Hi-. 155. Abomttments• Kedtngungen: «lbonnemintS-Preii pränumerando: vierleljährl. 320 Ml., monatl. 1,10 Sil., inöchenllich 28 Psg. frei ins Haus. Ciiuclne Numw'I 5 Pfg. SonnlazS- Nummer mi» iUuNiicri-r SonnlazS- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Pofi- Abonnement: 1,lv Marl pro Monai. k ingelragen in der Post- ZeilmtgG» Preisliste fiir 190B unter Sc. 7878. Unter streuzband fiir Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für das übrig« Ausland S Marl pro Monat. «rlcheint lögllch»uster»onkog«. P. Veelinev VolKsblskt. 19. Jahrs. Fie Insertions-Gtlillfst beträgt für die fechsgefpaliene Kolonst» zetle oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschaslliche Vereins- und BersammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Sleine Zinleigr»" jedes Wort s Psg. jnur das erste Wort fett). Inserate siir die nächste Nummer müssen bis 1 Uhr nachmittags in derlkrpedition abgegeben werden. Die«rpcdition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn-»nd Iesttazen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm-Adresse» »Horlaldrmoltral Lerlia" Centvalorgan der socialdemokratischen Varter Deutschlands. Redalition: 19, Benth-Skralle 2. gernfprechert Slmt I vir. 1508. Ein Krifenbild des vorigen Jahres. ExpedUUm: sw. 19, Veullz-Skiaste 3. Fernsprecher: Ruit I, Nr. R1S1. Ueber das Verhältnis von Syndikatswucher, Unterkonsum und Wirtschaftskrise brachte der Dresdener Handels- kammerbericht für das Jahr 1900 ein hochinteressantes Thatsachenmaterial, das der„ V o r w ä r t s" in seiner Nr. 192 des vorigen Jahres kritisch würdigte. Es wurde in dem Leit- artikel dieser Nummer gezeigt, daß die unsinnige Preistreiberei der Syndikate wesentlich dazu beitrug, eine Absatzstockung herbeizuführen, die zahlreichen kapitalschwachen Unternehmen den Garaus machte. Ueber das Fortschreiten des Unter- konsums uud seine Wirkung auf die Syndikate im folgenden Jahre(1901) giebt der dieser Tage herausgekommene Dresdener Handelskammer-.Bericht für das Jahr 1901 im weiteren Aufschluß. Am meisten hatte nach den Angaben des Handelskammer Berichtes die Arbeiterschaft von den Folgen der Krise zu leiden. Trotz des Steigens der Einwohnerzahl Dresdens ging der Lebensmittel-Verbranch ganz kolossal zurück. Der Auftrieb auf den Dresdener Viehmärkten betrug 1901 nach dem Geschäftsberichte der Dresdener Fleischerinnung gegen das Vorjahr 25001 Stück weniger. Mehr aufgetrieben gegen 1900 wurden 975 Kälber und 4 Ziegen, da gegen weniger aufgetrieben: 1523 Rinder, 1178 Hammel und 23 279 Schweine. Im Dresdener Schlachthofe wurden 1901 im Vergleich zum Vorjahre weniger geschlachtet 109 Rinder und 9009 Schweine. Der Jnnungsbericht bemerkt dazu: Hätten die Dresdener Fleischer nicht aus Ocstreich ihren Bedarf decken können, dann wäre den Käufern bei dem verminderten Absatz auch noch minderwertiges Fleisch für gute Ware verkauft worden. Ein großes Kolonialwarengcschäft klagt über das zu nehincnde Sinken der Umsätze und Erträgnisse,„da durch den wirtschaftlichen Rückgang weite Bevölkcrungsschichten zu Ein schränkungen, vielfach auch in den notwendigsten täglichen Lebens bcdürfnissen veranlaßt worden seien." Der Verbrauch von Milch wurde laut Bericht einer Großmolkcrei besonders in den Arbeitervierteln von Monat zu Monat schwächer und gintz bis zur Hälfte, mitunter sogar bis auf ein Viertel znnick, so daß das Berichtsjahr für den Berichterstatter nach Umsatz und Verdienst das schlechte st e seit 18 Jahren war. Die Meierei Heinrichsthal erklärt das schwächere Angebot auf dem Buttermarkt durch den schwächeren Verbrauch. Das Geschäft in der billigeren Margarine war dagegen ein sehr flottes. Infolgedessen erreichte Talg Preise, wie sie seit länger als lOJahren nicht dagewesen sind. Der Gesamt verkehr an lebenden Fischen auf den Dresdener Bahnhöfen ermäßigte sich von 1 269 209 Kilogramm im Jahre 1900 auf 1 253 449 Kilogramm. Die Nachfrage nach Heringen war so groß, daß die Preise auf das Doppelte stiegen. Die Deubener Glashütte schreibt, daß in Dresden die Nachfrage nach Bierflaschen während des ersten Halbjahres von 1901 regelmäßig war, dann habe die Nachfrage aber augenscheinlich infolge des durch die ungünstigen Erwerbsverhälwisse ver minderten Verbrauchs an Flaschenbier plötzlich ganz aufgehört. Die Abnahme des Verbrauchs von Bierflaschen in Dresden wird auf reichlich 30 Proz. geschätzt. Die Plauener Großmühle berichtet, daß die Nachfrage in Mehl im Februar und März sehr schwach gewesen sei. Von April bis Sep- tcmber habe der Verkauf mituuter ganz gestockt. Die Deutsch- Amerikanische Petroleum- Gesellschaft in Hamburg hatte eine Abnahme ihres Geschäftsumfanges im Dresdener Handelskammerbezirk zu verzeichnen. Nach der Mitteilung des Vereins Dresdener Wein Händler erreichte der Umsatz der Mitglieder 1901 die frühere Höhe nicht, besonders nicht bei den teuren, feinen Weinen und französischem Champagner. Die Folge seien außergewöhnlich zahlreiche Konkurse gewesen. Eine Dresdener Dampfwäscherei giebt bekannt: Nach den Bankkatastrophen schränkte sich die gute Privatkund- schaft fühlbar ein oder besorgte zum Teil nunmehr die Wäsche im Hause. Ebenso ging das Wäschegeschäft mit Gasthäusern und Speisewirtschaften merklich zurück. Bei einer Dresdener Wagenfabiik war der Geschäftsgang sehr ruhig, da Luxus- und Gebrauchswagen fast gar nicht bestellt wurden. Welches waren nun die Folgen des ge- waltigen Unterkonsums? Die Industriellen und Händler sehen sich veranlaßt, die Warenpreise herabzusetzen. „Diejenigen", heißt es in dem Bericht,„die das Preis- unterbieten zunächst nicht mitmachen wollten, wurden nach und nach gezwungen, ebenfalls mit ihren Preisen herab- zugehen, da sie sonst ganz aus dem Geschäft gedrängt worden wären." Tie Preisstürze waren sehr bedeutend. Die Preise der Braunkohlen-BrikettS reichen bis auf 85 Proz. Der Preisstand der Braunkohlen ging von 80 M. für 10 Tonnen ab Schacht im Januar 1901 auf 65 im Dezember zurück. Gegoßenes Rohglas, ins- besondere für Shedbedachungen erhalten eine Verbilligung von 4 0/o gegen 1899. In Pirna ging der Preis der Ziegel auf 15 M. für 1000 Stück frei am Bauplatz zurück, was noch nie da- gewesen sein soll. Der Preissturz ist auf die außerordentlich verringerte Bauthätigkeit in Dresden zurückzuführen. Bei dieser Gelegenheit mag zur Jllustrierung dafür, wie die Zkrise auf dem Grundftücksmarkt gehaust hat, folgende Tafel ein- geschaltet werden: Im Jahre 1837 1838 1833 1300 1301 Die Die Zahl der Käufer bebauter unbebauter Grundstücke 1432 7703 1326 784 1071 813 714 563 S4a 225 Roheifen-Preise Die Zahl der Zwangsiiersteigerung bebauter unbebauter Grundstücke 51 67 78 109 285 29 53 31 86 116 fielen um 80—40 Proz. Eine Dresdener Fabrik von Bratröhren, Maschinenthüren und Eis en blech- Waren sagt, daß infolge des zu nehmenden Wettbewerbes die Waren fast unter dem Selbst kostenprcisc verschleudert wurden. Laut Bericht der Pirnaer Stein in etzgesch äste gingen die Preise der Nohsteine um 1—2 M. für den Kubikmeter zurück, in einzelnen Fällen sogar uni 5—6 M., so daß sie nicht inehr die Selbstkosten deckten. Sogar die P a p i e r i n d u st r i e verzeichnet sprung- weise hinuntergehende Preise bis auf den Stand von 1898. Mehrcrc Berichte rühmen der Krise eine reinigende Wirkung nach. Statt von Reinigung hätte richtiger von Konzentrierung des Kapitals gesprochen werden sollen. An Stelle der kleinen verkrachten Dresdener undsächsischen Banken erschien der Finanzkoloß, die Deutsche Bank. Die Grost- brauereie» erachteten die Zeit für gekommen, mit der Schein- selbständigkeit mancher Wirte aufzuräumen. Seit mehreren Jahren war es in Dresden üblich geworden, durch lange Kredite und Darlehen die Wirte zum Bicrbezuge von der kreditierenden Brauerei zu verpflichten, Nachdem aber namentlich Kulmbacher Brauereien dazu übergegangen waren, Schankwirtschaftcn selbst aufzukaufen, wurden die Kauf- und Pachtprcise so in die Höhe getrieben, daß viele Wirte nunmehr bei der ungünstigen Ge- schäftslage nicht niehr nachkommen konnten. Konkurse waren daher an der Tagesordnung. Welche Stellung nahmen die Syndikate in dem all- ineinen wirtschaftlichen Kladderadatsch ein, den sie durch ihre Preistreibereien mit herbeigeführt hatten? Die großen mäch- tigen Syndikate strebten mit mehr oder weniger Erfolg die herab- gehende Preisbewegung abzuwehren oder abzuschwächen. Gluckte es ihnen, so gerieten die abhängigen Kleinhändler und Ver- brauchcr in eine um so schwierigere Lage. Eine Kolonial- Warenhandlung klagt: verderblich sei der Einfluß des Zucker- und des S p i r i t u s r i n g e s gewesen. Dadurch, daß der Ziickerring für seine Erzeugnisse den Verbrauchern un- verhältnismäßig hohe Preise abgenommen habe, habe er zugleich den Nutzen des Kleinhandels erheblich geschmälert und ihm jede Möglichkeit der Ausnutzung günstiger Konjunkturen entzogen. Der Spiritusring habe sogar dem Kleinhandel einfach die Verkaufspreise für Bronnspiritus vorgeschrieben und dabei den Nutzen so gering bemessen, daß von demselben nach Abzug der Unkosten und des durch Verflüchtigung entstehenden Verlustes kaum etwas übrig geblieben sei. An andrer Stelle des Handelskammer- Berichtes liest man: Das Handels interesse am Zucker ist seit Bestehen des Z u ck e r k a r t e l l s ganz gering geworden, ebenso der Nutzen aus dem Geschäft. Da das Kartell besfimnit, ob eine Fabrik verkaufen darf, die Preise erhöht oder erniedrigt, büßt der Händler oft auch noch diesen'geringen Nutzen ei». Nach der letzten großen Zuckerernte würden die Preise für raffinierten Zucker ohne das Kartell 12—14 M. für einen Doppelcentner billiger sein. Die Radebeuler Guß- und Eniaillier-Werke vorm. Gebr. Gebler bemerken: Die Preise der Rohstoffe, Roheisen, Kohle und C o a k s, wurden von den betreffenden Syndikaten hochgehalten. Ueber das Gebahren der Syndikate wird lell hafte Klage geführt. Die Gesellschaft hatte für die drei Rohstoffe 05000 M. mehr zu zahlen als in gewöhnlichen Zeiten Eine Dresdener Eisengießerei läßt sich ähnlich ans. Die Preise für Roheisen und namentlich Coaks seien von den Syndikaten verhältnismäßig hoch im Preise gehalten worden, und wenn sie auch niedriger gewesen alS im Vorjahre, so wäre dies den meisten Gießereien nicht zu gute gekommen, da sie noch Schlüsse zu den hohen vorjährigen Preisen laufen gehabt hätten. Nach einein Berichte gewährte allerdings das Noheisen-Syndikat einigen Gießereien dadurch einige Erleichterung, daß es den Rest der alten, zu den hohen Preisen abgeschlossenen Aufträge, mit den neuen zu erträg- lichen Durchschnittspreisen verschmolz. Dagegen habe das Coakssyndikat durch seine Händler jedes Entgegenkommen abgelehnt, obwohl gerade dieses Syndikat im Vorjahre die Preise um 87 Prozent erhöht hatte. In mehreren Berichten aus Dresden, Freiburg, Lomniatzsch und Riesa heißt eS: Für die benötigten Chemikalien wie kaustische Soda, Ammoniaksoda, Pottasche, Aetzkalilauge, war die Seifenindustrie ganz auf die Gnade der betreffenden Syndikate angewiesen. Besonders über das Soda- ' y n d i k a t werden lebhafte Klagen erhoben. Auch die Vereinigung deutscher Steingutfabriken verstand eS, die Verkaufspreise hochzuhalten. Andre Syndikate vermochten das Steuer der Preisreguliernng nicht in der Hand zu be- halten und wurden von der großen Krisenwelle weg- geschwemmt. Am 31. Dezember 1901 löste sich die Dresdener Konvention der Ziegeleien auf. Die Versuche der Dresdener Baugesellschaft, sie wieder ins Leben zu rufen, blieben bisher erfolgles. Die Aussichten für das laufende Jahr rnd womöglich noch ungünstiger. Ferner löste sich die Vereinigung der Seifenfabrikante« Mitteldeutschlands was auf die Dresdener Fabriken einen Rückschlag ans- auf. übte. Das Bild des wirtschaftlichen Niederganges, der bereits schon den Charakter einer katastrophenartigen Krise trägt, wäre nicht vollkommen, wenn man nicht noch zum Schlüsse auf die durchgängige Herabsetzung der Arbeitslöhne hin- wiese. Man findet kaum einen Bericht in dem umfangreichen fast 300 Seiten starken Handelskanimer-Protokoll, der nicht namhafte Lohnmindcrungen und Arbeitszeit-Einschränkungen mit entsprechendem Verdienstausfall meldete. Das ist der kapitalistischen Weisheit, letzter Schluß. politische Mebeellcht. Berlin, den 5. Juli. Zum Drciklassen-Wahlsystcm. Man schreibt uns: Die Gegner und nur Ividerlvilligen Frennde der Veteiligiuig a» de» preußischen LaudtogSivohlen in unsren Reihe» werden es sich nicht haben träumen lasse», daß schon der feste Entschluß der Social- dcmolratie, den Kampf aufzunehmen, das jetzige Wahlsystem be- drohe» würde. Uud doch ist dieser Fall schon jetzt eingetreten. Namenilich ist eS der von nnsrem Genossen Arons gemachte und seit einem halbe» Jahre in BerRner Wahlvereins-Versannulungeu vertretene Vorschlag, der zunächst m — die Regierung schweigt bisher— denken hervorgerufen hat. Bekanntlich hat gelviese», daß eine zahlreiche Beteiligung in die sechs Wahlmäimer zu ivählen haben— bürgerlichen Kreisen die ernstesten Be- Genosse ÄronS nach- allen Urlvahlbezirken, das ist die iveitanS überiviegeude Zahl in allen Landtags-Wahlkreisen— wenn nur die Socialde in ok raten die streu gste Befolgung der gesetzlichen Vorschriften verlangen, die Wahl der- maßen in die Lange gezogen tvird, daß die Wähler der ersten und zweiten Klasse vielfach von der Wahl Abstand nehmen würden, wenn die Wahlen überhaupt zu stände kommen. Darüber hinaus hat Genosse ArouS gezeigt, daß in den größten Wahlkreisen die Wahlen der Abgeordneten durch die Wahl- 1 männcr nach den jetzt z» Recht bestehende» Vorschriften völlig � unmöglich sind, wenn auch hierbei mir ein kleines Häuflein social-; demokratischer Wahlniänner darauf besteht, daß die Vorschriften deS Gesetzes streng eingehalten werden. Eine ganze Reihe bürgerlicher Blätter, namentlich auch dcS Ccntrums, äußern seitdcmschwere Bedenken über die Möglichkeit der weiteren Aufrechterhaltung dieses Wahlsystems. Von ganz besondrem Interesse aber ist eine P e t i t i o n j deS Magistrats von Charlotten bürg, gezeichnet vom i Oberbürgermeister Schuftehrus, die unter dem Datum vom- 7. Juni 1302 an das AbgeordiictenhauS gesandt wurde. Sie ver-! langt freilich nur das Ausscheiden der Stadt Charlottenburg aus dem � LandtagS-Wahlkreis Teltow-BceSkoiv-Storkolv(Potsdam Nr. 3). Aehn» lichc Forderungen aufTeiluug von Wahlkreisen müssen aber mit ähnlicher Begründung von einer sehr großen Reihe von Wahlkreisen, namentlich i der Judustriebezirke gestellt werden. Mit Recht schließt die Petition mit den Worten:„ES ist dringend z» wünschen, daß die in dein nächsten Jahre» bevorstehenden Wahlen bereits aus Grund anderweitiger Bestiminnngen vor sich gehen können." WaS ims aber die Petition— die an andrer Stelle noch deS näheren mitgeteilt wird— besonders wertvoll macht, ist die drastische Darstellimg der Ungesetzlichkeit der Wahl von 1338 in Teltow-Becskolv-Storkolv durch den Charlottenburger Herrn Ober- Bürgermeister: Sogar die WahlprüfnngS-Kommisston deS Abgeordnetenhauses bat... die ans der Ausdehnung des Wahlkreises sich ergebenden- Schwierigkeiten nicht mir nicht verkannt, sondern auch das Un- zureichende der Lokalitäten ausdrücklich festgestellt. Indem sie nämlich angab, daß der größte Saal von Köpenick, in welchem die Wahl stattfand, 12V0, der Ncbciisnal 500 Personell fasse, eZ sich aber um die Abgabe von ca. 1300 Stimmen gehandelt hat, zeigte sie selbst, daß die Stadt Köpenick als Wahlort nicht mehr iu Betracht konimen kann. Allerdings hielt die KoiilUllssio» gegen- über der Uiimvglichkeit, die Wahl unter solchen Umstände» iiinerhalb der gesetzlichen Vorschriften dllrchzilsührc», inibe« gicifltcheiweisc den Wahlkoiiimtfsar für berechtigt, entgegen de» Vorschiiftc» des WalilreglriliciitS zu verfahren. Dies bezog sich darauf, daß der Wahlkominissar die Wahlmäimer nicht entsprechend dem publizierten Verzeichnisse, sondern in andrer Weise allflief und damit den klaren Bestimmungen der 88 24 und 27 entgegeuhmidelte. Wir glauben, daß immöglich gesetzliche Be- itimmmigen aufrecht erhalten werden können, welche so veraltet ind, daß innerhalb eines der gesetzgebenden Faktoren selber ihre Umgehiuig für berechtigt gehalten wird. Auch blieb, wie der Wahlprotest hervorhob, keine Zeit, wie vorgeschriebe»(8 27), den vom Wahllilann gciiaiuitcn Name» in die Liste etnzntragrn; vielmehr wurde nur der AnsaiigSbiichslabe notiert. Wenn die Kommission darauf hingewiescii hat, daß in der ihr vorliegenden Liste die vollen Namen standen, so soll doch nach zuverlässigen Mitteilungen dies ursprünglich nicht der Fall ge- Wesen sein. Die Abgeordneten, welche ans dieser gesetzwidrig vollzogenen Wahl hervorgingen, sind die Herren O b e r a m t in a n n Ring und Baumeister Fclisch. Freisinnige Gewaltpolitik. In Nürnberg rüste» sich nnsre Parteigenossen für die im Herbst stattfiiideiidcn Geineindewahlen. In Nürnberg übt bekanntlich die freisinnige Stadtvertrctimg ein K l a s s e n r e g i in e n t ans, wie es in der gleichenUnverfälschtheit wohl nicht leicht anderswo anzutreffen sein wird. Seit 20 Jahren ist Nürnberg im Reichstage, seit 3 Jahren im Landtage socialdcmokratisch vertreten, aber die Arbeiterschaft der bcden- teiidsten Industriestadt Bayerns auch im Nathause zu Worte kommen zu lassen, ist trotz aller Bemühungen bisher noch nicht gelungen, weil die herrschende freisinnige Clique sie absichtlich fernhält, «in ihre einseitige Klassenherrschaft aufrecht zu erhalten. Bon über Sttvvv Steuerzahlern besitzen kaum 10VVV das Wahlrecht, weil dieses an den Besitz des Bürgerrechts gebunden ist und die Erwerbung des Bürgerrechts wiederum von einer hohen Gebühr abhängt, die die besitzlose Klasse nicht erschwingen kann. Der Socialdemokratische Verein suchte schon seit vielen Jahren dieses schreiende Mißverhältnis dadurch einigermaßen auszugleichen, daß er vor jeder Wahl den Antrag stellte, die Wahl nach Bezirken vorzu- nehmen, wodurch es möglich wurde, wenigstens einige Vertreter der Arbeiterschaft in das Rathaus zu bringen. Dieser Antrag wurde jedesmal unter der fadenscheinigsten Begründung abgelehnt, so auch heute wieder. Der Magistrat beschloß am Freitag, dem Ersuchen nicht zu ent- sprechen, weil die Einführung der Bezirkswahlen die Gefahr in sich berge, daß die S o n d e r i» t e r e s s e n zu sehr in den Vordergrund treten würden. Dabei ist die ganze bisherige Politik des freisinnigen Rats von Nürnberg die Souderiuteressen-Politik, wie sie im Buche steht! Ein weiterer Antrag des Socialdemokratischen Wahlvereius wollte bezwecken, daß denjenigen Steuerzahlern, die in Nürnberg selbständig beheimatet sind, das Gemeindewahlrecht unentgeltlich erteilt wird. Auch dieser Antrag wurde unter den nichtigsten Vorwäiiden abgelehnt. Man glaubt immer noch, durch derartige Mittel verhindern zu können, daß die Socialdemokratie in der Gemeinde zum Wort gelangt, aber die Herren können sich einmal bös verrechnen. Unsre Nürnberger Ge- nossen lassen sich dadurch selbstverständlich nicht abschrecken, mit aller Energie in den Wahlkampf einzutreten. Zunächst wird eine rührige Agitation entfaltet, um die Zahl der Bürger zu ver- mehren, da es in Nürnberg noch tausende von Arbeiter» giebt. die auf Grund ihrer Heimatsberechtigung. Auf- emhaltsdaner ec. das Bürgerrecht unentgeltlich oder gegen geringe Nachzahlung zu beanspruchen haben. Durch die Agitation solle» sie über diese ihre Ansprüche aufgeklärt und veranlaßt werden, sie geltend zu machen. Einmal wird doch der freisinnige Ring gc- brochen werden und die Socialdemokraten auch auf dem Nürnberger Rathause einziehen.—_ Groß- Wien. -st- Wien, 4. Juli. Wien ist plötzlich die größte deutsche Stadt geworden; von allen Städten Europas übertrifft die Donau- stadt heute nur noch London an räumlicher Größe. Das Mittel, wodurch diese merkwürdige„Stadterweiterung" vollzogen wird, ist nicht gerade sinnreich: es werden nämlich elf Gcnieinden mit Wien vereinigt, in den neuen„Stadtteilen" neue Straßcntafeln ans- gehängt und die„größte deutsche Stadt" ist fix und fertig. Etwas Lächerlicheres als diese„Stadterwciternng" ist noch nicht gemacht ivorden. Wohl bringt es die Euttvicklung der Großstädte mit sich, daß ihre Umgebung städtischen Charakter erhält und eine Einverleibung ivünschenswert erscheinen läßt. Das war der Fall im Jahre 18S0, als dem ehemaligen Wien der inner» Bezirke die schon längst städtisch gewordenen Vororte angegliedert wurden— Gemeinden, die mit Wien aber so innig verwachsen waren wie Charlottenburg mit Berlin. Welcher Art aber diese Lnegcrsche „Stadterweiterung" ist, darüber belehrt eine einzige Ziffer' ganz ausreichend: Wien bedeckt heute eine Fläche von 176 Quadrat- kilometern, die einzuverleibenden Gemeinden, die den 21. Bezirk bilden werden, messen 1S4 Quadratkilometer, also nicht viel weniger als die alten 20 Bezirke zusammen. Dagegen hat der neue Bezirk nur— 58 000 Einivohner; während aber Wien durch ihn an Fläche um 86 Proz. wachsen Ivird, wird die Vermehrung seiner Be- völkerung 3 Proz. betragen. Dabei ist aber'�zn beachten. daß fast zwei Drittel der neuen„Wiener" auf den elf Quadratkilometern der heutige» Genieinde Floridsdorf sitzen— der einzigen, deren Einverleibung sich als nützlich rechtfertigen läßt— so daß der Rest des neuen„Bezirkes" ein G e- biet von 143 Quadratkilometern umfassen wird, das von kaum 22 000 Menschen bewohnt ist. Es ist also wirklich flaches Land, das der„Weltstadt" nun ein- verleibt wird, und die„größte deutsche Stadt" besteht fast zur Hälfte aus— Banerndörfern. Den Anstoß zu der Aktion hat das Bedürfnis gegeben, sich angesichts des Baues deS Donau-Oder-Kanals in den Besitz des linken Donau-Ufers zu setzen, und von diesem Gesichtspunkte aus ist die Eingemeindung der bisherigen(nebenbei bemerkt: ganz social- demokratischen) Stadt Floridsdorf, einem industriellen Orte, der zu Wien bereits gehört, ganz verständlich. Die Einverleibung der übrigen zehn Gemeinden, die von den Grenzen des heutigen Wien ebenso entfernt liegen ivie Potsdam von Berlin, ist aber ausschließlich auf das Conto der Luegerschen Demagogie zu setzen; Herr Lueger will offenbar in die Geschichte eingehen als „Mehrer der Stadt". Der Motivendericht liest sich wundervoll wie ein Witzblatt. So wird der Ort Aspern deshalb einverleibt, weil sich an ihn„die erhebendsten Erinnerungen der östreichischen Geschichte knüpfen"— nämlich die Schlacht, in der Erzherzog Karl gesiegt haben soll. Ein triftiger Grund! Eine Gemeinde,«änrtich das weitest entfernte Stammcrsdorf, wird deshalb eingemeindet, weil die weinbautreibende Bevölkerung ziveier andrer Orte noch— zahl- reiche Weingärten besitzt I Mit denselben Gründen und mit der- selben Logik könnte man ganz Niederöstreich als die Stadt Wien erklären; auf diesem reinänßcrlichen Wege kann ja die östreichische Hauptstadt einmal wirklich eine große Stadt werden I Daß eine solche Stadterweiternng zum Teil höchst schädlich, in jeder Hinsicht aber ganz überflüssig ist, liegt auf der Hand. Was nicht gehindert hat, daß der Beschluß gestern im Wiener Gemeinderat mit lärmendstem Beifall durchgegangen ist. Dem dummen Spießer imponiert es nämlich auch, wenn ihm sein Bürgermeister erzählt, daß Wien dadurch einen„fruchtbaren Teil des Marchfeldes" erhalte und also in die Lage gesetzt werde, dieLebens- mittel für seinen Bedarf„im eignen Gebiete zu produzieren"— wenn nur eben der Unsinn klingt. Die Teilung in Stadt und Land — Herr Lueger hebt sie auf! Nebenbei leistet sich Herr Lueger eine Umänderung des Wiener Gemeindestatuts, die ihm lviedcr politische Vorteile bringen soll. Es soll nämlich die verhältnismäßige Verteilung der Gemcinderats- Mandate nach Wahlkörpern aufhören und durch die nach Bezirken ersetzt werden, Ivas den Effekt hätte, daß Herrn Lueger etlva zehn Mandate, die sonst den Liberalen gehörten, zufallen würden. Es ist derselbe Plan, der vor zwei Jahren an dem Ein- fpruche der Regierung scheiterte; es wird abzuwarten sein, ob zu diesem Widerspruch Herr v. Koerber auch heute die Courage finden wird. Das Uebereinkommen zwischen Wien und den einzuverleiben- den Gcnieinden ist nämlich als eine Abänderung des Wiener Statuts ein Landesgcsetz, der Beschluß des Gcmeinderates wird also noch an den Landtag gelangen. Daß er dort angenommen werden wird, unterliegt keinem Ziveifel, aber nicht ganz gewiß ist noch die Zu- stimmnng der Regierung. Zwar für de»„Pflanz" dieses„Groß- Wien" wird Herr v. Koerber, der selbst solche Aufschneidereien treibt, ganz empfänglich sein.— Deutsches Weich. Englisch- deutscht Freundschaft. In der Donnerstags-Sitznng des Unterhauses, in der die chine- fische Frage diskutiert wurde, richteten mehrere englische Deputierte heftige Angriffe gegen Deutschlands Vorgehen in China wegen der vertragswidrigen Occupation Tientsins, namentlich aber wegen des militärischen Vorgehens der deutschen Truppen während des berüch- tigten Khakifeldzuges. Diese interessanten Ausführungen der englischen Parlamentarier, die zurückzuweisen die Vertreter der englischen Regier nn g nicht für nötig erachteten, find von dem offiziellen deutschen Depeschenburcau sonderbarerweise für so belanglos gehalten worden, daß sie mit keinem Wort er- wähnt wurden. Ueber die nichtsdestoweniger interessanten Aus- führnngen liegen nunmehr folgende Mitteilungen vor: Mr. Walton erklärte, die Zeit sei gekommen zu einem engere» Zusammenschlüsse Englands, Japans und der Ver- einigren Staaten. England dürfte sich nich: länger mitreißen lassen von' weniger liberalen und weniger freiheitsliebenden Mächten wie z. B. Deutschland. Was habe Deutschland über- Haupt in China getha»? Es habe bei dem Entsatz der Gc- s a» d f s ch a f t e n nichts geleistet, sondern sei erst nachher auf dem Platz erschienen und habe dann nutzlose und pliindcrndc Expeditioucn durch die Provinz Petschili geschickt. Auf diese Weise'habe es Haß und Bitterkeit gegen die Fremden ausgesät. Man müsse den Chinesen Tientsin unter den günstigsten Bedingungen zur Verfügung stellen. Mr. Beckett erklärte, daß nach seiner Erfahrung, die er in China gesammelt habe, China England für seinen besten Freund halte. Die Wankelmütigkeit der englischen Politik sei diesem Eindruck aber schädlich. Die internationalen Truppen niüßten sofort ans Tientsin zurückgezogen werden. Wenn Engländer, Russen und Franzosen sich zurückzögen, so könnten die Deutschen schon Anstands halber nicht bleiben. Wenn ei» tioller und wahrer Bericht von den Schandthate» der deutschen Truppen in der Provinz Pclschili veröffentlicht werden könnte, so werde die ganze Welt e r st a n n t sein, und zu der Ueberzengung kommen, daß Deutschland jedenfalls kein Recht habe, über das Ver- hallen der englischen Truppen ein Urteil zu fällen. Mit dieser Aenßernng schlössen die Bemerkungen über Deutschland. Leider wird die deutsche Regierung nicht in der Lage sein, die beleidigenden Angriffe des englffchen Parlaments zurückzuweisen, da die deutschen Gerichte sich ja in den„Hunnen-Prozcssen" nicht dazu entschließen konnten, in die von den Angeklagten angebotene Beweis- erhebnng einzutreten.