Kr. 140. Absmttinents• Kedingungen: Abonnements- Preis pränumerando: Vierleljährb 3,30 SHt, inonatl. 1,10 wöchentlich 28 Plg. frei ins HauS. Siiuelns Numm»r 5 Psg. Tonnlagt- N Ummer mir illuNiicriec SonntaxZ, Beilage„Tie Neue Welt" lo Pfg. Post- itlbonnement: l.io Mark pro Mona«, Singelragen in der Post- Zeitung». Preisliste für 1S0L unter Er. 7878. Unter streuzdand für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland z Marl pro Monat. IS. Jahrg. Dte Jnsrrtlons-Gebayt beträgt für die fechSgefpallens Kolonel» geile oder deren Raun,«0 Pfg., für politische und gewerkschaftliche VereinS- und Versammlung»- Angetgen 20 Pfg, „Kleine Aufeigeu" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in derSrpedilion abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, a» Sonn- und Festtagen bt» S Uhr vormittags geöffnet. Ericheint täglich außer Wonlag». Nevlitter VolksbleM. Telegramm- Adresse: „AoriaidruwKr« verlin" C�ntvalorgan der socraldemokratischen Partei Deutschtands. Redaktion: sw. 19, Veuth-Strafie 2. Fernsprecher: Sluit I Nr. lkv«. Donnerstag, den IN. Jnni IttOÄ. EZeprditton: 3�.19, Veuth-Strake 3. Fernsprecher: Zlint I. Nr. kISl. Die Landtagssession. Auch der preußische Landing hat jetzt seine Arbeiten beendet. Es war die erste Session, in der sich das in» vorigen Sommer>» e u gebildete M i» i st e r i n m bcthätigte. Der Minister des Innern Frhr. v. Nheiubaben war ersetzt worden durch den Freiherr» v. H a in m e r st e i n; an Stelle des HandelSministers Brefeld war Herr Möller, an Stelle des Laiidwirtschaftsministers Frciherrn V. Hammerstein Herr v. Podbielsli getreten, und der bisherige Minister des Innern übernahm das Nessort des Finanzministers, dem bis dahin länger als ein Jahrzehnt Johannes v. Miguel vor gestanden hatte. Aber nur einige Namen hatten gewechselt, der Urgeist der Reaktion war derselbe geblieben. Schon die Thronrede ließ keinen Zweifel darüber, daß die Regierung gar nicht daran denke, die verwandten und befreundeten Junker zu kränken. Das Ministerium Bülow anerkannte durch den Verzicht auf die Kanalvorlage den Triumph der Junker. Und diese haben es verstanden, den Sieg anSzuniitzen. Zwar schien es der liberalen Hoffnungsseligkeit am Ende der Session, als ob die Abweisung des konservativen Ueberzoll-Antrages durch den Ministerpräsidenten ein ernstliches Zerwürfnis zwischen Regierung und Agrariern bedeute. doch alsbald zeigte sich. daß dieser Zivischenfall die Freundschaft dieser beiden nicht irgendtvie ernstlich trüben kann; schon tags darauf bewies die Regierung durch ihre Stellinignahme gegen- über dein Antrage ans kriminelle Bestrafung des K o n t r a k t b r u ch s, daß sie sich eins weiß mit ihren Junkern, und ihr Stillschweigen bei der Beratung des freisinnigen Antrages ans Abänderung der Wahlbezirke für das Hans der Ab- geordneten gab vollends den Beweis dafür, daß sie zur Schwächung der junkerlichen Macht auch nicht einen Finger zu rühren gedenkt. Das bedeutendste Gesetz der ganzen Session, die Polen- Vorlage, die erst in den letzten Tagen verabschiedet wurde, hatte seine Schatten voransgeworfen. Vom Januar ab erlebte man fast Woche für Woche, bald im Abgcordnetenhanse, bald im Herrenhause, eine sogenannte Polendebatte. Die nationalliberalen Chauvinisten, die die Zeit nicht erwarten konnten, bis die Polen mit Stumpf und Stiel vernichtet sind, interpellierten bereits am Tage nach der Er- öffnung des Landtages die Regierung über ihre Absichten betreffend den Schutz des Deutschtums in den östlichen Provinzen, und durch die ganzen EtaiSberatungen zog sich wie ein roter Faden der nn- sinnige Alarm gegen die angebliche großpolnische Gefahr. Kein Wunder, daß bei solcher Zeitvergeudung der Etat erst Anfang Mai verabschiedet wurde, daß also länger als einen Monat eine b u d g e t- lose Zeit in Preußen herrschte. Eine Viertel Milliarde zur Bekämpfung des PolentnniS wird leichssimiig hinausgeworfen, obwohl die Finanzlage im Steich und in Preußen eine ungünstige ist und obivohl es a» Mittel» fehlt, um wirkliche Kulturanfgabc» z» vollbringen. Was der Landtag positives geleistet hat, und es sind das durchaus reaktionäre Leistungen, ist in wenigen Worten gesagt, seine Unter l a s s n n g s s ii n d e n auf allen Gebieten sind zahllos. Zu derselben Zeit, Ivo der Landtag einberufen wurde, hatte die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt erreicht. Was haben diese Volksvertreter dem gegenüber gethan? Sie habe» die Bauten im Bereich der Eisciibahnverwaltimg in etwas beschleunigterem Tempo als sonst in Angriff nehmen lassen, im übrigen aber blieb sie völlig nnthätig. Mit hochtönenden Phrasen wurden Maßnahmen gegen die Wohnungsnot angekündigt, aber„es kreißen die Berge, und eine kleine Maus komnit zum Vorschein". Probeweise wird ein Wohnnngsinspcktor in Düsseldorf eingesetzt; die lax Adickes, mit der der Landtag zehn Jahre schwanger geht, erblickt endlich das Licht der Welt in einer solchen Mißgestalt. daß man ihr einen baldigen Tod mit Siiherheit prophezeien kann, lind einige weitere Millionen ziini Bau von Wohnungen für Staats arhciter werden bewilligt— weniger um die Wohnungsfrage zu lösen, als um die Arbeiter zu Sklaven zu machen. Mit dem im Herrenhanse gethanen Ausspruch:„In dessen Wohnung ich wohne, defs' Lied ich singe", hat der Junker Graf Hohenthal der Mehrheit des Landtages aus der Seele gesprochen. Von ivirl- 1 i ch e ii WohnungSreforme n will die Negicrnng nichts w i s s e n. Wagt sie es doch nicht einmal, die Vorbedingung dazu zu erfüllen, indem sie das Privileg der Hansbesitzer, das ihnen die reaktionäre Städte-Ordnung aus dem Jahre 1853 giebt, beseitigt. Völlig versagt hat der Landtag auf dem Gebiete der S o c i a l r e f o r m. Selbst die überaus bescheidenen Wünsche, mit denen die Freisinnigen bei der Etatsberatung hervortraten, bliebe» »»erfüllt. Der Abg. Dr. Hirsch beantragte bei der Beratung des Etats des Handelsministeriunis, die Regierung zu ersuchen, zum Zwecke einer wirksamen Gewcrbe-Anfsicht die Zahl der Gewerbe- Aufsichtsbeamten wesentlich zu erhöhen, namentlich in der Richtiing, daß assistierende Mitglieder ans den Kreisen der A e r z t e. der praktischen Arbeiter und der F r a u e n— letztere in größerer Zahl als bisher— herangezogen werden. Das Hans lehnte den Antrag ab. nachdem der Handclsmiiiister Möller sich rundweg gegen die Zuziehung von Arbeitern mit Rücksicht auf die„politische Ver- hetzung unter den Arbeitern" ausgesprochen hat. lind ähnliche StiiniinS Geist atmende Ansicht»» entwickelte derselbe Minister über die B c r g i n s p e k t i o n. Von derselben Arbeiterfeindlichkeit wie Herr Möller sind alle seine Kollegen beseelt. Der Jnstizminister und der Minister des Innern sind voll des Znchthansgcistcs und wirken dahin, daß Arbeiter, die ihre Kollegen zur Teilnahme an der gewerkschaftlichen Organisation anzuregen suchen, Wege» Erpressung angeklagt werden. Der Kultusminister iviedernm singt den Prügel-I Pädagogen Loblieder, die den Kindern die Liebe zu», Deutschtum auf ihre Art einzuflößen suchen. Nebenbei entwickelt er vorsündfliit- liche Ansichten über das F r a u e n st u d i u m. Wenn einmal eine geringe Verbesserung zngestandeu wird, wie in der Zulasinng von Frauen als ZuHörerinnen zu politischen Vereinsversammlungen seitens des Ministers v. Hammerstein, so wird solches nur gedankt einer ministeriellen Verirrung, nicht etlva einer klaren politischen Absicht. Der Minister denkt nicht daran. an irgend eine der heillosen Rückständigkeiten des Vereinsgesetzes zu rühren, und das Abgeordiietcnhaus geht über die Petition bürgerlicher Frauenrechtlerinnen auf Zulassung von Frauen als gleichberechtigte Mitglieder zu politischen Vereinen zur Tages- ordnung über. Von verabschiedeten Gesetzen verdienen, abgesehen von der Polen- vorläge, nur das Provinzialdotations-Gesetz und die Sekundärbahn-Vorlage Erwähnung. Die Gesetzentwürfe über die juristische Vorbildung und über die Aus- bildung für den höheren Verwaltungsdienst sind an dem Widerstand der Junker, die vor einer Vertiefung des Studiums einen unüberwindlichen Abscheu haben, gescheitert. Dagegen haben die herrschenden Klaffen auch in dieser Session wiederholt bewiesen, daß sie den Staat als eine ergiebige Ein- nahlueqnclle betrachten. Bei der Beratung des Etats der Ver- waltung der direkten Stenern fordern die Schlotbarone fortgesetzt Steuercrleichtcriingen und im Herrenhanse forderte der Führer der Junker, Graf Mirbach, die Regierimg zur Einbringung einer Vorlage auf Herabsetzung des Fideikomniißsiempels ans. So bietet denn die verflossene Session das gleiche traurige Bild wie die früheren seit mehr denn 20 Jahren. Immer dreister wird das Junkertum, und immer schwächer wird der Widerstand der Regierung gegen junkerliche Anmaßung. Die bürgerliche Opposition erhebt wohl manchmal, wenn es ihr gar zu arg wird, bescheidenen Protest, aber zum energischen Widerstand vermag sie sich nicht auf zuraffen. Wenn eS eine Möglichkeit giebt, den gehäuften Schutt und Moder der preußischen Reaktion aiifzuräuinen, so allein durch den illcn und die Thatkraft des Proletariats, das durch die preußische Gesetzgebung politisch entrechtet und in seinen Lebens interessen tausendfältig verletzt ist. Hier erwächst der Arbeiterklasse in Preußen eine ebenso schwierige wie iniausweichbcire Aufgabe. Es gilt, allenthalben im Laude die Bevölkerung aufznrufe» und in den Kampf zu führen gegen die Schmählichleitcn der preußischen Reaktion!_ Mebevflchk. Berlin, de» 18. Juni. Schlnff deS Landtages. Das Herrenhaus nahm am Mittwoch das AnSfithrungögesetz znm Fleischbeschau- Gesetz in der vom Abgeordnetenhanse be schlossenen Fassung an. Damit werden— allerdings erst vom 1. Oktober 1904 an— auch jene agrarischer Rücksichtslosigkeit und Willkür entsprungenen Bestimmungen Gesetz, wonach Fleisch, das ans dem Lande bereits tierärztlich untersucht und für gesund erklärt worden ist, auf einen städtischen Schlachthof, nur dann noch ein zweites Mal amtlich unter- sucht werden darf, ivenn der Verdacht besteht, daß es auf de» Trans- port in die Stadt verdorben ist. Diese ansnahmsiveise gestattete zweite Untersnchnng soll kostenfrei sein. Durch dies gcsundheitS feindliche Verbot in einem angeblich sanitären Gesetz lverden zwar die Großgrundbesitzer und Viehzüchter von einer ihnen unangenehmen Kontrolle— die amtliche städtische Untersuchung ist natürlich wissen schaftlicher und zuverlässiger als die Untersuchung der auf ihre Privat kiindschaft angewiesenen Tierärzte auf dem Lande— befreit, aber für die städtische Bevölkerung entsteht dadurch eine eminente hygienische Gefahr. Oberbürgermeister Becker- Köln, der sich mit großer Schärfe gegen dies Verbot wandte, wies an der Hand von reichlichem Material nach, ein wie er-schreckend hoher Prozentsatz des Fleisches, das von den ländlichen Tierärzte» für gesund erklärt worden ist, nachher auf dem Kölner Schlachthof als trichinös oder tuberkulös befunden worden ist I Es war nicht mehr als ungeschickte Spiegelfechterei, wenn Herr v. PodbielSki pathetisch ausrief, man müsse die Bevölkerung vor jeder Verteuerung deS Fleisches schützen. Wenn doch der menschenfreundliche Herr sein gutes Herz zunächst einmal beini neuen Zolltarif, durch den er sür seine lieben Agrarier die höchstmöglichen Getreidepreise und Viehzölle heraus- schlagen möchte, bewähren wollte! Nicht minder lebhaft wie Herr Becker bekämpften die Ober- bürgermeister Schneider- Magdeburg und Bender- Breslau, in deren Chor dann noch die Stadthänpter von Hildcshcim, Flens- bürg, Thor» und Halberstadt einstininitcn, die städte-feindliche»§§ 5 und 14. Oberbürgermeister K i r s ch n e r- Berlin griff erst, nachdem er lange geschwiegen, in die Specialdiskiission ein. aber seine Opposition war ziemlich schwächlich. Immerhin versetzte das einstimmige Mißtrauensvotum, das sich die ini agrarischen Schlepptau befindliche Regierung ausstellen lassen miißte, wenn es auch die gute Laune des Landivirtschaftsministers nicht störte, Herrn v. R h e i n b a b e n in eine unbehagliche Nervosität. Er verteidigte die gegen die Schlachthäuser ge- richteten Maßnahmen mit Gründen, die in ihrer Vcrlegcnheitslogik eigentlich der Opposition recht gaben. Als kuriose» Trost für die Städte hatte er nur die Zusicherung zu geben, daß man bei der be- vorstchendcn Nengestaltniig des Schlachthaus-Gcsctzes versuche» werde, die den Städten erwachsenden Schäden wieder unschädlich zu mache». Es ist in der That ein Meisterspiel der Gesetzgebung, wenn man Gesetze, die man selbst für vcriverflich erachtet, nur um deswillen billigt, weil die vage Hoffninig besteht, den Schaden in Zukunft einmal wieder ausgleichen zu köniw..' Daß Herr von Rheinbaben hier nach Bülowschen Muster von einer„mittleren Linie der Ver- ständiginig" sprach, macht die Schädigung der städtischen Bevölkerung nicht geringer. Schließlich wurden die strittigen Paragraphen gegen die Stimmen der aus den Oberbürgermeistern, Univcrsitätsprofessoren und ein paar Geheimräten zusaininengesetzten„Linken" angenommen. Gegen das Gesetz im ganzen zu stimmen, hatte aber die„loyale" oberbürger- meisterhafte Fronde— mit wenigen Ausnahmen— nicht das Rückgrat.— Mit den üblichen Dankesknndgebungen schloß die Sitzung.— Ani Nachmittag 5 Uhr erfolgte die gemeinsame Schlnflsitznng beider Hänser dcö Landtages. Die Mitglieder waren nur spär- sich erschienen. Ministerpräsident Graf Bülow verlas die den Landtagsschluß verfügende„Botschaft". Ein Hoch auf den König beschloß die kurze Ceremonie.— Die Polengefahr. Der Kaiser wird auf seinen jetzigen ausgedehnten Reisen demnächst auch in Posen verweilen. Wie uns von dort mitgeteilt wird, machen sich Vorbereitungen für diese Anwesenheit des Kaisers bereits in eifrigen polizeilichen Schutz- maßnahmen bemerkbar. So sind im Stadttheater schon Vorkehrungen zur Unterbringung einer sehr zahlreichen Poli�eimaiinschaft sineist Berliner) getroffen worden und auch sonst ist die Polizei fieberhaft thätig in der Uebertvackning aller Bevölkernngskreise. Fürchtet denn die Umgebung des Kaisers, daß die Polcnpolitik der preußischen Regierung so schnell und so überaus erbitternd ans die polnische Bevölkerung gewirkt haben könnte?— Eine Rettung deö Hängckarl versucht ivieder einmal die „Tägliche Rundschau", indem sie folgende„Sensations- Nachricht" in die Welt setzt: „Der Erfinder des Tuckerbriefes und Hintermann Bebels bei seinem perfiden Feldznge gegen Dr. Karl Peters im März 1896 konnte nun endlich festgestellt werden. Es ist der- selbe Herr, der in dem Hnnptverfahren gegen Dr. Peters als Hanptbelnstniigszenge fungierte. Mit der Thatsache, daß er der Urheber jener von Bebel gegen Dr. PeterSjin der Reichs- tagssitzinig vom 13. März 1896 ausgespielte» Fälschung und der Einbläser Bebels bei seinen haltlosen Verdächtigungen deS Dr. K. Peters war, fällt auch seine juridische Glaubwürdigkeit als Zeuge zusammen. Dr. Karl Pders hat übrigens gegen ihn bereits die Berlenindungsklage angestrengt." Der Versuch, den Fall Peters so darzustellen, als ob sich die � Anklage lediglich auf den Tuckerbrief begründen, ist so oft gemacht, und so oft zurückgewiesen worden, daß ein ungewöhnlicher Grad von Univahrhaftigkeit oder völliger Gedächtnisschwuiid dazu führen kann. ihn abermals zu wiederholen. Thatsächlich hat der Tnckerbrief nur eine ganz untergeordnete Rolle in der Fülle des nachweisbaren Anklagcmaterials gespielt, das Karl Peters znm größten Teil in den rüden Schneidig'keiten seines Buches über die Eutin Pascha- Expedition selbst geliefert hat. In dem Urteil aber, das Peters seines Amtes entsetzte, bildete der Tncker- biief überhaupt kein Bcwcismaterial. Peters wurde verurteilt mit folgender Begründung: „Der Gerichtshof hat in der Verurteilung des Mabrnk zum Tode und in der Vollstreckung desselben ein Dienstvergehen er- blickt. Die Todesstrafe lvar in diesem Falle unberechtigt, die An- drohung derselben eine nicht zu billigende, niit den Grundsätze» einer civilisatorischen Rechtspflege nicht zu vereinbarende Maß- reget. Das Gericht ist überzeugt, daß die ge- schlechtlichen Bezieh nn gen des Mabruk zu den Weibern zu dem harten Urteil wesentlich mitgewirkt hat. Die Hinrichtniig des Mabrnk ist zu Unrecht erfolgt." Peter« ist danach überwiesen worden, das schwerste Amts- verbrechen begangen zu haben, was überhaupt denkbar ist: die widerrechtliche Hinrichtung eines Unschuldigen ans eifersüchtigen Motiven. Das ist nach dem deutsche» Strafgesetzbuch Mord, auf den die Todesstrafe steht, in idealer Konkurrenz mit schwerstem Amts« verbrechen. Nur der Umstand, daß das Strafgesetzbuch für die Kolonien den Eingebornen gegenüber keine Geltung hat, bewahrte den Schützling der„Täglichen Rundschau" davor, mit dem Henker Bekanntschaft zu machen. WaS»im die Behauptung der„Täglichen Rundschau" anbetrifft, daß der Hauptbelastungszeuge in jenein Prozeß identisch mit dem Hintermann" Bebels sei. und daß jener Zeuge als nicht glaub- würdig, d. h. als meineidig erwiesen sei, so sind diese Andeutimgen völlig unklar. In dem Prozeß wurden überhaupt nur zwei Zeugen vernommen, Herr v. Pechmann und Herr Jaucke— beide E» t» l a st u n g s zeugen. Verlesen wurden im wesentlichen die schwer belastenden Aussagen des Herrn v. B r o n s a r t, deS Frhrn. v. Bülow und des Malers K u n e r t. Gegen wen erhebt die„Tägliche Rundschau" ihren Vorwurf des Meineids?— Oberst Bülow. Graf Bülow macht Carriere. Ein Reichs- kanzlervon so hohen Fähigkeiten kannnatllrlich auch der militärischen Talente nicht ermangeln. Es ivar daher bedauerlich, daß der große Staatsmann bisher in seinem Soldntenvcrhältins nur den Rang eines geivöhnlichcn Rittmeisters bekleidete. Jetzt ist dieseni Nebel ein wenig abgeholfen worden, Graf Bülow ist bei Gelegenheit der Bonner Hoffestlichkeitcn znm Obersten avanciert und er darf die Uniform des Regiments der KönigS-Hiisaren tragen. Indem Graf Bülow also mehrere Chargen überspringen durfte, entfällt für ihn eder Anlaß zum Neid gegen Herrn Baron de Schund, dessen Avancement vom ehemaligen französischen Untcroffizier zum preußischen Rittmeister er jüngst im Reichstage niit soldatischer Königstreue ver- teidigte.— Hoher Besuch. In. der ersten Morgenausgabe der„Köln. Ztg." vom 17. Juni findet sich folgende Mitteilung: Aachen, 16. Jnni.(Telegr.) Der Minister des Innern Frhr. v. H a in in e r st e i n trifft bereits morgen ein, am Donners- tag der KnltnSministcr Dr. S tudt, Pferde nnd. Wage» deö kaiserliche» MarstallS sind heute angekoinmen. Hoffentlich wird dieses imehrerbietige Telegramm der„Köln. Zeitung" nicht einen Prozeß wegen Marstallbeleidigung eintragen.— Selbstvernichtung des Militarismus? Die„France Mili- taire" berichtet, daß Oberst Humbert von der französischen Kolonial- artillerie eine Vorrichtung erfunden Hot. die leicht an allen Geschützen und Handfenerivasfeu angebracht werden kann und beim Feuern Knall, Blitz und Ranch vollkommen unterdrückt. Der Erfinder selbst schätzt seine Erfindung nicht gering ei». Er glaubt sogar, daß sie bestimmt ist, eine derartige Umwälzung in den Bedingungen der Kriegführung herbeizuführen/ daß der Krieg s e I b st unmöglich iv i r d. Leider dürfte diese ganze schöne Erfindungsgeschichte sich heraus« stellen als nichts andres denn— Knall und Rauch.— RcichStagöwahl-Vorbcrcitnug i» Kriegervereinen. In der „unparteiischen Zeitung" für den Kreis L u ck n u findet sich ein löst- liches Stimmuugsbild über die neuliche Frühjahrsversammlung des Kreis-Kricgerverbandes: „Es waren von 74 Vereinen 64 durch 74 Deputierte vertreten. Der Vorsitzende Kreissekretär Mnncheberg.machte unter ander», davon Mitteilung, daß bei der Beerdigung von Inhabern der Badenscheu und Hohenzollernschen Medaille mit Inschrift d i e E h r e n s ch ü s s e abgegeben»verden dürfen. Zwei Anschreiben bezüglich der Verbände der„Fabrik-, Land-, Hrlfs« arbeiter,— Landwirtschaft usw." wurden auf Veranlassung des Regicrnngsbezirks-Vcrbandes verlesen und besprochen. Im Anschluß hieran entwickelte sich eine äußer st anregende Debatte, aus der jeder Kamerad die feste Ueberzeugung ge- Winnen mußte, Ivie sehr ein jeder deutsche Krieger' das geheime und öffentliche, die sittliche Kraft unsres deutsche» Volkes nntcrgrabeude Wühle» verabscheut u«d darum auf jede denkbare, erlaubte Weise iu dcu Kampf gegen die Socialdemokratie eintritt. Lehrer Strietzel-Lindena richtete an den Landrat Frhr. v. M a n t e u f f e l folgende Anfrage: „Mit welchen erlaubten Mitteln dürfen wir in unsren Vereinen die vatcrlandstreue Gesinnung unterstützen, damit ivir die oft irregeführten Kameraden durch Rat und That wieder zu gewinnen suchen?" Der Landrat betonte, daß nach den Satzungen der Vereine in den Vereinen keine Politik getrieben Ivird, das; aber auch zur Erledigung dieser Frage die Politik vollständig ausgeschlossen sei.' Daher sei die Anfrage sehr willkommen, da sie Ge- legenheit biete, den Vertretern der Kriegervereine Aufklärung zu geben über die Fragen: 1. WaS darf der Kriegerve r e i u bezüglich der R e i ch S t a g s w a h l t h u n? 2. WaS nicht? Der Kricgerverein muß alles sh un, was erlaubt ist, und nichts, was unerlaubt i st. llnerlaubt ist das, ivas gegen 1. daS allgemeine Sitten- gesctz, 2. das Strafgesetzbuch und 3. gegen die Satzungen der Vereine verstößt. Diese drei Punkte Ivurden durch Beispiele be- leuchtet. Da von der Socialdemokratie gern Protest gegen die Wahl eines ihrer Gegner erhoben lvird, ivenn ihr n»r die kleinste Handhabe dazu gegeben wird, so darf naturgemäß kein Kriegerverein daS thuu, was den Staat veranlassen könnte, die Wahl für ungültig zu er- kläre». Das wäre z. B. der Fall, wenn der Verein Politik triebe, indem der Genieindevorsteher, der zu gleicher Zeit Vorsitzender des Kriegervereins ist, de» Genteindediener im Orte hernmschickte, um die Wähler auf irgend eine Weise zu beeinflussen. Ferner könnte vielleicht ein Vorsitzender im llebcr- cifer für die gute Sache seinen Berein zum„Antreten" kouimandiere» n»d mit„Marsch" zum Wahllokal führen. Das darf natürlich nicht sein. Nach einer Entscheidung des Reichsgerichts ist es nicht erlaubt, in einem Kriegerverein ctiva auf folgende Weise zu besprechen, welchem Kandidaten die Stimme zu geben sei. Es kann am Schlüsse der Sitzung der Vorsitzende die Wahlkandidaten nennen und darauf hinweisen, daß d i e K'a m e r a d e n nur einem Kandidaten die Stimme geben könne», der in seinen Gesinnungen, seinem Wandel und seinen Thatcn dafür Zengnis ablegt, daß er Gott bekennt, die Ehre will, dem Königtum treu ergeben ist, daß er e i n M a n n i st, d e r u n s r e N a t i o n l i e b t, f ü r s i e l e b t und st r e b t." Wirklich, eine solche Kricgervereius-Debatte ist„äußerst an« regend". Da ist zu lerne», wie man in deutscher Geradheit daS Verbot, Politik zu treiben, behandeln soll, ivie mau unpolitisch Wahlpropagauda betreibt. Da ist aber auch zugleich die tief- grüiidigste politische Weisheit zu schöpfen. Wen wählt der brave Mann vom Kriegerverein? Er Ivählt den, der Gott bekennt, die Ehre ivill, der königstreu ist und die Nation liebt. Ein einfacheres Programm kann es nicht geben! Ob der Gottbekenner nicht etwa sein Bekenntnis mißbraucht zur gottividrigeu Menschen- bedrückuug; ob er die Ehre nicht in gesetzwidriger Ducllerci bethätigt; ob er königstreu nicht ist, um Vorteile zn erschleichen; ob seine Liebe zur Nation sich nicht in Brotwucher und Ausnahmegesetzen gegen die Armen bethätigt— solche und ähnliche naseiveise» Fragen' dürfe natürlich der Kriegervereinsmann nimmermehr aufwerfe» I Wirft er sie auf, so ist er reif, zu den„die sittliche Kraft unsres Volles unter- grabenden" Wühler» ausgestoßen zn werden.— Aktsland. Die TradcS UnionS und die politische Aktion. London, 15. Juni.(Eig. Ber.) Die Gewerkschaft der Briefträger, die 25172 Mitglieder zählt, hielt diese Woche ihren Jahreskongreß in Edinburgh ab. Mit einer Mehrheit von 226S Stimmen faßte der Kongreß den Beschluß, einen eigenen Kandidaten für die nächsten parlamentarischen Wahle» aufzustellen und zu diesem Zivecke Beiträge zu sammeln. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Briefträger sich für Mr Steadman als ihren Kandidaten entschließen werden. Wie bekannt, ist Steadman der Präsident deS Parlamentarischen Komitees des Trabes Union- Kongresses. Er ivird auch in socialistischen Kreise» als ein treuer und energischer Vertreter der englische» Arbeiterklasse geachtet. Das Gewerkschaftskartell von Southampton berief diese Woche eine Massenversammlung der Arbeiter, um über den Eintritt in die politische Aktion zu beschließe». Es wurde folgende Resolution angenommen:„Diese Maffenversannnlung der organi« sierten Arbeiter Soulhamptons erklärt, daß zum ivirknngsvollen Schutze der Jttlcressen der Lohnarbeiter eine politische Arbeiterpartei nötig sei. Sie verpflichtet sich, eine solche zu bilden und eigne Kandidaten für die nationalen und lokalen Körperschaften auf- zustellend. Die Vereinigung der Bergleute von D n r h a m beschloß. mehrere Kandidaten für die nächsten Wahlen aufzustellen. Die Graf- schaft Durham schickt g Abgeordnete ins Parlament: 7 liberale, einen liberal-unionistischen(k.) und einen Bergarbeiter-Vertreter lJ. Wilson). Gleichzeitig faßte die Bereinigung aber den Be- schluß, auch für die Folge dein Trabes Unions-Kongreffe fern- zubleiben.