Nr. 154. Abonnements-Kedlngungen: Abonneuienli- Preis pränumerando! vierteljährl. Z,S0 Mk., monall� 1,10 m, ivöchenllich 28 Plg, frei inä hau!. Einzelne N»n>m«r s Psg. SonntagZ- Nuinnier mit>»uNr>cri«r SonmagZ- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Singelragen in der Post-Zeitung», Preisliste für Ivos unter Nr. 7878. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Aukland S Marl pro Monat. Erschriul täglich auffer Montag». 19. Jahr?. Dt« Instrtlons-AcMye ««trägt für die fechSgefpallene Kolonel» »eile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerlschaftliche Bereins- und Versammlung»- Anzeigen 20 Pfg. ,, Kleine Anxeigen" jede» Wort 5 Pfg. (nur da» erste Wort selt). Inserate für die nächste Nummer müssen bi» 4 Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und gestlaASn bis 8 Uhr vormittag» gevssnet. Derlinev Volksblalk. Telegramm- Adresse; »S seinen Betrieben riesenhafte Ueberschüssc herauSzuivirischaftc», so sind eS auch hier wieder die arbeitenden Klaffen, die das ivescntlichste zur finanziellen Erhaltung des Staats Wesens beitragen müssen. Völlig unzulänglich ist die Arbeit deS rcichSstatistischc» Amtes was die Statistik der Ausgaben betrifft. Hier erfahren wir nur. ivie hoch sich die Ausgaben auf die Eriverbscinkünfte belaufen und wie groß der Bedarf für die Staatsschuld ist. Alles Nebrige ivird unter die Rubrik„Sonstiger Bedarf der Staatsverivaltung einschlicß lich des Bedarfs für das Staatsoberhaupt" zusanmiciigeworfen und nicht näher spccifiziert. Die erste dieser drei Rubriken deckt niit ihren runden Zahlen die Lohn- und Arbeitsverhälinisse jener Arbeiter, denen es vergönnt ist, in staatlichen Musterbetrieben arbeiten zn dürfen. Auch darüber ist nichts näheres ersichtlich. Die einzige Rubrik, die nicht im Nebel zerfließt, sondern sehr derbe körperliche Gestalt gewinnt, ist die deS Bedarfs für die Staats schuld. Nicht weniger als 466 Millionen werden jährlich als Zinsen ans den Staatskassen an die Kapitalisten hinausgezahlt! Reich und Staat garanticrei: den besitzenden Klassen einen jährlichen arbeitslosen Gelvinn von bald einer halben Milliarde Mark ohne Risiko„bei vollster Sicherheit". In welchem Maße werden zur Deckung dieser Kosten lviedcr die besitzenden Klassen herangezogen? Doch nur in sehr geringem l WaS der künstliche CirknlationSprozcß der Staate Wirtschaft in der Tiefe wegreißt, schwemmt er oben an. Er wird mit ein Werkzeug der kapitalistischen Kpuzentration. Ueber den sonstigen„Bedarf für die Staatsverivaltung einschließe lich des Bedarfs für das Staatsoberhaupt" hat der reichsamtliche Statistiker die dichtesten Schleier der Diskretion gebreitet. Es iväre wahrhaftig interessant genug gewesen, von ihm zu erfahren, ivie sich innerhalb der gesamte» staallichcn Thätigkcit der Anfivand für eigentliche Kulturzivecke zu den Liebesgaben für die Großen und den Profiten der Nickelstahlpatriotcn verhält. Nach den Definitionen unsrer neuen Finanztheorclitcr kann ja allerdings keine Ausgabe toll»nd verschwenderisch genug sein, um nicht als produktiv und im Interesse des Gcnieimvohls erforderlich erklärt werden zu können. Vielleicht ist es die Rücksicht auf diese fromnie Legende, die den Statistiker gehindert hat, sein tieferes Wissen zu beweisen. Zn zeigen, ivie das moderne StaatSivcsen— im Reiche wie im Einzel staate— auf dem Gebiete des Finanzwesens seinen Klaffencharakter hinter der Maske deS Patriotismus und des Gemeinsinnes angeblich zu verbergen sucht, und ivie nur eine starke, von socialen An- schaumigen erfüllte Ceiitralgcwalt Deutschland zu einem gedeihlichen rmd auSkönimlichen Finanzsystem verhelfen könnte. 77. *) Vierteljahrshcfte zur Statistik des Deutschen Reiches. Heraus- gegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amt. 11. Jahrgang. Zweites Heft. Berlin. Pnttlainer u. Mühlbrccht. 1962. Kottfektiottszölle. S i tz li» g der Z v 1 1 t a r i f- K o m m i s s i o n. Berlin, 4. Juli. Die Debatte über die KonfeklionSzölle ivird fortgesetzt. Miiller-Sagan erkennt ivohl die durchschlagende Wirkung der gestrigen Ansführnngen Reißhans' an, meint aber, ans den vor- getrageneu Gründen könne man nicht zur Zollfreiheit kommen, da Halbfabrikate vorher verzollt seien. Der Zoll müsse jedoch erniedrigt werden. Gcheimrat v. Heule meint, die Herabsetzung der Zölle auf Modelle habe nicht die Bedeutinig, die man ihr beimesse. Müllcr-Meiningcn beantragt zu 517, Kleider aus Seide, eine Herabsetzung der Zölle von 1566 auf 1266 M., von 1266 auf 966 M., von 766 auf 566 M. Schräder stellt folgenden Antrag Hinter Nr. 526 einzufügen Nr. 526». Korsetts: aus baumwollenen und halbleinenen Stoffen aus ivollenen und halbwollenen Stoffen aus seidenen und halbseidenen Stoffen für 1 Stück 1.— M. 1.56„ 1.76. ohne Rücksicht, ob mit Seidenfäden benäht oder mit Spitzen garniert. eventuell: Korsetts: aus baumwollenen, halbleinenen, wollenen und halbwollenen Stoffen für 166 Kg. 366 M. aus seidenen und halbseidenen Stoffen„ 166„ 666„ ohne Rücksicht, ob mit Seidenfäden benäht oder mit Spitzen garniert. In der weitansgreifenden Debatte nimmt Graf PosadowSky das Wort, um der Opposition dringend die Mahnung ans Herz zu legen, den Tarif nicht zu gefährden oder zu zerschlagen, der von der Regierung mit großer Mühe und mit Pflichteifer fertiggestellt worden sei. Man' könne Zollfreiheit nicht einführen, selbst ivcnn man freihändlerisch gesinnt sei, weil man ringsum mit ausländischen Zoll- schranken umgeben sei. Die eindringlichen Mahnungen deS Staatssekretärs Ivcrden von den Abgeordneten Baudert und Reischaus auf ihren Wert geprüft nnd cr-l S wirkungslos befunden. ES wird ihm England als Beispiel entgegengehalten und Baudert benierkt ihin, daß die Socialdemokratcn aller Länder das gleiche Princip haben und überall mit der Protcktionslvirtschaft anftäuinen lvollen. Darauf erividert der Staatssekretär, er werde durch die letztere Bemerkung an einen Ausspruch des Grafen Mirabeau im französischen Konvent über die Todesstrafe erinnert:„Wenn man die Todesstrafe abschaffen wolle, so sollten die Herren Totschläger den Anfang damit machen." Wer aber macht den Anfang mit der Bescitignng der Zollschraiiken? Molkcnbuhr erwidert dem. Staatssekretär, seines Wissens sei Mirabeau nicht im Konvent gcivesen, aber einerlei, der angezogene Ausspruch sei nnangebrachl, denn ein Staat— England— habe längst den Anfang gemacht, ohne zu Grunde zu gehen. Bei uns werde aber so gewirtschaflet, daß man alles auf die Spitze treibe und den Zusammenbruch unabwendbar mache. Das zeige sich auch an diesem Zoll, der thatsächlich eine Erhöhung der Geschnftsunkosten bedeute, denn Modelle werden in diesem Falle als solche behandelt. Schräder, Miiller-Sagan und Miiller-Meninigen verwenden sich dann noch für die freisinnigen Anträge. Miiller-Sagan erklärt dabei, die Socialdemokraten handelten verkehrt, wenn sie principiell bei der Zollfrciheit stehen blieben; sie müßten sich vielmehr be- streben, eine Ermäßigung der Zölle zu erivirken. Es ivird ihm erwidert, daß die Socialdemokraten nach Ablehnung der Zollfreiheit immer für die Anträge auf Herabsetzung d e r Z ö l l e st i ni ni t e n. Pvsilion 517 ivird nach der Vorlage angenommen, ebenso Position 518. Zu 519 wird der Antrag Müller- Fulda an- � genommen. 526 ivird nach der Vorlage angenommen, ebenso die Annierknng. Die Anträge Schräder werden abgelehnt. Zn den Pos. 521 und 522 beantragen die Socialdemo» k r a t e n Zollfreiheit. Wasserdichte Geivebe werden in diesen Posilionen mit Zöllen von 56, 156, 76, 226 nnd 126 M. belegt. Molkcnbuhr bemerkt, daß durch diesen Zoll die Schiffer- und Fischerkleidmig verteuert werde. Die Posilionen werden nach der Vorlage angenommen. Zn Pos. 523: K ü n st l i ch e B l u m cn�— 966 M., beantragen die Socialdemokraten Zollfreihcit. Geyer weist nach, daß dieser Zoll gerade beiveise, daß die Arbeiter gar keinen Vorteil von den Zöllen haben. 1885 sei der Zoll erhöht ivorden, die Industrie habe sich entivickelt, der Export steige, während die Einfuhr zurückgeht, aber die Lage der Arbeiter sei eine schlechte. Wahre Hüngerlöhne lverden gezahlt; die Blumenarbeiter in Sebuitz in Sachsen, wo die Industrie einen Hanptsitz habe, hätten die niedrigsten Löhne. Die Position wird nach der Vorlage angenommen. Ebenso die � ositioncn 524/525, Regen- und Somienschirnie, für in Klassifizierung ölle von 266, 126, 96 nnd 76 M. aufgelegt sind. Reißhaus begründete den Antrag auf Zollfreiheit, Baudert begründet den gleichen Antrag für Position 526/27, Schuhe aus Tuchlcisten sc. Die Position 526— 15 M. ivird nach der Vorlage angenommen. Zu Position 527 Schuhe aus Seide, wird der Antrag Müller- Fulda,' den Zoll von 256 auf 666 M. zu erhöhen, angenommen; sonst die lveiteren Positionen 56, 166 und 76 M. nach der Vorlage. Die Positionen 528—536 betreffen Menschenhaare, Perücken sc. Baudert begründet den Antrag auf Zollfreiheit; die Notwendigkeit von Perücken und falschen Zöpfen besprechend, erntete Redner große Heiterkeit. Die Positionen ivcrden nach der Vorlage angenommen; ebenso die Positionen 531—532, Schmnckfederii, Fächer sc.; Trotz des Einspruches der Linken lverden die Positionen 533— 542, M ä n n e r h ü t e und F r a u e n h ü t e aller Art, zur Beratung zusammengefaßt. Die Socialdemokraten beantragen Zoll- r c i h e i t. Müller- Meiningcn beantragt folgende Er- Mäßigungen: Nr. 533 Männerhüte usw.: ans andren, auch mit Kautschuk über- zogenen usw. Nr. 537 aus Haarfilz: nnausgerüstet sungarniert) ausgerüstet(garniert) Nr. 538 ans Wollsilz: unansgerüstet(inigarniert) ausgerüstet(garniert) Nr. 539 Frauenhüte ans Filz aller Art: unausgeriistet(nngarniert) ausgerüstet(garniert) Nr. 541 Hüte aus Stroh nsiv.:, nnausgerüstet(nngarniert) ausgerüstet(garniert) Reisjhanö und Baudert treten für Zollfreiheit konstatiert, daß der ganze PetitionStrubel für hohe Zölle von einer Stelle ausgehe, von der Ulmer Aktiengesellschaft. Beide Redner childern die fachtechnischen Verhältnisse der Branche, die keinen Zoll erheischten. Dagegen sprächen die Interessen der Konsumenten gegen den Zoll. In der Abstimmung werden sämtliche Positionen, auch Pos. 543, nach der Vorlage angenommen. Schluß l/23 Uhr. Nächste Sitzung: Montag 9 Uhr. für 1 Stück 6,26 M. 6,66„ 6,86, 0,-20„ 0,30„ 0,20„ 0,80. 0,15. 0,40„ Ersterer ein. Volikische Mrbevjtcht. Berlin, den 4. Juli. Ein Vorkämpfer der konservative» Partei. Diesen Ehrentitel verbricht die„Krenz-Zeitnug" dem Königsberger Professor der Rechte Dr. Eduard H u b r i ch. Der Herr Professor verdient durchaus diese Ehrenbeknndnng des führenden Blattes der konservativen Reaktion. Sie wird ihm zu teil aus Anlaß einer Schrift, die er soeben erscheinen ließ, über„Die D i ä t e n f r a g e und das allgemeine Wahlrecht". Der Königsberger Vorkämpfer spricht die Meinung ans, die Diäten- losigkeit de« Reichstags werde sich nicht auf die Dauer im E r n st halten l a s s e u. Es ist sodann so liebenswürdig, für die Preisgabe der Diäten- losigkeit nur„nach drei anderen Richtungen eine Aenderung der Ge- ltaltung unsres Wahlrechts" zu fordern. Erstens fordert er Wahl- Pflicht, zweitens öffentliche Stinimabgabe und drittens soll ein Pluralstimmrccht in der Weise eingeführt lverden, daß die Stimme eines jeden über 66 Jahre alten Wählers doppelt gezählt ivird. Die„Kreuz- Zeitung" selbst ivill ihrem Vorkämpfer nicht durchaus Folge leisten, sie ist einverstanden mit der öffentlichen Stinimabgabe, aber das Plural- Wahlsystem in der vorgeschlagenen Art mag sie sich»nur zur Not" gefallen lassen und niit der Wcihspflicht Inn« sie sich nicht befreunden. Die„Kreuz- Zeitung" mag die Wahlpflicht nicht, weil sie sich sagt, datz durch dieses Mittel besondere Förderung reaktionärer Wahlen nicht zu ertvarten ist. Jene andern Mittel erscheinen ihr Ivirkungsreicher, obschon sie das volle Ideal einer Wahlrechts- reform nach«Kreuz- Zeitungs"- Wünschen nicht erfüllen. Um die „Kreuz-Zeitung" zu befriedigen, hatte der konservative„RechtsMehrer in Königsberg die öffentliche Wahl durch eine Klassenwahl vcr- schönern und die Plnralivahl würdiger gestalten sollen durch die Bestimmung, dafc jeder konservative Wähler fünfmal so viele Wahl- stimmen abgeben darf als ein Liberaler und fünfzigmal so viele Wahlstimmen als ein Socialdemokrat I— Die Wahl in Bayreuth. Bis zur Stunde liegt noch keine abschließende Nachricht über den Ausgang der Reichstags-Ersatzwahl in Bayreuth vor. Ein Privattelegramm vom Freitagmorgen meldet das Ergebnis von 60 Bezirken: Hagen snatl.) 3547, Günther(frcif.) 1171, Feustel (Bund der Landwirte) 1753, H» g e l(Soc.) 4553 Stimmen. Ei» andres Telegramm zählt für Hagen(natl.) 3635, Günther (freis.) 1175, Fenstel(Bauernbund) 2211, Hügel(Soc.) 4690 Stimmen. Stichwahl zwischen letzterem und Hagen(natl.) ist wahr- s ch e i n I i ch. Das„Bureau Herold" berichtet vom Freitagabend folgende End- ziffer»: Hagen(natl) 3911, Feustel(B. d. Landw.) 3295. Günther(frs. Vp.) 1164 und Hügel(Soc.) S4S8 Stimmen. Es ist also eine Stichwahl zwischen Hagen und Hügel notivendig. Wenn diese letzten Zahlen richtig sind, so würde auch diese Wahl einen Triumph der Socialdemokraten bedeuten. 1398 erhielt der Nationalliberale 6424 Stimmen, der Volksparteiler 2314 Stimmen und der Socialdemokrat 4211 Stirftmen. In der Stichwahl siegte der Nationalliberale mit 9144 Stimmen über unser» Parteigenossen, der 5994 Stimmen erhielt. Bei der Nachtvahl im März 1900 gingen alle bürgerlichen Parteien gleich bei der Hauptwahl zusammen und der national« liberale Kandidat siegte mit 9159 gegen 4737 Stimmen, die auf den Socialdemokraten entfielen. Danach hätte in diesem überwiegend ländlichen Wahlkreise der Socialdemokrat gegen 1398 1287 Stimmen, gegen 1900 761 Stimmen geivonnen. Hingegen verloren die bürgerlichen Parteien gegen 1393 ca. 400, gegen 1900 ca. 800 Stimmen. Die Partei des reinen Brotwuchers vom Bunde der Landwirte hat keine Seide gesponnen. Es ist nicht einmal ihre Hoffnung er- füllt ivorden, in die Stichivahl zu kontmen. Ebenso hat der«maß- volle" Zollwucher der regierungstreuen Nationalliberalen keinen Er- folg errungen. Und auch die freisinnigen Zolldiplomaten— die die Politik des Abhandenls treiben— sind durch kein Vertrauensvotum der Massen ausgezeichnet ivorden. Allein die Socialdemokratie mit ihrem principiellen Gegensatz gegen jeden Zollwucher hat Fort- schritte zu verzeichnen— und dies in einem ländlichen Wahlkreis. Für die Stichwahl geben die Freisinnigen den Ausschlag. Es läßt sich also gleich hier die Probe auf das Excmpel machen, ob es ihnen mit dein großen Kartell der Linken ernst ist. Und was zeigt sich? Das„Berliner Tageblatt", ein Blatt der Richtung Barth— der besonders für das Anti-Brotwuch-r-Kartell agitiert— erklärt ruhig:„Da der Zolltarif die wichtigste Frage für den Nest der Reichstagssession ausmacht, so dürften die frei- sinnigen Wähler ihre Abstimmung bei der Stichwahl von der Haltung des n a t i o n a l l i b e r a l e n Kandidaten Hagen zur Zollfrage abhängig machen." Dabei weiß das„B. T." ganz genau, daß die Nationalliberalen den Zolltarif der Regierung unterstützen, den die Freisinnigen an- geblich so erbittert bekämpfen. Trotzdem fällt es dem Organ der Freisinnigen Vereinigung nicht ein, das Eintreten für den Social- demokraten auch nur zu empfehlen— was das Blatt um so biNiger habe» könnte, als die freisinnigen Wähler Bayreuths doch nicht auf das„B. T." hören würden. Die Freisinnige Partei ist also wieder in der Lage, einem An- Hänger des Zollwuchers in den Reichstag zu verhelfen und einen Zollgcgner aus ihm fernzuhalten. Das nennt man dann das„Kartell der Linken", das darin besteht, daß man von der Socialdemokratie fordert, gleich in der Hauptwahl Freisinnige zu wählen, während die Freisinnigen in der Stichivahl den Socialdemokraten agrarische Reaktionäre vorziehen.— »• « Deutsches Weich. Seid einig! Die„Post", das Orgair eifrigster„SammlungS"poIitik, ist hoch be- geistert, daß die Zolltarif-Kommission„mit dem. waS das socialdcino- kratische Parteiblatt Strangulierungsversuche nennt, endlich auf den richtigen Weg gelangt ist." Möge die Mehr« heit der Kommission, so mahnt die„Post",„die nötige Entschlossenheit und Geschlossenheit haben, um ihre Absicht durch- zusetzen". Die Mehrheit soll sich insgeheim„über ihre Marsch- r o u t e v e r st ä n d i g e n u n d diese u n t c r A b s ch n e i d u n g Iv e i t l ä u f i g e r Diskussionen durchsetzen". In die zweite Lesung der Vorlage müsse die Kommissivnsmehrheit„mit völlig fester, möglichst auf Verständigung auch mit der Negierung beruhender Marschroute eintreten und so zu Beschlüssen gelange», welche auch eine feste Direktive für die Behandlung und Beschlüsse des Plenums zu gewähren geeignet sind. Aber Zeit sei nun nicht mehr zu verlieren.' Die„Post" ist einigermaßen im Irrtum. Die Lust zu Strangulierungsverfuchen hat die Mehrheit der Wucherparteie» in der Zollkommission von Anbeginn dieser Beratungen beseelt. Aber nicht nur der Widerstand der zu Strangulierende» verdarb diese Lust, sondern vor allem wurde ein so schneller Fortgang der Beratungen, wie ihn die„Post" wünscht, unmöglich gemacht durch die Uneinigkeit der Mehrheitsparteien selbst um den Anteil, de» die einzelnen Interessengruppen an der Zollbeute gewinnen sollen. Von dem ersten Tage der Beratung über das Tarifgesetz, seit der agrarischen Forderung der Ursprungszeugnisse für einzuführende Waren, bis zum jüngsten Streit zivischen Spinnern und Weber», sind es die Zollparteien selbst gewesen, welche die Be- ratnng unerhört verschleppt haben. Wir dürfen kühl abwarten, ob die feindlichen Freunde de? Zoll- Wuchers nunmehr dem Sannnknngscifer der„Post" folgen und die langersehnte geeinigte Wncherphalanx herstellen iverden. Vorläufig aber ist das bemerkenswerte Zugeständnis eines leitende» Blattes des ZollwncherS festzuhalten, daß die Absicht besteht, die Zollopposition zu strangulieren und die Diskussion in der Zollkommtsfio» abzuschneiden. Nach diesem offenherzigen Bekenntnis ist eS Recht und Pflicht der Zollopposition, die schärfsten Mittel gegen StranguliernngSpläne aufzuwenden.— Spästchen in der Zollkonimission. Der Abg. Dr. Paasche, der während der Ablvesenheit des Abg. Rettich den Vorsitz in der Kommission führte und bei dieser Gelegenheit beweisen wollte, wie eigentlich die Geschäfte in der Kommission behufs Durchpeitschung des Zolltarifs zu leiten seien, damit aber gündlichcr abfiel, alS seine Vorsitzendeu-Kollegen, kann die persönlich erlittenen Niederlagen der letzten Tage noch nicht verwinden und übte dafür am Freitag fürchterliche Rache an der Kommission, speciell an deren Vorsitzenden Rettich, der nach seiner Meinung die Geschäfte viel zu lässig führt und den Rednern zu großen Spiel- räum läßt. Die Rache bestand in einer halbstündigen Rede, in der er die gestrige Rede des Abg. ReißhauS zweimal mit erkünstelter Emphase wiederholte und mit malitiösen Geberden die Geduld des Vorsitzenden auf die Probe stellte. Die Socialdemokraten fanden diese Persiflage so ergötzlich, daß sie den Redner vielfach mit Bravos bedachten, während andre Ab- geordnete mit verlegenen oder erstaunten Mienen die zeitvcrgeudende Spielerei des Abg. Paasche verfolgten. So rächte sich der„heilige" Paasche, der dafür von den Social- demokraten mit großem Beifall belohnt wurde. Hätte er mit dieser Racherede einen Beweis seiner oratorischcn Kräfte liefern wollen, so war das überflüssig; nian weiß ja, daß der Herr über alles Mögliche und auch noch einiges andre reden kann. Beliebt es ihm aber, mehr solcher Späßchen zu machen, wird er an den Socialdemolraten fröhliche Zuhörer finden, ohne ihre„Engelsgeduld" zu erschöpfen.— Die Eiscubahusicherheit. Zur„Erhöhung der Verkehrs- sicherheit" auf deu Eisenbahnen hat der neue Eisenbahnmiuistcr am 27. Juni einen Erlaß verfügt, der darauf hinausläuft, eine fort- gesetzte Ucberwachnng und scichgeniäße Untertveisung in alle» Dienst- obliegenhciten durch erfahrene Beamten zu empfehlen. Die Hanpiquelle der Eisenbahnunfälle, Uebcrlastung und schlechte sociale Lage des nicht ausreichenden Personals, wird in diesem Erlaß nicht einmal erwähnt, geschweige daß auf diesem Ge- biet Abhilfe versprochen würde. Zur hessische» Wahlreform. Aus D arm st u dt, 3. Juli, ivird uns geschrieben: Die heutigen Kanimerverhandlungcn haben noch in letzter Stunde und wider alles Ertvarten ein positives Ergebnis zu Tage ge- fördert. Die gestrigen Abstimmungen betreffend Artikel 3(Ver- mehrinig der städtischen Mandate)' hatten zu einer vollständigen Leere geführt, insofern weder die Vorlage, noch der Antrag auf Einsetzung deS entsprechenden Artikels des seitherigen Gesetzes, noch der Bermittelungsantrag auf Vermehrung der städtischen Man- date uni drei, die nötige Zweidrittelmehrheit gefunden hatte. Nun hätte die Kammer heute nur noch den Art. 61 der Vorlage anzn- nehmen brauchen, der das seitherige Gesetz von 1872 außer Kraft setzt, um der Welt das ergötzliche Schauspiel einer Selbsthinrichtung unter Wahrung aller gesetzliche» Formen zu geben. Die Regierung und die Erste Kammer hätte das so beschlossene Werk der Zweiten Kannner nur zu acceptieren brauchen und die letztere hätte auf- gehört zu existieren, d. h. die Kammer als verfassungsmäßiges Institut wäre noch dagewesen, aber— ohne Abgeordnnte l Es kostete heute nicht wenig Kopfzerbrechen und rednerische Anstrengungen, um aus dieser blamablen Situation wieder herauszukommen. Es gelang schließlich dadurch, daß man zu Artikel 61 einen Zusatz machte, wonach von dein seitherigen Gesetz der Artikel 3 in Kraft bleiben soll, bis zu einer Neuregelung der Wahlkreis-Einteilung durch ein bcsonderes.'längstens bis zum Jahre 1907 zu ver- abschiebendes Gesetz. Von den ausnesprochenen Gegnern des direkten Wahlrechts, die das Scheitern der Vorlage innerhalb d e r Z w e i t e n K a in m e r als- höchstes Ziel erstrebten, wurde dieser Antrag als geschäflS- ordnungsmäßig heftig bekämpft. Allein dieses Manöver war zu durchsichtig, und die Mehrheit der Kanmier wollte sich denn doch nicht vor aller Welt die Gurgel durchschneiden. Der Antrag wurde gegen 4 Stimmen angenommen. Damit war denn auch der hauptsächlichste Anlaß der Zwietracht beseitigt oder vielmehr dem nächsten oder übernächsten Landtag zum Austrag übertviesen. Für manchen heinilichen Gegner der direkten Wahl mag der Wegfall seines Vorwands nicht angenehm gewesen 'ein. Allein nun gab's kein Zurück mehr. Das Gesetz im ganzen wurde gegen 4 Stimmen an g e n o m m e n. Da die für die Regierung unannehmbaren Wahlpflichtartikel in zweiter Lesung beseitigt und die Regierungsvorlage auch hinsichtlich der 3jährigen Ansässigkeitsdauer wieder hergestellt wurde, so hat die Regierung kaum noch eine Handhabe, ihrerseits dem Gesetz nun Schwierigkeiten zu bereiten. Die auch in ziveitcr Lesung durchgesetzte Milderung der Steuerklansel und die Verlängerung der Wahlzeit bis 8 Uhr wiegen denn doch nicht schwer geling, um ihr eine Zurück- ziehnng der Vorlage zu ermöglichen. Vermutlich wird sie das Odium des eventuellen Scheiterns der Reform nun der Ersten K a m m e r überlassen. Dort dominiert der Geist des Herrn v. Heyl, der bereits in der„Wormscr Zeitung" der Vorlage deu Krieg erklärt hat. Warten wir ab, tvas die hohen Herren in ihrer Bolksfrcund- lichkcit beschließen. Die svcialdcmokratischc Fraktion hat auch heute wieder mit den reaktionären Elementen der Kammer ein offenes Wort geredet. Die Abgg. David und Ulrich nahmen wiederholt Gelegenheit, die Schnchzüge der Herren Hcidenreich und Genoffen aufzudecken und zu durchkreuze». Was nun auch weiter aus der Vorlage werden mag, ob sie in der Ersten Kammer scheitert oder Gesetz wird, der Erfolg dieser Verhandlungen wird der Socialdemokratie zu gute kommen.