Ar. 334. Abonnements• Kedingunge»: SbonnemsntS-Pret! pränumerando: wierleljährl. 3,30 Mr„ monall. l.10Mr.. wöchenilich 2S PIg. frei ins Haus. Einzelne Numm'r 5 Psg. EonniagZ- Nummer mir»luNrierlec EonniagS- B-ilaze„Die Neue Welr" 10 Psg- Poll- zilbonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in der Post-Zeilungä- Preisliste sitr lvul unler Nr. 7671. Unter Kreuzband tllr Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, sitr da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Erschrinl täglich ausser Montag«. Devlinev Volksblstk. 18. Jahrg. Die Insertlons-Gebmit" beträgt für die sechsgefpaltene Kolonet» zeUe oder deren Raum 10 Psg., sü« poltilsche und gewertschaftliche Vereins- und Vecsammlungs- Anzeigen 20 Psg. „Kleine Anzeigen" jedes Wort 6 Psg. (nur dag erste Wort feit). Tnierale sur die nächste Nummer müssen bis 1 Uhr uachmittags in derlßxpedirion abgegeben »verden. Z>le Erpcditton ist an Wochen- ragen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Lestla�en bissuhr vormittags geossnu. Telegramm-Adresser «Sorlaldrmostrat verlin'« Cvntralorgan der socialdemo-kratiMen Uartei Deutschlands. Redaltkion: kw: 19. Beulh-Skrstze 2. Fernsprecher: Amt I. Nr. slS«8. Mittwoch, den 25. September 1901. Expedition: SW. 19, Venth-Stvahe 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. lim. Nach dem Präsidentenmord. New Jork, 13. September. Zum viertenmal innerhalb weniger als 70 Jahren hat vor einigen Tagen sich die Hand des Meuchelmörders gegen das Oberhaupt dieser großen Republik erhoben, gegen den vom Volke gewählten höchsten Beamten. Der Attentäter, der sich, seines für Amerikaner un- aussprechbaren Namens halber, Niemann nannte, ist vor etwa 26 Jahren von jüdisch-polnischen Eltern in Detroit im Staate Michigan geboren. Das Kabel wird Ihnen die Einzelheiten des Attentats schon lange übermittelt haben, so daß ich darauf verzichten kann. Der Eindruck, den die Nachricht von dem Attentat auf das Land machte, war im ersten Augenblick nicht ein tiefer, wohl aber ein sensationeller. Abgesehen von den Leuten, mit deren Lebensinteressen die Persönlichkeit Mc Kinlcys eng vcr- knüpft ist— und dazu gehören vor allen Dingen die Träger der gewaltigen Kapitals-Kombinationen— hat das„Volk" im allgemeinen keinerlei Zeichen einer großen Erregung gegeben. Die Nachricht gelangte vor 5 Uhr nachmittags nach New Jork und wurde natürlich sofort, abgesehen von den„Extras", durch die Bulletinsbretter der Zeitungen publiziert. Aber zu keiner Zeit stand im Zeitungsviertel mehr als ein paar hundert Menschen vor den Bulletins, noch dazu zu einer Stunde, da die früh schließenden Bureaus der unteren Stadt ihre Angestellten zu vielen Tausenden bei den Zeitungen vor- bei nach Hause entsenden. Nach den eingelaufenen Kabel- depeschen zu urteilen, scheint die That in Europa mehr Eindruck gemacht zu haben, als hier. Heute, eine Woche nach derselben, da es sicher scheint, daß sich der Präsident aus dem Wege zur vollkommenen Genesung befindet, traten wieder die„Bafebell"-Berichte in den Vordergrund. Die Ursachen dieser Erscheinung sind nicht schwer zu er- forschen. Mc Kinley wird— und mit Recht— als der gehorsame Diener des Großkapitalismus betrachtet, und ein solcher kann in den weiten Kreisen des Volkes, so unreif das- selbe auch sein und so wenig Verständnis es für die Ursachen seiner Leiden haben möge, nimmermehr populär werden. Für die Majorität des Volkes war Mc Kinley bei der letzten Wahl nur das kleinere von zwei Uebeln. Aber allerdings sind gewisse Kreise der Bevölkerung geradezu außer sich, sie sind nicht etwa ergriffen, wie das z. B. beim Tode Lincolns in überwältigender Weise bei dem ganzen Volk des Nordens der Fall war, aber sie fühlen sich in ihren„heiligsten" Interessen bedroht. Was diese Kreise besonders fürchteten, ist die Präsidentschaft Noose- velts. Und in dieser Beziehung ist die ganze Geschäftswelt einig. Was Mc Kinley in gewissen gegebenen Fällen thun würde, weiß man jetzt so ziemlich sicher, Roosevelt aber, der sich in seiner ganzen politischen Karriere als ein unberechen- barer Feucrfresser und Jingo erwiesen hat, jagt den„Busineß-" Leuten Furcht und Schrecken ein. Es mag erlaubt sein, in dieser Beziehung auf eine im letzten Jahre im„Vorwärts" veröffentlichte Korrespondenz hinzuweisen, in welcher schon, gelegentlich der Präsidentenwahl, diese schlimme Aussicht in Betracht gezogen wurde. Daß die ganze kapitalistische Presse unmittelbar nach dem Attentat in ein wahres Wutgeheul ausbrach, versteht sich von selbst; aber eine merkwürdige Thatsache machte sich geltend: die Presse sowohl wie das Publikum sind sich bewußt, daß zwischen Anarchismus und Socialismus ein grundlegender Unterschied besteht, und sie sprechen es offen aus. Die„New Jorker Times" zum Beispiel, ein ultra- kapitalistisches Blatt, führen das in einem längeren Artikel aus:„Socialismus und die organisierte Arbeit"— heißt es da u. a.— brüten so wenig Anarchisten aus, wie Feigen von Disteln kommen. Ihre Unähnlichkeit läßt es nicht zu, daß irgend eine Be- ziehung zwischen ihnen bestehen sollte. Und Murphy, der Polizcichef von New Jork, erklärt, daß man nicht etwa Socialisten mit Anarchisten verwechseln solle; unter den ersteren befänden sich„einige der größten Geister". Man muß Murphy kennen, um dieses„Kompliment" würdigen zu können. Alles das wäre vor noch zehn Jahren nicht möglich gewesen. Aber die geduldige, energische Pionierarbeit der Socialisten, besonders bei den Wahlen, hat diesen Umschwung in der öffentlichen Meinung bewirkt. Der größte Teil der kapitalistischen Presse, die„gelben" Zeitungen voran, schreien nun nach Ausnahmegesetzen gegen die Anarchisten. Der„Herald" verlangt in einem längeren Artikel das Verhängen der grausamsten Strafen, der Tortur und eines ungewöhnlich schrecklichen Todes über jeden, der nur den Versuch niacht, das Oberhaupt der Republik zu töten. Andre Blätter unterstützen ihn in dieser Forderung. Weniger alberne und, in ihrem Sinne. zielbewußte kapitalistische Zeitungen fordern den Erlaß von Gesetzen, wonach jede Art von Aufhetzung streng bestraft werden soll. Das richtet sich natürlich gegen die Arbeiter- organisationen im allgemeinen und deren Kampfmethoden. Das Attentat aus Mc Kinley soll in dieser Weise fruktifiziert werden. Tie Polizei, welche sich, so weit die Verhinderung des Attentats in Betracht kommt, so unsterblich blamiert hat, ver- sucht das nun durch eine allgemeine Anarchistcnhetze und den Versuch, die Existenz einer Verschwörung nachzuiveisen, wieder gut zu machen. Zunächst wurden an allen Ecken und Enden der Union als„Anarchisten" be- kannte Persönlichkeiten verhaftet, welche aber in den meisten Fällen, da ihnen absolut nichts zu beweisen war, wieder ent- lassen werden mußten. Nur eine dieser Persönlichketten, Emma Goldmann, welche in der Geschichte des Anarchismus auf amerikanischem Boden unzweifelhaft eine große Rolle spielt, wird bis zu diesem Augenblicke festgehalten. In ihr, der„ErzVerschwörerin". glaubt die Polizei den Mittelpunkt der Verschwörung gegen das Leben des Präsidenten gefunden zu haben. Emma Goldmann wurde vor etwa 33 Jahren in Russisch- Polen geboren und kam vor 15 Jahren nach Amerika. Sie fiel in die anarchistischen Kreise, ivclche Most damals gebildet hatte und wurde bald eine glühende Anhängerin des Anarchismus. Mit Most verfeindete sie sich bald, weil der- selbe— wie sie sagte— stets nur schwatze, aber niemals handle. Da Most in seiner Weise replicierte, peitschte sie ihn eines schönen Abends in einer Versammlung durch. Sie formierte dann bald ihre eigne Anhängerschaft, unter der sich ein besonders Bevorzugter, Alexander Bergmann, befand. Dieser Bergmann, von derselben Nationalität, wie die Goldmann, attackierte im Jahre 1892 Frick, den Compagnon Carnegies in dessen Office zu Pittsburg mit der Absicht, ihn zu töten. Er ver- wuudete ihn aber nur leicht und wurde verhaftet. Frick war der Mann, welcher die Arbeiter in den Carnegiewerken und Minen stets auf das schändlichste behandelte. Die Schlacht von Homestead und andre Arbeitermassacres sind auf sein Conto zu schreiben. Die Goldmann, welcher eine ge- wisse rauhe und entflammende Beredsamkeit eigen ist. wurde im Jahre 1893 wegen„aufrührerischer" Reden auf ein Jahr ins Gefängnis geschickt. Sie studierte später Medizin, verschwand auf kurze Zeit nach Europa und erschien vor etwa einem Jahr wieder hier auf der Bildfläche, ihre rastlosen Bestrebungen zur Befreiung ihres Freundes Bergmann, der zu 22 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. wieder aufnehmend. Man hatte lange nichts von ihr ge- hört, bis ihre jetzt in Chicago erfolgte Verhaftung sie wieder in den Vordergrund der Ereignisse schob. Czolgosz soll in einem„Geständnis", welches er vor den Buffalocr Polizeibehörden angeblich abgelegt, gesagt haben, daß er keine Mitverschworene habe, aber daß infolge eines Vortrages der Goldmann, welchen dieselbe vor einigen Wochen in Cleveland gehalten und dem er beiwohnte, der Gedanke zu der That bei ihm reif geworden sei. Nach allem, was bis jetzt als verbürgt in die Oeffentlichkeit gelangte, kann von einer Verschivörung keine Rede sein. Czolgosz ist in allen„revolutionären" Kreisen voll- ständig unbekannt. Seine Familie— arme Leute— und seine Freunde bezeichnen ihn als einen Sonder- ling und Träumer, ja als einen Feigling, dessen man sich einer solchen That nicht versehen hätte. Wie dem aber auch sei: falls es nur irgendwie möglich ist, durch Fabrikation falschen Zeugnisses die Existenz einer Verschivörung in für die Geschworenen plausibler Weise darzulegen, so wird das ge- schehen. Dafür haben der Chicagoer Anarchistenprozeß des Jahres 1886/87 und sonstige Stückchen der Polizei, besonders der Chicagoer, in deren Händen sich jetzt die Goldmann be- findet, genügende Beweise abgelegt. Das Verbrechen,(im New Zjorker Strafgesetzbuch mit „Angriff mit der Absicht, zu töten", definiert) dessen Czolgosz sich schuldig gemacht, ist— falls der Präsident am Leben bleibt— mit einer Strafe von höchstens 10 Jahren Zuchthaus bedroht. Selbstverständlich ist dieselbe den Racheschreiern weitaus nicht genügend. Es wird� also Czolgosz gerade so ergehen wie Bergniann. Der Angriff aus Frick hätte dem letzteren nach dem pennsylvanischen Strafgesetz höchstens 7 Jahre kosten können. Aber das Gericht formulierte nicht eine, sondern eine ganze Anzahl von Anklagen. Bergmann war nämlich ein paarmal in Fricks Office gewesen, ohne ihn anzutreffen. Daraus wurden zwei Klagen wegen unbefugten Eindringens in ein Haus, mit der Absicht zu töten, gemacht; noch andre ähnliche„Punkte" wurde auuf- gestellt und in dieser Weise das Urteil von 22 Jahren zu- sammengebracht. Mit Bezug auf Czolgosz hat nun schon der Staatsanwalt Penney von Buffalo, welcher den Fall in Händen hat, erklärt, daß der Attentäter mindestens auf sechs verschiedene Anklagen hin verurteilt werden würde; darunter zunächst zwei verschiedene Anklagen auf Angriff, mit der Absicht zu töten, weil Czolgosz zweimal schoß, was schon zwanzig Jahre Zuchthaus ergeben würde: dazu die Anklage wegen Bedrohung mit thätlichem Angriff gegen s e d e n der drei Männer, welche Czolgosz zu Boden warfen und gegen welche er sich natürlich wehrte, und schließlich noch eine Anklage wegen verborgenen Tragens tödlicher Waffen. Danach wird das zu erwartende Gesamt-Strafmaß auf über 30 Jahre steigen. Die Leser des„Vorwärts" mögen vielleicht ungläubig die Köpfe schütteln, weil es doch in Kulturländern irgendwie eine Grenze der Auslegung von Gesetzen geben müsse und die oben skizzirte Art der Rechtsprechung diese Grenze weit überschreite. Darauf ist zunächst zu antivorten, daß es noch sehr zweifel- Haft ist, ob man den Vereinigten Staaten den Titel eines Kulturlandes zusprechen kann, etwa weil die Mittel der Civilisation hier im ausgedehntesten Maße zur Anwendung kommen, dann aber müssen die Leser des„Vorwärts", um hiesige Vorgänge begreifen zu können, sich ein für allemal ein- prägen, daß es im Bewußtsein der überwältigenden Mehrheit des amerikanischen Volkes und in dessen Praxis feststehende principiclle Grundanschauungen in Sachen des Rechts und der öffentlichen Wohlfahrt überhaupt nicht giebt; daß alles, was geschieht, im Interesse der herrschenden Mächte einfach irgendwie durchgesetzt wird und daß das„Gesetzliche" der Sache, wenn nötig, nachher den vollendeten Thatsachen angepaßt wird. Daraus erklären sich auch z. B. die un- glaublichsten Gerichtsurteile gegen die Arbeiter, Urteile, deren Aussprechen man in keinem Lande, das sich einer absoluten Regierungsform erfreut, für möglich halten würde. In der ferneren Entwicklung des sich immer mehr zuspitzenden Kon- flikts zwischen Kapital und Arbeit wird man daher auch hier Dinge erleben, wie sie in der Art der Mittel behufs Niederhaltung der Arbeiter in keinem andern Lande der Welt, Rußland nicht ausgenommen, zur Anwendung kommen werden. Die schmachvolle Fälschung des Rechts aber, wie sie in dem Berg- mannschen Fall zum Ausdruck gekommen und wie sie in dem Czolgoszschen Fall bevorsteht, entspricht durchaus dem Wesen des angelsächsischen„ctmt"(Heuchelei), indem man durch Aus- legen des„Gesetzes" erreicht, was man nicht durch An- Wendung brutaler Gewalt, wie in den zahlreichen Lynch- morden, zu erzwingen wünscht. Zum Schluß sei noch die treffende Antwort erwähnt, welche Debs, der vorjährigePräsidentschafts-Kandidat derSocialdemo- kraten, den ihn bestürmendenJnterviewern gab:„Ich sympathisiere mit jedem Manne, der das Opfer eines solchen Attentats ist, weil ich grundsätzlich gegen alles Blutvergießen bin, einerlei unter welchen Umständen es dazu kommen mag. Aber ich empfinde nicht mehr Sympathie für Mc Kinley, als für die unschuldigen, unglücklichen Opfer, welche vor einigen Jahren von der New Uorker Miliz in Buffalo über den Haufen ge- schössen, oder für die harmlosen Bergarbeiter, welche auf der Chaussee bei Latimer wie wilde Tiere niedergeknastt wurden. Die Schwätzerei betreffs Unterdrückung der Anarchie ist vollständig zwecklos. Wo soll die Grenze gezogen werden und wer soll sie ziehen? Was Respekt vor dem Gesetz anbelangt, so sind die irregeführten und vielgehaßten Anarchisten unschuldige Lämmer im Vergleich mit den Trusts und Korporationen, welche alle Gesetze mit Füßen treten und durch ihre Herrschaft auf allen Gebieten der Industrie Leiden, Elend und Tod über Tausende und Abertausende bringen. Gerade sie, welche jetzt mit ihren Loyalitätsbezeugungen so großen Lärm machen, sind die wahren Feinde dieses Landes. So lange die Gesellschaft Elend erzeugt, so lange wird das Elend Attentate erzeugen." * ** Nachschrift. Soeben kommt die Nachricht aus Buffalo. daß Mc Kinley. dessen Befinden sich unerwarteter- weise seit gestern abend verschlimmert hat, gestorben ist. Das Obige wird dennoch zur Erläuterung der Vorgänge vor seinem Tode und zum Verständnis dessen. was jetzt folgen wird, dienen. Der erste, wirklich„kapitalistische" Präsident der Vereinigten Staaten ist tot. Sein Nachfolger ist nicht weniger kapitalistisch gesinnt, aber er ist ein weniger williges Werkzeug und hat eigne Einfälle. Und deshalb fielen auch schon heute, als die ersten schlimmen Nachrichten aus Buffalo einliefen, die Kurse an der Börse rapid. Czolgosz aber wird von den ihm drohenden 30 Jahren Zuchthaus durch Besteigen des elektrischen Stuhles erlöst werden. NMitifrize Berlin, de» 24. September. Die Schädigung Berlins. Mit einem ganz sonderbaren Beweisgrund rückt die liberale „National-Zeitung" heraus, um der Kommune Berlin klarzumachen, wie sie gezwungen sei, trotz alledem sich um die Gunst der Krone zn bemühen, Berlin sei nicht nur eine Gemeinde, wie jede andre, sondern auch Hauptstadt: „Es ergeben sich aber nuS der Doppelstellnng Berlins auch mit Notwendigkeit Rücksichten, die in höchster Instanz seitens der Krone verlangt werden. Die augenblicklich streitige Stratzen- bahn- Verlängerung, von der Bchrenstratzc durch die»leine Mauerstratze über die Linden nach der Neustädtischen Kirchstcatze, ist ein gutes Beispiel dafür. Eine Unterführung, wie der Kaiser sie ivüiischt, mühte hier, im teuersten Teil von Berlin, auch ver- möge der erforderlichen Ran, Pen in den gufahrtsstratzc», außer- ordentlich kostspielig iverden. Andrerseits sind die Linden am meisten in der Gegend des fraglicbcn Uebergangs die eigentliche Repräsentntionsstraße der Reichshauptstadt; es ist nicht zu vcr- kennen, daß hier ein Niveau-Uebergang der Straßenbahn quer über die Linden den beständig slutcnden Personen-, Wagen- und Rciterverkehr alle paar Mimten in einer Art unterbrechen würde, mit welcher die bestehende Kreuzung der Linden durch die Straßenbahn an der ungleich iveniger verkehrsreichen Stelle zwischen Opernplatz und Kastanienwäldchcn kaum verglichen iverden kann. Der Gegensatz zivischen dem Verkehrsbedllrfnis, sowie de» svohlbegründcten finanziellen Rücksichten der Gemeinde Berlin ans der einen, der gleichfalls gebotenen Rücksicht auf die Repräsentation Von Reich, Staat und Krone auf der andre» Seite, dieser Gegen? satz, der in einer Hauptstadt vielfach unvermeidlich ist, kommt hier geivisscnnaßen vorbildlich zur Erscheinung. Solche Gegensätze niüssen ansgegliche» werden; und die Vertreter der Gemeinde Berlin haben im eigensten Interesse der letzteren die Pflicht, ihrerseits dafür zu sorgen, daß die Vor- bedingnngen für die Ausgleichung immer vorhanden seien. Sehr möglich, daß es auch außerhalb der Soeialdemokratie, am entgegengesetzten Ende der gesellschaftliche» und politischen Entwicklungsreihe, Elemente giebt, welche ans einen Konflikt hinarbeiten; mit um so mehr Sachlichkeit»nd kühler Ueberlegung sollte seitens der städtischen Benvaltnnq verfahren werden. Der Mißgriff in dem Fall Kauffinaim ist»im eiinnal begangen; es kommt jetzt darauf an, nicht neue Fehler Hinz u'z u f ü g e n." Die gute„Natioiial-Zcitmig" hat in ihrem feigen und angst« vollen ServilismuS offenbar nicht bedacht, was sie mit den vor- stehenden Sätzen hingeschrieben hat. Sie erklärt ganz offen, die Stadt Berlin müsse deshalb um ein gutes Verhältnis mit der Krone fortgesetzt werben, weil sonst die kommunalen Interessen geschädigt werden könnten. Kein Anarchist der That könnte ein aufreizenderes Argument er- sinnen; denn hier wird der Krone insinuiert, sie wäre im stände, aus ihrer antipathischen Stimmung heraus die Interessen der Stadt zu benachteiligen. DaS halten wir denn doch für unmöglich. Die Krone kann wohl im unklaren über die Interessen der Stadt sein, aber sie kann doch nicht die Art der Verwendung ihrer staatSrecht- licheu Befugnisse danach einrichten, wie sich die Stadt den Neigungen der Krone gegenüber verhält. Das Bestätigungs- recht der Krone ist doch lein Mittel der Strafe und der Belohnung. Wäre aber auch solche Auschauung, was wir für undenkbar halten, wirklich vorhanden, so könnte das auf die Entschließung der Stadt keinen Einfluß haben, wenigsten keinen Einfluß im Sinne der „National-Zcitung". Die Stadt Berlin ist frei von jeder Vcr- antwortung, ivenn ihre die Interessen der Gemeinde fördernden Pläne von der Aufsichtsbehörde durchkreuzt werden sollten; diese trifft die ganze Last der Verantwortung. Wir sind zwar keine Monarchisten, aber so antimonarchisch denken wir doch nicht wie die liberale.National-Zeitung", daß die Krone jemals bewußt gegen die Interesse» der Stadt Stellung nehmen könnte, bloß um ihren Antipathien Ausdruck zu verleihen. Und die Stadtverwaltung hat jedenfalls gar keinen Grund, die Wahrnehmung der kommunalen Interessen unter der Befürchtung einer solchen persönlichen Politik zu beschränken oder zu ändern. Die„Nat.-Ztg." erkennt an, daß durch die kaiserliche Sperrung der Linden für den Straßenbahn-Verkehr die Stadt Berlin benachteiligt werde. Daraus folgt lediglich, daß sie sich als Monarchistin bemühen müßte, die Krone von diesen Schädigungen zu überzeugen, die sie bisher offenbar nicht erkannt hat. DaS mehr oder minder große «Wohlverhalten" der Stadt kann bei der Entscheidung über diese Frage gar nicht in Betracht kommen; denn die Krone ist kraft der Zu- erkennung des Bestätigungsrechts moralisch und rechtlich verpflichtet, ohne jede Vorbedingung und Einschränkung die Interessen des ihr staatsrechtlich anvertrauten Gemeinwesens zu vertreten und die Rück- ficht auf die Kommune ihren privaten Wünschen und Bedürfnissen voranzustellen. So etwa müßte auch der zahmste Liberalismus, vor allem aber jeder Monarchist argumentieren. Statt dessen sucht das ebenso liberale wie monarchistische Blatt die Stadt Berlin mit Drohungen einzuschüchtern, die in Wirklichkeit für die Krone schwer beleidigend sind.— «* • Nach der„Freisinnigen Zeitung" sei auch in der Straßenbahn- frage die Entscheidung des Kaisers getroffen worden entgegen dem Antrag dcS verantwortlichen Nessortministers.— DaS entlastet den Nessorrminister nicht im mindesten, der so lange die Vcrant- wortnng trägt, als er nicht seine Entlassung nimmt. Wie das Blatt ferner erinnert, führte die„Bresl. Ztg." unlängst 11 Fälle an, in denen ganz unerwarteterweise, von oben herab, in die Selbstverwaltung von Berlin eingegriffen wurde. Dahin ge- hört auch der Befehl, die Arbeiten an dem Entwurf eines Denkmals einzustellen, welches die Stadt Berlin der Feuerwehr aus Anlaß ihres Jubiläums zum Rubine der im Dienste Gefallenen, zur Ehre der noch Lebenden auf städtische Kosten auf dem Mariannen- platz errichten ivollte. Aus dem Kabinett kam der Befehl zur Ein- stcllung der Arbeiten, weil dem Könige der DcnkmalSentwurf nicht vorgelegt worden sei. Ebenso verlautet von einem Verbot der Durchführunng einer Straße durch den Tiergarten zwischen der Fasanenftraße, Kurfürsten-Allee und Gartenufer. ** * Deutsches Weich. Mit Ivo Millionen Defizit soll der nächste RcichSetat abschließen. Das sind die Folgen der Weltpolitik. Bereits spricht man von neuen Stenern, Anleihen, Er- höhung der Matrikularumlagen der Einzelstanten. Zunächst sollte man doch an Beschränkung der Ausgaben denken. Die letzte Flottenvorlage beruhte auf der Annahme und Voraus- setznng regelmäßig zunehmender Rcichseinnahmen. Mit der jetzigen Entwicklung zum Reichs-Finanzbankrott ist die Voraussetzung hm- fällig getvorden, und damit ergicbt sich von selbst, daß für das nächste Jahr der Flottenbau sistiert werden muß. Wir sind ge- spannt, ob das Centrnm diese Konsequenz seiner eignen Haltung ansführcn wird. Freilich einstweilen hört man nichts von Verminderung der Flottenausgaben, sondern ini Gegenteil von Vermehrung. Der Marine-Etat für 1802 wird nämlich, wie das„Berliner Tageblatt" erfährt, außer den Forderungen für Schiffs n e u bauten auch zwei Titel für Ersatz bauten enthalten, nämlich jene für je einen großen und einen kleinen Kreuzer; diese Forderungen werden sich auch im Etatsjahre 1303 iviederholcn. Ferner wird der neue Marine-Etat eine Ersatzfordenmg für das im Dezember v. I. bei Malaga gesunkene Schulschiff„G n e i s e n a u" enthalten, wenn diese auch nicht zum Bau eines noch auf Stapel zu legenden Schiffes benutzt werden soll, sondern zum Umbau bereits vorhandener älterer Kreuzer für Schulschiffszwecke. In einer Dinerrede hat der Reichskanzler Graf B ü l o w dem PiNnebcrger Kreistag seine Philosophie der mittleren Linie und der Allbestücklnng der verschiedenen kapitalistischen Raffen entivickelt. Er sagte: Im Pinuebergcr Kreise wären die drei großen Zweige des heiniischen Erwerbslebens vertreten: die Landwirtschaft, tvelche sich vielfach in bedrängter Lage befinde,«und der wir helfe» müssen und in ollen und werden"; die Industrie, die jetzt leider eine Zeit der De- Pression durchmache, und deren Jntercsscn die ernsteste und g e w i s s e n h a f t e st e Berücksichtigung verdienten; unser iveltunispanneuder Handel, dessen Hauptverkehrsader an dem Pinneberger Kreise vorüberflicße. Darum»verde gerade dieser Kreis Verständnis für die wirtschaftliche Politik der Re- gierung des Kaisers haben, tvelche jedem das Seine geben »volle, getreu dem alten Hohenzollernschcn Wahlspruch: Lunm ouiqus. Das tvarme Herz deS Grafen Bülow hat ztvar eine sehr hohe Temperatur, aber die A r b e i t e r hat er auch im Kreise Pinneberg nicht zu entdecken vermocht, so daß von seiner HerzenSwärme ihnen hätte abgegeben werden könne». DaS Proletariat, auf dessen Kosten die drei kapitalistischen Koiikurrcnlcn befriedigt»verde», sollen. wird denn auch den Wahlspruch sachgemäß übersetzen: Jedem das— U« s r i g e!— Entlarvter Lockspitzel. Uusre Müncheiier Parteigenossen sind in der Lage gewesen, ein schäbiges Subjekt so fest zuZ nageln, daß eS nicht mehr entrinnen konnte. Seit ctlva vier Jahren suchte ein geiviffcr Johann Prinz, der sich als Tapezierer bezeichnete, sich allenthalben in Partei-»»nd Gewerkschastskrcise hcranzndrängen. Er»var in socialdcmokratischen Verfaniinluiigen socialdemokratisch und war auch gleichzeitig bei den Anarchisten ein eifriger Bekäinpfer der„korrupten" Socialdemokratie. Sein Benehmen Iva».' schon längst aufgefallen und der Umstand, daß er. ohne zu arbeiten, stets über Geldmittel verfügte, machte ihn wir noch verdächtiger. Vor kurzer Zeit bot er sich einem Mitglieds des Freidenker- Vereins, den er ebenfalls mit seiner Freundschaft beehrte, als Zeuge in einem Prozesse an. Auf den Einlvand, daß er ja von den strittigen Vorgängen nicht» tvissen konnte, da er nicht dabei»var, gab er zur Antwort:„O, da» macht gar nicht», Ihnen zu Ge- fallen schwöre ich jeden Eid!" Dieses staatSretterische Angebot veranlaßt« den so frenndlich Bedachte», sich»nit ciuc»» bekannte» Socialdemokraten in Ver- bindlmg zu setzen und dann»ah», nian den Bursche» in Behandlung. Das Resultat»var das Geständnis:„Ja, ich bin von der hirfigcu Polizei beauftragt, Nachrichten über die Freidenker, Socialdemokraten»nd Anarchtstc» zu bringen>md werde dafür gut bezahlt!" Kurz entschlosseu, begaben sich die beiden Herren nun dirclt zur Polizeidirektion und baten um gefällige Aufklärung über den Fall. Der Polizeidirektor wußte gar mchts. Aber der Herr Polizeidlrektor hatte doch die Güte, die un- gestümen Frager au den Borsteher des Ressorts für das„Politische", eiiien Assessor,' zu Iveisen. Dieser Beamte gestand nun nach einigen Uinschiveifen: Erkenne allerdings de» Prinz, der habe sich ihm zu Mit- teilungcn über die„Änarchisten" angeboten; er habe ihn auch in e h r»» a I s kommen lassen und ihin G e l d für Iv i ch ti g e Mitteilungen angeboten. Aber diese Mitteilungen seien unbrauchbar geivescn, er— der Assessor— habe nicht recht gewußt, »vas er damir machen solle... Die«Münchner Post" stellt die Entlarvung noch»veiterer solcher Staatsrctter in Aussicht.— Falls man nicht nach dieser glatten Ent- hüllung vorzieht, die Herren Lockspitzel schleunigst in der Versenkung verschivinden zu lassen, um weiteren kompromittierlichen Aufragen und Enthüllmigc» zu entgehen.— Die Wohnungsfrage füllte den ersten Tag der Verhandlungen der General- Versammlung des Vereins für Socialpolitit aus. Dr. Fnchs, Freiburg i. B., führte in seinem Referat unter andern» das folgende aus: „Heute, seit dem Jahre 1886, ist es nicht mehr nötig, die Existenz der Wohnungsnot zu beiveiseu, dieselbe»vird heute nur noch von eiuigeu weingeii Hausbesitzer- Organisationen bestritten. Um feststelle» zu köiiuen, ivie die Hoffnungen, die gerade M i q u e l im Jahre 1886 geäußert hat, sich erfüllt habeii.müssen ivirdie ivichtigsten Erfahrungen aus allen Ländern zusammeiifasscn. Es sind wohl manche Maßnahmen zur Beseitigung der Wohnuiigsiiot getroffen lvorden, zu rechter Wirksam- kcit sind sie bisher jedoch noch' nicht gelangt. In Deutschland ist die Wohnungsfrage seit dem Jahre 1886 wohl schon Hunderte von Malen auf' dem Papier und auf dem Katheder gelöst worden. Hunderttausende von billigen Arbciterivohnungeu sind gebaut ivordci»— aber nur auf dem Papier. Theoretisch haben»vir die Wohnmigsfrage in diesem Zeitramn bemeistert, aber praktisch ist trotz vieler Ansätze und hoffnungsvoller Keime doch iioch recht»venig geschehen. Zn einer Wohinmgsreform,>vie Miqnel sie 1886 gefordert hat, sind»vir»och nicht gekommen. Die Wohnuugs- Verhältnisse habe» sich seit dieser Zeit im allgemeinen nicht ver- bessert, entiveder haben sie sich gleichmäßig erhalten oder noch»veiier verschlechtert. Zwischen Hausbesitzer und Mieter schiebt sich der Zimmerverinietcr ein, der so zur Steigerung der MictSprcise beiträgt. DicS hat auch die lvachsende AuSdchnnng dcS Etagenhauses zur Folge, der sogenannten Mietskasernen, Vielfach ist auch die akuteste Form der Wohnungsnot aufgetreten, daß für zahlungS- ähige Arbeiterfamilien überhaupt keine Woh- n u n g e II vorhanden>v a r e n. Wir können der Hoffnung sein, daß jetzt in Deutschland die Zeit des Handelns gekommen ist. Im Ausland ivird zuerst gehandelt, und dann viel»veniger gesprochen und geschrieben. Tie allgemeine Wohnungsnot kann nur durch höhere Gelvalten gelöst»Verden, dagegen der Wohnnngsmangel durch das Znsammc»- wirken der öffentlichen»nd privaten Thätigkcit. Durch Baliordiiniigen sind allerdings in einer Reihe von Eiuzclstaatcn und Städten Saiiieruugeu geschaffen, doch ist es zu einer rcichsgerichtliche» Regelung noch nicht gekommen. Mehr ist in Deutschland Positives zur Abhilfe der speciellcn Wohnungsnot erreicht»vordei». Staat und Gcineiude, Arbeitgeber und Arbeiter wirken zusammen, um dem Wohnuiigsmangel zu begegnen. Ich kann es aber»»cht für richtig hallen,»veiin der Arbeiter eine dem Arbeitgeber- gehörige Wohnung i»»e hat, de»»» dadurch wird das Ab- häiigigkeitsgcfühl der Arbeiter vermehrt. Er muß gelvärtig sein, neben seiner Arbeitsstelle eventuell auch seine Wohuimg zu verliere». Privaten Arbeitgebern soll daher keine staatliche Bau-Uiiterstütziiiig zu teil»verde», denn diese würde nur dem Arbeitgeber Nutzen bringen. Anders ist es bei Ba»»- Unternehmungen öffentlicher Verbünde, des Staates»nd der Ge- meindc. Zur Bclämpsnug der allgciiieineu Wohnungsnot ist eine Decentralisation der Bevölkerung notlveudig. Nicht ctlva, daß dlirch Vermehrung der Verkehrsmittel eine Rücklvirlung eintreten»vird,»vohl aber ist ein Stillstand zu erivartcn, DaS Mietsrecht ist gesetzlich geregelt und erivcitert»vorden, auch bietet daS Gesetz eine Handhabe gegen den Wohiiungswucher. Der Bodenspekulatiou lann man entiveder durch eine U in s a tz- st e u e r entgegeiitretei», oder durch eine Steuer auf un- bebautes Gelände oder eine W e r l s ch ä tz n n g S st c u e r. Die Umlegung und Enteigiiuiig des Geländes ist in Baden eingeführt und in Deutschland durch die lex AdickcS fiir Frankfurt a. M. vorgesehen. ' Es thnt»ms not,»nd zivar bitter not, eine Wohinmgspolitik großen Stils für das Deutsche Reich, ein R e i ch S>v o h>» u» g S- g e s e tz, ivie Miqnel es 1886 begehrt hat. Leider sind die Äus- sichten fiir ei» solches Gesetz nach den AuSfühtungcn des Grafen Posadowsky geringe. Die Kompetenz des Reiches kam» jedoch nicht in Zivcifel gezogen»verde»». Eine W o h n u n g s i n s p e k t i o n muß geschnsien»Verden, doch dürfte eine unerläßliche Forderung die Kompetenz des Reiches übersteigen,»ninlich, daß bei der Aus- führung der Inspektion keine Wohnung geschlossen»verde»» darf, für »vclchc kein Ersatz. im Notfall durch eigene Bauthätigkeit vorhanden ist. Ob eine R e i ch S- B a u o r d u u»» g möglich ist, läßt sich nicht übersehen. Eine Einschränkung der Freizügigkeit darf keinesfalls vor sich gehen, höchstens darf die Erlangung eines Unterstützungs- Wohnsitzes erschiverl werden. Die Schaffung von staatlichen Boubankc» ist ivünschensivcrt. eine Een trat stelle für das gesamte Wohnungsamt, ein ReichS-Wohnungsamt ist dringend erforderlich." Die zahlreichen Redner, die in der Diskussion zum Wort kamen. siimniten in der Hauptsache mit dem Refcrcnlen überein. Dr. Max Hirsch erklärte, die Arbeiter stünden dem Eingreifen der Arbeit- geber durchaus abweisend gegenüber. Die Arbeiter müßten selbst Hand anlegen, um sich gesunde Wohnungen zu schaffen. Ob Herr Hirsch im übrigen denselben negativ»»»anchesterlichei» Stand- Punkt cinninnnt, ivie sein FraktionSlollege Eugen Richter, läßt sich aus dem kurzen Bericht nicht ersehen.— Eine Beleidigung der sächsischen Justiz findet sich in dem Berliner Scharsmacherorgan, de»„Berliner Neuesten Nachrichten". In einer Auslassung über die sächsischen LandtagS-Wahlen wird der folgende Satz gelvagt: «Zilgleich ist bekannt, wie in Sachsen die Gerichte, die Ver- Ivaltuiig, alle öffentlichen Faktoren, besonders scharf, und nicht so von deS Gedankens Bläffe angekränkelt wie anderwärts, gegen die Socialdemokratie vorgehen." Die„Berliner Neueste» Nachrichten" behaupten also hier von der sächsischen Justiz, daß sie»mter dem Borwand des Rechts Socialistenvcrfolgung treibt, unbekümmert un, des Gedankens Bläffe, nämlich der tendenzlose» Rechtsgleichheit. Glaubt daS Blatt, den Belveis der Wahrheit für seine Behauptung erbringen zu könne», da es mit solchem Mitt die beleidigende Thatsache behanptet i— Ter enge Zllsalumenhang zwischen Volksbildung«nd Volkösittlichkeit läßt sich, so meldet eine Korrespondenz, crleimcn ans der Statistik der preußischen K o r r e k t i o» s- A>»- stalten für 1SOO. wonach die Gesamtzahl der im vorigen Jahre in ZlvangSerziehung mttergebrachtei» Zöglinge 1714 betrug. Von den im Laufe des Jahres neu eingelieferten 366 Zivaiigszögliiigen hatten 16 gar keine Schulbildung, 113 komiteu»veder fertig lesen noch schreiben noch im Zahlenkreise von 1 bis 1 rechnen. Diese geringe», Anfänge der Schulbildung besaßen 186 Zivangszögliiige, also über die Hälfte der eingelieferte»». Nur 46 hatten eine bessere Volksschulbildung—„volle Vollsschulbilduiig" sagt die Statistik— während ein Mädchen„höhere Bildung" hatte. Einigerniaßen verständlich werden diese Zahlen, ive»» nim» weiter erfährt, daß nur 161 die Schule regelnläßig, 2VS dagegen n» regelmäßig besucht hatte». Die Schuld an der Verlvahr- losung tragen fast immer die Eltern, die, ivie die Statistik weitet nachweist, zu einem hohen Prozentsatz selb st ver- >v a h r l o st waren. Ei» erheblicher Teil von ihnen befand sich selber in so schlechten socialen Verhältnissen, daß der moralische Untergang der Kinder wohl begreiflich erscheint. DeS Kaisers Rock, den»insre Khakikrieger in Gestalt der gräßlichen Khakigewandung in Ostasien tragen müssen,»vird von dem„Ostasiatischeu Lloyd" einer sehr herben Kritik unterzogen: Die Uniformen seien häßlich und schlottrig, alle andre» Truppen seien besser gekleidet, und es sei deprimierend, unsere braven Soldatcir in solchem traurigen, gegen die englischen und französischen abfälligen Aufzuge zn sehen. Stoff und Schnitt der den Leuten geliefcrtenUnifornieii seien geradezu kläglich; kaninzlveiLeutesehe man, deren Uniformen dieselbe Farbe haben, von einem grünlichen Gelb bis zu einem verlvaschenen häßlichen Braun seien alle Variationen der Khakifarbe vertreten, die aber keine Khakifarbe ist. Rock»nid Beinkleid paßten nicht zusammen, ja sogar die einzelnen Stücke seien aus verschiedenen Farben zusamn, engesetzt. Die Leute besäßen nur einen Anzug, mit dem sie sich zur Not auf der Straße sehen lassen könnten, aber wenn der vollregnet. so seien sie auf den allzu schlechten Anzug aiigelviesen. Die Soldaten besäßen nur je drei Heniden aus Wollstoff, das sei aber in dem dortige» heißen Klima, Ivo der Mann ain Tage zwei bis drei Hemden durchschivitzt, zn»venig. Wenn ein Soldat in ein Kointoir oder sonst mit Europäern in Berührung kommt, so höre man in der Regel dann die Klage, daß der Mann einen von Schiveiß lind Schmutz ansströmenden, so widrigen Geruch verbreite, daß eS schon nicht mehr schön sei. Das schlecht sitzende und noch schlechter riechende Khakigewaud ist kein übles Symbol unsrer Weltpolitik überhaupt. Auch das »veltpolitische Kleid, in das das offizielle Deutschland sich geworfen hat, schlottert gar kinglich und lächerlich um seine Glieder. Der ganze Chiiia-Kr'cuzzug beweist das.