W. 21. Adonnements-Kedingungen: kbonnimenis-Preis vränumerando: Pierteljährl. 3äO Ml., monatl. 1,10®!t., wöcheolltch 28 Pfg. frei in» Hau». Einzelne Nummer S Plg. SonniagS- Nummer Mi« inuliricrier SonniagZ- Beilage.Die Neu« Welt" lv Plg. Polt- Abonnement: l,ic> Marl vr Mona«, Eingetragen in der Poft- Zeitung»- Preisliste für lSOL unter Bc. 7878. Unter llreuzban» für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für da» übrige Autland S Marl pro Monat. 19. Jahrg. Die Insertions-Gelillyr betragt für die sechsgespaltene Kolons»- ieile oder deren Rauni«0 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bsreins- und Versammlung»-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Zinseigen" jedes Wort 5 Psg. «nur da» erste Wort seit). Inserate für die nächste Nummer müssen dt» 4 Uhr nachmittag» tn derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist a» Wochen- tagen bt» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen btSSUhr vormittag» geöffnet. Erscheint taglich Lüster Sionlig». Vevliner Volksblatt. Seiegramm- Adreffe- «Bortaldemokrat Berlin" COntralorgan der soanldemokrcitischen Partei Deutschlands. Kedalltivn: sw. 19, Beullz-Slrake 2. Ferlisstrcchcr: Amt 1, Nr. 1508. Sonnabend, den 25. Januar 1902. Expedikwn: SW. 19, Beuth-Skraske 3. Fernsprecher: Amt I. Nr. KlSt. Die neuen Unruhen in Rußland. Aus Rußland wird uns geschrieben: Ein Jahr ist verflossen, seitdem sich die Regierung zu dem brutalen Akt der Einkasernierung der Studierenden entwagte Sie trat in das Jahr 1901 mit dem vollen Bewußtsein der überlegenen Macht. Draufloshauen, das war ihre Losung Sie schritt offen und gewaltthätig ein, ohne Diplomatie und Künstelei, denn sie glaubte, die sich regenden, unzufnedenen Geister mit dem Faustschlag niederschnlettern zu können. Ihrer Sache schien sie übersicher zu sein und sie verstand die Ucber zeugung von ihrer Macht auch so suggerierend zur Schau zu tragen, daß man allgemein zu äußerst pessimistischen An schauungen hinneigte. Da kamen aber die Ereignisse des Februar und März. Mutvoll und stark zeigte sich die Jugend: sie verteidigte die Freiheit der Wissenschaft und des Lehreus mit ihrem Blut. Sie stand diesmal aber nicht allein da, wie das oft bis dahin der Fall gewesen war, hilfbereit ihnen zur Seite erschienen die Arbeiter, Gelehrte, Künstler Schriftsteller, Beamte und sogar Offiziere. Das hatte die Regierung nicht in ihren schlimmsten Träumen geträumt. Sie bringt das alte Mittel, die jKosakenpeitsche in Anwendung unternimmt hunderte von Haussuchungen, verbannt die intelligentesten Kräfte aus den Residenzstädten, sie fühlt aber, daß dies vergebens ist, es geht eine Umwälzuilg vor ihren Augen vor sich, der sie machtlos gegenübersteht. Unl die verschiedenen regierungsfeindlichen Schichten hatte sich in der kurzen Zeit ein einigendes geistiges Band gelegt, an dem sie vergebens rüttelte. Sie mußte sich überzeugen, daß mit der Knute allein nichts mehr auszurichten ist, es mußte an Stelle der offenen eisigen Tyrannei das diplomatische Spiel treten. Der alte General nnd Kriegsminister Wannowski, den Alexander III. sciilen» Sohn als den Retter in der Not hinterlassen hat, und der sich schon bei früheren Gelegenheiten als eine schlaue Haut bewiesen hatte, wurde an Stelle des erschossenen Mi nisters Bogoljepow berufen. Die Presse erhält zu der Frage der Reformienlng des Schulwesens einige Bewegungsfreiheit. man liebäugelt mit Reformen, allerhöchste Reskripte sprechen mit süßlispelnden Mündern. Während der glaubseligere leichter zu beschwindelnde Teil der Gesellschaft durch Reforni Versprechungen geblendet werden sollte, mußte die strammere Opposition in alle Himmelsrichtungen versprengt iverden. Die Regierung zeigte sich niit einer Reform der Mittel schule beschäftigt, die Professorenkollegiell erhielten den Auftrag, Vorschläge zur Unlgestaltiing des Hochschulwesens dem Kultusminister zu unterbreiten, hier und da nierkte man auch bereits kleine Abweichungen von dem bisherigen Regime. die als Vorboten einer grüildlichen Umarbeitung des Hoch schullvesens ausposaunt wurden. Während Wannowski so das ihm anvertraute Beschwichtigungswerk trieb, machte die politische Polizei fleißig Beobachtungen, sie verschärfte die Gendarmerie- Abteilungen in den einzelnen Städten, ver mehrte die Spitzellegionen, organisierte sie nach den besten Mustern und unterstellte sie wohlgeriebenen Leitern. So verging der Sommer. Die Aufregung hatte sich gc legt. Ein großer Teil der russischen Gesellschaft war auf den Reformköder gegangen, man hatte im Vertrauen auf das von der Regierung gegebene Versprechen die Hände in den Schoß gelegt. Die die verschiedensten Schichten der Bevölkerung unifassende oppositionelle Bewegung des Frühjahrs hatte sich verflacht und geteilt, die studierende Jugend war fern von den Städten auf dem Laude zerstreut. Diese Lage flößte der Regierung wieder allmählich Mut ein. Der Presse wurde wieder der große Maulkorb aufgelegt, sie durfte über die Reformen nur noch kaum vernehmbar säuseln, über Tolstoj, den großen Freund der Jugend, durfte sie keine Silbe mehr drucken. Die nach Petersburg einberufene Konferenz der Gcndarineriechefs von ganz Rußland arbeitete den Plan der weiteren Polizeipolitik aus. Der Regierung erschien wieder ihre Lage so rosig, daß sie ohne weiteres"die alten Bahnen zu betreten können glaubte. Die Reformversprechcn waren vergessen. Sie hatte sich aber geirrt, wenn sie meinte, daß man ihrem Thun nicht folgt. Die Warnungen des Frühjahrs, sich nicht übertölpeln zu lassen, hatten immerhin Früchte getragen. Kaum war der alte Pferdefuß bemerkt, da ertönten schon auch die schrillen Warnrufe. Wir geben hier die Hauptmomente der Belvegung der letzten Tage mit den sie charakterisierenden Auszügen aus den Resolutionen der Protestversammlung und den Flug- blättern wieder. Schon Anfang August machte sich in der Studentenschaft ein schärferer Wind fühlbar. In den ersten Tagen des August fand in Petersburg die Verbreitung eines Manifestes statt, tn dem es unter anderm heißt: „Das Land ist voll von ausgeschlossenen Studierenden, statt daß sie Wiederaufnahme finden, stellt man sie für Jahre unter Polizei-Aufsicht. In den letzten Tagen ist eine Verfügung er- schienen, die der jüdischen Jugend den Zutritt zu einigen höheren Lehranstalten ganz untersagt. Solche Maßregel stellt die Regierung an die Spitze ihrer„Reform"! Wir müssen der Regierung laut zu wissen geben, daß sie bei diesen ihren neuesten Verfolgungen, wie iniuler, im Gegensatz zu den Wünschen der besten Männer des russischen Volkes steht. Wir müssen der jüdischen und anderen Nationalitäten offen erklären. daß wir zugleich mit dem Kampf für das Gute und Hohe in der Schule mit ihnen auch für ihre bürgerlichen Rechte kämpfen". Ein ähnliches Manifest wie in Petersburg wurde auch in Charkow verbreitet. Die Teilnahme der Arbeiter an der Bewegung im Frühjahr hat in der Jugend die tiefste Sympathie für die Sache der Arbeiter geweckt. Als Zeichen der inneren Verbrüderung kann die Thatsache dienen, daß zu gleicher Zeit mit dem Manifest ein Aufruf zirkulierte, der die Kameraden aufforderte, mit allen Kräften die Konfektions arbeiter zu unterstützen, die sich zu dieser Zeit im Streik be fanden. Die Versammlungen haben in diesem Jahre früher als sonst begonnen. In der Kijewer Universität wurde eine solche schon am 24. Oktober abgehalten. Die Versammlung nahm niit 943 Stimmen gegen 5 eine Resolution an, die die Wiederaiifnahnie sämtlicher von der Universität wegen Teil nahnie an der letzten Beivegung Weggewiesenen verlangt, sie protestiert gegen die Verweigerung der Aufnahme der Jugend jüdischer Nationalität in den Mittel- und Hochschulen und gegen das ganze System Wannowskis. Eine gleiche Resolution wurde an dein Kijewer Polytechnikum angenommen. Mitte Dezember hat das Komitee der Kijewer Studierenden ein Manifest gegen die Refonnheuchelei der Regierung erlassen In cineni andren Manifest des Organisationskomitees der Studierenden des Kijewer Polytechnikums heißt „Wünschenswerte Resultate können wir von der Reforni, die den schändlichen Nainen Wannowskis trägt, nicht erwarten... Viele von unsreu akademischen Forderungen können nur durch den politischen Kampf zur Erfüllung ge bracht werden." Achnliche Anschauungen werden auch in der Flug schrifteulitteratur vertreten, die in Dorpat und Riga ver- breitet worden ist. Den Protestversamnilungeu in Kijeiv und Charkow folgte auch Petersburg. Am 26. November fand in der Universität eine Versammlung von 700 Personen statt. Die Versammelten stellten die alten Forderungen auf: Frei heit des Wortes, der Versammlung und der Koalition. Sie erklärten sich solidarisch mit den Kijewer Studierenden und verlangen die Wiederaufnahme sämtlicher an der Frühjahrsbewegung Beteiligten, auch derjenigen, die am 11. März an der Manifestation vor der Kasauer Kathedrale beteiligt waren. In der einstimmig angeironunenen Resolution wird die Regierung aufgefordert, die Lehranstalten allen ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses, der Nationalität und des Geschlechtes zu öffnen. Den Versammlungen und der Verbreitung von Agitatious schriften ist es gelungen, in der Bewegung wieder den alten Geist wachzurufen. Ueberall nierkt inan das Aufflackern der Empörung und des Gefühls, daß nur ein erneuerter Sturmlauf die Regierung zwingen kann, das von ihr gegebene Wort einzulösen. Der Polizcisäbel und die Nagaika bekommen wieder Arbeit. An» 11. und 12. Dezeinber fanden in den Hauptstraßen Charkows Manifestationen statt, wobei am letzteren Tage wieder die Kosaken ihre Henkerrolle spielten. Am 11. Dezeinber versamnielte man sich in der Universität, um über die Stelluugnahnie zu der Wegweisung von 130 Studierenden von dein Veterinärinstitut zu beraten. Nach der Versammlung machten sich 500 der Teilnehmer, zu denen sich eine große Menge andrer Personen gesellten, auf den Weg zum Institut, um dort gegen die scharfe Maßnahme zu protestieren, die man gegen den ersten Kursus, wegen seines discipliuwidrigen Verhaltens gegenüber einem Professor. ergriffen hatte. In einer der Straßen erschien der Polizeichef mit einer Sotiijc Kosaken und es gelang ihnen, einen Teil der Manifestanten zu umzingeln und etwa 80 Personen zu ver- haften. Die Menge wuchs aber zusehends, sie zog zu der Polizei, um die Befreiung der Verhafteten zu bewirken. Den Manifestanten gelang es schließlich, ihre Forderilug durch- zusetzen, die Verhafteten wurden in Freiheit gesetzt. Am nächsten Tage erneuerten sich die Manifestationen. Den nächsten Anlaß dazu gab die Polizei, die in das Veterinärinstitut ein- dringen wollte, un» dort einen von den Spitzeln als Socia- listen deiulnzierten Studierenden zu verhaften, der drei Tage, weil er wußte, daß in seiner Wohnung die Gendarmerie sitzt, von Hause ferngeblieben war. Der Polizei wurde Wider- stand geleistet, wobei 38 Personen in Haft genommen wurden. Daraus versamnielte man sich in der Universität zu einem großen Meeting, auf dem der Beschluß gefaßt wurde, die Ob- truktiou zu beginnen. Von der Universität zogen die Ver- amnielten unter großer Beteiligung der Bevölkerung durch die Straßen der Stadt. Nach 6 Uhr erschienen in großer An- zahl Arbeiter von den in der Nähe der Stadt gelegenen Fabriken. Die Manifestanten zogen unter dem Gesang revolutionärer Lieder durch die Sumskistraße, als plötzlich aus dem Hause, wo sich die Redaktion des„Juschnij Krai" befindet, Kosaken herausstürzten und schonungslos auf die Manifestanten einHieben. Die Menge bog in eine Querstraße ein, aber auch hier erschienen die Treiber, so daß ein all- gemeiner Kampf begann, aus dem viele der Beteiligten schwere Verletzungen davontrugen. In Moskau fand eine Demonstration vor dem Hause des Gouverneurs statt; man protestierte gegen das Verbot der Polizei, den Todestag des vor 40 Jahren verstorbenen bekannten russischen Kritikers und Dichters Dobroljubow durch litterarische Abende zu feiern. Einige Tage später fand an demselben Ort eine Demonstration um 2 Uhr nachts statt. Die Polizei ist darauf vollständig unvorbereitet gewesen, so daß die Katzenmusik, die dem Gewalttgen dargebracht wurde, eine ziemliche Weile andauerte. Charkow und Moskau folgte Riga. Hier wendete sich die Demonstration in erster Linie gegen die Rigaer deutschen Blätter, die als Organe des der baltischen Bourgeoisie und des Junkertums die Bewegung gegen die übrigen Nationalitäten der Provinzen ausspielen wollen. Als nun die„Rigasche Rundschau" sich sogar zu der Gemeinheit verstieg, der Regierung die Anwendung der Knute geradezu zu empfehlen, da war das Maß voll. Das Redaktionslokal wurde von einer größeren Menge umringt, die die Fenster einwarf und die Leiter des Blattes mit nicht gerade schmeichelhaften Aus- drücken bedachte. Die Lage wurde charakterisiert durch die Ausdehnung der sogenannten„verstärkten Ueberwachung" auf neue Landesteile. Die„verstärkte Ueberwachung" erweitert die administrativen Be- fugnisse der Gouverneure und Polizeichefs. Besondere Polizei- behördliche Prärogativen erhält aberdie Gendarmerie. Sie kann zu jeder Zeit und au jedem Orte, ohne vorher in Verbindung niit der Staatsanwaltschaft zu treten, Verhaftungen vornehmen und Konfiskattonen von„verdächtigen Gegenständen" aus- führen, mit einem Worte, die Bevölkerung ist völlig ihrer Willkür überlassen. Die„verstärkte Ueberwachung" wurde zum erstenmal 1881, im August nach dem Anschlag gegen Alexander II., in 10 Gouvernements eingeführt, nunmehr ist sie auch auf viele Städte außerhalb dieser Gouvernements ausge- dehnt. Es sind vorwiegend Gebietsteile, in denen in der letzten Zeit die Bewegung starke Fortschritte gemacht hat. Da ist z. B. das Gouvernement Wilna, dort macht besonders die jüdische und littauische Arbeiterschaft der Regierung Sorgen, ebenfalls in Witebsk, Dünaburg, Bjelostok, Minsk, Mohilew, Gomel. In Kasan und Tomsk(Sibirien) ist die„verstärkte Ueberwachung" wegen der Universitätsuuruhen eingeführt, in Riga wegen der lettischen und in Tiflis wegen der armenisch- russischen revolutionären Bewegung. Außerdem wird der ver- schärfte politische Ueberwachuugsdienst auch in Jaroslaw, Saratow, Poltawa, Samara, Kischincw und Dorpat ein- geführt. Man sieht, die Regierung will auf alles gefaßt und vorbereitet sein. Sie fühlt, daß ihr der Boden unter den Füßen schwankt._ Zolltarif- Kommission. Die Beratung beginnt Freilag mit der Ziffer 13 des Z 5, wonach zollfrei bleiben:„Ordenözcichcir, die von Staatsoberhäuptern verliehen sind, ferner, falls Gegenseitigkeit gewährt wird, Wappen- ch i l d e r, Flaggen und andre Gegenstände, die von fremden Regierungen ihren in Deutschland bestellten Vertretungen zum dienst- lichen Gebrauch zugesendet iverden." Die Socialdcmokratcu beantragen, die Worte„OrdenSzeichen, die von Staatsoberhäuptern verliehen sind" zu streiche«. Graf Könitz(kons.) erklärt zur Geschäftsordnung, daß die große Mehrheit für die Streichung der Worte Ordenszeichen zc. eintreten iverde. Eine Debatte sei daher wohl überflüssig. Er selber würde den Antrag gestellt haben, wenn er nicht von andrer Seite gekommen wäre. Stadthagcn: Die einfache Streichung reicht nicht aus, im Zolltarif selber muß noch ein hoher Zoll für Orden eingesetzt iverden. Ein Orden ist ein Spielzeug für große Kinder und dieses Spielzeug ivird in so großer Zahl verliehen, daß ein Ordenözoll ci»»en sehr hohe» Zollcrtrag liefern würde. Ueber den Wert der Orden sagt der Spruch das Nichtige:„Nicht Du hast den Orden, der Orden hat Dich, so sagte der Bauer zun» Knöterich." Der socialdeinokratische Antrag wird hierauf mit großer Mehrheit augcnonuncn. Angenommen ivird die so veränderte Ziffer 13 des Z 5 und die letzte Ziffer 14, die„Särge, in denen Leichen eingehen" zollfrei läßt. K ti bestimmt: „Waren, die im Tarif nicht besonders genannt und auch in keiner Tarifstelle inbegriffen sind, iverden denjenigen Tarifstellen zugewiesen, in denen die ihnen nach Beschaffenheit oder V e r lv e n d li» g s z w c ck am n ä ch st e n st e h e n d e n Waren aufgeführt sind. Die entgegenstehenden Bestim- mungen des Vercinszoll-Gesctzcs sind aufgehoben. Abfälle werden wie die Rohstoffe, von denen sie stammen, be- handelt, wenn sie denselben Zwecken diene». Verdorbene Waren bleiben zollfrei, Ivenn sie unter amtlicher Aufsicht vernichtet iverden." Die Socialdcinokratcn beantragen folgende Fassung des ersten Absatzes: Waren, die im Tarif nicht besonders genannt sind, auch in keiner Tarifstelle inbegriffen sind, sind zollfrei". Stadthagcn: Eine Ware, die im Tarif nicht genannt ist, muß zollfrei bleiben. Ob es freilich überhaupt Waren giebt, die im Tarif nicht genannt find, ist sehr zweifelhaft. Jedenfalls aber würde die Annahme des 8 6 die Uebertragung der Gesetzgebung auf den Bundesrat bedeuten. Heute ist die Elektricität, die über die Zoll- grenze geleitet wird, noch zollfrei. Es ist aber gar nicht aus- geschlossen, daß der Bundesrat eines schönen Tages die Elektricität, die zum Beispiel ans der Schweiz nach Baden geleitet wird, fiir zollpflichtig erklärt. Das wird sicherlich geschehen, wenn es der Chemie gelänge, auf elektrischem Wege Alkohol ans Carbid herzustellen. Fischbcck(frs. Bp.) beantragt: „Waren, die im Tarif nicht besonders genannt und auch in keiner Tarifstelle inbegriffen sind, werden durch den Bundesrat denjenigen Tarifstcllcn zugewiesen, in denen die ihnen nach Be- schaffenheil und Verwendungszweck am nächsten stehenden Waren aufgeführt sind. Alcherdsm soll der Pari,-�raph folgenden Zusatz erhalten: «Die getroffenen Anordiiiingen sind dein Reichstag sofort mit- guteile» und außer Kraft zu setze», wenn der Reichstag seine Zu- stimmuug nicht erteilt." � Der Antragsteller gießt seinem Antrag den Vorzug vor dem socialdemokratischen, der die Möglichkeit offen lasse, daß Waren durch andre Benennung der Zollpflicht entzogen werden. Gothein(frf. Vg.) beantragt, den Abs. l zu streichen. Schatzsekretär v. Thieluiau» bekämpft den socialdemokratischen Antrag und den Antrag Fischbeck und will höchstens der Streichung des Absatzes 1 zustimmen, wodurch das bestehende Gesetz erhalten bleibt und der Bundesrat dann sein Recht auf Grund des Zollvereins, Gesetzes ausübt. Speck(C.): Die Annahme des socialdemokratischen Antrages würde zu großen Zolldebatten im Reichstage führen. Aber auch die im Gesetz vorgeschlagenen Bestimmungen reichen nicht aus. Viele chemische Stoffe werden auf Grund der Nummer 315 des Tarifs zollfrei sein, die alle nicht im Tarif genannten Metalloide, Säuren, Salze und Verbindungen von Metalloiden unter einander oder mit Metallen zollfrei läßt. Redner beantragt, die Worte.nach Beschaffen- heit oder Verivendungszweck" durch die Worte„nach den Grundsätzen des Tarifs" zu ersetzen. Schatzsekretär v. Thielmann erklärt sich mit diesem Antrage einverstanden. Unterstaatssekretär v. Fischer: Der Z 3 des VereinS-Zollgesetzes sagte, daß die nicht im Tarif genannten Waren zollfrei seien. Bei der späteren Revision sind diese Bestimmungen aus Versehen stehen geblieben. Das hat zur Folge gehabt, das Glllhstrümpfe und auf trocknem Wege hergestellte Schlemmkreide zollfrei geblieben sind. DaS Halbfabrikat des Glühstrumpfes war zollpflichtig, aber das Ganzfabrikat blieb zollfrei. Diese Kuriosa sollen jetzt beseitigt iverden. Graf Kunitz(kons.): Auch das Carbid ist heute zollfrei. weil es sich nicht einreihen läßt. Der Bundesrat wird mit seiner Machtbefugnis keinen Mißbrauch treiben. Redner beantragt, in»§ 6 die Worte„Beschaffenheit oder Verwendungszwecke" zu streichen. Dr. Spahn mißt dem Antrag Speck keine ivesentliche Bedeutung bei. Das einsachstc sei, die ganze Bestimmung zu streichen. Schatzsekretär Freiherr v. Thielmam» empfiehlt den Antrag Kanitz. Dr. Beumer(natl.) glaubt, die Zollfreiheit der Sammel- Positionen Ziffer 315 könne zu Mißständen führen und will daher beantragen, daß diese Sammelpositionen nicht in den Handelsverträgen gebunden werden dürfen. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes erklärt, daß die Sammelpositionen nicht durch Verträge gebunden werden. Auf eine nochmalige Anregung Stadthagens erklärt Schatz- sekrctär V. Thicluinnn, daß elektrische Energie und Wasserkraft nicht als Waren betrachtet werden. Bramel(frs. Vg.) stellt fest, daß in 32 Jahren nur zwei Artikel nicht im Zolltarif unterzubringen ivaren. Zu einer Neuerung liege kein Bedürfnis vor und das beste sei die Streichung. Bei der Abstimmung wird dem Antrage Gothein entsprechend die Streichung der ganzen Bestimmung mit 13 gegen 8 Stimme», der Konservativen und Nationalliberalen, beschloffen. ß 7, welcher die Zollbehandlung des Baues und Betriebes von Grenzeisenbahn-Stationen, die im deutschen Zollgebiet von Nachbar- staaten errichtet werden, festsetzt, wird unverändert nach der Vorlage angenommen. 8 8 wird absatzweise behandelt. Absatz 1 lautet:„Zollpflichtige Waren, die aus Staaten her- stammen, welche deutsche Schiffe oder deutsche Waren ungünstiger behandeln als diejenigen andrer Staaten, können neben dem tarifmäßigen Zollsatz einem Zollzuschlag bis zum doppelten Betrage dieses Satzes oder btS zur Höhe des vollen Wertes untcrivorfen iverden. Tarifmäßig zollfreie Waren können unter der gleiche» Voraussetzung mit einein Zoll in Höhe biS zur Hälfte dcö Wertes belegt iverden." Beniner(natl.), v. Kardorff(Rp.). Müller- Fulda(C.) bean- tragen, der Bestiimniing der Vorlage folgende Bestiininnngen voraus- zusetzen: „Bei der Einfuhr zollpflichtiger Waren ist ein Nachweis darüber, in welchem Staate die Herstellung der Waren erfolgte, zu erbringen. Ueber die Art und Weise, in welcher dieser Nachweis zu führen ist, trifft der Bundesrat die erforderliche» Bestimmungeu. So- iveit fremde Staaten bei der Einfuhr deutscher Erzeugnisse die Vorlegung beglaubigter Ncchnuiigen, Ilrsprimgszengiiisse oder sonstige Deklarationen vorschreiben. sind für die Einsuhr der Erzeugnisse dieser Staaten in das Deutsche Reich die gleichen An- fordernngen zu stellen." Graf v. Schweriu-Löivitz(k.) hält Nachiveise für alle eingeführten Wareii�für erforderlich, es sei wichtig, das Herstellungsland zu kennen. Brömrl sFr. Vgg.j: Für alle Waren sollen nach dem Antrage Ursprungszeugnisse eingeführt werden. Dadurch wird eine völlige Umtvälznng des Zollverfahrens herbeigeführt. Man hat behauptet. gründliche Vorbereitungen seien der Vorlage vorangegangen. Welche Vorbereitungen liegen denn für diese völlige Umivälzung vor? Der Vorschlag überrumpelt die Geschäftswelt. Der stellvertretende Vorsitzende Paasche unterbricht hier de» Redner und behauptet, der Vorschlag sei längst bekannt. Singer protestiert gegen dieses Gebahre» des Vorsitzenden. Brömcl sfortsahrend): Heute wird etwas ganz andres gefordert als in den früher gestellten Anträgen. Mit den bisherigen Erfolgen Deutschlands im Welthandel können wir zufrieden sein. Bisher wurde nur im Fall des Zollkrieges und auch dann nur soweit, als sie unumgänglich nötig sind, Ursprungszeugnisse verlangt. Der An- trag aber tvill die Plackerei des Ursprungszeugnisses zur Regel machen. Der Ursprung einer Schiffsladung Getreide ist ja sehr leicht nachzutveisen. Aber die Ursprungszeugnisse werden sich nur sehr schivierig, vielleicht gar nicht beschaffen lassen, wenn ein Dampfer von London mit Stückgütern kommt, die 100 Absender an 100 Empfänger versende». Redner beantragt, eine UntcrsuchungS- Kommission einzusetzen, bevor der Antrag der Hochschutzzöllner zur Abstimmung kommt. Staatssekretär Graf Posadowöky bekämpft den Antrag mit großer Energie. Er bezeichnet ihn als einfach undurchführbar. Eine Reise durch das Hamburger Freihafen-Gebiet müsse jeden von der Unmöglichkeit des Antrages überzeugen. Der Antrag könne nrir dazu beitragen, den Verkehr zu erschivere», und würde größere Reibungsflächen erzengen, die zu Zollkriegen führen können. Die Ursprungszeugnisse müssen schließlich von untergeordneten Or- ganen ausgestellt werden und das geduldige Papier wird manches bezeugen, was mit den Verhältnissen in Widerspruch steht. Geh. LcgationSrat Johannes giebt eine gleiche Erklärung im Namen deS Auswärtigen Amts ab. Kardorff(Np.) meint, es würden keine Ursprungszeugnisse, sondern nur Nachweise verlangt. Ter Autrag soll»ine Vor- bereitnug zum Zollkrieg sein. Singer(Soc.): Es ist interessant, daß wir uns hier in Gesell- schafr des Grafen Posadowsky befinden, der sich nach Meinung der Antragsteller nun auch auf a n t i n a t i o n a l e n Boden gestellt hat. Herr v. Kardorff hat heute die Stellung des Staatssekretärs schon als antinational bezeichnet. DaS ist die Taktik der Hochschntzzöllner, jeden als Reichsfeind zu bezeichnen, der ihren Plänen widerspricht National ist ihnen nur derjenige, der die Hand dazu bietet, ihre Taschen zu fülle». Sind Erhebungen über sdie Frage gemacht worden, dann müssen deren Resultate ungesäumt mitgeteilt werden. Kardorffs Offenheit habe den Plan verraten, die Hochschutzzöllner wolle« Zollkriege und glauben, hier das Mittel zu haben, fie herbeizuführen. Wenn die Mehrheit auf dem Antrag besteht, dann mutz zunächst eine Enquete stattfinden. Die Antragsteller haben sich daS chinesische Reich zum Vorbild genommen und wollen dieselbe Handelsfeindlichkeit mit modernen Mitteln zum Ausdruck bringen, die die Chinesen mit der Mauer erreichen wollten. Wollten wir Bosheitspolitik treiben und hielten wir jedes Mittel für angebracht, den Tarif zu Falle zu bringen, dann müßten wir für den Antrag stimmen. Staatssekretär Graf Posadowsky: Di« Frage ist im Wirt- schaftlichen Ausschuß erörtert worden und dort hat man sich für Ansrechterhaltung des bestehenden Znstandes erklärt. Ueber den Antrag selbst konnte im Wirtschaftlichen Ausschuß nicht beraten werden, weil man nicht tvußte, daß ein solcher kommen ivürde. Gamp giebt zu. daß der Antrag mißverstanden werden könne. eine Hemmung deS Verkehrs sei aber davon nicht zu befürchten. Für eine Statistik sei es wichtig, zu erfahren, woher die Waren kommen. Redner beantragt, im Antrag„Ausweis" statt„Nachweis" zu sagen. Speck(C.): Mein Name steht zwar auch unter dem Antrag. Nach der Begründung aber, die die Urheber dem Absatz 1 und 2 des Antrages gegeben haben, muß ich meine Unterschrift zurückziehen. Der Bundesrat hat schon jetzt die Möglichkeit, zu erfahren, woher die Ware kommt. Es bedarf keiner neuen Be- stimmnugen. DaS Verlangen eines Nachiveises bedeutet eine Schädi- gung des Handels der Vertragsstaaten und eine Verteuerung der Waren. Handelsminister Möller erklärt sich ebenfalls entschieden gegen den Antrag, die Bestimmungen der Vorlage reichten aus. Wenn andre Staaten den gleichen Weg gehen würden, so würde z. B. das GetreidemischungS-Geschäft in Königsberg ganz unmöglich werden. Frhr. v. Heyl zu Herrnsheim(natl.) bestreitet, daß der Antrag eine Vorbereitung zum Zollkriege sein soll; er wolle nur Mißbräuchc beseitigen und die statistischen Erhebungen erleichtern. Dabei darf man vor scharfen Maßregeln nicht zurückschrecke». Amerika verlangt Deklaration, Spanien verlaugt auch Deklaration und schreibt sogar die Sprache vor, worin die Deklaration ausgefertigt wird. Redner erklärt, daß seine Partei unter Verzicht auf den Antrag Beumer einem von dem Grafen Kunitz formulierten Antrag zustimmen wird, der in den erste» Absätzen folgenden Wort- laut hat: „Bei der Wareneinfuhr ist ein Nachweis über den Ursprung der Ware zu erbringen, ividrigenfalls die Abfertigung unterbleibt. Die näheren Vorschriften über Form und Inhalt dieses Nachweises erläßt der Bundesrat. Sofern in einem Lande bei der Einfuhr deutscher Waren die Vorlegung von beglaubigten Fakturen. Ursprungszengniffen oder sonstigen Erklärungen vorgeschrieben ist, sind bei der Eiufubr von Waren aus diese» Ländern die gleichen Vorschriften vom Bundesrat zu erlassen." Graf Kanitz(k.): Auch über die nicht zollpflichtige Ware muß der NachiveiS des Ursprungs gefordert werden. Andre Länder ver- langen auch Ursprungszeugnisse. Was in New Jork möglich ist, muß auch in Hamburg durchführbar sein. Direktor im Reichsamt des Innern Mermuth erflärt den An- trag Kanitz als eine Verschärfung des Beunieriche» Antrages für die Regierung als unannehmbar. Er verspricht der Kommission nähere Unterlagen für de» Standpunkt der Regierung zu geben und sagt eine Zusammeustellung derjenigen Länder z», die Ursprungszeugnisse verlangen. Hierauf wird die Weiterberatung vertagt. Nächste Sitzung: Dienstag 10 Uhr. polikische Aebevficht. Berlili, den 24. Januar. Der Reichstag. Dem Centrnm ist nicht ivohl zu Mute. Den katholische» Arbeitern ist doch nicht so leicht begreiflich zu machen, daß der Brotlvucher, den ihre Partei treibt, ihre Lebenshaltung erhöbt. Um so kranipf- hafter sucht es das socialpolitische Mäntelchen festzuhalten, das der ocialdemokratische Sturmwind abzureißen droht. Wie nervös die Herren sind, zeigte die Erregung, milder der u ltr a m o» ta» e Amtsrichter Schwartze- Lippstadt beute auf die Angriffe Fischers erwiderte. Dabei passierte es ihm. die Nachgiebigkeit seiner Partei in Fragen der Socialreform als besonderen Ruhmestitel im Gegensatz zu unsrer Hartnäckigkeit zu feiern. Noch