—_ Dc» Streik des polnischen ikldclS bei dem Kaiserempfang in Posen sollen die Mitglieder des Posencr Provinzial- Landtages in einer Zuschrift an den kaiserlichen Hofmarschall damit motiviert haben, daß die Polen durch die neuen Berordiinngen und durch die vom Kaiser erhobenen Anschnldigimgen tief gekränkt seien. Sie würden mit ihrer Traner alle Festesfreude stören. Sic fühlten sich nicht schuldig und wollten trotz aller feindseligen Verordnungen auch künftighin treue Unterthnnen des Kaisers sein'. Ob man an„allerhöchster" Stelle ein menschliches Rühren ob dieser allcrgetrenestcn Opposition empfinden wird?— Ein häuslicher Streit zwischen Polen und Ccntrum. Die Polen im Wahlkreise Gleiwitz stellen an das Ccntrum das Ansinnen, itatt des bisherige» Vertreters des Wahlkreises, des Grafen B a l l e st r e m, einen polnischen Kandidaten anfznstellen, widrigenfalls sie mit einer Spaltung und Anfstellimg einer polnischen Sondcrkandidatnr drohen. Die ultramontane„Nrisser Zeitung" weist diese polnische Prätention mit Entschiedenheit zurück. Die Alternative, entweder Anfstellimg eines polnischen Kandidaten oder Absplittcrung der Polen vom Ccntrmn, schrecke das Centrnni keineswegs, sei doch Graf Ballestrem 1398 in Gleiwitz nnt 14 690 gegen 2366 socialdemokratischen und 389 freisinnigen Stinmien gewählt worden.— Tolstoj als Gotteslästerer. Ans Leipzig wird gemeldet; In dem Tolstoj-Prozeß wegen Gotteslästerung ist die neue Verhandlung gegen den Uebersetzcr Direktor Löwenfeld- Berlin und den Verleger Diedcrichs-Leipzig auf Mittwoch, 9. d. Mls., vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts anberaumt. Die Verhandlungen finden unter völligem Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Die inkriminierte Schrift ist in Rußland nicht verboten. Im Lande der Denker darf sie aber nur hinter verschlossenen Thören verlesen werden!— v. Bnol-Bereuberg. Der in Baden-Baden im 61. Lebensjahre verstorbene Centrums-Abgeordnete und ehemalige Präsident des Reichstags v. Buol-Berenberg, im Privatleben Richter, gehörte seit dem Jahre 1884 als Vertreter des 14. badischen Wahlkreises dem Reichstage an. 1893 wurde er zum ersten Vicepräsidenten gewählt, 1896, als der bisherige Präsident v. Levetzow wegen der ver- weigerten Bismarckehrrmg demissionierte, mit dem Reichstags- Präsidium betraut. Er zeichnete sich durch eine wohlthuende Objektivität aus, die freilich bei den Agrariern Anstoß erregte. 1898 lehnte er eine Wiederwahl zum Reichstage ab.— Unschuldig verurteilt. Aus Köln wird uns berichtet: Wegen Meineids stand der P o l i z e i s e k r e t ä r Julius H o f f m a n n vor dem Schwurgericht in Koblenz. Eine dort unter Sittenkontrolle stehende Frau hatte gegen ihn ans Grund des Z 174 des Strafgesetzbuches Anzeige erstattet.(Mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren werden bestraft Beamte, die mit Personen, gegen die sie eine Unter- suchung zu führen haben oder die ihrer Obhut anvertraut sind, nn- züchtige Handlungen vornehmen.) Der Polizeisekretär bestritt die Bejchnldignngen und stellte Strafantrag. In dcnr von der Staats- anwaltschast eingeleiteten Strafverfahren wurde die Frau auf Grnud deS Eides des Polizeisekretärs zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Sie hat die Strafe auch abgebüßt! Inzwischen wurde der Polizeisekretär wegen Unterschlagung und Fälschung im Anite zu 2>/s Jahren Gefängnis verurteilt, nnd er geriet in den durch Thatsachen begründeten Verdacht, in dem Prozeß gegen die Prostituierte«inen Meineid geschworen zu haben. In der jetzigen Verhandlung wurde er von den Geschworncn für schuldig befimdcn nnd unter Hinzuziehung der früheren Strafe zu d r e r Jahren und neun M o n a t e n Z u ch t h a n S verurteilt. Der Fall zeigt, daß auch der Eid eines Polizeibeamten nicht immer genügen soll, um einen durch ihn belasteten Angeklagten zu verurteilen. Jene Frau hat den Glauben, den man polizeilichen Aussagen schenkt, schwer gebüßt!— Eine nette Wirtschaft. Aus Krefeld wird uns geschrieben: Vor einiger Zeit wurde der BankdirektorsT hören ans Kempen a. Rh., einem Städtchen von 6—7000 Einwohnern, wegen verschiedener Ver- gehen— unter anderm hatte er 16 Jahre lang falsche Bilanzen ge» zogen— zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt. Diesem Thören wurde von dem Bürgermeister von Kempen, einem Herrn Plum, ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. Eine solche Parteinahme für einen so raffinierte», frommen Ganner hatte in Kempen böses Blut erregt, was u. a. dazu beitnig, daß der Bürgermeister erklärte, auf eine Wieder- wähl Verzicht leisten' zu wollen. Jetzt stellt sich heraus, daß der Bürgermeister sich den Posten, der nnt 7000 M. besoldet wurde, sehr leicht gemacht hat. Seit 12 Jahren hat er keinen Haushaltungs- bericht mehr aufgestellt. Eine Kommission, die vor drei Jahren ge- wählt, nni eine Aenderung der Lustbarkeitssteuer vorzunehmen, war ohne Material gelassen worden und hatte nur eine Sitzung in den drei Jahren abgehalten. Eine Revision der städtischen Sparkasse hatte er nicht geduldet und dergleichen schöne Sachen mehr. Tüchtige Gemeindevertreter müssen es gewesen sein, die sich dieses alles bieten ließen.— Aus der verbefferte» Monarchie. Ans Reuß ä. L. wird «Iis geschrieben; Der Regierungswechsel zeitigt merkwürdige Erscheinungen. Während auf der einen Seite das„oppositionelle" Element ausscheidet(Regierungspräsident v. Meding und andre gehen zum 1. Oktober ab), zeigt sich dem aufmerksamen Beobachter, daß der Einfluß der Pfaffen im Schwinden begriffen ist. So ist z.B. eine Ver- fügung, nach welcher„im Interesse der Sonntagsheiligimg" der sog. „erste Vogelschießsomnag" aussallen sollte, vor einigen Tagen wieder aufgehoben worden I In den Kreisen der Frömmler ist man über diese Znrückdrängung des pfäsfischen Einflusses am neuen Hofe arg verstimmt. In politischer Beziehung ist bisher alles beim alten ge- blieben. Man hatte gehofft, der neue Fürst werde wenigstens dem Lande ein Vcreinsgesetz geben. Da das bisher nicht geschehen, macht sich eure Bewegung bemerkbar, die zum Zwecke hat. durch ständiges Fordern die Regierung zum Erlaß eines solchen Gesetzes zu veranlassen. Petitionen sind im ganzen Lande im Umlauf nnd die Zahl der Unterschriften aus fast allen Gesellschaftskreisen wächst von Tag zu Tag. Die Bewegung geht von unsrcn Genossen im Wahlkreise Reuß ä. L. aus und die Petitionen sordern in erster Linie die Erlangung größerer politischer Freiheiten. Beim nächsten Znsanimeu- tritt des Landtags(voraussichtlich im Oktober) soll dann die Frage dort beraten werden. Unter dem alten Heinrich haben sich die elf reaktionären Landboten stets mit Hände» nnd Füßen gegen jeden Fortschritt gesträubt. Man glaubre schon amng gethan zu haben. wenn„man" das Ländchen schuldenfrei' erhielt. Ob das jetzt beffer wird, steht noch sehr dahin. Der neue Heinrich scheint übrigens mit der G ü n st l i n g s- Wirtschaft aufräumen zu wollen. Mancher frömmelnde Beamte in der Nähe des Fürsten ist in den letzten Wochen gestürzt. Die Hoflieferanten nnd diejenigen, die es werden wollen, kommen jetzt in eine fatale Siiuation. Wer früher ein solches Anliegen hatte, setzte sich nur dem Platze der Hofloge in der Kirche gegenüber, so daß er von dem fanatisch fronmien Heinrich gesehen wurde. Der neue Herr scheint derartige Gepflogenheiten nicht zu haben. Und die Frommen kommen deshalb nicht auf ihre Rechnung.— Die badische Wahlresorm. Ans Karlsruhe schreibt man uns: Das Resultat der WahlrechtS-Debatte in der badischen Volks- k a ni m e r bedeutet eine Niederlage der Regierung, die sie zunächst auf das Conto des Ministers des Innern, Schenkel, zu schreiben hat. Bis mitten in die Reihen der Liberalen hinein machte sich der Eindruck geltend, daß dieses Herren Portefeuille verwirkt ist, sofern auf einen Schein von KonstilutionalismiiS im Lande Baden noch etwas gehalten wird. Doch auch der ultramontane„Negiernngs- Vertreter"— wie heute der Genosse DreeSbach den Centrums- führer Wacker zutreffend charakterisierte— gehört zu den Opfern deS Gefechtes und darin liegt eine wohlthuende Fügung des Geschickes. Anfangs schien die Verhandlung in ruhigen, abgemessenen Bahnen zu verlaufen; denn es war ein diplomatisches Kabinettstück von Versöhnlichkeit, wie sich der Staatsminister v. B r a u e r der Aufgabe entledigte, die Stellung der neuen Regierung zum Wahl- recht zu kennzeichnen. Sie opfert das indirekte Wahlrecht als unzeitgemäß, ohne das System des alten Wahlrechts ganz über Bord zu werfen, fordert etliche Begrenzungen und Gegen- gewichte, wie sie eben in Hessen und Bayern geplant sind und eine Eindämmung des„schrankenlosen" allgemeinen Wahlrechts erstreben. Die Volksvertretung nwge von der jungen Regierung jetzt am Ende der Session nicht verlangen, daß eine befriedigende Lösung der dringenden Angelegenheit gefunden werde; ein der nächsten Kammer vorzulegender Gesetzentwurf werde eine Verständigung an- bahnen. Hierauf erhob sich Abg. Wacker, der einst so nnerbittlichc Kämpfer für ein reines demokratisches Wahlrecht, um seine Rede in eine j vertranenSselige Duselei für daS werlvolle Entgegenkommen, so er aus der ministeriellen Ansprache herauslese, ausklingen zu lassen. Nach ihm ivar es der Genosse DreeSbach. der in scharfen Ansführnngen den Standpunkt der Regierung bekämpfte und den Minister des Innern zu einer offenherzigen, undiplomatischen Enthüllung seiner ganzen rückschrittlichen und volksfeindlichen Ab- sichten veranlaßte. Wie Herr Schenkel am Dienstag in der Kommission aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht, so redete er sich jetzt in ein Programmbekeimtnis hinein, das im Hause gewaltige Stimmnng machte nnd den Staatsminister v. Brauer in sichtliche Verlegenheit versetzte. Schenkel erklärte, die Grundlagen des Antrages seien für die Regierung unannehmbar. Sie befürworte zwar ebenfalls die Einführung des direkten Wahlrechts, könne dies aber nur thnn unter der Bedingung, daß gegen die„Auswüchse" desselben ein Gegen- gewicht geschaffen werde. Dies besteht nach den Aeußerungen Schenkels in der Annahme des P l u r a l s y st e m s nach belgischem Muster, des C e n s u s und der m e h r j ä h r i g e n Ansässigkeit bezw. Staatsangehörigkeit als Voraussetzung der aktiven Wahlberechtigung. Der Minister meinte deshalb, die Annahme des obigen Antrages durch die Kommisston habe keinen Wert, diese thäte vielmehr besser daran, sich mit einer einfachen Resolution zu bc- gnügcn. Zuerst ging der nationalliberale Oberbürgermeister Dr. W i lckeuS (Heidelberg) zu einem Protest in die Scene, dann fand der„Löwe von Zähringen", Abg. Wacker, welchem Herr Schenkel die ultra- montanen belgischen Pluralwahlfreunde an die Soutane hing, wieder etwas vom alten Ingrimm; es sprachen die Dcmokraten Heim« b u r g e r und M n s e r, die Socialdemokraten Geck und Drees- dach mit einer so einstimmigen Entschiedenheit auf die„kleine Excellenz" hinein, daß diesem komischen Herrn der Spaß verging. Sehr unbefriedigt von dem Verlauf der Debatte und mit einer Art väterlicher Bevonimndung seines Bruders in rninisterio schloß der S t a a t s m i n i st e r mit einer kurzen Rede das Wahlrechts- tnrnicr. Dann votierte die Kammer e i n st i m m i g ihre Gesetzes- vorschlüge und begleitete das Resultat mit schallendem Bravo I Diese Vorschläge lauten: 1. Den Gesetzentwürfen, betreffend Aenderung deS Wahlrechts und der Lnndtags-Wahlordnimg, znznsti Minen, 2. das Einvcrstäiidnitz mit' einer R e o r g a n i s a t i o n der E r st c n Kammer im Sinne einer stärkeren Vertretung der Interessen der auf Gesetz beruhenden wirtschaftlichen Korporationen in derselben ausznsprecven, jedoch mit der Maßgabe, daß das Ver- bältnis der Zahl der Mitglieder der Ersten Kammer zu jener der Mitglieder der Zweiten Kammer keine wesentliche Gesamt- Verschiebung erfahren soll; 3. die Regierung zu ersuchen, im Zusammenhang mit der Verfnssungsreform eine Gesetzesvorlage behufs and er weiter Umgrenzung der Landtags-Wahlbezirke auf der Grundlage zu machen, daß») die bisherigen Städteprivilegien mit der Modifikation fortbestehen, daß den Städten Durlach Lörrach(mit Stetten), Bruchfal, Lahr, Offenburg, Rastatt, Baden und Konstanz je 1, Heidelberg nnd Pforzheim je 2, Freiburg 3. Karlsruhe 4 und Mannheim 6 Abgeordneten- Sitze zufallen; b) das übrige Land, unter thunlichster Berücksichti» guiig der historischen, geographischen nnd wirtschaftlichen Zusammen« gchörigkeit der einzelnen Gebiete, in Wahlbezirke von durchschnitt« lich 25 000 Eiiilvohncrn eingeteilt wird. 4. Die Petition des gcschäftsführenden Ausschusses der mitt- leren Städte Badens der Regierung als Material für eine künftige Abänderung d'er Ziisainmeiisetziliig der Ersten Kannner zur Kenntnis- nähme zu überweisen. Der badische Landtag wird, so wird uns ans Baden geschrieben. am 10. Juli feierlich geschlossen, weil der Großherzog seine Reise in iie Sommerfrische nicht aufschiebt. Ein wesentlicher Teil parlainen tarischen Stoffes ivird»im in ausgcdehnien, oft schwach besuchten Sitzuuqeu in größter Eile abgethan. Zuletzt kommen noch die so wichtigen Petitionen der Arbeiter und Kleinbeamten von der Eisenbahn, die mit dem Tröste der Veriveisnng an die wohl- wollende Kenntnisnahme der Regierung vorbeschieden tverde»; ob der S ch n l a n t r a g der socialdemokrolischeii Fraktion gemäß dem Versprechen, zur Verhandlung kommt, ist fraglich. Die Regicrnng hat endlich ihren Etat unter Daw, somit hat das Parlament seine Schuldigkeit gethan und kann gehen.— Der Rücktritt Landmauns gilt trotz des bis jetzt noch nicht eingereichten Demissionsgesnchs als sicher. Die gegen Landmann gerichtete Erklärung eines großen Teils des Lehrerkceises der Uni- vcrsität Würzburg hat folgenden Wortlaut: Durch die Slellnng. welche der bayrische Kultilsminister Herr Dr. v. Landmann am 26. Jnni er. im Landtag zum Fall Chronst ein- genonmien hat, ist das Ansehen der Universität Würzburg ernstlich gefährdet. Auf die schweren und unbcgriindeten Vorwürfe des Herrn Ministers konnten Rektor und Senat nur mit der Niederlegung des Amtes antworten. Wir unterzeichneten toahb berechtigten Professoren sprechen hierdurch dem Rektor und der über wiegenden Mehrheit des Senats für die energische Wahrung des Ansehens unsrer Universität unsren wärmsten Dank und unsre volle Zustimmung aus. Die Erklärung haben unterschrieben 23 ordentliche und 6 außer ordentliche Professoren, so daß nnt Einschluß der Senatoren 32 ordent liehe Professoren, also drei Viertel Majorität der wahlberechtigten Professoren, gegen das Verhalten des Ministers protestierten. Anstand. Ucber die KriegSgerichtö-Sitzmig gegen Balmaschew erhalten wir folgende Mitteilung: Den Vorsitz des Gerichts führte General Osten-Sackan. In den Gerichtssaal hatten nur wenige Zutritt erhalten. Auf die Frage des Vorsitzenden nach dem Namen des AngeUagten und ob er sich für schuldig anerkenne, antwortete Balmaschew, daß er die Thatsache des Mordes nicht ableugnen wolle, er sei aber ohne Schuld. Sodann wird zur Verlesung des Anklage- Aktes geschritten, aus dem hervorgeht, daß Balmaschew in Pinega geboren worden ist, Ivo der Vater und die Mutter in der Verbannung lebten. Seine Schulbildung genoß Balmaschew in dem Saratower Gymnasium, kam dann auf die Universität Kasan und später nach Kiew. Hierauf wird dass Tage- buch des Angeklagten verlesen, in dem die seelische Verfassung des Angeklagten geschildert ist. Die Stellen aber, in der die Rede von dem Zaren ist, werden ausgelassen. Auf alle Fragen und Forderungen des Gerichtes. den Anklage- Akt zu ver- vollständige�, beantwortete Balmaschew abschlägig. Der Pro- knrator triigj nichts Wesentliches vor. Er verwies lediglich darauf, daß für das Kriegsgericht die Minderjährigkeit des Angeklagten nicht in Betracht kommen könne. Er müsse zum Tode verurteilt werden. Der Verteidiger leugnete die Schuld seines Klienten nicht, er erhob aber zu gleicher Zeit Anschuldigungen gegen das bestehende Regime. Das russische Leben habe sich sehr anormal entwickelt, besonders stark laste es aber auf dem Volk. Nichts dringe in die Presse. Niemand wisse, waS um ihn her und vor sichs gehe. Einerseits wälzen diejenigen, die regierungsfreundlich sind. die ganze Schuld auf die revolutionäre Propaganda, andrerseits wiederum beschuldigen die revolutionären Elemente in allem die Regierung. Die Regierung müsse die Schuld in dem Falle Sipjagin auf sich nehmen. Im zweiten Teil seiner Rede führt der Verteidiger ans, man wisse in Rußland nicht, welchem Gesetz man eigentlich unterstehe. Mögen die Gesetze noch so streng sein, mögen sie unbarmherzige Sühne fordern, man müsse aber immer wissen, aus Grund welches Gesetzes man abgeurteilt werde. Im vorigen Jahre sei der voll- jährige Mörder des Ministers Bogoljepow vor ein g e- wohnliches Strafgericht verwiesen worden. Jetzt stehe ein Minderjähriger vor einem Kriegsgericht. das über ihn die Todesstrafe aussprechen will. In seinem letzten Wort, das Balmaschew erhielt, schilderte er kurz und ruhig die Atmosphäre, in der er aufgewachsen. Das ganze russische Leben habe ihn zu dem politischen Kampf v orbercitet. An allem trage die Regierung Schuld. Nach einer kurzen Beratung von zwei Minntcn verkündete das Gericht das Todesurteil, das von dem Angeklagten mit derselben«jnhe entgegengenommen� wurde, die er während der ganzen Gerichtsverhandlung gezeigt hatte. Am selben Tage reichte Balmaschews Mutter ein Gesuch um Begnadigung ein, waS ihr aber nur mit großer Mühe gelang, denn der Chef der Bittschriften-Kanzlei wollte das Gesuch nicht etilgegeiinchincn. Nikolaus soll erklärt haben, er werde dem Verurteilten begnadigen, wenn dieser selbst das Gesuch einreichen wolle. Der Minister- Präsident sei hierauf zu Balmaschew nach der Festung gefahren und habe ihn dazu zu bewegen gesucht. Balmaschew habe aber das Ansuchen zurückgeiviesen. Der Ministerpräsident habe.Balinaschews Mutter erklärt, sie habe nicht einen Sohn, sondern ein Stück Feuer- stein. Zu dem Geistlichen Bctrow, der ihn ebenfalls zu bereden suchte, äußerte sich Balmaschew:«Ich sehe, daß es Euch schwerer fällt, mich zu erhängen, als nur zu sterben. Ich brauche von Euch keine Gnade.' Wer das Buch„Das unterirdische Rußland" von Stepniak gc- lesen hat, dem wird wohl nie der Brief, de» die Teilnehmerin des Anschlages auf Alexander II., Perowskaja, an ihre Mutter schrieb, ans dem Gedächtnis entschwinde». Aehnliche Zeilen wie jene tönneii wir henteZ ans dieser Stelle veröffentlichen. Es ist der Brief, den Balmaschew nach der Ausführung seiner That an seine Eltern ge- richtet hat. Er schreibt: „Meine Teuren! Ich benütze eine glückliche Gelegenheit, um Euch einige Zeilen zu schreiben. In der Hoffnung, daß sie in Eure Hände koninien. Das Geschehnis des 2. April und meine Beteiligung an ihm, hat sie gewiß wie ein unerwarteter Blitze schlag mit scharfem Schmerz getroffen. Doch wälzt nicht die ganze Last des Vorwurfs aus mich. Die unerbittlichen, keine Schonung kennenden Verhältnisse dcS russischen Lebens haben mich zu einer solchen Handlung geführt, sie haben mich gezwungen, Mciijchenblut zu vergießen, und was die Hauptsache, Jhneu in Ihren alten Tagen durch den Verlust des einzigen Sohnes unverdiente Leiden zuzufügen. Wie unerniessen glücklich würde ich jetzt sein, nachdem ich meine Pflicht als Bürger erfüllt habe,. wenn mich nicht der Gedanke über ihre Betrübnis, über die seelische Qual, die Ihr jetzt ertragen müßt, niederdrückte. Aber ungeachtet dessen, daß die klare Fassung meines Geistes und das Bewußtsein, die Forderung meines' Gewissens erfüllt zu haben, durch dos bittere Gefühl verfinstert wird, daß Ihr leiden müßt. Dennoch bereue ich meine That nicht. Nickt ich bin berufen, Ihnen die Bedcutnug des Kampfes mit dem grellsten und schädlichsten Repräsentanten des absolutistischen Regimes zu erläutern, nicht ich werde über die Notwendigkeit von Opfern in diesem Kampf sprechen. Die fluch- beladenen Zustände der gegenwärtige» russischen Wirklichkeit fordern nicht nur malcrielle Opfer, sie nehnien den Eltern ihre einzigen Kinder. Ich opfere mein Leben der großen Sache der Erleichterung des Schicksals der Arbeitenden und Bedrückten. Und dies, glaube ich, gicbt mir die moralische Rechtfertigung, wenn ich gegen meine heißgeliebten Eltern grausam gewesen' bin. Es möge das Be- wusßein der Bedeutung meiner Handlung den natürlichen Kummer besänfligen. Znni Schluß tvende ich mich an Euch mit eftier Bitte, wenn ich auch vegreife, wie schwer sie zu erfüllen ist. Was mit mir auch geschehen möge, seid ebenso mhig und stark wie ich. Es kann sein, daß Eure Ruhe zu mir durch die dicken Wände deS Gefängnisses dringt und meinen Schmerz um Euch mildert. Euer Stcpa. Petersburg, den 3. April 1902. Schweiz. Normann-Schuman» bleibt— das ist die neueste Phase dieser Tragikomödie. Weder die Luzerner Polizei noch der Bundesanwalt oder der Bundesrat sind deni„Herrn" nahe getreten, er war nur freiwillig von Lnzern abwesend, beglückt es nun aber wieder mit seiner Gegenwart. Der Luzerner„Demokrat" erinnert bei dieser Ge- lcgenheit daran, daß ihni voriges Jahr aufs neue der Aufenthalt erlaubt worden sei,„bis er seine Liegenschaft veräußert", was Nor- mann-Schnmaiin nie oder nur thun ivird, wenn und wann es ihm beliebt. Diese bedingte und scheinbar zeitlich begrenzte Aufeuthaltsbewilligung ist die reinste Schlaumeierei und macht dem Scharfsinn der Luzerner Behörden alle Ehre. Viel- leicht schenken sie ihm schließlich noch das Ehren- bürgerrecht der Stadt Lnzern, als„Ehrenmann" ist er von seinem Advokaten in öffentlicher Staatsrntssitznng schon proklamiert worden. Der„Demokrat" erwähnt auch das Gerücht, Normann- Schumann hätte sich in jüngster Zeit in Potsdam aufgehalten.— Die Ausweisung des Barons v. Richthof e n ist nicht durch die Bundesbehörden, sondern durch die Genfer Regierung erfolgtf; wie vorher diejenige des Spitzels Heilmann durch die Züricher Regierung. An die Spitzel scheinen sich die Bnndesbehörden nicht heranwagen zu wollen.— Basel, 4. Juli. sEig. Ber.) Ein Gelegenhcitsgesctzchen hat unsre Regierang anläßlich des Falles Wn lisch leg er aus- gearbeitet. Während bisher ein Reglement bezüglich der Wahl von Mitgliedern der Regierung in die eidgenössischen Parlamente als ge- nügend erachtet worden ivar, soll die Sache nun gesetzlich geregelt werden, da ein Socialdemokrat die Kreise zu stören droht. Nach dem Entwurf dürfen nicht mehr als 2 von den 7 Mitgliedern der Regierung dem National- und Ständerat angehören. Werden bei den Gesamt-Erneiierungswahlen mehr als 2 Mitglieder gewählt, so entscheidet das Los darüber, wer die eine oder andre Wahl ablehnen muß. Wird ein Mitglied des eidgenössischen Parlaments in die Re- gierung gewählt, so hat es das elftere Mandat niederzulegen und umgekehrt.— Zur Affaire Vetter. Die Regierung des Kantons Bern hat ciiicn Beschluß gefaßt, Ivelcher Professor Vetter bestimnien soll, sein Entlasiungsgesuch zurückzuziehen. Professor Vetter ver- langte angeblich seine Entlassmig, weil er glaubte, die Regierung würde d i e A n s i ch t e n d e s H o ch s ch u I s e n a t s teilen und ihn maßregeln. Der Regierungsrat teilte ihm jedoch mit. daß diese Voraussetzung unzutreffend sei und deshalb die Zurückziehung seines E n t l a s s u n g S g e s u ch e s er- wartet werde.— Frankreich. Dem energischen Zluftretcn der Ncgicrniig gegen die Klerikale» spenden die radikalen Organe uneingeschränktes Lob; sie bezeichnen sie als die kräftigste Kriegserklärung an die Adresse der Klerikalen, die man seit 20 I a h r e n gehört habe. Die oppositionellen Blätter tadeln besonders den von der Kammer beschlossenen Maueranschlag der Rede. Der Beschluß bilde eine ge- fährliche Heransfordernng,' die in ganz Frankreich die religiösen Leidenschaften von neuem entfachen»verde. Es sei eine seltsame Antwort, die dem Präsidenten der Republik erteilt »verde, der so nachdrücklich die Notwendigkeit betont habe, die inorä- lische Einheit der Nation wiederherzustellen.— Italien. Zur Reise Viktor EmanuelS III. Die„Agcnzia Stefan!" meldet: In wohlunterrichtete» Kreisen glaubt man, daß im Laufe dieses Jahres seitens des Königs keine andren Besuche außer den demnächst in Berlin und Petersburg stattfindenden erfolgen werden. Daher sind die von mehreren Blättern verbreiteten Ge- rüchtc, daß der König nunnttelbar nach den Reisen nach Petersburg und Berlin sich nach London und Paris begeben werde, voll- stündig unbegründet. Auch Wien wird der König keinen Besuch machen. Er soll da? zivar beabsichtigt aber aufgegeben haben, da ihm die Bedingung des Gegenbesuches dcS östreichischcn Kaisers mit Rücksicht auf die dadurch schwer gekränkte Empfindlichkeit des P a p st e s abgelehnt worden sei.