— Douiiiiicit-Pachte». Um den grellen Notstand der Land- Wirtschaft, will sagen der Großgrundbesitzer zu beweisen, hat der derzeitige preußische Landwirtschaftsministcr besonders auf den Rück- gang der Erträgnisse der Domäiicii-Pnchten hingewiefcii. Dieser Rückgang erklärt sich teilweise daraus, daß eben früher 'ür Domänen in einzelnen Fällen Liebhaberpreise bezahlt wurden, die in keinem Verhältnisse zum ivirksichen Wert standen. Ge- legentlich scheint aber auch neuerdings die Neigung zu bestehen, Domänen zu allzu niedrigen Pachtpreisen wegzugeben, so daß in diesen Fällen der„Rückgang der Pachten" in Wirklichkeit eine Liebes- gäbe an den Pächter darstellt. lieber einen solchen Fall wird uns aus Roßleben be- richtet: Die Domäne Wendelstein ist vor einigen Tagen zum ziveitenmale verpachtet worden, aber nur für 57 000 M. an Stelle der bisherigen 90 000 M. Die Pächter. Gebr. Liittich, würden auch diesmal wieder 90 000 M. zahlen, weil sie von Wendelstein nicht fortwollen und weil ihr Vater als notleidender Landwirt Millionen erübrigt hat. Wenn der Staat den Zuschlag verweigern und eine Selbstverwaltung einsetzen würde, so würde er 33 000 M. jährlich verdienen. Der Rückgang der Pacht erklärt sich einfach daraus, daß die Großgrundbesitzer der Gegend, denen es sehr gut geht, fest zusammenhalten und durchaus— im agrarischen Interesse— Not st a ii d zu markieren bestrebt sind.— Freigabe deutscher Boerenfreiwilltger. Die englische Ne- gierung hat die zuständigen Kolonialbehörden angewiesen, den kaiserlichen Konsuln in Colombo, St. Helena, Hamilton(Bermuda) und Bombay diejenigen d e u t s che» Gefangen«n. welche auf eigne Kosten heimzukehren wünschten, zur Verfügung zu stellen. Die kaiserlichen Konsuln haben den Auftrag erhalten, diesen Gefangenen thunlichst behilflich zu sein. Nach den vor- liegenden Nachrichten befinden sich in den Gefangenlagern auf Ceylon 110, auf St. Helena 72, auf den Bermudas-Jnseln 23 und in der Umgegend von Bombay, soweit bis jetzt ermittelt, etwa 40 Deutsche. Außerhalb dieser Konsulärbezirke befinden sich keine deutschen Gefangenen.— Sächsisches. Wie die„Chemn. Allg. Ztg." ans Dresden erfährt. beträgt die von der Regierung zur Erhöhung der königliche» Civilliste und der prinzlichen Apanagen geforderte Summe ca. 440 000 M.— In ernsthaft zu nehmenden Kreisen des Land- tags erhält sich das Gerücht, daß der Oberbürgermeister von Dresden Dr. B e u t I e r als M i n i st e r des Innern und Nach- 'olger des alsbald zurücktretenden StaatsministerS von Metzsch aus- ersehen ist. Der Empfang des Dr. Beutler, der ein Vertrauensmann des Königs Georg ist. durch den Reichskanzler iiOBerlin soll mit dem bevorstehenden Ministerwechsel in ursächlichem Zusammenhange stehen. «S DrcSdcn, 4. Juli.(Privattelegramm.) Der Landtag wurde heute nachmittag mit einer Thronrede des neuen Königs im Schlosse eröffnet. Die Regierung beantragt eine Erhöhung der Hofstaatsgelder für den König von 3 052 300 auf 3 550 000 M., für die Königiii-Witwe von 123 333 auf 210 000, für den Kronprinzen von 185 000 auf 300 000, für Prinzessin Mathilde von 13 500 auf 20 000 M. Man motiviert diese Forderungen mit dem Sinken des Geldwertes und dem Steigen der Arbeiterlöhnel Wahlrcchtö-Reform in Baden. Nach langjährigen Auseinandersetzungen über die Reform des Wahlrechts, die Wahlkreis-Einteilung' und die Landtagswahl- Ordnung hat die V e r f a s s n n g s k ö m m i s s i o n der Zweiten Kammer endlich zwei Gesctzentivürfe fertiggestellt, denen �alle Parteien zugestimmt haben. In erster Linie wird das direkte Wahlrecht gefordert, ferner wird für die größten Städte des Landes eine Vermehrung der Mandate gefordert; Freiberg soll drei, Karlsruhe vier, Mannheim sechs Mandate haben; das übrige Land soll in Wahlbezirke von 25 000 Einwohnern eingeteilt werden. Der socialdemokratische Antrag auf Einführung des Proportional-Wahlrcchts fand keine Annahme.' Andrerseits hat die Regierung Anschauungen über die Wahlfrage, die weit reaktionärer sind als diejenigen der Abgeordnetenkammer. In einer Sitzung der Vcrfaffnngskommission im März d. I. erklärte der Ministerpräsident v. Henkel, daß die Regierung für das direkte Wahlrecht an Stelle des jetzigen indirekten sei, daß sie aber dafür„Ein- grenznngen und Gegengewichte" fordere, so längere Seßhaftigkeit am Wahlorte, längere Frist der Staatszngehörigkeit, cvenincll Pinraiwahlrecht und Census, aucb Wahlpflicht usw.; so etwa sieht das„Jnbiläninsgeichenk" für das badische Volk ans, das ihm die Regierung„der Gradheit und Gerechtigkeit" zugedacht hat und das durch eine Wahlgesetz-Vorlage im nächsten Landtag Gestalt erhalten soll. Die Vorschläge der Kommission erklärt der Ministerpräsident für unannehmbar.' Am Freitag fand in der Abgeordetenkammer kurz vor Schluß der Session eine Debatte Über die Wahlrechtsfrage statt. Hierüber berichtet uns ein Privattelegramm ans Karlsruhe: Zunächst gab das Staatsministeriuni eine vorsichtig zurück- haltende Erklärung ab, durch welche verleitet der Centrnmsführer Wecker der Regierung eine VertranenSbezeugnng darbrachte. Das weitere Auftreten des Ministerpräsidenten Henkel führte zu scharfen Auseinandersetzungen, in denen sich alle Parteien gegen die Re- gierung richteten. Die Kommissionsanträge wurden einstimmig angenommen.— Ans dem Soldatciilebcn. Im Dezeniber vorigen Jahres war der Major S e l m a r Kruse, früher Chef der 5. Compagnie des Jnfanterie-Neginicnts Nr. 160, vom Kriegsgericht in Köln wegen Miffhaiidlnug und Beleidigung von Untcrgebcnc»» Beleidigung von Vor- gesetzten und Mißbrauchs der Dicnstgewalt zu nenn Monaten Festungshaft verurteilt worden. Am Mittwoch stand nun vor dem Kriegsgericht in Bonn der Sergeant Berthold Schulz aus L a u b a n, weil er in jenem Prozeß Zeugen beeinflußt und znni Meineid verleitet habe. Wie die Verhandlung, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend dauerte, ergab, hat der Sergeant, der in der Compagnie des Majors Kruse stand, in dem gegen diesen eingeleiteten Strafverfahren die als Belastungszengen vernommenen Untergebenen »nd Kollegen zu Gunsten des Majors beeinflußt und die Schuld auf dessen Feldwebel Mielke zu schieben versucht. Der Angeklagte hoffte an Stelle des Mielke Feldwebel zu werde». Der Vertreter der Anklage beantragte Lfffe Jahre Zuchthaus; das Urteil lautete auf' IVt Jahre Znchthanö, Ansstoßung aus dem Heere usw. Die Verhandlung entrollte ein trauriges BildausdemSoldateiile'ben. Tie meisten der geladenen Zeugen waren von dein Major oder dessen Feldwebel und Unter- offiziercu miffhandelt woide». In der Compagnie des abgeurteilten Majors Kruse, der damals noch Hauptniann war, war es üblich, daß diejenigen, die irgend ein kleines Vergehen begingen, ver- hauen und mißhandelt wurden. Der Majer Kruse wußte und billigte das. So bestrafte er zum Beispiel, als ihm von der blutigen Mißhandlung eines Soldaten gemeldet wurde, der den„Zapfen gestrichen" hatte, den Mißhandelten noch mit fünf Tagen Mittclarrest, wogegen der rohe Thätcr belobt und kurze Zeit später sogar befördert wurde.— Anstand. Ein Interview mit Pete Curra». London, 1. Juli. ES dürfte vielleicht für die Leser dieses Blattes von Jntercffe sein, einiges über die Eindrücke zu erfahren, die der deutsche GeWerk- schaftskongrcß auf die englischen Delegierten gemacht hat. Ihr Londoner Korrespondent begab sich deshalb gestern in das Bureau der Gasarbeiter-Union, um Pete Cnrran zu interviewen. Es ent- wickelte sich folgendes Gespräch: „Sie haben wohl, Genoffe Curran, mehreren englischen GeWerk- schaftskongressen beigewohnt. Sie kennen die englischen Arbeiter sehr genau. Da Sie nun auch Gelegenheit hatten, die Vertreter der deutschen Gewerkschaften zu sehen, so werden Sie wohl im stände sein, ein Urteil abzugeben. Was war der Eindruck, den Sie aus Stuttgart mitbrachten?" Curran:„Der Eindruck ist ein vorzüglicher. Der Kongreß bestand aus fähigen, praktischen Männern und Frauen, die ihrer Aufgabe in jeder Beziehung gewachsen waren. Es ging alles dusiusssliüo(geschäftsmäßig) zu. Leider bin ich der deutschen Sprache nicht mächtig; ich konnte deshalb den Einzelheiten der leb» haften Diskussionen nicht folgen." „Die allgemeinen Gesichtspunkte und Fragen sind Ihnen doch nicht entgangen?" Curran:„Nein. Diese begriff ich wohl. Offen gestanden, sie überraschten mich nicht wenig." „Wieso?' Cnrran:„Ich hatte es nicht gedacht, daß man in Deutschland noch das Verhältnis zwischen gewerkschaftlicher und politischer Aktion diskutieren könnte." „So einfach war die Frage wohl nicht. Das Problem ist dort zwischen gewerkschaftlicher und socialdemokratischer Aktion. Denn alle deutschen Gewerkschaften sind sich der Notwendigkeit der politischen Aktion bewußt. Die Frage ist nur: welcher politischen Aktion? der neutralen oder socialistischen?" " Curran:„Ja. das ist auch meine Meinung. Ich habe das Ge- fühl, daß innerhalb der deutschen Gewerkschaften sich eine Richtinig bemerkbar macht, die sich die alten englischen Trades Unions zum Muster nehmen will, deren parlamentarische Vertreter unter der Herrschaft der liberalen Partei stehen. Das wäre für Deutschland ein Rückschritt. Wir in England sind eben auf dem Punkte, die Gc- werkschasten von der bürgerlichen Politik zu befreien. Während wir hier fortschreiten, scheint man in Deutschland auf überwundene Standpunkte zurückgehen zu wollen. Das ist eS, was mich be- fremdete.(Diese Bcobachtung, die ausschließlich ans der Bnch- drnckerdebatte gewonnen sein kann, wird erfreulicherweise in ihrer Bedeutung von Pete Cnrran sehr überschätzt. Red. des„Vorm.") „Na, so gut liegt die Sache in England auch nicht. Sie glauben doch nicht, daß das Komitee für Arbeitervcrtretnng(I-abonr Eepresentation Cornrnitee) die Arbeiter von den kapitalistischen Politikern befreien möchte? Ich wciiigsteiis glaube es nicht und Ijnlte meine Korrespondenzen auch in diesem Sinne; ich kritisierte neulich Mr. I. R. Macdonald, den Sekretär des Komitees." Curran:„Allerdings hat das Komitee noch kein socialistischeS Vrogramm. Aber ich glaube, daß die jetzige Bewegung in den Trabes Unions zur Bildung einer socialistischen Partei führen werde. Uebrigens sind auch viele Mitglieder des Komitees gegen Macdonald, aber nicht aus dem Grunde, weil er kein Socialist sei, sonder» weil er nicht der Arbeiterklasse angehört." „Was fiel Ihnen sonst im deutschen Gewerkschaftswesen auf?" Curran:„Was mich noch befremdete, war die Mitteilung, daß es in Deutschland christliche Gewerkschaften gebe. Den Zusammen- hang zwischen Religion und den gewerkschaftlichen Interessen der Arbeiter kann ich nicht begreifen. Die Arbeiter vereinigen sich doch nicht aus kirchlichen, sondern aus materiellen Gründen. Fabrik und Kirche sind zwei vollständig verschiedene Dinge. Die Waren werden nichr für Protestanten, Katholiken 2C. erzeugt, sondern für Leute, die Geld haben." Zum Schluß sagte Cnrran:„Nach dem Kongreß hatten die internationalen Delegierte» eine Sitzung, in der vorgeschlagen wurde, von Zeit zu Zeit internationale Gewerkschasts-Kon- g r e s s e einzuberufen. Die englische Delegation sprach sich gegen diesen Vorschlag aus und erklärte, daß die organisierten Arbeiter der Welt schon in den internationalen socialistischen und gewerkschaftlichen Kongressen das nötige Organ haben. Es wurde deshalb ein Vorschlag angenommen, sich mit Konferenzen von internationalen gewerkschaftlichen Vertretern zu begnügen." Schweiz. Ein kindischer Demagogentrick. Zürich, 1. Juli. sEig. Ber.) Die bekannte internationale Annoncen- sirma Haasenstein u. Vogler hat jüngst auf der Gant die„Basier Nachrichten" im Auftrage der muckerischen Millionäre in der alten Slheinstadt erworben, um sie im Handumdrehen aus einer frei- sinnigen in eine konservative Zeitung umzuwandeln und— eine „Unabhängige Arbeiterpartei" zu gründen.„Arbeiter und An- gestellte, die ihr wirkliches Interesse zu eignem und der Familie Heil wahren wollen", möge» ihre Adressen an— Haasenstein u. Vogler einsenden! Die Auftraggeber der Firma sind nicht schwer zn erraten, es sind die Rädelsführer der verbündete» bürgerlichen Parteien, denen der bekannte socialdemokratische Wahlerfolg noch immer un« verdaulich schwer im Magen liegt und die nun als niederste Demagogen auf diesem Wege der socialdemokratischen Partei das Wasser abzugraben suchen. Der Mißerfolg ist indessen den Volks- Verführern sicher.—_ Frankreich. DaS linköradikale Programm. Paris, L. Juli. sEig. Ber.) Die Abzweigung ber Links radikalen von den Radikalen schlechthin unter dem Namen„socio listische Radikale" datiert seit den Kammerwahlen von IKSS. Ein eigentliches Programm aber fehlte bisher auch dieser vorgeschrittensten parlamentarischen Fraktion der bürgerlichen Demokratie, ebenso wie jegliche Partei-Organisation. Die Parlaments- und Festessen Reden der hervorragendsten Fraktionsmitglieder versahen die Rolle eines„Programms", Ivie das bei allen andren bürger lichen Parteien— genauer, Parlamentsgruppen von jeher der Fall. Der vorjährige radikale StiftungSkongreß, auf dem der Versuch gemacht wurde, einen gemeinsamen' Rahmen für alle bür- gerlichen Linksrepublikaner, einschließlich der Nichtradikalen, zu schaffen, hat an dem programmlosen Znstand der Linksradikalen natürlich nichts geändert. Der Mischmasch- Kongreß mußte ja allen seine» Bestandteilen Rechnung tragen. Jetzt erst, nach neunjährigem Bestehen, hat sich bei der links- radikalen Kammerfraktion das Bedürfnis einer programmatischen Abgrenzung ihrer Reihen gezeigt. Zugleich hat sie sich auch organisatorisch abgesperrt: fortan darf kein Mitglied dieser Fraktion zugleich einer andren Fraktion angehören. Das ist immerhin ein Fortschritt. Der politische Kampf gewinnt dadurch an Klarheit. Das gesinnungslose Cliquenwesen und die Plage der parlamentarischen Windfahne» werde» einigermaßen eingedämmt. Dem linkSradikalen Beispiel ist bereits die radikale Fraktion gefolgt. Sie hat ihrerseits sich abgesperrt und eine Prograimnkommission eingesetzt. Der Inhalt des linlsrndikalen Programms läßt sich kurz charakterisieren. Sein Radikalismus besteht in den alten demokratischen Forderungen, die seit 30 Jahren von allen bürgerlichen Parteien verraten werde», wobei aber die Verfassnngsrevisio» z.B.nicht mehr die Abschaffung des Senats und der Präsidentschaft einschließt. Sein „SocialismuS" besteht in socialreformerischen und staats- socialistischen Forderungen, welch letztere sich auf„alle Eigentums- formen erstrecken, die Privatmonopole bilden und die bedrückende Macht des Geldes stärken, ivie die Eisenbahnen und Bergwerke. Dagegen„respektiert" das Programm„das Privat- ei gen tum als den Ausdruck und die Garantie der menschlichen Freiheit." Ganz unsre Meinung, bemerkt dazu das kapitalistische «Journal des Döbats". Ferner wird namentlich die gesetzlich zn regelnde Gewinnbeteiligung der Lohnarbeiter angepriesen als eines der Mittel,„möglich st intim Kapital und Arbeit zu associieren." Zum Ueberflnß versichert das Programm, seinen Bekenner»„kerne ausschließliche ökonomische Doktrin, keine eng- dogmatische sociologische Formel auf- zuzwingen." Ein Schuft' giebt mehr als' er hat. Der klein- bürgerlich vermittelnden Fraktion fehlt jede Einsicht in die Ent- wicklnngsgesetze des Kapitalismus, dessen„Auswüchse" sie beseitigen möchte, und der gegensätzlichen Klassengliederung, die sie durch Gewinnbeteitigungs-Almosen und dergleichen in eine intime Alsociation verwandeln zu können lvähirt. Regierung und Mehrheit. PariS, 3. Juli. sEig. Ber.) Die Zwischenfälle Rouvier-Pelletan haben selbstverständlich dem Ansehen der Regierung Abbruch gethan. Sie haben die innerhalb der Regierung wirkenden Gegensätze an den Tag gebracht und zugleich den geringen Einfluß des Minister- Präsidenten auf seine hervorragenderen Kollegen offenbart. Die macht- lüsternen Ränkeschmiede begannen bereits Morgenluft zu wittern. Sie sahen sich vom Ministerportefeuille nur noch durch die nächstens be- ginnenden Sommerferien getrennt. Da griff Ministerpräsident C o m b e s zu einem ganz neuen Mittel, die Stellung seines Kabinetts z» befestigen. Er suchte Rückendeckung bei seiner Mehrheit, bei den gewählten Vertretern der vier Regieningsgruppell der Kammer, einschließlich der niinisteriellen Socialisten. Er berief also diese Vertreter zu sich zu einer gemeinsamen Beratung über den parlanr entarischen Arbeits- plan. Die Beratung, die gestern stattfand, endete, lvie es heißt, zur beiderseitigen vollkommenen Zufriedenheit, abgesehen von einem der radikalen Vertreter, L o ck r o y, der eben zu den erivähnten ungeduldigen Erben des Ministeriums gehört. Man kam überein, daß die Steuerreform- Vorlage im Beginn der Herbstsession von der Regierung eingebrach: werden soll. Ihre parlamentarische Be- ratnng würde demnach Anfang 1803 eröffnet werden können, nach Er- ledignng des Budgets. Dabei soll Comb es sich für die Reform- freundlichkeit R o n v i e r s verbürgt haben. Also doch!?.�.> Zu demselben Zeitpunkte könnte die Vorlage über die zweijährige D i e n st z e i t, die bis dahin den Senat passiert haben wird, in der Kammer zur Beratung kommen. Die reformerischen Absichten des Ministerpräsidenten sind dem- nach nnzweifelhafl. ebenso wie sein Wunsch, in enger Fühlung mit der organisierten Regierungsmehrheit zn bkeiben. Letzteres unterscheide: ihn vorteilhaft von allen früheren Regierungshäuptern, insbesondre auch von Waldeck-Roussean, der Herr und Meister seiner Mehrheit war, wenn auch freilich C o in b e s aus der Not eine Tugend gemacht haben mag. Der Mehrheits„block" mag nun zeigen, was'er aus dem guten Willen seines Regierungsgehilfen machen kann.> Wie erwähnt, konferierten niit dem Ministerpräsidenten auch die gewählten Vertreter der ministeriell- socialistischen Kammerfraktion Es sind dies: Briand, JauröS und P r e s s e n s 6. Man steht, die Zusammenarbeit dieser Fraktion mit dem republikanischen Kartell ist noch viel intimer und systematischer als unter dem Ministerium Waldeck-Millerand. Sie wird also wohl oder übel noch in höberem Maße"die Verantivortung für das Thun und Lassen der Regierung zu tragen haben.—_ Bestrafte Geistliche. Auf Antrag des Präfekten von Tarn entzog die Regierung sechs Geistlichen dieses Gebiets ihr Gehalt, weil sie sich in der letzten Wahlbewegung Vergehen gegen das Wahl- gesetz haben zu Schulden kommen lassen.— Belgien. Die Spielhölle« und der König. Leopold sH weigert sich. das von der Kammer und dem Senat angenommene Gesetz, lvelches die Aufhebung der Spielhöllen vorsieht, zu unterzeichnen. Der „Pcuple" stellt fest, daß die bürgerliche Presse gegen diesen un- konstitutionellen Akt des Königs fast gar keinen Protest erhebt.— Ein Kongreß der Arnienophtlen wird am 17. und 18. Juli in Brüssel stattfinden. Außer den bekannten Führern der Jnter- nationalen FriedenSgesellschaft haben auch eine große Anzahl S o c i a l i st e n ihre Teilnahme zugesagt, so n. A. B a n d e r v e I d e D e st r ö e, H e kt o r Denis von Belgien, Georges Ron an et Jean Ja urds von Frankreich, John Burns von England und die Genossen Bebel und B e r n st e i n von Deutschland.— Italien. Neapel» 4. Juli. Heute begann der Prozeß gegen G u e r r i e r o, der am 2S. Mai Steine gegen den Hofzug geworfen hatte. Der Gerichtshof vertagte die Verhandlung auf Antrag der Sachverständigen und überwies den Angeklagten au' 40 Tage dem Jrrenhause zur Beobachtung seines Geistes zustaudes.— England. Kitchener wird Ende nächster Woche in London eintreffen und es soll ihm ein großartiger Empfang bereitet' werden. Der Prinz von Wales und der Herzog von Connaught werden ihn empfangen und im Namen des Königs bewillkommnen. Das endgültige Programm für die Empfangsfeierlichkeiten wird erst in der nächsten Woche festgesetzt werden.— Asien. Die Cholera in Port Arthur. Einer Petersburger Meldung des„Daily Expreß" zufolge tvütet in Port Arthur und Dalnh die Cbolera. 200 bis 300 Personen sollen täglich der Seuche zum Opfer fallen. Die Bevölkerung und die Beamten schweben in einer Panik und suchen sich durch Flucht zu retten, nur die Truppen bleiben zurück.— Amerika. Amnestie-Angebot au die Filipinos. In einer Proklamation des Präsidenten Roosevelt an die Philippiner wird vollständige Ver- zeihung und Amnestie denjenigen Personen auf dem ArchipelagnS zugesagt, welche an dem Aufstande teilgenommen oder denselben unterstützt haben. Ausgenommen sind diejenigen, welche nicht militärischer Verbrechen überführt sind. Alle, welche um Ver- zeihung nachsuchen, müssen den Vereinigten Staaten den Treueid schwören.— Vordringen der venezolanische» Aufständischen. Eine De- pesche aus Port of Spain teilt mit, daß Barqnisimeto sVeneznela! von den Anfsländischen nach viertägigem Kampfe eingenommen sei. 4ö00 Aufständische marschieren auf Valencia.— Australien. Eine englische ExpcditionSarmce anfgerieben? Ein Tele gramm der„Daily Mail" an? Singapore berichtet, daß eine Expedition von 10 000 englischen und eingeborenen Truppen in der Nähe des Flusses Battang-Lopnr auf Neu-Guinea völlig vcr uichtrt worden ist. Sie war dahin entsandt worden, um einen Eingeborenenstamm zn züchtigen, weil derselbe Europäer ermordet hatte und Piraterei betrieb. Die Nachricht besagt weiter, daß drei- viertel des Bestandes der Kolonne an der C h o l e r a gestorben ist. Täglich waren bis S00 Todesfälle zu verzeichnen. Der Fluß war mit Leichen dicht bedeckt.