Ur. II. Abomiemtnts-Kedinzungen: VbonnemenlZ- Preis pränumerando: vierteljährl. 330 SDIf., monatt 1,103»»., wöchenllich 28 Pfg. frei ins Haus. Simelne Numm'F S Pfg. Sonntags- Nummer mir illutlrlcriec Sonntag!» Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in der Poft-Zeitungs» Preisliste für 1902 unter Er. 7878. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland S Marl pro Monat. IS. Jahrg. Die Jnftrtlsns-Grbkiifl beträgt für die fechSgefpaltens Kolons!» zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschastliche Verein?- und Versammlung»-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" jede» Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen biS i Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 3 Uhr vormittags geössnu. Erscheint täglich ausser Montag». Vevlinev VulKsvletft. Telegramm-Adresse: „»oriatdemokrat Berlin" Csntralorgan der sdcialdemokrcitischen Partei Deutschlands. Redaklivn: LW\ 19, Beutlk-Strafze 2. Fernsprecher i Amt I, Nr. 1508. Dienstag, de» 14. Januar 190Ä. Expedition: SW. 19, Beuch-Striche 3. Fernsprecher: Amt I. Nr. 5121. Polnischer Granit. Die Wege des Grafen Bülow sind dunkel. Ihn treibt der Ehr geiz, der Reichskanzler des Sinnlosen zu lverden. Es drängt ihn. politische Aktionen zu unternehmen, deren Zweck niemand, deren Aussichtslosigkeit jeder einsieht. Will er den Zusammenbruch organisieren, ist er nur zufrieden, lvenn er seine Niederlagen vor- bereiten kann? Oder fühlt er in sich das Talent zunl Verwandlungs künstler, der ans der Bühne hundert Rollen spielt, nur um das Glück geuiesie» zu können, in hundert Rollen ausgepfiffen zu werden. Oder muff er diese zapplige Politik treiben, weil er sich verpflichtet fühlt, alle möglichen fremden wechselnden Aufträge schnell und prompt auszuführen? Sicher ist, daß von keinem Standpunkt irgend ein vernünftiger Grund ermittelt lverden kann, aus dem der Kanzler, als ob nicht übergenug Explosionsstoff bereits aufgehäuft wäre, plötzlich einen grimmen Feldzng gegen die Polen eingeleitet hat, der ihn mit der treuesten Regierungspartei, dem Centrum, in unvermeid lichen Konflikt bringen muß, und der obendrein zum schmählichsten Mißerfolg notlvendig führen muß. Gäbe es eine ernsthafte groß- polnische Bewegung, sie sollte den Grafen Bülolv als ihren besten Agitator anstellen. Der bereits in der preußischen Thronrede angelüiidigte Kampf gegen die Pole» hat im A 6 g e o r d n e t e n h a n s e seinen Anfang genominen. Die Nationalliberalen, die keine Gelegenheit vorüber- gehen lassen, ohne sich der Regierung als Hüter des nationalen G dankenS in empfehlende Erinnerung' zu bringen, tonnten in ihrem Uebereifer den Beginn des Kampfes nicht erivarten. Sic hatten die Regierung im Abgeorduetenhause über die Maßnahmen interpelliert, die sie zu ergreifen gedenkt, uni den Worten der Thronrede geinäß „in den östlichen Provinzen dem Deutschtum die politische und wirtschaftliche Stellung zu erhalten, auf der es durch seine lange, uuter der Iveise» Führung der Hohcnzolleriischcii Fürsten geleistete Kulturarbeit gerechten Anspruch erworben hat. das Deutschtum zu pflegen, staatsfeindliche Bestrebungen abzuwehren und das Zurück- drängen deutscher Sprache und Sitte zu verhüten." Gleichzeitig stand am Montag eine Interpellation der Pole» zur Verhandlung, ob die Regierung„in Anbetracht der bekannten Schulvorgäiige in Wreschen und im öffentlichen Interesse überhaupt es nicht für geboten erachtet, die auf dem Gebiet des Religions Unterrichts in den Volksschulen der sprachlich gemischten LandcStcile getroffenen Anordnungen einer Abänderung zu unterwerfen." Die Nationalliberalen schickten zur Begründung ihrer Jnter- pellation nicht den Specialisten für Polenveruichtmig, Herrn Dr. Sattler, sondern den früheren Staalsministcr H o b r e ch t vor, der in ruhigerer und friedlicherer Weise, als man es sonst an den Nationalliberalen geivohnt ist, die angebliche Gefahr der groß- polnischen Bewegung schilderte und die Regierung ermunterte, in dem seit einigen Jahre» auf dein Gebiete der Polenpolitik ein geschlagenen Wege fortzufahren. Der Redner verwahrte sich ans drücklich dagegen, daß seine Interpellation etwa beabsichtige, die Regierung zu Ausnahmegesetzen anzuregen. Das Haus hörte seine Rede mit Aufmerksamkeit, aber ohne besondere Erregung a». Lebhafter wurde es, als der Pole Dr. v. I a z d z e w s k i die Tribüne bestieg und i» leidenschaftlicher, durch die fortgesetzt gegen seine Landslcnte verübten Ungerechtigkeiten leicht erklärlicher Weise schwere Angriffe gegen die Regierung richtete. Als er mit Bezug auf die Wrescheuer Vorgänge die Bemerkung machte, daß die Ge- rechtigkeit, die sonst nur eine Binde vor den Augen trage, in Wreschen aus Scham das ganze Gesicht verhüllt habe, erschollen leb- hafte Pfui-Rufe ans den Reihen der Konservativen und National- liberalen, und der Präsident rief den Redner wegen Beleidigung preußischer Richter zur Ordnung. Unter gespanntester Aufmerksamkeit erhob sich der Minister- Präsident Graf Bülow, um in seiner fast zweistündigen Rede ein prächtiges Dokument germanischen Geistes vom Jahre 1902 darzn- bieten, das sicherlich wesentlich dazu beitragen wird, die Polen so tief von der geistigen Ueberlegenheit des deutschen Stammes Bülolv- scher Haarfarbe zu überzeugen, daß sie freiwillig aufhören, Polen zu sein. Wer möchte nicht einem Bolke angehören, dessen höchster Beamter ein so gewaltiger Träger feinster Kultur ist: Die tief- sinnigsten Ewigkeitsworte strömten nur so von seinen Lippen. „In nationalen Dingen", so rief der Kanzler grandios auS, verstehe ich keinen Spaß." Das erhabene Wort kann unmittelbar ans die Walze gebracht werden, als Variante zu den Deutschen, die niemand fürchten als Gott: Ich, Graf Bülow, laß gefallen Scherzend, tändelnd gern mir dies und da-Z, Aber in nati-onalen Fragen, da oersteh' ich keinen Spaß.... Begeistert jubelten dem Grafen die doppelt gesiebten Volks- Vertreter zu. ein Jubel, der noch gesteigert wurde, als Graf Bülow eine» Cmitus ans den„größten deutschen Staatsmann", den Fürsten Bismarck, aiistimmte. Der neue Ministerpräsident ist mich wirklich lüstern_ nach Bisniarckschen Blamagen. Wie dieser die Socialdemo- lratie, so glaubt Graf Bülow die Polen durch ein Ausnahme- g e s e tz zur Strecke bringe» zu können. Aber so ganz ist er als schwächlicher Epigone doch nicht von der Wirkung eines Ausnahmegesetzes überzeugt und deshalb will er„zur Zeit" davon absehen, mir will er sich die Hände nicht binden. Eiilstweile» glaubt er durch einfachere Mittel auskommen zu können. Er will die win- schaftliche Lage der Deutschen im Osten, vornehmlich der Großgrnnb- bcsitzer, stärlen, er will deutsche Garnisonen nach polnischen Städte» legen und vor allem die Beamten in den Ostmarken durch Gehalts- «rhöhmigen und Aussicht auf schnelle Beförderung znc Gcrmanisierungs- politik anstacheln Mittel, die zweifellos ihre Wirkung nicht ver- fehlen werden, allerdings in einem der Regierung unangenehmen Sinne. Der Kampf wird Millionen kosten, das deutsche Volk wird vom neuem geschröpft lverden, und die Regierung wird schließlich doch die Waffen strecken müssen. Dabei hatte Graf Bülolv sogar ein gelvisses Bewußtsein davon, daß die neuerdings betriebene Polenpolitik schlechterdings verkehrt nnd unwürdig ist; denn er gab die Wrescheuer Vorgänge preis und erklärte, daß lünftig nicht mehr den Kindern das deutsch-nationale Christentum cingebläut lverden soll. Trotz dieses Zugeständniffcs ergriff nach Bülow der Kultus- minister S t u d t das Wort, um— die Rohrstockpädagogen von Wreschen zu verherrlichen. Oder hat die Regierung etwa nur deshalb für den RcligionSnnterricht das Prügeln verboten, damit in den andern Lehrstunden um so kerniger a posteriori germanisiert lverden kann?— Als erster Disknisionsredner mahnte Abg. Fritzen(C.) die Regierung dringend, von ihrer falschen Politik abzustehen und de» jetzt beschrittenen Weg zu verlassen. Im Gegensatz dazu überbot sich der konservative Redner Abg. bon Heydebrandt in den über- schwenglichsten Lobreden ans den Grafen Bülow. Zum erstenmale habe man seit langer Zeit wieder einmal ein deutsches Wort von der Slegierung gehört. Graf Bülow ist jetzt endlich ein Mann ganz nach dem Herzen der Junker, die von ihm die Erfüllung ihrer dreistesten Wünsche erwarten. Um sonst loben die preußischen Junker keinen Minister, sie wollen dafür bare Münze sehen, und so benutzte denn Herr v. Heydebrandt die Gelegenheit, um sofort die Regierung um vermehrte Liebes- gaben für den o st elbische n Großgrundbesitz auzu- schnorren. Die Herren verstehen sich eben aufs Geschäft. Nachdem noch der Pole S t y ch e I die Maßnahmen der Negierung. die nur dazu angcthan seien, das Selbstbewußtsein der Polen zu stärken, scharf bekämpft hatte, ivurde die Debatte auf Dienstag vertagt. «• « Wenn es nach den tönenden Worten des Kanzlers geht, so stehen wir vor einem inneren Bocrenkrieg. und die polnischen Landesteile werden in ein Konzentrationslager verwandelt. An eine polnische Gefahr glaubt kein Vernllllftiger. Aber die germnnisatorische Gefahr besteht, daß die deutsche Kultur zum Gespött wird und der Verachtung und dem Haß anheimfällt, anstatt daß sie durch ihre innere Kraft propagandistisch wirkt. In nationalen Dingen, das heißt in dem Recht auf die Er- Haltung nationaler Eigenart, versteht niemand Spaß, am aller- wenigsten die Polen. Und Graf Bülolv wird bald belehrt werden, daß seine Politik nichts andres erreichen wird, als das Polentinn zu Granit zu härten. Die Zolltarif- Kommission ist Montag nicht über die Beratung eines Absatzes des Z 1 hinausgekommen. Die Abgg. Bebel, Molkrnbnhr, Singer und Stadthagcu haben beantragt, an Stelle des Absatzes 1 im 8 1 der Regiertmgs- vorläge in dem neuen Tarifgcsetz die zollfreie Einfuhr von Getreide, Butter, Fleisch, Geflügel, Wild, Fischen, Heringen, Mühleltfabrikateii, Schmalz, Eier, Zug- und Schlachtvieh aller Art. gesetzlich festzulegen. Der Vorsitzende v. Kardorff ivill diesen Antrag nicht zur Be- ratung stellen, weil nach seiner Ansicht der Antrag beim Zolltarif bezw. bei den einzelnen Positionen und nicht bei dem Tarifgesetz zu beraten ist. Singer weist ans dem Wortlaut der RegierungSborlage nach, daß in dem K 1 Absatz 1 von„nachstehendem Zolltarif" die Rede ist, daß also Artikel, die nicht mit Zöllen belegt lverden sollen, im 8 1 bezeichnet werden müssen. Redner beantragt, daß die Kam« Mission, falls der Antrag nicht sofort verhandelt lverden solle, den Absatz 1 deS 8 1 später und dann in Verbindung mit dem social- demokratischen Antrage beraten solle. Speck ist der Meinung des Vorsitzende», hat jedoch nichts gegen die Aitssetzuiig der Beratung einznivenden. Die Kominijsion beschließt, die Beratmig deS Absatzes 1 des§ 1 nach dem Antrage Singer anSzitsetzen. Vom 8 1 bleibt nun nur noch der Absatz 3 zur Beratung. Derselbe lautet: „Ans die Erzengnisse der deutschen Zollausschiisse finden die vertragsmäßigen Zollbefreiungen und Zollermäßiguitgen An- lvendung, soiveit nicht der Bundesrat Ausnahmen vorschreibt. Den Erzeugnisien der Kolonien und Schutzgebiete können die Vertrags- mäßigen Zollbefreiungen und Zollermäßigungen durch Beschluß des Bnndcsrals eingeräumt werden." Hierzu haben die Socialdemokraten folgende Abänberimg beantragt: Absatz 3 des§ 1 wie folgt zu gestalten: Auf die Erzengniffe der deutschen Zollausschiisse, der Kolonien nnd Schutzgebiete finden die vertragsmäßigen Zollbefreiungen und Zollermäßigungen An- ivendung. Bei der Einfuhr von Waren aus Dcutschlnitd in die deutschen Kolonien und Schutzgebiete dürfen Zölle nicht erhoben werden. eventuell in 8 1 Absatz 3 a) in Satz 1 nach„Bundesrat" einzuschalten:„niit Genehmigung des Reichstags", b) in Satz 2 statt „Bundesrais" zu setzen„Reichstags". In der Begründnng dieses Antrages weist Ttadthagcu nach. daß durch die Bestimmung der Regierungsvorlage die Rechte des Reichstags verletzt werden. Der Reichstag dürfe sich das Recht, an der Abänderung der Gesetze nütznwirken, nicht nehmen lassen, lim einseitige Maßnahmen deS Bundesrats unmöglich zu machen, müssen ivenlgftenS Sie Eventualanträge der Socialdemokraten angenommen werden, aber es sei principicll zu verlangen, daß Zollausschüsse, Kolonien und Schutzgebiete nicht schlechter gestellt werden dürfe», als die Vertragsstaaten und die Entscheidung des MeistbegünstigungS- rechts dürfe nicht von dem Wohlwollen des Bundesrats abhängen, sondern sei gesetzlich festzulegen. Ebenso könne man die in den Kolonien lebenden Deutschen nicht schlechter stellen, indem man ihnen Bedarfsartikel aus Deutsch- land durch Zölle verteuere. Die Einfuhr von Waren aus Deutsch- land in die Kolonien müsse daher freigegeben lverden. Gothein schließt sich dem ersten Satz des socialdemokratischen Antrages an und Iveist nach, daß das Meistbegiiiistigniigsrecht für die Erhaltung der in den Zollausschlüssen(Freihafengebiet in Hamburg nnd Bremen) befindlichen Industrien eine Lebensfrage ist. Dagegen erklärt sich Redner gegen den ziveiten Satz(freie Einfuhr ans Deutschland nach den Kolonien) des Antrages, bei dessen A>>- nähme Differenzen aus de» bestehenden Verträgen mit andren Staaten(Eiigland uslv.) entstehen würden. Staatsekretär v. Richthofcn bestätigt die letzten Ausführungen und hält EingangSzölle für die Kolonien zur Aufrechterhaltung der Finaiizwirtschaft notwendig. Stadthagen fragt, welche Staaten in Nachteil bei freier Ein- fuhr in die Kolonien kämen. Es sei ganz unbegreiflich, daß man die Deutschen in den Kolonien wirtschaftlich schlechter stellen Ivolle, als im Mutterlaude nnd daß Artikel, die zur Erhaltung der deutschen Schutztruppen bestimmt seien, durch Zölle verteuert werden sollen. Der Bundesrat benutzt das Recht einseitige Bestimmungen über Zollberträge zu erlassen. Brömel vermißt die Begründung des Bundesrats für sein Ver- langen, einseitig Maßnahmen zur Abänderung des Gesetzes ergreifen zu dürfen. Es ist bisher kein Versuch gemacht, nachzuweisen, warum diese Bestimmung aufgenomnien ist. Redner spricht für den ersten Satz des socialdemokratischen Antrags, ist jedoch gegen freie Einsuhr in die Kolonien. Graf v. PosadowSky kündigt an, daß die neulich verlangten Verhandlungen deS wirtschaftlichen Ausschusses der Kommission zu- gehen lverden. Geheimrat Hänle verteidigt die Regierungsvorlage mit dem bestehendeil RechtSzustand, ivonach der Bundesrat Anordnungen treffen könne. Die freie Ausfuhr in die Kolonien verbiete sich, Iveil fremde Vertragsstaaten, Redner uenitt Luxemburg und Oestreich, geschädigt lverden und Einspruch erheben könten. Singer bedauert, daß der Vorredner seine Ausführungen nicht in der Begründung der Vorlage niedergelegt hat. Dann hätte man wenigstens gewußt, was den Bundesrat veranlaßt hat, die Bestimmung tvegen der Kolonien ailfzunehlnen. Richtig sei das Verhalten aber doch nicht. Denn Luxemburg nnd Oestreich kämen für die Kolonien tvcdcr jetzt noch in Zukunft in Betracht. Dieser Grund sei also ganz hin- fällig. Redner meint, es schiene, als ob sich die Mitglieder der Majorität ein Schweigegebot auferlegt haben. Dieses Verhalten wirke etwas komisch, weil dadurch auch die neulich von der Majorität so lebhaft unterstützte Absicht des Vorsitzenden, den Redneril ab- wechselnd für tmd gegen die Vorlage und die daran gelnnpften Anträge das Wort zu erteilen, vereitelt iverde. Es«verde den Herren aber nichts nützen, wenn nicht in der Kommission so doch im Plenum werde man schon Rede stehen müssen. Es erscheine unbegreiflich, tvie die Herren vom Ccntruln und von den Nationalliberalen das Recht des Reichstages leichtherzig anfzu- geben bereit seien. Redner lveist in längerer Ausführung auf die Wichtigkeit der verfassungsrechtlichen Frage hin, und bestreitet dein Bundesrat energisch das Recht, durch einseitige Verordiiuiige» den Reichstag seiner gesetzgeberischen Macht zu entkleiden. Für den Reichstag aber sei es in Vertretung der Volksrechte eine ernste Pflicht, diesem Versuch des Bmidesrnts mit aller Kraft entgegen- zutreten. Der socialdemokratische Antrag sei in beiden Teilen durch- ans logisch, auch der angegriffene zweite Satz sei tinanfechtbar. Bei Ablehnung desselben würden die in den Kolonien lebenden Lands- lcnte zu Deutschen zweiter Klaffe degradiert und das könne doch nicht die Absicht der Parteien sein, die Hunderte bon Millionen für die Besiedelrnig der Kolonien mit Deutschen ansgeben. llnterstaatssekretär v. Fischer rechtfertigt die Vorlage damit, daß der Bundesrat als sein Recht, welches die Verfaffiiiig ihm giebt, in Anspruch nimmt, einseitig Verordnungen zu erlassen. Die Be- stimmmig lvegen der Zollansschlüsie usw. könne der Bundesrat allein erlassen und habe schon jetzt das Recht(Art. 7 der Verfassimg) dazu. Uebrigcns haben die interessierten Einzelstaatcu Hainbnrg nnd Bremen ihre Znstimmliiig dazu erteilt. Brömel legt gegen die staaisrechtliche Anffassnng des Vor- reduerS Verwahrung ein. Die Omnipoteiiz des Bundesrats habe eine Grenze an der Verfassung. Würde der Bundesrat so verfahre wie der Vorredner gesagt, so handle er verfassungswidrig. Stadthagcn wendet sich gegen die Aiisführnugen des RegiernngS- kommiffars. Das GeldbewilligungSrecht des Reichstages würde in Frage gestellt, wenn der Bundesrat einseitig das Recht hätte, Zoss- einnahmen einzuschränken oder anszudchnen. Die Verfassung gebe dem Bundesrat nur das Recht, die Ausführung der Gesetze zu über- lvachen, nicht aber das Stecht einseitig Gesetze abzuändern. Wenn der Reichstag daS verhüten ivolle, so müsse Abs. 3 8 1 entsprechend dem socialdemokratischen Antrage geändert werden. Paaschc führt gegen Singer aus. daß die Nationalliberalen keine Rechte des Reichstages aufgeben wollen. Redner meint, daß die von der Regierung vorgeschlagene Fassung genau dem jetzigen Rechtszustand entspricht, wünscht aber auch eine Einschränkimg etwa dahin, daß solche Verordniuigen dem Reichstag mitgeteilt und event. auf sein Verlangen aufgehoben lverden müssen. In de» weiteren AllSführiliigcu wendet sich Redner gegen die Anträge bezüglich der Kolonien, deren Annahme eine Gefahr für die Meistbegünstig,»igS- vertrüge zur Folge haben würde. Gothciu wendet sich nochmals gejzen den zweiten Satz des socialdcmolratischc» Antrages, verteidigt dagegen den ersten Satz lind fragt, Ivas sich der Bundesrat dabei gedacht hat, als er die Zollausschliisse schlechter gestellt. Wenn die Vertreter Hamburgs und Bremens zugestimmt, so haben die Herren gegen die Ansichten ihrer Handelskammern gestimmt. Die Socialdemokraten stellen einen Eventualantrag, der den Acusterungen Paasches entspricht. Der Antrag, der zwischen den ersten und zweiten Satz des Absatz S§ 1 einzuschieben ist, lautet: «Die getroffenen Anordnungen sind dem Reichstag sofort oder, wenn er nicht versammelt ist, bei seinem nächsten Zusammentritt mitzuteilen. Sie sind außer Kraft zu setzen, wenn der Reichstag die Zustimmung nicht erteilt'. Spahn erklärt, daß der Bundesrat nach Artikel 7 der Verfassung das Recht hat, so zu verfahren, wie der Regicrnngskommisjar ans- geführt hat. Deshalb sei der Absatz 3 des§ 1 nberflnssig und er sei bereit den Absatz ganz zu streichen. Auch Artikel 3S der Wer- fassnng gebe dem Bundesrat daS Recht ohne Befragung deS Reichs- tnges, den Zolltarif betreffende Anordnungen zu erlassen. Unterstaatssekretär v. Fischer erklärt sich mit der Streichung des Absatzes einverstanden. Dann bleibe alles beim alten. Singer freut sich, daß er den Schlüssel gefunden, der daS Schloß. welches sich Paaschs und Spahn selbst vor den Mund gelegt, geöffnet habe. Die Herren sollten es nur immer so machen, Paasch« habe selbst zugegeben, daß der socialdemokratische Antrag berechtigt sei. Nur über die Formuliening seien»och Ziveifel. Der Antrag sei der Anregung Paasches— die übrigens besser sei als gar nichts— um deswegen vorzuziehen, weil Industrie und Handel in Unsicherheit versetzt würde», wen» bei Anordnungen des Bundesrats die Möglichkeit bestünde, daß dieselben durch Reichstags- beschlnß aufgehoben werden können. Deshalb sei eS richtiger, den Prinzipalantrag, der die Anordnung von Anfang an die Gc- nchmigung des Reichstages binde, anzunehmen. Nach dem Einverständnis der Regierung und der Interpretation Spahns genüge die einfache Streichung des Absatzes 3 nicht— sondern es müsse dem Bundesrat durch daS Gesetz selbst unmöglich gemacht Ivcrden, die verfassungsmäßigen Rechte des Reichstags ein- zuschränken. Staatssekretär v. Thielmann bekämpft den zivcitcn Satz des Eventualantrags. Brömel stellt fest, daß vom RegiernngStisch nicht auf seine An- fragen geantwortet ist. Fischbeck erklärt sich ebenfalls nach den regierungsseitig ge- machten Erklärungen gegen die Streichung des Absatzes und für den ersten Satz des Prinzipalantrags der Socialdenwkratcn. Der Bundes- rat habe kein Recht zu einseitiger Gesetzgebung. Graf von PofadowSky erklärt, daß der Bundesrat nur im äußersten Notfall von der angefochtene» Bestimmung Gebrauch machen werde. Es sei dies ein Mittel,«velches bei einem Zollkriege. den die Regierung wenn irgend möglich veuncidcn«volle, notwendig «Verden könne. Bricht«in Zollkrieg ans, dann müßten eben alle Mittel an- gewendet«verde». Redner bittet, die Regierungsvorlage, Absatz 3. anzunehmen, hat jedoch gegen den Eventualantrag Stadthagcn nichts einznivenden. Stadthagen verteidigt den Prinzipalantrag der Socialdemo- kraten, der besser«vie alles andre die Rechte deS Reichstages sicherstellt und außerdein de» Deutschen in den ZoNausschÜffcn, in den Kolonien und Schutzgebieten die Rechte geivahrt,«velchc ihnen zu- kommen. Spahn zieht seine Bemerkungen ans Art. 36 der Verfaffung zurück, glaubt, daß Art. 7 dem Bundesrat das Recht. Anordnungen zu erlassen, giebt,«vill jedoch für den Eventualantrag stimmen. Der Vorsitzende«vill, da ein Antrag auf Schluß der Diskussion angekündigt ist, den Eingang desselben ablvarten, um eine Abstimmung herbeizuführen. Singer«viederspricht diesen, Verfahren, ilcber einen Antrag kann nur abgestinnnt«Verden,«venu derselbe beim Vorsitzenden bereits eingereicht ist. Uebrigens sei es nicht üblich, in den Kommissionen die Debatte durch Schluß zu verkürzen. Es«verde auch keine Zeit dadurch erspart,«veil dieselben Gesichtspunkte bei andren Gelegenheiten— und«vahrscheinlich dann noch ausgiebiger— erörtert würden. Der Vorsitzende giebt die Berechtigung dieses Einspruchs zn. Die Diskussion geht weiter. Gothcin erörtert die Anträge und giebt den, ersten Teil des socialdeinokratifchen Antrages den Vorzug. Namentlich«verde die Industrie in den Zollausschüffen—«vie die eingegangenen Peti- tioncn beiveisen— in Sorge versetzt, ivenn sie nicht durch das Zugeständnis der vertragsmäßige» Befreiungen und Er- mäßigniigen sichergestellt«vtrd. Den, ziveiten Satz deS Antrages kann Redner nicht znstimnien. da die Kolonlalivirtschaft nicht in, stände sei. ohne Einsilhrzölle zu existieren. Er beantragt, getrennte Abstimmung über den focialdemokratischen Antrag und bei Ablehnung des PrincipalantragS auch besondere Abstimmung über die Worte: „soweit nicht der Bundesrat Ausnahmen vorschreibt", dcr Rcgicrnngs- Vorlage. Die Diskussion wird geschloffen. Bei der Abstimmung«vird der erste Satz des focialdemokratischen Antrages gegen 9 Stiimnen(Socialdemokraten, Freisinnige und Paaschs) abgelehnt. Der ziveite Satz«vird gegen 4 Stimmen(Socialdemokraten) abgelehnt. Die von Gothein zu besonderer Adstiinnnmg beantragten Worte in der Regierungsvorlage«verde,, gegen 8 Stimme«,(Socialdemokraten und Freisinnige) aufrecht erhalte». Die Eventualanträge» und b der Socialdeinokraten zu Absatz 3 § 1«verden gegen 8 Stimmen(Socialdeinokraten und Freisinnige) abgelehnt. Der Antrag Stadthagen, der zivischen Satz 1 und 2 des Absatzes 3 § 1 der NegiernngSvorlage eingeschoben«verde«, soll, und der den Bundesrat verpflichtet, dem Reichstage Mitteilung von etivaigen Anordnungen zu machen und diese bei Äichtgenchmigung des Reichs- tageS außer Kraft setzt,«vird einstimmig und der ganze Absatz 3 dann mit 20 gegen 8 Stimme» angenommen. Wegen vorgerückter Zeit«vurde die von 25 Regierungsvertretern besuchte Sitzung um 12�/4 Uhr abgebrochen. Nächste Sitzung Dienstag, vormittag 10 Uhr. Volikifche MebevNcht. Berlin, den 13. Januar. J»n Reichstag bot die Fortsetzung der ersten Etatsberatung am Montag ödeste Langeweile. Nach der großen Bebelschen Ab- rechnung vom Sonnabend hat sich der bürgerlichen Parteien ein dumpfes Gefühl des Mißbehagens bemächtigt und die heutige Debatte schleppte sich mühsam dahin. Nur der Haß gegen die Socialdeinokratie brachte das Blut der auftretenden reaktionären Redner ein paar Mal in lebhaftere Wallungen. So eröffnete gleich der reichsparteilich e Konsistorialrat Doktor S t o ck in a n n die Debatte mit der von echt christlichem Geiste zeugenden Verdächtigung, der Ausdruck„Brotwucher" sei ein socialdemokratisches Schlagwort, an dessen Richtigkeit Abg. Bebel selbst nicht glaube. Abg. Werner fühlte sich in antisemitisch-alldeutschem Thatendrang bewogen, als Sancho Pausa die Don Quixoterisn des irrenden Ritters Liebern, ann v. Sonnenberg mitzumachen. Er Vennied zwar ähnliche Ausdrücke gegen Chamberlain, wie sie sein Antijudengenosse neulich veNvandte, bedauerte aber schmerzlich den Bülowschen Gang nach Canossa. In Kolonial- begeisterung und Weltmacht- Enthusiasmus will sich Herr Werner von niemand übertreffen lassen. Einige seiner Acußerungen boten dem bayrischen Staatsrat v. Stengel Gelegenheit, namens seiner Regierung zu erklären, daß Bayern ebenso wie die kleinen Staaten eine Reichsfinanzreform herbeisehnen und erhöhte Matrikularbeiträge verabscheuen. Darauf machte der Hofprediger a. D. Herr S t ö ck e r mit gesalbter Gottseligkeit für die Finanzkrisis und die Bank- fallissements die„Sünden des Kapitalismus"— beileibe nicht etwa die kapitalistische Wirtschaftsordnung selbst— verantwortlich Verhaßter aber als alle Sünden des Manimonismus ist ihm die Freiheit wissenschaftlicher Forschung, und deshalb ist ihm sogar die Berufung des katholischen Herrn Spahn nach Straßburg eine innige Herzensfreude gewesen. Ueber der Unterdrückung der Wissenschaft vergißt er sogar seinen konfessionellen Fanatismus! Dann kam Herr Stöcker auf die chiuesischc Angelegenheit zu sprechen, und hier erfand er die nette Behauptung, Bebel habe die Boxerthaten in China mit dem Verhalten der deutschen Truppen iin Kriege von 1870/71 auf eine Stufe gestellt. Vielleicht nimmt der fromme Mann diese Behauptung auf seinen Eid I Mit keinem We-t hat Bebel Boxer und deutsche Truppen in Parallele gesteu., sondern nur darauf hingewiesen, wie nach der Schlacht von Sedan, als der deutsch- französische Krieg zun, Volkskriege «vurde, die Franctircurs sich gegenüber der deutschen Invasion in ähnlicher Lage befanden,«vie die Transvaaler gegenüber den Engländern. Abg. Dr. Hasse, der alldeutsche Chauvinist, ist durch die Erfahrungen Liebermanns von Sonnenberg ein wenig ver- schüchtert. Üebcrhaupt war ihm in der Chamberlain-Affaire, die er schon vor Weihnachten als seine Specialität in Anspruch genotmnen, das Konzept gründlich verdorben. So blieb als Opfer seines Grolls nur der ungarische Ministerpräsident v. Szell, der durch seine Bemerkung, er werde die alldeutsche Agitation nicht dulden, seinen Zorn erregt hat. Auch der Direktor deS Bundes der Landwirte, Dr. Diederich Hahn, machte patriotischen Beklemniunge«, Luft; er ist besorgt, daß auf der bevorstehenden Anierikareisd des Prinzen Heinrich die zu erwartenden Liebensivürdigkeiteu der schlauen Dankees mit handelspolitischen„Konzessionen" andererseits bezahlt werden möchten. Im übrigen verlangte Abg. v. Hahn eine Verschärfung der Börscngesctzgebung und empfahl in bekannter Manier die Bauernschaft als Allheil- mittel gegen den U«nsturz. Graf Posadowsky teilte mit, daß Preußen im Bundesrat einen Antrag auf Abände- rnng des BörsengesetzcS gestellt habe. Nachdem noch der Pangermane Abg. Dr. Arendt von der Reichspartei die Schuld an einer etivaigen Zolltarif-Obstruktiou der mangelnden Energie der Regierung zugeschoben und Bülolvs Wort gefeiert, daß er in nationalen Frage«, keinen Spaß verstände, sprachen noch der Freisinnige Dr. Hermes über das Saccharingesetz und der polnische Feudale Fürst R a d z i w i I l über die mangelnden polnischen Schulen in, preußischen Staatsgebiet. Dann wurde die Weiterberatung auf Dienstag vertagt.