— Für eine eigne parlamentarische Vertretung haben sich— wie die Leser dieses Blattes bereits iviffen— auch die Bergarbeiter- Föderation, die Engineers sMetallarbeiter), die Kesselschmiede, die Eisenbahn-Angestelltcn. die Gasarbeiter, die Dockarbeiter, die Schuh- machcr-c. je." ausgesprochen. Wer die englische Gewerkschaftspresse aufmerksam liest und mit Trabes Unionisten verkehrt, kann gar nicht darüber zweifeln, daß eine tiefe Erregung durch die Reihen der eng- lische» Arbeiterorganisationen geht. Nichtsdestoweniger können wir uns einem OptinnSnuls nicht hingeben. Es fehlt den englischen Arbeitern an politisch-ökonomifcher Bildung und überhaupt an durch« greifendem Denken. I. A. H o b s o n. beileibe kein revolutionärer Social- dcmotrat und kein Marxist, schreibt im socialistischen Arbeiterblatte „Clarion" von gestern:„Nach den Ersahrnnge» der letzte» Jahre kann ich mich der Hoffnung nicht hingeben, daß eS möglich wäre, eine inleNigcnte Volksbewegung zn schaffen, die den beide» politischen Cliquen(Konscrvativen und Liberalen) das Heft aus den Händen winden töiulte,>»u es im Interesse der Gerechtigkeit und des Volles zu benutzen. Unser Volk ist iveder intelligent noch edel oder freiheitsliebend. Es läßt sich von irgend eiuei» zungenferligenCharlatan leiten... In den letzten 25 Jahre ist das Volk serviler geworden in seiner Loyalität für Königtum, Aristokratie lind die„höheren" Klassen. Es ist voll- ständig gleichgültig geworden gegen die Schläge, die der parlmnen- tarisch'e» Freiheit und der Volkskontrolle über' die Regierung versetzt worden sind." Wie gesagt, Hobson ist kein gegen die Trade? Unions vor- eingenommener Socialist. Wäre er iu Deutschland, er würde höchst- ivahrscheinlich für die„Ethische Kultur" oder die„Hilfe" schreiben. Und doch dieses scharfe Urteil! Auch er denkt nicht viel von der entstehenden politischen Arbeiterpartei. Gewiß ist dieser Bewegung kein große? Gewicht beizulegen. Die Sache ist die: entweder sind die Interessen der Arbeiter denen des Kapitals nicht entgegengefetzt, oder sie sind es. Sind sie es nicht, so ist eine besondere Arbeiterpartei überflüssig; es würde vollständig genügen, einige Arbeitervertreter im Parlauiente zu habe», um als Sachverständige bei Arbeitergesetzeu mitzuraten. Diese Schluß- folgerung ist kein einfaches logisches Spiel. Sie ist vielmehr die thatsächliche Auffassinig, die inr englischen Lebe» herrscht. So oft aristokratische und bürgerliche Socialreforiner den Arbeiterknndidaten zu Hilfe eilen, kann man den Ausspruch hören: ,We need experts of labonr in Parliament"(Wir brauchen Arbeiter al? Sachverstäu- dige im Parlameick.) So spreche» z. B. die socialrefonuerifchen Gräfinnen von Marwick, von Carlile, der Herr von Elibank zc. Die Bierbrauer, die Bankiers, die Ver- sichernngsgesellschaften, die Reeder zc. haben ja auch ihre parlamentarischen Sachverständigen. Nach dieser Auffaffuug bildet die Gesellschaft ein einheitliches Ganzes, in dem verschiedene Gruppen sich befinden. Sind aber die Interessen von Kapital und Arbeit in letzter »stanz unüberbrückbar, d. h. hat die kapitalistische Gesellschaft eine» laffencharakter und ihre Konflikte sind Klassenkämpfe, dann genügt offenbar eine einfache Arbeiterpartei nicht. Da kann nur eine socialistische Arbeiterpartei helfe». Nur diese hat ein Programm, das den Klassengegensatz beseitigen will. Sie kann aber auch alles das leiste» und infolge ihrer Klarheit noch besser leisten, was eine einfache Arbeiterpartei zu leisten sich vornimmt. Allein in England denkt man nur stückweise. Man sieht nur einzelne Thatsncheu. Der Gesamtblick fehlt. Deshalb das Irre» nud Tasten von einer Stufe zur andren. Der Krieg hinterließ England zwei Schlagworte:„HIuddlinA tbrough"(sich durchirren) und„Drifting"(sich ziellos umhertreibcn). Sic bezeichne» auch die socialpolitische Methode de? englischen Volkes. Aber sie ist kostspielig und schmerzhaft.— Oestreich-Uugarn. Wien, 18. Juni. DaS Abgeordnetenhaus nahm das Haftpflichtgesctz an und stimmte dem Ausliefcruugsantrage bezüglich der Abgeordneten Wolf und Schalk zu. Am Schlüsse der Sitzung beantworteten mehrere Minister etngelanfene Interpellationen. Der Präsident schloß die Sitzung mit einer Ansprache, worin er mit Be- friedigung der Erledigung des Budgets sowie der anderweitigen fruchtbringenden Thätigkcit deS Hauses in der abgelaufenen Session gedachte. England. Grosjbritlsche Zollvcrband?- Wünsche. London, 18. Juni. Die in London lebenden Neuseeländer gaben ei» Festinahl zu Ehren des P r e m i e r n» i n i st e r s von Neu- Seeland Seddo». Dieser brachte den Wrinsch einer Handels« politischen Bevorzugung der Kolonie» zur Sprache, indem er ausführte, daß die neuseeländische Regierung den Kolonialminister Chamberlai» ersucht habe. Vorzugstarife zu schaffen, einerseits durch Herabsetzung der Zölle auf in England hergestellte und auf englischen Schiffen in die Kolonien eingeführte Ware», andererseits durch Herabsetzung der jetzt im Mutterlande auferlegten Zölle auf Kolonialprodukte.— Dänemark. Neutralitätserklärung.(Eig. Ber.) Die„Dänische Friedens- verciiiigiuig" hielt am Sonnabend ihre von 2(>l) Delegierten be- suchte Jahresversammlung in Kopenhagen ab.— Bei den konsequenten Friedensfreunden hat es Unwillen erregt, daß die Ver- einignng nicht gegen die in der letzten ReichStagSsessio» beivilligte Aus- gäbe von 5 Millionen für neue Kanonen protestiert hat. Der Vorsitzende erklärte in seinem Jahresbericht, daß das nicht geschehen sei, weil in der Regierung ein Mann sitze, der an der Spitze der dänischen Friedensbewegung stehe und zu dem man volles Vertrauen habe. Der Mann ist der Kultus- .minister C h r i st e n s e n, Mitglied des Hauptvorstandes der Friedensvercinigung. Er war nicht anwesend.— Die Jahres- Versammlung nahm einstimmig folgende Resolution au:„Die Jahrcsversanunluug der dänischen Friedensvercinigung richtet die dringende Aufforderung an Regierung und Reichstag, dafür Sorge zu tragen, daß Dänemark— wen» möglich gleichzeitig mit den zwei andren nordischen Reichen— sich de» übrigen Mächten gegenüber principiell und permanent neutral erklärt. Unser Militärwese» müßte mit Rücksicht auf die dadurch geschaffene Grundlage umgeordnet werden." Der Annahme der Resolution ging eine längere Diskussion voraus. Es zeigte sich hierbei, daß die große Mehrheit der Delegierten konsequent autimilitaristisch ge- sinnt ist. Einer der Redner erklärte unter starkem Beifall: „Wenn ivir unsre Neutralität kouftaiieren wollen, können wir das nur dadurch, daß wir alle Rüstung ablegen. So reize» ivir nie- inand, sie in Gebrauch zu nehnien. Ein Kriegsapparat ist des Landes größte Gefahr."— Eine Minderheit sprach dagegen für be« ivaffnete AufrcchtcrHaltung des Friedens, teils in stark militaristischer Richtung,>vas den Tabakarbeitcr Eriksen vcranlaßie zu erklären: daß die FriedcnSvcreinigung in solchem Geist geleitet lverde, daß die Arbeiter nicht viel Grund hätten, ihr beizutreten. Die Arbeiter seien für allgemeine Abrüstung und verstände» nicht, warum nicht gegen die Kanoncnbewillignng protestiert worden sei.— Eiustimuiig wurde dann»och beschlossen, daß die Deputation, ivelche der Regierung die Resolution überreichen soll, dieser erklären soll, daß die Friedens- Vereinigung eine bedenieude Herabsetzung der Mililärausgabeu als Konsequenz der Neutralität erlvarte.— Nfien. Peking, 17. Juni.(Laffan-Meldnng.) Rußland und England haben auf Ersuchen Chinas gemeinsam mit diesem Arrangements unterzeichnet, ivodurch die russischen Einwendungen gegen das cuglisch-chtuesischc Eiseubahn-Abkouimen behoben werden. Afrika. Kitchencr nud die voerenführer. Pretoria, 17. Juni. Kitchener übersandte Botha, Delareh und Dewet ein Telegramm, in ivelchem er seiner hohe» Anerkennung über die Energie und den Takt, mit denen sie das Werk der Uebergabe erleichtert hätten. Ausdruck giebt. Die Art und Weise, mit der die BurgherS die Waffen niederlegte», habe den König angenehm berührt und einen tiefen Eindruck auf dos britische Volk gemacht, ivelcheS die BurgherS als Mitbürger herzlich will- kommen heiße; er hege die feste Zuversicht, daß nunmehr eine Rrra Vollkommener Versöhnung i» Südafrika eintreten werde.— Die Lage in Kapland. Der stellvertretende Premierminister der Kapkolonie Graham hat im Wynderger Stadthause eine heftige Rede gegen die Enspendierung der Kapverfafsnng gehalten. Er erklärte, wegen der geringen Anzahl von Rebellen dürfe die Kapkolouie nicht ihrer Selbstverwaltung für unwürdig erklärt werde». Eine solche Maßregel würde nur geeignet sein, die holländische Bevölkerung noch mehr zu erbittern.— Amerika. Die Kämpfe iu Venezuela. Der Londoner„Morning Post" wird ans Washington ge- kabelt, den Informationen der amerikanischen Regierung zufolge gehe es mit der Regierung deö Präsidenten Castro vo» Venezuela zu Ende. Der gegenwärtige Znstaub deS Laude? fei geradezu anarchisch. Die amerikanische Regierung sei so fest über- zeugt, daß eine plötzliche Umivälzinig erfolgen lverde, daß sie z w e i weiteren Kriegsschiffen Befehl gegeben habe, nach Venezuela in See zu gehe». Deutsche Kriegsschiffe sollen nach den venezolanischen Gewässern unterwegs sei», i» denen, ivie man in Washington glaube, noch vor Ende dieser Woche eine intcr- nationale Flotte versammelt sein werde. Der„Newyork Herald" meldet aus Port of Spain, daß 400 Mann venezolanische Truppen in Coro gelandet ivaren, um La Gunyra wieder einzunehmen; sie ivurden jedoch von General Coricga zurückgeschlagen und ließen 70 Tote und zahlreiche Vcrlvundete sowie 150 Gefangene zurück.—_ AZvvvenhkrus. 17. Sitzung vom Mittwoch, den 18. Juni. vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. PodbielSki, Freiherr von Rhein- baben. Auf der Tagesordnung steht die Beratung über den Gesetz- ciitwurf betr. Ausführung deö Schlachtvieh- und Fleischbeschau- Gesetzes. Berichterstatter Dr. von Bnrgödorff beantragt uameuS der Kommission die Annahme des Gesetzentwurfs in der vom Ab- gcordnetenhause aiigenoinmeueu Fassung. Vicepräsident von Mautcuffel: Ich habe für den Grafen von Kospoth eine Erklärung abzugeben, die ich bereits vor Eintritt i» die Tagesordnung abgeben wollte. In hiesige» Zeitungen ist behauptet worden, Graf Kospoth habe vorgestern bei Beratung des Antrages gegen die Trunksucht gesagt:„In den OffizicrcorpS wird jetzt mehr getrunken als früher." Graf Kospoth hat aber thatsächlich gesagt:„In den Offizierscorps ivird jetzt bedeutend weniger getrunken als früher."(Bravo! und Heiterkeit.) Er hält es für seine Pflicht, dies zu konstatieren, da die falsche Wiedergabe seiner Worte eine Verunglimpfung eines gaiizen Standes enthält. Das Haus tritt darauf in die Generaldiskussion über daS Fleischbeschail-Aiisführuiigsgesetz ein. Oberbürgermeister Dr. Bccker-Köln: Die Regierungsvorlage enthielt sehr große Vorzüge, aber durch die Veschlüsse des Abgeordnetenhauses sind derartige einschneidende Aendermige» vorgenommen lvorden, daß ivir ans de» Stand vor Erlaß des Schlachtviehgcsctzes dadurch gedrängt sind. Es sind im weseullichcu durch das Abgeordnetenhaus Vestiiiimungeii ans dem Reichs-Seuchengesetz übernommen, die ich für sehr bedenklich halte. Diese Bcstiinnilingeu sind ziveifellos ge- eignet, die Schlachthöfe der kleinen Städte zn veröden und unrentabel zu machen. Ich habe bereits in der Koiiimission darauf hingeiviese», welche Bedeutung die Beschlüsse de? AbgeordnctenhaiiseS zu den§ß 5 und 14 für die Stadt Köln haben würde». Ich habe dort schon darauf aufmerksam gemacht, daß von den sämtlichen Fleischstücken, die auf de» Schlachthof in Köln kommen, trotzdem eine tierärztliche Bcscheluiguug schon jetzt verlangt wird, von 20 K84 Bicriel» Rinder, die in Köln eiugcsiihrt wurden, 402 Viertel Großvieh, 18 halbe Schiveine und 01 Kälber der Freibank llbeiwiefru werden»insftc». 31 Schweine und 34 Kälber miißteii gänzlich veruichtet werde».(Hört, hört!) Von der Regiermig ist min eingewandt lvorden, es handelte sich hier meistens um aus Holland eingesührtes Fleisch. Ich habe daraufhin sofort eine Depesche an den Vorsteher des Schlachthofes in Köln ge- sandt und dieser hat mir darauf bestätigt, daß die Mitteilung der Regierung in der Koinmissio» richtig sei, er hat aber binzugefügt. daß auch von dem iuländisch schon untersuchten Vieh jedes 3. Stück beanstandet werde»»»iß. Von ZOO Stück inländischen Vichö sind 100 Stück der Freibank überwiesen und ZI Stück ganz verworfen worden. Ich kann nur mein größtes Be- dauern darüber ausspreche», daß da? Abgeordnetenhaus, ohne irgend eine Feststellung z»»lache», ohne irgend eine Instanz der Staatsbehörde zu' fragen, ganz neue Beslimmungen in die Vorlage gebracht hat, ohne ötüclsicht zu nehmen auf die vitalsten Interessen der Stadtgeincinden. Das ividerspricht aller preußischen Tradition. Ich erkenne an. daß es wünschenswert ist, das Aussührungsgesetz zum Reichsgcsetz über die Fleischbeschan möglichst schnell fertig zn stellen, aber eine solche Uebereilmig ist dadurch nicht gerechifertigt. Erträglich werde» nns die in das Gesetz neu eingearbeitete» Bestimmungen mir dadurch, daß die Regierung erklärt hat, es lverde ein neues Schlachlhans-Gesetz vorbereitet. Wenn i» dem Gesetz gesetzt würde statt der Worte„von Tierärzte» »mtersnchtes Fleisch"„in Schlachthünsern untersuchtes Fleisch", dann würde- das viele Bedenken vescitigeu. Landwirtschaftsminister v. Podbielöki: Die Staaisregierung hat das größte Interesse daran, die Finanzen der Genleinden zu schonen und sie nicht in Unordinmg geraten zn lassen. Wir sind deshalb dein Abgeordiietenhause dankbar gewesen für die Bestimmung, ivonach die belreffenden Paragraphen erst am 1. Oktober 1V04 in Kraft treten sollen, den Gemeinden also »och eine zweijährige Frist gelassen wird. Die Staatsregienmg ist bereit, diese Frage eingehend zu prüfen nud daraufhin die bezüglichen Vorschläge mit' dem bereits in der Vorbereitung befindlichen neuen Schlachthansgesetz dem Landtag vorzulegen. Die bisherige tier- ärztliche Untersnchung war doch nicht identisch mit der amtlichen Untersuchung vor und»ach der Schlachtung, wie sie jetzt durch das Gesetz verlangt wird. Auch innerhalb der Schlachthäuser kommen Versehen vor. Es ivird innerhalb und außerhalb der Mauern gesündigt. Man sollte die Untersuchung außerhalb der Schlachthöfe doch nicht wesentlich ungünstiger beurteilen als die innerhalb der Schlachthöfe. Ich will nicht die verschiedenen Kommuiieii gegeneinander ausspielen; i» Berlin sind alle Gebühren sehr niedrig. In andrell Konimrmen aber beträgt die Gebühr für die Untersuchimg von auswärts eingeführten Fleisches mehr als die Hälfte der Gebühr für einheimisches Fleisch.(Hört, hört l) Die laiidivirlschaftliche Ver- ivaltimg muß alles vcruicidc», was zu einer Verteuerung des Fleisches führen könnte.(Beifall.) Oberbürgermeister Schneider-Magdebnrg: Wir sehen uns in einer Zivangslage, von der ich nur wünschen kann, daß sie sich nicht wiederhole: i» letzter Stunde der Session solle» wir über sehr wichtige und eiiischneidende Bestinimuugen be- schließe», ohne daß eine gründliche Vorberatung möglich gewesen wäre. Der Redner bringt eine Reihe von Fällen vor, in denen Fleisch trotz tierärztlichen Gcsim'dheits-AttesteS als tnberknlös, finnig ober trilbinös befunden lvorden ist. Es ivird demnach eine große Ge- fahr für die Bevölkerung dadurch heraufbeschworen, daß mau auf die Untersuchung im Schlachthaus verzichten will. Diese Folgen sollte man doch sehr ernst nehmen. Ich werde gegen die §K 5 nud 14, in denen die Bestinnnnngen emhaltc» sind, stimmen, erwarte aber auf jeden Fall, daß der Minister eine Enquete über diese Verhältnisse anstellt und in einem Schlachthaus- Gesetz Vor- schlage macht, die unsre Vedenkeu besciligen. Oberbürgermeister Bender- Breslau: Außerhalb der Schlachthäuser werde» gciviß viel mehr Fehler gemacht als iiuicrhalb derselben. Es giebt Tierärzte, die ganz wunderbare Dinge bescheinigen. Ich ivcrde gegen diese Para- gravhen stimme» und, falls sie angenommen ivcrde». gegen das ganze Gesetz. Ich muß mich wnnder», daß die Regierung daS Geich mit diesen Bestimmungen nicht ebenfalls für imanilehnibar erklärt, sind sie doch geeignet, den ganzen Vorteil der Schlachthaus- ciurichtungeu illusorisch zu macheu! Ich hatte auch gehofft, daß die Herren in diese», Hause, die die Frage vielleichl etivas ruhiger be- urteile», als die Mitglieder des andern Hauses, einsehen, daß die Interessen der Laiidwirlschaft hier überhaupt in keiner Weise ge- sährdet sind. Ich habe noch niciiialö an einer Gcsetzgebnng mitgearbeitet, bei der so unchtigc Beschlüsse mit einer solchen Nichtachtung bestehender städtischer Beschlüsse gefaßt worden find, wie hier. ginanzmiuister Frhr� d. Rhcinbaben: Der Regierung ist der Vorwurf gemocht, dast sie den Z S des Abgeordnetenhauses nicht für unannehmbar erklärt hat. Be- denken Sie doch die Situation I Gcwijz wäre es erwünscht gewesen, vorher alle Konsequenzen dieses Paragraphen ein» gehend zu prüfen. Dazu aber fehlte es an Zeit. Die Äusführungs- destimmungeu des Reiches zum �leischbeschau-Gcsetze stehen vor der Thür; diese würden aber gauz illusorisch sein, wenn nicht gleich- zeitig die Ansführungs-Bestimmungen des größten deutschen Bundes- ftaates in Kraft treten. Wir sahen uns also, da auf andern, Wege keine Verständigung mit dem Abgeordnetenhause zu erreichen war, in der Zivangslage, diese Bestimmung acceptiere» zu müssen. Ich verstehe ja die Besorgnis der Oberbürgermeister vor einer neuen Belastung der städtischen Finanzen. Es stecken aber i» der Sache auch sehr erhebliche konservative städtische Interessen.(Sehr richtig I) Wir werden suchen müssen, eine mittlere Linie zu finden. Ich selbst hatte vorgeschlagen, daß die Kommunen wenigstens die Selbstkosten der zweiten Untersuchung erheben dürfen. Dieser Anregung ivurde aber im Abgeorductenhause keine Folge gc- geben. Es lag die absolute Notwendigkeit vor, jetzt das Gesetz zu verabschieden. Wir werden in der zweijährigen Frist die Sache ein- gehend prüfen, um dann hoffentlich zu einer Verständigung au mitllercr Linie zu gelange». Ich möchte bitte», der Regierung doch nicht mit Mißtrauen entgegenzutreten. Oberbürgermeister Struckmann-Hildesheim bekämpft die Freilassung der Hausschlachtungen von der Trichinen- schau und das Verbot der ziveiten Untersuchung in den Schlacht- Häuser». Dieö Verbot habe nur den einen Zweck, die Land- wirte von einer ihnen unerwünschte» Plackerei zu befreien. Glaube elwa die Landwirtschaft, daß die Slädte die Schlachthäuser z» ihrem Vergnügen errichtet haben. Ein solches Gesetz, das sich als ein sanitäres Gesetz bezeichne, sollte unmöglich sein. Er vertraue aber auf die Erklärungen der Regierung, wonach die für die Städte erwachsenden Schäden genau geprüft und eventuell neue Be- stimmungen zu Gunsten der Städte in das Schlachthansgesetz auf- genommen werden sollen. Redner erklärte, zunächst gegen die 88 5 »nd 14, dann aber auch bei deren Annahme im Vertrauen au diese Erklärungen der Minister für das ganze Gesetz stimmen zu wollen. Minister v. Podbiclöki: Die tierärztlichen Untersuchungen waren bisher ganz verschiedener Natur, wodurch ihre Zuverlässigkeit beeinträchtigt wurde. I» Zukunft sollen sie einheitlich sein— darin liegt der große Unterschied, den das Gesetz gegen den bisherigen Zustand bringt. Die untersuchenden Tierärzte anf den Schlachthäuser» sind Übrigens Tierärzte derselben Qualität wie alle andren; nur haben sie eine kommunale Stellung auf dem betreffenden Schlachthofe inne, e i g e n t- I i ch« B e a m t e a b e r kann n, a n s i e d o ch k a u m n e ii» e n. (Unruhe bei den Oberbürgermeistern.) Erster Bürgemeister Dr. Todscn-Flensburg bittet die Regierung, dem Gesetz mit den nugegriffeiien Bestimmungen nur dann ihre Zustimmung zu erteilen, wenn sie sich vorher die Gewißheit einer mittleren Linie verschafft habe, anf der die den Städten erlvachsende» Schäden ausgeglichen werden können. Graf Schlieben erkennt die schweren finanziellen Bedenken besonders der mittleren und kleineren Kommunen an und hofft, daß die Regierung die ge- gebene Frist dazu benutzt, um diesen Bedenken Rechnung zu tragen. (Lebhafles Bravo! bei den Oberbürgermeistern.) Erster Bürgermeister Dr. Kersten-Thorn erklärt, er werde aus wirtschaftlichen Gründen seiner Stadt gegen die beiden Zusatz- bestimmnngen stimmen. Erster Bürgemeister Dr. Oehler- Halberstadt schließt sich dem Vorredner an. Freiherr v. Duraut: Wir bleiben, indem wir für das Gesetz stimme», durchaus auf dem Bode» unsrer konservativen Anschauungen, ohne einzelne der Vorlage anhaftende Mängel zu verkennen. Damit schließt die Generaldiskussion. 88 1—3 werden debattelos angenommen. § 4 weist Oberbürger», eister Becker-Köln im Gegensatz znm Landwirtschaftsministcr anf den Unterschied hin, der zwischen den�Ticrärzten auf de», Lande und den angestellten Tierärzten der Schlachthöfe besteht. Jene sind auf private Praxis angewiesen, diese erhalten ein festes Gehalt, das ihr Urteil un- abhängiger macht. Minister v. Podbielöki hält es für unglaubwürdig, daß die Tierärzte auf dem Lande etwa von einzelnen Großgrundbesitzern in ihrer Untersuchung abhängig seien. 8 4 wird a»igenommen. Bei ß 5 nimmt das Wort Oberbürgermeister Ktrschner-Berlin: Bei diesem Paragraphen ist bisher eine Interpretation darüber nicht gegeben worden, wie die Polizeiverwaltung sich verhalten soll, wenn ein amtlich als gesund abgestempeltes Stück Fleisch dennoch als gegen das Nahrungsmittel-Gesetz verstoßend erkannt wird. Daun muß doch dieses Fleisch polizeilich mit Beschlag belegt und vernichtet werden. Das sind doch unhaltbare Verhältnisse, die beweisen, daß diese gesetzlichen Bestimmungen nicht auf einer gesundes Basis be- ruhen. Wenn man jetzt die eingehende Untersuchung in den Städten wieder beseitigen will, so macht man damit eine» Rückschritt. Was die finanzielle Frage anlangt, so will ich mich zunächst mit den Erklärungen der Minister, daß uns eine eingehende Erläuterung der ganzen Frage vorgelegt� werden soll, begnügen. Aber im übrigen haben mich die Ansführnngen der Minister i» keiner Weise befriedigt. Sie sind im Begriff. einem Rückschritt zuzustimmen, der in keiner Weise begründet ist I Ich weise auch darauf hin, daß wirklich wissen- schaftlich auf dem Gebiete der Fleischbeschau durchgebildete Tierärzte bei weitem nicht überall vorhanden sind; erst seit 1392 existiert zum Beispiel an der Berliner tierärztlichen Hochschule ein Lehrstuhl für Fleischbeschau.(Beifall.) Gcheimrat Richter macht darauf aufmerksam, daß das bestehende SchlachthauSgesetz unverändert bleibt«nd daß durch Reichsgesctz ans Gründen des öfsentlichen Wohles eine Nachprüfung des Fleisches gestattet sei. Auch könne nicht jeder beliebige Tierarzt ein Gesundheitsattest ausstellen, sondern nur ein amtlich dazu bestellter Tierarzt. 8 5 wird gegen die Stimmen der Linken angenommen. 88 werden debattelos genehmigt. 