Nr. 141. Adsm»ments-Bedingungen: ÄdonnemsntS-Pr«i» pränumerando: «ierteljährl. 3,30 Me, monatl. 1,10 3J!t., wöchentlich 28 Pfg. frei in« Hau«. Oiiuctnc Numw-r 5 Pfg. Sonntag«» Nummer mit inunnett« Sonntag«» Beilage„Die Neue Well" 10 Pfg. Pofl» Abonnement: l,io Mark pro Mona», Eingetragen in der Post-Zeitung«- Preisliste für IVOS unler Dr. 707». Unter Kreuzband für Deulfchland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland S Mark pro Mona«, IS. Jahrg. Die Jnftrtkmis-Gevnyr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel» zelle oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschaftliche Vereins» und Versammlung«-Anzeigen 20 Psg. „Kleine Knfcigen" jede« Wort 5 Psg. vitl«g«. Devlinev Volksbl�kk. Dslegramm-Adrester «Sorinldemokrnk»erlin- Centralorgan der sorialdemokratischen Partei Deutschlands. Krdalttwn: 19. Beullz-Skrahe 2. Ferufprecher: Amt I. Nr. Iäv8. Freitag, den 20. Juni 1902. Expedition: SW. 19, Beuch-Slrasie 3. Aerasfirecher! Amt I. Nr. S1S1. Deutsche Kolonialherrlichkeit. Daß unsre afrikunischen„Schutzgebiete" trotz all' der gegen- teiligcn Versicheriingeii und Lobpreisungen bei den alljährlichen Millionenbewillignngen im Reichstage, durch die militärisch-bureau- kratischc Kulturthätigkeit, noch nicht einen Schritt vorivärts gekommen sind, ist eine bekannte Thatsache. Sind doch diese Kolonien, mit Ausnahme des außerhalb der Tropen gelegenen Deutsch-Südwest- afrika, überhaupt nicht zur Ansiedelnug von Weißen geeignet. Mangel an Wasser und Holz behindert zunächst die Kliltivierung. Dazu gesellt sich der Arbeitcrmnngel, der durch die mit dem Klima zusammenhängende Unlust der Eingeborenen zu regclniäßiger Arbeit hervorgerufen wird. Die Kusteugegenden sind als berüchtigte Fieberstriche für den Europäer im höchsten Grade gefähr- lich und meist hält er es nur zwei, drei Jahre dort ans. Vergeblich bemühen sich die alljährlich an den Reichstag gelangenden Denk- schriftcn über den Stand der Kolonien, die kläglichen Mißerfolge der deutschen Kolonialpolitik mit Redensarten z« vertuschen. Sind diese Thatsachen an sich bekannt, so ist es für uns, die wir grundsätzlich Gegner dieser unnützen, das Ansehen Delltschlands schädigenden, das Volk ausbeutenden Kolonialpolitik sind, von Jntcr- esse, immer wieder die Stimmen, die Feststellungen und Er- scheinungcn zu registrieren, welche das Nutzlose und Widersinnige dieser Kolonialpolitik zeigen. Solcher neuer Thatsachen liegen jetzt wieder eine Anzahl vor. In den Blättern der Koloiiialinteressciiten ist das stehende Thema der A r b e i t e r m a n g e l. Die Plantagenbesitzcr, die Kauflente und was mit ihnen zusammenhängt, klagen wie ostelbische Agrarier über die„Unlust" der Bevölkerimg zur Arbeit. Während nnsre heimischen Agrarier deni Arbeiter die Freizügigkeit nehmen wollen, um ihn nach ihrem Willen zu ducken, schreien die afrikanisch deutschen Agrarier nach der Prügelstrafe. Prügel sollen de» widerspenstigen und arbeitsunlnstigen Schwarzen zur Arbeit„erziehen". Diese Kulturträger wollen also in Wahrheit nichts als die Einführung der brutalsten Pcitschensklavcrci in die deutschen Kolonien, und das nennt sich dann„Kulturträger". So plädiert jetzt in der„Kolonialen Zeitschrift"(Berlin, Nr. 3) ein Herr Heinrich Lemcke für die V e r p r ü g e l u n g der Schwarzen i n den Deutschen Kolonien Afrikas. Zur Stütze seines Ver langens beruft er sich auf Amerika und sagt, daß„die Befreiung der Neger ans der Sklaverei den Vereinigten Staaten bislang nicht zum Segen geworden ist... Die Neger waren früher als Sklaven weit besser verpflegt als jetzt als freie Bürger des Landes, und mancher alte Neger sehnt sich noch heutigen Tages in die Zeit seiner einstigen Sklaverei unter seinem guten sorgsamen„Massa" zurück." Fürwahr, klingt das nicht wie Knuten-Oertel, der die Prügel ordnung der Zunft lobt, oder wie ein preußischer Junker, der der Zeit der Leibeigenschaft ein Loblied singt? Es ist daher auch durchaus gcsinnungstüchtig, wenn der prngclbegcisterte Herr Lemcke schließt:„Rur keine Hnmanitätsdnselei diesen arbeits scheuen Negern gegenüber. Wir leben in einem Zeitalter rastloser Energie und Arbeit, und diejenigen Völker, die daran nicht teil nehmen wollen oder können, sind dem Untergänge geweiht. Nur der Zivang zur Arbeit vermag und kann da noch heilsame Erfolge er zielen, Ivo alle andren angewandten Mittel nicht helfen." An andrer Stelle der„Kolonialen Zeitschrift" schreibt ein Herr A. Herfurth mit Behagen die Aeußerung der in London erscheinenden„West-Afrika nach:„Ohne Prügel wird den Fruti niemals Arbeit gelehrt werden, Erziehung ohne diese wird ihn nur zu einem gefährlichen Lumpen heranbilden." Nach diesen Ergüssen könnte es fast den Anschein gewinnen, als wollten unsre kolonialen Kulturträger demnächst für gesetzliche Ein führung der Prügelstrafe für die unter deutschem„Schutz" stehenden Schwarzen vorstellig werden. Zu den bisherigen deutschen Kultur thatcn in Afrika paßte allerdings solches Verlangen vollstäildig. Die Ursache des kläglichen Daniederliegcns der Kolonien ist jedoch nicht nur zu suchen in der Arbeitsunlnst der Eingeborenen, sondern eben in der Thatsache, daß die Tropen sich zum dauernden Aufenthalt für die weiße Rasse nicht eignen. Diesen Einwand haben wir noch imnier gegen die Millionenopfer für das koloniale Experinientiere» erhoben und innner mehr gewichtige Stimmen finden sich, die uns recht geben. So schreibt im neuesten Heft der „Deutschen Vicrteljahrsschrift für öffentliche Gesundhcits- pflege" Sanitätsrat Dr. Wulffcrt- Berlin über die Tropen. Er geht von dem bekannten Urteil des Schotten Jacob Lind ans:„Jeden Spatenstich, den der Europäer in den heißen Ländern macht, ist ein Spatenstich zu seinem Grabe." Den Haupt- grnnd dafür, daß der Europäer sich in den Tropen nicht dauernd aufhalten könne, sieht Wulffert in der Trinksitte der Europäer. Trotzdem sich in den deutschen Kolonien zahlreiche Stimmen, Haupt- mann Hutten, Graf v. Goetzen, in den deutschen Tropengebieten lebende deutsche Aerzte, gegen den Alkoholgennß ausgesprochen hätten, sei zur Bekämpfung desselben so gut wie nichts geschehen. Im heißen Klinia beginne der Genuß von Spirituosen den gesunden Magen bereits nach längstens drei Monaten, den schivachc» Magen schon nach vierzehn Tagen anzugreifen. Ans das Nervensystem äußere das Tropenklima alsbald seine Wirkung. Schnelle Er- müdung, nervöse Gereiztheit, Nachlassen des Gedächtnisses, nervöses Herzklopfen und schließlich der sogenannte Tropenkoller seien die Folge. Auf Grund zahlreicher wissenschaftlicher Feststellungen kommt schließlich Sanitätsrat Wulffert zu dem Schluß:„Ein Volk von weißer Hautfarbe, welches der Trinksitte huldigt, wird niemals die tropischen Länder zu besiedeln vermögen." Ist dieser Schluß richtig— und wir zweifeln nicht daran— so ist damit die Aussichtslosigkeit, den Europäer in unsren Tropen- gcgenden dauernd anzusiedeln, nachgewiesen. Denn ein offizielles Alkoholverbot in den Kolonien würde nur zur Folge haben, die spärliche Einwanderung nach dort gänzlich versiegen zu lassen. Daß der Handel der deutschen Kolonien nicht vorwärts kommen Ivill, kann selbst von der Regierung nicht bestritten werden. In Ostafrika leidet der Handel mit Elfenbein seit Jahren an dem Rück gange der Elefanten und der Konkurrenz spcciell der Engländer, die diesen Handel, nach ihren Plätzen lenken. Auch in Wcstafrika kann sich der Handel wegen des Rückganges seiner Hauptartikel, nicht e»P wickeln. Dazu gesellt sich die bureankratische Bedrückung des Handels. Gerade gegenwärtig geht durch die deutsche Presse die Warnung eines Kaufmanns und Ansiedlers H. Groeneveld in Bethanien, der seit zehn Jahren in Dentsch-Südwcstafrika ist. Er warnt direkt vor der Ansiedelnug in jenem„Schutz"gebiete. Die Regenmenge werde von Jahr zu Jahr spärlicher und mache die Ernährung des Viehes schwierig.„Das Ansehen der Weißen gehe von Jahr zu Jahr zurück; der Eingeborene sieht immer deutlicher, daß der Weiße ein „Nodocty" ist, wenn er nicht zur Schntztrnppe oder zur Regierung gc hört." Weiter beklagt sich dieser Kaufmann über die Händler- konknrrenz der— Missionare und der Feldwebel der Schutztruppe.„Die Konkurrenz wird immer schwieriger. Früher hatten alle Zollfreiheit, heute nur die Regierung, die Regicrnngsbeamten, die Schutztrnppler und die Missionare. Früher hatte man also unter gleichen Bedingungen mit den Missionaren zu konkurrieren, heute können diese, wenn sie wolle», billiger verkaufen, denn sie zahlen keinen Zoll. Außerdem aber sind die Missionare jetzt nichi mehr die einzigen Konkurrenten des Kauf- manns, sondern auch der Feldwebel handelt, hat sogar mehr Umsatz wie der Kaufmann und wird auch prompter bezahlt; natürlich kann er billiger verkaufen, hat er doch seine Wohnung, Beköstigung k. als Feldwebel frei." Während so alle Stinimen, die von Zeit zu Zeit laut werden, die Aussichtslosigkeit und die vollständige Versumpfung der Kolonini- Politik zeigen, befindet sich nur eins in sicherer Sleigernng: die Lasten, welche der deutsche Steuerzahler für die Kolonial- Herrlichkeit zu tragen hat. Im laufenden RechnnngSjahre 1002/3 sind sie auf nahezu 30 Millionen Mark angewachsen und zwar 702 804 M. Verwaltungskosten der Kolonialverwaltnng beim Ans- wältigen Amt zu Berlin und 28 981 600 M. Reichszuschuß für die Kolonien selbst, in Summa 29 664 404 M. Im nächst- jährigen Etat wird diese Kolonialherrlichkeit noch mehr Geld beanspruchen. Im umgekehrten Verhältnis zu den thatsächlichen Erfolgen ist die Kolonialbnreankratie derart gewachsen, daß sie im Auswärtigen Anite bereits keinen Platz niehr hat. Sie verlangte ein eignes Dienstgcbäude, als ivelchcs der Reichstag bekanntlich für schweres Geld ein altes Prinzcssinnenpalais kaufte. Die herrschende ReichstagSmajorität wird auch fernerhin den wertlosen Kolonien Milliouenopfer bewilligen, sind sie doch Begleiterscheinnugen der verkrachten Weltpolitik, deren Kosten das arbeitende Volk zu tragen hat._ „Eine solche Verlängerung bedarf un« zweifelhaft der Genehmigung des Reichstages, und diese würde selbst dan»' notlvcndig sein, wenn die beteiligten Regierungen ohne förmliche Aendernng der bestehenden Verträge übereinkäiuien,„die Kündigung der- selben ans fünf bis sechs Jähre zu unterlassen". Denn ein derartiges Uebereinkommen würde ohne Zweifel Vertragsnatur haben unh, da eS sachlich einen mit Ge- nehmigung des Bundesrats und des Reichstags ratifizierten Ver- trag abändern würde, cbcusälls der Zustimmung dieser Körperschaften bedürfen. Es steht aber außer Zweifel, daß der jetzige Reichstag ihm feine Genehmignug nicht erteile» würde. In jenem Verlangen liegt also die Zumutung, daß Seine Majestät der Kaiser einen Vertrag abschließen läßt, für den die verfassungsmässig notwendige Zu- stimmnng deS Reichstages mit Sicherheit nicht zu erwarten ist. Wir haben mit Absicht hierbei auch des Monarchen gedacht, da in der Preßfchde, die sich an die Frage der Genehmigung der Brüsseler Zuckerkonvention geknüpft halte, von liberaler' Seite vielfach behauptet wurde, daß in der Ab- lchnmtg dieser Konvention eine schwere Bloßstellung des Kaisers dem Auslande gegenüber liegen würde, da die Konvention ja in seinen: Nanien vereinbart worden sei. Wenn das richtig iväre, würde der Versuch, den von der„Voss. Ztg." ausgesprochenen Wunsch zu verwirklichen, ebenfalls eine Bloßstellung der Aller- höchsten Person zur Folge haben, und zwar eine solche,' welche von vornherein zu erwarten mar." Siehe da— die„Kreuz-Zeitung" als eifersüchtige W a h r e r i n pari a m e n t a r i s ch e r Machtvollkommenheiten. Das konservative Organ, sonst eifrigst beflissen, die Macht und das Recht der Regierung und der Monarchie zu wahren, ergiebt sich der Ver- herrlichung der verhaßte» Parlamentsherrschaft. Freilich— es steht in Frage, daß die Parlamentsmehrheit den Ueberwucher gegen den Wucher der Regierungsvorlage siegreich machen soll! Leider ist die Meinung der„Krenz-Zeitmig" unrichtig, daß ein Uebereinkommen behufs Kündigungsausschluß auf eine getvisse Reihe von Jahren an die Genehmigung des Reichstags geknüpft sei. Ein solches Uebereinkommen bedeutet nicht einen neuen Vertrag, den die Regierung genötigt wäre, dem Reichstag vorzulegen. Leider! Es liegt hier eine Machtvollkommenheit des Bundespräsidiums vor, die ihm auf Grnnd der verfassungsmäßigen Rechte in Fragen internationaler Verträge nicht wohl bestritten werden kann. Die„Kreuz- Zeitung" wird also gut thnn, mit uns Socinldemokraten für eine Aenderung der Verfassung zur Mehrung der gänzlich ungenügenden Rechte des Reichstags zu wirken. Vorläufig aber ist als Beitrag für die Psychologie nnsrcr konscr- vativeu Monarchisten festzustellen, wie hitzig diese treucsten Stützen des Thrones in antimonarchische und verfnssimgSwidrige Konvents- gclüstc verfallen, sobald Kronrcchte ihren Geld- und Profitintercssen sich irgendwie in den Weg stellen.— Nolikifche Berlin, den 19. Juni. Konservative KonventSgeliiste. Unsre Konservativen sind die Palladine der Monarchie, so lang und so weit die Monarchie konservative Wünsche erfüllt. Beginnt di Monarchie von: konservativen Tugendpfade irgendwie abzuweichen, so wandelt sich der konservative Monarchismus in erregte Drohungen und in ungestümes Fordern nach Verminderung der Vorrechte, von denen der Monarch so üblen, nämlich unkonservativen Gebranch zu machen wagt. Diese oft beobachtete Wandlung des konservativen Monarchismus zeigte sich jüngst im Reichstag, als die Konservativen an der Seite des Eentrums bei der Beschlußfassung der Zuckerkonvention der Regierung und dem Monarchen Bedingungen über den Zeitpunkt des Abschlusses der Kon vention aufdrängen wollten. Dieselbe interessante Wandlung macht sich jetzt bemerkbar in der wichtigen Frage der Kündigung der Handelsverträge. Die Ueberzoll- Junker drängen ungestüm nach der Kündigung der Handelsverträge. Sie wünschen die Handelsverträge gekündigt zu sehen, sei es, um die reichlichsten Profite anS dem Zollkrieg zu erbeuten, sei es, um durch die drohende Gefahr der Handels vcrtragslosigkeit die HandelsvertragS-Freunde zur Einwilligung in den überzöllnerisch verschönten Wtlchertarif zu nötigen. Dagegen kann eine Regiernng, die nicht jedes Verantwortlichkeitsgefühl verloren, nimmermehr zur Kündigung der Verträge schreiten, bevor sie nicht Sicherheit hat für das Zustandekommen»euer Verträge, die alsbald nach Ablauf der alten in Kraft treten. Insbesondere kann die Reichs- regiernng unmöglich das Vertragsverhällnis mit den politisch ver- bündeten Staaten, Ocstreich-IIugarn und Italien, lösen ohne Gewähr ür den Abschluß neuer Verträge. So wurde denn in der Presse jüngst die Vermutung geäußert, die Regierungen würde» verniutlich eine Abrede unter einander treffen müssen, daß sie die Kündigung der laufenden Verträge für einen gewissen Zeitraum, sei es zwei oder drei Jahre, sei es bis zur Sicherung neuer Verträge, ausschließen. Würde die Regierung also verfahren, so fielen die überzöllnerischen Pläne in sich zu- sammcn, indem die Regierung gegenüber dem konservativen Versuch, die Zollsätze über die Regierungsvorlage hinaufzuschrauben, den Trumpf der mehrjährigen Fortdauer der den Agrariern so verhaßten Handelsverträge in der Hand hielte. Diese peinliche Aussicht erregt den heftigen Groll der„Kreuz- Zeitung". Das konservative Blatt für unbedingte Köuigstrene erhebt sich urplötzlich gegen dies Recht der Regierung und der Krone, mit andren Staaten eine Abrede der oben be- zeichneten Art zu treffen. Die„Kreuz-Zeitrnig" erklärt? Ein gcmcingcsährlichcö Gesetz ist das nunmehr vom preußischen Landtag beschlossene Fleischbeschau- Gesetz. Die ganze bis zur Lächerlichkeit hilflose Agraricrfnrcht der Regiernng offenbart sich darin, daß sie dieser sanitären Spottgeburt ihre Hilfe leistete. Zwar im Abgeordnetenhanse bettelte» die Minister noch die Junker um Gnade, sie sollte» doch nicht gar so bös sein. Im Herrenhause aber machte Herr v. Podbielskt bereits seine jovialste Miene zum bösen Spiel und verteidigte das Verbot der nochmaligen Untersuchung des von auswärts eingeführten Fleisches in städtischen Schlachthöfen. Die durch das neue Gesetz herbeigeführte sanitäre Gefahr wird einmal dadurch herbeigeführt, daß die HanSschlnchtungeii von der Trichinenschau befreit werden, sodann durch daS Verbot der zweiten llntcrsuchnng. Die erste sanitäre Verschlechterung liefert die Gesund« heit der ländlichen Arbeiter dem Egoismus ihrer Herren aus. Die zweite Bestimmung ist ein schwerer Angriff auf die städtische Bevölkerung. Die Regierungsvorlage ist zu einem Gesetz geworden, daS erlaubt, die städtische Bevölkerung mit gesundheitsschädlichem Fleisch zu verderben. Die Agrarier wissen ganz genau, warum sie zu ihren ländlichen Tierärzten mehr Vertrauen haben als zu der städtischen Kontrolle. Die Bürgermeister haben in ihren energischen Herrenhansprötesten mit anerkennenswertem Freimut auf das traurige Kapitel der ländlichen Tierärzte hingewiesen. Kaum an einem anderen Beruf läßt sich die Verderblichkeit kapitalistischer Abhängigkeit in so erschreckender Weise nachweisen wie hier. Der Grundbesitzer ist der Brotherr des Tier- arztes, dessen Existenzfrage es ist, nicht allzu rigoros zu sein. Hat er sich nicht daran gewöhnt, ein oder beide Augen zuzudrücken, so ver- liert er die ländliche Kundschaft und ist dem Elend preisgegeben. Der schlechteste Tierarzt ist für den Agrarier der beste. Darum ist die nochmalige Untersuchung von unabhängigen Beamten dringend notwendig. Im Herrenhaus haben schon einzeln Bürgermeister nach- gewiesen, welch großer Prozentsatz bereits untersuchten Fleisches bei der Nachprüfung beanstandet werden mußte. Auch die Statistik der Berliner Schlachthausverwaltnng zeigt, welche großen gesundheit- lichen Interessen hier auf dem Spiele stehen. Die Untersuchungen des auf den, Schlachthof selbst zur Schlachtung gelangenden Viehs ergaben eine starke Steigerung der Beanstandungen. Im Jahre 1900 wurden nicht weniger als 4230 Rinder, 740 Kälber, 4919 Schweine beanstandet. Nament- lich die Beanstandungen des Rindviehs sind prozentual bedrohlich gestiegen, von 1.5 Proz. im Durchschnitt der Jahre 1891/95 auf 2,3 Proz. im Jahre 1900. Was nun die nochmalige Prüfung des von auswärts eingeführten, bereits untersuchten Fleisches anlangt — die also künftig fortfallen soll— so ergeben sich für Berlin folgende Zahlen(wir beschränken uns auf die Ziffern für Rindvieh): 1801/95 Im Tuichschllttt 1806 1046 1897 1067 1898 901 1899 978 1900 859 1901 586 869 Niiiderbiertcl= 0,351 Proz. dcs eingcf. Nindliiehs » � 0,538 kk,, n --- 0,496„„. -- 0,334„„ 0,380„.. y'— 0,338 um»» »— 0,232 mm»„ Hier ist also ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. Immerhin sind das sehr bedenkliche Zahlen. Erwägt man nun, datz nach Jnkrast- treten des neuen Gesetzes und Wegfall der zweiten Untersuchung zweifellos das von auswärts emgesührte Fleisch gegenüber dem in der . Stadt zur Schlachtung gelangenden Vieh bedeutend zunehmen wird, so erkennt nian, daß die Gefahr verdoppelt und verdreifacht ivird, Erstens wird an sich minderwertigeres Fleisch eingeführt werden, da keine neue Kontrolle zu befürchten ist, und in weit größeren Quantitäten. Es wäre eine bringende Aufgabe, wenn alle städtischen Schlachthaus-Verwaltnngen Preußens gen, einsam ihre Erfahrungen mit der Nach Prüfung bereits untersuchten Fleisches sammelten und veröffentlichten. Dem finanziellen Effekt deS neuen Gesetze? legen wir kein wesentliches Interesse bei. Wir haben bereits ausgeführt, daß wir principiell für Gebührenfrciheit sind. � Gegenüber de» unglaub licheu agrarischen Schwindeleien über die Brandschatzung der städtischen Fleischkonsmnenten durch die städtische Fleischbeschau sei aber doch festgestellt, daß in Berlin die Untersuchungen deS von auswärts eingeführten Fleisches noch nicht 300 000 M. jährlich einbringen, und daß der Ueberschuß im Durchschnitt etwa 65 000 M. beträgt.— <* Deutsches Weich. Köusg Albert don Sachsen ist am Donnerstagabend 3 Uhr auf Schloß Sybillenort gestorben. Im Jahre 1828 gebore», machte der spätere König Albert militärische Karriere, hatte im preußisch-östreichischen Kriege 1366 das Kommando der sächsischen Truppen auf östreichischcr Seite. 1373 gelangte er zur Regierung. König Albert ist politisch wenig hervorgetreten. Wie er sich mit den Zuständen, die sich aus dem Jahre 1866 ergaben, abfand, so fügte er sich auch in die sonstige Entwickelnng der politischen Dinge, ohne irgendwie den Versuch einer stärkeren Einflußnahme zu machen. Wie vollständig er bereit mar, allen Zumutungen derjenigen nachzugeben, die als Pächter der Königstreue auftreten, zeigte sich besonders vor sechs Jahren, als er seine Unterschrift gab zu dem neuen Wahlgesetz. das für die große Mehrheit der sächsischen Bevölkerung eine völlige Entrechtung in den staatlichen Angelegenheiten bedeutete. Stand früher die Person des Königs, der rednerisch nicht hervortrat und gern dem Jagdsport huldigte, nicht im Streite der Parteien, so haben seine vorgeblich Getreuen durch die reaktionäre Wahlgesctzändcrnng die Zeit, in der er regierte, mit unauslöschlichem Makel belastet.