— Das Programm der Regternng von Ren-Secland. Bei der Eröffnung des Parlaments kündigte der Gouverneur u. a. folgende socialen Gesetze an: Ein Alterspensionsgesetz für alte dienstunfähige Eisenbahn-Angeftellte; ein Gesetz betr. die Einführung staatlicher Feuerversicherung; die Inbetriebnahme staatlicher Kohlen bergwerke; ferner ein Gesetz, durch welches der kunstlichen Preis- treibung auf Lebensmittel Einhalt gethan werden soll. Ein alldeutscher Abgeordneter. —st.— Wien, 2. Juli. Mit so unbarmherziger Schärfe ist der Abentenrercharakter der alldeutschen Partei noch niemals bloßgestellt worden wie in der Schwnrgerichts-Verhandlung, die Ende voriger Woche über eine Anklage des alldeutschen Abgeordneten H erz o g gegen einen Redacteur der„Arbeiter-Zeitung", den Genossen Spo latsch et, stattgefunden hat. Die Vorgeschichte des Prozesses reicht bis in die Wahlbewegung im Jahre 1300 zurück. In den Neulvahlen trat damals Herzog als alldeutscher Kandidat nm das Mandat der Trautenauer fünften Curie auf, das im vorige» Abgeordnetenhause Besitztum der Socialdemokraten gewesen ivar. Herr Herzog ivar nach Böhmen gekommen, nachdem er in Baden in Niederöstreich gründlich abgewirtschaftet hatte, und die„Arbeiter-Zeitung" teilt nun ausführlich mit, welch erbauliche Dinge es gewesen waren, die Herrn Herzog das Bedürfnis eingeflößt hatten, das Feld seiner politischen Thätigkeit zu wechseln. Aus der Schilderung ging mit unwiderleglicher Klar- heit hervor, daß Herr Herzog ein Denunziant ist. und als solcher wurde er in der„Arbeiter-Zeitung" auch deutlich bezeichnet. Auf die Wähler machten diese Enthüllungen aber wenig Eindruck! Herr Herzog, für den sich die Häupter der nun gespaltenen Partei. die Herren Schönerer und Wolf, persönlich verbürgt hatten, wurde zum Abgeordneten gewählt; die alldeutsche Partei war um einen Sieg reicher. Wohl hatte Herr Herzog versprochen, die„Arbeiter-Zeitung" zu verklagen, und thatsächlich leitete er auch die Voruntersuchung ein, sowie er auch verschiedene Parteigenossen, die die Beschuldigung in Versammlungen wiederholt hatten, wegen Ehrenbeleidigung belangen ließ. Aber so oft es zur Verhandlung komme» sollte, zog Herr Herzog die Klage zurück. Buch die Unter- nchung gegen die„Arbeiter- Zeitung" wurde prompt eingestellt. Aber Herzog machte die Rechnung ohne den Wirt; die Beschul- digung wurde im Blatte unausgesetzt und mit so nachdrücklichen Worten wiederholt, daß Herr Herzog noch einmal klagen mußte. Sofort nannte sich der Verfasser und vorige Woche kam eS endlich zu der oft verschobenen Verhandlung. WaS da dem alldeutschen Ehrenmann nachgewiesen wurde, war nun einfach niederschmetternd. Um sich eines politischen Widersachers zu entledigen, hatteer gegen ihn, der früher mit ihm innig befreundet gewesen war und ihm zahlreiche Wohlthaten erwiesen hatte, die anonyme Denunziation von einer MajestätSbeleidigung erstattet! unter einem fingierten Namen teilte Herzog der Staatsanwaltschaft mit, sein Gegner, ein Baumeister, hätte in einer eingemauerten Ur- künde eine grobe Beleidigung gegen den Kaiser hineingeschrieben. Dann drohte Herr Herzog mit einer zweiten Denunziation ivegen Beleidi- gung der Kaiserin Elisabeth und erstattete eine anonyme Anzeige gegen einen politischen Verein wegen Ueberschreitung seines Wirkungs- kreises. Gegen ein Mädchen, mit dem er ein Liebesverhältnis gehabt hatte, erstattete er nach Jahren die Anzeige wegen Abtreibung der Leibesfrucht, die der verlassenen Braut eine Anklage eintrug. Als sich das Mädchen mit einem andren Manne verheiraten sollte, richtete er an den Vater des Bräutigams Briefe mit den unflätigsten Ausfällen gegen das Mädchen, das er selbst schnöde im Stiche ge- lassen hatte! Die Briefe wurden im Gerichtssaal verlesen und erregten bei den Geschworncn wie im Publikum die stärkste Entrüstung. Der Eindruck des furchtbaren Wahrheitsbetveiscs war so offen- kundig, daß Herr Herzog den Spruch der Geschwornen gar nicht abwartete, sondern einfach davonlief. Er hätte auf sein eignes Ersuchen am zweiten Tage als Zeuge vernommen werden sollen, zog es aber vor, zur Verhandlung gar nicht zu kommen. Nach der Strafprozeßordnung gilt dies als Rücktritt von der Klage und so wurde der angeklagte Genoffe auch sofort freigesprochen. Der allgemeine Eindruck war, daß so zer- malmend noch nie ein Wahrheitsbeweis gewirkt bat wie der Beweis, daß der alldeutsche Abgeordnete Herzog ein gemeiner Denunziant ist. Die Herren Alldeutschen betrachten sich als die Auslese des deutschen Volkstums, und auch in Deutschland kennt man diese größenwahnsinnigen Gesellen, wenn man auch unter ihnen nicht so viel zu leiden hat wie in Oestreich, wo jede politische Thorheit einen ergiebigen Nährboden findet. Es ist also geboten, den ethischen Charakter dieser Partei an dem dem Gerichtssaal entwichenen Parteigänger genauer zu demonstrieren, und wir wollen deshalb von den im Gerichtssaal verlesenen Briefen, wahrhaftigen mensch- lichen Dokumenten, einige mitteilen. Dem Baumeister, den er anouym ivegen der„eingemauerten" Urkunde schon denunziert hatte, schrieb Herr Herzog folgenden Brief: Herrn Adolf Foller, Stadtbaumeister, Baden! Von seite eines ehemaligen Deutschnationalen wird gegen mich ein Kampf geführt, der über den Rahmen eines politischen Kampfes weit hinausgeht und bezweckt, mir und meiner Familie — nämlich Weib und Kind— die wirtschaftliche Existenz in jüdisch- semitischer Nachsucht zu rauben. In diesem Kampfe auf Leben und Tod ist Notwehr nicht bloß gestattet, sondem viel- mehr Pflicht, und darum bringe ich diesem ehe- m a l i g e n D e u t s ch n a t i o n a l e n ein G e d i ch t ch e n in Erinnerung, das er verfaßt und gern gesungen hat lSpätherbst 1891 und Frühjahr 1892), dessen Abschrift in meinen Händen d i e Z ü g e jenes deutsch- n a t i o n a l n„ D i ch t er s" a u f w e i st u n d d e s s e n l e tz t e Zeilen den„Heinrich und Elise"(Anspielung auf Heinrich Heine und Kaiserin Elisabeth) in keineswegs respektvoller Weise besingen. Es ist nur, damit jener Dentschnationale von ehemals sich erinnere, daß ein politischer Kampf mit austäudigen und mäun- lichen Mitteln, nicht in bubenhafter Weise geführt werden darf. Mit gebührender Schätzung Joseph Herzog. Gegen seine ehemalige Braut machte Herzog folgende Straf- anzeige: Löbliche k. k. Staatsanwaltschaft! Ich fühle mich veranlaßt, folgende Anzeige zu machen: Mit Wissen und Ein v erständnis der Eltern hatte ich mit Fräulein... ein V e r h ä I tn i s. Sie teilte mir eines Tages mit, daß sie wahrscheinlich schwanger sei. Sie verlangte von mir lviederholt Mittel zur Abtreibung der Leibesfrucht. Trotz ineiiies mahnenden Abratens gebrauchte sie heiße Bäder und gab an, Dr. Ciberka in Baden habe ihr dieö gestattet.... Ich habe mich nun entschlossen, diese Tbatsache der löblichen Staatsanwaltschaft zur Kenntnis zu bringen. Joseph Herzog. An den Vater des Bräutigams des von ihm ver- lassenen Mädchens, schrieb Herzog folgende Briefe: Im ersten Briefe heißt es:„Da ich erfuhr, daß Ihr Sohn die... heiraten soll, halte ich es für meine Pflicht, meine Iv a r n e n d e Stimme zu erheben. Sie ist eine gewöhnliche Ä o m ö d i a n t i u, sie kann schmeicheln, schmollen und sich besser ver st eile n als eine Schauspielerin. Ihre Grundzüge sind Vergnügungssucht und Herzlosigkeit. Während sie von mir schwanger war, fing sie mit drei andren Leuten ein Verhältnis an. Sie ist ein g e- meines Weil sbild. Warnen Sie Ihren Sohn. lassen Sie ihn nicht unglücklich machen. Ich bin bereit, alles was ich schreibe, zu beweisen." Im zweiten Briefe heißt es:„Vor einer Woche habe ich Ihnen geschrieben, und Sie würdigen mich keiner Antwort. Sie ist eine herzlose, kokette Person,.die eS mei st erhaft versteht, zwei oder drei Männer zugleich zu b e- trügen. Wenn Sie Ihren Sohn lieb haben, lasten Sie ihn nicht unglücklich werden. Sie sehen, daß ich nicht hinter- r ü ck s verleumde."-» Und dieser plumpe Schurke war, ist und bleibt Abgeordneter! Ein solches Subjekt ist den Wählern von den alldeutschen Führern als der geeignete Mann, sie im Abgeordnetenhause zu vertreten, empfohlen tvorden I Und ihn haben sie, trotz aller Beweise und Er- Mahnungen, gehalten, gegen alle so präcise fonnulierten Anklagen als nutadeligeii Ehrenmann erklärt I Jetzt allerdings wird der unsaubere Mensch von den Alldeutschen und Ostdeutschen verleugnet, aber er bleibt dennoch mit seiner ganzen Schmach an ihnen haften. Mit Herrn Herzog tvurde im Gerichtssaale gedrandinarkt und gerichtet auch die alldeutsche Partei. Zum Tode unsreS Genossen Twicnty fei noch berichtigend mitgeteilt, daß nicht die Ehe fran des so unglücklich ums Leben ge- kommenen Genossen, sondern die Wartesrau den Unfall mit ansah. Der Irrtum ist durch eine falsche Auffassung unsrerseits bei der tele- phonischen Uebermittelung der Einzelheiten von Halle aus ent- standen. Uebrigens hat die Wärterin völlig ihre Pflicht gethan; sie entfernte sich auf ganz kurze Zeit lediglich zu dem Zwecke, dem Kranken ein GlaS Wasser zu bringen. Die Schwere der Ver- letzungen, welche den Tod herbeiführten, erklärt sich daraus, daß der Kranke auf die steinernen Stufen einer auf den Hof führenden Treppe fiel. Bezeichnend dafür, was Socialdemokraten zn erdulden haben, deren sich die Behörden ans irgend einem Grunde annehmen, ist fol- gende Episode aus dem Leben Sgvientys, welche das Hallesche„Volks- blatt" mitteilt: Am 25. November 1900 wurde Swienty wegen angeb- sicher MajestätSbeleidigung verhaftet, obwohl seine Gattin unmittelbar vor der Entbindung stand. Als ihm nm Tage darauf, am 26. November ein Söhnchen geboren tvurde, d a faß unser Kollege i» einsamer Gefängniszelle. Alle von unsrer Seite gemachten Angebote von Kantionen in be- liebiger Höhe führten nicht zu seiner Entlassung, und als dann am 22. Dezember die Gerichtsverhandlung stattfand, wurde Swienty wegen der Majestätsbeleidigung frei- gesprochen, aber wegen einer Richterbeleidigimg zu vier Monaten Gesnngnis venirteilt. Diese Strafe verbüßte er von Anfang März Juni bis Ende vorigen Jahres. Genosse Manfred Wittich in L e i p z i g, der schon längere Zeit krank ist, mußte dieser Tage nach Mitteilung der„Leipz. Volks- .eitnng" in schwer krankem Zustande in eine Nervenbeilanstalt über- 'ührt worden. Seine Krankheit hat eine daS Leven gefährdende Wendung genommen. Et» Huime! Wir teilten klirzlich mit, daß unser Parteigenosse der Töpfer Frenze! in Königsbrück an den Folgen eines Fnh- trittes verstorben sei, den ihm im Verlauf eines Streites sein eigner Sohn beigebracht hatte. Die Familienangehörigen des Verstorbenen teilen nun der„Sächsischen Arbeiterztg." näheres über den traurigen Vorfall mit. Danach hat der Sohn unsres Parteigenossen als Soldat des Eisenbahnregiments den Feldzng in China mitgemacht. Als er in so brutaler Weise nach seinein Vater stieß, daß diesem der Mast- darm gerissen, niehrere Rippen gebrochen und andre schwere Ver- letzungen zugefügt wurde», gebrauchte er die Worte:„Warte, ich will Dir beweisen, ivie ivir's in China ge- macht haben!" Der rohe Patron ist verhaftet. Vor die Leiche des Vaters geführt, zeigte er keinerlei Reue.— Wenn dieser brutale Mensch in China etwas lernen wollte, hätte er sich die sprichwört- liche Liebe und Pietät aneignen sollen, welche die Chinesen ihren Eltern entgegenbringe». Wie muß dieser Mensch nach seiner eignen Aussage in China gehaust haben, den das graue Haupt des Vaters nicht vor einem Totschlag abschreckte. Einen Bauern- und Landarbciter-Kongrest beruft die belgische socialistische Partei für den 13. Juli nach Möns ein. Solche Kon- gresse, auf denen Bauern und Landarbeiter Zutritt habeu und au welchen agrarische Fragen diskutiert werden, arrangiert die belgische Partei in jedem Jahre. Auf der Tagesordnung des diesjährigen Kongresses steht u. a.: Die Lage des Ackerbaues in Belgien; das neue Jagdgesetz und seine Folgen; die Znckerrübeuproduition und die Gesetzgebung betr. die Zuckerindustrie; die Organisation der Bauern; die Agitation auf dem Lande und die Landarbeiter-Presse der Partei. Poliirilichrs, Gerichtliches uslv. — Zu 150 M. Geldstrafe wurde der verantwortliche Re- dacteur der„Rhein.-Wests. Arbeitcrztg." in Dortmund Genosse LinnS Scheibe verurteilt, iveil er in einer Lokalnotiz behauptet hatte, daß auf Zeche„Zollcrn I" ein Stück Fahrschacht der« maßen zu Bruch gelegen, daß die Leute auf dem Bauch kriechen mußte», wenn sie zu ihrer Arbeit wollten und weiter, daß die Wettersohle vom fflötz 10 nach Revier WieshauS unfahrbar wäre. Im Zusammmenhang mit diesen Behauptungen ivar geschrieben Ivorde», daß einige Leute, die infolge eines Unfalls nach Hause geschickt wurden, ganz gut zur Reparatur dieser schadhaften Stellen benutzt werde» konnte». Das Gericht sah den Wahrheitsbeweis, den der Ver- teidiger als völlig gelungen bezeichnete, für den ersten Punkt nur als teilweise, für den zweiten als garnicht erbracht an. Auch der Schutz deS§ 193 wurde dem Augeklagten versagt. Aus FuduNviv und AZundrl. Nhrinisch-WcstfälischcS Kohlensyndikat. Die Syndikats- zechen förderten nach vorläufigen Ermittelungen im ersten Halbjahr 1002 rund 23 200 000 Tonnen gegen 2ö 072 692 Tonnen in derselbe» Zeit des Vorjahres, 2S 212 388 Tonnen in derselben Zeit 1900 und 23 S06 129 Tonnen im ersten Halbjahr 1899. Es erglebt sich sonach gegen die ersten sechs Monate des Jahres 1899 ein Förder- ausfall von ungefähr rund 300 000 Tonnen oder circa IV« Proz.. während sich der Ausfall gegen das erste Halbjahr 1901 auf rund 1 870 000 Tonnen oder ca. 7>/s Proz. und gegen das erste Halbjahr 1900 sogar auf rund 2 000 000 Tonnen oder ca. 8 Proz. beziffert. Wie sehr die Syndikatszechcn inr laufende» Jahre gegen- über den außenstehenden Zechen im Nachteil gewesen find, geht deutlich daraus hervor, daß sich die Minderabfuhr im ganzen Ruhr- Kohlenrevier im ersten Halvjahr 1902 gegenüber der gleiche» Zeit des Vorjahres nur auf ca. Proz. bezifferte, während die Minder- förderung der Syndikatszechen ungefähr 7Vs Proz. betrug. Saatenstand in Oestrcich. Das östreichischc Ackerbauministerium veröffentlicht über den Stand der Saaten zn Mitte Juni 1902 den folgenden Bericht? Die Ende Mai eingetretene heiße Witterung mit folgenden Nieder- schlügen hat den Stand der Halmfrüchte, welche infolge des im- günstigen Maiwetters sehr zurückgeblieben waren, erheblich gebessert und viele Schäden wettgemacht. Roggen steht zumeist erst in Blüte und läßt, falls die Blüte« zeit, tvie es in Nieder- und Oberöstreich der Fall ist. in den Haupt- Produktionsländern günstig verläuft, im großen Durchschnitt eine gut mittlere Ernte erwarten. In Ostgalizicn und Schlcfien hat sich der Roggen, ivelcher im Mai durch Wetternnbildcn in vielen Gegenden sehr zu leiden halte und zum Teile schwach stand, bedeutend erholt. In den Alpenländern wurde der' Roggen nicht selten durch das naßkalte Wetter und in höheren Lagen auch durch Schneefälle geschädigt. Weizen steht im allgemeinen etwas besser als Roggen und ver- spricht in Niederöstreich, Galizien, Schlesien und Steiermark größten« teils gute und sin den übrigen Ländern gut mittlere Ernten. In Ostgalizien übertrifft der Stand des Weizens den des Roggens noch immer erheblich, und in vielen Gegenden giebt er zu den besten Erntchoffnnngen Anlaß. Die Sommersaaten, welche im Mai unter der Ungunst der Witterung besonders zu leiden hatten, haben sich sehr erholt und gekräftigt, sind jedoch in den regenarmen Gegenden der Sudeten- länder in der EntWickelung stark zurückgeblieben und werden dort, falls nicht ausgiebige, warme Niederschläge eintreten, nur schwache Ernten liefern. Mit Ausnahme Mährens und Böhmens, wo die Schäden den durchschnittlichen Ertrag auf das Mittelmaß herabdrücken dürften, kann auf einen gut mittleren Erntecrfolg gerechnet werden. Das Frühobst hat durch die Spätfröste fast überall gelitten und wird nur schwache Erträge abgeben. Auch bei den späten Sorten wurden die Aussichle» auf eine günstige Obsternte itt vielen Gegenden sehr herabgesetzt. Die meisten Obstsorten hatten zlvar eine reichliche Blüte, doch verlief sie bei ungünstiger Witterung, so daß zum Teil die Blüten, zum Teil die jungen Fruchtansätze abfielen. GeuievKsiszAftl irhes. Eine iliiningSfreimdlichc Entscheidung. So nennt mit Rech die„Fachzeitung der Berliner Tischlermeister" die Antwort der Gewerbedeputation ans eine Beschwerde des Junungsvorstandes gegen den Vorstand der JnnnngS- Krankenkasse. Die Innung kann überhaupt rühmend behaupten, daß in dem ganzen Kampf, den sie nnt dem Holzarbeiter- Verband um den Arbeits- Nachweis und die Einführung der Entlassungsscheine führt, die Gewerbedeputation des Berliner freisinnigen Magistrats treulich Hilfsbereitschaft geleistet hat. Die Verstöße gegen die Ge- Iverbe-Ocdnnng seitens der Berliner Tischlerinnung sind von der Gewerbedeputation mit einer Nachsicht behandelt und zu Gunsten der Innung mit soviel jurististischer Bcrklauselierung gedeutet, daß man den unternehmerfreundlichen Standpunkt unschwer herausfinden kann. Die letzte nicht unwichtige Entscheidung dieser Anfsichtsbehör.e der Innung, die unter den Scharfmachern so helle Freude hervorrief, verleiht der Innung das Recht, von dcr JimungS-Kraiikenkasse die Einsichtnahme in die Bücher und Kassenführnng zu verlangen. An sich ließ sich gegen die Entscheidung nichts einwenden, wenn diese Einsichtnahme zur Information der finanziellen Lage der Kasse vorgenommen würde. Solchen Anforderungen hatte sich bisher auch der Kassenvorstand nicht widersetzt, nur als die Herren Nahardt und Genossen die An- Meldungen und Abmeldungen der Mitglieder in der Kasse dazu be- nutzen, auf die Meister einschüchternd zn wirken, um sie zn zwingen, nur den Arbeitsnachweis der Innung zu benutzen, lehnte sich derBorstand der Krankenkasse gegen diesen Mißbrauch der gewonnenen In- Berantwortlichcr Redacteur: Carl Leid in Berlin. formation auf. Man wollte nicht in dem Streit derJnnung gegen den Holz« arbeiter-Verband einseitig einer Partei Material ausliefern, das die Versicherten schädigen mußte, aber auch die den Scharfmachern in der Innung widerstrebenden Meister der blindwütenden Diktatur des Jnnungsvorstandes auslieferte. Diese Beweggründe des Krankenkaffen-VorstandeS waren der Gewerbedeputation nicht unbekannt. Der Entscheid besagt hierüber: »Daß der Jnnungsvorstand die verlangten Auskünfte zu andren Zwecken als denen der Kaffenkontrolle verwenden soll, kann gegenüber der grundsätzlichen Berechtigung deS Jnnungs- Vorstandes, die Kassenbücher einzusehen bezw. sich über dieselbe von den Kassenbeamten informieren zu slassen, nicht in Betracht kommen." Die ganze Entscheidung beruft sich auf keine gesetzliche Vorschrift und es besteht auch eine solche keineswegs. Zur Information des Jnnungsvorstandes dient ja die Vertretung der Meister im Vorstand der Kasse. Es ist mithin die Einmischung des Jnnungs- Vorstandes ungesetzlich und der Kassenvorstand wird gut thun, seine ablehnende Stellung beizubehalten, er kann nicht einem Mißbrauch der Innung Borschub leisten; dazu mag die freisinnige Berliner Verwaltung die Dienste leisten; eine Kassenverwaltnng, die das Wohl der versicherten Arbeiter im Auge hat, muß solche Zumutungen zurückweisen. Die Krankenkaffe kann ruhig die Festsetzung einer Strafe abwarten und dann Beschwerde einlegen. Berlin nnd Umgegend. Centralvcrein für Arbeitsnachweis zu Berlin. Bericht über den Geschäftsbetrieb im Monat Juni 1902: ungelemte Klemp- Tape- weibl. ins- Arbeiter Maler Schloffer zj�r Pers. gesamt Eingeschriebene, ar- beitsnchende Pers. 20SS 851 415 124 84 321 3850 Von Arbeitgebern verl. Arbeitskräfte 1592 637 225 86 64 300 2904 In Arbeit gebrachte Personen... 