— Drohende Kabtncttskrisiö. Der„K. P. V." meldet aus Rom: Wie in de» Kreisen der äubersten Linken versichert wird, ist jetzt der Konflikt zwischen dieser Parteigruppe und der Regierung ein voll ständiger. Hierzu hat besonders der Umstand beigetragen, daß die Regicrung ihrem Programm der Stcuereutlastung untreu geworden und gegen Schluß der Kammertagung sogar mit Vorschlägen zur Vermehrung einiger Steuern(Stempel auf Eisenbahnen: Fracht zeugnisse, Eisenbahnbillels usw.) hervorgetreten ist. Wenn die Regierung mit diesen Plänen erfolglos blieb, so geschah dies infolge der Abneigung, welche selbst die Ministeriellen gegen irgend welche Stenererhöhnng nachdrücklich beknndctcn. Sollte der Minister Präsident Zanardelli während der Sommerferien sein Kabinett nicht gründlich reorganisieren, so wird eine allgemeine Krisis bei der Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeiten unvermeidlich.— Rnstland. Der Zar studiert die sociale Frage. Der„Daily Expreß" ergänzt seine Meldung über die Absicht des Zaren, 200 Privat- Personen auS allen Ständen der Bevölkerung Rußlands zu empfangen, durch folgende Mitteilung: Der Zar habe seit einigen Monaten eifrig die sociale Frage studiert iiiid sorgfältig die darauf bezügliche Litteratnr verfolgt. Mit größter Aufmerksamkeit habe er besonders ein in Leipzig unter dem Pseudonym„X" veröffentlichtes Buch.„Das neue Rußland", gelesen, daß in ruhigem Tone die sociale Frage in Rußland erschöpfend behandle. Der Zar sei dann zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Verfasser ihm bei Ausführung seiner Pläne zur Hebung Rußlands wertvolle Hilfe leiste» könne, und habe Befehl gegeben, den wirklichen Namen des Autors zu er- Mitteln. Der Leipziger Verleger des Buches habe versprochen, den Namen des Verfassers zu nennen, wenn dieser seine Erlaubnis erteile.— Afrika. Kapstadt, 5. Juli. Die Reichsregierung sprach sich gegen die Aufhebung der Verfassung ans.— Amerika. Roosevelt über Kuba nud die Plutokratie. In einer am Freitag in Pittsburg gehaltenen Rede sagte Präsident Roosevelt, Kuba müsse aiif' dem Gebiete der internationalen Politik den Vereinigten Staaten gegenüber eine eigentümliche Stellung einnehmen, es müsse in internationalen An- gelegen heiten im größeren Sinne einen Teil des ä l l g e m e i u e n politischen S h st e in S bilden, dessen Haupt die Vereinigten Staaten seien. Mit dieser Ansicht sei Kuba einverstanden, wogegen die Vereinigten Staaten vcrbnnddn seien, Kuba wi rt h s ch a f tli ch e Vorteile zu gewähren, die andren Nationen nicht zu teil geworden sind. Der Präsident sprach ferner über die Schwierigkeit, die Probleme zu lösen, die durch das An- wachsen großer Vermögen in der Hand einzelner Personen und von Körperschaften verursacht werden, welche, wenn sie richtig augewandt werden, dem Lande zu ungeheurem Nutzen dienen, die falsch angewandt, jedoch eine ernstliche Gefahr zu werden drohen. Der Präsident fuhr fort: Wir brauchen eine neue Gesetzgebung, die nicht in radikal revolutionärem Geiste ver- faßt ist. sondern im Geiste des gesunden Menschen- v e r st a ii d e s, der Ehrenhaftigkeit und de« entschlossenen Willens, die Thatsache» so ins Auge z» fassen, wie sie sind. Eine besondere Munizipal-, Staats- und Nationalgesetzgebung ist notwendig, aber vor allem brauchen wir eine ehrenhafte furchtlose Anwendung der Gesetze, die weder den Neichen noch den Armen bevorzugt ohne An- sehung der Person. Danach scheint Roosevelt die Milliardärs und Trusts nur mit Glacehandschuhen anfassen zu wollen.— Zltovkri-Mswhviifzken. An die Parteigenossen der Provinz Brandenburg. Die diesjährige Provinzial- Konferenz findet am 31. August, mittags 12 Uhr, in Berlin, Gcwerkschaftshaus, Engel- Ufer 13, statt. Wir bitten, soweit dies noch nicht geschehen, Kreiskonferenzen einzuberufen und zu der Provinzial-Konferenz Stellung zu nehmen. Die nähere Angabe der Tagesordnung erfolgt später. Die A g i t a t i o n s k o m m i s s i o n für die Provinz Brandenburg. An die Parteigenossc» von Stadt und Land. Näher und immer näher rückt die Zeit, in der Ihr wiederum berufen seid, den Kampf gegen die Ausbeuter des Volks, gegen die Feinde des Proletariats zu führen. Intensiver denn je dürfte sich dieses Ringen gestalten. Da heißt es nun, jene Spanne Zeit, die uns noch bleibt für die Vorbereitung zum Kampf nach jeder Richtung hin auszunutzen. Organisieren und Agitieren I Zusammenschluß und Gewinnung von neuen Mitgliedern, das muß die Parole eines jeden Vertrauens- mamies, der Wahlvereine, aller Parteigenossen sein. Zeigt unsren Brüdern, zeigt dein Volke die drohenden Gefahren des Zollwuchergesetzes, macht Euren Mitmenschen und Mitarbeitern klar, wessen sich die arbeitende Bevölkerung zu verschen hat, wenn es der übermütigen Sippe der Agrarier gelingen sollte, dem Volke die Lebens- und Bedarfsartikel zu verteuern. In jedem Orte und Gehöft Eures Kreises muß den Einwohnern die ganze traurige Lage der arbeitenden Iiilasse klar und deutlich vor Augen geführt, muß ihnen die Ueberzeugung beigebrdcht werden, daß es nur ein Mittel giebt, jene Gefahr abzuwenden: Die Zu- geHörigkeit zur socialdemokratischen Partei, die Unterstützung derer, die stets für das Wohlergehen der gesamten arbeitenden Klasse ein- getreten sind. Um diesen Kampf aber auf der ganzen Linie vollwertig zu be- ginnen, ihn siegreich zu beenden, bedarf es großer Geldmittel. Daher ergeht an Euch der Apcll, dafür Sorge zu tragen, daß die Kassen der Kreise gefüllt, daß die Opfcrfreudigkeit der Genossen in materieller Beziehung nicht erlahmt. Jeder Groschen, ja jeder Pfennig trägt dazu bei, die Macht unsrer Gegner zu schmälern. Jede Vereinigung unsrer Arbeiter, gleichviel welchen Zwecken sie dient, mutz es sich zur nächsten Aufgabe machen, alle ihre Ueber- schüsse von Vergnügungen zc. dem Kampffonds zu überweisen. Nur durch vereintes Streben, alles zu thun, was unsre Gegner schwächen kann, erfüllen wir unsre Pflicht als Socinldcmokraten! In den Jahren der Ruhe haben die leitenden Persönlichkeiten der Kreise lind der größeren Orte Gelegenheit gefunden, Land und Leute. Gegner und Freunde zu studieren. Benutzt Eure Keiintnisse der jeweiligen Verhältnisse und besetzt die für uns in Betracht komnienden Ortschaften mit Genossen, die gewillt sind, für die hohe ideale Sache des Proletariats zu kämpfen. Individuell und nicht sckematisch sollt Ihr alles thun und nichts unterlassen, waS Erfolg verspricht. Revidiert die Listen der Ortschaften Eures Kreises, kontrolliert die Thätigkcit der Genossen, prüfet den Wert Eurer Organisation und wo sich der geringste Mangel crgicbt, ändert und beseitigt den ungesunden Zustand. Der Stolz unsrer Genossen muß darin bestehen:„Stets kämpf- bereit" die Interessen des Proletariats zu vertreten. Mit Parteigruß Die AgitationS-Kommisston. Ein häßlicher Parteistreit, der namentlich die Gemüter unsrer Genossen an der Untenveser in Aufregung erhielt, ist jetzt vor einem Parteischiedsgcricht durch Vergleich aus der Welt ge- schafft. In Lehe waren die Genossen mit der Thätigkeit der von ihnen gewählten Bürgervorsteher unzufrieden. ES wurde denselben vorgeworfen, daß sie für das Gcmeindcbuget stimniten, daß sie oft gelrenut abstimmten, ja, sich nicht selten einander in öffentlicher Kollegiensitznng gegenübertraten, daß sie speciell in der Schulfrage, die in Lehe eine so brennende ist, nicht geschlossen vorgehen und so die Schulmiscie in Lehe verewigen halfen, daß einer von ihnen als Mitglied dcS Schützenvereins für Vergünstigungen an denselben im Kolleginni eingetreten, daß ein andrer sich für die Feuerwehr- Angelegenheiten, die quasi sein Steckenpferd seien, übermäßig ins Zeug gelegt habe und daß ihr Auftreten im Kollegium im' allgemeinen ein Bild der Zerfahrenheit geboten habe. Als sie' eingeladen wurden, ihr Verhalten in einer Versamm- lung des söcialdcniokratischcu Vereins zu rechtfertigen, erschienen sie bis auf einen in der Versammlung nicht, worauf der Verein es ablehnte, für das Verhalten zweier von ihnen, die dem Verein ohne Grund den Rücken gekehrt hatten, in Znkinift irgend welche Verantwortung zu übernehme». Diesen Beschluß beantworteten sie mit einer öffentlichen Erklärung in einer gemeinschaftlichen Sitzung des Magistrats und des Bürgervorsteher-Kollegiiims, in der sie dem socialdemokratischen Verein jedes Recht zu einer Kontrolle ihrer Thätigkeit und die Verantivortlichkeit für ihr Verhalten absprachen. Der Verein schloß sie darauf ans, forderte sie auf, ihre Mandate niederzulegen und beantragte ihren Ausschluß ans der Partei. Das Schiedsgericht brachte nach langen Auscinandersetzuiigen folgenden Vergleich zu stände. Nachdem die Angeschuldigten erklärt haben, daß sie ihre am 6. Mai 1902 im Viirgcrvorftehcr-Kollegiuni abgegebene Erklärung bedauern und ausdrücklich wieder zurücknehmen sowie dem„Social- demokratischen Verein Bremerhaven und Umgegend" sofort wieder beizutreten, nachdem ferner beide Parteien danach erklärt haben, daß damit die bisher bestandenen Differenzen endgültig beigelegt sein sollen, betrachtet das Schiedsgericht den Antrag deS „Socialdemokratischen Vereins Bremerhaven und Umgegend" für erledigt. „Besondere Einnahiurn". Der frühere langjährige Ver- trauenSniaini unsrer Partei und jetzige Stadtverordnete H. in Wandsbek erhielt, wie das„Hamb. Echo" mitteilt, vor einigen Wochen durch die Veranlagungs-Koniniission einen Einschätzungszettcl zugestellt, durch den ihm mitgeteilt wurde, daß sich sein Einkommen im letzten Jahre bedeutend erhöht habe. Um ganze zwei Stcuer- stufen hatte man sein Einkommen höher veranschlagt. Der also „erhöhte" Genosse schaute sich min ganz genau den Veranlagungs- zettcl an, auf dem auch noch verzeichnet stand:„Bcsondeie Nebeneinnahmen 400 M." Lange grübelte H. darüber nnck, Ivas das wohl für Nebcneinnahnicn sein könnten, die die pfiffigen Herren Eiiischntznngsbürgcr im Auge gehabt hatten. Denn daß das Stadtverordneten- Mandat Nur ehrenamtlich ausgeübt wird, dürfte auch diesen Herren nicht ganz unbekannt sein, so kalkulierte H. weiter. Auf dem Wege der Reklamation erfuhr H., daß die besagten 400 M. Nebeneinnahmen aus dem Säckel der socialdemokratischen Partei Wandsbeks, deren VertrauenSniami er sei, flössen. Wie„ge- näu" die Herren von der Einschätzungstonimission unter- richtet waren! Nach Aufhebung des ß 8 de? preußischen Vereiiisgesctzcs ist hier der Posten des Berlranensinannes aufgehoben worden. Dieser Posten ist nie besoldet gewesen, sondern es sind dein früheren Inhaber desselben nur seine thatsächlichcn Ausgaben ersetzt worden, die sich auf vierteljährlich 20 M. belicfcn. Das waren die„besonderen Nebeneinnahme»". Jedenfalls haben die Herren Steuereinschätznngs-Blirger die früher von Zeit zn Zeit in der bürgerlichen Presse mitgeteilten Märlein von dein Einkommen der socialdemokratischcn Agitatoren erster, zweiter und dritter Güte mit Erfolg gelesen und daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß auch für' den nicht mehr cxistirenden Wandsbeker Vertrauensnrann eine„besondere Nebencinnahme" aus dem großen Partcigeldsack abfallen müsse._ Aus Fuduptrie und LZuudel. Die Rekonstruktion der Reederei Vereinigter Schiffer Aktiengesellschaft in Breslau, ist durch die heute fornrell vollzogenen Verträge perfekt geivorden. Ein unter Führung des A. Schaaff hausenschen Bankvereins stehendes Bankcnkonsortium gründet im Verein mit dem Konknrsverioalter eine neue Aktiengesellschaft unter der Firma„Breslauer Schiffnhrts-Aktieiigcscllschaft" mit einem Kapital von 1900(XX) Mark, I» diese Gesellschaft inseriert der Konknrsverlvalter die gesamten Aktiva der Konkursmasse, welche mit 1 600 000 M. angerechnet werden. Das Bankkonsortium hat die Verpflichtung übernommen, spätestens zwei Wochen nach Eintragung der neuen Gesellschaft in das Handelsregister, den ancrkaiinten Konkursgläubigern eine Offerte zu machen, inhalts deren sie statt der i» der Masse liegenden geringeren Quote 21 Proz. in bar und 14 Proz. in Aktien der neuen Gesellschaft erhalten. i Zwischen den bisherigen Mitgliedern des Anfsichtsrats der Reederei Vereinigter Schiffer, dem vom Gläubigerausschuß hierzu bevollmächtigte» Konkursverwalter und dem Bankeukonsortium ist ein kombinierter Vertrag abgeschlossen worden, auf Grund dessen die AufstchtSrats-Mitglieder einen Betrag von 1000 000 M. a fonds perdu zahlen, und sich ferner verpflichte», 785 000 M. nominal Aktien der neuen Gesellschaft zu übernehmen. Auf diese Aktien soll den Aktionären der alten Reederei- Gesellschaft ein Bezugs� recht in der Weise angeboten iverde», daß der Inhaber von 7 Stück alten Aktien zwei neue Aktien der Breslauer SchiffnhrtS- Aktiew gesellschaft über zusammen 2000 M. zum Kurse von 50 Proz. be ziehen kann. Solveit ein Aktionär weniger als 7 Aktien oder nicht eine durch 7 teilbare Anzahl von Aktien hat. kann er unter Ein zahlung eüics entsprechenden Teiles von 1000 M. von de» Ver günstigungen dieser Offerte Gebrauch machen. Oberfchlestschc Kohlcukonventio». Der letzten Sitzung lag der Antrag vor, die bisherige Fördereinschränkung von 10 Prozent ans 7t/s Prozent herabzusetzen. Beschlossen wurde jedoch, es bei 10 Prozent zu belassen, weil man erwartet, zum Herbst die Förder einschränkung ganz fallen lassen und den Betrieb freigeben zu können. Konvention der Cemcntfabriken. Nach der„Rhein.- Wests. Zeitung" wird geplant, daß sich die Fabriken zu acht Gruppen (Unterelbe, Stettin, Berlin. Schlesien, Mitteldeutschland, Hannover. Rheinland und Westfalen, Siiddcutschland) zusammenschließen. Jede Gruppe hat ihre eigne Organisation. außerdem wird für alle eine Ceutralstelle eingerichtet. Der Mindestpreis des Cenients ivird von jeder einzelnen Gruppe für ihr Gebiet festgesetzt. Keine Gruppe darf jedoch den Preis niedriger feststellen als auf 5,50 M. inklufive Sackpacknng oder 4,75 M. exkl. Packung für 170 Kilo franco Erfüllungsort. Der Mindestpreis für den Export und für au Konsignation verschickte Waren wird von der Ceutralstelle nach der jeweiligen Marktlage festgesetzt. Bersattimlttngsrecht lind Ober- Verwaltnugsgericht. Am 14. November 1900 fand in Köpenick unter dein Vorsitz beS Genossen W o i ck eine Volksversammlung statt, in der die Wahl eines Stadtverordneten besprochen iverden sollte. Um 10 Uhr abends verfiel die Versammlung jedoch, noch ehe der Verhandlnngsgegenstand seine Erledigung finden konnte, der polizeilichen Auflösung. Als Grund für diese überraschende Maßregel gab der überwachende Be> amte an, die Polizeistunde sei für das Versammlungslokal auf 10 Uhr festgesetzt, infolgedessen dürfe er nach dieser Zeit niemand mehr im Saale dulden. Der Hinweis des Vorsitzenden, daß sich die betreffende Polizeivcrordnung doch nur auf den Ausschank geistiger Getränke beziehen, unmöglich aber zur Einschränkung des gesctziich gewährleisteten Versammlungsrechtes dienen könne, war erfolglos ES blieb bei der Auflösung, während sich vorn in der Gaststube der- selben Wirtschaft die Gäste unbehindert bis Mitternacht aufhalten durften. Der Genoffe W o i ck legte gegen diese, offenbar ungesetzliche Beschränkung der Versammlungsfreiheit Beschwerde ein, zuerst bei der Polizeiverwaltung in Köpenick, dann als die Beschwerde dort zurückgewiesen war, beim Regierungspräsidenten in PotSdanr— mit demselben Mißerfolg. Hierauf ivandte er sich an den Oberpräsidcnten der Provinz Brandenburg; das Resultat war ebenfalls ein negatives Schließlich brachte er die Sache zur endgültigen Entscheidung vor das Ober-Verwaltuugsgcricht. Der erste Senat des Gerichts unter dem Präsidimn des Geheimen Rats Dr. Küglcr be- schäftigte sich am 15. April d. I. mit der Angelegenheit und erkannte ebenfalls zu U n g ri n st e u des Klägers, indem er— im Gegensatz zu einer früheren Entscheidung in ähnlicher Sache (21. Mai 1897) die Klage kostenpflichtig abwies. Es ist nun zwar duribans nichts Neues, daß in dem gelobten Lande der„vollendetsten Nechtsgarantien" der höchste Verwältnngs- Gerichtshof in zwei gleich oder doch ähnlich liegenden Streitfragen zwei grundverschiedene Urteile abgiebt— wir erinnern nur an die einander direkt widersprechenden Erkenntnisse in Sache» des schleswig-holsteinischen CcnsuSivahlrechts. So etivas sind ivir also schon gewöhnt. Allein diese Entscheidung hat noch eine andre Be- deutung. Mit ihr zeigtdasOber-VerwaltungSgericht der Polizei thatsächlich einen beqrlenren Weg, die Ausübung d c s V c r s a nr nr l u n g s r e ch t S in sehr « m'p f i n d l i ch e r Weise zu beschneiden. In der ungemein weitschweifigen Urteilsbegründung wird dar- gelegt: Die Köpenicker Polizeivcrwaltung habe mit Genehmigung des Regicrungspräsidentc» die allgemeine Polizeistunde im Winter auf 10 und im Sommer auf 11 Uhr abends festgesetzt. Auf Antrag der Wirte könne die Polizeistunde für die S ch a n k r ä n in e unter Vorbehalt des jederzeitige» Widerrufs bis 3 Uhr nachts ausgedehnt werden; jedoch finde diese Vergünstigmig auf Säle und V e r s a m m l u n g S r ä u in e keine Anwendung. Dies geschehe nnn nicht etwa deshalb, nni die Abhaltung socialdeniokratischcr Ver- samnilunge» zu erschweren(J Gott bewahre nein! D. Red.), sonder» aus Gründen der öffentlichen Ordnung und im Interesse der Sitt- lichkeit, um insbesondere der Völlerei zur Nachtzeit vorzubeugen! Falls die Abhaltung einer Versammlung geplant sei, stehe cS dem Eiuberufer frei, einen Autrag auf Verlängerung der Polizeistunde fiir den Saal einzureichen. Dies sei aber inr vorliegenden Fall nicht geschehen. Ohne solchen Antrag habe die Polizeibehörde nun keine Veranlassung, etwa aus freien Stücken die Polizeistunde auszudehnen. Unerheblich sei. daß der Kläger an- gekündigt hatte, eS solle nach 10 Uhr kein Ausschank staUfiud-n, weil der Saal damit den Charakter einer Schaukstütte nicht verloren. habe.„Bei Eintritt der für den Saal maßgebenden allgemeinen ?}olizeist»nde war demnach die Auflösung der Besannnlung gerecht- ertigt." Merkwürdig: Für die wirklichen Schankstätten, die Gaststuben, wird die Polizeistunde bis 3 Uhr nachts ausgedehnt; die Ver- fammliiug aber durfte um 10 Uhr abends aufgelöst werden, weil der Saal, in ivclchcm sie tagte, den Charakter einer Schankstätte angeblich nicht verloren hatte! Das begreife wer kann.— Die Urteilsbegründung greift aber auch auf die schon vorher er- wähnte Entscheidung vom 21. Mai 1897 zurück. Es klingt gleichsam wie eine Entschuldigung des jetzigen Urteils, wenn da gesagt wird: „Der damals entschiedene Fall lag wesentlich anders." Mau lese nun und staune nicht. ES heißt da: „Die Polizeibehörde hatte für ein Lokal die Polizeistunde auf 1 Uhr nachts festgesetzt, jedoch hinzugefügt, daß für öffentliche Ber- sammlungen und Tanzlustbarkeiten die alkgememe Polizeistunde gelte. Als unter Hinweisung hierauf eine in dem Lokal tagende öffentliche Bolksversammlung um zehn Uhr aufgelöst wurde. h o � d a S Ober-Verwaltungsgericht diese Maßrege auf, weil zwar die für SchanNokale eingeführte Polizeistunde auch für die dort abgehaltenen Versammlungen gelte, letztere abe nicht einer besonderen P o l i z ei st u n d e unter worfe werden dürften; die Festsetzung einer solchen für öffentliche Versammlungen könne— so wurde ausgeführt— nur d a r i liegen, daß eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung eben durch Abhaltung der Versammlung' befürchtet werde; dies beein trächtige das gesetzlich gewährleistete Ver sammlü n gS recht.' Mit dieser Erwägung war die Entscheidung begründet." Es folgt nnn in den weiteren Ausführungen der Versuch, einen Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Falle zu konstruieren, um dann schließlich mit Hilfe juristischer Auslegungsküuste aus dem ganzen Wust von Unklarheiten die jetzige Entscheidung heraus zu destillieren. Wir fragen uns nun verwundert: Wo in aller Welt ist denn der„wesentliche" Unterschied zwischen beiden Fällen: Beide Ver sammlungen wurden um 10 Uhr abends aufgelöst, weil die Polizei das Recht fiir sich in Anspruch nahm, die gesetzlich garantierte Ver sammlungsfreiheit unter eine willkürlich festgelegte Verordnung betr. die Polizeistunde zu zwängen. Der Wortlaut des Gesetzes vom 11. März 1850 bestimmt ausdrücklich, daß sich allx Preußen zu jeder Zeit ungehindert versammeln können. Da ist von Polizeistunde leine Rede. Und wenn sich die preußischen Staatsangehörigen auch mitten in der Nacht in einem, den baupolizeilichen Anforderungen ge nügenden Hühnerstall versammeln würden— dem Wortlaut des Gesetzes widerspräche das nicht. WnS aber im Gesetz bestimnit ist sollte doch durch Polizeiverordnungen nicht be- schränkt werden können. Von einer ähnlichen Aiiffassimg muß sich daS Ober-Verwaltnngsgericht auch bei der früheren Ent scheidung haben leiten lassen, deshalb erklärte eS die Auflösung der damaligen Versammlung für ungerechtfertigt. WnS so vor einigen Jahren als ungerechtfertigt galt, soll nun mit eincni Mal wieder ge rechtfertigt sein?— Wirklich, eine unbegreifliche Rechtsprechung. Ziehen wir einmal die Konsequenzen aus dieser Entscheidung. Da könnte es z. B. einer besonders staatsretterisch veranlagten Polizei- Verwaltung einfallen, aus Gründen der öffentlichen Ordnung oder ini Jnlercsse der Sittlichkeit die Polizeistunde für VersammlungS lokale auf 9 oder gar 8 Uhr abends festzusetzen. Die unvermeidliche Folge davon wäre, daß die bis 7 Uhr in der Fabrik oder auf andern ' rb'citsplätzen thätigcn Arbeiter wegen der Kürze der bemeffenen Frist des Abends überhaupt keine Berfa mnrlung mehr arrangieren könnten. Bliebe noch der Sonntag. Doch auch hier würde es einer findigen Polizeiverwaltung nicht chwer fallen, durch eine im Stöckerschen Geist gehaltene Ver ordnnng die Abhaltung von Versammlungen auf ein Minimum zu beschränken. Wir brauchen aber noch gar nicht einmal so weit zu gehen. Wenn die Polizeistunde für Ve'rsammliiugslokale allgemein nur auf 10 Uhr festgesetzt wird, so bedeutet dies schon ohne weiteres eine Einschräukung des Versammlungsrechts, denn wegen der Kürze der ihnen belassenen Zeit wäre cS den Arbeitern meistens nichl möglich, ihre Vereins- oder öffentlichen Augelegcnheiten gründlich zu besprechen. Wer erwartet aber, daß den Arbeitern auf ihren Antrag die Polizeistunde entsprechend verlängert wird? Niemand. Uni Gründe zur Ablehnung eines solchen Antrags wird die Polizeiverwaltung ebenso wenig verlegen sein, wie das Ober-Verwaltnngsgericht um Gründe für die Motivierung seiner 'etzigen Entscheidung verlege» war. Man sieht also, wohin es führe» kann, wenn das Erkeuutnis des Ober-VerwaltuugSgerichtS allgemein praktische Verwertung finde» sollte. Wir hätten dann ein versamnilungS- echt, das noch mehr als heute abhängig von den jeweiligen Launen der Polizeibehörden wäre. Ein denkwürdiges Zusammentreffen: I» Elsaß-Lothringcn will man den berüchtigten Diktatlirparagraphen aufheben, in Preußen aber fällt das Ober-BerwaltungSgericht eine Entscheidung, die teil- weise den muffige» Dunst jenes Paragraphen wieder auSzuatiuen geeignet ist. Nun wohlan, der stetige Vormarsch der Social- demokratie wird auch durch derartige„kleine Mittel" nicht sonderlich aufgehalten._ Sorwlv Neitzkspflege. Der Arbeiter Schily hatte sich am 2. November 1900 an der Kreissäge eine Sehne der linke» Hand verletzt, so daß einige Finger 'tcif wurden. Einen Anspruch auf Unfallrente wies die Holz- BcrufSgeiiosscuschaft zurück, nachdem ihr Arzt begutachtet hatte, daß S. nicht mehr nennenswert in seiner Erwerbs- ahigkeit beschränkt sei. S. legte vergeblich Bernfiing ein und ivandte ich dann an das R e ich s- V e r s i ch e ru n g s a m t als Rekurs- »stanz. Sein Vertreter, Schriftsteller I. F r ä u k e l, stellte zunächst est, daß S. nur sechs Woche» laug von der Krankenkasse eine Unterstützung erhalten habe und machte geltend, daß unter diesen Uniständcn die BerufSgeiiosscnschaft für die Folgen dieses Unfalls nicht erst von der 13. Woche an, sondern bereits von der siebenten Woche an einzutreten habe. Im übrigen wäre der Kläger immer noch nicht völlig erwerbsfähig. Das Reichs- BersicherungSamt gab dem Rekurse statt und ver- urteilte die Berufsgcnosseuschaft, dem Kläger für die Zeit vom Ab- lauf der sechsten Woche nach den» Unfall bis zum 1. Juli 1901 eine Uebergaiigsrente von 20 Proz. zu gewähren. Mit den weitergehenden Ansprüchen wurde Kläger abgewiesen. Schadensersatz wegen KontraktbrnchS verlangte der Fabrikant N e u m a n n im Wege der Widerklage, nachdem ihn die Blumen- arbeiterinnen N. und L. um 26,50 M. und 25 M. rückständigen Lohn verklagt hatten. Die Klägerinueir waren ohne vorherige Kündigung von der Arbeit weggeblieben. Der Beklagte und Widerkläg'er niachte sie dafür verantwortlich, daß ein Grossist ihm wegen zn später Lieferung die Kundschaft entzogen hatte. Den Gesamtschadeu, der ihm angeblich infolge deS plötzlichen Wegbleibens der Mädchen entstanden ist, bezifferte Reumann auf 750 M. Durch die Widerklage fordert er 100 M. von den Klägerinnen. DaS Gewerbegcricht vernahm den Grofsiften als Zeugen. Aus seiner Aussage ging hervor, daß der Liefertermin, den er Neumnim gesetzt hatte, schon ctiva IVs Monate vor der plötzlickien Arbeits- niederlegung der Klägerinnen abgelaufen war und daß der Zeuge die Frist verlängert hatte.