8 t4(Kosten der Untersuchung auf den Schlachthöfen) wird gegen die Stimmen der Linken angenommen. Der Rest des Gesetze? wird en bloc erledigt und da? Gesetz im ganzen gegen die Stimmen einzelner Mitglieder der Linke» angenommen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Atorlei-Nsiilvichten. Der Wert der Kompromistpolitit wird wieder einmal recht drastisch beleuchtet durch das Resultat der Stadtverordneten- Wahl in F r e i b u r g in Baden. Dort hatten unsre Parteigenossen sich verleiten lassen, mit dem Lentrum ein Kompromiß dahin ei». zugchen, daß sie auf eine eigene Kandidatur ver- z i ch t e t e n. wofür ihnen anf einer Mischmaschliste zwei Sitze eingeräumt werden sollten. Diese Liste wurde denn auch„gewählt". Das Eharakteristische an dieser„Wahl" aber, bei der natürlich von einer eigentlichen Wahlthätigkeit und principieller Stclliingnahme nicht die Rede sein konnte, war, daß die Wahlbeteiligung von früher etwa bv Proz. auf 25 Pro;, zurückging. Die Mannheimer„BolkSstimme" tadelt das Verhalten der Frei- burger Genossen sehr scharf und nieint dazu: „Die Annahme dcS gegnerischen KompromißvorschlageS war für unsre Freiburger Parteifreunde ein Eingeständnis der eignen Schwäche, dessen lähmende Wirkung anf den Elan, mit dem sonst bei ernstlichen Wahlkämpfcn unsre Genossen sich zu schlagen pflegen, nicht ausgeblieben ist. Man vergleiche mit der lenden- lahmen Mattheit unsres Freiburger Wahlaufmarsches die brillante Massenattacke, die die Socialdcmokratie der Residenz Karlsruhe kürzlich bei den Stadtverordnetenwahleu geritten hat l Hier war eben das Gefechtsbild klar, der Aufmarsch der Parteien nach streng principiellen Gesichtspunkten vollzogen— hie Bürgerliche, hie Socialisten I— und der Kampfesmut unsrer Truppen deshalb ein vortrefflicher. Wohl haben wir in Freiburg einen.Erfolg" erzielt, in Karls- ruhe dagegen eine.Niederlage" erlitten. Wer aber wollte be- streiten, daß diese weit ehrenvoller war als der Freiburger.Sieg"? Und schließlich: wozu hat unsere Partei ihre Gemeinde- wahl-Programnie, wenn wir, wie es in Freiburg ge- geschehen, die' einzige Gelegenheit, sie den großen Wählemassen zu vermitteln, nämlich die Wahlgclegenheit unbenutzt verstreichen lassen und statt dessen ein pomadiges Bcqucmlichkeils-Kompromiß mit uusern schlimmsten Gegner» eingehen, das lediglich dazu angethan ist, diesen auf billige Weise zum Ruf der Großmut und Selbstlosigkeit zu verhelfen, während es uns jede Möglichkeit einer energischen Ausnutzung der uns eingeräumten Positionen nimmt?!" Wir können nichts besseres thun, als diese zwar harte, aber durchaus gerechtfertigte Kritik unsres Mannheimer Parteiblattes Punkt für Punkt zu unterschreiben. Presse. Die.Nordwacht", welche zur Zeit in Bant als Wochen- blatt herausgegeben wird, erscheint vom 1. Juli ab dreimal wöchentlich. Totcnliste der Partei. In München wurde der Monteur Anton Kagerbauer nach dem Mittagsmahl im Kreise seiner Familie plötzlich von einem Blutsturz befallen und war nach wenigen Minuten eine Leiche. Kagerbauer war in der politischen und in der Gewerkschaftsbewegung außerordentlich thätig, so daß die Genossen ihm eine Anzahl Ehrenämter übertragen hatten. „Befreiung." Ueber das baldige Erscheinen dieses von P. v. Struwe heranSzngebenden russischen Blattes haben wir in unsrer Sonntagsnummer berichtet. Wir haben ergänzend mitzuteile», daß diese Zeitschrift nicht mit den Organen der russischen Social- demokratie in Wettbewerb treten soll. ES handelt sich um ein rein politisches Unternehmen, das alles Material zur Kritik des russischen Absolutismus sammeln und für die Schaffung einer Konstitution im Zarenreiche wirken soll. Das neue Blatt will jede Polemik mit der Socialdemokratie und ihrer Presse vermeiden, will aber keineswegs als ein Organ der russischen Socialdemokratie auftreten, es wird überhaupt nicht die Probleme des Socialismns als sein Arbeits- gebiet betrachten. Es giebt sich als ein lilterarisches Unternehmen, welches'ausschließlich den Gedanken der politischen Befreiung Rußlands von dem Joche des Absolutismus in alle Kreise tragen will.— Pvliiriliches, Gerichtliches usw. —„Daö machen wir hier so!" Unter dieser Spitzmarke lesen wir in der Breslauer„VolkSwacht"; Der Agent des Bergarbeiter- Verbandes, Schiwik in Laurahütts(Obcrschlcsien) mußte, seitdem er jene Stellung inne hatte, arge Verfolgungen trage». Sein Name wurde auf die Liste der Trunkenbolde und Arbeitsscheuen gesetzt, so daß Schiwik, der bei seinem Gewerbe vielfach Veranlassung hatte, Gastwirtschaften zu besuchen, von diese» ferngehalten wurde. ES gelang nicht, Schiwik von dieser Maßregel zu befreien. Ferner sorgte man dafür, daß Schiwik keine Wohnung erhielt; auf be- Wieseues Betreiben der Polizei wurde Schiwick im vorigen Jahre aus seiner Wohnung exmittiert; seine Sachen lagen vier Wochen lang unter freiem Himmel und verdarben bei dem damals herrschenden schlechten Wetter. Schließlich blieb der Polizeibehörde nichts weiter übrig, als Schiwik mit seiner Familie und seinen Sachen und Sachentrümmeru und-Resten in einer G e m e i n d e w o h n u n g, in einer Baracke, aufzunehmen. Hier blieb er einige Zeit ohne Störung. Im Herbst 1901 aber drang die Polizei energisch darauf, daß Schiwik die Baracke verlasse und eine Wohnung in der Gemeinde sich suche. Schiwik suchte, fand aber nichts; daß er nichts fand, war bei dem Verhalten der Behörde gegen Schiwik selbstverständlich. Nun begann der interessanteste Teil der Sache: gegen Schiwik wurde» in kurzen Fristen 3 Strasbefchle gemäß 8 361 Ziffer 3 des Strafgesetzbuches erlassen, weil er nach Verlust seines Unterkommens innerhalb der von der Behörde festgesetzten Frist sich ein anderweitiges Unterkommen nicht verschafft habe. Das Kattowitzcr Amtsgericht, dem diese Strafbefehle zuerst nach dem Einlegen des Widerspruchs vorlagen, sprach Schiwik in allen 3 Fällen frei; das Beuthener Land- geeicht, an das die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte, verurteilte ihn indes in allen 3 Fällen und das Breslauer Ober- landesgcricht bestätigte die Beuthener Urteile. „Das macheu wir hier so", so lautet das bekannte Wort des Königshütter Amtsrichters, der im Haase'schcn Meineidsprozeß in Bcnthen auf des Rechtsanwalts Heine Frage, weshalb Haase, der doch Beschuldigter gewesen sei, trotzdem entgegen der Vorschrift des 8 56 Str.-Pr.-O. als Zeuge vereidet worden sei, jene denkwürdige und tief blicken lassende Antwort gab. In Oberschlesten machen wicks halt so. Da versuchte die Beuthener Staaatsauwallschaft im Jahre 1897 die Beuthener Verwaltungsstelle des Bochumer Bergarbeiter- Verbandes für einen politische» Geheimbund zu erklären. Der betreffende Staatsanwalt kani kurze Zeit nach dieser Leistung nach Berlin. In Oberschlesien machen wir's halt so— da erklärte das Beuthener Landgericht die socialpolitische Einrichtung des Arbeiter- ekretariats für einen gewerbsmäßigen Geschäftsbetrieb. In Obcrschlesic» machen tvir's halt so— da verurteilten sie den ZeituugSboteu Schiwik, der gerade wegen des Verhaltens der tzolizei obdachlos geworden war und ein neues Obdach nicht erhielt, wegen der Nichtbcschaffnng eines Unterkommens zu IL Wochen Ge- 'ängiiis. — Die„Bel gische Arbeiter stimme" in Solingen hatte durch eine Anzahl Artikel das Gcschäftsgebahreu eines Agenten in Solingen gegeißelt. Dieser fühlte sich beleidigt und klagte gegen die Rcdacteure May und F r a u tz e u, sowie mehrere Privatpersonen. die als Urheber der Artikel galten. Das Schöffengericht in Solingen verurteilte May zu 150 M. und Frantzen wegen eines späler erschienenen Artikels zu 200 M. Geldstrafe und ahndete auch die That der„Urheber" entsprechend. Kläger wie Beklagte legten Be- rufung ein und die Strafkammer in Solingen erhöhte nun die Strafe gegen May auf einen Monat, gegen Frantzen auf 14 Tage Gefängnis. Auch ihre„Mitschuldigen" werden höher bestraft. Interessant an der Verhandlung war, daß man als Leumundszeugen für das im allgemeinen strafwürdige Verhalten unsres Solinger ParteiblotteS den Siedacteur eines gegnerischen KonkurrenzblatteS und einen Pfarrer citiert hatte, dem die„Arbeiter- timnie" einmal bittere Dinge nachgesagt hatte, ohne daß er des- wegen es mit einer Klage probiert hätte. — Wegen Beleidigung eines GcincindevorstandcS wurde der verantiv ortliche Redacteur der Magdeburger. BolkSstimme", Genosse M a r k w a l d, zu 150 M. Geldstrafe verurteilt. Aus Industvio und AZuudel. Verband deutscher Drahtstiftfabrikante». Nach dem Geschäfts- bericht des Verbandes hat im Mai die Nachfrage seitens der Inlands- kundschaft weiter angehalten; doch waren die meisten Werke bis über de» Juni hinaus besetzt, so daß die Verkaufsstelle es sich zur Auf- gäbe machte, nur noch diejenigen Aufträge anzunehmen, welche die Kundschaft zur Deckung deS' dringendsten Bedarfes pro zweites Quartal benötigte. Auf dem Auslandsmärkte machte sich eine etwas regere Nachfrage bemerkbar, so daß auch größere Umsätze erzielt werden konnten. Die Preislage auf dem Weltmarkt blieb im all- gemeinen unverändert. Rheinisch- Westfälisches Syndikat. Wie kürzlich gemeldet Ivurde. hatte der Ausschuß des Syndikats beschlossen, der Zechen- besitzcr-Versammluiig für das dritte Bierteljahr wieder eine Förder- einschräukung von 24 Proz. vorzuschlagen. In der gestrigen Beirats- Sitzung ffand dieser Vorschlag allgemeine Zustimmung unter Beibehaltung von 6 Proz. Umlage. Nach dem in der darauf folgenden Zecheiibcsitzer-Bersammlung erstatteten Bericht des Vorstandes betrug die Miuderförderung im Mai d. Js. 13,17 Proz. gegen 0,21 Proz. im Mai 1901 und 22,35 Proz. im April 1902. Der arbeitstägliche Absatz betrug gegen den Monat Mai des Vorjahres 3,76 Proz. weniger, gegen April 1902 5,23 Proz. mehr. Der arbeitstägliche Versandt au Kohlen, Coaks und Briquctts betrug im Mai dieses Jahres 15 107 Doppelwaggons gegen 15 503 im Mai 1901«nd 14 312 im April 1902. Für' die ersten' fünf Monate d. I. stellt sich die arbcits- tägliche Miuderförderung auf 20,79 Proz. gegen 9,12 Proz. im Bor- jähr. Die Zechenbesitzer- Versammlung nahm den Vorschlag des Beirats, betreffend den Förderplan und die Umlage an. Der Bericht zeigt, daß, wenn auch eine geringe Besserung in der Lage des Kohlenmarktes eingetretcu ist, doch die Nachrichten über ein merkliches Nachlassen der Krise zum mindesten ver- früht sind. Ernteschätzungc» in Frankreich. Das„Journal Officiell" giebt jetzt die Resultate der amtlichen Schätzungen der Ernte Frank- reichs im Jahre 1902 nach den von den einzelnen Departements an den Landwirtschaftsminister erstatteten Berichten bekannt. Die Weizen- ernte wird hiernach bei einer bebauten Fläche von 6 796 III Hektar insgesamt auf 125 212 900 Hektoliter geschätzt. Im Vorjahre war die Ernte bei einer bebauten Fläche von 6 739 527 Hektar auf 107 203 036 Hektoliter geschätzt worden, mithin würde sich ein Mchrcrtrag von rund 18 Millionen Hektoliter ergeben. Gegenüber dem Durchschnittsertrag der letzten zehn Jahre verspricht die dies- jährige Ernte einen Mchrcrtrag von 11729 057 Hektoliter trotz einer Verminderung der Anbaufläche Um 110 333 Hektar. Die Hafercrnte wird bei einer bebauten Fläche von 3 975 440 Hektar gegen 3366 115 Hektar im Vorjahre auf rund 90 Millionen Hektoliter geschätzt. Dieser Ertrag würde den Durchschnittscrtrag für die Jahre 1892 bis 1901 von rund 36 Millionen Hektoliter um rund 4 Millionen Hektoliter übersteigen, ein Ergebnis, das einmal dem äußerst günstigen Saatcnstandc im Mai d. I., dann aber auch dem Umstände zuzuschreiben ist, daß der Hafer am wenigsten unter den Regeufällen des Mai zu leiden hatte. Die Gerste-Ernte wird bei einer bebauten Fläche von 776 733 Hektar gegen 788 931 Hektar im Vorjahre auf etwa 15 400 000Hekto- litcr, d. i. etwa der Durchschnittsertrag der letzten 10 Jahre, geschätzt. Dieser Ertrag würde den dcS Vorjahres von 13 702609 Hektoliter um rund 1700 000 Hektoliter übersteigen. Von weit geringerer Bedeutung als der Weizen- und Haferbau ist bekanntlich in Frankreich der Roggenban, da Roggen bei der Herstellung von Brot nur in wenigen Fällen Verwendung findet. Die Roggeuernte wird bei einer bebauten Fläche von 1 390 134 Hektar auf 20 939 800 Hektoliter geschätzt. Im Vorjahre hatte die bebaute Fläche einen Umfang von 1 393 813 Hektar und lieferte einen Ertrag von 21 977 509 Hektoliter. Die diesjährige Ernte läßt daher bei einer Abnahme der bebauten Fläche um 3634 Hektar einen Minder- ertrag von 1037 709 Hektoliter erwarten. Das Durchschnittsergebnis für den zehnjährigen Zeitraum von 1892 bis 1901 beträgt 22 904 505 Hektoliter. Mithin würde die diesjährige Produktion diesem Durch- schnitt um 1964 705 Hektoliter nachstehen. Trnstbestrebuugcn im schotttschc» Kohlenbergbau. Wie verlautet, wird in der nächsten Woche den Aktionären von 23 Kohlen- gruben in Lanarkshire der Vorschlag zu einer Vereinigung derselben mit einem Gesamtkapital von 3 Millionen Pfund unterbreitet werden. Die gemeinsame Förderung würde 6 Millionen Tonnen jährlich betragen, d. h. 20 Proz. der' gesamten Kohlenförderung in Schottland._ Sorierles. Die Aufnahme der Lohuvcrtragöformol in die Sub- Misflouö-Bedingnngen der Stadt M a i n z fordern die dortige Schlosser- und Spengler-Jnnung sowie die Filiale des Metallarbeiter- Verbandes g e m c i n s a in in einem an die Stadtverorordneten-Vcr- sanimlung gerichteleu �Antrage. Dieser Tage waren nun die Gewcrbegerichts-Beiiitzer zusammenbcrnfen, um sich gutachtlich über diesen Antrag zu äußern: 14 Arbeitgeber und 23 Arbcitiichmer hatten dem Rufe Folge geleistet. Gc- nosseBorn verlangte, daß der Antrag auf alle Gewerbe ausgedehnt werde, in deucn Lohnvcrträge existieren, außerdem soll von den Arbeitgebern verlangt werden, daß dieselben ihren Arbeitern auch das Koalitionsrecht garantieren. Nach längerer Diskussion wurde dem Gutachten auf Vorschlag des stellvertretenden Gcwerbcgerichts- Vorsitzenden Schäfer die Form gegeben, daß eS sich empfch'lc, allen Firmen während der Lieferzeit für die Stadt die Verpflichtung zur Jnnehaltmig der Lohnverträge aufzuerlegen. Diese Bestimmung soll auch auf die Zwischenmeister ausgedehnt werden. da gerade bei diesen die meisten Lohndrückereien vor- kommen. Ueber die Lohn- und Arbeitsverhältnisse dcö Hilfspersonals im GastwirtSgcwrrbe werden gegenwärtig von den Hoteldiener- Vereinigungen Erhebungen vorgenommen. Bekanntlich ist das Hilfs- personal von der BnndeSratS-Verordnung für das Gast- und Schank- Wirtsgewerbe ausgeschlossen und in keiner Weise geschützt. Durch diese Erhebungen soll der Nachweis erbracht werden, daß die Arbdits- Verhältnisse des sehr zahlreichen Hilfspersonals ebenso wie die der qualifizierten Gehilfen unbedingt der gesetzlichen Regelung bedürfen. ES wird deshalb erwartet, daß dann die Regierung doch endlich Veranlassung nimmt. Maßnahmen zn treffen, um die ungeheure Ausbeutung dieser Arbeiter und Arbeitcrinncii wenigstens einiger- maßen einzuschränken._ GewevksllsZAfttiches. TrntschcS Reich. Achtung! Buchbinder und Galanterie- Arbeiter! Die Kollegen bei der Finna Anhöck n. E o. in Gößnitz befinden sich noch im A n s st a n d. Die Situation ist für unsre Kollegen günstig. Zuzug» st streng fernzuhalten! Die OrtSverlvaltuug des deutschen Buchbindervcrbandes. Achtlmg, Holzarbeiter! Schon die vierte Woche stehen wir im Kampfe mit den hiesigen Möbelfabriknuten. Man sucht jetzt allerorts unter Vorspiegelung falscher Thatsachen Streikbrecher an- zuwerben. Wir richten deshalb die dringende Bitte an alle in der Holzindustrie beschäftigten Personen, Zeulenroda so lange zu meiden, vis der Kampf zu Ende geführt ist. Die in Betracht kommenden Firnen sind: Edwin Metz, Hoflieferant Rod. Paul. Rother u. Kuntze, Franz Roniche, Carl Simmerliug und Ekchler n. Wiederwilt. Die Lohnkommission der streikenden Holzarbeiter. Der Streik der Stnccateure in Chemnitz ist beendet. 6 Ge- schäfte haben die Fordenmgen bewilligt, über 2 andere Finnen ist die Sperre verhängt. Bei der Gcwerbegcrichts-Wahl tu Koblenz, die am 17. Juni stattfand, erhielten die Arbeituchmer-Kandidateu der freie n Ge- wertichaften 497, die der ch r i st l i ch e n 406 Stimmen. Der Erfolg der freie» Gewerkschaften ist um so höher anzuschlagen, als die Maurer und Zimmerer, weil sie sich im Ausstand befinden, au der Wahl nicht teilnehmen konnten. Wirklich christliche Streikbrcchcr gesucht. Bekanntlich be- finden sich in Neumünster die Zimmerer im Streik, wobei auch die Maurer und Bauarbeiter in Mitleidenschaft gezogen sind. Die „Mecklenburgische Volkszeitung" veröffentlicht ein Schreiben deS Bau- Unternehmers G. A. Dallmeyer in Neumüufter. worin dieser sich— anscheinend bei einem Geistlichen— um Zusendung von Arbeits- willigen bemüht. Der genannte Arbeitgeber schreibt:. „Anläßlich deS Streiks der Zimmerer und des bevorstehenden Streiks der Maurer und Bauarbeiter am hiesigen Ort erlaube ich mir auch an Sie die höfliche und freundliche Bitte zu richten, falls sich in Ihrer Gemeinde etwa Arbeiter der vorgenannten Klassen befinden auf»nein Geschäft aufmerksam zu»lachen. Eintritt sofort.. «ußerbem weise ich darauf hiir. daß ruhige uud wirklich ch r i st I i ch e Arbeiter und Gesellen in meinem ziemlich umfangreichen Ge |fchäft stets auf Jahre hinaus Arbeit haben können.... Indem tch Ihnen für Ihre freundliche Bemühung bestens danke und des Herrn reich st en Segen wünsche, grüße ich Sie wenn auch nnbekanut.— Auch solche Leute, welche etwa dem Trünke ergeben sind und den aufrichtigen Wunsch haben, ae rettet il» werben, können angestellt werden." Wenigstens scheint der christliche Herr Dallmeher zu wissen, daß anstandige Arbeiter sich nicht zu Strcikbrecherdiensten hergeben, des- halb nimmt er auch mit notorischen Trunkenbolden vorlieb und ivünscht dem Ueberscnder solcher Elemente noch„des Herrn reichsten Segen". Zu solche» Raußreißern kau» man dem Arbeitgeber eben falls„des Herrn reichsten Segen" wünschen. Dir Stuttgarter Straßenbahn- Direktion nutzt ihren Sieg über die Angestellten in brutaler Weise ans. Die wieder eingestellten Ansständigcn werden„vorläufig bis zum 1. Juli" nicht'mehr zu den vor dem Streik bestehenden Bedingungen beschäftigt und ent- lohnt, sondern sie Ivcrde» ohne Kündigung gegen ein Tagegeld von S lW. beschäftigt. Am Montag waren von den zuerst Geniaßregelten noch öS ohne Arbeit. Ausland. Streik der Kaffeeleserinne» in Trieft. Bei einer Firma in Trieft verlangten die Kaffeeleserinnen Lohnznlage und Arbeits Verkürzung. Der bisherige Lohn betrug durchschnittlich bei zehn stündiger Arbeitszeit 1 M. IS Pf. Da die Arbeitgeber diese be scheidcne Fordenmg ablehnten, erklärte» sich sämtliche in Trieft be. schnftigten Kaffeeleserinnen— 700 an Zahl— solidarisch mit ihnen und legten die Arbeit nieder. Nach viertägigem Streik wurden die Forderungen bewilligt. BelagerungSznstand gegen streikende Arbeiter in der Schweiz. Auf Betreiben der kapitalistische» Presse und der Unter. nehmer hat die Regierung des Kantons Bern über Biel den Belagerungszustand verhängt und den radikal-kapita- listischen Politiker und Oberst Will zm» Regierungskommissar ernannt Seit Wochen streiken dort die Bauarbeiter nnr Bcrbcsserung ihrer Lohnverhältnisse. Es ist nun den Streikende» verboten, fernerhin Umzüge oder öffentliche Versammlungen zu veranstalten, und die Abhaltung der Streikbrecher von der Arbeit wird mit drei Tagen Gefängnis bedroht. Also ein kapitalistisches Schreckensrcgimcnt in der Republik. Erhöhung der Löhne im Baugewerbe Stockholms. Die Maurer, Bauarbeiter, Zimmerer und Bautischler in Stockholin haben mit ihre» Arbeitgebern eine neue Tarifgemeinschaft abgeschlossen, die bis zum Jahre ISOt in Geltung bleiben soll und teilweise eine nicht umvesentlichc Erhöhung der bisherigen Löhne enthält. Die Stundenlöhne betrage» danach für: Maurer 00, Tischler 53, Zimmerer 48, Ziegelträger 45, Handlanger 32 und iveib- liche Handlanger oder Burschen 30 bis 25 Oere. Weibliche Handlanger sollen jedoch bei schwererer Arbeit nicht unter 30 Oere erhalten. Die früheren Stundenlöhne betrugen in den genannten Fächern 60, 50, 45, 40, 30 und 28 bis 25 Öere. Die Accordpreisc für Maurerarbeit sind um 1 bis 5 Proz. erhöht worden. Ueberzeit- arbeit wird in den ersten 4 Stunden mit 50 Proz. Zuschlag, danach mit 100 Proz. bezahlt.— Von den Arbeitgebern wurde im Dezember vorigen Jahres eine große Aktion eingeleitet, um die Arbeitslöhne herabzndrücken. Vermöge ihrer guten Organisationen ist es nun den Arbeitern gelungen, das Gegenteil zu erreichen. Vevsanunl ungen. Sechster Wahlkreis(Schönhauser Vorstadt). Z w e rk s Regelung des Organisationsstreites war als Folg der vor circa acht Tagen abgehaltenen Bebel-Versammlung zu Dienstagabend eine außerordentliche General- Vcr s a m m l u n g dcL Wahlvereins nach dem früher Mierkesche» Lokal einberufen Ivordcn. Der Vorsitzende des Vereins, Genosse Mars, ersucht, die ans den letzten Zahlabcnde» geäußerten Wünsche auch hier rückhaltlos zum Ausdruck zu bringen. Hierauf ge- langen mehrere auf die Organisationsfrage bezugnehmende Anträge zur Verlesung. Die nun folgende Diskussion war eine sehr ans- gedehnte und teilweise recht lebhafte.— K l a t t befürwortet die Einteilung des Kreises in mehrere selbständige Bezirke; cincn bc- dingnngslvsen Uebertritt in den alten Verein halte er für unmöglich.— Metzle spricht zu Gnusten seines Antrages, laut dessen er zwar die Auflösung des Vereins entsprechend der Resolution Bebel wünscht. jedoch den Genossen das Recht wahren luill, als Vicrtelorgaiiisation unter einem genieiiisaiiien Centralvorstand bestehen zu bleiben. Die bedingungslose Auflösung sei riskant, ivcil anS Unmut darüber wahrscheinlich eine ganze Anzahl Mitglieder abspringen würden, ivas ini Interesse nnsrer Sache vermieden werden müsse. Eine nach dem belverkstclligten Uebertritt zu betreibende Propaganda für die hier als nützlich anerkannte und gewünschte Föderativ- organisation werde jedenfalls wieder zu nncrqnicklichen Auseinander- setzungen im Gcsamtverein führen, und derartige Debatten seien dann gewiß nicht danach angethan, die Lust an freudiger Mitarbeit zu fördern.— Philipsohn hebt hervor: Wohl alle wünschen schließlich eine Teilung des sechsten Kreises, weil bei der Größe des- selben in intensives Arbeiten in der Einheitsorganisntion auf große Schtvierigkeiten stößt. Die Teilung sei aber erst möglich, wenn die Genossen wieder Mitglied der Gesamtorganisation geworden waren. Es müsse aber darauf gedrungen werden, die Liste säml- licher nenznwählender Funktionäre den Genossen vorher zu unter- breiten, damit nicht wieder unliebsame Personen gewählt würden.— Fischer ist entschieden gegen die Anflösmig, weil keinerlei Garantie vorhanden, daß in absehbarer Zeit eine vernünftige Reorganisation im Kreise Platz greift. Bebels Gedanke von der Föderativorganisation stelle nnr dessen Privatmeinnng dar, an die sich die beeinslußte Kreis- Majorität nicht kehren werde. Es nütze nichts, wenn nach außen der Eindruck erweckt werde, es herrsche Einigkeit, thatsächlich aber sei dies nicht der Fall. Würde der Verein, der sich so bewährt habe, heute leichtsinnig aufgelöst, so könne man bei der Animosität der anderen Seite gegen die Genossen der Schönhauser Vorstadt noch jahrelang auf eine andre Gestaltung der Dinge warten, es werde den alten Schlendrian weitergehe». Eine Zurücksetzung oder Beiseitcschiebung der diesseitigen Genossen befürchte er nicht, weil sie ja genau so gut ihre Schuldigkeit gegen die Partei thäten, wie andre Leute. Auffällig sei ihm das plötzlich so nachgiebige Verhalten der leitenden Personen des Vereins. Im felben Sinne äußert sich Dalli.— Mars weist den Vorwurf gegen die leitenden Genossen zurück. Bei kühler, leidenschaftsloser Betrachtung der Dinge habe man nicht anders handeln können, als tvie die Auflösung zu empfehlen. Es sei gar lein andrer Weg übrig geblieben, wenn man nicht thatsächlich als Sonder- organisation angesehen med behandelt werden ivolle; letzteres müsse aber doch jedem Genossen peinlich sein. Der Gedanke, daß die Viertels- organifalion die beste sei, habe sich bei den leitenden Personen des Vereins genau so fest eingewurzelt wie bei ihren Mitgenossen, trotz- dem müsse der Uebertritt in den Kreisverein ans rein praktischen Erwägungen heraus vollzogen werden. Sobald dies geschehen, könne man Unterschriften sammeln, um eine Gencrälversnmmlung ciiiznbernsen niit der Tagesordnung: Teilung des 6. Kreises. In einem halben Jahre wird dann die Reorganisation durchgeführt sein. Redner teilt noch mit, daß die Bezirks- fiihrer geneigi seien, ihre Aeintcr nach der erforderlichen Niederlegung ivieder anzunehmen, falls die Genossen es iviinschen.— Wünsch weist darauf hin. daß es laut Organisationsstatnt der Partei Sache des Kreises und nicht einer einzelnen Vorstadt ist, sich die Organisationsform zu wählen, deshalb seien auch die in ver- schiedcnen' Anträgen gestellten Bedingungen s v o r h e r i g e An- erkennung der Viertelsvereine unter einer Centralleitniig) hinfällig. Verharre man auf dem jetzigen Standpunkt, so könne man von der Mitarbeit in der Partei ausgeschlossen werden, man verwirke seit Mitbestiinmnngsrecht. Es sei ihm nicht leicht geworden, feinen früheren Standpunkt aufzugeben, doch habe sich kein andrer Ausweg finden lasse». weil die übrigen Kreise ihre Meinung geändert hätten und die Schönhauser Vorstadt jetzt iiolicrt dastehe. Man möge auch auseinanderhalten, daß der jetzt so eifrig propagierte Föderativgedanke nicht die eigentliche Grundursache des Organisationsstreites gewesen sei. Mißtrauen be- stände hüben wie drüben. Ziehe man die richtigen Konsequenzen, so erlveise sich der Uebertritt als notivendig.— Höfs bezeichnet die eventuelle Aberkennung der Parteizugehörigkeit als eine übertriebene Befürchtung und stellt, um einen Mittelweg zu finden, eine Reso- lution, in welcher zwar die Auflösimg des Vereins ausgesprochen wird, doch die Auflösungsformalitäteii bis zur Anerkeninnig der Föderativorganisation hinausgeschoben werden soll.— Thomas rügt die Haltung der an der Sitzung der freien Kommission beteiligt gewesenen Frauen und befürchtet ebenfalls den Austritt vieler Mitglieder im Falle der Auflösung.— Bartels empfiehlt die Auflösung und den Uebertritt, weil der eigentliche Streitpunkt fo gut wie begraben sei. Es ninsse geradezu wunderbar sein, wenn die andre Seite jetzt, wo ihre Chancen so günstig stehen, in eine vorherige Teilung des Kreises willigen würde. Redner ersucht, nicht abseits stehen zu bleiben. sondern mit vermehrter Energie für die Durchführung des Föderativ- gcdankens zu wirken.