1433 570 209 73 49 239 2573 Achtung, Gußputzer! Die Differenzen bei Gebr. Arndt, Fenn- straße 21, sind zu Gunsten der Ausständigen beigelegt. Deutsche Mctallnrbeiter-Gcwerkschaft, Perwaltungsstelle Berlin. Achtung, Verstlberer! Ein Herr Ch. Behrens sucht in ver- schiedenen Ardeiterblättern Versilberer nach der Fabrik von Wollheim in Altona-Ottcnsen, wo er sich kürzlich als Zwischenmeister nieder- gelassen hat. Da es jedenfalls wieder auf große Prcisdrückerei ab- gesehen ist, warnen wir alle Verstlberer, auf derartige Inserate Arbeit zu nehmen. Der Hanptvorstand deS Vergolder- Verbandes. Deutsches Reich. Die Aussperrung im Hamburger Baugewerbe brachte Ge- nosse Stollen in der letzten Sitzung der Bürgerfchaft zur Sprache. Er richtete an die Finanzdcputation die Anfrage, weshalb de» Unternehmern öffentlicher Arbeiten die Baufristen verlängert worden seien nnd kritisierte das Verhalten der Polizei, die in bekannter Weise zu Gunsten des Unternehmertums gegen die Arbeiter ein- schreitet. Schließlich stellte Genosse Stoltcn einen Antrag, ivelcher bezweckt, daß die Bestimmung, auf die sich die Polizeibehörde bei ihren rigorosen Wlatznahinen gegen die Ausständigen stützt, aus dem hamburgischen Gesetz gestrichen tverde. Die Ausführungen Stoltens fanden begreiflichcrivc'ise bei den bürgerlichen Vertretern der Republik Hamburg keinen Anklang, und sein Antrag wurde nicht einmal genügend unterstützt. Die Situation des Lohnkampfes ist im allgemeinen unverändert. Von den nach Hamburg gelockten Streikbrechern wollen viele wieder abreisen. Um sie daran zu hindern, veriveiger» ihnen die Unternehmer die Heransgabe der Papiere, so daß die betreffenden Arbeiter die Hilfe der Polizei, und soweit sie Oestreichcr sind, die Hilfe ihres Konsuls in Anspruch iiehnien mußten, ohne daß eS ihnen jedoch gelang, ihre Papiere zu erhalten. So leichten Kaufs wollen die Unternehmer ihre mit so vieler Mühe und großen Kosten herangezogenen Arbeits- tvilligen eben nicht wieder laufen lassen. Sie werden aber schließlich doch darüber belehrt iverden, daß sie kein Recht haben, die eingefangenen Arbeiter gegen deren Willen festzuhalten. Im übrigen tvird die Werbung von Streik- brechern im Auslande fortgesetzt. Nachdem die Haniburger Unter» nehincr Ocstreich mit einigem, wenn auch recht zweifelhaften Erfolg abgesucht haben, probieren sie ihr Glück in Holland. Ans Utrecht ivird gemeldet, daß von dort am Donnerstag 80, am Freitag 60 Streik- brecher nach Hamburg abreisen sollten. Die Abreise wurde aber ver- 'choben, iveil, wie die Agenten erklärten, daS Reisegeld noch nicht eingetroffen ivar. Sollte den» den Hamburger Unternehmern das Geld schon so knapp sein, oder trauen sie nach den üblen Er- fahrungen mit den in Wien Angeworbenen den in allen Winkeln aufgelesene» Arbeitswilligen nicht mehr. Unter den in Holland An- geworbenen sollen nur wenige Fachmänner sein. Also viel Glück zn solchen RauSreißern. Tarifvcrcinbarungen. Nach länger als zwei Jahre währenden Verhandlungen traten dieser Tage Tarife in Kraft, die vereinbart sind zwischen dem Schntzverband der Brauereien von Nürnberg, Fürth und Umgegend einerseits, und zlvci Brauerorganisationcn, owie den Verbänden der Böttcher, Handelshilfsarbeiter. Maschinisten und Heizer, sowie dem Nürnberger Gewerkschaftskartell andrerseits. Fast gleichzeitig ist der Tarif der Silbcrschläger in Kraft getreten, auf Grund dessen jetzt alle Silberschläger von Fürth und die meisten von Schlvabach arbeiten. Der Buchbinder-Vcrband hat eine Urabstimmung vor- genommen über die Frage: Sollen die Portefeuiller und Leder- galanIeric-Arbcitcr und-Arbeiterinnen(für die bekanntlich seit einiger Zeit ein besonderer Verband besteht) fernerhin noch in den Deutschen Buchbinderverband aufgenommen werden? Die Frage ist nnt 3316 gegen 729 Stimmen bejaht worden. Ein neueS Gewerkfchaftsblatt erscheint vom 5. Juli ab im Verlage der Verbandsbuchdruckerei der Metallarbeiter, Alexander Schule u. Cie. in Stuttgart:„Der Schläger", Organ für die Jnter- essen der gesamten Blattmetallgewerbe und für die Publikationen der bestehenden Tarifkommissionett. DaS Blatt ist für die Feingold-, Aluminium-, Silber- und Metallschläger bestimmt. ES soll wöchent- lich erscheinen. Ausland. Bergarbeiter- Streik in Böhmen. An? Falkenau wird ge- meldet: Die bei der Firma Starck in Unterreichenau beschäftigten Arbeiter, sotvie die Arbeiter der Glück- und Scgenzeche in Wüdin- grün, zusanimen 700 bis 800 Mann, haben die Arbeit eingestellt. Sie verlangen eine einstündige Mittagspause. Aus dem gleichen Anlasse stellten in Zwodau 460 Manu und auf den Schächten der Montan- und Jndustrialwerke 720 Mann die Arbeit ein. Eine Einigung ist bisher nicht erzielt. Ans Laibach ivird gemeldet: Die Arbeiter am Karawarken- Tunnel fowie die Steinbrucharbeiter von Bischovlack nnd die Strecken- arbeiter beim Wocheiner Bahnbau sind in den Streik getreten. Die Angestellten der kanadischen Nord-Etfeubahngesellschafi sind mit Ausnahme der Bureaubeamten in den Streik eingetreten. Sie verlangen die Anerkennung ihrer Organisation. Die Arbeiter der Maschinenwerkstätten streiken aus diesem Grunde bereits seit einigen Wochen. VevpÄtnutlunlgen. Der Central-Vcrband der Maurer(Sektion der Putzer) hielt ani 2. Juli in den A r m i n h a l l e n seine Mitgliederversammlung ab. Die Versammlung beschäftigte sich mit der Bnuarbeitcrbewegung. Die Mitglieder stehen auf dem Standpunkt, daß die Putzcrträger ein Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Vi Recht zu ihren Forderungen haben, nur mit dem Unterschied, daß der Träger aus dem Accord ausgeschlossen Iverden muß. Die Mchrforderung ist an den Arbeitgeber zn stellen. Folgender Vorschlag wurde gutgeheißen: Die Versammelten erklärten, den im Lohukampfe stehenden Bauarbeitern ihre volle Sympathie und verpflichten sich, bei etwa enlstehenden Differenzen, sei es durch die Pntzerträger oder andre Ursachen, unter keinen Um- ständen mit etwaigen sogenannten Arbeitswilligen zusammen zn arbeiten. Zur Beschlußfassung findet nächste Woche eine öffentliche Persannnlung statt. Ein Antrag, die achlstündige Arbeitszeit eiuzu- führen, wurde den Bezirksführern zur Beratung überioiesen. Charlottenburg. Die hiesige G e w e r ksch a fts k onimi ssion hielt am 27. Juni im„Vollshause" eine Sitzung mit einer recht umfassenden Tagesordnung ab. Als erster Punkt wurde über die Wahl von Kandidaten zu den Beratungen der Unfallverhütnngs- Vorschriften für verschiedene Berufs- Genossenschaften verhandelt. Da für Charlottenvurg hauptsächlich nur die Nordöstliche Eisen- und Stahlindustrie- Berufsgenosscn- schaft, Sektion 2;(die Norddeutsche Metall-Berufsgenosseuschaft, Sektion 2; die Norddeutsche Holz-Berufsgeuosseuschaft, Sektion 3; die Deutsche Bnchdrucker-Berufsgeuosseuschaft, Sektion 8; die Lagerei- Berufsgenossenschaft, Sektion 3, und die Tiefbau-Berufsgenossenschaft in Frage kommen, fo wurde beschlossen, so schnell wie möglich in den in Betracht kommenden Gewerkschaften die Kandidaten zn wählen und das Resultat dem Obmann der Gewerkschaftskommission, der das weitere veranlassen wird, zuzusenden, lieber die Veranstaltungen des am 7. Juli im Vollshause stattfiiideuden Gewerkschasls- festes berichtet kurz Rosenberg und wurde im Anschluß hieran bekannt gegeben, daß sich die Sängergenieiiischaft der hier im Ort domizilierten Gesangvereine aufgelöst habe, und es jetzt somit jeder Gcwerlschaft freisteht, einen ihr gutdünkenden Gesang- verein zu ihren Festen zu nehmen. An Stelle eines ausscheidenden Revisors wurde Metallarbeiter Ladcntin gewählt. Da am 1. Oktober d. I. der Besitzer der gegenwärtigen Gewerkschaftsherbcrge diese anfgiebt, fo wurde in eine Verhandlung dieser Frage eingetreten. Ter Borschlag, im neuerbauten Vollshause eine Herberge zu errichten, ivurde zurückgeiviesen, weil es im genannten Hause an Räumlichkeiten hierzu fehlt. Da die anderen Aussichten, hier in Charlottenburg eine Herberge zu errichten, sehr trübe find, so wurde ein Antrag Flein- ming angenommen, der besagt, daß von einer noch zn errichtenden Centralstelle jeder zureisende organisierte Arbeiter 20 Pf. Fahrgeld und 20 Pf. Zehrgeld zwecks Ueberuachtung in der Herberge des Berliner Gewerkschaftshauses erhalten soll. Hierauf wurde dem Vorschlag des Ausschusses, eine Auskuuftsstelle für Arbeiterrechte zu errichten, zugestimmt. Diese befindet sich jetzt in der Wohnung des Metallarbeiters Menge, Bismarckstr. 77, Seitenfl. 2 Tr. nnd erteilt derselbe jeden Mittwoch und Sonnabend von 6— 8V2 Uhr abends unentgeltlich in allen in Betracht kommenden Fragen Rat und Aus- kunft. Es ist noch mitzuteilen, daß Billets zur Seccssiou zum er- mäßigten Preise von 25 Pf. beim Fabrikarbeiter Kosololvski, Sesen- heimerstr. 2, jederzeit noch zn haben sind. Die Schmiede fehlten entschuldigt, sonst waren alle Gelverkschaften vertreten. Die Zahlstelle Weißensce deS Deutschen Holzarbcitcr- Vcrbandcö beschloß in ihrer außerordentlichen Generalversammlnng am 3. Juli: Die Zahlstelle Weißensee erklärt sich mit den Bc- schlüssen der Berliner Kollegen in Bezug auf den Arbeitsnachiveis der Jnnmig einverstanden und erklärt, den Kampf nicht eher aufzugeben, als bis der Nachweis auf paritätischer Grundlage errichtet ivird. Freireligiöse Genieinde. Sonntag, den 6. Juli, vorinittags 8'/« Ilhr, in der Aula der 69. Geineindeschule, KI. F ra u k f u r t e r st r. 6: Versaiilniluiig. Freireligiöse Vorlesung. Um 10% Uhr vormittags ebendaselbst: Vortrag des Herrn Proscffor Dr. Albert Gchrke:«Die Civili- sation."— Gäste, Danicu und Herren, sehr willkoiliiiien. Zlgitationsverein für den Reichstags-Wahlkreis Ttralfnnd- Frauzburg- Rügen. LereinSsitzmig Sonntag, den 6. Juli, vormittags 10 Uhr, bei Ramlolv, Schönhauser Allee lös. Vortrag des Genossen Schütte. Urtzke Ltachvichkett und VepeMxen. Die Kongregationen und daS Ministerium Combeö. Paris, 4. Juli.(Deputierteukammer.) Denys Cochin interpelliert die Regierung über das jüngst ergangene D ekret, das die Schließung von 135 K 0 n g r e g a t i 0 n s s ch n l e n anordnet. Er erklärt, das Dekret verletze das Gesetz von 1386. G a y r a u d macht der Regierung den Vorwurf, das Vereiusgesetz schlecht zu interpretieren. Der Minister- Präsident C 0 111 b e S erwidert, daß die Kongregationen überall nene Schulen oder neue Niederlassmigen gründen, die vorher der staatlichen Genehmigung bedürfen. So habe der Staatsrat interpretiert. Die Regierung sei entschlossen, jeden Widerstand zu brechen, dem Geiste der Ncvolntion zum Siege zu verhelfen und die Herrschaft der bürgerlichen Gesellschaft zn sicher». Den gegen diese nicht staatlich genehmigten Kongrcgationsschulcn getroffenen Maßnahmen würden in nächster Zeit mehrere andre folgen.(Stürmischer Beifall links.) Die Kammer beschließt mit 309 gegen 218 Stimmen, daß die Rede ConibcS' öffentlich angeschlagen werde. R i b 0 t bringt eine Tagesordnung ein, wonach die Entscheidung über die Schließung der Schulen der Kongregationen den bürgerlichen Ge- richten zustehen solle. Violette bringt eine Tagesordnung ein, in welcher es heißt, die Kammer billige die Erklärungen der Regierung und rechne darauf, daß dieselbe nnt Festigkeit die Durchführung des Vereinsgesetzes überlvachen werde. Ministerpräsident Combes erklärt, er nehme diese Tagesordnung an und lehne jede andre ab. Hierauf wird die Tagesordnung Ribot mit 321 gegen 216 Stimmen abgelehnt und die Tagcsordnnng Violette mit 333 gegen 210 Stinimen angenommen. Sodann wird die Sitzung geschlossen. Königsberg i. Pf., 4. Juli.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des Deutschen Acrztetagcö ivurden u. a. folgende Anträge ein- ltintmig aligenommen. Erstens: Mitglieder von Krankenkassen sollen die Hilfe jedes Arztes anrufen können, der im Bezirke thätig ist und sich auf die vereinbarten Bediuguugcn verpflichtet hat. Ziveitens: Die gegenseitigen Leistungen zwischen Acrzten nud Krankenkassen sollen vereinbart iverden von Komniissionen, die zu gleichen Teilen von Acrzten des Bezirks und Delegierten der Krankenkassen gebildet werden. Badcn-Badcn, 4. Juli.(28. T. 93.) Der ehemalige Präsident des Reichstages Freiherr v. B u 0 l- B c r e n b e r g ist heute hier gestorben. Adinont, 4. Juli.(V. H.) Ein Tourist, der Lehrer Schreiner, stürzte vom Hochthor ab und blieb sofort 10t. Stockholm, 4. Juli.(W. T. B.) Der Hamburger Dampfer „Wilhelm Oelßner", der am 1. Juli in der Nähe von Lnlea auf Grund stieß, wurde vom Bergnngsdainpfcr„Belos" flottgemacht und nach TjufholmSsnndet geschleppt. London, 4. Juli.(W. T. B.) Das Unterhaus nahni die dritte Lesung der Vorlage an, tvodurch die lvestiiinnunge», betreffend den Verkauf von berauschenden Getränken, verschärft werden. JohnillieSbiirg, 2. Juli(Meldung des Renterschen Vin'cailS.) Mehrere Polizisten begaben sich am 29. vorigen Monats»ach dem Grundstück der GeldcnhuiS- Mine, um niehrere Personen, von denen eine im Verdacht stand, die Eingcbornen zum Niederlegen der Arbeit und zur Rückkehr nach ihren Kraals aufzureizen, zu verhaften. Während die Verhafteten abgeführt wurden, machten einige eingeborene Slrbciter den Versuch, die Gefaiigenen zu befreien. Die Polizei nahm darauf auch die Eingcbornen fest. Die Anführer befinden sich noch im GefäugniS, die übrigen Arbeiter wurden mit Geldstrafen belegt. Loiirciiyo MarqiieS, 4. Juli.(W. T. V.) Gestern abend brach am Nethcrlnnds Pier ein Brand ans, der noch nicht gelöscht ist. Die dort befindlichen, dein englischen Heere gehörigen Gerat- schaften sind vollständig vernichtet. Port Said, 4. Juli.(Meldung deS„Renterschen VurcanS".) Heute ist hier ein P e st f a l l festgestellt ivorde». rlag von Max Badiug in Berlin. Hierzu S Beilage». st. 154 ig. mmn. i. Keilllge des„Amitris" Kerlim AIKsblM s-™«. 5. i»« 1902. I 1>nwii 111 iib.............................................................................................................................. Mtkev�rrfiZze NundsihKU. Der zweite Abschnitt der französischen Revolution. Jcau Jnnrsö, La Legislation(1791—1792). Band 2 der Histoire sooialiste, unter Leitung von Jean Jaurös herausgegeben von Jules Noufs et die., Paris. 660 S. 4°. Mit dem Zusammentritt der gesetzgebenden Nationalversammlung (1. Oktober 1791) sollte nach Ansicht der Zeitgenossen die Aera ruhigen, gesetzmätzigen Fortschritts in Frankreich beginnen. In der neu- geschaffenen Verfassung war alle Vorsorge getroffen, Vergeivaltigungen durch den einen oder andern Faktor der Gesetzgebung auszuschließen. Aber die pnragraphierten Sicherheitsvorschriften waren teils über- Haupt ungeeignet, teils unter den gegebenen Verhältnissen un- genügend, eine friedliche Entwicklung zu verbürgen, wo der Träger der Krone selbst nicht an die Verfassung glaubte und immer wieder Misttrauen gegen sich heraufbeschivor. Stand es aber mit dem König und seiner Umgebung ganz anders, als die Verfassung verlangte, so trug auch die neue Nationalversammlung ein ganz andres Gesicht als ihre Vorgängerin, ans deren Geist die Verfassung von 1791 gebore» ivar. Dah durchweg andre Männer in ihr saßen, dafür hatte diese Verfassung selbst durch die Bestimmung gesorgt, daß kein Abgeordneter der konstituierenden Versammlung Mitglied der gesetzgebenden Versammlung sein durfte. Vor die Not- wendigkeit gestellt, überall neue Männer zu wählen, schickte die Wählerschaft zumeist Leute ins Parlament, die auf Grund der neuen Verhältnisse in die Oeffentlichkeit getreten und an ihrem Bestände besonders stark interessiert waren. Mit Ausnahme von Paris, Ivo die monarchistisch-Ionstitutionelle Partei siegte, ergaben die Wahlen eine erhebliche Verschiebung nach links. ** Jaurös beginnt den vorliegenden zweiten Teil seines Werkes mit einer Untersuchung über den Geist, der die bäuerlichen Wähler Frankreichs im Wahlkampf von 1791 bestinimte. Da über diesen Punkt nicht, wie über den Geist der Wahlen von 1789, protokollarisch auf« genommener Beschwerdehefte(„eabiers") Auskunft geben, auch von eigentlichen Wahlprogrammcn keine Rede war, kann die Stimmung des Landvolks nur aus einer Summe von Thatsachen ermittelt werden, die sichere Schlüsse auf sie erlauben. Sie liegen vor in Berichte» über Agitationen auf seilen der Bauern, um volle Durchführung der in der berühmten Nacht vom 4. August 1789 verkündeten Principicn — Abschaffung der Feudalrechte— zu erlangen. Zwischen jener Principienerklärung und der Art, wie sie in der ersten Zeit in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, klaffte nämlich ein ungeheurer Unterschied. Die Nationalversammlung hatte am 4, August bloß die persönlichen Fendaldienste für schlechtweg abgeschafft, die Geld- und Naturalleistungen aber nur für ablösbar erklärt. Sie hatte die Bauern wohl in die Lage versetzt, die Ablösung dieser Lasten zu erwirken, aber ihnen zugleich die Verpflichtung auferlegt, den volle» Geldwert dafür zu erbringen oder hypothekarisch aufzu- nehmen. Mehr noch, die Nationalversammlung hatte weiter dekretiert, daß alle rückkaufbaren Lasten ein Pauschal bildete», das nur in Einem abgelöst werden könne. Dazu fehlte aber de» Bauern einerseits die Lust, da die Lasten sie nicht gleichmähig drückten, zum Teil sogar nur für gewisse Fälle auf dem Papier standen, andrerseits aber auch die nötigen Mittel. Und so besteht, schreibt Janrös,„eine der wichtigsten und interessantesten Seiten der revolutionären Aktion von fünf Jahren gerade in den ungeheueren Bemühungen der Bauern, die Durchführung des am 4. August ver- kündeten Princips zu erlangen."(S. 759.)' „Diese andauernde revolutionäre Aktion, diesen Druck der Bauer» auf die Bourgeoisie," fährt er fort,„scheinen die großen Historiker der Revolution gar nicht berücksichtigt zu habe». Michelet, der doch ein� so lebhaftes Gefühl für die ökonomischen Interessen hat, hat diesen tiefen Kampf nicht gesehe», Louis Blanc scheint ihn nicht einmal zu ahnen. Liest man ihn, so scheint eS, als ob in der Nacht vom 4, August plötzlich eine Lichtsäule aufstieg und die Revo lution einer Offenbarung glich... So haben die Historiker dem Volk Anblick und Sinn der Revolution falsch dargestellt. Nach ihnen wäre eine neue Gesellschaft, wie eine siedende Quelle, mit einem Satz hervorgesprungen. Wohlan, selbst in einer heißen Phase der Revo lution, in den Jahren von 1789 bis 1795, selbst nach principieller Abschafinng des Feudalsystems, fällt das feudale Eigentum nur Stück für Stück und nach wiederholten Anstrengungen." „Ohne die große Zähigkeit der Bauern würde der Feudalismus vielleicht noch in einzelnen Punkcn fortbestehen, trotz der lenchtende» Nacht vom 4. August. S e l b st in einer ganz und gar revoluti o n ären Epoche vollzieht sich die Expropriation des Feudalismus stückweise. Ein großes Beispiel für uns, das uns lehrt, die partiellen und schrill weise vor sich gehenden Expropriationen des Kapitalismus nicht zu verachten."(Ebendaselbst.) Aber gerade weil er nicht mit einem Schlage befreit wurde, blieb der Bauer revolutionär, ein aktiver Faktor der politischen Revolution. Vom Frühjahr 1790 an häufen sich, wofür Janrös ein reiches Material erbringt, die sich bis zu Drohungen und lokalen Aufständen und Gewaltakten steigernden Proteste der Bauern gegen die Auslegung, welche die konstituierende Nationalversammlung dem Dekret über die Abschaffung der Feudalinstitutionen gegeben hatte. Durch Dekret vom 15. März 1790 hatte die Nationalversammlung u. a. verfügt, daß der Beweis dafür, daß eine Geld- oder Natürallast nicht in einer ursprünglichen Bodenabtretung, sondern in einer Personalverpflichtung wurzele, vom Bauer erbracht werden ninsse, statt umgekehrt vom Feudalherrn. Was das für die Bauern hieß, braucht nicht erst gesagt zu werden, die Erbringung des ihnen auferlegten Nachiveises war eine einfache Unmöglichkeit! sind doch selbst heute die Forscher noch nicht darüber einig, worin die Ur- spränge der Feudalverpflichtungen zu suche» sind. Und schließlich be- stimmte das Gesetz, daß die Einleitung einer Ablösungsklage den Kläger nicht von der Verpflichtung befreite,' die bestrittene Abgabe so lange unverkürzt fortzuzahlen, bis der Richterspruch gefallen und rechtskräftig geworden sei. Mit diesen und ähnlichen Bestimmungen, die alle von dem Bestreben der ersten Nationalversammlung zeugen, um keinen Preis die Heiligkeit des Eigentums antasten zu lassen, war die pomphaft ausgerufene Befreiung der Bauern der reine Spott ge- worden und mußte überall die lebhaftesten Zornansbrüche hervor- rufen. Aus vielen Urkunden kann man einen Rückschluß ziehen auf die drohende Haltung der Landbevölkerung vor Beginn und während der Wahlen des Jahres 1791. Andre Umständr, wie der Fluchtversuch des Königs zc. trugen dazu bei, den Wählern die Wahl von entschiedenen Anhängern des neuen Standes der Dinge nahezulegen. Aber der»ene Stand der Dinge war nur nach gewissen Seiten hin einigermaßen bestinimt abgegrenzt; sonst war die Unsicherheit noch groß, und wenn die neue Kammer keine Ver- Leidiger des alten Regime mehr i» ihren Reihen zählte, so war sie nur um so mehr dem bürgerlichen Besitz ergebe». Indes ließ die Agitation nicht ab, und so ward im Juni 1792 ein Gesetz beschUfse», das wenigstens mit Bezug auf die kasuellen Fendalrechte k�den Wünschen der Bauern nachkam. Und auch der erste Paragraph dieses Gesetzes drang nur infolge eines Manövers der Linken durch, in einer Sitzung(14, Juni), ans der sich fast die ganze Rechte schon entfernt hatte,„Merklviirdig", schreibt Jaures,„in der Nacht vom 4, August herrschte, obwohl der Adel vollzählig in der konstituierenden Nationalversammlung vertreten war, Einstimmigkeit zu Gunsten der Proklamation, durch welche das Feudalsystem im Princip für ab- geschafft erklärt wurde. Und in der ausschließlich bürgerlichen gesetz- gebenden Versannnlung findet sich kaum eine Mehrheit, um einen Teil der Fendalrechte wirklich abzuschaffen. DieS, weil es sich in derNacht vom 4. August um eine Principienerklärung, am 14. Juni 1792 aber darum handelte, gegen greifbare Interessen einen empfindlichen Schlag zu führen."(S. 790.) Wir brauchen aber nicht erst hinzuzufügen, um wieviel interessanter als die pompösen Reden, welche an den großen Tagen der Revolution gehalten wurde», für uns heute die Debatten und Vorkommnisse sind, die sich an scheinbar so kleine und faktisch doch so bedeutsame Abstimmungen, wie die zum 14. Juni 1792, knüpften. »« » Schwankend wie ihre Stellung zum feudalen Eigentum ist auch das Verhalten der gesetzgebenden Versammlung zum K ö u i g t u m. Ihm principiell den Krieg zu erklären, kam anfangs den wenigste» ihrer Mitglieder in den Sinn.*) Und doch fühlten' die meisten,' daß von einem ehrlichen, Bestand versprechenden Frieden zwischen König und Volksvertretung nicht die Rede sein konnte. Es herrschte ein intensives gegenseitiges Mißtrauen, das zu fortgesetzten Reibungen und Reizungen sührte. Nicht in der Lage, den Kampf daheim auszu- fechte», schauten sowohl der Hof wie die nunmehr im Parlament maßgebende Partei, die Girondisten, für die Lösung des Problems nach dem Auslände. Ter Hof erwartete sie von der Intervention der auswärtigen Mächte, die Partei der Girondisten von einem Kriege mit diese» Mächten. Dort war insbesondere die Königin treibend am Werk, während der König unschlüssig blieb; bei den Girondisten arbeitete, wie Janrös eingehend nachweist, vornehmlich Brissot de Warville auf den Krieg hin, im Gegensatz zn den Demo- kraten der äußersten Linken, Robespicrre und Genossen. ES ist ein sehr interessantes und lehrreiches Kapitel, dieses Spiel der Parteien im Hinblick auf die auswärtige Frage, und die nahezu hundertfünfzig Qnartseiten, die Janrös ihm widmet, enthüllen die Einzelheiten dieses so verhängnisvollen und zum Teil mit so wenig VerantwortlichkeitSgcfühl getriebenen Spiels und die dabei wirksamen Motive aufs anschaulichste. Je Heller es vor unser Auge tritt, um so mehr Vergleichspunkte bieten sich bei aller sonstigen Verschieden- heit mit den' Winkclzüge» des Parteilebens der Gegenivart dar, und der Verfasser verfehlt denn auch nicht, von Zeit zn Zeit Nutz- anwendungen für die Gegenwart zn ziehen, llcbertricbe» hart ist sein Urteil Ludwig XVI. gegenüber. Man kann durchaus zugeben, daß Ludwig sich politisch schuldig machte, als er durch allerhand Mittelspersonen die Intervention des A»S- landes anrufen ließ, aber man wird ihm doch menschlich so viel zu gute halten müssen, daß seine Lage eine ganz abnorme war und sei» Verhalten daher nicht mit dem eines Monarchen in konsolidierter Stellung verglichen werden kann. Gerade indem er das unwahre Spiel des lautesten Führers der Girondisten aufdeckt, liefert Janrös das Material, das zn Gnnstc» der Zubilligung mildernder Umstände an Ludwig XVI. spricht, allerdings nur menschlich rmd nicht auch politisch mildernder Umstände. Janrös' volle Sympathie ist in dieser Epoche bei den Dcrnokraten, die sich dem Kriegsgeschrei widersetzen. I» der That ist die Sprache der Demokraten und ihrer Blätter zu jener Zeit höchst bemerkens- wert. Das große Publikum kennt sie nur ans Zeitläuften, wo die Leidenschaften anfs höchste gespannt waren: es fist darum um so wertvoller, zu erfahren, wie sie in ruhigen Zeitläuften lautete. „Daß der König, daß die Minister und der Hof den Krieg ivolle»: daß die Aristokraten den Krieg wollen; daß die Fanatiker de» Krieg ivolle»; daß alle Feinde der Freiheit den Krieg wolle». daran ist nichts Wunderliches. Der Krieg kann ihren mörderischen Plänen nur nützen. Aber daß auch eine Anzahl von Patrioten den Krieg wollen; daß die Meinung der Patrioten über den Krieg ge- teilt sein kann, das begreift man nicht, und doch ist es eine That- fache, die wir vor uns sehen."