— Der Gerichtshof legte durch de» Vorsitzenden v. Schulz den Parteien einen Vergleich nahe. Unter den oblvaltenden Umständen tvürde es Reumann doch i ch t gelingen, im einzelnen nachzuweisen, ob sein Schaden ans dem Verlust der Kundschaft jenes Grossisten überhaupt auf die Arbeits- uiederlegung der Klägerinnen zurückzuführen sei, und wenn, inwie- ivcit sie daran schuldhaft beteiligt seien. Ein Schadennachweis in Fällen vorzeitiger Arbeitsniederlegung sei vor dem Gewerbegericht überhaupt och nicht geführt worden. Da die Mädchen thatsächlich kontrakt- brüchig geworden seien, so empfehle sich ein Vergleich auf AuS- zahlung des rückständigen Lohnes abzüglich von je 9,60 M., des ortsüblichen TagelohneS für 6 Tage der als KontraktbrnchSbuße ohne Schadeiisiiachweis nach§ 124b der Gewerbc-Ordnung gefordert iverde» kann. Die Parteien folgten dem Rate und verglichen sich in der vorgeschlagenen Weise. auS, daß ihm die Konkurrenz ber Trebergesellschast fühlbar geworden sei. Darauf wird I u st i z r a t F r i e s- K a s s e l, der Konkursvertvalter der Trebergesellschast, vernonimen, um über die Trebergesellschast selbst und über ihre einzelnen Tochtergesellschaften eine fnrze Darstellung zu geben. Er sagt aus, das Trcbec- unternehmen sei nicht zu halten gewesen, es wäre bedenklich gewesen, eS fortzusetzen. Aus den Buchungen habe er den Eindruck gewonnen, daß sie durchaus keine verläßlichen seien. Auch bei den Tochtergesellschaften habe ein sonderbares System von Buchungen geherrscht. Dieselbe» hätte» nur in, mit mehr oder weniger Kunst vorgenonimenen Zahlengruppieruugcn bestanden. Im Trebergeschäft sei nichts revidiert worden, der Gewinn habe nur zu Buche gestanden. Als Ergebnis des Konkurses dürfte eine Dividende von 2 Proz. zur Verteilung gelangen. Man thue Schmidt unrecht, wenn man glaube, daß er von Anfang an einen Schwindel b c- absichtigt habe, aber er habe bald den geraden Weg verlassen. Der Vorsitzende giebt bekannt, daß die Vernehmung Schmidts am nächsten Montag geschehen soll. Angeklagter Schröder sagt aus, daß er überrascht gewesen sei von den hervorragenden Fähigkeiten, die Schmidt in einer Konferenz dem Auffichtsrat gegenüber entwickelt habe. Die Dividenden, die Schmidt aus den Tabellen für die Zukunft ausgerechnet habe, schwankten zwischen 12 und 50 Proz., ja eine Filiale würde sicher 80 Proz. ergeben. Von der Haftpflicht der Lehrer. Ei» Konfliklsberfahren, bei dem eS sich um die Haftbarkeit eines Lehrers fiir die Folgen eineS Schulunfalls handelte, beschäftigte dieser Tage das Ober- Vcrwaltuiigsgcricht. Der Lehrer Bay hatte nach Bceudigung der Schreibstunde die Federhalter mit den Federn, die der Schule ge- hören, durch den Ersten der Klasse einsammeln lassen. Als dieser einem Bank-Ersten Steup die ihm von letzterem zugereichten Halter abnehmen wollte, hielt Steup scherzweise die Halter fest. Die beiden zerrten einen Augenblick daran, dann ließ der Primus los und dein» Zurückschnelle» drang Steup eine Feder in das rechte Auge. Seine Sehfähigkeit litt in hohem Maße, so daß ein Augenarzt die Einbuße an zukünftiger Erwerbsunfähigkeit bei dem Knaben auf 25 Prozent schätzte. Der Vater, Klempner Steup, klagte demnächst gegen den Lehrer Bah auf Schadenersatz. Indem er sich auf das Bürgerliche Gesetzbuch stützte, verlangte er, daß der Lehrer dein Sohne vom Tage der Schul- entlassung ab jährlich 600 M. zahle.— Die Regierung erhob den Konflikt und verlangte die Einstellung des Klageverfahrcns gegen den Lehrer, weil diesen irgend ei» Vorwurf nicht gemacht werden könne. Er habe sich im Rahmen seiner Amtspflichten gehalten. Das Oberverlvaltuugsgericht erklärte den Konflikt für begründet, ö daß der Civilprozeß gegen den Lehrer endgültig einzustellen ist. Begründend wurde ausgeführt: Wenn der Lehrer die Federhalter durch den Klnssenersten einsammeln ließ, dann sei dies an sich nicht zu bemängeln. In Betracht kämen deshalb nur, ob der Lehrer es zur fraglichen Zeit an der erforderlichen Aufsicht habe fehlen lassen. DaS 'ei nicht anzunehmen, mit Rücksicht darauf, daß 83 Kinder in der Klasse waren und der Vorgang sich in einem Augenblick abspielte, ohne daß ihm ein Wortwechsel vorhergegangen war. Straßenpolizcivcrorduung»nd Nothilfe. Alle Straßen- Polizeiverordnungen bedrohen den mit Strafe, welcher der zur Aufrechterhaltnng der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit auf öffentlichen Straßen ergehenden Auordnungen der Polizeibeamten nicht Folge leistet. Gegen diese Bestimmung sollte sich ei» Arbeiter S ch ü s ch k e dadurch vergangen haben, daß er trotz einer Aufforderung des Schutzmanns Jänsch diese»! nicht behilflich war, einen arretierten Arbeiter, der sich zur Erde geworfen halte, nach der Polizeiwache zu schaffen. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, daß hier die Aufforderung des Schutzmannes zur Aufrechterhaltung der Ordnung ergangen sei, da er allein den Acrestanten nicht habe bewältigen können. Der Angeklagte wäre zu der von ihm geforderten Not- Hilfe auf Grund jener Straßeupolizei-Verordiiuug verpflichtet ge- wesen.— Der Angeklagte wurde jedoch in sämtlichen Instanzen freigesprochen. Das Kammergericht führte be- zrüiidend aus: Die Vorschriften der Straßenpolizei-Verordiiungen 'eien in Fällen, wie dem vorliegenden, überhaupt nicht an- w e n d b a r, da die Materie der Nothilfe ausschließlich und ergiebig in Z 360 Nr. 10 des Neichs-Strafgesctzbuchs geregelt sei, wonach be- traft wird:„— wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not von der Polizeibehörde oder deren Stellvertreter zur Hilfe auf» gefordert, keine Folge leistet, obgleich er der Aufforderniig ohne erhebliche eigene Gefahr genügen konnte." Diese Bestimmimg sei allein inaßgebend für das Gebiet der Nothilfe. Deshalb sei jene Vorschrift der Straßenpolizei-Verordiiungen, die man hier angezogen habe, immer dann nicht anzuwenden, wenn die Nichtbefolgung der Auordnuiig eines Beaiiitcn nur in der Nichtbefolgung der Auf« orderung zur Hilfeleistung bestehe. Im Falle Schüsckike scheide also die Straßenpolizei- Verordnung aus. Aber auch Z 360 Nr. 10 des Strafgesetzbuchs könne nicht angewendet werden, da eS sich nicht um einen der dort genannten Fälle handle.— V evsN imnlii ngen» Eine Generalversammlung der Lrts- Krauktnkasse der Gemeinde Lichtenberg beschäftigte sich am Sonnabend mit den .»ständen in genannter Kasse. Die Versammlung beschloß, daß die Aufsichtsbehörde ersucht wird, die Amtsentsetzung des Vorstandes auszusetzen. Sodann wurde eine Beschwcrdeschrift an de» Ober« Präsidenten und an den Minister einstimmig angenommen. Für daS Vertrauen, das die Delegierten zur örtlichen Aufsichtsbehörde haben, pricht im besondern der Beschlutz, die Bcschwerdeschrift erst n a ch Eingang an die Beschwerdestelle in Abschrift zu den Akte» der Kasse zu geben. Ein weiterer Autrag: Beschwerde an die örtliche Auffichts- behörde über die Außerachtlassung der statutarischen Bestimmnugen durch den Kommissar fand enistiminigc Annahme, trotzdem auch hier die Meinung durchilang: Ja wenn das nicht in Lichtenberg wäre. Auf eine aus der Generalversammlung gestellte Anfrage erklärte der Vertreter der Aussichtsbehörde, daß er für die Leitung dieser Generalversammlung aus Kasscnmitteln entschädigt werden müsse. Gevirtzks-"Settimg. Der Leipziger Bankprozeß. Vom gestrigen 17. VerhandlungS- tage wird uns aus Leipzig berichtet: Beim Eintritt in die Ver- handliiiig wird auf Antrag deS Verteidigers Dr. v. Gordon der Kaufmann Renner- Hamburg als Zeuge veniommen. Auf Grund seiner geschäftlichen Erfahrungen an der Spitze eines großen Konkurrenz- Unternehmens der Trebergesellschast tat Renner noch im Febniar 1901 an eine g ü n st i g e Entwicklung der Trebergesellschast geglaubt und sich auch mit' dem Kasseler FusionSplan beschäftigt. Er sagt Urtzte MÄchvichken und Depeschen. TaS neue schwebische Ministcrinm. Stockholm, 5. Juli.(W. T. B.) Nach einer vom ehemaligen Miiiisterpräsidcnten Boström dem Könige vorgelegten und von diesem genchmigten Miuisterliste treten in dem Kabinett folgende Veränderungen ein: Ministerpräsident Boström, Jnstizmiiiistcr der rühere Jiistizproknrator Berger, Minister des Innern der bis- herige Minister ohne Portefeuille Westring, Finaiizmiiiister daS Mit- glied der zweiten Kammer Großhändler Meyer in Carlshamm, Kirchen- minister Rektor Karl von Friesen, Minister ohne Poriefenill« der Assessor am höchsten Gericht Ramstedt. Die übrigen Minister be- halten ihre Portefeuilles. Frankfurt a. M., 5. Juli.(B. H.) Entgegen verschiedenen Meldungen, daß C h i n a sich weigere, die Kriegsentschädigung zu zahlen, besagt ein Telegramm der„Franks. Ztg." aus Shanghai, >aß China die auf Deutschland cntfallcndc Summe von 5 600 000 M. richtig in Gold bezahlt habe. iltica, 5. Juli.(W. T. B.) Zu dem Bahnnngliick wird noch gemeldet, daß die beiden Wagen den Berg hintereinander herab« fuhren. Der Führer des zweiten Wagens verlor über seinen Wagen die Herrschaft. Letzterer raunt» in den erste» Wagen hinein und drückte ihn zusammen; beide Wagen liefen noch eine Strecke auf den Schienen, entgleisten aber dann und stürzten um, wobei die Insassen erdrückt wurden. Reweastle» 5. Juli.(W. T. B.) Bei einer hier abgehaltenen Bersammlung des VersöhnungSaiisschnsseS der Kohlengruben- besitz er aus dem Rorthuniberland-Revier und der Grubenarbeiter wurde beschlossen, die Löhne der unter Tage und der beim Ab- nehmen beschäftigten Arbeiter um 33/4 Proz. herabzusetzen. Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 3 Beilagen u. llnterhaltniigsblatt. Nt. 155. 19. Ilihrgling. 1. Stilagt dks Jontirls" Sttlintt Solhklntt. Sgnntjg, 6. Juli 1902. Lockspitzel Gntzner. Der furchtbare Prozeß czegen die Genossen M o r a w S k i und Dr. Golde ist nicht nur wegen der Schwere der verhängten Strafen ein düsterer Beitrag zur gegenwärtig herrschenden Polenpolitik. sondern er enthüllt auch die infamen Mittel, mit denen dort staats- retterisch gearbeitet wird. Man muß sich an die Zeiten des Socialisten- gesetzcs erinnern,»m Beispiele gleich ruchloser und gleich aus gedehnter Lockspitzelei zu finden, wie sie dort geübt wird. Es scheint. als ob dort nicht nur der Polizeithaler, sondern auch der Polizei- rubel in trautein Verein wirksam ist. Ein bürgerliches, socialisteiifresserisches Blatt, die„ K a t t o Witz er Zeitung", bringt einen ausführlichen Bericht über die Vernehmung des im Prozeß als Polizeispitzel entlarvten August Gußner.„Ein geradezu klassischer Zeuge"— so schreibt das Blatt höchst naiv—„war der ei»st malige Theologe und derzeit beschäftigungslose Agent G u ß n e r aus Beuthen. Der immer sehr eifrige Partennann, welcher sich gern mit radikalen Redewendungen vergnügte, und sich oft sogar als blindwütiger Anarchist— mit Worten natürlich— aufspielte, entpuppte sich als ein Polizeispitzel erster Sorte". Wir lassen den Bericht über die Vernehmung dieses Lumpe» folgen r »» » Der Vorfitzende ermahnt den Zeugen ganz besonders dringlich die Wahrheit zu sagen und sich nicht etiva durch irgendwelche Rück- sichten zu falsche» Aussagen bestimnien zu lassen oder den An- geklagten Dinge an den Hals zu reden, die nicht wahr seien. Er Möge recht vorsichtig bei seinen Bekundungen sein und nur das aus- sagen, was er mit gutem Gewissen verantlvorten könne.— Vor- fiyriidrr: Kennen Sie die Angeklagten?— Zeuge: Ja.— Vorsitzender: Woher kennen Sie dieselben?— Zeuge: Ich habe mit ihnen im engeren Verkehr gestanden.— Vorsitzender: Was meinen Sie für einen Verkehr, ivar derselbe ein freundschaftlicher, ein geschäftlicher oder ein parteilicher?— Zeuge: Ein parteilicher.— Borsitzender: Haben Sie auch öfters im Redakiionslokal der „Gazeta robotnicza" vorgesprochen?— Zeuge: Ja.— Vorsitzender: Was haben Sie dort gesucht?— Zeuge: Ich war gcschäftshalber und besuchshalbcr dort.— Vorsitzender: Waren Sie einmal dort und haben Bücher gekauft?— Zeuge: Ja. Es Ivar im Februar oder März.— Vorsitzender: Sind Sie in der Absicht hingegangen, um Bücher zu kaufen?— Zenge: Nein.— Vorsitzender: Sind Ihnen Bücher angeboten worden?— Zeuge: Rein, ich habe selbst gekauft.— Vorsitzender: Sind Ihne» die Bücher bezeichnet worden?— Zeuge: Nein, ich verlangte bloß ein paar Bücher — zum Lesen. Vorsitzender: Wollten Sic die Bücher kaufen oder dieselben nur geliehen haben?— Zeuge: Ich wollte sie kaufe».— Vorsitzender: Sind Ihnen die drei Schriftchc»(zeigt dem Zeugen die inkriminierten Broschüren) übergeben worden?— Zeuge schweigt. — Vorsitzender: Haben Sie die drei Schriftchc» gekauft?— Zenge: Ja, ich habe sie aber nicht gelesen.— Vorsitzender: Das ist aber merkwürdig, Sie sagen, daß Sie die Broschüren zum Lesen kaufen, wollen dieselben aber nicht gelesen haben.— Zeuge: J», ich gab 1,55 Mark dafür.— Vorsitzender: Waren damals, als Sie in die„Gazeta robotnicza" kamen, noch andre Leute dort?— Zenge: Ja, es war auch ein Man» ans Schoppinitz da von dem die Leute sagen, er stände niit der Polizei auf schlechtem Fuße.— Vorsitzender: Erkcnneu Sie die Bücher lvicder, die Sic damals gekauft haben. Sind es diese hier?(Zeigt dem Zeugen die beschlagnahmten Broschüren.)— Zenge: Ja. — Vorsitzender: Was ist niit de» Büchern geschehen?— Zenge(nach einer Pause): Ich weiß es nicht.— Vor- sitzender: Haben Sie dieselben niemanden gegeben?— Zeuge schweigt.— Vorsitzender: Haben Sie die Broschüren bei Ihnen?— Zeuge schweigt.— Vorsitzender: Ich frage, haben Sic die Broschüre»? Zeuge: Rein.— Vorsitzender: Habe» Sit dem Gienzkoiunussar Bücher ausgefolgt?— Zenge: D i e Frage will ich nicht beantworten.— Vorsitzender: Sie müssen die Frage beantworten.— Zenge schweigt.— Vorsitzender: Sllfo Ja?— Zeuge: Ja.— Vorsitzender: Rechenschaft sind Sie uns darüber- nicht schuldig.— Waren Sie vom Grenzkommissar Mädler gedungen?— Zenge: Rein. Ich wollte aus eignem Antrieb hingehen.— Vorsitzender: Hat Ihnen der Grenz- kommissar einen Auftrag gegeben?— Zenge: Rein. Ich kann mich nicht erinnern. Rechtsanivalt Heine: Erhalten Sie von Mädler öfters solche Aufträge, weil Sie sich nicht erinnern?— Zeuge: Nein.— Rechts- anwalt Heine: Aber Sie müsse» doch öfters solche Austrüge haben, wen» Sie sich nicht erinnern können.— Zeuge: schweigt.— Rechtsanwalt Heine: Sind«ie geschickt worden, um die Bücker zu kaufen?— Zeuge: Geschickt hat er mich, aber nicht nn, Bücher zu kaufen.— Vorsitzender: Ja, was wollten Sic dann eigentlich dort?— Zeuge: Es war etwas andres in ikattowitz zu erledigen.— Vorsitzender: Was war das?— Zenge: Es war eine andre Sache.— Vorsitzender: Sind Sie direkt in die„Gazcta robotnicza" geschickt worden. um Bücher zu kaufen?— Zenge: Rein.— Rechtsanivalt Heine: Also man hat Sie nicht geheißen. Bücher zu kaufen?— Zeuge: Es kann möglich sein.— R.-A. Heine: Dann möchte ich ctivas näher wissen, wie sich der Kauf abgespielt hat. Sagten Sie in der „Gnzeta robotnicza": Gebe» Sie mir das Buch so und so.— Zeuge: Nein. Ich habe nur irgendwelche Bücher zum Lesen ver- langt.— R.-A. Heine: Unter den Büchern ist nur ein einziges Exemplar der Broschüre„Giebt es keine Robotarbeit mehr?" gefunden worden. Wie kommt es. daß gerade der Zeuge in den Besitz desselben kam?(Zu dem Zeugen gewendet): Haben Sie vielleicht irgend ein andres Buch noch zu den übrigen gepackt, um es zu lese»? Haben Sie sich die Bücher selber genommen?— Zeuge: Ja, ich nahm mir die Bücher vom Schreibtisch.— R.-A. Heine: Es wird nämlich behauptet, daß das in den Besitz des Zeugen gekonimcne Exemplar ein Rcdaklionsexcmplar gewesen sei. Es ist nämlich eines abhanden gekommen. Man würde dieses einzige Exemplar nicht verkauft haben. Es soll aber gerade dieses Exemplar Vrrfchwnnden sein, ebenso ein Exemplar der Broschüre„Vater Simon". Hat der Zeuge es vielleicht nütgenonimen, ohne irgend- welche Absicht dabei z» haben?— Zeuge: Rein, die Bücher sind nur ja von Frau Golde eingepackt worden.— Vorsitzeuder: Aber davon, daß es sich itni ein Rebaktionsexeniplar handelte, hat tveder Morawski noch Frau Golde etivas gesagt. Das ist doch sehr auf« fallend. (R.-A. Heine wendet sich den beiden Angeklagten z» und spricht mit Ihnen.)— Vorsitzender: Herr Verteidiger, die Unterhaltungen mit den Angeklagten sind nicht gestattet, sie stören die Verhandlung.— Rechtsanwalt Heiue: Es muß mir doch gestattet sein, Informationen einzuziehen.— Vorsitzender: Wen» Sie Jnfonnationen von den Angetlagtcn erlangen ivollcn. dann können Sie allerdings frage». Rechtsanwalt Heine: Ich möchte bitten, die Vorstrafen des Zeugen festzustellen, ebenso seine Beziehnngc» zum Grenzkonnnissar Mädler.— Rechtsanwalt Hoino: Hat der Zeuge vom Grenzkommissar Geld für seine Bemühungen bekommen?— Zenge: Nein.— Rechtsanwalt Heine: Wie ist es gekommen, daß sie Mädler die Broschüren gebracht Häven?— Zeuge schweigt.— Rechtsanivalt Heine: Run.— Zeuge: Ich weiß es»icht.— Rechtsanwalt Heine: Aber gebracht habe» Sie ihm die Bücher?— Zeuge: Ja. — Rechtsanwalt Heine: Haben Sie dein Greiizkomnnssar anck andre Dienste geleistet, z. B. habe» Sie ihm Berichte geliefert?— Zeuge: Rein. Rechtsanivalt Heine: Ware» Sie nni 1. Mai nicht beauftragt, an der Versammlung in Oswiencim teilzunehmen?— Zenge: Nein, ich bin aus eignem Antrieb mitgefahren.— Rechts anwalt Heine: Haben Sie über diese Versanunluug nicht an Herrn Mädler oder einem andren Polizeibcamten berichlet?— Zeuge: Nein. Ich habe auch keinerlei Auftrag gehabt, der Versaimnluug bei zuwohne«. Ich bin bloß zu meinen Zwecken hcrübcrgefahrcn.— Rechtsanwalt Heine; Sie hatte» schon vorher einen Austrag gehabt. Wie war es mit dem jungen Russen, den Sie beobachten sollten?— Zeuge schweigt.— Vorsitzender: Ist Ihnen das, was Sie für die Bücher ausgelegt haben, von Herrn Mädler wieder zurückerstattet worden?— Zenge schweigt.— Rcchisanwalt Heine: Der Zeuge wird wahrscheinlich nicht nur die 1,55 M., die er für die Bücher ausgelegt hatte, sonder», da ja jede Arbeit ihres Lohnes wert ist, auch etivas mehr, vielleicht einen Thaler erhalte» haben.— Zenge: Nein, ick gehe überhaupt nicht auf Bezahlung aus.— Rechtsanwalt Heine: Haben Sie sich nicht öfters von Mädler Geld geborgt?— Zenge bejaht dies. Zeuge G r e n z k o m m i s s a r Mädler bemerkt, daß der Zeuge Gußncr sowohl den Beuthener als auch der Katlolvitzer Polizeibehörde als Socialdemokrat bekannt sei. Gussuer sei vor vier oder fünf Monaten zu ihm gekomine» und sprach nm Arbeit an. ES sei dies nicht der einzige von de» Social- demokraten, der dieS gethau hat. Bezüglich der Bücher müsse er bemerken, daß G. von ihm leinen Auftrag halte. Jedoch ivar er be auftragt Wörde», auf eiuc« jungen Mann zu achten, der sich in der„Gazcta Robotnieza" aufhielt. Am nächsten Tage sei G. zu ihm gekommen und habe die Bücher mitgebracht. Nachdem sich Herr Mädler dieselben angesehen hatte, hielt er sich die drei ge- nannten Broschüren zurück und bezahlte das von G. dafür ver- auslagte Geld. Zur Berichterstattung über Versammlungen habe er Gußner nicht bcriveudet; da ständen zuberlässigere Leute zur Verfügung. Einmal habe er Gußner 1 oder 2 Mark geliehen. Gußner stand keineswegs im Solde der Polizei, auch ivurde er nicht als Polizeispitzel verwendet; man beniitzte ihn lediglich deshalb, weil man wnsite, dass cr Socialdemokrat fei und in dieser Partei sich viele Leute finden, die für Geld gern so etwaö machen. Rechtsanwalt Heine(zn Herrn Mädler gewendet): Sie sagten, Gnßner hätte einen Nnftrag bezüglich eines jungen Russen von Ihnen bekommen. Zn Zeuge Gußner gclvendet: Haben Sie vielleicht diese Bücher von dem jungen Russen bekommen?— Zenge: Nein.— Vorsitzender: Wer war in der„Gazeta Robotnieza" anwesend, als Sie dort waren?— Zeuge: Frau Morawski und einige fremde Männer.— Vorsitzender: Die Bücher packte Ihnen Frau Golde- Kaspari ein?— Zeuge: Ja.— Grciizkommissar Mädler: Daß der Zeuge keinen Austrag von mir hatte, die Bücher zn kaufen, geht schon daraus hervor, als ich an dem bctresirnden Tage ihn»och nicht fragte, von wem er die Bücher gekauft habe.— Rechtsanwalt Heine zn Zeugen Gußner gewendet: Haben Sie nicht geholfen, den jungen Russe» über die Grenze zu schaffen, oder waren Sie ihm nicht behilflich, Schriften über die Grenze zu schassen?— Zeuge schweigt.— Rechtsanwalt Heine: Wissen Sic auch»icht, daß der junge Russe durch Sie in die Hände der russischen Polizei geliefert worden ist?— Zeuge(»ach längerem Schweigen): Ich weiß es nicht.— Rechtsanivalt Heine: Haben Sie nicht unter den polnischen Socialdemokrateii sich als gcwaltthätigcr Anarchist auß gespielt iinb gesagt, es sei hohe Zeit, Anarchist zu ivcrden, man müßte schärfer vorgehen.— Vorsitzender: Zenge Gußner, Sie haben das Recht, ans diese Frage die Antwort zn verweigern.— Zenge schweigt.— Rechtsanwalt Heine: Sie habe» öfters geäußert, eö müsse Attentate gebe», er(der Verteidiger) ivolle nicht sagen, gegen wen I— Zenge(nach längerem Besinnen) Jawohl, das habe ich gesagt.— Rechtsanivalt' Heine Haben Ihnen Frau Golde und andre nicht verboten, solche Redensarten zu führen?— Zenge: Mit Frau Golde habe ick nicht i» diesem Tone gesprochen.— Rechtsanwalt Heine: Haben Sie nicht gesagt, man müsse.einen" erschießen?— Zeuge: Das liegt fern von mir.— Rechtsanwalt Heine: Haben Sie nicht gesagt, man müsse mit Geivalt vorgehen?— Zenge: Ich weiß nicht, in welcher Beziehung.— Rechtsanivalt Heine: Nun in politischer.— Zeuge: Nein, das habe ich nicht gesagt.— Rechtsanwalt Heine Haben Sie nicht gesagt. Sic werde» sich bei der Polizei als Anarchist anmelden, ivas von den Parteigenossen als Thorheit hingestellt ivurde Was denken Sie sich bei diesem„Anmelden"?— Zeuge: Da ninß ich erst»achdenke» I— Rechtsanwalt Heine: Haben Sie nicht etwas gesagt von gekrönten Häuptern, die fallen müftte»?— Zenge(zögernd): So was AehnlicheS habe ich einmal gesagt. — Rechtsantvalt Heine: Ich habe keine Frage mehr an den Zeugen. Vorsitzender: Zeuge Gnßner, sind Sie nicht neuerdings wegen llrkundciifälschung bestraft worden?— Zenge: Ja, es war ein Ver- geben gegen§ 171 Str.-G.-B.— Vorsitzender: Was haben Sie außerdem für Vorstrafen?— Zeuge: Einmal 30 M. und einmal 00 M. Geldstrafe, ferner 2 Monate Gefängnis ivege» Vergehens gegen das AliswanderuiigSgesetz.— Vorsitzender: Sic haben minderjährige Mädchen über die Grenze geschafft und deshalb wurden Sie zn 2 Monaten Gefängnis verurteilt?— Zeuge: Nein, ick habe bloß zur Auswanderung verleitet und da hat das Gericht die Untersuchiuigshast als Strafe angesehen.— Vorsitzender: Hatten Sie auch mit dem Maurermeister WonS aus Breslau etwas zu ihn»?— Zenge: Ja. «* * lieber den Beuthener Prozcsi erhalten wir noch folgenden Berickt, der unsre ersten summarischen Mitteilungen teils berichtigt, teils ergänzt. DaS Mai-Liederbuch niajowa" ist schon seit 1807 erschienen und in unzähligen Exemplaren in Posen und Ober« chlesien verbreitet worden, ohne je beanstandet zu werden; die darin enthaltenen Gedichte sind teils altbekannte Volkslieder, teils sind sie lange vor ihrer Veröffentlichung in Buchform in der„Gazeta Robotnicza" abgedruckt worden, vhnc daß je Anklage erhoben wäre. Die Schriften„Vater Simon" und„Giebt es noch Fronarbeit?" gehören der russisch- polnischen AgitntionSlittcratur an, bchanbel» lediglich russische Verhältnisse und sind nie in Oberschlesien verbreitet worden, ivas in Berichtigung unsrer neulichen Mit- teilnng zu bemerken ist. In demselben Raum wie die Redaktion der. Gazeta Robotnicza" ivird eine Buchhandlung betriebe». Die Anklage legt Morawski und Dr. Golde zur Last, die drei Broschüren an den Zeugen Gnsiner verkauft und dadurch verbreitet zu haben. MorawSki ivendet ein, daß er die.Mailieder" zuletzt im Mai 1001 verbreitet, dann im Sommer die vorhandenen Bestände in Pakete verschnürt und aufbcivahrt habe, um sie für den Mai 1002 aufzuheben. Die Verbreitung ans 1001 sei verjährt. Die Broschüre„Fron- arbeit" kenne er überhaupt nicht; er habe sie nie vertrieben, und wenn Gußner sie ans dem RedattionSzinmier gebracht habe, so könnte es sich höchstens um ein einzeln übcrsendctes Receiisions- exemplar handeln. Vom„Vater Simon", von dem die Polizei bei einer Haussuchnng 10 Exemplare in der Redaktion vorgefunden hat, habe er unaufgefordert aus London 20 Exempalare zugeschickt bekommen. Sie seien für einen Besteller aus Rußland, der sie abholen wollte, bestimmt gewesen. Kein Exemplar davon sei zum Ver- kauf bestimmt gewesen. Frau Dr. Golde hält eS nicht für unmöglich, daß sie gelegentlich auch an Gußner Broschüren verkauft habe. keinesfalls aber diese drei. Beide Angeklagte äußern die Vermutung, daß Gusrncr sich die angeklagten Broschüren in der Redaktion angeeignet habe. Während der Verlesung der Broschüre wird die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Dann beginnt die Beweisaufnahme. Grenzkommissar Mädler, der zu den Akten einen Bericht über die politische Thätigkeit der Angeklagten erstattet hat, erllärt, daß er sich vor Gericht darüber nicht auslassen dürfe, tveil cr die Er- laubnis der vorgesetzten Behörde dazu nicht habe. Das ist sehr an- genehm für Herrn Mädler, denn die Angeklagten halten den Bericht in wesentlichen Punkten für unrichtig, und auf diese Art kommt der Zenge um die Verpflichtung, sich nntcrm Eide über die Quellen seiner Wissenschaft anözulassen. Mädler schildert dann, wie er bei der Haussuchung große ver- schnürte Pakete der Mailieder, daneben auch einige Einzelexemplare, ferner 10 Stück von„Vater Simon", aber kein Exeinplar der„Fron- arbeit" gefunden habe. Scholtyscek, dessen Frau einen Buch« und Papierladen betreibt, hat gegen Ende 1901 von Frau Dr. Golde eine Anzahl polnischer Broschüren gekauft, darunter auch einige in rotem Deckel, weiß aber nichts von ihrem Inhalt. Die Mailicder haben roten Umschlag. Gußner, Agent, ist öfter in der Redaktion gewesen und will im März von Frau Golde eine Anzahl Broschüre» erhalten haben, auch diese drei. Morawski sei nicht zn Hans gclvesen. Diese Bücher habe Mädler dann bei ihm beschlagnahmt. Auf die Frage des Verteidigers, Rechtsanwalt Heiue, wie es zu dieser Beschlag- nahine gekommen sei, giebt Gnßner zögernd zu, daß er selbst zu Mädler gegangen sei und ihm die Broschüren gegeben habe; er habe jedoch keinen Auftrag gehabt, sie anzukaufen. Es folgt dann die bereits oben mitgeteilte Entlarvung des Spitzels. Jachliök, ein Schwager von Gnbuer, schildert, wie er mit G. in die Buchhandlung gekommen sei. Gußner habe sich erst einige Bücher selbst genommen, dann habe Frau Dr. Golde ihm noch einige gegeben. Binncek, Handelsmann: Im Juni begannGußner cinGesprächmit uns über die Verhaftung der Frau Dr. Golde und äußerte, sie sei u n s ch u l d i g. Er sagte dann, man müßte nun ernsthast vor- gehen und die gekrönten Köpfe runterpntzen. Broja verwies ihm solche Reden. Konictzki: Gußner kam neulich dazu, als ich mit Broja ging. Er erzählte, er hätte sich in der Redaktion die Bücher ge- nommen ohne Wissen der Frau Dr. Golde und des Morawski. Gußner giebt dies zu, behauptet aber, es gesagt zu habe», um die Genossen zn täuschen. Broja, Oberhäuer, jetzt Redacteur der„Gazeta Robotnicza", bestätigt die Aussagen der vorigen Zeugen und die anarchistischen Redensarten des Gnßner. Dieser habe schon früher einmal erzählt. er könnte sich genug Dynamit verschaffen; Zeuge habe ihm dar- auf auf den Kopf zugesogt, daß er ein Polizeispitzel sei. Weitere Zeugen werden über die Verbreitung der Pamiatka Majowa vernommen, wissen aber nichts. « DaS ist das Beweismaterial, auf Grund dessen das Gericht Frau Dr. Golde und den auch nach Gußners Angabe nicht zugegen gewesenen Morawski für überführt erklärt hat, die drei Bro- schüren wissentlich und an einen unbegrenzte» PcrsonenkreiS verbreitet zn haben, und zwar in Kenntnis ihres Inhalts, wofür jedenfalls bei den Heften„Vater Simon" und„Frohnarbcit"»icht das geringste Moment beigebracht war. Ganz unbegreiflich muß es erscheine», daß man in diesen nur rnsstsche Verhältnisse behan- delnden Schriften die Absicht entdeckt hat, in Deutschland ver« schiedene Klassen zu Gewaltthaten gegen einander anzureizen, und daß man dasselbe in den Mailiedern gefunden hat. die seit Jahren verbreitet sind, ohne daß es irgendwo zu Gewaltthateu ge- kommen wäre. Ueber daS Strafmaß verlohnt es sich nicht noch irgend ein Wort zu verlieren. Gleichzeitig meldet man aus Leipzig die Verwerfung der Revision von Georg Haase gegen das auf 0 Monate Gefängnis lautende Urteil vom 6� Mai d. I. Dies Urteil war von derselbe» Kannner gefällt worden. In Benthe» besteht nämlich die Ein- richtung, daß alle Preßvergeheu, Vergehen gegen die öffentliche Ordnung usw., kurz alles was einen politischen Anstrich haben kann, einer und derselbe» Kammer zugeteilt ist. Das ist eine Art der GeschäftSverteilung. gegen die zur Zeit der Beratung der ReichS-Jnstizgesetze energische Angriffe erhoben worden sind, auf Grund der Erfahrungen, die man nament- lich beim Stadtgericht in Berlin gemacht hatte. Man hat diese Art Geschästsverteilnng durch die Uebertragung an die Direktorien der Landgerichte ausschließen wollen, und jeden- falls ividerspricht sie dem G e i st e des GerichtSversassungS-GesetzeS. Beuthen beweist, daß sie auch heute noch vorkommt und. daß die Nationalliberalen eben auch in diesem Punkte bei der Reichs-Jnstiz- reform ein unberechtigtes Vertrauen entivickelt haben. Nun sitzen Haase, Morawski und Frau Dr. Golde hinter de» Gefängnisgittern, aber, wie man unL mitteilt, wird die„Gazcta Robotnicza" zum Aerger manches„staatSerhaltendcn" Ober» chlesiers nationallibcraler und klerikaler Observanz doch weiter erscheinen. Ans der Saat dieser unbegreiflichen Urteile aber wird die socialistische Volksbewegung gelvaltig emporwachsen. Prozeß Sauden find Genossen. 