— EorpsstudentischeS. Wolff telegraphiert jetzt geradezu den Draht entzwei, um die Welt über die Einzelheilen höfischer Vergnügungsreisen zu unterrichten. Während das offiziöse Tclegraphenbnreau die lvichtigstcii Dinge— mit Rücksicht ans die Dividende der Aktionäre und das „Staatsintcresse"— sehr knapp und dürftig bringt, wenn es sie nicht gar verschweigt, läßt es förmlich tclcgraphische Wolken« bräche regnen, um Stndentenkonunerse, Ansammlungen weiß- gekleideter Jungfrauen, militärische Aufmärsche und Zusammen- rottungen von befrackten Stadtbnrcaukratc» angemessen zu be- schreiben; selbst poetisch wird Wolff, wen» ihn die Fülle der Gesichte berauschen. Würde ein Ausländer nach den für solche Zivecke ans- gewendeten Telegrammspesen die deutsche Kulturarbeit der Gegenwart abschätzen, so müßte er zu dem Glauben kommen, ganz Deutschland befinde sich in dem Taumel eines ewige» Schützenfestes, eines Schützenfestes überdies, dem jede volkstümliche llrwnchsigkeit fehlt. Armes Zeitnngspnbliknm. das so viel bnntgeschcckte Langeweile und Nichtigkeit ertragen muß! Wir begnügen uns aus den rheinischen Festivitäten hervorz» heben, daß bei dem Kommers der Bonner Borussen der„erste Chargierte" den berufsmäßigen Verstoß gegen§ 201 dcs Straf gcsetzbuchs(Duell) als höchstes christliches LebcnSidcal feierte: ans der Mensur schneidig die Klinge zu führen— die Säbelhauerei thnt übrigens nicht sonderlich weh— das ist des Corpsstndcnten edelste Aufgabe. Der Kaiser feierte in seiner Antlvort das Corps, dem es „beschieden, Fürstensöhne unter sich zu sehen, sie vorbereite» zu helfen, sie einzuführen in das Leben." Er wünschte den jungen Herren Schneid, Frische und Fröhliche Thatkraft. Bon eigenartiger Romantik war der kaiserliche Trink- sprnch auf seine Frau, der folgendermaße» lautete: „Bon unsren Urahnen und Vorfahren wissen die Chroniken zu melden, daß, wenn sie im Waffengang zusaminenkainen, sii Turnieren die Lanze miteinander brachen, es sich von selbst vcr- stand, daß ein hoher Kreis von Damen um sie versammelt war und auf sie herabblickte. Mit Stolz empfing der Sieger den Kranz aus schöner Hand, und ebenso ward, wenn sie zu Harfe und Leyer griffen, wenn sie im Streit um die Wette sangen, auf der Wartburg dem Sieger der Preis zu teil. Noch nie, so lange die Geschichte der deutschen Universitäten geschrieben ist, ist einer Universität eine solche Ehre zu teil geworden, wie am heutigen Tage. Im Kreise der Schönen Bonns, umgeben von fürstlichen Damen ist Ihre Majestät die Kaiserin erschienen, die erste Landes- fürstin, um dem Kommers der Studenten beizuwohnen. Diese beispiellose Ehre wird der Stadt Bonn zu teil und in dieser Stadt Bonn dem Corps der Borussen. Ich hoffe und erwarte, daß alle jungen Borussen, auf denen heute daS Auge Ihrer Majestät geruht hat. eine Weihe für ihr ganzes Leben empfangen haben. Wir aber, ob General oder Staatsmann, ob Lieutenant, ob Landjunker, schließen uns heute zusammen in Dankbarkeit zur Huldigung vor unsrer Kaiserin. Wir reiben einen urkräftigen Salamander. Ihre Majestät die Kaiserin hurra, hurra, hurra I"— Der Dreschgraf auf der Mensur. Wir wissen nicht, ob der gernianische Held von Klein-Tschirne alter Corpsstudent ist, jeden- falls weiß er, was er seinem Stande schuldig ist und widerlegt jede» ärztliche Gutachten und jedes richterliche Urieil, indem er die Acrzte und Richter zum Duell auffordert. Es ist bekannt, daß Graf Pückler eine ihm verhaßte Feldbahn gänzlich unjüdischer Art kurz und klein geschlagen hat. Nachdem er sich zunächst der Gerichtsverhandlung durch Flucht entzogen, stellte er sich an diesem Donnerstag doch dem Glogauer Gericht. Pückler wurde wegen Vergehens gegen§ 305 dcs Strafgesetzbuches(Zer- st ö r u n g einer Eisenbahn) zu sechs Woche» Gefängnis ver- urteilt, sein Mitangeklagter Inspektor erhielt vier Wochen. Die vier angeklagten Arbeiter wurden freigesprochen. Pückler erklärte dem Geheimen Sanitätsrat Dr. R e u m a n n, welcher den Antrag gestellt hatte, ihn auf sechs Wochen zur Bc- obachtung seines Geisteszustandes in die Irrenanstalt z» bringen, daß er ihm seinen Kartellträger zusenden werde. DaS Gleiche drohte er dem Gerichtshofe. Auch die Gefängnisbeamten, denen Pückler anvertraut werden wird, sollten sich rechtzeitig auf Duelle vorbereiten. Die hessische» Wahlrechts- Debniten. AuS Darmstadt, 18. Juni, wird uns geschrieben: Die Generaldebatte über die WahlrcchtS-Reform hat, wie bereits telegraphisch gemeldet, zu der Annahme des Artikel 4 der Borlage geführt, in dem die Ersetzung deS indirekten Wahlverfahrens durch das direkte ausgesprochen wird. Die große Mehrheit, mit der das Princip der direkten Wahl an- genommen wurde(40 gegen 5 Stimmen), könnte bei Fernstehenden die Meinung erwecken, als ob damit das Zustandekommen der Reform sichergestellt sei. Wie wenig dies der Fall ist, zeigte bereits der heutige erste Tag der Specialdebatte. Ein Teil der ländlichen Ab- geordneten(Bauernbündler und Rationalliberale) wandten sich scharf gegen die geplante Vermehrung der 10 städtischen Mandate auf 15, »ud machten von der Ablehnung ihre endgültige Zustimmung zum ganzen Gesetz abhängig. Di« Thatsache, daß di« Kammer seither alle Forderungen zur Hebung der Landwirtschaft fast ein- stimmig betvilligt hat, hielt die Herren nicht ab, von einer Bevor- zugung der Städte und einer Vernachlässiguirg de? Landes zu reden. Die Abgeordneten Weiduer, Brauer, K öhler-Langs- dorf u. a. entfaltete» dabei eine Rückständigkeit der Anschaunngen, wie man sie kmmr ftir möglich halten sollte. Werlvoll ist die offene Erklärung, daß der städtische Arbeiter ein minder- ivertigeS Element im Kulturleben sei, der auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung— um niehr handelt eS sich bei der Vermehrung der städtischen Abgeorducteu nicht— keinen Anspruch habe. Bei diesen Herren fängt der nützliche und vollwertige Staatsbürger erst mit dem Besitz einer gehörigen Anzahl von Acckern an; die besitzlosen Lohnarbeiter sind nach der Meirnmg dieser Notleidenden nur„fluktuierende Elemente",„herumziehendes Volk" oder„städtische Schlammbeißer", wie sich Herr Köhler einmal geschmackvoll ausdrückte. Bon unsrer Seite griffe» die Abgg. David und Haas wirksam in die Debatte ein. Sie zeigten an Hand der Bevölkeningsstatistik, wie notwendig die Vermehrung der städtischen Mandate sei,«nd vertraten den principiellen Stmidpunkt, daß das ganze Land in gleich große Wahlbezirke zu teilen sei. Die HeraiiSkehrung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land sei im Interesse der Gesamtheit scharf zu verurteilen. Bei der Frage der Zusaimneii- sctziing der Ersten Kammer lvics Genosse David darauf hin, daß man bis jetzt, obgleich verfasslingsmäßig dem nichts im Wege stand, noch keinen einzigen Lohnarbeiter. Kleinhandiverker oder kleinen Bauer in die Erste Kammer berufen hat. Es sei sehr bezeichnend für die offizielle Wertung der werklhätigen Volksmasse, daß man nicht einen einzigen Handarbeiter dieser Ehre für würdig befunden habe. WiirttcmbcrgischcS Eiscnbahnwesru. Bei der Beratung der Anträge der Tarifkonimissio» erklärte am Donnerstag im Land- tage der Verkehrsminister im Nuftragc der Slaatsregierung, daß. was die Selbständigkeit der württenibcrgischcn Eiienbahn-Verwaltuiig betreffe, die StaatSregierung den von dem Landtage seiner Zeit dargelegten Standpunkt durchweg teile; ebenso fei die Regioning bereit, ans Diirchfnbrnng deS Artikels 42 der ReichSverfaffÜng (Verwaltung der deutschen Eisenbahnen) hinzniviikeii; die Regiening sei dagegen nicht in der Lage, ans das weiter gestellte Gesuch, daraus hiiizliwirken, daß dem den, entsprechend anszuvanendcu Reichs-Eisen- babnamt ein erhöhter Einfluß auf die einzelnen Verwaltniigen behufs Beseiiigung der schivebenden Mißstände eingeräumt werde, weitere Folge zn gebe», da hierzu eine Acndcrung der Reichsverfassnng not- wendig sei.—_ Ju der„Leipziger VolkSzritnng" kündigte der Leipziger Redactcur eine Antwort der Gesamtredaktion auf unsre jüngst gegen 'ie gerichtete Kritik in einer Art an, daß Sauberes nicht erwartet werden konnte. Wir wissen nicht, ob die in der Millwochmunnier imnn'.ehr fertig gewordene Erwiderniig das Werk der Gesamt- redaktion ist; wir halten es für wahrscheinlich, denn sie ist, wie wir anerkennen, von einer in Inhalt und Form so erfreulichen Zurück- Haltung, daß unsre Kritik sich schmeicheln darf, bereits günstig gewirkt zn haben. Immerhin beruht, was die„Leipziger VolkSztg." zu erwidern miteriiimmt, ans der Entstellung unsrer Kritik in zweierlei Hinsicht. Einmal versucht die Leipziger Kollegin unsre Kritik durch die beliebte Ausrede abzuschütteln, als hätten wir uns lediglich über ihren„schlechten Ton" entrüstet und als hätten wir uns das Amt angemaßt, Über„gute Manieren und Sitten zu wachen". DaS hat n»S ferngelegen und wir haben nicht dcrZimperlichkeit inderPartcidisknsfion das Wort geredet. Was wir kritisierten, was die„Leipz. Volksztg." anscheinend nicht verstehen kann, ist die Methode ihrer Polemik. Wenn gegen eine Landtagsfraktion unserer Partei, gegen allverdient« Genossen der Vorwurf der Demoralisation der Partei, ja geradezu des ParteiverratS erhoben wird, so ist das nicht nur eine Frage des guten ToncS und der guten Manieren; daS sind sachliche Bc- leidignngen, welche die Möglichkeit der unbedingt notwendigen Partei- genösfischen Solidarität aufheben. Jedoch— um diese Ans- cinandersetznng nicht weiter zu verschärfen— unterlassen wir eS, die von uns kritisierte Methode der Polemik nochmals anSfnhrlichcr zn kennzeichnen und in ihrer ganzen Parteischädlichkeit zu erweisen. Wir haben die Ueberzeugnng— und soweit die Parteipresse bereits zu unserer Aussprache gegen die„L. V." Stellnug genommen hat, bestätigt sie diese lleberzcugimg—, daß die allcrweitcsten Parteikreise uns in dem Wunschc einer sachlichen Austragung von Meiniingsverschiedenheiteu durchaus beipflichte». Wir werden mit allem Nachdruck zu verhindern suchen, daß Partei- sitten bei uns einreißen, wie sie in Frankreich die Socialdeinokratie spalten und die Arbeiterklasse anfs schwerste schädigen. Gleichfalls ist eS eine gröbliche Entstellung unsrer Kritik, daß wir es für angezeigt gehalten haben sollen,„nach den Personen zu schnüffeln, die misren ihm(dem„Vorw.") mißliebigen Artikel verfaßt haben". Wir hatten lediglich zn beweisen, wohin eine Polemik der persönlichen Verdächtigungen und Unterstellungen führen müsse. Wir führten das nächstliegende Beispiel an. daß der„Volksfreiind" in Karlsruhe in Verfolg der ans Leipzig gegen ihn gerichteten Bezichtigungen auch seinerseits zur persönlichen Polemi! übergegangen sei. indem er, statt nur sachlich zu erwidern, dem Leipziger politischen Redactcur mit der persönlich»» Herabwürdigung entgegnet hat, er habe kurz zuvor noch, ehe es galt, Leipziger Neigiliigen zu schmeicheln, dem denkbar mildesten SocialiSnius gehuldigt, der sich jetzt in wildesten Radikalismus gewandelt hat. NnS war iiud ist die Person deS Verfassers der von uns getadelten Artikel gänzlich gleichgültig. Dennoch erregt eS unser Erstaunen, daß die«Leipziger Volkszeitung", nachdem einmal von Karlsruhe ein derartiger Vor- Wurf erhoben worden ist, kein Wort der Zurückweisung findet, so daß sich die Vermutung erhebt, die Karlsruher Behauvtling sei denn doch nicht so unglaublich, wie wir sie zunächst eingeschätzt haben.— Ausland. Französische MandatSprüfungeu. PariS, 13. Juni.(Cig. Ber.) Di« sranzöstfche Kammer pflegt in Sachen der MandatSprüsting sehr weitherzig zu sei». DaS hängt mit manchen Mißständen d-S französischen Parlamentarismus zusammen. Bor allem erschwert die mangelhafte Organisation der Parteien eine wirksame Kontrolle derWahlmogeleien. Der benachteiligte Kandidat muß schon über ein gewisses Ansehen und(jute persönliche Freundschaften verfügen, um die Wahl seines Gegners mit Erfolg anfechten zu können. Und ist das gelungen, so wird der von der Kammer kassierte Mandats- schleicher in' 99'Fällen von 100 wiedergewählt, und zwar dank derselbe» Machenschaften, die die Kassierung seiner Wahl herbei- geführt hatten. Ei» besonders drastisches Beispiel ist die Wieder- ivahl von Wilson. deS berüchtigten Schwiegersohnes des ehemaligen Präsidenten Grevh. Dazu kommt die gewerbsmäßige Faulenzerei der Mitglieder der mandatsprüfenden„Bureaus", und das find sämtliche Deputierte, die durch Auslosung unter die 11„BnreauS" verteilt werden. Einen speciellen durch Wahlen zu stände gekommenen Mandatsprüfungs- Ausschuß giebt es hier nicht. Bei der zufälligen Zusammensetzung der„Bureaus" und der regelmäßigen Faulenzerei ihrer jedes Ber- antwortlichkeitsgefühls ermangelnder Mitglieder kann von einer ernst- lichcn Prüfung' nicht die Rede sein. Die an einer gegebenen Wahl interessierten Mitglieder sind gewöhnlich in der Mehrheit zur Stelle und machen die Sache ziemlich unter sich ans. Häufig kommt es auch zu gegenseitigen Gefälligkeiten, zu einem Kuhhandel zwischen den Freunden verschiedener Inhaber von zweifelhaften Mandaten: beiderseits drückt man ein Auge zu, um keines der zweifelhaften Mandate anzufechten... Doch nach den letzten stürmischen Wahlen hätte man geglaubt, daß der angedeutete Unfug nicht mehr getrieben werden würde. Die tiefe Kluft zwischen links und rechts, die durch die skrupellose klerikal-nationalistische Wahlmache noch weiter vertieft wurde, schien eine ernstliche MandntSpriifung verbürgen zn sollen. Der sanftinntige Kammerpräsident Bourgeois selbst hatte ja von der„Pflicht der Schonungslosigkeit gegenüber dem Betrug und der Korruption" während der Wahlen gesprochen. Trotzdem merkte man bis zur gestrigen Sitzung von jener SchomiiigSIosigkeit rein gar nichts. Eine nationalistische Zufallsmehrheit in einem„Bureau" konnte ruhig ein ganzes A k t e n b ii n d e l von W a h l- Protesten unterschlagen und die korrupte Wahl eines Geld- kandtdaten durch die Kammer unter der Üblichen Gleichgültigkeit als unbeaiistaiidet für gültig erklären lassen I Als die Protestler davon erfahren, Ivar es schon zu spät. Erst durch diesen Streich gewitzigt, votierte die Mehrheit ans Antrag des Socialisten Rouanet die vor- herige Veröffentlichung der in der nächsten Sitzung zu prüfenden Wahlen. Indes hat die Kanimer weiterhin u. a. die skandalöse Wahl deS Klerikal- Monarchisten de Ramel für gültig erklärt, trotz der von socialisiischcr Seite beigebrachten Beweise für den von der betreffenden Griibengesellschaft ausgeübten Wahl- druck. Erst in der gestrigen Sitzung hat sich die Mehrheit streng ge- zeigt. In der Person des Pariser Abgeordneten S Y v e t o n, des Kassierers der„Vaterlaudsliga", ging sie mit dieser Liga ins Gericht, nachdem sie manche aiidre Pariser nationalistische Wahl, die mit den gleichen Mitteln zu stände gekommen, ohne jegliche Debatte bc- stätigt worden war. Lieber spät als niemals. Das Schwergewicht des Ka mmerb esch ln ssc s liegt im Botnm einer allgemeinen Resolnlion gegen die„antipatriotische Diffamations-Cainpagne der Baterlandsliga gegen Franzosen", gegen das demagogische Hetzen mit dem Schlagwort „Kandidat des Auslandes" alias„vaterlandslose Gesellen". Es ist erfreulich, daß die bürgerlichen Republikaner endlich sich gezwungen sahen, einen Unfug zn braiidniarken, den sie gar nicht vor langer Zeit selber getrieben haben— zum Nachteil der s o c i a l i st i s ch e n Kandidaten. Die Vaterlandsliga hat auch in dieser Beziehung eigentlich nur die allgemein- bürgerliche Aus- sthlachtung des Patriotismus aus die äußerste demagogische Spitze getrieben, zugleich vom patriotischen Monopol alle ihre b ü r g e r« l i ch e n Gegner ausschließend. Die Lintsmehrheit stimmte für jene Resolution wie ein Mann, einschließlich der Ueberläufer des Mclinismii». wie B a r t h o u ic. Die Melinisten enthielten sich der Abstimmung unter einem faden- scheiiiig-henchlcriicheii Vorwand. Sic haben allen Grund, die Wahl- campagne der gcsiiiiuiiigsvcrwandleii Liga nicht zu brandmorten. Was die über Syvctons Wahl migeordiicte Enquete belrifft, so lvird sie nur zur eingehenden Beleuchtung der Wahlmache der Liga dienen köiincii. Demi selbst im Falle der Kassierung des Mandats wäre seine Wiederwahl sicher.— Schweiz. Militärische Reaktion. Bern, 16. Jnni.(Eig. Ber.) Die Reaktion arbeitet geschwind und erfolgreich, auch in der Schweiz. Im August vorigen Jahres veröffentlichte miser Genfer Parteiblatt„Peuple de Genöve" einen Artikel, der die Soldalcn aufforderte, Beschiiiipfungen und Miß- Handlungen seiiens ihrer Vorgesetzten sich nicht gefallen zn lassen. Da sich sofort desselben(die militärfrommen Scharfmacher be- mächttgten, legte der Bundesrat schon im Dczeinber der Bundes- Versammlung den Entwurf zn eincin Ausnahmegesetz gegen die Frei- heit der Presse vor, um die so plötzlich entdeckte berüchligte „Lücke der bestehenden Gesetze" auszufüllen. Was im Jahre 1895 durch die Veriverfung der reaktionären Militärvorlage in der Bolls- abstiiinniing fehlschlug, das sollte, zum Teil wenigstens, durch diese Gelcgeiiheits-Gesetzgebniig erreicht werden. Von militaristisch-rcaktionärem Geiste waren auch die vorige Woche ini N a t i o n a l r a t geführten Verhandlungen Über die bnndesrättiche Vorlage erfüllt. Das Scharsmachertum und der Bundesrat verlangen ein Maulkorbgesetz für die Presse, sr�o muß es bewilligt werden. Ans diesen Standpunkt stellten sich die beste» Männer der Demokraten, Professor Zürcher von Zürich und Scherrer-Fnlleinann von St. Gallen. Statt wie es ihr« Pflicht gewesen wäre, dieses Stück Reaktion zu bekämpfen, bemühten sie sich bloß, es etivas milder zu gestalten, so daß nun das neue Ausnahmegesetz lautet:„Wer Militärpflichtige zu einer Dienst- Verletzung, welche den Thntbcstand eines durch die Militärgerichte des Bundes zri beurteilenden Verbrechens oder Vergehens bilden würde, anstiftet oder verleitet oder anzustiften oder zu verleiten versucht. wird, je nach der Schwere des Verbrechens mit Geldbuße oder Gefängnis bestraft." Der eidgenössische Kriegsininister Müller war sehr glücklich darüber, den Nationatrat in solcher von ihm zweifellos nicht erwarteten Harmonie für die Beiviltigimg des neuen Preßkncbels zu sehen und er vcr- zichtete gerne ans einige iveitrrgehende HerzenSivünsche. Hat er damit nun doch einen Teil dessen erlangt, was er 1895 mit dem neiicu Militärgesetz erlangen wollte, das dann aber in der Volks- abstimiinmg mit 269 751 gegen 195178 Stimmen verworfen tviirde. Hoffentlich bereitet die Mehrheit der stimmberechtigten Schweizer- bürgcr in der sicherlich zu erwartenden Volksabstimmung dein neuesten Wechselbalg der Reaktion das wohlverdiente gleiche Schicksal wie seinem größeren Vorgänger vor 7 Jahren. Erwähnt sei noch, daß im Nalioimlrnt gegen das Preßkncbelgesetz nur 6 Abgeordnete stimmten: Bogelsanger und Gschwind(Socialdemokraten), Hosmann (Demokrat), Nomzari(Nadilalert, Tesahes(Konservativer) und Decurtius(Nltrainontanerj.__ Der Spitzelbaron.(Eig. Ber.) Nun hat sich auch der Genfer K a n t o ii s r a t mit dem famoscii Baron v. Richlhvfcn beschäftigt und zwar infolge einer Interpellation unsres Genossen Sigg an die Regierung, ob sie gedenke, von ihrem Recht der Ausweisung Gebrauch zu machen Sigg gab seiner Gemigthuung über die Kritik der Affalre durch den Lnusaiiner Abgeordneten, Sekretär im Nationalrat, Ausdruck, der den Beweis dafür erbracht habe, daß in Genf eine Agentur von Spitzeln besteht. Der Staatsrat soll dem Bundesrat eine Lektion erteilen. indem er den Richlhofen ausweise. Polizeidirektor Didier antwortete geheimiiis- voll, er brauche zuweilen mehr Mut, zu schweigen als zu reden und er war alsdann so mutig und schlvieg. DaS ist eine ganz aufsallciide Haltung gegenüber einem ausländischen Spitzel I Inzwischen ist bekannt geworden, daß derselbe Minister Didier mit dem türkischen Botschafter in Paris. Munir Bey, wegen des Spitzelbarons recherchierte und daß die Genfer Regiermia der Meinung sei, es sei Sache des Bundesrats, die Initiative zu irgend einem erneuten Vorgehen zu ergreifen.— Eine tmmderliche Geschichte, um so wimderlicher, als'dieselben Behörden mit»nllbcr- trefflicher Geschwindigkeit ehrliche Arbeiter und Socialdemokraten wegen den lävvisckten Dniacn ausweisen. Frankreich. Die Slrmccrcform. Paris, 13. Juni. In der gestrigen Sitzung der Armee- k o m in i s s i o n des Senates', iu'ivelchcr über die Einführung der zweijährigen Dienstzeit beraten wurde, legte der Kriegs- minister ausführlich dar, in welcher Weise der Abgang»on 50 000 Mann, der durch Aufhebung eines Jahrganges verursacht würde, gedeckt werden könnte. Danach sollen HilfSmannschaftcn etwa 0000 Mann liefen!; ferner sollen durch Umgestaltung des FcuerlöschcorpS, durch Aufhebung der Musikschulen der Artillerie und des Gcniecorps, des französischen Kontingentes der Spahircgimentcr und andre derartige Maßnahmen noch 8000 Manu gewonnen werden. Schließlich'sollen 7000 Unteroffiziere, 10 000 Korporale und 20 000 Mann nen verpflichtet werden. Der Minister gab sodann befriedigende Erklärungen über die zweijährige Dienstzeit. Man glaubt, der Gesetzentwurf über die zweijährige Dienstzeit werde n o ch i n d i es c m Jahre dem Senate vorgelegt und sodann der Kamnier unterbreitet werden. Die reaktionäre Presse agitiert heftig gegen den Plan der Regierung. Der„Gaulois" hat bei mehreren' in Ruhestand be- siudlichen Generalen eine Umfrage über das Gesetz veranstaltet. General Voisiu erklärte, durch das Gesetz werde einfach die National- qarde eingeführt. Wer für das Gesetz stimme, stimme für die Zer- stückelung Frankreichs. Aehnlich äußerte sich General Jamont. General Galliffet schreibt, man bereite gegenwärtig das Begräbnis jeder ernst zu nehmenden Armee vor.— England. Zum britischen Zollverein. Ueber die Frage des britischen Zollvereins, die jetzt das britische Publikum lebhaft beschäftigt nußerte» sich, so wird uns aus London geschrieben, kürzlich mehrere Parlamentarier, so der Schatzkanzler H i ck s B e a ch und der Abgeordnete John Morley(der Biograph Cobdens). HicksBeach erklärte:.Die Opposition wirft mir vor, der Kornzoll werde zum britischen Zollverein führen. Angeuouimen, wir haben Frei- Handel mit den Kolonien, d.h. wir haben den Zollverein. Glauben Sie denn nicht, daß dies die beste Einrichtung wäre, das Mutierland mit den Kolonien fester zu verbinden?... War es für Deutschland schlecht daß es den Zollverein einrichtete? War es für die Vereinigten Staaten nachteilig, daß sie einen freien zwischenstaatlichen Verkehr haben? Ich sehe nicht ein, warum wir dem Ausland gegenüber mit dem Freihandelsprincip brechen müßten, wenn wir es in den Verkehr mit unsren freien Kolonien einführen niöchteu; übrigens wär es schon eines Opfers wert, wenn wir mit ihnen den Freihandel haben könnten.'' Sir Michael Hicks Beach sieht nicht daß schon der erste Schritt zum Freihandel mit den Kolonien durch den Koruzoll führt. John Morley meinte:„Ich bin gegen den Schutzzoll und gegen den Zollverein.... Rechnen wir. Die Kolonien kaufen von uns für 102 Millionen Pfd. Sterl. und verkaufen für 110 Millionen. Unser Handel mit den Kolonien belauft sich au 212 Millionen Pfund Sterling. Was ist aber unser Handel mit dem Auslände? Wir kaufen von ihm für 413 Millionen und verkaufen für 252 Millionen; der Außenhandel beläuft sich demnach au' 605 Millionen Pfund Sterling. Das Verhältnis ist also 212: 005. Ist es weife, wegen eines eingebildeten Vorteils unfern Außenhandel zu stören?' » Mittlerweile hat, wie wir gestern im Depeschentcil mitteilten Hicks Beach im Unterhaus die Absicht eines Wechsels im Finanzsystem und deS Zollkriegsrisikos in Abrede gestellt. Dem„Standard" zu folge wird in parlamentarischen 5lreisen diese Rede des Schatzkanzlcrs so aufgefaßt, daß durch dieselbe der Gedanke eines„brtti scheu Zollvereins" erledigt ist.