ein andrer Leidtragender meldete sich beute zur Stelle: der Herr HandelSminister Möller. Er sah sich genötigt, seine ganze politische Ver- gangenheit abzuleugnen. Dabei stellte er die Theorie auf. daß der Politiker, der Minister wird, von neuem geboren werde. Während er früher mit schöner Unverautivortlichkeit mit dem Central- verbände der Industriellen sündige» konnte, hat er auf dem Minister- sessel die„höhere Verantwortlichkeit" vorgefunden. Nun will er im Centralvcrband nur eine dekorative Persönlichkeit gewesen sein. Herr Möller war außerdem gezwungen, einige Aeußerungen direkt zurückzunehmen, die er als Parlamentarier gethan hatte, und ganz allgemein die dringende Bitte auszusprechen, doch nicht in seinen RcichStagsrcdeu herumzublättern, die sechs oder siebe» Jahre zurückliegen. Eine große Abrechnung hatte unser Genoffe Wurm mit alle» diesen Geistern deS Rückschritts vorzunehmen. Aber er ver- teilte seine Schläge mit lobenswerter Unparteilichkeit. Scharf griff er noch einmal die geheime Maulkorb- Verordnung für die Gewcrbe-Jnspektion heraus. Er fragte den Grafen Posadowsky, warum er fie denn nicht endlich veröffent- liche, wenn sie so unschuldig sei. Es sei das Recht des Reichstags, fie kennen zu lerne». Die neue Theorie der Unverautivortlichkeit. die jetzt das Leitmotiv des BiilowkurseS ist, bot unsrem Redner Anlaß zu einer Kritik, die i»S Schwarze traf. Dem Grasen Posadowsky ist dabei daS kleine Malheur passiert, daß er im Laufe eines JahreS zwei Aeußerungen gethan hat. die sich direkt wider- sprechen. Werbleibt denn als Träger der Verant- wortlichkeit eigentlich übrig, fragte unser Redner. Die Staatssekretäre schieben die Verantwortlichkeit auf den Bundesrat, die Vertreter des Bundesrats sind nicht verantwortlich, denn sie stimmen automatisch mit ja oder nein, wie die Einzelregiernngen es verlangen. Die Ernennung der Minister der Einzelstaaten ist wieder eine Prärogative der Krone. Die Kugel- fänger treiben in der That ein Versteckspiel. Bei diesen klare» Schluß- folgerungen rückte Graf Posadoivsky unruhig auf seinem Platze hin und her) die Rechte lärmte. Aber ein Wort der Erwiderung fand der Staatssekretär nicht. Dies Thema ist vielleicht noch heikler, als der Maulkorberlaß, den der Zwölftauseudmarkinann gleichfalls im verschiviegenen Busen bewahrte. Unser Redner besprach dann noch sehr eingehend eine Reihe von Forderungen auf dem Gebiet der Gewerbchygiene und schloß mit der Aufforderung an die Arbeiter, sich politisch und gewerkschaftlich zu organisieren. Die Socialdemokratie hat die herrschenden Klassen zur Socialreform gezwungen, sie wird die �Widerstrebenden vorwärts treiben. Die weitere Debatte war bedeutungslos. Herr Lenzmann hiell zu Gunsten der fakultativen Feuerbestattung eine längere Rede, die sehr an die unrechte Stelle kam. Ein preußischer Geheimrat suchte das Eiilgcgenkommen, das die Regierung den Ziukhülteu-Millionäre» erwiese» hat, in besseres Licht zu rücken. Morgen geht die Debatte weiter. Zolldebatten im Abgeordnetenhaus. Auch am Freitag benutzte das Abgeordnetenhaus die zweite Beratung des Etats der Domänenverwaltung zu einer eifrigen Propaganda für den Zolltarif. In den Reden der Herren von der Rechten und des Ministers v. Podbielski spiegelte sich deutlich die Furcht wieder, der Wucherzoll könne an dem unbeugsamen Willen der Socialdemokratie zu Schanden werden. Wie wenig die Agrarier im stände sind, aus den Thatsachen zu lernen, das beweist die Erscheinung, daß trotz ihrer kläglichen Niederlage in Wittenberg, Greifswald und Schaumburg-Lippe ihre Wortführer immer noch davon faseln, daß die Socialdemokratie auf dem Lande keine Fortschritte mache. Allen voran leistete sich der Minister v. Podbielski den Spaß, die nagelneue Weisheit zu offenbaren, daß die Socialdemokratie das platte Land hasse, weil sie dort nicht vor- dringe, daß die Socialdemokratie den Bauernstand vernichten »volle, um das Feld für ihre Thätigkeit frei zu haben, und daß ihre Anträge in der Zolltarif-Kommission des Reichstages nicht ernst gemeint seien. In ähnlichen geistreichen Auslassungen ergingen sich die Herren Graf zu Limburg. Stirum> f.) und Freiherr v. W a n g e n h e i m(k.). Graf Limb» r g, der sich über die Wahlniederlagen seiner Freunde weidlich ärgert, machte seinem gepreßten Herzen Luft, indem er den Freisinnigen zurief, daß sie dadurch, daß sie sich von Social- demokraten wählen lassen, eine schlvere Verantlvortnng ans sich laden; sie würden sich später vielleicht einmal freuen, wenn die Konservativen sie von der Abhängigkeit von der Socialdemokratie befreien würden. Die Agitation der Zollgegner erschwert nach Ansicht des edlen Grafen außer- ordentlich den Abschluß neuer Handelsverträge. Judes giebt er zu, daß die Handelsverträge im Interesse beider Vertrags- schließenden Staaten liegen, aber wenn sie nicht zu stände kommen sollten, so glaubt er ebenso gut auch ohne sie aus- kommen zu können. Auf derselben Höhe bewegten sich die Auslassungen des Führers des Bundes der Landwirte, der sich im übrigen, gleichsam als hätte die Vorstellung im Eirkus Busch bereits begonnen, in wüstem Geschiiupf auf die Zoll- gegner gefiel. Den freisiiniigen Abgeordneten Dr. Barth, Gothein, der sich mit besonderer Schärfe den guten Podbielski vor- nahm, und Ehlers war es ein leichtes, die Argumente der Zollwucherer zu widerlegen. In der Debatte nahm auch die Frage, ob die Konservativen oder die Freisinnigen das beste Bollwerk gegen die Socialdemokratie seien, einen breiten Raum ein, eine Frage, die uns kalt läßt, da uns in unserm Siegeszuge weder die eine noch die andre bürgerliche Partei aufzuhalten verniag. Am Sonnabend soll der Etat der D o m ä n e n- V e r- w a l t u n g zu Ende beraten werden. Tann: Etat der Forst- Verwaltung und landwirtschaftlicher Etat.— Die Wahl in Schanmbnrg-Lippe. Die Reichstags-Ersotzwahl in Schaumburg-Lippe hat, ivie schon gestern tclegraphisch berichtet, mit einer schweren Niederlage der Brotivncher-Parteieii geendet. Der antisemitisch-konservative Zoll- kandidat kommt mit dem Freisinnige» in Slichivahl. Die stark an- geivachscne Socialdemokratie lvird für de» Gegner deS ZoÜivucherS de» Ausschlag gebe». Es erhielten»ach einer vorläufigen Zählung, i» der nur ei» Ort noch fehlt: der Freisiunige Demmig 2995. Graf Reveutlow(Antis., Kons.) 3018, der j ocialdemokratische Kandidat Reicheubach Iii 10 Stimmen. Dieses klägliche Ergebiiis ist der Erfolg eiiicr antisemitisch- konservativen Wahlngitalion ohnegleichen. Seit drei Woche» hielt, wie»»s aus dem Wahlkreis geschrieben ivird, Graf Rcvenllow mir »och drei autisemitisckeu Rednern jeden Tag zwei Versaunnluugen in dein 50000 Eimvohuer zähleudeir Läiidcheu ab. In dem Grafen Rcvenllow glaubte man eine» besonders geeigiieteu Kandidaten ge- fluiden zu habe»: ein Graf, ein Agrarier, der„seine" Landarbeiter am Gewinn beteiligt, dazu ein bißche» dcmokralisch gc- färbt, mit socialpolitiichen Griinasse» Eindruck versuchend, und endlich ei» miltelstäudlerischer Antiseiuit so hatte xr für alle Klassen und Berufe ein Haufen Versprechungen bereit. Uebrigens bezeichnete sich Graf Reveutlow i» frühere» Zeiten als— Socialdemokrat; sein Gut bringt trotz der Not der Landwirti'chafl»ach seiner eignen Angabe eine» jährliche» Reingewinn von 13 000 M. In de» letzten acht Tagen Ivaren»och die drei antisemitischen Reichstags- Abgeordneten Licbcrmaun v. Sounciiberg. Raab, Dr. Bogel unermüdlich thätig. Da von den Freisiunige» die Abgeordnete» Kopsch, Dr. Wiemer und Müller auweiend waren, so kam es, daß siw am 19. Januar nicht weniger als sechs Abgeordnete rednerisch gegennberstaude». Auf der andren Seite wurde der Socialdemokratie der Kampf sehr erschwert. Alle Lokale bis auf drei ivaren uns abgetrieben. Trotzdem hatte die Socialdemokratie de» größten Erfolg zu verzeichne«. während Graf Rcvrntlow nur eben die Stimmenzahl der letzte» Wahle» erhielt. Von de» socialdcmokratische» Stimmen kamen nur 14 auf die Residenz Biickeburg; in dem industriell entivickelleu Stadthagen wurden 523 socialdemokratische Stimme» abgegeben, der Rest von mehr als 1100 Etiuiuicn wnrde ausschließlich vom flachen Lande aufgebracht. Wieder ei» Zeichen, wie berechtigt der Troslspruch»»serer Feinde ist. daß der Socialdemokratie auf dem Lande Erfolge versagt bleibe». A» ch d a s ländliche Proletariat beginnt zu erivachen und schließt sich den leidenden Bruder» in der Industrie an. Für die autiscmitisch-konservativ-brotwilcheriiche Presse existiert plötzlich die Wahl von Schaumburg-Lippe nicht mehr, auf die sie vorher so große Hoffnungen gesetzt hatte, und die sie»nt den tollsten Machinationen zu fördern suchte. So verbreiteten die Antisemiten am Tage vor der Wahl ein Flugblatt, i» dem„der Gesamtvorstand des dentschuatioiiale» Arbeiterbuudes", im Aus« trage Lorenz Kerliug. Korbuiackicrgehilfe. erster Voesitzeiidee. Altona, vürgerstr. 84.„die Arbeitsgenossen" aufrief, für den Grase» Revcutlotv zu stiuiuicn, der ein thatkräfiigcs Mitglied des Arbeiter- lmudeS sei.„Sein Eintritt in de» Reichstag dürfte den Jubel aller Ar- beiter hcrborrnscn." Dieser famose dcutichnntiouale Arbeiterbuud beschrankt sich vermutlich auf die Person des Herrn Raab. Die Wahl in diesem ländlichen kleinbäuerlichen Kreise beweist ivieder, daß die kleinen Bauer» kein Jilteresse an den Zöllen haben, sondern i»> Gegenteil durch sie geschädigt weide». Sie zeigt aber auch, lvas die Brotivuchcr-P.nteien von en»> Wahlkampf unter der Parole des ZolUauss zu erwarte» haben. Entschädigung für den Chinaranb. Ans Washington wird vom 24. gemeldet: Staatssekretär H a h händigte heule dem chinesischen Gesandten Wutin gfang eine Anweisung über 376000 Dollars ein, welche den Wert der von den Amerikanern im Salz-Vamen zu Tienlsin be- schlagnahmten Silberbarren bilden. Die Vereinigten Staaten sind die— hoffen wir: einst« weilen— einzige Macht, die China den Beiveis liefert, dah die von den enropäischen Mächte» in China mittels Kanonen und Bajo- netten verbreitete„Kultur" auch noch in etwas andrem lbestcht, als in der Aneignung fremden Gutes. Daß Amerika sich dabei lveniger von Anslandsrncksichten als von der den Dankees in so hohem Maße eigenen Geschäftsklugheit leiten läßt, ist natürlich kein Mildcrungsgrund für die übrigen Mächte.— Deutsches Hleich. Der VcrwirrungSnutrag dcö CcntrnmS. Der von CentnnnSmitgliedcrn der Zolltarif-Kommission gestellte Antrag auf Befeiligung aller kommunalen Lebensmittel- Abgaben wirkt auf die konservativ- agrarische Presse dermaßen verblüffend daß sie keinerlei Autlvort zu finden vermag. Die„Kreuz-Zeitnng" schweigt, die„Post" schweigt, die„Berliner Neuesten Nach- richten" schweigen, der„Ncichsbote" schweigt. Nur die «Kons. Korresp." erwähnt den Antrag, die Art der Erwähnung zeigt aber gleichfalls die Ratlosigkeit des offiziellen Organs der kon- servativen Partei. Es bespricht des längeren den freisiunigen An- trag, der weniger iveit geht wie der der CentnunSmitglieder, er- klärt, däß derselbe,»nur mit obslruktioneller und agitatorischer Absicht eingebracht worden ist", um schließlich dem Centruinsantrag folgende Beurteilung zu widmen: „Einige Centrumsinitglicder der Kommission haben geglaubt, durch Stellung eines besser formulierten Antrages in demselben Sinne der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen zu sollen. Sobald sich aber herausstellt. daß die Annahme dieses Antrages die Tarifvorlage ge- fährden würde, wird derselbe doch wohl zweifellos zurück- gezogc» werde«." So seltsam die Wege des CeutrumS find, darüber ist es sich klar, daß die Zurückziehung des ausnahmsweise vernünftigen Antrages ihm von seinen Wählennasscn die allerschiversten Nacken- schlüge eintragen würde. Eine Zurückziehung wäre zehn- fach thvrichter als die Nichteiubringung eines derartigen Antrages. Nachdem das Centrum durch seinen Antrag die Notwendigkeit einer Entlastung der großstädtischen Arbeiterschaft und deS großstädtischen Mittelstandes gegenüber den schweren Be- lastungen durch den Wuchertarif anerkannt hat, würde die Durch- führung des TarifeS nuter Zurückziehung des Antrages geradezu ruinös wirke» müssen. Die„Konservative Korresp." kann nur aus völliger Ratlosigkeit die Zurückziehung des Antrags in Aussicht stellen. Denn thatsäcklich hat das Centrum.seine Stellung zum Wuchertarif, ivenigsteuS bei einem Teil seiner politisch ungeschulten Anhängerschaft, sowohl für den gegenivärtigen«ngenblick als auch für de» Fall einer ReichitagSanflösnng durch diesen Schachzug nicht gauz unerheblich verbessert, dagegen die Regierung und die Konservativen in eine recht peinliche Lage gedrängt.—_ Ursprungsatteste für ausländische Waren verlangen die agrarisch-industriellen Bundes- b rüder in der Zolltarif-Kommission. Freitag rückte die Vereinigung für Hochschutzzoll mit einem Antrage heraus, der eine Bcstinnnung im Zolltarif-Gesetz verlangt, nach der alle vom Ausland eingehenden Waren von einem Nachweis, der über das Hcrstclluugs- land Auskunft giebt, begleitet sein müssen. „Vorbereitung z n m Z o l l k r i e g nannte Herr v. Kardorff naiv dieses Verlangen, dessen Annahme das bisherige Princip voll- ständig auf den Kopf stellen würde. Mit großer Entschiedenheit lehnte» die Regiernngsvcrtreter eS ab, diese» Weg zu gehen. Graf v. P o s a d o iv s k y mußte sich dafür eine Anspielung auf seine„autinationalen" Au- und Absichten gefallen lasse», verblieb jedoch trotzdem, unterstützt von dem HandelSmiuistcr Möller und dem Vertreter des Auswärtigen Anits. bei seinen von dem Zollkartell als Ketzerei gebrandmarktcn Ansichten stehen. Die agrarischen Grafen v. Könitz und v. S ch w e r i»- Lölvitz wurde» rednerisch von den Großindustriellen Dr. B ä u m e r und v. H e y l in dem Bestreben für den Zollkrieg zu rüsten lebhaft unterstützt. Sehr amüsant war es, als der Mitnnterzeichner des Antrages, der Cenlrinnsabgeordnete Speck, erklärte, nach den Ausführungen der Gegner den Antrag nicht mehr unterstütze» zu könne», und den mit den trefflichste» Gründen von ihm gestellten Antrag bekämpfte. Der vbnnderungsantrag. mit dem Graf Könitz die Zollkrieger zu retten versuchte, wurde vom Regierungsvertreter als eine Wer- böserung des ursprünglichen Antrages bezeichnet. Die Diskussion mußte abgebrochen werden; eS scheint, als ob die erste Attacke des ultramontan«konse rva ti v- nationalliberalen Zollkartells durch Fahnen- flucht der CentrumS Mitglieder n, it einer Nieder- läge enden wird. Vor der Erörterung über Ursprungsatteste war die zollfreie Ein- fuhr von ausländischen Orden auf Antrag der Socialdemokraten beseitigt ivorden. Die Konservativen suchten der Begründung des Antrages zu entgehen, indem sie erklärten, für denselben stimmen zu wollen. Die Opposition war gnädig genug, nun zu bemerken, daß der Antrag gestellt sei. um später beim Tarif einen sehr hohen Zoll ans Orden beantragen zu können. Mit viel besserem Recht als Salz-, Branntlvein- und Zucker- steuer erhoben wird, kann man eine Ordens st euer einsiihren. Unsere Genossen haben recht gctban, den Boden hierfür zu ebnen. Die Arbeitsfreudigkeit der Opposition in der Zolltarifkommission ist zu einem schöneib Ausdruck gekommen. Gestern z. B. wollte Herr Paasch- die nächste Sitzung erst am Mittwoch ansetzen lasse». Die Opposition trat dieser Obstruktion entgegen und es wird am nächste» Dienstag— entsprechend dem zu' Beginn der Be- ratungen gefaßten Beschluß— tveitcr daran gearbeitet werde», das Volk vor der Schädigung zu retten, zu der die Korn- und Schlot- junker in Wahrung„nationaler Juteresse»", d. h. der Füllung ihrer eignen Taschen, ihre gesetzberische Macht mißbrauche» wollen.— Ei»»euer Kotau. Die offiziöse„Nordd. Allg. Ztg." entbietet dem Prinzen von Wales, der sich heute nach Deutschland einschifft, um der höfischen Feier des Geburtstags Wilhelms II. beizuwohnen, folgenden Gruß: „Seine königliche Hoheit der Prinz von Wales reist heute nach Deutschland, um Seine Majestät den Kaiser und König im Namen Seiner Majestät des Königs von England am 27. Januar z» beglückwünschen. Wir iv ti r d i g e i, die freund schaftliche Ge- s i n n n n g, welche seine Majestät den König von England bestimmt hat, in diesem Jahre den Erben der britischen Krone zur Geburtstags- frier deS deutschen Kaisers nach Berlin zu entsenden. Wir hoffen, daß die Wünsche, die der erlauchte Prinz überbringt, wie d i e Eindrücke, die er bei«ins empfängt, der B e- fcstigung wechselseitigen Wohlwollens förder- l i ch sein werden. In dem Gast unsrcs Kaisers achten wir zugleich den Vertreter einer alten und großen Nation, mit der uuS gewichtige Interessen ver- binden. Die Waffen des politischen TagesstreitS senken sich freiwillig vor dem britischen Königsohn, den wir auf deutschem Boden ivillkommen heißen." Vor einigen Tagen, als die engNsche Presse anläßlich der linkischen Extratour Bülows erklärte, däß der Zwischenfall möglicher- weise in den Reisedispositioncn des Prinzen von Wales eine Aende- rung herbeiführen könne, hatte die„Nordd. Allgemeine Zeitung" noch mit auffallend unceremoniöser Schnoddrigkeit geant- wartet, daß der deutsche Hof den englischen Thron- Prinzen ja gar nicht eingeladen habe. Heute streckt das offiziöse Blatt vor dem Vertreter der„große n Nation",„mit der uns gewichtige Interessen verbinden", mit devoter Ver- beuguug die Waffen. Es hat sich ja inzwischen auch Verschiedenes ereignet: ein außerordentlicher deutscher Geschäftsträger hat dem König von England ein Handschreiben des deutschen Kaisers Über- reicht, der deutsche Kaiser hat dem englische» Gesandten einen Besuch abgestattet, und Herr v. Bülow selbst hat die in öffentlicher Par- lamcntssitzung erhobenen bedenklichsten Anschuldigungen des cngli- schcn Gcsamtkabinetts hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken.— Zur wkrtschaftlicheu Krise. Ans Krefeld wird uns berichtet: Der wirtschaftliche Niedergang hat Krefeld nicht in dem Maße heim- gesucht, wie andre Jndustriebczirke, weil hier die Textilindustrie vor- herrschend ist, welche bis jetzt noch ziemlich mit Aufträgen versehen war. Trotzdem waren eine Anzahl Arbeitslose vorhanden, welche sich mit einem Gesuch, ihnen Arbeitsgelejtruheit zu verschaffen, an die Stadtverwaltung wandten. Dieses Gesuch wurde ablehnend beantwortet, weil ein Notstand nicht vorhanden sei, wie der Chef der Polizei sich ausdrückte. Arbeitslose seien noch keine töO vorhanden, imb das seien zumeist Saisonarbeiter, hieß es in dem Bescheid. Daraufhin arrangierten die Arbeitslosen eine Bersaimnlung, welche von ca. K0Y Arbeitslose» besucht war und eine Resolution an- nahm, durch die die Stadtverwaltung aufgesorvcrt wurde, für Arbeit zu sorgen. Nach der Versammlung zogen die Arbeitslosen demonstrativ durch die Stadt, und dies war die Veranlassung, daß die Behörde sich jetzt wieder mit der Frage der Arbeitslosigkeit beschäftigen mußte. Das Gewerkschaftskartell und die christlichen Gewerkschaften wurden mm von der Behörde aiigegnngcn, ihr behilflich zu sein, die Zahl der Arbeitslosen festzustellen. Innerhalb weniger Tage überreichte das GewerkschaftSkartcll schon ein Verzeichnis mit circa SSO Namen und die Behörde wird wohl jetzt zu der Ueberzeugung kommen, daß es notwendig sei, Notstandsarbeiten zu vergeben. Die Unternehmer in der Textilbranche beschäftigen durchschnitt- lich ihre Arbeiter noch und legen entweder Feierschichten ein oder verkürzen die Arbeitszeit, so daß, wie bemerkt, die Zahl der Arbeits- losen in der Textilbranche nicht sehr groß ist.— Die LandtagS-Ersatzwahl in Frankfurt a. M. Man schreibt unS: Bei der am Dienstagnachiniitag staitgefmidenen Wahl der Ersntziiiänner haben die vereinigten Öppvfitionsparteicn über die Rationalliberalen gesiegt. Die Hoffnungen der Nationallibcralen, bei dieser Ersatzwahl wieder das eine der zwei Frankfurter Mandate ziirückzncrobern, haben sich nicht erfüllt. Erledigt waren 269 Man- date; davon erhielt die Liste der verbündeten Oppositions- Parteien 172, die nationalliberale Liste 117, nicht zu stände kamen 10 Wahlen. Addiert man die alten Wahlmänner, sowie die aus den drei eingemeindeten Vororten, so erhält man S10 oppositionelle und 398 nationalliberale Wahlnmnner. Der demokratische Kandidat hat also enien so großen Voisprnng, daß seine Wahl sicher ist. Im allgemeinen war die Wahlbeteiligung sehr flau; kaum zwei Drittel der Urwähler dürften von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Von 2S0 und 300 Wählern in einem Bezirk erschienen oft mir 20 und 2S. Die Beamtenschaft war natürlich überall zur Stelle und wählte stramm nationnlliberal. Aber dieser.Wahleifer" hat den„Nationalliberalen" nicht viel genutzt. Auch die Wahlhilfe des Tentriims ver- mochte nicht, da? Wahlglück zu Gunsten der Nationalliberalen zu korrigieren. Das Centrinii hatte bei den 1898er Wahlen die Demokraten- Fortschriltler unterstützt; diesmal trieb eS BoShciis- politik und iinlerstntzte die knlturkämpferischen Natioiinlliberalen, weil einer seiner Anhänger in der Stadtverordneten- Versammlung nicht in den Schuinnsschuß gewählt worden war. Die Social- dcmokratie hatte sich durch Parteibeschluß verpflichtet, die Demokratie zu unterstützen, und st« ist diesem Beschluß gewissenhaft iiachgckviiime». Das wird heute von der demokratischen Prefse ehrlich zugestanden. Ohne Beteiligung der Socialdemokratie wäre das Wahlresuliat jeden- falls ein andres, den Nationalliberalen günstigeres. Insofern hat auch diese Wahl wieder gezeigt, daß die Frankfurter bürgerliche Dcmokratie ohne Uiitersliitzimg der socialdemokratischeii Arbeiterschaft fast machtlos ist, daß fie mir noch unter Attlehnimg an die Social- dcmokratie ihre Positiv» behaupten kann. Hoffentlich behält man das im demokratischen Lager inimer hübsch im Auge.— Ausland. Ein socinlistischer Misterfolg. Paris, 23. Jaimar.(Eig. Ber.) Der bedauerliche AuSfall der K o m m u ii a I w a h l e n in R o u b a i x hat mit Recht bei Freund und Feind ein lebhaftes Interesse erregt. Handelt es sich doch um den Verlust eines Gemeinderats, der seit 10 Jahren in proletarisch- socialistischen Händen war und als eine uneinnehmbare Hochburg der„Französischen Arbeiterpartei"(Giiesdisten) galt. Wie seiner Zeit mitgeteilt, hatte die gucsdistische Gemeinderats- Mehrheit(23 von den 36 Ratsmitgliedern) demissioniert, um ans diese Weise gegen die parlamentarische Ablehnung ihrer Steuer- reform zu protestieren, die die kommunale Bcrzchrungssteiicr(Octroi) durch eine höhere Bestenerling namentlich des verbauten Grundbesitzes ersetzte. Die Wählerschaft sollte also indirekt über die Steuer- frage entscheiden. Mit 849S gegen 7855 Stimmen, abgegeben in vier Wahlscktionen, sprach sich die Wählerschaft gegen die Steuer- reform aus nnd überlieferte den Gemcinderat der„sociale» »iid patriotischen Union", an deren Spitze der Textilkönig von Roubaix. Motte, steht. Von den 23 Socialistcn wurden nur 7 in einer Sektion wiedergewählt, die übrigen 16 Mandate wurden von Motte» Organisation gewonnen. Im neuen Gemeinde- rat stehen also 7 Socialiste» einer OrdnungSmehrheit von 29 M.uni gegenüber. Zudem erlitt der bisherige Bürgernleister, Genosse Carrette, ein ehemaliger Arbeiter, eine persönliche Niederlage in drei Seklioncii: er wurde in keiner wiedergewählt. Man sieht, die Stimmendifferenz(640) ist im Verhältnis viel geringer als die Differenz an Mandate». Aber der Slimincnrückgaiig gegenüber den Wahlen von 1900 ist viel bedeutender, damals betrug die socialistische Mehrheit ca. 2000 Stimmen bei einer freilich stärkeren Wahlbeteiligung(11000 gegen 9000 Stimmen). Indessen überwiegt die moralische Bedeutung der Niederlage noch das ziffernmäßige Resultat. In Ronbaix hat sich gezeigt, wie der korrumpierende und knechtende Einfluß des politisch organisierten UiiternehinertiiiuS in einer rein industriellen Stadt über eine zehnjährige socialistische Herr- schaft und eine noch längere socialistische AgitationS« und OrgaiiisationS- arbeit triimiphieren kann. Bekanntlicli hatte derselbe Textilkönig Motte schon in den Kainmermahlen von 1898 im Wahlkreis Ronbaix nnd Um- gebung das Mandat de« Genossen Jules GneSde gewonnen. Die Komniunalwahleii von Ronbaix bilden also zugleich einen im- günstigen Vorboten der komnieiiden Kainnierwahlen, wo Gncsde von neuciii gegen ben Textilkönig kandibiert. Ueberhanpt ist die Kraft des realtionären Mischmasches in den letzten Jahren im ganzen Norddepartement im Steigen begriffen. Di« polilische Situation dieses industriell hochentwickelten Departements erinnert stark an Sachsen. Die Mittelparteien sind dort im Verschswinden; alle», was an der Erhaltung der kapitalistischen Gesellschaft interessiert ist. schart sich immer enger um den vom Uutmiehnicrtiun geführten klerikal-melinistischen Ordmmgsklüngel. So kam«s, daß die Gncsdistcn in den Kammcrwahken 1893, trotz einer fast doppelt gestiegenen Stimmenzahl(insgesamt ca. 100 000 Stimmen), ihre früheren wenigen Mandate cingebüßt und kein einzige» gewonnen haben. Daran? erklärt sich auch die vorjährige Niederlage der GueSdisten bei den Generalratswahlen in zwei oder drei Kantonen von Lille. Daraus ist wohl in der Hauptsache auch die Niederlage in Ronbaix zu erklären. Ucbcr andre mehr mitergeordnete Ursachen läßt sich von hier aus nichts Bestimmtes sagen. Und zwar um so weniger, als die socialistische Presse der beide» streitenden Lager den Ausfall der Kommunalwahlen zu polemischen Zwecken benutzt. Die„Peiitc Röpnbligne' sucht für die Niederlage die intransigente gucsdistische Taktik verantwortlich zu machen, während der«Pciit Sou" zum Lager der Wähler deS Ordnungs- klüngcls auch die„Vcrrräter und HanSwiirste der„republikanischen Verteidigung", die Socialiste» Millerandscher Art" hinzuzählt.— Nustland. Wie die russische Ecnsnr in Finnland jedem KultnrforischM hindernd in den Weg tritt, das zeigt solgeudcr Vorfall: In Helsingfors erscheint zwennal monatlich die finnische technische Zeit- ichrift„Tcknikern" und zwar mit Unterstützung aus der Staatskasse. Sie befaßt sich ausschließlich mit technisch-lvissenschaftlichen Fragen, ist aber trotzdem, wie die übrige Presse, der Censnr unterworfen. Vor einiger Zeit wollte die Redaktion das Blatt in ei»« Wochen- schrift»»»wandeln, weil der große Stoffandrang das notwendig machte, nnd da der Censor während der 12 Jahre, in denen „Teknikmi" bereits erscheint, noch kein Wort vom Inhalt der Zeit- schrift gestrichen hatte, glaubte man, daß das migchiiidcrt zugestanden werden würde. Die Oberbchörde für Preise-Angelegen- heften in Fiiiiiland verweigerte aber die Erlaubnis und die Redaktion sieht sich aljo genötigt, die Zeitschrift wie bisher nur 14tägig erscheinen zu lassen, wenn nicht ei» nochmaliges Gesuch von besserem Erfolg begleitet sein sollte.— Verdoppelung der Polizei. Einen weitgehenden Plan zur Umorganisiermig des Polizeicorps in HelsingforS hat der neue Polizeimcister der Stadt ausgearbeitet. Danach soll sowohl das Polizcicorps als auch das Budget für das Polizciwcscn ver- doppelt werden und die ganze Justitiftion unmittelbar dem G e n e r a l g o n v e r n e u r unterstellt werden. Außerdem soll das russische Dworuiksystem, eine Art von Hausdetcktiven, eingeführt werden. Griechenland. AttcntatSbcrsnch einiger Gcistcögeftörtcn. Die„Frankfm ter Zeitung" meldet ans Athen: Als der König heute im königlichen Garten spazieren ging,, stürzte ein Mann mit gezücktem Messer ans den König los. Der Garteninspektor parierte den dem König zu- gedachten Stoß und wurde verwundet. Der Attentäter wurde ver- haftet, er scheint geisteskrank zn sein. Aus Wien'wird dem„K. P. B." übrigens vom Freitag ge- meldet: Das Gerücht von einem Attentat gegen den König von Griechenland wird ans der hiesigen griechischen Gesandtschaft siir »» b e g r ii n d e t gehalten. Bis' jetzt ist daselbst eine Nachricht n o ch« i ch t eingegangen.— Asien. Empfang deS Pekinger LcgationScorpö. Das„Bureau Laffan" meldet vom 23. aus Peking: Wie im Fricdeusprolokoll festgesetzt, hat der Kaiser gestern die Bertreser der fremden Mächte empfangen somit die persönlichen Beziehungen zwischen dem Thron und den Gesandten nach zweijähriger Niiterbrcchnng wieder aiifgeiiommen sind. In der Rede an den deutschen Gesandten war ii. a. gesagt, der Tod des Gesandten Frhr. v. Kcttclcr sowie die diesem traurigen Fall vorangegangenen und gefolgten Ereignisse seien nicht v o r n u S z u s c h e n gewesen. Der Kaiser begrüße eS freudig, daß der deutsche Kaiser seinen Zorn unterdrückt und durch die E n t s e n d n n g eines neuen Gesandten China sein Wohlwollen b e Iv i e s c ii habe. In � de» Ansprachen an die Gesandten Rußlands und Frankreichs wurde erklärt, China habe Vertrauen zn der ehrlichen Absicht beider Länder, bei den schwebenden Verhandlungen— mit Rußland über die Mandschurei. mit Frankreich Über Handels- Angelegenheiten— Billigkeit walten zu lassen. Ferner gab die Rede dem Bedauern des Kaisers über die kürzlich erfolgte Ermordung dreier Miisioiiare Ausdruck. Die Reden wurden, zum erstenmal in der Geschichte des Verkehrs Chinas mit den fremden Geiuudtschafteu. ausschließlich in chinesischer Sprache ge- halte»; die bis dahin bei derartigen Gelegenheiten übliche Mandschn- spräche wurde völlig vermieden. Alle Berichte stimmen darin üb erei», daß d e r K a i s e r krank nnd nieder» g e d r ü ck t auösah nnd den Eindruck vülligerErschöpfuug macht c. Der Kaiscx hat durch diese Rede eigentlich die deulsche Polil'k ins Unrecht gesetzt. Denn wenn der Hof an den Ereignissen nn- schuldig war. so waren alle Maßnahmen der Mächte gegen ihn. von der Erpressung der Kriegsentschädigung bis zur fmnoscn Sühne- missio», ungerechtfertigt. Eigentlich sollte diese Erklärung des Kaisers Kivaugsü. die nichts von reumütigem Schuldbewußtsein atmet und nur vom erfreulichen Umschwung der Gesinnung andrer spricht, eine neue Sühueuussioit erfordern.