—_ Nene WahlrechtS-Experimente in Sachsen. Das sächsische Dreiklassen-Wahlrecht zu», Landtag kann nicht leben und nicht sterben. Alle Welt ist mit ih», unzufrieden i nicht nur die Secialdeinolraten und die Antisemiten, denen cS jede Beteiligung in der LandeSpolitik unterbindet, auch die Nationallibcralen, die es an die Wand gedrückt hat; und selbst auch die Konservativen, die ihm die Ziveidrittel-Mebrheit im Landtage verdanken, liebe» es nicht. Der gebildete Mittelstand beklagt sich. daß durch den plutokratischei, Charakter die Intelligenz aus de», politischen Leben ausgeschaltet«verde; das mobile Kapital findet, daß seine Interessen»eben den agrarischen Interessen nicht mehr zur Geltung zu bringen seien, und der Regierung ist es unbehaglich, mit einer LaildeSvcrtretnng regiere» zu müssen, die thatsächlich»nr einige Prozente der Bevölkerung vertritt. Nimmehr scheint der Regierung daS allseitig Unhaltbare dcö bestehenden Zustandes zum Beivußtsein gekommen zu sein, und die Ziveidrittelinehrheit der Konservativen im Landtag giebt ihr die Herzens- und GeiviffenSstärknug, eS mit einer neuen Revision deS sächsischen LandtagS-Wahlrechts zu ver- suchen. Der offiziöse Sachsenspiegel schreibt, offenbar inspiriert: «Daß das Dreiklassen-Wahlsyslem den Bedürfniffen deS heutige» öffentlichen Lebens nur ganz iinvollkonnnen enlipricht, dessen war die Regierung sich von Anfang an deivnßt. Denn die ,naß- gevende» Sinatsniänner Sachsens studieren als moderne Menschen die Zeit mit ihrer Not und Plage mindestens mit der gleiche» Ausinerksninkcit,«vie andre Leute. Sie«Vissel, deshalb sehr wohl. daß der Staat in der heutige» Zeit bei Verieilnng der staatsbürgerliche» Rechte nicht nach dem Grundsätze verfahre» darf: „Ehre dem. der Geld hat!" Viele geistig hervorragende und uu- gezählte andre brave Bürger, die den, Staate»ich, minder wichtige Dienste leisten, wie die begüterten Bewohner des Landes, werden durch das Klassenwahlrechi zweifellos benachteiligt. Auch besitzt dieses Shste», den großen Fehler, daß eS aus die historisch gegebene Gliederung der Bevölkeiung,«velche doch das Flindanient unirer beutige» Staats- und GesellsltiaftSordming bildet, nicht die geringste Rücksicht nimmt. Die Reich»«»isverhällnisse der Bevölke- rnng befinden sich viel zu sehr in Fluß, als daß man staatliche Einrichtungen von Dauer ans sie gründen könnte. L» maßgebenden sächsische» Kreisen siebt man denn auch,«veini wir recht unterrichtet sind, das Dreiklassen-Wahlsystem nur als einen Nvtbehelf an. der dazu dienen sollte, einen Landtag zu schaffe«,, in dem über Verfaffnngsfragen»nit der nötige» Ruhe und Gründlichkeit verhandelt werden kann. Da dies nnii erreicht ist, dürfte auch der Zeitpunkt nicht mehr allzu fern sein. an dem der Landtag sich abermals mit der Wahl- rechtSfrage zu befassen haben wird. I» den Kreis der Erivägungen werden wahrscheinlich verschiedene Wahlsysteme gezogen werden. Manche Schivierigkeit dürfte voraussichtlich die Frage biete», wie am besten die Vertretung der Arbeiterschaft in, Parlamente z„ gestalte» ist. Da einem Wahlrechte nach Be- rnfsständen allenthalben große Sympathien entgegengebracht werde», so ist zn hoffen, daß man diesem System vor allen andere» eine eingehende Prüfung angedeihen läßt." Di« Sache klingt sehr glaubhaft. Die Ersetzung des modernen Parlamentarismus, zu dem sich die Konservativen nie«in ganzes Herz fassen konnte», durch«ine bernfsständische Vertretung ist et» alter Lievlingsgcdanke der Reaktion, der bekanntlich auch in de», Anschlag des Herr» v. Miqnel gespukt hat. den kurze Zeit vor den 1Sö8er Reichstags-Wahlen der CentrumS-Abgeordnete Müllcr-Fillda ausgeplaudert hat. Man wird also mit einem neuen Wahlrecht «veitcr experimentieren, und es ist anzunehinen. daß daS Nesnllat dieser Experimente auch an denjenigen Stellen mil Jntcreffe verfolgt werden wird, denen das Reichstags- Wahlrecht längst einer Ab- änderung dringend bedürftig erscheint. Sachsen scheint abermals das Probierland der Reaktion werden zu solle». Chaniberlaiu gegen Biilow. Der englische Kolonialminister hat mit einer Antivort a»f BülowS geniale Granitbeißer-Rede nicht lange auf sich Warle» lassen. Am Sonntag bereits hat er in Birmingham eine Rede gehalten, die die freundschaftlichen Schulineistereien des deutschen Reichskanzlers über diplomatische» Takt mit eisiger Schärfe zurückweist. Chaniber- lain erklärte imter andern,: „Er nehme nichts zurück, modifiziere nichts und habe nichts zu r e ch t f e r t t g e n. Kein englischer Minister habe jemals seinem Lande treu gedient und sich zugleich im Auslände der Popularität erfreut. Man müsse daher der Kritik des Auslandes schon etivas zu gute halten; e r w o I l e aber nicht dem Beispiel folgen, welches für ihn a» f g e st e l l t«vorbei, sei. Er wolle keine», aus- >v ä r t i g e n Minister Lehren erteilen, noch irgend welche ans dessen Hände» entgegennehmen; er sei einzig seinem Sonvcrän und seinen Landslcutcn verantwortlich... Trotz der schiveren Verluste habe der Krieg dazu gedient, zu zeige», daß,«veini England wieder einmal zu kämpse» habe im, seine Existenz gegen eine Welt i n W a f f e„.«vie schon einmal, daß es dann nicht allein stehen «verde.... Irgend eine andre Armee mit der englischen in Vergleich zu stellen, sei das höchste Koinpli- nie«, t, das England vergeben könne. England sei stöl, aus ihre» heroischen M n t und ihre ,«„ e r s ch ü t t c r- I i ch e Humanität." Chamberlain lehnt es also ab, bei Herrn Büloiv einen Kursus iin diplomatischen AnstandSimterricht zu nehmen. Er erklärt gleichzeitig von»enci», diesmal öffentlich, daß er an seinen früheren, von Herrn Biilow censurierten Aeußernngcn nichts zn modi- fiziercn oder zn rechtfertigen habe, da England ja denijenigen Lande nur ein Kompliment mache, dessen Armee er«nit der seinigrn vergleiche. Diese Ansicht wird bekanntlich in Deutschland von sehr hoher Stelle geteilt: Belvcis die Verleihung des S ch'iv a r z e n Adlerordens an Lord Roberts und die Bereitivilligkcit dieser Stelle, selbst hohe Ehre n po sie n in der englischen Armee zu be- kleiden. Herr Büloiv«vird also doch wohl noch mit dem Ge- heimnis herausrücken müssen, wodurch seiner Ansicht nach Chamberlain die deutsche Armee beleidigt hat!-- Die Ehrenrettung der südafrikanischen Kriegsführung, die Herr Chamberlain zum so und so vielten Male unternahm, bedeutet genau so viel oder genau so«venig.«vie die chauvinistischen Deklamationen deS Herrn V o y r o n über die vcrglcickiSiveise »insterhafie französische KriegSsührung iin Chinakrieg oder die den- selben Charakter tragenden Erklärungen der KricgSminisier in andren Staaten. Diese Ehrenrettungen sind internationaler Brauch. Aber die Heuchelei der Chamberlainschei, Phrasen darf ehrlichcrlveise mir der geißeln, der selbst frei ist von dieser «viderliche» Heuchelei. Mit reinem Gewissen kann aber einzig die Socialdeinokratie gegen die englische» Barbareien Klage erheben, weil sie jederzeit mit allem Nachdruck auch gegen die Exzesse der eignen Nation in die Schranken getreten ist.— Deutsches Weich. Tie socialdeinokratischc Zollpolitik «vird von de» Hochschutzzöllnern uiiter dem Gesichtspunkt der Ob- struklion betrachtet. Wie falsch diese Ansfaffmig ist. das zeigte gleich die zweite Sitzung der Z o l l k o», n, i s s i o„ a», Montag. Es ist unser» Vertretern nicht nnr durch die sachliche Bedeutung ihrer Argumente gelungen, die von der Mehrheit beabsichtigte Obstruktion des Schivcigens zu brechen und sie zn», Reden zu zwingen, sonder» der An- trag Stadthagen zun,§ 1, Absatz 3 fand sogar e i n st i m m i g e Annahme. Anträge, die man einstimmig annimmt, können doch unmöglich als Obslri'iktions-Aiilräge aufgefaßt werden. Wir hoffen, daß diesen, guten Anfang ein e>, tiprechender Fortgang folgen werde, n»d daß sich die Mehrheit durch die guten Gründe auch von der Zivcckmäßig- kcit unsrer andren Anträge uberzeugen lassen wird.— Petitionen zun, Zolltarif. Das erste Verzeichnis der beim Reichstage eingegangenen, den Entwurf eines Zolltarif- «ze fetze« betreffenden Petitionen ist der Zolltarif- kon, Mission des Reickislags zugegangen. In vielen Eingaben a»S laudwirischasllichen Kreisen«vird der Doppeltarif befiirwortet. Außerdem bitten 1843 Einwohner des Fürstentums Lübeck den Doppeltarif für alle landwirischaftlichen Erzeugnisse mit wesentlich erhöhten Zollsätze» festzusetzen. Den Doppeltarif abzulehnen beantragen 22 Handels- kammern. Bei den Erzeugnissen des Zucker« und G e r st e„ b a n e s stehen fiir ansreiwende Schutzzölle 289 Pcti- tionc», gegen dieselbe» bezw. sür Fortsetzung des bisherigen Handels- Politik über 199 999(aus Städten und Volksversammlungen hervorgegangen) Petitionen, darunter die von der socialdemokratische«, NeiwslaftSsraklion gesannneltcn 84 356 Masseichelitionen mit über 3 Millionen Unterschriften. Polnische Toppclbnchnng. Bei jeder mögliche» Gelegenheit betonen die polniscven Abgeordneten, daß die Rechte der Polen geivahrt«verde«, müßten, die ans de», Wiener Vertrage von 1815 folgen. Ein Teil des Centruins assistiert de» Polen hierbei. Einen völlig andren Standpunkt nahmen die Polen in den zoll- und handelspolitischen Fragen ein. Noch im Jahre 1873 beantragte der polnische Abgeordnete von Niepolewski(in der Sitzung von, 12. Juli 1878), es solle bei den Handelsverträgen darauf Bedacht genvinmei, werdeir, daß„den polnische» Landes- teile» i»' de» Grenzen von 1772 in beireff ihrer terri- t o r i a l e n und handelspolitischen Zusammen- geHörigkeit durch die Wiener Verträge von 1315 garantierten Rechte» Rechnung getragen«verde". Danach müßte» die deutsch-polnüche», östreichisch-'polnischen und russisch-polnischen Landes- teile ei» einheirliches Zollgebiet bilden. Ganz im Gegensatz hierzu sind die Polen und Centnmisleiite fiir de» Zolltarif zuhabe», der Polen in drei WirtschaflSgcbiete reißt. Das polnische Mitglied der Zollkoinmissioii, Dr. v. KoniieroivSki, hat ebenso Iveiiig«vie seine Fraklionsfrennde bislang zn erkläre«, vermocht,«vie ihre jetzige zollfreniidliche Stimmung mit ihren sonstigen Darlegungen über ein vermeintlich einiges Polen zn vereinbaren ist. Wenn es sich um Unterdrückung der große«, Menge der Pole» handelt, dann hört eben auch hier bei de» polnischen Abgeordneten daS Festhalten an den dem polnischen Volk 1815 ver- brieftc«, Rechten ans.—_ TrunkcnheitScxccssc von Osfijierr». An die Ossiziere hat der Kaiser, wie erinnerlich sein wird, an» Neujahrstage 1300 eine Ansprache gehalten, in der er darauf hiiuvies. daß daS preußische Offiziercorps vor der Katastrophe des Jahres 1806 in Luxus und Wohlleben ver- kommen sei, und daß im Gegensatz zur damaligen Zeit der Offizier vo» heute ei» Muster der Einfachheit und Anspruchs- losigkeit sein müsse. Hierauf zu Veriveisen mochte es den Kaiser frtjon um de«ivilleii drängen als nach seiner Meinung cS die Nrinee � deutsche und Freisinnige die entriistetsten Aullagen gegen daS ist, ans die er um so sicherer und fester rechnen müsse, je mehr man sich,>vie es in der 189S zu Breslau an die Leib- kiirasfierc gehaltenen Rede hcisit, hinter Schlngworte und Partei- rücksichtcu zurückzieht, und als die Armee ja mich nach der Alexandriner-Rede vom 28. März vorigen Jahres die„Frechen und Unbotmätzigen" z» Paaren treiben soll, falls sie sich noch einmal, Ivie im Jahre 1848,„mit Frechheit und linbolmäfjigkeit" gegen de» König erheben. Von der Einfachheit und Anspruchslosigkeit, die zu so bitter- ernsten Aufgaben die Vorbedingung sein solle», ist man in gewissen Offizierskreiseu anscheinend noch ebenso Iveit entfernt, wie die Armee vor 18lZS vom Erfassen der ihr zugetrauten Leistungen. Wenigstens zeigt eine Geschichte, die von der„Potsd. Corr." der Oeffcntlichkeit unterbreitet wird, daß es um den sittlichen Halt bei etlichen Offizieren geradezu grauenhaft bestellt sein muß. Die„Potsdamer Corr." berichtet: Ein Opfer des übermäßigen Trinkens, das in letzter Zeit in Offizierskreisen, bei Studenten k. zu traurigen Begebenheiten, Tnclle» ec. Veranlassung gegeben hat. ist der Sohn eines Thüringer Millionärs, der Lieutenant inr 3. Gardc-lUancn- Regiment zu Potsdam, von Eichel- Streiber, geivorde». Wir können über diese sensationelle Angelegenheit ans Grund ein- gehender Recherchen folgendes mitteilen: Der Lieutenant von Eichel- Streiber stand seit cliva sechs Monaten im 3. Garde- Ulanen- Regiment, dessen Offiziere kameradschaftlich mit de» Offizieren des 1. Cardc-Ulaiien-RegimcntS zu Potsdam verkehren und sich gegenseitig zu Licbesmahlcn einladen. Der junge von Eichel- Streiber hatte in der vorigen Woche nun auch ei» Liebesmahl in dem Offizier-Kasino des 1. Gnrve-Ulancn- Regiments besucht und, obgleich er herzleidend ivar, dabei ivie üblich stets mit vollem Glas Bescheid gegeben, wenn ihm zu- getrunken wurde. Die Stimmung des jungen Offiziers ivnrde dadurch sehr animiert, sodah er sich schließlich ans eine Wette ein« ließ, die ihm einer der antvesenden Offiziere anbot. Dieser Offizier machte sich äuscheischig, ei» Schnittglas voll Cognac innerhalb 10 M i n» t e n auszutrinken und Lieutenant v. Eichel-Streiber glaubte daraus noch einen höheren Trumpf auszu- spielen, indem er erklärte, er würde eine g a n z e F l a s ch e Cognac trinken und sich auch dabei machte, dies auszuführen. Schwer berauscht wurde der junge Offizier später in seine Wohnung gebracht und dort, angethän mit der Uniform, ans sein Bett gelegt, ohne daß ihm der Kragen geöffnet wäre. Bald darauf stellten sich die Folgen des übermäßigen Alkoholgenusses ein, der junge Mann e r st i ck t b» ch st ä b l i ch, Iveil sich die zu viel genossenen Getränke in der Situation, in welcher er sich befand, nicht entleeren konnte». Unter militärischen Ehren wurde die Leiche des Lieutenants von Eichel- Streiber am Freitag nach dem Babnho in Potsdam gebracht. Dem Sarge folgten fast sämtliche Offiziere der Garnison, auch die gebeugten Eltern des hoffnungsvollen(!) jungen Mannes waren zugegen. Die Leiche wurde»ach Eisenach gebracht; am Sonnabend' hat in Schloß Pflugensberg die Be- erdigung des Verstorbenen stattgefnnden, zu ivelchcr eine Deputation seines Regiments erschienen war. Daß derartige Trinkexcesse in gelviffen Offizierskreisen vorkommen, kann nach Lage der Dinge nicht weiter wundernehmen. Die Jugend, und besonders diese Jugend, will austoben. Solche Ans- schreitungen würden auch kaum große Beachtung finden, wenn nicht imnier und immer wieder da» Offiziercorps in allen seinen Teilen al» sittliche Elite deS Volkes hingestellt und seine exklusiven Gebräuche «IS das Vorbild echt christlicher Ritterlichkeit im bengalischen Rot- feuer gezeigt würden._ Zu dem Tncllmord in Jena. Nähere Mitteilungen über die Verhandlungen vor dem Kriegs gericht, vor dem die Duellaffaire Thicmc- Held verhandelt wurde enthalten noch einige nicht uninteressante Momente. Die Zeugenvernehmung ergab zunächst, daß der Zusammenstoß der nach durchschivärmter Silvesternacht zweifellos nicht mehr ganz uüchtcrnen Parteien ohne jeden ernsteren Anlaß erfolgte. Zwei Gruppen, die des Lieutenants Thjzine und die des Studenten Held, trafen sich von ungefähr, hänselten sich ein ivenig und gingen dann wieder friedlich auseinander, da die Hänselei einen durchaus harmlose» und ulkhaften Charakter getragen hatte. Als kurz darauf die Grnppc Held die Gruppe Thieme zufällig überholte, glaubte ein Begleiter Heids gehört zu haben, daß Thieme eine anzügliche Bemerkung habe fallen lassen, weshalb er Thieme spöttisch zur Rede stellte. Als Tbicine sich darauf als Lieutenant vorstellte und Held den in Civil Befindliche» ungläubig fragte:„Was, Sie sind der Lieuteuaut Thieme?", soll dieser Held zugerufen haben:„Halls Maul!" oder „Quatsch nicht!" Die Antwort Heids war ein Faustschlag. Thicnie wollte uuimiehr Held nut dem Stocke zuleide, allein dieser zerbrach den Stock. Weitere Thätlichkeiten ivurden von den Zeugen und einem herbeigerufenen Schutzmann verhindert. Ueber den weiteren Verlauf und den Ausgang des Ehrenhandels ergab sich in der Hauptsache folgendes: Da sich am 1. Januar, an dem sich das Rencontre abspielte, die O f f i z i e r e z u r Cour in Weimar befanden, konnte Thieme erst am 2. Januar Meldung erstalten. Zugleich bat er seinen Vorgesetzten, Hauptmann von Seebach, nachdem eine Verständigung über die zu unternehmenden Schritte vorausgegangen ivar, dem Held eine Pistolen fordern ng unter folgenden Bc- dingungen zu überbringen: Distanz 10 Sprnngfchrittc(etiva 13 bis 13V2 Meter), gezogene Pistolen mit Korn und Visier, Kugel- Wechsel bis zur K a m p f u n f ä h i g k e i t. Nach Ansicht der Offiziere galt eS keine Zeit z n verlieren und so machte sich Hauptmann v. See Vach, und zwar ohne,>vic eS seine Pflicht gewesen wäre, den Spruch des militärische» Ehrcurats abzuwarten, auf den Weg, um sich seines Auftrags zu entledigen. ES bedurfte erst des Einspruchs und der dringenden V o r st e l l u n g der Burschenschafter, um erst noch eine gemein- s ch a f t I i ch e E h r e n g e r i ch l s- S i tz» n g zu stände zu bringe». Das Ehrengericht, das aus zivei ehemaligen Studenten und zlvei Osfizicren als Mitgliedern und einem dritten Offizier als un- parteiischem Vorsitzende» bestand, tagte am Freitag, de» 3. Januar, abends, im Kasino. Während im Ehrengerichte die Burschenschafter abennals und wiederholt auf mildere Bedingungen hin- wirkten, proponiertc» die Offiziere, die ein Säbeldnell energisch z u r ü ck iv i e s e n, anfänglich eine» Ku g e l w cchsel bis zurKampfuufähigkeit m i» d e st e u s des e i n e» T e i l e s. Hiergegen sträubten sich in ebenso entschiedener Weise die Ver- lreter der Studentenschaft, die höchstens einem dreimaligen Kugel« Wechsel zustimmen ivollte». Nachdem schließlich der Vorschlag der Offiziere auf einen siebenmaligen jlngeltvechsel nicht angenommen wurde, kam eine Vereinbarung über einen f ü u f m a l i g e n K u g e l- >v e ch s e l ans 10 Schritte Distanz zu stände. Zugleich wurde darauf gedrängt, daß das Duell bereits am nächsten Morgen stattfände.' Charakteristisch ist ferner. daß die � Offiziere eS ab- lehuten, daß nach jedem K n g e l n5c ch s e l ein e r n st- l i ch e r S ü h n e v e r s u ch g e ni a ch t w ü r d e. Am schlimmsten nach dem Vorhergesagten bleibt es, daß der Ausgang des Zivcikampfcs unter diesen Bedingungen wenig zweifelhaft sein konnte. Lieutenant Thieme galt als der tüchtigste Pistolen- schüste des Bataillous, während die Schießkünste des Studenten, der ivohl als Fechter einen guten Ruf besaß, naturgemäß nicht hervorragende sein konnten, da ihm zu Uebungcn die Gelegenheit fehlte. Die Katastrophe trat erst beim dritten Kugel Wechsel ein; die ersten beiden Male schössen beide Duellanten in die Luft.— In der nationale» Heuchelei sind sie alle einig! Herr Engen Richter hat mit diesem seinem, von»nS ein wenig modifizierten Worte recht behalten. So einmütig Antisemiten, All- H» n» e n t u m der Engländer gegen die Boere» erhoben haben, so e i n ni ü t i g sind sie im Totschweige» der in China begangenen Greuel. Und doch besitzt das gegen die Engländer vorliegende Buklagemateriah um keinen Deut mehr Glaubivürdigkeit, als das Anklagematcrial über die Hunnen thaten in China. Während aber von unsrer Bourgeoispresse aller Partcischattierunge» jeder südafrikanische Hunnen brief als unanfechtbarer Beiveis englischer Barbareien schmunzelnd abgedruckt wird, ergötzt man sich harmlos an dem läppischen Regierungsmärchen von der angeblich entdeckten„Hnnneu- brief-Fabrik", al« ob nicht in zahlreichen Amtsblättern authentische deutsche Hunnenbriefe sogar mit Namens Unterschrift veröffentlicht ivorden wären, die auf die Wahr- haftigkeit ihres Inhalts hin zu untersuchen der KricgSnniiister sich trotz iviedeholter socialdemokratischer Auf forder u n g wohl Iv eiSlich gehütet hat! Daß die von Entrüstung gegen England überschäumende„iiationale" Presse ein solch klägliches Doppelspiel treibt, ist ja nur zu erklärlich; daß aber auch die liberale deutsche Presse mehr oder minder verschämt diesen Unfug mitmacht, beweist die senile Entartung dieses LiberaliSinnS. In der nationalen Heuchelei sind sie alle einig!