... So schreibt in der Woche vom 17. bis zum 24. Dezember das Organ von Robespierre und Proudhomme, die„Rcvolutions de Paris". Damals standen die Girondisten noch mit dem linken Flügel der Jakobiner in einem Lager, dem der Patrioten, wie der Sammelname der Anhänger der Volkssache lautete. „Die französische Ehre sei verletzt," heißt es weiter.„Und an- gebliche Patrioten führen diese Sprache I Auch Ludwig XVI., auch Rarbonne, die Feuillants und die Ministeriellen sprechen so zur Nation die Sprache der„Ehr e". Noch einmal, die freien Männer haben nie gewußt, was die„Ehre" ist. Die Ehre ist die Mitgift der Sklaven; die Ehre ist der treulose Talisnian, init welchem man die Tyrannen die heilige Sache der Menschheit hat zu Füßen werfen sehen." Und RobeSpierre ruft Brissot im Jakobinerklub ironisch zu: „Macht nichts, ihr nehmt die Eroberung Deutschlands gleich selbst auf euch, ihr führt unsre triumphierende Armee bei allen Nachbar- Völkern spazieren, ihr setzt überall Munizipalitäten, Direktorien, Nationalversammlungen ein....— Leider strafen die Wirklichkeit und der gesunde Menschenverstand diese herrlichen Prophezeiungen Lügen; es liegt in der Natur der Dinge, daß der Marsch der Vernunft nur langsam vorwärts geht. Dis überspannteste Idee, die in dem Kopf eines Politikers auftauchen kann, ist, die Einbildung, daß es für ein Volk genügt, mit be- ivaffneter Hand bei einem andern einzuziehen, um dieses zu be- ivcgen, seine Gesetze und seine Verfassung anzunehmen... Bevor sich die Wirkungen unsrer Revolution bei de» auswärtigen Nationen fühlbar machen sollen, muß sie selbst befestigt sein.... Man giebt sich einer überspannten und albernen Vorstellung von den Dinge» hin. wenn man glaubt, daß in dem Moment, wo ein Volk sich eine Verfassung giebt, alle andren sofort diesem Zeichen folgen." So der spätere SchreckenSman» im Anfang Januar 1792. Ohne sich zu verhehlen, daß für RobeSpierre eine teilwcis sehr irrige Auffassung der heimische» Sachlage maßg ebend ivar, zeigt sich Jaurös doch sehr zufrieden darüber, daß gerade dieser und dessen Freunde die Kriegspolitik bekämpften.„ES freut n»S", schreibt er. „daß gerade die am ausgesprochensten demokratische Partei, daß die Partei, die aus der Volkssouveränität eine Wahrheit machen wollte, es war. die sich dem Krieg am energischsten widersetzte. Später, wenn der Krieg entfesselt sein, wenn das Frankreich der Revolution seine Freiheit gegen eine verschworene Welt zu verteidigen haben wird, werden die demokratischen Revolutionäre ihn mit unbeugsamer Energie unterstütze»; aber solange der Friede ihnen möglich erschien. haben sie selbst gegen die Volkslcidenschaft für Erhaltung des Friedens gekämpft."(S. 889.) »• * Der Fehler RobeSpierreS zu jener Zeit war nach Jaurös, daß er das Vertrauen in die Kraft der Revolution verloren hatte und daher der Politik der Girondisten keine aktive Politik, sondern nur Kritik entgegen zn setzen wußte. Sie Wirksani zu bekämpfen, bedurfte eS einer Aktionspartei, die keine Kriegspartei war, und da sie fehlte, siegte die Politik der Girondisten. In der That hatte damals bei den Männern der äußersten Linken eine stark pessimistische Stimmung um sich gegriffen, die u. a. auch in Marats Artikel» deutlich zum Ausdruck kommt. Aber diese Ansicht war nach Jaurös irrig, und ein besserer Dolmetscher der Volksempfindnngen als Marat ist ihm Höbert, der noch mehr als jener verrufene Heraus- geber des„Pöre Duchesne". Eine Parallele, die er auf S. 1050 hinsichtlich dieser beiden Männer zieht, ist ein Meisterwerk feiner Psychologie. Hier einige Stücke daraus: *) Der Schtvur der Jakobiner begann damals:„Ich schwöre, dem Gesetz und dem König treu zu sein und mit allen Kräften die von der Nationalversammlung beschlossene und vom König an- genommene Verfassung aufrecht zu erhalten." „So plump und absichtlich plump das Blatt HebertS auch sein mag. so spüre ich oft in ihm den große» Herzschlag der Volks- empfindungeu. Steckt im affektierten Zynismus des„Pöre Duchesne", wie man oft gesagt hat, Komödiantentum und nichts weiter? Ich kann es nicht sagen, und ich verabscheue diefen Gossenstil, der die Proletarier herabdrückt: aber er ist auf« richtig in dem Sinne, als er instinktmäßig das Bolksgefühl versteht und es ohne Mühe wiederspiegelt. Marat ist ein Eingäuger, der iu seinem Kopf ein ganzes Rev'olutionssystcm konstruiert hat und es wütend de» Ereignissen und den Menschen aufnötige» ivill. In jeder Krisis der Revolution, und welches auch das Empfinden der Menge fei, ist es ein Diktator, den Marat vorschlägt, ein militärischer Tribun, der die Verräter abthun soll. Sicher hört er bis zuni Grund seines Kellers das Lärmen der Menge, die Schreie der Not, das Zischeln des Verrats, und er antwortet darauf'mit durchdringenden Aufrufen und fürchterlichen Worten. Aber dieser Zorn ohne Pause, dieser ewige Verdacht ermüden das Volk; es niuß zuweilen Atem schöpfen, es hat nicht immer das Fieber, eS giebt sich den leichten Freuden des Lebens hin, atmet Luft, Sonne, Vertrauen, schenkt den Menschen Glaube»... Der Pöre Duchesne ist im Gegensatz zum Mann des Kellers der Mann der Straße und der Menge— der Küfereieu, wo man den guten Wein trinkt, indem mau auf die Aufkäufer schimpft, die ihn verteuern. Er über- wacht die Volkstribuuen, ist mit ihnen zufrieden oder denunziert sie; aber er hat für sie eine Art derber Zärtlichkeit, die dem im Volke steckenden Bedürfnis zu lieben entspricht... Während so Marat erschöpft und verzweifelt sich einbildet, daß es nichts mehr zu sagen und zu thun giebt, weil man allerseits die buchstäbliche Beobachtung der Verfassung predigt, paßt sich Hebert diesen vorübergehenden Ver- Mittelungen an und setzt verwegen seinen Weg fort. Vom 15. De- zember bis zum 12. April läßt Marat, dessen Blatt sich fast nicht mehr verkauft, seine Feder sinken, der Pöre Duchesne dagegen ruft mit ivachsendem Erfolg an den Straßenecken seine großen Zornausbrüche, seinen großen Kummer und seine großen Freuden aus: „Ich bin der wahre Pöre Duchesne, Gott verdammt!" Indes genügte die Stimme des Pöre Duchesne nicht, und der Klub der Cordeliers ersucht Marat, wieder das Wort zu nehme». Der Brief ist von Hebert als Präsidenten unterzeichnet, und am 12. April 1792 erscheint der„Ami du Peuple" wieder.„So läßt sich das Volk sozusagen mittels zwei Slimnien vernehmen, die eine spöttisch, jovial und oft ordinär, die andre herbe, schneidend, von Leidenschaften und Idee» zitternd, bald der Ausdruck wütender Ver- irrunqen und bald der prophetischer Accente."(1060). Es ist aber keineswegs die politische Frage in der Form der auswärtigen Politik, ivelche Frankreich in dieser Epoche bewegt. Z» der schon beleuchteten Frage der Ablösung der Fcndallasten ge- sellcn sich wirtschaftliche Fragen verschiedenster Art. Mit ihnen be- schäftigt sich Jaurös sehr eingehend in deni Kapitel„Die ökonomische und sociale Bewegung im Jahre 1792", das, über 200 Seiten iin Quartformat stark, für sich schon ein ganzes Buch ausmacht und eine Fülle höchst interessanter Thatsachen über das wirtschaftliche Handeln und Denken der Nation in dieser Epoche erbringt und be« leuchtet. Entsprechend dem wirtschaftliche» Entwicklungsstand ist eS Iveit mehr der Handel als die Produktion, an den die ivirtschaftlichen Kämpfe der Epoche anknüpfen. Die Gegensätze zwischen Unter- »ehmern und Arbeiter» treten oder vielmehr bleiben zurück hinter denen von Kanflcnten und Volk der verschiedensten Klaffen. Die großen Warcnhändler, die Geldwechsler, die Industriellen als Ver- käufer, sie sind es, die immer wieder durch Preistreibereien die Leidenschaften wider sich erregen. Der große gewerbliche Aufschwung, den die Revolution in ihren ersten Jahren zur Folge gehabt hatte, war an sich schon geeignet gewesen, die Preise der Lebensmittel in die Höhe zu bringen, und sicher waren manche Vorgänge auf dem Warenmarkt, die vom Volk als das Werk teuflischer Machenschaften betrachtet wurden, die natürliche Folge der geänderten Wirtschaftslage, wozu dann aller- dings erhöhte spekulative Ausnützung der günstigen Handels- konjunkturell trat. Der Volksmaffe aber leuchtete die Freiheit deS Wuchers mit den wichtigsten seiner Bedarfsartikel nicht ein, und so gab es innner wieder Aufstände oder tumultnarische Demonstrationen gegen die Verteilter, während in der Gesetzgebung bürgerliches Klassenintercsse, ideologischer Doktrinarismus und humanitäre oder demagogische Rücksicht auf die Volksmasse mit einander darüber stritten, ob und wie man in solchen Fällen einzugreifen habe. An Konflikten dieser Art, die ja nur den gegensätzlichen Charakter der modernen Wirtschaftsordnung wicderspiegcln, ist die Geschichte der Revolution überreich. Ilntcr nndcrm gehören hierher die Debatte» über die Kolonialfrage, die in, Winter 1791/92 aus Anlaß von Anfständen anf der Insel Dominique die gesetzgebende Versammlung lebhaft beschäftigten. Die Interessen der großen Pflanzer und Rohr- zucker-Fabrikanten, der unbemittelten weißen Eimvandcrer, der Mulatten, der freigekauften Farbigen und die Fürsorge für die Negersklaven standen sich in verschiedener Hinsicht gegenüber und fanden ihr Echo in entsprechenden Kreisen der heimischen Be- völkerung: bei Reedern und Großkaufleuten. Parteigängern deS absoluten Eigentumsrechts, Liberalen, Demokraten, Philanthropen. ES hat heutzutage, wo die Kolonialfragen wieder lebhaft diskutiert werden, einen besondern Reiz, die damaligen Debatten nachzulesen, und die Dokninente, die Jaurös ans ihnen wiedergiebt und glossiert, sind überaus inter- essant. Trotzdem die gesetzgebende Versammlung rein bürger- lichen Charakter trägt, und gerade die in ihr zur Herrschaft gelangte Partei, die Girondisten, ihre Hauptstütze in den Hafenstädten, vor allem Bordeaux, hat, wo das Interesse der großen Pflanzer und Znckersieder im Bürgertum viele Teilhaber und Mitlnteressenten zählt, muß doch schließlich dieses nachgeben. So stark ist der Hu- manitätsgedanke und die Rückwirkungen der soeben verkündeten Rechtsprincipien, daß die Versammlung, wenn sie auch noch nicht io weit geht, die Sklaverei der Schwarzen kurzweg aufzuheben— selbst Marat scheute sich damals noch, diese Forderung zu stellen— doch den freien Farbigen und Mulatten das volle Bürgerrecht zu- erkennt. Und man muß nicht meinen, daß die Kammer nicht ivußte, was sie damit that. Es ist ganz falsch, den humanitären des Dekrets etwa als ein Produkt abstrakter Ideologie ein Buch mit sieben Siegeln ist. die Lage auf de» Kolonien, das die scharfe Hervorhebung der dort „beweist von neuem, wie ober» der„Ideologie" an die Adresse der gleichzeitig so idealistischen und so realistischen Revolution ist"(JrniröS, S. 975). Die Unrnhen auf den Kolonien hatten im Frühjahr 1792 als Rückwirkung eine Austreibung des Z n ck e r p r e i s e S. Von 1,50 Livres das Psimd schnellte er plötzlich anf 3 LivreS in die Höhe, und das Volk von Paris, das dahinter ein Manöver der Aufkäufer witterte, erhob sich, stürmte und plünderte verschiedene Magazine. Bezeichnend ist, wie das Volk zivischen der soeben ver- kündeten Freiheit und der Freiheit des Lebensmittelwuchers unter- scheidet. In einer Petition des Stadtviertels der Gobelins(südliches Paris) an die Nationalversammlung, die Jaurös nnttcilt, heißt eS unter anderm;„Wir hören diese erbärmlichen Aufkäufer und ihre schändlichen Kapitalisten uns einwenden, daß das verfassungsmäßige Staatsgesctz die Handelsfreiheit verkünde. Kann es ein Gesetz geben, welches' das Grundgesetz aufhebt, das im Artikels der Menschenrechte sagt:„Die Freiheit besteht darin, alles thun zu dürfen, was dem hinzustellen, der die Wirklichkeit Eine Darlegung Brissots über Jaurös mitteilt, überrascht durch spielenden Klassengegensätze und flächlich und eitel der Vorwurf weniger durchkreuzt hat, hat gegen Ende 1792 an politischer und socialer Macht erheblich gewonnen. Die allgemeine Volksbeivaffmuig, das ollgemeine Stimmrecht, die durch kein Gegengewicht beeinträchtigte Selbstherrlichkeit der Nation, die wirksame und fast vollständige Abschafsnng des Feudalismus, die gewaltige Enteignung des Adels im Anschluß an die Enteignung der liirche— das sind die lebendigen Kräfte, welche die gesetzgebende Versammlung dem Konvent hinter- läßt.'(S. 1319.) Aber—.diesem letzteren bleibt der unmittelbare Kampf, mit der Gefahr vorbehalten. Er hat den Krieg nicht vorzubereiten, sondern ihn zu unterhalten. Er hat den Konig nicht zu snspen- dieren, sondern ihn abzuurteilen und ein neues RegiernngSgebände aufzurichten." andern nicht schadet', und im Artikel S:„Das Gesetz darf nur Handlungen verbieten, die dem andern schaden I' Wohlan, wir fragen Euch,.Gesetzgeber und uusre Vertreter, heißt eS nicht, dem andern schaden, wenn man unbedingt notwendige Lebens» mittel aufhäuft, um sie nur zum Preis von Gold zu ver» kaufen?. Die Aufhebung der Einfuhrzölle versprach uns eine glückliche Zukunft, sie zeigte uns das gelobte Land, und wir hofften es zu betreten. Ein vom Egoismus und der Habgier entfachtes Un- gcwitter scheint uns hinwegzutreiben, Ihr werdet es zerstreuen. Dies der Beweggrund unsrer Neklamationen.... Wir verlangen, daß die Munizipalitäten von Euch bevollmächtigt und angewiesen werden, die Magazinbcstände zu überwachen, damit sie nicht fortgeschafft und auf verbrecherische Weise verivendet werden. und daß sie wenigstens dem Volke, das schon sehr lange unter der schrecklichen Verteuerung der notivendigstcn Lebensmittel leidet, Erleichterung slbaffen." Ohne daß es klar ausgesprochen wird, kündigt sich hier schon das Verlangen an, das später im Maximumgesetz des Konvents feine» Ausdruck findet. Im übrigen zeigt auch diese Petition, wie .in der Volksauffassung das Wort Freiheit einen umfassenden und konkreten Sinn erhält, der das Gegenteil des Latz-qehen-und-geschehen ist." sJaurös, S. 999). Die eingerissene Verteuerung der Lebensmittel war beiläufig zum Teil eine natürliche Folge des großen geschäftlichen Auf- schwungs, den die Revolution zunächst zur Folge gehabt hatte. Dasselbe gilt von dem Problem der Assignaten, das in der be- handelten Epoche die Geister zn beschäftigen beginnt— allerdings in ganz andrer Gestalt, als wie zwei Jahre später. Anfang« 1792 sind tvenigstens die kleinen Assignaten noch so begehrt, daß sie nur mit einem Aufschlag erhältlich sind. Dieser Mangel an flüssigen Zahlungsmitteln wird zum Anlaß beS AuftauchenS von allerhand Zetielbanken spekulativen Charakters mit dem üblichen Gefolge von Schwindelgeschäften aller Art, riesenhaften Gewinnen auf der einen, zahlreichen Verlusten auf der andern Seite. So sammelt sich überall neuer Stoff zn Klaffengegensätzen ver- schiedenster Art auf. Wir bedauern, diese Entwicklung hier nicht im einzelnen verfolgen zu können, sie zeigt in wunderbarer Weise, wie die Köpfe durch die Ereignisse beinahe Schritt für Schritt auf die Ausarbeitung der Ideen geführt werden, die in der abgeschlossenen Fori», wie sie auf uns gekommen sind, uns je nachdem als über- menschliche Abstrusitäten oder Genialitäten anmuten. Interessant ist ferner, wie lange das revolutionäre Bürgertum den schon damals angestellten Versuchen Trotz bietet, eS durch den Himveis auf die Gefahr von unten, durch Ausspielung der Begehr- lichkeit der Besitzlosen ängstlich zu machen. Die allerhand Revolten der Massen vermögen nichts an der Thatsache zu ändern, daß die Revolution noch im Aufstieg begriffen ist. Die thörichte Politik deS HofeS und seiner Parteigänger im In- und Auslände sorgt dafür. daß alle Riffe und Spaltungen im Lager der Revolution diese nicht hindern, den Gegnern in eutscheidenden Momenten eine geeinte Front zu zeigen, bis im August 1792 das tölpelhafte Manifest deS Herzogs von Braunschweig zum Sturm auf die Tuilerien und zur Einberufung des Nationalkouvents führt. Im Bewußtsein der Thatsache, daß es die ihm feindlich gegenüberstehenden Mächte nur besiegen kann, wenn eS die Massen an seine Fahnen kettet, unter dem Druck der nunmehr in Paris dominierenden revolutionären Sektionen und Truppenteile erläßt am Tage des Tnilcrienstnrms das in der gesetzgebenden Versammlung vertretene revolutionäre Bürger» tum die Verfügung, welche für die Wahlen zum Konvent und die spätere» Parlamente das allgemeine Wahlrecht festsetzt: .Von dem Wunsch getragen, in dem Moment, wo sie friedlich die Freiheit und Gleichheit beschwört, am gleichen Tage die An- Wendung eines so heiligen PrincipS für das Volk sicher zu stellen, bestimmt die Nationalversammlung, daß in Zukunft, und ins- besondere für die Bildung des bevorstehenden Nationalkonvents, jeder französische Staatsbürger, der 25 Jahre alt, ein Jahr ansässig i st und vom Produkt seiner Arbeit lebt, in den Geincindeversammlungen und den Urwähler-Versmnmlungen ivie jeder andre aktive Staatsbürger und ohne jede andre Unterscheidung zur Ausübung deS Stimmrechts zugelassen sein soll." Zwei Tage später setzte die Versammlung die Altersgrenze von 25 auf 21 Jahre herab und hob auch für die Wählbarkeit die Unter- schiede zwischen aktiven und passiven Staatsbürgern auf. Diesen bemerkenslverteu Beschlüssen solgen nunmehr eine Reihe Gesetze, welche die Aufhebung der Feudallasten erst zur Wahr- heit machen. Alle herrschaftlichen Rechte iverden unterschiedslos für verfallen, für ohne Entschädigung abgeschafft erklärt, die nicht von einem Kauf herrühren, für den der Nutznießer dieser Rechte den dokumentarischen Beweis zu erbringen vermochte. Zugleich wird der Verkauf der Güter der ins Ausland geflohenen Adligen in kleinen Abteilen und die Aufteilung der Gemeindegüter zu gleichen Teilen an die Gcmeindemitglieder verfügt. Soweit die französische Revolu- tio» die Bauern befreit hat, kann man die Befreiung niit weit größerem Recht als vom 4. August 1789 vom 19. August 1792 datieren. Aber unzweifelhaft wird der 19. August 1792 als das Datum der ersten Verkündigung deS all gemeinen Wahlrechts ewig denkwürdig bleiben. .Durch die gesetzgebende Versanimluug." so faßt JanröS das Wirke» dieser Körperschaft zusammen,.hat sich die Demokratie erst der zahllosen plumpe» oder feinen Zi'igel entledigt, mit denen die Verfassung von 1791 sie gebunden hatte, und das Volk, dessen Bewegungen sie zwar nicht immer rückhaltlos unterstützt, aber noch Wir Habel« im Vorstehenden nur ein lückenhaftes Bild von« In- halt des Janrässchen Buches gegeben. So fehle» u. a. die äußerst intereffante» Auseinandersetzungen über die ersten Schritte zur Organisierung eines nationalen Unterrichtswesens und die Ver- gleichung der betreffenden Entwürfe von Talleyrand und Condorcet, die sich von einander unterscheiden, ivie der Geist der konstituierenden von dem der gesetzgebenden Nationalversammlung. Es fehlen ferner dir so Ivichtigen Partien über das Vordringen der Demokratie und des deinokratischen Geistes in den Sektionen von Paris und den Föderationen des Volksheeres, die inneren Käinpfe der Parteien und die Entwicklung der Parteiführer, und eS fehlen schließlich die mit hinreißender Lebendigkeit und Wärme geschriebenen Schilderuugei« der großen historischen Zusammenstöße. Wir hätten ein ganzes Buch schreiben müssen, um auf all' daS einzugehen. Wie wir schon angedeutet haben, ist daS JanröS'sche Buch nicht ohne Fehler. Vor allen, leidet daran, daß es— kein Buch ist. Seine Einteilung ist ganz entsetzlich unbeholfen, man würde sie eher bei einem Angrtjörigen irgend ivelcher andern Nation, als bei einem Franzosen vermuten. Kapitel von 159 und 299 Seiten in« Quart«vechseln init solchen von 34 und 17 Seiten. Es«st der unsymmetrischste Block, den inan sich nur denken kann. Es ist durchaus ungleich gearbeitet und setzt— lvaS in, heutigen Frankreich freilich begreiflich genug— im Grunde beim Leser schon eine ziemliche Kenntiris der Revolnlions- geschichte voraus, die es oft mehr konnnentiert als mitteilt. In der That ist eS Voriviegend ein Kommentar der landläufigen Geschichts- -bücher. Als einen solchen, als Buch, aus dem man die Geschichte nicht erst kennen, sondern verstehen lernen soll, muß nian es ausfassen, um ihn« gerecht zu iverden. Aber so unsymmetrisch der Block ist, so herrlich ist das Material, aus dem er besteht, und je näher wir uns mit ihin befasfei«, um fo feinere, den Beschauer hin- reihende Arbeit«verde«« wir an ihm erkennen. K B. Wirtschaftlicher Wochenbericht. Berlin, den 4. Juli 1992. Stagnation ohne Ende I Auch in der letzten Berichtswoche bot der Börsenverkehr nichts.