— Wie Truppen-Epidemie» entstehen, beweist ein Artikel der „Deutsche» Brau-Jnduslrie", der die Ruhr-Epidemie in, Döberitzer Barackenlager aus ein von dem Kaiitincnpächter unter dem Namen„Weißbier" verkauftes Gebräu zurückführt, das pro Flasche im Einkaufspreis dem Kantinenpächtcr nur 4 Pfennige gekostet habe, während die Flasche für 10 Pfennige an die Soldaten verabfolgt worden sei. Wenn man den Profit des„Bier"-Lieferanten mit 2 Pfennigen pro Flasche berechne und die NebenanSgaben für Reinigniig der Flaschen, Bruch, Transport ufiv. abziehe, so bleib« für den Inhalt der Flasche nur ein HerstellungSivert von 1 Pf, übrig, »voraus sich auf die Qualität dieses„GenußmittelS" schließen lasse. Bon diesen» Gesöff seien nun täglich etwa 10600 Flaschen ab« gesetzt»vorden— kein Wunder, daß in dem Lager eine Ruhrepidemie ausgebrochen sei; obgleich die ministerielle„Berliner Korre- pondenz" erklärt,' daß sich trotz der Heranziehung ivissenschaft- lichcr Autoritäten die Ursache der Ruhr nicht habe feststellen lassen, daß man Einschleppung vermute und daß in de» Truppen- lagern jährlich Darmkatarrhe mifzutrcte» pflegten, die dem Genuß von niireifcin Obst zuzuschreiben wären,»st es doch keineSivegs ausgeschlossen, daß das faniose Weißbier zu der Entstehniig der Epidemie sein Teil beigetragen hat. Wir iviederholcn deshalb unsre schon neulich auf- geivorfene Frage: Sollte es nicht eine der ersten Pflichten der Mililärverivaltniig sein, durch einen Bruch mit dem gegenwärtigen, auf HcrauSschindung möglichst hoher Kantiuenpachten hinauslaufende� Vel-pachliliigSiystem und schärfste Konttolle der in Kaiitinen verab» folgten Biktualien dafür zu sorgen, daß den Soldaten für ihre paar Pfennige prcisiverte und gesundheitlich eimvandsfreie Lebensmittel verabfolgt würden? Die Militärvenvaltung überwacht ja den geistigen Konsum der Mannschaften mit Argusaugen— läge ihr da nicht erst recht die Pflicht ob, dafür zu sorgen, daß den Mannschaften durch Besriediginig ihrer leiblichen Bedürfnisse wenigstens inner- halb des Käser neme n ts kein Schaden an ihrer Gesundheit erlvächst?— Zw oi Jahre Gefängnis für eine Majcstätsbclcidignng! AuS Frankfurt a. O. wird»ms berichtet: Vor der hiesigen Strafkammer deS Landgerichts fand heute unter Ausschluß der Oeffentlichkeit die Verhandlung gegen den Parteigenossen F i s ch b a ch aus Ketschendorf bei Fürstemvalde»vegen Majestätsbeleidigung statt. Er wurde zu zivei Jahren Ge- -ängnis verurteilt und»vegen Fluchtverdachts sofort in Haft ge- nommen. Mag die Aeußerung unsreS Parteigenossen auch noch so un- bedacht geivesen sein— niemand»vird eS verstehen, wie um eines Wortes»villen eine so furchtbare Strafe verhängt werden kann, wie bei schiveren Verbrechen kaum höher ist.— Der Bczirkspräsident im Siegerkranz. Aus Straß- bürg i. E.»vird uns geschrieben: Untre Hnrrapatrioten begnügen sich,'scitdem man sie mit dem Auszug nach China in einen chroni- che»» Taumel»ationalen Größenlvahns hineingesetzt hat. allem An- scheine nach auch nicht mehr damit, an diejenigen kriegerische Borschntz- lorbeercn zn verteilen, die sie sich kraft ihrer militärischen Stellung un günstigen Falle nachtiöglich»och verdienen können; man ist bei nns� im Lande der.lvicderge>vonneneii Brüder" und der politischen Widersprüche bereits so»veit gekomme», daß man einfachen Ver- ivaltnngsbeamten, deren Beruf ein eminent friedlicher ist oder doch lein soll, im voraus de» kriegerischen Siegeslorbeer um die Stirn»vindet. Was soll der normal denkende deutsche Staatsbürger, dessen Bluttcinpcratnr noch nicht den Fiebergrad hurrapatriolischcr Verzsickuiig erreicht hat, zu dem folgenden Bericht sagen, den die „Metzer Zeitung" vom 20. d. M. über eine Dienftmte des neu- ernauuten Bezirkspräsidenten von Lothringen veröffentlicht!? DaS Blält läßt sich darüber schreiben: Ars a, M., IS. September. Der Herr Bezirkspräsident, Graf von Zeppelin, ist gestern halb 12 Uhr mittags, von Jouy ans. hier eingetroffen und auf dem Bürgcrnieisterplatz von den Schule», dem Gemeinderat, Deputationen des Kr i e g e r- und des Turnvereins, der Feuerwehr, dem Musikverein„Lyra" und einerAnzahl Beamten feierlich begrüßt»vorden. Die Straßen»varen beflaggt und das Bürger>»» ei st erei-Gebäude schön e z i e r t. Der Bürgermeister hielt eine kurze Ansprache an den o h e n G a st und eine Enkelin des Stadtoberhauptes übergab ihm ein hübsches Blumenbonquet mit einigen WidniungSlvorten. In ein dreifaches, vom Bürgermeister ausgebrachtes Hoch stiimnten alle Amveseiiden ein und die„Lyra" intonierte die Melodie deS „Heil Dir im SicgcSkranz" und spielte drei Strophen desselben. Hierauf erfolgte die Vorstellung der einzeliten Herren. Dann»vurde ein kleiner Imbiß im Stadthanssaale, der voi» klmdigen Händen schön geschmückt worden, eingeiiomme»,. Das leutselige Wesen des neuen Bezirksoberhan ptes hat den besten Eindruck gemacht. Von hier fuhr der Herr Graf weiter nach A»cy. Dem Grafen Zeppelin, der sich noch in verhältnisinäßig jngend- lichem Alter befindet, hat seine bisherige Bcrufsthätigkeit noch keine Gelegenheit zur Erwerbung des Anspruches auf einen Sieger- kränz gegeben. Sie erschöpfte sich in den bnrcaukratisch-nüchteriien Funktionen auf den Nmisstuben der staatlichen Verwaltung. Wenn t>ei den reichSländischen Administrativbeamten überhaupt von„Siegen" gesprochen werden könnte, so nur auf dem Gebiete des Kampfes gegen die politisch und gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft. Und da ist uns bisher von solchen noch nichts bekannt geworden.— Ausland. Maffia und Camorra. Rom, 19. September. Ich muß noch einmal auf das Thema: Maffia und Camorra zurückkommen. In Neapel, wo der Ex-Abgeordnete Aliberti, von dem ich schon vor lcmger Zeit gesprochen habe, von den gegen ihn von dem republikanischen Journal 1889 geschlenderten Anklagen wegen „'u»genügender" Beweise freigesprochen wurde, wurde er trotz dcS auf seinem Namen haften gebliebenen Makels nicht nur der Gegenstand enthusiastischer Frcudensdenionstrationen seiner Freunde, sondern der General- Staatsanwalt hat sich sogar bemüßigt gesehen, gegen das Urteil Berufung einzulegen, weil, ivie der Herr Generalstaatsanwalt bemerkte, das Gericht mit jener Urteils-Ermutigung die Absicht gehabt hätte, den sehr ehrenwerten Herrn Aliberti zu schädigen! Infolge der Auflösung der Stadtverwaltung wurden nach Neapel ein löiiigl. ziommisiar und eine Enquete-Komnüssion entsandt, welch' letztere nach langen Untersuchungen weitgehende strafrechtliche Vcr- flöße verschiedener LZerwaltungspersoncn festgestellt hat und sich an- schickt, dieselben dem Lande durch einen gedruckten Bericht bekannt zu geben. Die öffentliche Meinung und die Prcffe von Neapel— die republikanische und socialistische ausgenommen— haben sich jedoch gegen die drohende Publikation unter Protest erhoben, da dieselbe Neapel— entehren würde und allein von der Antipathie des Nordens gegen den Süden diktiert sei.(Thatsächlich ist der königliche Kommissar, Senator Saredo, Picmontese). Und nicht nur das allein, sondern für die bevorstehenden adniinistrativen Wahlen sieht man kein andres Heil als in der treu— brüderlichen Bereinigung der konstitutionellen Parteien mit der Partei— der Camorra, an deren Spitze die crz— chreniverten Casale und Aliberti stehen!— Und die bemerkenswertesten Persönlichkeiten Neapels, auch die intelligentesten und anständigsten, konnten, diesbezüglich inter- viewt, eine Sanierung für Neapel nur in Ncgierungs-Milliönchen sehen, um Neapel wie mit der Wünschelrute entweder in eine» großen Hafen oder in ein großes industrielles C entrum mit hydroelektrischen Anlagen zu verwandeln. Kurz und gut, entweder die Regierung oder das„Große LoS" nift man an, nicht die unermüdliche tägliche Arbeit, um jene Be- völkerung zu erziehen, welche, obschon hoch begabt, durch die Folge» des Spanicrtnms korrumpiert und demoralisiert ist. Allein die Socialisten haben ihre Aufgabe begriffen, um die immer wieder ihr zischendes Haupt erhebende Hydra der Camorra zu vernichten. *« In Bologna ist— wie es scheint zum letztenmal— der Prozeß gegen de» Ex-Abgeordncten von Palermo, Rafael Palizzolo, das anerkannte Haupt der palermitanischcn Maffia, wieder aus- genoniinen worden. Palizzolo ist bekanntlich angeklagt, der intellektuelle Anstifter zweier Morde gewesen zu sein: des von Francesco Miali, der im Juli 1892 mit 2 Flintenschüssen umgebracht wurde, weil er mit seiner ehrenhaften und energischen Handlnngs- weise die Bestrebungen deS Herrn Palizzolo aus eine Erbschaft, die dieser verwaltete, vereitelt hatte, und des vom Baron Notarbartolo, ehemaligen Direktors der Bank von Sicilien. Nach der Anklagekammer wurden die Verbrechen von fünf Maffiaten begangen, die jetzt Seite an Seite mit Palizzolo auf der Anklagebank sitzen, und die von ihm niit allen Mitteln protegiert wurden, obschon sie vorbestraft und als äußerst gefährliche Individuen bekannt waren. Der Prozeß, der— mors itslico— länger als vier Monate danern wird, wird wegen der Ausdehnung und Berworrenheit der Indizien, wegen der Beweise, der Furcht, welche die Zeugen innner vor der Vendetta der Maffia dokumentiert haben, wegen der Alibi- beweise, der Ausflüchte usw. äußerst interessant werden. Sogar innerhalb des richterlichen Personals selbst klafft eine Spaltung. Das Requisitorinm des Generalstaatsanwalts entlastet Palizzolo und spricht ihn frei, während die Anklagebehörde ihn klar und erdrückend anklagt. Der Prozeß ist deshalb so wichtig, weil er in Wahrheit ein Prozeß gegen die Maffia ist, die einen schweren Stoß erhalten kann, wenn die Angeklagten verurteilt werden und so die anständigen Palermitaner von dem Alp der Maffia befreit werden, während andrerseits durch den Freispruch dieser Schurkenbnnd neu gekräftigt werden kann.— Frankreich. Umgang mit Fürsten. Die bürgerliche Preffe Frankreichs und teilweise auch Deutschlands bringt voller Entrüstniig eine Schilderung der Scene, die sich zwischen dem socialistische» Maire von Reinis in seiner Eigenschaft als Vertreter der durch den Zarenbesuch beehrten Stadt Reims und dem„hohen" Besucher abgespielt hat. Der „Tcmps" schildert dieselbe folgendermaßen: „Nachdem Frau Arnould der Zarin, ohne sie zu grüßen, mit gesuchter Nonchalance ein Bonqnet überreicht hatte, sagte der Maire zum Kaiser:„tTaurai le plaisir"(Ich werde das V e r- g n ü g e n haben)— eine Redewendung, die schon der„Plötz" im Gegensatz zu„ll'aurai 1' h o n n e u r"'(3ch werde die Ehre haben) als unmanrerlich verwirft— Ihnen ein Buch zu zeigen, das Sie viel- leicht interessieren wird." Er übergicbt dem Zaren eine slavisch ge- schriebcne Bibel. Der Zar blättert darin und erwidert:„Das Buch ist interessant", worauf der Bürgermeister:„Nicht wahr? Man wird Ihnen übrigens eine Abschrift davon zuschicken." Und weiter: „Wir können Ihnen außerdem eine alte Urkunde zeigen, die sehr merkwürdig ist und in der ein zeitgenössischer Chronist die Heirat Heinrichs, des Königs von Frankreich, mit Anna von Rußland be- schreibt. Diese Berheiratnng war die erste franco-rnssische Allinnce." Der Zar lächelt, die Zarin weniger, und ersterer antwortet verlegen: „Das war im 11. Jahrhundert",' worauf der Maire erwidert:„Sie hoben ganz Recht, im 11. Jahrhundert, wenn S i e mir erlauben, will ich Ihnen aber jetzt ein paar Landesprodukte anbieten, Reimser Champagner und Reimser Biscuits."„Eingebonie „Biscuits." sagt der Zar lachend„sehr gern"! Der Zar nimmt darauf ein Glas Champagner— die Zarin dankt— und nun entwickelt sich folgender Dialog zwischen dem Kaiser und dem Herrn Maire. Der Zan„Auf das Wohl der Stadt Reims, mein Herr Maire." Der Maire:„Ich danke Ihnen, Sie sind sehr gütig I" Seinerseits durch die forcierte LiebenSlvürdigkeit des Zaren in Ver- IcgenHcit gesetzt, fügt er dann hinzu:„Sie werden jetzt unsre Kathedrale sehen, es ist ein schönes Bauwerk) ich will Sie deshalb nicht länger aufhalten: I h r e Zeit ist kostbar." Schluß I" Wir verstehen nicht, worüber sich die Blätter entrüsten. Indem der Maire unter Vermeidung schwulstiger Titulaturen mit dem Zaren auf deni Fuße des reinen Menschentums verkehrte, erwicS er ihm alle Ehren, die ein Gegner der Klassen- und Standcsunterschiede zu vergeben hat. Und schwerlich hätte sich die Rede des Maires sowohl wie vor allen Dingen auch die des Zaren geistreicher ausgenommen, wenn die Bemerkungen des Maires reichlich mit der An- rede„Eure Majestät" oder„Sire" gespickt gewesen wäre.— Rutzlaud. Tolstoj über die rnsfifch-französische Nlliance. Ein italienischer Journalist hat dem großen russischen Schrift- steller folgende drei Fragen vorgelegt: I. Wie denkt das russische Volk über die französisch-russische Alliance? II. Nimmt das russische Volk an dem Enthusiasmns der Franzosen theil? III. Welche Tragtveite hat diese Alliance für die Civilisation im allgemeinen? Die erste Frage beantwortete Tolstoj dahin, daß das wahre russische Boll von der Existenz dieser Alliance gar nichts weiß, daß, falls eS davon Kenntnis hätte, cZ ihr nicht günstsg gestimmt sein würde. Die zweite Frage verneint er nmdweg. Zur dritten wichtigsten Frage äußert er sich wie folgt:„Ich glaube berechtigt zu sein, voraus- zusetzen, daß diese Alliance nur den Krieg oder die Kriegsbedrohnng gegen andre Völker zum Zweck haben kann, und deshalb kann ihr Einfluß nur ein schädlicher sein.... Die französische Regierung, die Preffe und derjenige Teil dcS französischen Volkes, welche dieser Alliance zustimmen, haben schon und werden in Zukunft imnier mehr Kompromisse und Zugeständnisse machen müssen, uni sich den Anschein z» geben, oder sie werden dahin gedrängt werden, in eine>v t r k l i ch e Gemeinsamkeit der Ideen und Gefühl« mit der despotischten, der reaktiv- närsten und der grausamsten Regierung Europa« zu treten. Und daS wird für Frankreich eine Demütigung und Erniedrigung bringen, währenddem diese Alliance für Nnßland schon ihre Verderb- lichen Folgen gezeitigt hat. Vordem nahm die russische Reflierung noch Rücksicht auf die europäische Meinung und rechnete mit ihr; seil der nichtswürdigen Alliance kümmert sie sich darum nicht mehr, denn sie fühlt sich gestützt durch die Freundschaft eineS Volkes, daS den Ruf genießt, das civilisicrteste der Welt zu sein und so wird die russische Regierung immer mehr und mehr reaktionär, despotisch und grausam.'. Aus diesen Gründen kann ich der französisch-rnssischen Alliance für die beiden Völker sowohl als für die Civilisation im allgemeinen nur einen unheilvollen Einfluß zuerkennen." Asien. Ueberschwemtnungen im Dangtse- Thal. Die„Times" melden auS Shanghai von gestern: Die aus den Dangtse-Gebieten einlaufenden Nachrichten über das durch die jüngsten ileberschwem- mungen veraulaßte Elend sind schrecklich. DaS Wasser ist noch nicht zurückgetreten. ES heißt, daß mehr als zehn Millionen M e in ch e n ohne Obdach sind. Die chinesischen Behörden sind bemüht, eine Hilfsaktion einzuleiten. Die Stadt Shanghai hat eine große Summe durch Zeichnungen aufgebracht. Diese Be- mühungen sind aber durchaus unzureichend. Man besorgt, daß die Not im Winter sehr groß werden wird und fürchtet, daß' es infolgedessen zu Unruhen kommen wird. Amerika. Tie Handelsbeziehungen der Union mit Kuba. Die„Frkf. Ztg." meldet ans Neiv Dork: Noosevelt will schnellstens dem Kongreß die Neciprocität mit Kuba vorschlagen, wobei einerseits die amerikanischen Maschinen sowie das amerikanische Getreide, anderseits der kubanische Tabak und Zucker berücksichtigt iverden. Der Schatzsekretär verlangt im nächsten Etat 150 000 Dollar zur Bewachung der Anarchisten.—_ Der Boeren- Krieg. Tic Lage in der Kapkolonie schildert ein Brief an den„Daily Expreß" aus Kaptstadt wie folgt: Das ganze holländische Element in der Kap- kolonie sei in Aufruhr: Kapstadt selbst ist voller RebeNen und bereits seit Wochen in Verteidigungszustand gesetzt. Man erwartet jeden Augenblick, daß die Boeren Kapstadt selbst be- rühren werden. Milner erwägt die AnSdehnung des Kriegs- rechts über die ganze Kolonie. Die Sladlwachcn von Kapstadt mußten ihre Magaziugewehre aniliefern. da man ihrer Loyalität nicht traut. Der Feind ist an beiden K ü st e n l i n i e n und drang bis 40 e n g I i s ch e M e i l e» vor K a p st a d t. Der Hafen der Mosselbucht muß von britischen Kriegsschiffen be- schützt werden: alle irgend entbehrlichen Truppen wurden von K a p st a d t requiriert, uni die Bahn südlich von MatjcSfontcin zu schütze». Die Delegierten, welche dem Herzog von C o r n w a l l in Kapsladt huldigten, ivurdcn 25 englische Meile» von der Mosselbucht auf ihrem Heim- weg« nach Ondtshoorn von Schlepers Kommando g e- fangen g e n o m m e n. „Daily News" erfährt vom Haag, Bothas und de Weis neue Pläne schlösse» die Annexion der K a p k o l o n i e und Natals ein, worauf ein allgemeiner A n f st a n d in beiden Kolonien erfolgen»verde. Diese alarmicrcnde» Nachrichten erhalten durch folgende Lon- doner Telegramme ihre Bestätigung:„Der Kreuzer �Barra- c o u t a" ist in S i in o u st o lv n eingetroffen; alle v e r- f ü g b a r c n Mannschaften von seiner Besatzung w e r d e n i n d e u V e r t e i d i g u ii g ö w e r k e» zum Schutze der Mossel-Bai Verwendung finden. Der Kreuzer „Gibraltar" wird in der nächsten Woche erwartet. Ans Natal liegen folgende Meldungen vor: L a d y f>n i t h, Montag, 23. September. Die Vahulinie ist am Paardekop von den Boeren beschädigt worden. Zehn Wagen sind entgleist, sechs Mann und 30Pferde umgekommen. London, 24. September.„Daily Neivs" berichtet, B o t h a mit seinen gesamten Truppen befinde sich augenblicklich am Bloodrivcr. Die englischen Tnippen der Kolonie Natal,»vclche bisher in der Reserve nnthätig verharrten. sind gestern nach der Front dirigiert»vorden. DaS Schiedsgericht—„«»ztistiindig 1" AuS dem Haag»vird gemeldet: Mit Bezug auf das von den Boerenvertretern dem ständigen VcrwaltnngSrat de? inter- nationalen Schiedsgerichts unterbreitete Ersuchen ,nn Herbeiführung eines Schiedsspruchs wird in gut unterrichteten Kreisen als sicher«»genommen, daß diese Körperschaft, die eine bloße Berivaltnngsbehörde ist, sich»verde für unzuständig er- klären»Nüssen. Erlöschen der Pest. Die Pest ist als erloschen anzusehen, denn vom 23. Juli bis heute sind nur 2 Erkrankungen vorgekommen, von deneir sich der letzte Fall am 9. d. M. ereignete, sodaß nach nun über vierzehnlägigcr Pause ein neuer Fall kaum zu erwarten ist. Interessant ist, daß das Nachlassen und Aufhöre» der Seuche einherging mit der Verminderung der Einliefernng der Natten. Ende Juli »vurden die letzten' Natten abgeliefert und seitdem kamen, wie er- »vähnt, nur 2 Fälle von Erkrankung vor. Es sind insgesamt 801 Personen erkrankt, davon 203 Weiße, 428 Mischlinge, 170 Kaffern) gestorben sind insgesamt 334 Personen, davon 68 Weiße, 241 Mischlinge, 74 Kaffern. Die Sterblichkeitsrate »var demnach für Weiße 33>/2 Proz., für Mischlinge 36'/- Proz., für Kaffern 43'/- Proz. der Erkrankungsfälle. Von der Parteivresse. Die„Märkische VolkSstiinme". die bisher dreimal wöchentlich erschien, erscheint von jetzt an täglich. Der Beschluß, auf das tägliche Erscheinen deS Blatte» hinzuarbeiten, wurde vor ca. zwei JahrenDgefaßt nnd durch unermüdliche Thäligkeit ist eS den Parteigenossen gelungen, diese» Ziel jetzt zu erreichen. Das Blatt, das bei seiner Gründung vor zehn Jahren auf eiiter alten klapprigen Presse mit" Hand- und Fußberrieb gedruckt wurde nnd oft nur 12 Seiten kleinstes Forinat in der Woche umfaßte,»vird nnn in beinahe etwas zu großem Format auf einer modernen Notationsmaschine hergestellt. Mit der Vergrößerung in Format und Erscheinungslveise»vird auch eine Erweiterung deS Inhalts verbunden sein. Der Preis des Blattes wird von 50 auf 63 Pf. monatlich erhöht bei freier Zustellung. Wir»vünfchen dem neuen Schritte nach Vorwärts besten Erfolg. Tie Pforzheimer Konsumvereins- Affaire ist am Montag vor dein dortigen Gericht verhandelt worden. Wie bürgerliche Blätter melden, ivnrde Genosse Opificius„wegen Veruntreuung von 300 M. zum Nachteil des Pforzheim« Lebens-Bedürfnisvereins" zu drei Monaten Gefängnis veurteilt. Wir haben feiner Zeit von ven bedauerlichen Vorgängen,»»in die es sich hier handelt, Mit- teilimg gemacht: von Berirntreunng zum persönlichen Vorteil des Verurteilten kann schiverlich die Rede jein. Morgen dürften ausführliche Berichte vorliegen, nach denen»vir dann genaueres über den Gang der Verhandlung mitteilen werde». Der Generalstreik und die französische Parket. Das G e n e r a l k o in! t e e votierte in feiner letzten Sitzung eine Resolution, die als eine Absage an oie neuerdings von Jaurss begonnene Auseinandersetzung über die Taktik anfzufassen ist. �'N einer laugen Artikelserie der„Petite Röpnblique" sucht nämlich JauröS den NachiveiS zu führen, daß der SocialismuS ausschließlich auf gesetzlichem Wege durch Zustimmung der großen,„fast an die Einstimmigkeit" greiizenden Mehrheit zu verwirklichen sei. Dabei hat er insbesondere, entgegen seinen früheren Ansichten, sich gegen den Generalstreik als Mittel der socialen Rebolution ausgesprochen. Daher eben die Resolution des Generalkomitees, die also lautet: „In Erlvägnng, daß die socialistische Partei wesentlich eine Revolutions- Partei ist) daß sie zwar keine Gelegenheit vorübergehen lassen darf, um der feindlichen Klasse Reformen zu entreißen, die geeignet sind, die Loge des Proletariats zu verbessern und ihm die Wege zu seiner endgültigen Befreiung zu ebnen, aber nicht, ohne sich prellen zu lassen, die Bcdeutimg' dieser Reformen bis zu einem Grade über- treiben darf, um z. B. zu glauben, daß sie hinreichen»vürdei». um die vollständige Umgestaltung der bestehenden Gesellschaft in eine kommunistische auf gesetzliche und friedliche Weise zu sichern) daß im Gegenteil seitens der kapitalistischen Gesellschaft in einem gegebenen Augenblick ein wütender Widerstand vorauszusehen ist, de» das Proletariat nur durch eine äußerste Kraftanstrcngung»vird brechen können in Erwägung, daß der Generalstreik, ohne irgend eine andere revolu- tionärr Taktik zu verwerfen, als das rascheste und sicherste Mittel der Mobilisation der Arbeiterklasse im Dienste eventueller revolutionärer Umstände erscheint,— erinnert daS Gencralkomitee an den dem Generalstreik günstigen Beschluß des EiuißungSkongresscs 1899 und an daS entsprechende Votum der Mehrheit der französischen Dcle- gation auf dem Internationalen Kongreß von Paris 1900 und ladet die Arbeiter ein, sich in ihren Geiverkschaften. Industrie« und Berufs- verbänden und Genossenschaften im Hinblick auf den Generalstreik zu organisieren,— sei es. daß diese Organisation als unnmgäng- licher Hebel dienen soll, um durch den Druck auf die kapitalistische Gesellschaft eine Reihe von Reformen zu erzivingen. sei es, daß sie unter günstigen Umständen im Dienste der socialen Revolution an- geivendet»verde»» soll."— Die Resolution wurde von den an- ivesenden Mitgliedern deS GeneralkomiteeS einstimmig votiert. Jaurös»var abivescnd. Antragsteller war Aristide Brian d. Sekretär des Komitees. Die Taktik der italienischen Socialdcmokratie. Die Parteileitung nahin in ihrer letzten Sitzung auch Stellung zu der Streitfrage über die Parteitaktik, die innerhalb der letzten Monate in de» Seklionci» des Parteiverbandes der Gegenstand umfangreicher und heftiger Diskussionen gcivesen ist. ES ivnrde fest- gestellt, daß daS Rcferendnn», welches die Sektionen über diese Frage vor- genommen haben, ei» der Haltung der Kammerfraktion günstiges Ergebnis gezeitigt hat. Wiewohl das Ergebnis der Abstimmung als ein BertranenSvotiim für die Fraltion acceptiert werden kann, so »vird sicb dennoch auch in Zukunft die Kammerfraktion bei ihren Abstimmungen für oder wider das Ministerium lediglich voi» den» Jntcrcssc de? Proletariats leiten lasten. Sie »vird ihre Haltung von der des Ministeriums, namentlich bezüglich der nnprodnktiven Ausgabe» nnd der Steuerreform ab- hängig machen.— Die Parteileitung richtet an die Sektionen im Lande die Aufforderung, in nächste» Zeit agitatorisch aufzutreten für die Slenerreform, Einführung von Schiedsgerichten für Landarbeiter und für die Herabsetzung der Frauen-»ind Kinderarbeit. Pvlilrllichcs. Griichtlichrs uflv. — Ter Dortmunder Schankspcrren- Prozeß Ivnrde ain Montag vor de»» Reichsgericht verhandelt. Bekanntlich»var Genosse B r e d e n b e ck als Redacterw der„Rhciinsche-wcstfälischen Arbeiterzeitung" zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt»vorden,»veil er bei der Kritik einer Reihe von BersainmlungSverboten und Sckiank- iperren, die über Versammlungslokale verhängt»vurden, verschiedene Polizeibeanite durch den Vorwurf ungesetzlichen Handelns beleidigt haben soll. Genosse Bredenbeck legte gegen das Urteil Revision ein, indem er die Wahrnehmung berechtigter Interessen für sich in Anspruch iiahm. Das Reichsgericht verivarf die Revision, indcin es erklärte, Bredenbeck sei nicht liiehr Arbeiter, sondern Redacteur, und habe daher kein persönliches berechtigtes Interesse»vahrgenommen. »venu er gegen die angebliche Beschränkung der Versamnllungsfteiheit der Arbeiter miftrat. Er»vird also in Zukunft gegen die Beschränkung der Bersamm- lungSfreiheit der S o c i a l d c n» o k r a t e n auftreten müssen, dann iviid ihm vielleicht zugegeben iverden. daß er als Socialdemokrat persönliche berechtigte Interessen wahrnimmt. — Einen Strafbrfchl über 30 M. Geldstrafe erhielt mich der Kürschner Genosse Seifert i« Leipzig aus ganz gleichein Grunde»vie der gestern erwähnte Gcnoffe Dieckmann. Auch Seifert hat es unterlasse», einem Redner das Wort zu entziehen, der in einer Versammlung im Frühjahr z» einein Umzüge aufforderte. Parteitag der deutschen Socialdemokratie. Lübeck, den 24. September. Schluß der DtcnötagS- Sitzung. (Telcgraphischer Lorberrcht.) Nach längerer Geschäftsordnnngs-Debattc»vird beschlossen, Presse und Bernstein-Frage getrennt zu behandelir. Beschränkungen der Rede« zeit»verde» abgelehnt. Kiesel-Berlin bestreitet, daß Berlin in bestinimter Absicht Anträge fabriziert habe. Der„Vorwärts" mußte sofort Stellung zum Vor- trage Bernsteins nehmen. Die Berliner stehen ans dem Boden des Kommunistischen Manifestes und des Klassenkampfes. Sic erlvartcn nichts von der Bourgeoisie. Wir wollen in unsrcr Agitation gegen sie nicht immer von Bernstein gestört»verde». Grnnwald-Erfurt: Wir sind entrüstet, daß Bernstein trotz Hau- nover seine Kritik verstärkt fortsetzt. Er ist in einen gegnerischen Verein gegangen, um negative Kritik an der Partei z» üben. Ich habe scharf gegen ihn geschrieben, uin hier eine Bcrnstei»- Debatte zu provozieren. Die nntcren Agitatoren haben besonders unter den Bernsteinschen Quertreibereien zu leiden. KautSky: Mit der Inbrunst eines Achtzehnjährigen für die Briefe der Geliebten trägt Bernstein meine Briefe bei sich.(Heiterkeit.) Selbst- kritik ist Kritik der Genossen iin Gegensatz zur Kritik der Gegner. Wie kann sich Bernstein da über unsre Kritik beklagen! Mit Fanfarenstößen wurden seine ersten Schriften als Anbruch einer nenen Aera begrüßt. Jetzt sagen seine Anhänger: WaS wollt Ihr denn. ES ist ja nichts, seid doch ruhig. Klägliches Ende eines Revisionsfeldznges I Nach der authentischen Definition AdlerS wird Bernstein nicht länger behaupten, daß das östreichische Programm seiner Kritik ivegen geändert werde. Redner wendet sich in längeren theoretischen Ausführungen gegen die Bernstcinsche Kritik der Verelendnngstheorie. Der Vortrag Bernsteins in, Studenten- verein wäre vor 6, 8 Jahren harmlos gewesen. Heute erscheint er als Konsequenz seines Auftretens. Bernstein sollte sich so mit voller Wucht gegen seine Kritiker außerhalb der Partei wenden. Dann wird er jedes Mißtrauen und jede Ziveideutigkeit zerstreuen. 10 Jahre lang hat Bernstein mit uns gewirlt und gekämpft. Möge er die Traditionen, auf die er sich beruft, wieder erwecken. Gerade gegen die socialreformatorische Demokratie ist er damals auf das entschiedenste vorgegangen. Möge er diese Agitation wieder aufnehmen und er kann überzeugt sein, daß in jeder Be- Ziehung das alte Verhältnis dann wieder hergestellt wird.(Lebhafter Beifall.) Dr. David: Es ist unwahr, daß die Freunde Bernsteins beim Erscheinen des Bernsteiiischen Buches von» Beginn einer neuen Zeil gesprochen haben. Und es ist unwahr, daß, als die Angriffe gegen Bernstein erfolgten, wir Anhänger Bern- steins gesagt haben, das Buch Bernsteins sei so harmlos, daß es nicht der Mühe wert sei, darüber zn streiten. Das sind zwei Uebertreibungen Kautskys. Redner verteidigt seine Kritik der Ver- elendungstheorie. Die Auffassung, daß wir vor einer nahen Revolution stehen, wird hier und da noch laut. Siehe Parvus. Bernsteins Bortrag war von gar keiner Bedeutung für die socialdemokratische Partei. Er hatte mit den übrigen Bernstein- Fragen nicht den leisesten Zusammenhang. Warum sollte Bernstein nicht das Recht haben, im Studentenverein einen derartigen Vortrag zu halten? Der socialwissenschaftliche Studentenverein ist kein rein gegnerischer Verein, er ist überhaupt kein politischer, sondern ein wissenschaftlicher Verein. Die bürgerliche Presse steht durchaus nicht allgemein auf Bernsteins Seite. Von der konservativen Presse ist Bernstein häufig als der Vertreter der allergefährlichsten Spielart innerhalb der Socialdemokratie an- gesprochen worden. Bernsteins Vortrag ist in der„Frankfurter Zeitung" nicht lobend, sondern mißbilligend kritisiert worden. Redner greift Grunwald an, der nicht mißverstehe, sondern absichtlich ver- drehe und planmäßig scharfmache. Das Scharfmachen hat die Unruhe erzeugt. Die Bebelsche Resolution spricht Bernstein eine Rüge für seine Thätigkeit aus. Diese Rüge ist ungerecht; denn die Resolution hat kein Wort des Tadels für die Gegenseite. Wie ist in der„Neuen Zeit" Bernstein angegriffen »vorden? Ueberhaupt hat die„Neue Zeit" in letzter Zeit Polemiken geführt, die gar nicht zu rechtfertigen waren. Bebel sollte, um auch den Schein zu vermeiden, als wollte er ein Strafgericht über Bernstein herbeiführen, seine Resolution zurückziehen und sich der andern anschließen. Was in der Kritik richtig ist, wird bestehen, das Falsche absterben. Sie brauchen Bernstein nicht die Gurgel ab- zuschneiden. Wir müssen Bernstein in seinem Sinne zum Besten der Partei weiter arbeiten lassen.(Bravo.) Bebel: Niemand will die Selbstkritik abschaffen. Das ist einfach selbstverständlich.(Bravo!) Es handelt sich allein um die die Partei schädigende Agitation Bernsteins. Redner weist nach, daß Marx und Lassalle immer nur die relative Verelendung im Sinne gehabt haben. Bebel spricht scharf sein Bedauern über die Aufnahme der Parvus- Artikel in der„Neuen Zeit" aus. Es gehört ein ziemlich hoher Grad von Geschmacklosigkeit dazu, unfern Gegnern hervorragende Mitglieder unsrer Partei sozusagen im Badekostüm vorzuführen. Sofort nach Erscheine» dieser Artikel habe ich das auch dem Genossen Kautsky gesagt. Er hat mir gesagt, daß er unschuldig sei, da er auf Feriennrlaub gewesen ist. Der„Vorwärts" mußte zu dem Bernsteinschen Vortrag in den Studentenverein einen Berichterstatter hinschicken; denn er kannte das Thema. Das Schlimme ist gerade die Unklarheit Bernsteins. Auch Heine macht ihm diesen Vorwurf. Er sagt, Bernstein macht es einem nicht gerade leicht, das herauszufinden, was er wirklich gemeint hat. Ich meine, eine schlimmere Kritik konnte von einem Freunde an dem Vortrag kaum geübt werden. Es ist überhaupt ein Unglück, daß Bernstein, der sich früher, Ivo er noch festen Boden unter den Füßen hatte, so deutlich und klar ausdrücken konnte, jetzt, wo er im Sumpfe steckt, diese Fähigkeit verloren zu haben scheint.(Sehr richtig!) Es ist mit ihm eine Diskussion fast un- möglich geworden. In sokrausen verschlungenen Gedankengängen bewegt er sich jetzt immer. David will mich zum Karnickel mache». Ich habe in den letzten sechs Monaten kein Wort öffentlich gegen Bernstein geäußert und wenn David gesagt hat. daß ihm die Bernstein« Debatten zum Halse herauswachsen, mir gehen sie schon über den Scheitel. Ich mag sie gar nicht und hoffe, daß lvir das letzte Mal Bernstein- Debatten haben. Aber gerade weil wir sie zum letztenmal haben wollen, haben wir uusre Resolution eingebracht, in der wir die Erwartung aussprechen, daß Bernstein sich jetzt andrer Arbeit widmen wird. Wir haben das von einem früheren Redactcur des„Socialdemokrat" für selbstverständlich gehalten, haben uns aber darin leider getäuscht. Bernstein kritisiert nur unser Programm, nicht die Gegner. Statt des einen Vollmar 18S4 werden jetzt ein halbes Dutzend hervorragender Genossen von der bürgerlichen Presse gelobt. Auer hat Vollmars Schweigen damals treffend charakterisiert. Das gilt auch für die heutige Situation Bernsteins. Seine Zwitter- stellung zeigt sich am besten in dem Jubel der bürgerlichen Presse über Bülows Geniestreich, Bernstein nach Deutschland zu lassen. Wie Bernstein über hochwichtige aktuelle Fragen denkt, weiß niemand. Ich weiß nicht, wie er zur Militär-, Marine- und Chinapolitik steht. Ich bin kein Gegner der Revision des Programms. Sie kann gar nicht mehr lange aufgeschoben werden. Spätestens auf dem nächsten Parteitage werden wir eine Kommission niedersetzen müssen, die sich damit beschäftigt. Wenn Bernstein wirklich glauben sollte, er habe auf den Entwurf des neuen öfter- reichischen Programms Einfluß geübt, so irrt er sich. Das ganze Auftreten Bernsteins hätte nicht den Erfolg gehabt, wenn wir uns nicht damals in einer Prosperitätsperiode befunden hätten. Es kann kein Zweifel sein, wie wir uns dem Auftreten Bernsteins gegenüber zu verhalten haben. Niemand weiß besser als ich, der ich mit Bernstein zur Zeit des Socialistengesetzes in engster persönlicher Fühlung gewesen bin, welche großen Verdienste sich Benistein um die Partei erworben hat. Aber durch sein Auftreten in den letzten Jahren hat er diese Verdienste leider in erheblichem Grade geschmälert. Hätten wir seine Taktik schon früher befolgt, so wäre heute die socialdemokratische Partei zu Grunde gerichtet.(Beifall und Widerspruch.) Deshalb bitte ich Sie dringend, nehmen Sie die von uns vorgeschlagene Resolution an. Sie enthält kein Bernstein beleidigendes Urteil, sie konstatiert einfach nackte Thatsachcn, wie sie in den letzten Jahren sich zugetragen haben, und spricht die Hoffnung aus, datzBernstein zu der Ueberzeugung kommen wird, daß er manchen Fehlschritt in der letzten Zeit gethan hat, und daß er wieder auf den alten Weg zurückkommen wird, wo wir ihn mit Freuden als den Unfern im vollsten und ganzen Sinne des Wortes begrüßen werden.