Ur. 125. Abomttment«• f cfthtpngtn: abonnemcnt«»tpreiS pränumerando! Lierteljährl. ZLV Mk., monatl. 1,10 Mb, möchenMch LS Psz. frei WS Hau». Simslne Numm'r S Pfg. Sonntag»- Nummer m\x illunrnnef Sonntags- Vetlage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post« slbonnement: 1,10 Mark pro Monat, «ingetragen in der Post- Zeitung»- Preisliste für IS 01 unter Dr. 7S71. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrig« Au»Iand S Marl pro Monat. 18. Jahrg. Di« Instrtlons-GMyr deträgt für die fechsgefpallsne Kolonsl- zetle oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerkschaftliche BeroinS» und VerfammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anieigen" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abend», an Sonn- und SesttaKen bis SUhr vormittags geöffnet. Trscheinl täglich außer Montag«. Devlinev VolksblÄkt. Telegramm- Adresse i .Soclaldeinoltrat verliit» Centralorgan der socialdemokratischen Vartei Deutschlands. Redalttion: 19. Beuch-Skrahe 2. Kernsprechrr: Zlmt I, Nr. ISO«. Die Novelle zum Gewerbegerichts-Gesetz. u. Auf Antrag des Socialpolitikers des Centrums, des Abg. T r i m b o r n. wurde dem Gesetz eine neue Bestimmung hinzugefügt, die als eine Verschlechterung des bisher bei den Gewcrbegerichten einheitlichen Wahl- Verfahrens von den Socialdemokraten bekämpft, von der Mehrheit des Reichstags aber in das Gesetz auf- genommen wurde. Auf Beschluß der Gemeindebehörde soll nämlich künftig durch Ortsstatut angeordnet werden können, daß die Wahl der Beisitzer zum Gcwerbegcncht nach dem Provortional-Wahlsystem vollzogen werden soll. Das Ccntrum will dadurch seinen„christlichen Arbeitervereinen" auf Kosten der socialistischen Gewerkschaften einen größeren Einfluß bei den Gewerbcgcrichtswahlen verschaffen. Tie Socialdemokraten waren gegen diese Ver- schlechterung des Gesetzes, weil sie die Entscheidung darüber, ob der Proporz zur Anwendung kommen oder es bei den bis- hcrigen Bestimmungen des Gesetzes bleiben soll, nicht den Ge- mcindcbehLrden überlassen wollten, auf welche die Arbeiter ja nur wenig, meistens keinen Einfluß haben. Wir sind gewiß Freunde der Proportionalwahl, welche auch den Minoritäten eine Vertretung sichern soll; weil wir das aber sind, fordern wir, daß sie zuerst bei der Zusammen- setzung der gesetzgebenden Körperschaften zur Anwendung ge- lange. Die Gcwerbegerichte halten wir nicht für den geeigneten Boden, um als Versuchsfeld für dieses für Deutschland neue Wahlsystem zu dienen. Will man es dennoch bei den Gewcrbegcrichtswahlcn einführen, dann mache man es obligatorisch für alle Gewerbegerichte und lasse sich nicht von kleinlichen Parteirücksichtcn lcitcn. Uebrigens meinen wir nicht, daß die fakultative Proportionalwahl den Gewerkschaften einen nennens- werten Schaden zufügen wird. Gewiß wird ein Teil der von den Gewerkschaftsmitgliedern gewählten Beisitzer den Vertretern der Minoritäten Platz machen müssen, soweit die Arbeiterbeisitzer in Frage kommen. Dafür werden aber die Gewerkschaftsorganisatiouen der Arbeiter andrerseits wieder einen größeren Einfluß auf die Wahl der Arbeitgeber- Beisitzer ausüben können. Was sie auf der einen Seite verlieren, werden sie auf der andren wieder gewinnen. Die Jnnungs-Schiedsgerichte sind von den organisierten Arbeitern als eine unberechtigte Bevorzugung der Jimungen stets bekämpft worden. Es muß in der That als ein durchaus widerspruchsvolles Verfahren bezeichnet werden, wenn die Gesetzgebung einerseits dem Gewerbestand in den Gewcrbegerichten eine schnelle, billige und Volkstum- liche, dabei aber durch die Vorschriften der Civil- Prozeß- ordnung streng geregelte Rechtspflege gewährt, andrerseits aber diese Rechtspflege für die in Innungen oft wider ihren Willen vereinigten Gewerbetreibenden und deren Arbeiter wieder in Frage stellt. Leider gelang es unsren Parteigenossen im Reichstage nicht, die Jnnungsvorrechte zu beseitigen oder nur zu be- schränken, da dieselben eifrige Verteidiger im Centrum und bei den Konservativen fanden. Diese Parteien brauchen eben bei den politischen Wahlen die Stimmen der Kleingewerbe- treibenden, und daher ihre scheinbare Fürsorge für den so- genannten„Mittelstand". Genosse T u tz a u e r hatte schon bei der Kommissionsberahmg beantragt, den Absatz 3 des ß 13 des bestehenden Gesetzes durch folgende Bestimmung zu ersetzen: „In Gcmeiiiden, für welibe ein Gcwerbcgericht besieht, diiifc» JnmingS- Schiedsgerichte nicht errichtet ivcrden. Bcstehk ein Jnmings- Schiedsgericht, so ist dasselbe aufzuheben, fallsein Geiverbegericht errichtet wird." Dieser Antrag wurde in der Kommission gegen 4 Stimmen abgelehnt, ebenso gegen 3 Stimmen folgende von Tutzauer beantragte Bestimmung: „Die Zuständigkeit des Gewerbogerichts als Einigiingsamt be! Streitigkeiten zwischen Jiinuugsmeistern und deren Arbeitern wird durch das Vorhandensein von JnmingS- Schiedsgerichten nicht beschränkt." Statt einer Beschränkung der Jnnungs-Schiedsgerichte zuzustimmen, warf die klerikal- konservative Mehrheit des Reichstags bezsv. seiner Kommission den Jnnungsfanatikern einen neuen Brocken hin, an dem sie sich die Zähne ausbcißen können, ohne davon satt zu werden. Es wurde beschlossen, daß daL Gewei bcgcrjcht als E i n i g n n g s a m t nicht zu- ständig sein soll, wenn bei der Streitigkeit a u s s ch l i e ß- l i ch Jnnungsmitglicdcr und deren Arbeiter beteiligt sind, und für die Innung zur Erfüllung der in ß 81» Nr. 2 der Gewerbe-Ordnung bezeichneten Auf- gäbe ein besonderes Einigungsamt besteht, dessen Zu- sammensetzung und Thätigkeit den Bestimmungen der§§ 62 bis 69 des Gewerbegerichts-Gesetzes entsprechen müssen. Es dürfte den Innungen so leicht nicht werden, allen diesen Vor- aussetzungen zu entsprechen, und kann deshalb der ganze tz 69» der Novelle als ein Schlag ins Wasser bezeichnet werden, Eine Verbesserung des Gesetzes dürfte die Bestimmung sein, welche den Erscheinungszwang vor dem E i n i g n n g s a m t einführt und eine Strafe bis zu 190 M. (unsrc Genossen hatten 1000 M beantragt) für diejenigen am Streik Beteiligten festsetzt, welche der Vorladung vor dem Einigungsamt Folge zu leisten sich weigern- l Dieser Kommissionsantrag hatte im Lager des berüchtigten „Centralverbands der Jndnstnellcn" großes Mißbehagen hervorgerufen. Doch trotz der Petition dieses Verbands und trotz der Bemühungen des nationalliberalen Abgeordneten und Bergwerksdirektors Hilbck im Plenum, der sich zu der Behauptung verstieg:„sehr viele Streiks seien ausgebrochen, um die Arbeitgeber aus dem Hanse zu treiben, und die Arbeiter seien doch immer die Angreifer"— ließ sich der Reichstag nicht erlveichen, sondern gab dem Antrage der Kommission die Zustimmung. Das Einigungsamt des Eewerbegerichts bestand bisher außer dem Vorsitzenden aus 4 Beisitzern(2 Arbeitgeber, 2 Arbeiter) und konnte sich durch Zuziehung von Vertrauens- männern(Arbeitgeber und Arbeiter in gleicher Zahl) ergänzen. Es mußte dies thun, wenn es von den Vertretern beider streitenden Teile unter Bezeichnung der zu- zuziehenden Vertrauensmänner beantragt wurde. Diese Zusammensetzung des Einigungsamts hatte sich durchaus bewährt; Abänderungsvorschläge sind von deih Interessenten nie gemacht worden. Dennoch beschloß der Reichstag, unter dem Widerspruch der Socialdemokraten, hierin eine grundsätzliche Aendening vorzunehmen. Das EinigungSamt soll in Zukunft nur noch bestehen aus dem Vorsitzenden des Gelverbegerichts und aus Vertrauens- männern, welche die streikenden Parteien je zur Hälfte zu bezeichnen haben. Außerdem soll der Vorsitzende befugt sein, eine oder zlvei Unbeteiligte, welche jedoch nur beratende Stimme haben, als Beisitzer hinzuzuziehen. Begründet wurde diese Neuorganisation des Eimgungs- amts damit, daß die Einführung des Erscheinungszwangs unter Strafandrohung zur Pflicht mache, darauf Bedacht zu nehmen, daß das Einignngsamt jedesmal den Bedürfnissen des konkreten Falls entsprechend zusammengesetzt werde; es könnte sich sonst ergeben, daß bei einem Streik Personen als Beisitzer fungieren, die dem betreffenden Gewerbe durchaus fernstehen und den streitenden Parteien weder als Vertrauens- Personen noch als besondere Sachkenner gelten. Die Socialdemokraten hatten ferner in der Kommission beantragt, daß in den Fällen, wo eine Berufung gegen die Urteile der Gcwerbegerichte zulässig ist, also bei Objekten von über 100 M., nicht mehr das Landgericht als Be- rufungsinstanz zu gelten habe, da bei diesem Gericht be- kanntlich nur gelehrte Richter, also keine Fachmänner urteilen und außerdem der Anwaltszwang vorgeschrieben ist. Unsre Genossen schlugen vor, das Amtsgericht als Bcrufungs- und Beschwerdegcricht zu bestimmen. Jedoch sollte nicht der einzelne ebenfalls nicht sachverständige Amtsrichter allein die Urteile fällen, sondern Beisitzer des Gewerbegerichts, Arbeit- geber und Arbeiter gemeinschaftlich mit dem Amtsrichter die Entscheidung treffen. Diese Einrichtung besteht in Ocstrcich und hat sich dort gut bewährt. Der socialdeniokratische An- trag wurde jedoch abgelehnt. Eine wesentlicke Verbesserung bringt die Novelle hinsichtlich des§ 70 des Gesetzes. Auf Anregung unsrer Genossen wurde beschlossen, daß die Gewerbegerichte nicht bloß wie bisher berechtigt sein sollen, Anträge nur an Behörden und Vertretungen von Kommunalverbänden zu richten, sondern künftig auch an die gesetzgebenden Körper- schaften der Bundesstaaten oder des Reichs. Ferncrsollen die Gewerbegerichte das Recht haben, Ausschüsse zur Vor- beratung solcher Anträge zu bilden. Damit wäre also den Gewerbegerichten das Petitionsrecht gesichert, welches be- kanntlich' der Oberpräsident der Provinz Brandenburg dem Berliner Gcwcrbegericht abgestritten hat, als es sich au den Reichstag mit einer Petition gegen die Zuchthaus- Vorlage wenden wollte. Dies sind die wesentlichen Aenderungen des Gewerbe- gerichts-Gesetzes. die der Reichstag beschlossen hat. Die Novelle enthält neben einigen Verschlechterungen doch eine ganze Reihe von Verbesserungen, so daß die socialdemokratische Fraktion bei der entscheidenden Schlußabstimmung für sie stimmen konnte. Ob sie indes, trotz der großen Mehrheit, mit der sie voni Reichstag angenommen wurde, Gesetz werden, d. h. die Zustimmung des Bundesrats finden wird, muß ab- gclvartet werden. Es wird sich zeigen, wie weit auch in diesen Fragen der Einfluß der großkapitalistischen Uuternehmer-Verbände und ihrer Scharfmacher auf die verbündeten Regierungen reicht. komische Mevevfichf. Berlin, den 31. Mai. Eine Mißernte in Wintergetrcide steht der deutschen Lmidiuirtschast nach dcn Saatenstandsberichten vom 15. Mai sicher bevor. Steigende Getreide- und Brotpreise für die Bevölkerung sind die Folge davon, gleichzeitig auch eine erhöhte Zufuhr von ausländischem Getreide, da die hetmischo Erzeugung nim erst recht nicht zur Brotvcrsorgnng des deutschen Bolls aus- reicht. Im letzte» Wochenbericht über den Produktenmarlt berechnet die„Voss. Zeitung" für das neue Erntcjahr einen Weizenzuschutz ans dem Ausland von 2Vs Millionen Tonnen, das sind 1�/» Millionen Tonnen mehr als im Vorjahr. Der Lloggenbedarf aus dein Aus- land wird auf 1600 009 Toimcn geschätzt, da§ sind 760 Ol» Tonnen mehr als im Vorjahre. Diese gewaltigen Zufuhren aus dem AuS- lande sind im nächsten Jahre eine Notwendigkeit, die auch die Agrarier nicht bestreiten können. Wenn aber so zuzugeben ist, daß die deutsche Getreideproduktion zur Versorgung des deutschen Volks Expedikimn 6W. 19, Beulst-Slrasto 3. Fernsprecher: Amt l, Nr. 5121. mit Brotgetreide nicht ausreicht, so ist nicht zu verstehen, wie man diese fatale Situation zu einem Grunde für die Erhöhimg der Gctrcidezölle ausnutzen kann. Bei steigendem Bedarf im Jn'lande trägt den vollen Zoll der Käufer; so sicherlich im Laufe des kommenden Jahrs. Nun leben wir aber in einer Zeit des industriellen Nürkgangs, die Lohnherabsetznngen, Arbeitslosigkeit, Betriebseinschränkimgen bringt. Der Verdienst der Arbeiterklasse geht zurück, dagegen steigen die Brotpreise. Daß eine solche Konstellation für die Arbeiterklasse verwüstend wirkt, wjrd wohl niemand bestreiten. Nim denke man sich noch eine Weitcrc Erhöhung der Getrcidczölle, eine weitere Erschwerung der ausländischen Zu- fuhren, so würden in einem Jahr wie dem bevorstehenden die jetzt schon schädlichen Folgen für die Arbeiterklasse verstärkt, die Zahl der Lohnkämpfe müßte' sich mehren, die Wcttbewerbsfähigleit der deutschen Industrie ans dem Weltmarkt würde in Frage gestellt. Von den reinen Agrariern verlangen wir nicht, daß sie sich um solche Konsequenzen kümmern. Aber von einer Partei wie dem Ccntrum ist es unersiudlith, daß sie die Interessen der iiidustricllcn Arbeiter so ganz nebensächlich behandeln kann. Die„Kölnische Volks, zeitiing" kommt nämlich in einer Vetrachtnng über die bevor- stehende Mißernte zn dem Schluß, daß eine Erhöhung der Schutzzölle nun erst recht sich als Notwendigkeit erweise. Sie sagt: „Der Laudwirlichast muß nicht nur in einer akuten Kalamität, sondern dauernd geholfen werden. Wer jetzt angesichts der drohenden Mißernte der Landwirtschaft helfen will, der wird ihr wohl auch einen Schutzzoll gegen das billige ans- ländische Getreide nicht versagen können. Denn man kann doch nicht tvünschen, daß der Preis dcS wenig gc- erntcten Getreides»ini auch noch durch die Menge herein- strömenden fremden Getreides ungewöhnlich gedrückt wird." Also wäre es nach der„Kölnischen Volkszeitung" am rätlichsten, man sperrte die Grenzen ab und ließe es unter der inländischen Mißernte zu Getreideprcisen kommen, wie man sie in früheren Zeiten in sogen. Hnngcrjahrcn gekannt hat. Und dabei ernährt die ganze übrige Welt, mit der wir doch wettbewerbsfähig bleiben müssen, ihre Arbeiter- bevölkerung billiger I Wenn' ein Argument noch geeignet ist, die Bewegung gegen die Erhöhung der'Getrcidczölle wesentlich zu unterstützen, so ist es die bevorstehende Mißernte. Die Wahrscheintichkeit, daß Ivir trotz des „billigen anstäiidischen Getreides" steigernde Vrotprcise haben werden. die den Arbeiterhaushalt ganz empfindlich treffen, wird die Gefährlichkeit des Experiments, den Brotzoll nochmals zu erhöhen, deutlich zeigen. Die Arbeitcrbevölkcrung, soweit sie dem Centrum noch folgt, wird die Nachteile des Brotzolls in den nächsten Monaten am eignen Leibe zu verspüren bekommen und dann aus eigner Erfahrung noch ein Wort darüber mitreden können., ob für sie eine erneute Zoll- crhöhuug auf Getreide so gleichgülicig und unbedeutend ist, als wie es nach dem Verhalten der Ceiitnr> gierung gegenüber einzunehmende Stellung festgelegt wurde, nach- stehenden Beschluß gefaßt: „In Erwägung, daß eS sich für die socialistische Partei einer Regierung gegenüber, welche die Vertreterin einer Klasse ist, deren Interessen denen des Proletariats entgegenstehen, nicht um eine Frage deS Vertrauens handeln kann, beschließt die Parteileitung, daß bei der gegenwärtigen politischen und ökononiischen Situation des Landes die parlamentarische Gruppe daS Recht hat, den Akten und Reformprojekten des Ministeriums, welche der normalen Ent- Wicklung des Klassenkampfs günstig sind, von Fall zu Fall die Ge- nehmignng zu erteilen."—_ Frauen- und Kinderschutz. Der socialistische Deputierte T n r a t i hat in der Kammer einen Gesetzentwurf eingebracht, betr. den Schutz der Frauen- und Kinderarbeit. Der letzte Partcikongreß hatte die Ausarbeitung eines solchen Projekts beschlossen. Der Ent- Wurf beruht auf folgenden drei Hauptpunkten: Errichtnug von Kindcr-Bewahranstalten für Kinder, deren Mütter gezwungen sind. außerhalb des Hauses ihrer Beschäftigung nachzugehen; freie Kleidung und Nahrung der Kinder bis zum arbeitsfähigen Alter; Errichtnug einer Kasse zur Unterstützung der Mütter zur Zeit der Schwangerschaft bezw. nach der Entbindung; Anstellung von Fabrik- inspektorcn und Jnspektorinnen, gewählt durch die Arbeiter. Rom, 31. Mai. In Neapel wurde kürzlich ein Manu verhaftet. welcher öffentlich erklärt hatte, BrcSci habe nicht Selbstmord begangen, sondern sei von einem Gefängniswärter er- mordet worden. Dieser erzählte angeblich bestimmte Einzelheiten und behauptete, dieselben von einem andren Gefängniswärter er- fahren zu haben. Eine Untersuchung ist eingeleitet.— Rom, 31. Mai. Der„Italic" zufolge hat die italienische Regierung ein weiteres ansehnliches Territorium in Tientsin er- worden.— Schweden. Zur Wahlrechtsreform. Der Reichstag verhandelte an, vorigen Freitag über eine Interpellation Hj. B r a n t i n g s betreffs der versprochenen Wahlrechtsreform. Genosse Branting wies auf die Ungerechtigkeit hin, die darin liegt, daß drei Vierteile des schwedischen Volks, dem nian kürzlich die neuen Militärlasten auf- gebürdet hat, durch ein plutokratisches Wahlgesetz des Einflusses auf die Verwaltung des Staatswesens beraubt sind. Er fragt deS weiteren an. wie es mit den Arbeiten des Statistischen Bureaus stehe, das im Vorjahre vom Reichs- tag beauftragt wurde, statistische Erhebungen, die als Grund- läge der Wahlrechts-Reform dienen sollen, zn veranstalten. Schließ- lich fordert er den Minister auf, diese Vorarbeiten so zu be- schleunigen, daß der Reichstag im näckisten Jahre, dem letzten in der gegenwärtigen Wahlperiode, darüber Beschluß fassen kann. S ä m t- liche Redner sprachen sich im Sinne der Interpellation aus, und sogar ein Konservativer erklärte sich dafür, daß die Reform auch eine ernsthafte und nicht bloß eine Scheinreform sein müsse. Der Staatsminister gab das Versprechen, möglichst dafür sorgen zu wollen, daß die Vorarbeiten bis zu dem gewünschten Zeitpunkt er- ledigt seien.— Norwegen. Das neue Wahlrecht ist sanktioniert. Die Beschlüffe de« Storthiug über die Einführung des allgemeinen kommunalen Stimmrechts für Männer und des kommunalen Frauen- Stimmrechts ivurdcn in der Sitzung des Staatsrats am Mitt- woch bestätigt. Im Herbst dieses Jahres finden die Neuwahlen zu den Gemeindevertretungen statt. Es wird sich dann zeigen, ob die Hoff- nung der Reaktionäre, die in dem Fraucu-Stiiiimrecht ein Gegen- gewicht gegen den„Umsturz" erblicken, sich erfüllen wird. Bei dem stetigen Fortschritt, den die Socialdcmokratie auch in dem in politischer Hinsicht sehr freien Norwegen macht, ist zu erwarten, daß diese sehr bald in die Gemeindevertretungen eindringt.— Dänemark. Die faule Hypothek des KricgSmii, isterS. Im Herbst vorigen Jahrs gelaugte die sensationelle Nachrichl au die Oeffcnt- lichteit, daß das Kontrollkomitee zur Verwaltung des Jnvalidciifonds, eines durch private Wohlthätigkcit aufgebrachten Fonds zur Unter- stützung armer Invaliden, das Gut des früheren Kriegs- Ministers Bahuson, auf das man diesem im Jahre 1889 ein Darlehen von 140 000 Kronen gegeben hatte, für 70 000 Kronen verkauft habe. Die Sache erregte natürlich großes Aufsehen und das Centralkomitee versprach eine genaue Untersnchuug vorznehmeu. Das Ergebnis dieser Uiitersnchung liegt jetzt endlich,»ach Verlauf eines halben Jahres, vor, und es gereicht weder zur Ehre Bahuson«. noch zur Ehre derer, die ihm bei der Aufnahme seiner Hypothek behilflich waren. 1839 suchte das Centralkomitee die Summe von 295 800 Kr. in leicht realisierbaren Papieren zu 4 Proz. anzulegen und davon wurden dem General Bahuson 140 000 Kr. als erste Hypothek auf sein Gut Taaruggaard auf Jüt- land gegeben. Das Ansuchen hierzu ging von dem Höchstgerichtsi Anwalt S h a w aus, nach dessen Angabe das Gut auf 290 000 Kr. eingeschätzt war, und der zur weiteren Sicherung auf die hohen Verbindungen seiner Excellenz hinwies.— Es ist nachgewiesen worden, daß, ganz abgesehen davon, daß es sich um minderwertigen Boden handelt, die ErtragSfähigkcit auf mehr denn das Doppelte des damals üblichen ein- geschätzt worden ist.— Die Zinsen wurden bis Ende 1896 bezahlt; dann aber erwuchsen Schwierigkeiten und, nachdem man sich vergebens um einen soliden Käufer bemüht hatte, beauftragte das Centralkoinitee 1898 zwei Fachleute, sich mit den Vcr- hältnissen des Guts bekannt zn machen. Diese fanden es unbewirtschaftet und vollkommen im Verfall Hegriffen und schätzten es auf höchstens 70 000 Kr. Für diesen Preis wurde es dann— ohne daß man die Oeffentlichkeit davon in Kenntnis setzte— 1899 an die.Landmannsbank" verkauft. Der Bericht schließt mit den resignierten Worten, daß das Centralkomitee kaum jemals eine volle Deckung der Schuld erlangen werde. Wie es eigentlich möglich war, daß man Bahuson ein so unverhältnismäßig Hohes Darlehn geben konnte, warum er nicht fallit erklärt wurde? Wie der Verlust der Invaliden gedeckt werden soll und warum Bahuson, der vom Geld der Invalide» in Kopenhagen auf sehr großem Fuß gelebt hat, nicht zur Verantwortung wegen Verringe- rung der Pfaiidobjckte gezogen wird? Ueber diese Fragen schweigt der Bericht. Bahuson war einer der wackersten Kämpfer für Gott, König und Vaterland, als eifrigster Förderer des Militarismus hat er gegen den Willen der Volksvertreter seiner Zeit die Befestigung Kopen- Hagens durchgesetzt. Er soll einmal gesagt haben: Wenn das Un- glück eintreffe, daß ein Linken-Ministerium anS Ruder komme, würde er dem Vaterland den Rücken kehren; jetzt wird er sich vielleicht einer andern Ursache wegen genötigt fehen, auszuwandern.