Ur. 56. Abomitments-Kedingungen: Abonnements- Preis pränumerando: Visrleljährl. Z,30 Mb, monatl. i.ioMb, wöchentlich 28 Plg, frei ins Haus. Simelne Nuuim-I s PIg. Sonntags- Nummer mir Ilt»nr>cri«r Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" w Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingelragen in der Post- Zeitungs- Preisliste siir 1902 unter Dr. 7878. Unter ilreuzban» siir Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, siir da» übrige«utland S Marl pro Monat, 19. Jahrg. Die Inftrtions-GeMyt beträgt sür die sechsgespaltene fiolonel« zeile oder deren Raum 40 Psg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und VersammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" jedes Wort 5 Psg. (nur daS erste Wort fett). Inserate für die nächst« Nummer müssen biS 4 Uhr nachmittag» in berErpediiion abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen MS S Uhr vormittags gevsfner. Srjchtlul»glich auger Montag«. Devliner VulKsblcrft. Telegramm-Adresse! „Sorialdemolirat verlin" Centvcrlorgan der soriaUtemokratlschen Partei Deutschlands. Kedaktion: sw. 19, Beullj-Strahe 2. Fernsprecher: Zlnit 1, Nr. 1508. Freitag, de» 7, März IDOÄ. Expedition: sw. 19, Bentlh-S krasse 3. Fernsprecher: Amt I. Nr.!»1SI. Der Zuckervertrag. Am 5. März ist nunmehr in Brüssel die Zuckerkonbention unterzeichnet worden, nachdem die deutsche Regierung ihre Unterhändler angewiesen hatte, ihren verzögernden Wider- spruch aufzugeben. In der Zuckerkonvention ist der Versuch unternommen worden, das gemeingefährliche wahnsinnige Wettrüsten der Schutzzöllner auf einem Gebiete wenigstens zu einer Politik des Abrüstens überzuleiten. Es ist eine Art Friedens- konfercnz gewesen. Die Hauptmächte suchten und fanden eine Verständignng, nachdem die Zollpolitik der Zuckcrkartclle nicht nur die Konsumenten in schamlosester Weise ausgeplündert hatten— das hätte sich die Regierung noch gefallen lassen— sondern auch die Industrie selbst durch die Herbeiführung einer kolossalen Ueberproduktion schwer gefährdet hatte. Auch die Rücksicht auf die ftnanziellen Erträge für die Staatskassen mag entscheidend mitgewirkt haben. Beteiligt an dem jetzigen Brüsseler Vertrage sind einer- seits das Hauptverbrauchsland für Zucker: Großbritannien, andrerseits die Zuckcrexportländer: Teutschland, Oestreich- Ungarn, Frankreich. Belgien und die Niederlande. Ferner haben sich Italien, Spanien und Schtveden, welche Zucker zwar Produzieren, aber nicht ausführen, der Konvention mit gewissen Vorbehalten angeschlossen. Rußland ist ferngeblieben, es ist ihm aber— so fuhrt eine offiziöse Darstellung der„Nordd. �g- Ztg" aus— wie auch den andren Ländern der nach- trägliche Beitritt offen gehalten. Die genannten Zucker-Exportländer verpflichten sich, alle direkten oder indirekten Prämien auf die Erzeugung oder die Ausfuhr von Zucker bcdinguugslos abzuschaffen. Es werden also auch in Frankreich, das im Laufe der Verhand- langen Anspruch auf Beibehaltung eines Teiles seiner indirekten Prämie erhoben hatte, die Prämien nunmehr vollständig beseitigt. Für diese Länder wird ferner der sogenannte U e b e r zoll, das heißt der Unterschied zwischen der Zoll- und Steuerbelastung des eingeführten ausländischen Zuckers und der Belastung des inländischen Zuckers, auf einen Höchst- betrag festgesetzt, der bei Raffinade und ähnlichem Zucker 6 Fr. und bei rohem Zucker 5�s Fr. für 100 Kilogramm nicht überschreiten darf. Der Zweck dieser Bestinimung ist, für die Zukunft es unmöglich zu machen, daß unter hohem Zollschutz die Zuckerindustrie eines Landes mit Hilfe von Kartellen und Syndikaten den Zuckerpreis in die Höhe treibt und dadurch übermäßige Vorteile zieht, die den Prämien gleichkommen. Großbritannien übernimmt gleichfalls die Ver- pflichtung, daß es Prämien nicht gewähren wird. Die kleine Prämie, die den englischen Raffinerien aus der besonderen Gestaltung des seit dem April 1901 bestehenden englischen Zuckerzolls zugefallen ist, wird beseitigt werden. Ferner hat Großbritannien das Versprechen abgegeben, während der Dauer des Vertrags den Zucker seiner Kolonien nicht günstiger als den Zucker der Vertragsstaaten zu be- handeln. Die britischen Kolonien und auswärtigen Besitzungen fallen nicht ohne weiteres unter den Vertrag, es ist ihnen vielmehr nur der Beitritt offen gehalten. Indessen hat Groß- britannien die Verpflichtung übernommen, daß dem Zucker seiner Kronkolonien keinerlei Prämien gewährt werden dürfen. In Britisch-Ostindien werden mit dm Inkrafttreten des Vertrages die dort bestehenden Prämien-Ausgleichszölle gegenüber den Vertragsstaaten wegfallen. Die niederländischen Kolonien fallen gleichfalls nicht unter de» Vertrag. Aber auch ihrem Zucker dürfen keine Prämien gewährt werden und derselbe darf bei der Einfuhr in den Niederlanden nicht günstiger als der Zucker der Ver- tragsländer behandelt werden. Zucker aus Ländern, die den Vertragsbedingungen sich nicht unterwerfen, soll zum Ausgleich der Prämien, die er im Ursprungsland genießt, oder der Vorteile, die sich aus einem dort bestehenden zu hohen Ueberzoll ergeben, mit einem S t r a f z o l l belegt oder durch ein Einfuhrverbot aus- geschlossen werden. Als Termin für das Inkrafttreten des Vertrages, der auf fünf Jahre fest abgeschlossen wird, für die spätere Zeit aber vo» Jahr zu Jahr kiindbar sein soll, ist der 1. September 1903 festgesetzt. »» » Die Konvention bedeutet einen nicht unwesentlichen Fort- schritt. Den Zuckerkartellen, die namentlich in Teutschland und Oestreich eine unerhörte Mißwirtschaft getrieben haben, sind damit Zügel angelegt tvorden. Die Industrie wird sich ge- sunder entwickeln, und der Konsument wird entlastet werden. wenn auch die hohen Verbrauchsabgaben(20 M. für 100 Kilo- gramm) und Zölle nach wie vor den Verbrauch erschweren; der Zoll wird von 20 M. nach der Konvention auf ettva 4,50 M. herabgesetzt werden. Die Konvention hat in den Kreisen des deutschen Zucker- kartells eine lebhafte Betvegung hervorgerufen. Am Donnerstag waren die Herren in Berlin versammelt, um gegen den Brüsseler Vertrag zu protestieren. Ter Vorsitzende des Vereins der Rübenzucker-Jndnstriellen Geheimer Rat König klagte in beweglichen Tönen:„Wird der Ueberzoll herabgesetzt, so i st das Kartell zu Ende, viele Fabriken werden zu arbeiten aufhören müssen, und die Lage der Landwirffchast wird weiter verschlimmert werden. Deshalb darf der lieber. zoll nicht herabgesetzt werden. Was in Brüssel auch beschlossen wurde, so lange das Kartell dauert, sollte diese Konvention nicht in Kraft treten." Ein Redner, Dr. Bruckner, enipfahl vernünftigerweise, man solle statt gegen die Beseitigung der Prämien und die Herabsetzung des Ueberzolls zu kämpfen, lieber auf die Er Mäßigung der inländischen Verbrauchssteuer hinwirken, um den Konsum zu heben. Das wäre allerdings die nützlichste Maßnahme und ge sundhcitlich höchst wertvoll. Der Znckcrvcrbrauch kann in Deutschland noch außerordentlich gesteigert werden, wenn er verbilligt wird. In Deutschland wird auf den Kopf der Be völkerung jährlich etwa 14 Kilogramm, in England dagegen 45 Kilogramm konsumiert. Indessen nahmen die Zuckerkartellisten eine in diesem Sinne gestellte Resolutton nicht an, sondern faßten einen Be schluß, der sich abwartend verhält und nur den Wunsch äußert, daß das Kartell vor dem Abschluß der Gesetzgebung von der Regierung gehört werde. Es scheint, daß im Reichslage ein Gesetz im Sinne der Konvention zu stände kommt. Selbst der parlamentarische Agent des Zuckerkartells, Herr Paaschs, auf den die ruinöse deutsche Zuckergcsetzgcbung zurückzuführen ist, befreundet sich bereits mit dem Gedanken der Konvention. Die Hochschntzzöllncrei hat in der Zuckerindustrie zu einem offenen Bankrott geführt. Eine internationale Rege lung mußte an die Stelle des Kampfes aller gegen alle treten. Ein kleiner Anfang zur Besserung der chaotischen inter nationalen Wirtschaftspolitik. Zolltarif- Konlinissio». Aus der Donnerstags-Sitznng sind zwei bemerkenswerte Beschlüsse hervorzuheben. Der eine kennzeichnet die in der Schutzzollwut liegende, f ä st blinde Feind schaft gegen jeden Kulturfortschritt. Unter Nr. 17 will der Entwurf„nicht besonders genannte ßet flüchte" mit 2 M. per Doppelcentner besteuert wissen. Die Motive für diese Verzollung sind so klassisch, daß sie wörtlich angeführt zu werden verdienen. Sie lauten: „Für die ferner noch im Handel erscheinenden Oelfrüchte empfiehlt es sich, den gleichen Satz wie für die Gruppe der Nr. 14 vorzusehen, um dem Wettbewerb etwa neu auftretender Früchte wirksam entgegen treten zu könne n." Vergeblich warnte M o l k e n b u h r vor der aus dieser Begründung herausklingenden fast kindlichen Furcht vor Kiiltnrfortschritten. Die agrarische Mehrheit setzte der Vorlage entsprechend einen Schutzzoll gegen etwaige spätere Frevel ausländischer Erfindungen oder kultureller Verbesserungen ein, die der Landwirtschaft oder Technik in Deutschland fördersam sein könnten. Von weit einschneidenderer Bedeutung als dieser etwas Zukunftsmusik enthaltende Beschluß, ein- schneidend zu Ungunsten eines Nahrungs mittels weiter Kreise, war ein zweiter Be- s ch l u ß. Dieser betraf die künstliche Verteuerung der Kartoffel durch eiue» Schutzzoll. Die Kartoffel hat die Regierungsvorlage als außerordentlich wichtiges Nahrungs- mittel vom Schutzzoll verschont. Der Vorsitzende des Bundes der Landivirte verlangte ä M. Zoll sür den Doppelcentner in der Zeit vom 15. Februar bis 31. Juli und 1 M. für die übrige Jahreszeit. Ein Antrag Herold(Centrnm) forderte einen Zoll von 2 M. l)0 Pf. für die Zeit vom 15. Februar bis 31. Juli, im übrigen Zollfreihcit. Dieser die Kartoffel verteuernde Antrag des Centrums gelangte zur Annahme. Die auf Kartoffelnahrung angewiesenen, so schwer notleidenden Kreise der katholischen Arbeiterschaft erhalten so aufs neue den Beweis der arbeiterfeindlichen Richtung des katholischen Centrums. In der nächsten Sitzung soll darüber Beschluß gefaßt werden, ob und wann die Kommission während der Oster- ferien tagen soll. Die Mchrheitsparteien regten die Be- willigung von Diäten siir die Sitzungen der Kommission an. In derselben Sitzung wird sich auch entscheiden, ob einem Antrag des nationalliberalen Abgeordneten Frhrn. v. Heyl entsprechend der Zoll auf Tabak von 85 auf 125 M. heraufgesetzt werden soll. Ehe die Kommission am Donnerstag in die sackliche Beratung eintrat, gab der Vorsitzende Rettich das GeschäftSordmuigS- Abkommen bekannt. Es lautet: 1. Schlntzanträge sollen auch ferner zulässig sein, jedoch erst dann, wen» die Antragsteller ihre» Antrag begründet haben. 2. Wird»ach Kundgebung eines Schlutzantrages und vor der Abstimmung über denselben das Wort znr Geschäftsordmmg ver- langt, so soll dasselbe vom Vorsitzende» erteilt werden. Jedoch findet über den Schlutzantrag keine Debatte statt. 3. Antragstellern soll das Wort vorweg erteilt iverden. Ist von mehreren gemeinsam ein Antrag gestellt, so erhält»nr einer der Antragsteller das Wort vorweg. Ist von mehreren Mitgliedern ein gleichlautender Antrag gestellt, so habe» dieselben sich darüber zu verständige», wer den Antrag begründen soll. Dieser Fassung widersprach die Kommission nicht; sie iviirde genehmigt und zu Protokoll gegeben. Es wurde nun die Beratung des Zolltarifs fortgesetzt. Position 16. die Banmwollen-Sainc», Elipenüsse, Sheanüsse, Butterbohnen, Stillingiasamen, Palmkerne(auch zerkleinert) Kopra- und Ricinuassamen zollfrei läßt, wirdj debattelos a n g e» o m m e n. Position 17 legt auf„andre nicht besonders genannte Oelsämemen und Oelfrüchte einen Zoll von 2 Mark. Molkcnbuhr(Soc.): Wir sind Gegner des Zolltarifs, weil demselben Motive zu Grunde liegen, die unseren Ansichten widersprechen, vor allem Verteuerung und Verschlechterung der noNvendigsten Lebensmittel der Arbeiter und Henunung des Kultur- fortschritts. Dies tritt nirgends so kraß hervor wie bei dieser Position. In der Begründung heißt es:„Der Zoll wird ge- fordert, um dem Wettbewerb etwa neu auftretender Früchte wirksam entgegentreten zu können." Nene, eventuell besonders gute Oele sollen durch den Zollsatz von vornherein von der Verwendmig in der deutschen Industrie ausgeschlosfen werden. Der Zollsatz wird nach kurzer Debatte a n g e n o m in e n. Position 18 stellt für Rotklecsant, Weißkleesaat und andre K l e e s a a t e n, die nach dem bisherigen Tarif zollfrei waren, einen Zollsatz von 5 M. ein. Frist, v. Wangenhcim(k.) beantragt einen Zoll von 10 M. Stolle(Soc.) begründet einen socialdcmokratischen Antrag, der Zollfreiheit fordert. Die kleinen Bauern, die einen verhältnismäßig großen Viehstand haben, selbst aber keine Klcesaat bauen können, müssen Klcesaat zur Fütterung ihres Viehes ankaufen. Frhr. v. Wangenheim(k.) hält es kaum der Mühe für wert, Herrn Stolle zu widerlegen. Die vorgeschlagenen Sätze sind zu niedrig und 10 M..angemeffen. Nachdem Ministerialdirektor Wermnth den Antrag Wangenheim bekämpft hat, wird der Antrag Wangenhcim mit 12 gegen � 11 Stimmen abgelehnt und die Sätze nach der R e g i e r u n g s- vorläge angenommen. Position IS setzt für GraSsaat aller Art, die bisher zollfrei war, einen Zoll von 2 M. fest. Frhr. v. Wangen heim(k.) beantragt einen Zollsatz von 10 M. Gothei»(frs. Vg.) begründet einen Antrag auf Zollfreiheit. Dr. Miiller-Meiniugcn(frs. Vg.): Der deutsche Samcnhandel ist wie kein andrer entwickelt. Der Antrag Wangeuheim wird abgelehnt und der Zollsatz nach der Regierungsvorlage a n g e n o m m c n. Position 20 legt auf Runkclrübcnsamen und Zuckerrüben- samcn, der bisher zollfrei war, einen Zoll von einer Mark. Frhr. v. Wangenheim(k.) beantragt einen Zoll von 6 M. Ministerialdirektor Wermnth stellt fest, daß die Ausfuhr von Runkelrüben- und Zuckerriibensamen die Einfuhr erheblich übersteigt. Stolle(Soc.): Hier handelt es sich um eine Belvillignng des Schutzzolles auf Vorrat. So lange die deutsche Sanicnziichterei auf der Höhe steht, kann sie den Schutzzoll entbehren. Wenn man in andern Ländern uns nachstrebt, so ist das doch noch kein Grund für einen � Schutzzoll. Sollte aber einmal eine Einfuhr nötig sein, dann sind es die � Bauern, die den Zoll bezahlen müssen. Die Samenzncht liegt in den Händen der großen Kapitalisten in Erfurt und Quedlinburg. Will man die Bauern gegen die Großgrundbesitzer aufreizen, dann braucht man ihnen nur mitzuteilen, wie man hier ihre Rohstoffe zu verteuern sucht. Der Kleinbauer kann keinen Samen züchten, Iveil hierzu Einrichtungen und Kenntnisse erforderlich sind, die ihm fehlen. Der Antrag Wangenhcim wird abgelehnt und der Satz nach der Vorlage angenommen. Position 21 läßt andre Feldrttbcnsamen, Möhrensamcn, Cichariensamen. Gcmüsesaiuen, Dillsnat, Blnmensnmen, Tabaksamen sowie anderweit nicht genannte Sämereien für den Landbau zoll- frei.— Diese Position wird d e b a t t e l o s angenommen. Position 22 legt auf AniS, Fenchel, Koriander, Kümmel(bis- herigcr Zollsatz 3 M.) und andre Säniereien zum Genuß frisch (bisher zollfrei) oder getrocknet(bisher 4 M. Zoll) unterschiedslos einen Zoll von 4 Mark. Die Socialdemok raten beantragen Zollfreiheit. Stadthagen(Soc.): Hier handelt es sich um Produkte, die von der großen Masse des Volke? gebraucht werden. Vielleicht höre hier v. Wangenheim auf ihn. Er habe neulich gesagt, seine(Stadt- Hägens) Reden seien ihm Luft. Da auch Wangenheim ohne Luft nicht leben kann, so sei zu schließen, daß er auch ohne seine Reden nicht leben könne.(Heiterkeit.) Die Agrarier begründeten ihre Zoll- erhöhungcn bald damit, daß wir zu große Einfuhr, bald damit, daß wir zu große Ausfuhr hätten. So lasse sich freilich alles betveisen. Position 22 wird nach der Vorlage a n g e u o m m e n. Position 23 läßt frische 51artoffcl» zollfrei. Freiherr v. Wangenheimmter deutscher Herrschaft entwickelt haben. Die samoanischen l Häuptlinge scheinen sich auf die L i eb e s g a b e n p o liti k fast ebenso gut wie unsre Agrarier zu verstehen. Morgen wird voraussichtlich die 2. Lesung des Reichs haushalts-Etats beendet werden. Außerdem steht noch die Uebcruahme einer Reichsgaranste für die ostafrikanffche Central bahn auf der Tagesordnung, die durch ein Versehen des Präsidenten heute noch nicht erledigt und, wie geplant, an die Budgetkommission zurückverwiesen werden konnte. Mip unter schläft anch der göttliche Homer! Der Fall Siietcncro» nochnials vor Gericht. Man schreibt uns aus Kiel vom 5. März: Wie die gesamte»»abhängige deutsche Presse, hatte auch uuser hiesiges Parteiorgan, die.Schlesw.-Holst. Volksztg.st im August v. I. die Aufsehe» erregende Freisprechung des»tollen Barons" durch das Kriegsgericht in Saarburg besprochen und dem Protest der öffent- lichen Meinung gegen den Spruch des Militärgerichts in scharfer, aber sachlicher Kritik des Urteils Ausdruck gegeben. Die Vertagung des Termins nach dem Gutsbezirk de? Angeklagten, die Behandlung. deren sich der Baron im Termin seitens des Gerichtshofes zn erfreue» hatte, die Nichtbeachtung dcr Sachverständigen-Gutachten, die feststelltkn. daß der tödliche Schuß den Italiener im Rücken getroffen habe, also nicht in Notwehr abgegeben worden sein könne, die einseitige Berück sichtigung der Entlastungszeugen, alles vom Angeklagten abhängige Personen, gegenüber den zehn Belastungszeugen, die sämtlich für unglaubwürdig erklärt wurden— alle diese Momente hatten die „Schlesw.-Holst. VolkSztg." zu dem Schlüsse geführt, daß eine objektive Befangenheit der Militärrichter zn Gunsten des Hauptmann z. D. von Stieieucron angenommen werden müsse. Die Richter hätten in dem Angeklagten in erster Linie den Standesgenoffen erblickt, dessen KavalierSparole den entgegenstehenden Zeilgenanssagen und dem Wissenschaft lichen Gutachten der Sachverständigen mindestens gleichzusetzen sei. In dieser Auffassung, die sachlich aus dem Milieu der Militärrichter hergeleitet und als im Wesen des Militärgerichts begründet nach- zuweisen versucht worden war, hatte das Kriegsgericht der 31. Division eine Beleidigung erblickt und Strafantrag gestellt. Jnfolgedesse» hatte sich heute der damalige vernntlvortliche Redacteur der„Schlcsiv Holst. Volksztg.", Genosse 31. Weber, vor der Strafkainmer des hiesigen Landgerichts zu verantivorten. In der Verhandlung wurde zunächst daS bekannte Urteil des CivilgcrichtS in Zaber» verlesen, daS einer Enlschädiguiigstlage der Hinterbliebenen des getöteten Italieners stattgegeben hat, iveil es in, Gegensatz zu dem Kriegsgericht annahm, daß Stietcucron die berechtigte Notwehr fahrlässig überschritten habe. Das Civilgcrichl stellte, ivie ans dem Urteil hervorgeht, fest, daß Stietencron keine Vernulassimg hatte zn schießen, daß er aber, wen» er von der Flinte Gebranch machte, anf die Beine seines angeblichen Angreifers hätte zielen müssen. Sodann kam daS Urteil des Kriegsgerichts selbst zur Verlesung und damit zu», erstenmal die authentische Begründung des seiner Zeit von der Oeffentlichkeit niit der größten Verblüffung aufgenommenen FreisprnchS zur Kenntnis weiterer Kreise. Der Ein- druck der Verlesung war ein derartiger, daß der Verteidiger, selbst ein Hauptmann der Reserve,, konstatieren konnte, erstens, daß der Verfasser des schriftliche» Urteils offenbar selbst ei» Gegner der Freisprechung Stieteiieroiisgewesen.zweitens, daß dcrArtikelschreiberder „SchleSiv.-Holst. Volksztg" mit seinerAuffassung den Nagel derartig sicher auf den Kopf getroffen habe, als ob ihn, das schriftliche Urteil im Wortlaut vorgelegen habe. In der That nämlich geht aus der Be- gründung des Urteils hervor, daß die Militärrichter der Persönlich- keit des Angeklagten in einem Maße Rechnung getragen haben, Ivie eS bei einem eivile» Gerichtshof undenkbar gewesen wäre. So wird die Widerlegung der drei, anf den anatomische» Befund sich stützenden Sachverständigcn-Gutachlen im wesentlichen auf die den übcrein- timmenden Gutachten entgegenstehende Darstellung d e S A n- geklagten gegründet. Weil der Getötete, nach Stietenerons A u s s a g e, die und die Stellung eingenommen, könne ihn der Schuß unmöglich im Rücke» getroffen haben. Fazzi hielt, heißt es an andrer Stelle,„nach der bestimmte» Angabe d e S An- geklagten" die Schaufel zn», Angriff bereit; die entgegengesetzten Aussagen der Kameraden des Getölcte» seien»nglanbivürdig, da diese„die Opfer unerhörter Beeinflussung seitens eines Teiles der Presse". Weiter heißt es im Urteil, der von gewissen Zeitungen geäußerte Verdacht, als habe Stietencron sich die Vcrivundnng, mit der er seine Notwehr begründete, selbst beigebracht, ei zurückzuiveise»,„tvcil Stietencron. wenn er auch n, i t rücksichtsloser W i l l e n s st ä r k e Eingriffe in sein Recht abwehre, z» vornehm denke, als daß er sich zu einer solchen jän, inerlichen Koinödie herbeilassen iv ü r d e." Der angeklagte Redacteur Ivie der Verteidiger wußten diese Momente der 3I»klage wirkungsvoll entgegenzuhalten. DaS Urteil oll nächsten Mittivoch verkündet werden. Der Staatsanwalt hat echs Monate Gefängnis beantragt, oblvohl der Angeklagte noch nicht vorbestraft ist.— » Deutsches Weich. Die Scharfmacher- nnd Schtvindel-Agcntnr i» Shanghai, die am 7. Juli 1900 eine bluttriefende Schilderung der angeblich am 6. Juli erfolgte» Ermordung sämtlicher Europäer i» Peking an einzelne Blätter kabelte, soll jetzt, wie die ,K. Z." mitteilt, in zivei Personen in Shanghai,»anrens Sutterle alias Sylvester und Chcsneh Duncan ermittelt sein. Llngeblich soll bei Verbreitung des infamen Liigentelegramms nur journalistische Sensationslüsternheit im Spiele ge- Wesen sein. Als ob nicht die Shanghaier Lügenfabrik auch viel 'päter noch ihr Scharfmacherhandiverl unablässig getrieben habe! Die Meldung selbst wurde bei ihrem Bekanntwerden von dem Vorwärts" sofort als Schwindel bezeichnet. Erst als eine Reihe cheinbarer Bestätigungen derselben vorlag, glaubte auch der„Bor- värts" der allgemeinen Ansicht von der Ermordung beitreten zu ollen. Dann jedoch kamen zahlreiche, immer bestimmter auftretende D e m e n t i r r u n g e n, so daß die R e g i e r u n g e» nicht minder als die Blätter bereits um den 20. Juli h e r u m die feste Ucberzeugung gewannen, daß die Gesandten sich n o ch a m L e b e n befände». Die Lügeunachricht verfehlte gleichwohl ihre Wirkung nicht. Denn es ist ziveifellos, daß der Entschluß dcS deutschen Kaiser?. einen Sühncscldzng großen Stiles unter deutscher Führung ins Werk zu setzen, unter dein Eindruck des Shanghaier Telegramms reifte. Wie nachhaltig seine Erregling über die vermeintliche Pekinger Blutthat war, bewies seine bekannte Bremerhavener Rede am 27. Juli. Aber bereits am 4. Juli hatte der Kaiser in Wilhelmshaven ene andre Aufsehen erregende Rede gehalten, in der das Wort fiel, daß keine große Entscheidung auf den, Erdball mehr fallen dürfe ohne Deutschlands E in greife», irnd daß er willens sei, hierbei die schärfste» Mittel rück- i ch t S l o s anzuwenden. Drei Tage später wurde daS Scharf- machcr-Telegramm in Shanghai losgelassen I Nach alledem liegt der Verdacht nicht allzufern, daß die Lügen- äbrik in Shanghai planmäßig vorging, um Deutschland zn veranlassen, in China für England, das in Südafrika gebunden lvar, die Kastanien aus dem Feuer zu holen.' s Eine Gege»bisite Wilhelms II. i» Ruffland soll für den Sommer beabsichtigt sein. Gelegentlich des Besuches sollen große Marinemanöver bei R e v a l stattfinden. Der deutsche Kaiser hat bereits einmal den russischen Boden betreten: damals, als er ganz unerwartet über die Grenze ritt und den erstanntcii Belvohnern eines russischen Grenzstädtchcns, das von einer Fenersbruust heim- gesucht worden lvar, mit einer die laudesväterlichen Verdienste Väterchens beredt preisenden Ansprache eine Zarenspende über- reichte.— DaS Kanonenblatt. Nach der„Rhein.- Wests. Ztg." hat der Geheinie Finanzrat Jencke im Anschluß an eine ordentliche General- Versammlung die Aktionäre der„Verl. Neuesten Nachr." zum 25. d.M. nach Essen zu einer außerordentlichen Geueralversamnilimg,� ivelcke über die Auflösung der Gesellschaft Beschluß fassen soll, berufe». Die„Rhein.-Wests. Ztg." fügt hinzu, daß die Akiicn- gcsellschaft der„Berk. Neuesten Nackr." Ende 1900 mit dem Sitz in Esten und einem Kapital von 575 000 M. in die jetzige Forcn der Aktiengesellschaft übergeleitet sei, das Finanzresultat habe sich indessen recht ungünstig gestaltet. Herr Krupp hat ja auch vorläufig nicht mehr nötig, Reklamc- blätter für Marine-Aufträae(Weltpolilik) zu unterhalten. Er hat die Lieferungen in der Tasche.— Majestätsbeleidigende Bocren- Sympathien. Wegen M a j e st ä t s b e l e i d i g n n g ist gegen den freireligiöse» Prediger Welcker in Wiesbaden eine Klage eingeleitet ivorden. Die Majestätsbeleidigimg ivird gefmide» in einer Stelle der Ansprache Welckers bei der Schiersteincr De Wet-Feier, wo die Veraiitwortlich- keit für die Kriege denen zugeiviesen ivird. von denen die Krieg?- erklärung ausgehe. Die Broschüre mit dem Wortlaut der Rede ist unlängst in Frankfurt beschlagnahmt worden. Die Ansprache ivar ein scharfer Protest gegen Chauvinismus und eine Verurteilung jeg- licher Kriegsgrencl. 1896 hätte die deutsche Boerenfreundschaft keinen Staatsanwalt angereizt, nach Majestälsbeleidigungcn zu spähen.— Ausland. Oestreich-Ungarn. Der Rusnahmrznstand genehmigt! —st— Wien, 4. März.(Eig. Ber.) Bei der Behaiidlnng des von der Regiening Koerber über die Stadt Trieft verhängten 3lnS- nahmeznstandcs zeigt sich die korrupte Art dcS östreichischcu Paria- mentarismns in ihrer ganzen abstoßenden Widerwärtigkeit. Die Suspension der staatsbürgerlichen Rechte war die größte Frivolität, die eine Regierung verüben konnte; es lvar in Trieft nichts vor- gefalle», was die Aufhebung der politischen Freiheiten nötig gcinacht hätte, noch ist der Ausnahmezustand die Maßregel, welche die durch die Ermordung so vieler inischnldiger Mensche» verbitterten Gemüter zu beruhigen vermöchte. Trotzdem war eS nicht überraschend, als die Regierung jene Frivolität beging. Als eine Regiening von mehr oder minder verzopften Beamten ist ihr Respekt vor de» Rechten der Staatsbürger vorweg nicht sehr bedeutend; zudem kann sie sich ans die 3lngst, die die Schliffe der von dem»»fähigen Statthalter gerufenen Soldateska erzeugt hatten, als anf einen mildernden Umstand ihrer thörichten Maßregeln be- rufen. Dein Parlamente fehlt aber jede Entschuldigung; wenn jene Aufhebung der bürgerlichen Freiheiten von den Abgeordneten legiti« miert tvird, so ist das ein Skandal, der in der Geschichte der europäischen Parlamente seinesgleichen sucht; zumal da die Beamten- regicrmig über keine ihr gehörige Majorität verfügt, die Parteien also nicht verpflichtet sind, durch ein außerhalb der Sache stehendes Hörigkcitsverhältnis der Regiernng ihre Znstimmnng zu liefern. Dennoch ist der Ailsnahmeznstand gestern von dein zur Prüfung der AnSnahmeverordmulg«ingesetzten Spccial-Ansschuffe zur Kenntnis genommen ivordeir, und wie die Dinge in unsrem entarletcn Parlamente stehen, so ist leider nicht zn zweifeln, daß der Beschluß im Hanse bestätigt werden Ivird. Die Wiirdelosigkeit der bürgerlichen Parteien ging so iveit, daß sie sogar den Ainrag ablehnten, der die Regierung zur sofortigen Aufhebung des AnSnahmeznstandeS anf- fordern ivollte— obwohl doch, selbst wenn die Notwendigkeit der Erlassnng angenommen werden könnte, die Nutzlosigkeit nnd Ueber- lüssigkeit seiner Anfrechihaltimg außer allem Zweifel steht I Dieses Votum der bürgerlichen Parteien ist nur durch den angeborenen K n e ch t S s i n n des OcstreicherS zu erklären, durch seine» ver- damnite» Respekt vor jeder Gewaltthat, die die hohe Obrigkeit zn verüben für gut befindet! Llls ein bezeichnendes Detail mag bemerkt werden, daß sich dcrAiisschich als Referentenden klerikalen Abgeordneten Dr. d. Fuchs erkoren hat, einen Menschen, der an dem berühmten Schurkenstreich der Lex Falkenhayn mitschuldig lvar»nd als Präsident des östreichischen LlbgeordnetenhauseS so gründlich ab- gekracht hat! Auch das verdient verzeichnet zn werden, daß sich die zwei alldeutschen Mitglieder des Ansschnsics der Abstimmung enthalten haben, daß alsv die Vertreter der scheinbar so radikalen Partei, die mit ihren» demokratischen Geflunker so viel Verwirrung angerichtet hat, die Schandthaten der Koerberschen Verwaltung bewußt unterstützten! Es scheint jedoch, daß die Regierung vor ihrem so mühelosen Siege selbst Grauen empfindet, denn heute wird offiziös gemeldet, die Aufhebung des Standrechts stehe unmittelbar bevor und auch die Beseitigung des Ansnahmeznstandcs sei„in kürzester Frist" zu ge- wältige».' Der Bericht des Ausschusses soll ini Abgeordnetenhanse am Donnerstag zur Verhandlung kommen; Herr v. Koerber und seine Parteien können sich da auf eine ordentliche Strafpredigt gefaßt machen.— Frankreich. I» der Kammer wurde in den letzten zwei Tagen über das Budget der Post und Telegraphie verhandelt. Sembat(revolutionärer Socialist) als Berichtcrstaiter erkannte freimütig an, daß Millerand in seinem Ressort dankenswerte Reformen eingeführt habe, er ver- lange aber eine Reform, die sich sofort einführen ließe, nämlich die Schließung der Postbiireans von Sonntagmiitng an. Der Unter- Staatssekretär verspricht, daß eine diesbezügliche Bestimmung bereits in de» nächsten Tagen erlassen werde. Zövaes(Guesdist)«»sucht die Regierung, ein Gesetz vorzulegen, nach welchem sämtlichen Angestellte» der Post ei» wöchentlicher Ruhetag garantiert wird. Kürzlich ist bekanntlich der wöchentliche Ruhetag für die Postbeamten in einigen großen Centren zur Einfühnnig gelangt. ZsvaeS wünscht, daß diese Bestimmung anf alle Postämter aus- gedehnt iverde. Millerand antivoriet, der Staat habe ziveifellos die Aufgabe, den Privatbetrieben mit gutem Beispiele voranzugehen. Es bedürfe auch gar keines besonderen Gesetzes. Der Staat habe das Recht nnd die Pflicht, die Arbeitsbedingungen seiner tzliigestcNten »ach Möglichkeit zu verbcssenr; es sei dies lediglich eine finanzielle ftage, die Reform werde einige Millionen kosten. ES wurde die Resolution Zövaös angenommen. Belgien. Die VerfassungSrebisio». DaS Liberal-Soeialistische Kartell zur Erringung dc§ allgememcn Stimmrechts hat beschlossen, daß der Antrag anf PerfassnngSäiiderung betreffend die SiZahleu zur Kammer nnd Senat sofort nach Erledigung des Antrags Vandervelde bezüg- lich der Wahlen zu den Pcovinziäl- und Kommunalbertretungen ein- gebracht werden soll.— Italien. AuS Calabrie» kommen Nachrichten über stattgehabte ganz ernstliche Revolten. Die Arbeitslosigkeit ist dort eine sehr große, und die Beivohner ivarte» seit langem auf die längst versprochenen Eiseubahnbanten. Die Regierung konzessioniert dieselben nicht, nnd o kam es zn Znsammcnrottnngeii; am schlimmsten Ivurde in Casseno gehaust. Dort drang die Masse in daS Stadthaus ein, schlug alles entzwei, begoß Treppen nnd Zimmer mit Petroleum und zündete dos HauS an, so daß das ganze Gcbände in kurzer Zeit ein Raub der Flammen geworden war' Es stehen nur noch die vier Ui»fassungS> mauern, und der Schaden wird auf eine halbe Million Frank ge schätzt. Militär nnd Gendarmerie sind jetzt in genanntem Orte an gelangt und haben gegen 40 Verhaftungen vorgenomme».— Spanien. Die Metallindustviclle» von Barcelona haben eine Kom Mission ernannt, ivelche die Forderungen der Arbeiter untersuchen nnd die nötigen Refonnen vorschlage» soll.— Es sind wieder einige Streiks im Gange. So haben die Fuhrleute der Lastfuhrwerke die Arbeit eingestellt. Die Behörden bringen das alte Mittel in An Wendung, indem sie Militär beordern, die Wagen zu begleite» und die„Ordnung" aufrecht zu erhalten. � Türkei. Albanische Unruhen. S a l o n i ch i. 6. März. Die Situation in den albanesischcn Distrikten Berat nnd Balona ist wieder äußerst bedrohlich. Die Albanese» verweigern jede Steuerzahlung nnd setzten der Behörde thätlichen Widerstand entgegen. Die von Kon- stantinopel aus unternommenen Versuche, die Albanesenführer durch Versprechungen zu gewinnen, sind erfolglos geblieben. Der Boereu- Krieg. Die Blutopfer des GoldhnngcrS. Seit Beginn des Krieges sind, nach einer soeben erschienenen amtlichen Statistik. SO SS2 Engländer gestorben. Hiervon fielen n»f dem Schlachtfelde 8g Offiziere und 4300 Mann. 173 Offiziere und 1700 Mann sind später ihren Wunden erlegen. Frciwilligcn-Mangel. Der„St. James Gazette" zufolge hat das Kricgsamt im der flossenc» Jannar 10 000 Freiwillige anzuwerben versucht, es meldeten sich jedoch nur löOO. Ablehnung einer Jnlervcntion durch Amerika. Nctv Bork, 8. März. Die Boercndelegicrte» Fischer, Wolmarans und Müller wurden heute vom Präsidenten Roosevelt in Washington empfangen. Die Audienz dauerte eine halbe Stunde. PräsidcntRoosevelt lehnte ab, i» eine Anseinandersctznng über die südafrikanische Lage mit den drei Delegierten einzutreten, und verwies sie freundlich aber be- stimmt an seinen Minister für ansivärtige Angelegenheiten, den Staatssekretär Hah. Dieser erklärte den drei Herren dann noch am selben Tage amtlich, daß die Regierung der Vereinigten Staaten dem Wunsche nach Intervention zivischc» Transvaal nnd England nicht nachkommen kann. Die Boerendelcgierten verließen hierauf abends die Stadt Washington._" Die Brattntwcinstener-Ko»»nisfion des NeichStoges berhandelte am Mittivochabend über den Antrag des Abg. Pansche snatl.), der den Mclassebrennereicn, die vor dem Jahre 1835 in Be trieb waren, ei» festes Kontingent von 3 Millionen Liter reinen Alkohols übertveisen will, das unter dieselben nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit verteilt werden soll, doch soll den bisher am Kontingent Beteiligten ihr bisheriges Kontingent nicht um mehr als 3 Proz. gekürzt werden dürfen. Der Antrag, für den der Antragsteller geltend machte, daß er niemand schaden, den Kleinen aber nützen würde, wnrde fast von allen Seiten bekämpft. Die Regiernngsvertreter: Unterstaatssclrctär v. ffischer» bayrischer Geheimrat v. Gcygcr nnd badischcr Ministerialdirektor Schercr erklärten ihn für unannehmbar Iveil er in die Reservatrechte der Einzelstaatcn eingreife, das Princip des Gesetzes durchbreche, tveil er das Kontingent nach Kategorie» feststellen wolle und zu unabsehbaren Konsegnenze» führe. Die Ausnahme, die die Melassebrenner für sich wollten, sei absolut un berechtigt. Aehnliche Gründe gegen den Antrag machte» auch die Abgg. G a m p/2 Pf. gezahlt, vom 1. April ab sollen 60 Pf..gezahlt werden. Das sind immer noch 5 Pf. weniger als nach. den Abmachungen der Organisationen. Die dortigen Arbeiter müssen mehr Geld und Zeit aufwenden, um nach der Arbeitsstätte zu gelangen als die Berliner. Die städtischen Baubeamten bekommen einen außerordentlichen Zuschuß für die Thätigkeit außerhalb Berlins: wenn diese den Anspruch erheben, dann sollte man doch auch die Arbeiter nicbt schlechter als die Berliner entlohnen. Die Arbeil nehmer-Organisatioii wird die Vertragstreue ebenso gut halten wie die Unternehmer, vielleicht besser.(Beifall.) Stadtrat NamSlau: Es existiert in Berlin dasjenige, was Herr Borgmann meint, städtischerseits keineswegs: wenn es privatim für Berlin zwischen Unternehmern und Arbeitern gilt, so ist das ja sehr erfreulich, aber hat nichts gemein mit der Reuerung, daß wir dergleichen in unsre städtischen Verträge mit den Unternehmern hineinschreiben sollen. Wir geben unsern Berliner Baubeamten eine Zulage, wenn wir sie nach Buch schicken: da müssen wir ihnen die Auslagen vergüten. Die Arbeiter, die von Berlin nach Buch gehen, thun dnS ja freiwillig.(Au I und Unruhe.) In Buch haben die Unternehmer zuerst mit ländlichen Arbeitern ge rechnet. Der Einzelne mag ja der Not gehorchend hinausgehen, aber es bleibt deswegen eine Freiwilligkeit, die nicht verglichen werden kann damit, daß von uns die Beamten hinausgeschickt werden. Wir haben ja niit den Arbeitern direkt gar nichts zu thun.(Zwischenruf: Ist das eine Rückständi gleit I> In der Arbeiterorganisation stehen wir einem sehr mächtigen Faktor gegenüber und die Arbeiter kommen dabei nicht zu kurz. Wir aber haben es nur mit den Unternehmern zu thun und erinnern sie sehr stramm an ihre Pflicht. Der A n s s ch u ß a n t r a g wird a n g e n o in m e n, der Antrag B o r g m a n n abgelehnt. Nach nochmaliger Beratung nnd nach Kenntnisnahme von dem Gutachten des Professors Proskaner hat der betreffende Ausschuß fast einstimmig beschlossen, dem vorgelegten Vorenlwurf zum Neu bau eines Amtes für die Untersuchung v o n N a h r u n g s» nnd G e n u ß m i t t e l n sonne Gebrauchsgegenständen in der F i s ch e r st r a ß e 39/42 zuzustimmen. Referent ist Stadtv Prof. Landau. Die Vorlage wird ohne Debatte angenommen. Die neue B e k l e i d n n g s o r d n u n g für den Bereich der a i s e n v e r w a l t u n g ist von dem niedergesetzlen Sonder ausschuß unverändert angenommen und auch die teilweise Erhöhung der Kostgeldsätze nach den Magistratsvorschlägeu beschlossen worden. Stadtv. Tolködorf(Soc.) beantragt, die höheren Sätze, welche die Waisenvcrwaltniig ursprünglich verlangt hatte, welche aber der Magistrat herabgesetzt hat, zu beschließen, nämlich das monatliche Kostgeld für die Kinder vom zweiten Lebensjahre ab mit 18 statt 15 M., ferner das Kostgeld für die außerhalb verpflegten Kinder vom 6. bis 14. Lebensjahre mit 9 statt 7,50 M. und für die Mädchen in Berlin und Vororten mit 10,50 statt 9 M. Die Vorlage wird unverändert genehmigt. Mit 8 gegen 6 Stimmen hat der für die Vermietung der Viehhof-Nestauratiou eingesetzte Ausschuß abermals die Vergebung an Herrn Lücke j u n. Ar 57 000 M. empfohlen. Es ist die Veraiiftaltnug eines neneii AuSschreibens und namentliche Abstimmung über diesen Antrag beantragt. Referent Stadtv. Ruugc bemerkt, daß die Kautionen bereits zurückgezahlt worden sind, bevor die Versammlung sich schlüssig gemacht habe.