— London, 18. Juni. Im Laufe einer Prozeßverhandlung in S l i g o(Irland), in Ivelcher gegen das Mitglied des Unterhauses M' H N g h und zwei andre Jrläuder unter der Anklage verhandelt wurde, haß sie sich verschworen hätten, gewisse auf irischem Boden ansässige Pächter ständig in Angst und Schrecken zu erhalten, nannte M'Hugh einen der Richter einen verfluchten Lügner. Als M'Hugh aufgefordert wurde. Abbitte zu leisten, erklärte er den Richtern, daß er noch niemals gegenüber Lumpen von der Art, wie sie es seien sich entschuldigt habe. M'Hugh wurde wegen Mißachtung des Gerichtshofes sofort zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.— Rnstland. Ein ncneS politisches Attentat. Aus W a r s ch a n wird vom 18. Juni der„Leipziger Volkszeituug" gemeldet: Der G o n v e r- n e m e n t S s e k r e t ä r Lötz wurde heute früh i» Gorwollin durch lltevolverschüsse ermordet. Die Attentäter, zwei nihilistische Studenten, sind flüchtig.— NÄVkei-MÄFxvichken. Rostock. Zum ersteumale beteiligten sich hier die Socialdemo traten an den Wahlen zur Bürgervcrtretung und trugen einen hübschen Erfolg davon. In Rostock ist das Wahlrecht an den vorherigen Erlverb deS nur gegen 20 M. käuflichen Bürgerrechts geknüpft. Diese hohe Gebühr hält die Arbeiterschaft vom Bürgerrecht fern und so kommt eS, daß Rostock über 14 000 ReichstagS-Wählcr. aber keine 1300 Bürgerwähler hat. Diese letzteren sind überdies noch in drei Wahlabteilungen geteilt; wer über 4001 M. Jahres eiukvmmcn hat, gehört zur ersten, wer von 1301— 4000 M. zur zweiten und wer unter 1300 M. Jahreseinkommen hat, zur dritten Ab teilung. Eine von den Socialdemokrate» mit über 6000 Unterschriften versehene Petition um Beseitigung der 20 Mark- Schranke wurde von den liberalen Stadt Herrschern in den Papierkorb befördert. Jetzt stellten nun unsre Parteigenossen im Hinblick auf die Unzufriedenheit, welche in „Bürgcr'-Kreisen vielfach mit der derzeitigen liberalen Stadt Herrschaft zum mehr oder weniger offenen Ausdruck kommt, bei einer notwendig gewordenen Ersatzwahl in einem Wahlbezirk der dritten Abteilung den Redacteur G r o t h von der„Mccklenb. Volkszeitung" als Kandidaten auf. In der geheimen Abstimmung vereinigten sich zum Schrecken der liberalen Führer, die ihren Einfluß in den klein- bürgerlichen Kreisen ins Wanken geraten scheu mußten, iibcroOProz der abgegebenen Stimmen auf unfern Genossen Groth, der sonnt als e r st e r socialdemokratischer Bürgervertretcr demnächst ins Rat Haus eintreten chird. Parteikonferenzen. Eine Parteikonferenz der Vororte der drei oldenburgischeii Reichstags-Wahlkreise Baut, Delineuhorst und Oldenburg beschloß die Herausgabe eines Konmiuual-Wahlprogramms. Ferner wurde als wünschenswert hingestellt die Einführimg des „Norddeutschen Volksblattes" für das ganze Herzogtum Oldenburg imd Ostfrieslnnd, wofür Vornussetzimg das Eingehen der andern, weniger als sechsmal in der Worbe erscheinenden Blatter wäre. Zur Orgauisationsfrage ivurde beschlossen, die drei Wahlkreise vom Bremer Agitaliousbezirk zu trennen und von Bant als Vorort ans die Partei- aktionen für das Gebiet zu leiten.— Für den fünften reußischen Landtags-Wahlkreis stellte eine Parteikonferenz in Tin; an Stelle des bisherigen Kandidaten Patzer, der im sechsten Wahlkreise zum Abgeordneten gewählt ist, den Genossen Emil Vetterlein aus Gera als Landtagskandidateii auf. Zur Griindnug der„Volkö-Zritimg für den Wahlkreis LaiideShnt-BolkeiiheiU'Jaucr" schreibt uns Genosse Feld- m a uu- Lmigenbielau, daß außer ihm auch der Vertrauens- mann für Jauer, Genosse Schlagmann, auf das aller- eutschiedenste gegen die Gründung protestierte. Die Gründung sei nicht von einer Partei-Organisation erfolgt, sondern vom Gelverkschaftskartell; die Äahtvereiiis-Lersammlung sollte nur noch Ja und Amen zu der Gründung sage». Gegen ein solches den Parteitradilioiicii nicht entsprechendes Verfahre» glaubte Genosse Feldmami protestiere» zu müssen. Genosse Feldmann glaubt auch bemerken zu müssen, daß materielle Unterlagen irgend welcher Art für das neu gegründete Blatt nicht vorhanden seien. Für den fchweizerischcu socialdcwokratischcn Parteitag der am 2. August iu Winterthur begtmit, hat die Geschäfts leitung in Luzern bereits die Tagesordnung veröffentlicht, auf der unter andern folgende Punkte figurieren: Bericht über die Kow stituierung der reorganisierten so'cialdemokratischen Partei, Parten sCentral-) Organ, Zolltarife(Referent: Wullschleger), Nationalrats Wahlen, die reaktionäre Kleebkatt-Jnitiative, Parteisckretarmt, Partei Programm, internationaler Socialistcnkongreß 1S03. Der Parteitag wird im StadthauS-Saale abgehalten. Die Socialdemokratie Dänemarks und die politische Situation. Der Hauptvor stand der Socialdeinokrntie Dänemarks, der ans 48 iu allgemeinen direkten Wahlen von den Parteimitgliedern in den verschiedenen Teilen des Landes gewählten Mitgliedern de steht, hielt dieser Tage seine ordentliche Halbjahrs-Veisaininlung ab. Die Thntigkeit derReichstagsfralllon in der nun beendeten erstenSejsion nach dcmMuiisterwcchsel wurde einstimmig gutgeheißen. Sodann lmirde eine umfangreiche Resolution gefaßt, in der die politischen Porgänge der letzten Zeil scharf beleuchtet werden..ES muß tief beklagt'werden.' so wird ausgeführt,.daß die Regierung, die das Rewltat eines siegreichen 80 jährigen Kampfes für Selbstvcrlvaltnng durch das Volk ist— eines Kampfes, wozu die Arbeiterklasse einen wescnt lichen Beitrag geleistet hat— nicht sofort energisch den Sieg zur Förderung der ökonomischen Jutercsseu der arbeitenden Bevölkerung und zur Ausdehnung der kommunalen und poli tischen Stechte ausgenutzt hat." Nach Hinweis auf die vielen Eiittäuschungeu, die der Regierungswechsel herbeigeführt hat. heißt es weiter:„All das muß die Demokratie mahnen, sich nicht mit dem Miiiisterivcchscl zur Ruhe zu begeben, sondern sich wachsam und kampfbereit zu halten. Nicht zum mindesten haben die Arbeiter im verflossciicii Jahre gesehen, wie sich die Wahrheit des Wortes Karl Marx' bestätigt:„Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiter selbst sein". Bezüglich der Taktik bei den bevostchenden Laiidsthingswahlcn wird ausgeführt:.Bei den Wahlmäiiner-Wahlen im Herbst fordern wir zu der äußersten Kraftanspaiinung für die Wahl s o c i a l d c m o k r a t i s ch e r Laudsthiiigsmämicr auf, oder, wo das nicht möglich ist, für solche Männer zu stimmen, welche die Durchführung des allgemeinen Wahlrechts wollen und für energische Anwendung der Mittel, die notwendig sind, nni eine Auf löstmg des Landsthings, einschließlich der vom König er nkinntcn Mitglieder herbeizuführen."(In diesem Herbst wird wie aller vier Jahre, mir die Hälfte der voni Volk zu wählenden Landsthingsmäiiiicr neu gewählt.)—.Wir wünschen, daß die„Linke" Macht gewinnt, ihr Programm durch zuführen, und daß sie den Willen dazu hat. Aber wird die.Linke treulos, dann wird die Socialdeinokrntie die Bevölkerung sammeln. sowohl zur Durchführung der allgemeinen demokratischen Grundsätze. waS besonders die historische Aufgabe der.Linken" ist, als auch zur socialen Umbildinig der Gesellschaft, was die Mission der Socialdemokratie ist."— Ferner wurde folgende Rcsolutio» einstimmig augenomiiien:„Der Haiiptvorstand empfiehlt de» Socialdemokrateu nicht an Festen teilzmiehmen, welche aus öffent lichen Miltcln zu Ehren königlicher Personen arrangiert werden Dieser Beschluß wurde dadurch veranlaßt, daß kürzlich die sociab demokraiischen Stadtverordneten in AarhnS an einem Festmahl z» Ehren des Prinzen Christian teilgeiionnncn halten. Das Feslmahl war übrigens vom Bürgermeister privatim arrangiert worden nachdem die Socialdemokrateu in der Gemeindevertretnng sich a6 lehnend dagegen verhalten hatten. Auch ein Vertreter des dortigen Gewerlschaslskartells war eingeladen und hatte auf Beschluß des Vorstandes die Einladung angenommen.— Der Prozeß gegen die Leipziger Bank. 4. V e r h a n d l n n g§ t a g. Aus Leipzig wird vom 10. Juni berichtet: Heute wurde zunächst der Angcllagte Dr. Gentsch vernommen. Aus dieser Beniehmniig ergab sich, daß Gentzsch am 1. Januar 1800 auf fünf Jabre zum Mitdirektor gewählt wurde. Exner soll eigentlich gegen dicje Wahl gewesen sein.' Gentzsch wurde init einen!'Gehalt von 12 000 M. und 3 Proz. Tantieme angestellt. Seine Hauptthälig keil bestand anfangs in der Ucberwachimg der Geschäfte mit der Leipziger Hypothelenbank. Alle offiziellen Korrcspoiidciizen zwischen der Baut und der Trebergescllsckiaft seien ihm zur Kenntnis gckoiiiinen, während er die sogenaimte Privalkorrespondenz zwischen Exner und Schmidt zum guten Teil nicht kannte. Mit der Kor- respondenzsührung privater Art sei er nicht eiiiverstaiiden gewesen und habe damals erklärt, daß er eine Berantwortiiiig nicht übernehme. Gentzsch teilte auch seine Bedenken dem früheren Vorsitzenden des AiifstchiSrals Sochsenröder mit, doch dieser habe zu sehr auf die Trebcrgesellschaft gebaut. Gentzsch erklärte, auch er habe keine Ahnung gehabt, wo die vertrauliche Korrespondenz bewahrt wurde. Die übrige Korrespondenz mit der Treber- gcsellschaft sei durch ein besonderes selbständiges Sekretariat geführt worden, welches auch alle eingehenden Briefe empfangen habe. Ueber die Einrichtmig des Sekretariats führt Dr. Gentzsch ans daß hier alle Konsortialgeschäfte, alle großen Finanzoperationen und alle vorbereitenden Verfahren, die nicht zur Kenntnis der Beamten kommen sollten, bearbeitet wurden. Exner erklärt, alle Emissioneii und Gründungen seien in einer vollständig selbständigen Abteilimg mit vollständig eigner Buch Haltung,'mit sclbständigeii eignen Jahresabschlüssen imd einem Conto-Corrcnt-Verhältnis zur Leipziger Bank bearbeitet tvorden. sei von einer geheime» Abteilung nicht die Rede. Der Umsatz habe bei diesem Sekretariat mindestens einige Hundert Millionen betragen. Der S a ch v c rst ä n d i g e. Bankdirektor Hermann satzt anS, daß die Einrichtung eines Sekretariats wohl gebräuchlich sei; aber er erachte es dem Princip nach nicht für ratsam, wie es bei der Leipziger Bank geschehen sei. eine Anzahl von Contcn, die nicht ins Sekretariat gehören, in diese Abteilung aufzunehmen. DicS Sekretariat sei ein Staat im Staate. Nachdem festgestellt Ivnr, daß die Centrale der Deutschen Bank bei 1200 Angestellten 40 SekretariatSbeamte und die Leipziger Bank bei 100 Angeftellteii zwölf Sekretariatsbeamte hatte, äußerte sich Exner eingehend über die Sekretariats-Organisation bei der Leipziger Bank, wendete sich gegen den Mitangeklagten Gentzsch und zieh ihn der Gedächtnisschwäche. Gentzsch hält alles, Ivos er gesagt, aufrecht. Er habe an- genommen, daß im Fundamente der Bank volle Ordnung ge- herrscht habe. Er habe Exner durchaus vertraut. Sachverständiger SieSkind(In Firma H. C. Plauth-Leipzig) sagt anS, daß die Art und Weise, wie das Sekretariat der Leipziger Bank eingerichtet wurde, eine verhängnisvolle gewesen sei. Man hätte nicht so viele Geschäfte in daS Sekretariat hineinlegen ollen. Sachverständiger Plauth-Kassel stimmt dem bei. Angeklagter Gentzsch sagt dann aus, daß er bei keiner Grüiibiliig der Treber-Tochterimteriiehmungen in irgend einer Weise mitgewirkt habe. Exner habe das Bestreben gehabt, für sich den Ruhm der Gründlingen in Anspruch zu nehmen. Gentzsch sagt weiter ans: Die Leipziger Bank Hab« für die Heranziehung von Sachverständigen über die Treberanlagen nicht gesorgt, sich'vielmehr mit Ausnahme der Befragung deS Geheimrats Ostwald in Leipzig und deS GerichtSchemikers Jeserich in Berlin auf die Verwaltimg iii Kastel verlassen. Es sei ihm bekannt gewesen, daß bei der Gründung der Tochtergesellschaften die Hälfte des AktieiikapitalS ür die Ueberlasiung des Bergmaiinscheii Patentes einacsetzt worden sei. Alsdann kommt die am 2S. Januar 1808 erfolgte Gründung eines GaranIiekonsortiiimS unter der Führung der Leipziger Bank alvecks Durchführung der Emission von 6 Millionen Marl neuer Treberaktien zur Sprache sowie die Finanzierung und Ncugründimg von Tochtergesellschaften. Gentzsch wird über d a S Trust- o ii s o r t i u m befragt. Es verpflichtete sich, eine Anzahl Aktien der Tochtergesellschaften von Kassel zu kaufen und weiter zu verkaufen, bis zu 6 Millionen Aktien aufzunehmen rmd die bis zum 1. Im» 1900 nicht verkauften Stücke z« 115 Proz. zurückzunehmen. Beteiligt waren die Leipziger Bank mit 97 Prozent, Exner mit 1 Prozent, Sachsenröder mit 1 Prozent und Dodel mit 1 Prozent. Exner führt auS, daß er in den regelmäßigen Aussichtsrats- sitznngen ans jede« Koiffortialconto imd Obligo mit kurzen präzisen Worten hingewiesen und jedes Conto in dos Gedächtnis zurück- gerufen habe. Er sei von der Kontrolle der Höhe der Conten und der Höhe des Obligos befreit geivesen. Gentzsch fügt hinzu, daß er die Kmisortialconteii nie einer Kontrolle unterworfen habe. Für die Sitzimgsprotokolle beS Anffichtsrats habe er nieist daS vorherige Diktat durch Exner enipfangen. Schröder bemerkt, baß der Vortrag der Conto-Corrcnt-Coiite» gegenüber dem Ausst'chtSrat Gentsch und der der Konsortinlcoiiten Exnc'r odgekegcn habe. Exner bestäligt, daß die Bttdmig des Tnistst)iidiknt« und des GaranliekonsortiumS eine Erhöhung des Obligos der Trrdertrockimng auf 10 Millionen mit sich gebracht habe. Nach kurzer Pause teilt Gentzsch auf Vorhalt mit, daß er nicht, wie zuerst behauptet, bei seinem Eintritt in die Bank, sondern erst nach eniigen Monaten von dem früheren Direktor Fiebiger zum Mißtrauen gegen Exner angeregt.worden sei, den ihm jener alS Durchgänger bezeichnet habe.�. Er habe seit dem Sommer 1808 keine ruhige Minute gehabt. Seine Bc- denken seien gestiegen, als Schmidt anfing, an) die Leipziger Bank zn trassieren. Er habe seine Bedenken dem Aufsichtsrat gegenüber ausgesprochen, habe aber die Antwort erhalten, es bestehe die Hoffnung, das Unter- nehmen günstig zu gestalten. Er habe daim geäußert, ob es nicht möglich wäre, aus dem Trebcrgeschäft ganz herauszukommen. ' StaatSantvalt Dr. Wcbrr beantragt die Verlesimg verschiedener Briefe, aus deren Inhalt hervorgehen soll, daß die Leipziger Bank und specicll Exner sich uni die Gunst der Trcbergesellschaft beworben habe. Die Verteidigung beantragt die Verlesung des ganzen Briefwechsels im Znsamincnhange. Das Gericht lehnt die Gesamtverlesimg ab und befragt die achverständigen über die Höhe der Provision der Bank bei der Trebergcscllschaft. Komincrziciirnt SieSkind findet die Bedingungen außergewöhnlich, wie man sie vertrauenswürdigen Schuldnern nicht gewähre. Direktor Hcrruiaun von der Deutschen Bank erklärt, daß die Provision keine übermäßig hohe gewesen wäre, weil schon 1807 die Trebergcscllschaft in Finaiizkreisen einer geteilten Beurteilniig unter- zogen worden sei. Plant-Kassel sagt aus, daß drei Viertel deS ganzen Kapitals der Trcbergesellschaft' in den Händen von sechs Leuten war. Bei ihrem ersten Geschäft habe die Bank von der Trebcrgesellschaft keinen großen Stutzen gehabt; später sei es ein Trustgeschäft geworden, hier- für sei die Provision zu hoch gewesen, denn es handelte sich um eine Verziiisimg von 20 Proz. Die weitere Verhandlung wird auf Frcitagbormittag 0 Uhr vertagt._ Ntts Fndnfkvio«ttv HZAndel. Die Aachener DiScontogesellschaft hat, wie die„Kölnische Zeitung" berichtet, mit der Bank für Rheinland und Westfalen in Köln n»d mit der Koblenzer Bank in Koblenz VerschmelzungSverträge abgeschloffen. laut welchen diese beiden Banken an die Aachener Discontogesellschaft. die den Namen„Rheinische Discontogesellschast" aiinehineii wird. übergehen. Der Sitz der neuen Bank bleibt Aachen. Tie Aliien der Bank für Rheinland und Westfalen sollen im Verhältnis von 3000 Aachener Diskontvgcsellschafts-Altien zu 4800 alten bezw. 4000 herabgesetzten Nheinland-Bankaktieii und dieKoblenzer Bnnkakiien im Verhältnis von 5000 Aktien der Aachener Diskonto- gesellschaft zu 6000 Koblenzer Bankaktien umgetauscht werden. Die Aachener Diskontogescllichaft erhöht ihr Kapital um 10 Millionen Mark mit halber Dividenden-Berechtigung für 1902.� Die Direllio» der Diskontogesellschaft Berlin verbürgt in Gemeinschaft mit dem Bankhaus Delbrück, Leo u. Co. daselbst die Durchführung der Maßnahme imd übernimmt die nicht zum Umtausch gelangenden und hierzu nicht benötigten neuen Aktien zum Kurse von 120 Proz. für feste Rechnniig. Da zum Erwerb der Aktien der Bank für Rheinland und Westfalen etwa 6'Ai Millionen Mark und der Aktien der Koblenzer Bank l3/3 Millionen Mark nötig sind, so bleiben von 10 Millionen Mark neue Aktien rund 2 Millionen frei. Das Aktienkapital der Aachener Diskonto-Gesellschaft betrug bis- her 25 000 000 M. Es wird sich also durch die Ausgabe der neuen Aktien auf 35 000 000 M. erhöhen. Außerdem waren nach dem letzten NcchniingSabschlnß noch 5 050 000 M. Rücklagen vorhanden, so daß die künftige Rheinische Diskontogesellschaft mit einem Kapital von ca. 40 Millionen Mark arbeiten wird. An Dividenden hat die Aachener Diskontogesellschaft in den letzten fünf Jahren TU, 7'U, 8, 8 und 7 Proz. verteilt. Durch diese Fusion gewinnt die Berliner DiSkonto-Gcsellschaft einen weiteren Stiitzpnntt für ihre geschäftlichen Bc- ziebmigen zur rheinischen Großindustrie. Bestand schon bisher zwischen der Aachener»nd der Berliner DiSkonto-Gesellschaft eine enge Verbindung, so gewinnt diese jetzt dadurch noch mehr an Festig- keit, daß das Berliner Institut die Durchführung der Vcrschiiielzuiig übernimmt und die nicht für den Äktieiiumtausch erforderlichen über- 'chüssigeu 2 Millionen Mark Aktien der Rheinischeii DiSkonto-Gesell- 'chnft in ihrem Portefeuille zurückbehält. Harpencr Bergbau- Gesellschaft. Wie heute von der Börse gerüchtweise bcrlantete, wird die Harpencr Gesellschaft für das ab- laufende Geschäftsjahr eine Dividende von 10 Prozent verteilen, gegen 12 Prozent im Vorjahr. Der NufsichtSrat der Bayrische» Bank unterbreitet, wie „Wolffs Telegraphcn-Bnrean" aus München meldet, den Aktionären ür die am 12. Juli abzuhaltende ordentliche Gencralversainmlnng den Geschäftsbericht über das Geschäftsjahr 1901/02 und betont da- bei, daß sich als Nachwirkung der KrisiS in letzter Zeit die Ver- Hältnisse einiger Debitoren. denen auf Grrnid von Hhpotheken ein Kredit eingeräumt war, wesentlich nngüiistiger gestalteten. Dies gelte insbesondere von zwei Hypotheken, ans den Volks- garten tu Nymphenburg und das Hotel Oberpollinger in München. Da« Gewinn, und Verlustconto per 31. März 1002 weist ans der Sollseite ans: an Unkostenconto 486 731,8« M.. an Vertrags- mäßigen Tantiemen und Gratifikationen 33 000 M., a» Effekten und Konsortien 137 088,18 M., an Berlnsten ans Conto-Corcent-Conto 100 076,70 M.. an Rückstellung«,! bezw. Abschreibungen 3 451 378.38 M.. Summa der Sollseite somit 4 200 225,21 M. Die Rückstellmigen bezw. Abschreibungen verteilen sich ans Effekten, Konsortien und ständige Beteiligungen 1000 000 M.. Außenstände 2 000 000 M.. Einrichtmig 63 071,71 M., Grimdstückcoiito 227 406.68 M., Lagerhaus 160 000 M., zusammen somit 8 451 873,88 M. Ans der Habenseite stehen: per Gewimwortraa 70 061.60 M.. Wechsel und Zinsen 577 736.36 M., Provisionen 208 143,90 M., Sorten und Coupons 12 060 76 M., Lagerhaus- Erträgnis 14 568,08 M., Uebertrag von Reservesonds-Eoiito 320 854,42 M., Saldo 3 000 000 M.,' Summa somit 4200225.21 Mark. Zur Deckung des Fehlbeträge« von 3 Millionen wird bekanntlich die Herabsetzung deS Grundkapitals durch Zn- ammenlegmig der Aktien im Verhältnis von 4 zn 8 von 12 Millionen auf 0 Millionen vorgeschlagen. Der Bericht spricht die Hosfnniia au«, daß diese Summe nickt als definitiver Verlust zu bc- trachten sei. sonder» daß ein Teil bei günstigen Verhältnissen der Bant als Gewinn wieder zufließe. Der Hinweis auf die Verluste bei dem Hotel Oberpollinger und dem Volksgarten erklären nur zum kleinere» Teil die hohen Ab- chreibungeu von 2 Millionen Mark auf die Außenstände; denn bei dem BolkSgarten Nvinpheiiburg handelt es sich nur um eine Forderimg von«50 000 M., die keineswegs einfach verloren gegangen ist. Die Bank hat vielmehr, nni diese Forderung nicht ganz aiisfalleii zu lassen, eine Gesellschaft zum Erwerb des Volksgartens gegründet, der sie ihre Hypothek übertragen hat, und diese Gesellschaft hat darauf den Volks- flotten in der Tubhostotlon onflekauft; doch befinden s i ch d e r en Anteile sämtlich noch— im Besitz der Boy tischen B o n k. Es müssen jedenfolls neben diesen beiden Debitoren noch ondre vorhonden, bei denen grohe Verluste eingetreten oder mit Sicherheit z» ertvorten sind, znmol von der Gesamtdebitorensnmme von 16 Millionen Mark über zlvei Drittel als �gedeckt" bezeichnet werde». Auch nm die im Besitz der Bant befindlichen Effekten»nd nm die Konsortialbeteiligimgen muh es recht mißlich bestellt sein, wenn es nötig ist, vom Effekten- und Konsortial- Conto, das sich auf ca. vier Millioiren Mark belänft, eine Million. also ca. 25 Proz., abzuschreiben. Wie in den Geschäftsberichten so mancher andren Banken, spricht sich auch in dem der Bayrischen Bank der optimistische Wagemut ans, mit dem während der Prosperitätsjahre Kredit gewährt und alle möglichen Geschäftsbeteilignngen ein- gefädelt wurden.— Beteiligung der wichtigsten Länder am Außenhandel der Schweiz. Nach dem„Schiveizerifchen Handelsblatt" waren in den beiden letzten Jahren die hauptsächlichsten europäischen Länder am auswärtigen Handel der Schweiz mit folgenden Summen beteiligt: Einfuhr Ausfuhr Deutschland.. Oestreich-Nngarn Frankreich. Italien... Belgien... Niederlande.. Großbritannien Uebriges Europa 1900 1901 1900 Wert in tausend Franken 1901 360 367 69 142 207 364 162 009 28 132 3 593 62 306 76 311 Deutschland nimmt unter allen Ländern in der Einfuhr mit 30,19 Proz. als auch in der Ausfuhr mit 23,01 Proz. die erste Stelle ein. In der Einfuhr folgt an zweiter Stelle Frankreich mit 19.67 Proz., dann Italien mii 16,03 Proz und Oestrcich-IIngarn mit 6,09 Proz, In der Aussuhr steht an zlveiter Stelle Großbritannien mit 22,66 Proz., gefolgt von Franb reich mit 13,06 Proz. und Italien mit 6,61 Proz. 316 992 63 911 206 641 167 344 26 459 3 621 47 024 79 470 201 673 46 649 109 933 44 180 14 882 6 702 176 606 61 936 im Jahre 1901 in 192 446 46 316 109 237 46 182 14 622 6 764 133 693 68 637 sowohl Nommunttles. Stadttierordncten-Versaimnlung. 23. Sitzung vom Donnerstag, den 19. Juni 1902, nachmittags 5 N h r. Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung mit einem Nachruf für den am 14. Juni verstorbenen Kollege» Brauereidirektor Fr. G o l d s ch m i d t. Er gedenkt in warmen Worten der An erkcnnung der vielfachen Verdienste und der echt Humauen Denkart des Dahingeschiedenen. Mit der Festsetzung von Fluchtlinien für eine 18 Meter breite Spree-Uferstraße auf dem rechten Ufer des Wasserlaufs zwischen der W a i s e n b r ü ck e und der w e st Ii che n Bauflucht der Kleinen Stralauer st raße solvie längs des Grundstücks Nr. 7 dieser Straße hat sich der nieder- gesetzte Ausschuß einstimmig einverstanden erklärt. Die Vorlage Ivird angenommen, nachdem Stadtv. Hugo Sachs die Erivartnng ausgesprochen, daß die in den zukünftigen Bereich der Fortsetzung der Userstraße bis zum Mühlendamm fallenden städlischen Terrains, wie der Krögel, nicht dem Fiskus überlassen werden. Zum Zweck der Renodierimg des RatSkellerS sollen nach dem Antrage des betreffenden Ausschusses eine Reihe von Verbcsserungen der Ventilation sämtlicher Wirtschaftsrämne, ferner die Herstellung von Klosetts neben dem reservierten Zimmer noch in diesem Jahre vorgenomnien Iverdeu. Bezüglich der Ventilierung des Nestaurationslokals, der Vergrößerung der Fenster, der Ein- richtung einer Accumalatorennnlage, der Verlegung des Bierkcllcrs, der Anlegung eines Schninckstreifens an der Front des Rathauses in der Königstraße und der Einrichtung eines Speise- Auszuges nach dem Fcstsnle soll der Magistrat um eine neue Vorlage ersucht werden. Ohne Debatte beschließt die Versammlung»ach den Ausschuß antrügen. Bezüglich des Neubaues der Eisernen Brücke hat der Ausschuß e i n st i ni m i g beschlossen, der Versammlung die Zustimnnmg zu dem Magistratsprojekt zu empfehlen, aber unter der Bedingung, daß der Bau der Brücke»ur erfolgen darf, nachdem die Zustimmung aller zuständigen Behörden zum'dauerndc» Verbleib der Straßenbahngcleise vor dem Finanzministerium und in der Straße«Hinter dem Gießhanse" gesichert ist. Auch hier tritt die Versammlung ohne Debatte dem Ausschuß antrage bei. Die im letzten Etat vom Magistrat in Vorschlag gebrachten Gehaltsaufbesserungen für eine Reihe von Beamtenkategorien sBureandirektoren, Revisoren. Rendante», Oberstadtsekretäre, Magistratssekretäre, Bureaunssistenten und die entsprechenden Stellen bei den Verwaltungen der städtischen Werke) hatte die Versammlung bei der Etatsberatung beanstandet, die betreffenden Mehrforderungen gestrichen und dem Magistrat anheimgegeben, diese Aufbesserungen in einer besonderen Vorlage zil beantragen. Diese Vorlage ist nunmehr der Versammlung zugegangen. Nach kurzer Debatte wird die Vorlage an einen Ausschuß von 16 Mitgliedern überlviesen. Die speciellen Entivürfe für die Neubauten von Gcmeinde-Doppelschnlen in der Samariterstraße, Greifcnhagenerstraße und Pappel-Allee 41/42 macht Stadtv. Prof. Cremer(A. L.) zum Gegenstaude einer im wesent- lichen anerkennenden Kritik. Die Befürchtungen seiner Freunde über unzureichende Lichtzuführuug könne er nach genauer Prüfung der Pläne nicht teilen. Dagegen sei die Aengstlichkeit seiner Freunde bezüglich deS Kostenpunktes zum Teil berechtigt. Das Lehrerwohn- gebände in der Samariterstraße sei auf 92 000 M., das für die Schule in der Greifeuhagenerstraße nur auf 70 000 M. veranschlagt. Das erstere sei offenbar zu pompös entworfen, nian müsse auf einen vereinfachten Fassadenentivurf dringen. Es handle sich hier doch nicht um ein Gebäude für den Präsidenten des Reichstags. Redner beantragt, die angeforderten Kosten zunächst ausschließlich des bcailstandeten Lehrerwohngebäudes zu betvilligcu. Sladtbaurat Hvffmnim hebt hervor, daß die eigentliche Schule in der Samariterstraße auf Hinterland liege, daß hier das Lehrer- Wohngebäude an der Straße gewissermaßen die ganze Schule repräsentieren und also auch eine Kleinigkeit reicher oder doch solider gehalten werden könne. Die Gesamtkosten für diese Schule stellte» sich trotz gleichen Rauminhalts aller drei Schulen um 12 000 Mark niedriger. Der Antrag Cremet Ivird angenommen, ein Einspruch des Stadtv. L a d e w i g(N. L.) gegen die Nichtigkeit des verkündigten Abstinnnungsresultals vom Vorsteher zurückgewiesen. Die vom Magistrat unter Zustimmung der Mehrheit der Ver- sanmilung zu Anfang 1901 errichtete «König Friedrich-Stiftmig" soll nach dem Willen der Aufsichtsbehörden der Aufsicht des Polizei- Präsidiums unterstellt werden. Dieser Anordnung, durch welche die Stiftung der städtischen Behörden der Aufsicht durch eine gleich- geordnete Behörde unterworfen würde, hat der Magistrat sich nicht fügen zu sollen geglaubt und schlägt nunmehr vor, den Beschluß vom 10. Januar 1901 insoweit abzuändern, als nunmehr eine rechtsfähige Stiftung nicht errichtet iverdcn, vielmehr die Million als abgesonderter, der Stadt gehöriger Fonds unter dem Namen «König Friedrich-Stiftung" nach Maßgabe der früheren Beschlüsse verwaltet werden soll. Stadtv. Rosenow(N. L.) begründet folgenden Antrag:«Die Versammlung nimmt zustimmend Kenntnis von der Stellung des Magistrats gegenüber den Staatsbehörden, lehnt ober im übrigen die Mngistratsvorlage ab." Man sei durch jenen Beschluß der Rc gicrnug weit entgegcngekoinmen; wolle nun die Regierung nicht, so brauche auch die Stadt nicht zu wollen. Stadtv. Hugo Sachs: Es ist keine Rede davon, daß die Re gierung nicht will.(Heiterkeit.) Bekanntlich hat die Neue Linke bereits das erste Mal mit der Socialdenwkratie(Ruf: Huhu!) die Stiftung abgelehnt. Auch ich danke dem Magistrat dafür, daß er die Würde der Selbstverwaltung gewahrt hat. Was er gethan hat. ist richtig, was der Oberpräsident gethan hat, ist unrichtig. Stadtv. Singer: Die Vorlage des Magistrats beweist wieder einmal deutlich, daß die städtischen Behörden mit Stiftungen, die der Kontrolle der Aufsichtsbehörden unterliegen, sehr vorsichtig sein müssen. Wir haben, wie die Dinge bei uns liegen, gar keine Ver anlassung, sog. rechtsfähige Stiftungen zu machen. Denn ich bin darüber gar nicht im Zweifel, daß das Aufsichtsrecht des Staates über diese Stiftungen berechtigt ist, und wie wenig Ursache wir haben, uns mit der Selbstverwaltung zu brüsten. Von uns aus sollten nur Stiftungen gemocht werden, welche über den Kreis des uns zustehenden Selbstverwaltungsrcchts nicht Hinansreichen. Wäre ich boshaft(Heiterkeit), so würde ich mich über die Vorlage freuen. Der gute Magistrat, der einen Erinuernngstag feiern wollte, der nach meiner Meinung gar keinen Anlaß dazu bot. kommt mit gefüllten Händen zur Regierung und ivird schnöde zurück gewiesen, indem sie das Aufsichtsrecht dem Polizeipräsidenten über tragen will, der doch als Aufsichtsbehörde über den Magistrat von Berlin nicht fungieren sollte. Wir stehen auf dem Standpunkt des Antrags Rosenow. Die frühere und die jetzige Vorlage des Magistrats kann mit den historischen Worten des ersten Königs in Bezug genommen werden:«Er ivar groß in Kleinigkeiten und klein' in große» Dingen". Damals hieß es, das soll nur defGrundsiock sein, es werden große Zuwendungen fließen. Der Oberbürgermeister hat uns damals von einer Zuwendung schon Mitteilung gemacht(Heiterkeit), er ivird das Register heute kaum wesentlich erweitern können. Wir sollte» froh sei», daß uns jetzt die Gelegenheit geboten wird, mit Austand aus der Sache herauszukommen. Nachdem die Ausführung der Stiftung, wie sie gewollt war. mißlungen ist, haben ivir keinen Grund, diese Stiftung, die ein totgeborenes Kind bleiben wird, aus- recht zu erhalten. Es ist das beste, wenn sie ohne Sang und Klang verschwindet.(Beifall.) Oberbürgermeister Kirschner: Daß die Gegner der Stiftung die Gelegenheit benutzen Ivürden, sie ivieder zu Falle zu bringen, hatte ich erlvartet, das liegt in der Natur der Herren, die Opposition macheu. Auch die Selbstvertvaltung untersteht der Aussicht des Staates; auch wenn die Stiftung als Teil der Selbstverwaltung konstituiert wird, nutersteht sie der Aufsicht des Staates. Alle selbständigen privaten Stiftungen unterstehen der Aufsichtsiustanz des Polizeipräsidenten. Da die Stiftung öffentlich rechtliche Interesse» verfolgt, habe» wir unser» Vorschlag gemacht; eine große Bedeutung bat die Sache nicht. Allerdings hat die Stiftung nicht die gehofste Entwicklung genommen. Zu dem Beitrag von 600 M. sind noch 100 und 6 M. eingegangen(Heiterkeit), aber gerade der Vorredner und seine Freunde haben keinen Grund dies z» urgiercn, denn ihnen ist es zu danken, daß das Kind bei der Geburt totgeschlagen tvorden ist. Als der Autrag eingebracht ivnrde, war eine große Wohnungs- not: iväre jene Kritik nicht erfolgt, so hätte die Bürgerschaft dem Gedanken zugestimmt.(Lachen und Widerspruch.) Nachdem Sie hier die Sache so schlecht wie möglich gemacht habe», Ivar ein solches Resultat wirklich kein Wunder. Stadtv. Mommscn spricht sich für den Magistratsantrag aus. Von einer besonderen Geringschätzung der Stadt bei den Anfsichts- behörden sei keine Rede, es handle sich bloß nm eine juristische Streitfrage. Daß der Aufruf großen Erfolg nicht haben würde, sei vorauszusehen geivese», aber das werde sich ändern, wenn die Slif- tung erst ins Leben getreten sei. Stadtv. Rosenow: Wir achten den früheren Beschluß der Ver« sannnlung; hier aber liegt ei» neuer Beschlußantrag vor. Nicht wir bringen die Sache zu Falle, sondern die Regierung. Stadtv. ftöinpf(A. L.): Wir haben doch s. Z. das 20vjährige Bestehen des Königtums durch eine That niarkicren ivolle», die den gegenwärtigen Verhältnissen entspricht. Wir wollten der Wohnungs- not abhelfen. In diesem Punkte hat sich nichts geändert; es zeigt sich im Gegenteil, daß die 600 000 M., welche wir neuerdings für die Schaffung gesunder und billiger kleiner Wohnungen anfivenden wollen, lange»och das Bedürfnis nicht decken. Deshalb wollen wir trotz der unbegründeten Schwierigkeiten, die man uns macht, an unsrem früheren Beschlüsse festhaiten. Stadtv. H. Sachs: Die heutigen Angriffe ans diese gute Sache ivaren schon viel schivächer als vor anderthalb Jahren. Durch die That rechtfertigen wir am besten die uns anvertrauten Selbstvcr- waltungsrechte. Unter Ablehnung des Antrags Rosenow wird der Magistrats- antrag mit knapper Mehrheit angenommen. Die Vorlage betr. den Bau der Zugangsbrücken über den Kupfergroben und die Spree zur Nkuseumsinsel gelaugt ohne Debatte zur Annahme. Schluß �«3 Uhr._ Vevsammlnngrn. Der socialdcmokrntischc Wahlverein für den zweiten Wahlkreis hielt am 17. Juni bei Schuegclsberg, Hasenheide, eine Versammlung ab. Reichstags- Abgeordneter Fritz Z u b e i l referierte über:„Zeit- und Streitfragen". Redner knüpfte an die Parlamentsverhandlungcn über den sogenannten Toleranzantrag des Centrnms an und tvies nach, wie iveit wir in Preußen-Dcutschland noch von einer wirklichen Gewissensfreiheit seien. Weiter behandelte Redner die Polenfrage und den Duellmord in längeren Ausführungen, ivobei er vom socialistiichen Standpunkte aus scharfe Kritik an der Stellungnahme der Regierung und der herrschenden Parteien'gegen die unterdrückte» Polen übte und in Sachen des Duellunfngs die Edlen der Nation" mit ihrem sonderbaren Ehrbegriff treffend charakterisierte. Der Vortrag, den er mit Hinweise» auf die Schädlich« leiten unsrcs ganzen militaristischen Systems schloß, fand lebhaften Beifall. Eine Diskussion fand nicht statt. Ter Wahlverein für den vierten Wahlkreis(Süd-Ost) hielt am Dienstag in Brüders Saal, Waldcmarstraße, eine Ver- ammllmg ab, die außerordentlich gut besncht war. Den anwesenden Frauen war es nicht vergönnt, derselben beizuwohnen; dieselben hatten sich im Vorraum plaziert, jedoch mußten auf Verlangen des übenvachenden Beamten die Eingangs- thüren zum Saal geschlossen werden. Genosse Monas se referierte über„Kirche und Kaserne als Feinde der Freiheit". Der Vortrag änd großen Beifall. An der Diskussion beteiligten sich T h ä d e r»nd P e t e r e i t im Sinne des Referenten. Zu längeren Auseinandersetzungen kam es unter«Vereiusangelegeu- beiien", wobei der Vorsitzende Hoffman» Beschwerde darüber ührte, daß bei Beerdigungen von Parteigenossen Gesangvereine des Arbeiter-Sängerbundes große Schwierigkeiten machen, wenn sie sich auf Ersuchen des Wahlvereinsvorstandes mit Gesängen beteiligen sollen, trotzdem die dafür entstehenden Unkosten gern getragen werden. Bereits vor ;gvei Jahren beabsichtigten die Genosscu des vierten Kreises, aus wiiselben Gründen aus den Reihen der Mitglieder einen Geiang- verein zu bilden, um solchen Uebelständen abzuhelfen. Durch Rück- 'pracke mit dem Vorstande des Arbeiter-Sängerbundes ist seiner Zeit de» Parteigenossen die Versicherung geworden, daß diesem unleid- lichen Zustande abgeholfen iverdeu solle, trotzdem aber habe das alte Dilemma ivieder Platz gegriffen, so daß man schließlich doch zu einer Neugründung werde greifen niüssen. Im selben Sinne äußert sich auch B a e r, der dieselben Klagen in betreff von Festlichkeiten des Wahl- Vereins führt. Auch die Genossen Vogt und Weise sprechen ihre Mißbilligung darüber aus. daß der Vorstand des Sängerbundes die damals gemachten Versicherungen nicht zur Durchführung brachte, raten aber, trotz den gemachten Erfahnmgen, noch einmal mit diesem Rücksprache zu nehmen. Letzterem schließt sich Raschle an, der der Versammlung eine zufriedenstellende Regelung der strittigen Angelegenheit versichert. worauf die Versammlung den Vorstand in obigem Sinne beauftragt, widrigenfalls eine Neu- gründung vor sich gehen soll. Endlich teilt der Vorsitzende mit, daß am nächsten Dienstag Genosse Heine in der„Urania", Wrangcl- stratze, referieren wird und am Sonntag in Treptow in den Lokalen von Ludwig und H o h l w e i n ein Frühkonzert des Wahlvereius stattfindet. Ueber die Thätigkeit der Socialdemokratcn auf komm»- nalem Gebiet sprach der Stadtverordnete Koblenzer in der Versammlung des Wahlvereins für den 6. Kreis, die am Dienstag bei Dase, Brunnenstraße, staltfaud. Der Redner schließt mit der Mahnung, alle Kraft einzusetzen, um unsre Vertretung im Stadt- Parlament zu stärken; das bringe nicht allein Vorteil für die Gegen- wart, sondern helfe uns auch ein Stück vorwärts zu dem großen Ziel der Partei, allen ein menschenwürdiges Dasein möglich zu inachen.— Dem Vortrag, der mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde, folgte eine kurze Diskussion, woran sich die Genossen Gliesche und Gutmann beteiligten. Der Vorsitzende gab bekannt. daß die Generalversammlung am 8. Juli stattfindet. Die von zwei Bezirken gestellten Anträge, die Neuner- Kommission der Vorwärts-Druckerei betreffend, sollen dort zur Verhandlung kommen. Zum Schluß fordert der Vorsitzende zu energischer Agitation für die Organisation und die Presse auf. Die Parkettbodenleger befaßten sich am Mittwoch in einer Branchen-Versammlung im Gewcrkschaftshaus mit der Frage: ob sie. um den von einigen Firmen durchbrochenen Tarif wieder überall durchzusetzen, in den Streik treten sollten. Das Verhalten derjenigen Arbeitgeber, die ihr Versprechen, den Tarif innezuhalten, so schnöde gebrochen haben, wurde scharf verurteilt. Schließlich wurde folgende Resolution einstimniig angenomnicn:„Die Versammlung der Parkettbodcnleger erklärt, daß es Pflicht der Kollegen ist, in allen Werkstellen, wo sämtliche Kollegen organisiert sind und die Aufträge der Firma so liegen, daß auf Erfolg zu rechnen ist, bei Einstimmig- keit unter den Kollegen nach Meldung an die Ortsverwaltung den Tarif wieder zu fordern."— Zu bemerken ist, daß in der vorigen Versammlung festgestellt wurde. daß Hille und K l e m e n t irrtümlicherweise beschuldigt worden sind, den Tarif herab- gesetzt zu haben. Eine PolkSversammlnng, die am 17. d. M. bei Stechcrt stattfand. beschäftigte sich vorwiegend mit einer Aenßerung. die Rechts- anlvalt Steinschneider in einer Versammlung des Vereins für sociales Genossenschaftswesen(Bericht in Nr. 34 des«Vorwärts") über die Bangenossenschaft„Paradies", gethan hat. Der Einberufer Stramm wandte sich in schärfster Weise gegen die Aiisführuuge» des Herrn Steinschneider in Bezug auf die Gründung einer Bau- gcnosseuschaft mit ungenügender finanzieller Grundlage und führte aus, daß es den Gründern der betreffenden Genossenschast gar nicht einfalle, ihren Mitgliedern unerfüllbare Versprechungen zu macheu und daß man erst nach langer, sehr reiflich überlegter Prüfung aller in Betracht kommenden Faktoren zur Gründung dieser Ge- »ossenschaft geschritten sei. Rcchtsamvalt Steinschneider nahm das Wort, um darzulegen, daß es ihm vollständig fern gelegen habe, mit einen Aussühningen die Genossenschaft„Paradies" zu diskreditieren und daß er nur von der besten und ehrlichsten Absicht geleitet ge- wiesen sei. Es sprachen noch verschiedene Redner. Dann wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Versammelten für die Bau» genossenschaft„Paradies" agitatorisch zu wirken versprechen. Die Bürsten- und Pinsclinachcr im Deutschen Holzarbeiter- Verband beschäftigten sich am 14. Juni mit dem Cirkular des Kollegen Knicstedt-Hannover, welches eine Absonderung der Bürsten- und Pinselmacher vom Holzarbeiter-Verband wünscht. Nach der Dis- kussion fand eine Resolution einstimmige Annahme, worin die Zahl- stelle Berlin ihr tiefstes Bedauern über die Zersplitterungsversuche des Kollegen Kniestedt-Haunover ausspricht. Groß-Besten. Am Sonntag tagte im Saale des Herrn Rodo- minski eine Versammlung für Männer und Frauen. Reichs- tags-Abgcordneter Fritz Z n b e i I hielt einen Vortrag über:«Die ocialdemokratie und die verschiedenen Parteien". Der Redner begrüßte es nm Eingang seines Vortrages mit Genugthuung, daß es der Arbeiterschaft' von Groß-Besten und Umgegend endlich ge- klingen ist, einen Saal für ihre Zwecke zu erhalten. In ctiva zwei- tündiger Rede entwickelte Z u b e i l die Stellung der Socialdcmo- ratie zu den Zöllen und dem Wirtschaftssystem der heutigen Gesell- 'chaft. Der überaus reiche Beifall bewies, daß der Redner den etwa 180 Teilnehmern der Versammlung, unter denen sich etwa 30 Frauen befanden, ans der Seele gesprochen hatte. Uvtzke Aschvichken und Vepefchen« Die hessische WahlrechtS-Reform. Darmstadt, 19. Juni.(B. H.) Die Zweite Kammer lehnte die ahlrechts-Vorlagc der Regierung(direkte Wahl zum Land- tag) nnt 22 gegen 19 Stimmen ab. Dieselbe scheiterte an der Opposition der ländlichen Vertreter gegen eine Vermehrung der Zahl der städtischen Abgeordneten. Eine weitere auf diese Abstimniung bezügliche telegraphische Meldung besagt: Die gemeldete Abstimmung über das Wahlrechts« Gesetz bezog sich auf den Paragraphen betreffend die Zusammen- setzung der neuen Kammer, die die Vermehrung der städtischen Ab- geordneten fordert. Von ihm hängt das Schicksal der Vorlage ab. Die zweijährige Dienstzeit in Frankreich. PariS, 19. Juni.(W. T. B.) Senat. L a m a r z e l l e meint, die Einführung der zweijährigen Dienstzeit würde verhängnisvoller sein, als eine verlorene Schlacht. Der militärische Geist, der so nötig sei, würde durch die zweijährige Dienstzeit vernichtet werden. Der K r i e g s m i u i st e r erklärt, die französischen Gesetze seien ebenso gut wie die deutschen, und der französische Soldat sei besser als der deutsche.(Beifall.) L a in a r z e l l e beendet dann seine Rede und sagt. Frankreich könne die Ileberlegenheit der Zahl nicht haben, es in ü sie deshalb die der Qualität haben. Hierauf wird die Weiter- Verhandlung auf morgen vertagt. Englische Zollpolitik. London, 19. Juni.t völlig zerstört. Shanghai, 19. J»ni. ch t e r Dr. Sigel mit folgende» Worten: Ich heisie die Herren herzlich willkommen und gebe der Hoffnung Ausdruck, dab die Herren einen guten Eindruck von den Verband- klingen gewinnen und ihren Auftraggebern mitteile» werde», dab die bisher gegen Arbeiterkongresse bei de» Behörden in Erscheinung gc- tretene Voreingenommenheit nicht ain Platze war. Zn gleicher Zeit bitte ich die Herren, berüclsichtigen zu wolle», daß die Frauen und Männer, die hier das Wort nehme», nicht in früher Jugendzeit auf hohen Schulen vorgebildet worden sind, sondern die schlechteste» Schulen, zum Teil nur Dorfschulen, besucht haben. Ich bitte das zu berücksichtigen, wenn Sie einen Unterschied zwischen nnsre» Ver- Handlungen und andren Berhandluiij,en finden sollten. Ich heiße die Herren nochmals in unsrer Mitte willkommen. (Die Begrübtc» erheben sich von ihren Plätzen und verbeugen sich nach dem Bureau zu.) Neber Wahl und Organisation der Vertreter in der Soeial- Gesetzgebung referiert hierauf SimanowSki- Berlin. Redner berichtet über die»mfaffcnde Thätigkeit des Berliner Arbcitervertreter-VereinS, der die Wahlen zu allen durch die Social-Gesetzgebung'geschaffenen Arbeitervertretiuigen vorbereitet hat. Die Berliner Organisation sollte überall als Vorbild dienen im Interesse aller versicherten Arbeiter. Er weist eingehend»ach. wie notwendig die Bethätigung der Gewerkschaften in der Ausübung der durch die socialpolitische Gesetz- gebung gewährleisteten Rechte ist. Zur Erreichung dieses Zieles müsse ein Verband der Arbeitervcrt'rcter- Vereine Deutschlands gegründet werden, für den er einen Statuten- «lilwiirf ansgcarbeitel hat. Danach bezweckt der Verband: 1. Aufklärung und Belehrung unter der Arbeiterschaft zu ver- breiten über die durch die Arbeiterversicheriiiigs-Gesetze erivorbeiic» und(ihr hieraus zustehenden Rechte und Pflichten, insbesondere unter denjenigen, die bei Ausübung aller in der ArbeiterversichernngS- Gesetzgebung vorkommenden Aemtern thätig sind; 2. durch Feftstellnng von Schäden. Lücke» und Mangeln, welche in den Kranken-, Unfall- nnd Jnvaliden-Vcrsichcrniigsgesctzen ent- halten und bei Anssührnng derselben zu Tage treten, durch Ein- bringung gemeinsamer Anträge zn deren Beseitigung auf gesetzlichem Wege hiuznwirken; ' 3. den Versicherten, sowie deren Organisationen ans praktischer Erfahrung zur Erlangung ihrer Rechte mit Rat und That zur Seite zu stehen und 4. bei den auf Grund der ArbeilerversichcrungS-Gesetzgcbung vorzunehmenden Wahlen zn Vertretern von versichernngspflichtigen Personen den Wählern nach Verständigung mit den Gewerkschaften geeignete Kandidaten in Vorschlag zu bringen, die Wahlen im Verein mit den Gewerkschaften oder deren Vcrtrclnng(General- kommisston und Kartellen) zu leiten und einen Ueberblick über den Geltungsbereich nnd die Wirksamkeit d« gewählten Vertreter zu ge- Winnen. Die Dislussioii über die drei Referate wird auf Donnerstag früh vertagt. Berichtigung. In dem Bericht über die gestrige Sitzung ist eine persönliche Bemerkung dem Abg. Sachse in den Mund gelegt, die Rexhäuser-Leipzig gegen den Abg. Sachse gemacht hat. Ferner ist in der Rede von H u ä- Essen ein Satz in sein Gegen- teil verkehrt worden. Huö hat gesagt:„Wären die Aeußerungen gegen die Gewerkschaftsbewegung' in' der„Leipziger Volkszeitung" und der«Buchdruckerwacht" parteiossiziell, so hätten d i e recht, welche behaupten: Socialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung seien un- vereinbare Gegensätze." (Privatdepeschen des„Vorwärts".) Stuttgart, IS. Juni. Am Donnerstag wurde über die Referate von U m b r e i t, Körsten. Matt»tat und Siemanowski diskutiert, sowie über die Verlegung der Generalkommission nach Berlin.— Die Gründung eines ReichS-ArbeitrrsekretariatS wurde mit 119 gegen 31 beschlossen.— Die Bildung eines Verbandes der Arbeiter- vertretervereine lehnte der Kongreß einstimmig ab mit der Be- gründnng, daß es bereis genügend Organisationen für den vom Referenten befürworteten Zweck gebe. Die Verlegung der Gcncralkonimissio« nach Berlin wurde mit 104 gegen 47 Stimmen beschlossen, die Einrichtung eines Arbeitersekretariats in Saar- brücken abgelehnt.— Hierauf referiert P ä p l o w- Hamburg über: Sil bmifsionswesen und Streikklausel. Nach der Debatte über diesen Punkt der Tagesordnung wurde eine vom Referenten befürwortete Resolution angenommen, welche von den Behörden verlangt, daß beim Abschluß von Submissionsverträgen die Streikklausel nicht aufgenommen, und bei öffentlichen Arbeiten die tarifmäßigen Löhne gezahlt werden. Vom östreichischeu Thronfolger. — st— Wie», 16. Juni. Das Charakterbild des östreichischeu Thronfolgers tritt immer deutlicher hervor. Bis vor kurzem war Franz Ferdinand ein ganz unbekannter Mann, unter den Mitgliedern des„kaiserlichen Hauses" ein Erzherzog mehr. Da machte eine einzige That klar, wessen Geistes Kind er ist: die über- dculliche Parteinahme für den Katholischen Schulverein, dessen Protektor zu werden der Prinz sich freiwillig erbot, verkündete de» Völkern Oestreichs, daß der Erbe des Thrones ein Anhänger der Klerikalen ist und als ein solcher erkannt werden wolle. Der Erzherzog macht aus seiner Gesinnung auch weiter kein Hehl; wo sich die Gelegenheit bietet, dokumentiert er seine Zugehörigkeit zu den klerikalen Parteien. Das war bei der Reise nach Petersburg der Fall, wohin sich der Erzherzog als ungarischen Reisebegleiter de» Führer der opposilio- »cllcn kalholischcnVoll�partei mitnehmen wollte und wo eine unmittelbare Intervention der Kaisers nolwendig war, um diese Beleidigung der ungarischen Regierung zu verhüten, die in der Bevorzugung einer Oppositionspartei gelegen gewesen wäre; und auf dasselbe Conto gehört die Wahl der„Ehrcnkavaliere" für die Königskrönung in London; der Thronfolger legt in die Etiquettefragen seine politische Ansicht, die die Entwicklung der letzte» sünzig Jahre schroff verneint. Sonst pflegt der Thronfolger liberal zu schillern und in Opposition zu der konservativen Gesinnung des Alters zu stehen. In Oestreich, dem Lande der politischen Kuriositäten, ist auch das anders: während sich der alte Kaiser den Notwendigkeiten der Zeit nicht niehr zu verschließen Pflegt, ist sein Neffe der Ueberzeugung, die politischen und socialen Rcgiernngs- maximcn des Vormärz könnte auch im 20. Jahrhundert noch wirksam gemacht werden. Bei der großen Bedeutung, die in Oestreich die Dynastie ausübt, sind die Ansichten des künftigen Monarchen eine sehr ernst zu nehmende Sache, und auf sie zu achten auch derjenigen Pflicht, die da wissen, daß die bewegenden Kräfte nicht die sind, die an der Oberfläche sichtbar werden. In letzter Zeit sind nun auch einige Thatsachen bekannt ge- ivorden, die das politische Charakterbild deS Thronfolgers in persönlicher Hinsicht zu ergänzen geeignet sind. Da ist vor allem die eigenartige Affaire, wegen ivelcher eS jüngst im östrcichischen(Ab- geordnctenhause zu einer Verhandlung kam. Damit die Leser nicht zn der Ansicht kommen, wir übertrieben— denn die Geschichte ist wirklich so. daß sie unglaubwürdig klingt— wollen wir den Sach- verhalt nach dem Bericht des M i n i st e r p r ä s i d e n t e n erzählen. In der Verhandlung über den Dringlichkcitsantrag des Abg. Klofac berichtete Herr v. Koerber: Ter Kutscher Josef Fcjvar wurde mit Urteil deS Bezirksgerichts Bencschan von, 12. März d. I. von der Ucbertretnng des Diebstahls, begangen durch die Entwendung von vier zur Karnsselr ü st n n g des Erzherzogs Franz Ferdinand gehörigen K e t t ch e n, freigesprochen und das in czechischer Sprache aus- gefertigte Urteil der Schloßhauptmannschnft in Konopischt über deren Ersuchen am 13. März zugestellt. Als dann am 18. März die crzherzogliche Centraldircktion dieses Urteil mit der Bitte um eine deutsche Ausfertigung zurückstellte, wurde dieser eine deutsche Uebcrsctzuug mit dem Beifügen übermittelt, daß Urteils« ausfertigungen nur in jener Sprache hinausgegebcn werden können,' in der das Urteil gefällt worden ist. Diellebersendung einer deutschen Uebersetznng stellt sich somit als ein Akt der Gc- fälligkeit und nichts andres dar. Der Kutscher Joseph Fejvar hat hierauf gegen drei ihn bc- lastende erzherzogliche Kutscher die Ehrenbeleidignngsklagc erhoben, doch wurden die Geklagten mit Urteil vom 27. März freigesprochen. Inzwischen hat der Vertreter des Erzherzogs, der Advokat Ernst Weinfurtcr in Prag, dem Gerichte neue Ver- d a ch t S ni o m e n t e gegen Fejvar zur Anzeige gebracht, woraus mit Beschluß vom 22. April die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet wurde. Bei dieser neuerlichen, am 30. Mai stattgefundenen Verhandlung wurde der Kutscher Fejvar der Ucbertretung deS Diebstahls schuldig erkannt und zu 24 Stunden Arreft verurteilt. Nun ist eS allerdings richtig, daß der Nichter, der in dieser Strafsache fnn gierte, von Seiner k. und k. Hoheit an, 2 7. und3 1. März zur Audienz berufen(Hört! Hört!- Rufe bei de» Czechisch- radikalen) und empfangen wurde. Ucber den Inhalt dieses Gespräches habe ich selbstverständlich keine amtliche Mitteilung empfangen, könnte aber ihm umsoweniger eine Rück- Wirkung auf die erwähnte Strafsache zuerkennen, als das erstrichter- liche Urteil schon längst früher erflossen und rechtskräftig geworden war, und sowohl das Gesuch um die Wiederaufnahme des Verfahrens als die Durchführung des neuerlichen Verfahrens im Sinne des Gesetzes über die GcrichtSorganisation nnd der Strafprozeß« Ordnung einem andern Richter dieses Gerichts übertragen wurde. Es kann bei Gegenüberstellung dieser Zeitdatcn, nämlich wann das freisprechende Urteil erfolgt ist und wann der Empfang des erwähnten Richters bei Seiner k. und k. Hoheit stattgefundeil hat, von irgend welcher Bccinflnssung oder Bceinträchtigruig der richterlichen Unabbängigkeit in diesem Falle keine Rede sein. Diese Schilderung des Ministers ist durch folgendes zu ergänzen. Der Kutscher ivnrdebei derzweiten Berhandlimg nicht bloß zn 24 Stunden Arrest, sonder» auch zum Ersatz d'eS Schadens von 35 Heller» an den Erzhcrzog-Thron folge r verurteilt. Die Strafanzeige ist anf Antrag des Erzherzogs erstattet worden, ebenso hat der Advokat die neuen VerdachtSniomente auf Befehl des Erzherzogs gesammelt und das Gesuch um Wiederaufnahme des Strafverfahrens nach den» ausdrücklichen Auftrag des Thronfolgers eingebracht. Der Richter, von dem der Ministerpräsident erzählte, er sei zur„Audienz" berufen und„empfangen" ivorden, i st v o n einem Gendarmen geholt worden, der auch während der ganzen „Unterredung" zwischen Erzherzog und Richter anwesend war. Was dem Richter während des„Gespräches", von dessen„Inhalt" der naive Ministerpräsident keine Kenntnis haben will. gesagt worden ist. kann man sich wohl»mschwer vorstellen. Ebenso ivird es— trotz der ministeriellen Ablängnung— jedermann verstehen, daß die „Berufung" des ersten Richters den Spruch des zweiten diktiert hat; daß man also aus dieser einzigartigen Kriminalsache auch erfährt, wie die staatsgrundgesetzlich verbürgte Unabhängigkeit der Richter in Oestreich respektiert wird. Ueber die Art nnd Weise, wie die Arbeiter auf der Gutsverwaltung des Thronfolgers behandelt werden, hat der socialdemokratifche Abgeordnete E l d e r s ch in einer am Dienstag im Abgeordnetenhause eingebrachten Interpellation berichtet. Dieses sociale Drama verdient es, ausführlicher mitgeteilt zu werden. Aus der Gemeinde Silberlos waren 28 Arbeiter bei dem dem Erz- herzvg(gehörigen Chlumetzer Großgrundbesitze mit Holzfällen beschäftigt, und zwar in der Zeit vom I. November 1901 bis Ende März 1902. Der Lohn war per Meter berechnet, und die Arbeiter verdienten durchschnittlich neun Kreuzer pro Tag. Damit sie nicht sagen können, daß sie die Arbeiten umsonst verrichten, wurde ihnen erlaubt, zweimal in der Woche auf einem Schubkarren Holz und die andern Tage nur so viel Holzabfälle, als sie auf der Schulter tragen können, nach Hause zu nehmen. Anfangs April be- gaben sich die Arbeiter nach Wien, um Beschäftigung zu suchen, aber schon am 22. April kamen um 4 Uhr früh Gendarmen, der Revierförster und der Ingenieur Salaska nach Silberlos. Alle waren bis an die Zähne bewaffnet. Sie kamen nämlich, um„gestohlenes" Holz zu suchen, und zwar bei jenen Leuten, die im erzherzoglichen Walde beschäftigt waren. Von einem Arbeiter zum andern gingen sie und durchsuchten die ganzen Gebäude; wo sie ein Stück Holz fanden— und wenn es auch vielleicht ein fünfzehnjähriges war— alles wurde notiert und als aus dem erzherzoglichen Wald gestohlen erklärt. Den nächsten Tag kam von der erzherzoglichen Herrschaftsdirektion das Strafmandat, das je nach der Menge des vorgefundenen Holzes bemessen war. Die eingeschüchterten Weiber bezahlten, damit ihre Ehegatten nicht unschuldig verfolgt werden, nicht von Wien nach Hause kommen müssen und so um Verdienst und Geld gebracht werden. Manche dieser Frauen mußte sich das Geld ausborgen. Die Strafen betrugen drei bis hundertundzehn Kronen. Als schon alles'bezahlt war. wurde gegen die betreffenden Arbeiter die gerichtliche Anzeige wegen Holzdiebstahls erstattet und sie samt ihren Frauen vor Gericht gerufen. Die Männer wurden in Wien wegen Diebstahlsvergehens in Verhör gezogen, und ihre Frauen sollten Zeugenschaft ablegen. Das Bezirksgericht in W i t t i n g a u verurteilte einige, die von der Gntsverwaltung Chlunietz bis zu 10 Kronen bestraft worden waren, zu vierundzwanzig Stunden Arrest, und jene Arbeiter, oeren von der Herrschaftsdirektion über sie verhängtes Strafausmaß 10 Kronen übersteigt, werden vom Kreisgericht in Bndweis wegen Verbrechens verfolgt. Die von der Gntsverwaltung erpreßten Strafbeträize belaufen sich auf 316Gnlden. Diese Beträge steckte die Herrschaft ein, und außerdem plagten sich die Holzarbeiter beinahe umsonst. So die Interpellation, und es ist nicht zu bestreiten, daß sie uns den Ausblick auf eine ganz eigentümliche„kaiserliche Gesinnung" eröffnet. Es wird immer deutlicher, von welcher Geistesart der Mann ist, der berufen ist, Oestreich einmal zu regieren, und die Oestreichcr werden gut daran thun, sich anf diese Gesinnung recht- zeitig einzurichten.—_ Sociales. Ter Gewerbe- Anfsichtöbericht für den Regierungsbezirk Düsseldorf enthält einige ganz bemerkenswerte Angaben. Die Zahl der vorgenommenen Revisionen ist nach demselben gegen das Vorjahr von 7687 auf 7491 zurückgegangen. Die Stellung der Anfsichlsbeamten zu den Arbeitgebern kann fortdauernd in allen Bezirken als recht befriedigend bezeichnet werde» und in erfreulicher Weise bringen auch die Arbeiter der Gcwerbe-Aufsicht von Jahr zu Jahr steigendes Vertrauen entgegen. Die Zahl der Arbeiter- besuche in den Gcwerbc-Jnspektionsbureans ist im Verglich zum Vor- jähre nicht unerheblich gestiegen. Zahlreich sind fcnier die Fälle, in denen auf schriftlichem Wege Mißstände und Ungehörigkeiten in gewerblichen Anlagen seitens einzelner Arbeiter zur Kenntnis der zuständigen Aussichtsstellen gebracht werden. Auch die Vorstände nnd Vertreter von Vereinen und Fachorganisationcn der Arbeiter gehe» immer mehr dazu über, ihnen bekannt gewordene Gesetzwidrigkeiten und Ilnzulräglichkeiten aus Gewerbebetrieben schriftlich oder mündlich den Anfsichtsbeamte» mitzuteilen. Für das wachsende Vertrauen der Arbeiter zu den Organen der Gewerbe-Aussicht spricht auch der Umstand, daß die Beamten immer häufiger gebeten werden, in den Versammlungen der Arbeitervereine durch Vorträge in Arbeiterschutz- und Gewerbe-Auf- ichtS-Angelegenheite» aufklärend und belehrend zu wirken. Auch die bei der Gewerbe-Jnspektion in M.-Gladbach angestellte Assistentin hat bereits den Erfolg erzielt, daß die anfängliche Zurückhaltung ihrer Schutzbefohlenen allmählich schwindet. Einen durchschlagenden Erfolg ihrer Thätigkeit meint sie aber erst dann erwarten zu können, wenn es gelänge, bei den Arbeiterinnen ein besseres Verständnis für die Zwecke und Aufgaben der weiblichen Fabrikanfsicht zn gewinnen. Die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter hat gegen das Vorjahr um 1197, die Zahl der Be-, triebe, welche solche beschäftigen, von 4279 auf SKZ8 zu- gcnommeu. Anlagen mit erwachsenen Arbeiterinnen sind 2669 (2394), Arbeiterinnen selbst 51 392(51 272) vorhanden. Dagegen ist die Zahl der erwachsenen männlichen Arbeiter von 273 405 ans 266 137 zurückgegangen; der Einfluß der in fast allen industriellen Zweigen eingetretenen Geschäftsflaue kommt in diesen Ziffern deutlich znni Ausdruck. Arbeiters ns stände kamc» im Berichtsjahr in 71 gewerblichen Anlagen und bei vier Arbeitergrnppcn vor. Betriebsunfälle sind 22 674(21994) oder anf 1000 beschäftigte Arbeiter 65,11(62,16) zu verzeichnen; sie haben also eine'weitere Zunahme erfahren. Kranken- nnd Unfall- Berstchcrnng in Norwegen. J'n Juni 1900 wählte das norwegische Storthing eine parlamentarische Kommission zur Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs zur Kranken- Versicherung nnd zur Revision des llnfallvcrsicherungS- Gesetzes von 1894,»ntcr Voraussetzung der Einführung einer Invaliden- und Altersversicherung. Die Kommission hat nun ihre Arbeiten beendet und einen sehr»mfangreichen, 159 Paragraphen enthaltenden Gesetzentwurf vorgelegt. Die Kommission hat sich für den V e r s i ch e r n n g s z w a n g ausgesprochen, die Mehrheit ihrer Mitglieder will jedoch die Landarbeiter und Dienstlcute nicht in die Krankenversicherung einbeziehen. Danach würde sich die Zahl der Versicherungspflichtigen anf 180 000 belaufen; eine Minderheit will den Kreis der Versicherimg auf 375 000 Personen ausgedehnt wissen. Nach dem Entwurf der Mehr« hcit sollen die Versichernngspflilvtigcn in zehn EinkonnncnSklassen eingeteilt werden. Die ganzen Lasten werden den Arbeitern auf- erlegt. Als oberste Instanz wird ein Rcichs-Versichernngsamt eingerichtet. Der Hauptvertretcr der Minderheit will dagegen den Arbeitnehmern ein Viertel der Kasscnbciträge auf- erlegen, den Arbeitern drei Viertel und Staat nnd Koni- mnncn zn Zuschüssen verpflichte». Ferner nur vier Beitrags- klaffen einführen und eine mehr demokratische Organisation der Verwaltung.— Bereits im Jahre 1897 hat das Storthing sich mit einem Entwurf zur Krankenversicherung befaßt. Damals wurden die Verhandlungen vertagt, weil der Kreis der Ver- sicherten in jenem Entwurf sich nur anf 335 000 Personen erstreckt, 'ür eine wirkliche Volksversicherung aber 1 200 000 Personen in Betracht kommen müßten. Der jetzt vorliegende Entwurf zeugt nicht dafür, daß das Interesse für sociale Aufgaben im norwegischen Storthing größer geworden wäre.— GemevliMnftlilhes. Berlin und ttmgegrnd. Achtung, Klabicrarbeiter? Der Streik in der Pianofabrik von Schopf, Marknshof, dauert imverändert fort. In den letzten Tagen haben sich einige Arbeitswillige gefunden, die aber größten« teils in der Klavierbrnnche noch nicht gearbeitet haben. Der Unter- nchnier sucht von außerhalb Arbeitskräfte heranzuziehen, besonders von Dresden, Leipzig und andre» Orten, die für die Klavier- industrie von Bedeutung sind. Unter den Arbeitswilligen befinden sich n n eifrig bethätigt. liatten sich die Die Unternehmer sprechung Wind licdmierlicherweise 3 Mitglieder des Hirsch-Dunckerschen GewerlvereinS. Gleichzeitig möchten wir auch andre Arbeiterblätter, besonders in Dresden, Leipzig, Zeitz, Stuttgart bitten, von dem Streik Notiz zu nehmen. Alle Kollegen ersuchen wir, den Zuzug streng fern- zuhalten. Die Koni Missionen beider Organisationen der 5k lavierarbeite r. Die Sperre über die Schuhfabrik von Gold st ein Köpenickerstrake 55 ist, nachdem sämtliche Ueberholer in Lohn be- schäftigt werden, hiermit aufgehoben. Die Ortsverwaltung des Vereins deutscher Schuhmacher. Gegenüber den streikende» Maurern in Brandenburg der Havel hat sich die dortige Polizei wieder einmal sehr Einer Einladung der Streikleitung folgend, Poliere in einem Restaurant eingefunden. hatten von dieser rein vertraulichen Be- bekommen und die Polizei davon be- nachrichtigt, die nun auf dem Plan erschien, die ruhig am Bier- tisch Sitzenden, die mit der Besprechung noch gar nicht begonnen hatten, als eine nicht angemeldete Versammlung erklärten und die- selbe— die noch gar nicht begonnen hatte— auflösten. Hoffentlich wird gegen diesen ganz unberechtigten Eingriff der Polizei Beschwerde erhoben und sie von zuständiger Stelle eines Besseren belehrt. Deutsches Reich. Zur Aussperrung i» Kiel. Ein angesehener Kaufmann, der schon früher einen Eiiiignngsversuch gemacht hat, von den Unter- nehmern aber zurückgewiesen worden ist, hat nochmals einen Einiginigsvorschlag an die Innung„Bauhütte" gelangen lassen. Diese hat die Bemühungen des Kaufmanns in einem Schreiben zurückgewiesen, welckies von der„Schleswig- Holsteinischen Volkszeitnng" als höchst beleidigend für den wohlmeinenden Vermittler, sowie für die, welche vor ihm ähnliche Eiiiignngsversnche machten, bezeichnet wird. Die Jnnungsleule haben sich also wieder einmal als echte Protzen erwiesen, die die leisesten Regungen arbeitcr- freundlicher Gesinnung niit Pöbelcien beantworten.— Weiter wird berichtet, datz die Kieler Baumeister Himmelangst ansstehcii in der Befürchtung, sie könnten der arbeitswilligen Italiener durch Mnsscn- answeisungen anläßlich des Besuchs des Kaisers beraubt werden. Erhebungen sdie auf die Möglichkeit der Ausweisung schließen lassen. sollen nämlich inr Gange sein. In Braunschweig haben am Dienstag, den 17. d. M., samt- liche Fen st erputz er der Finna Martinius u. Co. die Arbeit niedergelegt, weil dieselben gezwungen werden solllen, eine neue Arbeitsordnung zu unterschreiben, die alles vorstellt, aber keine Arbeitsordnung für freie Arbeiter. Sämtliche Ausständigen sind or- ganisiert. Zuzug ist zu vermeiden. Die Arbeitswilligen müssen geschützt werde». So be- gründete ein Staatsanwalt in Kiel seinen Antrag auf eine Gefängnis- strafe von 4 Monaten gegen einen ausgesperrten italienischen Maurer, der seine arbeitswilligen Landsleute in mehreren Fällen bedroht haben soll. Das Gericht verurteilte den Italiener, der bereits zwei Monate in Untersuchungshaft gesessen hat. dem Antrage des Staats- anwalts gemäß, ivobei jedoch die Untersuchungshaft angerechnet wurde. Die KönigSberger Maurer haben am 17. d. M. beschlossen. dem Vorschlage der Innung gemäß von jetzt bis zum 31. März 1803 für einen Stundenlohn von 47 Pf. zu arbeiten, vom 1. April 1903 ab tritt ein Stundenlohn von 50 Pf. sdie Forderung der diesjährigen Lohnbewegung) in Kraft. Die Bausperren und die bis jetzt er- rungenen Arbeitsbedingungen bleiben noch so lange bestehen, bis der Tarif mit der Innung in aller Fonn vereinbart ist. AuS dem nicdrrrhciuischcn Wcbcrdistrikt wird uns ge- schrieben: Seit einiger Zeit gärt es unter den Webern, sowohl der Stoff- als der Sammetbranche am Niederrhcin. Der nie ruhende mensch- liche Erfindungstrieb ist dabei durch einen neuen technischen Fort- schritt in kurzer Zeit annähernd die Hälfte der Sanimetweber über- flüssig zu machen. Während es früher als der Gipfel der Voll- kommenheit galt, wen» auf einem Kraftstuhl zwei Stücke Sannnet zu gleicher Zeit gewebt wurden, webt man jetzt sechs Stück zu gleicher Zeit. Durch eine neue Erfindung ist es jetzt möglich, daß ein guter Weber 2/3 an Ware mehr herstellen kann als vordem. Das erste, was die Sammctbarone thate», war, den Lohn für die neuerfnndenen Zweischiffchenwcrke um 25 Prozent und mehr zu kürzen. Die Weber verlangen eine ciicheitliche Lohnliste bei allen Unternehmern, der Abzug soll mir 20 Proz. betragen und die Ar- beitszeit soll entsprechend verkürzt werden. In mehreren großen Versammlungen sind diese Bedingungen festgelegt worden und kann es,«venn die Untcrnchnicr sich nicht Verhandlungen geneigt zeigen, in der nächsten Zeit zu einem allgemeinen Sammetweber- Ausstand kommen, sogar das Organ der' christlichen Textilarbeiter plädirt für Streik. Um Uneinigkeit unter den Webern zu erzeugen, sind einige Unternehmer auf ein ganz raffiniertes Mittel verfallen, sie lassen nämlich die Arbeiter,' welche auf den Zweischiffchen- Stühlen beschäftigt sind. IV�/e Stunden arbeiten, wogegen die andern nur acht Stunden beschäftigt werden. Sie gedenken dadurch, daß sie einem Teil der Weber einen größeren Verdienst zu- kommen lassen, einen Keil in die Bewegung zu treiben. Ob es ge- lingcn wird, muß die nächste Zeit lehren. Auf alle Fälle wird die neue Erfindung eine große Arbeitslosigkeit für die Sammetweber des Niederrheins im Gefolge haben. Genau das nämliche Schicksal steht den Seidenwebern oder Stoffwebern, wie man dieselben nennt, bevor. Während in dieser Branche die Arbeiter früher nur einen Stuhl zu bedienen brauchten, ist jetzt das Zweistnhlsystem gang und gäbe. Doch auch hierbei ist man nicht stehen geblieben, sondern man ist in einigen Betrieben schon dabei, das Dreistnhlsystem zu führen; und es' ist nur eine Frage der Zeit, daß diese Einführung eine allgemeine wird. Im Gegensatz zu den Sammtwebereien, wo keine Frauen beschäftigt werden, nimmt in den Stoffwebereien die Frauenarbeit überhand. Diesenr Umstand in Verbindung mit der Einfühning des Zwei- und Dreistnhl-Systems haben es die Stoffweber zu danken, daß die Löhne so tief stehen wie in keinem andern Teil der Textil- brauche. Um die Lage dieser Kategorie bon Arbeitern in etwas zu heben, arbeiten die Vertreter der freien Gewerkschaften mit den christlichen Hand in Hand. Nach langer Vorbereitung hat dieser Tage eine Konferenz von Vertretern der Stoffweber des ganzen Niedcrrheins in Krefeld stattgefimden. an welcher die Vorsitzenden der verschiedenen Textilarbeitcr-Verbände teilnahmen. Diese Konferenz, welcher auch viele Frauen als Delegierte beiwohnten, stellte folgende Forderungen auf: Die Accordlohnsätze sind so zu regulieren, daß' bei zehnstündiger Arbeitszeit jedem Weber und jeder Weberin ein Wochenlohn von 20 Mark garantiert ist, die Arbeitszeit soll auch auf dem Lande 10 Stunden nicht übersteigen, alle Bestrebungen der Unter- nehmcr. die danach gerichtet sind, über das Zweistuhl-Shstem hinaus zugehen, sollen energisch abgewehrt werden. Die Resolution, welche die Frauenarbeit betrifft, ivar von einem christlichen Führer ein« gebracht, und wurde auch von den Vertretern des deutsche» Textil- arbeiter-VerbandeS, um keine Uneinigkeit hervorzurufen, trotz ihrer nicht einwandsfreicn Fassimg angenommen. Sie lautet: 1. Diejenigen Jndustrie-Nrbeiterimien, die auf die Arbeit zu ihrem Lebensunterhalt angewiesen, ohne höhere sittliche und gesellschaftliche Verpflichtungen zu haben, ist die Möglichkeit, ihre Arbeitskraft in der Industrie nutzbar zu machen, nicht zu nehmen. 2. Alle Rücksichten sind jedoch beiseite zu setzen vor den Forde- rnngcn der Moral und Sittlichkeit einerseits und vor den- jenigcn, die im Interesse der Gesellschaft gestellt Iverden müssen andererseits. 3. Genannte Fordcrnngen gipfeln in der Not- wcndigkcit der gänzlichen Beseitigung der Jndnstriearbeit verheirateter Frauen und in der Möglichkeit, dem heranwachsenden weiblichen Teile der Arbeitcrbevölkerung Erziehung und Vorbildung zum HauLfrenen- und Mnttcrberufc zu geben. Auch die Stoffwc'bcr sind gewillt, ihre Forderungen mit Nach- druck zu verfechten und kann es am Niederrhcin in nächster Zeit zu schweren wirtschaftlichen Kämpfen kommen. Ausland. Die„gelbe GetvcrkschaftSorgauisation" in Frankreich, die erst kürzlich ihren ersten Kongreß abgehalten, hat sich gänzlich gespaltet. Die dunklen Ehrcnmänncr der Pariser„Unabhängigen Arbcitsbörsc" sind einander in die Haare geraten. DerObergründcr der gelben Organisation, L a u o i r, und der später hiiiziigckoninicnc socialistischc Renegat B i 6 t r y werfen einander die diiftigstcu Beschuldigungen an den Kopf. Letzterer enthüllt unter andern den Schwindel der offiziellen Mitglicderzahlcn der gelben Gewerkschaften. Lauoir selbst steht demnach an der Spitze einer„Gewerkschaft", deren einziges Mitglied er ist. Bisliy und Konsorten sind nun ans der gelben.Arbeitsbörse" ansgeticic», um sich zu einer„Nationalen Föderation der Gelben Frankreichs" aufzuthun. Das Programm der letzteren ist natürlich ebenso nntcrnehmcrfrcnndlich und von Harmonieduselei durchdrungen, wie dasjenige der Lanoir-Lcute. Die Gelben Nr. 2 haben auch Mittel gefunden, nm sofort ein ztveiinal wöchentlich erscheinendes Organ �Dcr unabhängige Arbeiter" veröffentlichen zu können. London, 16. Juni./, Uhr. «chanspielhans. UrielAcosta. An- fang 7-/, Uhr. Meiies Opern- Theater(Kroll), Gastspiel der königlichen Hofopcr ans Stuttgart. Orestes. Ansang 7'/, Uhr. Im LiederspielhauS: Offenbach- Chklus. Das Mädchen von Elizonda.— Der Regiments- zauberer.- Fritzchen und Lieschen. Anfang 8 Uhr. Schiller. Unter blonden Bestien. Der Thor und der Tod. Para- celsus. Post kestum. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Rofeiuiiontag. Anfang 7i/j Uhr. Berliner. Alt-Heidelberg. Anfang 7-/- Ahr. Westen. GaSparone. Nnka>ig7l/zUbr. Metropol.(Marwitz-Oper.) Die Hugenotten. Anfang 8 Uhr. Zlenes. Ledige Leute. Anfang 7'/- Uhr. Mesidenz. Eiuquarticrnng. Ansang 'V, Uhr. Central. Eoralie u. Cie. Anfang 8 Uhr. Beltc-Slltiance. Die Dame ans Trouville. Hieraus bei nn- günstiger Wiitcrinig im Theater: Er. Ansang 8 Uhr. Carl Weist. Gefallene Mädchen. Anfang 8 Uhr. Friedrich-WilhrlinstndlischeS. Einen Jux will er stch machen. Ansang 7>/j Uhr. fe. v. WolzogenS Biintes Thealer (Uebcrbrcttl). Ansang 8 Uhr. Schall und Rauch. Scrciiissiuiüs- Zwischenspiele u. a. Anfang 8'/- Uhr. Slpollo. Lysistrata. Specialitäten- Vorstellinig. Ansang 8 Uhr. Oleichshallrn. Stcltiiier Sänger. Alisa»« 8 Uhr. Passage- Theater. Specialilälen- Voistellung. Ansang nachiinitags 5 Uhr. Passage- Panoplitui». Specials tntcii-Vorstellinig. OrPhenS. Spccialitäten-Vorstellung. Anfang 8 Uhr. Charivari. Täglich Vorstellung. Ansang 8 Uhr. llrania. Tanbenstr. 48/49.(Im Theatcrsaal.) Abends 8 Uhr: Frühlingstage an der Riviera. Jnvalidciistrasse S7/6L. Täglich: Sternwarte._ Urania. Wltl'TljtM (Wallner-Theater). Freitagabend 8 Uhr: Letzte Borkiellung vor den Ferien. Unter- klonden Bestien. Komödie in 1 Akt von Max Drcyer. Bei- Dlroi- ,n,d der Tod. Von Hugo v. Hofniannsthal. Baraeelsns. Versspiel inlAktvon ArthurSchnitzler. Post festnm. Lustspiel in 1 Akt von Ernst Wichert. Wieder-ErSffliung30.Aug. (fnilliU-TWtt. Heute, den 20. Juni, Anfang 8 Uhr. Nur noch wenige Ausführungen. Zum 160. Male; Coralie& Cie. Schwank in 3 Akt. v. Albin Valabregue und Maurice Henneguin. In Vorbereitung: T o N e Mitbü vgev Gesangspofle in 4 Alt. v. A. Schmasow. Musik von Kapellmstr. Curt Goldinaim. Tsudsn-Stzrasss 48/49. Im Theater um 8 Uhr: Frühlingstage an der Riviera. CASTANS Panoptikum Frledrlch-Straue 165.' Photographische Aufnahme von der Insel Martinique und von den Schlachtfeldern Transvaals. Im Konzertsaal; Schwedische Kiinstlerkapelle 4 Damen, 2 Herren. Sommertheater Marienbad Badstr. 35/36, Gesundbrunnen. Täglich: Gr. Siiecialität.-Vorstellg. berliner Mslhermiidtl. Mittwochs und Sonntags: Ball. Eutrec 20 Pf. taitgö-�noiiliciiiii. Der weibl. Affenmensch. Die Seejungrer. Der Tigerknabe. Von nachm. 4 Uhr Vjstündlich Damen-Ringkaiiipf. Alles ohneExtra-Entree Passage-Theater. Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5, Ende 11 Uhr. Willy Prager 16 Elite-Nummern. Dr. Simmel, Priamslr. 41 Specialarzt für 25/17» Bant- nnd Baenlelden. 10-2, 6-7. Sonntags 10-12, 2-4. 0010CISCHER mm hmittags u Uhr; Täglich nachmittags Grosses Militär- Doppel-Konzert. Gastspiel des Musikdir. Lebedsjun. sjtf Entree 1-Hark"tzDE von abends 6 Uhr ab SO PF., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Apollo- Theater Um 7 Uhr: Gartcn-Konacrt. Um 8 Uhr: Die sensationellen Speclailttttcn 1. Ranges. Um 9 Uhr: Mit kolossalem Erfolg Paul Llnckes Ausstattungs- Operette Ijyisi§>traAa mit dem Luftballetfc„Grlgolatls" Kasseneröffnung 6 Uhr. Metropol-Tlieater Anfang 8 Uhr. Morwita-Opcr. Gastspiel Irene Abendroth, königl. sächs. Hof-Opernsängerin u. des Grossherzogl. badischen Kammersängers Alfred Oberländer: Die Hugenotten. Sonnabend bei halben Preisen; Hartha. Sonntag: Ein Hnskcnball. Gr. Oper v. Verdi. Vrater-Theattt Kastanien- ZUIec 7—9. AM" Täglich:"VQ Mich fttinöf Schuld. Volksstück mit Gesang in 3 Akten. Ballettges. Catrlnl. Tyrolienne Mary Ellys. Grotesque-Kom. Paul Coradlnl. Brothers Fred, iiinsik. Exccntrics. Mr. Bertling, leb. Photogr. Fred Marzahnl Troupe, Paiitoui. Musikantenstreiche. Bertlings elektrische Feerle.(3000 Glühiörper.) Konzert u. Ball. Anfang 4 Uhr. Eintritt 30 Pf., numerierter Platz 50 Ps. Kalbo. Schall und Rauch (Kleines Theater) Unter den Linden 44. Freitag. 20. Juni, abends SVjUhr Seremssimus- Zwischenspieleu a. Reichshalle n. Täglich: 81ellinvr8uiixei' Ansang: Wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr Tageskasse 11— 1»/, Uhr. Saiissoiici Kotthnscrutr. 4 n, Station der Hochbahn. Täglich im Garten, bei un- güustig.Witteriing tinSaal: II»fTninn»«« NMciitsche Tiiiiger und Konzert. Sonntag, Montag und Donnerstag nach der Soiree: Tanzkränzchc». Tanz frei! Anfang Sonntags 5 Uhr, Entree 50 Pf., ab 9 Uhr 20 Pf. Anfang Wochentags 6 Uhr, Entree 30 Pf., ab 9 Uhr 20 Pf. Sctaizer Garten Am Künigwthor 42020» Am Ericdrichnhaln __ Täglich:__ Äoiijcrt, Theater, Sveciali- tätttt-ÄchMs Mi Ball. Freier Dauientanz bis 7 Uhr. 10� uhr: Tiisailiie im Bade. Belle-Alliance-Theater. Heute: Ruth-Konzort. Die Dame ans Tronville Schwank»ütGesangn. Tanz in 3 Akten. Hierauf:„Er». Lebensbild in 1 Akt. Garteii-Eutree inkl. VorstcNinig 3V Pf. Morgen: I. EIlto-Tag: Graf- Konzert und Eiiinltcr- Abend: „Er".„Der Tischgast".„Zehn Mädchen und kein Mann. sfoi'l Weiss-Theater. Große Mranksnrtersir. 132. Abends 8 Uhr: Gefalleue Mädchen. Berliner Sittenbild in 4 Akten. Morgen: Die Viper. Im Garten: Spccialitäien-Vor- flcNillig. Anfang 5i/z Uhr. Soinitagiiachmittag 3 Uhr: Der Biittenhesitzcr. AbendS 8 Uhr: Gefallene ifliidchcn. W. Noacks Thealer. Brnnnenstraße 16. Täglich Theater-«. Svecia- litäten-�orstellnilg. Rosen und Dornen. Burleske mit Gesang u. Tanz in 2 Akten. Im Saal: Tanzkrltiizchen. Wintergarten. Aus dem interessanten Juni-Programm: „Das Mädchen mit dem gold. Haar" und 16 erstklass. Speclalltäten. Fritz Hoppe, RixM, Berliuerftr. 14, Nähe Herniaiinplatz, empfiehlt sein 207b Wtii-».Bii«rW.«itt-L«kil Billard. 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Die Versamnilnng wird pünktlich eröffnet.-ME Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht 85/2«°_ Ple Ortsverwaltnng. Deutsch. Metallarbeiter-Verband Verwaltnngsstolle Berlin. Bnrean: Engel-Ufer 15. Zimmer 1—5. Telephon Amt 7 Nr. 353. Sonnabend, 21. Juni, abends 8'/« Uhr, bei Karl Fischer, Waldstr. 8 i Konferenz der Vertrauensleute für Moabit. Sonntag, 22. Juni, vorm. O'/e Uhr, im Englischen Garten, Mlexanderstr. 27e: Versammlung der Metallschleifer. TageS-Ordnung: I. Vortrag des Genoffen Woldert Manasse über:.Zertrümmerte Götter". 2. Diskussion. 3. Bericht der Agitationskommission über die Thätigkeit im verfloffenen Geschäftsjahr. 4. Neuwahl der AgitationkSommisfion und des Branchenvertreters. In anbetracht der wichtigen Tagesordnung erwarten wir das Er- scheinen aller Kollegen. Besonders die Kollegen des Nordens dürften es sich angelegen sein laffen, mehr als bisher für den Besuch der Versammlung zu agitieren. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. 11i>/14_ Die Ortsvcrwnltnng. Verein der Zimmerer Berlins und Umgegend. Sonntag, de» 22. Juni, vorm. 10 Uhr, in Cohns Frstsälen, Beuthstr. 20: Mitglieder-Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Vereinsangelegenheiten. 2. Vortrag des Genoffen Th. Mehner über: Gleiches Recht für alle. 3. Gewerkschaftliches. Um recht zahlreiches Erscheine» ersud.'t 257/15 Der Torstand, }!ölz-«.Brfittfirträgfir sowie IBruttsßliouir Berlins und Umgegend. Sonniag, 22. Juni, vorm. lOi/o Uhr, im Königstädiischcn Kasino, Holzmarkstr. 72: Geiiersl-Nerssinmlung. Tages-Ordnung: 1. Beratung des Lohntariss. 19/7 2. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Es ist Pflicht, daß jeder Kollege erscheint. Der Verstand:?. Karnal. Knhlstelle Berlin. Sonntag, den 22. Juni, vormittags 10 Uhr, in den„�nnlndallea" Konunandantenstr. 20: Versammlung. Tages-Ordnung: 1.„Wohnungs-Misere und ansteckende Krankheiten- Referent: Stadt- verordneter Dr. Bernstei». 2. Wahl des VergnügungSkomitees zum 19. Stiftungsfest. 3. Verbaudsaugelcgeiiheiteu. S&T" Die Mitglieder werden dringend ersucht, recht zahlreich inid pünktlich zu erscheinen. 234/16 Der Verstand. AAung! Holzarbeiter Achtung! von Adlershof, Köpenick und Umgegend. Sonntag, de» 32. Juni, nachmittags Punkt 2 Uhr, in Köpeniik „Zum goldenen Hirsch",?frledrichshagenerstr. 1: Oeffeutliche Versammlung. T a g c s- O r d n n tt g: 1.„Die Waffe» der Arbeiter im Kampf«mS Dasein". Referent: Kollege Kniiisch ans Diisseldorf. 2. Diskussion. 3I6& |iW Kollegen, die Uiiternehmcr suchen Euch in jeder Beziehung auszu- beulen, darin» erscheint zu einer allgemeinen Aussprache in dieser Versammlung. Der Einbernfcr. F. Held, Köpenick. Verbanil des tecliniscb. BBhnen-Personals. Sonnabend, den 31. Juni, abends 11 Uhr, Nene Noffftr. 3: MF* Versammlung."MW Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Fcldberg über:„Tie Bühnentechnik des Altertums im Verhältnis zur Neuzeit". 2, Verbands- angelegenheiten und Verschiedenes. 190/6 Um zahlreichen Besuch bittet Der Verstand. N.E. Das Sminiterfeft des Verbandes findet am 20. Juli im Restaurant „Schloßpark Wilhelmincnhof" statt. Billets sind in der Versaminlung zu haben. Carl Stier, Berlin SO., Oranienstr. 166. Potsdam, Naiienersti*. 23. Zur Sommer-Saison empfehle ich: J ackett- Anzüge in allen modernen Stoffarten und Farben 15, IT1, 50, ÄO, 2$, 50, 25, SO, 35, 40, 45, 50 und 55 Mark. Havelocks in wetterfestem Loden, mit voller, vom abgefütterter Pelerine, 8,50, 10,50, 1», 15, 18, 2«, LS, SO und 35 Mark. Radfalirer- Anzüge in Jackett- oder Palten- Joppen-Form 15, 17,50, 20, 25 und 80 Mark. Sommer-liOdeu- Joppen 3,50, 3, 4,50, 6, 7,50, 9 und 12 Mark. Wasch- J oppen in grünlich, bräunlich oder grau meliert, 1,25, 1,75, 3, 8,75, 4,25, 5, 6, und 6,50 Mark. Liei ehte Sommer' Jacketts von Alpacca, Panama, Diagonal, Mohair Cord od. Caohemir. Schwarz mit Aermelfutter 3, 3,50, 4, 5,25, und 6 Mark. Schwarz, ganz gefüttert 6,30, 7,50, 8, 9, 16,50 u. 12 Mark. Farbig mit Aermelfutter 5,25, 6, 7,50, 8 und O Mark. Farbig ganz gefüttert 7, 8, 8,50 und 0 Mark. Wascli-Hosen für Herren und Knaben in grösstor Auswahl, Enaben-Turn- und Schul-inziige (Wasohstotte) in Jacken- oder Joppen-Form von 2,50 bis 14 Mark. Knaben-filusen-Wasch-Anzüge in prachtvoller Ausführung von 1,75 bis 12,50 Mark: Streng feste Preise ♦ Reelle Bediennng. Allen Freunden und Bekannten teilen wir hierdurch mit, daß die Vecrdigiiug meiner lieben Frau, unsrer lieben Schwester ■Walkni'xa Pähl, geb. Paephe, am Soiintagnachuiittag 2 Uhr oon der Leichenhalle des St. Philipp- und Apostel-Kirchhoss, Müllerstraße(Ecke Seestraße), aus stattfindet. Die Hinterbliebencii. Charlottenblirg. Da es uns unmöglich ist, für die vielen erhebenden Beweise herzlichster Teilnahme persönlich zu danleii, sprechen wir hiermit allen, die nnsrer teuren Dahingegangenen die letzte Ehre erwiesen, unsren innigsten Dank ans. 20. Juni 1902. 4424L Ernst Schmiedel _»ud Familie. Danksagung. Sage hiermit allen Bekannten, Kollegen und Genossen des 6. Berliner Reichstags-Wahlkreises, dem Metall- arbeiter-Berband, den Mitgliedern der Freien Hilfskasse der Wagenbauer, sowie den Chefs der Finna Lauten- ichläger ftir die Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben, guten Mannes innigsten Dank. Die trauernde Witwe Louise Fletsch nebst Kindern. Lebmanns Familien- Restaurant 101-103. elle-Alltance, zu kleinen Friedrichstr. 16.— Lindenstr, Innerhalb der Haudelsstätte Prillisttleli-, Mittag- nnd Abendtlscli zu kleinen Preisen. (Damen separat.)[4296S* Jeder Zeit: Musikalische Unterhalt»»!).— S franz. Billards. Zimmer für Vereine und Versammlungen bis 200 Personell. Keiitral-Krnilkeil- n. Sterbe- Asse lltr Tischler u. andrer gewerblicher Arbeiter. (E. H. 3, Hamburg.) (Filiale Berlin P.) Sonntag, den 22. Juni, vonnittogs 10 Uhr: Mglieber-BersüMliilg. Tagesordnung: 1. Festsetzung des Gehalts u. Der- gütiguna der Ortsoerwalttmg. 2. Wahl der gesamten Ortsver- waltung und der Beitragsammler 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Regen Besuch erwartet 183/7 Tie LrtSvcrwaltnng. N/B. Am Sonnabend, den 5. Juli, findet für die Invaliden ein grosses Sommerfest in Fröbels Allerlei-Theater(früher Puhl- maiiii) statt. Das Krankengeld wird am Sonn- abend, den 5. Juli, nachmittags 3Vz bis 4Va Uhr, ausgezahlt. D. O. RaWorfer Utile 8 Minuten vom Bahnhos Rahnsdorf und 10 Minuten Vom Müggelsee. Herrlich Im IValcke und am Flleis gelegen. Zu Ausflügen für Vereine und Fahrlken sowie Familien zu empfehlen. Grosser Tanzsaal u. Hallen, 1000 Personen fassend. Gr. Preiskegeln für Herren und Damen. Jeden Sanntag, Dienstag und Freitag:«-«/iMljj. 74b Karl Mnhm. I Preisliste franco. 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Wer sich über diese ruchloseste Graufanikeit unsrer Zeit niiterrichien will, verlange die Flug- blätter des Wettbnndcs gegen Vivi- sellion, welche unentgeltlich versendet werden vom Berliner Tierschutz- verein, Königgrätzerstraße 108. Um gütigen Abdruck wird gebeten. 161b* Gassnian», Brünthalcrstraße 68, Ecke Badstraße, Destillation und Bier- lokal, Vereinszimmer. Telephon III, 7815. 1881b Vereinszimmer Kaufeldt, Markus- straße 47._ 288b* RcchtSbureau. Prozeßbeistand, Eingabengesuche, Raterteilung. Falk, Brunnenstrabe vierzig. 327b Vermietungen. SoDIafstallsn. Schlafstelle Witwe Päpke, Cnvry- straße 3. 3lbb* Möblierte Schlafstelle für Herrn, Grüner Weg 47 bei Schaak. 1106* Schlag, Berlin 80., Mariannen- straße 4, vorn I, vermietet freund- liche Schlafstelle._ 3106 Sander möblierte Schlafstelle, separat, zwei Herren, Oranienstr. 187, Quergebäude II. links. 1150* �rbeitsmarkt. StellengeBiiohe. Blinder Stnhlslechter bittet»in Arbeit. 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Gesperrt sind folgende Werlstätten i Leibe u. Co., Großbeerenstr. 54. Tischler und Maschiiienarbeitcr. Grün u. Hettwig. Gneisenaiistr.44/45. Wegner, Wilmersdors. A. Schulz, Krautstr. 18/19. Scheffler, Petersbnrgcrstr. 77. Emmcluth, Dieffenbadistr. 33. 83/3* Die Ortsverwaltung. ............................. um.........■ Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin Ftir den Inseratenteil verantwortlich: Th.«locke in«erlin. Druck und«erlag von Max Badiug m Berlin Nr. 141. 19. Zahrgllllg. 2. IcilBjt i>ks„Kmw" Kerl« PlksM Freitag. 20. Zum 1902. Prozeß Sauden und Genossen. Achtzehnter Taq. Nach Eröffnung der Sitzung durch Landgerichts-Direktor H e i d r i ch wird die Erörterung der Verhältniffe von Anhalt w Wagner Nachff fortgesetzt. Staatsanwalt Beeck wacht darauf aufmerksam, datz der Eiu tritt der Aktiengesellschast als Kommanditistin bei Anhalt u. Wagner nicht freiwillig, sondern nur ans Drängen der Preußischen Hypotheken-Aktienbank erfolgt zu sein scheine. Er verweist auf eine von Otto Sauden herrührenden Aufzeichnung vom 6. November ISOO, in welcher es heißt:.. daß Anhalt n. Wagner Nachf. der Aktien Berliner Partei-AngelegenheiteZ». Schöneberg. Am kommende» Sonntag begeht der hiesige Wahlverein sein 1Z. Stiftungsfest' in den O b st scheu Lokalitäten, Meiningerstr. 8, bestehend aus Vokal- und Instrumental Konzert, Kinderfackelzug usw.(Näheres siehe Inserat in der Sonntag nummer.) Ein zahlreicher Besuch wäre wünschenswert. Britz. Die Parteigenossen werden ersucht, sich Sonntag früh zu einer F i u g b l a t t- V e r b r e i t u n g, Versammlung betreffend� vollzählig bei Weniger, Wendenstr. 27, einzufinden. Friedrichshagcu. Der Arbeiter- Bild ungsverein abends 9 Uhr, im Lokale des Herr K a s u b k e, Friedrichstr. 61, ab Genosse Dr. Alfred Bernstein spricht über den„Kamp g e g e n d i e V o l k s k r a n k h e i t e n". Da in dem Vortrage ganz besonders auch die ansteckenden Kinderkrankheiten, sotvie Maßregeln zur Verhütung der Ansteckung besprochen werden sollen, dürfte er hervorragendes Interesse bei den Frauen finden, die außer den Mitgliedern hiermit zu recht zahlreichem Erscheinen aufgefordert werden. gesellschaft aufgehalst sind, kann nie und nimmer von der Preußischen hält seine nächste Versammlung am Sonnabend, den 17. Jnni Hypotheken-Aktienbank bestritten werden; die Bücher erweise» das.«—«—f..«.«. Sie würde nur eine„moralische Pflicht" erfülle», wenn sie offen und ehrlich dies erklärte. Der Direktion der Preußischen Hypothekew Bank wird man sagen: Die Preußische Hypotheken-Aktienbank ist„schlau" gewesen, die der Aktiengesellschaft ist„dumm" gewesen, aber in gelvissem Sinne wäre die letztere doch rehabilitiert. Das können wir doch allcrniindestens verlangen I!" Der Angeklagte Otto Sonden erklärt hierzu, daß er damals schon längere Zeit krank war und die Aufzeichnungen nach einer sehr stürmischen Generalversammlung von ihm in h ö ch st e r Er re g u n g geschrieben worden feien. Er müsse dies überhaupt für alle vorgefundenen eigenhändigen Aufzeichnungen, die von seiner Hand herrühren, erklären. Der Vorsitzende lenkt die Verhandlung noch einmal auf die Verluste zurück, ivclche die Aktiengesellschaft bei dem Lnisen-Thcater in Berlin gehabt hat. In diese», Punkte erhebt die Anklage de» Vorivurf, daß diese Verluste in den Bilanzen von 1898 und 1899 als Aktiva erschiene» sind, indem sie einfach der Kreditgescllschaft für Grundbesitz und Industrie zur Last geschrieben tvurden. Es wird über diesen Punkt der Zeuge Franz T i p p e l. ehe- maliger Geschäftsführer der„Kreditgesellschaft für Industrie und Grundbesitz" vernommen. Nach dessen Bekundung hatte die Neue Berliner Ballgesellschaft als Eigentümerin des Luisen-Theater das letztere der Kreditgesellschaft zum Kauf angeboten. Gleichzeitig erhielt der Zeuge die Beivirtschaftung des Theaters als Aufgabe zir gelvicsen. Das Geld dazu erhielt er von der Aktiengesellschaft als Vorschüsse. Das Theater wurde von Jahr zu Jahr besser. Die ersten Jahre wurde init Verlust gearbeitet, da für Bühne»ud Zuschauerraum große Aufwendungen gemacht werden mußten, das letzte Jahr konnte man aber schon sehen, daß das Theater festen Fuß fassen ivürde. Diese sogenannten Verluste seien Vorschüsse gc- wesen, die die Prosperität des Thealers geivährleistcn sollten und deshalb keine Schulden, sondern die Grundlage späterer Gewinne darstellen. Auf Antrag des Staatsanwalts Beeck gelangen dann noch mehrere Briefe, Bricfeutivüife und Zettel zur Verlesung, deren halt von Otto Sauden herrührt. Dieselben stellen' allerlei Be trachtungen über die schwierige Lage an, in welche die Akticngcsell- schafl durch die Verbindung mit Anhalt und Wagner gekouimen, es konnnen auch Andeutungen vor, die darauf schließen lassen, daß die Allgemeine Deutsche Kreditanstalt schon Geld bei A. u. W. verloren ITolmles. Die Stadtverordneten- Vcrsa»«»liiug hatte in ihrer gestrigen Sitzung tvieder ein recht umfangreiches Pensum zu erledigen. Mit der ersten Hälfte wurde sie ziemlich rasch fertig; eine Reihe von Vorlagen wurde nach kurzer Debatte o' ganz debattelos angenommen. Drei S ch u I b a u- E u t w ü r f e führten zu einem kurzen, aber interessanten Rededuell zwischen dem Sprecher der„Alten Linken Stadtv. C r e m e r und dem S t a d t b a n r a t H o f f m a n n. Die Alte Linke" war so gütig, nicht erst die Ueberweifung an einen Ausschuß zu fordern, weil sie die Bauausführung nicht verzögern wolle. Ganz ohne Einwendungen gegen die zu splendide B a u iv e i s e HoffmannS ging es indes auch diesmal nicht ab. Aus Baurat Hoffmanus Autwort klang der Unmut über die Beschräu knngen, die ihm die sparlvütige Mehrheit der Versammlung auferlegt, recht vornehmlich heraus.„Sie haben nur zu befehlen!" rief er in bitterem Tone. Die Eullvürfe tvurden i» der Hauptsache ge- nchmigt, doch ivnrde dem Baurnt aufgegeben, für das Lehrer-Wohn- Haus in der Samariterstraße eine billigere Fayade zu tvählcn. Amüsant tvurde es, als die famose„König Friedrich- Stiftung", die bekanntlich zur Linderung der W o h» u n g s- not diene» soll, an die Reihe kam. Der Magistrat hat sich hier einen gründlichen R e i u f a I l geholt. Die Staatsbehörde verlangt, daß die Stiftung der Aufsicht des Polizeipräsidiuius unterstellt wird. Um diese unbequeme Forderung umgehen zu können, ivill der Magistrat das Statut in einigen Punkte» ändern. Die„Nene Linke" hatte den Antrag gestellt(den der Stadtverordnete Rosenow begründete), nun überhaupt auf die Stiftung zu ver- z i ch t c n. Herr Hugo Sachs trat mit dem unbeabsichtigt komischen Pathos, das ihm eigen ist. für die Erhaltung der Stiftung ein und schalt, daß die„Neue Linke" in dieser Angelegenheit auf der Seite der S o c i a I d e m o k r a t e u stehe. Gcuoffc Singer ........■■----...-...—-......... wies darauf hin, daß dieser, neue Eingriff, zu dem die Staats- haben mülse, bevor die Aktiengesellschaft als Kvnnnnnditistiu eintrat; in bchörde leider gesetzlich berechtigt sei, nur durch de» Mangel an verschiedenen Briefen wird auf die schlechten Zustände bei A.». W. hin- Umsicht ermöglicht worden ist, den der Magistrat in seinem byzan- gewiesen und Sanierungspläne für diese Firma erörtert ec. ic. aus tinischcn Stifinngseifer bekundet hat. Singer schilderte in drastischen diesen Schriftstücken, durch die immer ivieder die Tendenz hindurch- Ausdrücken die beschämende Situati on, in die sich der klingt, daß es darauf ankomme, dem über hundert Jahre lang hoch- Magistrat gebracht hat, und goß eine reichlich genressene. Schale voll 9," Mi—---...........> �pott über die Väter der Stiftung aus. Oberbürgermeister angesehenen Hause A. u. W. wieder die ihm gebührende, Ächtung gebietende Stellnug früherer Zeiten zurückzuerobern, geht auch hervor, daß Otto Sauden ernstlich bemüht war, in den' bei der Firma A. u. W. herrschenden Zuständen Wandel zu schaffen. Einige dieser Briefe sind in sehr energischem Tone abgefaßt, insbesondere ein au den Generalkonsul Schmidt gerichteter, der scharfe und schwere Vorwürfe gegen denselben erhebt. Es wird darüber bitter geklagt, daß dieser ohne Rücksicht auf seine im Jahre 1891 schlver gefährdete Existenz einen absolut unerklärlichen Geldverbranch zeige. Während das Institut, ivelches ihm beigesprnnge» sei, in schwerer Arbeit das Geschäft zu sanieren suche und der einzelne bei dieser Arbeit seine Nerven zerrüttet habe, habe sich der Adressat um alle die schwierigen Dinge gar nicht gekümmert, sich nicht die leiseste Mühe gegeben, die nötigen Auf- klärungeu zu schaffen, auf der andren Seite aber verbrauche er Iveit über sein schon bedeutendes Einkommeir hinausgehende Summen, es würden fort und fort nicht zu billigende Geschäfte gemacht und leichtsinnig Kredit gewährt. Es wird dann ganz kategorisch dem Adressaten untersagt, in seinem„noblen Geldvcrbrauch", den ein Richter im Ernstfälle als„Vergeudung" bezeichnen ivürde, fort zufahren, und von ihm verlangt, unter keinen Umständen mehr zu entnehmen als ihm kontraktlich zustehe. Nach der Bekundung des Angeklagten Otto Sauden ist dieser Brief nicht abgeschickt worden. Es sei nur ein Enttvnrf, den er in einer trüben Stunde aufgesetzt habe. In einer Reihe zusammenhängender Notizen des Angeklagten Otto Sande» werden betvegliche Klagen erhoben über die heillose Wirtschaft, in welche die Aktiengesellschaft durch die Transaktionen mit Anhalt u. Wagner hineingedrängt worden sei. Der Generalkonsul Schmidt habe sie völlig im Unklaren gelassen über die ivahmvitzigen Unter- nehmungen, in ivelche sich seine Firma durch einen Abenteurer habe hineinziehen lassen, nachdem aber die Gefahr(Staatsantvalt) beseitigt ivorden, wurde lustig weiter gewirtschaftet und Geld über die Maßen für den persönlichen Verbrauch ausgegeben. Es sei ganz unbegreiflich, wie Menschen, die aus einfachen Ver- Hältnissen hervorgegangen, einen so kolossalen Aufwand treiben können ze. zc. Diese klagenden Betrachtungen kehren auf verschiedenen Notizen wieder und spitzen sich zu heftiger Kritik über die„vertragsividrige und unerhörte" Geschäfsführnng der beiden persönlich haftenden Gesellschafter zu, die„große Summen in ganz unentschuldbarer Weise festgelegt hätten und in leichtsinniger Kredit- geivährnng das Menschenmögliche leisten"., Der An gell. Otto©ml den erklärt, daß diese Briefentwürfe nnd Notizen die Produkte schwer überreizter Nerven seien; er sei damals krank aus Marienbad zurückgekonimen und habe die Dinge übertrieben trübe angesehen. Er habe 19 Wochen in die Kalttvasser-Heilanstalt gehe» müssen. Thatsächlich sei er iminer der Ansicht gewesen, daß das alte Baukhatls Anhalt n. Wagner, welches immer brillant reüssiert habe, auch in Zukunft reüssieren werde. Seine Meinung sei geivesen, datz das Betriebskapital gegen- über der Ausdehnung des Geschäfts zu klein ivar und vergrößert iverden niußte. Er und sei» Bruder Eduard Sauden hätte» die Finna Anhalt u. Wagner für so gut gehalten, daß sie beide de» Plan crivogen, noch eignes Kapital einzuschießen. Hier ivird die Verhandlung abgebrochen. Der Vorsitzende spricht bei Erörterung der weiteren geschäftlichen Behandlung die Hoffnung aus, daß er bis zum Sonnabend über acht Tage die Beivcisaufnahme werde zu Ende bringen können— vorausgesetzt, daß die Taxatoren bis dahin mit ihren Gutachten fertig sind. Um de» Bücherrevisoren Zeit zu einigen erforderliche» Fest- stellungeu zu lasse», soll Freitag und Sonnabend keine Sitzung statt- finden. Die nächste Sitzung wird auf Montag, 9 Uhr, anberaumt. über die Väter Kirschner suchte natürlich die Stiftung zu rette», aber auch er schien so etwas wie Beschämung zu empsindeu. Erst versuchte er es mit dem Galgenhumor— er zählte lachend die paar Bettelpfennige auf, um die das wohlthätige Berlin die zur Linderung der Wohnungsnot bestimmte ganze Million erhöht hat— hinterher aber spielte er den Entrüsteten. Das Kind, d. h. die Stiftung, sei kein totgeborenes gewesen, es sei gleich nach der Geburt von den Gegnern totgeschlagen ivorden. Es sei so schlecht gemacht worden, daß kein Mensch einen Heller da- siir habe hergeben wolle». Nach längerer Debatte, zu der auch Herr ' u g o S a ch s wieder einen komischen Beitrag spendete, wurde das „gleich nach der Geburt totgeschlagene Kind" noch einmal zum Leben erweckt. Der Antrag auf Beseitigung der Stiftung wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt, die Magistratsvorlage mit ebenso knapper Mehr- heit angenommen._ „Gute Fortschritte"—? „Die Berliner G c m e i n d e s ch u l e n haben im letzte» Jahre gute Fortschritte gemacht." Mit diesem Satz beginnt ein freisinniges Blatt eine Mitteilung über die gegenwärtige Frequenz der Gemeindeschulen, aber was dann als„Beivcis" für die bc- hanpteten„guten Fortschritte" angeftihrt wird, das ist herzlich tveiiig und steht in argem Mißverhältnis zu der so verheißungsvoll klingenden Einleitung. Nach der statistischen Aufnahme vom 18. Mai bestehe» in dem laufenden Sommerhalbjahr 288 Genicindeschulen niit 4496 Klassen. Die Zahl der fliegende» Klassen soll von 63(im letzten Winter) auf jetzt 24 heruntergegangen sein. Diese Verminderung ist ganz geiviß der Beachtung lvcrt; aber Ivir fürchten, daß der Rück gang, wie leider schon öfter, nur vorübergehend sein und daß das Winterhalbjahr eine erneute Zunahme der fliegenden Klaffe» bringen tvird. Zu Ostern find sechs neue Schnlhänser in Benutzung genommen ivorden, so datz ein Teil der fliegenden Klassen eigne Räume erhalten konnte, zu Michaelis aber soll nur ein einziges neues Schulhaus fertig iverden. Uebrigens dürfte die Zahl der fliegenden Klaffen thatsächlich auch jetzt noch höher sein als 24. Seit einigen Semestern werden nämlich in diesen Frequenzstatistiken diejenigen Klassen, die in Aulen einquartiert sind, nicht mehr als fliegende" gezählt. Im letzten Winter waren noch 19 Klassen in Aulen untergebracht(so daß nicht 63, sondern»liiidesteiis 73 fliegende Klassen vorhanden ivaren). Wie viel es in diesem Sommer sind, lvissen wir natürlich nicht. Hoffentlich haben die Fälle, in denen eine Aula als Klassenzimmer benutzt werden muß, sich nicht in zivischen noch vermehrt. Die Zahl der am 18. Mai eingeschult gclvesenen Kinder ist 212 144. Darunter sind 198 493 Knaben und 196 741 Mädchen. Her- vorgehoben wird, datz die durchschnittliche Besetzung einer Klasse nur noch 48 beträgt nnd seit mehr als 19 Jahren (1891 ivar sie noch rund 68) ununterbrochen gesunken ist. Das hinderte natürlich nicht, daß man in die untersten Klassen nach wie vor bis 69 Kinder hineinsteckte. Wenn die. Frequenzstatistik den Stadtverordneten im Druck zugegangen sein wird, iverden wir uns mit diesem Punkt vielleicht noch näher beschäftigen. Auch die Thatsache, daß die Zahl der unbesetzt g e- bliebenen Plätze sich gegenwärtig auf rund 6 pro IKlasse be- läuft, kann uns nicht imponieren. Das sind eben inimer nur Durch- schnitte, die über die Verhältnisse dex einzelnen Klassen nichts sagen. Noch immer sind viele Klasse» bis auf das letzte Plätzchen voll- gepfropft. Ob auch diesmal wieder, wie in den früheren Jahren, in maiichen Klaffen sogar mehr Schüler sitzen als nach� der Vorschrift darin sitzen dürfen, das wird.sich zeigen, wenn die Statistik im Original vorliegt. Wir fürchten, daß die„guten Fortschritte", die gemacht sein sollen, im wesentlichen n»r in der Phantasie jenes frei- sinnigen Blattes bestehen._ Die HlMdesperre soll am 24. Juni ihr Ende erreichen. Voll Furcht und Hoffnung wird dieser Tag von Hunden und Hunde- besitzern herbeigesehnt. Denn immer schivebt ob ihren Häuptern das Damoklesschivert ciues neuen Falles von scheinbarer oder ivirklicher Tollwut, der durch die ganze Rechnung tviederum auf ein Vierteljahr hinaus einen dicken Sirich machen könnte. Und leider muß man sagen, daß das Gefühl der Furcht in diesen, Falle über- wiegt, daß es nicht ganz unbegründet ist, Ivos da in internen Kreisen von einem' geivisse» Zusammenhang zwischen der hohen Politik und der T o l I>v u t geraunt wird. Die Acra des Zickzackkurses ist auch hier niit einer Ueberraschung gekommen. Jeder gebildete Deutsche von guter Gesinnung kennt und ver- ehrt den Reichspudel. Dies an sich gemütvolle Tier hat, wie alle Gottesgeschöpfe, auch seine unwirschen Einfälle. Er ist intelligent wie ein moderner Herrenmensch, iveiß mit feinem Geruch den Frack vom Arbeitskittel zu unterscheiden und richtet danach an guten wie an bösen Tagen sein Verhalten ein. An guten Tagen straft er den Proletarier mit Nichtachtung, ist ihm aber etwas ivieder den Strich gegangen, so geht er gegen Menschen, die ihrer Herknuft und Erziehung nach zur Rotte gehören müssen, auch einmal aggressiv vor. Dies mußte zu seiner Ueberraschung der Möbelpolierer Müller aus der Skalitzerstraßc erfahren, als er am Mittwoch voriger Woche im Reichskanzlerpalais arbeitete. Während der Mittagspause erging der Arbeiter sich im Park. Schnurstracks rennt der Reichspudel auf die vorübergehende Erscheinung los und beißt den Mann so ingrimmig, daß ihm Hörei, und Sehen vergeht. Die Gräsin! Bülow sucht das Vieh zn besänftigen, entschuldigt sich bei dem Arbeiter und giebt ihm ein Schmerzensgeld von 29 M. Der Möbelpoliercr ist aber trotzdem seines Lebens noch nicht wieder froh geworden; die Bißwunde hat sich sehr verschlimmert und die mit Umsicht und Un- Parteilichkeit waltende Polizei, die von dem Fall erfahren, will nun den maulkorblos gelassenen Reichspudel der tierärztlichen Kontrolle unterstellen. So kann es kommen, daß durch die Schuld dieses Tieres die Hundesperre abermals auf ein Vierteljahr verlängert wird. Liberale Objektivität. Vom Verbandsvorstande der in Ge- meindc-Betrieben beschäftigten Arbeiter erhalten wir folgende Zu- schrift: In einer Notiz über die gewerkschaftliche Bewegung der städtischen Arbeiter leistet sich die„Voss. Ztg." einige Aeuhernngen, welche so recht zeigen, wie die freisinnige Presse über die Arbeiter- bewegiing unterrichtet ist. Es heißt da u. a.: Die Bewegung unter den städtischen Arbeitern zum Anschluß an die socialdemokratischen Organisationen Iverden mitHoch druck betrieben. Alle Mittel werden versucht, um die Gasarbeiter, Straßenreiniger, die Parkarbeiter und die bei der Kanalisation und in andren städtischen Betrieben beschäftigten Personen für die socialdemokratischen Verbände zu gewinnen. Gestern abend fand nun eine von freisinniger Seite einberufene sehr' gut besuchte öffentliche Versammlung der Straßenreiniger statt, in der nach einem Vortrage des Abg. Goldschmidt der Stadt- verordneteu-Versammlung und dem Vortragenden ein Ver- t r a u e ns v o t u m ausgesprochen wurde. So viel Zeilen, so viel Unrichtigkeiten! Was heißt das:„alle! Mittel w e r d e n versucht"? Will etwa die„Voss. Z t g." ihre Leser mit diesen an gewisse Gewaltmaßregeln erinnernden> Worte»„graulich" machen? Wir keimen und haben keine andren Mittel als die uns durch die winzigen socialpolitische» Gesetze gewähr- leisteten: durch das Recht der Vereinigung, in Versaminlunaen zusammenzukommen und uns an der Hand der massenhaft in den tädtischeu Betrieben vorhandenen Mißständen die geradezu selbst- verstäudiiche Pflicht des Zusammenschlusses klar zu machen. Und darin liegt das Geheimnis des Erfolges. Würden die Herren im Magislrakskollcgiums, würde insbesondere die liberale Mehrheit im Stadlparlamciit verstehen. den berechtigten Forderungen der städtischen Arbeiter Rechnung zu tragen, wir hätten es schwerer, diese Arbeiter in den„socialdemokratischen" Verband hinein- zubringen. Deshalb wird mit Hochdruck gearbeitet; aber die bisher chon in diese»! Verband organisierten Gasarbeiter, Park- nrbeiter, Kanalisationsarbeiter zc., werden sich durch diesen Wauwau nicht im geringsten beirren lassen. „Weiter entspricht es nicht den Thatsache», wenn behauptet wird, daß eine von freisinniger Seite einberufene öffentliche Versammlung dem Abg. Goldschmidt ein Vertrauensvotum ausgestellt hat. Diese Ver- 'ammluug tagte unter vollständigem Ausschluß der Oeffeutlichkeit. Jeder Einlaß Begehrende wurde auf Herz und Nieren auf seine Echt« heit als Mitglied und Straßeureiuigcr hin geprüft. Wir hatten acht Tage vorher in der breitesten Oeffeutlichkeit getagt, und trotzdem jene geistigen Leiter eine Ueberrumpelung versuchten, erhielten wir; auf eine Abstimmung hin die Zustimmung der großen Mehrheit zu; dem Vortrage und auch zu der sich gegen die Zugeständnifse des l Magistrats wendenden Resolution. Worin besteht das Wesen der dentschcu Bildung? Diese schwierige Frage hat der„L o k a l- A nz e i g e r". dem das deutsche Volk schon so nianche kulturelle Großthat verdankt, überraschend glücklich beantwortet. Nach dem Scherlsche» Blatte ist, soweit das Kriterium der Bildung in Betracht kommt, von der Kenntnis der philosophischen Systeme und ähnlichem Zeug nichts zu halten; auch> in das Wesen der Volkswirtschaft braucht ein Musterdeutscher— und das ist jeder aufrichtig zahlende Abonnent des„Lokal-Anzeigers"— nicht im geringsten einzudringen. Ja selbst die rein formale Bildung, die auf unsern Schulen dem Pennäler eingepaukt wird, ist minder-, wertig und bedenklich, schon deshalb, weil sie trotz alledem in! stillen Stnnden zum Laster des Nachdenkens anregen könnte. lind wer diesem Laster einmal verfallen ist, der köuuto in Versuchung geraten, den„Lokal-Anzciger" abzubestellen. Deufche Bildung und deutsches Wissen haben sich daher andre Gegenstände inniger Betrachtung zu suchen und diese Zielobjekte sind Gott sei Dank jedem der nur lernen will, nahe genug gerückt. Man höre nach einer B r i e f k a st e n n o t i z' des ,', Lokal- Anzeiger" vom Mittwoch, was der Nornialdeutsche unbedingt wissen muß: G. H. Nachgerade gehört für einen Berliner ein seltenes Maß von Schlummerköpfigkeit dazu, nicht zu wissen, daß unser Kaiser vor seinem Regierungsantritt Generalmajor und Kommandeur der 2. Garde-Jnsanterie-Arigade war. Diese seine Brigade führte er am 29. Mai 1888 im Schloß- park zu Charlottcnbnrg ihrem obersten Kriegsherrn, seinem tot- kranken kaiserlichen Vater vor, und zur Erinnerung pflegt er sie alljährlich unter seinem Komniando zu exerzieren. Ein ans- gewachsener Berliner, der davon noch nie gehört hat, kann sich f ü r G e l d sehen lassen. Die Berliner Bevölkerung, vor alleni die arbeitende, wird in ihrer Mehrheit, sie mag wollen oder nicht, zerknirscht gestehen müssen, daß sie von den im„Lokal- Anzeiger" mitgeteilten Daten keine blasse Ahnung hatte. Mit dieseni leidigen Eingeständnis wird ihr hoffent- lich inne werde», wie sehr sie sich auf dem Holzwege befindet, wenn sie überhaupt glaubt, daß ihr so etwas wie Bilduugsstreben eigen ist. Abholnng von Eil- und Frnchtstürkgut aus den Woh- nuugeu. Mit Rücksicht darauf, daß viele Reisende ihr Gepäck als Eil- oder Frachtgut in die Bäder oder Sommerfrischen voraus- schicken, eine Einrichtung, welche sich wegen Zuverlässigkeit und Billigkeit empfiehlt, hat die kgl. Eisenbahndirektiou jetzt für s ä m t- lich e Berliner Bahnhöfe amtliche R o ll f u h r- U n t e r n e h m er bestellt, welche die Abfuhr des Reisegepäcks von den Wohnungen nach den Bahnhöfen und umgekehrt zu mäßigen Tarifsätzen aus- zuführen haben. Für den Anhalter Bahnhof besorgt dieS das Transport- Comptoir der vereinigten Spediteure auf dem Anhalt- Dresdener Bahnhofe; für den Hamburg-Lehrter Bahnho das Transport- Comptoir ustv. daselbst, für den Stettiner Bahnhof die Spediteure Licht u. Dafenhofer, Bergstraße 41/42; für den Schlesichen Bahnhof die Berliner Speditions- und Lagerhaus-Aktiengescllschaft, Kaiserstr. 39/41; für den P o t s d a m e r, G ö r l i tz e r und O st- B a h n h o f der Berliner Spediteurvercin, Blücherplatz t. Der Auftrag zur Abholung erfolgt am zweck- mäßigsten durch die an den Bahnhöfen und in zahlreichen Geschäften erhältlichen A n m e l d e k a r t e n, Ivelche unentgeltlich verab- folgt und uv frankiert aufgegeben werden; in diese Karten ist die Zahl der Frachtstücke, ihr ungefähres Gewicht und die genaue Adresse des Absenders einzutragen. Die Abholung kann auch mündlich oder schriftlich oder tclcphonisch bei den Güterabfertigungs- stellen, dem Auskuuftsburean(Alexauderplatz) oder bei den Bahn- speditenren beantragt werde», welch' letztere besondere Fernsprcch« nnschlüsse(„für Angelegenheiten als bahnamtliche Rollfuhr-Uuter- lichineu") haben. Die Abholung der angemeldeten Güter erfolgt gegen Empfangsbescheinigung spätestens innerhalb 10, bei Eilgut innerhalb 6 Geschäftsstnnden nach Eingang der Anmeldung bei der Eüter-Abfertignngsstelle oder dem Bahnspediteur. Elektrische Schnellbahnen. Die Studiengesellschaft für elek- irische Schnellbahnen hat ihre Versuche heute wieder aufgenommen. Mit dem Wagen von Siemens u. Halske wurde im vorigen Jahre auf der Militärbahn bekanntlich eine Geschwindigkeit von 160.2 Kilometer erreicht. Ehe diese Schneüigkeit noch mehr gesteigert wird, soll der Oberbau verstärkt tverden. Inzwischen haben Siemens u. Halske eine Schnellbahn-Lokomotive konstruiert, die auf einer ganz neuen Anordnung beruht. Bei der neuen Lokomotive wird der Arbeitsstrom in seiner ursprünglich hohen Spannung ohne Um- formung in die Motore geschickt. Motore mit einer derartigen Spannung sind ein vollständiges Novum. Die große Geschwindigkeit ' der Motore wird bei der neuen elektrischen Lokomotive durch eine geeignete Zahnradiibersetzung entsprechend verringert. So ist die Schnellbahn-Lokomotive jetzt für eine Geschwindigkeit von 100 bis 120 Kilometer eingerichtet. Diese elektrische Lokomotive ist dazu de- stimmt, ganze Züge zu befördern. Vorläufig tverden Versuchsfahrten mit der Lokomotive allein gemacht. Wer verfälscht die Milch? Die„Berliner Zeitung" schreibt: Wieder ist ein Landwirt bei dem unsauberen Gcichäft der Milch- pautscherei ertappt worden. Ein Milchhändler in Spandau, dessen Lieferant ein Bauer in den Weinbergen ist, hatte seit einiger Zeit wahrgenommen, daß die Milch sehr stark verwässert war. Um die Ursache zu ermitteln, versteckte er sich eines Tages in der Nähe der Wirtschaft des Bauern zugleich mit einem Zeugen derart, daß sie unbemerkt das Gehöft des Landmaunes beobachten konnten. Sie sahen dann, daß die Bauernfrau kurz vor dem Melken mit einem großen Einier voll Wasser in den Kuhstall ging. Von der hiernach gelieferten Milch wurden nun polizeilich Proben entnommen und dem Chemiker Dr. Jeserich in Verlin zur Uvtersuchung gesandt. Es wurde dabei erheblicher Wnsserzusatz festgestellt. Gegen den Milch- Verfälscher ist nunmehr das Strafverfahren eingeleitet. Krankcnkasscnkrach. Das Polizeipräsidium macht bekannt, daß die„Eiche", Allgemeine Deutsche Volks-Kraukenkasse, eingeschriebene Hilfsknsse Nr. 130 hier, die im Jahre 1898 gegründet ist,' sich durch Beschluß der außerordentliche» Generalversammlung vom 9. Juni 1902 Wege» Zahlungsunfähigkeit aufgelöst hat. Mit der Abwicklung der Geschäfte der aufgelösten Kasse ist durch Beschluß der General- Versammlung der Justizakiuar a. D. Albert Hauser, dlO. 18, Palli- sadenstr. 