27. VerhandlungStag. In der gestrigen Verhandlung hallte es von Bekundigen über den lauteren Lebenswandel deS Angeklagten Sanden von allen Seiten tvieder.j Zunächst gab sich der Sachverständige A. Booth, der kaufmännische Direktor der Bangesellschnst Bellevue in einer Weise, die der Ber- teidiguag Stoff zn lebhaften Einwendungen bot. Der Sachverständige Booth betont, daß seine Aufgabe eS nicht gclvesen sei, ZnkimftSchancen zn taxieren, sondern den Wert der Griindstticke. wie er sich zu der fraglichen Zeit darstellte. festzustellen und da wisse er, daß damals Grundstücke am Kurfürsteiidamm zu 850 Mark pro Qnadratrute verkauft Ivurde» und diesen Preis habe er seinen Berechnungen zn Grunde gelegt. Bei der weiteren Erörterung über die Parzclliermigsaiissichteii und die thatsächlich vorgenommene Parzcllicrnngsart gerät der Sachverständige in Hitze und bleibt nicht objektiv- Er spricht davon, daß die Angeklagten daS ganze GrundstückSgeschnft in Berlin zn Grunde gerichtet haben, sie hätten sich bei ihren Parzellierungen zumeist mit Tchwiiidlern eingelassen, er spricht vom„Zuge des TodeS", von„widerlicher Art", in welcher sich doS ParzellierungSgeschüft abgespielt habe zc. zc. Diese Art de§ Sachverständigen, sein Gutachten abzugeben, giebt der Verteidigung zu lebhaften Protesten Anlaß, die in dem Antrage gipfeln, den Sachverständigen Booth wegen Befängenheit ab- zulehnen. Hiervon sieht das Gericht ab und Herr Booth schränkt seine Ausführungen ein. ®S wird hierauf der 82 jährige Frhr. v. Berg als Zeuge ver- nommcn. Er kennt den Kommerzienrat Sauden seit sehr langen Jahren und preist in beredten Worten dessen Mildthätigkeit, Opfersinn. Wohlthätigkeitssinn und persönliche Anspruchslosigkeit. Zeuge Prediger la Roche: Er kennt den Angeklagten Ed. Sonden seit 11 Fahren als eine» Mann, der nicht nur den gewöhnlichen Ansprüchen an Gerechtigkeit und Anstand entsprach, sondern der ganz besonders edel nnd hilfsbereit war. Er hatte einen starken Optiims- nuis in allen Dingen, war ein außerordentlich treuer Familien Vater, der eigentlich den ganzen Tag in Arbeit versenkt war. Per sönliche Bedürfnisse hatte er gar nicht. Wenn er den ganzen Bor. mittag in Berlin in seinem Geschäft fleißig gearbeitet nnd nur ein Brötchen zum Frühstück verzehrt hatte, nahm er sein keineswegs besonders üppiges Mittagsessen ei» und versenkte sich dann wieder in die Arbeit. Es habe nie den Eindruck gemacht, als ob er um des persönlichen Gewinnes wegen arbeitete, sondern als ob er gewisser- maßen als Beamter dem ihm unterstellten Institut alle seine Kräfte widme» müsse. Gerade deshalb habe er ihm so große Bewunderung und Verehrung entgegengebracht, die er� auch heute noch aufrechthalte, trotz allem, was über den Kommerzienrat Sonden in die Zeitungen gekommen sei. Derselbe habe keinen exorbitanten Aufwand aetiebe!,. nie ein Protzentum zur Schau getragen, nie gezeigt, daß er sich in höhere Gesellschaft drängen möchte. Gerade das habe ihn in dem Sauden- schen Hause stets so angeheimelt, in welchem auf der einen Seite ein so geistlicher Zug wehte und auf der andren Seite ein so inniges Familienleben obivaltete. Die großen Wirt- schaftsnuSgaben sind wohl auch darauf zurückzuführen, daß fiir die Famile ein Hauslehrer gehalten wurde, der allein ein Gehalt von 3000 M. erhielt. daß Portier und Diener bei der zahlreichen Familie nötig waren, die alle sehr nobel behandelt wurden, große Weihnachtsgeschenke erhielten zc. Daß besondere Ausgaben infolge üppigen Lebens und Vergnügungssucht gemacht worden, sei ganz ausgeschlossen, Gesellschaften wurden nie gegeben, Konzerte und Theater wohl nie besucht. Kommerzienrat Sauden war äußerst gutniütig und ließ vieles mache», bloß um Leute, die es nötig hatten, etwas verdienen zu lassen, beispielsweise gab er einmal einem Maler, bloß weil derselbe in Bedrängnis war, den Austrag, ein Gemälde zu malen und schickte ihn zu diesem Bc Hufe nach Italien. Er konnte eigentlich niemand etwas abschlagen und hat vieles ausgegeben lediglich aus dem Motiv heraus, Leuten Brot zuzuwenden. Staatsanwalt Beeck: Die Familie Sande» bewohnt doch eigentlich zwei Häuser, in denen sich auch ein Palmenhans befand. Caird. theo], Friedrich, der frühere Hauslehrer in dem Sandenschen Hause, schließt sich der Bekundung des Paslors la Noche an. Der Kommerzienrat sei äußerst mildthätig gegen jodermann ge- Wesen, habe unendlich vielen Leuten geholfen, sei selbst absolut anspruchslos gelvesen, keine Spur von Ueppigkeit oder Protzentum habe sich im Hanse gezeigt, der Tisch war gut bürger- lich, es wurde vorzugsweise Thee getrunken, Gastmähler wurden nie gegeben. Dasselbe Urteil giebt der Zeuge F e tz e r. Schwiegervater des Angeklagten Ed. Sande», über diesen ab. Er bestätigt auf Be- fragen gleichzeitig, daß sein Schwiegersohn— im Gegensatz zu ihm selbst— immer sehr optimistisch war und in allen Dingen diesen optimistischen Standpunkt vertrat. Auf weiteres Befragen er- klärt der Zeuge, daß seine Tochter 6000 M. mit in die Ehe bekommen und aus der Katastrophe nichts weiter gerettet habe, als das Haus Grolmanstr, 14. Er sei bereit, dies zu beschwören.— Auch Frau Sande», die Ehefrau des Kommerzienrats, wird über dieses Thema ver- nonnnen. In den 27 Jahren ihrer Ehe habe sie von ihrem Ehe- mann nie eine Aeußerung vernommen, die darauf hätte schließe» lassen, daß er keinen lauteren Charakter und lautere Gesinnungs weise habe. Er sei stets opferwillig, hochherzig, anspruchslos, selbst- los und überaus fleißig gelvesen, habe imnier und ininicr für die Bank gearbeitet und das ganze Familienleben der Bank zum Opfer gebracht. Der Haushalt umfaßte zwar ein Personal von 7— S Leuten, er sei aber keinesivcgS üppig gewesen. Konzerte und Theater haben sie seit 1890 nur vielleicht ein- oder zweimal auf Reisen besucht. Ihr Ehemann habe sich kaum Zeit zum Mittag- essen gegönnt, danach sei er Stunde im Garten spazieren ge- gangen und habe dann oft bis spät in die Nacht gearbeitet. Die ganze Familie habe von ihm so gut wie nichts gehabt. Richtig sei eS, daß ihr Mann im Gegensatz zu ihrem Vater stets sehr optimistisch war. Wie anspruchslos er Ivar, gehe wohl daraus hervor, daß man ihm nur seine Anzüge heimlich wegnehmen mußte, wenn er sie nicht allzu lange tragen sollte. Einmal habe er seinen Schneider mit der Aufgabe be- traut, einen Anzug zu wenden; dieser konnte die Aufforderung aber nicht entsprechen, da der Anzug schon einmal gewendet war. Auf Befragen erklärt die Zeugin, daß sie noch niemals in London ivar und weist den etwa auftauchenden Gedanken, daß sie etwas beiseite gebracht haben könnte, entschieden zurück. Sie wohne jetzt Fürtherstr. 1 4 Treppen hoch zu einem Mietspreis von 1900 M., werde jetzt aber die Woh- nung aufgeben müssen, weil sie zu teuer sei. Hierauf wird noch Bankiuspektor H a rtm a n n vom Polizei- präsidiuni vernommen. Er bekundet, daß die Kommission den Wert des Hanfes Brüderstr. ö/6 sAnhalt». Wagner) auf 1 200 000 M. und die Beleihungsgrenze auf 950 000 M. festgestellt habe. Nächste Sitzung: Montag 9 Uhr. Um kl) NMeihtu der Stadt Chlirlotteüburg rnis dem UrmhlbtZlrk des Landtags Potsdam Nr. 3 petitioniert der Magistrat beim Abgeordnetenhause. In der Petition, deren Begründung§o recht das Widersiiuiige des jetzigen Wahlsystems widerspiegelt, wird ausgeführt, daß die Bestimmung. wonach Charlottenburg einen Teil des Urwahlbczirks Teltow- Beeskow- Storkow bildet und Köpenick als Wahlort bestimmt ist, nicht nur zu großen Unzuträglichkeiten, sondern auch zu einer Beeinträchtigung in der Ausübung der wichtigsten staatsbürgerlichen Rechte führt. Tie Bevölkerung des Urlvahlbezirks ist seit der Einteilung der Wahlkreise, im Jahre 1860, bis heute von 117 396 auf 688 521 Seelen angewachsen. Damals bildeten die Einwohner Charlottenburgs kaum den zehnten Teil, heute dagegen 27 Proz. der Bevölkerung des Kreises. Die Bevölkerung Charlotten- burzs allein ist heute größer als die des ganzen Kreises im Jahre 1860. Die Venachlciliguug Charlottenburgs erhellt ferner aus der Thatsache, daß, während Berlin im Abgeordnetenhanse init 9 Abgeordneten vertreten ist, und das benachbarte Potsdam einen besondere» Ab- geordneten i» die Zweite Kammer entsendet, Charlottenburg über» Haupt keine besondere Vertretung hat. Aber nicht nur der Zahl der Bevölkerung nach sind die Verhältnisse des Urlvahlbezirks Potsdam Nr. 9 dem Sinn der Verfassung nicht niebr entsprechend, sondern auch der Zusammensetzung derselben nach. Wenn nämlich die Ver- fassung in dem Dreiklassen-Wahlsystem die besondere Berücksichtigung der staatssteuerlichen Leistungen für die einzelnen Bestandteile des Wahlkreises vorgeschrieben hat, so wird eine derartige Vor- fchrift illusorisch, wenn eine in steuerlicher Hinsicht so hervor- ragende Stadt lvie Charlottenburg nur als kleiner Bestandteil einem großen stcnerlich minderergicbigen Bezirke einverleibt bleibt. Es entfiel in Charlottcnburg 1893 auf jeden Urwähler eine Steuer- keistnng von 141,80 M., welche von den preußischen Großstädten mit über 100 000 Einwohnern nur von Frankfurt a. M. übertroffen wurde. Ein weiterer Uebelsiand crgicbt sich daraus, daß die Lokalverhältnisse, welche für eine Wahlbeteiligung der 430 Wahl- .nlölmer des Jahres 1861 ausreichten, für die'mehr als 2000 Wahlmänner heute nicht mehr ausreichen können. Die Wahlprüstmgs kommission des Abgeordnetenharlfes hat dieS selbst bei der Beratung eines Wahlprotestes zugegeben. Allerdings hielt die Kommission gegenüber der Unmöglichkeit. die Wahl unter den lokalen Ver hältniffen innerhalb' der gesetzlichen Vorschriften durchzuführen unbegreiflicherweise den Wahlkommissar für berechtigt, ent- geczen den Vorschriften des Wahlreglements zu verfahren Dies bezog sich darauf, daß der Wahlkommissar die Wahl männer nicht entsprechend dem publizistischen Verzeichnis sondern in andrer Weise aufrief und damit den klaren Bs stinimungen der g§ 24 und 27 entgegenhandelte. Mit Recht be� tont der Magistrat in der Petition, daß unmöglich gesetzliche Be' stimmungen aufrechterhalten werden können, welche so veraltet sind daß innerhalb eines der gesetzgebenden Faktoren selber ihre Um �ehung für berechtigt gehalten wird.„In der That ist nichts mehr im stände, das Rechtsbewußtsein zu kränken, als wenn die Ausübung eines gesetzlich gewährleisteten politischen Rechts durch solche äußeren Umstände verkümmert wird. deren Beseitigung der Gesetzgeber ohne nennenswerte Schwierigkeiten vorzunehmen verniag, um so mehr, wenn diese Verkümmerimg be stehen bleibt, obwohl die steuerlichen Leistungen, an welche die Aus Übung des Rechtes geknüpft ist, voll erfüllt werden, reichlicher sogar als iii andren Orten, wo die geschilderten Schwierigkeiten nicht zu Tage treten." Die Petition schließt mit der Bitte, das Ausscheiden der Stadt Charlottenburg aus dem Kreise eventuell durch die nachträgliche Aufnahme entsprechender Bestimmungen in den Gesetzentwurf be treffend die Organisation der allgemeinen Landesverwaltung in den Städten Berlin, Charlottenbnrg usw. herbeizuftihren. Es wird vor- ausgesetzt, daß die baldige Wiedereinbringnng diese? Gesetzes be absichligt wird, so daß auf diese Weise eine schnellere Beseitigung der bei den Landtagswahlen bestehenden Unzuträglichkeiten erreicht werden kann; denn es sei dringend zu wünschen, daß die in dem nächsten Jahre bevorstehenden Wahlen bereits auf Grund ander weitiger Bestimmungen vor sich gehen können. GemeeKslsznfklilsxes. Welche Gewerkschaften sind zn den Gewerkschaftskartellen zuzulassen? Uns wird geschrieben: Dem Gewerkschaftskongreß lag bekanntlich u. a. ein Antrag vor, welcher zu den Geiverkichaftskartellcn n u r die Mitgliedschaften der von der Generalkonimission anerkannten Centralorgnnisationen zu- gelassen wissen wollte. Nach der Berichterstatwng fast aller Partei- und Gewcrkschaftsblätter ist dieser Antrag auch zum Be schluß erhoben. Wenn dem so wäre, so wäre damit eine ganze Anzahl örtlicher Gewerkschaftsorganisationen von der Beteiligung an den örtlichen Kartellen ausgeschlossen. Ich halte es deshalb, als Beteiligter und Gegen-Antragsteller, fiir meine Pflicht, darauf aufmerksam zu mache», daß obiger Be- schluß am letzten VerhandlungSta�e des Gewerkschaftskongresses wieder aufgehoben und statt dessen ein Antrag angenommen wnrde, der besagt, daß zu den Gewerkschaftskartellen unter allen Umständen die örtlichen Mitgliedschaften der von der General- kommission anerkannten Gciverkschaflcn zuzulassen sind. Das ist etivas ivesentlich andres nnd bedeutet. daß es den GeiverkschaftS- kartellen, wie bisher, unbenommen ist. auch solche Geiverkschaften zuzislossen, die keiner von der Generalkommission anerkannten Or ganisation angehören bezw. auf lokalem Boden stehen. Ich halte es für ivesentlich. daß dieser Irrtum der Bericht' stattung aufgeklärt wird. Verlin nnd ttingegend. lieber die Lohnbewegung der Bauarbeiter ivurde am Frei' tag in vier von der Verbandsleitung einberufenen Versammlungen Bericht erstattet. Danach sind 1272 Arbeiter auf 107 Bauten zn den neuen Bedingungen beschäftigt, während 339 Arbeiter auf 70 Bauten streiken. Die Unternehmer haben sich zn Unterhandlungen mit dem Vorstande der Arbeiterorganisation bereit gesunde» und in einer kürzlich stattgcfundenen Besprechung erklärt, daß ihnen die Beendigung des Streiks sehr erivünscht iväre, jedoch könnten sie nicht auf alle Forderungen der Arbeiter eingehen. Die Unter- nehnier wollen die Verhandlungen fortsetzen, unter der Voraus sctzung, daß die Arbeit sofort wieder aufgenonuncn werde. Der Verbandsvorstand empfahl den Streikenden, auf diesen Vorschlag einzugehen und dadurcb einen Waffenstillstand zn schaffe», während deste» über die endgültigen Friedensbcdingungen weiter verhandelt iverden solle. Falls die Verhandlungen aber bis znni 15. Juli zu keincin gedeihlichen Abschlüsse gekommen seien, dann solle am ain 16. Juli der Lobnkampf mit verdoppelter Energie fort gesetzt Iverden.— In der äußerst regen und lebhaften Diskussion ivurde die Resoliitio» des Vorstandes von sämtlichen Rednern auf das eiitschiedeiiste bekämpft. Man sprach sich allgeniein gegen einen Waffenstillstand aus, weil dadurch nur eine Verschlcppnng der bisher so günstig verlaufenen Lohnbeivegung herbeigeführt «verde. Die als überaus bescheiden anerkannten Forderungen seien den Unternchniern hinlänglich bekannt, da bedürfe es keiner langen Beratungen mehr. In allen vier Bersamnilungen ivurde der Vor- chlag des Vorstandes einstimmig abgelehnt. Iii den zur Annahme gelangten Gcgenrefolulionen sprachen sich die Versammelten zivar anerkennend darüber aus, daß die Unternehiner ebenfalls den Streik beendigt zu sehen ivünschen, doch sei es»»möglich, in eine Wiederaufnahme der Arbeit zu willigen, bevor nicht die VerHand- lnngen zu einem befriedigenden Abschlüsse gelangt sind. Der Vor- iaiid wnrde beauftragt, diese Beschlüsse den Arbeitgebern unverzüg- lich zu übermitteln. Metallarbeiter. Die Former In der Deutschen Nikes W c r k z e ii g m a s ch i Ii e n- F a b r i k streiken, weil die Fabrikleitiing den Beschluß des Berliner EiingungSamtes vom Jahre 1897, wiederholt durchbrochen hat. Danach soll Ausschuß, an dem der Former keine Schuld trägt, bezahlt werden. Da es iiiin in Berlin unter den Eisenforment keine Streikbrecher giebt, sind der Gießerei-Jngenienr Tauscher�sowie der Formermeister Ehrhardt am Sonnabend, den 5. Juli, auf die Suche nach Slreikbrechem gegangen. Der Meister Ehrhardt ist ans Chemnitz, da wird wohl Sachsen als Werbeseld für Streit- brccher ausgesucht sein. Wir ersuchen die Eisenfornier Deutschlands, den Zuzug nach Berlin streng fernzuhalterii. Alle Arbcitcrblätter werden um Abdruck gebeten. Ortsverwaltimg Berlin des Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS. Deutsches Reich. Zum Lohukamps im Hamburger Baugewerbe. I» Ham- bürg arbeiten von 1979 Maurern seiiischtießlich der Poliere) 1280 auf 116 Baute» zu den neuen Bcdiiignngen, während 497 ausständig -ind. In einer Maurerversammlung, die am Freitag abgehalten ivurde, konstatierte der Referent Kober, daß der Zuzug von ans- wärtigen Arbeiiswilligen in der letzten Zeit sehr bedeutend ge- wesen sei. Man darf sich, so führte Kober weiter ans, der Thatsache nicht verschließen, daß es den Meistern in den nächsten Tagen gelingen wird, die gesperrten Bauten mit Arbeitswilligen zii' besetzen. Wir haben nnS von vornherein gesagt, daß. wenn es nnS nicht gelingen sollte, die Angelege»- heit in kurzer Zeit zu eineni guten Ende zn bringen, es im Interesse der Gesamlkollegeuschaft besser sei, die Sperren aufzuheben, als uns schachmatt setzen zu lassen. Von einer Kainpfiinfähigkeit der Hamburger Maurerschaft kann duichaus gar keine Rede sein. Wir halten den Zeilpunkt für gckaiumen. die Sperre aufzuheben. Sclbstvcrsläiidlilh iverden wir auf dem Posten sein und überall da eingreifen, Ivo die Unternehmer sich hcrousiiehmen sollten, ihre Bewilligung zurück- zuziehen. Redner ersucht im Namen der Streikleitung um Annahine zes Antrag» auf Aufhebung der verhängten Sperren. Mit 679 gegen 359 Stimmen bei 6 Stimineneiithaltungen wurde der Antrag a n g e n o rn in e n. Die Bauarbeiter haben ebenfalls am Freitag beschlossen, die Sperren dann aufzuheben, wenn die ander» Organiiationen das- 'clbe ihun. Die Zimmerer haben, soweit nnS bis jetzt bekannt ist, noch keinen Bejchluß in dieser Hinsicht gefaßt. Die Streikkommission der Hamburger Bauarbeiter teilt unß telegraphisch mit, daß die Lohnbewegung durch den Beschluß der Freitagversammlung noch nicht ihr Ende erreicht habe, da die Aussperrung seitens der Arbeilgeber noch nicht aufgehoben sei. Zahl- reiche Arbeiter seien infolgedessen noch beschäftigungslos. Der Zuzug von Maurern, Zimmerern und Bauarbeitern nach Hamburg ist streng zu meiden, Betreffs der NnSsperrung in Kiel sind gegenwärtig erneute Unterhandlungen vor dem dortigen Gewerbegericht im Gange. Die Dresdener Feingoldschläger-Gehilfen beschlossen am Donnerstag, in sämtlichen Betrieben,»i denen nicht der Tarif an- erkannt wird, am Sonnabend die Kündigung einzureichen, Obschon die Gehilfen bei den Verhandlungen den Unternehmern weit entgegen- gekommen sind, lehnten die Unternehmer die Aiierkeiinimg des Tarifs. durch den die Arbeiiszeit von 9 auf 8V» Stunde herabgesetzt werden soll, ab. Da fast sämtliche Goldschläger organisiert sind, so kann der Ausgang nicht zweifelhaft sein. Der Beschluß der Kündigung wurde mit 104' gegen 6 Stimmen gefaßt. In Lohndifferenzen stehen bei der Firma Nitsche u. Günther in Rathenow neben den Brillenarbeitcrn auch die Nickel-Pincenez- Arbeiter. Ausland. Landarbeiterstreiks in Galizie». In den Bezirken Lem« b e r g und T a r n o p o l ist ein großer Landarbeitcrstreik aus- gebrochen, der sich immer weiter ausbreitet. Der Streik wurde durch die uiiglanbliche Ausbeutung der Arbeiter durch ihre feudalen und bürgerlichen„Brotgeber" verursacht. Im Lemberger Bezirk brach der Streik ganz unerwartet aus. Die Land- arbeiier sind hier ganz indifferent und nicht sehr kampflnstig. Der Streik begann ans dem Gute Czyzhkow, dessen Eigentümer ihre Arbeiter schamlos ausbenteii. Während der Ernte bekommen die Arbeiter 25 Kreuzer, die Frauen 14 Kreuzer täglich bei vierzehn ständiger Arbeitszeit. Im Winter zahlt die Herrschaft den Männern 14 K r e u z e r, den Frauen 10 Kreuzer täglich. Die Nachricht vom Streik in Czyzykow verbreitete sich rasch im ganzen Bezirke. Es folgten nun die Landarbeiter in Ostrow, Golnchoivice und Gaje und bald darauf auch die in Dmytrowice, Dzivinogrod und Horislawice im Bezirke Bobrka. Die Gendarmen nehmen zahlreiche Verhaftungen vor— zumeist wegen„öffentlicher Gewallthätigkeil". In Golnchowice wurden zwölf Streikende als„Rädelsführer" verhaftet und in Ketten gefesselt dem Bezirksgericht in Winniki eingeliefert. Auch der Gemeindevorsteher von Golnchowice ivurde verhaftet, weil er den Gendarmen jede Assistenz bei ihren„Aiiitshaiidlimgen" verweigerte. ' Luch auf die Güter des Grafen Potocki im Bezirke Przemyslany dehnte sich der Streik aus. Die Gendarmerie verhaftete auch hier die„unbotmäßigen" Streikenden. In Poluchow wurden drei Streikende wegen„Anfriihr" verhaftet. Der Bezicksrichter ließ sie jedoch sofort auf freien Fuß, da die Gendarmen nicht einmal anzu- geben wußten, was die Verbrecher gethan haben sollen. Im Bezirke Tarnopol streiken die Arbeiter in den Gemeinden Petrykow, Zagrobela, Malaszowce, Biala. Dolzanka und Janowka. Sie verlangen überall Lohnerhöhungen. Nach Dolzanka, Viala und Janowka wurden Husaren geschickt. Die Gendarmen nahmen zahl« iciche Verhaftungen vor. Als der Bürgermeister von Biala beim Vezirkshanptmann um Rückziehung des Militärs bat. schrie ihn der Bezirkshanptmann an:„Ich werde Euch schon streiken lehren I" Die Aussperrung tu HclsingborgS Zuckerfabrik ist durch ein Ucbcreinkoiiinien geschlichtet worden. Sämtliche Arbeiter werden wieder ciiigestelll. Der bisher geltende Lohntaris wird bis Ende 1903 in Kraft bleiben. Danüt ist der letzte und langwierigste der als direkte Folgen des Wahlrechts-Streiks entstandenen Konflikte beendet._ Sociales. Die Central-Kranke»- und BegräbniSkasse der Viichbluder zählt nach dem der im Berliner Geiverkschaftshanse abgehaltenen Gciiernlverscimniluiig vorgelegten Geschäftsbericht gegenwärtig 9141 Mitglieder. Seit dem Jahre 1878 bis Ende 1901 be- trugen die Gesamt-Eiiiiiahnicii 2 361 379,41, M., die.Gesanit-Ausgaben 2459 303 M., das gegenwärtige Vermögen der Kasse 211076,41 M. Gegenüber den früheren Jahren war im Jahre 1901 die höchste Kranken- Nntcrstützniig zuzahlen, wobei sich auch wohl die allgemeine Krise bemerkbar machte. Die Beiträge, sowie das Krankengeld wurden folgcnderiiiaßen festgesetzt. Für einfach Versichertc: 1. Kl. 45 Pf. Beitrag. Krankengeld pro Woche 12,00 M. 2.. 38.... 10.20. 3.„ 33..„. 8,70. 4.. 22... 6,70, Für doppelt Versicherte: 1. Kl. 45 Pf. Beitrag. Krankengeld pro Woche 15,00 M. 2... 38„„., 13,20. 3., 33,,,•„ 11,70. 4.. 22,.„ 7,50. Die nächste Generalversammlung findet in Magdeburg statt. Hlltekinder. In der„Hilfe" hatte S t ö ck e r Herrn Konrad A g a h d vorgeworfen, daß er bei der Aufdeckung von Mißständen im Hiitekiiider-Unwcsen durch Mitteilung von Einzelheiten den Ein- druck erwecken wollte, daß es sich um allgemein verbreitete Miß- ltände handle. Herr« g a h d bestreitet nun in der„Hilfe" mit dein Datum von heute, daß ihm die Absicht iimegewohnt habe, das zn behaupten, doch hätte ihm dazu bei Abfassung seines Werkes Material genug zur Verfügung gestanden..-Ich hätte schreiben können," sagt er:„Ein kleiner Landes- Lehrervcrein ermittelte in 215 Schul- orten 2045 in landwirtschaftlichen Dienste» stehende Kinder. darunter 1163 Hntekinder; ja, ich hätte noch mehr sagen können. daß nämlich neuerdings in 383 Schulen auf dem Lande, und zwar in 345 Schulen Hütcdienfte verrichtet werden, trotzdem nur ein Drillet der sämtlichen Schulen des Ländcheus gezählt wurden." Herr A g a h d wünscht schließlich baldige amtliche Erhebnngen über die Materie, damit den Kindern geholfen werde.— Ob die Regierung die Erlaubnis der Agrarier dazu bekommen wird? Gevittzks-Bciimtfl. Ein interessanter Prozeß wegen Erbschleicherei sollte gestern vor der siebenten Straflanimer des Landgerichts I gegen den Tapc- zierer und Genieindevcroidnetcn Hugo S c y d e l aus Steglitz zur Verhandlung gelangen. Die Vorgescvichte dieses Prozesses hat bc- reits mehrfach die Oeffentlichkeit beschäftigt. Im September vorigen Jahres starb in ihrer Wohnung in Berlin, Fickitcstr. 