— Tie Aibcitöloscn-Dcnionstrationeu in Frankfurt a. M. Aus Frankfurt a. M. wird uns unterm 12. Januar geschrieben Am Donnerstag. Freitag und Sonnabend kam es hier, wie schon kurz berichtet, zu großen Demonstrationen von Arbeitslosen und RotstandSarbeitern. Dieselben nahmen nachmittags gegen vier Uhr ihren Anfang auf dem Roßmarkt, einem großen Centralplatz inmitten der Stadt, wo von dem„General-Anzeiger jeden Nochniittag ein Extrablatt über die Stellennachweise gratis verabreicht wird. Jnfolgedcsseu sammeln sich jetzt täglich zu einer bestimmten Stunde Hunderte von Arbeitslosen auf diesem Platze. Ohne organisatorische Vorbereitung und ohne Verabredung zogen diese nun am Donnerstag durch einige Straßen der Altstadt nach der städtischen Arbeitsvcrmittelungsstell am Main-Quai. Unterwegs gesellte» sich zu ihnen Neugierige. Straßenbummler und Kinder, so daß der Zug bald an tausend Personen stark ivar. Auf dem Römerzng, vor dem altberiihmten Römer, dem städtischen Verivnltungsgcbände, Veranstalteren die Leute eine kleine Demonstration, die ihre Spitze wohl gegen de» Magistrat richtete. Sonst trug dieselbe einen voll- kommen harmlosen Charakter; nirgends kamen gröbere Ausschreitungen oder Exzesse vor. Rur einigen besser gekleideten Herren wurden die Hüte eingetrieben, aber das geschah nicht von Arbeitslosen, sondern von sogenanntei „Louis", wie man hier die Zuhälter nennt. Die Polizei trat in der bekannten schneidigen Weise auf und zerstreute am Main Quai de» Zug, wobei sie fieben bis acht Verhaftungen vornahm. Einen etwas ernsteren Charakter hatte die Demonstratio» am Freitag. Diesmal zogen die Demonstranten— wohl an die 2000 Mann— vom Roßmarkt über die Zeil, der Haupluerkehrsstraße, Ivo infolge der Menschcnmassen der Verkehr fast gänzlich stockte. Die Polize war durch Berittene und Kriiniualschutzleute bedeutend verstärkt worden und suchte ein Einschtvcnkcn nach dem Rvmcrberg zu verhindern. Mit der blanken Waffe trat sie den Demonstranten entgegen, wobei cS allerdings zu einigen Zusammenstößen kam, an denen aber die Polizei wesentlich die Schuld trägt. Namentlich eine Anzahl jüngerer Schutzleute war der Situation in keiner Weife gewachsen und trug durch ihr ungeschicktes Vorgehen sehr zur Erbitterung der Massen bei. Später zogen die Demonstranten über die Hase»- gasse nach der Altstadt, wobei es abermals zu Znsammen- stößen mit der Polizei kam. Ei» berittener Schutzmann kam dabei mit seinem Pferd zu Fall, weil der Gaul scheute. Halloh und trotzige Verhöhnungen waren die Antwort ans das Vorgehen der Polizei. Dazwischen hinein wurden Rufe laut: Wir haben Hunger! G e b t u n s B r o t! Gebt u u s A r b e i t! Später kam es noch einmal zu einem Zusammenstoß zwischen einem Trupp Demonstranten und der Polizei in der Kaiserstraße. Gegen 0 Uhr waren die Manifestanten vollständig zerstreut. Einige Geschäftsleute ans der Zeil und in der Altstadt hätten ihre Läden geschlossen und die Jalousien herabgelassen, aber zu diesen Vor sichts maßregeln war k c i n A n l a ß. denn die Arbeitslosen hatten keinerlei Plüudcrungsabsichteii. Gestern nachmittag wurde die Demonstration gleich im Keime erstickt. Die massenhaft aufgebotene Polizei teilte die Arbeitslosen auf dem Roßmarkt in kleine Trupps und schob sie in die Seiten- straßcn ab, wo andre Sckmtzleute dafür sorgten, daß keine An fammlungeii stattfanden. Als an einer Straßenecke in der Altstadt eine kleine Meuschenstauung vorkam, verlas ein Wacht ineister eiligst die„ A n f r n h r a k t e". worauf sich die zumeist Neugierigen schnell zerstreuten. Ernstliche Ausschreitungen kaincn auch gestern nicht vor. Wie es heißt, ivar gestern der Regierungspräsident von Wies baden hier und hat mit dem Polizeipräsidenten und dem Magistrat der Stadt Frankfurt unterhandelt, daß Wiederholungen der Deinon- strationen verhindert werden. Mit Gcnugthunng verzeichnen cs die Blätter der satten Bourgeoisie, daß Vorkehrungen getroffen sind, um alle Ausammluiigen von vornherein auf das entschiedenste zu unter drucken. Der reiche Frankfurter Spießer will«fei Ruh haben"; er will nicht durch D e m o n st v a t i o n e n an d a S Elend Tausender von Arbeitslosen erinnert sein. Weiter wird in einer Kundmachung versichert, daß von den städtischen Behörden für die Schaffung regclmäßigerund vermehrterArbcitsgelegenhcit gesorgt werden wird. Das thut sehr not. Bis jetzt hat die Stadtvcrivaltnng die Tragweite der Arbeitslosigkeit vollständig verkannt und durch ihre � a u ni s e Ii g k e i t und mangelhafte Fürsorge siir die Arbeitslosen iveientlich zur Erbitterung derselben beigetragen. Zwar hat die Stadlverordneien-Versammluug 79 000 M. für Rot- 'tandsarbeiten bewilligt, aber die Inangriffnahme derselben läßt sehr viel zu wünschen übrig.—_ Ueber Dr. Tigl wird uns aus München geschrieben: „Ueber Dr. S i g I s Wirken als Journalist und Politiker werden wir auf Grund authentischen Materials in der Lage sein, demnächst noch einige Milteilniigen zu machen. Nur eine Bemerkung darüber möge heute hier Platz finden. Ein ge- wisser Teil der liberalen Presse kann es sich nicht ver- kneifen, dem toten Feinde noch einige Tritte bekannter Art zu versetzen. So wird insbesondere gesagt, der Einfluß Sigls ei außerhalb Bayerns stark überschätzt worden. Gegenüber diesem ehr durchsichtigen Versuch, die Erinnerung an gewisse Vorgänge zu verwirren, sei ausdrücklich festgestellt, daß bei der Königslatastrophc im Jahre 1886 Dr. Sigl als erster in die Residenz gerufen wurde. Man wußte dort ga»z genau, welchen Einfluß er besaß ein sehr hoher Herr soll einmal die Aeußemng gethan haben:„Das„Vaterland" ist uns ein Armeecorps wert!") und ersuchte ihn, dafür zu sorgen, daß die Volksstimniung namentlich in Miincheii nicht zu feindlich gegen gewisse Leute werde. Die Dienste, die ihm damals Dr. Sigl mit seinem Blatt leistete, hat Bayerns Regent nie vergessen. Da der„Vaterlands"- Redacteur Orden und Titel hartnäckig ausschlug, ist er wenigstens bis an sein Lebensende von politischen Prozessen verschont gebliebei� obwohl er in dni letzten Jahren über die bayrische Politik ich recht abfällig äußerte und bei den Wahlen in Wort und That ür die socialdemokratischen Kandidaturen eintrat. Im persönlichen Umgang war der Verstorbene einer der liebenswürdigsten Menschen und von einer Herzensgüte, die mit dem rauhen Ton seines Blattes in seltsamein Widerspruch stand. Von seiner Hilfsbereitschaft nnd Wohlthätigkeit kann sich nur einen Begriff macheu. wer ihm näher stand. In dieser Richtung kannte er keine Partei, keinen Juden- oder Preußenhaß. Nebenbei war er auch noch ein großer Tierfreund und hielt sich eine ganze Herde Hunde zweifelhaftester Raffe, die er mit großer Liebe und im Roifalle auch unter Opferung seiner Nachtruhe pflegte und die i» i seinem Junggesellenhcim die ümmischräiilteste Herrfchast ausübten.— I Der ZcuguiSzwaiig für Nedactenre. Der bayrische Landtag überwies eine Petition des Münchcner Journalisten- und Schriftsteller- Vereins, welche die Staatsregicrung ersucht, im Bundesrat auf Ab- schaffmig des Zeugniszwangcs für Journalisten hinzuwirken, nach längerer Debatte der Stantsregierung zur Würdigung. Im Larise der Debatte sprachen Redner aller Parteien für Befeitiguug des Zengniszwanges gegen Journalisten. Der Justizminister bezweifelt, ob ein genügender Anlaß bestehe, die betreffenden Bestimmungen der Strafprozeß- Ordnung durch ein Sondergesetz zu regeln. Dagegen werde die Frage bei der all- gemeinen Reviston' der Strafprozeß- Ordnung sicherlich erwogen ivcrden. Ausland. Ans der alldeutschen HiiiiSlIchkett. —st— Wien, 10. Januar. „Durch Reinheit zur Einheit"— so lautet der Leitspruch der östreichischen Alldeutschen, aber ivenn mit den Enthüllungen über die einzelnen Heroen so fortgefahren werden wird, so wird die junge Partei bald durch Schmutz zum Ende gelangen. Immer deutlicher er- iveise» sich die Herren, die sich vermessen hatten, die staatliche sociale nnd religiöse Wiedergeburt des deutschen Volkes in Oestreich anzubahnen, als höchst unzuverlässige nnd wurmstichige Charaktere. Znerst kam die Affaire des wackeren F r o, des Leibknappe» Schönerers. Der deutsche Mann hatte in offener Parlamcntssitzimg gegen den Christlich- sociale» Abgeordneten Gregorig eine schinähende Bemerkung gemacht und sie später, obivohl sie von einem Dutzend Menschen gehört worden ivar, feierlich abgeleugnet. Dem Ausschuß, der zu der Untersuchung der Sache eingesetzt ivnrde, erklärte der treue Alldeutsche unter E h r e n iv o r t, er habe die Aeußerung nicht gemacht. Seither ist freilich das„Jrosche Ehrenlvort" eine Umschreibung für den Begriff Lüge geivorde». Noch grauslicher war die Entlarvung eines zweiten alldeutschen Helden, deS Herrn Herzog, der im Abgeordnetenhause die fünfte Curie von Trautenati vertritt. Herr Herzog führt den Beinamen des Denunzianten—, ivie man andersivo sagt: Braun-Wicsbadcn sagt man i» Oestreich: Herzog der Demiiiziant; das sagt wohl genug. Ueber Herrn Herzog sind schon während der Wahlcampague im Jahre 1900 in der„Arbeiter-Zeitung" die ichmählichsten Dinge enthüllt worden. Herr Herzog besitzt uämlich die unausrottbare Manie zu dennnzieren. Eo hat er in Baden seinen Freund und Wohlthätcr Foller, nachdem er sich mit ihm entzweit hatte, der Staatsanwaltschaft fälschlich wegen Majestätsbeleidigung denunziert. Dann hat er seine Braut, nachdem er sie geschwängert hatte und sich ihrer entledigen ivollte. bei der Staatsanwaltschaft fälschlich wegen Abtreibung der Leibesfrucht denmiziert. Neben solchen Thate» ist eS mir eine Kleinigkeit, daß er den Wahlverein in Raden, dessen Mitglied er war, wegen Ucbertrctmig des Vereinsgesetzes denunzierte. Obwohl nun diese schmählichen Dinge, die eine geradezu krankhafte Sucht nach Ehrlosigkeiten darthmi, den Wählern gebührend zur KemituiS gebracht worden waren, wählten die fanatisterten Dcntschnationaleu Herrn Herzog dennoch als würdigen Repräsentanten des»en- modischen Germanentums. Nun wurde Herr Herzog Abgeordneter nnd fing mit Klagen gegen die„Verleumder" an. Aber immer, wenn es zur Verhandlung kommen sollte, kniff er aus und zog die Klage— auch gegen die„Arb.-Ztg."— zurück. Aber dreimal gelang es dem Gegner, Herrn Herzogs Flucht ans dem GcrichiSsanIc zu überwinden, und dreimal erklärte das Gericht— jedes in eiiicni andren Kronlande— der Wahrheitsbeweis dafür, daß Herr Herzog ein Denunziant sei. sei erbracht iv o r d e n I Und trotz- dem ist Herr Herzog Abgeordneter geblieben, wird von der Partei gehalten und, bleibt nach alldeutschen Moralbegriffen ein Ehrenmann I Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, daß alldeutsch und ehr- los in Oestreich immer mehr synonyme Begriffe werden! Den stnrksteli Eindruck hat aber die Slffaire Wolf gemacht Nicht nur deshalb, iveil Herr Wolf der eigentliche Begründer der Partei ihr geistiger Führer ist. dessen Werbekraft hauptsächlich der Partei dir polilischcn Erfolge verschaffte, die sie in so überraschend schneller Weise errungen hat, sondern»och»»ehr deshalb, weil Herr Wolf trotz vieler Schlacken seines Wesens als ein Mann von Charakter erschien. Die Begeisterung, die Herr Wolf in dentschöstreichischen Landen erweckte. galt auch weit mehr seiner Persönlichkeit als seinen höchst fragwürdigen Talcutcn. denn wenn ihn die begeisterungstüchtigeii Clacqneure als „edle Siegfricdsgcstalt", als de»„von Gott gesandten Streiter" apostrophierten, so hatle» sie die scheinbare Reinheit imd Unbeugsam« kcit seines Charakters, nicht sein ungewaschenes Maul im Sinne. Und nun entpuppt sich Herr Wolf als ein frivoler Schürzenjäger, der mit einem an französische Komödien erinnernden Raffinement Tochter, Vater, Mutter nnd Gatten einznfangen und zu tänschen verstand! Es ist nicht zu verwundern, daß die Enthüllungen der letzten Tage überall das stärlstc Erstaunen hervorgerufen haben, bei Wolfs Feinden hämische Schadenfreude, bei den Freunden unbehag« liche Verblüffung. WaS Herrn Wolf vorgeworfen wird, ist schon mitgeteilt worden. Herr Wolf läßt in seinem Blatt die Angaben seines„Gegners", des Aussiger Professors, energisch bestreiten; nach seiner Darstellung wäre eigentlich er der Verführte, nnd seine ganze Verfehlung bestünde darin, daß er einem schwachen Augenblick nachgegeben habe. Nun ist Herr Seidel, der betrogen wurde, bevor er Ehemann ward, sicher- lich eine psychologische Merkwürdigkeit. ES wird wenigstens noch nicht oft vorgekommen sein, daß cS ein Maun als seine Pflicht er- ächtet, der Welt haarklein zu erzählen, daß seine Fra» als Mädchen sich vergangen habe, der die Vergangenheit seiner Frau n» die große Glocke der Zeitungen hängt. Während nun der Gatte gegen den einstige» Geliebten seiner Frau öffentlich tobt, sind die Eltern des Mädchen« energisch an die Seite des Verführers getreten— auch ei» Bild. das mehr merkwürdig als sympathisch an- mutet. Der Vater ist der alldeutsche Abgeordnete Tschau, der ob der evangelischen Milde, mit der er die Versehlmig seines FraktionSgenosseu behandelt— sie so behandelt, obivohl ihr Objekt eine eigne Tochter ivar—, von der Partei in Acht gethan ivorden ist,' so daß heute Vater und Verführer eigentlich,'eine eigne Fraktion bilden— sicherlich die merkwürdigste, die noch jemals in eine»! Parlamente erblickt worden ist! Heute meldet sich auch die Mutter zum Wort, Frau Sophie Tschau, und erklärt, sie nnd ihr Mann hätten Wolf um seiner Verdienste für das deutsche Volk verziehen. Wenn sie hinzufügt, daß das niemand angehe und eine Familien- äche sei, so hat sie völlig recht— wenn es auch recht unliebsam auffällt, daß Herr Wolf den privaten Herzenserguß einer Fra» der Oeffentlichkeit preisgiebt. Frau Tschau schildert ihren Schivieger- ohn als eine» schlechten, rachsüchtigen Menschen— merkwürdiger- iveise war ihr sein Charakter schon vor der Hochzeit höchst verdächtig, so daß man absoiut nicht begreift, warum Herr Seidel als Schwiegersohn begehrt wurde. Sollte es also vielleicht doch Ivahr sein, daß Herr Wolf diese Ehe betrieb, um seine Schuld mit ihr zuzudecken? Man braucht kein Pharisäer zu ein nnd kann auch zugeben. daß Herr Wolf nicht das moralische Ingeheuer ist, als was ihn feine Feinde jetzt ausgeben: trotzdem ist scher, daß ei» so ansgeivnchsener Fainilienskandal selten die Offent- ichkcit beschäftigt hat. In solchen Dingen ist die Wahrheit auch ein o schlver faßbares Ding, daß Herr Wolf nicht hoffen kann, den Glauben an seine Schuld auf das Miniinuin zu reduziere», das ihn mir als einen leichtsinnigen, nicht aber als einen schlechte» Menschen erscheinen lassen ivürde. Mit den» tvohlwollendsten Auge betrachtet. zeugt seine Aufführung von einer so bodenlosen L e i ch t f e r t i g- keit, daß er schon um dieses für einen Politiker ganz bcträcht- liche» Lasters willen anS dem öffentlichen Leben entfernt tvcrden -ollte. Die Wahl in Trantenau ist am IS. Januar'; Herrn Wolf steht der deiiifchfortschrittliche Landtags-Abgeordnete Bachuianu gegenüber, der den Landtngsbezirk. der allerdings für die fLiberalen günstiger abgegrenzt ist. bei den letzte» Landtagswahlen gegen die Alldeutsche» behauptet hat. Herr Wolf, der ursprünglich enischlossen ivar. die Entscheidimg den Wählern zu überlassen und erklärt hatte, er werde. um ihr Votum nicht z» beeinflnsscii, Wählerversammlungcn nicht ab- halten, ist nun doch in de» Wahlbezirk gereift, um in allen Orten vor die Wähler zu treten. Der Ausgang der Wahl ist nngclviß; sicher ist, daß die Chancen für Herrn Wolfs Wiederwahl in den letzten Tagen IC beträchtlich gesunken sind. Aber mich ivenn sich daS Unwahrschein liche ercigiicn nnd Herr Wolf wiedergewählt werden sollte: seine Zeit ist dahin, sein Stern erloschen. Er wird es nicht mehr wagen können, in aufgeblasenen Worten von germanischer Treue� protestantischer Reinheit, deutscher Ehrlichkeit zu perorieren: sein Privatleben ist zu den schönen Grundsätzen eine gar zu böse Illustration geworden.—_ Oestreich-Ungarn. NotstandSzulage für den Kaiser von Oestrcich. Wie aus Wien gemeldet wird, ist ivegen„Unzulänglichkeit der Mittel, die derzeit zur Erhaltung des kaiserlichen Hofstaates zur Verfügung stehen, eine Erhöhung der kaiserlichen Civilliste in Aussicht genommen worden, Seit den» Jahre 187g werden zur Erhaltung des kaiserlichen Hof staates in die Budgets Oestrcichs nnd Ungarns alljährlich � 4 650 000 Gulden eingestellt. Da mit diesen Beiträgen ein Aus kommen mit mehr gefunden werde, wird nunmehr beabsichtigt, diese Budgetposteu um je zwei Millionen Kronen z u er höhen. Frankreich. Kolontalrede Waldcck-Rousseaus. Ministerpräsident Waldeck Rousseau hielt auf einem ihm zu Ehren von der Geographischen Gesellschaft gegebenen Festmahl eine Rede, in welcher er dar. legte, in welcher Weise die koloniale Ausdehnung Frankreichs Fortschritte gemacht habe. Waldeck-Roussean zeigte, dasj der Kolonialbesitz Frankreichs, welcher 1871 800 000 Quadratkilometer nicht über- stieg, inr Jahre 1900 mehr als 10 Millionen Quadratkilometer betrug, ungerechnet Algier nnd Tunis. Der Wert der Einfuhr nnd Aus- fuhr, welcher sich 1871 auf 222 Millionen belief, habe im Jahre 1900 mehr als 780 Millionen betragen. Waldeck-Noussenu hätte auch eine statistische Anfrcchnnng der verschiedenen Milliarden geben sollen, die für diese Kolonien verpulvert worden sind!— Der Boeren- Krieg. Wieder ein Boerenkomiiiandant erschaffen! Der kürzlich von dem General Methuen gefangen genommene B o e r e n f ii h r e r Liebe nberg, ivelcher des Mordes an Lieutenant Neumeyer angeklagt Ivar, ist hingerichtet worden. Der„Daily NelvS" wird ans Bolksrust gemeldet: Ein Boeren arzt(?) berichtet, daß in dem Gefecht mit den Truppen E h r i st i a n Bothas am 4. Januar 42 Boeren gelotet und 73 verwundet wurden. Ob's Ivahr ist? * Das schwarze Kabinett. Das„Dordrechtsche Conrant" ist im Besitz von drei Briefen, welche eine holländische Kompagnie im Juni letzten Jahres nach Lanrenyo Marques sandte. Zwei dieser Briefe wurden in Rotterdam, einer in Anistcrdani auf die Post gegeben; zwei gingen also mit der englischen Post ab, der eine über Berlin. Dieser letztere kam unversehrt an, die andren zivei jedoch, die der englischen Post anvertraut worden waren, sind nnterivegs geöffnet und durch einen Papicrstreifen wieder geschlossen worden. Der Verschluß enthält die Worte: „Geöffnet unter dem Kriegsgesetz". Das genannte Blatt verlangt, daß der holländische Minister des Aeußern sich damit befasse. UNd GemevkfllszNlftlirhes- Uerli» und llmgcgciid. Att alle in Konsum- Vereinen beschäftigte» Lagerhalter Lagcrhaltcrinnen der Provinz Brandenburg! Kollegen I Wie Euch allen bekannt, findet am Sonntag, den 19. Januar, nachm. 1 Uhr,'im Gewerkschaftshanse zu Berlin nnsre diesjährige Konferenz mit einer äußerst wichligen Tagesordnung statt. (Siehe Inserat in heutiger Nummer.) Es ist dringend notwendig, daß ein jeder erscheint, da eventuell Beschlüsse gefaßt werden, welche zu halten Pflicht eines jeden auch nicht erschienenen Kollegen ist. Die immer weiter um sich greifende Gcnossenschaftsbeweguiig in der Arbeiterschaft erfordert dringend eine Klärung der hier zur Beratung stehenden Punkte. Die Verwaltungen der Konsum-Vereine sind schriftlich zu dieser Konferenz eingeladen. Gäste haben Zutritt. Der Vertranensmann: Ernst Tost, Rixdorf, Jägerstr. 42. Achtung, Bildhauer! Wegen Lohttreduzierung haben sämtliche Kollegen der Firma Zelder u. Plathen, Frankfurter Allee 117, die Arbeit niedergelegt. Es wird gebeten, jeden Zuzug streng fern- zuhalten. Auch die Werkstatt von Riefle, Große Frankfurter- straße 16, welcher für Z. u. P. arbeitet, ist zu nieiden. Der Vorstand. Achtung, Töpfer! Auf dem Bau Rosineiistr. 3, Charlotten- bnrg lVolkshaus), ausführender Baumeister Eurt Berndt, Berlin, wird die Töpferarbeit von der Finiia S ch ö ff e l ausgeführt. Da diese Firma seit längerer Zeit für alle organisierten Töpfer gesperrt ist, ersuchen wir alle Banbernfsgenossen, dieses zu beachten. Der Vor st and der Filiale Berlin. Achtung, Mitglieder deö Fachvercins der Tischler! Wir machen die Mitglieder auf folgende Vorstandsbcschlüsfe auf- merksam: Sollten die Berliner Holzindustriellen 10 Proz. ihrer Ar- beiter aussperren, so sind die Mitglieder verpflichtet, in allen Be- trieben, wo ein Dittel der beschäftigten Tischler dem Fachvcreiii angehören, dahin zu wirken, daß dort von sämtlichen Tischlern die Arbeit sofort niedergelegt wird, sobald Kollegen ausgesperrt werden. Dieses muß im Bureau bei Franke, Pallisadenstr. 9, abends von 7—9 Uhr genieldcr werden. Der Vorstand des FachvereinZ der Tischler Berlins und Umgegend. Achtung, Nrnplätterinnen! Die Lohndiffereiizen bei der Firma Isaak, Jüdenstr. 53, sind noch nicht beigelegt. Die zurück- gezogene Lohnliste(mit ca. 20 Proz. Abzug) ist nachträglich im Arbeitsranm ausgehängt worden. Die Plätterinnen sind fest ent- schlössen, ihre Kündigung aufrecht zu erhalten. Es wurde den Arbeiterinnen auch mitgeteilt, daß, wenn sie für den billigeren Preis arbeiten, sehr viel zu thun wäre, im andren Falle nicht. Man behält Aufträge zurück, um die Plättcrinnen zu zwingen, für den billigen Preis zu arbeiten. Auch daniil sucht man sie zu ködern, daß mau ihnen verspricht, �den Lohn wieder zu erhöhen, wenn bessere Zeiten wiederkehren. Deutsches Reich. Achtung, Leistenvcrgolder! Der Goldleisten- Fabrikant D i e d e r i ch in Werden a. d. Ruhr droht, sämtliche organisierten Vergolder(zehn an der Zahl) auszusperren, wenn die in unsrem Korrespondcnzblatt erfolgte Warnung vor Zuzug nicht aufgehoben und dafür seine Fabrik von uns bestens empfohlen wird, obgleich derselbe vor kurzem eine 10prozentige Lohnreduzierung vorgenommen hat.— Es ist dies derselbe humane Herr, dessentwegen unser Genosse G r ä f im Zuchthaus zu Werden ausgepeitscht wurde. Zuzug ist streng fernzuhalten. Der Hauptvorstand. Der Steinseyerstreik in Stettin hat durch das vor Weih- nachten eingetretene Frostwetter zunächst ein„natürliches" Ende ge- funden. Aber auch in der Sache selbst sind die Differenzen als er- ledigt zu betrachten, da die Innung durch Beschluß dem Verlangen der Arbeiter stattgegeben und somit Herrn Steinsetzermeister und Scharsmacher Schultz unrecht gegeben hat. Die Innung hatnäni- lich durch Beschluß festgesetzt, daß stets bei dem Verladen und Transportieren von Granitplatten und kundige Person dabei zu sein hat. Person ein Steinsetzer, Ramnier oder gleich sein. Opfer deö MaumstrcikS in Halle. Die Hallesche Filiab Verwaltung des Centralverbandes der Maurer hat eine Zusammen- stellnng der Geld- uud Gefängnisstrafen vorgenommen, die im Zu- sammenhang mit dem Maurerstreik in Halle von dortigen Gerichten ausgesprochen sind. Die Geldstrafen betragen 424,70 M., die Ge fängnisstrafen Ä Jahre 0 Monate und 24 Tage; in 16 Fällen erfolgte Freisprechung. Das Bild ist nicht vollständig, weil noch einige Fälle schweben, läßt aber immerhin einen Schluß auf die Opfer zu, die der Hallcsche Manrerstreik nach dieser Richtung hin gefordert hat. Der deutsche Tabakarbeiter-Verband hat gegen die Polizei- direktion in B r a u n f ch w e i g Klage auf Herausgabe der am 16. September von dieser Behörde' beschlagnahmten Bücher und Gelder des Verbandes angestrengt. Der Vertreter der Polizei direktion beantragte vor dem Landgericht die Verweisung der Klage an den Verwaltungs-Gerichtshof. da es sich um eine Verwaltungs- Maßregel handele. Der Vertreter des Verbandes erwiderte, daß auch dort schon Klage erhoben sei, hielt aber gleichzeitig die Klage vor dem Landgericht aufrecht. Die Entscheidung wurde ausgesetzt. Ausland. Lohnbewegungen in Dänemark. Die Vertreter des„Gesamt- Verbandes der Gewerkschaften" sowie die der„Arbeitgebervercinigung" hielten am Freitag zusammen mit den Vertretern der Reeder und der Heizer eine gemeinsame Sitzung zwecks Beilegung der D i f f e- r e n z e n mit den Danipsschiffsheizern ab. Eine Einigung konnte aber nicht erzielt werden, weil die Reeder auf der Neduzierung des Monatslohnes von 60 auf 45 Kr. für das erste Jahr der An- stcllnng beharrten. Von dieser Lohnreduktion würden etwa Vs sämtlicher Dampsschiffsheizer Dänemarks betroffen werden, und da bisher eine Lehrzeit in diesem Fach nicht üblich ist und die Neueingestellten ihre Arbeit so gut verrichten müssen wie die älteren Leute, erscheint das Bcrlangen der Reeder um so ungerechtfertigter. — Auch mit dem Konflikt in der Textilindu st riebe- schäftigte sich diese Sitzung. Aber auch hier wurde keine Regelung herbeigeführt. Der Vertreter der Fabrikanten versprach jedoch, seiner Organisation einen Antrag auf Bildung einer gemeinsamen Koni- Mission zu nnterbreiten, die eine Grundlage für weitere VerHand- lnngen schaffen soll. Hier ist somit noch Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts vorhanden. Vorläufig wird zu den alten Be- dingungen weiter gearbeitet. Der Diamantarbeitcr-Streik in Amsterdam. Nach Fest- stcllnng der Organisation sind insgesamt 2456 organisierte und 150 iiiiorganisierte Diamaiitarbeiter ausgesperrt, während 2273 organisierte und 60 niiorganisierte arbeiten. Hierbei sind jedoch die Diamantspalter solvie die Diamantschneider nnd-Schneideriiinen nicht mitgereckmct. Als arbeitslos eingeschrieben waren am 3. Januar 1112. die selbstverständlich nicht bei den obenstehenden Zahlen einbegriffen sind.— Unter den arbeitenden Kollegen ist ein Manifest verbreitet tvorden, tvodurch sie aufgefordert werden, die Ausständigen mit 10 Proz. ihres Lohnes zu unterstützen.— Socistles. AlterSpcnsioncu. Etwa 1000 Delegierte von Gelverkschaftcn und Genossenschaften G r o ß b r i t a n n i e n S treten am 14. und 15. d. M. in Excter Hall, London, zu einer Konferenz zusammen, um über einen Plan resp. Gcsetzentivurf, betreffend staatliche Alters- Pensionen für Arbeiter, zu beraten. Die Pension soll mit dem 60. Lebensjahre beginnen und sich zwischen 5 bis 8 Schilling wöchent- lich bewege», andcriveitige Versicherung oder Untcrstiitziiiig nicht ein- gerechnet. Die hierzu nötige©imune wird auf etwa 23 Millionen Pfund Sterling jährlich geschätzt. Vevfsumnl ungen. Schwellen eine fach- Ob die sachkundige Hilfsarbeiter, das soll Eine öffentliche gntbcsuchtc Schranbendrchcr-Vcrsaiiimliing fand am Donnersiag bei Graninaiin, Nannynstraße, statt und be- schäftigte sich zunächst mit dem Streik bei der Firma Stelz n er. Große Frankfnrterstr. 