— Rußland. Nachklänge der Maifeier in Rußland. Besonder? imposant ist in diesem Jahre die Maifeier in D w i n s k(Dünaburg) aus- gefallen. Schon am 28. April wurden dort mehrere tausend Mai- Proklamationen vom Komitee der„Russisch- Socialdemokratischen Arbeiterpartei" und vom Central- und OrtSkomitee des„Allgemeinen Jüdischen ArbeiterbundeS in Rußland und Polen" verbreitet. Zum großen Erstaunen der Polizei und des ruhigen Bürgertums klebten am Morgen des 28. April Maiproklamationen an den Gartenzäunen und Teiegraphenpfosten, lagen sie in den Höfen der friedlichen Synagogen und auf allen Straßen und Ecken der Arbeiter- viertel. Am 1. Mai war fast überall die Arbeit eingestellt. Es war beschlossen, sich am Nachmittag auf der Rigaerstraße zu ver- ammclu und ruhig die Straße entlang zu gehen. Aber die Brutalität der Polizei machte aus diesem geplanten Spaziergang eine imposante politische Demonstration. Schon um 5 Uhr morgens wimmelten die Straßen von Schutzmännern und Gendarmen. Am Nachmittag erschien eine Abteilung Fußsoldaten und berittenes Militär. Als das Militär am„Kriegsschauvlatz" angelangt war. hielt der kommandierende General an dasselbe eine Ansprache, in welcher er u. a. folgendes ausführte:„Wir sind verpflichtet, den Thron und das Vaterland vor innem und äußern Feinden zu chützen. Mit inneren Feinden treffen wir heute hier zusammen. Wir müssen fest und staudhaft bleiben bis zum letzten Tropfen Blut!" Doch trotz allen Zurückdrängeus der Polizei gelang es ungefähr um 5 Uhr nachmittags eine Menge von über 4000 Mann, sich auf der Newskajastraße anznhSnfen. Die Menge wurde immer aufgeregter und ungeduldiger; die Polizei war machtlos, sie weiter zurückzuhalten. Plötzlich erschallte ein ohrenbetäubendes, stürmisches.Hurra l" und kcild darcmf erklang, wie auf einen Kommandoruf, tausendstimmig und begeistert die jüdische Arbeitermarsailleise.... Bon allen Seiten strömten mehr und mehr Arbeiter heran. Die Läden wurden ge- schlössen. Singend durchschritten die Arbeiter mehrere Straßen, und überall wurden revolutionäre Rufe ausgestotzen; auf offener Straße wurde eine Rede gehalten; vor dem Hause des Chefs der Gendarmerie(Oberspitzel) wurde eine rote Fahne entfaltet.... Erst fruit am Abend gelang es der Polizei und dem Militär, die Demonstranten zu zerstreuen. Bei den Zusammenstößen mit dem Militär wurden ca. 200 Mann verhaftet, jedoch wurden sie, bis auf 40 Mann, die eine Strafe von 1—3 Monaten Gefängnishaft abzu- büßen haben, bald darauf entlassen. In Odessa ivurden ca. 200 Mann, vorwiegend aus intelli- gcnlcn Kreisen, verhaftet. Aus Hömel wurden wegen Anteilnahme an der Maidemonstration 200 Arbeiter ausgewiesen. In S m o r g o n fand eine Maidemonstration statt, an welcher sich jüdische Arbeiter beteiligten. In K o w n a beteiligten sich an der Maidemonstration einige Hundert jüdische und christliche Arbeiter. In P o n e w i e s ch wurde die Maifeier in einem engen Kreise von 100 jüdischen Arbeitern in einem Wäldchen in der Nähe der Stadl abgehalten. Die an der Maidemonstration in KreSlawka beteiligten Arbeiter erlitten eine Geldstrafe von 3 Rubeln. In W i l k o w i s ch k i wurde am 1. Mai nicht gearbeitet. Die topfern Bürstcnarbeiter veranstalteten eine Demonstration; es wurde „Nieder mit dem Zarismus!" gerufen. In Warschau fanden Massenverhaftungen unter der jüdischen Intelligenz statt. Am 3. Mai feierten hier die polnischen „Patrioten" den 110jährigen Jahrestag der Proklamieruug der polnischen Konstitution. Aus dem Stadtteil„Krakauer Vorstadt" war eine Demonstration; es wurden ungefähr 30 Mann verhaftet.— Amerika. Montreal, 31. Mai.(Laff. Bur.) Der ehemalige französische Handclsminister Siegfried, der den Vereinigten Staaten einen Besuch abgestattet hat, erklärte hier in einem Interview, daß P r ä s,i d e n t McKinley ihm gegenüber geäußert habe, er sei nicht mehr der frühere begeisterte Anhänger der Schuhzoll-Politik Amerika«. McKinley habe hinzugefügt, daß, wenn Amerika gezwungen sei, in die Welt zu gehen, um sich Absatzgebiete zu sichern, die Notwendig- teit hoher Schutzzölle verschwinden würde.— Der Boeren- Krieg. Ein blutiges Gefecht aus dem w est l i ch e n T r a n s v a a l wird durch Lord Kitchener vom 31. Mai wie folgt gemeldet: Die Streitmacht des Generals Dixon in Mal- fontein ist gestern von den Truppen Delareys angegriffen worden. Nach heftigem Kampfe wurde der Feind schließlich mit schwerem Verl» st zurückgeschlagen, derselbe ließ 35 Tote auf dem Platze. Zu meinem Bedauern sind auch die britischen Verluste schwer; dieselben betragen 174 an Tote» und Bcrwnndeten, darunter 6 Offiziere tot. Von der oft verkündeten„völligen Demoralisierung" der Boeren zeugt es wahrlich nicht, daß diese jetzt den Engländer» wieder förin- liche Schlachten liefern! Fortschritte der Boeren im Kapgebiet. .Daily Mail" berichtet ans Kapstadt: Die Boeren- komn, andos mache» große Fortschritte in ihre» Bewegungen nach dem Süden. Eine große Anzahl eng- lischcr Truppen ist in a l l e r E i I e n a ch d i e s e in Teil der Kolonie abgesandt worden, um dem Vordringen der Boeren neuerdings Halt zu gebieten. Die Tagesverlustliste für den 30. Mai umfaßt g Tote, 44 Verwundete, 5 Vermißte, 13 an Krankheiten Verstorbene und 12 Schiverkranke. Die Pest. In K a p st a d t ist am 30. Mai ein neuer Pestfall koustaticrt worden. Nach der Statistik deS Kolonialamts sind bis zum 25. Mai 169 Europäer, 301 Schwarze, 48 Malayen, 9 Jndier, 1 Chinese und 138 Eingeborene in Kapstadt an Pest erkrankt. Gestorben sind 55 Europäer, 55 Farbige, 35 Malayen, 6 Jndier, und 57 Ein- geborene._ Der dritte französische Parteitag. Lyon, 28. Mai 1901. Dritter Verhandlungstag. (Schluß der Vormittagssitzung.) B r i a n d: Nach Delaportes Rede sind ivir einer Verständigung nahe, insofern die Worte:„außerhalb der Partei" bedeuten, day Millerand bloß jetzt außerhalb der Partei steht und in Zukunft seineu Wiedereintritt in die Partei verlangen kann. Meine Resolution hat nicht den Sinn, daß die Hinwegsetzung über die Parteikontrolle etwas Harmloses sei. Auch meine Resolution macht in Zukunft einen neuen Fall Millcrand unmöglich. Man kann Millerand nicht ausschließen, da die hierüber verständigte Kammer- fraktion vor seinem Eintritt ins Ministerium nicht protestiert hat. Vaillan t: Delaportes Resolution löst die Ministersrage end- gültig. Was Delaportes heutige Kommentare betrifft, so wird Letang(Blanquist. Deputierter) später sagen, wie meine Partei sich verhalten wird, falls Millerand wieder der Partei beitreten wollte. Hierauf legt Redner die Vorgänge in der Kanmierfraktion dar. wie er es schon in der Presse' gcthan hat: Millerand kann sich nicht auf jene Vorgänge zu seiner Rechtfertigung berufe». Die Fraktion war nur von der ersten Ministerkombinätion verständigt, und zlvar nachträglich, nachdem diese gescheitert war, uichr aber von der zweiten Kombination, die zu Millerands Minister- schaft geführt hat. Wir haben nicht aufgehört zu protestieren, zuerst gegen das Zusammensein Millerands mit Galliffet. und dann in Gemeinschaft mit der französischen Arbeiterpartei principiell gegen die ministerialistische Methode, die sich in Anknüpfung an Millerands Ministerschaft hcrausentwickelt hat. Nach dem Kongreß von 1899 dauerte der Ministerialismus fort. Auf jenem Kongreß hat die„Revolutionär-Socialistische Partei" bereits eine Resolution beantragt, die erklärt, daß Millerand sich selbst ans der Partei ausgeschlossen hat. Es ist ein Unglück, daß unsre Resolution damals abgelehnt wurde. Die Resolutionen DelesolleS(1899) und Kautsky haben die Frage nicht gelöst, der Ministerialismus dauere immer fort. Niemand soll mehr jagen können, daß der Socialismus in der Regierung vertreten ist. Die Worte:„außerhalb der Partei- kontrolle" laufen darauf hinaus, eine Kategorie von„Socialisteu im Urlaub" zu schaffen. Millerand wäre danach für die Dauer seiner Ministerschaft im Urlaub, um dann wieder in die Partei zurückzukehren.(Beifall links.)_ Das ist kein loyales Auskunftsmittel. Das Bolksgewiffen fordert klare Lösungen. Delaportes Resolution ist die nötige Vorbedingung des socialistischen Friedens der Union. Der Kongreß muß erklären. daß Millerand nicht mehr der Partei angehört.(Lebhafter Bei- fall links.) V i v i a n i legt seinerseits die Vorgänge in der Kammerfraktion vor Millerands Eintritt in einer Millerand entlastenden Weise dar. Delaportes mildernde Kommentare werden verschwinden, der Text scincr Resolution, der Ausschluß Millcrands Ivird bleibe». Dieser Tcxr richtet sich zugleich gegen diejenigen, die MillcrapdS Handlung gebilligt, zu denen Redner gehört. Warum schließtJhr also auch mich nicht aus?(Beifall rechts.) Delaportes Resolution ist also zlveideutig. MillerandZ Ausschluß wäre das Vorspiel neuer Spaltungen, nicht der Einigkeit. BriandS Resolution entledigt die Partei jeder Ver- antwortung für MillerandS Ministerschaft, zugleich aber erlaubt sie ihr. in der kommenden Wahlschlacht aus den Reformen MillerandS politischen Nutzen zu ziehen. Der Ministerialismus im Sinne des Votums für das Ministerium wird doch fortdauern. Auch die Linke hat für das Ministerium gestimmt. Redner erinnert noch an die zivei Vertrauensformeln, die in der Kammer von den Abgg. Sembat (Blanquist) und Zevais(Gucsdist) eingebracht wurden, und an die Stimmenthaltung der Antiministeriellen in ihrer eignen Jnter- pellation über den Streik von Montceau-les-Mines. Wie Ihr(znr Linken) da in einer Zwangslage wäret, so waren es wir in andren Fällen. (Lebhafter Beifall rechts.) Votiert nicht den Ausschluß aus der Partei, ehe die Erbschaft des Ministeriums angetreten ist. Zur Wiederbefestigung der Partei genügt die Resolution Briand, die ein- stimmig votiert werden kann.(Lebhafter Beifall rechts.) D e l a p o r t e: Der Sinn meiner Kommentare ist von Briand falsch verstanden worden. Ich habe gesagt, daß Millcrand, falls er der Partei wieder beitreten wollte, als ein ehemaliger AnSgeschlossener zu behandeln wäre. Dabei könnte die Partei sein Zulasfungsgesuch durch die Vorfrage zurückweisen, wie sie eS z. B. Meline gegenüber thnn ivürde. Hierüberdenken ivir genauso. wiedie.Revol.-Soc.Partei". (Redner gehört zn den Blanquisten nicht, er vertritt im Generalkomitee eine autonome Föderation. Durch seine Erklärung über die Vorfrage hat er zugleich für die Blanquisten gesprochen. Der Berichterstatter.) Briand hat noch keine Antwort gefunden auf die Frage: Wie läßt sich die Hinwegsctzung Millerands über die Kontrolle der Partei mit feinem Verbleiben in der Partei versöhne»? V i v i a n i: Millerand gehört also doch noch der Partei an, da Sie ihn erst ausschließen wollen? D e l a p o r t e: Meine Resolution sagt, Millerand habe sich selber ausgeschlossen, wie Briands Resolution sagt. Millerand habe sich selber außerhalb der Parteikontrolle gestellt.(Lebhafter Beifall linls.) Die Umstände, die Millerands Handlung begleiteten, und die damaligen Vorgänge in der Kamnierfraktion haben mit unsrer Resolution nichts zu schaffen. Zum Schluß verlangt Redner noch- mals eine Antwort auf seine Frage betreffs der Parteikontrolle und der Parteimitgliedschaft. Briand: Eben weil die Umstände anormal und auSnahms- weise sind, sind wir gezwungen, anormale und ausnahmsweise Resolutionen zu beschließen. Delaporte will dem Zulassmigsgesuch Millerands die Vorfrage entgegenstellen— er soll also verurteilt werden, ohne angehört worden zu sein, d. h. jetzt definitiv aus- geschlossen werden. L a v a n d. Allemanist, beschwert sich darüber, daß seine Partei als ministcrialistisch verleumdet werde, und besteht auf den, Votum der allemanistischen Resolution, die von derjenigen Organisation, zu welcher Millerand eventuell gehört, verlangt, sie solle ihn zur sofortigen Demission unter Androhung des Ausschlusses auffordern. P a r s o n s erklärt Ramens einiger Unterzeichner der Resolution Delaporte, darunter Lagardelle, im Falle der Ablehnung jener Re- solution für die Mehrheilsresolution stimmen zu wollen. Dadurch würden sie zeigen, daß sie nicht Pcrsonenfragen, sondern die Einigung des Socialismus interessiere. Renaudel, autonome Föderation, erklärt, er, Lagardelle und Cipriani hatten sich in der Kommission für Briands Formel aus- gesprochen im Interesse der Versöhnung und in der Hoffnung, daß die Ministerialisten sich endlich den Kongretzbeschlüssen fügen würden. Er warnt die äußerste Rechte, die Geduld der Genossen nicht auf eine neue Probe zu stellen. Die Znlunft möge zeigen, ob wir wieder einmal die Geprellten seien. Wir hätten jedenfalls unsre Pflicht ge- than im Interesse der Einigung. Damit schließt die Debatte. Es folgt eine Debatte über die Priorität der drei Resolutionen. Die Priorität der allemanistischen Resolution ivird abgelehnt und man stimmt sofort nach Mandaten über die Resolution Delaporte ab. Die Ergebnisse der Abstimmung werden am Nachmittag verkündigt werden. Vom Brüsseler Sekretariat des Internationalen socialistischen Komitees war eine Begrüßnngsdepesche eingelaufen. Schluß der Sitzung 1 Uhr. St a ch n, i t t a g s- S i tz u n g. Beginn 3�/2 Uhr. Die Resolution Delaporte ist abgelehnt. Es haben gestimmt 328 Delegierte mit 1196 Mandaten, darunter 286 Mandate für Delaportes und 910 Mandate für Briands Resolution. L a n d r i n giebt hierauf naniens der Linken folgende Erklärung ab: Die ruhige und gründliche Debatte des Vormittags hat Klarheit geschaffen. Wir hatten gehofft, daß nach der zweijährigen Krise end- lich ein klares Votum alle Zweideutigkeiten beseitigen und so die Union, wen» auch nicht die Einheitlichkeit der Organisation ermög- lichen wird. Zhr habt aber unsre» Standpunktlabgclehnt. ES ist uns daher mnnöglich, mit Euch weiter zu arbeite»— wenigstens für den Augenblick(pernr le mornent). Wir haben diese» Ent- schlnß gefaßt nach reifer Ueberlegnng der Konsequenzen: es ist der beste Entschluß im Interesse des revolutionären SocialismnS. Briand hat an das Urteil der Arbeiter appelliert, die leiden und kämpfen, ohne auf persönliche Vorteile bedacht zu sein. Wir erwarten ruhig und vertrauensvoll das Urteil des Proletariats.(Lebhafter Beifall links.) Die Linke verläßt den Kongreß, wie bereits mitgeteilt, ohne Zwischenfall. Der Auszug der Minderheit war ja keine Ucberraschung. Man wußte seit gestern, daß sie Delaportes Resolution zum Boden der neuen Spaltung gewählt hat. Den ans- ziehenden Blanquisten nebst der„Kvmmnnistifcheu Allianz" und drei mit ihnen zusammengehenden autonomen Föderationen haben sich noch angeschlossen: Delaporte, Vertreter der Föderation von Denx- Sovres, und die Centraigruppe des 11. Pariser Bezirks(die aus der allemanistischen Organisation ausgetretenen bezw. ausgeschlossenen Anhänger der Kandidatur Faberols in der nenlichen Kammernach- ivahl). Ein Teil der Ausgezogenen nimmt Platz in den Zuschauer- Tribünen. Die Empfindungen der Mehrheit bezw. ihrer einzelnen Bestandteile machen sich Luft in einer Reihe Erklärungen. Zunächst besteigt die Tribüne I a n r s s, von der großen Mehrheit mit stürmischem Beifall und Hochrufen begrüßt: Alle Schleier sind zerrissen, alle Masken sind entlarvt! Wir wissen jetzt, daß diejenigen, die uns der Ver- letzung von Kongreßbeschlüffen beschuldigten, sich gegen den Beschluß einer erdrückenden Kongreßmehrheit aufgelehnt haben. Die Frage, über welche sie den Kongreß verlassen, war nicht einmal von ihnen selber angeregt. Noch vor acht Tagen erklärten sie. mit Millcrand sich nicht mehr befassen zu wollen. Es ist ein elender Vorwand, um der Einigkeit der Organisation zu ent- gehen. Das Proletariat, an welches sie zu appellieren die Kühnheit haben, wird über sie richten. Wir haben seit drei Tagen alles gethan, um eine Versöhnung herbeizuführen. Jetzt ist unsre Aufgabe, die organisatorische Einigkeit zu verwirklichen. Fahret in Eurer Arbeit fort! Ihr seid nicht kleiner geworden, das socialistische Frankreich ist durch den Auszug einer Sekte nicht kleiner geworden! Ihr seid das socialistische Proletariat. Organisiert Euch— und alle Proletarier werden sich im geeinigten Socialismus um das rote Banner scharen!(Stürmischer, anhaltender Beifall.) Renaudel protestiert namens der autonomen Föderation der unteren Seine, einer Anzahl Unterzeichner der ursprünglichen Rcso- lution Delaporte gegen den Auszug der Linken: Wie Jaurss, wollen wir die Einigkeit, und da die Sonderorganisationen nicht verschwinden wollen, so muß man sie nötigenfalls verschwinden machen.(Leb- hafter Beifall.) Aber auch Ihr(nach rechts) habt Euch Vorwürfe zu niachen. Eure Föderationen sind nicht genug vom socialistischen Geiste erfüllt. Auch dorthin habt Ihr den Exklüsivismus der alten Souderorganisationen hineingetragen.(Proteste rechts.) Ein Delegierter der Deux-Sövres-Födcration wundert sich, daß Delaporte, der die gleiche Föderation vertritt, den Kongreß ver- lassen hat. Redner bleibt, um die Einigkeit zu verwirkliche». L a v a n d: Die„Revolutionäre Socialistische Arbeiterpartei" (Allemanisten) ist für die Union, aber gegen die Verschmelzung der Souderorganisationen. M o n n i e r. Bergarbeiter von PaS-de-Calais, Bagnol, Vertreter der Genojsenschaften, tind P o n a r d, Jnra-Föderation, sprechen für die volle Einigkeit, letzterer, wie schon 1899, für die Einigkeit auf Grundlage der autonomen DepartementSföderationen. V i v i a n i. spottet über den„scharfen AntiministerialismnS" derer. die so häufig in den Vorzimmern des Ministeriums als Bittsteller zu finden seien und wirft den„Entflohenen" Liebäugelei mit dem Anti- semitismus und Nationalismus vor. Die Kammerfraktion werde bleiben, was sie war. Redner wendet sich an die Deputierten: Arbeiten wir unermüdlich weiter in der Kammer und im Lande. Wenn wir die andren zu bekämpfen haben, so nicht nur durch Polemiken, sondern auch durch die unablässige socialistische Agitation. Abg. Carnaud will die Deputierten von jedem Zwang und den Maßregelungen seitens des Gcneralkomitees befreit wissen: Er- wartet alles von unsrer freiwilligen Hingebung und nichts von einer aufgezwungenen Disciplin.(Vereinzelter Beifall.) Die Sitzung wird unterbrochen, um die Abstimmung nach Mandaten über die Resolution Briand vorzunehmen. Es haben gestimmt 252 Delegierte mit 946 Mandaten, davon 245 Dele- gierte mit 904 Mandaten für und 7 Delegierte(Allemanisten) mit 42 Mandaten gegen die Resolution. Beratung de« OrganisationS-EntwurfS de« GeneralkomitecS. Der Entwurf war schon vor ein paar Monaten in Druck er- schienen und allen Genossen zur Beratung vorgelegt, ebenso wie der stenographische Bericht über die bezüglichen sehr eingehenden und gründlichen Debatten des Generalkomitees. Dieser Umstand ermög- lichte, mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit, die Diskussion auf dem Kongreß abzukürzen, umsomehr, als mit dem Auszug der Minderheit eine Anzahl Differcnzpunkte fortfielen. Die Debatte wickelt sich glatt und rasch ab. Immerhin wird noch eine Abend- sitzung nötig. Der Grundgedanke des Entwurfs ist bekanntlich die Vereinheit- lichung der socialistischen Organisationen auf Grundlage der auto- nomen Föderationen, die alle Gruppen eines Departements bezw. einer Region zu umfassen haben. Nach dem Auszug der Minderheit wurde es möglich, jenen Grundgedanken, freilich unter dem Vorbehalt einiger Uebcrgangsbestimmungen, zum Beschluß zu erheben. Von den alten Souderorganisationen sind auf dem Kongreß zwei geblieben, 1. die„Föderation der socialistischen Arbeiter Frankreichs"(Broussisten). die aber, trotz der Einigungsfeindlichkeit ihres nur noch n o m i n e l l e n Chefs(Brousse ist konsequent allen drei Einigungs- kongrcssen ferngeblieben) für die sofortige Verschmelzung der Sonder- organisationen eintreten; 2. die„Revolutionäre Socialistische Arbeiter- Partei"(Allemanisten), die nur für die Union der Sonder-Organi« sationen ist. Thatsächlich besitzen jedoch die Allemaiiisten nur eine lokale Organisation in Paris und Umgebung, die obendrein in der Abbröckelung begriffen ist, so daß die mit Rücksicht auf ihre Forderung an dem Emigkeitsentwurf gemachten Vorbehalte(eine Schonzeit- Bestimmung für die Souderorganisationen) den Grundgedanken deZ Entwurfs praktisch kaum autasten. R e v e l i n. Berichterstatter der Kommission, begründet die von derselben am Entwurf des Generalkomitees vorgenonimenen, übrigens imtergeordiietcn Abänderungen bezw. Zusätze: 1. Um die von einigen Seiten befürchtete Majorisi'ernng der politischen Gruppen durch die Gewerkschaften und Genossenschaften zu vermeiden, sollen diese nur durch Vermittlung einer Departements- Föderation der Partei beitreten können, und zwar regelt die einzelne Föderation selbst die Vertretungsweise und die Beitrags- leistungen der Gewerkschaften und Genossenschaften an die Parteis 2. Ein Streikbrecher darf von einer socialistischen Gruppe nicht aufgenommen werden, es sei denn, daß die betreffende Gewerkschaft ihm Amnestie erteilt hat. 3. Vertretungsbasis für den Parteitag. Nachdem der Entwurf schon die Vertretung von Einzelgruppcn abgeschafft hat, schlägtidie Kommission'.für die V e r t r e t u n g der Föderationen(diese wählen die Parteitags- Delegierten auf ihren Konferenzen) folgende Basis vor: Jede'Föderaiioii hat zunächst das Recht auf einen Delegierten, dann auf je einen Delegierten pro 200 regel- mäßig Beiträge zahlende Grnppenmitglieder und einen Bruchteil von nicht weniger als 100 solchen Mitgliedern, schließlich auf je einen Delegierten pro 5000 Stimmen in der Kammer- Hanptwahl und einen Bruchteil von nicht weniger als 2000 Stimmen. Die Partei- tagsmandnte werden von der Konferenz der Föderation unter ihre einzelnen Bestandteile: politische Gruppen, Gewerkschaften und Ge- nossenschaften, verteilt nach den von ihr selbst zu beschließenden Regeln. 