(Stürmischer Beifall.) Die Verhandlungen werden hier abgebrochen. Singer teilt mit, daß genügend unterstützte Anträge auf namentliche Abstimmung über beide Resolutionen vorliegen und vertagt die weiteren Verhandlungen auf Mittwoch. GetvevKMÄfttiriies. Gewerkschaft und Partei. Die bürgerliche Presse brachte im Hinblick auf die Statistik der Generalkommission über die Leistungen der Gewerkschaften und die Beiträge, die die Arbeiter für diese Zwecke leisten, den hämischen Vergleich, daß die geplante Zollerhöhung nicht soviel Lasten den Veramworiltcher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Für den Ins« Arbeitern auferlege, als socialdemokratische Steuern, so nannte man die Beiträge für die Gewerkschaften, von den Arbeitern eingezogen würden. So wurde den Buchdruckern vorgerechnet, daß sie jährlich 57 M. Steuern an die Gewerkschaft entrichten— ein Betrag, der zehnmal höher sei, als ein Durchschnittsarbeiter in Preußen an Steuern zahle. Der„Correspondent", das Organ des Verbandes beut- scher Buchdrucker, wendet sich mit Recht gegen diesen gänzlich perfiden und unzutreffenden Vergleich, bedient sich aber einer Beweisführung, die sich mit einer großen Entschiedenheit mehr gegen jeden Verdacht socialdemokratischer Tendenz in der Buchdrucker-Organisation wendet, als i» der Abwehr jener Scharfmacherattacke gipfelt. Dagegen ließe sich schließlich nicht viel einwenden, denn es entspräche der Stellung der Organisation; nur möchten wir der Erklärung, weshalb das Ver- hältnis sich so gestaltet hat, widersprechen. Der„Corres pon- d e n t" schreibt: „Und wenn nun die Beiträge der Mitglieder in den GeWerk- schaften„socialdemokratische Steuern" wären, was dann? Und wenn die Gewerkschaften geistig viel inniger mit der socialdemokratischen Partei zusammenhängen würden als es thatsächlich der Fall ist, was dann? Wäre dies nicht gerade die naturnotwendige Folge des Ver- Haltens der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber den Gewerkschaften?! Wo ist seit den Tagen, da die deutschen Gewerkschaften ihre segens- reiche Thätigkeit aufnahmen, die politische Partei, die auf dem Boden der gcgeuwärtige» Ordnung der Dinge sich bewegenden Gewerkschaften zur Seite gestanden und den Mut gefunden hätte, diese Bewegung als eine notwendige und berechtigte zu unterstützen? Statt dessen hat man den deutschen Gewerkschaften gar keinen andern Ausweg mehr gelassen, als sich bei Wahrnehmung ihrer Interessen an die social- demokratische Partei anzulehnen, und wenn es hierin in Zukunft anders wird, so nicht deshalb, weil eine andre Partei die social- demokratische abgelöst hätte, sondern weil die letztere mehr und mehr die Aufgaben der Gewerkschaft verkannt und zum Teil ihre Grund- sätze verleugnet hat. Der Zusammenhang der GeWerk- fchasten mit der Socialdemokratie war immer ein ungesunder, aber er wurde den Gewerkschaften aufgedrängt durch die Verfolgungen und Maßregelungen seitens der Regierung und der herrschenden Gesellschaft. Diese Ge- walten mögen iu ihrer jederzeit eingenommenen Stellung zu den Gewerkschaften die Ursache suchen, warum die Gewerkschaften ihre Interessen im öffentlichen Leben durch die Socialdemokratie ver- treten ließen und warum ein großer Teil der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gleichzeitig Mitglieder der socialdemokratische» Partei sind. Es handelt sich also nicht um„Kunstgriffe dcrSocialdemokratie, die Arbeiter in ihre Netze zu locken", sondern um einen ganz uatür- licheu Vorgang, der einzig und allein auf das Conto derer zu setzen ist, die jetzt wiederum in leeren und öden Redensarten gegen die Gewerkschaften voni Leder ziehen und selbstverständlich damit das Gegenteil des Gewollten erzielen." Wir begreifen den Schmerz des Herrn Rexhäuscr, daß durch die Angriffe der Scharfmacherpresse die„ungesunde" Anlehnung der Ge- werkschaftcn an die Partei gefördert wird, er scheint immer noch mit sich im unklaren zu sein, wo er die Anlehnung finden könnte, mög- lich, daß er zur Zeit noch die rechte Schwenkung ausführt, um sich der„aufgedrängten" Freundschaft der Socialdemokratie zu entziehen. Uns ist übrigens von diesem Aufdrängen der Freundschaft nichts bekannt, denn wir könnten dabei nur ausrufen: Gott schütze uns vor unsren Freunden, vor unsren Feinden werden wir uns selber schützen! Wenn aber Herr Rexhäuser in tiefer Trauer darüber ver- sinkt, daß es für die Gewerkschaften keine politische Partei giebt, an die sie sich anlehnen können, wenn er entdeckt, daß die socialdcnro- kratische Partei ihre Grundsätze verleugnet, könnte er nicht Trost finden in dem Wiederaufleben seiner Idee, es auf eigene Faust mit gewerkschaftlichen Arbeiterkaudidatcn bei den Wahlen zu versuchen? Wir kennen kein Gewerkschaftsblatt, das soweit jede Ideen- Verbindung mit der Partei zurückweist, dabei mit einer Lebhaftigkeit, die die innere Freude über den Streit nicht verbergen kann, den Ausschluß der Hamburger Accordmaurer aus der Partei befürwortet, als es hier von dem Organ der Buchdrucker geschieht. Auch das„Korrcspondenzblatt der Generalkonimission", das sonst nicht im Geruch der Buchdruckerfeindschaft steht, fällt über das oben wiedcrgegcbcuc Citat folgendes Urteil: „Die der Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften haben den geistigen Zusammenhang mit der Socialdemokratie nie als ein ungcsnudcs Verhältnis, sondern als das natürliche Ergebnis der Einheit der Aufsnssung von dem gemeinsamen Klassen- kämpf der Arbeit betrachtet, von dem die Gewerkschaftsbewegung die wirtschaftliche, die Socialdemokratie die politische Aktion vertritt. Wenn der„Correspondent" darüber andrer Meinung ist, so kann ihm das niemand verwehren; die Gewerkschaften haben aber ein dringendes Interesse daran, ein Einverständnis mit den in diesem Artikel ver- tretenen Ansichten abzulehnen." Berlin und Umgegend. Eine GcnosscnschaftS- Barbierstube ist von den Berliner Barbier- und Friseurgehilfen als Folge der Lohnbewegung errichtet worden. DaS Geschäft befindet sich Grüner Weg(33, es wird am Donnerstag eröffnet. Bei dem Rixdorfer GcwcrkschastSkartcll ginge» für die ausständigen Glasarbeiter ferner ein: Bau Roll, Weserstraße, ge- sammelt von den Töpfer» durch Burgs, 2. und 3. Rate. 11,—. Bau Roll, Wescrstraßc, 2,50. Verband der Steinarbeiter, Filiale Nixdorf, durch Pringal 10,—. Tischlerei Ohmann, Berlin. Ncicheuberger- straße 63, durch Laquar, 1. und 2. Rate. 20,—. Kolonie„Raupenfraß" 1,40. Selbstangefertigte Liste durch Baath 3.60. Ccntral- verband der Maurer, Zahlstelle Nixdorf, durch Wittig 50,—. Töpfer vom Bau Habcrmann, Köpenickcr Landstraße durch Lohff 3,50. Aus Listen gingen ein: Nr. 417: 7,35, 426: 5,60, 419: 3,95, 420: 8.60. 421: 9,10, 422: 7,35, 423: 9,90, 424: 7.35, 432: 3.—. 437:7,85, 438:10,10, 440: 7,60, 443: 9,10, 444:19.70, 447: 6,40, 448: 5,30, 449: 3,55, 450: 1,90, 453: 2,65, 455: 7,60, 456: 12.—. 466: 5,85, 467: 21,16, 463: 16,30. Weitere Beiträge nimmt entgegen Albert Hendrischke, Rixdorf, Richardstr. 65. Die Lederarbeiter Berlins(Weißgerber, Färber usw.) habe» sich nach mehrwöchentlichem Verhandeln mit den Arbeitgebern dahin verständigt, daß der bisherige Lohnvertrag auf die Dauer eines Jahres, bis zum I. Oktober 1902, verlängert wird. Die Liste Nr. OVA86S der streikenden Glasarbeiter ist ver« loren gegangen. Bitte dieselbe abzugeben bei der Streikkommission in Rummels bürg. Deutsches Reich. Christliche Handlanger des Unternehmertums. Bei dem Zimmererstreik, der gegenwärtig in Düsseldorf ausgefochten wird, geben sich Organe des Centrums zu eifrigen Förderern der Unter- nehmerinteressen und zur planmäßigen Schädigung der Interessen der Arbeiter her. Verschiedene Centrumsblätter iu der weiteren Um- gcgend von Düsseldorf machen bekannt, daß Zimmerleute, welche dein Zi m merer-Ver bände nicht angehören, in Düffel- dorf— natürlich als Streikbrecher— Beschäftigung finden. Ferner wird mitgeteilt, daß christliche Organisationen ihre Vcreinshäuscr als Unterschlupfstätte für Streikbrecher hergeben. Ein derartiges Ver- halten kennzeichnet treffend die Organe der Centrumspartei,'die es ja liebt, sich bei passenden Gelegenheiten ein volksfreundlichcs Mäntelchcn umzuhängen und sich als'„Volkspartei" aufzuspielen. Hier aber, wo eine Ärbeitergruppe nach einer geringen Verbesserung ihrer Lohn- Verhältnisse strebt, sind es die„biederen" Centrumsleute, die den Arbeitern hindernd in den Weg treten. Trotz dieser Machenschaften von ultramontauer Seite führen die Zimmerer ihrer Streik mit der festen Hoffnung auf einen allgemeinen Erfolg fort, sie haben erst dieser Tage die Streikunterstützung auf 4 M. pro Tag erhöht. Es arbeiten'bereits 250 Zimmerer am Ausstellungsbau und 150 an andren Arbeitsstellen unter den geforderten Bedingungen. atentetl verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Mo AuS Halle a. S. wird uns geschrieben: Bei der am Montag vollzogenen Gewerbegerichts wähl erhielten die von unsren Genossen aufgestellten Arbeitnehmer 2947 Stimmen. Gegnerische Kandidaten waren nicht aufgestellt. Als Arbeitgcberbeisitzer wurden die von bürgerlicher Seite aufgestellten Kandidaten mit 344 Stimme» gewählt, wahrend auf die Liste unsrer Genossen 207 Stimmen ab- gegeben wurden. Unsre Parteigenossen in der Stadtverordneten-Versammlung hatten den Antrag gestellt, daß als Beitrag zur Unterhaltung dcS Arbeiters ekrelariats 2000 Mark aus städtische» Mitteln bewilligt würden. Dieser Antrag wurde gegen die Stimmen unsrer Genossen abgelehnt. Bei andren Gelegenheiten zeigte sich die bürgerliche Mehrheit der Stadtverordneten nicht so zugeknöpft. So wurden erst kürzlich zum Empfang des Kaisers 7000 M. aus dem Stadtsäckel bewilligt,— In Bremerhaven ist eine Zahlstelle des Centralverbandes der Handels-, Trausport- und Verkehrsarbeiter errichtet worden. Zu drei Monate» Gefängnis verurteilte das Landgericht Schwerin einen Arbeiter, der während des Bauarbeiterstreiks eine» Arbeitswilligen geprügelt hatte. Gegen das auf zwei Monate lautende Urteil des Schöffengerichts hatte der Staatsanwalt Be- rufuug eingelegt. Ans Anlaß dcS Maurerstreiks in Halle waren kürzlich vier dortige Maurer der Beleidigung eines Poliers angeklagt, der sich während des Streiks als eifriger Gegner der streikenden Maurer aufgespielt hatte. Zwei der Angeklagten wurden vom Schöffengericht zu 20 bezw. 60 M. Geldstrafe verurteilt, während bezüglich der beiden andren die Verhandlung vertagt wurde. Eine Versicherungsanstalt sollte nach Ansicht der Magdeburger Amtsanwaltschaft die dortige Zahlstelle des C e n t r a I v e r e i n s deutscher Schuhmacher sei», weil sie ihren Mitgliedern— ohne daß dieselben einen Rechtsanspruch darauf haben— Kranken-, Reise- und ArbeitSloseii-Untcrstützung gewährt. Der Leiter der ge- nannten Zahlstelle war deshalb angeklagt, ohne behördliche Ge- nehmigung eine Versicherungsanstalt errichtet zu haben. Das Schöffengericht sprach ihn jedoch frei, da es den Schuhmacher-Bcr- band nicht als eine Versichenmgsanstalt ansehen konnte, und der Eifer des Amtsauwalts gegen die Gewerkschaft hatte somit keinen Erfolg. Tic Handschuhindnstrie ist gegenwärtig in einer noch nie da- gewesenen Weise von einer schweren Krise heinigesucht worden. Seit Beginn dieses Jahres sind infolge von Entlassungen, Aussperrungen und dergleichen fortgesetzt 10 bis 15Proz. dcrBerufsaugehörigcn brotlos gewesen. Darunter befinden sich eine große Anzahl, die bereits über 30 Wochen arbeitslos sind, obgleich von den Arbeitern alles aus- geboten wird, die Arbeit soviel als möglich zu verteilen. Diese Zeit der Krise scheinen nun die auch in diesem Arbeitszweige vorhandenen kleinen Scharfmacher nicht ungenützt vorüber gehen lassen zu sollen. Einer derselben gießt in dem Unternehmcr-Fachblatt„Berliner Berichte" die ganze Schale seines Zornes auf den ihm so verhaßten Verband der Handschuhmacher aus. Es ist selbstverständlich nach der Fabrikantculogik nur der Verband beziehungsweise dessen maßlose Forderungen die Ursache der Krise. Die Fabrikanten sollen sich wieder ihrer Herrenrechte besinnen. Und das Mittel, die Industrie zu heben, die Krisen zu beseitigen? Was kann es nach alledem andres geben, als:„Diesem Verband Krieg bis aufs Messer, der ganze Verband müsse in die Lust fliegen; keinem VerbaudLmitglied dürfe mehr Arbeit gegeben werden." Der Zweck solcher Machwerke ist nur zu durchsichtig. Die Fabrikanten die ani 26. September eine außerordentliche Generalversammlung in Nürnberg abhalten, sollen gegen den Verband scharf gemacht werden. Glücklicherweise bewirken solche Absichten immer das Gegenteil von dem, was sie bewirken sollen. Die Arbeiter besinnen sich diesen „Hcrreurcchten" gegenüber auf ihre Menschenrechte und schließen sich um so fester ihrer Organisation an. Ausland. Charlcroi. Etwa 400 Arbeiter des Kohlenbergwerks Monceau« Fontaine in Roux haben am Dienstag früh die Arbeit eingestellt; sie verlangen eine Lohnerhöhung. Vevkcrmmlnngvn. Der socialdemokratische Wahlvcrei» für Schöneberg hielt am 17. d. Mts. seine Monatsversammlung im Obstschen Lokal ab. Genosse Schubert hielt einen Vortrag über:„Die preußische Volks- schule, wie sie ist und wie sie sein sollte". Hierauf gaben die Genossen Riechert und Plätrich den Bericht von der General- Versammlung des Central- Wahlvcreius. Zur Aufnahme gelaugten 7 Genossen, abgemeldet haben sich 5 Mitglieder. Uetzko ZkfcchviLzte**«nÖ Dcpcschcn. CzolgoSz vorm Gerichtshof. Vuffalo, 24. September.(W. T. B.) Der Gerichtshof er- kannte nach halbstündiger Beratung dahin, das CzolgoSz des MordcS im erste» Grade schuldig sei. Königsberg, 24. September.(W. T. B.) lieber die Verhaftniig verdächtiger Personen an der russischen Grenz« in der Nähe von Pillupönen meldet die„Königsberger Hartungsche Zeitung": Ein Gastwirt aus Matzutkehmen beherbergte seit einiger Zeit zwei Männer, von denen weder die Personalien noch der Grund ihres Aufenthaltes dortselbst bekannt waren. Es war verschiedentlich aus der Post aufgefallen, daß an die Männer oftmals größere Geldsendungen wie auch Briefe unter falscher Adresse eintrafen. Der fahrende Briefträger auS Pillupönen, welcher in Matzutkehmen bestellt, schlug beiden Männern vor, unter seiner Adresse Briefe kommen zu lassen, worauf dieselben eingingen. Der Briefträger schickte sodann einen dieser in einer fremden Sprache abgefaßten Briefe. an die Polizeibehörde. Der Inhalt desselben muß doch wohl hin- reichend belastend gewesen sein, denn beide Männer wurden am letzten Sonnabend verhaftet und geichlossen abgeführt. Die Ver- dächtigcn gaben auf Befragen nur an, in Rußland geboren zu sein und verweigerten jede weitere Auskunft. Am Sonntag sind auch der Gastwirt sowie drei andre Einwohner von Matzutkehmen ver- haftet und abgeführt worden. Prag, 24. September.(B. H.) Das Kohlcndepot des Elisabeth- Schachtes in Turnitz, welches über 200 000 Metcrccutuer enthält, steht in Flammen. Warschau, 24. September. In einem Fabrikraum der Warschan- Wiener Bahn fand eine furchtbare Explosion statt. Sämtliche um- liegenden Gebäude sind stark beschädigt und mehrere Arbeiter lcbcns- gefährlich verletzt worden. Lemberg, 24. September.(V. H.) In Cyloinicrz ist plötzlich abends nach 9 Uhr der Marktplatz eingestürzt, wobei eine Ver- käufcrin in die Tiefe stürzte und lebensgefährlich verletzt wurde. ES wurde konstatiert, daß sich unter dem Marktplatz ein uralter Kloster- gang befunden hat, dessen Mauern nachgegeben haben. Chicago, 24. September.(W. T. B.) E m m a G o l d m a n n wurde ans der Haft entlassen.__ � Badina in Berlin. Hierzu 3 Bcilaac» u. Unterhaltuugsblau. »■224. i8. gnürpis. i Ktjlllge des„poniiiirto" KMtt polksdlatt.»««"•« 25 w«»« 1901 Parteitag der deutschen Socialdemokratie. Lübeck, den 23. September. Schluß der Montag-Nachmittags-Sitzung. (Ausführlicher Bericht.) Ledcbour-Berlin: Wenn in den Auseinandersetzungen über die Polenfrage an die Leidenschaften appelliert' ist, so ist das nicht meine Schuld. Die Frage der Entziebung der Subvention für die„Gazetta Robotnicza" scheidet aus der Diskussion aus, da die polnischen Genossen selbst der Meinung sind, daß sie davon keinen Schaden haben, aber nicht scheidet damit auch die Notwendigkeit aus, daß wir zu einem ge- deihlichen Zusammenwirken mit den Polen kommen müssen. Es geht nicht an, daß zwei socialdemokratischc Organisationen in Deutschland sich gegenseitig befehden. Zweifellos ist es für uns unangenehm, daß in Deutschland 3Vs Millionen Polen ansässig sind, aber' das ist nicht unsre Schuld und daran können wir nichts ändern. Mit dieser Thatsache haben wir zu rechnen, und wir haben auch damit zu rechnen, daß unter allen Völkern Europas das nationale Empfinden auf das höchste entwickelt ist, auch unter den Social- demokraten, und zwar in dem Sinne, daß sie ihre Muttersprache svrcchen und hochhalten wollen. Dies Recht müssen wir jeder Nationalität zugestehen, und auch wir Deutsche würden uns dies Recht nicht nehmen lassen, wenn wir das Unglück hätten, unter der Herrschaft einer fremdsprachigen Regierung zu leben, die versuchte, uns unsre Muttersprache zu nehmen. Dann würden wir mit der- selben Energie wie die Polen unsre Muttersprache verteidigen. Daß das vielen unsrer Genossen nicht klar ist. liegt daran,' weil ivir praktisch diese Erfahrung nicht gemacht haben.' Unsre östreichischcn deutsch sprechenden Genossen wissen aus eigner praktischer Erfahrung, daß das Recht der Muttersprache geschützt und geachtet werden muß, und deshalb sind sie zu einem gedeihlichen Zusammenwirken aller Nationalitäten innerhalb der Socialdemokratie gekommen. Gewiß nehmen wir uns der polnischen Socialdemokraten an, aber daraus leite ich. nicht das Recht ab, den Leuten zu bestreiten, daß sie auf eigenen Füßen stehen können. Genossin Luxemburg spricht den polnischen Socialdemokraten das Recht auf eine eigene Organisation ab, aber sie setzt sich damit in Widerspruch zu ihrem eigenen Ver- halten, denn sie hat auf dem internationalen Pariser Kongreß auf Grund eines Mandats, das sie, soviel ich weiß, in Deutschland er- halten hat, von polnischen Socialdemokraten verlangt, innerhalb dieser polnischen Organisation anerkannt zu werden. Bisher habe ich geglaubt, daß das Wort:„Für Frauen giebt es keine Logik" auf sie keine Anivendung hat.(Unruhe.) Es giebt natürlich noch andere Frauen, auf die cs nicht angewendet werden kann, aber Genossin Luxemburg hat heute diese Logik vermissen lassen. Meine Resolution will nun für die Zukunft ein gedeihliches Zusammenwirken ermög- lichen und die polnische Socialdemokratie anerkannt wissen: ich hoffe daher auf ihre Annahme.(Beifall.) Siidekum-Dresden begründet einen Schlußantrag mit der Fülle der sonstigen Tagesordnung des Parteitages. Der Schlußantrag wird angenommen. Hengsbach verwahrt sich persönlich gegen den Vorwurf, Morawstl in dessen Abwesenheit angegriffen zu haben; er habe ihn für anwesend gehalten. Singer: Ehe ich diese Verhandlung weiter gehen laffe, mutz ich auf einen Zwischenfall von heute vormittag aufmerksam machen. Während der Rede der Genossin Luxemburg hat der als Berichterstatter anwesende Dr. Gumplowicz mit lauter Stimme dazwischen gerufen:„Gelogen! Frech gelogen!" In der Unruhe, die dabei entstand, war das hier oben nicht gehört worden. Nachdem mir das später mitgeteilt wurde, habe ich Veranlassung genommen, Herrn Dr. Gumplowicz zu ersuchen, sich der Beteiligung an der Diskussion durch Zwischen- rufe zu enthalten. Dr. Gumplowicz hat mir das zugesagt. Ich würde den Gegenstand damit für erledigt gehalten haben, wenn jetzt nicht der soeben erschienene„Lübecker Volksbote" in den Bericht es aufgenommen hätte. Da hiermit dieser Vorfall über die Mauern dieses Saales hinausdringt, bin ich verpflichtet, nachträglich den Parteitag auf das entschiedenste dagegen zu verwahren, daß erstens ein als Berichterstatter anwesender Genosse sich an der Diskussion durch Zwischenrufe beteiligt, namentlich aber durch Zwischeimife, die durchaus jeder parlamentarischen Gepflogenheit widersprechen Wenn ich einen Wunsch daran knüpfen kann, dann ist es der, daß wir in der Diskussion selbst unter uns in den Ausdrücken die Grenze innehalten, wie es unter verständigen Menschen und namentlich unter Genossen im Interesse der Einigkeit nötig ist. Damit ist der Zwischenfall erledigt. Pfannknch hat das Schlußwort für sein Referat: An sich hätte ich gegen die Resolution Ledebour nichts einzuwenden, denn sie ändert' an dem bestehenden Zustand nichts; aber sie ist überflüssig. Ich habe in meinen, Referat schon ausdrücklich erklärt, daß die Parteileitung die Pflichten der internationalen Solidarität durchaus achtet, aber den besonderen Fall entprechend den Verhältnissen behandeln muß. Sind die polnischen Genossen der Ver- nunft zugänglich und gewillt, die siir die deutschen Verhältnisse nicht mehr paffende Sondcrbündelei aufzugeben, gut, sie sollen uns will- kommen sein. Wenn sie ein Bedürfnis nach Ruhe und Frieden empfinden, bei uns ist cs imnier vorhanden gewesen; aber es ist dem Besten nicht Möglich, in Frieden zu leben,' tvenn es dem Nach- bar nicht gefällt. Die Polen sind uns für die Mitarbeit will- kommen, aber wir haben kein Bedürfnis, uns aufzudrängen. Ich meine, zur Charakteristik der Polen haben die heutigen Verhand- luugen den Delegierten ein besseres Verständnis beigebracht. Ich erhebe selten Vorwürfe; aber wir haben heute gesehen, wie polnische Genossen der deutschen Sprache mächtig sind, die wir in der Agitation damit sehr gut brauchen könnten. Dieselbe Erfahrung habe ich mit dem früheren Vertrauensmann der polnischen Genossen Dulong ge- niacht, der, seitdem die polnische Sonderorganisation erstarkt ist, für die Partei nicht mehr thätig ist. Der kam einmal zu mir in das Parteibureau mit einem Borstandsmitglied der polnische» Organisation, der ihm zur Assistenz als Dolmetscher beigegeben war, weil Dulong angeblich kein Wort Deutsch spreche» konnte. Nun kannte ich aber den Dulong doch schon von Neustadt her und ich sagte ihm denn:„Aber, ich habe Sie doch schon ganz gut Deutsch sprechen hören!" Und es stellte sich heraus, daß, nachdem ihm so die Zunge gelöst war, er die Verhandlung ganz gut deutsch führen tonnte.(Hört! hört!) Das zur Wahrhaftigkeit und Wahrheits- liebe der in der Organisation selbst thätigen Genossen. ES ist auf den Fall Kasprzak hingewiesen worden. Die polnischen Genossen haben betont, sie hätten nicht notwendig, den Beweis für die Behauptungen anzutreten, die sie K. angehäugt haben. Es sind das so ziemlich alle Niederträchtigkeiten, die einem Menschen nach- gesagt werden können. Maßgebend sei, so meinten die Polen, die russische Organisation, die K.' ausgeschlossen habe. Wir haben über den Fall K. auf Wunsch der Generalkommission unter Hinzuziehung eines Delegierten dieser Körperschaft verhandelt und uns bemüht, volle Klarheit zu schaffen. Der Gesamtvorstand der polnischen Parle i war eingeladen, um die Anklage zu beweisen. Unbeschränkteste Redefreiheit war ihm eingeräumt. Nicht ein Punkt der Anklage wurde verlassen, ehe die Polen nicht erklärt hatten,� sie hätten alles gesagt, was sie zu sagen hätten. Was ist nun übrig geblieben von allen Anklagen gegen KaSprzak? Nichts, außer der einen Behauptung, daß K. einen Betrag von 60 M. unterschlagen habe, de» er von Breslauer polnischen' Genossen zu Unterslützungszwecken erhalten haben soll. Von der Aufklärung dieses Punktes hat die General- kommission ihr Verhalten abhängig gemacht. Der Vorstand beschloß,' durch Vernehmung der noch in Breslau lebenden Zeugen den That- bestand aufzuklären. Ich schrieb nach Breslau und bekam die lakonische Antwort: Ja, das ist so. Ich erwiderte: Die Be- hauptung haben wir zwei Tage lang gehört, aber wo sind die Beweise? Und die Antwort war: Ja, darüber kann auch ich keine Antwort geben.(Heiterkeit.) Hören und Weitererzählen ist leicht. Aber wenn man einem nichts beweisen kann, thäte man doch besser zu schweigen.(Sehr richtig!) Wie steht es nun mit der Ausschließerei Kasprzaks in Rußland? Gab cs damals in Rußland eine Organisation, die für den Ausschluß die Verantivortung übernehmen könnte?(Ruf: Jawohl I) Es war nur ein Cirkel von Genossen vorhanden, die über un- bequeme Leute abgeurteilt haben. Ich würde auch heute stutzen, wenn von einer ausländischen Organisation ohne Beweismittel das Verlangen gestellt würde, wir sollten einen Genossen ab- schaufeln. Man muß die Dinge doch nachprüfen können. Mögen die Verhältniffe zu einer Organisationsform, wie sie auch sein mag, im Ausland zwingen, die Organi- sation muß doch in der Lage sein, jederzeit Auskunft' und Rechenschaft über eine Handlung zu geben. Das ist im Falle K. nicht geschehen. Als Kasprzak nun in Posen von den dortigen Ge- nossen als Reichstagskandidat aufgestellt wurde, hatten wir mit den polnischen Genossen verabredet, sie sollten, wenn auch der letzte Punkt ihrer Anklage nicht bewiesen werden könne, sich jeder feindseligen Handlung gegen K. enthalten. Trotzdem zeigte uns die polnische Organisation an, sie würde gegen K. losgehen. In loyalster Weise sind die Verhandlungen' gepflogen worden; eine Vereinbarung war getroffen. Wenn' sie von der andren Seite gebrochen wird, so mußten wir die Konsequenz den Polen gegenüber ziehen. So sind die Dinge in Wirklichkeit. Wenn es zutrifft, daß seit dem Bruche die Entwicklung der polnischen Partei und Verbreitung ihres Blattes so prächtig vor sich gegangen ist. nun, dann könne es ja auch den Polen nur angenehm sein. Wir sind ja gern bereit, die sich für uns aus der internationalen Solidarität ergebenden Verpflichtungen voll zu erfüllen unter Vor- behalt der Prüfung des Einzelfalles. Der Starke soll Großmut üben. Wir haben aber Nachsicht in der Behandlung der Polen bis zur Erschöpfung geübt.(Sehr wahr!) Es ist Sache der Polen, zu zeigen, ob sie sich in Zukunft dieser Nachsicht würdig erweisen wollen. Nun zum Antrag 53. Es wäre ja eine herrliche Sache, wenn wir in jedem Wahlkreise einen bezahlten Agitator hätten, dem die Pflicht der Agitation und Organisation obliegt. Aber dabei können wir nicht einzelne Kreise herausgreifen. Außer dem westfälischen Kohlenrevier giebt es eine große Anzahl Distrikte, die viel früher zu erobern wären, als dieser Bezirk, Ivollten wir die ganze Kraft der Partei darauf verwenden. Wir müssen aber auch nach dem Grund- satz verfahren: Was dem einen recht ist, das ist dem andern billig. Weil nicht allen Wahlkreisen gegeben werden kann, was Essen und Duisburg verlangt, muß man sich abfinden mit der Unter- stützung einzelner Genossen in den Kreisen, lvie, sie bisher geübt worden ist. Auch im Duisburger Kreise wird ein Genosse, der in gutem Arbeitsverhältnis steht, für den ausfallenden Arbeitsverdienst entschädigt. Es ist besser, ein solcher Genosse hat eilte gut bezahlte Stellung, als daß wir ihn auf das unsichere Ein- komnien aus einer mit Parteimitteln gegründeten Buchhandlung oder aus einein Cigarrengeschäft stellen. Das ist auch für die Stellung und das Ansehen eines solchen Genossen viel angemessener. Wir haben uns mit den Duisburger Genossen auf diesem Boden auch durchaus verständigt. Wir haben uns bereit erklärt, dem betreffenden Genossen seine Ausfälle zu ersetzen. Was den Antrag der Genossinnen betrifft, so wird der Vorstand gern bereit sein, diese Wünsche zu erfüllen und die erforderlichen Mittel bereit zu stellen. Uebcr die äußeren Modalitäten werden wir uns verständigen.(Beifall.) Gerisch und Meister verzichten aufs Schlußwort. Es folgt die Abstimmung. Der Parteileitung wird Decharge erteilt. Antrag 49 wird angenommen, Antrag 53 abgelehnt, über die Resolution Ledebour geht der Parteitag zur Tagesordnung über. Damit ist Punkt 1a der Tagesordnung erledigt. lleber Punkt 1b(Presse, Litteratnr, Kolportagewesen) erklärt G e r i s ch, nicht in öffentlicher Sitzung referieren zu wollen. Infolgedessen wird sofort in die Beratung der zum Punkt „Presse" gestellten Anträge geschritten und zwar sollen die Anträge 42, 50 und 103 iu geschlossener, die Anträge 37— 41, 43— 48 und 51 iu öffentlicher Sitzung verhandelt werden. Singer teilt mit, daß die Diskussion über die Presse, falls sie heute nicht vollendet wird, zunächst zurück gestellt werden muß, da morgen früh mit der geschlossenen Sitzung begonnen werden soll. Damit ist der Parteitag einverstanden. Von den in öffentlicher Sitzung zur Beratung kommenden An- trägen finden nur die Anträge'33, 40, 45 und 46 die genügende Unterstiitznng. Sie lauten: 38. Parteigenossen in M e m e l: Es wird allmonatlich eine Ausgabe des„Ostpreußischen Landboten" in litauischer Sprache zur Verbreitung unter der litauisch sprechenden Landbevölkerung Ostpreußens zu einem billigen Abonnementspreise herausgegeben. Das eventuell entstehende Defizit wird ans der Parteikasse gedeckt. 40. Parteigenossen in München: Der Parteitag hat dafür zu sorgen, daß die Wochenschrift„In freien Stunden" auf eine Höhe gebracht werde, die einer Unterhaltungslitteratur für Arbeiter entspricht. 43. Genosse L e h e n d e ck e r in H ö ch st a. M.: 1. Das demnächst erscheinende parlamentarische Handbuch für socialdemo- kratische Wähler an die Vertrauensleute und an die in der öffentlichen Agitation thätigen Genossen zum Selbstkostenpreis abzugeben. 40. Parteigenossen des 3. Berliner Wahlkreises: Der Preis des„Neue Welt-Kalender" ist auf 30 Pf. herabzusetzen. Braun-Königsberg begründet den Antrag 38: Bei der letzten Nachwahl hat sich wieder gezeigt, daß eine Agitation in der litauischen Gegend ohne litauische Sprache nicht möglich ist. In allen andren Bezirken Ostpreußens haben wir eine feste Abonnenten- zahl für unsre Landarbeitcrzeitung, in Litauen kann sie nur schwer Eingang finden, die Leute verstehen sie nicht. Eine Uebersetzung aus den: Deutschen wird nicht zu viel Kosten machen. Gerisch: Ich bitte, den Antrag in der vorliegenden Form ab- zulehnen, dagegen ihn der neu zu bildenden Parteileitung zur Be- rücksichtigung zu überweisen. Uusre ostpreußischen Genossen wissen ja, daß der Parteivorstand für sie eine offene Hand hat. Der Antrag von Gerisch wird angenommen. Der Antrag 40 wird nicht begründet und gegen wenige Stimmen abgelehnt.' Den Antrag 45 begründet Hartmann-Höchst:' In der Agitation muß den Vertrauensleuten und sonst thätigen Genossen Material zur Antwort auf die Gegner geliefert werden. Unser Antrag wird der Partei wenig Kosten ver- Ursachen. Diesmal beantragen wir ja nicht, wie cs früher der Fall war, Gratishergabe. Gerisch: Auch hier stelle ich den gleichen Antrag wie zu 33. Die finanziellen Folgen lassen sich noch gar nicht übersehen.� Der Antrag 45 wird der Parteileitung zur Berücksich- tigung überwiesen. Den Antrag 46 begründet Büttner- Berlin: Der„Neue Welt- Kalender" ist ein Agitationsmittel, das in weiteste Kreise gebracht werden muß; mit ihm können wir an eine ganze Masse Indifferenter herankommen. Wir wünschen eine Ermäßigung des Preises auf 30 Pf., um der starken Konkurrenz zu begegnen. Bei der heutigen Technik der Druckerei wird es bei diesim Preise wohl möglich sein, ohne Verlust zu arbeiten oder einen kleinen Verdienst zu erzielen. Berard-Hamburg: Ich ersuche Sie, den Antrag abzulehnen, denn seine Voraussetzungen sind nicht richtig. Bekanntlich hat der „Nene Welt-Kalender" früher 50 Pf. gekostet und ist dann auf 40 Pf. herabgesetzt worden; dabei erzielt er allerdings noch einen kleinen Ueber'schuß, zlvischen 5000 bis 6000 M. Bei einem Preise von 30 Pf. ist zu befürchten, daß der„Neue Welt-Kalender" ebenso ein Schmerzenskind der Partei sein wird, wie seine Schwester, die „Neue Welt", über die wir ja morgen reden wollen. Der„Neue Welt-Kalender" wird auch in bürgerlichen Kreisen von Kolportage-Buchhändlern verbreitet, natürlich nur so lange, als sie daran noch verdienen können. Bei der Stärke der Partei müßte die Auflage eine viel höhere sein, sie bleibt aber seit Jahren auf 140 000 stehen. Vor drei Jahren ist uns sogar ein Teil davon liegen geblieben, und dann fällt schon jeder Gewinn dabei fort. In der Partei selbst wird durch die Gratis-Kalender für Konkurrenz gesorgt, die eigentlich nur für die Landagitation be- stimmt sein sollten. Aus diesen Gründen ersuche ich Sie, den Antrag abzulehnen. Der Antrag 45 wird abgelehnt. Damit sind die Anträge zum Punkt«Presse" erledigt. Gradnauer: Ich sehe mich genötigt, auf einige Ausführungen, die gestern abend Bebel bezüglich der Parteipresse und besonders des„Vor- wärts" gemacht hat, heute mit einigen Bemerkungen einzugehen. Es ist mir durchaus nicht angenehm, gegen einen Führer und Meister wie Bebel auftreten zu müssen; aber seine Angriffe waren un- gerechtfertigt. Er sprach davon, daß im Frühjahr dieses Jahres alle möglichen Angriffe, Verspottungenund Verhöhnungen blutigster Art gegen unsre Partei erhoben seien und daß die Parteipresse, das Centralorgan eingeschlossen, dazu geschwiegen hätte, als wenn sie keine Augen und Ohren hätten. Während er in diesem Falle eine zu große Schiveig- samkeit der Parteipreffe tadelte, tadelte er auf der anderen Seite einen zu großen Lärm in Bezug auf die Frage der geschlossenen Sitzungen;' er meinte, die Parteipresse habe ein Geschrei und Gegacker erhoben. Also auf der einen Seite haben wir zu wenig, auf der andern zu viel gelärmt. Diese Kritik von Bebel ist nicht stichhaltig. Zunächst die Frage der Haltung der Parteipresse gegenüber der An- nmdigung der geschlossenen Sitzungen. Ich gebe zu. daß rein äußer- lich,'chronologisch betrachtet, es allerdings die Ausführungen gegnerischer Blätter gewesen sind, die die Parteipresse erst im vollem Maß aufmerksam gemacht haben, um was es sich eigentlich handelt, aber die Schuld daran liegt zum allergeringsten Teil an den Redaktionen der Blätter, sondern an dem Partei- vorstand; man darf über de» Ausschluß der Oeffentlichkeit denken wie nian will, aber das ist sicher, daß es eine einschneidende und bedeutsame Maßregel ist, und da ist es doch eigentümlich, daß diese Maßregel der Pnrteipresse in einer Notiz von vier Zeilen angekündigt wurde. Es ist leicht zu verstehen, daß solche unbedeutende kleine Notiz nicht sofort gelesen wurde und sofort Anlaß zur Besprechnng gab. Sobald man darauf aufmerksam wurde, um Ivas es sich handelte, ist die Parteipresse sofort in die Kritik eingetreten. Der Parteivorstand hätte die Sache in richtiger Weise an die Ocffentlich- keit bringen sollen. Erst gestern haben wir von Singer vernommen, welche Motive dieser Neuerung zu Grunde liegen und in welchem Umfange sie vor sich gehen sollte., Vorher haben mir davon so gut wie gar nichts gewußt. Ja, noch mehr; als in der Presse die Opposition anhub, haben wir ausj dem Parteisekretariat eine Zuschrift bekommen, in der etwas ganz andres zu lesen ivar, als lvas gestern vorgetragen ist und lvorauf hin Sie Ihren Beschlutz gefaßt haben. Da Ivar es gar kein Wunder, daß in der Partei eine Erregung Platz griff und daß wir uns gegen die Neuerung wehrten. Ich bitte also den Genossen Bebel, seine An- griffe gerecht zu verteilen und vor allem die Körperschaft anzuklagen,� der er selbst angehört. Nun die andre, wie mir scheint, auch für Bebel wichtigere An- gelegenheit: im Frühjahr seien„blutige Angriffe" derZGegner er-' folgt und wir hätten keine Augen und Ohren dafür gehabt. Das ist ein Vorwurf, wie er schwerer nicht gedacht werden� kann. Bebels Andeutung geht offenbar dahin, daß die; Parteipresse gegenüber dem Vortrag von Bernstein im socialwiffen-; schaftlichen Studentenverein eine außerordentliche Reserviertheit beobachtet habe. Das ist nicht richtig; der„Vorwärts" hat vielmehr zweimal recht klar Stellung zu dem Vortrag genommen. Er hat zunächst die Erklärung abgegeben, daß wir den authentischen Text des Vortrages nicht kennen; Bernstein hat uns selbst, als der Artikel der„Welt am Montag" erschien, mitgeteilt, daß jener Artikel auf' einer vollständig falsche» Auffassung seines Vortrages beruhe; wir hatten also überhaupt keine Möglichkeit, materiell darauf einzugehen. Wir sagten uns auch von vornherein, daß wir wenig Veranlassung hätten, jenen Versuchen der bürgerlichen Presse, uns auseinanderzuloben, Rechnung zu tragen. Als dann der Vortrag im Druck vorlag, da erschien ini„Vorwärts" eine Kritik, welche sich in sehr scharfer Weise gegen die Ausführungen von Bemstein wandte. Wir haben also nicht geschiviegen und nicht etwa keine Augen für diese Sache ge- habt, wir haben aber kein Bedürfnis gehabt und auch geglaubt, daß die Partei kein Bedürfnis hat, auf den Vortrag ausführlicher und über das von uns innegehaltene Maß einzugehen. Der Vortrag lag auf einem Gebiet weit ab von allen praktischen Fragen, die uns beschäftigen. Es war ein philosophisches Gebiet, viele Leute haben sogar gemeint, es sei eine Haarspalterei über den Begriff Wissenschaft, worauf der ganze Vortrag hinauslaufe. Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, jedenfalls kann der „Vorwärts" nicht das Organ sein, das derartige rein wiffenschaftliche Fragen behandelt. Andrerseits haben wir erklärt, daß wir keinen Anlaß haben, darauf einzugehen, weil über diese Fraaen, soweit sie Einwirkung auf die Politik der Partei haben könmen, schon vor Jahren genügend debattiert und weil in Hannover völlig klare Bahn geschaffen ist. Fast die ganze Partei hatte wohl die Emsinduna, wir hätten genug an dieser Diskussion, die sich als recht nutzlos und fruchtlos erwiesen habe. Ich zweifle, ob der Parteitag sehr beglückt gewesen wäre, wenn wir den ganzen Sommer wieder derartige Bernstein-Debatten gehabt hätten wie vor Jahren. Bebel sagt, wir seien hier so sehr ruhig, auf der andren Seite aber zu lärmend gewesen. Genosse Bebel, Sie verfallen hier in den- selben Fehler, den Sie uns zum Vorwurf machen. Die„Welt am Montag", die„Hilfe" und ähnliche Blätter leben ja davon, in unsren Reihen Wirrnis anstiften zu wollen. Auer wird da als großer Staatsmann hingestellt, da wird von Mauserung gesprochen und der Steg des Opportunismus verkündet, um die sogenannten „Radikalen" zu reizen. Ja, soll denn unsre Partei sich fortwährend nervös aufregen lassen durch die Spaltungsfnbeleie» einer gegne- rischen Presse? Ich glaube, wir haben wohl daran gcthan, daß wir uns nicht verleiten ließen, von neuem diese Fragen ausführlich zu behandeln. Das eine möchte ich aber noch hinzufügen: Bebels Auf- faffung hat mich auch noch aus einem andren Grunde sehr in Er- staunen gesetzt; Bebel war gerade auf unsrer Redaktion anwesend, als wir in der Ueberlegung begriffen waren, ob wir den Vortrag anders behandeln sollen als wir es gethan haben. Damals hat Bebel uns durchaus zugegeben, daß unsre sehr ruhige und sehr kühle Zurückhaltung berechtigt sei; er hat seine Auffassung geändert, ich weiß nicht warum. Zum Schluß noch eine allgemeine Bemerkung. Gerade der „Vorwärts" befindet sich in einer außerordentlich schwierigen Situation. Wir haben den Anschauungen der Berliner Ge- nossen Rechnung zu tragen als Berliner Partei- Organ, und zugleich den Anschauungen der Partei als Central- organ. Zu diesen Schwierigkeiten ist in neuerer Zeit eine neue noch besonders größere getreten, wir haben den unersetzlich schweren Verlust unsres Wilhelm Liebknecht erlebt. Wir haben uns aber bemüht, das Centralorgan zur Ehre der Partei fortzuführen. Daher nmß ich es aufs lebhafteste bedauern, daß unser verehrter Bebel, von dem wir in so vielen Fällen wohlmeinenden Rat und Förderung er, Jjalten, hier die Oeffentlichkeit anruft und eine Kritik über die Parteipresse ausspricht, die er viel besser in andrer Weise— es steht ihm ja die dauernde Kontrolle über die Haltung der Redaktion zu— geübt hätte, und deshalb bitte ich, daß Bebel uns in Zukunft seine wohlwollende Beratung schenkt, nicht aber Monate verstreichen läßt und dann hier plötzlich Angriffe erhebt, die jeder zureichenden Begründung entbehren.(Bravo)! Bebel: Als ich gestern meine Angriffe machte, seien Sie überzeugt, da lvuffte ich, Ivos ich that! ich wollte Gradnauer oder einem anderen „Vorwärts"-Redacteur Gelegenheit geben, zu antworten, damit ich nun ausführlicher antivorten kann. Was habe ich betreffs der ge- schlossenen Sitzung gesagt? Ein großer Teil der Parteipresse habe sich über diese Dinge aufgehalten, erst nachdem die„Frankfurter Zeitung" den Artikel gebracht hatte, Gradnauer hat das heute zugegeben. Er sagte, chronologisch hatte ich recht ge- habt. Nun, mehr wie chronologisch will ich nicht recht haben. An dem Tage, wo der„Vorwärts" die Notiz aus dem Bureau brachte, konnte der„Vorwärts" am nächsten Tage bereits antworten und seine Stellung präcisieren, ehe die„Frank- furter Zeitung" Gelegenheit hatte, ihre Angriffe zu machen. Wenn man im„Vorwärts" mit der Erklärung des Vorstandes nicht einverstanden war oder meinetwegen nun erst recht beunruhigt war, so ivar das persönliche Sache der betreffenden Redacteure Dagegen konnten sie polemisieren. WaS ich gestern gesagt habe, ist bestätigt worden. Gradnauer hat dann gemeint, es sei doch sehr viel wünschbarer. daß ich öfter Gelegenheit nehme, meine Meinung den Genossen in der Redaktion zu sagen. Ich frage Gradnauer, ob das nicht wieder- holt geschehen ist, gerade in diesem Frühjahr, ob ich nicht wiederholt Gelegenheit gehabt habe, mich über die Haltung deS „Vorivärts" zu beschweren, z. B. auch in der Millerand- jAffaire. lHört. hört!) Wo die französische Arbeiterpresse �in der schärfsten Weise gegen Millerand Stellung nahm und die izzanze Presse sonst davon Notiz nahm, der„Vorwärts" hat daS nicht abgedruckt.(Hört, hört!) Nachdem ich darauf aufmerksam gemacht hatte und schrieb: Das und das schreibt die„Wiener Arbeiter- Zeitung"! und als der„Vorwärts" trotzdem nichts brachte, da »ging ich in die Redaktion und habe eine lange Erörterung gehabt und ging fort mit dem Bewußtsein, es wird doch nichts tkonmien; nran hat sich dann aber eines Besseren besonnen. Dann !«ine andre Angelegenheit; es betrifft das den Genossen Bemstein; wir werden ja über seinen Vortrag bei einem andren Punkt der Tagesordnung sprechen. Dieser Vortrag hat in der gegnerischen Presse Ivahren Jubel erregt; in der Partei- presse und auch Nicht-Parteipresse, in den„Socialistischen Monatsheften" hat noch Heine in der letzten Nummer eine so absprechende Kritik gebracht, wie sie absprechender nicht gedacht werden kann. Der Vortrag ist in der bösesten Weise gegen die Partei ausgebeutet worden.(Sehr wahr!) Man kann in der That nichts Schlimmeres sagen, als ivenn man es in Ziveifel zieht, ob die Partei auf wissenschaftlichem Boden stehe. Da hat man die Partei gehöhnt und gefoppt, herabgezogen, und da ivar es allerdings die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Parteipresse und in erster Linie des Centralorgans, klipp und klar und so deutlich wie nur irgend möglich, sich darüber auszusprechen. Was hat man mir auf der Redaktion erwidert? Man hat keinen Berichterstatter Hort gehabt!(Hört I hört!) Traurig genug I(Bewegung.) Es handelte sich darum— ich war zufällig da, ob eine Er- Llärung des Genossen Bernstein Aufnahme finden sollte; man gab � sie mir zu lesen; ich sagte: nehmt sie meinetwegen auf, ihr könnt Euch ja dagegen erklären. Sie ist nicht aufgenommen worden. Der Standpunkt der Partei ist in Hannover festgelegt worden; ich konnte und mußte verlangen, daß das Centralorgan der Partei klipp und klar erklärt: Ivenn wir auch nicht bei jenem Vortrag gewesen find, so erklären wir doch, wenn der Vortrag auch nnr irgend etivas derartiges enthielt, was darüber berichtet worden ist, positiv uns in der entschiedensten Weise gegen Bernstein(Beifall); das war klar, deutlich, das hieß Stellung nehmen; damit ver- gab sich das Centralorgan gar nichts. Es ist seit einer geraumen Zeit der traurige Zustand, daß man nicht mehr wie früher scharf, gerade, wie es Männern, vor allen Dingen Socialdemokratcn geziemt, den Gegnern auf ihre Angriffe dient, sondern sich drückt,(Bewegung.) Der„Vorwärts" hat ein paarmal tu der Polemik mit der„Welt am Montag" in der schmäh- lichsten Weise Niederlagen erlitten. Das empörte mich als Parteigenossen, das empört mich als Vorstandsniitglied. Es war �allerdings ein philosophischer Vortrag. Ich bin überzeugt, Bernstein hat keine Seide damit gesponnen; aber je unklarer der Vortrag war, desto notwendiger Ivar es, scharf zu erklären: damit haben wir nichts zu thun. Und nun weiter! Die Haltung der Parteiprcffe war infolge dieser Haltung des Centralorgans die allergedrücktefte; man hat gar nicht gewußt, wie man sich verhalten sollte. In München, wo man von nationalsocialen Gegnern attackiert wurde, gestützt auf die Aus- führungen Bernsteins, da mußte das Wort fallen, wenn es nicht anders wird, dann gehen Ivir lieber auseinander, dann lieber eine kleinere Partei! Das war die Folge und Wirkung dieser Haltung des Centralorgans. Und noch schlimmer! Als end- lich Molkeubuhr— und das habe ich ihm im stillen gedankt— das Wort ergriff in Haniburg, in Barmen-Elberfeld usw., und in einer Resolution von Bernstein in ganz richtiger Weise sagte, daß er nichts andres zu thun wisse, als beständig an dem Partei- Programm zu mäkeln, daß er nicht einen Abend sich ins Bett legen könnte, ohne sich zu fragen, ob er nicht an einer neuen Stelle die Parteigrundsätze herabziehen könne(Kundgebungen); da hat der �.Vorwärts" wieder geschwiegen, hat die Resolution Glicht abgedruckt! Und es ist' eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Central-Organs als solchen, daß es an solchen Vopgängen in der Partei, die von Wichtigkeit sind, nicht ruhig vorübergeht, von solchen Strömungen Notiz nimmt, sie zur Kenntnis der Gesamtpartei und dann der Berliner Genossen bringt. �Die Berliner Genoffen sind getäuscht worden. Man hat das Ver- (■iiifchilngssystem, die Kompromißsüchteleien beliebt, und daS ist beim i„, Vorwärts" in den letzten Jahren sehr oft der Fall— bis mir lendlich einmal die Laus über die Leber gelaufen ist und ich mich ausgesprochen habe, wie ich darüber in Wahrheit denke. Man komme nur jetzt nicht und bringe unfern großen 'toten Genossen Liebknecht, weil er nicht mehr da ist, als Entschuldigung her. Es giebt gewisse Dinge, über die man nicht spricht; aber ich meine, die Redaktion des„Vorwärts" muß ver- stehen, auch ohne Liebknecht auszukommen, mutz wissen, wie sie Stellung zu nehmen hat. Das hat sie leider nach meiner Auffassung «n vielen Fällen nicht gethan.(Stürmischer Beifall.) Singer: Ich muß durchaus anerkennen, daß der Vorredner sich in den Grenzen gehalten hat, die durch den Punkt der Tagesordnung ge- Vgen sind, d. h. er hat über die Haltung der Presse im all- gemeinen und die des„Vorwärts" im besonderen gesprochen; er hat aber dabei— und das konnte nach den Dar- hlegungen, die er zu machen hatte, nicht anders sein— mich einen Gegenstand zur Sprache gebracht, den wir an andrer Stelle der Tagesordnung zu verhandeln gedachten, in Verbindung mit dem Vortrag Bernsteins über seine ganzen Ansichten. Nun habe ich als Ihr Vorsitzender das Interesse und die Pflicht, die .Zeit des Parteitags möglichst haushälterisch zu verwenden; und in fider festen Ueberzeugung, daß die nun folgende Debatte, Z» der sich ja schon einige Redner, u. a. Bernstein selbst, mit vollem Recht ge- .meldet haben, das doch zur Erörterung bringt und in dem Wunsche, -einer doppelten Erörterung aus dem Wege zu gehen, schlage ich vor, i nunmehr die Diskussion, in der wir uns jetzt befinden, mit den An- i trägen, die direkt zur Bernsteinfrage gestellt sind, zu verbinden.(All- fseitige Zustimmung.) !■ Es sind dies die Anträge 52, 91, 92, 93, die sämtlich ausreichend Mjcrjtützt werden. Sie haben den folgenden Wortlaut: 52. Parteigenossen des 6. Berliner Wahlkreises: Der Parteitag mißbilligt die Art der Agitation, ivie dieselbe von feiten des Genossen Bernstein betrieben wird, da dadurch uiisre Ziele vollständig unklar werden. St. Die Delegierten des Thüringer Parteitages: Der Thüringer Parteitag lehnt die Revisionsveftrebungen des Genossen Eduard Bernstein ohne jede Einschränkung auf das ent- schiedenste ab. Der Parteitag erklärt im besonderen, daß die Erlösung der Arbeiterklasse aus der Lohnknechtschafl des Kapitalismus einzig in der Erkenntnis und in den Zielen und auf den Wegen möglich ist, wie sie im wissenschaftlichen Socialismus von Marx und Engels vorgezeichnet und im Erfurter. Programm für die deutsche Social? demokratie festgelegt sind. Aus diese» Erwägungen heraus verurteilt der Parteitag auf das unzweideutigste auch die Art, wie der Genosse Bernstein trotz der vom Parteitag in Hannover angenommenen Resolution des Genossen Bebel fortfährt, den Versuch zu machen, in der Partei Verwirrung und Uneinigkeit zu stabilieren. SÄ. Parteigenossen des 4. Berliner Wahlkreises (Süd-Ost) sprechen die bestimmte Erwartung aus, daß der Parteitag zu Lübeck den neuesten Bestrebungen des Genossen B e r n st e i n, den im Erfurter Programm der Partei festgelegten Grund- sätzen die wissenschaftliche Basis zu entziehen, entschieden und un- zweideutig gegenüber Stellung nimmt und die Art, wie derselbe Verwirrung und Uneinigkeit in die Reihen des kämpfenden Proletariats hineinträgt, mißbilligt. Die Versammlung ist der Ansicht, daß die wirtschaftliche und politische Lage schwere Kämpfe heraufbeschwören, die alle Kräfte der Socialdemokratie zum geeinten Vorgehen gegen die Mächte der Reaktion erfordern, und verlangt von allen Partei- genossen, daß sie sich den nach eingehender Diskussion auf den Parteitagen festgelegten Grundsätzen fügen, Revisionsbestrebungen in der Partei selbst und auf den Parteitagen anregen, nicht aber in das Lager der Gegner tragen, und so den thätigen Genossen die Agitationsarbeit erschweren und die Partei schädigen. 9Z. Die Parteigenossen des 2. badischen Reichstags- Wahlkreises erwarten vom diesjährigen Parteitag eine e n d- gültige Entscheidung in der sogenannten„Bernfteinfrage" und beantragen, die Bernsteinsche Politik zu verwerfen. Quarck-Frankfurt: Ich beabsichtige, nur zu der anfangs durch Bebel aufgerollten Frage zu sprechen. Ich kann Bebel nicht einmal das zugeben, daß feine chronologische Darstellung richtig gewesen sei. Für uns in Frank- furt und eine Reihe andrer Blätter hatte es des Artikels der„Frankfurter Zeitung" nicht erst bedurft, zu der Frage der geschlossenen Sitzung Stellung zu nehmen. Aber das andre! Bebel hat den„Vorwärts" und die andre Partei- presse angeklagt, in der Sache des philosophischen Bernsteinschen Vortrags zögernd Stellung genommen zu haben. In der Sache selbst bin ich derselben'Meinung wie Bebel; in Hannover ist die Sache erledigt. Aber in Geuossenkreisen wird die Nervosität Bebels wegen dieses philosophischen Vortrags gar nicht geteilt; die Masse hatte gar nicht Lust, auf diese Sache weiter einzugehen. Es war ganz korrekt, den authentischen Wortlaut, der angekündigt war, abzuwarten. Weitere Anfragen hat es nicht ge- geben. Die Anträge stammen ja auch nur aus Berlin, wo Bernstein ist, und aus Thüringen, natürlich, wo ja Grunwald ist.(Heiterkeit!) Aber die Sache ist des litterarischen Spektakels gar nicht wert, es ist ganz selbstverständlich, daß wir an den» alten Parteiprogramm fest- halten. Adolf Hoffmauu-Berlin: Nach den Ausführungen Bebels, die ich Wort für Wort unterschreibe, hätte ich das Wort nicht zu nehmen brauchen, wenn Gradnauer nicht erklärt hätte, mit Rücksicht darauf, daß der„Vorwärts" auch ein Lokalblatt sei, hätte die Redaktion auf den Bernstein-Vortrag nicht näher eingehen können.(Gradnauer: Ist mir ja gar nicht eingefallen.) Das war hier der allgemeine Ein- druck.(Sehr richtig!)' Es ist da doch merkwürdig, daß grade die Berliner Genossen auf das energischte dagegen protestiert haben, daß der Vortrag Bernstein gcivifferinaßeu tot- geschwiegen wurde. Daß' die Parteipresse in der Provinz das dringendste Bedürfnis empfunden hat, im Central- organ einen Bericht zu finden, ist sehr erklärlich angesichts der rüden Art, mit der die Gegner diesen Vortrag ausgebeutet haben. Bernstein wird gewußt haben, was er that, und wo er hinging, und wie er ausgenutzt werden konnte. Der„Vorwärts" hätte Vorkehrung treffen sollen, sofort einen Bericht zu besorgen. Woher wußte denn Quarck, daß ein authentischer Bericht erscheinen würde? Zu dem hat man sich vielleicht erst entschlossen, als die Gegner den Vortrag ausnützten. Die Prcßkommission hat wiederholt einstimmig erklärt, es sei ein schwerer Fehler gewesen, daß der Bericht nicht sofort gekommen sei. Es handelt sich nicht um die Augriffe der „Welt am Montag", die einige schon für ein Parteiblatt halten. (Heiterkeit.) Es handelt sich für uns darum, energisch dagegen zu protestieren, daß solche Dinge uns vorenthalten werden. Selbst die Anhänger Bernsteins, so weit welche in Berlin vorhanden sind, haben verlangt, daß cni Bericht kommt. Die„Welt am Montag" hat gemeint, sie freue sich auf. den Augeublick. wo Hoffmann Bernstein wissenschaftlich widerlegen werde. Sie hat sich umsonst gefreut. Ich denke gar nicht daran, Bernstein wissenschaftlich zu widerlegen. Vielleicht kann ich es nicht. Jedenfalls will ich es nicht. Ich habe einfach nicht die Zeit, mich auf theoretische Haar- spaltereicn cinziilassen. Ich wünsche, daß endlich Ruhe herrscht und die Beschlüsse der Parteitage respektiert werden.(Sehr gut!) Wenn ich so burschikos wie Auer sprechen wollte, dann würde ich sagen: „Lieber Ede, nun arbeite einmal mit und laß die Quengeleien, die uns nur die Agitation erschweren und uns nicht vorwärts, sondern rückivärts bringen."(Bravo!) Ed. Bernstein: Werte Genossen! Ich war nicht darauf vorbereitet, daß diese Frage bereits heute zur Beratung kommen würde, und bin deshalb nicht in der Lage. Ihnen all diejenigen Thatsache» authentisch vor- zuführen, die zu dieser Frage gehören. Ich denke aber genug vor- bringen zu können, um Ihne» zu zeigen, daß alle Anklagen von Bebel absolut ungerechtfertigt sind, und daß die Augriffe von ver- schiedenen Orten nicht provoziert wurden durch irgend etwas, waS ich gethan habe. Wie kommt man zunächst dazu, zu sprechen von den Revisionsbestrebungen Bernsteins seit seiner Rückkehr?. Was ist meine Thättgkeit seit meiner Rückkehr nach Deutschland gewesen? Ich lese eben in dcrneuesten Nummer der„Neuen Zeit" einen Aufsatz von Viktor Adler, worin gesagt wird, ich entfalte meine Thätigkcit nicht nach außen, sondern nach innen.(Sehr wahr!) Ich erinnere dem gegen- über daran, daß ich in Berlin und Umgegend, auch in der Provinz, eine ganze Reihe von Vorträgen gehalten habe, die nicht nur nicht beanstandet, sondern im Gegenteil mit dem größten Dank von den Genossen aufgenommen sind, die mich dazu eingeladen haben. Hier sind Zeugen anwesend aus Orten, Ivo ich gesprochen habe, sie werden das bestätigen. Es kommt also höchstens der Vortrag im socialwiffenschaftlichen Studentenvcrein in Betracht. Dieser Verein steht»ntcr der akademischen Disciplin, er kann nicht ein socialistischer Studentenverein sein, er ist es auch nicht, er will nur ein Verein sein von Studenten, die sich dem Studium der Socialwissenschaft widmen, und er bildet insofern— das darf ich wohl sagen— einen Teil der Elite der Berliner Studentenschaft, derjenigen, die sich vorwärts bilden und sich mit ernsten Angelegenheiten beschäftigen wollen, mit Angelegen- heilen, mit denen sich zu beschäftigen wir die Jugend auffordern. Bald nach meiner Rückkehr wurde ich aufgefordert, dort im Verein über irgend ein Thema zu sprechen; natürlich konnte das nicht direkt ein socialistisch-propagandistifches Thema sein, es sollte ein wissen- fchaftliches sein. Ich gestehe, in einer Beziehung habe ich mich getäuscht, ich dachte, es wäre eine kleine Versammlung von 50— 100 Studenten im geschlosienen Raum, wo eine wissenschaftliche Frage erörtert wird, die die Oeffentlichkeit nichts angeht. Als ich erfuhr, daß es eine öffentliche Versammlung sei, habe ich dem Vorsitzenden wiederholt erklärt, ich würde eine geschloffene Sitzung vorziehen. Nun ist es eine große Versanimlung geworden. Infolge einer Reihe von Umständen konnte ich meinen Vortrag nicht so eingehend aus- arbeiten, wie ich gewünscht hätte, ich erkläre aber von vornherein, daß ich absolut keinen Grund sehe, von dem, was ich gesagt habe, etwas zurückzunehmen. Daß er im Aufbau einige Mängel hat, habe ich dem Redactenr der„Socialistischen Monatshefte" noch an dem- selben Abend zugegeben, und ich habe ihm auch am nächsten Tage gesagt, daß ich äußerst deprimiert sei, nicht über die Aufnahme des Vortrages, sondern darüber, daß er nicht das geworden, was er werden sollte. Ich bin also weit davon entfernt, den Vortrag als vollkommen hinzustelle», aber von seiner Tendenz, seinem Inhalt, seiner Stellung zu der Frage, wie weit Wissenschaft- licher Socialismus möglich sei, habe ich nichts zurückzunehmen. Ich habe auch in dem Vortrag nicht von Rcvisionsbestrebungen oder deren Notwendigkeit gesprochen, sondern nur die Thatsache erwähnt, daß über eine Reihe von theoretischen Fragen innerhalb der Social- demokratie, wie die Debatten gezeigt haben. Meinungsverschieden- heilen bestehen. Ich habe lediglich auf diese Thatsache hingewiefen und nicht einmal direkt Stellung zu den Fragen genommen, sondern nur die verschiedenen Standpunkte erörtert und dann gesagt: Wäh- rend wir auf der Seite der praktischen Bewegung des Socialismus den beständigen Aufstieg vor uns sehen, während die Socialdemokratie fast in' allen Ländern Erfolge über Erfolge erringt, die Arbeiter- bewcgung Positionen über Positionen erobert, immer klarer ihre Forderungen fornruliert, scheint auf dem Gebiete der Wissenschaft Zerfahrenheit zu herrschen, und darauf habe ich die Frage auf- geworfen, inwieweit wissenschaftlicher Socialismus nötig und in welcher Form er möglich sei. Im zweiten Teil habe ich geschichtlich nachgewiesen, wie der Socialismus sich von der Utopie zur Wissen- schaft entwickelt hat und wie er von Marx und Engels weiter aus- gebaut ist. Ich habe direkt gesagt, in seinem Zukunsts- Programm kann der Socialismus A nicht ausschließlich wissen- schaftlich sein, weil er diktiert wird vom Wollen, vom Klassenkampf. Ihr habt es mir sehr übel genommen, daß ich ge- sagt habe, daß fogenannte Endziel ist mir gleichgültig, die Be- wegung ist mir alles. Gut, Ihr wollt das Endziel vor Augen haben. ich erkenne das an, wenn Ihr ein Ideal haben wollt, aber für mich liegt das Ideal in der praktischen Bewegung selbst, die Schritt für Schritt vorwärts geht.''Davon ist in dem Vottrag absolut nichts geleugnet und in Zweifel gestellt, es ist nur gesagt worden, weil das Ideal des Socialismus iii der Zukunft liegt, kann es nicht völlig wissenschaftlich, muß und darf es zum Teil diktiert sein vom Wollen. Was für ein Grund, darüber in Aufregung zu geraten, wenn der Redacteur der„Welt am Montag" nnßverständlich' herausliest, daß ich den- Socialismus kritisch aufgelöst habe? Davon ist in dem Vottrag nichts zu finden, wenn man es nicht darin finden will. Warum kein Berichterstatter des„Vorwärts" zugegen war, weiß ich nicht; in einer Hinsicht wäre es wohl besser gewesen. Jedenfalls stand im „Vorwätts" die Erklärung, daß der Bericht in der„Welt am Montag" auf irrigen Voraussetzungen beruhe, und dann hat die Redaktion ja auch noch sehr scharf gegen das sogenannte Auseinanderloben der „Welt am Montag" Stellung genommen.. Ich' wiederhole: Die Kritiken meines Vortrages, soweit sie sich auf Form und Aufbau beziehen, habe ich ohne weiteres als berechtigt anerkannt und über das, was die Grenzen der Wissenschaft sind, können die Ansichten auseinandergehen. Slllerdings habe ich am Schluß gesagt: weil der Name wissenschaftlicher Socialismus zu' falschen Voraussetzungen verleitet, weil er zu einer dogmatischen Auf-. faffung verleitet, weil er zu der Auffassung verleitet, als sei der Socia- lismus bereits abgeschlossen, darum würde ich den Name» kritischer Socialismus, wie ihn schon andre vor mir vorgeschlagen haben, vorziehen. Dagegen behält, wie ich hinzufügte, der Name Wissenschaft- licher Socialismus dann für mich seine volle Berechtigung, wenn der Begriff„wissenschaftlich" in ihm eben im kritischen Sinn als Postulat und als Programm aufgefaßt wird, als eine Forderung� die der Socialismus an sich selbst stellt und die besagt, daß für sein Wollen die wissenschaftliche Methode und Erkenntnis Richtung gebende Kraft war. In diesem Sinne erkenne ich den Namen vollkommen an, und wird er so anerkannt, so ist keine Ursache vorhanden, sich darüber aufzuregen. Man tonnte die„Welt am Montag" zurückweisen, und dann war die Sache erledigt. Keine einzige praktische Forderung, für die wir kämpfen, war inZwcifel gestellt, es ivar eine rein methodologische Frage. Ich bestreite aber entschieden, daß die Kritiken, die mein Vortrag in solchen socialistischen Zeitschriften gefunden hat, die unbeeinflußt waren, einen fo absprechenden Charakter tragen, wie Bebel meint, ich bestreite das entfchieden von der Rccension des Genossen Heine. Sie werden in der nächsten Nummer der„Socialistischen Monats- hefte" meine Antwort auf diese Kritik und auf die eines russischen Recensentc» finden. Gerade das, worin niein Vottrag gipfelte, hat Heine übersehen, und Heine hat mir das auch privatim zugestanden. Es wird ja heute, nachdem ich zehnJahre Redacteur Eures Centralorgans und neun Jahre einer der Hauptmitarbeiter Eures wissenschaftlichen Organs gewesen bin, verbreitet, ich sei heute nicht nur ein un- wisiender Mensch, sondern auch ein Mensch, der nicht weiß, was er will, ein ganz konfuser Mensch, der nicht weiß, was die Partei will. Das ist ja schon verbreitet worden. Aber ich sage nochmals: In diesem Vortrag steht nichts, was einen Genossen in seiner lieber- zcugung von der Notwendigkeit und Berechtigung des Socialismus irgend wie wankend machen könnte. Es ist ausdrücklich hervor- gehoben, daß, wenn die Formeln strittig sind, wenn wir über die Tragweite einer Thatsache streiten, doch die socialistische Bewegung darunter nicht leider. Gerade diejenigen, die mir mit Unrecht vor- werfen, daß ich den Klassenkampf nicht anerkenne, haben doch gewiß leinen Grund, aus einer methodologischen Untersuchung irgend etwas zu befürchten. Stellen Sie doch nicht unserer Bewegung das Zeugnis der Schwäche aus! Es ist gesagt, daß gerade von Berlin aus, wo Bernstein wohnt, jene Antrüge kommen. Allerdings, die Anträge kommen aus Berlin, aber nicht aus jenen Wahlkreisen, wo ich aufgetreten war, sondern da, wo ich noch nicht aufgetreten bin. Meine erste Berliner Ver- 'ainmlnng fand im zweiten Wahlkreise statt; da ist keine Resolution gegen das Wirken Bernsteins angenommen, auch nicht im dritten, wo ich gesprochen habe, sondern nur dort, wo ich nicht war. Im sechsten Wahlkreise ist eine Resolution gegen mich beschlossen. Dort hat Ledebour gesprochen, mit dem ich sechs Tage vorher bei Dr. Arons mehrere Stunden zusammen war. Ich kann es nur bedauern, daß er nicht Gelegenheit genommen hat, mir zu sagen: Hören Sie, nächste Woche denke ich mit Ihnen ins Gericht zu gehen, kommen Sie doch auch hin! Es wäre doch nur recht und billig gewesen, mir die Möglichkeit zu geben, daß, wo ich angeklagt war, mich zu verteidigen. Das ist nicht geschehen, die Resolution ist angenommen in einer Versanimlung. die mich nie gehört hat, auf Grund eines Referats, das in nieiner Abwesenheit erstattet ist. Ich bin wohl berechtigt, Ledebour daraus einen Vorwurf zu machen; jedenfalls wäre es recht und billig gewesen, mir das mitzuteilen. Anders ist es im 4. Wahlkreis, denn dort hatten die Genossen keine Verpflichtung mir gegenüber gehabt und ich kann es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie auf Grund der Berichte der Presse zunächst verdutzt waren und Angriffe gegen mich laut werden ließen. Ich hätte das wahrscheinlich auch gethan. Nachdem mein Vottrag zum Druck vorlag, konnte man ihn verschieden beurteilen, aber zu irgend einer derattigen Erklärung gegen mich lag keine Vcranlasfnng vor. Ich könnte sagen, gut, den einen Vortrag habe ich gehalten, ich werde es jetzt lassen. Durch die Annahme der Resolutionen würden Sie nicht nur mir sondern sich selbst Unrecht thun, Sie thun mir Unrecht, in- dem Sie meine Absichten und meine Thätigkeit verdächtigen, wozu kein Anlaß vorliegt, Sie thun sich selbst Unrecht, indem Sie sich einer Schwäche anklagen, zu der Sie kaum Anlaß haben. Was ge- chieht denn, wenn wir in den wissenschaftlichen Diskussionsorgancn der Partei irgend welche theoretischen Fragen erörtern und zu ab- weichenden Schlüssen gelangen. Sie legen gerade einen Stolz darauf. die Socialdemokratie die wissenschaftlichste Partei zu nennen. Ich habe es selbst in meinem Vottrag fehr energisch betont, daß von allen Parteien die Socialdemokratie die wifsenschastlichste sei. Haben Sie denn solche Furcht oder weshalb wollen Sie sich das Zeugnis ausstellen, daß Sie solche Erötteruiige» fürchten? Unfre wirklichen Forderungen für die wir kämpfen, werden ja dadurch gar nicht berührt. Auch in den früheren Aufsätzen, die ich geschrieben habe, ist nichts davon berührt ivorden. Es ist das auch eine ganz neue Auffassung, nicht die Auffassung, die früher in der Partei obgewaltet hat. Wir sagen, wir sind eine wissenschaftliche Partei, wir betrachten unser Programm nicht als ein steinernes Dogma, als einen papierncn Papst, wir arbeiten weiter. Nun, was ist denn die Aufgabe derer, die Sie Theoretiker nennen, anderes als weiter zu arbeiten in den wissen- schaftlichen Zeitschriften l Wenn Sie das Programm von Zeit zu Zeit revidieren wollen, so muh doch eine wissenschaftliche Diskusston vorangehen. Das Wort Revision stammt nicht von mir, sondern von unserm leider er- krankten Genossen Schoenlank. Bebel hat selbst konstatiert, daß die Partei im Laufe der Jahre ihre Anschauungen in verschiedenen Punkten geändert hat. Lassen Sie doch die Diskussion ihren Lauf nehmen! Was schert uns die„Welt am Montag"? Würde ich heute in Berlin einen Vonrag halten und sagen 2 mal 2 ist 4, so können Sie womöglich in der„Welt am Montag" lesen: Bernstein hat den lvissenschaftlichen Socialismus widerlegt, er hat gesagt, 2 mal 2 ist 4 (Heiterkeit). Und in unsrem wissenschaftlichen Organ konnten Sic dann lesen, er hat die Partei dadurch beleidigt.(Oho I) Ja, das ist die Weise, in der die Polemik geführt wurde.(Zustimmung und Widerspruch.) Wie können wir da noch debattieren? Entweder müssen wir fortwährend persönlich streiten, oder aber wir müssen alle Diskussionen einstellen und nur noch wiederkäuen. Das wollen wir doch nicht, das haben wir auch nie gewollt. Als bereits der größte Teil meiner Probleme des Socialismus in der„Neuen Zeit" erschienen war. namentlich auch der in der Kritik radikalste Artikel„Die socialpolitische Bedeutung von Raum und Zahl", da hatte ich eine Korrespondenz mit Kautsky. In einem Briefe entwickelte Kautsky seine Ansicht dahin, die„Neue Zeit" müsse Organ des strengen Marxismus bleiben. Als ich mich dagegen wandte und schrieb, sie müsse auch der Kritik Raum geben, da bekam ich folgende Antwort unter dem 30. August 1897 von Kautsky: „Was nun den strengen Marxismus anbelangt, so hätte ich das Wort öffentlich kaum gebraucht, aber Dir gegenüber durfte ich mir die Abbreviatur wohl erlauben. Ich meinte selbstverständlich nicht starres Festhalten an allen Resultate», zu denen Marx und Engels gekommen; das wäre das Gegenteil von Marxismus. Ich betrachte vielmehr die„Neue Zeit" vornehmlich als Organ der Kritik und zwar der Selbstkritik, und gerade diese ihre Eigenschaft ist es, die uns so viel Feinde macht."' Nachher ist mir zum Vorwurf gemacht die Selbstkritik, die ich geübt habe.(Oho!) Ja wohl, das ist mir zum Vorwurf gemacht, und fortwährend reitet alles darauf herum. Auch in den letzten Parvus-Artikeln Ivird so gethan, als ob ich nur fortwährend an den Grundsätzen der Partei herummäkele. Zeigen Sie mir doch Artikel, wo ich fortgesetzt herummäkele. Es wird einfach eine Legende ge- schaffen, wie die andere Legende, daß ich, sobald ich etwas gesägt habe, mich zurückziehe und das Gesagte bestreite.' Das ist nicht der Fall. Ich habe an den Stuttgarter Partei- tag eine Einsendung geschickt, in der ich mit klaren Worte» oder, wie die„Wiener Arbeiterzeitung" sagt, mit muster- hafter Präcision meine Anschauungen in kurzen Sätzen eilt- wickelt habe. Ich habe neulich erklärt, daß das, ivas ich da gesagt habe, noch heute meine Anschauung ist und daß das die Grundlage meines Wirkens bildet. Zum Hannoverschen Parteitag sandte ich einen Brief an Auer über meine Stellung zu den gegen mich er- hobenen Anklagen. Ich habe Auer anheimgestellt, davon Gebrauch zu machen. Er hat es nicht für nötig gehalten, den ganzen Brie vorzulesen, sondern nur mitgeteilt, daß ich geschrieben habe, mit einem Körnchen Salz könnte ich dieNesolution gut unterschreiben. DaSKörnchcn Salz ist natürlich ein sehr dehnbarer Begriff, es kann zu einem ganzen Salzberg werden. Ich habe unmittelbar nach dem Hannoverschen Parteitag im„Vorwärts" eine Erklärung veröffentlicht, die Bebel vorher gelesen hatte, in der ich ganz genau sagte, wie ich zu der Resolution stünde. Bald darauf erfolgte gegen mich ein neuer An- griff in der„Neuen Zeit". Darauf habe ich wieder einen Artikel in der„Neuen Jseit" geschrieben und präcisiert, warum und wie weit ich die Resolution Bebel unterschreiben kann. WaS ich geschrieben und erklärt habe, dazu stehe ich, ich nehme nichts davon zurück. Wenn Sie eine theoretische Debatte haben wollen, bin ich sehr gern erbötig, meine Anschauungen zu begründen. Aber die theoretischen Debatten sollen hier ein Ende nehmen, also lassen Sie es dabei bewenden; in de» Zeitschriften wolle» Sie sie ja wohl nicht unter- brachen haben. Ich habe ferner wiederholt meine Stellung zum Parteiprogramm präcisiert. Sie werden in diesen Tagen den Programm- Entwurf der östreichischen Genossen gelesen und da bei einem Vergleich mit dem Erfurter Programm gefunden haben, daß im östreichischen Ent- Wurf jedenfalls zwei Punkte in einem Sinne geändert sind, der mir beweist, daß den östreichischen Genossen diese theoretischen Sätze des Erfurter Programms nicht mehr richtig erscheinen.(Sehr wahr!) Und das sind gerade die Punkte, in denen auch nach meinen Ausführungen das Erfurter Programm der Kritik zugänglich ist? Fürchten Sie davon eine Gefahr für die Bewegung? Nein! Es ist wiederholt gesagt worden, ich sollte doch ein neues Programm aus- arbeiten. Ja, glauben Sie denn, ich sei in den drei Jahren, seit ich nicht mehr die Achtung des Nedactcurs der„Neuen Zeit" genieße, so unfähig geworden, daß ich nicht mehr ein mir richtig er- scheinendes Programm aufsetzen könnte? Aber ich habe wieder- holt erklärt, zur Abfassung eines neuen Programms ist die Zeit dann gekommen, wenn in der Partei allgemein die Ansicht ver- breitet ist, wir brauchen ein neues Programm. So lange aber gilt das bestehende Programm als ein Markstein in der Partcientwicklung. Ob da irgend ein theoretischer Satz nicht die korrekte Form hat, darauf kommt es weniger an. Die Hauptsache sind unsre Ziele und praktische Forde- rungen sind die allgemeinen Grundsätze, die jeder von uns anerkennt. Würde ich sie nicht niehr anerkennen, dann würde das für mich die Ursache sein, meinen Austritt aus der Partei zu erklären. Nichts im Programm ist durch meinen Vortrag in Frage gestellt worden. Ebenso gut könnten Sie sagen, durch KantskyS Agrarschrifl lverde der Satz im Programm in Frage gestellt, der vom Verschwinden der Kleinbetriebe auch in der Landwirtschaft spricht. Nun behalten ivir das Programm aber doch und behalten es so lange, bis es der Partei zweckmäßig erscheint, das Programm zu ändern. Ich stelle einen solchen Antrag nicht. p■ Ich wollte Ihnen eigentlich einen Bericht geben über nieine Thätigkeit, seit ich wieder zurück bin. Außer diesem Vortrage ist nichts bemängelt worden. Nun wird mir vorgeworfen, daß die Studenten eine Ovation bereitet und mich mit Beifall überschüttet hätten. An dieser Versammlung haben eine große Zahl Nicht- stndenten teilgenommen, die der Partei angehören. Wenn Sie wissen ivollen, wie der Geist der Versammlung war und in welchem Sinne mein Vortrag verstanden wurde, so hören Sie: am entschiedensten war der Beifall, als ich den Versuch eines Freisinnigen, aus meinem Vortrag Kapital zu schlagen, zurückwies. Die Genossen Heine und Heinrich Braun, die in der Versammlung waren, werden es mir bestätigen.(Heine: Ist Ivahr.) Das muß ich hervorheben, weil behauptet worden ist, ich sei mit meinen Vorträgen zu den Gegnern gegangen. Die Versammlung tvar durchaus nicht danach angethan, die Sache der Socialdemokratie zu schädigen. Ich verwahre mich auf das entschiedenste gegen die Auslegung, die Bebel meinem Vortrag gegeben hat. � Sie können, ich hoffe, Sie werden es nicht thnn, diesen Resolutionen zustimmen. Ich hoffe es nicht meinetwegen. Aber die Partei sollte nicht ein solches Zeichen der Schwäche geben. Es darf nicht von uns gesagt werden, wir fürchten jede Diskussion. Ich habe gesagt, ich würde de» Namen kritischer SocialiSmuS vorziehen, natürlich im Sinne wissenschaftlicher Kritik. Ich habe schon einmal den Genossen Labriola citicrt. Auch er hält den Ausdruck: kritischer Kommunismus für richtiger, als das Wort„wissen- schafllicher Kommunismus". Auch ein Schriftsteller, der in der „Neuen Zeit" gegen mich polemisiert hat, sagt:„Der Name Wissenschaft- licher Socialismus soll nicht sagen, daß wir schon im Besitz der letzten Wahrheit sind. Es ist ein Ausdruck der bescheidenen Selbst- beschränknng, daß wir die Wahrheit erforschen»vollen." Das ist ganz meine Ansicht. Glauben Sie nicht, daß die Bewegung unter der Kritik Schaden leiden kann. Sie zieht ihre Kraft aus dem Klasienkampfe, aus den Zuständen, unter denen die Arbeiter leiden müssen. Wie oft sind »vir gezwungen gewesen, einen Satz im Programm zu ändern und »vir sind doch gewachsen von Jahr zu Jahr. Ich schlage den Wert der Diskusston nicht gering an. Erinnern Sie sich, welcher Zorn manchen Genossen erfüllte, als Engels den Marxschen Brief zumGothaer Programm veröffentlichte. Wie schnell ist das alles überwunden worden, wie ivenig hat es uns geschadet, wie ist dadurch für eine fruchtbare Diskussion Thor und Thür geöffnet ivorden. Lassen Sie sich nicht durch das Geschrei der Gegner verlocken, der Kritik soweit sie von Genossen und in guten Treuen erfolgt, irgendwie Zügel anlegen zu ivollen. Denken Sie an das Bild der Reformatoren, in der einen Hand die Bibel, in der andren das Schwert. Wir sprechen von der Bibel der Arbeiterklasse, vom„Kapital". Gerade Marx hat den Socialismus durch- aus kritisch aufgefaßt.