— Slmerika. Ein PrinzlicheS Tchacher-Genie. Der„K. P. V." meldet: Nach soeben ans Brasilien eiutreffcndcn Kabeln hat Prinz August, der Enkel des Kaisers Don Pedro, der brasilianischen Regicrimg wiederum dringend angeboten, er wolle alle» Anrechten auf den Thron endgültig ciitiage», wenn man ihm eine einmalige Ent- schadignng von 20 Millionen Mark zahlte. Die Monarchisten in Brasilien sind empört über dieses Angebot. Reichstag. Die socialdeinokratische Fraktion hat folgende Resolution eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, bei den Regierungen der in Betracht kommenden Staaten des Auslandes Schritte zn thun, nin die Gründung eines internationalen Arbeftamts herbciziifiihre» und dem Reichstag über den Erfolg seiner Bemühmigen Mitteilung zu»lachen._ Mantfchon. Die B ii d g e t k o m m i s s i o» des Reichstages strich am Freitag bei den Foidcnmgen für Hafc»- und Hochbanlcn der Manne heute 1400 000 M. von einer Gesamlfordcruug von 4 088 000 M., wovon auf ciiimalige ordentliche Ausgaben 2 686 000 M. ciftfallen und 1400 000 SW. auf einmalige außerordentliche Ausgaben, die durch Anleihe zn decken sind. Damit ist der M a r i n e- E l a t erledigt. Beim Etat vo» LUantschon erklärt Staatssekretär v. Tirpitz, daß eS sich bei der Forderung einer M a r i» e» R c i t e r c o m p n g» i e nicht um Mariiic-Kavallcne, sonder» um bcritlcuc Marlne-Jnfautene handle, die Ihatjächlich bereits im Schutzgebiet vo» Kiauischou vorhaudc» sei, Abg. Dr. Hasse(natl.) charakterisiert die Conipagnie als P o I i z c i t r n p p c, als G e n d a r m e r i e c o r P S und beftir» ivortet die Forderung. Prinz Arcnbcrg(C.) fragt an, ob das Reich berechtigt sei, Truppen in die neutrale Zone zu riftseiiden; er iv a r u t in jedem Falle vor der Errichtimg einer K o l o n i a l t r n p p«. tritt aber für die„ G e n d a r m erietrnppe" ein. Abg. Bebel(Soc.): Das Pachtgebict ist viel zn klein,»in eine solche Schutztruppe zu erfordern, um so mehr, als, wie die Denk. schrift beweise, der Eiscubahnbau von der Bevölkerung mit Genug- thmuig begrüßt werde. Staatssekretär v. Tirpitz weist auS dem Pachtvertrag nach, daß den deutsche» Truppcy das Recht des freien Durchi»a»schcs durch lie neutrale Zone zusteht. Der Staatssekretär giebt zu, daß die bis- herigen Versuche mit der Chinesenconipagnie kein günstiges Ergebnis gehabt haben. Die Versuche müßten indes fortgesetzt werden, aber innerhalb des Pachtgebictes, während die Reitercompagnie auch außerhalb zu verwenden sei. Abg. v. Waldow-Neitzenstein sk.) regt an, die Formation aus den vorhandenen Mannschaften zu errichten, sonst würden neue Kasernenbanten erforderlich iverden. Staatssekretär v. Tifpitz: Außer der Artillerie liege in Tsingtau nur ein Bataillon; das sei zu wenig. Prinz Breuberg(C.) spricht sich scharf' gegen die Formierung einer Kolonialarmee ans, da die Bedürfnisse der einzelnen Schutz- gebiete ganz verschieden feie». Die Chineseutruppe halte er für überflüssig. Staatssekretär v. Tirpitz. Die Landgrenze des Schutzgebietes erstrecke sich über 112 Morgen, die Seegrenze sei ebenso groß. Für die Verteidigung solcher Grenzen sei ein einziges Bataillon sehr wenig. Abg. Nebel sSoc.). Für den Kriegsfall kommen weder die 1800 Mann der Chineseutruppe, noch die Neitercompagnie in Frage. da seien ganz andre Truppennmsse» erforderlich. Er fürchte, die Marine k a v a l l e r i e in Kiautschau werde auch sonst für unsre gesamte Marine vorbildlich iverden. sGroße Heiterkeit.) Abg. Dr. Müller-Sagan(frs. Vp.) bittet 11m Auskunft, ob die bisherige wirtschaftliche Entwicklung von Kiautschau wirklich so erhebliche Neu-Aufweudungen, wie sie der Etat vorsehe, rechtfertige. Staatssekretär v. Tirpitz erklärt, diese Entwicklung sei nach allen Richtungen ungestört aufs günstigste fortgeschritten, auch in Bezug auf die Beschaffung von Wasser, Kohlen und die Sanierung von Tsingtau. Das Terrain sei derart, daß vielleicht einmal der Bau eines Kanals von Tsingtau»ach P e t s ch i l i i» Frage kommen werde. sZlvischcuruf: Preußischer Landtag! Heiterkeit.) Die Gesanitkosten für die Reiterkoinpagnie Ivürde» sich auf 210 000 M. beziffern. Abg. Frese sfrs. Vg.) erachtet die Erhaltung einer Chinesen- conipagnie für gefährlich, da die chinesischen Mannschaften im Ernst- falle zu ihren Landslcuten überlaufen würden. Abg. Müllcr-Fulda sC.) wünscht, daß zunächst Zeit gelaffcn Iverde,«in die Denkschrift zu lesen, che er sich über die Forderungen für Marinc-Cavallerie rmd Marine-Artillerie, sowie für die Chinesen- truppe entscheide. Die Verhandlung wird hierauf vertagt. Nächste Sitzung Mittwoch 10 llhr� Der Boeren- Krieg. Verwahrung Bothas. Aus Pretoria, 26. Dezcniber, wird der„Weltkorr." geschrieben: Bor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, mit einem wohlbekannten, ehrenhaften Bürger der Republik zu sprechen, der sich vor ganz kurzem wegen Krankheit den Engländern ergeben mußte und vorher meist in nächster Nähe des Gcneral-Konnnandautcn Lonis Botha war. Im Laufe der interessanten Unterhaltung sagte mir derselbe: General Botha ist über die o f f i z ise I l e n Kriegsberichte KitchenerS orientiert; dieselben sind so falsch und den Thatsachcn so wenig entsprechend, daß man ent- weder annehmen muß, daß sie geflissentlich entstellt sind, oder daß Kitchener von seinen Untergebenen sehr häufig mit Unwahrheiten bedient wird.— Fast durchweg sind die e n g l i s ch e n V e r l ii st e z n n i e d r i g und die derBoeren zu hoch angegeben.— In einem Bericht vor einigen Monaten über ein Gefecht soll Lord Kitchoncr die Verluste der Boereu auf etiva 12 Tote und SO Per- Ivuudcte angegeben haben, während dieThatsache war, daßsicnur einen einzigen Verwundeten hatten.— Diese Entstellungen der Wahrheit werden natürlich von den Boeren nicht besonders beachtet. Im höchsten Grade erbittert ist General B o t h a jedoch darüber, daß Kitchener immer ivicdcr berichtet, die Boeren hätten englische Verwundete grausam behandelt, und daß durch solche Lügen Stimmung gegen die Sache der Boeren gemacht wird.— Miß Hobhouseö Flucht an die Oeffentlichkeit. Einem Berliner Blatt wird gemeldet: Miß Hobhouscs Versuch, vor den englischen Gerichten eine Geungrhuuug für ihre ungesetzliche Abschiebung auS Südafrika zu erhalte», ist gescheitert. Ihre Rechts- anwalte erhielten vom KriegSministcrium auf ihr Ersuchen, Vertreter für Kitchener, Milucr, Oberst Cooper und Lieutenant Linghrnn, gegen welche die Klage gerichtet werden sollte, zu stellen, den Bescheid, daß der'Kriegsminister dies ablehne, da die betreffenden Personen sich in Südafrika in Staatsdiensten bc- fänden; als die Rechtsanwälte hierauf in Miß Hobhouscs Auftrage den Kriegsminister höflichst baten, selbst die Verantwortmig für Miß Hobhouses gewaltsame Entfernung zu übernehmen»und als Be- klngter zu fungieren, da kein Schadensersatz beansprucht, sondern nur die Gesetzmäßigkeit der Handlungsweise geprüft werden solle, ant- wartete Brodrick erst gar nicht,' dann nach wiederholtem Mahnen kurz ablehnend. Miß Hobhouscs Onkel, Lord Hobhousc, übcrgiebt nun die Korrespondenz der Oeffentlichkeit. Holländische Proteste gegen das englische Standrccht. Aus dein Haag wird berichtet: Die Hinrichtung SchceperS hat i» ganz Holland unbeschreibliche E n t r Ü st u n g hervorgerufen. Die holländischen Blätter ziehen die Mit- glieder des Schiedsgerichts ins Lächerliche, weil diese nicht verhindern konnten, daß die Regeln des Krieges nicht ein- gehalten worden sind. Eine Pariser Meldung besagt: Die Liga der Menschenrechte in Paris und Brüssel lvird heute oder morgen eine» Prolest gegen die Hinrichtung der Boerciikommandaiiten Lotter und Schccpers vcr- öffentlichen,»in zu verhüten, daß noch weitere Hinrichtungeu von Boerenführern, wie Kruitzinger usw. vorgenommen werden. Die Bemühungen werden leider erfolglos sein! Die Frau De WctS ist von den Engländern mit ihren acht Kindern nach den Konzen« trationslagern geschleppt worden. Sie hatte, nachdem ihre Farm zerstört Ivar, in Johannisburg Nnterkunst gefunden. Die Engländer halten ihren Fall ausgenutzt, um ihre Humanität in glänzendem Lichte erscheinen zu lassen. Dagegen protestierte Frau De Wct öffent- lich, denn sie erhielt nichts von den Engländern, und ivürde nie etivas von ihnen nchmcii. Daraufhin hat»na» sie von Johannis- bürg»veggebracht.__ GewevksirhAfMches. Berlin und Umgcgeud. Achtung, Gcwcrkschafts-Mitglicder! Arbeitslose, i-Zählung! Am Sonntag, den 26. I a n u a r. morgens Punkts Uhr, treffen sich alle GeivcrkschaftSmitglieder, »velchc sich zuvor in die Liste» ihrer Gewerkschaft haben eintragen lassen, in nachstehenden Sammellokalen. Es ist auch erivünscht, daß Geiverkschaftsinitglieder.»vclche nicht in den Listen eingetragen sind, sich zur Mitarbeit melden. Das Mitgliedsbuch ist möglichst mitzubringen. Jeder Mitlhätige hat sich in dem seiner Wohnung am nächste» liegenden Lokal pünktlich ein- zufinven. Zu spät Erscheinende gelten als Nichlmitihätige. Alle in Vororten Wohnende haben sich in den, für sie im Ort angegebenen Lokal einzufinden. Personen, welche gclvöhnlich politisch thätig sind, gehen nicht in die Saminel- lokale, sondern in die Bezirkslokale. Die Enizeichnung erfolgt für alle in den Bezirkslokalen. Das überschüssige Material muß sofort an die Bezirksfiihrer ab- geliefert iverde». Das Centralbtlreau ist daS Gewerkschnftsburean. Meldungen wegen Hilfskräfte sind dahin zu richten: Amt Vll 3733. ' Gcwerkschaftshaus. Engel-Ufer 15, Saal I und IV. Brüder, Waiden, arstr. 75. Retzolk. Wosserthorstr. 03. Ewald. Schonleinstr. 6. """~ Perantwortlicher Rcvacteur: Carl Leid in Habels Brauerei, Bergmannstraße. Königshof, Bülowstr. 37. Arminhallen, Kommandantensir. 20. Fischer, Wnldstr. 8. Peters, Alt-Moabit 80/81. Schüler-Brauerei, Turmstr. 25. Norddeutsche Brauerei. Chauffeestr. 58, Cösliner Hof, Cöslinerstr. 8. Dicke, Ackerstr. 123. Wernau, Schivedtcrstr. 23/24. Sivinemünder Gesell- schaftshaus, Swincmünderstr. 42. Brinkmann, Prinzen-Allcc 21. Nüniann, Brunnenstr. 188. Bauer. Rosenthalerstr. 57. Feind. Weinstr.11. Schivcizer Garte», Am Friedrichshain. Äönigsbank, Frankfurterstr. 117. Stechert, Andreasstr. 21. Keller, Koppenstr. 29. Elhsiuin, Lands- berger Allee 40. Charlottenburg. Leder. Bismarckstr. 74. Schöneberg. Obst, Meiningerstr. 8. Wibnersdorf. Witte, Berliuerstr. 40. Steglitz. Schcllhäse, Ahornstr. lös.. Tempclhof. Müller, Berlinerstraße 41. Rixdorf. Thomas(Apollo-Theater). Hermannstr. 48. Baumschulen- »veg. Staffcld, Baumschulenstr. 84. Rnmmelsburg. Beutling, Goethe-, und Kantstraßen-Ecke. Lichtenberg. Lütterbuse, Friedrich Karlstr. 11; Bastian, Hagen- und Gudrnnstratzen-Eckc. Friedrichs- felde, Losse, Lniscnstr. 20. Wcißensee. Schumann, Lehderstr. 118. Pankow. Hoffmann, Mnhlenstr. 25. Reinickendors-Ost. Putzirer, Provinzstr. 47. Neinickendorf-West. Engel, Eichbornstr. 73. Der Ausschuß der Gelverkschaftskom Mission. Die Lage der kaufmännischen Angestellten im Warcnhause Hermann T i e tz hat sich nach den starken Entlaffungen dauernd verschlechtert. Wie uns der Centralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen mitteilt, bestehen in dem Betriebe nicht nur alle Mißstände, die auch einigen andren Warenhäusern anhasten, sondern es wird hier geradezu planmäßig an de», Hernnterdrücken der lvirt- schaftlichcn und socialen Stellung kaufmännischer Angestellter ge- arbeitet. Die Einstellung 18— 21 jähriger Mädchen als Lehr- dämm mit einjähriger Lehrzeit und monatlicher Entlohnung von 10—25 M. und einer diesem Gehalt entsprechenden Behandlung sind ständige Einrichtungen geivorden. Zu den lebhaftesten Klage», giebt die Betriebs- Krankenkasse Anlaß. deren Leitung und Leistungen aus Sparsanikeitsrücksichten ebenfalls verschlechtert ivordc» sind— zum schweren Nachteil der Kranken. Diese Zustände in, Zusammenhang mit andren Vorkommnissen haben den Centralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen nach eingehenden Feststellungen gczivungcn, mit allen ih>n zu Gebote stehenden Mitteln die Beseitigung der Mißstände zu verlangen. Von einer Verhandlung der Fliesenleger»nit den Unter- nehmern vor de», hiesigen Gciverbegericht»mißten dieser Tage bürgerliche Blätter zu berichten. Uns»var von einer solchen Ver- Handlung nichts bekannt, und da in den Berichte»,»nerkwürdigerlveise von den, Abschluß eines Tarifvertrages mit unorganisierten Arbeitern die Rede»var,»vollten»vir nicht eher auf die Sache ein« gehen, bis Näheres über die Einzelheiten vorlag. Jnzivischen haben sich nun die Fliesenleger in einer öffentlichen Versammlung selbst mit der Angelegenheit befaßt. In der Versammlung wurde fest- gestellt, daß 100 Fliesenleger unter Umgehung der Ge- »verkschafts-Organisation(I) sich mit den Arbeitgebern zun, Abschluß des Vertrages in Verbindung gesetzt haben. Nach außerordentlich erregter Debatte, in der den vertragschließenden Fliesenlegern Verrat an der Organisation vorgeworfen, gelangt folgende Resolution zur Annahme:.Die Bersaniinlnng ist erstaunt über Verhandlungen zivischcn Fliesenlegern und Untenlehinern der Fliesenbranche, welche vor dem hiesigen Einignngs- amt des Gclvcrbcgcrichts stattgefunden haben sollen. Sie protestiert auf das entschiedenste gegen eine Tarifgemeinschast, die hinter verschlossenen Thüren geschlossen und von deren Dasein bis heute die Berliner' Fliesenleger nicht unter- richtet sind. Sic erklären derartige und auf' diesem illegitimen Wege zu stände gekommene Abmachungen nicht für die Fliesen- leger Berlins verbindlich und als rechtlich nicht zulässig. Die Ver- samnilung beschließt ferner, den öffentlichen Streikfonds der Orgnni- sation des Vereins der Fliesenleger Berlins zu übertragen. Der bisherige Vertrauensmann solvie die gelvesenen Revisoren sind ver- pflichtet, das vorhandene Geld, in Sinnnm 1 458,39 M., solvie alles vorhandene Material den, Vorstande der Organisation auszuhändigen. Der Vorstand»vird verpflichtet, das Geld als Eigentum der Organi- sation auf der Bank anzulegen. Eine demnächst einzuberufende Gcneralvcrsailnnlung soll über»veiter zu ergreifende Maßregeln be- schließen. Deutsche» Reich. Einen in der gcgentvärtigenGeschäftsperiodesehrbeachtenS- werten Erfolg erzielten die R a t h e n o>v e r Klempner- gesellen,»velche kürzlich in eine Belvegung zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen getreten»vare»,. Vom I.März dieses Jahres ab gelten für ein Jahr folgende Arbeitsbedingungen: lOstllndige Arbeitszeit, Stnndenlohii 35 Pf., Ueberstunde», und Sonntagsarbeit 5 Pf. pro Stunde inchr, bei Arbeite», außerhalb Rathenoivs 50 Pf. pro Tag»»ehr, solvie freie Fahrt.— Bisher betrug die tägliche Arbeitszeit der Klenipnergehilfen 11 Stunde». Der' höchste' Stundenloh» bezifferte sich auf 32l/e Pf.; denselben erreichten aber nur zlvei Arbeiter. Die neuen Bedingungen sind durch gütliche Vereinbarung mit den Arbeitgeber», erzielt worden. Allerdings gehörten sämtliche Gehilfen den, Metallarbeiter- Verband an. Zu der Affairc in Apenrade liegt der.SchleSivig-Holsteinischen Volkszeitnng" der Briefiveäiscl zivischen dem Centralvorstand der Maurer und dem Filialvorstand derselben in Apenrade vor. AuS demselben geht hervor, daß der Apenrad er Vorsitzende eigenmächtig die Ausländer zum Austritt veranlaßte. Die Amveisung des Centraivorstandes lautete dahin, dein Ansinnen der Polizei nicht Folge zu leisten.— Jetzt beschuldigen auch die B u cb d r u ck e r in Apenrade ihren Centralvorstand, ihnen zur Nach- giebigkeit gegenüber der Polizei geraten zu haben. Der Cciltral- vorstand der Buchdrucker hat sich in der Sache noch nicht erklärt. DaS GcwerkfchaftSkartcll in Halle kann auf erfreuliche Fort- schritte zurückblicken. Es hatten sich deinselben angeschlvsscn im Jahre 1896: 14, 1897: ZI, 1898: S7, 1899: 38, 1900:40, 1901: 46, 1902: 45 Gewerkschaften. Dabei ist zu berücksichtige». daß iin Laufe der letzten vier Jahre sich nicht»veniger als sieben Lokalorganisationen aufgelöst und ihren Centralverbänden an« geschloffen habe», so daß die Zahl der bestehenden gewerkschaftlichen Organisationen an sich beträchtlich zurückgegangen ist. Das Kartell umschließt jetzt alle i» Halle bestehenden, zur moderne» Arbeiter- belvegung zählenden Organisationen. Nur die erst einige Monate alte Organisation der Bnchdruckcrei-Hilfsarbeiter steht ihn, noch fern, doch hat anch sie beschlossen, nächste» Monat beizutrete». In einer Anzahl Möbelfabriken von Höchst und Um- gcgeud»verde», Lohnrcduciernngen und Verschärfungen von Be- stiiinniuigeii der Arbeitsordnungen angekündigt; alich drohen in einzelnen Betriebe» Tiffcrenzen anszubrechen. ES geivinnt fast den Anschein, als hätte» sich die Herren Möbelfabriknntci» znsammen- geschlossen, um die Arbeiter in der gegenlvärtige» Krise»nürbe zn machen. Ter Zuzug von Schreinen,, Maschinenarbeitern und Drechslern ist strengstens fernzuhaltc»,.— Alle arbeiterfreundlicheu Blätter iverden um Abdruck gebeten. Zun, Arbritersekretär fiir Mannheim»vurde in der letzten Sitzung des dortigen Gclverkschaflskartells Genosse Müller, bisher Redacteur a» der„Leipziger Vollszeituug', gelvählt. Ausland. Die Streiks uud AnSsperrnngen in Schweden im Jahre 1901 habe», sich gegenüber de», vorhergehenden Jahre den. Ilmfang nach etivas vermindert. Wohl zählte man 1901 127 Konflikte gegen 104 im Jahre 1900; aber die Zahl der daran beteiligten Arbeiter betrug 1901 nur 6200. 1900: 10 000. Die Zahl der verlorenen Arbeitstage betrug 1901: 210 300. 1900: 331590.— Von diesen Konflikten des Vorjahres»verde», 15 als Aussperrungen bezeichnet, Ivovoi, 997 Arbeiter betroffen wurden und 89 300 Arbeitstage ver- loren gingen. Im Jahre 1900»vurde» dagegen insgesamt 4000 Arbeiter ausgesperrt,»vas den Verlust von 189 600 Arbeitstagen ver- ursachte. Die Verniinderung des Ilmfanges der Konflikte ist also hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die Arbeitgeber lveiiiger Aus- spcrrnngen vorgenommen haben._ Krliii. Für dm Inseratenteil verautwortlich: Th. Glocke in Berlin. Drne Ein Glaöarbeiterstrcik ist in Lodclinaart bei Charleroi zum Ausbruch gekommen. Die Direktion der dortigen Glashütte», hatte bekannt gegeben, für schlcchtgclnngene Arbeiten hohe Abzüge zn machen. Die Verhandlungen vor dem Gciverbegericht zn Charleroi haben zu keiner Einigung geführt. Die Unternehmer vcr- langen den durch die drei Tage Streik entstandenen Verlust an Fabrikation in der Höhe von 1800 Fr. pro Tag von den Arbeitern ersetzt. Die Arbeiter erboten sich, durch Ueberzeitarbeit den entgangenen Produktionsansfall ivicdcr einzuholen. Darauf ging aber die Direktion nicht ein. Die Gefahr liegt nahe, daß von hier aus der Streik»veiter un, sich greift. Socinlrs. DaS Wachstum der großen Vermöge». In einer Arbeit über Ergebnisse der Verinögenssteuer-Veranlagnng hat der Ober-RegiernngSrat Evert, Mitglied des preußischen statisti« scheu Bureaus, eine interessante Zusammenstellung gemacht. Er hat die einzelnen Vcnnögen, bei den reichsten Verniögensstcuernzahlcr», anfangend, zusammengezählt, bis eine Milliarde voll»var. Dann »veitergehend die nächslrcichften»vicder bis zu einer Milliarde, also die ziveite Milliarde, und so fort zur dritten, vierten bis zur siebzigsten Milliarde. Diese Rechiimrg hat er für das Jahr 1896 und für das Jahr 1899 gemacht und dann die Anzahl der Besitzer, die sich in die erste, ziveite, dritte Milliarde usiv. teilen, neben- einaudergestellt. Die Reihen gebe», eine kolossale Vergrößerung der einzelneii Vermögen in den 3 Jahren. Zur ersten Milliarde gehörten in, Jahre 1896 noch 26 Besitzer, im Jahre 1899»vare», nur noch 17 Besitzer dazu nötig. In die ersten 10 Milliarde», teilten sich 1896 noch 2947 Personen. 1399 nur»och 2119. So geht das fort, allent- halben»vare» im Jahre 1899 viel»vcniger Personen nötig, nn, eine Milliarde Vermögen znsainmciizubringen,»vie 1896. I» 64 Milliarden, die 1896 die Gesamtsumme dieser bis auf etiva 6000 M. hinniiter- reichenden Vermögen bildeten, teilten sich in diesen, Jahre 1 166 743 Personen; 1899 teilten sich in die gleiche Summe 689 722 Personen. Mit andren Worten: diejenige» reichsten Leute, die im Jahre 1896 zusauunen 64 Milliarden an Vermögen besaßen, besaßen im Durch- schnitt jeder rund 55 666 M.; diejenigen reichsten Leute, die in, Jahre 1899 zusannnen 64 Milliarden besaßen, besaßen i>n Durch- schnitt jeder über 87 666 M. Es handelt sich hierbei um Vcrinvgen, Besitzt»»»», unabhängig davon,»vieviel es an Zinse», oder überhaupt welchen Ertrag es jährlich ablvirst. Leute mit einein Vermögen von über 2 Millionen Mark gab es 1896 im ganzen Staate 1779; 1899 war ihre Anzahl schon auf 2105 gestiegen. Der reichste Vermögenssteuerzahler besaß 1899 266 Millionen Mark, 1897 nur 216 Millionen, 1895 nur 204 Mill. Das ist stets nur eine Person geivescn, deren Vermöge» in den vier Jahren mn die Kleinigkeit von 62 Millionen gelvachsen ist. Die nächst reichste Person ist in den vier Jahren von 119 auf 148 Mill. hinaufgeklettert. Als Kuriosnn, sei erlvähnt, daß es unter diesen Millionäre», anch Leute giebt, die dem Steuerfiskus vorrechnen dürfen, daß sie nicht»»ehr»vie Z666 M. Einkommen haben! Das»vare», im Jahre 1897»ficht»vcniger»vie neun; davon besaßen fünf 2 bis 3 Millionen, drei 3 bis 4 Millionen»md einer sogar 6 bis 7 Millionen. In, Jahre 1899»vare», es noch vier, die 2 bis 4 Millionen besäße»,. Diese Einkommenberechnnng möchten»vir einmal kennen lernen. Bemerkensivert ist dabei, daß von den neun armen Millionären des Jahres 1897 fünf und von den vier des Jahres 1899 drei auf dem Lande saßen. Also vermutlich notleidende Agrarier. DaS wiirttcmbergifchc Ministerin», des Inner» hat sich bereit erklärt, mit dem internationalen Arbeitsamt in Basel, einer Gründung der internationalen Bereinigung für Arbciterschutz, Druck- sache», und sonstige Materialien auszutanscheu. Anch soll den »vürtteinbergischcn Gelverbe-Aufsichtsbeanltcn noch für jeden Fall eingeholter Erlaubnis der Regierung die Mitivirknng an den Arbeiten des Arbeitsamtes gestattet iverden, solveit dienstliche Rücksichten»ficht eiitgegenstchen.'_ Uetzke MsrlzviLxten und Depefdjrn. Unterhaus. London, 24. Januar.(SB. T. B.) R o l a n d fragt an, ob der Brauch. deutsche anitliche Briefe, die nach Deutsch- Südivestafrika gesandt werden, zu öffnen, in Kapstadt weiter geübt werde und ob die deutsche Regierung Vorstellungen erhoben habe. Cranb orne erwidert, soiveit die Regierung wisse, existiere kein solcher Brauch, anch habe die deutsche Regierung hierüber leine Vorstellungen erhoben. Staatssekretär des Krieges B r o d r i ck erklärte, einzelne fremde Mächte hätten von Zeit zn Zeit durch das AnSlvärtigc Amt Borstellniigen erhoben bezüglich ihrerStaatsangehörigen, die zu Kriegsgefangenen gemacht»vordcn seien. Diese Vorstellungen seien meistens auf schriftlichen Wege erhoben »vorden und meistens hätten sich diese Schreiben auf die Freilassung der Gefangenci, auf Ehrenwort bezogen. Alle Gefangenen Ivürde»,, »vas die Haft betrifft, nach gleichen Grundsätze» behandelt, ohne Rücksicht auf ihre Nanonnlität. Budapest, 24. Januar.(W. T. B.) Der„Pesier Lloyd" meldet: Die in letzter Zeit unter dem Vorsitz des Kaisers stattgehabten mili- tärischcn Konferenzen haben voruchinlich der Geschützfrage und der Frage der Neuorganisation der Fcldartillerie gegolten. Ein erster Teilbetrag für neue Geschütze dürfte in den Heeresvoranschlag für 1903 eingestellt»verde»,; der Anfang soll mit der Beschaffung von Gcbirgsgcschützc» gemacht iverden. Sluch Haubitzcnbatterien solle», errichtet und die Gebirgsartillerie soll»veiter ausgestaltet»verde»». Budapest, 24. Januar.(B. H.) In, 6. Stadtbezirk kam es gestern abend zivischen S o c i a I d e m o k r a t e n und Polizei zu einem Z u s a in m e n st o ß,»vobci 42 Verhaftungen vorgenvnlinen »vurden. Budapest» 24. Januar.(B. H.) Der Brand der Concordia- Mühle dauert fort und dürfte noch mehrere Tage»vährcn. Das aus fünf Stockiverkeu bestehende Gebäude ist ein einziges Flaunnenmecr. Die Feuerlvehr arbeitet mit allen Kräften, um den Brand zn lokali- sicren. Bei den Löslharbeiten sind drei Feuerlvehr« l c u t e in die Tiefe gestürzt und verbrannt» nenn andre erlitte», mehr oder ininder schivcrc Verletzungen. Ter Schaden beziffert sich auf über 3 Millionen Kronen, ist aber vollständig durch Versicherung gedeckt. PariS, 24. Januar.v ö l f Mann Neon, an ry bestehende Patrouille unter Lieutenant Wood- house von 1 50 B o e r e n umzingelt»vurde. Die Patrouille kämpfte, bis vier Boeren getötet und sechs verwundet»vare», und mußte sich dann ergeben.___' »nd Versag von Max Babing in Berliiu Hierzu 2 Veilagen. It. 21. 19. Ichrg-Ng. 1. Kejlllge NeichskÄg. 126. Sitzung v o IN Freitag. 24. Januar 1S02, n a ch in i t t a g s 1 U h r. Am BnndeZratstisch: Graf Posadowskh, Möller. Die zweite Lesung des Etats des ReichSamtS deS Innern fTitel: Staatssekretär) wird fortgesetzt. Außer den schon erwähnten Resolutionen ist noch die folgende Resolution Vassermanu(uatl.), Dr. Hitze(£.) eingegangen: Ter Reichskanzler möge im nächstjährigen Etat eine finan- zielle Unterstützung für das internationale Arbeitsamt in Basel vorsehen. Abg. Schwartze-Lippstadt s b e u t u n g? gesprochen. Ich wundere mich,.daß Herr Fischer dieses wichtige Kapitel übergangen hat. Er wird mir dankbar sein, daß ich es nachgeholt habe.(Heiterkeit.) Mit dem Abg. Fischer stimmen wir nicht überein, wenn er sagt, es sei soeialpolitisch nichts geschehen. Es ist viel geschehen, kann vielleicht aber noch mehr geschehen. Die Regierung muß vorsichtig, aber zielsicher vorgehen. Die weitere Socialpolitik müsse im weient- lichcn Mittelstandspolitik sein. Manche Maßregel war keine Mittel- standspolitik. Die Bäcker leiden n o ch i m m e r u n t e r d e r Bäckereiverordnung. Von der Regierung haben wir noch keine Antwort erhalten wegen einer Abänderung. Sollen die Bäcker iveiter socialpolitische Bersuchskaninchen des.Amiilts" sein? Die Bäckereiverordnung ist eine socialpolitische Maßregel, wie sie nicht sein soll. Wir treten für die Bäcker ein, obwohl die Herren gegen den Zolltarif sind. Von solchen Gesichtspunkten lassen wir uns nicht leiten. Die Aufhebung der Bäckereiverordnung steht mit einem unmittelbaren Interesse der Landwirtschaft in Zusammenhang. Wird die Landwirtschaft vor den Ruin gestellt, so wird sie auf genossenschaftlichem Wege die Broterzeiigung in die Hand nchnien. Herr Fischer hat gesagt, ich hatte von den Millioiiengewinnen der Bäckereien gesprochen. DaS ist ein Irrtum. Nur Großbäckereien haben große Gewinne, Millionengewinue haben nur die Bäckereien der Konsumvereine. Die Berichte der sächsischen Fabrik-Jnspektoren sind durchaus objektiv abgefaßt. Ihm paßt es sreilich nicht, wenn der Fabrik-Jnspektor für Annaberg berichtet, daß das Einkommen der Arbeiter durch Ausgaben für Vereins- und Berguügungszwecke stark beeinträchtigt wird. Aber es entspricht doch der Wahrheit. Die Einrichtung der w e i b l i ch e n V e r- t r a u en s p e r s on e n entspricht noch nicht dem all- gemeinen Gefühl. Auch das mußten die sächsischen Fabrikiiispektoren berichten, wenn es auch nicht im Geleise der Socialdeinokratie liegt. Es ist ganz richtig, daß die industriellen Arbeiter häufig nichi mehr in der Landwirtschaft zu brauchen sind. Sie sind Teilarbeitcr geworden, während die Landarbeit einen ganzen Mann erfordert. Ts fehlt ihnen auch häufig die Treue und Gewiffcnhaftigkeit im Kleinen. Wir wollen nicht die Freizügigkeit beschränken, sondern nur ihre Auswüchse beschneiden.(Aha! b.ei den Socialdemokraten.) Das muß die erste Aufgabe einer gesunden H e i in a t p o l i t i k sein, die Entvölkerung des platten Landes zu beseitigen.— Redner fragt an. ob eine Aendcrung des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb endlich erfolge» Iverde. Jetzt ist das Gesetz ein Meffer ohne Heft und Klinge. Zum welligsten muß die Regelung des Ausverkaufs- Wesens sofort in Angriff genommen werden. Graf Posa- dowsky sprach von einer Verfügung an die Staatsanwälte. Die Staatsanwälte scheinen sich aber wenig an diese Verfügung zu halten. Es muß also unbedingt der Weg der Gesetzgebung beschritten iverden. Für die Lohnarbeiter geschieht alles, für den Mittelstand nichts. Ich hoffe, daß nachdem der frühere Abg. Möller da oben sitzt, mehr Rücksicht auf die Klagen des Mittel- standcs geiiomnien werde. Es ist nicht richtig, daß der Mittelstand zu Grunde gehen m u ß. Gelingt es uns nicht, ihn zu erhalte», dann läßt sich die gegenivartige'Gesellschaftsordnung auch nicht auf- recht erhalten.