— S a b i tz k i betont: Wenn der Verein heute nicht aufgelöst würde, so setzen sich die Genossen mit sich selbst in Widerspruch. Die aiigenoinmene Resolution Bebel bedinge einfach den Uebertritt in den Kreisverein. Betreffs der Umstimmung der Majorität möge man sich keinen Illusionen hingeben, im Gegenteil könne man getrost fagen: Wir sind die Besiegten.— M e i l ch e n ist der Meinung, nachdem die Resolution 72 des Mainzer Parteitages eine so eigenartige Auslegung seitens maßgebender Parteigenossen erfahren habe, andrerseits aber den Wünschen der Schönhauser Vorstadt imnierhin in etwas Rechnung getragen ist wäre das einzig Zweckmäßige, sich heute aufzulösen.— Weber deutet auf den Widerspruch in dem Autrag Höfs hin und erklärt, der Gedanke der Deccntralisation breche sich thatsächlich im ganzen Kreise Bah»; seine Verwirklichung werde in nicht sehr ferner Zeit erfolgen müssen. UebrigenS genügen schon 200 Unterschriften zur Ein bernfimg einer Generalvcrsainmlniig, die dann über die Teilung dcsKreises Beschluß fassen könne; doch müsse vorher erst der Uebertritt erfolgen.— M i l i tz äußert sich in ähnlichem Sinne.— Kluge führt ans, er habe sich in der Bebel-Versammlimg mit aller Schärfe gegen die aiigenominene Resolution ausgesprochen. Nachdem sie aber mit großer Mehrheit angenommen sei, wäre eS eine Inkonsequenz sonder- gleichen, wollte man heute gegen die Auflösung des Vereins stimmen. Die Genossen dürften sich jetzt nicht auf den Standpunkt eines eigen- sinnigen Kindes stellen. Bezüglich der Propagierung des Föderativ gedankens sei er völlig beruhigt, denn wenn die Genossen bei dem heutigen Hnndcwcttcr' so zahlreich erschienen seien, würden sie auch später vollzählig antreten. Inzwischen war folgender Antrag eingegangen: Da sämtliche Wahlkreise des Berliner Ägitationsbezirks sich mit den Beschlüssen der freien Einiguiigskommission einverstanden er- klärt haben, kann es für die Schönhauser Vorstadt nur' richtig sein, wenn sich der dortige Wahlvercin auflöst, sich der Majorität im alten Verein anschließt und alles aufbietet, die im Interesse der Partei notwendige Idee der Dcccutralisatiou zur Durchführung zu bringen. Bartels. Z i e s ch e. Dieser Autrag wurde bei der nun folgenden Abstimmung mit übergroßer Majorität angenommen. Im Anschluß Hiera» wurde ein fnnfgliedrige K o m m i s s i o n gewählt, bestehend aus den Genossen Wünsch, L c s k a u. Hönisch, H a a se und I ck e r t, die den Uebertritt in den alten Verein in die Wege zu leite» hat. Gleichzeitig erfolgte die Nominierung der Funktionäre. Nachdem P h i l i p p s o h» noch zu einer nachdrücklichen Agitation ür den„Vorwärts" unter besonderer Bezugnahme auf die Bauern- ängcrprnltikcn des„Lokäl-Anzeigcrs" aufgefordert hatte, ivurdc die Versammlung mit einem Hoch auf die Socialdemokratie geschlossen. Die Streckenwärter der Große» Berliner Straßenbahn kommen jetzt niehr und mehr zu der Einsicht, daß sie nnr durch Anschluß an eine starke Organisation ihre mißliche wirtschaftliche Lage verbessern können. In einer B e r s a m m l u n g von Strecken- Wärtern, die am Dienstag im„Englischen Garten" stattfand, ent- wickelte Rathmann ein trübes Bild von den Lohn- und Arbeitsbedingungen dieser schlechtest gestellten unter den Angestellten der Großen Berliner. Statt den teure» Zeiten entsprechende Aufbesieriingen vorzunehmen, wie es die großen Ueberschiisse der Gesellschaft wohl gestatten ivürden, sucht sie die Lebenslage dieser mühevoll und unter Gefahren arbeitenden Leute immer mehr herab- zudrücken, ihre Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. So lange die Straßenbahn besteht, sind den Streckenwärtern zwei freie Tage im Monat gewährt worden; jetzt schafft man das ab und jeder freie Tag lvird von dem sowieso kargen Lohn abgezogen. Daß bei den jetzigen Verhältnissen ein Manu, namentlich ein verheirateter, mit einem Tagelohn von 2.80 M. auskönnnlich leben kann, ist wohl nicht möglich. Die Streckenwärter aber erhalten diesen Lohn noch nicht einmal voll ausbezahlt; nach Abzug der ver- ichiedcncn Beiträge bleiben ihnen in sechs Tagen nur ctlva 15,79 M. übrig. Freiwillig die Löhne zu erhöhen, fällt den Herren nicht ein; die Ansbciitnng der Angestellten aber wird erhöht, die Strecken, die der einzelne Wärter zu verschen hat, wurden verlängert. Die Kündignngsfrist der Streckenwärter ist den Herren offenbar auch un- bequem geworden; Leute, die 12 Jahre ihren Dienst versehen haben, wurden gekündigt und dann ohne Kündigung eingestellt. Ans eilT den angeführten Thalsachcn geht hervor, wie sehr hier ein energisches Vor- gehen durch die Organisation notwendig ist. Ein in der Versammlung anwesender Schaffner erklärte, daß daS Fahrpersonal bereit sei, die Streckenwärter in ihrem Streben nach besseren Lohn- und Arbeits- bedii.. gingen zu unterstützen, wenn sich diese Kollegen der Organi- ation anschließen.— Von einer weiteren Diskussion wurde ans tak- tischen Rücksichten Abstand genommen. Die Streckenwärter, sowie das Stallpersonal werden aufgefordert, sich an den Bahnhofs-Ver- 'ammlungen zu beteiligen. In einer demnächst statifindeiiden Versammlung soll eine Kommission zur Forniulierung der an die Direktion zu stellende» Forderungen gewählt werden.— Die meisten der Anwesenden traten sofort dem Verband bei. Teilte LisiszvMxken und Depeschen. Der Minister für Socialreform. Diiffcldorf, 13. Juni.(W. T. B.) Auf dem Internationalen Arbeiterversicherungs-Kongreß, der heute hier zusammentrat, hielt der Staatssekretär des Innern. Graf Posado wsky, eine längere Rede, in der er u. a. folgendes sagte: „Bei der grundlegenden Umwälzung der früheren Wirtschaft- lichen Grundlagen mußten neue Wege gesucht werden. um dem Arbeiter, dessen einzige Existenzgrundlage seine Arbeitsfähigkeit ist, eine umfassendere, der gegen'.värtigen Volksbildung entsprechendere und ihn wenig bedrückende Gelvähr gegen die Gefahren seines Berufslebens zu geben. So entstand die socialpolitische Gesetzgebung, die für Deutschland in dem berühmten Erlaß des ersten Kaisers im neuen Deutschen Reich ihren klassischen Ausdruck gefunden hat. Sie, verehrte Herren, wissen meist aus eigner Erfahrung, daß der praktisch Socialpolitik Treibende gesunde Nerven und ein tarkes Herz besitzen muß, wenn er nicht der Gefahr unter- liegen foll, zerrieben zu werde» zwischen den feindlichen Mächten politifcher Knrzsichtigkeit, herzloser Gleichgültigkeit, träger Gewohnheit oder Ivirtschaftlichcr Unbesonnenheit, die vor- zeitige und unreife Forderungen stellt oder Ansprüche erhebt, die ohne ernstliche Gefährdung unsrcs gesamten Erwerbs- lebcns überhaupt nicht erfüllt werden können. Es heißt deshalb das Steuerruder fest halten, wen» man zlvijchen den eindlichen Gegenströmungen überhaupt vorwärtskommen und nicht von ihnen verschlungen werden will. Man spricht von einer ocialen Frage mit Recht. Die sociale Frage ist aber eine ewige Frage, die nach verschiedenen Zeiten, nach der Kultur und der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Länder eine stets veränderte Forin annimmt und stets neue Aufgaben stellen wird. Mögen Ihre Verhandlungen dazu beitragen, die Erkenntnis immer mehr zu vertiefen, daß praktische Socialpolitik zlvar eine der schwierigsten aber auch der vornehmsten Aufgaben zeitgemäßer Staatskunst ist! Nach dem Grafen Posadowskh ergriff der Handelsminister M o e l I e r das Wort und führte aus: In andern Ländern seien in früheren Kongressen die lebhaftesten Zweifel an der sociale» Versicherung, wie sie in Deutschland eingeführt sei, erhoben worden. Die Erfolge in Deutschland sollten heute alle derartigen Bedenken zum Schweigen bringen. Nur O e st r e i ch sei Deutschland fast vollständig gefolgt. In und von den andren Staaten seien die principiellen Gegensätze zwischen der Zwangsversicherung und der freiwilligen Versicherung noch nicht überwunden. Er, Redner, habe diese Staaten vor dem letzten Wege stets dringend gewarnt, dies aber sei ver- geblich geivesen.„Wir in Deutschland," schloß der Minister,„können der Arbeiterbewegung mit ruhigem Gelvissen gegeunberstchcn. Das ist viel lvcrt." �_ Die Polcnintcrpellatlou im ReichSrat. Wie», 18. Juni.(W. T. B) Abgcordnenhans. Der Ministerpräsident v. Koerber erklärt mit Bezug ans die gestrige Interpellation des Abg. K l o f a c und Genossen betreffend die Rede des deutschen Reichskanzlers Grafen v. B ü l o w: Obwohl ihn das im Wege einer Anfrage an den Präsidenten von den Jnter- pellantcn auf ihn ausgeübte Drängen nicht bestimmen könnte, außer- halb des üblichen Geschäftsganges auf eine Anfrage zu antworten, wolle er doch, um jeder Mißdeutung am Schlaffe der Session vor- znbcugen, kurz erklären, daß er in die erwähnte, die leitenden Grundsätze der preußischen Politik entwickelnde Rede des deutschen Reichskanzlers eine Propaganda nicht hineinzudeuten vermöge, welche die politischen Verhältnisse des östreichischen Staates berühre. Er habe daher seinerseits keinen Anlaß, irgendwie auf dieselbe zurückzukommcn. Dagegen müsse er allerdings mit aller Schärfe jene steten Agitationen verurteilen, die hier von ganz vereinzelten Seiten immer wieder versucht ivürden, und deren Charakter und Tendenz er erst kürzlich bei einem ähnlichen Anlaß gekennzeichnet habe.(Zu- stmiinung.) Die. Ansicht von der Mission, ivelche die Jnter- pellanten der östreichischen Monarchie zuwiesen,„daß sie durch gegenseitige Verbindung von einzelnen kleinen Staaten und Nationalitäten Kraft bekomme, um deren Existenz und Individualität zu schützen und zu erhalten", könnte der geschichtlichen Entwicklung und den thatsächlichen Verhältnissen entsprechend ausgelegt, eine ge- wisse Berechtigung haben. Er müsse aber mit Bezug auf die Frage- steller sagen„Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube".(Lebhafter anhaltender Beifall, Händeklatschen; lärmende Zivischenrufe bei den Czechisch- Radikalen.) Der Antrag Klofac auf Eröffnung der Debatte über die Anttvort des Ministerpräsidenten lvird hierauf abgelehnt._ Tic englische Finanzbill. London, 18. Juni.(Unterhaus.) Bei der Beratung der Finanz- bill erklärt H i ck s B e a ch, die Ansicht, daß die Regierung da- durch, daß sie einen Zoll einführt, einen Wechsel in den Grundsätzen des Finanzsystems beabsichtige, sei eine außerordentliche Täuschung; er stelle diese Ansicht völlig in Abrede; es sei nicht die Politik der Regierung, den Handel mit den Kolonien dadurch zu fördern, daß man einen Zollkrieg mit fremden Nationen beginne, welche die bedeutendsten Knuden Englands seien.(Beifall.) Italienischer Senat. Noiu, 18. Juni.(W. T. B.) Bei der Beratung de? BndgefS des Auswärtigen erklärte Minister Prinetti: Die auswärtige Politik Italiens habe diesem eine seinen Wünschen, Rechten nud Pflichlcn entsprechende Stellung verschafft. Er sctiätzc sich glücklich, feststellen zu können, daß Italien zu allen Mächten f r e n n d sch a f t- liche Beziehungen unterhalte, daß es mit den beiden großen mittele n r o p ä i s ch e n R e i ch e n in e i n e m s r i e d- liche Zwecke verfolgenden Bündnisse stehe, daß mit den beiden Mittelinecrinächten volles Einverständnis herrsche. Das Budget des Auswärtigen wurde bewilligt. Grnbenkatastrophe. Gieße», 18. Juni.(W. T. B.) Wie der„Gießeuer Anzeiger" meldet, steht die„Fricdrichsgrube" bei Gießen in Flammen. Zwei Personen sind tot, sechs schwer verwundet; eS soll noch eine größere Anzahl Personen, man behauptet 70, unter der Erde sein.— Ein späteres Telegramm besagt: Nach Mitteilung der Grubenverwaltung über den gemeldeten Brand auf der„Friedrichsgrube" bei Hungen ist der Brand an den Fabrik- gcbäudcn nunmehr gelöscht. Zwei Personen sind getötet, an dem Aufkommen einer dritten lvird gezweifelt. Mehrere Personen erlitten Verletzungen. linier der Erde befindet sich niemand mehr. Die Ursache dcS Brandes wird auf eine Kohlenstanb-Explosion zurück- geführt. Gießen, 18. Juni.(B. H.) Zu dem Friedrichsgrube" tvird gemeldet, daß im Waggons brennen. Der Brand dürfte noch Die Feuerwehr von acht Ortschaften ist um die Gebäude, die teilweise noch Von den Schwerverletzten sind zwei ist durch Versicherung weiter beschäftigt. lrande auf der ganzen 650 Doppcl« acht Tage dauern. fortgesetzt thätig, unversehrt sind, zu schützen. g e st o r b e n. Der Schaden gedeckt. Die Arbeiter werden voraussichtlich Meininge», 18. Juni. Die„Korrespondenz für Sachsen und Thüringen" meldet: Der Buchhändler Perthes wurde wegen Be- leidiguug des S t a a t s in i n i st e r s v. Strenge und der übrigen an dem Kongreß beteiligten Kläger durch zwei Broschüren zu 1200 Mark Geldstrafe verurteilt. London, 18. Juni.(B. H.) Nach einer Meldung aus Bombay zcLslörtc ein furchtbarer Cyclo» die Stadt Karacha. Die Stadt wurde von de» Wellen verschlungen, zahlreiche Einwohner sind um- gekommen. Die Dampfer„Siinba",«City of Delhi" und„Kola" sind mit Flüchtlingen angefüllt. Belgrad, 13. Juni.ff machungen für den Einzelverkauf: aus Rohseide oder kiiiist licher Seide 300 Mark, aus Floretseide 76 Mark" gegen früher um 100 Mark erhöht werden soll, schädigt die Arbeiterinnen der Konfektionöbranche, die zu ihren Arbeiten oft die Zuthaten, auch Scidenzwirn selbst kaufen müssen. Außerdem hebt aber der Abg. Bandcrt, der den socialdemokratischcn Antrag auf Zollfreiheit begründet, hervor, daß derartige Zölle den Abschluß von Handelsverträge» erschweren. Dem Regierungsvertreter v. Henle, der die Ansicht aussprach, daß die Konfektionäre schwerlich diese Waren durch die Arbeiterinnen kaufen lassen würden, erwidert Abg. Rcisthaus, daß der Kommissar das Gebiet zweifellos nicht beherrsche, denn es sei Thatsache, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Konfektion den Seidenzivirn selbst kaufen müßten zu ihrer Arbeit. Trotz alledem ivird Zollfreiheit abgelehnt und die Position nach der Vorlage angenommen. Bei Position 398, Rohseide, künstliche Seide oder l o r e t s e i d e n g e s pi nn st e n in Verbindung mit Metallfäden (Draht oder Lahn), 300 Mark, rügt Abg. Baudert, daß man durch solche Zölle sogar noch drückend auf die Branchen wirke, in denen die Arbeiter wenigstens noch einen besseren Lohn erhalten, als zum Beispiel in der Baunilvollbranche. Miiller-Fulda meinte, ivolle man hier Zollfreiheit einführen, hätte man sie auch für die vorhergehenden Positionen beschließen sollen, nun müsse man konsequent dem Zoll auch hier zustimmen. Dieser Ansicht treten die Abgg. Grünberg(Soc.), der außerdem auf die Bannnvolliveberei hinweist, und Stadthagr» entgegen. Halte nian den Zoll für diese Position zn hoch, müsse man ihn herabsetzen oder beseitigen und bei der 2. Lesung dann auch bei den vorher- gehenden Positionen entsprechend verfahren. Miiller-Sagan wünscht zu wissen, wie die Vertreter der bc- teiligten Jndnstrien in, wirtschaftlichen Ausschuß sich über diese Zölle ausgesprochen haben. Die Regierungsmotive seien gar zn dürftig. Die Position wird nach weiteren unwesentlichen Aenßerungen nach der Vorlage angenommen. Der gleiche Vorgang spielte sich bei Position 399,„dichte, nngemnsterte taffctbindige Getvebe, ganz ans Seide des Manlbccr- spimiers oder Eickienspinners ec.", ab, wofür 300 Mark Zoll ausgeworfen ist? die Vorlage wird nach kurzer Debatte gegen den Antrag auf Zollfrcihcit angenommen. In einer von, Abg. Paafchc hervorgerufenen Geschäfts o r d n n n g s-Debatte wünscht dieser, die Socialdemokraten möchten doch ihre Anträqe auf Zollfrciheit für Ganzfabrikate, wen» Halbfabrikate oder Rohstoffe verzollt ivorden sind, Ivie in diesem Abschnitt, zurückziehen im Interesse der Industrie. Den: widersprechen die Abgg. Stadthage» und Bandert, die meinen, dann brauche die Kommission überhaupt nicht zu disputieren; die sachliche Unbegründetheit der Zollsätze müsse doch»achgelviese» werden. Eine längere Debatte entspinnt sich über die Positionen 400/1, „dichte Geivebe für Möbel« und Zinimer-Aus- st a t t u n g e n": 400. ganz aus Seide, als Stück in Meter- Ware eingehend: 9C0 M., abgepaßt(als Vorhänge zc.) auch mit Besatz und Fransen: 1200 M.; 401, teiliveise aus Seide: 600 resp. 600 M. Einc Anmerkung zu diesen Positionen will Abschnitte von Meterware von 4 Meter und weniger wie abgepaßt verzollen. Müll er-Fulda beantragt, die Anmerkung zn st r e i ch e n. Die Socialdemokraten beantragen Zoll- freiheit. Griiuberg beantragt, das Wort„teilweise" zn streichen, dafür zn sagen:„nach dem Prozentsatz ans Seide". Die Positionen werden n a ch' d e r Vorlage angenommen, die Anmerkung wird da- gegen gestrichen. Zu Position 402 Samnict und Plüsch: ganz ans Seide 800 M.; teiliveise aus Seide 460; ferner zn 403, dichte Getvebe, ander« weit nicht genannt, ganz aus Seide 800 M.; teiltveise ans Seide 460 M., beantragen die Socialdemokraten Zollfreiheit. Baudert und Rciffhans bcgriinden diese Anträge in ausführlicher Weise und Iveisen dabei nach, daß eine Reihe von Industrie»— n. a. die Spiclivaren-Jndnstrie— sehr geschädigt werden durch diese Zölle. Kein Wunder, wenn deutsche Export-Industrien über die Grenze gingen. Auch diese Positionen werden noch der Vorlage angenommen. Position 404: Tüll ganz oder teiliveise ans Seide, nn« gemustert 280 M., gemustert 300 M.; 406: Beuteltuch ganz oder teiliveise aus Seide 1000 M. B r ö m e I beantragt den Znsatz für 404: Tüll zum Besticken: 120 resp. 300 M.; die Social- demokraten beantragen für diese Positionen Z o l l f r e i h e i t. R e i ß h a n s und Baudert vertreten den letzteren Antrag dein G e h e i m r a t W e r m u t h gegenüber. Bandcrt erörtert die S h sie m l o s i g k e i t des Entwurfes, der die thatsächlichen Vcibältnisse in ansländischen und einheimischen Industrien nicht berücksichtige, wie es sich gebühre. Die Bentcltuchweberei in der Schweiz schädige in Deutschland niemand. In der Debatte wird noch besonders' die Schädlichkeit betont, die der Müllerei mit dem hohen Zoll auf Beuteltnch bereitet werde; das müsse die Agrarier veranlaffcn, gegen diesen Zoll zu stimmen. Aber dieser Appell fruchtet nichts, die Positionen werden nach der Vorlage an- g e n o m m c n. Pos. 406 setzt für undichte Gewebe ganz oder teilweise ans Seide(Gaze, Krepp. Flor zc.) 1200 M. Zoll ans; eine Anmerkung verlangt für diese Stoffe„zuni Besticken auf Erlaubnisschein unter Uebcri'vachnng der Verwendung" 1000 Vi. Die Socialdemokraten beantragen Zollfreiheit. V r ö ni e l und Bachem beantragen für diese Waren Gewichts- unterschiede zn machen; ersterer will„von mehr als 20 Gramm auf 1 Quadratmeter Gcwebefläche 400 M., von 20 Gramm oder weniger 1000 M."; Bachem 1000 resp. 1600 M. Zoll. Schlum berger beantragt unter Belassung des Textes der Vorlage 1600 M. In' der Debatte stellt Brömel fest, daß nur zwei Fabriken in Deutschland Trauer-Krepp herstellen und die betreffenden Industriellen privatim erklärt hätten, sie seien zufrieden, wenn der alte Zoll— 1000 M.— bestehen bliebe. Aber die ganze Gunst der RegierungSsomie habe den beiden Fabriken geleuchtet.(Bewegung.) Mit Entrüstung wende er, Redner, sich deshalb gegen die Zoll- erhöhnng. Gehcimrat Wcrmuth erwidert, die Regierung fühle sich durch den Brömelschen Vorwurf nicht getroffen, sie habe die Zollerhöhnng allgemein vorgenommen zuni Schutz der leichteren Gewebe! daß dabei die betreffenden zwei Fabriken einen kleinen Borteil hätten, falle nicht ins Gewicht; der Vorgang beweise, wie gewissenhaft die Regierung alle Ztveige der Industrie ins Auge gefaßt habe. Rcißhans begründet den Antrag auf Zollfreiheit, besonders mit Rücksicht auf die Konsumenten von Krepp. Die genannten beiden Fabriken verkauften Krepp ins Ausland billiger.(Hörtl hört I) Der Zoll sei eine Liebesgabe für sie. Nach längerer'Debatte wird der Antrag Brömel an genommen, dieVorlage abgelehnt; ebenso beschließt die Kommission bezüglich der Anmerkung. Schluß 2 Uhr. Nächste Sitzung Donnerstag 9 Uhr. SeAer Parteitag her dayrislhea Socialhemokratie. K. Ludwigshafen, 16. Juni. (Schluß.) In der Fortsetzung seines Schlußwortes kommt Vollmar an. die in der Debatte vorgebrachten Einwände zurück, die eigentlich schon durch das Referat Müllers von vornherein völlig widerlegt seien. Die Verwunderung des Ministers über die Einstimmigkeit des Beschlusses betraf nicht die Socialdemokraten, sondern die'Bauern bündler und den bäuerlichen Teil des Centrums. Der„Vorwärts" schrieb in einem Eutresilet, ein großer Bundesstaat(Bayern) habe die bessernde Hand an sein Wahlrecht gelegt.(Hört! hört!)— Man soll doch auch dem Urteil der Fraktion trauen, die doch auch die Ber- hältuisse ein wenig kennt und cinstinimig nach ganz kurzer Debatte sich zur Zustimniuug entschloß. Wenn wir nicht zugestimmt hätten, dann hätten wir niiverantwortlich und thöricht gehandelt.(Sehr richtig!' Wenn wir jemals einen Anspruch auf Ihre Billigung erworben haben. so ist es in der Frage des Wahlrechts. Dieselbe Mühe, die wir heute haben, mußten wir früher aufwenden, um den Parteigenossen zu beweisen, daß wir uns überhaupt an den bayrischen Landtags- wählen beteiligen niüsscn. Damals meinte man. wir sollte» warten, bis das Landtags- Wahlrecht voni Reiche aus verbessert wird; da hätten wir aber lauge warten können.(Heiterkeit.) Das Resultat der Reform ist sehr mangelhaft von nnserm Staudpniikt aus, aber besser, als wir es jemals nach Lage der Verhältnisse erwartet haben. Man hat beniängclt, daß wir ohne Not zugestimmt haben Prinz Ludwig hat in der oberen Kamnier gesagt, weil die Reso- lution einstimmig gefaßt wurde, halte er es für eine Pflicht der Konrtoisie, daß auch der Reichsrat zustimme.— Wer glaubt, daß wir durch Masseiiverjaniinlungcn etwas erreicht hätten, der ist ganz schief gewickelt. Der Vergleich mit dem Massenstreik stimmt nicht;' noch weniger der mit dem Zuchthaus- gcsetz.(Sehr richtig!> Wenn man uns gute Lehren giebt und dabei allzulant wird, so dürfen wir die Freunde in Preußen und Sachsen doch wohl fragen: Was habt denn ihr eigentlich mit eurer Taktik erreicht? Wir müssen jetzt wissen, ob wir das volle Vertrauen unsrer bayrischen Parteigenossen hinter uns haben. Der Autrag Rollwagen ist ein offenes, glattes Mißtrauensvotum und man muß sich genau im klaren sein, daß wir mit einer solchen Resolution belastet' nicht unser Mandat weiter ausüben können.(Sehr richtig!) Ich bitte Sie, sich das genau zu überlegen und ob man unsre ganze politische Thätigkcit für recht hält. Sie haben eine wichtige Entscheidung in Ihren Händen.(Lebhafter Beifall.) Das Bureau stellt hierauf nicht die weitgehendste Resolution Roll Ivagen-Branii, sondern die von Ed. S ch ni i d- München zur Ab' stimmung, welche lautet: „Der sechste Parteitag der Socialdemokraten Bayerns verschließt sich nicht der Erkenntnis, daß durch eine Wahlrechtsreform, wie sie durch die im Landtag beschlossene Resolution in Aussicht gestellt Ivird, nicht das geboten ivird, was nach den Grundsätzen der social- demokratischen Partei gefordert werden muß. Nichtsdestoweniger erblickt sie in der bcabsichtigten Wahlrechtsreform einen wesentlichen Fortschritt und billigt die Haltung der socialdemokratischen Fraktion in dieser Frage." Diese Resolution wird mit 74 gegen 1 Stimme bei 11 Stimm' Enthaltungen, hauptsächlich Nürnberger Delegierter, a n g e n o in m e n. Damit erscheint erledigt die folgende Resolution Rollwagen- Braun: „Der Ludwigshavener Parteitag möge zum Ausdruck bringen: 1. daß die Haltung der Landtagsfraklion es an agitatorischer Schärfe fehlen lasse, 2. daß die Stellungnahme zur Landtags- Wahlreform in bedauerlicher Weise von der klaren im Erfurter Programm gezogenen Richtlinie abweicht." Bei Beginn der folgenden Sitzung giebt Rudolph« Nürnberg im Nanien der Delegierten, die sich der Stimme enthalten haben, die Erklärimg ab, wenn die Resolution Nollwageu-Brann zuerst zur Abstimmung gebracht und abgelehnt worden wäre, würden sie schließlich auch für den Antrag Schmid gestimmt haben. Der den parlamentarischen Regeln nicht entsprechende Modus der Abstimmung habe sie gezwungen, sich der Stimmabgabe zu enthalten. In der Montagssitzung wurde schließlich das Gemeinde- W a K l p r o g r a ni ni mit geringen Ergänzungen genehmigt. Der nächste Parteitag findet in zwei Jahren in Augsburg statt. Vierter deutscher Gewerkschaftskougretz. Stuttgart, 17. Juni 1902. Zweiter Verhandlungstag. VormittagSsitzung. Bömelburg eröffnet die heutige Sitzung. Cabrini-Mailaud begrüßt den Kongreß im Namen der Federa« zione Jtaliana delle Camere dcl Lavoro. Er spricht seine Freude ans, am Kongreß teilnehmen zu dürfen. Italien habe sich dem organisierten Proletariat andrer Länder lange nicht ebenbürtig fühlen können, erst in den letzten Jahren sei es vorangekommen. Jetzt habe sich daS Proletariat Italiens politisch, genossenschaftlich und gcwerk- schnftlich zu organisieren begonnen. Eine besonder« Form der gcwerkichafllichcn' Organisation seien die Arbeitskammern, in denen 260 000 Arbeiter organisiert seien. Eine einheitliche Organi- sation für ganz Italien existiere leider nicht. Diese werde durch die verschiedeneu Lcbensgeivohuhciten in den einzelnen Landesteilen ver- hindert. Die Arbeiterbewegung Italiens sei nicht direkt mit der socialdemokratischen Partei verbunden, aber doch in enger Fühlung mit ihr. Die Arbeitskammern kümmerten sich auch um die Ans- Wanderung. Kein Staat gebe soviel Meiischeuinatcrial ans Ausland ab wie Italic», richtiger gesatjt. die italienische Provinz Udine. Wo die Organisation Macht gewinne, gehe die Answandernng zurück. Damit werde das Streikbrechertum der Italiener im Ausland ge- mindert, worauf die italienischen Orgunisationen ihrHauptaugeiniierk richten Der Kongreß tritt in die Tagesordnung ein und setzt die Diskussion über den NechenschaftSbericht fort. Es liegt ein Antrag vor. die Kommission zu beauftragen, ich mit dem Leipziger Kartell in Verbindung zu setzen und den Streit zn beseitigen. Hiibsch-Berlin: Der Leipziger Zwist ist von priucipieller Be- deutung. Jedes Kartell muß sich den Beschlüssen des Kongresses fügen. Das Leipziger Kartell hat rund und nett zu erklären, daß es' sich fügt. Sonst ist eine Verständigung unmöglich.