Nr. 122. Abonntinntts-gtölnpngtn: Abonnemems- Pietz pränumerando: «terleljährl- Z.Z0 Ml., monatl. I.IOSM., wöchentlich 28 Plg. frei ins Hau». Simelne Numm'r 5 Pig. Sonntags- Nummer mir iilutuimer Sonntage« Beilage„Die Neu- Welt" lo Plg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Mona«. Singetragen t»»er Post- Zeitungs- Preisliste für 1902 unter Br. 7878. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Mark, für daS übrige Ausland 3 Mark pro Monat. IS. Jahrg. Fit Instrttons-Gebllyl beträgt für die fechSgelpaltene Kolanel» zeile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerks chaftltche Vereins- und VerfammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Zinletgen» jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in derSxpeditton abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen diS 7 Uhr abends, an Sonn- und Sestlage» WS 8 Uhr vormittags geöffnet. Erscheint liiglich«uffer Zvonlso». Vevliner Volksblskk. Telegramm-Adreffe: »Korialdemokrat ISerltn» Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redalttion: S�V. 19. Bentlz-Slrahe 2. Fernsprecher! Zluit I. Nr. ISO». Donnerstag, den 29. Mai 100/2. Expedition: sw. 19, Veutlz- Strafte 3. Fernsprecher: Amt l. Nr. SILI« Militärische Diseiplin und Gerechtigkeit. Es giebt Minister, die die von ihnen regierten Völker ab und zu mit weisen, allgemein gültig sein sollenden Aussprüchen, also mit Sentenzen beglücken. So hat der bayrische Kultus minister von Landmann einmal gemeint:„Je dehnbarer ein Strafgesetz-Paragraph umso besser" und Herr von Goßler, der Hüter des preuszischen Schwertes, sagte am 19. Februar 1902 zu den lauschenden Neichsboten, daß militärische Tisciplin und Gerechtigkeit sich decken. Zweifellos klingt der Satz, den Excellenz von Goßler von sich gab, sehr schön, aber auch ebenso unrichtig ist er. Was ist denn die Disciplin überhaupt? Nichts als der Gehorsam gegen gewisse Gebote, die die Menschen rein willkürlich nach ihrem eigenen Vorteil aufstellen. Was ist aber wahre Gerechtigkeit? Das Produkt des Rechtsgefühls, das jedem normalen Menschen von Natur aus innewohnt. Auf der einen Seite ist also die Willkür die Triebfeder, auf der andern die unver-fälschte Natur. Einen weiteren eklatanten Beweis dafür, daß Gerechtig- kcit und niilitärische Disciplin sich eben nicht decken, bildet jedes Militär- Strafgesetzbuch, also auch das deutsche, das Herrn v. Goßler gewiß bekannt sein wird. Auch aus dem deutschen Militär- Strafgesetzbuch gnckt aus einer Reihe von Paragraphen die Tendenz hervor, um jeden Preis die willen- lose llnterwerfung, auch wenn die Sache mit dem Rechts- gesühl nur schwer zu vereinbaren ist, zu erzwingen. So setzt zum Beispiel§ 84 des Reichs• Militär- Strafgesetzbuches auf Flucht aus dem Gefecht den Tod und der § 85 bestimmt, daß das absichtliche Wegbleiben vom Gefecht mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft wird. Solche Bc- stimmungen waren gewiß in den Tagen der Söldnerheere be- rechtigt, denn damals konnte man im Princip sagen:„Wenn Tu die nötige Courage nicht hast, hättest Du Dich eben nicht anwerben lassen sollen." Jetzt aber, wo die allgemeine Wehrpflicht gilt, wird jeder, der nicht krumm und lahm oder siech ist, zum Militär ausgehoben und niemand frägt danach, ob der Mann von Natur aus ängstlich oder mutig ist, ob er gute oder schlechte Nerven hat, ob er die furchtbaren Eindrücke eines modernen Gefechts überhaupt ertragen kann. Während es keinem Menschen einfällt, vom Nächstbesten zu fordern, daß er einen Scharfrichter machen soll, wird vom Soldaten kurzerhand und ohne jede weitere Prüfung verlangt, daß er nicht nur Menschcnblut vergießen, sondern auch noch sein eignes Leben ohne Besinnen auf das Spiel setzen soll. Aber mag es noch so ungerecht sein, einen Menschen einfach in die llniform zu stecken und dann von ihm bei Todes- st r a f e zu fordern, daß er den größten Gefahren mutig ins Antlitz blickt, es entspricht eben dem Nützlichkeits- Standpunkt, dem Soldaten zu sagen:„Lieber Freund, wenn Du davonläufst, wirst Du von uns selber sicher erschossen, wenn Dil aber standhältst, hast Du wenigstens einige Chance» davonzukommen, denn alle Kugeln treffen nicht." Der ungeschminkte Nützlichkeits-Standpunkt zeigt sich auch bei den Paragraphen, die vom Schutze des Vor- gesetzten gegen Angriffe seitens eines Untergebenen und um- gekehrt handeln. Im ersteren Falle sind barbarische Strafen unter allen U m st ä n d e n festgesetzt, im letzteren wird den Gerichten die freundliche Gelegenheit geboten, den Soldatenschinder möglichst gelinde durchschlüpfen zu lassen. eine Gelegenheit, die leider nur zu oft benützt wird. Es ist gar nicht uninteressant, die betreffenden Paragraphen zusammen- zustellen. Es bestimmt also: Strafe gegen Untergebene. § 97- Wer sich an einem Vorgesetzten thätlich vergreift oder einen thät- lichc» Angriff gegen denselbeit imterinmiut, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter 3 Jahren, in»linder schivere» Fällen nicht unter I Jahr bestraft. Wird die Handlang unter dem Ge» wehr odersonstiniDienst oder vor versa in n> elter Mannschaft oder mit einer Waffe oder mit einem andren gefährlichen Werkzeug ausgeführt, so tritt Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren, in minder schweren Fällen nicht unter z>v e i Jahren ein. Statt auf Gefängnis oder Festungs- hast ist auf Zuchthaus von gleicher Dauer zu erkennen, wenn die Thällichkeit eine schwere Körperverletzung oder den Tod des Vorgesetzten verursacht hat. Ist die Thätlichkeit im Felde begangen, so tritt Todesstrafe, in minder schweren Fällen oder wenn die Thätlichkeit außer dem Dienst begangen ist, Freiheitsstrafe nicht unter 10 Jahren oder lebensläng- liche Freiheitsstrafe ein. § S8. Ist ein Untergebener dadurch, daß der Vorgesetzte ihn vorschriftsividrig behandelt oder die Grenzen feiner Dienstgewält überschritten hat. gereizt und auf der Stelle zu einer der in sZ 89— 97 bezeichneten strafbaren Handlungen iAchtnngsverletznng. Gehorsamsverweigernng, Beleidigung, Thätlichkeit) hingerissen worden, so ist, wenn die Handlung mit dein Tode oder mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe bedacht ist. auf Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren zu erkenne»: ist zeitige Freiheitsstrafe angedroht, so kann die Strafe bis zur Hälfte des Mindestbetrages der angedrohten Freiheitsstrafe, und wen» diese Hälfte mehr als ein Jahr beträgt. bis niif die Dan er eines Jahres ermäßigt lv erden. Stellt sich die Handlungsweise des Vorgesetzten als eine Miß- Handlung oder sonst als h e r a b w n r d'i g c n d e B e h n n d l u» g des Untergebenen dar, so kann die Strafe, Ivo die Hälfte des MittdeslbeltageS der angedrohten Strafe mehr als sechs Monate be» trägt, auf die Dauer von sechs Monaten ermäßigt werden. Strafe gegen Vorgesetzte. § 122. Wer vorsätzlich einen Untergebenen stößt oder schlägt oder auf andre Weise körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit beschädigt, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu 3 Jahren bestraft; in m i n d er schweren Fällen kann die Strafe bis auf eine Woche Arrest ermäßigt werden. Auch kann, im wiederholten Rückfall muß neben Gefängnis oder Festungshast auf Dienstentlassung oder Degradation erkannt werden. 8 123. Ist durch die Handlung eine schwere Körperverletzung des Untergebenen verursacht worden, so tritt Zuchthaus bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen Gefängnis oder FestnngS» Haft von sechs Monaten bis zu fünf Jahren ein. War die schwere Körperverletzung beabsichtigt und eingetreten, so ist auf Zuchthaus von zwei bis zu zehn Jahren zu erkennen. Ist durch die Körperverletzung der Tod des Untergebenen vcr- nrsacht worden, so tritt Znchihans nicht unter drei Jahren, in minder schweren Fällen Gefängnis oder F e st un g s h a f t nicht unter einem Jahre ein. Wir sehen also, daß z. B. ein Untergebener, der unter dem Gewehr einem Vorgesetzten einen leichten Stoß versetzt, nach§ 97 ni i n d e st e n s 2 Jahre ins Gefängnis gesteckt wird. Thut aber ein Vorgesetzter das Gleiche einem Untergebenen. so kann er nüt einer Woche Arrest davonkommen. Ist weiter der Untergebene von seinem Vorgesetzten geradezu bis anfs Blut gepeinigt worden, und greift er in der Ver- zweifln ng seinen FoltcrSknecht thätlich an, so muß er nach § 98 doch mindestens mit sechs Monaten Gefängnis bestraft werden. Daß dies gerecht ist, wird niemand be- haupten wollen. Wir machen hier noch besonders auf den kolossalen rechtlichen Widerspruch aufmerksam. der darin liegt, den Untergebenen gegen Mißhandlungen nur mangelhaft zu schützen, ihn zugleich aber mit den härtesten Strafen zu belegen, wenn er sich an einem Vorgesetzten vergreift. Es ist doch klar, daß man, wenn nian die geringste Auflehnung gegen den Vorgesetzten auf das schwerste ahndet, den Untergebenen vor Brntalitäten und Chikanen durch Höhergestellte ganz besonders schützen sollte, damit der Untergebene nicht schlecht behandelt und so auch nicht in Versuchung geführt wird, sich an seinem Vor- gesetzten zu vergehen. Aber dagegen spricht andrerseits wieder der Nützlichkeits-Standpunkt, das heißt das Bestreben, um jeden Preis eine sogen, gnre Disciplin zu erreichen. Bei der letzteren soll der Untergebene sich eben als tief unter dem Vorgesetzten stehend erachten, er soll in ihm den unumschränkten Herrn und Gebieter erblicken, den anzugreisen ein Kapitalverbrechen ist, von dem aber Verbal- und auch Realinjurien nicht so schwer zu nehmen sind. Nun wäre es aber falsch zu glauben, daß die militärische Disciplin überhaupt so sein müsse, wie sie jetzt im allgemeinen gefordert wird. Der k a p i t a l i st i s ch e K l a s s e n st a a t allerdings braucht eine militärische Disciplin, die an das Ver- hältnis zwischen einem orientalischen Despoten und seinen Unter- thanen erinnert. Und zwar braucht er sie umso mehr, je reaktionärer er ist und je mehr der Kapitalistenklüngel in ihm den Ton angiebt. Die herrschenden Klassen niüssen ja, da sie den Beherrschten gegenüber in der Minderzahl sind, eine große Zahl von Bewaffneten zur Verfügung haben, die auf Befehl von ihren Waffen förmlich mechanisch und ohne jede Ueberlegung Gebrauch machen, sei es auch gegen die eignen Eltern, Brüder und Freunde. Ist aber einmal mit der Klassenherrschaft aufgeräumt, so braucht man eine solche Disciplin, die— um mit Tolstoj zu reden— aus den Menschen„gehorsame, maschinenmäßige Totschlag- Werkzeuge" macht, nicht mehr. Der Soldat wird nur mehr sein Vaterland zu beschützen haben und dies wird er, da ihm sein Vaterland ein wirkliches Baterland sein Wird, auch freudig thun._ Volikifrsze Lleberstcht. Berlin- den 23. Mai. Abgeordnetenhaus. Die Beratung der Main-Neckar-Vorlage, die am Mittwoch auf der Tagesordnung der Sitzung des Abgeordnetenhauses stand, gab dem Minister v. Thielen Gelegenheit, sich über den preußisch-sächsischen Eisenbahn krieg, der in den letzten Monaten wiederholt die Oeffentlichkeit be- schäftigt hat, zu äußern. Natürlich erklärt der Minister alle gegen die preußische Eisenbahnverwaltung erhobenen Vorwürfe für unbegründet. Es sei unwahr, daß die preußische Eisenbahnverwaltung die sächsische zu schädigen suche. Die Legende von dem preußisch-sächsischen Eisenbahnkrieg werde dadurch nicht wahrer, daß man sie oft wiederhole. Die sächsischen Minister hätten stets zugegeben, daß zwischen Sachsen und Preußen das beste Verhältnis herrsche und daß Preußen es nie unternommen habe, Sachsen den Durch- gangsverkehr abzuschneiden. Von seiner Macht nmche Preußen keinen illoyalen Gebrauch, sondern es trete den Bundesstaaten stets loyal gegenüber. Auch von einem un- lauteren Wettbewerb Preußens könne absolut keine Rede sein. Die Vorlage selbst wurde der Budgetkommission über- wiesen: sie bezweckt die Aufnahme der Main-Neckarbahn, in deren Verwaltung sich bisher Preußen, Baden und Hessen geteilt haben, in die prcußisch-hessische Betriebsgemeinschaft. Gleichfalls einer Kommission überwiesen wurde die Vor- läge betr. die Befähigung für den höheren Verwal» t u n g s d i e n st, die eine Aenderung der Vorbereitung für den höheren Verwaltungsdienst anstrebt. Die nächste Sitzung findet am Freitag statt. Auf der Tagesordnung stehenJnitiativanträge und Petitionen.— Tyrannei und Gewalt. Für die heldenmütigen Thoten der russischen Revolutionäre, die unter Opferung des eignen Lebens an den Schergen der russischen Tyrannei das ungeschriebene Urteil des Volksgerichts vollstreckten, hat die deutsche socialdemokratische Presse mit Recht Worte mensch» licher Sympathie geäußert. Mochten die Scharfmacher von feigem Metichelmord rede»— die Socialdemokratie hat sich nicht gescheut, das wahre Empfinden aller civilifierten Menschen ansznsprechcn. Es war nicht zu untersuchen, ob die Thatcu, selbst für russische Verhältnisse,„zweckmäßig",„klug" waren. es galt nur die todesmutigen Märtyrer der Freiheit zu verteidigen gegen die gemeinen Veschimpsunge» der Reaktion. Wo die Tyrannei keiner freien Willensrcgling Raum giebt, da hat seit jeher die G e» w a l t der Frcihcitshelden der brutalen Unterdrückung der Herrschenden geantwortet. In allen Hoftheatern wird Wilhelm TellS Ermordung GeßlerS verherrlicht, und doch schoß er aus dem Hinterhalt, während der russische Student, der Ssipjagin tötete, offen dem grau- samen Feinde der Freiheit entgegentrat. Nicht anders mußte unser Urteil über das Wilnaer Attentat lauten. Diese selbstverständliche Haltung hatte, wie die ganze social» demokratische Presse, so auch die„Leipziger Volkszeitnng" ein- genommen. Ebenso selbstverständlich war es, daß die reaktionäre deutsche Presse diesen Anlaß zu einem kleinen meuchlerischen Ueber- fall auf die deutsche Socialdemokratie zu benutzen suchte. Sollte man nicht zur höheren Ehre des Zollwuchers eine kleine Um- sturzhetze insceiiierc» können? Die„Konservative Korrespondenz" unternahm zunächst diesen hübschen Versuch, indem sie die „Leipziger VolkSzeitung" denunzierte. Diese albernen Tiraden ließen uns kühl. Sie treffen uns nicht, sondern waren nur eine so bösartige Beleidigung deutscher Verhältnisse, wie sie so scharf kein Socialdemokrat jemals geäußert hat: deitn man stellte einfach den russischen AbsokutismuS auf eine Stufe mit den deutschen Verhältnissen, obwohl wir doch eine Ver- faffmig, ein allgemeines Wahlrecht und gewisse bürgerliche Freiheiten haben. Nur wer den deutschen Verfassungsstaat dem russischen Knntenregiment gleich vertrete, konnte die tolle Folgerung aussprechen: daß wir, was wir in Rußland nur zu be- greiflich finden, auch in Deutschland billigen oder gar empfehlen müßten. Nein, so hart urteilen wir doch nicht Über Deutschland, daß wir diesen schimpfliche» Vergleich für berechtigt halten könnteu— diese sinnlose Beschimpfung Deutschlands überlassen wir gern der„Konservativen Korrespondenz' und dem Blattgeziefer, das sich von ihr nährt. Nun aber kommt auch die freisinige— die freisinnige „Vossische Zeitung" und fällt mit dem Gekeif einer vor Angst übergeschnappten alten Tante über die„Leipziger Volkszeiwng" her. wegen ihrer„Verteidigung des Meuchelmords". Das wäre an sich gleichgültig und höchstens ein weiterer Beitrag zur rettungSlofen Entartung der Bourgeoisie. Aber die schreckhafte Tante unternimmt es auch, die„gute" Socialdemokratie gegen die„Unthaten? der „Leipziger Volkszeitnng" zu verteidigen, nnd gegen diese ungebetene Verteidigung müssen wir entschieden protestieren. Wir müssen eS ablehnen, daß irgend ein deutscher Socialdemokrat zu den Heul- Meiereien der kreischenden Tante sinken könnte. Die.Vossische Zeitung" geht»och weiter. Sie diktiert der Socialdemokratie folgende Befehle: „Es darf erwartet und verlangt werden, daß sie dem Treibe» ihres Leipziger Blattes ein schnelles und wirksame» Ende mache und sich vor Ausschreitungen einer b l u t- d ü r st i g e n Phantasie schütze, die nur Wasser auf die Mühlen der Scharsmacher schaffen." D'e Tante verlangt weiter, daß die socialdemokratische Partei- leitring„alsbald dem Unfug der„Leipz. Volksztg." steuerte". Und endlich beteuert die„Vossin": „Kein Lockspitzel, der sich bemühte, den Vorwand für neue Ausnahmegesetze zu schaffen, könnte anders verfahren, als die „Leipziger VolkSzeitung" durch ihre Verherrlichung des Menchel- mordes thut. Wir sind gewiß, daß ein großer Teil der� socialdemokratischcn Fraktion und Partei dieses Gcbnhre» verurteilt. Aber eS genügt nicht, daß die Verurteilung vertraulich erfolgt. Es wird nützlich und notwendig sein, klipp und klar mit Personen zu brechen, die den Mord verteidigen nnd den Mörder feiern. Wenn man über Ed. Bernstein hochnotpeinlich zu Gericht saß, was wird Frau Rosa Luxemburg geschehen?" Wir bedauern, die schönen Hoffnungen der„Vossin' im Keime knicken z» müssen. Denn die gesamte Socialdemokratie teilt in diesem Fall die Gefühle der„Leipziger Volkszeitnng", und wir hoffen, daß auch jeder anständige nickt- socialdemokratische Deutsche, den die andauernde Lektüre der„Vossischen Zeitung" nicht um Ver« stand und Charakter gebracht hat, ähnlich über die Verzweiflungs- thaten der russischen Freiheitskämpfer empfindet— wie immer man auch über ihre Nützlichkeit urteilen möge. Die„Voss. Zeitung" freilich scheint jetzt in Herrn Pobedonoszew ihrem Chefredacteur ge- fniiden zu haben. Wir aber, wir vaterlandsloscn Gesellen, sind national genug, um uns für Deutschland zu schämen, daß es Leute giebt, die das Deutsche Reich bereits mit Nnßland verwechseln. Ein sarkastischer Zufall will es, daß gerade in diesei: Tagen bei Eisenach ein Denkmal der deutschen Burschenschaften enthüllt worden. Die Geschichte der deutschen Burschenichafts- bewegung aber— sie haben nur in ihren Anfängen eine Ge- schichte gehabt— ist eine einzige große Verherrlichung der Propaganda der That und des politischen Mordes. Damals war Deutschland politisch noch durchaus russisch, und da- mals handelten die Studenten, so iveit sie fiir deutsche Freiheit »nd Freiheit idealistisch käinpften, wie heute die russische Jugend. Als Sand den russischen Agenten Kotzebue erdolchte, wurde er von den Burschenschaftern, Studenten wie Professoren, als nationaler Held schivännerisch gefeiert. Jetzt haben Leute, die freilich nur den N a in e n mit jenen alten Burschenschaften gemein- sam haben, diesen„Verteidigern des Meucheln, ords" ein Denkmal gesetzt, und die ganze offizielle Welt hat zu der Denkmalsweihe ihren Segen erteilt. Die„Vossin" aber schlief und fand kein Wort moralischer und politischer Empörung für dieses»Denkmal des Meuchelmordes"._ CcntrnnlSobstriiktion. In der Z u ck e r l o m m i s s i o n machte heute das Eentrnm einen erneuten Versuch, die Ratifizierung der Brüsseler Zuckerkonvention durch endlose Verschleppung des Gesetzentwurfes der deutschen Regierung zu vereiteln. Hatte schon die Licbeiiswürdigleit des Grafen Biilow es seiner Zeit in der Plenarbcratung des Zucker- steuer-Gesetzes nicht verhindern können, dast die Vorlage gegen die Stimmen der Socialdemokraten und der freisinnigen Gruppen, trotz der inständigen Bitten des Reichskanzlers, im Interesse des Landes die Borlage nicht zu verschleppen, einer Kom- Mission überwiesen wurden, so zeigten sich heute in der Kominissions- sitznng die parlamentarischen Sachwalter des Zuckerringcs mit dieser Art der Verschleppung nicht einmal zufrieden. Man griff nngeniert zu dem offenen Mittel der Obstruktion, um die Vorlage bis in? nfer- lose verschleppen zn können. Und zlvar war es das Ccntrum, das die Interessen des Znckcrringes durch eine anfangs schlecht ver- kappte und dann ganz unverhiillte Obstruktionstaklik zu wahren sich nicht scheute. Herr M illle r- Fulda, der Gclegenheitsmacher des Marinismus, warf sich auch zum Gelcgenhcitsmachcr des Zuckerkartells au Zunächst versuchte er durch einen wahren Rattenkönig von einer Interpellation, durch die die Regierung um eine Unzahl von Aus- kiinften ersucht wurde, die KömmissionSverhandliingen lahmzulegen. Später aber stellte er klipp und klar den Antrag, die Verhau d- l u n g e» b i s z n m O k t o b e r z u vertagen. Schlicstlich zog Herr Miiller-Fnlda diesen VcrtagungSantrag zivar wieder zurück, jedoch mit der Erklärung, dag er sich vorbehalte, jederzeit von neuem c i n c n derartigen Antrag zu st c l I e n. Man darf sich also darauf gefaßt machen, daß dieser Obstruktions-Versuch nicht der letzte bleiben wird. Die Liebesdienste des Ccntrums für den Zuckerring werde» nicht unvergessen bleiben, ebensowenig seine Obstruktiousgclüstc, die sich um so eigenartiger ausnehmen, als erst am 6. Mai Herr Bachem mit dem ganzen ihm zur Verfügung stehenden blechernen Pathos eine Philippika gegen die Parlamentswidrigkeit der Obstruktion losgelassen hatte. Zn Gunsten der Znckcrintercsscntcn zn obstruieren, hält daS Ccntrum also fiir erlaubt, jede Obstruktion zu Gunsten der ausgeplünderten Volksmaffen ist ihni ein Greuel!— Die BaterlandSliga. PariS, 26. Mai.