(Bravo! rechts.) Präsident Graf Ballcstrcm: Soeben ist folgende Resolution Alb recht(Soc.) und Genossen eingegasigen:„Der Reichstag wolle beschließen, den Reichskanzler zu ersuchen, bei den Regiernngeu der in Betracht kommeudeii Staaten des Auslands Schritte zu thun, um die Gründung eines internationalen Arbeitsamts herbeizuführen und den Reichstag über den Erfolg seiner Bemühungen Mitteilung zu machen." Preußischer Handelsmiiiister Möller: Einen Teil der Angriffe des Abg. Fischer gegen mich hat bereits Graf Posadowsky in dankenswerter Weise zurückgewiesen. Es ist in der That richtig, daß man als Minister die Dinge ganz anders ansehest muß, als Privatmann. Man steht unter dem Druck größerer Verantwortlichkeit. und hat auch Hundert andre Rücksichten lvalten zu lassen, die ein Nbgcviduetcr, der nur einseitige Jnteresseu vertritt, nicht walten lassen muß. Die Aeußernug über daS V e r- hält u isd er Kranke n lasse n ärzte zu dersocialdemotratischen Partei, von der Herr Fischer gestern sprach, habe ich nie als nie ine Ansicht vertreten, sondern stets nur eine Behauptung wiederholt, die oft unwidersprochen durch die Presse gegangen ist. Wenn jetzt Herr Fischer dieser Behauptung widerspricht, so muß ich sie natürlich zurücknehmen, da ich sie nicht beweisen kann.(Hört! hört! bei den Socialdcniokraten.) Uebrigens habe ich diese Aeußernng wohl auch hier im Hause gethan, aber vor sünf Jahren. Herr Fischer mutet mir überhaupt ein sehr starkes Gedächtnis zn. denn er hat teilweise auf Aeußernngen, die 6—7 Jahre zurückliegen. Bezug genommen. Aus diese kann ich aber nicht eingehen. Die Verhandlungen über Zleiidernngen der Bäckcrei- verordunngcn sind jetzt wieder anfgenoiilliien. Vor allem wird die Verordnung nach der Richtung ausgebaut werden müssen, daß ein besserer Schutz gegen die in einzelnen Fällen sehr s ch>v e r e» sanitären Mißstände in den Bäckereien geschaffen wird. Auf die kleineren Betriebe wird dabei Rücksicht genommen werden.(Bravo! rechts.) Eine Revision der Bäckereiverordnung die eine Schädigung der Arbeiter involviert, wird auf keinen Fall ersolge».— Ein Geheimerlaß in Bezug aus die Berichterstattimg der Getvcrbe-Jiispektoren ist von mir nicht erfolgt. Ich habe nur die Inspektoren veranlaßt, lveniger S entim ent« als vielmehr Thatsachen in ihren Berichten zu geben. Die Schlußsolger un gen zuziehen, ist u n s re S a ch e.— Herr Fischer hat weiter gesagt, ich sei der Beauftragte des Centralverbnudes deutscher Industrieller. Ich habe keinen Anlaß, von dieser Stelle aus auf die großen Verdien st dieses Verbandes näher einzn« gehen. Jedenfalls habe ich mich von der Leitung desselben schon als Privatmai»! und»och mehr als Abgeordneter stets fenigehalteu. Zur Zeit der Verhaiidlunge» über den russische» Handelsvertrag, als der Centralverband u»S in liebenswürdiger Weise sein Bureau zur Verfügung stellte, bin ich als dekorative Persönlichkeit in den Ausschuß eingetreten. Der Ausschuß bedeutet aber gar nichts.— Weiter soll ich in Düsseldorf für die Zuchthansvorlage eingetreten sein. Als den„de- rcchtigtcn Kern" dieser Vorlage, von dem ich gesprochen habe» soll, betrachte ich aber nichts anders als den bekannten Antrag Büsiug- Möller-Sattler. Zum Schluß niiiß ich»och ans eine grobe U n- Wahrheit in der Rede des Herrn Fischer zu sprechen kommen. Auf einer Agitationsrcisc in Nheinland-Westfaleii soll ich gesagt haben, ich werde meineii ganzen Einfluß aufbieten, um die Gewerbegerickts-Novelle zu Fall zu bringen. Eine Agitationsreise habe ich überhaupt nicht unter- n o m m e ii. sondern bin lediglich einer Aufforderung, mich von meinen Wählern zu verabschieden, nachgekommen. Alles übrige ist pure Erfindung. Abg. Lenzmann(fts. vp.): Der Fall Möller veranlaßt mich, der Regierung de» Rat zu geben: N e h m e n S i e einmal e i n e u M i n i st e r a u s d c r Linken. Sie werden sehen, daß derselbe nicht seine Ansichte« revidiert.(Große Heiterkeit.) Herr Möller aber erklärt es für notwendig, wenn ein Abgeordneter Minister wird. Redner wendet sich dann der Frage der F e n e r b e st a t t u n g zu. Jeder habe das Recht, darüber zu beftimmeii, ob er verbrannt oder begraben sein will. Redner ersucht die verbündeten Regierungen, endlich das schon seit 3 Jahren fertiggestellte obligatorische Laichen schau- Gesetz dem Reichstage vorzulegen. Dadurch würden nicht nur viele Verbrechen entdeck!, sondern sie würden sich auch vermindern, da der Verbrecher weiß, daß bei der Leichenschau seine That entdeckt werden würde. Freilich machen die Regieriiiigen wöniger kriminalistische und juristische Bedenken gegen die Feuerbestattung geltend, soudeni fast ausschließlich religiöse. Der Widerstand der katholischen Kirche gegen die Feuerbestattimg ist ganz unberechtigt. Wir sind so tolerant, nicht die obligatorische Einführung der Feuerbestattung zu verlangen, sondern wir begnügen uns mit der fakultativen Ein- führuilg. Auf der Rechten sträubt man sich gegen die Feiierbestattung. weil man in ihr eine demokratische Forderung sieht(Abg. Dr. Arendt: Nein!): gewiß, sie ist ein Kind der französischen Revolution, aber heute ist die Feuerbestattung keine Parteifrage, sondern ihre Anhänger bestehen aus allen Parteien.(Bravo! links.) Soitliltbtltd. 25. Iltinim 1992. »»»»«»iwiw» iiuuiiui— iiiiw— a— na Abg. Wurul(Soc.): In Bezug auf die F eu e r b e st a t t u»g möchte ich nur betonen. daß es ganz verfehlt ist, diese Frage mit religiösen Dingen zu verquicke», sondern sie ist eine rein hygienische Frage. Damit will ich von den Toten zu den Lebenden übergehen, die des Schutzes dringend bedürftig sind, nämlich zu den Arbeitern. Zunächst muß ich jedoch auf die Rede des Herrn Möller eingehen. Der Min ist er Möller hat sich geweigert, die Erbschaft des Abg. Möller anzutreten; er sei jetzt ein neuer Manu. Wer glaubt denn das? Herr Möller ist Minister geworden ans Grnud der Stuschanuiigcu, die er als Abgeordneter ge- äußert hat. Er meinte, der M>>"ster müßte mehr Rücksicht nehmen. DaS haben ivir ja bei Herrn Miquel gesehen. Rücksicht nehmen die Herren, aber nicht auf das arbeitende Volk und ans die allgemeinen Interessen. Weiter muß ich die Angriffe des Herrn Möller auf den Abg. Fischer zurückweisen. Fischer hatte ihn gefragt, ob er die grobe Unwahrheit, daß die Kassenärzte von' den Socialdemokraten gezwungen würde», 25 Prozent ihrer Eiimahinen an die Parteikasse abzugeben zurncknehmen würde. Minister Möller erklärte, er habe nur berichtet, was in den Zeitinigen gestanden habe; so erhebt man doch aber überhaupt immer Beschul- dignngen. Wir hatten gar keinen Anlaß, das Gegenteil zu b e« weisen, es war wirklich nicht notwendig, ans' solche blöd- sinnigen A ir s ch a n n n g e n erst noch zn erwidern. Glanben Sie denn, daß die deutschen Acrzte sich das aufzwingen lassen würden, daß da nicht ein großes Hallo in der deutschen Aerzteschaft entstanden wäre? Was die B e- richte der G e w e r b e i n s p e l t o r e n betrifft, so müssen Ivir verlangen, daß jede Geiverkschaft einen solchen Bericht z n- gesandt bekommt, wie es heute schon in dankenswerter Weise in Württemberg geschieht. Herr Möller bestreitet, vom Central- verband abhängig zu sein und meinte, er sei im Ausschuß nur eine dekorative Persönlichkeit gewesen. Man hat es dem Abgeord- neteii Möller gar nicht angesehen, daß er nichts weiter als eine dekorative Persönlichkeit war. Vielleicht ist ersetzt als Minister nichts andres als eine dekorative Persönlichkeit. Herr Möller thal sehr entsetzt, daß man ihm die Aeußernngen über die Gewerbegerichtsnovelle in den Mund gelegt hat. Sie haben aber in a l I e n Z e i t u u g e n in f e t t e m D r u ck g e st a n d e n, ohne daß Herr Möller sie berichtigt hätte. Nach seiner Vergangen- heit war mau berechtigt, anzuiiehme». daß er diese Wege wandeln würde.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Oertel ist auf die angebliche Mauserung der Social- demokratie zu sprechen gekommen. Nim, fürchten Sie sich nicht, wir mausern uns nicht, wir sind nach wie vor die alte revolutionäre Socialdeinokratie.(Abg. Dr. Oertel ruft wiederholt laut: Sehr richtig!) Das ist gar nichts Neues. Wir sind revolutionär geblieben, wie ivir es von jeher gewesen sind, nicht mit dem Dreschflegel, mit dem jene Seite(nach rechts) vorzugehen beliebt, nicht mit Heugabeln und Knütteln, sondern mit der Revolution der Köpfe(aha! rechts), die wir unabhängig weiter revolutionieren wollen, mit der Zlusklärung, die Sie freilich sich alle Mühe geben, zu verhindern. Sie haben allerdings vorläufig noch die Macht, und Sie ihun alles, um zu verhindern, daß ein bißchen Fortichritt in die Socialpolitik hineiiikomiiit, daß die Arbeiter auch nur im geringsten zufrieden sein köimen. Sie dürfen sich daher am allerwenigsteu beklagen, wenn die Arbeiter unzufrieden wird. Herr Dr. Oertel meinte, Abg. Fischer habe vergessen, über die Konsumvereine zu reden. Nein, das haben Ivir nicht ver- gcsscn, aber w i r t r e t e n i n e r st e r L i n i e für diejenigen hier im Reichstage ein. denen zu reden verboten ist, die selbst nicht sprechen dürfe». Die Angestellten der Konsumvereine dürfe» laut und deutlich rede», sie dürfen ihre Klagen öffentlich vorbringen. Wir unterschreiben jede Beschwerde, die sich richtet gegen eine schmutzige D i v i d e n d e n w i r t s ch a f t, wie sie mitunter den Kousumvereiiieu vorgeworfen wird, wir tadeln es auf das nllerhärtcste» wenn in Konsiimvereinen Ersparungen ge- macht werden auf Koste» ihrer eingestellten oder die Rede- frciheit derselben verhindert wird. Aber hinter den Angestellten der Koiisiuiivereilie stehen die Arbeiter, die schon dafür sorgen werden. daß den Beschwerden abgeholfen ivird. Wenn Sie(nach rechts) sich doch um dir Arbeiter bekümmern wollten, die von ihren Uiiteriiehmenr sofort brotloö gemacht werden» wenn sie sich überhaupt orga- nisicreu. Wenden Sie sich an den Kollegen Hilbck, der wird ihnen solche Unteriichniuiigen nennen köimen, wo zeder Arbeiter, der sich einer Organisation anschließt, gemaßregelt wird. Jene Herren, die die Freizügigkeit der Landarbeiter einschränken wollten, sollten doch lieber vor i h r e r eignen Thür kehrend Wie gut Sie es mit den Arbeitern meinen, haben wir ja auch bei der Bäckereiverordnung gesehen, wo Sie nur die Interessen der Bäckermeister vertreten haben. Es ist eine eigen- tümliche Liebe der Agrarier für die Bäckermeister. Das Freund- schaftsverhältnis ist allerdings in der letzten Zeit etwas getrübt, weil die Bäckermeister eingesehen haben, daß sie der beste A rb ei t e r s ch n tz doch nicht so viel kostet, wie die Freundlichkeit der Agrarier, die das Getreide und daS Mehl verteuern wollen. Eine große Anzahl von Bäckerimiuiigen hat sich gegen den Zolltarif erklärt. Weil Ihnen die Opposition der Bäckermeister unbequem ist. deshalb drohen Sie jetzt mit der Gründung von Bäckerei-Genossenschaften. Uns kamt es recht sein, wenn Sie den Bäckermeistern diese Konkurrenz auf den HalS setzen. denn daß der Großbetrieb den Arbeitern ermöglicht, unter besseren Arbeitsbedingungen zu existieren, weiß jeder, der die Verhältnisse keimt! Herr Oertel, wenn Sie von Bäckereischutz reden, dann denkt man doch draußen im Lande nur daran, daß Sie damit die Bäckermeister wieder in daS agrarische Lager hiiiüberlocken wollen. Den Bäckermeistern aber ist nicht sehr wohl zu Mute bei dem Gedanken, daß mit Hilfe des Brotwuchers die Lebensverhältnisse der ganzen Bevölkerung so zurückgehen sollen, daß auch ihre Lebensverhälluisse darunter schwer leiden müssen. Auch Graf Posadowsky hat sich vergeblich bemüht, die Anklage meines Geuosien Fischer zu entkräften, daß in der Social- Politik ein viel zu langsames Tempo eingeschlagen wird. Herr Schwarze rühmte die Mithilfe des Ceiitrums bei dieser Social- Politik; sie ist auch danach! Die Grundlage jeder Arbeiter- schutz-Gesetzgebmig. die Verkürzung der Arbeitszeit» wird weder vom Grafen Posadowsky noch vom Kollegen Schwarze berührt. Herr Gamp meinte, der fleißige Arbeiter fühle sich geschädigt, wenn er durch die Gesetzgebung an Ucberstuiidcnarbeit� vcrhindort werden. Nein, die Arbeiterklasse hat crlamit, daß eine gesetzliche Einschränluiig der Arbeitszeit ein Eingriff in die Willkür des Unternehmertums ist. Graf Posadowsky hat die Berechiimig Fischers über die Belastung des Unternehmertums durch die Social- gesetzgebung' bemäudelt. Er scheint in der Thatsache, daß die Unteniehmer die Kosten der Schutzvorrichtungen zu tragen haben, auch eine Belastimg für sie zn erblicken. Daß die Unternehmer ihre Betriebe so eiurichleii, daß keine Unglücks- fälle vorkommen können, ist doch ihre selbstverständliche Pflicht, und es Ist skandalös, daß man sie dazu erst zwingen muß.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Der Staatssekretär hat uns ja gestern die Arbeiterpartei genaiiiit. ich bin überzeugt, daß es ihm heute schon leid thut, daß diese Aeußernng dem Gehäge seiner Zähne entflohen ist. Er hat sich ja auch schon den Unwillen des Herrn Oertel zugezogen. Aber er hatte recht. Wir sind wirklich die Freunde der Arbeiter und im Interesse der Arbeiter fordern wir einen aus- reichenden Arbeiterschntz. Eine Industrie, die sich auf Meiischeiiblut anfbaiit, ist wert, daß sie zu Grunde geht.(Abg. Arendt: Sehr wahr!) Wenn Sie„sehr wahr" riifeii, dann müssen Sie alle unsre Anträge unterschreiben, die vermehrten Schutz der Arbeiter wollen. Heute baut sich die Industrie noch viel- fnrtj auf der Vereleydiin�»ud Verkruppelunst der Arbeiter auf, daß es ei» Jninmer ist; gg P r o z. der Unfälle könnten v c r- hindert werden, weiin ein wirklicher Arbeiter schütz b e st ä n d e, wenn er nicht Halt machen würde vor dein Profit- intercsse des Kapitals. Gerade jetzt in der Zeit der Arbeitslosigkeit wäre der geeignete Moment, de» Maxiinal-ArbritStag durchzuführen. Warum zögert m n ii noch? Ein kleiner Fortschritt ist ja im Arbeiterschntz zu der» zeichnen. Man holt ja sogar schon den Rat von Arbeitervertretern ein. Wir brauchen aber für alle Industrien eine Verkürzung der Arbeitszeit, wenn die Arbeiter wirklich in der Lage sein sollen, sich frei zu entwickeln. Dafür sollen die Mittel nicht vorhanden sein. Man hält es für genügend, in besonders gesnndhcitsgefährlichcii Betrieben den hygienischen Maximal- Arbeitstag einzuführen. Man soll das eine thun und das andre nicht lassen. Auch beim Achtstniidentag Iverden für einzelne Industrien iveitere sanitäre Ein- schräiiruiigen. der Sechsstiindeiitag, erforderlich sei. Organisieren Sie ein wirkliches Parlament der Arbeiter in Gestalt von Arbciterknininern, Arbeitsämtern nnd Reichsarbeitsamt, dann werden Sie eine a u t h e n- tische D a r st e l l u n g der thatsächlichen Verhältnisse erhalten, wenn Ihnen die Berichte der Gcwerbe-Jnspektoren nicht genügen. Graf Posadoivskh bat vor kurzem einmal mit philosophischer Miene als seinen Grundsatz in der Politik erklärt, daß a n s g e s p r o ch e n werden m ii s s e das, w a s i st. Diesem Gnmdsatz gegenüber aber wird er selbst untren, den Berichten der' G c w e r b e- Inspektoren gegenüber. Nach seinem Gcheimcrlaß soll nicht nnsgcsprochen lverden das. was ist, sondern es soll vertuscht und verheimlicht werden. sGraf Posndowsky ruft: Nein.) "Ja warnin haben Sie denn da den Inspektoren einen Maulkorb vorgelegt? Warum sagen Sie uns denn nicht einmal hier, was sie den Inspektoren verboten habe»? Wenn Sie nichts zu verbergen haben, dann drucken Sie doch den Erlaß einmal ini„Reichs-Anzeiger" ab, unterbreiten Sie ihn der öffentlichen Kritik. sZnstiininnng bei den Socialdcm.) Ohne öffentliche Meiining ist eine wirkliche Socialpolitik nicht möglich. Haben Sie das Licht der Oefsentlichkeit nicht zu schelten, dann geben Sie den Erlaß be- kannt. Der Reichstag hat ein Recht, das' zu fordern, denn nach allem, was wir von dein Erlaß gehört haben, steht er im Wider- sprnch zu der Bestimmung der Reichs-Gewerbe-Ordnuiig. wonach die Gewerbe-Jnspektoren alles zu berichten haben, tvas das Leben, die Gesundheit und die Beschäftigung der Arbeiter angeht. Die Erfahrungen über die Lebensverhältnisse' der Arbeiter' sollen jetzt nicht mitgeteilt werden, sondern erst„seiner Zeit", wie es beim Kanal heißt. Aber wir haben schon jetzt ein Recht zu erfahren, was vorgeht. Die wissenschaftliche Zu- sainnienstellnng können Sie ja nach Jahren bringen, nnd der Reichstag hat ein Recht darauf, daß ihm mitgeteilt werde, ivie die Verstöße der Unternehmer gegen die Arbeiterschntz- Gesetzgebung von den Gerichten beurteilt lverden, nicht daß man sich nur darauf beschränkt, bei den oberen Instanzen Beschwerde zu er- heben über die unteren Instanzen, die unrichtig entschieden haben. Der Reichstag ist die o b e r st e Instanz für die Untersuchung, ob das Gesetz, das er geschaffen hat, auch ausgeführt wird. Es ist sehr vernünftig nnd im Interesse Ihres Staates, wenn Sie dafür sorgeii, daß die Gerichte nicht so thörichte Urteile fällen! es ist doch skandalös, wenn ein Gericht einen Unternehmer linr deshalb gering bestraft, weil cS ja nnr ein GewerbeanffichtSbeamter fei, de» er beleidigt habe. Der Reichstag muß auch erfahren. welchen Erfolg denn die B e s ch Iv e r d e n bei der höheren Instanz gehabt haben. Sonderbare Urteile sind da schon gefällt worden. In München wollten die Gerichte in � zwei Instanzen dem Getvcrbc-Jnspcktor nickit das Recht zuerkennen, nn- angemeldet eine Fabrik zu betreten, erst das Ober-Landesgericht hat festgestellt, daß die ganze Socialreform eine Komödie ist,'wenn der Gewerbe-Inspektor sich vorher beim Fabrikbesitzer anmelden müsse. Wir müssen genau erfahren, zu wie viel Mark Gclstrafe die lliiternchiiier verurteilt werden, die die Bestimmungen über- treten. Ei» Unternehmer, der monate-, ja jähre- lang diese Bestimmungen übertritt und dadurch tausende Mark Profit macht, ivird schließlich zn 20 M. Geld- strafe verurteilt. Ter'Staatssekretär hat weiter gesagt, die Berichte der Fabrikinspektoren seien deshalb viel kürzer, weil die Anfsichtsbeamtcn nicht sociakpolitische Betrachtungen, soichern Thntsachen geben sollten. Wozu dienen denn die Inspektoren- berichte, doch nicht»in Bibliotheken zu füllen und Bände zu schaffen, die kein Mensch ansieht, nein. ihre Aufgabe ist, das Material für die richtige Socialpolitik zn bilden. Sie find in Deutschland das einzige Oiielleninaterial für die Ziiständc unter den Arbeitern. Wollen Sic diese Zustände v e r- s ch l e i e r n? Nie hat ein Socialdemokrat bei der Kritik der Berichte gesagt, daß die Beamten zn faul und zu nach- lässig seien, wir haben immer auf ihre U e b e r I a st n n g hin- gewiesen, aber Herr Möller, der ja die Beamten jetzt als ihr Chef kennen muß, behauptet, daß sie ans Faulheit und Nachlässigkeit nicht T h a t s a ch e n. sondern A n s ch a» u n g e n geben. Blanke Ziffern ohne Raisoiinements haben gar keinen Wert. nur durch die lebendige Darstellung, durch den Vergleich mit andren Zuständen ist es möglich, socialpolitisches Material zu schaffen. Des- halb wollen tvir ja keinen z n s a m in e n g e s i e b t e n Auszug, sondern die O r i g i n a I b c r i ch t e, mit denen es in Preußen sonderbar beschassen ist. da ja nicht die Belichte der Gewerbe-Jnspektoren uns vorgelegt werden, sondern die vo» den Gewcrbcräten znsammcngestcllteii und gestrichenen Berichte. Das Register genügt uns nicht, es ermöglicht nicht, den Inhalt der Berichte so zu prüfen, wie es notwendig wäre. Mustergültig ist nur das Register des preußischen Berichts. Auf dein Gebiete der G e w e r b e- A n f s i ch t i st P r e n ß e n' a m r ü ck st ä n d i g st e n. Scheinbar besteht der alte Erlaß des Herrn Berlepsch von 1895 noch zu Recht, der den Beamten verbietet, mit den Arbeiterorganisationen in Verbindung zn treten. Sollte ich mich irren, wird mich ja der Herr Staatssekretär reltificieren. In andren Bnndcsstnaten halten es die Aiifsichtsbeamten für ihre Pflicht, sich mit den Arbeiterorganisationen in Verbindung zu setzen. An dem Kongreß der Ver- trauenSlente der Gewerkschaften in Württeni- b e r g haben alle württembergischen AufsichtSbeamten teil- g e n o in m e n und eS wurde dort betont, daß die Beamten den Arbeitern einen schlechten Dien st erweisen würden, wollten sie sie in der Fabrik an- reden! es bleibe ihnen vielmehr nichts übrig, als mit den Gewerkschaften in Verbindung zu treten. I» einem Fall hat ein Nnternehiner sich die Ankunft des Gewerbe- Inspektors auf dem Bahnhof sofort telcphonisch melden lassen.(Hört I hört! bei den Socialdemokraten.) Ein solches S p i tz e l s y st e in leisten sich die Unternehmer aus Angst vor den AussichtSbeainten. In Baden haben die Handelskammern auf Anregung der Handelskammer Villingcn sogar eine silsteuiatischc Hetze gegen den Gcwcrbcrat Dr. WöriShoffer unternommen, wie sich ans einem als vertraulich bezeichneten Rundschreiben der Handelskammer Villingcn an die Fabrikanten ergicbt. Sie sehen, wie verständig es ist, daß der Staat seine eignen Gewcrbebeamten schützt nnd fie nicht hindert. das, was ist, öffentlich bekannt zu geben. Ein Mitglied dieses Hanse?. das sich i» Anti-Arbciterfrenndkich- keit auszeichnet. ist der Kollege Schlumberge r. Nach seiner Rede muß man annehmen, daß wir von dem Anlauf von 1891 so himmelweit entfernt sind wie nur jemals. Herr Schlnmberger ist nicht nur ein theoretischer Gegner der Socialreform, sonder», wie aus imwidersprochenen Zeitungsnachrichten hervorgeht, auch ein G e g n e r i n d e r P r a x i s. In einer seiner iiidnstrielleu Uuternehuunigen beträgt im Sommer die tägliche Arbeits- zeit 13 Stunden; nicht nur die erwachsenen weiblichen Arbeiter, sondern auch die Mädchen«nter IK Jahren müssen dort teiliveise bis 8 U h a b e n d s a r b e i t e». Ich bringe dies vor. damit Herr Schlumberger Gelegenheit hat. sich darüber zu äußern. Derselbe Herr Schlnmberger äußerte sich in einer seiner Wahlreden zur Socialreform. bei der Einführung der Geiverbe-Ordnuug habe die Regierung große Fehler begangen. Die AufsichtSbeamten seien mehr Vertreter der Socialdemokratie, als der Regierung. Durch ihr ungeschicktes Vorgehen in den Fabriken hätten sie dazu bei- getragen, Zucht und Pflichtgefühl in der Arbeiterschaft zu untergraben. Das' sind die Ansichten des Herrn Kollegen Schlnmberger. Staatssekretär Graf Posadowsky meinte, er sei nicht ver- antlvortlich dafür, wenn es mit der Socialreform nicht so rasch vorwärts gehe. Er sei nicht verantwortlich für alles, was der Bundesrat beschließe. So sagte er am 23. Januar dieses Jahres; am 17. Januar des vorigen Jahres dagegen erklärte er:„Ihm würde sein Konzept zwar oft gründlich von den verbündeten Regierungen dnrchkorrigiert, aber andrerseits übernehme ein Staatssekretär, der ein Gesetz der verbündeten Re- giernngen hier verteidigt, selbstverständlich auch die volle p o l i- tische V e r a n t w o r t n n g für dieses Gesetz." Diese Aenßcrnng war sehr richtig, Herr Staatssekretär! Aber in diese in Jahre haben Sie vergessen, was Sie im vorigen gesagt haben. Wenn ein Staatssekretär ein Diplomat sein will, so muß er auch ein gutes Gedächtnis haben, sonst kommt er in arge Widersprüche. Diesmal sagte der Staatssekretär, der Bundesrat sei schuld. Neulich erklärte uns Graf Bülow, der Bundesrat habe nichts zu sagen, seine Mitglieder würden an der Strippe gezogen(Heiterkeit links) und hätten nur Ja oder Nein zu sage» nach den I n st r n k t i o n e n ihrer R e- g i e r n n g e n. Der Staatssekretär lehnt also die Vera» t w ortung ab, die Bundesrats Mitglieder haben auch k e i n e V e r a n t w o r t u n g, sie wissen nicht, was sie thun, und von den M i n i st e r n der E i n z e l st a a t e n hat uns der Reichskanzler erzählt:„Dabei haben Sie nicht mit hineinzureden, die M i n i st e r zu ernennen, ist Sache des Königs." Einer versteekt sich hinter dem ander», schließlich bleiben nur die Könige übrig. Gut, wir haben nichts dagegen, wenn Sie die Könige und F ii r st e n preisgeben(Zn- ruf bei den Socialdemokraten: Kngelfang!) für all den Zorn und all' den Unwillen, der erregt worden ist. Sie sind es dann, die das monarchische Gefühl verletzen, Sie verstecken sich hinter den monarchischen Institutionen. Die Könige und Fürsten sind aber nicht hier, wir halten uns an Sie! Vor- läufig steht noch in der Verfassung, daß S i e verantwortlich sind! Und wir machen Sie verantwortlich für das Stocken der Socialreform. für dieses ganze Totschweige- und V e r t u s ch n n g s s y st e in und für die greuliche Miß- Wirtschaft, die heute auf so vielen Gebieten besteht! Was sehen wir? Den Z i n k h ii t t e n- A r b e i t e r n wird der Schutz, der ihnen endlich geworden ivar, wieder auf 27 Monate genommen.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Redner giebt eine Schilderung der traurigen hygienischen Znstäiide. unter denen die Zinkhiitten-Arbeiter leiden. Diese Arbeiter gehen einem früh e» Siechtum entgegen, am Schluß der vierziger Jahre sind sie last ausnahmslos vollständig arbeitsunfähig.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Um den Wirkungen des furchtbaren Zinkstaubes zu begegi'-n, wurde nun in einer Verordnung bauliche Ver» ä n d e r u n g der F a b r i ke n verlangt. Die Verändernngen sollte bis zum 1. Juli 1901 erfolgt sein. Die Frist ist aber bis zum 1. Oktober 1903 verlängert worden. Dabei gehören die Zinkhütte n den notorisch reichste» Leuten!(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Graf Posadowsky teilte nun mit, daß im Bezirk Oppeln Zinkhüttcnbesitzcr die nötigen baulichen Ver- ändeningen bis zum festgesetzten Termin nicht fertiggestellt hätten. Er wird gut thun, die N n in e n der betreffenden Besitzer zu nennen, sonst fällt auf jeden einzelnen der Zinkhütten- besitzcr jenes Bezirks der Verdacht, er habe eS nicht für nötig gehalten, dem Verlangen des Gesetzes nach Verbesserung der grauenhaften Arbeitsverhältnisse seiner Arbeiter nachzukommen. Uebrigcns teilte Graf Posadowsky noch mit, daß der Wider- sprnch gegen die Verordnung ans Preußen gekommen sei. Dann fällt die Verantivortlicbkeit für jenen Antrag beim Bundesrat auf den Hand eis minist er Möller, denn der Antrag ist datiert kurze Zeit nach dem Amtsantritt dieses Ministers.(Hort! hört! b. d. Soc.) Sind denn Bnndesratsbeschlüsse dazu da, um von jeder beliebigen Unteriichmerwillkür über den Haufen geworfen zu lverden? Das kann das Ansehen des Bundesrats im Volke nicht vermehren.(Sehr richtig I b. d. Soc.)— Ich sprach schon von den vielfachen Ver- giftungen, denen die Arbeiter in den verschiedensten Betrieben ausgesetzt find. Ich will noch einige Beispiele geben. Besonders gefährlich ist die B l e i v e r g i f t ii n g. Spitzen werden niit Bleiweiß verschönt und die Stickerinnen erkranken dann nnBlei- Vergiftung. Es giebt aber einen nngefährlichen Ersatz fiir Bleiweiß, nämlich das Zinnweiß. Wenn man also energisch vorgehen würde, wären die Gefahr für Leben und Gesundheit zahlreicher Arbeiter leicht zu beseitigen.— Ebenso ist die Arbeit der Möbclpolierer gesnndheitsgefährlich. Durch das fortwährende scharfe Hinsehen auf eine blanke Fläch? werden die Augen bald geschwächt. durch das Schmieröl werde bei den Möbelpolierern Panaritinm gc- bildet! es wird von einem Arzt vorgeschlagen, den Arbeitern Gips zur Verfügung zn stellen! der Gips, in den die Hände einzutauchen sind, nimmt das Schmieröl vollständig auf. Diese einfache Maßregel kann doch sehr leicht überall vorgeschrieben werden. Jetzt freilich ist man noch sehr weit zurück. Mir wird erzählt, daß ein Berliner Meister einem Möbelpoliercr. der sich am Montag die Hände wusch. zurief: Was, am Mo»tag wollen Sie sich schon die Hände waschen! dazu ist doch am Sonnabend noch Zeit genug!(Große Heiterkeit bei den Svcialdcmokraten.) Wiederholt haben wir ein Verbot der Fabrikation von Zündhölzern mit weißem Phosphor verlangt. Die bestehenden Schntzvorschriften reichen nicht aus. Die Phosphor- vcrgiftnng führt sehr häufig zur Nekrose, zum Ab st erben der Knochen des Unterkiefers. Nach einer zweijährigen Be- ichäftignng in den Zündholz-Fabriken werden Mädchen und junge Männer davon befallen. Sie erhalten nicht eine» Pfennig Unter- stütznug, weder Unfall- noch Invalidenrente. Die Phosphornekrose wird nicht als Niifall, sondern als Krankheit be- trachtet, nnd die Erwcrbsfähigkcit gilt nicht als vermindert, wenn der Unterkiefer fehlt. Welche Härte für die Opfer, zumal fiir die verunstalteten Frauen!