«vaS einer ausführlicheren Berichterstattung wert wäre. Die Grundtendenz«var zivar fester als in voriger Woche und die leitenden Industrie- und Baukwerte haben durchiveg nicht nur ihren Kursstand zu behaupten vermocht, sondern teilweise sogar, Ivenn«nan die Couponabschläge mit berücksichtigt, kleine Avancen erzielt; aber die Umsätze«varen so gering und der Geschäfts- Vollzug ein so schiverfälliger, wie früher selbst nicht in den heißesten Wochen des Hochsommers. ivenn die großen Faiseure in Misdroh oder Heringsdorf Erholung von den Strapazen des KurStreibens suchten. An Anregungen, die der Spekulation Anlaß zu größeren Operationen hätten bieten können, fehlte es gänzlich, und ebenso- «veiiig fand die Koutermine Gelegenheit, nachhaltig auf die Kurse zu drücken. Die einzelnen Gerüchte und Meldungen über den besseren Zustand des englischen Königs, über angebliche Absatzvergrvßernngen im Ruhr-Kohlcnrevier, die Verlängerung des Schienenkartells und die Lage auf den« amerikanischen Eisemstarkt befestigten zivar die Tendcirz, eriveckten aber in der allgemeinen Verstimmung nur geringe Nachfrage, so daß sich das Geschäft in engsten Grenze» hielt. Bekanntlich hatte schon durch ein Rundschreiben von« 17. Februar der.Central verband deutscher Industrieller" die bedeutenderen Syndikate und Nnternehmerverbände zu einer Konferenz eingeladen, die dann auch am 9. April stattfand und den Beschlutz faßte, die vorbereitenden Schritte für die Schaffung einer gemein- samen Vertretung der deutsche» Kartelle im Anschluß an den Central- verband zu thun. Wie«veit diese.vorbereitenden Schritte" gediehen sind, ivisscn wohl nur die Leiter des Verbandes, daß dieser aber inzivischen ein gut Stück WcgeS zur Vcrlvirklichung seines Planes der Zusammen- fassuug aller Syirdikate zu einem Schutz- und Trutzkartell vortvärtS gekommen sein muß, zeigt ein neues Rundschreiben an die ver- schiedcnen auf. der Konferenz verlrelen gelvesencn Syndikate und Kartelle, in den« von diesen zur Abivehr der gegnerischen Be- strebunge» und Agitationen ei» Beitrag.von nicht unter 199 Mark" verlangt«vird mit der Begründung: „Das Direktorium des Ceutralvcrbandcs hat wahrgenommen, daß in, Reichstage und in Landtagen einzelner Bundesstaaten gegen das Kartcllivesen Anklagen erhoben Ivurden, die auch in ein«»» Teil der Tagespresse und in der öffentlichen Meinung Widerhall fanden. Es«var nicht zn verkcniien, daß diese Belvegnng in dem Streben ausläuft, die Stantsregierung zu Eingriffe» gesetzlicher oder sonstiger Art in das Kartellivescn zu bestiinmen. Bei dieser Sachlage konnte daS Direktorium die in neuerer Zeit auf andren Gebieten gcmachten Erfahrungen nicht unbeachtet lassen,»ach denen solche in der ösfeut- lichen Meinung hervortretenden Verstiinmunge»»nehrfach zu that- sächlichen Erfolgen geführt'haben." Es handelt sich also un« die vorläufige Anlegung einer KriegSkaffe, deren Mittel einmal dazu dienen sollen, die Anklagen der Tages- presse gegen das„Kartellivesen" abztlivehren, d. h. in die Presse— natürlich gegen entsprechende Bezahlung— solche Artikel und Notizen zu lanzicre», die für die Syndikatspvlitik eintreten, und zlveiteiiS ein Eingreifen der Regierung zu verhindern— vielleicht durch Anlven- dung ähnlicher Praktiken, Ivie sie die Aufdeckung der bekannten 12 999 Mark-Affaire enthüllt hat. Das in diesem neuesten Rundschreiben des CentralverbaudeS enthaltene offene Eingeständnis, daß der Verband mit allen Mitteln eine Beeiufluffnng der öffentlichen Meinung ivie der Regierung er- strebt, ist recht interessant und ivenn in nächster Zeit «vieder Kartell- Lobhudetungs- Artikel einer geivissen Art in der Presse erscheinen,«vird man«vissen,«voher sie stanimen) aber neu ist dieses Streben der Herren Bueck und Konsorten für de», der mit einiger Aufmerksamkeit die Leistungen der„Deutschen Jndustrie-Zeituug"«nid gcivisser vom Direktorium deS Ceutral-Ver- bandes alimentierter und inspirierter Berliner und rheinischer Blatter verfolgt hat, keinesivcgs. Ausführlich ist die Politik, die der Ver« band in Bezug auf das Syndikatslvcsen einzuhalten gedenkt, bereits im Dezember-Januar in einer Artikelserie der„Deritfchen Industrie- Zeitung" behandelt, die den Chefredacteur dieses offiziellen Organs des Centrnl-Verbaudes, Herrn Steininaun-Buchcr, zum Ver« fasser hat. Später sind dann diese Artikel erlveitert und zu einer„Denkschrift" verarbeitet«vorden, die den Leitern des Centraiverbandes zur Begutachtung eingeliefert «vurde. In dieser Denkschrift, die vor einigen Wochen in Broichüren- form veröffentlicht«vorden ist,«vird»ach einer längeren Einleitung über die„kriseuinildernde" und„ivirtschaftlich erzieherische" Wirkung der Syndikate, denen der Verfasser als besonderes Verdienst an- rechnet, daß sie nach Ausbruch der Krise die Preise der Rohstoffe, vornehmlich Kohle und Eisen, hochgehalteil habe««, auf die Be- schäftigung des Reichsanits des Innern mit der Kartellfrage und auf die Möglichkeit hingeiviescn, daß infolge der angestellten Uuter- suchunge» und des gegenteiligen Einflusses andrer Ministerien das Reichsauit seine jetzt gelviß„nicht f e i n d l i ch e" Gesinnung gegen die Kartelle ändern könne. Zur Vorbereitung darauf«vird e»npfohleil: „Aber gerade diese Frist sollte von der Industrie, von de» Kartellen benützt tverden, um sich selbst auf das Kommende vor- zubereiten und im gegebenen Fall mit den erforderlichen Unterlagen. ausgerüstet zn sein; denn die von allen Seiten angegriffenen Kartelle haben ein Interesse daran, daß die Anschauungen der amtliche«, Kreise,«velche bis jetzt in« all'ge- meinen den Kartellen günstig sind, auch durch die e i n g e h e n d st e n II n t e r s u ch u n g e» nicht n m g e w a>« d e l t >v erden können, sich vielmehr in eine entsprechende Haltung in Gesetzgebung und Verivaltung um- setzen..'.. Alle diese Vorgänge auf gesetzgeberischem und rechtlichem Gebiete sollten die Industrie,«nsbcsondere aber die in Kartellen organisierte Industrie veranlassen, die Kartcllfrage nicht allein von ihrer rein praktischen, sondern auch voir ihrer mehr theoretische«, Seite in An- griff zu nehmen, um für alle Fälle vorbereitet und bester unter- richtet �n sein, als die Gegner der Kartelle." Alio die Industrie, d' h. natürlich der Ceutralverband deutscher Industrieller, soll alle zur Verteidigung nützlichen Materialien sammeln, und diese dann derart verlvende«,. daß die den Kartellen günstigen Anschauungen der„amtlichen Kreise" auch durch die e i» g c h e n d st e n Untersuchungen nicht«ungewandelt Iverden. Der Vorschlag zeigt dcnllich. ivie hoch das Machtgcfühl der Leiter des Verbandes gestiegen ist und in«velchem Maße sie die amtlichen Kreise, unter denen in erster Reibe das Reichsamt des Innern zn vcrstehen sein dürfte, ihrem Einfluß für zugänglich halten; vermessen sie sich doch selbst die Wirlung der„eingehendsten Unter- f n ch u» g e n" zn paralysieren. Die 12 999 Mark- Affaire»iiiß, danach zn urteilen, ihre Hochschätzmig für die ministerielle Intelligenz nicht gerade gefördert haben. 91 IS Mittel für den obigen Zweck fordert Herr Stcinman»- Bucher eine Verbindung der Karlelle und Syndikate solvie die Er- richtniig einer„G e»« e i n s ch a f t s st e l l e", die den einzelnen Vereinigungen mit Rat und That beizustehen hat. sich mit der Gesetzgcbuiig und Rechtsprechung über die Kartelle befaßt und der außer der Sammlung von Büchern, Abhandlungen und Artikeln über die Kartcllfrage die Aufgabe zufällt,„aufklärend«ind richtigstellend zn wirken und die Verbindung z«v i s ch e n den Kartellen und der Presse zu beeinflussen oder h e r z u st e l l e n". Ein sauberes Projekt, daS, Ivenn eS zur Verwirklichung gelangt, der Arbeiterschaft noch die AnSsechtimg manches Straußes mit dem Ceutralverband i» Aussicht stellt. UeberdieS scheint eS den Leitern keineswegs»nr um die Beeinfluffimg der„amtlichen Kreise" und der Gesetzgebung in ihrem Sinne zu thun zu sein. Die Herren rechnen, wenn dies auch nicht offen eingestanden«vird, allem Auscheii, nach damit, daß ihre Stellung an der Spitze aller Syndikate, Kartelle und Ringe aucki ihren zoll- und handelspolitischen Wünschen größeren Nach- druck verschaffen wird. Dir Mitteilnngeii über den Morganschen Dampfertrnst und den von englischer Seite mit Uuterstützniig der englische» und der kanadischen Regierung geplante» Gegeutrusl haben die allgemeine Aufmerksam- keit auf' die großen Reedereien der seefahrenden Nationen gelenkt. Eine Zusaminenstelluiig der großen Schiffahrtsgescllschaften nach dem Touncugehalt ihrer Flotten brachten kürzlich die„Hamburger Nach- richten": Wem, auch die Bedeutung einer Reederei nicht auSschließ- lich von der Tonnage der Schiffe, sondern«ficht minder von deren Alter, Ausrüstnng, Größe und Schnelligkeit abhängt, giebt doch diese Zusammenstellung einen ziemlich richtigen Ueberblick über die Stellung, welche die verschiedene««, in letzter Zeit vielgenannten Schiffslinien in« iiiteriiationalen Verkehr ciiiiiehmen. Zuoberst auf der Stufenleiter stehen die beiden großen deutschen Reedereien, die Hamburg-Amerika-Linie mit 661 355 und der Nord- deutsche Lloyd mit 537 979 Registertonnen. Dann folgen englische Reedereien, unter denen jedoch nicht die jetzt in« Vordergründe des Interesses stehenden atlantischen Gesellschaften die größten sind. Die British Inäia Stearn Nav. Co. verfügt über 448 959, die Firma Eldcr, Dempster dt Co. über 396 689, die Pensinsular and Oriental Co. über 329 351 Tonnen. Die von de» Amerikanern angekaufte Bozdand Line ist für Anfang dieses Jahres mir noch mit 276 653 Tonnen bezeichnet— d. i etwa 59 999 Tonnen weniger als im Vorjahre— beim Verkaufe scheinen Abtretungen stattgefunden zuhaben. Die nächstgrößte ist die White Star Line mit 265 634 Touneii, die Union Castle Line mit 255 463 Tonnen, die Finna Ellerman» mit 217 449 Tonnen. In England giebt ei außerdem 15 Reedereien mit einer Tonnage zwischen 299 999 und 199 999. Es sind da« der Größe nach die Ceean Steamship Co., Clan Line, Wilson, Atlantic Transport, Lamport& Holt, Shell, Harrison, Pacific Nav. Co., Allan Line, Anchor Line, Dominion Line, Cunard Line, Prince Line, Maclay& M'Jutyre, Andrew Weir& Co. In Deulschland sind außer den beiden genannten Reedercieu mit über 199999 Tonnen noch zu»eiinen: Die Bremer Gesellschaft Hansa mit 145 367 Tonnen, die Hamburg-Sndamerikanische Dampf« schiffahrlö-Gesellschaft mit 124 145 Tonnen, die Deutjch-Australische Dampfschiffahrts-Gesellschaft 191152 Tonnen und seit dem Jahres- ansang, wo sie 99 293 Tonnen hatte, hat vielleicht auch die Ham- burger Gesellschaft Kosmos diesen Stand erreicht. Im gleichen Range ihrerTonnage nachkommen außer den genannten engliichen, deutschen und amerikanischen Gesellschaften nur noch ver- einzelte Betriebe andrer Staaten in Betracht. Fraukreicki stellt zu den großen Reedereien die Compagnie de Messageries Maritimes und Compagnie Generale Transatlantigue mit je zwischen 299999 und 399 999 Tonnen. In Italien erreicht die Navigazione Generale einen Umfang von 189 923 Tonnen. Dänemark schließt sich»nit der Forenede Dampskips Selskab und ihren 125 994 Tonne» an. In Rußland dürfte die Schisfahrts- und Handelsgesellschaft de» Umfang von 299 999 Tonnen erreicht haben und in Oestreich der Oestreichische Lloyd einen ungefähr gleichen Umfang aufweisen. In Asien stellt Japan die Flotte der Nippon Jusen Kaisha mit 229 774 Tonnen zu der Liste. Die Holland- Anierika-Linie, die ebenfalls unter den großen transatlantischen Ge- sellschaften viel genannt wurde, hat nur 63 921 Tonnen. Tat. Uokales. Ferien. Sie sind wieder da, die großen Sommerferien, die sehnsüchtig erwarteten, in denen fünf Wochen hindurch die Pforten der Schule geschlossen bleiben und kein Glockenschlag unsre Jungen und Mädel au ihre Pflicht mahnt. Viermal im Jahre hat die Schule Ferien— wenn man die paar freien Tage um Pfingsten mitzähle» will, sogar fünfmal— aber als echte und rechte Ferien, als Ferien im vollsten Sinn deS Wortes dürfen allein die S o m m e r f e r l e n gelten. Sie sind so lang, daß man nicht, noch an ihrem Anfang stehend, schon wieder an ihr Ende zu denken braucht, und sie lönnen, da sie in die günstigste Jahreszeit fallen, so gründlich ausgenutzt werden, wie es von richtigen Ferien verlangt werden«miß. Da» ist wenigstens der Standpunkt, den die Schuljugend ihren Dommerferiei« gegenüber einnimmt. Die Eltern dagegen sind zumeist etwas andrer Ansicht. Was in den Augen der Kinder den Vorzug der Sommerferien auch macht, die Daner von fünf Wochen, das erscheint der Mehrzahl der Eltern als ein Uebel. Und auch der Umstand, daß die Kinder für diese fünf langen Wochen ein nicht zu knappes Matz von Uiigcbundenheit erwarten, erfüllt manchen Vater und noch mehr manche Mutter mit recht gemischten Gefühlen. „Sie verlernen so viel, sie verwildern so ent- setzlichl' lautet die Klage, die man in diesen fünf Wochen immer«vieder zu hören bekommt. Nicht der Ferienanfang, sondern der Ferienschluß wird von vielen Eltern sehnsüchtig erwartet. ES kann nicht oft geling darauf hingewiesen iverden, daß diese Klagen ungerecht sind. Gewiß es ist wahr, daß unsre Kinder in den Ferien manche« verlernen, waS ihnen in der Schule mit vieler Mühe eingepaukt worden ist. Eine fünf Wochen dauernde Ungebundenheit ist auch nicht gerade geeignet, deinjenige» seine Auf- gäbe z„ erleichtern, der sich etwa in den Kopf gesetzt hat, seinen Jnngeii zu einem„Musterknaben' zu erziehen. Aber wir sollten nicht iininer auf das sehen, was unsre Kinder in den Ferien einbüßen. Auch da§ verdiente Beachtung, was sie durch die Ferien gewinne n. Und sie gewinnen in der That nicht wenig I Wir denken hier iiicht bloß an den gesnndheitlichen Nutzen der Ferien, der ja hinreichend bekannt ist. Auch auf die g e i st i g e Entwicklung der Kinder üben die Ferien einen starken Einfluß aus, wenn allch seine Wirkungen nicht für jedermann so offen zu Tage liegen. Vieles davon kommt wieder der Schule selber zu gute, deren Arbeit durch die Ferienpausen nur vorübergehend behindert, in ihren« EndergebulS aber unterstützt und gefördert wird. Manches andre von dem, was die Ferien den Kindern für ihre geistige Entwicklung geben, ist vielleicht weniger geeignet, den Erfolg deS Schulunterrichts zn steigern, aber eS braucht deshalb noch lange nicht immer wertlos oder schädlich zu sein. Wer einmal darauf achten Ivill, der wird bemerken, daß b e i den Kindern durch die Ferien eine Fülle von g e i st i g e>« Kräften frei wird, die in der Schulzeit durch den Drill deS Unterrichts in Anspruch genommen und voll aufgebraucht werden. Viele Kinder sind in den Ferien gar nicht wiederzuerkennen. Sie überraschen den Beobachter durch Bethätigung auf Gebieten, für die sie sonst keinerlei Interesse zu haben schienen. I» mancher „Spielerei", die in den Ferien zum Verdruß kurzsichtiger Eltern be- gönnen wird und nach Wiederbeginn des Schulunterrichts mit Ge- walt unterdrückt werden muß, giebt fich eine noch schlummernde Be- fäMung kund, die von Bedeutung für die spätere Entwickliing des Kindes werden kann. Natürlich nimmt auch manches Kind in den Ferien die Gelegenheit wahr, sich in einer ganz andren, durchaus nicht erfreulichen Weise zu bethätigen, aber die größere, wenn nicht die einzige Schuld trifft in solchen« Falle meist die Familie oder die Gemeinde, die dem Kinde keine Gelegen- heit geboten haben, seine Ferien in rechter Weise zu benützcn und zu genießen. Wem« der Erwachsene seine Berufs- und EriverbSthätigkeit für ein paar Tage oder Wochen unterbrechen und Ferien machen darf— eine Wohlthat. die dem Arbeiter ebenso nötix, wäre wie dem Beninte», die aber dem erstcren inmier noch fast ausnahmslos ver- sat,t bleibt— dann atmet er befreit auf:.Nun will ich einmal wieder Mensch seiul" Wer unsre Schulzustände genauer betrachtet der wird sich nicht verhehlen können, daß auch der Schul- fügend eigentlich nur in den Ferien die Möglichkeit geboten wird, »einmal wieder Mensch zu sein". Und darauf hat am Ende ein Kind mindestens ebensoviel Anrecht wie ein Erwachsener. Ztveiter KrciS. Die Parteigenossen werden gebeten, sich Sonntag recht rege an der Flugblattverbreitung zu beteiligen und sich in folgenden Lokalen einzufinden: Werner, Hagelsbergerstr. 2. Borgfeld, Arndtstr. 33, Thomsen, Mittenwalder- und Gneisenauftraßeu-Ecke, T i s ch e r, Bocckhstr. 7, Lindemann, Moritzstr. 9. Die Vertrauensleute. Mißstände in der Charitö. Bekanntlich lassen die sanitären Einrichtungen in uusreu öfirutlichen wie privaten Krankenhäusern häufig viel zu wünschen übrig. Ein kleines Beispiel liefert unS wieder die Charite. Auf der Station I. M. 9 liegen in ztvei Sälen etwa 29 Schwindsüchtige und 10 mit andren ansteckenden Krank- hcitcn wie Scharlach. Diphtherie usw. behaftete Personen. Was nun die ärztliche Behandlung, Aufwartung der Kraulen, Reinlichkeit der Säle und Betten wie auch das Essen anbelangt, so sind diese als durchaus gut zu bezeichnen. Doch zwischen beiden Sälen befindet sich ein Raum, der in mehr als einer Beziehung geradezu ekelerregend ist; er dient den verschiedenartigsten Zwecken. So werden dort abwechselnd Kranke gebadet. Speisen ausgeteilt, sowie Spuck- und Uriugläser gereinigt, schließlich befindet sich dort das ziemlich primitiv eingerichtete Klosett, welches täglich von den etiva 30 Per- sonen der beiden Säle benutzt wird. Da die Ventilation ungenügend ist. so herrscht in diesem Raum eine Luft, die schon einem gesunde» Menschen schier das Almen benimmt, geschweige denn einem Kranken. Neben dem Klosett ist das Wasserbecken angebracht. Will ein Kranker trinken, so mutz er erst eine Zeitlang das Wasser ablaufen lassen, da diesem infolge der ain Klosett entlang führenden Rohrleitung ein übler Geruch anhaftet. Natürlich ist das Baden in jenem muffigen Duftkasten auch keine Annehmlichkeit. Höchst ekelerregend aber wirkt es, wenn auf den Fensterbrettern Gläser mit Eiter, der den Kranken abgenommen ist, längere Zeit stehen bleiben, ehe sie beseitigt werden. Unangebracht ist es auch, iveun, wie hier geschehen, ein elfjähriger Knabe in dieser Station aufgenommen wird, wo sonst nur lauter Erwachsene liegen. Auf einen Uebelstand sei ebenfalls noch hingewiesen, er betrifft die mitunter auffallend barsche Behandlung der zur Entlassung kommenden Genesenen. Ein solcher machte vor einigen Tagen näm- lich die unangenehme Entdeckung, daß sein Anzug infolge der damit vorgenommenen Desinfektion völlig ruiniert Ivar. Als er dieserhalb beim stellvertretenden Inspektor, der die Ausgabe der Kleider leitete, vorstellig wurde, antwortete ihm der Beamte, wenn ihm daS nicht paffe, hätte er sich seine Krankheit anderswo heilen lassen mögen I Der Eutlaffene hat darauf einen Antrag auf Schadensersatz bei der Direktion eingereicht, der jedenfalls berücksichtigt ivird. Viele der Geheilten unterlassen solche Forderungen auf Schadensersatz jedoch aus Furcht vor Scherereien. Es läge wohl im Interesse des guten LtufcS der Charitä, wenn derartige Ucbclstände baldigst beseitigt würden. Bei nur einigem guten Willen dürfte es doch sehr leicht möglich sein, alle inneren Einrichtungen in diesem Krnnkenhause so zweckmäßig auszugestalten, daß sich die Presse nicht fortwährend in kritisl�en Be- merkungen darüber zu ergehe» brauchte. Für die spicleude Jugend. Den Gemeindeschulkindern sind in de» letzten Tagen diejenigen S ch u l h ö f e genannt worden, die ihnen für die Sommerferien zur Benutzung als Spielplätze freigegeben sind. Im vorigen Jahre waren'eS zehn Höfe, dieSmal find es zwanzig, entsprechend der im diesjährigen Etat hierfür ge- forderten und von der Stadtverordnetcn-Bersammlung bewilligte» Koftcusumme. Auch bei zwanzig bleibt noch die Mehrzahl der Kinder von der Benutzung der Hofe schon deshalb ausgeschlossen, weil der Weg bis zum nächsten Spielhof für sie' zu weit ist. Zwanzig Schulhöfe für eine Zweinüllioneu-Stadt, in der über 230 Gemeindeschulen mit über 200000 G-mciiideschulkindern be. stehen I Wanim nicht endlich alle Schnlhöfe freigegeben werden? Weil imnier noch.versucht" wird I Vielleicht darf man zu diesen fort- währenden und nie endenden.Versuchen" wieder einmal daran erinnern, datz die ersten«Versuche" dieser Art nicht erst vor zwei Jahren, sondem vor beinahe zwanzig Jahren be- gönnen haben und seitdem nicht unterbrochen worden find, Schon seit der ersten Hälfte der achtziger Jahre sind Sommer für Sommer drei Gemeindeschulhöfe an den schulfreien Nachmittagen „versuchsweise" zun, Spielen benutzt worden. Mau hat me gehört, datz diese Versuche sich etwa nicht bewährt hätten— sie wären ja sonst auch sehr bald wieder eingestellt ivorden— wohl aber ist das Ergebnis damals von der Sckmldcputation selber als»recht g ü n st i g" bezeichnet worden. Und dennoch sind wir a»> S dem .Versuchs st adium" noch heute nicht heraus. Die städtische Schulverwallung sieht die Berechtigung deS Vor« schlages, alle Schulhöfe freizugeben, ebenso wie jeder andre ein und zweifelt auch längst nicht mehr an seiner Durchführbarkeit. Wenn sie trotzdem immer noch zögert und vorerst immer noch nur eine alliuähliche Erweiterung empfiehlt— in den Erläuterungen zum Turn- und Spiel-Etat für 1902 ivird gesagt:.Wir können den Versuch als geglückt ansehen und ivolleu daher auf dem betretenen Wcge weitergehen"— so hat sie hierfür ihre zwar nicht guten, ober getvichligen Gründe. Sie fürchtet die freisinnige Mehrheit der Stadtverordneten-Versammlnng, deren Wort« führer gewaltig den Mund aufreißen würden, wenn sie in um« fassendem Matze für die spielende Jugend sorgen und die dazu erforderliche» Mittel verlangen wollte. Der Begriff des„Bauleiters" im Sinne von Polizei- Verordnungen und des K 830 des Strafgesetzbuches wird in eiueni neueren Urteil des Kammergerichts dahin definiert: Bauleiter ist nicht der Untcriiehmer, d. h. diejenige physische oder juristische Person, welche auf Grund eines Vertrages niit dem Bauherr» die Herstellung eines Baues übernommen hat, sondern derjenige, welcher — mag er gleichzeitig Bauherr oder Bauunternehmer selbst sein oder auf Grund eines Auftrages einer dieser Personen oder als Geschäfts- führer ohne Auftrag handeln— t h a t s ä ch l i ch die Errichtung des Bauwerks leitet, nach dessen Anweisungen die Herstellung des Bau« Werks durch die Bauhandwerker und Arbeiter erfolgt, der nicht nur einzelne, für den Bau nebensächliche Arbeite», sondern die AuS- führung des Bauiverks als Ganzes unmittelbar und im wesentlichen Beziehungen anordnet. Dieser t h a t s ä ch l i ch e Leiter des BaueS ist derjenige, welcher die Interessen der Allgemeinheit bei Ausführung des Bauwerks, die Interessen der Sicherheit der auf dem Bau be« schäftigten Arbeiter und der Vorübergehenden, endlich die Interessen der später in dem Gebäude sich aufhaltenden Personen wahr« zunehmen hat. Ein bißchen von der Heiligkeit der Ehe. Das»Kleine Journal" meldet: Vor kurzem befand sich in einer hiesigen TageS- zeilnng ein Inserat nachstehenden Inhalts:„G rasen titel sucht distinguierte Dame durch Heirat gegen Entschädigung zu erwerben." Es handelte sich um eine bereits einmal geschiedene, kürzlich auS Nutzland zurückgekehrte und in der Nähe des Belle« Alliance« Platzes ivohnende.Schauspielerin". Diese be« trachtete es als den größten Wunsch ihres Leben«, vor der Welt die Rolle einer gnädigste» Gräfin zu spielen. Für Geld kann man in Berlin alles haben. Auf das Inserat meldete sich thatsächlich ein wirklicher Graf, der allerdings in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt, denn er mutz sich begnügen mit einer 60 M. monatlich betragenden Unterstützung seiner gräflichen Verwandten. Zivijchen der nach der Grafenkrone lechzenden.Schauspielerin" und dem Herrn Graf tvurde folgender Vertrag geschlossen. Die Ehe soll nur eine Schein-Ehe seilt. Ani Tage, wo durch den Spruch des Standesbeamten die Dame„Gräfin" wird, erhält der Graf 300 M. Aufnahme bei der Gräfin findet der Graf nicht. Sofort nach der erfolgten Eheschließung begtebt sich die Frau Gräfin nach.Ostende". Während die Frau Gräfin in Ostende weilt, begeht der Graf in Berlin eine nicht zn knappe Portion Ehebruch.' Ein Detektiv teilt dies der Frau Gräfin mit und Klage wegen Ehebruch wird von feiten der Gräfin erfolgen. Am Tage der gerichtlich erfolgten Ehescheidung erhält der Herr Graf 3000 Mark ausgezahlt. Am Dienstag, den 1. Juli, begab sich die Schauspielerin und der Graf zu einem in der Friedrichstratze wohnenden Notar, dort wurde der Güterausschlutz festgesetzt, denn die zukünftige Frau Gräfin besitzt bedeutendes Vermögen, ivelches sie von einem früheren Verehrer geerbt hat(!). Im Laufe dieser Woche wird� dann_ auch noch die Anmeldung beim Standesamt erfolgen. Die Scheidung soll vor dem Gericht in Hannober erfolgen, da der Graf in Berlin als.Schein-Ehemann" schon zu bekannt ist. Graf Salviae(Privatier Georg Steffen) der durch seine romantische Heirat und dem daraus entstandenen Prozeh so viel von sich reden gemacht, ist gestern unter dem Verdacht des Betruges verhaftet worden. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Morris, hat sofort die ihm zu Gebote stehenden Schritte gethan, um die Auf- Hebung deS Hastbeschlusses zu erwirken. Ein Heine-Relief für Berlin ist jetzt vom Bildhauer Hugo Berwald im großen Modell vollendet. Unter dem Bildnis ist als Inschrift ein Vers aus einem Gedicht s.Nachtgedankeu") gewählt: „Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes Land!" DaS Relief ist nach dem' vorhandenen Bildnis- Material ge- schaffen. Das Portrait im Besitz Adolf v. Menzels ist in die Wand eingelaffen und konnte daher nicht benutzt werden. Es ist eine Arbeit von David d'AngerS; der Verleger Heines, Herr Campe in Hamburg, stellte Herrn Berwald- Schwerin daS Originalrelief in Bronze zur Verfügung. Ferner benutzte der Künstler eine alte. nach dem Leben gefertigte Radierung von Ludwig Emil Grimm im Berliner Kupferstich-Kabinett. Das von ihm jetzt vollendete, etwas überlebensgroße Reliefbild Heines soll nun in Bronze gegossen und voraussichtlich im Herbst am Hause Taubenstraße 32 angebracht werden. Dort befindet sich schon eine Syenittafel mit folgender Inschrift: „Hier Ivohnte 1823 Heinrich Heine (geb. 13. Dezember 1799, gest. 17. Februar 1886)." Oeffentliche Belobigmig. Der Syndikus Dr. Vorsberg, der Primaner Liepe, der Maschinist Schröder, der Obcrheizer V o tz, sowie der Matrose Marquardt aus Potsdam haben, wie der Negiernngspräsident lobend zur öffentlichen Kenntnis bringt, „durch ihr mutiges und entschlossenes Vorgehen" die Rettung dreier im Februar dieses Jahres ans der Havel eingebrochenen Personen vom Tode deS Ertrinkens hilfsbereit gefördert. Die gefährdeten Personen ivaren: der Oberprimaner Maufred von Tzschoppe, der Fischmeister Krause und der Schüler H o r w a r t h. Eine mutmaßliche Kindeöeutführung beschäftigt seit Donners- tag die Behörden. Eine Frau K., die von ihrem Mann geschieden ist, wohnte mit ihrem 11 Jahre alte» Sohn, dessen Erziehung ihr übertragen wurde, in der Weimarerstratze zu Charlottenburg, während der Mann in München lebt. Am Donnerstag kam der Knabe aus der höheren Lehranstalt, die er in Charlottenburg be- suchte, nicht nach Hanse. Die Nachforschungen nach seinem Verbleib ergaben, daß er ivahrscheinlich entführt ivorden ist. Wenigstens be- künden Mitschüler, daß zivei Herren den Knaben an der Lehranstalt erwartet und nach Schnlschlutz mit sich genommen hätten. Bon einem Rollwagen überfahren und getötet tvurde am Donnerstagnachmittag um 3 Uhr), der 31 Jahre alte Lackierer Ernst Tschetschmamr, der seit zwei Tagen in der Lindower- stratze 23 wohnt. T. ivollte in der Jnvalide'nstratze während der Fahrt auf den Wagen springen, fiel aber so unglücklich hin, daß ihm ein Vorderrad über den Brustkasten hinwegging und ihn vollständig eindrückte. Man ivollte den llnglücklichen in ein Krankenhaus bringen; als man aber dort ankam, ivar er schon tot. Die Leiche wurde dem Schauhause zugeführt. Ei» Zeiche» der Zeit. Die städtische Pfandkammer in der Neuen Schönhanserstratze ist gegenwärtig derartig in Anspruch genommen, wie es bisher noch niemals der Fall Ivar. Die Zahl der Zwangspfändnngen und hiermit verbundenen Zwangs- Versteigerungen ist seit kurzer Zeit so bedeutend, daß die Packkaminer- Arbeiter von morgens 3 bis abends 9 Uhr mit Verladung und Trausporte» von Pfandgcgcnsiände» beschäftigt sind. Täglich werden 20—30 Möbelwagen voll gepfändeter Gegenstände der Pfand« kammer zugeführt und hauptsächlich sind es ganze Geschäfts-Ein- richtunaen,«ivelche zum ZwangSverkauf gelangen. So werden in de» nächsten Tagen die Einrichtungen von drei Gastwirtschaften, von Cigarreugeschäften, Porzellan-, Papier-, Nhren-, Möbelhandlungen, ein großes Kartoimagenlager, sowie zahlreiche vollständige Geschäfts- eiurichtungen zum zivangsweisen Verkauf kommen. Ei» KtndeSmord wurde gestern morgen durch einen Zufall verhütet. Als gegen 9 Uhr zwei junge Leute in einem Boot in der Gegend von Kistenmachers Garten auf der Spree fuhren, sahen sie ein Paket mit einer Papierhüllc auf dem Wasser treiben. Neugierig nahmen sie eS inS Boot, wickelten es auf und fanden darin ein noch Icbcudes neugeborenes Mädchen. Sie ruderten nun schnell mit dem Funde ans Land und übergaben ihn einem Schutzmann des dritten Reviers, der ihn nach der Charits brachte. Hier schien das Kind bereits leblos zu sein, ein warmes Bad aber machte es tvieder munter. Da es jedoch nicht besonders kräftig ist. so fürchtet man immer noch für sein Leben. DaS Papier war beim Auffinden des PaketS noch nicht ganz durchnäßt; dieses mutz also ganz kurz vorher ins Wasser geworfen worden sein. Niemand hat aber gesehen, wer daS gethan hat. Die äutzcre Hülle des Pakets bestand aus starkem gelben Packpapier. Infolge Auftretens der Pest in Konstanti»opel sind die Fahrten der rumänischen Dampfer zwischen Konstantza und Kon- stantiuopel eingestellt worden. Der Briefverkehr nach und von der Türkei wird daher bis auf weiteres ansschlietzlich über Belgrad- Sofia, der Paketverkehr, statt über Konstantza, über Trieft geleitet werden. Der verschwundene Etenererheber Gustav G e s ch e scheint gleichfalls Unterschlagungen begangen zu haben. Ein Berichterstatter hatte eine LeSart verbreitet, wonach das Verschwinden des MauneS lediglich auf krankhafte Einbildungen G.S zurückzuführen sei, da sich keinerlei Unregelmäßigkeiten ergeben hätten. In Wirklichkeit haben die Ermittlungen der städtischen Steuerkaffe zu dem Ergebnis geführt, daß die Kasse des Gesche nicht stimmt. Bis jetzt handelt es sich um etwa 3000 M., die Gesche sich aneignete. Die Untersuchung ist aber noch nicht beendet, und damit ist auch die Summe noch nicht fest« gestellt, die der Kommune durch diesen neuen Betrugsfall hinterzogen worden ist. Ktndersptcle. Der in der Arbeiterschaft in gutem Ruf stehende Turnverein„Fichte" hat eS unternommen, während der Schulferien Kinderspiele zu veranstalte». Der Verein macht darauf aufmerksam, wie wenig der Proletarierjugend in Berlin Gelegenheit zum Spielen gegeben ist, wie selbst die Rektoren sehr vieler Ge« meindeschulen sich weigern, die Tchulhöfe der Jugend frei zu geben. An die Eltern und Vormünder ergeht daher die Bitte, das Vorhaben des Vereins dadurch zu unterstützen, daß sie soweit als mög- lich mit ihren Kindern zn den vom Verein veranstalteten Spielen kommen. Die Spiele finden statt an den Sonntagen dieses Monats, also am 6., 13., 20. und 27. Juli, vormittags von 9 bis 11 Uhr. Es können daran Knaben und Mädchen teilnehmen. Die Spiel« Plätze deS Vereins befinden sich im N o r d o st« B e z i r k auf dem Sportplatz»Friedrichshain". Treffpunkt: Lands« bergerplatz am Kriegerdenkmal. Im S ü d o st« B e z i r k an dem Spielplatz im Treptower Park. Treffpunkt: Ober- Freiarchenbrücke am Schlesischen Busch. Jm Nord-Bezirk auf dem Spielplatz„Jungfern Heide" beim Förster Schul z. Treffpunkt: Bahnhof Veussclstraße. Treffzeit für alle Bezirke vormittags 3Vz Uhr. DaS Passage- Theater hat ftir den Monat Juli ein umfang- reiches und durchweg ansprechendes Programm zusammengestellt. Als Humorist zeichnet sich Herr Willi Prager aus; zwei Brcttle- damen, die Creolin Delita und Lucia della Sara leisten im Lieder- bortrag, was nur zu verlangen ist. Auf dem Gebiete der Akrobatik und Gymnastik bieten die drei Spartnnos mit ihren Kraftproduktionen vorzügliche Leistiiiige»; ebenso fällt die Akrobatin Maritaua durch die Sicherheit ihrer Arbeiten auf dem Trapez auf. Als Excentrics bewähren sich die Neger Scott und Jonger. Auch ein Kinematograph mit originellen Bildern hat im Passage-Theatcr Platz gefunden. Daö Arbeiter-Sportfest, welches am 3. August am Müggelsee abgehalten werden soll, verspricht in seiner Art hervorragend zu werden. Schwimmer, Ruderer, Segler, Radfahrer, Sänger und Turner haben ihre Beteiligung zugesagt und werden, jeder in seiner Weise, zum Gelingen des Ganzen beitragen. Das Festkomitee hat dafür gesorgt, daß am Festtage sowohl Eisenbahnziige als Dampf- schiffe genügend zur Verfügung stehen. Zeugen gesucht. Die aus einer Versanmilung gekommenen Personen, welche am Montag, 23. Juni, nachts>/,12 Uhr, vor dem Lokal Wiefeustr. 43 die Schlägerei beobachtet haben, werden dringend gebeten, bei Bnckner, Hochstädterstr. 23, Hof IV. links, ihre Adresse abzugeben. Fcuerbcricht. In der Nacht zum Freitag wurde die Wehr nach einem Kohlenlagerplatz an der Ecke der Bautzener- und Groß- Görschenstratze gerufen. Hier war durch Selbstentzündung ein größerer Posten Preßkohlen in Brand geraten, der indes bald ab- gelöscht werden konnte. Weitere Pretzkohlcnbrände hatte die Wehr in der Oranienburgerstr. 76 und in der Gerichtstr. 8 abzulöschen. Donnerstagabend gegen 9 Uhr war in der Grenadierstr. 37 durch Umfallen einer Petröleimilanipe ein Feuer ausgekommen, daS in der Hauptsache Wäsche und Kleidungsstücke beschädigte. Kurz darauf mutzte in der Franseckistr. 24 ein Scho'rnsteiiibrand beobachtet werden. In der Kastanien-Allee 6 war beim Teeren eines Daches ein Brand entstanden, der Laufbretter beschädigte. Nachmittags mutzte in der Landsberger- stratze 6 in einem Keller ei» Brand beseitigt werden, der in der Hauptsache alteS Gerümpcl zerstörte. Gleichzeitig hatten in der Naniihnstr. 4 Betten, Möbel und Kleidmigsstücke in einer Wohnung Ecuer gefangen, das jedoch in kurzer Zeit abgelöscht werden könnte. orher hatte die Wehr in der Moritzstr. 17 auf einem Hängeboden ein Feuer z» beseitigen, daS hauptsächlich Wäschestücke zerstörte. Außerdem hatte die Wehr in der Zivischenzeit noch Alarnnerungen von der Höchstestr. 80 und der Roseiithalerstr. 6/7 zn verzeichnen, die indes auf geringfügige Anlässe zurückzuführen waren. Aus den Nachbarorten. Am Rande des Grunewalds, in dem herrlich gelegenen Gartenlokal„Zum Schwan" veranstalten die Wilmersdorfer Parteigenossen am Sonntag, 20. Juli, ihr Sommerfest. Es wird alles aufgeboten, um das Fest würdig und schön herzurichten, und die Veranstalter rechnen daher darauf, daß sowohl auS Wilmersdorf selbst als auch aus den übrigen Vororten und namentlich aus Berlin(die Parteigenossen zahlreich anwesend sein werden. Der Eintrittspreis beträgt nur 20 Pf. Der Charlottenburger Magistrat veröffentlicht in den Monats- berichten des Statistischen Amts die Abgrenzung derUrwahl- bezirke für die Wahlmänner-Wahlen zum Hause der Abgeordneten auf Grund der BolkszählnngS-Ergebnisse vorn 1. Dezember 1900. Die Stadt ist in 136 Ilrwahlb'ezirke' eingeteilt, von denen 79 je 6, 29 je 3 und 23 je 4 Wahlmänner zu wähle» haben. Im ganzen sind also 731 Wnhlmänner zu wählen, lind dabei bildet Charlottcuburg nur ciueii kleinen Teil deS großen Wahlkreises Teltow-Becskolv-Storkow- Charlotteubnrg l Die mangelhafte WohuungSstirsorge EharlotteubnrgS wird jetzt sogar amtlichcrseits festgestellt. In den Berichten der Fabrik- inspcktoreil wird darauf hingewiesen, datz dem Arbeiter in den Ivest- lichen Vororte» von Berlin wenig Wohmiiijisgclcgeiiheit geboten wird. Charlottcuburg verhalte sich gegen die Industrie und die Arbeiter ablehnend; bei der Erschlietzuug neuer Viertel werden Fabriken thuulichst ganz ausgeschlossen und die Bebauungspläne so aufgestellt, datz au Ärbeiterwohiiuiigeu kaum gedacht werden kann. Im Jutcrcsse der in Charlottcuburg selbst und in Moabit gelegenen zahlreichen und großen Fabriken sei daS zn bedauern; auch werde dadurch die Entlnstuiig deS Centrums von Berlin von vielen Be- trieben, welche Wert auf die Nähe von Eisenbahn und Wasserwegen lege» müssen, sehr erschwert.— Ein interessantes Licht auf die Wobnverhältniffe in Chnrlotteiiburg wirft eine Zusammenstellung, welche cindortbelegetteß, beinahe 3000 Arbeiter beschäftigendes Werk aufstellte. Es erglebt sich daraus, datz nur ein Drittel der Arbeiterin Charlottenburg wohnt; 691 Arbeiter wohnen unter einer halben, 130 über eine ganze Stunde von dcr Fabrik entfernt. Letztere wohnen nielst im Osten von Berlin, in Treptow, Rixdorf, RummelSbnrg. Durch die neuesten Bebauungspläne von Charloltenburg, welche das Gebiet zwischen dem Nordufer der Spree und der Jmigferuheide im Auge haben, wird der Industrie die Eutwicklung au einem guten Wasser- weg in der Richtung»ach Spandau zu ganz uuterbmideu. Die vor- stehende Zusammenstellung weist auch»och darauf hin, welcher Wert auf billige und bequeme Berbinduiigcn nach den Vororten zu legen ist. Trotz dieser amtlichen Feststellniigen wird die von den denHauS- agrariern abhängige Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlnng nach lvie vor jede auch noch so bescheidene Reform auf dem Gebiete des Wohnungswesens von der Hand weisen. In der letzten Grmelndevertretcr-Sitzung zu Groß-Lichtcr- feldc verlangte der Gemeindevertreter Dr. Lengner Aufschintz über den Beschlutz der Gemeindevertretung vom 16. Juni bezüglich der Pflasterung der Stratze 13 und der-�lbmachmig mit der Terrain- Gesellschaft. Er erblickte in dieser Abmachung eine Schädigung der Gemeinde- Interessen. Gleichzeitig erhob er Einspruch geqe» die Form des Protokolls. Nachdem die Unterzeichner deS Protokolls dessen Uebereinstinnuung mit dem gefaßten Beschluß bestätigt hatten, forderte Gemeindevertreter Leugner den Gemeindevorstand auf, auf Grund der Bestimniuugen der Laudgemeiude- Ordnung die Ausführung des gefaßten BeschluffeS zu verhindern. Beschwerde beim Laudrat wegen Schädigung der Gemcinde-Jnteressen zu Gunsten der Terrain-Ge- sellschaft sei bereits eingereicht. Gemeindevorsteher Schulz bestritt, datz der Terraiu-Gesellschaft in irgend einer Form eine Last abgenommen ivorden sei; er würde Gemeinde- Jntereffen verletzen, wenn er den Beschlutz der Gemeindevertretung beanstandete. Gemeindevertreter Delbrück erklärte eS nach der Geschäftsordnung für»uzulässig, die durch Beschlutz erledigte Sache nochmals zu diskutiere», worauf Leugner erklärte, vorläufig aufS Wort zu verzichte». Die Verträge mit den Gemeinden und den Gutsbczirken Löwcubruch, Wietstock und Geushagen wegen Durchführung des KanaltsatiouS-Dr uckroh res wurde» genehmigt, ebenso der Vertrag mit Zehlendorf wegen Entwässerung des auf dem Gebiet dieser Gemeinde befindlichen Geländes der Terraiugescllschaft und des Besitzers Birnbach. Die Kosten für die bauliche Umgestaltung des Gymnasiums im Gesamtbcttage von 131 000 M. sollen durch eine Anleihe aufgebracht Iverden. Die baulichen Aendemngen infolge der Umwandlung der Real- schule in eine Ober-Realschule betrage» 37 000 M. und werde» eben- falls bewilligt. NcchtSlvidrigc Nnwendnng der Rixdorfer Lilstbarkcltösteiier- Ordiilmg. I»» Lokale des Genossen M e r c i e r in Rixdorf war wiederholt nach den Klän.qen eines Orckestrions getanzt wordein Der Magistrat veranlagte M. für jeden Fall zn einer Lustbarkeits- neuer von 2 M., indem er sich ans den§ 1 Ziffer 1 der Lustbarkeits- stcuer-Ordnnng für Rixdorf stützte, ivonach für die Veranstaltung einer Taiizlustbarkcit bei Mitwirkung voir 1 bis 2 Musikern 2 Mark Lnstbarkeitssteuer zu erhebeil sind. Mercicr erachtete indessen sein Orchestrio» nicht für einen Musiker und wollte nur 2S Pf. zahlen, und zivar� auf Grund des§ 1 Ziffer 5 der Verordnung, worin für Borträge auf einem gröberen>nechanischen Musik- instrnnlent Steuersätze von 25 oder 50 Pf. festgelegt sind. Nach vergeblichen, Einspruch klagte Mercier, vertreten durch den Rechts- anivalt Abrnhanl, im Verlvaltungsstreit-Verfahren und siegte sowohl beim Bezirksausschub. wie auch gestern beim Ober- Berwaltungsgcricht, wo der Magistrat iioch Revision ein- gelcgt batte.— Das Ober- Verwaltungsgericht erklärte den § 1 Ziffer 1 der Rixdorfer Lustbarkeitssteuer- Ordnung auf Tanzlnstbarkeiteii. die nach den Klängen eines Orchestrions statt- finden, nicht für anwendbar, da ein Orchestrio» kein Musiker sei. Die Tanzlustbarkeit als solche könne i», vorliegenden Falle über- Haupt nicht besteuert werden, da es in der Stenerordnung an einer Bestimmung über die Bestenening. von Tanzlustbarkeiten bei Orckestrionmusik fehle. Es müsse dem Magistrat überlassen bleiben, eine entsprechende Aenderuug des§ 1 Ziffer 1 in die Wege zu leiten. Mercier könnte vorliegend nur für die Vorträge des Orchestrions mit dem niedrigen Satz von 25 Pf. nach ZI Ziffer 5 der Stener-Ordnung belegt tverden. Gerichts-Äeikung. Eilte Tanzboden-Schlägcrei, bei der Dolch und Revolver eine Rolle spielten, beschäftigte gestern das Schwurgericht des Land- gerichtS I. Die Sache stand ursprünglich vor dem Schöffengericht zur Verhandlung an, es stellten sich aber so erschwerende Umstände gegen die Angeklagten, den Buchhalter Felix Gom oll und den Schreiber Georg L e in k e, heraus, daß das Schöffengericht sich für uu- zuständig erklärte und die Sache dem Schlvurgericht überwies. Am Abend des 10. Oktober v.J. hatten die beiden noch jugendlichen An- geklagten eine Bierreise gemacht. In ctivas angetrunkenem Zustande besuchten sie noch ein Tanzlokal. Ihr Benehmen ivar hier ein der- artiges, dast sie bald mit andren Gästen in Streit gerieten. Es währte nicht lange, bis sie beide zum Saal hinausbefördert wurden. Hierbei setzte sich Gomoll heftig zur Wehr, er zog ein Dolchmesser hervor und schlug damit blindlings um sich. Ein in der Nähe Stehender, der Mechaniker Leopold, der an dem Streit gar nicht be- teiligt ivar, erhielt dabei von Gomoll eine» Stich in den Hinterkopf. Er ist daran 5 Wochen später gestorben. Während die Menge sich noch mit Gomoll herumbalgte, drang der bereits hinauSgeivorfene Lemke wieder in den Saal, hielt einen Revolver schußbereit vor sich und rief:„Wer hat meinen Freund beleidigt? Der erste, der mir zu nahe kommt, ist eine Leiche!" ES gelang, ihm den Revolver zn enlwindcn, bevor er Unheil damit anrichte» konnte. Nun war Gomoll wegen Körperverletzung mit lötlichem Ausgange, Lemke wegen Hausfriedensbruches und Bedrohung angeklagt. Der Staatsanwalt gewann aus der Beweisanfnahme die Ueberzeugnng von der Schuld beider Angeklagten, während die Verteidiger, Rechtsamvalte Lebrccht und Landau, für Freisprechung eintraten. Die Geschworncn sprachen den Angeklagte» Gomoll schuldig der Körperverletzung mit tödlichem Ausgange, den An- geklagten Lemke schuldig der Bedrohung. Der Stactlsanwalt be- antragte gegen Gomoll neun, gegen Lemke zivei Monate Gefängnis. DaS Urteil lautete auf ei» Jahr sechs Monate G e- f ä n g n i s gegen Gomoll, auf einen Monat Gefängnis gegen Lemke. Der elftere wurde sofort in Haft genommen. Der Besuch einer Schaukwirtschaft«uit Tamcubcdicnung ist für den Werkführer Heinrich R o s e n t h a l verhängnisvoll gc- Wesen, denn er ist dadurch zn einer Anklage wegen Diebstahls und versuchten Raubes gckomnien, ivclchc gestern vor dem Schlvurgericht des Landgerichts I gegen ihn verhandelt ivurde. Der Angeklagte ist 17 Jahre lang in einer Fabrik in Ruders- dorf Werkfnhrer gelvesen und hat sich bisher tadellos geführt. Am 5. April hatte er seine Entlassung genommen. Dieser Umstand sowie daß er ehelichen Zivist gehabt, hatten ihn in eine erbitterte Stimniung versetzt. Er fuhr nach Berlin, um sich zu zer- streuen. In der Langestraße besuchte er ein Schanklokal. Die Kellnerin kam ihm uni so freundlicher entgegen, da er sich als flotter Spender erlvies, Wirtin und Kellnerin tranken Bier auf seine Rechnung. Der Angeklagte entfernte sich schließlirb in stark an- gerauschtem Zustande. Unmittelbar nach seinem Fortgänge ver- mißte die Kellnerin ihre kleine Geldtasche, die sie unter der Schürze an einem Lederriemen getragen hatte. Nur der Angeklagte konnte sich das Täschchen angeeignet haben. Die Kellnerin lvollte auf die Straße eiken. Der Angeklagte befand sich noch auf dem Hausflur, als er die Kellnerin erbliiktc, lief er hinaus und die Straße hinunter. Die Kellnerin verfolgte ihn hilferufend. Der Angeklagte kam zn Falle, er blieb einige Augenblicke wie betäubt liegen. Dies genügte der Kellnerin, um ihr Geldtäschchen, welches zur Hälfte aus seiner Jacketttasche hervorsah, hervorzuziehen. Nun erhob der Angeklagte sich, stürmte auf die Kellnerin zu und versuchte ihr die Tasche wieder zu entreißen. Dabei packte er auch ihre goldene Uhrkette, die zerriß. Die Scene spielte sich angesichts einer bedeutenden Menschenmenge ab, welche für die Kellnerin Partei nahm und den Angeklagten zur Wache brachte. Die Anklage erblickte in dem Verhalten Rosenthals auf der Straße die Merkmale deS versuchten Raubes und nahm an, daß er sich mit Gewalt in den Besitz des Geldtäschchens und der Uhr habe setzen wolle». Der Angeklagte beteuerte, daß er von der ganzen Geschichte so gut wie gar nichts wisse. Es sei ihm völlig unklar, wie er in den Besitz der Tasche gekommen sei. als dieselbe ihm aus der Tasche gezogen wurde, habe er jedensalls ge- glaubt, es sei sein eigenes Portemonnaie. Er werde doch nicht' in Gegenwart vieler Menschen einen Straßenraub begehen. Die Uhr- kette sei ihm bei dem Ringen aus Versehen in die Finger geraten. Der Staatsamvalt wollte diese Auffassung von der Sachlage nicht gelten lassen, die Geschwornen verneinten aber nach dem Antrage des Verteidigers Rechtsanwalt Max Senger, sämtliche Schuldfragen, worauf der Angeklagte freigesprochen wurde. Wege» Beleidigung eineS Gerichtsvollziehers hatte sich unser Parteigenosse Rechtsanwalt Dr. B roh vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I Berlin am Dienstag zn verant- Worten. Der Gerichtsvollzieher Bußler hatte auf Grund einer einst- wciligen Verfügung bei einer alleinstehenden niittellosen Frau fast deren gesamtes Mobiliar, sogar die Betten, gepfändet und sofort nach der Pfandkammer gesdbafft. Rechtsanwalt Broh, an den sich die Frau wandte, setzte die Aufhebung der Verfügung durch und wies dies dem Gerichtsvollzieher durch Vorlegung einer vollstreckbaren Ausfertigung des aufhebenden Urteils nach. Der Gerichtsvollzieher weigerte sich jedoch, die Aufhebung auszuführen, indem