3, eine alte Tante des Schdel, Die Dame galt als sebr wohlhabend, wiederholt hatte sie ihren drei Neffen gegenüber(Seydcl nnd dessen beiden Brüdern), Andentimgen gemacht, daß sie sich wundern würden, wenn ihnen die Erbschaft zufalle. Nach der Beerdigung der Berstorbeiien traten die drei Brüder ohne weiteres die Erbschaft an. Sie begannen, sich das Mobiliar zu teilen und eine ganze Anzahl Wertpapiere, die sie in der Matratze eines Bettcs verborgen midien, zn prüfen. Da machte ihnen das Gericht einen Strich durch die Rechinmg. ES erging an die Erben eine Verfügung, säintlichc ans dem Nachkosse staninienden Gegenstände einem alS TestamentS' Vollstrecker ernannten Rechtsanwali wieder herauszugeben. Der An» ordnung wurde Folge geleistet und nun warteten die Erben den weiteren Verlauf der Sache ab. Vierzehn Tage nach dem Tode der alten Danie ging beim Gericht folgendes Schreiben ein: „Hierdurch ernenne ich meinen liebe» Neffen, den Tapezierer Hugo Seydel zu Steglitz zu meinem Universalerben. Ein Freund voii mir hat dies i» meinem Auftrag geschrieben und soll den Brief 14 Tage nach meinem Tode in den Briefkasten des Amts» gerichtS werfen." AlS den Erben die Mitteilung von dem Eingänge des Testa- inents zuging, war Hugo Seydcl mit dem Inhalt, wodurch ihm geqen 70 000 SK. in den Schoß fallen sollten, einverstande», seine beiden Bender, die sich für Miterben gehalten hatten, waren es aber nicht. Sie gaben in einer Anzeige dem Verdacht Ausdruck, daß das Testament von Hugo Seydel gefälscht sei. Zunächst stellte der Schreibsachverstäudige Schulrat a. D. Grabow Schriftvergleiche an und gab sein Gutachten dahin ab, daß Seydel der Schreiber des angeblichen Testaments sei. Als sich der zweite Schrcibsachver- ständige, Gerichtssekretär Altrichtcr, diesem Gutachten anschloß, erfolgte die Verhaftung Hugo Seydel s. Er ge- stand vor dem llntersnchungsrichtcr ein, daß er der Schreiber des angeblichen Testaments gewesen sei. Die Sache erregte in Steglitz um so größeres Aussehen, da Seydel zu den angesehensten und ge- achtetsten Einivohnern gehörte. Seydel mochte sich etiva drei Wochen in Unsersuchnngshaft defimdeu haben, als sein Verteidiger, Rechts- anwalt Dr. Schwindt, durch den Eingang eines Schreibens über- rascht wurde, das eine auffallende Enthüllung brachte. Seydel hatte inzwischen sein G e st ä n d n i s zurückgezogen. Er gab an, daß er früher sich in einem so getnickten Zustande befunden habe. daß er kaum wußte, was er that. In erster Linie habe er sich vor dem Zuchthauie retten wollen und deshalb wahrheitsividrig das Geständnis abgelegt. In dem Brief ohne Unterschrift, der an den Verteidiger gerichtet war, erklärte der Verfasser, daß er ans Zuneigung für Seydel das Testament gefälscht und die Unterschrift der Verstorbene» nachgeahmt habe. Aufsallend war es, daß die Schrift der des Hugo Seydel höchst ähnlich war. Es lag die Annahme nahe, daß Seydel Gelegenheit gefunden, den Brief im Gefängnisse zu schreiben und denselben mit Hilfe eines andren hinauszubefördern. Der Verteidiger stellte nun Anträge, wodurch der Beweis erbracht werden soll, daß Seydel den Brief nicht geschrieben haben kann. Gerichtöchemikcr Dr. Jeserich soll beaustragt werden, die zu dem Briefe benutzte Tinte mit derjenigen zu vergleichen, welche zur Fälschung des Testaments benutzt wurde, und mit derjenigen, welche eventuell dem Angeklagten im Gefängnis zur Verfügung stand. Ferner beantragte der Verteidiger eine neue Schriftverglcichuug durch die bereits erlvähnten Sachverständigen, denen sich der Graphologe Langenbruch n»d der Rcchnungsrat Junge anschließen sollen. Bei Beginn der gestrigen Verhandlung wiederholte der Verteidiger seine bereits schriftlich gestellten Anträge, die der Gerichtshof nicht ab- lehnen zu können glaubte. Der Ternrin wurde aufgehoben und der Angeklagte in Untersuchungshaft zurück- geführt._ Vevssnttnlungen. Eine Pnrtciversammlnng für de» zweiten Wahlkreis tagte am Freitag in der Bockbraucrei am Teinpelhofcr Berg. Zunächst hielt Redacleur Ströbel einen Vortrag über einige aktuelle politische Fragen. Der Vortrag wurde beifällig aufgenommen. Diskussion fand nicht statt.— Darauf befaßte sich die Vcrsannnlnng mit dem Plan der Errichtung einer Partei speditioii für den zweiten Wahlkreis. Scholz legte die Gründe dar, die für diese Einrichtung spreche», und erklärte, daß der Süden und Südwesten des Kreises in die Parteispcdition einbezogen iverde» sollen, der Westen dagegen, wo die Abonnenten sehr zerstreut wohnen, vorläufig nicht in Betrachl komme» könne. Die Eröffnung soll bereits am 1. August stattfinden. Die Versamuilnng beschloß, daß am 1. August eine Partcispedition einzurichten ist. Sie wählte eine Zeitungskommission, bestehend aus den Genossen Reimann, Seikrit, Witte, Lohrmann und Michaelis.— Am Sonntag, morgens 7V, Uhr, werden in den betreffenden Bezirken des zweiten Wahlkreises Abonnenten-Sammellisten verbreitet. Alle Genoffen des Kreise? werden aufgefordert, sich in den Lokalen einzufinden. Die Freie Volksbühne schloß nüt ihrer am 2. Juli im Gewerkschaftshause tagenden Generalversammlung das Spieljnhr ab. Zunächst hielt der Schriftsteller Fr. Stampfer eiuen Vortrag über „Das Publikum— aus seiner Geschichte und von seiner Zukuuft". Den Geschäftsbericht erstattete dann der Vorsitzende Dr. Conr. Schmidt. DaS neue Spicljahr soll am 31. August im Metropol-Thcater mit Ibsens„John Gabriel Borkmann" unter Regie des Herrn Steincrt beginnen. Der Vorsitzende beschäftigte sich schließlich noch mit dem wiederholt erörterten Antrag, die Theaterhefte bereits vor der Aufführung in de» Zahlstellen herauszugeben. Man sei sich darüber klar geworden, daß das möglich sein würde, wenn nian das Heft obligatorisch machte. Um eine Schädigung der Mitglieder zu vermeiden, die bisher ein Heft mit andren teilten, könne das Heft zu 5 Pfennigen abgegeben iverden; indessen, das sei nur möglich, wenn gleichzeitig auch die Garderobe obligatorisch würde, und die Garderobenmarke zu 10 Pf. ebenfalls mit dem Hefte in den Zahl- stelle» gelöst würde, was auch die Abgabe der Garderobe wesentlich erleichtern würde. Es würden somit für beide Leistungen lb Pfennige bei Bezahlung der Beiträge in den Zahlstellen z» ent- richten sein. Diese Anregung wurde lebhaft diskutiert und schließlich einstimmig beschlossen, den Vorstand z» ersuchen, eine vorläufige Um- frage bei allen Mitgliedern zu veranlassen.— Der Kassen- b e r i ch t für das 2. Quartal ergab eine Einnahme von 2g 018,03 M. und eine Ausgabe von 22608,84 M., also einen Bestand von 0451,24 M. Dem Kassierer wurde Decharge erteilt und Fritz Karl als Obmann der 8. Abteilung gewählt. Der Verband deutscher GastwirtSgehilfc»(Ortsverwal- t n n g Berlin) hielt seine Mitgliederversaimnlnng am 4. Juli ab. Die Versammlung beschloß nach einem Vortrage des Verbands- Vorsitzende» Pötzsch mit allen auf Grund der Verordnung z» Gebote stehenden Mitteln in Gemeinschaft mit andren gaftivirtschaftlichen Gehilfenorgauisationen den Kampf gegen das St'elleuverniittlertum aufzunehmen. Vom 1. Oktober er. ist vor allem darauf zu achten, daß Stelle»Vermittler nicht gleichzeitg Ga st Wirte sein dürfen. Müller legt krankheitshalber seinen Posten als Schriftführer nieder und wird an dessen Stelle Lenz geivählt. Das Mandat Volkmuts wurde als erloschen erklärt und statt seiner Großer gewählt. Der Arbcitervertrcter- Verein hielt am Donnerstag seine Monatsversammlung ab, in der der Bericht vom Gemerkschafts- kongreß, die Organisation der Arbeitervertreter betreffend, entgegen- genommen wurde, und der Autrag des Vorstandes auf Auflösung des Vereins zur Beratung stand. Simanoivski berichtet über die Verhandlungen, die mit der einstimmigen Ablehnung der Vorlage, die eine Centralisicrnng der Arbeitervertreter herbeiführen sollte, endigten. In der recht lebhaften Diskussion sprachen Dähne und Ahreus im Sinne des Kongreßbeschlusscs. Wiesncr, Albrccht und andre Redner machen den Delegierten, die Mitglieder des Vereins sind, den VoNvurf, daß sie nicht für den auf dem Gcivcrkschafts- kongreß eingebrachte» Entwurf gestimmt haben. Warnst begründet anschließend hieran den Antrag de? Vorstandes auf Auflösung des Vereins. Die Auflösung des Vereins werde bedingt durch den Beschluß des Kongresses. Zu diesem Antrage sprechen Gutheit, Dähne, Noack, Wiescner, Kranz und Kcrstcn. In den AnSführungen wird betont, daß der Antrag des Vorstandes wohl einer Mißstimmung entsprungen sei, die die nutzlose Ausarbeitung des Statntenenlwnrfs hervor- gerufen habe. Sie sind für Fortbestehen des Vereins, wenigstens noch so lange, bis die Organisation ff, mwrer Weise geregelt sei. Durch den Schluß der Debatte konnten die Anhänger der Auflösung nicht mehr zum Wort komme». Die Abstimmung ergab die Ab- lthnung der Auflösung._ Briefkasten der Redaktion. Die lurlsilschc Zprechlmube findet täglich mit An? nähme de? Sonnabends von 7>/z bis i>'/- Uhr abends statt. E. N. 13. In jedem gröberen Jnseratelibureail wird Ihnen bereit- willigst Einsicht in ein Verzeichnis sämtlicher in Deutschland erscheinenden Zeitungen gestattet. Dort werden Sie sicherlich auch Zeitschriften der von Ihnen benannten Art finde». H. H.il Das Projekt der Wetterführung der Stadtbahn nach Biesdorf wird von den Interessenten lebhaft zu fordern gesucht. Mit dem nun gesicherten Bau des Magcrvirhhoss Friedrichsseld« hat das Projekt wohl Aussicht auf Er- folg, die Weiterführniig mag zur Zeit der Eröffnung des Viehhofes, etwa 1S04, zu stände kommen. Die Terrainverhälwiffe sind uns nicht bekannt, doch hat die Spekulation schon weit über Biesdorf hinaus eingesetzt. Zwei Wettende. In der Orts-Kranlenkasse sind im Vorstand und in der Gcncrawersaüimlmig die Arbeiter zu zwei Drittel, die Unternehmer zu einem Drittel vertrete». vttlv. 1. Der Vormund hat die Alimente clnznklagen. Ersiillt er seine Pflicht nicht, so können Sie sich beim VormundschaftSgericht beschweren. 2. In vier Jahren kann Verjährung eintreten.— W. H. 30. Wenden Sie sich an den Magistrat, Abteilung für Invalidenversicherung, Breitestrabe 24, mit dem Antrage, das Nachkleben herbeizuführen. In Ihrem Fast mubte geklebt werden, da nach Ihrer Darlegmig für die Nenn- gung bezahlt wurde.— Zltter Nbonneiit F. 1. und 2. Wenden Sie sich an einen dortigen Rechtsanwalt, da diese Fragen ohne Kemitiiis der Klage und Ihres Teilhaber- Vertrages nicht zu beantworten siod. 3. Solcher Akt wäre ungültig, gleichviel welche Form er erhält. Chorlottenbnrg K7. Eine Klage hätte wenig Aussicht auf Erfolg. Zuständig wäre das Amtsgericht, nicht das Wewerbegericht.— Ernst S. Die Aussichtsbehörde ist der Magistrat, Stralauerstr. 3-6. Eine Beschwerde hätte aber wenig Aussicht ans Erfolg.- R. B. Im Klagefalle würden etwa 12—20 M. monatlich als angeniessen erachtet werde». Nachzuzahlen wäre nur, soweit thatfächlich für die vergangenen Monate nicht gezahlt ist. Die Entbmdnngs- und Sechswocheiikosten sind»och nicht verjährt. Diese haben Sie der Mutter, nicht dem Vormund zu erstatten.— Letzter Dreier. Wiederholt ist an dieser und andren Stellen des„Vorwärts" dargelegt, dafe nichtöffentliche Lustbarkeileii weder einer Genehmigung, noch einer Anmeldung bedürfen und auch einer LustbarkeitSsteuer nicht unter- liegen. Das gilt für die gesamte Monarchie. Die Frage, ob eine Lustbarkeit eine öffentliche ist oder nicht, ist von Fall zu Fall zu entscheiden. — P. ttttS. Ja, cm Formular zu einer Ladung zum Sühneocrsuch finden Sic auf S. 226 Nr. 26 des dem Arbeiterrecht beigefügte» Führers. DaS Buch liegt in den öffentlichen Lesehallen aus.— M. R. 13. 1. Nein, eS ffnd bei weitem zu wenig Marken geklebt, 2, Ja. 3. Durch 1 erledigt. 4. Ja.- O. N. Schönberg. P. 43. A. M. IKK. Ja.- Lithograph. Nein, weil die Alimentenhöhe bereits durch Urteil feststeht.— Zl. Sch. 18. Der Wirt war berechtigt, Zahlung der Miete bis zum Ab- lauf der MielSzeit zu verlangen und die Möbel zurückzubehalten. Durch Fortschaffung der nicht unentbehrlichen, der Pfändung entzogenen Möbel gegen den Wille» des Wirts würden Sie sich strafbar machen.— S. B. Iii«. Schönhvlz IVO. Nein.- M W. Leider ist eS zu spät. — P. B.. Ehorinerftr. Ihre Anfrage ist ohne Kenntnts des Statuts der betreffenden Krankenlnsse und des Vorfalles selbst nicht zu verstehen. Legen Sie den Worfall selbst dar und fügen Sie die Statuten bei.— I. it. 6. Nein. Die Unzulänglichkeit zur Zahlung der Miete giebt dem Mieler nicht das Recht, einseitig vorn Vertrage zurückzutreten. Der Mieter haftet sür die ganze Zeit der Vertragödauer.— A. F. L. Die ratenweise Zahlimg der Kosten für die Krankenpflege Ihres Kindes würde Ihr Wahl- recht nicht aufrecht halten. Teilen Sie deshalb der Arniendirektw» kurzer Hand mit: Ich bestreite eine Verpflichtung zur Zahlung des von mir ge- forderten Betrages.- Fra» 31. E. Jawohl. Wird die Vorzetglliig verweigert, so müßte» Sie sich an das Gericht wenden. Für de» Jniml» der Jnsernre liberiiinimt die Siedattio» dein Publik»», gegenüber keinerlei Vernntivortiiiig. Ällirntev. Sonntag, den 6. Jult. Skcnes Opern. Dbenter(Kroll). Piro Kilver Llimier(Der silberne Pantoffel). Anfang Tf,»hr. Montag: Der Bettelstudent. Im Liederspielhaus: Offenbach- Ctzklus.(Regtmentszaubcrer.— Dorothea.— Die Hanni weint— der Hallst lacht. Anfang 8 Uhr. Montag: Dieselbe Borstellmig. Weste». Der arme Jonathan. An- long?>/, Uhr. Nachmittags zu halben Preisen: Der Freischütz. Montag: Zar und Zimmermann. Dtetropol.(Morwitz-Oper.) Tra- viata. Anfang 8 Uhr. Montag: Die verkaufte Braut. ?trne». Ledige Leute. Anfang 7>/. Uhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Ecntral. Tolle Mitbürger. Ansang 8»hr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Vrlte.Sltlianre. Die Dame aus Trouville. Hieraus: Er. Anfang 8 Uhr.. Montag: Dieselbe Vorstellung. tzarl Weist. Gefallene Mädchen. Anfang 8 Uhr. Nachmittags 3 Uhr: Kabale und Liebe. Montag: Die Viper. »ricdrich-WilhetmstädttscheS. Der Zerrissene. Ansang?>/, Uhr. Montag: Dieselbe Borstellung. »pollo. Lysistrata Speciatiläten- Vorstellnng. Anfang 7>/, Uhr. Montag: Dieselbe Borstellmig. Wintergarten. Speclalitäten-Vor- stellimg. Anfang?>/, Uhr. Rrtchsstalle». Stettiher Sänger. Ansang 8 Uhr. Passage- Theater. Speclalitäten- Vorfleltiiiig. Aiisang nachmittags 6 Uhr. Passnge. Panoptlkiim. Spectalt- iäumVoistellung. Utauia. Tanbeustr. 18/10.(J»i Theatersaal.) Abends 8 Uhr: Die deutsche Ostseeküste. Moutag: Dieselbe Vorstellung. J,,v»libenst>»ste 57/0£. Täglich: Ster» warte._ yrama. Tauben-Strasse 48/49. Im Theater um 8 Uhr: Die deutsche Montag: Dieselbe Vorstellung. Vater«Ich Tilndca 08a. Klngaiiz; Hchadowittr. 14. Heute Sonntag Eintrittspreis: &sr so pf. Beichhaltigste Ausstellung der Welt an lebenden boetioren, Beptilien etc. Heute, enter Sonntag Im Monat: Entree a Person£5 Pfy. Ab 4 Uhr nachmittags: Grosses Militär-Konzert ausgeführt von 8 Mnwlkcory. c arl Weiss-Theater. Groste Fiaiikfiirterstr. 132. Nachmittags 3 Uhr kl. Preise. Gast- spiel von Frau Clara 8utre: Kabnle itub Liebe. AbendS 8 Uhr: Gefallene Mädchen. Morgen: vi« Vlpsr. Im Garten: Vorstellung. Auf. 4 Uhr. Wintergarten. Im üusserst amüsant. Juli-Programm: Otto Iteiitter. „Das Mädchen mit dem gold. Haar" und 16 andre brillante Speclalitäten. Heute, de» 6. Juli, Ansang 8 Uhr. Zum 10. Male:-WuS Tolle Mitbüegev Gesangspoffe in 4 Akt v A. Schmasow. Musik uou Kurt Goldman». Montag: Tolle Mitbürger. ItiGtsOIKli-IIlGiltks Anfang 8 Uhr. JHorwitx-Oper. Sonntag: Franceschina Prevosll. Ti'avluta. Montag zum erstenmal: Oic verkaufte Braut. pienstag: Vorletztes(iastspiel. France, ehlna Prcvosti. Der Barbier von SovUla. CASTANS Panoptikum Frledrlch-Strasse 165. König Eduard Vil.« Königin Alexandra im Krönungs-Ornat I Neu! Biesen-Projektions- bilder aus Lo ndon mit erläuterndem Vortrag. V rater-TIMel Ka stau ken- Allee 7—9. Otg" Täglich:"TOS lauiciiD iinh eine Nacht. Phantastisches Märchen in 3 Abteiig. vmi Hugo Schutz. Ballettges. Catrlnl. 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Bock.j Täglich: Gr. Konzert, Theater- u. Specialitäten-Vorstellung{ Jeden 1. und 15. d. Monats; Wechselndes Programm 1 Donnerstag: Ullte-Tnar. »VUbulM Allerlei Theater DOT* früher Pnhlinuiin"WlL Schönhauser Allee No. 148, SGhwGizGr CaitGii Aiu KtfnlffMthor 42021'» Am Frlcdrlclishaln Belle-Alüanee-Theater. Bei günstiger Witterung auf der Gartenbühue. Bei uligüiistiger Witte- nutg im Theater: „Sic Same ans wuM". Hictauf:„Gr". Anfang 8 Uhr. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorsiellnug._ W. Noacks Theater. Brunnenstrabe 16. Wich Theater- u. Stittill- litiittlt-MßtöW. Rosen und Dornen. Bittlest« mit Gesang u. Tanz in 2 Akten. Im Saal: Bernhard Rose-Theater Gesitiidbrniine». Badsttatze Nr. 58. Täglich: DaS groftarttge künstlerische Juli- Programm.— Clara Antonl vom Apollo- Theater. Moll» Veroh, der lustige Kobold. Schmidt Hatvklus, der drosttgste Komiker der Gegenwart. Willy' Agoston, das verrückte Gent« tu Berlin auf Stelzen. Anfang 4 Uhr. Entree 30 Pfennig. Rafseekuche. 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Kompoiiiflen-Kongreh. An fang 4 Uhr— Eulree 30 Pf. Reichs hallen. Täglich StcttiiierSUnger. Anfang: Wocheulags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Tageskasse 11— l'/zUhr DeuWer Dolzarhetter- Verband. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege(Tischler) Tranx Ältendorf am 4. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonn» tag, de» 6. d. M., nachm. 4 Uhr, vom Krankenhause Moabit nach dem Fried- Hof der Friedeiisgemeiiide in Nordend statt. Um rege Beteiligung ersucht 85/16 Die Ortsverwaltnng. Ventscher Dolzarbetter-Verband. De» Ntitgliedem zur Nachricht, daß der Kellege Emst Hildenberg (Tischler) am 4. Juli verstorben ist. Die Beerdigung findet am Mon- tag, den 7. d. M., nachmittag 3 Uhr, aus dem Gcmeiude-Frtedhof zu Lich- tenberg statt. Uin rege Beteiligung ersucht 85/1? Die OrtSvertvaltun«. Cmicordia-Sarte!). Lichtenberg, XSTt Jeden Sonntag: 3 verdeckte Kegelbahnen. Kaffeeküche von 2 Uhr an geöffnet. 4534 tt*) H. Punltsow, Gastwirt. 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Jeden Sonntag: Clre-iuer Ball unter Leitung des Tanzlehrers Herrn Otto Wildauer.— listtse- küche.— Kegelbahn.— Ausspannung.— Saal für Vereine und Versammlungen. 44322« Wo? Wie? Was? Wo ist jeden Montag, Mittwoch, Donnerstag, Sonnabend großer Ball? Wo herrscht die größte Gemütlichleit? Wo ist der schönste Damenflor? Wo finden wir die GratiS-Verloiung? Wo ist die schneidigste Tanzmusik? Wo wstet das Töpfchen 15 Pf.? Und wo ist für Herren und Damen Entree und Tanz frei? 45772« Nur im BuxllueNeu Garten, Alexauderstr. 27c. bei Hoffmann. ZaUiDlk. Olga Jacolison. Sr.« Nr Nmine. Im Juli, August habe meinen Saal und Garten zur Veranstaltung von Sommerfesten noch frei. f4493L« Frau Cla. Tlieel. Große Frankfurterstr. 86. Achtung, Vereine! Zwei Vereinszimmer zu 40 und «0 Personen zu vergeben. Ausschant von echt Schultheiß. 43982« F. Wegner. Löwestr. 21. Schultheiss 4/io Ausschank zu verkuuseu. B. Flege, Hussitcustrafte 44. 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Den Saalabtreibereien und Verweigerungen gegen- über, die in Berlin teilweise noch versteckt, in den Vororten dagegen offen betrieben werden, bleibt uns kein andres Mittel übrig, als die Lokalsperre! und diese dort, wo nötig, durchzuführen, muff das Bestreben aller Parteigenossen sein. Arbeiter, Parteigenossen, besucht daher bei Ausslügen, Vergnügungen ec. nur solche Lokalitäten. welche auf d e r L i st e verzeichnet stehen. Vor allen Dingen erwächst aber den Vorständen von Arbeitervereinen die Pflicht. beim Abschluß von Festlichkeiten und Partien auf das strengste die neue L o k a l l i st e zu beachten. Die Vorstände wollen in solchen Fällen auch darauf sehen, daß in den Verträgen mit dem Wirt eine Klausel Platz findet, ivonach für den Fall, daß das Lokal für Arbeiterverfanimlungen später verweigert werden sollte, der Vertrag seine Gültigkeit verliert. Verschiedene Vorkomme uisse der letzten Zeit lassen eine Bestimmung dieser Art dringend ratsam erscheine». Ebenso ist eS Pflicht der Vorstände und Komitees, dafür nach Möglichkeit zu sorgen, daß bei Mehrbedar � an Bedienungspersonal der Stellennachweis des Verbandes deutscher GastwirtSgehilsen.Ortsverwaltung Berlin An der Stadtbahn 39, I, Telephon-Amt 3 1813, Berücksichtigung findet. Thut ein jeder seine Pflicht, so kann der Erfolg nicht ausbleiben. Lokale, die keine Säle haben, sind sii den Verkehr frei. __ Die Lokalkommission. Parteispedition im S. Berliner Wahlkreis. Durch Beschluß der am 4. d. M. in der Berliner Bockbranerei tagenden Partei Versammlung tritt am 1. August für den 2. Wahl kreis die Parteispedition in Kraft. Ans praktischen Gründen kamen nur folgende Straßen in Betracht: Alcxandrinenstraße, Am Tempel hofcr Berg, Arndlstraße, Barutherstraße, Bärivaldstraße, Belle Alliancestraße, Bergmannstraße, Blücherstraße, Blücherplatz. Boeckh straßc, Boppstraße, Brandenbnrgstr. 1— 17 und 64—82, Camphausenstraße, Chamisso-Platz, Dieffcnbachstraße, Fichtestraße, Fidicinstraße, Friescustraße, Fürbringerstraße, Geibclstraße, Gitschinerstr. 1—113, Gneisenaustraße, Golßcnerstraße, Gräfestraße, Grimmstraße, Groß- becrenstraße 10—85, Hagelsbcrgerstraße. Hascnheide. Heimstraße. Hohenstaufen-Platz, Hornstraße, Jahnstraße. Johannitcrstraße. Johannistisch, Jiiterbogerstraße, Katzbachstraße, Kloedenstraße. Kopischstraße. Kottbuser Danim, Kreuzbergstraße, Lachmann straße. Lankwitzstraße, Lehninerstraße, Lichterselderstraße, Luise» llfer 47 bis Ende. Marhcineke-Platz, Maricndorfcrstraße, Mitten walderstraße, Möckernstraße, Moritzstraße, Müllenhoffstraße. Nostiz straße, Plan-llfer, Prinz August von Württembergstraße, Prinzen straße 1—16 und 103—119, Schenkendorfstraße, Schleiermachcr- straße. Schönleinstraße, Sedan-Ufer, Siboldstraße, Solmsstraße. Teltowerstraße. Tempelherrenstraße. Tempelhofer Ufer, Am Urban. Urbanstraße. Wartenbnrgstraße, Waterloo-Ufer, Wasscrthorstr. 1—76, Willibald Alcxisstraße, WilmSstratze, Aorkstraße 1—34 und 53—90, Zosscncrstraße, ZiiNichauerstraße. Die Geschäftsführung steht unter der Kontrolle der Genossen. vertreten durch eine fünfgliedrige Zcitungs-Kommission und dieVer traucnSleute. Wir richten an die Parteigenossinnen und Genossen die dringende Auffordening, eine recht eifrige Agitation für die Partei' spedition zu betreiben, um Abonnenten für die Partei- Z e i t s ch r i f t e n zu gewinnen. Die Parteispedition wird bemüht sein, so frühzeitig und pünktlich wie möglich den.Vor- Ivarts" und alle andren Partcischristen in die Hände der Abonnenten zn bringen. Die Parteispedition befindet sich vom 1. August an M i t t e n w a I d e r st r. 30, vorn parterre, beim Genossen Hermann Werner. Am Sonntag, den 6. Juli, vormittags 7 Uhr. geschieht die Auslegung der A b o n n e n t e n I i st e n zum Einzeichnen. Am Sonntag, den 13. Juli, werden die Listen wieder abgeholt. Alle Parteigenossinnen und Ge- nosse» werden dringend ausgefordert, in den bekannten Lokalen zur Hilfeleistung für die Verbreitung sich einfinden z« wollen. Die Vertranenslente. I. S.: Paul Scholz, Zossenerstr. 1. Zweiter KrelS. Die Parteigenossen werden gebeten, sich Sonntag früh 7V2 Uhr recht rege an der Flugblattvcrbreitung zu beteiligen und sich in folgenden Lokalen einzufinden: Werner, Hagclsbcrgerstr. 2, Borgfeld, Arndtstr. 35, T h o m s e n, Mitten- walder- und Gneisenanstraßen-i�cke, Fischer, Bocckhstr. 7. Linde- mann, Moritzstr. 9. Die Vertrauensleute. Der Wahlvercin für den vierten Berliner Reichstags Wahlkreis(Osten) hält Dienstagabend 8 Uhr, Große Frankfurter� straßc 117, eine Versammlung mit folgender Tagesordnung ab: 1. Vortrag des Abgeordneten Einil Rosenow über Heimatpoliiik. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Niedrr-Barnim. Das diesjährige Sommerfest der nossen desNieder-BarnimerNcichStagS-WahlkreiseS findet heute, Sonntag, im Schloß Weißensee statt. Das reichhaltige Programm, welches im Inseratenteil abgedruckt ist, wird auch die Berliner Genossen anregen, sich an-dem Feste zu beteiligen. Stralau. Am Sonntag, den 20. Juli, werden die Genossen von Stralau in Gemeinschaft mit den FriedrichSberger Genossen zum Besten der Agitation ein großes S o m m e r f e st in Schonerts Lokal Ncu-Seeland sStrala») abhalten. Da für ein reichhaltiges Programni gesorgt ist, bitten die Genossen um recht rege Billetabnahmc� Das Komitee. Wahlverein für Maricudorf und Umgegend. Dienstag- abend 8»/» Uhr findet bei Adel. Tempelhof, Germania- straße l. eine Versammlung statt. Genosse Dr. Borchardt wird einen Vortrag Über Arbeitslosen-Versicherung halten. Schmargendorf. Dienstagabend 8'/s Uhr hält der Wahl- verein im„WirtLhauS Schmargendorf", Warncmündcrstr. 6, eine Versammlung ab, in der auch Gäste Zutritt haben. Tagesordnung: Die Beteiligung an den preußischen LandtagSwahlcn. Lichtenbcrg-FriedrichSbcrg-Wilhelmöberg. Der Wahlverein ersucht seine Milglieder. am Montagabend um 8'/s Uhr in den Bezirkslokalen vollzählig zu erscheinen. Die Bezirkskassierer werden dort Beiträge cntgegennehmen und neue Mitglieder zur Aufnahme vornierken.— Die nächste Wahlvercins-Versamnilung findet am 22. Juli statt. Genosse Dr. L. A r o n s wird über die Technik deS preußischen LandtagS-WahlrechtS unter besonderer Berücksichtiguag der Verhält- »iffe i» Lichtenberg und dem Kreise Niedcr-Barnim sprechen. Der Vorstand. . Wahlvercin Bezirk Pankow. Dienstagabend 8»/? Uhr Mit- g l i e d c r v e r s a m m l u n g bei Großkurt. Bcrlinerstr. 27. Vortrag deS Stadtv. Theodor Metzner- Berlin:.W a s ist Religion und iver hat Religion? Gäste willkommen. Königs- Wnstrrhause»- Wildau? Heute nachmittag 4 Uhr findet im Lokal von Wedhorn, altes SchützenhauS, eine Volks- v e r s a m m l u n g statt, in i welcher Reichstags- Abgeordneter Rosenow über„Die Socialdemokratie, die Agrarier und die länd- liche Arbeiterbevölkerimg" sprechen wird.' UakAles. Wenn cö zu regne» anfängt. Wenn eS zu regnen anfängt, dann bewirkt das stets ein großes und allgemeines Aussehen. An sich ist ja ein Regen bei unS zu Lande gewiß nichts Ungeivöhnlichcs— in diesem regenreichen Sommer noch weniger als sonst— aber sobald die ersten Tropfen fallen, können es sich doch immer wieder nur wenige Menschen ver- sagen, das ausdrücklich hervorzuheben.