(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Und dabei hat die Wissenschaft für den weißen Phosphor bereits einen Ersatz gefunden. Die Diagnose für die Phosphornekrose ist im Anfang sehr schwer, und die Krankheit wird fast immer erst in einem späteren Stadium erkannt. Auch der G e w e r b e- I n s p e k t o r für P o m in e r n empfiehlt dringend das Verbot der Fabri- kation von Zündhölzern mit weißem Phosphor. Die Schweiz hat dicsVerbot schon vor längerer Zeit ausgesprochen. Ebenso ivie bei uns der Staatssekretär wurde auch damals die schweizer Regiening von den Fabrikanten bestürmt mit der Angabe, die Industrie werde ruiniert. Das ist aber keineswegs der Fall, es ist ein vollgültiger Ersatz für den weißen Phosphor und die bis- hcrigc nngcsnnde Fabrikationsniethode möglich. Das geht ans den Untersuchungen des ProfefforS Lunge in Zürich hervor, der auch im„Berliner Tageblatt" � 1899 einen Artikel darüber veröffentlicht hat. Eine Entschädigung an die Fabrikanten für ein solches Verbot halten wir gar nicht iir notwendig! sondern eigentlich müßten die Unternehmer den Arbeitern, deren Gesundheit sie jahrelang gefährdet haben, eine Entschädigung zahlen. Anders steht es mit den Bezirken, in denen die kleinen HaiiSindiistriellen— wie in Thüringen auf dem Rennsteig— von der Phosphor-Zündholzfabrikation leben. Diese kleinen Untenichmer sollten durch Schaffung andrer Arbeits- gelcgenheit existenzfähig erhalten werden; hier hätte die Regierung Gelegenheit, etwas zn thun, indem sie ettva diese kleinen Hans- i n d n st r i e l l e n genossenschaftlich organisierte. E s ist auch gar nicht schwierig, einen Betrieb, in dem Zündhölzer mit weißem Phosphor fabriziert iverden, in einen solchen umzuwandeln. in dem die Fabrikatton mit einer andren Zündmasse erfolgt. Wir behalten uns einen Antrag vor. der diesen Mißständen abhelfen soll. Noch ein Wort zu dem Antrage des Abg. Rösicke- Dessan betreffend die Arbeitsnachweise. Gewiß sind die paritätischen Arbeitsnachweise ein Fortschritt gegenüber den Ansbentniigsnachweisen, Ivie dem Arbeitsnachlveis der Metall- indnstrien, der Guinmifabriken usw. Diese Arbeitsnachweise scheinen dazu bestimmt, die Arbeiter noch niehr zn zügeln, sie noch mehr klein zu bekommen. Aber auch ein Teil der kommunalen Arbeitsnachweise vertritt nicht die Interessen der Arbeiter,. sondern der U n t e r n e h in e r. Gewisse Arbeitsnachweise ver- letzen die Streikklausel, indem sie dafür sorgen, daß Arbeiter nach den Orten, in denen Streiks bestehen, gebracht werden. Wir verlangen die Errichtung eines Reichs- Arbeitsamts an der Spitze von ArbeitSkanimeru. Aufgabe dieser ist e s auch, einen centralifierten Arbeitsnachweis durchzuführen. Nur dabei haben die Arbeiter eine gleichwertige Vertretung ihrer Interessen.— Wir halten es für niisre Pflicht, immer wieder n»sre Klagen vorzubringen, um die Arbeiter darauf hinzuweisen, daß sie sich auf sich s e l b st verlassen müssen, daß fie sich organisieren. Wir haben teilweise etwas bessere Arbeiterschntz-- Bestimmungen als andre Länder, was aber erreicht ist, ist nur durch das fortgesetzte Tränge» der Socialdemokratie möglich geworden.(Lachen rechts.) Fürst Bismarck selbst hat 1885 zugestanden: wenn die Socialdemokratie nicht wäre, hätten wir nicht den Arbeiterschntz, den wir jetzt haben. Dies Zugeständnis war richtig und die Arbeiter werden innner mehr einschen, daß für sie nichts zu erreichen ist, wenn sie sich nicht in Ge werk- s ch a f t e n organisieren und politisch au die social--. de ni akratische Partei anschließen.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Dasbach(C.) befürwortet folgenden von ihm eingebrachten Antrag: 1. den socialdeinokratischen Antrag, betreffend die Zink- Hütteii-Verordnnng abzulehnen; 2. den Bundesrat zu veranlasse»,, den Beschluß vom 5. Juli 1901, betreffend die Abänderung der am« 6. Februar 1900 erlassenen Vorschriften über die Einrichtung nnd) den Betrieb der Zinkhütten, dahin abzuändern, daß die daselbst den höheren Verwaltungsbehörden eingeräumte Befugnis zu einer Fristverlängerung auf die zur Durchführung der Vorschriften im Z t Abs. 1 und§ 6 erforderlichen baulichen Veränderungen beschränkt wird.— Diese Bestimmungen beziehen sich auf jene größeren bau» lichen Veränderungen, die eine größere Zeit erfordern. Redner er- klärt weiter, seine Fraktion könne dein Antrag Lenzmami, betreffend die Feuerbestattung, aus religiösen Gründen nicht zustimmen. Gcheimrat Türk: Ter frühere preußische Handelsminister hat sich nnr sehr ungem entschlossen,«ine weitere Fristverlängerung für das Inkrafttreten der Zinkhültenverordnung beim Bundesrat zn beantragen. Er hat sich dazu genötigt gesehen, iveil sich herausstellte, daß gewisse baulichs Veränderungen bis zu dem zuerst in Aussicht genommener Zeitpunkt nicht hergestellt werden konnten. Es handelte sich zum Teil um voll- ständigen Umbau der Zinkhütten. Es ist aber von vornherein den preußischen Regierungspräsidenten in dem Augenblick, wo ihnew die Erlaubnis' erteilt wurde, die Frist über den 1. Juli 1901 hinaus zu verlängern, auch die Anweisung erteilt worden, von dieser Ermächtigung nur sehr vorsichtig Gebranch zu machen. Den Regierungspräsidenten ist strengstens eingeschärft worden, die Durchführung der Verordnung über die baulichen Veränderungen der Zinkhütten genau zu überwachen und fortgesetzt an den Minister darüber zn berichten. In einer Hütte, die de» Vorichriften nicht genügt hat, ist dieHälfte des Betriebs zwangsweise eingestellt worden. Man kann also nicht behiinpten, daß diel Sache mit leichtfertigem Entgegen- kommen behandelt worden ist, deshalb glaube ich auch nicht, daß die Annahme des Antrages Dasbach von sachlicher Bedeiitnng wäre. Hierauf vertagt das Haus die Weiterberattmg aus Sonnabend 1 Uhr. Außerdem': Kleinere Vorlagen. Schluß 6'/« Uhr._ � UbgeovdnekenhÄUS. 12. Sitzung von, 24. Januar 1902, vormittags 11 Uhr. An, RegierungSiisch: v. P o d b i e l s k i. Die zweite Bcratuug deS EtatS der Domiinenderwaltmig wird fortgesetzt bei Kap. 1 Tit. 3 der Eitinahmen. Abg. Gothci»(frs. Bg.): Der Landwirtschaftsminister sagte gestern, er wolle sich nicht zwischen zwei Stühle setzen. Nu», er hat sich mit einein derartige» Applomb auf den agrarischen Stuhl gesetzt, daß dieser Stuhl nach seinen Reden einen bedenklichen Knacks gekriegt hat.(Große Heiterkeit.) Er hat inhaltlich freilich unendlich wenig gesagt, aber in Angriffen auf große Parteien, die freilich in diesem Hanse nicht sehr stark vertreten sind, hat er Sache» geleistet, die in diesem Hailsc überhaupt noch nicht vorgekommen sind. (Große Unruhe rechts.) Er hat von uns gesagt, wir haßten das platte Land, weil wir dort keinen politischen Einfluß gewinne» könnten.(Sehr richtig! rechts.) Sie genieren sich nicht, das zu rufen!?(Stürmische Unruhe rechts. Beifall links.) Bisher war eS doch in diesem Hause Sitte, niemandem andre Motive nnterzuschieben, als die, zn denen er sich selbst bekannte. Freilich, böse Beispiele verderbe» gute Sitten I(Oho!-Rnfe und große Unnih« rechts.) Wir genießen auf dem platten Lande ein sehr großes Vertrauen.(Lachen rechts.) Sie lachen! Nach der Wahl i» Greifswald-Grimmc» habe» Sie »icht gelacht!(Große Unruhe rechts.) Trotz der beispiellosen Wahlbeeinflnssungen. trotz des Terrorismns, der von Ihrer Seite mit Hilfe der Ämtsvorsteher, der Gemcindevosteher, der ganze» Selbstverwaltung geübt worden ist, haben Sie dort eine eklatante Niederlage erlitten, nnd bei den kommenden RcichStagswahlen werden Sie noch ganz andre Niederlagen erleiden! Wir haben einen sehr großen Teil des platten Landes hinter uns! achten Sie doch auf die Aenßerungcn der Bauer» in Oldenburg, Ostfriesland und Schleswig- Holstein! Ein Großgrundbesitzer meines Wahlkreises hat mehrere seiner Leute deshalb entlassen, weil sie in eine meiner Bersaium- linigen gegangen sind.(Sehr richtig I rechts.— Unruhe.) Auch dies „Sehr richtig!" ivird unvergessen bleiben. Wäre es nicht gewissenlos. wenn wir der Landwirtschaft vorwürfen, ihre Stellung sei diktiert ans Haß gegen die Industrie? Und wie neiineii Sic es. wenn vom Ministerttsch gesagt wird, daß unsre politische Gtcllnng diktiert werde vorn Haß gegen das platte Land?(Minister p. Podbielöki schüttelt fortwährend mit dem Kopf.) Das hat der Minister gesagt, das nagele ich fest!(Große Unruhe rechts.) Dann hat er freilich de» beispiellosen Mut gehabt, die Sache schleimigst dahin einzuschränken, er habe nicht die Herren. in diesen, Hanse gemeint, sondern die draußen. Ein der-- artiges Zurückziehen bei einer Ilntcrstcllnng unerhörtester Art gegen eine Partei beweist eine Sorte vo» Mut, um die ich den Minister nicht beneide.(Erneute lebhafte Unruhe rechts.) Da ziehe ich doch de» ehrliche» Kampf vor!(Lärm rechts.) Der Minister meinte weiter, mit der Theorie locke man keinen Hund von, Ofen. Nim, Bamberger hat einmal gesagt:„Praxis nennen Sie das, was Sie nicht beweisen können und Theorie das. was Sie nicht widerlegen können." Verdankt die Landwirt- schaft ihre Höhe nicht in erster Linie den Ergebnissen der theoretischen Forschung? Redner fordert im weiteren di«. Vorlegimg einer allgenieinei, landwirtschaftlichen Statistik. Ter Rück- gang der Domänenpachten beweist nnr, daß in früheren Jahren die Pächter sich in Bezug auf die Rentabilität übertriebenen Hoffmmgc» hingegeben haben. Warum der lebhafte Widerspruch gegen die Be- Häuptling, daß die Landwirschaft kavitalistisch betrieben wird? Ver- pachten ist doch ein kapitalistisches Gewerbe. Brächte die Landwirt- schaft nichts ein, so würden sich überhaupt keine Pächter finden. Der bäuerliche Kleinbesitz ist gerade in der Zeit der höchsten Getreide- preise zunickgegangen. Hohe Gctreidezöllc drücken insbesondere die Lage der Arbeiterschaft nieder. Wollen tvir eine leistungsfähige Arbeiterschaft haben, so müsse» wir nicht nur für hohe Löhne sorgen. sondern auch für billige Lebensmittelpreise. Redner weist nnssührlich fiir eine Reihe von Gemeinden nach, daß eine Hebung deS landwirtschaftlichen Kleinbetriebs sich nur erzielen lasse durch«crinindcruuj, des Körnerbans, Verinehrinig des Anbaues von Futtermitteln und der Viehzucht, daß somit der kleine Laiidwirt gar kein Jnleresse habe an erhöhte» Getreidezöllew Prnsidcnt v. Kröcher(unterkirecheiid): Ich hoffe, daß Sie uns diesen Beweis nicht für sämtliche Gemeinden der Monarchie erbringen werden.(Große Heiterkeit rechts.) Abg. Gothci»(frs. Vg., fortfahrend): Das werde ich selbstverständlich nicht thun•, ich habe Ihnen bloß eine kleine Bliitcnlcse vorgetragen.(Lachen rechts.) Ich habe aller- dings noch viel mehr Material und iverde es Ihne» gern vor« tragen, wenn Sie es wünsche».(Lebhafte Protestrnfe rechts.) Wir haben die feste Uebcrzengnng. daß die kleinen Bauern durch hohe Getreidezölle anfs schiverste geschädigt werde». Des- bald leisten wir Widerstand gegen den Zolltarif-Entwurf. Wir werfen Ihnen nicht vor. daß Sie das Brot verteuern ans Haß gegen die industrielle» Arbeiter, aber wir können dann auch bc- ansprnchen. daß Sie auch bei uns die volle Ehrlichkeit der Ueber- zengung anerkennen!(Lebhafter Beifall links.) Präsident v. Kröcher: Ich bin nicht in der Lage, eine Zolltarif- Debatte hier ab- zuschneiden: ich muß anerkennen, daß nach meiner Auffassung aller- Vings die Erträge der Domänen von der Gestaktniig des vorgelegten Zolltarifs abhängen. Ich möchte Ihnen aber doch'anheimstellen, die Zolllarif-Dcbatte hier nicht allzusehr auszudehnen. Abg. Frhr. v. Wangenheim(!.): Höhere Getreidepreise steigern auch die landwirtschaftliche Pro- dnltion. Für die Herren von der Linken ist alles nur Handelsobjekt: für sie hat ein Stück deutschen Bodens nur die Bedeutung einer alten, abgetragenen Hose, die von einer Hand in die andre geht. lLebhaster Widerspruch links.) Der Landwirt ist heute nicht mehr in der Lage, irgendivelche Ausgabe» für Meliorationen usw. zu machen. Bei sinkenden Getreidepreiscn ist es nicht möglich, dem Arbeiter ans dem Lande höhere Löhne zu geben. Daß die Landwirtschaft unter den heutigen Verhältnissen nicht weiter existieren kann, steht außer Frage. Das liegt nicht»nr an der Konkurrenz des Ans- lnndes. sondern auch an dem Arbcitennangcl auf dein Lande, der wesentlich herbeigeführt ist durch die bisherige einseitige Förderung der Industrie. Deutschland steht vor der Entscheidung: Soll es aufwärts oder abwärts gehen? Von der Gestaltung des Zolltarifs hängt die ivirtschaftliche»nd politische Zukunft Deutschlands ab.(Lebhafter Beifall rechts.) Landlvirtschnftsminister v. PodbielSki: Meine gestrigen Worte haben in der Presse und in der Rede des Abg. Gothein eine wunderbare Dentnng gefunden. Diese Deutung trifft absolut nicht zu. Sie(nach links), ihre Partei habe ich wahrlich nicht gemeint, es hat mir nichts ferner gelegen; sondern ich hatte die Anträge im Reichstage im Auge, wonach den Grundbesitzern für jedes Hektar eine bcstinnnte Abgabe von dem Nutzen der Zollerhöhnngcn auf- erlegt werden soll. Man sollte doch annehmen, das seien ernste Leute, im Reichstage werden doch nur ernste Anträge eingebracht! Sie kennen mich ja, warum wollen Sic mir solche Unterschiebungen machen, als wenn ich Sie als— ich weiß nicht ivas— ansehe. Mir liegt nichts ferner, als jemand vorzuwerfen, er ivärc nicht königs- treu: sondern ich bin überzeugt, Sie stehen mit mir auf dem Boden der Verfassung und des ganzen Staatslebens. Sie halten mit mir unsre ganzen Verhältnisse für gut»nd gesund, und die praktische Mitarbeit daran macht Ihnen Freude.(Heiterkeit.) Es handelt sich um politische Macht- frage»: es ist der Socialdemokratie bis zu diesem Moment nicht gelungen, in ländlichen Kreisen Fortschritte zu machen. Ich habe nu rauf die ganze Bewegung der Socialdemokratie hinweisen ivollen, alles andre hat mir— das erkläre ich offen und rund heraus— ganz ferngelegen. Ich habe stets init offenen Karten getochte». Mein Ziel ist, durch Hebinig der Landivirtschast der In- dustrie einen gesunden Heimatsmarkt zu schaffen.(Beifall rechts.) Abg. Dr. Barth(frs. Vg.): Glaubt der Landivirtschaftsminister wirklich, den heimischen Absatzmarkt stärken zu können dadurch, daß man die Konsumtions- fähigkeit der Bevölkerung einschränkt? Denn darauf läuft doch die ganze� Zollpolitik der Regierung hinaus, indem sie alle Lebensmittel verteuert. Amerika hat keine künstliche», sonder» natürliche Preise für Lebensmittel. Die Lebensmittel sind dort wesentlich jbilliger. und das ist ein Hauptgrund für die erstaunliche Absatzfähigkeit der ameriranischen Industrie auf dem inländischen Markte. Der Landivirtschaftsminister meinte, die Socialdemokratie habe mcf dem platten Lande noch nirgends Einfluß gewinnen können. In Mecklenburg, diesem agrarischen Lande, und in Ostprenstcn aber nimmt die Soeialdemokratic in stanncncrrcgendcr Weise zu. Wenn die Zollpolitik der Regierung zur nächsten Wahlparole bei den Reichstagsivahlen werden sollte, so würde diese Zunahme noch iveit größer werde». Indem meine Partei sich ebenfalls der Interesse» des arbeitenden Volkes annimmt, ist sie es allein, die der social demokratischen Agitation noch einigermaßen einen Damm entgegen- gesetzt.(Lachen rechts.) �jn Schweinitz-Wittenberg ist es uns' ge lungen, durch sachgemäße Aufklärung auch' der ländlichen Wähler dem Einfluß der Großgrundbesitzer entgegen zu treten. (Zuruf rechts: Was kostet das?) Das kostet' ein großes Stück Arbeit(Lachen rechts), aber dadurch ist es mich gerade auf dem platten Laude und in den Dörfern geglückt, den Bauern zum Bcr- ständniS zu bringen, wie sehr sie durch die Bestrebungen des Bundes der Laudtvirte geschädigt werden. In England ist der Bauernstand ruiniert gerade zu einer Zeit, als man die Getreidepreisc künstlich in' die Höhe schraubte. Herr v. Waugenheim behauptet, unsre Partei vertrete beim Zolltarif die Interessen des Auslandes. Das ist wirklich eine Zumuluug an den Unverstand der Massen, wie sie demagogischer kaum gedacht iverde» kann. Woher sollte denn unser Interesse am Auslande kommen? Die agrarische Polilit aber läuft auf Ziele hinaus, die dem Vaterlaude nur schaden können.(Lebhafter Beifall links.) Abg. Engclbrccht(fk.) bestreitet, daß die ostfriesischen und schleswig-holsteinischen Bauern Gegner des Zolltarifs seien. Abg. Graf Limburg- Stirum(k.): Was nutze» billige Brotpreise, wenn die Arbeiter sie nicht be- zahle» können? Auch in Amerika sind die Lebensmittelpreise nicht niedriger als bei uns, weil die Amerikaner mit großem Geschick ihre überschießende Getreideprodnktion aus dem Lande herauszubringen verstehen. Herr Dr. Bartb hat seine Partei als einen Damm die Socialdemokratie bezeichnet. Freilich, diese Herren sich von der Socialdemokratie bei den Wahlen stützen, sie selbst stimmen für die Socialdemvkraten. sie die Wahl haben zwischen solchen und den Konservativen, und wenn die Sache zum klappen kommt, werde» sie mit einem Fußtritt für ihre Hilfe von der Socialdemokratie belohnt. Wenn einst die Socialdemokratie aufs platte Land kommen sollte, wird auch den Herreu Freisinnigen nichts andres übrig bleiben, als hinter uns herzulaufen.(Lebhafte Oho-Rufe links. Beifall rechts.) Auch wir wünschen den Abschluß von Handelsverträgen, aber schließlich könnten lvir ohne Handelsverträge ebenso gut existiere» wie irgend eine nndere Nation. Im Auslände beruft man sich überall auf den berühmten Dr. Barth.(Heiterkeit rechts.) Ich will Dr. Barth keine NN patriotische Absicht unterlegen, aber in der Praxis kommt es darauf hinaus, daß er unsre inneren und auswärtigen Interessen loesentlich schädigt.(Lebhaftes Bravo! rechts.) Abg. Ehlers(frs. Vg.): Ans dem Znstandekommen des Zolltarifs demokratie außerordentliches Kapital schlagen: die Socialdemokratie, indem lvir den Das Studim» des Auslandes kann uns mir nützlich sein. Abg. Hirt(k.): Auch die schlesischen Bauern verlange» höhere Zölle. Damit schließt die DiSlnssion: der Titel wird bewilligt. Die fortlaufenden Ausgaben des Etats werde» b e- willigt. Die weitere Beratung wird auf Sonnabend 11 Uhr vertagt. Schluß 4'/, Uhr. gegen lassen unter- iveiin würde die Social- lvir bekämpfen also Tarif bekämpfen. NÄvtei-NAchvitszte«. Im socialdemorr<»tischen Berein in Frankfurt a. M. wurde berichtet, daß sich die Reorganisation, die im Frühjahr v. I. be- schloffen worden ist, trefflich bewährt habe. Im Laufe des ver- flosscnen Jahres wurde» 57 Vcrsammlnngcu abgehalten und 120 000 Flugblätter verteilt. Die Zahl der Vereinsmitglieder beträgt jetzt 1138 gegen 900 am Beginn des Berichtsjahres. Die Einnahmen betrugen 10 781 M. Der jetzige Kassenbestand 826 M. An die Hauptkasse in Berlin wurden 1500 M. gezahlt, dem Wahlfonds 4100 M. überwiesen. In den beiden, der Agilationskommission in Frankfurt unterstellten ländlichen Kreisen wurden 2344 M. aufgebracht. „Wer andern eine Grube gräbt." Das verwerfliche Mittel der Saalabtreiberei, das von unsren Gegnern allenihalben noch gegen uns geübt wird, iveil sie nicht im stände sind, die Social- demokratie geistig zu überwinden, hat sich jetzt an den Kartellparleien im 10. sächsischen Reichstags-Wahlkreise bitter gerächt. Dort ist der Wahlkampf im vollen Gange, am 28. Januar ist die Ersatztvahl und mm mußten sowohl die Konservativen wie die Nationalliberalen er- fahren, daß die Gastwirte auch ihnen vielfach die Säle bertveigern So weigerten sich in Roßwein sämtliche Saalbesitzer,[den National> liberalen ihre Lokale zu einer Versammlung zu überlassen: nur mit Mühe und Not erhielten sie nach langem Drängen den kleineu Ratskeller- Saal. In Marbach bekommen die National- liberalen bis zur Stunde keinen Saal, außer sie gehen dort- hin, Ivo die Socialistc» sonst tagen. Die Konservativen mußten im gleichen Orte dem Wirte erst völlige Redefreiheit für alle Parteien zusichern, sonst hätte Herr Sachße seinen Vortrag auf einem Kartoffel nckcr halten können. In GeringSwalde müssen die Konservativen und Nationalliberalen die Gastfmnidschaft jenes Wirtes in Anspruch nehmen, bei dem sonst nur der.Umsturz" verkehrt. In Hartha erhielten die Konservative» nur mit Ach»nd Krach die Zusage eines Wirtes, der seinen Saal den Socialdemokraten nicht zur Verfügung stellt. Unsere Genossen ersuchten de» Wirt, wemgsteus zur Bedingung zu machen, daß Redefreiheit geivährt iverde. Der Wirt zog aber aus irgend einem Grunde vor, den Konservativen den Stuhl vor die Thüre zu setzen. Pvlikctliches, Gcrichklichc» uftv. Der politische Tanz. Der socialdemolratische Verein Neuen Hagen, dem Berliner Borort an der Ostbahn, wollte am 11. August 1901 ein V a k l f e st, verbunden mit Konzert, abhalte». Das Fest wurde vom Amtsvorsteher ivegen der voraussichtliche» Beteiligung von Frauen verboten. Der AmtSvorstcher berief sich auf den dritten Absatz des§ 8 des Vercinsgesetzes, wonach Frauen au Versamm- lungen und Sitzungen der dort genainiten politischen Vereine nicht teilnehmen dürfen. Nach vergeblichen Beschwerden beim Lmidrat und beim Regierungspräsidenten zn Potsdam klagte der Vcreinsvorsitzende, Genosse Brettschneider ans Petershagen, beim Ober-Verwaltuugsgericht. Sein Anwalt, T h. Liebknecht, machte im wesentlichen gegen das Verbot dieselben Gründe geltend, die Dr. Karl Liebknecht (siehe„Vorwärts" vom letzten Sonntag) in der Sache Oehlling geltend gemacht hatte, auf die das Gericht aber wegen der formellen Erledigung jener Sache nicht eingegangen war.. Das Bereinsgesetz sei nickt verfassungsmäßig zn stände gekommen, ij 8 verstoße gegen den Artikel 30 der preußischen Verfassung, indem er Frauen, Schüler und Lehrlinge von der Teilnahme an politischen Vereinen ausschließe. und schließlich lasse sich 8 8 logisch nur so dciitcn, daß unter Ver- samnilungcn. an denen Frauen nicht teilnehmen dürften, ans keinen Fall rein dem Vergnügen geividmete Veranstaltungen politischer Vereine zn verstehen seien. Das Ober-Ver»valt»ng?gericht wies jedoch die Klage ob. Der Vorsitzende Tcchow sübrle begründend ans: Der Kläger gehe davon a»s, daß§ 8 des Vercinsgesetzes verfassungswidrig und des- halb unverbindlich sei. Dieser Einwand sei neu und eigenartig, mehr aber auch nicht. Nach§ 106 der preußischen Verfassung stehe nur de» Kammern(Landtag und Herrenhaus), nicht aber den Be- Hörden die Rachprüsmig der Rechtsgültigkeit gehörig verkündeter königlicher Berordmmgen zu. Daraus gehe hervor, daß die Ver- vrdnnng betreffend das Vereins- und Versammlungsrecht von jeder richterlichen Nachprüfung in Bezug ans die Vereinbarkeit mit der Verfassimg ausgeschlossen sei. 8 8 Absatz III des Vercinsgesetzes schreibe nun vor, daß Francns- Personen, Schüler und Lehrlinge an Versammlungen»nd Sitzungen von politischen Vereinen im Sinne des K8 nicht tcilnchmen dürften. Dici� Vorschrift lege der Gerichtshof dahin ans, daß sie sich beziehe nicht bloß ans Versammlungen, die der Erörterung politischer Gegen- stände dienten, sondern auch ans f e st l i ch c Veranstaltungen politischer Vereine: ans Bälle, musikalische Ver an- st a l t u n g c n, L e s e a b e n d e mit Damen usw. Nach Wortlaut und Entstehnngsgcschichle des VcreinsgesctzcS in dcn frag- lichen Bestimmungen habe der Gesetzgeber gewollt, daß Frauen weder aktiv noch passiv an der Agitation politischer Vereine teilnehmen und auch nicht ein Mittel für ihre Zwecke sein sollten, wie sie es w ü r d e n, wenn sie an F. e st l i ch k e i t e n politischer Vereine teilnähmen, um diese z n ver- schönen, zu verherrlichen, sie anziehender z n gestalten und so den: Verein neue Freunde g e- >v i n ii e n zn helfen.— Was einen andren Einwand des Klägers angehe, so habe das Gericht bereits anerkannt, daß andre Veranstaltungen politischer Vereine, als Versannnliiiigeii, die der Erörterung politischer Angelegenbeiteii dienten, nicht auf Grund dcSVereinsgcsetzes überwacht werden könnten. Wenn aber der Kläger daraus schließe, daß in 8 8 Absatz 3 unter Abgeordneten der Obrigkeit nur solche zn verstehen seien, die das Verein sgesctz besonders zur Ileberwachung von Versainmlnnßcn befuge, und daß deshalb lediglich Versammlungen und Sitzungen mit politische» Zlvccken unter§ 8 Absatz 3 fielen, nicht aber Fest- lickkeiten. dann sei daS ein falscher Schluß. Jene Annahme iverde schon dadurch widerlegt, daß§ 8 neben Versammlungen auch Sitzungen nenne, in welche doch die Obrigkeit Abgeordnete regelmäßig nicht schicken könne. Aus den allgemenie» Anfgnben der Polizei folge, daß sie nnter Bcachlnng des Gesetzes zum Schutze der per- sölllichen Freiheit überall, wo Menschen sich versammelten, Ab- geordnete hinschicken könne, wenn ein genügender polizeilicher Anlaß vorhanden sei. Das wäre zweifellos der Fall, lvenn eine Versamm- lung eines politischen Vereins unter Teilnahme von Frauen statt- finde, da ja die Teilnahme von Frauen gesetzwidrig sei. Die Polizei könne dem entgegentreten, n»d zwar brauche sie nicht zu warten, bis die Gesetzwidrigkeit entstanden sei: sie könne auch präventiv(vorbeugend) solche Gesetzwidrigkeit im Hinblick auf das Gesetz verbieten.' Vorliegend sei ei» Ball angezeigt geiveseu, ohne Teilnahme von Frauen sei ein solcher nicht möglich, also recht- fertige sich das Verbot. Politische Vereine dürfen also danach in Preußen keine Bälle abhalien, Ivcil Frauen, ohne die der eingefleischteste Preuße sich keinen Ball dcnleii kann, den politischen vereinen nicht als Mittel zum Zwecke dienen dürfen. Konscquenterweise müßte es den Frauen min auch verboten werden, auf andre Weise Propaganda für einen politischen Verein unter den Männern zu machen. Angesichts dieser kunstfertige» Anslegnng des Gesetzes durch die heutigen Richter könnte man sich beinahe mit den Leuten und Zeiten befreunden, denen wir das Gesetz verdanke»: ein solcher Reaktionsgeist, wie in dieser Entscheidung, athinet im Gesetze selber thatsächlich nicht, - Zn scchö Monaten GrsängniS wurde abermals, wie tele- graphisch berichtet wird, Genosse Bredenbeck in Dortinmid ver- iirteilt. Die noch nicht verbüßten drei Monate wurden eingerechnet. Er soll wieder Gendarmen und Schutzleute beleidigt habe». — Gegen die 88 1 und 12 deS BercinSgesetzeS sollte der Genosse Horster in Krefeld sich vergangen haben. Hörster hatte als Vorsitzender eineS aus sechs Personen bestehenden Wahlkomitees. welches die Vorbereitungen zu de» Stadtratswahlen zn treffe» hatte die Sitzung deS Komitees nicht bei der Polizei angemeldet.'tSni DaS Schöffengericht verurteilte ihn deshalb zn 15 M. Geldstrafe. Auf seine Berufung hin sprach ihn die Strafkammer in Krefeld frei. In der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende ans, ob eine Zu- sammenkunst von 6 Personen schon eine Versammlung im Sinne des Vereinsgesetzes sei, wäre vorläufig noch eine offene Frage, weil die Meinungen der Juristen hierüber anseiuandergingen. Die Frei- sprechnng gründe sich darauf, daß das Thema, welches in der betreffenden Sitzung behandelt tvorden wäre, keine öffentliche Angelegenheit sei, so eng begrenzt der Raum für diesen Begriff auch gezogen sei. In der Sitzung hatte man über den Termin, der Offenlegung der Wählerlisten und Einsichtnahme derselben diskutiert. Der Verteidiger stellte dem Vertreter der Polizeibehörde die Frage, ob auch die Sitzinigen der bürgerlichen Parteien überwacht würden. Da sprang aber der Staatsanwalt wie von der Tarantel gestochen auf, und widersetzte sich der Beantwortung dieser Frage. Er hatte seine guten Gründe, denn in diese Sitzungen kommt kein Polizeibcamter, das Gesetz schadet»nr dcn Socialdemokraten. — Ter ursächliche Zusammenhang in der Polizeipraxis. Der Wahlverein in Geschwenda in Schwarzburg-Sondershansen. wo den Mädchen das Kneipen verboten ist. war ans seinem einzigen Versammlungslokale hinansgeivorfen worden. Es>var dein Wirte zum Bewußtsein gebracht worden, daß sein Verhältnis zur Polizei darunter leiden könnte. Nachdem so der Verein obdachlos gemacht worden, wird er vom Landrat verboten, weil er— k e i» Versammlungslokal Habel Die Geschtvendaer thun aber der Polizei doch nicht den Ge- fallen, sich auszulösen; sie gehen einfach über die Grenze nach dem etwas angeröteten Gotha und dort hat ei» fürstlich jondershäusischer Lmidrat nix to scggen._ Briefkasten der Redaktion. fschoppmi. Ist uns leider nicht bekannt. alle. Die Adresse ist: Stuttgart, GewerkfchaftShauS, Eblinger- stratze. A. B. Es kömieii verschiedene Methoden zur Zerkleinerung angewendet werden. Diese richten sich aber stach der Art und Grobe deS Steines.'Am besten thun Sie, sich unter Mitnahme desselben an das Bureau der Stein- arbeiter, R i x d o r f, Bergstr. 30/31, zu wenden. H. F. 41. Es ist das.Bennügen anzugeben, das die Ehesrau in die Ehe eingebracht oder während der Ehe envorben hatte. Was während der Ehe durch geniciniauie Arbeit erworben ist, ist Eigentum des Mannes.— K. BC-. 3. Zeugengebtihre» haben Sie nicht zu beanspruchen. Um die Klaae brauchen Sie sich, falls Sie mit der Legitimiernng einverstanden sind, nicht zu Muimcrn Wollen Sie die Kosten veriueidcn, so inüfiten Sie den Klage-Ausprilch ausdrücklich anerkennen nnd den Antrag durch eine» Anwalt stellen lassen, die Kosten dem Kläger aufzulegen.— Zimmermann 00. Leider kau» die Invalidenrente nicht erhöht werden.— G. 38. 1.11.2. Ja. — D. B. 100. Sie»itihten sich mit dein Antrage um Auskunft an das Amtsgericht in Steltin wenden.— Müller, Schlestschestraste. Ja. denn das Urteil bleibt 30 Jahre lang vollstreckbar.— N. Z. 100. Leider ist die Kasse im Recht, wenn Ihre Frau über 21 Jahre alt ist. Ihre Frau sollte zahle» und schleunigst auf dem im Statut vorgeschriebenen Wege ihren Austritt erklären. B. M. Eine beglaubigte Vollmacht kann gefordert werden.— Osten 04. Etwa drei Marl.— H. G., Hayna«. Ja. P C. 30. Nein.— W. N. Auf Vorstellung werden Ihnen, auch wenn Sie nur einer Kasse angehören, ungefähr 6 bis 10 M. belassen. Gehören Sie zwei Kassen an, so wird Ihnen daS belassen, was Sic van der freien Hilfs- lasse zu beanspruchen haben.