76 II, betraut worden; der Geschäftsraum des Liquidators befindet sich vorläufig im alten Kasscnlokal, KO. 55, Prenzlauer Allee 36 I. Unterstützungsansprüche gegen die Kasse sind ausschließlich bei dem gennimten Liquidator geltend zu niachen, an ihn auch alle auf die Kasse bezüglichen Aufragen zu richten. Mit IKOO Mark brannte gestern der 33 Jahre alte Schlächter- geselle Heinrich Berge seinem Meister durch. Der Ungetreue, der das Geld einem Geschäftsfreunde des Meisters überbringen sollte. stammt ans Osterburg, ist 1,65 Meter groß, hat graue Äugen und schielt auf dem rechten, blondes Haar und Schnurrbart und trug zuletzt einen braunen Jnckettanzug. UngeniestbarcS Leitungswasser erhalten seit einigen Tagen die Bewohner der Straße XI. Das aus den Müggeliverken stammende Wasser zeigt eine schmutzig gelbe Farbe und verbreitet einen starken unangenehmen Gemch, der auch den init diesem Wasser zubereiteten Speise» anhaftet. Der Geschmack der Leitungsflüssigkeit ist teerartig. Da die beteiligten Häuser keine Brunnen haben, sind deren Bewohner genötigt, sich Wasser ans dem benachbarten Pankow zu holen. Binnen sechs Wochen soll diese Verunreinigung schon zum zweitenmal eingetreten sein. DaS Polizeipräsidium teilt nüt: In verschiedenen Blättern wird die Wiederaufnahme der polizeilichen Ermittelungen i» der Löffler scheu Mordsache nach einer besonderen durch die Schtourgerichtsverhandlung angeregten Richtung gemeldet. Diese Nachricht ist völlig erfunden. Der Gang der gerichtlichen Ver- Handlungen hat ebensowenig ivie das gesamte Vorverfahren für die Strafverfolguugsbehördeu Momente ergeben. Ivelche geeignet wären, den Verdacht der Thäterschnft oder Milwissenschast auf irgend eine andre Person als den unter Anklage gestellten Thomaschke zu lenken. Selbstmordchronik. Durch drei Schüsse in den Kopf versuchte sich gestern morgen die 50 Jahre alte Witwe des Mufikstistrumeuten- machcrs E f f u e r in der Blumeustraße 77 zu töten. Die Frau kann den Verlust ihres Mannes, der im April d. I. starb, nicht verwinden und grämte sich von Tag zu Tag mehr. Dazu kam, daß ihr die Leitung ihrer Fabrik, in der 16 Ärbcitcr beschäftigt sind, zu schwer wurde,' obwohl ihr 17jähriger Sohn ihr bereits zur Seite steht. Gestern erhielt Frau Essner den Besuch einer Bekannten, deren Sohn sich erschossen hat, und die ihr den Selbstmord in seine» Einzel- Helten schilderte. Heute morgen griff sie selbst zum Revolver, schoß sich oberhalb der rechten Schläfe dreimal in den Kopf und ver- wundete sich lebensgefährlich. In hoffnungslosem Zustande wurde die Iluglückliche mit ciiicin Rettinigswageii nach der königl. Klinik gebracht.— Durch einen Sturz aus dem Fenster hat sich gestern früh der 34 Jahre alte Handlungsgehilfe Max Richter aus der Köpnickerstr. 112 getötet. Richter, der auS Dresden stammte und zuletzt in einer Maschinenfabrik in der Brunnenstraße beschäftigt war, trank in der letzten Zeit und war dem Säuferwahnsinn nahe. Schon seit acht Tagen ging er nicht mehr ins Geschäft. Nachdem er seine Wohnung in der' Fischcrstraßc wegen Mietsschnlden hatte räumen müssen, bezog er gestern unchmittag bei einer Witwe in der Köp- nickerstr. 112 im 3. Stock ein möbliertes Zimmer. Nachdem er hier die Nacht hindurch phantasiert hatte, stürzte er sich heute morgen kurz nach 4 Uhr kopfüber aus dem Fenster auf den Hof hinab, wo er mit zertrümmertem Schädel tot liege» blieb. Die Revierpolizei, die von Hausgenossen benachrichtigt wurde, beschlagnahmte die Leiche und ließ sie nach dem Schauhause bringen. Nrbcitorrisiko. In der Nackit vom Dienstag zumf Mittwoch stürzte der Fensterputzer Franz Conrad beim Abwaschen eines Hauses in der Waldemarstraße in der Höhe von fünf Etagen von der Leiter herab. Der Tod trat sofort ein. Die Arbeit wurde im Auftrage des Rcinigungsinstituts von Nelken ausgeführt. Gegen daS am Mittwoch gefällte Erkenntnis der siebenten Strafkammer des Landgerichts 1, wonach der Redacteur Karl S ch n c i d t wegen Beleidigung der Lieutenants v. G o ß I e r und v. K e ß l e r zu drei Wochen Gefängnis verurteilt wurde, ist seitens des Verteidigers, Rechtsanwalts Dr. Halpert, Revision«ingelegt worden. Verbrüht. Die Frau deS Schuhmachers Fechner ans der Schönleinstraßc Nr. 4 hatte vor acht Tagen Wasser gekocht, um zu waschen. Als sie den Behälter von der Maschine nahm, entglitt er ihren Händen und sei» Inhalt traf ihre beiden Kinder, Knaben von 3 und l1/« Jahre», die neben der Masckine auf dem Kohlenkasten saßen. Der ältere kam mit leichteren Verletzungen am Kopse und Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in S an beiden Armen davon und ist jetzt fast wieder hergestellt, der jüngere dagegen wurde am ganzen Rücken so schwer verbrüht, daß er jetzt im Krankenhause starb. Abficht oder Versehen? In einem Pensionat in der Link- straße 12 wohnte seit Montag ei» ungefähr 40 Jahre alter Musik- Professor Graziaui, der viel über Schlafloflgkeit klagte. Als ihm gestern, Donnerstag, morgen die Psörtnerfraü, die in dem Pensionat bedient, den Kaffee bringen wollte, fand ste ihn bewußtlos im Bette liegen. Graziani hatte abends vorher zu viel von einem Schlas- pnlvcr genommen. Ein Arzt rief ihn nach einstiindigem Bemühen ins Leben zurück und ließ ihn mit einem Rünzelschen Rettungs- wagen in ein Krankenhaus bringen. Feuerbericht. Donnerstagvormittag gegen 11 Uhr wurde die Wehr nach der Köpnickerstr. 112 gerufen. Hier war auf noch nicht ermittelte Weise in dem Keller der Fabrik für Baubeschläge, Schrauben zc. von Bruno Mädler Feuer ausgekommen. Starke Ver« qualmnng machte sich geltend, doch konnte die Wehr in kurzer Zeit die Flammen mit einer Schlauchleitung ersticken. Mittwochnachmittag war in der Wiem-rstr. 4ä beim Theeren eines Daches ein Brand entstanden, dessen Ablöschung indes auch bald erfolgen konnte. Gegen 5 Uhr gingen in der Birkenstr. 10 Gardinen und Kleidungsstücke in einer Wohnung in Flammen aus. Einen ähnlichen Brand hatte die Wehr abends 10 Uhr in der Prinzen-Allee 71 abzulöschen. Kurz darauf war in der Frankfurter Allee 64 in einem Grünkramgeschäft ein Feuer entstanden, das jedoch noch im Entstehen beseitigt werden konnte. Außerdem hatte die Wehr in der Zwischenzeit noch Alarmicruiigen von der Gerichtstraße 56 und der Barntherstraße 16 zu verzeichnen, die aber auf unbedeutende Anlässe zurückzuführen waren. Aus den Nachbarorten. Der Fall Kuiffe in Wilmersdorf. In der Strafsache gegen den des Verbrechens im Amte beschuldigten Gemcinde-Kassenrendanten K n i s s e aus Wilmersdorf wird am 30. Juni vor dem Schwur- gericht des Landgerichts ll die Hanptverhandlung stattfinden. Rechts- anwalt Victor Frön kl hat die Verteidigung übernommen. Zur Frage deS Schönrbcrger Krankcnhausbaueö schreibt man uns: Schweigen herrscht überall. Im Gegensatz zur Kranken- Hausdeputation, die mit anerkennenswertem Eifer die Arbeiten ge- fördert hatte, hat der Magistrat sich in tiefes Dunkel gehüllt und den Beschluß der Stadtverordneten- Versammlung, die das im- wesentlich veränderte alte Projekt nahezu cinstiminig votiert hatte, Beschluß sein lassen. Sollte die oberste Behörde wirklich an ihrem ebenfalls nahezu einstimmig abgelehnten neuen Projekt festhalten wollen? Fast scheint es so, denn wie wir aus authentischer Quelle erfahren haben, ist der Magistrat dem Stadtverordneten- Beschlüsse nicht beigetreten. Eine solche Kommunalpolitik, die die wichtigsten Bedürfnisse einer so großen Gemeinde außer acht läßt, ist uni so mehr zu verurteilen, als die Frage des Krankcnhansbaues für Schönebcrg eine brennende geworden ist und die rechtzeitige Fertigstellung bis zum November 1904 nicht außer Zweifel steht. Hoffentlich bringt die von nnsren Genossen im Stadtparlament ein- gebrachte Interpellation Licht in diese Sache! Charlotteuburg. I» der Stadtverordneten-Ver- a m m l u n g wurde die Weigerung der Direktion der Großen Berliner Straßenbahn, eine wesentliche Aenderung der Verhältnisse am Zoologischen Garten herbeizuführen, sehr abfällig besprochen. Der Berkehr dort ist geradezu lebensgefährlich; die Gesellschaft er- klärt aber, daß die Anwendung des Schleifen- bezw. Ringbahn« ystems für die dort endenden und sich kreuzenden Bahnen nicht möglich sei; nur für die Linie Landsberger Allee— Zoologischer Garten will sie darauf eingehen. Die Stadtverordnctcn-Bersaminlnng sprach in einer Resolution aus, daß die Straßenbahii-Gesellschaft eventuell durch die Polizei zu einer Aenderung gezwungen werden müsse. Ileberhanpt wurde der Mangel jedes Entgegenkommens seitens der vereinigten Straßenbahn-Gesellschaften dein Publikum gegenüber scharf gerügt. Am Brandenburger Thor z. B. müssen täglich taufende von Personen umsteige», darunter hunderte, welche mit den dortigen Verlehrsverhältnissen nicht vertraut sind; daß diese zurechtgewiesen werden, scheint die Direktion nicht als in den Kreis ihrer Aufgaben fallend zu erachten. Eine sehr lange Debatte rief die Kämmcrerfrage hervor. Der Magistrat hatte beantragt, eine neue Stelle für einen Kämmerer zu schaffen. Der hierfür eingesetzte Ausschuß beantragte Vertagung der Eni- scheidniig. bis eine Reihe von Anregungen, die er zur Vereinfachnng des Geickäftsganges und zur Enllastnng der beiden Bürgermeister gab, erledigt sei. Nach zweistündiger Diskussion, in welcher der Ober- bürgeruieister lebhaft für sofortige Bewilligung des Kännucrers ein- trat� wurden die Ansschußanträge angenommen. Die feierliche Grundsteinlegung zun» RathanS-Nenban in Charlottenbnrg fand heute vormittag 11 Uhr auf dein festlich geschmückten Bauplatz an der Bcrlinerstraße statt. Neu-Wcistensee. Die letzte Gemeindevertreler-Sitzung faßte den Beschluß, im Laufe dieses Jahres die Gürtel- und Elsaßstraße neu pflastern zu lassen, während die Fricdrichstraße einer Uni- Pflasterung unterzogen werden soll. Der von den Arbeitrrvcrtretcrn gestellte Antrag, diese Arbeiten in eigener Regie ausführen zu lassen, wurde abgelehnt. Charakteristisch war der Ausspruch deS bürgerlichen Vertreters S w o b o d a, daß man mit allen andern Arbeite» in eigner Regie anfangen solle, nur nicht init Steinsetzer- Arbeiten, denn hier sei eine Kategorie von Arbeitern beschäftigt, mit denen schlecht n in z n g e h e n wäre. Ein Erlaß eines Orts- st a tuts betreffend die Anlegung und Unterhaltung von Bürger- st e i g e n wurde angenommen; eS soll nach Genchmiguiig des Kreisausschusscs mit der Regulierung der Bürgersteige in allen Straßen des OrteS nach und nach begonnen werden. Die Kosten tragen zu S/* die Eigentümer, während Ve die Gemeinde zahlt.— Der von nnsren Genossen wiederholt gestellte Antrag auf Errichtung von Bedürfnisanstalten fand diesmal insofern Aufnahme, als er der Straßenbau-Kommissio» überwiesen ivurde, diese soll nach geeigneten Plätzen Umschau halten. Ans Lichtenberg schreibt man un»: Der Kommiffar der Orts- Krankenkasse, Herr Kanffinann, der zugleich Angestellter der Kasse ist, verläßt sich auf seine Protektoren. Nach§ 52 des Statuts der Kasse muß binnen 14 Tagen eine außerordentliche Generalversammlung eilibernfen werden, wenn ein Fünftel der Delegierte» dies unter Angabe des BeratuiigSgegenstandes beantragen. Dreißig Delegierte stellten am 31. Mai einen solchen Antrag, der Herr Kommissar rührte sich aber nicht. Ergangen ist eine Beschwerde an die Aufsichtsbehörde, an einen Erfolg glaubt hier niemand mehr. Die Zahl der Mitglieder der Generalversammlung beträgt 75. Fünf Mandate sind erledigt; diese neu zu besetzen, bemüht sich inzwischen der Herr Kommissar. Am Freitag, den 20. d. M.,»achmittagS von 3 bis 8l/s Uhr, sollen die Arbeiter, die in Gemcüidcbetricben beschäftigt sind, einen Delegierten wählen. Zur ganzen Affaire noch dieseS I Welcher Arbeiter kann wohl nach- mittags von 3 bis 3'/z Uhr im Ratskeller fein? Die in allen Hand- werksbetrieben beschäftigten Mitglieder sollen um 7 Uhr ebendort und die in„sonstigen Betrieben deS stehenden Gewerbes"(gewiß recht klar ausgedrückt; jedes Mitglied wird nun wissen, ob cS wählen soll oder nicht!) um 8 Uhr je einen Vertreter wählen. Werden die oberen BerwaltnngSbehörden nicht bald Remedur schaffen? AnS Grost-Ltchterselb« schreibt man unS: Iii der letzten Gemeindcvertreter-Sitzung ergriff vor Eintritt in die Tagesordnung Gcmeindevorstehrr Schulz' das Wort zur»Berichtigung" einer bürger- lichen Preßnotiz, laut ivelcher der srühere Polizeisetrctär Krüger infolge ehrenrühriger Denunziationen gegen ihn bei der Regierung seines AintcS vorläufig enthoben worden sei. Die Berichtigung des Herrn Gemeindevorstehers war sehr nebensächlicher Natur mid traf durchaus nicht den Kern der Sache. Er stellte nur richtig, daß Krüger nicht Sekretär, sondern Assistent ge« wesen und nicht wegen der Denunziation seine» Amtes enthoben worden sei. Wir sind nun in der Lage, der allerding» erlin. Mir den Juleratuitetl verantwortlich: Llh.«locke i« Berlin. Dnft eiwaS ungenauen Notiz in den bürgerlichen Blättern eine zwar kleine, aber doch nicht ganz wertlose Ergänzung zu teil werden zu lassen. Es handelt sich um eine bei der Regierung eingereichte, ziemlich umfangreiche Beschwerdeschrift, die sich sowohl gegen den Amls- Vorsteher, in der Hauptsache aber gegen drei lv eitere Kommunalbeamte richtet. Da nun nicht gut angenoinmen werden kann, daß ein Geineindebeamter ans purein Uebermnt oder persönlichen Gründen an die Regierung eine solche Eingabe richtet, so wäre es fach- und zweckdienlicher gewesen, an Stelle der aus- weichenden lediglich formellen Berichtigung öffentlich zu erklären, ob eine amtliche Untersuchung stattgefunden und welches Resultat diese Untersuchung ergeben hat. Schon mit Siiiclsicht auf die in Lichterfelde kursierenden Gerüchte wäre eine iolche Be- Handlung der Sache absolut notwendig gewesen. Die Gemeinde- Vertretung scheint es auch nicht als ihre Aufgabe zu betrachten, sich über derartige Vorkommnisse in öffentlicher Sitzimg Ansktärimg zu ver- schaffen; wahrscheinlich hält man es für besser und dem Gemeinde- Interesse nützlicher, hinter verschlossenen Thiiren zu verhandeln nud neuen Stoff zu allen möglichen Kombinationen zu liefern. Daß die vorläufige Amtsenthebung des Assistenten Krüger in ursäch- lichem Zusammenhang sieht mit jener Bcschwerdeschrift, unterliegt keinem Zweifel.— Auf Antrag des Geineindevorstaiides wurde einstimmig beschlossen. dem zum großen Teil im Interesse des Grundbesitzes wirkenden„Ausschuß für örtliche In- t eres seil" einen Zuschuß von 600 Mark zu bewilligen. Gemeindevorsteher Schulz begründete den Antrag damit, daß nur durch ständige Reklame für den Ort etwas erreicht werden könne. Demnach werden die Steuerzahler sich auf einen dauernden Zuschuß für eine Korporation gefaßt machen müssen, auf die der Gemeinde keinerlei Einfluß und Kontrolle zusteht. Glaubt die Gemeindever- waltung Reklame für den Ort niachen zu müssen, dann wäre es angebracht, dies selbst in die Hand zu nehmen. Ans Rixdorf. Ein B n u u n f a l l ereignete sich am Donners- tagniorgen auf dem Grundstück Jäger- und Lcssingstraßcn- Ecke. Daselbst werden jetzt die Grundmauern für ein Wohnhaus her- gestellt. Durch einen Erdrutsch fiel gestern morgen ein Stapel Mauersteine in die Baugrube hinab und begrub einen Maurer unter sich. Die übrigen Bauarbeiter machten sich sofort an das Reitlings» werk und gelang es ihnen auch bald, den Verschütteten unten den' Steinen hervorzuholen. Der Berunglückte war zwar bewußtlos und hatte verschiedene Verletzungen erlitten, doch sind dieselben glücklicherweise nicht lebensgefährlich.— Zwei Selb st Mordversuche infolge Arbeitslosigkeit sind vom vorgestrigen Tage zu verzeichnen. In der Prinz Handjertz- straße brachte sich der Arbeiter N. eine schwere Verletzung am linken Arm bei, um so eine Verbliitung herbeizuführen, und auf dem Tempel- hofer Felde jagte sich der Arbeiter und frühere Rangierer W. aus Berlin ein Taschenmesser in den Leib. In beiden Fällen waren die Lebensmüden seit längerer Zeit arbeitslos und befinden sich daher in großer Not. Da den Verletzten rechtzeitig ärztliche Hilfe zn teil werden konnte, erreichten beide Selbstmord- Kandidaten nicht ihren Zweck. Unfall beim Ba» deS Teltow Kanals. Bei den Arbeiten zum Bau des Teltow-Kanals geriet in Adlershof gestern Abend der 32 Fahre alte ans Sablerso in Galizien gebürtige Arbeiter Wiclkosz Kaitetau zwischen die Puffer zweier Wagen. Mit einem schweren Beckenbruch und andren Verletzungen wurde der Verunglückte dem Kreiskraukeuhause in Britz zugeführt.' Vevsänttnlmtigrn. Die Arbeiter der englischen Gasanstalte» von Berlin, Schöneberg und M a r i e n d o r f hielten am Montagabend bei Obst in Schöneberg �ine gut besuchte Versammlung ab. Ver- anlaffnug dazu gab die vor wenigen Tagen stattgehabte Entlassung von organisierten Arbeitern, die angeblich wegen„Arbeitsmaiigel" erfolgte. Die Arbeiter, welche schon längere Zeit— der eine annähernd acht Jahre— auf dem Betriebe in Mariendorf beschäftigt waren, hatten sich dem„Verbände der städtischen Arbeiter" an- geschlossen, dieS wurde dem Meister überbracht, nnd die Folge war: die Maßregelung dieser un bot mäßigen Gesellen. Schubert gab ein übersichtliches Bild der Verhandlungen, wie sie seitens des Verbandes mit dem Gencral-Bevollinächtigten Bankier Leo Delbrück gepflogen worden sind und ersucht die Anwesenden, durch den allseitigen Beitritt in die Orgauisalion derartigen Maß- nahmen für die Zukunft zu begegnen. In einer cinstiminig an- geiiomnieiien Resolution sprachen die Gasanstalts-Arbcilcr ihr Bc- danern über die Art und Weise der Beschränkung des Koalitions- rechtes auS und erhoffen von der Direktion die Wiedercinslelliing der Entlassenen. In einer demnächst stattfindeiideii zweiten Bcr- sammluiig sollen die bestehenden Mißstände einer Erörterung unter- zogen werden. Der Ccntralvcrband deutscher Branerciarbeiter(Sektion der Brauer) hielt am Soimlag seine Mitgliederversammlung im Gewerkschaftshause ab. In derselben gab Tröger den Bericht vom Vcrbandstagc. Die Diskussion hierüber wurde vertagt. Hierauf wurden in den Verbandsansschuß einstimmig gewählt: Hodapp. Wirth und Tröger. Ferner wurden gewählt: als erster Kassierer Sckiwcdlcr nnd als Stcllverlretcr Knechte!. Nach langer Debatte nahm die Versammlung einen Antrag Hodapp an, die Beiträge wie bisher moiiatswcisc zu cnlrichten, im ersten Monat jedes Quartals jedoch 30 Pf. mehr zu zahlen, damit 52 Wochenbeiträge herauskämen. Friede»««. Die znin Montagabend einberufene Bcrsammlung der neiicu O r t L- K r a n I c n k a s s e war von circa 65 Personcn besucht. Zur Beratung des Statins wurde eine Kommission ans Arbeitgebern und Arbeitnehmern gewählt. Die Kommission hat be- schlössen, folgende sechs Lohnklaffe» einzurichten: 1. Klasse, täglicher Arbeitsverdienst von 3,50 M. und darüber(Beilrag 65 Pf.), 2. Klasse 3-3,50 M.(54 Pf.). 3. Klasse 2,50-3 M.(45 Pf.). 4. Klasse 2—2,50 M.(36 Pf). 5. Klasse 1,50-2 M.(27 Pf.). 6. Klasse Arbeitsverdienst bis 1,50 M. täglich(18 Pf.) Die Beiträge sind demnach geringer als die bisher zur Schöneberger Ortskasse gezahlten, während die Gegenleistungen der Kasse, mit Ausnahme des Sterbegeldes, die- selben sind._ Vevmifrhkes- Ranniburg. Wegen des gegen den Geschäftsleiter der hiesigen Filiale des Vlnmcnrrichschcn Abzahlungsgeschäfts, Fritz Klepzig» am Abend des 12. Februar d. I. verübte» Raubmord-BersncheS standen am 18. Juni der Arbeiter Otto Eisermann, genannt Ordnung, und der frühere Tischler Paul Brendel, beide aus Weißenfels, vor den, Schwurgericht zu Naumburg. Ordnung wurde zu 7 Jahren Zuchthaus uiid Brendel zu 4 Jahren Zuchthaus, beide außeidein zu 5 Jahre» Ehrverlust und zur Tragung der Kosten, verurteilt. Kassel. In der vergangenen Nacht sind bei der Ausfahrt eine» Güterzuges die fünf letzten Wagen cntgleist» während der vordere Teil des Zuges weiterfuhr. Verletzt ist niemand, der Materialschaden ist erheblich. Duisburg. Ein mit 30 Schulkindern besetzter Straßenbahn- wagen schlug in der Nähe des KaiserbergeS um. Eine größere Anzahl der Kinder, die von Meiderich hierher einen Ausflug unter- nommen hatten, erlitten mehr oder weniger schwere Arrlctzungru. Erdbeben iu Tirol. Wie die»Neue Freie Presse" meldet, wurde heute vormittag 10 Uhr 22 Minuten in Hall bei Innsbruck ein starkes 5 Sekunden andanenideS Grdbebru verspürt. Es cr- folgten zwei vertikale Stöße. Auch im Vrcnuergebiet bis Avssen- saß hin wurden zwei starke Erstöße verspürt, die jedoch ohne Folgen blieben. In Meran fand um 10 Uhr 25 Minuten ein kurzer, sehr heftiger Erdstoß mit einem rollenden Geräusch in der Richlnng von Westen nach Osten statt: alle in den Zimmern befindlichen Gegenstände gerieten ins Wanken. Schaden wurde nicht angerichtet. La RocheS für Hon. In der hiesigen Filiale der Bank von Frankreich ist gestern ein Einbruchödiebstahl verübt worden, bei welchem den Dieben 120 OOO FrankS in 20 Franks-Stücken in dch Hände fielen.____ mld Berle o von Max Babing in Berlin.