(Beifall.) Knoll-Bcrlin poleniisiert gegen Legten und seine Ausführungen im Fall Tischendörfer, dem er Unrecht gethan habe. Tischendörfer habe einen durchaus sachlichen Vortrag gehalten. Es müsse erlaubt sein. in gegnerische Vereinigiiugen zu gehen und dort Vorträge zu halten,' die den Standpunkt der modernen Arbeiterbewegung vertreten. Beyer- Leipzig giebt Legien im Fall Tischendörfer Recht. Ein Vertreter der modernen Arbeiterbewegung muß auf dem Boden der Socialdeniokratie stehen. Im nächsten Jahre bei den Wahlen wird Herr Tischendörfer für die Nationalsocialen Propaganda machen gegen die Socialdeniokratie; das geht nicht und stiftet nur Verwirrung. Machen wir reinen Tisch!(Ironische Rufe: Kopf ab I) In der Leipziger Streitsache wiederhole er die Behauptung, daß Legien seine Meinung über Nacht geändert habe. Vorgestern sei er noch für Verständigung gewesen.(Ironischer Ruf: Machen wir reinen Tisch!) Pötzsch-Berlin: Der Fall Tischendörfer ist hier viel zu breit behandelt worden. Es muß gestattet sein, in gegnerische Versamm- liiugen zu gehen. Im Fall Leipzigs stehe ich auf dem Standpunkt Simons. Auch der„Correspondent" hat viel gesündigt. Deshalb kann man den Leipzigern etwas entgegenkommen. Heute steht auch Gasch nicht mehr an der Spitze, die Verständigung ist also möglich. Freilich muß das Leipziger Kartell den Weg zur Generalkömmission finden. Ich bitte Sie, eine Resolution anzu- nehmen des Inhalts, daß dem Leipziger Kartell es freigestellt wird, mit der Generalkommission in neue Unterhandlnugeii einzutreten, die sich auf der Basis der Frankfurter Beschlüsse bewegen. Man könnte einwenden, das Leipziger Kartell brauche nur zu erklären, eS füge sich den Frankfurier Beschlüssen, aber wo eine Sache so ver- fahren ist, kann nian auch einmal iiikousequent sein. Durch Schlnßanträge werden die Fälle Leipzig und Tischendörfer für erledigt erklärt. Die allgemeine Er- örteruug über den Rechenschaftsbericht wird fortgesetzt. Döblin-Berlin beniängelt es. daß die Ge'ucralkommission den Beruf in sich fühlt, über die politische Gesinnung des einzelnen Ge- werkschafters zu wachen. Ich bi» der Meinung, politische Ge» sinnung und Gcwerkschaftsangehörigkeit haben nichts miteinander zn Ihn'!. In sehr vielen Organisationen besteht große Fluktuation. Es sind in einigen Gewerkschaften mehr Mitglieder in einem Jahr hinzugetreten, als am Schluß des Jahres überhaupt Mitglieder da waren. Bei uns Buchdruckern sind stabile Ver- Hältnisse. Wir haben in einer Zeit wirtschaftlicher De- pression eine Lohnerhöhnug durchgesetzt. Das kommt vielleicht daher, daß wir nicht bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit unsren politischen Standpunkt betonen. Die Gewerkschaftsbewegung ist eine Nützlichkeitsbeweguug, wo wir hauptsächlich nach dem Erfolg zu sehen haben. Also etwas niehr Toleranz in der Gewerkschafts'- bewegung. Gerade die Generalkömmission niuß in puncto Toleranz an der Spitze stehen und die Gesinnungsriecherei lassen. Wenn wir die andren bekehren Wüllen, so müssen ivir sie zu uns heran- ziehen. Das geht nicht, wenn man politische Gesinnungsriecherei treibt. Becker- Hamburg polemisiert gegen Döblin. Politik und Ge- werkschaften sind nicht zu trennen. Döblin scheint Angst zn haben, daß die Gewerkschafte» als socialdemokratisch bezeichnet werden. Ich kann mir keinen guten Gewerkschafter denken, der nicht Social- demokrat ist. Eine reinliche Scheidung halte ich immer noch für die beste. Auf Vorschlag BömelburgS wird jetzt die Diskussion über den Reche n schaftsberickt geschlossen. Nachdem Legien im Schlußivort noch einmal den Standpunkt der Generalkoniniission gerechtfertigt und den Vorwurf, daß er seine Meinung im Leipziger Falle geändert habe, zurückgewiesen hat, wird folgender Antrag Sassenbach: „Der Geiverkichnftskougreß lehnt es ab, in der Angelegenheit des Leipziger GewerkschnftSknrtells einen Beschluß zu fassen. Da das Leipziger Gewerkschaftskartell anerkannt wird, wenn es sich dem Frankfurter Kongreßbeschlutz fügt, erübrigt sich eine weitere Beschlußfassung", mit übergroßer Mehrheit angenomme n. Der Generalkomniissioii ivird Decharge erteilt. Im Anschluß an den Rechenschaftsbericht wird der folgende Antrag deS Gewerkschaftskartells Kassel zur Diskussion gestellt: „Der Gewerkichaftskongreß wolle beschließen: Die Central- organisation der„Gewerkschaft deutscher Buchdrucker" ivird als gleichberechtigte Organisation anerkannt. Dieselbe hat gegenüber der Geuernlkoiiiniission der Gewerkschaften Deutschlands dieselben Rechte und Pflichten wie jede andre auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende Centralorganisatioii Deutschlands." Umbreit-Hamviirg(Mitglied der' Geueralkonniiission und Re- dacteur des„Korrespondeiizblattes") verteidigt sich gegen den Vor« Wurf Döblins. im„Korrespondenzblntt" politische' Gesimiungs- riecherei getrieben zu haben, und rechtfertigt ini Sinne LegienS die Behandlung des Falles Tischendörfer im„Korrespondcnzblatt". Was die Buchdrucker betreffe, so habe er sich um die politische Gesinnung der Buchdrucker nicht gekümmert, sondern mir die gewerkschaftliche Thätigkcit der Buchdrucker behandelt. Kein Blatt habe sich mehr über den Tarifsteg der Buchdrucker gefreut als das„Korrespoiideiizblatt", das Telegramm an Posadoivskh aber mußte kritisiert werden. Das war ein einzig dastehender Vorgang. In gleicher Linie bewegte sich die Einrichtung gemeinsamer Unter- 'tützuugskassen mit den Buchdrucker-Priiizipalen. H ii ö- Essen: Ich stehe nicht auf den, Standpunkt, daß im �Korrespondeuzblatt" politische Gesinnungsriecherei getrieben wird. Schon der Umstand, daß es oft mit„rosaroter Tinte"(Heiterkeit) angegriffen, beweist das Gegenteil. Aber Döblin hat recht, wenn etwas nicht ganz nach Schema F geht, zu rufen:„Haut den Kerl oder köpft ihn." Die politische Partei ist da von Schuld nicht freizusprechen. Ich erinnere an die Affaire der Hamburger Accordmaurer. Der in Hamburg gefaßte Beschluß entspricht nicht den Interesse» der Gewerkschaftsbewegung. Ich bin nicht der Meinung, daß die Socialdeniokratie gegen die Gewerkschaften ist. Ich meine aber, beide Bewegungen sind nicht zu identificieren. In unsrem Statut steht, Politik und Religion haben mit der Gewerkschafts- bewegung nichts zu thun. Man verlangt aber häufig das Gegenteil. Andrerseits darf man einzelne Aeutzerungen aus' der politischen Partei nicht als offizielle Aeußcruugen der Socialdemokratie ausfasse». Freilich, wären die Aeußcruugen der„Buchdrucker- wacht" und„Leipziger Volkszeitimg" offiziell, so wäre es richtig, daß Socialdeniokratie und Gewerkschaft an eineni Strang ziehen. Die Lösung des Streites ist nur so möglich. Auf politischer Seite muß man Toleranz üben, andrerseits müssen sich die Buchdrucker mäßigen und nicht jede einzelne Aeußerung als offiziell betrachten. Bringt schon das Centrum einen Tolerauzaulrag ein, so haben wir besonders Ursache. Toleranz zu üben. Rexhäuser-Leipzig: Die Frage Gewerkschaften und Social- demokralie müßte eininal gründlich erörtert werden. Die heutige Debatte wird keine Klärung bringen. Huö bezeichnet sich immer als Ncutralitätsduscler, er ist aber nur ein wohlwollender Genosse gegen- über der Meinungsfreiheit der einzelnen Gewerkschaften. Man stellt es- so dar, als läge mir nur daran, der Socialdeniokratie etwas am Zeuge zu flicken. Unsre Stellung zur Partei ist aber nur von der Stellung der Partei zu uns diktiert. Der Gewerkschafter nutz sich aber oft in Widerspruch mit den Parteipriucipien setzen. In Berlin ivurde beschlossen, Staatssocialismus und Socialdeniokratie ind nnvereiubar. Jetzt verlange» die Bergarbeiter Verstaatlichung er Bergwerke, also ein Stück Staatssocialismus.(Lachen). Die Partei braucht immer große Worte gegen uns. Wenn wir aber unsre Hand von der Partei zurückzogen, es wäre auS mit den großen Worten. Wir Gewerkschaften sind die Träger der modernen Arbeiterbewegung und der Partei. Wir verrichten die Kleinarbeit, ver- teilen die Flugblätter, wir schaffen den Theoretikern das praktische Material. Wir sind nicht bloß Rekruteiidrillanstalten. Die Gewerk- schaften müssen sich mit Politik beschäftigen. Ich bin für Streichung des betreffenden Passus im Statut. Wir dürfen aber nicht Parieipolitik treiben. Man sagt, wir käincn mit dem Gesetz in Konflikt. Wir sind aber stark genug, diesen Standpunkt durchzu» setzen. Wenn nur mit Kladderadatsch-Jllusionen aufgeräumt wird, dann können wir auch Politik treiben. Es giebt keine politische Be- wegung ohne wirtschaftliche Bewegung. Wenn Sie hier reinliche Scheidimg wollen, so überlegen Sie sich das genau. Wollen Sie die «iiiliche Scheidunq mit de» Buchdruckern, so werden Sie sie auch misdehiieu müssen auf die freie Bethätigung innerhalb der Gewerkt schafte». Robert Schmidt- Berlin: Das vom Vorredner aufiiestellte Gewerkschaftspro�ramm wird bei ims ivcnig Anklang finden. Die Unkenntnis des socinldeniokratischen ProgramniS mag ihm als mildernder Umstand für seine Befürchtung, es bestehe ein Gegensatz zivischen Partei und Gewerkschaft, dienen. Die Verfiaatlichiiiig der Bergwerke ist eine Progrnninifordernng der Socialdemokratie. Wenn die Gewerkschaften den herrschenden Klassen ihre Macht znni Bewußt fein bringen, dann werben sie nicht den Weg wählen, durch Tele grauinie an Herrn v. Posadoivskh dies znir Geltung zu bringe» (Sehr richtig I) Die ganze Haltnug des„Correspondent" gegen die Partei ist ein sristeniatisch geführtes Herabzcrrcn der socialdcniokratischen Partei. Die Herren sagen dann, sie handeln nur in Abwehr ungerechter Angriffe seitens der Partei. Ich gebe zu, daß den Buchdruckern vielfach unrecht geschehen ist, das trifft ganz besonders im Leipziger Fall zu, aber es berechtigt nicht, die Porwürfe zu verallgeincinern und mit Behagen über die Partei herzufallen. Es giebt keine freie Gewerkschaft, die der Meinung des„Correspondent" beitreten würde, daß glücklicherweise die Gründer einer GelverkschaflSorganisatio» keine Socinldcinokrateii waren.(Sehr richtig!) Dasselbe Blatt stellt die Arbeit der Gewerkschaften als einzig praktische Arbeit hin und spricht herablassend von der negativen Arbeit der Partei im Parka- inent. Das ist eine Anerkennung der Arbeiterbewegung, die wir iiiicht teilen können. Die parlainentarifche Arbeit hat den Gciverk schafte» den Nechtsbvdcn z» schaffen und hier hat di- Social demokralic keine negative Arbeit geleistet. Ich habe hohe Air erkcnnung für die Arbeit und Erfolge der Bnchdruckerorgänisatio» aber die Wege sind nicht die richtigen. sLebhafter Beifall.) Haupt- Magdeburg: Hoffentlich übt die Debatte eine erziehe- rische Wirkung ans die Buchdrucker ans. Jetzt besteht bei ihnen eine nnsclige Schaukelpolitik. Der Vorwurf Rcxhänscrs gegen die Berg- arbeitcr wegen der Berstaatlichnug der Bcrgtvcrkc ivar ganz deplazicrt. Ich kann nicht anerkennen, daß die Buchdrucker als Gclverkschaster .voll ihre Schuldigkeit tbun. Sic lassen die andern Gcwerkschafte» j-ä- B. sehr oft bei der Sperrung von Lokalen im Stich. Die Be- strebnngcn Rcxhäusers, reine Gelverkschnfts- Abgeordnete in das Parlament zu ivählen, sind, zu verurteilen. Das würde nur zu eng- lischen Zuständen führen. Trotz alledem habe ich die Hoffnung, daß die henligen Debatten eine erzieherische Wirkung vielleicht nicht aick die Führer, aber doch auf die Masse der Buchdrucker ausüben werden Poetzsch-Berlin: Die Buchdrucker haben gewerkschaftliche Erfolge, aber sie dürfen sich deshalb nicht als unschuldige Lännnleln hin- stellen. Rexhänscr schreibt Artikel gegen die ParH. l't mit Vcr- giütge» in der Stuminschen„Post" abgedruckt iverde». Kritik ist erlaubt. Wollmar, Legie». Elm. Hno üben oft Kritik. Sie ist nur von andrer Art ivie die Nexhäusersche Kritik. Rexhänser wischt der Partei mit besondere»! Vergnügen eins aus. Er darf sich nicht ivunder», lvcnn dann die Parteipresse auf ihn loshaut. Ncxhnuser schätzt die Gewerkschaften zu hoch ein. Wir können die Partei nicht entbehre», wir brauchen beide Be- .wegnngcn. Mit den Geivcrkschaftcn kann nicht alles erreicht werde». Der Ncnnnhr- Ladenschl>>ß, die Sonntagsruhe und andre Errniigenschaften komme» auf das Cvnto der Partei. Die Buchdrücke gehören zu den Satten, die schon alles erreicht haben. Die paar Tausend Mark, die die Buchdrucker andern Geivcrkschaflen ge- geben haben, kommen dabei nicht einmal sehr in Betracht. Die Ge- wcrkschaftcn sind ein gleichberechtigter Faktor an der Seite der politischen Partei. Sie stehen aber nicht über der Partei. fBeifall.) Massini-Berlin: Genosse Schmidt schloß mit der Anerkennung der Erfolge der Buchdrucker, er polemisierte aber gegen ihre Wege. Vielleicht hängen die Erfolge gerade mit diesen Wegen zusammen. Wir haben keine Furcht, uns als Socialdemokraten zu bekciiiien, wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes. Wir haben keine Furcht vor unfern Freunden. Deshalb spreche ich auch über die Depeiche an Posadolvsky ganz rückhaltlos. Wir ver� antworten die Depesche._ Wir ivollten dem Manne, der die Arbeiterbewegung in Fesseln schlagen wollte, der ihnen noch mit einein Znchlhansgesetz gedroht hat, beweise», daß es möglich ist. ohne illepressalieu gegen Arbeiterorganisationen vorwärts zu komme».(Widerspruch.) Genosse Legie» hat ja auch an Posadolvsky geschrieben und um eine Vertretung ersucht, doch zu dein Zivccke, daß seine Vertreter hier etwas lcriicn sollen. Das ist vernünftig und gut. Wenn der Krakehl ein Ende nehmen soll, so»lüsfen so nichtswürdige Angriffe aufhören, wie sie in einzelnen Parteiblättern erschienen sind. Wenn uns gesagt wird, den Buchdruckern gehört die Hundemarke um den Hals, dann kocht's und schäumt's in uns. Niemand hat uns gegen solche Beleidigung in Schutz genommen. Will man eine Verständigung, so muß es auf beiden Seiten geschehen. Thut man es»ich:, so hauen wir drein, wie wir es bisher gelhan haben.(Stürmische Heiterkeit, Beifall und Widerspruch.) Pacplow-Hambnrg beschäftigt sich mit den, Antrag Kassel. Ztvei Organisationen können nicht anerkannt iverden. es sei aber uotivendig, daß der Buchdruckerverband Schritte unternimmt, die Soilderorganisation wieder in den Verband aufzunchnien. Die Taktik der Buchdrucker sei ihre Sache, aber ihre feindselige Stellung der Partei gegenüber im„Correspondent" müsse aufhören. Die Partei dürfe nicht in den Kot gezogen Iverden. Zu verurteilen seien nuch einzelne Parteiäußernngeii. Nexhänser polemisiere nicht gegen einzelne Leute, sondern gegen die Gesaintpartci. Dieses Treiben nnisse sonst schließlich zum Zerschneiden des Tischtuches führen. (Beifall.) Rcichel-Stuttgart: Die Bnchdrnckerfrage muß hier gründlich verhandelt werden. Wir sind es der politischen Partei schuldig, daß wir die Angriffe Nexhänsers gegen die Partei zurückweisen. De» Antrag Kassel müssen wir ablehnen. Sonderorganisntioncn können wir nicht anerkenne». Was heute den Buchdrucker» passiert, kann morgen jeder ander» Organisation passieren. Bayer-Leipzig: In Bezug auf den Antrag Kassel kann es mir ein Entweder— Oder— gebe». Die Mitglieder der Ge- werkschaft müssen mit Aktiven und Passiven' tvieder auf- genommen werden. Man braucht Brüder nicht zum Weißbluten zu bringen. Wir nehmen die lokalorganisiertcn Maurer bei»ns jederzeit wieder auf. Der Grundsatz„Pardon giebt cS nicht", kann hier nicht gelten. Die Buchdrucker haben Erfolge, aber diese Erfolge bringen sie vom Klassenstandpunkt ab und aii� den Weg der Harmonie. Es geht ein Antrag ein, über den Antrag Kassel zur Tages- ordnung überzugehen. Hneber-Wicn teilt mit, daß wohl einzelne Socialdemokraten und Gewerkschaftler dem Verein zur Förderung des internationalen Arbeitcrschiitzcs angehören, daß es aber die Organisation als solche abgelehnt hat, dem Verein anzugehören. Er halte cs aber für richtig, daß überall Vertreter der Arbeiter dabei sind, damit sie das Treiben der Gegner überwache» können. Döblin- Berlin: Die Hauptvorwürfe richte» sich gegen einzelne Aenßerungen des„Correspondent". Ich könnte. wie Bebel cs einmal gctha» hat. erklären: Wir haben bei uns keine Ccnsur. Ich möchte aber sagen, für vielleicht manchmal etwas zu weitgehende Aeußcrniigrn des„Correspondent" giebt es Milderungs- gründe. Hört die Ursache auf der einen Seite auf, so verspreche ich feierlich, die Feindseligkeiten auf nnsrer Seite auch einzustellc». Wenn Sie so stolz auf den Kampf gegen Finsternis sind, so sind wir stolz auf den Kampf gegen unangebrachte» Radikalismus. Die Angriffe wegen des Telegramms sind zuerst von politisch führenden Personen ausgegangen. Im historischen Kalender stand Hnldigungstelegrnmm an Posadolvsky. Es war kein Huldigungstelcgramm. Wir haben es nur aus Nützlichkeitsgründe» unterschrieben, die Arbcitersache haben wir damit nicht geschädigt. Wir Buchdrucker sind politisch so fortgeschritten Ivie die andren Arbeiterberufe. Pacplow mahnt uns zur Verständigiliig. Warum verständigt sich Paeplows Organisation nicht mit den Accord- maurcrn? Wir fühlen hier ebenso wie die Hamburger central- organisierten Maurer. Wir bieten die Hand zu einer einheillichen derltsche» Gewerkschaftsbewegung. Sie müssen aber auch dafür Sorge tragen, daß die Buchdrucker ebenso anständig behandelt werden wie andre Organisationen. Umbreit- Hamburg: Dem letzten Wunsch Döblins ist vom „Korrespondenzblatt" stets Rechnung getragen worden. Als Gewerk- schaftler habe ich gegen die Buchdrucker keine Kritik zu erheben. in Bezug auf ihre Haltung zur Socialdemokratie enthalte ich mich jeder Kritik. Immerhin hoffe er, daß die heutige Debatte zur Klärung beitrage» wird und nicht ohne Einfluß auf die Verhandlungen des Münchener Buchdrnckertages bleiben werden. Tischcndörfer-Berlin stellt richtig, daß er nicht gesagt habe, Adler und Pernerstorfer, Anscele und Vandervelde hätten am Pariser Arbciterschntz-Kvngreß teilgenommen, er habe nur gesagt, diese Herren nntersiützen in Oestreich die Bestrebungen des Vereins, der zu dem Pariser Kongreß gehöre. Rech Verlesung einiger Begrüßungstelegramme tritt die Mittags» pause ei». Nach mittagssitzung. B L ni e l b u r g eröffnet die Sitzung. Im Namen der englischen D-legierten erklärt v. Elm-Hamburg, daß in den Debatten die irrtümliche Meinung hervorgetreten sei, als sei die„General Fcderation of Trade Unions" ein socialdemo- kratischcr GcwcrkschaftSvcrband. Sie selbst seien Socialdemokraten, aber der Verband sei durchaus nicht socialdemokralisch, eS gehörten ihm auch Angehörige andrer Parteien an. Es ist eine genügend unterstützte Resolution von Sachse- Zwickau eingegangen, tvelche lautet: „Der Kongreß lehnt cs ab. die Buchdrucker- Gewerkschaft als gleichberechtigte Organisation anzuerkennen, er ersucht aber beide Organisationen, sich zu vereinigen auf der Grundlage, daß alle vom Verband ausgeschlossenen Mitglieder, unter der Voraus- setzung, daß die„Gewerkschaft" sich auslöst, mit ihren alten Kassen rechten tvieder aufgenommen Iverden." Di' Diskussion über den Antrag Kassel und die Buch d:.ickerfrage wird fortgesetzt. Decker- Hamburg: In dem Buchdruckerstreit haben beide Teile gesündigt. Die Stimmung gegen die Buchdrucker resultiert aus dem Verhalten der Buchdrucker, die nicht immer solidarisch mit den ander» Arbeitern vorgehen. Der politischen Partei werfen die Buchdrucker örtgesetzt Knüppel zwischen die Beine. Massini will ordentlich drein- hauen. Wir halten nicht stille. Vielleicht holt er sich aus einem Laden h!.-.- Gummischläuche. Ich bin aber der letzte, der die Buch- drucke- erb" ausschließen will. Gegen einen Schlußantrag spricht Albrccht-Halle: Die socinldemokratische Reichstags-Fraktion sei ngegriffen worden und wolle sich verteidigen. Sachse habe zu diesem Zwecke das Wort erbeten. Der Schlußantrag wird daraufhin abgelehnt. Frl. Jmle-Berlin: Die Konsequenz eines strikt parteipolitischen Standpunkt?« wäre die, daß die Lokalorganisationen die Gciverk- chaftler p-rr excelleaco seien und doch fallen diese oft genug den Ccntralv-rb-'nden in den Rücken. Das fortwährende Betonen des socialdemokratischen Standpunkts fördert nur die Sonderbündelei. Ich gehör» auch zu den Sündern, die die Meinung der General- konnnission nicht teilen, daß sie mit den andren Arbeiterorganisationen nur in Verbindung treten kann, um sie zu desorganisieren. Wo Klassengenosscn in Frage kommen, da muß man herzlich»nd freudig die Hand zur Verständigung bietc.a. Es ist nicht angebracht, die Sonderorganisatione» alle für dumm»nd verfehlt zu halten, so lange wir selbst kein gutes Gewissci habe». Hier ist nur von Wenigen der Neutralitätsstandpunkt cingehallc» worden. Freie Be- lhätignng innerhalb der Gewerkschasicn ivürde weiter führen als der etzt herrschende Doktrinarismus. Die Socialdemokratie würde dann mehr Unterstützung durch d'e Gewerkschaften finden als jetzt. Grau ist alle Theorie, und grün des Ladens, der Praxis, goldner Baum. Kirschnick-Bersi» polemisier« gegen die Buchdrucker. Ohne daß ich Gewerkschaften auf die vo'itjsch: Partei stützen, könne» sie nichts erreichen. Die politische Alti<"i maß deshalb aufs kräftigste von uns unterstützt iverden. Sachsc-Zwicknu verteidigt gegen Rexhäuser den Beschluß des Bcrgarbeiler-Vcrbandcs auf Verstaatlichung der Bergwerke. Die Mißstimmung gegen die Buchdrucker resultiert aus ihrem aristokraki- che» Auftreten de» andren Arbeitern gegenüber. Wer sich aber hinaufgearbeitet hat, darf nicht glauben, er könne die unteren Schichten entbchrcn. Der Kernpunkt des Hasses ist der Ausschluß der Leipziger Gewerkschaftskollege» von ihren Kasienrechten. Ehe man ö schwerwiegende Maßregeln ergreift, soll man es sich zehnmal überlegen. Eine Verständigung ist nach meiner Meinung nötig. Es kann keine Rede sei», die Buchdrnckergewerkschaft anzuerkenne». Ihre Gründung war ein Fehler, aber ich wiederhole, eine Verständigung muß gesucht werden. Die Erfolge der Buchdrucker beruhen zum guten Teil auf den Stützpunkten, deren sie in den Offizinen der Parteipresse haben.(Widerspruch bei den Buchdruckern.) Tie Reichs- tagsfraktio» gegen Rexhäuser in Schutz zu nehmen, der geschrieben hat,„was haben die 57 Socialdemokraten im Reichstag für den Fortgang der Socialreform getban", habe ich nicht nötig. Wenn ein Bismarck sogar anerkannt bat, daß cs ohne Socialdemokratie keine Socialreform gäbe, brauch?" wir das Auerkeuntnis Rexhänsers nicht. Ich möchte uoch sagen: Wenn Rexhäuser die Redactcur« stelle in Zwickau erhalten hätte, um die er sich belvorben hat, er stünde heute auf einem andern Standpunkt.