(Eig, Ber.) Die»Vaterlan dLliga" hat soeben ihren Ehreupräsidenten, Fraiitzois CoppSe, über Bord getvorfen. DaS ist die erste Folge ihrer im Gesamtergebnis recht bitteren Wahlerfahrungen. Coppse, ein katholischer Ncophyt (Ncubckchrter), kompromittiert durch seine offene Kirchcnfrömmigkeit die Machenschaften der Liga. Ihr klerikales Gesicht inuß hinter einer ganz undurchdringlichen Maske versteckt werden. Coppee nennt dies in seinem DemiisionSschrciben»niedrige Kombinationen", für die er nicht geschaffen sei. Jules L e m a r t r e. der Präsident der Liga, spricht in seiner akademisch „gerührten" Antwort an seinen demissionierenden„lieben Freund" von den Rücksichten, die man der„Vorsicht" schuldig sei: die Liga trete in die parlamentarische Phase ihres Daseins ein, und da gelte es jeden Verdacht zu vermeiden, daß sie„im Namen eines kon- fessionellen Glaubens" kämpfe. Desto wirksamer werde sie aber «unsre Freiheiten"— licS: die Interessen des KlcrikaliSmus— ver- teidigen. Doch sind die offenen Klerikalen über die HinauSdräugnng Coppees entrüstet. Der orlcanistische„Solcil" klagt:„Die Liga war patriotisch gewesen, dann wurde sie republikanisch, jetzt wird sie antikonfessioucll. Von nun an hört sie aber auf zu existieren, sie ist nur noch eine Kliqne, eine parlamentarische Gruppe, die sich ohne Ziveifel nut den Progressisten(Melinisten) verschmelzen wird." AchnlicheS sagt der Vonapartist C a s s a g n a c. Die Kerutruppen der Liga waren aber bisher die Älcrikal-Monarchistc». die in ihr die dema- gogisch wirksamere Fortsetzung des geschlagenen MelinisuiuS schätzten. Die Demission Coppses erscheint daher als ein Symptom der be- giiineiideii Zersetzung der Liga— gleich im Anfang ihrer„parlamen- tarischen Phase". Eine Wiederholung des Geschicks der boulan- gistischen Demagogie, die ihre Wahlniederlage von 1839 nicht überlebt hat.. Die französische Vaterlandsliga hat unterdessen in Rußland Schule gemacht. Gendarmen, Kosaken und Spitzel, Nagaika, Knute und Nuten, Gefängnis, Sibirien und Galgen— das alles genügt der Zarenregiernng zur Nicderkänipfung der Freiheitsbewegung uichi. Ihr kommen zu Hilfe mehr oder minder„freiwillige" Patrioten. Da wurde eine„Liga für die Wohlfahrt des russischen Vaterlandes" gegründet, die auch im Ausland Filial- äbteilnngcn einrichtet. Die a u s l ä n d i s ch e H a n p t a b t e i l n n g befindet sich natürlich in Paris. Dieser Tage ging der Pariser Presse ein Rundschreiben Über den Zweck der Liga zu. Als solcher wird die Slärknng der Principicn der Autokratie und der Orthodoxie(der„rechtgläubigen" russischen Kirche) angegeben, dieser „Grundpfeiler" der russischen Macht. Die ausländische» Filialen der Liga bezwecken insbesondere die„wahrhaftige"(!) Informierung dcS Auslandes über die russische» Verhältnisse und die Nichtigstellimg der„übelwollenden" Nachrichten über die russische revolutionäre Bewegung, die aus russischen revolutionären Kreisen stammen... Es sei erinnert, daß Anfang der 80er Jahre in Rußland eine„Freiwillige Schutzliga" gegen die damalige revolutionäre Bewegung von der— Gehet ni Polizei ins Werk gesetzt Ivurde. So steht es auch unzweifelhaft um den Ursprung der russischen Vaterlandsliga. Anständige Menschen arbeiten für die Knute noch weniger als für Bismarck. Wie viel französische und anderwärtige Bonrgeoisblätter werden aber an- ständig genug sein, um die offiziös-spitzelhnften Informationen der Knutenliga in den Papierkorb zu werfen?— Ein Tiefstand des Barometers ist in der F r i e d c n s f r a g e wieder einmal eingetreten. Einer Meldung der„Daily Mail" aus Pretoria zufolge ist nur wenig Aussicht auf völlige Unterwerfung der Boeren, falls es den Boereuführcrn. welche die britischen Be- dingunge» angenommen haben, nicht gelingt, auf einige ihrer Gc- Nossen einen Druck auszuüben. Unter der unversöhnlichen Minderheit befinden sich mehrere bekannte Führer.— Eine Londoner Nachrichten-Ageutnr erfährt, die Boeren be« ständen auf der Erlaubnis, ihre Waffen zu behalten. Sie verlangten die? als absolut notwendig in Anbetracht des großen UebergewichtS der Eingeborenen. Bisher habe die britische Re- gierung es entschiede» abgelehnt, den Boeren ihre Waffen zu lassen. In der Meldung heißt es weiter, eS beständen Meinungsverschieden- hciten auch noch über einige andre Punkte, die jedoch nicht von Be- deutung seien. Ueberhaupt schlagen die Londoner Blätter einen weniger optimistischen Ton an, als gestern. Wie verlautet, sind im Minister- rate ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen e i n i g e n M i n i st c r n a u S g e b r o ch e n.„Daily News" bemerken, es sei unrichtig, die Lage als hoffnungslos hinzustellen, aber es müsse doch zugegeben werden, daß sich der amtlichen Kreise eine ge- wisse Unruhe beinächtigt hat.— DersKorrespondent der„Daily Mail" in Pretoria bestätigt, daß eine Minderheit der Boeren gegen die Unterwerfung sei, trotzdem seien aber die Aussichten auf einen baldigen Frieden nichr gestört.— •• * Deutsches Weich. Den Nebcrzostvorstoff, den die Konservativen seit Monaten im Abgeordnctenhause geplant haben und an dem sie seitdem die Freude verloren zu haben schienen, wollen sie, wie eine Korrespondenz wissen will, nun doch noch unternehmen. Die Konservativen haben danach die Absicht geäußert, beim Präsidenten v. Kröcher dahin vorstellig zu werden, daß der Antrag Limburg-Stirnm, nach welchem die verbündeten Regicrnirgen ersucht werden sollen, den Beschlüssen der Zolltarifkommisston bezüglich der Erhöhung der Ge- treide-Zölle zuzustimmen, im Laufe der nächsten Woche auf die Tagesordnung gesetzt werde. In Verbindung mit diesem Antrage dürfte der gemilderte Antrag Frhr. v. Zedlitz und Genossen behandelt werden.— Chemische Industrie in der Zolltarif-Kommissio». In der Mittwochsitzung der Tarifkommission gelangte ein weiteres Stück der Zollvorschläge für chemische Produkte zur Beratung und Beschluß- fassung. Es wurde über die Positionen 270 bis' 265 verhandelt. Das Interessanteste boten die Verhandlungen über die Positionen Salzsäure und Schwefctsäurc. Die Chemie einigt und trennt. Dasselbe Schicksal teilen einige Zölle ans Chemikalien. Dem Interesse einiger chemischen Fabriken stehen Interessen andrer chemischer Produktioncii einer großen Reihe industrieller Fabriken, die chemische Produkte als Hilfsmittel gebrauchen, teilweise auch das Interesse der Landwirtschaft' entgegen. Daneben spielen Gegensätze zwischen Süd und Nord, Ost und West und einzelnen Provinzen. Diese treniicndc Wirkung zeigte sich am schlagendsten bei der Schwefelsäure und Salzsäure. Beide Stoffe dienen einer Reihe chemischer Produkte als Hilfsmittel und werden in de» mannigfaltigsten Industrien verwendet. Ncbcrdics würde die unabweisbare Konsequenz der Verzollung dieser Säuren die Verzollung des Superphosphats und die Verteuerung des Düngers sein. Einige Zinlhüttcnbcsitzer wünschen mit Rücksicht auf die„Einmischung" des Staats gegen die Gesund- bcils-Gcfährlichkcit der Art ihrer Produktion Schutz in Form eines Zolls. Diesen Standpunkt vertritt insbesondere der Centralvcrband Industrieller. Vergeblich suchte sein Beamter, der Abg. Benmer, diese Ausgleitung dadurch zu paralysieren, daß er betonte, es gäbe ja auch„berechtigte" Eiumischuugcn des Staats. FürZollfreiheit trat die Reichsregicrung ein. Die Schwcsclsäurc löste zum Eisiauncii der Kom- Mission die jetzige sächsische Regierung vom Standpunkt derRcichsrcgiening und von dem der früheren sächsischen Regierung los. wirkte also auch hier ntoimficrend. Die Ratio nalliberalcn traten für Schwefrlsänrezoll geschlossen ein. Die Frcikonscrvativcu schieden sich landsniniinschasllich: hier der schlcsischc Schutzzvllncr v. Kardors für, dort Gamp im Interesse der Landwirtschaft gegen Zoll. Die schlcsischen Zinlhütten wirkten auch ans das Ccntrum sprengend: Letocha, der Vertreter eines schlcsischc» Wahlkreises, im Baun der Zinkhütten- Schutzzöllncr, die andren CcntrnmSlcute für Zollfrcihcit. Die Kon- ervnlive» traten für Zollfrciheit ein. Schließlich errang die bestehende und von der Regierung wiederholt vorgeschlagene Zoll f r e i h e i t den Sieg. Im weiteren Verlans der Debatte ivurde keine Ennäßigung, hingegen einige Erhöhungen trotz aller Gegenwehr im Rahmen der Regierungsvorlage beschlossen, so wurde das seewärts eingeführte Salz mit 80 Pf., Ouellsalz mit 3 M., kohlensaures Ammoniak mit 5 M. Zoll belegt. Beim Soda wurde die Debatte auf Freilag vertagt. Die DouuerSlagSfitzung muß mit Rücksicht auf den Fron- IcichnamStag ausfallen.—_ DaS Elend dcö Monarchismus. In Zeiten der Vcdräuguis, sollte inan meinen, einer Bedrängnis, die durch Umstände der verschiedenste» Art hervorgerufen wird, ollten sich die Vertreter des monarchischen StaatSgedankens um so xslcr aneinander schließen. In dem Deutschland des ncncn Kurses aber ist daS scheinbar Unmögliche zum Ereignis geworden. Ein moiiarchistisch gesinnter Redacteur hat dieser Tage ciucS andren Monarchisten Artikel als majestätSbelcidigcud verdammt, mit dem überraschenden Erfolge, daß er selbst dafür keincsivcgs den roten Adlcrorden bekam, sondern— wegen Majestätsbeleidigung ofort verhaftet wurde. Der„General-Anzeiger für Leipzig nnd Umgebung" vom 27. Mai brachte cincii Artikel, der sich mit dem bekannten Fall des neucii deutschen NittmcistcrS Herrn de S ch m i d beschäftigte. DaS Blatt versprach darin, sich dessen zu„befleißigen, bei Enthüllung jeder dem Volke schleierhaften politischen Episode, in welche unser Kaiser unmittelbar als ein Handelnder eingegriffen, die Würde einer durchaus e r» st c n und sachlichen Kritik dein losen und doch o billigen S ch e I m e n s p i e l e boshafter Witzelei vorzuziehen."' Diese weitere Polemik richtet sich offeiisichtllch gegen die „Leipziger Neuesten Nachrichten", auch ein streng monarchisches und staatserhalteiides Blatt, für das der in Berlin ansässige ehemalige Bismarckluappc Dr. Paul L i m a u die Leit- artikel schreibt. Solche„Nörgler" sind für den„Leipziger General- Anzeiger"»Ritter bo» der traurigen Gestalt, die den kaiserlichen Träger unserer g o t t g c s p c n d c t c n Krone für ein paar tausend Mark Jahreseinkonimeu berufsmäßig schände»". Mau könne in Form«gehässiger, und versteckter Angriffe der Person iinsres Kaisers nicht hinterlistiger und tciistischer schaden", als luenii inan nach Hardenschem Muster seine„liltcrarische Spottgcburt in schwarz- wciß-rote Windel" einwickelte. Nun ist Herr Arthnr Pleißner, der leitende inid vcrant- wortliche Redacteur des staatserhalteiiden Blattes»ach so saftigen Belehrungen selbst daran gegangen, den falschen Monarchisten eine Probe seines eignen freimütigen nnd echten Monarchismus .>! geben, mid in diesem Sinne bespricht er das Avancement des rniizösischen„Wachtmeisters" de Schmid zum dentschen Riltineistcr. Sein loyaler Freimut ist ihm iivel genug bekommen! Denn der Monarchismiis des Leipziger Oberstaatsanwalts ist noch viel echter als der seine! Seit Dienstagabend sitzt Herr Pleißner wegen Majestätsbeleidigung in pkntcriuchungshaft. Nach diesem traurigen Erfolg seiner Bemühungen scheint cS allerdings schwer, in Deutschland ein echter Monarchist zu sein. Glücklich jeder, den seine Ueberzeiigimg vor so unlievsameii Sitnalioiien bewahrt!— Als Gegner dcS BrottvncherS und deshalb„als Freund cglichen Fortschritts" feiern die.Berliner Nencften Nachrichten" den— Schah vo» Persicn, Musaffer-eddin, gewiß eine originelle Huldigung des Organs fiir Scharfmacherei, Zoll- und LebeiiSniiltel-Wucher. Der orientalische Herrscher, den das Blatt als einen Aiisbiind monarchischer Tugenden schildert, trifft morgen in Berlin ein, um gleich dein Sühnepriiizen als Gast des deutschen Kaisers im Orangerieschloß in Potsdam seine Wohnung zu nehmen. Und als eines seiner Hauptverdienste wird dem kaiserlichen Gaste„die Aufhebung der drückenden Brot- und Fleisch st euer" angerechnet. Diese LcbenS- mittel- Stenern bildeten zwar nur ein S e ch st e I der Ein- nahmen des Herrscher?, sie sollen aber nichtsdestoweniger vom Volke so drückend empfunden lvordcn sein, daß ihre Aufhebung durch den 1896 zur Regierniig gelangten Schah als Hanptriihmesülel des fortschrittfreun'dlichen Herrschers gepriesen wird! In Asien ist also eine rühmenswerte Fortschritlsthat, was in dem an der Spitze des Fortschrittes marschierenden Deutschland leider nur eine wütend be- kämpfte Forderung der Socialdemokratie ist!— Die Pleite der deutschen Kolonialpolitik konstatiert nach so vielen andern Kolonialkennern auch Karl Peters in der„Finanz- chronik". Pciers, der Initiator der deutschen Ostasrika-Politik, ist zwar auf die deutsche Kolonialpolitik schon deshalb nicht gut zu sprechen, weil man seine Othello-Maniercn seinen schwarzen Ge- liebten gegenüber nicht ganz so milde beurteilt hat, wie er es als Herrenmensch und Cecil Rhades in Westentaschen-Format erwarten zu dürfen geglaubt hatte, allein sein Urteil über die negativen Er- folge unsrer Kolonialpolilik darf deshalb nicht minder als zutreffend gelten. Peters schreibt unter anderm: »Ans den Schwung frischen UntcriiehmilligsgeisteS scheint ans der ganzen Linie eine riefe Resignation cingclrcten zu fein. D i e Ä o l o ii i c n h n b e n n i ch t g e h a l t c n, w a s s i e u n s versprachen. Nachdem das Reich nunmehr au 20 Jahre Kolonialpolitik getrieben hat, kann man auch kaum noch den alten T r o st vorbringen, daß Ivir „noch i ii den Kinderschuhen stecken". Britisch-Siid- afrika sowie der Kougostaat sind in ihrer wirtschaftlichen Entivickelung weit an unser«» eigenen Kolonien vorbeigeeilt. In Deutschland scheint mau am Ende seines Witzes zu sein. Nirgends ein produktiver neuer Gedanke, ans dem man frische Hoffniiiig zu schöpfen vermöchte; allerorten entweder graue Spekulation oder direkte Nieder- g e s ch l a g c ii h e i t." Peters macht für diese koloniale Pleite hauptsächlich den st a r r e n B n r e a n k r a t i s in n S des deutschen KoloiüalsystemS verantwortlich. Die Männer der Praxis seien an diesem schablonen- hasten BnreaiikratiSmus stet? gescheitert. „Mit der bloßen Erwerbung von überseeischen Gebieten ist es nicht gcihan. Es kommt darauf an, sie sich wirtschaftlich anzugliedern und nutzbar zu machen. Die deutsche Flagge mag über noch so vielen Landein der Erde aufgehen; so lange, bis unser Volk es lernt, eine gesunde, geschäftliche Kolonial- Politik zu treiben, bleiben sie c i n f a cki e i n e B e I a st u n g für unser Voll, die m a n am b e st e n iv i e d e r über Bord wirft. Diese Aufgabe aber ist mit Phrasen und k o l o Ii i a l p o l i t i s ch e n Mätzchen daheim nicht zn lösen, sondern nur durch praktisches Planen und fleißige Arbeit in den o l o n i e n." Unsre koloiiialfrcundlichen Blätter, z. B. der„Hamb. Corr." und die„Rh e in.- W e st f. Zeitung", vermögen diesem ver- n i ch t c ii d e n Urteil nicht zn widersprechen. Sie geben in der Hauptsache dem herben Krittler recht, aber zum Ucberbordwerfen des kolonialen Ballastes vermögen sie sich natürlich gleichwohl nicht zu entschließen. Die„Rhein.-Wests. Ztg." erklärt, es sei in der That an der Zeit, daß in der Leitung des deutschen Kolonialwescns eine radikale Aendcrung eintrete. DaS kaufmännisch-wirt- schaftliche Moment müsse künstig zur überwiegenden Geltung gebracht werden. Warum ist denn das aber nicht längst geschehen? Warum hat das deutsche Kapital trotz aller Animiernng sich unsrer Kolonialpolitik so spröde ferngehalten? Einfach deshalb, weil in unsren trostlosen „Kolonien" nichts z u h o l e n w a r. Die„Nh.-Westf. Ztg." kennt auch die Kolonialschcn der deutschen Kapitalisten zu genau, sie will daher erst die V e r k e h r s w e g e entwickelt haben. Der dculschc Steuerzahler soll erst weitere Hunderte von Millionen blechen, nm dem Kapital Appetit zu machen. Die„tiefe Resignation", von der Peters spricht, herrscht übrigen? leider nur unter der deutschen Kapitalisteiiklasse. Die politischen P r o j e k t e n in a ch e r sind mobiler denn je, das hat ja das China- abenteuer erst wieder bewiesen._ Die schwarze» Pocke» in Pommern. Angesichts der Be- iinnihigung. die die Einschleppimg der schwarzen Pocken durch russische Gulsarbeitcr in weiten Kreisen hervorruft, nimmt sich eine Be- schwichtlguiigs-Dckaniitine.chnng des GrcisSwaider Magistrats recht wenig tröstlich ans. Dieselbe bestätigt zunächst, daß die in Nr. 118 deS„Borwärts" angegebenen Thatsachc» über die Einschleppimg der Pocken durch russische GntSarbeiter ans den Gütern Jamitzow und Buggeuhagen zutreffen. Dann wird die nenc Thalsache mitgeteilt, daß auf diesen Gütern bereits zwei einheimische Personen sowie in Greifswald der Desinfektor des Krankenhauses an den Menschenblattern erkrankt sind. Zum Schluß dieser Bekanntmachung heißt es:„Sämtliche Kranke sind in der hiesigen Isolierbaracke untergebracht sowie deren Angehörige in einer entsprechenden Beobachtniigsbaracke. Selbst» verständlich sind auch sonstige Maßnahmen gegen die Weiter- verbreiliing der Krankheit durch die zuständigen Behörden in um- fassendstcr Weise getroffen, so daß zu einer Beunruhigung deS Publikums keine Veranlassung gegeben ist." Soll die letzte Bcinerkuiig dieser Bekanntmachnng vielleicht be- sagen, daß den pommcrschen Rittergntsbesitzern der Import der pockenverdächtigen rnsfischen nnd galizischen Arbeiter in Ziikunft ebenso verboten wird von ReichSivegen, wie der Import von Fleisch und Vieh aus Rußland nnd Galizien? Die Regierniig und die Junker sind doch in Bezug auf das letztere so ans die Gesundheit des Volkes bedacht. Wie es mit den Pockenerkrankten auf dem Gute Grosow auf Rügen steht, darüber schweigt sich die gesainte Provinzpresse aus. ' Wie steht es übrigens mit der Durchführung der Ministerial- Verfügung über die ärztliche Untersiichimg der ausländischen Arbeiter ans Granulöse nnd Pocken ans denjenigen Gütern, wo die Pocken ausgebrochen sind? Sind die ärztlichen Atteste über diese Unter- suchnng den betreffenden OrtSpolizei-Verwaltuiigen vorgelegt worden? Diese Frage wurde von iniS schon vor kurzem gestellt. AnS der Nichtbenntworlnng derselben lassen sich gerade nicht beruhigende Schlüsse für die Bevölkerung ziehen.— Der jüngste deutsche Nittmeister. Das„Militär- Wochenblatt" gievt die Ernenming des Reichstags- Abgeordneten Grafen Fran�ois Xavicr de Schmid zum N i t t m e i st e r also bekannt: „Baron Tavicr de Schmid, zuletzt in französischen Diensten, der Charakter als Nittmeister verliehen und ihm gleiibzeilig die Genehmigung zum Tragen der Uniform der Neserve-Offizicrc des Kürnffier-Regiinents Graf Geßler(Rhein.) Nr. 8 mit den für Ver« abschiedejc vorgcschrievenen Abzeichen erteilt." Damit ist offiziell bestätige, daß der zum deutschen Ritt- ineister ernannte Graf der dentschen Armee bisher überhaupt nicht angehört hat, sondern zuletzt noch in französischen Diensten stand. Nicht ist mitgeteilt, daß Herr de Sckmiid— jetzt nennt er sich von Schniid— in Franlreich es lediglich bis zum Range eincs Wachtmeisters gebracht hatte. Die„Gazette de Lorain" berichtet, daß Herr de Schund am 21. Mai zum Abendessen beim Kaiser eingeladen wurde. Er saß dabei rechts vom Monarchen. Beim Dessert teilte ihm der Kaiser seine Ernenming zum Rittmeister mit nnd trank gleichzeitig aus die Gesundheit des neuen Rittmeisters. Nach dem Diner führte der Kaiser den Baron in sein Privatgemach und schrieb eigenhändig eine Depesckie an Frau de Schmid, um sie von dem Bnnstveweis. der ihrem Gatten zu teil geworden, persönlich zu benachrichtigen.— Ein Fall Kanffmann im Gothaischen. Der„Vorwärts" berichtete vor einiger Zeit, daß in dem Ort Dietharz auf dem Thüringer Wald der Parteigenosse Landtags- Abgeordneter Heinr. Wolf zum Schultheißen gewählt worden ist. Dieser WoWog liexst min fast sechs Wochen(am 18. April hat die Wahl statt�efmiden) hinter imS und Wolf ist bis jetzt noch n i ch t als Schnliheis; b e st ä t i g t. Bei allen derartigen Wahlen ist es im Gothner Land üblich, daß sofort nach der Wahl die Bestätigung und Verpflichtung erfolgt. Ans eine Anfrage, welche der Abg. Bocl bei der Etatsberatung im gothaischen Landtage an die Regierung richtete, wie es käme, daß sein Freund Wolf noch nicht bestätigt sei, erklärte Staats mini st er Hentig, daß der Regierung nichts weiter bekannt sei, als daß W. gewählt und die betr. Wahl von einem Assessor geleitet worden sei. Die Bestätigung sei Sache des Landratsamtcs Ohrdruf. Seitdem sind aber tvieder fast 14 Tage verstrichen und alles schweigt noch von einer Bestätigung. Will man etwa mich|hicr in mrsrein Goihaerland einen Fall Kaufs- mann betreiben? Der unbestätigte zlveite Bürgermeister von Berlin lebt ja jetzt in Friedrichroda und er dürfte sich tröste», in einem Land zu wohnen, wo er zum wenigstens„LeidenSgenosseir" findet.