„Kritik der politischen Oekonomie" steht auf der ersten Seite des„Kapital". Halten Sie fest am Grund- satz der freien Kritik. Lassen Sie sich nicht von den Gegnern ver- blüffen. Nehmen Sie nicht eine Resolution an. die mich persönlich momentan in eine unanzenehnle Lage bringen könnte, die aber vor allem der Partei nicht diejenige Ehre machte, auf welche sie Anspruch hat.(Bravo.) Singer stellt das Einverständnis des Parteitags damit fest, daß für diesen einen Punkt die Beschränkung der Redezeit aufgehoben wird. Heine-Berlin: Die letzten Ausführungen Bernsteins haben so große und be- deutende Fragen aufgerollt, daß ich es fast peinlich empfinde, die Versammlung auf den viel kleinlicheren Anfang der heutigen Debatte zurückzuführen. Schon der erste Streit um' Bernstein ist meiner Meinung nach mit viel mehr Nervosität geführt ivorden, als unbedingt notwendig war. Der zweite, der im Vergleich zum ersten ein Zlverg ist, zwang nun erst recht nicht zu irgend welcher Erregung. Bebel hat schon gesagt, daß gerade ich gegen den Bernsteinschen Vortrag polemisiert habe. Ich habe mich gegen ihn geivendet,»vcil ich sachlich nicht mit ihm einverstanden bin. Ich habe ihn so ver- standen, daß er meint: die socialistische Theorie sei keine Wissenschaft und kann es auch nicht sein. Bernstein hat mich berichtigt und auf seinen Schlußsatz hingeiviesen, worin er das Postulat der Wissen- schastlichkeit an die Socialdemokratie stellt. Ich muß mich schuldig bekennen: ich habe den versteckten Halbsatz übersehen. Aber das ist ja gerade das Malheur, daß ein so wesentlicher Gedanke sich an einer Stelle am Schluß verbirgt, wo er so leicht übersehen»verde» kann, ein Gedanke, der. Bernstein' nehme es mir nicht übel, im Widerspruch zu dem übrigen Inhalt steht.(Sehr richtig!) Siesehen, so sehr ich Berirstein in vielen Punkten recht gebe, so sehr ich ihn schätze, Bernstein und ich bilden keine Versicherung auf Gegen- scitigkcit zu Lobeserhebimgci», daß»vir in den uns zur Ver- siigung stehenden Blättern einander erzählen,»vaS für vorzügliche Kerle wir»värcn und wie prächtig»vieder unser letztes Buch geraten sei. (Heiterkeit.) Nein, Ivir bilde»', keine geschlossene Maffe, jeder niinmt sich das unbedingte Recht der Kritik heraus. Die Gerechtigkeit er- fordert hinzuzufügen, daß Bernstein unter Wissenschaft etivas ver- steht, Ivas gemeinhin nicht darunter verstanden ivird. Er meint: nur die Forschung, die die unter den gegebenen Verhältnissen»nögliche Wahrheit erreicht und lehrt, sei Wissenschaft. Das halte ich für falsch. Denn dann gäbe es zur Zeit eine Wissenschaft überhaupt nicht. Die un- zähligen Ideen und Hypothesen, mit denen sie arbeitet, enthalten nur Teisivahrhcit. Indem Bernstein das aber sagt und einen andren Begriff der Wissenschaft zu Grunde legt, als es andre thnn, verliert ferne ganze These, daß die Partei nicht eine Partei der Wissenschaft- lichkeit sei, ihre Bedeutung.(Sehr richtig!) Und»venn behauptet »vird, er hat die Grundlage unsres Programms untergraben, so sage ich: Nein I Er erklärt nur, daß unsre Theorie nicht Wissenschaft in dem von ihin untergelegten Sinne sei. Daß aber unsre Theorie Wissenschast ist in dem andren Sinne, nämlich in den» Streben nach der Wahrheit, das bestreitet er nicht, und in dem Sinne ist auch der Satz von dem„Postulat" ge»neint, der an dein Ende seines Aufsatzes steht. Ich bin nun der Meinung, daß Wissenschaft in dem Sinne,»vie ich es verstehe,»veil sie gutgläubig und niit bestem Wissen und Sorgfalt bcthätigtcs Strebe» nach der Wahrheit ist, auch die Kritik verträgt; und »vas Bernstein vorgelesen hat ans einem Briefe Kautskys, das trifft durchaus den Kern der Sache, daß der Socia- lismus an sich selbst Kritik üben muß, und Kautsky hat ja erklärt, daß das auch heute noch seine Meinung ist. Wenn nun unsre Theorie Wissenschaft in dem Sinne ist, den ich damit verbinde, dann— und das möchte auch ich Hoffmann sagen, dann ist es erst recht notwendig, daß für diese ivissenschaftliche Forschung keine Grenze gezogen»vird, nach keiner Seite, dann ist es ein großes Unrecht, von Bernstein zu verlangen, er solle seine Unter- ivühlung,»vie man es nennt, einzustellen. Man darf einen Forscher nicht mundtot machen; das hat Bernstein vom Standpunkt des höchsten sittlichen lvissenschaftlichen Ernstes am Schlüsse seiner Rede hier so ausgeführt, daß ich verzichten kann, darauf neu einzu- gehen. Bernstein hat nun aber auch die Aufgabe dieser Wissciischaft im Verhältnis zu unsrcr politischen Praxis formuliert; und da hat er nach mcincr Meinung ganz richtig gesagt, daß unsre Wissenschaft die Aufgabe habe, unsre Praxis vor falschen Wegen zu»varnen und sie auf den richtigen Weg zu führen. Da bin ich ganz seiner Meinung. Es kann nur ganz exakte Beobachtung, nur Forschung mit Ivissen- schaftlichen Methoden zeigen, ob»vir auf dem richtigen Weg sind; nur sie kann uiiS lehren, die Machtmittel der Gegner und unsre eignen richtig einzuschätzen. Aber das ist die Hauptsache, die Bernstein»vohl auch hat sagen wollen und die ihm den Anstoß zu dem Artikel gegeben hat: so groß und tief und umfassend die Aufgabe der Wissenschaft in dieser Beziehung ist. der Effekt ist nicht ganz so groß(Sehr richtig!), ihre praktische Wirkung ist viel kleiner. Wir entnehmen der Wissenschaft»vohl nianchcS theoretische Rüstzeug, aber in Wahrheit lernen»vir mehr ans der Praxis.(Lebhafte Zustimmung.) Ich gehöre nicht zu den Verkleinerern der Wissenschaft; ich wünsche beileibe nicht, daß die Socialdemokratie den Namen„wissenschaftlicher Socialismus" ab- lege. Wir»vürden uns damit ein Armutszeilgnis ausstellen,»vir »vnrden einen großen Teil des Erbes von Karl Marx aufgeben. Deshalb bin ich auch gegen den von Bern- stein vorgeschlagenen Namen„Kritischer Socialismus", aber überschätze»»vollen»vir das auch nicht, und ich glaube fast, daß ivir dies überschätzen. Ich habe früher auch zu den Gläubigen der Wissenschaft gehört, aber»venn mich jetzt etivas darin de- denklichcr macht, dam» ist es das, daß zlvci so ernste Männer, die es so tre» und ehrlich mit der Partei meinen»vie Bernstein und Kautsky, die in der Praxis meiner Ueberzeugung»ach keinen Streit haben, sich jahrelang in solchen theoretischen Streitigkeiten befinden, durch die die Parte» wirklich leiden kann. Das sind die Gefahren der Theorie. Dann aber der ziveite Punkt. Bebel hat Bernstein den Vor- »vurf gemacht, daß er in dieser Stlidcntenversammlnng gesprochen habe. Man hat sogar davon gesproche»», er gehe zu Gegnern und greife die Partei an.' Ich kann nur das eine sagen: ich bin in der Versammlung gelvesen, habe die Rede gehört und habe— Bernstein hat das' ganz richtig behauptet— den Eindruck niitgeno>nmen, daß das eine Propaganda für die Socialdemokratie gelvesen ist, natürlich in der Forn» dem Orte entsprechend. Keiner hat das Gefühl gehabt, daß er die Socialdemokratie hat unterivühle» wollen. Dann das, ivas die nativnalsocialen Blätter gegen uns ge- schrieben haben! Und da möchte ich gegen diese Art der Poleinik, die die Rationalsocialcn gegen uns führen, einmal etlvaS sagen. da ich ja auch zu den Leidtragenden gehöre. (Heiterkeit.) Diese Nationalsocialen kommen mir vor,»vie ein von einein Professor ans tausend Fläschchen und Phiolen zusanimcn- gekochter Homunkulus(Heiterkeit), und darum paßt auch auf sie, »vas Mephisto von dem Homunkulus sagt:„So klein Du bist, so sehr bist Du Phantast!"(Sehr gut!) ES ist eine durchaus phantastische Politik, die die National- sozialen betreiben wollen. Sie haben zivei Angelpunkte. Der eine heißt: den Kaiser gc>vinnen, und dieser soll dann mit seinen unglaub« lichen Machtmitteln den gegenivärtigen Staat uinstürzen und einen socialen Staat errichten. Wer unsere Verhältnisse in Deutschland kennt, lveiß, daß das eine Phantasterei ist. Aber das ziveite ist»oichtiger: sie habe» es sich in den Kopf gesetzt, die Social- demokratie zu spalten oder—»vie Gradnaner sehr richtig gesagt hat — sie auseinanderzuloben. Mt echter Pfaffenschlauheit gehen sie folgendermaßen vor: Es giebt ja in der Partei Leute, die' den Vorzug genießen, von irgend jemand einmal mit dem Namen„Opportunist" bedacht ivorden zu sein, der die fatale Eigenschaft hat. daß der, dein er einmal um die Ohren geschlagen ist. zeitlebens damit behaftet bleibt(Heiterkeit), ein Name, der,»venn es so»veiter gehandhabt wird, namentlich»vie es Parous thut, auf dem besten Wege ist, ein lDrenname in der Partei z» werden.(Sehr lvahr!) Nim»veiter! Wer eimnal nur in der Lage ist, als Opportunist be- zeichnet worden zu sein, von dein denken die Nationalsocialen, sie könnten ihn von der Partei abtreiben,»venu sie von ihm bei jeder Gelegenheit erklären: der gehört eigentlich zu uns, oder: das ist ein' ganz famoser Kerl: der hat völlig recht uslv. (Heiterkeit.) Na, ich gehöre ja auch zu den Genossen, die sich den Zorn eines Gewaltigen zugezogen habe»,,»veil sie nicht der Meinung sind, daß man nächstens durch eine große Revolution, durch politische Massenstreiks die Geivalt bekommt und dann in drei Monaten die socialdemokratische Gesellschaft fix und fertig aufrichtet. Dainit kein Falscher sich getroffen fühlt. »vill ich gleich sagen, daß ich mit dem„Gcivaltigen" Herrn Parvus meine.(Heiterkeit.) Und da haben es die Nationalsocialen auch mit mir so gemacht: In jeder Versammlung, Ivo ich sprach, ist einer von der Gesellschaft gekommen und hat gesagt: Der Heine gehört eigentlich zu uns. Nun, ich habe mir das erste Mal' Herrn o. Gerlach persönlich vor- genommen, der ein guter Bekannter von>„ir ist und habe ge- sagt:„Mein lieber Gerlach,»vas denken Sie sich denn eigentlich dabei? Habt Ihr noch nicht genug Führer und keine Leute da- hinter?"„O," sagte er,„»vir»vissen aber, daß dann ein großer Teil der Arbeiter mitgeht."(Heiterkeit.) Sie sehe»,' er bestreitet es gar nicht. Ich habe gar keine Veranlassung, das zu verschlvcigen, denn ich habe es mir nicht von ihm unter dein Siegel der Verschiviegenheit sagen lassen. Einige Monate später setzte Herr Maurenbrecher die Taktik fort; da habe ich ihm vor meinen versamnielten Parteigenossen dasselbe gesagt und ihin gesagt, für»vie kindlich ich das halte, und habe eS mir eigentlich verbeten, so Zivietracht in unsren Reihen säen zu wollen. Aber»vas»vürden sie erreiche»», wenn es ihnen»virklich gelänge, mich aus der Partei heraus zu drängeln? Nun, dann hätten sie einen Mann Iveniger, aber die Partei bliebe doch dieselbe»vie früher.(Beifall.) Das ist meine Ansicht, und seitdem hat»venigstcns Maurenbrecher, den ich für einen ehrlichen Kerl halte, mit diesen Versuchen aufgehört. Sehen Sie, Genossen. so muß man es machen. In aller Ruhe muß man den Leuten heimleuchten und sich nicht aufregen lassen. Jetzt»vieder in der setzten Ninnmer der„Hilfe" sind einige Perfidien gegen ineine Freunde und»nich: da»vird gesagt,»vlr »vühlten seit einem oder zwei Jahren im Marxismus heruin. Ich habe in meinem Leben nicht im Marxismus herumgelviihlt, ich stehe fest auf dem Boden des Marxismus; aber es fällt mir nicht ein und es»vürde inir auch hent nicht cingcfallcn sein, ein Wort dazu zu sagen, »ven» mich die Ausführungen Bebels nicht dazu veranlaßt hätten. Singer hat sich in München— und ich bin ganz froh, daß ich Gelegenheit habe, das zu sagen— durch die Angriffe eines solchen national- socialen Schwadroneurs ins Bockshorn jagen lassen, daß er den Leuten den Gefallen gethan hat, das Gespenst der Spaltung an die Wand zu malen. In, das»volltcn die Le»ltc gerade.(Heiterkeit.) Sie sind den Leuten auf den Leim gegangen. Mir thut es nicht »vehe, denn nicine Genossen in Berlin ivissen ja,»vie ich zu diesen Dingen stehe, aber den Leuten hat es Freude gemacht. Bebel sagt,»vir sollten nicht auf die„Frankfurter Zeitung" hineinfallen. Aber die„Franks. Ztg." ist nun doch einmal ein Weltblatt, »vährend die„Welt am Montag"' ein ganz untergeordnetes Organ ist(Heiterkeit l), das keinen Leserkreis vertritt, sondern nur eine»» kleinen Kreis von Litteratei», die es ja vielleicht ganz gut meinen, aber Phantasten sind. Ich gebe zu: Ruhe ist Temperamentsache, und»vir alle lieben uiisern Bebel»vegen seines Temperaments,»vegen seines Feuereifers,»vir»vissen, daß die Partei solcher feurigen Seelen bedarf. Aber Bebel Ivird es mir nicht übel nehmen, daß ich, der ich nun das gerade entgegen- gesetzte Temperament habe, der Meinung bin,»um» könne die Sache auch anders behandeln und daß Sie hier, wo cS gilt, de» Gegnern der Partei die Suppe zu versalzen, viel besser thnn, die kindlichen Jntriguen zu ignorieren, und deshalb kann ich auch nicht finden, daß der„Borivärts" unrecht gethan hat,»venn er auf den Artikel der„Welt an» Montag" über den Bernsteinschen Vortrag nicht sofort angebissen hat. Und nun noch ein Wort zu der von Bernstein angeschnittenen Frage. Ich sagte ja schon, daß ich der Meinung bin,»nan habe»int der Bernstein-Theorie schon ctivas mehr Zeit verbraucht— ich meine nicht heute, sondern übcrhalipt in den ganzen letzten Jahren— als unbedingt notivcndig»väre. Die»cne Frage, die Bernstein jetzt angeregt hat, betrifft ja nicht l bloß Theorie, sondern sie behandelt die Theorie der Theorie(Lebhafte Zustimmung.), und ich bin»virklich der Ansicht, daß»vir eine Disknifion darüber ablehnen könnten. Ich, Parteigenosse», bin,»vie die Dinge heute liegen»ind vermutlich noch auf lange Jahre hinaus, gegen jede Programm- änderung; ich kenne auch keine» Menschen, der eine Aenderung be- antragt hat. Ich lege Prograinmen überhaupt keine» so große» praktischen Wert bei; die Hauptsache ist die praktische Arbeit. Stellt Bernstein, stellt joden von uns vor praktische Arbeit, vor bestinnnte Fragen, dann ivird sich zeigen, daß»vir alle einig sind. Das ist ja die Natur der Theorie, daß sie die Leute von einander entfcrut, und die Natur der praktischen Arbeit, daß sie die Leute zusammenbringt, daß sie das,»vas auscinaiider redet und aus- einander denkt, znsannnenbringt zum gemeinsamen Handeln; und da »vir eine Partei nicht des Redens u>id theoretischen Denkens, sondern des praktischen Handelns sind, und da uns»virklich Aufgaben genug vorliegen, die ein praktisches Arbeiten erfordern, da»nag jeder theoretisieren, soviel er»vill— das steckt ja u»S Deutschen im Blute—, aber»vir in der Diskussion und in den dem öffentlichen politischen TagcSkampf geividmcten Parteiblättern sollten die Dinge mit ctivas niehr Gleichgültigkeit behandeln, sollten etivaS mehr auf die praktische Arbeit sehen, dann»verde»»vir alle einig sein. (Stürinischcr Beifall). Gradnaner: Wer die Thätigkeit, die Bernstein seit seiner Rückkehr ans England in Belli» und»veiter hinaus ausgeübt hat, verfolgt, der»vird ihn» nicht abstreiten können, daß er nicht gesricht hat, in llinfassendcin Maße seine kritischen Bemerkungen, seine Grübeleien. »vie ich eS nennen möchte, über programmatische Fragen in die Partei hinauszniverfen und die Partei, die in diesen Dingen inir gesättigt erscheint, noch weiter unnötig damit zu befassen. Bernstein hat in Reih und Glied mit andren Genossen in seinem eignen und andren Wahlkreisen geivirkt. Seinen Vortrag in der Socialwissciischaftlichcn Studentenvereinigung allerdings habe ich von vornherein für eine Thorheit gehalten. Allerdings glaube ich, man kann diesen Fehler, den er in seiner besonderen Stellung nicht hätte begehen sollen, verstehen,»venn man daran denkt, daß für ihn die Verhältnisse neu sind;»venn man ferner daran denkt, daß auch ganz andre Genossen bereit gewesen sind, in demselben Stndentcnverein zu sprechen— ich nenne nur Franz Mehring;»vas dem einen recht ist. mag dein andern billig sein. Ich verstehe aber auch die Empfindungen, die der Berliner Resolution zu Grunde liegen, die eine Einschränkung der Bernsteinschen Kritik erstrebt. Sofern eS an uns liegt, die Kritik irgendwie zu beschränken, so kann man über die Art der Kritik, die der' einzelne übt, allerdings sehr verschiedener Meinung sein, und ich stehe gar nicht an zu erklären, daß mir persönlich diese Kritik Bernsteins von dem Parteiprogramm und Vor- konimniffen in der Partei keineslvegs eine besonders glückliche und förderliche gelvesen zu sein scheint. Sie hat mit Notwendigkeit Gegen- fnhf heraufbefördert und ich glaube, bah diese Gegenkritik, die in- sonderheit von der.Neuen Zeit- geübt worden ist, klärend gewirkt und vieles richtiggestellt hat, was Bernstein zu bemängeln versuchte. Aber. Genossen, man kann doch nicht in Bausch und Bogen solche Dinge behandeln. Manches, was Bernstein angeregt hat, ist heute beinahe Gemeingut der lsZartci geworden; ich erinnere nur an die Frage der Beteiligung an den preußischen Landtags wähle». Also ich bitte die Genosse», nicht so zu verafr gemeiner»;_ wir müssen die einzelnen Fragen und An rcgungen prüfen, aber nicht in dieser generalisterenden Weise über einen Genossen aburteilen, wie es vielfach geschehen ist. Ich glaube, die ganze Art, wie diese Diskussionen bei uns gepflogen worden sind, ist für die Partei schlimmer und bedenk licher_ gewesen, als die einzelnen kritischen Versuche Bcrnsteius. Die Art und Weise, wie in diese» Kämpfen verfahren Ivorde» ist, ist nicht immer diejenige gewesen, die zum Vorteil und zum Frieden in der Partei führt. Wir haben erst in der allere letzten Zeit solche Polemiken von Parvus in der.Neuen Zeit" ge� lesen. Es ist darüber geklagt worden, daß der theoretische Smn in unsren Arbeiterrcihcn abgenommen habe� gerade Kautsky hat diese Klage ausgesprochen und ich stimme mit ihm überein. Nichts scheint mir mehr bedauerlich zu sein, als daß thatsächlich die Lust an der Theorie, an der wissenschaftlichen Diskussion zurückgegangen ist. Aber die tiefere Ursache scheint mir darin zu liegen, daß man bei uns nicht mehr versteht, ruhig und sachlich zu diskutieren(Sehr wahr l). sondern daß unsre Kämpfe im höchsten Maße vergiftet werden durch persönliche Jnvektiven und durch Verallgemeinerungen, deren sich z. B. Bebel auch gegen die Parteipresse bedient hat. Soviel über diese allgemeinen Dinge. Ich komme zu dem, was Bebel ausgeführt hat. Meine Ausführungen, sagte er, waren ihm eine willkommene Gelegenheit, sei» Herz auszuschütten und die Galle. die sich bei ihm schon lange augesammelt hat, los zu werden. Mit seinem lebendigen Temperament und seiner Leidenschaftlichkeit hat Bebel ein Verdikt über den„Vorwärts" und die andern Partei blätter ausgesprochen, aber der Inhalt, der, sachliche Kern dessen >vas er gesagt hat, ist außerordentlich dürftig. Er sprach von der Behandlung des Dalles Millerand. Ich erinnere ihn daran, daß der„Vorwärts" euien Korrespondenten in Paris hat. der ihn seit langen Jahren über die französischen, schwer zu behandelnden Angelegenheiten in der vortrefflichsten Werse unterrichtet hat und der auch für die„Leipziger Vollszeituna" und die.Sächsstche Arbeiterzeitung" korrespondiert. Nun ist er» Beschluß einer einzelnen Departcments-Organisation in Frankreich nicht im„Vorwärts" ver- öffentlicht Ivorde», der seine Spitze gegen das Ministerium Millerand richtete, und die Nichtaufnahme dieses einen Beschluffes hat Bebel geglaubt, als eine der großen Sünden des„Vorwärts" anführen zu sollen. Wie lag denn die Sache? Unser Korrespondent hatte uns nichts darüber mitgeteilt, die Quelle Bebels war die „Wiener Arbciterztg". Wir haben in Berlin keine Kontrolle darüber. ob das. was in der.Wiener Arbeiterztg." über französische Dinge steht, ohne jede Prüfung von uns übernommen werden kann; wir haben ferner Bedenken gehabt, ob wir die Resolution aufnehmen sollten, weil wir der Meinung waren, daß jene Organisation schon früher zu den antiministcriellen gezählt hatte, und daß ein Beschluß derselben nichts weniger als von Bedeutung gewesen wäre. Auf jeden Fall handelt es sich doch nur um eine Frage sehr geringer Bedeutung. Bebel selbst hat bestätigt, daß wir, nachdem er de» Wunsch ausgesprochen hat, die Resolution vor- öffentlicht haben. Dann ist uns zum Vorwurf gemacht worden, insbesondere auch von Hoffmann, daß wir in jene Versammlung des Socialwiffenschaftlichc» Studentenvereins keinen Berichterstatter ent- sendet haben; das soll wieder so eine Art Vertuschnngssystem gewesen sein. Nein, die Sache liegt anders. Der Social wissenschaftliche Studeutcnverein hat mit uns nichts zu thun. Wir schicken niemals einen Berichterstatter in seine Versammlungen, sie werden nicht im.Vorwärts" angezeigt. Wir haben es nicht für nötig gehalten, deshalb, weil nun Bernstein dort sprach, ein großes Wesen davon zu machen. Ja, wer sich auf jedcS Wort Bernsteins wie auf einen fetten Bissen stürzt und sucht, ob sich Bernstein da«twaS anhängen läßt!— Wir aber haben nie auf dem Staudpunkt gestanden, Bernstein irgend eine Ausnahmestellung in der Partei emznräumen. Darum haben wir eben so ivenig wie wenn ein andrer dort gesprochen hätte, zu seinem Vortrag einen Berichterstatter hingeschickt. So lag die Sache; von irgend einer Schuld kann nicht geredet werden. Bebel hat uns dann den Vorwurf gemacht, wir hätten die Resolutionen in den Versammlungen Singers in München und Molken- buhrs inHoniburg nicht veröffentlicht. Ich kann augenblicklich nicht sagen, ob Bebel nicht vielleicht hier etwas übersehen hat. Ich weiß positiv, daß die Siugcrsche Resolution und Rede ausführlich in»„Vor- lväcts" initgeteilt»st. Nicht genau weiß ich es bezüglich Molken- buhrS. Soviel aber weiß ich, daß unser Redacteur auf diesem Gebiete durchaus objektiv und gewissenhaft ist und die ganze Haltung des„Vorwärts" zeigt, daß wir unbeeinflußt von rechts und links durch sogenannte radikale und sogenannte opportunistische Strömungen die Berichterstattung besorgen, wie es unsre Pflicht ist. Was ferner Bebel von angeblichen Niederlagen gegenüber der „Welt an» Montag" sagte, ist ebenso neu wie unverständlich. Vor allem aber wundert mich, daß Bebel über sein Verhalte» in unsrer Redaktion bei Besprechung der Behandlung des Bernstemschen Vortrags über das wichtigste so leicht hinweggeglitten ist. Dessen entsinne ich mich mit voller Bestimmtheit, daß damals Bebel am Schluß unsrer Bc- sprcchnngen gegen unsre Haltung mindestens in keiner Weise protestiert hat, dainalS hat er die Sache ohne jede Erregtheit behandelt und er ist in gutem Frieden von uns gegange». Und darum niöchte ich zriletzt bitten: Man möge keine solchen allgemeinen Anschuldigungen gegen uns erheben, daß wir nicht Stellung zu Parteifragci» nehmen. Ich nehme für den„Vorwärts" in Anspruch, daß er zu alle» Parteifragen Stellung genommen hat und das weiter thun wird trotz der schwierigen Situation, in der sich die Redaktion befindet. Man erhebe keine allgemeinen An- schuldigungen oder nia» suche sie zu beweisen. Bebel hat keinen Beweis erbracht. Es»,»ag sein, daß Bebel in dieser oder jener Beziehung die Stellungnahme des.Vorwärts"»»icht gefallen hat; wir können den„Vorwärts" nicht so redigieren, daß er stets und immer gerade Bebels Anschauungen entspricht. Wir haben die Pflicht, die Gcsamtpartei zu vertreten, in der sich verschiedene Richtungen und Meinungsäußerungen finden, und da haben wir nicht in so schroffer, erregter Weise unsre Meinungen zmn Ausdruck zu bringe», sondern ruhig und sachlich, in einer Art und Weise, die nicht dazu dient, die Partei auseinanderzutreiben, sondern die dazu führt, fie zu einigen und das feste Band, das uns bisher um- schlunaen hat, zu erhalten. Hiera»»? wird die weitere Debatte vertagt. Singer(persönlich): Da die Rednerliste sehr lang und ich nicht weiß, ob meine Wortmeldung es niir cnnöglicht, zu Ihnen in der Frage selbst zu sprechen, beschränke ich mich heute auf eine pcrsön- liche Bemerkung zu den Ausführungen Heines. Er meinte, ich hätte mich in München von den Gegnern ins Bockshorn jagen lassen und hätte von einer Spaltung der Partei gesprochen. Heine kann natürlich daS. was ich in München gejagt habe, nur aus den Bc- richten kennen. Darin ist aber, soweit ich eS verfolgt habe, etwas nicht enthalten gewesm, waS, wenn eS Heine gewußt hätte, ihn wahrscheinlich veranlaßt hätte, seine Bemerkung nicht zu zu machen. Ich habe nmnltch in München unter längeren Ausführungen über die Bernstewschen Artikel und Vorträge erklärt, indem ich diese Bestrebungen verurteilt habe. eS sei dafür gesorgt. daß die Bernsteinschen Bäume nicht in den Hiinmel wachsen; wenn es aber der Fall sein sollte, dann wäre mir lieber— nun kain die Bemerkung— eine kleinere Partei, die aber auS Leuten bestände, die energisch daS, dem sie sich einmal zugewandt haben, vertreten, als daS ewige Schwanken von einein zum andern. Heine: Ich gebe zu, daß ich den Vorfall in München nur aus dem Bericht gekamit habe, aber heute durch Singer mehr erfahren habe und genauer informiert bin. Aber weshalb gerade ich da hinein- gezogen bin. habe ich noch nicht erfahren und auch nichts, WaS meine Bemerkungen»m ganzen, soweit sie die Sache betreffen, ändern könnte. Dagegen nehme ich keinen Anstand, zu erklären, daß, wenn ich das gewußt hätte, was Singer jetzt sagte, ich in der Form vielleicht etwas zurückhaltender gewesen wäre. Lcdebonr: In der Versammlung im 6. Wahlkreise, die die Resolution gegen Bernstein faßte, war ich nicht anwesend, ich»nachte eine Agitatiousreise durch die Schweiz. Bernstein: Die Versammlung, die ich im Auge hatte, war allerdings 14 Tage vorher. Ledebonr: Die war im vierten Wahlkreise, war mir erst kurz vorher mitgeteilt worden und ich konnte Bernstein gar nicht in einer Privatgesellschaft vorher davon»mterrichten. Singer erklärt, daß der Parteitag die Einladung des Lokal komitecs zu einer Dampferfahrt am Doi»ncrstagnachmittag mit Dank annimmt. Morgen abend»st Komniers. Singer: Wir werden also, wie bereits in Aussicht genommen. morgen mit der geschlossenen Sitzung beginnen und dann erst die heutige Diskussio» fortsetzen. Schluß 7 Uhr. Bei de» sdjnieizmslljek Arbeitern in SMijurn. Solothurn, 22. September. Gestern vormittag wurde im hübschen neuen städtischen Saal- bau, einer geräumigen, hohen und freundlichen Halle, die D e l e- giertenversammlung des schweizerischen Grütli- Vereins begonnen. Die Hauptgeschäfte der Vormittagssitzung bestauden in der Eiitgegemiahnie der Geschäftsberichte und der Rech- nungen des Grütlivcreins, seiner Druckere» und Biichhaiidlung sowie des Berichtes des Ccntralkomitees. Dem Berichte des Hauptvereins für 1900 entnehmen wir, daß die Mitgliederzahl des Vereins Ende 1900 9980 betrug, die sich auf 321 Sektionen verteilen. Die letzteren haben einen Kassenbestand von 16 085 Fr. und einen Vermögens- bestand von 224 616 Fr.; die Bibliotheken zählen 42 834 Bände. Die Einnahmen des Centralkomitees betrugen 12 200 Fr., die Ausgaben 10 741 Fr.. der Ueberschuß 1459 Fr., der ilfsfonds verausgabte an Unterstützung von Mitgliedern 4120 Fr., asienbestand bleibt in Höhe von 6603 Fr. Die Grütli-Buchhandlung in Zürich hatte einen Umsatz von 30 220 Fr., die Grütli- Druckerei erzielte bei einem Umsatz von 166 386 Fr. einen Ueberschuß von 13 360 Fr. Die Berichte wurden nach kurzen Debatten genehmigt. Sodann gelangte» daS Vereinsrecht und d» e AuS- Weisungen zur Besprechung. Die Sektion Genf beantragte, unsren Vertretern in der Bundesversammlung den Auftrag zu er- teilen, den Bundesrat zu interpellieren über die Verletzungen des in der Bundesverfassung garantierten'Vereinsrechts,»vie solche an mehreren Orten vorgekoiniiien sind, und ferner über das willkürliche Vorgehen der Walliser Regierung, ihre Truppen in den Sold der Unternehmer des Simplontuniicls zu stellen, endlich dahin zu wirken, daß ein Gesetz geschaffen wird, wonach keine Ausweisungen ohne richterliches Verhör anSgeführt werden können. Nachdem der Vertreter der Sektion Genf den Antrag begründet und Reimann- Biel den Zusatz antrag gestellt hatte, anläßlich dieser Debatte eine authentische Interpretation des betreffenden Artikels der Bundesverfassung herbei- zuführen, wurde in diesem Sinne beschloffen. Annahme fand auch der Antrag der Sektion Grenchen, lliiter- tutzt von der socialdeinokratischen Partei des KaiitonS Solothurn, ich Bund zu veranlassen, unbeniitteltei». jedoch sehr begabten u>»d oliden Schweizerjünglingen an der Hand von Zeugnissen und Empfehlungen kompetenter Schrrlbehörden unverzinsliche Vorschüsse zun» Bcstlche mittlerer»lud höherer Schule zu gewähren, welche Vor 'chiisse dann in angemessenen Jahresraten zurückgezahlt werden ollten. Der Antrag wurde im Sinne der weiteren Verfolgung dem Centralkomitee überwiesen. Sodann wurde das in Bellinzona in italienischer Sprache erschcine>»de Parteiblatt„Aurora" als italienisches Bereiusorgan des Grütlivereilis anerkannt. In der Nachmittagssitzung referierte Genosse Fürholz- Solothurn über die Stellungnahme des schtveizerischen Grütlivereins zur Reorganisation der social- demokratischen Partei der Schweiz. Er gab zunächst einen längeren interessanten geschichtlichen Ueberblick über die seit den dreißiger Jahren zuweilen von dem Grütliverein verfolgten Bestrebungen, die fast stets nach links tendierten. Auch der Per- olguugen, die der Grütliverein in den vierziger und fünfziger Jahren zu erleiden hatte und die mehrfach zur Auflösung von Sektionen führten, wurde kurz Erwähnung gethan. Sodann erinnerte daran, daß schon im Jahre 1877 der Grütliverein und der damalige Arbciterbiind über die Schaffung einer social- demokratischen Partei unterhandelten und daß der Plan dann aber vom Grüllivcrein in der Urabstimmung verworfen wurde. Hingegen gab der Grütliverein ein Jahr später fast einmütig den mit dem Arbeiterbuild genieinsam aufgestellten Programm seine Zustinimung. Ebenso wurde im Jahre 1893 mit 4952 gegen 623 Stimmen in der Urabstininiuug die Anfnahme des Bekenntnisses zu den Grundsätzen der Socialdeinokratie in das Statut des Grütli- Vereins beschlossen. Weiter erinnerte er an die seit Mitte der»leniiziger Jahre von den Genossen Wiillschlegcr iliid Mcttier geiuachteil Versuche zur Schaffung einer ein- heitlichen Partei, die nun zu den» heute vorliegcnven Statuten- ciitw»rf»geführt haben. Dann wandte sich der Redner gegen die bürgerliche Presse, die mit Vergnügen die Opposition begrüßte nnd von socialdemokratischcm TerrorismuS redete, während sie alle Ursache hätte, den TerrorismuS auf ihrer Seite aus der Welt zu schaffen, mit dem sie alle AiiderSgesinnten verfolgt und bekämpft. Zu den gegnerischen Einweiidungen lind Behailptinigen übergehend, wies er das Uuzntreffeude derselben nach nnd erinnerte an einen Ausspruch des Demokraten Scherrer-Fölkemann im Natioualrat, daß die Socialdeinokratie ein notwendiger Faktor im politischen Leben der Schweiz wie andrer Länder sei und daß die so viel ver- »sterte Partei alle» andren Parteien die neuen Gedanken und An- regniigen gegeben hat und giebt. Zlini Schlüsse beleuchtete der Referent den Vorwurf, daß nur einige Personen nach größcrem Einfluß strebten. Nein, nicht darum handelt es sich. oiidcril um die Erringimg cineZ gebührenden EiilflufseS der schweizerischen Arbeiterschaft. Welchen Einfluß haben doch die svcialdcmokratischeil Parteien des Auslandes. Eine elende Phrase sei auch der Vorwurf, daß„Fremde und Ausländer" uns kommandiere» wollten. Unsre auSIändischeil Genossen mische» sich uickit in uusrc Partcimigelegciiheiten. Schließlich gab er der Hoffnung Ausdruck, daß der heutige Tag dein Grntlivcrcm wie der gesamten chweizerischc» Arbeiterschaft zlim Wohle gereichen möge.(Stür- mischer Beifall.) 'Nim nahm das Wort der Führer der Opposition, Herr Re- dacteur Weber von St. Gallen. Er verteidigte seinen von ihn, der Presse auSgiebig dargelegten Standpinilt, daß der Grütliverein durch die geplante Rcorgnilisatio» schweren Schaden erleiden werde und verwahrte sich gegen den Vorwurf der Leise- tretcrei. In der Sache selbst bezweifelt er, ob von der eveiitnellen Dilichsühruiig der Reorganisation die erivarteten guten Folgen ein- treten werden, insbesondere ob der Grütliverein dabei irgend etwa« gewiiulen werde. Eine maßgebende Stelliing in der neuen Partei iverde er nicht erlangen, denn die Arbeiterliiiionen der großen Städte mit ihren vielen Tausenden von Mitgliedern werden in der Leitung derselben das Uebergewicht erlangen. Noch hat der Grütliverein viele demokratische Mitglieder, die gute Grütlianer sind, sich aber noch nicht zur socialistischen Anschaniing dlirchgerungen haben; die Abstoßung dieser Mitglieder würde für den Grütliverein keinen Gewinn bedeuten. Zum Schluß gab er der Hoffnung AuSdnick, daß eine Form der Organisation gefiinden werden möge, die eS auch den andersgesinnten Elementen möglich niache, mitzuthun und nicht auf die Seite treten zu müssen.(Beifall.) Hier, zivischenhinein, widniet der Präsident. Genosse A l b i s s e r- Luzern, dem verstorbenen Genoffen Mettier einen kurzen, ivarm- empfundenen Nachruf und erhebt sich die Versammlung zur Ehrung des Verstorbenen von den Sitzen. Sodann nahm das Wort Genosse Dr. S t u d e r- Winterthur. Er erlvähnt, dotz die Grütlianer des Kantons Zürich sich in fünf gut besuchten Kreisversanlmlungcn für die Reorgaiiisation aus- gesprochen haben niid daß sie zweifellos ebenso einmütig in der Ur- abstimmuug dazu stehen werden. Hinsichtlich der St. Galler Oppo- sitton� führte er aus, daß die dortigen Demokraten noch dieselbe Entwicklung durchmachen werden, die ihre Genossen im Kanton gürich durchgemacht haben. Wir haben vor den demokratischen ffizieren alle Hochachtung, aber sie haben keine Truppen hinter sich und wir köiiiien uns von ihnen in der Schaffung einer starken Partei nicht hindern lassen. Sie muß geschaffen werden. damit tvir eine klare Sittiatio» haben nnd mian weiß, was von jedem zu halten ist. Was ivir ivollen, das ist nur die konsequente Weitersührung des Schrittes von 1893. Es handelt sich für uns heute nicht mehr um„national" oder„international", sondern darum, ob wir zur iiiternatiolialeii Kapitalisteiipartei oder zur internationalen Arbeiterpartei gehören. Er hofft, daß die heutige Bersainmlung den gegebenen Weg beschreiten und zur Schaffung einer socialdemokra- tischen Partei kommen werde.