4. Die Gemeinderats-, General- und Bezirksrats- Mitglieder haben, ähnlich wie die Deputierten mit dem Gencralkomitce, enge Beziehungen nnt der betreffenden Föderation zu unterhalten. Sie erstatten Bericht über ihre Thätigkcit auf der Konferenz der Föderation, die den Bericht demjGcncralkomitee übermittelt. Das Komitee erstattet dann seiner- seits einen Gesamtbericht über die kommunale ic. Thätigkcit vor dem Parteitag. 5. Provisorische Bestimmungen für die Uebergangs- Periode: a) Das nächste Gencralkomitee wird auf derselben Basis gewählt, wie die Resoliitionskommission des Lyoner Kongresses: i Delegierter pro Föderation, 1 weiterer Delegierter pro je 25 Kongrcßmandate und einen Bruchteil von nicht unter 10 Mandaten. Nachdem die neue Vertretungsbasis für den Parteitag durchgeführt worden(ist, wird das Generalkomitee wieder von den Föderationen, aber im Verhältnis zu ihren Kongreßmandatcn gewählt werden, b) Dort, wo die Föderation noch nicht alle socialistischen Gruppen deS Departements vereinigt bezw. wo in dem gleichen Departement mehr als eine Föderation besteht, �ist vorläufig nur die Annäherung der gesonderten Gruppen anzustreben, d. h. die Partei erkennt eventuell gesonderte Föderationen eines gleichen Departements an. Bei dieser Be- stimniung hat die Kommission auch eine Annäherung mit den Lokalorganisationen der guesdistischen und b I a n q u i st i s ch e n Parteien im Auge gehabt, was Rcvelin ausdrücklich konstatierte. 6. Die Soliderorganisationen können nur auf einem allgemeinen socialistischen Partei- tag aufgelöst werden, nachdem alle Föderationen s ä m t- liche Gruppen des Departements vereinigt haben,— mit andren Worten, nach der Wiedervereinigung mit den GueSdisten und Blanquisten. 7. Das ncne Gencralkomitee ist beauftragt, ein voll- ständiges Parteiprogramm auszuarbeiten(an Stelle der bis- herigen drei priiicipicllcn EinigUngSformelii), das nebst einem theoretischen Teil ein Minimalprogramm für daS Parlament und die Gemeindcräte zu enthalten hat. Der Berichterstatter schloß mit den Worten: Haben wir den Entwurf des Generalkomitees in die That so umgesetzt, haben wir die Organisatiousfrage erledigt und können fortan alle unsre Kraft der socialistischen Propaganda widmen und brauchen sie nicht mehr auf inneren Zwist, diplomatische Züge und Gegenzüge und auf er- künstelte und erbitterte Versöhnnngsversnche zu verschwenden. Wir können dann ruhig warte», bis die Dissidenten wieder sich unS an- schließen. Unsre Partei wird die Hauptkraft des französischen Socia- lismus werden.(Lebhafter Beifall.) Die Artikel des Entwurfs und die neuen Konimissionsvorschläge werden der Reihe nach verlesen und teils ohne Debatte, teils nach kurzer Debatte durch Handaufheben angenommen. Die Beratung wird in der Abendsitznng zu Ende geführt werden. Am Schluß der Nachmittagssitzung wurde Briand(nach dem Beispiel der deutschen Partei) zum Korrespondenten des Jnter- nationalen Socialistischen Komitees ernannt und auf Jaurss' Vorschlag eine Kommission gewählt zwecks Abfassung eines Manifestes an das Land über den Auszug der Linken und den Kongreß. Schluß der Sitzung 7V2 Uhr. DritterVerhandlungstag.— Abendsitznng. O1,� Uhr. In der siebenten und letzten Sitzung wird zunächst die Beratung des Organisationsentwnrfs erledigt. In der Gesamtabstimmung wird der Entwurf nebst den neuen KomniissionSvorschlägen durch Handaufheben einstimmig angenommen. Verschiedene Zusatz- anträge wurden dem Gencralkomitee zum Studium überwiesen, darunter ein Antrag auf Vorbereitung eines offiziellen Partei- Organs, das Eigentum der Partei wäre. Abg. R e n o u verliest da§ erwähnte Manifest„An d a S proletarische imd socialistische Frankreich." Hier dessen wesentlicher Inhalt: Der Lhoner Kongreß hat daS ihm ln Paris aiiferlegte Mandat erfüllt. Ber EinigkeitSentwurf ist be» schlössen worden. Die Einigkeit verwirklicht sich nicht durch das Machtgebot von Einzelpersonen, sondern durch den Willen der autonomen Föderationen, nicht von oben, sondern von unten. Dah die Einigkeit notwendig und möglich ist, beweist die Thatsache, daß die alten Sondcrorganisationcn'genötigt sind, allerhand Vorwändc zu benutzen, um der Einigkeit zu entgehen. Auf dem letzten Pariser Kongreß hatte die„Französische Arbeiterpartei' zu diesem Ziveck einen geringfügigen Zwischenfall benutzt, diesmal wurde zum gleichen Ziveck der Sin» der vom Kongreß angenommenen Resolution über die Ministerfrage entstellt(äonsturö), während diese Resolution die Partei vollständig der Verantwortung für die Regie- rungsaktion entledigt, während sie erklärt, daß �der Genosse sie oito�en) Millerand in keinem Augenblick die Partei engagiert hat"... Wir sind überzeugt, daß die erkünstelten Spaltungen nicht dauernd sein werden, daß alle Socialisten der geeinigtcn Partei wieder beitreten werden. Hoch die socialistische Einigkeit I Hoch die sociale Revolution!(Beifall und Hochrufe auf die sociale Revolution.) Da? Manifest wird nach einigen Abänderungen e i n st i m m i g angenommen und von allen Organisationen unterzeichnet. Ferner lvird dem Vorschlag der Kommission zugestimmt, die einzelnen Gruppen niögen nach Maßgabe ihrer Mittel für den Maueranschlag des Manifests sorgen. � Der nächste Kongreß findet statt in Tour? 1902— vor den Frühjahrswahlcn zur Depuliertenkammer. Der Kongreß geht nach dem Absingen der„Internationale" in gehobener Stimmung auseinander. Schluß ll'/s Uhr._ pnftc GckerMrsanmlW ilts ksMrbeiter-VerWs. Fürth, den 26. Mai 1901. Die Gencralvcrsammlnng deS Verbands der Glasarbeiter, die heute zusammentrat, wurde vom Vorsitzenden Girbig mit einem herzlichen Willkommen im Namen der Fürther Zahlstelle eröffnet. Als Gast ist Eduard Krahl von den östreichischcn Glas- arbciterir und Legten von der Generalkommission anwesend. Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten erhält Glas- arbciter Krahl das Wort: Von den östreichischen Glasarbeitern wurde mir der Auftrag, ihren Verhandlungen beizuwohnen und nehme ich hiermit Gelegenheit, ihnen unsre besten Wünsche zu überbringen. Der gewaltige Kampf, den Sie führen, macht auf uns großen Ein- brück._ Mögen Sie als Sieger aus ihm hervorgehen. An materieller Unterstützung werden wir auch in Zukunft unser niöglichstes thun. Die Versammlung beschließt, den Streikenden in Schauenstein und Nienburg eine Sympathiekimdgebnng zu übersenden. AuS dem Bericht der WahlpriifnngSkommission ist zu ersehen, daß 79 Delegierte mit 106 Mandaten vertreten sind. Der Geschäftsbericht, vom Vorsitzenden Girbig gegeben, liegt schriftlich vor und ist von unS bereits besprochen, lieber die gegen- tvärtige Lage bemerkt Redner: Leider konnte die geplante Ab- schaffung der SonntagSarbeit in der Hohlglas- und BcleuchtungS- brauche � nicht mit der nötigen Energie vorgenommen werden. Der Streik in Schauenstein und Nienburg beanspruchte große Opfer. Redner mahnt vor übereiltem Eintreten in Streiks, wenn sie auch gerechtfertigt sind. Gemaßregelte Kollegen soll die Verbands- lasie lieber auf sich nehmen. Wenigstens soll ohne Zustimmung des Vorstands kein Streik erklärt werden. Ein Schreiben an den Bund der Industriellen bezüglich der Errichtung des ArbeitsnachlveiseS durch denselben hat bis jetzt keine Beantlvortung gefunden. Anschließend hieran erörtert der Kassierer Hamann den eben- falls gedruckt vorliegenden Kassenbericht. Mit Genugthuung ist zu konstatieren, daß die Kosten für den Streik in Schauenstein und Nienburg bis jetzt größtenteils durch freiwillige Beiträge bestritten wurden, so daß die Hauptlasse nur 20 000 M. zuschießen brauchte. In warmen Worten giebt Redner der Anerkennung für die Opfer- frcudigkeit der Helfenden im In- und Auslande Ausdruck. Nachdem noch Fi scher- Fürth ausführlich die Thätigkcit der Prcßkommission, die sich vornehmlich mit internen Angelegenheiten befaßte, geschildert hat, entspann sich eine ausgedehnte Debatte über die Berichte. Der Nienburger Streik, die verschiedenen örtlichen Wünsche gaben einer großen Anzabl Diskussionsredner Anlaß zu Betrachtungen. Ein reges Streben, das Beste für die Organisation zu schaffen, war der Grundgedanke aller Ausführungen. Fürth, den 27. Mai 1901. Zur Besprechung stand der Bericht des AuSschuffcS, der vom Glasarbeiter P c s ch c I gegeben wurde. Es gelangten hier nur interne Angelegenheit innerer VcrbandSlhätigkeit zur Erledigung. Lcbhafrer gestaltete sich die Debatte über folgenden Antrag: „Die Generalversainmlnng wolle beschließen:' In Anbetracht deS Nienburg-Schanensteiner Streiks und um diesem eher zum Siege zu verhelfen, möchten wir in der Grünglasbranchc auf sämtlichen Hütten in einen Generalstreik eintreten, indem wir in der Sympathie sämtlicher centralisierter Gewerkschaften Deutschlands die Gewähr finden, daß sie uns in diesen» schweren Kampfe deshalb unterstützen, weil die Lage der Arbciter in den Grünglashütten sehr verbcsserungs- bedürftig ist." Die Meinungen über den Generalstreik waren sehr geteilte und wurden die Gründe für und wider von den Rednern in sachlicher Weise vorgetragen. Zum Schluß verlas der Vorsitzende Kanfholt folgende von Girbig eingebrachte Resolution, die von der Versamm- lung angenommen wurde: «Die Gcneralvcrsamnilung erklärt, daß die Beschlußfassung über einen Generalstreik der Flaschenmachcr noch auszusetzen ist. Die Lokalverwaltungen in den Orten, in welche» Waren für Heye und Hiinlh ii. Holscher hergestellt werden, haben an die rcsp. Fabrikanten heranzutreten und um Einstellung dieser Lieferungen zu ersuchen. Der Vorstand soll versuchen, durch Verhandlung' mit Herrn Heye event. dem Vorstand der Fabrikantenvercinigung. unter Heranziehung geeigneter, in öffentlicher Stellung befindlicher Personen eine Bei- lcgung des Kampfes herbeizuführen. Nach dem Ausgang dieser Unterhandlungen hat der Vorstand des Verbandes unter Hinzu- Ziehung von Vertretern der Organisation über weitere Schritte zu beschließen." Hierauf wandten sich die Beratungen der Beitragserhöhung zu, die mit Annahme folgenden Antrags der Berliner Delegierten ihren Abschluß fand: Z S erhält in Absatz 3, Zeile 4 die Fassung: Bis zu 500 M.= 15 Pf. ,„ 700.= 20„ „„ 1000„= 25„ über 1000. 30„ Der Beschluß bedeutet, daß die Festsetzung der Beiträge nach dem Jahresverdienst der Arbeiter geregelt wird. Fürth, den 23. Mai 1901. Die weitere Statutenberatung crgiebt die Annahme eine? An- träges, der die Karenzzeit für Unterstützungen von 26 auf 52 Wochen erhöht. Eine Verlängerung der Unterstiitzungsdaner wird abgelehnt. Für diejenigen Mitglieder, die gemaßregelt werden, kaim künftig Unterstützung bei Umzug gewährt werden. Der Geschäftsführer und Kassierer werden gemäß einem An- trag der Zahlstelle Stralau von der Generalversammlung gewählt, die übrigen Mitglieder deS Centraivorstands von den Zahlstellen, die die Generalversammlung bestimmt. Die Einteilung der Mandate soll nach einem Antrag Girbig, der mit 37 gegen 31 Stimmen angenommen wurde, ivie folgt geschehen: Orte von 30— 75 Mitgliedern wählen 1 Delegierten „„ 76-200„, 2, •„ 201 500„„"» „ über 500„. 4„ Ferner darf kein Delegierter mehr ivie zwei Mandate vcr- treten. Die übrigen Statutenänderungen sind von untergeordneter Bedeutung.'_ Verantwortlicher Redacteur- Heinrich Wetzker in Gr.--! Genosse Pilsuböki, der im vorigen Jahre verhaftete Re- dacteur des geheimen Warschauer„ R o b o t n i k", ist den Zaren« schergen endgültig entronnen. Wie unser Krakauer Parteililatt, der „Naprzod" mitteilt, ist Pilsudski bereits in L o n d o n. Die Gen- darinen hatten diesmal kein Glück. In den Polizeiblättern ließen sie mitteilen, daß„ein Verbrecher" aus dem Petersburger Irrenhaus entsprungen seil_ GemevltfchnfAichvs. Berlin und Umgegend. Zum Streik der Barbiere. Ueber fünfhundert Barbier- und Friseurgehilfen Berlins haben in einer öffentlichen Versammlung den Generalstreik beschlossen. In einer mit allen gegen vier Stimmen angenommenen Resoültion er« klärten die Versammelten, nur durch die allgemeine Arbcitsniedcr- legung— also auch dort, Ivo bewilligt ist— den geforderten Tarif zur Durchführung bringen zu können. Tie Anrufung de? Einigungsamts, die nun durch die„Freie Meistervercinigung" er- folgt ist, wird von der Gehilfenschaft rundweg abgelehnt, so lange nicht auch die Innungen das Schiedsgericht angerufen haben. Nach dem neuen Organisationsplan werden jetzt auch fliegende Barbierstuben im Centrum und dem Westen errichtet. Der Vor- sitzende der«Freien Vereinigung" der Meister, Herr Klarbaum, erklärte namens seiner Organisation, daß diese in einer Vorstands- sitzung beschlossen habe, sämtliche Forderungen der Gehilfen voll- ständig zu erfüllen. Die„Freie Vereinigung" hängt zu gleicher Zeit von heute ab in ihren Lokalen ein Plakat folgenden Inhalts aus: „Uni den Forderungen der Gehilfen gerecht zu werden, hat die freie Meistcr-Vercinigung beschlossen, den Preis fürs Rasieren von 10 auf 15 Pf. und fürs Haarschneiden von 25 auf 35 Pf. zu erhöhen".— Bisher haben sich an der Streikbewegung 576 Gehilfen beteiligt. » �« Die Lohnkommission giebt bekannt, daß in folgenden Lokalen die Streikenden barbieren werden: Bannigarten, Königs bcrgerstr. 7. Pcctz, Fruchtstr. 20. Matthes, Koppenstr. 41. Bcthge, Rüdersdorferstr. 60. Fiedler. Warschauer- straßc 78. Georgi, Frankfurter Allee 70. Gorn, Markusstr. 23. Hölbke, Grüner Weg 23. Tabbert, Grüner Weg 14. Kühn, Posener- straße 10. Krämer, Petersburgerstr. 40. Merkowski, Wallncr- theatcrstr. 20. Pesch«!, Petersburgerstr. 81. Puppe, Markusstr. 8. Nisch, Koppenstr. 13. Rott, Straßmaunstr. 23. Schröder, Frucht- straße 33/34. Schulze, Große Fraukfurterstr. 5. Schumann, Tilsitcr- straße 85. Wille, Andreasstraßc 34. Zabel, Frankfurter Allee 90. Bieberstein, Adalbcrtstr. 61. Bücke, Nauuyustr. 30. Golz, Grünauer- straße 3. Grundmann, Nauuhnslr. 78. Hirselnnd, Reichenberger- straßc 74s.. Richter, Mariannenstr. 41. Krüger, Naunhnstraße 54. Wrost, Wrangelstr. 68. Salomon, Naunynstr. 65. Schulze, Grünauer- straße 16. Schulze, Waldcmarstr. 2. Scidlcr, Muskaucrstr. 14. Teichcrt, Elisabcth-Ufcr 28. Wolff, Wieucrslr. 43. Schinieder, bldmiralstr. 21. Schönemann, Skalitzerstr. 7. Schuck, Mantcufselstr. 77. Erbe, Cuvry- slraße 25. Bade, Rittcrstr. 32. Ewald, Schöulcinstr. 6. Katz, Diessenbachstr.j 31. Lenz. Alte Jakobstr. 69. Plötz. Grnsestr. 34. Waschinski, Grüner Weg 6. Kövcnick, Magazin- u. Schilliugslraßcn« Ecke. Salomonis. Bcuthstr. 21. Bergmann, Pascwalkerstr. 3. Beier, Mantenffelstr. III. Gärtner. Fruchtjtr. 17. Aspekt, Maricnburgcr- strnße 23: Eisenbahnstr. 36a; HagelSbcrgerstr. 2; Bülowstr. 59. Frauke, Pallisadenstraße; Skalitzerstr. 59. Bohn, Rostockerstr. 12. Schulze. Diesienbachstr. 54; Schwedterstr. 33. Baner, Roscuthalcrstr. 57. Prcuß, Neue Friedrichstr. 20. Renfer, Auguststr. 51. Dorn, Wallstr. 1. Abeudroth, Ackcrstr. 104. Anders, Sellerstr. 14. Persch, Dronthcimer- straßc 10. Doye, Müllerstr. 32a. Dicke, Ackcrstr. 123. Filter, Gerichtsstr. 62. Franke, Plantagenstr. 5. Herrmann, Puttbuscrstr. 45. Hoppe, Ackerstr, 21. Lietzke, Brunncnstr. 85. Mothcs, Hussitcnstr. 40. Ramlow, Schönhauser Allee 135. Richter. Stcttinerstr. 17. Rosin. Ruppiuerstr. 42. Schmidt, Pnppel-Allee 114. Seidel, Neue Hochstr. 38. Krause, Müllerstr. 7. Tauschel, Wiesenstr. 29. Schulz. Pflugstr. 6. Schmidt, Tresckowstr. 23. Wils, Burgsdorfstraße. Gleinert, Schul- straße 29. Georgi, EberSwalderstr. 4. Staffeland, Wörtherstr. 19. Brinkmann, Prinzen Allee 21. Bobath, sellerstr. 3. Brückner, Gartcnstr. 63. Deutsches Reich. Auf dem evangelischen ArbeitcrvereinStag ist es. wie gestern bereits telegraphiich gemeldet, zwischen' der Richtung, die den Anschluß an die neutralen Gewerkschaften empfiehlt, und der, die auf rein christlichem Standpunkt jede Vermischung mit den Gewerkschaften verwirft, zum Bruch gekommen. Zu der letzteren Richtung gehört vor allem Redacteiir Q u a n d e l aus Bochum und der nationalliberale ReichStags-Abgeordnete Franken, die eigentlich aus ihrer Abneigung gegen die Ge- werkschaften nie ein Hehl gemacht haben. N a» m a n n. Wein hausen rmd andren ist es gelungen, eine mehr ivohl- wollende Stellung der evangelischen Arbeitervereine zur Gewcrkschafts« bewegung durchzusetzen, wobei es nie ohne heftige Opposition ab- ging. Nachdem nun im vorigen Jahre Pfarrer Naumann im Ruhr- revier durch Vorträge versuchte, für die Gewerkschaftsbewegung Interesse zu erwecken, ist die Entrüstung gegen ihn bis aufS äußerste gestiegen und sollte nunmehr auf dem Vcreinstag in Speyer die Abrechnung erfolgen. Der Ausschuß empfahl, dies unter Ausschluß der Oeffcntlichkeit zu thun, aber die Richtung Qnandel bestand auf Oeffcntlichleit, denn Naumann habe, so erklärte man, seine Angriffe auch öffentlich vorgebracht. Als dem nicht willfahren wurde, verließ der Anhang Quandels die Sitzung und kam es sonnt zum offenen Bruch Vorher war ReichStags-Abgeordneter Franken bei der Wahl zum Ausschuß durchgefallen; die ihm dann gütigst angebotene Stellung eines Ehrenmitglieds des AnsschnsseS lehnte er ab. Durch den Bruch verliert der Gejamtvcrband der evangelischen Arbeitervereine 80 000 Mitglieder und behalt 40 000. Der Kongreß wiederholte im allgemeine» seinen Beschluß zur Gelverkschaftsbewegung: er stellt es jedem Verein frei, seine Entscheidung für den Anschluß an eine Gewerkschaft unabhängig zu treffen.— Ausland. Der International« Bergarbeiter-Kongreff in London wurde gestern geschloffen, nachdem er eine Resolution zu Gunsten eines von allen Bergwerksarbeitern der Welt innezuhaltenden Feier« tags angenommen hatte. Ein besonderer Tag soll hierfür auf dem nächsten Kongreß festgesetzt werden. Es wurde ferner beschlossen. daß der nächste Kongreß, Ivenn es möglich sei. in Deutschland ab- gehalten werden soll._ Sscinles. Zum Grubenunglück in Waldenburg(Schi.). In Bergarbeiter- Kreisen glaubt man ebenso wie in den Kreisen der Behörden nicht an die behauptete Fahrlässigkeit als Ursache deS SchachtbraudeS. Den einfahrenden Bergleuten ist das Mitführen von Feuerzeug streng verboten. Andrerseits enthielt auch die aus Balken und starken Brettern bestehende Kaue keine leicht brennenden Stoffe, so daß die Entstehung des Brandes durch da? Wegwerfen eines brennenden Streichholzes ganz unwahrscheinlich ist. Die Behörde verhaftet« als mutmaßlichen Urheber des Brandes einen Bergmann Kretschmer. der wegen Ungehvriakeitcn entlassen war und sich nun verdächtig machte. Der Mann mußte aber au? der Haft alsbald wieder entlassen werden. Wäre die Schachtmündung von einer eisernen, statt einer hölzernen Kaue bedeckt gewesen, dann hätte das Unglück nicht passieren können. Thatsächlich fordert die Bergpolizei die Ersetzung aller hölzernen durch eiserne Kauen, die Bergwerk- Verwaltung de? Fürsten v. P l e ß aber hatte die Erlaubnis be- kommen, mit den Umbauten noch bis 1. Oktober Iv a r t e n zu dürfen. Ebenso tadelnswert ist eS. daß die zahl- reichen abgelegene» Schachteingänge im Waldcnbnrgcr Revier ohne jede Bewachung und dem Uebelwöllcn gewissenloser Menschen über- de. Für den Inseratenteil verantwortlich: Zch. Glocke in Berlin. Druck ui antwortet sind, während diese Ueberwachnng ohne große Kosten durch Berainvaliden geübt werden lönnto. Handelt es sich hier doch um die Sicherheit von vielen Hundert Menschen. Zum Münchener Acrztestreik wird uns von dort berichtet: Der Streit zwischen der Orts-Krankenlaffe IV und den Scrztcn. der seit Anfang des Jahrs dauerte, ist beendet. Dank der Juitiaiive des Herrn'Regierungspräsidenten v. Auer hat unter seinem Vorsitz «ine gemeinschaftliche Belprechung zwischen der Lorstandschaft des ärztlichen Bczirksvereins mit der Kasse stattgefniiden. Diese Besprechung zeitigte das erfreuliche Resultat, daß der von den Aerzten vorgelegte Vertragsentwurf mit einigen unwesent« lichen Modifikationen von beiden Seiten angenoninien wurde. .Dieser neue Vertrag tritt am 1. Juni dieses Jahres in Kraft. KUm Fvnucnb�wegttttg. Einen interessanten Versuch, zu socialpolitischer Erkenntnis in der„brennenden" Dieustbotenfrage zu gelangen, soll eine Amerikanerin, Frau Reeh, durchgeführt haben. Ilm die Berechtigung der vielen Klagen über die Mädchen not zu ergründen, ging sie selbst„in Stellung" und zwar zunächst als Lluidermädchcn. Sie hat die erste Stelle bald oufgeben müssen, ebenso eine zweite, gleich unerträgliche. Sie hat ihre Stellen oft gewechselt und gesteht ein, daß die Be- Handlung meist eine schlechte gewesen; die Schuld des häufigen Wechsels zumeist auf Seiten der Herrschast liege. Die amerikanischen Hausfrauen werden von dem Resultat des Experiments schwerlich erbaut sei». Wie wäre es wohl, wenn eine deutsche Hansfrau, der es unmöglich ist, Mädchen zu finden, die zu ihrer Zufriedeuheit arbeiten, dem Beispiel der Amerikanerin folgte? Da wurde sie am sichersten erfahren, ob die Ansprüche, welche sie au ihre Mädchen stellt, an ihre Arbeitskräfte»nd ihre hanswirlschaftiichen Kenntnisse nicht minder als an ihre Pünktlichkeit und Bescheidenheit, ihren Fleiß und ihr respektvolles Benehmen, von den„Herr- schaften" bei ihr als reichlich vorhanden angesehen würden. China. England will nicht abziehen! Laffans Bureau telegraphiert ans Peking am 31. Mai: Sir Eduard S a t o w, der b r i t i s lb e Kommissar, informierte die chinesischen Bevollmächtigten, daß die britische:« Truppen daS Land nicht räumen würden, bevor die EntschädigniigSfragc erledigt ist, bis die kaiserlichen Erlasse, welche dein Artikel 10 des Fricdensprotokolls Wirkung verschaffen, im ganzen Land publiziert uud die Prüfungen in der beschränkten Form gehörig abgehalten worden sind. Diese Nnkündignng überrascht Li-Hu»g-Tscha»g, da er erwartet hatte, daß alle Verbündeten abziehen würden,»och bevor ein endgültiges Einverständuis betreffs der Rückkehr des Hofes ge- troffen worden wäre. Satolus Verfahren erfolgte in llebereinstimniung mit der letzten Klausel de» Protokolls, ans deren Einfügung die britische Regierung kurz vor Unterzeichnung bestand. Englands Hailuug ist wohl nur als eine dreiste Spekulation auf Deutschlands allerdings oft bewiesenen F r e u» d s ch n f t s- Eifer aufzufassen. Zeigt Deutschland, daß es wirklich nicht daran denkt, sich auÄ»och fiirderhin für England die Finger zu verbrennen, so wird England bald genug genötigt sein, seine Handvoll Truppen aus Tschili zurückzuziehen. Einstweilen versucht es noch einmal seinen abgenutzten Scharfmacherkniff. Laffan meldet nämlich ans London am 31. Mai: Der Kor- respondent des„London Standar-d" in Tientsin sagt, es V e st e h e große Gefahr, daß der Auszug der Alliierten von den Chinesen allgemein falsch ausgelegt werde. Sie iviirden in den Glauben versetzt werden, daß die R ä u m u n g des L a» d e s nur i n g e h o r s a m e r A u s- f ü h r» n g der Befehle des chinesisches Hofs erfolgt sei. Die am»leiste» vorgeschrilteuen Eingeborene» geben zu, daß eine Wiederkehr der jüngsten Unruhen innerhalb zweier Jahre stattfinden müsse, weil die Möchte die Anstifter der Ausschreitiingen unbestraft ließen UN d Peking selbst in einem ziemlich wohlerhalte nen Zustande verbleibe. Die Unruhestifter ständen mit dem Hofe in enger Lerbindung und seien begierig, ihr verlorenes Prestige wieder zu gewinnen. Li-H»»g-Tschang giebt in den nnruhigen Distrikten der Centraiprovinz Befehle aus, innerhalb zweier Monate alle Ruhestörungen zu unterdrücken, mögen dieselbe» von Boxern oder anderen verursacht worden sein. Die Schuldigen sollen streng bestraft werden, bis die Ruhe wieder her- gestellt ist. Li-Huiig-Tschaiig führt in seinen Verordnungen Graf Waldersces letzte Botschaft an, welche besonderen Nachdruck darauf legt, wie wichtig es für die Chinesen sei, im Lande prompt und gründlich wieder Ruhe zu schaffen. Uetzke Llktrijvichkett und Deposchen. Saalfcld a. d. S., 31. Mai.