— BclvilligmigSfrohc Sorialdemokraten. Ans Sachsen ivipd uns geschrieben: Endlich hat das offizielle Organ der konservativen Ministerstürzcr in Sachsen,„D a s B a t e r l a n d entdeckt, ivarum die social- demokratischen Abgeordneten aus dem Landtag entfernt werden mußten: sie Ware».zu bcwilliguugseifrig" und hätte» sicher den Staar noch an den Bankrott' gebracht. Niemals, be- hanptet das Blatt, hätten sie gegen die überreichen Be- wilUgungen für Eisenbahnen sich ausgesprochen, sondern munter den darauf bezüglichen Regierungsvorlagen ziigestimnit. Nun ist die Misere da, die Eisenbahnen werfen nicht mehr so große Ueber- schüssc. ab und außerdem hat sich unter der strammen Kontrolle der Konservativen nun endlich herausgestellt, daß infolge jener Be- iriNigungslnst die Regierung zu riesigen Ueberschrcitungen der reichlich bemessenen Voranschläge gekommen ist, ohne daß die braven Konservativen früher etivas davon merkten. An der gegenwärtigen Finanzkalamität sind also eigentlich die Socialdcniokratcn schuld. Und das Dreiklassen-Wahlrecht' ist so- mit zu einer Wohlthat für den Fiskus geworden, den die social» demokratische» Abgeordnete» sonst»och sozusagen bankrott bewilligt hätten. Wie weit muß doch eine Partei hermntergckommen sein und wie muß sich ihr die Schwere ihrer eigenen Schuld auf- prägen, wenn ihr offizielles Organ solchen Blödsinn zu ihrer Entschuldigung der Welt vorredet. Niemals ließen die Konservative» den Socinldemokratc» das schon ans parlamentarischen Anstandsgründcn sonst übliche Recht der Beteiligung an den Deputatious- rcsp. Koinmissionsberatungcn angedeihen.' Dort, Ivo die spcciellcre Kontrolle, die bis ins cinzclnsic gehende Prüfung der Regierungshandlungen vorzunehmen ist, dort wollten die Konservativen mit ihren nationalliberalcn Knrtcllbrüdcrn hübsch unter sich sein und ließen keinen Socialdemokraten in die Nähe dieser ihrer Gehcimarbcit kommen. In den Berichten wurde dann alles als ordnungsgemäß geregelt bezeichnet, obschon die Socialdcmo- kraten ini Plenum manches auszusetzen hatten, aber kein Gehör fanden. Im Lande sprach man deshalb von den Mogeleien, die die Kartellbrüder in den Deputationen getrieben hätten, und jetzt— nachdem die großen Ueberschreitunge» der bewilligten Summen und die dazu führenden Nebenumstände bekannt werden— spricht sich das Volk noch viel schärfer über die Depntationswirtschaft ans. UebrigenS hätte nach der Verston des„Vaterlands" die Regierung den thörichtsten Fehler begangen, als sie die Socialdemokraten aus dem Landtage„eliminieren" hals, denn sie entfernte damit die Be« williger ihrer eignen Vorlagen. Wie schwer mag sie das jetzt be- reuen 1� Jetzt gerade könnte sie die bewilligungsfrohen Socialdcmo- kraten im Landtage brauchen, ihr Bewilligungseifer könnte jetzt— im umgekehrten Verhältnis zur Darstellung des„Vaterlands"— den Fiskus vor dem Bankrott retten. Denn die socialdemolratische Bewilligung neuer Steuernnttel ans den Taschen der von den Konservativen vor Steuern geschützten Neichen ginge sicher weit über das hinaus, was die Negierung in ihrer neuesten Einkoinmcnstcuer-Vorlage fordert. Und auch die Vermögenssteuer, überhaupt die ganze Steuerreform würden die Socialdemokraten gern so gestalten helfen, daß die Finanzkalamität des Fiökns mit einem Schlag ein Ende nähme. Dazu bewilligen freilich die Konservativen nichts, weil das an ihre eigne Tasche ginge. Sic sind immer nur groß im Bewilligen, wenn die Taschen des werkthäligcn Volkes ausgeleert werden sollen, das haben sie mit ihrer Verschleppung, richtiger Ver- Weigerung der Steuerreform in dieser Landtagssession aufs neue be- wiese». Nur bewilligungsfrohe Socialdemokraten würden im Land- tage reichliche Steuerquellen aus dem lächerlich gering belasteten Einkommen Reicher der Regierung zuführen. Das weiß die letztere sehr wohl; wie mag sie sich nach solchen Bewilligern sehnen I— AuS dem bayrischen Landtage. MSucheu, 27. Mai. sEig. Ber.) In der Abgeordnetenkammer brachten heute die Ultramontanen einen vor 7 Jahren ergangenen, etivas merkwürdigen Erlaß der Regierung zu Gunsten der „ M ü n ch e n e r Allgemeine Zeitung" zur Sprache. Die verschiedenen Aemter erhalten jährlich einen bestimmte», kleinen Be- trag, wofür sie Zeitungen abonnieren dürfen. Nun ist im Jahre 1895 eine Entschließung erschienen, in der mit- geteilt wurde, � daß die„Münchener Allgemeine Zeitung" ihren Abonnementspreis fpecicll für die Aemter heruntergesetzt habe, um diesen zu ennögliche», das Blatt zu abonnieren. Die Ultramontanen behaupten nun nicht niit Unrecht, die Fassung des Erlasses sehe einer amtlichen Empfehlung des liberalen Blattes sehr ähnlich, und weil letzteres vor einiger Zeit in einem Artikel geschrieben hatte, ein ultramontauer Beamter sei eine lebende Gefahr für den Staat, haben sie den Erlaß zu einem Vorstoß gegen die„Allgemeine" benutzt, wo- bei der Centrumsfnhrcr Dr. v. D a l I e r u. a. die Bemerkung machte, das Blatt stehe jetzt auf dem Niveau der Nntschkathl, eines lokalen Klatsch- und Skandalorgans. Der Finniizininister bestritt entschieden, eine 3t e k I a m e für das Blatt gemacht zu haben, konnte aber kein Beispiel anführen, daß die Regierung für ein andres Blatt in ähnlicher Weise thätig gewesen wäre. Da es sich um ein Organ ihrer Partei handelt, nehmen die Liberale» natürlich den Minister in Schutz mid zwar unter heftigen Ausfällen gegen das intolerante Centruin, so daß im Handumdrehen wieder einmal der schönste Skandal fertig war, der, nach einigen Bemerkungen zu schließen, demnächst bei der Beratung des Ktiltuselats seine Fortsetzung finden dürfte. Die Kammer der Rcichöräte befaßte sich gestern und heute mit dem 2 ch n l d o t a t i o» s- G e s e tz und nahm mit einer Aus- nahine die vom Ausschuß vorgeschlagenen Aenderungcn an, die an dieser Stelle schon mitgeteilt wurden. In der Diskussion kam es ivicdernm zu einigen pikanten Auscinandcrsctznilgen zwischen dem Führer der liberalen Gruppe, dem Grafen T ö r r i n g- I e t t c n- dach und dem Kultusminister. Doch wurde schließlich der ganze Gesetzentwurf niit allen gegen 9 Stimnien angenommen. Die oben erwähnte Ausnahme bestand darin, daß der vom Ausschuß ge- strichene Simultanschnlartikel in etwas andrer, fast ebenso schlimmer Fassung attgenoiinncii wurde. Nach den Erklärungen der 3tcgierung soll der neue Artikel zwar die Erhaltung bestehender und die Errichtung neuer Sinmltaiischulen nicht gefährden. Jedoch wird sich in der Praxis schon herausstellen, daß diese Annahme irrig ist. Der Artikel hätte sonst auch gnr keine Aussicht, vom Centrinn der unteren Kammer acceptiert zu werden, da dieses ja bereits ausdrücklich erklärt hat. es werde wesentlichen oder principieNen Aenderungeii nicht zustimmen. Und die Ultramontanen haben principiell die Absicht, durch das Gesetz die Simultanschulen zu treffen. Unter diesen Umstände» werden die Liberalen der Ab- geordnetenkammer. tuen» sie ihren Führer Dr. Casselmann nicht desavouieren wollen, gegen das Gesetz stimmen müssen, das somit nur mit cincr knappen Majorität zur Annahme gelangen dürfte. Die reinliche Scheidung zwischen Demokratie und Centrum — so schreibt man uns ans Baden— hat in Offen bürg, von Ivo sie anläßlich des Vorgehens gegen den demokratischen Führer Rechtsnnwalt M n s e r ihren Ausgang genommen, einen weiteren Fortschritt gemacht. Seit Jahren mit dein Centruin eng verbündet, sind die Demokraten dort bei den eben stattgehabten ErgänznngS- wählen zum Gemeinderat zum erstenmale mit den Liberalen zusammen gegen die Schwarzen gegangen und haben die Kandidaten derselben lhatsächlich auch zu' Falle gebracht. Für die alte Revollizzerstadt Offenburg, die seit Jahren sich einem klerikalen Rc- giment hatte�beugen müssen, beginnt mit dieser Niederlage des Centrums eine neue politische Aera, die allem Anschein nach auch auf die Parteikonstellation im Laude nicht ohne Einfluß bleiben wird.— Ausrand. Die Revolution im Kerker. Man schreibt uns: Zarische Kasematten auch die sind nicht im stände, die schwellenden Wogen des Aufruhrs zu fesseln. Ans den Gefängiiiswändcn dringt der Atem sterbender Menschen, die in den Tod gehen, um der Tyrminenherrschaft selbst in ihren Zwingburgen zu trotzen. Und vor diesem Protest steht machtlos die Knute. Die Hungerstreiks mehren sich, sie reden eine lautere Sprache als alle Beschreibungen über die Mißhandlungen und 3ioheitcn, denen die politischen Ein- gekerkerten unterworfen sind. Die ersten Monate dieses Jahres haben mehr dieser nnheimlicheii Kämpfe in den Kerkermanern gesehen, als all die letzten Jahre zusammen und die Predwarilka(Uiitersuchiingsgefängnis) in Petersburg, das Bntirkigefäugnis in Moskau, die A r r e st st n b e n von Kiew und Charkow, sie alle haben in diesem Jahre im Hnnger- fieber liegende Menschen beherbergt. In deni Lazarett des Butirki- gcfängnisses befinden sich gegenwärtig einige, die noch jetzt an den Folgen des Hungerstreiks vom Februar leiden. Der Znstand eines von ihnen, des Dr. Sobolew, ist ein derartiger, daß wenig Hoffnung vorhanden ist, ihn am Leben zu erhalten. Und durch die Eisengitter und Mauerlnkcn dringt wieder die Kunde über einen neuen Fall dieser Art des Protestes. Das rohe Benehmen der Gefängnissoldaten, die Beschimpfung der eingekerkerten Frauen und Mädchen haben die Inhaftierten gezwungen,'wieder einmal zu dem letzten Mittel, dem Hungerstreik, zu greifen. Das Komitee der Socialdemokratischen Partei 3inßlands in JckatcriiioSlaw verbreitet ein Flugblatt hierüber, auS dein wir die folgenden Siellen entnehmen; Schon 7 Tage dauert in dem Ge- sängnis in Jekaterinoslaw der Hunger der Eingekerkerten. Begreifet doch alle, in denen von Euch die lötende Sklaverei noch nicht das McnsckilichkeitSgcfühl ausgerottet hat, begreifet, was der langsame qualvolle Tod von Menschen bedeutet, die noch reich an Kraft und Hoffnung waren. Einige von ihnen sind schon am Hunger- tyvhns erkrankt und wie viele wird er nicht noch ins Grab bringen. Den entschlossensten der Eingekerkerten hat der Gefängnisches selber das Essen gebracht und hat zu ihnen lächelnd gesagt':„Ich weiß, Ihr werdet es nicht zu Euch nehmen, doch riecht es wenigstens, martert Euch etwas, indem Ihr die Speisen vor Euch seht." Die Eingekerkerten warfen das Esse» zu Boden, dafür steckte man sie in dunkle, stinkige Zellen, die sogenannten Karzer. Hierüber empört schlugen ihre Kaincraden in ihren Zellen die Fenster ein und zerschnitten sich die Hände. Es er- schien nun Graf Keller, der sich schon durch die Niederwerfimg zweier Demonstrationen hier berühmt gemacht hat und befahl, das Essen in seiner Anwesenheit zu bringen. Als auch jetzt die Eingekerkerten ihr Verhalten nicht änderten, schrie seine Exccllenz wüiend auf:„Kein Nachgeben, Tod ihnen allen!" Unter solchen Uiiiständen ist es nicht zu verwundern, daß viele, gleich nachdem sie über die Schwelle des Gefängnisses treten, kurzen Prozeß mit ihrem Leben machen. So hat auch ein Genosse der socialdemokratischen Liga, der mit einem Bücher- transport auf der preußisch- russischen Grenze gefaßt wurde, gleich am zweiten Tage, nachdem er den Helfershelfern des Absolutismus in die Hände gefallen war, sich in dem Gefängnis von Wilkomir durch Erhängen das Leben genommen. Es besteht aber auch ein andrer Verdacht. Ist unser Genosse, schreibt das Organ der Liga, durch grausame Mißhandlungen in den Tod getrieben worden oder ist er zu Tode gemartert und dann erhängt worden, wie daS kürzlich mit einem Arbeiter von Lodz, I. Pakul, geschah, in jedem Fall bedeutet dieser Tod ein neues Ver« brechen der zarischen Polizei.— Frankreich. Zur Demission deS LlabincttS. Am Mittwochvormiltag trat daS Ministerium zu einer Sitzung zusammen; in derselben schloß sich, wie die„Agence HavaS" glaubt, das g c s a m t e K a b i n e t t dem Entschlüsse Wqldeck-RonsseauS zurück- zutreten an. Die Demission wird jedoch erst am Dienstag ver- öffeiitlicht werden, dem Tage, an welchem Präsident Loubet, welcher am Sonnabendabend nach Montölimar zu reisen gedenkt, nach Paris zurückkehren wird.— Zur Slffaire Hnmbert. In einer am Dienstagabend ab- gehaltenen Versammlung der Gläubiger der Frau Hnmbert erklärte der Konkursverwalter, die gesamten Aktiva dürften etwa 1 290 900 Fr. betragen. Einer der Gläubiger, teilte mit, die Familie Hnmbert habe vor längerer Zeit i» Buenos Aires auf den Rainen Crawford d'Aurignac mehrere größere Häuser gekauft. Der französische Gesandte in Buenos Aires wird hiervon verständigt und ersucht werden, im Interesse der Gläubiger die nötigen Maßnähmen zu ergreifen.— Londoner Blätter veröffentlichen ein Telegramm aus New Jork, wonach der Kammerdiener der Familie Humbert in Jersey City verhaftet worden sei. Die verschiedenen Mitglieder der Familie Hnmbert haben, wie man vermutet, Frankreich auf mehreren Wegen verlassen und reisen getrennt.— Ter socialistische Zlbgcordnrtc Dr. MeSlier, einer der Verhafteten während der Kommune-Gedcnkfcier, richtet an den Minister- Präsidenten ein Jnterpellations schreiben über die bereits berichteten Polizeibrulalitäten. Daraus ist zu entnehmen, daß der Abgeordnete von einem Polizeikommissar verhaftet wurde in demAugeu- blick, wo jener seine Freunde gegenüber dem provokatorischen Gebahren der Polizei zur Ruhe mahnte. Dabei wurde Meslier vom Polizisten aufs gröblichste geschimpft. Ferner heißt es im Jnterpellations- schreiben:„Während des Wahlkampfes habe ich gesehen, daß die große Mehrheit der Schutzmänner und der Polizeikommiffare von Clichy, St. Ouen und Asniöres(bei Paris) aktiv die reaktionären Kandidaten nnterstützten. Jetzt sehe ich, daß die Polizeileute die individuelle Freiheit und die republikanische Manifestationsfreiheit verletzen..." Die Beantwortung der alljährlichen Interpellationen über die alljähr- lichen Polizeibrutalitäten auf demPsrc-Lachaise-Friedhof wird übrigens Waldeck-Rousseaus Nachfolger mit leichtem Herzen besorgen. Die Absägung Coppöeö hat bereits zur Demission eines weiteren Stifters der Vaterlandsliga ge- führt. Oberst Mo»teil ist aus dem Vorstand der Liga auS- getreten. Sein Demissionsschreiben wird der Oeffentlichkeit vor- enthalten. Der klerikal-monarchistische„GauloiS" teilt nur mit, daß der Oberst gegen die Behandlung Coppees und die damit verknüpfte parlamentarische Taktik der Liga protestiere.— Niederlande. DaS Fluche» beim Militär.„Der Militär, der vorsätzlich einen Untergebenen ausschilt, beschimpft oder in seiner Gegenwart verspottet, wird mit Gefängnis bis zu ii e u n M o n'a t e n bestraft. Wurde das Vergehen im D i e n st aus- geübt, so folgt Gefänguisstrafe bis zu e i n e m I a h r u n d s e ch s Monaten." Zu diesem Artikel des Gesetzentwurfs zum militärischen Strnfrecht hatten vier Antirevolutionäre beantragt, die Worte„gegen ihn flucht" einzufügen. Hierüber entspann sich Unter den Christen der ver- schiedenen Richtungen ein theologischer Disput, derdamitendete.daß das Amendement in„ihn ansflucht" abgeändert, und dann mit 43 gegen 19 Stimmen angenommen wurde. Namens der socialdemokratischen Fraktion wurde von Hugenholtz beantragt, auch die Beleidi« gung Untergebener durch Vorgesetzte unter Strafe zu stellen, entsprechend den' in einem andern Artikel des militärischen Strafrcchts festgesetzten Strafen für Untergebene, die ihre Vorgesetzten bc- leidigen. Dieses Amendement wurde jedoch mit 59 gegen 13 Stimmen abgelehnt.— Spanien. Eine MinisterkrisiS ist wieder ausgebrochen. Im Kabinetts- rate wies C a n a'.I e j a s am Dienstag auf die Notwendigkeit hin, daß die Kammer die religiösen, regionalistischen und socialen Fragen einer Lösung unterwerscn müsse. Sagasta ließ sich von der Not» wendigkeit nicht überzeugen und soll seine Demission gegeben haben.' Die übrigen Minister folgten diesem Beispiel, um die Lösung der Kcisis zu erleichtern.— Asien. Der MariniömnS in Japan. Das„Land der aufgehenden Sonne" folgt immer mehr dem Vorbilde der europäischen Militär- staaten, indem eS seinen Militär- und Marine-Etnt immer höher und höher schraubt. Zur Zeit liegt, wie den Londoner„Times" ge- meldet wird, wieder ein Projekt der Üicgienmg vor. nach welchem die Erbnnimg von 4 Panzerschiffen, 2 Kreuzern erster, 4 Krenzern zweiter Klasse, 15 kleineren Kreimer» und 59 Torpedobooten geplant ist. Die Hcrstelliiiigskosten für diese Schiffe würden allein 89 Mill. Ben betragen. Trotz des rapiden wirtschaftlichen Anfschwungcs, den Japan in den letzten Jahren genommen, befindet sich die Regierung schon längere Zeit in fiiinnziellen Schwierigkeile», weil der Militär- moloch alle SlaatSeinkünfte aufbraucht. Das Budget hat bereits die Höhe von 299 Millionen Den fl Aen— 4,18 M.) erreicht und wird sicher in Bälde 390 Millionen Den betragen, Japan ist kein Land, welches ans die Dauer solch hohe StaatsauSgabcn tragen kann.— Die Lage in der Mandschurei wird von dem offiziellen russischen Kiistcnorgan, des in Port Athur erscheinenden„St o w y Krai" keineswegs rosig geschildert. Das Blatt schreibt unter anderni: „Augenblicklich ist daS ganze westliche Bassin deS unteren Ljaohe in mehr oder minder starker Erregung, die sich leicht erklärt. Die Chimchusen sind desertierte Soldaten, alte Boxer, die sich nach den kriegerischen Operationen fern von den Städten und von den Russen ans der ungeheueren Ebene niedergelassen halten und von den Steuern lcblcn, die sie von den Dörfern erhielten. Sie hinderten die Mandarinen an der Erhebung der Grimdsteiier, da sie entschieden hatten, daß sie ihnen gehört, und zwar in höherem Betrage als dem gesetzlichen. Endlich würden sie von russischen Detachcmciils ans ihren Höhlen vertrieben mid mußten sich von allen Herrlichkeiten des chinesischen Capua trennen. General Mischlschenko an der Spitze von 599 Kosaken, der Kommaiidierendc der russischen Garnison i» Kobandsy Kapitän KnSinin und Kapitän Galinski mit einer Conipaqnie deS 3. Schiitzenregiments, die durch eine Abteilung reitender Infanterie desselben Regiments verstärkt war, machten Jagd auf die Chnnchnsen, töteten sie und zerstreute» sie nach allen Richtungen. In dem Scharmützel bei Jerdagau fiel der tapfere Kapitän der 1. Artillcric-Brignde Bcdrjaga, von 6 Kugeln getroffen. Eine Kugel hatte ihm die Stirn, fünf die Brust durchbohrt. Außer ihm wurden zwei Schützen des 3. Regiments getötet, sechs schwer verwundet und drei leicht verletzt. Allerdings nehmen auch die regulären chinesischen Truppen teil an diesen Expedilioneii, sind aber bescheiden und zurückhaltend, drängen sich nicht bor, sondern bleiben immer da- hinten— betragen sich, mit einein Worte, ganz chinesisch.— Ja. warum sollten sie sich auch der Gefahr aussetzen? Dienen sie denn wegen des Krieges, nicht aber wegen des Raubens und Mordens? Aus welchem Grunde sollen sie auf die Räuber, ihre Waffen- b r ü d e r, schießen, da sie doch im Herzen eben solche 3iänber sind? Dem Anscheine nach sind sie bereit, sich dem Gesetze zu unter- werfen, aber ist diese Bereitwilligkeit aufrichtig und wird sie lange dauern?" Danach scheint Rußland wenig Vertrauen in die Pacistciermigs- fähigkeit der chinesischen Regierung zu setzen. Rußland wird schon noch einen triftige» Grund dafür finden, die Nichterfüllung seiner vertragsmäßigen Ziisichcruiige», sich staffelweise militärisch aus der Mandschurei zurückzuziehen, triftig zu motivieren.—, Ueber die chinesische» Unruhen liege» folgende Meldungen vor: Die Unruhen i n K w a n g s i und de» nördlichen Provinzen nehmen einen größeren Umfang an. Man befürchtet, daß viele chinesische Beamte mit der anfständischeii Bewegung sympatisieren und sie als Protest gegen die Bezahlung der großen EutschädigungL- summen an die Frcindmächte betrachten. Der„Daily Mail" wird aus Shanghai gemeldet: In Süd- China ist die Rebellion in voller Kraft. Bei Tschulnshien hat ein heftiger Kampf stattgefniiden, wobei die Aufständischen geschlagen wurden und 1599 Tote und Verwundete verloren. Die kaiserlichen Truppen verfolgten die Rebellen bis in ihre ver- schanzten Dörfer und schnilten ihnen die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Die Insurgenten, unter denen sich auch Frauen und Knaben befanden, machte» verzweifelte Ausfälle, um die Truppen zurück- zutreiben. Der vt c b e l l e n f ii h r c r T s ch i n g- T i n g- P i n wurde getötet. Die Streitkräfte der Rebellen wachsen. In der Provinz S ch a n t u n g rotten sich B o x e r b a n d e n zusammen.— Ans Invnflviv nnv Handel. Grneralvcrsaiiimlung der Hamburg-Rmerira-Linie. Von der Erwartung, daß die heute mittag stattgehavte außerordeiillichs Generalversammlung nähere Aufschlüsse über den Vertrag der beiden großen deutschen Reedereien mit dem Morgnnschcn NavigationS- syudikat weide, hat sich nicht erfüllt. Zwar stellte der Abg. Diedrich Hahn verschiedene Aufragen, erwies sich aber so wenig unterrichtet über die Schiffsvcrkehrs-Verhäl'lniffc der Hamburger Linie und der dem Trust eingegliederten Gesellschaften, daß es dem Generaldirektor Ballin ei»'Leichtes war. ihn abzuführen, ohne sich auf nähere Angaben ein- lassen zu müssen. Nach einigen einleitenden Ansfiihrungen des Anfsichlsrats- Präsidenten T i e t g e n S ergriff Dr. H a h n daS Wort und verlangt «nSkunst, inwieweit das Interesse der Gesellschaft das Eingehen des Vertrages erfordert habe. Die Frage bot dem Direktor B a l l i n willkommene Gelegenheit, kurz die Nachteile eines KonkurrenzkampfcS mit dem Trust hervorzuheben und das Abkommen als äußerst vor- teilhaft für die Hamburger Sieederei hinzustellen. Dann fragte Dr. H a h n weiter, ob der Vertrag nicht insofern eine Gefahr in sich berge, als die deutschen Linien dazu gezwungen werden könnten, die amerikanischen Produkte zu ermäßigten Frachten nach Deutschland zu transportieren. Generaldirektor B a I l i n betonte, daß man der Hamburg- Amcrika-Linie eine„solche Gemeinheit" nicht zutrauen dürfe, daß sie die Hand bieten würde, amerikanische Produkte zu minimalen Erachtsätzen auf den deutschen Markt zu Wersen. Die amerikanischen isciibahnen hätten nicht das Interesse, Waren billig ans dem Innern des Landes nach den amerikanischen Hafenplätzen zu führen, um sie dort den Schiffahrtlinien zum Transport zu über- weisen. Sie litten vielmehr darunter, nicht genug Einfuhr in das Innere des Landes transportieren zu können, und das Bestreben der amerikanischen Eisenbahn-Vcreiiiignngen gehe nicht dahin, die Aus« fuhr Amerikas, sondern die Einsuhr nach Amerika zu heben. Redner sei seit Jahren bestrebt gewesen, einen Vertrag, wie den vorliegenden, mit den jetzigen Kontrahenten der GcseUjchaften abzuschließen. Endlich sei es ihm gelungen, und man könne überzeugt sein, daß dieser Vertrag nur zum Vorteil der deutschen Gesellschaften ans- schlagen werde. Dr. Hahn bemängelt darauf weiter, daß der Vertrag insofern eine Lücke enthalte, als der Frachtverkehr nach und von Belgien im- berücksichtigt bleibe. Generaldirektor Ballin verweist darauf, daß schon seit 11 Jahren ein Veitrag bestehe mit den in Betracht kommenden belgischen und holländischen Stccdcreien, nach welchem der Verkehr nach Belgien der belgischen White-Croß» Linie und der Verkehr nach Holland der holländischen Amerika-Linie überlasten sei. Zur Kontrolle der Ausführung deS UeberelnkommenS fei eine Kommission eingesetzt worden, welche ans einem Vertreter der amerikanischen und einem Vertreter der englischen Linien, aber aus zwei Vertretern tuir deutschen Linien, nämlich dem Generaldirektor Wiegand und Mau könne im Hinblick au daß die deutschen Linien sich der. P�RL. Generaldirektor Ballin zusammensetze diese Thatsache sich überzeugt halten, nicht unterdrücken lassen werden. Nachdem noch Vürgerschaftspräsident Hinrichsen namens der Aktionäre der Verwaltung für ihre aufopfernde Thätigkeit den Dank ausgesprochen hatte, wurde die Vorlage durch Acclamation ein- � stimmig genehmigt. Leipziger Bank. In einem in dem„Leipziger Tageblatt" ver- vffcntlichte» Communiquö erklärt der gegenwärtige Anssichtsrat der Leipziger Bank, daß er nach Lage der Verhältnisse sich nicht dafür entscheiden konnte, zu prozessualen Schritten bchrlfs Geltend machung der rechtlichen Ansprüche für die Gesamtheit der Aktionäre die Initiative zu ergreifen, daß vielmehr einstweilen im Interesse aller Beteiligten abgewartet werden soll, ob der alte Aufsichtsrat die ihm dringend ans Herz gelegte Ehrenpflichten er- füllen werde, den Aktionären eine Genugthuung in Gemäßheit der wiederholten Beteuerungen seines guten Willens und des Gefühls feiner moralischen Verantwortlichkeit zu gewähren. Deutschlands Außenhandel vom Januar bis April 1902. Nach dem vom kaiserlichen Statistischen Amt soeben Heransgegebenen Aprilheft der monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel beträgt in den vier Monaten Januar bis April 1802: Die Einfuhr: 12159 346 gegen 12 763 733 und 12 041422 Tonnen in den Vorjahren, daher gegen 1901 iveniger 604 392 und gegen 1900 mehr 117 924. Gegen das Vorjahr zeigen 20 von 43 Zolltarifnnmmern eine Mehrung, 23 eine Minderung der Zufuhr. Die Mehrung ist nur beträchtlich bei Material-?c. Waren H- 77157) sotvie bei Wolle ec. und Wollwaren(-4- 35 317— ganz überwiegend entfällt die Mehrung auf Wolle—). Starke Rückgänge der Einsuhr zeigen Erden, Erze(— 261 354), Holz(— 198 065) Kohle»{— 118 098), Eisen(66 817), Abfälle(48 253). Die Ausfuhr betrug 10164 296 gegen 9 728 278 und 10 444 015 Tonnen in den Vorjahren, daher gegen 1901 mehr 436 018, gegen 1900 weniger 2 797 197. Gegen 1901 zeigen 26 Zolltarifunnmiern eine höhere, 17 eine geringere Ausfuhr. Die bedeutendste Zunahme zeigt noch immer Eise» mit einem Mehr von 350 416 Tonnen. Gegen 1900 ist die Zunahme der Eisenansfnhr noch weit stärker (-4- 487 431), woraus im Zusammenhang niit der Abnahme der Ein- und Ausfuhr von Erzen, Maschinen und der Einfuhr von Eisen das Bedürfnis der Eisenindustrie nach Entlastung des Inlandsmarktes erhell:. Erheblichere Steigerungen erfuhren nur»och Material waren(4- 70 949, namentlich Kartoffelmehl, Salz. Zucker). Steine Drogneu, Abfälle, Holz, Zink, Papier.