„ES regnet I",„Wirklich, eS regnet!*„Ja, wahrhaftig, es regnet l' so schallt eS von allen Seiten, als handle es sich um ein Ereignis von größter Seltenheit, und wenn irgendwo eine Gesellschaft von einem Dutzend Personen zw sammensitzt, dann darf man mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, daß nach einander aus beinahe ebenso vielen Kehlen die Thatsache, daß eS regnet, laut und vernehmlich konstatiert wird. Ein Regenguß ist nun allerdings auch keine ganz gleichgültige Sache. Wenn es in Berlin zu regnen anfängt, dann bricht au den Straßen— besonders bei unerwartet eintretendem Regen— jedesmal eine kleine Panik aus. Eine allgemeine Flucht beginnt dann unter denen, die sich nicht vorsorglich mit einem Regenschirm bewaffnet haben, ein wildes„Rette sich, wer kann", bei dem jeder so rasch wie möglich— wenn's sein muß, unter kräftigem Gebrauch seiner Ellenbogen— einen Straßenbahnwagen oder eine Droschke, eine Hausthiirnische oder sonst ein schützendes Dach zu gewinnen sucht. Auch bei einem so plötzlich einsetzenden Regenguß glauben viele Leute ihre Mitmenschen oder sich selber im Zwic- oder Selbst' gespräch noch besonders auf den Regen hinweisen zu sollen, der bereits auf sie herniederklatscht. Noch im Fortrennen rufen sie:„Es regnet I Verflucht, es regnet I" Die Ausnahmemenschen, die selbst durch einen Wolkenbruch nicht ans der Fassung gebracht werden, sind dünn gesät. Mit am geduldigsten lassen einen Regenguß diejenigen über sich ergehen, die sich den Tag über meist auf der Straße befinden und hier ihrem Erwerb nachgehen: die Kutscher, die Dienstmänner, die Straßenfeger, die Geschäftsdiener, die Botengänger usw. Wer so wie sie, zu jeder Jahreszeit Tag für Tag von früh bis spät den Launen des Wetters ausgesetzt ist, der erwirbt mit der Zeit jenen gelassenen Gleichmut, jene philosophische Ruhe, die dem Regen gegenüber wirklich die einzig richtige Gemütsverfassung ist. Was soll er auch andres thun? Er muß aber weiter, und wenn es mit Kannen gösse. Die Ruhe des Philosophen ist auch für andre Leute ein gutes Mittel gegen die Launen und Tücken dieses wettcrtvcndischen Sommers. Sie ist mehr wert als der widerstandsfähigste Regeir schirm. Wer sich mit ihr wappnet, der wird, selbst wenn er sich eben anschickt, seinen Sonntagsausflug zu machen, nicht außer Fassung geraten, falls eS in genau demselben Augenblick wieder einmal an- sängt zu regnen. Ferienreisen. Der Verkehr auf den Fernbahnhöfen erreichte gestern seinen Höhepunkt. Vom Anhalter Bahnhof allein gingen von morgenS �s8 bis abends 8/4il Uhr 37 Durchgangs«, Schnell Vor- und Nachzüge ab, welche den Verkehr mit Sachsen, Bayern, Thüringen, zum Teil auch mit dem Rhein ec. zu vermitteln haben. In den fünf Viertelstunden von 7� bis S44 morgens mußten nicht weniger als zwölf bis auf den letzten Platz gefüllte Schnellzüge abgefertigt Iverdcn, die sich in Abständen von sechs und mehr Minuten folgten. Die gesamte Beamtenschast war in fieberhafter Thätigkeit, dem Ansturm gerecht zu werden. Der Sonderzug nach München war etwas schwächer besetzt als der vorgestrige. Von 963 Fahrgästen entfielen 483 ans die II. und 580 auf die III. Klasse. Der Zug konnte so in zwei Teilen gefahren werden, die L84 und O44 abgingen. Auch für den P o t s damer Bahnhof war wieder ein Sonderzng in ztvei Teilen 784 und 748 abends nach Frankfurt, Basel ec. vorgesehen. Nicht weniger als 113 Fernzüge verschiedenster Art mußten an dem einen Tage auf dem Stettiner Bahnhof abgefertigt werden, eine Aufgabe, die nicht wieder so leicht irgend einer Bahnverivaltung in der Welt gestellt werden dürfte. Die Leistung ist um so großer, als 'ast sämtliche Reisenden von ihrer Berechtigung, Freigepäck mitzu- nehmen, Gebrauch machen. Es ist anzunehmen, daß mit diesen Zügen gegen 25 000 Personen Berlin allein ans diesem Bahnhof am Soiin abend verlassen haben. Achnliche Verhältnisse herrschenjaufdeniL ehrter, dem G ö r l i tz e r, sowie ans sämtlichen Bahnhöfen der Stadt bahn. Da müssen selbstverständlich überall besondre Pläne und Uebersichten angefertigt werden. Genaue Bestimmungen sind über die Gestellung der Beamten, der Wagen, die Verteilung der ein- zelnen Züge ans die verschiedenen knapp bemessenen Geleise zn treffen. Das alles erfordert eine Arbeit, von welcher der Reisende, der mehr oder weiiigerstiequeiii, aber jedenfalls sicher und behaglich seinem Reise- ziel zugeführt tvird, kaum eine Ahnung hat. Am 3. Juli morgens verließ die größte Zahl der Ferienkolonisten Berlin. Ein vom Stettiner Bahnhof abgelassener Sondcrzug sowie einige Wagen der 'ahrplanmäßigen Züge brachten 1204 Kinder nach Mecklenburg und an die Scetüsten. Die bewunderliSwerte Organisalion deS Berliner Vereins für Ferienkolonien ließ die Beförderung dieser großen, im Reisen ungeübten Äinderscharcn ganz glatt verlaufen. Ein einziges Kind nur fehlte, alle andern waren pünktlich zur Stelle, ohne jedes Drängen und Hasten kam jedes an seinen Platz. Der Bau dcö Teltow- Kanals ist nun auch an seinem ö st- lichen Ende, der Einmündung in die Dahme, in Angriff ge- nonnncn worden. Zunächst werden die lleberführungen der Görlitzer Bah», der neben dem Bahndamm herlaufenden Chaussee Grünau- AdlerShof. sowie der sich an der Dahme hinziehenden Chanssee Grünau-Köpenick ausgeführt. Bis zur Beendigung dieser Brücken- bauten werden bei Grünau die Geleise der Görlitzer Bahn bezw. die Chansseen im Bogen um die KrcuzungSpunktc herumgeführt. Gegenwärtig werden auf der AnSweichesirccke der Görlitzer Bahn die Geleise gelegt. Die Ausweichestrecke der Chanssee Grnnan-AdlcrShof wird in Kürze zur Benutzung fertig sein; auf der Chaussee Grünau- Köpenick hat bereits mit dem Brückenbau begonnen werden könne». Vergrößerung der Irrenanstalt Dalldorf. Der Berliner Magistrat beabsichtigt, zum Zivecke der Vergrößerung der städtischen Jrrciianslalt zu Dalldorf dort ein ausgedehntes Terrain zn erwerben. ES sind mir einem ani Charlottenburger Weg wohnhaften Grund- besitzer Verhandlungen bchnfS Ankaufs geeigneten TcrrainS ein- geleitet, die voraussichtlich Erfolg haben werden. Auf dem z« er- werbenden Gelände soll die Vergrößerung der Anstalt in der Weise vorgenommen werden, daß darauf im nächsten Sommer eine so- genannte„Kolonie" der Anstalt, d. h. ein besonderes Gebäude für Epileptiker errichtet wird. Die Anstalt enthchrt bisher trotz ihrer großartigen Anlage eines solchen nur für weibliche Personen bc- linnnten, außerhalb der eigentlichen Irrenanstalt gelegenen Gebäudes, während am Südwest-Ansgange des Dorfes Dalldorf für männliche Patienten eine besondere„Kolonie" von Epilektitern unterhalten wird. Die Irrenanstalt würde sich nach Fertigstellung der neue» Bau- lichkcitcn bis an den Dalldorf- Charlottenburger Weg heran er- 'trecken. Für den ErwctternngSba» dcö städtischen FriedrichS- WaiscuhanfeS in der Alten Jakobstraße 33 werden jetzt die von .der Stadt Berlin erworbenen Nebenhäuser 34 und 35 abgerissen. Auch das große Fabrikgebäude hinter dem zuletzt genannten Hause wird abgebrochen. Waisenhaus und Kindcrasyl, die jetzt schon ziem- lich nahe bei einander liegen, werden in Zukunft in uiiinittelbarer Verbindung stehen, DaS ehemals Geberschc Jndustriegcbände in der Kom- mandantenstraße, das erste und älteste Haus dieser Art in Berlin, soll einem Neubau modernsten Stils Platz machen. Es wurde Ende der sechziger Jahre errichtet, und zwar benutzte sein Bauherr die starken Mauern der Kaserne des Kaiser Franz-Garde-Grcnadier-Re- giments, welche sich früher an dieser Stelle erhob. Man verwandte in sehr geschickter Weise so viel von der alten Kaserne, als nur irgend möglich' war, und brachte einen Bau zu stände, der für die damaligen Zeiten eine Sehenswürdigkeit war. In dem an der Ecke der Benth« straße gelegenen Teil des Jndustriegebäudes wurde daS erste Wiener Cafö errichtet. WaS ans einem Pferdestall werden kann. Man schreibt unS: In der letzten Stadtverordneten-Versammlung wurde unter andern Vorlagen auch dem Verkauf des städtischen Grundstücks Große Frankfnrterstr. 120 an den Verband der Berliner Milchhändler-Genossenschaften die Zustimniung erteilt. Auf dem Grundstück Große Frankfnrterstr. 120 hatte die Stadt Berlin vor langen Jahren, ehe noch das jetzige Ab- kommen über die Koste» der Berliner Polizeiverwaltung bestand, große Stallungen für die Pferde der Schutz- Mannschaft erbaut. Diese Baulichkeiten standen seit dem Neubau des Polizeipräsidium vollständig leer und die Rentabilität deS Grundstücks war eine minimale. Die zu einem Verband neu zusammen- geschlossenen Genossenschaften der Berliner Milchhändler haben in- zwischen herausgefunden, daß gerade diese baulichen Anlagen des Grundstücks eine sofortige Verwendung desselben für die Zwecke der Milchprodnktion zulassen, und insbesondere die schleunige Anfnahme der Produktion von Kinder« und S ä n g l i n g s m i l ch ermöglichen, wie solche in der letzten Zeit von den ver- schiedensten Stellen angeregt worden ist. Voraussichtlich werden in kurzer Zeit, nach Ausführung eines eiligen Umbaues, mehrere huudert Milchkühe den Platz einnehmen, der vor Jahren für die Pferde der Schutzmannschast bereitet worden ist. Das Unternehmen der Milchhändler-Gcnosscnschaften bezweckt in erster Linie die Produktion nicht von gewöhnlicher Milch, sondern von Kinder- und S ä n g l i n g s in'i l ch. Für die Genossenschaften der Milch- Händler war die Möglichkeit, eine billige Kindermilch liefern zu können, in der letzten Zeit um so dringender geworden, als die ver- schicdenen, in Berlin bestehenden Krankenkassen sich seit dem Bündnis der Meierei Bolle mit dem Milchring grundsätzlich dazu entschlossen haben, die Lieferungen für ihre Mitglieder an den großen Milch- häudlerverband zu übertragen. Die Gasautomnte». Geradezu riesenhaft ist die Steigerung des Gasverbrauchs durch Automaten im ersten Quartal dieses Jahres gewesen. Während der Verbrauch von städtischem Gas nur um 44/» Proz. gegenüber dem gleichen Zeitraum des vorigen Jahres ge- stiegen lisV ist der durch sogenannte Münzmesser(Automaten) von 8138 Kubikmeter auf 196820 Kubikmeter, das heißt um 23Tv er fen und auszurotten. Bei diesen Worten erhob sich der Über- »vachcnde Polizcilicntenant und erklärte die Bersammlung für auf- gelöst. Bei der Räinnung dc§ Saales kam es zu einem Zusammen- 'toß zivischen Antisemiten und socialde»nokratischcn Arbeitern. Auch aus der Straße gab es erregte Auscinandersetzungen zivischen den Anhängern des Grafen Piickler und seinen Gegnern. Graf Pückler hatte in Begleitung eines zlvciten Herrn eine» Taxameter bestiegen. kaum hatte' sich jedoch der Wagen in Belvegnng gesetzt, umringte eine nach hnndcrten zählende Menschenmenge drohend das Gefährt. Man hörte»vicderholte Rufe:„N i c d e r in i t Pückler I"„H a n t � den Dreschgrafen, er hat die Arbeiter beschimpftl" Runter mit dem Junker!" Vereinzelte Hochrufe ans den Davonfahrenden»vurden von dem Lärm der Massen, die dem Wagen zu folgen suchten, übertönt. Heiterkeit erivecktc die Bemerkung: Laßt ihn doch erst das Eintrittsgeld in Sicherheit bringen, ist ja doch die Hauptsache I" soivie an Pückler gerichtete Frage:„Herr raf. haben Sie nicht dcn klcinen Cohn gcsehn?" Eine Vorstellung des Grafen Pückler mag ja immerhin ihre 20 Pf. »vcrt sein. Ob Arbeiter ihr Geld aber»licht dennoch nützlicher an- »venden können, lassen»vir dahingestellt. Die Angelegenheit des seit dem 5. April vcrschivundcncn Uhrmachers Theodor L e b a h n hat sich aufgeklärt. Der Bruder des L. las zufällig eine kurze Zeitungsnotiz, daß bei Freien» »valde die Leiche eines älteren Mannes aufgefunden»vurde, dessen Taschentuch mit den Initialen Dd. I-. gezeichnet ist. Sofort fuhren � der Bruder und Schiviegersohn Lebnhns»ach Frcienlvaldc, Ivo sie erfuhren, daß der Tote bercilS seit vierzehn Tagen begraben»var, daS heißt man hatte L. ohne weiteres mit Kleidern eingescharrt, dort, Ivo man ihn gefunden hatte. Auf dem Polizeibnrcau hatte man ein Portemonnaie abgegeben, das neben der Leiche »eleaen hatte und in dem sich 11 M. und ein Zettel mit der Auf- christ„Theodor Lebahn" befanden. Nach den Angaben.des Freien» »valdcr Arztes hat sich L. erschossen. Man fand ihn in kniccnder Stellung, niit dem Antlitz nach unten und die reckte Hand gegen die Brust gehalten, den Revolver in derselben, vor. Das Motiv zu der That ist in einer schiveren Gemiitsdeprcssion zu suchen, in der sich L. infolge schlechten Geschäftsganges befand. Seine Tochter und sein Bruder haben sofort Schritte zur Exhumierung und Ueberführung der Leiche eingeleitet. Zu dem Selbstmord des Möbelpolierers Vogel, worüber wir Mittivoch berichteten, wird uns von der Witwe mitgeteilt, daß die Familie sich nicht in besonderer Notlage befunden habe, auch habe Vogel keinerlei Zwist mit seinem Sohne gehabt. brand aus, der verschiedene Bodenkammern ergriff. Hier hatte die Fenerlvehr längere Zeit zu thun, um das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. In der Zeughofstr. 7 war in der im vierten Stock des QuergebäudeS belegenen Telegraphen-Bauanstalt von Stock u. Co. ein Feuer ausgekommen, dessen Ablöschung jedoch bald erfolgen konnte. Außerdem erfolgten noch Alarmierungen nach der Annen straße 14 und der Landsbergerstraße 6. Zu der Rettung cineö nengcboreucn Mädchens vor dem Tode des Ertrinkens wird mitgeteilt, daß das Kind nachträglich im Krankenhanse doch noch gestorben ist. Die Todesursache ließ sich durch den Augenschein nicht feststelle». Die Leiche wird daher dem Gericht zur Oeffnung übergeben, damit für den Fall der Er Mittelung der Person, die das Kind in die Spree geworfen hat, eine bestimmte Grundlage für das Strafverfahren gegeben ist. Der Sportpark Friedenau soll, wie dem.Teltow. Kreisbl. zufolge gerüchtweise verlautet, demnächst verlegt werden. Der Sport park liegt auf einem der Stadt Berlin gehörigen Terrain, das an die Sportpark-Gesellschaft verpachtet ist. Diesmal soll die Stadt den von drei zu drei Jahren laufenden Pachtvertrag nicht zu enieuern beabsichtigen. Zur Zeit sollen Verhandlungen schweben, wonach man plant, die Radrennbahn zwischen Nieder-Schöneweide und Johannis thal, dicht an der Chaussee auf dem sogenannten Fenn, neu zu er- richten. Durch Ucberfahren getötet wurde die 8 Jahre alte Tochter Erna des Holzhändlers Robe aus der Wienerstr. 58b. Das Kind spielte allein in der Nähe der elterlichen Wohnung an der Ecke des Görlitzer Ufers, während die Eltern glaubten, daß es sich auf dem Hofe befinde. Vor dem Geschäftswagen einer Kofferhandlung in der Stallschreiberstraße fiel es so unglücklich hin, daß ihm ein Rad über den Rücken ging. In der Wohnung der Eltern erlag es seinen Ver- letzungen. Ei» großer Dachstuhlbrand wütete gestern vormittag in der Münzstr. 10. Er breitete sich mit solcher Schnelligkeit aus, daß bei Ankunft der Wehr bereits der gesamte Dachstuhl des Vorderhauses ein Flammenmeer bildete. Der niedergedrückte Rauch hüllte die Münzstraße vollständig ein. Der Straßenbahnverkehr mußte auf längere Zeit gesperrt werden. Die Feuerwehr hatte Mühe, die be nachbarten Häuser zu schützen. Sie mußte über drei mechanische Leitern hinweg mit vier Schlauchleitungen den Brand bekämpfen und hatte fast vier Stunden zu thun, che sie den Brandherd wieder verlassen konnte. Das Haus ist schon wiederholt von Brände» heiin gesucht worden. Ob Brandstiftung vorliegt, konnte nicht niehr fest- gestellt werden, Iveil die Wehr einen zu ausgedehnten Brandherd vorfand. Der Dachstuhl des Vorderhauses ist vernichtet, auch haben die oberen Stockwerke durch Wasserschaden stark gelitten.— Kurz vorher erfolgten Alarmierungen nach der Linieiistraße 3 a und nach dem Kaiser Franz Grenadierplatz 3. In beiden Fällen hatte Benzin Feuer gefangen, ohne indes größeren Schaden zu verursachen. Arbeiter- Bilduugöschule Bcrli». Sonntag, den 13. Juli, Ausflug nach Nowawes-Wannsee, verbunden mit Besichtig«« der Webeschule in Nowawes. Abfahrt Wannsee- Bahnhof 9.� Ankunft Nowawes- Nenendorf 10 Treffpunkt für Nachzügler bis 1�/2 Uhr im Restaurant Gruhl, Priesterstraße, in Nowaives; von 4 Uhr ab im Restaurant Fürstenhof(Jnh. Krüger). Königstr. 40. Die Besichtgung der im Betriebe befindlichen Webeschule findet vormittags statt.— Mit vergangener Woche sind die Kurse zu Ende gegangen und tritt nunmehr die' Ferienzeit ein, während derselben bleibt in diesem Jahre die Bibliothek geschlossen zwecks Neu- Auflage des Katalogs. Wiederbeginn der Kurse Mitte Oktober.— Zum Ausflug ladet höflichst ein Der Vorstand. Die ucuc Jbis-Voliere deö Berliner Zoologische» Gartens, welche gegenüber dem neuen Vogelhause und neben dem Stelzvogel- Hause errichtet ist, hat den ungeteilten Beifall aller Freunde der Tier- weit gefunden. Die hier untergebrachten Vögel leben unter so günstigen Bedingungen und in so zweckmäßig eingerichteten Flug- räumen, daß sie sich sehr wohl fühlen und durch ihr lebendiges Wesen die Besucher erfreuen. Da ist es denn kein Wunder. daß viele Arten zur Brut schreiten. In der weiten, für die eigentlichen Ibisse und Löffler aufgebauten Voliere sieht man hier und da die sonderbaren Vögel auf den Nestern. Schon im alten Hause ivar ein merkwürdiger Bastard zur Welt ge< kommen, einem sehr ungleichen Paare entsprossen. Der Vater war ei» chinesischer Ibis, die Mutter ein japanischer Löffler. Dieser Vogel, der sich in das Blut zweier ganz verschiedener Gattungen birgt, hat sich min einem roten südamerikanischen Ajaja-Löffler an- gepaart. Das Nest ist fertig und zwei Eier iverden augenblicklich bebrütet. Vielleicht haben dann, wenn diese Mitteilungen veröffentlicht werden, die sonderbarsteil Riischlinge, ivclche die Welt je gesehen hat, frUrtt* Stn /£tKVt(T/i knappheit. sondern vor allein in der uiiverhältnismäßigen H ö h e 10 Uhr die Planeten Saturn und Jupiter beobachtet. Das Äing system des erstgenannten Planeten hat in diesem Jahre noch eine recht günstige Oeffnung der Erde gegenüber, so daß schon kleinere Fernrohre die Ringe zu erkennen gestatten, während die Teilungen des Riugsystems, der Schleierring und die Monde, nur in licht starken Jiistrnmenten gesehen werden können. Als beträchtlich hellere Objekte erscheinen die Trabanten des Jupiter, zu deren Be- obachtung für gewöhnlich der Sechszöller verwendet wird, da der selbe ein größeres Gesichtsfeld hat und außerdem seit kurzem mit einer Vorrichtung ausgestattet ist, ivelche die Beobachtung der Spektra der Planeten und helleren Fixsterne ermöglicht. Von den andren am Abendhimmel sichtbaren Planeten wäre noch der Uranus und die Vesta zu erwähnen, die als Sterne sechster Größe erscheineir. Vor dem Aufgang dieser interessanten Planeten iverden für gewöhn- lich in den Fernrohren einige der zahlreichen Doppelsterne,' Stern- Haufen und Nebelflecke, die jetzt am Firmninent glänzen, eingestellt, u. a. die beiden schönsten Sternhaufen des nördlichen Himmels, der- jenige im Herkules und der in der Schlange. Im ivissenschnftlichen Theater der Urania in der Taubenstraße wird in dieser Woche der Vortrag„Die deutsche Ostseeküste von den Wanderdünen bis zuni Alsensund" noch allabendlich zur Wiederholung gelangen. Heute, nachmittags 5 Uhr, spricht Direktor Archen hold auf der Treptow-Ster u warte über.„Allgemeine Astronomie", abends 7 Uhr über„die ungewöhnlichen Däiulucruiigs-Erscheinungeil und Vulkanausbrüchc". Der Saturn mit seinen Rtvgeu wird in dieser Woche schon von 10 llhr abends an beobachtet, auch werden den Besuchern mit dem grosten Refraktor noch einige D o p p e l st e r n p a a r e gezeigt. Im Berliner Aquarim» erhielt das Affenhaus durch Herrn Dr. Friedeuthal, welcher f. Z. eitlen Schimpanse des Berliner Aquariums benutzte, um im eigentlichen Sinne■ des Wortes die„Blutsverwandtschaft" zwischen Mensch und Menschenaffen durch Blutversuche nachzmvcisen, zwei Slffe» aus jener afrikanischen Gattung überwiesen, welche man allgemein als Paviane oder Hundskops-Afsen bezeichnet. Die Reptiliensammluiig bereicherte Herr F. Quitmeyer aus Noiporossiiisk am Schwarzen Meere um einige der in jenen Gegenden lebenden Wasserschildkröten, welche sich von unsren Sumpf- schildkröteu durch einen einfachcn uugegliederten Bnistpanzer, der mit dem Rückenpanzer durch Kuöchenverwachsuii» unbeweglich verbunden ist, unter- scheiden, und mit Vorliebe wörniercs Wasser und selbst heiße Quellentuiupel aussuchen: sowie eine die dortige» Steppen bewohnende Panzerschleiche. Auch die Station zu Rvvigro steuerte wiederum das ihrige zur Vermehrung der Ticrbestände bei, insbesondere außer vielen Fischen eine ganze Anzahl von Stachelhäutern mancherlei Art, unter denen ein reizender neuer Schlaugenstern anssällt, der mit seineu süns zierlichen, langeu, stachelbesetztcn bräunlichen Armen eine prächtige Erscheinung bildet. Feucrbcricht. Verschiedene größere Brände hatte die Wehr in' den letzten 24 Stuuden abzulöschen. Soiinabendnachinittag erfolgte in dem Droguenkeller von Neumaiin, Ziinmerstr. 41, beim Farben- mischen eine kleine Explosion. Die Fenerlvehr mußte mit größter Vorsicht vorgehen, konnte aber in kurzer Zeit die Flannnen ersticken. Kurz vorher kam in der Strausbergerstr. 33 ein größerer Dachstuhl- vor allein in der der Mietspreise. Welcher Arbeiter kau» denn für eine Woh inliig, bestehend aus zwei Zimmern, 400—500 M. mid darüber jährlich bezahlen? Selbst die Miete für eine Wohiiiuig von einem "immer, für welche 240—300 M. verlangt werden, kann eine große �ahl von Arbeitern nicht erschwingen.— Charakteristisch für die Üngenierlheit gewisser Kreise des Händwerkerstandes ivar ein Antrag des Gemcindevertreters Schultz, die Beiträge für die Handwerker- kammer im Betrage von 209 M. ans dem Gcniciiidesäckel zu ve- zahlen. Der Herr», einte sehr naiv, die Beitreibung verursache doch auch Kosten, und da sei es wohl besser, wenn die Gemeinde die paar Mark selbst bezahle. Der Antrag wurde gegen die Stimme des Antragstellers abgelehnt.— Schließlich wurde noch beschlossen, einen Oberlehrer und eincit Zeichenlehrer für das Gymnasiuiu»e» anzustellen. Neu-Wcisjensee. Unsre letzthin ausgesprochene Vermutung, die hiesigen Haus- und Grundbesitzer würden sich zu dein Antrage des GemcindcvorftandcS betreffend eine bessere Anlage und Unterhaltung der Bürgersteige ablehnend verhalten, war iusofcrn irrig, als die Gemeiiidevertretllng ein entsprechendes Ortsstatut einstiinmig annahm. Danach sollen vom Anlieger 75 Proz.»lid von der Gemeinde 25 Proz. zu de» Kosten beigetragen werden. Den Hausbcsitzcrstaiidpunlt haben wir dennoch richtig eingeschätzt, da nunmehr von, Hallsbesitzer- Verein in der letzten Sitzung der Beschluß gefaßt wurde, sich ent- schieden gegen die Erhebung der 75 Proz. zu wehren und im gegebene» Falle ans Vercinskosten einen richterlichen Entscheid bis zur höchsten Instanz herbeizuführen. Dieser Beschluß stützt sich auf eine Eutslbeiduiig dcS Obcr-Vcrivaltuugsgerichts. wonach eine Land- genieinde Pflasterungskosten von den Anliegerii nicht zu erheben hat. Man niiiß sich über die Herren gerade dieses Vereins wundern, denn bei jeder Gelegenheit nehmen sie die Ehre in Anspruch, daß nur sie es sind, die stcrS für Berhesserungen und Verschönerungen am hiesige» Ort alles gethau habe» und»ocli thun werden. Ja, wenn nur nicht der eigne Geldbeutel in Frage käme. Tic Unterschlagungen des Pastors Ziemer aus Wollin, von deni»lau glaubt, daß er sich in Berlin aufhalte, iverden bis jetzt ans 30 000 M. geschätzt. Der Erste Staatsainvalt in Prenzlau hat folgende» Steckbrief erlassen:„Gegen den nnten beschriebenen früheren Pfarrer Theodor Ziemer aus Wollin, Kreis Prenzlan, ivelcher sich verborgen hält, ist die Uiitersiichiiligshaft wegen Unter- schlagiing im Amte verhängt. Es wird ersucht, denselben zu ver- haften und in das nächste'Gerichtsgefängnis abzulicscrn, sowie zu den hiesigen Akten 2 J.-Nr. 030/02 sofort Mitteilung zu»lache». Prenzlau, de» 3. Juli 1902. der Köngliche Erste Staatsainvalt. Bc- schreibung: Alter ca. 44 Jahre. Größe: gut nntlelgroß. Statur kräftig. Bart: blonder Vollbart. Sprache: deutsch. Besoudere Kennzeichen: vollständige Glatze."— Ziemer hat seine Frau und fünf zum Teil noch unerwachsene Kinder in großer Not zurück- gelassen. Außer der Wolliner Kirchentasse erleidet auch die Geschäfts- weit des nahen Prenzlau Verluste. Aus dev Frsuenbetvegung. I« einer öffentlichen Fraue»versami»l,mg, die am Montag. den 30. Juni, im Lolal des Herrn Thiel in Rixdorf tagte, sprach Genosse Davidsohn über das Thema:„Die Frau in der modernen Dichtung". Reicher Beifall lohnte den Redner. Eiue Diskussion fand nicht statt._ Arbeiter-Samariter Kolonne. Montag, den 7. Juli, Mitglieder- versauimluiig in der Centrale Dresdenerstr. 45(Dresdener Garten). Anfang Punkt 9 Uhr._ Eingegangene Drnckschrifte». Die Arbeiterschaft und die Alkoholfrage. Ein Vortrag von Otto Lang, Oberrichter in Zürich. Mit einem Nachwort von Victor Adler. Wien 1902. Verlag des Vereins der Abstineiiten. Zu beziehen durch die Volksbuchhandlung Wien VI., Gumpendorferstr. 18. Preis 10 Heller. Graftes illustriertes Kräuterbuch. Bon Dr. C. Anton. RegeuSburz. E. Stahls Berlagsbuchhandlung. Zehn Lieserunge» a 50 Pf. Vevmipchkes« Vom Aerztetag. Aus Königsberg i. Pr. wird berichtet: Der Aerztetag hat in seiner heutigen Sitzung einstimmig beschlossen, durch den GcschäftsauSschuß beim Bundesrat dahin vorstellig zu iverden, daß 1. die Ausübung der Heilkunde durch nicht approbierte Personen untersagt werde, Ivenn Thatsacben vorliegen, die die U n z u v e r l ä s s i g k e i t der Gewerbetreibenden bezüglich dieses Gewerbebetriebes darthun; 2. mit Geltung für das Reich eine Verordnung erlassen iverde, welche an die vom Staate Haniburg unter dem 1. Juni 1900 erlassene Berordnung sich aiischlicßt und vor allem die prahlerischen Auküildigungeil von Ge- heinimitteln und Geheiiiiiiiethoden liiiter Strafe stellt, 3. gegen Schwindeliiiittel und Kurpfuscher LffenIIiche Warnungen von den Behörden erlassen werden, 4. Rezepte von Kiirpfuscheru in den Apotheken nicht angenomme» werden dürfen. Ueber den Antrag, der Aerztetag möge künftig an einem ein für allemal zu bestimmeuden Orte im Centnim Deii'tschlands abgehalten werden, wird zur Tagesordnung übergegangen und»ach einem Schlußwort des Vorsitzenden die Sitzung mit einem Hoch auf de» Vorsitzenden geschlossen.. Ein schwerer Eisenbahmnifall wird aus New Jork ge- meldet: Ein Wagen der elektrischen Mouiitaiii- und Lake-Eiscnbahu lvurde, als er einen Berg hinabfuhr, bei Gloversville, wo die Steigmig eiiitansend Fuß per englische Meile beträgt, unlenksam. Er geriet ins Rasen, wobei er mit einem andern, den Berg hinauf- fahrenden Wagen znsaninieiistieß. Beide Wogen stürzten mehrere hundert Fuß hinunter und eiitgleisten. 