(W. T. B.) Bei dem starken Gewitter wurde gestern nachmittag auf eine», Neubau ein Arbeiter vom Blitz erichlagen, ein andrer gelähmt. Hildbiirghause», 31. Mai.(W. T. B.) Heute vormittag brach die neuerbaille F u ß g ä» g e r» U e b e r f ii h r u n g auf Bahnhof Themar bei der Probebelastung plötzlich zusammen. Drei Per- onen sind s ch iv e r, mehrere andre leicht verletzt worden. Wien, 31. Mai.(B. H.) Der KassationSbof hob heute das vom hiesigen Schwurgericht gefällte Urteil gegen Josef Ott, welcher seiner Zeit sein Kind getötet und dann verbrannt hatte, auf. und verurteilte denselben nur wegen Totschlags zu 12 Jahren schweren Kerkers. Die Ehefrau Ott wurde gänzlich freigesprochen. Wien, 31. Mai.(W. T. B.) Der Budgetausschuh der öfter- reichiichen Delegation nahm das Mariuebudgel an und stiinnite der Aiiregung des Referenten z«, den östreichisch-ungarischen Manii- chaften in Ebina die Anerkennung für ihre Haltung auszusprechen. Budapest, 31. Mai.(W. T. B.) Die Dircklion der Oesueichisch- Ungrischen Staatseisenbahn» Gesellschaft hält an der 10�/» stündigen Arbeitszeit fest, entgegen der Forderung der Arbeiterschaft der Reschitzaer Werke auf 10 stündige Arbeitszeit. Der Ausstand dauert -ort, dürfte jedoch wegen Mangels an Organisation und AnSdaner bald beendet werden, zumal auch die Lebensinittelhändler die Verab- 'olgliug von Waren auf Kredit bereits verweigern. Antwerpen» 31. Mai.(W. T. B.) Der„Preciirsenr" meldet: In der Gunnofabrik von Ohlendorf in Burght ist ein Ausstand ans- gebrochen. Als am Vormittag der Direktor der Fabrik sich dabin begab, wurde er von Arbeitern angehalten; er glmibte sich bedroht, und feuerte fcchö Nevolvcrschüsse ab, wodurch zwei Arbeiter schwer verletzt wurden. Antwerpen, 31. Mai.(W. T. B.) Als während de? Exerzierens der Bürgergarde im Belodrom ein Gardist von seinem Offizier beiin Rauchen ertappt und deswegen zur Rede gestellt wurde, erhob er Einspruch dagegen und wurde von dein Offizier deswegen festgenommen. Alle Gardisten beganiien nuniiiehr zii pfeiseu, drehten ihre Gewehre um, stininiten dann die Marseillaise a»»nd zertrümmerten mit dem Gewehrkolben de» Raum, den der Thür« Hüter des Exerzierhauscs bewohnt. Z»»i Schutz der Offiziere miißte Polizei eingreifen, ein Gardist wurde verhaftet. Die übrigen durch- zogen die- Stadt unter Absingen der Marseillaise. Rom, 31. Mai.(B. H.) Außer 15 000 Bauarbeitern traten heute die Arbeiterinnen der hiesigen Tabakfabrik in den Ausstand. Ein Streik der Heu- und Getreidemähcr steht bevor. d Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu S Beilagen. ?t. 125. 18. mm. 1. Ktililge Dritte lIestrlllVttWMlnng des Celttrüliitebailds der Billitjlüitr. Dresden, 30. Mai 1S01. Die GcncraldiSkilssion darüber, welche VerbaniSleislungen erhöbt Ivcrdcn sollen, wird fortgesetzt. Die Delegierten Kaden bekanntlich den Wochcnbcitrag von 20 ans 65 Pf. erhöht; da 5 Pf. dein Reservefonds zn gute kommen, stehen 10 Pf. zur Verfügung. Die Zahl der Anträge ist sehr groß. T z s ch o r n befiirivortete eine Erhöhung der Arbeitsloscn-Unter- stiltzung von 1 M. auf 1.25 M. Königstett- Magdeburg redete einer Strcikuuterstiitzung von 2 M. tjeht 1.50 M.) das Wort. Reichel bittet, die Krankcnunteritützuug iiberhnnpt nicht zu erhöhen, womöglich lieber zn kurzen. I ö r k- Hamburg ist für Erhöhung der Tagegelder aller vier Ilnterstützungszweige um 25 Pf. Schiller» Köln tritt besonders für Erhöhung der Arbcitsloseinmtcrslützung ein. Linke fragt, Ivarnm ein Streikender mehr Unterstützung erhalte als ein gewöhnlicher Arbeitsloser. Ersterer bekomnie 1,50 M., letzterer 1 M. Gerade den Streikenden müsse der ideale Grund seiner Arbeits- losigkcit veranlassen, mit weit weniger auszukommen. Backhaus- Mannheim tritt für die Arbeitsunfähigen lKranken) Unterstützung ein, denn man müsse die alten und kleinstädtischen Kollegen° in ihren Wünschen berücksichtigen. Diese bildeten den Stamm der Organi- sation. M i e s b a ch- Berlin: Es ist für uns vorteilhafter, die Arbeitslosen zn unterstützen, um zu verhüten, daß sie die Arbeits- Verhältnisse verschlechtern. Es folgen die Abstimmungen. Eine Ermäßigung der Karenzzeit von 26 auf 13 Wochen wird nnt 16 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Ebenso wird beschlossen, die sieben ersten Tage bei Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit nichts zu zahle», wie bisher Nur einer stimmt dagegen. Die Erhöhung der Streikunterstützung wird mit 14 gegen g Stimmen abgelehnt. Ebenfalls abgelehnt wird mit 17 gegen 6 Stimmen die Erhöhung der Krankenunicrstiitzung. Dagegen wurde mit allen Stimmen die Erhöhung der Arbeitsloseii-Untcrstütznng sowohl für den Ort wie für die Reise beschlossen. Gegen den Antrag: den 5 Jahre langen Mitgliedern höhere Unterstiitzungcn zu gewähren, stimmen 17, dafür 5 Bevollmächtigte. Mit allen Stimmen wurde ein Berliner Antrag angenonmien, die Karenzzeit von 26 Wochen auf 20 Wochen herabzusetzen und das Tagegeld für beide Arten der Arbeitslosenunterstützung von 1 Mark auf 1,25 Mark zu erhöhen. An Diäten bewilligten sich die BevoNmächtigten 10 Mark den Tag. Aus der Fülle der übrigen ailgenommenen Anträge seien folgende mitgeteilt; NichlliezngSbercchtlgte und aiisgestcnertc Mitglieder sind für die Zeit ihrer Arbeitslosigkeit auf ihren Antrag von der Zahlung des Beitrags befreit. Dieses muß jedoch alle 4 Wochen vom Verwalter im Mitgliedsbuch bescheinigt werden. Bei Anspruch auf Unterstützung Inn neu noch nicht Bezugsberechtigte 52 Wochenbciträge und Aus- gesteuerte 20 Wochenbeiträge bezahlt haben. . �(iw' kincm Gewerkschaftskampf) in Mitleidenschaft gezogen lUntersitltznng 1.25 M. täglich) zn betrachten sind solche Mitglieder. welche sich mit den Angehörigen einer andren Geivcrkschaft solidarisch erklären oder durch eine Aussperrung arbeitslos werden. Jeder reisende Kollege bat sich, che er in Arbeit tritt, beim VertrauciiSman» nach den örtlichen Arbeitsverhältnissen zu er- kundigen und nicht bei Arbeitgebern in Arbeit zu treten, die nicht zn den ortsüblichen, vom Verbände anerkannten Arbeitsbedingungen arbeiten lasse». Bei Zuwiderhandlung kann der Verlust der Unter- slützung auf 14 Tage oder der Ausschluß erfolgen. Ein Elberfeld-Barmer Antrag auf Einführnug der Bezirks- organisation wird abgelehnt. D» p o n t ist der Ansicht, daß diese Einrichtung für die großen Verbände passen möge, aber nicht für kleine. Wo solle man die geeigneten Leute für die Bezirksleiter- Posten herbekomme»? Für de» Bildhauer-Verband reichten als Ver- Ivaltiingsorgaiic ans: der Centralvorstand und die örtlichen Ver- waltnngSstellen, ferner für die Agitation die unter der Leitung der örtlichen Verwaltungen stehenden Agitationskommissionen, von denen einige Ersprießliches geleistet hätte»'. Internationale Ungleichheiten. Schlancher-Miinchen weist darauf hm, daß die deutschen Bildhauer in Oestreick nur 11 M. erhalten, daß der Verband aber den ausländischen Kollegen 30 M. zahle. Bohle; Die deutsche Organisation ist die beste, daher muß sie mehr leisten. Wir veranlassen mit nnsreu hohen Unterstützungen, daß die Ausländer zn uns kommen, sich organisieren und uns nicht in den Rücken fallen. M i e s b a ch. Berlin erklärt, daß die Holländer hinfort abreisenden deutschen Verbändlern 3 Gulden lzu 1,70 M.) zahlen wollen. Angenommen werde» die beiden Anträge: München: Mitglieder der mit dem C.-V. d'B. D. in GegcnseitigkcitS- vertrag stehenden ausländischen Bildhanervcreine haben, tvcnn sie Deutschland bereisen und sofort dem Verband beitreten, Anspruch auf eine Reise-Unterstützung bis zu 20 Tage»(zn 1,25 M.). Sie müssen jedoch� eine 52 wöchige hintereinaudcrfolgende Mitgliedschaft in ihrem ausländischen Verein nachweisen könilen. Hannover: Diese Unterstützung ist mit der Arbeitslosen-Unter- stützuug, die sie später als Mitglieder des Deutschen Holzarbeiter- Verbands beziehen, bis zu 70 Tagen zusammcnznzähleii. Zum Schluß der Sitzung ueraustaltcten die Delegierten unter sich eine Sammlung z» Gunsten der Cnncwalder streikenden Weber. Wnste EkMÄMlamlW üf§ DeuWil McklsMitcr- VttbM. Nürnberg, den 29. Mai. Im weitere» Verlauf der Sitzung bestreitet'der Verbands- v o r s i tz e n d e S ch l i cke, daß die Anstellung des Hilfsarbeiter« Skalzkh von, Vorstand eigenmächtig erfolgt sei. In rechtlicher Be- zicbiing sei der Vorstand verpflichtet gewesen, Sk. für seine Arbeit zu entschädigen. Ihm Abzüge zu machen, iveil auch die Berliner Ver- waltung ihm Gehalt zahlte, sei nicht Sache des Vorstands, sondern der Berliner Kollegen gewesen. Uebrigcns hätte dann Sk. eine Gegcnrechnnng für Umzugskosten, doppelten Hanshalt in Berlin und Stuttgart usw. aufgestellt. Wiesenthal hätte sich mit seiner Frage an den Vorstand direkt wende» sollen, so lväre ihm Aufklärung geworden. Redner klärt dann den Fall Leipzig betreffend der verweigerten Streiktinterstütznug auf. Im Fall K r a u h- Nürnberg sei Dejung i», Unrecht, wenn er es so darstelle, als sei dem Kr. die Bestätigung als Vorsitzender der Sektion versagt worden, weil er vor Jahren den Streik gebrochen habe. Nicht deshalb, sondern weil sei» Verhalten zu den Kollegen, wie insbesondere die Ansichten, die er in dem BcleidignngSprozeß gegen einen Kollegen über Streikdisciplin zn Tage gefördert habe, zu den größten Bedenken Anlaß gegeben und ein friedliches Zusammen- arbeiten im Verbände als ausgeschlossen hätte erscheine» lassen, deshalb sei die Bestätigung versagt worden. Der Vorstand babe das Reckt und die Pflicht, darauf zu achten, daß nicht persönlicher Tratsch in den Versammlungen ansgetragen werde. Dejung hätte auch anführen sollen, daß von den 37 gegen den Vorstand eiiigelanfenen Beschwerden nur sieben als berechtigt erachtet wurden. Und von den sieben Beschwerdcn hätten süns UnterslützimgLnngckegenheiten betroffen, über die man zweierlei Meinung sei» könne. Dejung habe also keinen Anlaß gehabt, in seinem Referat durchblicken zu lassen, als habe der Vorstand die Rechte der Mitglieder mißachtet. Nachdem Redner noch klargelegt, tvcShalb der vom Ausschuß be- nnstandete, niit Verlust verbundene Verkauf der Wertpapiere erfolgt sei, erklärt er zur Angelegenheit Pawlowitsch, der Verband sei zwar ventral, aber nicht so„neutral", daß er den Bock zum Gärtner mache. Die Regelung der Frage, ob auch für die Zeit des Um- schaucns Neisc-Ünterstützting gewährt werden solle, habe ausdrücklich der letzte Verbandstag dem diesjährigen übertviesen, aber nicht bejaht. Der Vorstand habe also auch in dieser Angelegenheit sich korrekt an das Statut gehalten. Die Berliner Mandatsgeschichte sei eine„große Eselei" der beiden Kollegen gewesen, habe aber eine so hartc�Strafe wie Entlassung wohl nicht verdient. Die Verschmelzung des Verbands der Former mit dem Metallarbciter-Vcrband halte er für zweckmäßig. Man nivge sich zn Einigungsverhandlungen bereit erklären. Dejung- Frankfurt a. M. erörtert noch einmal die ab- weichende Ansicht des Ausschusses. Die Anlage eines so großen Kontokorrents seitens des Verbands halte er nickt für zweckmäßig. Durch zweckmäßige Anlage der Gelder löime der Vorstand ein Ver- möge» dem Verbände verdienen. Ballaske- Bremerhaven tadelt die Anslegimg des Statuts seilens des Vorstands. Tie Stellung des Vorstands zur Maifeier sei auch nicht richtig. V o r h v l z e r- München meint zn den Anschnldigimgen gegen den Vorstand, der kreißende Berg habe mir ein winzig MäuSlein geboren. Die Ausführungen des Vorstands betr. die Maifeier unter- schreibe er zum großen Teil. Die Gcneralkommif.sion vertrete die Jntcrcsscn der Metallarbeiter nicht in dem Maße, wie es notwendig sei, sondern unterstütze hauptsächlich die kleineren Organisationen. De» Schneidern sei Sitz und Stimme in der Kommission ein- geräumt, den Metallarbeitern nicht. Zum Verkauf der Wert- Papiere bemerke er, daß ihm„der kleine Schaden lieber sei als der große." Reichel polemisiert gegen Dejung, der bei feiner münd- lichcn Berichterstattimg nicht objektiv verfahren sei. Der schriftliche Bericht des AnSschnsses, der jetzt vorliege, sei hingegen objektiv gehalten. Bei Beginn der Nachmittngs-Sitzimg erklärt Frey thaler- Berlin, die von Wiesenthal-Berlin entivickelten Anschannngen wurden von den andern Berliner Delegierten nicht geteilt. Er sei beauftragt, diese Erklärung abzugeben. L ü b k e ni n n n- Bremen meint, der Vorstand gehe bei der Zn- billignng von Streikunterstiitzmig gar zn vorsichtig' vor. Wenn cS richtig sei, was der Vorstand in seinem Ciiknlar behaupte, daß die Maifeier eine leere Demonstration sei, so hätten die internationalen Kongresse und die Parteitage von der Sache nichts verstanden. Das sei aber doch nicht aiiznnehmeii. H e h ii c in a n n- Berlin verlangt, der Vorstand möge der Berliner Zahlstelle den Gehalt, den Berlin an Skariü gezahlt habe während der zioei Monate, die er auf dem VerbandSbnremi in Slnttgart beschäftige war, zurückzahlen. Bender- Magdeburg erklärt, es sei ein Irrtum seitens des Vorstands, tvcnn er glaube, die übergroße Mehrheit der Verbands- genösse» sei mit allen seinen Maßnahmen einverstanden. Das vom Vorstand gewünschte Recht, die Hilfskräfte ohne Zustimmung des Ausschusses anstelle» zu dürfe», niöge die Eencralversammlung ver- sagen, da sonst ein VureankratisimiS im Verband Platz greifen werde, der schwer wieder zn entfernen sei. Zum Vorstands- nnd Ausschußbcricht sprechen noch Lauterbnch- München, Spiegel- Diisseldoif. D ü w e l l- Esse», V o l I h a n s- München, Basel- Nürnberg, S t o p s a ck- Berlin, G i e s c n- Köln und Kämpf» Stuttgart, Zum Teil kommen lokale Beschlverden zum Vortrag und äußerten sich die Redner zur Maifeier, wobei viel- fach die Stellung des Vorstandes angegriffen wird. Damit ist die Generaldiskussion über den Vorstands- und Ans- schußbcricht geschlossen, Ans Antrag Kümmele-Nürnberg Ivird die Angelegenheit der Preß- rcvisions-Konnnissio» überwiesen. Es folgt eine Reihe persönlicher Bemerkungen und Richtigstellimgen. Dem A n s s ch u ß wird mit allen gegen ztvei Stimmen Ent- lastnng erteilt, dein H a n p t k n s s i e r e r Werner einstimmig. Zurückgezogen wird ein unklar formulierter Antrag, der namentliche Abstiiniming darüber verlangt, ob die Generalversammlung mit der Geschäftssührimg des Vorstands einverstanden sei. Einstimmig an- gciioimiien wird eine Resolution, die der Neigimg der General- Versammlung Ausdruck gicbt, mit dem Formervcrband in Einigmigs- Verhandlungen einzutreten unter der Voraussctzniig, daß die Selbst- ständigkeit des Metallarbeiter- Verbands erhalten bleibt. Ferner wird der Vorstand beauftragt, mit dem östreichischcn Bruderberbnnde dahin einen Ausgleich anzustreben, daß den in Oestrcich reifenden deutschen Kollegen dieselben Vergünstigmigen gewährt werden betr. des Reisegelds, wie den Oestreichcrn vom deutschen Verbände. Mit großer Majorität tvird ferner ein Antrag Dortmund an- genommen: Die fünfte General Versammlung des Metallarbeiter- Verbands protestiert gegen das eigenmächtige Umstoßen von General- versammlungs-Bcschliissen durch den Hauptvorstand. Ein Antrag der westfälischen Bezirkskonserenz. der die Anskegung des Statuts seitens des Vorstands in der Frage der Reise- Unter« slützung als nicht nbcreiiistimmcnd mit den Beschlüssen der letzten Gencralversanimlimg bezeichnet, Ivird ebenfalls angenommen. Zum Schluß ivird dem Vorstand Entlastung erteilt, in dem Beschluß aber die Erwartung ausgesprochen, daß die in der Diskussion erteilten Rügen de» Vorstand veranlassen werden, sich in Zukunft nach den Beschlüsse» der Generalversammlung zn richten. Gegen den Antrag stimmten drei Delegierte. Auf Antrag Dejung wird dann noch der nengewählten Preßkommission die Vollmacht erteilt, neben der Prüfung der Druckverhältnisse der „Wetallarbeilor-Zeitung" auch noch eine solche in redaktioneller Be- ziehung vorzunchme», damit bei der Debatte über die Fachpresse begründete Vorschläge gemacht werden können und so die Diskussion vereinfacht lind verkürzt werde. Die siinste CemalvechmlW dcs der Töpfer\\ü VerOßenosscil DeuMluM. Magdeburg, den 30. Mai 1901. In der heutigen Sitzung fand zunächst die iveitcre Erörtcrnng über„Mißstände in nnsrem Gewerbe" statt. Eine große Anzahl von Delegierten machten Mitleilinigcn über die specicllc» Verhältnisse ihres Wahlkreises. Mit den von den Berliner Kollegen beantragten Reso- lutionen(betr. Erstattung monatlicher Siinationsbcrichtc. Bekäinpfunq der infolge des Accordsystcnis vielfach überwuchernden„Wühlerei", Ertveitcrnng des Bauarbeiterschntzes) erklärten sich alle Redner ein- verstanden, wciniglcich sich manche von ihrer Annahme nicht viel praktische Erfolge versprechen. Gegen das Accordsystem erklärten sich fast alle Delegierten; nur Kollege Burzlaff-Lübcck meinte, bei der Lohn- arbeit sei die Wühlerei ebenso schlimm wie bei der Kceordarbeit. J» Lübeck habe man vor einer Reihe von Jahren die Lohnarbeit ein- geführt, man habe aber so schleckte Erfahrungen damit gemacht, daß sie wieder abgeschafft werden mußte. Von manchen Rednern wurden die vielfach zn Tage tretenden Auswüchse des Lchrlingsivesens be- klagt. Der Vorsitzende Drnnsel faßte die Anschanuiig der Kollegen darüber dahin znsammcii, daß die Kollegen nicht etwa in reaktionärer Weise sich mit einer Schutzniaucr umgeben wollten; es müsse mir veihindeit werden, daß das Lehrlingswescn überhand nimmt; die Lehrlinge dürften nicht ausgebeutet werden, sie müßteu etwas lernen »nd nicht nur Handlangerdienste verrichten. Einige Delegierte brachten den Rückgang der Kachelvsen infolge des Vordringens andrer Heizsysteme zur Erörterung; man war der Ansicht, daß dieser Rück- gang hanplsächlich darauf beruhe, daß die Kachelöfen viel zn eilig mid unsölidc geletzt werden. Da sei es kein Wunder, wenn der Kachel- ofen in Mißkredit komme. Außerdem führte man den Niedergang des Gewerbs zum Teil darauf zurück, daß die Kachelofen-Fabrikanten nicht genügend Reklame machte». Drnnsel wies darauf hin, daß in dieser' Beziehung die Ziitereffcn von Ofenfabrikanten und Ofensetzern Zoittlllbtlld, 1. Jillii 1901. durchaus solidarisch seien. Seine Ansfiihrungen veranlaßtcn den Kollegen Kanlich-Hanibtirg, eine Resolution zn beantragen, in der dem Centralvorstand aufgetragen tvird, dieser Frage seine besondere