(Hört I Hört!) Stadtv. Faöqucli durch die kleberiragimg des Großvcrknnfs von Peiroleum an den Staat wird vom Finanzminister Caillanx bekämpft,_Der Minister führte ans, um das Petrolenm-Monopol einznsiihren, müßten etwa hundert Millionen an die Raffinerie als Entichädignng gezahlt werden, außerdem würde der Staat von den amerikanischen Trusts abhängig werden. Der Antrag wird mit 400 gegen 177 Slimmen abgelehnt._ Cholera. Konstantinopel, 6. März. Bei einer aus Mekka in Medii eingetrosfeiien Karawane sind vorgestern 40 nnd geste 70 Todesfälle infolge von Cholera vorgekommen. Hierzu 2 Beilagen», UiiterhaltilngSblatt Nr. 56. 19. Jahrgang. 1. KrilU te Dmäck" Kessm Wshlalt. FrrUag. 7. Mär!>962. Neichskiig. 1ö9. Sitzung vom Mittwoch, den 6. März 1302, nachmittags 1 Uhr. Arn Tische des Bundesrats: Freiherr v.' R i ch t h o f e n Dr. Stübel, Kraetke. Die ziveite Lesung des Kolonialetats wird fort' gesetzt beim Etat für Ostafrika, Einmalige Ausgaben. Titel 5 verlangt als Zuschuß zu den Kosten für die Weiterführung der T e I e g r a p h e n l i n i e D a r- e s- S a l a a ni- M p a p>v a nach Tabora 1(33 lXX) M. In Verbindung damir wird über den früher zurückgestellten Titel 46 des Ertra- OrdinariumS des P o st e t a t s beraten, der nach der Regierungsvorlage als Kosten onteil der Postverwaltung für die Herstellung dieser Telegraphen linie Mpapiva-Tabora 602 000 M. forderte. Die Budgetkommisston beantragt, den Zuschuß des Gouvernements von Ostafrika(168 000 M.) zu bewilligen, den Kostcnanteil der Post Verwaltung dagegen um 302 000 M. zu kürzen, mithin statt 602 000 M. als erste Rate nur 300 000 M. zu bewilligen. Abg. Müllcr-Sagan(frs. Vp.): Schon die Rücksicht auf die un- günstige Finanzlage gebietet, diese Fordenuig abzulehnen, zumal bei uns in Deutschland wichtige Kult nrfordernn gen im Hinblick auf die finanzielle Situation unerfüllt bleiben müssen Ich verkenne nicht die Bedeutung des Ortes Tabora; wenn aber darauf hingewiesen ivird, daß in Tabora 1000 Mann Schntztruppcn und IS 000 Eintvohner vorhanden sind, so möchte ich doch fragen lvicviele von diesen Menschen denn im stände sein werden, die Tclcgraphenliuie zu benutzen. Die weiße Bevölkerung in Tabora beträgt höchstens 120 Köpfe. Man hat nicht mit Unrecht gesagt. die Weiterführung der Linie nach Tabora Iverde nur geeignet sein. den Nashörnern und Kamelen des Telegraphieren zu er- mögliche».(Heiterkeit.) Ich beantrage die Streichung dieser Post tionen, solvohl der im Kolonial- wie der im Postctat. Staatssekretär des Reichs-Postamts Kraetke: Der Ziveck der Weiterfühnmg der Linie nach Tabora ist der Anschluß dieser Telegraphenlinie an die C a p- K a i r o- T e l e g r a p h e n l i n i e Erst dadurch Ivird eine sichere Verbindung dieser Teile unsrcr oft- afrikanischen Kolonien mit der Heimat gesichert, denn das Kabel Dar-cs-Salaam-Zanzibar ist bekanntlich sehr häufig nicht betriebsfähig. Man nniß bei so großen Entfernungen 2 Linien zur Verfügung haben, da immer damit gerechnet werden muß, daß eine derselben gestört ist Ich will nicht behaupten, daß wir für alle uusre Kolonien Telegrapheiilinien anlegen brauchen, ich bitte aber dringend, in diesem Fall für den Etatsposten zu stinrnren. Abg. Frese(frs. Vg.) bittet, dem Kommissionsbeschluß bei- zutreten. Abg. Dasbach(C.) tritt für Ablehnung beider Positionen ein. Wenn wir in diesen» Tempo mit den, Geldausgebcn fort- fahren werden, wird die Schuldenlast des Reiches, die jetzt schon 2 440 000 000 M. beträgt, bald auf 3 Milliarden angewachsen sein. Staatssekretär des Reichs-Postanites Kraetke: Die Befürchtung. daß für diese Linie riesige Betriebskosten aufzuwenden wären, trifft nicht zu. Das Beamtenmaterial ist schon vorhanden, es bestehen längs der Strecke Postagenturen. deren Beamte den Telegraphen- dienst versehe» werden. Äolonialdirektor Dr. Stiibel: Beim Ausbruch von Unruhen wird ein rasches militärisches Eingreifen sehr erleichtert, wenn eine tele- graphische Verbindung besteht. Neben dem Bau von Eisenbahnen find Telegraphcnlinien das wichtigste Mittel zur Unterstützung der militärischen Operationen; sie sind unter Umständen sogar ein Mittel, um die Schutztruppen zu vermindern. Je mehr Telegraphenlinien wir iiu Laude haben, mit desto geringeren Mitteln können wir die Ruhe im Lande aufrecht erhalten. Auch erfordert der common c-önzo einen Anschluß an die englische Telegraphenlinie vom Kap nach Kairo. Damit schließt die Debatte. Bei der Position des Post-EtatS wird die Regierungsvorlage einstimmig abgelehnt, der Kommissions- antrag dagegen angenommen. Ebenso wird die Position des Kolonial- Etats entsprechend dem Kommissioiisbeschluß angenommen. Der Rest des Etats für Ostafrika wird ohne Debatte bewilligt Es folgt der Etat f ü r K a m e r u n. Abg. Schrcnrpf(k.): Die Eingeborenen Kameruns führen be- rechtigte Klage darüber, daß die ihnen zugestandenen Land- Reservate nicht respektiert werden. Ihre Rechte werden durch die ausgedehnten Konzessionen an europäische Plantagen besitzer vielfach beeinträchtigt. Zn meiner Befriedigung will ein Erlaß des Gouverneurs diesen Ucbelständen Abhilfe schaffen, indeni er das mit Hütten von Eingeborenen besetzte Land der Verfügung der Plantagengesellschaften entzieht. Die Behandlung, die weiße und schwarze Arbeiter auf de» Plantagen erfahren.' ist oft eine sehr grausame. Einem Schwarze» wurden die Hände mit S p i r r t u s begossen und dann der Spiritus a n g e- z ü n d e t. Ich bitte die Kolonialverwaltung, gegen solche Grausam- leiten auf das schärfste einzuschreiten. Wenn solche Mißhandlungen vorkomme», braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Thätigkeit der Missionare so wenig Erfolg hat. Scharf zu verurteilen ist die Einfuhr von Spirituosen nach Kamerun, für die Schwarzen ist der Schnaps das reine Gift. Der überwiegende Teil der Steuereinnahmen, die insgesamt 68 000 M. ausmachen, ent- fällt mit 30000 M. auf die S p i r i tu o s e» h a n d e l s st e n e r. Wege» meiner im vorigen Jahre erhobenen Beschwerden über Miß- Handlungen in Kamerun bin ich von einer Privatgesellschaft, der westnfrikanischen Plantagengesellschaft.Victoria", scharf angegriffen worden. Ich muß diese Angriffe durchaus zurückweisen. Es ist meine Pflicht, als Reichstags-Abgeordneter jene von mir damals erwähnten Unmenschlichkeiten zur Sprache zu bringen. Abg. Prinz Arenberg(C.): Gegenüber einer Aeußenmg des Abg. Dasbach, wonach die Missionare nur als Zugmittel zu kolonialen Geldbewilligungen seitens der Kolonialverwaltiiug benutzt würden, fühle ich mich im Interesse der Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet, nach meiner genauen Kenntnisse der Verhältnisse offen auszusprechen, daß die Missionare seitens der Kolonialverwaltung stets mit dem größten Entgegenkommen behandelt worden sind und immer eine wohlwollende Berücksichtigung ihrer Ansprüche gefunden haben. Die Missionare erkennen es auch dankbar an. Ihr Ver- hältnis zur Kolonialverwaltung ist das allerbeste. Abg. Dr. Hasse(natl.) spricht den Wunsch aus, daß die Kameruner Schutztrnppe mehr und mehr in eine Polizeitrnppe verwandelt werde, die dem Civilgouverneur unterstehe und den Erwerbs- und Civilverhältnissen der Bewohner Rechnung trage. Heute fühle sich die Schutztruppe ein wenig als eine kleine Armee, die nur auf Kriegsabenteuer gehen müsse.' Kolonialdirektor Dr. Stübel: Die vorjährigen Anregungen des Abg. Schrempf waren nicht ohne Nutzen. Ich hätte aber wohl auch ohne seine Anregungen das Erforderliche veranlaßt. Die Kolonial- Verwaltung ist bestrebt, den Eingeborenen die genügende Bewegung«- freiheit zu sichern und beiden Jntereffentengruppen. den' Ein- geborenen sowohl wie den Plantagenbesitzern, gerecht z» werden. Die Neger dürfen nicht Fremdlinge in ihrem eignen Lande werden. Was die bedauerlichen Verfehlungen anlangt, die seitens der Angestelllcn von Pflanzungen vorgekommen sind, so ist seitens der Gerichte alles geschehen, was geschehen konnte. Es ist seitens der Gerichte auf bedeutende Strafen erkannt worden. Diese haben auch einen heilsamen Einfluß ausgeübt, so daß sich so traurige Vorkommnisse hoffentlich nicht wiederholen werden. Auf Einzelheiten kann ich nicht eingehen. Abg. Dasbach(C.) verwahrt sich dagegen, daß er behauptet hätte, die Missionare würden von der Kolonialverwaltung schlecht behandelt. Abg. CahcuSly(C.) führt Beschwerde darüber, daß eine MissionS- station durch die Augriffe eines feindlichen Stammes bedeutend ge- schädigt sei. Der Schaden belaufe sich auf etwa 10000 Fr. Kolonialdirektor Dr. Stübel: Der Gouverneur ist ersucht worden, Mittel und Wege anzugeben, wie die Missionare entschädigt Iverden könnten; vielleicht wird der feindliche Stamm zur Stellung Von Arbeitern an die Missionare veranlaßt werden oder aber es müßte von diesem hohen Hause eine Entschädigungssumme für die Mission erbeten werden. Abg. Lcdebour(Soc.): Ich muß meinem Befrenrden Ausdruck geben über die Art, in der der Kolonialdirektor ein Eingehen auf die Mißhandlungen abgelehnt hat. Ein Neger soll in der grausamsten Weise gepfählt worden sein. Einem andren wurde»', Ivorauf schon Herr Schrempf hinwies, die Hände mit Spiritus begossen und darauf angezündet. Der Kolonialdirektor hat zugegeben, daß Mißhaudlungen vorgekommen sind, dann aber erklärt. Zeitungsnachrichten seien übertrieben; damit aber können wir uns doch unmöglich znfricden geben. Wenn der Kolouialdirektor etwas über diese Mißhandlungen weiß, ist es seine Pflicht, uns darüber Auskunft zu geben; ich stelle deshalb an ihn die bc stinimte Frage: Ist es richtig, daß ein Neger gepfählt worden ist Wie steht es mit dem andern erwähnten Fall? Herr Schrempf hat durchaus recht, wen» er sich gegen die Vorwürfe der Kolonial- interessenten verwahrt, die ihm seine vorjährigen Aeußerungen im Reichstag verdacht haben. Abg. Bebel hat ja früher wiederholt ganz ähnliche Ausführungen machen müssen, dabei allerdings gerade bei den Freunden des Abg. S ch r e m p lebhaften Widerspruch gefunden.(Beifall bei den Soeialdemokraten.) Kolonialdirektor Dr. Stübel: Ich habe Herrn Schrempf nicht so verstanden, als ob er von mir eine Aufklänmg über alle Einzelheiten der begangenen Strafthaten verlangte. Das Haus hat doch auch ein gewisses Interesse daran, daß vielleicht eine gewisse Nachsich in der Richtung geübt wird, daß nicht jede unmenschliche Bc Handlung eines Menschen, die in Kamerun vorkonnnt, hier in den Einzelheiten zur Sprache gebracht wird. Ich will aber auf die direkte Anfrage des Abg. Ledebour die Sache gern genauer mitteilen. Es ist ein Kaufmann wegen schwerer Körperverletzung und Frciheits- beraubung in erster Instanz zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren verurteilt worden. Dies wurde in zweiter Instanz in eine Gefängnis strafe von einem Jahr unter Anrechnung der Untersuchungshaft umgewandelt. In einem zweiten Falle wurde am 4. No veniber 1301 ein Kaufmann wegen Körperverletzung. Freihcits beraubung und räuberischer Erpressung mit einer Gesamtstrafe von fünf Jahren Gefängnis und Tragung der Kosten verurteilt. Drittens ist der Kaufmann Wittenberg wegen derselben Vergehen zn einer Gesamtstrafe von fünf Jahren Gefängnis verurteilt Ivorden. Aus den mir vorliegenden Erkenntnissen des Gerichts erscheint die Behauptung, daß einer der Verurteilten sich der P f ä h l u n a eines Negers schuldig gemacht habe, nicht begründet, hier handelt es sich um eiiie Üebertreibung. Abg. Schrempf(k.): Zu meinen Angriffen im Vorjahre war ich vollkommen berechtigt, da die Thatsachcn schon wochenlang in den Zeitungen bekannt gegeben tvaren, ohne daß seitens der Kolonialverwaltung Abhilfe geschaffen war. Ei» Rcgicrungskommissar bestreitet die Nichtigkeit einiger von dem Abg. Schrempf vorgebrachten Beschwerden. Der Titel wird bewilligt; ebenso debattelos die folgenden und der Rest des Etats für Kamerun. Es folgt der Etat für Togo. Abg. Dr. Hasse(natl.): Die Umwandlung unsrer Schutztruppen in den Kolonien in Polizeitruppen halte ich für durchaus wünschens wert. Der Etat ivird bewilligt, ebenso debattelos die Etats für das südive st afrikanische Schutzgebiet und für Neu- Guinea. Beim Etat für die Karolinen, P a I a u- I n s e l n und Marianen nimmt das Wort Abg. Dr. Wiemer(frs. Vp.): Die Denkschrift über diese unsre neuesten Kolonien bestätigt die pessimistischen Anschauungen, die wir bei Eriverbung dieser Insel» ausgesprochen haben. Die Mitteilungen der Denkschrift stehen im krassesten Widerspruch zu den Erklärungen, die der damalige Staatssekratär des Auswärtigen Amts hier im Reichstag gegeben hat. Herr v. Büloiv hat ja durch seine tropisch-üppige Beredsamkeit, die damals noch mehr Eindruck machte als heute(Heiterkeit), die Mehrheit des Reichstags veranlaßt, dem Kaufvertrage zuzustimmen. Graf Bülow schilderte damals die Bevölkerung als anstellig und geschickt; die D e n k- s ch r i f t aber iicmit die Eingeborenen faul und jeder regel- mäßigen Thätigkeit abhold. Einige Stämme sind sitten los und werden von der Denkschrift geradezu Parasiten ge naimt. Auch die klimatischen Verhältnisse sind ivenig günstig; die Europäer klagen über Gliederschmerzen und Rheuma, unter den Eingeborenen ist die T u b e r- k u l o s e und andre Lungenleiden verbreitet. Das ganze Land wurde unS früher als ein üppiger, ivcnn auch noch nicht nutzbar gemachter Garten geschildert; heute erfahren ivir, daß die Karoliuen aus Basalt bestehen und daß der ursprünglich üppige Lehmboden größtenteils w e g g e s ch>v e m m t worden ist. (Hört! hört! links.) Man sprach von einer ausgedehnte» Viehzucht; aber es sind überhaupt e r st siebzehn Rinder eingefangen worden; dazu kommen noch vierzehn Hühner und vier Sckafc. Das ist der ganze Viehbestand.(Heiter- keit.) Abg. Biudewald schlug gestern vor, man solle deutsche Bauern- söhne von kleinen Bauernhöfen in unsre Kolonien führen. Vielleicht geht er selbst als Leiter einer solchen Expedition nach den Kolonien. Heiterkeit.) Gouverneur von Ncu-Gui»ea, Herr p. Bennigsen: Ich muß dem ungünstigen Urteil des Abg. Dr. Wienier doch in mancher Hinsicht entgegentreten. Für den Ankauf des Juselgebietcs waren in erster Linie politische Gründe maßgebend. Ich glaube allerdings. daß man geneigt geivesen ist, den Wert dieses Jnselgebietcs >u überschätzen.(Hört! hört! links.) Aber diese Inseln liegen o weit auseinander und in so verschiedenen klimatischen und ;esundheitlichen Regionen, daß man sich sehr schwer über sie ein Ge- ämtbild verschaffen kann. Das ist auch den dortigen Beamten in der kurzen Zeit noch nicht möglich geivesen. Es gicbt unter den Insel- gruppen zweifellos Inseln, auf denen ei» Plantagenbau möglich ist rmd auf denen Kakao, Tabak und Kaffee gedeiht, andre Inseln sind iir eine Besteckung mit Kokospalmen' außerordentlich geeignet. Unter den Marianen giebt es ausgedehnte Inseln, die mit wilden Kokospalmen bestanden sind. Das Gouvernement hat für die Ver- Pachtung dieser Wälder an Eingeborene 12 000 M. erlöst. Ein Teil ber Bevölkerung ist außerordentlich arbeitsam und ivillig. Das gilt besonders von den Eingeborenen der Insel Aap. Die Be- völkeruug der Insel Ponape ist allerdings kriegerisch und man könnte sich von ihr ivohl einmal eines feind- lichen Angriffes auf die Europäer versehen. Es ist ihr einmal gelungen, die ganze spanische Besatzung an einem Tage nieder zu mache». Wir haben uns trotzdem mit einer Polizeitrnppe von nur 50 Mann dort niedergelassen. Ich bin trotz der Warmuigen der Spanier ohne jede Belvaffnnngen außer einigen Jagdgeivehren in das Innere der Insel vorgedrungen. Die Eingeborenen haben uns erklärt, sie ircuen sich, daß sie unter deutsche Herrschaft kämen. Ich glaube, daß ivir nicht in feind- liche Beziehungen zu der eingeborenen � Bevölkerung, die mindestens 1000 mit Geivehren beivaffnete Menschen enthält, kommen werden. Die Polynester, ein stolzer, schöner und doch friedliebender Menschenschlag, verdienen, daß sich eine humane Nation ihrer annimmt und sie davor beivahrt, sich gegenseitig auszurotten und ganz unterzugehen. Deutschland sollte sich eine Ehre daraus machen, die Polynesier in ihrem Bestände zu erhalten und allmählig zur Kultur zu erziehen. Ich bitte, nicht zu pessimistisch in die Zukunft dieses Jnselgebietes zu sehen.(Beifall rechts.) Abg. Dr. Wiemrr(frs. Bp.): Es scheint ja neuerdings eine objektivere Schätzung auch unsrer afrikanischen Kolonien bei der Re- gierung Platz zu greifen. Aber warum ist man nicht früher ebenso gewissenhgft verfahren?(Sehr richtig! links.) Warum hat inan unS in die Täuschung versetzt, daß ivir einen blühenden üppigen Garten erwürben? Die 17 Millionen sind ohne erheblichen Zweck in die G e Iv ä s s e r der S ü d s e e geworfen ivorden. Herr V.Bennigsen rühmte die Schönheit der Polynesier; aber auch Deutschland hat einen schönen Menschenschlag(Große Heiterkeit.), und wir thnten besser, anstatt uns um die Seuchen der Polynesier zu küinmern, die T u b e r k u l o s e b e i u n s im Vater- lande zu bekämpfen.