15 Personen sind tot, 29 verletzt. Ter englische Dampfer„Sultan", welcher eine Reihe von Jahren dem Frachtverkehr Hamburg-Hllll diente, ist jetzt zum Ab- wracken verkauft Wörde». An Stelle dieses Schiffes ist der englische Dampfer„Cito" eingestellt worden. An diesen Dampfer„Sultan" knüpft sich noch die Erinnerung an ein Ereignis, das große Trauer über Hamburg brachte. Genannter Dampfer, ivelcher 1807 erbaut ist, gehört i»er Reederei Baley Leathan in Hüll. In dcrNacht znni 19. Januar 1883 rannte der Dampfer uuweit Borkum- Feuerschiff bei dichtem Nebel den Hamburger Paffagierdampfer„Cimbria", Kapitän Hanse», der Hambnrg-Amcrika-Liiiie an und brachte ihm an der Backbordseite am Fockivant ein bedeutendes Loch bei, welches bis iveit mitcr die Wasserlinie reichte und den Dampfer sofort zum Sinke» brachte. Auf der„Cimbria" befanden sich 91 Mann Besatzimg und 401 Passagiere. wovon die meisten Zwischcndccker. Von diesen Leuten sind etwa 400 ums Leben gekommen. Die genane Zahl ist nicht festgestellt Ivorde». Bei dieser Kollision hatte sich der„Sultan" den Bug aufgeschnitten und schwebte ebenfalls in Gefahr de? Sintens, koimte aber noch rechtzeitig in die Elbe einkommen. Ein Doppclmörder pcrhaftet. Der Raubmörder der Trödlerin L o r y in Leipzig, die in der Nacht zum 9. Dezember 1901 in ihrem Laden ermordet und beraubt ward, ist heute, wie uns ge- drahtet wird, in Jena verhaftet ivorde», wo er mit zwei Spießgeselle» dasselbe Verbrechen an einer Trödlerin verübte. Der Doppelinörder heißt Arthur Behuert und steht im 20. Lebens- jähre. Etsenbahnmigliick. Wie die„Biitzower Zeitung" meldet, fuhr gestern mittag gegen 12�'j Uhr auf dem Bahnhof zu V ü tz o w der von Güstrow kommende Persouenzlig i» den»ach Rostock aus- ahrciide» Schnellzug. Ein Wagen des Schnellzuges wurde um- geivorfc», ein ztveiter aus de» Schienen gehoben. Ein Kind lvurde lödlicü! elf Personen schwer und eine große Anzahl leicht verletzt. Der Materialschaden ist erheblich. ivlarktpreffe von Berlin am 4. Juli IVOS nach Eriuiltlimarii des fgl. PolizeipräsidimuS. Welz«», gut D.-Ltr mittel fleviiig Rogoeli, gut mittel «cring »Geiste, gut . mittel „ Oering frtser, flin miiiel ..«rri», Rlchlstroh Heil iitse» Speisebohne» Linien 14,60 14,10 13,60 18,60 17,80 17- 7,50 8,60 40- 50,- 60- 14,20 1370 13.30 17,90 17,10 16,30 7- 5,20 25,- 16,— 20,— flartoffeln, neue,®-Str. Riridslcisch, Keule 1 kg do. B.uich. Schiveincstcllch. Kalifleisch Hamiiielsteisch„ Butter Eier Kurpse» Aale Zander Hechte Barjch« Schleie Bleie Krebse 60 Slü.t ii-e »er Schv.i 8- 1,60 1.40 I 60 1,80 1,80 2 60 366 2,00 2,60 280 2,40 1,80 2 50 1.40 16,- 5- 1.20 1- 120 1,10 1,20 2- 2 40 1,40 1,20 120 1,20 0,80 I 20 0,70 3- frci Wagen und ab Bah». Produkteiimarkt vom 5. Juli.� I e t r e i d e. Bon den englischen M örtte» wurden gefiein sehr feste Schlußpreise gemeldet, die heute den hiesigen Frühmarkt stimuliereud beeinflußte». Da außerdem die starke schwer zu besriedigeude Roggensrage anhält, so erössneteu Weizen und Roggen sehr fest. Im Preise war erstgeuaiuiter Artikel 3/i bis 1, letzterer etwa V- M. höher gehalten. Beide Brotfrüchte konnten jedoch ihre Wert- läge schließlich nicht behaupten, nachdem von Petersburg einige Roggen- abschlüsse nach hier erfolgt waren und daraufhin Abgaben vorgenommen wurden. Pichl war still, aber fest. Am Futlermarkle zog Hafer>/- M. weiter an auf hohe AnslandSfordcrungen und Mangel an Inlandsware. Mais behauptete seine Preise. Rüböl geschästslos. Spiritus. Spiritus lam nicht zur Notiz, für 70er loco wurde 35,80 M. geboten. Städtischer Schlachtviehmarkt. Berlin, 5. Juli 1902.«mt- licher Bericht der Direttion. Zum Verlaus stände»: 3280 Rinder, 1436 Kälber, 14 818 Schafe, 8861 Schiveiuc. Bezahlt wurden für lOOPfiliid oder 50 Kilogramm Schlachtgewicht in Mark(beziehungsweise für 1 Psund in Pseunincn): Ochsen: a) vollsleischige, ausgemästete, höchsten Schlacht- wertes. höchstens 7 Jahre alt 62-66, b) junge fleischige, nicht aus- gemästete und ältere ansgeinästete 58— 61; o) mäßig genährte jniige und gut genährte ältere 56—57; 6) gering genährte iede» Alters 52—55.— BnNen: a) vollsleischige höchsten Schlachtwerts 60-62; b) mäßig genährte jüngere und g»t genährte ältere 53—69; o) gering genährte 53—57.— Järseil nnd Kühe: a) vollfleischige, niisgemästele Färsen höchste» Schlachlwens 00—00; b) vollsteischlge, ausgemästete Kühe höchsten Schlachlwerts bis zu 7 Jahren 58—60; c) ältere ausgemästete Kühe li»d wenig gut entwictelle jüngere Kühe nnd Färse» 56—58; d) mäßig genährte Kühe und Färsen 52—55; s) gering genährte Kühe und Färjen 49—50.— Kälber: a) feinste Mast» kälbcr(Bolluiilchmast) und beste Saugkälber 72—74, b) imttlere Mast» und gute Saugkälber 58— 64, o) geringe Saugkälber 50—52, d) ältere, gering genährte(Fresser) 52-57.- Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Mast- Hammel 66-69, b) ältere Maslhnnimet 63-65, c) mäßig genährte Hammel»nd Schafe(Merzschase) 58-61, d) Holsteiner RiedernugS. schase cLedeiidgewickt) 00-00.- Schweine: a) vollsteischig«, der feineren Rassen nnd deren Kreuziiiigeu im Alter bis zu 1'/. Jahre» 220—280 Psund schwer, 60; b) schwere, 280 Psund und darüber(Käser) 00— 00; o) ileilchige 58—59; d) gering entwickelte 55—57; e) Sailen 54-56. Für 100 Psund mit 20 Proz. Tara. Verlauf und Tendenz. DaS Rindergeschalt wickelte sich lebhaft ab, es wird ziemlich ausverlanft. Der Kälberhandel gestaltete sich ruhig. Bei den Schafen war jchlachtvare Ware, nur etwa_ die Hälfte des Auftriebes, gut verkäuflich; geringe magere Ware hinterläßt aber Ileberstand. Der Schweinemarkt verlies ziemlich glatt und wird geräumt. Soeialdemokratischer Wehlverei« für den 4. Berliner Reichstags-Wahlkreis (Osten). Dienstag, den 8. Juli, abends 8 Uhr, Gr. Frankfurterstraße 117: Nsnssmmlung a TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Reichstags-Abgeordneten E „Heimatpolitik". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Um zahlreichen Besuch ersucht Rosenolv über 24Z/17 vor Protest-VersamiDlung Donnerstag, den 10, Juli 1902, abends 8 Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstraße 29: Tages-Ordnung: i. Die lZreilelthilten hes Zllrismug. Reserent: ReiGtligs-Abgttl'hnettr Genosse Ledebonr.- 2. Diökilsßon. Um zahlreiches Erscheinen der Genossen und Genossinnen ersuchen .. Die Vertrauensleute für Berlin nnd Umgegend�_ Grosses Partei-Test arrangiert von den Gknossen des Nikderbarmmr RMstligg-Mchllitkisks heute Sonntag, den 0. Juli Kid SvMoss Welssensee„Zum Sternecker". 214/18 Putzer! Achtung! Achtung! �leffeiitliche Versammlung der Pnizer Berlins und der Vororte am Niittwoch. den i). Juli 1S0S, abends 7 Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstrahe 89. T a g es- O rd n u n g:. 1. Stellungnahme zur Lohnbewegung der Bauarbeiter rcsx. Putzerträger. L. Dte Ucberzeit-Arbeit und deren Folgen. Das Erscheinen aller sich mit Puharbeit beschäftigenden Kollegen erwartet 134/1 Der Einbernfcr. Soctaldemokratischer Mahlverein für den 6. Derliuer Reichstags-Mahlkreis. Ten Mitgliedern zur Nachricht, dah die General- Versammlung Umstände halber nicht Dienstag, den 8., sondern den 13. Juli stattfindet. Gleichzeitig werden die Mitglieder darauf aufmerksam gemacht, dah am Donnersiag, den 10. Juli der Zahlabend des ganzen Kreises statt- findet. 248/10 Der Vorstand. Musikinstrumenten-Ardeiter. (Jfodjucfrin.) Montag, den 7. Juli, abends 8� Uhr, bei Graumann, Naununstr. 27: Delegierten-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Agitations- Kommission. 2. Diskussion. 3. Werkstatt- Angelegenheiten. ÜSfitlktltlirkV Wir ersuche« die Mitglieder, dafür zu sorge», dah jede Werkstatt vertreten ist. kH/lö Der Verstand. wm! Stiiffutfiire! Artung! Montag, de» 7. d. Mts., abends 8'/- Uhr: Große öffentl. Versammlung im Gewcrkschaftshaus, Eugel-Ufer 15, Saal I Tages-Ordnung: t 73/10 1. Die Antwort der Unternehmer an den Centralverband der Stuccatcnre um Anerkennung des Tarifs der Freien Bereinigung, und welche Schlüsse haben die Berliner Stuccatenre daraus zu ziehen?— 2. Diskussion. Zur Deckung der Unkosten findet Tellersammlung statt, und ist das Er- scheinen aller Kollegen in dieser hochwichtigen Frage Ehrenpflicht! ___ Der tKinbernfer. Wuiig! Plll'kettblideilleger! Dienstag, den 8. Juli, abends 8 Uhr, im Gcwerkschnftshause, Engel-Ufer IS, Saal 7: Vevf'QMMlung. Tages-Ordnung: I.Bericht über die Firma Namptmsler. 2. Die Kündigung der Firma vadmlis. Die Kollegen Lenz, Me ding er von der Firma Nudnert& Kühne werden ersucht, zu erscheinen. Der Kollege Johannes Schlesinger wird eingeladen, um sich über seine Handlungsweise zu rechtfertige». Sämtliche Bodenleger sind hierzu eingeladen. 85/15 Obmai», C. KrafTt. Buss' BalB- Salon Grohe Frankfurterstrasjc 85. Vereinen empfiehlt seine besteingerichtete» Feat- Stile 46138* für Festlichteilen und Bersaunnlungeii. September, Oktober und November einige Sonnabende frei! Jeden Sonntag, Dienstag, Don- nerstag und Freitag: Grosser Ball. kür 40 Mark liefere elegante Anzüge nach Mass. Tadelloser Sits ga- raiitiert. Ans Bestellung komme mit Muster. 64Kb* II. btalberK, Badstr. 58. Vok�l xxntf Monzevk Gesangvereine des KreiseS(300 Sänger des Arbeiter- Sänger- Bundes). -le, Volkasplele, Klnderbolnstignngen(Kaspertheater). Seillänfer(Niagara- Trivs) auf dem 15V Fuss hvhe» Xnrinseil.-9tm Grosser Fest-Ball. »Itter Mitwirkung der Fenerrverlr. N?" »lllet« so Pf. Grosser Fnckclzntr, jedes Kind erhält eine Stocklaternc gratis. (222/18)_ A" der Kasse 85 Ff. Aufierordcntliche Generalversammlung der Orts-Kraukeukasse der-. Hütlilliiher, Hlltsollrllitlirtn- u. zilzloarell-Persertiger zu Berlin au> Montag, den 14. Jnli 1908, abends 8 Uhr, im Restaurant A. Feind, Weinstr. 11. wozu die Delegierten hiermit ergebenst eingeladen werden. Tagesordnung: I. Antrag des Vorstandes auf Ab- ändernng der ßK 18 und 27 des Statuts. 2. Verschiedenes. Eintritt nur gegen Vorzeigung der Postkarte gestattet. 684b Der Verstand. Carl Kümmert, Vorsitzender. Ponlow, Fiorastr. 4ll_ Vekanntmachnng. Srtöfi'flHfenfeff il.DllKtlktt Berlins. Die Kasse ist vom Montag, den 7. Jnli, ab nur vormittags von 7 bis 10 Uhr vorläufig geöffnet. Sonn- tags keine Geschästsstnnde». Ter Borstand. Aug. Stiller, 1. Vors., Prenzlauer Allee 20ö. 683 b Alliaauki'a Wallncrtlieatcr-Strasse 15 Jeden Sonnlag nnd Dienstag: Grosser Extra-Ball bei doppelt besehtcm groben Orchester. Anfang 5 Uhr. Entrec 50 Pf. inkl. Tanz. A. Xanieitat. Wo amüsiert man sich grossartig'? In Schnegelsbergs Festsälen Inhaber: Max Scliiiidler llasenlicldc 81 und JaluiMtrassc 8. Heute: Groizev Vnll verbunden mit(Ligarrcn-, Bvnbou-Regen»nd diverse» Ueberraschungen. Entrce: Zlittsvoelis Frei, 8onntaKS 15 Pf. Täglich: KpcclalltUtcn-Vorstellung. Entrcc frei. 45358* Max Scbindler. Berliner Konsum-Berein. Die Fortsetzung der Delegierte»- Versammlung vom 22. Juni 1902 findet am Sonntag, den Äv. Juli, vor- mittags 10 Uhr, im Gcw crks ch a ftsh ause, Saal 4, statt. Tages-Ordnung: 1. Fortsetzung der Beratung über die Geschäftsordnung. 2. Wahl von Kommissionen. 3. Verschiedenes. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. 108/20 Da» Burean des Genossensehaftsrats. Abieiluiig II, Osten. Montag, den 14. Juli, abends 8Vj Uhr, Abteiiungs-Versammlung tut Lokale des Herrn Wolf(„Freischüt?*). Frnchtstr. 3«a7 Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Agitation innerhalb der Abteilung. 4. Verschiedeues. Die Abteilnngöleitnng. Emst Konzert-Carlen Höflich Bali-Salon Fried rieh« b erg. Frankfurter Chaussee 180 Im herrlichen Lindcnpark: Jeden Sonntag: Grohes Küilstler-KssiZtrt liiid LlZecialitiitell-Vorsiellsillg. Im Königs-Saal: Grosser Dali Anfang 4 Uhr. 42448* Entree 20 Pf. Jeden Mittwoch: Gr. Frci-Konzert. Im Königs-Saal: Famlilenkränroben. Ansang 4 Uhr. Frnst Höflich. Aclitung, Bauarbeiter! Sonnabend, de» 18. Jnli 1908, in Fröbels Allerlei- Theater, Schönhauser Allee 148: Großes Soinmerfest 2ur koisr ä«s 17. LUktungsloste, äsr kreion Tereinlgnng der Bau- arbeiter Berlins nnd Umgegend. Großes Konzert, Theater- und Snecialitaten-Vorstellnilg. 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Auftreten des Berliner Ulk- Trio. Anfang 4 Uhr.(202/18) Eintritt 20 Pf. B. Koslowskl, Charlottcnburg, Scsenheinierstr. 2, S. II. Rummelsbiirg! Caf6 Bellevae. Rummelsburg! Hageubecks lalabaren. Sonnlag, den 6. Juli: 28/19 Orosse� indisches Nachtfest. Vorstellungen S'/j, S, S'/z, 8 n. fl'/j Uhr. Großes Uoiksfest arrangiert von de» 222/19 Uarteigenossen Rnmmelsbttrgs � Sonntag, den 13. Juli. ♦ Grotzes Gavton Monzerb ausgeführt von Etvil-Bernfsmusilern. Gesnngsvorträge iw» Mitglieder» des Arbciter-Sängerbunbes. Vnrnerisebe VntftibrNngen v. Mitglied, der Fr. Turnerfchaft. Hnn»«ristisehe Vortrage. In beiden Sälen: BVI.X. Herren, welche am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. Dte Kaffeeküche ist von 2—6 Uhr geöffnet. Ansang nachmittags 4 Uhr. Entree 20 Pf. Die Parteigenossen werden ersucht, für zahlreiche Beteiligung zu lvirken. Seeterrasse Lichtenberg Röderstr. 6.— Jnh.: C. Maschke, A. Walter. Sonntag, de»«. Jnli: Konzert«. Spenalttöttn-Vorltellnng Tormseiiifer. Land- o. Wasser-Feumk. 5n K» Saicn: dff 1". B D B 1. TPizleitung: Oskar Boll. Anfang 4 Uhr. Entree 15 Pf. Avis: Dienstag, den 8. Juli: Konzert. Specialitäten. Ball. Grosser Ringkampf. Willy Hans. Der Gegner wird v. d. Kühne bekannt gemacht. Gs wird bis zur Entscheidung gerungen. Anfang 4 Uhr._[461681_ Entree 15 Pf. Waren« haus lacbmaim& Scholz Thurmstr. 76. Ottostr. 1. Warenhaus Thurmstr. 76. Ottostr. 1. zu Ausnahme- F erien- Extra-Verkauf Preisen nnr bis fl©. Jnll. Ans der grossen Zahl der herabgesetzten Artikel führen wir folgende an ISeise- Artikel. B RcIsckofTer, 60 cm 55 cm 60 cm braun. Bezug.. 1.63, 2.15, 2.63. Ruck Nücke, braun od. grün 95 Pf. KeiNeflaHchen..... 48 Pf. ReliseroIIen...... 42 Pf. Ilelsekolfer 45 cm 50 cm 55 cm m. Palt. u. Lederr. 2.85, 3.85, 4.35 RelHe-TaNchen aus Segeltuch mit Lederriemen..... 8.35 Schirinhüllcn..... 95 Pf. Touriatontaachcn... 48 Pf. 43 Urtcltaschen i. gr.Sortim. v. 48Pf RoiNC-Taaclieu aus Leder. 2.83 Plaldrlciuen.. 28, 88, 42 Pf. 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Druck uud Verlag vou Mar Badeng i« lüertui. Nr. 155. 19. Illhrgavg. 3. DkilM des„Jlotiiiirtä" fttlinet Oiilhsblitt Soulltllg. 6. Jull 1902. Kapitalistisches Schreckensregiment. Die Glasarbeiter Dresdens ersuchen uns um Aufnahme der folgenden Darstellung der Zustände in der großen Glasfabrik der Firma Siemens: Ein ivahrcs Schreckensregiment führen, nachdem die G l a S- a r b e i t e r der Hunger wieder in die Hütten getrieben, die F l a f ch e n f a b r i l a n t e n. Aber nirgends kann es jetzt so schlimm sein, selbst nicht bei dem gewiß nicht als human verschrienen 8V Millioneu-Heye in Gerresheim, wie bei der Firma Siemens in Dresden und Döhlen. Schon vor dem Streik lvaren die Verhältnisse unerträglich, fort- während fanden Maßregelungen statt. Die Hüttcnverivaltung ging sogar so weit, die von den Arbeitern ordnungsgemäß ge- wählte» Vertreter zur Generalversammlung der Betriebs-itranleukasse zu niaßregeln, weil diese es versuchten, die Interessen ihrer Mandatgeber, der Versicberten, auch ivirllich zn vertreten. Man wurde diese unbequemen Mahner auf sehr leichte Art und Weise los. Man warf sie aufs Pflaster. Schließlich ließen sich natürlich nur noch Ergebene der Werksverwaltung wählen, mit denen der natürlich ans Beamten der Hütte gebildete Vorstand umspringen konnte Ivie er wollte. Die Sicmcnssche Hütte hatte fortwährend Agenten in Böhmen, G a l i z i e n und Rußland, die bemüht waren. neue Arbeiter, am liebsten solche, die kein Wort Deutsch lesen und schreiben konnten, zu engagieren. Die Leute sahen sich aber in ihren Hosfuuugen später sehr enttäuscht. Die armen Ausländer, die meistens mit Sack und Pack, mit Frau und Kindern hierher geschafft loiirdcn. waren hilflos allen Anordnungen verfallen. So lange der größte Teil der im Betrieb beschäftigten Arbeiter noch gewerkschaftlich organisiert waren, standen diese den also Ratlosen mit Rat und That zur Seite. so viel es möglich war. Jetzt giebt es für dieselben nur ztvci Wege: Entweder sie lassen sich alles gefallen: Willliirliche Lohnabzüge, Strafen, Schimpfereien, ja selbst Handgreiflichkeiten von feiten dieses oder jenes Werkzeuges der Direktion oder aber sie schütteln den Staub unter Zurücklassung von sog.„Spargeldem":c. von ihren Stiefeln und— ja, was wollen sie machen. Dabei hat man auf der Siemensschen Hütte ein fein ausgeklügeltes System: Wenn irgend einer Differenzen gehabt hat, dann ivird gewöhnlich die ganze Verwandtschaft. Bäter, Söhne, Schwäger zc., ebeusalls aufs Pflaster geworfen. Haben sie eine Fabrikswohnnng inne— und die von auswärts Kqnnueuden werden mit Vorliebe dahineingesteckl— dann müssen sie auch die verlassen und wissen meistens nicht ivohin. Ja, wird man verwundert sagen: Es giebt doch aber ein Ge- richt, sogar ein Getvcrbegericht, Ivo die Lerite ihr Recht suchen können. Geiviß! Und die Sirina Siemens ist wie zn Hause da. Durch die langjährige Praxis aber hat sie eine solche Erfahrung darin gesammelt, wie man es anzufangen hat, um durch die sogenannte Fabrik- ordnung alle oder doch die meisten Klagen von vornherein nn- wirksam zn mache», daß es nur selten einem Arbeiter gelingt, zu feinem Rechte zu kommen. Die Gcwcrberichtcr wie die Beisitzer, auch die der Unternehmer, haben schon oft die Köpfe geschüttelt über die kalte Gelassenheit der Vertreter der Firma, mit der die Lohn- ausprüche den armen Teufeln vorenthalten wurden. Sehe» wir uns doch einmal dieses Musterexemplar efn c r A r b eitS o rd nun g an. In Z 3 heißt es:„Der Inhalt der Slrbeitsordnuug ist auch ohne Enipfangnahme und Unterschrift- liche Vollziehung für de» Arbeiter rechtsverbindli ch." Wen» mau nun weiß, daß viele Ausländer auf der Hütte beschäftigt werden, die nicht deutsch verstehe», kann man ermessen, was dieser Passus besagen will. Verwunderlich wäre es allerdings, wenn ein Gewerbegericht eine solche Arbeitsordnung als rechtsverbindlich an- sähe. Nach der Arbeitsordnung ist ferner der Arbeiter verpflichtet, nach Ermessen der Fabrikleitung auch andre Arbeit als die, für welche er angenommen i st, zu übernehmen. Welch eine Fülle von Möglichkeiten zurChikane giebt nicht diese Bestimmung I Es heißt ferner in dieser Muster- Scharfmacher- Arbeitsordnung: Vom Lohn können außer der Verrechnung etwaiger Vorschüsse noch abgezogen werden:„Gegenforderungen der Fabrikleitung, soweit ihre Ausrechnung gegen die Lohnforderung gesetzlich zulässig ist, insbesondere etwaige fällige Mietbeträge". Eigentlich müßte sie also Reisevorschüsse und Mietbeträge erst einklagen. Das macht die Firma aber nicht, sondern zieht einfach alles ab. Daß der Z 616 in einem solchen Betriebe durch einen entsprechenden Passus unwirksam gemacht ist, darüber wundert man sich nach dem Voraufgegangcnen nicht mehr. Alles Risiko wird in diesem Betriebe, in dem Jahr für Jahr an die glücklichen Aktionäre, alles schwer reiche Leute, 18 und mehr Pro- zcnt Dividende ausgezahlt wird, auf die Arbeiter abgewälzt. Es heißt da. für alle Waren, die von der Fabrikslcitung nicht als brauchbar angesehen werden, hat der Arbeiter keine Bezahlung zu verlangen. Und wie oft kommt es nicht vor, daß infolge schlechten Glases, wofür der Glasmacher doch nicht im geringsten haftbar gemacht iverdcn kann, iveil er mit der Bereitung der Glasmasse nicht das geringste zu thun hat. mangelhafte Ware hergestellt wird. Auch für alles, was noch später mit den Flaschen bis zur Versendung geschieht, Ivird der Glasmacher herangezogen. Er bekommt ebenso wie die Hilfsarbeiter, Einträger,' Pfleger, Ausleercr zc., nichts f ü r s o l ch e A r b e i t. Man kann sich also einen Begriff davon machen, Ivie oft alle diese Arbeiter die harte, ungesunde Ar- beit in glühender Hitze u m s o u st machen müssen. Wenn sie infolge eingetretener Bctricbshiudernissc mehrere Tage nichts verdienen können, so geht das auf ihr Risiko. Sie dürfen nach der Arbeits- ordnung nicht einmal ohne Kündigung aufhören und sich neue Arbrit suchen. Die in der Gewcrbe-Ordnnng angegebenen Gründe zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses genügen dem Siemensschen Werke noch nicht. Es hat sich noch ein paar Extra-Gründe, die der Willkür Thür und Thor öffnen, konstruiert. So kann die sofortige Entlassung des Arbeiters erfolgen bei Handlungen, die eine Täuschung der Vorgesetzten oder der Fabrikleitung zum Zweck haben, bei Aufiviegelung von Mitarbeitern zu Handlungen gegen das Interesse der Fabrik. Man sieht, die Fabrik hat es in der Hand, jeden Mißliebigen sofort zu exmittieren; denn Handlungen gegen das Interesse der Fabrik sind schon, wenn einer bessere Bezahlung oder sanitäre Verbesserungen verlangt. Geradezu einzig dürfte auch die Bestimmung sein, nach der dcni Glasmacher, der nicht eine be- stimmte Summe wöchentlich verdient, 3 Prozent abgezogen werden können. Wenn also durch Schuld der Betriebsleitung der Arbeiter a» flotten Arbeiten durch allerhand Betriebsstörungen, schlechtes Glas, unregelmäßigen Gang der Ofen, verhindert wird und wenig vcr- dient, dann werden i h m zur Strafe dafür 3 Proz. vom Lohn ab- gezogen. Der Arbeiter wird für das Verschulden der Betriebsleitung bestraft. Das ist eine kleine Blütenlese aus diesem Muster einer Arbeits- ordnung, nach der es nur Rechte der Fabrik, für den Arbeitssklaven nur Pflichten g i e b l. Rücksichtslos wird jeder Versuch, die unerträglichen Verhältnisse der Fabrik in Versammlungen zu erörtern, zu nichte geniacht. Jeder, der an einer Versammlung teilnimmt, wird unweigerlich hinaus- geworfen. Spitzel werden in die Versammlungen geschickt, die frech und offen erklären: sie wären von der Direktion gesandt, um jeden Arbeiter der Firma Siemens aufzunotieren. Allein nach der ersten Versammlung wurden 30 Arbeiter, die von den Spitzeln, jungen Schreibern, erkannt waren, gemaßregelt. Jeder, der nur mündlich oder schriftlich mit dem Vertrauensmann verkehrt, wird entlassen. In die Fabrikwohnungcn Ivird kein Fremder hineingelassen. So ist es denn erreicht worden, daß von den ca. 400 organi- sierten Arbeitern, die vor dem Streik bei Siemens arbeiteten, nur noch einige 80 übrig geblieben sind. Die Organisation hat keine Möglichkeit, ihren kulturfördcrnden Einfluß geltend zu machen. Ans einen Streik oder Maßregelungen kann sie es nicht mehr an« kommen lassen, dazu fehlen nach dem mörderischen Verzweiflungs- streik die Mittel. Es bleibt also nichts weiter mehr übrig als die öffentliche Kritik. Bielleicht wirken auch alle Arbeiter darauf hin, daß diese rücksichtslose Firma, die den Arbeiter» die aller- elementarsten Menschenrechte vorenthält, von keiner Körper« schaft, von keinem Unternehmen, auf das Arbeiter Einfluß haben, fernerhin noch Bestellungen erhält. Wenn die Ausbeutung der Arbeiter eine derartige Höhe erreicht, wenn das Elend und die Lebenshaltnug, die Menschenwürde der Arbeiter einen solchen Tiefstand erreicht hat, daß sie sich selbst nicht mehr zu wehren vermögen, dann hat die gesamte übrige organisierte Arbeiterschaft, soweit sie organisiert ist. die Pflicht, einzugreifen; sie kann eine ein- zelue Arbciterschicht nicht sinken lassen. Unausgesetzt streckt das Siemeussche Riesenunternehmen seine Macht aus über zahlreiche kleine Hütten, um ihr System rechtsloser Arbeitsverhältnisse einzuführen. Ueberall, wohin es seine Hände gestreckt, hat es die bis dahin dort herrschenden einigermaßen erträglichen Verhältniffe beseitigt, hat Unfrieden und Erbitterung gesät. Ueberall sucht die Firma die Organisation aus- z u r o t t e n. Massenhaft zieht sie ans Böhmen, Galizicn und Rußland indifferente, leichter auszunutzende, leichter zu bevormundende Opfer heran. Sie ist so richtig das Urbild des modernen Scharfmachertums, dem Stumm und Krupp ihren Stempel ans- gedrückt. Aber es ist noch ein Unterschied: Während die Scharf« macher der Eisenbranche ihre Arbeiter, wenn sie ihnen auch die persönliche Freiheit beeinträchtigen, sie doch wenigstens so viel vcr- dienen lassen, daß sie nicht verhungem—, die Firma Siemens knebelt ihre Arbeiter erst und treibt sie dann durch ihre Unduldsam- kcit in die Vereleiidung, in den langsamen Hungertod I Witterlingsübersicht vom 5. Juli 190%, morgens 8 Uhr. Stationen Swinemde. Himburg rerlin Franlf./M. München Wien l? 761 WSW 763 WNW 763 SM 766 SW 763 W 766 W Wetter 2 bedeckt bbcdeckt ßbedcckt 2 wolkig 4 wolkig izvollig as c-» äll w Stationen aparanda etersburg Cork Aberdeen PariL L B a»& 5" 2 32 & s k B i« 754©' 758 W 768SW 76931 Wetter Lwolkig Itbedecki IDuust 1 wvlkcnl öK iU 13 13 17 19 Wetter-Prognose für Sonntag, den«. Juli 190%. Zieuilich kühl, zunächst trübe und regnerisch; später vielfach heiter, mit- unter Regenschauer bei frischen nordwestlicheu Winden. Berliner Wetterbureau. Briefkasten der Redaktion. F. L. So lange die Frommen mit ihren Sammlungen in ihrem Kreise bleiben, haben wir keine Ursache, uns darüber aufzuhalten. Bolkshans. Der Turm des Berliner Rathauses mißt bis zur Attika 74 Meter, bis zur Spitze der Flaggenstange 87 Meter. Die Siegessäule ist 61,5 Meter hoch; den höchsten Turm(96,4 Meter) hat die Petrikirche. vaaten- tjtnefajfaea '/detmente � w. unc/ Jägerhaus,«ch-sa im. Großer schattiger Garten, 16 006 Personen fassend. 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