Anfmerlsamkeit zn schenken und darüber mit den Unternehmer» in Verbindung zu treten. Diese Nesokntion und ebenso die drei Berliner Resolntioneii wurden einstimmig angenommen. Bevor die Versammlung zum folgenden Punkt der Tagesordnung überging, hörte sie daS Referat des interiiationaleit Sekretärs, Kollegen Bartsch, über die internationalen Beziehnngen zn den ans- wärtigen Kollegen an. Es ist dem Sekretär trotz aller Mühen nicht gelungen, stetige Beziehungen zu den auswärtigen Berufsgenossen herzustellen. Soweit die Ausländer überhaupt von sich hören ließen, tvandteii sie sich meist an den Vorstand, Die Versammlung besetzte infolgedessen den Posten deS Sekretärs nicht wieder, sondern beanf- tragt'e den Cciitralvorstand mit der Pflege der iiiteriiationalcn Be- zichiingen, Genosse Widibz-Wien legte der Bersammlnng im Auftrag der keramischen Union in Ocstrcich' den Entwurf ciiies Gegenseitig- keitsbcrtrags vor, der die Unterstützung derjenigen Kollegen regeln soll, die ans Dentschland nach Oestreich wandern lind umgekehrt. Der Vertrag wurde der Statntenkommission zur Vorberatung übertviesen. Um 12 Uhr trat die Mittagspause ein. Die N a ch m i t t a g s s i tz n n g wurde vollständig in Anspruch genommen durch die'Debatte über Punkt 4 der Tagesordnung „U n t e r st ii tzungswcse n". Der Centralvorstand hat dem Ver- bände in dem Entwurf der neuen Satzung eine erhebliche A»S- dehnnng de? UnterstützniigswesenS vorgeschlagen: Neben den schon bestehenden Neiscnnterstiitzimgcn für arbeitslose Kollegen soll eine Umziigsimterstützmig für gcmaßregclte, verheiratete Mitglieder, eine Sterbcnntcrstiitznng und vor allem eine Krankcnniiterstützniig ein- gerichtet Ivcrden. Die Krankemmterstiitzung soll pro Tag 50 bis 80 Pf, betragen, sie soll 5 bis 8 Wochen danern nnd nach einer einwöchcntlichcn Karenzzeit beginnen. Zur Deckung der Mehr- ausgaben sehen die neneil Statuten eine entsprechende Erhöhung der Beiträge vor. Der Vorsitzende des EentralvorstandS, Drunse!, be- fiirwortete diese Vorschläge. Von der vielfach gctvünschten Arbeits- losen-Versichernng, die er an sich für notwendig halte, müsse man zur Zeit absehen. Die Konjnnklnr sei gegenwärtig 311 ungünstig; außerdem fehle noch jede statistische Grundlage, ohne die die Arbeits- loscn-Untcrsiiitznng ein gefährlickeS Experiment sein würde. I» der Debatte war man sich darüber einig, daß daS Unter- stützinigswesen möglichst ausgebaut werden müsse,»m die Kollegen möglichst eng an den Verband zn fesseln. Die Anschauung, daß die Verbände durch das UnterstiitzimgSwesen versimpelten, hielt man allgemein für veraltet. Den Hanplstreitpunkt bildete die Arbeits- losen-Unterstiitznng, deren Fehlen namentlich die Berliner Kollegen lebhaft beklagten. Mehr nnd mehr trat ein gewisser Gegensatz zwischen Ofensetzern und Werkstnbcnarbeitern zn Tage. Die Ofen- fetzer, namentlich die Kollegen Hugo und Hermann John nnd Pehl, warfen den Werkstubenarbeitern vor, sie wären deshalb gegen die Arbeitslosen-Unterstützmig, weil sie selbst selten ganz arbeitslos wären. Hugo John erklärte, ohiie die ArbcitSlosen-Uiiterstütznng würden die Berliner auch die Unizugs-Unterstiitznng ablehnen. Die Werkstube»- arbciter, besonders die Kollegen Schniidt-Vclten, Hille und Ebers, erwiderten, sie seien grundsätzlich für Arbeitsloscil-Vcrsichcrung; das Vorgehen der Berliner, die einen Kuhhandel schließen wollten, 'ei zn verwerfen. Der Vorschlag der KrankenmiterstÜtznng fand nur geteilten Beifall, Dagegen wurde angeführt, daß die meiftcil Kollegen bereits zwei Krankenkassen angehörten, sotvie daß die Araiikennnterstütznng als Arbeitslosen- Unterstiitzmig mißbraucht werden würde. Schließlich schlug Hermann John vor. nur die Reise- nnd Sterbe- Unterstützimg anzunehmen. Diesen Vorschlag empfahl auch der Vertreter der Generalkommisfion, Maurer Päplow, der int übrigen die möglichst baldige Schaffung einer Arbeitslosen- Unter- stützung für dringend erivlinscht erklärte. Die Abstimmung über alle eingelaufenen Anträge wird zu Beginn der morgigen Sitzung stattfinden.'_ Der MgMllg kr KirsLj-DNlkttslsjtlt Ctlvtrkvtrme Köln, den 30. Mai. Die Beratung über die Nentrnlitätsfrage und Abschaffung des Reverses wurde fortgesetzt. Die von dem Gegenrcferenten Trabert- Leipzig eingebrachte Resolution lautet:„In Erwägung, daß durch' die bestehenden Verhältnisse alle Arbciter, gleichviel welcher politi- che» oder religiöse» Richtung sie angehören, gleichviel tvic sie organisiert sind, gleich schwer bedrückt werden, erklärt der 14. Verbandstag der deutschen Gewerkvereine es für seine heilige Verpflichtung, Tu seinen Teil mit dazu beizutragen, daß eine Annäherung aller be- stehenden Arbeiterorganisationen, um thatkräftig für Verbesserungen der Lage des arbeitenden' Volks eintreten zu können, bcrbeigcführt Zvird. In 'ernerer Erwägung fordert dieselbe Körperschaft alle diejenigen Verbands- vereine, welche den Revers noch obligatorisch haben, anf, denselben '0 bald wie möglich abzuschaffen, da der 14, Verbandstag der deutschen Gcwcrkvereine der feste» Ueberzeugung ist, daß der Revers für UNS ein Hindernis der Ausbreitung und Stnrknng unsrer Organi- iation ist." Die Delegierten Trabert nnd P i 0 ch- Berlin bemängeln, daß die Resolution Hirsch zu langatmig und zu gelehrt sei. DaS 'ei überhaupt der Fehler aller Kundgebungen von seilen des Ver- bands. Der letzte Redner führt ans: Er sei schon seit dem Jahre 1870 Gelrerkucreinsmitglied, Damals sei Dr. Hirsch mit einem Feuer für die Sache der Arbeiter eingetreten, daS III a II heute a II ihm vermisse. Bei Erteilung des SchlußlvortS an die beiden Referenten ent- pinnt sich eine ÄuZeinandersetziing; jeder von beiden möchte zuletzt reden. Als Trabert hört, daß auch für die Schknßrcdner nur 10 Minuten Redezeit ist, verzichtet er aufs Wort. Dr. Hirsch bemerkt: Auf den Vorwurf PiochS: daß er nicht mehr wie früher für die Arbeitersachc eintrete, verliere er kein Wort; er glaube, daß Pioch nickt gewußt habe, ivaS er sagte und welche Tragweite seine Worte hätten.— Ms die Redezeit Dr. HirschS abgelaufen ist, fragt der Vorsitzende, ob die Versammlung diesem zur Beendigung seiner AuSfiihrnngen die Zeit um fünf Minuten verlängern wolle. Als dagegen mehrere Delegierte Einspruch erheben, erklärt Dr. Hirsch: Die heutigen Vorgänge werde er als einen Teil der Martern betrachten, die ihm schon im Leben tviderfahren seien. Er bedaure lebhaft, daß man ihm, den stets nur die Liebe zu den Arbeiter» be- stimmt habe, crschlvere, in einer so wichtigen Sache noch einige Minuten zn reden. Er verzichte auch auf diese Minuten. Pioch erklärt: Er habe den Vcrbandsanwalt durchaus nicht beleidigen wollen; aber er verbitte sich, daß dieser ihm sage, daß er nicht wisse, Ivos er rede. In der min folgenden namentlichen Abstimmimg wird die Re- Tkution Hirsch mit 27 gegen 20 Stimmen angenommen. Dieses Er- gebnis rief große Ueberraschung hervor, da'die meisten der zahl- reichen Redner gegen den Revers gesprochen hatten. Es ist in der That sonderbar, daß die Freunde des Reverses sich so lvenig an der Debatte beteiligten. Es schien, daß sie ihrer Sache sicher lvaren. Die Annahme des Antrags Trabert hätte übrigens nur moralischen Wert gehabt, da die einzelnen Gciverkvcrcine(der Verband besteht ans 17 Gewerkvereinen) selbständig über die Führung des Reverses entscheiden. Auf dem vorigen Verbandstag, 1898 in Magdeburg, fielen mir drei Stimmen für die Beseitigung des Reverses, 1895 nur eine Stimme. Es folgt der Gegenstand: Die K r a n k e n v e r si ch e r u n g 8- Novelle nnd die f r e i e n H i l f s k a ff e n. Einstimmig wird eine Resolntion angenommen, die sich gegen die den freien Hilfs- lassen durch die Novelle drohende Beschränkung bezw. Beseitigung ausspricht. Dem dann erstatteten Kassenbericht ist zu entnehmen, daß die M it g li e d e rz a h I der Gcwcrkvereine von 82755 in 1898 auf ß6 777 in 1899 imb 91 661 in 1900 ficfticftcn ist. Dcr Tewer7verein der Bciiihnndwerker King von 19SS oiif 1698 zurück. Ferner gingen zurück die graphischen Berufe, die Konditoren, die Töpfer und die Kellner. Die Maschinenbauer und Metallarbeiter zählen SS 700, Fabrik- und Handarbeiter 18 ISO. Tischler 6700, Schuhmacher und Lederarbeiter 6430, Kauflcute S2S0. Klempner und' Metallarbeiter --800 usw. nach unten. Die EaiwhlUlg Des Rittmeislerö v. Krosigk vor lim Kriegsgericht. (Telcgraphischer Bericht.) (Dritter Tag der Verhandlung.) G u m b i n n e n, 31. Mai. Dem Vernehmen nach ist in der nichtöffentlichen Sitzung vom gestrigen Nachmittag die Witwe des Ermordeten, Frau Rittmeister von Krosigk sehr eingehend vernommen worden. Der Vater des Angeklagten, Dragoner-Wachtmeistcr Marten, hat in derselben Sitzung die Abgabe seines Zeugnisses verweigert. Heute bekundet zunächst Gefreiter S t u ni m brich als Zeuge: Als ick M a r t e u sagte;„der Rittmeister ist erschossen worden," faßte mich Marten am Arn« und sagte lachend:„Sie sind Ivohl ver- rückt!" Eine besondere Erregung' habe ich damals an Marten nicht wahrgenommen, aber als die Schwadron die Leiche besichtigle, war Marten sehr erregt.— Zeuge Unteroffizier G r i g a t, der mich verdächtig war, sagt aus: Ich war bis nack Schluß in der Handwerkerslube.— Zeuge Dragoner Weber: Ich bin am 21. Januar nachmittags gegen 4Vs Uhr dem Unteroffizier Marten auf dem Korridor begegnet. Da es finster war, so konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Ich habe ihn aber an seiner Stimme erkannt. Marten hat mich durchs Fenster gefragt, ob meine Abteilung schon reite. Ich sagte:„Zu Befehl, Herr Unteroffizier."— Präsident Kriegsgerichtsrat Schulz: Nun, Marten, was sagen Sie dazu? Es ist doch sehr auffällig, daß Sie kurz vor dem Schuß in der Nähe der Stelle waren, wo der Karabiner gefunden wurde.— Angeklagter Marten: Der Zeuge»mß sich irren. Das bin ich nicht gewesen. Ich würde es sonst sagen.— Präs.: Weber. überlegen Sie genau, ob vielleicht ein Irrtum möglich ist?— Zeuge Weber: Nein.— Der Zeuge Dragoner Bartulein bestätigt die Aussage des Vorzeuge».— Präs.: Marten, das ist der zweite Zeuge, der Sie bestimmt erkannt hat.— Angeklagter Marten: Ich kann nur wiederholt versichern, daß das ein Irrtum sein muß.— Präs.: Weber, können Sie vor Gott und Ihrem Gctvisscn beschwören, daß ein Irrtum nicht möglich ist. Bedenken Sie, daß Ihr Zeugnis sehr schwer ins Gewicht fällt? Zeuge Weber: Jeder Irrtum ist ausgeschlossen. Ich kann es vor Gott und n, einem Gewissen beschwören.— Angeklagter Marten: Ich kanun auch vor Gott und meinem Gewissen beschwören, daß ich es nicht gewesen bin.— Präsident: Bartulein, können Sie auch vor Gott und Ihrem Gewissen beschwören, daß das kein Irr- tum war?— Zeuge Bartulein: Jawohl.— Die beiden Zeugen werden hieraus vereidigt. Die folgenden Zeugen, Dragoner G e r m a n n und K r e m e r. sagen übereinstimmend aus: Als der Rittmeister erschossen wurde, sei Unteroffizier Grigat in der Handiverlcrstube gewesen.— Weitere Zeugen bekunden: Unteroffizier D o m n i n g habe die Nach- richt von der Ermordung des Rittmeisters in den Rekrutcnstall gebracht. Marten sei bald darauf erregt in den Stall gekommen. Als er gefragt wurde, ob er schon wisse,»mS vorgefallen sei, ver- »einte er. Als ihm das Gescheheue darauf mitgeteilt wurde, bemerkte er:„Das kann nicht wahr sein. Das ist unmöglich." Der Präsident Kriegsgerichtsrat Schulz befiehlt alsdann sämtliche» Unteroffizieren der vierten Schivadron einzutreten, um festzustellen, daß alle mit Ausnahme des Angeklagten H icke l und des Unteroffiziers Eisenberg blonde Schnurrbärte haben. Letztere haben schtvarze Schnurrbärte. Hierauf wird befohlen, daß sich alle Unteroffiziere so aufstellen,>vie Oberlieutcnant v. Hoffmann das am Nachmittag des 21. Januar nach dem Morde angeordnet hatte. Die Ticiislfreie» stellen sich gesondert auf. Der Präsident fragt hierauf, ob Gelvicht auf die Erörterung des Verhältnisses des RittnieislerS v. Krosigk zu den Angeklagten Marten und Hickel gelegt würde. Verteidiger Rechtsnuwalt B u r ch a r d: Ich lege Gewicht darauf festzustellen, daß außer dem 19. Januar, wo Rittmeister v. Krosigk Marten getadelt hat, das Verhältnis ein gutes war. Der Gerichtshof beschließt, während der Erörterung dieses Falls die Lesscntlichkcit auszuschließen. Während der nichtöffentlichen Sitzung fand nochmals eine Be- sichtiggiig der Stätte statt. Der Gerichtshof beschließt ferner: den Dragoner Skobcck, der verdächtig ist, vorläufig nicht zu vereidigen. Der Zeuge Sergeant K r i e g bekundet: Am 22. Januar habe S k o b e ck erzählt, er habe zwei Leute vor dem Guckloch stehen sehen. Damals war S k o b e ck noch nicht verdächtig. Präsident Kriegsgerichtsrat Schulz: S k o b e ck, Sie wurden am 22. Januar von deni Kriegsgerichtsrat L ü dicke vernommen. Weshalb haben Sie das nicht angegeben?— Zeuge S k o b e ck: Ich wurde danach nicht gefragt. Ich wurde nur gefragt: Ivo ich zur Zeit gewesen sei.— Präsident; Sic wurden gesondert ver- »ommen?— Zeuge S k o b e ck: Nein, die ganze Schwadron wurde zusammen vernommen.— Der Verteidiger Rechtsanivalt Horn bc- antragt, den Oberlieutenant v. H o s f m a n n darüber zu vernehmen, daß, obwohl er an demselben Abend mit erhobener Stimme aufforderte. alle Wahrnehmungen so- fort anzugebe», Sisbeck sich nicht gemeldet habe.— Zeuge Oberlieutcnant v. H o f f in a n u: Ich kaim mich nicht mehr erinnern.— Zeuge Viceivachtmeisier Schulz: Der Herr Oberlieutenant hat an demselben Abend gesagt:„Jeder muß bemüht sein, zur Entdeckung des Mörders beizuiragen." Am folgenden Tage hat der Herr Oberlieutenant wieder die Schivadron aufgefordert, jede Wahrnehmung, auch die unscheinbarste, anzugeben, die die Entdeckung des Mörders fördern könnte.— Mehrere Dragoner bekunden: Skobcck habe am 22. Januar vor- mittags erzählt: Er habe einen Mann, anscheinend eine» Unteroffizier, vor dem Guckloch stehe» sehe».— Verteidiger Rechtsanwalt Horn beantragt hierauf: den Kriegsgerichtsrat Lü dicke und den Militärgerichtsschreiber Hoffmann darüber zu vernehmen: ob Skobe'cks Wahrnehmungen erst zu Protokoll gegeben wurden, als er bereits verdächtig war. Ferner beantragt der Verteidiger: den Rittmeister E v e r S darüber zu vernebmen, daß Skob'eck schon am Mordabend, den 21. Januar, verdächtig war.— Der Staatsanwalt Kriegsgerichtsrat L ü d i ck e beantragt sodann: den Regiments-Kommandeur Oberstlicutenant v. Winter- f e l d und Oberiieuteuant v. Hoff in a n» darüber zu vernehmen. daß noch andre Personen, wie der Unteroffizier Grigat, verdächtig waren. Der Gerichtshof beschließt, den Anträgen des Staatsanwalts stattzugeben, die Vernehmung des Kricgsgerichtsrats L ü d i ck e und des Gerichtsschreibers H o f f m a n n dagegen abzulehnen, da bereits erwiesen sei, daß S k o b e ck seine Wahrnehmungen erzählt habe, ehe er vernommen worden fei. Deshalb habe der Gerichtshof auch kein Bedenken, S k o b c ck zu vereidigen. Verteidiger Rcchtsamvalt Horn: Ich protestiere gegen die Vereidigung S I o b e ck s.— Präs.: Der Gerichtshof lvird später darüber Beschluß fassen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung bekundet zunächst Rittmeister E v e r s: Ich habe gleich am Abende des Mordtags dem Kriegs- gerichtsrat Lüdicke Skobeck und G r i e g a t als verdächtig bezeichnet. S k o b e ck kam mir sehr verdächtig vor, iveil er sehr blaß aussah.— Unteroffizier G r i e g a t erklärt: Es war mir bekannt, daß ich verdächtig ivar, da ich vernommen wurde. � Zeuge Oberstlieutenant von W i u t e r f e l d: Ich habe gleich an demselben Abend alle Leute gefragt, wo sie gewesen seien. Skobeck kam mir verdächtig vor, da er konfuse Aiitworteii gab. Ich habe die Leute aufgefordert, alle Wahrnehmungen, die sie ge- macht, sofort anzugeben. Ob Skobeck sich gemeldet hat, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Am folgenden Tage wurden Fußspuren festgestellt, die von der Reitbahn zur Gallistirbahn führten. — Zeuge Rittmeister v. T r e s ck o w: Ich habe am Mordabend die vierte Schivadron zur Leiche geführt. Die Offiziere hatte ich beauftragt, darauf zu achten, ob sich einer von den Leuten durch den Gesichtsausdruck verdächtig mache. Beim Anblick der Leiche wurden Skobeck, Griegat und andre auffallend blaß. Als der Oberstlieutenant Skobeck fragte: wo er in der kritischen Zeit gewesen sei. gab dieser wirre Antlvorten. Oberstlieutenant von Winterfeld teilte dies dem Kriegsgerichts- rat Lüdicke mit. Skobeck wurde deshalb am folgenden Tage vernommen. Fußspuren ließen sich an demselben Abend nicht fest- stellen. Der Oberstlieutenant forderte auf, alle Wahrnehmungen anzugeben, es ist aber niemand hervorgetreten— Zeuge Lieutenant L'orenz: Beim Anblick der Leiche wurden niehrcre Leute blaß. Einige wurden deshalb hervorgerufen.— Zeuge Wachtmeister R u p p e r s ch: Der Herr Oberstlicutenant hat am Mordäbend angesichts der Leiche aufgefordert, iver irgend etivas Verdächtiges wisse, solle sofort hervortreten, es hat sich aber keiner gemeldet.— Zwei Unteroffiziere bekunden dasselbe. Präsident: Skobeck, Sie wurden am Mordabend mit der vierten Schwadron zur Leiche geführt nach der Reitbahn. Der Oberstlientenant hatte aufgefordert: jeder, der etwas Verdächtiges ivahrgcnommen habe, solle vortreten. Weshalb haben Sie sich da nicht gemeldet?— Skobeck: Ich erinnere mich nickt mehr. — Präsident: Das ist doch ein so wichtiger Vorgang, daß er Ihrem Gedächtnis nicht entschwunden sein kann?— Skobeck: Ich weiß es wirklich nicht.— Präs.: Und trotzdem halten Sie Ihre Aussage aufrecht, daß Sie, ivie Sie am folgenden Morgen in der Stnbenkammer erzählten, zwei Leute mit Schirmmützen am Guck- loch gesehen haben?— Zeuge Skobcck: Das weiß ich ganz ge- »au.— Prä f.; Und Sie haben keinen Erkläruugsgrnnd dafür, ivcs- halb Sie sich nicht auf die Aufforderung des Öberstlicutennnts ge- meldet haben?— Zeuge Skobeck: Das weiß ich nicht mehr. Verteidiger Rechtsanwalt Horn: Ich stelle anheim, dem Zeugen Skobeck noch einmal ins Gewissen zu reden, ob er nicht doch die Wahrheit bekennen lvolle. Er hat sich durch sein Verhalten doch stark verdächtig gemacht. Am Mord- abend fordert der Oberstlicutenant angesichts der Leiche vor versammelter Schwadron auf, jeder, der etwas Verdächtiges wahrgenommen, solle hervortreten. Skobeck hat sich nicht gemeldet. Am folgenden Morgen hat er dann jedoch seinen Stubeukollegen erzählt: er habe zwei Leute mit Schirmmützen an dem Guckloch gesehen. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, ob sich Skobeck nicht des Nachts ausgedacht hat, was er machen solle, um den Verdacht von sich abzulenken. Ich beantrage daher, Skobeck nicht zu vereidigen. Auf Skobeck« Angaben ist die ganze Anklage anfgebaut. Wenn erstere nicht revidiert werden, dann stürzt das ganze Auklagegebäude zusammen. Es ist dann nicht bewiesen, daß der Unterosfizier der Mörder ist. Skobeck hat zweifellos bei Abgabe des Schusses vor der Reitbahn den Mörder gesehen. Wenn er dies nicht sofort trotz Aufforderung gemeldet hat, dann ist er schwer verdächtig. Ich beantrage also, ihn nicht zu vereidigen. Staatsanwalt: Ich widerspreche dem Antrage. Skobcck macht einen vollständig glaubwürdigen Eindruck. Seine Angaben haben sich alle bewahrheitet. Wenn er den Verdacht von sich ab- wälzen ivollte, wäre es besser für ihn gewesen, wenn er gesagt hätte: Ich habe einen Mann gesehen.— Nach kurzer Beratung des Gerichtshofs fragt der Präsident den Zeugen Skobcck: Haben Sie gleich gewußt, daß der Rittmeister erschossen worden ivar?— Zeuge Skobcck: Das habe ich erst in der Reitbahn erfahren.— Präsident: Wußten Sie, lvoher der Schuß gekommen war?— Skobcck: Nein.— Präsident: Ist das nicht mitgeteilt worden?— Skobeck: Nein.— Vicewachtmeiftcr Schulz und mehrere Unteroffiziere bekunden: es sei nicht mitgeteilt worden, lvoher der Schuß gekommen sei, d. h. aus welcher Richtung. Hierauf erklärt der Präsident: Der Gerichtshof hat beschlossen, den Zeuge» Skobeck vorläufig nicht zu verteidigen.(Zu Skobeck): Es soll Ihnen nock Zeit gegeben werden, sich die Bedeutung Ihrer Aussage klar zu machen und zu überlegen, ob Sic sich dnS nicht bloß einreden oder sich nur reinwaschen wollen. Stach längerer Verhandlung wird die Sitzung anf Sonnabend- vormittag vertagt._ Uokstles. Die gute Polizei. Daß die preußische Polizei nicht allemal ungastlich gegen die Ausländer ist und einen solchen sogar duldet, wenn sie von seiner socialistischcn Agitation weiß, beweist folgender Vorfall: Vor einiger Zeit lvandte sich ein Student am Polytechnikum in C h a r- lottenburg an das Londoner Komitee der polnischen so- c i a l i st i f ch e n Partei, deren Organ„Przdcswit" heißt. Er teilte dem Komitee mit, daß jer schon öfter Schriften bezogen hätte. Nun hätte er erfahren, daß sich innerhalb der polnischen Partei eine terroristische Richtung bilde, und da erfahrungsgemäß diese terroristischen Richtungen von Polizeispitzeln durchsetzt seien, möchte er um die Adresse» der Terroristen bitten, um seine Freunde vor dem Umgang mit der bedenklichen Menschen- klaffe zu warnen. Der Briefschreiber war ein Herr Ernst Kallmann und wohnte Berlin Sivinemünderstr. 