(Beifall links.) Es folgt der Etat für S a m o a. Abg. Dr. Bachem(C.) weist auf das Steigen des R e i ch's z u s ch u s s e s für Samon hin; allerdings steigen auch und zivar in stärkerem Umfange die Reichseinnahmen. Interessant ist es, daß mau auf dieser Südsee-Jnsel bereits an die Ausgestaltung der Selbstverivaltung geht. Abg. Dr. Hasse(natl.) drückt seine Anerkennung darüber ans, daß Versuche mit der Selbstverwaltung, lvie es fcheint mit günstigem Erfolge, gemacht worden sind. Doch muß davor g e iv a r n t werden, diese Versuche auf unsre andren Kolonien z n über- tragen, ivozu in, Kolouialrat Neigung zu bestehen scheint. Nur die Entwicklung der kommunalen Autonomie ist aussichtsreich. Gouverneur von Samoa Dr. Solf giebt ausführlich Auskunft über die Selbstverivaltung in Samoa. Zwei Parteien standen sich in Samoa gegenüber, die Mataafa-Partci, die Majoritätspnrtci, und die Malietöa-Partei. Die Majoritätspartei war der Ansicht, daß sie unter deutscher Herrschaft die Malietoa-Partei vollkommen nieder- schlagen könne und daß der deutsche Gouverneur der Gehilfe Matäafns sein würde. Das konnte natürlich nicht Aufgabe des Gou- vcrnements sein. Seine Aufgabe war vielmehr, die streitenden Parteien auszusöhnen. Ich glaube, daß mir das vollkommen gelungen ist. Auf die Samoaner kann man sich ja niemals besonders verlassen, aber diese Voraussage glaube ich doch wagen zu können: Fehden und Unruhen sind vorläufig nicht mehr vorgekommen, und ebensoiveuig ist anzunehmen, daß die Samoaner eiiie Rebellion gegen die Deutschen wagen werden. Dazu sind sie z» klug. Was die Selbstverivaltung anlangt, so habe ich Samoa nach den herkömmlichen Provinzen' in sogenannte Distrikte eingeteilt und jedem dieser Distrikte einen Vorsteher gegeben. Der Distrikt selber zerfällt wieder in Ortschaften, die auch ihre Vorsteher haben, eine Art Ortsschulzen. Mehrere Ortschaften zusammen stehen dann unter einem Dorftichter. Das Bestätigungsrecht habe ich mir natürlich vorbehalten, weil sonst ünmcr nur die eine oder andre Partei die Herrschaft haben würde. Die Distriktshänpter und die Dorfschulzen kamen bald auf den Ge- danken, daß sie eigentliche kaiserliche Beamte seien.(Heiterkeit.) Sie fanden sich deshalb mit dem Antrag ein, sie wollten lvie der Gouver- »eur und die Zolleinnchmer Gehälter haben.(Stürmische Heiterkeit.) Auf einer Reise mußte ich nun die Eingebornen be- lehren. daß Arbeit keine Schande sei, und daß sie für eine besondere Arbeit auch eine besondere Gegenleistung erhalten ivürden. Die hohen Häuptlinge begriffen dies und übten nun einen segensreichen Einfluß auf ihre Claus aus. Die 40000 M. Kopfsteuer sind auf folgende Weise aufgebracht worden. Ich sagte zu den Häuptlingen: Wenn Ihr Gehalt haben wollt, danir müßt Ihr Steuern bezahlen. Das verstanden die Häuptlinge: die Steuer» wurden bezahlt und sind pünktlich eingetroffen. Es liegt auch mm bereits ein erneuter Autrag der Häuptlinge vor, daß diese Stenern nicht nur von den arbeitskräftigen Männern, sondern auch von den Frauen und Kindern erhoben werden(Große Heiterkeit.) damit ihre Gehälter erhöht werden könnten.(Stürmische Heiterkeit.) ES wäre schade, wenn wir niit Gewalt gegen die Samoaner vor- gehen müßten. Damit Ivird nichts erreicht. Es ist viel besser, mit Liebesgaben und Geschenken zu wirken.(Große Heiterkeit.) Ehlers nennt Samoa die Perle der Südsee; im Namen meiner braunen Schutzbefohlenen kann ich Sie nur bitten, bei der Fassung dieser Perle nicht allzuviel am Golde sparen zu wollen.(Große Heiterkeit und Beifall.) Der Etat für Samoa wird beivilligt, ebenso debattelos das E t a t s g e s e tz für die Kolonien. Präsident Graf Ballcstrcn, erklärt die Tagesordnung für er- ledigt, obivohl noch der zweite Punkt, die Vorlage betreffend die Uebernahnie einer Rcichsgarantie für eine Eisenbahn von Dar-es- Salaam nach Mrogoro, zu erledigen ist. Er bemerkt sein Versehen erst bei der Festsetzung der Tagesordnung für die nächste Sitzung. Der vergessene Gegenstand ivird zum ersten Punkt der morgen, Freitag,'l Uhr, stattfindenden Sitzung bestimmt. Außerdem stehen die noch nicht erledigten Etatsteile der Reichsschuld, der Zölle zc. zur zweiten Lesung. Schluß S Uhr._ Der Kongreß zn Tours. Tours, 4. März 1902. Zweiter VerhandlungStag. N a ck m i t t a g S s i tz u n g 2ffe ll h r. Vorsitz: Abg. V i v i a n i, C a m e l I e. D e l s o n, Fräulein S a n in o n n e a u. Orry berichtet ausführlich namens der Preßkommission des General- komitces über die Vorarbeiten zur Ausführung des Lyoner Beschlusses, betreffend Schaffung eines täglichen Partei-Organs. Eine bei der auswärtigen soeialistischen Presse angestellte Umfrage hat ergeben, daß bei den bescheidensten Ansprüchen fürs erste Jahr 500 000 Fr. erforderlich wäre», darunter 50 000 Fr. für das Lancieren der Zeitung. Diese Summe läßt sich aber nicht beschaffen. Die Konsum- Genossenschaften sind zu egoistisch, um eine große Summe z» riskieren. Eine Geldsammlung niiißtc mehrere Jahre dauern, ohne nennenswerte Resultate zu ergeben. Was in Deutschland, in Belgien und Dänemark möglich, ist in Frankreich unmöglich: die französischen Proletarier sind zu träge und wenig zielbewußt. Zum Schluß Ichlägt Orry vor, doch eine Geldsammluna zn beschließen. Bagnol betont die ziveifelhaften Resultate einer Geldsammlung und beantragt, irgend eine genossenschaftliche Kombination zu ver- suchen. Görault-Richard, Chcfredacteur der„Pctite RSpubliqne", meint, Orry habe noch nicht alle Schlvierigkeiten berücksichtigt, die Ausgaben seien von ihm zu niedrig angesetzt. Man müßte sofort 1 Million Frank zur Verfügung haben, um eine Tageszeitung gründen zu tönneu. Es wäre daher geraten, ein monatliches oder ivöchcutlicheS Organ in Erwägung zu ziehen, das wenigstens ein Band zwischen den Föderationen herstellte und diese mehr als bisher dem Generalkomitce näher» ivürde. Frau Rcnaud appelliert an daS socialistische Gewissen: ES ei schändlich, daß die Partei bisher kein Organ habe. Wenn das un- möglich, wie würden sie also die socialistische Gesellschaft einrichten können? Sobald man auf das Organ zu spreche» komnie, werde alles Eis. Man habe von freigebigen Millionären gesprochen: Nein, ein socialistisches Blatt müsse mit socialistischen Sons gegründet iverden I Es werden noch iveitere Vorschläge gemacht. Schließlich Ivird beschlossen, ein periodisches Organ ohne nähere Bestimmung der Periodicität zu schaffen und die verschiedenen Vorschläge über die Mittel und Wege dem Gciieralkomitee zu überweisen. Bericht der Kainniersrnktio». Den gedruckt vorliegenden Bericht verliest der Abg.'Deböze. Er beginnt mit der Spaltung der Fraktion im Gefolge des Lyoncr Kongresses. Es sind 14 Abgeordnete ausgetreten, von denen Breton wieder der Fraktion beitrat(nachdem er mit seinen An- hängern ans der blanguistischen Föderation von Eher ausgetreten ivar), tvährend B ö n S z e ch unabhängig blieb. Seither ist der neu- geivählte Abgeordnete B o u v e r i- Montcean der neuen revolutionär-socialistischen Fraktion" beigetreten, so daß diese jetzt 13 Mitglieder zählt nud die alte Fraktion 30. In der letzteren sitzen nach lvie vor die allenianischen Deputierten Alle man und R e n o u, trotz dcZ ncnliche» Austritts der Allemanisten aus der Partei. Der Hauptinhalt des Berichts gilt der Rechtfertigung der iparlamentarischen Haltung der Fraktion unter polemischen Ausfällen �gegeu die antiministerielle Fraltiou. An theoretischen Gründen findet man im Bericht ganz konfuse Phrasen über den Zusammenhang zwischen Republik und Socialismus unter Berufung auf— Victor Hugo. Es wird auch hingewiesen auf die„von der republikanischen Partei gegebenen Reformen." Ferner wird die indifferente Haltung der meisten Deputierten in Bezug auf die Agitation gerechtfertigt. Zum Schluß wird das„lichtvolle Bild" des Berichts doch durch„einige Schatten" ver dunkelt. Der Fraktion fehlt nämlich eine Kleinigkeit:„der feste Zusammenhang der Mitglieder, der Geist der Disciplin, der eine politische Macht schafft". Trotz der„herzlichen" Beziehungen unter den Mitgliedern, die der Bericht eingangs hervorhebt, haben die Abgeordneten nach und nach sich v o l l st ä n d i g den Besuch de Fraktions-Versammlungcn„abgewöhnt". Daher die zerfahrenen Abstimmungen der Abgeordneten, die bekannt lich fast regelmäßig in allen wichtigeren Fragen auf drei fache Weise votierten: für. gegen und Enthaltung Der Bericht meint freilich, daß, von Principienfragen abgesehen, jedem Abgeordneten eine gewisse Bewegungsfreiheit gelassen werde» müsse„zur Befriedigung von individuelle T e m p e r a nr e n t e n oder lokalen Interessen". Der Bericht versteht sogar aus der Buntheit der Abstimmungen ein Argument gegen die„revolutionär-socialistische Fraktion" zu ziehen wozu die Schaffung einer neuen Fraktion, da man ja innerhalb derselben Fraktion sich frei bewegen könne?... Im übrigen vertröstet der Bericht auf die Zukunft, auf die neue nach den Kammerwahlen zu organisierende Fraktion, in Bezug auf die Vergangenheit könne man nur sein Bedauern aussprechen den skandalösen Abstimmungen für die Beglückwünschung der Von China- Expeditionstruppen und die Zarenkredite" u. a. m.' schweigt der Bericht. In der Debatte hat wede: der Bericht noch die Haltung der Fraktion die erforderliche principielle Kritik gefunden, obwohl manches scharfe Wort gefallen ist. Lenormänd, der zu den Antiministerialisten zählt, meinte, der . Bericht wäre„unparteiisch" gehalten. Aber welche Bürgschaft hätten wir für die Zukunft? Die Agitationsthätigkeit der Abgeordneten sei nicht so aktiv gelvesen. wie es der Bericht darstelle. Gewisse Abgeordnete seien„nichts als ministeriell" und kümmerten sich nur um ihren Wahlkreis. Redner bedauert, daß der Bericht die andre Fraktion als„Revolutionäre" bezeichnet. Wären wir denn keine Revolutionäre?... Die Fraktion habe den großen Fehler begangen, solche Mitglieder anfznnehnien. wie I o u r d e- Bordeaux, der stets ministeriell stimme, ohne sich um die lFnteressen des Proletariats zu kümmern. Es sei eine Schande, daß Jourde stets für die Interessen der„nationalen Armee" eintrete, für Schaffung neuer militärischer Ordenszeichen sich ins Zeug lege und dergl.„Ein Boirrgcois-Abgeordneter würde es nicht wagen, so zu handeln.(Unruhe). Und ich meine nicht nur Jourde, sonder» noch andre." Jetzt versteht Redner, warum die Provinzgruppcn nie eine Antwort ans ihre Gesuche um Redner erhalten hätten, da ja die Fraktion keine Versammlungen abhielt. KoSciuSko macht bekannt, daß ein K r i e g e r v e r e i n, dessen Ehrenpräsident Jourde, eine Geldsammlung ver' anstaltet hat, um dem Zaren einen Ehrendegeii z u präsentieren. Könne Jourde nun noch Fraklioiismitglied Meiden? Thizon beschwert sich namens der Agitationskummission des Generalkomitees über die' Lässigkeit der Abgeordneten in Bezug auf die Agitation. Die Beziehungen zwischen Komitee und Fraksioii müßten statutarisch geregelt werden. Der Fraktionsbericht Ivolle nicht die„guten Absichten" verdächtigen, aber in der Fraktion gebe es Abgeordnete, die keiner socialistischen Organisation angehörten, es fehle also jede Handhabe ihnen gegenüber. Frau Rcnaud kritisiert die Änsführungen des Berichts über die Harmonie zwischen Socialismus und Republik. Die Harmonie gelte nur für die sociale Republik. Mau solle de» Socialismus nicht, wie gestern geschehen, auf die Menschenrechte von 1789 zurückführen. Die Deputierten brauchten nicht Redner zu sein, um den Socialis- »uns propagieren zu können. Ein Delegierter aus Bordeaux teilt mit, daß die dortige Föderation Jourde über sein Votum sür das Kriegs- und Kolonial- budget befragt habe. Bisher habe Jourde noch nicht geantwortet. !Die Föderation habe beschlossen. Jonrdes Kandidatur nur dann an- zuerkennen, wenn er sich verpflichte, gegen das Kricgsbudget zc. zu stimmen. Weitere drei Redner tadeln das Votum der sechs Abgeordneten für die Beglückwünschung der Chinatruppen. Niemand' aber er- wähnte das Votum sür die Zarenkredite. Devöze bemerkt in seinem kurzen und nichtssagenden Schluß- wort, daß es reiche Mittel gebe, gewisse Abgeordnete aus der Fraktion auszuschließen. Möge der Kongreß eine Regel ausstellen. Der Kongreß billigt den Fraktionsb'ericht unter„gewissen Vor- behalten", da nämlich in einer späteren Sitzung Einzelfälle noch zur Sprache kommen sollen. Die Progrämmkommission ist mit ihren Arbeiten noch nicht fertig. Man schließt daher die Sitzung, nachdem die Seine- Föderation, in der stets Reibereien auf der Tagesordnung sind, ermächtigt worden, sich so zu organisieren, wie jede andere Föderation. Schluß der Sitzung sve Uhr nachmittags. TourS, 4. März. Zlveiter Verhandln ngstag. Abendsitznng. 9 Uhr. Janrös, Berichterstatter der Programmkommission, verliest den bon der Kommission einstimmig angenommenen Entlvurf der nach- folgenden Principienerklärnng. „Der Socialismus geht zugleich hervor ans der Bewegung der Demokratie und den neuen Formen der Produktion.— Historisch be- trachtet, haben die Proletarier gleich im Beginn der französischen Revolution eingesehen, daß die Erklärung der Menschenrechte illuso- risch bliebe ohne eine sociale Unigestaltung des Eigentums. In der That, wie könnten„Freiheit, Eigentum und Sicherheit" jedermann �garantiert werden in einer Gesellschaft, in der die Besten unter den Arbeitern nichts als ihre Hände besitzen und gezwungen sind, ihre Arbeitskraft der besitzenden Minderheit zu verkaufen, um leben zu können? So hat denn unser großer Babeuf, um auf alle Bürger die in der Erklärung der Menschenrechte eingeschriebenen Garantien aus- tZUdehnen, das Eigentiim als eine Garantie des allgemeinen Glücks verlangt. Für die kühnsten Proletarier war der Kommunismus der .höchste', der oberste Ausdruck der Revolution. „Zwischen dem aus der revolutionären Bewegung hervor- gegangenen politischen Regime und dem ökonomischen Regime der Gesellschaft besteht ein unerträglicher Widerspruch. Aus dem politischen Gebiet wird die Demokratie durchgeführt: alle Bürger beteiligen sich »wenigstens äsfurs ander Souveränität; das allgemeine Wahlrecht ist der Kommunismus der politischen Macht. Ans dem ökonomischen Gebiet ist dagegen eine Minderheit souverän. Die Oligarchie des Kapitals ist es,' die besitzt, leitet, verwaltet, ausbeutet. Als Bürger sind die Proletarier für fähig erachtet, die Milliarde des nationalen und kommunalen Budgets zu Verivalten. Als Arbeiter in der Werkstatt sind sie weiter nichts als eine passive Menge, die an der Leitung der Unternehmungen keinen Anteil hat; sie erleiden die Herrschaft einer Klasse, die eine fortan nutzlose und willkürlich ver- knngcrte Vormundschaft sie teuer bezahlen läßt. Das unwiderstehliche �streben der Proletarier ist daher. die auf politischem Gebiet teil- jweise verwirklichte Demokratie ins ökonomische Gebiet zu übertragen. -Wie alle Bürger die politische Macht demokratisch, gemeinschaftlich besitzen und handhaben, ebenso gemeinschaftlich müssen sie die ökonomische Macht und die Produktionsmittel besitzen und Hand Haben. '_„Sie müssen selbst die Arbeitsvorsteher in den Werkstätten ernennen. wie sie die Regierungschefs im Staate ernennen, und den jenigen, die produzieren, und dcr Allgemeinheit den ganzen Arbeits ertrag reservieren. „Diese Tendenz der politischen Demokratie, sich zu einer socialen Demokratie auszuweiten, ist durch die ganze ökonomische Entwicklung gestärkt und präcisiert Ivorden. In dem Maß. wie das kapitalistische Regime seine Wirkungen entwickelte, kam das Proletariat zum Be- wußtsein das unversöhnlichen Gegensatzes(oxxosiiion) zwischen seinen wesentlichen Interessen und den Interessen der social herrschenden Klasse und setzte es dcr bourgeoisen Form der Domokratie immer mehr und mehr die vollständige und tiefe kommunistische Demokratie entgegen. „Jede Hoffnung ans die Verallgemeinerung des Eigentums und der Ilnabhängigkeit durch die Vermehrung der' selbständigen kleinen Produzenten ist verschwunden. Die Großindustrie tvird immer mehr das Gesetz der modernen Produktion. Dank dcr Erweiterung des Weltmarktes, der wachsenden Erleichterung des Verkehrs, der Arbeits teilung, der wachsenden Anivendnng der Maschinen, der Konzentration der Kapitalien, werden die kleinen und mittleren Produzenten nach und nach von der konzentrierten unermeßlichen Produktion ruiniert oder ihr untergeordnet. Selbst dort, wo die Zahl der kleinen In- dustriellen, der kleinen Händler, der kleinen bäuerlichen Eigentümer sich nicht vermindert, geht ihre relative Bedeutung unaufhörlich zurück. Sie geraten in Abhängigkeit vom großen Kapital. Selbst die bäuerlichen Eigentümer, die ein wenig Selbständigkeit beibehalten zu haben scheinen, sind immer mehr den erdrückenden Kräften des Weltmarktes ausgeliefert, die ohne sie und gegen sie vom Kapitalismus gehandhabt werden. „Bei dem Verkauf ihres Getreides, ihres WeineS, ihrer Zuckerrübe, ihrer Milch sind sie innner mehr der Willkür der großen Zwischenhändler oder der großen Industrien der Müllerei, des Zuckers und des Alkohols ausgeliefert, die die bäuerliche Arbeit beherrschen und berauben. Die industriellen Proletarier, die beinahe jede Aus- ficht verloren haben, sich industriell zum Unternehmertum empor- znhcben und so zu einer ewigen Abhängigkeit verurteilt sind, sind außerdem den unaufhörlichen Arbeitslosigkeits- und Elendskrisen untcrwörfen, die durch die regellose Konkurrenz der großen kapitalisti scheu Kräfte entfesselt werden.' „Der unermeßliche Fortschritt der Produktion und des Reichtums, in großem Maße von den parasitären Klassen usurpiert, hat den Arbeitern, den Proletariern keinen gleichwertigen Fortschritt des Wohlstandes und der Sicherheit gebracht. Ganze Kategorien von Lohnarbeitern werden plötzlich ins äußerste Elend geschleudert dank der fortwährenden Erneuerung der Arbeitsmittel(outillsAe), sowie dem Ortswechsel und den Umgestaltungen der Industrie. „Der Kapitalismus selbst gesteht die Unordnung des gegew wältigen Regimes der Produktion ein, indem er versucht, durch kapitalistische Syndikate und Trusts sie zu seinem Vorteil zu regeln. In der That, selbst wenn es ihm gelänge, alle Prodnktionskräfte zu zügeln, so nur dadurch, daß er die Herrschaft und das Monopol des Kapitals bis zum höchsten Grade steigern würde. „Es gicbt nur ein Mittel, die Ordnung und den steten Fort chritt der Produktion, die Freiheit aller Einzelnen und den Ivachsenden Wohlstand aller Arbeitern zu sichern,— das ist die Uebertragung des Eigentums der kapitalistischen Produktionsmittel an die Kollek tivität, die sociale Gemeinschaft. „Das Proletariat, fortwährend an Zahl zunehmend, durch die große Industrie selbst für eine Gesamtaktion immer besser vor- bereitet, begreift, daß der Kollektivismus oder KomniunismuS für ihn das notwendige Reitnngsmittel>ist. Es setzt sich entgegen is'opxoss) als unterdrückte und ausgebeutete Klasse allen Kräften der Unterdrückung und Ausbeutung, jedem Eigentumssystem, das es