(Pfuirufe bei den Buch- druckern.) Ein.» Schlußantrag bekämpft Stiihmer- Hamburg. Nachdem der Vorredner alles von der Leber geredet hat. was er ans der Lunge hatte(Stürmische Heiterkeit), können wir nicht Schluß der Debatte machen. Der S ch l u ß a n t r a g wird a n g e n o m ni e n. In einer persönliche».Bemerkung crlvidert der Abg. Sachse, daß seine Haltung nicht dadurch beeinflußt sei, ob er eine SteNuiig in der Pnrieipreffe erhalten oder nicht erhalten habe. Er kelle fest, daß ihm die Stelle in Zwickau angeboten worden sei, ebenso sei ihm vom früheren Abgeordneten Albert Schmidt ein zweites Mal eine Stelle angeboten worden, die er abgelehnt habe. lieber den Antrag Kassel geht der Kongreß zur TageS- ordnung über. Zur Resolution Sachse erklärt Döblin, daß der Buch- drnckerverband für den Inhalt nicht eintreten kann, er bitte den Kongreß, über die Resolution nicht a b si i in m e n zu lassen. ivömelburg schlägt vor, sich im allgemeinen für eine Vcr- tändigung zwischen Verband und Gewerkschaft auszusprechen nnd die Resolution zurückzuziehen. Die Resolution Sachße wird zurttckgezogc». Zu einer Resolution: „Der Kongreß spricht die Hoffnung aiis, daß der„Cor- respondcnt der Buchdrucker" znlünstig die Angriffe nntcrlassen wird, die sich gegen die gesamte socialdcmokratischc Partei richten, er erwartet aber auch, daß in der focialdenivkratischcn Presse alle Angriffe gegen die Buchdrucker eingestellt werden" giebt Rexhättser-Leipzig die Erklärung ab: Die Resolution ist gegen- kandlos. Ich erkläre, daß es mir fernliegt, die o c i a l d e m o k r a t i s ch e Partei a n z n g r e i f e n. Was nützen alle frommen Wünsche, wenn die Entwicklung anders läuft. Ich will der Partei keine Schwierigkeiten machen, aber ich verlange von der Parteiprcsse, was sie vom„Correspondent" verlangt. Bömelburg-Hanrburg zieht folgendes Facit. Die Debatte hat ergebe», daß N e b e r e l n st i m m u n g darüber herrscht, atz keine Trennung zwischen Partei und Gewerk- chaften statthaben kann, daß beide sich ergänzen müssen. Es herrichte weiter Uebereinstiimnnng, daß der„Cor- respondent" häufig gegen die Partei über die Schnur gehauen hat, andrerseits war aber auch die Meinung allgemein, daß e'i n z e I n e s o c i a l d e in v k r a t i s ch e Partei- blätter sich des gleichen Vergehens schuldig ge- macht haben. Wen» der Kongreß das als nbereiiistimiiicude Meinung ausspricht, so erübrigt sich jede weitere Abstimmung. Der Kongreß ist mit Bömelburg einverstanden. Ueber den nächsten Punkt „Agitation unter den Arbeiterinnen" berichtet Frau M. Tietz-Berlin. Die Frage der Organisation der Ar« beiterinnen ist äußerst wichtig, schon wegen der Konkurrenz, die die Frauenarbeit der Männerarbeit macht. In der Zeit der Krisis wird die Männerarbeit in erhöhtem Maße reduciert»»d durch billigere Frauenarbeit ersetzt. Von den Männern wird aber viel zu wenig für die Franenorganisation gcthan, speciell die am besten situierten Arbeiter thnn nach der Richtung am wenigsten. Die Fraiienorgaiiisationen sind im Verhältnis zu den in den einzelnen Geiverbcn beschäftigten Frauen sehr schwach. Außer in der Textil-, der Metall« und Porzellanindustrie ist eine wesentliche Steigerung der Frauenarbeit in der Tabakindustrie(Cigarcttenbranche) und Buch- binderei eingetreten. Daß die Organisationen der Arbeiterinnen so schivach sind,' liegt daran, daß die Agitation bisher keine planmäßige war. Die relativ besten Erfolge haben wir bei den Buchbindern, es folgen dann die Schuhmacher, die Bnchdrnckerei-Hilssarbeiter, dann die Metallarbeiter. An letzter Stelle stehen die Textilarbeiter, obtvohl in der Textilindustrie die meisten tveiblichen Kräfte beschäftigt sind. Hier sind die niedrigen Löhne und die große Zahl der hier beschäftigten jugendlichen Arbeiter schuld an der geringen Ziffer. Die Organi- sation der Arbeiterinnen ist bisher inimer als Stiefkind behandelt worden. Man hat die Frauen wenig aufgeklärt. Erst allmählich hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die weibliche Arbeitskraft der männlichen gleichivertig gestellt Iverden muß. Heute aber sagen noch viele Männer, der Jndifferentismns der Frauen ist nicht zu be- kämpfen, das Solidnritätsgesnhl liegt den Frauen nicht wie den Männern im Blute. Die Meinnng ist falsch. Die Männer haben cs auch erst lernen müssen, den Frauen muß cs noch gelehrt werden. Es mnß bei uns Franc» ebenso systematisch gearbeitet iverden wie bei den Männcn. Die von den männlichen Arbeitern angenommenen Tarife schätzen die weiblichen Arbeitskräfte sehr billig ein. Der Bilchbiudcrtarif setzt für männliche Arbeit in Stuttgart 41, in Berti» 45 Pf., für weibliche Arbeit 21 bezw. 25 Pf. fest. Da können die Arbeiterinnen nicht viel Vertrauen zu ihren männlichen Kollegen haben. Das heißt die Arbeit der Prinzipale mackien. Die großen Verbände glauben alles gelhan zu haben, wenn sie eine Frau auf eine Agitationstonr schicken. Damit ist aber nicht allzuviel geholfen, Es muß planmäßige Kleinarbeit verrichtet werden. Mit der Werk- statt-Agitation sind' ganz gute Erfahrungen gemacht worden. In Berlin sind in der Wäschebranchc gute Erfolge erzielt worden. Die Einladungen erfolgten durch Handzettel für jede einzelne Firma. Die bei der betreffenden Firma Beschäftigten fühlten sich durch diese Eiuladimgcn so persönlich getroffen, daß sie in die Versammlungen kamen. Die Organisationen für Arbeiterinnen müssen anders ausgebaut werden wie die für die Männer. Die Reise- Unterstützung ist ans die Frauen- organisation nickit übertragbar, dagegen die Arbeitslosenversicherung. Iii England sind Geiverkschasten dazu übergegangen, den Frauen Brautaussteuern zu gewähren.(Heiterkeit.) Der Gedanke ist nicht so von der Hand zu weisen. In der Auswahl der Agitatoren mutz Vorsicht walten. Die Rednerin schlägt schließlich unter lebhaftem Beifall folgende Resolution vor: „Es ist im Interesse der organisierten Arbeiter dringend ge- boten, daß sie in allen jenen Industrien, welche tveibliche Arbeitcr beschäftigen, eine kräftige nnd planmäßige Agitation zur Aufklärung und Heranziehung der Kolleginnen entfalten. Die weitgehenden technische» Fortschritte sowohl Ivie die Teil- orbeit, welche die Hausindustrie begünstigt, ermöglichen die Ein- stellnng ungelernter Kräfte, welche, so lange sie nicht für die Or- ganisation gewonnen sind, gefährliche Konkurrenten bleiben. Mit ihrer Hilfe gelingt es den Unteruchiiiern immer weitere Ver- schlechternngen der Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzusetzen, welche die gesamte Arbeiterschaft ansS empfindlichste schädigen. Ilm die Arbeiterinnen den Organisationen zuzuführen, empfiehlt cS sich, außer den allgemeine» AgitationSvcriammlungen regel- mäßig Werlstattsitzunge» abzuhalten, in welchen die Arbeiterinnen systematisch über Lohn- nnd Arbeitsbedingungen aufgeklärt und ihnen Gelegenheit gegeben wird, die Bcstiimmmgen der Gewerbe- Ordining wie überhaupt die Arbciterschntz-Gesetze keimen zu lenien. Um aber die Agitation unter den Arbeiterinnen planmäßig in die Wege zu leiten, iväre den in Frage kommenden Gewerkschaften zu empfehlen, einen Beamten speciell nur mit den dafür nötigen Arbeiten zu betrauen." In der Diskussion erklärt sich Psütze-Lcipzig im wesentlichen mit der Resolution einverstanden. Es sei schwer, die Arbeiterinnen in der Organisation zu halten. Die organisierten Arbeiter sollten ihre Frauen und Töchter zur Organi- sierrnig in ihren Bernsen anhalten. Die Angriffe der Referentin aus den Bnchbinderbernf seien ungerecht. Für die Arbeiterinnen bedeute der Tarif enr» großen Fortschritt. Die gleiche Bezahlung von Männer- und Frauenarbeit sei jetzt noch nicht durchführbar. Ritter-Berlin bespricht die Verhältnisse im Schneidergewerbe. Er beantragt einen Zuiotz: „Als daS wichtigste Agitationsinittel ist die Forderung auf- zustellen, daß sämtliche organisierte» männlichen Arbeiter dafür sorgen, daß ihre weiblichen Familienangehörigen den Organi- sationen der Berufe, in denen sie beschäftigt sind, beitreten. Briickncr-Berlin erklärt, daß die schlechter bezahlte weibliche Arbeil in den Buchbindereien andre Arbeit ist als die besser bezahlte Männerarbeit. Wenn Agitation unter den Frauen getrieben werden soll, mnß sie zusammen mit der männlicheii Agitation getrieben werden. Frau Thicdc-Verlin: Eine gemeinsame Organisation ist das Ideale. Die Verhältnisse machen aber häufig getrennte Organisationen notwendig. Wenn man sich intensiv mit der Franenorganisation be- schästigt, hat man auch gute Erfolge. Unser Antrag, eine Frauen- agitations-Kommissio» zu gründen, ist leider nicht genügend unter- stützt worden. Wir wollten damit keine Frattcn-Generalkommissto» bilden, sondern nur die Agitation unter den weiblichen Arbeiterinnen fördern. Die Organisation der Frauen wird für die Männer bald brennend werden. Heute beurteilt man die Antrage der Frauen noch immer skeptisch. Man dcnkl, das sind so fixe Ideen der Frauen, mit denen doch nichts zu machen ist. denn die wollen doch bloß heiraten.(Heiterkeit.) Aber zmii Heiraten gehören Zwei. Auch die Männer denken daran.(Heiterkeit.) Ich hoffe, die heutige Debatte wird dazu beitragen, die Francnfrage ernster zu betrachten. Cohen- Berlin: Es ist richtig, daß die Frauenfrage immer brennender wird. Bisher fehlte cS an geeigneten Kräfien für die Franenagitalion. Ilnsrc Francnagitatoren mögen vom besten Willen beseelt sein, sie treffen aber selten den richtigen Ton für die noch indifferenten Massen. Ich nehme Frau Zietz hier ausdrücklich ans. Das englische Beispiel der BraulaiiSsteuer wollen wir nicht nach- ahmen. Schließlich müßten wir dann noch den Bräutigam daztl liefern.(Heiterkeit.) Der Resolution stimme ich zu bis ans den letzten Punkt, der zu sehr auf die Metallarbeiter- Branche zu- geschnitten ist. Frau Zietz» Hamburg: Im Gegensatz zu Frau Thiede bin ich der Meinnng, daß die Franenorganisation schwieriger ist als die Männer-Organiiation. Die Schwierigkeit liegt hauptsächlich darin, daß die Mädchen die Arbeit nur als Dnrchgangsstalion betrachten. Mutz dann die Frau wieder arbeite», so schließt sie sich der Organi- sation schwer an, weil sie ans falsch verstandener Mutterliebe jeden Groschen für die Organisation sür überflüssig hält. Der Vorredner hatte recht mit seiner Klage über inigeeignete Agitation. Man muß nur Dinge berühre», die die Frauen auch verstehen und für die sie sich auch interessieren. Mit allgemein politischen Borträgen geivimit man sie nicht. Diese Vorträge haben Zeil, wenn die Organisation fest begründet ist. Wir haben noch nicht ae- iiügend Kräfte für eine planmäßige Agitation. Es müssen in den einzeinen Brauchen geeignete Mitarbeiter herangezogen werden. Die Kräfte schlnimnern aber, sie harre» nur der Erweckung. Den Znsatzantrag Ritter nnterstiitze ich. Von den Frauen organisierter Arbeiter ist mir wiederholt erklärt worden: Mein Mm»» ist organisiert, was brauche ich noch organisiert zu sein. Die Männer müssen hier ausklärend wirken. Selbstverständlich ist eS. daß wir keine besonderen Frauenorganisatioiicii, sondern uns den bestehenden Organisationen angliedern tvollen.(Lebhafter Beifall.) Vicweg- Sebnitz lenlt die Anfmerksamkeit auf die zeitlich un- begrenzte Hausarbeit der Frauen. Hier imife die Kleinarbeit einsetzen. In Sebnitz drücken die niedrigen Löhne in der Hausindustrie die andren Löhne. Selbst die Buchdrucker leiden darunter. Die Frauen werden materiell ausgebeutet, oft ist ihre Ehre mit im Spiel. Frau Jhrer-Berlin: Die Agitation muß bei den neugewonnenen Mitgliedern erst ordentlich einsetzen; dann wird man sie auch in der Organisation halte». Ein Hindernis für die Organisation besteht darin, daß die Männer ihre weiblichen Hilfskräste nicht als ihre Kolleginnen betrachten, sondern sie ebenso schlecht behandeln wie die Unternehmer. Da§ läßt die Arbeiterinnen kein Vertrauen zu den männlichen Arbeitern gewinnen. Der neue Buchbindertarif mit seinen differenzierten Löhnen für Männer- und Frauenarbeit ist in Wahrheit Wasser auf die Mühle der Unternehmer. Es muß hier endlich Theorie und Praxis in Einklang zu bringen Nersncht lvcrdcn, und ich hoffe, die Geiverkschaflen werden hier ehrlicher zu Werke gehen, als gewisse andre Leute. Die Fluktuation der weiblichen Arbeiterinnen legt es nahe, in allen Branchen Organisationen zu gründe». Frau Kähler-Drcsden empfiehlt für die Hausindustrie Agitation bau Hans z» Hans. Sie beantragt in die Resolution das Wort „H a ii s a g i t a t i o n" eiiizufügen. Weiter sollten die Gewerkfchafts- kartclle Beschtverdekommissionen für Fryuenangclegeiihcitcn ein- richten. An der lveiteren Debatte beteiligen sich noch Kiesel- Berlin, Joscphsohn- Hamburg, L e g i e n. Schumann- Berlin, Döring- Hamburg, P ö tz s ch- Berlin, Rohr lack- Stettin. Bevor die Debatte geschlossen wird und Frau T i e tz- Berlin das Schlußwort erhält, wird noch folgende Resolution Müller beantragt: „Ter Kongreß hält eS für notwendig, daß die Gewerkschaften mehr Wert als bisher auf die Gewinnung von Arbeiterinnen zur Organisation legt. Als wichtigstes Mittel, um die Arbeiterinnen an die Organisation zu fesseln, empfiehlt der Kongreß, solche Unterstützungen einzuführeu, welche den Verhältnissen der Arbeiterinnen emsprechen. nämlich in Krankheitsfällen, Wöchnerinnen- Unterstützung ec." Außerdem liegt eine Resolution Rudolph vor, tvonach die Geueralkoniiiiission die Frauenagitation energischer betreiben und für schwache Verbände die Kosten übernehmen soll. Der Zusntzantrag Ritter und das Zlmcndcmcnt der Frau Köhler(Hausagitation) werden angenommen» ebenso die ganze Resolution Ticy. Auch den ili e s o l u t i o n e n Rudolph und Müller lvird mit großer Mehrheit z u g e st i m in t. Daniit ist die Sitzung um 3/a7 Uhr beendet. Heute abend findet eine Besprechung der Generalkommission mit den Ausländer» statt. (Privatdepeschen des„Vorwärts".) Stuttgart. 18. Juni 1302, In der Mittwoch- Sitzung gelangten die Anträge zur Verhand- lung, ivelche sich auf die Agitation der Generalkommission, die Streik- stntistik und das„Korrespondenzblatt der Generalkommission" beziehen. Anträge, welche sich auf die Herausgabe wöchentlicher Streikstatistiken sowie Gründung einer niederrheinischen Agitatioiiskommission beziehen, wurden der Geucralkommission zur Erwägung überwiesen. Ein Antrag auf wöchentliche Herausgabe des polnischen Gcwerkschaftsblattes wurde abgelehnt.— I» der Nachinittagssitzniig referierte K ö r st e n- Berlin über„Einrichtung eines Reichs-Arbcitersekretariats". S i in a- n o w s k i- Berlin über„Wahl und Organisation der Vertreter in der Socialgesetzgebung", M a t t u t a t- Stuttgart über„Thätigkeit und rechtliche Stellung der Arbeitersekretariate".— Den umfangreichen Referaten folgte die Diskussion, welche den Rest der Sitzung ausfüllte._ Briefkasten der Redaktion. P.P. Pankow hat noch kein Gewerbegericht, muh aber ein solches nach der Novelle zum Gcwerbegerichts-Gesetz bekoniiiien, da es über 20 003 Einwohner hat(22 511 nach der Pcrsoiieiistaildsausnahiiie voiii28. Ok- tobcr 1901). Die Erössnung bildet noch in diescin Jahre statt, womöglich noch in diesem Soinuier.— Die Wollankstrabe gehört zum Gemeinde- bezirk Pankow. Postalisch werden aber die Nummern 54—70 zu Berlin ge- rechnet.— Reform. Beides ist falsch. Der Satz müßte lauten: Setze Dich her z u m i r. P. P. 301. Sie innssen Ihre Ansprüche bei der in Betracht koinmenden Orts-Krankcnkasse geltend machen. Mit dem Eintritt in das Arbeitsverhältnis sind Sie ohne weiteres Mitglied der Kasse geworden, auch wenn der Nliternehmsr, trotz Ihrer Aussorderung, seiner Meldepflicht nicht nach- gcrviilllieil ist. Der Uniernchincr muß der Kasse die Kosten erstatten, welche dieselbe sür den Untcrstützlliigsfall aufwendet. Die Aufnahme in eine Heilstätte kann die Krankenkasse bewirken, evcnt. wenden Sie sich an die In- validitätsanstalt. M. 91. Billets zur SecessioiiSausstellung erhalten Sie bei Sassenbach, Gcwerkschaftshaus, vorn IV, zum Preise von 25 Pf. C. S. 73. Körperliche Fehler, die möglicherweise im nächsten Jahre zur Freistellung führen.- O. F. 101. 1. Der Meter. 2. Ja.- W. D. 12. Die Kosten müßten bezahlt werden, weil die Partei zu ihrer Tragung ver- urteilt ist.— Karnteii. Wenn Sie mit Ihrem gebrauchten Mobiliar nach Oestreich übersiedeln wollen, so haben Sie keinen Zoll zu bezahlen. Sie müssen sich aber vorher amtlich bescheinigen lassen, daß die zur Der- seiidung gelangenden Sachen in Ihrem Haushalte benutzte Sachen sind. Ans der Steuerbehörde erhalten Sie ebenso wie in der Güterabfertigiings- stclle der Eisenbahn Auskiinst über die erforderlichen Formulare. — Schmiedeberg 9k. geb. Sie müßten zahlen, falls nicht etwa nur ein Micts(Leih)-Nertrag vorliegt.— P. K. 10. Leider nein. Ansprüche auf Unfallrente verjähren in zwei Jahren nach Eintritt deS Unfalls. Der ver- nnglücktc Arbeiter unterbricht die Berjährung dadurch, daß er seinen An- fpruch ans Unsallrenie bei der Berufsgcnosienschast niimeldet.— E. Sit., Charlottenbnrg. Ja, zuständig ist das Gewerbcgericht.— Zl. H. Nein. — G. 22. Gezahlt müßle zwecks Vermeidung einer Pfändung die zu viel geforderte Steuer werden. Hat die Neklamatio» Erfolg, so wird der zu viel erhobene Betrag zurückgezahlt, nicht aber die Psändnngskvsten und die durch die Psändniig verursachten Unkosten.— Wiirzbiirg, Christian. Die Fracht müßten Sie zahlen. Die Eisenbahn- Verwaltung kann Raten bewilligen, ist aber nicht hierzu verpflichtet. i. tragen Sie unter Darlegung der Verhältnisse, den Betrag außer Hebung zu lassen oder herabzusetzen und Ratenzahlung zu bewilligen. — W. 1. 1. Ja. 2. Sie erhalten ans Betreiben des Gegners einen Gerichtsbeschluß, der die Höhe der dem Gegner zu erstattenden Kosten fest- setzt. Die Kosten müssen Sie dann zur Vermeidiing der Zwangsvollstreckung sofort zahlen. 0. Ja. 4. Nein.— 91. S. 10. Die ausgeklagte Alimenten- forderung verjährt erst in 30 Jahren. Sie können also immer(wieder Zwangsvollstreckung versuchen.— Wette Ol. Durch Reisen nach Amerika oder Ansenthalt dortselbst kann man eine Ehe nicht trennen. Eine Ehe wird nach geltendem Recht nicht durch Zeitablaus, sondern durch Tod eines Ehe- gatten oder durch gerichtliches Urteil geschieden. Die Fortreise eines Ehe- gatte» kann bösliche Verlassung und deshalb Ehescheidiingsgrund sein. — G. S. 77. 1. Wen» Ihre Tochter Hebamnie werden will, so muß sie zunächst um Zulassung zum Hebammenkursus beim Polizeipräsidium ein- kommen. Sie erhält von dort Mitteilung, wann und mit welchen Papieren sie sich beim Stadtphysikus zu melden hat. Dort wird sie im Lesen, Schreiben, Rechnen, Hören und Sehen geprüft. Nach bestandener Prüsung kommt sie beim Polizeipräsidium nochmals ein und erhält Nachricht, ob sie zugelassen wird. Wird sie zugelassen, so hat sie für Absolvierung des Hebainmenkursiis in der Charits etwa 300 M. zu zahlen. Zugelassen wird zu diesem Kursus nur, wer noch nicht 30 Jahre alt ist. Bei dem großen Andrang ist es deshalb zweckmäßig, spätestens im 25. Lebensjahr die erste Meldung zu machen. 2. Geringe körperliche Fehler.— O. C. H. Nein. E. B. Wenden Sie sich an das Victorinhans für Krankenpflege, Berlin NO., Landsberger Allee 19/20. Dort werden Sie, wenn Sie sich verpflichten, dem Hanse vier Jahre lang als Pflegerin anzugehören, in sechs Monaten ausgebildet. Die Kurse beginnen am 1. April und 1 Oktober. Die Bewerbermnen innssen unverheiratet, zwischen 21 und 30 Jahre alt sein und bei der Ausnahme 300 M. Kaution hinterlegen; sie erhalten während des Kursus freie Wohnung, Verpflegung, Kleidung und Unterricht in der Anstalt; nach der Lehrzeit außerdem ein von 300 M. an steigendes Gehalt.— Zur Diakonission werden Sie u. a. ausgebildet im Lazariis-Krankenhaus, Bernauerstr. 115/1 l(3, durch das Märkische HauS für Krankenpflege, Kleinbeerenstr, 7, im Krankenhause zu Hirschberg i.Schl.(Lehrzeit 9— 12 Monate, Kaution 200 M.; Verpflichtung zwei Jahre), durch den Berliner Lokalverein des Preußischen Landesvereins zum Roien Kreuz, Berlin 8W., Wilhelmstr. 73, im Central- Diakouissen- haus Bethauten, Mariannenplatz 1/3, im Elisabeth-Dialoiiissenhaus, Lützow- straße 24/26, im DialonisjenhauS des Paul Gerhardislifts, Müllerstrabe 56, zur Krankenpflegerin im Pflegerinnen- Asyl des Augusta-Hospitals, Schorn- Horststraße(Kosten sür 3 Monate 150 M. ev. umsonst gegen die Berpflichlung, 9 Monate gegen Vergütung im Asyl zu bleiben). Wettcr-Prognose für Donnerstag, den 10. Juni 1902. Wärmer, vielfach heiter bei lebhaften südöstlichen Winden und etwas Neigung zu Gewiiter. Berliner W e t t e r b u r e a n. Kür den Inhalt der Inserate Übernimmt die Redaktion dem Pnblitni» gegenüber keinerlei _ DheAtev. Donnerstag, den IS. Juni. Opernhaus. Matte» Falcone. An- DaS große Licht. fang 71/, Uhr. '«ielhanS. Schanspie Anfang 7'/, Uhr. Renes Oper»- Theater(«roll). Gastspiel der königlichen Hofoper aus Stuttgart. Der polnische Jude. Ansang 7>/, Uhr. Im Liederspielhaus: Offenbach- EykluS. Das Mädchen von Elizonda.— Der Regimenis- zauberer.— Fritzchen und Lieschen. Ansang 8 Uhr. Gthiller. Die Mottenburger. An- sang 8 Uhr. Dentsches. Es lebe das Leven. Anfang 7'/, Uhr. Berliner. Alt-Heidelberg. Anfang 7V- Uhr. Westen. Undine. Aiifaiig 7'/, llbr. Sltetropol.(Marwitz-Oper.) Die Zauberflöte. Anfang 8 Uhr. Neues. Ledige Leute. Anfang ?'/, Uhr. Residenz. Einquartierung. Anfang 7>/, Uhr. Central. Coralie u. Eie. Anfang 8 Uhr. Thalia. Gastspiel der Schlierseer. Der Amerika- Seppel. Anfang 8 Uhr. Belle-Sllliance. Die Dame ans Trouville. Hieraus bei un- günstiger Witterung im Theater Er. Anfang 8 Uhr. Carl Weist. Gefallene Mädchen. Aniaug 8 Uhr. Kriedrich-Wilhelinslädtisches. Einen Jux will er sich machen. Anfang 71/, Uhr. E. b. Wolzogens Bniiies Theater (Ueberbrettl). Anfang 8 Uhr. Schall und Ranch. Serenissimus- Zwischenspiele u. a. Anfang 8'/- Uhr. •Iprllo. Lysistrata. Specialitäicn- Vorstelluiig. Anfang 8 Uhr. ReichShalleu. Steiliner Sänger. Ansang 8 Uhr. Passage- Thrnlcr. Specialiiälen- Vorstellung. Ansang»achmittags 5 Uhr. Passage- Panopliknm. Special!- lälrn-VorsteUnng. Charivnii. Täglich Vorstellung. Anfang 8 Uhr. Urania. Danbenstr. 18/49.(Im Thealersaal.) Abends 8 Uhr: Die deutsche Oslseelüste. Jnvalidenstraste 37/02. Täglich: Steriiwarie._ lielie-Ailiance-Theater. Anfang 71/, Uhr. Lei günstiger Witterung auf der Sommerbühne: Die Diluie ans Troliville EchwankmitGesangu. Taiizi>i3Slkteii. Sierauf:„Er-. Lebensbild in 1 Akt. Garten-Entree inkl. Vorstellung 30 Pf. Freitag: Rnth-Konzert. Sonnabend: Graf• Konzert. W. Noacks Theater. Briinneilstraße 16. TliM Theater- 11. Cvecia- litäteil-VorstellW. Rose»» ,»»»d Dome»«. Burleske mit Gesang ii. Tanz In 2 Akten. Im Saal: Inaiakrttotiedva. Schilltl'Theattl (WaNucr-Dheatcr). Donuerstagabend 8 Uhr: JDiv Iflottenbnrger. Posse mit Gesang in sechs Bildern von D. Kalisch und A. Weirauch. Musik von R. Bial. Freitagabend 8 Uhr: Letzte Vorstellung vor den Ferien. Potvv Itlondcn Uesticn. I»op Thor nnd der Tod.— Paracelsan.— Post festnni. CktiAl-Wattt. Heute, den 19. Juni, Anfang 8 Uhr. Nur noch wenige Zlusführungen. Zum 159. Male: Coralie& Cie. Schwank in 3 Akt. v. Albin Valabrsque und Maurice Hcmtequitt, In Vorbereitung: ToNv Mlitbürgev Gesangspoffe in 4 Akt. v. A. Schmafow. Musik von Kapellmstr. Curt Goldmann. Apollo- Theater Um 7 Uhr: Garten-Konzert. Um 8 Uhr: Die sensationellen SpccinlitUten I. Ranges. Um 9 Uhr: Mit kolossalem Erfolg Paul Llnckes Ausstattungs- Operette Lysistrata mit dem Luftballett„Grlgolatlsi' Kasseneröffnung 6 Uhr. iletropol-Tkater Anfang S Uhr. Morwitz-Opcr. fjQT'lMe ZanhcrflUtc.-3&0 Freitag: Gastspiel Irene Abendroth, königl. säehs. Hof-Opernsängerin u. des Grossherzogl.bad. Kammersängers Alfred Oberländer: IHe llns/cnotten. Sonnabend: Pop. Vorstellung bei halben Preisen; Hartha. Sonntag: Ein Maskcnhall. Gr. Oper y. Verdi. Urania. JTauben-Strasse 48/49. Im Theater um 8 Uhr: Die deutsche CASTANS Panoptikum Frledrlch-Strasse 165. Photographisohe Aufnahme von der Insel Martinique und von den Schlachtfeldern Ti'stusvaals. Im Konzertsaal: Schw edische KUustlerkapelle 4 Damen, 2 Herren. c arl Weiss-Theater. Grostc Franksnrlrrsir. 132. Abends 8 Uhr: Gefalle»»e Mädche»». Berliner Sittenbild in 4 Akten. Morgen: Gefallene Miidchcn. Im Garten: Spccialitäten-Bor- stellung. Anfang 51/, Uhr.___ Schall und Rauch (Kleines Theater) Unter den Linden 44. Donnerstag. 19. Juni, abds. 87, Uhr: Serenissimus- Zwischenspielen a. Sommertheater Marienbad Badstr. 35/36, Gesiindbriliiiieii. Täglich: Gr. Specialität.-Vopstellg. Arliiitr MscherMtl. Mittwochs und Sonntags: Rnll. i Entrce 20 Pf. -< Passags-Panopfai. Der weibl. Affenmensch. Die Seejnngfei*. De» Tigecknabc. Von nachm. 4 Uhr>/, stündlich Damen-RingkampL Alles olineKxira-Entree Passage-Theatep. Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5, Ende 11 Uhr. Willy Prager 16 Elite-Nummern. Freie yoIHsbiihne. Achtung! Achtung! mittvrocli, den 2 Juli, abend« 8 Uhr, im Gcwcrkschaftshanse(grosser Saal), EngcI-Ufcr 15: C* eneral- V ersaimiiiuiig,'. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Geschäfts- und Kassenbericht des Vorstandes. 3. Bericht der Kevisoren. 4. Diskussion. 5, Anträge und Verschiedenes. 229/11 IJBjr" Der Eintritt ist nur gegen Vorzeigung der allen Mitgliedskarten gestattet, die zur General-Versammlung aus den Zahlstellen geholt werden müssen. Sonntag, den 22. Juni, nachmittags 2% Uhr: Fünfte Opern-Vorstellung im Metropol-Theater: Die �aiiSierilöte. Der Vorstand. I A.; G. Wlnkler, Kisdorf, Kirchhofstr. 46. »WwWWwwv «I I <1 r-scrQT Nene Welt, Hasenheide 108-114. Direktion: Arnold Scholz. H e« t e sowie jeden Donnerstag: NV" Elite-Tag."VkI Bergiea* Rüiilitar-EConzert. Täglich: Botbe-Konzert n Spceialilätenvorstellnng. Im Bai cliampelre-Saal: Grosser Ball. Kasseeküche.— Russische Rutschbahn.— 3 Kegelbahnen. Anfang des Konzerts 5 Uhr, der Vorstelliing 6 Uhr. Eintritt 50 Pf. VilletS a 40 Pf. im Vorverkauf sind bei den an den Anschlag- säiiken beiiannteil Geschäften zu haben.— Morgen Freitag sowie täglich: lionzert nnd VorstcIInng. Milchkuranstalt Schwefeerbof I NW.. Emdenerstr. 