—.! Eine wesentliche Abnahme der Ausfuhr zeigen Kohlen und Landbau-Erzeugnisse mit 68 912 und 22 462 Tonnen._ GeniovkZrlxnfkliclze-s. Verli» und Umgegend. Den« Arbeitsnachweis der Tischlerinnung scheinen die Tischlermeister Berlins— so wird uns geschrieben— keine große Shmpathie entgegen zu bringen, da die Führer der Jir nung krampfhafte Anstrengungen»lachen, die Mitglieder zur Anerkeir »nng des Nachweises zu bringen. So erläßt in der neuesten Nnimner der „Fach-Zeitnng" der Obermeister derJnnung eine Bekanntmachung, daß, nachdem im letzten Vierteljahr hunderte von Berwarmingsschreibe» bezüglich des Nachweises an die Mitglieder ergangen, nunmehr Strafen über die n n b o t»l ä ß i g e n T i s ch l e r ni c i st e r verhängt werden sollen, die unterlassen zn melde», daß sie Arbeiter suchen. Die Führer der Innung scheinen ihre Mitglieder über die Jnnungseinrichlunge» genau so im unklaren zu lassen, lvie über die Bestrebungen und Wünsche der Arbeiterorganisationen. Nach der Bekanntmachung dürften die Jnnungsinitglieder zu der Anschauung neigen, daß sie verpflichtet wäre», sobald sie Gesellen brauchen, dies dem JniiungsnachweiS anzeigen zn»i ü s s e n. Das i st aber nach dem Wortlaut der Entscheidung der Gewerbcdcpntation nicht d e r F a l l. Nach dieser können die Mitglieder der Innung nur verpflichtet werden, Meldung zu erstatten, ob und lvie viel Gesellen sie eingestellt haben, nicht aber, daß sie solche suchen. Der 8 43 des JnnungsstatntS, auf das sich die Bekanntmachung stützt, ist durch diese Entscheidung außer Kraft gesetzt. Die Führer derJnnung sollten durch diese Entschcidnug ihren Mitgliedern den Wortlaut zur Kenntnis bringen. Der deutsche Holznrbeiter-Verband hat durch Cirkular die Tischlermeister auf diese Entscheidung aufmerksam gemacht und ferner darauf hingewiesen, daß eine Anzahl der Vertrauensmänner der Innung die Erlaubnis erhalten hätten, ohne Benutzung des Entlassungsscheins u n d o h n e B e n u tz u n z d e s N a ch weises Arbeiter einzustellen. Darüber ist nun die ganze Gesell- schnft aus dem Hänschcn. Es ist alles„erstunken und erlogen", meldet eine Notiz der„Fach-Zeitung". Mit solchen Kraftwörten. von denen das Fachblatt in jeder Nummer eine neue Auflage bringt, glauben die Herren ihre Mitglieder beruhigen zn können. Wie uns mitgeteilt wird, hat Herr Bry in einer Ver- Handlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitervcrtrctcru.auf den Hinweis eines Arbeitervertreters, daß doch eine Anzahl der bekanntesten Jniiungs- mcister ohne Entlassungsscheine einstellen, erklärt, daß diese Herren von ihnen Erlaubnis hierzu erhalten hätten. Warum dann die Auf- rcgung der„Fach-Zeitung"? Die Tischlermeister werden gut thun, nicht nur ans dem Fachblatt ihre Kenntnis über die JnnungS- Einrichtungen zu schöpfen. Die organisierten Holzarbeiter aber können aus obiger Kainpfcslvcise ersehen, ivelchen Wert die Aus- lassungen des Jnuungs- und Holzindustrielleu-BIalteS in Bezug auf die Arbeiterorganisation haben. Deutsche» Reich. Lohnbewegung im Pangcwcrbe Hamburgs. Nicht nur die Zimmerer, sondern auch die Maurer sowie die Ba»-Hilfsarbeiter in Hamburg sind in eine Bewegung eingetreten, um die»ennstiiudige Arbeitszeit und einen Stundenlohn von 70 Pf. durchzusetzen. Gemäß früheren Vcreinbarnugen hätten die Unternehmer diese Forderung bereits zugestehen müssen. Da eS aber nicht geschehen ist, so haben die beteiligten Arbeiter am Montag an die einzelnen Unternehmer die genannte Forderung gestellt.— Bei den Maurern habe» bereits 69 Unternehmer, bei denen 1020 Ge- sclle» und 55 Poliere arbeite», die Forderung bewilligt.— Von de» Zimmerern arbeiten 353 Geselle» bei 33 Unternehmern zn den neuen Bedingungen. 97 Zimmerer befinden sich im Streik. Fernhallnng des Zuzuges von Maurer», Zimmerern und Bauarbeitern nach Hamburg ist dringend geboten. Tie Tischler und Maschinenarbeiter der Weißmöbelfabrik von Wagner und Zinkeisen in L e i p z i g- L i n d e n a u haben am Montag die Arbeit niedergelegt, weil die Geschäftsinhaber sich weigerten, mit�ihnen ivege» der vor einiger Zeit verfügten Lohn- kürzung zn unterhandeln. Achtnug, Parkettbodenlegrr! Bei der Firma Paul Stabe», Inhaber G. R a m l o w in Stettin, stehe» die Kollegen in Differenzen wegen Herabsetzung der tariflichen Accordsntze. Die Firma sucht»ach verschiedenen Städten, u. a. nach Posen. Bodenleger. Die Kollege» werden ersticht, darauf aufmerksam zu machen, daß bei obiger Firma Arbeit nicht angenommen werden soll. Die Ortsverwaltung. Eine Lehre für die Harmonie- Zlpostcl. Ein Maschinenbauer, der zwölf Jahre in der Fabrik von Hösch in Dortmund be- fchäftigt war, wohnte als Delegierter der in Berlin abgehaltenen Generalversammlung des Hirsch- Dnnckerschcn Geivcrkvercins der Maschinenbauer und Metallarbeiter bei. Auf sein Gesuch»m Urlaubsverlängernng erhielt er seine Entlassung.— Eine treffende Illustration zu der von den Hirsch-Dunckerschcn Anhängern geprediglen Harmonie ztvischen Kapital und Arbeit. Ausland. Der Streik der Bauarbeiter in Bielih(Oestreich)— nicht Berg arbeiter, wie es irrtümlich in Nr. 117 unsres Blatts hieß— ist durch Unterhandlunge» mit den Unternehmern beigelegt. Die Arbeiter haben die Bewilligung fast sämtlicher Forderungen erreicht. Weitere Maßregelungen wegen des schwedischen General strcikS. Die„M a I m ö Wollfabrik" in Malmö, die circa 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt, hat wegen der Teilnahme des gesamten Personals an dem Wahlrechts st reik mehrere Arbeiter, die für die Leiter der Bewegung gehalten wurden, entlassen Falls keine Zurücknahnie der Entlassungen erfolgt, wollen sämtliche Arbeiter die Arbeit niederlegen. An alle Weberei- arbeiter Deutschlands wird die dringende Aufforderung gerichtet, keine Arbeit in„Malmö U l'l e f a r i k" a n z u nehmen._ Ans drv Fvnnenbelncgttng. Aechtung der weiblichen Ehre durch Unternehmer. In einer Fabrik des Gießencr Aussichtsbezirks halten, wie der dortige Gewerbe-Jnspektor in seinem Bericht mitteilt, 12 Arbeiterinnen ohne Einhaltung der Kündigungsfrist die Arbeit verlassen, weil ein Werk meister sich unanständig gegen eine Arbeiterin benommen hatte, der sich schon in früheren Stellungen ähnliches hatte zu schulden kommen lassen. Wegen„Kontraktbrnch" vor den Bürgermeister geladen, erschienen auch die Mütter der noch jugendlichen Arbeiterinnen und erklärten, sie würden ihre Töchter auch im Fall einer Verurteilung nicht wieder in diese Fabrik gehen lassen. Der Unternehmer sah nun von einer Weiterverfolgnng der Kontraktbruch-Klage ab, er schickte jedoch an die andren Fabriken im Kreise eine schwarze Liste der Arbeiterinnen, damit sie nicht wieder in Arbeit genommen würden. Es ist schade, daß der Name dieses unanständigen Kerls nicht in dem Bericht genannt Ivird; er verdiente diesen Pranger. Sociale Acd|kspflcgc. § 616 deS Bürgerlichen Gesetzbuches. Der Mechaniker L. hatte, als er bei Kaisern. S ch in i d t. Chansseestraße, in Arbeit stand, eine militärische Uebnng von 15 Tagen durchzumachen. Unter Berufung auf Z 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches beanspruchte er für diese Zeit eine Lohnentschädigung in Höhe seines Durchschnitts- Verdienstes, den er für 15 Tage auf 52 M. berechnete. Die Firma verweigerte die Zahlung und machte geltend, eine Verpflichtung aus K 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches bestehe hier schon deshalb nicht, weil der Kläger in Accord gearbeitet und nicht in Wochen lohn gestanden habe. Es kam zur Klage beim Gewerbegericht. Die Kammer V unter dem Vorsitz des Gciverberichters v. Schulz ver- urteilte die Beklagten, dem Kläger die 52 M. abzüglich der für die 15 Tage erhaltenen Löhnung zn zahlen. Die Kammer ging davon ans, daß hier 8 616 zutreffe. Kläger sei durch die niilitärischc Uebnng ohne sein Verschulden gehindert geivesen, den Arbeitsvertrag zu erfüllen, und 15 Tage seien auch eine verhältnismäßig nicht er- hebliche Zeit. �_ VeclÄunnlttngen. Der socialdcmokratische Wahlvereiu für den vierten Wahl- krciö(Südost) hielt am Dienstag im Köpuicker Hof, Köpnickcr straße, eine sehr gut besuchte Versammlung ab, in der Genosse D a u i d s o h n über„Die oberen Zehntansend und die unteren Millionen" sprach. Der Vortrag ivnrde mit lebhaftem Beifall auf genommen. Unter Bereinsangclcgcnheiten bemängelte Genosse Kürschner die Jllnstrationcu in der letzten„Maifesl-Zeilnng" und ersuchte den Vorstand, einen geeigneten Referenten zu gewinne», der in einer der nächsten Versammlungen über Kunst referiert. Vom Genossen P c t e r e i t ivurdc an den früher gefaßten Beschluß erinnert, ivonach bei Beerdigungen, an denen ein Geistlicher teilnimmt, von der Kranzniederlegnug seitens des WahlvercinS abgesehen werden soll,»m die unerquicklichen Ausciuandersetzuugen, lvie sie wiederholt vorgekommen, zn vermeiden. Hieran schloß sich eine längere Dis kussion, in der von einzelnen Rednern der Beschluß als taktisch verfehlt bezeichnet ivnrde, während alle übrigen Redner für die Aufrecht crhaltung desselben eintraten und der Meinung Ausdruck gaben, daß cS auch Pflicht jedes Parteigenossen sei, sich selbst und seine Au- gehörigen von den religiösen Dingen frei zu machen und die daraus 'olgenden Konsequenzen zu ziehen— Genosse Heinrich wendete sich gegen das Inserat des Carl Weiß-Thcatcr im„Vorwärts" und wünschte, daß die Expedition veranlaßt wird, dns Jnfcrat in der bis- herigcn Fassung entschieden abzulehnen. Nachdem den Mitgliedern der Lokaltommissio» noch anHeim gegeben, mit der Haase-Branrrei, die einen großen Teil ihres Bieres in Arbeiterkreisc» absetzt, aber ihre Säle der Arbeiterschaft zur Abhaltung von Versammlungen ver- weigert, in llnterhandlnng zu treten und eventuell die weiteren Maß- nahmen zu veranlassen, erfolgte der Schluß der Versammlung. In der Versammlung deS WahlvercinS für den sechsten Wahlkreis, die am Dienstag in„WeimannS Volksgarten" tagte, 'prach Reichslags-Abgeordneter Ledebour über» die Brüsseler Zuckerkonvcntion und d i e deutsche Zucker st euer- Vorlage." Der Vortragende schilderte, wie sich das unsinnige System der Zuckcrprämicn zum Nutzen des Auslandes und zum Schaden der deutschen Konsumenten entwickelt hat. Des weiteren giebt der Redner eine Ilebersicht über die Be- timmungen der Brüsseler Konvention und die Stellung der Parteien zn der deutschen Zuckerstener-Vorlage. Er ivics ferner auf die un- mäßige Ausbeutung der Arbeiter in der Zuckcrindustrie hin und er- klärte' zum Schluß, daß es im Interesse der Arbeiterschaft sowie aller Konsumenten liege, daß die Prämienwirtschaft vollständig be- eitigt werde.— Der Vortrag ivnrde mit regem Beifall ans- genommen.— Der Vorsitzende teilte am Schluß der Versammlung mit, daß am Donnerstag nächster Woche eine außerordentliche General- versamnilnng stattfindet, die sich mit den Differenzen in der OrgauisationLfrage des 6. Wahlkreises befassen wird.— Sechster Wahlkreis(Schönhauser Vorstadt). In der am Dienstag in Schneiders Salon, Belforterstraße, abgehaltenen a h l v c r e i n s- V e r s a m m l n n g waren infolge der öffeut- lichcn Einladung eine Anzahl Genossinnen erschienen, denen von der BerrinSleitiing die verdeckte Galerie als Zuhörerraum angewiesen wurde. Man glaubte damit den polizeilichen Anforderungen um- somehr Genüge gethan zn haben, als die Frauen in ihrem„Segment" thatfächlich völlig isoliert saßen und von der Versaninilnng kaum zu bemerken waren. Anders aber dachte der überwachende Polizei- lieutenaut. Er forderte die Entfernung drr Frauen von der Gallerie, iveil er nicht beobachten könne, ob sich dieselbe» auch zn etwaigen Beifallsbezeugnugen hinreißen ließen! Die Placierung der Damen in dem besser zu überblickenden Seitenraum im Parterre des Saales wolle et gestatten. Unter allgemeiner Heiter- keit ersuchte hierauf Dr. Arons die Genossinnen, in dem neue». polizeilich einwandfreien„Segment" Platz zn nehmen, waS natürlich bereitwilligst geschah.— Nach diesem Zwischenfall sprach Dr. Leo Arons wieder über das Thema:„Wie beteiligen wir uns an den preußischen Landtagstvahlen?" Gleich einleitend bemerkte Redner, man möge sich vielleicht darüber wundern, daß er von Wahltreis zn Wahlkreis ziehe, um gerade diese Frage zu behandeln. Dies ge- 'chehe, weil er der festen Ueberzengnug sei, daß bei nur einmaliger, energischer Wahlbeteiligung dies innerlich unhaltbare, gänzlich ver- altct'e Wahlsystem einfach über den Haufen geworfen werden könne. Der etwa einstündigc Vortrag fand reichen Beifall. An der regen Diskussion beteiligten sich B o r g m a n n, Alt und Metzger im Sinne des Referenten. Unter„Vereinsangclegenheiten" berichtete zunächst W n n s ch über die vom Parteivorstande eiiibernfcne Sitzung betreffend den Entwurf des neuen Organisationsplanes für Berlin. Er vennisse hierin die Berücksichtigung der auf dem Parteitag angenommenen Resolution 72. auf Grund deren sich die Schönhauser Vorstadt eben ihre eigne Organisation gegeben habe. Befremdlich müsse er es finden, daß die Kreismajoritäl den Vorschlag des Parteivorstandes, den Organisations- streit im sechsten Kreise in einer von beiden Seiten beschickten öffent- lichen Parteiversammlung zu erledigen, aus angeblicher Besorgnis vor Majorisierung abgelehnt habe. Die von jener Seite gewünschte Urabstimmung in dieser Sache müsse er wieder als verfehlt betrachten, weil dann das Resultat von vornherein nicht mehr zweifelhaft sein könne. Wohl sei eine gegenwärtige Verständigung auf vernünftiger Grund- läge dringend zu wünschen, doch erinnere er an den Beschluß, der die endgültige Entscheidung dem Parteitage überlassen will; dann werde man ja sehen, ob die Resolution 72 bestehen bleibt oder auf- gehoben wird. Im übrigen stehe ja der Versammlung frei, über Auflösung oder Weiterbestehen der Organisation zu entscheiden. Auf Autrag Kluge wird eine weitere Erörterung dieser Angelegenheit bis auf eine demnächst einzuberufende Generalversammlung ver- schoben. Der Verein deutscher Schuhmacher(Filiale Berlin) hielt am 26. d. Mts. im Gewerlschaftshaus eine gut besuchte außerordent- liche Gencralversammliing ab. Nach einem beifällig aufgenommenen Vortrag des Genoffen Dr. Wehl über„Der Schnaps und die Ar- beiter", an welchen sich eine rege Diskussion unter Beteiligung eines Mitgliedes des abstinenten Arbeitervereins anschloß, wurde die in der vorletzten Generalversammlung vertagte Diskussion über die Beschlüsse der Generalversammlung zu München fort- gesetzt. Sämtliche Redner erklärren sich sowohl gegen die Beibehaltung der auf der Generalversammlung zu Magdeburg ein- geführten Verteilung der Wahlkreise, durch welche die größeren Filialen benachteiligt sind, sowie auch gegen die Gehaltserhöhung der Centralbeamten in der Zeit der gegenwärtigen wirtschafrlichcn Depression, und erblickten in der schlechteren Bezahlung der Bezirks- beamten eine Ungerechtigkeit, welche nicht unsrem Grundsatz:„Gleiche Arbeit, gleicher Lohn" entspricht. Eine dementsprechende Refolulion wurde aiigeiiommcn._ Die Vulkmiausbriiche. Professor E. O. Hoveh, der Kurator des amerikanischen naturwissenschaftlichen Museums und Mitglied der Wissenschaft- schaftlichen Expedition, kabelte unteim 26. Mai einen ausführlichen Bericht nach New Jork, in dem er die beiden großen Ausbrüche des Pelse und des Schwefelberges ausführlich beschreibt und kritisch beleuchtet. Er erklärt darin, daß St. Pierre von heute könne nur mit Pompeji verglichen werden, nur das Verwüstung und Verzlveifliing und Einsamkeit in St. Pierre weit schlimmer als in Pompeji. Die nördlichen und südlichen Mauern der Stadt sind im allgenieinen besser erhalten, als die im Westen und Osten. Bäume, Wälle, Pallisaden, kurz alles Ivas aufrecht stand, ist cntlvedcr in südlicher Richtung niedergebogen oder zu Boden geworfen. Das beweise, daß die Stadt von einer Art Tornado vom Berge her zerstört worden. Es liege auf der Hand, daß dieser Tornado ein Sturmwind von Stickgas gewesen. welcher die Gebäude niederwarf, und die Bewohner erstickte, worauf Feuer den Untergang der Stadt vollendete. Die Einwohner dürften erstickt sein, bevor die Stadt verbrannte, das Gas sei offenbar Schwefel geschwängertes Wasserstoffgas ge- wcsen, das entweder durch Blitze oder die Feuer der Stadt entzündet worden und so ein Flammentuch über der unglücklichen Stadt ge- bildet habe. Ans Fort de France wird berichtet: Ein furchtbarer vulkaui- scher AnSbrnch fand wiederum am 26. d. M. abends statt. Flammen von etwa 150 Meter Höhe schlugen empor; das Schau- spiel dauerte eine Stunde, lieber dem Pelee zuckten unaufhörlich Blitze, gleichzeitig ging ein äußerst schweres Gewitter in der Um- gegend nieder. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine ungeheuere Panik. Wie weiter aus Fort de France telegraphiert wird, ist der Vulkan wieder andauernd in Thätigkeit. Dichtes, schwarzes Gewölk, durchzuckt von Blitzen eigentümlicher Form, lagert über der Stadt. Die Eintvohner sind angstvoll auf dem Marktplatze ver- sannnelt. Meterhohe Wellen schlagen gegen die Schiffe. Das Meer kocht. Vom Peloe-Verge her dringen noch immer dichte, gelbe Wolken hervor. Fort de France scheint zwar nicht unmittelbar ge- fährdet zu sein, aber man befürchtet, daß das Niedergehen einer Fenertvolke, ähnlich derjenigen, welche St. Pierre zerstörte, auch Fort de France vernichten werde. Fort de France, 28. Mai. 10 000 Flüchtlinge sind aus dem Norden von Martinique unterwegs nach Fort de France. Der be- kannte Scismologe Professor Hill rät zur Räumung der Ortschaften Maeouba, St. Jacqne, Marigot und Grandeause. Er ist niit einer Expedition abgegangen, um eine Besteigung des Mont Pelöe zu versuchen._ Uchte Ncriheiihtett und Depesrheu. Dreibnnd-Tebattcn. Vildapcst, 28. Mai.(B. H.) In der heutigen Sitzung- der östrcichischcu Delegationen wies der Minister des Aenßcrn Graf Gotuchowski die in den letzten Tagen von czechischer und polnischer Seite unternommenen Angriffe auf den Dreibund zurück, indem er u. a. folgendes sagte: Der Dreibund sei von Anbeginn an ei» Friedens- und Dcfensivbündnis gewesen; dasselbe sei er auch heute noch. Der Dreibund im Jahre 1882 habe so wenig eine Spitze gegen jemand gehabt, wie er heute eine solche hätte. Bisher habe sich in seinem Charakter und in seinem Wesen nichts ge- ändert._ Italienische Dcpnticrtenlainmcr. Rom, 23. Mai.(W. T. B.) Bei der Beratung des Kredits für die C h i» a- Ex p o d i t i o n erklärte der Minister des Aeußern rinetti, die Regierung beabsichtige in China keine Gebiets- erwerbung. In Bezug auf den wirtschaftlichen und kommerziellen Staudpunkt wolle die Regierung alle italienischen Unternchniungen unterstützen, die geeignet seien, Handel und Industrie zu entwickeln, und sie habe in jedem Fall hiernach gehandelt, wo sich eine Gelegenheit zur Wahrung dieser Interessen und ebenso der- jenigen italienischer Missionare geboten habe. Italien müsse in den ostasialißtien Gewässern durch' Kriegsschiffe vertreten sein. Die nötigen Ausgabe», die geringer geworden seien und sich noch weiter vermindern würden, seien durch die von China zn zahlende Entschädigung von 75 Millionen reichlich gedeckt. Italien werde in China eine Garnison von 506 bis 700 Mann halten, um den Weg von Peking zum Meer offen zu halten. Ter Frieden l London, 28. Mai.(B. H.) Die hiesigen Blätter behaupten, Lord Kitchener habe die Zuversicht ausgesprochen, daß der Frieden innerhalb weniger Tage zum Abschluß gelangen werde. Es sollen bereits Vorkehrungen getroffen sein, daß Kitchener am 2 oder Juni nach London abreise, um noch rechtzeitig zur Krönungsfeier einzutreffen._ Vannngliick. Finnffmt a. M., 28. Mai.