(Stürmischer Beifall.) Es sprachen dann noch weiter ca. 20 Redner, die meisten dafür, kaum ein halbes Dutzend, Delegierte von Landsektioncn, dagegen; von den ersten Rednern seien erwähnt A l b i s s e r- Luzern, Seidel- Zürich, Moor- Bern, Keßler- Ölten, W n l l- s ch l c g e r- Basel, R a p i n- Lousanne und Hof- Genf und aus dem begeisternden, durchschlagenden Votum des Genossen Wull- chleger seb erwähnt der Hiniveis auf das erfreuliche Wachstum des chweizerischen Gcwerkschaslsbundes, der heute 23 000 Mitglieder zählt. Während andererseits die politische Bewegung dahinter zurück- geblieben ist, aber auf die gleiche Höhe und zu fortschreitendem Wachstunr gebracht werden muß. Die vorgeschlagene Reorganisation sollunsdahin bringen, sie soll und wird auch den Grütliverein heben, während er andernfalls,»venu jene ohne ihn erfolgte, an der geistigen Schwind- sticht und politischen Einflußlosigkeit zu Grunde gehen würde. Nachdem der Referent Genosse Fürholz auf das Schlußwort ver- zichtet, wurde in der mit Namensaufruf vor- zenommenen Abstimmung mit 142 gegen 6 Stimmen > i e Reorganisation beschlossen. Mit Jubel wurde dieses alle Erlvartungen übertreffende Ergebnis aufgenommen uiid 'odann abends 8 Uhr mit einem begeisternden dreifachen Hoch auf den Grütliverein und die neue schweizerische socialdemokratische Partei die Versammlung geschloffen. • Der noch vor Schluß der Delegiertenversammlung deS Grütlivereins zusammengetretene Parteitag war schwach besucht und von kurzer Dauer. Nach Genehmigung der JahreSrechnung wurde beschlossen, für den Fall der Verwerfung des ReorganisationsplaneS durch den Grütliverein denselben ohne diesen durchzuführen und zu diesem Zwecke einen besonderen Parteitag einzuberufen. waS nun nicht mehr nötig ist. Am Sonntagvormittag trat in demselben städtischen Saale der Allgemeine Kongreß der schweizerischen Social- demokratie zusammen. Vor Eintritt in die Verhand» lungen beantragte Genosse Adjvokat Keßler- Ölten die Absen dung eines BegrüßungS- Telegramms an den Kongreß der deutschen S o cia l d em o k r a t i e in Lübeck. waS ohne Diskusston einstimmig und unter Beifall beschloffen wurde. Sodann referierte Genosse Ober- richter Lang-Zürich über die Reorganisation der socialdemokrati scheu Partei der Schweiz, vr schilderte einleitend die vielen Schwierigkeiten, die der Verwirklichung des seit Jahren gehegten Planes der Schaffung einer ein- heitlichen socialdeinokratischen Partei entgegenstanden. Für den Grütliverein, der nun an die Spitze der Partei treten wird und der schon seit jeher politische Aktionen unternehmen allein nicht konnte, handelte es sich darum, ob er Anschluß nach rechts oder links suchen sollte. Die Antwort haben die Verhältnisse gegeben. Es wird nun im Grütliverein die notwendige Klarheit geschaffen und niemand mehr zwei Lagern dienen wollen und können. In die Verhältnisse der kantonalen Parteien werde sich die Gesamtpartei nicht mischen. Falsch sei die Auffassung, daß man nun mit den nahestehenden Parteien nicht mehr Hand in Hand gehen werde. Das werde nach wie vor geschehen, und mit nm so größerem Erfolg, je selbständiger und stärker die socialdemo- lratische Partei sei. Aufhören müsse die verwirrende Kompromißpolitik, die die Arbeiter irre machte. Die von der Opposition erhobenen Eimvände zeichneten sich mehr durch ihr ehr- würdiges Alter als durch Originalität aus. Gute schweizerische Ge- sinming finde sich nicht bei unserer Bourgeoisie, sondern bei der schweizerischen Arbeiterschaft. Jene ist es, welche das ausländische Beispiel nachäfft nnd die die politische Polizei geschaffen hat, Polizei- spitzel züchtet, das militärische Gigerltnm eingeführt hat, die Ausiveisimgen und Verfolgungen der Arbeiter, die schwarzen Listen:c. zu schweizerischen Institutionen machte, also lauter Dinge, die für die Scknveiz passen, wie der Cylinderhut für den Alpenbläser. Er schloß seine trefflichen Ausführungen mit der Hoffnung auf das Zu- staiidekommen einer einheitlichen, starken und»n ihren Zielen de- geisternden socialdemokratischcn Partei.(Stürmischer Beifall.) Die Genoffen Rapin, Advokat in Lausanne, und Ferrt, Advokat in Bellinzona, sprachen sodann franzöfisch und italienisch in zustimmendem Sinne. Ferner nahm das Wort Genosse Ernst, Regier unaS» Präsident des KantonS Zürich, um seinen freudigen Empfindungen über den heutigen Tag Ausdruck zu geben, der ihm als ein wahrer Festtag erscheine, als ein Tag von geschichtlicher Be- deutling. Da die Arbeiterschaft kein Vertrauen mehr zu den alten Parteien hat. muhte es endlich zur Schaffung einer einheitlichen socialdemokratische» Partei konimcn. Wünschen möchte er eine Er- ivciternng des Rahmens der Parteitage in dem Sinne, daß ihnen alle Geiiosien, die danach Verlangen tragen, beiwohnen könnten. Er wünschte schließlich der neneil Partei Blühen nnd Gedeihen und Zu- sammcnfassung aller Guten iin Lande.(Stürmischer Beifall.) In gleicher Weise begrüßte die neue Partei Genossen Thiebund, R e g i e r n n g s r a t i li Genf. Genosse Greulich erinnerte an die schon im Jahre 1870 gemachten Versuche, eine schweizerisch« socialdemokratische Partei zu schaffen und ferner an die vielen Opfer, die im Laufe der Jahrzehnte gebracht werden mußten, daß dem heutigen socialdemokratischen Kongresse ein socialdemokratischer Regiernngspräsident und ein ebensolcher Regiernngsrat beiwohnen konnten. Die neue Partei soll für die Arbeiterklasse das Werl- zeug sein, mit dem sie sich den Weg zu ihrer Befreiung bahnt. (Stürmischer Beifall.) Genosse W u l l s ch l e g e r meinte, regierungsfähig fe« die tieiie Partei bereits, wir iv ollen aber hoffen, daß sie nie hoffähig werde. Den Vorschlag Ernst acceptierte er in dem Sinne, daß alle Genossen den Parteitagen mit beratender Stimme beiwohnen können, aber nur die Delegierten stimmberechtigt seien. In diesem Sinne wurde denn auch beschloß eil. Ferner der Beitrag an die Partei auf 10 Cts. pro Jahr und Mitglied fest- gesetzt und schließlich der vorgelegt� Statutenentwurf von den 276 Delegierten einstimmig aiigciiommeil. Hierauf referierte Genosse Zgraggen-Dern über die Srelluug der Socialdemokratie zu den gegne- r i s ch e n Parteien. Er schilderte die wirtschaftliche Entwicklung mit ihrer Verschärfung der Klassengegensätze und die Parteien- bildimg entsprechend den verschiedene» Interessengruppen, welche Situation auch misre Stellung zu den Gegnern bestimmt. Seien wir eine frische, schlagfertige und grundsätzliche Partei, dann muß uns auch der Sieg zufallen.(Beifall.) Nachdem noch BegrühungStelegramme von Genoffen in Zürich und Basel verlesen, eine Resolution angenommen worden, in der den italienischen Genossen die Anerkemiung für die unermüdliche Thätig- keit zur Aufklärung iliid Organisierung der italienischen Arbeiter aus- gesprochen ivird, endlich bekannt gegeben worden, daß 23 Kantone vertreten und nur die Kantone Wallis und Nidwalden unvertreten seien, schloß mittags 1 Uhr Genosse Albisser den Kongreß mit einer wirkungsvollen, begeistert aufgenommenen Ansprache._ Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid w Berlin. Für den Jnleratenteil verantwortlich: Xh. Glocke in Berlin Dmck und Verlag von Max Badiug in Berlin Nr. 224. 18. Jahrgang. aBKSBEBBaB ei!>il>e i>ks„ilonitls" Kttlim WsdIM»■ 1901. Parteitag der deutschen Socialdemokratie. (Schluß aus der 1. Beilage.) Lübeck, den 24. September 1001. Zweiter VerhandlungStag. Bormittags- Sitzung. In geschlossener Sitzung wird Punkt 1b der Tagesordnung „Presse, Litteratur und Kolportagewesen" m der von Singer in der Borversainmlung festgestellten Grenze beraten. Die dazu vorliegenden Anträge 42, 60 und 103 werden aus reichend iiuterstützt. 42. Parteigenossen in Breslau: Daß die Parteiblättcr nur die„Neue Welt" als Unterhaltungs-Beilage beizulegen haben. 30. Parteigenossen in Nürnberg-Ältdorf: Daß in allen Orten, wo die Kolportage durch Privatunternehmer nicht oder nur mangelhaft betrieben wird, dieselbe in Parteiregie zu übernehmen ist. Die Parteigenossen allüberall sind verpflichtet, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. 403. Genosse B s r a rd. Diejenigen Verlage von Partei blättern, welche denselben regelmäßig wöchentlich ein Unter- haltungsblatt beilegen, sind verpflichtet, für diesen Zweck die „Neue Welt" zu den für alle Abnehmer derselben ausnahmslos geltenden Bezugsbedingungen zu beziehen. Gcrisch gieb't als Referent einen Ueberblick übee den heutigen Stand der Partcipresse im Vergleich zum Jahre 1899; er berichtet über die Abonncntcnzahl sowie über die Einnahmen und Ausgaben der Parteiorgane. Der Hauptteil seiner Ausführungen gilt denjenigen Blättern, die mit Unterbilanz arbeiten. Angesichts der Wirt- schaftlichcn Krise sei besondere Vorsicht in finanzieller Hinsicht geboten, die Ratschläge und Warnungen der Parteileitung müßten mehr beachtet werden. Ein unvorsichtig gegründetes, schlecht fundiertes Blatt könne der Partcibewegung des betreffenden Ortes unter Um- ständen höchst verderblich werden. Solche Zustände weiter zu fördern, betrachte die Parteileitung nicht als ihre Aufgabe. Der Referent wendet sich sodann zu der Frage des Vertriebs der Parteilitteratur und bedauert, daß die Verbreitung älterer, grundlegender Partei- schriften von Jahr zu Jahr mehr zu wünschen übrig lasse. Die bis- herige Gestaltung der Kolportage habe nicht die gehegten Erwar- tuiigcn erfüllt. Unsre Parteikolporteure verstehen es nicht, unter den uns fernstehenden Kreisen unsre Litteratur zu verbreiten. Hoffentlich werde bald eine Gesundung eintreten.(Beifall.) Antrag 42 wird nicht begründet. Den Antrag 60 begründet Rudolph-Nürnberg. Die Partei litteratur werde völlig ungenügend vertrieben. In dem Worte: „Viele Partcikolportcure betrachten es als persönliche Beleidigung, wenn man bei ihnen etwas bestellt", liege ein Körnchen Wahrheit. Der Antrag sei vielleicht nicht präcise genug gefaßt, er könne aber durch Amendements verbessert werden. Börard-Hamburg führt zur Begründung des Antrages 103 ans, daß die„Neue Welt" von jeher ein Schmerzenskind der Partei gc- Wesen sei. Durch die Schaffung neuer Unterhaltungsblätter an ver- schicdcncn Orten crivachse ihr eine große Konkurrenz. Man könne natürlich nicht verlangen, daß jedeS Parteiblatt eine Unterhaltungsbeilage hat, aber diejenigen Blätter, die eine Unterhaltungsbeilage bringen, müßten im Interesse der Partei verpflichtet werden, die „Neue Well" beizulegen. Die Diskussion wird eröffnet.' Wiudhoff-Düffcldors verteidigt die Umwandlung des Düffel dorfcr Kopfblattes in ein selbständiges Organ. Auer habe zwar geschrieben, es sei jetzt so weit gekommen, daß jedes Dorf in Deutsch- laiid ein eignes Organ haben wolle, aber Auer sei ivahrscheinlich so mit Arbeiten überhäuft, daß er nicht wisse, daß Düsseldorf ein Dorf von 220 000 Einlvohncrn, also das größte Dorf Deutschlands sei. (Heiterkeit.) Zum mindesten könnten die Düsseldorfer Genossen die moralische Unterstützung der Parteileitung beanspruchen. Dann sei das Blatt zu halten. � Ebcrle-Barmen bedauert die Düsseldorfer Gründung. Alle Versuche der Elberfelder, sich mit den Düsseldorfern zu verständigen, seien an deren Hartnäckigkeit gescheitert. In der Verlegenheit wollten sie jetzt die Schuld den Elberfeldcrn aufbürden. Hengöbach-Köln tritt für den ihm sehr sympatischcn An- trag 103 ein und bekämpft den Antrag 42 wegen seiner unklaren Fassung. Die Ausführungen von Gerisch über die Parteikolportage seien sehr berechtigt. Der Antrag 60 müsse deshalb abgelehnt werden. � Redner bespricht die Düsseldorfer Angelegenheit, ebenso Grimpe-Elberfeld(der»ach dem bisherigen Gang der Debatte nicht recht versteht, weshalb die Oeffentlichkcil ausgeschlossen lvordcn sei.) Redner, der sich auf die Seite der Düsseldorfer stellt, ver- breitet sich über die lokalen Zerwürfnisse, lvird aber von Singer mit der Mahnung unterbrochen, die Diskussion lieber den prinzipiellen Gesichtspunkten zu widmen. Thiele-Halle fordert sachliche Kenntnisse für die Zeitungs- Verwaltungen. Rechtzeitige Erhöhung des Nbonnementspreises, richtige Bemessung der Inseratenpreise, Abschaffung der Gratis- Annoncen seien die notwendigen Maßnahmen, um den Blättern eine gesunde finanzielle Grundlage zu geben. Den Schriften, über deren geringen Vertrieb Gerisch geklagt habe, sei ein aktueller Wert nicht beizumessen. Solange die wirtschaftliche Krise dauere, müsse der Vorstand jeden Zuschuß zu neuen Blattgründungen ablehnen. Dem Bestreben auf Gründung besonderer Kopfblätter müsse entgegen- getreten werden. Dr. David-Mainz wendet sich gegen Antrag 103. Die„Neue Welt" entspricht nicht den Bedürfnissen einer Sonntagsbeilage für unsre Tagesblätter. Sie wirkt nicht propagandistisch und ist nicht aktuell. ES ist ein Irrtum, durch die„Neue Welt" Verständnis für die neue Kunst wecken zu wollen. Dazu müßten die Illustrationen farbig sein.(Singer ersucht den Redner, nicht zu eingehend über Dinge zu sprechen, die der öffentlichen Besprechung über die Presse vorbehalten seien.) Dazu kommen die finanziellen Bedenken. Unsre Blätter müssen sich nach der Decke strecken. Singer: Es ist ein Antrag auf Herstellung der Oeffentlichkeit eingegangen. Hätten sich die Redner an unsren Beschluß gehalten, so wäre dieser Antrag überflüssig. Die Genossen wollen doch berücksichtigen, daß wir immer noch in der öffentlichen Verhandlung eine Diskussion über die Presse haben. Alles, was die letzten Redner, namentlich David, ausgeführt haben, hätte auch öffentlich verhandelt werden können. Die Redner tvollen sich doch lieber in dieser Debatte auf die rein finanziellen Erwägungen und auf die Erwägungen über den Vertrieb unsrer Litteratur beschränken. Der Antrag auf Herstellung der Oeffentlichkeit wird, nachdem Bartels- Lübeck dafür und Wurm- Berlin dagegen gesprochen, abgelehnt. Lipinski- Leipzig stimmt Gorisch zu. Die Schuld an den Miß- ständen trage die Abhängigkeit der in der Presse thätigen Genossen von den Preßkommissionen; auch stehe den Buchhandlungen zu wenig Kapital zu Gebote, sie könnten sich kein großes Lager halten. Um den Absatz von Schriften zu steigern, solle die Partcipresse mehr Be- sprechungen von guten Büchern bringen und dadurch die Arbeiter auf diese Erzeugnisse hintveisen. Wurm-Berlin ist der Meinung, daß der Inhalt der Presse auch in der Provinz sich gebessert habe. Wenn trotzdem der Aufschwung hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, so liege das an der ge- schäftlichen Handhabung. Es fehle vielfach an geeigneten Personen zum Vertrieb der Parteilitteratur.> Der Bildungshunger sei im Volke vorhanden, er müsse nur erst geweckt werden.(Zu- stimmung.) In den Orten, wo die Genossen für die Presse eine rege Agitation entfaltet haben, seien glänzende Erfolge erzielt. Der Umsatz unsrer Parteilitteratur, selbst guter Werke, um die uns das Bürgertum sbeneidet, sei viel zu gering. Die Uebernahme in Parteiregie, wie es von Nürnberg beabsichtigt wird, würde den Zustand nur»och mehr verschlechtern. Die Parteipresse nehme zu wenig Notiz von der Parteilitteratur, während sie ellenlange reklame- hafte Waschzettel bürgerlicher Verleger aus kleinlichstem Geschäfts- interesse aufnehme.(Sehr wahr I) Die„Neue Welt" allgemein beizulegen, sei finanztechnisch unmöglich. Kleine Blätter können nicht eine so teure Beilage geben, sie stellen sich selbst ihre Beilagen billiger her. Zum Antrag ist das Amendement eingelaufen, die Wörter„nach Möglichkeit" einzufügen. Ein e r n e u t e r A n t r a g, die geschlossene Sitzung in eine öffentliche zu verivandeln, den Thiele- Halle be- gründet und K i e s e I- Berlin bekämpft, wird mit 99 gegeu 116 Stimmen abgelehnt. Auer bekämpft den Antrag 103 mich in der Fassung des Amendements. Wir haben keine Exekution und könnten einen solchen Beschluß nicht durchführen. Die Pnrteiblätter, die die„Neue Welt" jetzt nicht beilegen, würden erklären: Nehmen würden wir sie schon, seht aber, woher Ihr Euer Geld bekommt. Die Verbreitung der „Neuen Welt" kann nur so gefördert werden, daß ein möglichst gutes und möglichst billiges Blatt geliefert wird. Die Düsseldorfer haben meinen Brief falsch verstanden. Es steht ausdrücklich darin: das Bedürfnis in unsren industriellen Provinzen Rheinland und Westfalen nach einer Reihe guter Blätter erkennen ivir in vollem Umfange an. Aber die Bewegung trägt sie noch nicht. Hier müssen wir auf die Entwicklung vertrauen. Redner schließt sich im übrigen den Ausführungen Wurms an. Cohn-München bedauert die mangelhafte Unterstützung der Parteipresse durch Abonnements seitens der Genossen und der gewerk- schaftlich organisierten Arbeiter und spricht sich gegen den Antrag 42 aus, der für München eine bedeutende Mehrausgabe bedeute. Be- züglich des Kolportagewesens stimme er Wurm und Auer bei. Mit der Zunahme der Presse seit Aufhebung des Socialistengcsetzos sei das Bedürfnis nach der weiteren Parteilitteratur bedauerlicher- aber erklärlicherweise im Abnehmen begriffen. Mit der Uebernahme der Kolportage in Partciregie sei er nicht einverstanden. Schmidt-Rostock hebt hervor, daß das Eindringen der Partei- litteratur in weitere Kreise der maßgebende Gesichtspunkt sein müsse, nicht aber der finanzielle Erfolg. Stadthagcu-Berlin hält es für wesentlich, den Betrieb unsrcs Kolportageivcsens zu organisieren, indem wir der Entwicklung»ach- gehen, die der Buchhandel nun einmal in Deutschland genommen hat. Vielleicht empfehle es sich, daß mal die Leiter unsrer Partei- Buchhandlungen zusammentreten, um eine Aenderung bezüglich der Kolportage und der Preise der Broschüren herbeizuführen. Dr. D.uarck-Frankfnrt a. M. bekänipft den Antrag 103. Der Parteipresse dürfe keine bestimmte Beilage aufgedrängt werden. Der Aucrsche Standpunkt, der Partei-Agitation halber kleine Blätter in aussichtsreichen Bezirken zu unterstützen, sei vom Standpunkt n, oderner ZeitungStechuik aus ein überwundener. Die größeren Blätter sollten unterstützt und ihre Ausdehnung auf größere Bezirke gefördert werden, ohne daß natürlich ein Universalblatt geschaffen werden dürfte. Die Vorwärts-Buchhandlung solle die Massen- Verbreitung der Parteilitteratur dadurch fördern, daß die socialistischen Vereine dafür engagiert werden. Ein Antrag auf Schluß der Diskussion, den Hoffmann-Bcrlin begründet und Töhne bekänipft, wird angenommen. Windhoff und Börard bedauern, durch den Schluß an einer Erwiderung verhindert zu sein. Das Schlußwort erhält Gcrisch: Ich Iveiß nicht, was die Genossen, die gegen Ausschluß der Oeffentlichkeit waren, eigentlich von der geschlossenen Sitzung er- wartet haben. Erwartete» sie etwa eine Reihe scnsationcllcr Enthüllungen von mir? Fingerzeige habe ich Ihnen genug gegeben. Warum hat man die Gelegenheit nicht benutzt, um sich einmal über die Forderunge» des Vereins Arbeiterpresse oder über die„Neue Zeit" auszusprechen? Laffen Sie in Zukunft solche Gelegenheiten nicht unbenutzt vorüber gehen! Die Abstimmung ergiebt die Ablehniing sämtlicher Arträge(42. 60 und 103). Es wird beschlossen, über die geschlossene Sitzung ein kurzes Resümee der Parteipreffe und der übrigen Presse zur Verfügung zu stellen, das auch im Protokoll mit veröffentlicht werden soll. Damit ist die Tagesordnung der geschlossenen Sitzung erledigt. Schluß 1 Uhr. NachmittagSfitziuig. 3i/4 Uhr. Den Vorsitz führt Singer. Begrüßungen des Parteitages ans dem Auslände liegen vor von der Parteileitung der ungrischen Socialdemokratie, der Partei- lcitung der czechischen Socialdemokratie, des deutschen Arbeitervereins in Brüssel, des Arbeiler-Bildungsvereins in London und der Redaktion der Zeituiig„Jkra", des Organs der russischen revolutionären Socialdemokratie. Vor Eintritt in die Tagesordnung erstattet die MaudatspriifmtgS-Kommissio» Bericht durch Böhle-Straßburg: Auf dem Parteitage sind anwesend 203 Dele gierte mit 217 Mandaten, 25 Rcichstags-Äbgeordnete, die Mitglieder des Parteivorstandes, die Controleure und Genosse Börard als Ver- treter der Firma Auer u. Co. in Hamburg, ferner als ausländische Gäste Dr. Adler-Wien, Askew-London, Brauting-Stockholm, Braque-Paris, De Roode-Amsterdam und Pernerstorffer-Wien. Die Kömmission beantragt, sämtliche Mandate, soweit sie im Sinne des Organisa- tionsstatnts als Mandate angesehen werden können, sind gültig zu erklären. Im Auftrag der Mehrheit der Konnnission habe ich dem Parteitag einen anonym eingelaufenen Protest gegen das Mandat von Schneider aus Leipzig zu unterbreiten. Der Protest ging ein in Form eines auf eine Postkarte geklebten Zeitungsausschnittes, in welchem Schneider als Streikbrecher erklärt wird. Mit Rücksicht auf die Anonymität beantragen wir Uebergang zur Tagesordnung. Ferner beantragen ivir das Mandat des Genossen Biniszkieivicz, des Vertreters dcS Vorstandes des polnisch-social demokratischen Vereins, für ungültig zu erklären. Wir können ein solches Mandat nach unsrem Organisationsstatut nicht anerkennen. Biniszkiewicz hat erklärt, lvenn er diese Gruppe nicht als Delegierter vertreten könne, wolle er als Gast hier bleiben. Darüber stand der Kommission keine Entscheidung zu, das ist lediglich Sache des Bureaus. Wir beantragen, das Mandat für ungültig zu erklären. Ohne Debatte erklärt der Parteitag sämtliche Mandate mit Ausnahme des Mandats von Biniszkieivicz für gültig. Biniözkiewicz- Berlin: Die socialdemokrätische Presse, be- sonders die„Sächsische Arbeiterzeitung", hat sich das ganze Jahr hindurch mit den Angelegenheiten der polnisch-socialdemokratischen Partei beschäftigt(Zuruf: Ist ihr gar nicht eingefallen!), außerdem handelt der Parteiberichl von uns. Außerdem bin ich hergeschickt; mn Ihnen die brüderliche internationale Solidarität zu bekunden und Sie zu begrüßen. Leutcrt-Apolda: Wie weit der Genosse als„Gast"— in Gänse- füßchen hier sein darf, muß doch präcisiert Iverden. Er ist doch nicht ein Gast wie etwa der Vertreter einer ausländischen Organisation, sondern einer Sonderorganisation im Deutschen Reich, die die Mit- arbeit mit uns ablehnt. Biniszkiewicz: 1896 auf dem internationalen Kongreß in London wurde beschlossen, daß jede Nation das Recht der Selbst- bestimmung hat. Nation ist aber nicht nur eine solche, die eine be- sondere Negierung hat, sondern die eine Zunge hat, die eine andre Ration nicht versteht. Wir sind Polen und müssen Polen bleiben. Pfanuknch: Seine Mission hat der polnische Genosse ja bereits erfüllt. Es ist Raum im Saale genug, daß wir das Gast- recht gegen ihn üben können. lieben Sie das Gastrccht.(Beifall.) Singer: Ich führe einen Beschluß des Parteitages herbei. Ich kann also mitteilen, daß der Parteitag den Genosse» als gern ge- sehenen Gast weiter in seinen Sitzungen sehen ivird. Die Anträge der MnndatSprüfungs-Kommission werden genehmigt. Wie ans den früheren Parteitagen übernimmt die Mandatprüsnngs- Kommission auch das Amt einer Beschiverdekommission. Es liegt eine Beschwerde von dem Genossen Langc-Berliu vor. Zu der Verhandlung über diese Beschwerde werden auf Vorschlag Singers die niit den Verhältnissen vertrauten Delegierten Eriist-Berlin und Reul-Berlin zugezogen werden. Hierauf wird die gestrige Tagesordnung fortgesetzt. Zun» Punkt„Presse" sind weiter eingegangen die Resolutionen 103(Heine und Genossen) und 109(Bebel und Genossen). Die Resolutionen haben den folgenden Wortlaut: 408. Resolution. Der Parteitag hält die Freiheit wissen-- schaftlicher Selbstkritik für eine Voraussetzung der geistigen Weiter- entWickelung der Partei. Er hat keine Veranlassung, von den Grund- sätze» der 1899 in Hannover angenommenen Bebelsche» Resolution abzuweichen und betrachtet hiermit die Anträge 62, 91, 92 und 93 als erledigt. Heine. Frohme. Edmund Fischer. H. Dictz. A. v. Elm. I. Schmidt-Rostock. Calwer. Deinhart-Erlangen. Emil Groth. Südekum. Schulz. Voigt. Fiedler. Pfeifle. R. Ritsch. Stöbert Pistorius. David. May. Ulrich-Offenbach. Ehrhardt. R. Fischer- Berlin. Schmidt-Frankfurt. Wesemeier-Vrrniuschweig. Thönc- Kassel. Blas. Hoch. T. Kurze. M. Pfüller-Lcipzig. Paul Müller- Hamburg. Ernst Breil. Pens. Klees. Goerke. Grndnauer. Sckuvartz. Fendrich. Quarck. Grimpe. Windhoff. A. Gerisch. B. Bühle. L. Emmel. O. Fricdrich-Lübeck. W. Thielkow. Th. Bartels-Lübeck. P. Pape-Lübeck. Fr. Ebcrt- Bremen. L. Dimmick-Berlin III. P. Vüttner-Berlin III. G. Ladewig-Berlin III. H. Sachse. Stolpe. Kloß. W. Großkopf. H. Silberschmidt. Fr. Toelge-AItona. I. Jacobsen. I. Krohn. El. Hengsbach- Köln. Fr. Hann. H. F. W. Deutsch. Th. Bömelbnrg.' Joh. Stanningk. H. Stubbe. Hermann Goldstcin. Heinr. Fischer. Heinr. Klingenhagen. R. Damschcit. Hoffmanu-Biclefcld. I. Efftinge. H. Schneider. Heinrich Brauu-Berlin. L. Dörnke« Hannover. H. Hoscnburg-Hauktover. O. Hartmami-Höchst a. M. Baudert. D. Stückle». 409. Resolution. Der Parteitag lvolle beschließen: Der Parteitag erkennt rückhaltlos die Notwendigkeit der Selbst- kritik für die geistige Fortentwicklung unsrer Partei an. Aber die durchaus einseitige Art, wie der Genosse Bernstein diese Kritik in den letzten Jahren betrieb, unter Außerachtlassung der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Trägern, hat ihn in eine ziveideutige Position gebracht und die Mißstimmung cincS großen Teils der Parteigenosse» erregt. In der Erwartung, daß der Genosse Bernstein sich dieser Er- kenntnis nichts verschließt und danach handelt, geht der Parteitag über die Anträge Nr, 62, 91, 92 und 93 zur Tages- ordnung über., Bebel. Stolten. Antrick. Stadthage». E. Wurm. E. Ernst. Geck. Jos. Ivos. Albrecht. A. Hoffinaun. Geher. Anton Walter. Zubeil. Görcke. Stolle. Stubbe. W. Stcinbrüggcr. Molkenbuhr. M. Sommer. I. Herbst. Klees. M. Hüttig. Schmidt-Frankfurt. P. Reißbaus. W. Eberhardt. H. Becker.' Paul Seige. Haase. Hugo Siebcncicher. Bohne- Berlin. Neu!- Berlin. Görtz- Weißensee. Keukel- Berlin. Basuer- Berlin. Gesche- Berlin. Grauer- Nieder-Barnim. Karl Thiele- Halle. H. Plorin- Zeitz. A. Gegrold- Zeitz. Frau Thiel. Albrecht Fülle-Berlin II. Wilh. Fritzsch. August Hintz. A. Schnell. Schubert. M. Kiesel. Brandt. Grunwald. Luxemburg. Schlichtholz. E. Breil. Eh. Schräder. Luise Zictz. G. Beckmann. F. Gcmol. Karl Hildenbrand. Braun. Singer. Zetkin. Ottilie Baader. Schwartz. Feldmann. Emil Faber. Emma Ihrer. H. Baercr. Messing. Schmidt. Faughänel. W. Metzger. H. Lüth. H. Sachse. H. Bartels. Karl Fürs. Emil Landgraf. Ed. Zeißig. Alban Landgras. Zur Verhandlung stehen die Anträge�62, 91, 92 und 93. Zur Budgctfrage ist folgende Resolution Bebel(140) eingelaufen: ' Der Parteitag wolle beschließen, unter Zurückziehung der Rcso» lutioil Nr. 104 folgender Resolution seine Zustimmung zu geben: „In Erwägung, daß die Einzelstanten ebenso wie das Reich den Charakter des Klasscnstaats tragen und der Arbeiterklasse die volle Gleichberechtigung nicht einräumen, sondern in ihrem Wesen als Organisation der herrschenden Klassen zur Anfrechterhaltung ihrer Herrschaft anzusehen sind, spricht der Parteitag die Erwartung aus, daß die social- demokratischen Vertreter in den gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten sich bei ihren Abstimmungen nicht in Widerspruch mit dem Parteiprogramm und den Grundsätzen des proletarischen Klassenkampfes setze» und insbesondre das Gesamtbudget normalerweise ablehnen. Eine Zustimmung zu dem Budget kann nur a u s n a h m§- weise aus zwingenden, in besonderen Verhältnissen liegenden Gründen gegeben werden. Berliner Partei-Angelegenheiten. Der VertranciiSmaim des vierten Rcichstagswahlkreises Südost ersucht uns Folgendes bekannt zu geben: Parteiexpedition Südost. An der Behandlung einiger unserer Abonnenten früh zwischen 3 und 9 Uhr in unserer Spedition, Skalitzerstr. 36, bin ich vollständig un» schuldig. Ich befand mich zur fraglichen Zeit in der Expedition deS „Vorwärts", Beuthstr. 3. Ich bitte die Beteiligten um Angabe ihrer Adressen, daniit die Angelegenheit untersucht wird. P a u'l Böhm. Rixdorf. Morgen, Donnerstag, findet in Gröppleös Salon, Bergstr. 147, eine Volksvers am mluug statt, in der die Genossin Frau Martha Tietz über„Die willkürliche Milch- und Flcischver- teuerung, ein neuer Raubzug gegen die Besitzlosen", sprechen wird. Zahlreiches Erscheinen, besonders der Frauen, ist notivendig. Die Vertrauensperson. Schönebcrg. Heute, Mittwochabend, bei Obst, Meiningcrstr. 8, O e s f e n t I i ch e K o in m u n a I iv ä h l c r- Versammlung. Vortrag Dr. Freudenbergs:„Die bevorstehenden Stadtverordneten- Wahlen". Aufstellung der Kandidaten.(Siehe Inserat.) Tokerles. Die Milchberteucrcv in Nöten. Die in der M i l ch c e n t r a I e vereinigten märkischen„Milch- banern" wenden sich jetzt in einem Aufruf, den sie im Annoncen- teil der gelesensten Zeitungen(auch des„Vorwärts") veröffentlichen, an die Berliner Hausfrauen und bitten sie, die Milchcentrale nicht zu boykottieren, lvenn diese durch die ablehnende Haltung der Milchhändler gezwungen werde, ihre Milch in eigenen Läden direkt zum Verkauf zu stellen. Sie versicher», daß man in den Verkaufslokalen der Milchcentrale»das Beste und Billigste* erhalten werde. Was die Milchccntrale unter» b e st e r" Milch versteht, das läßt sich ermessen an dem bereits in der Sonntagsnummer von uns mitgeteilten Unistand, daß Herr Ring, der Führer der märkischen„Milchbaucrn" und Vorsitzende der Milchcentrale, beim Berliner Polizeipräsidium beantragt haben soll, die polizeilichen An- forderungeu an den Fettgehalt der Milch herabzusetzen. An andrer Stelle hat der Herr versichert, die Milchcentrale wolle möglichst bessere Milch mit einem höheren Fettgehalt liefern I Auch der Plan, die sogen. Sammelmilch»ach entsprechender Präpa- rierung als„Kindermilch* in den Verkehr zu dringen, hat in über- raschender Weise gezeigr, Ivie man sich bei der Milchcentrale eine »hygienisch einwandfreie* Milch denkt. Zu dem Versprechen,„ b i l l i g st e* Milch zu liefern, erinnern wir daran, daß Herr Ring im Juli vorigen Jahres, als er noch um die Gunst der Milchhändler buhlte, diesen gesagt hat, die Preis- erhöhung solle nicht von den Milchhändlern getragen werden; keine Stadt habe die Milch so billig wie Berlin, mithin könne die Preiserhöhung von den Konsumenten bezahlt werden. Heute verbreitet Herr Ring die auch in der erwähnten Annonce wiedergegebene Behauptung, die wahren Milch- verteuerer seien die Milchhändler. Um das praktisch zu erweisen, wird die Centrale wahrscheinlich versuchen, thatsächlich billiger an die Hausfrauen zu verkaufen, als es die Milchhändler jetzt thun. Aber wenn es der Milchcentrale gelingen sollte, auf diese Weise in Berlin festen Fuß zu fassen, dann dürfte sie hinterher den Berliner Hausfrauen für ihre Dummheit durch eine um so kräftigere Preiserhöhung danken. Wie sagte doch Herr Ring in einen, vertraulichen Cirkular an die Genosienschafts- Molkereien»och vor wenigen Wochen?„Gewinnen die märkischen Landwirte, geeinigt in der Milchcentrale, den diesjährigen Kampf mn den Preis, so ist für weitere Kämpfe auf dem Ge- biet unendlich viel gethan." Möge die Berliner Bevölkerung dafür sorgen, daß die agrarischen Milchverteurer gleich im ersten Ansturm unterliegen, dann wird ihnen die Lust zu weiteren Kämpfen vergehen. Der.Milchbanern'-Häuptling Herr Ring ist. wie man steht, ein Meister in der Kunst,«auf zwei Dudelsäcken zugleich zn blasen". Den Konsumenten verspricht er die Lieferung besserer Milch; den Landwirten will er die Möglichkeit schaffen, schlechtere Milch nach Berlin liefern zu dürfen. Den Konsumenten versichert er, die Milchhändler könnten die Mklch viel billiger liefern; den Milch- Händeln erzählt er, der Konsument könne die Milch ganz gut noch teurer bezahlen.„Billig und gut* lautet das Feldgeschrei, mit dem er seine.Milchbauern* in den Kampf gegen die Berliner Milch- Händler treibt, aber„teurer und schlecht* scheint die Parole zn sein, die im geheimen ausgegeben ist. Ganz dasselbe Doppel- spiel wird übrigens auch mit der F u t t e r n o t getrieben. Den Konsumenten wird gesagt, daß„der trockene Sommer ISOI eine Futternot entstehen ließ, wie sie schlimmer seit 34 Jahren nicht gewesen ist*, wobei natürlich verschwiegen wird, daß der höhere Preis von den Milchverteueren, schon im vorigen Jahre gefordert wurde, wo noch niemand die Futternot ahnen konnte. In einem Aufruf an die Milchbauen, aber wurde noch ganz kürzlich dem Herrgott in, Himmel gedankt, daß er es mit den Märkischen Bauer» gut gemeint und die Futternot ins Land geschickt habe, durch die die Ausführung ihrer Pläne erleichtert werde, weil nun von einem Milchüberfluß in diesen, Herbst und im nächsten Jahre nicht die Rede sein könne. Die Milchverteuerer renommieren, ihre Sache s e i nicht nur gut, sondern st e h e auch gut. Wir meinen, es muß recht schlecht um eine Sache stehen, für die mit solchen Mitteln gekämpft wird. Wilhelm ll. Zu dem Streit wegen der Durchquernng der Straße Unter den Linden bringt das„Berliner Tageblatt* folgende Mitteilung:„Wie uns mitgeteilt wird, sind nicht nur die kommu- nalen Kreise überrascht worden, als plötzlich die Mitteilung einging. daß der Kaiser einer zweiten Ueberführung der Linden durch die Straßenbahn im Zuge der Neustädtischen Kirchstraße seine Ge« nehmigung versage. Auch der M i n i st e r des Innern und der Polizeipräsident sind durch die kaiserliche Antwort. die übrigens, wie wir mitteilen können, wörtlich lautete: „Nein, wird unterirdisch gemacht I" in eine peinliche Situation geraten. Sowohl der Minister wie der Polizei- Präsident hatten der Stadt die weitgehendsten Konzessionen bezüglich einer zweiten Durchqueruug der Linden zugesagt und an der Bereit- Willigkeit des Kaisers nicht einen Augenblick gezweifelt und dies mit um so größerer Berechtigung, als der Kaiser eigentlich der erste war, der auf die zweite Ueberführung der Linden' im Zuge der Neu- städtischen Kirchstraße hingewiesen hatte. Als nämlich vor einigen Jahren die Stadt Berlin die Absicht hatte, mit einem Kostenaufwand von etwa fünf Millionen Mark die Charlotten- straße verbreitern zu lassen und in, Zuge derselben eine zweite Ueberführung der Linden durch die Straßenbahn herzustellen, da beschied der Kaiser dieses Gesuch ablehnend. Die Begründung lautete damals, daß er nicht wünsche, das alte Palais Kaiser Wilhelms I. von zwei Straßenbahnlinien eingerahmt zu sehen. Das Palais seines Großvaters würde vielleicht später wieder bewohnt werden. Der Kaiser wies damals selbst ans den Ausweg hin, eine z w e i t e Ueberführung der Linden im Zuge der Neustädtischen Kirchstraße zu bewerkstelligen, ohne sich über die specielle Anlage der Bahn, ob unterirdisch oder oberirdisch, aus- zusprechen. Die Stadt Berlin hatte seiner Zeit keine Veranlassung, diesem Projekt näher zu treten; denn die in Betracht kommenden Linien Trcptow-Behrenstraße und Mittelstraßc- Pankow waren da- mals noch nicht im Besitz der Kommune. Jctzt'.ist, nachdem die Stadt die kaiserliche Anregung aufgcuomnien hat, der Monarch von seinem eigenen Plan wieder abgekommen.' Auf der Tagesordnung für die Sitzung der Stadt- .derordneten-Versammlung am Donnerstag, den 26. September d. I., nachmittags 5 Uhr, stehen u. a. folgende Gegenstände: Be- richterstattung über die Einsprüche gegen die Gemeinde-Wählerlisten, — Berichterstattung über die Vorlagen, betreffend: die Festsetzung einer neuen Fluchtlinie für die Südostseite der Alten Jakobstraße zwischen der Sebastian- und Dresdenerstraße— und den Ankauf von Grundstücks-Parzellen an der Oberspree im Gemeindebezirk Stralau zu Gasanstalts- Zwecken,— die Jahresabschlüsse der Ver- waltung der Markthallen, des Hafens am Urban und de? Ablade- tvesens, sowie der Stadt- Hauptkasse für das Etatsjahr 1300,— die Krankenversicherung der Hausgewerbetreiben- den,— die Regulierung der Straßen ans der der Stadtgemeinde Berlin gehörigen, sogenannten Stralauer Spitze, die Räumung des Stein« Depotplatzes auf dem Bnumenplatze und Errichtung eine? Ersatzdepots auf dem städtischen Grundstücke an der Ecke der See» straße und des Nord- Ufers. Außerdem findet in dieser Sitzung, und zwar um 6 Uhr, die Wahl eines unbesoldeten Stadt- rats statt. Ein Berliner HauSwirt. Aus welchen Motiven zuweilen ExmissiouSprozcsse angestrengt werden, lehrt der Verlauf eines der- artigen Rechtsstreits, welchen der Wirt des Hause« Möckernstr. 66 gegen seinen mehrjährigen Mieter M. angestrengt hat. Der Be- klagte hatte sich im zweiten Jahre seiner Mietszeit einen jungen Hund zugelegt, an dem auch der Wirt monatelang seine Freude zu erkennen gab. Im Mietskontrakte ist aber die Bestimmung enthalten, daß Hunde ohne schriftliche Genehmigung des Vermieters nicht ge- halten Iverden dürfen. Nach dem Vorkommen einer geringfügigen Differenz zwischen Wirt und Mieter forderte ersterer den letzteren brieflich auf, seinen Hund binnen drei Tagen ab- znschaffcn, widrigenfalls er fein ExniisstonSrecht geltend mache. Am dritten Tage ersuchte M., der bis dahin für daS ihm lieb gewordene Tier noch kein paffendes Unter- kommen gesunden hatte, den Vermieter, ihm noch einen vierten Tag zur Unterbringung des Hundes zu bewilligen. Die Antwort daraii war Anstrengung der Exmissionsklage. Die 4S. Abteilung des Amts- gerichts I erkannte auf A b w e i s u n g der Klage und begründete dieses Urteil wie folgt: Es ist nach richterlichem Ermessen eine Frist von 3 Tagen viel zu kurz bemessen, als daß der Beklagte einen Hund, den er aufgezogen, der ihm lieb und teuer war, und den er nicht jedermann anvertrauen wollte, hätte anderweitig unterbringen können. Wollte Kläger die stillschweigend erteilte Erlaubnis widerrufen, so hätte, er dem Beklagten unter Berücksichtigung der Berliner Verhältnisse mindestens eine Frist von 14 Tagen gewähren müssen. Gegen dieses Urteil hat der Wirt Berufung eingelegt und damit bei der 20. Civilkammer des Landgerichts I die beantragte Exmission seines Mieters M. erzielt. Dem Bernsungsgericht ist eine Frist von 3 Tagen zur Abschaffung des HundeS nicht zu kurz erschienen. Bei einigem guten Willen hätte der Mieter, wenigstens provisorisch, den Hund anderswo unterbringen können. Da er dies unterlassen, treffe ihn ein schuldhaster Verstoß gegen den Mietsvcrtrag, und der Räumungsanspruch war begründet. Als es nun zur Räumung der Wohnung kommen sollte, erklärte sich der Wirt nicht abgeneigt,' daS Mietsverhättnis zu verlängern, wenn M. sich zur Zahlung einer um 160 Mk. höheren jährlichen Miete verstehen wolle. Nachdem der Mieler nun erkannt hatte, worauf es dem Kläger angekommen zn sein scheint, hielt er eS für daS Nichtigste, aus diesem Hause auszuziehen. Erschossen hat sich gestern der Dureauvorsteher Z.. der im Hause Markgrafenstr. 