er den Nachweis der Rechtskraft verlangte, der ihm erst nach Ablauf eines Monats hätte gebracht werden können. Rechtsanwalt Broh richtete daraufhin an ihn folgendes Schreiben:„... daß Sie als Gerichtsvollzieher die Rechtskraft überhaupt nichts angeht. sondern nur die Voll- strcckbarkcitserklärung rcsp. die Vollslrccknngsklanscl. Wenn Sie über diese elementaren Kenntnisse, die Sie doch als Gerichtsvollzieher ver- pflichtet find zn besitzen, nicht verfügen, so stelle ich Ihnen anHeim, sich bei dem vorgesetzten Vollstrcckungsrichtcr zu erkundigen binnen drei Tagen, nach deren Ablauf ich Beschiverde über Ihr ungesetzliches Verfahren einlegen müßte. Hochachtend Dr. Broh, Rechtsanivalt." Der Bnrcnuvorsteher übermittelte dies Schreiben ohne Wissen und Willen de? Anwalts in einem unverschlossenen Briefumschläge, de» er der Mandantin, die auch das Weigerungsschreiben des Gerichtsvollziehers nberbracht hatte, übergab, ohne ihr von dem Inhalt des Schreibens Kenntnis zn geben oder sonst mit ihr darüber zu sprechen. Iii der Hnnptverhandlung erblickte der Staatsanwalt hierin einen dolus eventualis,„da der Rechtsanwalt damit hätte rechnen müssen, daß der Bureauvorsteher de» Brief inkorrekt übermittelte, znnial derselbe ein schivcigsamer Man» ivar. Dr. Broh führte aus, daß ein Anwalt sich unmöglich um die Expediernng seiner Briefe kümmern könne und daß nach dem ausdrücklichen In- halt des Schreibens er nicht die Absicht der Beleidigung, sondern die Absicht hatte, den Gerichtsvollzieher zur S e l b st i» f o r m i e r u n g bchnfS Vermeidung der zeitraubenden Beschiverde zu bestimmen, daß er auch nur deshalb die„elementare»" Kenntnisse, bezüglich deren eine Pflicht der Selbstinfonnierung vorlag, in, Gegensatz zu den diskntierbaren betont hätte. Das Gericht folgte jedoch dem Antrage deS StaalSanivaltes nnd verhängte eine Geldstrafe von 50 M. Ungültige Polizciverordnnng. Die Benutzung von Pferden mit augenfälligen Schäden als Zugtiere wird durch eine rheinische Polizciverordnnng verboten. Auf Grund dieser Verordnung ivurde der Fuhriverksbesitzer B. in zweiter Instanz zu einer Geldstrafe ver- urteilt, weil sein Pferd beim Ziehen gelahmt hatte. Das Kammer- gericht, bei dem B. Revision einlegte, hob jedoch die Vor- cntscheidung auf, sprach den Angeklagten frei und erklärte jene Polizeiverordnnng mit der Begründung für rechtsungültig, daß der Schutz des ästhetische» Empfindens des Publikums nicht dem polizeilichen Verordnungsrecht unterliege. Der Leipziger Bankprozeff. Ans Leipzig tvird über den 16. Vcrhandlnngsiag vom Mittivoch berichtet: Der Vorsitzende weist darauf hin, daß bei der Bank ein Konsortinm zum Ankauf von Aktien der Leipziger Bank seit längeren Jahren bestand. Demselben gehörten sämtliche Mit- glieder des AiifsichtSratS an. Ihnen ist erst z» Aeginn des JahrcS 1901 bekannt geivorden, daß Exner im Jahre 1900 bereits 1�/« Millionen unter Gntheißunfl des früheren Vorsitzenden des Anfsichtsrats Snchsenröder bei der Lotterie- DarlehnSkasse ver- pfändet hatte. Dr. Gentzsch hat darüber seine Verivundernng ans- gesprochen. ES wird festgestellt, daß die solidarisch für alle Ankäufe in Leipziger Bankaktien verbundenen Mitglieder des Anfsichtsrats sich an dem Jnterventions-Conto mit der Summe von 3 800 000 M. beteiligt hatten. Nach Aussage des Sachverständige» Herrmann war dabei eine Spekulation geradezu ausgeschlossen. Der Sachverständige Plauth meint, die Ankäufe seien im Interesse der Bank geschehen. Wie die Angeklagten aussagen, ist das JnterventionS-Conto nur eingerichtet, um den Kurs der Aktien zu regulieren. Sodann kommt abennals das Separat-Vorschnß-Conto und die Frage der Fusion Kassels mit seinen Tochtergesellschaften zur Besprechung. Schmidt erwähnt in seinem Schreiben vom 15. November 1900 die Fusion und rechnet für die russische Gesellschaft eine Million Dividende heraus, für die französische 10 Proz., für die norwegische 20 Proz., für die italienische 15 Proz. Sachverständiger Plauth sagt aus, daß die Kaffeler Treber- gesellschast niemals Gewinne erzielt habe. Es seien immer künstliche Geivinne geschaffen, zuerst durch Llktien- Verkäufe, dann durch Ueberträge auf die Tochtergesellschaften ic. Der Vorsitzende meint, bei der niedrigen Beivertung der Tochter» gesellschaften müsse Exner doch wissen, wohin die vielen Millionen gekommen seien. Er habe doch geivu stt, daß das Aktienkapitel und die Reserve der Bank schon verloren ge- wesen seien. Weder Exner noch Gentzsch haben sich aber nach der Güte dieser Forderungen an die Tochtergesellschaften erkundigt. Sie wollen durch die Bonität der Kasseler Garantien beruhigt ge- wesen sein. Der Vorsitzende fragt, ob das Geschäft mit den Kasseler Auf- sichtsräten für die Leipziger Bank ein vorteilhaftes gewesen sei. Darauf erlvidert der Sachverständige Plauth- Kassel, daß die Garantien der betreffenden Herren keine b e s o n d e r e S i ch e r- heit geboten haben. Nachdem die Sachverständigen Plauth, Herrmann und Sieskind sich über die Forderungsabtretung des Kasseler Anfsichtsrats an die Leipziger Bank im Sinne einer Schic- bnng geäußert haben, ivird die weitere Verhandlung auf Sonnabend- vormiitag 9 Uhr vertagt. Eingegangene Trnlffchrifte». DaS Juliheft(Nr. 10) der„Tokumente des Socialisinns", Hefte für Geschichte, Urluuden und Bibliographie des Socialisnius. heraiisgcqclcn von Eduard Bernstein, bringt an leitender Stelle eine inlercssiuiie Uiiterfuchnng jübcr ein Pamphlet ans den Kreisen der Berliner„Freien", betitelt„S ch e l I i n g u n d d i e O f f e n b a r u n g", als dessen Verfasser abwechseld M. B a k u n i n. Friedrich Engels nnd ein sonst unbekaimt gebliebener F r. O s w a l d genannt wurden. Das Pamphlet war ein leiden- schastlicheS Pronunciamcnto des radikalen Hegelianismus gegen den renk- tionären Schellingschen Mysticismus. I» Verbindung mit seiner Unter- sucluiiig giebt der Verfasser D o u b l e y o u Auszüge aus einer ebenfalls dem Kreise der Berliner„Freien" entstammcilden poetischen Satire, in der die behördliche» Versolgungen gegen Bruno Bauer, Arnold Roge und die„Freien" ironisch verherrlicht werden. Als einer der letzieren marschiert da auch„ein schwarzer Kerl aus Trier, ein markhaft Ungetüm", aus, der natürlich kein andrer als Karl Marx war.— Ein andrer Mit- arbciter, Menrad, analysiert den s o c i a l e n U t o p i s m u s in den Komödien des Aristophanes, und ein Aussatz von Fanny I m l e reproduciert und loinmentiert eine Reibe von Dokumenten ans der deutschen Buchdiuckerbewegung der Jahre 1818—1851, welche den Geist dieser Bewegung in der deutschen Revolntionsepoche veranschaulichen. Eine Bibliographie von Neuerscheinungen, die in das Gebiet des Socia- lismus fallen, Urkunden, Inhaltsangaben so cialistischer Zeitschriften und Anfragen nebst Nachweisen bilden den übrigen Inhalt der Zeitschrift. Die„Dokumente des SocialismuS" kosten pro Quartal 3,7o M.(Einzelheft 1,25 M.); lonibiniert mit den„Socialistischen Monatsheften" sind sie zum ermäßigten Preise von insgesamt i M. pro Quartal zu haben Briefkasten der Redaktion. Die snitstlschr Sprechstunde findet täglich mit Ausnahme deS Sonnabends von?,/, bis 9'/- Ubr abends statt. 91. M. 100. Das Jnsanterie-Regiment Nr. 147 steht in Jnsterburg. 91. K. Wenden Sie sich entweder an Herrn Stadtrat Marggraff, Neue Friedrichstr. 9/10, Sprechstunde 1—2, oder an Herrn Stadtrat Dr. Münster- berg, Am Mühlendamm 1 I, Zimmer 23, Sprechstunde Dienstags, Donners- tags und Sonnabends von 12—2. VI. K. Sie haben recht. Er ist dann kein Socialdemokrat. Die Mit- tetlung unter 2 ist s. Z offiziell demcntirt worden. 9t. H. Wenden Sie sich mit Ihrer Petition an, die Stadtverordneten- Versammlung oder an die Deputation für die städtischen Krankenanstalten. S. K. Es ist wohl nicht anzunehmen, daß beim Begräbnis von Kosiuth eine stärkere Beteiligung war als bei Liebknechts Begräbnis. I. B. SO. 1. Ja. 2. Nein. 3. Sie müßten zunächst bei der Aufstchts- behörde der Kasse(in Verlin der Magistrat, Stralauerstr. 3/0) aus Auer- kennung Ihrer Kasienmitgliedschast und Gewährung der Kassenleistungen klagen. Gegen den Entscheid der Aufsichtsbehörde ist Klage beim Amts- gericht zulälstg.- Invalide M. T. Leider würde eine Beschwerde keinen Erfolg versprechen.- W.'B. 3. 1. Ja. 2. und 3. Nein.- 73 R. K. Die Betreffende könnte wegen Vergehens gegen das Wald- und Forstpoltzei- Gesetz mit etwa 10 Mark bestrast werden.— I. M., 800, O. A. 100. Nein.- Miinchebergerftraste«. Eine Strafanzeige wäre an die Sraatsanwaltschaft zu richten, Aussicht auf Erfolg dürste sie aber nicht haben. Ihnen steht nur das Recht auf Klage beim Civilgericht zu. - M. F. G2. 1. Leider ja. 2. Das hängt von der getroffenen Verein- bannig ab: in der Regel am Abend des Ersten. 3. Nein, falls die Staiuten nicht das Gegenteil ergeben.- G. F. 100. Der Vertrag ist bis zum 1. Oktober gültig.- O. B. S3. 1. Durch einen Gerichtsvollzieher. 2. Ja._ Wetter- Prognose für Sonnabend, den 5, Jnli 1902. NachtS etwas wärmer, am Tage ein wentg kühler, ziemlich trübe mit leichten Regenfällen und schwachen südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Oeutscn. Metallarbeiter-Verband Vefwaltnngsstelle Berlin. Bnrea»; Engel-Ufer 13, Zimmer 1—5, Telephon Amt 7 Nr. 353. Sonntag, den 6. Juli 1902, vormittags 10 Uhr: Morgensprache der Schraubendreher bei Wet-el, Wrangetstrafte 136. Montag, den 7. Juli 1902, abends 8»/, Uhr: Versammlung der kormer und Derussgenossen im Bolperjxer Salon, Kolbergerftrasie Nr. 28. Tages-Ordnung: 1. Bericht der AgitationSkommisston. 2. Unfre Abmachungen vor dem EiniginigSanit im Jahre 1897, bczlv. Lohn- und Arbeitsverhältniffe in den Gießereien. 3. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes. ll7/4 Zahlreichen Besuch erwartet_ Die Ortsverwaltung. weit Nie mMckölck Celeptieit. Saison-Ausverkauf (biS zum 13. d. MtS) herabgesetzten Preisen. Weiche oder steife Herrenhüte Per Stück 1,70, 1,80. 2 Mk. rc. Haarhnte, extra prima Qualität, weich oder steif, a 5 Mk., Ladenpreis 7-8 Mk. Strohhüte nnd Mützen in sehr groftcr 9luöwahl. von g gelpnrftftrnjje 38,■"« der Breslauerstratze, jmttrre. Treptow. Köpnicker Landstr. 27, empfiehlt sein Lokal nebst kleinem Saal, 250-300 Personen fassend, sowie großem fchnttige» Garten zu jeder Art von Festlichkeiten. Einige Sonnabende für Sommer- feste 2c. sind noch zu vergeben. GlaS Bier Vi» Liter 10 Pk. ff. Weißbier. 4321/ K. llolil wein. Freunden und Bekannten die Mit- teillnig, daß ich 9. Nauuynstr. 9 em HVel»»- n. Bayrlochbier- Liobal mit Billard und Vereins. zimmer eröffnet habe. 43488* Ersuche um geneigten Zuspruch. Paul liier. Verband der Möbelpolierer. Montag, den 7. Juli. abendS 8'/- Nhr. in Bixdorf, Hermannstraste Nr. 197 t_ Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Genoffen Kiesel über: Der Mann'mit der Hacke. 2. DiSkilsston. 3. Verschiedenes. Die Kollegen werden ersucht, ihre Beiträge, speciell die Extrabeiträge, heute abend in den Zahlstellen zu begleichen. Siehe F 8 deS Statuts.— Die Auszahlung der Unterstützung ersolgt Montag Blumenstraße 38. 140/11 Der Borstand. Achtung! Töpfer. Achtung! Des SommerfefteS halber ist das Bureau, Neue Friedrichstraße 20, heute nur biS 1 Uhr geöffnet. Der Borstand. s195/20 Partei-Speditionen: Berlin vierter Wahlkreis O.: Robert SB eng eis, Große Frankstirterstr 133, Hof pari.— SO.: Paul Böhm, Laiifitzerplatz 14/15 (Laden).— Seehster Wahlkreis(Utonbit): Karl Anders, Salzwcdelerstraße 8, im Laden.— Weddlag; und Oranlenbnrgcr Vorstadt: Emil Stoltzenburg, Wiesenstraße 41/42.— Oesnad- brunnea, Reinickendorf(Ost und West), Wilhelmsruh und Schbnhola: Hermann Raschle, Grünthalerstr. 05.— Bosen- thaler und Schönhauser Vorstadt: Karl MarS, Kastanien- Allee 95/90.— Charlotteahnrzx: Gustav Schar„berg, Sefen- heimerftraße 1, Ecke Goethestrabe, von, I.— Bentseh-Wllmersdorf: W. Nickel, UHIandstr. 108, pari.— E'rledrlehsbertr-r'rledrlehs- felde: Oswald Grauer, Berlin 0., Frankfurter Allee 197.— tirliaaa: Gustav M i e r S. Köpenickcrstraße III.— Blxdorf: O st e r m a n„, Erk- straße S.— Sehöneherjr: Wild. B ä u m I e r, Marti» Lnlherstr. 5t, Laden. — Oher-Schönewelde: Ernst K a u s h o I d, Wilhelniincnhofstr. 18, — Slleder-Sehöaewelde: BonakowSky, Berlinerstraße 8.— Johannisthal: Paul Manu, Friedrichstraße 39,1.— Udlers- hof: Gustav Hitze, Hackenbergstraße 8.— Böpenlek: Friedrich W o i ck, Grünstraße 29.— t'rledenan- StexlltiE: H. Bernsee, Kirchstr. 15 in Friedenau. Bestellungen nehmen entgegen in Stexllts: H. Mohr, Düppelstraße 8, und Fr. S ch e l l h a s e, Mornstraßc 15».— Banmsehulenwes: Stock, Ernststraße 2,11.— Xcu- Weissen- see: Heinrich Bachmann, Lehderstraße 5, Ecke Friedrichstraße.— Bnmmelsbnrc: Forgbert, Prinz Albertstr. 5». Außerdem ist sämtliche Parteilitteratur sowie alle wissenschaftlichen Werke dort zu haben. Auch werden Inserate für den„Vorwärts" entgegengenommen. Bitte ansschuelden! Auf Grund schiedsniännischen Ver- gleiches spreche ich hierdurch mein lebhaftes Bedauern darüber aus, Fräulein Emma Seidel am 28. Mai er. gekränkt zu haben. 073b E. Schneider, Rigaerstr. 5. Schultlieiss 4/io Ausschank zu verkilusm. B. Flcge, Hnssiteiistrafic 41. Franz üugerberg früher TttutW,Alte KuWrschtllkt empfiehlt allen Freunden und Be- kannten sein neu renoviertes Nestau- rant„Marienthal", Baumschulen- weg, Banmschulenstr. 04, Ecke Caniicr Chaussee. Schattiger Garten, zwei Kegelbahiien, Familien können Kaffee koche»! vis-a-vis Wald. 43928* Die sctiönsten Herren- Anzüge. Herrengardcrobe in neu, sowie speciell 42748* Mouatsgarderobe von Kavalieren zurückgelegte Sachen, fast neu, für jede Figur passend, sind in größter Auswahl z» staunend billigen Preisen stets zu haben. J. Wand, Priilzeilstr. 17, Ecke Wasserthorstrafte. Clgerren- u. Clgaretten-Fabrlk Schlllingatr. 7. Bruns. Schilllngatr.7. Eiigros u. 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Um stilles Beileid bittet Der trauernde Gatte lü.Wegner, Nixdors, Kirchhosstr. 33. MkSNrlüIö-FNIiftlF-IB�iris Allen Verwandten und Belaiuiten zur Mitteilung, daß meine liebe Frau und unsre treue Mutter 071b Avitpuste Dumkc geb. Pagel am Freitag früh verstorben ist. Die Beerdigung findet Montag, den 7. Juli, nachmittags 4 Uhr, auf dem neuen Jakobi- Kirchkos in Britz statt. Die trauernde» Hinterbliebenen. Friedrich Duulke und Kinder. Dr. Siiumel, PrinzonBir.«. Specialarzt für 25/17* Bant- nnd ffarnlcldcn. 10—2, 6—7. Sonotags 10—12, 2—4. dieraniwortlicker Redacieur! Earl Leid IN Berlin. Für den Jnierateuteil verantworttich! Db.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Mar Babing i» Berlin. «r. 154. i9. 1-hlW«. 2. Keilllge Ses ,Joniiiitt0" KMer DlksblM. 5 I«.i>992. Sociales. Die NahriingSmittel-Jndustrie- Bcrnfsgenosscnschaft, Sitz Mannheim, hielt am Sonnabend, den 28. Juni, in Braunschweiq ihre 19. ordentliche Gcnossenschaftsversammlung ab. Ei» groher Teil der Konsumvereine und Bäckerei- Produktivgenossenschaften ist, wie die„Konsuingeiiosseiischafts-Korrespoiidenz" mitteilt, dieser zugeteilt,»nd ist es zu bewundern, daß trotzdem nur 6 Genossen- schaftcn durch 2 Vereine vertreten waren. Die Frage, inwieweit das übrige Personal der Genossenschaften versicherungspflichtig sei, zeigte, das; selbst in der Verwaltung der Berufsgcnossenschaft noch keine bestimmte Klarheit hierüber herrsche. Das Reichs-Versicherungsamt habe hierüber noch keine Richtschnur gegeben und daher könne es kommen, daß verschiedene Entschlüsse in fast gleichen Fällen entstehen. Noch manche interessante Diskussion wurde gepflogen, besonders über Schutzvorrichtungen sc. Es dürste notwendig sein, daß alle Genossen, schaften für die Zukunft sich vertreten lassen, sei es durch Entsendung eigner Delegierten oder durch Uebertragung ihrer Stimmen auf andre Genossenschaften. Der Bauarbeiter- Schutz in Holland. Das holländische „Landeskomitee zur Herbeiführung besserer Aufsicht in den bau- gewerblichen Betrieben" hat an die Regierung eine Petition gerichtet, worin ausreichende gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der bau- gewerblichen Arbeiter gegen Unglücksfälle gefordert werden. DaS Komitee führt aus einer von den ArbeitSinspekloren veröffentlichten Statistik an, daß in den Jahren 1897— 1898 1941 Unglücksfälle im Baugewerbe zur Kenntnis der Inspektoren kamen, 1899—1999 aber 2322, also eine ganz erhebliche Steigerung. Das Komitee verlangt nun, daß eine scharfe Aufsicht herbeigeführt iverde, die durch fach- kundige, von den organisierten Arbeitern des Baugeiverbes und aus ihren Reihen gewählte Inspektoren ausgeübt werden soll. Des iveitern werde» in der Petition der Regierung eine Anzahl Vor- schriften über Gerüstbau usw. unterbreitet, die zur Vorbeugung von Unfällen dienen sollen.— Die erste HäuSlcrschule in Dänemark.„Errichtung von Landbauschulen, ivoz» Häusler und Landarbeiter gratis Zutritt haben", verlangt ein Punkt des Programms der socialdemokratischcn Partei Dänemarks. Mit der Verwirklichung dieser Forderung ist jetzt der Anfang gemacht worden. In diesem Frühjahr beschloß der Reichstag, für zivei solcher Schulen, eine ans Jütland und eine für die Inseln, Staatsunterftützung zu gewähren. Die eine, bei Ring- sted auf Seeland, ist nun bereits iin Bau begriffen. Es soll dort Unterricht erteilt werden in Land- und Gartenbau. Haustierzucht, in den landwirtschaftlichen Nebenertverbszwcige», sowie in Rechnen. Dänisch und Geschichte. Der Unterricht, der Aufenthalt, s o iv i e d i e R e i s e hin und zurück sind v o I l k o m n, e n unentgeltlich. Unter besonderen Umständen wird dem Häusler, der die Schule besucht, sogar eine Vergütung für die fremde Arbeits- kraft, die er eventuell während seiner Abwesenheit ans seinem Besitz- tum verwenden muß, gewährt. Es werden größere Halbjahrskurse und kleine Spezialkurse, die 12 Tage dauern, eingerichtet.— Daß diese Angelegenheit nun' so schnell ihrer Vollendung ent- gegengeführt wird, ist nicht zum mindesten dem Umstand zu danken, daß die Häusler, diese bislang unterdrückte Schicht der dänischen Bauernbevölkernng, die,>ve»n man ihre natürlichen Anhänger hinzuzählt, ca. 299 999 Wahlstimmen repräsentiert, immer mehr politisch und wirtschaftlich selbständig denken lernen und von der herrschenden liberalen Bauernpartei abzufallen drohen, was selbst- verständlich der Socialdemokratie, der Vertreterin der Interesse» aller unterdrückten Volksschichten, zu gute kommen tvürde.— Jetzt bestehen bereits über hundert selbständige Häuslervereine im Lande und immerfort werden neue gegründet. Die Häusler sind gegen den Militarismus und die Steuerreform der Liberalen»nd verlangen vor allem das allgeineiiie koinmunale Wahlrecht und Gleichberechtigung im Staat und in den Kommunen.— Den französischen Arbeiter- Produktiv- Gcnosscnschafte» wurden im Jahre 1991 staatliche Subventionen von insgesamt 153 999 Fr. zugeführt. Unter diesen befindet sich auch die Glashütte von Aldi mit 19 999 Fr. Für de» Inhalt der Inserate «berninimt die Redaktion dem Publik»»! gegenüber keinerlei Bernntwortnng. {üliottter. Sonnabend, den 5. Juli. vkcncö Oper»- Theater(Kroll). Der Ztgeunerbaron. Anfang 7'/- Uhr. J-ni Liederspielhaus: Offenbach- Cyklns.(Regimentszauberer.— Dorothea.— Die Hanni weint— der Hanst lacht. Ansang 8 Uhr. BScste». Die Fledermaus. Ansang ?>/, Uhr. Metropol.(Morwitz-Oper.) Carmen. Anfang 8 Uhr. Aenes. Ledige Leute. Anfang 7 st, Uhr. Central. Tolle Mitbürger. Anfang 8 Uhr. BcNe-Zllliance. Der bengalische Tiger. Hieraus: Er. Zum Schlub Zehn Mädchen und kein Man». Ansang 8 Uhr. »arl Weist. Die Viper. Anfang 8 Uhr. Ariedrich-Wilhelmftädlisches. Der Zerrtffene. Ansang 7t/, Uhr. Urania. Tanbenstr.■Idi/.tt».(Im Theatersaal.) Abends 8 Uhr: Die deutsche Ostseewste. Jnpalidenstrafte S7/VÄ. Täglich: Sternwarte. S. v. Wolzogens Buntes Theater (Ueberbrettl). Anfang 8 Uhr. ilpollo. Lyflstrata. Specialitäteu- Borftellung. Ansang 8 Uhr. Wintergarten. Specialitäten-Vor- stellung. Ansang 7l/, Uhr. »irichshallc». Stettiner Sänger. Ansang 8 Uhr. Passage- Theater. Spectaltläten- Vorstelliiiig. Anfang nachmtttags b Uhr. Paffag«. Panoptiknm. Speciali- täten-Vorslellmig._ CtMal-TMtt. Heute, de» b. Juli, Anfang 8 Uhr. MM- Zum 9. Male:'TPS Tolle WNkbürgee gicsanasposse in 4 Akt. v. A. Schmasow. Musik von Kurt Goldmann. Morzen und folgende Tage: Tolle "itbürger.__ l arl Weiss-Theater. (proste Frankfnrterstr. 132. Abends 8 Uhr: I>le Viper. Kriminal» Schauspiel in 7 Bilder». Im Garten: Sommernachts-Fest. Specialttäten. Anfang ö>/, Uhr. Sonntaanachmtttagö Uhr: Kabale und Liebe. Abends: Gefallene Mädchen._ Apollo- Theater und Konzert-Garten. TTm 7 Uhr:€lnrtcn-Kon7,rvt. UmSUhr: Biene �vossaftige iüpecinlitiltcn. Um 9 Uhr: Der Schlager der Calson: iLyslstrata Ausstftttungsoperette von Paul Lmcke. Hlßtropol-Ilißater Anfang 8 Uhr. Monvltz-Opcr. Carmen. Sonntag: Franceachlna Prevoall. Travi.-itn. Montag zum erston- jnalo: l>ic verkaufte Braut. Komische Oper in 3 Akten von __ hmetana._ Saiii£>i§oiBei KottkiiHerMtr. I a, Station der Hochbahn. Täglich im Garlcn, bei un- günsttg. Witterung imSaal: Htolfmaniis AMeMc Ziiilger 5 nttd Konzert. Wanntag, Montag und Donnerstag nach der Soiree: Tanzkranzchen, Tanz frei! Ansang Sonntags 5 Uhr, EitireeöVPf., »b 9 Uhr 29 Pf. Anfang Wochentage « Uhr. Entree 30 Pf., ab 9 Uhr 20 Pf. Urania, Tauben-Strasee 48/49. Im Theater um 8 Uhr: Die deutsche CASTANS Panoptiknm Frledrlch-Strasse 165. Photographische Aufnahmen von der Insel Martinique und von den Schlachtfeldern TraiiSTaals. Im Konzertsaal: Schw edische Känstlerkapelle 4 Damen, 2 Herren. Passage-Theater. Das glänzende Juli-Programm. Willy Präger. (Prolongiert!) 16 neue erstkl. Nummern Passap-Panopticiim. Slole's Pariser Marionetten-Theater. Das Aircmrcib. Seejungfer._ Tigerknabe. ESB Täglich ab 4 Uhr nachmittags: litär- Doppel-Konzert. Gastspiel der Kapellen des I. u. II. Leib- Husaren- Regiments (Totenkopf-ßrigade). IM- Pntrcc 1 Dlark"Vfi von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder die Hälfte. Belle-Älüance-Theater. Bei günstiger Witterung: Ellte-Tag. Graf-Saiijert.. Neapolit. Sänger. Italien. Nacht. Soininernadits- Ball. Auf der GartenbüHne:„Der Tischgast".„Ein bengalischer Tiger." Zum Schluß:„Zehn Mnd- che»»nd kein Ntann». Bei uu- günstiger Witterung im Theater: „Tie Tarne ans Tronvillc". Hierauf:„Er". Ansang 8 Uhr. Vrater-Thtattr Kastanien- Allee 7—0, Täglich:"Nlfl TailsM iiiiii tiiie Mit. Phanlastisches Märchen in 3 Ableilg. von Hugo Schulz. Eallcttgos. Catrlnl. Koslüm-Soubretie Paula Grlgattl. 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