(B. H.) Die„Franks. Ztg." meldet aus Dortmund: Bcini Neubau der Kirche in Nnenthe stürzte das Baugerüst ein. Sechs Arbeiter wurden schwer verletzt. Briitkeneinsturz. Frankfurt a. M., 28. Mai.(W. T. B.) Die„Frankfurter Zeitung" meldet aus New Bork: Bei einer Parade zn Ehren der , nr Enthüllung des Rochambeau- Denkmals eingetroffenen Gilsts lürzte eine Holzbrücke über eine Straßenansschachtung an der fünften Avenue ein. Eine Person wurde getötet, 110 verletzt. Berautwortlicher R-dactcur: Earl Leid in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu S Beilage» u. Nntcrhaltnngsblatt. sr. 122. i9. mm*. 1. KeilM des Lmlirts" KttllM Wlksbllltt.»""-tt-w. 29 M.i I9V2 Die Zolltavif-Kommisfio« bcschäfticlte sich am Mittwochvormittag zunächst mit den Zöllen ans Salzsäure, S ch lv e f e l s ä u r e und Salpetersäure, die wie bisher zollfrei bleiben sollen, während auf das bisher zoll- freie schwefelsaure Natron ein Zoll von 2ö Pf. gelegt werden soll. Lctocha(C.) beantragt für Salzsäure und Schwefelsäure einen Zollsah von 1 M. und begründet diesen Antrag mit dem Hinweise darauf, daß Ocstreich-lliigarn durch Einstellung eines mäßigen Zoll- satzcs gezwungen werden müsse, unsre Säuren besser zu behandeln. Gimp(3>p.) erklärt sich gegen den Zoll. Aus Schwefelsäure iverde Snperphosphat hergestellt, was die Laudlvirlschaft nicht ent- bchren könne. Direktor Wcrvmth erklärt, daß die Zollfreiheit im Interesse der heimischen Landwirtschaft geboten sei, der die künstlichen Dünge mittel nicht verteuert werden dürften. Molkcnbuhr sSoc.): Der Ccntralverband deutscher Industrieller verlangt einen Schwefelsäurczoll und druckt die Petition der West- deutschen chemischen Fabriken ab. In dieser kommt der Satz vor, daß infolge von Verordnung der Gesundheitspolizei die Erzeugung von Schwefelsäure an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Der Ccntralverband nahm aber Anstoß an dem Wort„Verordnung" und setzte an dieser Stelle„Einmischung", um auszudrücken, daß eigentlich die Behörden kein Recht haben, Leben, Gesund- heit und Eigentum der Arbeiter zu schlitzen. Das wird in einer Petition gethan, in der. mau von der Gesetzgebung verlangt, Maßregeln zu treffen, die zur Bereicherung der Fabrikanten führen. Die Ausfuhr übersteigt die Einfuhr: ISO! wurden 30 529 Doppel- ccntner Salzsäure eingeführt und 121 434 Doppelccntncr ausgeführt; au Schwefelsäure wurden 185 017 Doppelcentner eingeführt und 428 501 Doppelcentner ausgeführt. Im Interesse der Landwirtschaft ist Zollfreiheit von Schlvefelsänre geboten, weil sie zur Darstellung von Snperphosphat(Düngeinittel) gebraucht wird. Dr. Beniner snatl.) erklärt, das Wort„Eimnischung" sei des- halb gewählt worden, weit es ja auch berechtigte Einmischungei gebe. Im übrigen tritt Redner für einen Zoll ein, ebenso Geheim- rat Rilgcr im Interesse der sächsischen Werke, die unter der öst- rcichijchcn Konkurrenz zu leiden hätten. V. Kardorff. Posadowöky: Nicht sämtliche dculsche Sodafabrikcn gehören zum Kartell. Tie zum Kartell gehörigen aber liefern die Hälfte des deutschen Sodas. Würde niau den Zoll ganz beseitigen, dann bestehe die Gefahr, daß die englischen und amerika- uischcii Fabriken sich atif den deutschen Markt stürzen und hierbei die nicht zum Kartell gehörigen Fabriken vernichtet iviirdeu Eine Stärkung des deutschen Kartells und die Gefahr, daß dieses sich dem internationalen Kartell anschließen würde, würde die sicher Folge sein. Da? Sodakartcll hat im Gegensatz zu andren Kartellen mit niäßigcn Preisen gearbeitet. Die letzte Steigerung sei eine Folge der Preissteigerung für Steinkohlen. Der im Tarif vor- gesehene Zollsatz schütze die Produktion wie die Konsumenten gleicher maßen. Hierauf lvird die weitere Beratung auf Freitag 10 Uhr vertagt._' Die Zuckeisteiicr-Kouiniiiston des Reichstags setzte am Mittivoch sriih die SpcciatdiSkuisiou der Brüsseler Konvculion beim Artilel 5 fort, der die Vertragsslaateu verpflichtet, Zucker auS den Bcrirag schließenden Ländern zum niedrigste« Satze ihres Einfuhr- lariss zuzulassen. Hierbei kommt es zu einer längeren Erörterung der deutschen Eiseiibahutnrife für Zucker und es taucht die Frage auf, ob sie nicht uiigiinstiger seien als die entsprechenden Tarife des Auslandes. Haiidclsmiuister Möller macht verlranlicho Milleilungen über die deutschen und fremden Ansnahmetarifc für Zucker, aus denen folgert, daß Deutschland in Bezug auf die günstige Eeslaltnng der Zuckertarife nicht hinter andern Ländern zilrücksteht. Geheimrat Mvllhauscn berichtet eingehend über die italienischen, belgischen und rumänische» Ansuabmctarise und lommt gleichfalls zu dem Ergebnis, daß Deutschland in dieser Beziehung den Vergleich mit andren Ländern aushalten kann. Müller- Fulda(E.) betont, daß der Schwerpunkt In der Höhe des I u l a n d s t a r i f s liege. Der deutsche Satz von 0 Pf. sei enorm hoch. Wie könne der Konsum zunehmen, wenn mit so hohen Frachten gerechnet lverden müsse. Die Herabsetzung der Frachttarife sei eine Lebensfrage besonders für die kleinen Fabriken. Jiizivischen sind eine Reihe Anträge vom Abg. Müller- Fulda(C.) und seinen Fraktioiisgenossen vom Cenlnun eingelaufen. Darin lvird der Reichskanzler um allerhand statistische Ansschlüsse ersucht.» Außerdem soll der Reichskanzler eine Zusage dahin geben, daß während der Geltungsdauer des Brüsseler Vertrags die Frachtsätze für Zucker jeder Art, Abläufe, Melasse, Rüben und Rübenschuitzel ans den deutschen Eisenbahnen nicht höher bemessen lverden dürfen als die jeweils geltenden niedrigsten Rolisioff-Tarife und die Nebenprodukte der Znckerfabrikatioii keinerlei gesetzlichen Bestimnumge» untertvorfen werde» sollen, welche der Weitcrverarbcilmig eine höhere Bestcucning gegenüber der Verarbeitung andrer Materialien anferlegen. Schließlich wird der Reichskanzler ersucht, der Kommission die zur Zeit ans den deutschen, östreich-inigarischcii, französischen und russischen Eisenbahnen für Rohzucker, Rasfinade. Melasse, Rüben und Schnitzel bestehenden Frachttarife und hierauf gewährten Refalticu zugehen zu lassen. Schatzsekretär Frhr, v. Thiclmann sagt die im ersten Antrag verlangten statistischen AuSlveiso bis zum 1. August 1901 zu. Die weiteren Forderungen für 1902 und 1903 aber stellen ihn vor ein Rätsel, dessen Lösung ihm unmöglich sei. Die Erfüllung deS zweiten Antrages, daß Ipiihrend der Geltung der Brüsseler Konvention die deutschen Frachtsätze für Zucker, Rüben und Melasse den niedrigsten Rohstofflarisen gleichgestellt werden 'ollen, wird von den RegierinigSvcrtretern für unmöglich erklärt. Geheimrat Möllhanfe» macht den Vermittlungsvorschlag, daß die Forderimg einer Zusage der Tarifierimg des Zuckers nach dem nicdriftstcii Rohstosstarif zurückgezogen werde; dann könne für die zlveite Forderung in Sachen der Nebenprodukte eine entgegen- kommende Erklärung der Regierimg in Aussicht gestellt werden. Pingcn und Müller- Fulda frenide Taschen, den Puchmüller und Sauden nur g e m e i n s a>» begangen haben können und dessen der eine geständig ist, während der andre durch ein nmständliches Verfahren beweise» will, daß die Sache ganz anders gelegen wäre. Nun handelt es sich um Beträge von Hunderten von Millionen, die sich aus unzähligen kleineren und größeren Posten zusammen- setzen. Spräche nicht das eigne Interesse der ver- hafteten Angeklagten dagegen, so ließe sich durch„AnWendling aller strafprozessual zulässigen Mittel" der Prozeß ins Unendliche hinausziehen. Thatsächlich hat sich der Gerichtshof auch gestern wieder mehr mit Fornialien als mit dem Gegenstände der Anklage beschäftigen müssen. Hier gab es lvieder, lvie es bei der mündlichen Verhandlung eines so schlvierigen Gegenstandes nicht anders möglich ist, ztvischen Vorsitzendem, Staatsauwalt, Verteidigern, Sach- verständigen und Angeklagten soviel Mißverständnisse, daß man nur niühsain von der Stelle kani. Man begann damit, die Beziehungen der Angeklagten zur Firma P a ch a l y zu untersuchen. Ihre Beziehungen zum Hofe wurden noch immer mit keinem Worte gestreift. So vereinigen sich vorläufig alle Bemühungen darauf, die Angeklagten so uninteressant als möglich erscheinen zu lassen. Ob es Herrn Eduard S a n d e n ge- lingen wird, das Interesse, daS die Oeffentlichkeit nun einmal an ihm nimmt, durch Langeweile zu töten, bleibt abzuwarten. Landgerichts-Direktor H e i d r i ch eröffnet die Sitzung»m 9 Uhr. Es wird zunächst über die Frage verhandelt, lver als Sachverständiger zu dem Thema der Untreue anlveseiid sein soll. Gegen die Sachverstäudigenqualität der beiden chmaligen Augestellteu der Preußenbank B o l l m a n n und Richter wird seitens der Ver- teidiger protestiert unter dem Hinweise, daß die beiden Herren seiner Zeit entlassen worden seien und als Bank- Sachverständige nicht erachtet lverden können. Sie könnte» höchstens Zeugeuqnalitat haben.— Staatsanwalt Beeck widerspricht. Die „Entlasiuug" der beiden Herren habe in der Weise stattgefunden, daß die neue Verwaltimg der Preußischen Hypothekenbank ihnen Arbeiten auftrug, die nach ihrer Ansicht ihnen nicht zugewiesen lverden durften. Darauf erfolgte ihre Entlassung. Das habe aber nicht ge- hindert, daß der jetzige Direktor der Preußischen Hypothekenbank, K a m m e r g e r i ch t s r a t a. D. T h i n i» s, ihnen das beste Zeugnis ausstellte. Sollte dies bestritten werden, dann müßte er beaütrageu, Herrn KammergerichtSrat a. D. ThiniuS als Zeugen zu laden.— Die Verteidigung will die Nichtigkeit dieser Thatsachc nicht bestreiten. Der in Sachen der Grinidschuldbank als Sachverständiger thätig gewesene Herr Oliven ist seit längerer Zeit bettlägerig krank. Der Staatsanwalt beantragt nunmehr dessen komniiffarische Vernehmung. Jnstizrat Dr. S e l l o protestiert hiergegen und hält es für not- iveudig, daß neben Herrn Oliven noch ein andrer Sachverständiger vernommen wird. Die übrigen Verteidiger schließen sich dieser An- ficht an. Der Gerichtshof beschließt in Sachen der Sachverständigen Boll- mann und Richter, daß diese nur als Zeugen zu vernehmen seien und deshalb den Saal zu verlassen haben. Als Zeuge lvird zunächst LandgcrtchtSrat Müller vernommen, der den Angeklagten Eduard Sauden nach seiner Ver- Haftung zuerst kurz vernommen hat. Er soll darüber aussagen, ob sich der Angeklagte wirklich in einem Zustande seelischer Depression befunden'hat. Der Zeuge bekundet: Der Angeklagte sei nicht besonders aufgeregt, soudeni sehr still gewesen. Er habe demselben in kurzer Vernehmung die Punkte vorgelesen, die ihm zur Last gelegt lverden. Es handelte sich damals um drei Punkle: l. Bilanzverschleierung gegenüber der Preußischen Hypothekenbank, 2. Bilanzverschleierung gegenüber der Deutschen Grnndschuldbank, 3. Vergehen gegen§ 37 des Hypothekenbankgesetzes vom 13. Juli 1899. Der Angeklagte habe auf die allgemeine Frage, ob er sich schuldig bekeune, bejahend geantwortet.— Präs.: Angeklagter Eduard Sauden, wollen Sie wirklich dabei bleiben, daß Sie bei Ihrer damaligen ersten Vernehmung sich in so seelischer Depression befanden, daß Sie nicht wußten, was Sie sagten?— Angeklagter Ed. Sauden: Ick habe damals so Schweres durchgemacht, daß ich wirklich meine Gedanken nicht zusammen hatte.'— Präs.: Sollten Sie sich nicht klar gemacht haben, daß dieses Ihr Zu- geständuis in einen» so schweren Punkte von wesentlichen Einfluß auf Ihr Schicksal sein mußte?— A n g e k l.: Ich bin erst in der Haftzeit allmählich wieder zu mir gekommen.— Die Rechtsanwälte B e r n st e i n und Dr. Bollert stellen für den Fall, daß auf da? erste Geständnis Gelvicht gelegt lverden sollte, den Antrag, mehrere Zeugen dafür zu laden, daß Ed. Sauden thatsächlich in dem Zustande großer seelischer Depression sich befunden habe. Gleich- zeitig stellen die Verteidiger den Autrag, mehrere Personen zu ver- nehmen, die bekunden würden, daß Ed. Sanden einen großen Optimismus hatte und geschäftlich wenig Voraussicht bekundete. Nachdem Bücherrevisor Husch k e nach Einsicht der Steueratten über einige ans die Vermögensverhältnisse Ed. Sandeus und War- sinskis bezüglichen Punkte Aufschluß gegeben, wird zunächst über den Punkt der Anklage, der sich auf das Vergehen gegen da» Hypotheken-Bankgesetz bezieht, verhandelt. Die Preußische Hypothekenbank untersteht den Bestimmungen des Hypothekeu-Bankgcsetzes vom 13. Juli 1899. Nach§ 6 dieses Gesetzes muß der Gesamtbetrag der im Umlauf befindlichen Hypothekcn-Pfaudbriefe einer solchen Bank in Höhe deS Nennwertes jederzeit durch Hypotheken von mindestens gleicher Höhe und min- destens gleickem Zinsbeträge gedeckt sein. Ist infolge der Rückzahlung von Hypotheken oder ans einem andern Grunde die vorgeschriebene Deckung in Hypotheken nicht mehr vollständig vorhanden, und ist lveder die Ergänzung durch andre Hypotheken, noch die Einziehung eines entsprechenden Betrages von Hypotheken-Pfandbriefen sofort ausführbar, so hat die Bank die fehlende Hypothekendcckung einst- weilen durch Schuldverschreibungen des Reichs oder eines Bundes- staats oder durch Geld zu ersetzen. Diese Deckungs-Hypotheken und Wertpapiere sind einzeln in ein Register einzutragen und von dem bestellten Treuhänder unter dem Mitverschluß der Bank auf- zubelvahrcn und nur nach den gesetzlichen Vorschriften heraus- zugeben. Insbesondere ist es verboten und unter Strafe gestellt, wissentlich über eine in das Hypothekenregister eingetragene Hypothek oder über ein in das Register eingetragenes Wertpapier durch Ver- äußernng oder Belastung zu verfügen, wem» die übrigen in das Register eingetragenen Hypotheken und Wertpapiere zur vorschrifts- mäßigen Deckung der Hypothen-Pfaudbriefe nicht genügen. Gegen diese' Bestimmuug sollen die Angeklagten Puchmüller n»d Ed. Sande n verstoßen haben. Zunächst sollen die Hypotheken- Pfandbriefe der Preußenbank nicht genügend gedeckt, sondern etiva 13Vs Millionen valutlose Hypotheken' vorhanden gewesen sein, außerdem waren 974 000 M. Breslauer Hypotheken da, die von den Unterlagshypotheken in Abzug zn bringen seien. Anderseits sollen in der Zeit vom 25. September bis 1. Dezember 1900 6 656 300 M. Hypotheken der Verwahrung des Treuhänders entzogen und ver- äußert oder lonibardiert worden sein und zwar uuter der der Ver- Wahrungsstelle gemachten falschen Angabe, daß die Hypotheken nur vorübergehend gebraucht würde»». Angeklagter Puchmüller erklärt sich auf Befragen im allgemeinen für schuldig, in der an- gegebenen Weise gegen das Hypothekenbank-Gesetz verstoßen zu haben. Die Bank sei mit großeuVerpflichtungen in das Jahr 1900 hinein- gegangen und es sei nicht ausgeblieben, daß durch Entnahme von Hypotheken ans dem Tresor Gelder zur Ablösung andrer dringender Verpflichtungen beschafft lverden mußten. Dies geschah namentlich, als infolge der Angriffe der„Franks. Ztg." ein kolossaler Rückfluß von Pfandbriefen und Aktien stattfand. Er bekenne sich also schuldig, mache aber als Milderungsgrund gelten, daß die finanziellen Zu- stände sehr verivickelte und böse lvarcn und Kommerzienrat Sauden ihm wiederholt erklärt habe, daß die Preußenbank durch Verkauf von Hypotheken die Gelder zur Auslösung lombardierter Pfand- briefe in solcher Höhe erhalten müßte, daß durch die Benutzung der Pfandbriefe zur Pfaiidbriefdcckimg etwa die Hälfte des Fehlbetrages an der Pfaudbrief-Uuterlage für den Treuhänder beschafft lverden könnte. Augekl. Ed. Sauden bestreitet seine Schuld. Er behauptet, in» September 1900 der Auffassung gewesen zu sein, daß das vom Gesetz vorgeschriebene Deckungsverhältnis in richtiger Weise vorhanden gewesen sei. Er sei aber nur bis zum 1. Oktober 1900 verantwortlich, weil er alsdann durch die Entsendung eines Delegierten des Knra- torftlms, des verstorbenen Konitzki cins Bremen, beiseite geschoben sei.— Präs.: Sie haben bei Ihrer früheren Vernehmung die That- fachen nicht bestritten. Ich weiß nicht, ob Sie gut daran thun, alles jetzt abzulenguen. Sollten Sie nicht besser handeln, gelvisse Dinge zn- zugeben?— Ed. Sanden: Nach meiner Ucberzengnug ist das Deckliugsverhäktnis nicht in ungesetzlicher Weise verschoben worden. Die Beweisaufnahme wendet sich zunächst der Frage zu. ob die oben erlvähnten Breslauer Hypotheken von 974 000 M. nach Art der Verbindung der Preußenbank init der Firma G. v. Pachalhs Enkel in Breslau als Pfandbricfdeckuug dienen konnten oder nicht. Der Zeuge H e>» s ch e I, Prokurist der Finna G. v. Pachalhs Enkel, macht eingehende Angaben über den Geschäftsverkehr seines Hauses mit der Preußischen Hypothekenbank. Sachverständiger Kommerzienrat LncaS hat festgestellt, daß schlesische Grundeigentümer gegen Versprechen der Zählung von Bangeldern der Preußischen Hypothekenbank Hypotheken eintragen ließen. Diese Hypotheken ließ sich die Breslaner Firma cedieren und zahlte jeweilig die fälligen Raten an die Grundstücksbesitzer. Es bestand sonach wohl eine Forderung der Firnia Pachaly gegen die Preußische Hypothekenbank, doch hatte die Bank selbst keine Valuta gezahlt. Trotzdem lvurdei» solche Hypotheken dem Treuhänder als Unterlage für die Pfand- brief- Ausgabe ausgehändigt. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärte der Sachverständige, daß es ihn» erst in uuend- licher niühevoller Arbeit gelungen sei, daS einzelne Zahlen- Material über die mangelnde Hypothekendeckung und die ein« zelnen Entnahmen aus der Verwahrung des Treuhänders festzustellen. Es sei ihn, dies teillveise nur möglich geivesen durch die eignen An« gaben und Mitteilungen der Angeklagten Puchmüller und Ed. Sauden. Auf Grund seiner eingehenden Ermittelungen habe er festgestellt, daß 'chon die dem Treuhänder beim Inkrafttreten deS Hypothekenbank- Gesetzes als unterlagsfähig übergebenen Hypotheken im Gesamt- betrage von 360 383 831 M. nicht vollwertig waren, da auf dieselben von der Bank noch 13 485 624 M. zn zahlen ivaren. Die endgültige Rechnung deS Sachverständigen stellt 'ich so: Am l. Dezember 1900 waren laut Register an Unterlagshypotheken 359 045 528 M. vorhanden. Davon gehen ab: a) Amortisationsfonds 461393 M.. b) valntlose Hypotheken 1 001 271 M.. c) die bis zu diesem Tage dem Treuhänder wider- rechtlich entzogenen Hypotheken 6 656 300 M.. so daß als Deckung ür den Pfand brief-Uinlauf nur 350 926 563 M. verblieben, während der Pfandbrief- Umlauf 358 014 850 M. betrug, wovon also 7 038 286 M. nicht gedeckt waren. Gegei» dies Gutachten des Sachverständigen machen die Rechts- anwalte Wilh. Bernstein und Dr. Bollert in� den verschiedensten Punkten eine große Reihe von Einwänden und bestreiten insbesondre die Richtigkeit des von ihm vorgebrachten Zahlenmaterials. Insbesondere bekämpfen sie die Ansicht, daß die Breslaner Hypotheken deshalb, weil keine Valuta dafür gezahlt »vor den, nicht als Unterlage dem Treuhänder gegeben werden durften. Ueberhanpt halten sie die Art, wie Konnnerzicnrat Lucas daS Zahlen- Material zusammengestellt, nicht für einweindsfrei und die Schluß« ölgerungen für falsche. Konmierzienrat Lucas verteidigt die Nichtig. keit der letzteren.— Augekl. E d. Sande» bestreitet gleichfalls die Richtigkeit der LucaSschen Darstellling und weist darauf hin, daß er chon zur Zeit, als er von den» Sachverständigen zur Eruiernng der Zahlen herangezogen worden, eine große Reihe von Einwänden gemacht und solche sogar in längeren Ausftihrungen zu Papier ge- bracht habe. Rechtsanwalt ChodzieSner macht für den Angeklagten Puch- müller noch geltend, daß dieser erst vom 1. April 1900 ab, also erst kurze Zeit vor den behaupteten gesetzwidrigen Manipulationen mit den Hypotheken dritter Direktor der Bank geworden sei.— Staats- anwalt Beck stellt dem gegenüber fest, daß Puchmüller schon seit 1873 in der Hypothekenabteilnug der Bank beschäftigt war, die ein- schlägige» Verhältnisse also ganz genau kannte. Die Verteidiger stellen den Antrag, als Gegensachverständigen gegen die zahlenmäßige» Feststellungen des Kommerzienrats Lucas den Bücherrevisor Reuter als Sachverständige» zu vernehmen. Von den vorgeladenen Sachverständigen Bankdirektoren Dr. Gelpcke und Justizrat Braun sind Schreiben eingegangen, in denen sie für ihr Nichterscheinen verschiedene Gründe angeben.' Der Gerichtshof»nacht sich über die von der Verteidigung ge- stellten Beweisanträge und das Verhalten gegenüber den soeben genannten beiden Sach- verständigen schlüssig. ES wird beschlossen: 1. Den Sachverständigen Oliven kommissarisch in feiner Wohnung zu vernehmen; 2. die Bank- direktoren Braun und Dr. Gelpcke unter Hinweis auf§ 75 der Strafprozeß-Ordnung für verpflichtet zu erklären, als Sachverständige zu fungieren, da sie das Geiverbe, deren Kenntnis Voraussetzung ihrer Begutachtung ist, öffentlich zum Erwerbe ausüben»md ihre vorgebrachten Gründe nicht stichhaltig sind; 3. denBücherrevisorReuter als Gegengntachter über das zahlenmäßige Material zu vernehmen; 4. einige der von der Verteidigung angebotenen Beweise zu erheben, andre dagegen abzulehnen. Rechtsanwalt Wilh. Bernstein wünscht noch Beweiserhebung darüber, daß Ed. Sanden und Frau kurz vor dem Zusammenbnlch der Bank dieser bezlv. dem Pensionsfonds einen Vorschuß von ins- gesamt 700 000 M. gegeben haben. Daraus gehe gewiß der gute Glauben des Ed. Sauden zur Genüge hervor. Der Präsident macht darauf aufmerksam, daß nun also noch imnicr die Schivicrigkeit des Nichtvorhandenseins Hypotheken-Sachverständiger bestehe. Staatsanwalt Beeck meint, daß man das Kommen der beiden geladenen Sachverständigen abwarten, eveut. mit Ordnungsstrafen gegen sie vorgehen könne. Im übrigen wolle er auf alle Fälle den Geh. Hofrat Hecht, den früheren Leiter der Rheinischen Hypotheken- dank in Mannheim, zu laden. Um dem Bücherrevisor Reuter Gelegenheft zu geben, des um- fangrciche Zahlenmaterial einzusehen, vertagt der Vorfitzende die Verhandlung auf Donnerstag 9 Uhr. Sorislrs. Kinderschny. In der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur in Berlin hielt am Montag Herr Agahd einen Vortrag über die Kinderarbeit. Ein- stimmig wurde darauf folgende Resolution angenommen: „Die ain 26. Mai 1902 im Bürgersaal des Rathauses zu Berlin tagende, von der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur, Abteilung Berlin, einberufene Versammlung schließt sich den orderungen der deutschen Lchrerversanmilungen in Breslau und hemnitz, betreffend die gewerbliche Kinderarbeit, in vollem Um- fange an. Sie vermißt in dem vorgelegten Reichs- Gesetzentwurf nnmentlich das Verbot der Lohnarbeit der Kinder unter 12 Jahren und Bestimmungen über die Mitwirkung der Lehrer und Aerzte bei der Durchführung des Gesetzes. Die Vorschriften über die Heim- arbeit sollten wesentlich verschärft, die Sonntags« und Nachtarbeit der Kinder sofort untersagt und die nnmerhin notwendige Ueberqangs« zeit bedeutend verkürzt werden. Der Reichsregierung gebührt für die endliche Einbringung des EiitwiirfeS der einmütige Dank aller Kinder- und Menschenfreunde!"_ Die Errichtung einer allgemeinen OrtSkasse an Stelle der Gemeinde- Krankenversicherung ivurde von» Gemeindekolleginm in Fürth beschlossen, nachdem der Magistrat bereits in gleicher Weise beschlossen hatte. Die Freisinnigen und die Mehrheit der Deniokraten stimmten gegen den Autrag. Genosse Segitz hielt eine treffliche Rede, in der er die Inkonsequenz der Herren Demokraten brand- markte, die jüngst zwar, mit Rücksicht auf die schlimme Finanzlage der Stadt, gegen' die Belvilligung von 7000 M. für die Fortführung der Lehrmittelfreiheit stimmten, heute aber trotz des DeficitS der Gemeinde- Krankenkasse vo» rund 50 000 M. im Jahre, gegen die Sanierung dieses letzteren Instituts agitierten,»vcil sie in Zukunft statt 10 Pf. 15 Pf. �ro Arbeiter und Woche zahlen müßten. DaS Folkcthing und die Arbeitslosigkeit in Dänemark. Der zur Prüfung der socialdemokratischen Anträge zur Be- käinpfnng der Arbeitslosigkeit gewählte Ausschuß des FolkethingS hat jetzt endlich nach 4>/» monatiger Thätigkeit seine Arbeit beendet. Es ist dabei nichts lveiter herausgekommen, als 64 Seiten Statistik. Der Ausschuß hat die Arbeitgeber-Organisatione», die Arbeiter- Organisationen, sowie die Verwaltungsorgane der Kommunen über de» Umfang der Arbeitslosigkeit beftagt. Die dänische Arbeigeber- und Meistervereinigung berichtet von 30 Gewerbe» und Großbetrieben, daß„keine besonders große Arbeitslosigkeit, auf jeden Fall keine größere als in früheren Jahren" herrsche. Zu diesen Gewerben zählen auch die Bäcker, bei denen aber nebenbei bemerkt wird, wenn ein Geselle außer Arbeit konime, bliebe er 6—8 Monate arbeitslos. Bon 7 Gewerben wird über„ein»venig mehr Arbeitslosigkeit ol» ge- wöhulich" berichtet, und in 25 Gewerben herrscht„etwas oder ivesentlich größere Arbeitslosigkeit" als in früheren Jahren. Außerdem berichten 5 Großbetriebe über große Arbeitslosigkeit. Der„Gesamtverband der Gelverkschaften" teilte mit. daß in» Januar dieses Jahres von seinen 32 614 Mitgliedern 21 967 arbeitslos ivaren und berechnete die Zahl der Arbeitslosen einschließlich der Unorganisierten für den letzten Winter auf 37 000. An Unterstützungen zahlten die Geiverkschaftc» 1901 ihren Arbeits- losen 329 854 Kr. aus. Die sogenannten„freien Armenkaffen" in den verschiedeuen Kommunen zahlten in» gleichen Jahre 415 282 Kronen Unterstützung ans, davon waren 248 013 Kr. Zuschüsse an« kommunalen Mitteln.— Nachdem das statistische Material zusammengebracht und ver- arbeitet war, erkannte der Ausschuß, daß die Zeit soiveit vorgeschritten war, daß der Antrag auf Hilse gegen die außerordentliche ArbeitSnot dieses Winters die Aktualität verloren hatte, weil der Winter ja bereits überstanden war und Arbeits- losigkeit nur in einzelnen Komninnen und in nur ge- ringen» Umfang, mit AuSnahine verschiedener Kaufstädte und speciell Kopenhagens, vorhanden fei. Da nun auch die ReichstagSsession so weit vorgeschritten sei, daß»nan schwerlich erlvarteu könne, daß Vorschläge in dieser Richtung noch durchberatcn würden, hätte man es nnterlassen, Vorschläge zu machen, heißt es in dem Bericht des Ausschusses. Es ist bezeichnend für daS socialpolitifche Verständnis der herrschenden Parteien im dänischen Folkcthing, daß man seiner Zeit den zwei Prinzessinnen 240 000 Kronen Brantgabe ohne Bedenken und ohne Untersuchung über einen etwaigen Notstand verehrte. während man für die vielen Taufende Arbeitsloser nichts übrig hat, als 65 Seiten Statistik.—_ Briefkasten der Redaktion. Tie jnrlsllsche Tprcchsmnde findet täglich mit NnSnahme deS Toniiabcnds von?»/, bis 9»/. Ilbr abends üatt. Nenendorff. l. Ist praktisch unauSsithrbar. 2. 3,25 M A. G.»Ji. 4 Adresse: Lamms, Haseuheide 72. 2. Antwort morgen im juristischen Brieskasten. 3. Adresie: Willy Friedländer, Elsassechr. 25. B1. B. Leider nicht möglich. Preßkohle. Wir muffen es ablehnen, Ihnen zu raten, ob Sie die betreffenden Wertpapiere verkaufen oder behalten soffen, da wir damit eine gewisse Verantwortlichkeit übernehmen würden. W. B. 100. Durch das neue Kleben erwirkt sie ein neues Anrecht. Nur die durch das srühere Kleben entstandenen Ansprüche gehen durch Aus- zahlung verloren.--L. P. IS. 1. So oft es erforderlich scheint: darüber bestehen iewe bestimmten Vorschriften. 2. bis 4.: Nein.— tf- H-®. Teilen Sie die Miffslände lVhrer Gewerkschaft oder dem Bewerbe-Jnspektor mil, oder teilry Sie dieselben unter genauer Mitteilung der Einzelheiten und der 5»iige>i unt, damit event. recherchiert und weiteres veranlaßt werden kann. - Z. 1. In»o Jahren. 2. Nein.— S. M. Äl. Nein; Sie könnten nur auf Abhebung der Mißstände klagen. 2. Nein.— E. W. B. Ein Testament tritt erst mit dem Tode des Erblassers in Kraft. Erst von dann ab kann mOt Abschrift des Testaments erhalten.— P. P. IVO. Da RatenzahluiiUskaiif mit Vorbehalt des Eigentums bis zur Abtragung der Raten vorliegt, so ist die Forderung nicht verjährt, Sie niüssen vielmehr Zahlung leisten.— 1««« W. 1. Nein. 2. Ja. 3. Die Einlaßkarten dürfen nur bestimmten Personen(Verwandte, Bekannte) abgegeben werden. Werden sie an jederoiann abgegeben, so liegt ein öffentliches Vergnügen vor.— Töpfer K. 1. Ja bis zur Entlassung. 2. Bis zum 1. Oktober .reicht die Schulpflicht. 3. und 4. Sie können beim Rettor Dispensation de- antragen und sich an die Regierung Beschwerde führend wenden, wenn die Dispensation nicht erteilt wird. Oder Sie geben Ihr Kind an einem andren Ort in die Schule und laffen es dann ausschulen.— A. Lt. Ja. — Münster. 1. Die von Ihnen aufgeführten AnsechtungSgründe sind bis auf den zu 3 belanglos. Auch der zu 3 angeführte Gnind ist erheblich. Es sind H e i in a r b e i t e rs, haben das Wahlrecht zum Gewcrbegericht. Ob sie als Arbeiter oder ob sie als Arbeitgeber zu wählen haben, muß das Statut bestimmen(§§ ö. 16 des Gcwerbegerichtsgesctzes). Nur bei solchen Heimarbeitern, welche die Rohstoffe oder Halbfabrikate selbst beschaffen, steht es dem Statut frei, deren Streitigkeiten dem Gewerbegericht zu unterwerfen oder nicht. Smd die Streitigkeiten dem Gewerbe- gericht durch Statut überwiesen, so sind diese Personen Wahl- berechtigt, sonst nicht. Ausländer und Gelegcnheits-Ar- beite r sind wahlberechtigt. Die Nichtaufnahme dieser Kategorien in die Liste bildet einen Ansechtungsgrund. Ob die Anfechtung die Ungültigkeit der Wahl zur Folge hat, hängt von der Anzahl der Zurückgewiesenen ab. 2. Daß dort das Pluralsystem, nicht die Verhäliniswahl eingeführt ist, ist an flch zulässig, da§ 13 des Gesetzes nur unmittelbares und geheimes Wahlrecht, nicht aber gleiches zuläßt. JndeS wurde iui Jahre 1890 von Re- giermigsvertretern angeführt, daß Statuten mit nicht gleichem Wahlrecht nur in besonderen Ausnahmefälle» genehmigt würden. Sie wollen das dortige Statut zur eventuellen Besprechung uns bald übennittelu. — H. F. 18. Der Mieter kann beanspruchen, daß die Wohnung in eineni dem vertragsmäßigen Gebrauch entsprechenden Zustand erhalten werde, also bewohnungsmöglich ist. Der Mieter braucht für die Zeit, wo die Wohnung untauglich wurde, keinen Mietszins zu entrichten und kann für die Zeit, wo die Tauglichkeit der Wohnung vermindert war, den Mietszins ent- sprechend kürzen oder»ach seiner Wahl Schadensersatz verlangen. Beseitigt der Vermieter den Fehler nicht innerhalb der ihm gesetzten Frist,(solche scheinen Sie nicht gesetzt zu haben), so kann der Mieter nach Ablauf dieser Frist den Mangel beseitigen. Alle diese Rechte gehen aber dem Mieter ver- loren, wenn er etwa einen Vertrag unterzeichnet hat, in dem die Pflicht des Vermieters zur gebrauchsfähigen Unterhaltung der Wohnung aufgehoben ist. Anders steht die Sache, wenn etwa die Benutzung der Wohnung infolge des Fehlers(Rauchs) mit einer erheblichen Gefährdung der Gesundheit verbunden ist. Ist das der Fall— das scheint bei Ihnen so zu liegen— so ist der Mieter berechtigt, den Mietsverirag aufzuheben, gleichviel, was im Mietsvertrag steht.— R. S. Eharlotteuburg. New. — I. M. Nach Artikel 9 des deutschen Münzgesetzes braucht bei Zahlungen Kupfer- und Nickeluiünze nur in einem Betrage bis einer Mark, Reichs-Silberniünze in keinem höheren Betrage als 2V M. angenouimen zu werden. Thaler- und Goldstücke können in beliebiger Anzahl zu Zahlungen angewendet werden.—<8. M. 100. 1. Für den Vergleich ist Zu- stimmung des Vormundes und Genehmigung des Borniundschastsgerichts erforderlich. 2. Verheiratet sich die Mutter eines außerehelich geborenen Kindes mit einem andern als dem Vater ihres Kindes, so kann der. Ehe- gatte dem. Kinde seinem Namen beilegen. Erforderlich hierzu ist die Zu- stimmung der Mutter und des Vormundes in notariell oder gerichtlich de- glaubigter Form. Ew Beispiel für solchen Antrag finden Sie in deui Führer durch das Bürgerliche Gesetzbuch(Anhang zu dem in den öffent- lichen Lesehallen anslicgcnden„Arbeiterrecht") Seite 221 Nr. 12. Auch können der Antrag und die Zustimmungen zu Protokoll des Standes- beamtcn erklärt werden. Kostenpunkt etwa S— 19 M.—®. A.<8. Ja. — 2 Wettend«. Vom vollendeten 21 Jahre ab braucht weder Fräulein noch Manu die Genehmigung der Eltern zur Verheiratung.— H. K. 77. Wenden Sie sich an die Waisendirektion, Berlin, Alte Jakobstrabe. Dann werden die Verhältnisse Ihrer Freunde erst geprüft und dann über deren Gesuch entschieden.- H. K. 102. Anspruch haben Sie auf die Ver- günsligung nur bis zu Ihrer Heirat. Komme» Sie bei der Eisenbahn- Direttion um das Weitergehende ein.— Woltersdorf. Nein, es sei denn, die Krankheii ist durch Verschulden des Dienstherrn(z. B. Sturz von einer wacklige» Leiter) herbeigeführt.— G. 20. Die Kündigungssrist des Meisters beträgt 6 Wochen zum Ouartalscrsten, sofern nicht andre gültige Kündigungs- fristen vereinbart sind. Gültig ist nur die Vereinbarung einer mindestens monatlichen Frist. Die mit dem Buchhalter getroffene Vereinbarung einer 14 tägigen Frist ist also ungültig; für Sie läuft die gesetzliche sechswöchent- liche zum Quartalsersten.__ Witte» uugsübersicht vom 28. Mai 1002, morgenS 8 Uhr. Stationen KS a»£ N I- aparanda 751 NNO etersburg 756 NW Cork 755 WNW Aberdeen—\— Paris 760 S Wetter (öS i II 2 wolkig 1 bedeckt 3bedeckt Iwolkenl 5 9 11 17 Wetter- Prognose für Donnerstag, den 20. Mai 1002. Zunächst wärmer, ziemlich heiter, bei lebhaften südwestlichen Winden; später Geuutterregen und etwas Abkühlung. Berliner Wetterbureau. Für de» Inhalt der Inserate übcrnliiiuit die Redaktion de», Publikum gegenüber keinerlei _ Berantwortnng._ tSTIjcsifcf. Donnerstag, den 29. Mai. Lperuhaus. Robert der Teufel. Ansang 7t/z Uhr. Schanspielhans. Das große Licht. Anfang 7»/, Uhr. Neues Opern> Theater(Kroll). Geschlossen. Schiller. Zwei Wappen. Anfang 8 Uhr. Tentsches. Faust.(1. Teil.) Anfang 7'/, Uhr. berliner. Kläffer. An fang 7»/, Uhr. Lessing. So leben wir. Anfang 7-/, Uhr. Westen. Di« Fledermaus. Anfang 7'/, Ubr. NeneS. Die Grobstadtlust. Anfang 7V, Uhr. Residenz. Einquartierung. Ansang 7'/, Uhr. CTetitral. Coralie u. Cie. Ansang 7'/, Uhr. Thalia. Gastspiel der Schlierseer. Der Amerika- Sepp!. Ansang 8 Uhr. BeNr.ZIlliance. Die Dame aus Trouville. Hierauf: Er. Ansang 7-/, Uhr. Luisen. Geschlossen. «kael Weift. Die Viper. Anfang 8 Uhr. Seeessionsbnhne. Ein Abenteuer in den Blumensälen. Hieraus: Ein gerissener Schwiegersohn. An- sang 8 Uhr. E. v. Wolzogens Buntes Theater (Ueberbrettl). Anfang 8 Uhr. Schall und Ranch. Serenissimus- Zwischenspiele. Der Fall Moncel. Schöne Seelen. Kollege». An- fang 8>/- Uhr. Orpheus. SpectalitSten-VorsteNung. Anfang 8 Uhr. »riedrich-WilhelnifiadtlscheS. Lumpacivagabundus, oder: DaS liederliche Kleeblatt. Anfang 7'/, Uhr. «harivari. Täglich Vorstellung. Anfang 8 Uhr. Metropol.(Morwitz-Oper.) Martha. Anfang 8 Uhr. Slposio. Lysistrata. Specialitäten- Borflellung. Anfang 8 Uhr. Palast. Ben- Ali- Bei, und fein orientalisches Zauber- Ensemble. Ansang 8 Uhr. CTasino- Theater. Hochzeitsreife. Endlich. Specialitäten- Bor- stellung. Anfang 8 Uhr. Reichshallen. Slettiner Sänger. Ansang 8 Uhr. Passage- Theater. Specialitäten- Vorstellung. Anfang nachmittags 5 Uhr. Passag«> Panoptikum. Speciali- lnlen-VorstiNung. Urania. Tanbcnslr.18/40.(Im Theaterfaal.) Abends 8 Uhr: Dr. E. Dickert: Die Vulkan- Katastrophe von Martinique. Aluvalidenstrafte S7/02. Täglich: Sternwarte._ SWtt'THMtt (WaNner-Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: Xwei Vl'nppcn. fchwank in 4 Akten von Oskar luntenthal und Gustav Kadelburg. Freitagabend 8 Uhr: Unter' blonden Beutien. Der Tlior und der Tod.— Paracelsns.— Post festnm. Sonnabendabend 8 Uhr: Unter blonden Bestien. Der Thor und der Tod.- Parncelsu«.— Post festnni. ____ ♦ Donnerstagabend 7»/, Uhr: Zum 137. Male: „Coralie u. Cie." Schwank in 3 Akt. v. Aldi» Valabrdque und Maurice Hennequin. Morgen u. folgende Tage: Uarolie & Cie. Schall und Rauch (Kleines Theater) Unter den Linden 44. Donnerstag, 29. Mai, ab. fe'/i Uhr: ßerenissinms-Zwiscliensiiiele Gastspiel von Emanuel Reicher. Der Fall Moncel. Schöne Seelen. Kollegen. Urania. mmmmmmammmmmmmmarnKmaa Tauben-Strasse 48/49. Im Theater um 8 Uhr; Dr. E. Deckert: Die Vnlkan- katastroplie von fflarti- nlqne. CASTANS| iklimi Bärenweib! Panopti Frledrlch-Straese 165. Nur noch kurze Zeit: Das �iRiesenphotographien! von.tlartiniqnc, der vom' Erdbebenheimgesuchtenlnsel in West-Indien. Neu! Der ISoercnkrieg. I Passap-Panopflcum.; Die Seejnngfer. Annetta, tätowierte Schönheit, j Der Tigcrknabe, seltsamste Abnormität. Von 4 Uhr nachmittags halbstündlich: Damen-Ringkampf. Thalia-Theater. Tresdeuerstrafte 72/73. Anfang 8 Uhr. — Gastspiel der Schlierseer.— Der Atnerika-Seppl Bauernposse mit Gesang und Tanz in 3 Akten von Benno Rauchenegger. Morgen: Dieselbe Vorstellung. äpolie- Theater Täglich um 7 Uhr: Grosses Garten- Konzert. Um 8 Uhr: 8 vorzügl. 8pecialltiltcn. Um» Uhr: Mit kolossnlein Drfolg: PaulUnche's Operette: Lysistratta iÄÄ„Crigolatls". Im II. Akt: Der Flug durch den Zuschauerraum, ausgeführt von „Preclosa Grigolatls". — Kasseneröffnung 7 Uhr,— iletropol-Ilifiatsf Anfang 8 Uhr. Morwitz-Oper. Heinrich Bötel. Martha, oder: Der Markt zu Richmond.— Freitag, neu einstudiert; Hlgoletto.— Sonnabend: Heinrich BUtel. Der Troubadour._ c arl Weiss-Theater. Grofte Frankfurtersir. 132. Abends 8 Uhr: Die Viper. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Im Garten: Täglich: Gr. Konzert, Theater und Specialitäten-BorsteNung. Anfang SV, Uhn_ Belle-Ailiance-Theater. Abends 7'/, Uhr: Zum 158. Male: Die Dam aus Immk. Schwank mit Gesang it. Tanz in 3 Akten. Mlzzl Birkner. Rosa Marlon. Ferd. Worms.— H. Werckmelster. Hierauf:„Er--. Lebensbild in 1 Akt.- Morg.: Dieselbe Vorstellung. üVinlai'gai'ikn. Reute: DasmlHai-Prograiiiiii! Interessant! AniUsant! Sensationell! 1 Palast-Theater �(früher Feen-Palast) Burgstr. 22. Täglich abends 8 Uhr: Löll-AIi-key u. sein Orient. 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Allen Teilnehmern, insbesondere dem Gesangverein„Norddeutsche Schleife-- für die herzliche Beteiligung bei der Bccrdigmig meines lieben Mannes den hcrzlichstcir Dank. 42678 Witwe A. Huchthausen. Orts- Krankenkasse für die in de» Geschäftsbetrieben d. Anwälte, Notare und GcrichtSvollztcher, der Kraukenkasseu, Vernfs« sicuosseiischaftr» und Versiche« riingö-Austalteu beschäftigten Personen zu Berti». Freitag, den 0. Juni 1902, abends 9 Uhr, in Frankes Festaälen, Sebastianstr. 39: Atcherordeutliche General- VerslUltmluna für die für daö Juhr 1V0Ä gewählt.Herrcn Telcgierten Tagesordnung: Anträge von 37 Delegierten aus Wicderherabsctzuug der Beiträge auf 3 Prozent und ans Abänderung des § 39 Abs. 1 und des Z 67 des Statuts. Berlin, 26. Mai 1962.(273/- Der Voi-sitaud. Cv o h». O h s e. Zlrbcttrr- Radfahrer- Bund Solidarität. Gau 9. Sonntag, den 1. 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Anträge und Verschiedenes.— Bei der großen Wichtigkeit und prindpiellen Bedeutung der Differenzen für den gesamten Bund erwartet zahlreichen und pünktlichen Besuch l»»«! RUcIitor. Die BundeSIeitung wie die benachbarten Brudervereine sind ebenfalls eingeladen._ 239/7* Berel« her M-Uchliiger Berlins und Umgegend. Sonntag, den 1. Juni, vormittags 10 Uhr. im Saal 1 des Cieivei'IisvImktsIr-uissM. Engel-Ufer Nr. 15: AuUwrdeiltliche Getiewl-Vttlaiiinllliiig. Tages-Ordnuug: 1. Statutenberatung. 2. Vcreuisangelegenheiien. 33/11* Der Vorstand. Cog�nac: Deutscher Versohnitt-Cognac a0,90 M. ** deutscher Oognac]~; 1,40„ '«▼v.... Ii; 2,40 n vn.... J|=i mo„ Franz. Verschnitt...... 2-„ Franz. Cognac.. M. 2,40 u. 2,75 Franz..... 3,90 u. 5,40„ Vefe!iiBerl.0iwtlierrsch9[tenu.Diei)staiigestellten SonnabencI, 31, Mai. pünktlich abds. 8 Uhr, bei IbarrS-bkllrrlcd, Steglitzerstr. 35: Liedcrvorträge der Opemsängerin Frl. Maria M. Vau Gelder auS Metz. 1. StimmungSlied von Nina v. Kamm- 1 3. 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Manolesco soll ein höchst gemeingefährlicher Mensch sein, der getverbsmnstig Hoteldiebslähle begeht und der jetzt vier solcher Drebstähle beschuldigt ist. Ter Mitangeklagte Skaniperl soll sich der Hehlerei und der Begiinstignng schuldig gemacht haben Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor R o e s e l e r, die Anklage- behörde vertritt Staatsanwalt B e n s ch e, der Angeschuldigte Manolesco wird vom Rechtsanwalt Dr. Schwindt verteidigt. Da der Verteidiger Zweifel an der vollen Zurcchnungsfähigkeit des Manolesco erhoben hat, find vier medizinische Sachverständige, Pro- fessor Koeppen, Sanitätsrat Dr. Mittenztveig, Kreisphhsikus Doktor Leppmann und Privatdozent Dr. Puppe gciadc». Ansterdem ist ein Dolmetscher der rumänischen Sprache antvesend, da Manolesco des Deutschen nur unvollkommen mächtig ist. Beide Angeklagten bestreite» ihre Schuld. Aus der Vernehmung des Angekl. Manolesco geht hervor, dastder, selbe eine höchst wechselvolle, aber wenig rühmliche Vergangenheit hat. Er ist am IS. Mai 1871 in Ploesci in Rumänien geboren, also jetzt 31 Jahre alt. Sein Vater, der jetzt als Rentner lebt, soll in Runiänie» früher die Stelle eines Unterpräfekten bekleidet haben und Rittmeister gewesen sein. Der Angeklagte erklärt, dast er auch für den Militärstand bestimmt wurde. Cr ist in verschiedeneu Länder» wegen Hoteldiebstahls vorbestraft tvorden. Mehrere seiner Verwandten befinden sich im Jrrenhause. Der Vorsitzende geht zur Erörterung der vier D i e b st ä h l e über, die dem Angeklagte» Manolesco jetzt zur Last gelegt werden. Nachdem der Letztere in Begleitung eines inzwischen angenommenen Dieners Reisen»ach S p a a und Monte Carlo gemacht hatte, wo er ein fleistiger Besucher der Spielsäle geivesen lvar, wandte er sich wieder nach' Berlin. Ivo er zunächst im Kaiserhof abstieg. Am folgenden Tage traf Manolesco den Mitangeklagten Skaniperl au der Straste. Er kannte ihn von früher. Sie sollen von dieser Zeit an freundschaftlich nnt einander verkehrt haben. Als dem Angeklagten Manolesco dies vom Präsidenten vorgehalten wurde, warf er einen Blick voll Geringschätznng und Mitleid auf seinen Leidensgefährten und erividerte:«Herr Doktor, ich der Fürst Lahovari'»nd dieser Mann, der halb so grost wie ich und Jude ist?" Skamperl tvohute in dem bekannten Quartier von Eger, Jägerstr. 13. Er veranlastte, dast auch Manolesco vom Kaiserhof nach dort übersiedelte. Am Tage zuvor, nachmittags gegen 2 Uhr, benierkte der Hotelpage Emil Bellgardt, der damals im Hotel Continental Thürtvache hatte, dast ein fein gekleideter Herr mit gut gepflegtem, stark emporgedrehten Schnurrbart das Hotel betrat. Um dieselbe Zeit bemerkte der im Dienst des G rostherz ogs von Ol den- bürg stehende Hoflakei Anton Alm, dast die Thür zum Schlafzimmer seines Herrn von innen zugezogen wurde. Er sah einen fein ge- kleideten Herrn, der im Begriff war, nach dem Toilettentisch zu gehen. Der Diener fragte den Herrn, ivas er wünsche. Der Ge- fragte drehte sich um und kam unter dem Zeichen der Verlegenheit mit der Gegenfrage hervor, ob der Grostherzog von Oldenburg zu Hause sei. Der Diener fragte ihn tviederuin, ivas er wünsche, und erhielt dann die Antivort, dast der Prinz Georg von Sachsen sich mit dem Grostherzog von Oldenburg um 1 Uhr treffen wollte. Der Fremde holte dabei eine Karte mit einer Fürstenkrone hervor, die er dem Diener oberflächlich zeigte, dann wieder einsteckte und sich rasch entfernte. Am nächsten Tage, ungefähr um dieselbe Zeit, betrat der Fremde wiederum das Hotel und ging den Aufgang empor, der zu den Zimmer» des russischen Adjutanten Niloff und dessen Gemahlin führte. Diese hatten sich bereits in den Speisesaal begeben. Als die Ehefrau Niloff gegen 4 Uhr ihr Zimmer wieder betrat, entdeckte sie, dast ihr aus 47 in Gold gefastteu Perlen bestehendes Halsgcschmeide, das einen Wert von 40 000 M. hatte, verschwunden war. Diesen Dieb stahl soll Manolesco begangen haben, was aber von ihn, entschieden bestritten wurde. Bald darauf verzog Manolesco mit seinen, Diener nach den, Hotel Stadt London. Während Manolesco und Skamperl vor diesem Diebstahl wenig Geld gehabt hatten, verreisten sie nach demselben für einige Tage und kehrten mit reichliche» Mitteln zurück.— Am Abend des 24. Dezember, als das Personal des Hotels Bristol sich zur Weihnachtsbescherung in einem Saale versammelt befand, wurden verschiedene Zimmer der Hotelgäste von einen, Diebe heim gesucht. Dem mexikanischen Mi»ist er v. Gallards wurden Wertsachen zum Betrage von 660 M. und drei andren Hotelgästen Schmuckgegenstände zum Gesamtwerte von gegen 800 M. gestohlen. Diesen Diebstahl giebt Manolesco zu.'Eine reiche Beute fiel dem Angeklagten in die Hände, als er in diebischer Absicht am 28. Dezember 1S00 de», Hotel Kaiserhof einen Besuch abstattete. Er enttvendete ans dem Zimmer des Ritter- gntsbesitzers Scfiw. einen Ring mit Smaragden zum Werte von 3000 M., eine Garnitur Perlen zum Werte von 2S00 M. und noch einige andre Schmucksachen zum Gesaintiverte von 2500 M., so dast dem Bestohlenen insgesamt ein Schaden von 8000 M. zugefügt wurde. Manolesco reiste mit seiner Beute nach Dresden und ve'r- silberte dort einen Teil. Dann ivandte er sich nach den, Süden. Am 15. Januar 1301 wurde er in Genna festgenommen. Skamperl hatte sich nicht nur durch seinen regen Verkehr mit Manolesco verdächtig gemacht. Er soll auffallend viele Juwelen und Perlen besessen und obgleich er damals keine Stellung hatte, im Berkehr mit Damen der Halbwelt viel Geld verausgabt haben. Er bestritt entschieden, dast er des näheren mit Manolesco, den er nur als Fürst Lahovari gekannt habe, bekannt gewesen sei. Der an- gebliche Fürst habe ihm von seiner Heirat erzählt und dast er jetzt in Scheidung liege und da habe er angenommen, dast die Pretiosen der Frau Fürstin gehört hätten. Allerdings habe er wiederholt kleinere Reisen nach Breslau, Posen, Leipzig usw. gemocht, aber nicht um im Auftrage Manolescos Schmucksachen zu verkaufen, sondern »m sich de» Direktoren der Specialitätentheater vorzustellen. Er sei durchaus unschuldig und berufe sich auf seine bisherige Un- bescholtenheit. Bevor zur Zeugenvernehmung geschritten wurde, wurden die medizinischen Gutachter vernommen. Dieselben gaben überein- stimmend ihr Gutachten dahin ab, dast der Angeklagte geisteskrank sei und anstatt ins Gefängnis ins Irrenhaus gehöre. Der Angeklagt« sei ertlich belastet, seine Mutter wie sein Bruder seien bereits in einer Irrenanstalt gewesen und nach den Briefen zu»r< teilen, die von ihm geschrieben seien, scheine auch der Vater des An- geklagten an Wahnideen zn leiden. Nach diesem Gutachten konnte sich die Zeugenvernehmung auf die Anklagepunkte beschränken, die den Ali geschuldigte n Skamperl betrafen. Der Staatsanwalt erklärte beim Beginn seiner Ausführungen, dast es der Anklagebehörde ziemlich gleichgültig sein könne, ob Manolesco ins Gefängnis oder ins Irrenhaus komme. Werde er freigesprochen, so mache er jedenfalls einen schlechte» Tausch, denn anstatt 10 Jahre Gefängnis, die ihm im höchsten Falle treffen könne, winke ihm das Irrenhaus auf Lebenszeit. Der Staatsanwalt be- antragt« in erster Linie die Verurteilung Manolescos zn zehn Jahre» Gefängnis, im Falle einer Freisprechung dessen unmittel- bare Uebersührnng nach der Dalldorfer Irrenanstalt. In betreff des Mitangeklagten Skamperl hielt der Staatsanwalt, im Fall einer Freisprechung Manolescos. dennoch eine Unterschlagung für eriviesen, denn Skamperl hatte über«ine Anzahl Schmucksachen verfügt, die Manolesco ihn, anvertraut hatte. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Schlvindt, hielt es für zweifellos, dast Manolesco dem Irren Hause verfallen sei, bestritt aber austerdem, dast Skamperl aus röcht lichcn Gründe» verurteilt werden könne. Der Gerichtshof sprach de« Angeklagte» ManoleSco frei, konnte auch nicht zu der Ueberzeugung gelangen, dast Skamperl eine Unterschlagung begangen, da dieser die ihn, von Manolesco ver- pfändeten' und von Skaniperl weiter verpfändeten Sachen jederzeit wieder einlösen konnte. Aus diesem Grunde sei auch Skamperl freizusprechen.__ Berliner Partei-Angelegenheiten. Heute abend S'/a Uhr findet in der Ressource eine Versamm lung des Wablvereins in, dritten Kreise statt. Reichstags Abgeordneter Max Schippe! spricht über.Die agrarische Obstruktion und der Brüsseler Zuckervertrag". Gäste sind will kommen. Für Damen ist die Galerie reserviert. Wahlverci» Weifiensce. Heute abend 8l/s Uhr findet bei Kühne, Rölkestr. 20, eine wichtige Besprechung über die Gemeinde- verordneten-Wahlen statt. Die Wahlen sind bereits am 6. Juni; es ist zahlreiches Erscheinen geboten. LtfltnstfS. AnS dem„Kinderheim" in Fiirstenwalde erhalten wir eine Zuschrift, die als„Berichtigung" der von uns in Nr. IIS über diese Anstalt gemachten Ausführungen gelten lvill. Sie ist unterzeichnet von den, Anstaltsleiter Pastor Bmgdorf und dem Anstaltsarzt Dr. Hilschenz. Die Herren berufen sich auf das Prestgesetz, halten sich aber in ihrer Ertviderung fast nirgends an die sie selber angehenden Bestimmungen dieses Gesetze?, das sie entiveder nicht verstanden oder überhaupt noch niemals gelesen haben. Der Herr Pastor und sein Arzt bestreiten mit keinem Wort die lhatsächlichen Angaben, die Ivir über die Beschaffenheit der Räume gemacht haben, in denen das„Kinderheim" haust. Sie sind nur— im Gegensatze zu uns— der Ansicht, dast die so be- schaffenen Räume nicht den Anforderungen der Hygiene wider- sprechen. Sie stellen das an die Spitze ihrer Erwiderung— mit vollen, Recht: denn in den, Lichte dieses Satzes erscheinen die in der Anstalt herrschenden Zustände allerdings begreiflich. Wen» es den Leitern eines„Kinderheims" als den Anforderungen der Hygiene nicht widersprechend erscheint, dast die Wände nicht mit Oelfarbe überzogen, die Fustböden nicht gestrichen sind dast zwischen den Dielen breite, unverkittete Ritzen sich als Sammelstätte für allerlei Krankheitserreger darbieten, dast bei ansteckenden Krankheiten, wie z. B. erst vor einigen Monaten bei Scharlach, kein Raun, zur raschen und sicheren Isolierung vor- Händen ist— wenn das alles mit de» hygienischen Anforderungen die»ran an eine Anstalt für Säuglingspflege stellen niiist, vereinbar sein soll: ja, d a» n d n r f ni a n sich wirklich ü b e r nichts mehr wundern. Dam, bleibt nur noch übrig, zu ivünschen, dast die Aufsichtsbehörde den Herrn Pastor sanit seinem Arzt recht bald und recht nachdrücklich eines ander» belehrt. Der von uns ausgesprochene Verdacht, dast in den,„Kinder- heim"— ähnlich Ivie in gewisse» andren Anstalten— nicht die Sachverständigen, als welche wir de» Arzt und die Hausmutter an- gesehen hatten, sonder» der Herr Pastor zu b e st i in in e n habe, ivird mit Bezug auf den Arzt als unzutreffend bezeichnet. Dieser sei ausdrücklich gebeten, diätetische und hygienische Mastregeln, „soweit sie irgend hier ausführbar sind", anzuordnen; die ärztliche» Anordnungen seien auch ohne weiteres ausgeführt worden. Man beachte den Ausdruck:„soweit s i e irgend hier aus- führbar sind!" Welche Rolle bei der Beurteilung der Aus- führbarkeit die Geldfrage spielt, ivird nicht gesagt. Auf unsre Vermutung, dast auch in,„Kinderheim", tvie in ähnlichen Anstalten privater Vereinigungen, lediglich aus Mangel an Mitteln— trotz dem Arzte— auf Verbesserungen verzichtet werden»rust, wird mit keinen, Worte eingegangen. Entgegengetreten Ivird der von uns im Hinblick auf die hohe Sterblichkeit geäußerten Ansicht, dast das„Kinderheim" völlig durchseucht sei. Hinterher must jedoch bestätigt tverden, dast n,it den Pflcgc-Erfolge», die in diesen nach Ansicht des Herrn Pastors und seines Arztes nicht durchseuchten, den Anforderungen der Hygiene nicht widersprechenden Räumen erzielt worden sind, kein Staat zu machen ist. Die Herren gehen allerdings nur sotveit, zuzugeben, dast die Erfolge„nicht besser" sind als„in den unter Leitung be deutender Autoritäten stehenden ähnlichen Anstalten." Der Ausdruck „uicht besser" läßt der Phantasie weiten Spielraum. Er schließt in sich eine lange Stufenleiter von Möglichkeiten, von„ebenso schlecht bis zu„sehr viel schlechter." Gegen letztere Annahme spricht freilich die Versicherung, dast die Sterblichkeit im Sommer im„Kinderheim" uicht größer sei als in andern Anstalten. Hinzugefügt wird»och, dast in andren Monaten nur wenig Sterbefälle vorgekommen seien. Daß die Polizei über die Zahl der Meldungen gelegentlich ihr Befremden geäußert hat, soll uicht wahr sein. Fragen Sie doch einmal an, Herr Pastor! Die Erwiderung beschäftigt sich auch mit unsren Angaben über die Verkümmerung der noch am Leben gebliebenen Kinder. Nicht bestritten wird, dast nur wenige eine annähernd normale, ungefähr ihre», Alter entsprechende Entwicklung haben. Dafür wird aber versichert, von 32 Kindern seien nur 4„besonders abgemagert"; 1 davon habe Tuberkulose. 1 erbliche Syphilis, 2 Darmkatarrh. Was mögen der Herr Pastor und sein Arzt unter„besonders abgemagert" verstehen— dieselben Herren, die die oben geschilderten Räume für den Anforderungen der Hygiene nicht widersprechend erklären?! An Personal soll's nicht fehlen. Auf 26 Kinder soben wurde von 32 gesprochen), darunter 3 Säuglinge, kämen außer der Hausmutter 4 Pflegerinnen. Ueber die von uns angezweifelte Be- ähigung der Pflegerinnen wird geschtviegen. Dafür wird hervor- gehoben, dast zwei Säuglinge sogar Ammen haben. Es sind, tvie ivir hinzufügen wollen, im Ort ansässige Frauen, die für ihre Dienste von den zahlungsfähigen Eltern dieser glücklicheren Säuglinge besonders entlohnt tverden. Jenes Kind, das aus der Anstalt genoinmen wurde und dann von einem Arzt(nicht dem Anstaltsarzt) als„verwahrlost" bezeichnet wurde, soll diese Bezeichnung nicht verdienen. Die An- gaben der Zuschrift über diesen Fall lassen uns vermute», dast der Herr Pastor und sein Arzt dabei an ein andres Kind denken als wir. Wir sind zwar über die Schicksale verschiedener Pfleglinge des „Kinderheims" unterrichtet— wenn's den Herr» Pastor gelüstet, so erzählen wir gelegentlich mehr davon— aber, das Kind, das ihm da vorzuschweben scheint, kennen wir verinntlich nicht. Wir können daher nicht wissen, warum er auch von diesem Kinde annimmt, dast es von einem andern Arzt als dem Anstaltsarzt als„ver- wahrlost" bezeichnet worden sei. Unsre Mitteilung, dast das Kinderheim künftig keine Säuglinge mehr aufnehmen und sich nur noch auf die Erziehung älterer Kinder beschränken soll, wird in der Zuschrift be- stätigt. Der Herr Pastor und sein Arzt behaupten sogar, die Säug- lings-Pflege sei„schon seit einigen Monaten aufgegeben". An andren Stellen jedoch sagen sie selber, dast noch jetzt Säuglinge bei ihnen sind. Vor einigen Monaten ist wohl der B e s ch l u st gefaßt tvorden, die Säuglingspflege aufzugeben. Wir empfehlen, diesen Beschlust dahin zu ertveitern, dast das„Kinderheim" seine Pforten gänzlich schließt. Wer in dieser Weise Kinderpflege treiben will, wie es in dem„Kinderheim" des Pastors Burgdorf geschieht, der thut besser, wenn er seine Hände davon läßt. Die socialpolitische Rückständigkeit der libernlen Stedt- Väterschaft ist gestern von neuem z» Tage getreten. In der gestrigen Sitzung des Stadtverordueten-Ausschusses zur Beratung des An- träges des Stadtverordneten Augustin und Genossen über die Auf- hebniig der Magistrats-Verfügun'g vom 2g. Oktober 1901 bezüglich der Nichtanwendung des K 016 des Bürgerlichen Gesetzbuches hat man nach langer Erörterung unter dein Vorsitz des Stadtverordneten Louis Sachs I und in Gegenlvart des Magistratsvertreters Stadtrat Nainslau mit groster Mehrheit beschlossen:„den Antrag Augnstin und Genossen abzulehnen und dem Magistrat de» Wunsch zu unter- breiten, einige Vorschläge bezüglich der unverschuldeten Krankheits- fälle und der Fälle'militärischer Uebungen bei den städtischen Arbeitern in Berücksichtigung zu ziehen". In der gestrigen Sitznng der Bandepntation U wurde das Gesuch wegen Herstellung einer neuen Brücke zur Verbindung der Kreuzbergstraste mit der G r o st g ö r> ch e n st r a st e über die Pots- damer Eisenbahn hinweg abgelehnt. Grundsätzlich zugestimmt ivurde der Durchführung der U t r e ch t e r st r a st e bis zur Hennigsdorfer- und Maxstraste sotvie die Anlegung einer Verbindungsstraste zwischen Berg- und Gartenstrnste anf dem Gi lindstück der Hoppeschen Maschinen- fabrik im Zuge der T i e ck st r a st e. Die Maschinenfabrik ist verlegt und soll nunmehr das große Terrain der Bebauung erschlossen worden. Die Verminderung der Zuzüge»ach Berlin hat auch in diesem Jahre bisher noch fortgedauert. Die Zuzüge sind in den ersten vier Monaten noch geringer geivesen als in demselben Zeitraun» des vorige» Jahres, obivohl bereits das vorige Jahr eine Verminderung gegen das vorvorige gebracht hatte. In den Monqten Januar, Februar, März, April des Jahres 1902 tvurden rund 74 000 Personen als zugezogen gemeldet, während in denselben Monaten des Jahres 1901 die Meldungen noch rund 76 000 Zu- gezogene ergeben hatten. Hiernach sind die Zuzugsmeldungen im laufenden Jahre bereits Ivieder um 2000 hinter denen des Vor- jahrcs zurückgeblieben. Andrerseits ist die iin vorigen Jahre ein- getretene Vermehrung der F o r t z ü g e aus Berlin i» dem lanfeudcn Jahre noch nicht zum S t i l l st a n d g e- k o in m e ii. Als fortgezogcn wurden von Januar bis April 1902 rund 70 000 Personen gemeldet. Da in denselben vier Monaten des vorigen Jahres nur rnud 69 000 Fortzüge gemeldet worden waren, so hat das Jahr 1302 gegenüber dem Vorjahre bereits Ivieder ein Mehr von 1000 Fortzug'smcldnngcn aufzuweisen. Die Stadtverordneten-Vcrsammlnng hat sich in ihrer heute nachmittag 5 llhr stattfindenden Sitzung u. a. mit folgenden Gegen- ständen der Tagesordnung zn befassen: Vorlagen betreffend: die � Verleihung des Emilie Menzel-Slipendiums— und die Abänderung des Ortsstatuts für das G e iv e r b e g e r i ch t der Stadt Berlin.—■ Antrag von Mitgliedern der Versammlung betreffend die durch den neuerlichen Synodalbeschlust hervorgetretene Gefahr einer z iv e i- st ü n d i g e n Schließung der G a st st ä t t e n an den Vor- mittage» der Sonn- und Feiertage.— Vorlagen betreffend: eine Nachbetvilligiing zu den Kosten der Anlegung eines Tief- brunncns auf dem Friedhofe Friedrichsfelde,— die Wahl des Stadt- verordneten Hinz in das Plenum der A r m e n d i r e k t i o n zur Ver- tretung der Abteilung für die Vertvaltuug des Arbeitshauses, — eine anderiveite Zusainmensetzung der Mitglieder der Armeiidirektion,— den Abschlust eines Vertrages mit der Gemeinde Dalldorf wegen Verlegung von Gasröhren und Kabeln durch Straßen des' Genieindebezsiks Dalldorf,— mehrere bauliche Ab- änderiuigen in dem Projekt ziun Neubau eines Straßenreinigungs- Depots in Verbindung mit dem Erweitenmgsbau der IV. Realschule, in der Dieslelnieyerftraste,— die Hinzumietnng von Räumen für die Stener-Annahmestelle Xb im Markthallcngebäude Tresckotv- straste 11,— die Ueberlassnng des an das Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kiiiderkrankeiihaus angrenzenden städtischen Terrains als Spielplatz für die in diesem Krankenhause untergebrachten Kinder,— die erfolgte Bauabnahme des Eriveiterungsbaues des Hauses V der Irrenanstalt Dalldorf und des Neubaues des Vierfamilien« � Hauses auf der Kolonie der Jrrcuanstalt Dalldorf,»» die Ver« Wendung der Erträge der Friedrich Wilhelin-Stiftung zur Förderung des deutsche» Kunstgewerbes für das Rechnungsjahr 1901,— die Entschädigung des Eigentümers Eduard Jacobsohu für sein Grund« stück Siegmnndhof 13/14 aus Anlast der Anrampung der Achenbach- Brücke,— Beschaffung von Instrumenten für den Stadteleklriker,— die Erwerbung der zur Freilegiuig der Straße am Rudolfplatze und der Straste 4-1, Abt. XIV des Vebauungsplaiies, erforderlichen Flächen,— die Verstärkung der Zahl der Mitglieder der Deputation der st ä d t i s ch e n W a s s e r>v e r k e— und die Bewilligung von 40 000 M. für die auf den Antillen in Not geratenen Personen.— Außerdem findet am Beginn der Sitzung die Ein» führung und Verpflichtung der neiigcwählteu Stadtverord« n e t e u R e ch t S a n>v a l t G a l l a n d und Kaufmann Modler statt. Die künstlerische AnSschmücknng der Lesstugbrttcke beschäftigte gestern(Mittwoch) die städtische Hochbau-Deputation in längerer Sitzung. Man hat in Aussicht genommen, an den vier Pfeilern der Brücke ein Porträt L e s s i n g s und drei allegorische Scenen auS seinen Werken anbringen zu lassen, nämlich: Lessingj als Streiter gegen den Aberglauben, Minna von Barnhelm <13. Austritt des fünften Aktes, die Versöhnung nnt Tellheim be« handelnd) und ans Nathan der Weise die Scene mit Saladin und den drei Ringen. Die Deputation machte die Beschlustfassmig hierüber von der Vorlage der Skizzen abhängig, welche zunächst von einem aus fünf Mitgliedern bestehenden Ausschüsse begutachtet werden sollen. Als literarischer Berater wurde dem Ausschüsse der Stadtschulrat Dr. Gersteuberg beigegeben. Die fortgesetzten Beschwerden über die Verkehrsanlagcn des P o t s dfa m e r Platzes haben die städtische Baudeputation ver- anlaßt, abermals eine Abänderung der Bürgersteige und Insel- Perrons an der Seite der B e l I e v u e st r a st e und der Einfahrt zum Potsdamer BahnhofS-Gebäude in Vorschlag zu bringen. Au diesen Stellen sollen die Bürgersteige ettvas zurück» gezogen und abgerundet werden. Die Deputation empfiehlt dem Magistrat, diese dem Fußgänger« und Wagenverkehr gleich dienlichen Abänderungen bei Gelegenheit des Einbaues der unterirdischen S t r o m z u f ü h r u n g s k a u ä I e der Großen Berliner Straßeiibahu- Gesellschaft ausführen zu lassen. Das Polizeipräsidium hat sich mit diesen Abänderungen einverstanden erklärt. Zur Affaire GanSwindt. Der SkepticismuS, mit dem das Publikum durchweg daS Gebahren des Herrn Ganswindt betrachtet, wird seltsamerlveise am wenigsten von seinen früheren Angestellten geteilt. Mehrfach schon ergingen aus deren Kreisen Mitteilungen an uns, worin gegen die Auffaffung. als ob man es' in dem„Erfinder" mit einem Schwindler zu thun habe, lebhaft protestiert wurde. Auch heute erhalten wir von einem ehemaligen Werkmeister des Herrn Ganswindt eine Zu- schrist, die wir ihres in dieser Hinsicht charakteristischen Inhalts wegen abdrucken wollen. Der Herr teilt uns mit, dast er sein Erspartes bei Herrn GanSlvindt angelegt und nicht die geringste Veranlassiuig gesunden habe, gegen die Verwendnug der Herrn GanSlvindt anvertraute» Gelder Einspruch z» er- heben. Er habe Herrn Ga>i?lvi»dt als ewe Persönlichkeit vo» ehrenhaften und gewissenhaften Charakter kennen gelernt. Was nun de» am Sonnabend abgehaltenen Lokaltermin angehe, so sei von einem Miszgliickcn der genannten Vorfiihrnngcn keine Llcde ge- Wesen, vielmehr wären sämtliche Vorfiihrnngen ans das präciseste gelungen. Wörtlich fährt die Zuschrift dann fort: Das Sach- verstniibigcn-Kvmitee urteilt angeblich so, day die Flngschranbe, in» Freien stehend, wenn sie nicht den Klavicrsaitcndraht'znr Führung hätte, Hinfallen würde, noch bevor die 5» ihrer Hebung nötige Umdrehungsgeschwindigkeit erreicht wäre. Sic würde sich, so meinen die Herren, angeblich eher in die Erde hinein als in die Luft bohren, dein halte ich entgegen, daß thatsächlich die Flngschranbe, noch bevor von einer Führung derselben zn denken war, in einem Gestell ans Bambus � mit 6 Füßen, auf welches die Herren Sachverständige» hingewiesen lvnrden, mit dem im Lolaltcrinine bcnichtcn Llntrieb in Betrieb gesetzt, den Beweis geliefert hat, daß ein Umfallen, bevor die genügende zur Hebung des Apparates er- forderliche Nvtationsgeschwindigkcit erreicht ist, nicht eintreten konnte. Gerade infolge des Notationsgcsctzcs kam es, daß je schneller die Umdrehung statlfindet. die Schraube desto genauer sich centriert und auch noch nicht Vro Millimeter seitliche Schwanlnngeu zn konstatieren waren. Und das trotz deS nngnnstigen, nach einer Seite Ziehenden Antriebes mit dem Eclvicht, was bei einem Motor- antrieb vollsländig ausgeschlossen ist, da bei diesem der Antrieb rentrisch wirkt. Der oben erwähnte Führnngsdraht, der merk- würdigerweise vom„Beil. Tagcbl." als Drahtseil bezeichnet worden ist, dient nur dazu, den Apparat daran in der erreichten Höhe vcr- Mittelst einer Vorrichtung automatisch festzuhalten. Da wir die Mitteilungen des„Verl. Tagebl." wiedergegeben haben, glaubten wir dieser Zuschrift die Aufnahme nicht versagen zn dürfen, obgleich sie uns in nnsrer skeptischen Beurteilung der Gans- wiirdtschen Angelegenheit nicht beirren kann. Militärische Familicu-Untcrstiitznngen. Den Familien der zn llebnngen eingezogenen verheirateten Landwehrlcute und Reser- visten wird bekanntlich für die Zeit der Uebung eine kleine Unter- slütznng gewährt und zwar sind ausgesetzt für die Frau 30, für jedes Rind 10 Proz. des ortsüblichen Tagelohnes. Es wird Nun jetzt amtlich darauf aufmerksam gemacht,' daß diese Unterstützung schon nach dem Tage der Abreise deS Uebnngspflichtigen zur Truppe znhlfällig ist und abgehoben werden darf. Es ist eine irrige Annahme, daß die Unterstützung erst nach Ablauf der Uebnng an den Uebnngspflichtigen selbst zn zahle» sei. Jni Fall einer vorzeitigen Esitlassrmg eines zur Uebung Eingezogenen, vielleicht infolge von Krankheit, fordert sich die Behörde den zuviel gezahlten Betrag zurück. Der Anspruch auf Unterstützung ist bei der Ortsbehördc(Magistrat, Bürgermeisteramt zc.) zu stellen, und erlischt, wenn er nicht spätestens vier Wochen nach Beendigung der Uebnng erhoben wird, Im Zeiche» deS Verkehrs. Der Polizeipräsident giebt folgendes bekannt: Aus Anlaß der am 30. Mai d. Js., vormittags 9 Ilhr, auf dem Tempclhofer Felde stattfindenden Parade wird die Tempelhofer Chaussee von 8 Uhr an bis zur Beendigung der Parade für jeden Verkehr gesperrt. Die Bcllcalliancestraße und die Lichtcrfeldcr» straße dürfen von Lastlvagen während der Zeit vom Ausrücken der Truppen bis nach dem Einmarsch derselben in die Stadt nicht bc- fahren werden. Der Betrieb der Straßen- bezw. Pferdebahn- und OnmibrISlinien wird auf der Tempelhofer Chaussee und den ans Berlin nach dem Tempclhofcrfelde führenden Straßen(insbesondere auch in der Fricdrichstraße) mit dem Beginn des AnSmarscheS der Truppen(etwa von 7 Uhr ab) bis zur Aufhebung der Absperrung eingestellt beziv. eingeschränkt oder abgelenkt. Das«tigcblichc Anftretrn der Familie Hnmbert irr Berlin war gestern morgen der Polizei gemeldet worden, und hat zu den sensationellste» Gerüchten Veranlassung gegeben. Ein Herr und ztuci Damen, die das Cnfo Fielitz in der Prenzlauerstraße besucht hatten und dort in allerdings auffälliger Weise mit Geld hantierten, er- regten die Aufmerksamkeit eines GafteS, und dieser wie auch das Personal der Konditorei glaubten nachträglich in den in illustrierten Zeitungen enthaltenen Abbildungen der' Hnmbertschen Familie in der oben genannten Gruppe die französischen Millioncnschwindler wieder zn erkennen. Die Feststellungen der Kriminalpolizei haben ergeben, daß die beobachteten drei Personen mit den gesuchten HumbertS nicht identisch sein küunen, wie es übrigens auch un- wahrscheinlich ist, daß sie sich nach Berlin gewandt haben sollen. „Die Woche" des Herni Scherl ist wieder einmal in der Fixigkeit allen andern Blättern über gewesen. Sie brachte in ihrer letzten Nummer die Porträts der Familie Hnmbert. Diese Bilder find mm aber, wie das„Berliner Tageblatt" meldet, nach Angabe der hiesige» Kriminalpolizei total irreführend, da sie auch keine Spur von Aehnlichkeit besitzen. Den Schaden davon hat die Kriminal- Polizei, die die einzelnen Anzeigen verfolgen muß, was ihr viel Arbeit verursacht, ohne daß etwas herauskommt. Das Polizeipräsidir»» teilt mit: Am 23. April er. hat ein junger Mann bei einem Pfandleiher eine lange goldene Hkarätige Damen-Uhrkctte mit Schieber, auf demselben Opalstein mit Perlen, versetzt, welche er in der Angnststraße gefunden haben will. Der Eigentümer dieser Kette ist bis jetzt noch nicht ermittelt. Die Kette rührt zweifellos aus einem Diebstahl her. Der Eigentümer der Kette kann sich in den Vormittagsstunden von 8—1 Uhr im Zimmer 37 melden oder Nachricht zu Nr. 4857 IV. 18. 