6 ein Zimmer bewohnte. Der Selbstmörder starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Gestern mittag um 2l/4 Uhr wurde die gesamte Berliner Feuer- wehr unter Leitung des Branddirektors Giersberg nach dem Rat- hause gerufen. Wie sich dann herausstellte, handelte eS sich nur um blinden Lärm, hervorgerufen durch niedergedrückten Rauch. Ein Fahrrad gestohlen wurde gestern abend vom Hofe des Hauses Beuthstraße 2 in der Zeit zwischen Ve—»/«S Uhr. Das Rad trägt die Nummer 2378, Marke Krauthahu. Personen, die über den Verbleib Auskunft geben können, wollen diese an Noske, Lieben- walderstraße 31, gelangen lassen. Frau Martha Bouezek, die Wirtin des Lokals Schilling- straße 23. teilt uns zu der gestern gebrachten Meldung mit, daß diese einer Richtigstellung bedürfe. Es seien sechs Mann ins Lokal gekommen, hätten Bier bestellt und dann unflätige Redensarten ge- führt. Als ihnen dies verboten worden sei. hätten sie ans die Wirtin eingeschlagen. Schließlich seien sie ans dem Lokal entfernt worden und hätten dann auf der Straße unter einander Streit an- gefangen. Ans der Straße habe die Messerstecherei begonnen, an der die Wirtin(ein Wirt existiert nicht) natürlich nicht beteiligt ge- wesen sei. Einem Bauernfäuger fiel dieser Tage ein kranker Mann in die Hände, der hierhergekommen war. um eine Heilanstalt aufzu- suchen. Auf dem Schlesischen Bahnhof wandte sich der Leidende arglos an einen Mann, den er dort stehen sah. mit der Frage, Ivos für ein Krankenhaus er wohl am besten beziehe. Der Gefragte empfahl ihm eine Anstalt und erbot sich in der zuvorkommendsten Weise, ihn dorthin zu begleiten, da er selbst gerade im Krankenhaus zu thun habe. Unterwegs ließ sich der Mann von dem Kranken 14 M. geben und wollte ihm dafür die Aufnahmcförmlichkeitcn be- sorgen und die ersten Gebühren bezahlen. Lauge Zeit wartete der Kranke am verabredeten Ort. während der freundliche Mann im Kraukenhaus alles für ihn bezahlen wollte. Endlich erfuhr er, daß er sich einem Bauernsänger anvertraut hatte, und nahm die Hilfe der Kriminalpolizei in Anspruch. Frau Agnes Walluer, die Witwe Franz WalluerS, der das nach ihm benannte Theater gründete, ist gesteni im 77. Lebensjahr hier gestorben. AgneS Wallne'r war eine hervorragende Schauspielerin. AiiS den Stachbarorteu. In Wilmersdorf beschloß die Gemeindevertretung in ihrer letzten Sitzung, die Mandatsniederlegung der fünf Gemeindevertreler und des einen Schöffen anzuerkennen; der Gemeindevorstand wurde beauftragt, die Ersatzwahlen in kürzester Zeit stattfinden zu lassen. Somit ist unsren Parteigenossen am Orte Gelegenheit gegeben, auch einen der Ihrigen ins Dorfparlament zu bringen. Die Vertretung wählte den Ingenieur Ramrath, gegen den sich die Opposition gekehrt hatte,'einstimmig zum Schöffen. Dann wurde beschlossen,'die Kaiser-Allee von der Gnutzelstraße bis zur Berlinerstraße zu regulieren, ebenso die Babelsberger straße. Ferner faßte man den Beschluß, die Realschule zu einem R e f o r m- G h m n a s i u m auszugestalten und ihr nach Bedarf eine sechsklassige lateinlosc Realschule anzugliedern. Es wurde schließlich in Aussicht gestellt, daß die Hauptstraßen von Wilmersdorf elektrische Beleuchtung erhalten sollen. Johannisthal. Nachdem die Gemeindevertretung seiner Zeit beschlossen hatte, den Posten eine« Gemeindevorstehers nichts mehr ehrenamtlich zu vergeben, ist jetzt der bisherige kommissarische Gcnieindevorstehcr Kober mit 8 von 10 Stimmen auf die Dauer von sechs Jahren gewählt worden. DaS Gehalt beträgt die ersten drei Jahre pro Jahr 2100 M. und in den nächsten drei Jahren 2400 M. An Mietsciitschädigung wurden 600 M. pro Jahr oder eventuelle Amtswohnung gewährt. Die SchiJncbcrger Stadtverordneten- Versammlung be- schäftigte sich gestern mit dem Antrage des Magistrats, entsprechend einem' Wunsch der hiesigen Lehrerschaft die Haftpflicht- Versicherungskosten für letztere zu übernehnicn, da nach den 831—846 des Bürgerlichen Gesetzbuches die anfsicht- ührenden Lehrer für den Eintritt schadenbringendcr Nu- 'alle im Berufe oder bei Schülerausfliigen haftbar zu machen sind. Im Hinblick darauf, daß eventuell die Freudigkeit im Berns leiden könnte, wenn durch einen Unfall der ihrer Aufsicht nnterstellteii Kinder ihre Haftpflicht eintreten würde, wurde beschlossen, die Kosten für die Versicherung auf 6 Jahre bei der Vcrsicherungs- gesellschaft„Wilhclma* in Magdeburg zu übernehmen. Ucber die Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wählerliste zu den Stadtverordnetenwahlen, die erst einem Ausschüsse zur Vor- beratnng unlerlagen, cutspann sich eine längere Diskussion. Trotz- dem in einem Falle Stadtv. Genosse Masuch lebhaft dafür ein- trat, daß die Wahlfähigkeit auszusprechen sei. wenn bis zum Tage der Wahl die Voranssetzungen für dieselbe erfüllt seien, wurden die betr. Anträge zurückgewiesen. Im Ganzen wurden unter Ab- änderung einiger MagistratSanträge von den 36 Reklamationen 23 als begründet und sieben als unbegründet erachtet. In geheimer Sitzung handelte es sich um eine Erhöhung der dem Fuhrunteniehmer K n a u e r zu zahlenden Entschädigung von 2000 Mark, die seitens des Magistrats früher bereit« befürwortet worden war, trotzdem von unsren Vertretern auf die ausdrücklichen Bestimmungen des mit dem Petenten geschlossenen Vertrages ver- wiesen wurde. Die Versammlung stimmt der Erhöhung zu. Wes- halb gerade diese Sache stets hinter verschlossenen Thüren verhandelt wird, dürste manchem nicht ganz einleuchten. Jedenfalls hat die Oeffentlichkeit ein großes Interesse daran, zu erfahren, warum diesem Unternehmer noch eine Prämie auf den mit der Stadt abgeschloffenen Vertrag zugelegt werden soll. Zu dem Betriebsunfall auf dem Ban de« Krankenhauses in Westend wird u»S gemeldet, daß der Verunglückte der Arbeiter G i e r tz s ch ist. Der herabfallende Stein traf den Arbetter nicht. dieser fiel vielmehr infolge d«S Luftdrucks mit dem Kopf gegen einen Fuß des Windenbockes, wo er bewußtlos liegen blieb. Die Wieder- delebungSversuche hatten Erfolg und Giertzfch wurde, wie heute mit- geteilt wird, 20 Minuten nach erfolgter Anrufung mit einem Wagen der Rettungs- Gesellschaft ins Krankenhaus gebracht. Dort liegt er an einer Gehirnerschültcrung danieder. Aus Indttfkvie und ZZuudel.. PensionSfonds für Augestellte. Die Bilanzen der Banken, auch industrieller Unternehmungen, weisen fast regelmäßig nicht un- bedeutende Beträge für den Bcamten-Pensionsfonds auf. Ist schon der Anspruch an diesen Fonds für den Angestellten mit großen Schwierigkeiten verknüpft, so gestalten sich die' Dinge noch trostloser, wenn, wie cs bei dem Zusammenbruche solcher Gründungen imincr geschieht, die Angestellten mit einem Schlage außer Beschäftigung gesetzt werden und damit auch der erhoffte Anspruch an den Peusions- fond verloren geht. Der Fonds selbst ist wohl in den meisten Fällen mit verschwunden. Ein Rechtsanspruch der Angestellten an den Pensionsfoiids besteht nicht und damit ist das Dienstverhältnis er- lcdigt. Die bange Sorge, wo neue Stellung finden, tritt für de» Angestellten als eine schwer zu lösende Frage heran, denn der Arbeitsmarkt ist überfüllt. Besser sorgen die Direktoren dafür, daß ihnen keine großen Un« annehmlichkeitcn aus der quittierten Stellung erwachsen. Ganz abgesehen, daß sie eS verstehen, ein hübsches Vermögen zusammen- zuscharren, das ans einmal der Frau gehört, um unliebsame Regreßansprüche abzutvehre», wissen die Herren auch aus der Koukursverwaltung noch ansehnliche Beträge für sich herauszuschinden, es sei denn, sie wären so unvorsichtig gewesen, mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu kommen. Ueberraschen muß es aber, daß die Herren sich auch ihre Pension auf alle Fälle sichern. Bon der verkrachten Pommerschen Hypothekenbank bezieht jetzt der Direktor Kellner eine Pension von jährlich 6000 M. aus dem mit 477300 M. aufgeführten PeiisionSfonds. Eine anständige Arbeitslosenversicherung für Baukdirektoren. Die Angestellte» wären schon mit geringeren Beiträgen zufrieden gewesen. Rückgang der Bauthättgkeit in Berlin. Wie groß der Rück- gang der Bauthätigkeit in Berlin ist, kann aus folgenden Zahlen er- messen werden: 1830/31 betrug die Zunahme an Grundstücken und Versicherungswert bei der städtischen Feuersocietät 442 Grundstücke im Werte von 143 Millionen Mark, im folgenden Jahre.nur»och 388 Grundstücke mit 138 Millionen Mark Wert und im Jahre 1833/1300 nur noch 166 Grundstücke mit 90 Millionen Mark Wert, d. h. 287 Grundstücke im Werte von 66 Millionen weniger als vor zehn Jahren. Ter Unterschied würde noch weit bedeutender sein, wenn nicht in den letzten Jahren die großen WaareuhSuser im Centrum und einige große Geschäfts- und Fabrikgebäude in der Ritter- und den angrenzenden Straßen gebaut worden wären. In diesem Jahre ist bis jetzt die Bauthätigkeit noch geringer als im vorigen, waS auf den Zusammenbruch der Hypothekenbanken zurück- geführt wird. Preisermäßigung für Zucker. Das Syndikat der Zucker- raffiuerien, dessen Herrschaft wir eine fortgesetzte Steigerung der Preise zu verdanken haben, sieht sich gezwungen, eine Ermäßigung der Preise eintreten zu lassen. Der Rückgang ist allerdings nur sehr gering, er beträgt für Mehlis I V« Pf. pro Pfund. Die Maßnahme steht mit dem Fallen des Rohzuckerprcises. der in Magdeburg im September vorigen Jahres 11,36 M. pro Centner und gegenwärtig 7,37 M. notierte, zusammen. Das Syndikat er« leidet niilhin aus der Preisherabsetzung keinen Schaden, sondern es heimst im Gegensatz zum Vorjahre noch einen erhöhten Gewinn ein. Der Preisrückgang auf dem Rohzuckennarkt ist durch die Ueber« füllung des Marktes hervorgernfen, zudem verspricht die künftige Campagne. die jetzt beginnt, eine sehr ertragsreiche zu werden. Ohne die Syiidikatsbildung könnten die Konsumenteii nach der Lage des Marktes heute auf bedeutend niedere Preise für Zucker rechnen. Die Lanrahütte, das größte in Schlesien bestehende Hütten- werk, dem auch ein ausgedehnter Kohlcnbergwcrksbctrieb angegliedert ist, weist in ihrer Bilanz für daS Jahr 1900/1301 einen Brutlo- gewinn von 8 730 841 M. auf, gegen das Vorjahr ein MinuS von 975 868 M. Zur Verteilung gelangen 14 Proz. Dividende gegen 16 Proz. im Vorjahre. Verkrachte Banken. Aus Pforzheim wird die Zahluugs- einstellung des Bankhauses R. Bloch gemeldet. Die Firma ist daS zweilülteste Geschäft am Platz und stand in enger Beziehung zu der Stuttgarter Bank von I. Schweiger, die gleichfalls falliert hat. Geinrfsks �jBeikmrg. Die Singspielhallc als Ncrvenhcilstätte. Wie ein alte? 'olideS Geschäft innerhalb weniger Jahre zu Grunde gerichtet werden kaim, lehrte eine Verhandlung, die gestern vor der vierten Straf- kammer des Landgerichts 1 stattfand. Der Ingenieur Walter K n o l l war beschuldigt des Vergehens gegen die Konkurs-Ordnung, des übermäßigen Aufwandes und des Betruges. Der Vater des Angeklagten. Ingenieur Leopold Knoll, gründete im Jahre 1389 auf dem Grundstücke Linieustr. 166 eine Metallgießerei und Annaturen- 'abrik. Er beschäftigte durchweg 26 Arbeiter. Das Geschäft nahm einen normalen guten Fortgang. Im Jahre 1336 verstarb der Inhaber, sein noch jugendlicher Sohne, der Angeklagte, dessen technische Ausbildung noch nicht abgeschlossen war und der von einem kaufmännischen Betriebe noch weniger verstand, wurde Leiter des Geschäfts. Er begann sofort große Umwälzungen und Vergrößerungen vorzunehmen, engagiert« mehrere Reisende und verdoppelte die Arbeilerzahl. Der Umsatz wurde auch vergrößert, der Verdienst hielt damit aber nicht gleichen Schritt. Wie der Bücherrevisor Doerck begutachtete, wurde im Jahre 1833 bereits mit einer Unterbilanz gearbeitet. Am :7. November 1900 wurde der Konkurs eröffnet, soweit bis jetzt vorauszusehen, dürften die Gläubiger etwa 26 Proz. erhalten. Es zeigte sich, daß eine so mangelhafte Buchführnng ge- führt worden war. daß sie eine Vermögensübersicht nicht gewährte. Der Angeklagte, welcher unverheiratet war und zum Hausstande einer Mutter gehörte, hatte noch im letzten Jahre für seine persön- lichen Bedürfnisse gegen 10 000 M. verbraucht. Die AnUagc erblickt hierin den übermäßigen Aufwand. Der Angeschuldigte gab an. daß er feit den letzten Jahren hochgradig nervös sei. Um während der Nacht schlafen zu können, habe er sich die notwendige Bett- ch w e r e verschaffen müssen und deshalb die Gepflogenheit gehabt, des Abends die Singspielhallen zu be- '' u ch e n. Richtig sei cs auch. daß er mit einer Sängerin ein Verhältnis unterhalten habe, welches ihm bedeutende Unkosten verursacht habe. Der Vorsitzende machte den Angeklagten darauf aufmerksam, daß er wenig zweckmäßige Mittel angewendet habe, um seine Nerven zu beruhigen. Während deS letzten Jahres hatte der Angeklagte seiner Geldverlegenheit dadurch abzuhelfen versucht, daß er mit andren Firmen Wechselaccepte aus- tauschte. ES wurden für etwa 100 000 M. solcher Wechsel in Um- lauf gefctzts, wovon gegen 10 000 M. nicht eingelöst wurden. Als die betreffenden Banken bemerkten, daß eS keine GeschästSwechsel waren, wie ausdrücklich zur Bedingung gemacht war, sondern Gesälligkeits- Wechsel, hielten sie sich für betrogen und erstatteten Anzeige wegen Betruges. Knoll versicherte, daß er von Wechsel. fachen keine Ahnung habe, jede betrügerische Absicht hätte ihm fern- gelegen und er habe geglaubt, die 10 000 M. Wechsel würden ebenso eingelöst, wie eS seitens der übrigen Wechsel zum Gesamtbetrage von 30000 Mar! geschehen sei. Der Staatsanwalt hielt diese Angaben deS Angeklagten nicht widerlegbar; er ließ deshalb die Anklage wegen Betruges fallen und beantragte wegen des KoiikurSvergehen« w ei M o n a t c Gefängnis. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Werthauer, beantragte wegen der Unerfahrenhcit deS Angeklagten ein niedrigeres Strafinaß. Das Urteil lautete auf einen Monat Gefängnis. Drei Monat unschuldig in Hast. Einen durchaus sympathischen Eindruck machte die Frau, die gestern als die Witwe Anna Jauernick geb. Schulz vor den Geschworenen stand, um sich auf die schwere Anllage der vorsätzlichen Brandstiftung zu verantivorteu. Sie hat in letzter Zeit viel Trübsal durchmachen müssen. Schon zu Lebzeiten ihres Mannes hat sie emsig arbeiten müssen, um sich und ihre drei Kinder durchbringen zu können. Dann wurde die schwächliche Frau krank und ist viele Monate unfähig ge Ivcseu, etwas zu verdienen. Als sie wieder genesen ivar� traf sie ein schwerer Schicksalsschlag: ihr Mann wurde geisteskrank und starb bald im Jrrenhause. Noch kurz vor seinem Tode hatte sie eine ini Hause Nostockerstrahc 17 vier Treppen hoch belegene Wohnung, bestehend aus Stube und Küche, gemietet und war am 1. April dort hingezogen. Von der Armendircktion er» hielt sie 13 Mk. Erziehungsgelder für die Kinder, die Stube ver- mietete sie an einen Verwandten und so blieben ihr denn zum Lebensunterhalt ganze 30 M. monatlich sllbrig. Sie verstand es. daniit auszukommen und hat ihre Miete pünktlich bezahlt. Bald nach dem Tode ihres Mannes hatte sie bei der„Helvetia ihr gesanitcs Mobiliar versichert und die Versicherungssumme war auf 2273 M. angegeben ivorden. Am Sonntag, 23. Juni. war sie weggegangen, um Wäsche zu besorgen und hatte ihre Kinder längere Zeit allein zu Hause gelassen. Gegen mittag kehrte sie nach Hause zurück, stillte den Hunger der Kinder durch Butterbrote und verweilte noch über zwei Stunden zu Hause. Dann verlieh sie mit den Kindern ihre Wohnung, um den Sonutagnachmittag in der ihren Nachbarslcuten gehörigen Laube einer Laubenkolonie zu verleben. Etiva gegen 5 Uhr kamen dorthin die Kinder mit der Meldung. dah es in der Nostockerstr. 17 brenne. In der That war dort Feuer anSgekommcn. Hausbewohner hatten ivahrgenomme», datz Stauch aus der Jauernickschen Wohnung drang, sie alarmierten die Feuer- ivehr und als diese die verschlossene Wohnungsthür sprengte, zeigte sich, daß die Wohnung stark verqualmt war. Die Feuerwehr ent deckte nun, daß mehrere Brandherde vorhanden waren, die nnt ein ander in keiner Verbindung standen. Nutzer diesen von einander ge trennten Brandstellen im Wohnzimmer fand sich eine solche auch' in dcrKüche vor. Hier brannten Pretzkohlcn im Kohlenkasten. Dieserimmcr- hin seltsame Befund und die Thatsache, datz daS Mobiliar nach fach- verständigem Gutachten viel zu hoch versichert war, gaben Aulatz. Frau Jauernick wegen Verdachts der Brandstiftung in Haft zu nehmen. Sie bestritt gestern mit aller Entschiedenheit jede Schuld und behauptete, datz sie sich nicht erklären könne, wie das Feuer in ihrer Abwesenheit ausgekommen sein könne, �shre Mntnratzung. datz ihr fünfjähriger Sohn vielleicht am Vormittag mit Streich- hölzern gespielt und das Feuer unbewutzt angelegt habe. wollte der Staatsanlvalt nicht gelten lassen, da die An- geklagte alsdann Brandgeruch hätte wahrnehmen müssen. Er beantragte gegen sie daS Schuldig, da nur sie die Brandstifterin sein könne. Die Geschwornen hielten aber mit ihrem Verteidiger Rechtsanwalt R a e tz e l die Schuld der Angeklagte» nicht für er- erwiesen, sie verneinten die Schuldfrage, und der Gerichtshof erkannte auf Freisprechung.— Die Angeklagte wurde nach drei. monatigcr Haft ihren Kindern wieder zurückgegeben und konnte eine Summe von 50 Mark, die schnell durch eine San, mlung unter den Geschwornen aufgebracht worden war, mit hinaus nehmen. Strafbare Veranstaltung dcö Compagniespiclenö in der prenstifchcn StaatSlottcrte. Der Kaufmann und Agent Görke hatte eine» Lotterieverei» gegründet, dem etwa 100 Mitglieder beitraten. Nach den Statuten bezweckte der Verein behufs Erhöhung der Gelvinnchancen das gemein schaftliche Spielen einer Anzahl Loose der prentzischen Staats lotterie. Görke leitete die Geschäfte und erhielt für Auslagen und Müheivaltung pro Mitglied und Serienspiel 3 M.. so datz ihm bei 100 Mitgliedern während eines Spiels durch alle Klassen etwa 500 Mark zuflössen. Jedes Mitglied bekan, ein Ver- zeichnis der vom Verein gespielten ganzen und Teil- lose und eine Bescheinigung, datz er Miteigentümer der angeführten Lose sei.— Görke ivurde nun des Vergehens gegen daS Gesetz vom 18. August 1801 angeklagt, wonach der staatliche» Ermächtigung bedarf, iver Lose oder Losabschnitte der königlich prentzischen StantSlotteric oder Urkunden, durch welche Anteile an solcheuLosen oder LoSabschuitten zum Eigentum oder zum Gewiiinbczug übertragen werden, feilhalten ivill. Schöffengericht und Landgericht verurteilten den Angeklagten zn einer hohen Geldstrafe, indem sie annahmen, datz er ohne die staatliche Ermächtigung Urkunden in, Sinne des Gesetzes feilgehalten habe. Durch seine'Mitbetcilignng am Spiel als Mitglied des Vereins werde die Annahme der GcwcrbS- mätzigkeit seines Handelns nicht ausgeschlossen.— Der Angeklagte legte Revision ein und machte geltend, sein Verhalten könne gar nicht unter das angezogene Gesetz fallen, durch ivelches lediglich der un- lautere Zwischenhandel mit Lotterieloosen getroffen werden solle. Man könne hier aber nicht sagen,' datz er mit seinen Mitgesellschaftern Geschäfte gemacht habe.— Der Strafsenat de« Kammergerichts verwarf indessen die Revision mit folgender Begründung: Es sei ohne Rechtsirrtu», festgestellt worden, datz der Angeklagte Urkunden im Sinne des Gesetzes vom 18. August 1801 gewerbSmätzig feilgeboten habe. Die den Mitgliedern deS LotterievereinS ausgestellten Bescheinigungen seien solche Urkunde», denn die Leute seien berechtigt gewesen, auf Grund derselben die Auszahlung etivaiger Gewinnanteile zu verlange». Die GcwcrbSmätzigkcit dcS Ver» Haltens des Augeklagten sei bedcnkenfrei angenommen worden, indem für erwiesen erachtet worden sei, datz der An geklagte durch seine fortgesetzte Thätigkeit einen sogar erheblichen Gelvinn erzielt habe. Nun sei ja daS sogenannte Gesellschafts» und Conipagniespielcn mit Loosen der prentzischen Staatslotterie an sich gestattet. Verboten sei aber durch das Gesetz vom 18. August 1801 die g e w e r b s m ä tz i g c Veranstaltung eines solchen Spielens. wie sie dem Angeklagten mit Recht vorgeworfen werde. Sociales. Amtliche Streikstatistik. Für das 2. Quartal des laufenden Jahre« giebt die amtliche Statistik an. datz 370 Streiks be- gönnen und 80 noch aus dem ersten Quartal iveitergeführt wurden. Beendet wurden 384 Streiks, darunter 68. die aus dem l. Quartal übernommen waren. An den beendeten Streiks waren 1723 Betriebe mit 48 390 beschäftigten Arbeitern getroffen. Zun, völligen Stillstand kamen 406 Betriebe. Die Höchftzahl der gleichzeitig streikenden Arbeiter betrug 18 016, wozu noch 1240„ge- zwungene Feiernde" kommen. Als vollständig erfolgreich beendet ivcrden 60 Streiks bezeichnet und 123 als teilweise erfolgreich, die übrigen als erfolglos. Aussperrungen werden verzeichnet 17 als im 2. Quartal bc- gönnen und 2 als aus dem 1. Quartal fortgesetzt, 12 als beendet. An den beendeten AuSsperruugen waren 80 Betriebe mit 2076 Arbeitern beteiligt. Als Höchstzahl der gleichzeitig Ausgesperrten werden 1262 angegeben. Als erfolgreich beendet nennt die Statistik 7 und als teilweise erfolgreich beendet 2 Aussperrungen. Autzerdem wird> diesmal mit der Bemerkung„soweit Mitteilungen vorliegen" berichtet über„die am 2. Mai 1001 Iveaen unerlaubter Maifeier erfolgten AuSschlictzungen von der Arbeit". Solcher werden 21 genannt; darunter 8 in Berlin und Vor« orten mit zusammen 17 betroffenen Betrieben, Ivovon 8 zum völligen Stillstand kamen. Aus Halle werden 2 Ausschließungen mit 3 Betrieben genannt, je 1 aus Altona, Tönning, Riesa, Geringswalde, Dittmannsdorf, Mölkau. Bremen, Hermsdorf, die übrigen in Leipzig und Vororten. Als Höchstzahl der gleichzeitig Ausgeschlossenen, womit in diesen, Falle wohl auch die Zahl der wirklich Betroffene» an- gegeben sein dürfte, werden 073 genannt. Sorinle Veiszkspflegr. Unzuständigkeit deS Gewerbcgerichtö. Der Kürschner Feldgramm, der im Hause 4 und außer dem Hause 10 bis 14 Personen beschäftigt, hatte den Fabrikanten Wolf beim Gewerbe- gericht verklagt. Wolf hatte ihm eine Anzahl Mützen. angeblich wegen schlechter Arbeit, nicht bezahlt. Der Be- klagte wandte Unzuständigkeit deS GewerbcgerichtS ein, weil der Kläger selbständiger' Unternehmer sei. Es betreibe die Fabrikation geschäftsmäßig und arbeite bald für diesen, bald für jenen. Der Kläger betonte de», gegenüber, er sei Hausindustriellcr und das Gewcrbegericht deshalb zuständig. Er arbeite für be- stimmte Geschäfte und erhalte daS Material von diesen geliefert. Aus eignem Material fertige er nur in seltenen Ausnahme- fällen etwas an. Selbstverständlich gehe er auch zu andern, wenn einer seiner Auftraggeber keine Beschäftigung für ihn und seine Leute habe. Er niützte doch für Arbeit sorgen. Die Kammer II unter dem Vorsitz des GcwerberichterS v. Schulz wie? den Kläger wegen sachlicher Unzuständigkeit deS Gewerbegerichts ab. Begründend wurde ausgeführt: Das Gericht sei zum Teil auf Grund der eigne» Angaben des Klägers zu seiner Entscheidung ge- kommen. Der Kläger müsse selber zugeben, daß der Kreis seiner Kunden ein unbestimmter sei. Demgemäß könne sich daS Gericht nach 8 � dcS GewerbegerichtS-GesetzeS nicht für zuständig erklären. Unfähigkeit zur Fortsetzung der Arbeit alS EntlassungS- grnnd. Der Bügler F. litt mehrere Tage an schwerem Durchfall und konnte deshalb seiner Beschäftigung bei dem Schneider- meister Fischer nicht„achgehen. Er schickte einen Kollegen zum Meister, damit er ihn dort vertrete. Der Meister ging aber darauf nicht ein, sondern engagierte einen andern Bügler und nahm auch F. später nicht wieder an. F. verklagte darauf Fischer beim Gewerbegcricht und betonte noch, datz ihm der Beklagte versprochen habe, er könnte wieder eintreten, wenn dem neuen Büglcr gekündigt sei. Der Kläger wurde mit seinem EntschädigungS anspruch abgewiesen. Gewerberichter Dr. Leo führte begründend auS: ES sei anzunehmen, datz der Kläger während seiner Krankheit entlnffen worden sei. Und daraus, datz der Kläger einen Vertreter sandte, gehe hervor, daß er seine Unpäßlichkeit für«ine längere Zeit andauernde hielt. Es greife darum hier§ 123, Rr. 8 der Gewerbe-Ordnung Platz, wonach Unfähigkeit zur Fortsetzung der Arbeit ein EntlassungSgrund sei. Daß Kläger dem Beklagten einen Stellvertreter schickte, sei unerheblich. Denn ebenso wenig, wie der Arbeiter sich gegen seinen Willen einen andren Arbeitgeber aufzwingen lassen brauche, sei der Arbeit gebcr verpflichtet, den ihm vom Arbeiter geschickte» Stellvertreter zu beschäftigen. Und die Aeutzerung, datz Kläger wieder eintreten könnte, wenn der andre gc kündigt wäre. sei eine jener vagen Versprechungen, die besser unterblieben, denen aber eine rechtliche Bedeutung für die Fortsetzung des alten Arbeitsverhältnisses nicht im mindesten bei zumessen sei. DevTjumnluttgvn. Der Verein socialdemokratischer Gast- und Schankwirte hielt seine Versammlung beim Kollegen Gleinert ab mit der TagcS- ordnung„Flaschen» und Gesätzfraae". Kollege Zubeil berichtete, daß die Koinmission folgende Punkte für die Petition an den Reichstag aufgestellt bat: 1. Einschränkung der Masscnkonzession. 2. Verbot der Konzession an Warenhäuser. 3. Aichzwang sämtlicher Gefäße für Norddeutschland wie der bestehende in Süddeutschland. 4. Die Polizei- stunde einheitlich zu regeln und dahin zn erweitern, das Verweile» der Gäste eine halbe Stunde nach der bisher gebotene» zu gestatten. Die Versammlung übertrug der Kommission die weitere Ausarbeitung dieser Forderungen. Die Stellungnahme zur Erteilung de« Eigen« tumSrechtS a» Flaschen jeglicher Gestalt wurde von der Versamm- luna den davon betroffenen Brauereien und Selterivasser-Fabrikanten selbst überlaffen. Aufgenoinme» in den Verein wurden 7 Kollegen. Ferner teilte Ewald mit, daß die Vct«ilig»»g a» de» Nachgesnchen der Polizeistunde eine sehr schwache ist. er deshalb bisher nichts habe machen können, da sich bei ihm nur 3 Kollegen mit ablehnenden Be- 'cheidcn gemeldet haben. Die Tapezierer hielten am Montag eine zahlreich besuchte Ver- ammlung in, Gewerkschaftshau« ab, in der Leo Schmidt über: D i e Z»i st ä» d e im Beruf in der letzten Saison vor A b l a n f d es BergleichS-VertragcS referierte. Der vor 2 Jahren vor de», Gewerbegericht zu stände gekommene Vertrag mit den Arbeit- gebcr» hat im allgemeinen günstig auf die Verhältuisse de« Berufs ein- gewirkt. Auf Grund des Vertrages war es möglich, die52slündige wvche»t- liche Arbeitszeit»nd den 60 Pf.-Stundc»loh» in den nicisteu Werk- stuben zur Durchführung zu bringen. In einzelnen Wcrkstubeu ist es freilich noch nicht gelungen und gerade sind cS auch Vorstands-Mil« glieder der Innung. d,c sich gegen dicTurchführung dervertragSinätzigen Bestimmungen sträuben. Zum grotze» Teil tragen die Arbeiter selbst die Schuld daran, da sie nicht energisch genug die ihnen vertragsmäßig zu- lehciiden Rechte fordern. Von einzelnen Firmen, besonders auch von der Firma Pfaff, wurde versucht, die VcrtragSbestimninngcii zn durchbrechen. De» Vertretern der Arbeiter-vurde mit Matz- regeln, ig gedroht, weil sie energisch für die Aufrechterhaltnug des Tarifs eintraten. Der Referent sprach sich für eine Verlängerung deS in, nächsten Frühjahr ablaufenden Vertrages aus und für«ine Verbesserung einzelner Positionen dcS TarifcS. Wenn eS nicht anders ginge, müsse man durch Kampf dafür eintrete». Nach lebhafter Aussprache wurde folgende Siesolution ein- timmig angenommen:„Die heutige öffentliche Tapezierer« Ver- iammlnna erklärt sich mit der bisherigen Wahrung ihrer Jiitercffe», owcit dieselben im Rahmen dcS Vergleichstarifs vom März 1000 liegen, einverstanden und erklärt sich principiell mit der eociitnellen Verlängerung deS Vertrags einverstanden," Eine Täschner- und Sattlerversammlnng, die an, 10. d. M. tagte, nahm einen Vortrag WiesentalS über die zetzige wirtschaftliche Krise entgegen n»d beschloß dann, wo eS irgend angeht, die Ucbcr- lunde» zii verweigern, damit auch die arbeitslose» Kollegen unter- gebracht werden können. Schönebcrg. Eine an, Sonntag in Obst« Fcstsäle» abgehaltene öffentliche Versamnilnng aller Krankenkasseinnitftlicdcr am hiesigen Orte beschäftigte sich vornehmlich mit dem angcnblicklichcii Stande des Apotheken-Boykotts„nd der bekannten Verfügung des Landrats gegen die hiesige OrtS-Kranken- kaffe. Herr Dr. Frendenberg empfahl ein einheitliches Vor- gehen aller am Orte befindlichen Krankenkassen, iiisbesondere bei dem Bezüge von Medikamenten, welcher durch die hiesige OrtSkrnnkenkasse ans der Lutterschcn Apotheke in Potsdam vermittelt wird. Mit welchen Mitteln indes die Sache der„annen" Apotheker, die nach dem Eingeständnis eines hiesige» Besitzers bereit« bis zum äutzersten geschädigt ist. seitens einiger Dienstbeflissener, ob direkt oder indirekt, unterstützt ivcrden soll, beweist eine Petition, die dem Landrat, mit ungefähr 140 Ilnterschriften versehen, zugegangen ist und die an- geblich gegen den«ingeführten Modus des Medikamentenbezng« Protest erhebt. Nach einer Mitteilung fetzen sich diese Petenten zusammen au« Arbeiten, der hiesigen Schlotzbrauerei, einer Irrenanstalt„nd eines Warenhauses. Nachdem die Versammlung ihrer Entrüstung darüber Ausdruck gegeben hatte, datz sich Arbeiter zu solchen Diensten her- geben, statt mit ihren Arbeitskollege» Hand ,n Hand zu gehen, um im Krankenkoffenwesen bessere Verhältnisse zu schaffen, wurde daS Bureau beauftragt, bei der Leitung der Schlotzbrauerei vorstellig zu werden, ob diese sogenannte Petition mit ihrem Einverständnis oder ihrer Kenntnis erfolgt ist, Ter Arbeiter- VtldnngSvcrein für FriedrichShagen hielt am 22, September seine regelmätzige Mitgliederversamnilung im Lokal von Conrad ab. Genosse Dr. Wehl hielt einen beifällig auf- genommenen Bortrag über:„Wie stellen wir uns zur Alkohol- rage". Redner schilderte die Gefahren des Alkohols und orderte zum Kampf gegen den Mißbrauch alkoholhaltiger Getränke auf; er könne aber ans taktischen Gründen keine Abstinenz predige», weil unsre Partcigenoffen bei der Agitation owie bei den Parteiarbeiten nach Lage der Verhältnisse auf den Wirtshausbesuch angewiesen seien. Der Mißbrauch des Alkohols vertiert und verblödet aber die Mensch»,, und solche sind in unsrem Kampf nicht zu gebrauchen. Die Materie lasse sich auch mir auf gesetzlichem Wege regeln und könne die sociakdemokratische Partei die Frage daher so ohne weiteres nicht von der Hand weisen. In der darauf folgenden Diskussion traten die beiden Herren Münzer und Koselewski konseqnent für Abstinenz ein. Unter BereinSangelegenheiten beschloß die Versammlung. die Parteiangelegenhciten nicht in öffentlicher, sondern in der ordent- lichen VereinSvecsammlnng zu erledigen, und findet dazu die nächste Versammlung am 10. Oktober in demselben Lokal statt. Der socialdemokratische Wahlvcrci» für AdlerShof hielt am 10. d, M, seine Mitgliederversammlung bei Scheer in Köpenick ab. Genosse Schubert- Schöneberg hielt einen Vortrag über das Thema: Wie beteiligen wir uns an der Landtagswahl. Redner er- läuterte daS Wahlreglcment und kam zu dem Schlüsse, das; wir trotz aller Hindernisse un« an der LandtagSivahl beteiligen müssen, weil auch im Landtage Gesetze gemacht' werden, die tief in das Volks- leben eingreifen.' In der Dislusston äußerte sich im selben Sinne Genosse Hildcbrand. Nachdem noch unter Vereinsangelegenheitcn eine längere Debatte in der Lokalfrage stattgefniiden hatte, schloß der erste Vorsitzende die Versammlung. Charlottenburg. Der Socialdemokratische Wahl- verein hielt am 10. d, Mts. eine sehr gut besuchte Mitglieder- Versammlung ab, in welcher Genosse Eduard Bernstein' einen interessanten und beifällig aufgenommenen Vortrag über„Er- innerungen auS der Zeit vor de», Socialistengcsetz" hielt. Nach einer hierauf folgenden kurzen Diskussion gab Genosse Sellin den im„Vorwärts" schon bereits veröffentlichten Bericht über die Generalversammlung des Central« Wahlvereins für den Wahlkreis Teltow, BeeSkow-Storckow-Charlottenburg. Nach Erledigung der neuen Bezirkseinteilung wählte die Bersammlung die Genosse» Bunge. Vogel und Thiem al« Mitglieder der Baukommission des GewerlschaftShauses. Genosse Hirsch gab sodann bekannt, datz von den zehn, deinnächst zn wählenden Stadtverordneten der dritten Abteilung sechs Hausbesitzer sein müssen, und forderte zur kräftigen Agitation auf. Zum Schluß ließen sich 23 nctie Mitglieder aufnehmen, Holzarbeiter Rixdorf. In der Mitgliederversammlung deS Deutschen Holzarbeiter-Verbandes der Zahlstelle Rixdorf, die an, 18, d, M, stattfand, wurde folgende Protestresolution einstimmig angenommen: Die Bersammlung protestiert ans das cntschicdcnfie gegen daS Verhalte» der Redaktion der„Holzarbeiter-Zcitung", ins- besondere gegen den Artikel vom 1. September, welcher sich mit dem GlaSarbeiter-Streik befatzt. Ferner spricht die Versanmilnng den Glasarbeitern, nachdem dieselben 58 Wochen»m ihrKoalitions- recht hungcnid, ohne zn murren, gekämpft haben, ihre volle Sympathie aus mit der Bitte, jene großmütigen Genossen in ihrem harten Kampfe nach Kräften weiter zu unterstützen. Eingegangene Drnckschriften. Der„Wahre Jacob-' hat soeben die 20, Nummer seines 18. Jahrganges erscheinen lassen. Das farbige Titelbild schildert den Empfang, der de», seligen„Serenissimus" einst bei Besichtigung seiner LandeStrrenanstalt zu teil wurde, DaS farbige Rnckbild„Deutsche Fortschritte t» Ostasien" ist die Illustration zu einer der viele» von Waldcrsee nach seiner Rückkehr gc- hol tenen Reden, In dem Bilde„Der chinesische Kotau i» Frankreich" wird die Lage scharf kritisiert, in welch« sich die ftanzilstsche Republik anläßlich des Zarenbesnches gebracht hat. Ferner sind in der Nummer noch zahlreiche politische Bilder enthalten, DaS Leitgedicht„Lübecker Thing" ist dem social- denwkratische» Parteitage gewidmet; die Gedichte„Der Sühneprinz",„Der geborgte Götze" und die Satire„Ein verunglücktes Projekt" sind politisch aktuelle Zeitglossen, Außerdem sind Hunior und Satire noch in zahlreichen Textbeiträgcn der 12 Seiten starken Nummer enthalten, so daß wir unsren Leser» die Ansckafsung derselben nur empfehlen könncil. Der Preis der Nnunner ist 10 Pf._ vlarktprelse von Berlin am LS. September 1001 nach Srmilllmigeu de« lgl, Polizeipräsidiums, «velze», gut D-dl» „ inlllel„ gering Rogge», gut. „ mittel» „ gering «Gerste, gut „ mittel„ gering »öaser, gm minel, . gering P chlstroh„ Hen öldsen. L; eiset ohne» Linie» • frei Wagen und ab Bahn, Prodlitlcliiliartt vom 24, September, Am Gclreldemarkte herrscht» matte Haltung. AlS Veraiilafluiig wurde angegeben, daß der vorgestern veröffentlichte amtliche statistische Bericht daS Gegenteil deffen enthalte, was er vor einigen Monaten gebracht hatte, ES stellt sich heraus, das die dies- jährig« Anbaufläche sür Wintergetretde sich gegen das Vorjahr wentger verringert hat, alS angenonnuen wurde und das sich die Erntebefchädtgungen alS wentger bedeutend ergeben haben, als man bisher befürchtete, Auf den htestgen Markt drückten starke Realisationen angeblich für die Provinz, Schon der Frühmartt setzte mater«tn, im Mittagsverkehr sanken die Preise sür Weizen über Vi M., diejenigen für Roggen über"U M. uiiter gestern. Auö Amerila lamcn wenig niedrigere Preise; auch Oestreich-Ungar» war wenig verändert, AuS Hamburg wurden grobe Weiaenankünfte gemeldet, Mehl 10—15 Pf, niedriger. Haser still, behauptet, Mais seft aus Amerika. Rüböl war bchanptet, hinten elwaö abgeschwächt,— Schlug sür Getreide unerholt._ Briefkasten der Redaktion. Die juristische Svrechstmide findet am Dtenstag, Touners- tag»»d Freitag von 7-9 Uhr abends statt. M. P. Bitten, im Adresjbllch nachzusehen, wo der Herr Baron wohnt, H. K. 77. Guido Müller in Lauscha, Sachsen-Meiliingen, Z. 2. 