zu einem bloßen Werkzeug herabwürdigt. Es erivartet seine Befreiung nicht vom guten Willen dcr dirigierenden oder von der spontanen Großmut dcr besitzenden Klassen, sondern von dem stetigen, mekhodi- che» Druck, den es ans die Privilegierten und die öffentliche Macht ausübt. Es setzt sich zum Endziel nicht eine teilweise Besserung, sondern die vollständige Umgestaltung der Gesellschaft. Und da es kein Recht ans das kapitalistische Eigentum anerkennt, so fühlt es sich an dasselbe durch keinen Vertrag gebunden. Es ist entschlossen, gegen dasselbe gründlich und bis zu' Ende zu kämpfen. In diesem Sinne ist das Proletariat eine revolutionäre Klasse und niuß eine olche bleiben auch dann, wenn es die ihm von der Demokratie zur Verfügung gestellten gesetzlichen Mittel gebraucht. „Schon durch die Eroberung des allgemeinen Wahlrechts, durch die Eroberung und Ausübung des Koalitions- und Vereinsrcchts, durch die ersten Arbeiterschntz- und socialen Versichernngsgesctze hat das Proletariat begonnen, die unheilvollen Wirkungen des kapita- listischcn Regimes zn bekämpfen. Es wird diese große und nn- unterbrochene Anstrengung fortsetzen, aber es wird den Kamf nicht eher aufgeben, bis das gesamte kapitalistische Eigentum durch die Gemeinschaft aufgesogen ivorden ist(rösorbee) und bis dcr Klassen- gcgensatz ein Ende genommen hat durch das Verschivinden der Klassen selbst, die in' der gemeinschaftlichen Produktion und deni gemeinschaftlichen Eigentum wieder versöhnt oder vielmehr ver- einheitlicht ivorden sind. „Wie sich die letzte Umgestaltung deS kapitalistischen Regimes in ein kollektivistisches oder kommunistisches vollziehen wird? Dem Menschcngeiste ist es unmöglich, im voraus die Art und Weise zu bestimmen, lvie sich die Geschichte erfüllen ivird. Die demokratische bourgeoise Revolution, deren Ursprung in der großen Bcivcgung des Frankreich von 1789 liegt, hat sich in den einzelnen Ländern ans die lerschiedenste Weise durchgesetzt. Das alte Feudalsystem ist bald dcr riedlichen und langsamen' Entwicklung, bald dcr Gelvalt gewichen. Die revolutionäre Bourgeoisie hat je nach Ort und Zeit bald die brutale Expropriation, bald den Rückkauf der feudalen Lehnsrechte vorgenonnnen. Niemand vermag zu wissen, auf ivelche Weise die kapitalistische Leibeigenschaft(ssnätucko) aufgehoben werden wird. «Die Hauptsache ist. daß der Proletarier stets zu immer kräftigerer und wirksamerer Aktion bereit sei. Es wäre gefährlich, die Hypothese von revolutionären Ereignissen zu beseitigen, die cntiveder durch den Widerstand oder sogar durch einen verbrecherischen Angriff der Privilegierten hervorgerufen werden können. Es wäre unheilvoll, im Vertrauen auf das bloße Wort Revolution, die großen gesetz- lichen Aktionskräfte zu vernachlässigen, über ivelche das organisierte und zielbewußte Proletariat in der Demokratie verfügt. Die gesetz- lichen Mittel, vielfach durch eine Revolution erobert, stellen dar eine Anhäufung revolutionärer Kraft, ein Revolutionskapital, das nicht zu verwerten unsinnig wäre. Allzu oft vernachlässigen es die Ar- beiter, aus den Aktionsmitteln Nutzen zu ziehen, die ihnen von der Demokratie und dcr Republik zur Verfügung gestellt werden. Sie ziehen ans der gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Aktion, aus >cm allgemeinen Wahlrecht nicht all den Nutzen, den diese AktionS- örmen liefern können. Es giebt keiiie Formel und keinen Mecha- nismus, die die Arbeiterklasse dcr stetigen Organisntions- und Er- ziohungsarbeit entheben könnten. „Die Idee des Generalstreiks, der Generalstreiks ivird den Proletariern durch den wachsenden Umfang der gewerkschaftlichen Organisation mit unlviderstehlicher Kraft eingegeben'. Sie wünschen die Gewalt nicht, die oft genug die Folge einer mangelhafte» Organisation und einer rudimentären Erziehung' de? Proletariats ist. Aber sie würden einen großen Fehler begehen, tvenn sie nicht von diesen, mächtigen Aktionsmittel Gebrauch mächten, das die proletarischen Kräfte im Dienste großer proletarischer oder öcialer Interessen zusammenordnet. Sie müssen sich vereinigen, sich organisieren, um im stände zu sein, die privilegierten Klassen immer tärker die Leere empfinden zu lassen, die der plötzliche Stillstand der einer endlosen Ausbeutung müden Arbeit im ökonomischen Leben der Gesellschaften auf einmal' erzeugen kann. Sie können dadurch den, Egoismus ber Privilegierten große Reformen im allgemeinen j o'uf'feiiicm' Schein bestehen,"ist immer schädlich; da mub'män'cineu Weg seinem Wesen nach republikanisch. Man kann sogar sagen, daß er die Republik selbst ist, da er die Ausdehnung dcr Republik auf das Reginie des Eigentums und der Arbeit bedeutet. „Die socialistische Partei bedarf freier, von Aberglauben und Vorurteilen befreiter Geister zur Organisation der neuen Welt. Sie fordert für alle Menschenwesen, für alle Individuen und garantiert ihnen die absolute Freiheit des Denkens, der Meinniigsäutzerung (d'ecrire) und des Glaubens; sie setzt allen Religionen, allen Dogpren, allen Kirchen, ebenso wie den Klassenanffassnngen der Bourgeoisie, entgegen das unbeschränkte Recht des freien Gedankens, die wissenschaftliche Auffassung des Weltalls und ein ausschließlich auf der Wissenschaft und der Vernunft beruhendes System der öffentlichen Erziehung. „So an den freien Gedanken und die Ueberlegnng gewöhnt, werden die Bürger gegen die Sophismen der kapitalistischen und klerikalen Reaktion gefeit sein. Die kleinen Industriellen die kleinen Händler, die kleinen bäuerlichen Eigentümer iverden aufhören zu glauben, daß es der Socialismus ist, der sie enteignen will. Die socialistische Partei wird den Moment beschleunigen, wo die kleinen bäuerlichen Eigentümer, durch die Absatzstockung ihrer Produkte ruiniert, mit Hypotheken überlastet und stets von der zwangslveise» Versteigerung bedroht, endlich die Vorteile der verallgemeinerten und systematisierten Association begreifen und selber die Vergesellschaft- lichung ihrer Bodenparzellen als eine Wohlthat verlangen Iverden. „Es lväre jedoch nutzlos, im Innern jeder Nation eine gerechte und friedenbringende Organisation vorzubereiten, wenn die gegenseitigen Beziehungen der Nationen allen kapitalistischen gierigen Gelüsten ausgeliefert blieben. Die socialistische Partei ivill den Frieden unter den Nationen; sie verurteilt jede offensive und Kriegspolitik, gleichviel ob es sich um einen kontinentalen oder einen kolonialen Krieg handelt. Sie sorgt dafür, daß die gleichzeitige Abrüstung stets' auf der Tagesordnung des civilisiertcn Länder bleibt. Und in Erwartung des Tages dcr endgültige»! Friedens unter den Nationen bekämpft sie den militaristischen Geiste indem sie aus allen Kräften für die Ueberleitung des Systems des stehenden Heeres in das Milizfystem arbeitet. Sie will das Territorium und die Unabhängigkeit des Vaterlandes gegen jede Ueberraschung sichern. Aber sie verurteilt von Grund aus jede offensive Politik und jedes offensive Werkzeug. Die enge Ver- ständigung der Arbeiter, der Proletarier aller Länder ist not-, wendig, sowohl um die Unterdrückungs- und Kriegskräfte zurückzudrängen wie auch um durch' eine zusammengefaßte Aktion den allgemeinen Triumph des Socialismus vor- zubereiten. Das internationale Einvernehmen der känipfenden Proletarier aller Länder wird den Triumph einer freien Menschheit vorbereiten, in der die Mannigfaltigkeit der Klassen verschwunden sein tvird und die Mannigfaltigkeit der Nationen anstatt ein Faktor des Kampfes und des Hasses zu sein, ein Faktor des brüderlichen Wetttstreites im allgemeinen menschlichen Fortschritt sein wird. „In diesem Sinne und aus diesen Gründen hat die socialistische Partei auf ihren Kongressen die Regel und das Ziel ihrer Aktion also formuliert: Internationale Verständigung der Arbeiter; politische und ökonomische Organisation des Proletariats in einer Klassenpartei zum Zwecke der Eroberung der Macht und der Ver- gesellschaftlichung der Prodnktions- und Austauschnnttel, d. h. der Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in eine kollektivistische oder komnittnistische." Jaurös beschränkte sich auf die Verlesung des Entwurfs, der am Schluß mit stürmischem, anhaltendem Beifall aufgenonimen wird. Berichterstatter giebt nur noch der Hoffnung Ausdruck, daß der Kongreß den Entwurf ebenso einstimmig votieren wird, wie die Kömmission.(Erneuter Beifall und Rufe:„Abstimmen! Ab- stimmen!") Niemand verlangt das Wort und der Kongreß votiert einstimmig durch Aufstehen die Principieuerklärung, die von den Delegierten nur einmal und zum erstenmal gehört wurde, während der iin Gencralkomitee in zahlreichen Sitzungen ausgearbeitete und auf dem Kongreß selbst stundenlang beratene Programm-Eutwurf einfach beiseite geschoben wurde. Das Ergebnis der Abstimmung wird mit Beifall und mit freilich vereinzelten Rufen:„Hoch die Einigkeit!" aufgenommen. Doch behalte ich mir. auf das Programm und die allgemeinen Er- gebuisse des Kongresses noch zurückzukommen. Vorsitzender Viviani freut sich über das eiiistimnliae Votum, bewundert das Stück„Rednerkunst"(page döloquenee), welches das Programm darstelle, und stellt dasselbe an Schönheit der Er- klärung der Menschenrechte von 1789 gleich. Hierauf begründet Briaud in wenigen Worten die von der Kommission ebenfalls einstimmig votierte Resolution über die Mini st erfrage: Schon im Dezember 1899(„Einigungs- Kongreß") sei beschlossen worden, daß znr Teilnahme an der Re- gierung die Zustimmung der Partei erforderlich wäre. Die Resolution Kautsky hätte jenen Beichlus; erneuert. Jetzt sei es an der Zeit, ans dieser Resolution die praktische Nutzanwendung zu ziehen. Bisher wäre dies unmöglich gewesen, ohne Personenfragen zu berühren. Jetzt aber sei es anders: morgen werde der„ministerielle Bertrag" (d. h. Millerands Ministerschaft') ein Ende nehmen.(Redner meint damit den Sturz oder die Demission des Ministeriums nach den Wahlen.) Man könne also einen Beschluß fassen ohne„Hin- richtmig von Personen",„ohne Leichname"... Die Zuhörer konnte» danach glauben, daß die Resolution fürchterliche Dinge enthält. In Wirklichkeit aber ist sie so harmlos, daß sie von Millerand selbst gleich ain ersten Tage seiner Ministerschaft ohne die geringste Lebens- gefahr, ja, ohne die geringste Gefahr für sein Portefeuille hätte votiert werden können. Sie lautet:„In Ausführung der vom internationalen socia- listischen Kongreß zu Paris votierten Resolution über die Teilnahme eines oder mehrerer Socialiften au der Bourgeoisregierung, be» chließt der Kongreß, daß von der nächsten Legislatur ab kein Socialist in eine ministerielle Kombination eintreten darf, so lange hierüber ein Parteitag nicht anders entschieden hat." Die Resolution wird ohne Debatte einstimmig angenommen unter vereinzeltem und schwächlichem Beifall. Briaud legt nun dar die Grundlinien deS Entwurfes der Reorganisation der Partei. Es handelt sich um eine gründliche Loslösnng dcr einzelnen Föderationen von einander und der Gcsamtparlci— im Namen der Autonomie und des Föderalismus. Nach einigem Widerstreben einer kleinen Minderheit votiert der Kongreß die Grundlinien„im Princip" und ernennt eine Kommission znr endgültigen Ausarbeitung der Statuten- ändcriing. Meppenheiiner erklärt, daß seine Sonderorganisation(Brousststen und Possibiliste») bereit sei, gemäß dem in Lyon gemachten Ver» precken, sich aufzulösen, um in der Gesamtpartei aufzugehen. Die gleiche Erklärung giebt die„Revolutionäre Socialistische Föderation" ab. die freilich, ebenso oder noch mehr als die bronssistifche ein Schattendasein führt. Schluß dcr Sitzung lO'/« Uhr abends. Vrieskasten der Redaktion. A. S. 199. 1. L. ist die Wissenschaft vom Unterrichts- und Er. ziehuligswescu. 2. Das erste und zweite„e" wie a, das letzte stumm. 3. Die beiden mittleren Vokale wie„cu". Bö. B. R. Erst machen Sie Ihr Examen. Mies Weitere findet sich später. Aber so ganz einfach ist die Sache doch nicht. Pf. Ronneburg. Ob die eine Seite recht hat oder die andre, das lädt sich nicht so unbedingt sage». Sind auf beiden Seiten annähernd gleich starke Organisationen, die beide beteiligt sein wollen, so ist doch das einfachste, man teilt sich in die Arbeit und teilt sich in den Erfolg. So wird es vielerorts gemacht und eö sprechen viele Gründe für die Richtigkeit eines sölcheu Verfahrens. In solchen Fragen bei differierenden Ansichten Interesse der Arbeiter entreißen und die vollständige Umgestaltung einer ungerechten Gesellschaft beschleunigen. Aber die Formel des Generalstreiks, ebenso wie der Teilstreik' und die politische Aktion. zieht ihren Wert nur auS dem Fortschritt der Erziehung, des Ge- dankenS, des Willens innerhalb der Arbeiterklasse. „Die socialistische Partei verteidigt die Republik als ein not- ' wendiges Befmungs- und Erziehungsmittel. Der Socialismus ist finden, der alle befriedigt. Genosse im Harz. Derartige Maschinen werden von der Firma Eduard Müller Nächst, Berlin, Fennstr. 45, gebaut. G. D. H. 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Soloscene von Eman Reicher. Serenlsstinuis. ZwiHcliciiüjticIe.— Bauern- kuiucdi. Abschiodssouper. Casino-Theater. Lothriiigerstr. 37. Ab 1. März vollständig neues erst- klassiges Specialitäten- Programm! Dazu„Lustige Brüder" mit Richter,„Ehrlos" mit Berg. Anfang Wochent 8 Uhr, Sonnt.?»/- Uhr. Tonntagnach»i.4Uhr: Muttersegen. BeHe-Antouee-Thealei'. Die Dame aus Teoiiliille. Emil Soiidermanna.G. Ferd. Worms m Mizzi Birlner. Rosa Marlon. Hierauf: Er. �bensbiid in Adele Hartwig». Leopold Thurner a.G. Ailf. 7t/, Uhr. Morgen: Dieselbe Vorst. SCirkns chnmann. Heute Freitag, de» 7. März. abends präeise VU Uhr: Grosse Torstellung. U a.; Neu! 8 h e, die 4 Elemente. L'ecuyere lumineuse. Ju Feuer und Flammen, ausgeführt von Frl. Dora Schumann.— Push-Ball, amerikanisches Spörlsspiel, ausgeführt von 12 Amerikanerinnen und 10 Herren der Gesellschaft.— Novität! Piix Rlar�, avec son Acte comicjue. — Ein Sechzehner Zug, ausgeführt von 16 Rapphengsten, dressiert u, vor- geführt von Dir, Aid. Sobumann.— Brie u. brac act, zu Pferd, ausgeführt von Hr. Lloyd.— Bim n. Born mit ihrem vollständig neuen niusikaliichen Akt, SW Mephisto"WS Große Ausstattuiigs- Pantomime vom Hofballettmeister A. 8iems. Morgen, Sonnabend, den 8, März, abends präeise?>/, Uhr: Graarle 8oiree High- I.ife _ mit neuem Programm, W. Rcaclis Tlieater. Brunnenstrab« l», Verlorene Ehre. Schauspiel in drei Aufzüge» von Bohrmaiin- Riegen, Sonnabend: Ii eine Vorst e 1 1 a n g. Saiissonci Kottbnscrstr. 4a. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag: II» rrtn a„ ii* MiAiitscht Täuger Nach jeder Soiree: Tanzki-tlnrchcn. Sonntag Ans. des Konzerts b Uhr, der Vorst. 7 Uhr. En tree 56 Pf. num.Pl.7ö Pf. Wochentags Ans. 8 Uhr. Entree M Pf. Sperrsitz 50 Pf.— Tan» frei. Bereinsbillets gültig.'T&Q E. von Wolzoyens Buntes Theater(Ueberbrettl) Küpiilckcrstr. 08. Heute abend 8 Uhru.a:„Batalllons- topl"(Offiziers-Humoresko).— Nora-Parodie".—„Strohwitwerund Strohwitwe".—„Satirisches Schatton- bänkeli'— Wiedelauftreten von l.inu Abarbaucli: Trianon-Thealer. Georgenstrasse, 2 Hinuten vom Bahnhof Friedrlchstr. Zum 104. Male: Coralie& Co. Anfang 8 Uhr. Parkett 2 M. Grosse m im Exerzierlians (am Prenzlauer Thor) Lathringerstrafse 1—7. Täglich 3 grobe Vorsiellllngen, 4. Ii und 8'/, Uhr. Dressur mit Löwen. Tigern, Wölfen n. Hyäne», sowie Löwcit-Ringkaitlpf lind Fütterung um 4 u, 8'/, Uhr, Elttree: I, Platz 1 M,, II. Pl, 50 Pf., III, Pi, 25 Ps,, Kinder unter 10 Jahren und Militär ohne Charge zahlen auf 1, u, 2, Pl. die Hälfte, dem 3. Pl. 15 Pf. Die Tiecktion: Froese. Freitag, 7. März, abends 7V? Uhr: Gr, Vorstellung, Klondlke, Original- Pantomime des Cirkus Busch und die neu engagierten Specialitäten. k e i v h s h s 1 1 e n. Täglich: Stettiner Süngev Ansang Wochent. 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. An der Spandaner Brücke 3, | Grösst.Vergnügungslokal Berlins ■[nternationale Konzerte n Ispecialitäten-Vorstellung iTägl. Anstich des„IJrbock" 1 Bockbier-Jubel u.Trubel Ausschank: Berliner Bock-Brauerei. Bürgerl. Diner, 5 Gänge. 1 Täfli. Batiaec von 12-2 Uhr. loilloli Uiiueifftlicht. deutschen Bienenlionig. beste Qual, vers.S Pfd. netto zu 6,50 M., 5 Pfd. 4 M. franko Nachn. Garant. Rückn. C. Beil, Xor. Bahnhof Angnstschn Oldcnbg. Apollo-Tdeatsr. Bixdorf, ttermannstr. 49. Jeden Sonntag und Montag Große Tiicoter-Äorstellililg. Grosicr Saal und Garten zu Vcreinsfestlichfeiteii zu vergeben. Th 32718* l'h. Thomas. mmfuT U Tbüringer Rotwurst 3!»-l? n Flcischwnrst 03, Hallesche Zwiebel leb erw. 55 Braiinschw. Kaibsleberw. 75„ 1 i Mettwurst n. Polnische 05 I Beaunschw. Mettwurst 85„ iiilliiifiiiiinlS'aü.ii'S; J8f(ii[.8«iirrÄSi5. Jj(iisi«i),*!;;'zsllll S Schinkcnspeik 80„. I Paul Klähn,| H 27 Chausseestrafte£7. i Wildfleisch 25, 40, 59. Reh- und Rcnntler. 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März, abends 8U2 Uhr, ülinilC i. int GewerkschaftShanke, Engel-Ufer 15, Saal 7. Tages-Ordnnng: 1. Jahresbericht und Abrechnung der Tarifkommissio». 2. Wahl der Obmänner und Beitragssammler, 3, Die Lage der Militärsattler im Reichs- tage, 4. Verschiedenes. Die Mitglieder werden gebeten, recht zahlreich und pünktlich zn erscheinen. 156/10 Die Vorstände. Sonntag, de» 30. März 1908(1. Osterfeiertag), im GewcrkschaftShauS, Engel-Ufer IS: „HsiRS-.Ä.lZSn�" Festvortrag. Kammerrnasik. Gesang. Recitatlon. Nachdem: GrOSSet* Cröffniing 6Vj Uhr. Um rege Beteiligung ersucht Das Ball. Cutree inkl Programm Sl» Pf. VcrgaUgaiigs-Koinltco. Altivemn der Tischler Derlms. Aldtmlg! ß. Wahlkreis. AM«! (Schönhaufov Vovltttdk.) Sonntag, de» 9. März, abends Punkt 5 Uhr, im„Jägerhans", Schönhauser Allee 103: Uolks-Uersammlung. Tages-Ordnung: 1. Bortrag deS Genossen Waidcck Manasse über:„Zertrümmerte Götter und Götzen". 2. Diskussion. 9g0b Nach der Versammlung: Geselliges Beisammensein. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vertrauensmann: Karl Wünsch. Tischler-Verein zu Berlin. Morgen, Sonnabend, den 8. März, in Schindlers Fcftfälen. HafeuHeide 21: <*T08!Svi.' Wiener IKasken-Ball. Während der Kaffeepause dehlamatorlscbe Vortrüge. Anfang 9 Uhr.— Billets sind beim Vorstand noch zu haben. 198/7 Die Versammlung fällt am Sonnabend aus._ Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute, Freitagabend 8'/, Uhr, im Gewerlschastshaus, Engel-Ufer Nr. 15: Sitzimg der Orts-Verwaltmig. AMng! Einseizer! Allitung! Sonntag. S.März, vormittags 10 Uhr, in den bekannten Lokalen: Vezirks-SitzmiaeH. Ausgabe der Stimmkarte» zilr Arbeitslofen-Uilterstlltznng und des Flugblattes über unsere Bewegung.