02 hierher gelangen zn lassen. Das Konkursverfahren ist über das Vermögen des„Fabrik- direktors" Heinrich Briese ans der Bellc-Alliancestr. 26 eröffnet worden. Briese, ein Mann von 42 Jahren, ist seit acht Wochen ver- schtvunde». Seit einem Jahre Vertreter des hiesigen Zweiggeschäfts der Nademannschen Nährmittelfabrik zn Frankfurt a. M.. nannte er sich„Fabrikdirektor", wohnte mit seiner Frau, mit der er in kinderloser Ehe lebt, für 1200 M. im ersten Stock und pumpte, so viel er nur bekommen konnte, im ganzen zwischen 30 und 40000 M. Vor acht Wochen redete er seiner Frau, die er mittellos zurückließ, vor, daß er nach Posen reisen müsse, weil sein Vater schwer krank sei, ging über die Grenze und kehrte nicht wieder zurück. Seine Gläubiger und der Hansivirt habe» das Nachsehen. Bon seinem eignen Wagen überfahren wurde gestern der 24 Fahre alte Kutscher Neinhold Schepphan, der bei dem Fiihrbcrrn Rodemaim in der Müllerstr. 33kr beschäftigt ist. Der junge Mann schlief in der Luisenstraße ein und fiel so unglücklich vom Wagen, daß ihm die Räder über den Unterleib ginge». Schwer verletzt wurde er von einem Schutzmann des ö. Reviers nach der Charilö gebracht. Das Opfer eines Unfalls ist der 41 Jahre alte Adolf D o b i s ch i n s k i aus der Görlitzerstr. 71 geworden, der früher in der Skalitzerstraße eine Schanlwirckschaft betrieb nnd seit IVs Jahren als Kistenmacher arbeitete. Der Mann besuchte am ersten Pfingst- feiertnge einen Landsmann und Hausgenossen, tzi» ans ein paar Stunden an einer Geburtstagsfeier teilzmichmen. Als er kurz vor Mitternacht in seine Wohnung zurückkehren wollte, verfehlte er die oberste Stufe eines scchsstufigen Treppenabsatzes und stürzte so miglücktich, daß er sich schwere äußere und iimerc Verletziiiigen ziizog. Diese» ist er jetzt in seiner Wohnung erlegen. Der Verunglückte hinterläßt seine Frau mit vier Kindern im Alter von 1 bis 12 Jahren. Verhaftet Ivnrde in einem hiesigen Gasthofe ein H a n d l u n g s- g e h i l f e Karl Graf, der nach Unterschlagung einer größeren Summe aus Wien entflohen war. Der Verfolgte war so dreist, in einem Gasthose in der Nähe deS Polizeipräsidiums unter seinem richtigen Namen zn wohnen und von hier aus Briefe nach Wien zu schreibe». Seine Spur wurde daher leicht gefunden und er von der Gasthofspolizei ermittelt und festgenommen, um nach Wien aus- geliefert zu lverde». Von dem veruntreuten Gelde fand man bei rhm noch einen erheblichen Teil. Graf ist geständig. Unglückliche Liebe hat nach ihrer Angabe die 20 Jahre alte Verkäuferin Marie Hartmann, die seit Sonnabend vor acht Tagen vermißt wurde, in den Tod getrieben. Das Mädchen bezog am' 14. d. M. in der Schönholzerstraße 14 eine Schlafstelle, erzählte Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid i den Wirtslenten, daß eS in einer Bäckerei angestellt sei, und klagte ihnen, daß eS vom Bräutigam treulos verlassen worden sei. Drei Tage später ging die neue Mieterin weg mit dem Bemerken, daß sie eine Frcrurdin besuchen wolle. Von diesem Ausgange kehrte sie nicht wieder zurück. Vorgestern, Dienstag, fand man sie als Leiche im Humboldthafen. Slrend-Iaegiielin-Ellegaard in Berlin. Die Begegnung der drei Wcltmeistcrfahrcr wird sich in diesem Jahre zum erstenmal im Sportpark Friedenau vollziehen, nnd zwar gelegentlich der Reimen am nächsten Sonntag(1, Juni), die anfänglich auf der Rad- reimbahn Kurfürsten Damm geplant waren, min aber in Friedenau abgehalten werden. In der Hnuptkonknrrenz des Tage?, die einen ersten Preis von 1000 M. aufweist, werden den drei Matadoren noch gegciiübcrstchcn der Belgier van den Born, Schilling, Hnbcr, Seidl, Otto Meyer, Käser u. a. Dem Publikum wird auch das Schauspiel eines Hindernisrennens zn teil werden, für das sich 25 Fahrer haben einschreiben lassen. Im Sportpark findet übrigens heute, Donnerstag, abends 7 Uhr, Konzert statt, gelegentlich des- selben sollen mich einTmidem-Match Hubcr-Seidl— Käser-Schilling nnd einige andre lleincre Rcinien ausgetragen werden. Fcnerbericht. Mittwochnachniittag gegen 2 Uhr wurden infolge zweimaliger Meldung mehrere Löschznge nach der Rittersiraße 34 genife». Hier war in einer im dritten Stock des rechten Seiten- flügcls belegenen Wohmiug ein Feuer alisgekommen, das in kurzer Zeit Decke». KleidnngSstiicke, Gardine» ee. erfaßt hatte. Es gelang indes der Wehr, die Flanimen bald zn ersticken. Vormittags 11 Uhr Ivar in der Eichendorffstraße 19 durch Umfallen einer Petrolcnnr- lanipe ebenfalls ein WohnuiigSbraud ciitstandcn, dessen Ablöschung aber auch bald erfolgen konnte. Dienstagabend kurz»ach 9 Uhr hatte in der Ackerstraße 118 Schwefel in cinem Keller Feuer gefangen. Durch schnelles Eingreifen der Wehr konnte hier größere Gefahr vermieden werden. Außerdem liefen in der Zivischenzeit noch Alarmiernngen von der Andreasstraße 16 nnd der Littanerstraße 4 ein, die jedoch auf geringfügige Anlässe zurückzuführen waren. R»S den Nnchvnrorten. Mit der Ucbcrnahme der Potsdamer Straßenbahn in Verwaltung der Stadtgemeinde wird sich am nächsten Freitag die dortige Stadtverordneten-Versaminlniig zn beschäftigen haben. Der Magistrat beantragt zugleich mit der Umwaiidlnng des Pferdebahn- Betriebes in elektrischen den Ankauf der Stiaßelibahn und will zu dem Ztveck eine Anleihe von einer Million Mark aufiichmeu. Zrhlendorf. Die hiesige Gemeindevertretmig beschloß in ihrer letzten Sitzung, auf Gemeindekosten die katholischen Schüler am Gymnasinm zimr Religionsunterricht»ach Steglitz zu schicken. Von einem Vertreter wurde dazu bemerkt, daß man auch gegen andre Ncligionsrichtimgen in Zilkniift so tolerant sein solle. Die seit langer Zeit bcschlosiciie obligatorische Fort- b i I d n ii g?- S ch n l c ist immer noch nicht funktionsfähig. Der Kreis will zu der Schule 200 Marl Beihilfe geben. wohmgegen bei der Regieriing die nötigen Erwägiingeu immer noch nicht erledigt sind. Der Friedhof wird von jetzt ab vo» der Gemeinde selbst verwaltet. Das zu erbauende Gymnasium soll 22 Klassenzimmer haben, wovon vorläufig sieben zu andren Ztvcckeii benutzt werden, unter Umständen sollen Rcalparalletklassen eingerichtet werden. Des weiteren beschloß die Vertretrmg, den Preis für elektrischen Strom zu gcivcrblichcn Zwecken herabzusetzen. Mcrklvürdig jedoch berührte der Beschluß, dtc Schulgeldbcfreinng am Gymnasinm von der öffentlichen Tagcö- ordmliig nbziisetze», kommen hier vielleicht Leute i» Frage, die man der Oefselittichkeit nicht preisgeben will?— Am 5. Juni wird endlich das laiigerschnte Oberhaupt von Zehlendorf seinen Einzug halteu; hoffentlich rnnmt Dr. Köster mit vielen an Krähwinkel erilnrernden Ziiständen ans.— Als Gemeiudcvcrtreter erstcrKlaffe fungier t immernoch B a ii k d i r e k t o r H ä n s ch k e, der jetzt den Anklageraum in Moabit ziert. Ein hiesiger Bürger hatte„Anzeiger" angeregt, daß die Gemeindevertretung Herrn Häiischke arrffordern sollte, sein Amt niederzulegen, jedoch fand sich keiner der Herren Vertreter bereit, diese zeitgemäße Frage anzuschneiden. AnS de» Spandancr Musterbetriebe» geht uns die folgende Mitteilung zu: Am letzten Sonnabend sind wicdcruin ca. 80 Man» im Feneriverks-Laboratorinm gekündigt worden. Die Zahl der ans den Spmidarier Staatsbetriebe» seit dem 1, April Entlassene» dürfte bereits die Zahl 700 überschritten haben. Die Arbeitslosigkeit macht sich bereits in allen Geschästszweige» recht fühlbar, allgemein klage» die Geschäftsleute über niangclnde Kanfl»st; das Pfriigstgeschnft der KonfcktionS- und sonstigen Beklcidlingsgcschnftcii halle ein äußerst ungünstiges Resultat. Auch die Herreu Hauswirte dürfte» die Knrzsichtigkeit ihrer Vertreter im Stadthanse bald sehr derbe zu kosten bekommen, denn auch mit de» Mieten bleibe» die arbeitslos gewordeiieu StaatSarbeiter zu einem grohen Teil bereits im Rückstände, Die empfindltchste Einbnßc dürfte aber der st ä d t i s ch e S t e n e r s ä ck e l durch die große Arbeitslosigkeit erleiden. Daß es in Wirktichkeit den inilitärische» Behörden ein Leichtes wäre, die Arbeitslosigkeit einzudämmen, geht daraus hervor, daß es der Verkürzung der Arbeitszeit in de» sämtlichen Spandauer Staatsbetrieben um murine halbe Stunde täglich bedürfe» würde,»m mit einem Schlage Arbeit für die ca. 700 Entlassenen zn schaffe». In der Pulver- f a b r i k waren, wie der„Vorwärts" seiner Zeit mitteilte, u, a, Arbeiter mit einer Dienstzeit bis zn 13 Jahren gekündigt ivorden. Auf eine entsprechende Beschwerde des Arbeiterausschusses hat die Direktion jetzt die Kündigung von 14 der ältesten Leute zurück- genommen nnd dafür 14 jüngeren Arbeitern gekündigt. In der G e s ch ii tz g i e ß e r e i sah sich die Dircltion in jüngster Zeit genötigt, sogar 20 W a f f e n m e i st e r- A n>v ä r t e r zu kündigen. Um die nencingcfiihrte' Grnudwcrtstcner tobt. wie wir bereits berichteten, gegeuivärtig in Spandau ein heißer Kampf, der mit besonderer Erbitterruig von denjenigen Grundbesttzern ge- führt wird, die zum ersiciimale von ihrem unbebauten, der Spekulation niitcrlicgeiide» Gnmd nnd Boden in etwas gerechterer Weise als bisher zur' Steuer herangezogen ivorden sind. Heute, Ivo die Bestenermig des Grund rmd Bodens nach dem gegen- wärtigen Wert(der in de» letzten Jahren in Rücksicht ans die bevorstehende Entfestig»»» vielfach eine ganz lolvssale Steigerung erfahren hat nnd»vch erfährt) erfolgt, legen die Herren Grund- besitzer das Bestreben an den Tag, de» Werl ihres Eigentums der Steuerbehörde gegenüber möglichst niedrig auzngebeu. Die Schntzengilde ist z, V. höchst entrüstet über die hohe Bestenerrmg deS ihr gehörigen Schützenhaus- Etabliffeineiits; dabei ist der Bestenerrmg derjenige Betrag zu Gründe gelegt, de» die Gilde vor kurzem s e l v st vom Fiskus als Kauf- preis gefordert hat, nämlich l1/» Millionen Mark usw. Am Freitagabend tagte in Sachen der Grundweristeuer im Roten Adler zn Spandau eine starkbesuchte Grniidbesitzerversainuilruig, welche nach eriiem Referat des Rechtsanwalts Dr. Bmmrert nnd nach einer tciliveise ziemlich stürmischen Debatte folgende Resolution annahm: „ES ist mit allen Mitteln anzustreben, daß§ 54 deS Kam- munalabgaben-Gesetzes bei Erhebung der Griiiidtvertsteiler ein- gehalten wird, und daß nicht nnr. wie es bisher geschehen, der bebaute, nicht zn Bureau- und ähnlichen Zwecken dienende städtische Grundbesitz zur Gnindwertsteuer herangezogen wird. sondern auch der noch der Bebanuiig harrende, insonderheit die Stadtforst."(!) Die Herren Hausbesitzer möchten hiernach die Gnindwertsteuer dazu beinitzen, um vor allem sich selbst Stcnererleichter»>igen zu verschaffen. Die Leute sind ja allerdings die wahren„Notleidenden"; was schert sie die übrige Bevölkerung. Daß das Bestehen der Rettungsstation bei Rahnsdorf am Müggelsee einem Bedürfnis entspricht, belveist die uns nach- träglich zugehende Meldung, daß am 1. Pfingstfeiertage drei Menschen- leben durch die Rettungsmannschaft der Rettungsgesellschaft i Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke in Bertin. T der Wassersportvereine vor dem Ertrinken bewahrt worden sind. Ein Segelboot, in welchem sich drei Personen bcsanden, kenterte. Die Insassen wurden von der RettuiigSmannschaft auf die Station gebracht und dort in der erforderlichen Weise versorgt.— Die bereits neulich an dieser Stelle angekündigte RettlmgSübuug der Nettmigsgesellschaft an nnd ans dem Müggelsee wird nicht im Juli, sondern am Sonntag, den 29. Iii»!, stattfinden. Die Gemeindebertretung von Groß- Lichterfrlde nalni in ihrer letzten Sitzimg eine Abänderung der jüngst beschlossei'.cit Umsatzstcu er-Ord n n n g vor. Der Syndikus des Kreis- anSschnsses. welchem das Ortsstatut betreffend die Bestcneriuig der Grundstücks- Ztrnschciivcrkäufe zur Genehmigtmg vorlag, machte nämlich darauf aufmerksam, daß die Grnndstücksspeknlaittett in andren Gemeinden, in ivelchen dasselbe Ortsstatnt in Kraft war, Nüttel und Wege gefunden haben, die Besttiiimimgen zum Schaden der Genieinden zu»mgehen, nnd legte der Geineindcvcrtrelnng nahe, eine anderweitige bessere Fassnng der Steuerordnung herbeizuführen. Nach einem Referat des Schöffen Lauge erfolgte die Aimahme der Abn»dcr»iigsvorschläge. Gleichfalls angenonimeit wurde ein Nachtragsvertrag mit dein Jnstizfiskns betreffend das neu zn errichtende Amtsgerichts- Gebäude, welcher in einigen Pniikteii den Wünschen der Gemeinde Rechnung trägt.— Außerhatb der Tagesordniing wies der Schösse P n r a ck e ans den miserable» Zustand des G e m c i ii d e s ch n l- G r nfn d st ü ck e s i» der Dürerstraße hin, das die reine„Mörder- grübe" sei. Geineindevorsteher Schulz� bemerkte, daß das Banamt angewiesen sei, für schleimigste Abhilfe zu sorgen.— Eine Jnter- pellation des Gcnicindcvorstandcs ivegen verschiedener im Mein- e i d s- P r o z e s s e H i l l g e r nnd Genossen bekannt gewordener Borkommnisse durch irgend ein Mitglied der Gemeiitdevertretinig erfolgte nicht, obwohl manche leichtgläubige Gemüter fest au eine solche durch ihren angeblich sleisnackigen„Vertreter" glaubten. Lebendig berbrannt. Ein schreckliches Ende hat ein Dienst- Mädchen in G r o ß- L i ch t c r f e l d e gefuiideit. Die 27 Jahre alte Theodora Staniszewska war bei dem Rentier Ran dortselbst, Pmililienstr, 1, als Dienstmädchen beschäftigt. In der WohmMg ivnrde der Fußboden gebohnert. Die St. kochte Montagmittag das dazu benötigte Wachs' und kam, wohl beim Abnehme» des Kessels, mit dem Feuer in Verührinig. Im Nu stand die Unglückliche in Flammen. Nachdem es gellingen tvar. ihr die bremiende Kleidung vom Leibe zu reißen, schaffte nian die lebensgefährlich Verletzte schtcunigst in das KreiSkraitketthmis Groß-Lichterfetde. Das Mädchen hatte besonders schwere Verletzungen im Gesicht erlitten, außerdem war der ganze Körper mit Brandwunden bedeckt. Ohne l.e Ve- siimnilg wieder erlangt zu haben, ist die Unglückliche Mit vergangeiten Dienstagabend im Kreiskrantenhanse verstorben. VsvsAintnlttNtgen. Ueber den politische» Massenstreik in Belgleu und Schweden nnd das preußische LandtagS-Wahlrecht iptach Genosse Eduard Bern st e i n ain Dienstag in einer von Männern und Frauen gntbesuchte» öffentliche» Versammlung, die bei Dräscl(Neue Friedrichstraße) tagte und vom socialdemokratischeit Wahlverein für den elften Wahlkreis einberufe» worden war. Bernstein ging zunächst ans den Wahlrechtskampf der schtvedischen Socialdemokratie ein imd rühmte, daß sie verstanden habe, die neue ivirksamcre Demoiistratioii, die für sie der General- streik gctvesen sei. nmsterhaft anzuwenden. Man müsse dies mit Freude» begrüßen niid die schwedische Arbeiterschaft dazu beglückwünschen. Dann behandelte Redner ausführlich den viel- besprochenen Wahlkamps in Belgien, wobei er als höchst tadelnswert ritgte, daß schon am Morgen nach der Beendigimg des Kampfes in der deutschen socialistischc» Presse eine rücksichtslose Kritik an dem Verhallen der belgischen Parteigenosse» geübt wurde, Ivo sich die Verhältnisse, besonders aber vom Anslande ans, noch lange nicht beurteilen ließe». Redner suchte die Vorgänge in Belgien, die Ent- Wicklung des Kampfes und seiiieil Ausgang aus den beso»dc> c>i belgischen Verhältnissen zn erklären nnd bestritt, daß durch den Kainpfcsausgnng der politische Massenstreik als KampfeSmittel ividerlegt worden fei. Er sei selt'stverständtich kein llniversalmittel. könne aber eine sehr wirksame Dcnioiisliationslvaffe sein, eine wirkinmere, als alle Versamminngen und Reden eS bisher gewesen wären! Daran ändere es»ichts, wen» er auch in einem gegebenen Fall seine Zwecke nicht ga»z ersülle-, das komme ja bei andern Streiks sehr, sehr häufig vor.— Wenn die belgischen Genossen zur Zeit der höchsten Erregung, als der Generalstreik als Demonstration keinen Erfolg mcbr versprach, ihn aushoben, und iveiin die ungeheuere» Arbeiter- massen die Disciplin hatten, ihre entfesselten Leidcnschafle» zu be- herrscheu»nd zur Arbeit zurückzukehren: dann hätten sie uns damit ein Beispiel gegeben, für das ivir ihnen von Herzen Glück wünschen lönnte», Im Anschluß hieran führte Benistein aus, daß jetzt auch spccicll bei n ii s in Preußen die W a h l r e ch t s f r a g e brennend sei. Bei den Lniidtagsivahlcn solle der Versuch gemacht werden, trotz des rnsfinierten Drciklnssen- Wnhlshslcms in den preußischen Landtag, was äußerst wichtig sei, Vertreter der entrechteten Arbeiterklasse hineinzubringen. Dies die Arbeiterklasse ganz ausschließende Shstem lverde imr durchbrochen werden töniirn kraft eines Bündnisses mit der uns zunächststchenden bürgerlichen radikalen Partei. Bei der Unznvcrlässigkeit nnsrer Liberalen wäre indessen das Ergebnis zweifelhaft. Da habe sich deiin die Socialdemokratie in Preußen ernst- lich die Frage vorzulegen: lieber welche andern Mittel verfügt die Arbeiterklasse, in Preußen ihren Willen so energisch geltend zn»lachen, daß die herrschendeil Parteien veranlaßt Iviirde», eine Reform dieses elendeste» aller Wahlsysteme auf die Tagesordnung zn bringen? Welche Macht haben wir, die wir uns für so groß halten, daß wir über die Parteien andrer Länder zu Gericht sitzen, trnsern Willen dliichzusetzen? Und wie verhalten Ivir uns. wenn man uns das Retchstags-Wahlrecht nehmen will? Die deutsche Socialdemokratie habe also keinen Grund, den politischen M a s s e n st r e i k z n d i s- kreditieren, sondern allen Grund, seine S t r a- t e g i e zu studieren. Bis zum nächsten Jahre, wo der Landtag auf 5 Jahre zn wählen sei, müßten wir uns sorgsam über- legen, was die Arbeiterschaft Preußens thun löime, um gegen das bestehende Wahlsystem mit Energie— energischer als bisher durch Versa»t»tlm»gSreden— und mit Aussicht auf Erfolg zu demonstrieren.(Stünmscher Beifall.) Geiivsse Kaliski als erster Diskussionsredner erhob im Gegen- sah zu Bernstein die bckaimtcu Vorwürfe gegen die belgischen Volks- filhrer. wenn er auch ihre guten Absichten anerkannte. Unter großem Beifall sprach Redner sich, bezlignchmend auf das vom Referenten migedcutete Bündnis mit lltadikalen, gegen jede» Kompromiß aus.>ueil es außerhalb der Socialdemokratie keine Dcmolratie gebe. — B e r n st e i n erwiderte in längerer Rede, stellte einige thatsächliche Angaben des Vorredners richtig und betonte gegenüber dem Vorredner, daß die Bourgeois keineswegs eine einheitliche Masse seien, sondern sich in eine Reihe von Untergruppen mit verschiedenen Interessen und Neigungen teilte».— Gen. Schäfer sprach seine Freude über Bernsteins Referat ans und meinte, daß man in Preußen, um erst ein wahres Ziel zu haben n»d vorläufig wenigstens etwas zu erreichen, zunächst einmal die direkte selbständige Wahl jeder einzelnen der drei Klassen fordern sollte.— Ein Nationalsocialcr vertrat Naumanns Stand« Punkt hinsichtlich der aufgeworfeilen Fragen.— Da die Zeit in- zwischen sehr vorgerückt war und sich schon eine Anzahl Berfa»»«- IiingSteilnehmer entferiit hatten, nahm man von der Sbftinimitng über eine Sympathie- Refolution für die belgischen und schtvedischen Genoffen Abstand. Schmargendorf. In der Versammlung des WahlvcreinS hielt Genosse Brilkc einen ausführlichen Vortrag über„Was uns die Gemcindewahlen lehre»". Im Anschluß hieran ließen sich sieben Genossen aufnehmen. Bekanntgegeben ivnrde, daß daS„Wirtshaus zum Schwan", HnbeRnsbaderslr. 8, für Bersaiiimlungen mid Feste zur Verfügung steht, und daß das Stifttingsfest des Vereins am 14. Juni' im Wirtshaus Schmargendorf, Warnemünderftraße 6, stattfindet. int und Verlag von Max Babing in Berlin.