40/41| liefert in alle Stadtteile nnd die westlichen Vororte frei Küche: 1 Ltr. Klnderniiich 35—50 Pf. 1„ Vollmilch i. Fl 20 Pf. 3„„„„ a�l8 Pf. Prof. Gaertaers Säuglingsmiloh trinkfertig und sterilisiert. Versand n. ganz Deutsch]. 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Da es sich um uusrc Lcbcnssragc handelt, ist es Pflicht eines jeden Bauarbeiters, in diese» Berfammlnngen zu erscheine». Keiner darf fehlen._ 112/13_ IMe l/oliiikomiiilHsion. G Laiidschinkc». f Speck, M--- � Rotwurst...... • Thüringer Flcifchwnrst. Rotwurst.. Zioiebelwurst..... > all eiche Zwiebeltourst Achtung!"NE WM" Achtung! 4. Wahlkreis(Südost).| E TitAhliihi» Utldmigs Vavk�VefksuvÄNk» M �otzlmerus Neglev Schlößchen. � Köpnicker Landstraftc. w IM" Sonntag, den 22* Juni 1902:'HW I zIrüh-Kditzerl.» Ä Billct 15 Pf. Kassen-Eröffnung morgens 4 Uhr. Btllet 15 Pf. � ZWt- Die KnlTeekttche ist geöfTnet.(Liter 60 Pf.) Zu zahlreichem Besuch ladet ein vas«loinltee._ Vit. Die zu Sonntag, den IS. Juni, verausgabten Blllets behalten Ihre Gültigkeit.»Wst � c Ii I o 8 8 IV e i 8 8 e n 8 e e. Souutug» den 22* Inui 1903: Grosses Uolks-Fest veranstaltet vom � 1 Ai'beiter-Rancherbnnd Berlins u. 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Juni, nachmittags 5 Uhr, von der Halle des Heilandsfriedhofes in Plötzensee (Jungfemheide) aus statt. 312b Für die vielen Beweise der Liebe und Teilnahme während der Krankheit und Begräbnis des Drechsler ICapI Scholike besonders dem Holzarbeiter-Verband und den Sängern, unfern herzlichsten Dank. 299b Die trauernden Hinterbliebene». Pumtü 74a Belle-Alllancestrasse 74a, Ecke Bergmaimstraße, empfiehlt Freunden und Bekannten sein VFelss- and Bayrisch» Bierlokal nebst Vereinsziulmer für 59 Personen.* Eigene Confection / �Kraft-Rothwein �FiipBlufapme ku.Kpanke � ärztlich espfohlen Fl.1.50 ' U.SM, iüberail enorm billig wasserecht dekatiert in bair. Loden, Covercoat und Homespun 12. 15, 80 M. Pique- Kleider weiss nnd farbig 7,50 M., 10 M., 15 M. Hochelegante Waschkleider in Zephir, Batist u. Piqns 8 M.. 10 M., 12 M. Organdy 18 M., 20 M. Seideu-PoulurdSö, 30M. e Elegante ttimr öcke in Xnch, Zibeline Kammgar» nnd Cheviot. 6 M.. 7 M.. 40 M., 42 M., 15 M., 8 e 1 d e n d a rn a s t 25 M.. 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Zahrgllllg. tilM Iß jMWäitf f nliittt DMM«»---'t-t« ,'» l« Prozeß Sauden und Genossen. Siebzehnter Tag. Der nächste Punkt, bei dein die Bilanz der Aktiengesell chaft für Grundbesitz und Hypotheken-Verkeh vom Koinmerzienrat Lucas bemängelt ivird, betrifft das Luisen-Theater in Berlin. Dieses ivar Eigentum der Neuen Berliner Bangesellscha' und die Aktiengesellschaft hatte Geld dazu gegeben. Nach den Fest stelhmgc» des Konimerzienrats LncaS hat die Aktiengesellschaft bei dem Theater erhebliche Verluste erlitlen, die sich 1898 ans 127 OSO M. und 1899 auf 248 588 M. beziffert haben sollen. Bemängelt ivird daß diese Verluste in den Bilanzen von 1898 und 1899 als Aktiven erschienen, indem sie einfach der Kreditgesellschaft für Grundbesitz und Industrie zur Last geschrieben ivurden. Angeklagter Otto Sauden bestreitet entschieden, daß es sich hier»in„Verluste" handle. In Wahrheil handle es sich lediglich um Vorschüsse und nach den Versicherungen des Direktor Angern ivar die Hoffmmg durchaus gerechtfertigt, daß sich das Theater heben und Verluste keineswegs entstehen würde». Die rechtliche Konstruktion eines„Verlustes" ivird voin Justizrat Dr. S e I l o bemängelt. Auf seinen Antrag soll der Zeuge Tippel über das Verhältnis der Aktiengesellschaft zum Luisen-Theater ver »ommen werden. Auf Befragen des Rechtsnnlvalts Bernstein giebt Koinmerzienrat Lucas zu, das; nach seiner Meinung die Auge klagten Otto Sauden und Hänschke die Buchung in dieser Form nicht z» dem Zweck gemacht haben, sich höhere Tantiemen hcranszurechnen Die Angeklagteil Ed. Schmidt, Ed. Sauden, H ä n s ch k »nd Otto S a n d e n werden ferner der Untreue beschuldigt, weil durch Aufsichtsratsbeschlüsse vom 7. Febrirnr 1888 und 17. Februar 1894, bei denen Eduard Schmidt und Ed. Sandcn mitgewirkt haben der dem Aufsichtsrat zu Gratifikationen:c. überwiesene Dispositionsfonds zum gröhtcn Teil bestimniimgswidrig den Angeklagten Hänschke und Eduard Sandcn zugewendet Ivordeii sei. Von 1894 bis 1899 hat ersterer 125 821 M.. letzterer 214 680 M erhalte», und zwar neben seiner Anfsichtsrats- Tantieme von auch voch 76 819 M. Auch hier setzt Otto Sauden die Sachlage des längeren ans einander und sucht nachzuweisen, das; es sich hier Inn Anfsichtsrats beschlüsse handele, die dem Statut nicht widersprechen. Diese ivcnduiigen aus dem Dispositionsfonds beruhten auf besonderen persönlichen Leistungen. Er mache sich anheischig, Geschäftsberichte andrer Gesellschäftcn vorzulege», in denen in gleicher Weise proccdicrt Ivorden sei. Die Erörterung über diesen Punkt schlicht damit ab, dasz Ge heimer Rat Hecht erklärt, ihm sei keine Gesellschaft bekannt, bei der in der hier beliebten Weise eine Verteilung des Dispositions- fonds stattgefunden habe, doch lasse sich über die Sache immerhin streiten. Ein lvciterer Fall der Untreue wird in folgendem gcfniiden. Bon den Gewinnen, ivelchc die Aktiengesellschaft iii einem Geschäftsjahr machte, wurden die Tantiemen alljährlich in voller Höhe berechnet und ausgezahlt. Dagegen pflegten die Gewinne selbst nicht vollständig zur Verteilung gebracht, sondern zum Teil aufgespart zu ivcrden. Der aufgesparte Teil wurde dann in die Gcivinnrechnung des nächsten Jahres vor- getragen und obwohl die Tantiemen von ihm schon gezahlt waren, im nächsten Jahre bei der Tanticiirenbercchiinng nochmals berücksichtigt, so dah die T a n t i e n, e n von ihm z w e'i in n l gezahlt wurden. Da diese Geivimivorträge 1896—1899 zusammen 543394 M. betrugen, so sind nach dem angeivcndeten Verfahren zusnnime» 163 018 M. an den Änfsichtsrat, die Direktion und den Dispositions fonds zu Unrecht gezahlt worden. Angekl. Otto Sauden giebt den Sachverhalt zu. bestreitet aber, daß darin eine Untreue liege. Dieses Verfahren sei schon von Anfang an bei der Aktiengesellschaft in Hebung gewesen und seiner Zeit von seinem damaligen Kollegen in der Direktion, dem mit solchen Dingen sehr vertrauten Professor der Nationalökonomie Friedrich Clement, eingeführt ivorden. Nunmehr wendet sich die Verhandlung dem Verhältnis der Firma Anhalt«. Wagner Rachf. zu der Aktiengesellschaft für Grundbesitz und Hypothekenverkehr zu. Vorsitzender Landgerichtsdirektor H e i d r i ch stellt durch Vorhalt zunächst folgendes Thatsächliche fest: Bis zum 1. Januar 1902 Ivar der Angeklagte Eduard S ch ni i d t alleiniger Besitzer des altrenommierten Bankhauses Anhalt u. Wagner Nachf., dessen Konimaiiditistin bis dahin die Allgemeine dentsche Kreditanstalt in Leipzig niit einer Einlage von 3 000 000 M. ivar. Diese ivollte das Kommauditverhältnis nicht weiter fortsetzen und so wurde denn die Aktiengesellschaft als Ersatz für sie in Aussicht ge nommen. Nun hatte die Preußische Hypothekenbank alte Ver bilidungen niit Anhalt». Wagner, sie veauftragte ihren Direktor Fritze mit einer Prüfung der Verhältnisse von Anhalt». Wagner Nachfolger und das Ergebnis Ivar, das; Herr Fritze die Konimandit- beteiligung für vorteilhaft erklärte, falls die Allgemeine deutsche Kreditanstalt anerkennen sollte, daß sie als'Schlnstguthaben statt ihrer ursprünglichen Kommanditeiulage von 3 000 000 M, nur 2 200 000 Mark zu fordern hätte. Nachdem die Kredit« anstalt dies gethan hatte, traten durch Vertrag vom 30. März 1892 1. Bankdirektor Fritze mit einer Einlage von 400000 M. als persönlich haftender Gesellschafter und 2. die Aktiengesellschaft für Grundbesitz und Hypothekenverkehr mit einer Einlage von 3 000 000 M. als Kommanditistm bei Anhalt u. Wagner Nachf. ein. Die»veitcren Verhältnisse zwischen Anhalt n. Wagner Rfg. und ihrer neuen Konimanditistin sind dann durch einen Vertrag vom 27. Mai 1892 geregelt ivorden. Danach sollten Fritze und Ed. Schmidt i» gleicher Weise zur Vertretung und Zeichnung der Firma berechtigt sei». Doch waren sie in dieser Vertretungs- befugnis in vielen Beziehungen, namentlich in Bezug auf Anstellung und Entlassung ivichtigerer Beamten. Abschlüsse größerer Geschäfte, Eingehung iieuer Verbindungen, An- und Verkauf von Grund- stücken ic. insofern beschränkt, als sie hierzu der Zustimmung von Eduard oder Otto Sandcn bedurften. Eduard Schmidt, dessen Ein- läge auf 400 000 Mark festgesetzt ivnrde, sollte gehalien sein, seinem Gesellschafter Fritze soivohl wie seiner Kommandistin niit seinem ganzen Vermögen für alle aus diesen Engagements ent- stehenden Verluste und die von der Firma bei ihrer Aus- einandersetzung mit ihrer früheren Kommandistin übernommene» Verpflichtungen aufzukoinuien. Daneben wurden ihm außer entsprechender Beteiligmig am Reingewinn ein festes GeHall von 36 000 M. und 10 000 M. Repräsentationsgelder beivilligt. Der Vertrag sollte bis 1. Januar 1897 laufen und, falls er nicht bis zum 1. Juli 1896 gekliiidigt sein sollte, zwei iveitere Jahre gültig bleiben. Der Kommanditistin ivaren für gewisse Fälle umfassendere Kündigungsrechte vorbehalten. Mit der Verlesung der Verträge vom 30. März 1392, voi» 27. Mai 1892 und eine's Vertrages von, 22. Januar 1893 schließt die heutige Sitzung. Nächste Sitzung Donnerstag 9 Uhr. Der Prozeß gegen die Leipziger Bank. 3. V e r h a n d l u n g s t a g. Die heutige Verhandlung begann mit der nochnialigen VernehNiung Gxners und der'Feststellnng seiner Personalien. Exner hat im Fahre 1887 seine Stellung bei der Leipziger Bank angetreten, Ivo nach Bestinnnung des Aufsichtsrates es seine Aufgabe sein sollte, das Conto corrent weiter auszubauen, das Effekten- und Devisen-Geschäft zu pflegen usiv. Exner ivnrde dem Direktor Fiebiger gleichgestellt, Er bezog 12 000 M. Gehalt nebst 3 Proz. Tantienie; sein Gehalt sieg dann im Jahre 1896 auf 20 000 M.. 1898 auf 22 000 M. und 1900 auf 24 000 M. Es bezogen an T a n t i e in e n 1895 Exner 60 550 M., Fiebiger desgleichen, 1896 Exner 122 865 M., Gentzsch 67 015 M.. 1897 Exner 156 738 M, Gentzsch 85 491 M,. 1898 Exner 203 854 M., Gentzsch 111193 M„ 1899 Exner 229 357 M.. Gentzsch 125 104 M., 1900 Exner 167 588, Gentzsch 100 553 M, Exner war Mitglied verschiedener A u f s i ch t s r ä t e solcher Gesellschaften, an denen die Leipziger Bank Interesse hatte und die in der Hauptsache ihre Gründung waren; er hatte jährlich etiva 20000 M. aus diesen Stellungen als Anfsichtsratsmitglied bezogen. Exner sagt weiter aus, er habe von Hanse ans kein Vermögen gehabt, nach seiner Rückkehr aus China jedoch 15 000 M. erworben; durch seine Heirat sei er in den Besitz einer jährlichen, ans Barvermögen und Schiffsänteile» bestehenden Reute von 20 000 bis 30 000 Di. gelangt. Er habe standesgemäß leben müssen und 60 000 M. jährlich gebraucht, abgesehen von den Ab schreibiingen auf seinen Effektonbesitz. Sei» gesamtes Vermögen habe er fast ausschließlich in Tochterwerten des T r e b e r- c o n c e r n und in Aktien solcher Gesellschaften niedergelegt, die von der Leipziger Bank gegründet wurden; es habe zuletzt 500 000 bis 800 000 M. betragen. Das Vermögen seiner Frau habe aus 200 000 M. Effekten und 200 000 M. Geschäftsanteilen bestanden, welche erstere» Effekten bei der Leipziger Bank deponiert waren. Ausfällig erscheint, wie der Vorsitzende erklärt, daß die Ab Hebung dieses Depots in die Zeit fällt, wo die Leipziger Bank anfing schlecht zu st e h e n. Exner widerspricht dem und bestreitet einen ursächlichen Zusammenhang, er habe das Depot in den ersten Monaten 1901 nur deshalb «ach England geschafft, um Stenern zn sparen. Der Vorsitzende stellt fest, daß das Ver- fahren gegen Exner lvege» VermögenShinterziehnng nur unter- brochen, aber nicht eingestellt ist. Alsdann giebt Exner Aufschluß über die Einleitung der Verbindung mit der Trebergesellschaft; er sei mit deni Generaldirektor Schmidt erst bekannt geworden, als dieser niit dem Anfsichlsrat seiner Gesellschaft, Hermann Sumpf, auf Empfehlung der Berliner Firma Stcinsieck u. Co. nach Leipzig kam, »ni dort dem Änfsichtsrat der Leipziger Bank die Bilanz der Trebcr- gesellschaft vorzulegen. Exner sagt weiter ans, das Obligo der Tlrcbertrocknnng Ivar bereits am 1. Januar 1897 auf 811 000 M. erhöht, daneben bestand ein Riinessenbonto, so daß damals das ganze Obligo auf beinahe eine Million stieg. Vier Mitglieder der Kasseler Verwaltung hätten ferner cinen gedeckten Vorschuß von 1315 000 M. von der Bank beivilligt erhalten. Es kommt hierauf die Beteiligmig der Leipziger Bank an den Gründungen und Uinwandlnngen der Trebcr-Tochtergcscllschafte» und ihre Finanzierung zur Sprache. Gentzsch sagt auf eine Anfrage hin ans, daß es allerdings üblich gewesen sei, die Sitznngs- Protokolle der Anfsichtsrats-Sitzungen vor- zubereiten. Es habe sich jedoch mir darum gehandelt, diejenigen Ziffern und technischen Bezcichnnngen, die allseitig eine klare Dar- stellniig, wie sie in den Conten verteilt waren, erheischten, vorher festzustellen, selbstverständlich unter Zustimmimg des Anfsichtsrats, während die wirklichen Beschlüsse und Diskussionen nachträglich eingefügt wurden. Die Protokolle der Revisionssitzungen des Anssichts- rats wurden, wie die einer ganzen Anzahl von andern Sitzungen, direkt in der Sitzung geschrieben. Anch Dr. Lirbigcr»mß zugeben, daß während seiner Amtierung die Protokolle in der Hauptsache vorbereitet worden seien. Der Vorsitzende 'chreitet nun zur Verlesung der Protokolle der Aufsichtsrats-Sitznngen vom 15. September 1896, 27. Oktober 1896. 23. März � 1897, 11. August 1897, 5. Oktober 1897, in denen die verschiedenen Ve- schlüsse und Vorbereitungen zu den Abschlüssen mit der Treber- gesellschaft niedergelegt wurde». Nach einer Pause erwähnt der Vorsitzende sodann die Reise» des Anfsichtsrats der Leipziger Bank nach den einzelnen Treberinstituten. Nach der Rückkehr fand eine Sitzung statt, in der darauf hingewiesen wurde, die Bank sei so eng mit der Trebergesellschaft liiert, daß es 'o nicht weiter gehen könne; es wurde dann am 1. November 1897 beschlossen, sich an den neuen Unternchniungen nicht mehr zu bc- teiligen. Des weiteren wird die Korrespondenz zwischen Exner und Schmidt verlesen. Exner rät von der Ver- teilung einer allzu hohen Dividende durch die Trebergesellschaft ab. Er bemängelt die Dispositionen der eiiizeliieii technischen Leitungen und weist ferner auf die außerordeutlichen Engagements der Gesellschaft und auf die hohen Barvorschi! ffe für Schmidt und den Änfsichtsrat seitens der Leipziger Bank hin sowie darauf, daß Mittel zur Verteilung einer Dividende für die Trebergesellschaft nicht zur Verfügung ständen. Er verlangt dabei einen ehrenvollen Rückzug der Trebergesellschaft in Bezug auf die Verteilung einer Dividende, ivie der Vorsitzende ans den Protokollen weiter nachweist. Gentzsch sei die Höhe des Obligo der Trebergesellschaft Ende 1897 bedenklich vorgekomnic»; er habe beim Aussichtsrat an- geregt, sich mit der Trebergesellschaft nicht weiter einzulassen. Exner habe nicht genaue Bctriebsresnltate vorgelegt. Weiter kommt ein Brief Exners an Schmidt vom 30. Dezember 1897 zur Verlesung, in dem Exncr vorschlägt, die Trebergesellschaft möge andre Finanzinstitnte für ihre Kredite gewinnen und die Leipziger Bank abznstosjcn trachten. Der Vorsitzende berührt hierbei die Privatkorrcspondcnzcn Exners niit � Schmidt. Exner sagt ans, alle vertraulichen Briefe habe er in seinem eignen verschlossenen Schreibtische in der Bank, Ivo auch alle andren Sachen diskreter Natur lagen, auf- bewahrt. Niemals habe er zwischen Kassel und Leipzig gewechselte Briefe vernichtet. In einem andren Briefe Exners vom 23. Januar 1893 wird erklärt, die Leipziger Bank sei bereit gewesen und sei bereit, auf weitgehende Engagements der Trebergesellschaft einzugehen. Exner macht darin gleichzeitig Vorschläge zur Bildung eines Garantie-Konsorthinis zur Emissio» junger Treberakticn unter Führung der Leipziger Bank. Die Verhandlung berührte weiter die Reise der Nnfsichtsräte nach Neheim. Die günstigen Ergebnisse veranlaßten die Bank, mit der Trebergesellschaft„in vorsichtiger Weise" tveiter zu arbeite». Der Vorsitzende bemerkt, man habe gehört, daß damals der 'ertige Graphit vorher in die Retorten vo» Neheim gebracht worden ei. Exner gab alsdann über die Entstehimg des T r u st- Syndikats ausführliche Erlänterungen und fügte hinzu, daß die in der Sitzung vom 31. März 1398 beichlossene gewinnversprechende Transaktion m i t d e r T r e b e r g e s e l l s ch a f t zn dem Be- chlusse des Aufsichtsrats geführt habe, das Obligo der Kasseler Gesellschaft über 10 Millionen hinaus zu erhöhen. Wie Gentzsch ausführt, ist ihm die Höhe der i» den Ge- 'chäften mit Kassel zugesagten Provisionen ungeheuerlich o o r g e k o in m e n; dem Angeklagten Mayer ist sie dagegen nicht aufgefallen. Er und Dodel erinnern sich nicht, bei Auf- ichtsratssitzungen Korrespondenzen mit der Trebergesellschaft gelesen zu haben. Zum Schluß regt der Verteidiger, Justiz rat o n G o r d o n an, daß Professor B o r ch e r t aus Aachen und Professor L a s s a r- C o h n in Königsberg als Gutachter vernommen ivcrden sollen. Darauf wird die Weiterverhandlung aus morgen vormittag vertagt. Berliner Partei-Angelegenheiten. Die nächste Lokal- Liste erscheint am Sonntag, de» ff. Juli 1902. Wir ersuchen daher die Mitglieder der Lokal- k o in in i s s i o n von Berlin n n d Umgegend, Aendernngeil und Neuanfiiahine» bis spätestens Freitag, den 27. Jnni 1902, einsenden zu wollen: für„Teltow-BeeSkotv" an den Genossen Hermann Schliebitz in Britz, Jähnstr. 2; für„Nieder- Barnim" an den Genossen Otto Riebe in Fricdrichsfeldc, Victoriastr. 4; für„Potsdam-Ost-Havelland" an den Genossen Albert Nene in Spanda», Jagowstraße 9; für„Diverse Orte" an den Genossen Gustav Stein in Wriezen a.O., Frank- furterstr. 32, sowie für Berlin an den Genossen Wilhelm Hinz, Prinzenstr. 66. 8. 14. Die Genossen werden ersucht, hiervon Kenntnis zn nehmen und die Einsenduiigeil unigehend zu besorgen, da spätere Einsendungen nicht mehr berücksichtigt werden können. Eharlottcnbnrg. Heute abend 8�/s Nhr findet im Volkshaus, Nosinenstr. 3, eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Reichs- tngs-Abgeordneter H. M o l k e n b n h r einen Vortrag über:„Die Jiiteresscukämpfe in der Reichspolitik" halten wird. Für die Frauen bleibt die Galerie reserviert. Uolmles. Zum Apothekenboykott. (jsine Zeitnngskorrespondenz versendet folgende Mitteilung: Ei n.e gesetzliche Regelung der Frage des Kranken- k a s s e» r a b a t t s wird jetzt von Seiten der Apotheker angestrebt. Der A u s s ch n ß der A p o t h e k e r k a m m e r tritt am 21. d. M. zu einer Sitzung zusammen, in der hauptsächlich bezüglich der Ge- Währung einer Ermäßigung der Arzneipreise für Krankenkassen Beschluß gefaßt werden soll. Verschiedentlich ist man nicht abgeneigt, eine Art Zivangsrabatt einzuführen, will ihn jedoch an zwei Bc- dingungcn knüpfen. Erstens sollen nur diejenigen Kassen Anspruch auf Vorzngsrabatt haben, welche sämtliche Apotheken eines bestimmten Bezirkes zur Lieferung zulassen, zweitens soll es zur Vorbedingung der Rnbattgeivährnng gemacht werden, daß sämtliche, auch die dem freien Verkehr überlnssenen Heilmittel den Apotheken ctttnoinmen werden. Man will damit für die Zukunft eine Bohkottierung einzelner Apotheken immöglich machen und andrerseits den Droguisteu die Vorteile, die sie im Apothekenboykott errungen haben, wieder ent- reißen. Der V o r st a n d des deutsche n A potheker- Vereins bereitet übrigens eine Denkschrift über die Frage des Rezeptur rabatts und den Verlauf des Apothekenboykotts vor, die den inaßgcbeiiden Behörden unterbreitet werden soll. Wie es heißt, soll darauf hingciviesen werden, daß eine endgültige Regelung der Rabattfrage nur durch eine Abänderung des Krankettversicherungs- Gesetzes bczw. der Gewerbc-Ordnnng erfolgen kann. Es ist bezeichnend, daß jetzt sogar in den Kreisen deS Apotheker- kammer- Ausschusses— also einer von den Apothekern selbst gewählten Standesvertretung— die Gewährung eines � Rabatts an die Krankenkassen als berechtigt anerkannt wird— ja sogar die gesetzliche, also zwangsweise Einführung eines solchen Rabatts be- fiirivortet wird. Hätten seiner Zeit die Berliner Apotheker sich auf diesen Standpunkt gestellt, so wäre ihnen der jetzige für sie nnheil- volle Kampf erspart geblieben. Die Krankenkaffen, weiiigstens in den großen Städten, können dem Vorschlage des Apothekerkanimer- Ausschusses iin allgemeinen nur höchst gleichgültig gegenüber stehen und müssen es sogar ablehnen, daß an die Gewährung des Rabatts noch irgend welche lästige Bedingnngeii— wie Ausschluß der Droguisteu von der Lieferimg— geknüpft werden. Gerade der Berliner Kampf zeigt, daß bei geeignetem Gebranch ihrer Wirt- schaftlichen Macht, die Kassen höhere Vorteile von den Apothekern erzwingen können, als sie die zu sehr unter dem Einfluß der Apotheker stehende und deren Jntereffe allzu warm berücksichtigende Tax- kommission des preußischen Knltusministeriimis jemals auf dem Wege der Gesetzgebung, beziehungsweise der Ministerialverordiinng be- willigen würde. So' wie die Dinge heute liegen. erscheint nicht einmal ausgeschlossen, daß im Schöße der Taxkommission der Versuch nnternommen würde, durch allgemeine Erhöhung der Taxansntze die Apotheker für ihre Mindereinnahmen durch den Kassenrabatt schadlos zu halten. Weit wichtiger für die Kassen und anch für die Arznei- konsumenteit im nllgenieinen— also für die gesamte Bevölkerung— wäre es, wenn in der Taxkonimifsioii des Kultusministeriums anch Kassenvertreter Sitz und Stimme erhielten, um dort gegenüber den Apothekern die Interessen der Konsumcnteii vertreten zu können. Auf diesen Punkt sollen daher die Kassen, und zwar in ganz Preußen, ihre Aufmerksamkeit richten. Der Denkschrift des Apothekcrvereins über den Berliner Apotheken- boykott fehen die Kassenvertrcter übrigens schon heute mit dem größten Vergnügen entgegen. Auch in den Kassenkreisen wird eine �.Geschichte des Berliner Apothekenboykotts" vorbereitet. Auch diese Denkschrift wird den gesetzgebenden Faktoren zugestellt werden und bei ihrer Abfassung soll all' das reiche Material Verwertung finden, welches die Leiter des Berliner Apothekenboykotts in dem imii über in Jahr dauernden Kampfe zn sammeln reichlich Gelegenheit hatten. Ob dann wirklich noch eine Ntcichstags-Mehrheit sicki finden wird, die das Krnnkenversichcrungs-Gesctz im Sinne der Apotheker ummodelt? Wir bezweifeln es I_ Zur Abstincuzbewegiing in der Arbeiterschaft. Die Ein- getragene Genossenschaft„ A b st i n e n t e n h e i in" erläßt einen Aufruf, deren wesentlichen Inhalt wir in unserm Blatt wiedergeben Wollen: Die Alkoholfrage erweckt inmier mehr das Interesse weiter Kreise aller Bevölkerungsschichten. Jeder ernst und social denkende Mensch wird durch die von Tag zu Tag sich mehrenden Anklagen der Wissenschaft gegen den Alkohol und durch die Erfahrungen des täglichen Lebens dazu gedrängt, zu dieser alle Gebiete des ge- sainte» Kulturlebens berührenden Frage Stellung zn nehmen. Wie die Stellungnahme des Einzelneii auch nnsfallen mag: ob man hofft, durch Mäßigkeits- oder durch Euthaltsainkeitsbestrebiiiigen den Alkoholismus wirksam bekämpfen zn können, in jedem Falle kann mau sieh der Thatsache nicht verschließe», daß i n der Praxis keine Einrichtungen vorhanden sind, welche diese Bestrebungen unterstütze», und daß deshalb vor allen Dingen eine gründliche Reform des gesamten R e st a u- rant- nnd Wirtshauswesens notwendig ist.' Diese Einsicht haben ohne Ausnahme alle gewoimen, die sich niit der Alkoholfrage ernstlich beschäftigt haben; denn die drückende Plage des Trinkzwanges und die Ilnznlänglichkrit, ja Unmöglichkeit, andre als alkoholische Getränke zn billigen Preisen zu erhalten, wird von jedem empfunden, der sich im öffentlichen Leben bethätigt oder den das Bedürfnis nach geselliger Unter- Haltung ins'Wirtshans führt. Hervorgegangen ans einer An- regung im„Verein a b st i n e n l e r Arbeiter und A r b e i t e r i n n e u Berlins" ist daher die Gründung eines llnternehnienS beschlossen worden, welches, auf st r e n g g e- n o s s e n s ch a f t l i ch e r Grundlage aufgebanl, den Zweck hat. Restaurants und L o k y l e mit Lese-, Bibliothek-, V e r s a m m l u n g s r ä u m e u und Her- bergen zu errichten, in denen, unter Ausschluß eines Äanfzwanges, nur alkoholfreie Speisen und Getränke ver- 'abfolgt werden. Dieses llnternchinen ist. im Oktober 1901 be- gründet worden und führt den Namen„N b st i n e n t e n h e i in". Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Die Ge- nossenschaft, welcher bereits eine größere Zahl von Männern und Frauen beigetreten ist, verfolgt rein ideale Ziele.