— Erscheine» aller dringend nölig. Die Kommission. Bezirk Moabit. Sonntag, dc» 9. März, vormittags 10 Uhr. im kleine» Saal von Ahrens Vrauerei. Thnemstrahe Nr. 25—20: Vezirks-DerfLttttMluttg. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Robert Ahrens. 2. Diskilfsion. 3. Ver- bandsaiigelegenheiten und Verschiedenes. 80/10 Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen ersucht Die Drtsvcrwaltnng. Achtung!"«Z IMF Sichtung! Mineralwasser-Arbeiter Berlins und Umgegend. Sonntag, den 9. März, nachmittags 3 Uhr, bei Franko, Scvastianstrabe 39; Oeffentliche Uersammlnug Tages- O r d n u n g: Vortrag über: Die wirtschastliche Krise und die Notwendigkeit der Or- ganisatio». Referent: M. Kiesel. 1005S Zahlreiches Erscheinen erwartet_ Der Vorstand. Töpferträger Berlins und Umg. Montag, den 10. März, abends 8 Uhr, Rosenthaler- strafte 5.7(Hof) Mitglieder-Bersammlung. T a g e s- O r d n n u g: 286/18 1. Der Arbeitsnachweis und dessen Nutzen. 2. Die Zustände in unsrem Beruf, wie ist da Abhilfe zu schasse». 3. VereiiiSaiigelegcuheiten. SIV Die arbeitslosen Kollege» sind zu dieser Versammlung dringend eingeladen. Der Vcrtrancnsmann. Sonntag, den 9. März, vormittags 10 Uhr, in Zttlz' Köpenickerstrabe 137: Festsälen, roraentn rai-i Tages-Ordnung: 1. Die zwangsweise Einführung der Entlaffungsscheine und Einführung des Arbeitsnachweises der Ttschlcr-ZwangSinnnng. 2. Bcfchlnbfaffnng über Erhebung einer Extrasteuer. 3. Verschiedenes. 186/16 Mitgliedsbuch legitimiert."IWtZ Zahlreichen und pünttlichen Besuch erwartet _ Der Vorstand. | Cirkus Renz-Konzert-Tunnel I Kurlstrasse. Wochentags 7 Uhr. Nur erstklassige Direktion: Sonntags 5 Uhr. SpSvIstlbätSN. 3. R. Riitt. Jeden Sonnabend nach der Voretellung: Tanz ohne Nachzahlung (Ctgavfcmitachci; etc. Orts- Krankenkasse der Tabakfabrikarbeiter z» Berlin. Wir machen hiermit bekannt, daß laut Verfügung des Herrn Ober- Präsidenten vom 12, Oktober 1901 die Z§ 13, 16, 19 und 29 wie folgt ab- geändert sind: § 13, Als Krankenunterstützung wird den Kassenmitgliedern im Falle einer Krankheit oder durch Kranihcit herbeigeführten Erwcrbsimsähigkeit ge- währt: 1. Von Beginn der Krankheit ab freie ärztliche Behandlung und Arznei, 2, Die Lieferung von Brillen, Bnichbändern und ähnlichen Vor- richtungen oder Heilmitteln, welche zur Heiluug des Erkrankten oder zur Herstellnitg und Erhaltung der Erwerbsfähigkeit nach beendigtem Heilversahrcn erforderlich sind, 3. Im Falle der Erwerbsunfähigkeit vom dritten Tage nach der Er- krankmig ab für jeden Arbeitstag die Hälft» des durchschiiittlicheii TagelohncS(Z 12) als Kiaiilengeld. a) Vom dritten Tage nach dem Tage der Erkrankung ab ans die Dauer von 13 Wochen für jeden Arbeitstag in UnterstützungS- sätlen, welche innerhalb der ersten sechs Monate der Mitglied- schast eintreten, b) Vom Tage deS Eintritts der Erwerbsunfähigkeit ab für jeden Kalendertag, eiusdiliebUch der Sonn- und Festtage, auf die Dauer von 13 Wochen, soweit das Mitglied der Kasse bei seiner Er- kraittnng länger als sechs Monate angehört. Die Kranlenunlerstützung wird für die Dauer der Krankheit gewährt. Sie endet spätestens mit dem Ablauf der dreizehnten Woche nach Beginn der Krankheit; im Falle der Envcrbsunfähigkeit spätestens mit dem Ablauf der dreizehnten Woche nadi Beginn des Krankengeldbezugcs, Endet der Bezug des Krankengeldes erst nach Ablauf der dreizehnten Woche nach dein Beginn der Krankheit, so endet mit dem Beziige des Krankengeldes zugleich auch der Anspruch auf die im Absatz 1 unter Ziffer 1 und 2 bezeichneten Leistungen, § 16. Für Mitglieder, welche von der Kasse eine Krankeniinterstütznng ununterbrochen oder im Laufe eines Zeitraumes von 12 Monnlen für 13 Wochen(vergl.§ 13 des Statuts) bezogen haben, wird bei Eintritt eines neuen Unterstützungsfallcö, sosern dieser durch die gleiche, nicht gehobene Kraiikheilsursache veranlaßt worden ist. im Laufe der nächste» 12 Monate eine Kranlenunterftützniig nur für die Gesamtdaucr von 13 Wochen gewährt. 8 19. Für den Todesfall eines Mitgliedes gewährt die Kasse ein Sterbegeld im zwanzigfachen Bettage des durchschiiittlicheii Tagelohns (H 12) d. h. ' a) für Mitglieder der ersten Klaffe von 50 Marl d) für Mitglieder der zweiten Klasse von 30 Mark 0) für Mitglieder der dritten Klaffe von 26 Mark d) für Mitglieder der vierten Klasse von 20 Mark Verstirbt ein als Mitglied der Kaffe Erkrankter nach Beendigung der Krankeluiiiterstützuiig, so ist das Sterbegeld zu gewähren, wenn die Erwerbs- Unfähigkeit bis zum Tode fortgedauert hat, und der Tod infolge derselben Krankheit vor Ablauf eines Jahres nach Beendigung der Kranleinmter- stützung eingetreten ist. § 29. Die vierwöchentlichen Kaffenbeiträge betragen: 1. Für männliche Kaffenmitglteder über 16 Jahre aus- schließlich der Lehrlinge............ 2,10 Marl 2. Für weibliche Kassenmitglieder über 16 Jahr..... 1,26 Mark 8. Für»iännltche Kassciimitglieder unter 16 Jahren und für Lehrlinge................. 1,08 Mark 4. Für weibliche Kaffenmitglieder unter 16 Jahren.,. 0,84 Marl b. Für Witwen verstorbener Mitglieder zur Wahrung deS Anspruchs auf Sterbegeld(§ 20)......... 0,30 Marl Berlin, de» 4, März 1902, 998b Der Borstnud. Italkert Voigts Gesellschaftsrämne Ritterstrassc 75, nahe Alte Jnkobstratze. empfiehlt seinen 8aai(bis 300 Personen fassend) und Vcreinszimmer verschiedener Größe zu Festlichkeiten, Bersaiiimlmigen, Werkstatt-»nd Vor- stnndssitzungcn ic,— Lagerbier 3/w Liter 10 Ps,, prima Weißbier 10 und 20 Pf,, sowie auswärtige Biere,— Gute Speisen zu soliden Preisen, ZbSIL« Ergebenst: Robert Voigt, Ritterstraß« 7ö, Warenhaus A.Wertheim SPARGEL Leipzigerstr. 132— 135(Versand-Abteilung). Rosenthalerstr. 27—29.— Oranienstr. S2—5S, Einen vorteilhaft gekauften, grossen Posten Spargel bringen wir von heute ab zu sehr billigen Preisen zum Verkauf: Stangenspargel>. e°-° 1.10, Bruchspargel Femer einen Posten mit Köpfen 7i DOS© prima 1*25 85 pf. Dose 22 Pf. 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Amt VI, 3397._ 1037K* Briefmarken< Sammlung kauft Braß, Klovstocksiratze 21. 147b Gold fach cn. Silber, Zahngebiffe kauft Briiiineiistraße 137, Uhrmacher- laden. 945b* 73 Pfennige! Stenerberufniig, Eiiigabengesuche, Raterteilniig. Aller- billigst Schanksachen, Mtlitärsachen, Kausverträge, Zahlungsbefehle, Ge- richtsklagen. Wulkow. Skalitzer- straße 141. 1002b Saal mit Bühne, 300 Personen saffend, zu vergeben, auch Sonntags, Oranienstraße 180._ 8356* Saal mit grober Theaterbühne und Gatten verschiedene Sonnabende frei. Große Franksurterstraße 74. 1� Mai frei._ 9536* Strümpfe werden angestrickt. Bei schriftlicher BcsteNnng erfolgt Ab- holung. Hochhäusler, Pallisaden- straße 45, II.-[-48 iXrbeitsitmrkt. Stellengesuche. Blinder Stnhlflechter bittet um Arbeit. Stühle werden zn den billigsten Preise» geflochten, werden abgeholt und»nentgeltlich zurück- geliefert. Adresse: Mulackstraße 27, Zl. Gläser.* Stellenangebote. Foruierlehrling Jakobftraße 67. verlangt. 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KrilM ütü Jotmiltls" Mm JotoWntl Freitag. 7. März 1902. Zu ben Landgemeinbewahlen. IL Arg vernachlässigt haben die meisten Gemeinden die Aufgaben auf dein Gebiete der Gesundheitspflege. Man sliUtc meinen, daß die Bourgeoisie in ihrem eignen Interesse wenigstens die notwendigsten Mastnahmen zur Verhütung und Be- kämpfung der Krankheiten ergreifen iniistte, denn wenn auch die Seuchen ihre reichste Ernte unter den Arbeitern halten, so ver- schonen sie doch auch nicht die Wohlhabenden. Die Krankheit und Tod bringenden Bacillen machen selbst vor Schlössern und Palästen nicht Halt. Und doch lästt die öffentliche Genieindepflege in den meisten Gemeinden, sei es aus Unkenntnis der Gemeindevertreter, sei es aus Mangel an Mitteln, so gut wie alles zu wünschen übrig, Ist einmal irgendwo eine Epidemie ausgebroiben, so stecken ja wohl die iveisen Gcmeindevertreter ans Angst, datz auch sie und ihre Familien davoil ergriffen werden könnte», die Köpfe zusammen und überlegen, ivas zu thun ist. Hinterher aber bleibt oft alles beim alten; es wird in der frühere» Weise fortgewurstelt. Mehr als auf irgend einem andren Gebiete kommt es auf dein der Gesund- heitspflege darauf an, vorbeugend zu wirken. Mit vollem Recht haben die socialdemokratischen Genieiudevertretcr-Konferenzen, in erster Linie die beiden für die Provinz Brandenburg, ihr Angemncrk auf die vorbeugenden Mittel gerichtet und nuter andtrni eine hygienisch einwandfreie Trinkwasserversorgung und Entwässerung, die Errichtung von Schlachthöfen und die Errichtung einer gründlichen NahruiigSmittelkoiitrolle, die Schaffung von Gesundheitsämter», die Errichtung öffentlicher Badeanstalten, die Unentgeltlichkeit der durch ansteckende Krankheiten notwendige» Desinfektion gefordert. Die für diese Zwecke Verivandten Gelder tragen reichliche Zinsen; die ungeheueren Summen, die heute für Unterbringung von Kranken und Anschaffung von Arzneien verausgabt werde», und zum Teil infolge der Mittellosigkeit der Bevölkerung von den Gemeinde» ge- tragen werden müsse», verringern sich hierdurch erheblich. Gänzlich die Krankheiten zu verhüten, steht natürlich nicht in unsrer Macht; wohl aber ist es uns möglich, durch geeignete Mastnahmen den Körper wider- standsfähiger gegen Krankheiten zu machen und für gründliche Heilung der Kranken z» sorgen. Diesem Zwecke dienen Kranken- Häuser, die allen Anforderungen der medizinischen Wissenschaft ent- sprechen und in denen einem jeden, gleichviel ob arnr oder reich, die geeignete Pflege zu teil wird. ES darf nicht, tvie so vielfach, die Rücksicht auf die Finanzen der Gemeinde, sondern einzig und allein das Juteresfe der Kranken ausschlaggebend sein. Eine Sparsamkeit auf diesem Gebiete wäre übel angebracht und würde sich, tvie die Erfahrung lehrt, bitter rächen. Neben den Krankenhäusern wären besondere Gcnesungsheinie zu errichten und»ach Bedarf auch Heimstätten für Schwangere, Entbindungs- Anstalten und Wöchnerinnenhcime, Vor allem sollten in allen Gemeinden besondere Gesundheits-Depntationen bestehen, die das gesamte Gesundheitsivesen dauernd zu übertvachen und den Gemeinde- Vertretungen auf Grund ihrer Fachkenntnisse geeignete Vorschläge zu unterbreiten hätten. Wie auf dem Gebiete der Gesundheitspflege, so darf es auch auf dem der Armen- und Waisenpflege für die Gemeindeil nur einen Leitstern geben, die Rücksicht auf das Bedürfnis der der Armen- und Waisenpflege anheimfallenden Personen. Auch hier heistt es in erster Linie vorbeugend wirken. Wodurch werden denn die Armenetats au, meisten belastet? Reben Krankheit spielen hier Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Altersschiväche die Hauptrolle. Eine geregelte Gesundheitspflege, eine veruiinftige Wohnungspolitik, Mastregeln zur Milderung der Arbeitslosigkeit dürften daher die geeignetsten Mittel zur Vennindernug der Armen- lasten sein. Wer aber dennoch gezwungen ist, an die Mildthätigkeit der Gemeinde zu appellieren, den darf eine einigerniasten social ge- finnte Verwaltung nicht fort und fort sein Unglück fühle» lasse». Die Ortsarmen sind keine Verbrecher, und doch werden sie oft schlimmer als diese behandelt. Eine Durchtränkung der Genieiude- Vertreter mit socialem Geist wird hier zweifellos Wandel schaffen; die besitzenden Klassen müssen sich zu der Erkenntnis durchringen, dast das Eintreten der Gesamtheit für die wirtschaftlich Schwachen ein Gebot der socialen Fürsorge ist. Und es ivird insbesondere die Aufgabe der Socialdemokraten sein, ihnen ihre Pflicht in dieser Hinsicht vor Augen zu führen. Sociale Momente find auch in der Waisenpflege in den Vorder- grund zu rücken. Leider ist es eine weitverbreitete Unsitte, die Waisen denjenigen Familien in Pflege zu geben, die am Iveiiigsten dafür fordern. Die Gemeinde» sind' häufig bestrebt, die Lasten für die Waiseupflege auf ein Minimum zu reducieren, unbekümmert darum, ob die armen Waisenkinder in Familien untergebracht iverden, in denen sie körperlich und geistig zn Grunde gehen. Es giebt eine ganze Reihe von Familie», die sich förmlich danach drängen, Waisen in Pflege zu bekommen, iveil sie es verstehe», die jugendliche Arbeitskraft in ihrem Interesse auszunutzen. Mit diesem System must gebrochen iverden. An die Stelle der Unter- bringuug der Kinder in Familien hat die Unterbringung in Anstalten, die geschlossene Waisenpflege, zu treten. Dost derartige Anstalten von der Geistlichkeit unbeeinflußt sein müssen, versteht sich für eine Partei, die die Religion zur Privatsache erklärt, von selbst. Ein iveiterer Spielraum zur Bethätigung des socialen Gedankens ist den Gemeinden in der ArbeiterfUrsorge gelassen. Selbst die kleinste Gemeinde tritt als Arbeitgeber auf und hat so Gelegenheit, den privaten Arbeitgebern mit gutem Beispiel voranzugehen, indem sie für ihre Arbeiter die gelve'rkschaftlich fest- gesetzten Lohn- und Arbeitsbedingungen anerkennt und auch diejenigen Unternehmer, an die sie Arbeiten vergiebt, zur Anerkennung dieser Bedingungen verpflichtet. Die Furcht davor, daß die Gemeinde der Privatindustrie Konkurrenz macht, hat hier völlig auszuscheiden; im Gegenteil, die Gemeinde soll gerade durch ihr Vorgehen die Privat- industrie zwingen, ihr auf dieseni Weg zu folgen. Das erstrebeus- werte Ziel ist allerdings, daß die Gemeinden möglichst alle Arbeiten M eigner Regie ausführen. Mit Recht kann eingewendet werden, daß es vielen Gemeinden an den Mitteln fehlt, ihren socialen Pflichtet« gerecht zu iverden. Aber nach dem Gesetz ist es den Gemeinden ja gestattet, mit nachbarlich gelegenen Landgemeinden zur Wahrnehmung einzeluer kommunalen Angelegenheiten zusammen zu treten. Zu diesen An- gelegenheiten gehört zweifellos die Errichtung von Krankenhäusern, Waisenhäusern und andren derartigen Anstalten. Was im übrige» die Beschaffung der Ginnahmen betrifft, so sind die Gemeinden angeiviesen auf die Ueberschüffe rniS den Gemeindebetrieben und auf die Steuerergcbnisse. Die Ueber- schüsse aus den Gemeindebetriebc» werden in demselben Maße steigen. »vie die Gemeinden zum Regiesystem übergehen. In Bezug auf die Erhebung von Steuern sind die Gemeinden allerdings a» die Landesgesetze gebnnden, aber auch im Rahmen der landesgesetz- lichen Vorschriften ist es ihnen möglich, die leistungsfähigen Schultern mehr heranzuziehen und die leistungsunfähigen zu entlasten. Eine Besteuerung des Grundbesitzes nach dem gemeinen Werte, statt»ach dem Nutzlmgswerte, die Erhebung einer starken Umsatzsteuer bein, Berkauf von Grundstücken ivird den Gemeinden nicht unerheblich ins Gewicht fallende Einnahmen sichern. Im übrigen muß da, wo die Geineinden so arm sind, daß sie beim besten Willen ihre Ausgaben nicht bestreiten können, der Staat helfend eintreten. Die hier erhobenen Forderungen sind solche, die sich wohl in unsrer heutigen Wirtschaftsordnung durchführen lassen. Wir treten für diese Forderungen ein nicht etlva aus parteipolitischem Interesse, sondern einzig und allein im Interesse der Gesainthcit, insbesondere in« Interesse der Arbeiterklasse, deren wirtschaftliche Hebung den Gemeinden durch eine im socialen Geist gehaltene Koinniuiialpolitik ermöglicht ist. Selbstverständlich dürfen wir darüber unsre großen Ziele nicht aus dem Auge verlieren. Wir müssen inimer dessen ein- gedeirk sein, daß das, tvas ivir auf dem Gebiete der Gemeindepolitik erringen, nur kleine Abschlagszahlungen sind, die wir ivohl cutgegeu uehnien, mit denen wir uns aber noch lauge nicht zufrieden geben dürfen._ Su den GetnoindemÄhlen. In Rumniclsburg ist unser Parteigenosse Paul Gebauer als Kandidat für den ziveiten Bezirk aufgestellt worden. Die Ver- saiumlung i,n Cafs Bellevue,«velche unsere Genossen nach eiiiein vortrefflichen Vortrag des Reichstags-Abgeordnete» Rosenow noini- nierte, Ivar von bester Stimmung getragen. I» Zchlcndorf findet am Sonntagnachmittag 3 Uhr eine W ä h l e r v e r s a n« m 1 1«» g im Restaurant„Anglersruh", Alfen- straße 28, statt. Die Tagesordnung lautet:„Hat die bisherige G e in e i n d e v e r t r e t u» g die Interessen der Allgemeinheit wahr- genommen?" Sonntag früh We Uhr werden die Genossen ersucht, zur Flugblattverbreitung im Restaurant Giese, Teltower- straße 23,'recht zahlreich zu erscheinen. Wir weisen nochmals darauf hin, daß die Wahlen am D i e n s t a g, den II. März, von nachmittags 5—8 Uhr stattfinden. Der 1. Bezirks i>on wählt im Restaurant Fürstcuhof; Kandidat ist hier Gen. G ö h r e. Der 2. Bezirk wählt im Restanraut Kaiserhof; Kandidaten: Genosse Köster als Mieter und Gen. Gehrike als Hauswirt; letztere Wahl gilt als Ersatzwahl auf 2 Jahre. Obcr-Schöncweide. G e m e i n d e w ä h l e r der 3. Klasse! Heute Freitag, den 7. März, nachmittags von 2—7 Uhr, findet die ErgänzungSwahl in der S ch u l- A u l a, Frischen- straße, statt. Von der Arbeiterschaft aufgestellt ist der Bade- anstalts-Befitzer F r i e d ri ch L a n g e. Da die Wahlzeit eine so kurze ist und der Andrang von 6—7 Uhr sehr groß sein wird, s o bitten wir dringend alle Wähler, welche es nur irgend möglich machen können, ihre Stimme bereits v o r 6 Uhr abzugeben. Der Verlust von ein paar Stunden Arbeitslohn sollte keinen Wähler hindern, sein iv i ch t i g st e s R e ch t auszuüben. Pankow. Durch amtliche Bekanntmachung ist imnmehr fest- gestellt, daß die Wahlen der dritten Klasse am 12. und 13. März stattfinden, und zwar gehen am 12. März die E r s a tz lv a h l e n für die bereits erledigten Mandate vor sich. Hierzu sind von unsrer Seite für den ersten Bezirk aufgestellt Genosse Freilvaldt; für den zweiten Bezirk Genosse E i ch l e r. Zu den Ergäiizuiigswahlcn sind aufgestellt für de» ersten Bezirk als Eingesessener Genosse C l e m e n und für den zweiten Bezirk Genosse K u b i g. Die Wahlzeit dauert von vormittags 11 Uhr bis äbeuds 8 Uhr. Wir ersuchen unsre Genossen, rege Agitation für die Wahle» zu ent- falten; möge sich jeder einrichten, damit er die nötige Aeit für die zwei auf ciunudcr- folgenden Tage für unsre Sache übrig habe. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß am Sonntag eine Flugblattverbreitnug stattfindet. Treffpunkt früh 3 Uhr bei Hoffmann, Mühlenstr. 25;' auch hierzu ist zahlreiche Beteiligung notivendig. Hcrmsdorf. Die Gemeindevertreter- Wahlen finden Hierselbst am 12. März, nachmittags von 2— 4'/s Uhr, im Lank scheu Lokal, Berlinerstr. 132, für die III. Wählerklasse statt. Trotz der ungünstigen Wahlzeit darf sich niemand von der Wahl abhalten lassen; man nehnie die kleine Unbequemlichkeit auf sich und erscheine Mann für Mann an der Wahlurne. Auf zur Agitation! Vorwärts zum Sieg. Am Sonntag nachmittags 4 Uhr findet hier eine öffentliche K o m m u n a I w ä h I e r- V e r s a n« in l u n g statt und zwar im Lokale des Herrn Clermont, Seebadstratze. Unser Kandidat ist Karl Schulz, Zimnierniann, Hauptstr. 1. Wilmersdorf. Zur Gemeindewahl findet heute abend eine F l u g b l a t t- V e r b r e i t u u g statt. Die Parteigenossen werden ersucht, sich hierzu zahlreich einzufinden. Die Gemeindewahlen gehen am Montag und Dienstag vor sich; die Wahlhandlung dauert an beiden Tagen vormittags von 16—2 Uhr und nachmittags von 4—8 Uhr; das Wahllokal ist der V i c t o r i a g a r t e n in der Wilhelmsane. Als Kandidaten sind bekanntlich' aufgestellt unsre Parteigenossen Gastwirt Hilpert. Redactcur Schröder und Hansbesitzer Metze r. An den beiden Wahltagen sind H i l f s- k rüste dringend vonnöten und es ergeht daher namentlich an d i e a r b e i t's l o s e n Parteigenossen der Appell, sich zur B e r f ü g u n g zu stellen. Berliner Partei-Angelegenheiten. Achtung, 1. Wahlkreis. Sonntagabend 6V, Uhr, spricht in Cohns Festsälen, Benthstr. 26/21, Genosse Zub eil über„Streif- bilder aus dem Reichstag". Nachher: Gemütliches Beisanunensein mit Tanz. Die Lokalkommissio» von AdlerShof ersucht die Vorstände aller Gelverkschaften, Krankenkassen und Vereine, bei vorkommcnden Lokalaugelegenheiten, Zahlstellen- und Bersammluugsverändennigen mit der Koiiimission Rücksprache zu nehmen und ihr endlich zmii Siege zu verhelfen. Obmann der Lokalkommission ist Oskar Driest, Hackenbergstr. S, vom 1 Treppe. Lokales. AuS der Stadtverordueten-Berfammlung. Auf der Tagesordnung der gestrigen Sitzung standen für die öffentlichen Verhandlungen 34 Nummer», darunter verschiedene von großer Wichtigkeit. Zwei davon wurden abgesetzt, auch wieder der F o r t b i l'd u n g s s ch u l- A n t r a g, dessen Beratung bis nach Fertigstellung des Etats, d. h. bis nach Ostern verschoben wurde; die übrigen wurden sämtlich erledigt. Das Tempo war zumeist das des Sturmschrittes; aber die Notivendigkeit. für die in der nächsten Woche beginnende zweite Lesung des Etats Platz zu schaffen, gestattete selten ein Verweilen. Ein längere Debatte gab es bei den A a u e n t w ü r f e u für einige Gebäude der Irrenanstalt Buch. Genosse Borg mann benutzte die Gelegenheit, uni die D i f f e r e n z e n zur Sprache zu bringen, die bei dem Bau dieser Anstalt zwischen den Unter- nehmern und ihren Arbeitern vorgekomnien sind, und zu deren Beseitigung von der Bauverwnltung nichts gethan worden ist. Borgmann forderte, daß bei der Vergebung der noch ausstehenden Bauten der Irrenanstalt Buch in die Ver- träge die Bedingung augenommen werde, daß die U n t'e r n e h ni e r an ihre Abmachungen mit d c n A r- b e i t e r n gebunden sind. Ein entsprechender Antrag war von der' socialdemokratischen Fraktion eingebracht worden. Der Magistrat, vertreten durch Stadtrat N a m s l a n. versuchte sich mit der abgebrauchten Redensart zu decken, datz er sich in diese Ver- Hältnisse nicht einmischen dürfe. Herr Namslau stellte sich aber in demselben Angeiiblick. in welchem er die Pflicht der Unparteilichkeit betonte, offen auf die Seite der Unternehmer, indem er auf die alles Maß übersteigende Begehrlichkeit der Arbeiter schalt. Borgniann ergriff daraufhin noch einmal das Wort und vertvahrte die Arbeiter sehr entschieden gegen die Verdächtigungen, die der Magistratsvertreter gegen sie ge- schlendert habe. Herr Namslau versuchte in einer gewundenen Antwort den Nachweis, daß die Stadt auf die in dem Antrag ent- haltene Forderung nicht eingehen könne. Der Antrag wurde' dann gegen die Stimmen der Socialdemokraten und einiger Freisinniger abgelehnt. Sehr lebhaft wurde es nachher bei den Verhandlungen über die Neu verpacht u«ig des Viehhof-Ne st aürants. Die Angelegenheit hatte, wie erinnerlich, schon vor einigen Wochen zn recht erregten Auftritten in der Versammlung geführt. Der Vorschlag des Ausschusses, das Restaurant trotz der eigenartigen Vorkommnisse, auf die damals von feiten unsrer Genossen hiiigewicsen worden war, an den Bewerber Lücke zu verpachten, hatte die Mitglieder der„Neuen Linken" veranlaßt, eine nochmalige Ausschreibung zu beantragen. Für die socialdemokratische Fraktion. die' diesen Antrag selbstvcrstäiid- lich unterstützte, sprach Genosse P f a n n k u ch. der noch einmal die vorgekommenen Unregelmäßigkeiten schilderte. Als dann selbst von gemäßigt liberaler Seite für nochmalige Ans- schreibung gesprochen wurde, wurde durch einen vom Ma- gistratstisch abgehenden Boten schleunigst der Obrbiirgermeister herbeigeholt. Herr Kirsch« er kam, ließ sich von Herrn Namslau in kurzem Privatgespräch iiiformieren und erhob sich dann, um in ganz kurzer Ausführung die Angelegenheit als durchaus harmlos hinzustellen. Inzwischen war iiamentliche Abstimmung beantragt worden. Während Genosse H o f f m a n n, dem Oberbnrgeniieister antwortend, noch deutlicher hinter die Coulissen leuchtete, entwickelte sich im Saale ein fesselndes Bild. Die Herren der„Alten Linken" drängten zusanimen wie eine Herde unschuldiger Lämmer im heraufzichenden Gewitterstlirm. Sie improvisierten rasch mitten im Saale eine Art Fraktionssitziing, verständigten sich kurz und schritten dann mutig zur Abstimmung. Unter wachsender Heiterkeit der Versammlung votierte Mann für Mann' nüt ja— selbst Herr Hugo Sachs, der vorher dem Oberbürgermeister demonstrativ Beifall gespendet hatte, lieferte den Beweis.' daß er„auch anders kann"' Der Vorsteher verkündete das Resultat— e i n st i m m i g e Annahme des Antrages— mit den Worten:„So etwas ist noch niemals dagewesen I" Herr Kirschner aber sah mit einem Male viel weniger selbstbewußt aus als sonst. Wie soll das enden, wenn ihn selbst seine getreueste Gefolg- schaft so schnöde preisgiebt!_ Der Stadtvcrordiirten-Aiisschich zur Beratung der Vorlage für die Renovierimg des R a t s k e l l e r s hat beschlossen, sich mit der Renovicrnng einverstanden zu erklären, ersucht aber den Magistrat, die Bauverwaltnng zu veranlassen, zunächst ein besonderes Projekt vorzulegen, das eine iimfassendc Ventilation der Restaurationsräume sowie der Küche, ferner eine Verbesserung der Kloscttanlagen und Beleuchtung ins Auge faßt. Die Wiedereinführung des Flaschenpfandes stößt beim großen Publikniu, besonders aber bei den Hausfrauen und kleinen Geschäftsleuten. Gastwirten und Mehl- und Vorkosthändlern ans heftigen Widerstand. Die Gastwirte werde» sich in einer demnächst stattfindenden Versammlung mit dem Vorgehen der Brauereien bc- schäfligen. Auch die Biervcrleger sind zum Teil Gegner des Flaschen- Pfandes, weil sie nicht mit Unrecht befürchten, daß sie einen Teil ihrer Knudschaft, die sich weigert, Pfand zu geben, verlieren werde». Das Flaschenbier-Geschäft wird, so befürchtet man, in der nächsten Zeit zu Gunsten des Handels mit Kannen- und Faßbier zurückgehen und viele Streitigkeiten werden dadurch entstehen, datz die jetzt im Berkehr befindlichen pfaudfreien Flaschen mit de» neuen gegen Pfand abgegebenen Flaschen verwechselt werden. Die Liebe zum Militarismus. Wegen Austvandernng ohne Erlaubnis werden durch öffentliche Ladung 162 beurlaubte' Reser- visten oder Wehrmänner 1. Aufgebots und Ersatzreservisten ans- gefordert, am 22. Mai d. I. vor dem Schöffengericht I in Moabit zu erscheine». Eine Haussuchung bei dem Spiritistenpaae Nothc-Jcntsch hat ein die Untersuchung sehr förderndes Ergebnis gehabt. Es wurde nämlich durch die Kriminalpolizei bei jeuer Durchsiichung die Bezugs- quelle von Blumen und Zweigen, die das Medium für seine„ülpporte" brauchte, durch Auffinden von Postpaket-Abschnitten entdeckt, die die Adresse des Absenders der Blumcnpakete enthielten. Es handelt sich um eine auswärtige größere Gärtnerei, von der die Rothe ihre Blumen für ihre„überirdischen" Künste auf dem gewöhnlichen postalischen Wege bezog. Ans einem der Abschnitte hatte die Gärtnerfirma eine besondere Gehranchsauwcisung für die Frisch- erhaltimg der Blumen niedergeschrieben. Da aber, wie jetzt nachgewiesen, die Rothe täglich inindestens eine„Vorstellung" in, den initerschiedlichen Cirkcln gegeben, hat, so nimmt die Untersiichungs- bchvrde au, daß der Blumeuverbranch durch die Sendungen von auswärts nicht gedeckt worden ist, daß vielmehr die Rothe, bei der allein nach der Verhaftung im Kleide noch 153 Blumen, Levkojen, Aurikeln, Immortellen, Narzissen und Goldlack gefnnden wurden, ihre Bliimeneinkäiife auch in hiesigen Gärtnereien und Blnnicu- geschäftcn besorgt hat. Der Behörde wäre es erwünscht, wenn ihr entsprechende Mitteilungen gemacht würden. Frau Rothe ist eine' mittelgroße, schlanke Figur von nicht uiisympathischem Aeußern. Sie hat auch des öfteren Taniienzlvcige eingekauft. Dr. Linke, der Gefährte des Hauptmanns v. Sigsfeld auf seiner Todcsfahrt, hat gestern wieder eine Ballonfahrt unternommen. Anläßlich der ittteriiationaleii Ballonfahrt, welche heute stattfand, hatte das Meteorologische Institut den Ballon„Meteor" zum Auf- stieg für Berlin bestimmt. Die Abfahrt verzögerte sich indes infolge einer Reihe von Mißgeschicken um fast zwei Stunden. Um 8Vs Uhr stieg der Militärballon„Falke" mit Hauptniann Sperling, Ober- � lientenaiit v. Kleist und Assistenzarzt Dr. Koschel auf, um nach raschem Auftriebe in nördlicher Richtung zu verschwinden. Dann folgte 6,25 Uhr ein unbemannter Registrierballon, und endlich konnten 16,15 Dr. Linke und mit ihm Dr, Sühring vom Potsdamer Observatorium de»„Meteor" besteigen. Der Ballon schlug uord- nordöstliche Richtung ein. Zweimal in einer Nacht bDohlen tvurde der Gastwir Wilhelm Zabel, der im Erdgeschoß des Hauses Landwehrstr. 8 einen Ausschank betreibt, während sich seine Wohming im erste» Stockwerk befindet. Ein Gast feierte bei Z. seinen Geburtstag, es ging infolge- dessen etwas laut in dem Lokal her. Diese Gelegenheit benutzten Diebe, um in die Wohnung des Z. einzudringen,' wo sie sich die gesamten Kleidungsstücke aneigneten. Kurz nach 11 Uhr abends schloß Z. sein Geschäft und begab sich mit seinen Familienangehörigen nach der Wohnung, Ivo er den Diebstahl entdeckte. Als er am folgenden Morgen seine Schankwirtschaft öffnen wollte, bemerkte er zu seinem Schrecke», daß die nach dem Treppenhaus führende Thür des Gastzimmers offen stand. Wohl dieselben Diebe, die erst der Wohnung einen Besuch abgestattet hatten, waren in den Laden ge- drungen und hatten Cigarren, Fleischivaren sowie aus der Kasse 45 M. geraubt. Die Thllren und Schlösser waren mittes Dietrichen geöffnet worden. Examenösurcht. Der neunzehnjährige Sohn des Fabrikbesitzers M. in der Fasanenslraße schoß sich mit einem mit Wasser gefüllten Revolver in den Mund und starb leider an der Verletzung. Wie es heißt, hat der junge Mann die That ans Angst vor dem Abiturienten- examen begangen. Er war Schüler des hiesigen Rcal-Gymiiasiums, das in den letzten Tagen wegen eines unliebsamen Vorkommnisses mehrfach genannt wurde; der unglückliche junge Mann Ivar aber an den« Vorfall nicht im geringsten beteiligt. Ihre» Braudwundcn erlege» ist die Frau des Fnhrherrn Witte, die, wie wir mitteilten, ihr Nachtkleid in Brand steckte,»ach- dem sie es mit Petroleum getränkt hatte. Wegen bedeutender Kautionöschtvindcleien, bei denen eS sich um einen Betrag von rund 12 000 M. handelt, ist einer der Inhaber der Vereinigten Assckuranz-Bureaus Alexanderstr. 36, Ott G o t t s ch a l k mit Namen, von der Kriminalpolizei verhaftet und der Staatsanwaltschaft am Landgericht I vorgeführt worden. Durch diese angeblichen Schwindeleien sind,>vie behauptet wird, elf A n g e st e l l t e nicht allein um den obigen Betrag, sondern auch um ihr Gehalt für die letzten' zwei Monate gekommen Sie sind zum Teil in verzweifelter Lage, da manche von ihnen sich das als Kantion hinterlegte Geld selbst geborgt hatten. Wie einer der Geschädigten angiebt, hat Gottschalk sie dadurch hingehalten und beruhigt, däst er ihnen Briefe von ver- mögenden Leuten vorlegte, die angeblich in das Geschäft am 1. April eintreten wollten. Dann würden sie ihr rückständiges Gehalt be- kommen. Da die Kautionen angeblich bei der Deutschen Bank hinter legt worden sein sollten, hielten sie diese Snmnien für gesichert. Wie sich aber jetzt herausgestellt hat, war dieses Geld schon längst wieder abgehoben. Zum 1. März war ein neuer Agent angestelli worden. der 1S00 Mark als Kaution hinterlegt hatte. Am nächsten Tag> besann er sich aber, kündigte die Stellung und verlangte sein Geld zurück. Da»ran ihn auf den IS. März vertröstete, schöpfte er Verdacht, erstattete Anzeige bei der Polizei und begab sich mit einem Kriminalpolizistcn nach der Deutschen Bank, Ivo sich heraus stellte, dast von der Kantion schon ISO M. abgehoben worden waren. Daraufhin wurde der Nest von 1350 M. gesperrt. G. ersetzte zwar die 150 M., inzwischen aber hatte schon die Staatsanwaltschaft sich des Falles angenommen und Goltschalk verhaften lassen. Die Ver einigten Asscknranzburcaus befaßten sich vornehmlich mit Volks Versicherungen, aber auch niit Feuer- und Krankenversicherung und hatten auch mehrere Filiale» eingerichtet. Eine Ladeudicbin wurde gestern abend in einem WarenhailZ in der Leipzigerstraße ergriffen, als sie gerade dabei war, einige Sachen unter ihren Radmantel zu stecken. Eine Kriminalpatrouill� brachte sie nach dem Polizeipräsidium und von dort uach dein Untersuchungsgefängnis. Sie nennt sich Krankenpflegerin Emma Kutsche nnd ivill in der letzten Zeit weder Wohnung»och Be schäftigung gehabt haben. Ob diese Angaben richtig sind, bedar noch der Feststellung. Durch Verbrühen ist die S>/s Jahre alte Tochter Margarethe des Hansdieners Kind ans der Schönleinstraße 6 ums Leben g c komme». Das Mädchen spielte in der Küche bei der Großmutter, die geivaschen hatte, und fiel rücklings in eine» Kessel mit kochendem Wasser. Im Krankenhaus am Urban, wohin man es sofort mit einer Droschke brachte, starb es an de» Verletzungen, die es sich nanient lich am Rücke»/ an der Brust und an beiden Armen zugezogen hatte. Von einem Brauerniagen überfahre» wurde gestern, Dounerstagnachmittag, an der Ecke der Luther- und Kleiststraße der 10 Jahre alte Sohn Max des Hausvcrivalters Hallinaini aus der CourbiSrestraße 12. Der Knabe lief bei»» Spielen in das Gespann hinein und wurde umgestoßen. Ein Vorderrad ging über ihn hinweg und brachte ihm einen Oberschenkelbrnch und schwere innere Ver letznngen bei. Die Rettungslvache Schöneberg in der Nollcndorf- firaße leistete die erste Hilfe und ließ den Verunglückten nach dem Elisabeth-Krankenhanse bringen. Die städtische S. Handwerkerschnle, Andrcasstr. 1/2, hat tu richtiger Erkenntnis der Schwierigkeit, die vielen Elten« aus der rechtzeitigen Unterbringung ihrer eben ans der Schule entlassene» Söhne in eine geeignete Lehrstelle und besonders aus der Wahl eines passenden Berufes erwächst, nach dem uns vorliegende» Pro gramm fiir das Sommerhalbjahr eine Einrichtung getroffen, die in einer Taacs-Vorklasse bis zum Beginn der praktischen Lehrzeit An fänger» kunstgewerblicher und getvcrblicher Berufsarten Unterricht in den zeichnerischen und bildnerischen Vorkursen zc. bietet nnd außerdem solchen Jünglingen, die noch keine» Beruf gewählt haben. Gelegen heit giebt, ihr Gefchick in der zeichnerischen und bildnerischen Dar stellnng zn erproben, um danach zuversichtlicher einen geeigneten Beruf wählen zu können. Vielen Eltern dürfte der Hinweis ans diese Tages-Vorklasse, in der während der Wochentage von morgens 8 Uhr ab Unterricht erteilt wird, sehr erwünscht fein, um ihren Söhnen bis zum Eintritt in die Lehre eine angemessene und nützliche Beschäftigung zu geben. Anmeldungen werden iin Schnlhause, Andreasftr. 1/2, durch den Direktor entgegengenommen. Ocffcntliche Hygicne-Vorträge der Ccutralkommisston der Krankenkaffen. Die Vorträge des heutigen Abends behandeln sämtlich das Thema Hautkrankheiten. Die Vorträge finden heute, Freitag, statt in den Schulaulen Keibelstr. 31—32, Pankstr. 8, Wrangelstr. 128, Winterfcldtstr. 16 und Charlottenbnrg, Goethe- straße 22. Vortragende sind die Herren Doktoren Oskar Bloch, Ernst Gebert, Julius Lilienthal, Hermann Wehl und Rudolf Jsaac, Beginn präcise SVe Uhr abends. Zutritt für jedermann unentgeltlich ohne Legitimation. Das Schiller-Dheater bringt heute die erste Aufsühmng von„Der Probekaudidat",. Schauspiel in vier Aufzügen von Max Dreycr, in folgender Besetzung der Hauptrollen: Fritz Heitmann: Georg Paclchke; Malte Heitmann: Max Pategg; Luise Heitmann: Agnes Werner; Marie v Geißler: Gertrud Arnold; v. Korff: Ernst Mehla»; Brolelmann: Max Ktrschner; Frau Brokelinann: Marie Giindra; Gertrud Brolelmann; Marie Mallinger; Doktor Eberhard: Ludwig Lindikofs; Prosessor Dr. Holzer: Karl Dahlen; Profesior Vollmiller: Oskar Sabo; Oberlehrer Störmer: Alfred Schmasow; Dottor Balduin: Otto Rembc; Paul Benefeld: Albert Stein rück; Hirsekorn: Adolf Joseph. Eine graste Sonuenflecten-Gruppe erregt seit gestern das Jutcrcsie der Besucher der T r e p t o w- S t e r luv a r t e. Dieselbe besteht aus drei großen Flecken im Halbschatten und 24 kleinen Keruflecken. Charakteristisch ist die hohe Breite, in der sie aus der Sonne austritt nnd welche nach Meinung von Herrn Direktor A r ch e n h o l d anzeigt, daß uunniehr daS SonnenfleckeuMinimum zu Ende ist. Zumeist zeigen sich beini Beginn der erwachenden gröberen Thütigkcit aus der Sonne Flecken in hohen hello- «ntrischeu Breiten. Da diese Soiincnflecken-Gruppe nur wenige Tage sichtbar bleibt, so wird die Treptow-Sternwarte Sonnabend, Sonntag und M o n t a g statt um 2 Uhr nachmittags schon um 10 Uhr vormittags geöffnet. Boi der vom Verein„Berliuer Presse" am Sonntag, den 0. d. M., mittags 12 Uhr, in dem ihm von den städtischen Behörden bereitwilligst überlassenen Fcstsaal des Rathauses zu veraiistalteuden Gedenkfeier für Ernst Wichert wird, wie bereits mitgeteilt worden ist, Otto v. Leixner die Gedächtnisrede halten. P a ll l H e h s e hat für diese Feier eine dem vercivigten Freunde gewidmet« Dichtung eingesandt, deren Vortrag das Ehrenmitglied des königlichen Schauspielhauses, Frau Klaxa Meyer, gütigst übernommen hat. Die Chorgesänge, welche die Feier eröffnen mid schließen, werden von Mitgliedern des Cäcilicn-Vereins unter Leitung des Professors Alexis Holländer ausgeführt. Dr. Kurt Voeck, welcher bereits durch seine früheren iutereffanten Reiseberichte über Indien in bester Eriiinerinig ist, wird in der Urania in der Jnvalidcnsträße abends 8 Uhr eine» Vortrag am Freitag, ,.Jni ver- schlösse»-» Lande Napal" und am Sonntag einen zweiten Bortrag„Indische Glctscherfahrtcn im Himalaya" halten. Beide Vorträge werden von zahl- reichen Lichtbildern nach eignen Aufnahmen begleitet sein. AuS den Stachbnrorten. Die Mehrheit der Stadtverordneten- Versammlung in Charlottenbnrg bekundete ihr Verständnis oder vielmehr den Mangel jedes Verständnisses für die Bedürfnisse der arbeitende» Bevölkenmg, indem sie zn Anfang der gestrigen Sitzung einem Schlnßantrnge zustimmte, durch welchen die Weirerführnng d�r vor 14 Tagen abgebrochenen Besprechung unsrer Anfrage an de» Magistrat über die Arbeitslosigkeit verhindert wurde. Unsre» Genossen war es dadurch unmöglich gemacht, die Ausfühnuigeii des Magistratsvertrcters näher zu beleuchten und zurück zn weisen. Bon den Vorlagen des Magistrats war bemcrkensivert die Forderung einer Nachbewilligung von 66V00 M. für den Armen- Etat. Diese große Ueberschreitung ist, wie der Magistrat in der Begründung der Vorlage hervorhob, notwendig geworden zum Teil durch die Arbeitslosigkeit, die in diesem Winter einen außerordentlichen Umfang angenommen hat— der beste Beweis, wie unberechtigt die Stellung war, die der Magistrat zu der Anfrage unsrer Genossen eingenommen hat. Zum Verantwortlicher Nedacteur: Teil ist die Ueberschreitung auch zurückzuführen auf die außer- ordentliche Wohnungsnot, infolge deren mehrfach Miets- Unterstützungen und erhöhte Aufwendungen für daS Familienhaus zu leiste» waren. Der Stadtverordnete K a n f m a» n(frcif.) und unser Genosse Dr. Borchardt wiesen darauf hin, daß einen nicht geringen Teil der Schuld der Wohnnngsausschnß trage, Ivelcher die Angelegenheit der Wohnungsfrage in ganz unnötiger Weise ver- schleppt. Der Stadtverordnetenvorsteher Ströhler ivollte die Bc- rechtigung der Kritik an dem WohnungsauSschuß bestreiten; dazu werde Zeit sein, wenn er seine Arbeiten vorlegen werde. Genosse Borchardt erwiderte treffend, daß die Kritik sich gegen das Nicht- Arbeiten des Ausschusses richte, der z. B. in seiner letzten Sitzung nicht einmal beschlußfähig gelvesen sei, so daß er in die VerHand luugen gar nicht erst eintreten konnte. ' Eine längere Aussprache rief der Antrag unsrer Genossen hervor, den Magistrat um eine Vorlage betreffs Einsetzung einer gemischten Deputation zu ersuchen, welche fortwährend die B e w e g n n ans dem A r b e i t s m a r! t zn verfolgen, in bestimmten Zeit räumen statistische Erhebungen über den Umfang der Arbeitslosigkeit zu veranstalten nnd Vorschläge für die socialpolitische Bethätigung der Gemeinde zn machen hat. Genosse Borchardt wies in der Begründung des Antrages darauf hin, daß grade die Mehrheit, welche einen außerordentlichen Notstand nicht anerkenne, allen Anlaß habe. sich um die Hebung der normale» Lage der Arbeiter eingehend zu kümmern.' Mit dem Wachsen der Gemeinde wachse auch das Maß ihrer Pflichten in socialpolitischer Hinsicht. Eine klare zielbewußte Politik ans diesem Gebiete sei nur möglich, weil» in sorgsamster Weise die Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt, die Aendernngen in der Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung usw. verfolgt und das Material zur Beurteilung der Verhältnisse veschafft würde. Aus der Thätigkeit einer Deputation. welche eigens mit dieser Aufgabe betraut sei, würden geeignete Bot schlüge zur Erfüllung der socialpolitischen Pflichten der Gemeinde von selbst herauswachsen. In der Diskussion wies Bürgermeister M a t t i n g darauf hin. daß ein Teil der angeregten Aufgaben schon in andren Deputationen. B. in der fiir den städtischen Ärbcitsnachweis und in der Armen- kominission, erledigt werde, und daß eine neue Deputation vielleicht störend in das Arbeitsgebiet der schon bestehenden eingreifen würde. Stadtv. Rostock hielt eS für passend. die in unsrem Antrage an geregte Aufgabe der Deputation für den Arbeitsnachweis zu über weisen, während Dr. P e n z i g eine besondere Deputation für wünschenswert hielt, Iveil in der Deputation für den Ar beitsnachweis die Stadtverordneten nicht flenügend vertreten 'eien. Dr. Borchardt betonte dem Bürgermeister gegen über, daß es gerade eine besondere Aufgabe der neuen Deputation sein würde, dafür zu sorgen, daß die Fürsorge 'ür die Armen von geringerer Bedeutung werde, indem arbeitsfähige und arbeitswilligeZ Leute der Armenpflege nicht anHeim fallen dürften. Im übrigen stimmte er der Abänderung des Antrages zu in der vom Magistrat gewünschten Vorlage die Kompetenz der Deputation für den Arbeitsnachweis so zu erweitern, daß auch die in imscrm Antrage liegenden Aufgabe» in ihr Arbeitsbereich fallen. Der so geänderte Antrag wurde angenommen. Dalldorf. Bei den GewerbegerichtS-Wahlen am S. März wurde der Genofle Karl Müller einstimmig gewählt. Tegel. Der Genosse Jnlins Reuinann wurde bei den G e Iverbegerichts-Wahlen mit 399 gültigen Stimmen gewählt. Eingeschrieben waren 800 Wähler, es ivar aber bei dem Andränge, welcher am Abend staltfand, nicht möglich, daß alle wählen konnten. Gevithks-'Settunq. Der Beleidignngöprozest Jacobi-Bcrnhard ist gestcm nicht zu Ende gekommen, sondern vertagt worden. Ucber die Verhandlung geht uns' folgender Bericht zu: Der �gestern zur Verhaiidlung anstehende Pn'vat-Beleidigiings Prozeß des Stadtverordneten Leopold Jacobi wider den Schrift- tellcr Georg Bernhard fand iinter räninlichen Bedingungen tatt, die etwas ungewöhnlich waren und Befremden errege» nilißten. In dem' kleinen Schöffengerichts- Sitzungszimmer Nummer 70— wohl das kleinste im ganze» Gerichts gebände— sollte sich die Verhandlung, die das größte Interesse der Bürgerschaft errege» mußte und ein halbes Hundert Zeugen in Aktion brachte', abspielen. Der Borsitzende Amtsgerichtsrat iLa'gler hatte keinen der beiden Schwurgerichtssäle zur Ver ügung, ob ober diese große Sache nicht bis zu einem Tage ver- choben werden konnte, an welckiem ein größerer Raum frei war, ist eine Frage, die unter de» Zeugen lebhaft ventiliert wurde. Auf dem Gerichtskorridor drängte sich ei» ganzes Heer von Zeugen. darnnter zahlreiche Magistratsmitglieder mit Herrn Ober bürgermeister K i r s ch» e r an der Spitze, viele Stadtverordnete nnd sonstige bekannte Persönlichkeiten. Nachdem etwa ein halbes Dutzend gleichgültiger Sachen, die ans die Tagest ordnung gesetzt waren, ihre Erledigung gefunden und der Vor ätzende den Vertretern der Presse, die sich mühselig einen Platz um das Miniaturtiichchen zn sichern suchte», mehrmals angedroht hatte. daß sie sofort auf drei Tage abgeführt werden könnte», wenn sie 'ich nicht ganz ruhig verhielten, ivurden die.Parteien nnd die Snch Walter i» das Zimmer gerufen. Als Privalkläger mar der Kauf mann und Stadtverordnete Leopold Jacobi unter Beistand des Jnstizrats K l e i n h o l tz und Rechtsanwalt S e» f f zur Stelle, die Privatklagc richtete sich gegen den Redactenr Georg Bernhard und den Stadtrcisenden Hermann Lewinski, verteidigt durch die Rechtsanwälte Wolfgang Heine, Dr. Caro und Morris. Die Zeugen halten natürlich in dem kleinen Zimmerchen beim Aufruf»nr Platz, indem sie sich aufs engste an einander preßten. Iinter den Zeugen befanden sich Ober-Bürgermeister r s ch n e r, Stadt-Baurat Krause, der frühere Stadtsyndikns, jetzige Ober-Berwaltnngsgerichtsrat M e n b r i» k, Stadtverordneten, Vorsteher Dr. LangerhanS, der sich bei dem Aufruf nicht nieldete, Stadtrat K a l i s ch, die Stadtverordneten R o s e n o w. Marggrnff, Ladewig, Wittkowski, Bamberg, Justiz, rat Träger. Rechtsanwalt Dr. Marcnse, Rechtsanwalt Hahn, Magistratsasscsior A l b e r t i, Bürgermeister a. D. Dr. R o s e u t h a l u. v. a.— Zur Anklage steht der be< kannte, vom Angeklagten Bernhard verfaßte Artikel der„Welt am Montag" unter dem Titel„Der Gemein des umpf", in welchem schwere Vorwürfe gegen de» Privntkläger enthalten waren. Der Angeklagte LewinSki. welcher den Artikel unter seinen Kiniden verbreitet hat, hat Widerklage erHobe». Danach soll der Privalkläger sich dahin geäußert haben: Der Artikel rühre wahr, 'cheinlich von einem Manne her, der seiner Zeit wegen Unehrlichkeit ans seinem Geschäft entlassen worden sei.— Eine ganze Reihe von Zeugen ist, wie der Vorsitzende konstatiert, nicht erschienen und durch Krankheit verhindert. Nachdem AmtsgerichtSrat Wagler alle Personen, die keinen Sitzplatz hatten, aus dem Saale gewiesen und bei Nichtbefolgimg dieses Befehls abermals gedroht hatte, sie eventuell 'ofort ans drei Tage abführen zu lassen, wurde in die materielle Verhandlung eingetreten. Im Znhörerraum verblieben einschließlich der Berichterstatter zivölf Personen.— Zunächst wird über die Be- Häuptling des Angeklagten Bernhard verhandelt, daß Herr Jarobi bei einem Geschäftsverkauf an einen Herrn Jaxt und in den Ab- rechnunge» mit einem Filialisten feines Geschäfts nnehrlich ver- nhren sei. Zu dem Fall Jaxt wird Justizrat Träger vernommen, der seiner Zeit den Vertrag über den Geschäftsverkanf bgeschkossen hat. Der Zeuge Jaxt ist nicht zur Stelle. Justizrat Träger kann nur über die Lnsteren Vorgänge, die bei Abschluß des Vertrages obgeivaltet haben, Bekundungen machen. Es wurde von dem Angeklagten in dem Artikel behauptet, daß in dem Falle Jaxt der Privatkläger den Zeugen— um es kurz anSzudrücken— üvers Ohr gehauen habe. Von dem Angeklagten war dann außer dem Falle Jaxt noch ein Fall Levy herangezogen worden, in welchem der Privalkläger zwei Gebrüder Levy, die eine seiner G-schäftSfilialen in der Großen Frankfurterstraße inne hatten. unredlich behandelt haben soll.— Rechtsanwalt Heine hebt als befremdlich hervor, daß einer dieser beiden Levy krank geworden und der andre plötzlich abgereist sei. Auf Antrag der Verteidiger beschließt der Gerichtshof, die Verhandlung zu vertagen und die Zeugen Levy zu der neue» Verhandlung zu laden. Die Brandenbnrger Ngitationskommisfio» vor dem Knnimergericht. Der Parteigenosse Karl D i m m i ck war als angeblicher Vorsteher der s o c i a l d e in o k r a t i s ch c n A g i t a t i o n s k o m m i s s i o n für die Provinz Branden- bürg wegen Vergehens gegen die§§ 2 nnd 13 des Vercinsgesctzcs angellagt worden, weil er nicht alsbald dem Berliner Polizei- Präsidium ein Statut nnd ein Mitgliederverzeichnis der Kommission eingereicht hatte. Diminick reichte am 12. Januar 1901 der Polizei das Mitgliederverzeichnis der Kommission ein, bestritt aber, daß die Kommission ein Verein und daß er ihr Vorsteher sei. Ein Statut hat die Kommission nicht.— Der Angeklagte wurde in erster und zweiter Instanz freigesprochen. Die 8. Strafkammer des Landgerichts I führte unter anderm begründend aus: Der Angeklagte sei erst 1894 in die Kommission eingetreten, während diese bereits 1392 gegründet worden fei. Für die frühere Unterlassung der ersten Einreichnng könne er schon deshalb n ich t verantwortlich gemacht werde», weil auf jeden Fall Verjährung der Strafthat eingetreten sei, soweit die erste Einreichnng in Frage komme. Ein Statut habe Diminick nicht einreichen können, da die Kominission keins besessen und seiner Zeit beschlossen habe, auch keins zu errichten. Ein Statut, das nicht da sei, könne auch nicht eingereicht iverden. Die Staatsanwaltschaft legte gegen dieses Urteil Revision ei» und machte vor allem geltend, daß Vergehen gegen die 2 nnd 13 des Bereinsgesetzcs Dauer delikte feien und daß der Beschluß der Kommission, Statuten nicht zn errichten, denAngeklagten nicht entschuldige. Der Oberstaatsanwalt trat in der gestrigen Verhandlung vor dem Kammergericht der Revision nicht bei. DenAngeklagten vertrat R.-A. Dr. H e i n e m a n iL— Der Strafsenat verwarf die Revision und legte die Kosten einschließlich der dem Angeklagte» erwachsene» nolweiidigen Auslagen der Staatskasse ans. Begründend wurde ausgefühit: Die Entscheidung des Landgerichts sei zutreffend. Die' Verabsäinnnng der Pflichten aus dem ß 2 seien keine so- genannte Dauerdelikte, sondern es beginne hier die Verjährung mit Ablauf der gesetzlichen Frist von drei' Tagen. Weder ans der Bc- grüuduiig des Gesetzes, noch auS dem Wortlaut sei das Gegenteil zu entnehmen. Auch könne nicht anerkannt werden, daß ein praktisches Bedürfnis eine andre Anslegung erfordere, wie die Staatsanwalt- schaft geltend gemacht habe, indem sie meinte, alle politischen Vereine' könnten daS Vereinsgesetz umgehen. Es bleibe ja der Polizei daS Mittel der Einforderung von Auskunft. Um eine AnSknnftSerforderung handle es sich in dem Anschreiben deS Polizei- Präsidenten vom 8. Dezember 1900 aber nicht. Somit rechtfertige sich die Freifprechling. Der Amtsrichter und die preußische Eisenbahnschueidlgrcit. Eine kleine Auseinandersetzung, die der Amtsrichter Dr. Georg B e r g s ch m i d t aus Charlottenburg niit einem Beamten der Stadt- bahn hatte, hat für de» elfteren eine Anklage wegen Beleidigung zur Folge gehabt, welche gestern gegen ihn vor der zweiten Straf- kammer des Landgerichts I zur Verhandlung gelangte. Der An- geschnldigte gab von dem Vorfall, Ivelcher der Anklage zu Grunde lag, folgende Darstellung. Am Abend des 14. Mai vorigen Jahres habe er mit dem Zuge gegen 12 Uhr vom Bahnhof Friedrichstraße nach dem Savignyplatz fahren wollen. In seiner Begleitung habe sich sei» Jagdhund befunden. Als der Zug eingelaufen sei, habe er ein Abtei! dritter Klasse. welches vollständig leer war, bestiegen. Gleich darauf habe der Thürschließcr die Thür wieder geöffnet und ihm bedeutet, daß daS Mitnehmen eines so großen Hundes nicht erlaubt sei. Er sei sofort wieder ausgestiegen, habe den einen Fuß ober noch auf dem Tritt gehabt, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Er habe geglaubt, daß eS der letzte nach Chor- lotteuburg gehende Zug war und er nun zu Fuß nach Hause gehen müsse; seinem Unmute hierüber habe er dem Thürschließer gegenüber durch die Acußcrnng Luft gemacht, daß es wohl nicht nötig gewesen sei, ihn an der Mitfahrt zn' verhindern. Der in der Nähe stehende dieiisthabendc Stationsassistent Schroer habe ihm die Worte zugerufen:„Es ist ja nicht der letzte Zug, es kommt gleich noch einer". Dies habe ihn beruhigt. Als der Assistent'dann in das Stationsbnreau zurückgekehrt sei, sei der Au- geklagte ihm gefolgt und habe ihn im Bureau gefragt, auf welche Weise er seinen Hund zu befördern habe. Ihm sei die Antwort ge- worden:„Das steht auf sechs Plakaten, die unten im Vorraum angebracht sind."—„Sie können doch nicht ver- lange», daß ich da himmterlaufe und gewärtigen niuß, daß mir der letzte Zug vor der Nase wegfährt, wenn ich wieder hinaufkomme", habe der Angeklagte erwidert.„Ach was, ich verlange gar nichts von Ihnen", habe die Antwort deS Assistenten Schroer gc- autet. Er sei wegen dieses Verhaltens in Erregung geraten und habe sich entfernt mit dem Bemerken, daß er sich beschweren werde. Gleich darauf sei der letzte Zug eingelaufen und sein Hund im Dienstabteil des Zugführers befördert worden. Am folgenden Tage habe er an die Eisenbahn-Direktion eine Beschwerde gerichtet, welche eine wahre Sachdarstellung enthalten habe. Nach etwa 14 Tagen habe er den Bescheid erhalten, daß seine Be- chwerde zu einem Einschreiten gegen die Beamten keine Veranlassung böte, da sie ihrer Instruktion gemäß gehandelt und ihm die erbetene Auskunft erteilt worden sei(!). Der Angeklagte habe sofort eine neue Beschwerde an die Direktion gerichtet und iim eine nochmalige Unter- 'uchnng gebeten. Auch das sei abgelehnt worden. Nun habe er ein drittes Schreiben an die Direktion gerichtet. In diesem ollen so beleidigende Vorwürfe gegen die betreffenden Eisenbahn-Beamten'gerichtet sein, daß deren vorgesetzte Behörde gegen den Amtsrichter Dr. Bcrgschmidt Strafantrag stellte. Es wurde in dem Schreiben u. a. angeführt, daß der Beschwerde- iihrer darüber cnipört sei, daß die Beamten es gewagt hätten. hre Vorgesetzten in so unerhörter Weise zn bc- lüge n. Eine von den beiden sich entgegenstehenden Behaiiptmigen könne doch nur der Wahrheit entsprechen und wenn die Behörde den Beamten mehr Glauben schenke als ihm, so werde er dadurch in- direkt der Unwahrheit beschuldigt, welches er sich als Offizier nicht gefallen lassen könnte. Er müßte jetzt wegen Beleidigung zur Verantwortung gezogen werden, damit vor dein Strafrichter die Wahrheit festgestellt werde. Die Direktion folgte dieser Weisung. Im gestrigen Termine traten zwar zwischen den Aussagen der Zeugen Widersprüche zu Tage, aber im übrigen war eine Anfkkärung nicht zu erzielen. Der Staatsnnwakt hielt den Wahrheilsbeweis nicht für erbracht und beantragte gegen den An- geklagten eine Geldstrafe von ISO M. Der Gerichtshof fällte ein freisprechendes Urteil. Abermals der ErprcssnngSparagraph gegen Gewerk- chnftcn. Vor der ersten Strasknmmer des Landgerichts II er- 'chienen gestern vier dem Centralverbande der Maurer angehörige Arbeiter. Die Vorgeschichte des Falles, die in die Gewerkschnsts- bewcgung hineinspielt, ist folgende: Der Maurerpolier Schüler, der dem Verbände angehörte, hatte nenn Wochen hindurch seine Bei« träge nicht bezahlt und wurde deshalb ausgeschlossen. Als nun Schüler im Sommer des vorigen Jahres auf einem Bau eingestellt werden 'ollte, auf dem auch die Angeklagten arbeiteten, wollten die auf dem Bau thätigen organisterte» Arbeiter die Arbeit einstellen. Dies geschah, um Schüler zu veranlassen, seine Beiträge zu bezahlen und eventuell dem Verbände wieder beizutreten. Obgleich der Staatsanivait den Plaidoyers der Verteidiger Justizrat Kranz und Rechtsanwalt Liebknecht entsprechend selbst die F r e i- p r e ch n n g beantragte, erkannte der Gerichtshof nach fast einstündiger Beratung den Hauptangeklagten der versuchten Erpressung schuldig und verurteilte ihn zu zwei Wochen Gefängnis. Die andern Angeklagten wurden freigesprochen. Wetter-Proguose für Freitag, de« 7. März ltiOS. Vielfach wolkig, nachtS wärmer, am Tage etwas kühler mit leichten Regcnkällen und mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Carl Leid in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb.«locke tu Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.