— E. P.?0. Die Reklamationsfrist ist leider verstrichen. Sie können aber mit Aussicht a»f Erfolg unter Dar- legnng der Verhältniste Herabsetzung beantragen.— Wette 7. 1. Wenn die Forderunge» nach dem 31. Dezember 189» fällig geworden sind, in vier Jahren vom Ablaut des Jahres ab gerechnet, in dem die Fälligkeit eintrat. 2. Ja, aber die Frau kann intervenieren. 3. Ei» gerichtlicher oder notarieller Vertrag ist ratsam. 4.-6. Ja.— W. L. 70. 60 Prozent des ortsüblichen Tagclohns.— W. W.. Rixdorf. Nein.— W. Z. Nein. Wiileriinasüberstcht vom 24. Januar>902, morgen» 8 Uhr. Stationen Haparanda Petersburg 754 S5Ö Cork Abcrdee» Paris Weller-Progiioie für Sounabend. den 28. Januar 1002. Zunächst etwas wärmer, vorwiegend trübe mit Regensällen»nd zieiülich starken südwestliche» Winden: später ansklarend und etwas kühler. Delltscher DolzartieLw-Uerbattd. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege 78/1 Tiietllor Reuss (Drechsler) am 22. d. M verstorben ist. Tic Be- erdigung findet am Sonntag, nachm. 4 Uhr. von der Leichenhalle der Bartholomäus- Gemeinde in Falke» bcrg aus statt. Ilm rege Betelligung ersucht Die OrtSverwaltuiig. Für die innige Teilnahme nnd zahlreichen Kranzspenden bei der Bc- erdigung meines lieben Mannes und lillsres gulc» Valero Jnllu» Bouecke sagen wir unser» besten Dank, ius- besondre dem Mäuiierchvr„Nord- Ost" für den Gesang am Sarge des Heimgegaiigeueu. 100b Witwe Bruecke nebst Kiiideru. CeitM-Kriurftl!-«. Stkrbe- Mt der Tischler n, andrer geloerdlicher Arbeiter Ortsveiwsllung Berlin C. S o>> II tag. den 20. Januar er., vormittags 10 Uhr bei Kluiiike, Bülowstr. 59: Mlitder-PttsamisW. TageSordniiiig: 1. Kassenbericht vom 4. Quartal 1901. 2. Verschiedene Äasseuaiigelcgeiihcitc». Die OrtSverwaltuiig. Die Mitglieder werden ersucht, zahl- reich mid pünktlich zu erscheine». Mitgliedsbuch legitimiert! 182/2 Di« Kollegen, welche sich zur �i-I»eItnI«s,e,».ZKi41,1,inx habe» einschreiben lassen, versammeln sich Sonntag früh 7lU Uhr bei Herrn IVInd, Weiustr. 11. 225,4 sstiiwl-Kmktll-«. Sterbt- Küsst her Tischler ic. (E. H.-K. Nr. 3 Hamburg) VeR�viiltiiiix Itcrlin<•'. Bloutag. de» 27. Januar 1002 abends 8 Uhr findet in.Vl olir» FcstsiUen Fruchistr. 3Ca Mitglieder-BechlklnsilW statt. Tagesordnung: 1. Kassenbericht vom IV. Quartal 1901. 2. Verschiedene Kasseiiangelegen- heilen. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Sprechstiiiidcu des Bevollmäch- tigcn und Kassierers fallen an diesem Abend aus. III« OrtsvcrwnUung'. Achtttttg! Sterliekasse für Frauen von Mi(gliedern der Ceutral- Kvaukcn- und Sterbe-Kasse der Tisebler n. andrer gewerblicher Arbeiter. Im Anschliife au obige Vcrfamiii- lung findet eine Mitglicder-Ber saminluiig statt. T a g e ö- Ordnung: Bericht von der Gcireralvirsaiiimlinig. Das'Mitgliedsbuch legitimiert. «)____ I» O. Dr. Simme.1, pniumtr. ss. Specialarzt für 3/18« Hant- und Harnleiden. 10-2. 5-7. Sonntaas 10-12. 2-4. Jtdenilm CchiltllzMm ohne jede VorkenntnlKMe vor Publikum. HiKKllngcn im- inögjieli. Bichel, Liebknecht, Lassalle in Lebensgrössc. Muster 80 Pf. 1 Dutzend 7,—. Jedermann SchiiellniodeUenr mit de» Gesamt- Modellen 3,50 M. 6/11» Kotier». 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Easino- Theater. Weihnachten. Mädchenjager. Specialitäten-Bor- stellung. Anfang 8 Uhr. Passage- Theater. Specialitäten- Vorstellung. Anfang nachmittags b Uhr. Passage- Paiioptltnin. Speciali- täten-Vorstilliing. Reichshalle». Siettiner Sänger. Ansang 8 Uhr. Palast. Lpecialitälen-Vorsiellttng. Großstadtzauber. Ans. 7 Uhr. Urania. Tanbeustr.(Im Theatersaal.) Abends 8 Uhr: Frtihlmgstage an der Riviera. Jiivalibenstraste 57/03. „Die Goldfelder Alaskas im Klondike-Gebiet. Anfang 8 Uhr. Urania. Tauben-Strasse 48/49. Im Theater um 8 Ilhr: Friilllingsfage an der Riviera liiTnlldcnstr. 57/OS. Um 8 Uhr: Die Goldfelder Alaska« im Klondlke-Geblet. Uns Panopticum Friedrlch-Strasse 1S5, Senü Der bedeutendste Krafdurner «ler Welt, der Berliner Alex Meyer'HW Phänomenale Muskulatur! Ctiittlii-Thtlltkr. Heute SonnabUld, nachmittags 3 Uhr, halbe Preise: Ensemble-Gastspiel(Dir. Ieitzt: Heruiann und Dorothea. Zum Schlich: Die Laune des Verliebten.— Abends T/2 Uhr: Das fuße Mädel. 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Mt VI, 3397. 982K* Warne hiermit, meiner Frau etwas zu borgen, da ich für nichts anf- tominc. A. Wagner, Wienerstrabe 16, 2 Treppen._ 191 b RechtSbnremi. Unfallsachen, hat- erteilnng Linienstrasse 36._ 136/15 Laribenland, Rute 35 Pfennige, vervachiei Schankivirt Hermann Lie- wald, FriedrichSberg, Pfarrstrabe. RechtSviirean„Moabit" Ouitzow- strabe 118. 82b* Vermietungen. -Limmer. Bncherankauf zu höchsten Preisen. Epstein, Markgrasenstrabe 101. flM/l* Altes Gold. Silber laust Brunnen- Krabe 137, Uhrmacheriaden. 78b* Möbliertes Vorderzimmer mit guter Be.'östigung, zwei Her ren, Woche 11 Mark. Mantenffelstrabe 92, IV, Grobe. i 20 Zwei gross« schöne Vereinszimmer mit Pianino empnehlt Paul Litfiu, Warschauerstrasse 61.-ftztz» Sohinfst«»"«»- SchlaffirUe. separat, 7,50. Grüner Weg 70, vorn lU li»2S._ 8nb Kleines Zimmer ist als möblierte - Schlafstelle zu vervlieten Oranien- strabe 186. Hof II rechts._ t20 Vessere möblierte Schlafstelle, Slalitzcrstrasse 2Sa, vorn III, Jentsch. 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Morgen ist der letzte Sonntag, wo die Wähler listen in den Vororten znm Teil eingesehen werden können. Die Parteigenossen wollen daher den hentigen Sonnabend z» fleißiger Agitation be nutzen, damit die Wähler sich ihr Wahlrecht sichern. Wirtschaftlicher Wochenbericht. B e r l i«, de» 24. Januar 1902. Nachdem ihm so manche andren Autoritäten mit aiifmiinterndein Beispiel voraufge-tanqcn sind, hat nun auch Excellenz Möller der Aerlockung nicht zu widerstehen vermocht, sich öffentlich in der Rolle einer därtiqen Pythia zu produzieren und den Teilnehmern am Stiftungsfest des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißcs das baldige Ende der gcgcmvärti'gen Krise zu verkünden. Hätte Herr Möller seine Rede vor acht oder vierzehn Tagen gehalten, sie würde in der damaligen Hanssestimmung der Börse der Spekulation einen prächtigen Anlah geboten haben, unter Hinweis auf die bei einem preußischen Handclsministcr unzweifelhaft anzunehmende prophetische Begabung die Kurse noch um einige Prozent höher zu treiben. Aber Herr Möller ist zu spät gekommen; die zurückhaltende Tendenz der Börse, die sich schon au den lehtcn Tagen der vorigen Berichtslvoche bemerkbar inachte, hat inzwischen noch um etliche Grade zugenommen, und so vermochte sein Orakel, obgleich es entschieden weit weniger an delphischer Vieldeutigkeit leidet, wie so manche Auslassungen andrer Handels- und Finanz grösjeu, nicht mehr zum fröhlichen Knrsauftrieb zu reizen. Was sich schon vor vierzehn Tagen voraussehen ließ, hat in zwischen seine Bestätigung gesunden. Die von gewissen Interessenten. kreisen künstlich entfachte Spekulationslust hat doch nur einen kleinen Teil des außerhalb des Kreises der professionellen Spekulation stehenden Publikums mit fortzureißen vermocht; die weitaus größte Masse der umgesetzten Papiere ist von der zimstigeil Spekulation selbst anfgenonimen ivorden, die sich unter dem Druck der auf ihr ruhenden Engagements jetzt trotz aller weitereu Stimulierungsversnche übersättigt fühlt. Zwar an einer Wicderabgabe der aufgeladenen Werte in größerem Maße fehlt es vorläufig noch doch hat das Aufhören der bisherigen Kauflust bereits in der Ans wärlsbewcgung der Eiscnaktien einen Stillstand, bei einzelnen Spekulationspapiercn sogar kleinere Rückschläge hervorgerufen, während Kohlcnaktien in den letzten Tage» mehrfach beträchtliche Knrsabschlägc erfuhren. Nichts zeigt besser, als diese Vorgänge, wie sehr die Hausse- strömnna der letzten Wochen ans einer bloßen Stinmlieruug beruhte; denn eigentliche Gründe für die sinkende Tendenz sind nicht zu entdecken, höchstenfalls könnte das Anhalten der niilden Wittening und der dadurch venninderte Verbrauch an HauSbrand- kohlcn zur Erklärung des Kursrückganges der Kohlcnakticn dienen Sonst hat die Geschäftslage nirgends eine Verschlechterung erlitten, im Gegenteil, eher lassen sich kleine Besserungen konstatieren. Der Geldüberfluß hat sich noch mehr vergrößert, der Reichsbankdiskont ist auf 3>/e Proz. herabgesetzt ivorden, der Privatdiskont ging bis auf unter 2 Proz. herunter, die zahlreich auf die»eucn«n'leiheu einlaufenden Anmeldungen lassen eine enorme Uebcrzeichmmg erwarten. der Minenmarkt gestaltet sich stetig günstiger, und anchs an stimulierenden Berichten über Preiserhöhungen einzelner industrieller Verbände und über da und dort cingclanfcne Orders mangelt es nicht: kurz, rein sachlich betrachtet, hat sich nichts geändert, das die Abschwächnng rechtfertigt, der Grund liegt allein darin, daß die Spekulntivnskreise sich überreichlich mit Engagements belastet haben und bei nächstbester Veranlassung zu größeren Reali satione» greifen werden. Ucbrigens hält die Neigung, auf jedes beliebige Gerücht hin die Kurse zu treiben, noch immer an: das zeigt die Thatsachc, daß in den letzten Tagen die Aktien des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie ihren Stand hin mehrere Prozent zu erhöhen vermochten, obgleich nichts als Vermutungen darüber existiere-,:, was die Zusammenkunft der deutschen, englischen, amerikanischen Reederei Direktoren in New Uork eigentlich bezweckt und welche Beschlüsse ge plant sind. Von einer Seite heißt es, daß es sich um eine Vereinbarung zwischen deutschen, englischen und amerikanischen Linien handelt, die den Betrieb der beteiligten Gesellschaften regelt, bestimmte Fracht- Mindestsätze festlegt und für die Konkurrenz der verschiedenen Linien, specicll was die Abgangszciten anbetrifft, derartige Normen aufstellt, i'gß eine bessere Ausnutzung des Schiffsraumes erreicht wird. Von andrer Seite, z. B. der New Aorkcr„Sun", wird dagegen berichtet, es sei unter Ausschluß der deutschen Linien eine Art Trust zwischen den von dem Morgan-Syndikat angekauften drei Linien und ver- Die Mafseuertränkungen bei Blagowestschensk. (Schluß.) .Entrüstung und Schrecken erfaßte alle ehrlichen und a n st ä n d i g e n L e u t e, als sie erfuhren, wie diese.Expeditionvollzogen worden war! Mit Thränen in den Augen, zitternd am ganzen Leibe, erzählte mancher, wie grausam mit den schuldlosen. friedlichen Arbeitsleutcn verfahren wurde. Man wollte auf irgend eine Weise seinen Protest, seine Entrüstung zum Ausdruck bringen. Aber wie sollte man das thiin, bei uns, in Rußland?! Obendrein wurde gleich am ersten Tage der Ertränkung der Chinesen, am 17. Juli. Blagowestschensk und das ganze Anmrgebiet in K r i e g s- z ujst and erklärt, folglich wäre jeder, der es hätte wagen wollen, zu protestieren, vordasKriegs- gericht gekommen. Einige von denen, die mit'den Chinesen und Mandschuren Mitleid hatten, versuchten wenigstens, einer Wiederholung des Schreckensgerichts' vor- zubeugen. Es sind Fälle bekannt. daß die' Wirtslcute. bei denen die Chinesen und Mandschuren wohnten oder dienten, sich an die lokalen Behörden mit dringenden Bitten wandten, ihnen unter ihrer persönlichen Bürgschaft die bei ihnen wohnenden Chinesen zu überlassen. Wer von ihnen starke Protek- tionen besaß, dem gelang es manchmal, nach langwierigen Scherereien, diesen oder jenen zu retten; doch gab es nicht viel solcher Fälle... « Eine in der Stadt bekannte D a ni e, Frau Makejewa. fuhr zu dem ihr persönlich bekannten Gouverneur, um ihn anzuflehen, ihr ihren jungen chinesischen Diener, der fünf Jahre in ihrem Hause wohnte, z,, über- lassen. Dieser Diener hatte der Familie viel Gutes erwiesen: War jemand in der Familie krank, so pflegte ihn der Chinese mit ungemeiner Aufmerksamkeit und wachte die Nächte durch an seinem Bette. Als der General erfuhr, daß Frau Makejewa für einen Chinesen fich verwende, rief er:„Ein Chinese? Mit dem macheu ivir's so!" und er strich sich mit d e r H a n d über d e n H a l s. Als sie aber dringend um den Chinesen bat und sagte, daß er schon längst den Wunsch ge- äußert habe, zum Christentum überzutreten, antwortete ihr der Gouverneur:„Ich befehle nieder die Verhaftung deö Chinese»«och seine«efreinng, daö geht mich nichtsi au." General Gribsky verfolgte mit dieser Erklärung, ivie später offenkundig wurde, den Zweck, nachträglich die gesamte Schuld für schiedenen größeren englischen Kompagnien, z. B. der Cuuard White Star-, Red Star- und Anchor-Linie, projektiert, der im Anschluß an die von Morgan kontrollierten Eisenbahnen einen billigen Passagier- und Frachtdienst zwischen Europa- und Amerika einrichtet. Dann wieder verlautet, es handle sich um einen Ring zwischen amerikanischen, englischen, deutschen Linien, der nicht nur in Gemeinschaft mit den Eisenbahnen des Morgan-Syndikats den Passagicrverkehr nach drüben regeln, sondern auch bestimmte er- mäßigte Frachtraten für den Warentransport von der Union nach europäischen Häfen festsetzen solle, durch welche dem Stahltrust und der Standard Oil Co. eine billigere Verschiffung ihrer Produkte nach Europa ermöglicht werde. Was richtiger ist, denn auf völlige Richtigkeit hat wohl keine der drei Versionen Anspruch, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls dürfte die Annahme, daß es sich um eine bloße Regelung des Schiffsverkehrs und Erhöhung der Frachtraten handelt, die im- wahrscheinlichste sein. Wie die Schiffsankäufe seitens der Morgan Gruppe beweisen, verfolgt dieses Syndikat, nachdem es eine Reihe der wichtigsten Eisenbahnen unter seine Herrschaft gebracht hat, den offensichtlichen Zweck, zunächst seinen Bahnen, so iveit als möglich die von Europa ankommenden Passagiere und Güter zuzuführen und weiterhin dem Stahltrust durch billige Oceanfrachten den Absatz nach den europäischen Märkten zn erleichtern. Und daß thatsächlich das Morgan- Syndikat die Hand bei den jetzigen Ab machmigcn. ini Spiele hat. das zeigt die Wahl New Dorks als Zusammenkunftsort und die Namen der Dampferlinien und Per sonen, die als Vertreter der amerikanischen Interessen genannt werden. Steht aber die Sache so, dann kann es sich nicht um eine allgenicine Erhöhung der Frachtraten, sondern nur um Ausnahme tarifc für die znm Weitcrversand mit den Morganschcn Bahnen be stimmten Güter und um Ermäßigung der Frachtsätze für Idi« Beförderung von Produkten des Stahltrusts nach europäischen Häfen handeln. Tann ist aber auch bei der Bedeutung, welche die Hamburg- Amerika- Linie und der Norddeutsche Lloyd für den Passagier- und Frachtverkehr zwischen Europa und den Bereinigten Staaten haben, wenigstens die Mitwirkung einer dieser Linien kaum zu entbehren. ES kann denmach auch nicht, wie es heißt, ein Ausschluß der deutschen Gesellschaften von der Konvention, sondern nur allenfalls eine Differenzierung der deutschen Linien gegenüber den englischen geplant sein, um eine Entbindung von bestimmten Normen des engeren englisch-amerikanischen Verbandes, vielleicht nur pro korma, um den patriotischen Aufwallungen, die im November in Deutschland sich breit machten, als der Ankan von Paketfahrt-Aktien durch das Morgau-Syndikat bekannt wurde nicht neue Nahrung zu bieten. Im übrigen bestätigt die jetzige Zusammenkunft nur, was wir damals(in Nr. 274) gegenüber der Entrüstung über die„Amerikanisierung" sagten, nämlich, daß dem Morgan-Syndikat es um die„Amcrikani fierung" gar nicht zu thun sei, vielmehr lediglich um eine Monopolisierung gewisser Teile des Fracht- und Passagierverkehrs zlvischen Europa und der Union und daß dieses Ziel ebenso gut durch Vertragsabschlüsse erreicht werde, an die sich zu beteiligen die deutschen Linien im Interesse ihrer Konkurrenzfähigkeit gar nicht umhin könnten. Die Sache hat nicht nur für die deutsche Reederei, sondern auch für den deutschen Außenhandel und die deutsche Industrie eine größere Bedciitnng, als ihr vielfach beigemessen wird denn von der Normierung der Frachtraten hängt nicht zum kleinsten Teil die fernere Gestaltung des Handels� Verkehrs mit drüben ab. Zugleich aber zeigt das Bemühen der Leiter des Stahltrusts, für dessen Produkte billige Frachtsätze zn erlangen, daß sie keineswegs damit rechnen, der amerikanische Eisen- und Stahlmarkt werde in den nächsten Jahren seine bisherige Auff nahmefähigkcit behaupten, mag auch vsfizicll Mr. Schwab daS Gegen teil vcrsichem. Denn bei der Annahme eines in gleichem Maße weiter steigenden Konsums des inneren amerikanischen Marktes hätte e« keine» rechten Zweck, für eine Erleichterung des Exports nach Europa derartige Vorkehrungen zn treffen, zumal die Preise sür Eisen und Stahl auf de» europäische» Märkte» vorerst noch derartige bleiben dürften, daß selbst bei niedrigster Bemessung der Schiffsfracht-Sätze nicht Exportpreise für die amerikanischen Waren zu erzielen sind, die unter Vcr-ücksichtigung der Spesen auch nur annähernd den hohen Preisen des amerikanischen Marktes eut prechen. Vielleicht wird es interessieren, im Anschluß an obige Frage zn erfahren, wie hoch sich zur Zeit die Zahl der deutschen Handelsschiffe beläuft. Das soeben vom Germanischen Lloyd veröffentlichte Schiffs register Iveist 2983 Seeschiffe ans; davon sind: Anzahl Brutto-Tons Netto-Tons Dampfer 1468 2 473 361 1 328 913 Segelschiffe 1513_—_ 687 518_ Zus. 2983 Schiffe— von 2 116 431 Netto-Tons Was den Schiffsbau anbetrifft, so befanden sich nach der Schiffsbauliste im letzten Jahre im Bau: die Ertränkung der Unglücklichrn auf seine Untergebenen den Polizeipräfekt Batare witsch und den B o r st a n d der Militärverwaltung Hauptmann Wolko- w i n s k y abznlvälzen."... Freilich gab es auch Leute, die diese unglaublichen Bestialitäten ganz in der Ordnung fanden: „Nicht nur die Behörden und die Geistlichkeit, sondern auch einige von der Intelligenz— Acrzte, Rechtsanwälte, Nichter— anden das entmenschte Verfahren gegenüber den friedlichen, un- bewaffneten Chinesen durchaus zweckmäßig und unvermeidlich „Sonst", meinten diese Leute,„würden uns die Chinesen die Hänser in Brand setzen, oder gar uns die Köpfe abschneiden; wären sie an unsrer Stelle, so würden sie mit uns noch ganz anders ver- ähren; außerdem werden wir sie doch nicht füttern, währenddem uns selbst das Brot bald nicht reichen wird, und es hat doch keinen Sinn, u n s r e Gegner z« stärke», indem nr a n d i c Chinese» ans irgend einem Schiff»ach der chine- ffsche» Seite schafft." Aber alle diese Erklärungen hatten auch nicht die geringste Berechtigung, denn man' konnte die Chinesen ganz ungefährlich machen. indem man sie an einem Platze vereinigte, und was die Ernährung der Chinesen anbetrifft. so hätten sich in ausreichenden Mengen Nahrungsmittel in den den Chinesen selbst ge- hörigen Kanfläden und Warenlagern gefunden, die später, nach der Ertränkung der Chinesen, Kosaken, Polizei und einige von de» Eingeborenen ausplünderten. „Um ihr durch nichts gerechtserligleS. verabscheumigSwürdiges Verfahren zn beschönigen, verbreitete die Polizei daS absolut falsche Gerücht, daß in einigen chinesischen Hänsern und Kaufläden nach dem Wegzug ihrer Besitzer viele Waffen, Pulver und sogar Dynamit gefunden worden sei. Obwohl dieses Gerücht aber auch durch gar nichts bestätigt wurde, fanden sich genug leichtgläubige oder auch inter- essierte Personen, die es gern anSuntzten. Die Sache ist nämlich die, daß bei der brutalen Vernichtung der Chinesen und der Rechtfertigung dieser Vernichtung vielfach Raff- und Habgier, sowie die Möglichkeit, die Schuld an einen Chinesen nicht zu bezahlen usw.. mitgespielt haben. Bei der Verhaftung der Chinesen nahmen ihnen die Kosaken und Polizisten ihr Geld und ihre Wertsachen ab, sie plünderten die Häuser und Kanfläden und verschafften sich auf diese Weise reiche Beute. Durchaus kompetente Persönlichkeiten versichern, daß viele dieser„Beschützer der Ordnung", nicht nur die niedren und mittleren, sondern auch die höhere« Beamte« auf diese Art ganz Ferner sind für deutsche Rechnung im Auslände angekauft worden: 57 Schiffe von 57 636 Netto-Tons Nanmgehalt und es sind durch Verkauf, Verlust auf See oder durch Kondemnierung aus deutschem Besitz geschieden: 194 Schiffe von 63 983 Netto- Tons Raumgehalt._ Tat. Aus Indnpkvie unv Huuvel. Der Bau einer Vororts- und Stadtbahn in Hamburg ruft gegenwärtig in der dortigen Bevölkerung eine starke Erregung hervor; allgemein ist man der Meinung, daß sich der Senatbei den getroffenen Bereinbarimge» mit den interessierten Gesellschaften stark bcnach- tciligen ließ. Beteiligt sind an dem Unternehmen Siemens u. Halske, Allgemeine Elekiricitäts-Gescllschaft und die Straßenbahn-Gesellschast in Hamburg. Der Staat verpflichtet sich, den Grund und Boden für den Ban der Bahn unentgeltlich herzugeben. Nötig ist dazu die Aufwendung von 7 000 009 M. Grunderwcrbskostcn, für die erst dann eine Verzinsung seitens der Gesellschaft vorgesehen ist, wen» den Aktionären 5 Proz. Dividende gesichert sind. Daneben soll der Staat noch von der Gesellschaft Grundstücke im Werte von vier Millionen ankaufen, um Terrain für eine nen anzulegende Straße zu gewinnen. Ferner soll zur Finanziernng des Unternehmens eine Pri'oritätsanleihe von 30 Millionen aufgenommen werden, für die der Staat eine 4prozentige Verzinsung garantiert. Außerdem gelangen 13 Millionen Aktien zur Ausgabe. Die Aktien erklärt sich die Hamburger Straßenbahn-Gesellschast bereit zu übernehmen. Im Jahre 1922 soll dann der Staat gegen eine besondere Entschädigung von 30 Millionen das gesamte Hamburger Stratzenbahnnetz über- nehmen. Der Vertrag ist' der denkbar ungünstigste, denn er stellt den Staat nur als zahlenden Interessenten dar. der voraussichtlich nie Revenuen erwerben wird. Denn er nimmt erst am Gewinn teil, wenn die Aktionäre ihre 6 Prozent erhalten haben. Auch sonst ist fast jeder Einfluß auf den Tarif oder Fahrplan. An- stellung und Besoldung der Beamten ausgeschlossen. So stellt sich das ganze Projekt als ein ungeheurer kapitalistischer Raubzug gegen die Taschen der Steuerzahler'dar, ohne daß für die Allgemeinheit ein auch nur annähernd entsprechender Nutzen dabei herausspränge. Ein Beweis, wie berechtigt unsre Forderungen ans Verstaatlichung der Vcrkehrseinrichtnngen sind. Ausfuhr-Vergütung für die Eisenindustrie. Nachdem das Köhlensyndikat vor kurzem erklärt hat, daß es seinen Beitrag zur Ausfnhrvergülung nicht mehr leiste, ist auf Vorstellung der Walz- werke und andrer Verarbciter von Roheisen und Halbfabrikaten eine gemeinsame Sitzung der bisher an der Ansfuhrvergütnug be- teiligtcn Verbände zusammenbcrnfen, um eine Verständigung herbeizuführen. Nene Syndikate in der Eisenindustrie. Nach langer Ver« Handlung ist jetzt die Gründung eines F e i n b I e ch s y n d i k a t e s sicher. Die Satzungen sind bereits ausgearbeitet und wird die end- gültige Beschlußfassung am 29. und 30. d. M. in Köln erfolgen. Dem G a s r ö h r e n s y n d i k a t ist das letzte außerhalb der Vereinigung stehende Werk beigetreten, so daß die Organisation alle Interessenten in Deutschland umfaßt. Desgleichen hat das vor kurzem gegründete S i e d e r ö h r e n s y n d i k a t zu einem einheit- lichen Zusammenschluß geführt. Bisher hat sich nur eine unbedeutende Firma der Vereinigung fern gehalten, jedoch tvird auch hier der All- schluß in Bälde crtvartet. Die Sächsische Handelsbank in Dresden schloß in ihrer Bilanz vom 30. September 1901 mit einem Verlust von 385 313 W. bei einem Aktienkapital von 5 000 000 M. Die ungünstige Lage ent- stand durch Verluste bei der verkrachten Leipziger Bank und einigen Jndustrie-Unternehmungcn. Guthaben und Depositen sind von der Bank zurückgezahlt, wie in der Generalversammlung am 21. d. M. berichtet wurde, und können die Gläubiger auf 85 Proz. ihrer Forderung bei dem Konkurs rechnen. gewaltige Beträge ergatterten. In Blagowestschensk wurde es offen besprochen, Ivicviel dieser oder jener Polizeibeamte oder Ver« treter der höheren lokalen Administration ans seinen Teil dank der Ertränkung der Chinesen erhalten habe. „Aber auch unter den Einwohnern fanden sich nicht wenige, die nach der leichten Beute lüstern waren. Solche„Bürger" ver- schmähten keine Mittel, um aus der Ertränkung der unglücklichen Chinesen Nutzen zu ziehen. Viele Schuldner, deren Gläubiger Chinesen waren, hatten jetzt den Gewinn, da die Toten ihr Eigen tu in nicht in ehr zurückverlangen konnten und keine Schuldscheine verblieben: meistens entbehren die Chinesen in ihren Handelsbeziehungen aller Formalitäten, ihr ganzer Handelsverkehr beruht auf dem persönlichen Vertrauen, nur in den seltensten Fällen werden Wechsel ausgestellt. Aber auch auf Schuldverschreibungen brauchten die russischen Schuldner n i ch t s mehr z n zahlen, da mit der Ertränkung der Chinesen die Gläubiger verschwanden und niemand mehr da war, um die Wechsel einzuklagen. Außerdem hatte die Polizei, als sie die Chinesen gefangen nahm, um sie zu ertränken, die Sachen so geordnet, daß für die Erben, falls sich solche aus China melden sollten, jede Möglichkeit verschwand, ihr Anrecht ans. das Vermögen der Ermordeten nachzuweisen. „Umgekehrt, wenn Russen Gläubiger von Chinesen waren, so erhielten sie mit Hilfe der von ihnen be» tochenen Polizei nicht nur ihre Schulden uns dem Vermögen der Ertränkten, sonder« sie erhielten sie hnndcrtfäch. In dieser Beziehung hat besonders viel Aufsehen erregt und von sich reden gemacht das Gebaren des Direktors der balboffiziösen„Rnssisch-Chinesischen Bank", PH. Schliwe, und des Buchhalters dieser Bank, N. Philatoff. Aus den Enthüllungen, die elbst eine Zeitung am Orte,„Das Amnrgebiet", gebracht hat, ist zn ersehen, daß diese Herren in sehr raffinierter und dreister Weise ans dem Vermögen der Ermordeten Beute gemacht haben." Aber nicht nur in Blagowestschensk, sondern auch in dem bcnach» barten Amurgebiet ermordete man die friedlichen Chi» n e s e n dem Tausend nach: „Durchaus n o r m a l e M e n scheu, die in der F r i e d e n S- zeit Mitleid selbst mit den Tieren hatten, verwandelten sich in jenen schrecklichen Tagen in gransame Barbaren. Hier zum Beispiel einige Scenen: „In einem russischen Dorfe lebte seit vielen Jahren ein Chinese, der die Dienste eines Dorfhirten besorgte. Alle Bauern verhielten sich zu ihm freu n d s ch a f t l i ch; da drang zu ihnen das Gerücht, daß„man die Chinesen töte» müsse". Sie ver- Erhöhung der Lederpreise. Die am 21. d. M. zu gemein- -famer Beratung zttsamiueiigetreteue» deutscheu Sohileder7abrikanten geschloffen der„Dtsch. Gcrber-Ztg." zufolge einstimmig, eine so- fortige Erhöhung ihrer Verkaufspreise um 3 Pf. für Sohllcder und 3 Pf. für Brmidsohllcder pro Pfd. eintreten zu lassen. Ein Zündholz- Trust wird von den beiden bedeutendsten Zuudholz-Fnchrikantcn in England, von Bryan und May geplant. Acrhimdlnngen sind mit verschiedenen deutschen, schlvedischen und norwegischeil Firmen eingeleitet. Einen Rückgang der Baukonjnnktnr in Rheinland und W c sc f a l e n ergiebt eine statislische Gegeinibcrstellimg der fertigen Bauten in 23 Orten während der Jahre 1899, 1900 und 1901. Die Zahl der fertigen Baute» betrug ini Jahre 1899 2999, im Jahre 1900 2587 und im Jahre 1901 2375. Berliner Partei-Angelegenheiten. Der Wahlverei« für den<5. Berliner RrichstagS-Wahl- rrcis hält ani Dienstagabend l/s9 Uhr ini Prater, Kaslanien-Allee Nr. 7/8 eine Versammlung mit folgender Tagesordnung ab: 1. Vor- trag des Reichstags-Abgeordneten Zu b eil: �Welche Aufgaben stellt uns die Beteiligung an der Landtagswahl? 2. Diskussion. 3. Be° kanntgabe des Schiedsspruchs der Kontrollkommission. 4. Diskussion. 5. Verschiedenes. Vierter Wahlkreis(Südost). Montagabend Zl/s Uhr. findet in der Urania, Wrangelftr. 10, eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen, mit einem Referat der Genossin Klara Zetkin über den„Bankrott des socialistischen Ministeria Ii Smus in Frankreich" statt. Wir wollen nicht verfehlen. auch an dieser Stelle auf die Versammlung hinzuweisen. Schöncberg. Die Parteigenossen werden ans die morgen früh 8 Uhr, stattfindende Arbcitslosenzählung aufmerksam gemacht. Pflicht eines jeden ist es, sich daran zu beteiligen. Die Ausgabe der Zählkarten erfolgt in den Bezirkslokalen: Ständer, Hohenstaufenstr. 80; Schilling. Khffhänserstr. 16; Krüger. Grnnewaldstr. 110; Hoppe, Merseburgerstr. 7; Obst, Mriuing erstraste 8; H o r l e m a n n, Kaiser Friedrichstr. 8; Ulm, Hohen- sriedbergstr. 25; H a u s e r, Sedanstr. 31; Püschel, Gutzkowstraste 9; Moll, Sponholzstr. 35. Die Parteigenossen wollen sich in einem dieser Lokale einfinden. Charlottenburg. Die Genossen, welche sich an der am 26. Januar stattfindenden Arbeitslosen-Zählung beteiligen. treffen sich morgens Vji Uhr in folgenden Lokalen: 1. Bezirk Palche, Potsdamerstraste 44; 2. Bezirk Leder, Bismarckstrahe 74; 3. Bezirk Gimpel. Osuabrückerstr. 4, und Bock, Cauerstr. 16; 4. Bezirk Dörre. Wallstr. 90; 5. Bezirk Petrick. Goelhestr. 33; 6. Bezirk Fischer, Pestalozzistr. 84; 7. Bezirk Röttger, Leibnizstraste 3; 8. Bezirk Bredlow, Ansbacherstr. 31. Die Parteigenossen in RnmniclSburg werden daranf auf- nierksam gemacht, dast die W ä h l e r l i st e n zur Gemeindewahl am Sonntag, den 26. Januar er. von 9—12 Uhr vormittags ausliegcn. Pflicht der Genossen ist es nun, Einsicht zu nehmen, damit uns keine Stimme verloren geht. Fricdrichshagc». Ani heutigen Sonnabend, abends 9 Uhr, findet im Saale des Gesellfchnftshauses. Friedrich- straste 69, eine Volksversammlung statt. Die Genossin Clara Zetkin spricht über das Thema: Der B r o t w n ch c r im b das notleidende Volk. Pflicht der hiesigen Genossen ist es, für den Besuch der Versammlung zu agitieren und zahlreich zu erscheinen. Nicder-Schönctveide. Der W a h l v e r e i n hat heute, Sonn- abend, abends S1/,, Uhr, seine regelmäßige Versammlung. Genosse P o e tz s ch hält einen Vortrag. Austerdem erfolgt Ein- ziehung der Urnnia-Billets und Abrechnung darüber. Gäste will- kommen. DflkÄllus. Zur Slrbeitslofenzählung find jetzt alle notwendigen Vorbereitungen getroffen, und die mühe- volle Arbeit kann am Sonntag beginnen. Von unsren Partei, genossen, die sonst immer zur Stelle sind, wenn es gilt eine Partei- arbeit zu verrichten, kann wohl ohne weiteres erwartet werden, dast sie sich auch diesmal vollzählig zur Verfügung stellen. Die Arbeits- losenzählung ist schwieriger und zeitraubender, wie eine Flugblatt- Verbreitung. Deshalb darf keiner der thätigen Parteigenossen bei dieser Arbeit fehlen. Ans den Reihen der Gewerkschaften haben sich eine große Zahl von Hilfskräften gemeldet, und jeder von ihnen wird es als eine Ehrenpflicht betrachten, am Sonntag pünktlich zur Stelle zu sein. damit den Bezirksführern von den Gewerkschaftslokalen ans die er- forderliche Anzahl von Hilfsmannschasten zngcteili werden kann. Wenn nun jeder, der an der Zählung inilarbeitet, die ihm zugewiesene Aufgabe gewissenhaft erfüllt, und Ivcnn auch das Publikum diesem Unternehmen Verständnis entgegenbringt und es nach besten anstalteten also eine Dorfversammlung und beralichlagten, wie sie mit dem in ihrem Dorfe befindlichen einzigen Chinesen, dem alleinstehenden Greise, verfahren sollten, und obwohl alle an- erkannten, dast er ein guter Mensch sei, entschieden sie doch alle, daß man ihn töten müsse. Als die Wirtsleute, bei denen der Chinese wohnte, ihm den Volksbcschlnß mitteilten, fügte er sich seinem Schicksal und bat nur, daß man ihn bis zum Orte begleiien wolle, wo man ihn töten wolle.„Ich bin ein alleinstehender Greis, habe weder Vater noch Mutter, ersetzt Ihr mir meine Verwandten, be- gleitet mich bis an das Grab, so ist es bei uns der Brauch"— sprach er. Die Wirtslente, Mann und Frau, erfüllten seine Bitte und brachten ihn an den Rand deS Dorfes, wo denn auch die Bauern den unglücklichen Greis töteten. „Ein andrer mir bekannter Fall ist nicht weniger kennzeichnend. Ein Bauer findet beim Vorbeigehen auf dem Felde in einer Blut- lache eine ermordete Mandschnrenfrau, neben der ihr weinendes Kind zappelt, das vergebens nach der Brust der Mutter sucht. Als er nach seiner Rückkehr zu Hause von der schreck- lichen Scene erzählte, machten ihm seine Hausgenossen Vor- iv ü r f e, warum er denn„nicht dem Kinde den Garn»» ge- macht habe"... „Es war unschwer vorauszusehen, welchen Charakter der Krieg annehmen würde, wenn uns« Soldaten und Kosaken auf das chinesische Gebiet hinübergingen. Kaum gelangte unsre Armee am 3. August über den Amur und nahm Besitz von der gegenüber Blngowestschensk liegenden Ortschaft Ssachaljan, anS der die Einwohner glücklicherweise beizeiten ins Landinnere zu flnchlen vermocht hatten, als dort unverzüglich alles in Brand gesteckt wurde. Zwei Nächte nacheinander beleuchtete die Brand- röte den Amur auf einer großen Entfernung, und an Stelle einer wohlhabenden Bevölkerung, die Bla- gowestschcnsk mit Lebensmitteln zu geringen Preisen ver- sorgte, sieht man jetzt auf dem chinesischen Ufer mir noch ge- schwärzte Pfosten und gekrümmte Rauchsänge. „Aber bei ihrem Vordringen i» der Mandschurei übergab unsre Armee nicht nur alles den Flammen, sondern sie schonte auch niemand und nichts: Frauen, Kinder, Greise wurde» erbarmungslos getötet und minderjährige Mädchen wurden, nachdem man sie vergewaltigt hatte, am Orte nieder- gestochen. Solcher Art waren„die Thaten unsrer Wunder-Recken", wie Genera lgoiiverneur Grodekoff in seinem Telegramm diese Krieger nannte, für deren„Heldenthaten� er„nicht genügend Worte fand, um ihnen seinen Dank auszudrücken". Indessen erzählten selbst einige Offiziere mit Grauen von den blutrünstigen Instinkten, Kräfte» fördern hilft, dann muß es gelingen, das schwierige und mühevolle Werk der Arbeitslosenzählung in zufriedenstellender Weise durchzuführen. Es gilt, ohne den amtlichen Apparat ein bedeutsames Stück socialpolitischer Arbeit zu leisten. Eine Arbeit, vor deren Aus- führnng die in Frage kommenden Behörden sich bisher gescheut, oder die sie höchstens in ganz unzulänglicher Weise geleistet haben. Die Arbeiterschaft von Berlin und den Vororten muß also zeigen, dast sie durch opferfreudige Thätigkeit mehr vermag, als die Behörden zu leisten im stände sind. Wenn das Werk gelingt, wenn ein brauchbares Resultat zu stände kommt, so ist dadurch alle aufgewandte Mühe reichlich belohnt._ Der Geschäftssinn der Kirche tritt manchmal recht aufdringlich und in einer für die Beteiligten sehr unangenehmen Weise in die Erscheinung. Bekanntlich bilden die Begräbnisplätze für die Berliner Kirchengemeinden eine sehr ergiebige Einnahmequelle. Nicht nur dast die Grabstellen zu hohen Preisen abgegeben werden, die Kirche behält sich auch das Recht vor, die gärtnerische Herrichtung, Schmücknng und Pflege des Grabhügels ansschliestlich durch ihre Angestellten— natürlich gegen gute Bezahlung— besorgen zu lassen, sofern die Angehörigen der Verstorbenen diese Arbeiten nicht selbst verrichten. So haben sich die Kirchengemcinden hinsichtlich ihrer Begräbnisplätze ein Monopol für Gärtnerarbeiten geschaffen, welches jede Konkurrenz durch private Gewerbetreibende ausschließt, und cS wird ängstlich darüber gewacht, daß dieses Monopol nicht durch- brochen'werde. Als Beispiel hierfür wird uns mitgeteilt, dast es ans erwähntem Anlast am Thore des Matthäi-Kirchhofes kürzlich zu recht unliebsamen Auftritten kam. Am Freitag voriger Woche wollte eine Gärtnersfrau Blumentöpfe, die im Geschäft ihres Mannes gekauft waren, dem Auftrage der Käuferin gemäß auf einen bestimmten Grabhügel setzen. Ein Kirchhofsarbeiter, der augenscheinlich zum Zweck der Fernhaltung unliebsamer Konkurrenten das Tbor des Friedhofes bewacht, wies die Gärtncrsfrnu zurück, und selbst der Intervention eines herbei- geholten Schutzmannes gelang es nicht, der Frau Zutritt zum Kirch- Hofe zu verschaffen. Bald darauf kam ein Herr mit einem großen Kranz in Begleitung eines Mädchens, das einen zweiten Kranz trug. Diese, eine Angestellte des Gärtners, bei dem die Kränze gekauft waren, wurde ebenfalls von deni Thorhüter zurückgewiesen. Etwas später erschien die erst- erwähnte Gärtnersfrau in Begleitung ihrer Kundin wieder am Friedhofsthor, und erst nach längeren Auseinandersetzungen mit dem Thorwächter erhielt sie Zutritt, um die bestellten Blumen zu dem Grabhügel zu tragen. Ein anderer Gärtner, der mit einer Dame, die Pflanzen bei ihm gekauft hatte, an demselben Tage den Kirch- Hof betreten wollte, konnte den Auftrag seiner Kundin erst ausführen, nachdem er die Hilfe zweier Schutzleute in Anspruch ge- nommen halte. Es ist gerade kein Zeichen christlichen Geistes, wenn eine von der Kirche eingesetzte Friedhofsverwaltimg in solcher Weise gegen Gewerbe- treibende vorgeht, um sich selbst geschäftliche Vorteile zu sichern. Angesichts solcher Vorkommnisse muß man die berufenen Organe der Kirche daran erinnern, dast der Stifter ihrer Religion die Geschäfts- lcitte zum Tempel hinauStricb. Zu der Nngelegcnheit des BarbierlehrlingS Emil Bahrend. der sich i» der vorigen Woche vergiftet hat, wird uns von ver- schiedcncil Seiten mitgeteilt, dast die Art, in der sich in der letzten S t a d t v e r o r d n e t c n- S i tz u n g die Waisenverwaltnng über ihren ehemalige» Zögling geänstert hat, bei der Nachbarschaft seines Lehrherrn, des Barbiers und Heilgehilfen Heinrich Wagner sWillibald Alexisstraste 5), Staunen und En t- r ü st n n g hervorgerufen hat. Bahrend soll keineswegs den Eindruck gemacht haben, als sei er geistig nicht ganz nonnal. Er wird allenthalben als ein netter, geweckter n»d fleißiger Junge geschildert, der sich allgemeiner Beliebtheit er- freute, lieber schlechte B/e Handlung scheint er erwachsenen Personen gegenüber allerdings niemals geklagt zu haben— auch dann nicht, wen» er danach gefragt wurde. Am Ende ist es aber nichts Verwunderliches, wenn ei» 15 jähriger jnnger Mensch nicht gern eingesteht, dast er Schläge bekonnnen hat. Nur zn seinen Alters- genossen scheint Bohrend sich offener ausgesprochen zu haben. Wir haben nachträglich feststellen können, dast er einigen Kameraden gegenüber geklagt hat, er bekäme häufig Prügel. Dast Bahrend von seinem Lehrherrn oft geschlagen wurde, das war auch andren Personen längst bekannt. Auf die Dauer konnte eS namentlich den Nachbarn nicht'verborgen bleiben, da es bei solchen Gelegenheiten in der Wohnung des Herrn Wagner ziemlich laut her- zugehen pflegte. Noch wenige Stunden, bevor Bohrend Gift nahm, soll es einen sehr bösen Auftritt gesetzt haben. Alle, die Gelegenheit gehabt haben, die eigenartigen Zustände, die in dem Wagnerschen Hauswesen herrschen, genauer zu beobachten, finden eS völlig»n- begreiflich. daß d i e s e m M a u n e überhaupt e! n W a i s e n- zögling in die Lehre gegeben werden konnte. Dast Herr Wagner seinen Lehrling jetzt als einen verdorbenen Burschen hinstellt und dast der Leiter der Waisenverwaltnng sich zu seinem Sprachrohr macht, darüber sind die, die den die von diesen„Wunder-Recken" in einem Kriege gegen Unbewaffnete. Frauen, Kinder u. s. w.. auf dein chinesische» Gebiet an den Tag gelegt wurden. Der siegreiche Zug des Generals Renenkanipf nach Zizikar, der mit solchem Jubel von unsrer patriotischen Presse anfgenoinmen winde, darf wegen seiner Grausamkeit in i t F u g und Recht in i t den Zügen von T s ch i n g i s- C h a n und T a m e r l a n verglichen werden, denn ein reiches und dicht bevölkertes umfangreiches Land wurde in etliche» Monaten streckeniveise in eine menschenleere Wüste verioandelt, in der nur hier und da verkohlte Fandsen zn sehen waren und lange Zeit Hunde»»d Geier Leichen verzehrten. „Wenn irgend Jcinand seine Entrüstung wegen der oben ge- schilderten Grausamkeit äusterte, so d e k a ni man f a st immer f o l g e n d e R e ch t f e r t i g u» g zu hören:„Lcsrn Sie doch. welche Grausamkeiten die Deutschen. Frauzoseu, Engländer i» China begehen. Wenn so sich civilisierte Völker betragen, was will man da von uns weniger civilisierte n Russen!" * Hier haben wir nicht nur eine klassische Darstellung europäischen Hnnnentums. sondern auch eine objektive Psychologie des kolonialen HunneutmuS. Furcht, Rassenvorurteile. Habsucht und die furchtbare Verwilderung aller' sittlichen Begriffe, die der Krieg naturgemäß hervorruft, verwandeln selbst harmlosere Naturen im Handumdrehen in blutgierige Bestien. Die russischen Soldaten, deren Hände von Blut triefen, sind keines- wegs ein Abschaum der Menschheit. sondern normales Sol- baten Material, dessen brutale Instinkte erst durch die bestia- lisch« Kriegssührung geweckt worden sind. Und diesen Bestien braucht man ihre Entinenschnng keineswegs anzusehen. Bezeichnete doch seiner Zeit der Brief eines deutschen Offiziers vom Kriegsschauplatz. der ebenfalls über russische Bestialitäten zu berichten wußte, die russische» Offiziere im übrigen als„reizende K a m e r a d c n". Gegen die durch die europäischen Truppen in China verübten Greuelthaten schrninpfen alle Brutalitäten der Engländer in Südafrika zu einem Kinderspiel zu- sammen. Nicht der Transvaalkrieg, sondern der China- Krenzzua ist die B a u k r o t t e r k l ä r u n g der e n r o p ä i s ch e» Kultur, soweit die mit der Säbelkultur sich solidarisck, erklärenden herrschenden Klassen sich als Träger dieser Kultur aufspielen. Krieg der Wcltpolitik. der Erzeugerin des HunnenttimS, kann die einzige Losung der auf Gesittung Anspruch machenden Mensch- heit sein! Jungen gekannt haben. geradezu empört. Bei Lebzeiten deS Jungen war Herr Wagner nur des Lobes voll. Er rühmte sogar von ihm. daß er ihm einen Gehilfen ersetze. Zn der Behanptung, Vahrcnd sei unehrlich gewesen, ist uns mancherlei mitgeteilt worden. Unter andcrm hat man uns gesagt, Bahrend sei n i ch t i m m e r s a t t geworden. Er selber hat sich auch einem Kameraden gegenüber in diesem Sinne geäußert. Sollte aber das der städtischen Waisenverwaltnng immer noch nicht bekannt sei», so wird sie hoffentlich»illimehr die nötigen E rmit t e I u n g e n a n st e l l e n— aber, bitte, nicht wieder nur bei Herrn Wagner, sondern auch mal bei andren Leuten. Sie kann da ganz merkwürdige Dinge erfahren. Wir selber haben Lobendes über Herrn Wagner von keiner der zahlreichen Personen erfahren, die uns— aufgefordert oder unaufgefordert— über die Angelegen- heit berichtet haben. Die technische Mittelschule. Der einstimmige Beschluß der städtischen Gewerbedeputation, auf Grund des ihr vorgelegten Pro- gramms die Errichtung einer technischen Mittelschule in hiesiger Stadt zu empfehlen, kann wohl deS allgemeinen Beifalles der Berliner Bürgerschaft gewiß sein. Hoffentlich gelingt es dem Stadtschulrat Gcrstenbcrg, den Magistrat und die Stadt- verordneten für den Plan zu gewinnen. Es handelt sich um eine technische Lehranstalt, die zwischen der technischen Hochschule und den bereits vorhandenen zu hoher Blüte gelangten Fachschulen der Stadt Berlin: Gewerbesaal, Handwerkerschulen usw. steht. Die Mittel- schule soll Betriebsbeamte für die Werke der Grostindustrie, Leiter der mittleren und kleineren gewerblichen Betriebe. Hilfskonstrukteure, für die Konstrnktionsbureans der Maschinenfabriken zc. ausbilden. Ein Bild vom Elend in Berlin. Die Armenküchen werden viel- fach auch von obdachlosen Personen in Anspruch genommen. Diese Gäste können die Suppe, die sie in der Annenküche bekommen, in der Regel nur anf der Straste oder in einem Hausflur verzehren. Das nötige Estgeschirr pflegen sie, da die Armenküchen kein Geschirr bereit halten, in den Häusern der Nachbarschaft zu borgen, wenn sie nicht in irgend einem Müllkasten nach einer Konservenbüchse, einem halvzerbrochenen Topf oder dergleichen suchen wollen. Namentlich die Inhaber der Kellergeschäfte werden von diesen Leuten häufig um Estgeschirr angegangen und entschließen sich meist auch, die Bitte zu erfülle». Manche in der Nähe von Arinenkiichen wohnende Geschäftsleute, die besonders stark von obdachlosen Armenküchen-Gästen überlaufen werden, haben jetzt zu dem Mittel gegriffen, Töpfe nur noch gegen ein Pfand von 5 Pf. herzuleihen. Die Gefahr, dast jemand das entliehene Geschirr behält, ist gering, da sich ein Obdachloser selten mit einem Topf schleppen wird. Die Töpfe werden aber zuweilen zerschlagen. Mit 5 Pf. ist zwar ein Litertopf noch nicht bezahlt, aber durch das Pfand Ivird wenigstens mutwilliger Beschädigung vorgebengt. Für diese fünf Pfennige muß übrigens mancher Topf vier-, fünf- und sechsmal an einem einzigen Mittag seinen Zweck erfüllen. Nicht selten leiht eine ganze Gruppe von obdachlosen Anneiiküchengästen geincinschaftlich einen Topf und läßt ihn zwischen der Küche und dem nächste» Hau?- flnr immer von neuem hin und her wandern, bis auch der letzte von ihnen feine Suppe bekommen hat. Die Beerdigung deö Schriftstellers Ernst Wichert erfolgte gestern nachmittag anf dem Zwölf Apostel-Kirchhof in Schöneberg. Eine zahlreiche Traiiergcmeinde, die sich zumeist aus Schriftstellern und Redacteuren znsainincnictzte, hatte sia zn der einfachen Feier eingefunden. Herr Cbefredacteur Vollrath von der„Volks-Zeitung" widmete dem Toten, der dem genannten Blatt besonders nahe ge- standen halte, einen von Herzen kommenden Nachruf. DaS Hochwaffcr der Spree ist in diesem Jahre außer- ordentlich zeitig eingetreten. In de» letzten Tagen ist der Fluß innerhalb des Berliner Weichbildes um 22 Zoll gestiegen und es fehlt nur wenig an dem höchsten Wasserstand des Flusses im vorigen Jahre. Tie Veranlassung zu dem vorzeitigen Eintritt des Hoch- Wassers bildet jedenfalls die durch die ungewöhnlich hohe Temperatur eingetretene Schneeschmelze in den Gebirgs-Landschaften, sowie auch der anhaltende Regen und es muß infolge dessen mit einem weiteren Steigen der Flute» gerechnet werden. Auch die Havel ist bcdcntcnd gestiegen und stellenweise ans ihren Ufern getreten. Straßcndicbstählc. Einem Kutscher der Gnnnniwaren- Fabrik von E. Müller ans der Neuen Königstr. 89 wnrde ein gelbgesttichener Kastenwagen mit einem braunen Wallach mit weißem Stern und 21 Paketen Waren in grauem Packpapier gestohlen, der Fabrik für Bicrdruck-Apparate von E. Alisch n. Co. in der Alten Jakobstr, 131 vor dem Hause Frankfurter Allee 6» ei» Kästcmvagcn mit schwarzem Wallach und einigen Ventilen zu Bierdruck- Apparaten. Dem Hans- diener des Gastwirts Kuckenburg ans der Kaiscrstraste 25» nahmen Spitzbuben vor dem Hanse Oranienstr 147 den Handwagen mit drei Flaschen Kohlensäure weg. Mit einem Teil der Ladung begnüglc» sich die Langfinger bei einem Kutscher der Fleischwarensabrik von Bieslancr ans der Klostcrstr. 91. Während der Wagen vor dem Hanse AugSburgerstr. 27 hielt, stahlen sie eine Mulde mit Fleisch lind Wurst. Tic Versaininlimgcu der Gesundbeter in der Aula deS Falk-Rcalgyiimasimiis haben, dem„Bcrl. Tagebl." zufolge, ein Ende gefunden. Ein Schreiben des Magistrats, das an Ort und Stelle eintraf, untersagte die Fortsetzung der Versaunnlungen, die bisher alle vierzehn Tage des Freitags stattfanden, ein für allemal. Eine Kindcölciche winde vorgestern, Donuerstagvormittag, in Moabit in der Tbomasinsstrahe gefunden. Sie lag zwischen Steinen. die vor dem Grundstück 34 aufgestapelt sind, und war eingewickelt in Leinwand, braunes Packpapier und eine Zeitung vom 19. d. M. Es handelt sich um die Leiche eines neugeborenen Kindes. Spuren, die anf einen gewaltsam«»! Tod schließen ließen, konnten bei einer vorläufigen Besichtigung an dem Körper nicht entdeckt werden. Ein»»getiefter Hausdiener ist der noch nicht 16 Jahre alte Alfred S.. der seit fünf Monaten in der Dampfwäscherei von Gmnpert in der Wrangelstraste 106 beschäftigt war. S. zog> m Toimerslag von Kunden, denen er Wäsche brachte. 43 M. em, ließ den leeren Handwagen anf der Straße stehen und brannte mit dem Geld« durch. Da er eifrig Indianer- und Seeräubergeschichten las. so vermuten seine Eltern, daß er sich nach Hamburg gewandt habe, um Abenteuer zn suchen. Bon cincm OmnibuS überfahren und getötet wnrde Donnerstagabend kurz nach V/2 Uhr die Modistin Fanny Haafe aus der Philippsir. 13a, ein Mädchen von etwa 23 bis 24 Jahren. Die Unglückliche wollte vor dem Hause Friedrichstr. 114a, in der Nähe des Oranienburger ThorS zwischen der Linien- und Elsafferstraße, den Fahrdamm überschreiten, kam aber in der Hast auf dem schlüpfrigen ASphaltpflasterz» Falle. Bevor sie sich wieder erheben konnte, lag sie schon unter einem Oninibus. dcsscnKutschcr sich vergeblich bemühte, den Wagen noch zum Stehen zn bringen, die Räder gingen ihr über den Unter- leib und beide Beine und verletzten sie so schwer, daß sie in der königlichen Klinik starb, nachdem sie eben einen Verband erhalten hatte. Da die Verstorbene bei einer Zimmervermieterin ohne Polizei- liche Anmeldung wohnte, so weiß man über ihre Persönlichkeit, Heimat usw. noch nichts Näheres. Bermißt wird seit dem 13. d. M. der 67 Jahre alt« Arbeiter Hennann Kühn, Salzwedelerstratze 13»oohnhaft. Kühn ist 1,70 groß, hat blonden melierten Vollbart, blasse Gesichtsfarbe, braune Augen. keine Zähne, schlanke Gestalt. Er war bekleidet mit braunem Jackett, dunkler Hose, hellgrauem Hemd, darüber noch ein dniikelgrancs Hemd ohne Acrinel, braune Kniestrümpfe, dunkler Mütze und Leincloand- schürze. Der Vermißte hat am genannte» Tage um 4Vs Ilh» morgcnS seine Wohnung verlaffen, lim sich angeblich nach seiner Arbeitsstelle zu begeben. Dort ist Kühn jedoch nicht eingetroffen und auch in seine Wohinmg nicht zurückgekehrt. Es wird daher ver- mutet, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist. Personen, die irgend etwas über den Verbleib des Vermißten angeben können, werden ersucht. Mitteilungen zu 582. 1V/16. 02. an die Kriminalpolizei oder an die Polizeireviere zu machen. UtrtKio.„FMliiigStage an der Nwiera", der neue SZortraz der Urania, wird im wisselischaitlichen Theater ui der Taudenstrabe in dieser WM»« allabendlich wiederholt werben.— Im Theatersaal der Urania» Sternwarte in der Jnvalideustrahe spricht heute, Sonnadend, Herr Konsul Walter Wenskh über„Die Goldfelder Alaskas im Klondyke-Gebiet. Radsport. Jul Sportpark F r i e d e n a u und auf der Radrennbahn K u r s ü r st« n d a»> m, welche Bahnen beide der Direktion G. Hölscher unterslehen, finden im Jabre ISOZ folgende Radrennen statt: Friedenau. 6. Apul Fliegerrennen, 27. Zlpril Steherrennen, 25. Mai Goldenes Rad, 15., 22. und 29. Juni dreitägiges Meeiing, 2». Juli Steherrennen, Z. August Kaiserprcis, 17. August Fliegerrennen, 14. September Grober Preis von Berlin(Flieger), 21. September Großer Preis von Berlin(6 Stunden-Rennen). Kurf üistenb autnt. 30. und 31. März Fliegerrennen, 20. April Fliegerrennen, 8, und 11. Mai Flieger- und Steherrennen, 1. Juni Flieger- rennen,(5. Juli Fliegerrennen, 31. August Großer Preis von Deutschland, 7. September Großer Preis von Deutschland, 28. September Handicaps. Fcucrbericht. Infolge mehrfacher Meldung wurde Freitag gegen Abend ein größeres Löfchaufgebot nach der Lindenftrane III gerufen. Durch ilbergekochten Teer ivar hier eine große Qimlm- entwicklung hervorgerufen, so daß in der Nachbarschaft größeres Feuer befürchtet wurde. Die Löscheime konnten jedoch in kurzer Zeit tvicdcr abrücken, da keinerlei Gefahr vorlag. Nnchmitlags 2 Uhr gerieten durch eine Benzincxplosion in der Wallslr. 35 Möbel, Beilen, Gardinen und Kleidungsstücke in Brand, doch konnte die Gefahr schnell beseitigt werden. Kurze Zeit darauf entstand in der Wrangel- straßc 108 durch Umfallen einer Petroleumlampe ein Wohnungs- brand. der hauptsächlich Möbel beschädigte. Donnerstagabend gegen 8 Uhr hatte in der Langcstr. 98 eine Decke in einem Schaufenster Feuer gefangen, doch konnte der entstandene Brand noch im Keime erstickt werden. In der Reinickcndorferstr. 67b mußte gleichzeitig ein Schorn- steinbrand beobachtet werden. Außerdem erfolgten noch Allarmic- rungcn nach Nenstädtische Kirchstraße 16. Jnselst'r. 8. Drontheimer- straßc 17/18 tind Wrangelstr. LS, die indeS auf geringfügige Anlässe zurückzuführen waren._ AnS den kttachbnrorte». Die Wahle» zum Schönebcrger Gewerbcgericht finden heute nachmittag von 4—8 Uhr statt. Das Wahllokal befindet sich in der Schloßbrauerei, Hauptstraße. Wir ersuchen die Genossen, sich mit gehöriger Legitimation zu versehen und an der Wahl teil- zunehnien, damit nnsre Kandidaten eine der Größe des Ortes cnt- sprechende Stinnnenzahl auf sich vereinigen. Wilmersdorf. Die hiesige Wählerliste enthält zur Zeit 5460 eingeschriebene Wähler, ivovon auf die erste Klasse 232 Wähler und auf die zweite Klasse 737 Wähler kommen; die übrigen 4489 Wähler gehören der dritten Klasse an. Somit kommen auf einen Wähler der ersten Klaffe 3.15 der zweiten und 237 der dritten Klaffe. Der Steuersatz der dritten Klasse beginnt mit 284 M. und schließt, da i» Wilmersdorf 90 Proz. Einkommensteuer erhoben werden, mit 3,69 M. Ein Antrag ans Auslegung der Liste am Sonntag lvurde ohne Begründung abgelehnt. Jedoch haben ivir eine Abschrift der Wählerliste in Händen, die bei Witte, Berlinerstr. 49, ausliegt. Somit ist den Wählern Gelegenheit gegeben, auch des Sonntags die Liste einzusehen. Es ist Pflicht eines jede», die Einsicht unvorzüglich vorzunehmen, da Einsprüche nur bis zum 39. Januar berücksichligt werden. Eine Neorganisation dcö NachtwachtwefenS in Tpandan wird, wie uns von dort geschrieben wird, in der Weise vom Mogistrat geplant, daß 8 Fencrlvehr- und 4 Obcr-Feucrwehrleiite angestellt werden sollen. Diese sollen abwechselnd Feuerwachdienst thun(wodurch Spandau eine ständige Feuerwache erhalten würde. Auch sollen sie das Abzählen der Wasscrmesser besorgen, kleine Reparaturen in städtischen Gebäuden ausführen und den Nachtlvacht- dienst in sechs Stadtbezirken versehe». Die von diesen Leuten ver- langten Leistungen sind aber derartige, wie sie ein Mensch nicht ver- richten kann, ohne sehr bald dauernden Schaden an seiner Gesundheit zu nehmen. Die Feuerwehrleute solle» dreimal 24 Stunden Dienst thuu, der nur durch ganz geringfügige Pansen»nterbrochcn ist. um dann ganze 12 Stunden frei zu haben. Eine dienstfreie Nacht ist überhaupt 'gar nicht in Aussicht genommen. Dem gegenüber ist der Anfangs- lohn von 3 M. pro Tag(1989 M. pro Jahr) neben freier Dienst- kleidmig überaus gering! In der letzten Stadtverordneten- Sitzung erklärte die focialdemokratische Fraktion sich durch den Parteigenossen Rieger im Princip mit dem Reorganisationsplan einverstanden; an der Vorlage selbst übte Nicger scharfe Kritik. Schließlich wurde die Vorlage einer gemischten Kon>i»ission überiviesm. Die Volköbibliothek in Friedrichshagen hat am 1. Januar das erste Jahr ihres Bestehens zurückgelegt. Dieselbe hat einen Bestand von 889 Bänden; 199 Bände sind von der Ge- sellschaft für Verbreitung von Volksbildung überwiesen, 711 Bände ivurden geschenkt und 73 Bände angekauft. Zur Vermehrung des Bücherbestandes leistet die Genieinde einen jährlichen Zuschuß von 199 M. Nach dem Jahresbericht des Bibliothekars war die Bibliolhek an 42 Abenden für das Publikum geöffnet. 1öl4 Bände wurden ausgegeben und zwar: Gewerbe, Industrie, Kunst, Land- und Hauswirtschaft 4 Bände, Religion. Philosophie und Erzichnngs- Ivesen 4, Bürgcrknnde 7. Naturkunde 24. Erd« und Völkerkunde 26, Geschichte 49. mtsländische Litteratur 135, Zeitschriften und Sannnel- Ivcrke 299, deutsche Litteratur 449. Bedauert wird von dem Bibliothekar die geringe Bevorzugung der Klassiker, dagegen die starke Nachfrage nach Zcilschriften als auffallend hervorgehoben. Am Jahresschlüsse waren 115 Leser eingeschrieben. Zum Schluß deS Berichts spricht der Bibliothekar den Wunsch aus. daß insbesondere die arbeitende Be- Völkerimg zur Bildung des Geistes und des Gemüts die Bibliothek mehr als bisher in Anspruch nehmen möge. Sie befindet sich im Mädchcnschulhause und ist jeden Mittivochabend geöffnet. I» der Motorenfabrit von Altinan» in Maricnfeldc ver- nnglückte Freitag-Nachmiltag der Arbeiter Hönisch dadurch, daß ein Kolben, der aus einen, Spiritusmolor herausflog, ihm ans Bein traf und dieses zerschmetterte. Nach etwa zivei Stunden brachte ein Krankenwagen den Arbeiter in das Krankenhaus zu Groß-Lichter- felde. Ter Plan eineS direkten Eiscnbahn-PersonenvcrkehrS zwischen Nixdorf und Johannisthal ist jetzt seiner Verivirklichnng etivas näher gekomnre». Bisher hat die nur eingeleisige Bahn, die quer durch die Rixdorfcr Wiesen und die Köllnijch'e Heide direkt nach Johannisthal läuft, einzig dem Güterverkehr gedient. Nach einem von den Eisenbahnbchörden aufgestellten und auch bereits genehmigten Projekt soll in allernächster Zeit diese Bahnstrecke vicrgelcisig anSgebant und auch zur Aufnahme von Personen- verkehr eingerichtet werden. Die Verhandlungen wegen Erwerbung des erforderlichen Grund und Bodens sind so gut ivie beendet.— Die Einführnug des Personenverkehrs auf der Strecke ist nicht nur für die Beivohner Nixdorfs von Bedeutung. Auch die Bewohner von Schvneberg, Wilmersdorf, Friedenau usw. haben Vorteil davon. indem sie dann iveit bequemer als jetzt die Vororte an der Görlitzer Bahn erreichen könne». Auch wird Baumschnlemveg direkt mit Rix- dorf verbunden._ Gevilhks-Äeikunq. Ein LnmpacinS. Ein alter Roman ans dem Ticrgartenviertel wurde durch eine Anklage ivegen versuchter Erpressung auf- gerollt, die gestern den Scbriftstellcr Alfred Schulze vor die 7. Strafkammer hiesigen Landgerichts 1 führte. Ende der achtziger Jahre bis zum Jahre 1891 mar der damals 22 Jahre alte Angeklagte. der ein seines, sympathisches Aeußere besitzt. Hauslehrer bei den Kindern des Kommerzienrals G. Die jetzt 45jährige Ehefrau des letzteren trat init dem Angeklagten in intime Bczichmigcn und war so leichtsinnig, demselben eine ganze Anzahl von Briefen zu schreiben, durch die sie schwer kompronrittiert werden nrnßte. Die gestern als Zeugin vernommene Frau behauptet, daß sich der Angeklagte'ihr mit List genähert und sie nach und nach ganz in seine Hände bekommen habe. Sie habe ihm nach und nach viel Geld geben müsse» und erst später eingesehen, welch' gefährlicher Mensch die Gelvakt über sie er« halten habe. Sie sei für ihren Leichtsinn schwer bestraft worden und habe lange Zeit todkrank daniedergelegen. R-A. Morris als Verteidiger des Angeklagten bestritt, daß die Annähriing von diesem ausgegangen sei. Die Briefe seien der Gegenbeweis, ebenso die Thalsache� daß der Angeklagte auf ihre» Wunsch seine damalige billige Stube im quartier latm aufgegeben und zwei Zinnner im Westen gemietet habe.