„Abstinenten- heim" gehört nicht zu den Geiiössenschafte», deren Bestreben es ist, fioüe Dividenden kcraiiSzuwirtschciften. Uebcrschiisse werden nach Erfiilluiisi der statutcnniäkigcn LZerpflichtunqcn zur weiteren Lus> gestaltuiig des Uittcrnehinens verwendet lvcrdcn. Wir wollen nicht nur allen denen einen behaglichen nnd anheimelnden Aufenthaltsort bieten, welche sich gelegentlich oder dauernd dem Trink- und Alkoholzlvang entziehen inöchteu, sondern wir stellen anch alle» A e r e i ii c n f ü r i h r e B e r s a ni m l u n g e n und intenien Zu- sainincnkiiiifte unsre Nnnme zur Verfügung; wir wollen Bresche legen in das heutige verderbliche Schanlsystein und, durch die Konkurrenz, die wir ihnen bereiten, die Wirte zwingen, uns auf diesem Wege zu folgen. Da die Zugehörigkeit zur Genossenschaft„Abstiiieiitcubeiiii* nicht zur Abstinenz verpflichtet, steht der Beitritt jedem frei. Wir wenden unS an alle Kreise dcS Publikums ohne Ausnahme und bitten alle wahren Volksfrcuudc, alle diejenigen, welchen eine gesunde E»t Wicklung unsreS Volkslebens am Herzen liegt, sich mit uns zu vcr- einigen und der Genossenschaft„Abstiiieiitciihcini" beizutreten Die Bedingungen der Mitgliedschaft sind derartige, dah der Bei tritt auch den weniger Bemittelten ermöglicht ist. Alle diejenigen, welche für das Unternehmen Interesse haben, bitten wir, sich zwecks näherer Auskunft mündlich oder schriftlich an die Geschäfts stelle der Genossenschaft„ A b st i II e n t e II h e i m", Berlin NO. 55, Prenzlauer Allee 27, zu wenden, tvelche alle näheren Mitteilungen bereitwilligst niachen wird. Wie man sich auch zur Abstinenzbewcgnng stellen mag, der Einsicht wird sich niemand verschliesjen, dast es vor allem in einer Weltstadt wie Berlin notwendig ist, das Ideal der Genossenschaft zu verwirklichen. Bis jetzt sieht es allerdings um diese Bestrebungen noch nicht sehr glänzend ans. Der Beitritt zur Genossenschaft kostet 50 Pf., der in bequeme Teilzahlungen zu erwerbende Anteilschein lautet auf zwanzig Mark. Und doch zählt die Genossenschaft zur Zeit erst 68 Mitglieder, und ihre Kasscnverhältnisse sind wenig er- freulich. In ihreni Geschäftsbericht über das erste Halbjahr bedauert die Genossenschaft namentlich, das} die Mediziner der Gründling überaus gleichgültig gegenüber stehen, von hundert Aerzten, die eine Einladung zum Beitritt erhalten hätten, wären mir fünf der Genossenschaft beigetreten. Wir hosten, dah die Organisation sich durch die Schwierigkeit des Kampfes nicht entmutigen läßt. Der Stadtverordneten-Versammlung ist von unsre» Partei geiiossen im Noten Hause folgender Antrag zugegangen: Die Stadtverordneten-Versammlung ersucht den Magistrat, zu erwägen, ob nicht die am 20. April d. I. an die Deputationen und Kuratorien ergangene Verfügung über den Urlaub der städtischen Arbeiter nach folgender Richtung zu ändern ist:«Den Arbeitern, welche länger als ein Jahr im Dienste der Stadt be schäftigt sind, ist alljährlich ein Urlaub von 1 Woche unter Fort zahlnng des Lohnes zu gewähren." Heute liegen die Dinge bekannttich so, dah den städtischen Ar- beiienr erst nach zehnjähriger Dienstzeit ein Urlaub gewährt werden kann, vorausgesetzt, dast es dem Vorgesetzten der in Betracht kommenden Arbeiter paßt. In einer zu Anfang dieses Monats im Gcwcrkschaftshause abgehaltenen Versammlung haben die städtischen Arbeiter an die Stadtverordneten- Versammlung eine Zuschrift ge� richtet, deren Forderungen sich mit dem Antrage der socialdemo kratischcn Stadtverordneten-Fraktion decken. Wir sind neugierig, wie es in diesem Fall um das sociale Verständnis der Stadtverordneteir Mehrheit bestellt sein wird. Die Stadtverordneten-Versammlung hält heute eine Sitzung ab, in der u. n. folgende Gegenstände auf der Tagcsordnnng stehen: Vorlage, betreffend die Aufnahme von S Personen in das Nikolaus Bürger-Hospital.— Berichterstattung über die Vorlagen, velresfcnd die Festsetzung von Fluchtlinien für eine Ufer straffe längs des rechten S p r e e- U f e r s von der Waiscnbrücke bis zur westlichen Fluchtlinie der Kleinen Stralauerstraffe und einer Fluchtlinie für die letztere vor dem Grundstücke Nr. 7, die Ncnovierung des Ratskellers und den Neubau der über den Kupfergraben führenden eisernen Brücke.— Vorlagen, betr. die Aufbesserung von B e a m t e n g e h ä l t e r n die Veräufferung zweier im Gemeindebezirke Friedrichsfelde belegenen Parzellen— die speciellen Entwürfe für den Neubau der G e in e i n d e- D o p p e I s ch u l e n in der Samariter- und in der Grcifenhagenerstraffe, für die beiden Ueberwachinigshäuser des Koch- küchen- und des Waschküchen-Gebäudes der Iii. Irrenanstalt in Buch und zum Neubau der Gemeinde- Doppelschule Pappel- Allee 41/42— den Ankauf eines im P l ä n t e r w a l d zu Treptow belegenen Wiesengrundstücks— die Beantwortung der zum Jahrcsabschluff der Stadthauptkasse fragen— die unentgeltliche Abtretung Treptow belegenen Wcgefläche an — die Hinzumietung von Räumen stelle VII» im Markthallengebände Krautstr. 48»— die Abänderung des Beschlusses vom 10. Januar 1301 über die Begründung der „König Friedrich-Stiftnng"— den Bau der Zugangs- brücke» über den Knpfergraben und die Spree zur Museniiisinsel. sowie die Festsetzung von Fluchtlinie» für eine von der Oranien- burgerstraffe zu der vorerwähnten Spreebrückc führenden neuen Straffe mit Auschlnff an die Ziegelstraffe. für 1900 gestellten An einer im Gemeiiidebezirke die Gemeinde Treptow für die Stencr-Aiinahme Eine nette„Herrschaft". Das 18 jährige Dienstmädchen Anna Schulz zog vor einigen Tagen zu dem Buchdruckcrci bcsitzer S. in der Friedrichstraffe in Dienst. Am Abend des zweiten TagcS machte die Herrschaft einen Ausgang. Ter„Herr" ging schon zeitig fort, die„Madam" folgte um 11 Uhr. Vorher gab sie jedoch deni Mädchen den Auftrag, bei den beiden Kindern im Alter von 6 und 8 Jahren aufzubleiben und Strickarbeit zu ver- richten. Bis Uhr nachts kam das Mädchen diesem Befehl auch nach. Als es dann aber vor Müdigkeit dir Augen nicht mehr aufzuhalten vermochte, legte es sich auf sein Lager und schlief ein. Bemerkt sei hierbei, dah die Lagerstätte lediglich aus einer am Fuffboden liegenden überdeckten Matratze besteht; ein eigentliches Bett für das Dicnstmädcheii gicbt es in dem Hause nicht. Um Ve7 Uhr morgens kehrte die Herrschaft von ihrem AilSgange heim. Als„Madame" jetzt das Mädchen schlafend fand, stürzte sie Ivülcnd auf sie los, zerrte sie an den Haaren durch die Küche, schimpfte ivie besessen und jagte die mir notdürftig mit Unterrock und Strümpfen Bekleidete ans dem Hanse. Bereits auf dem Hofe angelangt, wurde sie von Herrn S. wieder zurückgerufen. In der Meinung, ihre Herrschaft habe sich schnell eines andern besonnen, kehrte sie auch um. Jedoch auf dem Korridor traktierte sie ihr Dienstherr in bru- taler weise mit Ohrfeigen, indem er ihr zurief: Nun»verde i ch Dir zeigen, was es heifft, nicht auf die Kinder anfznpasscn.— Endlich entwand sich das Mädchen den Händen seiner Peiniger und lief zur Polizei. Ei» Schutzmann ging auch mit, um die freundliche„Mn- dame" zur Herausgabe der Sachen zu bewegen. Doch vergeblich; die Gnädige wurde rabiat, und beide mufften unverrichteter Dinge wieder abziehen. Bis etwa um 10 Uhr vormittags blieb das Mäd- ckic» Nim auf dem Polizciburean— immer noch im Unterrock und Strümpfen, ohne Schuhe. Daun ging zum zweitenmal ein Schutzmann mit ihr zu Frau S. Diesem Beamten gelang es, die Dame zur Hergäbe zweier Kleider und der Schuhe zu veranlassen, doch läfft sie dem Mädchen keine Zeit, sich in der Wohnung anzuziehen. Den Korb mit den übrigen Kleidungsstücken, Wäsche ec. behielt die Dtenst- hcrrin zurück, auffcrdeui beanspruchte sie noch die Herausgabe des MietSthalerS. In das Dienstbuch schrieb sie die Prädikate„faul", „lügenhaft" usw., obgleich das ganze Dienstverhältnis nur einen Tag gedauert hatte. Zu seinem weiteren Leidwesen muffte das Mädchen noch die unangenehme Entdeckung machen, daff ihr ein Kleid zerrissen und von ihrer aus 1,30 M. bestehenden Barschaft noch IM. aus dem Portemonnaie verschwunden war. Auftritte der hier geschilderten Art scheinen bei dieser„Herrschaft" übrigens öfter vorzukommen, denn noch steht dort der Korb eines andren Dienstmädchens, das vordem daselbst in Stellung war. Uhrenschwindler. In der Person des Buchhalters Emil Matars ist von der Kriminalpolizei derjenige Dieb ermittelt und zur Haft gebracht, ivelcher seit Mitte Mai d. I. Goldwaren- und Uhrmacher- geschäfte dadurch geschädigt hat, daß er sich unter dem Vorgeben, er sei beauftragt, ein Jubiläums- oder HochzeitSgefchenk zu besorgen, Uhren und Ketten vorlegen lieff und bei dieser Gelegenheit sich solche aneignete. Er verlieh dann daS GefchäftSIokal mit den Worten. er würde später mit einem Kollegen tvieder erscheinen. Matars ist geständig. in neu» Fällen mit Erfolg derartige Diebstähle ausgeführt zu haben. Erst im März d. I. ist er nach Verbüffung einer zweijährigen Gefängnisstrafe, die er Ivegen einer gleichen Straf- that erhalten hat, aus dem Gefängnis entlasten worden. Ter Polizeipräsident erläfft eine Verordnung, tvelche die Der- hütuiia des Stücktritts unreiner Flüssigkeiten in die Wasserleitung bezwecken soll. Die wesentliche Bestimmung dieser Verordnung lautet:„Spülabtrittc, Badewannen, Wasch- und Spülbecken und sonstige aus einer Wasserleitung gespülte oder ge- speiste Anlagen sowie Grnndablässe(Haupthähne mit Entleerung) sind derart einzurichten, daff aus ihnen ei» Rückflieffen oder Nncksaiigcn von Flüssigkeiten oder andren Stoffen in die Reinwasserleitung unter keinen Umständen eintreten kann. Die zu diesem Behuf gewählte Vor- richtung ist für die Bcanfsichtigung zugänglich anzuordnen und muff auch bei längerem Gebrauch ein Znrücktreten irgend ivelcher Stoffe in die Leitung sicher verhüten. Ihre Anbringung bedarf in jedem einzelnen Falle der Genehmigung der überwachenden Behörde. Der Polizeipräsident tvird diejenigen Anlagen, welche obigen An- forderungen in ausreichendem Maffe genügen, öffentlich bekannt geben."— Für Uebcrtrctuiigcn dieser Verordnung sind Geldstrafen bis zu 60 M. festgesetzt. Die«utspruugcuen Einbrecher Albert Oehmke und Rudolf Kirsch, die nach Verabredung mit acht andern Gefangene» im Zelleiigefängnis au der Lehrtcrstraffe einen Aufseher knebelten, andre einschlössen und dann flüchteten, wurden gestern früh von der Kriminalpolizei wieder festgenommen. Oehmke und Kirsch, beide vielbcstraftc alte Einbrecher, waren die Anstifter der Revolte. Kirsch hat eine Braut, die in der Landsbcrgerstr. 108 bei einer verheirateten Schwester Oehmkes wohnt. Die Kriminalpolizei rechnete darauf, dah die Entsprungenen schliefflich dorthin kommen würden. Die Rechnung erwieS sich als richtig. Dieselben Beamten, die früher mit den beiden Einbrechern zu lhun hatten und sie daher genau kaimtcn, beobachteten daS Haus und sahen gestern früh, daff die beiden gesuchten Verbrecher hineingingen. Sie lieffen sie ruhig eine Zeitlaug geiväbrcn, überraschten sie dann im Bett und machten sie dingfest. Die Ueberraschten lieffen sich ruhig in das Zelleiigefängnis zurückbringen. Zu drin Ranbmordversuch an der greisen Witwe A l t m a n n in der Scllerstraße wird berichtet, daff die Komplicen des vcr- hafteten RänbcrS Tritt et jetzt ebenfalls ergriffen find. Trilter lernte in einer hiesigen Herberge die ebenfalls mehrfach bestraften Jnlins Focrstcr nnd Max Schulze kennen, erzählte ihnen von seinem Vetter, der Geld gespart haben müsse, nnd verabredete mit ihnen, ihn zu berauben. Foerster und Schulze befanden sich auch in seiner Gesellschaft, als er den Abend vor dem Anschlag in der Sellcrstraffe durch sein Harmonikaspicl die Kinder an sich lockte, um sie über die Verhältnisse in dem Hause und die Gewohnheiten der Frau Altmann ailSzuforschen. Als er sich dann am nächsten Vormittag in die Wohnung der Greisin begab, standen seine Helfers- Helfer auf dem ersten und zweiten Hofe Wache, um ihm cveiitneN ein Warnmigszeicheii geben zu können. Die geringe Beute, über die sich Foerster und Schulze beklagten, tvurdc zu gleichen Teilen geteilt. Während Tritter einräumt, daff sich die Verabredung anch auf die Tötung der Frau Altmann erstreckt habe, wollen seine Helfershelfer von einem Raube und einem geplanten Morde überhaupt nichts wissen; sie behaupten vielmehr, daff Tritter ihnen nur gesagt habe, er wolle seinen Vetter anpumpen. Deshalb seien sie luitgegangen. Das Befinden der Frau Altmann hat sich so verschlimmert, daff man an ihreni Aufkommen zlveifelt. Vor dc» Auge» von Fron und Kind überfahren wurde kürzlich der 55 Jahre alte Handelsmann Hermann Simon aus der Rannynstr 23. Simon lebte seit März d. IS. von seiner Frau und seinem zwölfjährigen Sohne getrennt. Um diesen zu sprechen, ging er nach der Kottbuserstr. 12 und lieff ihn aus der Wohnimg' der Mutter herunterrufen. Während nun der Sohn auf der Straffe neben ihm stand und seine Frau aus dem Fenster herabsah, wurde er von einem elektrischen Wagen am Kopf überfahren. Im Krankem hause am Urban erlag er jetzt seinen Verletzungen. Im Streit hat der Arbeiter I o h a n n K u z a i, der in Rum m eis bürg an der Köpenickcr Chaussee wohnt, seine Frau erschlagen. Kuzai machte seiner Frau am Montag Vor- würfe, daff sie ihm Geld aus dem Portemonnaie genoinmen habe. Darüber kam es zu einem heftigen Streite, der damit endete, daff der Mann mit einem eisernen Nübenstampfer, mit dem er gerade Viehfutter zurecht machte, seine Frau auf den Kopf schlug. Als er die Getroffene zusaninieubrechcn sah, lief Kuzai, der sehr jähzornig ist, davon. Die Frau raffle sich wieder auf und ging zu ihrem Schwiegersohn, der in demselben Hause wohnt. Dieser kühlte ihr die Wunde, machte ihr auch einen Verband, so gut er konnte, ver- äumte es aber, einen Arzt zu holen. Am andern Morgen war die �■rau tot. Kuzai wurde im Laufe des Tages ergriffen und wegen Totschlags in Untersuchungshaft gesetzt. Die Anfmerksanikeit eines Schutzmanns führte gestern lMittwoch) morgen zur Festnahme dreier Einbrecher. Der Beamte sah drei Männer in früher Morgenstiinde mit zwei Handwagen durch die Gollnowstraffe fahren und versteckte sich rasch, so daff er sie ungesehen beobachten konnte. Dabei bestärkte es ihn in feinem Verdachte, daff sie sich wiederholt nach seinem Verbleib umsahen. Sobald die Männer um die Ecke in die nächste Quer- traffe eingebogen waren, folgte er ihnen, hielt einen selbst an und lieh die beiden andern durch eine Patrouille festnehmen. Die beiden Wagen waren mit Kupfer, Zinn, Zink und andern Metallen beladen, die aus der Eisenivaren-Handlmig von Braun in der Lothringerstr. 110 stammten. Die Verhafteten, ein früherer Stell- mncher Paul Kubick und ehemalige Arbeiter Namens Karl Wesselmann und Adolf R a ch i n, hatten dort einen Einbruch verübt, im Comptoir auch die Kasse gesprengt und die schwere Beute auf eigens dazu mitgebrachten,' ebenfalls gestohlenen Handwagen Iveggeschafft. Ein Heiratsschwindler. Amtlich wird mitgeteilt: Am 13. d. M. wurde der Kansmann Heinrich Klingenberg wegen Betruges verhaftet. Klingenberg nannte sich bei seiner Festnahme Erich v. Steinthal und hat unter diesem Namen HeiratSschwindcleien ver- übt. Es wird vermutet, daff Klingenberg noch mehr Schwindeleien verübt hat und wollen sich daher Geschädigte bchufs RckogiioScicrung in den BormittagSstuiiden von 9—1 Uhr im königl. Polizei-Präsidium, Eingang V an der Stadtbahn, 1 Treppe, Zimmer 123, melden. bekannt gegeben. Danach ist die Gemeinde Wohl berechtigt, ein Elektricitätswerk zu errichten, aber keineswegs darf sie es zu Leucht- zwecken benutzen, da das alleinige Recht hierzu der Englischen Gas- anstalt bis zum Jahre 1938 zusteht. Man sieht hieraus, wie„helle" die Gemeindevertretung 1383 bei Abschluß des Vertrages mit der Gasanstalt war. Wegen MordverfnchS ist der Landwirt Krotz aus Berlin in S ch w e r i n a. W. verhaftet worden. Er tvar vor mehreren Tagen dort eingetroffen und hatte in einem Gasthof gc- wohnt, um Erkuiidigungeu über den pensionierten Polizisten Briese und dessen Familie einzuziehen. Dieser betreibt jetzt ein Material- warcn-Gcschäft. Am Montag erschien Krotz in Brieses Laden und verwundete die allein anwesende erwachsene Tochter Briefes durch zwei Revolverschüsse, worauf er flüchtete. Er ivurde verfolgt und festgenommen. Der Beweggrund der That ist Rache. Krotz befaß vor mehreren Jahren bei Schwerin eine kleine Wirtschaft; er wurde in einen Prozeß verwickelt, in welchem die Tochter Brieses und ein andres junges Mädchen gegen ihn zeugten. Infolge des Prozesses verlor er seine Bcfitzmig. Er soll zu dem Zivcck nach Schlvcrin gekommen sein, beide junge' Mädchen zu ermorden. Aus den Nachbarorten. Reu-Weisiensce. Die Gemeindevertretung hatte in ihrer letzten Sitzung an erster Stelle über die Errichtung des Gewerbe- g e r i ch t S zu beschließen. DaS von der Kommission vorgelegte Statut wurde angenommen, ohne daß die von unsrcr Seite gestellten Acndcrungeii Berücksichtigung fanden. Jedoch soll die hiesige arbeitende Bevölkerung noch recht lange auf die Einführung dieser egensreichen Einrichtung warten, denn es wurde beschlossen, daß das Gericht erst am 1. Januar 1903 in Funktion treten soll. Der von unsrer Seite ausgesprochene Wimsch, mit dem 1. Juli zu be- stnuen, ivurde als unausführbar hingestellt, und der nimmehr ge- tellte Antrag, den 1. Oktober als Termin des Inkrafttretens anzusetzen, mit 12 gegen 8 Stimmen abgelehnt. Dieser Beschluß kenn- zeichnet wiederum die alteingesessenen.Dorfväter"; stumm zuhörend, )ie Diskussion nnsren Genossen überlassend, stimmten sie zum Schluß Väterchen" zu.— Etwas mehr Entgegenkommen, zedoch nur aus dem Grunde, weil es ihnen direkt nichts kostet, hatten die Herren ür den von den Arbeitervertretern im November vorigen Jahres eingebrachten Antrag: Ausdehnung der Krankenverstcherungspflicht auf Ha uS industrielle. Ein entsprechendes Ortsstatut soll am 1. Januar 1903 in Kraft treten.— Ferner wurde ein RechtS- gutachten in Sachen der Errichtung eines ElektricitätSwerkeS Gevi�hks--JeitunZ. Der große BclcidignngSprozcß» der im Dezember 1399 gegen de» Schriftsteller Joachim G e h l s e u aus Charloltenburg stattfand, erfuhr gestern noch ein kleines Nachspiel vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I mit einem für den Angeklagten günstigen Abschluß. Gehlscn hatte im Anfang 1899 in dem von ihm herausgegebenen„Charlottenburger Wochenblatt" einige Artikel ver- öffentlicht, in denen der dortige Magistrat und dessen Angestellte, besonders der Magistratssekrctär Kuh low, schtvcr angegriffen ivurde. Unter anderm wurde behauptet, daß bei den Magistrats- bcamten eine Korruption eingerissen sei. Sowohl der Magistrat von Charlottenburg wie der Sekretär Kuhlow stellten gegen Gehlsen Strafanträg, und beide wurden als Ncbenkläjier zu- gelassen. Nach eingehender Verhandlung wurde Gehlsen vom Landgericht II freigesprochen, weil die von ihm behaupteten Thatsachen im wesentlichen als erwiesen erachtet worden und im übrigen der Schutz des§ 193(Str.-G.-B.) zur Anivendnng kam. Beide Nebenkläger legten Revision ein, worauf das Reichsgericht daS Urteil aufhob und die Sacke zur nochmaligen Verhandlung an das Landgericht II verwies. Die Sache schwebte lange Zeit, es waren 22 Monate verflossen, da zogen der Magistrat von Charlotten- bnrg und der Magistratssekretär Kuhlow ihre Strasanträge zurück mit der Begründung, daff sie ein Interesse an der weiteren Straf- Verfolgung nicht hätten. Gegen Kuhlow hatte nämlich inzwischen das Discipliuarverfahrcn statlgefunden, wodurch festgestellt wurde. daß er seine amtliche Stellung dazu benutzt hatte, sich bei Ankäufen von Grimdstücken seitens des Magistrats Provisionsvorteile zu verschaffe». Er wurde deshalb seines Amtes enthoben. Gehlsen war nnt der einfachen Zurücknahme des Strafantragcs nicht zufrieden, sondern legte durch sciiien.Verteidigcr, Rechtsanwalt Dr. Werthauer, Beschwerde beim K a m m c r g e r i ch t ein. Dieses erkannte' dahin, daß die Ein- stellung des Verfahrens wegen Zurücknahnie des Strafantrages nach Eröffnung des Hauptvcrfahrcns nur durch Urteil aufgehoben werden dürfe. Das Gericht hatte somit gestern nur eine formelle Angelegenheit zu erledigen. Zeugen waren nicht geladen. Der An- geklagte wurde vom Rechtsanwalt Dr. Wertbauer verteidigt, der Magistrat von Charlottenburg wurde durch Rechtsanwalt Leonhard Fried in a n n, der frühere MagistratssclretärKnhlow durch Rechtsanwalt B ii k a vertreten. Der Staatsanwalt begnügte sich damit, die Ein- stellung des Verfahrens zu beantragen, während Gehlsen und sein Verteidiger den weiteren Antrag stellten, die dem Angeklagten er- wachseucn Kosten den Nebenklägern aufzuerlegen.' Gehlscn betonte besonders, daß den Nebenklägern schon bei Stellung des Strafantrages bewußt gewesen sein muffte, daff die beanstandeten Behauptiingeii der Wahrheit entsprechen. Die Vertreter der Straf- antragsteller widersprachen diesem Antrage. Der Gerichtshof erklärte auch, daff von einer Fahrlässigkeit bei Erstattung des Strafantrages nicht die Rede sein könne, gesetzlich müßten dem Nebenkläger aber auch die dem Angeklagten erwachsenen Kosten zur Last gelegt werden, wenn der erstere seinen Strafantrag zurückziehe. Es sei deshalb nach dem Antrage des Angeklagten er- k a n n t worden. Um die angebliche Aenfiernng drS Kaisers über die Dncll- frage, die am 1. Dezember vorigen Jahres! im Offizierskasino zu Potsdam gefallen sein sollte, handelte es sich in einem Beleidigungs- Prozeß, der gestern vor der siebenten Strastammer gegen den Re- dactcur Karl S ch n c i d t verhandelt wurde. Nachdem ders zuerst in der„Potsdamer Zeitung" veröffentlichte Artikel, wonach der Kaiser den Lieutenants v. Goffl'er und v. Keffler vor versammeltem Offiziers- corps schwere Rügen erteilt haben sollte, weil sie angeblich erklärt hatten, das Ducllverbot nicht respektieren zu wollen, auch durch die Berliner Presse gegangen war. erschien am 11. Dezember im R ei ch s- A n z e'i g e r" eine Erklärung, daß die ganze Geschichte erlogen sei. Diese Berichtigung ging auch in eine Anzahl größerer Berliner Zeitungen über. Trotzdem erschien am 14. Dezember in der von dem' Angeklagten herausgegebenen Zeitschrift„Der örglcr" ein Artikel mit der lleberschrift„Aufsässige Lieutenants", worin die Mitteilung der„Potsdamer Zeitung" aufrechterhalteii und dem Einsender der Berichtigung im„Rcichs-Auzeiger"„Unverfrorenheit" vorgeworfen wurde. Der Einsender dieser Berichtigung ivar der Kommandierende de» Gardccorps, G e n e r a I v. B ö ck u n d P o l l a ch. Er stellte Strafantrag ivegen Beleidigung und ebenso die beiden Lieutenants v. G o ff l e r und v. Keßler. Der Angeklagte erklärte im Termin, daff er zur Zeit des Erscheinens des Artikels im„Nörgler" noch die lleberzeuguiig gehabt habe, daß die Geschichte auf Wahrheit beruhe. Erst später sei er eines andren belehrt worden. Auf die Berichtigung des„ReichS-Anzcigers" habe er so viel Gewicht nicht legen lönnen, weil ihm bekannt war, daß derselbe wiederholt Sachen dementiert habe, die sich später dennoch als wahr eriviesen hätten. Mit dem Ausdrucke„Unverfrorenheit" habe er nicht den Einsender, sondern die Redaktion des Blattes treffen tvollen, welche den eben- falls beleidigenden Ausdruck„erlogen" zuließ. Er müffe sich um so mehr gekränkt fühlen, da er der Vertreter der„PotSd. Ztg." für Berlin sei.— Der Verteidiger, Rechtsamvalt Dr. Holpert, hatte den Chcfredacteur V o l l r a t h als Sachverständigen laden lassen. Dieser erklärte, daß die Berichtigungen im„Reichs-Anzeiger" nicht immer mit der nötigen Entschiedenheit abgefaßt seien und dadurch wohl den Eindruck hervorrufen könnten, es sei doch etwas Wahres an der Sache. Bei einer so bündigen Erklärung wie die vor- liegende, tvürde er die Sache aber vorläufig für erledigt gehalten haben, zumal er sich sagen mußte, daff voraussichtlich ein gerichtliches Nachspiel folgen würde. Der StaatSanivalt bean- tragte gegen den Angeklagten eine Gefängnis st rafe von vier Wochen, während der Verteidiger für Freisprechung eintrat. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten wegen der Beleidigung deS Generals v. Bock und Pollach frei und verurteilte ihn wegen Be- leidigung der beiden Offiziere zu drei Wochen Gefängnis. Den Beleidigten wurde auch die PublikatioiisbcfugniS im„ReichS- Anzeiger" und im„Nörgler" zugesprochen. Nus drv Der Franen- nnd Mädchen- BildungSverein Rixdorf hielt am DienStag bei Gleyer, Pannierstraffe, eine gut besuchte Bersamn,« lung ab. Herr Ingenieur Grempe hielt einen mit lebhaftem Beifall ansgeiiommenen Vortrag über BeleuchtuugSweseii. Eine Diskussion ivurde nicht gewünscht. OTentralverband der Elektromonteure nnd BerufSgenoffen Deutschlands. Donnerstagabend N/, Uhr im Lokale des Herm Nüuiaim. Bru Mienstrabe ISS, Mitgliederversammlung. Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin Für den Inseratenteil verantwortlich: Th.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin