrankte n.'— Asrikn. Ein Boerenfieg. Lord Kitchener hat endlich die Zahl der Verluste in Erfahrung gebracht, die General Clements bei den MagaletSbergen erlitten hat. Ein Telegramm aus Pretoria, de» 14. Dezember meldet: General Clements brachte seine Streitmacht nach Commando« nck, ohne auf Widerstand zu stoße«. Seine Verluste sind schwer. Fünf Offiziere, neu» Manu wurden getötet, acht- zehn Ofstjtere und 6SS Mann werden vermißt, unter diesen befinden sich vier C o m p a g n i e n Northumberland-Fllfiliere. DaS ist also ein Verlust von annähernd 600 Mann! Die Londoner Morgenblätter beschäftigen sich mtt der Nieder» läge der Kolonne Clements., Mw rnenglfaber" weist darauf hin. daß B o t h a erklärt hat.«0 000 Boeren ständen noch unter den Waffen, und behauptet, die Uebernahme des Oberbefehls durch Kitchener habe nur zur Folge gehabt, daß der Mut deS Feindes angestachelt wurde. Auch De Wet ist entkommen. Seine Verluste bestehen in einem früher erbeuteten englischen Geschütz, mehreren MunitionS- wagen und 22 Gefailgenen. Lord Kitchener berichtet darüber: General Kn ox trieb D e W e t uordlvätts nach Thabanchu und Lady d raub, einer Linie, die von britischen Truppen besetzt war. De Weis Streitmacht, die etwa KOOO Man» statt war, inachte im Laufe des Tags verschiedene Versuche, mit Hilfe einer von Norden her operierenden Boerenstreitmacht die Linie zu durchbrechen. Die Angriff« wurden abgeschlagen, obwohl es einigen Boeren gelang, vom Süden her durch die Linie zu kommen. Ii» einer sp ä t e r e n Depesche meldet Lord Kitchener: Beim Passieren der britischen Linie in der Nähe von Thabanchu erlitt De Wet beträchtliche Berluste. Die Briten erbeutete» einen Füufzehnpfünder, den die Boeren ihnen bei DcwelSdorp genommen hatten, ferner mehrere Munitionswagen. Sie nahmen 22 Mann gefangen. Einem Teil der feindlichen Truppen gelang e« nicht nach Norden durchzukommen. Der Vergleich zwischen diesen beiden Telegrammen zeigt wieber die englische Berichterstattnilg in ihrer ganzen Glorie. Nach dem ersten Telegramm brachen nur„einige" der 3000 Boeren durch. Das zweite Telegramm berichtet dann, daß sämtliche Truppen De Wels die englischen Linien, die De Wet einschließen sollten. „passiett" hätten, bis auf die 22 Gefangenen. De Wet dürfte fich danach auch mit der von Norden her operierenden Boerenstreitmacht, die jedenfalls mit dem Boerenkommaudo identisch ist, über dessen Kämpfe bei Moddersfontein gestern berichtet wurde. vereinigt Häven. Die Operationen dieser beiden Boercnarmcen sind also geglückt. Ein zweiter britischer Mißerfolg I— AlS engltfcher Schwindel dürften sich auch die offiziellen Nachrichten erweisen, die glauben machen wollten, daß der Aschantt- krieg wieder alles Erwarlen sanft und selig eingeschlafen sei. Trotz- dem man von siegreiche» Aftionen der englischen Truppen nichts zu melde» wußte, vchauptete man doch, daß der Aichanti-Aufstaiid erstickt sei. Dies unglaubhafte Märchen zerstört jetzt ein Herold- Telegramm ans Marseille vom 18. Dezcmder: Der Dampfer , T h i b e t" bnngt über den A s ch a n t i- A n f st a n d Meldungen, nach welchen dieser«inen bedeuten den Umfang an- genommen Hab«. Die Engländer sollen nicht im stand« sein, diese Revolte zu unterdrücken. Ztavtei-Ltadivichkett. Gemriudcwahlen. Bei den Stichwahlen in Erkürt, wobei eS sich uin vier Mandate handelte, um die auch zwei socialdemokra- tische Kandidaten mit kämpften, sind unsre Genossen leider unterlegen. Sie erhielten 846 und 855 Stimmen, während die Gewählten von von 2268 bis heriliuer zu 1305 Stimmen erhielten. ?n den sächsischen Gemeinden Groß-Zschachwitz, Hohn» und L e i t e l s h a i» wurde je ein soeialdemokratischer Ge- meindevertreter gewählt. Ueber idyllische Wahlverhältnisse berichtet der»Arme Teufel" aus Altstadt bei Ostritz in der sächsischen Oberlausi». iudein er schreibt:„Bei der GemeindcratSivahl am 7. Dezember für die Klaffe ber Gärtner und Juwohuer ivurden in der Klasse bei? Inwohner von LI WahlveteUigte» 14 Stimmen abgegeden; davon entfiele» auf Gutsoerwalter Hiltscher S und auf Genossen Weise 5 Stimme». Hiltschec ist somit gcivählt. Unser Genosse Weise wurde vor zwei Jahren in einer Ersatzwahl mit 4 von ü abgegebenen Stimmen gewählt. Cr hatte asto danials nur einen Gegner, und das war der Ottspolizist. Früher wurde stets der gewünschte Vertreter der Uli- aiisätsigen durch ven OrtSdlcuer gewählt, und als sich mm imffc Genossen beteiligten, errangen sie den Sieg. Diesmal ivurden aber don Ven Gegnern alle Man» aufgeboten, um den unheimlichen»Um- {türzlcv" aus dem Gemetnderal zu dringen." Parteipresse. Der„Lavoratore", u»ser Triester Bruderorgan, das bisher an jedem Freitag erschienen ist, wird von nun an auch jeden Dienstag erscheinen. Dieser Fortschritt ist mit um so gröherer Freude zu begrüßen, als der„Lavoratore" mit den größten Schwierig- leiten zu kämpfen hatte. Im vorigen Jahre machten die Triester Genossen den Versuch, ihr Organ in ein Tageblatt umzuwandeln. nach einigen Monaten mußte es aber wieder als Wochenblatt er- scheinen. Nun ist der Bestand des„Lavoratore" gesichert und er wird die verlorene Position wohl bald zurückerobert haben. ZSolikeiliches, Grvichtliches nftv. — Wege» Beleidigung des evangelischen Pfarrers BooS zu Annen wurde der Redactcur der„Nh.-Westf. Arbeiterzeitung", Genosse Bredenbeck, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Artikel war von Annener Genossen eingesandt und in der Weise eines Märchens abgefaßt. Die Einsender hatten den Genossen Bredenbeck auch in dem Glauben gelassen, daß eS sich um ein Märchen handele, und erst vor 14 Togen gestanden sie, daß der Artikel thatsächlich seine Spitze gegen den Pfarrer Boos richte. Ge- nosfe Bredenbeck gab in der Verhandlung die Erklärung ab, daß ihm nichts ferner gelegen habe, als den Pfarrer Boos zu beleidigen, er bedauere den Artikel, der jedenfalls nicht gedruckt worden wäre, wen» ihn die Gewährsmänner nicht hinters Licht geführt hätten. Im übrigen stellte er eventuell Beweisanträge, daß er thatsächlich nicht gewußt, daß der Artikel sich gegen Pfarrer BooS gerichtet. Aus diese Anträge ging das Gericht nicht ein, sondern urteilte wie oben angegeben. Genosse Bredenbeck wird wohl in Zukunft die leichtfertigen Ein- fcnder mit etwas größerem Mißtrauen behandelt». — Der verantwortliche Redactcur des„VolksblattS für Harburg", Genosse Knusimann, wurde wegen Beleidigung eines KreissekrctärS zu 200 M. Geldstrafe und der Arbeiter EggerS als Mitthäter zu öü M. Geldstrafe verurteilt. Prozeß Steruberg. 36. Verhandlungstag. Vorsitzender Landgerichtsdirektor Müller eröffnet die Sitzung um 11 Uhr. Vor Eintritt in die Verhandlung erklärt Rechtsanwalt Dr. Werthäuer zu seiner gestrigen Aussage: Er habe nicht sagen wollen, daß Rechtsanwalt Modler ihm eine Offerte zum Kaufe des Briefs des Fräulein Pfeffer gcniacht habe. NechtSanivalt Modlcr habe ihn» nur eines Tags im Rechtsanwaltszünnier gesagt. ein Fräulein Pfeffer sei bei ihm gewesen,»nn wegen Verkaufs von Briefen ihn zu konsultieren. Er habe erwidert, es werde schon lange die Existenz solcher Briefe, die für die Ver- teidiguiig wichtig sein könntcn, vermutet, und würde» sie wenn nicht anders zu erhalten, wohl auch käuflich erworben werden müssen. Mit Rücksicht auf die Sachlage aber sei es vielleicht höchstens möglich, erst den Inhalt durch einen älteren Rechtsanwalt gewissermaßen als Schiedsrichter feststellen zu lassen. Rechtsanwalt Modler wird vernommen: Fräulein Pfeffer kam in mein Bureau, um »nich in Sachen des Sternberg-ProzesieS um Rat zu fragen. Sie sei früher Wirtschafterin bei Sternberg gewesen, dieser habe sie falle» lassen und sie schob die Schuld für ihren schlechten Gesundheitszustand dem Angeklagten zu. Sie sprach von den Machinationen, die die Freunde Sternberg« anstellten, man trete an sie heran, um Briefe, die in ihrer Hand seien, gegen Geld zu erhalten. Sie ivisse nicht, was Sternberg von ihr wollte, in de» Briefen stehe nicht viel Belastendes, st« habe auch mit der Woyda-Sache gar nichts zu thun und sie wiff» nicht, warum Sternberg so aufgebracht gegen sie sei. Sie befand sich in einer großen seelische»» Aufregung und ich riet ihr, die Hand davon zu lassen, da sie sich evenluell einer Beguustigung schuldig mache. Sie wünschte dann, daß ich mal»nit dem Verteidiger Dr. Werthäuer Rücksprache nähme. Als ich dann einmal in» Rechlsanlvaltszimmer den Dr. Werthauer sprach, habe ich ihm den Sachverhalt niitgetcilt und gefragt, ums beim da vorgehe. Ich habe ihin gleichzeitig gesagt, daß ich Frl. Pfeffer geraten habe, sich ganz davon fern zu halten, damit sie als Zeugin intakt bleibe. Frl. Pfeffer ist dann noch einmal bei mir geweien, ohne daß dabei ctivas Besonderes gesprochen»vordcn ist. Ich hielt die Sache für mich erledigt und habe mich gefreut, daß sie meinen auch das zweite Mal ihr gegebenen Rat, die Hände ganz davon zu lassen, befolgt hat. Gestern habe ich einen Brief der Zeugin Pfeffer erhalten, in welchem sie im allgemeinen die Darstellimg(des Zeugen) bestätigt. Der Zeuge erwähnt noch auf Befragen: Als Frl. Pfeffer das erste Mal bei ihm war, habe sie ihm schon erzählt, daß von feiten der Freunde des Herrn Steruberg in dieser Weise an sie herangetreten und von den Fremidcn StcrnbergS ihr der Vorschlag gemacht worden sei. den Justizrat Kleinholz als Schiedsrichter damit zu betrauen, zunächst die Briefe selbst zu prüfen. Der Staatsanwalt glaubt feststellen zu können, daß Rechtsanwalt Dr. Werthauer gestern die Sache so dargestellt habe, als ob der Zeuge Modler ihm geivisserinaßen angeboten habe, die Briefe zu kaufen.— Rechtsanwalt M o d l e r: Das gerade Gegenteil ist der Fall, gerade die Thatsache, daß hier von einer Art Handelsgeschäft geredet ivorden sein soll, hat mich veranlaßt,»nich hier als Zeuge iu»nelden. Fräulein Pfeffer wollte nur. daß ich mit serrn Dr. Werthauer spräche. weil sie den Gedanken auS der Welt schaffen wollte, daß sie der Mittelpuntt eineS KoinplottS gegen Sternberg sei. Bei der Unterhaltung mit den» Rechtsanwalt Dr. Werthäuer, die sehr kurz war, hatte dieser gesagt, es wäre ihm ganz lieb, ivcnn der Zeuge mit Frl. Pfeffer in Berührung bliebe.— Rechtsanwalt M o d l e r erklärt, daß er nach der Unterredung den Eindruck gewonnen habe: Nur die Hand da- von!— RechtSaiiwalt Dr. Werthauer: Er habe die feste Meinung gehabt, daß die Briefe vielleicht iviedcr solche Belastunge» enthielten, deren Unzutreffendes und Unmögliches sofort nachzuweisen wäre, so daß sie zur Entlastung Sternbergs dienen könnten. ES bestand doch damals die Vermutung, daß ein Koniplott Segen Stemberg bestaitd»nd anf den» Wege von Amerika Briefe ierher gesandt würden, die absichtlich Belastendes enthielten und Ivissentlich falsche Angaben machten. Seine Bemerkung zu Hern» Rechtsanwalt Modler sollte nur andeute», daß es ihm lieber wäre, wen»» Frl. Pfeffer nur durch Vermittlung eine« Rechtsanwalt» mit der Verteidigung überhaupt i» Verbindung träte.— Vors.: DaS einfachste wäre doch geivefeii. ohne Pfennig Entschädigung zu dem Briefe zu gelangen, wenn Sie den Autrag auf Beschlagnahme gestellt hätten. Rewtsanioalt Dr. Werthauer: Nach den Schilderungen, die der Angellagte von der Gereiztheit des Fräulein Pfeffer gegeben, wäre der Versuch einer Beschlagnahme nntzloS ge- ivefen.— Staatsanwalt Braut: Glaubt Herr Rechtsamvalt Dr. Werthäuer wirklich, daß jemand die ganzc etwas phantastische Schilderung von dein Umwege, Belastungsmaterial zum E n t l a ft u» g s m a t e r i a l'zu machen, ivirklich ernst iiiinmt? Vielleicht kam» der Herr Zeuge die« älS Vertreter Stern« bergs sagen— aber als Zeuge!— Zeuge Dr. Werthauer: Ich muß doch bitte», daß das, waS ich als Zeuge hier sage, als durchaus ernst geiiomnici» wird.— Vorl.: Aber es ist doch noch darauf binzliweisen, daß der Kaufgedanke schon so weit vorgeschritten mar. vaß Direktor Popp dem Frl. Pfeffer einen Tansendinarkschein hin- reichen wollte und 3�-3000 M. versprochen hak, ferner daß in- zwischen Direktor Popp das Weile gesucht haben soll ebenso wir Frau Suchard.— Rechtsanwalt Wert ha»er! Mir ist vom Direktor Popp nichts bekannt.— Vors.: Ich muß Sie ferner fragen: Würden Sie die Briefe, wenn Sic sie erlangr haben würden, dieselben dem Gericht überreicht habe». wenn sie Belastendes eiithIsUc»?— Nechtsauw- Dr. W e r i h a u e n Ich würde, wenn wirtlich Belastendes darin gestand«» hätte, ohne LustimnMw fusine« Manbem te»»luv der Übrigen Verteidiger nichts mitgeteilt hüben. Da ich aber nnier alle» Umstanden der Ueber< zeugung bin, daß der Angeklagte mit der Frieda Wovda nichts vor- gehabt hat, so glaube ich, daß ich die Briefe auch»nit etwaigen Belastungen dem Gerichte überreicht haben würde, weil diese Belastungen sicherlich sich bald als erfundene hätten herausstellen muffen.— Staatsanwalt: Da ein Ver- leidiger keineswegs die Pflicht hat, wirklich Belasteudes dem Gericht zu unterbreiten, so kann doch Herr Rechtsanwalt Dr. Werthauer un- möglich seine Behauptung anftecht erhalten, daß er auf alle Fälle den» Gericht auch das Belastende unterbreitet haben würde.— Rechts- anwalt W r o n k e r: Wenn Herr Dr. Werthauer hier gesagt habe, er ivürde es für seine Pflicht gehalten haben, auch Belastendes dein Gerichtshof zu unterbreiten, so mutz ich im StandeSintereffe und im allgemeinen öffentlichen Interesse hiergegen Einspruch erheben. Die Bertetdigung leidet in diesem Prozeß so viel mid hat sckon so viel erlitten, daß eS nötig ist, den Stand- Punkt der ehrenwerten Verteidigung klarzustellen. Es ist Pflicht der Verteidigung, den ihr anvertrauten Angeklagten nicht auf alle Fälle zu entlasten, sondern die Wahrheit zu ergründen.— Rechts- anwalt Dr. Werthauer: Hätte der Kollege zugehört, dann ivürde er seine Bemerkungen für überflüssig erkannt haben.— Rechtsanwalt Fuchs richtet noch eine Reihe von Fragen an den Zenge» Modler, die den Zweck haben, festzustellen, daß Rechtsanwalt Dr. Werthauer dem Zeugen nicht Offerten geinacht habe, den Brief der Pfeffer abzukaufen, und daß Fräulein Pfeffer nur von.Freunden deS Herrn Sterberg" gesprochen habe, die ihr Offerten zum Allkauf des Briefs gemacht hätten. Als Rechtsanwalt Fuchs dabei wiederholt vom „Kollegen" Werthauer spricht, wirft Rechteanwalt Wronker halblaut.dazwischen:„Rechts- anwalt" Werthauer.— Zeuge Dr. Werthäuer, der dies hört, weist diesen Zwischenruf mit gehobener Stiinme zurück und erklärt ihn für eine Ungebühr, die er sich nicht gefallen lasse. Er wiederhole, daß er die Ehre deS AnwaltSstandS ebenso hoch halte, wie Rechtsanwalt Wronker.— Rechtsanwalt Wronker: Der Zivischenfall sei richtig und er bedauere ihn. Wenn aber die Zornesader einmal schwelle, werde man auch wohl mal zu Aeuße- rniigen fortgerissen! er nehme den Zwischenruf ohne weiteres zurück. Es werden dann noch die Zeuginnen Hansmann und Brauer über einige Personen vernonnnen/ die als Agenten des Zeugen Schulze bei ihr waren. Der Angeklagte Sternberg setzt in längerer Ausführung aus- einander, daß es nicht angemessener erscheinen konnte, bei der ganzen Sachlage und bei der nahen Bekanntschaft, sogar Freundschaft, in welche der Zenge Stierstädter zu Frl. Pfeffer getreten war, den Versuch zu»nachen, den Brief zu beschlagnahmen. Er könne es auch nicht unlogisch finden, wenn seine Freunde sich bemühten, i» den Besitz deS Briefs zu kommen, da sie ahne» mochten, daß es vielleicht gelänge, mit Hilfe desselben die Fäden der gegen ihn an- gezettelten Verschwörung aufzudecken. Es sollen nun die ärztlichen Sachverständigen vernommen werden; vorher erbittet aber Rechtsanwalt Wronker»och das Wort zu folgender Erklärung: In der Zeitung„Dt- Post" sei gestern ein Artikel erschienen(Redner verliest denselben), der den gestrigen Tag als eine» Unglückstag für die Cesamtverieidignng bezeichnet, daß Dr. Werthauer nun enthüllt habe, daß der Brief- Handel unter Zustimmung»aller Verteidiger staltgeftinden habe, Dr. Sello werbe als gekaufter Söldner des Verbrechens bezeichnet und sämtliche übrige» Verteidiger ebenso. Er bemerke hierzu: Wir alle, nicht bloß die Verteidiger, haben ei» außerordentliches Interesse daran, daß die Berichte, die in der Zeitung erscheinen, wahrheits- getreu und richtig sind. Alle beteiligten Ohrenzeugen werden wissen, daß dieser Vorivurf der„Post" völlig unzutreffend ist. Es folgen hierauf die Gutachten der medizinischen Sachlicrstiindigcu. Physikus Dr. Puppe giebt als Schlußgutachten, welches die vier Sachverständigen schon vor drei Wochen cinstiininig gefaßt haben, dahin ab:„Die pihchiatrische Untersuchung und Beobachtung der Frieda Woyda im Laufe der Verhandlung und die Beurteilung ihres Vorlebens ergeben, daß ihr Seelenleben iissofern vo» dein normalen abweicht, als sie ihrer körperlich krankhaften Beschaffenheit nnd der beginnenden PubertätSentwicklnng»regen zu Fehlern der Auffassung und Wiedergabe des Erlebten disponiert ist. Dieser Mangel und der daraus entspringende Hang zur Unwahrheit werden wahrscheinlich unterstützt durch eine abnorme sexuelle Anlage. Inwiefern danach die Aussagen der Woyda glaubwürdig sind, ist im Einzelfall diesen ärztlichen Feststellungen gemäß zu entscheiden." Dr. Puppe beg»-üiidet dieses gemeinsame Gutachten in einer längeren Ausführung wissenschaftlichen Eharalters, ohne in Einzel- fälle» dielGlaubwürdigkeit des Mädchens näher zu beleuchten. Ebenso schließen sich die Sachverständigen Dr. Störincr, Moll und Prof. Eulcnburg Herrn Physikus Dr. Pnppe an. Im Anschluß an eine Bemerkung des Dr. Pnppe über die vhantastischen Erzählungen der Frieda Woyda über angebliche Erb- schaften jc. teilt der Vorsitzende den Eingang einer anonymen Karte mit. in welcher behauptet werde, Frieda Woyda sei eine Summe von 500 000 M. für ein« günstige Aussage versprochen worden und daß sie nach Schluß der Verhandlung abgeschoben»verde» solle. An die Sachverständigen wird»och eine Reihe Fragen gerichtet. Dr. S t ö r m e r bleibt auf Befragen dabei, daß die Fr. Woyda in mehreren Pmikten»»»bedenklich die Unwahrheit gesagt habe,»nd bestätigt, daß die Schilderung des Mädchen? über ihren Verkehr mit Sternberg ganz unwahrscheinlich sei, ja. daß sich der Vorgang gar nicht so zugetragen haden könne. Die E h l e r t halte er iveder für zurechmingssähig, noch für eidesfähig, sie stelle einen Schulfall für Imbecillit'ät dar und würde am besten i» einer Anstalt untergebracht werden. Gewiß sei sie eine„rüdige Kröte", aber eine krankhafte, schwachsinnige. Ueber die Collis könne er sich nicht äußern, da er nicht genügendes Material besitze. Dr. Puppe: Was man hier von der Ehlert gesehen und ge« hört habe, geniige, um anzunehmen, daß fte eine schwachsinnige Person sei. Dr. Moll erklärt auf Befragen, daß sich über die Collis ein Urteil mir auf Grund nn»faiigreichen Materials abgeben ließe. Die Sachverständigen wünschen hierauf entlasten zu werden. Rechtsanwalt Fuchs erinnert an die iioch ausstehende Begutachtung des Geisteszustands des Zeugen Wohl.— Staatsanwalt Braut bittet, den Antrag auf Einholung«ines Gutachtens nach dieser Rich« t»»g hin abzulehnen. Wohl komme doch nur bei der Frage in Be- kracht, ob Dr. Werthäuer zu vereidigen sei oder nicht. Die Juristen werden darüber einig sein, daß für die Nichtbceidinuiig»»cht ein dringender Verdacht vorliegen müsse, sondern ein bloher Ver- dacht ausreiche. Für die Entscheidung der letzicre» Frag« sei der Zeuge Wohl nicht ausschlaggebend, fondern dabei muffen noch andre Momente in Betracht gezogen werden.— Der Gerichtshof lehnt de» Antrag des Verteidigers ab, da über den Geisteszustand de« Wohl schon ein sochverständiget Gutachten deS Dr. Flatow vorliege. Die Sachverständigen werden hierauf endgültig ent- lassen. Zeuge RechtSanlvalt Dr. Möhring tritt nochmals vor,»im einige Bekundungen der Zeugin Frau Liedert als falsch»nd von Groll argen seine Ehefrau eiltgegeben hinzustellen. Es kommt daiüber zu einer sehr erregten Seen«. Dr. Möhring behauptet, daß die Zeugin mit ihre» eignen Schwieget- eitern verfeindet gewesen sei und fälschlich angegeben habe, daß sie «bangelisch sei. Thatsächlich sei sie evangklisch gewesen, dann ans bestiliiniteil Gründen katholisch gewobdeit, nachher sei sie aus der katholischen Kirche wieder ausgetrct«» und gehöre jetzt gar keiner RsiigiöliSgemetnfchüst an, Di- Zeugin L i« d« r t wird über diese Darstellung di« Zeugen immer empörter uud verfällt schsteßlich»n Wcinkt'ämpfi. Als hilfreiche Sawariterin springt die Angeklagte Wendet ans der Anklagebank heraus und bringt durch Darreichung eines SlaseS Wafict die Ztttgin wieder zur Besinnung. Der Vorsitzende wendet sich nunmehr der Angeklagten Scheding zu, die außer der Begünstigung aiich der Beleidigung angeklagt ist. Sie soll bei dem Besuch, den sie den Blüinkes gemacht hat, mn sich nach der Frieda Woyda zu erkundigen, die Polizeibcamten beleidigt haben. Sie giebt dies zu. Nach ihrer von Fran Blninke bestätigten Darstellung hat sie nur gesagt:„Das Mädchen werde von den Be« aniten, die sie auf dem Schulwege begleiten,„beeinflußt." Das Ehrpaar Miller und Dr. Werthauer. Bei Beginn der Sitzimg hatte schon der Staatsanwalt! B r a u t den Rechtsanwalt Dr. Werthäuer befragt, ob nicht gestern Abend Frau Miller mit ihrem Ehemann in seinem Bureau gewesen sei. Dr. Werthauer hatte dies bejaht mit dem Hinzufügen:'der Besuch galt einer Erörterung von Rechtssachen, die sich auf ihre Möbel zc. beziehen. Frau Miller habe das Gespräch auch auf den Prozeß bringen wollen, er habe ober, gewitzigt durch die Erfahrung, iede Aeußerung in dieser Beziehung abgelehnt und ihr gesagt, daß er dies»ur in Gegenwart zweier zuverlässiger Zeugen noch thue. Auf Antrag des Staatsanwalts wird Frau Miller nach diesem Vorgange befragt. Sie bestätigt die Darstellung des Dr. Werthauer. Auf weiteres Befragen des Staatsanwalts bestätigt die Zeugin ferner, daß sie dein Brief nn Dr. Sello, in welchem sie die eides- stattliche Versicherung übersandte, eine» couvertierten Brief an Sternberg beigelegt hatte.— Angeklagter Stern berg erklärt, daß er Herr» Dr. Sello. der ihm diesen Brief nicht über- mittein konnte, autorisiert habe, Kenntnis von dem Inhalte zu nehmen. — Staatsanwalt B r a u t: Es sei ihm nur darauf aiigekoinmen, festzustellen, daß ein Brief, zu dessen Oeffmmg n»r der Vor- sitzende befugt gewesen wäre, nicht in dessen Hände gelangt i st. Detektiv-Direktor Schulze ergänzt und berichtigt einige Pmikte seiner gestrigen Aussage. Vom Detektiv-Jnjtitut-Direktor Weien liegt ein Schreiben an den Vorsitzenden vor, worin er sagt: Es sei falsch, daß er für die Erledigung eines kleinen Auftrags 3000 M. erhalten habe. Er habe nur einen kleinen Auftrag erhalte», näheres über eine Polizei.Ageutin festzustellen. Dieser Auftrag habe ihn nur wenige Tage in Anspruch gcnoinmen, er habe hierfür 100 M. Honorar erhalten und sich im übrigen in keiner Weise in der Sternberg-Sache bethätigt. Da von keiner Seite mehr Anträge gestellt werden, erklärt der Vorsitzende die Beweisaufnahme für geschlossen. Die Frage der Beeidigung der noch nicht vereidigten 30 Zeugen führt zu längeren Erörterungen. Staatsanwalt B r a u t beantragt, eine ganze Reihe dieser Zeugen nicht zu vereidigen, da sie der Teilnahme verdächtig erscheinen. Hierzu gehöre das Ehepaar B I ii m t e. Die»»ündliche Verhandlimg habe de!» Belveis erbracht, daß auf Frieda Woyda«ingcivirtt ivorden sei, und bei den tnttnien Beziehungen der Frieda zu Blümkes sei der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß auch Blümkes bei dieser Thätigtcit mitgewirkt haben. Verdächtig sei vor allem der Umstand, daß BlümkcS, die vorher sich stets an die Behörden gewandt haben, nicht sofort die Aenderung der Aussage der Frieda dein Gericht mitgeteilt habe».— Was Herrn Dr. M ö h- ring betreffe, so habe derselbe zugegeben, daß er die Angellagte Scheding zu Blümkes geschickt habe, uin dieselben bezüglich der Fncda Woyda aus- zuforsche». Auch Herr Dr. Möhring erscheine hiernach und auf Grund seiner sonstigen Thätigkeit der B e g ü n st i g u n g verdächtig. Be- züglich der Hedwig Ehlert ist der Staatbanivalt der Ansicht, daß dieselbe anf Gruild der Gutachten der Sachverständigen nicht vereidigt werden könne. Frau Margaret« Miller sei der Teilnahme an den dem Angeklagten Sternberg vorgeworfenen Ber- brechen dringend verdächtig und scheide somit ebenfalls für die Vereidigung ans. Was die Vereidigung de« Justtzrat» Dr. Ecllo betrifft, so habe er neulich schon gesagt, daß, so wie die Saihe jetzt liegt, er nicht in der Lage sei, die Vereidigung deS �nstizrats Sello zu beantragen. Thiel hat doch angegeben, daß er mit Justiz- rat Sello in dcffen Wohnung eine Begegnung gehabt habe nnd er von Lnppa als der„große Unbekannte" vorgestellt worden sei, daß von Sello oder von Lnppa oder auf irgend eine Weise der Ge- danle ausgegangen sei, die ErbschaftSjache zmn Schein dem Justizrat' zu übertragen, um weitere lmauffäNige Konferciizen im Buren» deö Dr. Sello zu ermöglichen. daß selbst der dieses Mandat einleitende Brief bestellte Arbeit war. daß Justizrat Sello gesagt habe: wie unvorsichtig ist es, in der Sternbcrgschen Equipage neben Lnppa sich zu zeigen. Die ainvescndc» Juristen wissen, daß es für die Frage der Beeidigung eines Zeugen nicht des Nachweises der Begünstigung bedarf, nicht eines dringenden Verdachts, sondern eines Verdachts überhaupt. Jnlvicweit dieser Verdacht schließlich gerechtfertigt wird oder nicht, sei eine andre Frage. In derselben Lage sei er bezüglich des Rechtsanwalt« Dr. Werthauer. Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß er sein Bureau dem flüchtigen Lnppa in weltgehender Weise zur Verfügung stellte, daß dieser dorthin Leute bestellte und dort Zahlungen an ihn dienende Per- sonen leistete. ES stehe doch ferner objektiv fest, daß die Berichte, die der bestochene Thiel dem Lnppa Übersendet hat, nihaltlich in den Besitz des Verteidigers gelangt sein müssen, datz Wolff mit Dr. Wert- Hauer in Beziehungen gestanden, daß im Bureau des Dr. Werthauer die Fragebogen nnd Instruktionen an den Wolff gegeben worden sind; objektiv stehe fest, daß dieser Wolfs ver- sucht habe, Zeugen zum Meineide zu verleiten; wenn auch das subjektive Bindeglied der vegüiistignng noch fehle, so bestehe doch der Verdacht. Dr. Werthauer hätte sich sagen können oder im'iffen: hier liegen Mittel vor, die«nsaiiber sind und die Gefahr bestehe, daß dem Klienten in strafbarer Weise ge- mitzt werden solle. Dazu komme die Bcknndnng de» Arndt»iiid es sei noch nicht aufgeklärt, ob nicht alles richtig sei, waS Arndt bezüglich seiner mit Dr. Werthaner gepflogenen Unter- reduiig bekundet hat. Er sei der Ansicht, daß in dein Bureau des Dr. Werthaner Dinge vorgekommen, die unzulässig seien. Ein AnwaltSbiireau sei ein Aufenthalt für Leute, die Rat ftichen, nicht aber für Detektivs nnd Agenten, die dort An- iveffnngen und Geld in Empfang nehmen. Ein verdächtiger Umstand seien auch die Verhandlungen mit Frl. Pfeffer. Herr Dr. Werthaner, der sich so lange als äußerer Leiter der Verteidigung aeriert habe, al« es ungefährlich gewesen sei, müsse jetzt auch die Konsequenzen dieser Thätigkeit gegen stch gelten lassen. Die Anwälte treten in warmen Worten für die Vereidigung der Blümke» und der Rechtsanwälte Dr. Sello und Dr. Werthauer ein. Den» Kommissar Thiel, der mehrfach seine Aussagen geändert habe, könne man doch nicht mehr Vertrauen entgegenbringen,»oie dem unbescholtenen Rechtsanwalt. Rechtsanwalt Dr. Heinemann führt an, daß die Zuziehung von Detektivs keinerlei Grund geben könne, den Verdacht der Be- günstigung im Sinne des K 66111 der Straf-Prozeß-Ordmmg herzuleiten. Nach K 245 der Straf-Prozeß-Ordnuna werde den An- geschuldigteir ausdrücklich das Recht zugestanden, Erkundigungen ein- zuziehen, zu denen Zeit gewährt werden müsse. Das Reichsgericht habe in einem Erkenntnis anerkannt, daß die Polizei zur Ermittelung Agenten verwende» könne, wenn diese« sogar der Polizei gestattet sei, die über viel größere Machtmittel verfüge, um wie- viel mehr müsse«» der Berteidtgung gestattet fein. Staatsanwalt Braut tritt den Ausführungen der Verteidigung entgegen. Er fei auch der Ansicht, daß eine in legaler Weise erfolgende JnaNsptuchnnhM« von Detektiv« durch die Verteidigung er- loilbt sei. Hier handle es sich aber darum, daß Herr Dr. Sello dem Direktor Schulze für den FallZder Freisprechung 50 000 M. in Aussicht gestellt habe. Nach längeren GegeitaUsführuiigen des Staatsanwalts und dtt Verteidiger zieht sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Die Verteidiger werben nicht vereidigt! Der GeklchtShof deschließt. eine Anzahl von Personen nicht zu vereidigen, darunter Herrn Blümke, Herr» und Frau Dr. Möhring. Herrn Rechtsanwalt Dr. Werthauer. Herrn Justizrat Dr. S e l l o. Herrn Detektiv-Direltor Schulze, Fräulein P l a t h o und Kom< missar Thiel. Die Nichtvereidigung erfolge, wie der Vorsitzende erklärt, weil alle diese Zeugen als Begünstiger im Sinne des Z 56 verdächtig seien; weiter sei nichts nötig.— Unter den vereidigten Personen befindet sich auch Zeuge Arndt. Die nächste Sitzung, in welcher die Plaidoyers deginnen sollen, wird auf Mittwoch SV- Uhr festgesetzt. GenrevKstszscfklüijes. Eine Arbeiteranssperrung, von der bis jetzt 112 Arbeiter betroffen sind, ist auf der Werft von G. S e e b e ck A.- G. in Bremerhaven erfolgt. Die Firma hatte willkürlich eine Aenderung der Arbeitsordnung durchgeführt, ohne die gesetzliche Frist inne zu halten. Der Arbeiterausschutz reichte einen schriftlichen Protest gegen die Aenderung ein; es handelte sich um die Aus dehnung der Arbeitszeit bis nach 6 Uhr abends. Die Arbeiter machten auch in einer Versammlung geltend, datz die örtlichen Ver- Hältnisse, das weite Wohnen des Arbeiters von seiner Arbeitsstätte und einen möglichst frühen Schluß der Arbeitszeit heischten. Die Unterhandlungen führten zu keinem Resultat und das Ende war, datz die Firma 112 Arbeiter, Maschinenbauer, Dreher und Kupfer schmiede, kurzerhand entließ. DaS Frankfurter GewerkfchaftShauS ist im Rohbau bereits fertig gestellt und konnte dieser Tage daS übliche Richtfest gefeiert werden. Im Souterrain werden zwei Kegelbahnen gebaut; außer Jdem wird daselbst ein größerer Baderaum und ein DeSinfektions apparat untergebracht. Das Parterre wird zu einem größeren Wirtschaftsraum, Küche zc. ausgebaut, während sich im ersten Stock ein größerer und kleiner Saal befinden. Im zweiten und dritten Stock sollen die Bureaurämlichkeiten und Fremdenzimmer für die verschiedenen Gewerkschaften und für die Reisenden eingerichtet werden. Seitlich sollen Wohnräume für den Verwalter und das Gewerkschaftssekretariat eingerichtet werden. Bis zum 15. September hofft man den Bau fertig und beziehbar zu haben. Ein allgemeiner Ausstand der Antwerpener Hafenarbeiter droht auszubrechen. Der Bürgermeister ist bemüht, den Ausbruch des Streiks zu vermeiden. Er hat beiden Parteien den Vorschlag gemacht, je zwei Schiedsrichter zur Herbeiführung einer Verständigung zu ernennen. Die Hafenarbeiter haben den Vorschlag angenommen, die Antwort der Schiffsreeder steht noch aus. Der Ausstand der Glasarbeiter von Aniche, Bruah, F r e f n e S und im Norden Frankreichs ist beendet. Der Streik, an dem gegen 30 f e noch immer nicht« »ekannt geworden I Verschleppung der Berhaudlungen. AnS Peking wird unter dem 14. Dezember gemeldet: Die Verhandlungen mit den ch r n e f i f ch e n B e v o l l- mächtigten haben noch nicht begonnen. Der britische Gesandte hat noch keine endgültigen Instruktionen er- halten, aber man erwartet, daß alle Fragen in wenigen Tagen er- ledigt sein werden. New Dork, 14. Dezember. Wie aus Peking ferner gemeldet wird, haben Li- Hung- Tschang und Tsching den Gesandten amtlich mitgeteilt, daß sie Dokumente erhalten hätten, durch welche sie bevoll- mächtigt werden im Namen Chinas zu verhandeln und daß sie bereit feien damit zu beginnen, sobald die Gesandten es wünschten. Wann wird eS den Gesandten nun belieben? Allfstellung der Kandidate« zur Rixdorser Stadtverordiletell-Wahl. In eiuer Volksversammlung, die Sonnabend im Rixdorfer Apollo-Theater tagte, hatten sich etwa 1000 Parteigenosten und Genossinnen Rixdorfs zusammengefunden. Zunächst erstattete O st e r m a n n als Parteispeditcur und Pause als Vertrauens- mann ihren Geschäftsbericht. Beide konnten erfteuliche Fortschritte feststellen. Die Partcispedition war in der Lage, 1353.78 M. an den Vertrauensmann abzuführen. Ostermann und Pause lvurde Decharge erteilt. Nachdem Quitt für die Lokalkommission berichtet hatte, nahm die Versammlung zu den am 18. Dezember statt- 'indenden Stadtverordneten-Wahlen Stellung. Pause und Wurbs forderten zu regster Beteiligung auf und hoben unter lebhaftem Beifall der Versammelten die Bedeutung der Wahlen hervor. Auf ibrcn Vorschlag wurden als Kandidaten aufgestellt für den 11. Bezirk Gustav Ost ermann und für den 2., den 6.. den 13., den 14. und den 15. Bezirk der Tischler Hermann Schneider. Hoppe berichtete dann noch über die Kreiskonferenz. Uctzke und Depcfttzcn. Das Bootsungliick bei Sellin vor Gericht. Stralsund, den 15. Dezember.(Privatdepesche deS«Vorwärts"). Hier begannen heute die Verhandlungen gegen den Fischer Magnus, der beschuldigt wird, durch Ueberladung seines BootS in leichtfertiger Weife den Tod von sieben Menschen herbeigeführt zu haben. DaS Unglück ereignete sich im August dieses Jahrs bei Sellin auf der Insel Rügen, als der Angeklagte Sommergäste in seinem Boot nach dem Dampfer.Freya" hinbrachte. Durch die Zeugenaussage wurde festgestellt, daß daS Boot de« Angeklagten polizeilich gar nicht geprüft war. Anstatt im Höchstfall 15 Personen in das Boot aufzunehmen, waren 20 bis 22 befördert. Zuden, hatte der Augeklagte leichtfertig die Segel aufgesetzt, so daß die Katastrophe unvermeidlich war. daS Boot bei der unruhigen See umgeworfen wurde und 7 Personen ertranken. Die übrigen In- asten konnten gerettet werden. Der Angeklagte scheint eine ziemliche Gleichgültigkeit über den Unglücksfall an den Tag gelegt zu haben. denn es wurde festgestellt, daß er nach dem Unfall unbesorgt weiter daS Einbooten von Pastagieren besorgte. Ueber Schluß der Verhandlung liegen noch keine Mitteilungen vor. Hamburg ohne Beleuchtung. Hamburg, 15. Dezember.(W- T. B.) Heute nachmittag kurz nach 5 Uhr erfolgte eine empfindliche Störung in der elektrische» Stromabgabe der inneren Stadt, indem plötzlich j» der ganzen inneren Stadt alle an die elektrische Centrale in der Poststratze an- geschlossenen Leitungen versagten. Die Wirkung machte sich in vieler Hinsicht sehr unangenehm bemerkbar. Zunächst wurde» Jungfernstieg und Neuerwall in Dunkel gehüllt; in vielen Läden mußte der Verkauf eingestellt werden. Das Thalia-Theater mußte die Vorstellung ab« brechen. Mehrere Zeitungen, welche Motorbetrieb haben, konnten nicht weiterdrucken. Auch Telephon- Amt und Stadthaus sind in Dunkel gehüllt. Der elektrische Straßenbahnbetrieb ist nicht gestört. da die Straßenbahn ihre BetriebSkrast auS einem andern ElcktricltatS- werk erhält.__ tßfynpunnrtr fHibactcui: Robert Schmidt tn»erlin. Für den Smlerateutell verautwortli»(Db. Glocke tu Berlin. Druck und Verlag von Mar Babing in Berlin. Hierzu 5 Beilagen«.UnterhaltiiugSblott. st. 298. Ii mmi. i. leiiöje heg Jon W Kerliner Dlksblott. sm'G.tk s°Wdttmv. Der Millerandsche Entwurf eines Streikzwangs-Gesetzes. Zu unsrem vor einiger Zeit veröffentlichten Artikel über den genannten Entwurf wird uns vom Genossen Parvus unter dem Titel Eine neue Possibilistischc Groffthat! folgende? geschrieben: .Streikrecht. Streikpflicht und S t r e i k s ch u tz" hat der..Vorwärts" bereits in dem Millerandschen Projekt gefunden. Me steht es um das Streikrecht? Wollen die Arbeiter streiken, so dürfen sie es doch nicht, sondern sie müssen erst ihre Be- schwerdcn schriftlich aufsetzen und dem Unternehmer überreichen. Dann müssen sie 48 Stunde», 2 Tage, auf Antwort warten. Haben die Arbeiter diese Kündigungsfrist eingehalten und wollen sie streiken, so dürfen sie es doch nicht, sondern nunniehr müssen sie Schiedsrichter ernennen. Ein Tag mindestens geht wieder drauf. Veuützen die Unternehmer das Schiedsgericht nur. um die Sache hinzuschleppen, währenddem die Arbeiter durch die ganze Situation darauf gedrängt werden, den Streik zu beginnen, so dürfen sie es doch nicht, sondern s i e müssen weitere sechs Tage warten. Es ist nach den bisherigen Publikationen noch unklar, ob nicht eine weitere Verzögerung durch die obligatorische Abstimmung siatifinden dürfte, jedenfalls haben wir bereits eine mindestens n e u n t ä g i g e Kündigungsfrist. Man niag dafür oder dagegen sein, man mag auf die Dämpfung des.Leichtsinns" der Arbeiter mehr Gewicht legen, als auf die prompte Bethätigung ihrer Begeisterung, so schlägt es doch immerhin den Thatsachcn ins Gesicht, wenn man in dieser Einschränkung der Streiksreiheit eine Aner- kcnnung des StreikrechtS erblicken will I Das umso mehr, als daö AuSsperrungsrecht der Unternehmer uneingeschränkt bleibt. Der Unternehmer kann jeden Augenblick, wenn es ihni pafft, die Fabrikthore schließen und die Arbeiter aufs Pflaster werfen, er braucht nicht erst die Arbeiterdelegierten zu fragen, nicht erst das SchiedS- gcricht anzurufen, er ist absoluter Herr seines Willens, während dem die Arbeiter das alleS n»d noch mehr durchmachen müssen, bevor sie erst, nach dem Sinn und Wortlaut des Gesetzes, das Recht erlangen, zu streiken, das sie also von Haus aus nickt haben. Es ist die wahre und klare Aberkennung des Streik- rechts. Wie steht es um die S t r e i k p f l i ch t? Wenn, trotz aller Verschleppungen, die Majorität der Fabrikversammlung in geheimer Abstimmung den Streik beschließt, so muff die Fabrik gc- schlössen werden; wenn nicht, so ist es der Minorität verboten, zu streiken. WaS ist Minorität und was Ma- jorität? Ein Zahlenbeispiel wird es klar machen. Ich nehme an, «S seien an einem Orte S Fabriken, die von der Streikbewegung er- faßt sind, und das LbstimmungSverhältnis sei folgendes: Gesamt- Für Gegen Ardeiterzahl den Streik den Streik Fabrik A 2000 1600 400 „ B 1500 700 800 „ C 500 200 300 „ D 1200 1000 200 . E 800 300 500 0000 8800 2200 Ohne Gesetz Millerand, nach den jetzigen Zuständen, Ivürde also der Streik mit 3800 Teilnehmern, also fast Zweidrittcl der Gesamtheit, begonnen. Kein schlechter Anfang. Die Arbeit in den Fabriken A und D könnte offenbar kaum' mehr fortgeführt Ivcrden, aber auch in den andren würde der Abgang fast der Hälste der Arbeiter den Betrieb eminent erschweren. Schon die moralische Wirkung dieser BctriebSänderungen würde den Streikenden in den nächsten Tagen neue Hunderte von Mitkämpfern zubringen. Dagegen nach dem Gesetz Millerand waren die Arbeiter in den Fabriken B, C und E. zur Arbeit g e- z w u n g e n. Der Streik würde nicht mit 3800 gegen 2200, sondern nur mit 3200 gegen 2800 Personen begonnen. Die Fabriken B, C und E kämen überhaupt aus dem Spiel, hier wäre für den Streik nicht? mehr zu holen, die Arbeiter müßten ihre Interessen preis- geben, obwohl doch die Aussichten durchaus nicht schlecht waren. Aber auch die Fabrikanten A und D, die nun plötzlich verpflichtet wären, ihre Fabriken zu schließen, würden eS nur als Er- leichterung empfinden, da sie bei der geringen Ar- b eiterzahl sowieso den Betrieb nicht hätten mit Nutzen weiterführen können: sie sparen nur die Kosten, die sie sonst hätten, um zum Schein den Betrieb aufreckt zu erhalten. So wären die ersten Folgen dieses Gesetzes: Verringerung der Zahl der Steikenden, Verschlimmerung der Situation für die Arbeiter, ihre Verdeffenmg für die Unternehmer. Die Streikpflicht entpuppt sich vor unsren Augen als Arbeitspflicht. Das Gesetz soll vor Streikbrechern schützen und eS schafft planmäßig Streikbrecher, nämlich jene Minoritäten der einzelnen Fabriken, die eZ zur Arbeit zwingt. Nun wird man sagen, es seien auch andre Zahlen- Verhältnisse denkbar, bei denen das Ueberaewicht auf den Streik- zwang zu stehen komme, also nämlich wenn starke Minoritäten gegen den Streik sein sollten. Doch auch dafür ist gesorgt l Die Majorität muff auf jeden Fall mehr als ein Drittel der Stimm- berechtigten betragen. Ich erinnere ferner daran, daß über den Streik in geheimer Abstimmung beschloffen wird. Was damit bezweckt wird, hat uns Herr M i l l« r a n d selbst im voraus klar gemacht. Als er beim Znsammentritt des Parlaments von R t b o t über sein Projekt apostrophiert wurde, führte er, um diesen Vertreter des Unternehmertums zu beruhigen, das Beispiel deS Bergarbeiterstreiks zu Dourges an. Jene streikenden Bergarbeiter haben bei öffentlicher Abstimmung sich für die Fortführung deS Streiks erklärt. Man habe sie gleich danach geheim abstimmen lasten, und sie erklärten sich mit 850 gegen 500 Stimmen für die Wiederaufnahme der Arbeit! (Stenogr. Ber. ö. November 1000 Seite 1067.) TaS ist durchaus nicht überraschend. Die öffentlicheMassenabstimmung— die von der öffentlichen Einzelabstimmung wohl zu u»ter- scheiden ist ist eben eine gemeinsame Abstin, mnng, bei der der Einzelne sich nur al« Teil der Gesamtheit fühlt, wo also da« SolidaritätSgefühl am stärksten zum Durchbrnch kommt. Die geheime Abstimmung zerstört den Zusammenhang der Masse. der Abstimmende sieht sich isoliert, allein vor seinem Stimmzettel. er schwankt und weicht zurück. Also aus die Zertrümmerung des Massenwillens, auf die Desorganisation und Entmutigung der Abstimmenden hat man«S abgesehen, und da« ist es. tvessen sich M i l l e r a n d vor seinem kapitalistischen Opponenten rühmte. Man begreift, daß es unter diesen Umständen von von, herein schwer fällt, ein Majoritätsvotum für den Streik zu stände zu bringen. Für das übrige sorgt der Unternehmer. Wir wisten. daß er mindestens neun Tage Zeit hat bis zum Beginn deS Streiks Während dieser Zeit kann der Unter- nchmer seine Arbeilerzahl soweit vermehren, als ihm beliebt. niemand hindert ihn daran Nun wohl, statt wie jetzt Streikbrecher zu engagieren, wird er noch vor d e m S t r ei k die Fabrikräume mit allerlei Gesindel füllen, das er zu nichts andrem braucht, als um den Streik niederzustimmen. Die Arbeiterzahl einer Fabrik ist überhaupt eine veränderliche Größe. Die Fälle sind selten. wo der Unternehmer seine Arbeiterzahl nicht, wenn eS ihm pafft, und auf kurze Zeit, um mindestens die Hälfte vermehren könnte. Aber sckon ein Zuschuß von 25 Proz. Streikbrechern verwandelt, wie man leicht nachrechnen kann, das obligate Drittel in fast Zwei- drittel, ohne die aber der Streik nicht mehr stattfinden darf I Gelingt diese Machenschast des Unternehmers nicht, so greift abermals der Gesetzgeber helfend ein. Es ist bekanntlich eine wichtige Aufgabe jedes größeren Streiks, möglichst viel Streikende anderweitig in Arbeit unterzubringen, eventuell aus der Stadt zu schaffen. Nun wohl, je mehr das gelingt, desto mehr schmilzt bei den Abstimmungen, die sich nach dem Gesetz mindestens jede Woche zu wiederholen' haben, die Strcikmajorität zusammen, da alle, die anderweitig Arbeit finden, nicht mehr mitstimmen dürfen. Uebrigens enthält das Gesetz nicht einmal ein Verbot, Strcikbre cher z u e n g a g i e r e n. Der Unternehmer darf nur ohne Beschluß die Arbeit nickt wieder aufnehmen, aber es ist ihm stillschweigend erlaubt, indessen Arbeiter aufzunehmen und Arbeiter zu entlassen. Wie nun, wenn er an einem bestimmten Tage den Streikenden, d. h. seinen sämtlichen Arbeitern die Entlassung zukommen läßt, die also in seiner Fabrik nichts mehr mitzubestimmen haben, und erklärt, mit einem neuen Personal die Arbeit aufnehmen zu wollen? Diesen Fall hat unser schlauer Gesetzgeber überhaupt nicht vorgesehen. Und mit keinem Wort wird' verhindert, daß die entscheidenden Streik- Versammlungen immer von neuem von Strcikvrechern überlaufen werden, die auf den soeben von dem Unternehmer abgeschlossenen Arbeitsvertrag pochend, ihr Stimmrecht verlangen! Die„Streikpflicht", die der Redaktion so imponiert, würde in der B a u i n d n st r i e, bei der die stärkste Fluktuation der Arbeiter- schaft stattfindet. a»f eine effektive Streikvernichtung hinaus- laufen und für alle andren Produktionszweige eine eminente Ein- Hemmung der Streits und eine planmäßige Organisation von Streitniederlagen bedeuten. Schließlich der. S t r e i k s ch n tz I" Wer einen Arbeiter bei seiner Abstimmung über den Streik durch„Gelvalt, Einschüchterung oder Versprechungen beeinflußt", wird mit Gefängnis von einen, Monat bis zu einem Jahr und Geldstrafen bestraft. Wer glaubt im Ernst, daß man damit die Unternehmer und ihre Organe fängt? Sie brauchen ja gar nicht den einzelnen Arbeiter direkt zu beeinflussen, sie vermehren nur. wie oben angedeutet, die Zahl der. Abstimmenden durch Streikbrecher, deren Engagement ihnen freisteht. Aber die Bestimmung hat ihre Kehrseite, und die ist bös. Wer auch nur den Pari)er socialistischen Kongreß besucht hat, kann sich eine Vorstellung machen, wie tumnltuarisch es in einer Streikversammlung bei der entscheidenden Abstimmung zu- gehen wird. Da wird man das Votum gruppenweise ausschreien, inan wird an den Tischen zusammengedrängt, man wird sich gegen- seitig die Stimmzettel aus den Händen reißen nsw.— ist das nun nicht etwa„Einscküchterung"? Also ins Gefängnis die Hälfte der Versammlung— mS Gefängnis nicht unter einem Monat und bi« zu einem Jahr I Und wenn die Gewerkschaft den Streik beschließt und eS der Versammlung mitteilt, werden sich nicht da auch in Frankreich Richter finden, die darin eine Beeinflusiung deS Einzelnen erblicken? Und wenn ein Arbeiter zu seinem Tischnachbar spricht:.Du Lump, Dir schlage ich Deinen dummen Schädel ein, wenn Du gegen den Streik stimmst", werden sich nicht auch die Richter in Paris finden? Dieser„Streikschutz" ist in Wirklichkeit Schutz der Arbeitswilligen. Hat man es in Deutschland schon so schnell vergessen:„Wer einen Arbeiter, der arbeiten will, daran hindert....." Aber die Zucht- hauS-Vorlage hat doch wenigstens auch gegen die Aus- sperrungen sich gewendet. In dieser Beziehung steht die Vorlage MillerandS noch hinter jenem reaktionären Vorschlag zurück, der selbst dem deutschen Reichstag viel zu arbeiter- feindlich war. Und für dieses Unheil, das man über sie verhängt, die Fall- stricke, die man der Gewerkschaftsbewegung in den Weg legt,— was erhalten die Arbeiter?„Parlamentarismus" in der Fabrik.„Mit- bestimmungSrecht im Produktionsprozeß"— Worte, nichts als Worte! Wo bleibt das Parlament, wenn die Regierung das Recht und die Macht hat, das gesamte Volk nebst dem Parlament und allen seinen Rechten und Ansprüchen aus den, Land zu jagen. Nun wohl, der Unternehmer engagiert und entläßt nach Gut- dünken die Arbeiter seiner Fabrik, das souveräne Volk seine? Staat?, den er übrigen« verkaufen, verschenken oder nach seiner Laune i» Trümnier schlagen kann.„Mitbestimmungsrecht im Produktion?- Prozeß"— der Unternehmer läßt sich nicht nur in Bezug auf Auf- träge, Absatz, ProduktionSumfang, Technik, kurz alles, worauf es im Produktionsprozeß ankommt, von den Arbeitern nicktS dreinreden. sondern er behält nach wie vor das Recht, sie in seinem Betrieb zusammenzuwürfeln, wie Kartoffeln in einem Sack, und wenn die Arbeiter streiken wollen. müssen sie erst die Stricke lösen, mit welchen sie daS Gesetz Millerand in das kapitalistische Joch bindet. DaS ganz» Mitbestimmungsrecht ist daS aller- bescheidenste B es ch w e r d ere ch t, einmal im Monat, vor dem Unternehmer selber— eS«rre'icht nicht einmal jenes Beschwerde- recht, welches die leibeigenen Bauern an vielen Orten gegenüber ihrem Herrn hatten. Und das sollen keine Phrasen sein?! Aber die S ch i e d S g e r i ch t e? Da die Unternehmer in ihnen stets mindestens die Hälfte der Stimmen haben und mit absoluter Majorität beichlosien wird, thuOs ihnen nicht wehe. Und was geschieht, wen» der Unternehmer einen ihm unbequemen Beschlutz der Schiedsgerichte ignoriert? Schrecklich, er darf in die Handelskammer nicht mehr wählen l Man wäre beinah versucht, das kindliche Unschuldsgemüt dieses Gesetz- gebers zu bewundern, der einem geriebenen Unternebmertum. das in allen Wassern gewaschen ist, mit der moralischen Zuchtrute droht; aber so naiv ist Herr Millerand gewiß nicht, vielmehr muß er wissen, daß.-je geringer die Macht der Schiedsgerichte, desto vor- sichtiger und unbedeutender werden ihre Entscheidungen sein. Ueberhaupt sind die AuSführungSbestimmungen dieser Vorlage derart, daß sie sicher unausgeführt bleiben wird, sollte sie auch an- genommen werden, woran freilich kaum zu denken ist. Und daS ist daS schönste an ihr. Nicht schön aber ist eS, daß man a»S dieser Simpelei großes Wesen macht und den Arbeitern damit den Kopf verdreht. Aber eins sehe auch ich in diesem Millerandschen Borschlag, der„revolutionär" ist: daß er klarer als alles Vorangehende das Wesen des Possibilismus aufdeckt. Der Possibilismus lenkt die Aufmerksamkeit der Arbeiter von dem harten, langsamen, aber siegessichercn Klassenkampf ab, mn dem Schatten einer pratlischen Gegenwartspolitik nachzujagen, die sich dann als boden- lose Illusion erweist. Wer kennt nicht die steigenden Schwierigkeiten der Streiks? Wir wären froh, wenn wir sie»lindern könnten. Auf welchem Wege auch. Jenen der Gesetzgebung und der Regierungs- aklion verwerfen wir gewiß nichts. Wir haben auch dieSbezüglick uiisre bestimmten parlamentarische» Forderungen. Sie sind scbr bescheiden, denn wir wissen, daß die Schwierigkeiten in der kapitalistischen Gesellschaft liegen und daß der kapitalistische Staat sein eignes Wesen nie verleugnen wird. Wir revolutionäre Social- demokraten sagen deshalb auck den Arbeitern in aller Einfachheit: Diese? und'jenes wäre vielleicht jetzt schon zu erreichen, es ist gewiß sehr gering, aber wir stehen eben vor der kapitalistischen Klassenherrschaft, und der einzige bündige Schluß ist wiederum, daß wir die politische Macht erobern müsse»; auf jeden Fall stärkt enre Organisationen, denn darin liegt die einzige Macht, die ihr jetzt und in der Zukunft Unternehmern entgegensetzen könnt." Aber da kommt P o s s i b i l i st mit der Miene des großen Praktikers, dreht Zauberstab der Gesetzgebung in den Fingem und nimnit sich spielend all« Schwierigkeiten jgi lösen. Er kennt eben den dee den vor, diese Schwierigkeiten nicht. Er ist der schlimmste Utopist, ein Utopist der Gegenwart, weil er die kapitalistische Wirklichkeit verkennt. Da« Ergebnis ist selbstverständlick. daß er sich in den Maschen seiner eignen GesetzeSmacherei verstrickt und zu Fall kommt. Interessant ist aber, wie daS gegenseitige Verhältnis sich ändert: Erst erscheinen wir ja als Pessimisten, und unser Possibilist als Optimist, zum Schluß wird es gerade umgekehrt. So konnte z. B. da» Gesetz M i Ii e r a n d nur von jemand ge- schrieben werden, der an den ArbeiterstreikS völlig verzweifelt. Nur weil er von ihnen nicktS mehr erwartet, giebt er sie so leichten HerzenS preis, um dafür ein gewisses kapitalistisches Wohl« wollen für die gefügigen Arbeiter einzutauschen. Wir aber, weil wir die Illusionen nicht wollen, ersparen unö die Enttäuschung. Wir verzweifeln keinen Augenblick, in den Schwierigkeiten sehen wir nur einen Anreiz zur größeren Agitation und O r g a n i s a- t i o n und wir rufen den Arbeitern zu: Stärkt eure Gewerkschaften! Stärkt die p o l i t i s ch e O r g a n i s a t i o n! Ihr braucht nicht zu verzagen und auch nicht zum Versöhnungsfest mit euren Feinden zu rüsten. R ü st e t z u m K a m p f I Parvus. »» » Zum obigen Artikel sendet Genosse Parvus folgenden Nach- trag:„Ans'dem mir nunmehr vorliegenden, genauen Wortlaut de? Millerandschen Gesetzentwurfs ergiebt' sich, daß vom Unternehmer während des Streiks engagierte Leute nicht mehr über den Streik mitzubestimmen hätten'. ES sollen nämlich nur jene da? Stimmrecht haben, welche an der letzten Löhnung vor dem Streik teilnahmen. Der Unternehmer mutz also, um den Streik niederzustimmen, beizeiten vorbeugen. Er kann das sehr bequem thun. da ihm das Gesetz, wie ich in meinem Artikel gezeigt habe. einen Spielraun, von mindestens neun Tagen, der bei einiger G-'- sckicklichkeit leicht um noch etliche Tage vermehrt werden kann, frei- läßt. Kuck bleibt es ihm unbenommen, durch eine A u s sp e rru n g in jedem Augenblick sich den Strcikbestimmnngen zu entziehen, und eS geschieht ihm überhaupt nichts, wenn er sie verletzt." Erst kürzlich konnten wir das Schauspiel sehen, wie der Genosse Parvus gegen ein Gesetz von Millerand in der schärfsten Weise loszog, daS den Arbeitern— Männern, Frauen und jugendlichen Arbeitern— in gemischten Betrieben in wenigen Jahren den Zehn stundentag sichert, nur, weil der Zehnstundentag nicht sofort, sondern schrittweise zur Einführung gelangt. In Frankreich herrscht über die Nützlichkeit dieses Gesetzes unter den Arbeitern heute kein Streit mehr. Auch gegen diesen neuesten social- reformatorischen Entwurf, der ja ganz unabhängig von den An-- schauungen über socialistische Minister geprüft werden müßte, wütet Parvus in einer kaum noch ernst zu nehmenden Weise. Ohne auf alle Einzelheiten des Millerandschen Gesetzentwurfs heute eingehen zu wollen, wollen wir die Ausführungen des Genossen Parvus nicht unerwidert lassen; die von ihm beliebten Ueber- treibungen und Aufbauschungen fordern geradezu gebieterisch eine Zurückweisung in vernünftige Grenzen. Uns liegt jetzt der Wortlaut des Gesetzentwurfs vor und wir wollen von vornherein zugeben: das von Millerand in LenS e»t- wickelte Programm ist nicht ganz erfüllt. In LenS wurde versprochen: das obligatorische SchiedS- gerichtSverfahren und die obligatorische Organisation deS Streiks nach den Gesetzen der Majorität. ES ist dem socialistischen Handelsminister anscheinend nicht gelungen, seme bürgerlichen Kollegen für daS weitergehendere Lenser Programm zu gewinnen. Es fragt sich nun, ob trotz des fakultativen Charakters das Gesetz nicht doch der Arbeiterklosse erheblichen Vorteil bringt, oder ob das Projekt wirklich, wie es Parvus thut, von Grund aus zu verwerfen ist. In erster Linie bemängelt Parvus, daß so lange Zeit verginge, ehe die Arbeiter in den Streik zu treten vem, ächten. Wer noch auf dem längst aufgegebenen Standpunkt steht, daß Streiks ihrer selbst willen— ihres„agitatorischen Werts" wegen geführt werden müßten, der mag dies bedauern. Die Erfahrung der wirtschaftlichen Kämpfe lehrt aber, daß die unvorbereiteten„wilden Streiks", hervor- gerufen durch die„Flanime der Begeisterung", gewöhnlich mit einem Fiasko enden. Die„Einschränkung der Streiksreiheit" wird heute schon bei allen größeren Gewerkschaften durch StreikreglementS durchgeführt. Parvus bestreitet ferner, daß das Gesetz den Arbeitern die Streik Pflicht auferlege. Diese seine Behauptung stützt er auf eine Reihe von Voraussetzungen, die er nach Einsicht des Wortlauts des Entwurfs selbst nicht mehr aufrecht erhalten kann. Parvus� hätte gut gethan, nach Kenntnisnahme des Entwurfs seine ganzes Kritik einer eingehenden Revision zu unterziehen. ES ist selbstverständlich, daß die Streikpflicht nur dann eintreten kann, wenn die Mehrheit sich dafür entscheidet. So will es da? demokratische Princip. Daß im entgegengesetzten Fall—, wenn nänilich die Streiklustigen in der Minderheit bleiben— für vieselben die Pflicht des WeiterarbeitenS eintritt, ist so selbstverständlich, daß eS der langen und breiten Beweis» führuug Parvus' dazu wahrhaftig nicht bedurft hätte, die« klar zu machen. Mit der für Parvus ganz schrecklichen „Arbeitspflicht" wird er sonst niemand schrecken. Seine heran» gezogenen Zahlend cispiele haben absolut keinen Wert; sie sind, wie er ja selbst zugiebt, durch geringfügige Verschicbungen ebenso gut für die entgegengesetzte Anschauung nutzbar zu machen. Mit der geheimen Abstimmung soll die Zertrümmerung deS Masse»willens, die Desorganisation und E n t»< m u t i g u n g der Abstimmenden beabsichtigt sein. Auf der gleichen Höhe mit dieser Uebertreibung steht die Schwärmerer Parvus' für die öffentliche Stimmenabgabe. Wir glauben ähnlichen Argumenten schon mehrfach in den Spalten der»Kreuz- Zeitung" und andren reaktionären Blättern begegnet zu sein. Besonders unglücklich ist Parvus darüber, daß das Gesetz die Zahl der Streikenden vermindere. Allerdings hat da? Gesetz den auS- gesprochenen Zweck, die gewerblichen Streitigkeiten möglichst durch das Einigungsverfahren zu beseitigen, die wirtschaftlichen Kämpfe- auf ein Minimum zu beschränken. Kommen Arbeitsniederlegungen aber vor, so kann die Zahl der Streikenden nach den Bestimmungen des Gesetzes in eben so vielen Fällen erhöht werden; alles kommt eben auf die Abstimmung an. Außerdem: Wer Einblick in die Kämpfe der Gewerkschaften hat, weiß, daß ein allgemeiner weit aus»! gedehnter Streik den Unternehmern in der Regel viel willkommener ist» als der Kleinkrieg sBranchenausstände, Werkstätten«, Baustreiks). Der allgemeine Streik schweißt die Unternehmer zusammen, leert auch viel schneller die Kassen der Gewerkschaften.| Geradezu verblüffend wirkt die Art, wie Parvus eS unternimmt, Situationen auszumalen, die angeblich infolge des Gesetzes eintreten würden. So läßt er die Streikversammlung in ein wahre» Tohu» wabohu ausarten, nicht die Vernunftsgründe entscheiden, sondern Mo Faust. Man reißt sich die Stimmzettel aus der Hand, und schließlich wandert die halbe Versammlung ins Gefängnis. So wenig wir also den Ausführnngen Parvus', der den Entwurf in einer Manier abthut, wie Eugen Richter den ZukunftS« st a a t, beistimmen können, so wollen wir doch gern zugeben, dast das Gesetz gewiß manche UnVollkommenheiten enthält. ES handelt sich hier um ein Experiment, dessen Mängel wohl erst damt richtig in die Erscheinung treten werden, wenn eS in die Praxis umgesetzt sein wird, aber es ist ein Experiment so interessanter und fruchtbarer� Art, daß die Kritik mir in nüchtemer, ernster Weise einsetzen sollte. Wir möchten für heute nur auf einiae Mängel kurz hinweisen. Wiewohl dem Geiste des Gesetzes noch der Unternehmer ohne Zivcifel ebenfalls gebunden sein soll, bei Aendcrungen des Arbeitsvertrags zunächst den Weg der Verhandlung zu beschreiten, so fehlt im Gesetz doch die ausdrückliche Bestimmung. In dem Entwurf fehlt allerdings ferner eine klipp und klare Bestimmung darüber, ob der Unternehmer berechtigt sei oder nicht, Arbeitswillige anzuwerben, sobald und nachdem von seinen Arbeitern der Streik beschlossen ist. Diese Bestimmung fehlt aber offenbar nur deshalb, weil sie ganz selbstverständlich ist; denn der ganze Sinn des Gesetzes besteht ja darin, daß, wen» die Mehr- heil sich dafür entscheidet, der Streik für alle obligatorisch ist, der Betrieb also zn ruhen hat.?arvug stellt, ohne den Ent- Wurf zu kennen, die Sache einfach so dar, als ob der Unternehmer nur eine genügende Zahl von Streikbrechern zu engagieren brauche, um den Streik n i e d e r st i m m e n zu lassen. Das muß er dann zwar zurücknehmen, stellt dafür aber die Behauptung auf, es sei dem Unternehmer ein leichtes, schon bei Zeiten genügend Leute zum Zweck der Streikniederstimmung ein- zustellen. Er füttert diese vielleicht Hunderte von Arbeitern also wohl 14 Tage, und damit sie ihn vielleicht doch bei der geheimen Abstimmung— die Pannis so sehr bekämpft— im Stich lassen. Jaures interpretiert das Gesetz in diesem Punkt dahin, daß es ganz selbstverständlich sei, daß der Unternehmer während der Dauer des Streiks Arbeiter nicht einstellen dürfe. Zn bemängeln sind vielleicht auch die zu niedrigen Strafen, die für den Fall des Bruchs der Verträge vorgesehen sind. Es fragt sich, ob die Arbeitswilligen und ob die Unternehmer genügend Ehrgefühl besitzen, die Entziehung der Wahlrechte als Strafe zu empfinden. Schließlich das Fehlen des O b l i g a t o r i u m s. Es wäre gewiß lvünschenswert gewesen, die Bestimmungen des Gesetzes auf die ganze Industrie ausgedehnt zu sehen. Millerands Ministerkollegen haben dies anscheinend abgelehnt, aber auch kein Parlament eines kapitalistischen Staats würde zunächst auf eine solche Bestiinmuiig eingehen; der fakultative Charakter macht es anuehmbar. Obligatoris ch aber wird das Gesetz für die staatlichen Betriebe, für alle Unternehmer, welche Lieferungen für den Staat zu leisten haben sowie für die staatlich konzessionierten Unternehmungen. Bon dem Gesetz wexden ferner Gebrauch machen die zahlreichen socialistischen Gemeinderäte Frankreichs, wodurch Taufende und Abertausende von Arbeitern unter die Bestimmungen deS Gesetzes falle» werden. Das alles ist ein nicht zu unterschätzender Anfang, der in seinen Konsequenzen zu immer weiteren Verbcsserungen führen wird. Gerade weil es sich um einen Versuch auf einem neuen Weg handelt, ist es vielleicht ganz zweckmäßig, daß man dem Gesetz einen fakultativen Charakter gegeben hat: es kann seine Wirkungen nur in der Praxis erproben. Für Parvus allerdings, der das Gesetz von Grund aus verwirft, muß das Fehlen des Obligatoriums das einzig Gute sein, denn je weniger Arbeiter unter ein so elendes Gesetz fallen, desto besser. Parvus verdammt das„possibilistische" Teufclswerk in Grund und Boden hinein und doch sollte er, der einzig wahre Revolutionär. gerade dem Minister Millerand Dank wissen für den Entwurf. Ist daS Gesetz doch nach ihm geeignet, die Arbeiter von dem wahren Wesen des PossibilismuSzu überzeugen und den Schatten einer praktischen Gegenwartspolitik als„bodenlose Illusion" erkennen zu machen. Fürwahr ein urkomischer PossibilismuS! Unter diesem Begriff kann man in Parvus' Sinn doch nur eine Kompromißpolitik ver- stehen, die den Arbeitern wirkliche kleine Gegcnwartsvorteile zukommen läßt und dadurch sie von ihren großen grundsätzlichen Aufgaben ab- lockt. Nach Parvus aber ist das Gesetz Millerands ein Machwerk schlimmer als die Znchthansvorlage, das die Streiks unmöglich oder ihre Niederlagen obligatorisch macht, das die Arbeiter zur Verzweiflung treibt— kurz, das ganz nach dem Herzen der älteren russischen Terroristen ist, deren Grundsatz war, es müsse schlimmer werden, damit es besser würde. Wofür hielt Parvus aber denn Millcrand? Mag er ihn einen Poffibilisten schelten, immerhin, aber er mache ihn doch nicht zu einem kompletten Idioten, der die Arbeiter zu ver- führen und einzulullen hofft durch ein Gesetz, das— nach Parvus — aufreizender wirken muß als selbst das tollste Produkt der deutschen Scharfmacherei I Parvus will zu viel beweisen und be- weist dadurch nur seine fanatische Befangenheit. Er will über den „Fall Millerand" recht behalten— der gar nicht hierher gehört— und das verleitet ihn zu so wilden Deklamationen. Die„steigenden Schwierigkeiten" der Streiks erkennt auch Parvus an, gleichermaßen schwierig ist es aber auch, diesen auf dem Wege der Gesetzgebung zu begegnen. Wenn der Versuch, die Anarchie der kapitalistischen„Ordnung" mit ihren Aussperrungen und Streiks durch die Gesetzgebung zu beseitigen, noch weit davon ent- fernt ist, gelöst zu sein, so ist das angesichts der wider- strebenden Interessen im Klassenstaat nicht allzu ver« wunderlich. Daß aber der Versuch überhaupt unternommen worden ist. ist ein Verdienst; den Streik unter der Voraussetzung, daß die Majorität ihn will, für alle obligatorisch zu machen, ist allerdings eine revolutionäre That, heißt aller- dings an Stelle des Fabrikfeudalismus die Herrschaft des demokratischen Selbstbestimmungsrechts setzen. An der Anerkennung dieses Princips müffen wir fest- halten, auch nach Kenntnisnahme der dem Gesetz zweifellos an- haftenden Mängel. Zsür de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Wheakev. Sonntag, 16. Dezember. Freie Volksbühne. Carl Weih- Theater. 5. Abteilung(gelbe Karten), lieber unlre Kraft. (II. Teil.) Ansang A'/z Uhr. Lessing- Theater. 3. Ab- teilung(graue Karten). Der Bund der Jugend. Anfang 2% Uhr. Opernhans. Der Barbier von Bagdad. Die roten Schuhe. Anfang 7»/- Uhr. Montag: Die Fledermaus. Schauspielhaus. Agnes Bernauer. Anfang"V- Uhr. Montag: Coriolan. Neues Opern< Theater(Kroll). Nathan der Weise. Anfang 1\h Uhr. Nachm. 3 Uhr: Wie Klein-Else das Christkind suchen ging. Montag: Dieselbe Vorstellung. Deutsches. Rosenmontag. Anfang ?'/, Nhr. Nachm. 2V2 Uhr: Die Weber. Montag: Rosemnontag. Lcssing. Wie die Blätter. Anfang 7V. Uhr. Montag: Johannisfeuer. Verliner. Die strengen Herren. Anfang 7'/- Uhr. Nachm. ist/z Uhr: Die Räuber. Montag: Die strengen Herren. Residenz. Die Dame von Maxim. Anfang 7l/z Uhr. Nachm. 3 Uhr: Klar zum Gefecht. Montag: Die Dame von Maxini. Neues. Die Liebesprobe. Anfang B/- Uhr. Nachm. 3 Uhr: Nackte Kunst. Montag: Die Liebesprobe. Weste». Romeo und Julia. An- fang 7V- Uhr. Nachm. 3 Uhr: Der Freischütz. Montag: Die weihe Dame. Central. Die Geisha. Anfang 7y, Uhr. Nachm. 3 Uhr: Die Puppe. Montag: Die Geisha. Seerssionsbühne. Der Leibalte. Anfang 7Vz Uhr. Nachm. 3 Uhr: Die Bildschnitzer. HockenjoS. Montag: Der Leibalte. Schiller. Das Glück im Winkel. Ansang 8 Uhr. Nachm. 3 Ul" hr: Die Ehre. >ie Maschinenbauer. Montag: Di._________ Thalia. Amor von heute. Anfang 7Vz Uhr. Moniag: Dieselbe Vorstellung. Luise». Der Roland von Berlin. Anfang 8 Uhr. Nachm. 3 Nhr: Der Hüttenbesitzer. Montag: Der Kaufmann von Venedig. Fricdrich-Wilheli» städtisches. Der Tugendring. Ans. 7»/, Uhr. Nachm. 3 Uhr: Der Zigeunerbaro». Montag: Der Tugendring. Carl Weiss. Die Veilchenprinzessin. Anfang 8 Uhr. Montag: Dieselbe Borstellung. lvelle-AIliance. Der Dorfbader. Anfang 8 Uhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Metropol. Specialitätenvorstellung. Eine tolle Nacht. Anfang 7�/, Uhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Apollo. Specialitäten-Vorstellung. Fräulein Loreley. Auf. 7�/, Uhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Palast. Specialitäten- Vorstellung. Der Säugling. Anfang 71/2 Uhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Rrichshalle». Stettiner Sänger. Anfang 7 Uhr. Passage- Panoptikum. Special!- täten- D- Vorstellung. Anfang nachmittags 3 Uhr. Urania. Tanbenstr. 48/49.(Im Theatersaal) Abends 8 Uhr: „Aus den Wogen des Oceans." Montag:„Bon Schantur.g bis Peking." Jnvaltdenftraste S7/VS. Täglich abends von ä— 16 Uhr: Sternwarte. Passag e-Panoptieum. Neu! China In Berlin. Kran, Bindeglied zwischen Mensch und Affe. Clza, das 12jShr. Riesenmädchen. Eintritt einschltehl. Theater SV Pf. CchilltrThtllttl' (Wallner-Theaterl. Sonntag, nachmittags 3Uhr: Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten von Hermann Sudcrmann. Sonntag, abends 3 Uhr: »au CIMck Im Winkel. Schauspiel in 3 Akten von Hermann Sudermann. M ontag, abends 8 Uhr: — Die Baschlnenbaner.— Dienstag, abends 8 Uhr: Canat. II. Teil.(2. Abend.) SkltssmsWllk. Alexanderstr. 4V. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Die Bllduehnlt�er. Hochenjoa. _ Abends 7'/, Uhr: UW- Der Celbalte. Mbj Komödie in 3 Akten v. Lothar Schmidt. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Crntvnl Tlzontei.' Sonntag, nachm. 3 Uhr, zu halben Preisen: Die Puppe. Abends 71/, Uhr: AM" Die CelNha."VS Mimofa: Mio Werber. Montag, den 17., DienStag, den 18.: Die Geisha. Mittwoch. den 16., nachm. 4 Uhr, iehr kleinen Preisen: Weihnachts-Vorstellung: Häusel und Gretel. Hieraus: Ii» Zauber- bau» der Weihnacht, Wcihnachts- märchen mit Gesang und Tanz. Mittwoch, abends 7 r/z Uhr: Der Brautvater. Sonnabend, den 22., abends 7'/, Uhr, zum erstenmal: Die Schöne von New Bork(Ntrs belle of New York), burleske Operette in 3 Akten. Sonntag, den 23. u. folgende Tage: Die Schöne von New Bork. An den 3 Festtagen, nachm. 3 Uhr: Die Geisha. Billets zur Premiere und zu den Weihnachtsfeiertagen sind schon jetzt zu haben Thal! a Thea t er Dresdenerftr. 7S. Heute und folgende Tage: Amor von heute. Grobe Aiisstatwnaspoffe mit Geiang und Tanz in 3 Akten von I. Kren u. A. Schönscldt. Musik v. G. Wanda. Herren: Thomas. Thielscher, Helmer- ding, Junkermann, Paulmüller und die Damen: Milton, Milaui, Boje, Wannovius, Wehling, Junker-Schatz. _ Anfang 71/z Uhr. Sonntag, den 16. Dezember, 2 gr. Gala- Vorstellungen, nachmittags 4 Uhr und abends 7»/, Uhr. Nach- mittags 4 Uhr hat jeder Erwachsene auf allen Sitzplätzen 1 Kind frei, weitere Kinder die Hälfte. Nachmitt. 4 Uhr: Berliner Landpartien. Ulk über Ulk. Tolle Streiche zu Waffer und zu Lande i» 2 Akten. In beiden Vorstellungen die besten Schul- und Reitpferde. Die vorzüg- lichstcn Freihcitsdreffuren. Die besten Klowns mit ihren vorzüglichsten Witzen und Spähen. Abends 7V, Uhr zum 18. Male: „Die eiserne Maske". Großes histor. Manegen- Schaustück in 4 Akten und 3 Hauptbildern. Freitag, den 21. d. M., abds. 7 Uhr: Festvorstellung zum Besten des In- validenheims der Kaiser- Wilhelm- Stiftung bei Neu-Babelsberg. Sanssonci Sonntag, Montag und Donnerstag: U o ffni an n a Nordd. Sfinger. Ansang Sonntags 7 Uhr. Entrce SV Pf. Von b— 7: Nnterhaltungs Musik. Wochentags 8 Uhr. Entree 30 Pf. Nach jeo. Soiree: Danakrhaaehen. Wochentags Tanz frei. Vereins- und Borzugsbillets woaien- tags gültig. Säle zu Festlichleiten und Versammlungen. RANIA O O Tanbenatr. 48/40. Im Theater abends 8 Uhr: An fden Wogen des Oceans. Montag: abends 8 Uhr: Ton Schantnng bis Peking. Invalidcnatr. 57/02. Tagl. Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. Berliner Aquarium Unter den I.Inden 08a. Eingang Schadowstr. 14. Heute Sonntag Eintrittspreis 50 Pf. Reichhaltigste Ausstellung der Welt an lebenden Seetieren, Reptilien etc. ■" CASTANS" PANOPTICUM Friedriehstr. 165. Nenl Dahomey-Dorf. Neu 38 wilde Weiber von der Leibgarde des Königs Behanzln. Kriegs- u. Gefechts-Scenen, Exercitien, Nationaltänze. Vorstellung.: 12 Uhr mittags, nachm. von 3— 10 Uhr stündl. „Allerseelen", neue Illusion! Euss. Damenkapelle Zarina. Entree 50 Pf. n Militär n. Kinder 25 Pf MM Passage-Theater Unter den Ulnden 22 D-Vorstellung (Nachmittags 3 Uhr bis abends 11 Uhr. Tägl. Auftreten Gertrude Barrison Jenseits der krummen Lanke. 2. Seehatalllon 3 Compagnie AM- 16 Muniincrn. Eintr.(soweit der Raum Klip- reichtiinkl-Panopticum*'!' Cirkus Schumann. Heute, Sonntag, 16. Dezember, nachmitt. 3l/j und abends?>/, Uhr: 2 grobe>rala< Vorstellungen. In beiden Vorstellungen gleichreichhaltiges abwechselndes Programm.— Nach- mittags zum Schlub: Die lüstigen Mallreelltsellen. Seene aus dem New Aorker S trabenleben. In der Nachmittagsvorstellung ist auf allen Plätzen ohne Ausnahme ein Kind frei. Jedes weitere Kind halbe Preise(auber Galerie), abends jedoch volle Preise.— Zum 85. Male: Das von 600 Perionen dargestellte gräbt« Manegen- und Wasierschaustück der Gegenwart: Der Krieg in Ostasten. Die Unseren in Kiautschou. Der Ausstand der Boxer. Krieg. Die Verbündeten vor Taku-Peking.— Sämtlid>e Einlagen. Montag, den 17. d. M.: Gala- Sportvorstellung. Neues Programm und China. W. Noacks Theater. Brunnenflrabe 16. Im WeihMtsabelld. Volksstück mit Gesang in 3 Akten von Th. Kolbe. Musik von R. Thiele. Nach der Vorstellung: Tanzkränzchen. Montag: Kabale und Liebe. Carl Welss-Theater Gr. Frankfurterstr. 132. Die'Vellchenprinr.esfiln. Ansang 8 Uhr. Jeder Erwachsene hat das Recht, auf einen Platz zwei Kinder frei einzuführen. Montag, Dienstag und Mittwoch: Dieselbe Vorstellung. Donnerstag und Freitag geschlossen. Sonnabend- nachmittag 4 Uhr: Kinder-Vorstellung (kl. Preise) zum letztenmale: Snee- wittchen und die sieben Zwerge. Sonnabendabend geschloffen. Sonntag, den 23. Dezember, zum erstenmale: Der Hexenmeister vom Deufelssee. Berliner Sittenbild mit Gesang in 4 Akten von W. ternau. Musik von Fr. Lehner. ierauf: Die kalte Hand. Krimmal- Burleske mit Gesang in 1 Akt. Apeiie- Theater. Um 7l/j Uhr: Fräulein Loreley. Horence Esdaik, Willi Capell, WUe. Bresina, Francois Gerard, Wiss Galathee, 10 Speciali'äten. _ Anfang 71/2 Uhr._ Palast- Theater früher Feen-Palast, Burgstr. 22. Das großartige Dezember- Programm. — 8'/, Nhr: Kolossaler Lacherfolg!— Oer Säugling. Posse mit Gesang in 1 Akt. 42 Attraktions- Nummer» 4a k W, chent>gs 7V- Uhr. Zlnfang So.mta.S 7 Uhr. Eniree oO Pf. Mittwoch, den 19. Dezember 1900: fetrie Vorstellung vor Weihnachten. Wieder-Eröffnung Dienstag, den 25. Dezember 1900. Feiertags-Programm!_ Reichsiialien. Tägli»: Stettiner Silnger. Anfang 7 Uhr. Vorher: Konzert. schönst! WklliiillWmesse«..* im Alexandrinenstr. 440. Täglich Konzert v. S Kapellen. Illusionen. Varietes. Mvfterium des 20. Jahrhunderts. Erscheinung aus der übersinnlichen Welt. Kaiser- Panorama. Hölle u. Nordpol. Höllen- Varistä. Sonntags: Gr. Ball bei 20 Mann starker Kapelle. Entree frei und 40, 20, 30 Pf. Dir. Kranz. lleutsvliv üousertdsUeii Spandaner Brücke. ynr Täglich'ma 4 ausländische J Kapellen 41; Gr. Theater-Vorstellung. Prtie Volksbühne. Rente, nachmittags 2 V« Uhr, DI. Abteilang, im Lessing-Theater: Der Band der Jagend von Henrik Ibsen (die folgenden Abteilungen am 23., 30. Dezember, I. und 6. Januar 1901); gleichzeitig im Carl Weiss• Theater T. Abtellnng, nacbmittags 2% Uhr: lieber unsre Kraft.(Q. Teil.) Die Mitglieder sind verpflichtet, pünktlich zu erscheinen und dürfen nnr die Torstellang Ihrer Abteilung besuchen. Nachzügler haben kein Anrecht auf einen Platz im Theater. 235/4 Der Torstand. 1 A.: G. Winkler. \ l.oui* Kellers Festsäle, Koppenstrasse 29. Heute, Sonntag::"TpQ Grosser Ball. Anfang 4 Uhr. lionls Keller. Cirkas Renz-Konzert- Tunnel Karlatraase. 1 Wochentags 7 Uhr. Nur erstklassige Direwon: Sonntags 5 Uhr. Sveetalltäten. J. m. nutt. Jeden Sonnabend nach der Vorstellung: Dan» ohne Nachzahlung. reparaturbedürftig, z. verk. V Fried richstr. 68, Dittrtch. Wo amüsiert man sieh grossartig? 8 in Schnegelsbergs Max Schindler.— Telephon: Amt l? Hasenheide 21 und Jahnstr. FcstsUlen. Jnh Nr. 1132.— SV Heute: Grosser Ball,_ als Specialit&t: D Cigarren- und echten Weichselspltzen- Regen 9 verbunden mit Schlangen- u. Bonbon-Regen u. diversen Ueberraschungen. Täglich: Speeialitäten-Borstellung. Entree frei. Enipseyle den geehrten Gewerkschaften, Bereinen, Fabriken re. meine Säle, 300 und 1200 Personen fassend(mit Bühne) zu Versammlungen und Festlichkeiten jeder Art. s6741g* ]VIax Kliems Festsäle Hnsenheidc 13—15. Gr. Mililär-Sireicli-Konzert. Ansang 6 Uhr. Nach dem Konzert: Kränzchen. In den alten Sälen von 4 Uhr ab: Ball. Jeden Donnerstag: horddeutsche Giinger. (Zimmermann, Steinhardt, Stangenberg ze.) Anfang 7 Uhr. Empfehle meine Säle, 1200, 1010 und 560 Personen fassend, Vereinen und Gesellschaften._____[5681L*J___ 11 ax Cirkas Jaasly. Schöneberg, Hanptstrasse. Sonntag, den 16. Dezember er.: 2 Groste Gala- Vorstellungen 2 Nachm. 4 Uhr und abends 8 Uhr. Nachm. 4 Uhr: 1 Kwd frei. Abds. 8 Uhr: Gewöhnt, kleine Preise. Von Montag, den 17., bis inkl. 24. Dezember bleibt der Cirkus wegen baulicher Veränderung geschlossen. Wiedereröffnung: 1. WeihnachtS« Feiertag._ B ehren str. 55/57. Henry Bender als Debüt EMit vollständig neuer Ausstattung HHl t. Vorher: Das Dezember- Specialitäten- Programm. Anfang der Specialitäten>/, 8 Uhr, Ansang der„tollen Nacht" �9 Uhr. Rauchen überall gestattet. Gefellschaftshaus Twinemnnderstr. 42. Tägl. Theater«. Specialitäten- Vorstellung. Jeden Sonntag: Ball. Säle für Gesellschaften, Vereine, koulant zu vergeben. j 56242» H. Kriegers Festsäle, Wusserthorstr. 68.* Empf. meinen Saal Vereinen und Gewerkschaften zu Versammlunge» u. �estlickikeiten.— Jeden Sonntag, Dienstag u. Sonnabend Lffentl. Tanz. Einige Sonnabende noch zu vergeben. Unsnis Wrangelstrasse 10/11, Jeden Sonntag: Grosser Ball. Auf. 4 Uhr. Siehe Anschlagsäulen. Empfehle mein Lokal zu Fest- lichkeilen und Versammlungen. 5623S»] C. F. Walter. Alliauibra Wallnertheater-Strasse 45 Jeden Sonntag und Dienstag: Gr. Extra-Ball bei doppelt besetztem groben Orchester Ansang 5 Nhr. ......... Sit 136* A. Zanieltat. Buss' Salon, Empfehle meinen Saal zu Festlich- leiten u. Versammlungen. Otto Theel. Warerjhau� /vWertheirq. Klontag, Dienstag, Mittwoch soweit der Vorrat reicht: Wäsche 13 3 m0n hl©md ÖH PrieseBfona mit Spitts Damenhemden Damenhemden Damenhemden Damenhemden Schürzen Achselschluss mit Spitze Achselschluss mit handgestickten Passen Achselschluss mit eingestickten Passen Achselschluss mit hand- 1,40 u. 1,55 Pf. 1,45 M. 1,80 M. 2,10 M. 2,75 M. gesticktenMadeira-Passen Damenjacken Parchend mit Spitze 1,40 U. 1,75 M. Damenbeinkleider p,sSLmit 2,»s. I.ssm Reinleinene Bettlaken Parchend mit L) Parche Stickerei m, Spi eine Breite O n« ca. 160X 220 cm. �2l,90 M. Dowlas-Bettlaken B"i'* Herrenhemden ca. 160 X 225 cm. 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Januar 1901 die nächste L o k a l l i st e erscheint. Ich ersuche daher dringend um eine genaue Aufstellung für die nächste Liste. Für den Kreis Niederbarnim sind alle für die Lokalliste bestimmten Aenderungen und Neu-Aufuahmen zu senden an Paul Kette, Friedrichsseide, Lichtenberger Prinzen-Allee 20s.: für Teltow-Bceskow an Hermann Quitt, Rixdorf, Hobrechtstr. 82 IV.; für Potsdam Osthavelland an E.>Rieger, Spandau. Moltkestr. 3; für diverse Orte an R. Salomon, Wriezen a. O.; für Berlin an Carl Scholz, Wrangelstr. 110. Alle Zusendungen müssen bis spätestens den 8. Januar in den Händen der genannten Parteigenossen sein, spätere Zustellungen lönnen nicht berücksichtigt werden. Die Lokal kommission. I. Ä.: Carl Scholz, Wrangelstr. 110. Freie Volksbühne. Die Mitglieder werden besonders darau ausiuerksam gemacht, datz die Vorstellungen von„Ueber unsre Kraft' im Carl Weist-Theater anstatt LV« Uhr schon um 2Vz Uhr beginnen und daher pünktliches Erscheinen nötig ist.— Am zweiten Weihnachtsfeiertag beginnt die b. Serie der Vorstellungen im Carl Weitz-Theater für die I. Abteilung. Zur Aufführung ge langt Nestrohs Zauberposse„Lnmpazi v a g a» Kundus'. Der Beitrag für Januar mutz bis Mittwoch, den 26. Dezember, für die I. Abteilung entrichtet werden. Heute nachmiitag N/« Uhr III. Abteilung Lessing«Theater .Der Bund der Jugend', gleichzeitig im Carl Weitz-Theater V. Abteilung:„Ueber unsre Kraft', 2>/s Uhr. Der Vorstand. Steglitz- Friedenau. Am Dienstag findet die letzte Ver- sammlung des„Arbeiter-BildungsvereinS' bei Schell- Hase in Steglitz statt. Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert vollzähliges' Erscheinen. Schöneberg. Die Versammlung des socialdemokratischen Vereins findet Montag bei Obst. Grunewaldstr. 110, statt. Tagesordnung .Die Wohnungsnot". Referent Herr Dr. Maurenbrccher. An die Mitglieder des socialdemokratischen Vereins „Vorwärts" zu Rixdorf. Die Kreiskonferenz für unsreu Wahl- kreis hat am letzten Sonntag als Zeitpunkt der Umwandlung der Wahl- und Bilduugsvereine unsres Kreises in die Centralisation den 1. Januar nächsten JahreS bestimmt. Um nun eine pünktliche, ordnnngsmätzige Abrechnung unsres Vereins zu ermöglichen, werden diejenigen unfrer Mitglieder, welche ihre Beittäge noch nicht bis Neujahr bezahlt haben, gebeten, dieses möglich st bald zu thun. In den Zahlstellen werden für dieses Jahr nur noch bis zun, 24. Dezember Beiträge entgegengenommen. Die dann noch restierenden Beiträge können fortan nur noch beim Kassierer G. Müller, Bergstr. 65/50, III. Aufgang, 4 Treppen, beglichen werden. Der Vorstand. Die gleiche Aufforderung ergeht an die Mitglieder des Arbeiter BildungsvereinS zu Mariendorf. Diese wollen baldigst die Beiträge in den Zahlstellen begleichen und die Mitgliedsbücher abliefern, sowie für regen Anschlutz an die neue Organisation agitieren I Britz. Sonntag findet bei Dorn eine antzerordentliche Generalversammlung statt, in welcher auch der Bericht der Delegierten von der Kreiskouferenz gegeben wird. Da dies die letzte Versammlung unsres selbständigen Vereins ist, so ist es Pflicht jedes Einzelnen, dort zu erscheinen. Der Vorstand des Volksbildungs-Vereins. Weifiensce. Heute, nachmittags 2 Uhr, findet im Lokal des Herrn Heinrich.«Cafs Rettig', Berlinerstratze 11, eine Volks- Versammlung statt. Köpeuilk. Den Mitgliedern des socialdemokratischen Arbeiter Vereins zur Nachricht, datz die am Dienstag fällige Versammlung laut Beschluß der Versammlung vom 4. d. M. ausfällt. Uoksles. Auf dem GerichtSkorridor. Während die Vorgänge im Eitzungssaal von Tag zu Tag eine bedenklichere Gestalt annehmen, spielt sich draußen auf dem Korridor gewissermatzen das Satyrspiel zum Prozetz Sternberg ab. Die Ungeduld der Sachverständigen, die in die siebente Woche' hinein ihre kostbare Zeit im Zeugenzimmer vertrödeln mutzten, läht sich nicht allein aus dem beruflichen Zlvang, sondern auch, wen» man so sagen darf, aus ReinlichkeitSgründen verstehen. Eine Gesellschaft von Zeugen und Zeuginnen hat sich dort draußen häuslich eingerichtete die auch dem erfahrensten Kenner Berlins ein.Alle Achtuug' ab- locken mutz.„Wat denn een sin Uhl ist. ist denn annern fi» Aschinger' heißt bekanntlich ein berlinifierteS Sprichwort aus dem rauhen Norden. Die Sachverständigen verlangt es nach Erlösung— die Zeugen werden in späteren Tagen mit Wehmut der ebenso behage lichen wie wichttgen Rolle gedenken, die sie im Stemberg-Prozeß auszu füllen die Ehre hatten.„Wir stehn bei Aujusten im Wochenlohn,' schmunzelt der Vater einer besonders feinen Familie, und der Chor greift lachend das neue Schlagwort auf. wenn eS gilt, an der Kasse die Zeugengebühr einzuziehen. Die Arbeiter- schaft Berlins wird sich bedanken, diesen Herrschaften den Ehrentitel Proletarier zukommen zu lassen; Lumpenproletarier ist aber auch etwas andres. Mit schmatzendem Behagen werden von diversen Damen LachS- und Schinkenstullen zum Frühstück verzehrt und an Bier ist auch eigentlich kein Mangel. Allerdings, bei jedem reicht'S nicht für den Proviant, aber der notleidende Teil iveiß immerhin den Besitzenden gegenüber seine Rechte geltend zu machen.»Du, reich mir doch mal die Bierpulle her I' sagte die Ehlert, indem sie sich an einen trinkenden»fremden Herrn' herandrängt und ihn, um ihr Verlangen mit mehr Nachdruck geltend zu machen, mit beiden Händen an die Hosenträger packt.„Wat meenen Se dazu, so wendet sich die Mutler einer der jugendlichen Zeuginnen an den Aufseher, »wenn hier uffen Korridor en kältet Biefeh uffgestellt würde?' »Wartet man Kinder," sagt der Beamte,„wartet man bis neechste Woche, dann werr'n hier WeihnachtSbuden uffgeschlagen!' Einer der Zeugen hat Malheur gehabt; wegen Ungebühr sind ihm drei Tage aufgebrummt worden. Als die Zeit um ist, tritt er wieder gemächlich ins Zeugenzimmer und bettachtet die teure Gattin von oben bis unten mit prüfendem Kennerblick.„Na Vater, wat kuckste denn so?"„Ja, Mutter, ick ttaue der Geschichte nich recht. Ick muß mir erst jenau überzeigen, ob Dein Teint auch in den drei Daagen jelitten hat l' Prüderie und Geziertheit sind Dinge, über die man draußen hinaus ist. Gewisse Probleme werden in der Unterhaltung zwischen Männern, Frauen und Kindern mit einer Vorurteilslosigkeit erörtert, daß jedem, der diesem Milieu ftemd ist, die Haare zu Berge stehen, .Wie arg man auch das widerliche Treiben des Sternberg verurteilen mag: zu verderben war anscheinend wirklich nichts mehr an den jugendlichen Dirnen. Allerdings, nicht durchweg geben sie sich in vollendeter Wider- wärtigkeit. Einen kindlichen Eindruck macht trotz alledem die Frieda W o y d a in ihrer armseligen Unscheinbarkeit. Das Auftteten der Ehlert hingegen und besonder? das der S ch n ö r w a n g e würde auch den gewiegtesten Damen der Friedrichstraße noch Respekt einflößen. Einige andre jugendliche Zeuginnen befleißigen sich jedoch erfolgreich. «s in Kraftausdrücken diesen beiden.Backfischen" gleich zu thun. Auch JbaS Aeußere der kindlichen Gestalten ist charakteristtsch: Aufgedonnerte Haarftisur, die zu den kurzen Kleidchen in besonders possierlichem Gegensatz steht. Uebrigens auch die mehr erwachsenen Damen„ent- täuschen' vielfach. Fräulein Ehrhardt sitzt lustig plaudernd neben ihrem Transporteur. Ein hübsches, frisches Gesicht, anmutige Be- wegungcn. Wer diese Person nicht kennt, wird sie kaum unter die verlorenen Schäfchen einreihen. Fräulein Hautzmann, eine in ihrer Art sehr elegante Dame, findet allerdings, datz die Ehrhardt nicht mehr so gut aussieht wie früher. Sehr enttäuscht sind die Neu- gierigen von der Margarete Fischer. Eine kleine, ziemlich korpulente Gestalt mit sehr verlebten Gesichtszügen. Das Auge matt und nichtssagend, nur zuweilen von einer nervösen Angst' belebt. Eine eben so unscheinbare Persönlichkeit ist ihr Gatte, Herr Miller. Zwei oder drei der Damen flüstern leise miteinander. Das ist auffallend in einer Gesellschaft, wo von Genieren doch keine Rede sein kann, und bald hat sich auch eine jener Gestalten, die wohl mit gutem Grund für Detektivs gehalten werden, an die Gruppe herangeschlichen. Die drei Isolierten stoßen einander an, weisen auf den Kerl hin, der, mit abgewendetem Gesicht nunmehr ganz in ihrer Nähe steht, und brechen das Gespräch ab. Jetzt wird die Mittagspause angezeigt. Alles stürmt hinaus in die umliegenden Lokale. Die Berühmtheiten unter den jugendlichen Zeuginnen haben ihre Stamm-Konditorei, wo sie mit einigem Respekt von den ihrer harrenden Herren empfangen werden. Man macht Stühle frei und bald ist Kaffee und Chokolade serviert. Das Völkchen merkt sich bald, welche wichtige Rolle es im Sternberg-Prozeß spielt. Wo ist in irgend einem Varietö ein Clou, der ihnen gleichkommt? Sie selber sind in den Tingeltangeln ja Gegenstand litterarischer Bearbeitung und mit vergnügtem Selbstbewußtsein trillern sie die Coupletverse vor sich hin, die auf Steruberg, Thiel, Stierstädter und ihre Wichtigkeit gemünzt sind. Nunmehr rasten die holden Kinder von der vierstündigen Stra paze unthätigen Wartens. Ein unvergeßliches Bild, wie sie, die Berne übereinander geschlagen, sich im Stuhl zurücklehnen und den blauen Cigarettendampf in die Lust blasen... Wie sie zu bitten wiffe»! Wer in der Zeit vor Weihnachten in die Spalten der bürgerlichen Blätter hineinblickt, der begegnet dort Tag für Tag einer oder mehreren der sogenannten»Weih- nachtsbitten". Sie gehen von den Anstalten, Vereinen, Komitees usw. aus, die in den nächsten Wochen die üblichen Weihnachtsbescherungen für arme Kinder ver- anstalten wollen.(Daß nach altem, aber nicht schönem Brauch auch st ä d t i s ch e Anstalten, wie das Waisenhaus und das Obdach, auf diesem Wege die kargen, ihnen für die Weihnachtsbescherung bewilligten Mittel zu vermehren suchen müsse», das sei nebenbei erwähnt.) DieZ„Weihnachtsbitten' schildern in beweglichen Worten die Notlage derjenigen Bevölkerungsschicht, die für solche Weihnachtsbes'chenmgen in Bettacht kommen. Den Kindern der Armen, der Kranken, der Gefangenen— heißt eS darin— wird kein Bater und keine Mutter einen Weihnachtstisch aufbauen; da wollen wir die Stelle der Eltern vertreten.— Wer nach diesen Aufrufen urteilt, der kann gar nicht daran zweifeln, datz d a S Proletariat in den Wohlhabenden seine hilf bereitesten Freunde hat. Wie sie zu bitten wissen— zu bitten nicht für sich, sondern für die Armen und Elenden! Ob eS dieser lieblichen Musik, dem schmeichelnden„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" gelingen wird, jene andre, so gar nicht liebliche Musik zu übertönen, die die Besitz- losen von der besitzenden Klasse s o» st zu hören bekommen? Dieselben Gesellschaftstteise, die vor Weihnachten so rührend für die Armen bitten, die der rührenden Bitte ihr Herz und ihr Porte- monnaie öffnen, nehmen zu andren Zeiten und bei andren Gelegen heiten zu der Not des Proletariats leider einen ganz andren Stand Punkt ein. Sie leugnen eS ivomöglich überhaupt ab, datz ein großer Teil der unbemittelten Bevölkerung direkt Not leidet— sie leugnen es ab, um jede Forderung einer über das klotze Almosengcben hinausgehenden Hilfe als unberechtigt hinzustellen. Vor Weihnachten lassen sie uns sehen, Ivie sie zu bitten wissen. Wenn Weihnachten außer Sicht ist, dann zeigen fie nur, wie sie abzuschlagen wissen. Der Drcschgraf Pückler verkündete in der Zwanzigpfennig Vorstellung, die er vorgestern abend in den Concordia- Sälen zum besten gab. folgendes Programm: „Da die Razzia, die am vorigen Montag stattfinden sollte, nicht stattfinden konnte, so fordere ich Sie heute auf, nach Schluß dieser Versammlung eine vergnügte„Bierreise in die verschiedenen Lokaler' vorzunehmen und dort die Anmaßungen und Uebergriffe der frechen Jude«jungen energisch zurückzuweisen... Das internationale Jndenttim hat aber entschieden bei der Ablehnung des Kr üger-Be fuchs(II) seine Hand im Spiele... Dem Mittel stand und dem Bauernstand müsse die Regierung gerade jetzt ihre be sondere Hilfe leihen, denn sie kämpfen einen Kanipf um„Sein oder Nichtsein". Auch der„Bund der Landwirte" helfe hier nicht, weil er nicht den Mut hat, der I u d e n b a n d c energisch entgegen- zutreten. Aber statt uns in unsrem Kampfe zu helfen, machen uns die Behörden noch die größten Schwierigkeiten und so kommt es zwischen mir und den Behörden oft zu einem vergnügten Krach. So bin ich in Glogau der bestgehaßte Mann und besonders durch meine Reiterfeste, bei denen ich, mit einem Trompetercorps an der Spitze, mit den Bauern durch die selber jage, um die Leute aufzurütteln. Die Behörde at mir auf meinem Grund und Boden gar nichts zu sagen und doch bin ich in einen Prozetz verwickelt worden wegen meines Trompetercorps.„Der Kerl reitet mit einem Trompetercorps in der Weltgeschichte rum!' sagt meine Behörde. Nun, iveun ich mit meinem Trompetercorps nach Amerika ginge, würde ich groß- arttges Furore dort machen. Aber die Sache ist noch nicht zu Ende und es kommt vielleicht noch mal so weit, daß ich wieder Amtsvorsteher bin und dann hat mir keine Polizei mehr etwas zu sagen, denn dann bin ich s e l b st Polizei. Und dann fahren wir Haubitzen auf l!!) und dann schießen wir los und dann fallen die Juden wie die Hasen beider Treibjagd. Sie sind alle zu mir eingeladen, wenn ich wieder die Macht habe, und dann können Sie nach Lust auf die Judenbande loshauen, denn meine Amtsparagraphen lauten dann: 1. Jeder Jude kann durchgehauen werden.§ 2. Jeder Zeitimgsjude kann rausgeschmiffen werden.§ 3. Jeder besonders freche Jude kann aufgehängt werden. Ich habe in meinem Amts- bezirk allerdings nur einen Juden, aber den dürfen Sie dann ordentlich.verwamsen", denn dann bin ich wieder Polizei. Für gemeingefährlich wird Graf Pückler offiziell nicht angesehen. Seine Zuhörer johlten ihm zu; von einer Befolgung des aufgestellten Prügelprogramms wird aber nichts berichtet. Da« Festprogramm zur große« Einzugsfeier. Das Pro- gramm für de» Einzug der M a r i n e m a n n s ch a f t e n, die aus China zurückgekehrt sind, und der am Sonntagnachmittag stattfindet, lautet: Zum Empfang wird der Kommandant von Berlin auf dem Bahnhof anwesend fem; daselbst wird ferner eine Compagnie des 2. Garde-Regiments zu Fuß mit Spielleuten, RegimentSmusik'und der Fahne zum Ehrengeleit zur Stelle sein. Die Compagnie steht um 2 Uhr nachmittags in der Nähe der Moltkebrücke, Front nach dem Bahnhofe, nach Anordnung des Kommandanten. Das 1. Garde- Zeldartillerie-Regiment wird für die erbeuteten Geschütze die erforderlichen Gespanne und Begleitkommandos stellen. Die ormation für den Einzug ist folgende: 4 Compagnien Marine mit _?ufik und den beiden Fahnen(einer beini Sturm auf die Taku-FortS geführten ReichSlricgsflagge. einer eroberten chinesischen Fahne), dahinter folgend die Geschütze. Die Ehrencompagnie präsentiert während deS Vorbeimarsches der Marine-Abteilung, diese erwidert die Ehrenbezeugung mit»Augen rechts". Die Ehrencompagnie folgt sodann den Geschützen. Der Einzug geht über die Moltkebrücke, Königsplatz, Sieges- nllce, Charlottenburger Chaussee, Brandenburger Thor, Mitte der Linden nach dem Zeughause. Von der Beteiligung der Bürgermeister sc. haben»vir schon gestern berichtet. Der Kaiser»vird die Truppen vor dein Zcughnuse mit großem Gefolge erlvarten. Nachdem die Truppen in das Zeughaus eingerückt sind,»vird der Kaiser dort eine Ansprache an sie halten. Abeiids haben sie im Cirkus Schumann eine Gratis-Vorstellung. Besonders neugierig brauchen die Berliner auf das Ereignis nicht zu sein, da sich Siegesfeier»» dieser Art ja aller Voraussicht nach noch a»»f etliche Zeit hmauS wiederholen werden. Da« ärztliche Ehrengericht für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis Berlin hat,»vie die„Berk. Äerzte-Korresp." meldet, das fortgesetzte Annoncieren von Aerzten in politischen Zeiwngen für standesunwürdig erklärt und eine Reihe von Aerzten, die solche Anzeigen veranlassen, zu einpfindlichen Geldstrafen ver« urteilt. In der Augelegcnheit deS Jnstizrat« Dr. Getto»vird berichtet. daß der Vorstand der A n w a I t S ka m m e r in seiner Sitzung vom Donnerstag, in der er sich zum erstenmale mit der Angelegenheit beschäftigte, nur den Antrag auf Einleitung eiiler Vor- Untersuchung wegen der Herausforderung des Staats- a n w a l l s' Bra»>t gestellt, im übrigen aber eine disciplinare Ver- folgung wegen der dem Justizrat Dr. Sello zur Last gelegten Matznahmen nicht beschlossen hat. Eine»vettere Verhandlung»vird erst uach dem Abschluß des Prozesses Sternberg stattfinden. Die Versicherungspflicht der HanSindustriettcn. In dem Ortsstatut über die Krankenversicherung der Hausgeivcrbetreibenden, daS,»vie gemeldet, der Magistrat an die Stadtverordneten demnächst im Entivurfe zustellen»vird, ist die Bestiminung getroffen, datz die Vorschriften des§ 1 des Krankenversicherungs-Gcsctzes auf selbst- ständige Gewerbetreibende Anwendung finden, die ii» eigener Betriebsstätte i»n Austrage andrer Gewerbetreibender mit der Her- stellung gewerblicher Erzeugnisse(Hausindustrie) beschäftigt werden. Ausgenommen sind die zur Geiverbesteuer veranlagten Getverbe- treibenden. Die versicherungspflichtigen Personen gehören dann derjenigen Orts- oder Jnnn'ngs-Krankenkasse an, welche für den Betrieb ihres Arbeitgebers zuständig ist. Für die Lln- und Ab« Meldung dieser Personen ist in allen Fällen der unmittelbare Arbeit- geber, also auch die Zwischenmeister, Ausgeber und Faktoren, ver- antivortlich. Die Beiträge entfallen zu zlvei Dritteln auf die Ver- sicherten, zu einem Drittel auf die Arbeitgeber, Eintrittsgelderhaben lediglich die Versicherten zu tragen. Den die Arbeit vergebenden Gewerbetreibenden steht das Recht zu, zwei Drittel der von ihnen enttichteten Beiträge von den Hausgelverbetreibenden oder den Zwischenpersonen sich erstatten zulassen. Diese Krankenversicherungs« Pflicht soll schon am 1. April 1901 in Kraft treten. WaS die Anschlagsäulen einbringen. Beim gestrigen Termin zur Vergebung des öffentlichen Anschlagwesens gab die Firma N a u ck u. H a r t m a n n daS Höchstgebot mit 400 000 M. ab. Der Vertrag läuft jetzt bis 1911. Bis 1891 zahlte die Firnia zehn Jahre lang' nur b0 000 M. Jahrespacht; dein Vorgehen unsrer Parteigenossen in der Stadtverordneten-Versaminfting ist eS zu danken, daß die Pachffuinme dann auf 253 000 M. erhöht wurde. Jetzt find sogar jährlich 400 000 M. dabei übrig. An« der außerordentlichen Magistrats- Sitzung vom Gönn- abend. Der Magistrat ist in seiner gestrigen Sitzung dem bekannten Beschlüsse der Stadtverordneten-Versammlung in Sachen der Ab- änderung der neuen Gerichtsvollzieher-Ordnung beigetreten und wird in diesem Sinne eine Petition an den Justiz- minister Schönstedt richten. Zum Standesbeamten-Stellvertreter hat der Magistrat den Standesbeamten-Hilfsstellvertreter Hermann Schütze gewählt. Ferner»vurde königStreu beschlossen, einen kurzen geschichtlichen Abriß(Ucberblick) der preußischen Geschichte voin Jahre 1701 bis 1901, die vom städtischen Schul-Jnspettor Dr. JonaS verfaßt ist, als Festgabe den Schülern der ersten und der Oberklassen der Gemcindeschulen zur 200jährigen Jubelfeier des Bestehens des Königreichs Preußen als Erinnerung zu überreichen. Das Provinzial- Schu'lkolleghim hat dem Magistrat die Mitteilung gemacht, datz der Kaiser den Wnusch ausgesprochen habe, heute be» Gelegenheit deS Einzugs der Truppen die städtischen Schulgebäude beflaggen zu lassen.' Der Magistrat beschloß, diesem Wunsche nachzukoinm'en und gleichzeitig auch die städtischen Gebäude zu beflaggen. Die Petition der Jniiu'ngSvorstände»vegen Abschaffung der Berliner WcihuachtS- und Jahrmärkte,»velche Angelegenheit den Magistrat und die Stadtverordneten-Versammlung schon einmal beschäftigt hat, wurde nach eingehender Beratung abgelehnt. Die Berliner RettungSgesettschaft hielt gestern abend im Langenbeck-Hause unter Geh. Rat v. Bergmanns Vorsitz ihre dritte Jahresversainmlnng ab. Dem Bericht zufolge zählt die Gesellschaft 2338 Mitglieder, 64»nehr als im Vorjahr, die insgesamt 16 248 M. Beiträge gezahlt haben. Die Gesamteinnahmen beliefen sich auf 52 905' M.. das sind 16 421 M.»veniger,»vie im Vorjahr; die ein- maligcn Beittäge gingen von 9728 auf 936 M. herab, verringerten sich also um 8793 M., die Extra-Einnahinen sanken von 42 606 auf 33 724 M., obgleich die Stadt Berlin ihren Zuschuß von 16000 auf 20 000 M. erhöht hatte und auch die Stadt Charlottenburg 1000 M. Zuschuß zahlte. Die GpiritnSglühlicht- Lampen sind nach einer Mitteilung des Magistrats für öffentliche Zwecke nicht verwendbar. Die im Jahre 1898 begonnene» Versuche sind im letzten Verwaltungsjahre fortgesetzt»vorden und»vareu so wenig günstig, datz von einer weitereu Einrichtung von Spiritusglühlicht-Latcrnen für die öffent- liche Beleuchtung vorläufig Abstand genommen worden ist. Bei dem korrespondierenden Publikum ist. wie die Ober- Postdireftio» bekannt giebt, vielfach der Glaube verbreitet, daß für Briefe nach Luxemburg nur das Inlandsporto zu zahlen sei und demgemäß»verde»» eine Unmenge Briefe und Drucksachen nur ungenügend ftankiert und erforden» somit die Erhebung einer Straf- gebühr. Luxemburg gehört nicht zum deutschen Postverband und komme» für Sendungen uach dort die AuslandS-Portotaxen— Briefe bis zu 15 Gramm 20 Pf., Drucksachen bis zu 50 Gram»» 5 Pf. uslv.— zur Anivcndung. Zum Wohnungswechsel. Das Polizei-Präsidium teilt mit: Mit Bezug auf die Polizeiverordnung vom 26. März 1370, betreffend die Umzugstermine beim Wohnungswechsel(Jnt.-Bl. Nr. 74 vom Jahre 1870) wird zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß der nach § 3 des Gesetzes vom 30. Juni 1354(G.-S. S. 92) am 2 Ja»»uar kommenden Jahres beginnende Umzug bei kleinen, aus höchstens zlvei Zimmern mit Zubehör bestehenden Wohnungen an demselben Tage, bei mittleren, aus drei oder 4 Zimmern nebst Zubehör be- stehenden Wohnungen am 3. Januar, mittags 12 Uhr, bei großen. »nehr als 4 Wohnzimmer unifassenden Wohnungen am 4. Januar. mittags 12 Uhr, beendet sein muß. Von Gtrolchen überfallen und schwer verletzt wurde gestern abend der 37 Jahre alte Bildhauer Georg Arendt. Er hatte einen Arbeitsgenossen von der Werkstatt in der Nauuynstratze nach Treptow begleitet und ging dann um 8tts Uhr nach Hause zurück. In der Nähe der Wiener Brücke fielen plötzlich mit den Worten„Da ist er ja' drei Burschen über ihn her und schlugen ihn mtt einem Stemmeisen zu Boden. Es kamen noch mehrere Kerle dazu und bearbeiteten ihn mit den Fäusten und dem Stemmeisen. Nachdein sie ihn am Kopf, an, Gesicht und an» Halse schlver verivuudet hatten, ließen sie ihn liegen und liefen davon. Der Ueberfallene schleppte sich mühsam nach seiner nahegelegenen Wohnung. Von dort brachte ihn seine Frau mit einer Droschke nach der RettungS- wache am Görlitzer Bahnhof, die ihm die erste Hilfe angedeihen ließ. Durch eiurn Sturz in den Keller ist der 56 Jahre alte Pförtner und Heizer Karl Grccke aus der PotZdamcrstr. Lki schwer verunglückt. Grecke stieg, um nach dem Gashahn zu sehen, auf eine dicht an der Kellertreppe iin Erdgeschost stehende Tonne, verlor beim Absteigen das Gleichgelvicht und stürzte rücklings die 14 Stufen zählende Treppe hinab. Der Verunglückte zog sich einen Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung zu und wurde besinnungslos in ein Krankenhaus gebracht. Die Erbitterung des Publikums gegen die Straßenbahn zeigte sich Freitagabend bei einem schweren Unglücksfall, bei dem ein junges Mädchen erheblich verletzt wurde. Gegen Uhr abends wollte die 18 Jahre alte Anna Laukert, die bei ihren Eltern in der Rochstrasie wohnt, aus einem Laden in dem Hause Münz- strasie 23 kommend, den Fahrdamm überschreiten, als ein elektrischer Strahenbahnzug der Linie Waldstrahe— Görlitzer Bahnhof in sehr schneller Fahrt herangesaust kam. Um noch vor der Vorbeifahrt des- selben den jenseitigen Bürgersteig zu erreichen, begann das junge Mädchen zu laufen, geriet jedoch infolge falscher Berechnung der Fahrtgeschwindigkcit unter den Motorwagen. Sie erlitt hierbei so schwere Verletzungen am Kopf, dah sie nach der Charils gebracht werden muhte. Die Zuschauer der traurigen Scene gerieten über das Borkommnis in eine derartige Wut, dah sie den Versuch machten, den Wagenführer vom Strahenbahnwagen herunter zu holen und ihn thätlich bedrohten. Erst als Schutzleute hinzukamen, welche das Publikum zurückdrängten, tonnte der Strahcnbahnzng die Weiterfahrt antreten. Seinen Verletzungen erlegen ist der 28 Jahre alte Arbeiter Hermann TönnigeS aus der Stralsunderstrahe, der, wie wir mit- teilten, am 1. d. M. an der Ecke der Brunnen- und Stralsunder- strahc von einem elektrischen Strahenbahnwagen umgefahren wurde. Zu dem Fencrbcricht i» Nr. 288 teilt uns Herr Paul Hübncr, Macknsslr. 5, berichtigend mit, dah in seiner Fabrik nicht 50, sondern 175 Arbeiter beschäftigt seien, dah ein Giehofcn überhaupt nicht in seiner Fabrik vorhanden und dah der Bcnzinballon sich in der ciuherste», durch Eisenblech besonders abgeschlossenen Ecke des Raums befunden habe. Ueber die Persönlichkeit des Heiratsschwindlers Graben- horkt, dessen Treiben wir dieser Tage eingehend gekennzeichnet habe», werden jetzt folgende Einzelheiten bekannt. G., der Sohn eines vor einigen Jahren in Braunschweig verstorbenen Zeughauptmanns, ist schon zu wiederholten Malen mit den Strafgesetzen in Konflikt oc« raten. Nachdem er das Zimmerhaiidwerk erlernt hatte, legte er sich sofort den Titel„Bauunternehmer" bei. Bald darauf wurde er von der Strafkammer in Braunschiveig wegen DicbstablS zu Gefängnis strafe verurteilt, nach deren Vcrbühung er sich auf die Waudcrtchaft begab. Auf seinen vielfachen Irrfahrten wurde er zu verschiedenen Malen wegen Bcttelus aufgegriffen und mit Haftstrafcu belegt. Im Jahre 1879 hatte er sich in Aachen wegen Mordversuchs zu verantworten; er wurde dainals zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, auch wurde er. wie wir bereits berichteten, wegen eines Ncvolverattentats auf eine Kellnerin in Harburg mit 2 Jahren Gc- fängnis bestraft. Nachdem er diese Strafe vcrbüht, wanderte er nacb New Dork aus und wurde auch dort zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt.' Ei» Palctotniarder wurde gestern, Sonnabendvonnittag um 8V2 Uhr in der CharitS abgefaht. Dort waren ans den Vor- räumeir zu den Hörsälen und Kliniken in diesem Seniester schon wieder acht Ueb�rzieher gestohlen und es wollte trotz aller Aufmerk- samkeit der Diener und Angestellten nicht gelingen, de» Dieb z» fassen. Da sah gestern ein Kuratorirnnsdiener der zwcitcii medizinischen Klinik, wie ein fein gekleideter junger Mann im Vorzimmer des Hörsals seinen Havelock über einen andren Uebcrziehcr Ivarf, den er bereits angezogen hatte, und sich dann mit einem Kollegien- Heft in der Hand unarifsällig entfernen wollte. Der Diener hielt ihn an und lieh durch andre unterdessen feststellen, wem der Ueber- zieher gehörte. Dann wurde der Dieb dem Krinnnalschntzman» des 5. Reviers übergeben und auf die Wache gebracht. Hier stellte man ihn als einen S1 Jahre alten Buchhalter Theodor Skapsgarch fest, der sich ivohnungSIoS hier aufhielt. Im Zoologischen Garten ist die reichhaltige Sammlung alt- weltlicher Affen jüngst um eine hervorragende Sehenswürdigkeit vermehrt worden. Direktor Dr. Heck hat einen Dschelada, Ddöroxiteruii xelacka erworben, eine der sonderbarsten Arten, die in den Gebirgen des südlichen Abessyniens, zu größeren Gesell- schaften vereint, lebt. In„Brehms Tierlcbcn" und auch»och im „Hausschatz des Wissens" wird der Dschelada zu de» Pavianen gestellt; neuerdings hat aber Matschie darauf aufincrksam gemacht. daß dieser Affe durch seine kleinen Gesäßschiviclen, durch die auf der Oberseite der Schnauze gelegenen Nasenlöcher, durch die kurze» Hinterfüße, den nicht winklig nach unten gebogenen Schwanz nnd den nach aufwärts gerichteten Backenbart, die hellen Augenlider und das faltige Gesicht sich an die langschwänzigen Malaien anschließt._ LluS de» Nachbarorten. Rixdors. Die städtische» Körperschaften beabsichtigen, die G e- hälter der Beamte» zu erhöhen. Die Beamten sind erst kürzlich um eine Teuerungszulage eingelonimcn und haben dringend gebeten, ihnen eine solch« schon vor Weihnachten zugänglich zu machen. Der Magistrat und die damit betraute Fnnfzehner- Kommission halten es jedoch für besser, eine generelle Regelung durch Schaffung einer neuen Gehaltsordnung ein- treten zu lassen. Diese wird»wglichertveise noch nicht am 1. Jannar, wie erst beabsichtigt, in Kraft treten könne», da die Kommission noch einiges Material einholen will. Wahrscheinlich wird der Ordnung rückwirkende Kraft bis zmn 1.. Januar 1801 verliehen werden. Auch an eine Reliktenversorgung der städtischen Arbeiter wird gedacht. Praktisch näher getreten ist man der Sache indessen noch nicht. Im Notfalle dürfte dies durch die socialdemokratische Stadtverordneten-Fraktion geschehen. Die Südliche Berliner Vorortbahn benutzt von heute ab nicht mehr die Geleise der Großen Berliner Stratzenbahn-Gesellschaft in der Berliner- und Bergstraße, soudenl fährt auf ihren eigenen Ge- leisen. Sowohl die Wagen des Halbrings, wie die des Vollrings verkehren jetzt vom Hermannsplatz ab durch die Kaiser Friedrich- slraße und die Herzbergstratze, über den Richardplatz, durch die Richard», Canner-, Thüringer- und Bergstraße. Dem Vorsteher R a n n 0 w von der städtischen Kranken- anstalt und seiner Ehefra» sollen laut Magistratsbeschluß ihre Stellungen aufgekündigt werden. Herr Rannow hat wieder- holt zu Beschwerden Anlaß gegeben, ist auch schon einmal energisch verwarnt worden. Jetzt haben die zuständige VenvaltungSdeputalio» und der Magistrat geglaubt, ihn nicht mehr halten zu können. Gegen die Kundgebung des Magistrats in der letzten Stadtverordneten-Sitzung, wonach in Nixdorf augenblicklich von einer Wohnungsnot nicht geredet werden könne, haben die Rixdorfer Wohnungsmieter in einer zahlreich be- suchten Versammlung durch eine Resolution protestiert, weil die vom Magistrat behaupteten Thatsachen mit der Wirklich- k e i t nicht ü b e r e i n st i m m t e 11. In der dem Magistrat zu- gegangenen Proteftresolntion werden schleunigst kommunale Matz- nahmen zur Abwendung und Vorbeugung der Wohnungsnot ge- fordert. Nntcr den« Verdachte, in der Nacht, zum 14. April 1898 die 23 Jahre alte Luise Günther aus der Fiirbringerstr. 9 in der Hasenheide ermordet zu haben, ist am Mittwochabend in Friedrichsberg von der Gendarmerie ein 28 Jahre alter, wegen eines Sittlichkeitsverbrechens mit vier Jahren Zuchthau« be- strafter Paul Strache, der Sohn einer Scheuerfrau, verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis gebracht worden. Die Fest- nähme Straches erfolgte auf die Anzeige seiner eignen Mutter, die ihren Verdacht au« allerlei Andeutungen ihres Sohn? herleitet. D ic Angelegenheit wird jetzt von der Berliner Kriminalpolizei weiter be- arbeitet. Ob der Verdacht begründet ist, steht noch dahin. Be- achtung verdient, daß Frau Strache die Anzeige gemacht hat, nach- dem ihr Sohn sich mit ihr verfeindet und sie bedroht hatte. Tie Volkszählung in Spandn« hat eine Einwohnerzahl von 64 595 ergeben; darunter befinden sich 5391 Militärpersonen. Seit 1895 hat sich die Bevölkerung um 8782 Köpfe vcrniehrt.— Eine ungewöhnliche Entwicklung zeigt Ober-Sck>öneweide. Während dieser Vorort bei der Zählung im Jahre 1895 626 Einwohner zählte, wurden am 1. Dezeniber d. I. 5856 Einwohner gezählt. Die Zu- nähme beträgt sonach 935 Proz. Verhaftung. Die Gräfin v. Schlieben aus Steglitz, die bereits einmal unter dem Verdacht der B r a n d st i f t u n g vor- hastet war, ist in der gleichen Angelegenheit nochmals in Untersuchungshaft genommen worden. Es wird die Beschuldigung gegen sie er- hoben, ihre Villa in Steglitz in Brand gesteckt zu haben. Gräfin v. Schlieben ist bekanntlich Leiterin einer Fraucnzeitung. Auf dem Kirchhof in Steglitz hat sich der Schriftsteller Julius I. am Grabe seiner Frau erschossen. Seit zwei Jahren war er Witwer und litt an Schwermut, die wohl der Hauptgrund für die Thar gewesen sein mag. Aus dcv Fvcluenbemegung. Frauenbildung. Der Verein„Frauenwohl" in Hamburg eröffnet im April 1901 eine Reform- Mädchenschule, welche von den ElcmentarNassen an bis zur Oberprima sich in systematischem Aufbau gliedert, mit der Maturitätsprüfung zur Hochschule abschließt und in den ersten 9—10 Klassen den Mädchen, die leine humanistische Kenntnisse suchen, eine gründlichere und gediegenere Allgemeinbildung bietet, als sie nach den bisherigen Mädchcnschnlplänen finden konnten. Die Eröffnung erfolgt gleichzeitig mit der Untertertia und mit der untersten Elementar-, sowie mit so vielen Zivischenklassen, wie die Zahl und die Vorbildung der gemeldeten Schülerinnen es nötig macht.— Die Ortsgruppe des allgemeinen deutschen FrauttivercinS hat nach Bekanntgabe dieses GründungsprojcktS die Anzeige der Er- richtung von fünfjährigen Gymnastalkursen erlassen, die ebenfalls April 1901 erfolgen nnd gleichfalls mit einer Tertia, aber auch mit einer Sekunda einsetzen soll. Gegen das medizinische Studium der Frauen wurde in Leipzig eine Versaimiilniig von männliche» Studenten der Medizin abgehalten. Es sind dort in diesem Semester mehrere weibliche Mediziiistudicrcnde, meist Aiisläiidcriiincn, zugelassen worden. In einer Resolution, die Aimahme fand, wurde die Forderung aufgestellt, daß an weibliche Studierende dieselben Ansprüche bezüglich der Vor- bildung z» stellen seien, wie an männliche, womit Auslüiiderimicn eo ipso ausgeschlossen werden sollen. Prof. Dr. Sattler stellte die Furcht vor der Äonkurretiz durch weibliche Aerzte als übertrieben hin. ES ist bedauerlich, daß unter den Medizinern die Konkurrenz- furcht soweit führen kann, die unleugbaren Vorteile, die die Aerzlm einem großen Teil der weiblichen Kranken bieten, einfach zu miß- achten._ VevmiMtes� Die Bilanz der Pariser Weltausstellung. DaS finanzielle Ergebnis der Pariser Weltausstellung ist, wie gemeldet wird, gestern veröffentlicht worden. Die Ansgabcn betrugen 116Ve Millionen, die Einnahmen 114456 000 Franl, das Deficit vcläuft sich also nur auf 2 044 000 Frank. So schließt die Bilanz im allgemeinen noch wider Erwarten günstig ab. Zu dem BrcSlancr Zwischenfall gelegentlich der jüngsten Anwesenheit des Kaisers daselbst wird berichtet, daß die Urheberin des„Attentats", unverehelichte Sclma Schnapka. minmchr der städtischen Irrenanstalt in der Einbaumstraße in Breslau zugeführt worden ist. Unfall eines deutschen Dampfers. Nach einer bei Lloyds in London eingegangcnen Meldung ist der in Hamburg beheimatete Dampfer. A m a s i s von Callao nach Hamburg unterwegs, am 6. Dezember ans 6 Grad südlicher Breite und 32 Grad westlicher Länge mit gebrochenem oder beschädigtem Wellcuschast angesprochen worden. Er hoffte, in den nächsten Tagen weiterfahren zn können. Marktpreise von Verltn am II. Dezember Ivvtt nach Ermittlunar» des tgl. Poltzeipravdim»». »Welze», sut t.-ttir 15,-) 14.98 „ uiiltel„ 14,96 14,94 gering„ 14,92 14,90 »Roggen, gut„ 13,90 13,88 .»iitlel„ 13,86 13,84 gering„ 13,82 13,80 's*)® elfte, gut. 16,40 14.70 . mittel„ 14,60 18,90 Tier gering, 13,80 13,10 Karvfe» f) paser, gm. 16,— 15,20 Aale „ mittel, 16,10 14,30 Zaitde« „ gering, 14,20 13,40 Hechte ziichlftroh. 6.82 6,50 Barsche Heu„ 7,50 5,20 Schleie Erbsen. 40,- 25,- viet« Speisebohnen. 46,— 25,— llrebl« Liitsen. 70,— 30,— ») ab Bahn, f) srei Wagen und ab Bahn. Produktenmarkt vom 15. Dezember. Der Getreidemarkt war heute total geschästslos, Russische Roggcnosserten waren heute reichlicher l>aitntteiii,iteue,D-Ctr. Riitdsieisch, Keule 1 kg 5o. Bauch„ Schiveineslettch. Kaibfleisch. Hammeisleisch. Butt»»- «0 Liiilt Ikg per Schock 6,- 1.60 1,30 1,80 1.80 1,60 2,80 5- 2,20 2,50 250 1,80 1,60 3,- 1.40 12- 4,- 120 1,- 1,10 1- 0,90 2,- 3,- 1,20 1.40 1,20 >.- 0,80 1,20 0,70 2,50 haupteten den gestrigen Schluhstand. Roggen war nominell um eine Kleinig- keit höher. Weiterhin waren beide Brotfriichte still nnd unverändert. In Hafer war der Verkehr sehr still bei miveränderten Preisen. Rüböl komue sich aus Deckunge» 20 bis 30 Pf. erholen. Spiritus. 70er Locospiritus wich um 20 Pf. auf 44,70 M. Städtischer Schlachtviehmarkt. Berlin, 15. Dezember 1900. Zluil- sicher Bericht der Direktion. Zum Verkauf siandeil: 5933 Niuder 1262 Kälber, 9660 Schafe, 7753 Schtveine. Bezahlt wurden für 100 Pfntio oder 50 Kilogramm Schlachtgewicht in Marl(beziehungsweise sür 1 Psuud in Pf.): Ochsen: a) vvllfleischige, ausgemästete, böchsien Schlacht- wertes, höchstens 7 Jahre alt 62-66, b) junge fleischige, nicht aus- gemästete und ältere ausgeutästete 57— 61; e) mähig genährte junge und gut genährte ältere 52—54; d) gering genährte jeden Alters 47—50,— Butten: a) vollfleischige höchsten Schlachlwerts 60—62; d) niähig genährte jüngere und gut genährte älter« 52—57; 0) gering genährte 47—50.— Färleu und Kühe: a) vollfleischige, ausgemästete Färsen höchsten Schlachtwcrts 00— 00; b) vollficischige, anSgeuiäftele Kühe böchsten Schlachtwcrts bis zu 7 Jahren 53—54; 0) ältere ausgemästete Kühe und wenig gut eniwictette jüitgcre Kühe nnd Färsen 50— 51; d) mäsjig genährte Kühe und Färsen 43-46; e) gering genährte Kühe und Färsen 38—41.— Kälber: a) feinste Plast» tälber(Vvllniilchuiäst) und beste Sauglälber 76—78, b) mittlere Mastkälber nnd gute Saugkälber 63-65, c) gcring« Saugkälber 43— 48, d) ältere, gering genährte(Fresser) 30—42.— Schafe: a) Mastliimmer und jüngere Mast» Hammel 00—00, d) ältere tvlasthamuiel 00— 00, c)«lafetg gcnährie Hammel und Sebafe(Merzschafe) 00—00, d) Holsteiner Niedermigs- schase(Lebendgewicht) 00—00.— Schweine: a) vollfleischige der femcicn Rassen und deren Kreuzungen im Alter bis zu IV« Jahren 220—230 Pfund schwer, 54—55; d) schwere, 280 Pfund und darüber(Köter) 66; c) fleischige 51—63; d) gering eniwtckeNe 48—60; e) Sauen 48— 50. Für 100 Psund mit 20 pEt. Tara. Verlauf uud Tendenz. DaS RindergeschSst wickelte sich schleppend ab, cS bleibt erheblicher Ueberstand. Der Kälberhandel gestaltete sich langsam. Bei den Schafen war der Geschäftsgang langsam, es bleibt erhebliche Ueberstand, Mutterschafe waren ganz vernachlässigt. Der Schweine- markt verlief ruhig und wurde geräumt. Am Mittwoch,'den 26. d. MtS. wird lein Markt abgehalten. Briefkasten der Redaktion. DicuStas, Tie jitrisilsche Sprechstunde findet Montag, Tvuncrstag»»d Freitag von 7—9 Uhr abends statt. Jacobs. Die chsmalige Marlthalle in der Karlstrabe ist am 1. Oktober 1887 dem Verkehr übergeben worden. Wann die Psähle eingeramuit worden sind, können wir nicht sagen. E. O. 10. Die Reichsschuld betrug 1397/98 2 372 264 500 M. Sie wird im Lauf des nächsten Etatsjahrs 3 Milliarden erreichen oder über- steigen. 1877 betrug sie nur 198 433 500 M., 1887 674 237 500 M., 1894 überstieg sie die zweite Milliarde. Während beim Tode Wilhelm I. die Schulden wenig mehr als eine halbe Milliarde betrugen, haben sie sich seit den 12 Regierungsjahren seines Nachfolgers vervierfacht und werden bald das fünffache erreichen. Domauze. Dorf und Rittergut Reg.-Bez. Breslau, Kreis Schweidnitz. — 137. G. G. Eine höhere Instanz als das OberlandeSgericht in Marien- werder giebt es in Ihrer Angelegenheit nicht. Aus Ihrer gesamten Dar- stellung erhellt nicht im geringsten, daß Ihre Tante thatsächlich Erbin einer angeblichen Millioneiierbschafl war. Wenn das Gericht angenommen hat, Ihre Tante sei nicht Erbin, es sei überhaupt leine Erbschaft vorhanden, sie bilde sich das nur ein usw., so übersehen Sie, dasj das Gericht nicht den geringsten Grund hat, derartiges zu behauPteu, wenn es nicht wahr wäre. Die übermeisicn sogenannten Milsioneuerbschaften, holländische Erbschaften?c. beruhen auf Einbildung oder Schwindel von Leuten, die arme Leute �in falsche Hoffnung versetzen und diesen Geld abnehmen. Es dürfte sür Sie das richtigste sein, die vermeintliche Erbschaft Ihrer verstorbenen Tante noch den attgcbsich mit einer Million Nachlast im Jahre 1800 verstorbenen Kapitän alö Phantasie zu erachten sowie Zeit und Geld für Schreibereien an die Behörden zu sparen.— M. M. 1900. 1. Ja. 2. Nein. — W. A. 10. Zur Zahlung sind Sie verpflichtet.— H. M. 70. Eine schriftliche Vollmacht ist gültig. Jedoch kann derjenige, gegen den auS der Vollmacht Rechte hergeleitet werden sollen, verlangen, dast die Quittung notariell oder gerichtlich beglaubigt wird.— Beyer 1000» Wenn Sie beim Begicsten Ihrer Ballonblumen den Anzug eines Andren benetzen, so sind Sie zum Schadensersatz verpflichtet.— G.S.8. Der Tod des Mieters berechtigt sowohl den Erben wie den Vermieter, das Mietsverhältnis unter Einbaltuiig der gesetzlichen(daS bciht dreimonatlichen bis zum Quartals- dritten laufenden) Frist zu kündigen. Die Kündigung laiin nur für den erste» Termin erfolgen, sür den sie zulässig ist. Ist also der Todesfall am 2. August, 4. Sepicmber oder 30. September eingetreten, so kann sowohl der Vermieter wie die Erben des Mieters bis fpäteftens am 80. Oktober, zum 31. Dezember lündigen. Ist der Todesfall in der Zeit am 1. Oktober bis 31. Dezember eingetreten, so wäre spätestens am 3. Januar zum 31. März zu kündigen.- I. B., Swincinütiderstraste. 1. Ja. 2. Nein. - Sl. W. Die Firma ist, falls nichts andres vereinbart ist, verpflichtet, den bis Ende des Mouatb Engagierten sür die Feiertage Lohn zu zahlen, da Monatslohn vereinbart ist. Ebenso ist sie zur Bezahlung der Ueber- stttttden verpflichtet, wenn teine andre Vereiiibarung getroffen Ist. Wenn die Firma entgegetigesetzte Attordttungen während der Engagemeiitszeit vor- legt, so liegt hierin keine Vereinbarung, es sei denn, daß die Angestellten mündlich oder schriftlich oder durch ihr Verhalten ihr Einverständnis erklärt haben.— August 10. l. Sind die Sachen geschenkt, so sind sie Ihr Eigentum und daher psälidbar, falls sie nicht zu den unpfändbaren, weil unenlbehrlichen Sachen gehören 2. Niemand— P. J> 100. Nach An- ficht des Ober-Berwaltungsgerichts verliert er auch dann sein Wahlrecht, tvenn er ratenweise abzahlt. ES liegt deshalb für jemand, der unpfändbar ist, keinerlei Grund vor, sich zu quälen, Ratenzahlungen zu leisten. «attternnssüberstcht vom IS. Dezember 1900. morgen» 8 Nhr. Stationen S 6 SE 8| öZ Swiiiemde. Hamburg Beriilt Franks /M. Milllchen Wien § 1 766 SW 766 WSW Metter öhedeckt 5 bedeckt 769 WSW 4 wollig 774 SW 2 bedeckt 775 SO 2 Nebel 776128 Zlhlb.bed. t»-- 7 7 5 4 -1 2 Stationen s- Haparanda Petersburg Tork Aberdeen Paris II SS 754Still 764:23 752, SSW Wetter bedeckt 3, heiter 2 wolkig «iV ti -20 10 7 Wetter-Prognose für Sonntag, de« 10. Dezember 1900. Ziemlich warm, zeitweise heiter, vorherrschend wolkig mit etwa» Regen > frifdtett südwestlichen Winden. Berliner W- t t« r»» r- Ständige» Repettoire: Restdeuz-Theater. Alle Abende: Die Dame von Maxim,- Secessions- Bühne. All- Abende: Der Lctballe.- Central- Theater. Sonntag bi» Freitag: Die Geisha. Nur Donnerstag: Der Brautvater. Sonnabend: Dt« Schone von New York.- Thalia-Theater. Alle Abende: Amor von heute.— Keiedrich-Wilhelmstädttsches Theater. Alle Abende bis Donerstag: Tugendring. '"' W Tat« Taw.— Earl Weist-Theater. 2llle Mcnde: Die Veilchenprinzessin. Freitag und solgenbe Tage: Sonntag: Hexenmeister.— Apollo-Theater. Alle Abende: Fräulein Loreley.— Metropol-Thcater. Donnerstag: Geschlöffen. Nächsten Alle Abende: Eine tolle Nacht. Waarenhaus Hermann Tietz Leipzigerstrasse 46, 47, 48, 49— Krausenstrasse 46, 47, 48, 49. Unsere NMschtsMesse i Besonders beachtenswerth; Gülaiilerie-taeii. Vernickelte Eisenetagire f% 05 — 1900— enorm billig Visitkartenachale, Kunst- guss mit bunter Glas-| 35 schale. I. mit ff. verkupf. Deckel. Onyrid-Schreibzeug mit Adler— neu— 2. 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Geehrte Herren Dittmer ich mutz ihnen auch ein pahr Zeihlen fon mich mitheilen, das Leben hier in China ist nicht so besonders den hier ist ein sehr schlechtes Klima den fon einer Kriegsstarken Kompaqni ist höchste» der fiertel Teihl der' Gesund ist den hier ist jeder Krank den hier herrscht der Durchfall sehr fon den schlechten Wasser den das Wasser kann man hier ohne Abgekocht garnicht gebrauchen den da kan man sich noch nicht mahl mit Waschen." Die Chinesen sind ganz schmutziges Volk den in die Strotzen Ivo sie Stehen fcrrichten sie einfach ihr bedürfnis setzen sich einfach dada hin das schadet ihr weihter nichts getz haben wihr es ihr schon abgewöhnt wen sie uns hier sehen laufen sie Meihlen weit. Geehrte Herren Dittmer ich habe hier in China schon fiel durchgemacht den die Hitze ist hier anders als wir in Deutschland den' wihr haben grotze Strapahzen aushalten muffen Hunger und Durst habe ich auch kennen gelernt. Ich habe jetzt schon 14 Gefechte mitgemacht 3 Grotze und 11 kleinere denmit den Chinesen ist es leicht fertig zu werden." In dem Brief eines Hirschberger China-Freiwilligen. datiert Tieiusin, 12. Oktober, den der„Bote ans dem Riesengebirge" von den Anverwandten erhalten hat, heitzt es: .»Von Takuh nach Bekmg(Peking) ist kein Dorf mehr was n'ch zerstörd ist die Felder verwüstet, es wird hier nur Reis und Mais gebaut und das sehr wenig das meiste Land liegt unbebaut da weil die Chinesen zu Faull siend es zu bebauen'es ist Teil- weite guter Boden, aber durch ihre Kräder versauen sie Kilometer weit das Land sie müssen aber jetzt fest Arbeiten, bekonunen den Tag 30 Zent= 60 Pfg.; deutsch, dan bekommt jeder Mann 10 Stick von uns dann geht es dran wen einer nicht wiel dann wierd entsprechend nach- geholfen mit einen Bambusrohr, Prügel sind die Kerle gewönd ohne schlüge geht es nicht, oder wen man das Seitengewehr zieht dan laufen sie da kann man sie nicht einHollen, da wierd noch manch einer Tot- geschlagen und zugleich begraben weis kein Mensch wo er ist. die Flüsse sind gross genug da haben noch viel Platz dricn. die während des Gefechtes gefahlenen werden alle in den Peiho gefahren und ford schwimmen lassen. Beerdikt wierd keiner, viel zu umständlich den wen für S00 Mann solten löchcr gemacht werden wer soll die Stinkichen künden den an- greifen, die Müssen alle ihre Landsleute auf Wagen laden imd abmarsch ins Wasser. Die„Sächs. Arbeiter-Ztg." veröffentlicht einen weiteren Hunnen- blies, dem einige markante Stellen entnommen seien. Zunächst berichtet der fromme Kreuzfahrer, datz er durch Zer- trümmerung von Götzenbildern zur Verbreitung des Christentums das Seinige beigetragen habe: Hier in Tinksin haben wir einen Tempel bezogen da haben wir die Götze» zerhauen». die kleine» behalten welche ich anch mit Bringe wenn ich sollte zurückkommen. Wir bekommen in 10 Tagen 13 M. 50 Pf. u. zu kaufen braucht man sich nichts als Bier wo die Flasche 70—100 Pf. kostet aber Eier sind billig für 10 Cent(20 Pf.) 10 Eier das wäre was für den Käscjuden, aber wir kaufe» keine sondern da giebt es düchtige Keile dafür wenn sie was haben wollen. In Ermangelung zu zertrümmernder Götzenbilder mutzten freilich auch zur Abwechslung ganz gewöhnliche friedliche Händler herhalten. Und wie die Indianer den Skalp erschlagener Feinde als Sieges- trophäe im Nmichsaiig ihrer WigwamS aufzuhängen pflegten, so ge- denkt unser Chiuafahrcr auch einige erbeutete Chine senzöp'fe mit nach Hause zu bringe»: „Bar Zöpfe brig ich schon mit hergeben du» sie in nicht lieber wollen sie erschlagen sei» als Zopf weggeben abtt abgeschnitten haben wir schon viel."— Ucber die Art der Äriegsführung macht der Kriegs- berichterstatter der„Frkf. Ztg." folgende Mitteilungen: „Schlimmer noch als die Sandstürme sind aber die un- berechenbar auftretenden kalten Winde und Regenschauer und die trostlosen Wasserverhältnisse, denen einzig imd allein zuzu« schreiben ist, datz weit über 30 Prozent aller Soldaten an Ruhr, Rheumatismus oder Fieber erkrankt sind. In Peking, so sagte mir ein Offizier, stirbt täglich durchschnittlich ein Mann pro Bataillon. Rechnen wir, datz wir jetzt acht Bataillone deutscher Truppen in und uni Peking haben, so würde demnach in 100 Tagen der achte Teil d e r T r u p p e u, gleich einem ganzen Bataillon, zwar nicht dein waffentragenden Feinde, aber dem schlimmeren Feinde, dem Klima, zum Opfer falle» müssen. Dabei ist mit Sicherheit anzunehmen, datz die Verluste mit Einbruch des Winters wachsen werden. In der That, es ist ein elenderKricg, dieser chinesische Krieg! Von Schlachten ist seit dem Fall Pekings keine Rede mehr, und nur der ausschweifendsten Phantasie würde es möglich sein, aus lächerlichen Scharinttveln Kämpfe zu machen, die. mehr als dem Name»»ach erwähncns- wert sind." Ein„elender Krieg"! Wenn die Truppen der Mächte Ver- luste haben, so sind sie dem mörderischen Klima zuzuschreiben, nicht deir feindlichen Waffen. Trotzdem aber nur die ausschweifendste Phantasie aus lächerlichen Scharmützeln Kämpfe machen kann, werden die Chinesen zu Tausenden niedergemetzelt. Das ist der Hunnen- krieg, ohne den Deutschland nach Herrn v. Gotzler zu einem„Land der Philister" herabsinken würde, die hohe Schule der Manneszucht und Sittlichkeit, von der der Kriegsministcr erklärte:„Nach meinen militärischen Gefühlen ist es insofern vielmehr ein Glück für die Armeen und die Angehörigen derselben, daß der Ernst des Kriegs uns wieder einmal klar wird."— me Einzige Tncbfabri Kä» 73 «»■H O Deutschlands, die Ihre Fabrikate direkt an jeden Privatmann versendet, zeigt hiermit an, dass sie mit dem Versand ihrer neuen Herren-Stoffe, Herbst- und Winter-Kollektion begonnen hat und Muster sofort an jedermann franco versendet. Nur beim Bezüge ans unsrer Fabrik kaufen Sie direkt und entgehen dadurch dem Zwischenhandel. Rester stets am Lager. - Muster franco.- Unsre heutige Beilage bitten zu beachten. Lebmann& üssmy, Tuchfabrik, Spremberg, L. Sohnoidenneister, die von uns bezogene Stoffe gern verarbeiten, weisen an jedem grösseren Platze nach. 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Keilllgt dts, JlHl W Attlim AIIiSillM S-MI«s.l«.StMttI9V0. Eine her bchenklichsten Folgen her Wohnvngsteuernng ist die, daß die weniger bemittelte Bevölkerung die Wirkungen der Mietssteigerungen zunächst durch Einschränkung ihres Wo hnungsbednrfnisses abzuschwächen sucht, indem sie sich mit kleineren und schlechteren Wohnungen als bisher begnügt. Wir haben bereits im Sonnner auf diesen wichtigeir Punkt hingewiesen, noch ehe der Oktober- Umzug die Berliner Wohnungsnot in ihrer ganzen Größe enthüllte. Wer sonst 3 Stuben und' Küche haben zu müssen glaubte, richtet sich in Zeiten einer allgemeinen Steigerung der Mieten mit 2 Stuben ein; wer bisher 2 Stuben und Küche als das Mindestmaß ansah, unter das er nicht hinabgehen könne, versucht es nun mit einer Stube; und wem bei den gegenwärtigen Mietspreisen selbst das als ein nicht mehr erschwinglicher Aufwand erscheint, der pfercht sich fortan mit den Seinigen in eine sogenannte Wohnküche ein. Wo die Stärke- der Familie die Wahl einer kleineren Wohnung nicht gestattet, da sucht man durch Wahl einer schlechteren Wohnung der Profitwut der Hauswirte zu begegnen. Man zieht aus einer freundlichen Straße in eine weniger freundliche und überläßt die schöne, aber ach! so teure Aussicht auf ein bißchen Grünes dem zahlungs- fähigeren Nachfolger. Man siedelt aus dem hellen Vorderhause in das dunklere Hinterhaus über; man zieht, auch wenn Lunge oder Herz das Treppensteigen nicht mehr recht vertragen, aus dem ersten Stock- werk in das zweite, aus dem zlveiten in das dritte, aus dem dritten in das vierte nnd fünfte— oder man flüchtet sich hinab in den feuchten, dumpfigen Keller. Eine lange dauernde Periode fortgesetzter MietS- stcigerungen, wie wir sie jetzt bereits seit mehreren Jahren haben, führt allmählich zu einer allgemeinen Verschiebung der Wohnungsverhältnisse der Bevölkerung, zu einer vollständigen Aenderung in der Verteilung der einzelnen Be- bölkerungsschichten auf die vorhandenen Wohnungen. Das greift auch hinauf bis in Kreise, die es gar nicht einmal so sehr nötig hätten, zu sparen. Aber es will eben niemand gern einen b e- trächtlichen Teil seines Einkommens„dem Wirt in den Rachen werfen", wie man in diesem Fall nicht gerade geschmackvoll, aber am Ende treffend zu sagen pflegt. Wen» im Laufe des letzten Jahrs die Zahl derleer stehenden Wohnungen sich bei den kleinen und klein st en viel stärker als bei den großen, bei den größten aber überhaupt nicht vermindert hat, so ist das zweifellos m i t darauf zurückzuführen, daß weite Kreise der Bevöl-� kerung schon die bittere Nutzanwendung aus den Mietssteigerungen gezogen und mit der Einschränkung ihreS Wohnnngsbedürfniffes be- gönnen haben. Wie stark die Einschränkung bereits jetzt ist, das wird das diesjährige Volkszählungs-Ergebnis aus den auf die Wohnungsverhältmsse bezüglichen Angaben erkennen lassen. BiS zu einem gewissen Grad kann auch die im November veröffentlichte Statistik über die zu Anfang dieses Jahrs leer stehende» Wohnungen, aus der wir die wichtigsten Zahlen mitgeteilt haben, schon zur Beleuchtung dieser Frage dienen. Von den 3233 im Januar 1900 leer stehenden Wohnungen ohne Geschäftslokale lagen 1977 im Vorderhaus und 12S3 im Hinterhause, während im Januar 1899 von noch 8440 leer stehenden Wohnungen dieser Art 3943 im Vorderhause und 4501 im Hinter- hause lagen. Die Zahl der leeren Vorderwohnungen verringerte sich also auf fast genau 50 Proz. d. h. auf die Hälfte, die der leeren Hinterwohnungen dagegen auf 23 Proz. d. h. annähernd auf ein Viertel. Dieser Gegensatz zwischen Border- und Hinterhaus geht durch alle Stockwerke hindurch. Es ver- minderten sich die leer stehenden Wohnungen in den Vorderhäusern in den Hinterhäusern Keller von 200 auf 157 d. h. auf 00 Wo von 752 auf 334 d. h. auf 44% Part, und Hochp.. 335. 214„. 04., 845„ 257.. 30. 1. Stock„ 902.. 551.„ 01.„ 797. 231„„ 29. 2.»„ 851„ 434„. 51„„ 660„ 175„. 27„ 3.... 795„ 380.. 48„„ 042. 105„. 10„ 4.u.5.Stock. 801.. 241 ,.„ 30„., 805 ,. 147„.. 18. Man achte bei diesen Zahlenreihen auch darauf, wie im all- gemeinen der Rest unvermietet gebliebener Woh- nungen nach den oberen Stock iverken hin im in er geringer wird. Es drängt eben alles nach den kleineren oder schlechter gelegenen und darum billigeren Wohnungeiw Für die wenig bemittelte Bcvölternng, die ja ohnedies keinen Ueberfluß an Wohnräumen zu haben Pflegt, bedeutet natürlich jede iv eitere Einschränkung eine schwere Schädigung der Gesundheit und der Erwerbsfähigkeit. Schon aus diesem Grunde darf die Regelung des Wohnungswesens nicht dem Belieben profitwütiger Hausbesitzer und Terrainspekulanten über- lassen werden, sondern ist als eine öffentliche Angelegenheit von hervorragender Wichtigkeit zu behandeln. Verss in in in n gen* Eine öffentliche Versammlung aller in der Kartonbranchc beschäftigten Arbeiter nnd Arbeiterinnen tagte am Mittwoch bei Stechcrt in der Andreasstraße, in der Völker über die schlechten Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Branche und über die Notwendigkeit der Organisation referierte. Dem beifällig aufgenommenen Vortrag folgte eine längere Diskussion, in der sehr lebhaft über die lange Arbeitszeit, niedrige Löhne, unwürdige Behandlung, sanitäre und sittliche Mißstände Klage geführt soivie vom Referenten zum festen Zusammenschluß in der Organisation, dem Verband der Buchbinder und venvandter Berufsgenossen aufgefordert wurde. Als Branchen-Vertranenspersonen wurden sodann Herr B e I l i n und Frau Haber st roh gewählt, welche gemeinsam mit den Werk- stätten-VertrauenSIeuten eine rege Agitation entfalten sollen. Schon in der nächsten Zeit werden mehrere Werkstättensitzungen stattfinden. Unter„Wcrkstubeuangelcgenheitcn" wurden die Zu- stände in den einzelnen Fabriken erörtert. Unter andern gelangte eine recht rigorose Fabriksordnung von der Finna R o s e n h e i m u. Kaufmann zur Verlesung, nach ivelcher die Arbeiter keinerlei Rechte besitzen, aber verpflichtet sind, auf Wunsch der Unternehmer monatelang die Arbeitszeit bis lO'/a Uhr abends auszudehnen. Weiter ivurde angeführt, daß bei mehreren Firmen jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen häufig bis >/s9 Uhr abends und auch noch länger beschäftigt werden. Von einigen Rednern wurden die sittlichen und sanitären Mißstände gc- schildert, die in den verschiedenen Fabriken vorherrschen und ferner auch das Verhalten einzelner Werkmeister der Arbeiter und Arbeiterinnen gegenüber einer herben Kritik unterzogen. Zu Gunsten der Konsiini-Genoffenschaftsbewegiing fand am Mittwoch eine Volksversammlung in Kellers Saal statt. Reichstags- Abgeordneter v. Elm begründete die Idee der GcnoffenschaftS- bewegung als eins der Mittel zur erfolgreichen Bekämpfung des Kapitalismus. Hierauf nahm Frau S t e i n b a ch aus Hamburg das Wort. In recht anschaulicher nnd wirkungsvoller Darstellung schil- derte die Rednerin die Vorteile, welche den Proletariern aus der Verwirklichung des Genosscnschaftsgedankens erwachsen. Die Ver- sammlung nahm die Ausführungen der Rednerin mit lebhaftem Bei- fall entgegen. Es entstand dann eine längere Diskussion, in der Angehörige des Berliner Konsumvereins Steinschneider scher Richtung für die Form ihres Vereins, als der besseren, eintraten, während v. Elm in längerer sachlicher Darlegung ausführte, daß es ein Irrtum der Steinschneiderschen Richtung sei, wenn dieselbe meine, als nicht unter das Gcnosscnschaftsgcsctz fallender Verein besser zu fahren, wie die andre» in Berlin bestehenden Konsumvereine, die als eingetragene Genoffcn- schaften dem Genosseuschaftsgesetz unterstehen. Die Bestimmungen des Genosscnschaftsgcsetzes hindern die Thätigkeit der Konsum- Genossenschaften keineswegs, die genossenschaftliche Form sei anck in rechtlicher Hinficht für die Mitglieder vorteilhafter wie die Vereins- form.— Die Anhänger der Stcinschncidersche» Richtung' hatten eine Resolution eingebracht, die darauf hinausging, dem Konsumverein Berlin-Rixdorf die Gründung einer Verkaufsstelle im Osten un- möglich zu machen. Als aber die Diskussion sich bis gegen 1 llhr hingezogen hatte, verlöschten die elektrischen Bogenlampen, der Saal, der im Halbdunkel einiger Glühlampe» lag. leerte sich zusehends und es kam deshalb nicht mehr zur Abstimmung über die Resolution. Der Verband deutscher Barbiere nnd Frisenrgehilsen sZwcigverxin Berlin) hielt seine Mitgliederversammlung am 0. d. M.. abends 10 Uhr, bei Schiller, Rosenthalerstraße 57, ab. Liere er- stattete Bericht über die Wahlen in der Orts-Krankenkasse und teilte mit, daß er gegen die Wahl beim Magistrat Protest erhoben habe, weil die Versammlung statt um 10 um 11 Uhr eröffnet wurde nnd Gehilfen gewählt habe, die der Jnniingskasse angehören. Der Protest wurde für gerechtfertigt anerkaunt und findet in kürzester Zeit eine neue Versammlung statt. Zum Neunnhr-Ladenschluß gab der Redner bekannt, daß von 2400 Geschäften 1500 schließen. Die Meister iverden zuni Frühjahr eine Preiserhöhung fordern. Diesen Anlaß wkrdcn auch die Gehilfen für ihre Forderungen ausnutzen. Schönrbcrg. Die freien Hilfs-Krankenkassen hielte» am DienS- tag im„Klubhause", Hanplstr. 5/0, eine Versammlung ab, in der Herr Dr. Wey! ein Referat hielt über: Das Wasser ein Heilmittel. Der Referent erntete reiche» Beifall und schloß sich an den Vortrag eine rege Diskussion. Der focialdemokratifche Verein Grost-Lichterfelde-Lanfwitz hielt am 12. Dezember eine außerordentliche Generalversammlung ab, um den Bericht über die beschlossene Centralisation der social- demokratischen Vereine des Kreises Teltow-Beeskow zc. entgegenzunehmen. Der bisherige Vertrauensmann L o x h e i m e r gab einen Rückblick auf die Partribewegung ini Kreise unter specieller Berücksichtigung der örtlichen Partei-Entwicklung und brachte das auf der letzten Kreiskonfcrenz angenommene Statut des Central- Wahlvereins zur Verlesung. Im Verlaufe seines Referats berührte B o x h e i m e r den wunden Punkt der grassierenden Vereinsmeierei, die keinen günstigen Einfluß auf den Emancipatiouskainpf der Arbeitcrklaffe ausüben könne.— In der Diskussion führte Genosse Wenzel aus, daß auf der Kreiskonfcrenz besonderer Nachdruck auf die gewerkschaftliche Organisation der Mitglieder gelegt worden sei. Der Verpflichtung, sich gewerkschaftlich zu organisieren, müßten die Vorstandsmitglieder muürlich erst recht nachkommen. Er könne erklären, daß seine Milkvllegc» im Vorstand ausnahmslos ihren geiverkschastlichen Organisationen angehörten, ob aber er— der Vorsitzende— als gewerkschaftlich organisiert angesehen werden könne oder nicht, das habe heute die Generalversammlung zu entscheiden. Er müsse umsomehr darauf zurückkommen, als auf der Konferenz der Vertreter des Kreises, Z u b e i l, erwähnte, daß es sehr fraglich sei, ob der Verein Arbeiterpresse, dem er— Redner— angehöre, anerkannt werden könne. Er überlasse es der heutige» Versammlung über seine gewerkschaftliche Oualifikatioir zu entscheiden. Wetzker erkennt die gewerkschaftliche Qualifikation des Vorredners an. Zu dem Krcisstatut macht er darauf aufmcrk- sam, daß die Ausschlußbestimnumgen mangelhaft seien. Es müsse hervorgehoben iverden, daß die Krcisorganiiation nicht die lctzie Jiistanz für Ausschluß ans dem die Partci-Organisation repräsen- tierendcn Verein sein könne. Wem die Parteizugehörigkeit nicht aberkannt sei. dem müsse auch unbedingt das Recht zustehen, der lokalen Organisation anzugehören, durch die die Partcigeschäfte am Orte besorgt werden. lieber die Parteizugehörigkeit werde aber nach den Bestimmungen des deutschen Parteistatuts entschieden. Den Ausschluß aus dem Verein müsse man als identisch mit den, Ausschluß aus der Partei betrachten und deshalb muß auch hierfür die Berufung an die vom Parteitag geschaffenen Instanzen zulässig sein. K e r st e n spricht sich gegen die Auffassung Z u b e i I S aus; Wenzel als Delegierter hätte sie energisch zurückweisen müssen. Redner wendet sich dann gegen die Bestimmung des Kreisstatuts, nach welchem zwei Drittel der Einnahmen an die Centralkaffe ab- geliefert werden müssen. DicS. könne die Arbeitsfreudigkeit der Parteigenossen am Ort herabsetzen. B o x h e i m c r erklärt, daß die Verpflichtung des Vorsitzenden bezüglich der gewerkschaftlichen Organisation vollkommen erfüllt sei und ver- teidigt im übrigen das Kreisstatut.— Denselben Standpunkt nahmen auch die übrigen Redner ein. Wenzel bemerkt gegen- über K e r st e n. daß er die kostbare Zeit der Konferenz zu einer Widerlegung der Auffassung Zubeils nicht habe in Anspruch nehmen wollen'; für ihn sei die Entscheidung des Ortsvereins maßgebend und diese sei für ihn ausgefallen.— In den Vorstand wurden an Stelle von Jäger und B e r g e r Hopf und Engel gewählt, im übrigen die bisherigen Vorstands- Mitglieder in ihren Äemtern bestätigt. Nach dem Bericht des Ver- trauensmanns erfolgte die Erledigung von Vcreinsangelegenheiten. In Ober-Schöneweide tagte am 10. Dezember eine zahlreich besuchte Volksversammlung. Frau S t e i n b a ch referierte über das Thema:„Muß die Arbeiterschaft die Parasiten des Zwischenhandels ernähren?" Nach Schluß des mit reichem Beifall aufgenonmienen Vortrags gab John im Namen der in einer vorangegangenen Ver- sammlung' gewählten Zehnerkommission der Versmmulung den Rat, sich aus verschiedenen, von ihm dargelegten Gründen der Berlin- Rixdorfer-Konsumgenossenschaft anzuschließen. Dies wurde auch nach einer erregten Diskussion, in der ein IRedner für die freien Genossenschaften agitierte, von der Versammlung beschlossen. Die Wahl einer Neunerkommission als Aufsichtskommissio» wurde einer Mitgliederversammlung überlassen. 128 Mitglieder ließen sich sofort in. die Mitgliederliste aufnehmen. Adlershof. In der Parteiversammlung am 9. d. M. erstattete der Vertrauensmann H. Hildebrandt Bericht über seine Thätig- keit. Die Einnahmen betrugen 905,80 M., die Ausgaben 888,90 M., so daß ein Bestand von 10,90 M. verbleibt. Aus dem Bericht ging noch hervor, daß im vergangenen Jahre 13 Versammlungen in Adlershof und 2 Versammlungen in Nene Mühle bei Königs- Wusterhausen stattgefuvden haben. Den Bericht der ZeitungL- Kommission erstattete Bessermöny. welcher einen Ueberschuß von 395,83 M. feststellte, wovon 325,00 M. an den Vertrauensmann abgeführt wurden. Für die Lokalkommission berichtete Tempel, welcher konstatierte, daß bis auf das Lokal von Beyer, Neue Mühle, keine Veränderung in der Lalalfrage unsrcs Bezirks statt- gefunden hat. Ueber den 2. Punkt der Tagesordnung,„Die Neu- organisntion des Kreises", sprach Hildebrandt. Eine Diskussion hierüber fand nicht statt. Da nach der Neuorganisation den zu gründenden Wahlvereinen die Parteigeschäfte übertragen werden, so wurden Neuwahlen nicht vorgenommen. Briefkasten der Redaktion. N. B. 9. Austritt aus der Landeskirche. In Preußen kann nach dem Gesetz vom 14. Mai 1873 jeder(im Geltungsgebiet des Allgemeinen Landrechts, jeder der das 14. Lebensjahr vollendet hat) ans einer Kirche mit bürgerlicher Wirkung dadurch austreten, das; er in Person vor deui Richter seines Wohnort? eine dahingehende Erklärung abgiebt. Der Austrittscrklärung inuj; ein hierauf gerichteter Antrag vorangehen. Sodann findet, nicht»or 4 und nicht nach 6 Wochen nach Eingang dieses Antrags, vor dem Richter Termin zur Ausnahme des Antrags zu gerichtlichem ProtoloN statt. Der aus der Kirche Ausgetretene erhalt auf sein Verlangen eine Beschei- nignng seines Austritts.