— Im Herbst 1891 verlangte der Angeklagte von der Frau Kommerzienrat die Summe von 18 999 M. unter der Drohung. daß er im Fall der Nichtzahlung die kompromittierenden Briefe ihrem Ehemann aushändigen werde. Damit war dem Faß der Boden ausgestoßen. Der Hauslehrer gab seine Stellung auf und siedelte nach Freiburg i. Br. über, die Frau Kommerzienrat aber war in der Notlage, mmmehr ihrem Ehemann alles zu gestehen und dessen Verzeihung für ihren Schritt von, Wege zu erbitten. Der Angeklagte wurde aus Frciburg herüber citicrt und von dem Kommerzienrat mit Ausdrücke» der Enipörnng über sein schändliches Verhalten über- schüttet. Er forderte die sofortige Herausgabe der Briefe, widrigen- falls er die nötigen Konsequenzen ziehen müßte. Der An- geklagte gab dann auch eine Anzahl Briefe heraus, es blieben aber„aus Irrtum" noch 5— 7 Briefe in seiner Hand, die er erst später vorgefunden haben will. Der Angeklagte behauptet, daß bei den Verhandlungen mit dem Koinuierzienrat er diesem gesagt habe, daß er etwa 13 999 M. Schulden habe, die ihm aus dem Verkehr mit der Frau angeblich entstanden seien. Nach seiner Bchanptnng habe der Kommcrzieiirat bei dieser Gelegenheit die Verpflichtung übernommen, diese Schrildcn zu bezahle», was von der andren Seite entschieden bestritten wird. Thatsächlich find nur einige Läpperschulden für den ehemaligen Hauslehrer bezahlt worden und der tief gekränkte Ehemann erklärte sich bereit,»ach Kräften für sein Fortkornmeii zu sorgen, falls er ins Ausland gehe» würde. Der junge Mann erklärte sich auch dazu bereit und ging»ach Mace- donicii. Ivo er bald ein gut besoldeter Sekretär der dortige» Eisen- bahn-Gescllschaft wurde. Der Kommerzienrat hatte ihm die Wege dorthin geebnet und auch wiederholt Geld für ihn angewiesen. Im Jahre 1396 kam der Angeklagte a»S der Türkei wieder zurück, angeblich weil er das dortige Klima nicht vertragen konnte. Im Herbst 1896 lvaudte er sich an ein hiesiges Jnkasso-Jnstitut und übergab ihm seine an- gebliche Forderung von 18 999 M. zur Einziehung. Der Vertreter des Jnkasso-Jnftiwts begab sich deshalb zu dem Kommerzienrat, lveil ihm der Angeklagte gesagt hatte, er solle zunächst einmal mit diesem sprechen. Bei dieser Unterredung hat der Koinmerzieiirat sich durchans ablehnend verhalte» und den Angeklagten auf den Klagcwcg verweisen lasse», wenn er glaube, Ansprüche zu haben. Der Angeklagte strengte denn auch wirklich die Klage wegen der 18 999 M. an und der Prozeß dauerte vom Jahre 1899 bis zum 2. Januar 1991. In erster Instanz wurde der Angeklagte vom Handelsgericht abgelviese». Arich in zweiter Instanz erfolgte die Abweisung, ob- wohl der Augeklagte dabei verblieb, daß' seine Forderung von 18 999 M. eine vollberechtigte sei und der Kommerzienrat ihn ganz wider seinen Willen nach dem Auslände bugsiert habe, obgleich er damals eine glänzend dotierte Hauslehrerstelle in einem der ersten Häuser der Finanzaristokratie in sicherer Aussicht gehabt habe. Das Urteil zweiter Instanz wurde vom Reichsgericht vernichtet und auf Eidesleistung erkannt. Der Kommerzienrat leistete den Eid dahin, daß ihm der Angeklagte nicht ein mit 18 999 M. abschließendes Schuldenverzeichnis übergeben und er sich nicht verpflichtet habe, diese Schulden zu bezahlen. Daraufhin erfolgte die Abweisung des Angeklagten mit seinem Klageansprnch. Als die Sache an die II. Instanz zurückgewiesen wurde und die Eidesleistung in Sicht stand, schickte der Angeklagte eine ans den Civilstreit bezügliche pikante Notiz a» mehrere Zeitungen, bat um Aufnahme und stellte in Aussicht, daß demnächst eine den Thatbcstand des Prozesses berührende pikante Broschüre erscheinen ivürde. Die Zeitnngen haben die Notiz nicht aufgenommen, einige haben vielmehr den Kommerzienrat davon in Kenntnis gesetzt. Das- selbe that der Vertreter der Trantwein'schen B u ch h a n d- l u n g. als der Angeklagte mit dem Ansinnen an ihn herantrat, die Broschüre, die auch die Briefe enthielten, zu verlege». Der Kominer- zienrat trat dann, nm Ruhe vor dem Angeklagten zu haben, durch den R.-A. Stalte in VergleichSverhandlungcn mit dein Angeklagten, die aber zu nichlS führten. Schließlich schickte der Angeklägte an den Rechtsanwalt Stalte die Abschrift einer Strafanzeige, die er gegen die Frau Kommerzienrat bei der Staatsanwaltschaft eingereicht hatte, die aber gänzlich unbegründet war. Nnninehr erfolgte die Straf- anzeige gegen ihn.— Rechtsanwalt Morris suchte durch eine Reihe von Bewcisaiiträgen darznthnn, daß der Angeklagte voll davon über- zeugt sein konnte, daß ihm die Forderung von 18 999 M. zilstaiid. Der Gerichtshof kam zu der Ucberzeugimg. daß der Angeklagte sich der fortgesetzten versuchten Erprcffnng ichuldlg gemacht habe und erkannte dieserhalb ans n e u n M o n a t c Gefängnis und Sjährige» Ehrverlust. Preußische Gefangeneubchaudlung. Aus Köln a. Rh. ivird vom Freitag berichtet: Unler großem Andränge des Publikmus begann heilte Freitag der Prozeß gegen den Chcsredactcur der„Köln. Zeitung" Ernst Posse und den vr. weck. Schulze Ivegen Beleidigung der Gefängnisverwaltling. Dr. Schulze ist aus dein Elber- feldcr MilitärbefreiungS-Prozesse bekannt. Ans Denunziation eines Polizeispitzels Hünefeld sei er in Untersnchiingshaft genonimen lind dort in Haarstranbender Weise behandelt lvorden. Eine Miltcilmig über diesen Vorfall hat die„Köln. Ztg." gebracht; die Anklage- behörde vermutet in Schulze den Verfasser. Schulze bekundet: Da er kurz vorher krank gewesen sei, habe er schwer unter der Bc- Handlung zn leiden gehabt. Man habe ihn init gewöhnliche» Verbrechern' zusammen im Zellenwagen zu de» Vcrnehiniingen gebracht, und trotzdem seine Angehörigen für ihn Geld zur Berpflegung ein- gezahlt hätten, habe er zehn Tage lang GefängiiiSkost genicßeli müssen._ Verlanrnrlunlgen. Der Verein deutscher Schuhmacher hielt am 22. d. Mts. eine leider nur schlvach besuchte außerordentliche Gelieralversamnilliiig ab zwecks Beratung der Anträge zur Müucheuer Generalversannillniig und Wahl von 2 Delegierten zn derselben, sowie zur Brandenburger Provinzialkonferenz. Eine länger« DiSlnssionzeitigte dcrAntrag derjOrts- veriva ltliiig.die Einführung der obligatorischen Arbeitsloseil- undKrankeii- iiiiterstützniig nur durch eme Urabstiinniling»nd beiZiveidrittel-Majorität der Abstimmenden einzufü bren: ferner der Antrag. Redaktion und Expedi- tion deS Fachblatles von Gotha nach Berlin zu Verlagen. Die von der Ortsverivaltuiig unterbreiteten Anträge gelangten sämtlich zur An- »ahme, ebeiifalls eine ans der Mitte der Vcrsaimnlnng eingegangene Protestresolulio». ivelche sich principicll gegen die Eiiiführung der Arbeitslosemmterstützimg ausspricht. Als Delegierte zur Provinziak- konferenz wurden geivählt H o h a n S und Otto H e r r m a n». Die Wahlen zur Geiierarversaiiiilisung fanden nicht ihre volle Er- Icdignng, da eine Stichwahl erforderlich ist.— Irrtümlich ist insdem letzten Generalversainniluiigs-Bericht Weber mit als gewählter Revisor angeführt: daS ist nicht richtig, gewählt wurde vielmehr A u g n st s...... Die Gewerkschaft der Maler hielt am Soiiiitag. den 19. Januar, ihre erste Geiieralversammluiig in den Arininhallen ab. Ans dem Bericht über die Thätigkeit des Vorstandes, de» der Vor- sitzende de Prise gab, war zu' erschen, daß die Organisation trotz des schweren wirtschaftliche» Niedergangs im verflossene» Jahre noch Fortsäiritte zu verzeichnen hatte. Die gesainte Korrespondenz belics sich ans 991 Sin- und AnSgänge. sowie einige Depestbc» und Geldsendungen. 8 ordentliche. 3 außerordentliche VorstandS- nnd 5 Berwaltuiigssitziingen haben stattgefunden. Gcneralversamm- luitgen haben 4 ordentliche»nd 1 außerordentliche stattgcsnnde». außerdem 4 Mitglieder- und 3 öffentliche Versammlungen. Die Gewerkschaft, ivelche am Ende des Jahres 199914ZahlstelIeu mit 294 Mitgliedern aufivies, hatte am Schluß des Jahres 1991 19 Zahlstellen mit 715 Mit- gliedern. Die Maiseft-Versammlimg fand»uter reger Beteiligung der Mitglieder statt, trotz des Ukas des Verbandes der Malere!» geschäfte. Maßregelungen fanden keine statt. Rcchtschutz wurde i» 2 Fällen gewährt und fielen zu Gmiste» der Kollege» anS. Die Bilanz des Jahresberichts mies eine Eiimahme von 3968,71 M. ans, der eine Ausgabe von 3193,19 M. gegenüber stand. Der Vorstand hatte sich des iveitere» niit einer Neiibearbeitnng der Statuten zu bc- fassen' anck) gab derselbe eine Statistik heraus, um über die Lohn- und ArbeitLbcdingnngc» soivie die Arbeitslosigkeit der Mitglieder orientiert zn sein. Mich einer kurzen Debatte gab Nicolai Bericht über die Maßnahmen der Gcsamtvcrwaltiiiig, welche innere Vcreins- aiigelcgenhcitcn betrafen. Die.Wahl deS Vorstandes zeitigte folgendes Resultat: Zinn 1. Vorsitzenden wurde H. Weise. A. Heiliger- m a n n als zweiter geivählt, erster Kassierer lvurde F. Z i c h b a r t, K. Kohlstrnck zweiter, zum Schriftführer wurde K. Klein geivählt«nd zu Beisitzern K. Schulz und H. Mülle r.— Die Wahl zur Agitalionskomniissio», ivelche kein Resultat zeitigte, soll gleich der übrigen Tagcsordilnng zn einer demnächst ein- ziibenifenden außerordentlichen Geneialversamnilung angesetzt werden. Nachdem noch des verstorbenen Äiollcgen K r e n s l e- Weißense« durch Erheben von den Sitzen gedacht mar. wurden die Mitglieder ersucht, sich recht rege an der ArbeitSloscuzählung zu beteiligen. Der Verband der Fabrik-, Land-«ud Hilfsarbeiter hielt am Sonntag, den 19. Januar, bei Raabe seine Gencralversaniinlnng ab. Aach dem Voistmldsbcricht haben vier öffentliche und zwei Mitgliedcrversaiuiullnigeu stattgefunden, außerdem vier Vorstands- sitzniigen(davon zivei mit den Vertrauenslentcn) und vier Werkstnbcu« Versaininlnngen. Der Kassenbericht ergab eine Einnahme von 971,11 M.. eine Ausgabe von 296.86 M. An den Hanptvorstaud wurden 351,79 M. abgesandt, an Bestand blieben 323.95 M. Weise gab den Bericht der Bibliothek nnd regte an. die Bibliothek zn ver- größern. Der Antrag lvurde aber abgelehnt, da jetzt das Geld anderlveii gebraucht wird. Als Stellvertreter des Bibliothekars wurde Vogel geivählt. Mehrere Studenten haben sich angeboten, im- entgeltliche Kurse abzuhalten. woran sich 17 Kollegen beteiligen wollen. Nach Erledigung der Vereinsaiigclegenheiten hielt Genosse Sassenbach einen Vortrag über Freimaurerei, der mit großem Beifall aufgenoinmea wurde. Nach kurzer Diskiission schloß die imposante Versammlung mit einem Hoch auf die moderne Arbeiter- beiveguiig. Der Fachberei» der Vrettcrträger und Brettschneider hielt am 29. d. M. im.Königstädtischen Kasino" seine General- Versammlung ab. Die Einnahme ergab eine Eilinahme bon 296,06 Mark und eine Ausgabe von 195 M. In den Vorstand ivurden gc- wählt; zum 1. Vorsitzenden Paul K a r n a l, zum 1. Kassierer Wilh. S ch ö» w a l d. zuin 1. Schriftführer G ö r u« r. zum 2. Vor- fitzende« H i ii tz e, zum 2. Kassierer Otto niid zum 2. Schriftführer H ii v n e r. Zn Revisoren ivlirden geivählt T e u r i ch, L e h in a n n und Riemer, zu Hilfskassiercrn Gerinis, Wille und Krüger. Zum Delegierten für daS Geiverkschaftskartell wurde Krüger, als Vertreter C. T e u r i ch geivählt. Drei kranken Kollegen wurden je 29 M. Unterstützung bewilligt. Die Vureauaugestelltcu hielte» a»i 2l. Januar er. ihre regel- »lässige Mitgliederversainniliing bei Bauer, Rosenthalerstr. 57, äl>. Felge»tr eu hielt einen mit Beifall anfgenonimenen Vortrag über„das Mietrecht". Hierauf gab Danzig'er einen kleineu l3e- richt aus der Berliner Gewcrkschaftskomuiission spcciell betr. die ArbeitSloscnzühInng, den Z a d r n ch noch in einigen Punkte» er- gänzte. Mit einer Aliffordenmg des Vorsitze ndeii. sich recht rege (in der Arbeitslosenzählung zu beteiligen, schloß die Versaiiiinlnng. Vereittskalender. Arbeiter-Sängerbiind Berlins und der ttuigegelid. Zweiter Vor' fitzender A. Hübncr, Wilhelmslrabe 134. Erster Kassierer Seikril, Fidiciiislrafie 16. Alle Aeiiberinigeil im Vcreiilslalender sind zu richten an Friedrich KorUMl, Lansitzerfir. 33. Soiinabend, abends 9— U Uhr: Nebimgsstliiide»nd Ausnahiiie»eiicr Mitglieder.— „Sanges- Echo", Kröger, Naummstr. 6.—„ Immergrün", Tegel, Renlner, Spaiidailerstr. 15.—„Vorwärts VII". RunmielSburg. Beiitliiig, Äoelhc- und Kantstr-Ecke.—„Weihe Rose II", Weibeilsee, Sorrer, Strahburgsir. 66.— „Eintracht I", Teltow. Tertz, Zehlendorserstr. 6.—„Säiigerlnst", Lücken- Wolde, Schulze. Beclitzerstr. 34.—„Einigkeit II". Reiiiickendors„West", BethweN, Willestrahe.—„Echo II", Markgraspiesle bei Fiirstciiwalde, Graönick.—„Gemischter Chor", Luckenwalde, Gerhart, Haag 5.—„Ober- Schöncweider Liedertafel", Ober-Schöneweide, Wagener, Edisonstr. 5.— „Glück zu", Lörig, Pankstr. 326.—„Freie Sänger", Oraiüenbiirg- Sand-� hausen, Muller(Waldhaus). Zlrbeiter-Rauchcrbuiid Berlins u»d der Umgegend. Aenderiliigen im Verewslaleiider sind zn richte» an Albert Liebetrau, Berlin, Putbuserslr. 44, 4 Tr. Sonliabeiid:„Havana II", Nowawes-Neueiidorf, Bernhardt. Pricster- strah« 31.'—„Glück Aus". Rüdrrddott- Kallberge, Greve, Heimtzstr. 19.— „Kiiba", Spichalle. Brebowstr. 2.—„Pappel", Dahmle, Buckcholzerstr. 5.— „Havana I", Ripdorf, Pflug. Juliusstr. 59.—„Blauer Dampf", Daye, Möllerftrabe 32».—„Kmimmuc", Barsch, Droutheimerstr. le.—„Grlnie Wiese", Schräder, Stralsiniderstr. 63.—„Einigkeit III", Hentze, Herzfelde, Hauptstraße 46.—„Guter Tabal", Kupsch, Teltow, Hoher Stcmweg 41.— „Geuifttlichkett V", Mier, Henickendorf. Kirchplatz.—„Klub 1900", Ruppert, Kochstr. 57.—..Angler I", Zuleger, Ziimnerstr. 60.—„Geinsttlichkeit VI", Gleitze, Charlotteiiburg. Krummestrohe 69.—„Guter Zug", Berudt, Buch- bolzerftr. t.—„Pfälzer", Hoffmaim, Swiiiemimderstr. 47.—„Einigleit IV.", Gärlicki, Neil-Zittau.—„Cimgleit V", Was cht» hl. Weihcuburgerstr. 48,— „Weichseldust I", Pappel-Allee 34.—„Fortuna", Rüdersdorf, Slolpbrstck. —„Berolina". Teltow, Hoher Steniweg 41(olle 14 Tage).—„Grüne Rose", Friedenstr 91. Cciitral-Raucherbniid. Zuschriften sind an Kleist, Rixdorf, JilliuS- strahe 26, zu richte». Toi,»abend!„Lange Pscise", Rixdorf, Kuesebeck- strnhe 20.—„Glück auf", Rlxdors. Rlngbahuslr. 24.—„Frohstim". Knesebeckstrabe, bei Sparciiberg.—„Kurze Pfetse", Rixdorf, Mainzcrstr. 4. Arveiter- Turnerbnnd. Soiuiabrnd: Turnv.„Fichte", Berlin. abds. 8— 10 Uhr: I. Mäiincr- Abt. Friedenstr. 37.— 3. Mamter-AIlt. Bocckhstr. 17/20.— 7. Männer- Abt. Reichenbergerstr. 131—132.— 8 Männer- Abt. Hückistestr. 36/37.— 2. Lehrliiigs- Abt. Skalitzer- fünfte 56—56.— 4. Lehrlings. Abt. SienieiiSstr. 20(Moabit).— 5. Lcrl.-Abt. Ackerstr. 67.—„Freie Timierschast Johainilsthal" abds. 9—10 Uhr Senft- lebcn.— Tliriicrschast d. V.„Nereus"(gegründet 1882), 1. LehrlingS- Abteilimg 8—10 Uhr abds. Manleufsclstr. 7.—„Arb.-Tuniv." in Adlershvf, Padden-Villa, Rudower Chaussee, Mä»ner-Abt., Mittworhs Lchrlings-Abt. Gesang-, Turn- und gesellige Bereine. Sonnabend. Spart- verein„HerluleS", Wattstr. 2. „Heureka". Verein zur Befördenmg der Sprcchsertigkeit Stolternder. UebiNigSabciid jeden Soimabend Niederwallstr. 7, Geliicindeschlile. Zwanglose Znsainnirutünflc mit Damen im Stestaurant des GetverkschaftShnnseS. Soiniabend: Buchbinder. Deutscher soeialdemotratischer Leseklub tu Part». 82 ru« Kotre-Oarna 6s l�aearetd, 3s a.i'ron6. Lrasssris 6s» 3 Luisses. Jeden Suiiiiabelid össentliche Vcrsaimnlmig; reiche Bibliothek, Zeitungen, französischer Unterricht! London. Der einzige focioldemokratische Verein Londons, der alte, von Karl Marx und Friedrich Engels 1846»litbegründetc Kam- muntstische Arbeiter-Btldiiiigsverein besindet sich nach wie vor 49 Tottelihm» Street, Tottenhaiu Court Rd., W. London. Alle Ausragen in ge>verks6>ast- lichen und parieigeiiüssischcii Angelegenhellcii sind an vorstehende Adressc unter Bezeiäinimg:„An den 1. Sekretär" zn Händen des BereinSvorflaiidS, zu richten. Verein BorivärtS, Jvhaniieöbllrg(Transvaal). BereinSlokal Prvgreh-Bierhalle, Corner of Marshall and Small Street. Deutscher Arbeiterverein Brüssel. Verkehrs- und BereinSlokal: Ickaistm 6u psupls... Arbcitcr-Radfahrerk'nnd„Solidarität". Gau 9 fProv. Branden- bürg). Alle Zuschriften und Auslagen.den Bund betreffend find zu richten an den Gaiivorsttzcnden Karl Fischer, Berlin NW., Waldstr. 8. Sonn abend:„Wandel lust", Riiuuuelsbnrg, jeden Sonuabeild lia6i dem 1. imd 15. bei Jaje, Prinz Albreäststr. 13. Freireligiöse Gemeinde. Soniitag, den 26. Januar, varmitiags S3/, Uhr, tu der Aula der 6V. Slemeilide'chule, Klei u e F r a n k s u r t c r- strafte 6: Berfamiiilniig.„Freireligiöse Vorlesung". Um 103/, Uhr vormittags. ebendaselbst: Vortrag des Herrn Professor Dr. Albert Gehrke:„Die Wege zum Glück". Vor- und Nachspiel auf dem Pariser Ni u st e l- H a r in o n i u>». Gäste, Daiileil»ud Herren, sehr wittkommen. Lokalverband der Klettromonteure. Sannabeiid, 25. Jamiiir, abends 9 Uhr, Kleine Audreatstr. 3: Begiiin eines VortragskurinS über Elektricität und deren Aiiweildimg, mit Projeltionsbildern und säintlichen Berrckmililgeil dazu. Ortsvereiii der Maschinenbauer und Metallarbeiter Berlin 7. Sonnabend, den 25. Januar, abends 8»/, Uhr: Versammlung. Mltllcrstr. 161. Achtung. UJTctrttrnilu'itff! Die Kollegen, die sich an de�lrbeitslosenzählung beteiligen, versammeln sich am 26. Januar, vormittags 8 t Januar, vormittags 8 Uhr, Kollegen, in folgenden Lokalen Gewerkschaftshaus, Engel-Ufer 13, Saal I und IV. Brüder, Waldemarstr. 73. Retzolk, Wasserthorstr. 68. Ewald, Schönleinstr. 6. Habels Brauerei, Bergmannstraße. Königshos, Biilowstr. 37. Zlrminhalleu, Komman- dantenstr. 20. Jischer, Waldstr. 8. Peters, Alt-Moabit 80/81. Schü�r- Brauerei, Turmstr. 23. Norddeutsche Brauerei, Chausseestraße 58. Cösliner Hof, Cöslinerstraße 8. Tieke, Ackerst raße 123. Wernau, Schwedterstraße 23/24. Swinemiinder Gesellschaftshaus» Swinemünderstraße 42. Briukman«, Prinzen-Allee 21.?tiimann, Brunnenstr. 188. Bauer, Rosenthalerstr. 37. Jeind, Weinstraße 11. Schweizer Garten, Ani Friedrichshain. Königsbank, Frankfurter- straße 117.'. Stechert, Andreasstr. 21, Keller, Koppenstr. 29. Elysium, Landsberger Allee 40. Diese Lokale sind bereits in der heute erscheinenden„Metallarbeiter-Zeitung" veröffentlicht. Im Laufe der Woche sind noch die folgenden Lokale hinzugekommen. 110/17 Charlottenburg. Leder, Bisniarckstr. 74. Schöneberg. Obst, Meiningerstraße 8. Wilmersdorf. Witte, Berliner- straße 40. Steglitz. Schellhase, Ahornstr. 13». Tempelhof. Müller, Lerlinerstr. 41. Rixdorf. Thomas(Apollo-Thcater), Hcnnannstr. 48. Baumschulenweg. Staffeld, Baumschulenstr. 84. Rummelsburg. Beutling, Goethe- u. Kantstraßen-Ecke. Lichtenberg. Lütterbuse, Friedrich Karlstraße 11; Bastian, Hagen- und Gudrunstraßen-Ecke. Jriedrichsfclde. Lasse, Luisenstr. 20. Weißensee. Schumann, Lehderstr. 118. Pankow. Hoffmann, Mühlcnstr. 25. Reinickendorf-Ost. Putzirer, Provinzstr. 47. Reinirkendorf-West. Engel, Eichbornstr. 73. Jeder Kollege, der nicht politisch thätig ist, begiebt sich nach dem Lokal, das seiner Wohnung am nächsten liegt. Wir erwarten, daß alle Kollegen, die in den Listen eingetragen, zur Stelle sind. I. A.: Cohen._ Socialdemokratischer Wahlverein tiM lür den Dienstag, den Ä8. Jannar 190Ä, abends 8� Uhr: Versau««nkung im Vevlinvv VvAkvv. NclflAnirn�ANre Nr. 78. Tages-Ordnung: 1. Welche Aufgaben stellt uns die Beteiligltiig au der Landtagswahl? Referent: Genosse Reichstags-Abgeordneter �ndeil. 2. Diskussion. 3. Be- kanntgabe des Schiedsspruchs der Kontroll- Kominission. 4. Diskussion. 5. Verschiedenes. Um zahlreiches Erschewe» ersucht Va»-«ta»S. I. A.: W i l h e l m F r e y t h a I e r, Garteu-Platz 1. Allgtiiieiue Kllliikcil- niiii Aerlicksse her htlitslhen Irechsler il. dereil Beriiftgellssseil. (E. H. 8K, Hamburg.) Mitglieber- Versammlungen finde» statt: JRe-Ii-Ic A am Sonntag, den 28. Januar, vormittags 10V2 Ufit, bei Stoma et, Manteuffelstrabe 9, Bezirk B am Sonittag, den 2S. Januar, vorinitlags iv'/z Uhr, im„Restaurant zur Hütte", Skalitzerstraße Z0, Bezirk C am Sonntag, den 26. Januar, vormittags 2 Uhr, bei G e r t h,'Ulücherstratze 66, Bezirk ü am Montag, de» 27. Januar, abends st'/z Uhr, bei Bauer, Rosenthalerstrabe S7. Tages-Ordnung: I Geschäftliches. 2. Vierteljähriger Kassenbericht pro 4. Quartal. 3. Verschiedenes. Die Zahlstellen, in denen an jedem Sonnabendabend neue Mitglieder(bis 46 Jahre) aufgenommen werden, befinden sich: Rannynstrabe 78 bei Grund mann; Kleine Andreasstrafie t4 bei Schmidt; Relchenbergcr- straße 29 bei Schmidt; Ssalihcrslraße 69 bei Siele; Zoffenerstrastc 46 bei Mcnl; Alte Jalobstraße 69 bei Lenz; Elsasserstraße 11 bei R a d d a tz; Georgenlirchstraße 26 bei R a d t l e; Turmstraße 69 bei O h in. 286/11__ Oic Oi'tsverwnltnngen. Centrawerband der Maurer etr. Zahlstellen Berlin und Umgegend. Montag, den 27. Januar, abends 8 Uhr, im Gemerbschaftshaufe, Engel-Ufer Nr. 16: Außerordentliche Mit.qlieder-Berfammlung. Tages-Ordnung: Klaistellung des Falls Thürling wider Becker. _ Mitgliedsbuch legitimiert._[136/16*]_ Regen Besuch erwartet Die BerbandSIeitiiug. Central-Kranken-». Begrabniskasse dJucbblnder (•. 7,�®• »mter-JWeil..... 3,««. zriihjllhrs-zopm-... 0,»». Jillkett-Attzüge.,. m. 8,� Nl>lk-tl.8tjttlk-A«M- 16,»°. Stejs-Hoseil...... 2,". Meittr-Hssttt..... 1,»». Eiusegnungs-Nuziige IN großer AnSivahl von Mk. 8,85 an. LxecisUtät: Arbeiter- und ßernfsklelduug jetzt zu halben Preisen. Anfertigane: nach Ha«« jetzt zu denkbar billigst«»« Preisen. iSonnenfeld Berlin N., Reinickendorferstr. 1, Ecke Schulzendorferstr. Bekanntmachltng der Cemeills. Lrts- Krankenkilist für Mllckilhors w. Umgegend. III. Nachtrag zum revidicrieu Statut der Gemeins Orts-Krallkenkaste für Mariendorf und Umgegend. Beschlossen in der Generalversomm- lung vom 24. November 1901. Z 12 erhält folgenden Wortlaut: Als Maßslab für die Bemessung der Kaflenleistungcn und der Beiträge gilt(der wirkliche Arbeitsverdienst der einzelnen Versicherten, soweit er vier Mark für den Arbeitstag nicht über- schreitet, nach näherer Bestimmung des§ 13) der für die betreffende!» Mitglieder in Betracht kommende durchschnittliche Togelohn. Derselbe ist festgestellt: 1. siir männliche in Fabrikbetriebe» beschäftigte Handwerker, Gesellen u. Gehilfen jeder Art über 16 Jahre aus.... 3,00 M. 2. für inäniiliche in Hand- betriebe» beschäftigte Ge- festen uud Gehilfen, sowie sämtliche gewöhnliche Tagearbeiter einschließl. der in Fabrikbetrieben be- schäitigten über 16 Jahre auf........ 2,50 M, 3. für Lehrlinge und männ- liche Kassenmitglieder imter 16 Jahren auf. 1,30 M. 4. für weibliche Kassenmit- glieder über 16 Jahre auf 1,50 M. 5. für weibliche Kassenmit- glieder unter 16 Jahren auf........ 1,00 M. Diese Sätze bleiben in Geltung, bis sie durch die höhere VertvaltungS- behördc anderweitig feftgeslellt werde». In diesem Faste sind die neuen Sätze durch die im z 66 bezeichneten Blätter bekannt zu machen. § 30 erhält folgenden Wortlaut: Die wöchentlichen Kaffenbeiträge be- tragen: 1. für niännliche in Fabrik- betrieben befchästigteHaiid- werker, Gesellen und Ge- Hilfen jeder Art über 16 Jahre auf.... 54 Pf. 2. für mäniiliche in Hand- betrieben beschäftigte Ge- feste» und Gehilfen, sowie sämtliche gewühnl. Tage- arbcitcr einschließlich der in Fabrikbetrieben be- schäftigteu über 16 Jahre ans........ 45 Pf. 3. für Lehrlinge und»nänn- licheKassenmitglieder unter 16 Jahren aus.... 24 Pf. 4. für weibliche Kassenmit- glieder über 16 Jahre auf........ 27 Pf. 5. für weibliche Kassenmitglieder unter 16 Jahren aus........ 18 Pf. Die Beiträge find für jede Woche, illuerhalb welcher der Berficherte der Kasse angehört hat, ihrem vollen Be- trage nach zu entrichten. Dabei gilt alö Woche der Zeitrarim von Montag bis Sonntag eirischließliÄ. § 39 Absatz 1 erhält folgenden Wortlaut: Die Mitglieder des Vorstandes werden ans 3 Jahre gewählt, bleiben aber nach Ablarrs dieser Zerr so lange im Amt, bis ihre Nachfolger in den Vorstand eingetreten sind. Nach Ab- lauf eines jede» JahreS scheidet ein Drittel der Borstaiidömitglieder und zwar ein Arbeitgeber und zwei Kassen- Mitglieder aus. Die Neiheusolg« des Ausscheideiis wird unter den erstmalig Gewählten im ersten und zweiten Jahre durch daS Los, demnächst durch das Dienstalter bestimmt. - 270/11 Diese Aenderung tritt mit dem ersten Montag nach dem Ersten des Monats, der auf die rechtsgültige Bekanntuiachung folgt, in Kraft. Martendorf, den 24. November 1901. Der Vorstand. Genehmigt: Potsdam, den 9. Januar 1902. I-. 8. Namens des Bezirksausschusses! Der Vorfitzende. I» Vertretung: Joachlml, Veröffentlicht: Mariendorf, den 21. Januar 1902. 9W. Beer, erster Vorsitzender. Saal llllh Btreillsjimmer, 30—250 Personen fassend, zu Festlich- leiten und Bersauimluugen, auch an den Osterseiertagen frei 47b* Mr. 10. Jannaschlt. Verband der Miibelpalierer. Mouiug, 87. Ja»nlar, abends 7 Ubr, Aduiiralstr. 18c; S i tz» u g des P o r st a» d e s. Sämtliche Kostegen, welche in Berlin und Umgegend ein Amt bekleiden, sind hierzu eingeladen. Montag. 87. Januar, abends 8'/- Uhr, Adiuiralstraßc 18c: M! Oeneral-Versaiiiuiluii�. � Tages-Ordnung: 1. Fortsetzung der Beratung über die gestellten Anträge 2. Wahl. 3. Verschiedenes uud Entgegennahme der Kontrollkarten, iowie Ausgabe der Bistcts zum Maskenball am 8. März. 145/4 Die Mitglieder»verde» ersucht, fich morgen an der Arbeltslosen- Zählung zu beteiligen. Die Versammlung in Lichte n b e r g s ä I l t a u s._Der_yorstand. FreielurnerschaftRixdorf-Britz. Allen Freunden und Gönnern zur Nachricht, daß am 23 Januar unser Tnrn genösse JBfUlIO MÜllei* nach langem, schweren Leiden gestorben ist. Wer den Verstorbenen kannte, wird»Visse», Ivos die freie Turnsache an ihm verliert. 84b Die Beerdigung findet Sonntag, 26. Januar, nachmittags 4>/« Uhr, von der Leichenhalle des Neuen Jakobi-Kirchhofs, Rixdorf, Hermannslraße, auS statt. Um zahlreiche Teilnahme ersucht Ber Torstand. Deutsch Jetallarbeiter-Verband Terwnltnngsstelle Berlin. Bureau: Sngel Ufer i5,Zinii»er 1—5. Fernsprecher: ZlmtTII, 353. Sonntag, den 86. Januar, vormittags 11 Uhr; Morgensprache der Schraubendreher 110/16 bei Wetzcl, Wrangeiftraste 136. Zahlreichen Besuch erwartet_ l>ie Ortsverwaltans.___ Centraiverein der Blldiianer Deutsclilands Tcrwaltnngsstelle Berlin. Dienstag, de» 88. Jannar. abends S'/e Uhr. im grossen Saale des Ge»verkschaftshauseS, Engel-Ufer 15: Recitationsabeiid der Dichterin Frl. Klara Hier. Gäste, Herren und Damen, willkommen. Eiiltritt frei. Eröffnung 8 Uhr. Dienstag, den 4. Februar: Außerördeutliche General-Versammlung betreffs Erhöhung des Beitrages. 20/1*] Ber Torstand. Bilderrahmeumachcr. Montag, den 87. Januar, abends 8 Uhr, bei Ewald, Üicbtfnleinstrasse 6: GeffenMche Uersammlnng. 52 T a g e»- Or d n u n g: Bericht der Kommission und Wahl eines Obnianns. Verschieden»». Die Kollegen werden ersucht, in dieser Versammlung vollzählig zu erscheine»._ 77/20*_ I. A.: Fr. Bamoat. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Die Kollegen, die sich an der Arbeltslosen-iiZUblnng beteilige«, werden ersucht, sich am Sonntag, de» 86. Januar, morgens 8 Uhr. in folgenden Lokalen einznfinden: Getoerkschaftshaus, Engel-Ufer 15, Saal I und IV. Brüder. Waldemarstr. 75. Nrtzolk, Waffcrthorstr. 68. Etvald. Schönleinstr. 6. Havels Brauerei, Bergmannstraße. Köuigshof, Bülowstt. 37. Armin- Halle». Kommandantenslraße 20. Fischer, Waldstraße 8. Peters. Alt- Moabit 80/81. Schüler-Bra, irret, Tiinnstr. 25. Norddeutsche Brauerei. Ehausseestr. 58. Cösliner Hof. Cüslinerstr. 8. Dirke, Ackerstr. 123. Werna». Schwedterstraßc 23/24. Swiiicmüiider GesellschaftshanS, Swinemünderstr. 42. Briiitma»», Prinzeii-Aliee 21. Niimann. Brunneu- ftraße 188. Bauer. Rosenthalerstr. 57. Feind, Weinstr. 11. Sch'veizer Garte». Am Friedrichshain. Königsbank. Frankfurterstr. 117. Stechert. Andreasstr. 21. Keller. Koppenstr. 29. Elhfiuin. Landsberger Allee 40. Sinnttnrlsbiirg. Beutling, Goethe- und Kantstraßen-Ecke. Lichten- berg. Lütterbuse, Friedrich Karlstr. 11; Bastian, Hagen- und Gudrun- straßen-Eckc. Friedrichsfelde. Lasse, Luisenstr. 20. Weissen see. Schn- inann, Lehderstr. 18. Pankow. Hoffmaun, Mühlenstr. 25. Achtung! Achtung! AW! ZlreMohlen-Verkauf. Billigst! Verkaufe ab Kabn, Michaelkirchbrücte, beste Seuftenberger Presskohleu. Marke Marie..B. K.",»llcrgröfstes Format, mit «« Pf. den C e u t n c r. 1 Centner Preßkohlen vv» 7 Zoll— HO bis 115 Stillt. Jndustril kohle der Centner 85 Pf. 81b 173. Organisierten Arbeitslosen und Konsuiilvereinsniitgliedem, welche sich legitimiercii, geivähre ich 5 Pf. pro Centner Eniräßigung. ».»>»u lg Uang. a icn? n!t!�Z BESTE NAHRUNG PUR gesunde Adarmkranke Kindel* Kindermehl Jährliche Production: 163 MHlionenj » yRatrapas |�feinc5Pec'alität zu 3-10 Pfg.p�tüek � � v.aircÄnW»*-' Druckfehler Berichtigung. In dem Inserat Htz'llheln, Stein, HVarenhans, in der gestrigen Nummer des„Vorwärts", soll es in der mittleren Spalte bei„Vorzugs- preise für Kaffee* unter Mischung IV 0,90 Pf. pro Pfund Heißen, nicht 0,00. «eranlwortlicher R-dactenr: Carl Leid in Berlin. F»r»,n Jnseriienteii �aulwortli»: DH.«lode in»erlio. Druck uitd Perlag von Max Badin« ,» Berlt».