13. Hirsch schilderte, tvie der Streik eulstanden ist durch die, wie alle Jahre, auch in diesem Jahre gemachten Abzüge, die diesmal so groß waren und mit solcher Hartnäckigkeit aufrecht erhalten wurden, daß den Arbeitern kein andres Mittel als der Streik iibrig blieb, um sich in ihrer Lebenshaltnng nicht ganz herabdrücken z» lassen. Es haben sich inzlvischen zivar mehrere Streikbrecher eingefiiiiden, doch sind das meistens so minderwertige Arbeiter, daß durch sie der Betrieb nicht dauernd aufrecht erhalten werden kann und somit ein günstiger Ausgang des Streiks zu erivarten ist. Seit Ausbruch des Streiks haben fortdauernd polizeiliche Vernehmungen, jedenfalls auf Deiiun« ziationen der Firma, statigefundcn, offenbar zu dem Zweck, die Streikenden einzuschüchtern.— Dem Referat folgte eine kurze Dis- kussion» aus der hervorging, daß die Ausständigen nicht daran denke», nachzugeben.— Darauf fanden Ergänzinigswahlen zur Agitationskommission statt und hierfür wurden die Kollegen Liebchen nnd Frau T i e l e r t gewählt. Dann berichtete Cohen über die bevorstehende allgemeine Arbeits- losenzählnng für Groß- Berlin und legte ausführlich dar, in welcher Weise die Zählung vorgenommen iverden soll. Man erwartet, daß sich mindestens 3000 von den Mitgliedern des Metallarbeiter- Verbandes an dieser Arbeit beteiligen werden. Eine große Anzahl hat bereits zugesagt. Um festzustellen, auf wie viel Mit- arbeitende gerechnet werden kann, sind Listen au die Vertrauens- niänner ausgegeben worden, ivorin jeder eingezeichnet wird, der mithelfen will. Die Listen sind Sonnabend wieder abzuliefern. Die Kollegen, die mit thätig sein wollen, haben sich am Sonntag, den 26. Januar, in 17 verschiedenen Lokalen morgens 8 Uhr einznfinden. Zwecks Kontrolle sind die Verbandsbücher mitzubringen.— Eine sehr gut besuchte Versammlung der HanSdiener, Packer nnd Packerinnen, welche sich mit den in letzter Zeit bei der Finna Jordan. Markgrafen st raße, vorgekommenen Entlassnitgen nnd ihren Ursachen beschäftigte, tagte am vorigen Dienstag in den Arininhallen. Der Referent A u g n st Werner führte u. a. folgendes ans: Im Jahre 1893 erreichten wir, daß der Lohn der Diener des Hauses Heinr. Jordan von 75 M. per Monat auf 85 M. erhöht wurde. Zu dieser Zeit waren nur einige Kollegen organisiert. Im vorigen Jahre waren fast alle organisiert und konnte deshalb Ivegen der vielen Mißslände, welche vorhanden, auch eine Verbandlung mit dem Chef der Firma, Herrn Fritz Jordan, geführt werden. Diese Verhandinngen hätten dauernden Erfolg gehabt, wenn nicht ein Herr Inspektor Namens Kraus, ehemals Hansdiener. durch die Art seines Auftretens Mißstimmung unter den Hans- dienern hervorrief. Redner schildert die Arbeitszeit als eine über- aus lange. Die Diener erhalten des Abends Pakete, welche sie zu den Kunden befördern müssen, ohne daß man Rücksicht aus die Gegend nimmt, in der sie wohnen. So mußte ein Diener nach Reinickendorf. obgleich er in Rixdorf wohnte, während in derselben Straße ein andrer Diener wohnte, welcher dieses Paket hätte mitnehmen können. Die diesbezüglichen Vor- Haltungen der beiden Diener lvurden von dem schneidigen Herrn Kraus mit den Worten abgefertigt:„Wem's nicht paßt, der mag gehen, denn Dutzende Angebote laufen täglich ein." Eine Bezahlung der Ueberstnndeii findet nicht statt. Ebenfalls müssen sämtliche Diener des Sonntags auch ohne Bezahlung arbeiten. Urlaub wird nur selten gewährt, und wenn dieses geschieht, wird znmeist die betreffende Zeit in Anrechniing gebracht. Die Weihnachtsgratifikation, welche eine Entschädigung für die vielen Ueberstnndeii sein soll, wird auch in unverständlicher Weise verteilt. Unter allseitiger Erregung der Versammelten teilt sodann der Redner mit, daß bei der letzten Betriebssitzung sich einige Kollegen von Herrn Kraus verleiten ließen, Spitzeldienste zu verrichten, indem sie sich f a l f ch e B ä r t e anlegten und im Nebenhause des Versammlungslokals auf- patzten, wer sich an der Sitzung beteiligte. Die Spitzel wurden erkannt nnd wollte man ihnen die Bärte abreißen. Da kam zufällig eine Droschke des Weges und sie sprangen dort hinein. Die Entdecker dieses Streiches, sowie die, welche vor der Entdeckuiig zur Sitzung gekommen waren, wurden nachher entlassen.(Rufe Pfnl) Nachdem Redner noch verschiedene Mißstände besprochen und auch Kollege Uthes, sowie einige von den Entlaffenen gesprochen, fand eine Resolution einstimmige Annahme, in der diese Mißstände scharf getadelt wurden. Sodann referierte S t r e i t n e r über die bevorstehende Arbeits- losenzählnng. Nachdem noch Genosse Pötzsch einen mit Beifall anfgenomnienen Vortrag über«den Stellenverinittelnngsschwindcl" gehalten hatte, wurde die Wersanimlnng geschlossen. Die Porzcllanarbeiter hielten am 11. d. Mts. im Vereins- lokal eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher die Berichte der Verwaltung und des Arbeitsnachweises für das verflossene Jahr entgegeiigenommen wurden. Der Arbeitsvcrmitteler gab eine sehr gut ausgearbeitete Statistik, aus welcher sich ergiebt. daß im Jahre 1901 137 Kollegen 3583 Tage arbeitslos waren. Im Durch- sckmitt pro Kopf 26 Tage. Nach dem gelteiiden Mininiallohn beträgt dies einen Lohnansfall von 16 101,00 M. oder pro Kopf 118.25 M. Die Kosten einer Vennittelung stellen sich duichschnittlich auf 1,80 Pf. Der Gewerkschaftsdelegicrte gab sodaun Äufklärnng über die in die Wege geleitete Arbeitslosen-Zählung und fordert zu reger Be- tcilignng auf. Für die Bibliothek sollen nach dem Verzeichnis des „Vorwärts" Jngendschriften für die Kinder der Kollegen angeschafft werden. Die Veröffentlichnng der Glasmaler in Nr. 4 des„Vor- wärts" betreffend, wurde bedauert, daß dieselben sich eine Sonder- organisation geschaffen haben, nnd wurde der Lohnkonimission auf- getragen, nochmals einen Versuch in dieser Hinsicht zu nnternehinen. Es wnrden sodann noch verschiedene interne Angelegenheiten be- sprochen. Steglitz. Im Wahlverein für Steglitz hielt Gcmeindevertreter R a p p einen Vortrag über„Die Arbeitslosigkeit in Steglitz und die Genicindevertretinig". Heber die Behandlnng der Notstands-Jnter- pcllation in unsrem Dorfparlament haben wir schon berichtet und wollen deshalb nur erwähnen, daß in der Diskussion betont wurde, von der Mehrheit der jetzigen Gemeindevertretung sei eine Wahrung der Arbeiterinteressen nicht zu erwarten und es müsse deshalb alles darangesetzt werden, bei den nächsten Gemeindewahlen nnsre Kau- didatcn dnrchznbringen. Auch daß es der Gemeindevorstand nicht der Mühe wert hielt, auf die Interpellation zu antworten, wurde scharf getadelt. R a p p teilte noch mit. daß er auf die Notiz im„Vorwärts" hin Erkimdigungen eingezogen und festgestellt habe. daß thatsächlich ein seit zwölf Jahren bei der Gemeinde be- schäftigter Arbeiter zu Weihnachten entlassen wurde wegen A r b e i t s in a n g e l. Es wurde demselben grotzmiitig anheim« gestellt, sich bei' eventuellem Schneefall wegen Beschäftigung zu melden. So treibt man in Steglitz Socialpolitik!— Es wurde noch darauf hingewiesen, daß die Wählerlisten vom 15. bis 31. d. M. zur Einsicht ansliegen, und daß auch das hiesige Gewerkschaftskarlcll in der gleichen Zeit wie Berlin eine Arbeitsloseiizählung veranstaltet. Ter Wahlverein zu Britz hielt am 10. Januar bei Barkentin in der Bürgerstraße eine Generalversaiiimlung ab. In derselben waren die Genossen Eberhard und Dieken hofer ans Charlottenbnrg als Vertreter des Central-Wahlvcreins-Vorstandes anwesend. Die Versammlung nahm die Berichte des Vorstandes, der Revisoren, des Bibliothekars nnd der Gemeindevertreter entgegen. Daran schloß sich eine rege Diskussion. Dem Bericht des Vorsitzenden ist zu entnehmcn, daß in dem verflossenen Vierteljahr drei Vereins- Versammlungen und drei Vorstandssitzungen stattgefunden haben und daß die Mitgiiederzahl 61 beträgt. Beschlossen wurde, auf die„Koiiimunale Praxis" zu abonnieren. Vom Verein aus eine Arbeitsloseiizählung zu veranstalten wurde abgelehnt mit Rücksicht auf die bevorstehende Gcmeindcratswahl. Zmn Schluß wurden zwei neue Mitglieder auf- geuomineii._ Uvtzto und DepvMem Mittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Frankfurt a. M, 13. Januar.(B. H.) Bei den heute nach- mittag hier stattgehabten Arbeitsloseu-Demoustrationeu kam es. nach einem Bericht der„Franks. Ztg.", auf der Schnnrgasse zu Zu- sainmenstößen zwischen den Arbeitslosen und der Polizeimaiiuschaft. Die Schutzleute, die uniformierten den blanken Säbel in der Faust, die geheimen mitOchseuziemern bewaffnet, drangen auf die in ängstlicher Flucht sich zurückziehenden Menschen ein. von denen, wie der Augenschein lehrte, auch nicht einer den Versuch machte, sich irgendwie zur Wehr zu setzen. Man bemerkte eine Anzahl Frauen, die Pakete trugen und ganz zufällig in den Schwärm hineingeraten waren. Sie und viele andre hatten unter der entschieden zu weit gehenden Energie der Polizeiorgan aufs empfindlichste zn leiden. Die Demon- st r a n t e n benahmen sich, wie das Blatt ausdrücklich bemerkt, durchaus friedfertig. Es erfolgten mehrfache Festnahmen. Gegen 5 Uhr war überall alles ruhig. Verhafteter Defrandant. Baden b. Wien, 13. Januar.(B. H.) Der städtische B u ch b a l t e r Gustav W a st l hat nach eignem Geständnis aus der städtischen Kasse 135000 Kronen defraudiert: er wurde v e r h a s t e t. Man befürchtet, daß die Summe weit höher ist._ Eine Rede Mtllerandö. Firmluy(Dep. Loire), 13. Januar. Mini st er Millerand hielt hier bei einem Festmahl e i n e R e d e, in welcher er den Eintritt der socialistischen Partei in die Re« gieniiifl und ihre Mitarbeit an den Regierungsaufgaben rechtfertigte. Millerand führte aus, dieser Beitritt sei not- wendig geworden infolge der Gefahren, welchen die Republik ausgesetzt geivesen sei. In einer Republik, welche das allgemeine Stimmrecht habe, müßten die Socialisten, welche daran arbeiteten, demokratische Reformen zn verwirklichen, auch die Berant» wortung übernehmen, welche aus der Mitarbeit am öffent- lichcn Leben hervorgehe. Der Socialisinus habe der hohe Ehrgeiz, den Menschen aus erniedrigender Unwiffenheit und von den liebeln zn befreien und ihn am Eigentmn der Gesellschaft teilnehmen zu lassen. Eine Partei, welche die Gesellschaft umformen könne, müsse zuerst das Milien, in welcher sie lebe, ändern. Wie würde sie dazu im Stande sein, wenn sie die Bedürfnisse und Interessen dieses Milieus in Bezug auf alle Fragen der auswärtigen, der inneilen Politik und auf kolonialem Gebiet nicht beachtete?! Der Socialisnius sei also glücklicherweise dazu verurteilt, Stellung zu nehmen. Millerand sagt sodann, er hoffe, die socialistiiche Partei werde vcr« stehen, sich die nötige Selbstzucht bei Ausführung dieses Zweckes aufzulegen._ Hamburg, 13. Januar.(W. T. B.) Wie der„Hamburgischk Korrespondent" aus Cuxhaven meldet, sind von dem auf der Robben« platte gestrandeten Fischdampfer„Sekniidanl" 7 Personen ertrunken. Gerettet wurden der Kapitän Eisenhardt, der Steuermann und der Koch. Voraussichtlich wird nur d e r K n p i t ä n a»i L e b e n erhalten bleibe» können; die ans 10 Personen bestehende Besatzung des Schiffes hatte sich vom Dienstag bis zum Sonnabend ohne Nahrung in den Masten gehalten; 7 Personen wurden einer nach dem andren von den Wogen weggespült. Olmütz, 13. Januar.(B. H.) Der kürzlich unter dem Verdacht, an dem Tode seiner Wirtschafterin schnldjg zn sein, verhaftete Pfarrer, Pater Riml, wurde, nachdem sich seine Unschuld herausgestellt hat, wieder in Freiheit gesetzt._ Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Für den Jnseratentetl verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 2 Veilagen u. Nnterhaltungöblatt» fit. 11. IS. WtMg. l|(jl(ljjf NeiikzskÄg. 116. Sitzung vom Montag. 13. Januar 1962, nachmittags 1 Uhr. Am Bimdesratstisch: v. G o ß l e r. Die erste Beratung des EtatS wird fortgesetzt. Abg. Dr. Stockmann(91p.): Herr Abg. Bebel hat nicht bestreiten können, dost die französischen Socialdemokraten Kornzölle nicht nur bewilligt, sonder» so- gar gefordert haben. Also trifft das Wort„Brotivuchcr" auch ans die französischen Parteigenossen des Abg. B e b e l zu. Es ist aber »och eine andre Möglichkeit vorhanden, daß Herr Bebel das Wort „Brottvncher" als ein Schlagwort betrachtet, an dessen Nichtigkeit er selbst nicht glanbt. Er gebraucht es nur, um bei der groben Masse Eindruck zu machen, ivas ihm ja leider teilweise geglückt ist. Herr Dr. S ü d e k u m hat in seiner Etatsrede eine schwere Anklage gegen die deutschen Kricgervereine erhoben; im Namen der- selben protestiere ich gegen diese Aetisternng. Unsere Kolonien werfen deshalb keine Ueberschiisse ab, iveil wir nicht genügend für Verkehrsivege gesorgt haben. Neue Verkehrswege sind für nnsre Kolonien so notivendig ivie das tägliche Brot.(Bravo! rechts.) Abg. Werner(Antis.): Die Aeiiherungen des Herrn Chamberlain sind von dem Herrn Reichskanzler in so vorzüglicher Weise zurückgewiesen worden, daß ich nur lebhaft bedauern kann, daß er nach der Rede des Abg. Lieb ermann v. Sonnenberg den Gang nach Canoffa angetreten hat. Was unsre Kolonien anlangt, so kann ich den Ans- fühningen des Herrn Vorredners nur beistimmen. Wir müssen dem Beispiele Englands und Hollands folgen und aus unsren Kolonien Heraiiswirtschaften, was herausziilvirtschaften ist. Herr Dr. O e r t e l hat sich am Freitag gegen neue direkte Stenern gewendet und die Einführung indirekter Steuern empfohlen, um der fchlechten Finanzlage abzuhelfen. Dagegen muh ich cnt- schieden protestieren. Sollten neue Stenern nolwendig sein, so mich zunächst das Großkapital herangezogen werden. Den Ausführungen des Herrn Reichskanzlers über die Wellpolitik können wir zustimmen, jedoch müßte unser nationales Selbstbewichtsei» besonders England gegenüber schärfer zum Ausdruck gebracht werden. Bayrischer Staatsrat v. Stengel: Auch der Herr Vorredner hat von einer Reichs-Finanz- t e f o m gesprochen, ebenso ivie der Abg. Richter. Das gicbt mir die erwünschte Gelegenheit, den Standpunkt der bayrischen Regierung in dieser Frage darzulegen. Der Herr Abg. Richter stellt es so dar, als wenn nur die kleinen Bundesstaaten ein Interesse an einer Finmizauscinander- setznng mit dem Reiche hätten. Nein, auch Bayern hat ein solches Interesse. Werden die Matriknlarbeiträge erhöht, so müssen ivir ent- weder die direkten Steuern erhöhen oder neue Anleihen anfnehmen. Auch müßten dann wichtige Kultnraufgaben zurückgestellt werden. Der einzige Ausweg, der uns bleibt, ist die jetzt vorgesehene Zuschuß- anleihe.(Bravo! rechts.) Abg. Stöcker(wildkons.): Die Krise wird hoffentlich bald vorübergehen, sonst werden wir die Ausgaben beschränken müssen. In der Industrie hat eine starke Ucberprodnktion Platz gegriffen. Bei den Bankbrüchen hat sich gtoße Gewissenlosigkeit gezeigt. Das ist aber nicht auf das Konto der kapitalistische» Wirtschaftsordnung zu setzen, das beruht auf den Auswüchsen des Kapitalismus, den Sünden des Ka- pitalismus. Es ist gut zu heißen, daß möglichst viel Arbeit geschafft Ivird, eine Arbeitslosenversicherung ivird nötig sein und ein geregelter Arbeitsnachweis wird ebenfalls erforderlich sein. das mammonistischc Treibe» gicbt zu ernsten Mahnungen Anlaß. In Bezug auf den Fall Spahn hat Dr. Sattler nicht Recht. Der Gegensatz zwischen katholischer und evangelischer Auffasinng ist nicht der schärfste. Biel schärfer ist der Gegensatz zwischen lheistischer und atheistischer Auffassung. Professor S p a h n scheint sich zu bc« mühen, auch der Gegenseite gerecht zu werde», und solche Männer sind uns nicht unangenehm. Sie können den bestehenden Zwiespalt überbrücke». Die Kolonien müssen wir erhalten nnd ausbauen. Ein so großes Reich ivie Deutschland darf mit solchen Dingen nicht spielen. Ob wir ivollen oder nicht, wir kommen in die Weltpolitik hinein. Was die Kolonialpolitik betrifft, so sind nur wegen Südwcstafrika zwei bittre Klagen zugegangen. Durch den Braniitiveinimport wird die einheimische Bevölkerung dort verwüstet und verderbt. Ein Missionar hat erklärt, man lasse lieber die Sklaverei und schaffe den Branntwein ab. Im Lande herrschten früher koinmunistische Verhältnisse; die Herden waren gemeinsam, das Land stand jedem offen. Jetzt haben die Kon- zesstonäre weite Landstrccken erhalten und vertreiben die Ein- gebornen. Die Enropäer können dort nicht arbeiten, die schwarze Bevölkerung muß zur Arbeitsfrcudigkeit angeregt werden. Aber die verkehrte Landpolilik der Kolonialverwaltung stört diese Entwicklung; sie ist verderblich und tödlich für die Zukunft unsrer Kolonie». Die Selbständigkeit der Boerenrepubliken liegt, das tvurde früher offiziell erklärt, in unsrem Interesse. Von dieser Politik sind wir leider abgewichen. Ich rede auch einer bewaffneten Intervention das Wort, aber es giebt noch andre Mittel. Der Reichskanzler hat die ungehörigen Acntzerungen Chamberlains zurück- gewiesen, aber er mußte auch gegen die ganze dem deutschen Volke unsympathische englische Politik Front machen, die auch die deutschen Missionen fchwer schädigt. Die systematische nutzlose Verwüstung bleibt nicht nur auf die Boercnfamren beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf die deutsche» Missionen im Bocrenlande.(Hört! hörl! rechts.) Das macht doch ein Einschreiten unsrer Regierung notwendig. Im Oranje-Freistaat sind sechs deutsche Missionen vollkommen verwüstet worden. Und die christlichen Größniächte sehen mit verschränkten Armen zu. Das versteht man im Lande nicht. Es wäre etivas Großartiges, wenn sich die christlichen Großstaaten zusammenfände» und nicht nur gegen Rede», sondern auch gegen die Thaten der Engländer eine» kalten Wasserstrahl richteten. Die Konzentrationslager sind geradezu Mordplätze. Der Abg. B e b e l hat es fertig bekommen, einiger- maßen eine Parallele zu ziehen zwischen den Lhatcn der Boxer und den Thaten miserer Soldaten im Kriege 1870/71. Nein, Herr Bebel, das dürfen Sic nicht, das ist nicht ivahr. Die deutschen Truppen haben diesen Krieg als christliche Leute, als liebreiche Leute geführt. Natürlich ist der Krieg nicht nur Liebe, sondern auch Tod nnd Verwüstung. Redner zählt einige Beispiele von Humanität deutscher Truppen auf. Und da entblödet sich eine deutsche Partei nicht, unser Verhalten in» deutsch- französchen Kriege zu vergleichen mit den Greuelthate» der Boxer. (Ruf rechts: Es sind aber nicht Deutsche, sondern Internationale!) Einem christlichen Chinesen sind von einem andern Chinesen beide Augen ausgebohrt lind die Augenhöhlen mit ungelöschtem Kalk gc- füllt ivorden. Das ist chinesisch. Und trotzdein haben sich nnsre Truppen bei diesem Kriege in China gerade so gut benommen, ivie 1870/71.(Sehr richtig! rechts.) Ei» preußischer Soldat ist st, den kaltenPciho gesprungen, um einen ertrinkenden Chinesen zn retten. Preußische Truppen haben Geld für hungernde Chinesen gesammelt. Es ist ja manches vorgekommen, was nicht recht ist. Das Bedanern über die Instrumente will ich nicht wiederholen. Aber wo eine Aus- schreitung vorgekommen, ist sie hart bestraft ivorden, daß man sich manchmal sagen mußte: Es ist zu viel! Es giebt kein Parlament der Welt, Ivo die Achtung vor dem Vaterlande durch falsche Dar- stellnngen so untergraben wird, wie es hier durch die Sociuldemo- kratic geschieht,(Bravo! rechts.) Das ist eniprörcnd.(Bravo! rechts.) An der Tapferkeit nnd der Humanität unsrer Truppe» können nur Leute zweifeln, die durch die socialdemokratisch« Presse um daS eigne its.Fmilrls" Nachdenken gebracht worden sind.(Bravo I rechts.) Von allem Elend, Krisis und Arbeitsnot. das wir haben, ist das größte Elend doch das, daß wir hier eine Partei habe», die so zur Verachtung des Vaterlandes aufreizt, wie die Socialdemokratie.(Bewegung.) Staatssekretär v. Richthofen erklärt, daß von der Regierung alles nur Mögliche für die in Südafrika gefangenen deutschen Missio- nare gethan worden sei. Die Ansprüche der Missionare sind gericht- lich geltend gemacht worden. Wir werden nnsre Bemühungen fortsetzen. Abg. Dr. Haffe(natl.): Wir Alldeutschen sind mit der Rede des Reichskanzlers zufrieden, sie ist uns nur etwas zu spät gekommen. Die Aufregung im Volke war keine künstliche, sondern eine gerechte. Die Kriegervereine ans Befehl Patriotismus entwickeln zu lassen, war ein Fehler. EineS solchen Befehls bedurfte es nicht. Da der Minister Chamberlain erst vorgestern noch seine Worte aufrechterhalten hat.müffen wir uns um so entschiedener auf die Seite des Reichskanzlers stellen. In Südafrika ist das Haager Abkommen in fast jedem Punkte von den Engländern verletzt worden. Wären Militärbevollmächtiqte auf dem Kriegsschauplatz, so könnte man es ganz zweifelsfrei seststelleu. Das Verfchnlden Englands wird dadurch aber nicht kleiner. Für die aus Südafrika ausgewiesenen llleichsdentschen hat die Regierung in anerkennenswerter Weise ge- sorgt, sie sind schließlich in ihren Ansprüchen befriedigt worden. Ich begrüße es, daß man zurückhaltender gegen England ge- worden ist. Staatssekretär Frhr. v. Richthofe»: Herr Hasse hat Unrecht, wenn er meinte, daß wir in unsren Militärbevollmächtigte n auf dem südafrikanischen Kriegs- schauplatz eine Art Schiedsrichter gehabt haben würden über Handlungen der Engländer, die gegen die Haager Abmachungen verstoßen haben sollen. Unsre Bevollmächtigten hätten lediglich, wenn wir sie auch nicht zurückgezogen hätten, Bericht zu erstatten gc- habt und diese Berichte sind geheim nnd hätten nicht veröffentlicht werde» dürfen. SIedner kommt dann ans einige Beschwerden des Abg. Liebcrmann von Sonncnberg wegen nngenügendcn Schutzes Deutscher im Auslände zurück. Unter den Tausenden von Beschwerden, die jährlich beim Auswärtigen Amt einlaufen, sind mir vier bis fünf von der Presse weiter verfolgt worden, und auch diese unberechtiglerweise. Das Auswärtige Amt läßt sich angelegen sein, den Schutz der Deutschen im Auslande nach allen Kräften wirksam zn machen.(Beifall.) Abg. Dr. Hahn(B. d. L.): Im Volke besteht ein gewisses Mißbehagen über die Aenßcrnng des Herrn Reichskanzlers in betreff des Dreibundes. Ein gewisses Mißtrauen empfinde ich auch gegenüber den neuesten Liebens wiirdigkeiten zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika nnd Deutschland. Ich hoffe jedenfalls, daß es nicht so gehen wird, wie zu Zeiten des Grafen Caprivi, und daß diese Liebenswüdigkciten nicht etwa weitcre Konzessioncn aufhandcls- polilischem Gebiete gegenüber Amerika zur Folge haben werden.— An der wirtschaftlichen Krisis. unter der wir jetzt zu leiden haben, sind vor allem die unsinnigen Spekulationen der dauto finance schuld. Eine entsprechende Verschärfung deS Börfengesetzes vorzunehmen wagt die Regierung aber nicht, ja, das Gesetz wird nicht einmal energisch gehandhnbt. Sollte das Börsengesetz in dieser Session noch zur Verhandlung kommen, so würden wir uns bei dieser Gelegenheit ausführlich über die Ursachen der Krisis und des großen Bankkrachs unterhalten und Mittel zur Verhinderung ähn- licher Vorkommnisse vorschlagen können. Als Tamm gegen die Socialdemokratie niiissen wir vor allem die Bauern schützen, an dem felsigen Kern der Bauernschaft, der nur durch einen hohen Zoll erhalten werden kann, wird die Flut der Socialdemokratie zerschellen. (Bravo I rechts.) Abg. Dr. Arendt(Rp.) verbreitet sich über den Bahnban in den afrikanischen Kolonien und polemisiert dabei gegen den Abg. Richter.— Herr Bebel kam auf meine Ausführungen über die Stellung der französischen Socialisten zn den Getrcidezöllen zu sprechen und meinte: das sei eine Frage der inneren Politik, die in jedem Lande anders sein müsse. Es handelt sich aber um eine wirlschafiliche, nicht um eine innere Frage.— Daß in Frankreich, wo doch der mittlere Grund- besitz überwiegt, von allen Parteien Getreidezölle gewünscht werden, beweist, daß diese nicht allein de» Großgrimdbesitzern zn gute kommen kann.— Wie stellt sich denn die Socialdemokratie die Frage der Gctreidezölle in der znlünfiigen Gesellschaft vor? Nach meiner Meinung müßte sich dann jeder Staat wie mit einer chinesischen Mauer gegen den andren abschließen. Oder falls es etwa der Social- dcmolralie in Deutschland zuerst glücke» sollte, den Zuknnftsstant zu errichten, wie würde es dann werden? Würde dann etwa Herr Bebel als Präsident der lllepublik mit den andren noch kapilalistischen Staaten Handelsverträge abschließen? Das wäre ja ganz undenkbar, denn damit würde ja das so verpönte kapitalistische System wieder in den Zuknnftsstaat hineinkommen. Also die Socialdemokratie hat wirklich keinen Anlaß, für Handelsverträge und Freihandel einzutreten, und ich bin überzeugt, daß das jetzige schöne Bündnis zwischen Kommerzienräten nnd Socialdemokratie recht bald in die Brüche gehen wird. Sollte durch die Lbstrukiion die Zolltarif-Vorlage zu Falle gebracht werden, so schiebe ich die Verantwortung dafür von vornherein der Regierung zu. Im übrigen habe ich zu den arbeitenden Klassen das Ver- trauen, daß sie, obgleich das wüste Geschrei � des„Brot- wnchers" über das Land ergangen- ist, wissen werden, daß der Schutz der nationalen Arbeit und nicht der Frei- Handel in ihrem Interesse liegt. Der vorliegende Tarif ist nicht wie der Abg. Singer sagt, ein Hungertarif, sondern ein Tarif gegen den Hunger. Zum erstenmal« sind diesmal 4 Millionen Münzgewinn als ordentliche Einnahtnen in den Etat eingetragen. Diese erfreuliche Thatsache stelle ich zum Teil mit auf mein Konto. Unangenehm hat mich der Schlußsatz der Rede deS Schatzsckrctärs berührt, in dem er so on xassant. von der Tabak- und Biersteuer sprach. Will er eine Borlage eiubringen, so hätte er die Bemerkung bis zur Ein- bringung unterdrücken sollen. Handelt es sich aber nur um all- gemeine Bemerkungen, so hat er der Demagogie erheblichen Vorschub geleistet, den»«S ist klar, daß sie uns mit der Agitation gegen diese neuen Steuern in den Rücken fallen wird. Staatssekretär Graf v. PosadowSky: Unsre Absatzkrisis und auch unsre BankkrisiS stehen durchaus nicht im Zusammenhang mit der Handhabung des Börsengesetzes, wie eS Herr Hahn darzustellen suchte. Unsre Absatzkrisis ist hervorgerufen durch die industrielle Ueberproduktion in der vergangenen Prosperitätspcriode. Auch die großen Bankkrachs haben mit der Handhabung des Börsen- gesetzes nichts zn thun. Manipulationen. die sich als Wucher, als strafbarer Eigennutz herausstellen, können wohl nach« träglich bestraft, aber nicht auf Grund des Börsengesetzes verhindert werden. Das Publik, im muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß hohe Zinsen mit danernden Vermögensanlagen nicht vereinbar sind. Vermögen werden am besten angelegt in sicheren, wenn auch bescheiden verzinslichen Papieren.— Die Durchführung des Börsen- gesetzes ist Sache der Einzelslaatc». Preußen hat ja neuerdings im Bundesrat einen Antrag auf Abänderung des Börsengesetzes gestellt. Wenn dieser Antrag hilyc zur Verhandlung kommt, werden wir uns ja darüber verständigen können, ob und welche Aendernngen unbedingt notwendig sind. Abg. Dr. HermeS(frf. Vp.): Im Fall Spahn stehe ich ganz auf MomnisenS Standpunkt. Die Berufung der Professoren darf nur nach der Tüchtigkeit erfolgen. Konfessionelle Rücksichten dürfen dabei keine Rolle spielen. Es machen sich aber thatsächlich Einflüsse geltend, die tüchtigen Kräfte von de» Lehrstühlen zn verdrängen. Redner kommt dann noch auf die Frage der Diensllig, 14. lau«« 1902. Saccharinbesteuerung zu sprechen. Die letzte Vorlage wird keine Erträge bringen. Sie wird die Saccharinindnstrie ruinieren. Ist denn die Saccharinindustrie keine nationale Industrie? Warum wollen Sie(nach rechts), die Sie sonst die nationale Industrie zu schützen vorgeben, diesen Zweig der nationalen Industrie ruinieren? Das Gesetz müßte heißen das Antisaccharin-Gesetz. Wir werden uns ja noch eingehend niit der Frage beim Gesetz selbsd beschäftigen. Ich hoffe, das Centrum wird dem Appell nicht Folge leisten und die Saccharin-Jndustrie nicht ruinieren helfen. Abg. Fürst v. Radziwill(Pole): Auch wir accepticren das Wort des Reichskanz- l e r s, das heute im Abgeordnetenhanse geiallen ist. Auch wir lassen in nationale» Dinge» nicht mit uns fpasien! Auch eine nationale Minderheit muß in ihrem Rechte verteidigt werden. Redner wendet sich gegen einige Äußerungen des Abg. Sattler über dieZnständein Galizien. Wir werden näher darauf zurückkommen, wenn die Besprechung unsrer Interpellation hier im Reichstag fortgesetzt wird. Wir legen den größten Werl auf die Fortsetzung dieser Besprechung. In einer niir vom Ritter von Jaworski zugegangenen Information ist im- widerleglich festgestellt, daß Herr Sattler bei der Schilderung der galizischen Verhältnisse arg entgleist ist. Die Behauptung Dr. Sattlers, daß es jetzt in Galizien keine ruthcnische Volksschule gäbe, ist total unrichtig. Es giebt mehr rnthenische, als polnische Volksschulen, es sind über tausend ruthenifly,- Volksschule» in Galizien vorhanden. Der Prozent- satz der ruthenischen Schulen ist höher als der Prozentsatz der nithenischen Bevölkerung. Danach kann man einen Schluß auf die Nichtigkeit der übrigen Behauptungen Dr. Sattlers ziehen. Hierauf wird ein Vertagungsantrag angeiiommen. Abg. Bebel(Soc., zur Geschäftsordnung): Am Schlüsse der Sonnabend-Sitzung erklärte ich, daß ich im Laufe der weiteren Beratung auf die Reden des Herrn Reichs- kanzlers»nd Kricgsministers' antworten würde. Nachdem es nun nicht möglich war, daß ich heute zum Worte kam und da es mir morgen unmöglich ist, an d e r S i tz u n g t e i l z u n e h m c n, erkläre ich, daß ich mir meine Entgegnung für die weiteten Titel des Etats vorbehalte. Nächste Sitzung: Dienstag 1 llhr(l. Fortsetzung der Etat- beratnng. 2. Interpellation Dr. Arendt betr. Entschädigung der Kriegsinvalideu. 3. Interpellation Oriola betr. Slefonn der Militär- pcnsionsgesetzgcbnng.) Schluß 6',s llhr. NOgeordnekenhÄUS. 3. Sitzung vom 13. Januar 1902, vormittags 11 Uhr. Am Regiernngstisch: Ministerpräsident Graf B ü l o lv, Frhr. v. Rheinbaben, Studt, Schön st edt. Auf der Tagesordnung stehen die folgenden beiden Jnter- pellationen: 1. Interpellation H o b r e ch t(natl.) und Genossen: Welche Maßregeln beabsichtigt die lönigl. Staatsregiernng zu ergreifen, nm den Worten der Thronrede gemäß„in den östlichen Provinzen dem Deutschtum die politische«nd wirtschaftliche Stellung zu erhalten, auf welche es durch seine lange, unter der weisen Führung der Hohenzollernschen Fürsten geleistete Kulturarbeit gerechten Anspruch erworben hat, das Deutschtum zn pflegen, staats- feindliche Bestrebungen abzuwehren und das Zurückdrängen deutscher Sprache und Sitte zu verhüten"? 2. Interpellation von Dr. v. Jazdzewski(Pole) nnd Genossen: Wir richten an die lönigl. Staatsregierung die Frage, ob dieselbe in Anbetracht der bekannten Schnlvorgänge in Wrcschr» und in, öffentlichen Interesse überhaupt es nicht für ge- boten erachtet, die auf dem Gebiete'des Religionsunterrichts in den Volksschulen der sprachlich gemischten LandeSteile getroffenen Anordnnngen einer Abänderung zn unterwerfen. Auf Vorschlag des Präsidenten v. Kröcher, gegen den sich ein Widerspruch nicht erhebt, wird die Besprechung der beiden Jnter- pellationen verbunden. Ministerpräsident Graf V. Biilow erklärt sich bereit, die Jnter- pellationen sofort zn beantworten. Zur Begründung seiner Interpellation ergreift das Wort Abg. Hob recht(natl.): Der äußere Anlaß unsrer Interpellation war der Wunsch meiner politischen Freunde, die wichtige Angelegenheit des Schutzes des Deutschtums in den östlichen Provinzen abgesondert in diesem Hanse behandelt zu sehen von den übrigen schwebenden Fragen. Ich per- sönlich bin in dem überwiegend polnischen Teile Oberschlesiens als Landrat thätig gewesen, habe mir Mühe gegeben, polnisch zu lernen, und habe dann in Posen und Westpreußen als RegierungS- beamtcr gearbeitet. Seit mehr als drei Jahrzehnten ver- trete ich einen nationalgesinnten Wahlkreis an der Weichsel. Nach meinen Beobachtnngen ist das Deutschtum in der ö st l i ch e n Provinzen zwar nicht zurück- gegangen(Hört! hört I im Centrum), dagegen hat die polnische Agitation, die früher fast rein lokalen fCharakters ivar, außer« ordentlich zugenommen. Das Zeitalter deS Dampfes und der Eleklrieität mit seinem Naheancinanderrücken der Bevölkerung hat auch hier seinen Einfluß geübt. Anläßlich der Wreschener Vor- gänge ist uns die Behandlung, die die Polen in Oestreich genießen, vielfach als Muster vorgehalten worden. Wir können die Be- strebungen der Lstreichischen Regierung, die in diesem Staate vereinigten verschiedenen Nationalitäten unter Gewährung möglichster Autonomie für jede einzelne zusammenznhaltcn, mir anerkennen, aber daraus keinenjMnßstab entnehmen für die Behandlung der Polen in Preußen.(Sehr richtig I rechts und bei den Nationalliberalen.) Die Größe des Deutschen Reiches beruht noch inimer in erster Linie auf der einheitlichen staatlichen Geschlossenheit Preußens.(Beifall rechts nnd bei den Nationalliberalcn.) Daher müssen wir die Interpellation des Abg. v. Jazdzewski ablehnend beurteilen. Unsre Interpellation erstrebt keine neuen gesetzgeberischen Maßnahmen der Regierung, sondern wir wünschen auch hier im preußischen Landtage' von der Staatsregiernng die Zusicherung zu erhalten, daß dieselbe von dem cingeschlagencn Wege der Polen- Politik nicht wieder abweichen werde. Wir wünschen die Ziisichcrung von der KnltnSverwaltiing, daß sie von den in langer VcrlvaltiingSarbcit festgestellten Grundsätzen nicht wieder abweiche» werde. In diesem NUN einmal unvermeidlichen nnd unerbittlichen Kampf muß schließlich die Festigkeit, die Kraft und Zähigkeit unsreS Volkes den Ausschlag geben. Damit werden wir auch nnsrcn polnischen Mitbürgern den besten Dienst erweisen.(Beifall rechts und bei den National- liberalen.) Hierauf nimmt das Wort zur e g r ü» d u n g der p o l n i« scheu Interpellation. Abg. Dr. v. JazdzewSki(Pole): Anlaß zu unsrer Interpellation gaben uns einerseits die Vorgänge in Wrcschen und andrerseits der Passus in der Thronrede, der auch die andre Interpellation veranlaßt hat. Neues werden wir heute sicher nicht erfahren, ähnliche Debatten wiederhole» sich ja alljährlich in diesem Hause, dennoch aber war eS Pflicht, das Gerinanisierungssystem der Regierung, über das man sich in der ganzen Welt wundert(Oho! bei den Nationalliberalen), wieder einmal zn beleuchten.— Wir haben in den polnischen Provinzen eine Volksschule ohne Volkssprache.(Lachen bei den Nationalliberalen.) Das versteht man nicht in der gesitteten Welt, daß das Volk in den von den Gemeinden selbst unterhaltenen Schulen nicht in seiner Sprache unterrichtet wird. I» diesen Schulen wird den Kinder» auch nicht in ihrer Sprache ein Religionsunterricht erteilt; ein RcligionSnntcrricht mit dem Stocke in der Hand des Lehrers und de» Strieme» der geschlagene» Kinder, ist daS nicht Barbarei? sLcbhnftes BnU'o! bei den Posen. Unruhe bei den Nationalliberalen und rechts.)— Nedner geht nuuinchr ausfiihrlich auf die Wreschener Vorgänge ein.— Zu Ostern borigen Jahres Ivnrde seitens der Ncgieruug der Religionsunterricht in deutscher Sprache auf den oberen Klassen der Genieiudeschnle in Wrcschen eingeführt. Die Eltern baten hierauf in legaler Weise die Regierung um Zurücknahme der Anordnung. Als diese Bitte ab- schlägig beschicden wurde, haben die E l t e r n ihren Kindern Verbote u. im Religionsunterricht in deutscher Sprache zu ant- Worten. sHört! hört! bei den Nationalliberalen.) Sie rufen„hörtl hört!", aber ist dies Vorgehen nicht ganz verständlich? Die An- ordnung der Regierung verstöbt gegen die Vorschriften der ! a t h o l i s ch e n K i r ch e, g e g e n die Verfassung, und sie labt drittens die Möglichkeit, ja die Geivißheit zu, dast die Kinder eine falsche Auffassung von den Lehren der Religion bekommen, da sie dem Unterricht in deutscher Sprache nicht folgen können.— Der Schulinspektor von Wreschen wurde hierauf von Posen aus instruiert, falls die Kinder dem Gebote der Eltern weiter nachkämen, sie ein- zusperre» und, falls dies nicht helfen sollte, körperlich zu züchtigen.(Hört I hört I bei den Polen.) Dies geschah auch in einer ganzen Reihe von Fällen. Als die Eltern erfuhren, dast ihre Kinder gezüchtigt wurden, drangen sie in die Schule ein. Auch das ist wohl menschlich v e r st ä u d l i ch, aber die Eltern muhten natürlich angeklagt und verurteilt werden. In einzelnen Fällen wurde au die exorbitante Strafe von 2Vs Jahren Gefängnis erkannt.(Hört! hört! bei den Polen!) Man sagt sonst immer, die Gerechtigkeit spreche mit verbundenen Augen Recht. Diesmal meine ich. hätte die Justiz aus Scham über das Urteil ihr ganzes Angesicht verhülle» müssen.(Lebhafter Beifall bei den Polen, im Centrum und links. Große Unruhe und Pfuirufe bei den Nationalliberalen und rechts. Glocke des Präsidenten.) Präs. v. Kröcher: Herr Abgeordneter, diese Bemersimg gegen ein Gericht, anders kann ich sie nicht auffassen, geht zu weit, ich rufe Sie deswegen zur Ordnung.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. v. Jazdzcwöki(fortfahrend): Es ist dnrch die Aussagen der Kinder vor Gericht festgestellt, dah sie Deutsch nur ganz wenig verstanden.(Hört! hört! bei den Polen.) Die heutige politische Behandlung der Polen seitens der prenhi- scheu Regierung widerspricht den auf dem Wiener Kongreb zmn Ausdruck gelangten Anschauungen. Wir verlangen von der Regierung nur. dost sie einer nationalen Minorität unter Berück- sichtigung der Grundsätze der Parität gerecht wird. Dieses Verlangen erheben ivir im Namen nationaler Gerechtigkeit.(Lebhafter Beifall im Centrum und bei den Polen, Zischen rechts und bei den National- liberalen.) Ministerpräsident Graf v. Bülow: Ich darf eS dem Herrn Kultusminister überlassen, Ihnen über die Vorgänge in Wreschen eingehende Aufklärung zu geben. Was ich aber ineiucrseits sofort feststellen möchte, ist die mahlose Art. in der der Wreschener Vorfall nicht nur von der polnischen Presse, sondern zu meinem Bedauern auch von dem Herrn Abgeordneten v. Jazdzewski übertrieben und aufgebauscht worden ist.(Hört! hört! bei den Nationalliberalen. Unruhe bei den Polen.) Man hat diese Vorgänge nicht nur zum Gegenstand politischer Demonstrationen in der Presse und in Versammlungen gemacht, sondern man hat sogar versucht, glücklicherweise völlig vergebens, diese Vorfälle auszunutzen. um uns internationale Schwierigkeiten zu bereiten. Nun wird aber der Herr Kultusminister nachweisen, dast das Vorgehen unsrer Schul- Verwaltung in Wreschen in keiner Weise ein Rovunr enthält. In der Schule der Stadt Wreschen sind nur diejenigen Bestimmungen über die Unterrichtssprache bei der Erteilung des Religiousuntcrrickits in Anwendung gebracht worden, welche in gemischtsprachlichen Provinzen seit 30 Jahren generell bestanden.(Hört! hört! b. d. Rationallib.) Von der ihnen gesetzlich zustehenden Befugnis haben die Regierungen in Poseti und Bromberg einen sehr vorsichtigen und sehr allmäh- lichen Gebrauch gemacht. Wenn insbesondere die Regierung in Posen bei den Kindern der katholischen Stadtschule in Wreschen die Kenntnis der deutschen Sprache für soweit gefördert hielt, dah sie dem Unterricht'in dieser Sprache mit vollem Verständnis folgen könnte», bewegt sie sich bei der Ein- führung der deutschen Unterrichtssprache im Religionsunterricht durch- aus im Rahmen der bestehenden Bestimmungen und haben ihre Zuständigkeit in keiner Weise überschritten. Wenn es trotzdem in Wreschen zu jenen bedauerlichen Vorgängen gekommen ist, die zn LaudfriedenSbruch und zur Bestrafung einer Anzahl Bclvohner dieser Stadt geführt haben, so lag die Schuld nicht an den Organen der königlichen Staatsregicrung, sondern sie lag an der plauniähigen Agitation, welche darauf abzielt(Grohe Unruhe in der Mitte und links, sehr richtig! rechts und bei den Natl.), welche darauf abzielt, die Kinder gegen die Lehrer und die Eltern gegen die Obrigkeit aufzuhetzen. Die prcnhische Schulverivaltung ist von Grausamkeit gerade so Iveit entfernt, wie die deutsche Rechtspflege. Trotzdem will ich keinen Anstand nehme», zu erklären, dah gerade fm vorliegenden Falle, gerade im Religionsunterricht die Anwendung körperlicher Strafen, auch wenn sie, wie dies thatsächlich der Fall ist, in zulässigen und sehr unschuldigen Grenzen geblieben ist(Lachen bei den Polen) doch nicht wünschenswert erscheint.(Bravo!) Es ist Vorsorge getroffen worden. dah körperliche Strafen als Drserplinarschul mittel im Religio ns- Unterricht nicht mehr zur Auwenduug gelangen sollen. (Bravo I) Die Schulverwallung in Posen, die ich vollständig in Schutz nehme gegen die Angriffe des Herrn Vorredners und die wegen ihrer Haltung unter so schwierigen Verhältnissen höchste An- erkennung verdient, besitzt andere und nicht ni i n d e r wirksame Mittel, um renitente Kinder zur Ordnung und zum Gehorsam anzuhalten. Die Verfassung enthält über die Sprache, in welcher der Unterricht in den Volksschulen erteilt iverden soll, überhaupt keine Be- stimmung. Nun hat der Herr Vorredner weiter erklärt, dah die königliche Staatsregierung den Polen ihre Muttersprache geraubt habe. Das ist eine völlig unbegründete Beschuldigung, welche ich mit gröhter Entschiedenheit zurückweise. Die deutsche» Staatsbürger polnischer Zunge bedienen sich ihrer Muttersprache in ihrer Familie, bei ihren geselligen Zusammenkünften usw.(Lachen bei denPolen.) Kein Mensch kann sie hindern, dort zn reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Aber die deutschen Staatsbürger polnischer Zunge sollen auch die deutsche Sprache kennen lernen(Lebhafte Zurufe bei d. Polen); fiesollen im stände sein, an den deutschen lullurelleu Errungenschafteu teilzunehmen. Es ist nnsre Pflicht, die deutsche katholische Kirche im O st e n gegen die P o l o n i s i e r u n g zu schützen. (Bravo! rechts und bei den Nationalliberalen.) Das ist für uns ein Gebot ebenso der Gerechtigkeit, wie der Staatsraison. Man sucht auf polnischer Seite polnisch mit latholisch und deutsch mit protestantisch zu ideutifieieren. Das ist eine Irreführung der öffeut- lichen Meinung, damit iverden der Staatsregicrung Tendenzen imputiert, die ihr völlig fernliegen. Die Staatsregicrung kann und muh verlangen, das; sich die G e i st I i ch l e i t f e r n h a l t e der n a t i o n a I p o l n i s ch e n Agitation, die ihre Spitze gegeü den preuhischen Staat und das Deutsche Reich richtet, aber hie Regierung denkt nicht daran, den Rechten der katholischen Kirche »nid den Empfindungen der katholischen Staatsbürger im Osten zu nahe treten zu wollen. Die Regierung ivird diese Empfindungen und diese Rechte auf das gewissenhafteste respektieren. Wenn es eine Lehre giebt, die für mich resultiert aus der deutsche» Geschichte der letzten vier Jahrhunderte, so ist es die, dah die k o n- fessionellen Kämpfe dieser Zeiten n i e m a I s zn ein.em praktischen oder dauernden Resultat geführt haben, st e t s aber dem gemeinsamen Vater- lande Schaden gebracht haben. Nach allen Kämpfen blieb schliesslich immer ungefähr alles beim alten. Es mag fein, dah die Verschiedenheit der Konfessionen in Deutsch- land dem inneren Leben zun» Segen gereicht hat— daS will ich hier nicht entscheiden—. aber politisch betrachtet erfordert diese Verschiedenheit noch heute bei jedem leitenden- Staatsniann eine vorsichtige und behutsame Hand.(Sehr richtig! rechts!)? Ich wiederhole und versichere Sie als ehrlicher Mann, daß uns jeder Gedanke an eine Zurückdrängung, an eine Zurücksetzung, an eine Kränkung der katholischen Kirche auch in den polnischen L a n d e s t e i l e n vollständig fernliegt; dah ich im Osten wie im Westen auf dem Boden der Gleichberechtigung der Konfessionen stehe und dah ich wünsche, dah jedem seine Religion bleibe. Aber wenn ich über konfessionelle Fragen gerecht denke, wen» ich in manchem liberal denke, in n a t i o- nalen Fragen verstehe ich keinen Späh.(Lebhafter Beifall rechts.) Wie liegen denn heute die Verhältnisse in unsren östlichen Pro- viuzen? Früher nahm dort der polnische Adel die führende Stellung ein und leitete die polnische Agitation. Ein sehr armes ländliches und städtisches Proletariat lebte in Gehorsam gegen den Adel und nahm keinen Auteil am politischen Leben. Im Laufe der letzten Jahre ist dank dem Segen der preuhischen Verwaltung und unsren verfassungsmäßigen Zuständen in den Städten des Ostens ein polnisches Bürgertum herangewachsen, das die Leitung der Massen an sich gerissen hat und bis zu einen: gewissen Grade im Gegensatz zum Adel die Führung der nationalpolnischen Bewegung in demokratischem Sinne übernommen hat. In Stadt und Land finden Sie jetzt polnische Aerzte, Rechtsanwälte, Bau-llnternehnier, Handwerker usw., die sich ihre Stellung unter rücksichtsloser Boykottierung deutscher Gewerbetreibender be- gründet haben und in fanatischer Weise die nationalpolnische Agitation betreiben. Die Agitation dieser Eleniente erstreckt sich auf alle ehemals polnischen Landesteile und erstrebt die Wiedergeivinnnng dieser einst polnischen Landesteile. Die Thätigkeit der polnischen Ansiedelungsbank hat erreicht, dast in den letzten Jahren trotz'.der deutsche» AnsicdclnngSkoniinission weit mehr Grundbesitz aus der deutschen tu die polnische Hand übergegangen ist als um- gekehrt.(Hört! hört! rechts.) Gegenüber dieser planmäßigen polnischen Agitation, die in Verbindung steht mit jenen grohpolnischcu Bestrebungen, welche die Wiederherstellung des Status quo ante 1772, die Wiederherstellung eines selbständigenPoleu von Meer zu Meer erstreben, sieht sich die deutsche Bevölkerung viel in die Defensive gedrängt. Sie giebt vielfach den politischen und wirtschaftlichen Kampf auf, räumt das Feld, um sich in einer rein deutschen Gegend eine neue Heimat zu begründen. Die Boykottierung der deutfchen Geschäfts- >velt hat sich von Jahr zn Jahr verstärkt. Achnliche Angaben macht der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, Herr v. Gohlcr. einer unsrer hervorragendsten Beamten, in einem Bericht am 3. d. M.(Der Ministerpräsident verliest eine Anzahl von Einzel- heiten aus diesem Bericht.) Danach macht sich besonders in den kleinen und mittleren Städten die Verdrängung des deutscheu Mittetslaudes in auffälliger Weise bemerkbar. Deutsche Gastwirte werden immerzahlreicher boykottiert und dadurch zur Aufgabe ihres Gewerbes gezivuugeu. Polnische Flugblätter fordern zum Boykott deutscher Waren auf. Es breitet sich mit der Verdrängung der deutschen Nationalität die polnische Nationalität immer mehr aus, schreitet die Polonisierung unsrer Grenzdistriktc immer iveiter vor. Gegenüber dieser Gefahr darf die Regierung die Hand nicht in den Schoß legen. Es ist ihre heilige Pflicht, diesem Ansturm auf das Deutschtum entgegenzutreten. Unsre Politik hat uns in jene Gegenden geführt, diese Gegenden sind getränkt mit deutschem Schweih und Blut, da sind wir und da bleiben wir (Lebhafter Beifall rechts), mag es andren L eu t e u an- genehm sein oder nicht. Dazu müssen wir diejenigen Mittel durchführen, ohne Oseillationcn, in ruhiger, fester, sicherer, stetiger Weffe, die notwendig sind, um de» preußischen Staatsgedankeu lebendig zn erhalten. In erster Linie— und damit komme ich speciell auf die Beantwortung der Interpellation Hobrecht— werden wir darauf bedacht sein, die w i r t s ch a f l I i ch e Leistungsfähigkeit der deutsche» Elemente in Stadt und Land zu st ä r k e n; die Ansiedlung der Bauern ist die Grundlage für eine gesunde Ostmarkenpolilik. Wir werden an dieser planmäßigen För- derung von d e u t s ch e n A n s i e d l n n g e n in d e n P r o v i» z e u O st p r e u h e n und Posen u» e n t w e g t s e st h a l t e n und sie in beschleunigtem Tempo durchführe».'(Lebhafter Beifall rechts.) Sobald die dafür zur Verfügung stehenden Fonds erschöpft sein Iverden, werden wir Ihnen Vorschläge zur Vcwillignng neuer und noch reichlicherer Mittel z» diesem Zweck unterbreiten. Wir werden unser Bestrebe» richten auf. eine Vermehrung des staatlichen DomäucubcsitzeS, auf die Gründung von Majoraten »ud Fideikommiffen, damit der Großgrundbesitz in seiner wirk- chaftlichen Leistungsfähigkeit gestärkt wird.(Bravo! rechts.) Weiter iehcn wir unsre Aufgabe in der st a a t l i ch e n F ü r s o r g e für die Hebung der Städte des Ostens. Es wird sich hier um Unterstützung, eventuell auch S e h h a f t m a ch u n g deutscher Handwerker, kleiner Gewerbetreibenden und Kaufleute handeln, um Errichtung von gewerblichen Unterrichts- anstalten, um den Bau deutscher Vereinshäuser. Von großer Be- deutung wird auch die Belegung der Städte mit Garnisonen sein.(Beifall rcchtS.) Die Beamten des Ostens nehmen eine besonders ehrenvolle und verantwortungsvolle Stelle ein. Ich werde nur solche Beamte» dort dulde«, die sich dieser Verantwortung immer brlvuht sind.(Bravo l rechts.) Ich betrachte eine Versetzung in die östlichen Provinzen als eine besondere Auszeichnung für jeden Beamten als An- wartschaft für eine besonders erfolgreiche Laufbahn.(Un- ruhe.) Auch die Frage bedarf ernstlicher Erwägung, ob nicht den Bramteu iu den g e m i s ch t s p r a ch l i ch e n Provinzen eine Zulage zn gewähren ist.(Lebhaftes Bravo! bei den National- liberalen.) Tie Polen haben Prehfrciheit, Versammlungsfreiheit, alle verfassungsmäßigen Rechte, um ihre Interessen zu vertreten. Aber es'muh auch da eine Grenze geben, und diese Grenze wird gezogen durch das Lebensinteresse der preuhischen Monarchie. Herr v. Jazdzewski hat auch unsern R e ch t s t i t e l auf die östlichen Provinzen angezweifelt. Wir haben diese Provinze» mit dem Schwert erobert und in harter Arbeit kolonisiert. Ich muß mit einem Worte auf die Demonstration in Berlin kommen. Hier haben sich polnische Studenten iZ r o t e st e herausgenommen gegen einen Professor, weil er die Geschichte der revolutionären polnischen Bewegung nicht i n i h r c m S i n n e d a r st e l l t e. Zur Kennzeichnung der polnischen Ansprüche erinnere ich Sie an die Unterhaltung des Dichters Gottfried Kinkel mit einem polnischen Grafen. Kinkel glaubte au eine Versöhnung zwischen den polnischen Ansprüchen und den deutschen Rechte», aber als sich vor ihm eine polnische Aufforderung nach der andren auftürmte, sagte er schließlich:»Aber Königsberg solllcn Sie uns doch wenigstens lassen." Auch das wollte der polnische Graf nicht zugeben I(Große Heilerkeit.) Ich zweifle nicht an der Loyalität aller polnischen Abgeordneten in diesem Hause, aber ich möchte diese Herren bitten, nicht zu zweifeln an der Illoyalität der grohpolnischen Agitation. Der Ministerpräsident verliest einen langen Artikel aus einem Lembergcr Blatte, in dem ausgeführt wird, daß das natürliche Streben der polnischen Nation auf die Vereinigung aller früheren polnischen Landesteile ausgehe. Solche Tendenzen müssen wir mit unbeugsamer Energie bekämpfen. Ich will nicht schließen, ohne von dieser Stelle aus einen Appell zu richten an die deutsche Be- völkernng in den gennschtsprachlichen Provinzen. Unsre Ostmarlenpolitik wird fortan nicht die Geleise verlassen, welche ihr der größte deutsche Mann, Fürst Bismarck, vorgezeichnet hat. Wir denken nicht daran, unsre Grenzen nach irgend einer Richtung verschieben zn wollen, es giebt kein friedliebenderes Volk als das deutsche, kein Volk, welches weniger eroberungSlnstig wäre. Aber das, was»ns die Vorsehung gewährt hat zur Entschädigung für anderweitige Verluste, den Besitzstand im Osten, dessen Wieder- gewinnnng und Verschmelzung mit dem Deutschium den schönsten Ruhmestitel der preußische» Krone bildet, das iverden wir festhalten und ansbanen, eingedenk des Wortes: Was Du ererbt von Deinen Väter» hast, erwirb eS, um es zu besitzen.(Stürmisches Bravo! bei den Nationalliberalen und rechts.) Kulwsminister Dr. Studt: Der Vorfall in Wreschen ist von Herrn v. Jazdzewski voll- kommen e n t st e l l t geschildert worden. Die Kinder waren so weit vorgebildet in der deutschen Sprache, daß sie dem deutschen Religionsunterricht zn folgen vermochten. Das ist gerichtlich fest- gestellt. Aber den Eltern wurden die Verhältnisse durch die Presse und in öffentlichen Versammlungen ganz falsch und in der anfhetzendsten Art und Weise dargestellt. M ass e n z ü ch t i g u»gen, von denen mau wohl des theatralischen Effekts wegen erzählte, find überhaupt niemals vorgekommen. Ich mutz es tief bedauern, daß Herr v. Jazdzewski kein Wort der Verurteilung für die Verhetzung der Kinder gegen die Lehrer, der Eltern gegen die Behörden durch die Presse gefunden hat. Auf Antrag des Abg. v. E y n e r n(natl.) tritt daS Haus hierauf in eine Besprechung der Interpellation ein. Abg. Fritzen(C.): Wir erkennen die Polen als gleichberechtigte Staats- b ü r g e r an. Insbesondere darf ihnen ihre Muttersprache nicht genommen werden. Demgegenüber haben die Polen die Pflicht, treue Unterthanen des preußischen Staates zu sein und allen Machinationen auf Wiederherstellung eines grotzpolnischen Reiches zu entsagen. Wir protestieren auch gegen die jeden Deutschen tief verletzende Haltung der grohpolnischen Presse, gegen die mit den schärfsten Mitteln vorzugehen ist(Bravo I im Centrnm), ebenso protestieren wir aber gegen die Agitation gewisser deutscher Kreise, der Hakatistcn, welche nur dazu beiträgt, die Gegensätze zu verschärfen.(Bravo I im Centrum.)'— Der erste Grund für die Stärkung des polnischen Elements in den östlichen Provinzen ist die natürliche Vermehrung der Be- völkernng. Hiergegen wird die Regierung mit allen gesetzlichen Mitteln nichts ausrichten können.(Große Heiterkeit.) Ziveitens ist das Polentum durch die Ansicdluugsgesetze wesentlich wirtschaftlich gestärkt worden. Ein sehr bedeutsamer dritter Grund liegt aber in der deutschen Schulpolitik. Der Deutsche bleibt ein- sprachig, der Pole versteht zwei Sprachen, das giebt ihm auch wirtschaftlich ein großes U eb ergewicht. Es ist dringend wünschenswert, daß die deutschen Beamten in den polnischen Landesteilen auch die polnische Sprache erlernen.(Sehr richtig! im Centrum.) Die Jnter- pellation der Polen haben auch wir unterschrieben. Eine Poloni- sierung deutscher katholischer Kinder verlangen auch die Polen nicht, sie wollen nur getrennten Religions- Unterricht für polnische und für deutsche katholische Kinder.(Sehr wahr! bei den Polen.) In der Erklärung des Herrn Ministerpräsidenten, körperliche Züchtigungen im Religionsunterricht sollten in Zukunft unterbleiben, liegt eine stillschweigende Desavonierung der gesamten Vor- gänge in Wreschen.(Lebhaste Zustimmung in der Mitte und links.) Ich kann es nur auerkeunenswerl sinden, daß die Kinder den Ge- boten ihrer Eltern folgten. Denken Sie doch an Ihre Kinder, Sie würden jedenfalls auch verlangen, daß Ihre Kinder Ihnen gehorchen und nicht dem Lehrer.(Stürmischer Beifall bei den Polen.) Ich wünschte, daß die Verordnung zum mindesten möglichst milde aus- geübt werde und daß die königl. Staatsregicrung in Erwägungen darüber eintritt, wie diese Verordnung des deutschen ReligiouS- Unterrichts zweckmäßig abzuändern ist.(Bravo! im Centnim und bei den Polen.)» Kultusminister Dr. Studt: Was die Wreschener Vorgänge anlangt, so war die Züchtigung der Kinder im Interesse der Disciplin durchaus geboten. So lauge es Trotz und Ungehorsam bei Schulkindern giebt, wird auch der Stock in Anwendung komme».(Sehr richtig! rechts.) Die Wenden und die Littauer haben es verstanden, wenigstens eine vorbehaltlose Stellung gegenüber dem Prcußentum einzunehmen. Dasselbe Zieh muß auch bei den Polen erreicht werden. An unsrer Hilfe wird eS der Staatsregierung dabei nicht fehlen.(Lebhafter Beifall rechts, Zischen bei den Polen.) Abg. Stychel(Pole): Die Regierung hat heute offen zugegeben, daß die nationale Existenz des polnischen Volkes ausgerottet werden soll, weil sie dem Organismus des preußischen Staates im Wege stehe. Die Polen sind aber ebenso gute Staatsbürger wie die Deutschen; das Jahr 1848 hat ebensowohl polnische wie deutsche Staatsbürger in Anspruch genommen. Eine radikale Gesinnung der Polen aber wird immer radikaler, weil uns das nicht gegeben wird, was uns versprochen und zugesagt worden ist. Die Polen werden seitens der Re« gierung von allen Lebensquellen zurückgehalten, sie müssen sich als Bürger z w e i t e r K l a s s e fühlen. Man miterdrückt die Gewissensfreiheit aus Gründen der Staats- raison. Den polnischen Kindern werden die Religions« sätze wie Papageien eingeprägt. Sollen die Dichter« Worte:„Muttersprache, Mutterlaut, wie so wonnesam, so traut!' nur für deutsche Kinder gelten? Was könnte» die Lehrer erzählen, wenn sie reden dürften? Die Entrüstung hat nicht nur die Polen, sondern auch die vernünftig und gerecht denkenden Deutschen ergriffen. Die meisten der bei der Wreschener Affaire beteiligten Kinder waren des Deutschen nur ganz ungenügend mächtig. Das ist gerichtlich erwiese». Gerade das Vorgehen der Staatsregicrung schweißt die Polen nur noch enger aneinander. Wir Polen vertrauen nur auf Gott und sonst niemand auf der Welt.(Lebhafter Beifall bei den Polen und im Centrum.) Darauf v e r t a g t das Haus die Weiterberatung der Juter- pellation auf Dienstag 1 Uhr. Schluß 4'/4 Uhr. Klus Fuduptrie und Handrl. London Bankers Clearing House. Der Gesamtbetrag der Abrechnungen für das Jahr ISÜl mit 9 561 169 000 PfK Slcrl. ist der höchste bisher erreichte und übersteigt den des Jahres 1900 um 600 999 000 Pfd. Sterl. und 1899, das Relordjahr um 410 900 000 Pfd. Sterl. Der größte an einem Tage des JahreS ab- gerechnete Bettag betrug 109 143 000 Pfd. Sterl., am 15. Mai, welcher die srühere Rekordziffer des 15. Januar 1901 um 19 160 000 Pfd. St. überflügelte. Die Clearing Häuser sind eine Einrichtung des modernen Geld- Verkehrs, die besonders in England und Amerika einen hohen Stand der Entwicklung erreicht haben. JhrPriueip ist, so wenig wie möglich Geld in Umlauf zu setzen und alle Zahlungen durch Ab- und Zuschreiben auf Conto des Schuldners rcsp. des Gläubigers auszugleichen. Natürlich gehört dazu, daß derjenige, der sich dieses Zahlungsmodus bedient, auch ein Guthaben bei der Bank hat. Haben nun beide, Schuldner und Gläubiger, bei derselben Bank ei» Guthaben, so wickelt sich der Verkehr sehr einfach, die Zahlung, die der eine zu leisten hat, wird ihm ab- und seinem Gläubiger zugeschrieben. Etwas komplizierter gestaltet sich der Zahlungsmodus, wenn an eine andre Bank oder an einem andren Ort als den des Auftraggebers die Zahlung ge- leistet werden soll. Für den Fall gleichen die Banken unter sich die Conten aus und werden au einem bestimmten Termin nur die Saldos in Geld beglichen. Für diese» Ausgleich besteht in London das Clearing House, eine für alle Banken in London er- richtete gegenseitige Abrechnnugsstelle. Die Einrichtung ist auch dem Checkverkchr sehr zu statte» gekommen. Während bei uns meist nur für größere Beträge Checks ausgegeben iverden, leisten iu London und New Jork selbst kleine Geschästslcute und auch Privatpersonen ihre Zahlungen durch Checks und lassen ihre Forderungen gleichfalls an die Banken gehen, bei der sie ihr Guthaben niedergelegt haben; auch der Wechselverkehr regelt sich einfacher, da als Zahlungsort eine Baist angegeben Ivird. Erklärt nun die Bank, von der der Wechsel eingelöst werden soll, daß sie Zahlung leiste, so ist nicht nötig, daß die andre Bank, von der ihr der Wechsel präsentiert, wird den Betrag in bar er- hält,', sondern die Bank belastet das Conto der Zahlungspflichtigen, wobei es natürlich eintreten kann, daß an demselben oder nächsten Tag die fordernde Bank einen Wechsel oder eine Schuldsumnie der andren Bank ein- znlösen hat. Dabei kann nun weiter der Umstand eintrete», daß eine Bank in Frankfurt in Berlin an die eine Bank Zahlung zu leisten hat, von mehreren andren aber Forderungen bei dem Ausgleich zn er- hehcn hat. Auch diese Differenz wird zunächst am Orte von deu Bmiken ausgeglichen und der Rest in bar geregelt. Tos System hat sich in den Jahren weiter anSgcbildct und manche komplizierte technische Einrichtungen geschaffen. Wie beutend der Verkehr ist. er- geben die eingangs iviedergegebenen Zahlen. Der gröhte Teil der Zahlnngsverpflich'tnngen an diesem bedeutenden Handelsort wird ans diese Art erledigt, ohne daß es dazu großer cirkulierender Geldmassen bedarf. In Deutschland erfüllt die Aufgabe des Clearing HouscS die Neichsbank, in Berlin werden diese Geschäfte fast ausschließlich durch die Bank des Berliner Kassenbcreins geregelt. Die RcichSbernk hat in Deutschland zehn Abrechnungsstellen errichtet. Sie hat den Conto- inhabern die Verpflichtung auferlegt, daß sie ihre Wechsel entlvedcr bei der ReichSbank, oder bei einer andern Bank, welche mit der Reichs- dank in täglicher Abrechnung steht, zahlbar zu mache» hat. Damit sollten die Geschäflsleute zur Regelung ihrer Zahlungsverpflichtungen an den Bankvcrkehr gewiesen werden. Trotzdem ist die Jnanspruch- nähme der Banken für den täglichen Geldvcrkehr lange nicht in dem Maße bei uns ausgebildet als in New Dork und London; der deutsche Geschäftsmann ist zu konservativ, als daß er sich von seinem großen Geldschrank trennen könnte, der immer noch den größte» Teil der Verpflichtungen realisieren muß. noch weniger hat sich das Privatpnblikum der Einrichtung bedient. Unstreitig ist aber der Checkvcrkchr und mit ihm der Girocontoverkehr die entwickeltste Form unsres modernen Gcldverkehrs, dessen Nutzen für den Welthandel wie auch de» Jnlandshandel klar erkenntlich ist. Eine RcichSanleihe, mit S Proz. verzinslich, in Höhe von 300 Millionen ist zu 8S,2V Proz. an ein Bankkonsortinm vergeben. Der Anflegnngskurs soll auf 89, 90 festgesetzt werden. Eingegauflene Truckschriften. Von der»Reue» Zeit" tSMttgart. Dietz' Verlag) ist soeben das kö. Heft des 20. Jahrgangs erschiene». Ans dem Inhalt heben wir hervor: Ein methodologisches Problem.— Die Metzeleien von BlagowestschenSk. Ein Beitrag zur Geschichte der europäischen Hunnenwirtschast in Ostasieu. Von einem Augenzeuge».— Kaufmännische Schiedsgerichte. Don Heinrich Swienty. I.— Jahresberichte der preußischen Gewerbcräte. Von Helene Simon.— Litterarische Rundschau: BrockhanL' Konservationslexilvn. Notizen und Zahlen. Statistisches Nachschlagebiichlcin. Von der„Gleichheit", Zeitschrist für die Jnlerelsen der Arbeiterinnen (Slnttgart, Tietz' Verlag) ist uns soeben die Nr. 2 des 12. Jahrgangs zu- gegangen. Ans dem Inhalt dieser Nnminer heben wir hervor: Socialpoliiischer Mumpitz.— Frauen als Metallarbeiter. Von Louise Zieh.— Vom Schutz erwachsener Arbeiterinnen im Ausland. England, Frankreich. Bon a. dr.— Die Bewegung unter den Wiener Blumen- vcrkänferiuncn. Bon Franz List- Wien.— Ans der Bewegung.— Feuilleton: Betrachtungen. Bon Multatuli. Deutsch von Wilhelm Thal. — Notizenteil: Sociale Gesetzgebung.— Vereinörecht.— Frauenstimmrecht. — Dienstbotcnfrage.— EcnossenschnftSbewegung.— Frauenbewegung.— Sittlichkcitsfrage.— Kcllncrinnensrage.— Verschiedenes.— Litleratur zur Frauenfrage. Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. PreiS der Nummer 10 Pf., durch die Post bezogen(eingetragen in der Reichspost-ZeitüngSliste für 1902 unter Nr. 30öl) beträgt der Abonnementspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Ter„Wahre Jacob" hat soeben die 2. Nummer seines 13. Jahr- ganges erscheinen lassen. Das farbige Titelbild..Was wiegt mehr?" beschäftigt sich init dem Kräfteverhältnis der Parteien, welche um den Zoll- tarif kämpfen; daS farbige Rlickbitd„Die Herren der Welt" illustriert die Betrachtung einiger Unterofstziere über daS Wesen der Grundrente. In einer Anzahl kleinerer Bilder wird auf politische und sociale Borgänge der letzten Zeit Bezug genoimne». Das politische Lcitgedicht„Nicht spitzeln!" verspottet die iiutwendigenveiie erfolglosen Bemühungen der Stnatsretter, durch bezahlte Anshorcher socialdemokratische Parteigeheimnisse zu erfahren. Wir erwähnen sodan» noch die politischen Gedichte„Zu- v e r s i ch t",„Die S t a a t s st ü tz e",„U n s r e Schwarze n" und „Die Wähler erster Klasse", letztere mit einer Jllnstration versehen, sowie die Erzählung„Das verhütete Attentat" Der Preis der Nummer ist 10 Ps. Wesen und Wert kleinindustrieller Arbeit. Gekennzeichnet in einer Darstellung der bcrgischen Kleineisen-Jndustrie. Bon Dr. Franz Zieglcr. Berlin. Brncr u. Co. nm 11. Januar 1003 tgl. Polizeipräsidiums. KarIo!se>n,»c»e,D-Ttr. Ziindstrisch, Keule 1 Iis; do. Bauch. Schtveineflrisch. Kalbfleisch Hammelslelsch. Butter Eier Karpse» Aale Zander Hechte Barsche Schlei« Bleie Kre lie ■Ist 60 Stfi.t J kg »er vcho.t 6,- 1.60 I 40 1,7(1 1,80 1,60 2,80 6,60 2,20 2,80 260 2 20 1,80 3 00 1.40 15— 4- 1 20 l- I 30 I 1 ,— 2,- 2 80 1,20 1,40 I 20 I,— 0,80 I 40 0,80 3,- Markipreise von«erlln lnach Eimittinngc» deS s lh'cizen, gut D-litr 17,30 117,28 , mittel. 17 26 17,24 gering, 17,22 17,20 t Niigflc», gilt, 14,65 14,61 mittel, 14,57 14,53 gering. 14,49 14,40 »» r.fle, gut. 14,50 13,90 . mittel. 13,80 1330 „ gering, 13,20 12,70 »Haser, gut. 17,— 16,50 . mittet, 16,40 15,90 gering. 15 80 15 30 911 chiftroh. 7,50 6,82 Hell. 8,60 6,20 Eilsen. 40.— rb,— Speisetohuen, 50,— 25,— Linsen, 65,— 20,— + ab Bahn. t ab Bahn frei Mühl«. » frei Wagen und ab Bahn. Prodnktenmarkt vom 13. Januar. Der G e trei d e m a rkt war lustlos. Amerika sandte schwache Tendenzberichte, trotzdem konnten sich bei uns die letzten Preise behaupten, da die Teiuperatnr wesentlich kälter ge- worden ist und die Wetterwarten eine weitere Abkühlung prophezeien. Weizen notierte wie vorgestern; Roggen, der am Sonnabend nachbörslich noch V« M. iui Preise geivonncn hatte, ging um Ve M. zurück, da zum trühjahr inländische Ware angeboten ist. Mehl war gut behauptet. DaS ffektivgcfchäft liegt fast ganz brach. Die Mühlen halte» mit Käufen zurück, da ihnen die Mehlpreise nicht lohnend erscheine». Späterhin wurde die Tendenz für Brotgetreide noch wesentlich fester, da aus Riißland keine Offerten kamen und aus der Provinz einige Ordre? für greisbare Ware vor- lagen. Weizen und Roggen gewannen V- M., Mehl 5 Ps. im Preise. Haser war bei ruhigem Handel gut behauptet, Mais unverändert. Rüböl gab 10 Pf. nach.- Spiritus behauptete bei ziemlich bedeutenden Umsätzen seinen letzte» Preis 70er loco 31,80. Für den Inhalt der Inserate überniinnit die Redaktion dein Pnbtiknin gegenüber keinerlei Neraiitlnortnng. Tlirntrv. Dienstag, 14. Januar. Opernhaus. Lohengrin. Anfang 7>/z Uhr. Schauspielhaus. Gastspiel des Pariser Schauspiel- Ensembles. Dartrrtkö. Los Precieuses ridicules. Ansang 7Vi Uhr. Neues Oper»- Theater t.KroN). Wallenstcins Tod. Ans. 7i/z Uhr. Schiller. Einsame Menschen. Anfang 8 Uhr. Tentsches. Lebendige Stunden. Anfang 7V, Uhr. vcrkiner. Alt-Heidelberg. Anfang 7>/- Ubr. Lessing. FlachSmann alS Erzieher. Ansaug 7>/, Uhr. Residenz. Sein Doppelgänger. Vorher: EtiAlislr spoken. Ansang 7i/2 Ubr. Rencs. Coralie u. Co. Anfang 7l/z Ubr. Weste». Der Waffenschmied. Zehn Mädchen und kein Mann. An- fang 7Vz Uhr. Sc,essio»sbühue. Detlev Lilien- crons Buntes Brettl. Anfang 8 Ubr E. v. Wolzogcns Buntes Theater (UcberbrcttU. Ansang 8 Uhr. Schall»ud Ranch. Borstellung vor SereiiisstiimS. Ans. 8>,'z Uhr. Triano». Lebende Lieder. Anfang 8 Uhr. Eentral. Daö sühe Mädel. Ansang 7V, Uhr. Thalia. Die Badepuppe. Anfang 7V- Uhr. Luisen. Maria Stuart. Anfaug 8 Uhr. Carl Weist. Das Jungfernstift. Ansang 8 Uhr. Friedrich-Wilhelin städtisches. Der rote Kosak. Ansang 7Vi Uhr Velte-Stllinnrr. Die Dame auS Tronville. Hierauf: Er. Ansang 7-/, Uhr. Orpheus. Spectalttäten-Vorstellung, Anfang 7 Uhr. Vietropol. stie feine Nummer. Specialitäten- Vorstellung. 21»- fang 8 Uhr Slpollo. Specialitäten-Voistcllung. König Aqua. Anfang 8 Uhr. Gasino- Theater. Weihnachten. Specialitäten- VorsteNnng.?ln- fang 8 Uhr. llraiiia. Tanbenstr. 48/4».(Im Thealersaal.) Zlbends 8 Uhr: Frühlingstage an der Riviera. Im Hörsaal. Abends 8 Uhr: Aus den Archiven der Urwelt. Jupalideiistraste S7/<»Ä. Täglich: Sternwarte. Tihillti'TIil'iitei' (Wallner-Xheatcr). Dienstagabend 8 Uhr: Hin«»«,,; Zleii«cl»en. Trama i» 5 Alte» von G. Hauptmann. M i t t>v o ch a b e n d 8 Uhr: 41iii!,ui»« nciiMchen. Donnerstagabend 8 Uhr: Per Kevimor. ipollo- Theater. vi»»natl»n«lle» Erfolg: Cranto u. Mauri Willi Waiden Stack it. Milton 0' Loisachthaier Georg Kaiser» Uka Faulet König Aqua. _ Anfang 8 Uhr._ Schall und Rauch. Unter den Linden 44. Dienstag, den 14, Januar 1902; Zum 61. Male: i�orsiellung vor Serenissimns. Anfang S1/, Uhr- Urania. Tautoen-Straese 48'49. Im Theater um 8 Uhr; Frühliiigslage an der Riviera Im Hörsaal um 8 Uhr: ins den Archiven der Urwelt. InTullUenstr. 57/08. Tägl. Stern warte. Castans Panopticn Friedrlch-Strasse 165. Grosse Weiliiiachts-Aiisstellung Eine Reise ins Schlaraffenland Marionetten- Theater fUr die KIndcrwelL Ckiittlll TlMttt. Heute DicnSlag, abends 7>/z Uhr: Das süsze Mädel. Operette in 3 Akten von H. Ncinbardt. Morgen und folgende Tage: Das süstc Mädel.— eoonnabend. de» 18. Januar, nachm. 4 Uhr, halbe Preise, jeder Erwachsene hat ei» Kind frei: Schnecivittcho» bei de» 7Zü>erge». Sonntag, 19. Januar, nachm. 3 Ubr, bei halb. Preisen: Der Zigeunerbaro». Isliihliiilil-IItkM Themse, kenllei', dcsephi. Mit vollständig neuer praoht- voller Ausstattung: 'n feine Niiinmer! Burleske Ausstattimgsposse mit Gesang und Tanz in I Vorspiel und 4 Bildern von Julius Freund. Im 4. Bilde: Frauchens Weilinachtstisch. Anfang 8 Uhr. Hauchen überall gestattet. Thalia-Theater. Dresdcncrstrastc 7», 73, Roch 3 Aiisführunge»! Die Badepnppe. Morgen zum 50. Male: Die Badepuppe.— Sonnabend, 18. Januar, zum erstenutal: Seiile 5ileiaae. Grobe Berliner AnsstattnngSpoffe mit Gesang und Tanz in 3 Akten. l>I Weiss-Tlieater. Groste Franksurterstr. 132. Gastspiel Po» Minna Michctti. Das Jttttgfernstift. Operette in 4 Alten nach einer Idee des Paul de Kock von Ernest Guinot. Musik von Jean Gilbert. Ansang 8 Uhr. Morgen: Das Jungsernslift.— Soitliabendnachniittag: Klei» Täum li»g und der Menschenfresser. Passage-Mer. Die neueste Sensation! Damen- Luftringkampf ausgeführt von 12 jungen Damen. Michel Mayer, der stärkste Mann der Welt, zahlt lOOO Mark dem, der seine Hanteln nach- hebt. Olfford.— Rar&ikow- Xrnppe.—.0 im n. Juni. lO erstltl. li'uuiiucrii. Belle-Älüance-Theater. Die Dltme niiö Trcttville. Schwank m. Gesang n. Tanz i. 3 Alten. Emil Sondennaun a G,, Mizzi Birkner, Rosa Marion, Ferd. Worms, Werk- ineister, Kettner. Kleraiik- tftM« P"nscr Lebensbild Hiciaiif. hinein Auszug. Adele Hartwig, Leopold Tlinrner als Gäste. Hl n f a n g 7l/z U h r. Cssillo-Viloster. Lothringerstr. 37. viirclie>el»laz;onder Hrrolxk Ooncordla-Irio<4 liedrvlg llünttier. Weihttachteu. Anfang Wochent. 8 Uhr, Sonnt.7>/zUl>r. E. von Wolzogens llnntCM Theater(Uoborbrettl) KUpnlckcrstr.<18. Täglich abwechselndes Programm. Lina Äbarbanell. Nora- Parodie.— Neu: Haientanr, Tanzduett von Bierbaura, Musik von Schindler.— Satir. Schatten- Sänket. Anfang 8 Uhr. | Palast-Theater (früher Feeii-Palastj Burgstr. Sl!. Direktion: Vtiikler n. PrSbel. DaS mit stürmischem Beifall aufgenommene erstklassige Januar-Programm. � Nur noch kurze Zeit! Die ewig neue lachlustige An sstattnngs-Gcsangs-BnrleSke GrohstadtzalZber.l Hugo Luftig: Dir. R. Winkler. Ansang 8 Uhr. Entree 50 Pf. Billet-Vorverkanf von ll— 1 Uhr. � Sonnabend, de» 18, Januar: Wegen Privat- Festlichkeit ÄS" geschlossen.-"»0 gHMHIWTIff�MlliMIIMW Grosse riß An der Spandauer Brllcke 3., 1 Grösst.VergnUgungslokal Berlins llnlernalionale Konzerten |.Si)cdali(äten-Vorstellnng Ausschank: Berliner Bock-Brauerei. Bürgerl. Diner, 5(länge. Tägl. natlnce von 12-2 Uhr. Oekonora: Gustav Prclllpper. im Exerzierlians (am Prenzlauer Thor) Lothringeritraste 4—7. Täglich 3 große Vorstellungen. 4. K und«>/, Uhr. Dressur mit Löwe», Tigern, Wölfen n. Hyänen, sowie tLöwen-RittgtaniPs ind Fütterung um 4 n. 8'/. Uhr. Entree: I. Platz 1 M., II. Pl. 50 Pf., III. Pl. 25 Pf., Kinder unter 10 Jahren und Militär ohne Charge zahie» ans 1. u. 2. Pl. die Hälfte, dem 3. Pl. 15 Pf. Die Tirettio»: Proese. irt W. Noachs Theater. Brunnenstraste 16. Der Leiermann«nd sein Pflegekind. Volksstück in 3 Akten von Charlotte Birch-Pseiffer. Heute: l'siiSlcrklTizeliSB. Mittwoch: llnwci* filcbling. Triano;!■»Theater am Bahnhof Friedrichstrasse zw, Charlotten- u. Universitätsstr. I, c I> c ii ile 17 1 e<1 e r. Anfang abends 8 IIhr."WlD R e i c h s h a 1 1 e si. Xüglicli: Stctlincr Sänger. Ansang Wochent. 8 Uhr. SonntagS 7 Uhr. KottbnncrKtr. 4 a Jeden Sonntag, Montag' und Donnerstag: II o IT in a ii ii m MHtMe Tililgcr Aosi: Die Zillttthast?. 5(eis! Tie Pclkasisijiijtil. Nach jeder Vorstetuing:'R'A.MZll. Entree öv und 73 Ps. Wochentags Anfang 8 lltir, Entree 3v u. öv Pf. Wochentags Vereinsbillets gültig und Tanz frei. Alle andern Tage bleiben die Säle zu Festlichkeiten und Ver- ainuilungen frei. Dienstag, 14. Januar, abdS. 7»/, Uhr: Klondllr«. Original-Pantoinime des CirkuS Busch. Auftr. der don«>»- HIUlard-Tronpe, Cirkos A Scllumann. Dienstag, de» 14. Januar 100'2, abends I'/j Uhr: Gi oste anfterordrniliche Gala- Vorstellung 4 4444 Aufführung des anläßlich der L.VV» grästte» und glänzendste» Manegen- Schaustücks in 8 Akten Gier isill'ch Uns. X Traver» Paris, Schlich- Alt Nordfccbad Schcveiiinge», mit glänzender neuer Ausstattung. Sämtliche neue Einlagen. Vorher: Grobartig. Gala-Parforcc-Programi» und die vollständig neuen Januar- Specialitäten. U. a.: Die Sensation dcS neuen Jahrhunderts sroupe«ilris Golem. Neu! Jeux Icarlaus auf Kamele. Neu! Persisch-kaiikaslsche Karawane. Neu! Oilg.-Blm-Bom, miistkal Clowns. Neu! Die muslkal. Scherenschleifer. Neu! Die phänomenalen Renn- und Kunetfahrer. Die anerkannt unerreicht dastehen- den Originaldressiirrn des Dir, Mh. Schumann. Mab. Renz. Frl. Dorn Schumann. Herr Ernst Renz. Mr. Joe Hodgini. Eugen-Truppc. Möns. und Mab. Marquis. Mlle. Mabel O Brien. zc. ic.. M beste Genussmittel für den igen und nnentbeliiiich für Jede Haushaltung ist Nur echt mit vollem NainenSzug Dr.med.lVoerletne, prakt. Arzt. DnmedrWoerlein's Magen trank a mt. i,—„ 1,50, 3,— — per Flasche.- Ferner nach dessen Vorschrift: Diätische Thees. Fabrikant: Jean Becker, Ludwigshafen a. 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Bardorff, Gotzkowskliflr. 30. H. Bischoff, Beussclstr. 31. Herrlich Mehlltz, Bredowstr. 42. F. u. R Rades, Wilhelmshavcnerstr. 52. Felix GUnther, Stmufti' 40. Hans Nossack, Stephanstr. 56. SW. Franz Schwarzlose, Leipzigerstr. 56. Apotb. E. R Heiniger, Drog., Kochstr. 3. Gustav Rettig, Bellcalliancestr. 91. Emst v/tlh. vveirtch, Blüchcrstr. 1. C. F. Ancker, Fncdrichstr. 249. Johanne» Scopa, Friedrichstr. 240/241. Kurt Bahr, Blüchcrstr. 15. S. Kax Lichterfald, Löwcn-Droguerie, Prinzeustr. 66. Apotheker H. Chvonlks Droguerie, Gnciscnanstr. 54. Paul Oelgart, Haseuheide 61. Ernst Schröter, Blüchcrstr. 27. Hugo Wolter, Kottbuser Damm 42, am Hermannplatz. Max Rost, Nittcrslr. 4—5. Oscar Knauth, Äoinnlaudantenstr. 30. O. Julius Beetz, Pctcrsbnrgeistr. 72. Jos. Clilpen, Petersburgerstr. 37. Gustav Rahm, Frankfurter Allee 120. Max Angermann, Köuigsbergerstr. 13. Gustav Bersug, Wcidenweg 75. Franz Zimmer, Thacrstr. 62a. Albert Bürde, Koppcnstr. 9. E. Tschaler, Küstrincrplatz 1. Hermann Maller, Langestr. 16. F. Jacob, Andrcas-Drogucrie, Kleine Audreasslr. 11(AndreaSplatz). 140. Rieh. Loose, Nachf. C. Ulrich, Neue Künigstr. 19. Franz Buht, Nene Königstr. 85 Ernst Werk, Kl. Fraulsurterstr. 18—19. Fritz Webers Nachfl., Iah Arthur Zorll, Landsbergerstr. 99, Eingang Pallisadeustraffe. Arthur Schebeler, Pallisadenstr. 17. J. Majcherklewlcz, Gr. Frankfurter- straffe 35—36. Emil Vehl, Marienburgerstr. 36. Eugen Rotzdorff, Rykestr. 40. SO. Dr. v. Walchs Lulsenstfldt. Apotheke, Köpnickcrstr. 119. Paul Schulze, Köpnickerstr. 23a. ApotH. J. Vaterlose, Köpnickerstr 6. Apoth. Rud. Schräder, Köpnicker- straffc 80—81. Eugen Kretch, Köpnickerstr. 134/135. Apoth. Roh. Mühlenbach, Pücklcrstr. 40. Apoth. B. Rothmann, Neanderstr. 3. 1 Richard Kaysar, Reichenberaerstr. 16a. I Ph. Lerch, Rcichenbergerstr. 116. F. Gast, Reichenbergerstr. 184. Th. Körner, Mantenffelstr. 73. Georg Scbarnetzky, Cltvrystr. 24. Willy Domsalla, Falckenstcinstr. 44. Otto Wandrey, Oppclnerstr. 45. Drognerie Flnsterbusch, Skalitzer straffe 63—64. Oskar Petrl, Orauienstr. 7. Horm. Voss, Zldmiralstr. 6. Gustav Kohl, Kottbnserstr. 7. Otlo Reichel, Eiscnbahnstr. 4. X. C. A. Hesterberg, Droguerie u. Par- sümerie, Eiiafferstr. 97. Hugo Barth, Briinneiistr. 13. Franz Bernecker, Britliuenstr. 102. W. Kapell, BrilNiieitstr. 118. Ferdinand Amnrann, Jiivalideustr. 115. Apoth Eugen Dultz, Jnvalidenstr. 153. Oskar Ihlow, Veteranenstr. 26. Paul Böhme, Ehorinerstr. 20, Ecke Schivedterstraffe. August Wolff, Metzerstr. 9. Adolf Gaul, Schönhauser Allee 27. Bernhard Michaelis, Schönhauset Allee 183. H. Krönlng, Rai»l-rstr. 7. Arthur Molhes, Sivinemüiiderstr. 43. Apoth. Carl Mey, Usedomstr. 11. Hugo Lubowsky, Wolliuerstr. 30. Hugo Schulz, Müllerstr. 166a. Otto Rost, Bnrgsdorsstr. 18. H. Lauterbach Nachfl. R. Richter, Reinickendorserstr. 61, am Nettelbeckplatz. Paul Recollln, Reinickendorserstr. 26a. Max Noa, Reinickendorserstr. 48. G. Pfotenhauer, Weibenbiirgerstr. 39. Emil Fischer, Lothrlngerstr. 26. Carl v. Weydenberg, Gr. Hamburger- straffe 12. Ch nrl o t te n b n r ff. Carl Tusche, Savignyplatz 5. A Lutter A Co., Bcrlinerstr. 66 und Spandauerberg 6. Emil Cossee, Berlinerstr. 137. Erich Schindel, WilmerSdorserstr. 130. P. Habermann, Pestalozzistr. 28. W. Hinze, Kantstr. 59. Otto Arnold& Co.(M. Zetscho), Leibnizstr. 23, Albert Kllhne, Scharrcnstr. 36. Hermann Munter, Danckeimannstr. 2. Hugo Plaschke, Spandancrstr. 14. Victoria- Droguerie Max Mayer, Joachimsthalerstr. 3. Alfred Arendt, Potsdamerstr. 8. Vrleilcnan. Georg0eIgart,Rhetn-». Hcdwigst-Eck«. Dankmar Hermann, Dürerplatz 1. Or. I,icl«tcrfcldo. Max Winde, Dürerstr. 7a. Apotheker M. Gertz, Droguerie West- Bazar. Karlstr. 1/2. Paul Remua, Steglitzcrstr. 47. Otto Borstell, Bismarckflr. 31. I'anhow. Apoth. Wllh. Elchstaedts Löwen* Droguerie, Brcitestr. 8—9. Gebrüder Härtung, Breitestr. 16. Richard Rosemann, Brehmestr. 61. Hixdorf. Paul Lemcke, Kaiser Friedrichstr. 242. Robert Trinkkeller Nachf. Max KQnzel, Bcrlinerstr. 26. G. R. Prenzel, Prinz Handjerystr. 46 und Herniannstraffe 227. A. Jungblut, Bergstr. 157 u. Walterstraffe 26. Johannes Golck, Stelnmetzstr. 37. SchUncborff. Borussia- Apotheke und Droguerie H. Doehl, Hauptstr. 141. Hermann Voges, Hauptstr. 100. Heinrich Hetze, Scdanstr. 82. August Kortenbach, Bahnstr. 42. M. Rychlltzkl, Hoheufriedbergstr. 17. M. F. Berger, Neue Steinmctzstr. 3. ditvffllt-. Heinrich Hasselmann, Droguerie zur Post, Albrech tftr. 16. WIIs,iOR*»doi*k. Carl Tmche, Fasauenstr. 79. y Central- Verein der deutschen Böttcher (Filiale Berlin., Todes- MttzeiAv. Unfern Mitglieder» zur Nachricht. vaii nnfer KoNege CJustav Vendt von der Brauerei Fricdrichshain. am 10. Januar im Alter von 25 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 14. ds.. nachmittags 3 Uhr, vom Krankenhaus Fricdriibshain aus nach dem Bartholomäuskirchhof Weißeniec statt. 33/1 Zahlreiche Beteiligung erwünscht. Itei» Toratand. Am Sonnabend, den 11. d Mts., entschlief sanft mein innig geliebter, herzensguter Maim, unser Sohn, Bruder und Onkel, der Restaurateur Gustav Paetzmann im 35. Lebensjahre. 20546 Dies zeigt statt besonderer Mit- tcilnng mit der Bitte um stilles Bei- leid an im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Nartb» paeirmann, geb Stüblnq. Die Beerdigung findet am Mitt- woch, den 15., nachmittags 3 Uhr. vom Trnuerhause, Rülkestr. 135, aus nach dem Neu- Weißensecr Friedhof, Rvlkestrafie, statt. Ortshrankcnkasse d. Sattler und verw. Gewerbe. Sonnabend, den 11. Januar, verstarb das Mitglied Paul Trottnow (Werkstätte von I. Bos). Die Beerdigung findet Dienstag, den 14. Januar, nachniittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- kirchhofcs in Rixdorf, Hermannstraste aus statt. 270/8 _ I. A.: G. Astmann. Nach lange», schweren Leide» cnt- schlief sanft am Sonnabend, den II. d., unser lieber Mitarbeiter August rrogisod an der Proletarierkrankheit. Das Personal der 2048b Blichdruckerei cm» BHIIg Nachfl. Die Beerdigung findet Dienstag, den 14. d. M., nachmittags 4 Uhr, in Nieder- Schönhausen(Friedens- Kirchhof) statt. »ai,Ii«aßt»ns. Für die äusterst rege Beteiligung bei dem Begräbnis meines unvergest- lichen Mannes,»nsres Sohnes, Bru- ders und Schwagers 2v43b Rudolt Büsch sprechen wir allen lieben Freunden und Bekannten, insbesondere dem Centralvcrbalid der Töpfer, dem Ge- sangverein„Bereinigte Freie Sänger", dem Gesangverein„Rote Nelke" und dcni Rauchrlub„Arkona" unfern tief- gefühltesten Dank aus. Die trauernde» Hinterbliebene». Danksagung. Allen Freunden, Kollegen, Bekannten und Verwandten, sowie dem Vorstand der Orts-Krantenkasse Berlins für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich hiermit besten Dank. 32K3L I.co Schmidt. Danksagung. Für die rege Beteiligung und die reiche Kranzspende bei der Beerdigung unsres unvergeblichen Entschlafene», des Maschinenmeisters .Tacob Engels sprechen wir hiermit allen seinen Freunden und Bekannten sowie dem Personal der Accumulatorcu- und Elektricitätswerke A. G., vormals W. A. Boese, den Kollegen der Lade- stelle Am Schlestfchcu Bahnhof, den Beamten der Bahnpostäuiter 1, 4 und 18 und dem Verband der Maschinisten und Heizer unfern tiefgefühltesten Dank aus. Witwe Iv, med. Schaper homoop. Arzt u. Spez.-Arzt f Haut- u, Harnleiden� Frauenkrankheiten. Königgrützerstr. 27. Spr. 0-1. d-7. Gr. Schünemann, Specialarzt für Haut-, Harn- n»d Fraucnleide»,!Se)'deistr. i>. Sprechstunden: r/�IZ— i/.Z, r/�g— l/,8� Or. Limmsi, kriusoustr. 53. Spccialarzt für 3/18* Hanl- nnd Harnleiden. 10-2, 5-7. Sonntags 10-12, 2-4. Brnch- Pollmann empfiehlt sein Lager in Bruchban» dagen, Leibbinden, Geradehaltem, Spritzen, Suspensors, sowie sämtl. Artikel zur Krankenpflege. gUT" Eigene Werkstatt. 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Druck und Verlag von Max«adina in Berliu %- &. il i9. mm- 2. KtllM Mstvkei�NÄrhviisztem Sociallibcrale Phantastik. In Naumanns„Zeit" ergeht sich Herr v. Gerlach in dem phan- tastischen Traume einer„vereinigten Linken" in Deutschland, in der er zwar die Socialdemokratie als Kerntruppe sieht, aber doch nur dann, wenn diese aufhört, socialdcinokratisch zu sein und etwa— nationalsocial wird. Er träumt davon, daß dann die Socialdcmo- kratie„soviel praktisches Verständnis" beweisen Iverde,„sich schon für die Hanptwahlen(zum Reichstage) in den Wahlkreisen, Ivo ihr selbst kein Erfolg winkt, für Unterstützung andrer Parteien znr Nieder- zwinguug des Agrariertnms auszusprechen." Der Vetter des Herrn v. Rhcinbaben hat nämlich die Eni- decknng gemacht, daß„der letzte Strohhalm", der die Socialdemokratie grundsätzlich von andren Parteien scheide, nämlich der Anti- Militarismus, auch schon brüchig werde. Herr V. Gerlach ist ein feiner Kops, wie man zu sagen pflegt; wo der gewöhnliche Mensch noch alles in der gewohnten Ordnung findet, da ficht er alle möglichen Punkte, seine Schilde aufzuhängen, und so hat er' auch gefunden, daß wir eigentlich in letzter Zeit unsre eignen Grundsätze wieder einmal schmählich verleugnet hätten. Während wir im Jahre 1837 auf dem Hamburger Parteitag beschlossen hätten, unser Eintreten in der Stichwahl für gegnerische' Kandidaten davon abhängig zu machen, daß sie sich gegen jede Vermehrung der Militär- lasten verpflichten, hätten wir dann doch nicht danach gehandelt. Herr V. Gerlach macht der Partei dafür das Kompliment der Klugheit, sieht aber nickt ein, daß er selber sehr unklug ist, wenn er darin den Anfang eines Verleugnens unsrer antimilitaristischen Grundsätze erblidt. Das ist ebenso thöricht, als wenn er aus der Thatsache. daß Bebels Stich- wahl-Resolution1897 in ihrer ursprünglichen Form dic antimilitaristische Bedingung nicht enthielt, den Schluß zieht, daß Bebel damit cigcnt- lich das„Dogma des Antimilitarismus" brüchig gemacht habe. Er lese nur genau, was Bebel in Hamburg zur Sache gesagt hat. Wir möchten Herrn v. Gerlach, um ihm Stoff für eine neue Traum- dichtung zu geben, darauf aufmerksani machen, daß in der Stichivahl- Resolution von 1897 auch eine antimonarchischc Bedingung fehlt und daß wir noch niemals von einem gegnerischen Kandidaten als Bedingung des Eintretens für ihn in der Slichlvahl verlangt haben, daß er sich zu republikanischen Grundsätzen bekenne.' Herrn v. Gerlach dürste es leicht sein, daraus eine Konzession a» das „sociale Königtum" zu machen. Ebenso ist es auch mit dem bißchen Socialismus, der Umwandlung der Produktionsmittel in gesellschaft- liches Eigentum. Nichts steht davon in der Stichwahl-Nesolution und niemals haben wir in einer Stichwahl einem gegnerischen Kandidaten das Bekenntnis zu diesen Grundsätzen abverlangt. Welche Verleugnung der elementarsten Grundsätze der Social- demokratie I Ja, so klug ist die Socialdemokratie! Sie thnt immer das, was die angenblidliche politische Situation erfordert und der Förde- rnng ihrer allgemeinen Ziele dienlich ist. Manchmal finden das die Gerlachs gescheit, nianchmal finden sie es dumm. Das ivird noch manchmal vorkommen, und doch werden wir danach nicht fragen. Zwischen der Resolution unsrcs Parteitages von 1837 und den Wahlen vom 16. Juni 1838 lag bereits die Bewilligung der Flotte»vorläge durch den alten Reichstag. Das be- stimmte die Beschlußfassung von1897und das bceinflußtedasHandelnbei den Wahlen 1838. In andrer Situation werde» wir ivieder anders handeln. So werden wir auch jetzt selbstverständlich mit allen anti- agrarischen Elementen zusammen den Kampf gegen die Agrarier führen. Aber immer so. wie es u n s r e n Grundsätzen entspricht und wie wir es für nützlich halten. Wir werde» diese vom Liberalismus bisher ungethan gelassene Arbeit thun nnd auch noch manche andre Arbeit, die der Liberalismus längst hätte thun solle», ohne dabei zu vergessen, daß dies nur Vorarbeiten für den Socialis- mus find. Helfen uns die„liberalen Elemente" dabei: gut; helfen sie uns nicht: auch gut! Daß Herr v. Gerlach sich aber so sehr darum bemüht, die Socialdemokratie zur Vernunft zn bringen, die doch noch so tief in der antimilitaristischen, antimonarchisckcn und antikapitalistischen Un- Vernunft drinstcdt, finden wir merkwürdig; waruni versucht er es denn nicht, solche Parteien zu seiner Vernunft zn bekehren, die dem Ziele, das er uns gesteckt hat, so viel näher stehen? Es giebt so viele Reichstags-Wahlkreise, die de» agrarischen Parteien entrissen worden wären, wenn Herr v. Gcrlach die ihn: weit näher stehenden Parteien der Linken rechtzeitig belehrt hätte, daß sie gleich in der Hauptwahl für die Socialdemokratie einzutreten hätten. Warum hat er nicht seinen eignen Parteigenossen den Rat gegeben, z. B. in Friedberg gleich in der Hauptwahl für den Socialdemokraten gegen den nationalliberaleu Großgrundbesitzer zu stimmen? Scheint dieses Unternehmen dem superklugen„Manne der Praxis" nicht aussichtsreicher? Mit der Angelegenheit der„Erfurter Tribüne" befaßte sich die Generalvcrsammiung des socialdemokratischen Vereins A p o l d a, welcher Ort mit zu den Interessenten des BlattcS ge- hört. Es wurde eine Resolution angenommen, die das Vorgehen der Preßkommission des Blattes mißbilligt. Julius VrnhnS, jetzt in Breslau, blickte, wie unser dortiges Parteiblatt berichtet, ani 13. Januar auf eine LSjähnge Partei- thätigkeit zurück. Bruhns ist 1860 geboren und lernte Cigarren- macher. Er begann seine Parteithätigkeit in seiner Vaterstadt Altona, wo er 1877, kaum 17 Jahre alt, in der Reichstagswahl-Agitation für Hasenclever mitwirkte. Aus Hamburg-Altona wurde er unter der Herrschaft des kleineu Belagerungszustandes im Jahre 1881 aus- gewiesen. Von 1830 bis 93 vertrat er B r e m e n im Reichstage. Er wurde damals in der Stichwahl gegen einen Liberalen gewählt. 1333 ging der Kreis wieder an die freisinnige Vereinigung verloren. Bnihus steht demnach noch in den besten Jahren und kann es noch zu weiteren 2S Jahren bringen. Es dürfte nicht allzuviel Parteigenosse» geben, die mit kauni 42 Jahren bereits eine 2öjährigc Parteithätigkeit hinter sich haben. Totenliste der Partei. In Hannover starb einer der ältesten dortigen Parteigenossen, der Dr. med. L. Kugel- mann, im Alter von fast 74 Jahren. Der Verstorbene, der aller- Vings in der Oeffentlichkeit nicht hervorgetreten ist, war ein pcrsön- licher Freund von Karl Marx, der im Jahre 1867 bei Kugelmann in Hannover die Korrektur des ersten Bandes des„Kapital" gelesen hat. Im Jahre 1872 war Kugelmann als deutscher Delegierter auf dem Kongreß der Internationale im Haag. Polizeiliches, Gerichtliches usw. — Die WeihnachtS-Zeitung„Arbeitslos" ist in Güstrow mehreren Parteigenossen im Wege der Beschlagnahnie weggenommen worden, obwohl jeder derselben nur ein Exemplar davon besaß, das nicht zur Verbreitung, sondern nur zum persönlichen Gebrauche be- stimmt war. Unter Berufung auf diesen Sachverhalt führten drei dortige Parteigenossen bei der Staatsanwaltschaft Beschwerde gegen die Beschlagnahnie nnd forderten ihre Zeitungen zurück. Die Be- schwerde ist jetzt ohne Begründung zurückgewiesen worden. Der Mordprozeß Jänicke, der gestern unter ungeheurem Andränge des sensationsbedürftigen Publikums vor dem Schwurgericht am Landgericht II begann, kam an diesem Tage nicht zu Ende, sondern wurde aus heute, Dienstag- morgen 10 Uhr vertagt, nachdem außer den beiden Angeklagtcn. Jänicke und Steinte gegen zwanzig Zeugen vernommen worden waren. Unter diesen Zeugen befanden sich auch der Ehe- ,n a n n der von Jänicke am 16. September o. I. ermordeten Frau Rühlicke in der Gleditschstr. 7 zu Schöneherg sowie die Mutter des.Mmrls" des Angeklagten Steinte. Der Vater dieses Angeklagten machte von dem Recht der Zcugnisverweigerung Gebrauch. Die Zeugenaussagen sind übrigens, soweit die That an sich in Betracht kommt, nicht von besonderer Bedeutung und drehten sich fast nur um den nach dem Morde vorgefundenen Thatbestaud. Heute werden noch die medizinischen Sachverständigen Dr. F r i e d m a n n nnd Dr. K e t t e l e r vernommen. Der Angeklagte war. wie wir bekanntlich in unsrem Vorbericht am Sonnabend nntgetcilt haben, mit der Familie Rühlicke bekannt und überfiel nach einer Verabredung mit seinem Kumpan Steinte die Frau bei seinem Besuch in der Wohnung in dem Augenblick, als sie, ihr zweijähriges Kind auf dem Arm, sich von ihm'abgewendet hatte. Seine Absicht war auf den Ranb der Ersparnisse des Rühlicke gerichtet. Die Roheit des 23 jährigen Burschen, der verschiedentlich vor- bestraft ist, wird durch seine im gleichgültigen Tone erzählte AuS- sage beleuchtet. Er gab an, daß der Gedanke, die Frau umzubringen, ihm erst gekommen sei, als sie sich zur Wehr gesetzt habe. Der Angeklagte teilte mit: Ich traf die Frau Rühlicke mit ihren beiden Kindern in der Wohnung. Ich unterhielt mich zunächst mit ihr über die Beschäftigung ihres Mannes und wann er gewöhnlich nach Hause komme. Frau Rühlicke saß in der Küche und hatte ihren zweijährigen Sohn auf dem Schoß, das jüngste Kind lag in der Stube im Bett. Bei der Unterhaltung überlegte ich mir, wie ich cS anfangen könnte, um sie stille zn machen. Dann ging ich an die Wasserleitung und verrichtete ein Geschäft. Ich ging dann von hinten an sie heran und wollte sie durch einen Messerstich erschrecken. Ich stieß sodann das im Aermel bereit gehaltene Messer in ihre rechte Seite, indem ich sie mit der linken Hand am Halse packte und mit der rechten Hand über die Schulter hinweg ihr den Stich versetzte. Sie schrie auf und ließ den Knaben zu Boden fallen. Ich hielt ihr den Mund zu und sagte zu ihr: „Klara, ich muß d a S Geld haben, sei ruhig! Hier b l e i b st Du sitzen!" Sie sprang ans und lief zum Fenster. Ich ritz sie nieder und gab ihr noch einen Stich; dieser traf eine Korsettstange nnd da platzte das Messer ab. Wie sie sah. daß das Messer nicht mehr brauchbar war, setzte sie mir Widerstand entgegen, sie schlang ihren Arm um meinen Leib, und ich rang mit ihr. Da fiel mein Blick auf einige Bierflaschen. ES war mir schon einmal in einer Schlägerei passiert, daß ich einem mit einer Bierflasche eins auf den Hinterkopf gegeben hatte, so daß er sofort besinnungslos war.— Präs.: Und da haben Sie nun eine Bierflasche nach der andern genommen und damit auf die Frau eingeschlagen?— Singe kl.: Ich»ahm nacheinander drei Flaschen und zerschlng sie ans dem Kopf der Fra». Ich kam aber noch nicht zum Ziele, sie arbeitete sich hoch und schrie, stmd ihr Junge schrie auch. Da wurde ick verwirrt; sie hatte mich in Wut gebracht, ich konnte mich nicht mehr halten und faßte den Entschluß, sie unter allen Umständen still zu machen, selbst ivenn ich sie tot machen müsse.— Präs.: Also in diesem Augen- blick wolle» Sie erst den Entschluß znr Tötung gefaßt haben?— Sl n g e k l.: Ja wohl. Ich nmß noch bemerken, daß, als ich mit der Frau rang, ich alle Besinnung verloren hatte. Als die Schläge mit den Flaschen nichts nutzten, sah ich mich nach einem Gegenstand um und sah einen Hammer liegen, der Hammer flog aber ab, gleich bis nach dem Korridor. Jetzt war ich wieder ohne Gegenstand. Sie hatte sich wieder aufgerafft, ich riß sie zurück, und da sah ich das Beil liegen. Sie war schon wieder»ach der Thür zu gegangen, ich riß sie nach der Küche zurück und versetzte ihr einen Schlag auf den Hinterkopf. Sie wollte wieder aufstehen, und da gab ich ihr noch einen Schlag, so daß sie zu Boden sank und stöhnte. Bei dieser Gelegenheit schrie der k l e i n e I u» g e h e f t i g, da nahm ich das Beil und schlug damit den Jungen vor die Stirn, er stand aber wieder auf. Daun warf ich das Beil weg nnd nahm den Jungen und warf ihn im Nebenzimmer aufs Sofa und sagte zu ihm: Ruhig sein! Ich nahm das Geld aus dem Bcrtikow heraus und steckte es in die Tasche, ohne es zu zählen. Slls ich dann au der Thür war, sah ich, daß die Frau bemüht war, sich wieder anfzurichtc». Ich versetzte ihr noch einen Schlag, sie sank nieder nnd versuchte nochmals, sich ivieder aufzurichten. Jetzt versetzte ich ihr den letzten Schlag, woraus sie still wurde.— Präs.: Ja, dieser Schlag hat ihr den Schädel zertrümmert. Nun erzählen Sie weiter.— A n g e k l.: Ich leerte dann d a s P o r l e m o n n a i e und d i e S p a r b ü ch s e und ging. Stuf der Treppe begegnete» mir zwei Frauen, die mich ins Sluge faßten. Ich vennntele, daß sie etwas von dein Lärm gehört hätten und sagte deshalb im Vorbeigehen:„Der Alte dort oben hat wieder einen Vogel."— Weiter erzählt der Angeklagte dann, wie er sich für das geraubte Geld einen Anzug gekauft, dem Steinte, der auf ihn an der Elßholzstrafc wartete, 50 Mark gegeben und dann das übrige Geld mit einer Dirne verjubelt habe. Steinte bekräftigt die Slnssnge des Jänicke. Jänicke ist, wie erinner- lich, noch am selben SIbcnd in einer Droschke in Schöneberg abgefaßt, die Verhaftung des Steinte gelang erst am 19. September. — Der Schutzmauu Claus ist der erste nach der That in der Wohnung gewesen. Die Hausbewohnerin Frau S t e i n w e g hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß in der Rühleckeschen Wohnung Lärm gewesen sei und das kleine Kind immer rief:„Mutter, steh' doch auf". Der Zeuge ist etwa um 2Vs Uhr mittags gewaltsam in die Wohnung gedrungen und hat die Frau in den letzten Zuckungen vorgesunden. Sie lag mit dem Gesicht dem Fußboden zugekehrt.' Berliner Pnrtei-Angelegenheiten. Die nächste Lokal-Liste erscheint am Sonntag, den 26. Januar. Wir ersuchen daher, Aendeiiiugen nnd Neuaufnahmen bis spätestens Freitag, de» 17. Januar, einsenden zu wollen, für„Teltow- Beeskow" an den Genosse» Hermann Schliebitz in Britz, Jahnstr. 2; für. N i e d e r- B a r n i m" an den Genossen Otto Riebe in Fricdrichsfcldc, Victorinstr. 4; für„Potsdam- O st- H a v e I l a n d" a» den Genossen Albert Neue in Spandau, Jagowstr. 3: für„Diverse Orte" an den Genossen Gustav Stein, Wriczen a. O., Frankfurtcrstr. 32, sowie für Berlin an den Genossen W i l h e l in H i n z, Prinzenstr. 66, 8. 14. Die Genossen werden ersucht, hiervon Kenntnis zu nehmen und die Einsendungen umgehend zu machen. Nachträge können in Zukunft nicht mehr v e r- ö f f e n t l i ch t werden. Alle Zusendungen und Anfragen sind nicht an die Redaktion des„Vorwärts" zu senden, sondern nur an den Genossen Wilhelm Hinz, Berlin 8. 14, Prinzenstr. 66. Die Parteiblätter der obigen Kreise werden um Abdruck ersucht. Die Lokalkommission. Zur Lokal-Ltste. Am Sonnabend, de» 18. Januar, veranstaltet der Bergnügungsverein„Hoher Rat" in den Residenz- Festsälen, Landsberger st raße 31, eine Festlichkeit, zu welcher versucht wird, in Arbeiterkreisen, namentlich im Osten, Billets abzusetzen. Da dieses Lokal der Arbeiterschaft zn Versammlungen nicht zur Verfügung steht, so wolle man das Vergnügen meiden und die angebotenen Billets zurückiveisen. 1. Wahlkreis. Den Genossen zur Nachricht, daß am Sonntag, vormittags 11 Uhr, im Feenpalast, Bnrgstr. 22. eine öffentliche V e r s a in m I n n g stattfindet, in welcher Genosse Angnst Bebel über„Stehendes Heer oder Volks wehr mit be- sonderer Berücksichtigung des Boerenkrieges" referiert. Näheres siehe heutiges Inserat. Die Vertrauensmänner. Verein für de» fiinsten ReichötagstvahlkreiS. Die Partei- genossen werden auf die am Sountaqnachmittag stattfindende Sonder- Vorstellung in der Urania, Taubenstr. 48/43, aufmerksam gemacht. Eröffnung 1 Uhr. Beginn 2 Uhr. Billets sind vom 15. d. M. mir noch beim Kassierer Leopold Liepmann, Linienstr. 242, zu haben. Dikislag, 14. Jmniiir 1902, Bis zn genanntem Datum müssen alle übrigen Billets in Händen des Kassierers sein oder sie gelten als verkauft. Gleichzeitig wird darauf aufmerksani gemacht, daß nach der Vorstellung im GcwerkschaftShaus, Engcliifer Ibf Saal 7, ein gemütliches Beisammensein stattfindet. Wahlverein für den 6. Berliner Reichstags-Wahlkreis (Schönhauser Vorstadt). Dienstag, abends 8�/2 Uhr im„Berliner Prater", Kastanien- Slllee 7—3, Generalversammlung. Tages- Ordnung: 1. Vortrag des Reichstags-Slbgeordncteu Emil Roscnow: „Wie die Junker den Bauerii helfen." 2. Diskussion. 3. Bericht des Vorstandes. 4. Vereinsangclegenheiten, sowie Besprechung über Anträge der Mitglieder aus den Zahlabenden. Mitgliedsbuch legi- timiert. Siehe Inserat vom Sonntag. Weißensee. Heute Dienstag, 3Vs Uhr findet im Vereinshause „Konkordia", Charlottenbnrgerstr. 150 die G e n e r a l v e r s a m m- l u n g des Wahlvcreins statt. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist eine zahlreiche Beteiligung notwendig. Schmargendorf. Heute abend 8Vs Uhr hält der Wahlverein bei Herrn Leonhardt, Warnemiinderstr. 6 seine regelmäßige Mit- gliedcrversannnlung ab. Tagesordnung, wie stellen' sich die Partei- genossen zu den Gemein de wählen? UokAwS. Die Frequenz der Berliner Gemcindeschnlc». Der Magistrat hat der Stadtverordneteu-Versammlung eine Uebersicht über die Frequenz der Gcmeindeschulen zugehen lassen, die sich auf den Stand vom 1. November 1901 bezieht. Danach bestehen in dem laufenden Winter-Halbjahr in Berlin 243 Gemeindeschulen mit 4342 Klassen. die am 1. November mit 105 331 Knaben und 106 455 Mädchen, zusammen 211 736 Kindern besetzt waren. Im Sommer-Halbjahr 1301 hatten 248 Gemeindeschulen mit 4324 Klassen bestanden, die am 1. Mai mit 105 189 Knaben und 106 611 Mädchen, zusammen 211 810 Kindern besetzt gewesen waren. Gegenüber dem Sommer« Halbjahr ist also in diesem Winter die Zahl der Knaben nur um 132 größer nnd die der Mädchen sogar um 156 geringer geworden, so daß selbst die Gesamtzahl der Kinder um 24 zurückgegangen ist. Diese höchst bemerkenswerte Erscheinung, die in Berlin, so lange wir hier die schulgeldlose Gemeindcschule haben, noch nicht beobachtet worden ist, dürfte im wesentlichen zu erklären sein aus der im Jahre 1901 eingetretenen, durch die W i r t s ch a f t s k r i s i s und den Slrbeitsmangel bewirkten Abnahme der Zuzüge nach Berlin und der gleichzeitigen Z u n a h m e der Fort- z ü g e von Berlin.(Auf die in mehrfacher Hinsicht interessanten Einzclangaben der Uebersicht kommen wir noch zurück.) Die„Freie Hochschule" hat Sonntag im Bürgersaal des Rat- Hauses ihre Eröffnungsfeier abgehalten. Die Versammlung erfreute sich eines so starken Besuches, daß viele Personen keinen Platz finden konnten und wieder umkehren mußten. Der Festredner Dr. Bruno Wille sagte u. a. nach einem Bericht der„Welt am Montag": Die freie Hochschule soll unabhängig sein vom politischen und religiösen„Parteigetricbe. Sie sei eine höhere Vor- bereitungSschnle vor allem für die freien Berufe. Großenteils rekrutieren sich gegenwärtig diese Berufe aus Leuten, die nicht in der Lage waren, den auf einer hohen Schule begonnenen BildungS- gang abzuschließen. Kann die„Freie Hochschule" auch natürlich nicht schon im Moment ihrer Gründung alle dem gerecht werde», was sie sich vornimmt, so wird sie doch von Anfang an an- gehenden Jvurnalistcn, Beamten des Verwaltungsfaches, Kaufleuten, aber auch bildenden Künstlern, Schauspielern und Musikern Gelegen- heit geben, die neben ihrer Spccialausbildung mierläßliche Wilsen- schafiliche Llnsbildung zn erwerben. Lehrern und Erziehern, welche die übliche Scminar-Ansbildung dürftig und unfrei geschult entläßt, wird ebenso die Möglichkeit, ein abgerundetes Wissen zu erlangen. Hervorragend berufen zu Hörern der„Freien Hochschule" sind die Frauen. Sic sind als Gattinnen und Mütter heranzuziehen, am geistigen Leben des Volkes Llnteil zu nehmen; ihren Hände» entwächst die folgende Generation. Und wo die Frauen eine» andren Beruf ausüben, bedürfen sie erst recht einer gründlichen Bildung. Für die Arbeiter mm gar ist die„Freie Hochschule" schon wegen ihrer niedrigen Beiträge die ersehnte Erlösung aus der Unfreiheit der Unwissenheit." Es fragt sich nun, woher die Freie Hochschule die Mittel und Kräfte nehmen will, um ihr gerade nicht ganz unbedeutendes Ziel zu erreichen. Eine harte N»ß ist für die bürgerliche Preffe die in der letzten Niuniner dcS„Gcmeindeblatt" veröffentlichte Neujahrs-Glück- Wunschadresse des Berliner Magistrats an den Kaiser. Das Opus atmet nicht den erheiternden Schwung, der den früheren, vom Stadtschnlrat Bertram verfaßten Gratulations- adressen des Magistrats eigen war, aber es ist darum nicht weniger schwülstig als die Bertramschen Stilübungen und im übrigen noch um vieles unverständlicher. In den Abdruck der Adresse im „Gemcindeblatt" sind nun zuni Ueberfluß noch ein paar Druck- fehler hineingeraten, die der Rede dunklen Sinn noch dunkler gemacht haben. Es heißt da:«Euere Kaiserliche und Königliche Majestät haben huldvollst den Gedanke» aufgcnomnien und gefördert, durch Werke der bauenden und bildenden Kunst der bewundernden Mitwelt zu zeigen, daß die Residenz Eurer Majestät den erste» Kunststätten der Welt ebenbürtig ist. Das hehre Gotteshaus, welches den Abschluß der von dem großen Vorfahren Euerer Majestät geschaffenen vorgeschichtliche» Erinnerungen auch eine Prachtstraße bildet, geht seiner Vollendung entgegen; die herrliche Straße, welche schon durch ihren Namen die Entwickelimg des Hohen- zollernhauses kennzeichnet, hat ihre Vollendung empfangen durch wohlgelniigcne Werke der schaffenden Kunst, welche zugleich ein Denkmal der glorreichen Geschichte der brandeuburgischen Landes- fürsten uiid eine Zierde unserer Stadt sind." Es ist nun ungemein amüsant, zu sehen, wie sich die einzelne» Blätter mit diesem Unsinn abzufinden suchen. Einige drucken ihn völlig unverändert oder doch in der Hauptsache unverändert nach, ohne mit einem Worte zu verraten, ob sie daran Slnstoß nehmen. Man hat in den betreffenden Redaktionen augenscheinlich geglaubt, hier allermodernstcn Adressenstil vor sich zu haben. Etliche andre Blätter fügen wenigstens einpaarFragezeichenhinzn. Das„Berl.Tagebl." ändert die Worte„Erinnerungen auch eine Prachtstraße" in den Blödsinn „Erinnerungen an eine Prachtstraße", hält aber daran fest, daß eS sich um„vorgeschichtliche" Erinnerungen handele. Verschiedene Blätter haben dem„Tagebl." diese Verböserung nachgedruckt. Der „Berliner Börsen-Courier" hilft sich damit, daß er die Worte„auch eine Prachtstraße" in Gedankenstriche setzt und das„auch" durch den Druck hervorhebt:„— auch eine Prachtstraße—". DaS Blatt hat natürlich hierbei nicht etwa einen respektlosen Witz über die„Pracht, strnße" beabsichtigt. Um weiterem Unheil dieser Art(das dem einen oder dem andren Blatte am Ende noch Ungclegenheiteu bereite» könnte) vorzubeugen, wollen wir den Ratlosen mit einer kleine» Konjektur zu Hilfe kommen. Der Magistrat wollte womöglich sagen, daß das„hehre Gotteshaus"(der Dom) den„Slbschluß der von dem großen Vorfahren Euerer Majestät geschaffenen, an geschichtlichen Er« innerungen reichen Prachtstraße" bildet. Was wir sonst noch in die Adresse hiiieinzukorrigircn hätten, daS wollen wir lieber für uns behalten. Feruziinder für die Siraßenlatettie». Nu« dem Rathnuse wird derichlet: Die städtische» GaSiverke»lochen seit einiger Zeit Versuche niit der Fernzündung der öffentlichen Strosjen» laternen. Probeweise ist die pneiimolische Fernzündung und die durch Uhrwerke delvirkte eingeführt. Gestern Hot nun die städtische Eos- deputotion unter dem Vorsitz des Stadtrats Nainslau u. a. beschlossen. vcrsuchstveise auch die elektrische Fernzündung als dritte Möglichkeit der Fernzündung, deren allgemeine Einführung nur noch eine technische Frage ist, in den Kreis der Versuche z» ziehen. Im Fall sich diese Versuche betvähren, würde der Zeitpunkt gekommen sein, wo Taufende tion Gaslaternen in den Straßen gleichzeitig von einer Stelle aus angezündet werden und, von un» sichtbarer Hand dirigiert, Plötzlich ihr Licht spende» können. Es werden dann nicht, wie bisher, einige Straßen im' Dunkeln liegen, während andre schon längst beleuchtet sind. Die Verwaltung wird bei der Einführung der Fernzündung diese nicht plötzlich, sondern nach und nach anbringen lassen, wodurch es niöglich werde» wird, die st ä d t i s ch c n Laternenanzünder, die jetzt nur stmidemucise beschäftigt werden können, ständig in etwas verringerter Zahl als Laternenputzer usw. tageweise zu beschäftigen. Ein recht unangenchineS Abenteuer erlebten kürzlich zwei Arbeitslose. Sie hatten gehört, daß man sich in der Central-Markt- halle durch Abtragen von Waren für die Händler gelegentlich ei» paar Groschen verdienen könne und begaben sich, um ja die Zeit nicht zu versäumen, schon zu sehr früher Morgenstunde dahin. Die Halle war noch geschlossen und deshalb ergingen sich die beiden Arbeiter in den angrenzenden menschenleeren Straßen. An der Ecke der Panorama- und Neuen Friedrichstraße kam morgens um 3>/4 Uhr ein Schutzmann auf sie zu und fragte, ob sie eben i» der König- oder Klosterstraße gewesen wären, oder ob sie zwei Leute mit grauen Jacketts gesehen hätten. Ehe die beiden die Frage beantworten konnten, kam ein zweiter Schutzmann herbeigelaufen und be- schuldigte die beiden Arbeiter, sie hätten soeben in der Königslraße einen Schaukasten erbrochen. Die Arbeitsuäwnden beteuerten ihre Unschuld, sie wiesen auch darauf hin, daß sie ja keine grauen, sondern schtvarze Jackets trugen und also die Gesuebten nicht seien. Das half ihnen aber nichts. Sie wurden gefesselt, ob- gleich sie sich bereit erklärten, den Beamten freiwillig zu folgen, und dem Wächter des Hauses, wo der Schaukasten erbrochen war, vorgeführt. Der Wächter erklärte ohne tveiteres, daß die beiden Arbeiter nicht mit den gesuchten Frevlern identisch seien, aber trotzdem wiirden sie beide von den Schutzleuten nach der Wache des 21. Polizei- Reviers gebracht. Nachdem sie ihre Personalien augegeben hallen, sperrte man die beiden Arbeiter in eine Zelle. Die Un- annehmlichkeit des Aufenthalts in derselben wurde noch dadurch erhöht, daß die Lust durch die Ausdünstungen eines neben der Zelle befindlichen Aborts mit üble» Düften erfüllt war. Um 7�/e Uhr nahm der Wachtmeister ein Protokoll nnt de» beiden Verhafteten auf, bei welcher Gelegenheit er Aeußeruugen machte, aus denen die beiden entnahmen, daß sie allen Ernstes für zwei seit längerer Zeit gesuchte Schaukastendiebc gehalten wurden. Daß sie hergekommen waren, um in der Markthalle Arbeit zu suchen, das wollte der Beanite nicht glauben. Endlich um 12 Uhr mittags, nachdem die beiden Unglücksgefährtcn 8 Stunden in der stinkenden Zelle zugebracht hatten, wurden sie entlassen. Anstatt de§ erhofften Verdienstes habe» die beiden Arbeiter die Lehre erhalten, daß es für Arbeitsuchende gefährlich werde» kann, sich vor Tagesanbruch auf die Straße zu begeben, wenn zufällig zu derselben Zeit Polizeibeamte einen Spitzbuben suchen. Der Redacteur des HandelStcils der.No.ioual-Zcitung', Herr Dr. Julius Bäsch, ist am Sonntagabend 72 Jahre alt in einem Anfall von Herzschwäche gestorben. Herr Bäsch war seit 1873 Redacteur der„National-Zeitniig� Zum Milchkriege. Der Verband deutscher Milchhändler-Vercine hat zur Milchkoufercuz im preußischen Landwirtschaftsministcrimn Stellung genommen. Die Abschaffung der H a I b in i I ch wurde mit der Maßgabe gutgeheißen, daß die Vcrantioortlichkcit der Produzenten festgelegt werde. Daneben wurde als wünschenswert hingestellt, daß diese auch für die Kühlung der Milch und deren Versand bis zum Wohnorte des Milchhändlers Sorge trügen. Auch für daß Pasteurisieren der Marktmilch will der Verband nur dann eintreten, »oenn cS am Produktionsorte und von dem Produzenten ausgeführt wird. UebrigcnS hält man eine rcichSgesetzliche Regelung der Milch- frage mit einer staatlichen Beaufsichtigung der Milchproduktion für geboten. Der Polizeipräsident erläßt folgende Bekanntmachung: In R. Gärtners Verlagt ge- bot ein Schutzmann des 9. Reviers in einer Schankwirtschaft in der Grünthalerstraße 17. in der es allzu laut herging, gegen 2 Uhr Feierabend. Einer der Gäste, der 18jährige Willy Wunsch, genannt Grützmann, geriet darüber, Ivie seiner Zeit gemeldet, in der Trunken- heit in Wut und griff den Schutzmann so lange thätlich au, bis der Polizist ihn durch einen Säbelhieb über den Kopf unschädlich machte. Wunsch liegt noch als Polizeigefangener in der Charitö. Seine Freunde beschlosstn, ihn an� dem Beamten zu rächen. Am Sonnabendabend sammelten sich alle.die ihre Mitivirkung versprochen hatten, in Schanklvirt- fchaften und besuchten in Trupps bis 12 Uhr verschiedene Trnizsäle. Daun vereinigte sich auf dem freien Felde an der Bellermannstraßc eine Bande von 60 bis 70 Burschen, zog die Bellermannstraße hinunter und ver- ursachte vor dem Eckhaus an der Grüntbalcrstraße, in dem sich im ersten Stock die Wache des 9. Reviers besiudet, einen Höllenlärm. Drei Beamten, die der Rotte entgegentraten, erklärten die Rädels- führer, sie verlangten den Schutzmann heraus, der Wruffch ge« schlagen habe, und würden ihn, wenn er nicht freiwillig BeranUvortlicher Siedactenr: Carl Leib in l komme, mit Gewalt herausholen. Durch Zuzug von Neugierigen fchwoll die Menge bald auf etwa 200 Personen an. Während die Beamten durch die Notpfeife von der Wache und aus dem Revier Verstärkung heranholten, drang die Rotte ungestüm auf sie ein und bewarf sie mit Steinen. Die Schutzmänner zogen nun blank und teilten nach rechts und links Hiebe aus. Bis zur Markthalle in der Grünthalcrstr. 4 leistete die Bande Widerstand, dann wurde sie von der verstärkten Schutzmannschaft gesprengt und auseinandergetrieben. 15 Personen wurden festgenommen, sieben von der Revicrlvache wieder entlassen, acht dagegen gestern der Kriminalpolizei zugeführt und von dieser nach dem Verhör nach Moabit in Untersuchnugshaft gebracht. Ein Mädchen, das dem Geliebten beim Einsteigen in den grünen Wagen Frühstück zustecke» wollte, wurde ebenfalls nach der Wache gebracht. Die Verhafteten, die sich wegen LandfriedenSbruchs zu verantworten haben werden, sind der Maurer Gustav MuS, der ivohuungSlose Steinsetzer Otto Kern, der Lackirer Karl Crösselt, die Arbeiter Paul Schutzmann und Hermann Reibold, der Maler Georg Budzinski, der Sattler Ludlvig Laerger und der Arbeiter Otto Schubert. Die ersten drei gelten' als Rädelsführer. Sie schlugen auch noch bei ihrer Ver- baftuug mit Händen und Füßen um sich. Der ungeheure nächtliche Lärm rief große Aufregung hervor. Der gesuchte Schutzmann war übrigens gar nicht auf der Wache. DiebeSgut? Da» Polizeipräsidium teilt mit: Im Grunewald wurden am 6. d. M. vergraben aufgefundeu 330 Stück Blechdosen voll Haarpomade, kleine? Format, blau gestrichen, auf dem Deckel ein Herrenkovf mit starkem Schnurrbart, und ferner 40 Stück flache Blechdosen, auf dem Deckel Spiegelglas. Beide Sorten Dosen sind ohne Firma und enthalten eine creniefarbige, fettige Pomade. An- zeigen werden zu 248 IV/6. 02, Kriminalpolizei, Zimmer 244, erbeten. Ein Opfer der Straßenbahn. Vor den Augen seiner Tante wurde Sonntagnachmittag auf der Straßenbahn der 2ff« Jahre alte Sohn Max des Bankier Leonhardtschen Ehepaares aus der Turm- straße 47 überfahren. Die Leute beiuchten gestern mit ihren Kindern eine Schwester deS Mannes, die unverehelichte Arbeiterin Klara Leonhardt, in der BrcSlauerstr. 10. AIS Fräulein Lconhardt kurz vor 2 Uhr zum Bäcker gehen wollte, um Kuchen zum Kaffee zu holen, bat sie der Kleine, ihn mitzunehmen Beim lieber- säireiten deS FahrdamnicS vor dem Hauie BrcSlauerstr. 23 fiel der Kleine vor einem Wagen sNr. 1777) der Linie Charlotlenburg eignete sich Montaguachniittag in der Pappel- Allee 129. Hier hat die unverehelichte Wäscherin Galiner im zweiten Stock eine kleine Wohnstube inne, während die dazu ge- hörige Küche von einer Frau I. bewohnt wird. Da die Galiner tagsüber außer dem Hause wäscht, so übergab sie seither die Aufsicht über ihr 3Vejäbriges Töchterchcn Lieschen der Frau I. So geschah es auch am Montag, nachdem sie vorher den eisernen Stubenofe» tüchtig angefeuert hatte. Während nun Frau I. ffch mit mehreren Nachbarkindern in der Küche z» schaffen machte, hatte die kleine Galiner die Stube aufgesucht und sich vor den glühenden Ofen gestellt. Hierbei hatten ihre Kleider Feuer gefangen, doch gab sie keinen Laut von sich. Als Rachbarn schließlich den Feuer- schein erblickten und Lärm schlugen, eilte Frau I. in die Stube. Anstatt aber die Flammen zu ersticke», schob sie unbcgrciflicherweise da« arnie Kind zur Stube hinaus auf den Treppenflur. Es lvar ein bejamniernSwerter Anblick, wie das Kind in Flammen gehüllt lautlos dastand, nur die Händchen bewegend. Der im vierten Stock tvohnrnde Arbeiter Louis Woyte suchte die Flammen zu ersticken, zog sich aber dabei selbst Brandwunden an den Händen zu. Nachbarn gössen schließlich Wasser über das Kind und löschten den Brand. Der Körper der Kleinen war schrecklich zugerichtet, weshalb die alarmierte Fcner- wehr für schleunige Ucberführnng deS KindeS nach dem Lazarus- Krankenhaufe sorgte, wo es inzwischen seinen schrecklichen Qualen er- legen ist. Großsener kam am Sonntagvorniittag um 8'/s Uhr aus noch nicht ermittelter Ursache in Moabit, Kirchstr. 24. zum Ausbruch, nachdem eS dort schon längere Zeit unbemerkt geschwelt haben muß. Bei Ankunft der 4. Kompagnie unsrer Feuerwehr unter Leitung des Brandinspektors Tulins stand die Emaille Manufaktur< Fabrik) von Bruno Berich in Flammen. Es brannte ein cjn- und ein ztveislöckiger Hof« gebäudekomplcx in großer Ausdehnung. Wegen der Näh� eines Kohlenlagerplatzes und mehrerer Fabrikbetriebe ließ der leitende Offizier „Mittelfeucr" an alle Wachen melden. In kurzer Zeit ivaren elf Löschzüge mit 36 Fohrzengen unter dem Brandinspcktor Bahrdt an der Brandstelle vereinigt. Mit großer Bravour ivnrde vorgegangen und mit sechs Rohren unausgesetzt kräftig Wasser gegeben.' Nach einstündiger Thätigkeit konnte ein Teil der Feuerwehr schon wieder abrücken. Nachmittags um 3 Uhr konnte der elfte Zug, der die Auf- räumungS- und AblöschungSarbeiten besorgte, als letzter die Brand« stelle verlassen. Die Fabrik im 1. und 2. Stock der QuergebäudeS ist ausgebrannt. Brand eines großen Steinkohlenlagers. Gestern Mittag stand ein mehrere hunderttausend Eentner betragendes Steinkohlen- lager der englischen Gasanstalt an der Bärwaldbriicke in Flammen. Gegen 11 Uhr stieg von deni Rohlenhaufen ganz plötzlich eine dicke Rauchwolke auf, die sich über die Bärwaldfiraße zog und zur Alannicrung mehrerer Löschzüge führte. Diese rückten zwar wieder ab, nachdem' sie längere Zeit aus zwei Dampfspritzenrohren Wasser gegeben hatten, doch dauerte der Brand fort. Wenn auch für die Gasanstalt keinerlei Gefahr besteht, muß doch das ganze Kohlen- lager abgetragen werden, da der Brandherd ziemlich tief zu liegen scheint. HanStvirtschaftS-Genoffenfchaften. Für die von dem Verein für HanSwirtschafts-Genoffenschaften für Mittwoch, den 15. Januar, abends 81/» Uhr, nach den Fcstsälen in der Beuthstr. 20 einberufene öffentliche Versammlung giebt sich lebhaftes Interesse kund. Frau L i l y Braun wird über das Thema Wirtschafts-Genossen- s ch a f t und Familienleben sprechen. Die auf den Vortrag folgende Diskussion dürfte sich zu einer sehr anregenden Auseinander- setzung über daS ernste Problem gestalten, da sich bereits eine Anzahl Redner und Rednerinnen gemeldet haben. Im verein kür volkstümliche Kurse von Berliner Hochschul- lehrern beginnt am Dienstag, den 14. d. MtS., abends 80, Uhr, Herr Privatdocent Dr. Helm den zweiten Teil seines Bortrages„EinMhiimg in die lateintsche Sprache" im kontgl. Französischen Gymnasium, Reichstags- User S. Es wird das 4. Buch von Cäsars gallischem Krieg gelesen und erklärt werden. Der Text nebst Bocabulartum wird den Teilnehmern am ersten Abend übergeben. Eintrittskarten a 1 M. sür den» Borträge von je l'/i Stunden umsassenden Kursus sind zu baden bei i Georg Belling, W., Leipztgerftr 136; A. Schütz. O.. Holzmarktstr. 60; Chr. Tilchendörfer, 0., Sophienstr. 20; F. E Ledeier, W., Kurfürstenstr. 70; Bernhard Staat, SW., Friedrichsir. 260: Centralstelle sür Ardeiter-WohIfahrtSewrichtungen, W.,«öthenerstr. 23. tlii» de» Nackibar orte». Johannisthal. Die Hoffnnngen, welche auf die Thätigkeit des im vorigen Jahre neu gewählten Gemeindevorstehers gesetzt wurden, nachdem der vorige Gemeindevorsteher auf Veranlassung der Gemeindevertretung sein Amt niedergelegt hatte, scheinen sich nicht in dem Maße z» erfüllen, wie allgemein angenommen wurde. So mußte die Rechnungslegung für das Jahr 1900 von der Tagesordnung der letzten Sitzung wiedermn abgesetzt werden, weil der Gemeindevorsteher diesmal die Revision nicht in dem Sitzungszimmer vornehmen ließ, da das Zimmer gleichzeitig sein Arbeitszimmer fei und er nicht jedesmal die Alten zusammenpacken könne. Die Revisoren hatten wiederum die Revision in dem Bureauzimmer wegen des Verkehrs mit dem Pnbliluin nicht vorgenommen. Auch die Ein« lerlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb.«locke in Berlin. Drn benifung und Festsetzung der Sitzungen wurde nicht nach den fest- gelegten Beschlüffen vorgenommen, trotzdem der Vorsteher schon mehrmals auf diesbezügliche Anträge aus der Vertretung versprochen hatte, sich nach den geltenden Bestimmungen zu richten. In seiner ivahren Gesinnung zeigte sich aber der Herr in der letzten Sitzung bei der Beratung über den T u r n h a l l e n b a n. Der Vorsieher erklärte folgendes: Eine Turnhalle sei ein Luxus bau, so lange die Gemeinde keine Kirche besitze. Gcmeindeverircter M a n n gab der entgegengesetzten Meinung Ausdruck und wies ans die traurige Zeit hin, wo die Lehre r ge- zwungen waren, durch die Anweisungen ihrer vorgesetzten Behörde; die Kinder zum Ungehorsam gegen die eigenen Eltern aufzufordern. Der Ge..iei»dcvorsleher blieb indes bei seiner Ansicht, daß Johannisthal mit 2700 Eimvohnern erst eine Kirche haben müsse, ehe eine Turnhalle gebaut werden tönne. Dieselbe Ansicht vertrat auch der bekannte Herr K» a p e. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen betonte der Vor- fteher noch, daß die Wähler des Vertreters Manu wohl der Zahl nach in der Mehrheit wären, aber nicht der Summe der gezahlten Steuern»ach und infolgedessen auch kein Recht auf größere Ausgaben hätten. Diese Klassifizierung der Wähler der drillen Abteilung ivnrde von Mann entschieden zurück- geiviesen unter dem Hinweise, daß ja zu dem Gehalte des Gemeinde- vorstebcrs auch der ärmste Steuerzahler mit veitragen müsse. Dirie Kritik seiner Gesinnung brachte den Gemeindevorfleher derartig aus der Fassung, daß er die Sitzung aufhob. Eine Anfforderung des Vorstehers, den Ausdruck Unverschämtheit, den Mann gebraucht hatte, zurückzunehmen, lehnte unser Parteigenosse entschieden ab. Zu verschiedene» Malen ist dem Genossen Mann in den Sitzungen nun schon entgegengeschlcndert worden, daß seine Wähler geringwertige» seien, als die Wähler der anderen Abteilungen.� Bei den bevor« stehenden G e m e i n d e r a t s iv a h l e n im März ist es mm Sache der Parteigenoffe», dafür zu sorgen, daß jene Herren d i e richtige Antwort erhalte nl Lichtenberg. Bor der Wahl. Ein edler Wettstreit beginnt in unsrer Landgemeinde, der nichts mehr und nichts weniger als das Wohlergehen der Gemeinde beziveckt I Nicht weniizer als drei Anträge und zwei Interpellationen sind von den Freisinnige» ein- gebracht und Gegenstand der Beratung der am 17. d. M., nach- InittagS 6 Uhr. staltfindende» Gemeindevertreter-Sitzung. Jnter- pelliercn wollen die Herren Ivcgcn der Revision der Grund- w e r t st e u e r- V e r a n l n g u n g. Beantragen werden die Herren Erhöhung der Hundesteuer von 12 auf 15 M., sodann Stellung- »ahme z'n deni Gesetzentwurf über den Servistarif und Wohnmias- geld-Znschnß und ferner die Errichtung eines Elektricitäts- Werkes für Rechnung der Gemeinde. Endlich wollen dir Herren Auskunft über das Schicksal des Antrages vom 21. März v. I. betreffend die Annahme der Städteverfaffnng für die Gemeinde Lichtenberg haben. Weiterer Gegenstand der ver- Handlung wird neben anderem auch die Abänderung des OrtSstatnts über das zu errichtende Gewerbegericht sein. Die Regsam- keit unsreS KommmialfreisinnS f'-beint unter andrem eine Antwort a»f die Erklärung des Gemeindevorstehers zu sein, wonach in Ziikmift Gcgenstäude. die nicht auf der Tagesordnung stehen, in besonderen Besprechungen unter dem Punkt.Mitteilungen" wie bisher geschehen, nicht mehr zuzulassen sind; immerhin ein Enatz für den vom Gemciiidevorstaube vorgeschlagenen, aber von der Ver- tretmig abgelehnten Antrag, wonach Anträge der Genieindeverord- netcn nur dann Gegenstand der Beratung sein sollten, wenn diese von mindestens zehn kl) Verordneten(bei 24 Mitgliedern, darunter 8 Socialdemokralen) unterschrieben seien. Gevichks-Joikung. Polizribeleidigung. Genosse Runkel in Wunsi edel soll in einer Versammlung dortielbst ausgeführt haben,.vor den Mälinerii, die dem Socialistciigcsetz zum Opfer gefallen sind, müffe man mehr Respekt haben, als vor den jungen Leuten, die unerfahren, kaum 30 Jahre alt, glatt rassicrt. heutzutage mit der Ueberwachung von Veisammlnnge» betraut werden." Hierdurch fühlte sich der Beziilsamts-Assessor und Amtsanwalt S p e t ch in Wunsicoel be- leidigt und gegen Genossen Runkel wurde Anklage erhoben. Als Kioiizeuge tiat ein Gendarm Z« n k auf, der unter der Saalthür gestanden und die ganzen Ausführungen R.S gehört haben will, es habe ihm geschienen, als sei die Rede zuvor.einstudiert" gcivese». Trotz aller Nachfrage ist es aber nicht gelungen, nur einen Ver- sanimlungSbesncher ausfindig zu machen, der beftätigen könnte, daß der Gendarm an dem bezeichneten Platze gestanden hat. DaS Urteil lautete ans 14 Tage Gefängnis. Der AmtsaMvalt hatte sechs Wochen beantragt und schon den Vergleich eines könig- l i ch e n B e a ni t e n mit einem Socialde molraten als »schwere Beleidigung" erklärt l Vermifchkes- Der Postagent und Stationsvorsteher Riffe in Rieder» Ullersdorf bei Hansdorf ist, wie die.Schlesische Zeitung" meldet, seit 9. Januar abends nach Berübung von Uiiterslylngunge» flüchtig. Bisher ist ein Fehlbetrag von 1216 M. bei den Postkassengeldern und ein solcher von 5348 M. bei den Bahnkassengcldern festgestellt. Auf Ergreifung deS Thäters ist eine Belohnung von 100 M. ausgesetzt. AuS Laroche(Dcp. Nonne) wird berichiet: In einem Dach- zimmer der Franenabteilung des Departements-JrreuhanseS brach in der vergangenen Nacht Feuer ans. 250 Kranke wurden, nachdem alle geweckt ivaren, in den Hof gebracht. Das Gebäude brannte vollständig nieder. Am Morgen fehlten 12 Kranke; man glaubt. daß mehrere derselben bei Fluchtversuchen in dem nahen Flusse ertrunken sind. Selbstmord. AuS Budapest wird gemeldet: Der hiesige Arzt Dr. Tonika, welcher vor einigen Tagen Anzeige erstattete, daß bei ibin 180 000 Kronen durch Einbruch gefiohlcn wurden, hat sich heute aus dem Fenster deS vierten Stockwerkes gestürzt und blieb sofort tot. Einem Gerücht zufolge sollen sich Verdachtsmomente ergeben haben, daß der Einbruch nur fingiert war, da Tonika sich gegen Einbruch hoch versichert hatte. Vriefkasten der Redaktion. Die>,iiisiilche Sprechsiinidr findet tiialich mit«ninahme des Sonnabends von 70, bis»0,»hr abend» Halt. C. R. Die Stadtverordneten erhalten keine Diäten. Die Auslosung der Stadtverordneten rührte, wie Sie vermuten, von der Vermehrung der Mandate her. P.«. Borsitzender deS Landerwerbs und BauvereinS ist Herr Franz Schulz, Rixdorf, Weserstr. 202. Wenden Sie sich an diesen Herrn. «ottlernngSitberfich« vom IS. Januar IVOS, morgen» 8»hr. »Vetter. Prognoie für Tienstag. den 14. Januar MtOS- Kühl und veränderlich, vorherrschend wolkig mit geringen Niederschlägen und ziemlich starken nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau.- und Verlag von Max Badina in Berlin.