22. Die GckaltShöhe ist unerheblich. Mit der Kranken- ver sichern» gSpflicht der Handlun gsgehilsen verhält es sich folgenbermasenl Haiidlnnasgehillcit nnd Häildlungslehrliiige unterliegen der Kranlciweriichcrungspflicht nur dann, wenn daS ihnen nach Artikel KS deS Handelsgesetzbuchs zustehende Recht, ihren Anspruch auf Gehalt ii»d Uiiterholt bis zur Dauer von sechs Wochen zu behalten, nicht auf- gehoben oder beschränkt ist, DaS Recht ist anfgehobe» oder beschräiikt, es tritt also der gesetzliche VersicherungSzwang dann et,,, wenn durch Vertrag direkt oder indirekt das Recht auS Arttkel»Z(H-G-B) beschränkt ist. Eine direkte Beschränkung dieses RcchlS— Vereiilbarung, dab der Prinzipal für die Dauer der Krankhett Gehalt nicht sechs Wache» lang zu zahlen habe— ist selten, gebräuchlich sast nur für Lehrlinge, Desto häufiger ist die indirekte Beschränkung des Rechts aus Art, 63 i»Sdcsa»dcre durch Abkürzimg der ge- setzltchcn sechSwöchentlichen, nur zum Schluß dcö Knlcndervierteljahrö znlässtgen Kündigungsfrtst, In allen Fällen, in denen dlese sechswächentlichc KündtgnngSsrist zn uilgunsten der Gehilfen abgeändert ist, also beispielsweise tn allen Fälle ii, in denen MonatSkündignng vereinbart ist, unterliegen die Handlungsgehilfen der gesetzlichen Krankenversicherung, Dab diese Auffaffung, und nicht die laxere, zutrcffelid ist, ist vom Ober- Verwaltungsgericht nnd ivom Kammergertcht anerkannt. Der HaiidliingS- gehtlfe bezieht neben dem Krankengeld sein v o I l e S Gehalt weiter. WitterungSüberNcht vom 24. September 1991, morgen» 8 Uhr. Stationen Swinenide Ii Ii 3« 764 SO 760OSD 762 OSO 757 NO 759SO 76ZSO Stationen Havaranda P-tcrSbnrg Tort Abcrdee» Pari« 8*'B Witter (4S f= � ii «J* 7k7WSWj 2. bedeckt U 772! SSW ljwoltenl II 756N 75»! OSO 2 hlb.bed. 14 l'bedeckt 13 icrlln gra»ks./M. München Wien Wetter- Prognose für Mittwoch, de» 25, September 1001. Vielfach wolkig, am Tage etwas kühler bei mäßigen südlichen Winden keine oder unerhebliche Niederschläge. Berliner Wetterbureau, Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Bcrantwortnng. Thraker. Mittwoch, 25. September. Qpernhnns. Der Ring des Nibt- lungcn. Götterdämmerung. Anfang 6Vj Uhr. Schauspielhaus. Mädel, fei schlau. Der Hochzeitstag. Ans. 7>/z Uhr. NcneS Opern- Theater iKroll). Mamsell Angot. Anfang Uhr. Im Trianon- Theater:„Lebende Lieder". Anfang 8 Uhr. Schiller. Heimat. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Nora. Anfang Uhr. Berliner. Ueber unsre Kraft (2. Teil.) Anfang 7% Uhr. Lessing. Haus Rofenhagen. Ansang 7»/? Uhr. Residenz. Sein Doppelgänger. Vor- her: Im Coupö. Anfang 7Vz Uhr. Neues. Das Ewig-Weibliche. An- fang 71/2' Uhr. Weste». Zar und Zimmermann Anfang 7Vz Uhr. Secessiousbnhne. Detlev Lilien- crons Buntes Brettl. Anfang 8 Uhr. Central. Girofle-Girofla. Ansang 8 Uhr. Thalia. Ein tolles Geschäft. An- fang 71/, Uhr. Luisen. Die Leibrente. Anfang 8 Uhr. Carl Weih. Berliner Rangen. An- fang 8 Uhr. Friedrich-Wilhelmstädtisches. Die Landstreicher. Ans. 7l/z Uhr. Belle-Sllliauce. Talolo. Anfang 8 Uhr. Wietropol. Specialitätenvorstellung. Schön war's doch. Anfang 8 Uhr. Apollo. Specialitäten- Vorstellung. Frau Lima. Anfang 8 Uhr. Passage- Theater. Damen- Ring- kämpfe. Specialitäten-Vorstellung. Anfang nachmittags 5 Uhr. Passage- Panoptikum. Special!- läteii-Vorstellung. Reichöhallen. Stettiner Sänger. Ansang 8 Uhr. Palast. Specialitäteu-Vorstellung. Rosensoontag. Anfang 8 Uhr. Casino- Theater. Berlin Berlin N. Specialitäten. Ilrauia. Taubenstr. IS'-IU. Theatersaal.) 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Grobe AuSstattungsposse mit Gesang in 5 Akten und 7 Bildern v. G. Albert. Musik von R. Leonard. fgnr"" Jeder Besucher der heutigen Jubiläums-Vorstellung erhält als Souvenir eine Kollektiv- Miniatur- Sammlung der Darsteller und Haupt- sccnen aus„Berliner Rangen". Morgen: Dieselbe Vorstellung. Sonnab endnach mittag Kinder-Vor- stellung: Aschenbrödel. Sonntagnach- mittag: Liane, die zweite Frau. W. Rucks Theater. Bruimeiistrabe 16. Schuldig. Drama in 3 Akten von R. Bofe. Donnerstag: Die wilde Katze. kalast-Theater fr. Feen-Palast, Burgstr. 22. Direktion: Winkler u, Fröbel. Täglich: Unbeschreiblicher Erfolg des Sensations-Programms. Hochinteressantes K ü n st l e r- P e r s o n a l. WIIHani Kcnbertl. Karl Braun. Endlich allein. Der Komponisten-Wettstreit. Direktor Wilhelm Frttbel in der allabendlich bejubelten _ Gesangsposse_ 3W Rosenmontag"WE Lebende Riesen-Photographien. Ansang 8 Uhr. Kasfenöffnung 7 Uhr. Billet- Vorverkauf von 11-1 Uhr. 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Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt VIR, 353. Mittwoch, den 25. September, abends 8 Uhr: BeMsversammlimg für Oder-Schimeweide bei Aohn, Wilhelminenhofstr. 18.[119/4 Zahlreiches Erscheinen erwartet Die Ortsverwaltnng. r ff (Filialen Berlins). Donnerstag, 36. d. M.. abends 8'/- llhr, im Gewerkschaftshaus, Engel-ttfer 15. Saal IV: Kumbiiiierte Mltgileder-Versimnilung sämtlicher 6 Filiale» Berlins. T'a ges-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen Eink über:„Zweck und Nutzen der Centralifation hiesiger Filialen". 2. Diskussion. 3. Ersatzwahl zum Central- vorstand. 4. Paritätischer Arbeitsnad>weis. 5. Verschiedeues. 157/15 Der überaus wichtigen Tagesordnung wegen versteht es sich von selbst, dast ein jedes Mitglied unsres Verbandes aus �Berlin dazu anwesend sein muß. I. A.: Georg 8taiidke. + Prakt. Nat Achtung, Männer Rixdorss! Miinner-Vortrag ch- Lichtbildern morgen Donnerstagabend 8Uz»hr, Hermann- strasse 40 bei Thomas. Präkt� Naturheilkundiger Grundmann erklärt an grossen Männerleben» Keiben und Nervenschwäche» Gäste 20 Pfennig, dafür eine Broschüre. Um zahlreiches Erscheinen bittet Oroseer Berliner Naturheilverein, Ortsverein Rlxdorf. jStahöuebprgs. Htick, WIM, tMi 8 ll|t, im AM« Lslelt, Reiningerstrasse 8 Oeffentliclie Koniinnnalwiler-Yersamiiiluiig. TageS-Ordnung: 1. Die bevorstehenden Stadtverordneten-Wahlen. Referent: Stadl» verordneter Hr. Curt Frendenberg. 2. Diskussion.[203/9 3. Aufstellung der Kandidaten. Die dringendste Pflicht eines jeden Parteigenossen ist es, m dieser Ver- sammlung zu erscheinen._ Ibas Wahlkomitec. Achtung! Rlxdorf. Achtung! Donnerstag, de» 26. September, abends SVz Uhr: Uolks- Uersammlung in Gröpplers Salon, Bergstr. 147. Tages-Ordnung: 1. Vorirag der Genossin ilartha Tietz über: Die willkürliche Milch- und Fleischvertenerung, ein neuer Raubzug gegen die BesiNlosen. 2. Diskussion. Zur Deckung der Unkosten 10 Pf. Entree. Frauen, erscheint zahlreich in dieser Versammlung. 1/g Die Vertrauensperson. Partei-Speditionen: Berlin vierter Wahlkreis O.: Robert SB eng eis, Große Frankfurterstraße 133, Hof part.— SO.: Paul Böhm, Skalitzerstraße 35, vom part.— Sechster Wahlkreis slloabit): Karl Anders, Salzwedelerstraße 8, pari, im Laden.— Wedding und Oranienburger Vorstadt: Emil Stoltzenburg, Wiesenstraße 41/42.- Gesundbrunnen: Wilhelm Gaßmann, Nachfolger Hermann Raschle, Grimthalerstraße 65.— Rosenthaler Vorstadt und Schönhauser Vorstadt: Karl Mars, Kastanien-Allee 95/96.— Cbarlottenburg: Gustav Schernberg, Sesenheimerstraße 1, Ecke Goethestratze, v. I.— Deutsch-Wilmersdorf: Th. Müller, Berlinersrr. 132/133, rechter Seitenfl., und W. Nickel, Augustastr. 3, v. I. — Eriedrichsberg- Eriedrichsfelde: Oswald Grauer, Berlin 0., Frankfurter Allee 197.— Grünau: Adolf Gündel, Köpenickerftraße 89.— Rixdorf: Oftermann, Erkstraße 6.— SchOnebcrg: Wilh. B ä u m l e r, Apostel Paulusstraße 13, Quergeb. Hochp.- Ober-Schönewelde: Otto John, Wilhelminenhofstr. 18. — Vieder- SchOneweide: Karl Weber, Cigarrengeschäft.— Johannisthal: Paul Mann, Friedrichstr. 39, I.- Adlershof: Gustav Hitze, Hackenbergstr. 8.— ROpenlck: Friedrich Woick, Schönerlinderstraße 8.— Eriedenau- Steglitz: H. B e r n s ese, Kirch ftr. 15 in Friedenau. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. Mohr, Düppelstraße 8, und Fr. S ch e 1 l h a s e, Ahomstraße 15a.- Baumschulenweg: Stock, Ernststraße 2, II.— Sfeu-M elssen- see: Heinrich Bachin an n, Lehderstraße 1, part. links.— Rnmmels» bürg: Forgbert, Prinz Albertstr. 5 a. �„.„ Außerdem ist sämtliche Parteilitteratur sowie alle wlssenschastlichen Werke dort zu haben. AUck) Werdw JNftrate fÜl* den„Vorwärts" entgegengenommen. DMT- Bitte ausschneiden! Brauerei Germania Iktien-CesellsiM Berlin O. 34 Frankfurter Allee 53 Teleph. Amt VII 2645 empfiehlt für frei Haus 18 Fl. 4/io Lagerbier[23162* 15 Fl. Vz Lagerbier 15 Fl. 4/io Pilsener Art 15 Fl. 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Druck und Verlag von Riax Badino in Berlin. f..»i i! 1«« 3. MM te Jpmitts" Mlinft UcksdlM m».»»»,,,»,» mm ii mi i[■■■ihmiiii iiiwiii i u m\i\u\ immBMmmmmKmmmaEmmmmmammmmmmmmmmmmmmmmmmmammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmBmmmammmmaammmmmmmm 1901. giiufter Kongreß der durch Hertrauensnilinner centrulißerten iSewerkschllsten Deutschlonds. 2. Berhandlungstag. Vormittags-Sitzung. Laut Präsenzliste sind auf dem Kongreß 18 233 Mitglieder ver- tretein 6 Organisationen mit 231 Mitgliedern sind nicht vertreten. Vor Eintritt in die Tagesordnung wird beschlossen, die Ver- Handlungen des Kongresics auf Mittwoch auszudehnen, um die reich« haltige Tagesordnung erledigen zu können. Außerdem gelangte ein Autrag zur Annahme: durch eine aus verschiedenen Branchen zusammengesetzte Kommission alle zum 3. Punkt: Streiks, deren Regelung und Unterstützung, vorliegenden Anträge prüfen zu lassen und dem Kongreß entsprechende Vorschläge zu machen. Hierauf referierte Keßler über die Bestrebungen der Centralisation gegenüber den neutralen Ge- werkschaften. Der Redner schildert eingehend das Vorgehen der verschiedenen bürgerlichen Parteien und der Socialreformer, die anscheinend den' Arbeitern seiner Zeit ein gewisses Wohlwollen entgegen- brachten. aber thatsächlich nichts weiter bezweckten, als die Arbeiter von der Socialdemokratie abzuwenden. Sobald die Arbeiter aber Forderungen stellten, so war es mit der Arbeiterfreundlichkeit dieser Leute vorbei. Wenn sich nun noch Gewerkschaften finden, die die Arbeiter verwirren, indem sie ihnen die Ansicht beizubringen suchen, daß durch die Ver- bände alles erreicht werden könne, so müßten sie ent- schieden bekämpft werden, weil diese Gewerkschaften dadurch die Arbeiter der Socialdemokratie entfremden. Auch in der gewerkschaftlichen Organisation müsse den Arbeitern die Notwendig- keit des politischen Kampfes stets klar gemacht und im Sinne der socialdemokratischen Principien gewirkt werden. Die Vertrauens- männer- Centralisation ist auf diesem Standpunkt geblieben und nicht sie, sondern die Verbändler sind es, die eine Sonderstellung einnehmen. Die Vertrauensmänner- Cenlrali- sation schien auch bereit, bei bestimmten wirtschaftlichen Kämpfen mit den Verbänden zusammenzugehen. Eine gemeinsame Organi- sation sei infolge der Verschiedenheit der Gegensätze nicht möglich. Man solle nur die Vertrauensmänner-Organisation zufrieden und gewähren lasten, sie sind es nicht, die den Zwiespalt hervorrufen wollen. Der Referent führt dann an, daß die Verbändler bestrebt sind, den Parteivorstand, die Parteicontroleure und auch die Parteipresse zu ihren Gunsten zu beeinflussen und vertritt die Ansicht, daß die Angriffe gegen die Vertranensmänner-Centralisation, deren Bestehen durch das Ver- halten der Verbände begründet, vollständig unberechtigt sind. Die Verbände hätten Fiasko gemacht, denn trotz ihrer jahrelangen Thätig- keit sei es ihnen nicht gelungen, auch nur den zehnten Teil der Arbeiter zu organisieren. Die Vcrtrauensmänner-Centralisationcn hätten jedenfalls keinerlei Veranlassung, von ihrem Standpunkt ab- zugehen. O b er m e y e r-Braunschweig kann sich mit den Ausführungen des Referenten nicht einverstanden erklären und erachtetsein Zusammen- gehen der Organisationen für unbedingt notwendig. Es müßten allerdings Unterschiede bei den einzelnen Verbänden gemacht werden. So sei der Maurerverband in jeder Weise bemüht, seine Mitglieder zu zielbewußten Socialdemokraten zu machen. Er geht allerdings von dem Gesichtspunkt aus, daß dort, wo notwendig, die Verhältnisse berücksichtigt werden. Dasselbe geschehe aber auch von den Ver- trauensmänner- Centralisationen. In Braunschweig konnte die Organisation dem Verband nicht mehr entgegentreten, weil kein Anlaß zur Opposition und nichts Trennendes vorhanden ist. Die Vertrauensmänner- Centralisation war bisher stolz auf das Selbst- bestimmungsrecht der einzelnen dazu gebörigen Organisationen. Das hat aber auch aufgehört, Venn Lohnbewegungen können selbständig von den einzelnen Organisationen mcht unternommen werden. In Berlm seien die verschieden- artigen Organisationen für denselben Beruf vielleicht weniger schädlich, andere Orte aber könnten eine solche Zersplitterung. die dazu geführt hat. daß ein Teil der Gelder nicht zum Kampf gegen die Unternehmer, sondern zur gegenseitigen Bekämpfung der Organisationen verwandt wurde, nicht ertragen. P u t t I i tz- Berlin erörtert den Zusammenhang deS politischen und gewerkschaftlichen Kampfes und meint, daß der Manrerverband sich nur da als socialdemokratisch aufspielt, Ivo es keine Gefahr für denselben bedeutet. Diese Taktik der Verbände dürfe die Vertrauens« männer- Centralisation nicht mitmachen, sondern sie müsse energisch ihre Grundsätze vertreten. E. Böttcher- Berlin behauptet, daß der verflossene Glas arbeiterstreik lediglich durch das Verhalten der Verbände, die auch trotz der gefüllten Kasten die notivendige Unterstützung verweigerten, zu Ungunsten der Arbeiter beendet werden mutzte. Nachdem noch Behrendt und M o r i ck c- Berlin sich tn längeren Ausführungen im Sinne des Referats geäußert, wurde folgende Resolution beschlosfen: In der Erkenntnis, daß in der Gegenwart schroffer denn je die Merkmale des Klassenstaates zu Tage treten und die Wirtschaft- lichen Kämpfe eine immer härtere Form annehmen, andernfalls durch fortwährende Knebelungs- und Unterdrückungs- Versuche seitens der Besitzenden die Rechtlosmachung der Arbeiter systematisch betrieben wird und zu diesem Ziveck die Besitzenden aller religiösen und politischen Schattierungen sich geschlossen der ihnen willfährigen politischen Macht bedienen, insbesondere die Unternehmer gegen die das ihnen gesetzlich gewährleistete Koalitions- recht ausübende Arbeiter durch Verruf, schwarze Listen usw. brutal vorgehen, sieht der S. Kongreß der Vertranensmänner-Centralisation in dem Bestreben, die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter politisch-neutral zu gestalten, einen bedauerlichen Irrtum in der Wertschätzung des wirtschaftlichen Kampfes und eine Verflachung der Gewerkschaftsbewegung und dadurch eine Schädigung der ge- samten Arbeiterbewegung. Der Kongreß ist vielmehr der Ansicht, daß die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter nach den Grundsätzen des socialdemo- kralischen Parteiprogramms errichtet und geleitet werden und sie Pflcgestälten des socialistischen Gedankens sein müssen. Die politisch neutralen Gewerkschaftsorganisalionen betrachtet der Kongreß als nicht zeitgemäß � und hindernd für den Emancipationskampf der Arbeiter aus geistiger und physischer Knechtschaft. Der Kongreß erklärt serner seine Uebereinstiinmunq mit der am 12. März d. I. in Kellers Festsälen beschlossenen Resolution und stellt sich nach wie vor auf den Boden der Programm- Resolutionen, die auf dem 1. und 4. Kongreß beschlossen wurden." Es folgt hierauf das Referat von T h. F i s ch e r über: Organi- sation, Streiks, deren Regelung und Unter- st ü tz u n g. Der Redner verweist darauf,� daß der Kleinkrieg, wodurch sich die Arbeiter früher bessere Arbeitsbedingungen erringen konnten. nicht mehr durchstihrbar ist. nachdem sich auch das Unternehmertum Organisationen geschaffen hat, und daß jetzt allgemeine, umfangreichere Kämpfe erforderlich sind, um für die Arbeiter Erfolge zu erzielen. Die ganze Kampfesweise hat eine Aenderung erfahren, insbesondere auch dadurch, daß zwischen Arbeiter- und Unternehmer-Organisationen Verträge über die Lohn- und Arbeitsbedingungen vereinbart werden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Verträge von langer Dauer nur den Unternehmern zum Vorteil gereichen, daß aber kurzfristige Ver- träge auch für die Arbeiter von großem Nutzen sein können. Auf alle Fälle erfordern die gegenwärtigen Kämpfe größere Mittel als die früheren und die Organisationen müssen, um leistungsfähig zu sein, hohe Beiträge erheben. Mit den niedrigen Beiträgen und mit den bisherigen Mitteln ist ein Vorwärtskommen nicht möglich. Nach- dem die Erwartungen, die man an die bisherigen diesbezüglichen Ein- richtungen geknüpft, sich nicht erfüllt, mutzten andre Maßnahmen ge- troffen und der Geschäftskommission die notwendigen Mittel angegeben werden, damit sie im stände ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Der Redner begründet sodann ein neues, von der Vertrauensmänner- Centralisation beantragtes Regulativ und empfiehlt dessen Annahme. Zu diesem Punkt liegen außerdem Anträge vor von der Ge- schäftskommission der Töpfer, von den Berliner Maurern, den Musikinstrumenten-Arbeitern, vom Verein der Tischler Berlins und vom Genossen Keßler, die alle über die Aufbringung der Gelder und Unterstützung bei Streiks sowie über die Zugehörigkeits- bedingungen zur Geschäftskommission handeln. Nachmittags-Sitzung. Gehl- Berlin wendet sich in längeren Ausführungen gegen das bisherige Umlageverfahren und stellt im Einverständnis mit seiner Organisation den Grundsatz auf. daß die erforderlichen Mittel zur Unterstützung der Streiks ec. jede Gewerkschaft selbst aufzu- bringen hat und zu diesem Zweck neben den Vereinsfonds einen Streikfonds einrichtet und einen Jahresbeitrag von mindestens einem halben Wochenlohn erhebt. Eine auf solcher Grundlage aufgebaute Gewerkschaft soll dann, wenn die Mittel zum Streik nicht aus- reichen, von den andren Organisationen unterstützt werden. Hü rtler- Berlin empfiehlt die Schaffung eines.Central-Streik- fonds", wozu jede Gewerkschaft 40 Proz. ihrer Vierteljahres- Ein« nahmen an dieGeschäftskommission abführensoll. Das bisherige Umlage- verfahren soll bestehen bleiben und sechs Lohnklassen gebildet werden. E. Böttcher- Berlin befürwortet die von den Musik- instrumenten-Arbeitern gestellte Resolution, nach welcher u. a. jede Gewerkschaft, die Geldmittel entsprechend den Lohnverhältnissen wie beim bisherigen Umlageverfahren, jedoch nicht über 50 Pf. pro Mitglied an die Geschäftskommission abführen soll. Der so geschaffene Streikfonds ist nur zu größeren, allgemeinen Kämpfen bestimmt und sollen Werkstätten- und kleinere Streiks von den in Betracht kommenden Gewerkschaften selbst gedeckt iverden. Auf eine Anfrage wird vom Geschäftsführer T h i e m e mit- geteilt, daß die Einnahme der„Einigkeit" bei 17 000 Abonnenten und wenn der bisherige Preis derselbe bleibt, inkl. der Jnsertions- gebühren 10 850 M. pro Quartal betragen würde. Demgegenüber ist mit einer Ausgabe von 7326 M. zu rechnen, so daß noch nach Abzug der Agitationskosten vierteljährlich ca. 2700 M. Gewinn ver- bleiben würde. Nachdem noch Baer, Uessem, Strasser, de Price, Behren d, Heyden und K l a m m e ck zum 3. Punkt der TageS- ordnung, wozu 26 Redner eingezeichnet, gesprochen, wurde eine fünf- gliedrige Kommission beauftragt, aus den vorliegenden Anträgen dem Kongreß einheitliche Vorschläge zu unterbreiten. Hierauf referierte A. Klei'nlein über die deutsche Handelspolitik und die Lage der Arbeiter. Von einer Diskussion über den Vortrag, in den der Referent die gegenwärtig beliebte Politik einer sehr zutreffenden Kritik unter- zog und die traurigen Zustände, unter denen die arbeitende Be- völkerung leidet, schilderte, wurde Abstand genommen und einstimmig nachstehende Resolution beschlossen: Der fünfte Kongreß der Vertranensmänner-Ccntralisation der Gewerkschaften Deutschlands protestiert energisch gegen den von der Regierung veröffentlichten Entwurf eines Zolltärif-GesetzcS. Durch diesen Zolltarif würde, wenn er Gesetz werden sollte, 1. die Volksernährung bedeutend verteuert, und 2. der Abschluß von Handelsverträgen mit andren Staaten zur Unmöglichkeit gemacht werden. Durch die Verteuerung der Lebensbedürfnisse des Volkes, der die Löhne der Arbeiter nicht in der nötigen Höhe mit der erforderlichen Schnelligkeit folgen könnte, würde die Gesundheit, die Sittlichkeit und die wirtschaftliche Lage des Volkes bedeutend . gefährdet und geschädigt werden.. Es würden dadurch endlose schwere Kämpfe zwischen den Betriebsunternehmern und den Ar beitern wegen der notwendig werdende» Lohnerhöhung hervor gerufen werden, die den Volkswohlstand schwer erschüttern müssen. Da sie besonders wegen der mangelhaften Koalitionsfreiheit der deutschen Arbeiter sehr häufig zu Ungunsten der Arbeiter ausfallen Iverden, würde eine wesentliche Herabminderung der Lebenshaltung der Arbeiter eintreten, die den Ver- brauch an Waren noch weiter herabmindert, als es jetzt schon sehr zum Schaden von Industrie und Landwirtschast der Fall ist. Um die Krisen in unsrem Wirtschaftsleben, unter welchen wir so oft, und auch gegenwärtig so schwer leiden, zu beseitigen, ist es notwendig die Volksmasien verbrauchsfähiger zu machen, als sie es find. Die durch den Tarifentwurf hervor- gerufene Verteuerung der Waren würde aber den Verbrauch ver mindern und dadurch die Krisen öfter und schwerer machen. Diese Wirkung müßte besonders auch deshalb eintrete», weil die Behinderung des Abschlusses von Handelsverträgen die andren Völker zu Gegenmaßregeln gegen unsre Ausfuhr anreizen müßte, wodurch unsre Industrie lahm gelegt, also die Arbeitsgelegenheit für die deutschen Arbeiter vermindert und dadurch weitere Ursache zum Herabmindern der Arbeitslöhne gegeben würde. E würde also der Fall eintreten, daß Deutschland seine Bevölkerung nicht mehr würde ernähren können, und daß sie noch mehr wie bisher durch Not und Elend zur Auswanderung getrieben werden würde, damit sie»och weiter durch Nachschub aus weniger kultivierten Ländern des Ostens ersetzt und der nationale Bestand Deutschlands gefährdet werden müßte. Der Kongreß läßt daher den Mahnruf an die gesamte deutsche Arbeiterschaft ergehen, alle Mittel zu benützen, um den neuesten Anschlag auf noch größere Ausbeutung des arbeitenden Volkes zu Schanden zu machen. «« Berichtigung. Vom Genossen Baer- Krefeld werden wir er» sucht, dem gestrigen Bericht nachzutragen, daß die Zwistigkeiten zwischen dem Weberoerband und dem Kartell in Krefeld darauf zurückzuführen sind, daß das Kartell den Weberverband nicht als gleichberechtigt anerkannt und dessen Auflösung zu Gunsten des Textilarbeiter-VerbandeS verlangte. VerscrnttnlAlrgcn. Gegen die willkürliche Milchvertencrung nahm am Montag wiederum eine gut besuchte, von den socialdemo- kratischen Frauen einberufene Volksversammlung Stellung, ivelche im großen Saal des Gcwerkschaftshauses tagte. Die Frauen waren zahlreich vertreten. Genossin Martha Tietz hatte wieder, wie in der früheren Versammlung, das Referat übernommen. Klar»nd übersichtlich legte sie auch hier dar. wieso in dem heurigen Kampfe gegen die Milchverteuerungspläne der Nimmersatten Agrarier, denen sich leider auch viele der Wirtschaftlich« Kleinen an- geschlossen hätten, das Interesse der konsumierenden Bevölkerung, namentlich ihres proletarischen Teils und ganz besonders das der irauen mit dem Jutereffe der Milchpächtcr zusammenfalle. Nach age der Verhältnisse könnten die Milchpächter Berlins die von den Milch produzierenden Gutsbesitzern und Bauern bestimmte Erhöhung des Preises nickt selber tragen; im Falle des Unterliegens wären sie gezwungen, sie auf das Publikum abzuwälzen. Was das für tausende und abertansende Arbeiterfamilien bedeute, liege auf der Hand. Den Säug- lingen zum Beispiel müsse entweder die Nahrung verkürzt oder verschlechtert werden oder die übrigen Familienmitglieder müßten sich noch schlechter ernähren, als bisher. In unsrer Zeit des Wirtschaft- lichen Rückgangs, der ungeheuren Arbeitslosigkeit, der Verteuerung vieler andrer Nahrungsmittel sei das Vorgehen der in der Milchcentrale vertretenen Milchproduzenten,' zu dem sie nicht etwa die Not zwinge. ein frevles Spiel mit der Vollsgesundheit. Dagegen muffe energisch Front ge- macht werden. Den Agrariern, deren angebliches Gottvertrauen Rednerin unter großem Beifall treffend glossierte, müsse die Lust zu weiteren Beutezügen gegen die Konsumenten genommen werden. Vor allem liege es hier an den Frauen, ihr eignes Interesse und das der Familie zn wahren. Plakate, versehen mit dem Stempel des Vereins Berliner Milchpächter, würden anzeigen, wo ringfreie Milch verkauft werde. Nachdem Rednerin sich noch über die Lebensmittelverteuerung im allgemeinen kritisch ausgelassen hatte, schloß sie ihre mehrfach von Beifall unterbrochenen Ausfühnmgen mit einein Mahnwort, den Kampf gegen die Niegesättigten in jeder Beziehung durch Agitation innerhalb und außerhalb des Hauses zu fördern und ihn siegreich durchzuführen.(Anhaltender, donnernder Applaus.) Nach dem Vortrage verließ Herr Kolb von der Milch- centrale trotz stürmischer Zurufe, zu bleiben, den Saal. An der Debatte beteiligten sich mehrere Männer und Frauen, die sämtlich den Boykott der Milchcentrale, welche dreihundert Läden errichten will, lebhaft befürworteten. Unter anderm wurde vor einer Genossenschaft mit beschränkter Haftung„Dargel, Schmiedel u. Comp." gewarnt, die voraussichtlich dem Ring„Ring-Düppel„ Vorspanndienste leisten würde.— Ein- stimmig wurde die schon neulich beschlossene Protestresolution an- genommen und beschlossen, von der Milchcentrale vorläufig keine Milch zu beziehen und die Händler zu unterstützen, welche den bis- herigen Preis aufrechterhalten wollen. Der socialdemokratische Arbeiterverein in Spandau hielt am Donnerstag eine außerordentliche Generalversammlung ab. Ge- nosse Th. Metzner-Berlin hielt einen Vortrag über„Die Wirtschaft- liche Krise, ihre Ursachen und Wirkungen", der mit Beifall auf- genommen wurde. Alsdann rief die Angelegenheit des Genossen Ducksch eine stundenlange, stellenweise sehr hitzige Debatte hervor. Dem Genossen D. wurden aus seiner Stellungnahme zu einzelnen Fragen in der Stadtverordneten-Versammlung, ganz be- sonders aber ouS der etwas starken Hervorlehrung seines eignen Geschäftsinterefses in Sacken der Maschinisten und Heizer und in einem weiteren Fall betreffend die Empfehlung seines Lokals im „Vorwärts" unter„Berliner Parteinachrichten" seit einiger Zeit Vor- würfe gemacht. Eine von der letzten Wahlkreis-Konfercnz eingesetzte Kommission hat in Gemeinschaft mit der örtlichen Parteileitung und unter Hinzuziehung des Genossen Ducksch getagt;»ach eingehender AuS- spräche hatte dann D. die Erklärung abgegeben, daß er auf sein Stadtverordneten- Mandat verzichte. Daraufhin hatte die Kommission den Vorschlag gemacht, daß der Genosse Ducksch sein Stadtverordneten- Mandat bis zum Ablauf(1. Januar 1902) ausfüllt und alsdann bis auf weiteres auf jedes öffentliche Amt in der Partei verzichtet, und daß damit alle Streitigkeiten bei- gelegt sein sollten. Dieser Vorschlag wurde von der kombinierten Konferenz und auch von dem Genossen Ducksch einstimmig acceptiert. Nachträglich glaubte D. jedoch mit der Stadtverordneten- fraktion(ausschließlich Riegers) gegen diesen Ausgleich remonstrieren zn sollen, obgleich fünf der Stadtverordneten trotz erfolgter Einladimg zu jener kombinierten Sitzung überhaupt nicht erschienen waren. Deshalb mutzte sich die außerordentliche Generalversammlung mit der An- gelegenheit beschäftigen. Nach einer sachlichen Darstellung durch den Genossen Lemme, welcher namens der Parteileitung den Schieds- spruch aufrecht erhielt, erfolgte eine ausgedehnte heftige Auseinander- sctzung. Dann wurde ein'Antrag Wohwod, welcher dem Genossen Ducksch zu seinem Verhalten das Mißfallen der Generalversammlung' ausspricht und seine der Kommission gegebene Erklärung aufrecht erhält, mit großer Majorität angenommen. Bei der Gegenprobe stimnite niemand dagegen. Stadtv. Kunkel kündigte hierauf die Niederlegung seines Man- datS an. In dem Bericht über die Stcinsetzer-Bcrsammlung in gestriger Nummer ist ein sinnentstellender Druckfehler enthalten. Es mutz auf der 10. Zeile u. ff. heißen: Denjenigen Firmen, welche de» Tarif bis 31. März 190.? anerkannt haben..., soll der Vorschlag gemacht werden, ebenfalls der Verlängerung des Tarife? bis 1904 zuzustimmen._■ Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser lieber Gatte und Vater, der Gastwirt Gustav Meyer, im Alter von 55 Fahren nach längerem Leiden sanft entschlasen ist. Die Be- erdigung findet Donnerstag, den 26. September, nachmittags 3Vz Uhr, von der Charits aus nach dem Charüö-Kirchhof, See- und Müller- strasten-Ecke statt.!Um still« Teilnahme bitten Die trauernde Gattin nebst Tochter._ Allen Genossen des 6. Wahltreises zur Nachricht, dast unser alter Partei- geuosse, der Schankwirt Gnstav Meyer im Alter von 55 Jahren am 22. d. M. gestorben ist. Die Genosten des 644. Bezirks. Den Partetgenoffen zur Nachricht, dast unser Mitglied, der Schankwitt Gustav Meyer, Reinickendorserstr. 57d. am 22. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet am Donners- tag, den 26. d. M., nachm. 3Vj Uhr, von der Charits aus nach dem Charitö- Kirchhof, Seestrahe, statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 248/19 Der Borstand. Am 23. d. M. starb sanft nach kurzem Leiden mein lieber Mann, unser guter Vater, Sohn, Schwiegersohn, Bruder und Schwager der Tischler 22g9L Gtte Welnert tm 37. Lebensjahre. Dies zeigt tiefbetrübt au im Namen der Hinterbliebenen «edvig Welnert, geb. Höppncr. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2«. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus-Kirch- Hofes aus statt._ Socialdemokratisclier Wahl verein für den 4. Berl. Reiclistags-Wahlkreis. Osten. Todes-Anzeige. Am Montag, den 23. d. M, starb unser Mitglied, der Möbelpolierer Älbert Lanschke. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donners, tag, den 26. d. M., nachm. 5 Uhr, von der Leichenhalle des Krankenhauses Friedrichshain aus nach Wilhelmsberg statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet 266/2»er Verstaud. Mflnö ücr MelMem. Am 22. d. M. verstarb unser Kollege A\hevt Lauschke im Alter von 36 Jahren.[147/18 Die Beerdigung findet am DonnerS- tag, den 26. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Kranken- Hauses Friedrichshain nach Wilhelms, berg statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet Ver Vorstand. Danksagung. Für die zahlreiche Blumcnfpendung, sowie für die bewiesene Teilnahme beim Hinscheiden meines treuen Gatten, unsres guten Vaters sagen wir allen Freunden und Bekannten, besonders den Vereinen unsren herzlicksten Dank. 23g IL «ivo» Sloei'beek. _ nebst Kindern. + Herren-Vostrag+ Carl BruckholT, Fricdrichstr. 10, über: Sogenannte unheilbare Männer- leiden Mittwoch, den 25. Sept., abends '/.g Uhr, im Alten Bürgergarten. Lindenstr. 195. Nur Herren! Eintritt: frei! (571 b Dr. Schünemann, Spectalarzt für Haut-, Harn- und Frauenleiden, t�eydelstr. 9. Sprechstunden: V212-V23, Vt6-V,8. Roh-Tabak 18308*) Max Jaooby, Strelitzerstr. 52. Möbel Spiegel a. Polslerwaren reell, zu soliden Preisen, empfiehlt H. Strelo W, Tischlermeister, Rivrinpf Richardatr. 116, mAÜUn» am Denkmal.• Während der WMMgszeU kann die Hausfrau auf die Herstellung der täglichen Mahlzeiten nicht viel Arbeit verwenden. Da bilden die bekannten Maggi-Erzcugnisse eine willkommene Erleichterung. Mit Würfel« a 10 Pf. lassen sich in kürzester Zeit- nur mit Wasser- Ä Teller vorzüglicher Suppe herstellen. Mehr als 30 Sorten.- Maggis Bouillonkapfeln a 12 ««b 16 Pf» geben sofort, durch einfaches Uebergießen mit heißem Wasser, 2 Tasien ausgezeichneter Fleischbrühe bezw. feinster Kraftbrühe.—(Zuhaben, wie auch das beliebte„Maggi zum Würzen" in allen Kolonialwaren- und Mehlgeschäften.) Au die Berliner IHileHerbrancIier! 1875 erhielt der Landwirt für 1 Liter Milch ftanco Berlin 13—16 Pfennig, 1960 war der Preis franco Berlin bis auf 11— IlVe Pfennig heruntergetrieben. Trotz dieses Vreissailes nahm der Vandel von der iuisfton ä in diesen 25 Jahren 20 M. pro Iii« Milch ab Jaden. Bei 3600 Proben, die die Milchcentrale in den letzten Wochen kaufen und untersuchen ließ, kostete 1 Liter Milch ab Laden: in 4 Fällen 30 Pfennig, l"" 16' lMen zur Einsicht). I 3643" 20" Während der Milchhandel also 4—5 Pfennig den Liter billiger kaufte als vor 25 Jahren, bezahlte die Hausfrau denselben Preis von 20 Pf. Jahr aus Jahr ein. Von Jahr zu Jahr erhoffte der Milchbauer ein Steigen der Milch- Engrospreise, da(Eisen. Kohle. Kleider-c.) und die Löhne JJJ jlltstll 25 IllhMl 40% Attgkll un& bcr Preis seiner Erzeugniffe dauernd gefallen ist. Der Versuch einer großkapitalistischen Gesellschaft, im Winter 1900/1901 auf Grund eines Patentes ein Milchmonopol für Berlin auszubringen, brachte den Stein zum Rollen. Die Landwirte forderten im Frühjahr 1900 vom Milchhandel 13Va Pf. pro Liter Vollmilch frei Berlin im Großhandel— die Milchhändler lehnten ab, rieten aber, nur einen Pfennig mehr zu nehmen. Die Landwirte gaben nach und so kam der Milchpreis auf 12—12% Pf. frei Berlin Bahnhof für 1901. Im Winter 1900/1901 erfror der größte Teil der Saat und der Klee; der trockene Sommer ISvl liest eine Futternot entstehen, wie sie schlimmer seit 34 Jahren nicht gewesen ist. Trotz olitbm lehnten die Miilhpiilhter jede Verhandinng mit den. in der MilAentrale ge- einigten 5000 märtiischen Danern briisk ab! Kein Wort des Angriffs ist bis hente seitens der Mitlhbanern gefallen, in allen Ueröffent- tilhnngen ig gesagt marbeni Milchhandel wollen wir das Geschäft zusammen machen." Unsre Molkerei ist nur erbaut, um den oft um 100000 Liter in einer Woche schwankenden Bedarf zu befriedigen oder den Markt zu entlasten. Wir wollen den Berlinern das Beste bieten, was an Milch und Sahne zu beschaffen und erklären heute: 77/12, Hat der Berliner Milchhandel, dem wir lOOOOY Liter Milch ab Bahnhöfen, ab Molkerei und ab 3 in verschiedenen Teilen der Stadt gelegenen Verkaufsstellen am 1. Oktober zur Verfügung stellen, am 10. Oktober nicht gekauft und gepachtet, so eröffnen wir am 15. Oktober 300 Läden für Milch- und Sahne- Verkauf, und dann wird die Hausfrau dort kaufen, wo sie das Beste und Billigste für ihre Familie erhält; dann kann Konsument(die Hausfrau) vom Producenten(den Bauern) direkt Milch kaufen. Sollte die Hausfrau den Bauer, der feine Produkte möglichst direkt an sie liefern will». ohne dast sich der Preis erhöht, boykottieren? g I >ir glauben es nicht! Oentrale für Miiciiw@rwertiiii{| e. G. m. b. H> Berlin, Köthenerstr. 39. und Tom 1. Oktober an Schilling"Strasse 12. Kleine Anzeigen* 16 Buchstaben zählen doppelt, Mz Awvinw für die nächste anzeigen frummer werden in den Annahmestellen für Berlin bis 2 Uhr, f ür die Vororte bis 1 Uhr, ' in der ffauptexpedition Beuthstr.3 bis-1 Uhr atigenommen. r iste 2 rden Jm ti" jn m Verkäufe. Restauration menen Krankheit billig zu verkaufen. Näheres Char- lottenburg, Pestalozzistrabe 30.(1444« Mardineuhauö Grobe Krankfurter- strahe 9, parterre. fS?' Vorjährige elegante Hcrren-Winter- palctots und Anzüge aus feinsten Stoffen 2b— 40 Mark. Verkauf Sonn- abend und Sonntag. Versandhaus Germania, Unter den Linden 21, II. Weiche Herrenhüte, gute Qualität, Stück 95 Pfennig. Bessere Sachen enorm dillig. Hutsahrik, Comptoir Kaiserstrabe 2öL., früher Barnim- strabe 4 und 5._ Grosse Betten, 11 Mark an, echt chinesische Mandarinendaunen Pfund 1,90. 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