81. Das Londoner Komitee berichtete an einen Berliner Vertrauensmann der polnischen Partei, um diesen gutmütigen Warner einmal keimen zu lernen. Der Ver- trauensmann wandte sich an einen bekannten Berliner Partei- genossen, welcher nunmehr folgendes feststellte: Erstens war der Brief in einem Französisch geschrieben, welches unmöglich von einem Studenten herrühren konnte, dann wohnte der„Genosse" Kallmann bei dem Kriminalschutzmann Corth, ivar seit mindestens zwei Jahren bestimmt nicht am Polytechnikum immatrikuliert und ferner seit zwei Jahren in Charlottenburg und Berlin polizeilich nicht gemeldet. Unserm Berliner Parteigenossen lachte natürlich das Herz im Leibe, er war von der Toleranz unsrer Polizei so entzückt, daß er sich sagte: Das mußt Du weiter untersuchen, um der bekannten üblen Meinung des„V o r w ä r t s" einmal mit wuchtigem Material entgegenzutreten. Ein Beamter der Polizei keimt den Kallmann, iveiß alles, ja er darf, wie der Kriminalschutzmann selbst einem unsrer Genossen, der ihn nach Kallmann fragte, offenbart hat, seine Korrespondenzen lesen, u n d K a l l m a n n w i r d d o ch n i ch t a u s g e w i e s e n. Da thut der „Vorwärts" der Polizei himmelschreiendes Unrecht.„Genosse" Kall- mann wurde jetzt zu einer Sitzung eingeladen. Zwei unsrer bekannten Berliner Genossen postierten sich nun so. daß sie das Restaurant, in welchem der Treffpunkt war, genau in Augenschein nehmen konnten. Lange vor der anberaumten Zeit stand in dem Thorweg des NebenhauseS der Kriminalschutzmann Corth und beobachtete nicht nur ebenfalls genau, iver hinein ging, sondern nahm auch die Thorwege der umliegenden Häuser in seine Obhut. Unsre Genossen kalkulierten: Corth ist der Freund von Kallmann und paßt auf, damit kein Unberufener— vielleicht gar die Polizei— zu der Sitzung kommt. Ob solcher Seelengüte sind ihnen vor Rühriilig ordentlich die Thränen in die Augen gekommen. Zur angegebenen Zeit erschienen denn auch zwei bekannte Kriminalbeamte, stellten sich dem Wirt als Gastwirte vor und beobachteten unsren Ab- gesandten. Wahrscheinlich Ivollten auch sie vor den Polizei- spitzeln warnen. Als aber bedauerlicherweise kein Pole kam, gingen sie wieder weg. Kurz vor dem Gartenplatz stieß Corth auf sie. Alle drei beratschlagten und dann ging Corth niit einem von ihnen in das Lokal. Dieser Gute sagte zu dem Wirt, daß er wieder so einen.....(der Ausdruck ist strafbar) ge- fnnden habe und noch ein Glas Bier trinken möchte. Leider war auch jetzt noch kein Pole da. so daß die lieben Leute ihre Warnung immer noch nicht anbringen konnten; aber im Interesse ihrer„Ueberzeugung" hielten sie an» bis s/4lO Uhr. Erst als unsre zwei Parteigenossen laut lachend vorbeikamen, ent« fernten sie sich, bei welcher Gelegenheit der Beamte Corth noch einmal sicher festgestellt wurde. Unser Abgesandter hatte inzwischen in der Kneipe nach der Bergstraße gefragt; flugs war der dritte dahin ge- gangen, unsre beiden Genossen auch, und hier kam es noch einmal zu einem fröhlichen Wiederschen. Man resümiere: Kallmann ist russischer Unterthan, wohnt, wie auch ein Thürschild ausweist, bei einem Kriminalschutzmann, der von seiner socialistischen Agitation weiß. Er ist ferner polizeilich nicht gemeldet und wird nicht ausgewiesen— da schimpfe noch einmal einer auf die Ungastlichkeit unsrer Polizei!! Zum Apothekcn-Vohkott. Die„Medizinische Reform" druckt folgenden Vermittclungsvorschlag ab: „Ter unterzeichnete Vorstand hält es im allgemeinen Interesse für dringend notwendig, daß der Streit zwischen den vereinigten Apothckenbesitzeru und Apothekenverwaltcrn Berlins und Umgegend und den Krankenkassen, die sich dem Vorgehen der„Central- kommissio» der Krankenkassen Berlins und der Vororte" an- geschlossen haben. möglichst rasch beigelegt wird. Des- halb erbietet er sich zur Vermittelung zwischen beiden Parteien: er schlägt die Einleitung von Einiglings- Verhandlungen unter seiner Mitwirkung vor, bei denen die beiden streitenden Parteien durch je sechs Delegierte, der vermittelnde Ver- ein durch drei Delegierte vertrete» sei» sollen. Der unterzeichnete Vorstand wird die Herren Drr. Mngdan, Hoth und D. Munter dele- giere». Ein gleichlautendes Schreiben ist an die„Centralkommisfion der Krankenkassen Berlins und der Vororte" abgegangen. Indem der unterzeichnete Vorstand um Bescheid bis zum 10. Juni bittet, zeichnet er mit vorzüglichster Hochachtung Der Vorstand des Vereins zur Einführung freier Arztwahl. I. A.: Dr. Mugdan, Vorsitzender, Kurfürstenstr. 139." Tie große patriotische Feier ist gestern Vormittag Programm« mätzig vor sich gegangen. Nach Beendigung der Parade fuhr die Königin der Niederlande mit der Kaiserin durch die Königg'rätzerstraßc zum Brandenburger Thor, wo Oberbürgermeister K i r ich ne r mit etlichen Magistratsmitgliedcrn und Stadtverordneten zum Willkomm bereit stand. Die Zahl der weißgekleideten Ehren- jungfrauen betrug achtundzwanzig. Herr Kirschner redete die Königin„Allerdurchlauchtigste, großmächtigste Königin und Frau" an und sprach dann von den Beziehungen Deutschlands zu den Nieder- landen einiges, sowie von der verwandtschaftlichen Bande zwischen Hohenzollern und Oraniern. Die Rede schloß stimmungsvoll mir folgender stilistisch schönen Versicherung:„Tief und allgemein empfunden ist daher am heutigen Tage die Freude, niit welcher die Bürgerschaft unsrer Stadt in Eurer königlichen Majestät die von ihrem Volk heißgeliebte junge Königin der Niederlande und zugleich die Anverwandten unsres eigenen Fürstenhauses in ihren Mauern will- komme» heißt. Sonnig und heiter wie dieser schöne sonnendurch- leuchtete Frühlingsmorgcn seien die Stunden, welche Eure königliche Majestät an der Seite des erlauchten Geniahls in Gemeinschaft mit dem erhabenen deutschen Kaiserpaare in unsrer Stadt verweilen werden." Die Königin antwortete in natürlicher Redeweise:„Ich danke 'ür diesen schönen Empfang, den Sie mir bereitet haben, und will hoffen, daß die Erinnerung an unsren Besuch in Berlin für alle Zeiten eine Frühlingserinnerung bleibe." Auf dem Paradefelde hatte sich am frühen Morgen ein ch l i m m e r Unfall ereignet. Der Kommandeur des l. Bataillons der Alexandriner, Major v. Burg, reichte, als das Regiment um 7 Uhr beim Steuerhanse angelangt war. einem zu Fuß vorüber- gehenden Offizier die Hand vom Pferde herab, lind während sich beide die Hände schüttelten, wurde das Pferd so leb- hast, daß sein Reiter sich nicht zu halten vermochte und in den dort steinharten Sand geschleudert wurde, wo er besinnungslos liegen blieb. Mehrere Offiziere und Trommler richteten ihn auf, und Major v. Burg schien auch in kurzem soweit hergestellt, daß er, nachdem sein Bataillon inzwischen bis zur be- kannten einsamen Pappel marschiert war und dort Aufstellung ge- uommen hatte, wieder sein Pferd besteigen konnte und bald darauf in seiner Position eintraf. Hier ließ er sich von einem Feldwebel einen Schluck Kaffee aus dessen Feldflasche reichen. Bald aber stellten sich Anzeichen einer schweren Gehirn erschütte run g ein. Als ihn nämlich der kürzlich zum General be- 'orderte frühere Regiments- Kommandeur des Alexander- Regiments, v. Scheffer, begrüßte und zum Avancement gratulierte, führte v. Burg ganz wirre Reden, fragte ihn, was die vielen Sol- daten hier wollten, wie sein Oberst heiße und dergleichen mehr. General v. Schcffer machte sofort dem Oberst und jetzigen Koni- maudenr des Älexanderregiments, v. Schenk, von dem Vorfall Mit- teilung. Dieser verfügte dann die sofortige Entfernung des Schwer- kranken vom Paradefeld und sorgte dafür, daß ihm unverzüglich ärztliche Hilfe zu teil wurde. Vom Straßenbahn- Kriegsschauplatz. Die Zahl der Opfer der„Großen Berliner" im Monat M a i ist in ihrer Gesamtheit die gleiche geblieben wie im April, nämlich 21. Doch hat das Ver- hältnis von Totgefahrenen und Schwerverletzten eine wesentliche Verschiebung erfahren, indem die Zahl der Toten von 7 auf 2 ge- sunken, die der Schwerverwundeten jedoch von 14 im April auf 19 ün Mai gestiegen ist. Die brennenden Straßen- bahnwagen" sind etivas seltener geworden, dagegen gehören Zu- sammenstöße noch immer zu de» täglichen Erscheinungen. Auch die Fälle von Zerreißen der Oberleitung und Herabfallen der Drähte mehren sich, glücklicherweise ohne bis jetzt größeren Schaden an- gerichtet zu haben. Während anerkannt werden muß, daß die „Große Berliner" endlich durch Anbringen von Schutzvorrichtungen. Einstellung von Fahrmeister» usiv. den Anfang macht, auch ihrerseits Vorkehrungen zur Verniiuderung der Straßenbahnunfälle zu treffen, verdient ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber den Entschädigungs- ansprüchc» ihrer Opfer, das in jüngster Zeit wiederholt zu Tage getrete» ist. die schärfste Verurteilung. Die Enthüllung des ViSniarckdcnkmals. die morgen erfolgen sollte, ist aus Anlaß der Nachricht von dem Tode des Grafen Wilhelm Bismarck auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Hoffentlich nimnit man im Interesse des Gemeinwohls später von der Verwendung der Schulkinder bei der Enthülluugsfeier Abstand. Tic LandcSvcrsichcrungö-Anstalt Berlin beabsichtigt, ein neues wichtiges Unternehmen ins Leben zu rufen. Sie plant im Centrum des indiistriellen Teils der Rcichshauptstadt die Errichtung eines A r b e i t s n a ch w e i s- A m t s, in welchem die Arbeits- vermittelung centralistert werden soll. Zu diesem Zweck soll ein eigenes großes Gebäude errichtet werden; der Bauplatz für dasselbe ist bereits angekauft. Das betreffende Baugrundstück liegt in der Gegend der Gormamistraße. Durch das Platze» eines Dampfrohrs sind gestern. Freitag- nachmittag um 2 Uhr in der Fabrik für Dampfanlagen und Hebe- Iverkzenge von Karl Flohr in der Chausseestratze 28 b fünf Personen schwer verbrüht worden. Der Kessel liefert die Treibkraft für die ganze Fabrik. Eines der Rohre, die zu ihm führen, platzte, ohne daß man vorher irgend welche Schadhaftigkeit an ihm ivahrgenomnien hätte. ES war auch daher noch nicht ausgebessert gewesen. Ans der Bruchstelle strömten nicht nur heiße Dämpfe aus. sondern auch kochendes Wasser spritzte weit umher. Beide trafen fünf Mann, die in der Nähe beschäftigt waren. Am schwersten wurde der 38 Jahre alte Maurer Wilhelm Karbe aus der Prinzen-Allee 11 verletzt. Er erlitt schwere Verbrühmigeu am Gesicht, an de» Händen. dem Rücken, der Brust und den Beinen. Der 40 Jahre alte Werk- meister Emil Lose aus der Chausseestr. 30 wurde am Gesicht und an den Händen verbrüht, der 29 Jahre alte Volontär Hans Be necke aus der Solmsstr. 2 und der 30jährige Arbeiter August Etznack aus der Ackerstr. 133 am Kopf und a» den Händen, der 48 Jahre alte Maschinist Hermann Zimmer- mann au5 JRcimtlciiborf an-schließlich an d?n Händen. Die Ver- letzten ivurden auf der Unfallstation 9 in der Eichendorfstrabe ver- bniiden. Korbe mufzte von dort in ein KranlenhauS gebracht werden, die andern konnten in die Fabrik zurück und von dort nach ihrer Wohnung gehen. Der Schaden an der Kesselanlage wurde so- fort wieder ausgebessert. Ein Fahrradschwindlcr ist in der Person des ehemaligen Studenten der technischen Hochschule Karl Trott auS Rogasen fest- genommen worden. Trott ist der Sohn eines Rechtsonivalts und wohnte zuletzt in der Schillastr. 114. Eine alte, längst verfallene Stndcuteukarte benutzte er, um binnen Vierzeh» Tagen sechs Fahr- inder zu leihen. Fünf davon versetzte er, wobei ihm wiederum die Karte als Ausweis diente, das seckiste verkaufte er an einen Händler in der Münzstr. 59, der bei der Prüfung des Ausweises nicht vor- sichtig genug war. Da der Händler das Rad gleich wieder ver- kaufte, so ist es für den rechtmästigeu Eigentümer verloren gegangen. Vier Räder wurden bei den Pfandnehmern wieder ermittelt und aus- gelöst. Das andre will Trott in der Andrcasstraße versetzt haben; er kann aber die Stelle nicht wiederfinden. Ein seltsamer Unfall ereignete sich vor einigen Tage» in der Reinickcndorferstrafic. Als das dreijährige Söhnchen des Schneiders Adam ans der Schnljtr. 45 mit andren Kindern auf der Straße spielte, kam der Knabe plötzlich zu Fall, ohne sich lvicder erheben zu können; er war mit dem Fuße in eines jener iMbedccktcn Rohre gc- raten, die von den städtischen Sprengwagen zur Entnahme von Wasser benutzt werden. Alle Versuche, den Fuß los zu bekommen, ivaren vergebens, und erst als der Schuh geivaltsam entfernt ivar, gelaug es, das Kind zu befreien. Vielleicht giebt dieser Vorfall zu entsprechender Fürsorge Aulatz. Durch eine» Sturz auö dem Fenstcr hat sich Freitagabend 8 Uhr der im dritten Stock des Hauses Veuthstr. 4 wohnhafte Kauf- mann Max Landsberger zu töten versucht. Der Unglückliche wurde mit zerbrochenem Oberschenkel in ein Krankenhaus gebracht. Die Ursache der That ist unbekannt; man fand in der Wohnung des noch jungen Mannes einen Brief, den er an seine Eltern gerichtet hatte. Erschossen hat sich der 51 Jahre alte Kanzlcisekrctär Karl Siegert aus der Dennelvitzstr. 30, der seit 20 Jahren in einem hiesigen Ministerium angestellt war. Nervosität infolge von Ueber- anstrengung soll die Ursache des Selbstmordes gewesen sein. Beim Friihkonzert» Badstr. 16, ist Montag ein Medaillon mit Photographie verloren gegangen, welches inan bei Raschle, Grün- thalerstratze 65, abgeben wolle. In der Kinder-Poliklinik für Wasser-Hcilverfahren, Grotze Hamburgcrstr. 20. findet die Sprechstunde jetzt täglich von 12 bis 1 Uhr statt. Strastcnsperrung. Die Kleine Poststratze wird behufs Ausführung von Kanalisationsarbeitcn vom 3. bis 6. Juni d. I. ein- schlietzlich für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. 9l»S den Nachbarorten. Schmargendorf. Eine autzcrordentlichc Mitgliederversammlung des Wahlvcreins tagt heute abend L'/s Uhr bei Witte in Wilmers- dorf, Berlinerstr. 40. Mehr Pauarbeiterschutz! Ans dem Neubau des Maurer- meijtcrs Schreiber in K a r l s h o r st ist ein junges Menschenleben ans entsetzliche Weise zu Schaden gekommen. Der Dachdeckerlehrling Erich Winicr ans Rirdors stürzte plötzlich bei der Arbeit vom Dache ab und erlitt sehr schivere innere Verletzungen. Der Ver- unglückte mutzte 2�/2 Stunden aus dem Neubau liegen bleiben; erst dann erschien ein Krankenwagen, der ihn nach dem Krankenhaus Bethanien brachte. Wie häufig, so fehlte auch hier, wie uns von gewcikschaftlicher Seite geschrieben wird, die polizeilich vorgeschriebene R ü st n n g, und so beivcist der Fall aufs neue, ivie notwendig ein einheitliches Bauarbeiter-Schntzgesctz ist. Zugleich kenn- zeichnet er aber auch die Behauptimg des Herrn Felisch. datz die UnfallvcrhütungSvorschristen der Nordöstlichen Baugewcrks- Berufs- genosicnschaft die denkbar beste» seien. Da es an zweckmätzigen Ueberivachungsoiganen fehlt, haben sie in der Praxis gar keinen Wert. Zum Umbau der Spandaner BahnhofSanlagen hat die Eisenvahn-Verwallung jetzt eine Entscheidung in der Platzfrage gc- troffen. Ein neuer grotzer Bahnhof soll danach etwa auf dem alten, durch Hinzufügung von Festungsterrain erweiterten Platz errichtet werden; sodann soll aber eine Haltestelle in der Wilhelmstadt für alle Züge, mit Ausnahme der V-Züge, angelegt iverden. Besonders mit Rücksicht auf die dem Schiffahrtsverkehr sehr hinderlichen Havel- brücken der beiden �Hamburger und Lehrter) Eisenbahnen sollen die Umbantcn endlich mit möglichster Beschleunigung in Angriff ge- uommen Iverden. Zu dem viergelcisigen AuSbau der Ringbahn zwischen T e m p e l h o f und Schöneberg wird die Stadt Schöneberg bei- tragen müssen. Die königliche Eisenbahndirektion hat sich bereit er- klärt, bei dem Minister der öffentlichen Arbeiten die Herstellung der llntersührnng der Goethestratze im Zusammenhange mit' den Übrigen Bauten für den viergeleisigen Ausban der Ringbahn zu be- sürworten, wenn die Stadt Schönebcrg die nicht unbeträchtlichen Kosten trägt._ Gevlrlzks��ertung. Tie bekannte Unterschlagung deS Kanzlisten Lange spielte gestern vor Gericht eine Rolle. Der Kellner Josef Emil K u l a s z e w s k i, der sich gestern wegen Diebstahls vor der dritten Strafkanuner des Landgerichts I zu verantworten hatte, ist schon zum dritten Male in diese Affaire verwickelt worden. Der jetzt 23 Jahre alte Kanzlist Willy Lange hatte bei der Inhaberin der Verlagsbuchhandlung W. T. Bruer ein solches Vertrauen, datz er am 22. Febniar 1899 den Auftrag erhielt, 40 000 M. in Tausend- markscheinen bei der Deutschen Bank zu hinterlegen und gleichzeitig 24 000 M. von der Reichsbank abzuheben. Der junge Mann, der schon Stammgast in Lokalen war, in denen Verbrecher sich zusammen finden, hatte daselbst innige Freundschaft mit Kulaszewski gemacht und dieser schon mit Zuchthans und zweimal wegen Hehlerei vorbestrafte Mensch, der einem lasterhaften Lebenswandel ergeben ist, soll nach der Behauptung des Lange die in diesem schlummernden bösen Triebe zu der grotzen verbrecherischen That erweckt haben. Willy Lange hat die 40 000 M. unterschlagen und scheint heute zu bedauern, datz er.in einer Art von Gefühlsduselei"— so drückte er sich gestern vor Gericht aus— die 24 000 M. von der Rcichsbank nicht auch noch erhoben hat. Er ist zwei Tage nach der That verhaftet worden, bewahrte aber über den Verbleib des Geldes tiefstes Stillschweigen und Kriminal- inspektor Braun bemühte sich vergeblich, aus dem verstockten Menschen etwas herauszubringen. Lange wurde am 19. April 1899 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, hat also sckion zwei Jahre von seiner Strafe abgemacht. Im Gefängnis zu Plötzensee erzählte er dann dem Mitgefangenen B e n n, datz er das Geld in drei Seltersflaichcn im Grunewald verborgen halte. Aus Venns Denunziation hin wurden zwei Flaschen mit zusammen 22 000 M. gefunden. Die dritte Flasche mit 13 000 M. fehlte, man nahm an, datz Kulaczewski sie sich ausgegraben hatte. Das gegen ihn ein- geleitete Strafverfahren wegen Anstiftung und Diebstahl hatte daher keinen Erfolg, es mutzte vielmehr eingestellt werden. Dann folgte gegen K. eine Anklage wegen Hehlerei, da man bei einer Haussuchung bei ihm 1400 M. gefunden hatte, die zugegebener- motzen von Lange herrührten. Lange hatte sie ihm geschenkt, er bestätigte aber wahrheitswidrig die Behauptung des K., datz er ihm diese Summe ohne dessen Vorwissen in die Kommode gesteckt habe. Dazu kam, datz das vorgesundene Geld nicht mehr dieselben Geld- sorten darstellt, die Lange unterschlagen hatte, eS war also nicht mehr„dasselbe Geld" und so ergab sich aus rechtlichen Gründen die Freisprechung deS K. Seitdem sind aber neue Thatsachen bekannt geworden, die den Verdacht, datz K. die fehlende Flasche mir den 13 000 M. gestohlen, aufs neue zu einer Anklage verdichtet haben. Während Lange seine Gefängnisstrafe abbützte, gelangten durch Neneingelieferte nach dem Gefängnis die Gerüchte, datz St. ein äntzerst fidclcs Leben führte. Er gehe fein angezogen, speise gut zu Mittag und gebe viel Geld aus. Lange hat sich infolge dessen hingesetzt und einem aus Plötzenscc Entlassenen einen Brief an Kulaszewski mit- gegeben, in welchem er diesem seine Schlechtigkeit vorwarf und mit der Anzeige an den Staatsanwalt drohte, wen» er nicht sofort einen Teil des Geldes, das er hinter sich habe, seiner(Langes) Mutter zukommen lietze. Kulaszewski hat sich durch diesen Brief keinen Augenblick aus der Fassung bringen lassen; er hat das Schreiben als ein Zeichen, datz eine„Erpressung" gegen ihn verübt werden solle, der Staatsanwaltschaft zugestellt. Diese hat sich aber die Sache nochmals näher angesehen und daraufhin abermals gegen K. Anklage erhoben. Der Angeklagte bc- stritt entschieden die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen und suchte den Besitz der Geldmittel autzer durch sein Spiclerglück amb noch durch die ihm zuflietzeuden Spenden lüderlichcr Dirnen zu erklären. Die Folge davon war, datz die Anklage auch noch auf Kuppelei ausgedehnt wurde. In der gestrigen Verhandlung kam der Staats- anwalt zu der Ansicht, datz' der Angeklagte als überführt zu er- achten sei. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten unter Versagimg von mildernden Uiuständen eine Gesamtstrafe von fünf Jahren Zuchthaus und fünfjährigen Ehrverlust. Das Urteil lautete auf vier Jahre sechs Monate Zuchthaus, wovon zwei Monate durch die erlittene Unter- juchungShoft angerechnet wurden. Taö Reichsgericht erkannte gestern in der RevisionSverhand- lung gegen den Grasen Pückler wegen Aufreizung zum Klassen- Hätz, begangen durch die bekannten Reden, auf Aufhebung deS frei- sprechenden Urteils des Berliner Landgerichts vom 13. Februar und Rückverweisung deS Prozesses zur nochmaligen Verhandlung. AuS Thor» meldet unS ein P r i v a t t e I e g r a m m vom Freitag: Die Freisprechung eines unschuldig Verurteilten, welcher seine Strafe bereits teilweise verbützt hat, erfolgte heute vor der hiesigen Strafkammer im Wiederaufnahmeverfahren. Der Arbeiter Bartholomäus M i l i n o w s k i auZ Mocker war wegen Ver- letzung der Militärpflicht zu 36 Tagen Gefängnis verurteilt worden, da er'sich nicht zum Ersatzgeschäft gestellt haben sollte. Als er 14 Tage im Getängnis gesessen, gelang ihm der Nachweis, datz die Stellung vorschristsmätzig erfolgt war. In der Vorstellungsliste war er nämlich doppelt aufgeführt worden. Autzer der Freisprechung beschlotz der Gerichtshof, datz ihm nach dem Gesetz vom 20. Mai 1893 eine Entschädigung für die unschuldig verbützte Strafe gewährt werden soll.'_ Vevssrnttnlnngett. Die Rabitzputzer, eine Berliner Filiale des Verbands der Maurer, beschlossen, die vom Ccntralvorstand empfohlene Einheits- marke nicht einzuführen, da die Rabitzputzer ihre früheren Beiträge 50 Pf. Streikfond und 25 Pf. Beitrag beibehalten werden. Ge- tadelt wurde, datz viele Kollegen bei den Bauten der Ausstellung für Feuerschutz Ikeberstunden gemacht haben. In Zukunft sollen Nachtarbeit und Ueberstunden der Kommission gcnieldct werden, die zu prüfen hat, ob die Arbeitsleistung notwendig ist. freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 2. Juni, vormittags 8>/« Uhr, in der Aula der 69. G e m c t n d e s ch u l e, Kleine Franksurterstr. 6: Vcrsamuilung.„Freireligiöse Vorlesung."— Um 10*/4 Uhr vormittags ebendaselbst: Vortrag des Herrn E. Vogtherr:„Die Korruption." Bor- und Nachspiel aus dem Pariser Mustel-Harmonium.— Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen. Bercin der Buchdrucker und Schriftgieher für Rixdorf- Britz. Sonntag, den 2. Juni, nachmittags 1 Uhr, im Apollo-Theater, Hermann- straste 4«— 56: Vcreinsversammlung. Vereinsangelegenheiten. Sommerfest. Verschiedenes. Ausnahme neuer Mitglieder. Soeialdemokratischer Agitationsverei« für de» Reichstags- Wahlkreis Stralsund- Franzburg- Rügen. Sonntag, den 2. Juni, vormittags 19 Uhr, bei H. Ramlow, Schönhauser Alle« 13o: Sitzung. Markiprelse von Berlin am ZV. Mai Ivvl „ach Ermittlungen des lgl. Polizeipräsidiums. Welzen, gut D.-Gtr. „ mittel„ gering„ Roggen, gut. „ mittel, „ gering »Gerste, gut. , mittel„ gering, »Hafer, gut. . mittel, „ gering Richlflroh. Heu. Erbse»« Speisebohnen» Linien. 1 16,- 14,70 13,50 16,20 15,40 14,70 7,32 8,40 40- 45,- 70,- 14,80 13,60 12,40 15,50 14,80 14,10 7- 5,90 25,- 20,- 25,- Kartoffeln.liene.D-Ctr. Rindsleisch, Kcnle 1 kg do. Bauch, Schweinesleisch„ Kalbfleisch« Hammelfleisch, Butter Eier Karpse» Aale Zander Hechle Barsche Schlei« Bleie Krebse 60 Sliut 1kg per Schal 7,- 1,60 1,30 1,66 1,80 1,60 2,60 3,60 2,20 2,60 2,60 2,40 1,60 2,80 1,20 18,- 5- 1 20 1- 1,20 1,10 1,10 2,- 2,20 1 20 1,20 1,20 1,20 0,80 1,20 0,60 3,- * Frei Wagen und ab Bahn. Produktenmarkt vom 31. Mai. e treibe. Der Mangel neuer Anregungen förderte Realisierungen. Aus Nordamerika fehlten die Nach- richten, da dort gestem Feiertag war. Oestreich- Ungarn sandte höhere Weizen- und behauptete Roggenprcise. Aus Rubland lagen reichliche, aber nicht dringliche Osserten in Roggen vor, deren Preise auch rentable waren. Für Weizen gaben die Lieferungspreise V- bis V« Mark, für Roggen>/« bis Vj Marl nach. Die Umsätze waren überall belanglos, da man sich hier allgemein abwartend verhielt. Mehl lag still, bemerkenswert ist die Nach- frage von auswärts. Von Futterariikeln lag Hafer sehr still, aber be- hanptet. Mais war unverändert sehr fest für greifbare Ware; für die nächste Woche waren die Preise etwas billiger. Nüböl ruhig, behauptet. Ohne Notiz war Spirttus. Briefkasten der Redaktion. DienStag. Die juristische Sprechstunde findet am Montag. Donnerstag und Freitag von 7— S Uhr abends statt. Stcglitzerstraste. Freistellen find im Krüppelheim de« OberlinhauseS zu Nowawes unsres Wissens nicht vorhanden. Das Pflegegeld beträgt monatlich 40,50 M., jedoch sind die meisten der Zöglinge von der Berliner Armendirektion dem Hause überwiesen. Wenden Sie sich an diese.— Ihre Meinung, daß die Schlesingsche Siisiung für hilfsbedürftige Wöchnerinnen im Sommer feine Unterstützung zahlt, ist wohl nicht zutreffend. Th. H. 73. Oberflächliche nicht hinderliche Narben. Sehschärfe normal. Geringe X-Beinstellung. Landsturm mit Waffe. S. Huptich. Kopenhagen. Die G, R. unter Adresse: Berlin, Stralauerplatz 21.— Abonnement jährlich 6,40 M., eingetragen in Post- zeitungs-Liste II. Abteilung Ztr. 53. N. L. 4«. Ohne Einsicht in die abschlägigen Bescheide ist Ihnen em Rat in dieser Sache nicht zu erteilen. Sprechen Sie doch mit diesen in der Sprechstunde vor oder senden Sie die Papiere ein.— A. B. 1001. Sie können die gegen die Glaubwürdigleit des Jungen sprechenden Momente onsühren; vereidigt werden muß in diesem Falle der Junge trotzdem.— Otto K. Suhl. Wenn die Gewährung des vorn Ihnen ein» geklammert Mitgeteilten auch nur mündlich vereinbart ist, so ist diese Vereinbarung gültig und Sie können auf Erfüllung klagen. — N. 100. Die Klage auf Auszahlung des Gehalts für den Monat Juni, in dem der Buchhalter bereils bei einer andern Firma gegen das- selbe Gehalt angestellt war, wie Ihnen bereits mündlich zutreffend gesagt, ist aussichtslos. Wollen Sie die Klage dennoch anstrengen, so reichen Sie dieselbe bei dem Amtsgericht ein.- A. M. 1, Der Pslichiteil beträgt die Hälfte des gesetzlichen Teils. Ist beispielsweise der Vater und vier Kinder hinterlassen, so betrüge der gesetzliche Teil jedes Kindes'/u, sein Pflichtteil 3/32- 2. Ja. 3. Sie müßten Klage erheben.- M. G. Beide Arien und zulässig.— Hahn. Die Weigerung, an einem Nichi-Feieriag trotz Auf- sordcrung zur Arbeit, zu arbeiten, ist ein Entlassllngsgrund. Der dritte Feiertag ist kein gesetzlicher Feiertag.— Karl Sachse. Sie können warten, bis Sie die behördliche Aufforderung erhalten. — F. B. T. Gegen die Veranlagung zu einer besonderen Grundsteuer ist innerhalb 4 Wochen Beschwerde bei dem Gemeindeoorstand(Magistrat) zu- lässig- Gegen dessen Entscheidung ist im Vciwalwngsstreitverfahrcn in Landgemeinden bei dem Kreisausschub, in Stadtgemeindcn beim Bezirks- ausschuß zu klagen.- H. E. 1. Das theuere Berchelichungszeugnis Ihrer Heimatgemeinde ist für Sie als Bayer erforderlich, falls Sie nicht Preuße geworden sind und Ihre bayrische Staatsangehörigkeit ausgegeben haben. 2. Nein,- F.,(5harlottc»b»rg. Am 31. Dezember 1900.— I. 1. Ja. - Adolf P. 1. Der von Ihnen beschriebene Vertrag ist ohne Einwilllgung des Arbeitgebers nicht zu lösen. Für die Feiertage ist in Ihrem Fall Lohn zu zahlen. 2. Die Waren sind zu verzollen. 3. Ueber die Zollhöhe für die einzelnen Gegenstände usw. erkundigen sie sich am besten auf dem Zollamt. — R. K. 8. Solchen Antrag können Sic an die Versicherungsanstalt richten;«ie ihun gut, ihn von der Kasse oder dem Kaffenarzt unterstützen zu lassen.— G. R. 0000. Das Gesuch müßten Sie beim Armenkommifsions- Voistcher anbringen und event. Beschwerde an die Armendirektion richten. — Kirsch Reetz. Der betreffenden Witwe steht eine Witwenbeihilse nur dann zu, wenn ihr Mann an erlittener Verwundung oder äußerer Kriegsdienstbeschädigun»— gleichviel wann— gestorben ist. Dieser Fall scheint nach Ihrer Schildening nicht vorzuliegen— L. S. 86. Nein: der schlechte Gang eines Geschäfts giebt dem Mieter nicht das Recht, ohne Einwilligung des Vermieters den Mieisvertrag zu lösen.— W. K. 1. Nur wenn Ihr Anwalt Ihnen initieilt, daß Ihr Erscheinen in dem Termin er- forderlich ist, müssen Sie in dem Klageiermin erscheinen. 2. Falls Ihne» oder einem von Ihnen ein Eid abgenommen werden soll, wird Ihnen der Wortlaut vorher mitgeteilt und Sie haben zu entscheiden, ob Sie den Eid leisten wollen. 3. Nein: eine Partei, die in einer Eivilsache einen Eid zu leisten hat, kann nur danach befragt werden, ob sie wegen Meineids verurteilt ist. WitierungSüberslcht vom 31. Mai 1001. morgenS 8 tthr. Stationen Swinenide Hamburg Berlin granlf./M. lünchen Wie» »- s- s« Wetter 750 SSO 2 bedeckt 760 WSW 2 Regen 760WSW 2chlb,bed 761 SSW"-'" 764SW 762 Still 2 j bedeckt 1.heiter - iwoltenl Wetter - hlb.bed. 1 heiter 6hlb.bed. -wolkenl v« -4 ll «k 9 9 14 is Wetter-Prognose für Sonnabend, den 1. Juni 1001. Zunächst ziemlich trübe, etwas kühler mit leichten Regensällen und schwachen westlichen Winden, später Abnahme der Bewölkung. Berliner y»« t t- r b u r e a». Verband der Möbelpolierer. Montag, de» 3. d. Dt.. abeudS 8V, Uhr, Rlxdorf, Hcrmann- strafie 197: Versammlung."91 Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen Nlticbk«»der Lokal- und Central-Organtsation. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 146/13 Ausgabe der DampferbilleiS zum 30. Jiini nach Hefienwinkel(Dämeritzsee). Mittwoch, den 5. d. M.. abends 7 Uhr. Friedrichsbcrgerftr.il: Sitzung der Vertrauensmauner. ver Vor»ti»iid. Konsumverein Berlin- Nord. (Eingetragene Genoffenschast mit beschränkter Hastpflicht.) Montag, de» 10. Juni 1901. abends KV- Uhr. im Swinemünder Gesellschaftshans, Swinemüiiverstr. 4Ä: Husserorü, General-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Statutenveräuderung. 2. Beschlußfassung über Eröffnung von drei neuen Verkaufsstellen und einer Centrale. 3. Enverbung zwei weiterer Stannuanteile der GroßeinkaufS-Gesellschast in Hamburg, 4, Ersatzwahl für den Kassierer. 5. Anstellung von Beamten._ 99/18 3V Ohne Mitgliedsbuch kein Eintritt,"WS vor AufWichtisrat. ver Vorstand. F. Lietzke. GraShold. Scharfer. Vertofl der Sattler und m. Berufsgan. Versammlungen der Walen Derlms: Äiilinl» 1» Eonnabeud, den 1. Juni, abcndS 8V, Uhr, Q II lUlt 1. im Englischen Hof, Neue Roffstrahe S. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. DiSkusfioll. 3. Verschiedenes. Ä!tlitil«?» Souuabend, de« 1. Juni, abeudS&V2 Uhr, QlllUlt iv. bei BuSke, Grcnadierstraffe ZZ. Ziillgla 9. DienStag. den 4. Jnni, abends 81/, Uhr» �llllUt«. im GrwerkfchaftShauS» Engel-Ufer 15. I. Sonnabend, den 1. Juni, abends 8V, Uhr, ()UlUU it. im GcwcrkschaftshauS(Saal I), Engel-Ufer 15. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom Elberselder Streik. 2. Centrali- sation der Berliner Filialen und Wahl der Kommissionsmitglieder. 3. Wahl zweier Kollegen in die Lohnkommission. 4. Verschiedenes. �tltal» f»» Jeden Montag nach dem 1.». 15. eines jeden Monats gllllUt«. b. Loredort(Handelsst. Belle-Alliaiice), Friedrichstr. IL. �tltal» ß» Dienstag, den 4. Juni, abend« SV, Uhr, tpllUt ll. bCi Mörschel. Jiidenstraffe 35-36. Zahreiches und pünktliches Erscheinen erwarten vi« Vorstände. Löwenkopf- Seifenpulver- Fabrikat Otto'Vierter, Heilbronn. 13958» ist ein ebenso vorzügliches wie bequemes Waschmittel, läuflich überall. Vertreter für Berlin cäuorä Neumann, Danzigerfir. 68. Tischler-Terein zn Berlin. Heute. Sonnabend, den 1. Juni, abends 8V, Uhr, Melchiorstr. 13: MW" VersÄtnrmlung» TageS-Ordnung: 199/1 BereinSangelegenheiten, Ausgabe der BilletS zuin Sommerfest am 17. Juni Ausnahme neuer Mitglieder._ l>er Vorstund. Internationale Ausstellung für BURI-IX 1001 mi�ein«'" Ausstellung von Erzeugnissen der Gartenbaukunst Knrfttrittendniiini ISO— 156.[1699L» Praktische Vorführungen, Lösch- u. Rettungsmanöver, Brandproben. Konzerte: Strauss'sche Kapelle aus Wien, Musikcorps der Garderegimenter, Kapelle der Berliner Feuerwehr. Eintritt SO Pf., Kinder unter zehn Jahren 35 Pf. „Tenfelssee" MiKb«.-«.„Marieulust". Jnh.: O. Streichhahn, Besitzer des Kaiserhofs, Köpenick.* Empfehle beide Lokale mit groben Säle» und Gärte», jedes circa 3000 Personen faffcnd. mit Dampferbrücke». Stallungen für 40 Pferde:c. empfiehlt sein romanlisch gelegenes Lokal zu Landpartien und Ausflügen ver alte Erennd auf PIchel» werder. Große elektrische Tanzmusik jederzeit. Gesellschaften und Vereinen Brücken-Rückgang vergüket.(13538» Kür heu Inhalt her Inserate übernimmt hie Rehaktion hem Publikuni qeqennber keinerlei Verantwortung. T�üvnkvv. Sonnabend, den 1. Juni. Opernhaus. Die Hugenotten. Nn- fang D/z Uhr. Schanspielhaus. Mädel sei schlau. Der Hochzeitstag. Ans. D/z Uhr. Neues Opern> Theater«Kroll). Italienische Oper Marcclla Sembrich. I/«Iisiro d'amore. Anfang 7Vz Uhr. Schiller. Der Sterngucker. Ein Nabenpater. Anfang 8 Uhr. TeittkHes. Johauniöfeucr. Anfang „ 7l/z Uhr. Lessing. Ein Blitzmädel. Anfang 7'/, Uhr. Berliner. Ueber unsre Kraft. a. Teil.) Anfang 7Vj Uhr. Nesihenz. Zaza. Anfang 1l/2 Uhr. NcucS. Gastspiel des Schlierseer Baucm- Theaters. Haberseld- tteiben. Anfang 8 Uhr. Westen. Die schöne Ungarin. An- fang 7'/, Uhr. TeeeffionSbiihne. Buntes Theater: Ueberbrettl. Ans. 8 Uhr. Thalia. Gastspiel der Deutschen Genosicnschafts- Bühne: Der Rosenkranz.— Die Kuh. Ansang Central. Die Geisha. Anfang 8 Uhr. Luisen. Geschlossen. Kriehrich-WilheliiistiidtifcheS. Mist Helyett. Anfang ly, Uhr. Carl Weist. Pension Schöller. An- fang 8 Uhr. Belle> Zllliauee. Austreten der echten Geisha- Truppe. Die Schwäbin. Anfang 8 Uhr. Metropol. Specinlitäteiworstellung. Ansang 71/, Uhr. Apollo. Specialitäten- Vorstellung. Frau Lima. Anfang D/z Uhr. NeichShallen. Stettincr Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage> Panoptikum. Epecialt täten-Vorstelliing. Passage- Theater. Damen- Ring� kämpfe. Specialttäten-Borstellung Ansang nachmittags 3 Uhr. Urania. Tanbenslr. 4«/4t>.(In, Theatersaal) Abends 8 Uhr: Urania Tautoen-Strasse 48/49. Im Theater um 8 Uhr: InvalMcnstr. 57/6%. Sternwarte. Thcatersaal) Das Land der Morde. Inhal iheiistraste S7/VÄ. Täglich abends Sternwarte. von b— 10 Uhr WIIttÄMter «Wallner-Thealerl. Sonnabendabend 8 Uhr: vor Stornxnokvr. Drama in 1 Akt von Georg Neicke. Hierauf: lblli, Iiiil»env»koi'. Schwank in 3 Akten von Hans Mschcr und Josef Jarno. Sonntagnachulittag 3 Uhr: vor Bunb der Sabinerinnen. So nntag abend 8 Uhr: van Gefängnis. M ontngabend 8 Uhr: Gastspiel Ferdinand Bonn. vlo Jüdin von Toledo. Ckntral-TIjMr. Heute Anfang 8 Uhr. Mit ganz neuer Ausstattung an Kostümen, Dekorationc» lt. Requisite», zum 651. Male: Oie Qeislia. Operette in 3 Akten v. Shdney Jones. Morgen und folgende Tage: Die Geisha.— Anfang 8 Uhr. CarlWelBs-Iheater Gr. Krnnkfnrterstr. X32. Anfang 8 Uhr Utllsioil Zchölltt. Im Garten: Theater. Konzert und Speeialitäteu. Ansang bV, Uhr. Lü.Juni: Eröffnung der«ommcr-Op er W., Behrcnstraße 55/57. Das briiianto mkomlsclie Jnni-Programm. fieary Bender Georg Kaiser Georg Rösser Das drollige Deltorelii-Trio. Dar brillante Snion-Mngier llartninnn. Aertsens brillante Parodien. Miniatnr-Oper n. Ueberbrettl. 7 Troubadours 7 17 brillante Mummern! Bauchen überall gestattet. KM"' Anfang 8 Uhr. Prater- Theater Kastanlcn-Ailec 7/0. Tiiglich: Aus dem rolkf. Volks stück mit Gesang und Tanz in 4 Bildern. Auftreten der Excenliic-Ehansonette Hedwig Döring, des GroteSque- KomlkcrS Faul Loradlnl, der DadrUdsr Damm, Akrobaten. Th« Garay», iHnb- fahrer. Mr. Bariiings lebende Photographien. Konzart und Ball. Anfang 4 Uhr. Einttitt 30 Pf. Jinmerterter Platz»0 Pf. bialbo. RvIvIisIiAlIeiR Ztelliner Sänger. Eine Hochzeit in de Müllerstrabe. Anfang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Täglich nachmittags 4 Uhr: ■auIlflüBl-KöMsl. M?" Entree 1 Marli von abends 7 Uhr ab 50 Pf,, Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. gBJT* Morgen: Bs Pf.-Soisutag. In der„Völker-Arena" geöffnet von 3—8 Uhr naohm., mit Bazar- und Zoltleben(arabische Handwerker an der Arbelt): Schaustellungen, Wochentags: 4, Vzß, 7 Uhr nachm. Sonntags: 12 Uhr mittags, 4, 5, 6, 7 Uhr nachmittags. Fnfron direkt v. d. Strasse an d. Lull tL Stadtbahn: 50 Pfennig, Kinder 25 Pf.. Gartenbesucher zahlen S5 Pf„ Kinder J5 Pf. Apollo-Theater mit Konzert-Garten. £35"- Vollständig neues"Nsl Specialitäten-Programm. 1�10 Debüts 10� mit EnftbnIIctt Anfang 8 Uhr. Sonntags D/z Uhr. W. floacks Uieater. Briinneustrabe 16. Täglich im Garten: Konzert, Theater- und Ajive'izergarteil Am Ilönlgsthor. Am Frledrlchshaln. Tiiglich: Konzert, Theater, Special!- taten-Vorstelliinz nnii Ball. Voilisbeiastigarige» aller A.rt. fiSF" Jede» Abend 10 Uhr:-geg Goppla, Vater sieht's ja nicht. Sanssonci sm Garten: Täglich: — Hot ent a n n■— Mordd. Sänger und Konrert. Anfang d. Konzerts 5 Uhr, der Soiree 7 Uhr, Wochen- tags ö Uhr,d. Soiree 8 Uhr. Enttee 30 Pf. Sonntag, Montag und Donnerstag 'jstaasiirtinziebea. Wochentags BereinSbillelS gültig, Tanz frei. Kaffeclüche täglich ab 4 Uhr geöffnet. Zum Besuche d. Restaiiratwnsgarteiis (ohne Entree) wird Höst, eingeladen. Ostbahn-Fark. Am KUstrlnerplatz. 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Juni 1301, abeudS Sy2 Uhr: Anfjcrordrnlliche General-Versammlnng der in den Wahl- Versammlungen vom 13. bez. 15. Ollober 1300 gewählten Vertreter der Kasscnmitglieder und Arbeitgeber im ewerkschaftsha::?, Saal I, Engel-Ufer 15. Tages-Ordnung: a) in gemeinschaftlicher General- Versammlung: „Das Verhalten dcS Vorstandes»; b) in getrennter Wahl- Versammlung: 1. für den Vcrttetcr der Arbeit- gcber: Ersatzwahl von 1 Mitglirbe zum Vorstand für 1301/1902; Ersatzwahl von 2 Mitgliedern zum Vorstand sür 1301: 2. für den Vertteter der Sassen- Mitglieder: Ersatzwahl von 1 Mitgliede zw:: Vorstand für 1801; o) in gemeinschaftlicher General- Versammlung; 1. Antrag von 16 Delegierten: „Aushebung des am 8. De- zemver 1300 gefaxten Gc- «erat- Bersanunlungs- Be- schlusses, betr. den Dienst- verlrag der Beamte::». 2. Verschiedenes. KU. Nur die mit Legitimation eventl. Mitgliedsbuch versehenen Ber- tteter haben Zutritt. 272/20 Berttn, den 1. Juni 1301. Der Vorstand der Orts-Krankenkaffe der Sattler u. vrrw. Gewerbe zu Berlin. A. Hoffmann, Vorsitzender, SO. 16, Schmidstrake 31, vorn PV. P. Jennor, Schriftführer, K. 28, Swincmünderstraßc 4, v. II. IrStt Arlmter Jeder Handwerker follte zur Arbeit die Lcderhose Herhnlc« tragen. Allein-Lcrkauf. Sehr starke Ware in praktischen grauen u. braunen Streifen. Hinten n. von: am Bund aus einem Stück gearbeitet. Nietknöpfe u. Kappnähte. Feste Leber-Pilot-Taschen, Grobe Flicken umsonst. Die Hose ! bei Entnahme voii> 6 Stück 26 Mk. '| 4 Mk. 50 Echt blaues Montenr-Jackett I M. 30 Echt blaue Monteur-Hose.. 1 M. 50 Echt blaues Montenr-Jackett Prima Köper-Gewebe.. S M. 50 Echt blmie Monteur-Hose Prima Köper-Gewebe.. S M. 10 Prima Manchester Hose 9.—, 5,50, 4,25 Gefüttert. Manchesi.-Jackett 13,- 0,- Operations-Mantel s. Aerzte 4,30-3 M. 40 Maler-Kittel..... 3,-, 2,5a 2 M. 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Pinna Senfteubcrger Briqnetö mt.s 6 Zoll lg., ca. 135 St. 115 nur 95 Oberfchlestiche Steinkohlen Nuß II Elr. 1,15, Scheffel nur 35 Pf. verlauft ab Pia« Fischer. Brombergerstt. 14 Nachdruck verboten! lizsilüssz 25.(Uli! 25. Jur! srni. im Zlehuncsssiale d. Köniifl. Geneml- Lotterie-Piirection. 2ö0,000 Looie. Grosse Geld-Lotterie ketten".., Sf,\Mmg' Kranksnhaas Loose k Jfe.3.30 7070 Geldgewinne, eahlhsr ohne ASiub. im Betrage von Mark 1372850 Hauptgewinne; Mark �100,000 M. 30,000 « SOzHOO 10,000 X 5 ä lO ä 100 200 50O 5 000= 25 OOO 1 000— 10 000 ä 50O— 30 000 ä 100= 20 000 ä 50--- 25 OOO 2000 4200 20--- 40 OOO 10--- 42 600 Hedwigs Loose gegen Fustanweisang j oder Machn. empf. d. fleneral-Deillt: Lud. Müller I ßo. in Berlin, Breltestr. 5. j Tclcjr.-Adr,: GlücksmaUer.| Wer mit de:: Seinen froh und heiter An: Sonntag die Natur bettitt, Der nchnd als Schützer und Begleiter, Wurms echten Magendoktor mit! 