— Die Austrittserklärung hat die Wirkung, datz der Ausgetretene mir dem Schlub des auf die Auslrittserllärung solgenden Kalenderjahrs zu Leistungen, welche auf der persönlichen Kirchen-Angehörig- keit beruhen(also zu den Kirchensteuern), nicht mehr verpflichtet ist. Da- durch, dnfl mehrere gemeinsam austreten, verringem sich die Kosten nicht. Die gerichtliche Gebühr für das Austrittsversahren beträgt nach§ 103 des Kostengesetzes 3 M. B. P. 73. Der Verwalter ist nicht berechtigt, jemand, der einen Mieter mit dessen Zustimmung besuchen will, das Haus zu verbieten. Wenn der Besuch trotz des Verbots stattfindet, so liegt kein Hausfriedensbruch vor.— Sangrstratze, Neuenhagen. 1. Ja. 2. Nein. 3. Ja, es muß der Kreis der Teilnehmer ein beschränkter bleiben. 4. Nein. 5. Ja.— H. Z. R. Eine solche Ermäßigung besteht nicht.— 8299. 1. Ja. 2. Etwa 1,50 M. wird für angemessen erachtet. 3. Die Klage ist beim Amtsgericht zu erheben.— N. N. 199. Ihre Anftage ist nicht ver- ständlich. Sprechen Sie gelegentlich in der juristischen Sprechstunde vor. 31. M. 59. Der Umstand, datz jemand vom Militär entlaste» ist, befreit nicht von der Steuerpflicht. Der FiskuL kennt auch für Reservisten keine Schonzeit; die Stcuerpflicht hängt lediglich davon ab, ob der Bctrcstendc zu sieuerpflichtigein Einkommen abgeschätzt ist. — 184«. Ihnen steht ein Recht auf Rückforderung eines Teils der Klebe- niarkenbeitrnge n i ch t zu.— H. T. 49. Nicht davon, ob �Lehrlinge oder Gesellen usw. beschäftigt werden, hängt die Gewerbestcuetpflkcht'ab. Die Sieuerpflicht besteht nicht, wenn weder das Anlagekapital 3000 M., noch das Jabreseinkounnen 1500 M, übersteigt.— O. F. Eharlotteuburg 199. 1. Die unenlbehrlichen Möbel usw. sind unpsändbar. Was unentbehrlich ist, ist von Fall zu Fall vom Gerichtsvollzieher und im Beschwerdeweg vom Amtsgericht zu entscheiden. 2. Das Bemögen Ihrer Frau haftet nicht für die von Jbncn gemachten Schulde».— N. Röstinger. Soweit ersichtlich, wäre eine Klage aussichtslos.— Kallop.. 19 Rtxdorf. 1. und 2. Nein. — 19 Friedrichöhagen. Wenden Sie sich an das Krieasminsterimn. Leider ist wenig Aussicht vvrhandcn.— Adonneut seit 1ti«4. 1. Nein. Es würde als Urkundenfälschung und Persouenstandssälschung erachtet werden können,- wenn jemand der Wahrheit zuwider bei seiner Verheiratung augübe, er sei Erzeuger des von seiner Braut vorehelich geborenen Kinds. Der Ehemann kann aber den; voreheiich geborenen, nicht von ihm erzeugten Kinde» n ch vollzogener Heirat seinen Namen geben. Notwendig ist hierzu die notariell, gerichtlich oder ftaiidcsamtlich beglaubigte Einwilligung seiner Frau und des Vormunds. Ein Formular für solchen von uns wiederholt mitgeteilten Antrag finden Sic auf S. 221 des dem„Arbeiterrccht" bei- gefügten Führers durch das B. G. 2. Ja.—(6. St. Ihre Anfragen sind im Bricslasten der zweiten Beilage des„Vorwärts" vom 12. Dezember beantwortet.— Paul in Gr.-Wartenberg. Schriftliche Antwort erteilen wir nicht. War der Beamte bei der Zwangsvollstreckung nicht im Besitz des Schuldtitels, so befand er sich auch nicht in rcchwläßiger Ausübung seines Amts, andcriisalls ja.— Charlottenburg. Ja. — F. iv). 1999. 1. Nicht ausgeklagte Forderungen filr die Entnahme von Waren verjähren in 2 Jahren. Sind die Waren sür einen Gewerbe- betrieb(zum Weiterverkausen) entnommen, so beträgt die Frist 4 Jahre. Die Frist beginnt mit dem 1. Januar des auf die Entstehung der Forderung folgenden Jahrs. Forderungen wegen Waren, die für den Gewerbe- betrieb entnommen waren, verjährten hier vor dem 1. Januar 1900 in 30 Jahren. Auch diese alten Forderungen verjähren mit dem 31. Dezember 1900, wenn seit der Entstehung dieser Forderungeu bis zum 1. Januar 1901 4 Jahre verflosten sind. Am I. Januar 1901 sind also alle im Jahre 1896 «itstandenen nicht ausgeklagten, noch ancrkannten Forderungen für Eni- nähme von Waren zum Geschästsbetrieb verjährt. 2. Ja. 3. In 30 Jahren. 4. und 6. Nein. 6. Ja. 7. Nein. 8. Klage und Streichung aus der Wählerliste.____ Wetzk Mckile dickl«i« WchAchlsmIims! Bis Montilg, lien U. 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Diese Verträge, die alle bisher für das Dienstverhältnis geltenden Abreden aufheben und durch eine Reihe neuer Bestimmungen ersetzen, verdienen um deswillen eine nähere Beleuchtung, weil sie die V e r- e i n b a r u n g e n, die vor wenigen Monaten zur Beilegung des Streiks in Gegenwart des Oberbürgernreisters Kirschner zwischen der Direktion und den Vertretern der Ange st eilten abgeschlossen wurden, in einigen wesentlichen Punkten zum Nach- teil der Ange st eilten verletzen. In den bezeichneten Vereinbarungen heißt es:»DaS Gehalt beträgt im ersten Halbjahr 85 M., nach Vs Jahr 90 M., nach 2 Jahren 95 M., nach 6 Jahren 100 M.. nach 8 Jahren 105 M., nach 10 Jahren 110 M„ nach 12 Jahren 112 M.. nach 15 Jahren 115 M., nach 17 Jahren 118 M., nach 20 I a h r e n 120 M." Der neue Vertrag bestimmt:„DaS Anfangsgehalt beträgt 85 M..... Seine allmäligeErhöhung bei zufriedenstellender Dien st führ ring bis zu i20 M. monatlich ist mir jedoch zugesichert." Durch diese Vertragsklausel wird also die nach demDienst- alter steigende Gehaltsskala einfach beseitigt und die Gewährung einer Zulage in das Belieben der Direktion gestellt. Hiernach kann wieder jener Zustand ein- treten, der v o r d e m S t r e i k bestand, und um dessen Beseitigung es den Angestellten ganz besonders zu thun war, nämlich der: daß mancher sich 1—2 Jahre mit dem AnfangSgehalt begnügen muß, und daß Gehaltserhöhungen nur von der Gunst der Vor- gesetzten, nicht aber vom Dienstalter abhängig sind. Ein Zustand, der die Willkür an die Stelle des Rechts setzt.' Dasselbe gilt von einer andren Bestimmung de? Vertrags, welche besagt, daß die Zahl der freien Tage,„in den einzelnen Monaten und Zwischenzeiten die vorgesetzte Hofverwaltung zu bestimmen hat". Die Vereinbarungen setzen dagegen fest:„Jedem An- gestellten wird ein freier Tag in der Woche gewährt. Innerhalb sieben Wochen muß ein solcher freier Tag auf einen Sonntag fallen." Während den Vereinbarungen gemäß das Verschicken der Beamten nach andren Bahnhöfen möglichst vermieden werden soll, bestimmt der neue vertrag, daß eS ein Grund zur kündigungslosen Entlassung sein soll, wenn der An- gestellte die Beschäftigung auf demjenigen Bahnhofe, für welchen solche verlangt wird, ablehnt. Also auch bezüglich der Verschickung nach andren Bahnhöfen soll es anscheinend bei der seitherigen Will- kür bleiben. Ausdrücklich ist in den Vereinbarungen festgesetzt, daß bei Einziehung zu militärischen Uebungen das Gehalt weiter gezahlt wird.— Diese Vergünstigung schafft der Vertrag'uugeniert aus der Welt, indem er bestimmt:„Als verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit im Sinne des§ 816 des Bürgerlichen Gesetzbuchs gelten.... für die Dauer des Ersatz- dienstes 6 Stunden, des festen Dienstverhältnisses 2 Tage. Mithm habe ich für die Zeit einer Einberufung zu Militärdienst- Übungen oder Erkrankung keinen Anspruch auf Fort- zahlung der vereinbarten Dienstgefälle." Die Große Berliner begnügt sich nicht nur mit der Beseitigung von wesentlichen Punkten der Vereinbarung, sie geht noch weiter und sucht sich vor Schäden, die aus dem Betriebe erwachsen, auf Kosten der Ange st eilten zu sichern. So bestimmt der neue Vertrag, daß. wenn cS zur Aufrechterhaltung eines ordnungsmäßigen Betriebs erforderlich erscheint, zur Leistung von Ueber- stunden verpflichtet sind sowie zur Uebernahme von Be- schäftigungen. die sonst nicht zu ihren Obliegenheiten gehören. Daß Ueber st unden der Vereinbarung jzemäß mit 50 Pf. z u b e- zahlen find, wird mit völligem Stillschweigen über- gangen. DaS höchste aber, was hinsichtlich der Abwälzung von' Betricbsschädcn auf die Angestellten geleistet werden kann, ist in folgender Vertragsklausel enthalten:„Für Schäden, welche durch mein vorsätzliches oder fahrlässiges verhalten im Dienst der Dienstgeberin unmittelbar oder mittelbar verursacht werden, habe ich einzutreten. Demgemäß binich verpflichtet, sie von etwaigen Ersatz- oder Haftansprüchen Dritter zu befreien, welche auf mein verhalten zurückzuführen sein werden." Ein„fahrlässiges Verhalten" beispielsweise eines Wagenführers bei einem Zusammenstoß oder sonstigem Betriebsunfall wird sich wohl immer herauStüfteln lassen, auch wenn der Unfall auf mangelhafte Betriebseinrichtungen, wie„Mord- wage n" zc. zurückzuführen ist, und der anne Wagenführer mit dem Anfangsgehalt von 85 M. und der„in Aussicht gestellten allmählichen Erhöhung" kann dann die Kosten des Unglücksfalls zahlen. Die' Möglichkeit, einen Angestellten während der Kündigungsfrist beliebig zu chikanieren, sichert sich die Direktion durch folgende Be- stimmung:„Ebenso können in der Zeit zwischen Kündigung und Dienstaustritt mir anderweitige Verrichtungen übertragen werden." Den Schluß des neuen Vertrags bildet ein Passus, der in der gegenwärtigen Zeit der Wohnungsnot für manche der Angestellten besonders drückend sein mutz:„Sofern mir nickt das Gegenteil ge- stattet wird, verpflichte ich mich, in der Nähe des- jenigen Bahnhofs meine Wohnung zu nehmen, welchem ich zur Beschäftigung überwiesen werde". Wie aus dem Vorstehenden ersichtlich ist, verfolgt der neue Vertrag die Tendenz, die gewiß nicht bedeutenden Errungen- schaften des Streiks entweder kurzer Hand zu beseitigen, oder doch ihre Gewährung in jedem Einzelfalle in daS Belieben der Vorgesetzten zu stellen. Ganz besonders mutz dabei auffallen, daß in dem Vertrage von der Dauer der täglichen Arbeitszeit. die durch die Vereinbarung auf neun Stunden für Führer und elf Stunden für Schaffner festgesetzt wurde, mit keinem Worte die Rede ist. Der einzige Passus, der sich auf die Arbeitszeit bezieht, ist der, der die Verpflichtung zur Leistung von Ueberstunden ausspricht. Danach hat es also die Betriebsleitung völlig in oer Hand, die ver- einbarte Arbeitszeit beliebig zu verlängern. Der hier gekennzeichnete Vertrag ist dem neueingestellten Per- sonal bereits vorgelegt worden, er liegt zur Zeit auf allen Bahnhöfen bereit zur Unterschrift der alten Angestellten, die, wie es heißt, zu Weihnachten mit dieser neuen Bescherung überrascht werden sollen und nur dann Aussicht auf eine Weihnachtögrati- si ka t i on haben, wenn sie das Schriftstück unterzeichnen. So ist also die Große Berliner eifrig bemüht, sich den Ruf der rücksichtslosesten Arbeiterfeindlichkeit zu erhalten. Ob es ihr aber gelingen wird, sich ein in jeder Hinsicht gefügiges Personal zu sichern, das ist um fo mehr zweifelhast, jemehr die Direktion darauf ausgeht, die wenigen Errungenschaften des Streiks durch Hinterthüren zu beseitigen. Herr Oberbürgermeister K i r s ch n e r, durch dessen Vcrmittelung die Bei- legung des Streiks erreicht wurde, hat unsreS ErachtenS die moralische Pflicht, auch über die Jnnehaltung der Ver- einbanmgcn zu wachen und jeder von der Direktion ver- übten Verletzung des Rechts der Ange st eilten entgegenzutreten. veutseder Hetallarbeüer-Terband. Nachruf! Am 11. Dezember verstarb»ach langem, schwerem Leiden unser lang- jahriges Mitglied, der Schlosser Paul Koaer. Ehre seinem Andenken![122/8 Die Ortuverwaltnng. Machruf! Am Sonnabend, den 8. d. M„ verstarb»ach langem, schwerem Leiden unser lieber Sangesbruder, der Tischler «ermann Siegmuod im 54. Lebensjahre. Wir verlieren in ihm einen lieben Freund und treuen Sangesbruber, und wird sein Andenken in unsrem Verein dauernd sortbesieben. ISIZb Ehre seinem Andenken! Njirnier-G«»»»»?.„UorbeerltranilSTS". Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die prachwollen Kranz- spenden bei der Beerdigung uieines lieben Manns, des Eiaarren-Fabri- kanten kr»»» Eue«!, sage meiner werten Kundschaft. Freunden und Verwandten meinen herzlichsten Dank. s1S40b Die trauernde Witwe sslsrlv EnAvI, geb. Weise. Lau- nnd Spar verein der in Oeraeiudebetrieben beschäft. Arbeiter u. Angestellten, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Sonntag, den SO. Dezember, vonntttags 91/] Uhr, Grenadlerstr. 33: Atist erordentliche Geiltra!-Versammlung Tagesordnung: Abänderung des 8 b, Nr. 3 Abs. 2 und des 8 12 Abs. 1. 15956 I»ep Vorstand. Br. Poersoh. E. Damm. aw Oraiiienslr.188, (früher Wollachlüger). Gr. Mitiagstisch. Warme Küche zu jeder Tageszeit zu soliden Preisen. Bereinszimmer. Heute, Sonntag, von früh an: Gefüllte Kalbsbrust iinö geschmorte Hammelkeule. 6841C* Frlfai FclgentrclT. 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Dezember 1900, abends 8 Uhr, im Lokal von Buske, Grenadierstraße SS: PSF" Filial-Versammlung."NW TageS-Ordnung: 1. Ergänzung der Lohnkommission. 2. Anträge zum Verbandstag. 3. Diskussion. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet�(179/15 id. Zahlreiches Tisch emen erwartet Ber Tor stand Deutsch-Wilmersdorf. Mittwoch, den 19. Dezember, abends 8 Uhr» in Wittes Volksgarten, Berlinerstr. 40: Oeffentliche Versammlung der LNnleV und verwandten Berufsgenossen. TageS-Ordnung: 1.?lst es notwendig, daß wir uns der Organisation anschließen? Referent Kollege klemming-Charlottenburg. 2. Diskussion. 3. Gründung einer Zahlstelle hier im Orte. 4. Verschiedene?. t620b Um recht zahlreichen Besuch dieser wichtigen Versammlung bittet Her Elnberafor. MM.? lO Jahre Oarantie. Vollkommen»chmerrl. Zahnziehen 1 Mk. Plomben 1,60 Mk. Teilzahlung wBchentl. Mk. Zahn- Arzt Wolf, Lelpzlgeratr. 130. Spr. 9-7.* SonMemokraMtr Mahlverein für den 3. Berliner Belchstugs- Wuhlkreis. Dienstag, Sä. Dezember<1. Weihnachtsfeiertag): Mwter-Fest � in Kliems großem Jestsuol. Hnsenhaibe 11 Mitwirkende: Kenes Berliner Sinfonie- Orchester. Dir. Rudolf T i e tz. Gesangverein„Freiheit W"(501. d. A.-S.-B.) Dir.: Herr Th. Schönberger. Opernsänger: Herr L. Gollanw. Tyroler Bolkslieder-sänger: Herr Fr. Tietz. Theater. Broiog: Herr M a x W e g e n er. Gr. Tauz. Tanz 50 Pf. Anfang ö Uhr. Eutree 30 Pf. Garderobe 10 Pf. Programm mit Liederlexlen an der Kasse. Zahlreichem Besuch sieht entgegen Oer Tors tan«!. Billets sind aus allen Zahlstellen und bei den bekannten Vorstands- _ Mitgliedern zu haben."TSZQ_ 238/18 A-dtluig! IV. Wahlkreis Ä«»»!,! (Süd- Osten.) Mittwoch, de« 26. Dezember 1900(2. Weihnachtsfeiertag), int Konzerthaus Saussouri, Kottbuserstr. 4»: Matinee veranstaltet von den Parteigenossen. Auftreten der Holfmannschen Xorddentschen Silnger. Kassen-Eröffnung 11 Uhr. Billet 30 Pf.[215/15 Anfang präcise 12 Uhr. Programm gratis. Um zahlreichen Besuch bittet_ Pas Komitee. wuno! ß. Wahlkreis. iller Vorsti Zwei grosse r Minees am Mittwoch, den 2 6. Dezember 1900 (2. Weihnachts-Felertag).[221/6» i. In den Bornssia-Säien, Ackerstr. 6— 7: Auftreten der Norddeutschen Sänger (Blegler, Wolff, Paulsen, Rleamann, Hohenberg und Bär.) 2. In Ballsdimieders Kastunienwäldclien: Äuftreten von Kiimers Onartett nnd Hymoristen (Hammer, Probst, Muhs, Wegener, Kappel, Regelsky u. Nitechke.) Entree SO Pf, Anfang pünktlich IL Ehr. Zahlreiches Erscheinen erwartet_ Pas Komitee. Facliverein der Musikinstrumenten-Arheiler. Moniag. den 17. Dezember 1900, abends 8Vz Uhr, bei Herr» Ciranmann, Namiyustr. L7: MI General- V ersammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht beS Vorstands und Ergäuzungsmahl desselben. 2. Bericht der Arbeitsnachweis-Kommilsion. 3. Vereine angelegen heilen. Folgende Kollegen, die früher dem Verein angehört haben, werden hier durch zu dieser Generalversammlung eingeladen: lakod, Lehmann, Pratach Löbbich, Hähslg, Stolp._ 113/2 Am ersten WeihnachtS-Feiertag, nachm. 4 Uhr: � Sonder- Vorstellung in der„Urania", Tauben-Strasie 1819. BilletS sind beim Kassierer H e n s e l, Reichcnbcrgerstr. 59, zu haben. Zur Aufsührung gelangt: den Mögen des Oeesns. Am dritten WeihnachtS-Feiertag, nachniittagS 5 Uhr, bei Schnegeisberg(Jnh. Schindler), Hasenheide LI: Weihnachts-Uergnugen und Kiudtr-Lescherung Billets a LS Pf. sind zu haben bei dem Kollegen Böttcher, Melchiorstr. 7, und bei sämtlichen Vorstandsmitgliedern._ Tanz und Garderohe frei. Achtung! Wir machen darauf aufmerksam, daß das Wcihnachts- Vergnügen nicht, wie irrtümlich aus den BilletS gedruckt, am Mittwoch, sondern am Donnerstag, den S7. Dezember(dritten We hnachts- Feiertag), stattsindet._ Der Borstand. Verein der Bauanscbläger. Dienstag, abends 7','2 Nhr, Außmrdtlltllchk Uersmuilulig im„Gewerkschaftshaus", Engcl-Ufer IS(Saal IV). Tages-Ordnung: 1. Antrag und Bericht der 21er Kommission. 2. Verschiedene?. zg/2 Per Vorstand. Unkaitö itet Gravkiire. Wleure und verwandten Bernfsgenoffen. Dienstag, 18. Dez., abends 8Vs Uhr, im Dresdener Garten, Dresdener- Straffe IS: ITKAAaKVersammKnnK"WU Tage?- Ordnung: 74/18 1. Geschäftliches. 2. Bericht des Kollegen T h u r 0 w über feine Thätig- keft alS Gewerbegerichts-Beisitzer. 3. Bibliothek. 4. Verschiedenes. Um recht zahlreichen Besuch bittet Der Borstand. Am 1. Weihnachtsfeiertag: Frühschoppen im Dresdener Garten. Am 1. Januar 1901, abendS 8 Uhr: M eilznnchts�Beftizerung. Soclaldeniokrat. Verein zu Schöneherg. Montag. 17. Dez., abends 8 Uhr, bei©bat, Grnnewaldstr. 110: Tersamminng: Tagesordnung: Die Wohnungsnot. Referent Herr Dr. Mauren- brecher. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten 15/15 Gäste haben Zutritt._ Der Borstand. 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Franz Fischer, Frankfurter Chaussee 106.«r. Llchterfelde Out. Otto Borstest. Bismarckstraste 31. Hermsdorf I. d. Mark. W. Borstorff, Bahnhofstraste. l-iohterfeide. Paul Remus, Sleglitzersttaße 47. K'»nh»v. C. Buchmann, Florastrabe 35. R. Roiemann, BreHmestraste»5. Reinickendorf sWestl. G. Zobel. Scharnweberstr. 117. Rl»- dorf. H. Vincent. Bergstr 129. P.«emcke. Kaiser Friebrichstr. 242. Hchüneberg. M. Rvchletzki, Hohensriedbergsttaste 17. Hermann Boges, Hauptstraste 100. R- Lehmann, Hauptsttaste 4. Stegiit». Heinr. Hasjclmanii, Albrechtstr. 16. Georg Schwabe, Schlohstr. 66a. Degel. H. Farchmin. Berlinerstr. 10. tzVeisiwenwee. Paul Hennick«. König- Ehauffee Nr. 58. IViimerndorf. Ab. Thiele, Rwgbahnstr. 264.— Weitere Niederlagen folgen. Warnung � nicht echten Fabu�##rten täuschend JST, Namen! Wichtigre Information für den Einkauf von tewatea.) lWstf» au I>le Garantie einer Taeehennhr, eine« Jnwel« oder irgend eines Schmnekgcgen- «tandes Ist absolnt werthlos, ausser sie wird von einer Firma von anerkannter Verant- wortllchkelt und Integrität gegeben. Viele lieate kaufen Schmucksachen von allerhand Gelegenheltshftndlern von Hand en Hand und meinen dann:„Es Ist alles Ordnung, Ich habe deren Garantie". Unsere Garantie aber Ist durch einen langjährigen Ruf gedeckt. Der bürgt für Jede Garantie.„._..... Denn grosse« Renomm6 bringt grosse Verantwortung mit sich. Es gehören nwel Dinge zu„einem guten Kauf"— Preis und QnalltAt. Sieht man au viel auf eines dieser beiden Dinge, dann kann man bei„einem en Kauf« sehr schlecht ihhrcn.____ billiger uns"— ist ein solcher, bei welchem der Ein reeller Kauf—„Ein Einkauf bei Preis genau der Qualität die Waage hdlt. Wir halten fest an diesem, ohne uns durch andere scheinbar niedrige Angebote beirren zu lassen, von der Gute unserer Qualität abzugehen. Denn das Notiren niedriger Preise, welche es den Kunden flberl&sst, anszuflnden. dass sie mlnderwerthlge Onnlit&t, schlechte Arbelt und Material reprilscnUren. rührt nicht zum Erfolg und gewinnt kein Vertrauen. Wir haben durch Offerlrung von strict reellen Waaren zu billigsten Preisen, zu welchen gute QunlltAten, gut gemacht, verkauft werden können, ein Welt-Geschäft aufgebaut. Man kann sich darauf verlassen, dass Waaren, so wie angegeben und von solcher QualltAt und so hergestellt sind, dass sie empfohlen werden können: Preise und QnalltAt sind auf Jedem Gegenstand marklrt._ Remontoir- Herren-Uhren. In«old von Hb. 27 an. Doppel- kapoel von Mk. SO an. Extra schwer, Form Eentille, gnill. oder grav. nk. no— 75. Bei sAmmtlichen Uhren leisten wir schriftlich 3 Jahre Garantie für guten Gang. In 14 Kar. 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