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Daher habe ich meinen Schlüssen eine Menge thatsächlichen Materials voiangeschickl, ja manchmal habe ich es nicht einmal für erforderlich gehalten, die sich aus dem angehäuften Material von selbst ergebenden Schlüsse ausdrücklich zu ziehen." Dieser Satz, den Herr May auf der ersten Seite seines Vor- Worts seinen nationalökonomischen Ausführungen vorausschickt, ist äußerst charakteristisch für das vorliegende Werk, nicht nur was die Form der Darstellung, sondern auch was die Auswahl des Materials und seine Verwertung anbelangt. Mit einer gewissen Ueberlegenheit sieht er auf alle sogenannte Theorie herab, in' die sich stubenhockende Gelehrte vergraben; er fühlt sich als Mann der Praxis, als Ham- burger Kaufmann, und wie gewöhnlich diesem, so gelten auch ihm die Gesichtspunkte und Grundsätze des kaufmännischen Geschäfts- lebens ohne weiteres als maßgebende Principien aller politischen Ockonomie. Er will sich deshalb auch nur auf die Praxis stützen, das heißt, nur auf die im kaufmännischen Leben gesammelten Erfahrungen; da sich nun aber ohne irgend welche Theorie die Wirtschaftsentwicklung nicht verstehen und beurteilen läßt— steckt doch z. B. schon allein in der von May unterlegten Annahme, daß zukünftig die wirtschaftlichen Faktoren sich in gleicher Weise und mit demselben Ergebnis geltend machen werden, wie heute, eine ganz ansehnliche Dosis theoretischer Voraus- setzung— so hat natürlich auch Herr May seine Theorie, und nicht nur diese, sondern nebenbei noch recht absonderliche Vorurteile. Der Unterschied zwischen May und den eigentlichen Theoretikern ist nur der, daß letztere in ihren Darlegungen von der Basis bestimmter volkswrrtschaftlicher Systeme ausgehen, Herr May dagegen bon einer theoretischen, unsystematischen Grundlage eigenen Fabrikats; und � zweitens, daß der wirkliche Theoretiker eine jede wirtschaftliche Erscheinung nur als Teil in einem Ganzen betrachtet und sie in ihren Kausalbeziehungen zu den von seinen! System angenommenen allgemeinen oder besonderen Entwicklungs- tendenzen zu erfassen sucht, indes Herr May sich nur an das äußere Aussehen der wirtschaftlichen Erscheinungen hält oder richtiger an den Eindruck, den diese auf ihn machen, ohne weiter nach den iuneren Zusammenhängen, dem Wie und Warum zu fragen. Seit Bismarck in den Jahren 1878/79, als es sich um die Durch- drückung der agrarisch-industriellen Zollwünsche handelte, die seiner Auffassung entgegenstehenden volksivirlschaftlichen Theorien einfach als lächerliche Thesen verspottete, ist es in den Kreisen der Prak- tiker Sitte geworden, alle Theorie, die ihnen nicht in ihre Pläne paßt, für„grau" zu erklären. Und da bekanntlich böse Beispiele gute Sitten verderben, fangen neuerdings auch solche„Volksiuirt- schaftler" an, die nie Praktiker gewesen sind, in einem möglichst systemlosen Zusammenleimen sogen, praktischer Erfahrungen das Heil der Rationalökonomie zu erblicken. Wie häufig, heißt eS, haben sich nicht schon Theorien als falsch erwiesen. Ganz richtig: aber wie viel häufiger haben sich nicht schon die Urteile der Praktiker als irrig herausgestellt? Ist es sicher, daß der Theoretiker sich irren kann, so' ist es noch sicherer, daß die„praktische" Methode, die sich nur an daS Symptomarischc, an die Aeußcrlichkeiten der wirtschaftlichen Borgänge hält und die theoretisch-kritische Analyse verschmäht, nie zu einem tieferen Einblick in den Wirtschaftsorganismns und seine Bewcgungsgesetze zu ge- langen vermag. Wie oft haben nicht erst die Theoretiker die Grund- läge geschaffen, auf der allmählich die Praktiker zu einem Ver- ständnrs der sie umgebenden Verhältniffe gelangten. Immer, wenn eine neue Theorie auftauchte, hat zuerst die Schar der klugen Praktiker, die selten über das Nächstliegende Hinwegsah, sie bespöttelt, bis endlich die sich vollziehende Aenderung der Wirtschaftslage die Praktiker mit der Nase darauf stieß, daß der belächelte Theoretiker doch weiter und gründ- sicher gesehen hatte, als sie. Ist doch selbst Adam Smiths Frei- Handels-Theorie unter der englischen Kaufmannschaft zuerst ein Gegenstand alberner Spöttereien gewesen. Uebrigens bat es mit dem„Falschscin" der Theorien eine eigne Bewandtnis. Sicherlich giebt es und hat es manche volksiuirt- schaftlichen Theorien gegeben, die von vornherein auf falschen Vor- ausfetzungeu ruhten; bei den meisten und wichtigeren aber, denen man heute den Vorwurf macht, sich als falsch herausgestellt zu haben, liegt die Sache ganz anders. Sie sind nicht an u!id für sich falsch; unter den Bedingungen und Verhältnissen, unter denen sie einst aufgestellt wurden', behaupten sie noch heute ihre Richtig- keit, aber unter den inzwischen anders gewordenen Verhältnissen sind sie allerdings nicht mehr' zutreffend. Jede wirtschaftliche Theorie kann immer nur der Ausdruck bestimmter Wirtschaftsgestaltungen, einer bestimmten Entwicklungsphase sein, schwinden die Verhältnisse, die ihre Voraussetzung bilden, so veraltet natürlich auch sie. So ist z. B. auch die merkantilistische Handels- bilanzlchre nicht an sich falsch. Für ihre Zeit war sie richtig; an- gewandt auf die heutige Phase der Finanz- und Verkehrscntivicklung hat sie jedoch nur noch eine sehr bedingte relative Gültigkeit. Was folgt daraus? Sollen wir deshalb aus die theoretische Analyse, auf die tiefere Einsicht in die wirtschaftlichen Zusammenhänge verzichten? keineswegs; es folgt daraus nur, daß die Voraussetzungen der Gültigkeit einer Theorie nicht außer acht gelassen ivcrdcn dürfen, daß es für den Theoretiker absolut nötig ist. die Veränderungen ökonomischen Struktur zu berücksichtigen und' mit dem Wirtschafts- leben im Kontakt zu bleiben. Darin liegt schon ausgesprochen, wie notwendig und wichtig es ist, daß auch der Praktiker zu Wort kommt. Milte» im Geschäfts- leben stehend, lernt er manche Einzelheiten, manche durch besondere Einflüsse und Gegeneinflüsse bewirkte Abweichungen von der Regel kennen, die zur Ergänzung und Präzisiernng der Theorie dienen und dadurch nützlich für die Wissenschaft werden können. Hätte Herr Raphael May sich deshalb aus die Wiedergabe von Erfahrungen und Mitteilungen aus der Praxis und auf solche volkswirtschaftlichen Gedanken, die seine Beobachtungen in ihm auslösten, beschränkt, so würde sich schwerlich gegen sein Buch etwas einwenden lassen. Doch er fühlt sich zu Höherem berufen; unter Mißachtung zwar nicht aller, wohl aber der wissenschaftlichen Thcoretit stellt er die vagsten Berechnungen und weitgehendsten Schlußfolgerungen auf und gelangt doch schließlich nur zu Ergebnissen, die sich bei näherer Besichtigung zumeist als allbekannte Gemeinplätze oder als luftige Hypothesen herausstellen. Einen Beweis dafür, wie Herr May vorgefaßten Meinungen zu Liebe zu rechnen versteht, liefert gleich das �rste Kapitel über „Einkommen und Konsum". May giebt darin zunächst nach den Statistikern Mnlhall, Engel, Sauerbeck und anoren eine Uebersicht über die Steigerung des Volkseinkommens, spcciell in Deutschland. und die Verbillignng wichtiger Lebensmittel. Die deutsche Statistik ist jedoch zur Skizzierung eines anschaulichen Bildes der Einkomnien- steigcrung unzureichend, und so greift May zur englischen. Nach Bowlcys Lohnstatistik sind in Großbritannien von 1860 bis 1896 die Gcldlöhne im Durchschnitt um 39 Prozent gestiegen. während gleichzeitig nach verschiedenen, allerdings nur annähernd richtigen Berechnungen Woods der Konsum von 14 wichtigen Artikeln (Getreide, Kakao, Kaffee, Baumwolle, Rosinen, Fleisch, Reis, Zucker zc.) um ungefähr 40 Prozent zugenommen hat. Was beiveist das? Nun, daß im allgemeinen der Geldlohn wie der Konsum in England beträchtlich gestiegen ist. Eine That- fache, die jedem Volkswirtschafler längst bekannt war. Wie hoch an dieser Zunahme die einzelnen Volksschichten beteiligt sind, wie sehr speciell die Ausgaben der Arbeiter für die verschiedenen Konsum- artikel gewachsen, wie sich diese Ausgaben zu den Löhnen und deren Wachstum verhalten:c. zc., darüber ergiebt sich aus dieser Statistik gar nichts; immerhin darf nian annehmen, daß auch der Arbeiter an der Steigerung seinen Anteil hat(natürlich gilt daS nicht für alle einzelneii Kategorien in gleichem Maße) und heute im allgemeinen besser lebt, als vor vierzig Jahren. Herr May, der eine specielle Vorliebe dafür hat, den Mund möglichst voll zu nehmen, folgert daraus allerdings noch ganz etwas andres. Obgleich durchaus nicht feststeht, wie hoch der An- teil der Arbeiter an der Einkommenssteigerung ist, obgleich weiter noch gar nicht entschieden ist, wie weit nicht vielleicht dieser Anteil mehr oder weniger wieder durch höhere Ausgaben für Wohnungen, Schule, Krankheiten zc. ausgeglichen Ivird, sieht unser Praktiker in dieser Statistik bereits eine Widerlegung der sogenannten Ver- elendungstheorie und schreibt(S. 37): „Viele haben nur widerstrebend die Thatsache eines fort- schreitenden Anteils der Masse an dem Mehrkonsum der Welt zu- gegeben, und als sie nicht niehr anders konnten, dagegen geltend gemacht, daß der Anteil der Reichen an diesem Mehrkonsum noch größer sei, so daß bei positiver Abnahme des Elends der Massen dasselbe doch„relativ" zugenonunen habe. Sie ver- gessen dabei nur, daß— um eine dielen Kreisen gelaufige Wendung zu gebrauchen— bei einer gewissen Grenze die Quantität in die Qualität umschlägt. Wenn der Anteil der Massen quantitativ so weit fortgeschritten ist, daß jeder satt und gut zu essen hat, anständig wohnt, sich an- ständig kleidet, gegen' Unfall, Arbeitslosigkeit, Krankheit usw. versichert ist, daß für seine Angehörigen im Falle seines Todes ge- sorgt ist, daß ihm jedes Bildungsmittel, jede geistige Nahrung frei iur Verfügung steht— dann mag der Vorteil der Reichen so groß sein, daß sie sich zu Tode essen' und trinken lönneii, daß sie sich jeden Luxus gestatten, jede Bildung aneignen können— sie werden die Massen dadurch niemals zu„relativem" Elend herab- drücken." Eine einfältigere Anffassnng der sogenannten Verelendnngstheorie ist kaum möglich. Selbst wenn man davon absieht, daß Marx die „Verelendung"— er selbst gebraucht ja das Wort nicht— der Lebenslage des Arbeiters nur als eine der vielen Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise hinstellt, der, wie er im Folgenden ausführt, andre, sie mehr oder weniger auf- hebende Tendenzen entgegenstehen, selbst wenn man ferner den Begriff der„Verelendung" nicht, wie das für jeden, der etwas von dem Gang kultureller Entwicklung versteht, selbstverständlich ist, relativ faßt, d. h. als bestimmt durch das jeweilige Niveau der Gesamtkultur, sondern sich nur an den einen betreffenden Satz von Marx klammert, ist die Maysche Interpretation eine, grobe Fälschung. Denn Marx spricht dort von der wachsenden„Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung". Er nimmt also eine allgemeine Verschlechterung der socialen Lage des Arbeiters an, speci'ell auch in ethischer Hinsicht. Herr May dagegen stellt es so hin, als bestände die„Vcrelcndnngsthcorie" in der Behauptung, der Konsum der Arbeiter an Lebensmitteln nehme ab, als hätte an dem infolge stetig steigender Produktivität zunehmenden Verbranch von Produkten aller Art der Arbeiter keinerlei Anteil. Weiter aber, inwiefern folgt denn ans der Zunahme des Konsums der erwähnten 14 Woodsche» Artikel in England, daß nun schon jeder satt und gut zu essen hat, anständig lvohut, daß für seine Angehörigen gesorgt, und ihm jede geistige Nahrung zur Ver- sügung steht? Der ganze Absatz enthält nur leeres Geschwätz. Drittens, wenn Herr May meint, es könne einerlei sein, wie groß der Anteil der Reichen an der steigenden Kultur sei, wenn nur der Anteil der Massen quantitativ fortschreite, daß jeder satt und gut zu essen hat, anständig wohnt usw., so verkennt er völlig das Wesen der socialen Frage. Es handelt sich keineswegs mir darum, allen anSkömmliche Kost, Wohnung zc. zu sichern, sondern die zwischen den verschiedenen Volksschichten bestehende Kluft auszufüllen, die Äulturbedürfnisse der Masse zu steigern� und jedem den Anteil an den materiellen und geistigen Genüssen zu schaffen, den die erreichte Stufe der Produktivität gestattet. Steigt aber der Anteil der Reichen an diesen Genüssen noch schneller, als jener der großen Masse, so erlveitert sich naturgemäß die Kluft und mit ihr das Gefühl der Entrechtung der unteren Schichten, nmsomchr, Ivemr diesen jedes Bildungsmittel frei zur Verfügung stehen wird, sie also an Bildung den Reichen nicht nachstehen. „Ist es denn aber wahr, daß der Anteil der Reichen am Mehrkonsum stärker gewachsen ist, als derjenige der Massen?! fragt Herr May und antwortet darauf mit folgender Tabelle nach den Berechnungen A. L. Boivleys: Relative Veränderungen der Gesamteinkommen wie der Durchschnittseinkommen der britische» Gesamtbevölkcrnng und der britischen Arbeiterbevölkcrnng. Angenommen ist bei dieser Berechnung, daß die Anzahl der tandarbeiter 1860 ebenso wie 1891---- 77 Proz. der Gesamtzahl der riverbsthätigen betragen hat. Dadurch wird von vornherein die Rechnung zu Ungunsten der Arbeiter verschoben, denn da Englands Handel und Industrie in diesen dreißig Jahren enorm zugenommen hat, ist eS sicher, daß die Arbciterzahl prozentuell schneller gelvachsen ist, als die der Gesamtbevölkerung und der Erwerbsthätigen. In Deutschland betrug z. B. in der Industrie(mit Einschluß des Berg baus nnd des Baugelverbes), sowie im Handel und Verkehr: die Zahl der 1832 l89S llnternehmer..... 1031 804— 18,9% 1234 470— 14,4% Arbeiter und Angestellten 4 431 113— 31,1% 7 320 444— 85,6% Während in diesen 13 Jahren die Gesamtbevölkerung um 14 Proz., die Zahl der Erwerbsthätigen um 17 Proz. zunahm, stieg die Zahl der in Handel und Industrie beschäftigten Arbeiter und Angestellten um 65 Proz. Doch sehen wir von allen solchen berechtigten Einwänden ab und nehmen wir einfach die obige Tabelle, wie sie ist. Was lehrt sie? Erstens, daß der Anteil der Arbeiter am Gesamteinkoinmen der englischen Nation seit 1860 bedeutend abgenommen hat, während gleichzeitig der Anteil derjenigen, die der Einkommensteuer unter- worfen ivaren(die Einkommensteuer beginnt bei 3200 M. Einnahme) zunahm. Im Jahre 1860 partizipierten die Arbeiter noch am National-Einkommen mit 47, 1886 nur noch mit 42, 1891 wieder mit 43% Prozent; dagegen belicf sich der An- teil der Einkominensteuerpflichtigen 1860 nur auf 45%, 1886 schon auf 49V,, 1891 auf 48V, Proz. Zweitens ergiebt sich, daß in Profperitäksjahren der relative Anteil des Arbeiters steigt. in Krisenjahren abnimmt: 1874. 1883, 1891 waren gute, 1877, 1880. 1386 schlechte Geschäftsjahre. Dieses klare Facit, das den Behauptungen MayS direkt wider- spricht, paßt diesem jedoch nicht in seine Belveisführung. Er ver- gleicht, um festzustellen, wie hoch der Anteil der Reichen gegenüber dem der Arbeiter ist, nicht etwa daS beiderseitige Einkommen miteinander, sondern stellt die Zunahme der Arbeiter-Wochenlöhne (siehe Spalte 3 der Tabelle) der Zunahme des Jahreseinkommens gegenüber, das vom Gesamteinkommen der Nation auf jede einzelne Person(auch Säuglinge. Gefangene, Armenhäusler usw.) entfällt— er spielt also behende die Frage auf ein ganz andres Gebiet. Aber selbst bei dieser Art der Vcrgleichung zeigt sich noch immer ein Zurückbleiben der Lohnsteigerung hinter der allgemeinen Ein- komnlenszunahme; die Zunahme der Wochenlöhne betrug von 1360 bis 1391 nur 40, die des durchschnittlichen Einkommens 47 Proz.; so schiebt denn zur Ablenkung Herr May schnell wieder eine andre Frage in den Vordergrund'„Das Resultat", sagt er,„dieser Unter- suchung ist, daß das Volkseinkommen in 31 Jahren um 7 Proz. mehr gestiegen ist, als das Lohneinkommen. Das kann aber ebenso gut aus besserem Einkommen der Beamten, Lehrer, Advokaten, Acrzte, Techniker Zc. kommen, als aus dem der Fabrikanten, Händler, Bankiers. Couponabschneider, Gnmdbesitzer zc. und jedenfalls haben die geistigen Berufe ihren gemessenen Anteil an dieser Besserung des Gesamteinkommens int Verhältnis zum Lohneinkominen." Was soll diese Rcderci I Es handelt sich um das Verhältnis des Lohneinkommens zum Einkommen der sogenannten Reiche». Wie innerhalb deren Kreis sich die Einkommen wieder verteilen, ob die Einnahme der Aerzte oder Advokaten sich prozentuell noch mehr verbessert hat, als jene der Fabrikanten oder Bankiers, ist eine Frage für sich; niemand hat behauptet. die sogenannten liberalen Berufe wären an der Zunahme des NationaleinkouunenS nicht beteiligt. Indes, Herr May hat noch eine andre Entdeckung in petto:„ES geht aber auch aus der Tabelle hervor, daß, abgesehen vom ersten Jahre unfrei Periode, die Steigerung des Geldcinkommcs von 1866—1891 ebenso groß im Lohncinkomnien wie im Gesamteinkommen war, und daß sie seit 1870 für die Löhne sogar 27 Proz. betragen hat, gegen nur 21 Proz. des Volkseinkommens. Wo bleibt da der größere' Anteil, den die Neichen am Gesamtfortschritt gehabt haben sollen?" Ganz richtig, wenn man erst Zahlen zum Vergleich stellt, welche für die strittige Frage gar nichts besagen, dann einfach die Rechnungsperioden(in vorliegenden! Fall das Jahrzehnt 1860/70) außer Betracht läßt, die einem nicht in die Behauptung passen und sich dafür jene heraussucht und zusammen- stellt, die für die Behauptung sprechen, dann läßt sich selbst daS Absurdeste beweisen; nur bezeichnet man solche Nechenknnststiicke ge- wöhnlich als faule Kniffe. Als praktischen Rechner haben Ivir Herrn May kennen gelernt, betrachten wir ihn nun in seiner Eigenschaft als ökonomische» Logiker. Seite 62 schreibt er:„Fürchtet keine„Ueberproduktion". es giebt keine Ueberproduktion, denn seht, da sind Völker, deren Pro- duktion den Durchschnitt weit übersteigt, und sie leiden nicht niehr von„Ueberproduktion" als die Völker, deren Produllion weit unter dein Durchschnitt ist— aber sie haben ein viel größeres Ein- kommen als letztere. Volksproduktion ist Volkseinkommen, gebt Euch alle erdenkliche Mühe, Eure Produktion zu steigern." Und ferner Seite 464:„Da fragen ivir uns denn: lvcnn die Bedürf- nisse und ihre� Befriedigung durch gesteigerte Produktivität der Arbeit ins Unendliche gesteigert werden können, Ivenn Volks- Produktion gleich Volkscinkoininen ist, wenn nicht nur zu viel, sondern nie genug produziert tverdcn kann— woher kommt dann„die Ueberproduktion"?! Es giebt in der That keine Ueberproduktion." Ganz richtig, es kann, wem, man die physische Möglichkeit des Prodnktenverbrauchs als Maßstab nimmt, gar nicht genug produziert werden; es giebt noch so viele Bedürfnisse und sie können, wie Herr May sagt, zudem auch noch„ins Unendliche" gesteigert werden. Der Fehler ist nur, daß diese Bedürfnisse für die ganze Frage ganz belanglos sind; es handelt sich nicht darum, ob noch irgendwelche Bedürfnisse zu befriedigen und ob sie noch einer Er- iveiterung fähig sind; nicht um das Verhältnis der Produktion zur physischen, sondern zur ökonomischen Konsumtionsfähigkeit, over, lim„praltijch- zu reden, nicht darum, was die Masse lucchl. noch zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ge- brauchen könnte, sondern was sie' zu kaufen im stände ist. � Zwischen diesen beiden Dingen ist, wie Herr Mah in seiner Konfusion übersieht, ein Unterschied, lind so wird ihm denn auch das ganze Problem nicht klar. Sicherlich: handelte es sich nur invi� die physische Konsumtionsmöglichkeit, es gäbe keine Krisen i denn noch niemals ist eine Krise ansgcbrochen, weil keine Bedürfnisse mehr zu befriedigen waren. Ach nei»,"viele Personen hätten noch so manches gebrauchen können. Da ist der Markt voller Textil- waren und gar mancher kann noch einen, auch zwei oder drei Anzüge brauchen; mancher hätte so gerne seine zerrissene Wäsche durch neue ersetzt; also qn Bedürfnissen fehlt es nicht, aber an den nötigen Mitteln, sie zu befriedigen, und so bleiben die Magazine vollgestopft, die Fabriken stehen still. Es ist eben doch zu viel produziert, nicht für das physische, wohl aber für das ökonomische Bedürfnis. Ganz vermag übrigens auch Herr May nicht zu leugnen, dasi es Zeiten der Ueberprodnklion giebt, die Sache ist doch zu offenkundig. Er hilft sich deshalb damit, daß er die Ueberproduktion einfach„Depression" nennt. Solche Depressionen aber entspringen nicht etiva notwendig anS dem Charakter der kapitalistischen Produktion, sondern Herr May findet vielmehr als echter Praktikus, der an der Oberfläche der Ivirtschaftlichen Erscheinungen chernmkrebst, datz der Handel die Konjunktur wahrnehmen will und die Interessenten falsche Angaben machen,„Wenn die Preise steigen," sagt er,„will der Handel die Konjunktur wahrnehmen, er kauft. Der' Prodüzent spricht dann von dem steigenden Bedarf und richtet sich durch stärkere Produktion auf einen größeren Konsum ein. Der Konsum ist aber nicht gestiegen. Eines Tags stellt sich' heraus, daß der Handel„voll sitzt", daß die Ware nicht abgeht," Das ist allerdings der äußere Vorgang. Aber warum ist denn der Konsum nicht gestiegen, warum geht nichts ab? Wenn doch Volksproduktion Volkseinkoimnen ist und jede Prodnktions- Vermehrung einer Mehrung der Konsumtions- fähigkeit entspricht, warum kaufe» dann die Leute nicht, wenn sie doch noch so nianches brauchen könnten? Ja, warum nicht? lieber die Ursache dieses Mißverhältnisses zwischen seiner Auf- fassung und den thatsächlichen Vorgängen auf dem Wirtschaftsmarkt scheint Herr May noch nie nächgedacht zu haben. Vielleicht versucht er es gelegentlich, ivenn er überflüssige Zeit hat, und findet dann vielleicht auch, daß es auf die Vermehrung des Volkseinkommens keineswegs allein ankommt, sondern amb auf die Verteilung dieses Einkommens und die mit ihr zusammenhängende Art' des Konsums, und daß diese wieder durch das Verhältnis des Arbeitslohns zum Mehrwert be- stimmt wird. Allerdings ohne etwas Vertiefung in die Theorie wird es kaum gehen. Bekanntlich hat eine„Depression" gewöhnlich Arbeiterentlassnngen zur Folge. Es entstehen dann Perioden der Arbeitslosigkeit; ein Heer von Beschäftigungslosen häuft sich an, daS nicht nur. indem es durch Löhnuntsrbietungen das Lohimivcau herabdrückt. der Arbeiterklasse selbst gefährlich wird, sondern oft auch bedeutende Anforderungen an die Stenersäckel des Staats und der Kommunen stellt. Deshalb ist die Frage der Verhinderung der Arbeitslosigkeit eine der wichtigsten des heutigen Wirtschaftslebens. Herr May als moderner Doktor Eisenbart lost auch sie spielend. Man verwandle, sagt er Seite N9, die ungelernten Arbeiter in ge- lernte, sei es selbst auf Kosten der Gesanitheit. Durch diese Umwandlung werden die Arbeiter leistungsfähiger, und„mit der dadurch erzielten Steigerung der Produktivität steigern wir die Produktion, die Löhne, den Konsum und schaffen so ain sichersten aus der Welt die Arbeitslosigkeit." Also die Ueberproduktion führt zur Arbeitslosigkeit; um diese zu heben, muß die Leistungsfähigkeit des Arbeiters verstärkt werden, damit er noch mehr produziert. Wie nun aber, wenn die Löhne und die Kaufkraft nicht in gleichem, sondern in geringerem Maße steigt, als die Produktion? Der Fall scheint Herrn May in seiner Praxis noch nicht vorgekommen zu sein. Einen Nutzen hat das vorliegende Buch unbedingt. Es zeigt jedem, der Augen zum Sehen hat. wohin die praktische Betrachtung führt, Ivenn sie ohne theoretische Einsicht in die inneren Zusammenhänge des Wirtschaftslebens vorgenommen wird; und diese Lehre ist für 10 M. nicht zu teuer erlauft. Ich wünsche des- halb dem Buch weiteste Verbreitung, aber noch mehr kritisch- ver- anlagte, denkende Leser. II. C. Denkbar grösste Auswahl. Feinste Mass-Anfertigung. (ITHL* Zur Bei*® Berlin. Oranienk�r. 160. Herren-Jacketts aus Lüstre, Alpaoca, Panama, Caohemire und Cheviot 3,50, 4,—, 5,25, 6,—, 6,50, 7,50, 8,—, 8,50, 9,— u. 10,50 Mk. 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